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Das Haus an den Klippen

von Evelyn Boyd (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Als Caitlins Tante Megan stirbt, hinterlässt sie ihr ein altes Häuschen in dem verschlafenen Küstennest Port Pine. Eigentlich möchte Caitlin das Cottage bei den Klippen verkaufen, zu sehr erinnert es sie an den mysteriösen Tod ihrer geliebten Tante. Doch dann tauchen Hinweise auf, die Caitlin vor ein Rätsel stellen. Was hielt ihre Tante verborgen und wieso kam sie so plötzlich ums Leben? Hat es etwas mit dem halbverfallenen Karussell im Wald zu tun, um das sich seltsame Legenden ranken? Während Caitlin versucht Licht in das Dunkel zu bringen, erwachen in ihr unerwartet Gefühle für den undurchschaubaren Alan, der mehr zu wissen scheint als er zugibt. Um die Wahrheit über ihre Tante herauszufinden, muss Caitlin den Geheimnissen der Vergangenheit auf die Spur kommen …

Impressum

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Digitale Neuausgabe Februar 2019

Copyright © 2019, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 978-3-96087-711-0
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-712-7

Covergestaltung: Sarah Schemske
unter Verwendung von Motiven von
© Kimberley Hall/shutterstock.com
Lektorat: Pia Trzcinska

Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits 2014 bei Carlsen Verlag erschienenen Titels Das verwunschene Karussell (ISBN: 978-3-64660-037-7).

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

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Prolog

Der Nebel war an diesem Abend besonders dicht und es war empfindlich kalt für diese Jahreszeit. Die zierliche Frau zog ihre Jacke enger um sich. Es ärgerte sie, dass sie sich viel zu spät auf den Heimweg gemacht hatte. Außerdem war sie müde und freute sich auf ein heißes Bad. Dennoch ging sie langsam. Sie konnte kaum sehen, wohin sie trat. Der felsige Untergrund war durch die Feuchtigkeit glitschig geworden. Nur ein falscher Schritt und sie würde die Klippen hinab ins Meer stürzen. Doch sie war diesen Weg schon oft gelaufen und wusste, worauf sie achten musste. Es war nicht mehr weit bis zu ihrem Haus.

Obwohl das Rauschen der Wellen die Luft erfüllte, hörte sie plötzlich ganz deutlich Schritte hinter sich. Um diese Zeit verirrte sich eigentlich niemand hierher. Sie blieb stehen und lauschte einen Augenblick lang angestrengt. Das Geräusch der Schritte war verstummt. Ob sie sich getäuscht hatte? Sie drehte sich um und versuchte etwas zu erkennen, als sich ein dunkler Schatten aus dem Nebel löste.

»Tom, sind Sie das?« Ihre Stimme zitterte leicht. Der Schatten antwortete nicht. Eine Hand schnellte vor und packte sie.

»Hey, was soll das? Lassen Sie mich los!«

»Wo ist es?«, zischte eine eisige Stimme.

»Ich weiß nicht, wovon Sie reden!«, rief die Frau ängstlich.

Sie wehrte sich verzweifelt und entwand sich dem harten Griff. Dann machte sie einen hastigen Schritt zurück, doch die Kante der Klippen war direkt hinter ihr. Erschreckt schrie sie auf. Ihre Füße rutschten auf den glitschigen Steinen ab.

Der Aufprall ihres Körpers ging im Rauschen der Wellen unter, während der Schatten im Nebel verschwand.

Kapitel 1

Unglücksfälle passieren immer im Dreierpack

Unglücksfälle passieren stets im Dreierpack. Das behauptet zumindest meine Freundin Lara immer. Eigentlich hatte ich geplant, zusammen mit ihr auf das Konzert meiner Lieblingsband The Pleasures zu gehen. Dass ich diese Nacht nicht durchtanzen würde, während Lara wie üblich den Leadsänger anschmachtete, hatte mit einem der besagten Unglücksfälle zu tun – mit dem Unglücksfall, der dafür gesorgt hatte, dass ich jetzt auf der fast menschenleeren Hauptstraße von Port Pine stand. Also mitten im Nirgendwo. Jedenfalls verglichen mit London.

Ich erinnerte mich, wie alles vor einigen Tagen angefangen hatte. Es stand mir immer noch deutlich vor Augen: es war ein heißer Spätsommertag gewesen, vor allem für Londoner Verhältnisse. Zuerst verschlief ich, um dann – zu allem Überfluss – bei meinem überhasteten Aufbruch die Hausarbeit für das Literatur-Seminar bei Professor Macmillan auf meinem Schreibtisch liegen zu lassen. Ich hatte mich nur wegen Lara angemeldet. Sie wollte Literatur und Philosophie studieren und hatte sich zur Vorbereitung gleich nach unserem bestandenen A-Level für einen einführenden Sommerkurs an der Universität eingeschrieben – noch bevor das Semester startete. Ich wollte lieber Astronautin werden, Tänzerin oder Hundefriseurin. Kurzum, ich hatte überhaupt keinen Plan, was ich mit meinem Leben anfangen wollte. Ehrlich gesagt, wollte ich mir zu diesem Zeitpunkt auch noch keine Gedanken darüber machen. Ich wusste nur, dass ich den Sommer unbedingt mit meiner besten Freundin in London verbringen wollte und nicht – wie all die Jahre zuvor – bei meinen Eltern, auf irgendeiner staubigen Ausgrabungsstelle zwischen uralten Knochen und Tonscherben. Vielleicht würde es unser letzter gemeinsamer Sommer sein, denn auch wenn Lara meine beste Freundin war, so hatte ich in diesem Seminar eines für mich herausgefunden: ein Literaturstudium war nicht mein Lebenstraum! Das war auf jeden Fall schon mal eine erste Erkenntnis. Irgendwie hatte ich bisher noch nichts entdeckt, für das ich mich so richtig begeistern konnte. Es kam mir so vor, als wüssten alle um mich herum, womit sie ihr Leben verbringen wollten. Nur ich fühlte mich nach dem Schulabschluss völlig orientierungslos. Meine Mum drängte mich ständig, ich solle Archäologie studieren, wie sie und Dad, nur damit ich mit den beiden um die Welt ziehen und unter unwirtlichen Bedingungen uralten Kram ausbuddeln konnte. Artefakte, die man dann in unendlicher Kleinarbeit mit kleinen weißen Schildern versah und in ein Museum schaffte, wo Horden von gelangweilten Besuchern die Fundstücke bestaunen durften. Da konnte ich mir weitaus Spannenderes vorstellen; und wie sollte ich in dem Job jemals einen tollen Typen kennenlernen? Das war das einzige Ziel, das ich fest vor Augen hatte. Ich wollte mich endlich einmal so richtig verlieben! Die Jungs bei uns auf der Privatschule, auf die mich meine Eltern geschickt hatten, waren alle gepflegte Langweiler gewesen. Ärzte- und Architektensöhnchen, die nicht nur eingebildet, sondern auch so steif waren, wie die weiße Kittelschürze unserer Wirtschafterin Mrs Laurence.

Lara meinte immer, an der Uni würden wir endlich die süßen Typen treffen. Aber so ganz konnte sie mich nicht davon überzeugen. Vermutlich würden dort auch wieder nur die gleichen Langweiler in den Vorlesungen sitzen.

Mit diesen ernüchternden Gedanken über meine Zukunft lief ich Richtung Tube. Ich bog gerade schwungvoll um eine Ecke, als ich mit einem Mann zusammenstieß, der die ganze Zeit auf seinem Smartphone herumdrückte. Meine Tasche fiel auf den Boden und der gesamte Inhalt verteilte sich kunstvoll auf den Treppenstufen zur Underground Station. Aber anstatt mir zu helfen, lief der Typ einfach weiter. Fluchend sammelte ich meinen Kram ein und dabei fiel mir auf, dass ausgerechnet meine Arbeit über die Bedeutung der Frauenfiguren in Shakespeares Werken nicht dabei war. Professor Macmillan konnte richtig gemein werden, wenn man zu spät in sein Seminar platzte. Aber noch schlimmer war es, ohne Hausarbeit zu erscheinen. Ich überlegte, ob ich einfach sagen sollte, unsere Wirtschafterin hätte meine Arbeit aufgefressen – einen Hund hatten wir leider nicht. Die Vorstellung ließ mich kurz schmunzeln. Aber immerhin war ich die ganzen letzten Abende mit der Arbeit beschäftigt gewesen. Ich warf einen verzweifelten Blick auf meine Armbanduhr. So schnell ich konnte, lief ich zurück zu unserer Wohnung am Prince’s Square. Eilig steuerte ich auf das schmale, hohe Altbauhaus mit der weißen Fassade und den zwei Säulen neben dem Eingang zu. Ich klingelte Sturm, doch Mrs Laurence schien noch nicht da zu sein. Hektisch wühlte ich in meiner Tasche nach dem Schlüssel.

Nach einer gefühlten Ewigkeit fand ich ihn. Ich hatte gerade die Tür aufgeschlossen und wollte eben die steilen Stufen hoch zu meinem Zimmer im Sprint nehmen, als mich der Postbote aufhielt. Er stand plötzlich hinter mir an der Haustür.

»Miss Macrae? Wie gut, dass ich Sie antreffe. Ich habe ein persönliches Einschreiben für Sie.«

»Oh!«, wunderte ich mich. »Ich erwarte eigentlich keinen Brief.«

Wer sollte mir denn ein Einschreiben zuschicken?

»Moment, das haben wir gleich«, sagte er lächelnd und begann seine große Posttasche zu durchsuchen.

Das fehlte mir gerade noch, wo doch jede Minute zählte. Unruhig trat ich von einem Bein auf das andere, während ich wartete, bis der Postbote umständlich den Brief hervorgekramt hatte. Er hielt mir einen Stift entgegen. »Hier müssen Sie bitte den Empfang quittieren.«

Ich unterschrieb und betrachtete den Brief. Der Absender war eine Londoner Anwaltskanzlei. Der Name der Kanzlei sagte mir nichts. Doch auch wenn ich neugierig war, was Ian A. Campbell und Partner von mir wollten, musste der Brief vorerst warten. Ich steckte ihn hastig in meine Tasche und lief eilig die Treppenstufen hinauf.

Natürlich kam ich viel zu spät zum Seminar und Professor Macmillan ließ es sich nicht nehmen, mich vor dem gesamten Kurs bloßzustellen.

»Ah, Miss Macrae, wie schön, dass Sie uns heute doch noch die Ehre erweisen. Da Sie es ja anscheinend nicht nötig haben, am gesamten Unterricht teilzunehmen, können Sie sicher – auch ohne meinen vorherigen Ausführungen gelauscht zu haben – das an der Tafel stehende Sonett interpretieren.«

Ich nickte verschüchtert und wollte auf meinem Platz zusteuern.

»Aber nein, Miss Macrae, kommen Sie nach vorne. Hier haben Sie einen viel besseren Überblick und wir alle können Sie gut hören.« Dabei wies er mit einem leichten Grinsen im Gesicht auf den freien Platz vor der Tafel.

Mit hochrotem Kopf bahnte ich mir meinen Weg durch die Stuhlreihen. Am liebsten wäre ich im Erdboden versunken, doch ich schlug mich tapfer. Lara lächelte mir aus einer der hinteren Reihen aufmunternd zu.

Professor Macmillan nickte nach meinen Ausführungen bedächtig und gab sich großzügig: »Na, gar nicht mal so schlecht. Da will ich Ihnen die Störung meines Unterrichts dieses Mal verzeihen.«

Ich schluckte eine passende Antwort hinunter und schlich zu meinem Platz.

Nach dem Kurs musste Lara noch etwas erledigen und so verabredeten wir uns für später zum Lunch in einem kleinen Studentencafé unweit des Campus.

Als ich mit etwas Verspätung eintraf, saß sie bereits an unserem Lieblingsplatz am Fenster und studierte beim Essen ausgiebig die Veranstaltungstipps fürs Wochenende. Lara winkte mir aufgeregt zu. »Caitlin, du glaubst es nicht! The Pleasures kommen nach London und geben nächsten Samstag ein Konzert im Black Heart!« Laras blaue Augen blitzten vor Freude, und sie begann die ersten Takte von ihrem Lieblingssong I know but I don’t know zu summen.

Ich setzte mich zu ihr. »Das ist großartig! Kannst du uns Karten besorgen?«, strahlte ich sie an. »Allerdings ist es schon etwas kurzfristig«, gab ich dann zu bedenken.

»Na klar, das ist so gut wie erledigt, und wenn es das Letzte ist, was ich tue!« Sie zwinkerte. »Aber jetzt sag mal, warum bist du heute denn so spät zum Kurs gekommen? Du bist doch sonst immer Miss Oberpünktlich.«

Ich erzählte ihr von meinem hektischen Morgen.

»Und?«, fragte sie mich mit großen Augen, während sie mit einer Masse auf ihrem Teller kämpfte, die laut Speisekarte Spaghetti darstellen sollte. »Was steht nun in dem mysteriösen Brief?«

»Ach ja, der Brief! Ich habe ihn noch gar nicht geöffnet.« Ich holte den Brief hervor, legte ihn vor mir auf den Tisch und starrte ihn an. »Was können die nur von mir wollen?«

»Ich würde sagen, du öffnest ihn, dann weißt du es!«, schlug Lara vor. Sie hatte den Kampf mit den Spaghetti aufgegeben und den Teller weggeschoben.

Ich war etwas nervös. »Ich habe noch nie Post von einem Anwalt erhalten.«

»Na ja, vielleicht hast du etwas gewonnen oder geerbt.« Lara zuckte mit den Schultern.

»Von wem sollte ich denn etwas erben? Unsere Familie ist nicht besonders groß. Meine Eltern sind mal wieder auf einer – ach so wichtigen – Forschungsreise. Meine Mum hat mich gestern noch einmal angerufen, bevor sich die beiden für Monate in irgendein unwegsames Wüstengebiet aufmachen, wo sie keinen Handyempfang haben und meine Tante ist gerade mal 49 Jahre alt. An Gewinnspielen habe ich auch nicht teilgenommen.« Ich fixierte weiterhin den Absender auf dem Umschlag.

»Du hast doch nix angestellt?« Lara zog fragend eine Augenbraue hoch.

Ich musste lachen. »He, du kennst mich doch! Ich stelle nie etwas an und wenn ich versuchen würde, ein Kaugummi durch den Zoll zu schmuggeln, würde man mich sicher erwischen. Ich kann so was nicht.«

»Dann verstehe ich nicht, warum du den Brief nicht endlich öffnest.« Lara pustete sich ungeduldig eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht.

Zögernd griff ich nach dem Brief. »Ich weiß auch nicht. Ich habe so ein mieses Gefühl. Aber natürlich hast du recht.« Ich riss den Umschlag auf und zog einen Briefbogen hervor. Hastig überflog ich die Zeilen. Dann ließ ich den Brief sinken.

»Ist dir nicht gut? Du bist ganz blass, Caitlin!«

Ich schluckte. »Meine Tante Megan … sie ist tot.«

Lara schlug sich die Hände vor den Mund. »Oh, wie schrecklich und ich habe noch gesagt, vielleicht hast du etwas geerbt. Es tut mir so leid!«

»Das ist doch nicht deine Schuld, Lara.«

»Was ist passiert?«

»Hier steht, dass ich mich bei der Kanzlei melden soll.« Kurz überlegte ich, zuvor anzurufen, entschied mich dann aber dagegen. »Ich werde gleich dorthin fahren. Ich muss wissen, was passiert ist. Lara, kannst du mich bitte bei unserem Nachmittagskurs entschuldigen?« Ich stand auf und griff nach meiner Tasche.

Sie nickte, stand ebenfalls auf und umarmte mich kurz. »Sei tapfer.«

Auf der Fahrt in die Innenstadt versuchte ich die Information zu verarbeiten. Doch so richtig wollte ich es immer noch nicht glauben. Konnte meine geliebte Tante wirklich tot sein?

Tante Megan war der wichtigste Mensch in meinem Leben gewesen. Klar waren da noch meine Mum und mein Dad. Als ich noch klein war hatte ich es cool gefunden, meinen Mitschülern zu erzählen, an welchen exotischen Orten meine Eltern ihre Ausgrabungen machten und wo ich die Schulferien verbrachte. Aber meistens waren die Namen der Orte klangvoller als die Wirklichkeit. Denn oftmals gab es nichts außer Erde, Staub und einer Zeltlagerstadt voller begeisterter Archäologen und Helfer. Keiner hatte Zeit mit einer Achtjährigen zu spielen. Schon gar nicht meine Eltern. Wenn Mum und Dad mal in London waren, verbrachten sie die meiste Zeit in irgendeinem fensterlosen Raum im Museum oder in unserem Arbeitszimmer vor dem PC. Es wunderte mich überhaupt, dass sie sich ab und zu noch daran erinnerten, eine Tochter zu haben. Ansonsten waren meine Eltern echt liebevoll und wenn wir tatsächlich mal etwas zusammen unternahmen, war es wirklich toll. Es war nur eben sehr selten. Dafür hatte ich im Lauf der Jahre eine Unmenge an mehr oder weniger motivierten Kindermädchen. Irgendwann kam dann noch unsere Haushälterin Mrs Laurence dazu. Sie war zwar ein leibhaftiger Drache, aber sie kochte hervorragend. Ohne sie wäre ich vermutlich verhungert und unser Haus unter einer Dreckschicht begraben worden. Meine Mum vergaß über ihrer Arbeit regelmäßig solche unnötigen Dinge wie die Nahrungsaufnahme – oder das Einkaufen. Auch Dad schien nur für seine Arbeit zu leben. Als ich neun Jahre alt war, starb Tante Megans Ehemann und sie zog zu uns nach London. Obwohl Mums Schwester ihr zum Verwechseln ähnlich sah, waren die beiden total verschieden. Während Mum sich leidenschaftlich ihrer Arbeit widmete und für nichts anderes Zeit fand, schien meine Tante das Leben auf eine völlig andere Weise zu genießen. Sie wirkte wie ein Sonnenstrahl in unserem Haus. Obwohl mein Onkel so früh verstorben war, lächelte sie viel. Sie hatte ein künstlerisches Talent und liebte Blumen. Sie malte und fotografierte. Vor allem nahm sie sich Zeit für mich. Wir gingen gemeinsam in den Zoo und ins Kino. Tante Megan war es, die mich bei meinem ersten Liebeskummer in den Arm nahm und mir wortlos die extragroße Dose Chocolate Chip Ice Cream auf den Tisch stellte, als Amanda Blair mich beim Tanzwettbewerb vernichtend geschlagen hatte. Sie war meine Familie gewesen.

Vor knapp einem Jahr hatte Tante Megan beschlossen, dass ich groß genug sei, um ohne sie auszukommen. Sie zog nach Amerika und kaufte sich ein Haus in einem kleinen Küstenort in Maine. Wir telefonierten regelmäßig und sie schrieb mir Mails. Ich wollte sie dort an Weihnachten das erste Mal besuchen und nun sollte sie tot sein?

Als ich das Büro im dritten Stock betrat, hoffte ein kleiner Teil von mir immer noch, dass es sich um einen Irrtum handelte. Die Sekretärin am Empfang wollte mich ohne Termin zunächst nicht zu Mr Campbell vorlassen, ließ sich dann aber nach einigem Bitten erweichen, wenigstens bei ihm anzufragen, ob er Zeit für mich hätte. Er hatte und ich wurde in ein großes Büro mit schweren Ledermöbeln geführt. Ian Campbell war ein großer Mann mit gezwirbeltem Schnauzbart und graumeliertem Haar. Er sprach mir mit ruhiger Stimme zunächst sein Beileid aus und bot mir dann einen Platz an.

Zuerst sackte meine Hoffnung, und dann ich selbst, in den schweren Ledersessel.

»Ich kann mir vorstellen, dass das alles für Sie ein Schock ist, Miss Macrae«, begann Mr Campbell nun. Ich nickte stumm. Dann fuhr er fort: »Ihre Tante hatte bei uns schon vor längerer Zeit ein Testament hinterlegt, in dem Sie, Miss Macrae, im Todesfall die Begünstigte sind. Ihre Tante hat Ihnen als Alleinerbin nicht nur ihr Haus in Port Pine hinterlassen, sondern auch das umliegende Grundstück inklusive eines größeren Kiefernwaldes. Nennenswertes Barvermögen besteht leider nicht, nur ein Konto mit einem Betrag von …«

Meine Hände umfassten krampfhaft die Lehnen des Sessels. Ich wollte das nicht! »Ich muss wissen, was meiner Tante passiert ist!«, unterbrach ich ihn heftiger als gewollt.

Mr Campbell rückte seine Brille zurecht. »Äh, nun ja, Miss. Soweit ich informiert bin, gab es einen Unglücksfall. Meines Wissens ist Ihre Tante beim Spazierengehen auf den Klippen ins Meer gestürzt. Sie wurde von einem Fischer zwischen den Felsen im Wasser entdeckt.«

»Aber warum? Wieso ist sie einfach so ins Meer gestürzt?« Mir stiegen die Tränen in die Augen. Das konnte doch alles nicht wahr sein. Vor wenigen Stunden war mein größtes Problem gewesen, ob ich in diesem Jahr noch einen tollen Typen kennenlernen würde und was ich mit meinem Leben anfangen wollte. Und nun – von einer Minute auf die andere – war meine kleine, heile Welt erschüttert, weil einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben tot war.

Mr Campbell zuckte mit den Schultern. »Mehr weiß ich leider auch nicht. Vielleicht hat die Polizei vor Ort noch weitere Einzelheiten zu den genauen Umständen herausgefunden.«

»Ich verstehe«, sagte ich mit tonloser Stimme. »Wann ist es passiert?«

»Ihre Leiche wurde vor ungefähr drei Wochen gefunden.«

»Vor drei Wochen! Aber warum …«, begann ich.

»Es tut mir leid, Miss Macrae, aber es hat eine Weile gedauert, bis mich die Behörden vor Ort informiert haben.«

»Dann ist meine Tante vermutlich bereits beerdigt, oder?« Ich sah den Anwalt fragend an.

Er nickte. »Ja, das denke ich schon.«

»Und ich konnte nicht mal bei ihrer Beerdigung dabei sein.« Mir versagte die Stimme.

Wir schwiegen beide für einen Moment. Mr Campbell räusperte sich. Er legte mir eine Mappe mit Papieren vor. »Ich weiß, es ist ein schwerer Schlag für Sie, aber wir müssen das weitere Vorgehen klären. Möchten Sie das Erbe ihrer Tante annehmen und den Nachlass vor Ort regeln oder ist es Ihnen lieber, wenn ich das Haus und das Grundstück für Sie veräußere? Das könnten wir von London aus regeln und Sie müssten nicht in die Vereinigten Staaten fliegen.«

Ich schüttelte heftig den Kopf. »Nein, ich will mich um das Erbe meiner Tante kümmern. Ich möchte das Haus sehen. Verkaufen kann ich es dann immer noch.«

»Gut«, sagte Mr Campbell und breitete die notwendigen Unterlagen auf dem Tisch aus. Er nahm sich viel Zeit und erklärte mir ausführlich, was das für mich bedeutete. Ich musste mehrere Papiere unterzeichnen und erhielt am Ende einen Schlüssel.

Nach dem Gespräch lief ich lange ziellos durch die Stadt. Ich blieb vor den Schaufenstern stehen und starrte auf die Warenauslagen, ohne etwas davon wahrzunehmen. In meinem Kopf kreisten unzählige Gedanken. Meine Tante war eine aktive und fröhliche Frau gewesen. Wie konnte so ein Mensch von einem Tag auf den anderen plötzlich sterben? Vermutlich sollte ich versuchen, meine Mum anzurufen. Ich war mir jedoch sicher, wieder nur ihre Mailbox zu erreichen. So war es meistens. Ich wählte dennoch ihre Nummer. Eine freundliche Frauenstimme quäkte mir ins Ohr: »Der Teilnehmer ist momentan nicht erreichbar, wenn Sie eine Rückrufbitte per SMS verschicken wollen, drücken Sie bitte …« Ich seufzte und drückte das rote Telefonsymbol. Scheinbar hatte sie keinen Empfang. Ich würde es später noch einmal versuchen. Mit einem Schlag wurde ich mir meiner Einsamkeit bewusst, und stand verloren vor einem Schaufenster mit der neuen Herbstkollektion, während mir die Tränen über das Gesicht liefen.

Als ich mich etwas beruhigt hatte, rief ich Lara an.

»Keine Widerrede, du kommst sofort zu mir. Du kannst doch jetzt nicht allein sein. Meine Mutter schiebt Nachtdienst in der Klinik. Wir sind ganz ungestört.«

»Du bist die Beste!«, schniefte ich ins Handy.

Irgendwann kam ich bei der Dachgeschosswohnung an, die Lara mit ihrer Mutter bewohnte. Man hatte einen tollen Blick über die City. Lara hatte sich bereits Sorgen gemacht. »Mensch Caitlin, wo hast du nur gesteckt? Ich wollte schon eine Vermisstenmeldung aufgeben.«

Ich winkte ab. »Keine Sorge, ich bin zu Fuß gelaufen. Ich musste einfach nachdenken, wie es jetzt weitergeht.«

»Und wie geht es weiter? Weiß Deine Mutter es schon?«, fragte Lara.

Ich zuckte die Schultern. »Meine Eltern sind mal wieder nicht zu erreichen.«

»Dann komm«, sagte sie, »ich habe uns einen Salat gemacht, und es ist noch etwas von deinem Lieblings-Eistee im Kühlschrank. Du brauchst jetzt erst mal etwas zu essen.« Lara schob mich in die Küche und holte zwei Gläser aus dem Schrank.

Wir saßen die halbe Nacht in der kleinen Wohnküche und redeten über die Zukunft. Ich entschied, so schnell wie möglich in die USA zu fliegen, und mich um Tante Megans Haus und ihren Nachlass zu kümmern. Außerdem wollte ich ihr Grab sehen.

»Hast du deine Tante denn schon mal in Maine besucht? Ich meine, kennst du ihr Haus und die Gegend?«, fragte mich Lara.

»Nein, ich war nie dort. Ich wollte sie über Weihnachten besuchen, zusammen mit Mum und Dad – und jetzt ist sie tot.« Ich blinzelte die aufsteigenden Tränen schnell weg.

Lara nickte verständnisvoll und dann nahm sie einen Zettel zur Hand. »Wenn du hinfliegen willst, sollten wir eine Liste machen, was alles zu erledigen ist.«

Ich lächelte sie dankbar an und wir machten uns ans Werk.

Dann ging alles ganz schnell. Ich sprach mit unserer Haushälterin. Mrs Laurence schien ganz froh, für eine Weile nicht kochen zu müssen. Meiner Mum hinterließ ich nach mehreren missglückten Anrufen eine SMS.

Lara war eine echte Stütze. Sie half mir, meine Sachen zu packen und ein Flugticket zu besorgen.

Sie brachte mich auch am Abreisetag zum Flughafen. Als mein Flug aufgerufen wurde, fielen wir uns in die Arme.

»Versprich mir, dich zu melden, wenn du dort bist. Schick mir sofort eine SMS!«, sagte Lara.

»Ich hoffe, ich habe dort überhaupt Empfang«, gab ich zu bedenken und dachte wieder an meine Eltern.

»Keine Ausreden! Maine ist doch nicht auf dem Mond!«, erklärte Lara mit ernstem Gesicht.

»Ich verspreche es!«, versicherte ich ihr.

Und jetzt stand ich hier im Zentrum dieses winzigen Küstenortes und sah mich neugierig um. Der Überlandbus, mit dem ich den letzten Rest meiner Reise zurückgelegt hatte, fuhr gerade wieder ab. Ich blieb allein auf der Hauptstraße zurück, an der sich verschiedene kleine Geschäfte befanden. Dazwischen standen schöne Holzhäuser, die weiß und hellblau gestrichen waren. An den Fassaden hatten die Besitzer zum Teil maritime Dekorationen angebracht. Vor einem Haus hing eine alte Bootslaterne und neben einem anderen lehnte ein bunt bemalter Anker an der Hauswand. Es war kurz nach zwölf Uhr und die meisten Läden hatten anscheinend Mittagspause. Ich blickte die Straße hinunter und überlegte, wie ich von hier aus zum Haus meiner Tante kommen sollte. In der Ferne blinkte die Anzeige einer Pizzeria und ein Stück davor entdeckte ich ein Holzschild auf dem in großen Buchstaben Bed and Breakfast geschrieben stand. Ich schulterte meinen Rucksack und zog den Koffer hinter mir her. Bestimmt könnte man mir in der Pension helfen. Notfalls würde ich auch für eine Nacht ein Zimmer nehmen, um dann in Ruhe eine Fahrgelegenheit zu organisieren. Ich hatte zwar die Adresse, aber leider kannte ich mich in der Gegend nicht aus. Ich wusste lediglich, dass Tante Megans Haus etwas außerhalb von Port Pine lag. Ich lief die Straße entlang und entdeckte schräg gegenüber ein schmales Gebäude über dessen Ladentür »Touristeninformation« stand. Die Tür stand offen. Das passte ja perfekt! Eilig überquerte ich die Fahrbahn und ging auf das Haus zu. Im Fenster neben der Tür hingen ein paar vergilbte Plakate und eine Karte der Umgebung. Ich betrachtete die Landkarte eingehend. Leider war der Maßstab zu klein und half mir nicht weiter. Die nächste größere Ortschaft auf der Landkarte war Eastport. Der Ort lag an der Grenze zu Kanada. Dort war anscheinend auch mehr los als im verschlafenen Port Pine, denn fast alle Plakate im Schaufenster warben für Events in Eastport. »Piratenfestival«, las ich laut. »Sachen gibt es da!«

»Dafür haben wir unser Lobsterfest im August«, erklang plötzlich eine Stimme neben mir. Eine rundliche Dame war unbemerkt aus der Tür getreten. »Das Fest ist immer ein riesiger Spaß für die ganze Stadt. Natürlich ist es nicht zu vergleichen mit dem Piratenfestival, aber auch unser schönes Port Pine hat einiges zu bieten. Das können Sie mir glauben. Eastport ist natürlich größer und hat auch noch Old Sow, aber …«

»Wer oder was ist Old Sow?«, unterbrach ich den Redefluss der Frau.

»Old Sow ist ein Gezeitenstrudel vor Eastport. Eigentlich ist dieses Naturwunder in ganz Maine bekannt. Sie kommen wohl von weit her?« Ohne auf meine Antwort zu warten, plapperte sie munter weiter: »Nun, da sind Sie bei mir an der richtigen Adresse. Ich kann Ihnen alle Informationen über die Region geben, die Sie benötigen. Kommen Sie doch rein.«

Ich folgte der redseligen Dame ins Innere. Sie umrundete einen weiß getünchten Holztresen und begann eifrig Prospekte aus dem Regal zu sammeln. Dabei redete sie unaufhörlich weiter. Gerne hätte ich der gesprächigen Damen mein Anliegen vorgetragen, aber es erschien mir unhöflich, sie zu unterbrechen. Also wartete ich geduldig, während sie ein Loblied auf die Naturschönheiten der Umgebung sang.

»Suchen Sie eine Übernachtungsmöglichkeit?«, fragte sie mich, während sie mir Prospekte über geführte Kajaktouren und Wanderungen reichte.

»Nein, ich …«, setzte ich an.

»Wir haben einige schöne Pensionen hier in Port Pine und natürlich das Cobscook Bay Cottage. Dort sind die Übernachtungen allerdings etwas teurer. Jedenfalls würde ich Ihnen raten, eine Unterkunft vor Ort zu nehmen und von hier aus hinzufahren.«

»Wohin?«, frage ich nun völlig verdattert.

»Na, zum Piratenfestival. Eastport ist nur knapp 13 Meilen entfernt. Sie sind doch in den Ferien hier, oder?« Damit zeigte die Frau auf meinen Koffer, den ich neben mir abgestellt hatte.

Dies war das Stichwort, auf das ich gewartet hatte. »Nein, ich bin eigentlich keine Touristin. Aber ich brauche trotzdem Ihre Hilfe. Ich suche diese Adresse.« Ich reichte ihr den Zettel mit der Adresse von Tante Megans Haus.

Die Dame warf kurz einen Blick darauf und dann einen langen Blick auf mich. »Das ist die Adresse von Mrs Steels Haus. Warum wollen Sie denn dort hin?« Sie zog fragend eine Augenbraue hoch.

»Nun Megan, also Mrs Steel ist meine Tante …« Ich stockte kurz. »Sie war meine Tante und …«

»Natürlich!«, rief die Dame jetzt aus. »Das hätte mir doch gleich auffallen müssen. Sie sehen Ihrer Tante sehr ähnlich. Die gleichen grünen Augen und so wunderschöne, rehfarbene Haare!«

Rehfarben war eine interessante Umschreibung für meine langen rotbraunen Locken, fand ich.

Jetzt ergriff die Frau meine Hand und drückte sie lächelnd. »Wie schön, mal Megans Nichte kennenzulernen. Ich bin übrigens Molly Madigan.«

Ich lächelte zaghaft zurück. Dann besann sich Mrs Madigan. »Oh, und natürlich mein herzliches Beileid! Wir sind alle noch ganz erschüttert von dem tragischen Unfall. Megan Steel war bei allen hier im Ort beliebt, auch wenn einige Bewohner ihr Vorhaben sehr kritisch gesehen haben.«

»Welches Vorhaben?«, erkundigte ich mich.

»Ach, ich plappere wieder nur dummes Zeug. Also, zu Megans Haus müssen Sie? Das Haus liegt circa dreieinhalb Meilen außerhalb von Port Pine. Zu Fuß ist die Strecke mit dem Gepäck doch etwas zu weit, fürchte ich. Ich könnte Ihnen einen Mietwagen vermitteln. Sind Sie denn schon über 21?«, wechselte Mrs Madigan schnell das Thema und musterte mich über den Rand ihrer Brille hinweg.

Ich schüttelte den Kopf. »Nein, ich bin erst 18. Aber ich habe sowieso keinen Führerschein.«

Molly Madigan schwieg für einen Moment. Anscheinend fragte sie sich, wie man mit 18 Jahren noch ohne Führerschein klarkommen konnte.

»Es fährt kein Bus zum Haus. Aber ich habe da eine fabelhafte Idee. Einen kleinen Moment.«

Sie griff nach dem altmodischen Telefon, das an der Wand hinter dem Tresen hing, und wählte eine Nummer. »Hallo Tom«, rief sie in den Hörer, »hier ist Molly. Fährst du heute noch zum Lighthouse raus? Prima, dann komm doch vorher hier vorbei und hol einen Fahrgast ab. Es ist Megan Steels Nichte, die du auf dem Weg absetzen kannst … Was soll das heißen? … Nun stell dich nicht so an! Also abgemacht! Bis gleich.«

Zufrieden legte Mrs Madigan auf. »Der alte Tom Huxley ist Leuchtturmwärter und kümmert sich um das Little East Bay Lighthouse. Er fährt jeden Tag hoch und sieht nach dem Rechten. Er wird Sie mitnehmen.«

»Das ist sehr freundlich von ihm.« Ich war ehrlich erleichtert, so einfach eine Mitfahrgelegenheit zu bekommen.

»Freundlich, nun ja …«, Molly Madigan runzelte die Stirn. »Tom ist ein wenig eigenbrötlerisch. Aber das darf man nicht so ernst nehmen.«

Ich nickte und fragte: »Wohnt er im Leuchtturm?«

Sie lachte. »Nein, die Zeiten sind lange vorbei. Das Leuchtfeuer ist automatisiert. Aber er überprüft regelmäßig die Technik, und dass alles seine Ordnung hat. Das Leuchtfeuer können Sie übrigens vom Garten aus sehen. Das Haus liegt nah bei den Klippen.«

Die Klippen – das erinnerte mich wieder an Tante Megans Unfall.

Einige Zeit später holperten Mr Huxley und ich in seinem rostigen Pick-up über die Straße, die mittlerweile mehr ein schmaler Waldweg war. Auf der Ladefläche rutschte mein Koffer hin und her. Meinen Rucksack hatte ich auf den Schoß genommen. Mr Huxley, der bisher keine zwei Worte mit mir gewechselt hatte, konzentrierte sich auf die Fahrbahn. Ich hatte zunächst versucht, mit dem griesgrämig dreinblickenden Mann ein Gespräch zu beginnen, dieses Vorhaben jedoch schnell aufgegeben. Tom Huxley war ein großer Mann. Er wirkte beinahe unheimlich mit seiner zerfurchten, wettergegerbten Haut und einer Narbe, die sich über seine komplette linke Gesichtshälfte zog. Seine riesigen Hände hielten das Lenkrad fest umklammert. Ich wandte meinen Blick ab und sah mir die Landschaft an. Dabei versuchte ich mir den Weg zu merken. Wir fuhren durch einen Wald, der hauptsächlich aus Kiefern bestand. Daher rührte wohl auch der Name des Ortes: Port Pine.

Plötzlich lichtete sich der Wald und gab den Blick auf ein wunderschönes, weißes Holzhaus im viktorianischen Stil, mit einer überdachten Veranda frei. Um das Haus herum lag eine ausgedehnte Rasenfläche. Das Grundstück fiel ein wenig in Richtung der Klippen ab und dahinter blickte man auf die blaue See. Möwen kreisten über den Felsen: ein atemberaubender Anblick. Ich war sofort von diesem Ort fasziniert und verstand, warum Tante Megan dieses Haus gekauft hatte.

Mr Huxley stoppte den Pick-up. Unschlüssig saß ich noch einen Moment auf dem Beifahrersitz, dann sagte ich: »Vielen Dank, dass Sie mich mitgenommen haben.«

Er grummelte etwas Unverständliches. Ich zwang mich zu einem Lächeln und stieg aus. Tom Huxley blieb sitzen. Ich umrundete den Wagen und versuchte meinen Koffer von der Ladefläche zu heben. Doch ich schaffte es nicht. Rauf war es ein wenig einfacher gewesen, da Mr Huxley zuvor die Ladeklappe geöffnet hatte. Er machte keine Anstalten mir zu helfen. Ich seufzte und ging zurück zur Beifahrertür. »Könnten Sie mir bitte behilflich sein?«, bat ich ihn.

Er antwortete nicht, stieg aber aus und öffnete die Ladeklappe. Ich wuchtete meinen Koffer mit aller Kraft hinunter. Tom Huxley nickte mir zu und ging zur Fahrertür. Dann drehte er sich noch einmal zu mir um und sagte mit der knarrenden Stimme eines Menschen, der nicht gewohnt ist, sie oft zu benutzen: »Miss, Sie sollten hier keine ausgedehnten Wanderungen unternehmen. Vor allem die Klippen sind gefährlich. Am besten, Sie reisen möglichst bald wieder ab.« Ohne meine Antwort abzuwarten, stieg er in seinen Wagen und fuhr los.

Entgeistert starrte ich dem Pick-up nach. Was hatte diese seltsame Warnung zu bedeuten?

Ich drehte mich um und trug mein Gepäck zur Haustür. Dann kramte ich den Schlüssel aus meinem Rucksack und atmete einmal tief durch, bevor ich den Schlüssel ins Schloss steckte.

Kapitel 2

Ein schwarzes Seepferd im Wald

Ein gemütliches Wohnzimmer empfing mich. Ich legte meinen Rucksack auf ein weißes Sofa, auf dem sich viele blaue Kissen tummelten. Auf dem Tisch davor lagen einige Bücher. An den Wänden hingen Fotografien von Leuchttürmen. Tante Megan war immer eine begeisterte Fotografin gewesen. Bestimmt hatte sie diese Aufnahmen selbst gemacht. An einer Wand erstreckte sich ein mannshohes Bücherregal. Durch das große Panoramafenster konnte man auf das Meer hinausblicken. Ich ging durch den Flur und fand links die Küche, die mir mit dem kleinen Bistrotisch und zwei Stühlen sehr einladend erschien. Auf der Arbeitsfläche neben der Spüle stand eine benutzte Kaffeetasse. Ich wusste nicht, was ich erwartet hatte, aber es schien mir, als ob Tante Megan nur mal kurz das Haus verlassen hätte und jeden Augenblick zurückkommen würde.

Ich schluckte, drehte mich um und ging zurück in den Flur. Auf einem kleinen Sideboard stand ein Telefon. Ich hob den Hörer ab. Die Leitung war tot. Vermutlich, weil niemand mehr die Rechnung bezahlte. Es gingen noch zwei weitere Zimmer vom Flur ab. Ein kleines Gäste-WC und ein mit Büchern vollgestopftes Arbeitszimmer. Die freien Wände waren ebenfalls mit Schwarz-Weiß-Fotografien geschmückt. Ich blieb kurz davor stehen und betrachtete das immer gleiche Motiv. Es handelte sich um ein schwarzes Seepferdchen. Die Figur war aus verschiedenen Perspektiven fotografiert worden. Die Fotos wirkten irgendwie düster. Ich wandte mich dem Schreibtisch zu, auf dem mehrere Ordner standen. Das Arbeitszimmer würde ich später noch genauer in Augenschein nehmen müssen. Bestimmt befanden sich hier alle wichtigen Papiere.

Ich setzte zunächst meine Besichtigungstour im Obergeschoss fort. Dort befand sich neben dem Schlafzimmer noch ein geräumiges Badezimmer, mit einer wunderschönen altmodischen Badewanne auf goldfarbenen Füßen und ein kleines Gästezimmer mit blauen Tapeten. Ich würde das Gästezimmer beziehen, obwohl das große Schlafzimmer, ebenso wie das Wohnzimmer, einen Blick auf die See bot. Von hier oben war die Aussicht sogar noch traumhafter. Aber der Gedanke, im Schlafzimmer meiner Tante zu schlafen, kam mir unpassend vor. Ich öffnete den Kleiderschrank, um nach Bettwäsche zu suchen. Dabei fiel mir ein Pullover entgegen. Es war ein kuscheliger Wollpullover mit einem Norwegermuster in Grau, Weiß und Rosa. Sie hatte ihn letztes Jahr zu Weihnachten getragen. In diesem Moment kamen mir die Tränen. Ich setzte mich auf das Bett und drückte den Pullover fest an mich.

Nach einer Weile beruhigte ich mich. Ich wischte mir die Tränen aus dem Gesicht und zog einige Schubladen auf. Dort fand ich Bettlaken und Bettwäsche. Damit ausgerüstet begab ich mich ins Gästezimmer, um das Bett zu beziehen. Ich öffnete auch das Fenster und ließ frische Luft hinein. Von diesem Fenster aus, sah man auf den Kiefernwald, der an das Grundstück angrenzte. Er war so dicht wie eine einzige grüne Wand. Ich erinnerte mich, dass Mr Campbell gesagt hatte, ein großer Teil des Waldes gehöre zum Erbe. Ich würde mir die Unterlagen noch einmal genau ansehen müssen, um festzustellen welche Fläche genau das Grundstück umfasste. Ich trug meinen Koffer ins Gästezimmer hoch und räumte den Inhalt in einen weißen Kleiderschrank. An den Türen waren kunstvolle Schnitzereien von Seepferdchen angebracht. Das gefiel mir sehr.

Mittlerweile war es später Nachmittag geworden. Ich ging in die Küche und sah mir den Vorratsschrank an. Es gab mehrere Konserven, Teebeutel und Zucker. Damit war ich zunächst einmal versorgt. Der Inhalt des Kühlschranks erwies sich als weniger erfreulich. Eine angebrochene Packung Milch, die einen leicht säuerlichen Geruch verbreitete, schimmeliger Käse, eine matschige Salatgurke und noch einige andere Kostbarkeiten mehr erfreuten das Auge. Ich holte eine große Mülltüte und entsorgte den Inhalt. Gleich danach putzte ich sorgfältig den Kühlschrank. Morgen musste ich einige Lebensmittel einkaufen. Das würde ein ganz schön langer Spaziergang in den Ort werden.

In der Küche stellte ich erleichtert fest, dass ich wenigstens noch Wasser und Strom hatte. Jetzt kochte ich mir erst einmal einen Tee und ging ins Wohnzimmer. Dort setzte ich mich auf das Sofa und dachte nach, während ich den Flug der Möwen beobachtete. Nun da ich hier war, kam mir die Haushaltsauflösung wie eine unerträgliche Bürde vor. Wie sollte ich das alles nur schaffen? Es wäre sicherlich eine große Hilfe gewesen, wenn meine Mum mich begleitet hätte. Ich kam mir fürchterlich hilflos vor, doch ich war eigentlich schon immer allein klargekommen, auch bevor Mrs Laurence und meine Tante zu uns kamen. Ich würde das schon schaffen, redete ich mir gut zu. Als Erstes musste ich mir einen Plan machen. Ich würde die Sachen meiner Tante durchsehen und dann aussortieren, was ich behalten wollte. Danach könnte ich das Haus über ein Maklerbüro verkaufen. Aber irgendwie kam mir das falsch vor. In diesem Haus erkannte ich in jedem Zimmer Tante Megans Seele. Allein die wunderschönen Fotografien an den Wänden. Die Bilder würde ich auf jeden Fall behalten. Ich stellte die Teetasse auf den Tisch und nahm eines der Bücher zur Hand. Restaurieren leicht gemacht versprach der Titel. Das nächste hieß Holzarbeiten und historische Schnitzkunst.

Seltsam. Was hatte meine Tante denn restaurieren wollen? Solche Bücher hatte sie früher nicht gelesen. Außerdem schien das Haus in tadellosem Zustand zu sein.

Nachdem ich meinen Tee getrunken hatte, beschloss ich, mich auf dem Grundstück umzusehen. Für einen längeren Erkundungsgang war es heute allerdings schon zu spät und die lange Reise steckte mir noch in den Knochen, sodass ich die weitere Erkundung der Gegend auf den nächsten Tag verschob.

Ich umrundete das Haus und entdeckte dahinter noch einen Schuppen. Die Tür war abgeschlossen, aber ich hatte im Flur einen Schlüsselbund gesehen. Vielleicht war ja der passende Schlüssel dabei. Ich lief schnell zurück zur Veranda. Da fühlte ich es zum ersten Mal. Es war so ein unbestimmtes Gefühl, als beobachtete mich jemand aus dem dichten Unterholz des gegenüberliegen Waldes. Ich verharrte einen Moment und starrte in Richtung Waldrand. Doch ich konnte nichts sehen. Dann flog ein Vogel auf. Ich schüttelte das ungute Gefühl ab. Vermutlich war ich als Großstadtkind solche Einsamkeit einfach nicht gewohnt.

Der Schlüssel passte tatsächlich. Im Schuppen machte ich eine tolle Entdeckung: Neben einer Werkbank mit allerlei Werkzeug, lehnte ein Fahrrad. Das Rad war in einem guten Zustand. Ich entschied, damit am nächsten Tag in den Ort zu radeln. Ich verließ den Schuppen wieder und schloss die Tür ab. Auf dem Weg zum Haus drehte ich mich noch einmal um, und blickte zum Waldrand hinüber. Die Sonne stand mittlerweile tief über den Bäumen. Das Gefühl von dort aus beobachtet zu werden, überfiel mich erneut und eine Gänsehaut überzog meine Arme. Vielleicht war es aber auch nur kälter geworden. Eilig lief ich ins Haus und verschloss die Haustür sorgfältig hinter mir.

Bevor ich ins Bett ging, versuchte ich Lara eine SMS zu senden. Aber wie ich befürchtet hatte, zeigte mir das Display meines Smartphones kein Netz an. Na wunderbar! Ich war nicht nur völlig allein am Ende der Welt. Ich hatte auch kein Netz!

In der ersten Nacht schlief ich unruhig. Es war Wind aufgekommen, der am halb geöffneten Fenster rüttelte. Das Rauschen der Wellen, die gegen die Klippen schlugen, war deutlich zu hören. Ich träumte wirres Zeug und erwachte mehrmals. Irgendwann stand ich auf, um das Fenster zu schließen. Für einen Moment glaubte ich im Wald Lichter zu sehen. Ganz deutlich flackerte es zwischen den Bäumen hell auf. Ich musste träumen! Wer sollte dort mitten in der Nacht im Wald sein? Ich kniff die Augen zusammen und als ich sie wieder öffnete, war alles dunkel. Einige Minuten stand ich noch am Fenster, aber das Licht erschien nicht mehr.

Am nächsten Morgen fühlte ich mich ziemlich erschlagen. Ich kochte mir einen starken Kaffee und setzte mich ins Wohnzimmer. Der Wind hatte sich gelegt, aber nun hing dichter Nebel über der Bucht. Man sah die Hand vor den Augen nicht. Ich hatte mir eigentlich vorgestellt, morgens auf der Veranda mit Blick auf das Wasser zu frühstücken, aber das konnte ich vergessen. Draußen war es feucht und kalt. Von irgendwoher klang klagend ein Nebelhorn herüber.

Ich hoffte, der Nebel würde sich im Laufe des Tages verziehen. Bei diesem Wetter war es sinnvoller, meine Fahrt in den Ort zu verschieben. Vermutlich würde ich mich bei dem Nebel bloß verirren. Also beschloss ich, erst einmal Tante Megans Papiere zu sichten. Ich ging ins Arbeitszimmer und fing an, die Aktenordner durchzugehen, die ich in einem der Regale entdeckt hatte. Es war ernüchternd und meine Zuversicht schwand. »Oje, Tantchen! Wie soll ich bei deinem Chaos hier durchblicken?« Ich seufzte, und begann mich durch Rechnungen und Dokumente zu wühlen. Ich konnte kein System erkennen und sortierte alle Unterlagen neu. Ich fand auch Schreiben der Telefongesellschaft und beschloss, diese von Port Pine aus zu kontaktieren, damit ich schnellstmöglich wieder eine Telefonanbindung bekommen würde. Die Strom- und Wasserrechnungen legte ich ebenfalls zur Seite. Auch dort musste ich umgehend Bescheid geben, damit ich während meines Aufenthalts weiter versorgt blieb. Hoffentlich würde ich das alles geregelt bekommen. Die Bankunterlagen waren besonders wirr. Ich stieß auf einen Brief der besagte, dass Megan ein Bankschließfach bei einer Bank in Eastport gemietet hatte, obwohl laut der Kontoauszüge ihre Bank in Port Pine war. Einen Schlüssel zum Schließfach fand ich in den Schubladen nicht. Auf dem Brief stand noch ein Name: Sally. Er war eingekringelt. Dann muss ich wohl doch mal nach Eastport fahren, überlegte ich. Das Knurren meines Magens riss mich irgendwann aus meiner Arbeit. Ich ging in die Küche und machte mir eine Dosensuppe. Ich vermisste Mrs Laurence Kochkünste schon jetzt!

Draußen hatte sich der Nebel zum größten Teil verzogen. Sogar ein paar Sonnenstrahlen zeigten sich. Ich brauchte frische Luft und entschied, einen Spaziergang durch den Wald zu unternehmen. Ich zog meine Schuhe und meine Windjacke an und trat auf die Veranda. Die Luft roch nach Tang und Salz und die Möwen kreischten. Ich ging los in Richtung Wald und lief dann ein Stück am Waldrand entlang, bis ich nahe der Stelle, von der aus ich mich am Vortag so beobachtet gefühlt hatte, einen kleinen Pfad entdeckte. Nun erschien mir dieses Gefühl albern. Entschlossen bog ich auf den Waldweg ein. Die großen Kiefern standen gar nicht so dicht zusammen, wie ich gedacht hatte, aber es gab viele Büsche und Sträucher, die den Eindruck von dichter Wildnis hervorriefen. Hier im Wald roch es würzig und nach feuchter Erde. Einzelne Sonnenstrahlen fielen durch das dichte Grün und tauchten den Wald in ein diffuses Licht. Das Rauschen der Brandung wurde von den Bäumen nach und nach verschluckt, während ich dem Pfad folgte. Stattdessen hörte ich Vögel zwitschern und hier und da ein Knacken im Unterholz. Ob es hier wohl Wölfe oder Bären im Wald gab? Ich überlegte, was ich wohl tun würde, wenn ich plötzlich einem Bären gegenüberstünde, als ich an eine Weggabelung kam. Der zweite Weg war noch schmaler, als der, auf dem ich mich befand. Er machte einen Bogen in die Richtung, in der ich die Küste vermutete, während der andere tiefer in den Wald hineinführte. Ich entschied mich, dem schmalen Weg Richtung Küste zu folgen, um dann an den Klippen entlang zurück zum Haus zu gehen.

Der Pfad wurde immer unwegsamer. Das Licht war dämmrig. Farn und moosbewachsene Wurzeln machten es mir schwer, dem Weg zu folgen. Ich befürchtete gerade von ihm abgekommen zu sein, als der Wald sich zu einer Lichtung öffnete. Für einen Moment stockte mir der Atem. Ich trat ins Licht und staunte nicht schlecht: Dies war nicht bloß irgendeine Waldlichtung. Auf der von Brennnesseln und Wildblumen bewachsenen Wiese standen bunt angemalte Holzbuden und in der Mitte ein großes Karussell. »Fantastisch!«, entfuhr es mir. Ich umrundete eine Bude, auf der in rosafarbenen Buchstaben Candy stand und ging auf das Karussell zu. Es war ein richtiges historisches Karussell mit verschieden Reittieren aus Holz und einer Kutsche. Als ich näher kam, erkannte ich, dass es sich bei den Figuren um Meerestiere handelte. Die vermeintlichen Pferde waren bunte Seepferdchen. Doch es gab auch Fische, Kraken und sogar eine Meerjungfrau. Staunend wie ein Kind stieg ich auf das Karussell und lief zwischen den Figuren umher. Sie waren liebevoll bemalt. Bei der einen oder anderen Figur splittere jedoch bereits die Farbe ab. Einem Fisch fehlte eine Flosse und der Meerjungfrau ein Auge. Dennoch strahlten die Figuren eine faszinierende Lebendigkeit aus. Die Kutsche war eine große Muschel, die von zwei Delfinen gezogen wurde. In der Muschel befand sich eine Sitzbank für zwei Personen. Der Lederbezug war zerschlissen. Es sah aus, als hätte jemand mit einem Messer einen tiefen Schnitt in das Polster gemacht. Ich betrachtete das Polster genauer. Unter der Sitzbank befand sich ein Verschluss der offensichtlich mit Gewalt herausgebrochen worden war. Die Bank ließ sich hochklappen. Darunter kam ein geheimes Fach zum Vorschein. Hier konnte man etwas verstauen, aber es war leer. Ich klappte die Sitzbank wieder runter und ging weiter. Tante Megan hatte mir nie davon erzählt. Ob sie von diesem Karussell nichts gewusst hatte? Das konnte ich mir eigentlich nicht vorstellen. Ich stieg in die Muschelkutsche, setzte mich und blickte nach oben. An der Decke befanden sich Bilder von Wellen und Seeungeheuern. Dazwischen waren viele Glühbirnen und glitzernde Steinchen angebracht. Es musste wunderbar aussehen, wenn die Lampen leuchteten. Ich fragte mich, ob die Lichter noch funktionierten. Schließlich stand ich auf und ging zur Mittelsäule. Das Herzstück des Karussells war ebenfalls mit liebevollen Malereien verziert. Zusätzlich schmückten Spiegelstückchen und Glassteine das Ganze. Zwischen den Bildern befanden sich weitere Glühbirnen, die sich in Reihen bis hoch zur Decke des Karussells erstreckten. Langsam umrundete ich die Mittelsäule. Irgendwo musste sich doch so etwas wie ein Schalter befinden.

Dann entdeckte ich, dass sich in einem der Bilder ein kleiner Griff befand. Ich blieb davor stehen. Anscheinend verbarg sich dahinter etwas. Ich zog am Griff. Nichts tat sich. Ich zog fester. Doch meine Bemühungen blieben erfolglos.

»Verdammt«, entfuhr es mir. »Warum lässt es sich nicht öffnen?« Plötzlich hörte ich ein knarrendes Geräusch. Ich blickte über meine Schulter und spähte in die Richtung, aus der der Laut gekommen war. Hinter dem Karussell stand ein alter Zirkuswagen und ein Hau-den-Lukas-Stand. Ansonsten war niemand zu sehen. Vermutlich hatte ich mich getäuscht. Doch bevor ich meine Aufmerksamkeit wieder auf den Griff richten konnte, entdeckte ich zwischen den hölzernen Reittieren, eine Figur, die mich sofort in ihren Bann zog. Es war ein sehr großes, vollkommen schwarzes Seepferd mit einem wilden, fast düsteren Gesichtsausdruck. Ich ging auf die Figur zu. Das Seepferd hatte keine Verzierungen, bis auf zwei intensive Augen. Sie waren aus tiefrot glitzernden Steinen gefertigt. Auch war die Figur nicht bunt bemalt, sondern aus fast schwarzem Holz. Die Schnitzereien sahen im Gegensatz zu den anderen Figuren eher grob aus. Allerdings besaß dieses Seepferd einige geschnitzte Schuppen und eine wilde Mähne, die es fast wie einen Drachen erscheinen ließen. Ich fuhr mit der Hand die Linien nach. Der hölzerne Sattel auf dem Rücken des Seepferds war aus einem anderen Holz gemacht und dem Tier vermutlich erst nachträglich angepasst worden. Eine seltsame Aufregung erfasste mich. Ich musste mich unbedingt auf das Seepferd setzen. Ich versuchte gerade auf den Rücken zu steigen, als mich jemand von hinten packte und zurückzerrte.

Ich stieß einen spitzen Schrei aus und taumelte erschreckt gegen eine fremde Brust.

»Was hast du hier zu suchen?«, fuhr mich eine männliche Stimme an.

Ich drehte mich um und stand einem Typen gegenüber, der ungefähr in meinem Alter war und unverschämt gut aussah. Seine Haare waren so dunkel wie das Holz des Seepferds und seine Augen von einem überraschend intensiven Hellblau.

»Mann, hast du mich erschreckt«, stammelte ich überrascht.

Er verschränkte die Arme und sah mich mit zornig funkelnden Augen an. Anscheinend erwartete er eine Erklärung von mir.

Ich musste meinen Blick heben, um ihm in die Augen zu sehen, denn er war über einen Kopf größer als ich.

»Also ich …«, begann ich zögerlich. »Ich heiße Caitlin und …«

»Dein Name interessiert mich nicht«, unterbrach er mich barsch. »Keiner hat sich hier herumzutreiben!«

»Ich treibe mich nicht herum! Ich habe lediglich einen Spaziergang gemacht«, erwiderte ich nun auch eine Spur schärfer. Was bildete sich dieser Typ eigentlich ein, so mit mir zu sprechen? Erst erschreckte er mich beinahe zu Tode und dann stellte er sich nicht mal vor. Und was machte er überhaupt hier?

»Ich habe kein Schild gesehen, das diese Lichtung als Privatgrundstück kennzeichnet«, fuhr ich fort und blickte ihn herausfordernd an.

»Um das zu erkennen braucht man keine Schilder. Es ist ja wohl klar, dass dieser historische Jahrmarktsplatz Privatgrundstück ist – und kein Spielplatz für kleine Mädchen. Also sieh zu, dass du verschwindest!«, forderte er mich auf.

Das war ja wohl die Höhe. Was bildete dieser arrogante Kerl sich eigentlich ein?

»Genauso gut könnte ich dich fragen, was du hier zu suchen hast. Woher soll ich wissen, ob du hier sein darfst? Ich kenne dich schließlich nicht!« Ich war nicht bereit, mich von diesem Jungen einschüchtern zu lassen. »Du hast mir nicht mal deinen Namen verraten!«, setzte ich noch hinzu.

Mist, hatte ich das eben tatsächlich gesagt? Jetzt musste er denken, ich wäre an ihm interessiert. Der finstere Zug um seinen Mund wich einem amüsierten Lächeln. »So, du willst also wissen wie ich heiße?«, fragte er.

»Nein, will ich gar nicht«, stritt ich hastig ab. »Ich will nur wissen, was du hier machst!«

»Ich arbeite hier«, antwortete er knapp.

»Du arbeitest hier?«, wiederholte ich verwundert und sah mich um. Das Gelände mit den alten, und zum Teil kaputten Jahrmarktsbuden, machte nicht den Eindruck, als ob regelmäßig Besucher herkamen. Nur das Karussell schien in einem einigermaßen gut erhaltenen Zustand zu sein. Was konnte man denn hier arbeiten?

Er schien meine Gedankengänge zu erraten und schüttelte leicht den Kopf über meine offensichtliche Begriffsstutzigkeit. »Ich restauriere das Karussell«, erklärte er mir.

»Oh«, antwortete ich wenig originell. Wir schwiegen einen Moment. »Funktioniert es denn noch?«, fragte ich dann hoffnungsvoll. Zu gerne hätte ich das Karussell in Betrieb gesehen.

»Ich arbeite noch an der Elektronik. Fahrbereit ist es noch nicht, aber die Beleuchtung geht.«

Während er redete, wirkte er schon nicht mehr so unfreundlich und ich traute mich ihn zu fragen: »Kann ich sie sehen?«

Er warf mir einen Blick zu, den ich nicht deuten konnte. »Na gut, komm mit.«

Zielstrebig ging er zur Mittelsäule und blieb vor dem Bild mit dem Griff stehen.

»Hier befindet sich der Steuerungskasten«, erklärte er mir. Ich nickte.

Er fuhr mit der Hand in die Hosentasche seiner Jeans und holte einen großen Schlüssel heraus. Diesen steckte er in eine Öffnung, die sich gut verborgen im Auge einer abgebildeten Seeschlange befand, und drehte ihn um, während er am Griff zog. Der Steuerungskasten öffnete sich ohne Probleme. Ich spähte auf ein Gewirr aus Hebeln und Kabeln. Er drückte einige Hebel und dann flackerte das Licht auf. Ich drehte mich um mich selbst und bestaunte das Karussell mit großen Augen. Es sah wundervoll aus. Die Spiegelstückchen und glitzernden Glassteine warfen das Licht in bunten Farben zurück. Vermutlich war dieses Farbenspiel in der Dunkelheit sogar noch beeindruckender.

»Märchenhaft!« flüsterte ich. Ich ließ meinen Blick wandern. Plötzlich erstarb die Lichterpracht. Enttäuscht wandte ich mich um. Er hatte die Hebel wieder umgelegt. »So das reicht für heute«, sagte er bestimmt.

Ich war ein wenig traurig. »Was meinst du, wann das Karussell wieder fahrbereit ist?« In Gedanken sah ich mich selbst – auf dem schwarzen Seepferd sitzend – mit dem Karussell fahren.

Er zuckte die Schultern. »Mal sehen. Es fehlen noch ein paar Ersatzteile. Aber wir waren fast so weit.«

»Wir?«, fragte ich nach.

»Ja, Mrs Steel und ich. Ihr gehört das Karussell. Sie hat die Bilder und Holztiere aufgearbeitet.«

»Megan Steel?«, fragte ich unnötiger Weise noch einmal nach.

Er nickte und strich sich dann mit einer lässigen Geste eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

»Aber meine Tante … Megan ist tot«, sagte ich nun tonlos.

»Ich weiß.« Sein Blick wurde kühl. »Aber ich werde weitermachen. Das musste ich ihr versprechen.«

Ich sah fragend zu ihm hoch. »Wie meinst du das?«

Er sah mich direkt an. Sein Blick machte mich ganz nervös. »Es war ihr Traum, dieses Karussell wieder zum Leben zu erwecken. Sie wollte mit dem kleinen historischen Jahrmarkt mehr Touristen nach Port Pine locken. Die Menschen mögen so etwas, hat Megan immer gesagt. Sie plante später weitere historische Fahrgeschäfte zu erwerben und den Jahrmarkt auszubauen. Kurz vor ihrem Tod, hat sie zu mir gesagt, dass ich auf jeden Fall weitermachen soll, egal was passiert. Und ich stehe zu meinem Wort.«

Für einen Moment keimte in mir so etwas wie Eifersucht auf, weil er meine Tante beim Vornamen nannte und sie scheinbar sehr gut gekannt hatte. Immerhin hatte sie mir nie von diesem Platz erzählt. Doch ich schüttelte das unsinnige Gefühl sofort ab. Dann kam mir ein anderer Gedanke in den Sinn. »Das klingt so, als ob Tante Megan geahnt hätte, dass ihr etwas passiert.«

»Hm«, machte er und sah für einen Moment gedankenverloren in die Ferne. Dann wandte er sich wieder mir zu und sagte: »Du bist also Megans Nichte?«

Ich nickte. »Ja, und damit gehört das Karussell wohl jetzt mir, schätze ich.« So viel dazu, dass ich kein Recht hatte hier zu sein, setzte ich in Gedanken trotzig hinzu.

»Und?«, fragte er, während er mich intensiv musterte, wie ein Wolf ein Kaninchen. »Was wirst du mit dem Karussell anfangen?«

Ich ließ meinen Blick noch einmal über die Holztiere wandern. Vermutlich würde das Karussell bei Liebhabern eine Menge Geld einbringen. Mein Blick blieb am schwarzen Seepferd haften. Seine rot glühenden Augen schienen mir tief in die Seele zu sehen.

»Wir machen weiter!«, entschied ich spontan. Warum ich auf so eine verrückte Idee kam und wie wir das bewerkstelligen sollten, war mir allerdings nicht klar.

Er nickte zufrieden, fragte mich dann aber mit einem süffisanten Unterton: »Und was kannst du? Kannst du die Holzarbeiten fortführen oder kennst du dich mit Elektronik aus?«

»Ich äh, also …«, stammelte ich. »Ich kann ganz gut malen. Ich fange erst mal an, die abgesplitterte Farbe an den Reittieren auszubessern.«

»Okay, dann treffen wir uns morgen hier um zehn Uhr«, entschied er. »Und sei pünktlich.« Damit drehte er sich um und ließ mich stehen. Was war denn das wieder für ein Verhalten?

»He, ich weiß immer noch nicht wie du heißt!«, rief ich ihm nach.

Er lachte kurz auf und blieb stehen. »Ich bin Alan.«

Dann verschwand er hinter dem Zirkuswagen.

Kapitel 3

Von kleinen und großen Piraten

Meine kleine Waldexkursion hatte länger gedauert als beabsichtigt und so war es schon später Nachmittag, als ich mit dem Fahrrad in Port Pine ankam. Wenigstens hatte sich der Nebel komplett verzogen und die Sonne lachte vom wolkenlosen Himmel, sodass mir die Fahrradtour in die Stadt richtig Spaß machte. Heute war etwas mehr auf den Straßen los als am Vortag. Vermutlich, weil die Geschäfte um diese Zeit geöffnet waren. Auf meinem Weg die Hauptstraße entlang, entdeckte ich einen Supermarkt, in dem ich meine Einkäufe erledigen konnte. Zunächst wollte ich aber Mrs Madigan einen Besuch abstatten und fuhr zielstrebig weiter.

Als ich eintraf, stand ein Ehepaar mit zwei kleinen Kindern am Kundentresen. Die Familie wollte das Piratenfestival besuchen. Molly Madigan war ganz in ihrem Element. Sie strahlte über ihr rundes Gesicht, während sie dem Paar alles erklärte. Ich stand bei der Tür, studierte ein Plakat und wartete geduldig. Nach einigem Hin und Her mietete das Ehepaar ein Auto und Molly erklärte ihnen, wo sie den Wagen abholen könnten. Nachdem die Familie das Büro verlassen hatte, wandte Molly Madigan sich mir zu. »Wie schön, Sie wiederzusehen. Wie gefällt es Ihnen hier bisher?«, erkundigte sie sich.

»Das Haus meiner Tante ist wirklich schön und auch das Grundstück …« Ich stockte.

»Ja«, nickte sie eifrig. »Die Gegend ist wirklich einmalig. Auch wenn das Haus bei den Klippen etwas abgelegen ist. Und jetzt wollen sie unseren schönen Ort erkunden?«

»Das auch, aber vor allem muss ich einige Erledigungen machen und dachte, Sie könnten mir vielleicht sagen, wo ich die Bank und die Postfiliale finde.«

»Aber natürlich!«, lächelte Mrs Madigan. »Einen Moment.« Sie zog einen kleinen Stadtplan aus der Schublade. »Allerdings befürchte ich, dass die Bank um diese Zeit schon geschlossen hat.«

Als ich die Touristeninformation kurz darauf wieder verließ, hatte ich den Faltplan in der Tasche, auf dem Mrs Madigan alle wichtigen Orte markiert hatte. Ich schwang mich auf mein Fahrrad und fuhr Richtung Hafen. Dort sollte sich die Postfiliale des Ortes befinden. Ich radelte durch einige Seitenstraßen mit den typischen Holzhäusern, gepflegten Vorgärten und üppigen Blumenbeeten. Der Geruch von Salzwasser wehte vom Hafen herüber. Der kleine Ort gefiel mir immer besser. Die Postfiliale lag direkt neben einem Geschäft, das Sally’s Bookstore hieß. Ich blieb stehen und überlegte. Der Name kam mir irgendwie vertraut vor. Natürlich, ich hatte ihn auf dem Bankschreiben entdeckt. Ob das ein Zufall war? Ohne lange zu überlegen betrat ich den Laden. Eine kleine Glocke schellte. Der angenehme Geruch von Papier und Rosenblättern hing in der Luft. Es war still im Laden. Ich ging durch zwei Reihen mit deckenhohen Bücherregalen, die nicht nur neue Bücher, sondern auch gebrauchte Exemplare beherbergten. Es schien sich hier um ein Antiquariat zu handeln. Niemand war zu sehen. In einer Ecke befand sich ein Verkaufstresen mit einer altmodischen Registrierkasse. Daneben standen kleine Figuren indischer Gottheiten, sowie eine Räucherschale, aus der Rauchschwaden emporstiegen, die den Rosenduft verbreiteten. Vor dem zweiten Ladenfenster lud eine Sitzgruppe mit vielen bunten Sitzkissen zum Verweilen ein. Auf dem Tisch davor thronte ein Samowar inmitten von mehreren Teetassen. Ich fühlte mich sofort wohl in diesem Laden. Neben dem Tisch befand sich ein weiteres Holzregal, an dem ein Schild mit der Aufschrift „Informationen und Geschichte von New England“ hing. Interessiert trat ich näher und studierte die Rückentitel der Bücher. Es handelte sich um verschiedene Bücher über die Region. Zwischen nicht mehr ganz neuen Reise- und Touristenführern, gab es auch einige Titel über die Geschichte von Port Pine. Ein kleines, in Leder gebundenes Buch erregte meine Aufmerksamkeit. Ich war ganz in die Lektüre vertieft, als ich hinter mir plötzlich einen lauten Knall hörte und einen Aufschrei. »Megan!«

Erschrocken drehte ich mich um. Eine blonde Frau im sommerlichen Batikkleid stand kreidebleich im Raum. Zu ihren Füßen lagen mehrere Bücher. Sie sammelte sich sofort wieder und sagte: »Entschuldigen Sie, ich habe Sie von hinten verwechselt. Aber Ihre zierliche Gestalt und die langen roten Locken. Natürlich ist es unmöglich …« Etwas verwirrt schüttelte sie den Kopf und bückte sich, um die Bücher aufzuheben.

Ich eilte ihr entgegen und half ihr dabei. »Das ist kein Grund sich zu entschuldigen«, versicherte ich, »ich sehe meiner Tante ziemlich ähnlich. Viele Leute vertun sich da.«

Die Frau reichte mir nun die Hand. »Aber nur von hinten. Du bist ja noch ein junges Mädchen.« Sie lächelte. »Wenn Megan deine Tante war, dann musst du Caitlin sein. Ich bin Sally Silverstone. Megan und ich waren die besten Freundinnen!«

»Sehr erfreut, Sie kennenzulernen, Mrs Silverstone«, erwiderte ich und drückte ihre Hand. Sie winkte ab. »Sag bitte Sally zu mir. Wenn man mich siezt, komme ich mir so schrecklich alt vor!«

Ich nickte. Sally lud mich zu einem Tee ein und wir setzten uns auf die gemütlichen Korbstühle. Sie rührte in ihrem Yogitee. »Megan hat mir viel von dir erzählt«, begann sie. »Du studierst in London, nicht wahr? Sie war unglaublich stolz auf dich.«

Unruhig rutschte ich auf dem Sitzpolster herum. »Ja, meine Tante und ich hatten ein sehr gutes Verhältnis – glaubte ich zumindest«, setzte ich etwas leiser hinzu.

Sally zog fragend eine Augenbraue hoch.

»Meine Tante hat mir von Ihnen, entschuldige dir, nichts erzählt. Auch nicht von …«, ich stockte. Wusste Sally von dem alten Jahrmarkt? »Von ihrem, äh … Projekt«, beendete ich den Satz.

Sally lächelte mich herzlich an. »Nun ich denke mir, Megan wollte lieber alles aus deinem Leben erfahren und hielt es nicht für wichtig, von mir zu erzählen. Vermutlich wollte sie dich auch mit ihrem Projekt überraschen. Sie hat mir gegenüber einmal erwähnt, dass sie, bis zu deinem geplanten Besuch, das Karussell unbedingt fahrbereit haben wollte. Sie war eine starke Frau und die beste Freundin, die ich je hatte. Wir saßen so oft hier zusammen und tranken Tee.« Sally seufzte leise und nippte an ihrer Tasse.

Einen Augenblick lang schwiegen wir beide. Ich überlegte. In all ihren Mails hatte Tantchen mich immer nur nach meinem Leben gefragt, aber nie viel von sich erzählt und ich hatte sie niemals darauf angesprochen. Jetzt da sie tot war, entdeckte ich erst, was ihr in den letzten Monaten wichtig gewesen war. Es war ein seltsames Gefühl.

»Natürlich bleibt hier im Ort nichts lange geheim«, fuhr Sally fort zu erzählen. »Vor allem, weil Megan auch Material und Hilfe für die Arbeit am Karussell brauchte. Doch die Bewohner, auch wenn sie alle den Tourismus fördern wollen, waren damit gar nicht einverstanden. Ich nehme an, wegen der alten Geschichte.«

»Was für eine alte Geschichte?«, hakte ich neugierig nach und erinnerte mich an die seltsame Andeutung, die Mrs Madigan gestern gemacht hatte.

»Nun ja«, begann Sally zu erzählen, während sie uns beiden Tee nachschenkte. »Die Leute erzählen sich, dass eines der hölzernen Reittiere die Galionsfigur eines Schiffes gewesen sein soll. Eines der letzten Sklavenschiffe, das seine menschliche Fracht vom schwarzen Kontinent nach Amerika brachte. Wie du sicher weißt, wurden diese armen Menschen nicht besonders gut behandelt und unter unwürdigen Zuständen verschifft. Eingepfercht in den Laderäumen und ohne ausreichend Nahrung, starben viele Sklaven schon während der Überfahrt. Die schwarze Flotte, zu der auch der Seelenverkäufer mit der besagten Galionsfigur gehörte, war besonders verrufen. In einer nebeligen Nacht, so erzählt man, sei das Schiff weit vom ursprünglichen Kurs abgekommen und an den Klippen vor der Küste zerschellt. Die Besatzung hat sich auf den wenigen Rettungsboten in Sicherheit gebracht, aber die armen Teufel, die im Bauch des Schiffes in schweren Ketten lagen, hat man mit dem Schiff untergehen lassen. Sie ertranken alle qualvoll. Keiner hat überlebt. Teile des zerschellten Schiffes trieben mit den Wellen an Land. Darunter war auch die Galionsfigur des Sklavenschiffes: Ein schwarzes Seepferd.«

Ich umklammerte meine Teetasse mit beiden Händen, während ich flüsterte: »Das Seepferdchen vom Karussell!«

Sally nickte mir bestätigend zu und erzählte weiter: »Ein Fischer fand die Wrackteile und verkaufte alles, was sich zu Geld machen ließ. Kurz darauf soll der Fischer ums Leben gekommen sein. Er fuhr aufs Meer und verschwand spurlos. Das ist natürlich nichts Ungewöhnliches und passierte häufig. Doch auch der Händler, der damals die Galionsfigur kaufte, verstarb plötzlich an einer seltsamen Krankheit.«

»Das könnte doch ein Zufall gewesen sein«, gab ich zu bedenken.

»Hm, vermutlich war es auch nur ein Zufall. Aber die Menschen fingen an zu erzählen, dass die Geister der Ertrunkenen sich aus dem Meer erheben würden, um all jene zu strafen, die mit dem Seepferd zu tun hatten. Eine andere Version lautete, dass die verlorenen Seelen auf dem Meeresgrund keine Ruhe fanden, so lange noch Teile des verfluchten Schiffes an Land waren und so kamen sie bei Nebel an Land und suchten die Galionsfigur, um sie mit ins Meer zu holen. So entstehen Legenden.« Sally zuckte mit den Schultern. »Möchtest du noch Tee?«

»Nein, danke.« Ich schüttelte den Kopf. Die Geschichte faszinierte mich. »Und wie kam es dazu, dass das Seepferdchen heute auf dem Karussell steht?«

»Über Umwege gelangte die Galionsfigur viele Jahre später in den Besitz des Erbauers. Vermutlich, als er Holz für den Bau des Karussells kaufte. Genaues weiß man nicht. Er war von dem Seepferd so fasziniert, dass er es erwarb und auf seinem Karussell aufstellte. Zwischen all den Meerestieren nahm das schwarze Seepferd eine Sonderstellung ein, allein wegen seiner düsteren Herkunftsgesichte. Doch das störte den Karussellbesitzer offenbar nicht. Ich kann mir sogar vorstellen, dass er die Legende der verlorenen Seelen bewusst nutzen wollte, um möglichst viele Menschen anzulocken. Und zunächst funktionierte das auch.

Doch an einem nebligen Abend gab es ein Unglück. Ob es an der Luftfeuchtigkeit lag, oder einfach die Elektronik fehlerhaft war, wurde nie geklärt. Die lange Metallstange, an der das Seepferd im Karussell befestigt war und die als Haltegriff diente, stand plötzlich unter Strom. Das Licht flackerte auf und ein junger Mann, der auf dem schwarzen Seepferd saß, bekam einen starken Stromschlag. Er war sofort tot. Einige Zeit später stürzte ein Mitarbeiter bei Reparaturarbeiten an der Decke von der Leiter. Er brach sich das Genick und wurde tot auf dem Boden liegend vor dem Seepferd aufgefunden. Ebenfalls an einem nebligen Tag. Die Leute hier im Ort begannen sich zu erzählen, dass die Figur verflucht sei. Jeden, der dem Seepferd zu nahekam oder gar wagte auf seinen Rücken zu steigen, würde der Tod ereilen. So entstand die Legende vom Nebelfluch des schwarzen Seepferds. Natürlich kann es sich bei all diesen Unglücksfällen um Zufälle gehandelt haben. Aber die Menschen hier sind ein wenig abergläubisch. Niemand wollte mehr mit dem Karussell fahren. Schlimmer noch, die Besucher blieben dem Jahrmarkt ganz fern, aus Angst, auch sie könnte der Fluch treffen. Der Besitzer ging pleite. Die anderen Fahrgeschäfte wurden verkauft, nur das Karussell wollte keiner haben. So blieb es zusammen mit einigen Restbeständen auf dem Gelände und zerfiel, bis Megan das Grundstück erwarb. Natürlich gab sie nichts auf die alten Gerüchte. Im Gegenteil, sie war begeistert, als sie von den Überresten des alten Jahrmarktes erfuhr. Ganz besonders hatte es ihr das schwarze Seepferd angetan. Mit Feuereifer plante sie die Restauration des historischen Karussells. Zunächst bat sie den Bürgermeister um Unterstützung bei ihrem Vorhaben – schließlich würde so ein alter Jahrmarkt der ganzen Stadt zugutekommen – aber die Leute erinnerten sich an die Unglücksfälle und hatten Angst. Deshalb wollte ihr auch niemand bei der Arbeit am Karussell helfen außer dem Wilson-Jungen.«

»Alan?«, fragte ich.

»Ja, Alan Wilson. Du hast ihn also schon kennengelernt«, schlussfolgerte Sally.

Ich nickte und berichtete kurz von meiner Begegnung mit Alan.

»Sei vorsichtig mit ihm. Er hat Megan geholfen, aber er genießt hier im Ort nicht den besten Ruf.«

Ich horchte auf und wollte Sally gerade fragen, was mit Alan nicht stimmte, als sie aufstand und das Gespräch auf ein anderes Thema lenkte.

»Wie hast du mich eigentlich gefunden?«, fragte sie mich, während sie die Teetassen abräumte.

»Gefunden ist eigentlich nicht das richtige Wort. Das war mehr ein Zufall«, lachte ich. »Ich wollte in der örtlichen Postfiliale telefonieren. Die Telefonleitung in Tantchens Haus ist tot und mein Handy hat keinen Empfang dort. Außerdem wollte ich den Strom- und Wasseranbieter anrufen. Nicht dass ich plötzlich im Dunkeln sitze. Jedenfalls sah ich das Ladenschild und erinnerte mich daran, dass meine Tante den Namen Sally auf ihren Unterlagen notiert hatte. Ich wusste nicht, ob das ein Zufall war und so bin ich einfach mal hier reingegangen.«

»Das war eine hervorragende Idee von dir.« Sally zwinkerte mir zu. »Um die lästigen Telefonanrufe zu erledigen, brauchst du übrigens nicht in die Postfiliale zu gehen. Das kannst du gerne von hier aus machen.«

»Das ist sehr nett, aber das kann ich doch nicht annehmen«, wandte ich ein.

»Unsinn! Megan war meine beste Freundin und du bist ihre Nichte, also freue ich mich, wenn ich dir helfen kann. Hinten im Büro findest du ein Telefon und einen Laptop mit Internetzugang sowie ein Faxgerät. Erledige alles in Ruhe.«

Ich ließ mir von Sally das Büro zeigten. »Fühl dich ganz wie zu Hause, Caitlin. Du kannst alles nutzen.« Sie klappte den Laptop auf. »Megan hat ihre E-Mails auch immer hier geschrieben.«

Ich grinste. »Aha, ich habe mich schon gewundert, von wo aus sie mir die Mails geschickt hat, weil im Arbeitszimmer gar kein Computer steht.«

Sally ließ mich allein. Ich nahm am Schreibtisch Platz und zog die Rechnungsschreiben aus meinem Rucksack. Dann griff ich zum Telefonhörer und wählte die erste Nummer.

Einige Zeit später hatte ich alles erledigt. Zum Schluss schrieb ich Lara noch eine E-Mail, damit sie sich keine Sorgen um mich machte. Als ich wieder den vorderen Teil des Ladens betrat, stand Sally am Verkaufstresen und sortierte verschiedene Bücher.

»Na, alles erledigt?«, fragte sie mich, als ich neben sie trat.

Ich nickte.

»Fein, übrigens habe ich noch etwas für dich. Das hatte ich ganz vergessen.« Sally zog eine Schublade von einem kleinen Schrank hinter sich auf und kramte darin herum. »Diesen Briefumschlag hat Megan bei mir hinterlegt. Sie meinte, falls ihr etwas passieren sollte, müsste ich den Umschlag an ihre Nichte geben – also an dich.«

Ich nahm den Brief entgegen. Darin befand sich ein Zettel mit einem aufgeklebten Schlüssel. Auf dem Zettel stand National Bank Eastport, Clark Street und die Nummer 824, die sich ebenfalls auf dem Schlüssel wiederfand. Für einen Moment war ich enttäuscht. Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, aber ganz gewiss nicht einfach nur einen Schlüssel und eine Adresse. Wie sehr hätte ich mich über ein paar geschriebene Zeilen meiner Tante gefreut. Ich ließ den Zettel sinken. »Das scheint ein Schlüssel für ein Schließfach zu sein«, meinte Sally, die mir über die Schulter geblickt hatte.

»Weißt du, was sich darin befinden könnte?«, fragte ich sie.

»Leider nicht. Megan hat mir über den Inhalt des Briefes nichts gesagt. Ich befürchte, du muss es selbst herausfinden. Aber wo wir gerade bei Schlüsseln sind. Ich habe noch den zweiten Haustürschlüssel von Megan. Eigentlich wollte ich nach ihrem Tod nach dem Rechten sehen, konnte mich aber nicht dazu überwinden, ihr Haus zu betreten.«

Das konnte ich nur zu gut verstehen.

»Warte ich gebe dir den Haustürschlüssel«, sagte Sally und wollte gerade ins Büro gehen, um ihn zu holen.

»Das ist nicht nötig«, erwiderte ich. »Ich würde es besser finden, wenn du ihn behältst, falls ich mich mal aussperre oder so.«

»Wenn du das möchtest, behalte ich ihn gerne, Caitlin. Solltest du den Schlüssel brauchen, kannst du ihn dir jederzeit abholen.«

Kurz darauf verabschiedete ich mich von Sally. Es wurde Zeit meine Einkäufe zu erledigen.

Sie nahm mich zum Abschied in den Arm und sagte: »Du kannst mich jederzeit besuchen kommen.«

Ich lächelte sie dankbar an. Auch wenn Sally ungefähr in dem Alter meiner Tante war, so war es toll, in ihr so etwas wie eine Freundin zu haben. Ich fühlte mich gleich viel heimischer.

Vor dem Laden blieb ich einen Augenblick stehen. Ich blickte auf die Segelboote, die sanft auf dem Wasser hin und her schaukelten. Als ich auf mein Fahrrad zuging, sah ich einen großen Typ auf mich zukommen. Er trug ein Piratenkostüm mit einem abgewetzten Piratenhut. In sein braunes Haar hatte er einige Perlenschnüre gebunden. Seine langen Beine steckten in hohen Lederstiefeln. Ich überlegte gerade, ob sein kunstvoller Bart wohl angeklebt war, als der Pirat vor mir stehenblieb. Er hielt mir einen rosafarbenen Flyer entgegen.

»Mylady, kommen Sie ins Pink Pearl.«

»Pink Pearl?«, echote ich irritiert.

»Pink Pearl, das Restaurant, wo Hummer und Seefisch immer frisch auf den Tisch kommen!«, informierte er mich mit stolzgeschwellter Brust.

»Aha, ein wirklich klangvoller Name für ein Restaurant.« Ich musste mir ein Lachen verkneifen und blickte schnell auf den Flyer.

»Unsere Öffnungszeiten sind Dienstag bis Sonntag von 11 bis 23 Uhr. »Klar soweit?!«, grinste er mich an.

»Äh, ja, ich glaube schon.« Da hatte aber jemand definitiv zu oft Fluch der Karibik geguckt.

»Dann sehen wir uns dort, holde Maid!«

Ich nickte automatisch und er zwinkerte mir schelmisch zu. Dann drehte er sich um und lief zielstrebig auf ein Pärchen zu, dem er ebenfalls einen Flyer entgegenstreckte.

Als ich wenig später beim Supermarkt mein Fahrrad anschließen wollte, hörte ich ein lautes Scheppern aus einer schmalen Gasse. Zwischen einigen Mülltonnen glaubte ich einen dunklen Schatten zu erkennen. »Hallo?«, rief ich. Für einen Moment war alles still. Ich ging langsam in die Richtung. Dann erklang ein bedrohliches Knurren und ich sah in die Augen eines struppigen Hundes, der zwischen zwei umgekippten Mülltonnen kauerte. Er fletschte die Zähne und wich gleichzeitig geduckt zurück. Ein hungriger Streuner. Mit wilden Hunden war nicht zu spaßen, dennoch tat er mir irgendwie leid und so sprach ich mit sanfter Stimme auf den Hund ein: »Na du! Du musst keine Angst vor mir haben. Ich tue dir nichts.«

Der Hund legte den Kopf schief und schien zu überlegen, ob er mir trauen konnte. Vermutlich war er es nicht gewohnt, dass jemand freundlich mit ihm sprach. Ich redete weiter ruhig auf das Tier ein. »Bist du hungrig, mein Armer?«

Der Hund knurrte immer noch leise, wedelte aber mit dem Schwanz und kam vorsichtig näher. Er war ein mittelgroßer Mischling mit hellbraunem Fell und schwarzen Flecken. Jetzt im Licht erkannte ich, dass ein schwarzer Fleck genau über seinem rechten Auge prangte, so dass es fast so aussah, als würde der Hund eine Augenklappe tragen.

Ich musste fast ein wenig bei dem Gedanken schmunzeln. »Na, du bist aber mal ein echter Pirat! Räuberst du hier die Mülltonnen aus?«

Der Hund stellte beim Wort ›Pirat‹ die Ohren auf und wedelte weiter mit dem Schwanz. Vorsichtig streckte ich meine Hand aus, um ihn daran schnuppern zu lassen.

In diesem Moment ging hinter mir eine Tür auf. Eine Frau mit einem Besen kam in die Gasse gelaufen und schrie wütend: »Verschwinde endlich, du Mistvieh!«

Ich sprang erschrocken zurück. Der Hund fing an zu knurren und fletschte die Zähne. Die blonde Frau schlug mit dem Besen nach dem Tier. »Lass dich hier nie wieder blicken!«

Das Tier wich vor dem Besen zurück an die Wand und als die Frau ihn erneut hob, ging ich dazwischen. »He, lassen sie den Hund zufrieden«, rief ich.

Der Streuner erkannte seine Chance, sprang raus und rannte über die Straße davon.

Die Frau ließ den Besen sinken und funkelte mich wütend an. »Sie haben ja keine Ahnung. Sehen Sie sich dieses Chaos an! Dieses Vieh schmeißt die Tonnen um und verteilt den ganzen Müll.« Anklagend zeigte sie auf die umgekippten Tonnen.

»Er hat doch nur Hunger«, verteidigte ich das Tier.

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960877110
ISBN (Buch)
9783960877127
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v457820
Schlagworte
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Autor

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    Evelyn Boyd (Autor)

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Titel: Das Haus an den Klippen