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Der Fluch von Abbington Hall

von Ester D. Jones (Autor) Katherine Collins (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

England, Sommer 1895: Dass Andrew, der Sohn des Earls of Linnley, sein Versprechen gegenüber der Bediensteten Gemma nicht hält, hat schwerwiegende Folgen für ihn und seine gesamte Familie.
Jahrhunderte später, in der Gegenwart: Die bevorstehende Heirat ihrer Schwester versetzt Elisa in Panik. Laut ihrer Großmutter liegt ein Fluch auf den Abbingtons und keine von ihnen soll jemals glücklich werden.
Um Schlimmeres zu verhindern, versucht Elisa alles, um die Hochzeit zum Platzen zu bringen, auch wenn dadurch ihre Beziehung zu ihrer Schwester zu zerbrechen droht. Und als wäre das nicht schon nervenaufreibend genug, stört auch noch der Cousin des Bräutigams Elisas Nachforschungen, weil er die Organisation der Brautentführung viel zu ernst nimmt. Werden die beiden Schwestern es schaffen, dem Fluch zu entkommen – oder die Hoffnung auf die Liebe ihres Lebens für immer verlieren?

Impressum

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Erstausgabe Februar 2019

Copyright © 2019, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 978-3-96087-685-4
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-710-3

Covergestaltung: Annadel Hogen
unter Verwendung von Motiven von
© flotsom/depositphotos.com, © shanti108 und AmeliAU/shutterstock.com
Lektorat: Astrid Rahlfs

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

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1. Kapitel

England, Frühjahr 1895

Wenn auf dieser wankelmütigen Welt irgendetwas sicher war, dann die Tatsache, dass Viscount Andrew Abbington, Erbe des Earl of Linnley, ein unverbesserlicher Schürzenjäger war.

Gemma schlug die Hand weg, die Andrew auf ihren Po gelegt hatte. „Lass das!“, fauchte sie. „Es könnte jederzeit jemand hereinkommen.“

Er lachte. „Das erhöht doch den Reiz eines Stelldicheins.“

Ihr Blick huschte zur Tür, während sie weiterhin so tat, als würde sie die Figuren über dem Kamin im Wohnzimmer reinigen. Andrews Absätze verursachten ein leises Klackern auf dem Holzboden, als er hinter sie trat. Sie versteifte sich. „Bitte, Andrew.“

„Ich mag es, wenn du dich so spröde gibst. Das steigert meine Sehnsucht nach dir ins Unermessliche.“

Das war ihr nur zu deutlich bewusst. Je länger sie seinen Avancen nicht nachgegeben hatte, umso beharrlicher war er geworden. Wenn sie ihm das Gefühl gab, kein leichtes Spiel mit ihr zu haben, war sie für ihn interessant. Als sie seinem Drängen nachgegeben hatte, war seine Begeisterung abgeflacht. Doch jetzt arbeitete sie für seine Familie. Er hatte sie Tag für Tag vor Augen und durfte sich ihr nur nähern, wenn sie allein waren. Plötzlich hatte er sich wieder um sie bemüht.

„Verrate mir lieber, wie du Mister Reginald erklären willst, warum du dich nicht im Studierzimmer aufhältst.“

Andrew schnaubte. „Mich interessiert dieser Buchhaltungsfirlefanz nicht.“ Er lehnte sich nach vorne, bis er seine Lippen auf ihren Hals drücken konnte.

„Du kannst dir deine Mühe sparen. So eine bin ich nicht.“

„So eine?“, fragte er zwischen zwei Küssen.

Gemma rückte eine vergoldete Statue gerade und senkte die Hand mit dem Putztuch. „Eine deiner üblichen Eroberungen. Ich lasse mich nicht von jemandem in flagranti mit dir erwischen.“

„Wie schade.“ Seine Arme legten sich um ihre Taille. „Dabei hätte ich gerade große Lust, Dinge mit dir anzustellen, die uns richtig in Schwierigkeiten bringen würden.“

„Darin bist du gut“, murmelte Gemma. Die Worte schmeckten bitter. Sie rieb über die Verzierungen des Kamins.

„Das stimmt wohl. Aber nicht gut genug, um dich von deiner Arbeitswut abzulenken.“

„Ich muss froh sein, dass deine Familie mich angestellt hat.“ Eine gute Tat, die die Familie vermutlich bald bereuen würde.

Angst schnürte ihr die Kehle zu. Die Zukunft erschien ihr wie ein dunkler, undurchdringlicher Wald voller unvorhersehbarer Hindernisse. Sie hatte die Fähigkeit ihrer Mutter geerbt, in die Zukunft blicken zu können. Doch seit sie ihr Herz an Andrew verloren hatte, war diese Gabe nicht mehr so ausgeprägt wie zuvor. Die Liebe zu ihm hatte ihre Sicht benebelt. Als sie zuletzt einen Blick in die Zukunft gewagt hatte, war da nichts gewesen als Schwärze und Kälte, die bis in ihre Seele gekrochen war. Es gab einen Grund, weshalb die Wahrsagerinnen ihrer Familie üblicherweise darauf verzichteten, ihr eigenes Schicksal vorauszusagen.

Sie tauchte unter seinen Händen hindurch und öffnete den mit Intarsien verzierten Glasschrank, um nach und nach das gute Geschirr herauszunehmen, auf dem Esstisch abzustellen und vorsichtig zu reinigen.

Andrew folgte ihr und stützte sich mit vor der Brust verschränkten Armen auf dem Tisch ab. „Der Tod deines Vaters kam unerwartet. Mein Vater wusste, wie schwer es euch gefallen ist, das gepachtete Land zurückzugeben.“

„Wenigstens haben wir unser Zuhause nicht verloren.“ Die ersten Gläser konnten zurück in den Schrank.

Als sie erneut Gläser zum Tisch trug, schlang er einen Arm um ihre Mitte und zog sie näher zu sich heran. Durch den Stoff ihrer Schürze und ihres Batistkleides konnte sie die Wärme seiner Haut fühlen.

Er stellte sich wieder hinter sie. Seine Nase rieb über die Locken, die sich hinter ihrem Ohr aus dem Häubchen gelöst hatten. „Du riechst so gut.“

„Das werde ich nicht mehr, wenn mir der Schweiß ausbricht, weil ich mich beeilen muss, um trotz deiner Ablenkung alle Aufgaben von Mrs Brown zu erledigen.“ Sie schloss die Augen, als sie seinen Atem in ihrem Nacken spürte. Sie sollte ihn wegschicken und sich auf ihre Aufgabe konzentrieren. Das hier war keine gute Idee. Andrew war keine gute Idee.

Ihr Vater hatte Hoffnungen auf ein anderes Leben in ihr geweckt. Da er gestorben war, bevor Gemma sie in die Tat umsetzen konnte, hatte sie ihre Träume anpassen müssen. Keine Bildung, keine freie Wahl, stattdessen eine Anstellung als Mädchen für alles. Die Umstellung war ihr schwer genug gefallen. Weil sie sich in einen Viscount verliebt hatte, stand ihre Welt schon wieder Kopf.

„Warum musst du immer so pflichtbewusst sein?“

„Es ist Teil meines Charakters“, erklärte sie trocken.

„So vernünftig …“

„Normalerweise schon. Ich weiß gar nicht, weshalb ich auf dich hereingefallen bin.“

Er lachte leise auf. „Das kann ich dir beantworten: Weil du alle deine guten Vorsätze vergisst, sobald ich dich berühre.“

Wie recht er hatte! Während er sich immer noch gegen ihren Rücken presste, begannen seine Hände an ihrer Taille hochzuwandern.

Gemma keuchte auf. „Andrew!“ Sein Name endete in einem Stöhnen, als seine Handflächen über den Stoff über ihren Brüsten rieben.

„Beweis erbracht“, meinte Andrew mit einem Lachen in der Stimme. „Du hast meinen Jagdinstinkt geweckt, weil du dich am Anfang geziert hast.“

„So etwas ist dir wohl vorher noch nicht passiert.“

Er lachte erneut. „Nein. Wie dankbar ich bin, dir dennoch einen Kuss gestohlen zu haben. Danach war es um uns beide geschehen.“

Seine Worte klangen wunderbar romantisch. Ob Gemmas Vater ihre Mutter genauso um den Finger gewickelt hatte? Ob die sich genauso für unbesiegbar gehalten hatte, als sie in den Armen ihres Geliebten gelegen hatte? Die Liebe von Gemmas Eltern musste jedenfalls etwas Besonderes gewesen sein. Sonst hätte ihre Mutter ihre Familie niemals verlassen, deren Mitglieder als Hellseher und Zauberer durch das Land zogen. Sonst wäre sie niemals sesshaft geworden, um ihr Leben mit Gemmas Vater verbringen zu können. Die Liebe auf den ersten Blick hatte sie alles aufgeben lassen.

Gemma hätte für Andrew Ähnliches fertiggebracht. Sie wäre ihm überallhin gefolgt. Um mit ihm zusammen zu sein, hätte sie alles riskiert. Doch er war vermutlich bei weitem nicht so fasziniert von ihr, wie er den Anschein erwecken wollte. Sie war nur ein Spielzeug für ihn. Bald würde sie diesbezüglich die Wahrheit erfahren. Sie musste ihm ihr Geheimnis anvertrauen. Und dann wäre sie vielleicht nicht mehr als ein Klotz am Bein für ihn.

Sie drehte sich in seiner Umarmung herum. „Andrew, wir müssen reden.“

Seine Augenbrauen hüpften. „Mir wäre eher nach küssen.“

Mit beiden Händen drückte sie seinen Oberkörper auf Abstand und drohte dabei zu stolpern. Auch wenn ihr sein beständiges Werben schmeichelte, konnte er manchmal etwas zu aufdringlich sein. „Das merke ich“, seufzte sie.

Die vertraute Schwäche in den Knien machte sich bemerkbar, als er den Griff um ihre Taille verstärkte. Ihr Putztuch verursachte Staubflecken auf seiner Brokatweste, doch das war ihr egal. „Aber es gibt etwas, das ich dir sagen muss. Dringend.“

„Was meinst du?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nicht hier.“

„Heute Abend im Gartenhäuschen?“

„Ja, wie immer.“ Das Strahlen in seinen Augen brachte sie zum Lächeln. Mit den Fingerspitzen strich sie durch sein blondes Haar. Die einzelne dunkelbraune Strähne direkt über seiner Stirn stand für das Abbington-Erbe. Diese Haarsträhne trat in jeder Generation auf. Auch die Kinder, die Andrew gezeugt hatte – und es zerriss ihr Herz, dass bereits mehrere solcher Kinder existierten –, trugen dieses Zeichen mit dem Sprießen der ersten Haare.

Wie sehr sie ihn liebte! Wie wichtig er ihr war. Ob er jemals ahnen würde, was sie alles für ihn tun würde?

Sie legte ihre Lippen für einen kurzen Kuss auf seinen Mund und löste sich dann von ihm. „Jetzt lass mich arbeiten, damit ich nicht doch noch Schwierigkeiten bekomme.“

Mit einem breiten, zufriedenen Grinsen zog er von dannen.

Der Mond leuchtete Gemma den Weg, als sie durch den Garten schlich. Sie duckte sich hinter einen Busch, als sie ein Geräusch vernahm. Doch das Knacken stammte nur von einem Vogel in dem Baum über ihr. Gemma erhob sich wieder. Ihr Blick schweifte zum Haus zurück. Die meisten Fenster waren dunkel. Niemand hielt sich im Freien auf. Niemand außer Gemma und ihrem liebeskranken, besorgten Herz.

Diese Geheimnistuerei war so demütigend. Sie musste sich wie ein Dieb aus dem Haus stehlen, um sich mit ihrem Geliebten zu treffen, der ihr Verhältnis wohl niemals legalisieren würde. Gemma hatte Andrew ihre Jungfräulichkeit geschenkt und von ihm dafür neue Lebensfreude erhalten. Doch langsam begann sie sich zu fragen, ob der Preis nicht zu hoch war.

Nach wenigen Augenblicken erreichte sie das Gartenhäuschen. Der Gärtner bewahrte seine Geräte dort auf, weshalb neben den Kästen und Regalen lediglich Platz für einen kleinen Tisch mit zwei Stühlen war.

Gemma entzündete eine bereitstehende Öllampe, in deren Licht sie vertraute Einzelheiten des Raumes erkannte. Die Decke, die Andrew immer ausbreitete, damit sie es bequem hatten, lag in einer Ecke. Gemma überlegte, danach zu greifen und sie zurechtzulegen wie sonst Andrew. Aber es würde den falschen Eindruck erwecken. Stattdessen nahm sie auf dem Stuhl Platz.

Wie lange würde sie wohl warten müssen? Sie legte ihre gefalteten Hände in den Schoß, presste sie zusammen, lockerte den Griff wieder. Ihr Herzschlag trommelte so laut, dass man ihn vermutlich noch in der nächsten Stadt hören konnte.

Das Knirschen von Kies. Schritte die sich näherten!

War er da?

Mit einem leisen Quietschen öffnete sich die Tür einen spaltbreit, und Andrew schob sich hindurch.

Gemma sprang auf. „Andrew!“

Er schloss die Tür hinter sich. Dann war er mit zwei Schritten bei ihr und hob sie hoch, um sie stürmisch zu küssen.

Ein paar Sekunden genoss sie das Gefühl seiner Lippen auf ihren. Irgendwann schob sie seinen Oberkörper auf Abstand, während sich ihre Röcke um Andrews Beine bauschten.

„Warte.“ Sie musste einen klaren Kopf behalten.

„Ich habe das hier vermisst“, murmelte er und versuchte, sie erneut zu küssen.

„Noch nicht“, bat sie. Sie musste ein paar Minuten die Kontrolle behalten, obwohl ihre Knie so weich waren, dass sie sicherlich nicht alleine stehen konnte.

Er knabberte an ihrem Ohrläppchen. „Worauf warten?“

„Zuerst muss ich dir etwas sagen.“

Endlich ließ er sie mit einem Seufzen los. Andrew setzte sich auf den Stuhl und zog Gemma auf seinen Schoß.

„Was bedrückt dich?“

Gemma zögerte vor den Worten, die alles ändern würden, die eine Wand zwischen ihnen errichten könnten. Sie wollte die Last ihres Wissens nicht mehr allein tragen, auch wenn sie Angst hatte, Andrew dadurch zu verlieren.

Andrew Abbington war eine Krankheit, die sich in ihrem Körper eingenistet hatte. Gemma musste seine Nähe nur erahnen, und ihr Herzschlag beschleunigte sich. Er musste sie nur ansehen, damit sie nichts mehr hörte als seine Stimme und alle anderen Anwesenden verblassten. Und wenn Andrew Gemma berührte, breitete sich Fieber in jeder Faser ihres Körpers aus.

Mit diesen Überlegungen zögerte sie das Unvermeidliche nur hinaus. Sie holte tief Luft und sprach es aus. „Ich erwarte ein Kind.“

Er starrte sie an. Dann stellte er sie langsam auf den Boden. „Sag das noch mal.“

„Ich bin schwanger.“ Während sie auf seine Reaktion wartete, wagte sie nicht zu atmen.

„Das kommt unerwartet.“

Gemma musste schlucken. Das Ende drohte. „Das weiß ich. Und ich weiß auch, wie du üblicherweise …“

Als er ihr über die Wange strich, verstummte sie. Der Schock stand ihm immer noch ins Gesicht geschrieben. „Damit habe ich nicht gerechnet. Ich hatte keine Ahnung, dass du … Ich weiß gar nicht …“

Tränen traten ihr in die Augen. „Es tut mir leid, dass das passiert ist. Aber ich wollte es dir nicht verschweigen. Bald werden es alle sehen. Lange werde ich meinen Zustand nicht verheimlichen können. Du solltest es vor allen anderen erfahren. Ich weiß, ich habe dich enttäuscht.“

„An deiner Situation trage ich Mitschuld. Es wäre auch meine Aufgabe gewesen, an die Folgen unserer … unserer Treffen zu denken. Es ist ja nicht so, als würde ich nicht wissen, was geschehen kann, wenn ich meiner Leidenschaft nachgebe.“

Die Erinnerung an all die Frauen vor ihr, die bereits ein Kind von ihm unter dem Herzen getragen hatten, schnürte ihr die Kehle zu. Noch vor einem Jahr hätte sie niemals gedacht, sie würde so leichtfertig sein. Nun musste sie die Konsequenzen tragen. Und auch wenn sie wünschte, das würde nicht bedeuten, Andrew zu verlieren, bereute sie keine Sekunde, die sie mit ihm verbracht hatte. Könnte sie nur ändern, welche Position er innehatte. Wenn er doch nur ein einfacher Mann ohne die Verantwortung eines Titels wäre! Sie würde auf alle Annehmlichkeiten verzichten, um mit ihm zusammen zu sein.

„Ich weiß, was jetzt von mir erwartet wird. Ich kenne meinen Platz und werde keine Schwierigkeiten machen. Nur um eines bitte ich dich: Schick mich nicht weg. Lass mich in deiner Nähe bleiben.“

„Dich gehen lassen?“ Er runzelte die Stirn. Sein Blick glitt immer wieder über ihr Gesicht. „Dich nicht mehr in meinem Leben haben? So weit wird es nicht kommen.“

Sie schluchzte dankbar auf. „Vermutlich will deine Familie mich nicht mehr in diesem Haus haben. Dein Vater wird mich davonjagen. Ohne deine Hilfe werde ich nicht bleiben dürfen.“

Der Ausdruck auf seinem Gesicht änderte sich. Er wirkte mit einem Mal entschieden. „Du musst dir keine Sorgen machen. Ich stehe zu dir, Gemma. Wir werden heiraten.“

„Heiraten?“ Ihre Stimme überschlug sich.

Er lächelte und nickte.

„Aber … ich weiß, dass ich nicht die Erste in … in dieser Lage bin.“

„Du bist etwas ganz Besonderes für mich.“

Diese Worte veränderten alles. Gemmas Herz sprengte den Schutzwall, den sie darum errichtet hatte. Ihre Hoffnung kehrte zurück. „Was wird dein Vater sagen?“

„Meine Wahl wird ihn nicht erfreuen. Aber die Tatsache, dass ich mein Leben selbst in die Hand nehme, wird ihm gefallen.“ Andrew drückte Gemma fest an sich.

Sie fühlte sich wie betäubt. Er hatte ihr einen Heiratsantrag gemacht! Nun ja, nicht richtig. Es hatte wie eine Feststellung und nicht wie eine Frage geklungen. Aber sie würde seine Ehefrau werden! Andrew liebte sie. Naja. Er hatte es nicht mit diesen Worten ausgedrückt. Aber er hatte gesagt, dass sie etwas Besonderes für ihn war! Was wollte sie mehr?

Andrew war der Mittelpunkt von Gemmas Universum. Sie hatte gewusst, worauf sie sich eingelassen hatte, welches Risiko sie eingegangen war. Sie hatte geglaubt, Andrew durch die Konsequenzen ihres Tuns zu verlieren. Doch nun schien Andrew das erste Mal in seinem Leben bereit, die Verantwortung zu übernehmen. Dank ihm musste Gemma ein Dasein in Schande nicht fürchten. Er war ihr Retter, ihr Held.

Gemmas Blick tastete über sein so vertrautes, geliebtes Gesicht. Ihre Augen nahmen jede Einzelheit auf, als sähe sie ihn das erste Mal. Diese dunkelbraune Strähne direkt über seiner Stirn in seinem blonden Haar! Gemmas Kind würde dieses Zeichen ebenfalls tragen. Das Kind von Andrew. Ihr gemeinsames Kind!

Sie schlang ihm die Arme um den Hals und schluchzte dankbar auf. „Ich liebe dich“, flüsterte sie ihm ins Ohr.

Andrews Griff wurde fester. Er zog an Gemmas Haar, bis sie ihren Kopf in den Nacken legen musste. Seine Lippen legten sich mit zärtlichem Drängen auf ihre. Für Gemma war es ein Schwur, ein Versprechen für eine gemeinsame, glückliche Zukunft.

2. Kapitel

Abbington Hall, Spätsommer 1895

Lady Perdita Eleonore Sophie Elizabeth Camden-Barnet war mit Sicherheit eines: mutig. Mit fünf Brüdern und ohne weibliche Gesellschaft aufzuwachsen, hatte sie gelehrt, standzuhalten. Die Späße ihrer älteren Brüder stoisch zu ertragen, ebenso wie den meist jammervollen Bitten der jüngeren nicht zu erliegen. Sie fürchtete sich weder vor Spinnen, noch vor Dreck oder wilden Tieren. Lediglich der Gedanke, nie ihrem Elternhaus entfliehen zu können, bereitete ihr ein gewisses Unbehagen. Ein wenig, denn es stand nicht zu befürchten, dass sie die diesjährige Londoner Ballsaison ohne adäquaten Verlobten abschloss. Ihre Familie war vermögend, sie hübsch anzusehen und mit allen weiblichen Fertigkeiten ausgestattet. Nein, es war so sicher wie das Amen in der Kirche, dass Lady Perdita Camden-Barnet schon in Bälde vor dem Traualtar stünde. Mit einem Adligen aus bestem Hause. Mit einem Gentleman par excellence.

Nun jedoch galt es, erste Schritte auf einem weniger heißen Parkett zu machen. Bevor sie in der Obhut der Tante und vor dem entnervten Auge ihres ältesten Bruders London im Sturm eroberte, sollte sie sich bei einer Hausgesellschaft erproben: auf Abbington Hall, dem Landsitz des Earl of Linnley im malerischen Kent.

„Perdita, meine Liebe, es gibt keinen Grund zur Aufregung“, haspelte die Tante, Lady Henriette Waxwell, und fächelte sich frenetisch Luft zu. Perdita hob belustigt eine Braue.

„Selbstredend nicht, Mylady.“

„Drei Jahre intensiver Ausbildung … in Gesang, Tanz, Konversation …“, zählte die dickliche Tante auf und streckte sich dann, um dem Mädchen die Hand zu tätscheln. „Optimal. Und so lieblich anzuschauen! Ganz die Frau Mama!“

Das hoffte Perdita doch, kam die Tante doch ganz nach Perditas Vater, dem verstorbenen Earl of Southberry, genau wie drei ihrer Brüder. Sie waren eher rundlich, kahl und rotwangig. Perdita lächelte milde.

„Verehrte Tante, es gibt in der Tat keinen Grund zur Besorgnis.“

Die Lady seufzte schwer, ließ das Thema aber auf sich beruhen. Die Kutsche passierte ein schmiedeeisernes Tor. „Da sind wir schon!“ Wobei schon nach dreitägiger Reise bedeutete.

Perdita richtete ihren Blick ebenfalls aus dem von der Tante geöffneten Kutschfenster und gewahrte die mannshohe Backsteinmauer, die das Gehöft einzugrenzen schien. Vor ihnen standen Bäume Spalier und lockten mit reifen Früchten. Sie ratterten gemächlich über die lange Auffahrt, und Perdita genoss die malerische Aussicht. Ihr eigenes Heim bestach durch große Flächen totbringenden Moores.

„Meine liebe Perdita, seine Lordschaft, dein Bruder, der uns so schmählich im Stich ließ …“

Southberry hatte es nach der dritten Unterbrechung der Reise am zweiten Tag nicht mehr ausgehalten und hatte die Reise allein zu Pferd fortgesetzt. Lady Henriettes Fächer wedelte so schnell wie die Flügel eines Kolibris vor der mit kleinen Schweißtropfen bedeckten Nase herum. „… wird uns, so hoffe ich inständig, bereits erwarten, und unsere Strapazen werden schlussendlich ein Ende haben.“

Perdita verbiss sich ein Grinsen. „Ich bin mir sicher, dass Lady Linnley alles vortrefflich vorbereitet hat und unsere Ankunft freudig erwartet.“

Lady Henriette seufzte erneut und wechselte die Hand. „Diese unerträgliche Hitze!“, murmelte sie dabei, und dieses Mal konnte Perdita ihr Lachen nicht mehr verbeißen.

„Oh Tante, lassen Sie mich Ihnen helfen.“ 

Sie streckte die Hand aus, um den Fächer zu übernehmen, als die Kutsche zum Stehen kam. Lady Henriette ließ den Fächer zuschnappen und richtete sich gerade auf. Das Doppelkinn stolz erhoben, schließlich war sie die Marchioness of Gainsport.

Der Lakai öffnete ihnen den Wagenschlag und half beiden Ladys, aus dem Gefährt zu klettern. Perdita sah an dem Gebäude empor. Klassisch, gradlinig und doch beeindruckend. Säulen fassten die Tür ein und wiederholten sich einige Fuß entfernt zu beiden Seiten. Rundbögen gaben den Buntglasfenstern ein majestätisches Flair. An beide Seiten des Hauses schlossen sich burggleiche Flügel an.

„Wie lang ist Abbington Hall in Familienbesitz?“, fragte Perdita die Tante, die ihren in einem zweiten Wagen mitgereisten Zofen einen Schwall Aufträge erteilte.

„Wie meinen, mein liebes Kind?“

„Das Haus? Wie lang befindet es sich bereits im Familienbesitz?“, wiederholte Perdita und wandte sich dazu der Tante zu. Dem Gebäude gegenüber befand sich eine große, begrünte Fläche mit Rosensträuchern in allerschönsten Farben.

„Wie wunderschön es hier ist.“

„Welch merkwürdige Fragen du stellst, meine Gute.“ 

„Seit 350 Jahren“, bekam sie eine unerwartete Antwort, allerdings nicht von der Tante. Ein Gentleman lehnte lässig am Hinterrad der zweiten Kutsche und schlug sich eine Gerte in die Hand. Sein helles Haar war akkurat gekürzt, und lediglich eine Strähne, eine dunkle Strähne, fiel ihm in die Stirn. Seine blauen Augen fuhren herausfordernd an ihr herab, und auf seine Lippen legte sich ein zynisches Grinsen. Perdita hob irritiert eine Braue. Er mochte seiner Herkunft nach ein Gentleman sein, sein Gebaren jedoch war unangemessen.

„Ah! Abbington! Hush, hush, machen Sie sich nützlich!“

„Sehr wohl, Mylady!“ Er salutierte vor der Marchioness und nahm eine Hutschachtel von Perditas Zofe entgegen. Dabei grinste er die Bedienstete an, dass es Perdita die Sprache verschlug. Ein Lächeln machte seine strengen Züge weicher. Seine Augen strahlten, und Perdita streckte die Finger nach der Säule neben ihr aus. Ihre Kniegelenke waren eigentümlich unbeständig.

„Abbington!“, mahnte die Tante und schlug nach dem Arm des Lords. „So melden Sie uns schon Ihrer werten Frau Mama!“

Perdita atmete tief ein. Der Sohn des Hauses und nicht minder beeindruckend. Erbe? Junggeselle?

Er zwinkerte der Zofe zu und wandte sich dann an die tadelnde Lady. „Zu Diensten, Lady Gainsport!“

Seine Aufmerksamkeit schwenkte zu ihr, und Perdita ließ die Hand fallen.

„Mylady.“ Wieder wanderten seine Augen aufreizend langsam über sie hinweg. Eine dreiste Unverschämtheit! Perdita wartete. Seine Augen kehrten zu ihren zurück. Sie hielt seinem Blick stand, bis das unverschämte Grinsen wackelte.

„Sir.“

Nun ließ sie ihren Blick abwandern. Er trug gediegene Reitkleidung, ländlich, praktisch, und lediglich die auf Hochglanz polierten Knöpfe verwiesen auf einen Hauch Eleganz. Seine Reitstiefel waren schlammverdreckt, und ein leichter Grünschimmer zierte seine Knickerbocker auf Kniehöhe. Sie hob eine Braue und versagte ihm den erneuten, direkten Blickkontakt. Ihre jüngeren Brüder wüssten ihre Geste einzuschätzen, aber Abbington?

Er räusperte sich, und aus dem Augenwinkel bemerkte sie, wie er ihrer Tante einen Blick zuwarf.

„Mylady, darf ich mich erbieten, die Damen ins Haus zu geleiten?“

„Oh, wie außerordentlich freundlich von Ihnen, Abbington! Sehr gern, sehr gern!“

Hatte er eine Vorstellung erhofft, so blieb diese aus. Perdita versagte sich ein Schmunzeln, schließlich wollte sie die unausgesprochene Schelte nicht zunichtemachen. Abbington reichte der Marchioness den Arm, geleitete sie zur Tür, wo er auch Perdita seine Begleitung anbot und sah einen Moment zu lange auf ihre Finger herab, die sich sacht auf seinen Arm legten. Keine richtige Berührung, und sie wahrte auch einen unnötigen Abstand. Ihre Brüder hätte sie schlicht stehenlassen, allerdings wären drei von ihnen bereits nach dem Blick eingeknickt und hätten um Verzeihung gebeten.

Salon von Abbington Hall, am nächsten Tag

Die Hausgesellschaft unterhielt einundzwanzig Gäste. Unter ihnen gleich fünf junge Damen von Stand. Jede von ihnen himmelte den Sohn des Hauses an, jede bis auf Perdita. Schon am ersten Abend war ihr eines aufgefallen: Der Viscount Abbington war leidlich höflich und schnell mit Affronts. Die anderen jungen Damen verziehen es ihm und buhlten um seine Aufmerksamkeit. Um die des Barons und um die von Perditas Bruder, dem einzig anderen alleinstehenden Herrn in der Runde. Southberry reagierte ähnlich abweisend, wobei er jedoch höflich blieb.

„Southberry“, grüßte Abbington und blieb neben dem Earl stehen. Er hatte Perdita offenkundig nicht gesehen, und sie hatte auch nicht vor, ihn zur Kenntnis zu nehmen.

„Abbington“, murmelte Gordon und warf ihm einen schnellen Blick zu. „Sie stehen im Begriff auszureiten?“

„Verraten Sie mich nicht.“

Perdita lauschte interessiert.

„Da müssen Sie mich schon mitnehmen“, verlangte Southberry. „Sie können mich doch nicht mit all den Damen hier zurücklassen.“ Der Earl richtete sich betont gleichgültig die Ärmelaufschläge. „Sie sind Hyänen.“

„Wählen Sie eine, dann haben Sie Ruhe“, murmelte Abbington. „Und ich bin bereits verabredet.“

Gordon seufzte mittleiderregend. „Ich bitte Sie!“

„Vielleicht keine schlechte Idee, Southberry“, mischte sich Perdita ein. „Sie könnten Ihren Brüdern mal ein Vorbild sein.“

Southberry wich unmerklich etwas zurück und gab Perdita damit dem erschrockenen Blick des Viscounts preis. „Ich bitte dich, Perdita, es gibt keinen Grund, einen solchen Schritt zu übereilen!“

„Selbstredend nicht“, räumte Perdita ein. „Ein solcher Schritt sollte wohlüberlegt sein.“ Sie musterte die derzeit zur Auswahl stehenden Damen. „Sehr wohlüberlegt.“

Abbington fasste sich, räusperte sich und murmelte einen knappen Gruß: „Mylady.“

Perdita neigte lediglich leicht das Haupt.

„Sie sind von der Auswahl meiner Mutter nicht erbaut?“, erkundigte sich Abbington gepresst. Seine Haltung war ebenso steif, sogar die Arme waren auf den Rücken gelegt, und er warf ihr lediglich einen flüchtigen Blick zu.

„Die Auswahl entspricht Southberry nicht.“ Wieder betrachtete Perdita die Damen, die hübsch auf ihren Sitzgelegenheiten thronten und begierig versuchten, die Nachbarin in Grazie und Anmut zu überstrahlen.

„Aber mir?“

Nun musste sie ihn doch ansehen. Er sah erbost aus. Seine Lippen verkniffen sich und machten sein längliches Gesicht streng. Zu schade, aber sollte er unreflektierten Zuspruch suchen, konnte er sich an besagte Damen wenden. Sie senkte den Kopf noch etwas mehr zur Seite. „So scheint es“, räumte sie ein. „Haben Sie Ihre Mutter nicht bei der Auswahl unterstützt?“

„Mitnichten!“, knirschte Abbington und bewies damit Perditas Verdacht. Er war von der Situation nicht begeistert. Sie lächelte knapp. Damit hatte er sie indirekt beleidigt, schließlich war sie selbst aus dem gleichen Grunde eingeladen worden wie die anderen jungen Damen. Southberry ging dies auch auf.

„Mylord! Achten Sie auf Ihre Worte“, grummelte er und legte Perdita eine Hand in den Rücken, um sie noch ein Stück nach vorne zu schieben. Das genügte, um Abbington eine Bitte um Vergebung abzuringen. Sie nickte, sparte sich aber die Worte. Er sah sie an. Anders als zuvor. Direkt, nicht abschätzend, nicht bewertend.

„Entschuldigen Sie mich nun, Mylord, ich möchte Sie nicht weiter mit meiner Gegenwart langweilen. Southberry.“

Perdita entzog sich ihrer gesellschaftlichen Verpflichtung und huschte aus dem Musikzimmer. Sie hatte bereits ein Stück zum Besten gegeben und gab den anderen Damen nun die Gelegenheit, ebenfalls mit ihrem Können zu glänzen. Während ihres Beitrags war sie sich der Aufmerksamkeit des Viscounts gewiss gewesen. Seine Augen lagen auf ihr. Immer mal wieder. Deswegen suchte sie auch die Einsamkeit. Beinahe hätte sie ihren Auftritt verpatzt, und der Umstand ärgerte sie.

Perdita durchquerte den großen Salon, ihr Ziel: der Garten. Abbington Hall bestach durch ausgedehnte Gärten. Rosengärten, Nutzgärten, Bäume mit den wohlschmeckendsten Früchten und so vielem anderen. Sie schloss sacht die Verandatür und nahm die drei Stufen zur Rasenfläche. Die laue Spätsommernacht kühlte ihre Wangen. Sie schloss die Augen und ging blind weiter. Nur ein paar Schritte, dann blieb sie stehen. Sie atmete tief durch und öffnete die Lider. Sie schreckte zurück.

„Verzeihung“, bat Abbington. „Ich wollte Sie nicht erschrecken.“

Perdita hob das Kinn. „Sie haben mich nicht erschreckt.“ Nun musste sie ihn ansprechen, alles andere wäre sträflich unhöflich gewesen. „Lord Abbington.“

Er schmunzelte und senkte den Blick. „Und ich glaubte schon, Sie wüssten nicht, wer ich bin.“

„Ich werde nun nicht das Gegenteil beteuern, Mylord.“

Er sah wieder zu ihr, mit einem Lächeln, das dazu angedacht war, den Atem zu rauben. Perdita versuchte es zu überspielen und wandte sich leicht ab, um über die Wiese zu sehen.

„Warum nicht?“, fragte er und erschreckte sie nun doch. Er war nähergetreten, verboten nahe. Perdita hielt den Atem an und starrte zu ihm auf. Er hob die Hand, und seine Fingerspitzen fuhren leicht über ihre Wange.

Perdita fasste sich und trat zurück. „Mylord!“

„Verzeihen Sie, ich …“ Er stockte. Seine Stirn runzelte sich.

„Ich sollte wieder hineingehen“, bemerkte sie fest, obwohl sie sich nicht nach Gesellschaft fühlte.

„Nein, bleiben Sie noch“, bat er leise. „Wollten Sie nicht spazieren gehen?“

„Oh, ich benötigte lediglich etwas frische Luft“, behauptete sie und wandte sich vollends ab. Eine junge Dame sollte sich nicht allein in Begleitung eines Herrn wiederfinden. Und sie hatte das Gefühl, dass es mit Lord Abbington doppelt anrüchig wäre. Nein, sie hatte die Gewissheit. Nur wenige Augenblicke, und er hatte bereits versucht, sie zu berühren! Nicht die Hand oder am Ellenbogen, wo es sich gerade noch so geziemt hätte, nein, ihr Gesicht. Und es hatte sich verboten gut angefühlt.

„Sie haben Angst, dass …“, mutmaßte er leise, aber Perdita hatte ihn wohl vernommen. Sie unterbrach ihn sogleich: „Ich habe keine Angst!“ Dabei wandte sie sich wieder zu ihm um und hob dabei herausfordernd das Kinn. Sie hatte keine Angst vor einer Berührung!

„Dann bleiben Sie. Spazieren Sie mit mir. Sie brauchen nicht befürchten …“ Sein Blick senkte sich auf ihre Lippen, und er verstummte.

Perdita wurde schwül, aber sie versagte sich, ihr Accessoire zu verwenden. Ihre Finger suchten nach dem feinen Kirschholz und umschlossen das verdickte Ende des Fächers. Sie hob lediglich die Braue und überdeckte ihre Nervosität mit Sicherheit. „Das wäre Ihnen auch nicht zu raten, Mylord. Ich scheue mich nicht, Southberry von ihrem ungebührlichen Benehmen zu unterrichten.“

Das rüttelte ihn auf. Er hob die Hände. „Ich verspreche Ihnen …“

„Sie sind gewarnt, Mylord!“ Perdita deutete über die Rasenfläche. „Darf ich bitten?“

Abbington lachte auf, und die Spannung zwischen ihnen schwand. „Mögen Sie mir Ihre Hand reichen?“

„Nein“, schlug sie aus und machte sich auf den Weg. Abbington holte auf.

„Sie werden keinen Erfolg haben, wenn Sie Gentlemen so offen abweisen“, versuchte er sie zu ködern.

Perdita schüttelte den Kopf. 

„So? Was verstehen Sie unter Erfolg?“, erkundigte sie sich belustigt. „Ich denke, unsere Ansicht ist da sehr unterschiedlich.“

Abbington musterte sie von der Seite. „Sie erwarten einen Antrag, das sehen wir beide als Erfolg, oder irre ich mich da, Mylady?“ Er klang ebenso amüsiert, wie sie war. Perdita gönnte ihm ein kleines Lächeln und ließ die Peitsche nachschnellen: „Von Ihnen? Mitnichten.“

Das sichere Grinsen fiel ihm aus dem Gesicht, und er stockte im Schritt. Perdita ging unbeirrt weiter. Sie vertraute darauf, dass er ihr folgte, so er es wünschte.

„Ich bitte Sie, Perdita …“

„Lady Perdita!“, korrigierte sie sofort. „Unterlassen Sie unangebrachte Vertraulichkeiten.“

„Lady Perdita“, ging er auf ihre Rüge ein. „Ich bin Viscount, wohlhabend, anziehend. Selbstverständlich wäre es ein Erfolg, gewännen Sie mich für sich!“

„Ich bin die Tochter eines Earls, Lord Abbington.“

„Und ich werde einmal ein Earl sein!“ Er klang aufgebracht und verwirrt zugleich. Perdita warf ihm einen Blick zu.

„Ich entstamme einer der ältesten Adelsgeschlechter Englands“, hob sie hervor und wusste natürlich, was er kontern würde.

„Mein Vorfahr diente bereits King Henry VII!“ Damit war sein Geschlecht nicht weniger erlaucht. Sie unterdrückte ein Grinsen.

„Mein Bruder hält 1/24 des englischen Grundbesitzes.“

Es blieb still neben ihr, was Perdita verwunderte. Linnley war unter den fünfundzwanzig begütertsten Adligen des Landes, ebenso wie Southberry. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, er war ein guter Fang, aber es einzugestehen, mochte derzeit ein Fehler sein.

Abbington kaute auf seiner Zunge herum.

„Womöglich liegen Sie nicht falsch, Lady Perdita, und Southberry ist tatsächlich die bessere Partie.“

Wenn er mal nicht an dem Eingeständnis zugrunde ging. Perdita ließ ihn schmoren, sah fröhlich in die Ferne und schlenderte über das weiche Gras.

„Oh ja“, flötete sie zufrieden.

„Aber er ist Ihr Bruder.“

„So ist es.“

„Sie können ihn nicht heiraten“, stellte er zufrieden fest.

Ein Blick bewies, dass er breit grinste. Perdita räumte es ein und gab ihm, wonach es ihm dürstete: „Damit sind Sie der begehrtere Junggeselle …“

„Mögen Sie mir nun doch Ihre Hand überlassen?“

Perdita lachte auf. „Nun werden Sie übermütig, Mylord.“

„Und wenn ich eingestehe, dass Sie die sicherlich begehrteste der jungen Damen sind, die meine Mutter geladen hat?“

Wieder lachte sie auf und hob den Fächer, um ihm zu drohen: „Sie benehmen sich, oder …“

„Ich schwöre es, bei meiner Ehre!“ Es klang neckisch, aber etwas in seinem Blick sprach von Aufrichtigkeit. Sie überließ ihm ihre Hand, die er sacht drückte, bevor er sie auf seinem Arm platzierte.

„350 Jahre?“

„Wie meinen?“, haspelte er.

„Das Haus. Sie sagten, es befände sich seit 350 Jahren in Familienbesitz, aber Teile des Südflügels scheinen deutlich jüngeren Ursprungs zu sein.“ Perdita deutete zum angesprochenen Trakt. „Obwohl der Klassizismus fortgeführt wurde, sind die barocken Einschläge augenfällig.“

„Klassizismus?“

„Der Baustil. Mylord, ich kenne keinen Herrn, der sein eigenes Heim dermaßen …“

„Verzeihen Sie, Mylady. Ich war lediglich überrascht, dass eine feine Dame wie Sie über Architektur spricht.“

Perdita blieb stehen und nötigte ihn dazu, ebenfalls stehen zu bleiben. „Tatsächlich? Kent scheint mir nicht fernab der Zivilisation. In London und Oxford werden Damen bei den Vorlesungen geduldet, auch wenn ihnen verwehrt wird, den Magister zu machen.“

Er starrte sie perplex an, und Perdita schüttelte missbilligend ihre Lockenpracht.

„Also schön, Mylord“, lenkte sie ein und suchte nach einer Plattitüde: „Eine herrlich sternenklare Nacht.“

Abbington starrte sie weiterhin an. „Die Frauen, die Oxford besuchen, sind nicht …“

„Von adligem Geblüt?“, fuhr sie gelassen fort. „Dies ist mir bewusst, Mylord. Ich bin auch nicht dort gewesen oder plane es gar.“ Welch unsinniger Gedanke, schlösse sich doch dadurch die Tür zu ihrem gesellschaftlichen Leben, so Southberry es ihr gestatten würde. Was nicht der Fall wäre. Eine Dame hatte auf einer Universität nichts verloren. Sie half ihren Brüdern lediglich aus, so sie nicht weiterkamen. „Mylord, ich denke, ich sollte mich nun wieder hineinbegeben.“

„Warten Sie. Warum Architektur? Es ist so ein dröges Sujet“, fragte er und schob eine Bitte hintenan, ihm seine Neugierde zu vergeben.

„Geoffrey ist Architekt. Southberrys derzeitiger Erbe.“ Und ihr zweitältester Bruder. Geoffrey war stets vertieft in seine Bauwerke, und suchte man das Gespräch mit ihm, wurde man über einiges belehrt. Die Unterschiede zwischen Klassizismus, Purismus und Ludwig XIV. waren so eklatant, dass er Stunden darüber schwadronieren konnte. Der Gedanke an den Verwandten ließ sie schmunzeln.

Abbington starrte sie einmal mehr an.

„Wir können uns gerne über ein Ihnen passenderes Sujet unterhalten, Mylord“, bot sie dieses Mal direkt an. „Was ist Ihr Steckenpferd?“

Abbington versteifte sich, und in seiner Miene konnte man ihm seine peinliche Berührung ablesen. Perdita überlegte fieberhaft, womit sie ihn brüskiert haben könnte. Er räusperte sich.

„Die Gärtnerei?“, mutmaßte sie, da er immer noch still blieb und sich lediglich umsah. „Ich sah Sie den Schuppen betreten. Es gibt Gewächshäuser und so herrliche Beete und so viele Pflanzen“, zählte Perdita auf. „Und der Schmutz auf Ihrer Kleidung am Tag unserer Ankunft. Sie müssen im Gras gekniet haben.“

Perdita nahm sich vor, zukünftig den Mund zu halten. Sie hatte ihn nun noch mehr schockiert. Sie seufzte und erklärte erneut, ins Haus zurückkehren zu wollen. Dieses Mal hielt er sie nicht auf, und als sie an den Stufen zur Veranda noch einmal zu ihm zurücksah, starrte Abbington ihr immer noch hinterher.

3. Kapitel

Abbington Hall, Tag zwei der Hausgesellschaft

Etwas stimmte nicht.

Eine riesige dunkle Wolke hatte sich direkt über ihrem Kopf zusammengeballt und raubte ihr alles Licht. Die Finsternis hüllte sie ein, drückte ihr die Luft ab und nahm ihr jegliche Hoffnung.

Etwas stimmte nicht.

Gemma konnte es in der Tiefe ihres Herzens spüren.

Sie schlich jetzt schon seit einer Stunde durch das Haus, versteckte sich hinter Vorhängen, wenn sich jemand näherte, sah in jeden Raum auf der Suche nach dem einzigen Lächeln, das ihre Besorgnis aus der Welt schaffen könnte. Doch es war ihr immer noch nicht gelungen, Andrew ausfindig zu machen. Seit Tagen ging er ihr aus dem Weg. Sie hatte eine Ewigkeit nicht mehr mit ihm allein gesprochen. Unsicherheit hatte sich in ihrem Herzen festgesetzt.

Seine Eltern waren von Andrews Ankündigung, Gemma zu ehelichen, von Anfang an nicht sonderlich erfreut gewesen. Andrew hatte allein mit ihnen gesprochen. Verständlicherweise hatte er sie vorsichtig auf die Neuigkeiten vorbereiten wollen. Dass er damit gescheitert war, hatte sie deutlich gehört, als das wütende Brüllen seines Vaters und das bitterliche Weinen seiner Mutter bis in den Garten gedrungen waren, wo sie auf Andrew gewartet hatte. Wie hatte Andrew eine andere Reaktion erwarten können? Er hatte sich unerschütterlich gegeben. Nach einem innigen Kuss hatten sie darüber gelacht.

Ob er jetzt immer noch über seine Eltern lachte?

Stimmen näherten sich. Sie konnte hören, wie eine Frau mit jemandem schnatterte. Vermutlich eine der albernen Puten, die Andrews Eltern als Antwort auf die drohende Hochzeit von ihrem Sohn und Gemma in dieses Haus eingeladen hatten.

Rasch griff sie nach der Klinke der Tür, die sich direkt vor ihr befand. Diese öffnete sie mit zitternden Fingern und schob sich in den Raum, kurz bevor zwei plaudernde Frauen um die Ecke bogen.

Ihr Herz klopfte, als sie das Ohr an die Tür lehnte und nach draußen horchte. Nur ein wenig warten, bis die überheblichen Ladys fort waren. Dann würde sie die Suche nach Andrew fortsetzen. Sie musste mit ihm reden. Dringend. Wenn sie seine Stimme nicht hörte, wenn sie seine beruhigenden Worte nicht vernahm, dass alles zwischen ihnen in Ordnung wäre, könnte sie keine Ruhe finden.

Schritte kamen an der Tür vorbei. Eine der Frauen lachte, und Gemma verdrehte die Augen. Es klang wie ein perfekt eingeübter Laut der Freude. Bestimmt lernten die Ladys das bereits in ihrer Kindheit. Schließlich war es für sie wichtig, nicht zu viel Feuer zu zeigen. Gemma empfand beinahe Mitleid, weil Andrew sich mit diesen zarten Pflänzchen abgeben musste.

Nachdem die Versuche seiner Eltern, Andrew sein Vorhaben auszureden, gescheitert waren, hatten sie zu einer anderen Methode gegriffen. Sie hatten Monat für Monat hübsche Ladys nach Abbington Hall gekarrt. Gemma war nicht dumm. Sie wusste, warum man die Ladys eingeladen hatte. Andrew sollte eine von ihnen heiraten. Doch wie sollten diese eleganten Damen ihrem Andrew das geben, was er wirklich brauchte? Wie sollte er in den Armen dieser unechten Gören Leidenschaft und Lebendigkeit finden, wie Gemma es ihm bieten konnte? Diese leblosen Puppen könnten ihn niemals so glücklich machen wie sie.

Zuerst war Gemma davon überzeugt gewesen, Andrew würde sich von der Schönheit der jungen Frauen nicht blenden lassen, er würde nicht schwach werden.

Doch dann war SIE gekommen. Andrew hatte Perdita vom ersten Augenblick an anders angesehen. Kurz zuvor war eigens ein Fotograf angereist, um ein Bild von Gemmas und Andrews Glück für die Nachwelt abzulichten. Stolz hatte sie es in seinem silbernen Rahmen auf die Kommode in ihrem Elternhaus gestellt. Gemma hatte Andrews Liebe für unbesiegbar gehalten. Perdita allerdings war nicht nur Traumschwiegertochter gewesen, sondern auch zu Andrews Traumversion einer Ehefrau geworden. Er hatte um die Zuneigung dieser Frau gekämpft. Und Gemma hatte sich schließlich eingestehen müssen, dass tatsächlich die Gefahr bestand, ihn zu verlieren.

Noch einmal horchte sie nach draußen. Die beiden Frauen schienen verschwunden zu sein. Vielleicht konnte sie ihre Suche nach Andrew jetzt fortsetzen.

Sie drückte die Klinke wieder hinunter und öffnete die Tür, um auf den Gang zu treten.

„Wo willst du denn plötzlich wieder hin?“, fragte eine tiefe, grollende Stimme. „Kein Interesse an einer kurzen Unterhaltung?“

Ertappt fuhr sie herum und sah sich blinzelnd um. Halb zugezogene, schwere Vorhänge vor den Fenstern ließen nicht so viel Licht ein, wie sie könnten. Hinter einem wuchtigen Schreibtisch aus massivem Holz saß ein Mann, der sie mit grimmigem Blick bedachte. Die Hände hatte er über dem Bauch verschränkt.

Ein Schauer jagte über ihren Rücken. Bei ihrer überhasteten Suche nach einem Versteck hatte sie nicht darauf geachtet, in welchen Raum sie geflüchtet war und hatte ausgerechnet das Arbeitszimmer von Andrews Vater erwischt.

„Es tut mir leid, Sie gestört zu haben, Mylord. Ich werde Sie nicht weiter von Ihren Aufgaben abhalten.“

Der Earl of Linnley schnaubte. „Du hast mir bereits mehr Schwierigkeiten gemacht, als ich erwartet habe. Dich in meinem Haus arbeiten zu lassen, habe ich für eine gute Tat gehalten, nach allem, was deine Familie durchgemacht hat. Inzwischen scheint es, als hätte ich unterschätzt, wozu Menschen in verzweifelten Situationen fähig sind.“

In Gemma brodelte Scham hoch. „Ich wollte Ihre Großherzigkeit nicht ausnutzen. Dass ich mich in Andrew verliebe, gehörte nicht zu meinem Plan.“

„Aber du hattest einen? Du hattest dir überlegt, wie du von meiner Nettigkeit profitieren könntest?“

„Nein! So habe ich das nicht gemeint. Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihre Hilfe. Das zwischen Andrew und mir hat mich selbst überrascht. Ich habe es nicht darauf angelegt.“

Der Earl lachte. „Du weißt genau, was du zu sagen hast. Dieser manipulative Zug an dir ist mir zuvor gar nicht aufgefallen.“

Wie konnte er so etwas zu ihr sagen? Wie konnte er behaupten, sie wäre hinter Andrew her gewesen, wenn es doch genau andersherum gewesen war? Ihr Gesicht erhitzte sich. „Die Schuld daran trage nicht ich. Ich habe mich zu Beginn gegen Andrews Annäherungen gewehrt.“

„Willst du etwa behaupten, mein Sohn hätte sich dir aufgedrängt?“ Die Stimme des Earls klang drohend.

„Nein, allerdings war er es, der sich an mich herangemacht hat. Ich wollte niemanden enttäuschen. Der Gedanke an meine Familie und an Ihre Großzügigkeit hat mich Abstand halten lassen. Es war nicht meine Absicht, Sie zu hintergehen. Doch irgendwann war die Anziehungskraft zwischen Andrew und mir nicht mehr zu leugnen. Ich bin schwach geworden. Aber ich habe keine Spielchen gespielt. Andrew wurde von mir nicht ausgenutzt.“

Der Earl kniff die Augen zusammen und musterte sie, als wäre sie ein lästiges Insekt, das es wagte, seinen Weg zu kreuzen. Ihre Worte hatten seine Wut nicht besänftigt. Stattdessen war noch mehr Vorsicht in seinem Blick erschienen. „Ich will nicht behaupten, mein Sohn wäre ohne Fehl und Tadel. Wenn er ein hübsches Mädchen sieht, funktioniert sein Verstand nicht mehr so, wie er sollte. Er denkt mit dem falschen Körperteil, wenn er erst einmal Feuer gefangen hat.“

Hoffnungsvoll atmete Gemma auf. Andrews Vater verstand, wie es abgelaufen war. Anscheinend gab er ihr nicht mehr die Schuld an der Situation. Dennoch musste sie eine Sache klarstellen. Sie machte zögernd einen Schritt auf seinen Schreibtisch zu.

„Zwischen Andrew und mir ist mehr, als zwischen all den anderen Frauen, mit denen er bereits das Bett geteilt hat. Er liebt mich.“

Das dröhnende Lachen des Earls füllte den Raum. „Er begehrt dich. Wenn überhaupt, liebt er deinen Körper. Irgendwie kann ich ihn sogar verstehen.“

Ein grummeliges Gefühl entstand in ihrem Magen. Und das hatte nichts mit dem kleinen Wesen zu tun, das in ihrem Bauch heranwuchs. „Es ist mehr als das. Sonst hätte er mich nicht darum gebeten, seine Frau zu werden.“

„Das ist tatsächlich eine spannende Entwicklung. Bislang hat Andrew solche verrückten Pläne nicht gehegt. Er hat seine Bastarde mitsamt ihren Müttern brav abgeschoben. Niemals ist er auf die Idee gekommen, sie bei sich zu behalten.“

Gemma nickte, auch wenn die Erinnerung an Andrews bisherige Taten ihr in der Seele wehtaten. Sie legte ihre Hände auf ihren Bauch. „Ich bin etwas Besonderes für ihn. Dieses Kind bedeutet ihm mehr als alle anderen.“

„Wie hast du das angestellt?“, fragte der Earl of Linnley.

Sie blinzelte. „Wie bitte?“

„Wie hast du es geschafft, ihn zu einem Antrag zu bewegen? Bestimmt haben auch die leichtfertigen Mädchen vor dir ihn um eine Hochzeit gebeten. Vermutlich haben sie wie du versucht, ihn mit Tränen zu einem unüberlegten Versprechen zu verleiten. Warum ist er bei dir schwach geworden? Weshalb hat er bei dir den Kopf ausgeschaltet und seine umtriebige Männlichkeit entscheiden lassen?“

„Ich habe gar nichts getan.“ Die Worte des Earls waren eine Beleidigung. Sie spürte, wie sie bis in die Zehenspitzen errötete. „Ich musste ihn nicht austricksen. Zu meiner eigenen Überraschung hat er mir die Ehe von ganz allein angetragen.“

„Eine angenehme Überraschung, bei der du bestimmt nachgeholfen hast. Wurde er von dir verhext? Hast du ihn mit einem Zauber belegt?“

„So etwas würde ich niemals tun! Niemals würde ich Andrew dazu zwingen, mich zu wollen! Zu so etwas wäre ich gar nicht fähig!“

Der Earl betrachtete sie ungerührt. „Dann hat deine Mutter ihre Finger im Spiel? Hat sie meinen Sohn mit ihren Schwarzen Künsten verlockt?“

Gemma schüttelte den Kopf. Ihre Mutter hätte es vielleicht sogar schaffen können, Andrews Schicksal mit dem von Gemma zu verweben. Möglicherweise wäre es ihr gelungen, Andrews Herz für die Liebe empfänglich zu machen, um ihre Tochter vor der Schande eines unehelichen Kindes zu bewahren. Gemma hatte ihrer Mutter allerdings noch nichts von ihrer Schwangerschaft erzählt, als Andrew ihr den Antrag gemacht hatte. Was wohl passiert wäre, wenn Gemma sich ihr anvertraut hätte?

Jesemy Lakojka war eine beeindruckende Frau. Sie war in der Lage, Magie zu benutzen, um das Glück in das Haus einer Familie zurückzubringen. Sie hatte die Fähigkeit, die Zukunft vorauszusagen, auch wenn sie das nicht bei ihren Kindern tat. Als sie das fahrende Volk verlassen hatte, um mit Gemmas Vater zusammen zu sein, war die Verbindung zu den Vorfahren abgebrochen, die ihr die Gabe hinterlassen hatten. Ohne diese Verbindung wollte Jesemy ihre Fähigkeiten nicht mehr so oft nutzen wie zuvor. Die Macht wohnte allerdings immer noch stark in der Seele von Gemmas Mutter.

„Sie hat nichts getan, um mir zu helfen“, stellte Gemma klar. „Das war nicht notwendig, damit Andrew sich in mich verliebt.“

„Liebe hat ihn nicht zu interessieren. Er ist der künftige Earl of Linnley. Als solcher muss er tun, was für die Familie am besten ist. Sich mit einem dummen kleinen Ding abzugeben, das es nur auf sein Geld und seinen Titel abgesehen hat, gehört nicht dazu.“

„Ich bin nicht …“

Mit einer wegwerfenden Handbewegung wurde sie vom Earl unterbrochen. „Er kann kein Nichts wie dich heiraten. Und das hat er inzwischen auch selbst eingesehen. Also halte dich besser von ihm fern.“

Ihre schlimmsten Befürchtungen bewahrheiteten sich. Sie hatte geahnt, Andrew könnte auf Druck seiner Eltern seine Meinung geändert haben. Es zeugte nicht von seiner Stärke, wie er sich von den Regeln der Gesellschaft beeinflussen ließ. Sie hatte gewusst, dass sie nicht auf der gleichen Stufe standen, dass sie nicht auf den ersten Blick füreinander vorgesehen waren. Doch Andrew hatte ihr Hoffnungen gemacht, er könne darüber hinwegsehen. Er hatte sich trotzdem ganz allein dazu entschieden, ihr die Ehe anzutragen. Wie konnte er sein Versprechen einfach vergessen? Wie konnte er es wagen, sie einfach zu ignorieren, ohne den Mumm zu zeigen, ihr die Wahrheit ins Gesicht zu sagen?

„Geben Sie mir bitte die Gelegenheit, mit ihm zu sprechen“, flehte sie trotz ihrer Befürchtungen. „Holen Sie ihn her. Dann zeige ich Ihnen, dass Sie sich irren. Ihm ist wichtig, was wir miteinander geteilt haben. Er wird mich nicht verlassen.“

„Das ist nicht notwendig. Er will dich nicht mehr heiraten. Er wird sich für eine der Ladys entscheiden, die ich ihm vorgestellt habe.“

Gemma ballte die Hände zu Fäusten. „Nein! Das kann er mir nicht antun! Nicht, nachdem er mir etwas anderes versprochen hat.“

Der Earl grinste nur. „Mach dich ruhig lächerlich, und flehe ihn an, zu dir zurückzukommen. Er wird dir sagen, nicht mit dir zusammen sein zu wollen. Sein Titel hat größere Priorität für ihn.“

„Das ist nicht wahr! Er ist nicht so oberflächlich. Vermögen und Titel bedeuten ihm nicht mehr als ich!“ Das durfte nicht der Fall sein. „Selbst wenn er alles verlieren würde, könnte das meine Liebe zu ihm nicht schmälern. Ich werde ihn heiraten, selbst wenn wir nichts besitzen als die Kleidung, die wir am Körper tragen. Ich werde überall mit ihm hingehen. Ich werde ihn glücklicher machen als alles Geld dieser Welt.“

Jetzt begann Andrews Vater zu lachen. Schallend. Aus ganzem Herzen. Beleidigend. Sein Bauch hüpfte, als er sich nach vorne beugte und den Kopf schüttelte. Für einen Moment wich alle Härte aus seinem Blick, doch das hielt nicht lange an.

Als sein Lachen langsam abebbte, sah er sie an. „Offensichtlich kennst du meinen Sohn kein bisschen. Oder du willst den Tatsachen nicht ins Auge blicken. Niemals würde er für dich oder irgendjemanden sonst auf die Privilegien verzichten, die sein Titel ihm bietet.“

„Aber …“

„Ich gestehe dir zu, dass er irgendetwas in dir sieht. Du bist hübsch und besitzt eine Menge Mut. Doch das reicht nicht aus, um einen flatterhaften Geist wie ihn auf Dauer zu fesseln oder gar zu binden. Schlag ihn dir aus dem Kopf. So ist es besser für dich.“

Tränen traten in Gemmas Augen. Sie fühlte sich gedemütigt, hilflos, enttäuscht. „Bitte! Sie müssen mich zu ihm lassen. Was soll ich denn ohne Andrew tun? Was soll aus mir und seinem Kind werden?“

„Das hättest du dir überlegen sollen, bevor du zu ihm ins Bett gestiegen bist“, antwortete der Earl of Linnley hart. „Aber mach dir keine Sorgen. Du wirst das bekommen, was auch die anderen vor dir erhalten haben, damit sie Andrew nicht mehr behelligen.“

„Was soll das sein?“ Ihr Herz schmerzte so sehr. Jegliche Hoffnung war daraus entschwunden. Selbst wenn es ihr gelingen sollte, Andrew allein zu erwischen, würde er sie nicht anhören. Das war ihr inzwischen klar geworden. Sie hatte bemerkt, wie er die Ladys angesehen hatte, die sein Vater ihm vor die Nase gesetzt hatte, um ihm den Kopf zu verdrehen.

„Geld. Es wird ausreichen, damit deine Familie mit dir von hier weggehen kann und ihr euch irgendwo anders ein Leben aufbauen könnt.“

Übelkeit stieg in ihr hoch. „Ich habe mehr verdient als das.“

„Wusste ich es doch. Also willst du mit mir feilschen? Denkst du, du bist mehr wert als die Frauen vor dir? Vielleicht werde ich dir mehr als den üblichen Betrag geben, aber denk bloß nicht, du kannst den Preis noch weiter in die Höhe treiben.“

„Ich will Ihr Geld nicht! Ich will Andrew!“ Ihre Kehle schnürte sich zusammen.

Der Vater des Mannes, den sie liebte, schüttelte den Kopf. „Das steht nicht zur Diskussion.“

„Aber … er hat gesagt, ich sei etwas Besonderes für ihn. Er kann nicht wollen, dass ich bloß mit Geld abgespeist werde. Ihm ist bestimmt wichtig, dass es seinem Sohn gut geht. Dieses Kind ist schließlich das Enkelkind eines Earls!“

„Davon gibt es leider auch schon mehr, als es der Fall sein sollte“, erklärte der Earl mit einem Seufzen. „All diese Kinder gelten zum Glück als Bastarde. Sie haben keinen Anspruch auf mein Erbe. Diese Karte kannst du bei mir nicht ausspielen. Nimm das Geld und sieh nach vorne.“

„Nein!“

„Schön. Lass dir mein Angebot in Ruhe durch den Kopf gehen. Vielleicht änderst du deine Meinung. Die Sicht auf Dinge kann wechseln. Du siehst ja an Andrews Beispiel, wie leicht das passieren kann.“

Wie gemein, sie noch einmal an das zu erinnern, was sie verloren hatte! Gemma schluchzte auf und lief aus dem Raum. Sie nahm sich nicht die Zeit, die Tür hinter sich zu schließen. Längst war sie nicht mehr so behände wie früher, doch sie ließ sich von dem zusätzlichen Gewicht und ihren schweren Beinen nicht aufhalten. Während ihr Tränen über das Gesicht liefen, eilte sie durch die Gänge, die Stufen des Hauses hinunter bis nach Hause.

„Es ist aus“, schluchzte sie und trat in das kleine Haus, in dem sie mit ihrer Mutter und ihren beiden Brüdern lebte. „Ich habe ihn verloren.“

„Beruhige dich“, sagte ihre Mutter, trat mit besorgtem Gesichtsausdruck vom Herd zu ihr und führte sie zu einem Stuhl.

Tränen rannen über Gemmas Gesicht. Ihr Innerstes befand sich in Aufruhr. In ihrem Kopf wirbelten einerseits eine verwirrende Vielzahl von Gedankenfetzen herum. Andererseits herrschte gleichzeitig eine Leere, die sie betäubte. Sie klammerte sich an die Hand ihrer Mutter und sah zu ihr hoch. „Ich kann mich nicht beruhigen. Nie wieder! Es ist so schrecklich! Die Traurigkeit zerreißt mir schier das Herz.“

„Was ist geschehen? Du machst mir Angst.“

„Sein Vater … der Earl … er hat mir Geld geboten, damit ich aus Andrews Leben verschwinde, damit wir die Sachen packen und alles hinter uns lassen. Wie kann er so etwas Schreckliches nur vorschlagen?“

Das Gesicht ihrer Mutter zeigte ihre Wut. „Das wird Andrew nicht zulassen! Weiß er von dem Angebot seines Vaters?“

„Ich glaube nicht. Das alles …“ Gemma schüttelte den Kopf, versuchte den Kloß in ihrem Hals, der ihr die Worte raubte, hinunterzuschlucken.

Statt ihre Stimme wiederzufinden, verschwamm ihre Sicht, und die Luft wurde aus ihren Lungen gepresst. Ihr drohten die Sinne zu schwinden. Das Gehörte war einfach zu viel. Sie konnte, durfte nicht glauben, dass sie sich in Andrew geirrt hatte.

„Warum hat er nur diese Frau kennenlernen müssen?“, schluchzte sie. „Er hat mich geliebt. Hat mir aus freien Stücken die Ehe angetragen. Doch jetzt will er mich nicht mehr sehen. Und das alles nur wegen ihr.“

„Welche Frau?“

„Diese eingebildete Puppe. Diese steife Lady ohne Herz. Diese … diese Perdita.“

Ihre Mutter zog sich einen Stuhl heran und setzte sich neben sie. „Wer ist sie?“

„Sein Vater hat sie nach Abbington Hall eingeladen. Bei ihr handelt es sich um eine der Frauen, die Andrew wie Karotten vor die Nase gehalten werden, damit er sie und nicht mich heiratet.“

„Dann wird sie dir nicht in die Quere kommen.“

„Das glaube ich nicht, Mutter. Du hast nicht beobachtet, wie er sie ansieht, wenn er mit ihr spricht.“

„Ein Versprechen, das man gegeben hat, muss man halten.“ Ihre Mutter tätschelte ihre Hand. „Wenn er ein Ehrenmann ist, wird er seine Pflicht dir gegenüber erfüllen.“

Erneut wurde Gemmas Herz zusammengedrückt. Andrew ein Ehrenmann? Er mochte bei seinesgleichen als solcher gelten. Aber warum sollte er sich jemand Unwichtigem wie ihr verpflichtet fühlen?

„Mach dir nicht so viele Sorgen, Kind. Alles wird sich weisen.“

„Aber er hat sich in sie verliebt!“ Sie schrie es beinahe. Der Schmerz in ihrem Herzen war einfach zu groß. So musste es sich anfühlen, wenn es einem bei lebendigem Leib herausgerissen wurde.

Der Blick ihrer Mutter verdunkelte sich. „Wie kommst du auf diese Idee?“

„Ich habe es in seinem Blick gelesen. Vermutlich ist es ihm nicht einmal selbst bewusst, aber sie bedeutet ihm mehr, als sie dürfte. Sein Herz sollte mir allein gehören. Er hat kein Recht, es noch einmal zu verschenken, nachdem er es mir versprochen hat.“

„Du musst dich mit ihm unterhalten. Wenn er bemerkt, was er dir damit antut, dich glauben zu lassen, diese andere Frau wäre ihm wichtiger, wird er alles wieder ins rechte Lot bringen. Davon bin ich überzeugt.“

Gemma fehlte diese Sicherheit. Ihr Herz schien die Wahrheit zu wissen. Es flüsterte ihr zu, dass es zu spät war. Doch so einfach würde sie nicht aufgeben. Es würde ihr gelingen, mit ihrem Geliebten zu sprechen, ohne dass sein Vater etwas dagegen unternehmen konnte. Eine Unterredung unter vier Augen hatte sie sich verdient. Andrew hatte sich in sie verliebt, weil sie eine starke Frau war. Es konnte ihn nicht überraschen, dass sie nicht einfach zur Seite trat.

Die Kraft von allen ihren weiblichen Vorfahren floss durch ihre Adern. Die Macht der Frauen ihrer Familie stärkte ihr den Rücken. Die Magie der Lakojkas lebte in ihr weiter. Sie würde all das benutzen, um nicht zusammenzubrechen und Andrew anzuflehen, sie zurückzunehmen. Sie würde diese Niederlage überstehen, ohne sich weinerlich an ihn zu klammern. Dafür besaß sie zu viel Stolz.

Nein, sie würde ihm in Würde gegenübertreten. Doch sie würde ihm nicht ersparen, ihr die Änderungen seiner Absichten ins Gesicht zu sagen.

„Ich werde eine Erklärung von ihm fordern“, stellte sie klar. „Die Wahrheit muss ich aus seinem Mund hören. Er soll die Verantwortung für dieses Kind übernehmen. Wenn er sich weigert …“

Jesemy Lakojka nahm ihre Hand. „Ja?“

„Dann wird er es bereuen. Ich werde nicht aus seinem Leben verschwinden. Ich werde nicht fortgehen. Tag für Tag werde ich ihm die Schändlichkeit seiner Handlungen vor Augen führen.“

„Andrew wird zur Besinnung kommen. Mach dir keine Sorgen.“

Gemma schüttelte den Kopf. „Es tut mir so leid, dass ich dich enttäuscht habe. Dass ich Schande über unsere Familie gebracht habe. Mein Herz hat die Führung übernommen. Damit muss ich leben. Ich kann meine Zukunft bereits vor mir sehen. Ich glaube, Andrew kommt darin leider nicht mehr vor.“

4. Kapitel

Abbington Hall, Tag drei der Hausgesellschaft

„Geoffrey plant, Camden Hall einen weiteren Flügel hinzuzufügen“, offenbarte Southberry am Dinnertisch und bannte damit das Interesse des Earl of Linnley.

„So?“, bellte er, und fast alle Gespräche kamen zum Erliegen. Lediglich Miss Kincade kicherte weiter.

„Mein Verwalter hält Ausbesserungen an unserem Jagdsitz in Morcambie für unabdingbar.“

„Camden Hall ist in der Tat lediglich ein kleines Anwesen, das meine Großmutter an Perdita zu übergeben plant. Es ist ihr Altersruhesitz und tatsächlich recht überschaubar.“

„Ganz wie Chisham!“, fügte der Earl laut an. „Meine Gattin wird dort ihren Lebensabend verbringen, ist es nicht so, Lady Linnley?“

„So ist es wohl, Lord Linnley“, bestätigte die Dame des Hauses nicht weniger gut hörbar. Sie warf ihrem Sohn einen scharfen Blick zu. „So Abbington jemanden sonst findet, der ihm den Haushalt führt.“

Abbington begegnete den Augen der Mutter mit sichtlichem Ressentiment. „Das steht außer Frage, Mylady.“

„Geoffrey plant, den neobarocken Stil des Haupthauses mit … wie nannte er es, Perdita?“

„Klassische Eleganz, Southberry, und sofern ich mich nicht irre, ist Camden Hall nicht Barock, sondern stammt noch aus der Zeit der Renaissance. Die Säulen sind schlichter, die Fresken nicht mit Putten überladen und die Wandgemälde weniger opulent.“ Perdita lächelte lieblich. „Natürlich könnte ich mich irren, lieber Southberry, und Camden Hall ist Barock.“ Was absolut auszuschließen war.

Das behauptete nun auch Southberry: „Oh, sicherlich nicht. Geoffrey ist unaufhaltbar, ist er erst einmal in seinem Element, und Perdita ist so eine herausragende Zuhörerin! Sie irrt sich mit Sicherheit nicht. Und Camden Hall ist bedeutend älter als 300 Jahre.“

„Die Halle soll in der Tat seit 374 Jahren stehen“, bemerkte Perdita, stolz auf ihr Heim, auch wenn es landschaftlich gesehen keinen Blumentopf gewänne. „Große Teile der Anlage sind vor 1650 fertiggestellt worden und Geoffrey plant, den Grundplan beizubehalten. Er wird wohl ein Kastell aus Camden machen.“

„Ein Schloss?“, fragte Miss Kincade, wobei ihre Augen begeistert aufleuchteten.

Southberry sah mit gelinder Not von besagter Dame zu Perdita. „Nein, keineswegs. Lediglich ein kleines, bescheidenes Häuschen, das den einen oder anderen Raum zusätzlich benötigt. Was sagte Geoffrey gleich, wie lange die Bauarbeiten benötigen werden?“

Perdita schmunzelte sacht. „Einige Jahre“, half sie bereitwillig aus. „Er stellte viel Dreck, Krach und Ungemach in Aussicht.“

Miss Kincades Miene verzog sich, und Southberry wagte aufzuatmen.

„Der passende Zeitpunkt für Sie, das Weite zu suchen“, bemerkte Abbington, wobei seine Augen einmal mehr beunruhigend fest auf ihr lagen. „Um Dreck, Krach und Ungemach zu entgehen.“

Perdita begegnete seinem Blick mit leichter Unruhe. Wenn er sie so intensiv betrachtete, löste es ein warmes Prickeln in ihr aus, aber auch Unbehagen. Sie hob das Kinn, nicht willens, sich einschüchtern zu lassen. Seine Lippen zuckten verräterisch. Lockte er sie?

„Im Gegenteil, Mylord“, hob sie reserviert an, was ihm ein Grinsen entlockte. „Ich sehe den Neuerungen in Camden Hall mit Freude entgegen und bedaure den Umstand, sie nicht mit eigenem Auge verfolgen zu können. Leider steht es außer Frage, den Umbau abzuwarten.“

„Ich denke, dass auch Abbington Hall die eine oder andere Veränderung vertragen könnte.“

Perdita stockte erschrocken, aber nur für einen Moment. „Möchten Sie ein Schloss daraus machen?“, fragte sie herausfordernd und freute sich über Miss Kincades entzücktes Seufzen. „Oh, das wäre so wundervoll!“

„Nein!“, widersprach Abbington fest, ohne den Blick von ihr zu nehmen. „Ich denke, ein Schloss wäre der völlig falsche Ort.“ Er ließ offen für wen, aber es schien niemand sonst zu bemerken.

„Seit wann interessieren dich bauliche Maßnahmen an Abbington Hall?“, fragte der Earl of Linnley schneidend. „Oder an sonst einer unserer Liegenschaften?“

Abbington nahm die Augen von ihr. Sogleich schien die Hitze zu weichen, und sie fröstelte leicht.

„Sie stellen mich als Ignorant dar, Mylord, der ich nicht bin.“

Eine eigentümliche Spannung lag in der Luft. Vielleicht lag es an Abbingtons Stimmlage. Er schien zumindest aufs Äußerste angespannt.

„So? Bisher schienen dich dergleichen Belange zu langweilen.“

„Linnley, vielleicht mag Lady Perdita uns mehr über die Neuerungen Camden Halls berichten? Möglicherweise finden sie auch hier Anklang?“, intervenierte Lady Linnley sanft, aber bestimmt, ohne ihrem Sohn ein Wort zu gönnen oder ihn gar anzusehen. Lady Linnley war generell knapp, wenn es um den Viscount ging. Knapp mit Worten, mit Blicken oder gar Gesten. Es schien wenig Gefühl zwischen den beiden zu geben. Perdita runzelte die Stirn, nahm den Faden aber gern auf.

„Oh, Mylady, Sie schmeicheln mir. Vermutlich werfe ich die Epochen wild durcheinander und langweile die Herren wie auch die Damen mit meiner Unkenntnis.“ Was keinesfalls zu befürchten stand, was ihr Bruder sogleich hervorhob. Perdita schenkte ihm ein Lächeln voller geschwisterlicher Zuneigung.

„Bitte, Lady Perdita, folgen Sie Lady Linnleys Wunsch. Wird der neue Flügel lediglich Ruheräume beherbergen?“ Wieder lagen Abbingtons Augen auf ihr und brachten sie ins Stocken, als sie ihnen begegnete.

„Keineswegs“, murmelte sie, bevor sie sich fasste. „Southberry wünscht sich ein Studio mit Oberlicht. Geoffrey plant einen Wintergarten und drängt auf eine Verlegung von elektrischen Leitungen im ganzen Haus. Er meint, Gaslicht habe ausgedient.“ Sie lächelte gezwungen. „Außerdem lässt er gerade eine Telefonleitung verlegen. Die Zugangsstraße musste dazu aufgebrochen werden, aber nun werde ich ihn von London aus anrufen können, sollte ich seine Stimme vermissen.“

„Telefon?“, erkundigte sich der Earl of Linnley deutlich abgeneigt. „Doch nicht dieser neumodische Firlefanz?“

„Es löst die Telegrafie ab, Mylord“, bemerkte Abbington. „Und ist deutlich schneller, als Nachrichten per Boten zu versenden.“

„Die Royal Mail tut ihren Dienst! Dieses Telefon ist … nicht geheuer!“

„Strom und Telefon“, fasste Abbington zusammen und ignorierte damit seinen Vater. „Es klingt sehr modern, Lady Perdita. Würden Sie sich da nicht unwohl fühlen, wenn Sie praktisch zurück in die Barbarei geführt würden? Wenn Sie – sagen wir – zukünftig an einem Ort wie Abbington Hall leben müssten?“

In Perditas Ohren rauschte es vernehmlich, und sie konnte fast hören, wie die jungen Damen am Tisch den Atem anhielten. Wie unglaublich ungehörig, so etwas so offen in den Raum zu stellen! Sie legte das Besteck zur Seite und überlegte sich ihre Worte genau.

„Vermutlich, Mylord. Aber dies habe ich in der Hand, nicht wahr? Ich entginge dem, wählte ich meinen Gemahl mit Bedacht.“ Sie hob erst den Blick, um seinem zu begegnen, dann eine Braue. „Und ich beabsichtige sehr gründlich abzuwägen, Lord Abbington.“

Vierter Tag der Hausgesellschaft

Es war ein herrlich sonniger Nachmittag, perfekt für das veranstaltete Picknick. Perdita schlenderte über den Rasen, drehte ihren Schirm in der Hand und bestaunte die Botanik. Man hatte ein Terrain gewählt, das sowohl sonnige Plätze bot, wie auch Schatten durch einige Früchte tragende Bäume. Southberry und Abbington waren vollauf beschäftigt, die jungen Damen mit Getränken und Häppchen zu versorgen, und Tante Henriette hatte es nach einigen Runden zu Lady Linnley gezogen. Perdita genoss die Einsamkeit. Die Stille, die lediglich vom Zwitschern der Vögel unterbrochen wurde, vom Surren der Bienen … und dem schrillen Gekicher der jungen Damen.

Perdita entfernte sich noch weiter von der Picknickgesellschaft und erreichte die Mauer. Parallel zu dieser spazierte sie weiter bis zu einem Kirschbaum, der sie mit herrlich roten Früchten lockte. Sie streckte die Hand aus, konnte den unteren Ast aber nicht erreichen.

„Darf ich?“, murmelte Abbington hinter ihr.

Sie hatte seine Stimme gleich erkannt, schrie dennoch erschrocken auf. „Lord Abbington!“, hauchte sie, die Hand an die Brust gepresst.

„Nun fürchten Sie sich doch vor mir?“, fragte er und zog den Ast herab. Er pflückte eine Kirsche und bot sie ihr dar.

„Sie haben mich erschreckt, Lord Abbington. Dies ist nicht mit Furcht gleichzusetzen!“ Sie hob das Kinn und nahm die Frucht entgegen. „Danke.“

„Drei Prozent“, sagte er, wobei er sie nicht aus den Augen ließ. „Linnleys Anteil am englischen Grundbesitz beträgt drei Prozent.“

Perdita stockte, nicht sicher, wie sie der Feststellung begegnen sollte. „Mylord, wir stellten bereits fest, dass Sie derzeit tatsächlich der begehrtere Junggeselle sind.“

„Derzeit?“, wiederholte Abbington leise.

„Nun, in London wird die Auswahl wesentlich größer sein.“ Das war offensichtlich nicht das, was er hören wollte. Seine Miene verdüsterte sich.

„Linnley gehört zu den vermögendsten Adligen im Land“, sagte er.

Perdita fehlten die Worte.

„Gut, das gilt nicht für mich. Mein Gut wirft gerade genug ab, um nicht zu darben.“

Perdita fiel fast die Kinnlade herab, so verblüfft war sie von dem Eingeständnis. Einem völlig unangebrachten Eingeständnis. „Mylord …“

„Mein eigenes Gut Crofton Abbey besitzt ebenso malerische Gärten wie Abbington Hall und seine eigene Brennerei. Der Umsatz ist, wie bereits gesagt, nicht unbedingt der Rede wert, aber er ist ausbaufähig.“ Er pflückte weitere Kirschen vom Ast, um sie ihr anzubieten. Perdita stopfte sie sich in den Mund, weil sie absolut nicht wusste, was sie zu seiner Bemerkung sagen konnte.

„Ich habe auch ein eigenes Stadthaus“, fuhr er fort.

„Mylord, worauf wollen Sie hinaus?“

Das ließ ihn erneut stocken. Unsicher sah er zu der Gesellschaft zurück.

„Meine Mutter wünscht, dass ich eine junge Dame aus besten Kreisen heimführe“, fuhr er leise fort, aber in seinen Worten schwang genug mit, dass sie seine Meinung dazu nicht zu erraten brauchte.

Perdita presste die Lippen zusammen und zwang sich, nicht zu keuchen. „Nein!“ Es war raus, bevor sie sich zurückhalten konnte. „Widmen Sie sich bitte einer der anderen jungen Damen. Ich bin nicht interessiert.“

Abbington riss die Augen auf, und sein Mund klappte tatsächlich auf. Er fasste sich schnell wieder. „Lady Perdita …“

„Guten Tag, Mylord!“ Sie ließ ihn stehen. Sie sollte zurück in den Hort der Gesellschaft stoßen, aber Perdita war ganz merkwürdig zumute. Leicht im Kopf, aber mit schwerem Herzen. Mit schweren Füßen, die sich nur mühsam weiterbewegten. Das war keineswegs so abgelaufen, wie sie es sich vorgestellt hatte. Er hatte alles falsch gemacht!

„Lady Perdita!“ Er stoppte sie, indem er nach ihrem Ellenbogen griff. Sie versagte ihm den Blick in ihr Gesicht, indem sie es fortdrehte. Sie war zu durcheinander und wollte nicht, dass er es sah.

„Mylady!“ Er drehte sie zu sich um und hob ihr Kinn an. „Sie weinen ja.“

„Sie irren, Mylord, und bitte, halten Sie sich zurück. Es ist unpassend …“

Den Rest verschluckten seine Lippen, die sich sacht auf ihre pressten. Sie riss die Augen auf. Empört. Verwundert. Und schloss sie wieder.

„Bitte weinen Sie nicht“, hauchte Abbington, und sein Atem wusch über ihre Haut. „Lächeln Sie. Sie können lächeln wie eine Sphinx.“

Perdita warf ihm einen vorsichtigen Blick zu. Hitze rötete ihre Wangen und wurde zu einem wahren Brand, als er diese federleicht streichelte. Ihr Herz trommelte wild in ihrer Brust, aber ihr Kopf war völlig leer.

„Bitte lächeln Sie, Perdita“, raunte er. Sein Arm schlang sich um ihre Mitte und zog sie etwas näher an sich.

„Lord Abbington, ich habe Sie gewarnt“, murmelte sie und versuchte nun, sich von ihm zu lösen. „Bitte entlassen Sie mich!“

„Bekomme ich dann ein Lächeln?“

„Mylord, bitte!“ Sie legte die Hände auf seine Brust, um ihn fortzuschieben.

„Sonst sehe ich mich gezwungen, Ihnen noch einen Kuss zu stehlen, Perdita“, warnte er und schickte ihr damit süße Schauer über den Leib. Verwirrt sah sie zu ihm auf. Er musste sie loslassen, und er durfte sie keinesfalls küssen! Ihr Blick senkte sich auf seine Lippen, die sich leicht verzogen, bevor er ihr entgegenkam.

„Mylord!“, flüsterte Perdita erneut, dann war sie stumm, bis seine leichten Küsse sie seufzen ließen.

„Gehen Sie zu Southberry, Perdita“, murmelte er an ihrem Ohr. „Oder lassen Sie mich zu ihm gehen.“

„Mylord …“

„Andrew!“

Sein Halt um ihre Mitte verstärkte sich, bevor er sie losließ und sich zu der Frau umdrehte, die seinen Namen gerufen hatte.

Die starrte ihn an, und Perdita konnte allerhand Gefühle aus dem Gesicht der Frau ablesen: Schock, Unglaube, Schmerz. Tränen sammelten sich in deren Augenwinkeln. Perdita sah zu Abbington. Er presste grimmig die Lippen aufeinander.

„Andrew …“, begann die Frau erneut. Sie legte die Hand auf den geschwollenen Bauch.

„Gemma, wenn Linnley dich entdeckt! Komm!“ Abbington trat zu der Frau und griff nach ihrem Arm, dann wandte er sich an Perdita: „Mylady, verzeihen Sie diesen Zwischenfall. Entschuldigen Sie mich bitte für einen Moment.“

Perdita nickte, unfähig etwas zu sagen, und blickte ihnen einen Moment nach. Die Frau sah zu Abbington auf, der starr geradeaus starrte. Abweisend und uninteressiert. Nachdenklich wanderte Perdita zurück zu der Gesellschaft und entschuldigte sich bei der Tante und der Hausherrin dafür, dass sie sich mit Kopfschmerzen zurückziehen wollte.

Tante Henriette komplimentierte Perdita in den Tanz, und sie folgte Lord Abbington zögerlich. Sie hatte sich noch nicht entschieden, wie sie dem Viscount nun begegnen sollte. Nun, da alles anders war. Nun, da sein Anblick ihr die Wangen rötete und sie sich linkisch und fehl am Platz fühlte, wann immer er zur Sprache kam.

„Ich wollte Sie erneut um Vergebung bitten“, murmelte er, als sie Tanzstellung bezogen. „Für die Unterbrechung …“

Ihre Augen zuckten zu seinen hoch. Für die Unterbrechung – wo er sich besser für seine unangebrachte Annäherung entschuldigen sollte! Sein Blick wanderte unruhig über ihr Antlitz.

„Sie haben nicht mit Southberry gesprochen? Erlauben Sie mir, es zu tun?“, fragte er leise und kam ihr noch etwas näher. Sein Blick war so intensiv, dass sie vergaß, dass sie nicht allein waren.

„Mylord …“

„Die Frau … sie bedeutet nichts.“

Perdita hatte scheu die Lider geschlossen und hob sie nun überrascht wieder. Die Frau. Sie runzelte die Stirn.

„Sie bedeutet nichts, Perdita.“

Seine hellen Augen lagen unverrückbar auf ihr. So etwas wie Not sprach aus ihnen. Wenn ihre Brüder zu sehr auf einen bestimmten Umstand drangen, war es meist eine Lüge.

„Wer ist sie?“, murmelte Perdita, weil ihr nichts anderes einfiel. Wollte sie es wissen? Musste sie es wissen?

„Die Tochter eines Pächters. Sie ist unbedeutend.“

„Lord Abbington“, versuchte sie es erneut, „ich möchte nicht, dass Sie mit Southberry sprechen.“ Das wollte sie in der Tat nicht. „Ich denke, Sie sollten sich tatsächlich auf die anderen Damen besinnen. Jede von ihnen besticht durch Anmut und Charme …“

„Ich hatte nicht vor, eine der Damen um ihre Hand zu bitten“, unterbrach er sie eindringlich. „Ich hatte es mit Sicherheit nicht vor.“

Er war verflixt uncharmant, dabei war sie gewarnt worden. Ihre Tante hatte sich keiner genauen Beschreibung bemüßigt, hatte sich lediglich mit Andeutungen begnügt. Aber Perdita war dementsprechend davon ausgegangen, es mit einem wortgewandten, freundlichen Gentleman zu tun zu bekommen. Sie solle sich keine allzu großen Chancen ausrechnen, Abbington sei wählerisch.

„Aber Sie haben mich anderen Sinnes werden lassen.“

Perdita blinzelte verblüfft. „Mylord.“

„Ich weiß, was Sie sagen werden: Ich kenne Sie kaum.“

Zu Perditas Erleichterung verklang die Musik. Damit hatte Abbington nicht gerechnet, er tanzte noch einige Schritte weiter, bevor er bemerkte, dass sich die Tanzfläche leerte.

„Verflixt! Mylady, ich ersuche Sie um ein Rendezvous. Heute Abend.“

Das war schier skandalös! „Mylord!“

„Sie brauchen sich nicht zu fürchten, Perdita! Ich schwöre Ihnen bei allem, was mir heilig ist …“, flehte er sie an und weckte doch gelinde Furcht in ihr. Und noch etwas anderes. Ihr Nacken prickelte, und die Leichtigkeit des Nachmittags in ihrem Kopf war zurück.

„Treffen Sie sich mit mir. Heute Nacht!“

Sie sollte entrüstet ausschlagen. Allein das Ansinnen war skandalös! „Ja.“

„Der Rosengarten, wenn es Mitternacht schlägt?“, schlug er drängend fort, und Perdita nickte. Dann ließ sie ihn stehen, um bei Tante Henriette Schutz zu suchen. Bald schon, viel zu bald, stand das Treffen an, zu dem sie ganz sicherlich nicht erscheinen sollte. Und doch schlich sie um Mitternacht aus dem Haus.

Southberry House, London, Herbst 1895

Perdita strich sich, um ihre Aufregung zu kaschieren, über den geblümten Brokat ihres Vormittagskleides. Southberry stand vor ihr und berichtete von Lord Abbingtons Gesuch. Es verwunderte sie nicht. Sie hatte darauf gewartet, und obwohl sie es ihm an jenem Tag angesehen hatte, wie schwer es ihm gefallen war, Zurückhaltung zu wahren, hatte er ihr die drei Monate Bedenkzeit eingeräumt. An jenem Abend im Rosengarten Abbington Halls, als er sie um ihre Hand bat, unzeremoniell wie er war, und sie ihm die Wahrheit abverlangt hatte. Und da war diese unbedeutende Frau, die keineswegs so unbedeutend gewesen war. Sie hatte ihn abgewiesen, seiner Treue nicht gewiss. Seiner Zuneigung nicht gewiss.

„Ich bin bereit, mit Lord Abbington zu sprechen, Southberry“, räumte Perdita recht atemlos ein. Und ihm die Antwort zu geben, die er sich erhoffte. Sie war bereit. Sie war sich sicher. Etwas, was an jenem Abend im Garten nicht der Fall gewesen war. Sie war verwirrt gewesen ob ihrer merkwürdigen Gefühle. Nun war sie sich sicher.

Southberry räusperte sich. „Fein“, murmelte er. „Perdita …“ Ein Runzeln huschte über seine Stirn. „… ich habe Erkundigungen eingeholt. Vielleicht solltest du wissen, dass Abbington … eine recht lose Moral besitzt.“

Perdita senkte den Blick auf den Teppich. Lose Moral war untertrieben. Aber sie wusste, worauf sie sich einließ.

Wieder räusperte sich der Bruder. „Er soll … nun, du solltest ein Auge auf eure Bediensteten haben.“

„Danke, Southberry“, murmelte Perdita ungeduldig. Sie wusste es bereits, und er hatte ihr geschworen, dass es vorbei wäre.

Southberry entließ sie, und Perdita flog dem Salon entgegen, in dem Abbington es dieses Mal, so hoffte sie, nicht vergeigte. Vor der Tür blieb sie stehen, fächelte sich frenetisch Luft zu und mahnte sich zur Ruhe.

Abbington wanderte unruhig im Zimmer auf und ab und blieb stehen, als sie eintrat.

„Perdita!“ Seine Stimme war rau vor Empfindungen. Einen Moment sah er sie einfach nur an, und allein das versöhnte sie bereits. Wie er sie betrachtete, ganz als könne er nicht fassen, dass er sie zu sehen bekam.

Dann kam er zu ihr und zog ihre Finger an seine Lippen, um sie zu liebkosen. Eine intime Geste. Eine Geste, die ihr nicht nur die Hitze ins Gesicht schießen ließ, sondern auch an andere Orte. Dennoch entzog sie ihm die Hand und brachte Raum zwischen sie.

„Mylord möchten Sie sich setzen? Ich werde nach Tee …“

Er ließ sie nicht ausreden, folgte ihr schnell und überrumpelte sie, um einen Kuss zu erlangen. Einen Augenblick lang sank sie ihm seufzend entgegen, dann drückte sie sich von ihm fort.

„So legen Sie Benehmen an den Tag, oder ich werde Sie vor die Tür setzen müssen, Abbington!“ Eine hohle Drohung, aber machtvoll.

Er bat um Verzeihung.

„Tee?“

„Nein. Perdita …“ Wieder griff er nach ihrer Hand, dieses Mal, um sie zu drücken, dann ging er in die Knie, und ihr Herz hüpfte wie verrückt in ihrer Brust.

„Perdita.“ Ihr Name schien ihm die Worte zu nehmen, und eine Weile sah er schweigend zu ihr auf. „So vieles, was ich sagen möchte“, murmelte er schließlich, „und alles, was ich über die Lippen zu bekommen scheine, ist: bitte.“

Perdita musste sich erst die Lippen befeuchten, bevor sie betont leicht wiederholte: „Bitte?“

„Heirate mich. Mach mich zum glücklichsten Mann auf dieser Insel.“

„Nur der Insel?“ Süße Freude rieselte durch ihre Adern.

„Oh Perdita, spiele nicht mit mir“, bat er rau. „Ich habe deinem Wunsch entsprochen. Ich habe dich drei Monate lang missen müssen, ich ertrage keinen weiteren Moment.“

Er klang so aufrichtig, dass Perdita ihm einfach um den Hals fallen wollte. Stattdessen wandte sie ihm den Rücken zu.

„Sie standen mir Bedenkzeit zu, Mylord, und ich habe mich entschieden.“

„Mein Gott!“, hauchte er und war bei ihr, bevor sie sich zu ihm umdrehen konnte. Seine Hände umklammerten ihre Oberarme, und er zog sie an sich. Aber nicht zu einem Kuss, wie sie es fast erwartet hatte, sondern um sie fest zu umarmen.

„Perdita, ich habe meine Fehler. Ich habe sie eingestanden, obwohl ich ahnte, dass ich dich damit verlieren könnte. Du musst mir glauben: Ich liebe dich! Ich will weder meine Tage mit jemandem sonst verbringen, noch meine Nächte. Verstoße mich nicht ob meiner vergangenen Taten. Achte mich wegen meiner Gegenwärtigen. Liebe mich für meine Zukünftigen!“

„Du bereust es?“, hauchte sie ergriffen und lehnte den Kopf an seine Schulter.

„Worte können meiner Reue nicht gerecht werden“, stellte er dunkel fest. „Ich betrachtete es als Spiel, um meiner Langeweile Herr zu werden. Weil ich meinte, mich gegen Linnley auflehnen zu müssen! Ich habe Buße getan, Perdita, und gelobe mich weiter zu bessern, um deiner würdig zu werden.“

„So sei es denn“, raunte sie leise, hob das Gesicht, um ihm einen sachten Kuss auf die Wange zu drücken. „Ich setze all mein Vertrauen in dich.“

Einen Moment wurde er ganz starr, dann lachte er. Er hob sie auf, um sie im Kreis herumzuschwingen, bevor er sie küsste. Perdita sank in seine Umarmung. Was auch immer die Zukunft brachte, so wollte sie doch in ihn vertrauen. Und in sich. Dem Gefühl, nach dem es keinen anderen für sie geben konnte als Andrew Abbington.

5. Kapitel

Abbington Hall, Herbst 1895

Die beiden waren hübsch anzusehen. Zwei junge, schöne, wohlhabende Menschen, die die Augen nicht voneinander lassen konnten. Die Liebe brachte ihre Gesichter zum Strahlen. Das Glück der beiden schnitt in Gemmas Herz.

Andrew trat mit seiner frisch angetrauten Frau aus der Kirche, während Gemma sich in den Büschen versteckte. Der weiße Stoff des Hochzeitskleides wurde von der Sonne zum Glänzen gebracht. Andrews dunkelgrauer Anzug harmonierte mit den Schleifen am Blumenstrauß in den Händen seiner Frau. Dunkelrosafarbene Rosen mit Schleierkraut. Dafür hätte Gemma sich wahrscheinlich auch entschieden, wenn sie die Wahl gehabt hätte.

Die Wahl war ihr abgenommen worden. Sie schlang die Arme um ihren dicken Bauch und konnte ein Schluchzen nicht unterdrücken. Sie fühlte sich so verloren. Nicht einmal das Treten des Babys spendete ihr Trost.

Vielleicht sollte sie Wut empfinden. Doch da war nur Trauer. Andrew hatte geschworen, für sie da zu sein. Er hatte geschworen, zu seinem Heiratsversprechen zu stehen. Gerade mal ein halbes Jahr hatte er sein Wort ihr gegenüber gehalten.

Andrew und seine Frau ließen sich gratulieren. Dieses schreckliche Weib lachte und legte ihren Kopf an Andrews Schulter.

Gemma wandte sich ab und wischte sich die Tränen von den Wangen. Es schien an der Zeit, nach Hause zu gehen.

Der Weg war lang für einen Fußmarsch. Schon nach wenigen Schritten spürte sie einen scharfen Schmerz in der Magengegend. Sie blieb stehen und strich beruhigend über ihren Bauch, als das Baby zu treten begann.

„Es wird alles gut“, murmelte sie.

Doch wie sollte das möglich sein? Ihr gebrochenes Herz würde irgendwann zu heilen beginnen. Sie trug nun allerdings Verantwortung für einen anderen Menschen. Ihr Baby hatte einen Vater verdient. Was sollte nun aus ihrem ungeborenen Kind werden? So hatte sie sich den Rest ihres Lebens nicht vorgestellt.

Während sie weiter vorwärts schritt, trat Schweiß auf ihre Stirn. Das Ziehen in ihrem Bauch wurde stärker. Sie hätte der Festgesellschaft nicht folgen sollen.

Hinter ihr kam das Geräusch von Hufen näher. Sie drehte sich um und entdeckte ein Pferdegespann, auf dem ein mürrisch wirkender Mann saß. Gemma trat zur Seite, während das Gespann näherkam. Ihr Bauch wurde bei der nächsten Welle aus Schmerz hart. Sie schlang die Arme um ihren Körper und wartete.

„Entschuldigt, Sir“, brachte sie schließlich hervor.

Der Mann auf dem Anhänger, in dem sie nun Stroh erkannte, hielt an. Sein Blick heftete sich auf ihren Bauch, und er hob eine Augenbraue. „Was willst du, Mädchen?“

„Es geht mir nicht gut. Ich muss nach Hause.“

„Das ist nicht mein Problem.“

Sie fühlte sich so schwach. Allein würde sie es niemals nach Abbington schaffen. „Können Sie mich mitnehmen? Ich sitze gerne hinten auf dem Anhänger.“

„Du siehst aus, als würdest du mir Schwierigkeiten bringen.“ Er hob die Hände mit den Zügeln an.

Würde er einfach weiterfahren? Gemma machte rasch einen Schritt nach vorne, um sich ihm in den Weg zu stellen. „Nehmen Sie mich nur ein Stück mit. Ich werde keine Umstände bereiten.“

Der Mann schien unschlüssig. „Wo musst du überhaupt hin?“

Sie nannte die Adresse des kleinen Hauses, in dem sie mit ihrer Mutter lebte.

Seine Stirn blieb gerunzelt. „Wann ist es soweit?“ Er deutete auf ihren Bauch.

„Es dauert noch“, versicherte sie. „Das Baby kommt erst in ein paar Wochen.“

„Wochen?“, erkundigte er sich ungläubig, als sie beide Hände um ihre Mitte legte, die sich neuerlich schmerzhaft zusammenzog.

Sie lächelte. „Der Weg war nur anstrengender als erwartet.“

„Das werde ich bestimmt bereuen.“ Er seufzte und stieg dann von seinem Sitz. „Ich helfe dir hinten rauf.“

Sie ergriff seine Hand, um auf den Wagen zwischen die Heuballen zu klettern. Kurz darauf ruckelte das Gefährt los.

Gemma versuchte es sich bequem zu machen, was dank der stechenden Strohhalme mehr als schwierig war. Nachdenklich strich sie über ihren Bauch, der sich neuerlich zusammenkrampfte. Gemma machte sich endlich die Wahrheit bewusst. Sie hatte behauptet, die Geburt stünde noch Wochen bevor. Doch dieser immer wiederkehrende Schmerz in ihrem Bauch ängstigte sie. Das Baby wollte seine Mutter kennenlernen. Es war viel zu früh!

Die Wehe wurde so schlimm, dass sie einen Aufschrei nicht unterdrücken konnte.

„Hast du etwas gesagt?“, kam die Stimme des Mannes von vorne.

„Nei… nein“, keuchte sie. Oh Gott! Sie brauchte die Hilfe ihrer Mutter.

Der Wagen rumpelte durch ein Schlagloch und schüttelte Gemma durch. Sie biss sich auf die Unterlippe, um keinen Laut von sich zu geben.

Dann spürte sie Feuchtigkeit zwischen ihren Schenkeln. Sie ahnte, was das bedeutete. Ihre Mutter hatte sie vorbereitet.

„Alles wird gut“, flüsterte sie sich und dem Baby zu. Nicht mehr lange, dann wäre sie daheim und bekäme Unterstützung.

Leichter Schwindel machte ihre Gedanken langsam. Sie versuchte eine angenehmere Position zu finden und rutschte zur Seite. Ihr Blick fiel auf die Stelle, an der sie zuvor gelegen hatte. Die Flüssigkeit auf dem Stroh wirkte ziemlich dunkel. Wenn sich der Mann umwandte, würde er ihren Zustand sofort bemerken.

Mit zittrigen Händen zupfte sie Stroh aus einem der Ballen, um es auf ihrem vorherigen Lager zu verteilen. Als sie die Hand ausstreckte, um noch ein paar Halme zu holen, bemerkte sie die Farbe auf ihrer Hand.

Sie schien das Feuchte berührt zu haben. Doch die rötliche Farbe irritierte sie. Sollte sie wirklich jetzt schon zwischen ihren Schenkeln bluten?

Aus der Nervosität wurde pure Angst. Vielleicht sollte sie sich nicht bis nach Hause bringen lassen. Abbington Hall war viel näher als ihr Elternhaus. Im Herrenhaus würde sie früher Hilfe erhalten.

Nach einem Räuspern richtete sie ihre Bitte an den Mann, der sofort zu fluchen begann.

Gemmas Mutter Jesemy

Ich spüre den Hass unter meine Haut kriechen. Dieses Gefühl breitet sich in meinem Körper aus und verbrennt alles andere zu Staub. Auf dieser Asche kann nichts Gutes mehr gedeihen.

Sie haben mir alles genommen: meine Tochter Gemma, mein Enkelkind. Dafür wird meine Rache über die Abbingtons kommen. Wiedergutmachung, nach der Sitte meiner Vorfahren.

„Mir gefällt dein Gesichtsausdruck nicht, Mutter.“

Unter meinem wütenden Blick zuckt Fendy zusammen. Doch er senkt die Augen nicht.

„Gemma ist bei der Geburt seiner Tochter gestorben“, fauche ich. „Er hat mir mein Enkelkind weggenommen. Er will es für sich behalten. Wie sollte ich etwas anderes sein als voller Trauer?“

„Es heißt, das Baby sei tot zur Welt gekommen. Wir müssen uns damit abfinden, dass uns nichts von Gemma bleibt.“

„Nein!“ Nein, das darf nicht stimmen. Das würde bedeuten, dass ich keine weiblichen Nachkommen haben würde. Niemand, an den ich meine Fähigkeiten würde weitergeben können. Meine Gabe würde ohne eine weibliche Nachfahrin an Macht verlieren. Gemma habe ich bereits verloren. Dieses Kind muss leben. Ihre Tochter muss zu mir zurückkehren. Sonst ist alles vergebens gewesen.

Fendy legt eine Hand auf meine Schulter. „Wir alle trauern um den Verlust unserer Schwester. Aber mich beunruhigt mehr, was du planst, Mutter.“

Ich sehe ihn aus zusammengekniffenen Augen an und schüttle ihn ab. „Seine Familie wird büßen.“

„Das würde Vater nicht wollen.“

„Er ist nicht mehr da. Mein Leben lang habe ich nach seinen Regeln gespielt. Ich habe mich an die ruhige, besonnene Rolle gehalten, die von einer guten Frau erwartet wird. Doch jetzt fordern meine Vorfahren ihr Recht ein. Sie flüstern mir nachts ihren Wunsch nach Gerechtigkeit ins Ohr. Ich bin immer noch eine Lakojka, ein Mitglied dieser Zauberfamilie. Es ist an der Zeit, dass das auch die Abbingtons erfahren.“

Francesgo kommt durch den Garten auf mich zu. In den Gesichtern meiner Söhne erkenne ich Trauer aber auch Besorgnis. Sie haben so viel von ihrem Vater. Vielleicht hätte ich ihnen auch meine Welt näherbringen sollen.

Ich stehe also allein vor dem Haus, in dem so lange Glück gewohnt hat. Es ist nicht besonders groß. Doch für meine rastlose Seele bietet es Platz genug. Nun erfüllen mich die einfachen Steinwände mit Trostlosigkeit. Meine Tochter habe ich in all meine Geheimnisse eingeweiht. Sie sollte einmal ihre eigene Tochter das Wissen lehren können, das von Generation zu Generation an die weiblichen Nachkommen weitergegeben wird. Nun werden meine Söhne diese Aufgabe übernehmen müssen.

Ich stehe allein vor dem Haus, in dem ich mir mit bloßen Händen ein neues Zuhause erschaffen habe. Meine Familie hat mich verstoßen, weil ich mich für dieses Leben entschieden habe. Mein Mann ist als Erster von mir gegangen. Gemma hat sich ihm viel zu früh angeschlossen. Meine Enkelin soll ebenfalls tot sein. Die Toten in meinem Leben werden immer mehr. Ich habe viel riskiert, um Glück zu finden, das mir nun beinahe zur Gänze geraubt worden ist.

Ich stehe allein vor dem Haus, dessen Anblick mich niemals wieder einfach nur mit Zufriedenheit erfüllen wird. Es wird mich immer an meine Verluste erinnern. Gemmas Tod wäre vermeidbar gewesen. Hätte Andrew sich um sie gekümmert, wäre ihr nichts passiert. Straflos werden die Abbingtons damit nicht davonkommen.

Einen von ihnen zu ermorden, steht nicht zur Debatte, doch lebenslanger Schmerz ist ohnehin die größere Strafe. Ich will meine Enkelin zurück, die sie vor mir verstecken. Langsam formt sich eine Idee, wie ich meine Rache umsetzen könnte.

Ich nickte und gehe ins Haus. In dem Zimmer, das ich mir viel zu kurz mit meinem Mann geteilt habe, steht eine Truhe mit Dingen aus meinem alten Leben. Ich hole die Kleidung hervor, die mein ehemaliges Ich symbolisiert. Ich schlüpfe in ein weites, flatteriges Kleid in Rot-, Orange- und Gelbtönen, binde mir die Haare mit einem fransigen Tuch aus dem Gesicht und schlinge ein Tuch um meine Taille. Meine Augen umrande ich mit Kohle, bevor ich meine Ketten um Hals und Arme lege.

Als ich meine Söhne suche, klingen die kleinen Glöckchen bei jedem Schritt. Die Töne sind Musik in meinen Ohren. Ein zufriedenes Gefühl schummelt sich in mein wundes Herz. Ein grimmiges Lächeln stiehlt sich auf mein Gesicht.

Francesgo und Fendy sitzen in der Küche. Bei meinem Anblick springen sie auf. Sie wirken regelrecht schockiert.

„Was hast du vor, Mutter?“

„Ich statte den Abbingtons einen Gratulationsbesuch ab. Ihr beiden bleibt hier.“

Fendy will sich mir in den Weg stellen. „Mutter …!“

„Es muss sein. Die Tradition erwartet es von mir.“ Ich umrunde ihn und mache mich auf den Weg.

Andrew Abbington und seine Frau haben die Hochzeitsreise verschoben. Ob das mit dem Tod meiner geliebten Tochter zusammenhängt, wage ich nicht zu glauben. Sie hat ihm nicht genug bedeutet, obwohl sie sein Kind unter dem Herzen getragen hat. Weshalb sollte ihr Tod etwas daran ändern? Mir reicht es zu wissen, dass er nun für meine Rache in Reichweite ist.

Der Fußmarsch dauert über eine Stunde. Die Zeit nutze ich, um meine Wut zu schüren, um die passenden Worte zu finden, um den Fluch zu perfektionieren. Meine Füße tragen mich, während ich mich in meine Gedanken zurückziehe. Erneut kriecht der Hass unter meiner Haut. Ein Gefühl wie tausende von Spinnen weckt in mir das Bedürfnis, mich zu kratzen, bis ich blutig bin.

Diese dunkle Energie zapfe ich an, als ich Abbington Hall vor mir sehe. Auf der breiten Kieseinfahrt bleibe ich stehen.

„Andrew Abbington! Kommen Sie raus. Ich habe mit Ihnen zu reden!“

Die breiten Türen, die von Säulen eingefasst sind, werden geöffnet, und der Butler kommt heraus. „Lord Abbington ist im Augenblick nicht zu sprechen.“

„Dann warte ich hier auf ihn.“

Der Mann hebt eine Augenbraue. „Er ist für Sie nicht zu sprechen“, präzisiert er.

„Andrew Abbington!“

„Seien Sie still.“ Der Butler eilt die Stufen hinunter. Als er bei mir anlangt, greift er nach meinem Arm und will mich wegziehen.

Ich stoße ihn von mir, sodass er ins Stolpern gerät. „Dieser Lügner soll rauskommen und sich seinem Schicksal stellen. Er hat kein Glück verdient. Weder mit seiner frisch angetrauten Frau, noch mit irgendjemand anderem.“

„Machen Sie sich nicht lächerlich.“ Der Butler kommt wieder auf mich zu.

„Ich will meine Enkelin zurück!“

Der Hass verändert meine Seele. Dunkelheit brodelt in mir. Ich breite meine Arme aus, schließe die Augen und heiße die schwarze Energie willkommen. Ich bin das Zentrum eines Strudels aus Kraft.

Erst als leises Gemurmel meine Konzentration stört, öffne ich meine Augen wieder. Dunkle Wolken haben sich über mir und Abbington Hall zusammengebraut. An der Tür des Gebäudes haben sich Gäste versammelt. Sogar hinter den Buntglasfenstern haben sie sich gedrängt. Vergeblich suche ich Andrews Gesicht in der Menge.

Die Zuschauer werden nicht enttäuscht sein. Die Zeit für den Zauber ist gekommen.

„Ich verfluche Sie, Viscount Abbington!“

Endlich tritt er zwischen den Menschen hindurch aus der Tür. Doch die Stufen bis zu mir wagt er sich nicht herunter. „Wer sind Sie?“

„Ich heiße Jesemy Lakojka. Aber Sie kennen mich als Mrs Leigh, Mutter von Gemma und Großmutter Ihrer Tochter.“

Er erbleicht. „Was wollen Sie?“

„Ihnen zu Ihrer Hochzeit gratulieren. Wie ich gehört habe, war es ein rauschendes Fest.“

„D…Danke.“

Ich lache. „Warten Sie mit Ihrem Dank, bis ich mit Ihnen fertig bin. Ich verlange meine Enkeltochter zurück!“

Sein Blick sucht den einer Person in der Menge. Braucht er das Einverständnis seiner Frau? „Das Kind ist bei der Geburt gestorben. Man hat Gemma hierhergebracht. Wir haben nach einem Arzt schicken lassen. Aber es war zu spät.“

„Das ist nicht wahr“, fauche ich. „Mein Enkelkind lebt, und Sie haben es mir weggenommen.“

„Ich kann mir nicht vorstellen, wie groß Ihr Schmerz sein muss. Es tut mir furchtbar leid, wie alles gekommen ist. Der Schmerz macht Sie blind für die Wahrheit.“

„Sprechen Sie nicht mit mir, als wäre ich nicht richtig im Kopf. Ich glaube keines der Worte, die Ihren Mund verlässt. Statt um die Frau zu trauern, die Sie angeblich geliebt haben, werfen Sie sich in die Arme einer anderen. Das kann ich nicht akzeptieren.“

„Ich habe niemals behauptet, ich würde Ihre Tochter lieben. Das zwischen uns war … es war …“ Er verstummte, fand offensichtlich nicht die richtigen Worte.

„Es war nur Lust, wollen Sie sagen?“, fauche ich. „Sie sind ein widerlicher Mann.“

Scham ist auf Andrews Gesicht zu lesen. „Ich habe Fehler gemacht. Es tut mir leid. Wirklich. Aber geschehen ist geschehen.“

Perdita hält hörbar den Atem an. Die Worte ihres Ehemannes scheinen sie zu treffen. Das Leben an der Seite solch eines Mistkerls wird nicht leicht. Überrascht wirkt sie allerdings nicht. Sie weiß, wer er ist, wie er ist. Und trotzdem liebt sie ihn.

„Bitte, gehen Sie jetzt.“ Andrew klingt flehend.

„Erst will ich wissen, wo mein Enkelkind ist.“

„Ich werde den Arzt fragen, wo er es hingebracht hat.“

Der Schmerz frisst sich in mein Herz. Immer noch nicht kann ich glauben, dass ich meine Tochter und mein Enkelkind verloren haben soll. „Nein! Nein. Sie können nicht beide tot sein.“

„Es tut mir leid.“

Mein Herz rast vor Wut. „Sie wissen nicht, wen Sie sich damit zum Feind machen! Ein Teil meiner Zaubererseele wohnt in dem Kind. Wenn Sie es von mir fernhalten, wird mein Zorn über Sie und die Ihrigen kommen.“

Die Mitglieder der Abbington-Familie und die Bediensteten beginnen zu tuscheln. Das Wort Zauberer zeigt seine Wirkung.

„Davor habe ich keine Angst“, behauptete Abbington.

„Die sollten Sie haben. Denn ich verfluche Sie für Ihre Taten. Der Tod meiner Tochter lastet auf Ihrer Seele. Allein dafür sollten Sie in der Hölle schmoren. Doch Sie haben mir auch noch meine Enkelin genommen. Damit haben Sie Ihren Untergang besiegelt.“

„Schweig!“ Er klingt panisch. Langsam scheint er zu begreifen, was gerade passiert.

Ich lege all meine Wut in meine nächsten Worte. Brülle sie hinaus. „Die Deinen müssen die Meinen lieben, um das wahre Eheglück zu erfahren!“

Andrew starrt mich an. „Was meinst du, Hexe?“

„Sie bekommen Kinder mit Ihrer Frau. Doch Sie werden nicht lange genug leben, um sie aufwachsen zu sehen. Mit Ihnen wird es beginnen. Doch auch die Ehemänner der Töchter in Ihrer Familie werden allesamt Opfer meines Fluchs.“

Ein Ausdruck von Entsetzen huscht über sein Gesicht. „Dazu bist du nicht in der Lage!“

„Wenn Sie sich dessen sicher sind, können Sie ja glücklich und zufrieden weiterleben. Bis zu Ihrem frühen Tod.“

„Sei endlich still!“ Er dreht sich um und läuft zurück zum Haus.

„Feigling!“ Doch ich habe meine Genugtuung. Ich spüre die Dunkelheit, die alle Anwesenden umgibt. Sogar der Himmel ist noch immer schwarz. Mein Fluch entfaltet seine Kräfte.

Perdita Abbington kommt Andrew entgegen. Sie legt eine Hand auf seine Schulter und wirkt dabei besorgt. Sie könnten ein schönes, glückliches Paar abgeben. Wenn ich nicht wäre.

„Denkt an meine Worte!“, rufe ich ihnen zu. „Den Ehemännern in dieser Familie ist kein langes Leben beschieden. Nur meine Familie ist in der Lage, diesen Fluch aufzuheben.“

Das Ehepaar sieht sich an. Ich kann die Unruhe spüren, die von ihnen ausgeht. Sie werden sich noch wünschen, sie hätten sich nicht kennengelernt. Diese Familie hat Tod über meine gebracht. Ihre Nachkommen werden es büßen. Dank mir gehört der Tod jetzt zu ihrem Leben. An diesen Moment werden sie noch lange zurückdenken.

Ich hebe die Hände hoch. Ein starker Wind kommt auf und schlägt den Zuschauern ins Gesicht. Blätter wirbeln hoch. Der plötzliche Sturm lässt die anderen zurückweichen und ins Haus flüchten.

„Die Deinen müssen die Meinen lieben, um das wahre Eheglück zu erfahren!“, brülle ich noch einmal, bevor sie aus meinem Sichtfeld verschwinden. Doch vor meiner Rache können sie sich nirgends verstecken.

Die Dunkelheit nimmt zu. Der Sturm rüttelt an den Fenstern. Blitze entladen sich. Einer schlägt ganz in der Nähe ein. Ich kann die Energie spüren, die sich bis zu mir ausbreitet, und nutze sie, um meinem Fluch weitere dunkle Magie hinzuzufügen. Die Erde erbebt unter dem Ansturm meiner Zaubermacht.

Der nächste Blitz spaltete den Baum neben dem Eingang von Abbington Hall. Dann lässt die Dunkelheit langsam nach.

Ein Lachen erscheint auf meinem Gesicht. Ich weiß, meine Vorfahren sind zufrieden zu mir. Mein Werk ist vollbracht.

6. Kapitel 

Abbington Hall, Herbst 1902

Jeder Schritt war mühsam. Perdita keuchte und legte den Arm um ihren rundlichen Leib.

„Darling.“ Andrew stützte sie sogleich und stoppte sie mit einer Umarmung. „Du solltest dich nicht mehr anstrengen.“ Er drückte weich die Lippen auf ihre Stirn. „Komm, ich bringe dich zurück in deine Räume.“ Fürsorglich umschlang Andrew Perdita und drängte sie sacht zum Haus.

„Andrew“, beschwerte sie sich mit einem Lachen. „Ich möchte ein wenig spazieren.“ Trotzdem drehte sie sich nicht aus seiner Umarmung, sondern lehnte sich in sie. „Du weißt, wie sehr ich mich an dem Ausblick erfreue, den Abbington Hall bietet.“

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960876854
ISBN (Buch)
9783960877103
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v457818
Schlagworte
Familien-geheimnis-romane historisch-e-r-Liebe-s-roman-e Heiraten Hochzeit-s-roman-e Familiensaga Familiengeschichten Familienfluch

Autoren

  • Ester D. Jones (Autor)

  • Katherine Collins (Autor)

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Titel: Der Fluch von Abbington Hall