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Die Leichtigkeit von Zitronenduft

von Katharina Lankers (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Kurz vorab

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

wie schön, dass du dich für diesen booksnack entschieden hast! Ich möchte dich auch gar nicht lange aufhalten, denn sicher hibbelst du der folgenden Kurzgeschichte schon voller Freude entgegen.

Aber ich möchte dir vorab ganz kurz die wichtigsten Merkmale einer Kurzgeschichte in Erinnerung rufen:

  1. Der Name ist Programm: Alle Kurzgeschichten haben ein gemeinsames Hauptmerkmal. Sie sind kurz.
  2. Kurz und knapp sind auch die Handlung und die erzählte Zeit (Zeitsprünge sind eher selten).
  3. Ganz nach dem Motto »Einleitungen werden total überbewertet« fallen Kurzgeschichten meist sofort mit der Tür ins Haus.
  4. Das zweite Motto lautet »Wer braucht schon ein Happy End?« Also bereite dich auf einen offenen Schluss und/oder eine Pointe am Ende der Geschichte vor. Das Geheimnis dahinter: Kurzgeschichten sollen dich zum Nachdenken anregen.
  5. Versuch deine Neugier zu zügeln, denn auch für die Beschreibung der Charaktere und Handlungsorte gilt »in der Kürze liegt die Würze«.
  6. Die Aussage des Textes ist nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Hier bist DU gefragt, um zwischen den Zeilen zu lesen und deine persönliche Botschaft aus der Geschichte zu ziehen.

Jetzt bist du gewappnet für unseren literarischen Snack. Und findest du nicht auch, dass man diesen gleich noch mehr genießen kann, wenn man weiß was drin ist?

 

Viel Spaß beim Booksnacken wünscht dir

Dein booksnack-Team

booksnacks

Über dieses E-Book

In einem Konzert, in einem Café, zuhause, auf einem Berg, in einem Maisfeld, in der Oper oder beim Friseur – vor deinen Gefühlen bist du nirgendwo sicher.

Sieben Geschichten rund um die kleinen und großen Momente der Liebe.

Impressum

booksnacks

Erstausgabe Februar 2019

Copyright © 2020 booksnacks, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-669-4

Covergestaltung: Anne Peisler
unter Verwendung eines Motivs von
shutterstock.com: © Anna Suprunenko
Lektorat: Daniela Pusch

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Die Geheimnisse der Maiskolben

„Eine Viertelstunde Rast!“ Die Stimme von Thomas, dem Wandergruppenleiter, sorgte sichtlich für Erleichterung in den erschöpften Gesichtern. Auch Konstantin war froh, den Rucksack vom verschwitzten Rücken nehmen zu können, und er ließ den Blick über die sanft geschwungene Landschaft gleiten: Obstplantagen, Mais- und Weizenfelder bis hin zum weit entfernten Wald, aus dem sie gekommen waren. Die Wanderer verteilten sich rund um den Unterstand, den Thomas als Rastplatz ausgewählt hatte. Etwas abseits auf einer Bank war noch ein Platz frei: Konstantin sah dort nur Lara sitzen, die etwas in sich gekehrte junge Frau, die neu in der Gruppe war. Außer ihrem Namen in der allgemeinen Vorstellungsrunde am Anfang der Wanderung hatte Konstantin noch kein Wort von ihr gehört.

„Darf ich?“, fragte Konstantin, als er sich der Bank mit Lara näherte. Sie blickte auf und schaute ihn an, als sei sie gerade von einem anderen Stern gekommen. Dann murmelte sie ein kurzes „Klar“ und wandte sich wieder dem Gegenstand zu, den sie auf ihren Knien hielt: Ein Maiskolben, den sie langsam und andächtig entblätterte.

Konstantin kramte die Plastikdose mit Apfelstücken aus seinem Rucksack, öffnete sie und hielt sie in Laras Richtung.

„Magst du was abhaben?“

Lara schüttelte schweigend den Kopf, ohne Konstantin anzusehen.

„Oder willst du DEN etwa essen?“

Wieder Kopfschütteln. Schulterzuckend nahm Konstantin ein Apfelstück und schob es sich in den Mund. Besonders kommunikativ schien seine Sitznachbarin nicht gerade zu sein. Sie hatte mehrere Lagen hellgrüner Blätter von dem jungen Maiskolben nach unten abgezogen und strich sanft über die goldgrün glänzenden Fäden, die den einzelnen freigelegten Maiskörnern entsprangen und am oberen Ende gemeinsam einen krausen, rotbraunen Schopf bildeten.

„Was machst du denn da?“ Einen Versuch wollte er sich noch erlauben. Endlich begegnete ihm Laras Blick: Große, runde, dunkelblaue Augen, an deren Grund ein Schimmer von Schmerz und Traurigkeit zu flackern schien.

„Willst du das wirklich wissen?“

„Ja.“ Eigentlich interessierte ihn der Maiskolben nicht die Bohne, aber diese traurigen Augen hatten ihn neugierig gemacht.

„Ich entdecke“, erklärte Lara mit leiser Stimme. „Und bewundere.“

Ein kurzer zweifelnder Blick traf Konstantin, und er fuhr fort, sie aufmerksam zu betrachten.

„Schau, was für ein Wunder das ist.“ Laras Stimme klang ein wenig heiser, als hätte sie sie lange nicht benutzt. „Was sich unter diesen Blättern für eine Schönheit verbirgt!“ Ihre zarten dünnen Finger berührten die mattgelb schimmernden Maiskörner. „Und sich vorzustellen, dass das noch nie jemand gesehen hat!“

Von dem Maiskolben schaute Konstantin wieder in dieses tiefe Blau. Neben der Traurigkeit sah er jetzt noch etwas anderes flackern: etwas wie Freude. Fast unwiderstehlich spürte er den Impuls, seine Hände sanft um dieses Gesicht ihm gegenüber zu legen und ganz in die blaugrünen Augen einzutauchen.

„Weiter geht’s!“, schallte da plötzlich Thomas‘ Stimme herüber, und das Flackern in den Augen erlosch.

„Mist!“, entfuhr es Konstantin, doch Lara hatte schon wieder den Kopf gesenkt, das kurze Gespräch war vorüber. Konstantin packte die Dose mit den Apfelstückchen ein und verstaute sie im Rucksack.

 

***

 

Lara hatte sich wieder unter die Gruppe gemischt und versuchte, nicht weiter aufzufallen. Die Gespräche rundherum drehten sich um Wandertouren, die man schon gemacht hatte oder noch vorhatte zu machen, um Outdoor-Equipment, das in Geschäft X besonders günstig oder vom Anbieter Y besonders hochwertig zu haben sei, oder um allerlei sonstige Alltags-Nichtigkeiten. Smalltalk nannte man das wohl. Lara hasste Smalltalk. Was war das bloß für eine Schnapsidee gewesen, sich dieser Wandergruppe anzuschließen! Gemeinsam mit anderen unterwegs sein, die wie sie die Natur liebten, hatte sie gedacht – es hätte ja schließlich schön sein können, ein solches Erlebnis zu teilen, anstatt wie meistens allein zu sein. Stattdessen ging ihr jedoch das permanente Gebrabbel und Gelächter fürchterlich auf die Nerven. Hatte hier niemand Augen für die Umgebung?

Verstohlen sah sie sich um: Der sympathische Typ, der sie auf der Bank angesprochen hatte, stand noch am Rand eines Maisfelds und setzte sich erst jetzt langsam in Bewegung – ein gutes Stück hinter der Gruppe. Vielleicht sollte sie sich auch zurückfallen lassen? Doch das kam ihr irgendwie zu aufdringlich vor, als ob sie ihn damit auffordern würde, das Gespräch fortzusetzen. So beschloss sie, weiter hier vorne in der Anonymität versteckt zu gehen.

Vor Lara liefen zwei Frauen, die gemeinsam über eine Kollegin herzogen, mit der sie offenbar das Büro teilten. Hinter ihr übertrumpften sich drei Männer gegenseitig damit, wer von ihnen die anstrengendsten und herausforderndsten Bergtouren gemacht hatte. Wie so oft wünschte Lara sich einen Filter, der diese unerquicklichen Gespräche ausblendete und nur die Geräusche der Natur an ihre Ohren ließ: das Zwitschern der Vögel, das Rauschen des Windes, das Rascheln der Blätter in den Bäumen. Beim nächsten Mal würde sie sich wohl wieder allein auf den Weg machen.

 

***

 

„Dann bis zum nächsten Wochenende, wer Lust hat!“, verabschiedete Thomas die Gruppe, die sich schwatzend und lachend um ihn scharte, als sie den Wanderparkplatz wieder erreicht hatten. Konstantin reckte den Kopf, um Lara zu entdecken, als er plötzlich sah, wie sie auf ein Auto am Rand des Parkplatzes zuging. Mit ein paar langen, eiligen Schritten war er bei ihr.

„Ähm, guck mal – ich wollte dir das hier geben!“ Er spürte sein Herz heftig pochen, als sich die großen, tiefblauen Augen fragend zu ihm wandten. Verlegen hielt er ihr den Maiskolben hin, den er in seiner Tasche verborgen hatte.

Ein winziges Lächeln umspielte Laras Lippen, als sie sah, was er ihr reichte, und zögerlich streckte sie die Hand vor. Die Blätter des Maiskolbens waren lose wieder darum gelegt; besser hatte Konstantin es nicht hinbekommen, ihn wieder richtig einzupacken.

„Du entdeckst doch gerne.“ Er spürte ein Kratzen im Hals. „Und immerhin hat außer mir noch niemand gesehen, was darunter ist.“ Lara hatte den Maiskolben jetzt in der Hand und drehte ihn prüfend hin und her. Plötzlich kam Konstantin seine Idee völlig albern vor, doch trotz des Fluchtimpulses, der in seinen Beinen zuckte, konnte er sich nicht von Laras Anblick lösen. Endlich begann sie, die hellgrünen Blätter eins nach dem anderen nach unten zu ziehen, strich dabei immer wieder behutsam das Büschel Seidenfäden glatt. Als zwischen den untersten Blättern der kleine handgeschriebene Zettel mit Konstantins Telefonnummer auftauchte, überzog eine zarte Röte Laras Wangen und ihre Augen schwenkten nach oben. Hoffentlich war sie nicht ärgerlich! Aber nein – da war ein Leuchten! Tatsächlich, tief am Grund des Blaus schimmerte ein kleines, freudiges Leuchten, und eine riesige Erleichterung durchströmte Konstantin. Genau so hatte er es sich gewünscht!

„F… falls du Lust hast“, stammelte Konstantin, überwältigt von den Gefühlen, die in ihm tobten. „Ich … ich würde mich freuen!“, brachte er noch hervor. Dann riss er sich von den magischen grünblauen Augen los, drehte sich um, und trat hastig den Weg zu seinem Wagen an.

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960876694
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v456917
Schlagworte
Liebe-s-geschichte Einsam-keit Paar Beziehung Gefühl-e Flirt-en Eifer-sucht

Autor

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    Katharina Lankers (Autor)

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