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Die Farben des verschwundenen Sommers

von Oliver Schlick (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Eine mysteriöse Erbschaft führt den Arzt Lukas in das abgelegene Dorf Erzbach zurück, in dem er vor Jahrzehnten einen Sommer verbracht hat. Doch er hat keinerlei Erinnerung mehr an den Ort seiner Kindheit – bis ihm ein altes Familienfoto in die Hände fällt. Bald ist er fasziniert von dem rätselhaften kleinen Dorf und seinen Bewohnern, die auf unerklärliche Weise mit seinem Schicksal verknüpft sind.
Es ist der Beginn von sieben unvergleichlichen Sommertagen, die ihn tief in seine Vergangenheit eintauchen lassen.
Was geschah damals im Sommer 1963 wirklich? Auf der Suche nach Antworten lernt Lukas langsam wieder zu träumen: Von einer einzigartigen Liebesgeschichte, einem alten Geheimnis und einer ganz besonderen Magie …

Impressum

dp Verlag

Überarbeitete Neuausgabe Februar 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-714-1
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-715-8

Copyright © 01.09.2014, books2read
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits 01.09.2014 bei books2read erschienenen Titels Salamandersommer (ISBN: 978-3-73378-418-8).

Covergestaltung: Buchdesign Traumstoff
Korrektorat: Sofie Raff

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Siehe, der Salamander geht durch die Flammen.
Unverletzt bleibt immer auch die Reinheit.
Joachim Camerarius,
Symbolorum et Emblematum ex Aquatilibus et Reptilibus

Prolog

Es ist der Regen, der mich weckt. Dumpfe, satte Schläge auf die straff gespannten, grünen Trommelfelle, hoch über meinem Versteck.

Ich richte den Vorderkörper auf und lausche.

Für einen Moment ist es mucksmäuschenstill – gerade mal so lange, wie es dauert, »Samandarin« zu denken – und in der nächsten Sekunde legt der große Tropfentrommler los, wie ein tausendhändiger Drummer-Gott: volle Kraft voraus! Über mir prasselt und poltert und knallt und kracht es; der Rhythmus explodierender Tropfen dröhnt durch den Wald.

Der einzig wahre Sound! Das einzig wahre Wetter!

Endlich. Die Dinge ändern sich.

Erst mal die Beweglichkeit testen. Schön langsam. Bloß nichts überstürzen. Ich erwähne es nur ungern, aber meine charismatische Erscheinung hat stark gelitten: Meine Haut ist trocken wie Pergament und bei jeder Bewegung entsteht ein Geräusch, das sich anhört, als würde ein Stück dünnes Butterbrotpapier reißen. Die gelbe Zeichnung auf meinem Rücken hat ihr schickes, aphrodisierendes Glitzern eingebüßt und ist blasser als ein Nonnenarsch im Mondschein.

Ich war wirklich schon mal in besserer Verfassung.

Alles nur wegen dieser Dreckshitze. Wer braucht so was schon? — Doch nur die bekloppten Eidechsen. Ein Haufen Schwachköpfe, die nichts anderes zu tun haben, als den lieben langen Tag in der Sonne zu liegen und sich das Resthirn rausbrennen zu lassen. Hoffnungslose Fälle! Wer sein Hirn noch hat, der mag es feucht und nass und glitschig!

Aber in den vergangenen drei Wochen hat die Sonne gebrannt, als hätten die Eidechsen dafür bezahlt. Kein einziger Tropfen. Der Erzbach ist zu einem erbärmlichen Rinnsal verkommen und der aufregende Schlamm am Bachufer zu furztrockener Bröselerde mutiert. An manchen Tagen war es so heiß, dass die Rinde von den Bäumen geplatzt und einem um die Ohren geflogen ist. Alles, was noch halbwegs bei Verstand war, hat sein Versteck nur verlassen, wenn es unbedingt sein musste. Das Einzige, was mir während meiner kurzen nächtlichen Ausflüge vor die Schnauze geraten ist, waren dürre, bittere Krabbeltierchen. Es kommt mir schon hoch, wenn ich nur dran denke. Aber die Zeit der Notspeisepläne ist jetzt Vergangenheit.

Die richtigen Dinge geschehen zur richtigen Zeit.

Ich schüttele mir ein paar lockere Erdbrocken vom Rücken und setze mich in Bewegung. Im langsamen Kriechgang aufwärts, an der toten Wühlmaus vorbei. Ein bedauernswertes Opfer ihrer hektischen Lebensweise. Dieses ständige sinnfreie Hin- und Hergerenne. Und dann – zack! Herzkasper! Das, was noch von ihr übrig ist, streckt die dünnen Beinchen in die Luft und riecht unerfreulich. Kein Mitbewohner, auf den man sonderlich scharf ist.

Ich lasse den Kadaver links liegen und krabble einen schmalen Durchgang hoch, den Kopf direkt über dem Boden. Der Gang ist von unzähligen dünnen Wurzeln durchzogen, zwischen denen ich mich hindurchschlängeln muss. Nicht unbedingt eine Spaßveranstaltung, wenn man in einer Haut steckt, die sich anfühlt, als wäre sie zu heiß gebadet worden. Noch eine kleine Steigung, dann eine Biegung nach rechts — und ich sehe Tageslicht. Der Eingang des Verstecks liegt, gut geschützt, unter einer dicken Baumwurzel. Ich quetsche mich durch die enge Öffnung, schleppe mich zum nächsten Mooskissen, strecke alle Gliedmaßen von mir und lasse die Regentropfen auf meinem Rücken zerplatzen.

Dicke, schwere Tropfen.

Sommerregen. So wie damals.

Ein paar Minuten lang ringe ich mit der Versuchung, einfach liegen zu bleiben. Der wirklich arbeitsintensive Teil der ganzen Angelegenheit steht mir noch bevor und ich hege gegen jede Art von Arbeit eine gesunde Abneigung. Aber es hilft nichts, durch die Nummer muss ich durch. Wenn sich die Dinge verändern, muss man sich mit ihnen verändern. Wobei das natürlich leichter gesagt als getan ist: Wer kann schon so einfach aus seiner Haut?

Menschen jedenfalls nicht!

Auch auf die Gefahr hin, mich unbeliebt zu machen — aber es muss mal gesagt werden, Freunde: Das Unvermögen, sich zu häuten, ist eines eurer größten Defizite. Amphibien sind hier klar im Vorteil. Also: Sehen! Staunen! Lernen!

Ich suche mir einen Stein mit scharfen Kanten und fange an, den Kopf daran zu reiben. Hin und her, vor und zurück, wieder und wieder und wieder und wieder ...

Ganz allmählich löst sich die trockene Haut und schiebt sich in einem dicken Wulst über meinem Hals zusammen. Das fühlt sich genauso fies an, wie es klingt — und ist nicht ganz ungefährlich. Ganz entspannt bleiben. Wer jetzt in Panik gerät und anfängt zu zappeln, riskiert, dass sich die Haut immer enger um den Hals schließt — und das war es dann: Aus die Maus! Aber das sind Anfängerfehler. Ich weiß, was ich tue. Schlängelnde und ruckelnde Bewegungen, immer abwechselnd. Keine Hektik. Schlängeln und ruckeln und schlängeln und ruckeln und so weiter und so weiter ... Nach einer halben Ewigkeit schaffe ich es endlich, die Haut über die Brust bis zu meinem Schultergürtel hinaufzuziehen.

Willkommen auf der Zielgeraden! Der Rest ist ein Kinderspiel: Jetzt nur noch mit den Vorderbeinen aus der verbliebenen Hauthülle steigen und — wow! Heiliges Samandarin! Ich habe es hinter mir. Noch ein bisschen zittrig und ziemlich groggy, aber dafür wieder wie neu. Eine Häutung ist ungefähr so amüsant wie ein Magendurchbruch, aber die ganze schäbige Plackerei ist in dem Moment vergessen, in dem man seine neugeborene, feuchte Haut spürt und wieder frei durchatmen kann.

Vom Waldrand aus sehe ich auf die roten Dächer des Dorfes, bis der Regen so dicht wird, dass sie hinter einem grauen Schleier verschwinden.

Er kommt.

So wie damals.

Er kommt mit dem Regen.

Aber — noch ist er nicht da und wie ich die Sache so sehe, spricht nichts gegen einen gepflegten kleinen Imbiss.

Ich krabble zu meiner abgelegten Haut zurück und reiße sie mit den Vorderfüßen in winzige, appetitliche Fetzen. Das Auge isst schließlich mit.

Es stimmt schon, denke ich, während ich an den Hautstückchen schnuppere: Die richtigen Dinge geschehen zur richtigen Zeit. Man sollte ihnen aber keinesfalls mit leerem Magen begegnen. Also nichts wie runter mit den kleinen Knusperhappen!

1. Kapitel

Die Hand war auf einer schwarzen, matt schimmernden Leichtmetall-Konstruktion befestigt.

Jeroen de Vries betrachtete sie neugierig, während er auf seinem Stuhl hin und her rutschte. Er war ein fröhlicher Fünfzehnjähriger mit strubbligen Haaren, der jeden möglichen Blödsinn veranstaltete, sobald man ihm den Rücken zuwandte. Sein rechter Unterarm fehlte.

»Wir sind sogar einen Monat früher fertig geworden als geplant. Sieht ganz so aus, als hättest du unsere kleine Wette verloren«, sagte ich.

Er knirschte mit den Zähnen. »Ich schulde Ihnen einen Zehner, Doc. Falls ihr Spielzeug wirklich funktioniert.«

Ich zuckte innerlich zusammen. An dem Spielzeug hatten wir in der Entwicklungsabteilung von »Vaanenberg Prosthetics« über drei Jahre lang gearbeitet.

»Die Hand schlägt dein altes Modell um Längen. Sie ist viel beweglicher. Und sie wiegt so gut wie nichts.« Ich nahm die künstliche Hand von dem Gestell und half Jeroen beim Anlegen der Prothese.

Vor vier Jahren war er auf dem Weg zur Schule an einer vereisten Haltestelle ausgerutscht und vor eine anfahrende Straßenbahn gestürzt. Er gehörte zu den Patienten, die während der Entwicklung der Fluidhand bereits mit mehreren Prototypen trainiert hatten. Heute würde er das endgültige Ergebnis unserer Arbeit testen.

Die Hand war die erste einer ganz neuen Generation von Prothesen. Während bei den herkömmlichen Modellen Elektromotoren zum Einsatz kamen, verwendeten wir hydraulische Antriebe, flexible Fluidaktoren, die in den Fingergelenken platziert waren. Am Armansatz der Prothese saßen Sensoren, die Muskelbewegungen aus dem Armstumpf aufnahmen. Über eine Mikroprozessorsteuerung wurden dann die Griffmuster aktiviert; eine Miniaturpumpe befüllte die Fluidaktoren mit einer Flüssigkeit und bewirkte so letztlich eine Fingerbewegung.

Jeroen hob die Hand vor sein Gesicht. »Von mir aus können wir loslegen.«

Ich nahm einen Bleistift aus der Tasche meines Kittels und legte ihn auf den Labortisch. »Fangen wir mit dem Pinzettengriff an!«

Jeroen kaute auf seiner Unterlippe herum und starrte konzentriert auf die Prothese. Schweißperlen traten auf seine Stirn. Plötzlich erwachte die Hand zum Leben: Daumen und Zeigefinger streckten sich und griffen nach dem Stift.

Er lächelte erleichtert.

»Nicht schlecht für den Anfang. Kann ich dir vielleicht etwas zu trinken anbieten?« Ich stellte eine Wasserflasche und ein Glas auf die Tischplatte.

Die Finger der künstlichen Hand krümmten sich nach innen. Der Zylindergriff. Jeroen umschloss die Flasche mühelos, hob sie an und schenkte das Glas bis zum Rand voll.

Pinzetten- und Zylindergriff waren nur zwei der Griffmuster, die die Prothese ausführen konnte. Es gab zudem den Hakengriff, mit dem Koffer und Taschen getragen werden konnten, und den Schlüsselgriff, mit dem es möglich war, flache Gegenstände aufzunehmen. Ich zog eine Kreditkarte aus meiner Geldbörse und legte sie in Reichweite der künstlichen Hand.

Jeroen sah mich an und schüttelte den Kopf. »Sie spielen mit dem Feuer, Doktor Klinger.« Seine Rechte schnellte vor und kassierte die Karte ein.

»Sehen wir doch mal, was passiert, wenn es wirklich schwierig wird.« Ich schob meine Computertastatur über den Tisch. »Schreib, was dir gerade so einfällt.«

Der Zeigefinger der Prothese streckte sich langsam aus und Jeroen begann zu tippen: F-U-C-K-T-H-E-P-O-L-I-

»Vielen Dank, das reicht schon. Du bist wirklich ein Goldkind.« Ich löschte den Text. »Und, wie lautet dein abschließendes fachmännisches Urteil?«

Er blickte auf und strahlte mich an. »Ich bin der coolste Cyborg der westlichen Welt. Sie haben es drauf, Doktor Klinger! Das Ding ist perfekt — sagen wir, fast perfekt. Die Sache mit dem Zeigefinger ist super. Aber es gibt eine Menge Leute, denen ich auch mal den ausgestreckten Mittelfinger zeigen möchte. Kriegen Sie das hin?«

»Ich freue mich immer wieder über deine innovativen Beiträge. Wir sehen uns in zwei Wochen«, brachte ich seufzend hervor.

»Klar. Es sei denn, mir wächst über Nacht ein wunderschönes Händchen nach.«

»Darauf würde ich nicht setzen. Ach, und bevor du gehst, hätte ich gerne meine Kreditkarte zurück. Und denk das nächste Mal an den Zehner, den du mir schuldest.«

Er reichte mir die Karte und grinste. »Für ihr biblisches Alter sind Sie noch gut beisammen. Sie vergessen nichts, was, Doc?«

Ich tippte mir mit dem Finger an die Schläfe. »Hier drin kommt nichts weg!«

»Vaanenberg Prosthetics« hatte seinen Sitz in einem Industriegebiet am Rande Rotterdams. Als ich das Gelände des Instituts am frühen Abend verließ, hätte ich eigentlich in Hochstimmung sein sollen: Drei Jahre harter Arbeit hatten sich endlich ausgezahlt. Die Fluidhand war eine Revolution in der Prothetik! Ihre Flexibilität würde das Leben vieler Patienten entscheidend verbessern.

Aber während mich die Straßenbahn in Richtung Innenstadt schaukelte, fühlte ich mich plötzlich unbehaglich: Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich pünktlich Feierabend gemacht. Während der Entwicklung der künstlichen Hand hatte ich so gut wie im Institut gelebt, ich war selten vor zehn Uhr abends nach Hause gekommen und hatte auch den Großteil der Wochenenden im Labor verbracht.

Unter meinen Mitarbeitern kursierten einige halb respektvoll, halb spöttisch gemeinte Spitznamen für mich.

»Prothesen-Eremit« war dabei noch eine der netteren Bezeichnungen. Meine fachlichen Fähigkeiten wurden von allen Kollegen geschätzt, aber die meisten sahen mich wohl auch als einen etwas merkwürdigen, lebensfremden Sonderling, der nichts als seine Arbeit kannte.

Und während ich mich meinem Zuhause näherte und mich ziemlich ratlos fragte, was ich eigentlich mit dem langen Abend, der vor mir lag, anfangen sollte, beschlich mich das unangenehme Gefühl, dass diese Sichtweise vielleicht ein Körnchen Wahrheit enthalten könnte.

Nichts an dem braunen Umschlag erschien ungewöhnlich. Er steckte zwischen Werbeprospekten und Rechnungen in meinem Briefkasten. Ich beachtete ihn zunächst nicht, legte ihn mit der übrigen Post auf dem Küchentisch ab und nahm ein Fertiggericht aus dem Kühlschrank. Erst nachdem ich die Hähnchenbrust Pikant in die Mikrowelle geschoben und eine Flasche Bier geöffnet hatte, warf ich einen Blick auf den Absender: H.J. Langhard, Fachanwalt für Vertragsrecht, Beerburg, Deutschland.

Noch nie gehört — aber Post von Anwälten bedeutet selten Gutes. Ich zögerte einen Moment, bevor ich nach einer Schere griff und das Kuvert öffnete.

Sehr geehrter Herr Doktor Klinger,

anbei erhalten Sie eine Kopie des Testaments meines verstorbenen Klienten, Herrn Carl Niklas Linnert. Herr Linnert hat mich beauftragt, Ihnen diese Kopie unmittelbar nach seiner Bestattung zukommen zu lassen. Das Original wurde beim Amtsgericht Beerburg hinterlegt und dürfte Ihnen ebenfalls in Kürze zugehen. Sie werden feststellen, dass das Testament eine Auflage enthält. Ich bin als Testamentsvollstrecker eingesetzt und mit der Überwachung der Durchführung dieser Auflage betraut.

Hochachtungsvoll,

H.J. Langhard (RA)

Was sollte der Blödsinn? Ich kannte keinen Carl Niklas Linnert. Das musste eine Verwechslung sein. Oder versuchte irgendein schräger Witzbold, mich hochzunehmen? Verärgert blickte ich auf das zweite Blatt Papier: ein handschriftliches Gekritzel, das sich nur mit Mühe entziffern ließ. Als hätte jemand ein unwilliges Kind zum Schreiben gezwungen.

Hiermit setze ich, Carl Niklas Linnert, *17.10.1917, Herrn Doktor Lukas Klinger, *21.04.1946, wohnhaft: Badstraat 153, Rotterdam, Niederlande, als Erben der Immobilie »Im Vogelsang 7« in Erzbach, Kreis Beerburg ein.

Die Erbschaft wird erst dann rechtskräftig, wenn der Erbnehmer sieben aufeinanderfolgende Tage in dem Objekt verbracht hat. Bei Nichterfüllung der Auflage ...

Ich ließ mich auf einen Stuhl fallen und starrte mit offenem Mund auf das Dokument, während die Schrift vor meinen Augen verschwamm.

Meine Daten stimmten. Das war keine Verwechslung!

Aber ich hatte noch nie von einem dieser Orte gehört. Beerburg? Erzbach? Im Vogelsang? Die Begriffe schwirrten wie ein aufgescheuchter Spatzenschwarm durch meinen Kopf. Die Mikrowelle klingelte, aber ich hatte plötzlich keinen Hunger mehr.

Wer war Carl Niklas Linnert?

»Carl Niklas Linnert ... Carl Niklas Linnert ...« Ich lief in der Küche auf und ab, während ich den Namen wie ein Mantra vor mich hinmurmelte — so lange, bis ich beinah glaubte, ihn vor langer Zeit tatsächlich schon einmal gehört zu haben.

Kurz entschlossen bewaffnete ich mich mit einer Taschenlampe und kletterte die schmale Holzstiege zum Dachboden hinauf. Hier oben lagerte meine Vergangenheit: Kisten und Kartons mit all dem, was sich im Laufe eines Lebens ansammelt.

Ich verbrachte die halbe Nacht lang auf den staubigen Dielen des Speichers, arbeitete mich durch alte Aufzeichnungen, kramte Kalender hervor, wälzte Adressbücher und halb vermoderte Notizhefte. Nirgends fand sich auch nur der geringste Hinweis auf einen Carl Niklas Linnert.

Der Morgen dämmerte bereits und ich war kurz davor aufzugeben, als ich in einer dunklen Ecke des Dachbodens über einen eingedellten Karton stolperte: Meine Mutter war vor zwei Jahren gestorben und die wenigen Habseligkeiten, die nach der Auflösung ihres Haushaltes übrig geblieben waren, verstaubten seitdem auf meinem Speicher. Ohne große Erwartungen öffnete ich den Karton und wühlte mich durch einen Wust aus gehäkelten Platzdeckchen, Backrezepten und frommen Traktätchen hindurch — als ich plötzlich ein verblasstes Schwarz-Weiß-Foto in den Händen hielt: mein Vater und ich vor einem alten VW Käfer, im Hintergrund ein baufälliges Häuschen. Auf der Rückseite der Fotografie die penible Handschrift meiner Mutter:

Georg und Lukas, Erzbach, Sommer 1963.

Von meinem Nacken ausgehend breitete sich ein Kribbeln aus, das immer stärker wurde, bis es sich anfühlte, als würde eine ganze Ameisenkolonie über meine Kopfhaut marschieren, und in

meinen Ohren rauschte es plötzlich, als wäre eine Sturmflut im Anmarsch.

Erzbach ... Ich war dort gewesen! Vor über vierzig Jahren!

Damals waren wir ständig umgezogen, aber selbst wenn ich nur ein paar Monate in Erzbach gelebt hatte, musste es doch irgendetwas geben, an das ich mich erinnern konnte. Ich versuchte mir Straßen ins Gedächtnis zu rufen, einen Platz, ein Gebäude ... nichts! Es war, als würde ich in ein schwarzes Loch blicken. Als hätte es diesen Sommer nie gegeben. Mein Mund fühlte sich plötzlich trocken an, und ich bemerkte, dass meine Hände zitterten, als ich über die Fotografie strich.

»Sie vergessen nichts, was, Doc?«

Das Rauschen in meinen Ohren wurde zu einem unerträglich hohen Fiepen.

In meiner Vergangenheit gab es einen blinden Fleck!

An Schlaf war nicht mehr zu denken. Mein Tinnitus pfiff in den höchsten Tönen und ich war so aufgedreht, als hätte mir jemand literweise Kaffee eingeflößt. Immer wieder betrachtete ich das Foto und ließ meine Augen über die krakeligen Zeilen des Testaments wandern.

Warum fehlte mir ein Sommer meines Lebens?

Früh am Morgen rief ich im Institut an und nahm mir — zum allgemeinen Erstaunen meiner Kollegen — eine Woche frei. Dann telefonierte ich mit der Anwaltskanzlei Langhard und kündigte mein Erscheinen für den späten Nachmittag an.

Eine Stunde später bestieg ich, nur mit dem Nötigsten bepackt, in Rotterdam Centraal einen Zug nach Deutschland.

Ich hatte mir für meine Reise den heißesten Tag des Jahres ausgesucht. Schon morgens, bei meiner Abfahrt, herrschte eine solche Hitze, dass die Eisverkäufer im Bahnhof Spitzenumsätze machten.

Am frühen Nachmittag erreichten die Temperaturen Rekordniveau.

Die Bahn quälte sich zwischen zwei Hügelketten hindurch, schlich einen trägen Fluss entlang und kroch an Dörfern vorbei, die wie vom Sonnenstich getroffen reglos in der Landschaft lagen.

Die Klimaanlage hatte sich bereits vor geraumer Zeit in eine bessere Welt verabschiedet. Ich hing in den klebrigen Sitzpolstern wie die Fliege am Fliegenfänger und die Flecken auf meinem Hemd standen kurz davor, sich zu einem schweißigen Superkontinent zu vereinen.

Noch eine Stunde bis Beerburg.

Und dann noch ein paar Jahrzehnte zurück.

Der Zug nahm den Kampf mit einer lang gezogenen Steigung auf. In der Ferne erschien eine Kirchturmspitze, dahinter zogen am Horizont erste Gewitterwolken auf. Für einen Moment schloss ich die Augen.

Die Waggons rollten Beerburg entgegen.

Erzbach entgegen.

Einem vergessenen Sommer entgegen.

Die Attraktionen von Beerburg waren schnell aufgezählt: der »Historische Marktplatz«, das »Alte Stadttor« und eine regionale Landwirtschaftsschule. Nicht ganz das Ende der Welt, aber ziemlich nahe dran.

Als ich auf den kleinen Bahnhofsvorplatz trat, begann das Vorspiel zum Gewitter: Der Himmel hatte sich zugezogen und die Straßen lagen in einem unwirklichen Zwielicht vor mir.

Die Kanzlei war, zum Glück, nur ein paar Minuten vom Bahnhof entfernt. In dem Moment, als ich an der Tür klingelte, fielen die ersten schweren Tropfen.

H.J. Langhard entpuppte sich als sprechender Aktenordner mit Knittermund und ungesunder Gesichtsfarbe. Auf seinem monumentalen Schreibtisch war eine ganze Armada von Pillen, Pülverchen, Magentropfen und Heilerde aufgebaut.

Während er meine Papiere studierte, warf er mir über die Medikamentenpackungen hinweg immer wieder prüfende Blicke zu: »Sie sind Deutscher, leben aber in den Niederlanden, Herr Doktor Klinger?«

»Ich arbeite seit fünfundzwanzig Jahren in Rotterdam.«

Der Anwalt rang sich ein dünnes Lächeln ab und reichte mir meinen Pass. »Darf ich fragen, in welcher Beziehung Sie zu Herrn Linnert standen? Er hat Sie mir gegenüber nie erwähnt.«

»Ich kannte ihn nicht.«

Langhards rechtes Augenlid zuckte. »Wie meinen Sie?«

»Ich habe Carl Linnert nicht gekannt! Als ich siebzehn Jahre alt war, habe ich — so wie es aussieht — einen Sommer in Erzbach verbracht. Möglicherweise bin ich ihm damals begegnet. Aber ich habe keinerlei Erinnerung daran. Nicht an Erzbach und auch nicht an Carl Niklas Linnert.«

»Das ist ... wie soll ich sagen ...« Der Anwalt zupfte nervös an seinen Nasenhaaren.

Ich zog meinen Stuhl an den Schreibtisch und ging zur Offensive über. »Wer war Carl Linnert? Wieso vererbt er einem Fremden sein Haus? Sie waren sein Anwalt. Sie kannten ihn.«

»Sicher. Aber ich weiß nicht, ob es angemessen wäre, wenn ich ...«

»Er ist tot.«

»Ja. Zweifellos.« Langhard schloss die Augen und gab einen Seufzer von sich. »Und ... im Vertrauen gesagt: Für mich ist es ein Rätsel, wie dieser Mann es überhaupt geschafft hat, so alt zu werden. Fast neunzig. Dabei kann ich mich nicht erinnern, ihn auch nur einmal ohne Zigarette gesehen zu haben. Und dann seine Vorliebe für fette Hausmannskost ...« Der Anwalt presste eine Hand gegen den Magen und stöhnte leise auf. »Er fand beim Essen einfach kein Maß. Herr Linnert war sehr ... nun, er war selbst im hohen Alter noch ein äußerst korpulenter ...«

»Fett! Natürlich! Er war ganz unglaublich fett!« Für den Bruchteil einer Sekunde riss der Nebel über meiner Erinnerung auf und vor meinem inneren Auge erschien eine Gestalt, die mehr als nur entfernt an ein Bierfass erinnerte. »Carl Linnert ... Carlo ... natürlich ... der dicke Carlo, so haben wir ihn genannt.«

Wir? Ich stutzte. Wer waren wir gewesen? Und warum hatte ich plötzlich so einen merkwürdigen Geruch in der Nase?

»Kann es sein, dass er roch?«, fragte ich. »Süßlich und irgendwie — muffig?«

»Nun ... jetzt, da Sie es erwähnen ...« Der Anwalt rümpfte die Nase.

»Aber selbst wenn ich ihm damals begegnet bin ... das ist über vierzig Jahre her. Wie kommt er auf die Idee, mich als seinen Erben einzusetzen?« Ich sprang aus meinem Stuhl auf; Langhard sah mich an wie ein verängstigtes Kaninchen. »Und dann diese merkwürdige Auflage: sieben Tage in seinem Haus. So eine Bedingung ist doch wohl kaum alltäglich?«

Der Anwalt schielte sehnsüchtig zu seinen Magentropfen.

»Nun, Herrn Linnert konnte man auch nicht unbedingt als alltäglich bezeichnen. In Erzbach galt er als etwas wunderlich. Sprach mit Tieren und Pflanzen ... In den letzten Jahren hat er sein Haus kaum verlassen, er lebte sehr zurückgezogen. Und das Haus selbst hatte natürlich auch einen Anteil an seinem ein wenig exzentrischen Ruf.«

Langhards Lippen falteten sich zusammen, er strich über seine Krawatte und nahm einen zerknitterten Umschlag vom Schreibtisch, auf dessen Vorderseite sich schwarze Fingerabdrücke abzeichneten. Neben den penibel ausgerichteten, teuren Füllfederhaltern wirkte das Kuvert wie ein peinlicher Verwandter auf Überraschungsbesuch.

»Herr Linnert hat mich beauftragt, Ihnen das hier bei Ihrer Ankunft zu übergeben.«

Ich öffnete den Umschlag: ein karierter Zettel. Aus einem billigen Notizblock gerissen. Carlo Linnerts Krakelschrift. Vier Worte.

Bald träumst du wieder.

Augenblicklich war das merkwürdige Kribbeln in meinem Nacken wieder da. Im nächsten Moment begann sich das Büro um mich herum zu drehen. Ich schnappte nach Luft, meine Hände umklammerten die Armlehnen des Stuhls. Vor meinen Augen wirbelten schwarze und gelbe Punkte umeinander.

»... in Ordnung?« Aus weiter Ferne drang Langhards Stimme zu mir durch. »Wahrscheinlich der Wetterumschwung, das schlägt auf den Kreislauf. Hier, bitte, nehmen Sie doch ein Glas Wasser.«

Ich griff hastig nach dem Glas, stürzte den Inhalt in einem Zug hinunter und atmete tief durch. »Danke. — Danke, es geht schon wieder.« Ich erhob mich, faltete den Zettel zusammen und steckte ihn in meine Hemdtasche. »Sagen Sie, wie komme ich denn von hier aus nach Erzbach? Gibt es eine Busverbindung?«

Langhard räusperte sich. »Wenn ich Ihnen einen Vorschlag machen dürfte: Ich fahre nachher zur Geburtstagsfeier meiner Cousine. Sie lebt in Biber, dem Nachbardorf von Erzbach. Ich könnte einen kleinen Umweg machen und Sie an Herrn Linnerts Grundstück absetzen. Vielleicht decken Sie sich in der Zwischenzeit mit etwas Proviant ein — und Sie sollten einen dicken Pullover kaufen, falls Sie keinen dabei haben. Erzbach liegt ein gutes Stück höher als Beerburg. Abends wird es dort empfindlich kühl — auch im Sommer.«

Ich dankte ihm und war schon an der Tür, als mir noch etwas einfiel. »Als Sie vorhin sagten, das Haus habe dazu beigetragen, dass Carlo Linnert als Exzentriker galt ... Was meinten Sie eigentlich damit?«

Langhard zog ein Pillendöschen aus der Tasche seines Anzugs. »Nun, es ist natürlich nur meine persönliche Meinung, Herr Doktor Klinger, aber ich finde, dieses Haus ...« Er schob sich eine grüne Pille zwischen die Lippen und verzog das Gesicht. »... dieses Haus ist ein Monstrum.«

Der Regen trommelte unablässig auf das Wagendach. Ich nahm das Gepäck aus dem Kofferraum und schlug den Kragen meiner Jacke hoch.

H.J. Langhard und ich hatten ein Abkommen unter Ehrenmännern: Ich würde selbstverständlich die Auflage erfüllen und sieben Tage am Stück in Linnerts Haus verbringen; er würde dies selbstverständlich nicht kontrollieren.

Der Anwalt wendete umständlich und hob noch einmal die Hand zum Gruß, als er an mir vorüberfuhr. Einen Moment später war er, mitsamt seinen Magengeschwüren, im dichten Regen verschwunden.

Eine Bruchsteinmauer, nur unterbrochen von einem großen, schmiedeeisernen Tor, bildete die Grenze zur Straße. Dahinter erstreckte sich ein unübersichtliches, parkähnliches Grundstück, das einen reichlich verwahrlosten Eindruck machte. Im vorderen Teil des Gartens standen Apfel-, Pflaumen- und Birnbäume; ein gutes Stück entfernt konnte ich eine Gruppe von Fichten ausmachen, die dicht aneinandergedrängt dem Regen trotzten. Dahinter reckte sich ein schemenhafter, grauer Umriss in den wolkenverhangenen Himmel. Ich blinzelte durch den Regen und traute meinen Augen nicht: Das graue Ding hinter den Bäumen war ein Turm!

Ich brauchte eine Weile, bis ich an dem Bund, den Langhard mir in der Kanzlei übergeben hatte, den richtigen Schlüssel fand. Als es mir endlich gelang, das Tor zu öffnen, war ich bereits nass bis auf die Knochen.

Es gab keine direkten Nachbarn. Das Haus war das letzte in der steil ansteigenden Straße. Sie machte ein gutes Stück vor Linnerts Besitz eine Kurve, die wieder bergab führte, und erst weit unterhalb der Biegung waren die Dächer einiger vereinzelt stehender Häuser zu sehen. Zur linken Seite grenzte das Grundstück direkt an einen Wald; zur rechten wuchsen hohe, verwilderte Brombeerhecken, deren lange Ranken vom Regen durchgeschüttelt wurden. Das Gras stand kniehoch, dazwischen wucherten Wildblumen, riesige Silberdisteln und mehrere bedrohlich aussehende Zusammenrottungen von Brennnesseln.

Der Weg zum Haus war mehr zu erahnen, als zu erkennen, es herrschte nur etwas weniger Wildwuchs als in dem übrigen Unkrautparadies. Der Pfad lief zunächst auf die Fichten zu und führte dann, in einem kleinen Bogen, links an ihnen vorbei. Das Wasser in meinen Schuhen machte rhythmische, schmatzende Geräusche, während ich durch den Morast stapfte. Auf der Hälfte des Weges brauchte ich eine Atempause und stellte das Gepäck ab.

Um den Stamm eines verkrüppelten Apfelbaumes hatte jemand vor Urzeiten eine Rundbank gebaut, die so verrottet aussah, als würde sie schon beim bloßen Anblick eines Menschen zusammenbrechen.

Der Regen lief in meinen Kragen und tropfte mir von den Haaren in die Augen. Langsam zog ich Linnerts Zettel aus der Tasche und las die vier Worte. Wieder und wieder. Bis das Papier völlig durchnässt war.

Bald träumst du wieder.

Ich hatte seit Jahren nicht mehr geträumt.

Auf den ersten Blick sieht er ganz passabel aus, das muss ich schon sagen. Man weiß ja nie, was einen erwartet: Er hätte auch zu einem von den Typen werden können, die sich ihre drei verbliebenen Härchen quer über die Glatze kämmen. Oder zu irgend so einem wichtigen Entscheidungsträger, der vor lauter Aufgeblasenheit kaum laufen kann. Oder zu einem großen Stück fleischgewordener Langeweile, wie der öde Anwalt von Carlo, der immer aussieht, als hätte er gerade einen Liter Essig auf ex gekippt.

Im Vergleich zu solchen Horrorgestalten schneidet er wirklich gut ab. Klar, ganz so stramm wie damals sieht er nicht mehr aus. Ist ja auch schon ein paar Jährchen her. Aber er hat einen halbwegs wachen Blick und hält sich einigermaßen aufrecht. Und Haare hat er noch jede Menge, auch wenn zwischen dem Braun so einiges an Silberlametta rumhängt. Vor ein paar Jahren sah er bestimmt noch richtig lecker aus. Man könnte glauben, dass die Weibchen bei ihm Schlange gestanden haben. War aber wohl nicht so, wie ich hörte. Eine gab es mal, er war sogar mit ihr verheiratet, aber die hatte schon nach kurzer Zeit genug von ihm. Das hat Carlo zumindest behauptet, und der war für gewöhnlich bestens informiert.

Ich tripple ein paar Schritte durch das hohe Gras auf ihn zu. Wenn ich mir seine ausgelatschten Treter so angucke: Besonders eitel scheint er nicht zu sein.

Aus der Nähe betrachtet sieht man dann doch, dass der Zahn der Zeit auch an ihm genagt hat: an den vielen Fältchen um den Mund und unter den Augen — und die sehen nicht unbedingt so aus, als hätte er sie vom vielen Lachen. Überhaupt wirkt er ein bisschen verloren, wie er da mit eingezogenen Schultern im strömenden Regen steht und auf das Papier starrt. Um die Nase herum ist er ziemlich blass. Wen wundert’s? Carlo hat mir erzählt, dass er jeden Tag von frühmorgens bis spätabends schuftet. In einem Laboratorium. Wenn man mich fragt: Wer so viel Zeit mit Arbeit verschwendet, mit dem stimmt was nicht. Und als ich erfahren habe, was er da macht, hat es mir beinah die Farbe aus der Schwanzspitze gehauen: Er bastelt künstliche Arme und Beine. Zum Schießen! Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht?

Er steckt den Zettel weg, auf den er die ganze Zeit geglotzt hat, und greift nach seinen Taschen. Höchste Zeit für den Schnuppertest! Das Aussehen kann täuschen. Der Geruch lügt nie.

Ich recke den Kopf und nehme Witterung auf. Zuerst rieche ich Schweiß, dann ein herbes Rasierwasser. Mittleres Preissegment, würde ich sagen.

So weit, so gut. Das könnte sogar ein Mensch mit seinem rudimentär entwickelten Geruchsapparat wahrnehmen. Aber jetzt kommt die Meisterklasse; das, was nur ein feines Salamandernäschen erschnüffeln kann: der Geruch, der sich unter allen anderen Gerüchen versteckt. Der, den man immer mit sich trägt. Der, der verrät, was wirklich mit einem los ist.

Ich ziehe Luft durch die Nasenlöcher ein, mein Mundboden hebt und senkt sich — und eine Sekunde später weiß ich Bescheid.

Rinde! So was in der Richtung hatte ich beinah befürchtet. Er riecht nach trockener Rinde.

Wie alle einsamen Seelen.

Ich sehe ihm hinterher, als er sich langsam auf die Fichten zubewegt.

Das kann ja heiter werden.

Der Anblick meiner Erbschaft war wie ein unerwarteter Faustschlag in den Magen — nur dass dieser Schlag auf die Augen zielte: In einer kleinen Senke hinter den Fichten stand das merkwürdigste Gebäude, das ich je gesehen hatte. Nichts hätte weniger in diese Umgebung gepasst. Das Haus sah aus, als hätte ein Riesenbaby im Vorübergehen einen Spielklotz fallen lassen, oder als wäre es eines schönen Tages einfach vom Himmel gefallen und rein zufällig in diesem Garten aufgeschlagen: ein massiver Ziegelsteinbau mit einem steilen Dach und spitzen Giebelfenstern.

Auf den ersten Blick wirkte das Haus gedrungen und schwer, wie eine mittelalterliche Festung im Miniaturformat. An den Seiten fanden sich überall runde, turmartige Erker. Die hohen Fenster im Erdgeschoss waren hinter Klappläden versteckt, deren grüner Anstrich an den meisten Stellen abgeblättert war. Breite, ausgetretene Treppenstufen führten zu einer Eingangstür, die fast verdeckt wurde von vier dicken, runden Säulen. Sie waren an ihrem oberen Ende durch einen Rundbogen miteinander verbunden, und darauf saß der Turm, den ich von der Straße aus gesehen hatte. Er überragte das Dach um einige Meter.

All das war schon seltsam genug, aber als ich näher kam, wurde mir klar, dass die verstörende Wirkung des Hauses vor allem dadurch hervorgerufen wurde, dass es Elemente gab, die überhaupt nicht zu der massiven Bauweise passten. So war der Turm mit grünen, zerbrechlich wirkenden Kacheln verkleidet, die sich auch, in waagerechten Streifen angeordnet, am Haus selbst wiederfanden. Alle wiesen sie das gleiche filigrane Blumenmuster auf: Glockenblumen – Moosglöckchen, um genau zu sein.

Das Seltsamste aber war ein fein gearbeitetes, federleichtes Dach, das über der runden Aussichtsplattform des schweren Turms schwebte wie ein Eisschirmchen über einer Schweinshaxe. Ein luftiger Baldachin, der beim geringsten Windstoß davonfliegen konnte.

In diesem Moment — während ich in den grauen Himmel blickte und die Tropfen auf meiner Stirn zerplatzten — begann sich eine verschlafene, unscharfe Erinnerung in ihrem Gedächtnis-Versteck zu regen ...

Ich war nicht zum ersten Mal hier.

Durch diesen Garten war ich schon einmal gelaufen, ich hatte auf den Stufen vor der Haustür gestanden — und ich war auch schon dort oben auf dem Turm gewesen.

Irgendwann, in einem Sommer vor über vierzig Jahren.

Die Eingangstür klemmte, ich musste mich mit der Schulter dagegenstemmen, bis sie sich endlich öffnete. Kaum hatte ich zwei Schritte in den dunklen Hausflur gemacht, als ich über einen Telefonapparat stolperte, der mitten in der Diele lag. Ich hob den Hörer ans Ohr: Der Anschluss war tot. Kein Problem; für den Notfall hatte ich mein Handy. Ich hoffte nur, dass das Telefon das Einzige war, was nicht funktionierte. H.J. Langhard hatte mir versichert, dass es im Haus Strom, warmes Wasser und eine Ölheizung gäbe.

Ein süßlicher, muffiger Geruch schlug mir entgegen. Genau das Aroma, das ich in der Kanzlei zu riechen geglaubt hatte.

Ich zog mir die nassen Schuhe und Socken von den Füßen und machte mich zu einem ersten Erkundungsgang auf.

Geradeaus gelangte ich in eine kleine Küche, von deren Decke getrocknete Blumensträuße hingen. Zwei große, alte Küchenschränke waren bis oben hin mit allem Möglichen vollgestopft: angeschlagenem Geschirr, einem Silberpokal für den »Naturfreund des Jahres«, diversen Angelhaken und einem beeindruckenden Vorrat an Fußpuder. Es gab einen rustikalen Holztisch und zwei Stühle: einer rot, einer blau lackiert. Auf einem schiefen Brett über dem Herd stand ein Sammelsurium von Gläsern und Tassen. Der dickbauchige Kühlschrank sah aus, als wäre er schon ein paar Jahre in Rente, aber als ich ihn an die Steckdose anschloss, begann er fleißig vor sich hin zu rattern. Durch eine schmale Glastür sah man auf eine Terrasse und auf den hinteren Teil des Gartens, der genauso verwildert war wie die Vorderseite.

Nachdem ich meine Vorräte verstaut hatte, setzte ich meine kleine Exkursion fort und öffnete eine der beiden Türen, die von der Diele abgingen: Mitten im Raum stand eine gelbe, durchgesessene Couch mit aufgeplatztem Bezug. Drei wuchtige Sessel — keiner von ihnen passte zum anderen — sahen ähnlich ramponiert aus. Der rote Teppich war mit etlichen Brandlöchern verziert; auf einer monströsen Kommode lag eine dicke Staubschicht. Als hätte der Besitzer des Hauses nicht letzte Woche, sondern schon vor Jahrzehnten das Zeitliche gesegnet.

An den Wänden bogen sich wurmstichige Regale unter der Last viel zu vieler Bücher, und auch vor dem Kamin, auf dem Parkettboden und auf einem kleinen, wackligen Tisch waren Bücher aufgestapelt. Ich zog einen abgegriffenen Einband aus einem der Regale: Die Märchen der Gebrüder Grimm. Daneben ein Buch mit dem schönen Titel Lecker, lecker — Kochen mit Tante Trudi. Ich fand eine zerfledderte Ausgabe von Moby Dick, Das Kapital, Das Große Gärtner Lexikon, ein obskures Werk namens Das Geheimnis der Ley-Linien und mehrere miteinander verklebte Asterix-Ausgaben. Irgendeine erkennbare Ordnung gab es nicht. Das Ganze sah aus wie die apokalyptische Schreckensvision eines nervenkranken Bibliothekars.

In der Ecke neben der Tür stand eine Musiktruhe: ein täuschend schöner Name für ein ausnehmend hässliches Möbelstück. Hinter einer Klappe verbarg sich ein Fach, in dem ein mittelgroßer Schallplatten-Berg aufgestapelt war, in den oberen Teil der Truhe waren ein Radio mit Drehknöpfen und ein Plattenspieler eingebaut. Das Ding musste in den 50er-Jahren der letzte Schrei der Technik gewesen sein.

Herzlichen Glückwunsch: Ich hatte eine Dauerausstellung zur Adenauer-Ära geerbt!

Welche verstaubten Wirtschaftswunder-Relikte würden mich wohl in dem anderen Zimmer erwarten?

Ich huschte über den Flur.

Als ich auf den Lichtschalter drückte, tat sich nichts. Ich tastete mich durch den dunklen Raum, stieß mir den Oberschenkel an einer Tischkante, humpelte fluchend weiter zum Fenster und öffnete die Klappläden.

Im nächsten Moment stand ich wie versteinert da und versuchte zu begreifen, was ich vor mir sah: Auch in diesem Zimmer waren die Wände mit Regalen vollgestellt, aber auf den Brettern standen keine Bücher — sondern Gläser. Große, kleine, runde, eckige, breite, schmale, dicke, dünne Glasbehälter. Bis unter die Decke.

Und in jedem dieser mit Alkohol gefüllten Gläser schlief ein kleines Wesen mit vier Füßen, einem flachen Kopf und großen Augen seinen ewigen Schlaf. Selbst im trüben Licht des Regennachmittags glänzte die Haut der Tiere. Es schien, als würden sie in der Flüssigkeit schweben.

Salamander!

Zögernd trat ich an das Regal und nahm eines der bauchigen Gläser in die Hand. Bergmolch, Europa stand in Linnerts Kinderschrift auf dem Etikett des Glasbehälters. Das Tier, ich schätzte es auf etwa zehn Zentimeter, hatte einen leuchtend orangen Bauch und einen schönen, blau gemusterten Schwanz. Im Glas nebenan fand sich ein Goldstreifensalamander, ein Lurch mit einem außergewöhnlich schlanken Körper. Auf seinem Rücken trug er zwei goldbraune Längsstreifen, die auf dem Schwanz zusammenliefen. Sein Nachbar war der Geknöpfte Krokodilmolch: schwarz, roter Schwanz, mit dicken Warzen an den Seiten; ein ziemlich fettes Exemplar. Ich betrachtete den Spanischen Rippenmolch und den Kalifornischen Wurmsalamander, bestaunte den Feuerbauchmolch — ein Tierchen mit knallroter Unterseite —, bewunderte den Chinesischen Kurzfußmolch und den grünlich gefärbten Marmormolch. Der Letzte in dieser Regalreihe, ein Rotrücken-Waldsalamander aus Nordamerika, hatte kurze, stummelige Beine und einen dermaßen langen Schwanz, dass er auch als Schlange durchgegangen wäre.

Die Farben der Tiere leuchteten so intensiv, dass man kaum glauben konnte, dass sie tot waren. Es sah aus, als würden sie schlafen und nur auf den richtigen Zeitpunkt warten, um wieder zu erwachen.

Erst als das Licht ganz schwach wurde, schaffte ich es, mich von dem Anblick der Amphibien loszureißen. Ich war schon fast aus dem Zimmer, als mein Blick an einem schmalen Glas hängen blieb. Der Salamander, der darin schwamm, hatte einen schwarzen Körper und eine platte, abgerundete Schnauze.

Salamandra atra, Alpensalamander, Europa, stand auf dem Etikett.

Die Schrift war meine Schrift.

Mein einsames Abendessen bestand aus zwei Käsebroten, einer Gewürzgurke und einer Flasche Bier. Das Glas mit dem Alpensalamander hatte ich mitgenommen; es stand vor mir auf dem Küchentisch. Während ich, ohne richtigen Appetit, auf meinem Brot herumkaute, grübelte ich darüber nach, bei welcher Gelegenheit ich mich auf dem Gefäß verewigt haben konnte. Ich hatte nicht einmal den Ansatz einer Idee.

Es war schon nach Mitternacht, als ich beschloss, ins Bett zu gehen — ohne dass ich eine Antwort auf meine Frage gefunden hatte. Ich stieg die knarrende Treppe zu meinem Schlafzimmer hinauf, einer zugigen Kammer im Obergeschoss. Das Mobiliar bestand aus einem morschen Kleiderschrank, einem Nachttisch und einem quietschenden Metallbett. Bevor ich in das Bett stieg, zögerte ich einen Moment: Wo genau war Carlo eigentlich gestorben?

Aber ich war viel zu müde, um mir darüber ernsthaft Gedanken zu machen. In dem Moment, in dem mein Kopf das Kissen berührte, schlief ich bereits.

Es ist Nacht. Ich bin in einem Wald. Der Boden unter meinen Füßen ist weich. Ich bewege mich langsam vorwärts. Ich trage etwas mit mir, eine Last auf meinem Rücken. Die Dunkelheit um mich herum ist in Bewegung: Laub raschelt, Zweige knacken, durch das Blattwerk der Bäume springen unsichtbare Kreaturen von Ast zu Ast. Aus der Ferne ist das Brüllen großer Tiere zu hören.

Ich muss weiter!

Ein Hohlweg zwischen hohen, dunklen Felsen. Riesige Farne leuchten in der Dunkelheit und verbreiten ein diffuses grünes Licht.

Ich lege meine Last auf dem Weg ab und sehe zum Himmel.

Der Mond ist leuchtend gelb.

Auf einer Felsspitze sitzt ein Tier mit glänzender, feuchter Haut und großen, schwarzen Augen. Der Salamander sieht mich an und eine Stimme schlängelt sich flüsternd in meinen Kopf: »... präpariert ... die Stoffe ... präpariert ... sind die Stoffe präpariert ... sind die Stoffe präpariert ... sind die Stoffe ...«

»Präpariert!«

Ich fuhr aus dem Kissen hoch und saß senkrecht im Bett.

Mein Atem ging stoßweise, ich war schweißgebadet. Nur langsam realisierte ich, dass es mein eigener Schrei war, der mich geweckt hatte.

Ich hatte geträumt. Ich hatte tatsächlich geträumt.

Der erste Traum seit Jahren.

Wie konntest du das wissen, Carlo Linnert?

Noch lange spukten die Traumbilder von leuchtenden Farnen und sprechenden Salamandern vor meinen Augen herum — bis das erste Tageslicht sie ganz allmählich verscheuchte.

Ich gähnte ausgiebig, dann raffte ich mich auf und stattete dem Badezimmer einen Besuch ab. Der winzige Raum war ein Fall für das Gesundheitsamt. An der Decke befand sich eine Schimmelkolonie von beeindruckenden Ausmaßen, der Zustand der Badewanne war besorgniserregend und der Versuch zu duschen erwies sich als Himmelfahrtskommando. Das Wasser, das aus dem altertümlichen Duschkopf spritzte, wechselte in schöner Unregelmäßigkeit zwischen eiskalt und brühend heiß, und ich war gezwungen, ein paar interessante Tänze zu vollführen, bis ich es geschafft hatte, mich wenigstens halbwegs zu restaurieren.

Kurz darauf stand ich in der Küche und nahm den pfeifenden Wasserkessel vom Herd, als mein Blick in den Garten fiel. Der Regen hatte nachgelassen, es nieselte nur noch leicht. Nachdem ich mir einen extrastarken Kaffee aufgegossen hatte, trat ich, eine Tasse in der Hand, auf die Terrasse und stieg die von Unkraut überwucherten Stufen in den Garten hinab. Es roch nach Wald und feuchter Erde. Zum ersten Mal fiel mir auf, wie still es war. Kein Autoverkehr, keine Straßenbahn, keine Passanten.

Nur das gleichmäßige Geräusch des Regens.

Hinter dem Garten schlängelte sich ein schmaler Fußweg vorbei, der ein Stück weiter oben im Wald verschwand. Er war von Linnerts Grundstück durch ein undurchdringliches Dickicht aus Brombeersträuchern getrennt. Erst als ich direkt vor der verwilderten Hecke stand, sah ich, dass sie ein niedriges Gartentürchen überwucherte, das fast vollständig unter dem Gestrüpp verschwunden war.

Ein paar Schritte weiter, in einer Ecke des Gartens, in die kaum Licht fiel, stand ein Schuppen, ein schiefes Ding aus Bruchsteinen mit einem rostigen Wellblechdach. Vorsichtig zog ich den Riegel an der Holztür zurück. Nach dem Erlebnis mit dem Zimmer voller Salamander war ich auf so ziemlich alles gefasst — aber der Schuppen erwies sich als Enttäuschung: Ich hatte die Tür nur einen Spalt weit geöffnet, als mir bereits Tonnen von Gartenabfällen entgegenquollen: ausgerupftes Unkraut, vertrocknete Zweige, vor allem aber dornige, verholzte Stängel alter Brombeerhecken. Ich hatte alle Hände voll zu tun, das Dornengestrüpp zurückzuschieben, und holte mir beim Kampf mit dem Unkraut etliche fiese Kratzer. Meine Unterarme waren mit roten Streifen übersät, in meinem rechten Daumen steckte ein dicker Dorn. Ich zog ihn heraus und trat den Rückzug an, während ich dem Schuppen einen letzten, bösen Blick zuwarf. Von dem hinterhältigen Ding würde ich mich für den Rest meines Aufenthaltes fernhalten.

Nachdem ich meine Kratzer desinfiziert hatte, nahm ich das obere Stockwerk des Hauses in Augenschein. Neben der Schlafkammer und dem Bad gab es noch einen weiteren Raum, der fast die Hälfte der Etage einnahm. Ich hatte mich am vergangenen Abend dort noch nicht umsehen können, da es auch in diesem Zimmer keine funktionierende Glühbirne gab und es bereits viel zu dunkel gewesen war, um Genaueres zu erkennen.

Als ich die Tür öffnete, blieb ich überrascht im Rahmen stehen. Für einen regnerischen Tag wie heute wirkte der Raum außergewöhnlich hell. Das Dach über diesem Teil des Hauses war nicht mit Ziegeln gedeckt; man blickte durch riesige, wenn auch reichlich dreckige Glasscheiben direkt in den Himmel.

Das hier musste eine Art Gewächshaus gewesen sein. Zwar fand sich keine einzige Pflanze mehr, aber auf den flachen Tischen, die in vier langen Reihen angeordnet waren, standen Gießkannen und angeschlagene Pflanzentöpfe aus Ton. Auf dem Boden waren kleine Häufchen trockener Pflanzenerde verteilt.

Ich schob mich langsam zwischen den Tischreihen hindurch. An der gegenüberliegenden Seite des Zimmers führte eine stählerne Wendeltreppe zu einer niedrigen hölzernen Tür in der Wand. Das musste der Zugang zum Turm sein. Ich stieg die Treppe hoch und versuchte die Luke zu öffnen, doch keiner meiner Schlüssel passte. Schließlich lehnte ich mich mit meinem ganzen Gewicht gegen das Holz und drückte mit beiden Händen gegen die Tür — auch Gewalt brachte mich in diesem Fall nicht weiter. Ich setzte mich auf die Treppe und betrachtete die Schlüssel an dem Bund. Einer davon musste doch passen. Es sei denn ...

Mein Handy lag auf dem Küchentisch. Die Nummer der Anwaltskanzlei war gespeichert.

Langhard klang zutiefst beleidigt: »Nein, natürlich nicht, Herr Doktor Klinger. Alle Schlüssel, die ich hatte, habe ich Ihnen ordnungsgemäß ausgehändigt. Aber wenn Sie es wünschen, werde ich natürlich noch einmal nachsehen. Ich melde mich bei Ihnen. Einen schönen Tag. Auf Wiederhören.«

Fehlanzeige.

Ich ließ meinen Blick durch die Küche wandern. Vielleicht war der Schlüssel ja irgendwo hier, inmitten des ganzen Krimskrams, in einem der Schränke. Es würde Stunden dauern, alles zu durchsuchen — aber ich hatte ja auch keine dringende Verabredung.

Also ... wo würde ich einen Schlüssel aufbewahren?

Auf dem größeren der beiden Küchenschränke standen mehrere Teedosen. Das sah doch schon ganz vielversprechend aus. Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und versuchte nach einer davon zu greifen, als meine Hand in etwas Klebriges fasste. Ich machte einen Satz zur Spüle, wusch mir die Hände und entschied mich, ziemlich angeekelt, die Untersuchung der klebrigen Dosen auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben und mich fürs Erste den Schränken zuzuwenden.

Neben Geschirr und ein paar einsamen Küchenutensilien fand ich allen möglichen und unmöglichen Krempel. Linnert war offenbar nicht der Typ gewesen, der sich leichten Herzens von Dingen trennen konnte. Ich stieß auf eine Tonpfeife, einen Stapel Suppenkonserven mit überschrittenem Haltbarkeitsdatum und entdeckte Dutzende von Postkarten aus allen möglichen Gegenden der Welt. Zwischen einem Jahrhundertvorrat an Zahnstochern und einer ausgelaufenen Flasche mit Ohrentropfen fand ich in einer der Schubladen etwas, das wie der abgebrochene Zahn eines großen Tieres aussah. Nach drei Stunden hatte ich mich durch die Schränke durchgearbeitet und alles Mögliche zutage gefördert — drei Schneekugeln, eine Handvoll Flusskiesel und eine Mundharmonika — aber keinen Schlüssel.

Vielleicht hatte ich im Wohnzimmer mehr Glück.

Die oberste Schublade der alten Kommode klemmte. Ich ruckelte daran herum, dann zog ich mit aller Kraft — bis die Lade plötzlich ihren Widerstand aufgab, mir entgegen geschossen kam und auf den Boden krachte. Eine Flut aus angelaufenem Silberbesteck ergoss sich laut scheppernd über das Parkett. Ich sprang zurück, stieß dabei gegen einen kleinen Tisch und brachte mehrere Bücherstapel zum Einsturz. Vor mich hin schimpfend, kniete ich mich in das Chaos und begann, die Bücher wieder aufzustapeln. Dabei fiel mir eine zerfledderte Schwarte in die Hand, deren Rückseite von der Zeichnung eines sehr erleuchtet dreinblickenden Südasiaten geziert wurde. Behutsam drehte ich das Buch in meiner Hand.

Dr. Timotheus Leer

Mensch und Pflanze

Band 3

Kräuter — Heiler und Helfer

Der gute Carlo war ja wirklich vielseitig interessiert gewesen. Ich blätterte, nur mäßig begeistert, durch die Seiten — als plötzlich mehrere zusammengefaltete Blätter aus dem Buch rutschten.

Sie stammten von demselben billigen Block wie der Zettel, den Langhard mir übergeben hatte.

Und sie waren mit der gleichen krakeligen Schrift beschrieben!

Lieber Lukas, mein lieber Freund,

 

jetzt hab ich gerade, für einen Moment, überlegt, ob ich dich mit Lukas oder mit Herr Doktor Klinger anreden soll. Nachdem, was man so hört, bist du ja eine echte Koryphäe auf deinem Gebiet, so was wie der Prothesen-Papst. Ein paar der Artikel, die du in Fachzeitungen veröffentlicht hast, hab ich sogar gelesen. Ich hab zwar höchstens die Hälfte davon kapiert, aber das, was ich verstanden hab, klang wirklich beeindruckend. (Und, unter uns gesagt, auch reichlich gruselig.)

Jedenfalls, ich schätze mal, eine ganze Reihe von Leuten kennt dich nur als Herr Doktor Klinger. Aber das funktioniert bei mir einfach nicht. Für mich bleibst du Lukas Klinger. So hab ich dich schließlich gekannt, damals.

Du warst ein guter Junge — manchmal ein bisschen verwirrt. Aber in dem Alter sind alle verwirrt, das ist nichts Besonderes. Und in deinem Fall muss man sagen, dass du ja weiß Gott genug Grund dazu hattest. Es sind schon ein paar ganz schön seltsame Sachen passiert in dem Sommer, in dem wir uns kennengelernt haben. Sachen von der Art, die einem keiner glaubt, wenn man sie erzählt. Aber so ist das eben. Ich hab mal — das war in Hongkong — eine Geschichte mit einem Kapuzineräffchen, einer singenden Säge und einem norwegischen Transvestiten erlebt ... Äußerst merkwürdig, muss ich sagen. Hat mir natürlich niemand geglaubt. Genauso wenig wie die Sache mit dem Bergsee, der ganz plötzlich verschwunden ist, einfach so über Nacht. Als ich wach wurde, war er weg. Das war zu der Zeit, als ich in Südamerika unterwegs war und in den Anden rumgeklettert bin. Auch schon ganz schön lange her.

Irgendwann war es dann vorbei. Erst mit dem Klettern und dann auch mit dem Wandern. Jetzt schlurfe ich höchstens mal eine Runde durch den Garten und guck den Brombeeren beim Wachsen zu. Aber so schlecht ist das auch nicht. Es gibt jede Menge toller Sachen, direkt vor der eigenen Haustür. Wenn man älter wird, kriegt man den richtigen Blick für die kleinen Dinge und man lernt, sich jeden Tag ein paar besondere Momente zu schaffen. Wo ich gerade dabei bin: Der beste Weg, den Tag in diesem Haus zu beginnen, ist der, in der Küche zu sitzen, den Garten zu betrachten und abzuwarten, wie sich der Morgen so entwickelt. Dazu ein lauwarmer Kaffee mit Schuss und eine Selbstgedrehte. Während es in deinem Bauch gluckert, prostest du dem jungen Tag mit dem Kaffeebecher zu und begrüßt ihn mit einem Rauchopfer.

Probier es mal aus. (Mein Vorrat an Mandellikör und Tabak dürfte mich überdauern — sieh mal in dem kleinen Schrank unter der Spüle nach, hinter den Putzlumpen.) Ach, und wenn du diese Momente genießen willst und Wert auf deine Ruhe legst: Öffne auf keinen Fall die Tür, wenn es klingelt. Wahrscheinlich ist es diese nervtötende Frau, die vor ein paar Jahren mit ihrer Familie in das Haus weiter unten in der Straße eingezogen ist. So eine, die ihre Brut nur mit Quark und Schnittlauch und tonnenweise Möhren füttert, damit sie auch alle garantiert zweihundert Jahre alt werden. Die nervt gerne ihre Nachbarn und ist neugieriger als eine Horde Brüllaffen. Einmal kam sie während meines Morgenrituals vorbei und wollte ihre Schnüffelnase hier reinstecken. Weil ich ein höflicher Mensch bin, hab ich ihr natürlich auch einen Kaffee mit ordentlich Schuss angeboten. Sie hat mich völlig entgeistert angeguckt. Als hätte ich gefragt, ob ich sie mal kurz auf dem Küchentisch flachlegen könnte.

»Nein, Herr Linnert, doch keinen KAFFEE. Und dann auch noch mit ALKOHOL. Und die ZIGARETTEN. Wissen Sie, was Sie Ihrem Körper damit ANTUN? Sie müssen SOFORT damit aufhören. Und machen Sie SPORT! Es gibt da auch Angebote für Senioren.«

Die Frau hat sie doch nicht mehr alle. Ich bin fast neunzig und geb demnächst den Löffel ab. Das Einzige, was ich noch trainieren muss, ist mit gefalteten Händen stillzuliegen. — Also bleib weg von der Tür. In deinem eigenen Interesse.

Mein lieber Mann, jetzt hab ich mich mal wieder völlig verfranzt. Eigentlich wollte ich auf was ganz anderes raus. Aber das war schon immer mein Problem: der rote Faden. Wenn ich erst mal anfange, dann kommt eins zum anderen und auf einmal bin ich irgendwo gelandet und frage mich, wie ich eigentlich dahin gekommen bin. Als ich noch gewandert bin, war es auch immer so. Die meisten haben ihre feste Route, aber wenn ich irgendwo was Interessantes gesehen hab, dann bin ich eben abgebogen. Klar kam ich viel später ans Ziel als die anderen, aber dafür hab ich auch eine ganze Menge mehr gesehen: in Zürich mal einen Dackel, der bis fünfzig zählen konnte, zum Beispiel. Oder diese merkwürdige Oper, in der kein einziger Ton gesungen wurde. Und einmal, in Mexiko City, sogar ein irrsinnig schnelles, glitzerndes Ding, das fast eine Stunde lang über der Stadt gekreist ist.

Einen ganzen Haufen merkwürdiges Zeug.

Und damit bin ich über ein paar Umwege auch wieder dahin gekommen, wo ich hin wollte. Darum geht es nämlich: merkwürdiges Zeug, seltsame Sachen. Darauf wollte ich hinaus: Manchmal passieren eben seltsame Sachen!

Das Problem ist nur, dass die meisten nicht hinsehen. Wenn sie jung sind, schon — wenn man jung ist, glaubt man, dass so ziemlich alles möglich ist. Aber sobald sie erwachsen geworden sind, lässt das ganz rapide nach. Dann haben sie eine genaue Vorstellung davon, wie die Welt ist und wie sie nicht ist, und von dem, was möglich ist und was nicht. Und wenn ihnen was Seltsames widerfährt, dann sehen sie einfach weg oder sie sagen sich, dass es nur Einbildung war. Das lässt sie ruhiger schlafen.

Ohne dir zu nahe treten zu wollen — ich befürchte, du bist auch so ein Scheuklappen-Wallach geworden. Aber Kopf hoch, mein Bester! Das muss ja nicht so bleiben. Du warst ein ganz helles Köpfchen damals und ich bin mir sicher, dass sich daran nichts geändert hat. Und darum glaub ich auch, dass selbst dir als geübtem Weggucker aufgefallen sein dürfte, dass in letzter Zeit einige Dinge in deinem Leben sehr komisch laufen: Da wechselt der dicke Carlo, an den du schon ewig nicht mehr gedacht hast, die Dimension und vererbt dir mal eben so sein Haus. Und schwupps bist du hier, träumst merkwürdige Träume, liest einen Brief, den dir ein toter Mann geschrieben hat, und fragst dich, was das alles soll. Was DU hier eigentlich sollst? Die Antwort, mein lieber Freund, ist einfach:

Du bist hier, um dich zu erinnern.

Ein guter Bekannter von mir ist der Meinung, dass die richtigen Sachen immer zur richtigen Zeit geschehen. Nachdem, was ich so erlebt hab, kann ich ihm da nur beipflichten. Und das betrifft auch das Vergessen und das Erinnern. Beides hat eben seine Zeit.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Wenn ich von Vergessen spreche, dann meine ich nicht so was wie: Wo hab ich bloß meine Zigarette abgelegt? Und dann sucht man und man sucht, und was man am Ende findet, ist ein neues Brandloch im Teppich. Das ist nur Zerstreutheit. (Glaub mir, ich weiß, wovon ich spreche.) Was ich eigentlich meine, ist aber eine ganz andere Art von Vergessen: Manchmal MUSS man Dinge vergessen. Wenn einem was Schreckliches zustößt; oder wenn etwas so Merkwürdiges geschieht, dass man es nicht glauben kann. Oder beides zusammen.

Das Dumme ist nur: Die Sache selbst verschwindet nicht dadurch, dass man sie vergisst. Man hat sie nur in den Keller gesperrt und da bleibt sie vielleicht auch ein paar Jahre und rührt sich nicht. Aber irgendwann fängt sie an, die Kellertreppe hochzukriechen. Natürlich kann man versuchen, die Schritte auf den Stufen zu überhören, aber auf die Dauer ist das nicht sonderlich gesund — und bringt einen nicht weiter. Ich weiß, das ist Küchenpsychologie und irgend so ein superschlauer Psycho-Freud könnte dir das mit vielen Fachausdrücken sicher viel besser erklären — aber ich glaube, du verstehst schon, was ich meine. Irgendwann klopft es so laut an die Kellertür, dass man sowieso nicht mehr weghören kann.

Dann ist es höchste Eisenbahn, sich zu erinnern.

Wichtig ist aber auch, wie man es tut. Es muss ganz langsam gehen, Stück für Stück. Sonst kann es dir glatt passieren, dass du davon umgehauen wirst.

Ich vergesse zwar manchmal, was ich sagen wollte oder wo ich meine Fluppe abgelegt hab, aber mein Langzeitgedächtnis ist ein echtes Schätzchen. Ich kann mich an all das erinnern, was damals passiert ist. In dem verregneten Sommer, 1963.

Ich könnte dir alles haarklein erzählen – doch das ist eben nicht Sinn der Sache. Hier geht es nicht um meine Erinnerung, sondern um deine. Alles, was ich tun kann, ist dir ein bisschen auf die Sprünge zu helfen. Also, halt die Augen und Ohren auf. Und die Nasenlöcher auch.

Die richtigen Dinge finden sich zur richtigen Zeit!

(Das wirst du wohl nicht ernsthaft in Zweifel ziehen, wo du gerade diesen Brief in deiner Hand hältst.)

Siehst du?

Und denk dran: langsam. Stück für Stück.

Dein Freund Carlo

PS: Fast hätt ich es vergessen: Der Bekannte, den ich vorhin erwähnte, hat mir versprochen, dich bei Gelegenheit mal zu besuchen. — Keine Angst, der klingelt nicht an der Tür.

PPS: Vorsicht mit der Dusche! Das verdammte Wasser macht, was es will.

PPPS: Vielleicht sollte ich deinem Gedächtnis ja einen kleinen Schubs geben. Schließlich braucht jede Geschichte einen Anfang. Du weißt schon, so was wie »Es war einmal...«. Aber in deinem Fall müsste es schon was Spezielleres sein. Also ... vielleicht versuchst du es mal hiermit: Alles begann mit dem Regen.

Ich ließ mich in einen der altersschwachen Sessel fallen; sofort hüllte mich eine dichte Staubwolke ein.

Dieser Brief war mit Sicherheit das Merkwürdigste unter all den merkwürdigen Dingen, die mir in den letzten Tagen begegnet waren. Eigentlich konnte es ihn gar nicht geben. Ein Brief, den mir ein Toter geschrieben hatte und über den ich zufällig gestolpert war, weil zufällig eine Schublade auf den Boden gekracht war und ich zufällig einen Bücherstapel umgestoßen hatte.

Die richtigen Dinge finden sich zur richtigen Zeit!

Du bist hier, um dich zu erinnern.

Damals in dem verregneten Sommer, 1963 ...

Ich sah aus dem Fenster und blickte auf die Bäume hinter Linnerts Haus. Der Regen war wieder stärker geworden, die Tropfen klatschten in immer kürzeren Abständen gegen die Scheibe, liefen an dem Glas herunter und hinterließen ihre nassen Spuren, hinter denen der Wald langsam verschwamm.

Alles begann mit dem Regen ...

2. Kapitel

1963

»Gottverdammter Regen!«

Für einen Mann, der den größten Teil seiner Zeit in Kirchen verbrachte, besaß mein Vater ein bemerkenswertes Repertoire an Flüchen. Er saß so weit nach vorne gebeugt, dass seine Nase fast an die Windschutzscheibe des Käfers stieß, und umklammerte das Lenkrad, als wäre es ein Rettungsring.

Die ganze Welt schien nur noch aus Wasser zu bestehen. Der Wolkenbruch war völlig unvermittelt gekommen. Es war erst früher Nachmittag, aber von einer Sekunde auf die andere wurde es so dunkel, dass Vater die Scheinwerfer einschalten musste. Der grüne VW schob sich mühsam die Serpentinenstraße hoch, wie ein brummendes, schwerfälliges Insekt, das sich in der Dunkelheit verirrt hatte. Die abgefahrenen Reifen schwammen auf der nassen Straße; die Scheibenwischer taten, was sie konnten, aber sie hatten keine Chance gegen die Regenmassen. Selbst ein geübter Fahrer hätte, auf dieser Straße und bei diesem Wetter, Schwierigkeiten gehabt.

Vater war ein katastrophaler Fahrer. Im Normalfall vermied er es, sich ans Steuer zu setzen. Autofahren gehörte zu den praktischen Dingen des Lebens, für die meine Mutter zuständig war.

»Papa, pass auf!«

Der Wagen brach aus, schlitterte über die nasse Fahrbahn und rutschte auf die Leitplanke zu. Dahinter ging es steil nach unten. Vater trat auf die Bremse und kurbelte hektisch am Steuer. Der VW schleuderte nach links, drehte sich einmal um die eigene Achse und nur mit viel Glück kamen wir, quer auf der Fahrbahn, zum Stehen. Der Motor gab ein letztes Tuckern von sich, dann ging er aus.

»Musst du hier so rumbrüllen?«, fuhr Vater mich an.

Normalerweise war er ein ganz ruhiger Vertreter seiner Art. Der einsilbige Typ, mit dem man gut auskam, solange man nichts von ihm wollte. Aber wenn etwas von ihm verlangt wurde, dem er sich nicht gewachsen fühlte, wie einzukaufen, eine Steuererklärung abzugeben oder ein Fahrzeug zu lenken, konnte er sehr schnell gereizt werden. Er wischte sich über die Stirn und atmete durch. »Tut mir leid, Junge, ich habe mich einfach nur erschrocken. Geht es dir gut?«

»Alles in Ordnung, mir ist nichts passiert.«

Er versuchte, den Wagen zu starten. Seine Beine waren viel zu lang für den Fahrerraum. Er war ein großer, dünner Mann mit einer Vorliebe für weite, bequeme Cordanzüge, die sackartig an ihm herunterhingen, was ihm, aus der Ferne betrachtet, das Aussehen einer Vogelscheuche verlieh.

»Keine Angst, ich kriege das schon hin. ‒ Ich kriege das hin«, wiederholte er mit zittriger Stimme. Es klang nicht besonders überzeugt.

Nach mehreren Versuchen gelang es ihm aber tatsächlich, den Wagen in Bewegung zu setzen, und der altersschwache Käfer nahm seinen Kampf gegen den Regen wieder auf. Die Bäume zu beiden Seiten der Straße waren so gewaltig, dass ihre Kronen über der Fahrbahn ein Dach bildeten, das nichts durchließ außer dem Regen. Als würde man durch einen langen dunklen Tunnel fahren.

»Ist mit dem Werkzeug alles in Ordnung?«, fragte Vater.

Vielleicht täuschte ich mich, aber ich hatte den Eindruck, dass seine Stimme eine Spur besorgter klang als vorhin, als er nach meinem Wohlergehen gefragt hatte. Ich sah auf den Rücksitz: Da lagen die guten Stücke, unversehrt. Vater war Steinmetz und Steinbildhauer und unter keinen Umständen hätte er seine Werkzeuge aus der Hand gegeben, geschweige denn einer Umzugsspedition anvertraut. Unzählige Male hatte ich mir Erklärungen über die Funktion und Beschaffenheit der Werkzeuge anhören müssen und konnte ihre Namen mittlerweile im Schlaf runterbeten: Da gab es den Fäustel (was meiner Meinung nach nur ein besseres Wort für Hammer war), Knüpfel — ebenfalls Schlagwerkzeuge, mit runden Holzköpfen —, den Reduktionszirkel, verschiedene Meißel mit so klangvollen Namen wie Schrifteisen oder Hundezahn und — nicht zu vergessen — das Punktiergerät, die Perle seiner Sammlung. Alles war etwas durcheinander gerutscht, ansonsten aber heil geblieben.

»Gott sei Dank!« Er klang aufrichtig erleichtert.

Steinbildhauer war viel mehr als nur sein Beruf, es war eine Berufung, in der er völlig aufging. Er hatte sich auf Kirchenrestaurierungen spezialisiert, wäre aber nie auf die Idee gekommen, sich niederzulassen und einen Betrieb zu gründen, um sein Geld zu verdienen.

»Man muss eine Arbeit gerne tun. Wenn sie nicht von Herzen kommt, dann sollte man es lassen«, wiederholte er stur, wenn meine Mutter aufgrund einer der regelmäßig auftretenden Flauten in unserer Haushaltskasse wieder einmal kurz vor einem Nervenzusammenbruch stand. Er überhörte ihre Vorhaltungen und Gängeleien und nahm keine Arbeit an, die ihm nicht zusagte. Erfuhr er aber von einer geplanten Kirchenrestaurierung, die ihn interessierte, tat er alles, um an den Auftrag zu gelangen. Auch wenn das bedeutete, einmal quer durch die Republik zu fahren. Wir reisten seiner Arbeit hinterher und blieben selten länger als zwei Jahre an einem Ort. Dann hieß es wieder: Koffer packen und auf zur nächsten Kirche, die darauf wartete, unter den Händen meines Vaters neuen Glanz zu gewinnen. Und so war es auch diesmal: der dritte Umzug in fünf Jahren.

Der Käfer kletterte die Straße immer höher hinauf und ich musste schlucken, um den Druck aus den Ohren zu bekommen. Direkt hinter einer Rechtskurve hatte der Regen Erdreich auf die Fahrbahn geschwemmt. Der Wagen holperte über einen Stein und es tat einen Schlag, aber diesmal schaffte es Vater, ihn in der Spur zu halten.

»Ich bin um zwei Uhr mit Pfarrer Unterheiden verabredet, aber das kann ich wohl vergessen«, meckerte er. »Was macht das für einen Eindruck, wenn ich direkt am ersten Tag zu spät komme?« Er schlug auf das Lenkrad. »Himmel Herrgott nochmal! Muss das ausgerechnet heute so schütten?« Es folgte eine ganze Reihe äußerst unchristlicher Verwünschungen, bevor er sich allmählich wieder beruhigte. »Ach, und wegen unseres kleinen Beinah-Unfalls vorhin: Das bleibt unter uns, es ist ja nichts passiert. Du kennst deine Mutter, die regt sich nur unnötig auf.«

»Von mir erfährt sie nichts.«

Meine Mutter war schon vor drei Tagen mit den Möbelpackern vorgefahren, damit »meine Männer es gemütlich haben, wenn sie ankommen«. Das bedeutete nichts anderes, als dass jede Topfpflanze, jedes Möbelstück und jede Nippesfigur genau dort stehen würde, wo sie ihrer Meinung nach zu stehen hatte.

Vater und ich waren erst in der vergangenen Nacht losgefahren. Ich hatte den letzten Schultag und die Zeugnisvergabe abwarten müssen.

Jetzt lagen sechs Wochen Sommerferien vor mir, in Erzbach, einem winzigen Dorf, von dem ich bis vor wenigen Tagen noch nie gehört hatte. Ich war alles andere als begeistert gewesen, als ich erfahren hatte, dass wir aufs Land ziehen würden. Nach den Ferien sollte ich auf das Gymnasium in Beerburg, der nächstgrößeren Stadt, gehen, aber bis zum Schuljahresbeginn blieb ich erst mal mir selbst überlassen. Sechs Wochen Langeweile.

Der Käfer keuchte eine letzte Anhöhe hoch, dann wurde die Straße eben. Ich schluckte noch einmal.

»Sieht so aus, als hätten wir es hinter uns.« Vater quälte sich ein Lächeln ab.

»Halt bitte mal kurz an, Papa. Ich muss schon seit einer halben Stunde pinkeln.«

»Och, Junge! Muss das denn jetzt sein?«

»Wir kommen sowieso zu spät, da ist es doch wohl egal.«

»Das kommt nur von dieser braunen Plörre, die du ständig in dich reinschüttest.«

»Papa, das letzte Mal habe ich heute Morgen was getrunken. Halt jetzt bitte an, es ist dringend.«

»Schon gut ... ist ja schon gut. Beeil dich!«

Er stoppte den Wagen und ich sprang zwischen die Bäume.

Nachdem ich mich erleichtert hatte, blickte ich mich um: Ein Stück weiter die Straße hinauf endete der Wald. Auf einer kleinen Hochebene lagen Felder und Wiesen, dahinter erhoben sich wieder baumbewachsene Hügel, zu deren Füßen sich eine kleine, unscheinbare Ortschaft drängte. Durch den Regenvorhang hindurch sah ich zum ersten Mal die roten Dächer von Erzbach.

Eine kurze, aufsteigende Melodie, mehrmals hintereinander. Gefolgt von einem Triller, der jedes Mal in einem erbarmungswürdigen Fiepen endete. Irgendjemand übte Querflöte.

Wir standen vor der Tür des Pfarrhauses, einem alten, mit wildem Wein bewachsenen Gemäuer. Auf unser erstes Klingeln hatte niemand reagiert. Vater drückte den Knopf noch einmal. Diesmal brach das Flötenspiel ab, und ich hörte Schritte im Flur. Die Tür öffnete sich.

»Ja, bitte?«

Im ersten Moment dachte ich, ich hätte ein Kind vor mir. Die blonde Frau, die in einem hellen Sommerkleid vor uns stand, war so klein, dass sie den Arm ausstrecken musste, um an die Klinke zu gelangen. Vater starrte sie mit offenem Mund an und brachte keinen Ton heraus.

Die Frau lächelte. »Sie müssen Herr Klinger sein.«

»Ja, ich bin Georg Klinger und das ist mein Lukas, ich meine ... mein Sohn ... also ... mein Sohn Lukas. Wir haben uns leider etwas verspätet.«

Sie streckte uns die Hand entgegen. »Ich bin Maria Unterheiden. Schön, dass Sie gut angekommen sind. Und wegen der Verspätung müssen Sie sich keine Sorgen machen. Meinem Mann ist leider auch etwas dazwischengekommen: eine Beerdigung; ein Mitglied des Gemeinderats.« Sie zuckte mit den Schultern. »So etwas kann man ja leider nicht voraussehen. Aber anschließend nimmt er sich natürlich Zeit für Sie. Sie können gerne hereinkommen und hier warten. Vielleicht möchten Sie einen Tee ‒ und vielleicht eine Cola für dich, Lukas?«

»Ach nein, danke, nicht nötig«, sagte Vater hastig.

»Wenn es möglich ist, würden wir uns gerne schon einmal die Kirche ansehen.«

Wir? Ich hätte mit Sicherheit für die Cola gestimmt.

»Natürlich, das ist kein Problem.« Sie nahm einen Schlüssel vom Schlüsselbrett. »Der ist für den Nebeneingang. Einmal um die Kirche herum. Folgen Sie einfach den Steinplatten.«

Gezwungenermaßen hatte ich im Alter von siebzehn Jahren schon mehr Kirchen gesehen als manch anderer in seinem ganzen Leben, aber die Faszination, die sie auf meinen Vater ausübten, hatte ich nie verstehen können. Die meisten Kirchen mochte ich nicht. Ich fand sie protzig, manchmal auch einschüchternd oder einfach nur kitschig.

Aber diese hier gefiel mir. Das alte Bruchsteingemäuer — »spätromanisch«, klärte Vater mich auf — wirkte bescheiden und fügte sich harmonisch in die Landschaft ein. Die Kirche stand am Rand des Dorfes, direkt dahinter war eine Pferdeweide. Eine einfache, kleine Landkirche. Auffallend waren nur die bunten Bleiglasfenster, die überraschend modern aussahen. Auf den Fensterflächen waren Begebenheiten aus der Bibel dargestellt,

allerdings in sehr abstrakter Form. Etwas Vergleichbares hatte ich noch nie gesehen.

»Die Fenster sind ganz neu«, erklang Vaters Stimme hinter mir. »Die alten sind im Krieg zerstört worden und das Presbyterium hat einen modernen Künstler damit beauftragt, neue zu entwerfen. Herr Unterheiden hat mir am Telefon davon erzählt. Ein interessanter Kontrast; ungewöhnlich, aber sehr gelungen, würde ich sagen.« Er schloss die Tür auf.

»Ahm, ich sehe mich noch ein bisschen hier draußen um«, sagte ich.

»Bei dem Regen?«

»Ich finde, es hat schon nachgelassen.« Ich gab dem Regen bei Weitem den Vorzug vor einem von Vaters endlosen Vorträgen über Kreuzrippengewölbe, romanische Rundbögen oder frühgotische Klausen.

»Wie du meinst.« Er verschwand in der Kirche.

Ein Stück rechts vom Haupteingang stand eine große Linde, deren riesige Krone bis über den Garten des Pfarrhauses ragte. Ich warf einen Blick über die Hecke. Zwischen Gartenzwergen und einer umgestürzten Schubkarre lief ein einsames, aufgeregt gackerndes Huhn durch den Regen. Ein paar Schritte weiter, um die Kirche herum, stand eine niedrige Mauer, über die ich hinab auf den Friedhof blicken konnte. Eine Allee mit alten Lindenbäumen lief zwischen den Grabreihen hindurch und endete an einem schmucklosen kleinen Gebäude mit flachem Dach. Davor stand eine Traube schwarz gekleideter Menschen.

Ich wollte mich gerade wieder abwenden, als sich die Tür öffnete. Die Menschenmenge bildete eine Gasse, durch die sechs Männer einen Sarg über die Friedhofsallee trugen. Der Pfarrer schritt hinter ihnen her. Die Trauergemeinde schloss sich an; ein Dach aus schwarzen Schirmen, das sich langsam durch den Regen bewegte. Bei jedem Schritt, den die Sargträger machten, spritzte Matsch auf und landete auf ihren dunklen Hosenumschlägen. Der Trauerzug verließ die Allee, bog ab auf einen der schmalen Pfade zwischen den Gräbern und kam in meine Richtung. Ich blickte nach unten und bemerkte, dass genau vor mir, am Fuß der Mauer, ein frisches Grab ausgehoben war. Der Gedanke, Zaungast bei der Beerdigung eines Unbekannten zu sein, war mir zwar etwas peinlich, aber die Alternative wäre einer der kunsthistorischen Exkurse meines Vaters gewesen. Leise trat ich hinter einen Busch und beobachtete das Geschehen durch die Zweige hindurch.

Die Trauernden versammelten sich um das Grab, während Pfarrer Unterheiden, ein Mann mit kurzen, krausen Locken und einer Hakennase, an der Kopfseite Aufstellung nahm.

»Wir haben uns heute zusammengefunden, um Abschied zu nehmen von unserem Bruder Friedrich Roeder, der in seinem sechsundvierzigsten Lebensjahr von Gott, dem Herrn abberufen wurde. Sein Tod kam für uns plötzlich und unerwartet und lässt uns in Trauer und Ratlosigkeit zurück. Wir fragen: Warum? Vielen von uns mag es erscheinen, als sei Friedrich Roeder vor der Zeit gegangen. Aber Gottes Wege sind geheimnisvoll und unergründlich und seine Wege sind nicht unsere Wege.« Der Pfarrer sprach so langsam, als hätte er es darauf angelegt, die Gemeinde in Tiefschlaf zu versetzen. »Mit Friedrich Roeder haben wir einen geliebten Sohn verloren ...« — eine gebrechliche Frau, die von zwei Männern gestützt wurde, schluchzte auf und presste ein Taschentuch vor den Mund — »... einen guten, verlässlichen Freund ...« – zustimmendes Kopfnicken bei etlichen der Trauergäste –, »... aber noch weit mehr als das ...«

In diesem Moment nahm ich eine Bewegung hinter einer der Linden wahr. Ich war nicht der einzige heimliche Beobachter dieser Zeremonie!

Im Rücken der Trauernden, halb verborgen hinter einem Baumstamm, stand eine Frau in einem dünnen Sommermantel. Sie hatte hagere Gesichtszüge, ihr nasses Haar war dicht an den Kopf geklatscht. Auf einer spitzen Nase saß ein eckiges Kassengestell mit dicken Gläsern. Die Frau zog ein Päckchen aus der Manteltasche, fingerte eine Zigarette heraus und versuchte sie anzuzünden. Erst im dritten Anlauf leuchtete die Flamme des Feuerzeugs auf und ich sah neben dem Baum eine kleine Rauchwolke in die Luft steigen.

Die Stimme des Pfarrers schallte durch den Regen: »Friedrich Roeder war auch ein Mensch der Tat. Viele Jahre hat er als Mitglied des Presbyteriums und des Gemeinderates die Geschicke unseres Dorfes mitbestimmt. Und als der Apotheker unseres kleinen Ortes half er Leiden zu lindern und stand jenen, die Rat suchend zu ihm kamen, zur Seite. Vielleicht hilft es uns in unserer Trauer, wenn wir uns an eine Begegnung erinnern, die wir mit dem Verstorbenen hatten. Wenn wir uns daran erinnern, was für ein Mensch er war. Mögest du in Frieden ruhen, Friedrich Roeder.«

Die Frau hinter dem Baum stieß Zigarettenrauch aus der Nase.

Die Träger traten an das Grab und ließen den Sarg langsam in die Erde gleiten.

Pfarrer Unterheiden faltete die Hände. »Der treue und barmherzige Gott möge dich durch seine Engel geleiten in das Reich, da seine Auserwählten ihn ewiglich preisen. Amen.«

»Amen«, echote die Gemeinde.

Die Frau mit der Brille warf ihre Zigarette auf den Boden und trat sie mit der Schuhspitze in die aufgeweichte Erde. Ich beugte mich vor, um bessere Sicht zu haben, und übersah dabei einen am Boden liegenden Ast. Es gab ein lautes Knacken. Sie sah auf, entdeckte mich und warf mir einen giftigen Blick zu. Ich ging, so schnell ich konnte, hinter der Mauer in Deckung und kroch geduckt ein paar Meter weiter. Als ich mich wieder traute, einen Blick zu riskieren, erkannte ich gerade noch, wie der Zipfel ihres Mantels hinter einer Mauerecke verschwand.

Die Trauergäste traten, einer nach dem anderen, an das Grab, nahmen Erde aus einer Schale und warfen sie auf den Sarg.

Langsam entfernte ich mich von dem Friedhof, während der Regen das Geräusch der Erde, die auf das Holz traf, allmählich verschluckte.

»Lieber Herr Klinger, ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr es mich freut, dass wir gerade Sie für diese Aufgabe gewinnen konnten.«

Johannes Unterheiden war ein Sprach-Chamäleon. Der einschläfernde Ton, den er während der Beerdigung angeschlagen hatte, war verschwunden. Der Pfarrer sprach jetzt doppelt so schnell und wirkte regelrecht aufgekratzt, als er meinen Vater vor dem Haupteingang der Kirche begrüßte. Seine Augen glänzten. »Seit Jahren verfolge ich Ihr Schaffen und ich muss gestehen, dass ich ein großer Bewunderer Ihrer Arbeit bin. Ihnen gelingt es, die Dinge wieder zum Leben zu erwecken. Alles, was Ihre Hände berührt und geformt haben, strahlt wieder seinen ursprünglichen, ureigenen Geist aus. Ja, Sie sind ein wahrer Meister, Herr Klinger. Und Ihnen jetzt hier Auge in Auge gegenüberzustehen — mir fehlen die Worte. Ich verehre Ihre Arbeit! Ich verehre Sie!«

»Ja ... also ... vielen Dank«, stotterte Vater.

Unterheiden trat einen Schritt auf ihn zu. »Oh, denken Sie bitte nicht, dies sei nur die laienhafte Meinung eines unbedarften Landpfarrers.« Seine Wangen färbten sich rot. »Schon als kleines Kind hat mich die Schönheit sakraler Bauten fasziniert und während des Theologiestudiums habe ich nebenher begonnen, mich mit Kunstgeschichte und verschiedenen Aspekten der Kirchenrestaurierung zu beschäftigen. Wenn Sie so wollen: Gottes Wort zu verkünden ist meine Berufung, aber Gottes Haus zu bewundern, meine geheime Lust.« Er lachte wiehernd und zeigte dabei ein gelbes Pferdegebiss. »Leider waren einige meiner Vorgänger wenig fachkundig, was die Restaurierungen an der Kirche betraf. Aber nun bin ich von großer Zuversicht erfüllt: Gemeinsam, lieber Herr Klinger, wird es uns beiden gelingen, den ursprünglichen Geist dieses Gotteshauses wieder zu beleben.« Er legte den Kopf schief und betrachtete Vater versonnen. »Ach, Sie ahnen nicht, wie sehr ich mich auf die

vielen, vielen gewiss sehr interessanten und aufschlussreichen Stunden mit Ihnen freue.«

Vater versuchte tapfer, nicht vor Stolz zu platzen.

Das konnte ja lustig werden, fehlte nur noch, dass er sich dadurch zu einer seiner gefürchteten Dia-Vorführungen hinreißen ließ, zu denen Mutter und ich regelmäßig zwangsverpflichtet wurden.

»Wissen Sie eigentlich ...«, begann er.

Oh, nein! Bitte nicht!

»... dass ich mehr als zweitausend Dias mit Ansichten von den schönsten Kirchen Europas habe? Die sollten Sie sich unbedingt ansehen!«

Ich sah mich bereits auf unserem Sofa sitzen, eingezwängt zwischen meinen Eltern und den Unterheidens. Ich würde verzweifelt mit Gähnanfällen kämpfen und dabei auf weich gewordenen Salzstangen herumkauen. Schon die Vorstellung war grauenerregend!

»Fantastisch! Das ist ja fantastisch. Ich kann es kaum erwarten!« Der Pfarrer war ganz aus dem Häuschen. Er legte seine Hände auf Vaters Schultern. »Wollen wir uns nicht gemeinsam den Turm ansehen? Jetzt gleich? Ich würde Ihnen so gerne die Glocken zeigen.«

»Das klingt verlockend, aber vielleicht ein anderes Mal, wenn wir mehr Zeit füreinander haben. Ich fürchte, meine Frau wartet schon auf Lukas und mich.«

»Ach, natürlich. Wie selbstsüchtig von mir. Dabei werden wir doch in Zukunft noch so viel Zeit miteinander verbringen.«

Ich trottete hinter den beiden her, in Richtung des Pfarrhauses, wo Vater den Wagen abgestellt hatte. Plötzlich fasste Unterheiden ihn am Arm. »Wenn Sie mir doch noch einen kurzen Moment Ihrer Zeit schenken mögen? Ich würde Ihnen gerne die beiden Herren dort vorstellen.«

Unter dem Blätterdach der großen Linde hatten zwei Männer vor dem Regen Zuflucht gesucht. Es waren diejenigen, die während der Beerdigung die Mutter des Toten gestützt hatten.

Der eine, ein Kleiner mit gedrungenem Körperbau und rotem Gesicht, gestikulierte wild mit den Armen und redete ununterbrochen auf den anderen ein. Dieser, ein großer Mann mit kurzem, grauem Haar und militärisch straffer Haltung, zeigte keine Regung und gab nur gelegentlich eine knappe Erwiderung. Als wir näherkamen, verstummten sie.

»Darf ich Ihnen Herrn Bohsdorf vorstellen«, sagte Unterheiden und deutete auf den Grauhaarigen.

Dem Mann, der eben noch ganz mürrisch geblickt hatte, schnellte ein professionelles Lächeln ins Gesicht. Mit beiden Händen umfasste er Vaters ausgestreckte Rechte.

»Herr Klinger, nehme ich an? Willkommen in Erzbach.« Mich übersah er.

»Herr Bohsdorf ist mittelständischer Unternehmer, Besitzer einer Papierfabrik«, erläuterte Pfarrer Unterheiden. »Wir alle hier sind ihm zu großem Dank verpflichtet. Allein hätte die Gemeinde niemals die Mittel für die Restaurierung der Kirche aufbringen können. Erst eine großzügige Spende von Herrn Bohsdorf hat all das möglich gemacht.«

»Da sollte ich mich wohl auch bei Ihnen bedanken«, sagte Vater.

Bohsdorf winkte ab. »Für mich war es selbstverständlich, das zu tun. Sehen Sie — ich lebe erst seit wenigen Jahren hier, aber ich habe die Vorzüge einer kleinen Dorfgemeinschaft schätzen gelernt und ich empfinde eine starke Verantwortung für die Menschen an diesem Ort. Ich sehe es als meine Verpflichtung an, zu helfen. Jeder der Menschen hier bringt sich mit seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten ein, zum Wohle aller. Wie könnte ich da zurückstehen? Nur so funktioniert das Leben in einer kleinen Gemeinde: Alle müssen an einem Strang ziehen. Und das tun wir hier in Erzbach. — Alle!«

»Na, zumindest fast alle«, meldete sich der kleinere mit hoher Stimme zu Wort. »Ein paar Spinner und Quertreiber hast du halt überall. Da machst du nix dran. Aber davon darf man sich das Leben net vermiesen lassen. Oder?« Überschwänglich schüttelte er Vaters Hand. »Alwin Niederscheid. Oder einfach der ›Rote Alwin‹, so sagen alle hier im Dorf. Wegen der Haare, he, he. Verstehen Sie?« Er deutete auf einen dünnen, rötlichen Haarkranz an seinem Hinterkopf.

»Herr Niederscheid ist ebenfalls eine Stütze unserer Gemeinde«, sagte Unterheiden. »Mitglied im Gemeinderat und im Presbyterium. Genau wie der so tragisch verstorbene Herr Roeder, dem wir heute das letzte Geleit gegeben haben.«

»Der Tote war ein Freund von Ihnen?«, erkundigte sich Vater in angemessen betroffenem Ton.

»Ach ja, der Friederich«, seufzte Niederscheid. »Ein Drama ist das. Da sieht man, wie es gehen kann. Eben war er noch putzmunter und dann, aus heiterem Himmel: Rums! Weg! Dabei war er immer lustig und so gesellig und ...«

»Ich glaube nicht, dass Herr Klinger an diesen Details interessiert ist, Alwin.« Bohsdorf lächelte ein dünnes Bleistiftlächeln. »Er hat ihn ja nicht gekannt.«

»Ja, sicher. Stimmt auch wieder. Wo du recht hast, hast du recht, Werner. Und das ganze Lamentieren bringt am End ja auch nix: Tot ist tot. Vorbei ist vorbei. Weg ist weg. Da machst du einfach nix dran. Ist eben so. Oder, Werner?«

Bohsdorf zog eine Augenbraue hoch und bedachte Niederscheid mit einem Blick, den man sich normalerweise für Fälle unheilbarer Geisteskrankheit aufhebt. Dann wandte er sich wieder meinem Vater zu. »Ich hoffe, Sie leben sich schnell hier ein, Herr Klinger.« Er fuhr mit dem kleinen Finger über eine Narbe unter dem linken Auge. Zum ersten Mal schien er auch mich wahrzunehmen. »Sie ... und Ihre Familie.«

»Hier ist es«, rief ich. »Im Vogelsang 5. Wir sind da.«

Ein kleines, windschiefes Häuschen, davor ein Jägerzaun, an dem fast die Hälfte der Latten fehlte. Das blaue Schild neben der Tür war so verwittert, dass man die Hausnummer kaum erkennen konnte. Im Vogelsang war eine steile, ungepflasterte Straße am Rand des Erzbacher Oberdorfes.

Dass es überhaupt so etwas wie ein Ober- und ein Unterdorf gab, hatten wir von Pfarrer Unterheiden erfahren, als er uns den Weg zu unserem neuen Zuhause beschrieben hatte: »Sie müssen zuerst zurück auf die Serpentinenstraße, die führt östlich um die Ortschaft herum und endet dann im Oberdorf. Dort fahren Sie rechts in die Märkerstraße, dann noch einmal rechts und schon sind Sie da.

»Wären wir nicht schneller, wenn wir einfach durch das Dorf fahren würden?«, hatte Vater gefragt, aber Unterheiden hatte den Kopf geschüttelt.

»Sie müssen wissen, Erzbach besteht aus zwei Ortsteilen: dem Oberdorf, das ist der Teil des Dorfes, der in den Hang gebaut ist, und dem Unterdorf am Fuß des Hügels, da wo wir uns gerade befinden. Die einzige Verbindung zwischen den Ortsteilen ist eine lange Treppe, die Brunnentreppe. Die heißt so, weil sie im Oberdorf an einem Platz mit einem Brunnen beginnt — oder endet, je nachdem aus welchem Ortsteil man kommt. Nach dem Krieg gab es zwar Pläne, eine Straße zu bauen, aber die Erzbacher haben sich dagegen gewehrt. Sie wollten ihre Treppe behalten. Sie sehen, lieber Herr Klinger — es bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als um das Dorf herumzufahren.«

Unser neues Heim wirkte ziemlich mitgenommen. Die roten Dachziegel waren mit Moos bewachsen, aus der Regenrinne und auf dem Vordach über der Haustür wucherten Gräser.

Unter dem Vordach stand Mutter und sah zu, wie wir den Wagen ausluden. Sie trug eine violette Strickjacke und ihren vorwurfsvollsten Gesichtsausdruck.

»Da seid ihr ja endlich! Fast hätte ich die Hoffnung schon aufgegeben. Ich werde es nie verstehen, Georg: Immer brauchst du für alles doppelt so lange wie normale Menschen. Die ganze Arbeit hier im Haus macht sich doch auch nicht von selbst. Weißt du, wie ich in den letzten beiden Tagen geschuftet habe, nur damit ihr es hier nett habt?«

»Entschuldige, Mechthild, aber bei dem Wetter ging es nun mal nicht schneller.« Vater war mit einer schweren Werkzeugkiste bepackt und versuchte, sich an Mutter vorbei durch die Haustür zu schieben.

»Georg! Du willst doch wohl nicht mit den Schuhen ins Haus. Ist denn ein bisschen Rücksicht zu viel verlangt? Hast du die geringste Ahnung, wie lange ich hier geputzt habe?«

Mein Vater wusste, wann Widerstand zwecklos war. Gehorsam zog er die Schuhe aus.

»Und Lukas, komm mal her!«, befahl Mutter. »Du siehst ja verboten aus, was ist denn mit deinen Haaren?«

Irgendwas war immer mit meinen Haaren. Sie versuchte sie glatt zu streichen, aber ich drehte den Kopf weg.

»Mama, bitte ... lass doch mal.«

»Dann eben nicht. Von mir aus kannst du auch wie ein Wischmopp rumlaufen. Und jetzt kommt endlich rein, ich will mir hier nicht noch einen Zug holen. Ach, und Lukas, steck dir das Hemd in die Hose, wir sind ja hier nicht im Urwald.«

Kaum im Haus nahm sie Kurs auf eine Schiebetür.

»Jetzt guckt mal nicht so missmutig, ihr könnt einem wirklich alles verderben. Aber ich habe eine kleine Aufmunterung für euch. Also, aufgepasst! Überraschung!« Sie riss die Tür auf. »Na, was sagt ihr? Ist es nicht schön geworden?«

»Toll, Mama.«

»Ja, wirklich sehr schön, Mechthild«, nuschelte Vater.

Sofa, Sessel, Tisch, Schrank, sogar die Bilder an den Wänden: Alles im Wohnzimmer war genau so angeordnet wie in unserer vorherigen Wohnung und wie in der, die wir davor gehabt hatten, und wie in der davor auch.

»Ist doch mal was anderes«, sagte Mutter und schlug eine Falte in das Sofakissen. »Die Herren von der Spedition waren auch eine große Unterstützung, das muss ich sagen. So nette Männer und so hilfsbereit.«

Das konnte ich mir lebhaft vorstellen. Ich hatte schon mehrere Umzüge unter Mutters Oberkommando erlebt. Sie brachte es fertig, die Männer einen schweren, sperrigen Schrank in die zweite Etage schleppen zu lassen, nur um anschließend mit zuckersüßer Stimme zu verkünden: »Ach, meine Herren, wenn ich es mir recht überlege ... Ich glaube, unten in der Diele kommt er doch besser zur Geltung. Würde es Ihnen sehr viel ausmachen ...?«

Bei unserem letzten Umzug hatte sie die Möbelpacker stundenlang durchs Haus gescheucht, bevor sie ihnen mit großem Getue einen herzhaften Imbiss angeboten hatte. (»Den haben Sie sich ja jetzt verdient!«) Die Männer, die wohl auf eine Platte mit Schinkenbroten und eine Flasche Bier gehofft hatten, saßen kurz darauf auf unserem Sofa, kauten mit finsterem Blick auf trockenen Keksen herum und spülten verächtlich mit Hagebuttentee nach. Ich konnte sehen, wie die Halsschlagader des einen zuckte. Mutter hatte ihnen derweil, damenhaft lächelnd, gegenübergesessen und Konversation betrieben.

Kurzerhand schob sie Vater und mich wieder in den Flur.

»Sonst ist auch schon fast alles fertig. Außer deinem Arbeitszimmer, Georg. Da wurde mir der Zugang ja verboten.

Die Möbel in deinem Zimmer stehen auch schon, Lukas. Nur deine Kartons musst du selbst ausräumen, an den ganzen Plunder traue ich mich nicht ran. So und jetzt erstmal in die Küche, da habe ich ...«

»Mama, ich möchte erst mal meine Sachen einräumen.«

»Das muss doch wohl nicht unbedingt sofort sein!« Sie setzte ihren Entschuldige, dass ich dich geboren habe-Blick auf. »Georg, sag du doch mal was!«

»Lass uns doch erst mal richtig ankommen, Mechthild«, versuchte Vater sie zu beschwichtigen.

»Schön. Wie ihr wollt. In einer Stunde gibt es Kaffee und Kuchen. Falls ihr bis dahin ausgeruht genug seid.«

Und damit verschwand sie in der Küche.

Mein Zimmer lag im ersten Stock und war klein, aber gemütlich. Das Bett stand unter einer Schräge, der Schreibtisch direkt vor dem Fenster. Von dort aus sah man in einen zugewachsenen, verwilderten Garten. Das würde nicht lange so bleiben. Wenn Mutter erst mit den Pflanzen fertig war, würden sie alle in Reih und Glied stehen.

Nachdem ich mich geduscht und umgezogen hatte, begann ich die Umzugskisten auszuräumen. In zwei der Kartons war nur Kleidung, die ich hastig in den Schrank stopfte. Die dritte Kiste hatte weitaus größeren Wert für mich. Darin befanden sich meine Bücher, vor allem botanische Nachschlagewerke und Bildbände. Obenauf lag mein Herbarium. Es hatte die Reise unbeschadet überstanden, ebenso wie das Mikroskop, das seinen Platz auf dem Schreibtisch fand. Meine Botanisiertrommel schob ich unter das Bett.

Im letzten Karton waren die Sachen, die mir Onkel Ernst von seinen Reisen mitgebracht hatte. Er war der jüngere Bruder meines Vaters und fuhr zur See. Immer wenn er uns besuchte, hatte er ein Geschenk für mich dabei: eine schwarze, polierte Holzfigur aus Afrika, einen Bernstein mit einem eingeschlossenen Insekt darin, eine Handtrommel und, beim letzten Besuch, eine Taucherbrille mit Schnorchel, für die ich zwar keine Verwendung hatte, die mir aber trotzdem ausnehmend gut gefiel. Ich suchte gerade nach einem Platz für die Brille auf meinem Regal, als ich von unten aus der Diele die Stimmen meiner Eltern hörte. Ich öffnete die Zimmertür einen Spalt weit und lugte über das Treppengeländer.

»... aber das ist doch nicht wahr, Mechthild.«

»Hast du etwa nicht gehört, wie er mit mir spricht? Dabei war er früher so ein folgsamer, netter Junge. Und jetzt? Ständig ist er bockig. Und du bist daran schuld!«

»Was ... ich ... was ... wieso ich

»Natürlich du. Der Junge wäre bestimmt nicht so verstockt, wenn er mal ein paar nette, vernünftige Freunde hätte. Aber wie soll er Freundschaften schließen, wenn wir ständig umziehen. Du siehst doch, was dabei herauskommt: Er ist trotzig wie ein kleines Kind. Außerdem sollte er mal Sport treiben. Dauernd hat er die Nase in seinen Büchern oder hängt über seinem Mikroskop, er verweichlicht noch ganz. Jungs in dem Alter brauchen viel Bewegung.«

»Botanik ist nun mal sein Hobby.«

»Ach, sein Hobby. Welcher Siebzehnjährige interessiert sich denn für Blumen? Wenn du mich fragst: Normal ist das nicht. Und manchmal befürchte ich, dass er ...« Sie verstummte.

»Was denn?«, hakte Vater nach.

»Er ist doch eigentlich ein ganz gutaussehender Junge. Und in dem Alter sieht man doch auch schon mal den Mädchen hinterher.

Normalerweise. Aber er zeigt überhaupt kein Interesse.«

»Er ist eben noch nicht so weit. Außerdem kann ich mir nicht vorstellen, dass du begeistert wärst, wenn er mit einer kleinen Freundin auftauchen würde. Wart ab, das kommt schon noch früh genug.«

»Dein Wort in Gottes Ohr, Georg. Dein Wort in Gottes Ohr. Nicht, dass er am Ende noch so wird wie dein Bruder Ernst.« Sie schluchzte auf. »Ein Hundertfünfundsiebziger!«

»Ach, Mechthild, deine Sorgen hätte ich gerne.« Vater schnappte sich einen Karton und verschwand im Arbeitszimmer.

Meine Mutter konnte wirklich eine Plage sein. Ich wusste, was ein Hundertfünfundsiebziger war, dass es einen Paragraphen im Gesetzbuch gab, der Liebesbeziehungen zwischen Männern untersagte. Und ich wusste auch, dass Onkel Ernst ein Hundertfünfundsiebziger war — was im Übrigen nichts daran änderte, dass er mein Lieblingsonkel war. Aber was mich anging, lag Mutter mit ihrer Vermutung schief. Es war nur so, dass Mädchen mich immer völlig aus dem Konzept brachten. Normalerweise war ich nicht auf den Mund gefallen, aber wenn ich einem Mädchen gegenüberstand, fielen mir plötzlich die einfachsten Worte nicht mehr ein. Entweder ich begann idiotisches Zeug zu stammeln oder ich brachte überhaupt keinen Ton heraus. Außerdem war ich auch nicht ganz so zuversichtlich wie Mutter, was mein Aussehen betraf. Ich ähnelte meinem Vater, hatte die gleiche schmale Nase wie er, und die dunklen Augen hatte ich auch von ihm geerbt. Außerdem sein widerspenstiges braunes Haar, wobei ich mir nicht sicher war, ob das nun gut oder schlecht war. Aber ich war viel kleiner als Vater, fand mich zu dünn und nicht athletisch genug. Ich war sicher kein Mädchenschwarm.

Was die Sache mit den Freundschaften anging, lag Mutter allerdings nicht so verkehrt: Ich konnte ganz gut alleine sein und mich mit meinen Pflanzen und Büchern beschäftigen, doch natürlich wünschte ich mir Freunde. Leider war es aber wirklich so: Kaum hatte ich Freundschaften geschlossen, zogen wir schon wieder um. Ich kannte das mittlerweile: Meistens schrieb man sich noch ein oder zwei Mal, dann verlief die Sache im Sand. Das war auf die Dauer ziemlich niederschmetternd. Darum hatte ich mich in den letzten beiden Städten, in denen ich zur Schule gegangen war, von Beginn an von den anderen ferngehalten und gar nicht erst versucht, Freunde zu finden.

Und in diesem Kaff hier würde es sicher auch nicht von Gleichaltrigen wimmeln, die wild darauf waren, mich kennenzulernen.

Mutters Stimme klang immer noch ganz leidgeprüft, als sie uns zum Kaffee in die Küche rief.

Auf der Eckbank hinter dem Küchentisch lag ein Stapel Illustrierte. Ich schob die Zeitschriften zur Seite und setzte mich meinem Vater gegenüber an den Tisch.

Er stierte auf einen Punkt, irgendwo hinter meinem linken Ohr. »Um Gottes Willen, Mechthild, was ist das denn?«

Ich drehte mich um und erschauderte.

Auf der Fensterbank stand eine monströse Abscheulichkeit aus Metall. Das Ding sah aus wie ein großes, braunes Ei mit Warzen, das auf zwei winzigen Füßen ruhte. Auf dem Kopf des grausigen Dings saßen Metallstacheln und aus seiner Vorderseite ragte ein verdrehtes, mitleiderregendes Metallärmchen heraus.

»Ja, ich weiß«, sagte Mutter, »es ist entsetzlich. Aber wir müssen es noch eine Zeit lang da stehen lassen, es ist ein Geschenk.« Sie goss Kaffee ein. »Es ist von Herrn Linnert, unserem Vermieter. Er wohnt auch hier in der Straße, in so einem komischen Haus, weiter oben, hinter der Kurve. Er kam gestern hier vorbei und hat das als Begrüßungsgeschenk mitgebracht. Er behauptet, es wäre eine Skulptur und er hätte sie selbst gemacht. Welcher normale Mensch stellt sich so was denn in die Wohnung? Sowieso ein ganz komischer Kauz, dieser Herr Linnert.«

»Wieso?«, fragte Vater.

Mutter setzte sich zu uns an den Tisch. »Zuerst war es ganz nett. Wir haben ein bisschen geplaudert ‒ übrigens Lukas, er sammelt auch Pflanzen oder waren es Steine oder irgendwelche Tiere — ich habe nicht genau zugehört. Na, jedenfalls sagte er, du könntest gerne mal bei ihm vorbeikommen und dir das ansehen. Aber dann hat er den Käsekuchen gesehen, den ich für euch gebacken hatte, und er sagte, wie gut der doch aussehen würde. Da musste ich ihm ja was anbieten. Dann hat er nach einem zweiten Stück gefragt und einem dritten und dann hat er gar nicht mehr aufgehört zu essen. Deswegen gibt es jetzt für jeden von euch auch nur noch zwei Stückchen.« Sie sah betrübt zu dem traurigen Rest auf der Kuchenplatte. »Dazu hat er fast eine ganze Kanne Kaffee getrunken und dann fing er an zu reden und zu reden und hat überhaupt nicht mehr aufgehört. Ich bin gar nicht mehr zu Wort gekommen.«

Ich wusste nicht, wie Herr Linnert das geschafft hatte, aber er genoss meine uneingeschränkte Bewunderung.

»Und so vollkommen wirres Zeug, ich konnte ihm irgendwann nicht mehr folgen«, sagte Mutter kopfschüttelnd. »Und dann, auf einmal, saß er da und hat nichts mehr gesagt, hat nur die ganze Zeit aus dem Fenster geguckt und vor sich hin gesummt. Unheimlich war das. Ich war wirklich froh, als er endlich gegangen ist. Und nachdem er weg war, musste ich erst mal lüften.«

Sie setzte die Tasse so hart auf, dass der Kaffee auf die Tischdecke schwappte. »Der Mann riecht!«

Meine Mutter hielt nicht viel von der Privatsphäre anderer Menschen, im Besonderen nicht von meiner. Am frühen Morgen wurden die Vorhänge in meinem Zimmer aufgerissen. Ich blinzelte unter der Decke hervor und hätte mich am liebsten sofort wieder umgedreht. Der Himmel hing voll dunkler Wolken. Mutter stand, walkürengleich, vor dem Fenster und stemmte die Hände in die Hüften.

»Lang genug geschlafen. Steh jetzt auf. Du kannst mir gleich bei den Einkäufen helfen.«

»Es sind Ferien und es ist höchstens acht Uhr«, stöhnte ich.

»Vielleicht erfindet irgendwer ja auch mal Ferien für Mütter. Bis dahin ist es wohl nicht zu viel verlangt, mir gelegentlich zu helfen. Also komm schon und beeil dich, damit du vorher noch frühstücken kannst.«

Eine halbe Stunde später presste ich mich ängstlich in den Beifahrersitz des Käfers und war froh, auf das Frühstück verzichtet zu haben. Mein Vater fuhr (wenn er mal fuhr) ängstlich und unsicher und bremste gelegentlich ohne erkennbaren Grund auf freier Strecke. Das war anstrengend, aber nicht lebensgefährlich. Bei Mutter verhielt sich die Sache anders. Sie selbst bezeichnete ihren Fahrstil als »rasant, aber sicher«. Das traf den wahren Sachverhalt nur teilweise. Die Tachonadel schlug Kapriolen, als der Wagen über die Serpentinen ins Unterdorf jagte. Währenddessen redete Mutter ununterbrochen auf mich ein.

»Also, zuerst müssen wir zu Textil Grusche, da habe ich Stoff für die neuen Küchenvorhänge bestellt; ein ganz niedlicher kleiner Laden ist das. Und Herr Grusche ist so zuvorkommend. Dann ...«

»Bitte, schau doch auf die Straße, Mama!«

»Tue ich doch, Schatz, tue ich. Und dann ...« Der Wagen schleuderte in die nächste Kurve. »... Dann muss ich unbedingt ein paar Gartengeräte besorgen. Diesen Urwald hinter dem Haus kann man schließlich nicht so lassen. Du kannst die Sachen schon mal in den Wagen laden, während ich noch schnell im Kurzwarenladen vorbeischaue. Ich brauche neue Knöpfe für Papas Cordanzüge. Dauernd verliert dieser Mann seine Knöpfe. Ich möchte bloß mal wissen, wie er das anstellt.«

Sie trat das Gaspedal durch, der Wagen schoss in halsbrecherischem Tempo über die Dorfstraße. Ein Mops, der im Rinnstein schnüffelte, entging seinem vorzeitigen Tod nur dadurch, dass er im letzten Moment von seiner Besitzerin zurück auf den Bürgersteig gerissen wurde. Meine Mutter lächelte der Frau freundlich zu; eine Sekunde später legte sie vor dem Textilgeschäft eine Vollbremsung hin.

Der Stoff, den der zuvorkommende Herr Grusche bestellt hatte, war dann doch nicht der richtige.

»Eine Spur zu dunkel«, befand Mutter mit kritischem Blick. »Meinen Sie, Sie könnten ihn mir in einem ein ganz klein wenig helleren Ton besorgen? Ginge das? Oder macht das zu viele Umstände? Nicht? Ach, wie nett.«

Auch der Kauf der Gartengeräte verlief nicht ohne Probleme. Der Verkäufer in dem Eisenwarenladen war fast taub und Mutter musste ihre Bestellung über die Ladentheke hinweg brüllen. Schließlich bekamen wir aber das Gewünschte, und nachdem ich die Geräte verstaut hatte, setzte ich mich in den Wagen und wartete.

Mutter stand im Kurzwarenladen und jagte die Besitzerin, ein altes Tantchen, kreuz und quer durch das Geschäft.

Die Dorfstraße war allem Anschein nach der wirtschaftliche und gesellschaftliche Mittelpunkt von Erzbach. Neben den Läden, die wir bereits aufgesucht hatten, gab es hier das Friseurgeschäft U. Maischeid — Damen und Herren, eine Metzgerei (Dienstag: frische Fleischwurst), einen Schreibwarenladen und, direkt neben dem Kurzwarengeschäft, die Bäckerei Buschmann. Der Name stand auf der blau-rot gestreiften Markise, von der der Regen auf den Bürgersteig tropfte. Zwei träge Wespen krochen über die Puddingteilchen und Marzipanrollen im Schaufenster.

Vor der Verkaufstheke warteten drei Kundinnen. Alle drei trugen Hausschlappen und Kittelschürzen und hatten ihre Haare auf Lockenwickler gedreht. Die Verkäuferin war dabei, ein Brot aus dem Regal zu nehmen, als sie mitten in der Bewegung innehielt und aufgeregt zu gestikulieren begann. Wie auf Kommando drehten sich die Frauen gleichzeitig um und reckten die Köpfe.

Eine hagere Frau stakste über das nasse Kopfsteinpflaster. Sie hatte die Schultern eingezogen und blickte starr geradeaus, unter ihrem rechten Arm klemmte ein Geigenkasten: die Frau im Sommermantel, die ich auf der Beerdigung beobachtet hatte. Sie war genau auf der Höhe der Bäckerei, als sie auf den glitschigen Pflastersteinen wegrutschte, einen spitzen Schrei ausstieß, mit den Armen ruderte — und im nächsten Moment der Länge nach auf der Straße lag. Der Geigenkasten knallte aufs Pflaster. Sofort rappelte sie sich wieder auf. Als sie sich nach der Geige bückte, fiel ihr Blick in die Bäckerei. Augenblicklich wandten ihr die Frauen den Rücken zu. Die Hagere blinzelte wütend, presste die Lippen zusammen und stöckelte erhobenen Hauptes weiter.

Die Kittelschürzen drängten sich in die Ladentür und sahen ihr nach. Es gab eine lebhafte Diskussion, und erst als die Frau am Ende der Straße verschwand, beruhigten sie sich wieder.

Meine Mutter hatte im Kurzwarenladen offenbar immer noch nicht das Richtige gefunden. Die Verkäuferin erklomm eine Rollleiter und zog Schachteln aus dem obersten Fach des Ladenregals. Ihr Kopf war vor Anstrengung dunkelrot.

In diesem Moment schossen aus der Seitengasse neben der Metzgerei zwei Jungen um die Ecke. Einer groß und kräftig, der andere ein kleiner Schmächtiger.

»Die kriegen uns, die kriegen uns!« Die Stimme des Kleinen überschlug sich.

Der Große sah sich suchend um, dann deutete er auf unseren VW, und sie kamen auf den Wagen zu gerannt. Er klopfte an die Scheibe. »Ahoi, Seemann. Ich müsste dein Schiff mal kurzzeitig requirieren.»

»Was?«

Der Kleine hatte sich auf der Haube abgestützt und keuchte. Der Kräftige verdrehte die Augen. »Hör zu, Blödi, ich habe keine Zeit für lange Erklärungen. Mein asthmatischer Freund hier und ich — wir sind auf der Flucht. Wir werden verfolgt, weil wir der Sache der Gerechtigkeit dienen. Also, hättest du eventuell die Güte, uns zu helfen und uns für, sagen wir mal, fünf oder sechs Minuten vor den Mächten des Bösen zu verbergen?«

Ich warf einen Blick in den Kurzwarenladen. Mutter war mit der Verkäuferin in den Tiefen des Warenlagers verschwunden.

»Äh ... ja, na klar.« Ich sprang aus dem Wagen und schob den Beifahrersitz nach vorn. Sie krabbelten nach hinten und legten sich flach auf die Rückbank.

»Da liegt irgendwo eine Wolldecke, breitet die über euch aus.«

»Danke«, sagte der Große. »Und du hältst schön deine Finger bei dir, Filippo, und komm bloß nicht auf die Idee, einen fahren zu lassen.«

»Ja, ja«, wisperte der Kleine. »Jetzt mach schon, zieh die Decke über uns und halt die Klappe.«

Nicht eine Sekunde zu früh: Im nächsten Augenblick kam eine Gruppe Jugendlicher — es waren acht oder neun — aus der Gasse gestürmt. Sie blieben stehen und berieten sich. Ein schlankes Mädchen mit stark geschminkten Lippen und auftoupierten Haaren hatte anscheinend das Kommando und schickte die anderen in die schmalen Seitengassen und Hofeinfahrten. Aber einer nach dem anderen kam kopfschüttelnd zurück. Dann fiel ihr Blick auf den VW.

Die ganze Gruppe spazierte langsamen Schrittes in meine Richtung und blieb ein paar Meter entfernt vor dem Wagen stehen.

Nur ihre Anführerin kam näher und beugte sich zu meinem Fenster. »Hast du in den letzten Minuten zwei Jungs gesehen, so in unserem Alter? Einen mit einer viel zu großen Schnauze und seinen kleinen, ängstlichen Freund?«

»Nein, tut mir leid. Ich habe niemanden gesehen.«

»So, so.«

Sie ging um den Wagen herum und sah durch das Brezelfenster auf die Rückbank. Erschrocken registrierte ich, dass unter der Decke ein Paar Turnschuhe hervorlugten.

Das Mädchen kam wieder nach vorne. Sie richtete ihre grauen Augen auf mich. »Du hast also niemand gesehen. Und du bist dir da ganz sicher?«

Ich nickte.

»Wie bedauerlich.« Sie machte keine Anstalten, wieder zu gehen. »Hast du auch einen Namen, geheimnisvoller Fremder?«

»Ich bin Lukas Klinger.«

Sie drehte sich zu einem pummeligen Mädchen mit blonden

Locken und großen Kuhaugen um. »Magda, hast du mir nicht was von einem Klinger erzählt?«

Die Pummelige kicherte und schlug ihrem Freund, einem pickelgesichtigen Jungen, der sie ununterbrochen betatschte, auf die Finger. »Ja. Mein Vater hat es mir erzählt. Klinger heißt der Mann, der die Kirche neu macht.«

»Das ist mein Vater.«

»Dann bleibst du wohl länger hier. Was für eine angenehme Überraschung«, flötete die Auftoupierte. »Und ich hatte schon befürchtet, meine Ferien könnten langweilig werden.« Sie nahm ein kleines Etui aus der Tasche und zog ein dünnes Zigarillo heraus. »Hast du mal Feuer?«

»Ich rauche nicht.«

»Clemens! Feuer!«, rief sie in einem unangenehmen Befehlston.

Ein Junge, der aussah wie die männliche Version der Zigarillo-Raucherin, löste sich aus der Gruppe und zog ein Benzinfeuerzeug aus der Tasche.

Sie steckte den Kopf durchs Fenster und blies Rauch in den Innenraum. Ich wich zurück.

»Wie süß, du bist der schüchterne Typ. Keine Angst, ich beiße schon nicht — meistens jedenfalls.« Sie ließ ein kehliges Lachen hören. »Ich bin Claudia Obermann, und das ist mein Zwillingsbruder Clemens. Und das« — sie zeigte auf die Kuhäugige — »ist Magda Niederscheid. Und ihr neuer Freund ... Jürgen.«

»Jochen«, korrigierte sie der Pickelige mit heiserer Stimme.

»Oder Jochen. Von mir aus.« Sie brachte ihr Gesicht noch näher an meines. »Wir werden uns in nächster Zeit sicher noch öfter über den Weg laufen, das lässt sich in diesem Kaff gar nicht vermeiden. Das könnte interessant werden, Lukas. Kommt ganz drauf an.« Schon blies sie den nächsten Rauchkringel in den Wagen. »Ach, und sollten dir die beiden Galgenvögel doch noch über den Weg laufen, dann halte dich besser von ihnen fern. Wäre doch schade, wenn so ein hübscher Junge wie du in schlechte Gesellschaft geraten würde.« Sie sah zur Rückbank und lächelte. Dann nahm sie das Zigarillo aus dem Mund und schleuderte es auf die Wolldecke. »Bis bald, Lukas.« Sie drehte sich zu den anderen um. »Los, wir gehen!«

Vom Rücksitz her roch es verbrannt. Ich riss die Wolldecke hoch. »Kommt raus, sie sind weg.«

»Autsch«, schrie der Kleine, »Was ist das für ein Mist!« Er bekam das Zigarillo zu fassen und warf es aus dem Fenster.

Die Decke hatte ein Brandloch — das sollte Mutter besser nicht zu sehen bekommen. Ich ließ die Jungen aus dem Wagen und stopfte die Decke unter den Beifahrersitz.

»Würdet ihr mir jetzt mal erklären, was hier los ist? Was wollten die von euch?«

Die beiden grinsten sich an.

»Ist eine längere Geschichte«, sagte der Kräftige. »Vielen Dank für die Hilfe jedenfalls. Ich bin Robert Anhauser und der kleine Hosenscheißer hier ist Philipp Kornack.«

Robert gehörte zu der Sorte Jungs, die meine Mutter gerne als abschreckendes Beispiel ins Feld führte. Er trug Bluejeans, einen Ringelpulli und Turnschuhe und hatte massenhaft Brillantine im Haar. Wahrscheinlich führte er ansonsten eine kunstvolle Elvis-Tolle spazieren, aber der Regen hatte dafür gesorgt, dass ihm die Haare wild ins Gesicht hingen.

Philipp trug einen karierten Pullunder über einem kurzärmeligen Hemd und hatte unglaublich abstehende, rot leuchtende Ohren und einen Bürstenhaarschnitt. »Ein Glück, dass sie uns nicht gesehen hat«, sagte er. »Ich glaube, diesmal hätten wir ganz schön Prügel bezogen.«

»Mal ganz ehrlich, ich bin mir sicher, dass sie euch bemerkt hat. Eure Füße waren nicht zu übersehen. Ich habe damit gerechnet, dass sie euch jeden Moment von den anderen aus dem Wagen ziehen lässt.«

»Wahrscheinlich fand sie es interessanter, dich anzugraben«, sagte Robert und lachte. »Hörte sich so an, als wäre sie echt scharf auf dich, die schöne Claudia. Aber ich sollte dich warnen, mein Freund: Sie verspeist das Männchen unmittelbar nach der Paarung.« Er wandte sich an Philipp. »Was meinst du, Genosse? Der Mann hat Tapferkeit im Angesicht des Feindes gezeigt, eigentlich wäre er doch ein Kandidat für die Liga.«

»Für welche Liga?«, fragte ich.

»Die Erzbacher Liga für Gerechtigkeit, Bierkonsum und Rock’n’Roll«, kam es wie aus einem Mund.

»Ich interessiere mich nicht für Musik — und für Bier auch nicht besonders.«

»Das kriegen wir schon hin«, sagte Robert gönnerhaft.

»Ach ja? Und wer ist da sonst noch drin, in eurer Liga?«

»Bis jetzt nur wir beide«, hauchte Philipp und betrachtete intensiv seine Schuhspitzen.

»Ja, die Auswahl der Kandidaten ist eben sehr streng, aber in deinem Fall könnten wir eine Ausnahme machen. — Was meinst du, Philipp? Versuchen wir es mit ihm?«

»Na klar.«

Robert schlug mit der Hand auf das Wagendach. »Also, wie sieht es aus, Lukas? Bist du dabei?«

»Na schön, ich sehe mir die Sache mal an.«

»Gut, dann treffen wir uns morgen Nachmittag an der Deuwelsley.«

»Wo?«, fragte ich verdutzt.

»Ach, hab ich glatt vergessen. Du bist ja ein Stadthörnchen. Erklär du es ihm, Philipp.«

»Am besten kommst du morgen Mittag zu uns ins Geschäft«, sagte Philipp. »Feinkost Kornack, im Oberdorf, das ist der Laden meiner Mutter. Samstags schließen wir um zwölf, danach muss ich noch kurz den Laden ausfegen und dann können wir los.«

Robert tippte mit dem Finger an die Schläfe. »Dann also bis morgen. Bis dahin, gehab dich wohl, Kriegskamerad.«

Freitagabends hielt man sich besser von Mutter fern, denn dann lief im Radio die »Wunschstunde der Romantik«. Wie jedes Mal nutzte sie auch heute die Gelegenheit, sich auf das Sofa niederzulassen, die Füße hochzulegen und verträumt die Augen zu schließen. Während aus dem Radioapparat »Rote Rosen, rote Lippen, roter Wein« und die »Caprifischer« ertönten, nippte sie gelegentlich an einem Gläschen Eierlikör und gab wehmütige Seufzer von sich. Auf jegliche Störung reagierte sie mit einem vollkommen unromantischen Zischen, das einem durch Mark und Bein ging.

Aber Vater und ich hatten ebenfalls gelernt, die »Romantische Stunde« zu schätzen. Wir genossen die seltene Ruhe, die sie uns bescherte.

Vater saß im Arbeitszimmer und war damit beschäftigt, Skizzen anzufertigen, völlig versunken in seine Arbeit.

»Ich gehe noch ein bisschen raus«, sagte ich im Vorübergehen durch die halb geöffnete Tür.

»Hmm, hmm.«

»Die Russen sind einmarschiert und stehen am Rhein. Ich schau mir das mal aus der Nähe an.«

»Hmm, viel Spaß ... viel Spaß, Junge.«

Alles klar. Mein Vater schwebte durch seinen eigenen Kosmos.

Ich nutzte die günstige Gelegenheit, nahm den Autoschlüssel von einem Haken in der Diele, schlich zum VW und ließ die Decke mit dem Brandfleck verschwinden, um sie ganz unten in die Mülltonne zu packen, unter Kartoffelschalen und einen Waschmittelkarton. Damit war ich vorläufig auf der sicheren Seite.

Nachdem die Beweismittelvernichtung abgeschlossen war, spazierte ich ein wenig durch unseren Garten. Es hatte aufgehört zu regnen, nur aus den Bäumen fielen noch vereinzelt Tropfen zu Boden. Eine ganze Kolonie von roten Nacktschnecken hatte sich zum Abendessen auf den großen Blättern der Rhabarberpflanzen eingefunden. Während ich zwischen den verwilderten Beeten umherstreifte, rief ich mir noch einmal die Geschehnisse des Tages vor Augen: ein Zigarillo rauchendes Mädchen, das eine ganze Horde von Jugendlichen befehligte, die Einladung zu einer obskuren Liga — und dann war da auch noch die hagere Frau im Sommermantel. Warum hatten sich die anderen Frauen ihr gegenüber so seltsam verhalten? Vielleicht würden mir Robert und Philipp mehr dazu sagen können. Auf jeden Fall schien Erzbach bei Weitem nicht so langweilig zu sein, wie ich gedacht hatte.

Ein Rascheln im Gras riss mich aus meinen Gedanken. Auf einem der Zaunpfosten war eine Gartenlaterne angebracht und am Rand ihres Lichtscheins krabbelten drei kleine schwarz-gelbe Tiere über einen moosbewachsenen Baumstumpf.

Feuersalamander!

Vorsichtig näherte ich mich ihnen.

Mutter hatte mir am Vorabend von den Salamandern erzählt. »Die sind hier eine regelrechte Plage. Abends ist der Garten voll von ihnen. Weißt du, woran ich dabei denken muss?«

Ja, wusste ich, die Geschichte hatte ich schon bei verschiedenen Gelegenheiten gehört: Es war, als ich mit dir schwanger war ...

»Es war, als ich mit dir schwanger war«, hatte Mutter gesagt. »Wir haben Tante Hetty und Onkel Raimund besucht, ihr Haus hatte Bombenschäden, die haben damals gerade alles wieder aufgebaut. Ich weiß noch, wie es geregnet hat an dem Tag. Und da war so ein kleiner Salamander. Der Regen hatte ihn in einen Kellerschacht gespült und er kam nicht mehr raus. Also habe ich ihn auf die Hand genommen und befreit. Wenn man so will« — und mit diesen Worten endete die Geschichte immer — »habe ich dem Tierchen das Leben gerettet.«

Zwei der Salamander verschwanden im Gras, als ich näher kam, der Dritte blieb gänzlich unbeeindruckt und würgte in aller Seelenruhe einen Regenwurm herunter. Sein länglicher, flacher Körper glänzte im Licht der Laterne. Rechts und links verliefen gelbe Streifen über den schwarzen Rücken. Ich hockte mich vor ihn, streckte die Hand aus — und zu meiner Überraschung setzte er sich langsam in Bewegung und kroch tatsächlich auf meine Handfläche. Auf seinem Kopf hatte er eine auffallende sternförmige Zeichnung, ebenso leuchtend gelb wie die Streifen auf seinem Rücken. Ich spürte die Bewegung seiner kleinen Füße — dann begann es plötzlich auf meiner Handfläche zu prickeln. So wie Brausepulver, wenn es sich mit Spucke vermischt.

Rasch setzte ich den Salamander wieder ab. Er gab ein merkwürdiges Geräusch von sich, das wie ein leises, hohes Knurren klang, und war im nächsten Moment im hohen Gras verschwunden.

»Wenn ich du wäre, würde ich mir vorsichtshalber gründlich die Pfoten waschen. Sind nicht ganz ungiftig, die kleinen Kerlchen.«

Erschrocken fuhr ich herum. Hinter dem Zaun verlief ein Fußweg, doch ich sah nur die rote Glut einer Zigarette.

»Tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken. Hab nur einen kleinen Abendspaziergang gemacht und bin zufällig hier vorbeigekommen.«

Der Mann trat in das Licht der Laterne. Das Erste, was ich wahrnahm, war sein unglaublich dicker Bauch. Ein breiter, weißer Streifen davon lugte unter einem zu kurzen, gerippten Pullover hervor und hing über den Hosenbund. Über seinem Pulli trug der Mann eine speckige Lederjacke, seine fettigen Haare reichten bis über den Kragen.

»Du musst Lukas sein, deine Mutter hat mir von dir erzählt.

Freut mich, dich kennenzulernen. Ich bin Carlo, Carlo Linnert.« Er reichte mir die Hand über den Zaun. »Schöner Abend, was? So mag ich die Welt am liebsten: nach einem ordentlichen Regenguss. Dann riecht alles, als hätte sich das Leben grade eben erst selbst erfunden. Findest du nicht?« Er zog lautstark die Luft ein. »Ah, das ist, als würde man sich die ganze Welt durch die Nase ziehen. Probier es mal!«

»Also, ich weiß nicht ...«

»Papperlapapp, komm, nimm mal ’ne ordentliche Nase voll.«

Zögerlich tat ich es ihm nach, aber alles, was mir in die Nase stieg, war der penetrante süßliche Geruch, der von seiner Zigarette ausging. Ich verzog das Gesicht.

»Oh, tut mir leid, die hatte ich ganz vergessen. Ist natürlich nicht jedermanns Sache. ’ne Kräuterzigarette. Spezialkräuter; die hab ich von einer meiner Reisen mitgebracht und jetzt züchte ich sie selbst. Sind gut für dies und das und helfen gegen alles und jedes. Machen einen gesunden Appetit, beruhigen und fördern das Langzeitgedächtnis. Aber wenn dich der Geruch stört, mach ich sie natürlich aus.« Er nahm noch einmal einen tiefen Zug, dann drückte er die Zigarette vorsichtig an dem Zaunpfosten aus und verstaute den Stummel in seiner Jackentasche. Er kratzte sich über die Bartstoppeln. »Wie ich sehe, hast du schon Freundschaft mit den Wegnarren geschlossen.«

»Mit welchen Wegnarren?«

»Unsere kleinen schwarz-gelben Freunde hier. Nenn sie, wie du willst. Es gibt ’ne Menge Namen für sie: Wegnarr, Regenmolch, Regenmännchen, Bergmännchen, Gelber Schneider ... Aber die meisten kennen sie natürlich als Feuersalamander. Sind ganz eigen, die Tierchen, und zeigen sich nur selten. Aber das hier ist ihr Wetter: Wenn es regnet und feucht ist, dann kommen sie raus.« Er blickte zum Himmel. »Und wenn es sich hier erst mal eingeregnet hat, dann hört es auch so schnell nicht wieder auf. Könnte noch ein richtiger Salamandersommer werden, dieses Jahr. Hier in der Gegend um Erzbach gibt es noch ’ne Menge von ihnen. Manchen Leuten sind sie ein bisschen unheimlich, dabei haben sie ’ne Menge zu bieten, die kleinen Pupser. Ich hab ’ne Schwäche für sie und beschäftige mich schon seit Jahren mit ihnen. Bin mittlerweile ein richtiger Experte geworden. — Zeig mal deine Hand. Brennt sie?«

»Nein, es kribbelt nur ein bisschen.«

Er seufzte verzückt. »Ah ja. Ein leichtes Kribbeln — die süße Botschaft des Samandarin.«

»Botschaft des was

»Sie haben verschiedene Hautgifte, damit setzen sie sich zur Wehr. Für einen ausgewachsenen Menschen ist das nicht weiter gefährlich, zumindest nicht bei der geringen Menge, die so ein kleines, putziges Tierchen absondert. Aber ich hab mal erlebt, wie eine Katze sich einen Salamander einverleiben wollte. Ist ihr nicht gut bekommen.« Er kicherte ein hohes Kleinmädchen-Gekicher. »Man weiß gar nicht genau, wie viele verschiedene Gifte sie produzieren können. Nur ein paar davon sind bekannt und das Bekannteste von ihnen ist das Samandarin. Was für ein Name! Wunderbar, oder? Was denkst du, Lukas? Samandarin? Wie klingt das für dich?«

Er spuckte beim Reden und ich konnte riechen, dass er Zwiebelmettwurst gegessen hatte. »Ich weiß nicht«, sagte ich, und rieb mir die Spucketröpfchen von der Stirn. »Samandarin? Ja ... das klingt ... interessant.«

Carlo Linnert lachte und hörte sich dabei an wie eine ganze Herde meckernder Ziegen.

»Was ist? Habe ich was Witziges gesagt?«, fragte ich.

»Nein, eben nicht.« Er ahmte mich nach: »... klingt interessant. Na, du bist mir ja einer. Bist du immer so sachlich?«

»Sachlich? Ich verstehe nicht.«

»Also, erst mal spricht du es schon falsch. So ein Wort darf man nicht zerhacken, man muss es singen. So: Saaamaandaaariiin. Na, tut sich jetzt was bei dir? Was fällt dir ein, wenn du das hörst?«

»Ich ... ich habe keine Ahnung. Darüber muss ich erst nachdenken.«

»Nein! Nicht nachdenken! Nicht nachdenken, um Gottes willen! Sag einfach, was dir durch den Kopf geht. Freie Assoziation. Das ist es, verstehst du? Einfach dem ersten Gedanken folgen, das ist die Grundlage aller Kunst. Damit kenn ich mich auch ein bisschen aus.«

Ich dachte mit Schrecken an das Metallding in unserer Küche.

»Also, leg los!«, sagte er. »Samandarin ... woran denkst du, wenn du das Wort hörst?«

»Vielleicht ... vielleicht an ein Gewürz?«, sagte ich zweifelnd.

»Hmm, schon ganz gut für den Anfang. Was noch?«

»Ähm ... ein Stoff. Es hört sich auch an wie ein Stoff. So was wie Samt oder Seide.«

»Ja, genau«, sagte Linnert. »Ein Mantel aus Samandarin.

Für die geheimen Könige dieser Welt. Das wär was. Und jetzt weiter!«

»Ein Getränk ... ein Getränk, das gleichzeitig süß und bitter schmeckt.«

»Oh ja. Das ist sehr gut. Ein Liebestrank, den verträumte Frauen in Vollmondnächten zusammenrühren«, schwärmte Linnert. »Und weiter, was noch? Nicht nachdenken.«

Ich schloss die Augen.

»Ein Baum, ein Baum ... mit orangefarbenen Blättern«, hörte ich mich sagen.

»Ja! Jetzt hast du es drauf. Noch eins! Augen zulassen!«

»Der Morgentau. So nennt man den Morgentau in ... in Ländern, in denen es nie regnet.«

War das aus meinem Mund gekommen? Verwirrt blickte ich Carlo Linnert an. Er patschte mir seine Hand auf die Schulter. »Na bitte, ich wusst es doch, aus dir kann man was machen. Das hatte ich gehofft.« Er pulte sich mit einem Finger im Ohr. »Und was die Salamander angeht ... wenn du willst, kannst du mich mal besuchen. Ich hab 'ne riesige Sammlung. Nicht nur Feuersalamander, sondern alle möglichen Arten. Aus der ganzen Welt. Keine lebendigen Tiere. Nur Präparate. Alle tot. Leider. Also ... in die Sammlung müsste mal ein bisschen Ordnung gebracht werden. Da könnt ich gut Hilfe gebrauchen. Wie wär es morgen?«

»Morgen geht nicht, da bin ich schon verabredet.«

»Na schön, dann vielleicht in der nächsten Woche? Sagen wir doch einfach am Mittwoch.«

»Ja ... ja, in Ordnung, am Mittwoch.«

»War mir wirklich ein Vergnügen, dich kennenzulernen,

Lukas. Bis dann.«

Er kramte den Zigarettenstummel aus der Tasche, zündete ihn wieder an und verschwand, eine Melodie summend, in der Dunkelheit. Und dann hörte ich auf einmal eine andere Melodie, zuerst leise und weit entfernt, aber dann wurde sie lauter und lauter und lauter ...

3. Kapitel

Gegenwart

Mein Handy!

Ich sprang aus dem Sessel und hastete in die Küche.

Gerade als ich nach dem Telefon greifen wollte, hörte das Klingeln auf, ein paar Sekunden später erklang ein hoher Pfeifton. Jemand hatte auf meine Mailbox gesprochen.

Es war Langhard, der mir mitteilte, ein Schlüssel habe sich, zu seinem allergrößten Bedauern, auch nach intensiver Suche nicht gefunden. »Wenn Sie es wünschen, beauftrage ich einen Schlüsseldienst. Ich bitte um Rückruf.«

»Nummer zurückrufen?«, fragte das Display.

Nein, nicht jetzt — später. Das musste warten.

Ich war wie benommen von dem, was heute Nachmittag passiert war, und gleichzeitig so unter Strom, als hätte ich den Finger in der Steckdose gehabt. Noch immer hielt ich Linnerts Brief in der Hand.

Alles begann mit dem Regen ...

Als hätte sich für einen Moment ein Vorhang geöffnet und den Blick auf jenen vergessenen Sommer freigegeben: der Regen, die Beerdigung, Robert und Philipp, der Salamander in unserem Garten, die Begegnung mit Carlo ... Alles hatte mir so klar und deutlich vor Augen gestanden, als würde es jetzt, in diesem Moment, geschehen.

Ich sah in den Garten und versuchte meine Gedanken zu ordnen.

Was war danach passiert? Nach jenem Abend, an dem ich Carlo Linnert getroffen hatte? Was waren das für seltsame Dinge, von denen er geschrieben hatte?

»Langsam. Stück für Stück«, hatte er gemahnt. »Sonst kann es einen umhauen.«

Wahrscheinlich hatte er recht, aber ich fühlte mich viel zu aufgedreht, um untätig hier herumzusitzen. Mir kam der Gedanke, mich im Dorf umzusehen, einen Spaziergang zur Kirche und zum Friedhof zu machen und mir das Haus anzusehen, in dem ich damals mit meinen Eltern gewohnt hatte. Linnert hatte die Hausnummer sieben, wir hatten die fünf gehabt. Es musste das Haus direkt unterhalb der Kurve sein. Ich stand im Flur und hatte mir die Jacke schon übergezogen — als ich es mir anders überlegte.

Im Lauf von vierzig Jahren waren mit Sicherheit viele Häuser abgerissen worden. Dafür würden jetzt dort welche stehen, wo vorher vielleicht nur eine Wiese oder ein Feld gewesen war. Die meisten der kleinen Läden hatten wahrscheinlich längst dichtgemacht und waren durch einen Supermarkt am Ortsrand ersetzt worden. Es würde neue Straßen geben, neue Plätze und andere Menschen. Das Erzbach, das ich als Siebzehnjähriger gekannt hatte, existierte nicht mehr.

Ich hing meine Jacke wieder an den Haken.

Wahrscheinlich war dieses Haus das einzige im ganzen Dorf, in dem es noch immer so aussah wie vor vierzig Jahren. Hier war alles gleich geblieben, in diesem seltsamen Bau mit seinen hohen Fenstern und heruntergekommenen Zimmern, den Blumenkacheln und dem schweren Turm über der Eingangstür.

Der Turm ... Natürlich konnte ich Langhard anrufen und ihn bitten, einen Schlüsseldienst zu benachrichtigen. Der Mann würde das Schloss in Nullkommanichts knacken — aber irgendetwas sagte mir, dass es richtiger wäre, wenn ich selbst nach dem Schlüssel suchen würde. Und wer wusste schon, was dabei sonst noch so aus der Versenkung auftauchen würde?

Als Erstes — Ekel hin, Ekel her — waren jetzt die Teedosen an der Reihe. Ich kletterte auf den blauen Küchenstuhl und warf einen Blick auf den Schrank. Bei dem klebrigen Zeug schien es sich — das redete ich mir wenigstens ein — um Honig zu handeln. Die Dose klebte so fest in der Masse, dass ich ein scharfes Küchenmesser brauchte, um sie daraus zu lösen. Als ich von dem Stuhl stieg, schüttelte ich sie vorsichtig.

Kein Scheppern. Kein Scheuern. Kein Klirren. Ich stellte sie auf den Tisch, schraubte den Deckel ab — und zog einen durchsichtigen Plastikbeutel mit grünlichem Inhalt heraus. Als ich ihn öffnete, breitete sich ein intensiver süßlicher Geruch aus.

Hilft gegen dies und das und ist gut für alles und jedes.

Ich steckte die Nase in den Beutel und schnupperte.

Sieh mal einer an: Das also waren die geheimnisvollen Spezialkräuter, die Carlo Linnert geraucht hatte. Ich war ganz schön naiv gewesen damals.

Ich verschloss den Beutel wieder und schob ihn zum anderen Ende des Tisches. Eigentlich hätte ich mich mit der Frage beschäftigen sollen, wo ich noch nach dem Schlüssel suchen konnte, aber mit meiner Konzentration war es nicht weit her. Immer wieder ertappte ich mich dabei, wie ich zu der kleinen Plastiktüte schielte.

Die richtigen Dinge finden sich zur richtigen Zeit.

Schon ... mag sein ... vielleicht. Aber dieses Kräuterzeug konnte Carlo ja wohl kaum gemeint haben. Das kam definitiv nicht infrage. Ich hatte mich immer von solchen Dingen ferngehalten. Und ich würde bestimmt nicht heute damit anfangen. Auf keinen Fall! Linnert konnte doch nicht ernsthaft geglaubt haben, ich würde seine merkwürdigen Kräuter rauchen. Oder doch?

... beruhigt ... fördert das Langzeitgedächtnis ...

Natürlich ... von dieser Seite aus betrachtet: Eine kleine Starthilfe für mein Gedächtnis hätte ich schon gebrauchen können ... Aber nein — das kam einfach nicht in Betracht. Keinesfalls. Spezialkräuter? Vielleicht eine interessante Erfahrung für den ein oder anderen, aber nicht für mich. Da müsste schon allerhand passieren ... Höchstens in einer ganz besonderen Situation könnte ich mir vorstellen ...

Ganz langsam streckte sich mein Arm aus, wie von selbst griff meine Hand nach dem Beutel und zog ihn zu mir heran.

Genau genommen war das hier eine besondere Situation: Ich saß in einem Haus am Ende der Welt fest, für volle sieben Tage.

Vielleicht konnte ich es ja mal probieren. Nur ausnahmsweise. Ich war alleine, kein Mensch würde etwas davon mitbekommen. Außerdem hatte Carlo dieses Zeug ständig geraucht und ihm hatte es ja auch nicht geschadet. Obwohl — das war vielleicht doch kein so gutes Beispiel.

Ach, was soll’s? Ich schob den Stuhl zurück. Einmal ist keinmal und es tut ja schließlich keinem weh.

Carlo hatte doch von einem Tabakvorrat geschrieben. Ich bückte mich unter die Spüle, fand einen beachtlichen Vorrat an 

Mandellikör und an die zwanzig Päckchen Drehtabak samt den dazugehörigen Blättchen.

Die praktische Umsetzung meines Vorhabens gestaltete sich dann allerdings schwierig. Ich hatte keinerlei Erfahrung und tat einfach das, was ich vom Hörensagen kannte. Ich legte ein Zigarettenblättchen auf den Tisch, krümelte ein wenig Tabak darauf und zerbröselte darüber etwas von Carlos Spezialkräutern. Ich hatte keine Vorstellung davon, welche Menge angemessen war — vorsichtshalber nahm ich reichlich. Dann kam der wirklich komplizierte Teil: Ich verbrauchte sechzehn Blättchen und den Großteil meiner Geduld, ehe es mir gelang, etwas zu drehen, das wenigstens annähernd wie eine Zigarette aussah. Das Ding war krumm und in der Mitte viel zu dick — aber immerhin. Irgendwo hatte ich vorhin doch auch Streichhölzer gesehen. Hier in der Schublade. Also los!

Beim ersten Mal zog ich viel zu hastig, was einen ausgedehnten Hustenanfall zur Folge hatte. Der zweite Versuch lief wesentlich besser: Nachdem ich ein paar tiefe Züge genommen hatte, lehnte ich mich im Stuhl zurück und wartete gespannt darauf, was passieren würde. Ich saß da und wartete ... und wartete ... und wartete ... und es geschah ... nichts.

Eine leichte Enttäuschung machte sich in mir breit. Aber bald darauf störte es mich gar nicht mehr so sehr. Noch etwas später wurde es mir dann herzlich egal und irgendwann fand ich es nur noch sehr, sehr, sehr angenehm.

Es war dunkel geworden. Ich setzte mich in die offene Terrassentür und lauschte den Geräuschen des fallenden Regens. Wenn er auf die Blätter traf, gab es ein sattes, klatschendes Geräusch. Der Regen, der auf die Steine fiel, hörte sich dagegen wie ein dumpfes, gleichmäßiges Trommeln an. Er war eine knatternde Salve aus einem Maschinengewehr, wenn er auf das rostige Dach des Schuppens schlug, und zwischendurch ertönte immer wieder ein hohes »Ping«, wenn ein Tropfen an dem Metall der Regenrinne zerplatzte. Ich verlor jedes Zeitgefühl, während ich in der Türöffnung saß und staunend zuhörte. Es war, als würden sich all die verschiedenen Geräusche des Regens harmonisch ergänzen. Ich hatte das Gefühl, inmitten einer perfekt komponierten Symphonie zu sitzen — und dann schlängelte sich ein Gedanke in meinen Kopf, der mich nicht mehr losließ: War es möglich, dass all diese Töne Wörter einer fremden Sprache waren? Einer Sprache, die so kompliziert oder so einfach war, dass ich sie nicht verstand? Aber wenn ich nur lange genug hier sitzen bleiben würde ... vielleicht zehn oder zwanzig Jahre, dann könnte ich, irgendwann, vielleicht ...

Ich schreckte auf.

Irgendetwas war hier und bewegte sich über die Steinplatten auf der Terrasse, nur wenige Schritte von mir entfernt. Ich spähte in die Dunkelheit, als ein schwarz-gelbes Tier in den schmalen Lichtstreifen kroch, der durch das Küchenfenster auf die Terrasse fiel.

Ein Feuersalamander. Ein großes, gestreiftes Exemplar. Er war damit beschäftigt, etwas zu verschlucken, dessen zuckende Beinchen seitlich aus seinem Maul ragten. Ein schönes Tier — und kein bisschen scheu. Erstaunt bemerkte ich auf seinem Kopf ein sternförmiges gelbes Mal. Genau wie bei dem Salamander, den ich damals im Garten meiner Eltern beobachtet hatte. Aber es konnte unmöglich derselbe sein. Wie alt wurden Salamander?

Fünf Jahre, zehn Jahre?

Die zuckenden Beinchen waren mittlerweile in seinem Maul verschwunden. Langsam hob er den Kopf. »Hallo«, sagte eine Stimme.

Ich fuhr herum.

Es war so weit: Ich hörte Stimmen. Das mit den Kräutern hätte ich besser bleiben lassen. Was kam als Nächstes? Tanzende Elfen in den Brombeerhecken? Ich sah zu dem Salamander und hatte plötzlich das ungute Gefühl, als würde er mich ansehen.

Manchmal geschehen eben seltsame Dinge.

Hätte ich nicht so eine Unmenge von Linnerts Spezialkraut geraucht, hätte ich bestimmt nicht das getan, was ich schließlich tat: Ich beugte mich zu dem Tier herunter.

»Äh ... hast du eben ... hast du eben mit mir gesprochen?«

»Wenn dem nicht so wäre, würde die Tatsache, dass du mit mir redest, ein ziemlich ungünstiges Licht auf deinen Geisteszustand werfen. Denkst du nicht?«, sagte der Salamander.

Das passiert nicht wirklich, dachte ich.

»Passiert das wirklich?«, fragte ich.

»Gute Frage«, entgegnete er. »Die grundlegende Frage überhaupt. Ich finde, jedes Lebewesen sollte sie sich in jedem Moment seines Lebens stellen.«

»Salamander – können – nicht – sprechen«, betete ich mir eindringlich vor.

Er richtete seinen Vorderkörper auf. »Ist dir vielleicht mal der Gedanke gekommen, dass du uns bisher einfach nicht verstehen konntest, Doktor Schlau? Carlo hielt dich ja für ziemlich clever, aber ich finde, du bist nicht gerade flexibel, was deine Denkmuster angeht.«

»Moment mal! Carlo hat gemeint ...? Du? Du bist das? Du bist der Bekannte, von dem er geschrieben hat?«

»Yep«, sagte der Salamander. »Wir waren beide der Meinung, du könntest ein wenig Unterstützung brauchen. Ehrlich gesagt waren wir uns einig, du hättest jede mögliche Form von Unterstützung dringend nötig.«

»Und du bist auch der Salamander, den ich damals, an meinem ersten Abend, in Erzbach gesehen habe.«

»Ja, allerdings, und mir ist schleierhaft, wie du überhaupt daran zweifeln konntest. Hättest du ein bisschen besser in Biologie aufgepasst, Herr Doktor, dann wüsstest du, dass jeder von uns eine ganz individuelle Körperzeichnung hat. Wie ein Fingerabdruck. Und der Stern auf meinem Kopf ist so was von einzigartig, einzigartiger geht es nicht mehr. Und nebenher bemerkt, ist er auch der totale Bringer. Du weißt schon ... bei den Weibchen. Sie sind völlig verrückt nach dem Ding. Irre, was?«

»Sehr beeindruckend. Was mich aber viel mehr interessiert: Von welcher Unterstützung hast du eben gesprochen?«

Der Salamander streckte sich. »Ich war dabei, damals. Die Dinge, die geschehen sind, betreffen dich genauso wie mich. Your story is my story. Aber ich habe damals auch Dinge gesehen, die du nicht gesehen hast. Dinge, die dir helfen könnten, besser zu verstehen, was geschehen ist.« Er kroch ein Stück auf mich zu. »Unter Umständen wäre ich bereit, dich an

einigen meiner Erinnerungen teilhaben zu lassen. Natürlich nur, wenn du interessiert bist«, näselte er.

»Welche Dinge? Was kannst du mir erzählen?«

»Von Erzählen war keine Rede. Das ist doch eher – ich formuliere es mal freundlich – eine ziemlich einfache Form der Kommunikation. Halt so ein Menschending. Aber eben nur der halbe Spaß. Ich sagte, ich lasse dich teilhaben

»Teilhaben? Wie soll das gehen?«

»Leck mich.«

»Was?«

»Leck mich. Einmal mit der Zunge schön drüber, über den feuchten Rücken.«

»Nein, nein, nein. Ich werde bestimmt nicht ... wozu soll das gut sein?«

»Spontaneität ist auch nicht so deine Sache, was? Also schön, ich versuche mal, es dir ganz einfach zu erklären, menschengerecht sozusagen: Ich nehme an, du hast Carlos Sammlung gesehen? Alle meine toten Verwandten, wie sie so in Alkohol schwimmen und dabei ganz lebendig wirken?«

Ich nickte mit dem Kopf.

»So ähnlich musst du dir die Erinnerungen der Salamander vorstellen. Jede einzelne von ihnen wird aufbewahrt in einem Tropfen der allerseltsamsten Flüssigkeit auf dieser Welt: Samandarin! All unsere Erinnerungen schwimmen für immer darin, und so gleiten sie ständig durch uns hindurch. Wieder und wieder und wieder und ...

»Samandarin? Carlo hat mir damals erzählt, es sei ein Hautgift ... zur Verteidigung.«

»Das ist es, aber es ist noch viel mehr. Weitaus mehr, als du dir vorstellen kannst. Selbst die Salamander kennen nicht alle seine Geheimnisse.«

»Und deswegen soll ich ...?«

»Wenn du sehen willst, was ich gesehen habe, dann brauchst du das Samandarin.«

»Ich werde auf keinen Fall an einer Kröte lecken.«

»An einem Schwanzlurch, wenn schon. Und jetzt komm und spiel hier nicht die Jungfrau. Einfach raus mit dem roten Lappen und einmal kräftig drübergezogen.«

Ich betete inständig, dass mich niemand sah: ein Mediziner reiferen Alters, ein von der Fachwelt geschätzter Experte für Prothetik, der im strömenden Regen hockte und im Begriff war, an einem Schwanzlurch zu lecken, natürlich erst, nachdem er diesen Vorgang ausgiebig mit dem Tier diskutiert hatte. Das reichte mit Sicherheit für eine Einweisung in die Geschlossene.

»Na schön.« Ich hob die Hand zum Mund und tippte mit der Zungenspitze auf den Rücken des Salamanders.

»So bringt das nichts«, sagte er unwirsch. »In puncto Sinnlichkeit hast du es ja nicht gerade drauf. Sei doch mal ein bisschen entspannter. Stell dir einfach vor, du wärst mit einem Weibchen zusammen. Du weißt schon, eine die so herrlich bitter riecht, dass du dich kaum noch halten kannst.«

»Wieso bitter? Ich ...? Was?«

»Das Mondlicht schimmert auf euren Leibern; die Nacht ist kühl, aber ihr spürt die Kühle nicht, denn eure Körper glühen in der Hitze wilder, unaussprechlicher Begierden. Immer wieder

fallt ihr übereinander her, verschlingt euch ineinander und dann schnellt deine Zunge vor und ...«

»Schon gut. So ungefähr kann ich mir vorstellen, was du meinst. Ich versuche es.«

Ich atmete tief durch, schloss die Augen und leckte mit der Zunge über seinen Rücken. Ein leichtes Zittern durchlief den Körper des Salamanders. Meine Zungenspitze begann zu kribbeln.

»Ja, hallo!«, sagte er. »Gar nicht mal so übel. War es für dich denn auch schön, Schatz?«

»Sehr witzig. Und was jetzt?«

»Abwarten. Folge einfach deinen Augen.«

Ein merkwürdiger Geschmack, gleichzeitig bitter und süß, begann sich auf meiner Zunge auszubreiten. Ich spürte, wie sich die Haare auf meinen Armen aufstellten. Der Garten begann, sich zu bewegen. Wellen liefen durch die Brombeersträucher, wie bei einem Bild, das man unter Wasser hält. Der Regen rauschte in meinem Kopf. Die Welt verschwamm vor meinen Augen, bevor sie sich in einen schwarz-gelben Wirbel verwandelte, der sich schneller und schneller drehte, und mich mit einem plötzlichen Ruck in sich hineinriss.

Das schleimige Band, das sich über die flachen Steine zieht, schimmert im Mondlicht. Ein kleiner, glitzernder Verräter, der einen immer zum Ziel führt.

Ganz gemächlich bewege ich mich über die rutschigen Steine am Bachufer, das feine Näschen immer direkt über der Spur. Sie riecht wunderbar süß, und der Duft wird umso stärker, je weiter ich ihr folge. Irgendwann ist das Aroma so überwältigend, dass ich den Kopf heben muss — und in dem Moment sehe ich sie. Direkt vor mir: eine fette, saftige Versuchung, die sich unendlich langsam über den weißen Hut eines modrigen Pilzes schiebt.

Arion rufus. Die Große Rote Wegschnecke.

Manchmal in diesen Momenten überkommt mich fast so was wie ein zärtliches Gefühl für die kleinen Kriecher. Die geborenen Opfer. Wer in aller Welt hat sich so einen Blödsinn wie Nacktschnecken ausgedacht? Langweilige Zwitterwesen, die nervtötend lahm sind und als besonderen Clou auch noch eine deutliche Spur hinter sich her ziehen. So als würden sie andauernd rufen: »Essen ist fertig, aber lass dir ruhig Zeit, Kumpel. Ich warte hier.« Beinah könnte ich Mitleid mit ihnen haben. Aber so liegen die Dinge nun mal.

Schlecht für die Schnecken, gut für die Salamander.

Ich mache einen entschlossenen Schritt auf das rote Leckerchen zu. Sie versucht erst gar nicht abzuhauen, zumindest ist keine Bewegung zu erkennen, die schnell genug wäre, um als Fluchtversuch durchzugehen. Nur ihre Fühler zucken eine Spur nervöser als vorher. Gar nicht schlecht: Das gibt so ein aufregendes Kitzeln im Hals, wenn man sie am Stück runterschlingt. Zeit fürs Tischgebet:

Asseln oder Schaben, wer will die schon haben?

Lurchis allergrößtes Glück ist ein roter Wicht am Stück.

Also: eins, zwei, los! Ich bin über ihr und reiße mein Maul weit auf, um sie in einem Happs zu vertilgen, als ich spüre, wie die Erde vibriert. Künstliches Licht fällt zwischen die Bäume. Etwas bewegt sich auf mich zu, auf dem Waldweg über der Uferböschung.

Ein Plattwalzer! Er zieht einen üblen Gestank hinter sich her.

Die Schnecke hat die Ablenkung genutzt und versucht sich — lächerlich langsam zwar, aber immerhin — aus dem Staub zu machen. Einen Moment bin ich hin- und hergerissen zwischen meiner Neugier und der Vorliebe für die feine Küche. Die Neugier siegt.

Ich krabble die Uferböschung hoch. Der Plattwalzer kommt zum Stehen, die Lichter verlöschen, eine Tür wird zugeschlagen. Ich blicke unter dem Gefährt durch und sehe ein Paar derbe Schuhe im Matsch des Waldwegs. Der Mann geht auf und ab, zwischendurch wippt er auf den Fußballen. Ich krabble auf einen Baumstumpf, um mir die Sache mal näher anzusehen.

Über der Schnauze des Plattwalzers ist ein glänzender Stern aus Metall angebracht. Sieh mal einer an! Wahrscheinlich sind Menschenweibchen auch ganz scharf auf Sterne.

Der Mann auf dem Weg ist klein und hat nur noch ein paar Haare an seinem Hinterkopf. Er riecht sauer. Der Mann hat Angst. Nicht zu überriechen und auch nicht zu übersehen: Bei dem kleinsten Geräusch, das aus den Bäumen kommt, zuckt er zusammen, trampelt panisch auf dem Weg rum und veranstaltet einen Krach, der noch kilometerweit zu hören ist.

Das Licht einer Taschenlampe erscheint zwischen den Bäumen. Der Strahl wandert über den Waldweg, dann schnellt er nach oben und trifft den Angstmann im Gesicht.

Er reißt die Hand vor die Augen. »Hör auf! Was soll der Blödsinn, Werner?«

Das Licht geht aus.

»Das sollte ich wohl eher dich fragen. Ich hoffe, du hast eine gute Erklärung dafür, warum wir uns bei diesem Wetter mitten in der Wildnis treffen müssen.« Der zweite Mann tritt aus den Bäumen. Er hat kurze graue Haare und riecht nach Eisen. »Was ist so dringend, dass es nicht warten kann?«

»Na ja, Werner, du hast ja selbst gesagt, dass es besser wär, wenn man uns net so oft zusammen sieht. Und bei der Beerdigung waren dauernd Leute um uns rum ... und da hab ich gedacht, hier im Wald ...«

»Was willst du?«

Der Angstmann wippt auf seinen Ballen. »Werner, ich mach net mehr mit bei der Sache. Ich kann net. Du musst das verstehen, ich hab Frau und Kinder und den Hof. Ich will net so enden wie der Friedrich.«

»Hör auf, Blödsinn zu reden. Roeder ist an einem Schlaganfall gestorben, so steht es auch auf dem Totenschein. Tragisch für den guten Friedrich, aber so was kommt eben vor. Kein Grund, hier rumzujammern wie ein kleines Mädchen.«

»Ich hab gesehn, wie der Friedrich gestorben ist, ich war dabei. Das war kein Schlaganfall, Werner! Und den Totenschein hat der Doktor Seuser ausgestellt, der alte Suffkopp. Der war an dem Abend wieder so dicht, der konnt doch keinen Lebenden von einem Toten unterscheiden. Ich weiß, was ich gesehen hab. Ich war an dem Abend im Brunnenstübchen: Die Tür stand offen, weil es immer noch so warm war, und ich hab am Tresen gestanden und mit dem Schorch geredet, dem Wirt vom Stübchen. Auf einmal hör ich von draußen ein Rumsen, wie wenn was Schweres hinfällt und dann ein Geräusch, als ob ein Sack über die Erde geschleift wird. Der Schorch und ich, mir gucken uns an und dann bin ich rausgestürzt und der Schorch hinter mir her. Und da hat der Friedrich gelegen, direkt am Brunnen. Gekrümmt hat er sich und nach Luft geschnappt und sein Gesicht war ganz blau. ›Friederich?‹, hab ich gesagt, ›Friederich?‹ — aber ich glaub, der hat mich überhaupt net gehört. Er hat mich nur angeguckt, mit einem Blick ... den Blick vergess ich mein Lebtag net mehr. Der Schorch ist wieder rein, um nach dem Doktor zu telefonieren. Dann hat der Friedrich Schaum vor den Mund gekriegt und auf einmal packt er mich am Revers und zieht mich zu sich runter. Mit meinem Ohr direkt an seinen Mund. Er hat versucht zu sprechen, aber man konnt ihn kaum verstehen.

»Und was hat er gesagt?«

»Ach! Nur so irres Zeug, immer dasselbe: ›Wieder und wieder und wieder und wieder.‹ Das war es. Das hat er dauernd vor sich hingebrabbelt.«

»Was? Bist du dir sicher?«

»So hat es sich zumindest für mich angehört.«

Der Eisenmann lacht ein kurzes, metallisches Lachen.

»Ich find das net witzig!«, mault der Angstmann.

»Du hast ja keine Ahnung, Alwin. Wieder und wieder und wieder ... Wir sind auf der richtigen Spur! Da war dieser Vollidiot Roeder letzten Endes doch noch für etwas gut. Er muss etwas gesehen haben ... Das ist das Beste, was ich seit Langem gehört habe.«

»Ich weiß net, was da dran gut sein soll, wenn einer so verreckt. Der Friedrich war doch an dem Abend damit dran, die Weiber auszuspionieren. Das ist doch kein Zufall. Die haben doch was damit zu tun, die verkommenen Schlampenweiber, die dreckigen Lesben, die. Am End haben die ihn vergiftet, den Friedrich.«

»Und wie soll das vor sich gegangen sein, du Schwachkopf? Glaubst du, er ist auf seinem Beobachtungsposten so durstig geworden, dass er an ihr Fenster geklopft und sie nach einem Glas Wasser gefragt hat? Denken ist bei dir wohl reine Glückssache.«

»Es ist mir egal, was du sagst, Werner. Die haben ihn umgebracht. Irgendwie. Ich weiß es. Und ich will net umgebracht werden. Ich steig aus. Mir reicht’s.«

Der Eisenmann schüttelt den Kopf. »Nein, du steigst bestimmt nicht aus, Alwin. Es sei denn, du möchtest, dass sich die Polizei eingehender für das Verschwinden einer gewissen Person interessiert.«

Die Stimme des kleinen Mannes wird hoch und schrill: »Das war ein Unfall, Werner, das weißt du ganz genau.«

»Das kannst du ja dann in allen Einzelheiten der Polizei erklären. Im Gefängnischor brauchen sie sicher noch einen Tenor.«

Der Angstmann macht einen Laut wie eine Katze, der man auf den Schwanz getreten ist.

Eisenmann tritt vor und packt ihn mit beiden Händen am Hemdkragen. »Jetzt beruhigst du dich mal wieder. Wir machen weiter wie gehabt. Verstanden? Wir sind nah dran, und wenn wir Erfolg haben, wird es dein Schaden nicht sein. Wie man so hört, soll der Niederscheid-Hof stark verschuldet sein. Eine kleine Finanzspritze käme dir da doch nicht ungelegen.«

»Wenn ich wenigstens wüsst, wonach wir genau suchen«, jammert der kleine Mann.

»Ich habe es dir doch schon einmal gesagt, Alwin: Wir sind Goldsucher.«

»Das ist Nonsens, Werner. Hier in der Gegend gibt es kein Gold. Hat es noch nie gegeben. Sonst hieß es ja wohl Goldbach und net Erzbach. Oder gibt es da was, was ich wissen müsst?«

»Du weißt schon, was du wissen musst und den Rest überlässt du mir. Klar?«

»Und wie soll das jetzt weitergehen, jetzt wo der Friedrich tot ist? Mit dem Beobachten, mein ich? Ich kann doch dem seine Wachen net auch noch übernehmen. Meine Alte wird schon ganz misstrauisch, weil ich so oft weg bin. Die denkt, ich geh fremd. Und in einer Woche ist das Hoffest. Das muss ich doch auch alles organisieren.«

»Zerbrich dir darüber mal nicht den Kopf. Du machst so weiter wie bisher und für Roeder habe ich schon einen Ersatz besorgt.«

»Was für einen Ersatz?«

»Einen, der macht, was ihm gesagt wird, und der keine unnötigen Fragen stellt. Und das gilt ab sofort auch für dich.« Der Eisenmann dreht sich um und verschwindet ohne ein weiteres Wort im Wald.

Der Angstmann wimmert noch eine Weile vor sich hin, dann steigt er in seinen Plattwalzer und fährt langsam davon.

Ich erwachte mit dem schlimmsten Kater meines Lebens. Kopfkissen und Decke lagen auf dem Boden, meine Kleidung war

über das ganze Zimmer verteilt. Im Mund spürte ich noch immer den bitter-süßen Geschmack vom Vorabend.

Ich war mir nicht sicher, was genau passiert war, als ich gestern Nacht über den Rücken des Salamanders geleckt hatte, aber ich zweifelte keinen Moment daran, dass es passiert war.

Samandarin ... die allerseltsamste Flüssigkeit auf dieser Welt.

Es war unglaublich: Ich hatte die heimliche Zusammenkunft von Bohsdorf und Niederscheid nicht einfach nur gesehen, so wie man einen Film sieht. Es hatte sich angefühlt, als wäre ich dort gewesen und hätte in der Haut des Salamanders gesteckt, als wäre ich er gewesen.

In der Dunkelheit hatte ich alles überscharf sehen können, und ich erinnerte mich an die überwältigende Vielfalt der Gerüche in dem nächtlichen Wald. Sie waren in der Dunkelheit um mich herum geschwirrt, hatten sich immer wieder neu vermischt und trotzdem hatte ich jeden Einzelnen von ihnen bestimmen können.

Ich versuchte aufzustehen — und sank sofort wieder auf die Matratze zurück. Ich fühlte jeden Muskel in meinem Körper, als wäre ich die ganze Nacht auf allen Vieren über die Erde gerobbt. Nach mehreren vergeblichen Versuchen schaffte ich es dann doch, mich zu erheben und mich, unter einigem Geächze, ins Badezimmer zu schleppen.

Was hatte ich da eigentlich gesehen, fragte ich mich, während ich in den blinden Spiegel über dem Waschbecken blickte. Der Salamander hatte behauptet, seine Erinnerungen könnten mir dabei helfen, Dinge besser zu verstehen. Aber das Gegenteil war der Fall.

Wer waren die Frauen, die von Bohsdorf und Niederscheid beobachtet wurden? Warum wurden sie beobachtet? War dieser Apotheker, Roeder, wirklich ermordet worden? Und was sollte das Gerede über Gold?

Jede Menge neuer Fragen, die mir nur mein neuer schwarz-gelber Bekannter beantworten konnte.

Nachdem ich meine Morgentoilette beendet hatte, führte mich mein erster Weg in den Garten.

Keine Spur mehr von dem Salamander, kein Anzeichen dafür, dass er jemals hier gewesen war. — Aber meine Zunge wusste es besser: Sie war noch immer angeschwollen.

Die süße Botschaft des Samandarin.

Nach einem ausgedehnten Frühstück — ich hatte mich völlig ausgehungert gefühlt — setzte ich meine Suche nach dem Turmschlüssel fort.

Ich durchwühlte die Kommode in Carlos Wohnzimmer, untersuchte eine holzwurmzerfressene Truhe vor dem Fenster und spähte hinter die Bücher. Nichts.

Mir kam der abenteuerliche Gedanke, dass Carlo vielleicht ein Buch präpariert und den Schlüssel in einer Aushöhlung versteckt haben könnte. Ich verbrachte fast vier Stunden damit, jedes Einzelne zu untersuchen, aber alles, was ich fand, waren trockene Tabakkrümel, die zwischen den Seiten herunterrieselten.

Ich durchsuchte jeden Winkel, hob sogar den Teppich an, stieß aber nur auf ein paar dicke Staubmäuse. Schließlich räumte ich die Schallplatten aus der Musiktruhe und tastete das leere Fach ab. Kein Schlüssel.

Carlos Plattensammlung war genauso kunterbunt wie seine Bibliothek. Die meisten der Vinylscheiben waren stark gewellt, so als hätten sie in der Sonne gelegen, und alle wiesen sie erhebliche Kratzer auf: Die Brandenburgischen Konzerte, Glenn Miller, eine Aufnahme von Don Giovanni, Chansons von Jaques Brel, die Dreigroschenoper, eine Platte mit Liedern von Brahms, ein Album von Billie Holiday ...

Moment! Da war etwas gewesen! Gerade eben! Etwas Merkwürdiges. Hier nicht — und hier auch nicht, aber ... hier!

Ich zog die Platte mit den Brahms-Liedern aus dem Stapel und sah mir die Liste der Titel genauer an:

Sonntag, Heimkehr, O wüsst ich doch den Weg zurück und — ich fühlte wieder das seltsame Kribbeln im Nacken — Opus 107 Nr. 2 Salamander!

Das war so unwahrscheinlich, dass es kein Zufall sein konnte! Ich spürte, wie meine Handflächen feucht wurden.

Die richtigen Dinge zur richtigen Zeit.

Ich legte die Platte auf den Plattenteller, kratzte Staub von der Nadel und setzte den Tonarm auf. Zu meiner Überraschung tat es der antike Plattenspieler tatsächlich noch. Durch das Knacken und Knistern hindurch erklang eine sonore Männerstimme:

Es saß ein Salamander

auf einem kühlen Stein,

da warf ein böses Mädchen

ins Feuer ihn hinein,

ins Feuer ihn hinein.

Sie meint, er soll verbrennen,

ihm ward erst wohl zu Mut.

Wohl wie mir kühlem Teufel

die heiße Liebe tut,

die heiße Liebe tut.

Salamander im Feuer? Kühle Teufel? Heiße Liebe?

Was sollte ich damit anfangen? Im ersten Augenblick war ich ziemlich ratlos. Wenn das eine Spur war, die Carlo gelegt hatte, worauf wollte er hinaus? Gab es irgendwelche verschlüsselten Botschaften? Versteckte Hinweise? Was war mit dem »bösen Mädchen«? Natürlich dachte ich sofort an Claudia Obermann, daran, wie sie das Zigarillo in den Wagen geworfen und dabei gelächelt hatte. Oder war der »kühle Stein« ein Hinweis? Ein Ort, an dem ich etwas finden konnte? Was hatte dieses Lied mit meiner Vergangenheit zu tun? Ich hörte mir das Stück noch einmal an und konzentrierte mich auf jedes einzelne Wort.

... wohl wie mir kühlem Teufel,

die heiße Liebe tut,

die heiße Liebe tut.

Kühler Teufel. Das weckte zugegebenermaßen schon ein paar Erinnerungen. Allerdings nicht an Erzbach, sondern an eine Episode meines Lebens, die ich liebend gerne aus dem Gedächtnis getilgt hätte. Kühler Teufel. Das hätte von meiner Ex-Frau sein können, obwohl — sie hatte es nüchterner formuliert: »Kalt wie ein Fisch.«

Meine Ehe war ein kurzes und deprimierendes Missverständnis gewesen, an das ich mich vor allem als eine Abfolge von kalt gewordenen Abendessen, vergessenen Geburtstagen, verpassten Verabredungen und vorwurfsvollen Blicken erinnerte.

Wir hatten uns auf der Geburtstagsfeier einer Arbeitskollegin von mir kennengelernt. (Erst sehr viel später wurde mir klar, dass ich auf die klassische Art verkuppelt worden war.) Irgendwie entwickelten die Dinge eine Eigendynamik und ein Jahr später war ich verheiratet. Leider stellte sich schnell heraus, dass ich nicht für die Ehe gemacht war. Ich hatte vorher immer allein gelebt, meine Arbeit war der Mittelpunkt meines Lebens gewesen, und daran konnte — und wollte — ich auch nach der Heirat nichts ändern. Schon nach achtzehn Monaten war unser Versuch eines Lebens zu zweit gescheitert.

An dem Tag, an dem sie ausgezogen war, hatte sie es gesagt: »Du warst nie mit mir verheiratet, Lukas, immer nur mit deiner Arbeit. Du bist überhaupt nicht in der Lage, für irgendjemand ein Gefühl zu entwickeln. Nicht für mich und auch für sonst niemanden. Du bist kalt wie ein Fisch.«

Kühler Teufel. Kalter Fisch. Ganz schön starker Tobak. Na ja, man sagt sich so einiges, wenn man sich trennt. Ich hielt mich nicht für kalt wie ein Fisch — nur war ich eben auch nicht der Typ für die heiße Liebe. Ich ging die Dinge eben etwas rationaler an. »Heiße Liebe«, das war eine Sache für Filme und Romane, eine romantische Idee, mit der man Kinosäle und Konzerthallen füllen konnte, aber im wirklichen Leben fand so etwas nicht statt.

Das stimmt nicht!

Der Gedanke kam aus dem Nirgendwo.

Das stimmt nicht — und du weißt es!

Die Nadel des Plattenspielers hing in der Auslaufrille, aus den Lautsprechern knisterte es leise. Und während ich auf dem Boden vor der Musiktruhe lag und an die Decke starrte, stieg in mir ganz langsam eine Erinnerung auf. Nicht an etwas, das ich gesehen oder gehört hatte. Ich erinnerte mich an ein Gefühl: fremd und trotzdem vertraut. Ein leichtes Ziehen im Bauch, gleichzeitig schön und schmerzhaft. Süß und bitter, wie das Samandarin. Und je mehr ich mich der Erinnerung hingab, umso stärker wurde das Gefühl. Wie ein Rinnsal, das zu einem Bach wurde, der zu einem Fluss anschwoll — und dann spürte ich, wie mich das Gefühl überschwemmte, durch mich hindurchfloss und mich von den Zehen bis in die Haarwurzeln mit Wärme erfüllte.

Wohl wie mir kühlem Teufel

die heiße Liebe tut,

die heiße Liebe tut!

4. Kapitel

1963

»Feinkost Kornack« war ein winziger Laden in einem der Sträßchen im Oberdorf, die auf den Brunnenplatz zuliefen. Auf dem Trottoir vor dem Laden standen Kisten mit Obst und Gemüse, in einem kleinen Schaufenster waren Konservendosen zu einer wackligen Pyramide aufgebaut. Als ich eintrat, gab die Glocke über der Ladentür ein müdes Bimmeln von sich. Die Frau hinter der Verkaufstheke trug eine weiße Schürze und wog gerade Aufschnitt ab: Frau Kornack hatte dünnes blondes Haar, in dem schon einige graue Strähnen zu sehen waren. Vor der Theke stand die Frau mit dem Mops, die ich am Vortag im Unterdorf gesehen hatte. Der Hund lag flach auf dem Boden, leckte die Dielenbretter ab und ahnte nichts davon, dass er gerade Gesprächsthema war.

»Wenn ich den Hermann nicht mehr mit hierhinbringen darf, dann hole ich in Zukunft eben woanders ein«, meckerte die Alte.

»Aber Sie können ihn doch die paar Minuten draußen anleinen«, entgegnete Frau Kornack mit leiser Stimme. »Ich habe doch nichts gegen ihren Hund. Es ist nur wegen der Hygienebestimmungen. Er darf hier nun mal nicht rein.« Sie wickelte den Aufschnitt in Papier, legte ihn zu den anderen Einkäufen auf die Theke und rechnete alles auf einem kleinen Block zusammen. »Das macht dann zwei Mark und vierzig.«

»Für die paar Sachen? Das sind ja Preise wie in der Stadt.« Die Perücke der Mopsbesitzerin schaukelte vor Empörung.

»Tut mir leid, Frau Benninghaus, das ist schon ganz knapp kalkuliert, die Sachen werden im Einkauf auch immer teurer.«

»Wo man geht und steht, wird man betrogen«, keifte die alte

Benninghaus. Sie kramte in ihrem Portemonnaie, zählte das Geld umständlich ab und knallte die Münzen auf die Theke. »Komm, Hermann! Wir gehen!«

Ein Ruck an der Leine und Hermann wurde — die Zunge noch immer auf dem Boden — unsanft aus dem Laden gezogen.

Frau Kornack friemelte ein Taschentuch aus ihrem Ärmel und schnäuzte sich ausgiebig. Ich dachte schon, sie hätte mich vergessen, aber dann blickte sie auf und hauchte mit erschöpfter Stimme: »Bitte schön?«

»Guten Tag. Ich bin Lukas Klinger, ich bin mit Philipp verabredet.«

»Ah. Ah, ja. Guten Tag, Lukas. Philipp sagte, dass du vorbeikommen würdest. Er ist noch hinten. Geh doch einfach durch.«

Sie öffnete die Tür zu einem Hinterzimmer, das als Lagerraum diente. Philipp war damit beschäftigt, Kartons mit einem Teppichmesser klein zu schneiden.

»Ich bin gleich fertig«, rief er mir zu und sagte dann, an seine Mutter gewandt: »Geh ruhig schon hoch. Ich räume die Kisten rein, dann fege ich noch schnell aus und schließe den Laden ab.«

»Danke, mein Junge.« Frau Kornacks Gesicht sah ganz abgearbeitet aus. Mit schleppenden Schritten stieg sie die Treppe zur Wohnung hoch.

Philipp erledigte, was zu erledigen war, dann zog er seinen weißen Kittel aus und hängte ihn ordentlich über einen Bügel. »Moment noch. Wir brauchen Proviant.« Er zog eine Stofftasche unter der Theke hervor, ging zu einem großen Kühlschrank und nahm sechs Flaschen Bier heraus. »Alles klar, wir können los.«

Er führte mich durch ein Gewirr kleiner Gassen und schiefer Häuser und bog mal rechts und mal links ab. Wir ließen das Dorf hinter uns, folgten einem Feldweg, bogen wieder ab, und marschierten querfeldein durch eine Wiese voller Apfelbäume.

»Musst du samstags immer im Laden helfen?«, fragte ich.

»Ich muss nicht. Aber in den Ferien helfe ich eben. Es reicht ja schon, dass Mutter während der Schulzeit alles alleine machen muss.«

»Und dein Vater?«

»Mein Vater ist tot.«

»Tut mir leid«, sagte ich.

Philipp zuckte die Schultern. »Ich kann mich kaum an ihn erinnern. Er ist krank aus dem Krieg zurückgekommen, und als ich drei Jahre alt war, ist er gestorben. Seitdem sind Mutter und ich alleine.«

Eine Weile gingen wir schweigend nebeneinander her, nur das Klackern der Bierflaschen war zu hören. Unser Weg verlief abwärts, bis zu einem morschen Holzsteg, der über einen schmalen Bach führte. Dahinter stieg ein steiler, mit Gras bewachsener Hang an, umstanden von hohen Bäumen.

»Das ist die Deuwelsley. Und da oben ist unser Lager.« Philipp deutete auf einen großen Schieferfelsen direkt vor den Bäumen, der aussah, als wäre er schräg aus der Erde gewachsen. Wir erklommen den Hang; als wir die Hälfte geschafft hatten, hörte ich Musik.

Die Spitze des Felsens bildete ein natürliches Dach, unter dem Robert saß und hingebungsvoll an einer Zigarette paffte. Die Musik kam aus einem winzigen Kofferradio. Er hatte einen amerikanischen Sender eingestellt und wippte mit dem Kopf zur Musik. Als er uns sah, sprang er auf.

»Ah, Don Filippo, der Hüter des heiligen Gerstensaftes. Und der neue Rekrut. Ich habe mich schon gefragt, ob du wirklich kommst oder ob du kneifst. Willkommen im Hauptquartier der Liga!« Er machte eine weit ausholende Geste. »Und – wie findest du es?«

Ich war beeindruckt. Das Felsdach schützte vor dem Regen und bewahrte einen gleichzeitig vor neugierigen Blicken. Robert und Philipp hatten einiges an Gestrüpp hierhergeschleppt und vor dem Fels verteilt. Es war, als säße man in einer kleinen Höhle, unsichtbar für jeden Beobachter, während man selbst freie Sicht auf den Hang und die Umgebung hatte.

»Sieh es dir mal von oben an«, sagte Philipp.

Ich stieg von hinten auf den Felsen und balancierte bis zur Spitze. Von hier konnte ich das gesamte Dorf überblicken, die Häuser im Oberdorf, den Brunnenplatz, die Brunnentreppe und, weiter unten, erkannte ich die Dorfstraße und die Erzbacher Kirche.

»Wie sieht es aus, Kleiner, gibt es endlich was gegen den Durst?«, fragte Robert.

Philipp verteilte das Bier.

»Habt ihr auch einen Öffner?«

Robert warf mir einen mitleidigen Blick zu, nahm meine Flasche, öffnete sie mit den Zähnen und drückte sie mir wieder

in die Hand. »Gerechtigkeit und Bier und Rock’n’Roll. Auf die Liga.«

Wir stießen an. Eigentlich mochte ich kein Bier, es war mir zu bitter, aber der herrschenden Etikette zuliebe zwang ich mich zu einem kleinen Schluck. Roberts Flasche war nach dem ersten Zug halb leer. Er gab einen Rülpser von sich, der meine Mutter vor Entsetzen vom Stuhl gehauen hätte, und zündete sich die nächste Zigarette an. »So, Männer, jetzt testen wir mal, ob der junge Freiwillige hier auch tatsächlich die Voraussetzungen erfüllt, die es braucht, um Mitglied unserer exklusiven Vereinigung zu werden.«

Philipp und ich setzten uns zu Robert unter das Felsdach, und die folgende Stunde wurde ich unerbittlich ins Kreuzverhör genommen: Wo kam ich her? Wo hatte ich schon überall gewohnt? Hatte ich zu Hause freien Zugang zu alkoholischen Getränken? Konnte ich wenigstens drei Stücke von Jerry Lee Lewis nennen? Hatte ich schon eine Freundin gehabt? Wie lange würde ich in Erzbach bleiben ...?

Als ich erzählte, dass ich nach den Ferien auf das Gymnasium in Beerburg gehen würde, lächelte Philipp verlegen. »Da sind wir auch.«

»Jaaaaa«, ergänzte Robert. »Auf dem schärfsten Gymnasium Deutschlands.«

Philipp rutschte unruhig hin und her. »Bis vor ein paar Jahren gab es ein Mädchen- und ein Jungengymnasium in Beerburg, aber irgendwann hatte jedes der beiden Gymnasien zu wenig Schüler, und da haben sie die Schulen zusammengelegt und ...«

»Sie verkaufen das Ganze als pädagogisches Experiment«, unterbrach ihn Robert. »Dabei geht es nur darum, die Schule vollzukriegen. Aber mir soll es recht sein. Obwohl es einem manchmal schon schwerfällt, sich auf den Unterricht zu konzentrieren. Bei den Ausblicken ...«

»Und was ist mit den Leuten, die gestern hinter euch her waren, sind die auch auf der Schule?«

»Nein, keiner von denen. Die meisten von ihnen sind Volksschüler aus Erzbach und einer von den Jungen, der mit dem Pickelgesicht, arbeitet in der Papierfabrik in Biber. Nur die Obermann-Zwillinge waren früher auf dem Gymnasium, aber sie sind vor einem Jahr geflogen.«

»Die beiden sind total irre«, ereiferte sich Philipp.

»Seit sie auf der Schule waren, haben sie jeden, der sich nicht wehren konnte, terrorisiert.« Seine Stimme wurde brüchig. »Keiner von den Eltern oder Lehrern hat sich getraut, was dagegen zu unternehmen, weil der Vater der Obermanns hier in Erzbach Bürgermeister ist. Der hat Beziehungen, mit dem wollen es sich die Leute nicht verderben. Aber letztes Jahr haben sich Claudia und Clemens eine Sache geleistet — da konnte ihnen sogar ihr Vater nicht mehr raushelfen.«

»Claudia Obermann war hinter Thomas Heinrichs her, einem Jungen aus unserer Klasse«, erklärte Robert. »Bis dahin nichts Ungewöhnliches, sie sucht dauernd nach neuen Trophäen für ihre Sammlung. Aber diesmal lief es nicht so, wie sie es sich vorgestellt hatte. Thomas hat sie abblitzen lassen, weil er eine heimliche Freundin hatte — auch ein Mädchen von unserer Schule. Als Claudia das spitzgekriegt hat, haben sie und Clemens dem Mädchen aufgelauert. Sie haben sie in die Schultoilette gezerrt, Clemens hat sie festgehalten und Claudia hat ihren Zirkel genommen und dem Mädchen in Großbuchstaben »NUTTE« in die Stirn geritzt. Es gab natürlich einen Riesenaufruhr. Diesmal konnte sogar ihr Vater nicht mehr verhindern, dass sie die Schule verlassen mussten. Allerdings hat er es geschafft, die Eltern des Mädchens dazu zu bringen, keine Anzeige zu erstatten. Wahrscheinlich musste er dafür einiges an Kohle auf den Tisch legen. Seitdem sind die Obermann-Zwillinge auf einem Internat und konzentrieren sich darauf, zumindest in den Ferien Angst und Schrecken in Erzbach zu verbreiten. Und wie es eben so ist: Jeder Gestörte findet immer ein paar Leute, die ähnlich bescheuert sind wie er selbst, die sich an ihn dranhängen und rumkommandieren lassen und sich dabei auch noch toll vorkommen. Du hast das Schreckenskabinett ja selbst gesehen. Wenn ich alleine an Magda Niederscheid denke, diese halbgare Gehirnfrikadelle ... Das Schlimmste ist aber, dass es keinen von den Erwachsenen großartig zu stören scheint, wenn sie Leute bedrohen und verprügeln. Liegt natürlich teilweise daran, dass ihr Vater hier der Obermaxe ist und sich keiner gern mit ihm anlegt. Aber das alleine ist es nicht. Die Leute hier sind einfach komisch. Wirst du auch noch merken. Wenn irgendeine Schweinerei passiert, sehen sie einfach nicht hin. Was man nicht sieht, passiert nicht, und wenn nichts passiert, hat man weiter seine Ruhe. So einfach ist das. Aber sobald sie auch nur zwei Takte Rock’n’Roll hören, regen sie sich künstlich auf und tun, als würde der Untergang des Abendlandes bevorstehen. Ganz schön krank, das alles. An dem Tag, an dem ich mein Abi habe, bin ich hier weg. Wenn ich es überhaupt so lange aushalte. — Na ja, jedenfalls sind wir so ziemlich die Einzigen, die vor den Obermanns und ihrem Schlägertrupp nicht klein beigeben. Unser Motto ist: Würg ihnen einen rein, wann immer es geht!«

»Deswegen waren sie also gestern hinter euch her.«

»Also, da gab es schon einen konkreten Anlass.« Robert grinste und blies einen Rauchkringel in die Luft. »Obwohl ich betonen möchte, dass wir in der Sache natürlich völlig zu Unrecht verdächtigt werden. Ist es nicht so, Kleiner?«

»Ja, natürlich«, gluckste Philipp.

Robert öffnete eine weitere Bierflasche und begann zu erzählen. »Also, es war folgendermaßen: Vor ein paar Tagen sitzen Freund Philipp und ich am Brunnen und langweilen uns so vor uns hin, da kommt Clemens Obermann mit seiner Vespa angeknattert. Er gibt immer total mit dem Ding an — besser gesagt, er gab immer damit an. Aber der Reihe nach: Er dreht also ein paar Runden um den Brunnen, macht einen auf dicke Hose und wirft uns drohende Blicke zu. Wir tun aber einfach so, als ob er Luft wäre, und beachten ihn nicht. Er parkt den Roller vor dem Brunnen und schlendert, auffällig unauffällig, in die Leygasse.«

Philipp verschluckte sich, ein Schwall Bier schoss aus seiner Nase und er wurde von einem heftigen Schluckauf geschüttelt.

»Ganz ruhig, Kleiner.« Robert schlug ihm auf den Rücken. »Die Leygasse geht direkt vom Brunnenplatz ab«, erklärte er. »In der Leygasse wohnen die Kesslers. Herr Kessler ist ziemlich oft auf Montage und Frau Kessler — tja, wie sag ich es am besten — also Frau Kessler vergisst ganz gerne mal das Licht auszumachen und die Läden zu schließen, wenn sie sich abends auszieht. Deswegen geht die männliche Dorfjugend da gerne spazieren. Stimmt es, Kleiner?«

Philipp lächelte gequält und hickste, während seine Ohren ein dunkles Rot annahmen.

»Und als der gute Clemens nach einer Weile von seiner Bioexkursion zurückkommt — mit etwas angespanntem Gesichtsausdruck und wahrscheinlich mit einem Riesenständer — da hat jemand seine Vespa umgeparkt.«

»Und?«, fragte ich.

Robert drückte seine Zigarette aus. »In den Brunnen!«

Die beiden brachen in hyänenartiges Gelächter aus. Erstaunt bemerkte ich, dass mir das Bier mittlerweile viel besser schmeckte. Meine Flasche war fast leer.

»Möchtest du noch eine?«, fragte Philipp.

»Ja, gerne!« Ich erinnerte mich daran, dass ich sie nach der Frau mit dem Geigenkasten fragen wollte. »Sagt mal, könnt ihr mir verraten, wer —«

»Köpfe runter!« Robert zog mich auf den Boden. »Da kommt jemand.«

Ein Mann in einem seltsamen Aufzug stapfte den Hang hoch.

Er trug eine dicke Winterjacke, die ihm mindestens zwei Nummern zu groß war, seine Beine steckten in hohen Gummistiefeln, eine abgewetzte, karierte Kappe hing schief auf seinem kantigen Schädel. Ein Stück unterhalb unseres Verstecks blieb er stehen, wischte sich mit dem Unterarm über die Stirn und spuckte in hohem Bogen aus.

»Ach, du dicke Scheiße«, stöhnte Robert. »Der Doppelkorn-Express.«

»Wer?«

»Der Doppelkorn-Express«, flüsterte Philipp. »Eigentlich heißt er Theo Konnel, aber alle nennen ihn so, weil er ständig blau ist. Manchmal arbeitet er für die Gemeinde — Wege auf dem Friedhof harken und so was — oder er macht Gelegenheitsarbeiten in der Papierfabrik in Biber, aber die meiste Zeit ist er damit beschäftigt, sich volllaufen zu lassen. Er hat überall Schulden. Mutter verkauft ihm nichts mehr, aber jedes Mal, wenn ihm der Sprit ausgeht, taucht er bei uns auf und randaliert vor dem Laden. Manchmal mitten in der Nacht. Mutter hat eine Heidenangst vor ihm.«

Als müsste Theo Konnel das eben Gesagte bestätigen, zog er einen Flachmann aus seiner Jacke und nahm einen kräftigen Schluck. Dann kratzte er sich ausgiebig am Hintern, spuckte noch einmal aus und setzte seinen Weg durch das hohe Gras fort.

»Was hat der hier verloren?«, sagte Robert. »Der bewegt sich doch sonst nicht weiter als bis zum nächsten Zapfhahn. Kommt, wir sehen uns mal an, was er macht. — Wartet, noch nicht!«

Der Doppelkorn-Express verschwand im Wald.

»Jetzt! Herrgott, Philipp, was machst du denn da?«

»Die Bierflaschen einpacken, die kann man doch nicht einfach hier liegen lassen.«

»Spitzenidee, ihm mit einer Tasche voller Bierflaschen hinterherzuschleichen. Willst du dir auch noch ein Blaulicht an den Kopf nageln? Lass das Zeug liegen, das kannst du auch das nächste Mal noch mitnehmen. Los jetzt!«

Wir schlichen in gebückter Haltung bis zum Waldrand. Theo Konnel trampelte, etwa zwanzig Meter vor uns, einen schmalen Pfad entlang. Wir hefteten uns an seine Spur. Der Weg verlief ein Stück oberhalb des Dorfes, manchmal konnte ich durch die Bäume zu meiner Linken eines der roten Dächer sehen. In der Nähe war das Rauschen eines Baches zu hören. Ständig mussten wir tief hängenden Ästen ausweichen, die über den Weg reichten. Wir waren dem Doppelkorn-Express etwa zehn Minuten gefolgt, als er unvermittelt stehen blieb.

»Runter vom Weg!« Sofort warfen wir uns hinter einen Strauch.

Konnel kratzte sich nachdenklich am Kopf, machte einen Schritt zurück, bückte sich ... und zog etwas Glitzerndes aus einem Gestrüpp. Verwundert glotzte er auf den Fund in seiner Hand.

»Au, au, au, au, au«, kreischte Philipp plötzlich.

Konnel sah erschrocken auf, rückte seine Kappe zurecht und gab Fersengeld. Zehn Sekunden später war er hinter der nächsten Biegung verschwunden.

»Tut mir leid, tut mir ehrlich leid, Leute«, japste Philipp, während er von einem Fuß auf den anderen tanzte. »Ich habe mich mitten in einen Ameisenhügel gelegt. Oh, Mann! Die Viecher sind sogar in meiner Unterhose!«

»Versuch einfach, es zu genießen«, riet Robert. »Kommt, wir versuchen noch mal, uns an ihn dranzuhängen.«

Aber der Doppelkorn-Express war wie vom Erdboden verschluckt. Nachdem wir ein paar hundert Meter gelaufen waren, kamen wir an eine Weggabelung.

»Und was jetzt?«, fragte ich.

»Ich glaube nicht, dass er nach rechts gegangen ist«, sagte Robert. »Dazu ist er eine viel zu feige Socke. Der Pfad läuft kilometerweit in den Wald hinein und verzweigt sich immer wieder, und manche der Abzweigungen enden einfach irgendwo in den Bäumen. In diese Richtung kann man tagelang laufen, ehe man wieder auf eine Ortschaft stößt. Die Wälder hinter Erzbach sind riesig und man kann schnell die Orientierung verlieren. Im Dorf erzählen sie eine Menge Geschichten von Leuten, die in den Wald rein sind und von denen man nie mehr was gehört hat.«

»Rechts ist also keine gute Idee«, befand ich. »Wohin gelangen wir, wenn wir den linken Pfad nehmen?«

»Der führt bis hinter das Haus der Schwarzbachs, das steht ein bisschen abgeschieden, oberhalb des Dorfes«, antwortete Philipp.

»Ja, wer weiß?« Robert grinste breit. »Vielleicht hat Konnel vor, ein bisschen bei den Schwarzbachs spannen zu gehen. Würde zu seiner vornehmen Gesamterscheinung passen.«

»Wer sind die Schwarzbachs?«

»Sonia Schwarzbach und ihre Nichte Oda. Zwei ganz spezielle Fälle. Sie bleiben die meiste Zeit für sich und haben mit den Leuten im Dorf nicht viel zu tun. Sonia Schwarzbach ist in keinem Verein, geht nicht in die Kirche, und will weder mit dem Frauen-Betkreis noch mit dem Verschönerungskomitee was zu tun haben. Ich habe dir ja vorhin erzählt, wie die Leute hier in Erzbach sind, und du kannst dir vorstellen, dass man mit so einer Haltung nicht gerade an der Spitze der lokalen Beliebtheits-Hitparade steht. Es wird viel über sie getratscht, dabei ist das meiste wahrscheinlich ziemlicher Unfug. Obwohl — so ganz geheuer ist Sonia mir auch nicht. Tja, und Oda? Seitdem Jungen und Mädchen zusammen unterrichtet werden, ist sie in unserer Klasse, aber sie hat in der ganzen Zeit noch kein Wort mit mir geredet, und ich glaube, auch mit sonst niemandem. In den Pausen steht sie immer alleine rum. Sie sagt nur was, wenn sie im Unterricht gefragt wird, und manchmal kommt sie tagelang einfach nicht in die Schule. Vielleicht ist sie krank; keine Ahnung. Auf jeden Fall ist sie ziemlich durch den Wind. — Kann natürlich auch an der Geschichte mit ihrer Mutter liegen«, fügte er nach einer Pause hinzu. »Sie ist verschwunden. Letztes Jahr im Sommer. Sie ist in den Wald gegangen und nicht mehr aufgetaucht. Aus Beerburg haben sie einen Suchtrupp geschickt, mit Hunden. Aber die haben auch nichts gefunden. Seitdem ist Oda noch merkwürdiger geworden, als sie es ohnehin schon war. Und erst ihr Blick ... Mein lieber Schwan! Wenn ihr einer blöd kommt, dann hat sie so einen Blick drauf — dabei wird dir ganz anders. Echt unheimlich.«

Wir folgten einem Weg, der steil abwärts führte, bis wir zu einem umgestürzten, von Moos überwucherten Baumstamm gelangten.

Nur die Reste einer verfallenen Bruchsteinmauer deuteten darauf hin, dass an dieser Stelle der Wald endete und das Grundstück der Schwarzbachs begann. Von Theo Konnel war, wenigstens auf den ersten Blick, nichts zu sehen. Wir kauerten uns hinter die Mauer. Direkt hinter einem Holzhaus war eine Wiese, auf der gelbe und blaue Sommerblumen blühten. In der Mitte des Gartens stand eine Sonnenuhr auf einem kleinen gemauerten Sockel. An die Rückseite des Hauses war eine schmale Veranda angebaut und auf der stand, die Arme auf das Geländer gestützt, eine große, schlanke Frau in einem Sommerkleid. Ihre roten Haare hatte sie zu einem Zopf zusammengebunden. Mir fiel auf, dass sie keine Schuhe trug.

»Das ist sie«, wisperte Philipp. »Sonia Schwarzbach.«

»Und guck mal«, sagte Robert und zeigte nach links, »da kommt auch schon die Juniorausgabe.« Mit der Stimme eines Geisterbahnansagers verkündete er: »Das Mysterium von Erzbach, die verstörend verstörte Oda Schwarzbach.«

Das Mädchen trat durch die geöffnete Flügeltür auf die Veranda. Oda Schwarzbach sah ihrer Tante bemerkenswert ähnlich. Sie hatte die gleiche schlanke Statur und auch sie trug ein Sommerkleid und war barfuß. Nur dass ihr die roten Haare in Locken vor dem Gesicht hingen, während Sonias Haar glatt war. Und da war etwas an ihr, das ich noch bei keinem Menschen vorher gesehen hatte. Es war die Art, wie sie sich bewegte. Ihre Bewegungen wirkten langsam, waren dabei aber nie schwerfällig, sondern ganz leicht. So als würde sie sich in ihrer ganz eigenen Zeit bewegen.

Ich konnte meinen Blick nicht von ihr abwenden.

Tante und Nichte sprachen miteinander, aber wir waren viel zu weit entfernt, um etwas verstehen zu können. Sonia Schwarzbach sah besorgt aus. Sie ging zu Oda, nahm sie in die Arme und redete beruhigend auf sie ein.

Irgendjemand im Haus rief nach Sonia. Sie strich ihrer Nichte über die Haare und verschwand durch die Flügeltür. Oda setzte sich auf die Stufen der Veranda.

»Lasst uns mal gehen«, sagte Robert. »Spannender wird es nicht. Außerdem sieht es so aus, als würde es jeden Moment wieder mächtig anfangen zu pissen.«

Ich bekam zwar mit, dass sich die beiden erhoben, aber ich rührte mich nicht von der Stelle. Ich konnte nicht. Ich konnte nicht aufhören, Oda Schwarzbach anzustarren.

Plötzlich hob sie ihren Kopf und begann — ich weiß nicht, wie ich es anders beschreiben soll — zu schnüffeln. Sie wiegte den Kopf hin und her, dann reckte sie ihn plötzlich vor und sah genau in meine Richtung. Ich war mir sicher, dass sie mich hinter den Mauerresten nicht sehen konnte, aber gleichzeitig hatte ich das Gefühl, als würde sie mir geradewegs in die Augen blicken.

In diesem Moment passierte etwas Merkwürdiges. Plötzlich war da ein Gefühl. Ein ganz neues Gefühl. Noch vor ein paar Minuten war Erzbach nur irgendein Ort gewesen, wie die vielen anderen Orte, an denen ich schon mit meinen Eltern gelebt hatte, ohne mich dort je zu Hause gefühlt zu haben. Aber genau das fühlte ich in diesem Moment, genau das schoss mir durch den Kopf: Ich bin zu Hause. Ich konnte auf einmal meinen eigenen Herzschlag hören, schnappte nach Luft — und bekam einen kräftigen Tritt in den Hintern.

Robert stand direkt hinter mir. »Hauptquartier an Fähnrich Klinger. Können Sie mich hören?«

»Was? Was ist?«

»Oh nein«, sagte Robert. »Sieht ganz so aus, als hätte unser neuer Freund eine Schwäche für Frauen mit leicht gruseliger Ausstrahlung.«

»Red keinen Mumpitz«, sagte ich und blickte wieder zur Veranda. Oda war verschwunden. »Ähm ... meint ihr, sie kommt nochmal raus?«

»Heilige Hirnvernebelung! Ist es nur ein zarter Liebeszauber oder hat sie einen mächtigen sexuellen Bann über dich geworfen, mein jungfräulicher Freund?«

»Jetzt hör doch mal mit dem Blödsinn auf.«

Robert legte Philipp einen Arm um die Schulter. »Sieh ihn dir an, Filippo! Leugnen ist immer das sicherste Zeichen. Ach, unser bedauernswerter, liebeskranker Freund. Wir müssen ihm in dieser schweren Zeit eine Stütze sein. Nein, Lukas, sie wird erst mal nicht wieder rauskommen. Fühlst du dich jetzt vielleicht in der Lage aufzubrechen, Romeo?«

So ging es den ganzen Weg lang weiter. Sie rissen Witzchen auf meine Kosten, kabbelten sich und boxten sich gegenseitig auf die Oberarme. Aber all das nahm ich nur am Rande wahr, während ich ihnen zurück ins Dorf folgte.

Der Himmel war grau, der Regen schlug unaufhörlich auf das Kopfsteinpflaster und ich war durch und durch nass. Aber alles war gut.

Ich war verliebt.

5. Kapitel

Gegenwart

Noch immer kratzte die Nadel des Plattenspielers über die Auslaufrille. Die Lautsprecher rauschten leise. Ich nahm den Tonarm von der Schallplatte, schloss die Klappe der Musiktruhe und ging zum Fenster hinüber.

Oda Schwarzbach. Ein Augenpaar, das mich durch Mauersteine hindurch angesehen hatte. Ein Mädchen mit roten Locken. Oda Schwarzbach, barfuß, auf den Stufen einer Holzveranda. An einem Regentag im Juli.

So fühlte es sich an, verliebt zu sein.

Das war vor über vierzig Jahren gewesen. Und es war auch das einzige Mal gewesen. Das einzige Mal in meinem Leben, dass ich das gefühlt hatte.

Konnte man ein Gefühl einfach vergessen?

Manchmal muss man Dinge vergessen. Wenn sie zu schrecklich sind oder zu seltsam ...

Dass etwas Schlimmes passieren könnte, daran hatte ich damals, an diesem Tag, nicht einen Gedanken verschwendet. Im Gegenteil: Ich war erfüllt gewesen von dem Gefühl, dass mein Leben gerade erst begonnen hatte und dass es wunderbar und aufregend und ganz fantastisch werden würde.

Oda Schwarzbach.

Die sich so bewegte, dass die Zeit langsamer verging.

1963

Seit ich Oda gesehen hatte, lebte ich in zwei Welten. In der einen Welt ließ ich Vaters weitschweifige Berichte über die Fortschritte der Kirchenrestaurierung über mich ergehen, schuftete unter Mutters Kommando im Garten und traf mich mit Robert und Philipp an der Deuwelsley.

In der anderen Welt, in meiner Fantasie, drehte sich alles um das Mädchen mit den roten Haaren und den Röntgenaugen.

Ich schlief kaum noch. Wenn ich hörte, dass meine Eltern zu Bett gegangen waren, räumte ich meine Bücher und das Mikroskop weg und setzte mich im Schneidersitz auf den Schreibtisch. Während die kühle Nachtluft durch das geöffnete Fenster in mein Zimmer drang, starrte ich stundenlang in die Dunkelheit und hatte dabei Odas Gesicht vor Augen.

Sie ging auf das Gymnasium in Beerburg. Ich würde sie nach den Sommerferien jeden Tag sehen. Aber bis dahin waren es noch fast sechs Wochen. Eine Ewigkeit. Und was dann? Würde ich überhaupt den Mut finden, sie anzusprechen? Und wenn ja, würde ich dabei nicht wie ein stammelnder Vollidiot aussehen? Jedes Mal, wenn ich mir die Situation vorstellte, schnürte es mir vor lauter Panik die Kehle zu. Aber bis dahin war noch Zeit, beruhigte ich mich. Lieber erinnerte ich mich an ihre Augen und daran, wie sie sich bewegt hatte an jenem Nachmittag, an dem ich sie zum ersten Mal gesehen hatte.

Meist hing ich meinen Träumereien nach, bis die ersten Vögel zu singen begannen. Dann erhob ich mich fröstelnd und kroch ins Bett, um wenigstens noch ein paar Stunden Schlaf zu bekommen.

Am Mittwochmorgen wurde ich aber bereits in aller Frühe wieder geweckt. Von der Haustür her waren Stimmen zu hören.

Schlaftrunken stolperte ich aus meinem Zimmer und beugte mich über das Treppengeländer.

Vor der Tür stand Alwin Niederscheid, neben ihm seine Tochter Magda, mit roten Wangen und Kuhblick.

»Aber sehr gerne«, hörte ich Mutter sagen. »Wir fühlen uns geehrt. Vielen Dank für die Einladung. Wir kommen gerne. Auf Wiedersehen, Herr Niederscheid.« Sie schloss die Tür.

Ich lief zum Fenster und sah, wie Niederscheid in einen Mercedes stieg. Magda überprüfte im Außenspiegel den Sitz ihrer Haare, dann stieg auch sie ein und der schwere Wagen rollte die Straße hinunter.

»Was wollte der denn?«, fragte ich, als ich in die Küche kam.

Mutter stand an der Spüle, neben sich einen Berg aus Kartoffelschalen. »Der ist Herr Niederscheid. Er besitzt einen großen Hof hier in Erzbach.«

»Ich weiß, ich habe ihn kennengelernt, als Vater und ich uns die Kirche angesehen haben. Und was wollte er?«

»Er veranstaltet ein großes Fest auf seinem Hof und hat uns dazu eingeladen. Am nächsten Samstag. Das ist doch eine nette Geste, wo wir gerade erst hierhergezogen sind. Und wenn ich ihn richtig verstanden habe, wird noch lange nicht jeder eingeladen. Das ist ganz exklusiv

Ich nahm die Einladung vom Küchentisch.

Alwin Niederscheid

und Familie

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Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960877141
ISBN (Buch)
9783960877158
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v457821
Schlagworte
liebe-frauen-roman-tik-liebes-e-drama-literatur liebe-frauen-roman-tik-spann-ung-end sommer-lich-roman-e litera-risch-tur geheimnis-voll-e-r-roman-tik familie-n-geheimnis vergangenheit

Autor

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    Oliver Schlick (Autor)

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Titel: Die Farben des verschwundenen Sommers