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Die Jagd des toten Schattens

von Susanne Ferolla (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Als Wolfselbin hat die junge Jerelin es nicht leicht unter den Menschen. Zum Glück hat sie wenigstens ihren Halbbruder Florin, der immer an ihrer Seite steht. Doch auch ihm machen seine Mitmenschen das Leben schwer. Jerelin erträgt die ständigen Demütigungen nicht mehr und will endlich die Wahrheit über ihre Herkunft herausfinden, über die sie bisher nur Lügen erfahren hat. Dann kommt ausgerechnet Florin dahinter, wieso niemand im Dorf den Anblick der Wolfselbin erträgt. Aus Angst seine Schwester zu verlieren, verschweigt er das Geheimnis, das jedoch bald Jerelins Tod bedeuten könnte.

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe Februar 2019

Copyright © 2019 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-692-2

Copyright © 2014, Koios-Verlag
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits 2014 bei Koios-Verlag erschienenen Titels Der tote Schatten.

Covergestaltung: Cover Up Buchcoverdesign
unter Verwendung von Motiven von
shutterstock.com: © andreiuc88, © aaltair, © David Osborn
Lektorat: Daniela Höhne

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

Personenverzeichnis 

Wolfselben (Das Volk der Nacht)

Enem: Heilerin

Erlea: Hurims verstorbene Gemahlin

Gorim: Befehlshaber von Akans Jägern

Jerelin: Die Auserwählte, deren Kind den toten Schatten vernichten soll, Prinz Hurims Muhme (Tante)

Jerelin: Die nach ihrer Mutter benannte Wolfselbin mit der verzauberten Seele

König Akan: Prinz Hurims Vater

Prinz Hurim

 

Die Wölfe der Wolfselben:

Waldwind: Prinz Hurims Wölfin

Zoas: König Akans Wolf

 

Historische Personen aus dem Reich der Wolfselben:

Belrim: Der Erste aus dem Volk der Nacht

 

Ji’ harbis (Maras’ har und Olfta’ har):

Bongaz

Ugnag

Wiesel: Murbods Freund

 

Mischlingswesen aus Ji’ harbi/Mensch:

Iri: Meister Argormirs Ziehtochter

Meister Argormir: Der Herr des toten Schattens

Murbod: Heiler

 

Dorfbewohner aus dem Hinterland Thorans:

Abelka: Florins und Jerelins Mutter

Bogdan: Bruder von Reijas Großvater

Derk: Florins Vater

Elfrun: Fulkos Tochter und Florins Geliebte

Frek: Fulkos Sohn

Fulko

Hakon

Orwin: Freks Freund

Pereg: Freks Freund

Reija (Kosename Babe): Florins und Jerelins Großmutter

Skilla: Florins Pony

 

Thoraner:

Ismod: Der Oberste von Thoran

Meister Orum: Händler aus Thoran

Natar: Verweser von Thoran

Zana: Dienerin

Zsasa: Meister Argormirs Nachbar

 

Ithlaner:

Arowil: Beamter

Beomo: König von Ithlan

Boba: Gaukler

Winedon: Hauptmann 

 

Herrscher aus weiteren Königreichen:

Hantar: König von Goa

Sarnja: Königin von Lathan

 

Der Dämon: 

Zarur: Der tote Schatten

 

Der Kriegsherr:

Xeres: Er verbreitete einst mit seinen toten Schatten Schrecken über Hayathran

Vorgeschichte

Vor Siebzehn Jahren im Hügelland von Koroth

Die Warnschreie brachen abrupt ab.

Abelka verharrte wie eine Eidechse auf dem heißen Hang.

»Dan, Göttin der Fruchtbarkeit, Göttin der Schutzlosen, bitte hilf uns!«, presste sie hervor. Disteln stachen sie in den Bauchnabel, messerscharfe Kalksteinsplitter zerkratzten Knie und Oberschenkel, zwischen ihren Zähnen knirschte Sand.

Mutter Reija drückte sich an sie und krallte die Hände in die staubtrockene Erde.

Die Spelzen der bleichen Halme raschelten über ihren Köpfen, der Wind wehte die Schreie zu ihnen herüber.

Abelka verdrehte etwas ihre Hüfte, zupfte die Distel aus dem Stoff ihres Kleides und schob schützend eine Hand auf den Unterleib, in dem das Ungeborene zuckte wie ein kleiner Fisch. Seit ein paar Tagen erst spürte sie sein zaghaftes Kitzeln. Hatte Göttin Dan kein Herz? Warum nur hatte sie es zugelassen, dass Mutter Reija es sich ausgerechnet heute in den Kopf gesetzt hatte, Silberdisteln zu sammeln? Wie hatte Dan es geschafft, die Fallensteller zu überzeugen, wegen der alten Heilerin den Umweg über die Hügel zu nehmen, anstatt in der Kühle des Waldes ihrem Tagwerk nachzugehen? Und warum, um Dans willen, hatte sich Abelka breitschlagen lassen, mitzukommen?

Jähe Stille legte sich über die flirrende Luft; ein kleiner schwarzer Vogel schoss wie ein Pfeil den Hügel hinab. Die Grillen fühlten sich gestört und hörten auf zu zirpen.

Reija wimmerte und vergrub ihr Gesicht in Abelkas Seite.

»Still!«, zischte Abelka und drückte ein Ohr in den Staub. Sie hielt den Atem an und lauschte dem kaum wahrnehmbaren Kratzen und Knirschen.

Wessen Schritte waren es? Die ihres Gemahls? Näherte sich Fulko? Hakon? Oder hatte eine der Ji’harbi-Kreaturen ihre Witterung aufgenommen und spielte mit ihnen? Das in der Sommerhitze vertrocknete Gras war dicht genug, er konnte sie unmöglich sehen.

Das brauchte ein Ji’harbi auch nicht.

Selbst wenn die Männer ihm die schmutziggelben Augen ausgestochen hätten und er nur noch kriechen könnte, würde er sie finden: Schmutzhäute rochen Blut und Tod über weite Strecken. Drehte der Wind, schmeckte er ihre Angst.

Abelka biss die Kiefer zusammen. Ihr Körper spannte sich wie eine Sehne, bereit aufzuspringen, käme die Kreatur auf sie zu.

Kurze, stoßweise Atemzüge verrieten, dass sich jemand suchend umsah.

»Wo seid ihr?«

Derk! Ein leichter Schauder wogte durch Abelkas Körper, stöhnend ließ sie ihre Stirn auf den Handrücken fallen. Sie rappelte sich auf, wischte sich Tränen und Staub aus den Wimpern, stolperte den Hang hinauf – und sank in die Arme ihres Gemahls.

Derk drückte sie fest an sein rot gesprenkeltes Hemd und griff in ihr Haar. Er roch nach Blut und Schweiß, trotzdem legte sie ihre Wange auf seine Brust, um seinen Herzschlag zu hören. Derk lebte! Das war ein Geschenk der Götter.

Reija kam erstaunlich flink auf die Beine. Ihre Augen blitzten, wütend warf sie ihren eisgrauen Zopf über die Schulter. »Pfui! Was musst du dich so anschleichen? Den Rest meines Lebens werden Ji’harbis mich in meinen Träumen bei lebendigem Leib häuten. Daran bist du schuld.« Sie schlug einen Käfer von ihrem Arm und zertrat ihn. »Du hinterhältige Wanze hast dich in meine Haut gebohrt und es ausgenutzt, dass die alte Reija es nicht einmal gewagt hat, dich zu verfluchen. Schande über dich und deine Brut!« Reijas Lippen hatten Farbe bekommen, doch ihr Zorn verebbte, so schnell er gekommen war. Noch leise vor sich hinfluchend kletterte sie den Hügel hinauf.

»Was ist mit Fulko und Hakon?«, schnaufte Reija und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

Derk wich dem bohrenden Blick der Alten aus und blinzelte in die Sonne. »Was soll schon mit ihnen sein? Es waren nicht viele.«

»Gut!« knurrte Reija. »Dann verbrennt sie gleich! Faulende Ji’harbis beleidigen den Himmel!« Verächtlich spuckte sie auf den Boden.

Derk fixierte einen unsichtbaren Punkt in die Ferne und schüttelte kaum merklich den Kopf. »Hakon weigert sich.«

 Reija stieß einen ungläubigen Pfiff aus, ihre Augen blitzten. »Will er warten, bis sie in der Sonne furzen? Dreimal pfui!«

Wortlos wandte sich Derk um und ließ die beiden Frauen einfach stehen.

»Was soll das heißen?«

Derk schritt unbeirrt weiter. Mit einer ungeduldigen, fast wütenden Handbewegung forderte er sie auf, ihm zu folgen.

Ihre Mutter kniff die Lippen zusammen und hakte sich bei Abelka unter. »Ich habe einen Holzbock als Schwiegersohn. Ich fasse es nicht!«

Abelka erwiderte nichts. Sie liebte den sehnigen, wortkargen Mann. Worte sind wie Schmetterlinge, kurzlebig und flatterhaft. Derk log nie. Ihr Magen zog sich zusammen, als sie Derk mit hängenden Schultern durch das Gras gehen sah. Was war vorgefallen, dass ihn der Tod von Ji’harbis betrübte?

Weitgehend verdeckt von Gestrüpp und Gras waren die vier Leichen von weitem nur als dunkle Flecken im Hügelland auszumachen. Was Derk und die anderen beiden Fallensteller so verunsichert hatte, war aus der Entfernung nicht zu erkennen, so sehr Abelka auch den Hals streckte.

Wenn ihre Augen sie nicht täuschten, hatten Fulko, Hakon und Derk die Toten sorgsam nebeneinander gelegt.

Warum?

Normalerweise wurden tote Ji’harbis wie Tierkadaver auf einen Haufen gestapelt, damit man das mit Pech bestrichene Holz besser um sie herumschichten konnte.

Im warmen Sommerwind glaubte Abelka den Geruch des Blutes zu schmecken; er klebte wie ein bitterer, metallener Belag auf ihrer Zunge.

Fulko und Hakon kauerten im Schatten einer Zwergeiche – nur wenige Schritte von den Toten entfernt, die im hüfthohen Gras kaum auszumachen waren.

Hakon brütete vor sich hin, seine sommersprossigen Wangen waren dreckverschmiert und gerötet. Er hielt seinen Bogen umklammert, der leere Köcher lag im niedergetrampelten Gras.

Fulko verschnürte sein Trinkleder und schleuderte es gegen Hakons Schienbeine. »Hysterischer Gockel!«, schnaubte er und erhob sich. In seinen braunen Augen steckte die Wut eines Stieres. Er war eine Handbreit kleiner als Derk, trotzdem baute er sich vor ihm auf. »Auf was, bitte, warten wir noch?«

Derk beachtete ihn nicht und drängte sich an ihm vorbei. Sanft, aber bestimmt zog er Abelka und die alte Heilerin aus dem Schatten. »Schaut euch an, was wir angerichtet haben!«

Abelka schob die ausgedörrten Halme zur Seite, ihre Mutter stand mit um den Leib geschlungenen Armen unmittelbar hinter ihr, als wäre ihr kalt.

Abelkas Augen weiteten sich. Betroffen starrte sie auf die vier hochgewachsenen Gestalten, in deren Bäuchen Hakons Pfeile steckten.

»Wir müssen sie begraben, oder ihre Geister suchen uns heim.« Hakon stöhnte auf und verbarg sein Gesicht hinter den Händen.

»Ji’harbis haben keine Seele, also werden sie nicht zu Geistern, du Kindskopf!«, bellte Fulko und eine Zornesader schwoll an seinem Hals.

»Es sind Wolfselben! Hör endlich mit deinem idiotischen Geschwätz auf! Ich kann nicht mehr!«

»Wolfselben oder Ji’harbis – ich wüsste nicht, wo da der Unterschied liegt. Sie haben keine Seele, sag ich dir!«

Abelka beugte sich über die Leichen. Die verengten Pupillen hatten ihren Glanz verloren und drohten mit dem hellen Bernsteinbraun der Iris zu verschwimmen.

Wolfsaugen. So nah, dachte Abelka. Seltsamerweise fühlte sie sich in keiner Weise von ihnen abgestoßen. Nach einigen Atemzügen erkannte sie, warum sie so erschreckend menschlich schienen. Sie beugte sich tiefer, sodass sie die Restwärme spürte, die von den Toten ausging, aber wahrscheinlich bildete sie sich das nur ein. Ihre zitternde Hand schwebte knapp über den hellen, langen Wimpern. Sie widerstand dem Drang, sie zu berühren.

Die Gesichter mit den hohen Wangenknochen und der flachen Nase sprangen wie die der Ji’harbis leicht hervor; doch im Gegensatz zu diesen Kreaturen war ihre Haut hell wie die der Kinder des Mondes. Ji’harbis hingegen waren schmutzigbraun; lagen sie in Menschenkleidern auf der Lauer, verwechselte sie so mancher Reisender, der nach Sonnenuntergang noch im Wald herumirrte, mit Waldmenschen.

Das eigentümliche Haar, dessen Farbe an helle Weidenrinde erinnerte, schlang sich um ihre blutigen Hälse und klebte an ihren Wangen. Mit dem Leben war auch der Glanz daraus verschwunden.

Abelka legte eine Hand auf ihr Herz, als wollte sie es vor dem erdrückenden Gefühl, das sie plötzlich überkam, schützen. Warum bedauerte sie die Toten? Im Tod sahen selbst Ji’harbis friedlich aus. Und gewiss gab es auch unter ihnen Individuen mit langen Wimpern. Nur hatte sie bisher nie das Bedürfnis verspürt, einem Ji’harbi in die Augen zu schauen. Und verrieten nicht die spitz zulaufenden Ohren und die scharfen Zähne, die unter den Lippen hervorragten, dass sie vieles mit den Ji’harbis gemein hatten? Abelka holte tief Luft. Vergeblich verdrängte sie den Gedanken, den sie niemals laut auszusprechen wagte. Ji’harbis haben auch viel mit uns Menschen gemein.

Abelka kniete sich nieder. Sie berührte zaghaft den nachtblauen Überwurf eines Toten, rieb den Stoff zwischen Daumen und Zeigefinger. Ihr war, als steckte das eingefangene Licht der Sterne darin.

Langsam zog Abelka ihre Hand zurück. Ein leichtes Schwindelgefühl ergriff sie, als sie sich erhob. Geduldig wartete sie ab, bis das leise Pfeifen in ihren Ohren nachließ. »Sie haben euch angegriffen?« Skeptisch blickte sie die Männer an, ihre Stimme hörte sich an wie in Watte gepackt.

Fulko rollte mit den Augen, als hätte sie etwas Dummes gefragt und drehte ihr den Rücken zu. Seit sie mit Derk vermählt war, sah er sie kaum mehr an.

»Fulko ist schuld!« Hakons Brust hob und senkte sich erregt. »Er ist wie ein Tollwütiger auf sie zugerannt. Mir blieb keine andere Wahl, sonst hätten sie ihn womöglich getötet.«

»Sie hatten Pferde, wir nicht!«, blaffte Fulko ihn an.

»Seit wann können Ji’harbis reiten? Und seit wann trauen sie sich vor Sonnenuntergang aus ihren Verstecken?«

Fulko winkte ab. »Fangen wir die Pferde ein, bevor sie über alle Berge sind. Die stehen uns zu.«

Betretene Stille breitete sich aus. Als sich niemand rührte, packte er Derk an den Schultern. »Sieh dir die Brut doch an! Wolfselben benehmen sich nicht anders als Ji’harbis. Sie haben einem Händler im Wald aufgelauert und ihn ausgeraubt. Was sonst?«

Derk stand reglos wie ein Baumstamm und ließ Fulko um sich herumtanzen.

»Vergiss es!« Verächtlich stieß Fulko Derk vor die Brust und schritt auf die Toten zu. Er bückte sich über einen von ihnen und riss ihm seine Silberkette vom Hals, an der ein Amulett mit einem blauen Stein hing. »Ich wette mit euch, dass ihm das hier nicht gehört«, zischte er und ließ das Amulett hastig in seinem am Gürtel befestigten Lederbeutel verschwinden.

»Hör auf damit!«, fuhr Derk ihn an.

Fulko ließ sich nicht beirren, rücksichtslos versuchte er, einen Goldring vom Mittelfinger eines Toten zu ziehen.

Als er sein Messer zückte, weil der Ring festsaß, war Derk nach wenigen Schritten bei ihm und schlug es ihm aus der Hand.

»Sie hätten dasselbe mit mir gemacht! Nur ich war schneller«, zischte Fulko. In seinen Augenwinkeln zuckte es.

Fulko wagte sich nicht an Derks Fäusten vorbei. Zähneknirschend bückte er sich nach dem Messer und stieß es in die Scheide zurück.

»Wir haben sie einfach umgebracht!«, klagte Hakon und wippte mit dem Oberkörper vor und zurück.

Fluchend drückte Fulko einem der Toten mit Daumen und Zeigefinger die Wangen ein und riss ihm den Mund auf, sodass sie alle die kräftigen, spitzen Zähne sahen. »Schau ihnen ins Maul, Hakon, dann weißt du, was ich meine!«, schrie er. »Sag ihm, Heilerin Reija, dass er kein Mörder ist!« Fulkos Stimme zitterte vor Erregung. »Sag ihm, woher die Ji’harbis ihre Mäuler haben.« Er stieß den Toten ins Gras zurück, wo er mit offenem Mund ins Leere starrte.

Reija wandte den Blick ab. »Gib zurück, was du genommen hast!«, forderte sie Fulko auf.

»Was redest du?«

»Tu, was ich dir gesagt habe!«

Fulko rammte wütend seine Ferse in den Boden. »Ich denke nicht daran. Sie sind aus dem gleichen Dreck wie die Ji’harbis. Verbrennt sie, damit wir endlich nach Hause können!«

»Nein!«, fuhr Derk dazwischen. »Dazu ist keine Zeit. Wir sollten zusehen, dass wir von hier wegkommen.« Sein Blick schweifte düster über die Hügel, die sanft in den dichten Buchen- und Eichenwald abfielen. Im warmen Aufwind lag das beständige Rauschen des Korothá, der im Tal des Waldes seine Wildheit eingebüßt hatte und behäbig gen Osten floss.

Fulko stieß ein kurzes, hartes Lachen aus. »Das sagst du uns jetzt?«

»Vielleicht habe ich mich getäuscht. Es ging alles so schnell.«

»Dann lasst uns die Kreatur suchen, bevor sie die anderen aus ihren Löchern lockt!«

»Das ist sinnlos. Der Wald schluckt alles.« Derk trat auf Abelka und Reija zu und zog sie von den Toten weg. »Wo sind eure Körbe? Geht und sucht sie! Wir gehen ins Dorf zurück und warnen die anderen.«

»Und was machen wir mit den Toten?«, keuchte Hakon. »Lassen wir sie einfach so liegen?«

Fulko klopfte mit der flachen Hand auf seinen Lederbeutel, in dem er das Amulett verwahrt hatte. »Sollen wir für sie beten?«

Unter Fulkos schallendem Gelächter klaubte Hakon die im Gras verstreuten Pfeile ein und steckte sie in den Köcher zurück.

Reija war müde. Der steinige Boden quälte ihre alten Füße.

Abelka nahm ihre Mutter kurzerhand Huckepack und schleppte sie zum Hang zurück, wo sie in kopfloser Angst die sperrigen Körbe von sich geworfen hatten. Sie setzte die Alte ab, mahnte sie, hin und wieder auf den Boden zu klopfen, um die Schlangen zu vertreiben und rutschte den Hang hinab.

Es dauerte nicht lange, bis sie Reijas Sammelkorb zwischen flirrender Luft und toten Grassoden entdeckte. Der Deckel hatte sich abgelöst, und Reijas mühsam gepflückte Akanthusblüten welkten in der Hitze.

»Tut mir leid«, rief Abelka hinauf.

Reija spuckte wütend ins Gras. »Das war das letzte Mal, dass ich mich für andere krumm und bucklig schinde. Ab heute soll jeder, der was von mir will, sein Kraut selbst suchen.«

Abelka rutschte tiefer. »Warte, vielleicht finde ich den Beutel mit den Silberdisteln.«

»Lass, Kind!«, winkte Reija ungeduldig ab. »Geh und such lieber dein Trinkleder! Eher vertrockne ich, als dass ich Fulko um einen Schluck Wasser bitte. Ganz abgesehen davon, dass er auch kaum mehr etwas hat.«

Auch Abelka klebte die Zunge am Gaumen. Es tat ihrem Baby nicht gut, wenn es durstete. Bis zur nächsten Quelle war es weit. Zwar führte der Rückweg durch den Wald am behäbig dahinfließenden Korothá entlang, doch es war nicht ratsam, sich als wandelnde Zielscheibe in der Nähe des Ufers aufzuhalten.

Seufzend schirmte Abelka mit der flachen Hand die Sonne ab und ließ ihre Blicke über die Stelle schweifen, wo sie und Reija sich flach auf den Boden geworfen hatten. Sie erinnerte sich, das Leder kurz davor über den Kopf gestreift zu haben, um es nicht zu zerquetschen. Das Trinkleder musste in unmittelbarer Nähe liegen, aber es schien, als hätte sich Gott Han einen Spaß erlaubt und es in der Hitze aufgelöst.

Ratlos hob sie die Schultern. »Hier ist es nicht«, rief sie.

Reija legte die Hände in den Schoß und schloss die Augen. »Schau weiter unten nach. Wenn es dort auch nicht ist, will Han, dass wir dursten«, stöhnte sie.

Unterhalb eines Ginsterbusches kreuzten sich zwei unscheinbare Ziegenpfade, die mit Gebilden aus flachen, übereinander gelegten Kieseln markiert waren: den Steinwächtern. Sie begleiteten die Wege bis ins Tal hinab. Die Hirten steckten ihnen Kohlestücke als Augen in die Ritzen und verbrannten auf ihren Häuptern getrockneten Salbei, um üble Geister fernzuhalten. Die Ji’harbis mieden die Gebilde, weil sie sich vor dem bösen Blick fürchteten.

Als Abelka glaubte, am Bauch eines Wächters schmiegte sich etwas Dunkles, war sie sich sicher, das wertvolle Trinkleder gefunden zu haben, denn die Sonne stand so hoch, dass es kaum ein Schatten sein konnte. Sie schrie triumphierend auf und schlitterte zu dem Pfad hinunter. Eine Smaragdeidechse, die sich auf dem knochenbleichen Wächter sonnte, flitzte in sein Inneres. Erst als Abelka nahe genug herangekommen war, erkannte sie ihren Irrtum.

An dem Wächter klebte frisch geronnenes Blut.

Betroffen blieb sie stehen und starrte auf den Fleck, der in der Sommerhitze in kürzester Zeit dunkel und hart geworden war. Er hatte die Umrisse einer verschwommenen Hand, in sattes, schweres Rot getränkt. Das umliegende Geröll war mit Blut bespritzt, eine deutliche Spur querte den Pfad. Jemand hatte sich schwer verletzt ausgeruht und sich dann weitergeschleppt. Erschrocken hielt sich Abelka eine Hand vor den Mund.

Reija wurde ungeduldig und mahnte sie, sich zu beeilen. Die Männer wollten ins Dorf zurück.

Abelka beachtete sie nicht.

Die Blutspur führte zu dem mannshohen Gestrüpp aus Zistrosen und Ginster, nur einen Steinwurf von dem Wächter entfernt. An dieser Stelle war der Boden vor drei Jahren nach einem starken Frühlingsregen abgesackt und hatte eine Kuhle gebildet, die von den rasch wachsenden Trieben längst überwuchert worden war.

Darin war genügend Platz, um sich zu verstecken.

Derk hatte sich nicht getäuscht: Es waren fünf gewesen. Vier hatten sie ermordet.

Während Fulko auf der Anhöhe die Toten verspottet hatte, war jemand um den Hügel geschlichen und hatte eine verräterische Spur hinterlassen. Er hatte den Pfad überquert und sich unter die Büsche gezwängt.

Abelka starrte mit klopfendem Herzen zu den Zistrosen hinüber, die ein Geheimnis bargen. Hinter den verholzten Trieben beobachteten bernsteinfarbene Wolfsaugen die Menschenfrau. Wer immer sich hinter den Trieben verbarg, wusste, sie suchte ihr Trinkleder, das er mit in sein Versteck genommen hatte.

»Was treibst du da unten?« Fulko hasste es, wenn sie ihn warten ließ. Mit verschränkten Armen schaute er eine Weile zu, wie sie sich den Hang hinaufplagte. Dann rutschte er ihr entgegen und hielt ihr gereizt die Hand hin.

Abelka ignorierte sie, beschleunigte ihre Schritte und folgte Derk, der schon vorausgelaufen war.

Das Heulen der Wölfe raubte Abelka den Schlaf. So tief hatten sie sich noch nie ins Tal gewagt.

Die Dorfköter kläfften sich heiser.

Abelka schlang ihre Arme um Derk und lauschte seinem gleichmäßigen Herzschlag. Wie immer war er sofort eingeschlafen.

Ausgelassenes Lachen drang von den Ställen herüber.

Fulko war es gelungen, die Männer im Dorf aufzuhetzen und mit ihm nach den Pferden der Wolfselben zu suchen.

Als die Männer johlend zurückkehrten, ritt Fulko in einem schwarzen Sattel aus feinstem Leder. Er freute sich wie ein Kind über die kunstvollen Verzierungen. Stolz jagten sie die drei temperamentvollen Pferde über den Dorfplatz. Deren schweißnasses Fell glänzte im Schein der Fackeln, ängstlich bäumten sie sich auf, bis sie vor Erschöpfung aufgaben und sich in den Stall führen ließen.

Derk wollte keines der Pferde haben, das wertvolle Zaumzeug rührte er nicht an. Er hatte eine Weile zugeschaut, wie Fulko feierte und lachte, dann hatte er sich im Bett verkrochen.

Morgen würde sich Abelka das Trinkleder zurückholen.

Allein.

Derk und die anderen Fallensteller hatten sich schon vor dem Morgengrauen auf den Weg in den Wald gemacht.

Abelka wartete ab, bis die Nacht einem verschwommenen Grau wich. Ihren leichten Bogen fest in der Hand, die Pfeile in ihrem Köcher griffbereit, stahl sie sich aus dem Dorf. Wenn sie sich beeilte, war sie vor dem Höchststand der Sonne wieder zurück.

Sie verschmolz mit dem erwachenden Wald, wich den Hirten aus, die ihre Tiere zusammentrieben, und erklomm auf Umwegen die Hügel von Koroth.

In der kühlen Morgenluft hing bereits ein süßlich fauliger Hauch, der in den nächsten Tagen die ganze Umgebung verseuchen würde. Abelka umging das Plateau, auf dem die Toten lagen, und schlich sich durch das hohe Gras weit unterhalb daran vorbei.

Endlich schafften es die ersten Sonnenstrahlen über das Tlerúr-Gebirge, wo die Pforte zum Innern der Erde lag, die das Wasser des mächtigen Korothá verschlang. Ein unwirkliches Rot ergoss sich über die Hügel und brachte die verdorrten Halme zum Leuchten. Der letzte Ruf eines Käuzchens verhallte. In der Ferne pfiff ein Hirte nach seinem Hund, der kläffend die Herde zusammenhielt.

Abelkas Herz fing an zu klopfen. Weniger als ein Steinwurf von ihr entfernt hatte jemand die Nacht unter dem Dornengestrüpp verbracht. Die Zistrose glühte im Licht der aufgehenden Sonne.

Ihr war, als würde der Strauch sie ansehen, als wäre soeben etwas in ihm erwacht und öffnete die Augen. Ein Rauschen lag in der Luft, ein leises Knistern, als hörte sie heimliche Gedanken. Sie schüttelte den Kopf und schalt sich einen Dummkopf. Trotzdem beschlichen sie Zweifel, ob es richtig gewesen war, hierher zurückzukommen. Wäre der Verletzte noch am Leben, bräuchte er ihre Hilfe. Es gäbe niemanden, dem sie sich anvertrauen könnte. Einem Ji’harbi würde niemand helfen, egal was er zu sagen hatte. Auch Reija nicht. Bekäme Fulko spitz, was sie tat, würde er dafür sorgen, dass man sie bestrafte.

Noch war Zeit umzukehren, noch würde niemand sie im Dorf vermissen und Fragen stellen. Sie biss sich auf die Lippen und verfluchte ihre Neugierde. Göttin Dan hatte sie hierher geführt, ermutigte sie sich. Vielleicht wollte sie ihr etwas zeigen. Es würde die Göttin betrüben, kehrte sie aus Feigheit um.

Ein tiefes Knurren schreckte sie auf. Sie duckte sich. Blitzschnell zog sie einen Pfeil aus dem Köcher und spannte den Bogen.

Etwas Dunkles, das vorhin noch nicht da gewesen war, huschte hin und her.

Als Abelka näher schlich, entdeckte sie einen Köter, der an dem Rosengestrüpp erregt schnupperte. Er hatte Abelka längst bemerkt, hob den Kopf und fletschte die Zähne. Als sie nicht näher kam, beachtete er sie nicht mehr.

Abelka hoffte, dass er abziehen würde, doch der bittere Verwesungshauch, den selbst ihre Menschennase wahrnahm, berauschte ihn. Sein struppiges Fell sträubte sich, sein Knurren wurde lauter und bedrohlicher. Er zog immer engere Kreise vor den Ranken, bis er plötzlich mit klackenden Kiefern vorsprang, nur um im nächsten Augenblick wieder zurückzuweichen.

Ein faustgroßer Stein schnellte aus dem Strauch und streifte das Tier an der Seite.

Mit einem ohrenbetäubenden Kläffen machte es seiner Wut Luft. Ein zweiter, ein dritter Stein folgten, was den Hund umso rasender machte. Nicht mehr lange, und er würde angreifen.

Wut wallte in Abelka auf. Sie spannte den Bogen, fixierte die Brust des Köters und ließ die Sehne los.

Der Pfeil fand sein Ziel.

Winselnd brach der Hund zusammen, von einem kurzen, heftigen Krampf erfasst.

Ein erschrockenes Stöhnen drang aus dem Strauch.

Abelka erstarrte. Der Pfeil hatte sie verraten. Daran hatte sie nicht gedacht. Jetzt konnte sie nicht mehr zurück. Mit einem Stoßgebet an Göttin Dan auf den Lippen schlich sie sich zu den Büschen, deren Ranken wie ein lichter Vorhang über die Kuhle gewuchert waren. Sie überlegte, einen Pfeil auf den Bogen zu spannen, aber der Gedanke, auf ein Wesen mit Sprache und Verstand zu zielen, das ihre Hilfe brauchte, hielt sie davon ab.

In dem undurchdringlichen Gewirr klaffte ein kopfgroßes Loch, das aussah, als hätte jemand mit bloßen Händen die Ranken auseinander gerissen. Abelka hielt ihren Bogen locker umklammert, um ihre guten Absichten zu zeigen. Wer sich nur mit ein paar Steinen gegen einen angreifenden Hund wehrte, dürfte außer seinen Händen keine Waffen haben.

Törichterweise ging sie in die Hocke, um ein Blick durch das Loch zu erhaschen.

Noch ehe sie reagieren konnte, prallte etwas Weiches, Glattes gegen ihre Brust, das sich anfühlte wie ein totes Tier.

»Mit Dank zurück, du Mörderin!«, fauchte eine Frauenstimme in der Sprache der Koroth-Menschen.

Von Ekel überwältigt trat sie nach dem braunen Ding, das zu einem festen Wurfgeschoss gewickelt worden war. Als es sich aufrollte, lag plötzlich ihr Trinkleder im Staub.

Verstohlen bückte sie sich danach. Es war bis auf den letzten Tropfen leer getrunken. Sie wagte es nicht noch einmal, in das Loch zu spähen. Dahinter beobachtete ein Wesen die Menschenfrau, ein Wesen, das ganz anders war, als Abelka sich vorstellte – mit einer Frau hatte sie nicht gerechnet.

»Ich bin keine Mörderin«, verteidigte Abelka sich mit dünner Stimme. Was anderes wusste sie nicht zu sagen.

»Ihr habt uns grundlos abgeschlachtet!«

Das kehlige Knurren drang so unverhofft aus den Büschen, dass Abelka ohne zu zögern das Trinkleder auf den Boden warf und einen Pfeil aus dem Köcher zog.

»Pass auf! Hier ist noch ein Hund!«

Die Frau lachte spöttisch auf. »Närrin! Außer mir und dir leben hier nur Eidechsen und Schlangen.«

Abelka runzelte die Stirn. »Was meinst du damit?«

»Dass du dumm wie Bohnenstroh bist und wie alle Abkömmlinge deines Geschlechts keine Ahnung hast.«

Wieder folgte ein Knurren, viel tiefer und dunkler als das eines Hundes.

Abelka begriff: das Knurren drang aus der Kehle der Wolfselbin. Entsetzt wich sie von dem Busch zurück. »Hör auf damit!«

»Warum? Hast du Angst, ich springe dir an den Hals?«

»Nein, aber …« Abelka schluckte ihre Lüge hinunter, sie wusste nichts weiter zu erwidern.

»Aber du willst dich nicht mit einem Tier unterhalten. Ich verstehe.«

»Das ist nicht wahr!«, entfuhr es Abelka, ehe sie begriff, dass sie soeben genau das Falsche gesagt hatte. Heißes Blut schoss ihr in die Wangen, betreten wandte sie sich ab. Am liebsten wäre sie einfach davongelaufen.

Ein leises Lachen drang durch das Gestrüpp. Doch anstatt lauter zu werden und Abelka mit Hohn zu überhäufen, erstickte es in der Stille, die sie plötzlich umgab. Abelka hielt den Atem an, als wäre die Zeit stehen geblieben und somit jede Bewegung unmöglich. Die Luft flirrte über dem wogenden Gelb der Hügel, die Grillen zirpten, als hätte das soeben Erlebte nie stattgefunden. Als stünde sie allein in der ausgedorrten Gegend, wo sich auf dem steinigen Boden kaum ein Baum hielt.

Hinter dem Gebüsch bäumte sich ein schemenhafter Schatten auf, Staub wirbelte unter dem Busch hervor und wurde von dem leichten Wind verweht. Ein lautes Stöhnen zerriss die Stille.

Die Verzweiflung dieses Wesens traf Abelka unvermittelt wie ein Stich hinter dem Brustbein. Ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Sie steckte den Pfeil in ihren Köcher zurück, ihr war, als würden die wütenden Götter sie beobachten.

Mit zitternden Händen griff sie nach dem Trinkleder und knetete es. »Ich hole dir Wasser.«

»Hau ab! Ich brauche niemanden, der mir beim Sterben zusieht«, presste die Wolfselbin hervor.

Abelka holte tief Luft. »Ich kann dir mehr geben als Wasser. Ich kann dir zu essen bringen und deine Wunden versorgen. Du wirst gesund werden.«

Ein lang gezogenes Stöhnen antwortete ihr.

Abelka überlegte nicht lange: Sie streifte sich Köcher und Bogen ab und legte beides zusammen mit dem Dolch gut sichtbar vor ihre Füße. »Siehst du? Ich habe meine Waffen abgelegt. Ich werde zu dir reinkriechen.« Abelka wartete die Antwort nicht ab. Vorsichtig steckte sie den Kopf durch die Ranken.

Zwei gelbe Augen leuchteten im diffusen Halbdunkel auf und fixierten sie.

Abelka zuckte erschrocken zusammen. Da die Gestalt jedoch genauso ängstlich war wie sie und von ihr wegrückte, rührte sie sich nicht von der Stelle. Zu Abelkas Entsetzen schmiegte sie sich an einen toten Wolf, der offensichtlich die ganze Nacht über bei ihr gelegen hatte.

Die Frau stieß ein drohendes Grollen aus. Lange, helle Haare klebten auf der blau geschwollenen Wange. Sie bleckte die Oberlippe und entblößte ihre spitzen Eckzähne.

Abelka versuchte durch den Mund zu atmen, damit der beißende Gestank aus Blut, feuchtem Fell und Verwesung sie nicht überwältigte. Ihre Aufmerksamkeit war ganz auf das Gesicht der Wolfselbin gerichtet, sodass sie die Wölbung unter deren Gewand zunächst nicht wahrnahm. Erst als die Frau stöhnend die Beine an den Leib zog und ihn mit beiden Händen hielt, realisierte Abelka die Lage: Die Wolfselbin war hochschwanger.

Abelka senkte einen Atemzug lang die Lider. Ihr Herz weinte. Jetzt verstand sie die Wut der Götter, die in Gestalt von Wölfen gestern Nacht in den Bergen die Untat der Sterblichen beklagt hatten. Bisher dachte sie, Gott Han und Göttin Dan hätten der Welt eine Ordnung gegeben, die unumstößlich war wie die Tatsache, dass auf die Nacht der Tag folgte und auf den Winter der Frühling. Sie glaubte, ein Loch täte sich auf, so sehr fiel sie ins Bodenlose.

Sie streckte eine Hand nach der Wolfselbin aus und berührte sie am Bein. »Du bekommst ein Kind!«

»Was ist daran so ungewöhnlich?«, zischte die Elbin und trat nach Abelkas Hand.

»Es tut mir alles so leid!«

Die gelben Augen wurden schmal. »Was tut dir leid, Menschengezücht? Du dir selbst? Geh zu deinesgleichen, Mörderin, hol Schaufel und Pickel und schaufele ein anständiges Grab. Oder habt ihr die Meinen verbrannt?«

Abelka schüttelte den Kopf, ihre Kehle war wie zugeschnürt. »Fulko hat …« Tränen traten ihr in die Augen und perlten die Wange hinab. »Er dachte … Ji’harbis …« Sie konnte unmöglich weiterreden.

Aufgebracht stützte die Wolfselbin sich auf dem toten Wolf ab und versuchte sich hinzusetzen. »Glaubst du, ich will das hören? Hau ab!« Ein Schmerz wie aus dem Nichts hielt sie plötzlich gefangen und raubte ihr den Atem. Sie schlang ihre Arme um den prallen, harten Leib und glitt stöhnend zur Seite. Feinperliger Schweiß glänzte auf ihrer Stirn. Im Fell des toten Wolfes verkrallt, wartete sie die Welle des Schmerzes ab. »Ich hätte mich niemals darauf einlassen sollen«, hauchte die Frau. »Mein Kind wird sterben. Unsere Weisen haben sich geirrt.« Sie legte ihre Wange ergeben auf das Fell des toten Wolfes. In die gelben Augen traten Tränen. »Silberwind war mir eine treue Begleiterin. Sie war alt und blind. Die ganze Nacht über hat sie die Streuner verjagt. Sie wusste, wir würden sterben, das hat sie schwach gemacht.«

Abelka erfasste nicht, wovon sie sprach. Es blieb keine Zeit, darüber nachzudenken. Vorsichtig näherte sie sich der Frau, deren Körper so geschwächt war, dass die Geburt eingesetzt hatte. Sie griff nach ihrer kalten, klebrigen Hand und drückte sie. In diesem Moment spürte Abelka die kitzelnden Bewegungen ihres eigenen Ungeborenen, und ihr wurde zum ersten Mal bewusst, wie verletzlich sie und das kleine Leben waren. Sie hatte das Glück, dass Reija und andere erfahrene Frauen ihr beistehen und sie nach der Geburt und der rituellen Waschung drei Tage lang mit einem Brei aus Mehl und Blut nähren würden, so wie Göttin Dan es für eine Wöchnerin für gut befunden hatte. Der Gedanke, ihr Baby alleine auf die Welt bringen zu müssen, erfüllte sie mit Angst. »Ich hole Hilfe«, entschloss sie sich. »Dann wird dein Kind gesund geboren.«

Die Frau hielt ihre Hand fest. »Nein, die Menschen werden es töten.«

»Die Streuner werden es sich heute Nacht holen«, drang Abelka auf die Frau ein. »Lass mich los, dann bin ich umso schneller wieder bei dir!«

Die Frau nickte schwach und lockerte ihren Griff.

Abelka zwängte ihren Oberkörper durch die Ranken und griff nach dem Dolch, den sie als Zeichen für ihre guten Absichten vor dem Gestrüpp abgelegt hatte. »Ich lasse dir mein Messer hier.« Abelka legte der Frau die Waffe vor die Füße und kroch ins Freie.

Dann schnappte sie sich Bogen und Köcher und fing an zu traben. Sie hatte keine Zeit mehr zu verlieren.

Der Esel ließ sich geduldig von Abelka führen. Die beiden Weidenkörbe links und rechts schaukelten rhythmisch hin und her. Wenn Abelka nicht so erschöpft gewesen wäre, hätte sie ihn mit der Rute zu einem schnelleren Schritt angetrieben.

Ihre Mutter klammerte sich an seiner Mähne fest und schwankte auf dem glatten Eselrücken wie ein steifes Holzstück. Das Pony hatte einen faulen Huf, weshalb ihr nichts anderes übrig geblieben war, als auf dem verhassten Esel zu reiten. Zu Fuß wäre sie viel zu langsam gewesen.

»Pfui!«, murrte Reija. »Mein ganzes Leben lang haben mich die Ji’harbis gequält. Sie haben meine Schweine gefressen und alle meine Männer abgestochen. Den Ratten im Stall geht es besser als mir. Die fressen den Hühnern hemmungslos die Eier unter dem Bauch weg und hauen nicht einmal ab, wenn sie dich sehen. So gut möchte ich es auch haben.«

»Mutter«, mahnte Abelka, »reiß dem Esel nicht die Haare aus. Sehen wir lieber zu, dass wir endlich den Wald hinter uns lassen.«

Reija machte ihrer Angst weiter Luft. »Deine Tante ist als junge Frau in den Fluss gefallen. Sie war eine gute Schwimmerin, und die Stelle, in die sie hineingefallen war, war zwar tief, aber ohne starke Strömung. Sie hatte sich ein Stück um eine Biegung treiben lassen, um ans flachere Ufer zu gelangen. Doch sie ist da nie angekommen. Hinter der Biegung war der Fluss so flach, dass wir sie sofort gesehen hätten. Wir suchten einen halben Tag nach ihr. Nichts! Die Ji’harbis werden sie sich geschnappt haben. Pfui, pfui, pfui!« Sie spuckte dreimal um sich und verfiel in einen klagenden Singsang. »Han strafe meine Peiniger! Wie oft habe ich ihn schon darum gebeten, sie alle tot umfallen zu lassen. Aber Han denkt nicht daran, auf eine alte Frau zu hören.« Sie hielt inne, ihre Lippen wurden zu schmalen Strichen. »Im Gegenteil!«, sagte sie düster, »Han lässt mich mit der Gewissheit sterben, dass ich mit diesen Kreaturen verwandt bin. Oh, wie beneide ich die Ratten in meinem Stall! So fett, so sorglos …«

»Halt den Mund!«

»Im nächsten Leben möchte ich eine Ratte sein. Eine Ratte!«, zischte Reija.

Abelka atmete erleichtert auf, als Reija endlich schwieg.

Mit gutem Zureden trug der Esel seine Last die Hügel hinauf. An machen Stellen waren die Pfade nicht mehr auszumachen und die Steinwächter zerfallen.

Reija stöhnte jedes Mal angstvoll auf und verkrallte sich im Fell, wenn der Esel ins Rutschen kam.

Die größte Hitze war vorüber, als sie von Weitem die rosa blühenden Zistrosen sahen.

»Bleib stehen!« Reija deutete auf den lichten Schatten einer Zwergeiche, hinter der sich der Ziegenpfad im Nichts verlor, und glitt vom Rücken des Tieres. »Bind ihn hier fest!«

Bereitwillig folgte der Esel Abelka zu dem Baum, wo sie ihm zur Belohnung eine Rübe ins Maul steckte.

Reija half ihr, die Körbe zu tragen. Ihr faltiges Gesicht war auffallend blass, um ihre Mundwinkel lag ein harter Zug. Skeptisch starrte sie auf die Büsche. »Hier stinkt es!«

Abelka seufzte und zog die Heilerin mit sich. »Sie hat einen toten Wolf bei sich liegen, erschrick nicht.«

Reija riss entsetzt die Augen auf. Abelka ließ ihre Hand los und ging einfach weiter. Nach ein paar Schritten blieb sie stehen und drehte sich nach der alten Heilerin um. Geduldig wartete sie, bis Reija ihren Mut wieder gefunden hatte und ihr zu dem Versteck hinter den Büschen folgte.

Abelka streifte ihren Korb ab. Myriaden von Fliegen stoben bei der geringsten Bewegung von dem toten Hund auf, der aufgedunsen vor den Büschen lag. Angewidert packte ihn Abelka an den Beinen, trug ihn ein Stück den Hang hinab, bevor sie ihn im weiten Bogen wegschleuderte.

»Wir müssen die Wolfselbin da rausholen. Totes Fleisch ist Gift!«, zischte ihr Reija kaum hörbar zu, als sie schnaufend oben ankam.

Abelka warf ihr einen ernsten Blick zu, schob behutsam die Ranken beiseite und kroch in eine faulig stinkende Wolke hinein.

Die Elbin lag gekrümmt auf der Seite, ihre geschlossenen Augen lagen hinter dunklen Schatten. Für einen entsetzlichen Augenblick glaubte Abelka, sie wäre tot. Sie hatte ihren Reiseumhang wie einen Teppich ausgebreitet. Ihr Kleid war ihr über die Beine gerutscht, auf der Haut klebte helles Blut.

Abelka berührte sie an der Schulter und rüttelte sie sanft. »Du bist nicht mehr allein.«

Die schmalen Wolfsaugen öffneten sich, ein kurzes Leuchten huschte über sie hinweg. »Es tut so weh«, wimmerte die Frau.

Abelka strich ihr mit zitternden Händen die Haare aus dem Gesicht. »Meine Mutter wird dir helfen«, versprach sie, stürzte nach draußen und winkte Reija zu sich her.

Reijas Gesicht wirkte wie gemeißelt. Mit steifen Bewegungen zog sie ein hölzernes Amulett aus ihrem Ausschnitt und küsste es, bevor sie sich bückte und durch die Ranken hindurchkroch.

Die Heilerin erstarrte, gefangen von den raubtierhaften Augen, die sie skeptisch musterten.

Abelka drängte sich neben sie. »Sie hat mehr Angst vor dir als du vor ihr«, flüsterte sie der Alten ins Ohr.

Erst als die Elbin ihr ein schwaches Lächeln schenkte, stöhnte Reija erleichtert auf. Die kundigen Blicke der Heilerin wanderten über den harten Leib und den nassen Fleck zwischen den Beinen. »Das Aas wird dich umbringen«, fuhr sie die Frau an. »Du blutest. Du darfst hier nicht länger bleiben. Die Sonne hat gedreht und die Büsche werfen genügend Schatten.«

Die Frau schaute Reija entsetzt an. »Nein. Silberwind ist mein ganzes Leben nicht von meiner Seite gewichen.«

Die Alte kroch nahe an die Gebärende heran. Abelka kannte Reijas bohrende Blicke, die bis ins Innerste vordrangen und keinen Widerspruch zuließen, nur zu gut. »Dein Wolf ist tot. Er hat dich allein gelassen. Nur ich kann dir helfen. Und wenn du nicht tust, was ich dir sage, werde auch ich dich alleine lassen. Reija lässt sich nicht durch den Wald hetzen, um sich mit deiner Starrköpfigkeit zu plagen.« Schon zerrten ihre alten Hände am Reiseumhang. »Steh auf!«, befahl sie. »Hier drin stinkt es nach Tod. Der Tod hat bei einer Gebärenden nichts verloren.«

Die Elbin stieß ein verängstigtes Wimmern aus. Ein letztes Mal fuhr sie durch das Fell ihres Wolfes, bevor Abelka und Reija ihr helfend unter die Schultern griffen und sie aus dem Versteck hervorzerrten.

Besorgt beobachtete Abelka die untergehende Sonne. Kaum hatte der Feuerball die Ausläufer des Undúr-Gebirges berührt, verlor das goldene Abendlicht unaufhaltsam seine Farbe. Feldermäuse flatterten im Zickzack über ihre Köpfe hinweg, auf der Jagd nach Nachtfaltern. Zwischen den ersten Sternen ahnte man die junge Sichel des zunehmenden Mondes: Bald würde man nicht mehr die Hand vor Augen sehen. Derk vermisste sie sicher schon und suchte sie.

Reija hatte trotz der Gefahr, beobachtet zu werden, ein kleines Feuer entfacht. Sie hatte Göttin Dan gerufen und getrockneten Salbei verbrannt. Der reinigende Rauch verhinderte, dass böse Geister durch die Körperöffnungen fuhren. Sie fächelte der Gebärenden Luft zu und hielt sie dazu an, tief einzuatmen. Wenn neues Leben entsteht, lauern Dämonen der neuen Seele auf, die Göttin Dan dem Kind schenkt. Deshalb ist Dan sehr vorsichtig: Erst nach der rituellen Reinigung von Mutter und Kind am dritten Tag nach der Geburt gibt Dan ihren Segen. Dann nämlich ist der Tod leer ausgegangen und sind die Dämonen zornig wieder in die Unterwelt gefahren.

Doch bei der Elbin musste Göttin Dan schnell sein, wollte sie den Kampf gegen die Dämonen gewinnen. Bei jeder Wehe ergoss sich ein Schwall Blut zwischen ihre Beine. Im Schein des Feuers glänzte es schwarz.

Reija verfiel in einen monotonen Gesang, ihr Oberkörper wippte wie in Trance vor und zurück. Dan, hilf! Das Böse streckt schon gierig seine Hände aus. Göttin Dan, Beschützerin des Lebens, unsere Mutter, hilf!

Reija blieb nichts anderes übrig, als abzuwarten. Sie durfte die Wehen nicht schwächen. Wenn eine Gebärende hellrot blutete, musste das Kind so schnell wie möglich geboren werden. Reija hatte der Frau eine Salbe auf die Lippen geschmiert, die ein zermahlenes schwarzes Korn enthielt. Es wuchs an den Ähren des Weizens und war ein Geschenk Dans, das die Wehen stärkte.

Die Salbe zeigte Wirkung. Lange würde es hoffentlich nicht mehr dauern.

Abelka fütterte das Feuer mit allem, was sie im Dunkeln finden konnte. Sie sammelte trockenes Gras und schnitt verdorrte Zweige von den Büschen. Angespannt lauschte sie in die Dunkelheit und beobachtete die beiden Streuner. Ihre Augen leuchteten gespenstisch auf. Das Knurren war ganz nah, nur das Feuer und Abelkas energisches Auftreten zügelte ihre Blutgier.

Die Elbin stöhnte auf. Geduldig hatte sie sich bisher im Fluss der Schmerzen treiben lassen, auf der Seite liegend, den Kopf auf ihren Armen ruhend wie eine Schlafende. Doch in immer kürzeren Abständen krampfte sich ihr Leib zusammen. Gequält bäumte sie sich auf. Blut, so viel Blut! Wenn das Kind nicht bald käme, würde sie zu viel Kraft verlieren. Im schlimmsten Fall kam der Geburtsvorgang zum Stillstand. Dann wären Mutter und Kind verloren. Dann läge es allein in Dans Hand.

Reija wischte ihr den Schweiß von der Stirn. »Schick deine Kraft in den Bauch! Dein Kind will kommen«, hielt sie die Gebärende an.

Die Frau stieß einen markerschütternden Schrei aus.

Die beiden Streuner versteckten sich erschrocken in der Dunkelheit. Doch einen Lidschlag später leuchteten ihre Augen wieder auf. Der Geruch des Blutes machte sie scharf.

Brüllend rannte Abelka auf sie zu. Doch erst, als sie einen faustgroßen Stein nach ihnen warf und einer von ihnen am Kopf getroffen zusammenbrach, hielt der andere Streuner Abstand.

Die Frau kreischte. Ihre Not gellte über die Hügel. Unaufhörlich.

Reija packte ihre Handgelenke und hielt sie fest. »Hör auf zu schreien und schick deine Kraft in den Bauch, dein Kind kann sonst nicht geboren werden!«, fauchte sie.

»Ich will nicht mehr!«, heulte die Frau und versuchte sich aus Reijas Griff zu befreien.

Reija zwang die Frau, ihr ins Gesicht zu schauen und hielt ihre Handgelenke unerbittlich umklammert. Noch wenige Presswehen, und der Kopf wäre geboren. Doch die Stammmutter der größten Plage, die Han je zugelassen hatte, sträubte sich und schrie sich die Seele aus dem Leib. Oh, du hättest noch so viel Kraft! Göttin Dan würde in ihrer großen Gnade sogar einer bissigen Kreatur wie dir beistehen, selbst wenn die Wehen den letzten Tropfen Blut aus dir herausgepresst hätten. Doch du hast dich entschlossen zu sterben.

Wut, heißer als Feuer, loderte in Reijas Herz. Du Stammmutter der Ji’harbis! Schon immer hatte sie diese Kreaturen gehasst. Jetzt hatte sie sich dazu herabgelassen, einer von ihnen auf die Welt zu helfen, aber es wurde ihr nicht gedankt. Sie wurde beschimpft und angeknurrt.

»Du willst also sterben?«, schnaubte Reija. »Soll ich dir zeigen, wie sich das Sterben anfühlt?« Mit aller Kraft, die in ihren alten Händen war, drückte sie ihr Mund und Nase zu.

»Was machst du da?«, kreischte Abelka entsetzt und stürzte sich auf die Heilerin, deren unerbittlichen Griffe aus Eisen waren.

»Willst du wirklich sterben?«, ächzte Reija.

Die Wolfsaugen quollen aus ihren Höhlen. Verzweifelt versuchte die Frau, Reijas Hände wegzuziehen. Ihre Kiefer waren stark, Reija presste sie gewaltsam zu. Selbst als sich die spitzen Zähne in ihre Haut bohrten, ließ sie nicht locker. »Sieh, wie du kämpfen kannst! Sieh, wie du am Leben hängst! Warum kämpfst du dann nicht für dein Kind?«, schrie Reija.

Der Körper unter ihr wand sich.

»Ich will sehen, wie du kämpfst!« Endlich ließ Reija von ihr ab.

Die Frau schnappte wie eine Ertrinkende nach Luft, heulend verkrallte sie sich in Reijas Tunika. Ihre Nägel zerkratzten Stoff und Haut.

Doch Reija ließ es geschehen, saß nur da und wehrte sich nicht. Als sich wieder eine Wehe ankündigte, schlang Reija ihre Arme um sie und hielt sie fest.

Reija schloss erleichtert die Augen, der Weg für Göttin Dan war frei.

Die Frau lag gesäubert und in frische Tücher gehüllt auf einem Polster aus Gras. Reija hatte getrocknetes Moos in Tücher gewickelt und ihr zwischen die Beine gelegt. Doch der Blutfluss blieb unverändert stark. Schon nach kürzester Zeit war das Moos schwer und satt, und die Tücher mussten gewechselt werden.

Die Frau zerfiel zunehmend, dunkle Schatten hatten sich in ihr Gesicht gegraben. Fest hielt sie ihr schlafendes Mädchen in den Armen.

Abelka fröstelte. Die Beine eng an den Körper gezogen, kauerte sie neben der Sterbenden, deren Brustkorb sich kaum mehr hob und senkte. »Warum?«, klagte sie.

Reija legte eine Handvoll Zweige auf die Glut und verteilte sie mit einem Stock. Sofort leckten die Flammen danach. Unruhige Schatten tanzten in ihrem müden Gesicht.

»Das kann dir auch passieren. Das ist nun mal so.«

»Aber sie hat das Kind gesund geboren. Warum hört sie dann nicht auf zu bluten? Hat Göttin Dan nicht daran gedacht, den Frauen ein Kraut zu schenken, das ihre Lebenskraft zurückhält?«

»Götter sind vergesslich. Wenn sie es nicht wären, bräuchte man sie nicht«, erwiderte Reija knapp.

Abelka drückte ihre Stirn gegen die Knie. Sie war zu erschöpft, um zu weinen. Ihre Glieder schmerzten, und ein unangenehmes Ziehen im Unterleib erinnerte sie daran, dass sie an ihre Grenzen gekommen war.

Plötzlich spürte sie eine sanfte Berührung an ihrem Bein. Überrascht blickte sie auf die zitternde Hand der Elbin, die über ihren Knöchel fuhr.

Die Frau schaute sie an und öffnete ihre farblosen, rissigen Lippen. Ihr Atem rasselte leise. »Versprich mir …«, hauchte sie, »dass du mein Kind zum Volk der Nacht bringst. Es ist …« Keuchend brach sie ab.

Ergriffen nahm Abelka ihre kalte Hand und rieb sie. »Du musst dich nicht anstrengen. Deiner Tochter wird es bei mir gut gehen.«

»Sie darf nicht bei dir bleiben. Du musst sie … zurückbringen!« Ihr Brustkorb hob und senkte sich. »Der tote Schatten wird sonst … freikommen. Kriegsherr Xeres hat … in Thoran …« Mit aller Kraft wehrte sie sich gegen die drohende Ohnmacht. Nach Luft schnappend starrte sie in den Nachthimmel. Ihre Lippen bebten, doch ihr fehlte die Kraft zum Weitersprechen.

Reija rutschte besorgt vom Feuer weg. »Han, steh uns bei! Sie fantasiert!« Sie neigte sich über die Frau und legte ihr die Hand auf die Wange. »Du darfst nicht mit diesen Gedanken im Herzen von dieser Welt gehen, Wolfselbin. Der Kriegsherr ist tot! Es gibt keine toten Schatten mehr!« Hastig vollführte Reija das Schutzzeichen.

Schwer senkten sich die Lider über die eingefallenen Augen der Sterbenden. Ihre Arme wurden schlaff, das schlafende Baby drohte von ihrer Brust zu rutschen.

Abelka hielt es verzweifelt fest. »Sag mir wenigstens, wie du heißt, bevor du gehst!«

Die Gesichtszüge der Frau entspannten sich, ein letztes Mal öffnete sie ihre Augen. Mühsam bewegten sich ihre Lippen. »Ich bin Jerelin … bring mein Kind zurück …«

»Wo finde ich das Volk der Nacht?«, drang Abelka auf sie ein. »Wie soll ich dein Kind zurückbringen, wenn ich nicht weiß, wo dein Volk lebt?« Sie rüttelte Jerelin an der Schulter, doch der Kopf der Wolfselbin sackte leblos zur Seite.

»Lass sie los, Kind!« Reija drängte sie sanft von der Toten weg und legte Jerelins Arm wie ein schützendes Nest um das Baby herum, das von der Brust seiner Mutter heruntergerutscht war. »Lassen wir die Kleine noch so lange in den Armen ihrer Mutter, bis sie erkaltet ist.« Reija beugte sich über die Tote und drückte ihr die Lider zu.

Tränen rannen Abelka unaufhaltsam über die Wangen. Wie die meisten Menschen, die am Korothá lebten, weinte sie selten. Doch die Erschöpfung hatte sie zerbrechlich werden lassen wie ein Kind.

Die Nacht hielt sie auf den Hügeln gefangen. Eng kauerten sie sich um das Feuer. Reija hatte das Baby in ein Schaffell gewickelt und es in den Armen seiner Mutter belassen. So würde es ihre Haut riechen und schlafen.

Im Osten kündigte sich schon die Dämmerung an, doch es würde noch einige Zeit dauern, bis die Vögel sangen. Der Esel, den sie an der Zwergeiche festgebunden hatte, rief nach ihnen. Er war es nicht gewohnt, die Nacht im Freien zu verbringen.

Abelka war zu erschöpft, um zu ihm zu gehen, und ließ ihn schreien. »Sie hat uns nicht gesagt, wie ihre Tochter heißen soll«, sagte sie und starrte in die Glut.

Reija hatte sich wie eine Katze auf dem blanken Boden eingerollt. Missmutig öffnete sie ihre Augen. »Wieso sollte sie? Es geht uns nichts an. Wir sind schuld an ihrem Tod. Sie ist innerlich verblutet, weil sie bei dem Angriff wahrscheinlich gestürzt ist. Nenn das Mädchen nach ihrer Mutter, das ist am einfachsten.«

Abelka senkte den Kopf. »Das ist so entsetzlich!«

Mutter stieß ein raues Lachen aus und furchte die Stirn. »Han wollte, dass wir zufällig auf die Falschen stoßen und wir sie umbringen.«

»Du beleidigst Han!«, erschrak Abelka.

»Na und?«, fuhr Reija sie an und setzte sich auf. »Von mir aus soll er mich mit einem Blitz erschlagen.« Sie schaute anklagend in den Himmel. »Doch das wird Han nicht tun. Vielleicht steht ihm nicht der Sinn nach Strafe, weil er Schreckliches mit der Welt der Lebenden vorhat. Vielleicht hat er mir die Wolfselbin über den Weg geschickt, um Angst in mein altes Herz zu säen. Vielleicht will Han auch nur, dass wir die toten Schatten niemals vergessen, damit nie wieder ein Sterblicher es wagt, sich über ihn zu erheben.«

Abelka starrte ihre Mutter verstört an. »Du machst mir Angst! Was ist ein toter Schatten? Noch nie haben die Alten von ihnen erzählt.«

Reijas Blick verdüsterte sich. »Die meisten von denen, die Xeres’ Herrschaft erlebten, kannten die toten Schatten nicht. So konnten sie nicht von ihnen erzählen, und die Schatten gerieten in Vergessenheit. Meine Großmutter jedoch war Xeres’ Dämonen begegnet und erzählte meiner Mutter davon«, sprach sie leise. »Sie haben Menschengestalt, aber ihre Augen blicken leer und kalt wie der Tod, weil sie seelenlos sind. Gehen sie an dir vorbei, wirst du dich kaum an sie erinnern, denn du wirst glauben, es sei ein hoher Herr mit einem schwarzen Umhang gewesen. Wenn dich der Lufthauch eines toten Schattens streift, kannst du ihn nicht riechen. Er sieht aus wie ein Körper, ist aber weniger als Luft. Du kannst nicht mit ihm zusammenstoßen, wohl aber kann er dich festhalten und umarmen.«

Erschrocken legte Abelka eine Hand auf den Mund und starrte mit aufgerissenen Augen in die Glut.

»Kriegsherr Xeres hatte fünf von ihnen erschaffen«, sprach Reija weiter. »Die Schatten sind halb Körper, halb Geist, von keiner Mutter geboren. Sie sind nichts Richtiges, weder das eine, noch das andere. Da sie keine eigene Seele besitzen, fressen sie die der Lebenden. Xeres’ Helfer brachten viel Leid.« Reijas Augen glänzten unruhig im Schein des Feuers. Sie starrte ins Leere und schwieg einen Augenblick, ehe sie weitersprach. »Bogdan, der Bruder meines Großvaters, lebte im Königreich Goga. Du kennst es nicht, denn die Heere des Kriegsherrn haben es dem Erdboden gleich gemacht. Es war einst das südlichste Reich am Korothá. Bogdan kämpfte mit Inbrunst in der Armee von König Rogath, bis er eines Tages einen Mann im schwarzen Umhang entdeckte, dessen Haut so bleich war wie die eines Toten. Er ritt einen Tag vor der Schlacht gegen Xeres neben König Rogath wie einer seiner Berater und berührte ihn vertraulich an der Schulter. Nie wird man erfahren, was er dem König ins Ohr geflüstert hat. In der Nacht brach in den Zelten der Hauptleute Streit aus, und Rogath ließ drei seiner fähigsten Männer köpfen. Nie hat jemand den Grund dafür erfahren. Angeblich sind sie wie Tiere übereinander hergefallen. König Rogath betrank sich, obwohl er wusste, dass ihm im Morgengrauen der Feind gegenüberstehen würde. Bogdan bekam es mit der Angst zu tun und desertierte. Das Königreich Goga wurde von Xeres’ Horden ausgelöscht, noch ehe die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hatte.« Reija fuhr sich seufzend über das müde Gesicht. »Tja, so war das mit den toten Schatten.«

Abelka schaute Reija durchdringen an. »Was ist mit den Schatten nach Xeres’ Tod passiert?«

»Es gibt sie nicht mehr! Um sich selbst zu schützen, hat Xeres sie mit einem Fluch belegt, der sie an sein Leben bindet. Sie waren ihm verfallen und kannten keinen eigenen Willen. Zum Zeitpunkt seines Todes sind sie mit ihm vergangen.«

»Aber was hat uns Jerelin dann sagen wollen? Sie sprach von einem toten Schatten, der freikommen könnte, ich träume nicht! Was hat das Baby mit allem zu tun? Mutter, ich habe Angst!«

Reija schüttelte langsam den Kopf. »Jerelin lag im Sterben. Vielleicht hat sie fantasiert«, raunte sie. »Das hoffe ich zumindest.« Sie rückte nahe an Abelka heran, ihr magerer Körper fröstelte in der frühmorgentlichen Kälte. »Wir können nichts tun, Kind. Wir wissen nicht, wo das Volk der Nacht zu finden ist. Nehmen wir die kleine Jerelin einfach mit. Vielleicht überlebt sie.«

Schweigend starrten sie ins Feuer, froh um die Nähe der anderen.

Derk stellte den Korb in der Hütte ab und begann, die frisch geschlagenen Scheite neben dem offenen Herd zu stapeln. Seine Hände bewegten sich ohne Hast, mit einer steifen Lautlosigkeit, wie sie Abelka nicht kannte.

Obwohl der Abend noch nicht hereingebrochen war, war das Fenster bis auf einen winzigen Spalt zugeklappt. Zwar schützte das vor dem bevorstehenden Sommergewitter, dämpfte aber nicht im Geringsten Jerelins helles Schreien. Es war im ganzen Dorf zu hören und drang unter die Bettdecken. Es brachte das Geschwätz der Weiber zum Verstummen, denn so schrie keines ihrer Kinder: lang gezogen wie das Winseln eines verletzten Tieres, so hell und hoch wie die Schreie einer Katze. Die Greisen, die tagsüber im Schatten unter den Bäumen saßen, scheuchten ihre Enkel in die Hütten. Sie behaupteten, Jerelins Schreien locke die Ji’harbis an.

Jerelin hatte Hunger, Jerelin hatte Durst. Sie ballte ihre dicken Fäustchen und strampelte sich verzweifelt die Windel vom Leib. Ihr Körper färbte sich krebsrot bis in die spitzen Ohren. Ihre gelben Augen waren tränennass.

Den in Honig getränkten Stofflappen wollte sie nicht mehr, er machte nicht satt. Das Wasser, das Abelka ihr mühsam mit einem Löffel gab, spuckte sie empört aus. Es war nicht das, was sie wollte.

»Derk, sie wird sterben!«, schluchzte Abelka. Sie wiegte Jerelin in ihren Armen und versuchte, ihr den kleinen Finger in den Gaumen zu schieben, damit sie daran nuckelte.

Jerelin wollte den Finger nicht. Zornig biss sie mit ihren spitzen Zähnchen, die sie von Geburt an hatte, in den störenden Fremdkörper.

»Au!«

Derk zuckte mit den Schultern und legte mit einer lähmenden Langsamkeit die letzten Scheite auf den Stapel. »Wenn sie weder die Kuh- noch die Ziegenmilch will, muss die eben sterben. Du und Mutter haben alles versucht«, brummte er.

»Soll ich zusehen, wie sie sich zu Tode schreit?«, heulte Abelka.

»Noch ein oder zwei Tage, dann ist es vorbei.«

Fassungslos starrte Abelka ihren Mann an. »Wie kannst du so kalt sein?«

Jäh drehte sich Derk zu ihr um. Seine grauen Augen musterten sie kalt. »Du trägst mein Kind in dir. Du hast seit zwei Tagen nicht geschlafen und kaum etwas gegessen. Du setzt das Leben meines Kindes aufs Spiel, um das da zur Ruhe zu bringen. Ich hätte auf Fulko hören und dich vor allen Augen züchtigen sollen! Reija muss den Verstand verloren haben, als sie dir gefolgt ist.«

»Ihr habt sie umgebracht!«, schrie Abelka mit erstickter Stimme.

Jerelin roch verführerische Haut. Hoffnungsvoll drehte sie den Kopf und leckte mit ihrer kleinen Zunge an Abelkas Ausschnitt. Sie hörte zu schreien auf. Ihre Händchen bekamen eine Hautfalte zu fassen, griffen sie und kneteten sie. Suchend vergrub sich ihr Gesicht zwischen Abelkas Brüsten.

Mit zitternden Händen lockerte Abelka die Schlaufe ihres Gewandes und entblößte ihre Brust.

Derk wurde blass. »Wenn du das tust, kenne ich dich nicht mehr«, flüsterte er.

Jerelin folgte dem Duft der Haut. Ihre Zunge fuhr über die Unterlippe, sanft umschloss ihr Mund die Brustwarze. Ihr kleiner, verschwitzter Körper entspannte sich. Sie schaffte es, ein paar Schlucke zu saugen, mehr gaben Abelkas Brüste noch nicht her. Doch das hatte genügt, um Jerelins quälenden Durst zu stillen.

Derk wich angewidert zurück. »Du bist nicht mehr meine Frau!« Mit großen Schritten erreichte er die Tür und schlug sie hinter sich zu.

Jerelin zuckte erschrocken zusammen und nuckelte heftig an Abelkas Brust. Schon bald schlief sie friedlich ein.

Wie benommen starrte Abelka auf die Holzscheite, die Derk liegen gelassen hatte. Gleich würde er wiederkommen. Heute Nacht würde er sich zu ihr auf das Strohlager schleichen, seine Hand auf ihren kleinen, geschwollenen Bauch legen und sie fragen, wann er seinen Sohn, den er sich sehnlichst wünschte, spüren könne.

Heiße Tränen rannen Abelka über die Wangen und tropften Jerelin ins Auge. Knurrend zuckte sie mit der Wimper und ließ sich nicht weiter stören.

In der Ferne grollte der erste Donner, in der Hütte wurde es dunkel.

Abelka war, als müsste sie sterben.

Prolog

Das Mondlicht tastete sich durch die Decke der Höhle, sickerte die Felswände der Hohen Halle entlang, zögerlich, als fürchtete es die schrecklichen Worte, die das Schicksal eines Ungeborenen besiegelt hatten. Der Boden des von der Natur geschaffenen Thronsaals schimmerte im kalten Blau wie die Oberfläche eines Sees — ein uralter Zauber hielt den Himmel seit Jahrhunderten darin gefangen. Wolfselbenkönig Akan fragte sich, ob er noch würdig war, darüber zu wandeln. 

Die im leichten Luftzug tanzenden Schatten, die die Fackeln auf die Wandfresken warfen, verwandelten die Gesichter darauf in tobende Fratzen. Dem Wolfselb schien es, als schrien sie ihn an. Was hast du getan? Ihre Flüche zerrissen die nach feuchtem Stein riechende Luft.

Dennoch herrschte Stille. Als hätte die Nacht den Tag gefressen. Als stünden von nun an die Gestirne am Firmament still. 

König Akan seufzte und erhob sich von dem in den Stein gehauenen, mit Bärenfell ausgelegten Sitz. Er schritt über den blau schimmernden Boden, eine Strähne seines weißen Haars klebte auf der hohen Stirn und behinderte die Sicht, doch es störte ihn nicht. Er war ein Feuerball aus brennendem Kummer. 

Was hatte er Jerelin nur angetan, seiner eigenen Schwester? 

Aber das Orakel hatte es verlangt: Der Seelenfresser würde eines Tages frei kommen und wieder große Not über das ganze Land Hayathran bringen. Über Thoran, über Ithlan … der Gestank von Blut und Verderben würde wieder über die Ebenen wehen und auch die Heimat der Wolfselben nicht verschonen. 

Nur die verzauberte Seele von Jerelins Ungeborenem konnte den toten Schatten endgültig vernichten.

Akan legte den Kopf in den Nacken und starrte durch die Öffnung in der Höhlendecke. Die Sterne schimmerten wie Löcher durch ein sprödes Tuch, kalt, tot.

Er wusste: Er würde Jerelin niemals wiedersehen. 

Kapitel 1

Florins Beine baumelten im Nichts.

Er umarmte den Buchenast, der sich nahezu waagrecht von der Krone abzweigte und sich wie der Arm eines Riesen in den Himmel streckte, wie eine Geliebte. Genüsslich drückte er seine Wange gegen die Rinde. Der Wind spielte mit den Blättern, und die Abendsonne zauberte glutrote Flecken ins Geäst. Eigentlich wäre es Zeit, sich in Sicherheit zu bringen; im Dorf standen bestimmt schon die Wachen am Tor. Doch seit er gelernt hatte, auf Bäume – auf hohe Bäume – zu klettern, genoss er die Freiheit, sich so lange im Wald herumzutreiben, wie es ihm passte. Florin blinzelte, beobachtete das Farbspiel hinter einer kupferroten Locke, die ihm vor das rechte Auge gerutscht war, und lauschte dem Brausen um ihn herum, in dem das Gezeter eines Eichelhähers mitschwang.

Ein zufriedenes Lächeln lag auf seinem sommersprossigen Gesicht, und er wurde schläfrig. In den wenigen glücklichen Momenten wie diesem begann der Baum mit ihm zu sprechen. Die Luft knisterte förmlich von Geschichten, in denen er Frek, der arroganten Ratte, das Mädchen wegschnappte.

Hier, hoch oben bei den Vögeln in der warmen Sonne, war Fulkos Sohn so unbedeutend wie eine Ameise unter einer Schuhsohle. Florin formte mit Zeigefinger und Daumen einen Kreis und linste hindurch: Sähe er ihn jetzt irgendwo da unten, könnte er ihm zwischen den Nägeln den Kopf abreißen.

So klein bist du in meinem Herzen.

Freks Gesicht glich tatsächlich dem einer Ratte: schmale braune Augen und zu große Zähne für einen zu kleinen Kiefer. Und da Frek im Gegensatz zu Florin das halbe Dorf überragte, ahnte er nichts von seinen schiefen Nasenlöchern – die sah man nur, wenn man wie Florin zu ihm aufschauen musste. Wahrscheinlich hatte Fulko ihm im zarten Alter die Nase verdreht.

Eines Tages würde er Frek fragen, ob er sich vorstellen könne, was ein Mädchen beim Küssen eines Rattengesichts empfände.

Eines Tages würde er es platt schlagen. Vor den Augen aller, die immer um Frek herumstanden, um sich auf Florins Kosten zu amüsieren. Vor Fulkos Augen. Und vor Vater, der nie eingriff, wenn Florin von zweien gepackt wurde, damit ihn ein Dritter bequem verdreschte.

Dieser Tag war nicht mehr weit. Denn Florins Hände griffen sicher zu, seine Schultern wurden breiter. Das hatte er Jerelins Hartnäckigkeit zu verdanken, die ihn nur auf ihre nächtlichen Jagdzüge in den Wald mitnahm, wenn er sich schnell genug in Sicherheit bringen konnte.

Florin stieß einen grunzenden Laut aus. Oh ja, er erinnerte sich noch sehr gut daran, wie er an einem Seil gebaumelt und vor Atemnot Sternchen gesehen hatte, während die Wolfselbin wie ein Hund um den Stamm herum gesprungen war.

Mittlerweile war Florin so geschickt, dass er beim Klettern sogar seinen von Geburt an verwachsenen Fuß vergaß. Meistens jedenfalls – wenn Fulkos Worte eine Weile aufhörten zu schmerzen. Ich weiß, warum du ein Krüppel bist! Die Kreatur hat deine Mutter bis auf die Knochen ausgesaugt und dir das Blut abgeschnürt. Sei froh, dass es nur den Fuß und nicht deinen Kopf erwischt hat.

Logisch.

Florin stellte sich vor, was Fulko sagen würde, säße er in diesem Moment neben ihm auf dem Ast, hoch über dem Boden, und er grinste wie ein Kater.

Als das Rufen eines Käuzchens zu ihm heraufdrang, machte sein Herz einen Sprung; er setzte sich auf und spähte nach unten.

Endlich.

Jerelin winkte mit beiden Armen, die silberfarbenen Haare der Wolfselbin leuchteten in der Abendglut wie ein Vorhang aus Feuer. Von ihrem Gürtel baumelten drei tote Eichhörnchen. Florin seufzte erleichtert auf; die kleinen Körper würden die Wolfselbin für heute Nacht satt machen. Nicht immer bescherte ihr Gott Han so schnelles Jagdglück. Ohne den Wald würde Jerelin verhungern: Von Hirsebrei bekam sie Durchfall, von zu viel Brot fielen ihr die Haare aus, und das eingelegte Kraut, das sie Florins Mutter zuliebe hinuntergewürgt hatte, hatte sie unverdaut erbrochen. Die Wolfselbin brauchte Fleisch. Das Brot überließ sie liebend gerne den Menschen.

»Schläfst du schon wieder? Lass das Seil runter!« Sie vergewisserte sich knurrend, dass niemand sie beobachtete.

Florin zögerte, starrte auf die leuchtenden Augen tief unter ihm, zwei unruhige gelbe Punkte – genauso gut hätte ein Ji’harbi-Weib auf das Seil warten und ihm einen Besuch abstatten können. Furcht streifte ihn wie ein vorüberziehender Schatten, fast zu kurz, um wahrgenommen zu werden, und er verdrängte das dumpfe Gefühl hinter seiner Brust.

Er warf das aufgerollte Seil hinunter. »Vorsicht!«

Jerelin ließ das Ende ausschwingen, fing es und zog sich flink daran hoch.

»Du bist immer noch schneller als ich«, seufzte er.

Schnaufend umklammerte Jerelin den Ast und schwang ihre langen Beine darüber. Grinsend zeigte sie ihre spitzen Zähne. »Du bist zu faul. Das ist dein Problem.« Sie lehnte sich gegen den Stamm und ließ ihre Beine baumeln.

»Faul?« Zweifelnd blickte Florin nach unten.

»Doch, du bist faul!«, beharrte Jerelin. »Kaum bist du oben, willst du nicht mehr runter. Du schläfst und träumst. Das ist gefährlich.«

»Und wenn schon!«

Jerelin zog das Seil hoch, rollte es ein und klemmte es in eine Astgabel. Ihr Blick verfinsterte sich. »Du hast keine Flügel. Wenn du nicht endlich das Richtige tust, wirst du umkommen.«

»Hör auf!«, fuhr Florin sie an. Er ahnte, worauf sie anspielte. »Das ist allein mein Problem!«

»Ach ja?«

Jerelin beugte sich vor und berührte seine Wange – mittlerweile dürfte sie sich violett verfärbt haben. Es schmeckte wie bittere Galle, dass Jerelin ihn an Freks letzte Abreibung erinnerte.

»Was glaubst du, warum mein Gesicht nicht so aussieht wie deins?«, knurrte Jerelin.

Florin schlug ihre Hand weg. »Verschon mich!«

Sie fixierte ihn mit ihren Wolfsaugen. »Weil er Angst vor mir hat!«

Florin wich diesem Blick aus, den er wie nichts auf der Welt hasste. »Wen wundert’s? Wenn ich so ein Reißmaul wie du hätte, hätte Frek vor mir genauso Angst wie vor dir. Er weiß genau, dass du ihm die Ohren abbeißt, wenn er dich anrührt.«

»Er ist größer als ich. Er ist stärker als ich. Er ist Fulkos Sohn. Und wenn ich ihm die Ohren abbeiße, jagen sie mich aus dem Dorf.«

»Und? Warum kuscht er dann vor dir?«

»Er hat Angst vor mir, weil ich ihm zeige, dass ich ihn hasse! Du hingegen stehst vor ihm wie ein gutmütiger Ochse, der auf Schläge von seinem Herrn wartet. Wenn du dich nicht bald dagegen wehrst, wirst du für immer der hinkende Trottel bleiben.«

Florin spürte, wie ihm die Röte in die Wangen schoss. »Was hat dir die Laune verdorben, du Hündin?« Die Leichtigkeit von vorhin hatte sich wie eine Wolke im Wind aufgelöst. Er fragte sich, was er hoch oben auf einem unbequemen Ast zu suchen hatte. »Ich will nach Hause!«, schnaubte er. »Lass mich vorbei!« Er streckte sich nach dem Seil in der Astgabel.

Jerelin dachte nicht daran, ihm Platz zu machen und blieb mit verschränkten Armen gegen den Stamm gelehnt sitzen. »Du willst dich im Bett verkriechen, du Feigling.«

»Menschen sind nachts müde. Nachts. Das solltest du inzwischen bemerkt haben!« Er klemmte seine Beine fest um den Ast, neigte sich vor, bis er mit den Fingerspitzen den wulstigen Rand eines Astloches berührte. Doch die glatte Buchenrinde, an die er sich noch vor Kurzem angeschmiegt hatte, wurde ihm zum Verhängnis: Unaufhaltsam begannen seine Oberschenkel zu rutschen, egal, wie sehr er sich dagegen wehrte. Erschrocken stöhnte er auf, versuchte im letzten Moment das Astloch zu fassen und griff daneben. Jerelin packte ihn gerade noch rechtzeitig unter den Achseln, ehe er vor ihren Augen in die Tiefe gestürzt wäre.

Am ganzen Körper zitternd erlangte Florin sein Gleichgewicht wieder und klammerte sich an Jerelin fest. »Ich bin ein Idiot«, keuchte er.

Jerelin legte ihm eine Hand in den schweißnassen Nacken und zog seinen Kopf auf ihre Brust. Sie hielt ihn fest umarmt, bis sein Herz sich wieder beruhigt hatte.

»Hast du dir je überlegt«, flüsterte sie, »was aus uns wird, wenn Abelka tot ist?«

Florin löste sich aus ihrer Umarmung. »Was soll das? Mutter ist gesund. Warum redest du vom Tod?«

»Ich will das Dorf verlassen. Ich will leben!«

Er schaute sie mit offenem Mund an. »Aber … was redest du da?« Schweiß brach ihm aus, pulsierte in heißen Wellen, als hätte ihn ein plötzlicher Schmerz überwältigt. »Das Dorf ist dein Zuhause. Abgesehen von den Dummköpfen akzeptieren dich alle.«

Jerelin verzog verächtlich die Lippen. »Ja, solange ich keine Fragen stelle und ihre Lügen glaube.«

Er wandte den Blick ab und schluckte die Worte, die ihm auf der Zunge lagen, hinunter. Warum Streit anfangen, wenn er das Gleiche dachte wie sie?

»Warum redet Abelka nicht? Wegen mir hat dein Vater sie verlassen.« In Jerelins Augenwinkeln zuckte es. Ihre Stimme wurde leise. »Warum nur war sie bereit, so ein Leben zu führen?«

Florin zuckte mit den Schultern und senkte den Blick, als fürchtete er, seine Gedanken zu verraten. Bis vor Kurzem wäre Florin nicht auf die Idee gekommen, über seine Stellung im Dorf nachzudenken. Wozu? Seine Welt beschränkte sich auf die Hütte, in der er geboren worden war, und den Himmel über ihm. Doch seit er sich selbst bewiesen hatte, dass sein schlimmer Fuß ihn nicht daran hinderte, Grenzen zu überschreiten, fragte er sich, warum Frek, der Sohn des größten Idioten im Dorf, die Wolfselbin nie beim Namen rief und sie mit zischenden Lauten verjagte. Manchmal schien ihm, als läge in den Augen, die Jerelin jeden Tag begegneten, die Wut einer Sau, die wusste, dass es ihr an den Kragen geht. Dann waren Wut und Angst dasselbe?

Angst vor was?

»Jerelin …« Er blickte sie flehend an. »Du haust nicht ab, ohne mich mitzunehmen. Oder?«

Ihre Augen wurden groß. Licht verfing sich hinter den Pupillen, ein flüchtiges Leuchten huschte über sie.

»Oder? Sag doch was!«

Sie umarmte ihn schweigend und hielt ihn fest. Nach einer Weile stieß sie ein Geräusch aus, das wie ein raues Schnurren klang und von dem er sich immer fragte, ob auch ein Ji’harbi dazu in der Lage wäre.

Nein, sie würde ihn nicht verlassen. Das hatte sie nicht ernst gemeint.

Er würde es nicht zulassen. Ganz einfach.

Kapitel 2

Die Flecken des Mondes erinnerten an leere Augenhöhlen. In ein brennendes Rostrot getaucht stieg er langsam zu den Sternen auf, riesengroß und still. Das Glimmen unzähliger Glühwürmchen tanzte im Unterholz.

Unruhig rutschte Florin hin und her und versuchte, sein Gewicht zu verlagern. Von der Sitzerei schmerzte ihm allmählich das Gesäß.

Jerelins Zeit war gekommen; nachdem sie genüsslich die Eichhörnchen enthäutet und verspeist hatte, waren ihre Sinne hellwach. Tief sog sie die Luft ein und ließ sich vom Duft der Nacht verführen. Wenn der Mond nicht geschienen hätte, hätte Florin nicht die Hand vor Augen gesehen. Eine beklemmende Angst, die ihn immer überfiel, wenn er im Dunkeln im Freien war, griff nach ihm.

»Wie wär’s, wenn du mich jetzt nach Hause brächtest?«, fragte er zögernd. »Ich sag es nicht gern, aber ich muss mal.«

»Pinkel einfach runter.« Sie schien sich nicht sonderlich für seine Nöte zu interessieren.

»Sehr witzig, so einfach, wie du dir das vorstellst, ist das nicht.«

Jerelin antwortete nicht, ihre verschwommene Silhouette richtete sich auf und griff zur Astgabel. Das Seil sirrte nach unten und klatschte gegen den Stamm.

»Bleib oben, bis ich dich rufe!«, zischte sie eindringlich. »Wenn ich unten bin, zieh um Hans willen das Seil hoch!«

»Du wirst mich doch nicht allein hier oben …«

»Kein Wort mehr! Auf keinen Fall darfst du rufen!«, fuhr sie ihm dazwischen.

»Was?« Ungläubig sah er zu, wie ihre schattenhafte Gestalt vom Ast rutschte und verschwand. Nach kurzer Zeit hörte er einen dumpfen Aufprall und das Rascheln von Schritten auf dem Waldboden. Dann war es still, die Dunkelheit hatte Jerelin verschluckt.

Am liebsten hätte Florin laut geschrien. Vor Wut. Vor Angst. Vor Schmerz. Er biss die Zähne zusammen und robbte wie auf rohem Fleisch sitzend an den Stamm und zog eilig das Seil hoch. In solchen Momenten wurde ihm schmerzlich bewusst, dass es in Jerelin einen Teil gab, zu dem er niemals Zugang haben würde. Nicht zum ersten Mal hatte sie ihn im Dunkeln abgesetzt. Manchmal konnte er das, was für Jerelin interessant war, weder riechen noch hören. So sehr er sich auch anstrengte: Manchmal existierte es nicht. Wie Farben für einen Blinden. Wie ein Lied für einen Tauben. Er nahm es ihr übel, dass sie diese Welt nicht mit ihm teilte und ihm das Gefühl gab, ein lästiger Klotz am Bein zu sein. Wieder einmal.

Trotzig starrte er auf den Boden. Doch so sehr er es seinen jämmerlichen Tagaugen auch befahl: Er sah nichts außer einer lauernden Schwärze und den Schatten der Sträucher im fahlen Mondlicht.

Dann hörte er ein Knacken im Unterholz.

Jerelin? Er wagte nicht zu rufen.

Keuchen. Schritte.

Florin wusste, dass es keine Tiere waren. Zweige wurden heruntergedrückt und brachen. Im Mondlicht erkannte er zwei schlanke männliche Gestalten, die durch die Büsche schlichen. Erschreckend zielsicher. Hin und wieder leuchteten ihre mandelförmigen Augen auf.

Ji’harbis! Verdammte Schmutzhäute!

Han hilf!

Bei Einbruch der Dunkelheit erwachten sie. Manchmal streunten sie um das Dorf herum, auf der Suche nach etwas Brauchbarem. Lief man ihnen dabei über den Weg, steckte der Kopf am nächsten Morgen auf einem Pfahl. Im schlimmsten Fall. Hatte man Glück und kam mit dem Leben davon, verschleppten sie einen zu den Waldmenschen, die Sklavenhändlern nicht abgeneigt waren.

Wo steckte Jerelin? Sie hatte die beiden offensichtlich kommen hören und war verschwunden.

Die Schmutzhäute unterhielten sich in ihrer kratzigen Sprache, von der ein Mensch meistens nur zwei Wörter beherrschte: Hau ab. Einer der beiden lachte, was Florin nicht im Geringsten beruhigte.

Er hörte sie direkt unter sich atmen; wenn er gewollt hätte, hätte er ihnen auf den Kopf spucken können.

Mach, dass sie weitergehen! Er spähte mit weit aufgerissenen Augen auf die schemenhaften Schatten. Keuchend klammerte er sich an den Stamm, seine Nägel kratzten an der Rinde.

Viel zu laut.

Bitte!

Das Gespräch verstummte, erschrocken hielten die Kerle die Luft an.

Für einen Augenblick war Florin, als stände die Zeit still und erstarrte alles rings um ihn herum zu Stein.

Sie hatten es gehört. Die Söhne einer räudigen Hündin hatten das Kratzen tatsächlich gehört.

Die gelben Augenpaare schwärmten aus, lautlos. Es dauerte nur wenige Lidschläge, bis die stechenden Pupillen ihn ansahen.

Ein leises Knurren drang aus dem Dunkeln herauf.

»Sieh mal, ein Rotschopf. Ein ganz seltener Vogel.«

Der Akzent aus dem mit Raubtierzähnen bespickten Maul klang unüberhörbar aufgesetzt. Absicht. Ohne Zweifel würden sie ihn bestrafen: dafür, dass Florin ihre Sprache nicht beherrschte und Ji’harbis-Zungen zwang, wie Menschen-Zungen zu sprechen. Nichts ist Schmutzhäuten verhasster, als an ihre menschlichen Wurzeln erinnert zu werden.

»Bist du dort oben festgewachsen oder haben dich deine Lieben aufgeknöpft?« Schrilles Lachen.

Florin durchfuhr es heiß und kalt. Han sei Dank hatte er auf Jerelin gehört und das Seil hochgezogen. Ein Gefühl der Unwirklichkeit überfiel ihn, und ihm wurde bewusst, dass unter ihm der Abgrund lauerte. Links und rechts herrschte Leere. Der Stamm war glatt und viel zu dick, um sich wirklich festhalten zu können. In seinem Kopf rauschte heiße Luft. Er würde abstürzen, er war viel zu hoch.

Verzweifelt stöhnte er auf. Es passierte das, vor dem Jerelin ihn immer gewarnt hatte: Sein Körper versteifte sich.

»Och, unser Rotschopf fängt gleich an zu weinen. Will runter vom Baum.«

»He, spring! Wir fangen dich auf!«

»Aber nur, wenn du nicht geschissen hast. Ich finde, hier stinkt’s.«

»Jerelin!« Florins Schreien hallte durch die Baumkrone und übertönte ihr Lachen. »Wo bist du?«

Die beiden schlugen sich schreiend auf die Schenkel. Einer der beiden spreizte die Beine und umarmte einen unsichtbaren Stamm. »Jerelin, wo bist du?«

»Ist das dein Mädchen, Rotschopf?«

»Hat sie dich versetzt?«

»Ist ihr wohl zu unbequem bei dir da oben. Hat sich’s anders überlegt. Will lieber einen Liebsten mit Bett.« Sie grölten vor Vergnügen.

Als sie genug hatten, fingen sie an, ihn zu beschimpfen.

»Scheißer!«

»Du nachtblinder Rübenkopf!«

»Schlappschwanz!«

Ihr Lachen wurde zu einem gehässigen Zischen. Sie griffen voller Hass in den Waldboden und schleuderten ihm allen Dreck entgegen, den sie in ihre Pfoten bekamen.

Als ihn der erste Stein traf, jubelten sie begeistert auf.

Florin schrie aus vollem Hals und drückte schützend sein Gesicht gegen die Rinde. Ein Stock peitschte ihm auf den Rücken, bald brannte ein Schmerz an seiner Wade.

Er spürte seine Arme nicht mehr, er hatte nicht mehr das Gefühl, sich fest zu halten. Gleich würde er in die Tiefe stürzen. Leere Gleichgültigkeit ergriff ihn. Bald würde es vorbei sein. Er würde unten aufprallen und nicht mehr mitkriegen, wie sie ihm den Rest gaben.

»Du quiekst wie ein abgestochenes Schwein. Halt’ s Maul!«

Sie hörten auf, ihn mit Erde, Steinen und Stöcken zu bewerfen; sein Geschrei schien sie allmählich zu langweilen.

Florin sah im Mondlicht, wie sie mit ihren Zungen obszöne Zeichen machten. »Schöne Grüße an Jerelin!«, lachten sie schmierig, bevor sie im Unterholz verschwanden.

Wut stichelte ihn wie glühende Nadeln, sodass er nicht aufhören konnte zu schluchzen. Tränenüberströmt spuckte er hinter ihnen her.

Als ihm klar wurde, dass die Schmutzhäute ihn genauso gut mit ihren Pfeilen vom Baum hätten holen können, beruhigte er sich. Mit offenem Mund und nassem Gesicht starrte er über die mondbeschienenen Baumwipfel. Sein Herz pochte heftig gegen den Stamm.

»Ich lebe noch«, flüsterte er und das Gefühl, dass seine Arme nicht ihm gehörten, verschwand.

Allmählich kehrte der Schmerz zwischen seinen Beinen wieder. Er saß nackt auf einem blanken Schwert, das ihn langsam aufschlitzte, und konnte kaum mehr die Beine bewegen. Runter. Er musste runter, bevor ihn die nächsten Ji’harbis hier oben entdeckten. Noch einmal würde er nicht so glimpflich davonkommen.

Hastig ließ er das Seil nach unten fallen. Als er die Beine über den Ast schwang und nach dem Seil hangelte, schrie er vor Schmerz auf. Mit zusammengebissenen Zähnen seilte er sich ab. Unten angekommen erleichterte er sich an Ort und Stelle.

Mit einem Stoßgebet auf den Lippen humpelte er den Pfad entlang, der ins Dorf führte. Han meinte es gut, das Mondlicht war hell genug. Morgen würde er Jerelin die ohnehin schon spitzen Ohren lang ziehen.

Hakon, der heute Nacht am Tor Wache stand, schwenkte die Laterne vor Florins Gesicht hin und her. »Du läufst irgendwie so steif. Bist du gestolpert?«

Florin unterdrückte den Wunsch, seine Faust in das grinsende Maul zu rammen. Er schüttelte den Kopf, fluchte und verschmolz mit der Dunkelheit.

Als er glaubte, alles vergessen zu können, und die Hand nach der Hüttentür ausstreckte, löste sich eine Gestalt von der Wand und packte ihn am Oberarm.

»Sie hat dich wieder mitgenommen, und du hast auf sie gehört!« Er spürte den heißen Atem seiner Mutter auf der Wange. Ihre Nägel gruben sich empfindlich in sein Fleisch.

»Lass mich!« Er schüttelte sie ab und verschwand ins Innere der Hütte.

Kapitel 3

Florin schob das Brot beiseite, das er in die Milch brocken wollte. Der Appetit war ihm heute Morgen vergangen. Anstatt aufzustehen und das Richtige zu tun, starrte er auf die Tischplatte, feige wie er war. Eine schwarze Ameise mit großem Kopf plagte sich mit einem Brotkrümel ab und krabbelte zielstrebig auf die Kante zu. Florin schob die Hände vor und kesselte sie ein. Die Ameise zögerte kurz, schwenkte ihren riesigen Kopf ein paar Mal hin und her, dann setzte sie ihren Weg entlang der Mauer, die sich plötzlich vor ihr aufgetan hatte, unbeirrt fort. Das Problem war gelöst.

Wie Florin dieses kleine Wesen beneidete.

Abelkas Spindel kreiselte und tanzte, als wäre nichts gewesen. Ihre Finger zwirbelten wie eine Spinne den Flachs zu einem gleichmäßig festen Faden.

Die Frau auf dem Hocker war nicht mehr seine Mutter. Sie war steifer Hass, der eine Spindel zwischen den Beinen spielen ließ.

Florin war gerade dabei gewesen, die alte Babe Reija nach dem Frühstück an die Ofenbank zu führen, als Abelka mit einem maskenhaften Gesicht, dessen Anblick Florin nie vergessen würde, aus der Hütte rannte. Wenig später erscholl Jerelins Jaulen über den Dorfplatz.

Es war das erste Mal, dass Mutter Jerelin aus ihrem Versteck unter dem Scheunendach gescheucht hatte. Sie hatte sie geschlagen und an den Haaren in die Hütte gezerrt.

Florin konnte es immer noch nicht glauben.

Jerelin schwankte leicht, ihre Lippen zitterten. Auf ihrer Haut, die im Tageslicht fast weiß erschien, richteten sich die Härchen auf. Die Nähte ihres dünnen Leinenhemdes waren am Ärmel zerrissen. Ein Haarbüschel löste sich und schwebte auf ihre Füße. Ihre Augen zuckten hin und her und tränten wegen des ungewohnten Tageslichts, die Pupillen hatten sich zu winzigen Punkten zusammengezogen. Ihr Gesicht lag unter einem Hauch Wahnsinn. Das machte ihm Angst.

»Kind, komm, setz dich zu der alten Reija.« Babes zahnloser Mund klaffte auf und schloss sich wieder, ihre Stimme war trocken und welk wie Laub. Sie klopfte mit der flachen Hand auf die Holzbank neben dem Ofen, die Vater eigens für sie gezimmert hatte. Babe Reija aß kaum mehr etwas, und wenn Abelka sie nicht zwänge zu trinken, würde sich die Haut wie Leder über ihre Knochen spannen, doch ihr Geist verfolgte wachsam, was um sie herum geschah. Reija breitete die Arme aus und richtete ihren milchigen Blick ins Leere.

Dankbar floh Jerelin an ihre Brust.

Behutsam strich Reija Jerelin das zerzauste Haar von der schweißnassen Stirn. »Du bist ein gutes Kind.«

»Warum hilfst du ihr?«, zischte Abelka. »Florin hätte tot sein können!«

»Weil ihr außer mir sonst keiner hilft!« Babe hob den Kopf, ihre blinden Augen schienen auf Abelka gerichtet zu sein. »Davon abgesehen weiß Florin, was er tut.«

»Fulko soll diese Rumtreiberin einsperren, damit das aufhört!«

Florin umklammerte die Tischkante und presste die Nägel in das Holz. Der Gedanke, dass Fulko Jerelin jemals berührte, zog Florin den Magen zusammen.

»Überlege, was du sagst!«, mahnte Babe.

Abelka sprang auf, der Rocken fiel ihr vom Schoß, die Spindel rollte unter die Ofenbank. Mit vor Wut weißen Lippen fixierte sie Jerelin, die sich wimmernd an Babe drückte. »Ich habe nicht dieses Leben geführt, damit ich dich an den Abschaum im Wald verliere. Sieh dir ihre Körper an, sieh dir deinen an! Bist du blind?«, schrie sie. »Wenn deine Mutter gewusst hätte, zu was du dich herablassen würdest, hätte sie sich gewünscht, dich mit in den Tod genommen zu haben.«

Jerelin zuckte zusammen, als würden die Worte wie Dämonen in sie fahren.

»Pfui! Aus deinem Mund stinkt es wie in einer Jauchegrube.« Reija spuckte Abelka vor die Füße und legte ihre Hände auf Jerelins Augen, um sie vor den hasserfüllten Blicken zu schützen.

Florin knirschte mit den Zähnen, wütend über seine Feigheit, die ihn an den Tisch fesselte und nicht zuließ, dem Ganzen ein Ende zu setzen. Babe, der Gott Han eines Tages mit einem einzigen Knacken die Wirbel gebrochen hatte, zeigte mehr Rückgrad als er. Hinter seinem Brustbein platzte etwas, und er donnerte seine Fäuste auf die Tischplatte, dass die Milch über die Schale schwappte. »Wenn Fulko ihr was antut, bring ich ihn um!«

Abelka zuckte zusammen. Die Angst in ihren braunen Augen erschreckte ihn, fast hätte er die Hand auf den Mund gelegt. Er schaffte es gerade noch, so zu tun, als wischte er sich den Speichel von den Mundwinkeln. Wie seine Finger zitterten.

Stille breitete sich aus, wollte ihn in ihr watteweiches Bett ziehen. Er sprang auf, ließ noch einmal beide Fäuste auf den Tisch sausen, wie um zu verhindern, dass die Zeit ihn in diesem schrecklichen Moment gefangen hielt, und drängte sich an Abelka vorbei.

Babe löste ihre Umarmung und schob ihm Jerelin zu. Mit einer flüchtigen Bewegung, die nur für ihn bestimmt war, streifte sie ihm über den Oberarm.

»Komm, ich bringe dich zurück. Du musst schlafen«, flüsterte er Jerelin zu.

Seine Arme wurden zu einem stählernen Ring, der sich nicht lockern würde, bis er Jerelin sicher durch das schmerzende Sonnenlicht in die Scheune geführt hätte.

Durch eine Ritze im Dachfirst fiel ein Sonnenstrahl, ein kleiner Stern. Die staubige Luft kitzelte in seiner Nase. Im Winter lagerte das Heu fast bis oben hin, jetzt war der Boden unter dem Dach so gut wie leer gefegt. Jerelin hatte sich in der dunkelsten Ecke auf ihrem Fell zusammengerollt. Er hielt ihre Hand, bis die Bewegungen unter ihren Lidern nachgelassen und sich die Muskeln unter der Haut entspannt hatten. Endlich beruhigte auch er sich, und er lauschte ihren tiefen, gleichmäßigen Atemzügen. Alles würde beim Alten bleiben, redete er sich ein. Jerelin würde mit den Fledermäusen, die dicht gedrängt über ihrem Kopf schliefen, aufwachen und zu ihnen in die Hütte kommen. Was anderes wagte er nicht zu denken.

Es kostete Florin eine ernorme Überwindung, ihre Hand aus seiner zu lösen und die Leiter hinunterzuklettern. Als er das Scheunentor hinter sich zuzog, schnürte es ihm die Kehle zu. Er verspürte nicht die geringste Lust, zur Hütte zurückzukehren. Aber Babe Reija musste versorgt werden, und auf dem Tisch wurde die Milch sauer.

Wenn Fulko ihr was antut, bringe ich ihn um.

Würde er wirklich? Freks Vater umbringen? Warum nicht gleich beide?

Er versuchte zu grinsen, doch es gelang ihm nicht.

Die Hüttentür stand einen Spalt weit offen. Abelka hatte sich nicht die Mühe gemacht, sie zuzuziehen und den Riegel vorzuschieben. Wie einfach es gewesen wäre, dagegenzuhämmern und die Rolle des wütenden Stieres weiterzuspielen.

Als er Abelkas Weinen hörte, blieb er an der Schwelle stehen. Ein unterdrücktes Schluchzen, das ihn zu einem kleinen Jungen werden ließ. Mutter weinte nie. Ihr Haar ergraute frühzeitig, als Derk die Schande, über die nie gesprochen wurde, nicht mehr ausgehalten und sie sitzen gelassen hatte, ihr Gesicht wurde kantig und hart, doch geweint hatte sie nie.

Florin hob die Hand, um die Tür aufzustoßen … und ließ sie wieder sinken. Sein Körper schwankte leicht.

»Wie oft soll ich dir das noch sagen, Kind? Denk nicht einmal daran!«, mischte sich Babes Greisenstimme unter das Schluchzen. Er hörte, wie sie mit ihrem Stock über den festgetretenen Lehmboden schabte. Es mutete ihn jedes Mal seltsam an, wenn Babe ihre Tochter Kind nannte. Wenn Mutter das Kind war, was war dann er?

»Jerelin weiß nicht einmal, dass ich sie nach ihrer Mutter genannt habe!«, schluchzte Abelka.

»Du kannst ihr nicht die Wahrheit sagen! Dazu ist es zu spät. Das würde Jerelin nicht verkraften.« Babes Stock pochte auf den Boden. »Ein für allemal: Fulko und Derk haben im Wald ihre sterbende Mutter gefunden. Ji’harbis haben sie überfallen und abgestochen. Hüte dich, was anderes zu erzählen! Damit muss Jerelin sich zufrieden geben.«

»Sie glaubt die Geschichte nicht mehr. Deshalb fängt sie an, mich zu hassen. Dich nennt sie Babe, mich nicht mal mehr Mutter.«

Babe stieß mit einem pfeifenden Laut die Luft aus. »Glaubst du, sie würde dich mehr lieben, wenn du ihr erzählst, dass wir ihre Angehörigen umgebracht haben?«

Träumte er? Lag er etwa noch neben Jerelin und schlief? Seine Wangen brannten, als hätte man ihm soeben eine Backpfeife verpasst.

»Es war ein Unfall! Und allein Fulkos Schuld.«

»Ja, Wolfselben …« Der rasselnde, quälende Laut aus Babes Kehle erschreckte Florin. »Wolfselben tun gut daran, die Menschen zu meiden.«

Florin wurde schwindlig und er stützte sich an der Hüttenwand ab.     

»Sie hätten uns nichts getan!«, drang Abelkas verweinte Stimme wie durch Nebel.

»Mag sein. Aber wären es Ji’harbis gewesen, hätten sie uns umgebracht. Verstehst du nicht, was Angst ist? Das kannst du Fulko nicht vorwerfen.«

»Wenn Derk als Erster auf die Elben losgegangen wäre, würdest du anders reden! Warum verteidigst du Fulko?«

»Dein Derk ist ein Feigling, der ihm nicht widersprochen hat!«, brauste Babe auf. »Er hat Florin im Stich gelassen und zugesehen, wie du dein Leben zerstörst. Das hätte Fulko niemals zugelassen!«

Florin hielt den Atem an und starrte auf den Türspalt. Er glaubte einen abstoßenden Geruch wahrzunehmen. Tief hinter seiner Stirn. So roch Angst, so roch Verrat. So roch sein schales Leben. Er wartete darauf, dass Mutter ihn erlöste. Sie musste sich wehren, was sagen, mit dem er leben konnte. Doch er hörte nur, wie sie den Rotz hochzog.

»Es ist, wie es ist!« Reijas Stimme wurde zu einem welken Knistern. »Du hättest Jerelin neben ihrer Mutter liegen lassen sollen. Das hätte nicht nur ihr viel Leid erspart.«

»Wie hätten wir sie liegen lassen können? Wie?«, würgte Mutter hervor.

Im Inneren der Hütte wurde es still. Abelka hörte auf zu weinen. Als säße Florin immer noch am Tisch, sah er ihre Gesichter vor sich: die schuldbewusst verzogenen Münder, die Hände im Schoß, Mutters zerfurchte Stirn.

Er zuckte von der Wand zurück, als hätte er sich an der rissigen Holzwand die Handfläche verätzt. Ein Gefühl des Loslassens überwältigte ihn, er trieb auf einem Meer ohne Horizont, dennoch blieb er stehen und hörte weiter zu.

»Was, wenn Jerelins Mutter die Wahrheit gesprochen hat?« Wieder Abelkas näselnde Stimme. Unwirklich.

Er war unter Fremden aufgewachsen.

»Sie hatte zu viel Blut verloren und fantasiert. Seit über sechzehn Jahren ist nichts geschehen!«

Abelka verschluckte ein Lachen. »Für einen Dämon sind sechzehn Jahre bedeutungslos. Er kann warten.«

»Sie hat fantasiert. Bei Gott Han! Es gibt die toten Schatten nicht mehr!«

»Thoran liegt nur einen Tagesmarsch von uns entfernt. Du bist alt, dir kann alles egal sein«, schwoll Abelkas Stimme an.

Babes Stock hackte auf den Boden ein. Zweimal. Dreimal. »Ich wünschte, Vater hätte dich damals Fulko zur Frau gegeben und nicht diesem wortkargen Hund, der nicht für Ordnung sorgen kann.«

»Die Wolfselbin war auf dem Weg nach Thoran, um dort Jerelin auf die Welt zu bringen. Das muss doch einen Grund gehabt haben!«

»Das geht uns nichts an.«

»Wir hätten Jerelins Volk suchen und sie zurückgeben müssen!«

»Damit sie herausbekommen, was geschehen ist, und uns abschlachten? In deinem Kopf sitzt ein Wurm!«

»Was, wenn wirklich ein Dämon im Fundament von Thoran steckt?«

»Gott Han soll dir den Mund zuwachsen lassen! Es gibt die toten Schatten nicht mehr! Schon gar nicht in Thoran.« Babe seufzte schwer. »Ach, was für ein friedliches Leben ich unter Fulkos Dach gehabt hätte. Florin wäre sein Sohn geworden …«

»… ohne bösen Fuß, weil Jerelin ihm nicht die Milch weggetrunken hätte, nicht wahr?«, schnitt Abelka Babe das Wort ab.

Ein Poltern drang bis unter Florins Fußsohlen. Der Hocker, fuhr es ihm durch den Kopf. Noch ehe er begriff, dass es zu spät war, hinter der Hütte zu verschwinden, stürzte Mutter durch die Tür. Sie zuckte bei seinem Anblick zusammen, als hätte er sie mit einem Pfeil durchbohrt. Er hatte das Gefühl, als reichten seine Arme bis zum Boden. Sein Mund klappte ohne sein Zutun auf, in seinem Kopf schwirrten Fliegen.

»Ich …« Mehr brachte er nicht zustande, gebannt von dem leichenblassen Gesicht.

In den geröteten Augen glänzte Angst, als hätte er die Macht, Abelka mit einem Zungenschlag zu vernichten. Oder zu erlösen?

Sie schüttelte den Kopf und ließ ihn stehen.

Er schob die Tür auf, so leise, dass man das kaum wahrnehmbare Knarren der Scharniere hören konnte.

Babe hielt ihren Stock mit beiden Händen umklammert und stützte ihr Kinn auf. Die milchigtrüben Augen wanderten in seine Richtung. »Ich friere, Junge«, kratzte ihre Stimme.

Mit langsamen Bewegungen öffnete er die Ofentür, verteilte die Glut und legte einen Holzscheit nach. Seine Mundwinkel fingen an zu zucken, Tränen perlten über seine Wangen, umso mehr, je länger er den Atem anhielt. Er fing sie mit der Zunge ab.

Babes Hand wanderte über seine Schulter. Sie zog ihn in ihre Arme. »Du hast alles gehört? Gott Han wird schon wissen, warum.« Babe klopfte ihm auf den Rücken, als hätte sie Angst, er könnte sich an seinen Tränen verschlucken.

Im Wasser spiegelte sich der Himmel. Mit beiden Händen umklammerte er den Rand der Viehtränke, er schüttelte die Locken aus der Stirn und spuckte ins Wasser.

»Jerelin, weißt du, warum Derk unser Dach nicht repariert? Weil Fulko damals Angst vorm Dunkeln gehabt hat«, sprach er zu seinem Spiegelbild. Er beobachtete die Bläschen auf der Spucke, die in kleine Inseln zerfiel.

Was hat er im Dunkeln gesehen?

Deine Mutter.

Er warf den Kopf nach hinten und starrte in das gleißende Blau über ihm. Deine Mutter. Er konnte es Jerelin nicht sagen, nicht jetzt. Erst wenn es ihn selbst nicht mehr verletzte. Er liebte Jerelin, doch das würde sie nicht davon abhalten, ihn zu verlassen. So würde es sein.

Kapitel 4

»Was? Ich soll mit nach Thoran?« Unsicher schaute Florin in das wettergegerbte Gesicht seines Vaters. Es war aus Holz geschnitzt und mit Leder überzogen, und eine Antwort darauf, warum Derk ihn beiseite genommen und ihm befohlen hatte, ihn morgen in die Wasserfallstadt zu begleiten, war nicht daraus zu lesen. Deshalb wusste er nicht, was Derk von ihm erwartete.

Normalerweise waren alle, die mit nach Thoran durften, daran zu erkennen, dass sie plötzlich einen Kopf größer wurden und nicht mehr mit jedem sprachen. Das hatte eine ungeheuere Wirkung auf die Mädchen. Allein wenn man den Namen der Wasserfallstadt in den Mund nahm, standen sie plötzlich da und beknieten einen, ihnen doch etwas mitzubringen. Ein Haarband vielleicht, wie es die Thoranerinnen trugen, einen Kamm, eine Kette.

Florin war noch nie in seinem Leben in Thoran gewesen. Es scherte ihn nicht.

Er räusperte sich und begegnete dem prüfenden Blick der grauen Augen so freundlich wie möglich. Vater wartete auf eine Antwort.

»Also … das war schon immer mein Traum gewesen«, log Florin und er spürte, dass seine Sommersprossenhaut rot anlief.

Derk nickte.

Erleichtert atmete Florin aus: So wie es aussah, hatte er das Spiel begriffen und genau das Richtige gesagt.

Immer noch hielt Derks Blick Florin gefangen. »Es wird Zeit, dich in das Geschäft einzuführen.«

Das klang in Florins Ohren wie eine Drohung, und sein Verdacht erhärtete sich: Abelka war bei ihm gewesen und hatte Vater dazu gebracht, ihr zuzuhören. Babe hatte Unrecht, wenn sie behauptete, er wäre Vater egal. Immerhin teilten sie seit Neustem ein Geheimnis. Ob das jedoch der Grund der anstehenden Tortour war, würde er wohl nie erfahren. Oh ja, eine Tortour würde es wahrhaftig sein: Wenn der Dorfkrüppel mit nach Thoran darf, dann Frek mit seinen Dummköpfen erst recht. Das war so sicher, wie Vögel Eier legten und Katzen Junge warfen. Nie würde es andersherum sein.

»Das … ist eine gute Idee … wirklich«, druckste er herum.

»Du machst ab jetzt, was ich dir sage. Das tut dir gut.«

»Ah … ja«, war alles, was Florin herausbrachte.

Endlich ließen Derks Augen von ihm ab. Ohne ein weiteres Wort an Florin zu verlieren, stapfte er davon.

Der Morgen war kühl, in der Nacht hatte es geregnet. Hin und wieder riss das Morgenlicht eine Lücke in die dunklen Schwaden. Wenn sie Glück hatten, kämpfte sich heute die Sonne durch und es blieb trocken. Die Luft roch satt nach Erde, dem Dung aus dem Schweinestall und nach frischem Gras.

Florin zog leise die Hüttentür hinter sich zu. Er zerrte sich die Kapuze über den Kopf und hängte sich seinen Lederbeutel mit dem Proviant über die Schultern. Es ärgerte ihn, dass ihm ausgerechnet jetzt Freks Nasenlöcher einfielen, kaum dass er die Tür hinter sich zugezogen hatte. Er zögerte und holte tief Luft, bevor er sich in Richtung der Stallungen aufmachte.

Florin hörte die Dummköpfe schon von Weitem lachen, wahrscheinlich sahen sie ihn kommen. Düster hielt er den Blick gesenkt.

Vor den Stallungen stand ein Einspänner. Eine Plane schützte die wertvollen Felle vor Regen und allzu neugierigen Blicken. Das Pony ließ sich nicht von ihm stören und fraß die Kräuter am Wegesrand.

»Guten Morgen, Florin.«

Überrascht hob er den Blick.

Elfrun kam mit wippenden Schritten aus dem Stall getanzt. »Schön, dass du mit darfst.« Elfrun strahlte über das ganze Gesicht.

»Ja … schön … wirklich.« Florin bemühte sich um ein freundliches Gesicht, was ihm bei Elfrun nicht sonderlich schwer fiel. »Na ja, es wird schon nicht so schlimm werden.«

Obwohl Elfrun das Pech hatte, Freks Schwester zu sein, zog sie Florin an wie Blumen die Bienen. Im Gegensatz zu Frek war sie hell wie die Sonne, klein und quirlig. Florin würde sie nicht als Schönheit bezeichnen, aber ihre braunen Augen, die so gar nicht zu den hellen Stirnfransen passten, verursachten ihm jedes Mal ein Kribbeln im Bauchnabel.

Sie hatte etwas für ihn übrig, den humpelnden Dorftrottel, weshalb Frek von ihr behauptete, sie sei nicht ganz richtig im Kopf.

Derk kam durch die Stalltür und führte Elfruns braun-weiß geschecktes Pony Skilla am Halfter. Als er Florin entdeckte, nickte er ihm zu.

Florin grüßte ihn schüchtern.

Derk überreichte Florin zu seiner Überraschung die Zügel. »Du reitest!«

Überrascht schaute Florin Elfrun an. »Was? Ich dachte, ich darf zu dir auf den Einspänner.« Er konnte in etwa so gut reiten wie ein besoffener Soldat. Thoran lag ungefähr vier Reitstunden entfernt, so lange hielt er das Balancieren auf einem Pferderücken nicht aus.

»Sitz auf!«, befahl Derk.

Florin gehorchte.

Zufrieden ging Derk in den Stall zurück.

Skilla blähte die Nüstern und stieß ein leises Schnauben aus.

»Sie lacht dich aus, weil du Angst vor ihr hast«, grinste Elfrun und kletterte auf den Einspänner.

Florin klopfte dem Pony auf den Hals. »Solange du mich nicht abwirfst, kannst du über mich lachen, so viel du willst«, seufzte er.

Aus dem Stall drang ein Wiehern, Hufen schlugen hart auf den Boden. Fulko und Frek preschten auf ihren temperamentvollen Braunen durch das Stalltor. Pereg und Orwin, die beiden Zwillingssöhne des Hufschmieds und Freks hörige Dummköpfe, folgten ihnen auf hohen, schlanken Pferden. Florins Lippen wurden schmal. Noch vor zwei Tagen hätte er sich keine Gedanken über die Pferde gemacht, die kaum für die Arbeit auf dem Feld taugten und sich schnell die Beine brachen. Fulko züchtete sie und verkaufte hin und wieder ein Fohlen in Thoran.

Derk wollte nie eines der Pferde haben. Nicht einmal, als Fulko ihm eines schenken wollte. Der Schmied hingegen hatte das Geschenk angenommen. Seitdem nahm Fulko dessen Söhne mit nach Thoran, während er Derk behandelte wie einen … Verräter? Seit zwei Tagen versuchte Florin sich vorzustellen, wie wohl Jerelins Mutter auf einem dieser Pferde ausgesehen hätte. Mit einem goldenen Reif im Haar, mit einem Reiseumhang um den Schultern. Wie sie von dem hohen Pferderücken auf Fulko hinabschauen würde. Ihre Augen würden in der Dämmerung das schwache Licht einfangen und je nachdem, aus welchem Blickwinkel sie ihn anblickte, würde es Fulko die Haut zusammenziehen. Am besten, Florin verdrängte den Gedanken in die dunkelste Stelle seiner Seele.

Freks Pferd tänzelte und bäumte sich auf. Johlend gab Frek ihm die Sporen, jagte auf Florin zu und riss ihm im Vorbeireiten die Kapuze vom Kopf. »Lass das Ding unten! Zwerge nehmen wir nicht mit!«

Freks Art zu lachen ähnelte dem heiseren Krähen eines Kampfgockels, der ihm mit seinen Spornen die Augen aushacken wollte. Von seinem Erfolg angestachelt, ritt er noch einmal um Florin herum, ehe er sich zu seinen Dummköpfen gesellte.

Derk kam auf seinem struppigen Pony aus dem Stall geritten. Seine Beine hingen lang vom stämmigen Leib des Ponys herab, auf dem er ohne Sattel saß. »Lasst das!«, pfiff er sie zurück.

Die Dummköpfe verstummten.

Fulko hatte für Florin nur ein Nasenrümpfen übrig. Über seinen Kopf hinweg befahl er seiner Tochter loszufahren und reihte sich neben Derk ein.

Florin ballte die Hände und starrte auf das Weiße seiner Knöchel.

Elfrun setzte den Wagen in Bewegung. »Auf geht’s!«

Skilla trottete los, ohne Florins Zeichen abzuwarten, und folgte brav dem Wagen.

Ihn fror empfindlich an den Ohren. Missmutig zog er sich die Kapuze wieder über. Die Dummköpfe hatten, Han sei Dank, das Interesse an ihm verloren. Florin war Luft. Luft, die wie ein stinkender Darmwind hinter ihnen herzog.

Auf seinem Braunen saß Fulko wesentlich höher als Derk. Gestikulierend schaute er auf ihn herab, als wäre er nur sein Diener in verschlissenen Kleidern. Er saß wie ein König in seinem schwarzen Sattel, von dem niemand im Dorf zu sagen wusste, was für eine Schrift das war, die eine Meisterhand mit unendlicher Geduld in das Leder gearbeitet haben musste.

Am besten, Florin fing gar nicht erst an darüber nachzudenken, wie groß Fulkos Angst in jener Nacht vor sechzehn Jahren wirklich gewesen war. Zumindest war er für die erlittenen Qualen reichlich entschädigt worden.

Sie hatten den Wald mit dem breiten, gemächlich dahinfließenden Korothá verlassen. Aufkommender Wind hatte die dunklen Wolken nach Westen gedrängt, wo sie die hohen Gipfel des Undúr-Gebirges verdeckten. Letzte Wolkenfetzen lösten sich in der Sonne auf. Die Luft flirrte über dem Schotterweg, der sich in steilen Kurven über die Kalkberge wand. Disteln setzten violette Farbtupfer und Gras wuchs aus Ritzen, in denen sich ein paar Krumen Erde gesammelt hatten.

Skilla gab sich mächtig Mühe, auf dem steinigen Weg voranzukommen. Doch manchmal rutschten ihre Hufen ab, was Florin den Schweiß auf die Stirn trieb. Dem Pony schien es nichts auszumachen, dass rechter Hand die Felswand steil abfiel. Ruhig setzte es einen Schritt vor den anderen. Dornige Büsche verdeckten gnädig den Blick auf die Abbruchkante der Schlucht, die der Korothá in unendlichen Zeiten durch den Berg gefressen hatte. Sein Rauschen war beständig zu hören.

Erst als sie ein Plateau erreicht hatten, auf dem die Hufen der Pferde sicheren Halt fanden, atmete er durch. Tief unter ihm erstreckte sich dichter Buchenwald, Bussarde zogen ihre Kreise im warmen Aufwind.

Er schaute gen Westen, wo sich der Strom im Dunst verlor. Irgendwo da hinten lag die freie Stadt Thoran. Lag sie wirklich auf einem Felsmassiv, das von zwei reißenden Flussarmen umspült wurde? Es hieß, das Fundament der Stadt sei durchzogen von Höhlen und Wasseradern.

Toter Schatten, ja, so hatte Babe ihn genannt.

Ein Gefühl der Verlorenheit überfiel ihn, und er krallte sich an Skillas Mähne fest. Wenn er nicht aufpasste, würde ihm das Hirngespinst gleich auf die Schulter tippen. Es war so lebendig und nah, dass er glaubte, es atmen zu hören.

Der Weg blieb zu Florins Erleichterung breit und führte allmählich in die Koroth-Ebene hinab. Er lockerte seine Oberschenkel, die von der ungewohnten Anstrengung schmerzten, und passte sich den Bewegungen des schaukelnden Pferderückens an. Der Abstand zwischen ihm und den Dummköpfen war angenehm groß, und er summte ein Liedchen. Es dauerte sicher nicht mehr lange, bis Fulko auffiel, dass seine Tochter mit Florin viel zu weit hinten war.

Kaum war ihm der Gedanke gekommen, schon zügelte Fulko sein Pferd und brachte wild gestikulierend die anderen zum Stehen.

Florin verstummte. Doch zu seiner Überraschung beachtete Fulko Elfrun und ihn gar nicht.

Derk war vom Rücken seines Ponys geglitten und beugte sich über etwas am Wegesrand, was selbst den Pferden nicht behagte.

Nach wenigen Schritten erkannte auch Florin, was es war. Elfrun schrie auf. Erst auf den zweiten Blick entpuppte sich der Kopf, der auf einem kurzen Pfahl steckte, als ein Gebilde aus Holz.

Angewidert rümpfte Florin die Nase. Die übergroßen Augen waren weiß bemalt, die Pupillen stechende, schwarze Löcher. Spitze Zähne ragten aus dem blutrot gemalten Mund.

Elfrun hielt sich die Ohren zu, als fürchtete sie, das Ding könnte anfangen zu schreien. »Das ist Menschenhaar.«

Fulko trieb sein Pferd nahe an den Kopf heran und riss ihm die von der Sonne ausgebleichte Perücke vom Kopf. »Na und? Ich habe keine Angst vor einem Holzkopf!«, schnaubte er und warf die Perücke in den Graben.

Derk tupfte vorsichtig über die rote Farbe und verrieb sie zwischen Daumen und Zeigefinger. Nachdenklich wischte er die Hand im Straßenstaub ab. »Das ist frisches Blut!«, raunte er. »Wahrscheinlich ein Schutzzauber.«

»Unsinn, Derk!«, belferte Fulko. »Das ist Farbe!«

Fulkos Pferd tänzelte unruhig, die laute Stimme seines Besitzers machte es nervös.

»Reiten wir weiter«, erwiderte Derk und schwang sich auf sein Pony.

Langsam setzten sie ihren Weg fort.

Die Zügel in Elfruns Händen zitterten; das Pony legte die Ohren an.

»Was hat das zu bedeuten?«

Florin spähte in die Ferne, wo sich schwarze Pünktchen in der Ebene bewegten: Wanderer, Reiter und Händler mit ihren beladenen Wagen, von denen manche, die wie sie den gleichen Weg hatten, an dem Ding vorbeigekommen waren. »Ist doch klar …«, entgegnete er düster. »Leute mit so einem Gesicht lassen die nicht durchs Stadttor. Recht haben sie.«

Elfruns Lacher klang wie ein unterdrücktes Schluchzen. »Dann haben wir ja nichts zu befürchten.«

»Hoffentlich …«, murmelte Florin.

Kapitel 5

In der Luft lag eine erfrischende Kühle. Das beständige Rauschen des Korothá wurde zum Donnern. Die gewaltigen Wassermassen der beiden Flussarme vereinigten sich und brachen schäumend in die Tiefe. Klauenbewehrte Wasserspeier mit Vogelköpfen stützten mit ihren steinernen Schwingen die Mauer. Hinter einer Dunstwand flatterte eine Fahne mit dem Wahrzeichen Thorans: ein Fächer in den Regenbogenfarben der Lichtgöttin Théra. Eine vergoldete Turmspitze überragte den Dunst und glänzte in der Mittagssonne.

Mehr gaben die Stadtmauern nicht preis.

Zum ersten Mal empfand Florin seinem Vater gegenüber eine tiefe Dankbarkeit, weil er ihn gezwungen hatte, mitzukommen, denn die Erhabenheit, mit der Thoran seit Menschengedenken dem Abgrund trotzte, überwältigte ihn.

Begeistert trieb er Skilla an. Hinter den Felssäulen, die wie eine Riesenfamilie in den Himmel ragten, würde er Thorans Hauptbrücke erblicken, auf der sie alle den Korothá überquerten.

Elfrun lachte und rumpelte auf dem Einspänner hinter ihm her.

Doch kaum waren sie um die Felsen herumgeritten, fand ihre Begeisterung ein jähes Ende: Eine aus der Koroth-Ebene kommenden Masse aus missmutigen Gesichtern und voll beladenen Karren drängte sich den Hügel hinauf und verstopfte den Zugang zur Brücke.

Derk und die anderen waren fluchend abgestiegen; selbst Fulko auf seinem Braunen hatte nicht erkennen können, was den Zugang blockierte.

Eine Gruppe Thoraner gestikulierte lautstark. Zwei Frauen mit bunten Bändern im geflochtenen Haar hoben ihre Kinder über die Köpfe der Wartenden und stießen Verwünschungen aus.

Florin hob die Brauen. »Sagt mal, ist hier immer so viel los?«

Elfrun schüttelte den Kopf, ihr Blick blieb starr geradeaus gerichtet. Frek und die anderen ignorierten ihn oder hatten ihn nicht gehört.

»Da kann man nichts machen …«, seufzte Florin.

Wie hatte Jerelin ihn neulich genannt? Einen Ochsen, einen gutmütigen Ochsen. Der konnte warten. Er zog den Kopf zwischen die Schultern; seine anfängliche Euphorie hatte sich verflüchtigt wie der Rauch eines Strohfeuers. Was hatte er eigentlich erwartet? Dass es ihm einen ganzen Tag lang gut ging?

Sie blieben nicht die Letzten in der Schlange, und je länger sie standen, desto unwohler fühlte sich Florin. Was wartete er hier? Warum drehte er nicht einfach um? Er gehörte nicht hierher, nicht zu Frek und seinen Dummköpfen, nicht zu Vater, der ihn mitgenommen hatte, weil sie von nun an ein Geheimnis teilten. Vielleicht hatte ihm die Enttäuschung auf den Magen geschlagen, vielleicht bildete er sich das leichte Bauchzwicken, das sich ein bisschen wie Angst anfühlte, ja auch nur ein. Kennt jemand den toten Schatten? Was, wenn er den abgerissenen Gaukler und seine Frau auf dem Esel danach fragen würde? Er musterte ihre zusammengekniffenen Lippen, die von Staub und Schweiß leicht geröteten Augen. Trafen sich ihre Blicke, drehte er sich langsam um, als wäre nichts gewesen. Je länger Florin darüber nachdachte, desto unwirklicher kam es ihm vor, dass alles ringsum in eine Stadt drängte, wo ein Dämon das Scharren der Schritte im Gestein hörte. Florin schüttelte den Kopf; der Tag fühlte sich an wie einer dieser vagen Träume, aus denen man mit schlechter Laune erwachte.

Ein Wagen mit zwei dunkelhäutigen Ithlanern bog um die Felsen. Sie schauten sich die Situation mit ausdruckslosen Mienen an, bis der eine seinem Reisekumpan mit dem Ellenbogen einen Stoß in die Seite versetzte. Dieser fuhr sich nachdenklich mit dem Zeigefinger über den goldenen Ring an seiner Nase, nickte kaum merklich und kramte eine Pfeife aus einer Ledertasche hervor. In aller Ruhe begann er, sie mit einem Kraut zu stopfen.

Als sie anfingen zu kichern, glaubte Florin zunächst, sie lachten über ihn. Doch sie beachteten ihn gar nicht – falls sie überhaupt etwas um sich herum wahrnahmen. Auf ihren Gesichtern lag ein beneidenswert entrücktes Lächeln. Die unzähligen filigranen Goldringe, die sie sich durch die Lippen und Augenbrauen gestochen hatten, glänzten auf ihrer dunklen Haut wie Sterne. Florin sog den süßlich riechenden Rauch ein – das Kraut kannte er nicht, seine Wirkung aber war offensichtlich.

Lautes Fluchen aus den vorderen Reihen riss Florin aus seinem Dämmerzustand. Ein Bauer auf einer Eselskarre schien die Nerven zu verlieren. Er schnäuzte sich mit zwei Fingern die Nase, dann drosch er mit seiner Rute auf den Esel ein, als hätte er den Verstand verloren. Das Tier schrie erbärmlich und schlug aus. Erschrocken flohen die beiden Thoranerinnen, die unmittelbar vor der Karre standen, zu ihren Männern.

»Dreh um oder ich beiß dir die Ohren ab!«, brüllte der Bauer. »Wenn die meinen Käse nicht wollen, fresse ich ihn eben selbst!« Er zerrte an den Zügeln, dass es dem Tier beinahe das Maul zerriss.

»He! Was kann dein Esel dafür?« Sein Hintermann hob drohend den Wanderstab, mit dem prallen Rucksack sah er aus wie ein wütender Käfer. »Bist du blind? Hier ist kein Platz zum Wenden!«

»Schnauze!«

Gnadenlos peitschte die Rute auf den Eselsrücken, bis sich die Räder in Bewegung setzten. Splitt knirschte und wurde unter dem Gewicht zu Staub zermalmt. Als das Tier es geschafft hatte, sich zu drehen, rutschten die Räder über den abschüssigen Wegesrand und die Karre geriet in eine gefährliche Schräglage.

Erschrocken sprang der Bauer ab.

»Platz, ihr Idioten!«

Zwei Gaukler mit Lauten auf dem Rücken zögerten nicht lange und halfen ihm, das Schlimmste zu verhindern.

»Gut gemacht, du Großmaul!« Der Wanderer klatschte in die Hände. »Willst du es nicht noch einmal versuchen? Dann ist es nicht so langweilig.«

»Schnauze!« Der Bauer ballte seine Hände zu Fäusten, sein Unterkiefer zitterte. Der beißende Geruch von Hass wehte Florin in die Nase, ringsum hielt alles den Atem an. Doch wider Erwarten besann sich der Bauer und kletterte auf die Karre zurück. »Dann wartet doch, bis euch die Schnecken fressen!« Mit wutverzerrtem Gesicht dreschte er unbarmherziger als zuvor auf den Esel ein.

Das Pony vor Elfruns Einspänner blähte die Nüstern.

Derk packte es am Halfter und versuchte, den Einspänner zur Seite zu drängen, ehe der Wahnsinnige ihn rammte. Doch der Wagen rührte sich nicht von der Stelle. Es knackte und knirschte im Holz, als würde er auseinandergerissen.

Fulkos Augen weiteten sich. »Pass auf!« Er drängte sich an Derk vorbei und versuchte mit dem Fuß den Stein, der ein Wagenrad blockierte, wegzuschieben. Hätte er sich nicht gegen die Wagenwand gedrückt, wäre die vorbeipolternde Eselskarre in ihn hineingefahren. »Du hast wohl zu viel Sonne abbekommen, du lausiger Sohn der Ebene!«, brüllte Fulko hinter ihm her.

Der Bauer kümmerte sich nicht um ihn und rammte sich durch die Schlange der Wartenden, bis er den abschüssigen Weg erreicht hatte, der in die Ebene zurückführte.

Die dunkelhäutigen Ithlaner grinsten Fulko breit an. Ihre mit Gold überzogenen Schneidezähne verliehen ihren Gesichtern etwas Maskenhaftes, die unzähligen Armreife an ihren Handgelenken klimperten leise. »Atme tief«, sagte einer von ihnen gebrochen in der Sprache der Koroth-Menschen und kicherte, als fände er das tatsächlich lustig.

»Brücke … gesperrt.« Bedauernd hob er die Hände. »Sie kontrollieren.«

»Was soll das heißen?« An Fulkos Hals pochte eine Zornesader. »Die Brücke ist nie gesperrt!«

Der Dunkelhäutige verzog seine Lippen zu einem herablassenden Lächeln und nahm einen tiefen Zug aus seiner Pfeife. »Wenn du willst … habe was Gutes für dich«, sagte er mit weicher Stimme und stieß den süßlich riechenden Rauch in kleinen Wölkchen aus der Nase. »Beruhigt stürmisches Gemüt von Freund.«

»Von dir nehme ich nichts!«, schrie Fulko. »Ich will wissen, was hier los ist!«

Ein Thoraner drehte sich wütend zu ihm um. »Das wirst du früh genug erfahren! Hör auf, mir wie ein Ji’harbi ins Ohr zu brüllen, oder ich stopf dir an Ort und Stelle das Maul!«

Fulkos Augen wurden schmal. »Behandelt Thoran so Fremde?«

»Fremde sind hier nicht mehr willkommen. Also stell dich hinten an und hör auf, dich aufzuspielen!«

Feindselige Blicke durchbohrten Fulko. Zähneknirschend gab er nach.

Kapitel 6

Feuchtigkeit legte sich auf das Haar und durchdrang den dichtesten Stoff. Trotz der Mittagssonne fing Florin an zu frösteln.

Skilla konnte es nicht lassen und versuchte, an seiner Kapuze zu kauen. Um sie abzulenken, ließ er sie seine salzige Hand ablecken. Sie hatte Durst. Im waldlosen Hügelland gab es keine Quellen.

Freks Pferd litt am meisten: Speichel in langen Fäden troff ihm aus dem Maul; es ruckte mit dem Kopf, sodass Frek Mühe hatte, es ruhig zu halten.

Nach einer Ewigkeit erst wurde der Blick auf die beiden mannshohen Statuen der Göttin Théra frei, die am Zugang zur Brücke wie zwei zu Mondstein erstarrte Jungfrauen standen. Soldaten verstellten mit gekreuzten Speeren den Weg. Erst, wenn der Beamte in der mehr schlecht als recht gezimmerten Holzhütte ein Zeichen gab, traten sie zur Seite und ließen die Menschen passieren.

Florin traute seinen Augen nicht: Hinter einem Schreibpult versteckte sich ein zart gebräunter Milchbart mit Schmolllippen, der kaum älter als Frek und seine Dummköpfe zu sein schien. Mit seiner Jungmännerstimme drohte er jedem, der Thoran vor Einbruch der Dunkelheit nicht verlassen habe, die Nacht im Kerker zu verbringen. Dabei rümpfte er die Nase und entblößte seine Perlenzähnchen. Jedes Mal, wenn er die Feder in die Tinte tauchte, um jeden, dem er Zutritt gewährte, in seiner Liste zu vermerken, schob er mit wichtigtuerischer Miene den weiten Ärmel seines blauen Mantels zurück, der ihm beim Schreiben in die Quere kam. Lange schien er diese Tracht wohl noch nicht zu tragen, was ihn umso schärfer machte: Bei Händlern, denen schon von Weitem anzusehen war, dass sie nicht aus der Ebene stammten, schoss er hinter dem Pult hervor und fing an zu schnüffeln. Selbst die grobschlächtigsten Kerle mit Pranken breit wie Teller blickten zahm auf ihn hinab und warteten auf das Pergament mit dem begehrten Stempel, das ihnen das Recht gab, sich ungestraft in Thoran aufzuhalten.

Fulko wurde allmählich ungehalten und sorgte dafür, dass seine bissigen Bemerkungen für alle Umstehenden gut zu verstehen waren. Wütend wehrte er Derks mahnende Seitenhiebe ab.

Als sie an der Reihe waren, hielt Fulko den Mund, seine dunklen Augen jedoch verrieten, wie gerne er dem Milchbart wie einst Frek die Nase umgedreht hätte.

Die Schmolllippen verzogen sich skeptisch. »Sieben Personen?« Der Milchbart ließ die Feder in der Tinte stecken und kam aus seinem Versteck hervor. »Was habt ihr in Thoran zu suchen?« Mit verschränkten Armen blieb er vor Frek stehen und schaute angeekelt auf dessen eingespeichelte Hand.

Frek hatte sichtliche Mühe, sein durstiges Pferd festzuhalten. Er schürzte die Lippen und tauschte wütende Blicke mit Orwin und Pereg. »Was wohl!«, platzte es aus ihm heraus.

»Aufrührer und Unruhestifter können wir in Thoran nicht gebrauchen. Entweder ihr beantwortet meine Fragen oder ihr kehrt um, verstanden?«, fauchte das Milchgesicht, ohne Luft zu holen, zurück.

Elfruns Lippen bebten, als der Kerl langsam um den Einspänner herumschlich, ungefragt die Schnüre der Plane löste und die Felle begrapschte. »An wen verkauft ihr?«, wollte er wissen, ging zu seiner Liste zurück und streifte in Erwartung einer Antwort die Feder am Tintenfass ab.

Fulko schnaubte, und Florin malte sich aus, was Freks Vater wohl mit seinem Sohn angestellt hätte, wäre er ihm jemals so dreist gekommen. »Meister Orum erwartet unsere wertvollen Felle, du Zaunkönig. Vielen Reichen aus Thoran hat er schon Mäntel genäht. So wie du aussiehst, ist dein Vater gewiss ein treuer Kunde von ihm.«

Unbeeindruckt kratzte der Federkiel auf dem Pergament. »Woher kommt ihr, ihr Hinterwäldler?«, verlangte der Milchbart zu wissen.

»Was fällt dir ein?«

Derk hielt ihm am Arm zurück und drängte ihn zur Seite. »Willst du die Felle verkaufen oder wieder mit nach Hause nehmen?«, zischte er ihn an.

Der Beamte warf ihnen einen lauernden Blick zu. »Also, was ist jetzt? Wie heißt ihr, woher kommt ihr?«

Derks ledernes Gesicht blieb ausdruckslos. Mit tiefer Stimme nannte er ihre Namen und den Ort, woher sie kamen.

»Wusste ich es doch … Leute wie ihr stammen aus dem Hinterland. Gehört das tatsächlich noch zu Thoran?«

Ein paar Umstehende lachten laut auf.

Derk schaute mit seinen grauen Augen auf den Beamten hinab. »Der Weg aus dem Hinterland nach Thoran ist anstrengend«, raunte er und bewegte dabei kaum seine Lippen. »Die Pferde kommen an ihre Grenzen. Sie brauchen dringend Wasser. Wir haben viel Zeit verloren und werden auf dem Rückweg in die Dunkelheit kommen. Du weißt, was das bedeutet. Deshalb sag uns bitte, weshalb Thoran Fremde so behandelt.«

Der Beamte füllte ungerührt das Pergament aus und drückte den Stempel mit Théras Wahrzeichen, den Bogen der Hoffnung, darauf. »Sei gewarnt. Jedem, der stiehlt, wird ab sofort die rechte Hand abgeschlagen. Hüte dich davor, auch nur ein Brot zu stehlen. Wer grundlos einen Tumult vom Zaun reißt, wird im Korothá ertränkt. Ich rate dir, nicht zu saufen und herumzugrölen, wenn nicht ein Missverständnis geschehen soll.« Der Beamte blickte in Derks ungerührte Miene und fuhr mit lauter Stimme fort: »Früher war Thoran ein Ort, wo sich Männer und Frauen sicher fühlten. Doch diese Zeiten sind vorbei. Da niemand weiß, woher das Böse kommt, darf keiner mehr ohne meine Erlaubnis, zu der mich der Oberste befugt hat, einen Fuß über diese Brücke setzen. Ich hoffe, ich habe deine Frage zur Genüge beantwortet.« Der Milchbart grinste gehässig. »Wenn dich auf dem Heimweg die Ji’harbis erwischen, hast du eben Pech gehabt.«

Derk hielt fordernd die Hand hin und wartete, dass ihm der Beamte endlich das Pergament reichte.

Doch der Milchbart ignorierte die Hand und legte das ausgefüllte und abgestempelte Pergament unter die Liste.

»Was soll das?«, schrie Fulko wutentbrannt. »Unsere Pferde brauchen Wasser!«

Die Augen des Beamten durchbohrten Fulko wie Giftpfeile. »Gib mir deinen Sattel, dann werde ich über deine Beleidigungen hinwegsehen. »Ansonsten verschwindet!«

»Was?«

»Mal sehen, wie weit ihr kommt. Bis zu nächsten Quelle ist es weit.«

Ein erregtes Gemurmel hob an, entsetzt steckten die Menschen die Köpfe zusammen.

»Das darfst du nicht machen!«, flehte Frek, der sein Pferd kaum mehr bändigen konnte.

»Mit Fremden, die Thoraner bedrohen, darf ich machen, was ich will! Gebt mir den Sattel oder verschwindet. So einfach ist das.«

»Vater, tu was!«, jammerte Frek.

Derk stieß einen leisen unverständlichen Fluch aus und schritt auf Fulkos Pferd zu. Mit schnellen Griffen hatte er die Schnalle des Sattels gelöst.

»Bist du verrückt?« Fulkos Hände vergruben sich in Derks Schultern und rissen ihn zu Boden.

Derk wirbelte herum und sprang auf die Beine. Drohend ballte er die Hände zu Fäusten. »Du hast drei davon im Stall!«, zischte er. »Die Pferde und die Felle sind wichtiger!«

»Damals hättest du auch einen haben können, aber du wolltest nicht!«

»Nicht einmal, wenn du mir dazu noch einen Sack voller Silberlinge geschenkt hättest, hätte ich einen haben wollen!«, presste Derk zähneknirschend hervor.

»Warum? Wegen deiner verdammten Brut im Haus?«

Derks Gesicht verzerrte sich zur Fratze. Mit eisernem Griff packte er Fulko am Überwurf und stieß ihn zur Seite. Sofort machte er sich daran, den wertvollen Sattel vom Rücken des Pferdes zu zerren. »Dein Sattel macht uns nicht satt!« Der Tonfall seiner Stimme ließ keinen Widerspruch zu.

Fulko rieb sich die Brust. Gedemütigt wandte er den Blick ab, als Derk den Sattel wie einen dreckigen Sack dem Beamten vor die Füße warf.

»Nimm und lass uns durch!«

Der Beamte gab den Soldaten einen Wink, als wollte er lästige Fliegen vertreiben. »Lasst die Trottel durch!«, seufzte er und reichte Derk den Passierschein.

Weiß vor Wut setzte sich Fulko auf den nackten Rücken seines Braunen.

Derk steckte den Passierschein ein und scheuchte Frek, Orwin und Pereg an den Soldaten vorbei.

Elfrun wischte sich eine Träne von der Wange und trieb den Wagen mit lautem Rumpeln auf die Brücke.

Skilla verstand, dass es endlich weiterging und spuckte Florins Kapuze aus.

»Brav«, lobte Florin und streichelte dem Pony über die weichen Nüstern. Gehorsam folgte es ihm auf die Brücke von Thoran.

Unter ihnen war ein alles verschlingendes Toben, das Florin als leichtes Kitzeln unter seinen Fußsohlen spürte. Er fragte sich grimmig, was an diesem feuchten, lauten und unfreundlichen Ort so besonders sein sollte. Als er einen Blick in die Tiefe riskierte, sah er Théras Lichtspiele.

Das hätte sie sich sparen können.

Kapitel 7

Die Geschäfte waren gut gelaufen. Meister Orum, ein kritischer Mann, hatte sich von ihrer Ware überzeugen lassen und ihnen alle Felle abgekauft.

Das hatte Fulkos Laune erheblich gesteigert, und seine Wut auf den Beamten und die erlittene Demütigung waren vergessen. Großzügig hatte er jedem von ihnen drei Silberlinge geschenkt, selbst Florin hatte er nicht übergangen, den Rest teilte er sich mit Derk. Die Pferde wurden in den Ställen für Reisende gut versorgt, der Einspänner dort bewacht.

Leider hatte die Warterei vor der Brücke viel Zeit gekostet, sodass Derk zum Aufbruch drängte. Doch Fulko dachte nicht daran. Er wolle den Burschen den Spaß nicht nehmen und sie wenigstens eine Stunde lang Thoraner Luft atmen lassen. Er hakte Elfrun bei sich unter und ermahnte Frek, sich mit den anderen spätestens dann, wenn die Schatten über die Zinnen krochen, bei den Ställen am Stadttor einzufinden. Derk gab mürrisch nach.

Eingeklemmt zwischen Orwin und Pereg wurde Florin mitgeschleift. Seine Füße berührten kaum den Boden, egal wie viel er zappelte. Zwischen den Dummköpfen zu schweben bedeutete meist, dass der Tag nicht lustig endete – zumindest nicht für ihn. Das letzte Mal hatten sie ihn auf den Mist geworfen, um ihm das Krähen beizubringen.

Frek, der vor ihnen ging und sie führte, haute ihm mit der flachen Hand auf die Locken. Er solle aufhören zu zappeln und sich ziehen lassen. Er habe keine Lust, auf ein lahmes Hinkebein Rücksicht zu nehmen.

Florin schwirrte der Kopf von den bunten Häuserfassaden. Abertausend winzige Steinchen, mehr als die Sterne am Himmel, waren zu Bildern zusammengelegt, wie es Florin noch nie gesehen hatte. Zaubererhände hatten daraus täuschend echte Blumen geschaffen, die sich bis unter das Dach rankten. Ungläubig starrte er auf die Fenster: Auf den ersten Blick glaubte er, sie seien offen, bis er begriff, dass so etwas wie erstarrtes Wasser die Sonne spiegelte.

Ein Blütenmeer in Kübeln verbreitete einen honigartigen Duft und vermischte sich mit dem von frisch gebackenem Brot. Auf den großzügig angelegten Straßen reihten sich die Karren der Händler. Sie hatten Planen über die Waren gespannt, um Räucherwürste, Schinken und Käse vor der Hitze zu schützen. Florin erkannte das narbige Gesicht eines Gemüsebauern wieder, der mit ihnen vor der Brücke gewartet hatte. Er tönte wie eine Rohrdommel und riss begeistert seine Rüben in die Höhe. Tatsächlich lockte er Thoranerinnen mit kunstvollen Zopffrisuren und gepflegten Händen an, die ihm ihre leeren Körbe hinhielten. Zwei alte Männer mit langen Bärten saßen Pfeife rauchend vor einer Taverne an einem runden Tisch und unterbrachen ihr Kartenspiel, wenn auf der Straße jemand loslachte. Dazwischen spielten Kinder hinter den Blumenkübeln Verstecken, ihre bunten Gewänder schimmerten verräterisch durch das Grün.

Jeder, der jemals in Thoran gewesen war, erzählte, dass die Menschen dort gegen Silberlinge alles bekamen, was sie zum Leben brauchten. Unter ihren Fingernägeln klebte keine Erde; den ganzen Tag trugen sie Kleider, als gingen sie zu einem Fest. Die Bauern der Ebene sorgten für ihr Brot.

Florin fragte sich ernsthaft, ob es in seinem Leben jemals einen Tag geben würde, an dem seine Fingerkuppen nicht nach Fisch und Ziegenbock stanken.

Sie verließen die Straße mit den verlockenden Düften und gelangten auf einen Platz, der mit Steinen ausgelegt war, die glänzten, als hätten sie das Mondlicht eingefangen. Für einen Moment erfasste Florin eine beklemmende Angst: Die Fläche war größer als ein See und glänzte wie Eis. Florin fürchtete, Orwin und Pereg könnten ausrutschen und ihn mitreißen.

Er beruhigte sich erst, als er sah, wie die Thoraner mit schlafwandlerischer Sicherheit die Fläche überquerten, um in den Geschäften hinter den Säulengängen zu verschwinden.

Die Dummköpfe zerrten ihn zu einem Brunnen. Dankbar setze er sich neben einen Wasser speienden Drachen, hielt seine Hand unter den kühlen Strahl und erfrischte sich stöhnend das Gesicht.

Frek scheuchte Orwin auf, damit er etwas zu essen auftreibe. »Beeil dich!«

Wenig später brachte Orwin kalte, mit Käse überbackene Fladen.

»Ist das dein Ernst?«, beschwerte sich Frek. »So was kann ich auch zu Hause essen.«

»Ich denke, es soll schnell gehen!« Verstimmt warf Orwin ihnen die Fladen in den Schoß.

»Richtig. In einer Stunde kann man so gut wie nichts anfangen«, murrte Frek und biss lustlos in den Fladen. »Pech für dich, Florin.« Er knuffte Florin so unverhofft in die Seite, dass ihm fast der Fladen aus der Hand gerutscht wäre. »Wir hätten dir Sachen zeigen können, die dich endlich etwas erwachsener hätten werden lassen, was!«

Florin ließ ihr Lachen über sich ergehen, starrte stur auf seine Füße und kaute bedächtig weiter.

Doch heute hatte Frek es wohl nicht auf ihn abgesehen. Düster blickte er den Passanten hinterher und verschlang den Fladen. »Habt ihr gesehen, wie das Milchgesicht es genossen hat, dass mein Brauner kurz vor dem Durchdrehen gewesen war?«, fing er an, nachdem er den letzten Bissen fast ungekaut geschluckt hatte. »Ich wette mit euch, der Scheißer hat noch nicht mal Haare auf der Brust. Ein Schlag ins Gesicht und er schreit nach seiner Mutter. Hoffentlich bricht er sich das Genick, wenn er in Fulkos Sattel reitet!«

Pereg wischte sich mit dem Ärmel das Fett von den Lippen. »Ich verstehe nicht, was in Thoran los sein soll. Sieht hier jemand aus, als hätte er Angst?«

»Ob die Zugbrücke auf der Nordseite auch bewacht wird?«, fragte sich Orwin.

Frek spuckte wütend in den Brunnen und erhob sich. »Das interessiert mich doch nicht! Kommt, lasst uns einen Blick in die Gasse da vorne werfen. Einmal vor und zurück, bevor wir wie lahmfromme Esel zum Stadttor zurücktrotten.«

An einer Häuserwand hing ein Schild, auf dem sich eine zweiköpfige Schlange um einen Schädel wand.

Pereg sah Frek zweifelnd an.

»Das ist die Gasse der Heiler und Zauberer. Die lassen sich nicht so gerne auf die Finger schauen.«

»Na und? In Thoran gibt es keine schwarzen Magier. Was soll schon passieren? Im schlimmsten Fall jagen sie uns weg. Also los!«, schnaubte Frek ungeduldig.

Pereg und Orwin erhoben sich; in ihren Gesichtern lag plötzliche eine Entschlossenheit wie die von Feldherren.

»Vielleicht finden wir ein Andenken für das Milchgesicht«, feixte Pereg. »Schicken wir ihm Durchfall, dann ist die Brücke wieder frei.«

Sein Lachen war eine Spur zu laut, als dass Florin es ihm abgenommen hätte.

Florin schluckte den letzten Rest seines Fladens hinunter und machte sich klein und rund. Um nichts in der Welt würde er freiwillig in diese Gasse gehen. Weiße Magie war ihm nicht fremd, oft hatte er die energiereiche Kraft in Reijas Nähe gespürt, wenn sie bei einem Kranken zum letzten Mittel griff und im Trancezustand in dessen Seele drang. Vor ihrer Erblindung hatte sie oft das geheime Kraut mit den stacheligen Früchten gesucht, das heimtückischer war als die schwarz glänzenden Beeren der Tollkirsche. Nahm man zu viel davon, verwirrten einem die Geister für immer den Verstand.

Florin war sich sicher, dass es in Thoran alles gab, was das Herz eines Heilers höher schlagen ließ. Sicher waren die Größten unter ihnen dort zu finden. Doch ob sie alle wohlgesinnt waren, wagte er zu bezweifeln. Wie schnell fing man sich den bösen Blick ein.

Er wollte schon erleichtert aufatmen und Han dafür danken, dass ihn die Dummköpfe am Brunnen vergessen hatten, als Frek sich nach ihm umdrehte.

»Ich komm nicht mit!«, winkte Florin ab.

Frek rollte mit den Augen und kam fluchend auf ihn zu. »Wir bleiben zusammen, klar? Wenn du die Hosen voll hast, kneif die Augen zu. Mein Vater reißt mir den Kopf ab, wenn er erfährt, dass wir nicht zusammengeblieben sind.«

»Er reißt dir den Kopf ab, wenn er erfährt, was ihr treibt. Ich warte hier. Mich wird schon keiner entführen.«

Mit hartem Griff zerrte er Florin auf die Beine. »Du bist ein Feigling wie Derk!«, zischte er. »Niemals hätte sich mein Vater von diesem Milchgesicht freiwillig bestehlen lassen.«

»Glaub ich gern, aber auf dem Rückweg wären uns die Pferde zusammengebrochen und mitsamt den Fellen in die Schlucht gestürzt«, gab Florin ungerührt zurück.

Florin spürte Freks heißen Atem im Gesicht. »Zu Hause ist mal wieder eine Abreibung fällig. Von einem Krüppel lasse ich mich nicht beleidigen.«

Rücksichtslos zerrte er Florin mit sich. Seine durch den Ritt belastete Hüfte fühlte sich an, als würde jemand mit einer Nadel darin herumstochern.

Florin schrie auf vor Schmerz. »Lass mich los, du Hund! Ich komme mit. Was willst du noch?«

Zwei Frauen drehten sich erschrocken nach ihnen um.

Frek beachtete sie nicht und trieb Florin wie einen Gefangenen in die Gasse der Heiler und Zauberer.

Kapitel 8

Eine graue Haut schien sich wie Schimmel über die Farben der Häuserfassaden gelegt zu haben. Vielleicht lag das daran, dass die Häuser hoch in den Himmel ragten und die Sonne niemals den Boden erreichte.

Vielleicht war deshalb die Luft so kalt.

Durch Florins Körper ging ein unheilvolles Vibrieren, tief aus dem Boden kommend. War es das Tosen des Korothá, das ihn beunruhigte?

Aus einer Apotheke traten zwei beleibte Thoraner mit geknautschten, grünen Hüten und nickten Florin freundlich zu. Sehnsüchtig schaute Florin ihnen nach, wie sie die Gasse verließen und in Richtung des sonnenbeschienenen Brunnens verschwanden.

Über ihm leuchtete der Himmel. Dennoch fühlte er sich, als steckte er in einer Holzkiste und sähe ihn durch ein winziges Astloch. Florin legte den Kopf in den Nacken; der tiefe Wunsch, dem Himmel entgegenzufallen, wurde übermächtig, sodass er stehen blieb.

Ungehalten scheuchte Frek ihn weiter.

Als sie tiefer in die Gasse drangen, verschwand das letzte bisschen Farbe von den nackten Hauswänden und flüchtige Schatten sprangen hin und her.

Verstört blickte Florin sich um: An den Wänden zeichneten sich Umrisse von Hauseingängen ab, die sich wie Traumbilder verflüchtigten, sobald er genauer hinsah. Gleichzeitig hatte er das Gefühl, hinter seinem Rücken lauere ein dunkles Loch. Florin hielt sich die Augen zu, weil er glaubte, der helle Himmel hätte ihn geblendet. Doch als er zögernd seine Hände aus dem Gesicht nahm, sah er, wie Frek mit entrücktem Blick auf eine leere Wand stierte; er beugte seinen Oberkörper vor und streckte die Hand nach etwas aus, was Florin offensichtlich verborgen blieb.

Wo waren die anderen beiden? Er formte die Hände wie zu einem Trichter. »Orwin! Pereg!« Seine Stimme wurde von den Wänden verschluckt.

Kurz darauf hörte er Orwins und Peregs Lachen. Florin sah sie durch eine Hauswand treten, als hätten sie das schon immer getan. Sie schwebten einen Augenblick in der Luft und stiegen dann eine unsichtbare Treppe hinab. Er hörte sogar, wie Straßendreck unter ihren Sohlen knirschte.

Eine lähmende Leere breitete sich in Florins Kopf aus. Kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn. Verlor er allmählich den Verstand?

Keuchend hinkte er zu Frek und klammerte sich an ihn. »Frek! Sag mir, was du siehst!«

Frek zuckte zusammen und starrte ihn an, als hätte er Florin vollkommen vergessen. »Nimm deine klebrigen Pfoten von mir!«, zischte er und versuchte ihn abzuschütteln.

»Frek, bitte!«

»Hast du keine Augen im Kopf?« Frek packte ihn hart im Genick und zwang ihn, die Wand anzuschauen. »Bist du ein Mädchen? Seit wann hast du Angst vor einer Kreuzotter in einem Käfig?«

Florin sah nichts weiter als einen muffigen, grünbraun glänzenden Fleck, der sich durch den Putz fraß und ihn an manchen Stellen bis auf den blanken Stein absprengt hatte.

Von einer Kreuzotter keine Spur.

»Frek, da ist nichts!«

»Wenn du Angst hast, dann bleib hier sitzen!«, schnaubte Frek und stieß Florin zu Boden.

Florin prallte auf die Seite und schürfte sich den Unterarm auf. Ein ziehender Schmerz schoss ihm ins Bein und raubte ihm einen Augenblick die Kraft, aufzustehen.

Frek beachtete ihn nicht mehr und ging weiter. Seine Gestalt wurde kleiner und kleiner, floh mit erschreckender Geschwindigkeit in die Ferne, als hätte Gott Han beschlossen, die Sonne schneller über den Himmel wandern zu lassen. Fast am Ende der Gasse angelangt, blieb Frek stehen und betrachtete wie zuvor eine Wand.

»Frek!« Erschrocken legte Florin eine Hand auf den Mund, seine Stimme hatte sich soeben angehört, als hätte er seinen Kopf in ein Erdloch gesteckt.

Zitternd zwang er sich auf die Beine.

Frek drehte sich flüchtig nach ihm um, schien ihn aber nicht wahrzunehmen. Er lehnte mit ausgestreckten Armen gegen eine Wand und es schien, als wollte er sie eindrücken. In seinen Augen glänzte es sehnsüchtig.

Etwas schrie in Florin laut auf, etwas weinte in ihm und flehte ihn an, Frek zu helfen. Er konnte Frek nicht ausstehen, dennoch packte ihn eine Mischung aus Entsetzen und Mitleid. Ginge er durch diese Wand, käme nicht derselbe Mensch wieder. Frek brauchte seine Hilfe, denn was ihn erwartete, war vielleicht schlimmer als der Tod.

So schnell es ihm die Schmerzen in seinem Bein erlaubten, humpelte er auf ihn zu.

»Frek …« Florin hustete. Ein plötzlicher Druck in der Kehle schob ihm die Worte in den Bauch zurück. Vergeblich kämpfte er dagegen an. »Fre …!«, gurgelte er. »… nicht!«

Frek reagierte nicht. Mit verklärtem Gesicht löste er sich von der Wand und trat zur Seite. Er umfasste die Klinke einer unsichtbaren Tür und öffnete sie.

Mit aller Kraft drückte sich Florin mit seinem gesunden Bein ab und prallte gegen Freks Rücken. Die Wand raste auf Florin zu, instinktiv riss er die Arme hoch. Schon erwartete er den harten Aufprall, als die Mauer zurückwich und beide durch eine dunkle Türöffnung stürzten.

Florin versuchte den Fall zu bremsen und erwischte ein morsches Regal, das widerstandslos in sich zusammenbrach. Bleiche Schädel überrollten ihn und polterten über den Holzboden. Zähne schnellten wie Flöhe gegen tönerne Tiegel. Der Geruch von verbranntem Harz und altem Staub stach ihm in die Nase. Kerzen flackerten unruhig auf, wilde Schatten tanzten an den Wänden.

Frek hielt sich röchelnd den Leib, er war mit voller Wucht auf den Bauch gefallen.

Florin wartete, bis die bunten Sternchen vor seinen Augen verschwunden waren. Seine Knie waren butterweich, ein Tiegel hatte ihn empfindlich an der Schläfe erwischt. Noch etwas wacklig versuchte er aufzustehen.

Plötzlich neigte sich ein Schatten über ihn. Jemand bückte sich und griff ihm helfend unter die Arme. »Du bist zäher als eine Schuhsohle, was! Ich wüsste nicht, dass ich dich hereingebeten hätte«, knurrte eine dunkle Stimme.

Der Mann ließ Florins Oberarme los, streifte sich die schwarzen, langen Haare aus dem Gesicht und musterte ihn kalt. Seine Augen waren von einem tiefdunklen Grün, wie Florin es bei Menschen noch nie gesehen hatte, seine Nase war ungewöhnlich flach. Florin wich entsetzt zurück, für einen Moment hatte er geglaubt, das verräterische Leuchten von Ji’harbi-Augen hinter den geweiteten Pupillen zu sehen.

Der Mann legte den Kopf schräg, ein spöttisches Lächeln huschte über sein schmales, blasses Gesicht. »Ich sehe was, was du nicht siehst«, fing er leise an zu singen, »und das ist … buh!« Abrupt riss er seine Hände vor Florins Gesicht und spreizte die Finger.

Einen spitzen Schrei ausstoßend zuckte Florin zusammen.

Lachend entblößte der Mann gerade, ebenmäßige Zähne, und in seine Augen trat ein Glänzen, das ihm etwas überzeugend Menschliches verlieh.

Florin senkte verlegen den Blick. Offensichtlich hatte der Kerl erraten, was er über ihn gedacht hatte. »Entschuldigt, bitte! Ich dachte … ich meinte, Ihr … äh.« Florin biss sich auf die Zunge, er konnte unmöglich weitersprechen.

Der Mann legte ihm eine sehnige Hand auf die Schulter und sang ihm leise ins Ohr: »Hab keine spitzen Ohren wie die Horden tief im Wald, die kommen nachts und morden, seelenlos und kalt. Hab keine spitzen Zähne, die beißen in dein Bein, deine Mutter macht sich Sorgen, nimmt dich in den Arm daheim.« Er hielt inne und schaute ihn prüfend an. »Du kennst das Lied, mein Lieber. Deine Mutter hat es dir vorgesungen, um dir Angst zu machen.«

»W … woher wisst Ihr das?«, stammelte Florin, unangenehm berührt.

»Weil alle Mütter in dieser Gegend ihren Kindern Angst machen«, frotzelte er und kniff ihn in die Wange. »Mir hat man das Lied nie vorgesungen, aber ich kenne es trotzdem!«

Florin atmete erleichtert auf, als der Mann endlich von ihm abließ. Er kickte einen Schädel, der ihm im Weg lag, in eine dunkle Ecke, wo er neben einem löchrigen Korb liegen blieb, und ging mit offenen Armen auf Frek zu. »Ah, mein Kunde!«, rief er begeistert. »Endlich hast du den Weg zu Meister Argormir gefunden!«

Frek lehnte lang und schmal neben der Tür und nickte verlegen. »Tut mir leid, dass wir Euch alles … kaputt gemacht haben.«

Meister Argormir winkte ab und legte Frek mit einem breiten Lächeln einen Arm um die Schultern. »Schwamm drüber, mein Freund.« Er schob Frek an einen Tisch und zog mit dem Fuß einen Hocker darunter hervor. »Setz dich! Ich weiß, was du dir wünscht!«, tat er geheimnisvoll.

Frek gehorchte; mit großen, glänzenden Hundeaugen schaute er zu dem Mann auf, der mit dem Ellenbogen kleine Tiegel beiseite schob, von denen Florin lieber nicht wissen wollte, was sie enthielten. Mit dem Ärmel seines verschlissenen Hausmantels wischte er den Staub von der Tischplatte. »Entschuldige meine Unordnung. Ich bin nicht oft hier. Den Laden habe ich nur selten geöffnet. Du hast wirklich Glück! Eigentlich bin ich nur hergekommen, um in meiner Bibliothek nach einem Wörterbuch zu suchen. Die Elbensprache hat es in sich«, er schnippte mit den Fingern, »nur die genaue Übersetzung ergibt den korrekten Sinn. Wenn du willst, zeige ich dir später die Bibliothek. Mein Gehilfe ist gerade darin beschäftigt.« Er drehte sich um und deutete auf einen schwarzen Vorhang. Ein schwacher Lichtschimmer verriet, dass im Gang dahinter eine Öllampe brannte.

»Aber was rede ich da?« Kopfschüttelnd winkte er ab. »Das interessiert dich gar nicht. Deshalb bist du nicht hergekommen.« Er zwinkerte Frek zu, was Florin einen kalten Schauder über den Rücken jagte, und verschwand hinter einem frei im Raum stehenden Schrank, in dem sich vor langer Zeit zwischen zerbröselten Kräutern und milchigen Sanduhren etwas zum Sterben hingelegt hatte, das früher einmal eine Katze gewesen war. Florin wartete darauf, dass er wieder auftauchte, doch der Kerl blieb verschwunden. Als wäre er im Schutz des Schrankes durch die Wände gewandelt. Nach dem, was Florin erlebt hatte, wäre das nicht verwunderlich.

Eine tiefe Unruhe stieg in Florin auf, während er Frek beobachtete, der wie ein zappeliges Kind auf dem Hocker herumrutschte. Was, um alles in der Welt der Lebenden, wollte der Kerl ihm andrehen? Womit hatte er Frek angelockt? Was sah er? In Freks Augen spiegelten sich Wunder wider, die Florin verborgen blieben.

Sehnsüchtig starrte Florin auf die Tür. Draußen wartete das Licht, der sonnenbeschienene Brunnen, der blaue Himmel.

Die staubige Luft hier drin brannte wie Sand in seinen Lungen. Er wusste: Es wäre dem Kerl nur recht, wenn er verschwände. Er bräuchte nur die Tür zu öffnen, und er wäre frei.

Dann wäre Frek verloren.

»Frek!« Florin rüttelte ihn an der Schulter. »Der Kerl hat dich verhext. Im Schrank liegt eine vertrocknete Katze, schau hin!«

Frek versuchte, Florin abzuschütteln und starrte mit langem Hals in die Richtung, in der der Mann verschwunden war.

»Frek! Mit dem Kerl stimmt was nicht. Du träumst, bei Gott Han!«

Frek fuhr wütend herum und boxte ihn unverhofft in die Seite. »Los, gib mir deine Silberlinge! Das bist du mir schuldig, nachdem du mich blamiert hast.« Fordernd hielt er die Hand hin. In seinem Blick lag etwas Fremdes.

Wütend und ängstlich zugleich hielt Florin sich die schmerzende Seite. Frek war nicht mehr zurechnungsfähig, es wäre sinnlos, weiter auf ihn einzureden.

Lautlos wie ein Schatten erschien Meister Argormir wieder im Raum und setzte sich Frek gegenüber an den Tisch. Er bedachte Florin mit einem kurzen Blick, beachtete ihn aber nicht weiter.

»Du hast Geschmack, mein Freund«, lobte er Frek und legte einen in Seide gewickelten Gegenstand auf den Tisch. Er schlug die Ecken des Tuches um, und ein Kribbeln lief Florin über den Rücken – die langen Finger erinnerten ihn an kalte Spinnenbeine.

»Ich muss gestehen, dass es mir schwer fällt, das Schätzchen zu verkaufen. Es ist mir richtig ans Herz gewachsen. Am liebsten würde ich es behalten.«

Florin stockte der Atem, als er sah, was dem Kerl so wertvoll war: ein rostiges Messer mit einem sprödem Ledergriff, das seine besten Tage schon gesehen hatte und wahrscheinlich aus dem Korothá gefischt worden war.

Meister Argormir stützte die Ellenbogen auf dem Tisch ab und faltete die Hände. »Na, habe ich zuviel versprochen?«

Ungläubig schaute Florin zu, wie Freks Gesicht vor Erstaunen regelrecht verlief. »Darf ich es in die Hand nehmen?«, flüsterte er.

»Tu dir keinen Zwang an, mein Freund.«

Zärtlich glitten Freks Finger über den Ledergriff. Seine weit aufgerissenen Augen glänzten feucht.

Frek. Oh nein. Kalter Schweiß klebte Florin unter den Achseln, gleichzeitig wurde ihm heiß.

Du siehst nicht, was du in deinen Händen hältst! Oh Frek!

Frek fühlte schmeichelndes Leder und bewunderte die Verzierungen. Der Griff lag in seiner Hand wie für ihn erschaffen. Schon immer hatte er sich so ein leichtes Messer gewünscht. Mit beidseitig geschliffener Klinge. Wie würden Pereg und Orwin ihn beneiden.

Florin schnappte nach Luft, wollte schreien, doch in seinem Hals blähte sich plötzlich ein Klumpen auf, der ihm das Blut aus den Venen presste. Er brachte nicht einmal mehr ein Krächzen zustande, sosehr er gegen den Druck in seinem Hals auch ankämpfte. Han, hilf mir!

Frek krempelte den linken Ärmel hoch, setzte die rostige Klinge an und fuhr sich langsam über die Haut.

Bist du bescheuert? Florins Magen krampfte sich zusammen, der Drang, Frek das Messer aus der Hand zu schlagen, wurde übermächtig. Doch seine Gelenke erstarrten zu Stein und ein unerträglicher Schmerz schlitzte ihn von oben bis unten auf. Sein Herz setzte für einen Schlag aus, und für einen dunklen Augenblick lang hörte er auf zu existieren.

Der Mann durchbohrte Florin mit seinem Blick: dunkles Grün, dunkler als Moos, dunkler als ein giftiger See.

Du bist hier nicht willkommen, dröhnte seine Stimme in Florins Kopf.

Florin zwang sich weiterzuatmen, weiterzuleben. Nimm den Schmerz, nimm bitte den Schmerz weg! Ich tu, was du willst! Tränen liefen ihm heiß über das Gesicht.

Tatsächlich ließ das Gefühl nach, auseinandergerissen zu werden, und der Schmerz ging in ein gelegentliches Stechen über. Florins Herz fing an zu jagen.

Halt dich raus!

Florin versprach es.

Weinend sah er zu, wie Frek sich die Haut aufriss und dabei vor Glück strahlte. Blut tropfte auf den Tisch und versickerte im Ärmel.

Und Frek merkte es nicht.

Er war begeistert: Die scharfe Klinge schnitt, ohne Druck auszuüben, jedes Härchen. Er pustete sich über den Arm und strahlte Meister Argormir an wie das Kind seinen Vater.

Sorgsam legte Frek das Messer auf das blutbefleckte Seidentuch zurück. Sofort verdüsterte sich sein Blick. »Ich werde es mir nicht leisten können.« Hoffnungsvoll schaute er zu Florin auf, in dessen tränenüberströmtes Gesicht. »Mein Freund leiht mir seine Silberlinge.«

Meister Argormir lächelte spöttisch, musterte Florin mit einem Blick, der ungefragt in seinen Gedanken wühlte. »Drei? Die kann dein Freund getrost stecken lassen.«

»Zusammen haben wir sechs!«, rief Frek.

»Zu wenig!«

»Wie viel verlangt Ihr? Sagt es! Draußen warten noch zwei Freunde auf mich. Sie werden mir ihr Geld leihen.«

Meister Argormir schüttelte den Kopf und hob ablehnend die Hand. »Zu wenig, mein Freund.«

Freks Gesicht wurde blass. »Bitte, nehmt, was wir haben! Wenn ich das nächste Mal in Thoran bin, werde ich meine Schulden begleichen.«

Meister Argormir lachte schallend auf. »Darauf lasse ich mich nicht ein.«

Freks Brust hob und senkte sich. Sehnsüchtig schaute er auf das Messer. »Es ist für mich geschaffen!«, keuchte er. »Es kann nicht sein, dass es morgen ein anderer kauft!«

»Tja, da ist guter Rat teuer, mein Freund«, seufzte Argormir und fuhr sich mit dem Daumennagel über das Kinn. Er erhob sich, nachdenklich schritt er auf und ab.

Frek verfolgte jeden Schritt, seine Hände lagen zu blutigen Fäusten geballt im Schoß.

»Ich werde meinen Gehilfen fragen.« Meister Argormir blieb stehen und verschränkte die Arme, wobei Florin das tückische Grinsen ganz und gar nicht gefiel. »Du musst wissen, es ist sein Messer. Vielleicht macht er bei dir eine Ausnahme.«

Frek riss jubelnd die Arme hoch.

Meister Argormir schob den schwarzen Vorhang beiseite, zwinkerte Frek zu und verschwand mit einem Summen auf den Lippen in dem schwach erleuchteten Gang.

Florins Kiefer knackten bei dem Versuch zu rufen. Frek sah ihn nicht einmal an, starrte wie betäubt auf die verschwommenen Umrisse der Tür.

Erschöpft senkte Florin die Lider, das Einzige, was er noch bewegen konnte. Er hatte keine Tränen mehr. Seine Gedanken schweiften zu Orwin und Pereg, die längst wieder am Brunnen saßen und sich fragten, wo sie blieben.

Vielleicht warteten die beiden mit Elfrun am Stadttor und beteten zu Han, dass Fulko und Derk sie fanden. Aber es würde zu spät sein. Wieso hatte Florin nicht die Klinke niedergedrückt und war geflohen? Frek war schon zu dem Zeitpunkt verloren gewesen, als er auf die Idee gekommen war, einen Abstecher in diese Gasse zu wagen. Florin hatte ihn nicht retten können und würde nun mit ihm zugrunde gehen.

Der Vorhang schob sich beiseite, Florin spürte einen kalten Luftzug auf seinen feuchten Wangen, der aus der Tiefe der Erde zu kommen schien.

»Sieh ihn dir an, Zarur. Ich glaube, er ist was für dich«, sagte Meister Argormir.

»Das freut mich, Meister«, antwortete ihm eine raue Stimme.

Zu Florins Erstaunen folgte ein hochgewachsener Herr dem Meister in den Raum. Er trug einen schwarzen Umhang von seidenem Glanz und Handschuhe aus feinstem Leder. An seiner linken Hand glitzerte ein Saphir.

Meister Argormir forderte Zarur auf, sich Frek gegenüberzusetzen. Er selbst blieb mit verschränkten Armen hinter seinem Gehilfen stehen.

Florin war, als saugte Zarur mit jedem Atemzug die Wärme aus dem Raum. Zarurs Gesicht war so farblos, dass Florin glaubte, hindurchfassen zu können. Als Florin ihm in die Augen sah, schienen ihn zwei tiefschwarze, dunkle Löcher auszusaugen. Sofort wandte er den Blick ab, ihm war, als hätte er sich verletzt.

Was da vor Frek saß, war gewiss kein Mensch. Nichts, was lebte. Zwar atmete es Luft, würde jedoch nie ersticken, hielte man ihm Mund und Nase zu. Vielmehr schien es Florin, dass es roch. Dass es einsaugte, was Frek und Florin ausmachte.

Warum spürte Frek nichts?

Frek hatte unterwürfig seine Hände in den Schoß gelegt und sah erwartungsvoll zu Zarur auf.

Florin kämpfte, zwang seine Finger, sich zu krümmen. Seine Muskeln schmerzten, als stemmte er einen Berg. Ein Zittern lief durch seinen Körper, in dem wie bei einem gehetzten Tier die Kraft zu Ende ging.

Trotzdem versuchte er es wieder und immer wieder. Er lehnte sich gegen den massigen Berg auf, obwohl er wusste, wie sinnlos es war.

Zarur faltete die Hände. »Was, glaubst du, ist das Messer wert?«, fragte er mit einer Stimme, in der kein Leben zu sein schien, obwohl sie freundlich klang.

Frek fuhr sich verlegen durch das Haar. »Oh … es ist wertvoll«, lächelte er gequält. »Wenn ich ehrlich bin, würde ich es nicht unter zwanzig Silberlinge hergeben.«

Die schwarzen Löcher in Zarurs Gesicht ruhten auf Frek. Aus den Augenwinkeln heraus sah Florin, wie sich Frek in ihnen spiegelte, als säße er darin gefangen.

Er zwinkert nicht, fuhr es Florin durch den Kopf.

»Hör zu«, sagte Zarur nach einer Weile, »du gibst mir deine drei Silberlinge, und für den Rest tust du mir einen Gefallen.«

Freks Augen wurden groß. »Das ist alles? Drei Silberlinge?«

»Du hast den Gefallen vergessen, mein Freund«, warf Meister Argormir ein und legte seine Hände auf Zarurs Schultern. »Was meinst du, Zarur? Zu was ist der junge Mann fähig?«

Zarur drehte sich zu seinem Meister um und blickte ihn an. »Er will ein Messer. Also lassen wir ihn schneiden.«

Argormirs Augen blitzten. »Schön, schön.« Er trat an den Tisch, beugte sich vor, sodass er mit Frek auf einer Augenhöhe war.

Frek schaute ihn begierig an, bereit, alles zu tun, was man von ihm verlangte.

»Das Milchgesicht hat dich und deinen Vater gedemütigt«, begann Meister Argormir. »Du kannst dir denken, dass er nicht nur euch beleidigt und beraubt hat. Auch ich habe eine kleine Rechnung mit ihm offen. Ich finde, er ist eine Schande für Thoran und hat Strafe verdient.«

Mit kalter Miene schob Meister Argormir Frek das Messer zu.

Gierig streckte Frek seine Hände danach aus. Endlich war er am Ziel seiner Sehnsüchte. Er schien nicht begriffen zu haben, was Meister Argormir soeben angedeutet hatte. Entrückt starrte er auf das rostige Ding in seiner blutverschmierten Hand. Seine Zunge fuhr erregt über die Lippen und Speichel klebte in den Mundwinkeln.

»Wenn ihr Thoran verlasst«, fuhr Meister Argormir ungerührt fort, »wird das Milchgesicht seinem Diener befohlen haben, ihm das Pferd zu satteln.« Meister Argormir lachte leise. »Du wirst sehr wütend werden, wenn du den Sattel deines Vaters auf seinem Pferd siehst.«

»Das werde ich«, flüsterte Frek mit einem irren Grinsen im Gesicht.

»Du schleichst dich hin und durchschneidest den Gurt so knapp, dass er bei einem schnellen Ritt reißt.«

»Ja«, keuchte Frek inbrünstig und schloss die Hand fester um den Griff.

Um Argormirs Mundwinkel zuckte es, als er einen Blick auf das rostige Ding warf. »Kann sein, dass du etwas Kraft aufwenden musst … tja, aber das wird schon. Wo ein Wille ist, ist bekanntlich auch ein Weg.«

Zarur erhob sich. Er schritt um den Tisch herum, blieb wie eine schwarze, kalte Wand vor Frek stehen und hielt ihm die Hand hin. »Besiegeln wir das mit einem Handschlag.«

Frek blickte von seinem Messer auf, nicht mehr er selbst.

Tu es nicht! Frek, Frek!

Er konnte Florins Flehen nicht hören.

Gib ihm nicht deine Hand! Berühr ihn nicht!

Wenn selbst Zarurs Blick in der Seele schmerzte, so würde ein Handschlag sie gewiss auslöschen! Frek wäre ihm für immer verfallen.

Und wenn er mit Frek fertig wäre, würde er sich Florin holen.

Florin bebte, dachte mit aller Kraft daran, dass es ihm in der Gasse schon einmal gelungen war, den Klumpen aus seinem Hals zu drücken, der ihn am Schreien gehindert hatte. Flammender Zorn erwachte in ihm und vertrieb die Angst.

Ihm war, als hörte er ein Bersten entlang seiner Wirbelsäule. Mit einem einzigen Knacken ergoss sich ein gewaltiger Schmerz in die Muskeln, und ein unkontrolliertes Zucken riss ihn von den Beinen. Etwas, das ihn festgehalten und gelähmt hatte wie Spinnengift, drängte mit Gewalt durch seinen Hals und entwich aus seinem Körper. Schlagartig ließ der Schmerz nach.

»Er hat sich befreit!«, schrie Meister Argormir fassungslos. »Zäh wie ein alter Schuh, ich glaube es nicht!«

Geistesgegenwärtig wälzte sich Florin zur Seite, bekam einen Schädel zwischen den Augenhöhlen zu packen und schleuderte ihn gegen Meister Argormir, der bei dem Versuch, auszuweichen, das Gleichgewicht verlor und stürzte. Eine wurmstichige Truhe gab unter dem Gewicht seines Körpers nach und zersplitterte mit einem lauten Krachen.

»Halt den Wahnsinnsknaben auf! Ich brauche ihn!«, schrie er.

Zarur stürzte auf Florin zu, sein Umhang blähte sich auf und war plötzlich über ihm wie die Flügel eines riesigen, schwarzen Vogels.

Florin warf sich herum und wich im letzten Moment Zarurs Händen aus. Ungeachtet seiner schmerzenden Hüfte kam er auf die Beine.

»Raus hier!«, brüllte Florin und riss Frek, der teilnahmslos auf sein Messer starrte, von seinem Hocker.

Frek zeterte los und fuchtelte mit dem Messer herum. Doch Florins Arm klemmte wie Eisen um seinem Hals, sodass ihm nichts anderes übrig blieb, als sich von ihm zur Tür zerren zu lassen.

Zarur setzte ihnen fluchend nach. Erschreckend schnell war er hinter ihnen.

Ein Schmerz, als ziehe es Florin das Mark aus den Knochen, drohte ihn wieder zu lähmen. Er befahl seinen Beinen, weiterzugehen und nicht auf den fremden Willen zu hören, der sich in seine Gedanken bohrte.

Nur noch wenige Schritte und er hätte die Türklinke in der Hand.

Doch die dunklen, leeren Augen waren schon zu nah, es war zu spät, die Klinke niederzudrücken und die Tür aufzureißen. Ein Hauch, kalt wie Raureif, legte sich auf seine Haut.

Gleich würde Zarur sie anfassen. Gleich waren sie für immer verloren.

Mit dem Mut der Verzweiflung ließ sich Florin fallen.

Entgegen seinen Erwartungen prallte er nicht gegen das Holz: Ein mächtiger Sog riss ihn und Frek durch eine dunkle Wand und spie sie auf die Gasse zurück.

Bevor Florin die Sinne schwanden, hallte Meister Argormirs spöttische Stimme zwischen bunten Flecken. »Beeindruckend! Das hat noch keiner vor dir geschafft! Dafür lass ich dich doch glatt laufen!«

Florin stellte fest, dass er auf der Straße lag und in den Himmel schaute, in den unerreichbaren blauen Streifen. Neben ihm kniete Frek und heulte. Er hielt die blutige Hand vom Körper weg, mit seiner gesunden versuchte er, Florin zum Sitzen zu bewegen. Bei dem Versuch, sich mit den Ellenbogen abzustützen, knackte es in seinen Gelenken, doch Florin schaffte es.

Schritte hallten von den Wänden. Er war noch zu benommen, um den Kopf zu drehen. Erregte Stimmen kamen näher und waren bald über ihm.

Frek hob den Kopf und streckte seine gesunde Hand aus. Mit einem erstickten Schrei zerrte Fulko ihn gegen die Wand und presste sein Gesicht zwischen die Hände.

Frek erstickte fast an seinem Rotz, und Fulko wollte nicht glauben, was er stammelte.

Florin versuchte vergeblich aufzustehen, seine Beine zitterten.

Derk setzte ihn auf und stützte seinen Rücken. »Ist das wahr?«, drang er auf ihn ein.

Florin versuchte zu sprechen, doch in seinem Kopf steckte ein unbrauchbarer Schwamm, in dem sich als einzige lebendige Erinnerung zwei schwarze Augen eingebrannt hatten. »Der tote Schatten«, stöhnte er. Trotz seines Zustandes wurde ihm bewusst, dass ihm diese Worte zum ersten Mal über die Lippen gekommen waren.

Fulko fuhr herum. Sein Gesicht wurde weiß wie Milch.

Florin spürte noch, wie Vater seine Arme unter ihn schob und ihn hoch hob, bevor er wieder hinter einer Wand aus Nebel verschwand.

Kapitel 9

Ihre Augen leuchteten verräterisch hinter dem dichten Laubwerk. Das Rufen eines Steinkauzes verlor sich in den Baumwipfeln, als ahnte der Nachtvogel die kommende Gefahr.

Schon eine ganze Weile folgten die Ji’harbis den beiden suspekten Gestalten, die immer tiefer in ihren Wald drangen.

Mit Reisenden, die bei Anbruch der Nacht ihre Wege kreuzten, kannten sie keine Gnade. Die Gefahr, dass Verirrte über ihre Lager stolperten, war zwar gering, aber ein aufgespießter Kopf als Warnung für die anderen Flachzähne sorgte für den nötigen Respekt. Menschen waren vergesslich. Sie mussten immer wieder daran erinnert werden, dass das Volk der Ji’harbis sich nicht mehr vor Menschen versteckte. Diese Zeiten waren endgültig vorbei.

Der Wald war ihr Reich, und Menschen wurden nur in den vereinbarten Gebieten akzeptiert. Tagsüber.

Die beiden Fremden jedoch scherten sich nicht im Geringsten um ihre Regeln und zeigten keine Anzeichen von Angst.

Der eine führte einen Maulesel an einem Seil, der mit zwei schweren Körben beladen war. Rote, samtene Tücher verbargen den Inhalt vor ihren neugierigen Blicken. Der Kerl sang laut und falsch. Es schmerzte in den Ohren und das Wild nahm Reißaus. Heute Nacht würden sie lange Wege auf sich nehmen müssen, um zu jagen. Nicht wenige von ihnen glaubten, dass er es mit Absicht tat. Hinzu kam, dass er wie ein Schamane im Kreis tanzte. Er trug aus Leder- und Stoffresten zusammengenähte Beinkleider, die genauso befremdlich waren wie das stachelige Igelbalg auf seinem Kopf.

Die Jäger fühlten sich provoziert und spannten ihre Bögen. Doch jedes Mal, wenn sie ihn anvisierten, kamen ihnen Zweifel. Der Mann sah nicht aus wie ein Mensch. Seine Nase war flach wie die ihre, und seine Augen waren von einem begehrten Grün, das vereinzelt bei den Sippen der Olfta’har in den Ithlaner Bergen zu finden war. Aber riss er sein Maul auf, um lautstark den Refrain in den Wald zu schmettern, sahen sie breite, hässliche Menschenzähne.

Vielleicht hatte er sie geschliffen?

Dann war es ein Verrückter. Oder das Ergebnis einer Schande: ein Bastard. Meist gezeugt von einem stinkenden Waldmenschen und einer ausgestoßenen Ji’harbi-Hure. Dreck, der in ihrem Wald noch weniger verloren hatte als ein Mensch. Doch niemand von ihnen hatte je von einem Bastard gehört, der sich die Zähne geschliffen hatte.

Der beste Schütze aus ihrer Sippe hatte dem Treiben lange genug zugesehen und spannte den Bogen. Wer oder was der Kerl auch war, er hatte das Wild vertrieben und verdiente allein aus diesem Grund zu sterben.

Er zielte auf die Brust und schoss. Doch der Pfeil verfehlte sein Ziel wie der eines Anfängers. Der Kerl hatte ihn nicht einmal bemerkt. Fluchend griff der Schütze noch einmal in seinen Köcher, zielte.

Genau in dem Moment, als er die Sehne loslassen wollte, riss sie und peitschte ihm quer über die Wange.

Das war Magie!

Winselnd wichen sie zurück.

Der andere Mann ritt schweigend auf einem hohen Pferd und ertrug den grässlichen Gesang seines Dieners. Es musste ein vermögender Herr sein, denn sein Reiseumhang war aus feinstem, schwarzem Stoff, an seinen behandschuhten Händen glänzte ein Saphir.

Es würde sich lohnen, ihn zu überfallen, doch keiner von ihnen wagte mehr, einen Bogen zu spannen. Wenn selbst sein Diener unverwundbar war, wie groß war dann die Macht seines Herrn? Er könnte sie fürchterlich bestrafen.

Sie fletschten verängstigt die Zähne und knurrten. Schon waren sie dabei auszulosen, wer sich ihnen in den Weg stellte, denn nicht weit entfernt lag das Revier der Frauen. Wahrscheinlich hatten die Späherinnen längst die Eindringlinge bemerkt. Gab es viel Nachwuchs, waren sie besonders scharf. Selbst die Jäger wagten es nicht, sich unbedacht ihren Frauen zu nähern. Doch gegen die Magie eines mächtigen Zauberers waren die Pfeile der Späherinnen morsche Stöcke und ihre Zähne unbrauchbar wie die von Menschenkindern. Sie mussten ihren Frauen beistehen und ihre Kinder schützen.

Einer der Auserwählten sträubte sich. Der Blick der tiefschwarzen Augen des edlen Herrn tat ihm weh. Er fürchtete, zu einem Haufen Asche verbrannt zu werden, sähe er ihn an. Er winselte und jaulte unter den Fausthieben seiner Verwandten, die Feigheit nicht duldeten. Als er mit gebrochener Nase auf dem Boden lag, ließen sie verächtlich von ihm ab. Kein Wort würden sie mehr mit ihm reden.

Das verrückte Halbblut, oder was immer der Kerl war, hatte aufgehört zu singen und blieb auf dem Weg stehen.

Irritiert duckten sie sich tiefer ins Unterholz und beobachteten ihn aus schmalen Augen.

Der Kerl stemmte seine Hände in die Seiten und blickte sich suchend um.

»Juhu! Gibt’s bei euch so was wie einen Häuptling?«, rief er akzentfrei in ihrer Sprache, was sie selten erlebten.

Mit einer knappen Kopfbewegung wurden die Auserwählten aufgefordert, sich zu zeigen.

Kurz entschlossen drängte sich ihr bester Schütze vor und gab den anderen zu verstehen, dass er die Angelegenheit alleine regelte. Ein langer blutiger Striemen zog sich quer über sein Gesicht. Das und den kaputten Bogen würde er dem Kerl niemals verzeihen.

Er brach durchs Unterholz und sprang auf den Weg. Breitbeinig, geduckt wie ein angriffslustiger Wolf, blickte er dem Fremden in die Augen. »Was bist du?«, grollte er.

Der Fremde legte den Kopf schräg, grinste ihn mit seinen hässlichen Flachzähnen herausfordernd an. »Sag’s du mir. Sagst du es richtig, schenk ich dir einen Bogen, sagst du es falsch, führst du mich zu deinem Häuptling.«

Der Bogenschütze wich knurrend zurück. »Ich pfeif auf deinen Bogen, kann mir selbst einen besseren bauen. Zu unseren Lagern führe ich dich nicht!«

»Och!«, maulte der Kerl enttäuscht und drehte sich zu seinem Herrn um. »Ich glaube, hier werden wir keinen Erfolg haben. Die Ji’harbis wollen unsere schönen Sachen nicht sehen. Sie haben schon alles. Die sind schlimmer als Menschen.«

Den Bogenschützen stach die Wut. »Was willst du von uns?«, schrie er.

»Ah, die Frage gefällt mir schon besser!«, freute sich der Fremde. Er hüpfte um den Esel herum, zerrte das rote Tuch von beiden Körben und warf es dem Bogenschützen zu. »Hier, eine kleine Aufmerksamkeit unseres Hauses. Schenk es deiner Liebsten. Du hast doch eine Liebste, oder nicht?«, zwinkerte er ihm zu.

Der Bogenschütze nickte verdutzt und roch an dem weichen Tuch.

Seine Verwandten hinter der schützenden Hecke reckten neugierig die Köpfe, um zu sehen, was der Fremde auf dem Rücken des Esels mit sich führte.

Ihre Blicke wurden weich, ihre Herzen schlugen schneller. In den Körben lag die Erfüllung ihrer Sehnsüchte. Alle Vorsicht vergessend krochen sie aus ihrem Versteck, und sogleich quälte sie der furchtbare Gedanke, was sie wohl dem Fremden bieten könnten, damit er ihnen gab, was sie begehrten. Außer Fellen, Leder und Dörrfleisch besaßen sie wenig Wertvolles, was sie veräußern konnten. Aber wenn der Fremde so großzügig war und ein wertvolles Tuch verschenkte, ließe er vielleicht mit sich handeln.

Mit wachsendem Entsetzen beobachtete der Ji’harbi mit der gebrochenen Nase, wie seine Verwandten den rostigen, kaputten Schund begrapschten, den der Fremde auf den Weg gekippt hatte. Ihre Augen glänzten wie im Fieber.

Eine unsichtbare Hand presste ihm das Herz zusammen, als der edle Herr von seinem Pferd stieg und mit einem Handschlag den Handel besiegelte.

Als der Ji’harbi erkannte, was ihnen die Hand schüttelte, presste er seine Hände auf den Mund, um nicht zu schreien, und floh in den Wald.

Prolog

Seine Tarnung war perfekt. Kein Wesen im Land Hayathran ahnte, wer der aus dem Fundament der Wasserfallstadt Thoran entkommene Seelenfresser war.

Zeit spielte für ihn keine Rolle. Längst waren die Wolfselben in seine Falle getappt und hatten ihm gebracht, was er begehrte – ohne es zu ahnen. 

Sah sein Meister nicht hin, verlor sich der Blick seiner leeren Augen in Richtung der Wälder und Hügel. Nicht mehr lange und der Tag würde kommen.

Die Jagd hatte begonnen. 

Kapitel 1

»Komm zu mir, Waldwind!«, flüsterte Hurim und streckte seine Hand unter der Decke hervor.

Die Wölfin, die neben Hurims Bett lag, spitzte die Ohren und stieß ein Winseln aus. Sie hob den Kopf und leckte dem Prinzen die Hand.

Hurim drehte sich auf die Seite und fuhr über ihr graues Fell. »Die Sonne ist am Untergehen. Lass uns aus dieser Enge verschwinden.«

Waldwind blinzelte ihn aus ihren bernsteinfarbenen Augen an. Spielerisch schnappte sie nach Hurims Hand.

›Ich spüre so viel Trauer in dir. Wirst du nie mehr lachen?‹, hörte Prinz Hurim Waldwinds helle Stimme in seinen Gedanken.

Hurim seufzte. »Ich ertrage diese Stille nicht mehr. In diesen Gängen riecht es nach Tod.«

Waldwind legte ihre Vorderpfoten auf die Bettkante und steckte ihre Schnauze in Hurims langes, weißes Haar. ›Du musst Erleas Tod überwinden. Sie hätte nie gewollt, dass du dich gehen lässt‹, mahnte sie.

»Mit Erlea ist ein Stück von mir gestorben«, erwiderte Hurim matt.

Die Wölfin sprang winselnd zur Tür und drängte nach draußen. ›Du brauchst frische Luft. Du musst dich bewegen! Das bringt dich auf andere Gedanken.‹ Sie rannte in langen Sätzen den Gang entlang.

Hurim kroch aus dem Bett. Seine Haut zog sich zusammen, und er schlüpfte in das Hemd und in die Beinkleider.

Seit seine Frau von einem Fieber dahingerafft worden war, hatte er das Gefühl, eine Gipsmaske zu tragen. Mit zwei Löchern für die Augen und einem zum Atmen. Aber ohne Mund.

Waldwind heulte ungeduldig in den Gängen.

Hurim schloss die Tür hinter sich, schlich durch die Flure und vermied jedes Geräusch. Er war ein Fremder, der in den Gängen der heiligen Erdmutter nichts zu suchen hatte. Manchmal quälte ihn die Angst, die Erdmutter würde ihm die Sinne rauben und ihn tief in ihren Bauch locken, von wo er ohne Hilfe nie mehr an die Oberfläche fände. Seine Heimat war seit Erleas Tod zu einem Konstrukt aus einsamen Höhlen verkommen: viel zu groß für die wenigen Hundert ihrer Art. Alles, was er berührte, stieß ihn ab. Stimmen, die stets wie ein Rauschen über die Wände krochen, verloren sich im Nichts. Um der quälenden Grübelei zu entkommen, hatte er versucht, in der hohen Halle der Erdmutter nahe zu sein.

Doch sie hatte ihn vergessen.

Über die rauschende Klamm führte eine Brücke. Waldwind war mit wenigen Sätzen den steilen Abhang hinuntergejagt und im Wald verschwunden.

Hurim lauschte dem verlockenden Heulen der Wölfe in der Ferne und er lächelte wohlwollend. »Deshalb hattest du es so eilig, Waldwind.«

Er wusste, dass es keinen Zweck hatte, ihr zu folgen.

Ihm knurrte der Magen, aber er hatte keinen Appetit. Er überlegte, umzukehren, da er ohne seine Wölfin keinen Sinn sah, sich draußen herumzutreiben. Doch in seinem Gemach warteten nur die Gedanken an Erlea.

Um nicht untätig herumzustehen, erklomm er einen steilen Pfad und erreichte die Lichtung auf dem Hügel.

Mondlicht legte sich wie helles Gold über den Wald. Der kühle Nachtwind rauschte in den Blättern. Ein Dunstband verriet den Lauf des Korothá, der sich gen Westen verlor. Irgendwo hinter dem Horizont lag Thoran. Er wusste nicht genau wo und wollte es auch gar nicht wissen. Von dort kamen die kalten Winde. Selbst in einer lauen Nacht wie dieser streifte ihn ein eisiger Hauch, wenn er an Erlea dachte.

Schmerzlich berührt schlug Hurim die Augen nieder. Erlea hatte oft hier gestanden. Selbst als sie erwachsen war, schlich sie sich hierher, als hoffte sie, die Stimme ihrer Mutter da draußen zu hören. Folgte er ihr, schickte sie ihn weg. So hatte der Kummer viel Zeit, sich in ihre Seele zu fressen.

Vater hätte die Wahl gehabt: Er hätte das Orakel nicht befragen müssen. Da er es jedoch getan hatte, blieb ihm nichts anderes übrig, als dem Orakel zu gehorchen und seine eigene Schwester, Erleas Mutter, nach Thoran zu schicken. Sie stand kurz vor der Niederkunft und eine Reise war viel zu beschwerlich.

Damals reichte Hurim seiner Muhme Jerelin nicht mal bis an die Schultern. Es ziemte sich für einen Wolfszögling nicht, erst recht nicht für den Prinzen, den Blick in seine Muhme zu bohren. Dennoch schaute er zu Jerelin auf, und Tränen brannten auf seinen Wangen: Sie ahnte, sie würde sterben. Er zog an ihrem Ärmel, bis sie auf ihn herabschaute und ihn an sich drückte. Die Hand, die sie auf sein Gesicht legte, damit sein Erzieher Gorim nicht die Tränen sah, schmeckte nach dem Salz ihrer Haut.

Der Fluch des Magiers hallte von den bizarren, lamellenartigen Kalkgebilden an der Höhlendecke wider, drang im Namen der Erdmutter und ihrer Geister in jede Ritze und vergiftete die Seele von Erleas Bruder oder Schwester.

Der Magier sah das anders. Er sprach vom Licht der Erdmutter, das den Dämon verbrennen würde. Nicht von Gift.

Damals war er ein siebenjähriger Wolfszögling. Er fragte seine Muhme Jerelin, ob das Baby in ihrem Bauch durch das Gift jetzt schwarz wäre. Und warum der Dämon seine Seele essen sollte.

Hoffentlich hatte sie ihm verziehen.

Hurim schaute in das Gesicht des Mondes. Die Menschen empfanden sein Licht als kalt, wohingegen sie das Licht der Sonne, der heißblütigen Schwester des Mondes, das die Haut verbrannte und wie mit Nadelstichen die Augen zerstörte, verehrten. Sie fürchteten die Dunkelheit mit allem, was darin lebte.

Wahrscheinlich würde er nie erfahren, was seiner Muhme und all jenen, die sie begleitet hatten, zugestoßen war.

Kapitel 2

Schon von Weitem verriet ihm sein feines Gehör Waldwinds Hecheln. Dass sie jetzt schon zurückkehrte, wunderte ihn. Normalerweise blieb sie die halbe Nacht unter den Wölfen.

Mit angelegten Ohren schoss sie auf ihn zu. ›Komm sofort mit!‹, kläffte sie. In engen Kreisen sprang sie um ihn herum und schnappte nach ihm.

»Was ist los?« Verärgert versuchte er ihren Schwanz zu fassen, doch er war zu langsam.

›Er kann sich nicht mehr lange festhalten. Zoas’ Wölfe werden ihn töten!‹

»Wen?«

›Frag nicht so dumm! Komm!‹ Mit gesträubten Nackenhaaren sprang sie davon.

Hurim stieß ein Knurren aus. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als ihr zu folgen.

Das Kläffen von Zoas’ Horde hallte in dem Kiefernwald wider. Kaum hatte Hurim den Pfad verlassen, schmeckte er die Angst, die ihm der Wind zutrug. Er blieb einen Augenblick überrascht stehen, seine Nasenflügel blähten sich. Für diesen Geruch, eine Zwischenweltchimäre aus Wolfselben- und Menschenhaut, gab es im Verstand eines Wölflings keinen Platz. Man erkannte ihn einfach, wenn er in der Luft hing. Es haftete nichts Ekelerregendes an ihm, vielleicht, weil er unbegreiflich war, dennoch beunruhigte er ihn.

Hurim beschleunigte seine Schritte. Wenn er sich nicht beeilte, würde er nie erfahren, was dieses Wesen – halb Wolfselb, halb Mensch – fernab seiner Reviere hier verloren hatte.

Der winselnde Ji’harbi klemmte am Stamm einer Kiefer, während drei schwarze Wölfe unablässig hoch sprangen und nach Gesäß und Beinen schnappten. Waldwind rannte um sie herum und beschimpfte sie vergeblich.

Die Mordlust in den Augen der drei gefiel Hurim nicht. »Verschwindet!«, donnerte seine Stimme über sie hinweg.

Sie warfen ihre Köpfe herum, als hätte sein Auftauchen sie überrascht. Mit angelegten Ohren schlichen Zoas’ Wölfe noch einmal um den Stamm herum, ehe sie mit dem Treiben aufhörten.

›Seid gegrüßt, Prinz Hurim.‹ Ihr Anführer kroch mit eingezogenem Schwanz auf ihn zu. Doch sein Blick, mit dem er es wagte, Hurim zu fixieren, verriet, dass er ihm nur gehorchte, weil sein Oberwolf, Zoas, im Rang unter Hurim stand.

Hurim machte eine scheuchende Bewegung, ehe ihn die Wut übermannte.

Der Anführer wandte sich ab; lautlos verschwand er mit seinen Wölfen im Wald.

Am liebsten hätte Hurim ihnen hinterher gespuckt. Doch der Wald hatte Augen, und Zoas’ Worte schmeckten Hurims Vater süßer als Honig.

Waldwind zögerte nicht lange: In der Absicht, den Ji’harbi zum Abstieg zu ermuntern, kratzte sie an der Rinde und stieß ein kurzes, raues Bellen aus. ›Na los! Komm runter!‹

Hurim fuhr sich über das Gesicht und grinste. Seine Wölfin meinte es gut, aber in ihrem Übermut vergaß sie, dass der Ji’harbi die Sprache der Wölfe nicht verstand. »Er hat Angst vor dir, Waldwind. Geh weg!«

›Aber warum? Ich habe ihn verteidigt.‹

»Wegen dir wird er einen Muskelkrampf kriegen. Siehst du nicht, wie er zittert? Jetzt geh schon!«

Mit gesenkter Rute schlich sie ein letztes Mal um den Stamm herum und tat so, als hätte sie eine Fährte entdeckt. Sie verschwand hinter den Bäumen, schlich jedoch schnell wieder zurück und legte sich weitab der Kiefer neben einen Stein.

Der Ji’harbi stöhnte auf. Seine Beine gehorchten ihm nicht mehr und sackten unaufhaltsam nach unten. Die Sehnen der Oberarme spannten sich, sodass Hurim befürchtete, es würde den Bedauernswerten gleich auseinanderreißen.

Rinde brach, splitterte ab.

Hurim drehte den Kopf zur Seite und hielt die Luft an. Einen Augenblick später hörte er den dumpfen Aufprall.

Waldwind reckte den Kopf, nur Hurims energisch erhobene Hand hinderte sie daran aufzuspringen und den verängstigten Ji’harbi womöglich abzulecken.

Der Ji’harbi rollte sich stöhnend auf, Nadeln rieselten von seinem Rücken. Mit schmerzverzerrtem Gesicht drehte er seine blutenden Handflächen nach oben und fluchte leise vor sich hin.

»Du hast Glück gehabt.«

»Das wird sich noch zeigen!«, fuhr ihn der Ji’harbi an.

Hurim hatte ihn problemlos verstanden, da die Ji’harbis sich die Sprache der Wolfselben trotz menschlicher Einflüsse bewahrt hatten. Dem Dialekt nach zu schließen, saß ein Maras’har vor ihm auf dem Waldboden, ein Angehöriger eines Ji’harbi-Stammes, der sich zu Thorans Leidwesen hartnäckig in den Wäldern hielt und auf seine Anrechte pochte.

Hurim verschränkte die Arme und musterte ihn. Ein Maras’har hatte sich schon lange nicht mehr in das Hoheitsgebiet der Wolfselben verirrt. Und dieser sah aus, als wären Zoas’ Wölfe nicht die Einzigen gewesen, die es auf ihn abgesehen hatten. Sein Lederhemd bestand nur noch aus Fetzen. In seinen Haaren hatte sich neben Kletten alles verfangen, was im Waldboden verrottete. Seine Zöpfe hatten sich gelöst, das mit Mäuseschädeln verzierte Stirnband hatte sich in seinen Haaren verheddert. So sah einer aus, der schon lange unterwegs war. Der sich auf der Flucht befand. Ein Ausgestoßener? Einer, der hätte sterben sollen? Dem blau-violetten Abdruck am Hals und dem schiefen Nasenrücken nach war er misshandelt worden.

Aus Thoran kam nichts Gutes. Die Winde trugen den Atem böser Geister – ein Gedanke, der Hurim noch nie gekommen war. Seine Nasenflügel bebten.

»Was treibt du in dieser Gegend?«, fragte er den Ji’harbi schärfer als beabsichtigt.

Der Ji’harbi riss erschreckt die Augen auf, seine Blicke zuckten zwischen der Wölfin und Hurim hin und her. »Was wird das hier?«

»Nichts. Beantworte mir meine Frage und dann geh, wohin du willst.«

»Wie großzügig ... Vetter.«

Fast wäre Hurim zusammengezuckt – noch nie hatte ein Ji’harbi gewagt, ihn so anzusprechen. Hurim ließ sich nichts anmerken und kämpfte den aufflammenden Zorn nieder.

Der Ji’harbi grinste spöttisch. »Ihr seid über alles erhaben, was? Wenn euch was nicht passt, verkriecht ihr euch einfach unter der Erde. Den Dreck lasst ihr schön draußen.«

»Du strapazierst meine Geduld.«

»So? Die wird in Zukunft noch weit mehr strapaziert werden!«, wetterte der Ji’harbi. »Sieh mich an!«. Er zerrte den Lumpen, der einmal sein Hemd gewesen war, über seine mit blauen Flecken übersäte Schulter. »Das hier habe ich meiner eigenen Feigheit zu verdanken. Aber dafür bin ich der Einzige, den euer Seelenfresser nicht erwischt hat.«

»Seelenfresser? Was faselst du da?« Hurims Atem ging schneller.

Der Ji’harbi kam erstaunlich flink auf die Beine. Mit einem Blitzen in den Augen schritt er auf Hurim zu und baute sich vor ihm auf. »Ich lüge nicht! Bring mich zu jemanden, der hier was zu sagen hat.«

Mit einem Gefühl der Unwirklichkeit starrte Hurim auf den schmutzig-grauen Hund hinab, der aus einem finsteren Traum gesprungen zu sein schien. Seelenfresser. Das schwarze Baby im Bauch seiner Muhme. Der Seelenfresser wollte es haben. Unwillkürlich berührte er seine Wange, da, wo er die Bewegungen des Ungeborenen im Leib seiner Muhme gespürt hatte. »Ich bin Akans Sohn. Sprich!« Wie seltsam fremd seine Stimme klang. Als gehörte sie einem anderen.

»Wenn du Akans Sohn bist, bin ich der Oberste von Thoran!«, kläffte der Hund schrill. »Du Spaßvogel findest dich wohl besonders witzig, wie? Dabei weißt du genau, wovon ich rede.«

Hurim schüttelte den Kopf, unfähig, ein Wort über die Lippen zu bringen. Er konnte es dieser abgerissenen Figur nicht einmal übel nehmen, dass sie ihm nicht glaubte.

»Ich habe mich nicht bis hierher durchgeschlagen, um mich von dir abwimmeln zu lassen, Vetter!«, rief der Ji’harbi, der sein Kopfschütteln offensichtlich missverstanden hatte. »Da draußen geschieht eine Menge Mist. Für den seid allein ihr mit eurer verfluchten Magie verantwortlich!«

Waldwind hob den Kopf und stieß ein bedrohliches Knurren aus. ›Deine Beleidigungen gehen zu weit!‹

»Ruhig, Waldwind! Misch dich nicht ein!«, befahl Hurim.

Die Augen der Wölfin funkelten, nur zögerlich legte sie ihren Kopf wieder auf die Vorderläufe.

Der Kehlkopf des Ji’harbi wippte auf und ab. »Der Wolf gehorcht dir aufs Wort, ja?«

»Nur solange er es für richtig hält«, erwiderte Hurim leise. »Jetzt sprich, oder ich jage dich höchstpersönlich den Baum rauf.«

Der schmutzig-graue Hund knurrte, was Hurim nicht im Mindesten beeindruckte. Die Adern an seinem Hals pochten, wodurch er umso ausgemergelter wirkte.

»Wenn du wirklich Akans Sohn bist, dann richte deinem Vater einen lieben Gruß von Xeres aus. Der tanzt mit seinem Seelenfresser durch den Wald und holt uns.« Der Ji’harbi stieß ein heiseres Lachen aus. »Rate mal, warum.«

»Der Kriegsherr ist tot! Nimm seinen Namen nicht in den Mund!«

»Dann ist es eben ein anderer!«, schrie ihn der Ji’harbi an. »Keine Ahnung, wie der Bastard heißt. Interessiert mich nicht. Er hat meine Verwandten verhext. Alle!«

Hurim fuhr sich mit beiden Händen durch das Haar, seine Blicke verloren sich in der Tiefe des Waldes, wohin die Worte, die aus einem längst vergangenen Albtraum stammten, verschwunden waren. Zurück blieb eine unwirkliche Stille.

Der Ji’harbi starrte ihn an. Auf seiner Stirn glänzte feinperliger Schweiß. »Du glaubst mir natürlich nicht.«

Hurim öffnete den Mund, natürlich glaubte er ihm, da er nur ausgesprochen hatte, wovor Hurim sich sein ganzes Leben lang schon gefürchtet hatte, doch er wagte es nicht, die Stille zu durchbrechen. Ein Wort, und die Zeit brachte das Rad endgültig zum Drehen.

Waldwind kam ihm zu Hilfe. Die Wölfin sprang auf; er lauschte ihrer Stimme in seinem Geist. ›Ich sage Zoas Bescheid. Er weiß, wo dein Vater steckt.‹ Ehe er ihr danken konnte, rannte sie davon.

Entsetzt blickte der Ji’harbi ihr hinterher. »Dein Wolf holt doch nicht etwa wieder die anderen? Er ... er hat doch verstanden, was ich gesagt habe? Ich kann nichts dafür.«

Hurim sah das Gesicht seiner Muhme vor sich, klar und deutlich schälte es sich aus seiner Erinnerung heraus. Als wäre es gestern erst gewesen. »Nein, du kannst nichts dafür. Niemand kann etwas dafür ... dazu sind wir zu schwach«, flüsterte er.

Kapitel 3

D ie Luft in der Hohen Halle legte sich kühl auf Hurims Gesicht. Auf dem Boden spiegelte sich das Glitzern unzähliger Kristalle. Wie jedes Mal überfiel ihn das Gefühl, über die hauchdünne Eisschicht eines schwarzen Sees zu schreiten. Nach und nach wurde er von dem dunkelblauen Licht der Lampen geschluckt, die vom Gewölbe schwebten. Kleider und Haut färbten sich grau. Was, wenn der Boden eines Tages nachgibt? Diese Angst begleitete ihn seit Kindheitstagen. Seine Blicke suchten Halt an den Fresken: bei Belrim, dem Ersten aus dem Volk der Nacht, der, seit Hurim denken konnte, den Wölfen seinen Hals darbot und somit ihr Vertrauen erschlich.

Waldwind war längst vor ihm da und schlabberte Wasser aus der eingefassten Quelle. Sie leckte sich über die feuchte Schnauze und begrüßte ihn mit einem Fiepen.

König Akan erhob sich von seinem in den Felsen gehauenen Sitz, der mit dem Fell eines Bären ausgelegt war.

Zoas, der Königswolf, hatte für Hurim nur einen gelangweilten Blick übrig. Er zog die Lefzen hoch und entblößte seine alten Zähne, was er immer tat, wenn sie sich begegneten.

Hurim ignorierte ihn und hob erst den Blick, als sein Vater ihm eine Hand auf die Schulter legte.

»Das Ende der Zeit ist angebrochen«, seufzte König Akan. Sein schlohweißes Haar war zerzaust wie das eines verwirrten Mannes. Seine hagere Gestalt schien Hurim geschrumpft.

Hurim erwiderte nichts und beherrschte seine Gesichtszüge, obwohl es in ihm tobte. Er umarmte Akan, wie es sich dem Vater gegenüber ziemte.

König Akan nahm wieder Platz und wies auf den Stuhl mit der hohen Lehne ihm gegenüber. Hurim strich sich die Kleider glatt und setzte sich. Sofort sprang Waldwind auf und legte ihr Kinn auf sein Knie.

Akan fuhr sich über sein müdes Gesicht. »Der Oberste von Thoran bittet uns um Hilfe«, sagte er leise.

Hurim schloss die Augen und nickte kaum merklich. Sein Gesicht verhärtete sich. Das taten Menschen immer: um Hilfe schreien. Was sollten sie auch sonst tun? Nur einen Tag, nachdem der Ji’harbi die Nachricht überbracht hatte, traf ein berittener Bote aus Thoran ein. Unwahrscheinlich, dass ihre Wege sich gekreuzt hatten. Dazu hassten sie sich zu sehr.

»Und? Was erwartet Thoran von uns?« Hurim konnte nicht verhindern, dass seine Stimme schwankte.

Resigniert stütze Akan sein Kinn auf den Händen ab. »Ein Wunder«, seufzte er. »Aber es wird kein Wunder geben, denn der Schatten lässt sich nicht mehr vergiften. Es ist zu spät. Von nun an ist der Seelenfresser an das Leben des Mannes gebunden, der ihn befreit hat.«

Akans Augen weiteten sich, als lauerte etwas im Dunkeln, das sie beobachtete. »Er nennt sich Meister. Ich glaube kaum, dass wir ihn finden.«

»Wer kann schon beweisen, dass er an das Leben dieses ...«, Hurim stieß ein leises Grollen aus, »Meisters gebunden ist? Wieso bist du dir da so sicher? Dasselbe nahm man auch von den anderen toten Schatten an. Es hieß, mit Xeres’ Tod würden sie vergehen. Trotzdem ist es Xeres gelungen, einen in Thorans Fundamenten zu bannen.«

»Xeres’ Wissen war groß, Hurim. Niemand vermag zu sagen, wie er das fertig gebracht hat. Ich fürchte, unsere Magier stoßen an ihre Grenzen, und es wird uns nichts anderes übrig bleiben, als diesen Menschen oder Mischling zu suchen. «

Hurim massierte seine Schläfen, während er versuchte zu begreifen, was sein Vater ihm einreden wollte. Es grenzte an Banalität, dass das Schicksal von einem Tag auf den anderen vom Ableben eines Mannes abhängen sollte, der nach Aussagen des Ji’harbis kein Mensch war, aber wie einer aussah. Fast hätte er gelacht: Sie brauchten nur zu warten, bis der selbsternannte Meister über seine eigenen Beine stolperte und sich das Genick brach – falls ein Mann, von dem niemand wusste, ob sich unter seinen Kleidern mehr als nur Luft befand, überhaupt existierte. Trotzdem blieb ihm das Lachen im Hals stecken.

»Es muss doch möglich sein, einen einzigen Mann unschädlich zu machen! Wenn das alles sein soll ...«

›Herr Hurim ist wieder einmal herrlich naiv und unbedarft‹, stichelte Akans alter Wolf. ›Akans verhätschelter Sohn glaubt allen Ernstes, ein so mächtiger Magier wie Xeres hätte es zugelassen, dass jeder dahergelaufene Bauerntrottel sich seines Dämons bedient. Das Wissen um die Schatten ist leider nicht verloren gegangen, Herr Hurim, und so wie es aussieht, ist Xeres’ Erbe alles andere als ein Popel fressender Dummkopf. Wenn Herr Hurim meint, schlauer als er zu sein, soll er ihn ruhig suchen gehen. Vielleicht findet er ihn ja in einem Ameisenhaufen, das wäre ein Versteck, auf das nicht jeder gleich kommt.‹ Zoas zog die Lefzen hoch, was aussah wie ein Grinsen.

Waldwind wuffte leise und unterdrückte ein Knurren. Sie hasste den Königswolf. Doch sie hatte ihm Respekt zu erweisen und durfte nicht zu weit gehen – selbst wenn sie nur ausdrückte, was Hurim fühlte.

»Waldwind ...«, mahnte Hurim, als er spürte, wie sich ihr Fell unter seiner Hand sträubte. »Hör nicht auf sein Geschwätz!«

Zoas Gesicht hätte nicht zufriedener aussehen können. ›Lass nur, Hurim. Waldwind hat immer so eine belebende Wirkung auf mich.‹

»Für so etwas bist du zu alt, Zoas!«, entgegnete Hurim trocken.

›Gut pariert, Herr Hurim‹, gab Zoas mit gespielter Gelassenheit zu und legte seinen Kopf, wo an manchen Stellen die Haut durchschimmerte, auf seine Vorderläufe.

Waldwind knurrte, drehte sich einmal im Kreis und verkroch sich unter Hurims Stuhl.

Akan beachtete Waldwind nicht weiter. »So einfach ist es nicht, Hurim.«

»Dieser Ji’harbi hat ihm widerstanden, Vater. Und er dürfte nicht der Einzige sein. Ich glaube nicht, dass der Meister unfehlbar ist. Er spielt mit der Angst.«

Akan schloss für einen Augenblick die Augen. Eine tiefe Falte zog sich quer über seine Stirn. »Ich weiß es nicht, Hurim. Ich hätte vor Jahren auf unsere Magier hören und ihnen meine Zustimmung für einen zweiten Versuch geben sollen.«

›Damit dir das Orakel noch mehr nimmt?‹, jaulte Zoas auf. ›Es hat deine Schwester Jerelin verlangt! Erlea musste elternlos aufwachsen. Nie hat sie erfahren, ob Jerelin einen Bruder oder eine Schwester unter ihrem Herzen trug. Wie hätten die Menschen von dir erwarten können, dass du wieder ein Kind opferst?‹

Hurim ließ den dumpfen Schmerz in seiner Brust über sich ergehen, der ihn wie eine frische Wunde quälte, wenn die Rede auf Erlea kam.

Hurims Wölfin steckte den Kopf zwischen seine Füße und begann, zärtlich am Leder seiner Schuhe zu knabbern. Sie wusste, was er fühlte, dazu bedurfte es keiner Worte.

Wie versteinert saß er auf dem Stuhl, die Hände auf den Knien und wartete vergebens, dass sich seine düsteren Gedanken verflüchtigten. »Was gehen uns die Menschen an? Ich fühle mich nicht für sie verantwortlich«, grollte er verächtlich.

Zoas Augen blitzten. ›Ach, unser Herr Hurim weiß offenbar nicht, dass die Fähigkeit, einen Schatten zu erschaffen und zu beherrschen, die Magie seines eigenen Volkes war.‹

»Um ruhelose Geister von den Lebenden fern zu halten, aber nicht um sie zu missbrauchen!«, brauste Hurim auf. »Xeres war ein Mensch! Kein Wolfselb! Warum wird das immer vergessen?«

Zoas stieß ein amüsiertes Kläffen aus. ›Wie wahr, Herr Hurim. Da möchte ich ihm nicht widersprechen. Leider scheint es der Aufmerksamkeit von Herrn Hurim entgangen zu sein, dass Xeres in diesen Gewölben aufgewachsen ist.‹

»Ein elternloses Lumpenbündel ...«

›Mag sein. Doch sehr begabt.‹

Dunkle Wut, bitter wie Galle, stieg in Hurim auf. »Ja. Begabt genug, um den perfekten Soldaten aus unserem Blut und dem der Menschen zu züchten! Nur der Geist eines Menschen kann so krank sein. Aber das will Thoran nicht hören. Es lässt keine Gelegenheit aus, mit dem Finger auf uns zu zeigen«, fuhr er Zoas an und schlug mit der Faust auf die Lehne. Seine Stimme hallte im Dunkeln der Halle wider.

Akan warf Hurim einen durchdringenden Blick zu. Er stützte seinen Kopf mit drei Fingern ab, die andere Hand lag auf dem Oberschenkel, öffnete sich, schloss sich. Diese Pose kannte Hurim nur zu gut. Dein Gemüt ist das eines Kindes. Deine Worte Geplärr.

»Niemand zeigt mit dem Finger auf uns.« Akans Stimme verriet nichts, doch seine Lippen wirkten seltsam steif. »Wie wir sehnen sich auch die Menschen nach Sicherheit und Frieden.«

Hurims Faust verharrte auf der Lehne. »Du hast die Bequemlichkeit vergessen ... die macht denkfaul und träge.«

Akan erhob sich. Er verschränkte die Arme und drehte Hurim den Rücken zu. »Ich werde der Aufforderung nachkommen und nach Thoran reisen. Und du wirst mich begleiten.«

Hurim schwieg. Für einen Augenblick glaubte er, er hätte die Kraft gehabt, dem zuzustimmen. Dann hätte er aufstehen und sich davonschleichen können. Über den schwarzen See, der drohte, ihn zu verschlucken. An den Fresken vorbei, die von den Heldentaten Belrims erzählten ... während sein Vater ihm den Rücken zeigte.

»Nein«, zerkratzte seine Stimme die Stille. »Sagtest du nicht selbst, Thoran würde ein Wunder von uns erwarten? Außer einem leeren Kopf und leeren Händen haben wir aber nichts zu bieten. Wir würden unser Gesicht verlieren. Schick einen Boten hin, der Thoran die Wahrheit sagt!«

Sein Vater fuhr herum, rote Flecken hatten sich auf seinen Wangen gebildet. »Der tote Schatten bedroht uns alle, Hurim! Was spielt Schuld da noch für eine Rolle?«

»Eine große. Schließlich erwarten die Menschen von uns, dass wir sie zu Ende spielen.«

Zoas stieß einen langen Seufzer aus. ›Oh, Akan, bist du sicher, dass du deinen Sohn auf die königlichen Herrschaften an Thorans Tisch loslassen willst? Wenn er sich aufplustert und anfängt zu krähen, wird man von Goa bis Ithlan über dich lachen.‹

Ehe es Hurim verhindern konnte, schoss Waldwind mit gefletschten Zähnen unter dem Stuhl hervor.

»Nicht!«, schrie Hurim und warf sich mit seinem ganzen Gewicht auf die Wölfin, die wutentbrannt nach Zoas schnappte. Er hielt sie mit aller Kraft umklammert und versuchte sie auf den Boden zu drücken.

›Ich beiße dir deine gehässige Zunge ab, Zoas!‹

Zoas sprang auf, mit einem Satz war er über ihnen.

Scharfe Zähne schnappten nach Hurims Ohr, heißer Atem brannte auf der Haut.

Instinktiv riss Hurim einen Ellenbogen hoch und versetzte Zoas einen harten Schlag gegen die Lefzen.

Die Wucht fegte den Königswolf über den Boden, blind vor Wut und Schmerz heulte er auf.

Erstaunlich flink stürzte sich Akan auf ihn. Knurrend verkrallte er sich in Zoas Fell und hielt ihn mit einem harten Biss so lange im Nacken gepackt, bis Zoas demütig verharrte.

Waldwind stieß ein dunkles Grollen aus und war nur schwer zu halten. Hurim redete beruhigend auf sie ein und strich ihr über das gesträubte Fell. Als er den Eindruck hatte, dass sich ihr Körper entspannte, ließ er sie los und befahl ihr mit schneidender Stimme, sich hinzusetzen und sich nicht mehr zu rühren.

Akan nahm seine Zähne aus Zoas Nacken, sein Gesicht war blass vor Wut, als er sich erhob und seinen Wolf mit einem rauen, kurzen Bellen auf seinen Platz verwies.

Der alte Wolf fletschte die Zähne und schlich sich auf sein Fell zurück, von wo er Hurim und Waldwind aus hasserfüllten Augen beobachtete.

Hurim strich sich Waldwinds Haare aus den Kleidern. Es ärgerte ihn, dass seine Hände dabei zitterten. Kalt schaute er auf Zoas herab. »Ich gönne dir deine Sticheleien und deine kleinen Triumphe über mich, Zoas. Aber vergiss nie, dass ich über dir stehe. Wage es nie mehr, Waldwind in meiner Gegenwart anzugreifen!«

Zoas Augen funkelten ihn bösartig an. ›Sie wollte sich auf mich stürzen. Sie hat Strafe verdient!‹

»Wenn ich wollte, könnte ich dich töten, denn du hast auch mich angegriffen.«

›Du warst im Weg!‹

»Es reicht!«, fuhr Akan wutentbrannt dazwischen. »Erziehe deine Wölfin besser, sonst erlaube ich ihr nicht mehr, Zoas unter die Augen zu treten. Und du ...«, Akan zeigte mit dem Finger auf Zoas, »hältst deine Zunge im Zaum!«

Zoas stieß ein Mitleid erregendes Winseln aus, rollte sich ein und drehte beleidigt den Kopf weg. ›Wie soll Herr Hurim seine Wölfin erziehen, wenn er selbst nicht erzogen ist?‹, maulte er. ›Nimm ihn nicht mit nach Thoran, das wird nicht gut gehen!‹

Hurim schlug die Augen nieder, kämpfte gegen das Gefühl hilflosen Zorns.

Waldwind kam zu ihm geschlichen und schmiegte sich an seine Beine. Ihre warme, feuchte Zunge leckte ihm tröstend die Hand.

Wie niemals zuvor wurde ihm in diesem Augenblick bewusst, dass es außer Waldwind nach Erleas Tod niemanden gab, dem er sich nahe fühlte. Außer Waldwind ahnte niemand, wie leer es in ihm aussah. Außer ihr gab ihm niemand Wärme.

Niemand wusste, was er wirklich fühlte.

Niemand wollte es wissen.

»Es ist kein Geheimnis, Vater«, sagte Hurim leise, »dass dein Wolf nur ausspricht, was sein Herr denkt, denn sonst würde er es nicht wagen.«

Akan schüttelte verständnislos den Kopf. »Ich sage dir stets persönlich, was mir missfällt. Zoas war schon immer unverschämt. Das ist nichts Neues.«

Ohne Akan um Erlaubnis zu fragen, wie es sich für den Prinzen seinem Vater gegenüber geziemt hätte, forderte Hurim seine Wölfin mit einem kurzen Pfiff auf, mit ihm die Hohe Halle zu verlassen.

Verunsichert schaute Waldwind zu Akan auf und wagte nicht, sich zu rühren. Doch als Hurim, ohne auf sie zu warten, zum Portal schritt und sie kläglich anfing zu winseln, nickte Akan ihr zu.

Erleichtert sprang sie auf und holte ihren Herrn ein.

Kapitel 4

Unter ihm donnerten die Wassermassen in die Tiefe.

Ismod, der Oberste von Thoran, stand regungslos am Fenster seines Schlafgemachs. Er blickte schon so lange ins Leere, dass seine Hände ganz klamm waren und die Feuchtigkeit in dem beständigen Wind sich wie Perlen in seinen Wimpern sammelte. Sie vermischte sich mit seinen Tränen, die ihm auf die feisten Wangen tropften.

Ismod hatte seine Gemächer seit drei Tagen nicht mehr verlassen. Seine Diener berieten sich besorgt vor der verschlossenen Tür, flehten ihn an, doch endlich aufzusperren. Ob er Hilfe brauche. Wenn er sich weiterhin weigere, sie einzulassen, sähen sie sich gezwungen, die Tür aufzubrechen. Erst als er schreiend mit den Fäusten gegen die Tür trommelte und ihnen drohte, sie im Korothá ertränken zu lassen, zogen sie sich zurück.

Mittags belagerte ihn hartnäckig der Verweser der umliegenden Provinzen. Die Lage der Bauern in der Ebene spitze sich zu. Drei Dörfer seien den Ji’harbis schon zum Opfer gefallen. Die Angst ginge um. Wie ein Specht klopfte er mit seinen Fingern an die Tür. Erst als Ismod einen Stuhl zertrümmerte, gab sein Verweser auf.

Endlich ließen sie ihn allein.

Das Abendlicht wurde grau und verwandelte die im Schatten des Palastes liegenden Wasserfälle in ein dunkles Loch. Seine fleischigen Finger legten sich um das Fenstersims, und er neigte sich vor.

Wenn er da hineinfiele, hätte der Albtraum endlich ein Ende. Er bräuchte nur die Fassade hinunterzuklettern, dann gelänge er auf die Terrasse, die er eigens konstruiert hatte, um Göttin Théra nahe zu sein, wenn sie in der Morgensonne ihre Fächer ausbreitete.

Ismod lehnte seinen Oberkörper auf das Fenstersims. Sein Haar hatte sich in der Feuchtigkeit gewellt und klebte im Gesicht. Sein Herz pochte gegen den Stein, fing an zu stolpern, als hätte er eine Blase in seiner Brust, die sich aufblähte und wieder erschlaffte.

Ja, er würde es tun, der Zeitpunkt war nahe.

Aber nicht jetzt, nicht, wenn Théra ihn nicht auffinge. Das dunkle Loch des Abends mied sie. Ismods Hilferufe würden ungehört in der Unterwelt verhallen.

Mit angstverzerrtem Gesicht wandte er sich vom Fenster ab. Längst war die Sonne im Undúr-Gebirge untergegangen, und die Dunkelheit schluckte allmählich die Schatten.

Bald würde ihn wieder der Schlaf überwältigen, so sehr er sich auch dagegen sträubte.

Dann wäre die Stimme in seinem Kopf wieder da, die Stimme, die zu dem Gesicht mit den grünen Ji’harbi-Augen gehörte und Unmögliches von ihm verlangte. Bis vor vier Tagen hatte er geglaubt, sich mit Hilfe seiner Göttin dagegen wehren zu können.

Bis die gebückte, schwarze Kreatur kam.

Er wusste, sie würde auch heute Nacht wieder in seine Träume eindringen und ihn fangen. Egal, wo er sich versteckte, als Vogel in den Wolken, als Wurm unter der Erde oder als Fisch im Wasser, sie fand ihn überall.

In jedem Traum drängte es ihn, sich umzudrehen. Dann sah er einen Schatten vom Himmel fallen, der seine fledermausähnlichen Schwingen ausbreitete und ihn an jeden Ort der Welt entführte, wo Menschen vergessen hatten, dass sie Menschen waren. Während des Fluges biss ihn die Kreatur in den Hals, um ihn zu lähmen. Mit aufgerissenen Augen war er gezwungen, neben einem Gefolterten zu liegen, seine Schreie zu hören und seine verbrannte Haut zu riechen. Oder die Kreatur schwebte mit ihm über ausgemergeltes Land und zeigte ihm Kinder, die sich vor den Mauern der Edlen um einen faulen Fischkopf stritten. Manchmal setzte ihn die Kreatur auch neben einen Sterbenden, der, vergessen von Freunden und Verwandten, dahinsiechte und verzweifelt seine Hand nach einem leeren Becher ausstreckte, der neben seinem Bett stand.

Nach dem Traum setzte ihn die Kreatur in seinen Gemächern ab. Bevor sie durch das Fenster verschwand, drehte sie sich jedes Mal zu ihm um, starrte ihn mit ihren roten Augen an und sprach mit einer Stimme aus dem Feuer: »Ich zeige dir die Wahrheit. Eure Menschlichkeit ist nichts wert. Die gibt es nur da, wo alle fett und satt sind wie du. Soll ich dir zeigen, wozu du fähig bist, wenn du hungerst?«

Stets schüttelte er entsetzt den Kopf und fiel in einen ohnmachtsähnlichen Schlaf, der ihm keine Erholung schenkte.

Sein Verstand zerbröckelte wie Sandstein und zerfiel zu Staub. Er löste sich auf, Tag und Nacht nagte, kratzte, schaufelte es in ihm und legte das Böse in ihm frei, das in ihm schlummerte.

Er bräuchte nur »Ja« zu sagen und die grünen Augen würden leuchten.

Doch davor hatte er fast noch mehr Angst als vor dem Tod.

Unruhig ging er auf und ab. Er schmierte seine kalten, klebrigen Hände an seinem Mantel ab. Seine Beine schmerzten, hin und wieder blieb er stehen, um tief Luft zu holen. Alles in ihm sehnte sich nach Schlaf.

Doch dann kämen die Träume.

Die Kreatur wäre wieder da. Und sie würde ihm schon bald etwas zeigen, woran er endgültig zerbräche.

Kapitel 5

Argormir hatte sich den ganzen Abend über in seiner Bibliothek eingeschlossen. Niemand würde es wagen, ihn an seinem Schreibpult zu stören.

In der Decke knisterten die Holzwürmer. Die dicke Kerze auf seinem Schreibpult rußte, heißes Wachs war durchgebrochen, ergoss sich über den Teller und begrub eine Motte unter sich.

Argormirs Wangen glühten. Seine Finger fuhren immer wieder über die rauen Seiten des alten Buches, das er vor Kurzem in Leder eingebunden hatte, um es vor weiterem Zerfall zu schützen. Zu seinem Bedauern hatte es in Laufe der Jahre einen Wasserschaden erlitten. Die untere rechte Ecke wellte sich, und die alte Schrift war verlaufen.

Was er vor sich liegen hatte und seit zwei Jahren sein ganzes Denken beherrschte, war nicht das Original, denn das hätte sein Schöpfer wohlweislich mit einem Zauber belegt, sodass es selbst eine Feuersbrunst unbeschadet überstanden hätte. Was er in Händen hielt, war nichts weiter als eine schlampige Abschrift. Nach der Schrift zu schließen, hatte sich der Schreiber entweder auf der Flucht befunden, oder er war ein Wahnsinniger gewesen, der das letzte Drittel mit seinem eigenen Blut vollendet hatte.

Argormir wünschte, er könnte die Buchstaben fühlen, die Worte sich einverleiben wie einen Schluck Heilwasser. Nur mühsam offenbarte sich ihm ihr Sinn. Hochkonzentriert flüsterte er die Worte nach und ließ sie auf sich wirken.

Das Buch war in einer vergessenen Sprache verfasst, die verwandt war mit dem Kauderwelsch der Korothá-Menschen, die offensichtlich alle einen Frosch unter der Zunge sitzen hatten. Die Sprache der Ebene – das Neukorotische – war im Grunde primitiv und unangenehm wie Mundfäule. Ihr Vorteil lag jedoch darin, dass sie fast jeder, der ein wenig intelligenter als ein Affe war, leicht erlernte. Selbst die Ji’harbis, die wie Tiere im Wald um ihre Reviere kämpften, benutzten sie selbstverständlich, wenn sie mit Menschen in Kontakt traten.

Argormir war sich sicher: Das Original war in Hochelbisch verfasst, der reinsten aller Sprachen. Warum der Schreiber Wert darauf gelegt hatte, es ins grauenhafte Altkorotische zu übersetzen, blieb ihm ein Rätsel.

Die unausgereifte Schrift verschandelte das kostbare Pergament, und es wimmelte von Fehlern, dass er sich am liebsten ein Kissen um den Kopf gebunden hätte.

Der Schreiber hatte von dem, was er übersetzt hatte, keine Ahnung. Satzbau und Redewendungen waren nicht sinngemäß korrekt. Teilweise waren die Sätze so verdreht, dass es Argormir in den Augen schmerzte.

»Sei froh, dass du längst tot bist, du Anfänger«, stöhnte er und klatschte sich mit der flachen Hand gegen die Stirn, »sonst hätte ich dir den Griffel höchstpersönlich aus der Hand geschlagen. Schande!«

Doch seine Empörung währte nie lange. Zu einmalig, zu wertvoll war das, was er auf seiner Flucht aus dem Königreich Ithlan – ohne es zu wissen – ins Gepäck gesteckt hatte.

Das unscheinbare Buch hatte in der königlichen Bibliothek Ithlans jahrelang vor sich hingestaubt. Natürlich war es ihm aufgefallen, unzählige Male war er während seiner Studierstunden daran vorbeigegangen. Doch nie zog er es aus dem Schrank und schlug es auf.

Zu unwichtig erschien es ihm ... bis der alte König von Ithlan seinem Sohn Beomo die Krone gab.

Der Mond war noch nicht voll, als der neue Herrscher eines Abends in seine Gemächer platze und ihm eröffnete, dass er von Stund’ an seines Amtes enthoben sei. Ein Ji’harbi als Botschafter sei eine Schande für Ithlan.

Argormir glaubte zunächst an einen üblen Scherz, nahm seine Pfeife aus dem Mund und starrte in das bronzefarbene Gesicht des jungen Königs. Er kannte ihn von Kindesbeinen an. Beomo war verzogen, unbeherrscht und hatte sich Argormir ständig widersetzt. Nur seinem Vater zuliebe hatte er ihn die Schreibkunst und das logische Denken gelehrt.

Beomo jagte ihn noch in derselben Nacht mit den Worten aus dem Palast, dass er im Gegensatz zu seinem Vater dankend auf den Rat eines Bastards verzichte.

Erst als Argormir bäuchlings im Straßendreck landete und sich beim Aufprall auf die Zunge biss, begriff er: Sein Leben war zerstört.

Einem inneren Drang folgend, der wie ein Wahn Besitz von ihm ergriff, schlich Argormir sich in den Palast zurück und suchte ein letztes Mal die Bibliothek auf. Blind vor Tränen und dem Wahnsinn nahe tastete er nach dem Buch, zog es heraus und versteckte es unter seinen Kleidern. Es war sein Trost, ein kleines warmes Herz, das ihn am Leben erhielt. Es war ein letztes Geheimnis, das er Ithlan raubte.

Er trug es bei sich, zwei Jahre lang, in denen er wie ein verstoßener Hund herumgeirrt war, bis er sich schließlich in Thoran niedergelassen hatte. Die baufällige Wohnung in der Gasse der Heiler war genau das Richtige gewesen, um sich ungestört zurückzuziehen.

Die Anwohner, allesamt unwissende Scharlatane, die mit viel Rauch und magischem Spielzeug den Thoranern die Silberlinge aus der Tasche zogen, fürchteten ihn, nachdem sie bei ihm angeklopft und sich vorgestellt hatten, und ließen ihn fortan in Ruhe.

Zwei Jahre lang, in denen er nur für seinen Kummer lebte und weder etwas sah noch hörte. Zwei Jahre, in denen er nur aß, um nicht zusammenzubrechen, und in denen er Beomo böse Träume schickte, was er bald bleiben ließ, da er sich mit ein paar kindischen Zaubertricks nur lächerlich machte.

Der Kummer war der Nährboden seines Hasses, der auf wohltuende Weise seine Sinne klärte und ihn bereit machte für das Buch. Es rief ihn in seinen Träumen und verhieß Unglaubliches.

Argormir senkte für einen Augenblick die Lider und massierte sich die Stirn. Das Lesen hatte ihn so angestrengt, dass seine Gedanken abschweiften. Es würde noch seine Zeit dauern, bis er auf der letzten Seite angelangt war.

Doch die größte Verheißung war erfüllt. Mit dem Lesen konnte er sich Zeit lassen.

Ein sanftes Grollen, gleich einem rauen Schnurren, drang aus seiner Kehle. Er strich die Seiten glatt und sog tief den Geruch nach Staub und frischem Leder ein.

Mag der Schreiber auch ein lausiger Anfänger gewesen sein, den Argormir unter seinen Fittichen dazu verdonnert hätte, in schönster Schrift die Werke elbischer Dichtkunst abzuschreiben, so war er dennoch zu beneiden gewesen. Lag Argormir mit seiner Vermutung richtig, lagen vor ihm auf dem Schreibpult die Kritzeleien von einem der Schüler Xeres’. Offensichtlich hatte der Schmierfink in einem Anfall von Größenwahn heimlich versucht, Xeres’ Abhandlung über die Erschaffung und Beherrschung der toten Schatten zu kopieren.

Doch kein Meister der schwarzen Magie ließ sich so plump hintergehen. Kriegsherr Xeres dürfte sich einen Spaß mit ihm erlaubt haben, bis er genug gehabt und den Anfänger zu Strafe das Buch mit seinem eigenen Blut hatte vollenden lassen.

Vielleicht war es sogar Xeres’ Absicht gewesen, dass das Buch eines Tages gefunden wurde. Vielleicht hatte Xeres es für ihn, Argormir, bestimmt.

Ein Gedanke, der Argormir berauschte. Weshalb sonst hatte es ihn nach Thoran verschlagen, an jenen verheißungsvollen Ort, wenn ihn nicht Xeres’ Buch dorthin geführt hätte?

Er hätte sich genauso gut in Lathans warmem Schoß verkriechen können. Königin Sarnja war höchst angetan von seiner Person, was mehr als einmal zu äußerst intensiven Gesprächen unter vier Augen geführt hatte. Kein Zweifel: Sie hätte ihn mit offenen Armen empfangen.

Argormir verzog das Gesicht. Es war nicht seine Art, anzuklopfen und zu betteln. Und die Aussicht, als Sarnjas Bettwärmer zu enden, reizte ihn nicht im Mindesten.

Er war die rechte Hand Ithlans gewesen, er hatte es blühen lassen.

König Beomo hatte ihm Ithlan genommen.

Und Argormir wollte es wiederhaben.

So einfach verhielt es sich. Ein Gefühl tiefster Schadenfreude ließ seine überarbeiteten Augen glänzen. König Beomo ahnte nicht, dass die Rache bevorstand, perfekt geplant. Er ahnte nicht, dass er seinen Untergang selbst ausgebrütet hatte.

Von einem Glücksgefühl durchströmt klappte Argormir das Buch zu. Er sah es an, nahm es in seine Hände und drückte es wie ein Kind an seine Brust. Als ihm bewusst wurde, was er tat, legte er es leise lachend auf das Schreibpult zurück und pustete die Kerze aus. »Schluss für heute, mein Lieber«, griente er.

Kapitel 6

Das schwache Licht, das unter dem Türspalt durchschimmerte, genügte Argormirs Nachtaugen, um sich problemlos orientieren zu können.

Seit Iri dem toten Schatten begegnet war, fürchtete sie sich im Haus und ließ die ganze Nacht über eine Öllampe brennen, wodurch die Luft immer schneidend dick war.

Argormir hasste den Gestank, der in Nase und Hals kratzte und in diesem fensterlosen Loch nie abzog. Tadelte er sie, nickte sie stets schuldbewusst, schaute stumm mit ihren großen, braunen Augen zu ihm auf und löschte brav die Flamme. Doch bei Einbruch der Dunkelheit flackerte und rußte die Flamme erneut, wie von Geisterhand entzündet.

Er schritt zur Tür und sperrte sie auf. »Iri!«, rief er gequält und schlug mit der flachen Hand gegen das Holz. Falls sie noch wach war, könnte sie ihm einen Becher Wein aus dem Keller holen. Da fiel ihm ein, dass die Nacht schon weit fortgeschritten war und Iri wahrscheinlich tief und fest schlief.

»Egal«, winkte er murrend ab, »hole ich mir meinen Wein eben selbst.«

Er schlüpfte durch die Tür und sperrte die Bibliothek hinter sich ab. Ein unzufriedenes Knurren ausstoßend leckte er über Daumen und Zeigefinger und erstickte die Flamme über Iris Zimmertür.

Kaum hatte er den schwarzen Vorhang zurückgeschoben, der die Wohnräume von dem Chaos, das einmal der Laden seines Vormieters gewesen war, trennte, bemerkte er Iris katzenhafte Schritte hinter sich.

Erstaunt drehte er sich nach ihr um. »Du bist noch wach, Kind? Was treibst du?«

Ihre Pupillen waren zwei große, schwarze Knöpfe, die das Braun ihrer Augen fast verschluckten. Sie drückte sich schreckensstarr an die Wand, als wäre sie eine Maus, die die Eule fürchtete.

Iri war ein hübsches Halbblutmädchen, das er halbverhungert vor Thorans Stadttoren gefunden hatte. Er war einsam gewesen und hatte sich nach etwas Schönem, Lebendigem gesehnt, das ihm obendrein noch die lästige Hausarbeit abnahm.

Iri bestand nur aus Armen und Beinen, die wohl niemals Speck ansetzen würden. Wie die meisten Mischlinge hatte sie ein Ji’harbi-Maul und spitze Ohren, was ihr ein Leben unter den Menschen unmöglich machte. Sie wich nur selten von seiner Seite. Wie alt sie war, wusste Iri nicht.

Argormir schätzte sie auf siebzehn, wenn nicht sogar älter. Fragte er sie nach ihrer Herkunft, senkte sie den Kopf und schwieg. Wenn Argormir gewollt hätte, wäre es ihm ein Leichtes gewesen, in Iris Gedanken einzudringen und sich zu holen, was er wollte, doch weil er sie achtete, würde ihn das beschämen.

Sie hatte einen wachen Geist, lernte zu seiner Zufriedenheit ihre täglichen Lektionen und übte das Lesen.

Argormir lächelte und trat auf sie zu. »Was ist los?«, fragte er.

Iris Augen zitterten in der Dunkelheit, suchten ihn, ohne ihn zu finden. »Wisst Ihr es schon, Meister Argormir?«

Argormir legte ihr beruhigend eine Hand auf den Arm. »Egal, was um dich herum geschieht, Kind, es hat dich nicht zu kümmern. Bei mir bist du sicher.«

Iri atmete erregt. »Ich habe es beim Einkaufen gehört. Ganz Thoran spricht davon. Ich weiß, dass Ihr in der Bibliothek nicht gestört werden wollt, deshalb habe ich auf Euch gewartet. Oh, Meister Argormir, der Oberste hat sich im Korothá ertränkt!«

Argormirs Herz machte einen Sprung. Ihm kribbelte im Bauch, als stünde er auf einer Klippe und starrte in die Tiefe. »Oha«, flüsterte er heiser. »Das sind in der Tat interessante Neuigkeiten.«

Wieder hellwach zerrte er Iri zur Bibliothekstür, sperrte auf und schob Iri mit hinein. »Komm schon!«, winkte er Iri ungeduldig an einen runden, kleinen Tisch, in dem magische Schutzzeichen auf der Platte eingeritzt waren, und forderte sie auf, sich zu ihm zu setzen.

Iri rührte sich nicht, drehte hilflos den Kopf in die Richtung, aus der seine Stimme kam.

Argormir seufzte. Wieso vergaß er das ständig?

Er schickte seine Gedanken zu dem Leuchter, der mit Spinnweben verhangen von der Decke hing. Ein leichter Sog spielte mit seinen Haaren, ergriff auch Iri, als wie von Geisterhand die Kerzen unruhig zu brennen anfingen.

»Zufrieden?«

Iri nickte sichtlich erleichtert und huschte zu ihm an den Tisch.

»Fass nichts an!«, mahnte er sie, langte in das Fach unter dem Tisch und zog eine silberne Scheibe von der Größe eines Tabletts hervor, die er auf die Schriftzeichen legte.

Er spürte ein Ziehen durch den Körper fahren, als die Scheibe sich vor seinen Augen aufzulösen schien.

Silbertropfen perlten vom Rand, sammelten sich in der Mitte, wo sie sich zu einem wabernden Fleck vereinten, der sich langsam zu drehen begann.

»Jetzt zeig mir, was ich wissen will!«, beschwor er die Scheibe und pustete sachte in den Fleck hinein.

Der Fleck erstarrte, knirschte wie Eis und zerfiel in staubfeine Körnchen. Schlagartig wich der metallene Glanz einem strahlend hellen, runden Loch: Das Fenster der Zeit war geöffnet.

Argormir ermunterte Iri, mit ihm hineinzuschauen.

Dort, wo der Korothá seine größte Wildheit verloren hatte, kristallklar im breiten Bett floss, stand eine aufgeregte Gruppe Fischer mit bis zu den Knien hoch gekrempelten Beinkleidern im Wasser und zog mit einem langen Haken einen Körper aus der Strömung. Die Frauen, die am Ufer die Fischhälften zum Räuchern auf das Gitter legten, scheuchten die Kinder weg.

Der Korothá hatte eine fleckige, aufgedunsene Leiche preisgegeben. Die Glieder waren grotesk verrenkt, Finger und Teile des Gesichts waren angefressen.

Die Männer wichen zurück, würgten, der stechende Geruch trieb ihnen die Tränen in die Augen.

»Ismod, du Dummkopf«, flüsterte Argormir und und er lächelte kalt. »Ich hoffe für dich, dass es schnell gegangen ist.«

Das Bild verschwamm. Die Geräusche und die Stimmen erstickten unter verlaufendem Metall, bis wieder das unscheinbare Tablett vor ihnen lag.

Zufrieden legte Argormir seine Hände in den Schoß und lehnte sich zurück.

Iri blickte ihn verstört an. »Ihr habt das getan?«, fragte sie mit zitternder Stimme.

Argormir durchbohrte sie mit einem scharfen Blick. »Er war zu schwach!«, fuhr er sie an. »Ich habe ihn nicht dazu gezwungen. Ich habe ihm lange genug Zeit gelassen, sich für mich zu entscheiden, aber er war gegen mich.«

»Warum tut Ihr so etwas?«, wimmerte Iri.

»Weil ich mich nicht wie du damit zufrieden gebe, für den Rest meines Lebens Dreck zu fressen!«, zischte er.

Mit einer scheuchenden Handbewegung vertrieb er Iri von ihrem Hocker. Für weitere Erörterungen war nicht die richtige Zeit. Iri gehörte ins Bett. »Meine Angelegenheiten gehen dich nichts an. Bei mir geht es dir gut, das zählt und nichts anderes. Geh jetzt schlafen, sonst wirst du mir womöglich noch krank, was schlecht wäre, denn in nächster Zeit werde ich mich leider nicht sehr viel um dich kümmern können.« Er legte ihr einen Arm um die zierlichen Schultern und schob sie unerbittlich in Richtung Tür.

Mit einer kurzen Drehung befreite sie sich aus seinem Griff. Ein dumpfes Grollen drang aus ihrer Kehle, in den großen, braunen Augen lag ein Ernst, den Argormir noch nie bei ihr gesehen hatte. Verblüfft schaute er in ihr junges Gesicht.

»Auf einmal ist Euer Herz voller Hass«, brach es aus ihr heraus. »Daran ist dieses Buch schuld. Ich hasse es, weil es Euch böse macht. Es gehört verbrannt!«

»Was sagst du da?«, lachte er ungläubig auf. Er hatte sich wohl verhört. Das waren nicht Iris Worte gewesen. Vielleicht hatte ihm einer seiner nichtsnutzigen Nachbarn einen Fluch aufgehalst, der ihm die Ohren verriss.

Ehe er sich versah, schlang sie ihre mageren Arme um ihn. »Ich habe Angst um Euch, Meister Argormir!«

»Noch ein Wort, und ich lasse dich die Nacht kniend auf einem Holzscheit verbringen!«, schrie er und stieß sie von sich. »Raus aus meiner Bibliothek, ehe ich mich vergesse!«

Iri floh in den unbeleuchteten Gang; er setzte ihr nach und trat gegen die Tür, die krachend ins Schloss fiel.

Keuchend fuhr er sich über das Gesicht. Von einer quälenden Unruhe gepackt, hastete er zu seinem Schreibpult und drückte das Buch an sich. Knurrend verkroch sich damit in den Lehnsessel, der vor dem Kamin stand, zog die Beine hoch und rollte sich ein. Der Geruch des glatten, duftenden Leders beruhigte ihn allmählich. Alles war gut.

Er hatte überreagiert. Schon schämte er sich dafür, das Mädchen wie ein Giftsack angeschrien zu haben. Sie war scheu wie eine Wildkatze und würde ihm morgen den ganzen Tag aus dem Weg gehen. Er würde sich wohl oder übel bei ihr entschuldigen müssen.

Er schloss die Augen. Das hatte Zeit bis morgen.

Eine tiefe Zufriedenheit, wie er sie schon lange nicht mehr gespürt hatte, begleitete ihn in den Schlaf. Heute war er seinem Ziel näher gekommen, das erste Hindernis war aus dem Weg geräumt, und schon bald, wenn Ithlan, Lathan, Goa mit den Wolfselben an einem Tisch saßen, würde er seinen Auftritt haben.

Kapitel 7

Mit unerbärmlicher Helligkeit fiel das Licht durch die schmalen, hohen Fenster der Empfangshalle im Palast von Thoran.

Wie gerne hätte Hurim Waldwind bei sich gehabt, doch sein Vater hatte beschlossen, die Wölfe vor den Toren der Stadt zu lassen. Menschen fürchteten sich vor Wölfen.

Hurim wischte sich über die tränenden Augen. Ihm dröhnte der Kopf vor Müdigkeit. Wie froh er war, endlich nicht mehr im Sattel sitzen zu müssen.

Sieben Tage lang war er mit Akan und dem Gefolge unterwegs gewesen. Die ersten vier Etappen hatten sie, wie es in ihrer Natur lag, unter dem Gesicht des Mondes hinter sich gebracht. Auf Akans Geheiß hin setzten sie den Rest der Reise unter dem Gesicht der Sonne fort, damit ihre Körper sich an die Regelmäßigkeiten der Menschen anpassten.

Die gleißende Helligkeit und die Hitze waren für Hurim unerträglich gewesen. Ein Strohhut mit einer breiten Krempe verhinderte, dass die Sonne Gesicht und Kopfhaut verbrannte. Weite, luftige Gewänder bedeckten jeden Flecken seiner Haut.

Doch leider hatte er seine Hände vergessen. Er bemerkte es erst, als die Handrücken brannten wie mit Nesselgift eingerieben und aussahen wie gekochte Krebse. Akans mitleidiges Kopfschütteln war ihm nicht entgangen, und so biss er die Zähne zusammen und zwängte seine nässenden Hände in schwarze Seidenhandschuhe.

Akans Augen lagen hinter dunklen Schatten. Langsam schritt er die Wände der Empfangshalle entlang und betrachtete die protzigen Mosaike, die von der Fruchtbarkeit der Koroth-Ebene zeugten.

»Thoran ist der Tag«, murmelte Akan nachdenklich, »und wir sind die Nacht. Wir ergänzen uns. Durch beide Reiche fließt der Korothá.« Akan drehte sich lächelnd zu Hurim um. »Hast du gewusst, Hurim, dass sich das Wort ›Korothá‹ aus unserer Sprache ableitet?«

Hurim schüttelte den Kopf, er hörte nur mit einem Ohr zu.

»Es bedeutet: der, der Leben bringt«, belehrte ihn Akan.

Hurim erwiderte nichts und nickte höflich. Akans Ausführungen hätten ihn zu einem anderen Zeitpunkt gewiss interessiert, doch nicht jetzt, wenn ihm vor Müdigkeit die Augen zufielen. Woher nahm Akan die Kraft? Hurim verdrängte den Gedanken, dass es ein letztes Aufbäumen des alten Wolfes war. Nach wie vor war es Hurim schleierhaft, was das Volk der Nacht in der Stadt der Menschen verloren hatte.

Hurim wartete ab, bis sich sein Vater wieder den Mosaiken zuwandte und näherte sich dem Tisch, auf dem Karaffen mit Wein und Wasser standen.

Das Sonnenlicht hatte sich in dem geschliffenen Glas verfangen und warf bizarre Muster an die Wand. In filigranen Schälchen wurde Obst in mundgerechten Häppchen serviert. Es duftete aromatisch wie die Beeren aus dem Wald, die Hurim gerne aß, doch er rührte nichts an. Wie schnell hätte er sich den Magen verdorben oder sich gar eine Vergiftung zugezogen, denn nicht alles, was den Menschen mundete, tat ihm gut.

Er hatte seit gestern Abend nichts mehr zu sich genommen. Vielleicht ließ die Müdigkeit ein wenig nach, wenn er eine Kleinigkeit äße. Zaghaft griff er nach einer Scheibe Brot und biss davon ab. Misstrauisch betrachtete er den Käse mit der schmierigen, braunen Rinde. Er wusste aus Erfahrung, dass er so etwas verdauen konnte: Es war nicht giftig, er bekam keine Schmerzen davon, und es machte satt. Aber es hatte die Konsistenz und den Geschmack eines toten Tieres. Es war verfaulte, fest gewordene Milch. Der Gedanke, dass die Menschen Milch, den heiligen Saft, der dazu bestimmt war, die Jungen zu säugen, tranken und verarbeiteten, ekelte ihn, weshalb er sich nicht überwinden konnte, den Käse mit dem Messer anzuschneiden.

Langsam kaute er sein Brot und trank einen Schluck Wasser dazu. »Sagtest du nicht, Vater, dass unsere Völker sich ergänzen würden? Viel voneinander zu wissen scheinen sie nicht«, raunte er und schabte den abscheulich schmeckenden Kümmel von der Rinde.

Akan verzog belustigt das Gesicht, doch er kam nicht dazu, auf Hurims Feststellung etwas zu erwidern.

Ein lautes Schimpfen draußen auf dem Gang ließ sie aufhorchen.

Plötzlich riss die Flügeltür auf, und ein verheulter Menschenjunge mit Pluderhose und einem spitzen Hut wurde mit einem Fußtritt über den Boden gefegt.

Ein dicker Mann mit Spitzbart, der ähnlich wie der Junge gekleidet war, stürzte wie ein wütender Hund auf ihn zu und zerrte ihn auf die Beine.

Als der Mann Akan und Hurim entdeckte, blieb er wie zu Stein erstarrt stehen und ließ von dem Jungen ab. Die Augen in seinem feisten Gesicht wurden rund und groß.

Der Junge schluchzte hemmungslos weiter.

»Oh ... oh, König Akan und Prinz Hurim sind schon unter den Gästen«, haspelte er, verkreuzte die Arme über der Brust und verneigte sich, so gut es sein Bauch zuließ.

»Verzeiht mir, König Akan! Verzeiht mir, Prinz Hurim!«

Das Menschenkind nutzte die Unaufmerksamkeit seines Peinigers und flitzte wie eine Maus zur Flügeltür.

Erstaunlich flink setzte der Mann ihm nach, erwischte den Menschenjungen im Nacken und zwang ihn, sich zu verbeugen. »Los, sag den königlichen Hoheiten, was du angerichtet hast, du Sohn eines Esels!«, schnaubte er.

»Nein!«, kreischte das Kind, hochrot im Gesicht, sodass Hurim fürchtete, der Menschenjunge könnte Schaden nehmen.

Die feiste Hand verpasste ihm einen Schlag auf den Hintern.

»Der König von Ithlan will kein rohes Fleisch essen!«, plärrte der Junge lauthals.

Der Mann schnappte empört nach Luft und hob wieder drohend die Hand. »Wenn du dich nicht zusammenreißt, bekommst du zu den Hieben mit der Rute, die dir König Beomo versprochen hat, noch Prügel von mir!«

»Hiebe?« Akan horchte auf. »Was hat dieser kleine Mensch verbrochen, dass man ihn so unsinnig bestraft?«

Der Mann ließ von dem Jungen ab und verbeugte sich noch einmal tief. »Oh, König Akan, der Unglückselige hat die Empfangshallen verwechselt und das falsche Essen aufgetragen«, jammerte er.

Hurim legte betreten das Brot auf den Tisch zurück.

Der Mann schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als er sah, dass Hurim von dem Brot schon abgebissen hatte. »Oh, bei Göttin Théra, was müsst Ihr uns für schlechte Gastgeber halten! Oh, Théra hilf, der Sohn eines Esels hat die Melone König Akan und seinem Sohn serviert. Jetzt wird es heißen, dass Thoran seine Gäste vergiften will!« Seine dicken Finger zitterten.

Fassungslos schaute Hurim zu, wie der Mann das Schälchen mit den aromatisch duftenden Häppchen vom Tisch nahm, sich zweimal suchend im Kreis drehte, und, da er nicht wusste, wohin damit, es wieder an seinen Platz stellte. Mit zornrotem Gesicht stürzte er sich auf den Jungen, der schützend seine Arme hochriss.

Hurim stieß ein ungehaltenes Knurren aus. Niemand aus dem Volk der Nacht würde es wagen, vor Prinz Hurims Augen seine Wut an einem hilflosen Kind auszulassen. Vor allem dann nicht, wenn sein Körper vor Feigheit stank wie der eines Rangniedrigen. »Was bist du für ein Mensch, dass du wegen eines lächerlichen Versehens ein Kind misshandelst?«

Erschrocken starrte der fette Mensch auf Hurims spitze Zähne. »Der ... der König von Ithlan ist persönlich beleidigt«, keuchte er. »Das hat ... hat Konsequenzen für die ganze Dienerschaft«, stammelte er.

Hurim schlug mit der Faust auf den Tisch, sodass die Karaffen klirrten. »Wenn König Beomo wirklich hungrig gewesen wäre, hätte er uns gerne einen Besuch abstatten können!«

Akan näherte sich behutsam dem kleinen Menschen, der am ganzen Körper bebte. Er hockte sich vor ihm nieder und schob ihm den verrutschten Hut aus der Stirn. »Du brauchst nichts zu befürchten, dafür werden wir sorgen«, beruhigte er das Kind und klopfte ihm auf die schmalen Schultern.

Akan richtete sich wieder auf und befahl im scharfen Tonfall: »Wir sind nicht hungrig. Man führe uns an den Ratstisch, denn offensichtlich sind wir nicht mehr die einzigen Gäste!«

Der Mann nickte unterwürfig und schritt rückwärts in gebeugter Haltung zur Tür hinaus, wobei er dem Jungen zischend zu verstehen gab, es ihm gleichzutun.

Hurim wandte angewidert den Blick ab.

Kapitel 8

Nur wenig später trat ein hagerer Mann namens Natar zu ihnen in die Halle, der sich als Verweser Thorans vorstellte. In seinen hellen Augen lag ein scharfer, wacher Blick, der Hurim sofort gefiel.

Natar verneigte sich respektvoll. »Thoran ist dem Volk der Nacht für seine Hilfe von Herzen dankbar. Es tut mir leid, dass Euch kein gebührender Empfang bereitet worden ist. Ich bitte Euch, Thorans Entschuldigung anzunehmen. König Beomo ist bereit, von der Bestrafung des Jungens abzusehen.«

»Ich danke dir für deine Freundlichkeit«, erwiderte König Akan. »Doch warum empfängt uns der Oberste von Thoran nicht persönlich?« Überrascht blickte er den Verweser an.

Natar ließ sich Zeit, ehe er antwortete. »Der Oberste von Thoran ist tot«, erwiderte der Verweser schließlich knapp. »Er hat seine Seele dem Korothá anvertraut.«

Akan schaute den Verweser mit einer Mischung aus Entsetzen und Ungläubigkeit an. »Ismod war ein vernünftiger, intelligenter Mann. Warum hat er das getan?«

Natars Gesichtszüge verdüsterten sich, und er blieb ihnen die Antwort schuldig. »Ich vertrete solange Thorans Interessen, bis die Stadt einen neuen Obersten gewählt hat«, beendete er das Gespräch mit schmalen Lippen.

Der Verweser verneigte sich noch einmal höflich und bat sie, ihm zu folgen.

Hurim stieß ein tiefes Grollen aus, das nur für Akans Ohren bestimmt war. »Ich frage mich immer mehr, Vater, was wir hier zu suchen haben«, raunte er.

Sie folgten dem Verweser auf die Nordseite des Palastes, wo das Donnern des Flusses nur noch gedämpft zu hören war.

Zu Hurims Erleichterung führte sie Natar treppab in ein düsteres, kühles Gewölbe, das lange vor dem Zeitalter des Kriegsherrn Xeres in den Kalkstein gehauen worden war. Das schwache Licht war für Hurims Augen eine Wohltat. Die wenigen Fenster, die man durch den Felsen gebrochen hatte, glichen engen Tunnelröhren, die kaum Licht durchließen. 

Vor einer massiven Flügeltür aus Eiche blieben sie stehen. Natar winkte die Wache herbei, die mit einem schweren Schlüssel das Schloss öffnete und die Flügel in der Halterung verankerte.

Im Gegensatz zu der protzigen Empfangshalle wirkte der Saal nüchtern und kahl. Wandteppiche, in die Frauenhände in monatelanger Arbeit das Wahrzeichen Thorans gewebt hatten, deckten die kalten Mauern ab und dämpften jedes Geräusch, als wollte man verhindern, dass zu viele Geheimnisse nach außen gelangten. An einem langen Tisch zählte Hurim sechs Stühle mit hohen Rückenlehnen, auf den Sitzflächen lagen dünne Polsterkissen aus grobem Stoff. Neben einer Karaffe Wein standen schlichte Holzbecher auf einem Silbertablett.

Trotz der sommerlichen Hitze war es in dem Saal klamm. Ein bescheidenes Feuer brannte im Kamin, und auf beiden Seiten des Eingangs schwelte Holzkohle in Wärmebecken, die auf eisernen Drachenflügel ruhten.

Ein schwarz gekleideter Mann, den Hurim nicht sofort bemerkt hatte, erhob sich von einem Hocker neben dem Kamin. Er verneigte sich steif, stellte sich als Schreiber vor, der das Protokoll führen würde.

Natar entschuldigte sich und ließ Akan und Hurim allein, um die anderen Gäste in den Ratssaal zu begleiten.

Schon bald waren die Schritte von mehreren Personen auf der Treppe zu hören. Hurim verharrte ruhig und starrte auf die weit geöffnete Flügeltür. Neugierig lauschte er auf das Scharren von Ledersohlen im Staub der Stufen. Das Rascheln von Kleidern kroch an den Wänden entlang und eilte der sich nähernden Gruppe voraus.

»Ach, was! Ein einzelner toter Schatten kann nichts ausrichten. Lächerlich!«, hallte eine laute, unangenehme Männerstimme durch den Gang. »Wenn Euch die Angst zwickt, kommt zu mir in den Norden nach Goa. Mein kleines Reich hat Zähne! Es wurde schon einmal überrannt, aber wir leben noch!« Ein schallendes Lachen übertönte die Schritte.

»Ihr habt nur überlebt, König Hantar, weil Ihr am Nabel von Lathan hängt. Das Salz, das Lathan reich gemacht hat, schützte auch Euch, werter König von Goa«, unterbrach eine besonnene Frauenstimme das Lachen.

»Wollt Ihr mich schon wieder beleidigen, Salzkönigin? Dann verratet mir mal, woher Ihr die schönen Glitzersteinchen um Euren Hals herhabt, he. Doch wohl aus den Bergen von Goa, liebe Königin Sarnja.«

»Das hat Euch nicht reich gemacht. Der größte Teil des Undúr-Gebirges gehört nicht zu Eurem Hoheitsgebiet, wenn ich mich nicht täusche.«

»Mal sehen, wer mehr hat, wenn die Ji’harbis Euer Salz geknabbert haben, Werteste!«

Die Wände hörten auf zu flüstern und Hurim konnte endlich sehen, wer sich näherte. Natar, der hinter seinen Gästen ging, wies ihnen den Weg zur Flügeltür.

König Hantar, eine korpulente, pompöse Gestalt, die an jedem Finger einen Ring trug, musterte Königin Sarnja verärgert. Doch sein Blick blieb nicht lange in ihrem ebenmäßigen Gesicht haften, sondern wanderte ungeniert hinab zu ihren Hüften.

Die Königin von Lathan ließ sich nichts anmerken, warf ihren hüftlangen, sonnenhellen Zopf auf die Seite, der wie zufällig in Hantars Augen peitschte. Sie entschuldigte sich vielmals, und König Hantar blieb nichts anderes übrig, als die Entschuldigung anzunehmen.

Hinter den beiden Herrschern aus Lathan und Goa schritt ein junger Mann mit bronzefarbener Haut. Um seine Stirn glänzte ein goldenes Band. Sein schwarzes Haar fiel ihm glatt auf die Schultern. An einer goldenen Kette hing ein Amulett, das die Form einer eingerollten Schlange hatte: das Wahrzeichen Ithlans.

Als Hurims neugieriger Blick den seiner tiefbraunen Augen traf, drehte König Beomo den Kopf zur Seite. Nichts an Beomos fein geschnittenem Gesicht verriet böse Absicht. Doch Hurims Sinne waren schärfer als die von Menschen. Ihm entging nicht das kaum wahrnehmbare Pochen an den Schläfen, das kurze Zusammenballen der gepflegten Hände.

Als alle eingetreten waren, wies Natar die Wache an, die Tür zu schließen.

Der Schreiber erhob sich und begrüßte die Gäste mit einer respektvollen Verbeugung.

Hurims Nasenflügel bebten. Die Luft füllte sich mit dem Duft menschlicher Körper, der ihn wie eine Wolke einhüllte. Er vermied es, in ihre Gesichter zu schauen, roch er doch ihre Distanziertheit, die Akan und ihm vom ersten Augenblick an zu verstehen gab, dass sie anders waren.

Königin Sarnja überspielte ihre Scheu und setzte eine freundlich Maske auf.

Hurim nahm gehorsam ihre Hand. Sein Vater war gewandter als er und entlockte ihr ein Lächeln.

König Hantar starrte sie an, als ständen sie zum Verkauf auf dem Sklavenmarkt. Er hielt es nicht einmal für nötig, sie zu begrüßen. Begeistert klatschte er in die Hände. »Wunderbar! Was für schöne Wesen!«

Hurim spürte, wie ihm die Röte in die Wangen stieg, und er hoffte, dass dieser Mensch schweigen würde.

»Es ist das erste Mal, dass ich sie zu Gesicht bekomme«, fuhr Hantar schonungslos fort und erdreistete sich, Akan über den Arm zu fahren. »Wunderbar! Wunderbar! So eine helle, weiche Haut. Ja, das hat etwas Elbenhaftes an sich.«

Hurim senkte den Blick. Er schämte sich zutiefst. Trotzdem tat er es seinem Vater gleich und hielt still, als Hantar sein Haar begrapschte und seine verbrannten Hände ungefragt in die seinen nahm.

Hantars Atem stank nach Bier, sein feister Körper verströmte den Geruch seines Geschlechts. Vom Ekel überwältigt, hielt Hurim die Luft an und ließ die Demütigung reglos über sich ergehen.

Doch als Hantar endlich von ihm abließ, war seine Neugierde immer noch nicht befriedigt. Suchend sah sich Hantar im Saal um. Als er offensichtlich nicht gefunden hatte, was er suchte, zwang er seinen fetten Leib in die Hocke und spähte zwischen den Stuhlbeinen hindurch unter den Tisch. »Es heißt, dass ihr mit Wölfen verwandt seid«, feixte er und richtete sich ächzend wieder auf. »Habt ihr die zu Hause gelassen?«

König Beomo, der sie bisher nicht begrüßt hatte, verzog angewidert sein Gesicht. »Dann war das Fleisch tatsächlich für Euch selbst bestimmt! Und ich dachte, man hätte mir Wolfsfutter vorgesetzt.«

König Hantar lachte lauthals auf. »Andere Länder, andere Sitten. Für Ithlaner, die nur Fisch und Gemüse kennen, nur schwer vorstellbar.«

Hurim verschlug es die Sprache. Zwar hatte ihn König Beomos unmissverständliche Körpersprache bereits gewarnt, mit so einer offenen Feindseligkeit hatte er jedoch nicht gerechnet.

Wie zufällig berührte Akan Hurim am Arm. Er warf ihm einen schnellen Seitenblick zu, der ihm zu verstehen gab, sich nicht von seinen Gefühlen überwältigen zu lassen.

Die Nähe seines Vaters beruhigte Hurim und dämpfte seine brodelnde Wut.

Dem Verweser Natar war die peinliche Situation nicht entgangen. Er räusperte sich und sprach mit fester Stimme: »Ich möchte zu bedenken geben, dass für Nebensächlichkeiten keine Zeit mehr ist. Darum ersuche ich die königlichen Hoheiten, Platz zu nehmen!«

»Richtig!«, stimmte König Hantar zu und füllte sich einen Becher Wein ab. Er fläzte sich neben Akan und leerte den halben Becher in einem Zug.

Königin Sarnja setzte sich mit gesenktem Blick Hurim gegenüber; es war nicht zu übersehen, dass sie sich am liebsten an den äußersten Rand gesetzt hätte – nahe dem Ausgang, wo ihr die Wachen zur Hilfe eilen konnten, falls die Wolfselben hungrig wurden. Bedauerlicherweise war der Platz schon von Beomo belegt. Was, wenn Hurim seine Beine ausstreckte und Sarnjas Schienbeine streifte? Würde die schöne Menschenfrau aufspringen und kreischend auf Beomos Schoß flüchten? Hurim wünschte, seinen schlafenden Bruder zu wecken, sein anderes Ich, das vor Erleas Tod für jeden Spaß zu haben gewesen war. Er wünschte, wenigstens den Hauch eines Grinsens in den Mundwinkeln zu spüren. Doch hinter seiner Brust befand sich nur ein Loch, ein Loch gefüllt mit Wut.

Natar hatte sich an die schmale Tischseite gesetzt, hinter ihm wartete der Schreiber auf den Beginn des unsinnigen Spektakels. Gedankenverloren starrte Natar auf die verschlossene Eichentür, als wollte er sich kurz besinnen, dann erhob er sich.

Von den hellen Augen, wie sie Hurim selten bei einem Menschen gesehen hatte, ging eine Kraft aus, die selbst Beomo zu ihm aufblicken ließ. »Die Herrschaften mögen mir verzeihen, wenn ich auf überflüssige Höflichkeitsfloskeln verzichte, denn die Zeit drängt. Der Obersten von Thoran hat sich im Korothá ertränkt ...«

»Ja, das wissen wir«, unterbrach ihn Hantar.

 »... weil irgendetwas ihn in den Wahnsinn getrieben hat.«

»Irgendetwas! Was soll das heißen?«

Der Verweser hob ungeduldig die Hand. »Das soll heißen, dass selbst unsere Gedanken vor dem Meister des toten Schattens nicht mehr sicher sind.«

Hantar zuckte mit den Schultern. »Und? Was hat er Ismod zu denken gegeben? Was wollte er von ihm?«

»Das fragt den Korothá! Niemand weiß, wer der Meister ist und was er vorhat. Keiner ist vor ihm gefeit, keiner versteht seine Absichten. Das Schlimmste ist, dass er die Ji’harbis in die Ebene treibt. Wir können jederzeit angegriffen werden.«

Königin Sarnjas stieß ein leises Stöhnen aus, als hätte die Kraft sie verlassen. »Lathan kann von der Koroth-Ebene aus wie ein reifes Kornfeld überrannt werden. Im Rücken versperren uns die Berge den Fluchtweg. Wir sind in einem gezackten Kessel gefangen!«

»Sagt bloß, Ihr fürchtet Euch vor diesen ... Tieren.« König Hantar leerte den Becher und stieß einen grunzenden Laut aus. »Ich habe mir mal zum Spaß einen Ji’harbi gehalten. Genauso gut hätte man einen Hund in Kleider stecken können.« Hantar lachte auf. »Ich habe ihn zu meinen Jagdhunden in den Zwinger gesperrt, um zu sehen, was er aushält. Viel ist nicht von ihm übrig geblieben. Kein Grund, gleich hysterisch zu werden, liebe Sarnja.«

Hurim vermochte nicht zu sagen, was ihn davon abhielt, dem fetten, stinkenden Mann neben ihn seine Verachtung ins Gesicht zu schleudern. Vielleicht hielt die Erdmutter in diesem Augenblick seine schützenden Hände über ihn.

In Königin Sarnjas Augen blitzte es. »Goa liegt versteckt hinter Lathan und ist nur durch eine Passstraße erreichbar, die leicht zu verteidigen ist. Wie wär’s wenn Ihr Eure Soldaten vor die Tore von Lathan stellt und uns beisteht, anstatt wie ein Hund hinter dem Zaun zu kläffen.«

»Lächerlich! Wir haben es mit sprechenden Tieren zu tun, die so schnell wie möglich in ihren Wald zurückwollen. Erzählt mir nicht, dass Lathans Soldaten nicht mit so etwas fertig werden«, schnaubte Hantar und griff erneut nach dem Weinkrug.

Natar legte energisch seine Hand auf den Krug, sein Gesicht war grau wie Stein. »Es ist keine Lösung, wenn Ihr Euch betrinkt! Ihr wisst, dass Goa genauso gefährdet ist wie alle anderen umliegenden Reiche. Macht Euch nichts vor, König Hantar: Wenn die Ji’harbis Lathan überrannt haben, wird ihnen auch Goa zum Opfer fallen. Vergesst nie, dass die Ji’harbis einem Dämon dienen.«

Hantars Hand hielt trotzig den Griff des Weinkruges umklammert. Mit hochrotem Kopf ließ er ihn schließlich los. »Ist schon gut!«, murrte er. »Die Ji’harbis haben Flausen im Kopf. Irgendwer hat ihnen ein Märchen erzählt. Und wir können nichts dagegen tun, um es ihnen auszutreiben. Nichts! Gegen einen toten Schatten kann man nichts machen. Ich bin der Einzige hier, der das kapiert hat. Wenn ihr Soldaten wollt: Damit kann ich nicht dienen, die brauch ich selbst.« Angriffslustig visierte er König Beomo an. Hantars Unterlippe zitterte. »Wenn ihr kämpfen wollt, fragt Ithlan und nicht Goa! Das Gebirge im Süden schirmt es von dieser verdammten Ebene ab und im Rücken ist das Meer. Noch nie ist Ithlan überrannt worden! Soll Ithlan seine Soldaten schicken!«

Beomos bronzefarbenes Gesicht zeigte keine Regung. Er rollte den leeren Becher von der einen in die andere Hand, ehe er den Blick hob. »Sechzehn Jahre lang war es Thoran gleichgültig, was in seinem Fundament nur darauf gewartet hat, befreit zu werden«, fing er mit leiser Stimme an. »Mein Vater hat aus Ithlan ein blühendes Reich geschaffen. Es ist das wichtigste Handelszentrum für Edelhölzer, Gewürze und Elfenbein. Bald wird es in seiner Bedeutung Thoran in nichts mehr nachstehen.« Unverhofft schlug Beomo den Becher auf den Tisch, dass alle Anwesenden zusammenzuckten. »Glaubt ihr ernsthaft, dass Ithlan nun den Kopf für Thorans Fehler hinhält? Meine Soldaten sterben allein für Ithlan und nicht für Thoran. Das schwöre ich!«

»Ihr lasst uns also im Stich?« Die Stimme der Königin zitterte.

»Ithlan ist nicht bereit, sinnlose Opfer zu bringen«, erwiderte Beomo ungerührt. »Nicht Ithlan lässt die Reiche der Ebene im Stich, sondern die, die sechzehn Jahre lang Zeit gehabt hätten, mit ihrer Magie den Schatten zu zerstören. Macht nicht Ithlan den Vorwurf, Königin von Lathan, sondern den Lügnern, die Thoran Hilfe versprochen hatten. Thoran vertraut ihnen heute noch blind, doch es wird wieder bitter enttäuscht werden.«

Hurims Herz raste. Ein Schlag ins Gesicht hätte ihn nicht härter treffen können. Die Wasserfallstadt hatte König Akan nur eingeladen, um das Volk der Nacht zu teeren und zu federn. Scham, wie Hurim sie niemals zuvor empfunden hatte, schnürte ihm die Kehle zu.

Akan schien vor Hurims Augen zusammenzuschrumpfen. »Ich habe aufgegeben«, flüsterte er. »Ich ... ich hatte nicht mehr die Kraft. Verzeiht mir.«

Bestürzt legte Hurim seine Hände auf Akans Unterarme. Es schmerzte ihn tief, dass die Menschen seinen Vater wie ein Tier in die Ecke drängten; der alte Wolf war den Menschen nicht mehr gewachsen. Trotzdem hatte Hurim ihn nicht von der Reise abgehalten. Er hatte seinen Vater ins offene Messer laufen und sich widerstandslos von Zoas mundtot machen lassen. Es war Hurims Schuld, wenn der alte Wolf litt. »Vater! Du hast dir nichts vorzuwerfen!«, drang er auf Akan ein.

»Die Schuldgefühle Eures Vaters kommen recht spät, Wolfsprinz.« Beomo drehte sich zu Hurim um. »Was denkt Ihr?«

Der Blick der braunen Augen hielt Hurim gefangen, in seinem Herzen breitete sich eine große Leere aus.

Autor

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    Susanne Ferolla (Autor)

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Titel: Die Jagd des toten Schattens