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Mondschein in Paris

von Christina Talberg (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Kurz vorab

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

wie schön, dass du dich für diesen booksnack entschieden hast! Ich möchte dich auch gar nicht lange aufhalten, denn sicher hibbelst du der folgenden Kurzgeschichte schon voller Freude entgegen.

Aber ich möchte dir vorab ganz kurz die wichtigsten Merkmale einer Kurzgeschichte in Erinnerung rufen:

  1. Der Name ist Programm: Alle Kurzgeschichten haben ein gemeinsames Hauptmerkmal. Sie sind kurz.
  2. Kurz und knapp sind auch die Handlung und die erzählte Zeit (Zeitsprünge sind eher selten).
  3. Ganz nach dem Motto »Einleitungen werden total überbewertet« fallen Kurzgeschichten meist sofort mit der Tür ins Haus.
  4. Das zweite Motto lautet »Wer braucht schon ein Happy End?« Also bereite dich auf einen offenen Schluss und/oder eine Pointe am Ende der Geschichte vor. Das Geheimnis dahinter: Kurzgeschichten sollen dich zum Nachdenken anregen.
  5. Versuch deine Neugier zu zügeln, denn auch für die Beschreibung der Charaktere und Handlungsorte gilt »in der Kürze liegt die Würze«.
  6. Die Aussage des Textes ist nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Hier bist DU gefragt, um zwischen den Zeilen zu lesen und deine persönliche Botschaft aus der Geschichte zu ziehen.

Jetzt bist du gewappnet für unseren literarischen Snack. Und findest du nicht auch, dass man diesen gleich noch mehr genießen kann, wenn man weiß was drin ist?

 

Viel Spaß beim Booksnacken wünscht dir

Dein booksnack-Team

booksnacks

Über dieses E-Book

Suzanne hungert für Thierry, weil der auf dürre, schweigend rauchende Frauen steht, während sie ein rundliches Energiebündel ist. Phil kommt mit einer Packung Präservative in der Hosentasche zu Anna nach Hause, will dann aber nur Freundschaft mit ein bisschen mehr. Und Anna versucht das Ganze noch mal mit einem Tango tanzenden Latin Lover. Sara küsst Ernesto nach einer mondbeschienenen Diskussion in einer Tiefgarage, obwohl sie gerade eben mit Robert in ihre gemeinsame Wohnung mit Blick auf Sacré Coeur eingezogen ist. Auch dort scheint der Mond durch die nagelneuen Vorhänge. Und Klara schreibt eine Doktorarbeit über … den schizoiden Mensch und die Liebe. Gegenstand ihrer Studien ist der junge Kidnapper, der sie im Landhaus seiner Eltern in der Vulkaneifel eingesperrt hat, um mal jemanden ganz für sich allein zu haben. Von Stockholm-Syndrom bis Tango-Pasión: Die gesammelten Geschichten nehmen einige Klischees auseinander, setzen sie neu zusammen und kommen zu dem Schluss: Der Mond ist ja auch wirklich eindeutig überbewertet.

Impressum

booksnacks

Erstausgabe Februar 2019

Copyright © 2020 booksnacks, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-589-5

Der Krimiheld ist eine überarbeitete Neuausgabe der bereits 2004 bei Books on Demand in Zehn Stunden Paul. Und andere Geschichten über Freundschaft: Maxi & BoD-Literatur-Wettbewerb 2004 erschienenen Kurzgeschichte Der Krimiheld (ISBN: 978-3-83342-078-8).
Suzannes Diät ist eine überarbeitete Neuausgabe der bereits 2004 bei Edition Ponte Novu in Die allerletzte Diät erschienenen Kurzgeschichte Suzannes Diät (ISBN: 978-3-00013-383-1).
Vulkanausbruch ist eine überarbeitete Neuausgabe der bereits 2009 bei Rotbuch in Risse im Beton. Das Beste aus dem MDR-Literaturwettbewerb erschienenen Kurzgeschichte Vulkanausbruch (ISBN: 978-3-86789-089-2).
Galápagos ist eine überarbeitete Neuausgabe der bereits 2016 beim Autorenhaus Verlag in Andere Liebe. Ein Kopfkissenbuch erschienenen Kurzgeschichte Galápagos (ISBN: 978-3-86671-136-5).

Covergestaltung: Anne Peisler
unter Verwendung eines Motivs von
shutterstock.com: © Bogdan Sonjachnyj
Lektorat: Daniela Pusch

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Der Krimiheld

Der Beginn? Im Café. Oder aber im Taxi. Wir würden nebeneinander auf der weichgepolsterten Rückbank sitzen. Er würde mich von der Seite ansehen, und ich geradeaus blicken. Das Taxi würde langsam durch die regnerische Nacht gleiten, und ich würde sehen, wie die Scheinwerfer der entgegenkommenden Autos tiefe Säulen in den nassen Asphalt der Avenue brennen.

 

Er würde nicht den Arm um mich legen, weil er denkt, ich würde es banal finden, wenn er genau das macht, worauf ich warte.

Nein, viel zu verschachtelt.

 

Oder besser im Café? Im „Flèche d’Or“, in dem ich gerade sitze? Eine ehemalige Bahnhofshalle, von der Decke hängen Teile einer alten Lokomotive und die Leute haben grüngefärbte Haare.

Sie sprechen und lachen laut genug, um eine mögliche peinliche Stille zwischen uns zu überdecken.

 

In Wirklichkeit hat die Geschichte weder im Taxi noch im Café angefangen. Phil ist direkt zu mir nach Hause gekommen, mit einer Packung Präservative in der Hosentasche. „Wie ein richtiger Mann“, so hat es meine Freundin Claire vorschnell ausgedrückt.

Danach dachten wir, den kompliziertesten Teil hinter uns zu haben. Dabei ist der Anfang nur der erste Schritt, und alle weiteren sind so kompliziert wie die vorigen – zumindest für Leute, die ihr Leben damit verbringen, Vorsichtsmaßnahmen zu treffen.

 

Darum war das Flèche d’Or der richtige Ort für uns: Cool, bunt und laut genug, um unsere Zweifel zu übertönen.

Ein Ort für „Freunde mit ein bisschen mehr“, wie Phil unsere Beziehung ängstlich definiert hatte, als es in keine Richtung weiterging.

Was mir dabei fehlte, merkte ich erst, als Claire mich vor ein paar Tagen in ein Tangolokal zerrte. Dort war alles erlaubt: Das Tremolo hoher Männerstimmen, die von Sehnsucht sangen, tragische Falten auf den Stirnen der Tanzenden, glühende Blicke … Und schon hatte ich neue Hoffnung geschöpft, mir tragische Falten auf Phils Stirn vorgestellt, seine bebende Stimme …

 

„Allein?“ Der Wirt des Flèche d’Or stellt krachend ein Bierglas vor mir ab. „Gleich kommt …“ Ich suche nach dem passenden Ausdruck, doch er unterbricht mich, will wissen, wer ich bin, will es dann aber doch nicht wissen, auch wenn ich immer gern versuche, diese Frage zu beantworten, sondern erzählt mir von seiner Kneipe – bitte! keine Szene- sondern eine Stadtteilkneipe – und den Gästen, keine prätentiösen Möchtegern-Künstler, sondern einfache Leute aus dem Viertel, betont der Wirt und deutet stolz auf einen Clochard, der mit einer Plastiktüte in der Hand durch die ehemalige Bahnhofshalle schlurft.

 

Die Halle sieht so aus, als würde Phil sie niemals durchqueren, und das leuchtet ein: So wie sie jetzt ist, kann er sie gar nicht durchqueren, sein Auftritt würde sie in eine völlig andere verwandeln. Eine Umwandlung, die ich mir immer weniger vorstellen kann, je mehr Zeit vergeht, auch wenn ich aus Erfahrung weiß, dass Phil immer zu spät, aber nie nicht kommt.

 

Doch nach dem alltäglichen Erscheinen des Clochards kippt tatsächlich lokal die Welt um.

Phil kommt durch die Halle geschossen, seinen besorgten Blick auf mich gerichtet, atemlos überholt er den Clochard. Der Wirt zwinkert mir zu und geht davon. Phil holt Luft für die Schilderung der Abenteuer, die ihn zu spät kommen ließen: Telefonate mit größenwahnsinnigen Familienmitgliedern, Wortgefechte mit paranoiden Nachbarn, Verfolgungsjagden im Taxi. Sie klingen wie seine Krimiszenen: Phil schreibt Krimis, die er nur mir zeigt. Sie sind voller fantastischer Verwicklungen und blühender Bilder.

Nun bin ich dran und erzähle triumphierend von Pathos und Passion, von Paaren, die tanzend ineinander verschmelzen, von Musik voller Wehmut und Sehnsucht.

Phil klopft mit männlich-energischer Geste seine Zigarette auf den Tisch: Er raucht Camel ohne Filter.

„Zum Beispiel: Mi noche triste“, sage ich zu ihm. Ich falte den Zettel auseinander, auf den einer dieser glutäugigen Tänzer den Text geschrieben hat, und Phil schaut mich scharf, jedoch nicht glutäugig, an, als ich „glutäugiger Tänzer“ sage, dabei habe ich es spöttisch betont.

„Der Spiegel ist ganz beschlagen, selbst er weint, weil die Frau den Mann nicht mehr liebt. Die Gitarre schweigt, nichts bringt ihre Saiten mehr zum Schwingen, seit sie gegangen ist. Und die Straßenlampen im ganzen Viertel sind zu traurig, um die traurige Nacht des Verlassenen zu erhellen.“

„Und dieser Tänzer? Was will er, was macht er, wie heißt er?“

 

„Ich heiße Juan Carlos“, sagte der Typ, der sich vor mir aufbaute, nachdem er mich eine Weile quer durch den Raum angestarrt hatte. Das J kam rau aus seiner Kehle, das R rollte er, es klang nach Macho und Stierkämpfer in einer untergegangen, albernen Welt. Er war nicht glutäugig, wie ich mir das vorgestellt hatte, er hatte ein hageres, verschlossenes Gesicht und die lässige Haltung eines Dandys. Ich fand ihn eine Spur lächerlich und hätte ihn am liebsten dankbar umarmt, weil er mich endlich von diesem Tisch wegholte, an dem ich seit einer Ewigkeit allein saß, seit Claire von einem Tänzer zum anderen wechselte.

Juan Carlos nahm mich beim Tanzen fest in die Arme, lächelte, als ich konzentriert zählend ein paar Schritte ausprobierte, fuhr mit der Hand meine Wirbelsäule entlang und drückte mich noch fester an sich. „Denke an nichts“, sagte er und streichelte sanft über meinen Kopf, den ich nun endlich an seine Schulter lehnte. „Schließe die Augen“, sagte Juan Carlos und ich schloss die Augen. Er führte mich mit viel Dynamik.

 

Phil gegenüber hebe ich allerdings das Lächerliche, das Stierkämpferhafte besonders hervor. Meine geschlossenen Augen, sein sanftes Streichen über Kopf und Wirbelsäule lasse ich weg. Phil würde alles falsch verstehen und mir nicht glauben, dass ich dabei an ihn dachte. Das darf er auch gar nicht wissen.

 

Als wir viele Stunden später aus dem Flèche d'Or kommen, regnet es. Wir nehmen ein Taxi.

Wir sitzen nebeneinander auf der weichgepolsterten Rückbank, gelassenes Tuscheln aus dem Radio. Das Taxi gleitet langsam durch die regnerische Nacht, und ich sehe, wie die Scheinwerfer der entgegenkommenden Autos tiefe Säulen in den nassen Asphalt brennen.

Er legt nicht den Arm um mich, weil er denkt, ich würde es banal finden, wenn er das macht, worauf ich hoffe.

Als das Taxi vor meinem Haus hält, lässt er mich aussteigen, und nennt dem Taxifahrer seine Adresse. Weil er denkt, ich würde es banal finden, wenn …

 

Ich habe Phil gesagt, ich will, dass wir nur noch einfache Freunde sind, statt „Freunde mit ein bisschen mehr“. Eine Entscheidung, die ich ganz plötzlich getroffen hatte, als er im Taxi davonfuhr, und bei der ich auch blieb, als er in der darauffolgenden Woche nichts von sich hören ließ – wahrscheinlich hat er wegen „mi noche triste“ Angst bekommen.

Er hat mich groß angesehen und eingewilligt, und seitdem ruft er mich fast täglich an. Aber ins Tangolokal will er nicht mitkommen.

 

Unter den rotglühenden Neonbuchstaben „La Milonga“ glitten hinter schimmernden Fenstern die Paare vorbei wie Fische in einem Aquarium. Ich musste meinen Mut zusammennehmen, um die schwere Tür aufzustoßen: Gleich würde mir ein Wasserschwall entgegendrängen und mich zu Boden werfen, aber es geschah gar nichts, als ich die Tür öffnete und auch nicht, als ich mich an eines der runden Tischchen am Rand der Tanzfläche setzte. Kein Juan Carlos, der mir quer durch den Raum seinen dunklen Blick zu warf, niemand der nach mir fragte. Man hatte ein Glas vor mir abgestellt, das mir eine gewisse Existenzberechtigung verschaffte, daran nippte ich und suchte dabei nach Formulierungen, um für Phil die Leere zu füllen, wenn ich ihm bei unserem nächsten Treffen den Abend schildern würde: „Eine ältere Dame, die seit Ewigkeiten sprungbereit auf einer Stuhlkante sitzt, so lange wie auch ich …“ Aber das durfte Phil ja nicht wissen. „Ein mürrischer Bursche, der …“

Da stand jener Bursche auch schon vor mir, blickte durch mich hindurch und ruckte kurz mit dem Kopf. Ich erhob mich zögernd, lehnte mich an ihn und legte meine Stirn in tragische Falten.

Er zerrte an mir, ich strauchelte, er schob mich ein wenig, blieb dann stehen und sagte: „Können Sie nicht tanzen?“

„Ich fange erst an“, antwortete ich beschämt. Er seufzte und zählte mir griesgrämig den Takt ins Ohr, er schob mich ein paar Runden holpernd im Kreis herum, dann stellte er mich vor meinem Tischchen ab und sagte verächtlich: „Merci.“

 

Weg hier, das Glas, an dem ich so lange sparsam genippt hatte, leerte ich nun in einem Zug, raffte meine Sachen zusammen.

In der Tür wäre ich fast mit Juan Carlos zusammengeprallt. „Wo willst du denn hin, gehst du schon, komm wir tanzen!“ „Aber ich …“, begann ich halbherzig, doch Juan Carlos nahm mir einfach die Tasche ab, stellte sie auf einen Tisch, umfasste mich und ließ mich nicht mehr los.

Ich tanzte mit erhobenem Kopf an dem Griesgram vorbei. Als sich unsere Blicke trafen, verwechselte ich meine Beine, und als ich sie wieder entwirrt hatte, sagte Juan Carlos: „Denke an nichts“, und ich sagte in Gedanken zu Phil: „Siehst du, es gibt Leute, die nehmen einem die Entscheidung einfach ab, so jetzt tanzen wir, da geht’s lang …“

„Du denkst zu viel“, sagte Juan Carlos lächelnd, und ich dachte, dass Tanzen bedeutete, mit dem Körper zu denken, und dass solange ich das mit dem Kopf dachte, noch nichts getan war, und das einige Tänze lang, bis mir die Entschlossenheit von Juan Carlos Körper dabei half, gar nichts mehr zu denken. Wir tanzten, bis die Musik abgestellt wurde. „Kann ich dich nach Hause fahren?“, fragte Juan Carlos leise.

 

Auf der Heimfahrt sprachen wir kein Wort. Juan Carlos schob eine CD in den CD-Player. Wieder „mi noche triste.“ Ich beobachtete ihn von der Seite. Irgendetwas rührte mich an diesem verschlossenen Gesicht. Irgendeine alte, nie überwundene Trauer.

 

Vor meinem Haus blieben wir im Auto sitzen und lächelten uns lange zu. Bis ich es nicht mehr aushielt. Ich wusste, jetzt würde er mich gleich an sich ziehen und küssen, aber er hätte nicht so lange warten dürfen, er hätte mich einfach überrumpeln müssen. Hastig wand ich mich aus dem Sitz und erhaschte noch seinen dunklen Blick. „Bis bald!“, rief ich ihm zu und lachte entschuldigend durch die Scheibe.

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960875895
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v456920
Schlagworte
Liebe-s-geschichte-n Eifer-sucht Beziehung Paar Ge-fühl-e Trenn-ung Herz-schmerz

Autor

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    Christina Talberg (Autor)

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Titel: Mondschein in Paris