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Highland Saga

Im Schatten des Schicksals

von Gabriele Ketterl (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Schottland im Jahr 1495. Fearghas muss hilflos mit ansehen wie seine Familie von einem verfeindeten Clan ermordet wird. Getrieben von dem Wunsch, die Geister der Vergangenheit auszulöschen, entwickelt der junge Highlander einen unbeschreiblichen Durst nach Rache. Als er einen Bewusstlosen vor dem Ertrinken rettet, wendet sich sein Schicksal, denn der Gerettete ist kein anderer als der Mörder seiner Familie. Bevor Fearghas jedoch handeln kann, tritt die junge Mairead in sein Leben. Die wilde und schöne Tochter seines Erzfeindes verzaubert ihn vom ersten Moment an. Zerrissen zwischen Liebe und Rachedurst muss Fearghas um sein Schicksal kämpfen. Kann seine verbotene Liebe zu Mairead die Dämonen seines Herzens bezwingen?

 

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe März 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-656-4
Taschenbuch-ISBN: 978-3-94804-502-9

Covergestaltung: Rose & Chili Design
unter Verwendung von Motiven von
depositphotos.com: © WDGPhoto, © maninblack, © Ensuper
shutterstock.com: © faestock
Lektorat: SL Lektorat

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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„Gib niemals deinen Stolz auf. Es wird der Tag kommen, an dem er alles sein wird, was uns noch bleibt.“

1.

Kilchoan, Lochaber, schottische Highlands, im Jahre 1495

„Nun hör schon damit auf, andauernd herumzuzappeln. Du vertreibst uns mit deiner Hampelei alle Fische.“ Eoghan wurde langsam ungeduldig.

Sofort stand der Kleine still. Große, dunkle Augen blickten unter dem haselnussbraunen Lockenschopf erschrocken zu ihm auf. „Aber ich bin doch ruhig“, flüsterte sein kleiner Bruder. „Was habe ich denn falsch gemacht?“

Sein Zorn verrauchte schnell angesichts des zerknirschten Kindergesichtes. „Ich sag ja nicht, dass du etwas falsch gemacht hast. Aber wenn du nicht stillstehst, müssen wir die Fische nicht mehr versuchen zu fangen, denn dann lachen sie sich tot, wenn sie sehen, was wir hier tun.“

„Was soll ich denn nun machen?“

Noch immer stand Fearghas stocksteif und bewegungslos bis zu den Knien im Wasser, was bei den kurzen Beinchen des Jüngsten der Familie nicht viel heißen wollte. Besorgt wanderte Eoghans Blick zu der in weiter Ferne liegenden Burg. Mingary war ein beeindruckendes Bauwerk. Trutzig erhob sich das gigantische Gebäude an den hohen Klippen in den Himmel, an drei Seiten nur umgeben von den tosenden Wellen des Meeres. Fast schien es, als könne sie diesen auch erreichen. Eoghan vermochte es nicht genau zu benennen, doch an die fünfundzwanzig Fuß hoch war wohl allein schon der Fels, auf dem man sie erbaut hatte. Er war sich nie sicher, ob sie weit genug von der Burg und ihren Bewohnern entfernt waren, um zu fischen. Andererseits waren die wenigen Fische, die sie mit ihren selbst gebauten Gestellen fingen, für den Burgherren sicherlich zu verkraften, aber so genau wusste man das in diesen Zeiten leider nie. 

„Zwerg, mir ist nur wichtig, dass wir die Zeit, die wir haben, nicht vergeuden. Ich laufe doch nicht eine Stunde mit dir über die Ebene, um dann mit leeren Händen heimzukommen.“

Die Augen wurden noch etwas größer. „Gut, dann gehe ich ganz langsam und ganz still weiter hinein. Dann sehen die Fische, wie mutig ich bin, und lachen sich nicht mehr tot. Aye?“

Ehe Eoghan nach der Hand des Jüngeren greifen konnte, stapfte der schon los, wild entschlossen, ihn nicht zu enttäuschen … und war zwei Schritte später prompt verschwunden. Geistesgegenwärtig griff er zu, erwischte Fearghas gerade noch am Kragen und zog den prustenden, nach Luft japsenden Kerl an die Oberfläche. „Bist du jetzt von allen guten Geistern verlassen? Gütiger Himmel, Kind, so lerne doch bitte erst schwimmen, ehe du dich in die Fluten stürzt.“ Eoghan konnte nicht so recht unterscheiden, was denn nun Meerwasser und was Tränen waren. Kopfschüttelnd drückte er das klatschnasse Etwas an sich.

„Schon gut, nicht weinen, Fearghas. Setz dich ans Ufer, damit du trocken bist, ehe wir nach Hause gehen.“

„Ich will aber auch etwas tun, ich bin doch schon groß, du bist nur dumme acht Jahre älter.“ Der Kleine versuchte hörbar, seiner Stimme einen festen Klang zu geben und wieder einmal musste er sich eingestehen, stolz auf seinen Bruder zu sein.

„Du musst die Umgebung im Auge behalten. Nicht, dass wir hinterrücks überfallen werden, also sperr Augen und Ohren auf und warne mich sofort, wenn Gefahr droht, hast du mich verstanden?“ Eoghan bezweifelte zwar stark, dass ihnen hier an der Küste im Schein der Mittagssonne irgendeine Gefahr drohen könne, aber zumindest war Fearghas beschäftigt. 

Tatsächlich stiefelte sein Bruder mit ernster Miene ans Ufer, setzte sich, tropfnass wie er war, auf einen Stein und beobachtete mit gerunzelter Stirn die Umgebung. Eoghan gelang es nur mit Mühe, sich das Lachen zu verkneifen. Fearghas sah einfach zu niedlich aus: die langen, dunklen Locken klebten in dem Kindergesicht, die Augen waren zu schmalen Schlitzen verengt und immer wieder hob er die Hand, um sie zu beschatten und ließ seinen Blick über den Strand schweifen. Schmunzelnd widmete sich Eoghan wieder den Fischen, sein Bruder war vorerst beschäftigt. 

Zwei Stunden später hingen sechs große, ausgenommene und gewaschene Exemplare an dem mitgebrachten Strick aufgereiht. Zufrieden wusch sich Eoghan die Hände im Meer. „Na also, nun waren wir doch erfolgreich. Das haben wir nur dir zu verdanken, weil du so aufmerksam dafür gesorgt hast, dass wir nicht gestört werden.“

„Ja, nicht wahr? Ich war dir eine große Hilfe, gib es zu.“ Fearghas musterte ihn mit treuherzigem Blick.

„Du bist mir eine sehr große Hilfe gewesen, Zwerg, aber nun müssen wir schleunigst los, damit ich Vater noch in den Ställen helfen kann.“

„Musst du doch gar nicht, machen die Knechte.“

Eoghan seufzte laut. „Will ich aber, du weißt, dass mir die Pferde wichtig sind. Na, komm schon, mit deinen kurzen Beinen dauert das sowieso länger.“

Fearghas zog eine ärgerliche Grimasse. „Na warte, wenn ich erst groß bin, dann laufe ich dir allemal davon.“

Er schulterte die Reuse, reichte dem Kleinen das Netz und wollte eben nach den Fischen greifen, als er ein ärgerliches Schnauben vernahm. „Ich bin doch kein Baby. Du trägst das Netz, ich die Fische.“ Auf Fearghas’ Stirn prangten zwei Furchen, die seinem Gesicht einen entschlossenen Ausdruck verliehen.

„Vergiss das wieder. Zu schwer für dich.“

„Pah, gib den Fang her, oder ich gehe keinen Schritt. Ich bin groß genug.“ Auffordernd streckte sich ihm die Kinderhand entgegen.

Er zuckte mit dem Schultern. „Gut, wenn du meinst. Das passt auch, du muffelst ziemlich nach Meer und Fisch.“ Grinsend reichte Eoghan ihm die Fische.

Sein Bruder nahm sie mit stoischer Miene entgegen, hob sie an, damit sie nicht mit dem Sand in Berührung kamen, und musterte ihn mit bewundernswerter Entschlossenheit. „Du bist gemein, Eoghan, nur weil du größer und älter bist. Bald bin ich auch so groß und stark, dann nimm dich gefälligst in Acht.“

Liebevoll fuhr er dem aufgebrachten Jungen durch das feuchte Haar. „Das werde ich, Fearghas, ich erzittere ja jetzt schon.“

Er bewunderte den Kleinen tatsächlich. Der Strick musste ihm schier die Haut aufreißen und doch ertrug er es, ohne sich ein einziges Mal zu beklagen. Tapfer marschierte er neben ihm her, das typisch-kantige MacMahon-Kinn trotzig in die Höhe gereckt. Ja, aus diesem kleinen Sturschädel würde ein stolzer Highlander werden, das konnte er jetzt schon erkennen. Eoghan selbst war mit seinen dreizehn Jahren dem Vater eine große Hilfe, dazu gehörte es, den kleinen Bruder auf den richtigen Weg zu bringen. Offenbar machte er seine Sache gut, Fearghas war mutig und neugierig auf die Welt. Leider zählte Gehorsam nicht immer zu seinen Stärken, aber auch das würde sich noch fügen, dessen war er sich gewiss. Tatsächlich hielt Fearghas durch, bis sie aus der engen Schlucht hinaus und auf die Ebene kamen, in der ihr Hof lag. 

Ein seltsamer Geruch lag in der Luft. Das waren kein Feuer, bei dem man Unkraut oder Feldabfälle verbrannte, das hier roch nach Stroh, nach Holz. Noch ehe er den Gedanken zu Ende führen konnte, erblickte Eoghan die Rauchsäule. Sie war groß, zu groß. Seine Schritte wurden schneller und schon ein paar Fuß weiter konnte er es erkennen. Ein Teil des Wohnhauses stand in Flammen, er entdeckte fremde Reiter und er sah seinen Vater, der mit einem der Männer kämpfte. Ein Überfall war nicht selten in den Highlands, hier jedoch war etwas anders. Die Reiter trugen Kettenhemden, zum Teil Rüstungen, das waren keine Strauchdiebe oder Mitglieder eines verfeindeten Clans. Sich hektisch umblickend, fand er einen von Ginsterbüschen überwucherten Felsen. Die Büsche waren groß und dicht genug, um Fearghas Schutz zu bieten. Der Kleine durfte auf gar keinen Fall mit dort hinunter, er hingegen schon. Er musste versuchen, den Eltern und der Schwester beizustehen. Eilig dirigierte er den Jungen zwischen die mit gelben Blüten übersäten Zweige. 

„Fearghas, ich laufe zum Haus und helfe Vater. Versprich mir, dass du ausnahmsweise genau tust, was ich dir sage. Beweg dich nicht, bleib hier in diesem Versteck, bis ich dich holen komme, hast du mich verstanden? Dies hier ist sehr gefährlich, hörst du?“ Eindringlich ergriff er den kleinen Bruder an den Schultern und schüttelte ihn. „Versprich es mir!“

„Ich verspreche es dir, Eoghan.“ 

Fearghas drückte sich so fest zwischen die Büsche, dass er fast mit ihnen verschmolz. Nur seine großen, erschrockenen Augen konnte er noch erkennen.

„Gut so. Ich komme zurück, so schnell ich kann.“

Eoghan streichelte ihm über das Haar, dann war er verschwunden. Fearghas hörte Schreie, die vom Hof der Eltern zu ihm hinaufdrangen, und das Klirren der Schwerterklingen. Nicht die Kampfgeräusche waren es, die ihm nun tatsächlich große Angst machten, nein, es waren diese schrecklichen Schreie. Keine wütenden oder siegessicheren, sondern die Schreie einer Frau. Es waren die Schreie seiner Mutter, die ihn zittern ließen. Seine Hand umklammerte den dünnen Strick, an dem Eoghan den heutigen Fang aufgehängt und ihm zum Tragen gegeben hatte. Das Seil schnitt ihm ins Fleisch und dennoch dachte er keine Sekunde daran loszulassen. Eoghan vertraute ihm und er war nicht willens, den großen Bruder zu enttäuschen. Zu den Schreien seiner Mutter kamen nun auch noch die helleren, verzweifelten seiner großen Schwester. Was geschah dort nur? Man griff den Hof an, seine Familie, und er durfte nicht helfen?

„Beweg dich nicht“ waren die Worte seines Bruders gewesen. Leichter gesagt als getan, wenn seine Mutter Hilfe brauchte. Irgendwann hielt er es nicht mehr aus und krabbelte vorsichtig – darauf bedacht, seine Deckung nicht aufzugeben –auf den Felsblock. Auf der anderen Seite ließ er sich heruntergleiten, wobei er auf die ihm anvertraute Beute achtete. Nervös kniff er die Augen zusammen und spähte hinüber zum Hof. Er hatte sehr gute Augen.

Was er erblickte, brannte sich auf ewig unauslöschlich in seinen Geist. 

Eoghan kämpfte wie ein Besessener, griff einen Mann an, der mit seinem hellen Haar hervorstach. Tatsächlich verpasste sein Bruder ihm einen Hieb ins Gesicht, traf ihn direkt über dem Auge. Blut lief über die Wange des Fremden. Der holte rasend schnell aus, sein Schwert prallte auf Eoghans Hand und dessen Waffe entglitt seinen Fingern. Eoghan griff nach seinem Dolch. Fearghas sah, wie sich der große Mann umdrehte, seinen Bruder blitzschnell im Nacken packte und ihn schüttelte wie einen ungehorsamen Hund, sah, wie Eoghan versuchte, sich zu wehren, doch seine Hand, die das Messer hielt, kam nicht einmal in die Nähe des Fremden. 

Der Mann lachte. Der Kerl lachte, während er seinem Bruder mit dessen eigenem Messer die Kehle durchtrennte. Fearghas hörte einen weiteren, markerschütternden Schrei der Mutter, die mit ansehen musste, wie ihr Sohn starb. Sein Bruder sank zu Boden, während überall um und an seinem Körper Blut war. Eoghan war tot.

Fearghas verstand nicht, was der Ritter mit den hellen Haaren dann mit seiner Mutter machte, er verstand nicht, warum er das tat, sie so grob anfasste, während sie weinend vor ihm lag. Doch er begriff, dass sie unbeschreibliche Angst hatte und dass der Mann ihr heftige Schmerzen zufügte. Einer der anderen verfuhr ebenso mit seiner Schwester. Warum? Was geschah da unten? Nein, er konnte nicht einfach hier sitzen, er musste hin, helfen. Eoghan sagte doch immer, er solle tapfer sein. Nun musste er diesen Männern sagen, dass sie aufhören sollten, seiner Mutter und seiner Schwester wehzutun. Er versuchte aufzustehen, aber seine Beine verweigerten ihm den Gehorsam, er zitterte wie noch nie zuvor, zitterte so sehr, dass seine Zähne aufeinanderschlugen, so laut, dass er glaubte, die Fremden müssten es hören. Dann hob der Hellhaarige sein Schwert. Fearghas wollte schreien, doch kein Laut drang aus seiner Kehle. Er sah, ohne wirklich zu begreifen, was geschah, wie der Mann das Schwert mit einem lauten Schrei in den Leib seiner Mutter stieß. Fast gleichzeitig drängte sich einer der anderen nahe an seine Schwester, die kurz darauf langsam in sich zusammensank. 

Nein! Wieso? Was hatten sie getan? Warum nur geschah das alles? Endlich erblickte er auch seinen Vater wieder, der zusammengekrümmt am Boden lag. Rauch stieg nun auch aus dem Dach der Scheune und des Stalles. Doch sie verbrannten die Tiere nicht, nein, sie holten sie aus dem Stall, bestiegen ihre Pferde und trieben unter lauten Rufen das Vieh vom Hof. Die Verwundeten ließen sie ebenso zurück wie die Toten in ihrem Blut. Er konnte nicht mehr atmen, die Angst schnürte ihm die Kehle zu und ihm war kalt, schrecklich kalt. Endlich bewegten sich seine Beine wieder. Noch immer die Fische sorgsam festhaltend, stolperte er mehr zum Hof, als dass er lief. Zwei der Knechte lagen in ihrem Blut direkt am großen Gatter, seine Mutter lag vor dem Haus, dort, wo der Mann ihr solche Schmerzen zugefügt und sie dann mit dem Schwert durchbohrt hatte. Zaghaft streichelte er ihre noch warme Wange. 

„Mutter? Mutter, bitte sag doch etwas. Ich bin es, Fearghas.“

Dass seine Mutter nie wieder zu ihm sprechen würde, erkannte er, als er die riesige Wunde sah, die in ihrer Brust klaffte. Es sickerte kein Blut mehr heraus und doch lag seine Mutter in einem See von Blut. Auch seine Schwester war ebenso tot wie sein geliebter Bruder. Der Mann hatte ihr mehrmals ein Messer in den Bauch gestoßen, und ihr gesamter Körper war voller Blut. 

„Fearghas, komm zu mir. Rasch, mein Junge.“

Zuerst glaubte er, er hätte sich verhört, doch sein Vater streckte seine Hand nach ihm aus. „Junge, komm zu mir. Lass dich ansehen. Noch ein letztes Mal.“

Auf wackeligen Beinen lief er zu seinem Vater, fiel neben ihm auf die Knie. 

„Warum ein letztes Mal? Vater, du wirst wieder gesund. Du lebst doch.“ Seine Hand flatterte hilflos über den Körper des Vaters, während die andere den Strick weiter umklammerte. „Bitte, Vater, stirb nicht. Bitte lass mich nicht allein. Was soll ich denn tun? Vater, so hör doch.“ Bittere Tränen weinend, warf er sich über den Körper des mächtigen Chieftains.

„Fearghas, ich sterbe, hör mir gut zu.“

Er fühlte die große Hand des Vaters, die sich liebevoll auf seinen Hinterkopf legte. Die Finger gruben sich in sein Haar. „Mein tapferer kleiner Junge, mein Sohn. Ich werde nicht da sein, werde nicht sehen, wie du zum Mann wirst. Doch du lebst. Vergiss niemals, wer du bist.“

Fearghas fühlte das Beben, das durch den großen Körper ging, und als er den Kopf hob und den Vater aus tränenblinden Augen ansah, erkannte er das dünne, rote Rinnsal, das diesem aus dem Mund lief. Er wollte etwas sagen, sein Vater aber kam ihm zuvor.

„Lauf zu Graham und Cailin. Sie werden für dich da sein. Und noch etwas, das du nie vergessen darfst: Gib niemals deinen Stolz auf. Es wird der Tag kommen, an dem er alles sein wird, das uns noch bleibt.“

Die Hand seines Vaters glitt langsam von seinem Kopf. 

„Nein, Vater, nicht, bitte nicht allein lassen, bitte bleib bei mir. Sag doch etwas.“ 

Fassungslos, voller Angst und in Hilflosigkeit erstarrt, saß er stundenlang neben seinem toten Vater. Erst als die Dämmerung hereinbrach, erhob er sich, rannte vom Hof über die Ebene. Er rannte, ohne auch nur einmal stehen zu bleiben. Sein Körper bestand nur noch aus Schmerz, flammendem Schmerz, der sich durch seinen schmalen Brustkorb fraß. 

Cailin stellte den schweren Korb, mit dem sie gerade das Holz ins Haus tragen wollte, erstaunt wieder ab. Im letzten Licht des Tages erkannte sie eine kleine Gestalt, die wie von Teufeln gehetzt über den schmalen Pfad rannte, der zu ihrem Haus führte.

„Bei allen Heiligen, Fearghas!“ Sie erkannte den jüngsten Sohn des Chieftains sofort und ahnte, dass etwas geschehen sein musste. Er erreichte den Hof, und sofort eilte sie auf ihn zu und breitete die Arme aus. Genau im richtigen Augenblick, denn der Kleine strauchelte, und es gelang ihr gerade noch, ihn aufzufangen. Während sie ihn hochhob, löste sie sanft den Strick aus seiner kleinen Hand, der sich tief in das Fleisch geschnitten und eine blutverschmierte Strieme hinterlassen hatte. 

„Gib mir die Fische, Fearghas, na komm, ich achte darauf. Was ist passiert? Du bist ja ganz außer dir.“

Das Kind konnte nicht mehr atmen, es drohte in ihren Armen das Bewusstsein zu verlieren. Sie rief nach Graham, ihrem Gatten, sowie ihrem Ältesten Adair, lief zum Brunnen, schöpfte kühles Wasser und ließ es langsam über das hochrote Gesicht laufen. „Kind, hörst du mich?“ 

Diese Augen. Nie mehr würde Cailin diese Kinderaugen vergessen können. In namenlosem Entsetzen weit aufgerissen, starrten sie ins Leere. Sanft streichelte sie seine glühend heiße Wange. „Fearghas, bitte, du musst mir sagen, was los ist.“

Hinter ihr tauchte Graham auf. Wortlos bedeutete sie ihm, zu schweigen. 

„Tot, sie sind tot. Sie haben sie alle getötet.“ 

Als sei ein Damm in dem kleinen Jungen gebrochen, schossen Tränen in seine Augen, liefen in Sturzbächen über sein Gesicht. Seine Arme schlossen sich in der offensichtlichen Suche nach Schutz und Trost fest um Cailins Hals. 

Graham stand das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Sofort schickte er Adair aus, um seine Leute zusammenzurufen, sattelte die Pferde und ritt, begleitet von allen Männern, derer er in der kurzen Zeit habhaft werden konnte, zum Hof seines Clanführers.

Cailin ging mit Fearghas ins Haus und versuchte, ihn dazu zu bewegen, etwas zu trinken, doch er weigerte sich, sie loszulassen. Fragen wollte sie ihn nicht, denn sie ahnte, dass das, was dieser kleine Kerl erlebt hatte, zu viel für ein Kind gewesen war. Also setzte sie sich mit ihm in den großen Stuhl am Fenster, hielt ihn einfach nur fest umschlungen und streichelte sein schweißnasses Haar. Lange Stunden saß sie so, ehe ihr die gleichmäßigen Atemzüge des Kindes sagten, dass es eingeschlafen war. Aber sie wagte es nicht, es in ein Bett zu legen und so wartete sie, in der bangen Hoffnung, dass es doch nicht so schlimm sein könne.

Es war bereits weit nach Mitternacht, als die Männer zurückkehrten. Cailin musste nicht fragen. Die versteinerten Gesichter, der Zorn in Grahams Augen, all das war genug, um ihr zu zeigen, dass ihre stillen Gebete vergebens gewesen waren.

„Wirklich alle?“ 

Graham nickte grimmig. „Alle! Ewan, seine Frau, das Mädchen, Eoghan und alle Bediensteten. Das war eine deutliche Warnung an uns alle, an den ganzen Clan MacMahon. Sie haben sie nicht einfach nur getötet, sie haben sie abgeschlachtet. Sie zu begraben, ein anständiges Begräbnis, war alles, was wir noch für sie tun konnten.“ Sein Blick fiel auf den schlafenden Fearghas. „Er hat wirklich niemanden mehr. Ich weiß, dass Ewan gewollt hätte, dass er bei uns aufwächst. Cailin, ich weiß, dass du auch so schon arbeitest bis zum Umfallen, und doch muss ich dich bitten, sich seiner anzunehmen.“

Sie schloss ihre Arme noch fester um den kleinen Körper. „Mich bitten? Nach allem, was geschehen ist? Graham, denkst du wirklich, ich könnte diesen kleinen Kerl im Stich lassen? Ich war bei seiner Geburt dabei, habe ihm auf die Welt geholfen, ich würde es nie übers Herz bringen, ihn allein zu lassen. Und Adair hat endlich den kleinen Bruder, den er sich so sehnlich gewünscht hat.“

Sachte strich Graham über den Kopf des schlafenden Jungen. „Er muss alles mit angesehen haben. Er hat die Mörder seiner Eltern gesehen. So etwas sollte nicht sein.“

„Alles was wir tun können ist, ihm Liebe und Geduld angedeihen zu lassen. Und wir können nur hoffen, dass er eines Tages vergisst.“ Ihr Mann neigte leicht sein Haupt und musterte den Kleinen lange. Dann schüttelte er den Kopf. „Nein, Cailin, er wird nie vergessen. Egal wie viele Jahre vergehen. Er ist ein Highlander.“

2.

Zimmer von Adair und Fearghas

Adair wachte von einem ungewohnten Geräusch auf. Er dauerte eine Weile, ehe er verstand, dass es leises Weinen war. Es kam aus dem Bett, welches seit einigen Tagen in der anderen Ecke seines winzigen Zimmers stand. Sofort war er auf den Beinen und lief zu seinem kleinen Ziehbruder.

„Hey, Fearghas, hast du wieder schlecht geträumt? Du brauchst keine Angst zu haben, wir passen auf dich auf. Niemand darf dir etwas tun.“

In dem Zwielicht, das von außen ins Zimmer drang, erkannte er das blasse Gesicht des Jungen sehr gut. Jede Nacht quälten den kleinen Kerl Albträume und rissen ihn aus dem Schlaf.

„Ich weiß, aber ich kann nichts dafür. Es kommt einfach so. Adair, ich habe so viel Angst.“

Er zog dem Jungen die Decke bis hoch zu den Ohren und stopfte sie dort fest. „Verstehe ich schon, aber wir schaffen es, dass es besser wird. Das verspreche ich dir. Ich bin zwar nicht dein richtiger Bruder, aber ich schwöre dir, dass ich gut auf dich aufpassen werde.“

„Wirklich?“ 

Es schnitt ihm ins Herz, als er in die Augen des Kleinen sah. „Ja, kleiner Bruder, wirklich. Wenn ich etwas verspreche, dann halte ich das auch, verstanden?“

Fearghas nickte zaghaft. „Ja. Dann bin ich also nicht allein?“

„Nein!“ Adair schüttelte den Kopf. „Wir sind jetzt deine Familie. Du musst dich wirklich nicht fürchten.“

Eine kleine Hand stahl sich unter der Decke hervor und tastete nach der seinen. „Wenn du mein großer Bruder sein wirst, kannst du mir dann beibringen, richtig zu kämpfen?“

„Wie meinst du das?“

„Nun, wirst du mich lehren, wie man mit einem Schwert kämpft? Ich weiß, dass du es kannst. Ich habe dich und Eoghan oft beobachtet. Du bist richtig gut.“

„Danke, Kleiner. Aber hast du nicht noch etwas Zeit, ehe du lernst zu kämpfen? Du bist noch gerade mal fünf Jahre alt.“

Fearghas hob den Blick und sah ihm mit einer Entschlossenheit in die Augen, die ihn schaudern ließ. „Nein, ich habe keine Zeit. Wenn ich den Mörder meiner Familie wiedersehe, dann muss ich bereit sein.“

„Bereit wofür, Fearghas?“

„Bereit, um sie alle zu töten.“

Kilchoan, Lochaber, Hof von Graham und Cailin, 1507

„Was ist nun? Gedenkst du aufzugeben?“ Adair ließ das Schwert sinken und musterte sein Gegenüber mit herausforderndem Blick.

„Ganz gewiss nicht. Los, nimm dein Schwert auf und wehre dich, wenn du dich überhaupt noch traust.“

Adair war nun doch überrascht. „Lass es gut sein. Du kannst doch mittlerweile keine Kraft mehr in deinen Armen haben.“

Ihm antwortete ein leises, spöttisches Lachen. „Keine Kraft? Ich sagte, nimm dein Schwert auf. Ich werde dir beweisen, welche Kraft in diesen Armen steckt.“

Viel Zeit blieb Adair nicht. In letzter Sekunde riss er seine Waffe nach oben und hob seinen schützenden Schild über den Kopf. Schon donnerte die Klinge seines Gegners mit unerwarteter Wucht auf ihn nieder. Es kostete ihn einiges an Mühe, sich mannhaft zu wehren. Wenn er ehrlich war, so war er es, der langsam müde wurde. Allerdings ging es mittlerweile auch um die Ehre. Sich so einfach geschlagen zu geben, kam nicht in Frage.

Schon wieder krachte die Klinge auf seinen Schild und er warf einen besorgten Blick darauf. Dem guten Stück wurde heute einiges abverlangt. Geschickt drehte er sich nach rechts weg, parierte den Schlag seines Gegners und versuchte, diesem das Schwert aus der Hand zu schlagen. Ein Versuch, der gründlich daneben ging. Ehe er sich’s versah, flog hingegen sein Schwert durch die Luft, beschrieb einen eleganten Salto und wurde von seinem Gegenüber geschickt mit der Linken aufgefangen.

„Nun, wollen wir das Gespräch von vorhin wieder aufnehmen? Bist du nun geneigt einzugestehen, dass du verloren hast? Es gibt da ein paar Umstände, die jetzt gerade sehr dafür sprechen.“

Adair holte tief Atem, ließ seinen Schild sinken und schenkte seinem Ziehbruder ein liebevolles Lächeln. „Schon gut. Ich gebe mich geschlagen, du bist der heutige Sieger.“

Er musterte den Jüngeren voller Stolz. Aus dem angsterfüllten kleinen Jungen war ein stolzer Highlander geworden. Mit gerade einmal siebzehn Jahren überragte er Adair bereits um fast eine Handbreite, obwohl er selbst beinahe sechs Fuß maß. Damit galt er als einer der Größeren im Clan. Fearghas jedoch wuchs ihnen allen über den Kopf. Erst vor wenigen Tagen hatte der freche Kerl seine Ziehmutter Cailin auf seinen Schultern quer über den Hof getragen, als diese sich beklagte, sie könne kaum mehr Schritt halten. Fearghas nannte Cailin Mutter und Graham Vater. Für ihn waren sie und Adair zu seiner Familie geworden. Adairs Besorgnis galt dem Umstand, dass Fearghas seit jener Nacht, in der er angekündigt hatte, die Mörder seiner Familie töten zu wollen, nie mehr darüber gesprochen hatte. Vergessen war es ganz sicher nicht. Schon wenige Tage nach den damaligen Geschehnissen bat Fearghas Graham, ihm ein Schwert zu geben, um damit üben zu können. Graham verwehrte ihm zwar den Wunsch, fertigte dem Kind jedoch ein sehr gutes Übungsschwert aus Holz.

Was der kleine Knabe, dessen Finger es gerade so schafften, den Griff der Waffe zu umfassen, schon nach wenigen Tagen damit zuwege brachte, erstaunte sie alle. Gleichaltrige Jungen im Clan waren schon bald ohne Chance gegen Fearghas. 

Adair nahm den kleinen Bruder unter seine Fittiche und lehrte ihn die Kunst des Schwertkampfes. Die Erfolge, die sie schon nach einigen Monaten vorweisen konnten, waren beachtlicher Natur. Graham war sichtlich stolz auf seine beiden Söhne. Kaum ein Tag war in den letzten zwölf Jahren ins Land gegangen, an dem Fearghas nicht seine Lehrstunde eingefordert hätte. Nur wenn Viehtriebe, Arbeit am Hof, das Zureiten von Pferden oder Vergleichbares zu tun war, ließ er sich dazu überreden, sich anderweitig vernünftig zu betätigen. Dies führte letztendlich dazu, dass der Junge heute nicht nur der beste Schwertkämpfer ihrer Familie war, sondern auch noch der bei weitem beste und geschickteste Reiter. Dass er, Adair, es gewesen war, der ihm all dies beigebracht hatte, machte ihn stolz. Nach wie vor aber fürchtete er sich vor dem Tag, an dem Fearghas’ Dämonen der Vergangenheit sich erneut zeigen würden. Adair war nicht so einfältig zu glauben, dass sein Bruder einfach vergessen konnte, was an jenem verhängnisvollen Tag geschehen war.

„Willst du weiter vor dich hinträumen oder bekomme ich eine Antwort darauf, ob ich dein Schwert gleich mit reinigen soll, nun, da ich es ja eh schon in Händen halte?“ Fearghas beäugte ihn sichtlich amüsiert.

„Krieg dich wieder ein, kleiner Bruder. Vergiss lieber nicht, wer es war, der dir all das beigebracht hat. Sonst könnte das eines Tages übel für dich und dein freches Mundwerk enden.“ Mit ernster Miene zog Adair seine Hand aus der ledernen Halterung seines Schildes.

„Verzeih Adair, ich wollte dich nicht kränken. Du kennst mich doch, meine Zunge ist flinker als mein Kopf.“ Das breite Grinsen des Jüngeren ließ seinen Anflug an Ärger rasch verrauchen.

„Das war ein Scherz, du freche Kröte. Wie könnte ich dir böse sein, nachdem du mir vor Augen führst, was für ein exzellenter Lehrmeister ich war. Und nun geh und poliere unsere Waffen auf Hochglanz. Auf dass die gefürchteten MacLennoch-Brüder wieder in den nächsten Kampf ziehen können.“

Grinsend nickte Fearghas. „Aye, ich gebe mir Mühe.“

Adair streckte sich kräftig, um die angespannten Muskeln zu entkrampfen. „Davon gehe ich aus.“

Fearghas eilte mit ausholenden Schritten zu den Stallungen und dort zu dem großen Holzblock, an dem sie ihre Schwerter wieder auf Hochglanz brachten, schliffen oder gar neue schmiedeten. Graham, der sich auf die Kunst des Schmiedens gut verstand, hatte es ihm bereits mehrmals gezeigt und es bereitete ihm Freude, diese herrlichen Waffen zu bearbeiten. Der beste Waffenschmied des Clans war Corran, dessen Geschicklichkeit er immer wieder aufs Neue bewunderte. Nach dem Tod seines Vaters war Graham zum Chieftain des einstigen MacMahon Clans ernannt worden. Nun war er es, der direkt unter dem Laird von Mingary stand und die Interessen des Clans bei diesem vertreten musste. Eine gute und weise Entscheidung. Der Name MacMahon musste nach dem grausamen Massaker an Fearghas’ Familie aus den Köpfen der Menschen und – mochte es auch noch so sehr schmerzen – aus den Annalen der Geschichte verschwinden. Vor allem aber Ewans Jüngster musste spurlos verschwinden und galt als ebenso tot wie der Rest der Familie. Der Mord an den MacMahons war niemals gesühnt worden. Selbst als Graham in jenen Tagen mit weiteren Männern des Clans auf Burg Mingary bei dem alten Laird vorstellig wurde, um sein Anliegen vorzutragen, die Schuldigen zu suchen und bestrafen, wurde dies abschlägig beschieden. 

„Räuber und Strauchdiebe durchwandern derzeit die Highlands. Es ist uns unmöglich euch alle zu schützen. So bedauerlich der Tod Ewan MacMahons und seiner Familie auch ist, ich kann euch beim besten Willen nicht helfen.“ Die Worte des Lairds waren blanker Hohn. Burg Mingary hatte fremden Rittern und marodierenden Söldnern stets Obdach gewährt. Die Clanleute begriffen nur zu gut, dass es hier um hohe Politik ging, um etwas, das der Laird über seine Highlander stellte, etwas, das ihn selbst das Leben kosten könnte. Graham hatte die Angst in seinen Augen gesehen. Anstatt seine Leute zu schützen, was seine Pflicht gewesen wäre, verschloss er die Augen vor dem, was man ihnen antat.

Fearghas hatte nicht ein einziges Wort vergessen, nicht eine einzige Sekunde jenes verhängnisvollen Tages, der so verheißungsvoll begonnen hatte. Irgendwann würde er vor den Toren Mingarys stehen und den Laird herausfordern. Er lernte, er beobachtete und er übte – manchmal sogar Tag und Nacht. Den Laird für seine frechen Lügen zur Verantwortung zu ziehen, war ihm nicht vergönnt gewesen. Vor etwa drei Jahren war der Alte gestorben, wie es sich für einen feigen, hinterhältigen Lügner geziemte: Seine Gattin hatte ihn bei einem Dinner vergiftet, nachdem er seinen einzigen und noch viel zu jungen Sohn in einen Kampf mit rebellierenden Highlandern geschickt hatte, die seine Machenschaften nicht länger hinnehmen wollten, und dieser dabei sein Leben verlor. Sie selbst hatte sich noch in derselben Nacht von den Zinnen der Burg aus in das tosende Meer gestürzt. Fearghas schüttelte sich, wenn er daran dachte. Die Frau war eindeutig tapferer gewesen als ihr verlogener Gemahl.

Sorgsam reinigte und polierte er die Schwerter. Liebevoll nahm er seines und hielt es ins langsam abnehmende Licht der Sonne. Er war stolz auf diese wunderbare Waffe.

Erst vor etwas über zwei Jahren hatte ihn Graham am frühen Morgen zu sich gerufen. „Junge, falls du es vergessen haben solltest, heute ist dein Geburtstag. Fünfzehn Jahre alt bist du nun schon. Es ist also an der Zeit, dich mit einer anständigen Waffe auszustatten, einer eigenen Waffe, keine aus meiner alten Kammer. Du bist ein guter, ein mutiger Kämpfer. Wann immer wir uns verteidigen mussten, habe ich dich mit großem Stolz beobachtet. Fearghas, du bist ein wahrer, ein tollkühner Highlander geworden. Daran, dein vorlautes Mundwerk in den Griff zu bekommen, solltest du noch arbeiten. Das könnte dir noch das ein oder andere Problem aufhalsen. Aber das ist heute unwichtig. Hier, mein Sohn, dein erstes gutes und neu geschmiedetes Schwert.“

Fearghas war sich in jenem Augenblick nicht ganz darüber im Klaren gewesen, was ihn glücklicher machte: der Umstand, dass Graham ihm ein eigenes Schwert schenkte oder die Worte „mein Sohn“. Dankbar und mit Tränen in den Augen hatte er nach dem Schwert gegriffen und war sicher, dass es eines Tages den Hals des feigen Mörders seiner Familie durchbohren würde.

Behutsam steckte er die nun wieder scharf geschliffene Klinge zurück in die Scheide. Adairs Schwert behandelte er mit der gleichen, liebevollen Sorgfalt wie das seine. Die Meinung des Älteren und dessen Anerkennung bedeuteten ihm so viel. Adair ahnte nicht, wie sehr er ihn bewunderte … und liebte. Gewiss würde er Eoghan, seinen wahren Bruder, niemals vergessen, Adair jedoch war ihm so sehr ans Herz gewachsen, dass er ihm die gleichen Gefühle entgegenbrachte. Mochten alle anderen es auch vergessen haben, er erinnerte sich nur zu gut an die zahllosen Nächte, in denen er weinend mit der unbeschreiblichen Angst und den blutigen Erinnerungen gekämpft hatte. Adair war immer für ihn da gewesen. Geduldig hatte der Ältere ihn in den dunklen Nächten getröstet und versucht, ihm die Angst zu nehmen. Und er war erfolgreich gewesen, sogar mehr, als er ahnen konnte. Immer mehr war seine Angst vergangen und hatte sich in blanken Hass gewandelt. Niemals würde er den Mann vergessen, der die Mörder angeführt hatte. Sein auffälliges, hellblondes Haar, sein Gesicht in Verbindung mit der Narbe, die aus der Wunde resultierte, die Eoghans Schwertstreich ihm beigebracht hatte – ein Blick und er würde ihn erkennen. Fearghas machte sich keine Gedanken um die Zukunft, darum, was aus ihm werden sollte. Sein einziges Ziel war Rache. Was danach kommen würde? Er wusste es nicht.

Derzeit hieß es, das Vieh zu versorgen, das Gemüse zu ernten, sich darum zu kümmern, dass genug Holz vorrätig war, und seinem Vater dabei zu helfen, die Speisekammer mit Fleisch zu füllen. Er war ein ausnehmend geschickter Jäger, das wusste er. Dass er seine Beute nicht selten aus den Wäldern und Ebenen des neuen Lairds holte und ihn damit nach landläufiger Meinung beraubte, wusste er auch. Es war ihm schlicht egal. Schließlich wollte der neue Laird, der nun auf Burg Mingary residierte, ja auch pünktlich seine Abgaben haben. Wie sollte man mit leerem Magen, der nur ein paar Rüben, Kräuter und Brot bekam, seinen Hof bestellen und dann auch noch einen Teil der Erträge abgeben? Fearghas sah das nicht ein. Im Meer waren Fische, in den Flüssen ebenso. War denn das, was die Natur ihnen schenkte, nicht für alle da? 

„Fearghas, die Fische in der Ardnamurchan-Region sind Eigentum des Lairds. Die kannst du nicht einfach fangen.“ Adair war ab und an einfach viel zu vernünftig.

Seufzend hatte er ihm geantwortet, dass er das sehr wohl könne. „Denkst du, der Kerl da oben in seiner ach so feinen Burg kennt jeden Fisch einzeln und mit Namen? Callum, alter Freund, heute schon weit geschwommen? Gütiger Himmel, Adair, der Mann bekommt das hart erschuftete Geld der Highlander dafür, dass er da oben residiert und uns angeblich verwaltet? Verzeih mir! Verwaltet? Dass ich nicht lache. Aber verwalten klingt nun mal besser als ausbeuten.“

Adair war eindeutig besorgt um ihn. „Junge, du redest dich eines Tages noch um Kopf und Kragen. Lern bitte endlich, wann du einfach schweigen solltest. Es würde mich wirklich beruhigen, wenn du das zuwege brächtest. Und lass die Finger von seinen Fischgründen.“

„Dein Wunsch sei mir Befehl, mein Bruder. Dann schieße ich eben wieder sein Wild.“ 

Adairs hilfloser Blick war erheiternd gewesen.

Beide Schwerter waren wieder in perfektem Zustand und Fearghas sehr zufrieden mit sich. Er brachte beide in die Kammer, in der die MacLennochs ihre Waffen aufbewahrten, und hängte sie sorgfältig auf. Keine Minute zu früh, denn schon rief Cailins Magd zum Abendessen.

3.

Später Juni, Highlands

Der Sommer in den Highlands war einfach herrlich. Fearghas liebte diese Jahreszeit. Es war wärmer, die Umgebung begann zu leben. Grüne Ebenen, Blumen, Kräuter und über allem dieser unbeschreibliche Duft. Wilder Lavendel und Rosmarin, Thymian, Kamille und Beifuß. Überall blühte der Ginster und seine leuchtend gelben Blüten überzogen die Ebenen. Auch regnete es nicht fortwährend, was ihm gerade auf der Jagd entgegenkam. Patschnass durch die Wälder oder in geduckter Haltung durch die Grasebene zu streifen war wenig erstrebenswert. Aber jetzt, im Sommer, war es warm und es gab Wildtiere in Hülle und Fülle. Wild, das – wenn man Adair Glauben schenkte – einzig dem Laird zur Jagd vorbehalten war. 

„Irgendwo hier muss er sein.“ Fearghas ließ seinen Blick über die Ebene schweifen.

„Irgendwo hier muss wer sein?“ Adair konnte ihm offensichtlich nicht folgen.

„Der Hirsch, den ich schon seit Tagen verfolge.“

„Bist du denn nun von allen guten Geistern verlassen?“ Adair fuhr sich nervös durch die langen, dunkelroten Haare. „Hasen, kleine Tiere, mal ein Wildschwein – schlimm genug, dass du vor dem Eigentum des Lairds keinerlei Respekt zeigst, aber ein Hirsch? Du bist dir dessen bewusst, dass nicht du es bist, der über dieses Land herrscht?“

Fearghas musterte Adair schmunzelnd. Sein Bruder war eine eindrucksvolle Erscheinung. Groß, breitschultrig, das dichte, lange Haar im Nacken von einem Lederband gebändigt, dazu das kantige Gesicht der MacLennochs und Cailins hellgrüne Augen. Das Reiten und die viele körperliche Arbeit sorgten dafür, dass sie beide über kräftige Muskeln verfügten. Warum Adair in Bezug auf den Laird zum Hasenfuß mutierte, wollte sich Fearghas nicht erschließen. „Du kennst doch meine Meinung, großer Bruder. Herrsche und teile! Ein Spruch, den ich bei unserer Mutter aufgeschnappt habe und der mir ausnehmend gut gefällt. Er soll herrschen, ich teile einstweilen. Was ist daran auszusetzen?“

Adair schüttelte mit ratloser Miene den Kopf. „Fearghas, dir ist wirklich nicht mehr zu helfen. Wir sind mitten in der Jagdzeit. Der Laird kann jeden Moment hier auftauchen, wenn seine Leute ihm erzählen, dass sich ein kapitaler Hirsch in der Gegend herumtreibt. Denkst du, es würde nicht auffallen, wenn du ihn wilderst?“

Er zuckte achtlos mit den Schultern. „Der Augenschein vermag zu trügen. Also ich habe hier noch nie einen Hirsch gesehen.“

„Fearghas! Du machst mich wahnsinnig.“

„Unsinn. Was hast du denn? Der Laird braucht weder das Fleisch, noch schießt er die Tiere für seine Leute. Er tut es nur zu seinem eigenen Vergnügen, und darum habe ich kein schlechtes Gewissen.“ Er hielt mitten im Lauf inne. „Sieh doch, dort vorne geht es zu dem verborgenen See. Von der Ebene hat man einen herrlichen Blick darauf und auf den kleinen Wald. Wollen wir hinauflaufen?“

Adairs Blick zeigte deutlich, dass er glaubte, er hätte nun gänzlich den Verstand verloren. „Aber natürlich. Wir präsentieren uns dort oben, weithin sichtbar mit Pfeil und Bogen, inmitten der Ländereien des Lairds. Hast du sonst noch irgendwelche klugen Ideen?“

Fearghas schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln. „Einige, aber ich könnte wetten, du möchtest sie erst gar nicht hören.“

„Dessen kannst du sicher sein. So warte doch.“ Adair blieb urplötzlich stehen, umklammerte Fearghas’ Oberarm und deutete mit nach vorne gerecktem Kinn in Richtung See und Bäume. „Hörst du es denn nicht?“

Nun war er verwirrt. „Was soll ich hören? Ich kann das Rascheln der Blätter unter den Hufen unseres heutigen Bratens vernehmen, ansonsten höre ich gar nichts. Nun komm schon weiter. Sonst war es das mit der vollen Speisekammer.“

Um Adair nicht noch mehr zu beunruhigen, lief er in geduckter Haltung auf den Wald zu. Der See lag direkt an einer hohen Felswand und wurde im Winter von einem Wasserfall gespeist, dessen Quelle sich in den umliegenden Bergen befand. Sein Wasser war klar und rein und furchtbar kalt. Das hielt Fearghas aber nicht davon ab, im Sommer dort ab und an ein erfrischendes Bad zu nehmen. Die Felsen am gegenüberliegenden Ufer des Sees mochten etwa fünfzig Fuß hoch sein und hinter ihnen ging es direkt hinaus in die freie Ebene. Fearghas lief weiter, ohne auf Adairs Einwände zu achten, und verschwand zwischen den Bäumen. 

„Dieser Junge raubt mir den letzten Nerv.“ Er hörte seinen Bruder schwer atmend direkt hinter sich.

Fearghas wandte sich um, legte einen Finger an die Lippen und bedeutete Adair zu schweigen. Er griff nach dem Kinn des Älteren und drehte dessen Gesicht in Richtung linkes Seeufer. Zwischen den Bäumen erschien ein wahrlich prächtiges Exemplar von einem Hirsch.

„Du musst wahnsinnig geworden sein. Dafür knüpfen sie dich am Marktplatz von Kilchoan auf, dessen bist du dir hoffentlich bewusst?“

Er bedeutete Adair erneut zu schweigen. Der Moment war günstig. Der Wind kam aus der Richtung des Tieres, so konnte es sie nicht wittern. Langsam und mit viel Bedacht zog Fearghas seinen Bogen von der Schuler und griff nach den Pfeilen, die er in einem selbst gebauten Köcher auf dem Rücken trug.

„Jetzt oder nie! Mir läuft schon das Wasser im Mund zusammen.“ Er lehnte sich vorsichtig an einen Baum, um guten Halt zu haben. Just in dem Augenblick, als er anlegte und die Sehne spannen wollte, vernahm er das Geräusch. Es klang zuerst wie eine entfernte Trommel. Langsam wurde das seltsame Dröhnen lauter.

„Ich verschwinde. Komm mit mir, und zwar rasch!“ Adair verschwand im Gebüsch.

Verschwinden? Nun, wo endlich in dieser Gegend einmal etwas zu geschehen schien, das nicht alltäglich war? Neugierig spähte er hinter einem Ginsterbusch hervor, der ihm gute Deckung bot. Seinen Bogen hielt er schussbereit in den Händen. Man konnte ja nie wissen. Langsam schälte sich aus dem Dröhnen ein gleichmäßiger Rhythmus. Pferdehufe! Adairs Worte kamen ihm in den Sinn: „Der Laird wird jagen“. Möglicherweise war es doch ein guter Gedanke, sich unsichtbar zu machen. Er duckte sich tiefer hinter seine Deckung und lauschte angestrengt. In das Wummern der Pferdehufe mischte sich lautes Geschrei. Wütendes, lautes Geschrei. 

Ehe Fearghas sich weitere Gedanken machen konnte, was zu tun war, brach aus dem niedrigen Gestrüpp auf dem Felsvorsprung am hinteren Ende des Sees ein gigantisches Pferd samt Reiter hervor. Der Reiter trug eine seltsame Kopfbedeckung und schrie erschrocken auf, doch es war bereits zu spät. Das Pferd war ihm eindeutig durchgegangen, er konnte es nicht mehr bändigen. Es verwunderte Fearghas nicht. Oft fügten diese edlen Herren ihren Tieren große Schmerzen zu, um sie gefügig zu machen. Er hatte Verständnis für jedes Pferd, das sich gegen diese Qualen auflehnte. Dieses hier tat es auf jeden Fall. Mit schrillem Wiehern stürzte es von den Felsen direkt in den See und sein Reiter mit ihm.

Aufgeregt hielt er den Atem an. Was sollte er nun tun? Während er noch seine Möglichkeiten abwägte, ungeschoren aus dieser Sache herauszukommen, tauchte das Pferd wild schnaubend wieder auf und begann, in Richtung Ufer zu schwimmen. Von seinem Reiter fehlte jede Spur.

„Vermaledeiter Trolldreck!“ Ihm war durchaus bewusst, dass der Reiter zum Gefolge des Lairds gehören musste, wenn dies eine Jagdgesellschaft aus Mingary war. Vielleicht war er sogar ein Adliger, wahrscheinlich gar einer der großspurigen Engländer, die sich hier unter den wohlwollenden Augen ihres Königs bereicherten. Nur half ihm das nicht weiter. Fearghas würde niemanden, der in solcher Not war, einfach ertrinken lassen. Er konnte es nicht. Seufzend warf er seinen Bogen in die Büsche, riss sich seine Jacke und die schweren Lederstiefel vom Leib und sprang in den See. Mit kräftigen Zügen schwamm er zu der Stelle, wo der Reiter untergegangen war. Er hielt die Luft an und tauchte. Das Wasser war eisig kalt, aber immerhin klar, und so erblickte er beim zweiten Versuch die Umrisse des Fremden. Er musste das Bewusstsein verloren haben, denn er hing bewegungslos etwa fünf Fuß vor ihm im Wasser. Es sah gespenstisch aus, insbesondere, da die Kopfbedeckung sich verschoben hatte und den Kopf des Mannes wie eine Maske wirken ließ. Fearghas überwand den Anflug von Erschrecken und griff beherzt nach den Armen des Mannes. Es kostete ihn viel Mühe, ihn zuerst an die Oberfläche und dann an Land zu schaffen. Keuchend zog er seine schwere Last ans Ufer und ließ sich schwer atmend neben ihm ins Gras fallen. Nur ganz kurz gönnte er sich eine Pause. Er wusste, dass er schnell handeln musste, wenn der Mann Wasser in den Lungen hatte – wovon auszugehen war. Er bemühte sich, ihm nicht ins Gesicht zu sehen, und tat, was ihn Graham gelehrt hatte. Gleichmäßig drückte er fest auf den Brustkorb des Fremden. Schon kurz drauf floss dem jede Menge Wasser aus dem Mund. Fearghas wunderte sich allerdings darüber, dass der Mann die Augen nicht öffnete. Hatte er sich bei dem Sturz doch schwerere Verletzungen zugezogen? Er bettete den Kopf des Fremden in seine linke Armbeuge und zog ihm mit der Rechten behutsam die lederne Haube ab. Kaum war sie verschwunden, wallten lange, weißblonde Haare über Gesicht und Schultern des Bewusstlosen. 

Ein Gesicht, in dem sich über dem rechten Auge eine auffällige, schartige Narbe befand. Ein Gesicht, das Fearghas niemals vergessen würde. 

Der Mann, dem er gerade das Leben gerettet hatte, war kein anderer als der Mörder seiner Familie. In einer Mischung aus Zorn und Entsetzen prallte Fearghas zurück. Fassungslos blickte er auf den hilflos vor ihm Liegenden. Hier war er, der Mann, der seit zwölf Jahren sein Denken, sein Handeln, seine dunklen Träume, ja, sein ganzes Leben bestimmte. Fearghas’ Hand tastete nach dem scharfen, kleinen Messer, das er stets im Bund seiner Reithose bei sich trug. Vor Aufregung zitternd umfasste er den Griff der Waffe. Hier lag der Mörder seiner Familie und war bewusstlos. Das durfte so nicht sein. Er wollte ihm ins Gesicht blicken, wollte ihm entgegenschreien, warum er sterben würde und warum es durch seine Hand geschehen würde. Einem Bewusstlosen die Kehle durchzuschneiden entsprach nicht seinen Vorstellungen von wahrer Rache. Dennoch. Der Mann war nicht allein hier unterwegs, soviel war sicher. Schon die Rufe, die vom gegenüberliegenden Ufer erklangen, bewiesen ihm, dass er richtig lag. Er musste es tun, sobald die Begleiter des Mannes einträfen, war diese Möglichkeit ein für alle Mal verloren. Schon hob Fearghas den scharfen Dolch, als plötzlich eine Stimme erklang. Voller Verzweiflung, voller Angst. 

„Vater! Mein Vater!“

Unschlüssig darüber, was er nun tun sollte, huschte Fearghas’ Blick zu dem Felsen, wo die Stimme ihren Ursprung hatte. Er erkannte die Gestalt eines Mädchens, sah langes, blondes Haar und hörte erneut die Stimme: „Vater, was ist mit dir? So sag doch etwas. Bitte, sei nicht tot. Ich bitte dich, sprich zu mir. Du da, sag mir, lebt er?“

Er kannte diese Angst, kannte das Gefühl der Ohnmacht, das sich in einem ausbreitete. Dieses junge Mädchen schien nur noch aus Angst zu bestehen. Nein, nicht so. Nicht auf diese Art und Weise. Der Dolch glitt ungesehen zurück in die Falten seiner Hose. „Dein Vater lebt. Er hat das Bewusstsein verloren, ich …“ Weiter kam Fearghas nicht. Hinter ihm brach ein wahres Inferno los. Dutzende Reiter tauchten wie aus dem Nichts auf. Hunde bellten, grobe Hände erfassten ihn und zerrten ihn von dem Verunglückten fort. Nur noch vage vernahm er die Stimme aus der Ferne. 

„So lasst doch von ihm ab. Er hat ihn gerettet.“

Nur schien sich leider niemand um die Worte des Mädchens zu scheren. Mit festem Griff riss man ihn auf die Beine und band seine Hände hinter dem Rücken. Ein hochgewachsener, hellhaariger Mann in edler Kleidung musterte ihn abschätzend. „Was zum Teufel tust du in dieser Gegend, Bursche? Du hast hier nichts verloren. Dies ist das Land des Lairds von Mingary.“

„Dessen Pächter wir sind, Mylord. Folglich ist es mein Recht, hier zu sein.“

In den Augen des Mannes blitzte Zorn auf. „Du wagst es, mich mit Frechheiten abzuspeisen?? Während der Jagdzeit hat kein Pächterpack etwas hier zu suchen.“

Langsam dämmerte es Fearghas, dass er bescheidener auftreten sollte, wenn ihm sein Leben lieb war. „Verzeiht, Mylord. Es lag nicht in meiner Absicht, Euch zu beleidigen oder zu verärgern. Ich war lediglich hier, um nach dem Viehtrieb ein Bad im See zu nehmen.“

Noch während er sprach, nahm er im Augenwinkel eine Bewegung wahr. Jemand reichte dem Mann seinen Bogen. Das war nicht gut.

„Sag bloß, du frecher Bursche. Du gehst also mit Pfeil und Bogen schwimmen?“

Fearghas schluckte. „Mylord, den Bogen brauche ich, um mich gegen die Wildschweine zu verteidigen, so mir denn eins begegnen sollte.“

Hinter ihm erklang ein heiseres, verhaltenes Lachen. „So so, Wildschweine, so sie denn hier wären.“ Ein wahrer Riese von Kerl schob sich an ihm vorbei. Er trug die Kleidung eines Soldaten, und zwar ausnehmend schöne und gepflegte Kleidung. Sein dickes, rotes Haar war im Nacken zu einem Zopf zusammengefasst und sein Antlitz zierte ein gewaltiger roter Bart, in den sich erste graue Haare mischten. Helle Augen blitzen Fearghas beinahe schon freundlich an. „Moran, so haltet doch ein. Euer Bruder lebt und es sieht ganz danach aus, dass er das diesem Kerl hier zu verdanken hat. Caulder ist soeben wieder zu sich gekommen. Abgesehen davon, dass er das Pferd schlachten möchte, ist er einigermaßen guter Dinge.“

Moran schien nur kurz verunsichert. „So gut diese Nachrichten auch sind, bin ich nicht gewillt, diesen Kerl davonkommen zu lassen. Tatsache ist, dass niemand hier etwas zu suchen hat. Diese Gegend gehört nicht zum Pachtland. Ich traue ihm nicht. Wir nehmen ihn mit und setzen ihn auf Mingary erst einmal fest. Das wird ihn lehren, sich nicht auf fremdem Land herumzutreiben.“ Moran blickte sich um und winkte zwei mächtige Kerle herbei. „Wache, ihr nehmt den hier mit. Ich traue dem Bengel nicht über den Weg.“ An den imposanten Soldaten gewandt, fuhr er wesentlich leutseliger fort: „Aodhán, lass uns zu meinem Bruder gehen und sehen, was wir für ihn tun können.“

Die beiden verschwanden aus Fearghas’ Sichtfeld. Er hingegen wurde grob fortgezogen. Gerade als einer der beiden Wächter seine Handfesseln am Sattel seines Pferdes festzurrte, kam das junge Mädchen atemlos angerannt. Seine Haare hingen wild um sein erhitztes Gesicht. Ein ausnehmend hübsches Gesicht, wie Fearghas feststellen konnte. Es war ein ganzes Stück vom Plateau bis hier zum Ufer. Das Mädel war verdammt schnell, wie Fearghas bewundernd feststellte.

Nach Atem ringend wollte sie sich an den Pferden vorbeischieben, als sie die Fesseln an Fearghas’ Händen erspähte. Sofort blieb sie stehen.

„Was tut ihr da? Warum ist er gefesselt?“ Ärgerlich huschte ihr Blick von einem zum anderen.

„Befehl Eures Onkels, Mylady. Sprecht mit ihm, wenn Ihr Einwände vorzubringen habt.“ 

Die Augen des Mädchens verengten sich zu Schlitzen. „So also behandelt man den, der dem Laird das Leben gerettet hat? Na wartet.“ Und weg war sie. 

Leider nahmen die beiden Soldaten ihr Verschwinden zum Anlass, aufzusteigen und loszureiten. Ihm blieb nichts anderes übrig, als ihnen so gut und so schnell er konnte zu folgen, wenn er verhindern wollte, dass sie ihn wie einen frisch erlegten Eber hinter sich herzogen.

Dem Laird das Leben gerettet. Er hatte sie klar und deutlich verstanden. Also war der neue Laird auf Burg Mingary kein anderer als der Meuchelmörder, der seine Familie ausgelöscht hatte. Und was tat er? Zog diesen Teufel auch noch aus dem See und ließ ihn am Leben. Und warum? Wegen der angsterfüllten Stimme eines jungen Mädchens, der Tochter des Lairds. Fearghas hätte sich gerne die Faust vor die Stirn geschlagen ob seiner Dummheit. Das jedoch verhinderten seine Fesseln. Zornig und seinen Häschern hilflos ausgeliefert, stolperte er hinter den Pferden her.

Burg Mingary, Ardnamurchan 

„Was bringt ihr uns denn da und wo ist der Laird?“ Der Mann stand leicht gebeugt und war trotzdem noch immer fast so groß wie er selbst. Es schien sich um den Stallburschen zu handeln. Graues Haar, grauer Bart, ein einst wohl weißes Hemd und wollene, braune Hosen. Die Füße steckten in dreckstarrenden Lederstiefeln. 

„Das da ist, so wies aussieht, ein Wilderer, und der Laird sitzt tropfnass im Wald und schlachtet wahrscheinlich gerade sein Ross, das ihm durchgegangen und mit ihm gemeinsam in den Loch gefallen ist.“

„Oje, dann können wir nur hoffen, dass er wieder bessere Laune hat, bis die Jagdgesellschaft zurückkommt. Mylady Mairead ist euch nicht zufällig über den Weg gelaufen? Sie scheint sich in Luft aufgelöst zu haben.“ Fragend musterte er die beiden Wachen des Lairds.

„Leider ist sie das, Bhaltair. Sie war sogar zu Pferd unterwegs und stieß kurz nach dem Missgeschick des Lairds zu uns.“

Bhaltair kratzte sichtlich amüsiert seinen Bart. „Der kleine Wildfang. Es kommt der Tag, an dem sie sich wirklich in Schwierigkeiten bringt.“ Er wandte sich Fearghas zu. „Und dich stecken wir jetzt erst mal in den Turm, bis der Laird beschließt, was mit dir geschehen wird.“

Noch ehe Balthair mit ihm verschwinden konnte, warf einer seiner Wächter ein: „Behandel ihn nicht allzu hart. Ich müsste mich schon sehr irren, aber er war es, der den Laird aus dem See zog.“

„Ich werd den Burschen hegen und pflegen.“ Brummeln stapfte Balthair mit ihm davon. 

Staunend und neugierig ließ Fearghas seinen Blick über den Innenhof schweifen. Von Kindesbeinen an kannte er Burg Mingary. Die trutzigen, eindrucksvollen Mauern erhoben sich dem Anschein nach fast bis in den Himmel. Selbst hier, mitten im weitläufigen Burghof, konnte er hören, wie die Brecher des Meeres ans Ufer donnerten. Dass er sich einmal innerhalb der Burg befinden würde, hatte er sich schon lange gewünscht. Allerdings waren in seiner Vorstellung die Rahmenumstände ein wenig anders gewesen. Dass er nicht in den Himmel – oder wohl eher auf die Zinnen der gewaltigen Burg – starren, sondern darauf achten sollte, wohin er lief, wurde ihm schmerzhaft bewusst, als sein Schädel gegen einen Mauervorsprung krachte.

„Au, das tut weh.“

Balthair musterte ihn kopfschüttelnd. „Starr nicht in den Himmel, deine Probleme sind hier unten auf der Erde. Und achte darauf, wohin du läufst. Groß genug wärst du ja eigentlich. Wie alt bist du denn überhaupt?“

Fearghas rieb sich seine vor Schmerz pochende Stirn. „Siebzehn.“

„Bravo! Siebzehn und schon ein Wilderer. Du lässt es aber nicht gerade langsam angehen.“

Seufzend tastete er über sein schmerzendes Nasenbein. „Ich sagte es schon dem Bruder des Laird. Ich bin kein Wilderer.“

Sein Bewacher schüttelte nur erneut das graue Haupt. „Geht mich nichts an, Junge. Das müssen die edlen Herrschaften unter sich klären. Ich sperr dich jetzt erst mal zu den Ratten.“

Fearghas riss die Augen auf. Er kannte die Geschichten, in denen Ratten Gefangene fast gänzlich aufgefressen hatten. „Ratten?“

Über Balthairs Gesicht huschte ein Lächeln. „Schon gut, wollte dich nur ein bisschen erschrecken. Ich sperr dich in die alte Sattelkammer, da ist’s trocken und ganz passabel.“

Fearghas beschloss, Balthair zu mögen.

Das kleine, vergitterte Fenster lag hoch über ihm. Nur mit viel Geschick gelang es Fearghas, sich an vorstehenden Mauersteinen nach oben zu hangeln. Der Blick, der sich ihm bot, war die Anstrengung wert. Vor ihm lag der Burghof, in dem hektisches Treiben herrschte. Man schien sich auf die Rückkehr des Laird vorzubereiten. Frauen mit großen, gut gefüllten Körben eilten von links nach rechts und verschwanden in einer Tür, die wohl in die Küche führte. Allein wenn er an Küche oder Essen dachte, knurrte sein Magen laut. Wäre es nach ihm gegangen, so würden sie im Moment einen kapitalen Hirsch zerlegen und Cailin würde das Feuer schüren, um einen schmackhaften Braten zuzubereiten. Was tat er stattdessen? Hing an einem Fenster zum Hof in einer Kammer, in der alte Decken und Körbe herumlagen, und war ein Gefangener des Mannes, dessen Tod er sich so sehnlich wünschte.

In seiner Fantasie sah sein Einzug auf Mingary immer anders aus. Und wieso all das? Wegen einer Frau, nein, falsch, wegen eines jungen Mädchens und seiner Angst. Da er an seiner augenblicklichen Situation nichts ändern konnte, entschied sich Fearghas, das Treiben im Hof weiter zu beobachten. So viele Menschen! So gigantisch die Burg von außen wirken mochte, so beengt empfand er sie nunmehr, wenn er das Innenleben betrachtete. Gleich zwei große Brunnen, mehrere an die Mauern gebaute, hölzerne Unterstände, in denen Pferde festgebunden waren, eine ausladende Feuerstelle, in der ein kräftiges Feuer brannte. Darüber hing ein gigantischer Kessel. Die Unterstände und die Bereiche darum waren dick mit Stroh aufgeschüttet. Stufen, die an vier Stellen hoch zu den Zinnen der Burgmauer führten, nahmen weiteren Platz weg. Langsam gewann er den Eindruck, dass das Leben in einer Burg weit weniger erstrebenswert war, als er es sich immer ausgemalt hatte. Grahams Hof war offen und man konnte über die Ebene blicken, hier war es eher düster.

Er drehte den Kopf und spähte nach oben. Nur vage erkannte er das Licht der Sonne, das gerade einmal den vorderen Brunnen und das in die Burg führende Tor erreichte. Das mochte am Mittag anders sein. Immerhin bestanden die Mauern aus hellen Steinen und am anderen Ende des Innenhofes, wo das letzte Licht hinfiel, funkelten sie.

Und hier lebte Mairead? Die wenigen Blicke, die er auf sie werfen konnte, hatten ihn vermuten lassen, dass sie in solch trutzigen Mauern nicht allzu glücklich wäre. Aber was wusste er schon? Ärgerlich auf sich selbst ließ er den Vorsprung los und sprang zurück auf den Boden. Was hatte Balthair vorhin gesagt? Ratten? Zwar hatte ihm der Mann anschließend mehrmals versichert, dass es hier drinnen keine gäbe, Fearghas traute jedoch lieber seinen Augen. Sorgfältig suchte er im spärlichen Licht den Boden ab. Tatsächlich fand er bis auf ein paar tote Spinnen nichts, das ihn weiter hätte beunruhigen können. Wohingegen das Verhalten von Caulders Bruder ihn sehr wohl beunruhigte. Da zog er den Laird aus dem See und dessen Bruder ließ ihm erst einmal Fesseln anlegen. Grübelnd nahm er sich eine der im Raum liegenden Pferdedecken und setzte sich darauf. So erleichtert alle anderen ihm nach der Rettung des Laird schienen, dieser Moran war sichtlich ungehalten über Fearghas’ Auftauchen gewesen. Mit ihm würde er sich auf jeden Fall nicht anlegen. Seufzend über die eigene Dummheit schüttelte er den Kopf. „O Mann, Fearghas MacLennoch, du Einfaltspinsel, du wirst dich mit gar niemandem anlegen. Du sitzt in einem Gefängnis.“ Sollte sein vorlautes Mundwerk ihn endgültig in ernsthafte Gefahr gebracht haben? Lag Adair richtig mit seiner Behauptung, er würde sich eines Tages um Kopf und Kragen reden? Hätte er den Laird sang- und klanglos im Loch untergehen lassen und sich in die Büsche geschlagen, anstatt ihn herauszufischen, so wäre er nun zu Hause. Ohne Hirsch, aber dafür in Freiheit. Ärgerlich hieb er mit der Faust auf die Decke. Wenn er dem Lärm, der urplötzlich vor seinem Fenster aufbrandete, Glauben schenken durfte, dann kam die Jagdgesellschaft in diesem Moment zurück. Laute Rufe waren zu hören, Männer, die Anweisungen brüllten und das Klappern von Hufen auf den Steinen des Hofes. Fearghas straffte seine Schultern. Nun würde man ihn sicherlich bald dem Laid vorführen. Ausnahmsweise sollte er seine Worte mit Bedacht wählen. Er ahnte, dass sein Leben davon abhing, und das war ihm lieb und teuer. 

„Na komm schon, Bursche. Aufwachen, wird’s bald, der Laird will dich sehen.“

Es dauerte eine gute Weile, ehe Fearghas sich zurechtfand. Balthairs Gesicht war dem seinen so nah, dass dessen Bart ihn am Kinn kitzelte. „Nicht zu glauben. Da schläft der Kerl seelenruhig, während andere sich vor Angst um ihr mickriges Leben in die Hosen machen würden. Du bist mir ja einer. Los jetzt, steh auf, sieh zu, dass du aussiehst wie ein Mensch, und dann bringe ich dich vor den Laird.“ Balthair verschränkte die Arme vor dem Körper und wartete ab, bis Fearghas seinen Zopf neu gebunden und sein Hemd zurechtgezogen hatte.

„Fertig, und Verzeihung, dass ich eingeschlafen bin.“

Der Mann musterte ihn mit gerunzelter Stirn. „Entweder hast du einfach verdammt viel Mut oder du weißt nicht so recht, was dir blüht, wenn Moran mit seiner Anschuldigung durchkommt. Sei froh, dass Caulder seinem Wunsch, man möge dich ihm übergeben, nicht entsprochen hat. Und nun ab mit dir, ehe ich dir Beine mache.“

Während er sich beeilte, mit Balthair Schritt zu halten, versuchte er, mehr in Erfahrung zu bringen. „Wieso wollte der Bruder des Laird mich haben?“

„Haben ist gut, Bursche, er sagt, du seist ein überführter Wilddieb. Aus einem mir noch unbekannten Grund ist Moran gar nicht gut auf dich zu sprechen.“

„Seltsam, da rettet man den einen und schon hasst einen der andere.“

Balthair blieb abrupt stehen und sah sich kurz um. „Junge, du hältst jetzt besser den Mund. Solche Gedanken kommen in diesen Mauern schnell in falsche Ohren, hörst du?“

Ehe Fearghas fragen konnte, was der Mann ihm damit sagen wollte, tauchte eine riesige Gestalt vor ihnen auf. „Na, endlich. Da kommt ihr ja. Seit wann lässt man den Laird warten?“

Balthair seufzte theatralisch. „Seit der Bengel in eine olle Decke eingewickelt schläft wie ein neugeborenes Fohlen. Aber jetzt gehört das Unschuldslamm dir, Aodhán. Ich bin wieder bei meinen Pferden.“

Der eindrucksvolle Soldat baute sich mit strenger Miene vor ihm auf. „Schlafen? Deine Ruhe möchte ich haben, Junge. Und nun geh voran. Ich will dich im Auge behalten, da vorne geht es hinein. Immer den Gang entlang und am großen Bogen links.“

Fearghas tat wie ihm geheißen. Sich diesen grimmigen Krieger zum Feind zu machen, stand sehr weit unten auf seiner Liste. Der Gang war kaum fünf Fuß breit, jedoch kam man gut voran. Fackeln steckten in Halterungen und beleuchteten den Weg. Hier war es sauber, trocken und warm. Der vage Geruch von Gebratenem umwehte kurzzeitig seine Nase und er ahnte, dass einer der Nebengänge in die Küche führen musste. Sein leerer Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Wie gerne wäre er abgebogen. Mit Aodhán im Rücken marschierte er jedoch gehorsam in die ihm vorgegebene Richtung. Der angekündigte Bogen kam in Sicht, Fearghas bog ab und blieb prompt wie vom Donner gerührt stehen. Vor ihm lag die große Halle von Burg Mingary.

Hohe Wände, wunderschöne Bogenfenster, auf dem Boden zahlreiche, herrliche Felle. In vier gigantischen Kaminen knisterten Feuer. Draußen war es bereits dämmrig und so erleuchteten die Flammen den beeindruckenden Raum und warfen warmes Licht auf Wandteppiche, welche zahlreich die Mauern zierten. Fackeln steckten in Halterungen und zahllose Kerzen flackerten fröhlich in riesigen Kerzenhaltern vor sich hin. Zu beiden Längsseiten Raumes standen lange, wuchtige Tische sowie mit Fellen weich gepolsterten Bänke. Dort saßen Männer und Frauen und wurden von Mägden mit wohlriechenden Speisen versorgt. Bei dem Duft, den das Essen verströmte, zog sich Fearghas’ sträflich vernachlässigter Magen erneut schmerzhaft zusammen. Er ignorierte den Hunger, ahnte er doch, dass da einiges auf ihn zukommen würde.

Am Kopfende der Halle stand ein sehr imposanter Tisch, um den sich acht große Stühle reihten. Auf einem saß, sich lässig auf die breiten Armlehnen stützend, kein Geringerer als der Laird von Mingary. Caulder schien guter Dinge zu sein. Jedenfalls lachte er soeben herzlich über etwas, das ihm der neben ihm sitzende, ältere Mann ins Ohr flüsterte. Sein langes, weißblondes Haar fiel ihm offen über die Schultern und er trug einen dunkelblauen Rock, aus dem ein edles, weißes Hemd hervorlugte.

Fearghas war so mit Staunen beschäftigt, dass er erst nach Aodháns geflüstertem „Nun beweg dich schon, Junge“ wieder einen Fuß vor den anderen setzte. In seinem Kopf arbeitete es fieberhaft. Was sollte er sagen? Wie sollte er reagieren? Eines wusste er mit Sicherheit: Caulder durfte auf keinen Fall jemals herausfinden, wer er wirklich war. Fearghas MacMahon war zwar ebenso tot wie seine Familie. Fearghas MacLennoch hingegen würde sich in wenigen Augenblicken vor seinem Laird erklären müssen. In eine wirklich dumme Lage hatte er sich da gebracht! Wobei es galt abzuwarten, was der Laird nun mit ihm vorhatte.

Hektisch suchte er die Halle ab. Maireads lange, hellblonde Flechten konnte er leider nicht entdecken. Schade und nicht gut für ihn, denn so wie er es verstanden hatte, war Caulders Tochter auf seiner Seite. 

Just in diesem Moment unterbrach die Stimme des Lairds seine Gedanken. „Aodhán, konntest du ihn überreden, sich zu uns zu gesellen?“ Ein Lächeln schwang in der Stimme des Mörders mit. Es klang befremdlich in Fearghas’ Ohren.

„Mylord, es war nicht leicht. Er ziert sich ein wenig.“

„Das mag darin begründet liegen, dass wir ihn in fremdem Jagdrevier aufgegriffen haben und ich nach wie vor der Meinung bin, dass wir den Kerl dabei ertappt haben, wie er sich an unserem Wild gütlich tun wollte.“ Diese Stimme klang deutlich weniger freundlich. 

Fearghas sah sich um. Die große Gestalt Morans tauchte hinter ihnen auf. Der Bruder des Laird musterte Fearghas wie ein lästiges Insekt. „Er hatte dort nichts verloren. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass er seinen Laird gerettet hat.“

Caulder hob mit ernster Miene die Hand. „Wenn ich mich hier einmischen darf, so möchte ich anmerken, dass ich dem nicht ganz zustimme. Mit all meiner Ausrüstung, mit dem Schwert und den anderen Waffen und der Jagdkleidung wäre es mir nie und nimmer gelungen, lebendig ans Ufer zu gelangen. Die Tatsache, dass ich offenbar beim Aufprall auf das Wasser das Bewusstsein verloren habe, gar nicht bedacht. Daher – Wilddieb hin, Streuner her – bin ich doch einigermaßen dankbar, dass er sich dort herumgetrieben hat.“

Moran umrundete den Tisch und ließ sich neben seinem Bruder nieder. „Was nichts daran ändert, dass er bestraft werden muss.“ 

Erneut hob Caulder die Hand und bedeutete Fearghas, näherzukommen. Ein Blick in Morans zornig funkelnde Augen ließ diesen zögern, doch Aodhán schob ihn unerbittlich auf die Brüder zu.

Mittlerweil war er ihnen so nah, dass er Caulders nachdenklich gerunzelte Stirn erkennen konnte. Die Narbe über seinem Auge, deren Ursprung Fearghas nur allzu gut kannte, erweckte den Anschein, dass er seine Braue fragend hochzog. Er musste sich zusammennehmen, um seine Gesichtszüge unter Kontrolle zu behalten und seinen Hass zu verbergen. Machte er nun einen Fehler, so konnte das sein letzter sein.

„Bursche, es scheint mir an der Zeit, deine Sicht der Dinge zu erfahren. Nun komm, mach den Mund auf und erkläre dich. Mein Bruder hier würde dich allzu gerne entweder auspeitschen oder dich gar an einem der Bäume draußen am Loch aufknüpfen. Wähle deine Worte weise.“

Fearghas war sich durchaus darüber im Klaren, dass Caulder ihm gerade eine Warnung und einen guten Rat erteilte. Der Mann schien wenig Lust zu verspüren, sich mit seinem Bruder anzulegen. Fearghas versuchte krampfhaft, das wilde Durcheinander in seinem Kopf zu ordnen. Egal in welche Richtung er auch dachte, letztendlich schien ihm eine Mischung aus Tatsachen und ein wenig Einfallsreichtum der beste Weg zu sein. Er wollte nicht betteln. Schließlich säße Caulder ohne ihn nicht mehr hier. Andererseits waren Pfeil und Bogen ein Umstand, den er nicht so einfach erklären konnte. Die Wildschweingeschichte gefiel ihm nach wie vor am besten. Er musste sich erst einmal kräftig räuspern, ehe er ein verständliches Wort herausbringen konnte. Da man ihm nichts zu trinken gegeben hatte, war seine Kehle staubtrocken.

„Mein Laird, es ist so, wie ich es bereits sagte. Ich wollte, nachdem wir Rinder getrieben haben, ein Bad im Loch nehmen. Gewiss, ich war auch nicht das erste Mal dort. Es ist ein ruhiges und sehr schönes Fleckchen. Ja, ich hatte einen Bogen bei mir. Herr, Ihr wart auf der Jagd. Ihr wisst gewiss, dass es dort hin und wieder Wildschweine gibt. Sollte mir eins begegnen, so möchte ich mich doch verteidigen können.“

„Ach, und es dann auch gleich erlegen und es dir aneignen, oder wie darf ich das verstehen?“ Moran war gut darin, einem das Wort im Munde umzudrehen.

Fearghas wandte sich dem Bruder des Laird zu und zuckte die Schultern. „Mylord, was soll ich denn tun? Es mit Grimassen erschrecken? Ich bin tatsächlich ein leidlich guter Bogenschütze, und wenn es heißt, das Schwein oder ich, dann wäre ich so frei, mein Leben dem des Schweines vorzuziehen.“ 

Fearghas konnte sehen, dass Caulders Miene sich verzog, obwohl der Laird versuchte, eine ernste Haltung zu bewahren. Ob das für ihn gut war, konnte er nicht einordnen. Moran jedenfalls schien keineswegs zufrieden.

„Du willst mir nun nicht erzählen, dass du den Hirsch nicht gesehen hast? Denn der war doch das eigentliche Ziel deiner Begierde.“

Entschlossen schüttelte Fearghas den Kopf. „Bei allem, was mir lieb und teuer ist: Ich habe nie daran gedacht, Wild zu jagen. Ich kann nur nochmals versichern, dass ich einzig und allein schwimmen wollte.“

Ärgerlich hieb Moran die Hand auf die Tischplatte. „Du lügst, wenn du den Mund aufmachst, Kerl. Warum hast du dich dann am Ufer herumgedrückt und warst gänzlich bekleidet, als wir dich aufgriffen?“

„Weil ich mich, anstatt zu schwimmen, auf das Retten in Not geratener Lairds verlegen musste. Mich in aller Ruhe zu entkleiden kam mir nicht in den Sinn, als Euer Bruder vom Himmel fiel.“

Während es Caulder, wenn auch offenbar unter großer Mühe, gelang ernst zu bleiben, brach Aodhán in schallendes Gelächter aus. Auch einige der Gäste, die stillschweigend dem Gespräch lauschten, waren sichtlich amüsiert. Er konnte nur hoffen, dass diese spontane Aussage ihn nun nicht Kopf und Kragen kosten würde. Langsam war seine Geduld aufgebraucht. Moran wollte ihn nicht davonkommen lassen, das hatte er begriffen.

„Du unverschämter Nichtsnutz, wie kannst du es wagen, so mit mir zu sprechen? Wenn ich bis gerade eben noch erwog, Gnade vor Recht ergehen zu lassen, so lasse ich dich jetzt in jedem Fall auspeitschen.“

Das sah nicht gut aus für ihn, gar nicht gut. Seine Worte waren wohl ein wenig zu forsch gewesen. Aber wenn Moran seine schlechte Laune an ihm auslassen wollte, so würde er das kaum verhindern können.

„Auspeitschen? Vater, ist das der Dank dafür, dass er dich gerettet hat? Dankt Laird Caulder MacIan so seinem Lebensretter?“ Mairead tauchte wie ein Racheengel auf und stellte sich mit in die Hüfte gestemmten Händen und wütender Miene vor Fearghas. „Wenn dem so ist, dann bestraft mich gleich mit. Ich werde nicht dabei zusehen, wie der Mann, der meinen Vater gerettet hat, von meinem liebevollen Onkel ausgepeitscht wird.“

Nach Maireads Worten war es im Saal mucksmäuschenstill geworden. Ein jeder sah erwartungsvoll zu Caulder. Der war über das Auftauchen seiner Tochter sichtlich überrascht.

Moran reagierte schneller als der Laird. „Es kann ja wohl nicht angehen, dass ein Kind meine Entscheidungen infrage stellt.“

Fearghas war selten sprachlos, in diesem Moment jedoch fehlten ihm die Worte. Mit offenem Mund starrte er das junge Mädchen an, das mit zornig funkelnden Augen zu ihrem Onkel hinübersah. „Das Kind, lieber Onkel, darf sehr wohl eine eigene Meinung haben. Ist es denn nicht so, dass von dem Kind erwartet wird, dass es den Platz seiner Mutter einnimmt, dass es Pflichten erfüllt, die nicht die eines Kindes sind? Wenn dem nun so ist, bitte ich darum, meine soeben geäußerte Bitte auch dementsprechend als die Bitte einer Erwachsenen zu behandeln.“ Ihr Blick huschte zu ihrem Vater, der sich nachdenklich das Kinn rieb und seine Tochter mit einer Mischung aus Ärger und Anerkennung musterte. „Vater, wie lautet deine Entscheidung? Bitte bedenke, ich wünsche in gleicher Weise bestraft zu werden wie dieser Mann.“

Caulder hob die Hand zum Zeichen dafür, dass es nun gut sein möge. „Mairead, so sehr ich deinen Mut und deine flinke Zunge bewundere, hier muss ich meinem Bruder Recht geben. So gänzlich ohne Bestrafung kann er nicht davonkommen. Hast du eine Vorstellung davon, wie schmerzhaft Peitschenhiebe sich auf deiner zarten Haut anfühlen würden?“

Mairead reckte mit einer stolzen Geste ihr Kinn in die Luft. „Ich habe bereits gesehen, wie Menschen ausgepeitscht wurden. Zum letzten Mal, wenn er ausgepeitscht wird, so werde ich es auch.“

„Dann sei dem so. Wenn meine Nichte so inständig darum bittet, sich verunstalten zu lassen.“ Moran lag offenbar wenig am Wohl Maireads. Man konnte ihm seinen Zorn deutlich an der verzerrten Miene ablesen.

Caulder beugte sich vor und stützte beide Ellbogen auf die Tischplatte. „Junge, hörst du die Worte meiner Tochter? Willst du, dass sie das für dich auf sich nimmt?“

Mairead öffnete bereits den Mund, doch ihr Vater schnitt ihr mit einer herrischen Geste das Wort ab. „Nein, Mairead, du schweigst jetzt. Und du, Junge, nennst mir endlich deinen Namen. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich weiß, wer hier vor mir steht.“

Fearghas wurde kalt, und dennoch gelang es ihm, mit fester Stimme zu antworten. „Mein Name, Mylord, ist Fearghas MacLennoch, der jüngere Sohn des Chieftains Graham MacLennoch.“

Caulder blickte ihn eine Weile stillschweigend an. Es war nicht leicht für Fearghas, diesen hellen, kalten Augen standzuhalten, und doch tat er es.

„Als Sohn eines Chieftains scheint dir der Mut in die Wiege gelegt worden zu sein. Ich bewundere und respektiere Mut. So sag mir, würdest du die Strafe durch die Peitsche annehmen?“

Hatte er eine Wahl? Gewiss nicht. So straffte Fearghas seine Schultern und sah Caulder mit entschlossenem Blick in die Augen. „Ja, Mylord, ich nehme die Strafe an, wenn auch unter Protest, da ich mich keiner Vergehen gegen meinen Laird schuldig gemacht habe. Zuvor aber hört auch meine Bitte. Keine Frau soll um meinetwillen Schmerz oder Schmach erdulden. Ich werde auch die Strafe für Eure Tochter auf mich nehmen.“

Nach seinen mit fester Stimme geäußerten Worten herrschte in der Halle atemlose Stille. Erst nach einer Weile wurde diese von Morans schneidender Stimme unterbrochen. „Eine gute Entscheidung! Bringt den Wilddieb in den Hof und verpasst ihm zwanzig ordentlich Hiebe, auf dass ihm das Wildern in fremden Revieren zukünftig vergällt sein möge.“

Fearghas fühlte bereits Aodháns Hand an seinem Oberarm, als Caulder sich erneut zu Wort meldete. „Ich bin überrascht, angenehm überrascht. Nicht nur, dass du mich aus dem Wasser gezogen hast. Nun würdest du auch noch, ohne mit der Wimper zu zucken, die Peitschenhiebe einstecken, die mein vorwitziges Töchterchen sich redlich verdient hat. Du hast nicht nur Mut, du scheinst auch Ehre im Leib zu haben.“

„Ehre?“ Moran spie das Wort regelrecht aus. „Ein verlauster Bauer und Ehre? Viehdiebe und Aufrührer sind sie doch im Grunde allesamt. Bruder, du scheinst einen verklärten Blick auf die Tiefen der verrotteten Seelen der Highlander zu haben.“

„Es reicht, Moran. Ich bin durchaus in der Lage, meine eigenen Entscheidungen zu treffen. Und ja, er wird bestraft werden. Ebenso wie meine rebellische Tochter. Ausgepeitscht wird hier heute aber gewiss niemand.“ Er beugte sich zur Seite. „Aodhán, mein treuer Weggefährte, du pflegst in derartigen Situationen doch stets mit guten Ideen aufzuwarten. Was schlägst du vor?“

Der mächtige Krieger trat nach vorne und verbeugte sich leicht. „Herr, wenn Ihr Vertrauen in mich habt“, er wandte sich mit diebischem Grinsen Fearghas und Mairead zu, „so hätte ich da durchaus einen sehr guten Plan.“

4.

Burg Mingary

„Das ist einer jungen Lady unwürdig.“ Ärgerlich rammte Mairead die riesige Forke in das stinkende, mit Pferdemist vermengte Stroh auf dem Stallboden.

Aodhán, der mit entspannter Miene auf einem Heuballen saß und sich in aller Ruhe einen Krug Bier schmecken ließ, zuckte bedauernd mit den Schultern. „Mairead, meine Liebe, das hast du dir selbst eingebrockt. Nun löffle bitte die Suppe auch aus. Immer noch besser als die Peitsche, nicht wahr?“

Fearghas warf eine große Ladung Mist auf den Haufen am Ende des Stalles. Schweißüberströmt richtete er sich auf. Mittlerweile war er so hungrig, dass ihm immer wieder schwarz vor Augen wurde. Seine Zunge klebte an seinem verdorrten Gaumen. In den letzten zwei Stunden hatte er wie ein Wahnsinniger Pferdemist geschaufelt und nun war das Ende dieser Arbeit in Sicht. Danach noch frisches Stroh ausbringen und sie wären fertig.

„Mylady, bitte, Ihr müsst das nicht tun. Ich mache das schon. Bitte setzt Euch doch, dies ist keine Arbeit für eine junge Dame.“ Sein schlechtes Gewissen gegenüber Mairead quälte ihn ziemlich. Die junge Frau hatte wirklich nach Kräften mitgearbeitet. Immer wieder spähte er zu ihr hinüber. Ihre zarten Hände waren rot von der ungewohnten Anstrengung und einige Strähnen ihres hellen Haares klebten an den erhitzten Wangen.

Mairead schob ihre Forke unter den Mist und warf ihm einen seltsamen Blick zu. „Glaube mir, Highlander, was du kannst, das vermag ich auch.“

„Daran zweifle ich keine Minute, Mylady, aber Ihr tut dies, weil Ihr mich verteidigt habt. Ich muss zugeben, es ist mir unangenehm, dass ich der Grund für das hier bin.“

Schwungvoll bugsierte sie ihre Fracht auf den großen Haufen. „Hör zu, Fearghas, Sohn des Chieftains, ich bedauere es nicht. Du hast mir meinen Vater zurückgegeben. Wenn schon mein Onkel darüber wenig erbaut erscheint, so will zumindest ich meine Dankbarkeit zeigen. Das hat auch etwas mit Ehre zu tun, weißt du?“

Er sah sie mit großen Augen an. „Das kann ich verstehen. Ihr seid wahrlich eine Dame von großer Ehre, Mylady.“

Das Mädchen kratzte die letzten Reste zusammen und schob sie ihm mit stoischer Miene zu. „Gut, das haben wir geklärt. Könntest du dann bitte mit diesem Unsinn von wegen Mylady und Dame aufhören? Mein Name ist Mairead und so wünsche ich ab heute von dir genannt zu werden, hast du mich verstanden?“

Fearghas warf Aodhán einen ratlosen Blick zu. „Das wird Eurem Vater aber nicht gefallen. Eurem Onkel schon zweimal nicht.“

Der Hauptmann schüttelte nur lachend den Kopf. „Hier werde ich mich nicht einmischen. Das klärt ihr bitte, ohne mich wieder in Schwierigkeiten zu bringen.“

„Wieder?“ Fearghas’ Blick schweifte ratlos von Aodhán zu Mairead. Die wirkte urplötzlich zerknirscht.

„Mag sein, dass Aodhán schon ein paar Mal meine Abenteuer ausbaden musste. Vor allem, wenn ich ihm wieder einmal entwischt bin. Hier und heute jedoch darf ich bemerken, dass ich gänzlich unschuldig bin.“

„Die reine Unschuld, mein Kind, wie immer. Und nun eilt euch beide, ich kann den Magen dieses Knaben bis hierher knurren hören. Langsam wird mir Angst und Bang, wenn ich das noch länger ertragen muss. Verteilt das Stroh, dann gibt es etwas zwischen die Zähne. Oder habt ihr keinen Hunger?“

Plötzlich hatten es sowohl Fearghas als auch Mairead sehr eilig, ihre Strafarbeit zu einem raschen Ende zu bringen.

Hof der MacLennochs, Kilchoan

„Ihr habt was? Ich fasse es nicht. Was ist nur in euch alle gefahren? Ich war mir so sicher, dass ihr längst mit Fearghas darüber gesprochen habt. Es wäre eure verdammte Pflicht gewesen.“

Graham zog schuldbewusst den Kopf ein. Wenn Cailin so wütend war, nahm man sich besser in Acht. Das wusste auch der ansonsten wortgewaltige Chieftain. „Es geschah zu seinem eigenen Wohle. Du kennst den Jungen, Cailin. Er ist impulsiv und in seinem Herzen wild. Was, denkst du, wäre geschehen, wenn er erfahren hätte, dass der Mörder seiner Familie auf Mingary Einzug gehalten hat? Dies auch noch mit dem ausdrücklichen Wohlwollen der Engländer.“

Cailin musterte ihn mit ärgerlich zusammengezogenen Brauen. „Der Junge hat seine Familie verloren. Er hat ein Recht auf die Wahrheit. Du verstehst es, mit Worten umzugehen, Graham. Und auch du, Adair. Fearghas ist dein Bruder, und er blickt zu dir auf. Ist es denn so schwer, mit ihm zu sprechen? Vielleicht wäre es dann nicht so weit gekommen, vielleicht wäre er achtsamer gewesen.“

Graham verzog das Gesicht. „Frau, du sprichst von Fearghas, dessen Zunge offenbar seinen Tod will. Achtsam und Fearghas in einem Atemzug zu nennen, das ist gewagt. Komm, Cailin, sei aufrichtig zu dir selbst. Er hätte eine wie auch immer geartete Dummheit begangen und wir hätten ihn nur noch in das Grab seiner Familie legen können.“ Er warf Cailin einen fragenden Blick zu. „Was denkst du ist besser? Ihn eine Weile mit der Wahrheit zu verschonen oder sein junges Leben aufs Spiel zu setzen?“

Die Antwort erhielt er schneller, als ihm lieb war. „Wahrheit, Graham MacLennoch! Es ist immer die Wahrheit, die uns hilft, unser Leben so zu führen, dass wir nächtens ruhig zu schlafen vermögen.“

Er war beinahe schon froh, als Adair sich einmischte. „Hört auf, euch zu streiten. Es ist keinem geholfen, wenn ihr euch gegenseitig Beschuldigungen an den Kopf werft. Vater hat gut daran getan, die Wahrheit vor Fearghas zu verbergen. Ich traue ihm zu, vor Mingary aufzutauchen und Caulder MacIan herauszufordern. Seien wir doch ehrlich. Caulder ist im Grunde ein Verräter an seinem eigenen Volk. Schließlich war er es, der mordend und plündernd durch die Highlands gezogen ist und die starken Clans entkräftet oder gar ausgelöscht hat. Seinen Lohn hat er umgehend erhalten. Der König gab ihm Mingary und damit die Macht, die er sich ersehnte. Meine Befürchtungen gehen in diesem Augenblick in eine ganz andere Richtung. Mein Bruder ist ein Gefangener seines Todfeindes. Was, denkt ihr, geht derzeit in ihm vor sich? Mag er auch versuchen, Ruhe zu bewahren und nichts Falsches zu tun oder zu sagen, wir kennen ihn besser. Glaubt mir, er wird den Laird sehr schnell als denjenigen erkennen, dessen Tod sein erklärtes Ziel ist. Fearghas mag ruhig, fröhlich und freundlich sein, in seinem Herzen jedoch brodelt ein Hass, der zu jeder Stunde, zu jeder Minute seines Lebens an ihm frisst. Ein einziges falsches Wort, und wir sehen meinen kleinen Bruder nie wieder.“

Graham schüttelte entschlossen den Kopf. „Das ist etwas, das unter keinen Umständen geschehen darf. Der Laird wird nicht den Letzten der MacMahons meucheln. Nicht, wenn ich es irgendwie verhindern kann.“ Ohne ein weiteres Wort erhob sich Graham und stapfte zur Tür.

Burg Mingary, Ardnamurchan

„Das ist köstlich, das ist einfach nur köstlich. Einmalig, wirklich, seid dessen versichert.“ Fearghas schenkte der Frau, die mit fragender Miene vor ihm stand, ein strahlendes Lächeln.

Die schnalzte mit der Zunge. „Junge, einmalig ist vielmehr, dass du es tatsächlich schaffst, mit so vollem Mund noch verständlich zu sprechen, meine Hochachtung.“

„Roya, so lass die beiden doch einfach essen. Komm her, Weib, du hast ein vorzügliches Mahl auf den Tisch gebracht.“ Aodhán griff nach dem Arm der nicht gerade kleinen Frau und zog sie kurzerhand auf seinen Schoß. 

Fearghas betrachtete das Ganze amüsiert, erinnerte ihn dieser Anblick doch sehr an Graham und Cailin. Die beiden gingen ebenso rau und liebevoll miteinander um. Bei ihnen konnte man, so wie bei den beiden hier, den gegenseitigen Respekt erkennen. Man sah und spürte bei Aodhán und Roya, wie tief sie einander verbunden waren.

Roya war eine schöne Frau. Groß, von schlankem Wuchs, mit einem offenen, herzlichen Lachen, grünen Augen und langen dunkelroten Haaren, die ihr, zu einem dicken Zopf geflochten, beinahe bis zur Hüfte reichten. Sie trug ein helles Kleid aus grobem Stoff, über das sie eine braune Schürze gebunden hatte. Sie und der ebenfalls rothaarige Aodhán waren ein perfektes Paar, auch wenn sie gewiss einige Jahre jünger war.

Roya schlug ihrem Gatten spielerisch auf die Finger. „Lass das, denk lieber darüber nach, wie du den Jungen vor Morans übler Laune bewahren kannst.“

Fearghas spitzte neugierig die Ohren. Roya schien um sein Wohlergehen besorgt zu sein. „Mylady, Ihr seid sehr freundlich, aber ich bin ein Gefangener und weiß noch nicht, was man mit mir vorhat.“

Roya warf ihm einen seltsamen Blick zu. „Mylady? Junge, lass diesen Unfug. Ich bin Roya, sonst nichts.“

Vom Ende des Tisches erklang eine fröhliche Stimme. „Sehr gut, Roya, er hat ein großes Problem mit Namen. Er nannte auch mich Mylady. Erklär ihm doch bitte, wie wir es hier handhaben.“ Mairead steckte sich ein Stück zartes Fleisch in den Mund und kaute genüsslich.

Roya befreite sich seufzend aus Aodháns Armen. „Kind, sei auf der Hut. Was wir hier tun, mag ein wenig anders erscheinen, als dein Vater und vor allem dein Onkel es gutheißen. Du bist nun einmal die Tochter des Lairds und damit war seine Anrede durchaus angemessen. Womit er wahrscheinlich kaum rechnen konnte, ist dein Freigeist. Ich meine das sehr ernst. Wie ihr hier miteinander umgeht, mag euch anheimgestellt sein. Sobald ihr euch in der Halle oder in Gesellschaft der edlen Herren befindet, werdet ihr sehr auf eure Worte achten. Habt ihr mich verstanden, alle beide?“ 

Folgsam nickten sowohl Mairead als auch er selbst. Roya stand direkt vor ihm und betrachtete ihn mit geneigtem Haupt. Erst nachdem sie einen aufmerksamen Blick durch die große Küche geworfen hatte und sah, dass lediglich am anderen Ende einige Mägde kichernd mit dem Kneten von kleinen Broten beschäftig waren, fuhr sie fort.

„Hör mir gut zu. Das, was Fearghas heute getan hat, war mutig und hat unserem Laird sein Leben bewahrt. Allein dafür ist er Aodhán und mir schon lieb und teuer. So wie wir dich, mein Junge, in der kurzen Zeit erlebt haben, hast du das Herz am rechten Fleck und einen klugen Kopf. Daher wirst du verstehen, was ich dir nun sage. Und auch du, Mairead, hör aufmerksam zu. Ich habe es dir schon oft erklärt und ich weiß, dass du sehr gut verstanden hast.“ Sie beugte sich vor und stützte die Handflächen auf der Tischplatte ab. Ihre Stimme wurde leiser, dafür umso eindringlicher. „Moran ist gefährlich. Hütet euch vor ihm. Achtet auf das, was ihr sagt und tut, sobald er in der Nähe ist. Dass du, mein Junge, heute unseren Laird gerettet hast, ist für uns alle eine Heldentat, nicht so für Moran. Wie gerne sähe er sich auf dem Sessel des Lairds in der großen Halle. Seid auf der Hut!“

Fearghas nickte entschlossen und schluckte eilig. „Ich werde das beherzigen. Meinen Dank für diese Warnung. Es war mir nicht bewusst, dass es jemanden in diesen Mauern nicht erfreuen könnte, dass der Laird lebt.“

Roya bedeutete ihm unmerklich leiser zu sprechen. „Sei dir darüber im Klaren, dass diese Mauern Ohren haben können.“ Sie wandte sich dem großen Kessel zu, der über einem riesigen Feuer hing. „Es ist noch viel von dem Eintopf da. Ist denn noch jemand hungrig?“

Wie auf Kommando hielten er und auch Mairead ihr ihre Schüsseln entgegen.

Aodhán hatte ihm einen Schlafplatz in eben jener Sattelkammer bereitet, die zuvor sein Gefängnis gewesen war. Nun lag er auf einem großen, trockenen Strohsack, über sich eine warme und sogar recht weiche Decke. Neben ihm flackerte eine Kerze in einer Laterne fröhlich vor sich hin. Nachdenklich sah er in die leicht verschwommenen, sich immer wieder verändernden Umrisse der Flamme. Einmal erschien sie wie der Kopf eines Wolfes, der den Mond anheulte, dann wieder wie eine auf einem Felsen tanzende Elfe. Unwillkürlich lächelte Fearghas. Bei Elfe musste er sofort an Mairead denken. Die so zarte und doch so starke Tochter des Mannes, den er zu töten gedachte. Hatte ihn zuerst nur ihre Stimme in ihren Bann gezogen, so war es nunmehr auch ihre anmutige Erscheinung, ihr Mut, der aus jedem ihrer Worte sprach, ihre Natürlichkeit, mit der sie ihm und auch vielen anderen begegnete. Dass sie, ohne zu murren, ihre Strafarbeit erledigt und Pferdemist geschaufelt hatte, um ihm aus der Misere zu helfen, nötigte ihm viel Respekt ab. Von Adair wusste er, dass viele der jungen Mädchen, vor allem, wenn sie der gehobenen Schicht entstammten, mit reichlich Hochmut ausgestattet waren. Nicht einmal der Sohn eines Chieftains schien ihren hohen Ansprüchen zu genügen, sie alle wollten hoch hinaus. Er selbst war noch nie in die Verlegenheit gekommen, sich darüber Gedanken zu machen. Bis zu diesem Tag. Mairead war anders. Sie war etwas Besonderes, sie strahlte aus ihrem Herzen, einem Herz, das offenbar sehr groß war, einem Herz, in das er heute hatte sehen dürfen. Er zog die Decke bis hoch ans Kinn. Wie sollte das weitergehen, wie sollte er ihr gegenübertreten? Dem Mädchen, dessen Vater sein Todfeind war? Wie würde es überhaupt weitergehen? Im Laufe des Abends war niemand mehr aufgetaucht, niemand hatte nach ihm schicken lassen. Auch Mairead schien man vergessen zu haben, wobei diese darüber erfreut gewesen war. An ihm selbst nagte die Unsicherheit, was wohl der nächste Tag bringen würde. Fearghas starrte so lange in die Flamme, bis er in einen unruhigen Schlummer fiel.

„Aufstehen, du Schlafmütze, es ist heller Tag. Los, vorwärts, der Laird schickt nach dir. Aber zuerst wäscht du dich und zwar sauber.“ Roya duldete keinen Widerspruch. Sie bugsierte ihn durch einen engen Gang in einen Seitenhof zu einem Brunnen. Hier zog sie mit Hilfe eines Eimers Wasser nach oben, reichte ihm ein Stück Seife und ein großes Tuch. „Rasch, wenn ich bitten darf!“ Sie deutete mit Nachdruck auf den Eimer.

Unschlüssig griff er nach der Seife, die zu seiner Überraschung sehr gut und nach Kräutern duftete. „Ähm, willst du dabei zusehen, wie ich mich wasche?“

Laut lachend stemmte Roya die Arme in die Hüfte. „Kerl, denkst du denn, dass ich an dir etwas entdecke, das ich bisher noch nicht erblickt habe? Außerdem habe ich den Auftrag, dich nicht aus den Augen zu lassen. Und genau das werde ich daher auch tun. Nun mach schon, runter mit dem Hemd und der Hose.“ Grinsend setzte sie sich auf den breiten Rand des Brunnens.

Was sollte er denn tun? Schulterzuckend zog er sich das Hemd über den Kopf.

Dieses Mal kannte Fearghas den Weg bereits. Roya hatte ihn auf der Hälfte des langen Ganges an Aodhán übergeben und ihm zuvor beruhigend die Hand auf die Schulter gelegt. „Mut, mein Junge, alles wird sich zum Guten wenden.“

Wäre er nur annähernd so sicher gewesen wie Roya.

In der großen Halle war es heute leer, zumindest leerer als am vergangenen Nachmittag. Einige Bedienstete säuberten die gigantischen Feuerstellen, Mägde tauschten Fackeln aus und erneuerten Kerzen in den riesigen Kandelabern. Auf dem Platz des Lairds erkannte Fearghas sofort Caulder an seiner hellen Haarflut. Den Mann, der stolz und aufrecht mit dem Rücken zu ihm stand und sein Bonnet in den Händen hielt, erkannte er erst, als er sein Profil von der Seite sah. Ihm fuhr der Schreck in die Glieder. Graham! War der Chieftain etwa auch gefangen genommen worden? Wenn dem so war, warum? War Morans allgegenwärtig versprühter Hass so erfolgreich gewesen, dass Caulder auch noch seine Familie bestrafte? Furcht jedoch wollte er in diesem Augenblick nicht zeigen. Weder er noch irgendjemand aus dem Clan MacLennoch hatte etwas Böses getan. Entschlossen straffte er die Schultern und trat vor Caulder. Der hatte sein Kinn in der Rechten aufgestützt und sah ihm mit unergründlichem Blick entgegen. Erneut fröstelte ihn innerlich ob der kalten Augen des Lairds.

Der hob die Linke und winkte ihn näher. „Komm her, Fearghas MacLennoch. Ich hatte eine ganze Nacht Muße, mir Gedanken darüber zu machen, was ich mit dir tun soll.“

„Mein Laird, der Junge wollte doch nichts Unrechtes tun, als er sich dort aufgehalten hat. Bitte vergebt ihm und entlasst ihn in meine Obhut, um ihn nach Hause zu bringen.“ Grahams Stimme klang fest und entschlossen, und doch war da ein Quäntchen Unsicherheit, das Fearghas herauszuhören vermochte. Am liebsten hätte er Graham in die Arme geschlossen, das aber ziemte sich nicht für einen stolzen Highlander. So warf er seinem Ziehvater lediglich einen liebevollen Blick zu.

„Vater, ich freue mich, dich zu sehen. Das hier aber habe ich mir selbst zuzuschreiben.“

„Ach, zuzuschreiben, ja?“ Caulder schien amüsiert zu sein. „Hör mir zu, Junge, mag mein Bruder sich auch darüber erregen, dass du dich auf meinem Grund und Boden aufgehalten hast, so bin ich hingegen darüber sehr froh. Noch einmal: Du hast mein Leben gerettet. Ehe mein Bruder das Für und Wider erwogen hätte, mich aus dem Loch zu ziehen, wäre ich wahrscheinlich tot gewesen. Du bist mutig und schnell, du hast zwar eine flinke Zunge, das aber muss nichts Schlechtes sein. Kurz, ich verdanke dir mein Leben und bin mir dessen durchaus bewusst.“ Caulder erhob sich und umrundete mit langsamen Schritten den wuchtigen Tisch, der zwischen ihnen stand. Er verschränkte die Arme und betrachtete Vater und Sohn eingehend. „Ihr seid gute Leute. Wer seinen Sohn zu einem solch mutigen, selbstbewussten Kerl heranzieht, der weiß, was er tut. So sag mir, Graham MacLennoch, willst du deinen jüngsten Sohn in meine Dienste geben? Ich brauche mutige junge Männer, die mir treu zur Seite stehen, Männer, denen ich vertrauen kann, in Zeiten, in denen ich das durchaus nicht von jedem in meinen Mauern guten Gewissens behaupten kann.“

Fearghas stockte der Atem. Die Worte des Lairds hallten in seinen Ohren nach. Er sollte in die Dienste Caulders treten? Er sollte an der Seite des Mannes kämpfen, dessen Tod er herbeisehnte? Täglich in seiner Nähe sein? Sein Vertrauen zu genießen? Was sollte er davon halten? Was dachte Graham darüber? Was mochte in seinem Ziehvater vor sich gehen? Er wagte kaum, ihn anzusehen.

Sie wurden von einer leisen Stimme unterbrochen. „Fearghas, du bleibst doch? Du hast meinem Vater sein Leben gerettet und nun lädt er dich ein zu bleiben. Es kommt nicht oft vor, dass er einem Fremden sein Vertrauen schenkt. Bleib bei uns, es würde mir viel bedeuten.“ Mairead trat aus dem Schatten einer Säule hervor und warf ihrem Vater einen entschuldigenden Bick zu. „Verzeih mir, Vater, aber meine Neugier war zu groß.“

Seufzend zuckte Caulder die Achseln. Vor Fearghas’ Augen veränderte sich das kühle Antlitz des Lairds. Seine harten Züge wurden plötzlich weich, als er seine Tochter geradezu liebevoll musterte. Selbst die kalten, eisblauen Augen zeugten von der Liebe, die er zu seinem Kind empfand.

Tausend unterschiedliche Gefühle brachen über Fearghas herein. Würde er sich kontrollieren können? Konnte er dem Mörder dienen? Ein Blick in Maireads Gesicht ließ alles andere nebensächlich erscheinen. Hier stand eine junge Frau, die um das Wohl des Menschen besorgt war, dem ihre Liebe gehörte. Sie konnte die dunklen Abgründe hinter der Stirn ihres Vaters nicht kennen, dessen war Fearghas sicher. Mairead bat ihn zu bleiben, und das würde er tun. Mit einem Mal war er absolut sicher, dass das Schicksal ihm den Weg aufzeigte, den er zu gehen hatte. 

„Sohn, was denkst du darüber? Du bist siebzehn Jahre alt, du wirst, nein falsch, du bist bereits ein Mann, der Verantwortung zu tragen versteht oder es zumindest sollte. Du beherrscht es schon heute, weise zu entscheiden. So tu dies bitte auch jetzt.“ Er hörte und verstand jedes Wort, vor allem die unausgesprochenen.

„Entscheide dich, Junge. Ich werde deine Entscheidung akzeptieren, egal wie sie auch ausfallen möge. Du sollst dich nicht genötigt fühlen, sondern aus freien Stücken hier bei uns bleiben.“ Caulder betrachtete ihn so eindringlich, dass er innerlich erbebte. Fast fürchtete er, der Laird könnte seine wirren Gedanken lesen.

Seine Entscheidung war längst gefallen. Langsam und mit Bedacht wandte er sich seinem Vater zu. „Vater, ich entspreche gerne der Bitte des Lairds. Es wird mir eine Ehre sein, in seine Dienste zu treten. Adair wird den Hof übernehmen und dir ist somit die Last von den Schultern genommen, dich um meine Zukunft sorgen zu müssen. Gewiss bin ich hier von Nutzen und kann mein Wissen und meine Fähigkeiten vergrößern. Ich bin sehr glücklich über das Vertrauen, das man mir, einem Fremden, schenkt. Ich werde nicht aus der Welt sein. Wenn ihr mich braucht, so werde ich für euch da sein. Ich verspreche es.“

Er sah, dass Graham schluckte und Mühe hatte, die Fassung zu bewahren. „Eine gewiss gute und weise Entscheidung, mein Sohn. Du ahnst nicht, wie stolz ich auf dich bin.“

Als Graham ihn in die Arme schloss, war Fearghas sicher, dass er nicht im Geringsten wissen konnte, wie viel ihm diese Worte bedeuteten.

„Ich freue mich sehr, dass du bei uns bleibst.“ Maireads Hand berührte sanft seinen Arm. 

5.

Burg Mingary, drei Monate später

Seit Tagen umtosten heftige Stürme die Mauern der Burg. Die Böen zerrten zornig an den auf den Zinnen aufgehängten Fahnen und peitschten Regen durch den Innenhof. Man hörte, wie die Brecher des Meeres mit ungebändigter Wildheit an die Klippen donnerten.

Fearghas wischte sich mit einer unwilligen Geste einige der langen Strähnen aus dem Gesicht, die sich aus seinem Zopf gelöst hatten. Sein Schwertarm begann bereits zu zittern. Ob dies nun von der Kälte oder der sich langsam in ihm ausbreitenden Erschöpfung herrührte, konnte er nicht mehr unterscheiden. Aodhán schien das miserable Wetter nicht im Geringsten zu beeindrucken. Sein Haar klebte ihm am Kopf, Wasser rann über das wettergegerbte Gesicht des Hauptmanns. Auch seine Kleidung war vollkommen durchnässt, aus dem Ärmel seiner Jacke lief das Regenwasser in wahren Strömen. Dennoch hielt seine Hand das mächtige Schwert so fest und sicher wie immer. 

Grinsend fuhr er sich über das Gesicht. „Was ist? Willst du aufgeben? Das bisschen Regen und der kleine Windhauch werfen dich aus der Bahn? Tatsächlich? War das alles?“

Fearghas hatte Mühe, seinen Atem unter Kontrolle zu bekommen, langsam beruhigte sich sein Herzschlag. Entschlossen hob er sein Kinn. „Niemals. Eine kleine Atempause wird mir wohl vergönnt sein.“

Aodhán schien erstaunt. „Du gibst nicht auf?“

„Niemals, das sagte ich doch soeben. Warum, kannst du nicht mehr?“

„Na warte!“ Das Schwert des Hauptmanns krachte mit voller Wucht herab und er riss seines nach oben, wich geschickt nach links aus, drehte sich einmal um die eigene Achse, verlieh seinem Schlag Schwung und parierte so den nächsten Hieb des erfahrenen Kriegers. Der lachte laut auf. „Kerl, du bist in Ordnung. Na los, weiter, wehre dich.“

Fearghas rollte mit den Augen. „Was denkst du, was ich hier tue? Höfische Konversation, oder was?“

Lachend ließ Aodhán seine Waffe sinken. „Junge, was du nicht mit dem Schwert zu erreichen vermagst, das schafft dein freches Mundwerk. Du kostest mich noch meine letzten Nerven.“

Schmunzelnd und heftig um Atem ringend stützte Fearghas sich auf sein Schwert. „Du gibst also endlich auf? Das wurde aber auch Zeit. Lange hätte ich keine Gnade mehr zeigen können.“

„Spar dir deine Atemluft, um nicht zu ersticken. Und jetzt mach dich sauber und dann troll dich zu Roya in die Küche. Ich könnte schwören, du bist schon wieder am Verhungern. Wie kann so ein schmales Bürschlein nur solche Unmengen verschlingen?“

Fearghas sah prüfend an sich hinab. Gut, gegen den mächtigen Hauptmann mochte er schmal wirken, ansonsten aber war er mit mittlerweile über sechs Fuß einer der Größten unter Caulders Gefolgschaft. Wenn er sich gerade hielt, überragte er sie beinahe alle. An seinem weiteren Erscheinungsbild musste er noch arbeiten. Einstweilen war er ganz zufrieden mit sich. In den ersten Tagen auf der Burg war es schwer gewesen. Viele der Männer kamen aus England. Das Verhältnis der Schotten und hier vor allem das der Highlander zu den englischen Nachbarn war alles andere als gut. Man brachte ihm, dem Highlander, offenes Misstrauen entgegen. Schritt für Schritt war es ihm gelungen, dies zu ändern. Sicher würden er und einige aus Caulders Truppe nie Freunde werden – die anfangs deutliche Ablehnung aber war kaum mehr zu spüren. Schnell war ihm bewusst geworden, dass sie vor allem von den Männern kam, die unter Morans Befehl standen. Etwa ein Drittel der Truppe war von Moran und seinem Gefolgsmann Batair zu einer Art Spezialarmee ausgebildet worden. Angeblich, um Caulder den nötigen Schutz zu gewähren.

In der Abgeschiedenheit der Küche oder seiner eigenen Kammern innerhalb der Burg, in denen Fearghas schon mehrmals zu Gast gewesen war, zog Aodhán dies stark in Zweifel. Allerdings durfte selbst der getreue Hauptmann Caulders sich dazu nicht laut äußern. Das Wort Verrat konnte in Burgmauern schnell fallen, das hatte er Fearghas gleich zu Beginn eingebläut. So achtete jeder sorgsam auf das, was er sagte. Fearghas hielt sich sehr genau an die Regeln, die Aodhán ihm auferlegte. So waren die ersten Monate zwar hart gewesen, da sein Ausbilder ihn nicht mit Samthandschuhen anfasste. Allerdings war er stets fair und gerecht. Daher fiel es Fearghas nicht schwer, sich ihm unterzuordnen. Roya machte es ihm ebenfalls leicht, sich wohlzufühlen. Sie hatte ihn aufgenommen, als wäre er ihr Sohn. Mittlerweile zog Fearghas es vor, seine Mahlzeiten bei Roya in der Küche einzunehmen. Die Stimmung war oftmals bei weitem besser, als sie es in der großen Halle war.

Er war sich dessen bewusst, dass es eine Ehre war, von Caulder zum Essen geladen zu werden, dennoch fühlte er sich in der warmen Küche wohler, in der es stets nach Speisen duftete. Was auch daran liegen mochte, dass Mairead sich immer öfter unbemerkt aus der Gesellschaft von Vater, Onkel und anderen, die sich nur zu gerne im Licht des Lairds sonnten, zurückzog. Das gemeinsame Essen mit Roya, Mairead, Aodhán und einigen Mägden und Knechten war stets eine unterhaltsame Sache.

Auch heute freute Fearghas sich wieder darauf, ins Warme zu gelangen. Nach Stunden im strömenden Regen, in denen ihm das Wasser am Kragen hinein- und aus den Stiefeln hinauslief, sehnte er sich nach Wärme und Trockenheit. Caulder, Moran und einige Männer waren erst heute von einem Erkundungsritt entlang der Küste zurückgekehrt. Folglich würde Mairead sich wohl kaum davonstehlen können, um ihr Mahl gemeinsam mit ihnen in der Küche einzunehmen. Bedauern schlich sich in seine Überlegungen.

In aller Eile wusch er sich an dem Brunnen im Hinterhof. Sich Wasser und Seife mit in seine Kammer zu nehmen, die er mit drei anderen Soldaten teilte, fand er zu weibisch.

„Wieso tust du das? Du musst dich doch nur nackt in den Regen stellen, das ginge sogar einfacher und rascher.“

Erschrocken sah er sich um. Wer beobachtete ihn denn nun schon wieder?

„Hier oben, du Einfaltspinsel. Wer soll es denn sonst sein?“

Kaum hob er den Blick, wobei er ob des Regens blinzeln musste, sah er sie auch schon. Kichernd winkte Mairead ihm aus einem der oberen Fenster zu. „Du siehst ganz schön nass aus. Du kannst dir meines Mitleids versichert sein.“

Ärgerlich krauste er die Stirn. „Ich brauche kein Mitleid, ich brauche trockene Kleidung und etwas zwischen die Zähne. Nach Stunden mit Aodhán habe ich Hunger und bin sterbensmüde.“

Mairead legte keck den Kopf auf die Seite. „Also doch Mitleid. Ich ahnte es.“

„Komm herunter aus deinen warmen, trockenen Gemächern und stell dich neben mich, dann sprechen wir weiter.“ Er warf einen letzten und, wie er hoffte, tadelnden Blick nach oben und wusch sich unbeeindruckt weiter. Der Regen rann über seinen nackten Oberkörper und seine Beinkleider klebten an seinen Oberschenkeln wie eine zweite Haut. Es wurde Zeit, sich aufzuwärmen.

„Hier bin ich. Und nun?“

Ungläubig wirbelte Fearghas herum. Aber sie war es tatsächlich. In ihrem schönen, hellgrünen Kleid, das lange, leuchtend blonde Haar zu zwei Zöpfen geflochten, die im Nacken von einem Samtband zusammengehalten wurden, stand Mairead lächelnd neben ihm im Regen.

„Du bist komplett verrückt, ich hoffe, du weißt das. Außerdem ist es unschicklich, einem halbnackten Mann beim Waschen zuzusehen.“

Sie zuckte mit zuckersüßem Lächeln die Schultern. „Mann? Wenn ich denn einen sähe, müsste ich mir Gedanken machen. So aber sehe ich nur dich. Den Jungen, der sich über den Regen beklagt und sein Hemd an sich rafft, sobald eine Frau des Weges kommt.“

„Frau? Von wem sprichst du?“ 

„Hüte deine vorlaute Zunge, Fearghas MacLennoch. Du könntest dir größeren Ärger einhandeln. Andererseits ist es ein wahres Vergnügen, dich so aufgebracht zu sehen. Sollte etwa ich der Grund sein? Das ist doch wohl kaum möglich.“ Der Spott in ihrer Stimme war deutlich zu hören. Ihr Blick glitt interessiert über seinen Körper.

„Mairead, ich fasse es nicht. Du handelst dir entweder Ärger mit deinem Vater oder deinem Onkel ein oder erkältest dich und stirbst eines qualvollen Todes.“

Sie quietschte leise, so sehr versuchte sie, das Lachen zu unterdrücken. „Dass ihr Kerle immer so übertreiben müsst. Von einem Schnupfen stirbt man nicht, Fearghas.“ Sie beäugte ihn lachend. „Wobei, Männer vielleicht schon.“ Inzwischen lief auch ihr das Wasser aus den Haaren und kleine Tropfen rollten ihr über Stirn und Wangen.

Fearghas raffte nun tatsächlich sein nasses Hemd an sich. „Genug mit diesem Unsinn, Mairead. Ich will nicht, dass du krank wirst. Du gehst jetzt sofort wieder ins Trockene.“

Sie bewegte sich keinen Schritt. „Was willst du denn nun? Rauskommen, hineingehen? Kannst du dich endlich mal entscheiden?“ Blitzschnell tunkte sie ihre Hand in den Eimer und spritzte ihm eine kräftige Ladung Seifenlauge ins Gesicht. „Nimm das, du verweichlichter Highlander!“

Jetzt war es eine Frage der Ehre. Die Zeit der Gnade und des Mitleids war vorüber. „Wie hast du mich genannt? Du freches, keckes Wesen, beleidige niemals einen Highlander in seinem Stolz.“

Die nächste Handvoll Lauge landete mit lautem Platschen auf Maireads Kleid, wo sich ein großer, dunkler Fleck abzeichnete. Wenige Augenblicke später war auch das Mädchen klatschnass.

Lachend hob sie die Arme. „Gnade, lasst Gnade walten, o edler Highlander.“

„Du sollst aufhören, mich zu verspotten.“ Er ließ das Wasser, das er schon in der hohlen Hand hatte, auf den Boden rinnen. „Ich komme mir dann immer so klein und dumm vor.“

Sofort wurde Maireads Miene ernst. „Das wollte ich nicht. Glaub mir bitte, ich will dich nie beleidigen. Sei mir nicht böse.“

„Ich bin dir nicht böse. Wie könnte ich, da ich ja auch selten meine Zunge im Zaum halten kann. Es macht mich nur traurig zu glauben, dass du gering von mir denkst.“

Mairead wrang sich den Regen aus den Zöpfen. „Sag nie wieder, dass ich gering von dir denke. Ich mag dich wirklich, Fearghas, und ich fühle mich wohl und sicher, wenn du in der Nähe bist. Das solltest du wissen. Und nun gehe ich, denn wenn mein Vater oder meine Kammerfrau mich so sieht, dann ist es vorbei mit meiner Freiheit.“

Mairead war so schnell verschwunden, dass er es kaum mitbekam. Viel zu sehr war er noch damit beschäftigt, sich ihre letzten Worte durch den Kopf gehen zu lassen. „Ich mag dich wirklich.“ Regen hin, Kälte her, machte sich ein Lächeln auf seinem Gesicht breit. Ja, er mochte es auch, dieses wilde, ungestüme Mädchen, das alle Konventionen missachtete, nur um ihn herauszufordern. Erst als eine erneute, heftige Böe durch den Hof fegte und ihn erschauern ließ, griff er nach seiner Kleidung und eilte in seine Kammer.

Burg Mingary, Caulders Gemächer

„Bruder! Es kann und darf nicht dein Wunsch sein, diesen Fremden in deine Reihen aufzunehmen. Ja, ich weiß sehr wohl, er hat dein Leben gerettet. Jedoch kennst du ihn wirklich? Wer sind diese MacLennochs denn im Grunde? Nichts anderes als ein weiterer, verkommener Highland Clan.“

Caulders Finger gruben sich beinahe in die Mauer neben dem Fenster, aus welchem er nach draußen in den grauen, sich mit ersten dunklen Schemen ankündigenden Abend blickte. Würde das jemals aufhören? Ärgerlich wandte er den Kopf und suchte Morans Blick.

„Moran, es ist genug. Siehst nicht auch du, dass wir dort sind, wohin wir stets gelangen wollten? Was denn noch? Ich habe es dem Jungen und seinem Vater versprochen. Es war ein Angebot, welches er aus freien Stücken annahm. Er hätte gehen können.“ Zornig zeigte er zur Tür. „Es stand ihm frei. Er aber blieb, anstatt zu seiner Familie zurückzukehren. Sag mir, warum sollte ich, und ich spreche in diesem Augenblick nur von mir, ihm nicht mein Vertrauen schenken?“

Moran hieb ungehalten mit der geballten Faust auf den Tisch, der in der Mitte des Wohnraums stand. „Weil er ein Highlander ist. Ein Schotte. Hast du etwas vergessen? Sie sind und bleiben unsere Erbfeinde.“

Wütend drehte Caulder sich um. „Das ist James auch, ein Schotte, verdammt noch einmal, Bruder. Wer gab uns denn die Burg, wer machte mich zum Laird hier auf Mingary? James der Vierte ist Schotte, hast du das vergessen? Hast du vergessen, dass unsere Mutter hier aus dieser Gegend stammte?“

Moran schüttelte mit undurchsichtigem Lächeln den Kopf. „Wie könnte ich? Solltest du hingegen vergessen haben, dass unser Vater dem englischen Adel entstammt? Dass wir die Söhne eines großen Mannes sind? Alles was wir haben, steht uns auch zu. Der ach so große König James gab uns Mingary doch nur, weil er uns fürchtet. Hier glaubt er, uns unter Kontrolle zu haben. Denkst du wirklich, dass er uns vertraut?“

Caulder stieß sich von der Wand ab und ging mit langsamen Schritten auf seinen Bruder zu. „Mir, Moran! Er gab Mingary und die Herrschaft über das komplette Ardnamurchan-Gebiet mir. Dem Älteren, dem, der von ihm als würdig erachtet wurde. Es mag angehen, dass James und seine Berater das aus reinem Selbstschutz taten. Und, was ist, wenn dem so wäre? Unser und – wenn du endlich einmal die Gnade hättest, von deinem hohen Ross herabzusteigen – vor allem dein Ziel war damit erreicht. Muss ich dich daran erinnern, dass unser Vater, der große Mann, nicht mehr besaß als das langsam verfallende Gut, das nichts und niemanden mehr ernähren konnte? Muss ich dich ebenso daran erinnern, dass unsere Mutter nicht elendig an der Schwindsucht hätte sterben müssen, wäre unser wunderbarer Vater nicht vollkommen lebensunfähig gewesen? Ein Adelsspross, der glaubte, sein Name und seine Herkunft könnten eine Familie ernähren? Sag mir, geliebter Bruder, mussten wir darum den Namen unserer Mutter annehmen, um der Schande und der Lächerlichkeit zu entfliehen?“ Er stand nun direkt vor Moran, dessen zornig verzerrte Miene ihm bewies, dass er nicht gewillt war, sich der Wahrheit zu stellen. „Bekomme ich eine Antwort? Oder gedenkst du weiterhin, dich mir und somit deinem Laird entgegenzustellen?“

Morans Miene verzog sich zu einem spöttischen Lächeln. Er verneigte sich mit einer gezierten Geste. „Wo denkst du hin? Du weißt doch, dass ich dein treuester Gefolgsmann bin. Jedoch vergiss nie, dass ich es war, der dich vor diesem Balg gewarnt hat. Es ist unnötig, mir fortwährend die traurige Geschichte unserer Familie vor Augen zu führen. Ich kenne sie und ich weiß tief in meinem Herzen, dass unser Vater nicht die Schuld an seinem Untergang trug.“

„Weil du es nicht wahrhaben willst. Weil dein Hochmut, den Vater dir anerzogen hat, es nicht zulässt, der Wahrheit ins Auge zu sehen. Weil du lieber die Lüge lebst.“

Mit bösem Lachen richtete Moran sich wieder auf und warf sein langes dunkelblondes Haar zurück. „Welcher Wahrheit denn nun genau, lieber Bruder? Der, dass wir Hunderte dieser aufrührerischen Highlander in die Hölle geschickt haben, ehe das verzweifelte Friedensangebot von James kam? Oder sprichst du von der Wahrheit, dass wir all das unter dem durchaus wohlwollenden Auge der englischen Krone taten, die uns genau hier haben wollte?“ Er zupfte den Ärmel seines blutroten Rockes zurecht und musterte Caulder mit lauerndem Blick. „Es mag sein, dass meine Erinnerung mich trügt, aber fandest du nicht eine ganze Weile großen Gefallen daran, die Highlander abzuschlachten?“

Caulders Rechte ballte sich unwillkürlich zur Faust. „Raus hier, ehe ich Dinge sage, die ich möglicherweise bedauern könnte. Verschwinde und denk über meine Worte nach.“

Moran neigte leicht das Haupt und wandte sich zum Gehen. Als sein Bruder bereits den Knauf der Tür in Händen hielt, rief Caulder ihm nach: „Und lass deine Finger von dem Jungen, hörst du?“

Moran erachtete es offensichtlich nicht für notwendig, sich ihm für die Antwort zuzuwenden. „Aber natürlich, Bruder. Wie könnte ich mich deinen Anordnungen widersetzen?“

6.

Burg Mingary, Küche

Fearghas saß seit einer ganzen Weile auf der grob gezimmerten Bank, die hinter dem massiven Holztisch in der Küche stand. Roya und vier Mägde waren damit beschäftigt, die Speisen für die Herrschaften in der großen Halle vorzubereiten. Da er sah, dass sie alle Hände voll zu tun hatten, wartete er geduldig und lauschte interessiert den Gesprächsfetzen, die zwischen den Frauen hin und her flogen.

„Caulder sollte sich in Acht nehmen. Ich vertraue Moran nicht. Da ist etwas in seinem Blick, das mich schaudern lässt.“

Roya warf dem jungen, drallen Mädchen einen warnenden Blick zu. „Sei still! Wie oft soll ich dir denn noch sagen, dass es dir nicht zuträglich sein dürfte, den Bruder des Laird zu verunglimpfen?“

Die Antwort kam von gänzlich anderer Seite. Beide Arme tief in Brotteig steckend, bemerkte eine etwas ältere und ansonsten sehr ruhige Frau: „Ich bin froh darüber, hier eine Arbeit und ein Auskommen gefunden zu haben. Man möge mir jedoch vergeben, wenn ich sage, dass die kalten Augen unseres Dienstherrn mich ebenso in Angst versetzen können wie der Hochmut seines Bruders.“

Sofort wehrte Roya ab. „Die eisblauen Augen sind das Erbe seiner Mutter. Zumindest sagte er etwas in der Art zu Aodhán. Dafür kann man ihn wohl kaum verantwortlich machen, nicht wahr? Leidet eine von euch unter ihm? Gut, er mag ein anspruchsvoller Herr sein. Seit er Mingary übernommen hat, musste ich von ihm noch nichts Übles erdulden. Von seinem Vorgänger kann man das wohl nicht behaupten. Also haltet eure Zungen im Zaum. In jedweder Beziehung. Verstanden?“

Die Frau und das Mädchen nickten mit betretener Miene. „Schon gut, Roya, wir habens ja nicht böse gemeint. Man macht sich eben seine Gedanken.“

Ungehalten wischte sich Roya eine lose Haarsträhne aus dem erhitzten Gesicht. „Macht euch diese Gedanken leise. Und nun bitte ich um ein wenig Eile. Die Herrschaften sind gewiss hungrig.“ Ihr Bick fiel auf Fearghas und sofort huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. „Und hier knurrt auch jemandem der Magen, wenn ich mich nicht irre.“

Er erwiderte ihr Lächeln. „Kann man es so deutlich hören?“

Sie nickte mit ernster Miene. „Auf etwa hundert Fuß Entfernung. Gleich ist dein Essen fertig.“

Während Roya sich wieder ihren Aufgaben zuwandte, lehnte er sich grübelnd zurück. Es war nicht das erste Mal, dass er Zeuge wurde, wie Roya Caulder in Schutz nahm. Ebenso wie sie Moran zwar nicht sonderlich schätzte, jedoch fortwährend dafür Sorge trug, dass weder seltsame Gerüchte die Runde machten noch die Lästermäuler allzu laut wurden. Es verwunderte ihn, dass eine so kluge Frau wie Roya den Laird verteidigte. Sie kam ebenso wie er, Graham und die anderen aus der Umgebung von Kilchoan. Hatte sie nie etwas von den Gräueltaten gehört? Wusste sie nicht, dass der, den sie hier zu schützen suchte, vor nicht allzu langer Zeit mordend durch diese Lande gezogen war? Nicht nur sie, auch Aodhán war Caulder treu ergeben. Zu dem starken Hauptmann blickte er inzwischen bewundernd auf. Hatte Adair ihn auch viel gelehrt, so konnte er dieses Können mit dem geschickten und erfahrenen Kämpfer vervollkommnen. In der ersten Zeit war es ihm ein Anliegen gewesen, weder Aodhán noch einen anderen aus Caulders Gefolgschaft sehen zu lassen, wie gut er tatsächlich schon war. So verlor er manchen Zweikampf absichtlich und musste gleichzeitig stets auf der Hut sein. Den scharfen Augen des Hauptmanns entging so schnell nichts. Sollte Aodhán misstrauisch werden, konnte er seine Rachepläne ein für alle Mal begraben, darüber war er sich durchaus im Klaren. Wobei man dann wohl eher ihn begraben würde, käme man ihm auf die Schliche. Dies war auch der Grund, warum er zwar sehr aufmerksam zuhörte, wenn die Bediensteten in der Küche oder im Stall miteinander redeten, selbst jedoch nie zu auffällig nachfragte. Misstrauen gegen sich selbst zu schüren war das Letzte, was er tun durfte. Es schmerzte ihn, dass er Menschen wie Roya oder Aodhán würde enttäuschen müssen. Sie schenkten ihm ihr Vertrauen, behandelten ihn mehr als gerecht und all das, während er nur ein Ziel verfolgte:

ihren Herrn zu töten.

Burg Mingary, Caulders Gemächer

Kaum schloss sich die schwere Pforte hinter seinem Bruder, atmete Caulder auf. Mochte Moran auch hundertmal sein Bruder sein und hatte seine Mutter ihn auf dem Sterbebett angefleht, ihn nicht allein zu lassen, so wuchs doch der Groll auf den Jüngeren beständig. Er entledigte sich seines Waffenrockes, streifte sein Hemd ab und warf beides achtlos über einen Stuhl. Seine Kammerfrau hatte ihm in einer großen Waschschüssel frisches, kühles Wasser bereitgestellt und ein Stück duftende Seife danebengelegt. In Gedanken versunken wusch er sich den Staub der vergangenen Tage vom Körper, den der Regen in eine schmierige Schicht verwandelt hatte. Er hätte, ebenso wie Moran, sofort nach der Rückkehr ein Bad nehmen sollen, war dazu aber zu müde gewesen. Der kurze Schlaf hatte ihm gutgetan, er war guter Dinge erwacht, und nun war es Moran gelungen, seine Stimmung erneut gehörig zu dämpfen. Sein Bruder wusste verdammt gut, wo er das Messer ansetzen musste. Und er hatte keine Scheu, dies immer und immer wieder zu tun. 

Ja, er war zuvor schon einmal hier gewesen. Eine Zeit, an die er sich mit Grausen erinnerte. Dunkle, schreckliche Tage voller Zorn, voller Hass auf alles und jeden. Wann immer er heute die Augen schloss, wann immer der Schlaf ihn übermannte, kamen die furchtbaren Träume. Träume, die lediglich die Wahrheit widerspiegelten, die er mit aller Macht zu verdrängen versuchte.

Er sah Maireads Mutter, hochschwanger, überglücklich im Blumengarten des abgelegenen Anwesens am Rande der Highlands. Und er sah sich, der sich dazu entschlossen hatte, den englischen Truppen den Rücken zu kehren, neu anzufangen, im Gedenken an seine Mutter. Mit Eilidhs kleiner Mitgift wollten sie ein neues Leben beginnen. Das Gut, das er ausgewählt hatte, bot ihnen alle Möglichkeiten. Wäre da nicht Morans dauernde Unzufriedenheit, sein Zorn darüber, dass sie nach dem Tod des Vaters mittellos gewesen waren. Caulder seufzte. Wenn nicht Eilidhs Familie ihnen beigestanden hätte und zudem seine Einkünfte aus der Zeit als Major im Dienst des englischen Königs nicht gewesen wären, wäre es schlecht um sie bestellt gewesen. Es war eine Zeit, in der er voller Optimismus in die Zukunft geblickt hatte. Bis zu jener furchtbaren Nacht, als Eilidh in den Wehen lag und weit und breit keine Hilfe zu finden war. Niemand, der sie retten konnte. Heute wusste er, dass es einem Wunder gleichkam, dass Mairead gesund das Licht der Welt erblickt hatte. In jenen Tagen sah er nur eines: seine sich vor Schmerzen windende Frau in seinen Armen. Stunde um Stunde dauerte ihr qualvolles Sterben und er konnte nichts für sie tun. Er begrub die Liebe seines Lebens, verschloss sich vor der Welt, trank viel zu viel. Da war niemand, der ihm sagte, dass sein Kind ihn brauchte, niemand, der ihn aus diesem Tal der Finsternis hätte holen können. Mairead wurde in die Obhut einer Kinderfrau gegeben und er folgte dem Ruf des Königs und seines Bruders. „Stiftet Unruhe in den Highlands, lehrt sie das Grauen. Sie sollen um ihr Leben und um den Frieden fürchten.“

Und das hatte er getan. Blind vor Schmerz, gefangen in einem Gespinst aus Hass auf die Welt, Zorn auf die, die das lebten, was ihm verwehrt worden war. Ganze Familien hatte er niedergemetzelt, selbst vor Kindern hatten er und die anderen keinen Halt gemacht.

Dachte er heute an diese schwarzen Tage und Wochen, dann lief es ihm eiskalt über den Rücken. Ihre Gesichter hatten ihn nie wieder verlassen. War es einst das Antlitz Eilidhs gewesen, das ihn verfolgte, so waren es seit jenen Tagen die Gesichter der Unschuldigen, die er im Blutrausch getötet hatte. Hätte es da nicht dieses kleine, blonde Mädchen gegeben, das auf einem der Höfe, die sie niederbrannten, die Hand ihrer toten und von ihm selbst geschändeten Mutter nicht loslassen wollte, als er es wegzuziehen versuchte. Das Kind, das bitterlich weinend zu ihm aufsah und von einem Augenblick auf den anderen die Mauer aus Wut und Irrsinn zum Einsturz brachte. Keuchend und um Atem ringend war er vor der Kleinen auf die Knie gefallen. Das Kind streckte seine Hand aus und berührte seine Wange, so, als wolle es ihn trösten. Es streichelte den blutbesudelten Mörder seiner Mutter. 

Noch in derselben Nacht war er ohne Schlaf und ohne Unterlass geritten und erreichte vollkommen erschöpft das Haus, in dem Mairead mit ihrer Kinderfrau lebte. Die Alte führte ihn zum Bett seiner friedlich schlafenden Tochter, und ihm war, als sähe er sie zum allerersten Mal. Seither war er nie mehr von ihrer Seite gewichen.

Der Lohn für jene Taten war die Überlassung der einstigen Güter von englischer Seite und – wenig später, wohl um zu vermeiden, dass nochmals eine solch blutige Schneise durch die Highlands gezogen wurde – die Offerte des schottischen Königs, nach dem Tod des alten Lairds die Region Ardnamurchan zu übernehmen. Er und vor allem der ehrgeizige Moran waren am Ziel ihrer einstigen Träume angekommen. Träume, die für ihn in zahllosen Nächten zu Albträumen wurden.

Auch jetzt spürte er den eisigen Hauch, und die Schuld, die er auf sich geladen hatte, wog schwer. Er tauchte sein Gesicht in das kalte Wasser. Viel half das allerdings nicht. In Gedanken versunken, trocknete er sich ab, bürstete sein Haar und band es im Nacken zusammen. Nachdem er die sauberen Kleider angezogen hatte, die seine Bediensteten für ihn vorbereitet hatten, trat er erneut an das Fenster. Endlich, der Regen war weniger geworden, immerhin ein Fortschritt. Sein Blick glitt durch den Innenhof. Im Schein der Feuer vermochte er nur einige Stallburschen zu erkennen, die Pferde abzäumten und in den Stall brachten. Der Junge war sicherlich schon in der Küche und wurde von Roya versorgt. Caulder würde darauf achten, dass er eine gute Ausbildung erhielt. Aodhán war erfahren darin, junge Männer auf das Leben vorzubereiten, so wie es nun einmal war. Bei ihm war Fearghas in guten Händen. Caulder zog sich seine Jacke über und machte sich bereit, in die Halle zu gehen. Ja, hier bot sich ihm eine Möglichkeit, etwas wiedergutzumachen. Nur ein winziger Tropfen im großen Teich. Er vertraute dem Jungen. Warum konnte er nicht genau sagen, jedoch hatte er eine Ahnung, dass in diesem mutigen Highlander etwas Großes steckte. Caulder atmete tief ein, straffte seine Schultern und trat hinaus auf den zugigen, von Kerzen erleuchteten Gang.

7.

Burg Mingary, Quartier von Morans Männern

„Ihr habt ab dieser Stunde ein Auge auf den Burschen.“ Ungehalten wischte Moran Staub von einem der Holzhocker, die in der klammen Unterkunft als Sitzgelegenheiten dienten. „Ich will alles wissen. Diese kleine Ratte setzt keinen Schritt, ohne dass ich es weiß. Habt ihr das verstanden?“

Sein Freund und langjähriger Vertrauter Aengus nickte. „Wenn du das möchtest. Was sage ich den Männern? Sie werden fragen, warum sie ihn beobachten sollen.“

„Genügt es denn etwa nicht, dass ich ihm misstraue? Muss ich meine Entscheidungen vor euch allen rechtfertigen? Erinnere ich mich falsch, wenn ich denke, dass ihr unter meinem Befehl steht?“

Sofort wehrte Aengus ab. „Nein, der Befehl wird ohne Wenn und Aber ausgeführt. Mir wäre einfach wohler, wenn ich die Hintergründe kennen würde.“

„Er hat Caulder zwar das Leben gerettet und somit bei unserem Laird einen gewissen Stand, für mich ist er nach wie vor nichts als ein kleiner, dreckiger Wilddieb. Es reicht mir wahrlich, wenn ich meinen Bruder andauernd daran erinnern muss, dass die Highlander uns nicht wohlgesinnt sind. Euch allen muss ich darüber wohl nicht auch noch Rechenschaft ablegen?“ Morans Stimme klang schneidend.

„Wir führen Befehle aus, ohne sie infrage zu stellen, das weißt du. Nach all den Jahren könntest du mir ein wenig mehr Vertrauen schenken.“ Aengus klang gekränkt, und so lenkte er schnell ein.

„Das tue ich. Voll und ganz, trotzdem bezieht sich das nicht auf alle unsere Männer, und das weißt du. Noch immer gibt es diejenigen, die Caulder treu ergeben sind und die ihren Eid auf ihn geschworen haben. Nicht umsonst schimpft ihr euch seine Leibwache, nicht wahr?“

Aengus ging unruhig im Raum auf und ab. Die Absätze seiner Stiefel klackten auf dem Steinboden. „Wir spielen mit dem Feuer, dessen musst du dir zu jeder Minute bewusst sein. Die Hälfte meiner Truppe würde für dich durchs Feuer gehen, Moran, die andere Hälfte würde dich ohne mit der Wimper zu zucken töten, wenn sie von deinen Plänen erführe.“ 

Er lächelte. „Mich töten? Dafür müsste einiges geschehen, vor allem müsstest du mich dafür verraten. Ich hoffe doch, das wird nie passieren.“

„Natürlich wird es das nicht. Alles, worum ich dich bitte ist, dass du umsichtiger bist. Deinen wachsenden Zorn, deinen Unmut und deine Unzufriedenheit kann man dir im Gesicht ablesen. Nimm dich in Acht und hör auf, die Entscheidungen Caulders vor allen infrage zu stellen. Wenn Aodhán Wind von deinen Gelüsten in Sachen Mingary bekommt, dann haben wir alle ein Problem.“

Er hob nur eine Augenbraue. „Den roten Riesen habe ich im Griff. Der ist damit beschäftigt, den kleinen Highlander zu schulen. Du solltest den Stolz in seinen Augen sehen, wenn dem Bengel ein guter Streich gelingt. Aber das Highland-Balg wird mir nie gefährlich werden können. Dafür werde ich Sorge tragen.“

Aengus nickte. „Meine Unterstützung hast du. Gleich morgen werde ich meine Männer wissen lassen, dass wir befürchten, er könnte ein Spitzel der Clans sein, was denkst du?“

Na also. Es hätte ihn sehr verwundert, wenn Aengus keinen unauffälligen Weg gefunden hätte. „Was ich denke? Ich denke ich weiß wieder, warum ich dich an meiner Seite habe.“ Sehr zufrieden klopfte er dem zweiten Hauptmann der Burg auf die Schulter.

Zwei Wochen später, Burg Mingary, Pferdestall

„Ich darf wirklich mit dir auf den Erkundungsritt? Ich, der ehemalige Gefangene?“

Ehe er sich ducken konnte, hatte Aodhán ihm bereits eine Ohrfeige verpasst, die sich gewaschen hatte. „Wirst du wohl mit dem Unsinn aufhören? Wie oft soll ich’s dir denn noch sagen? Der Laird hat dich gänzlich von Schuld freigesprochen. Denkst du allen Ernstes, er würde dich in seine Dienste nehmen, wenn er dir misstraute?“

Fearghas zuckte die Achseln. „Das dachte ich, ja. Trotzdem habe ich seit ungefähr zwei Wochen das Gefühl, als würde man mich fortwährend beobachten.“

Aodhán hielt in seiner Arbeit inne und sah ihn nachdenklich an. „Wann und wo?“

Er stieß prustend die Luft aus. „Wenn ich das so genau sagen könnte. Immer ist da jemand, wenn ich mich am Brunnen wasche, wenn ich draußen im Hof die Pferde versorge, wenn ich in den Gängen unterwegs bin, einfach überall. Roya hat erst gestern einen der Männer der Leibwache des Lairds aus der Küche geworfen. Kaum war ich dort, kam auch er und drückte sich herum, ohne dass er einen Grund hätte nennen können. Roya war stinkwütend.“ 

„Mmh, das kann ich mir vorstellen. Meist wollen die Kerle zwar nur etwas zwischen die Zähne oder einen Becher heißen Wein, wenn’s kalt ist. Das ist es aber derzeit nicht. Kannst du die benennen, die dir aufgefallen sind? Handelt es sich um meine Leute?“

Sofort schüttelte er den Kopf. „Nein. Bis jetzt waren es immer Männer, die unter Morans oder vielmehr Aengus’ Befehl stehen.“

Aodhán nickte grimmig. „Das bringt Licht ins Dunkel. Und es bestätigt meine Vorahnung. Moran konnte dich von der ersten Sekunde an nicht ausstehen. Dass du jetzt hier bist, ist ihm ein Dorn im Auge. Er ist gewiss auf der Suche nach etwas, das er gegen dich verwenden kann. Ich werde den Laird davon unterrichten. Du hältst dich fein still. Zuerst will ich wissen, was Caulder darüber denkt Und du hältst jetzt keine Maulaffen mehr feil, sondern zäumst dein Pferd auf.“

Fearghas’ Wange brannte noch immer wie Feuer. Aodháns Backpfeifen waren nicht von schlechten Eltern, daher beeilte er sich tunlichst, dessen Anweisungen auszuführen.

Eine gute halbe Stunde später ritten er, Aodhán und vier der besten Reiter durch das Burgtor und über die Zugbrücke. Es war ein trockener Tag, und ab und an zeigte sich sogar die Sonne. Bald verfielen sie in einen schnellen Trab, und er genoss den Ritt. Es war stets ein schönes Erlebnis, den Burgmauern zu entkommen und endlich wieder über die weiten Ebenen zu reiten. Nichts verwehrte ihm den Blick auf den endlosen Horizont, und er fühlte sich freier denn je. Der viele Regen ließ die Gräser und das Heidekraut sprießen, und vor ihnen breitete sich ein herrlich bunter Teppich aus. Violettes Heidekraut tupfte das satte Grün der Umgebung, gelbe Ginsterbüsche zogen sich über die sanft ansteigenden Hügel und das Blau des Himmels wirkte so rein und klar, als hätte man das Firmament in eine Bergquelle getunkt. Wieder einmal wusste Fearghas, warum er seine Heimat so sehr liebte.

Highlands, Gegend um Kilchoan

„Schön, dein Zuhause, mein Junge. Umso mehr freut es mich, dass du das Angebot des Lairds angenommen hast.“ Aodhán warf ihm einen freundlichen Blick zu. 

Seit geraumer Zeit schon ritten sie entlang der Grenzen ihres Clangebietes. Die Stunden verflogen regelrecht, wenn sie auf solchen Erkundungen unterwegs waren. Inzwischen befanden sie sich schon wieder auf dem Rückweg nach Mingary. Fearghas hielt seinen Blick auf den Horizont gerichtet und sog die Schönheit der Natur in sich auf. Nicht mehr lange, dann würde sich der Winter in all seiner Härte ankündigen. Da musste man solche Tage genießen. Er verfügte über scharfe Augen und sah Dinge schneller als manch anderer. Darum wunderte es Aodhán und seine anderen Begleiter nicht, als er sein Pferd zügelte und mit zusammengekniffenen Augen gen Westen blickte.

„Junge, was ist los? Was siehst du?“ Einer der Männer war neben ihm zum Stehen gekommen.

Er grinste, hob die Hand und zeigte in die Richtung, in die er so angestrengt geblickt hatte. „Ich will ja verdammt sein, wenn ich Pferd und Reiter, die da auf uns zukommen, nicht kenne.“

„Wer sollte uns denn hier draußen suchen, es sei denn …“ Aodhán hielt mitten im Satz inne und blickte ungläubig auf das, was sich da näherte. „Bitte sagt mir, dass meine alten Augen sich irren. Sagt mir, dass das nicht die ist, für die ich sie halte.“ Seufzend fuhr er sich mit der Rechten durch den dichten Bart. „Das Kind treibt mich noch in den Wahnsinn.“

„Wusste ich doch, dass ich richtig gesehen habe.“ Schmunzelnd lehnte Fearghas sich im Sattel zurück. „Irre ich mich, oder ist sie wirklich ganz allein hier unterwegs?“

„Sie kennt keine Furcht. Immer wieder entkommt sie ihren Aufpassern und verschwindet. Sie nimmt lieber in Kauf, von ihrem Vater gemaßregelt zu werden, ehe sie sich einsperren lässt.“ Der Reiter neben ihm sah beinahe schon mit Stolz der Tochter seines Lairds entgegen. „Sie ist nicht zu zähmen. Ein Kind der Highlands.“

Fearghas antwortete nicht mehr. Fasziniert sah er Mairead entgegen, die in gestrecktem Galopp und mit fliegenden Haaren auf sie zukam. Welch ein Anblick. Was für ein wundervolles Wesen.

Als sie atemlos und mit hochroten Wangen ihr Pferd zügelte und direkt vor ihnen anhielt, musterte Aodhán sie mit strengem Blick. „Mylady! Was denkt Ihr Euch dabei, allein durch die Gegend zu streifen?“ Lange hielt er die höfische Anrede nicht aufrecht. „Kind, ist dir klar, welchen Gefahren du dich aussetzt? Du weißt doch genau, dass es dir untersagt ist, allein durch die Gegend zu reiten.“

Mairead holte tief Luft, ehe sie atemlos antwortete. „Das weiß ich, ich bin ja nicht dumm. Aber erstens ist es mir einerlei und zweitens habe ich eine Nachricht für euch. Ein paar von Morans Männern sind losgeritten, angeblich um Viehdiebe dingfest zu machen. Roya sagt, das sei ein dummer Vorwand, denn unser Vieh befände sich vollzählig in den Pferchen bei Mingary und auch sonst habe es seit Wochen keine Beschwerden gegeben. Sie schlägt vor, ihr reitet zu Fearghas’ Familie und fragt sie, ob ihnen etwas zugetragen wurde oder ob sie wirklich etwas von Viehdieben gehört haben. Ihr und die MacLennochs sollt die Clans vorwarnen. Roya sagt, wenn Moran seine Leute ausschickt, endet es fast immer mit Ärger.“ Sie schöpfte Atem. „So, und nun wisst ihr, dass ich gute Gründe habe, um hier zu sein.“

Aodhán nickte mit zusammengekniffenen Lippen. „So weit, so gut. Wir danken dir für die Nachricht, Mairead … Mylady. Aber nun wird dich einer der Männer zurück auf die Burg begleiten und wir reiten zum Heim der MacLennochs. Fearghas, du weist uns den Weg. Kannst du das?“

Er blickte den Hauptmann fast schon mitleidig an. „Den Weg finde ich im Schlaf.“

„Und ich komme mit. Keine zehn Pferde bringen mich jetzt wieder zurück in die Burg.“ Mairead strahlte sie herausfordernd an. „Wohin müssen wir?“

Ehe Aodhán ihn hindern konnte, deutete Fearghas in Richtung des Hofes seiner Zieheltern. „Da lang.“

Aodhán verpasste ihm mit der flachen Hand einen Schlag auf den Hinterkopf. „Sehr gut gemacht, zeig ihr doch auch noch den Weg.“

Zu spät. Schon drückte Mairead ihrem Pferd die Fersen in die Flanken. „Tja dann, folgt mir, so ihr es denn könnt.“ 

„Sagte ich schon, dass dieses Mädchen mich noch verrückt macht? Los, hinterher, sonst holen wir sie gar nicht mehr ein.“ Der Hauptmann trieb seinen Rappen zur Eile und Fearghas und die anderen taten es ihm gleich. 

Es dauerte eine Weile, ehe sie das Mädchen einholten. Es war eine ausgezeichnete Reiterin. Da es nun kein Zurück mehr gab, nahmen sie Mairead in ihre Mitte und hielten auf das Anwesen von Graham und Cailin zu.

Zu seiner großen Freude erblickte Fearghas seinen Bruder Adair samt Knecht an der Grenze zu den Ländereien ihrer Nachbarn. Sie besserten eine der langgezogene Steinmauern aus. Als sie die Reiter wahrnahmen, sahen sie ihnen aufmerksam entgegen. Die Anspannung fiel sichtlich von Adair ab, als er seinen kleinen Bruder erkannte.

Fearghas zügelt sein Pferd und stieg eilig ab. „Adair!“ Freudig schloss er seinen Bruder in die Arme.

„Hey, mein Kleiner, welch eine Überraschung, und eine schöne noch dazu.“ Adair fasste ihn an den Schultern und schob ihn etwas zurück. „Oje, sagte ich Kleiner? Ich bitte um Verzeihung. Himmel, hast du dich in der wenigen Zeit verändert. Da ist mein kleiner Bruder doch tatsächlich ein Mann geworden.“ Er ließ ihn los und musterte die noch auf ihren Tieren sitzenden Reiter. „Was aber verschafft uns die Ehre eures Besuches?“ Sein Blick huschte zu Mairead und er verbeugte sich. „Vor allem solch bezaubernden Besuchs?“

Lachend sprang das Mädchen von seinem Pferd. „Vielen Dank, genau so charmant wie der kleine Bruder.“

Fearghas blieb um ein Haar die Luft weg. „Mylady, ich danke Euch. Darf ich Euch meinen Bruder Adair vorstellen?“

Mairead zog die Brauen hoch. „Hör mit dem Unsinn auf, Fearghas. Außerdem kenne ich ihn bereits, schließlich hast du mir viel von ihm erzählt.“ Lächelnd reichte sie Adair ihre Hand. „Ich heiße Mairead.“

„… und bin, so ganz nebenbei, die Tochter der Lairds, die erneut alle Regeln des Anstandes über Bord wirft. Mairead, bitte.“ Aodhán trat mit gerunzelter Stirn neben das Mädchen.

Fearghas bemerkte Adairs Verwunderung und sein Erstaunen. Wie sollte dem auch anders sein, wenn er hier mit der Tochter seines erklärten Todfeindes auftauchte? Rasch erklärte er ihm den Grund ihres Kommens. „Daher wollten wir fragen, ob du Kenntnis von Viehdiebstählen hast oder ihr gar selbst Probleme habt.“

Adair grinste breit. „Nicht, dass ich wüsste. Es sei denn, der alte Blain hat sich beklagt, was ich nicht glaube. Die zwei Rinder waren längst überfällig.“

Auch Fearghas konnte sich das Schmunzeln nun nicht mehr verkneifen. „Schämt euch wenigstens!“

Mairead blickte mit zusammengezogenen Brauen von einem Bruder zum anderen. „Einen Augenblick. Gebt ihr hier etwa soeben zu, Vieh gestohlen zu haben?“

Adair nickte. „Aber sicher, Mylady. Schließlich haben wir einen Ruf zu verlieren.“

„Das kann doch nicht euer Ernst sein, oder?“ Mairead stemmte die Arme in die Hüften. „Das könnt ihr doch nicht tun?“

Beide Brüder nickten gleichzeitig. „O doch. Das müssen wir sogar, sonst betrachtet man uns als Feiglinge und Versager. Immer wieder wechselt das Vieh unauffällig seinen Besitzer. Nicht zu viele Rinder, nur mal eines oder zwei, wenn’s eine große Herde ist auch mal drei. Ein paar Wochen später bedient sich der andere dann heimlich, still und leise bei deiner Herde. Wenn man uns erwischt, beziehen wir die Prügel unseres Lebens, wenn nicht, sind wir die Helden. Das war hier schon immer so.“ Adair zuckte mit den Schultern.

Aodhán mischte sich ein. „Alte Hochlandtradition, die niemanden weiter aufregt. Lediglich, wenn wildfremde Menschen auftauchen und Rinder stehlen, dann wird es ernst. Denn in dem Moment halten plötzlich alle Clans zusammen, und dann Gnade demjenigen Gott, sofern man seiner habhaft wird.“

Adair nickte. „Das ist richtig. Allerdings hatten wir seit Monaten keinen Ärger in der Richtung. Schließlich weiß selbst ein Fremder, dass wir im Sommer besonders gut auf unsere Tiere achten.“ Seine Schultern zuckten von unterdrücktem Lachen. „Es sei denn, man hat solche Schlafmützen in der Familie wie Blain.“

Aodhán schien nachdenklich. „Adair, wir haben Kenntnis davon, dass der Bruder des Lairds Männer wegen angeblicher Viehdiebe ausgeschickt hat. Seid achtsam und warnt auch die Nachbarn. Es sähe Moran ähnlich, Zwietracht zu säen, um einen Vorwand zu finden, euch mit Schikanen unter Druck zu setzen. Seid vorsichtig, hörst du?“

Adair sah zu Fearghas, der die Worte des Hauptmanns bestätigte, und nickte. „Der Bruder des Lairds ist ein schwieriger Charakter.“ Erschrocken blickte er zu Aodhán, doch der lächelte nur. 

„Das war eine freundliche Art es auszudrücken. Lasst euch nicht provozieren. Sollte sich etwas ereignen, das ihr für seltsam oder gar gefährlich erachtet, so kommt nach Mingary. Fragt nach mir, dem obersten Hauptmann. Aodhán ist mein Name und ein jeder kennt mich. Tut nichts Unüberlegtes.“

Adair nickte. „Ich danke für die Warnung. Vater und ich werden noch heute die anderen Familien benachrichtigen. Ihr könnt uns vertrauen. Schlagen wir uns sonst auch gerne gegenseitig die Köpfe ein, in solchen Momenten halten wir immer zusammen.“

„Und aus euch soll man schlau werden.“ Mairead schüttelte den Kopf, was alle anderen zu lautem Gelächter veranlasste.

Fearghas ergriff sie sanft an der Schulter. „Das ist ein Widerspruch in sich. Aus uns kann man nicht schlau werden. Wir Highlander sind ein fortwährendes Mysterium.“

8.

Burg Mingary, später Abend

Fearghas war satt, müde und mit dem Tag zufrieden. Der lange Ritt war eine Wohltat gewesen, seinen Bruder zu sehen eine reine Freude und mit Mairead um die Wette zu reiten, war schwerlich zu überbieten. Den anklagenden Blick Aodháns ertrug er mit stoischer Ruhe – der Hauptmann befürchtete, Mairead würde sich sämtliche Knochen brechen. Natürlich tat sie das nicht, sie ritt besser als so mancher Mann. Allerdings schickte ihr Vater sie bei ihrer Heimkehr unverzüglich in ihre Gemächer. Das verstohlene Lächeln, das sie Fearghas durch ihr langes, vom wilden Ritt schweißfeuchtes Haar zuwarf, zeigte ihm, dass sie die Bestrafung nicht allzu ernst nahm. Insbesondere, da Roya ihr keine Stunde später ein großes Tablett mit duftendem Braten, Rübenkraut und gebackenen Äpfeln brachte. Hungern musste sie schon einmal nicht.

Nachdenklich schlenderte er in Richtung seiner Unterkunft und wollte gerade die erste Stufe zu den über den Stallungen gelegenen Räumen betreten, als er die Stimmen von Moran und seinem Vertrauten Aengus vernahm. Leise und so gut er es vermochte, drückte er sich an die Wand des schmalen Ganges und wurde unsichtbar.

„Ich sagte, ihr sollt etwas finden. Was, das ist mir rechtschaffen egal.“ Moran schien verärgert.

„Was sollen wir denn tun? Keiner der sturen Hochlandböcke ist bereit, eine Anklage vorzubringen. Angeblich gibt es seit ewigen Zeiten kein Problem mit Viehdieben.“ Aengus klang resigniert.

„Seit wann gelingt es euch nicht, ein kleines Feuerchen zu schüren? Ich hasse es, wenn mein Bruder sich fortwährend im Recht sieht. Angeblich gibt es keine Fehden mehr unter den Highlandern, die unser Eingreifen nötig machen. Es wird doch möglich sein, solche eine Fehde zu erzwingen, oder irre ich mich?“

Er vernahm Aengus’ Seufzen. „Dir ist bewusst, dass wir schon wieder einmal mit dem Feuer spielen?“

„Das ist es, was ich verlange. Ein kleines Feuer, es muss ja kein Flächenbrand sein. Lediglich die Rechtfertigung, endlich wieder etwas mehr Kontrolle über diese hochmütigen Highlander zu bekommen. Mir ist das alles viel zu friedlich.“

„Das war doch Caulders Wunsch.“

„Aber nicht der meine!“ Nun klang Moran zornig. „Sie sind nichts als unsere Pächter. Unser Eigentum, so wie unser Vieh. Seit wann respektieren wir deren Rechte oder Wünsche? Caulders Wünsche kann er sich in seinen dummen Arsch schieben, meine Pläne sind es, die zählen.“

„Schon gut, schon gut. Ich bin ja bei dir. Nur überstürze nichts. Das würde weder dir noch deinen Plänen auf lange Sicht zuträglich sein.“

„Warten, immer warten, Geduld zeigen und Verständnis – Gott, ich habe es so satt. Wenn ich hier schon an Langeweile dahinsiechen soll, dann komm wenigstens mit. Ich kann dich immer noch zwingen, dich mit mir zu betrinken.“

Aengus’ Antwort konnte Fearghas nicht mehr verstehen, was ihn auch nicht weiter beunruhigte. Er hatte genug gehört. Aodhán hatte von Anfang an richtig gelegen. Moran wollte Unfrieden stiften. Aber worauf genau wollte er hinaus? Die Clans gegeneinander aufzuhetzen? Was sollte ihm das bringen? Eilig und mit einem aufmerksamen Blick in die Umgebung machte er sich auf die Suche nach seinem Hauptmann.

Mingary, Aodháns und Royas Wohnraum

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960876564
ISBN (Buch)
9783948045029
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v458685
Schlagworte
Highland-er-Liebe-s-Roman Schottland-historischer-Roman Schott-isch-in-e-n Verführung Highlands Historische-r-Liebe-s-Roman-e Rache Leidenschaft-lich-e-r-s

Autor

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    Gabriele Ketterl (Autor)

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Titel: Highland Saga