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Tote Frauen lügen nicht

Ein Lucy Schober Krimi

von Angelika Lauriel (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Das Liebesleben von Lucy Schober und Kriminalkommissar Frank Kraus ist endlich perfekt, denn sie freuen sich auf die bevorstehende Geburt ihrer Zwillinge. Alles läuft ausgezeichnet – bis ein geheimnisvoller Verehrer Lucy mit anonym versandten Gedichten und Blumen bedrängt. Frank reagiert mit Vorsicht anstatt mit Eifersucht. Zudem verhält sich Ilina, Lucys Freundin, in letzter Zeit seltsam. Lucy ahnt, dass eine tragische Geschichte hinter Ilinas Verhalten steckt. Deswegen will Lucy ihr helfen, doch schneller, als beiden Frauen lieb ist, geraten sie in ein Netz aus Lügen und Verleumdungen, das mit Franks aktuellem Mordfall im „Milieu“ zu tun hat. Aber Lucy wäre nicht Lucy, wenn sie dabei nicht in Lebensgefahr geriete. Können die beiden Frauen gerettet werden, oder kommt jede Hilfe zu spät?

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe März 2019

Copyright © 2019 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-591-8
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-593-2

Covergestaltung: Franziska Wiedemann
unter Verwendung von Abblidungen von
shutterstock.com: © IrenaStar, © JuliaST und © originalpunkt
Lektorat: Daniela Pusch

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Für Wolfgang Gabriel

Erinnerung – Fünf Jahre zuvor

»Komm schon, lass doch die Pennerin!« Leonies Freunde schlenderten kopfschüttelnd weiter, als sie neben dem großen Stoffbündel in einem dunklen Hauseingang stehen blieb. Sie zögerte. Wollte sie wirklich wissen, ob sich unter diesem Altkleiderhaufen ein Mensch verbarg, während ihre Freunde den nächsten Club anstrebten, um die Graduiertenfeier fortzusetzen?

Schon in der Schule und dann während des Journalismus-Studiums hatte Leonie die Kluft immer deutlicher gespürt, die zwischen ihrem Leben und dem der Menschen lag, die sie  interessierten, nämlich diejenigen auf der anderen Seite, die schon von Geburt an weniger Glück hatten als sie selbst. Es war Zeit, diese Kluft zu überspringen, also gab sie ihrem Impuls nach und beugte sich vor. Sie erkannte lange Haare und einen angewinkelten Arm, der unter den alten Decken hervorlugte. War das eine Frau oder noch ein Mädchen?

»Leo?«, hörte sie die Stimme einer ihrer Studienkolleginnen. »Wir gehen zur Amphore. Kommst du nach?« Leonie winkte ihr zu, bevor sie sich umdrehte und in die Hocke ging.

Die Frau lag zusammengekauert auf der Seite, und lange dunkelblonde Haare mit aufgehellten Spitzen verdeckten ihr Gesicht, sodass Leo ihr Alter nicht einschätzen konnte. Die Strumpfhose unter dem kurzen Jeansrock sah fleckig aus, erst beim genauen Hinsehen erkannte Leonie Blut. Auch die Bluse war blutbefleckt. Leonie kämpfte ihren Fluchtimpuls nieder.

»Hallo, hören Sie mich?« Eine innere Erregung ergriff Leonie, die nicht nur der Sorge um diese Person geschuldet war: Das hier war vielleicht der Anfang von allem. Von dem, was sie wirklich wollte. Über die Benachteiligten schreiben, die Menschen zum Hinsehen zwingen und den armen Kreaturen dadurch helfen. Dass sie selbst sich nicht einfach wieder zurückziehen konnte, war klar. Als die Frau leise stöhnte und sich rührte, bemerkte Leonie, dass sie ihr unwillkürlich die Hand auf den Oberarm gelegt hatte. »Was ist mit Ihnen?«, fragte sie.

Die Angesprochene drehte den Kopf in Leonies Richtung. Die Haare lagen noch immer in klebrigen Strähnen auf ihrem Gesicht, aber darunter erkannte Leonie jetzt die Züge eines jungen Mädchens. Jünger als sie selbst, viel jünger. Es blinzelte ins Licht der Straßenlaterne und ließ die Augenfarbe erkennen: helles Grüngrau, eine Farbe, wie man sie nicht oft sah. Die Wimpern waren so stark getuscht, dass sie wie die Beine einer dicken Spinne wirkten, der dunkle Lidschatten war viel zu dick aufgetragen und zu schmierigen Klecksen verwischt. Sie war noch benommen, Leonie konnte sehen, wie sich zuerst Panik, dann Überraschung und Erleichterung in ihrem Blick abzeichneten, alles unter zusammengezogenen Brauen. Leonie schloss daraus, dass sie Schmerzen litt.

Mit einer hellen Stimme murmelte das Mädchen Worte, die Leonie nicht verstand. Sie zückte ihr Handy, doch der Arm des Mädchens schoss vor, und mit erstaunlich festem Griff packte es Leonies Arm. Ein Schwall Wörter sprudelte aus seinem Mund hervor, die Sprache war für Leonie nicht erkennbar. Das Mädchen schüttelte den Kopf.

»Ich rufe den Notarzt«, sagte Leonie eindringlich. »Du bist verletzt, jemand muss nach dir sehen.«

Wieder sprach das Mädchen Unverständliches und versuchte, sich aufzusetzen. Leonie stützte es mit der freien Hand, bis es auf dem Bürgersteig saß. Die Haare rutschten aus seinem Gesicht und hingen auf eine Bluse herunter, die aufgeknöpft war. Ein Nichts von einem blutroten Spitzen-BH umspannte die kleinen Brüste. Auf der Haut sah Leonie Flecken, deren Herkunft sie lieber nicht wissen wollte. Hämatome zeichneten sich ab, die noch frisch sein mussten und fast zusehends dunkler wurden.

Eine Mischung aus Schweiß, blumigem Parfüm, billigem Aftershave, Alkohol und noch etwas anderem schlug Leonie entgegen. Sie sog scharf die Luft ein. Willkommen in der realen Welt. Noch immer klammerte sich das Mädchen mit beiden Händen an ihren Armen fest und redete auf sie ein.

Leonie ließ den Blick über seinen Körper wandern, entdeckte aber glücklicherweise keine offenen Wunden, nur viele Kratzer. Woher stammte das viele Blut? Das Mädchen starrte Leonie mit seinen unglaublichen Augen an. Es musste eine Schönheit sein, versteckt unter einer dicken Schicht aus Schminke und Dreck.

Leonie half dem Mädchen auf die Beine. »Wie alt bist du?«

»Achtzehn«, sagte das Mädchen mit einem starken Akzent.

Leonie lachte bitter. »Niemals.« Sie strich dem Mädchen vorsichtig die Haare über die Schulter zurück. Es war etwa so groß wie sie selbst und noch schlanker, beinahe dürr.

Das Mädchen steckte offensichtlich tief in Schwierigkeiten. Und Leonie jetzt auch, denn sie konnte nicht so tun, als wäre nichts. Sie hob das Handy wieder hoch und hielt den Arm des Mädchens fest. Es machte einen schwachen Versuch, sich zu befreien, aber von der Kraft, die Leonie eben in seinem Griff gespürt hatte, war nichts mehr übrig, und schließlich ließ es die Schultern sinken.

»Ich rufe einen Notarzt. Keine Angst, alles wird gut.«

Ganz mechanisch sprach sie die Trostworte, die ihre Mutter ihr früher immer ins Ohr geflüstert hatte, wenn sie aus Albträumen aufgeschreckt war. Ob sie je selbst daran geglaubt hatte? 

Viele Stunden später, es wurde bereits hell, gab sie einer Polizistin zu Protokoll, unter welchen Umständen sie das Mädchen gefunden hatte. Sie fragte, woher es komme, wie alt es sei, und ob ihm geholfen werde. Die Polizistin rieb sich über die Augen, dann sah sie Leonie mit einem resignierten Blick an. »Wollen wir es hoffen.«

Als Leonie am späten Vormittag endlich den Vorgarten der elterlichen Villa am Harvestehuder Weg betrat, hatte sich ihre Welt gewandelt. Obwohl sie geahnt hatte, worüber sie schreiben würde, hätte sie nicht gedacht, dass es sie so unverhofft überfallen würde. Ihre Eltern würden nicht begeistert sein.

Sie jedoch wusste bereits, wem sie die Story anbieten wollte. Und vielleicht war Mircela noch zu retten.

Mircela war jetzt das Wichtigste.

Kapitel 1

›Na endlich!‹ Heulsuse lacht in meinem Kopf befreit auf und Lady Tough applaudiert, beide natürlich nur für mich hörbar.

Ich sehe unbeirrt Doktor Treibel an und zucke mit keiner Wimper. Wenn mein Psychotherapeut von der Existenz meiner inneren Zwillinge wüsste, würde er mir noch unzählige weitere Sitzungen in seiner düsteren Praxis aufzwingen, daran zweifle ich keine Sekunde. Was für ein Glück, dass ich ihm niemals von meinen ganz persönlichen Ratgeberinnen erzählt habe.

›Was für ein Glück, dass du ausnahmsweise ganz unserem Rat gefolgt bist, das ist ja schlechterdings nicht immer deine Strategie‹, erklingt kühl die Stimme von Lady Tough.

›Das stimmt‹, pflichtet Heulsuse ihr bei. ›Du hättest niemandem‹ – sie betont das Wort, als wäre es in Großbuchstaben geschrieben – ›davon erzählen sollen. Nicht einmal deiner Lieblingsschwester!‹ Ihre sonst etwas weinerliche Stimme nimmt einen scharfen Tonfall an, was es mir schwermacht, nicht mimisch oder mit Gesten auf ihre Vorwürfe zu reagieren.

Klappe, sonst war alles umsonst, denke ich an die beiden gerichtet. Sie gefährden noch meine baldige Entlassung aus der Therapie.

Von meinen inneren Zwillingen weiß niemand außer meiner Rebellenschwester Kat, die wie ich schon als Kind gegen unsere Streberfamilie aufbegehrte. Versonnen lächle ich beim Gedanken an Kat und ihre Biohühner. Doch selbst ihr gegenüber erwähne ich Lady Tough und Heulsuse schon lange nicht mehr. Zu gut kann ich mich daran erinnern, wie sie, als es mir während der Serie an Mordversuchen im letzten Jahr an den Kragen ging, reagierte, als ich ihre Frage, ob ich innere Stimmen hören würde, mit einem klaren »Ja« beantwortete. Dabei ging es mir da so schlecht, dass kein Mensch ernsthaft behaupten kann, diese Stimmen wären Zeichen einer psychischen Erkrankung gewesen, da stimmen Sie mir sicherlich zu?

Aber bevor ich mich auf der Psychocouch in diesen Erinnerungen verliere, straffe ich die Schultern und versuche, mit voller Konzentration wieder zu meinem Therapeuten zurückzukehren.

»Fräulein Schober?« Doktor Treibel wartet auf eine Antwort. Er sitzt vorgebeugt in seinem Sessel und betrachtet mich.

»Oh ja.« Ich schiebe die Beine zur Seite und setze mich aufrecht auf das Sofa. »Ich kann wieder arbeiten. Ich habe alles hinter mir gelassen.«

Er spitzt die Lippen, wodurch er mich an meinen Chef im Callcenter Mediaboutique Saarlouis erinnert. Beide sehen mit dieser Mimik so verdorrt aus wie Sultaninen, deren Haltbarkeitsdatum überschritten ist. Trotzdem werde ich überglücklich sein, wenn ich den Chef wieder täglich sehe. Das hätte auch ich niemals für möglich gehalten, glauben Sie mir.

›Du freust dich auf die Arbeit bei Dürri?‹, zischt Lady Tough. ›Dass ich nicht lache!‹

Ich ignoriere den Zwischenruf.

»Gut, dann wünsche ich Ihnen für die Zukunft viel Glück.« Treibel steht auf und streckt mir die Hand hin. »Erstaunlich, wie gut Sie das alles verkraftet haben.« Er sieht auf meinen Bauch, der vom doppelten Babyglück, das darin heranwächst, noch nichts erkennen lässt. »Meinen Glückwunsch! Ich vermute, es hängt mit Ihrem Zustand zusammen.«

»Ja, ganz bestimmt. Die Zwillinge machen mich stark.« Zweistimmiges Gelächter erklingt in meinem Kopf. Ich werde ein ernstes Wörtchen mit den Damen reden müssen, sobald ich allein bin. Sie sind nicht mehr die Zwillinge, um die sich alles dreht. Ich bin gespannt, wie sie darauf reagieren werden. Natürlich ist mir klar, dass ich Lady Tough und Heulsuse endgültig zum Schweigen bringen muss, weil … nun ja, ich sehe ein, dass sie mich eher belasten, als mir hilfreich zur Seite zu stehen. Aber trotzdem werde ich das ganz alleine hinbekommen, ohne die Hilfe eines sogenannten Fachmanns, der doch sofort die Gelegenheit beim Schopf ergreifen würde, nur um noch mehr Geld an mir zu verdienen. Ich weiß ja, dass ich das kann, schließlich habe ich es schon einmal geschafft: nach der Mordserie im letzten Sommer, an der ich irgendwie mit schuld war.

Ich lege eine kurze Gedenkminute an meinen ehemaligen Kollegen Maurice ein, der in seinem etwas einfach gestrickten Weltbild glaubte, die Kunden der Mediaboutique abmahnen zu müssen, die mich durch ihre Unflätigkeiten am Telefon zum Weinen gebracht hatten. Seither ist er Patient der Klinik in Merzig, und ich muss gestehen, dass ich nach einem Besuch dort meine Anwandlung, in Sachen Traumabewältigung Dr. Treibel meine inneren Zwillinge zu enthüllen, ganz schnell niedergekämpft habe. Und das ist auch gut so, sonst könnte ich heute bestimmt noch nicht wieder in meinen Job einsteigen. Ja, stimmt, es ist ein ungeliebter Job. Aber dennoch erleichtert es mich, dass ich mich nicht mehr nur mit meiner kleinen Maisonette-Wohnung im Ortsteil Beaumarais, meinem Liebsten, Kriminalkommissar Frank Kraus – der leider eher zu viel als zu wenig Arbeit hat, seit er mit dem Gedanken spielt, sich befördern zu lassen – und mit Babykram beschäftigen muss. Ganz ehrlich, nach der Lawine unzähliger geschenkter und ungelesener Bücher zum Thema Zwillingsaufzucht habe ich die Nase bereits gestrichen voll und freue mich, wenn ich wieder unter normale Menschen komme, vor allem meine liebe Arbeitskollegin und Freundin Lena Kougelhupf, die mit meinem Juristenbruder Rouwen erste Pläne einer gemeinsamen Zukunft schmiedet. Natürlich werde ich die Produktion von Babykleidung, die ich in den langen, freien Tagen aufgenommen habe, einstellen müssen, aber das ist nicht weiter schlimm, weil ich längst eine komplette Erstlingsausstattung zusammen habe, und zwar zweifach, wie es bei Zwillingsmüttern nun mal nötig ist.

Sie wundern sich? Ja, ich habe mich an ein Hobby aus meiner Adoleszenz-Phase erinnert. Damals, als ich noch nicht wusste, dass ich mal Grundschulpädagogik studieren würde (was ich geschmissen habe), hatte ich gerade mein Herz fürs Nähen entdeckt. Ich habe mir in den späten Teeniejahren zahlreiche coole Röcke, Hosen und Oberteile selbst genäht. Auch meine Rebellenschwester Kat hat heute noch ein paar Einzelstücke von meiner Nadel in ihrem Schrank hängen. Aber mit diesem Hobby – das meine Mutter, die Apothekerin, mit einer Sorge betrachtete, die ich niemals ganz verstanden habe – hörte ich damals auf, als ich in meinem Studiengang feststellen musste, dass die angehenden Grundschullehrerinnen ebenfalls begeisterte Schneiderinnen waren, jedenfalls viele von ihnen. Und das passte natürlich nicht zu meinem Selbstbild. Ich wollte damals durch die Wahl meines Studiengangs zwar vor allem gegen meine elitären Eltern rebellieren, aber mich den Kommilitoninnen zugehörig fühlen? Das wollte ich nicht. Mir kam es deshalb entgegen, dass meine Mutter vollauf begeistert das Ende meiner Schneider- und Designerkarriere mit einem Überfluss an teurer Designermode feierte, die sie mir schenkte. Heute, nach so vielen Jahren, ist mir meine damalige Haltung nicht mehr nachvollziehbar, aber nun ja, damals war ich noch wild und ungezähmt.

›Wild und ungezähmt, pff.‹ Sie müssten den Tonfall hören, in dem Lady Tough meine Gedanken wiederholt. ›Merkste selbst, oder?‹ Immerhin erreicht sie mit ihrem respektlosen Einwurf, dass ich mich aus dieser Erinnerungsschleife herauskatapultiere, aufstehe und Doktor Treibel die entgegengestreckte Hand schüttle.

Als ich kurz darauf die Praxis meines Psychologen verlasse, fühle ich mich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder frei. Es ist nur vergleichbar mit dem Tag, an dem Frank mich aus den Klauen seines psychopathischen Kollegen Herbert rettete. Auch diesen Gedanken vertreibe ich rasch wieder. Das ist Geschichte.

Die sehr vitalen Zwillinge, die in meinem Bauch heranwachsen, haben sich uneingeladen zu uns gesellt. Aber wir haben ja noch viele Monate Zeit, uns auf sie zu freuen. Das Jahr ist noch jung, und erst im Sommer werden wir zu viert sein. Ich schlucke jedes Mal, wenn ich an die Geburt denke. Ich, Lucinda Schober, die nichts-auf-die-Reihe-Bekommerin, werde meine eigene Familie haben! Ohne Heiratsurkunde, das haben Frank und ich einmütig beschlossen, und es hat die Lage zwischen uns ungemein entspannt.

Ein Lächeln auf den Lippen, schlendere ich über den Großen Markt zur Fußgängerzone. Die Februarsonne strahlt und gibt trotz der Kälte eine erste Vorahnung darauf, wie zauberhaft Saarlouis bald erblühen wird. Ich denke darüber nach, ob ich zur Wache in die Alte-Brauerei-Straße gehen soll. Vielleicht hat Frank Zeit für eine Tasse Kaffee.

»Lucy!« Die dunkle Frauenstimme ruft meinen Namen, als handle es sich um einen Befehl. Unwillkürlich straffe ich die Schultern, um größer zu erscheinen, und hebe das Kinn, bevor ich mich zu ihr umdrehe. Einen Monat habe ich sie nicht gesehen, und keine Sekunde habe ich sie vermisst. Immerhin trägt sie die Haare jetzt wohl endlich in ihrer Naturfarbe, nachdem sie vorher meinen Stil imitiert hatte. Weizenblond und schulterlang sind sie inzwischen. Sie fallen in weichen Wellen und sehen natürlich zum Niederknien aus. Ich kann nicht umhin, Ilinas natürliche Eleganz zu bemerken, mit der sie sich bewegt. Und um die ich sie von der ersten Sekunde an beneidete, als unser Chef Dürrbier sie letzten Sommer in unserem Callcenter Mediaboutique vorstellte.

Sie hat gar nichts Polnisches an sich, so auf den ersten Blick. Ihre Anmut, der Schnitt ihres feinen Gesichts und die himmelblauen Augen sind international; am ehesten erinnern sie mich an Grace Kelly. Ich seufze heimlich und ärgere mich über meine Gedanken. Eigentlich habe ich mir jegliche Vergleiche mit Ilina längst verboten. Umso mehr, als ich schwanger bin und täglich damit rechnen muss, auseinanderzugehen wie eine Dampfnudel.

Während Ilina sich mir nähert, bemerke ich überrascht, dass es mich tief im Innern freut, sie zu sehen. Zwar habe ich sie als intrigante Person erlebt, die mich aus unbekannten Gründen auf dem Kieker hatte. Andererseits hat sie mich in der Mediaboutique mit ihrem unvergleichlichen Vanillekaffee so oft aus tiefen Abgründen gerettet, wenn ich mit berüchtigten Horrorkunden wie dem »Hengst von Hamburg« zu tun hatte. Und auf ihre barsche Art ist sie richtig witzig. Zumindest, wenn die Scherze nicht auf meine Kosten gehen. Deshalb bin ich trotz aller Wiedersehensfreude auf der Hut, als sie schließlich heran ist und den Kopf leicht schräg legt, womit sie in der Männerwelt vermutlich immer sofort punkten kann. Vielleicht kann ich mir bei ihr auch noch was abgucken, um meine eher ungeschickte Art meinen Mitmenschen gegenüber zu verbessern, schießt es mir durch den Kopf.

»Ist es wahr, was sagt Lena? Kommst du bald wieder zum Arbeiten?«

›Ach‹, seufzt Heulsuse in meinem Kopf, ›sie hat so einen entzückenden Akzent.‹ 

Verräterin, denke ich konsterniert.

Ilina schüttelt mir kurz die Hand. Als wäre das nicht schon überraschend genug, beugt sie sich plötzlich vor und zieht mich für eine Sekunde wie eine Freundin in die Arme.

»Ähm, ja. Ich komme gerade vom Psychologen.« Ich stocke. Da hat sie mich mit ihrer herzlichen Begrüßung doch glatt ausgeknockt! Weshalb bin ich so bescheuert und gebe sowas zu? Geringschätzung ist bekanntermaßen eine ihrer Haupttugenden.

»Verstehe. Hast du schlimme Erfahrungen gemacht.« Sie schluckt. Bleibt ihr etwa die Stimme weg? Wer ist dieses empathische Wesen, und was hat es mit der Schlange Ilina gemacht?

»Lucy, hallo Lucy! Warte mal!« Bei den Rufen, die ich höre, habe ich sofort ein Bild vor Augen: Die Frau schiebt hektisch einen Kinderwagen vor sich her, die eine Hand in der Luft, und winkt mir, obwohl ich sie noch gar nicht sehen kann. Das Bild bestätigt sich in dem Moment, in dem ich mich umdrehe. Ellen, Franks Exfrau. Es gibt mir jedes Mal einen winzigen Freudenstich im Bauch, wenn ich die Vorsilbe »Ex« denke. Die beiden haben es in letzter Sekunde geschafft, sich scheiden zu lassen, bevor das Baby geboren wurde. Nun sind Ellen und der Dieter zwar noch nicht verheiratet, aber wenigstens brauchen sie kein kompliziertes Vaterschaftsverfahren anzustrengen. Ohne die Scheidung wäre nämlich Frank der rechtliche Vater der kleinen Paula geworden, obwohl er und Ellen schon lange kein Paar mehr sind. So wird das Baby in Kürze den klangvollen Namen Schimmelschnulze erhalten, und ich weiß aus erster Hand, dass Ellen bereits Unterschriften geübt hat. Sie hat eine Weile gebraucht, sich damit anzufreunden, aber jetzt liebt sie ihn ebenso sehr wie den Dieter, der ihn ihr beschert hat. Und – nun ja – anspruchsvoller als Kraus, Franks Nachname, ist er allemal. Unter uns gesagt.

Seit Silvesternacht, in der sie ihr Kind zur Welt brachte, habe ich Ellen nicht mehr gesehen. Sie wirkt ein bisschen fülliger als früher, was ihre Ausstrahlung einer lebensfrohen und sinnlichen Frau kein bisschen mindert, im Gegenteil. Die Haare hat sie in einem nachlässigen Dutt zusammengenommen, sie ist in eine kuschelige Jacke gekleidet, die sie auch in der Schwangerschaft trug. Der Reißverschluss ist offen, was mir einen Blick auf ihren überdimensionierten Busen erlaubt. Der ist neu. Als sie heran ist, kann ich in ihren Augenwinkeln Müdigkeit erkennen. Ein kleiner Widerspruch zu der wonneproppigen Lebensfreude, die sie ansonsten ausstrahlt.

»Oh, Ellen, wie schön! Lass mich mal Paula sehen.« Schon beuge ich mich über den Kinderwagen und sehe ein schlafendes Baby mit Schnuller im Mund. Erst danach begrüße ich Ellen mit zwei Wangenküsschen.

Ilina wirft ebenfalls einen Blick in den Buggy, bevor sie Ellen ein hinreißendes Lächeln schenkt. »Ist sie eine wunderschöne kleine Honigschnute. Herzlichen Glückwunsch!«

Ellen lacht laut. »Oh, vielen Dank. Ja, sie ist so ein Schatz.« Sie blickt sich um und deutet auf das Eiscafé, vor dem soeben ein kleiner Tisch frei wird. Bei diesem Sonnenschein hat der Betreiber Tische und Stühle nach draußen geholt und warme Decken bereitgelegt. »Wollen wir einen Kaffee trinken?« Sie schiebt den Buggy über den Weg.

Da bleibt mir wohl keine Wahl, wenn ich Ellen nicht vor den Kopf stoßen will. Außerdem wollte ich ohnehin einen Kaffee trinken. Ich sehe Ilina an, und ich fürchte, ein heimliches Flehen liegt in meinem Blick, denn noch bevor ich sie frage, ob sie auch möchte, sagt sie: »Kommt mir ein Kaffee gerade recht.« Sie wirft einen Blick auf die Armbanduhr. »Zwanzig Minuten habe ich noch.«

Ellen hat den Kinderwagen bereits schräg neben einem kleinen, runden Tisch geparkt. Ilina und ich setzen uns hin, als ein erstes Wimmern aus dem Wägelchen erklingt, und von einer Sekunde auf die andere macht Ellen den Eindruck einer Frau, die komplett aus dem Hier und Jetzt abtaucht. Sie beugt sich über den Kinderwagen und hebt vorsichtig ihr Baby heraus, das mit einem »Plopp« seinen Schnuller ausspuckt. Ich will schon mit einer hastigen Bewegung danach greifen, als ich sehe, dass er an einer bunten Holzperlenkette baumelt. Die Mutter drückt das Baby an sich, Wange an Wange, und obwohl sie in meine Richtung schaut, bemerke ich, dass Ellen wortwörtlich nichts sieht. Ein eigenartiges Gefühl überkommt mich plötzlich und unerwartet – ist es Rührung? Schließlich trage auch ich heranwachsendes Leben in mir.

›Und was ist daran so besonders?‹ Es ist Lady Tough, die sich zu Wort meldet und mich davor bewahrt, in einen gefühlsduseligen Kitschtaumel zu verfallen. Interessanterweise pflichtet Heulsuse ihr bei. Sollte man nicht meinen, dass mein nah am Wasser gebautes inneres Sensibelchen in Sachen Kindesglück auf meiner Seite stünde? Mitnichten.

Ellen lässt sich auf den Stuhl sinken, bringt in einer einzigen Bewegung das Kind in die richtige Position und gibt ihm die Brust. Sofort entspannt sie sich und kehrt mental wieder zur Erde zurück. Sie lächelt uns an. »Was möchtet ihr? Ich gebe einen aus.«

Wenige Minuten später kämpfe ich innerlich gegen eine Panikattacke an, denn in meinem Kopf formt sich in mindestens zwei Tonlagen die Frage, ob ich es hinbekommen kann, in der Öffentlichkeit meine Kinder zu ernähren. So? Und dann gleich zwei?

»Lucy, träumst du?«

Ich zwinkere und wende den Blick von dem saugenden Symbionten an Ellens Brust ab. Ellen und Ilina sehen mich abwartend an.

»Ähm …«

Warum grinst Ilina? Erst als Ellen loslegt, wird mir klar, dass ich wohl einen ausführlichen Vortrag verpasst habe, den sie gehalten hat. »Hast du mir überhaupt zugehört? Wie ich dir gerade erklärt habe, ist Stillen das Praktischste, was du dir denken kannst.« Sie legt sich eine Mullwindel über die Schulter, nimmt das Baby hoch und tätschelt ihm den Rücken. Meine Antwort wartet sie gar nicht erst ab, sondern spricht sofort weiter. »Es ist schön, wirklich. Wenn es sich mal eingespielt hat, ist es schön.«

»Bei mir werden es aber zwei Säuger sein«, wage ich zu bedenken zu geben.

»Aber du bist ja nicht allein, du hast Frank an deiner Seite … dass ihr Zwillinge bekommt, weiß er ja wohl?«

Ilina lässt ihre Blicke von Ellen zu mir wandern, sie kann ihr Feixen nicht unterdrücken. Ich spare mir eine Antwort.

»Möchtest du sie mal halten? Sie ist nach dem Trinken meistens gut gelaunt.« Schon steht Ellen auf und reicht mir das Baby über den Tisch. Keine Chance, abzulehnen. Ungeschickt springe ich hoch und nehme das Bündel entgegen. Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich ein Baby in den Händen halte. Ich weiß nicht, wie ich sie anpacken soll, aber Ellen setzt sich einfach. Sie ist erstaunlich unaufgeregt, mir unerfahrener Person ihr Wichtigstes anzuvertrauen. Was, wenn ich es kaputtmache?

Das Baby schaut mich mit riesigen Knopfaugen in einer undefinierbaren Farbe an. Es hat ein Strickmützchen auf dem Kopf, ich kann seine Haare nicht sehen. Der Mund und die Nase sind so winzig! Überhaupt ist alles an Paula winzig, und ich wundere mich über das Gewicht, das mir nicht zu ihr zu passen scheint. Endlich beschließe ich, sie so zu halten, wie Ellen es gerade vorgemacht hat. Das Baby ist ja wach, also lege ich es mir an die Schulter. Sein Geruch löst in meinem Hirnstamm irgendwas aus. Ich fühle eine unglaubliche Zärtlichkeit diesem fremden Kind gegenüber.

›Das sind bloß die Hormone‹, sagt Lady Tough in abfälligem Ton und klingt dabei wie Doktor Cristina Yang in meiner all-time-Lieblingsserie Grey’s Anatomy. Leider hat sie recht.

›Wollte ich auch gerade sagen.‹ Heulsuse liebt die Krankenhausserie ebenfalls heiß und innig.

Innerlich stöhne ich auf. Wieso sind die beiden in den letzten Tagen wieder so aktiv? Ich muss sie verbannen, endgültig. Wie wohltuend es war, die inneren Stimmen nicht mehr zu hören. Nachdem ich mit Frank zusammengekommen war, hatte ich sie komplett unter Kontrolle. Bis vor ein paar Monaten, als die Geschichte mit Herbert begann, da sind sie mir wieder zu Hilfe geeilt, ungebeten natürlich. Aber daran will ich jetzt nicht mehr denken.

Paulas Köpfchen wird schwerer, und ihr gleichmäßiger Atem verrät mir, dass sie einschläft. »Ellen, nimm du sie wieder.« In dem Moment, in dem ich aufstehe und mich vorbeuge, damit die Mutter mir das Kind aus den Armen nehmen kann, rührt das Baby sich. Es macht einen Ton, und ich spüre, wie der Kragen meiner Winterjacke nass wird.

»Ups!« Ellen lacht und nimmt Paula. Das Baby schläft einfach weiter, als hätte es mir nicht gerade meine Lieblingsjacke vollgekotzt. Das gibt Punktabzug. »Aber jetzt erzähl mal. Wie weit seid du und Frank denn mit euren Planungen?«

»Planungen?«, echoe ich schwach.

Ich mag Ellen sehr, ohne Zweifel. Aber bislang kümmerte sie sich ausschließlich um den Dieter, die Trennung von Frank und die Vorbereitungen auf die Geburt. Ich war bisher nie in ihrer Schusslinie, und solange es nicht um mich ging, konnte ich über vieles lachen, was sie von sich gab. Oft erfuhr ich erst durch Frank von ihren Aktionen, und ich musste ihr teilweise Respekt zollen für ihre Schlagfertigkeit. Dadurch, dass wir beide in einem Chor singen und immer gemeinsam zu den Proben fahren, ist eine lockere Frauenfreundschaft zwischen uns entstanden. Trotzdem: Ich habe keinerlei Ambitionen, meine Beziehung zu ihrem Exmann mit ihr zu erörtern.

›Sie könnte dir aber den einen oder anderen Tipp geben, Herzchen.‹ Also bitte, wenn Lady Tough mich schon ›Herzchen‹ nennt!

Schnauze, zische ich in Gedanken und stülpe schnell den Deckel über den geistigen Kübel, in dem all das vor sich hinbrodelt, was mir an meinem geliebten Kriminalkommissar – in sehr seltenen Momenten – den letzten Nerv raubt. Entschlossen schiebe ich mehrere innere Bilder zur Seite: Seinen ewigen Schmutzwäschehaufen auf und neben dem Stuhl, die Plattensammlung auf dem Sideboard, die meinen Gildeclowns ihren Lebensraum streitig macht, seine in der gesamten Wohnung verteilten Schuhe und die *ächz* stets offene und deformierte Zahnpastatube im Bad. Und das alles in meiner kleinen Wohnung! Meine Näh-Orgien haben die Situation natürlich nicht gerade einfacher gemacht.

»Also, ich kann dir nur sagen, wenn du in Frank einen echten Partner haben willst, musst du früh anfangen, ihn zu erziehen.«

Bei ihrem letzten Wort bleibt mir der Schluck Kaffee im Hals stecken, den ich gerade genommen habe. Mein Hustenanfall erspart es mir, darauf zu antworten.

»Ich kenne ihn. Er braucht ewig, um sich auf Veränderungen einzustellen. Wenn das Kind erst mal da ist, sind alle Versprechungen verpufft. Das Baby ändert alles.«

Ich runzle die Stirn. Ilina neben mir hat den Rücken durchgestreckt. Wahrscheinlich weidet sie sich an der Realsatire, die vor ihren Augen abläuft.

»Zuerst häkeln und stricken sie noch Mützchen und versprechen, dass sie nachts aufstehen, wenn das Baby weint. Aber glaub mir, bei den Kerlen klappt das mit dem Mutterinstinkt nicht so. Die ticken anders.« Sie hat angefangen, den Buggy zu schaukeln. Ihre Bewegungen werden mit jedem Satz heftiger. »Aber der Herr ist ja zu müde von der Arbeit und den Kursen, die er hält. Der kriegt es gar nicht erst mit, wenn die Kleine sich vollgekackt hat und rumbrüllt wie eine Sirene.« Der Buggy wippt bedrohlich auf und ab. Ich sage nichts, spüre nur Ilinas Hand, die sich auf mein Bein gelegt hat und ab und an zudrückt. Ich kann ihr Verhalten nicht genau interpretieren, zu sehr bin ich von Ellen gebannt, deren Gesicht jetzt nicht mehr fröhlich und zufrieden wirkt.

»Und der Dieter ist ein guter Vater!« Sie wird laut, anscheinend muss sie sich selbst davon überzeugen. »Was meinst du erst, wie das mit Frank wird? Bereite ihn darauf vor, sag ihm, dass du es allein nicht schaffen wirst. Er soll Überstunden sammeln und nach der Geburt solange frei machen, wie er kann. Du musst ihn mit zur Geburtsvorbereitung nehmen, er muss lernen, wie das geht. Du kannst dich nicht um zwei Babys gleichzeitig kümmern.« Sie hält einen Moment inne. Paula wimmert jetzt, und Ellen steckt ihr grob den Schnuller in den Mund. Ihr ist gar nicht aufgefallen, wie paradox ihr letzter Satz klingt; natürlich werde ich mich um zwei Babys kümmern müssen!

Ilina hat zwischenzeitlich die Kellnerin herbeigewunken und zahlt unsere drei Kaffee. Sie nimmt meinen Ellbogen. »Lucy, wir müssen. Ist es höchste Zeit, Dürrbier wartet.«

Ellen ruckt mit dem Kopf hoch. »Arbeitest du wieder? Ich dachte, du bist noch in Behandlung. Auch so ein Thema. Unterstützt er dich darin?«

Ich fasse nicht, was mit Ellen passiert. Dankbar lasse ich mich von Ilina hochziehen. »Ja, ich arbeite wieder. Danke für deine guten Ratschläge, aber bitte heb sie in Zukunft auf, bis ich dich danach frage.«

Erst als wir um die nächste Ecke gebogen sind, erlauben Ilina und ich uns, lauthals loszulachen. Die miesepetrigen Äußerungen meiner inneren Zwillinge überhöre ich einfach, und es funktioniert.

»Dachte ich immer, Horrorliste auf Arbeit ist für dich das Schlimmste.« Ilina zieht ihre aristokratischen Brauen hoch, und dieses Mal höre ich deutlich einen Abklatsch der gewohnten Geringschätzung. »Aber nein, ist dein Leben noch viel gruseliger.« Mich überläuft ein Schauder bei ihren Worten.

Ich begleite Ilina bis zur Mediaboutique, weil ich meinen Wagen eh auf dem Großen Markt geparkt habe. Sie erkennt meinen Twingo und deutet mit dem Kinn in seine Richtung. 

»Falls du willst kaufen neues Auto, würde ich übernehmen die Nuckelpinne.«

Ich zucke nur mit den Schultern und blicke an der Front des großen Gebäudes hoch, Ilina folgt meinem Blick. »Tja, wirst du bald wieder jeden Tag herkommen. Ach, fällt mir ein, hast du heimlichen Bewunderer.« Sie bleckt in einem Grinsen wie in ihren besten Zeiten die Zähne, eine Augenbraue possierlich hochgezogen.

Ich runzle die Stirn. »Wie meinst du das? Was für einen Bewunderer?«

»Ist Gedicht in Mediaboutique für dich angekommen.« Sie malt Anführungszeichen in die Luft. »›An holde Lucinden‹ steht darüber.« Sie lacht schnaubend, ihre Augen blitzen vor Vergnügen. Also ist sie doch noch die eher niederträchtige Person, als die ich sie kennengelernt habe.

Ich verdrehe die Augen. Mein Name in voller Länge ausgesprochen ist schon schlimm genug, aber noch ein -n drangehängt? Wer macht denn sowas?

›Frank jedenfalls nicht‹, erklären die Zwillinge in meinem Kopf unisono. Als ob ich das auch nur für eine Sekunde angenommen hätte. Ein Gedicht von Frank? Dazu hätte er gar nicht die Zeit.

Ich starre noch immer Ilina an, und tief in mir drin wird ein Erinnerungsschnipsel geweckt, aber ich finde keine konkrete Info, um welche Art von Erinnerung es sich handelt. Das beunruhigt mich eine Sekunde, weil ein eigenartiges Gefühl damit verbunden ist, aber dann straffe ich die Schultern. Wahrscheinlich weckt die Tatsache, dass mir jemand ein Gedicht geschickt hat, eine Assoziation zu einem meiner früheren Freunde, und ganz im Ernst? Die können mir gestohlen bleiben. Also zucke ich mit den Schultern. »Ich weiß von nichts.«

Ilina mustert mich einen Moment, dann zuckt sie ebenfalls die Achseln. »Macht nichts, ganze Büro freut sich darüber.«

»Wieso das denn?«

»Weil Dürri hat ausgedruckt und an Wand gepinnt. ›Gebenedeit der Tag, der Mond, das Jahr‹, so fängt an, aber kann ich nicht weiter, muss ich immer schon lachen nach erste Zeile.«

Ich verziehe den Mund. »Was ist das denn?«

»Ach, ist doch nur Lyrik. Und anscheinend schon sehr alt.« Sie blickt auf die Uhr an der Ludwigskirche. »Ich muss rein. Bis Montag, Lucy! Freue mich, dass du wiederkommst.«

 

***

 

An diesem Morgen fällt der Blick von Kriminalkommissar Frank Kraus beim Betreten seines Büros auf den Schreibtisch, der dem seinen gegenüber steht und seit mehreren Wochen verwaist war. Jetzt steht eine blau blühende Topfpflanze darauf, und ein Stapel Aktenmappen liegt neben der Computertastatur. Dann entdeckt er die Snoopy-Tasse neben dem Bildschirm und weiß, wer sich hier eingerichtet hat: Tina Kunz, die im letzten Jahr noch darunter gelitten hat, dass sie als Kriminalkommissarin bisher nur zuarbeiten durfte. Jetzt erfüllt sich also endlich ihr Wunsch, und sie bildet mit Frank zusammen ein Ermittlerteam.

Es hätte deutlich schlimmer kommen können: Mit Tina versteht er sich richtig gut, sie haben auch früher schon zusammengearbeitet, wobei sie immer die Arbeiten erledigt hat, die man vom Schreibtisch aus durchführen kann. Tina ist eine der wenigen Kolleginnen, die seine Sauklaue entziffern können, was sich besonders beim Berichte-Schreiben als echter Glücksgriff erwiesen hat.

Frank setzt sich und schaltet seinen Computer ein, da kommt Tina herein. Sofort legt sich ein eifriges Lächeln auf ihr Gesicht, das ihm wieder einmal bewusst macht, wie viel jünger sie ist. Trotz ihrer fünfundzwanzig Jahre könnte sie auch noch als Teenager durchgehen. Aber, nun gut, sie ist nicht nur optisch so jung, sondern auch ihrer Lebensweise nach, was sich vielleicht noch als Vorteil entpuppen könnte. Tina ist viel fitter als er selbst in allen Dingen, die mit social networking zusammenhängen, und das ist nur ein positiver Aspekt. Ein weiterer ihrer Pluspunkte liegt darin, dass sie ein fotografisches Gedächtnis besitzt, was sich in der Vergangenheit schon einige Male als Tüpfelchen auf dem i erwiesen hat – auch im letzten Fall, den Frank noch mit Herbert zusammen gelöst hat.

»Guten Morgen!« Sie stürmt auf ihn zu, sodass er sich unwillkürlich aus seinem Sitz erhebt, um ihre impulsive Umarmung entgegenzunehmen. Sie drückt ihn fest, so wie man es von Familienmitgliedern gewohnt ist – typisch für Tina. »Jetzt hast du mich an der Backe, Frank. Ich freue mich!«

Er muss lachen, schiebt sie von sich und blickt in ihr koboldhaftes Gesicht. Tina erinnert ihn mit ihrer zerzausten Kurzhaarfrisur, deren Farbe alle paar Wochen wechselt, ein bisschen an Kat Schober, Lucys ›Rebellenschwester‹. »Herzlich Willkommen, Krümel!«

Wie erwünscht, blitzen ihre Augen bei dem verhassten Namen auf. »Don’t call it  Krümel«, faucht sie, und er muss grinsen, weil sie ihren Tadel in eine Anspielung auf eine Fernsehwerbung für ein Toastschnitzel packt. Tina gleitet zu ihrem Schreibtisch und lässt sich auf den Stuhl fallen, dann greift sie zu der obersten Akte. »Wusstest du schon, dass wir Herbert beerben werden?«

»Wie meinst du das?«, fragt er.

»Du weißt ja, dass er, bevor er in Saarlouis arbeitete, bei der Sitte war?«

»Achso, ja.« Er zieht die Nase hoch. »Wir bekommen die halbseidenen Fälle. Glücklicherweise gibt es davon hier ja nicht so viele.«

»Hm, tja. Ich muss jedenfalls diese Akten nochmal durchgehen und erfassen, solange es für uns beide keinen neuen Fall gibt.«

Frank tritt neben sie und blickt auf mehrere handschriftlich ausgefüllte Formblätter. Er erkennt Herberts kantige Schrift, die im Gegensatz zu seiner wenigstens leserlich ist – wahrscheinlich auch der Grund, weshalb diese Formulare noch nicht digital erfasst sind. Er verzieht den Mund. »Das bedeutet dann wohl, dass ich den Bericht zu meinem letzten Fall selbst schreiben muss …?«

Tina lacht auf. »Ja, das bedeutet es.« Sie sieht zu ihm hoch und zwinkert. »Wollen wir hoffen, dass das Telefon bald klingelt und ich«, ihre Augen strahlen, »mit dir zu unserem ersten gemeinsamen Fall gerufen werde.« Sie reibt sich die Hände. »Ich kann es kaum erwarten. Endlich raus auf die Straße!«

»Da bin ich ganz bei dir. Auf eine gedeihliche Zusammenarbeit, Krümel!« Feixend biegt er sich zur Seite, um dem Wurfgeschoss auszuweichen, das sie in seine Richtung feuert. Erst als er sich gleich darauf bückt, um das Ding vom grauen Büroteppich aufzuheben, erkennt er, was es ist: ein Kronkorken von der Biersorte, die Herbert gerne zum Feierabend getrunken hat.

Er wirft ihn in den Papierkorb unter seinem Tisch. »Wollen wir hoffen, dass unser erster Fall ganz geradlinig wird und nichts mit Lucy zu tun hat!«

Tina sieht ihn stirnrunzelnd an, dann kichert sie. »Na, deine Freundin war jetzt zweimal hintereinander in Morde verwickelt, irgendwann muss ja auch mal Schluss sein.«

»Dein Wort in Gottes Hörrohr.«

Sie grinsen sich einvernehmlich über die Schreibtische hinweg an, dann vertiefen beide sich in den Schreibkram. Nach einer halben Stunde wird Frank bewusst, dass er diese neue Konstellation mag. So sehr er Herbert bis zu seinem Fehltritt letztes Jahr als Kumpel gesehen hat, ist Tinas Anwesenheit doch viel unkomplizierter. Heimlich nimmt er sich vor, ihren Wunsch zu respektieren und sie in Zukunft nicht mehr Krümel zu nennen. Sie hat ihr Studium mit deutlich besseren Noten abgeschlossen als er selbst und verdient Respekt dafür. Und noch etwas beschließt er in dieser Sekunde: Es ist an der Zeit, auf den nächsten Schritt in seiner Karriere hinzuarbeiten. Umso mehr, als er bald Vater von Zwillingen wird.

Kapitel 2

Die letzten freien Tage, bevor ich wieder in meine Arbeit einsteige, nutze ich, um mir noch zwei hübsche Hosen zu nähen, die man im Bund der Größe des Bauchs anpassen kann, und um die Babyausstattung für die Zwillinge in meinem Koffer auf dem Schlafzimmerschrank zu verstauen, nachdem ich jedes Teil mit dem Handy fotografiert habe, um die Sachen am Montag Lena zu zeigen. Dort oben ist der Babykram erst mal aus den Füßen. Jetzt, da ich bald wieder ein normales Leben beginne, nerven mich die herumliegenden Nähutensilien, die ich in den letzten Wochen täglich benutzt, aber irgendwie gar nicht mehr gesehen habe. Frank hat erst gestern was von Nestbau gemurmelt und irritiert einen der Stühle freigeräumt, damit er sich neben der Nähmaschine an den Tisch setzen konnte. Aber da es sowieso schon spät am Abend und er sehr hungrig war, habe ich nicht weiter nachgefragt.

Ja, ich gestehe: Ich habe es genossen, mich in Schnittmuster, Stoffproben und hübsche Accessoires für Babykleidung zu vertiefen. Meine neue Sucht habe ich vor mir selbst damit gerechtfertigt, dass wir durchs Selbermachen viel Geld sparen. Okay, gleichzeitig hatte ich auch für nichts anderes mehr Zeit, das gebe ich freimütig zu. Kinderwagen, Kindersitze, Kinderzimmer … größere Wohnung? Das sind alles Dinge, um die man sich später immer noch kümmern kann, oder nicht? Ich bin erst in der siebzehnten Schwangerschaftswoche. Man sieht nicht mal, dass ich schwanger bin. Also, wenn man mich nicht so gut kennt. Sonst schon.

Ich habe gerade den Koffer auf den Schrank geschoben – erstaunlich, wie schwer diese winzigen Kleidungsstücke sind —, als ich die Wohnungstür höre. Das muss Frank sein. In letzter Zeit hat es sich so ergeben, dass ich abends immer ein warmes Essen vorbereitet habe, weil es oft spät wird, bis mein Kriminalkommissar nach Hause kommt. Und da ist mir das bisschen Zeit, das uns noch bleibt, einfach zu schade für Küchenarbeit oder Planungen unserer Zukunft.

»Lucy, bist du oben?« Seine Stimme klingt nach guter Laune.

Sofort wird es in meinem Bauch warm. Hätten Sie gedacht, dass eine Schwangerschaft sich positiv auf die Libido auswirkt? Ich auch nicht.

Vielleicht spielt auch die Angst eine Rolle, dass es mit den etwas akrobatischeren Aktionen, die wir in den letzten Monaten ausprobiert haben, bald vorbei sein könnte, die mich geradezu gierig danach macht, alle Gespräche, die ich mit meinem Liebsten führe, im Bett zu beenden. Allerdings haben wir heute noch nicht gegessen, also steige ich vom Stuhl herunter und trage ihn rasch zu der Treppe, bevor Frank heraufgestiegen ist und am Ende das Mahl als unwichtig deklariert. Denn bei aller Liebe – das geht gar nicht. Schließlich musste ich mir schon meine heißgeliebten Trüffelpralinés und Schokolade abgewöhnen, weil sie mir neuerdings Unbehagen bereiten. Noch dazu sind die Vormittage, was meinen Appetit und meine Fähigkeit, Essen zu genießen, angeht, nach wie vor problematisch. Da kann niemand ernsthaft von mir erwarten, dass ich auf meine Abendmahlzeit verzichte, da stimmen Sie mir sicherlich zu? Egal, wie toll der Sex sein mag – mit leerem Magen geht das einfach nicht. Frank weiß das, und doch versucht er immer mal wieder, schneller zu sein als ich.

Heute jedoch nicht! Ich halte ihm den Stuhl entgegen, als er die oberste Stufe der Raumspartreppe erklommen hat, und schenke ihm mein reizendstes Lächeln. »Kannst du den bitte runtertragen? Wir können sofort essen.«

Zum Glück versteht er, worum es hier geht, und tut, was ich ihm aufgetragen habe. Kurz darauf lassen wir es uns schmecken.

»Hast du in letzter Zeit etwas von Herbert gehört?« Warum ich Frank ausgerechnet nach meinem Antagonisten frage, ist mir selbst nicht klar, aber anscheinend weckt das Wissen, ab Montag wieder täglich zu arbeiten, auch die Erinnerungen an andere Details meines Alltagslebens.

Frank kaut den Bissen Lasagne fertig und schluckt unter. Seine dunklen Brauen haben sich über den warmen, braunen Augen leicht gehoben. Ich muss mich beherrschen, nicht mit meinem Zeigefinger das Tröpfchen Soße in seinem Mundwinkel aufzutupfen. Bevor er antwortet, leckt er es selbst ab. Verstörend, dass ich diese simple Geste als warmes Gefühl unterhalb meines Nabels spüre!

»Nein, warum fragst du?«

»Ich weiß nicht genau … Mit wem arbeitest du denn jetzt zusammen, immer noch mit dieser, wie heißt sie noch?«

»Du meinst die … Dings. Nein, die ist in Mutterschutz. Aber Tina darf jetzt endlich ran, wir werden in Zukunft ein Ermittlerteam bilden.«

»Tina? Cool, ich mag sie.« Ich muss sofort daran denken, wie sie auf meiner legendären Party letzten Oktober völlig verwirrt auf die Familienbande Schober reagiert hat. Und wie sie mir Ilinas Intrigen gegenüber zur Seite stand. Ja, Tina ist sympathisch. Außerdem kennen die beiden sich schon seit mindestens drei Jahren.

»Ja, ich auch. Sie ist noch ein bisschen übermotiviert, aber das wird sich einspielen.«

»Ach komm, du bist ja nur sauer, weil du ihr dann nicht mehr die Berichte aufs Auge drücken kannst.«

Frank verzieht seine vollen Lippen, dann grinst er entwaffnend. »Deine Kombinationsgabe erstaunt mich doch immer wieder.« Es sieht so aus, als wolle er noch etwas anhängen, aber dann schweigt er.

»Was ich dir noch erzählen wollte«, fange ich an, weil mir in dieser Sekunde wieder einfällt, was Ilina zu mir gesagt hat. »Im Callcenter habe ich anscheinend einen heimlichen Verehrer.«

»Oh nein, nicht schon wieder!« Franks Reaktion versetzt mir einen Dämpfer, und mir ist sofort klar, weshalb. Auch ohne, dass Heulsuse losjammert: ›Mist, dann ist er jedenfalls nicht der romantische Liebhaber.‹

Etwas pikiert wackle ich mit den Schultern. »Was ist das denn für eine Antwort? Du weißt doch noch gar nichts.«

Er greift mit seiner warmen Hand nach meiner, und ich liebe seine Berührung viel zu sehr, um sie abzustreifen.

»Lucy, sei mir nicht böse, aber mit Verehrern haben wir bisher nur schlechte Erfahrungen gemacht, stimmt’s?«

Ich nicke, den Mund zu einer beleidigten Schnute gezogen, und murmle: »Ist das vielleicht meine Schuld?«

Er schenkt mir ein unwiderstehliches Lächeln. »Nur indirekt, weil du einfach so betörend bist.«

›Pff‹, zischt Lady Tough geringschätzig in meinem Kopf, während Heulsuse beseligt seufzt, was auch meine eigene spontane Reaktion gewesen wäre, wenn die Lady sich nicht vorgedrängt hätte. Im Innern ist mir ja klar, dass meine toughe Hälfte recht hat. Also entscheide ich mich, ihren Kommentar laut auszusprechen.

»Pff. Herbert war nicht mein Verehrer, sondern deiner!» Böse funkle ich Frank an, der eine Grimasse schneidet und seine Gabel neben den geleerten Teller legt.

»Was genau bedeutet denn in diesem Fall ›heimlicher Verehrer‹?«

»Ilina hat mir erzählt, es gäbe da ein Gedicht, vielleicht auch mehrere, die bei Dürri gelandet sind, aber an mich gerichtet waren. Der Verehrer hat also wenigstens nicht meine persönliche Mailadresse.«

Frank legt den Kopf schräg und denkt nach. »Lass uns das mal im Auge behalten. Wer weiß, wer dahinter steckt. Gedichte sind oft nur der Anfang.«

»Der Anfang wovon?«

»Ach, nichts. Wir behalten das einfach mal im Blick, ja? Bist du satt, Liebes?«

Er greift nach meinem leeren Teller und stellt ihn auf seinen, dann steht er auf und räumt beide in die Spülmaschine. Sein Lächeln vertreibt alle Fragen aus meinem Kopf, die ich ihm noch stellen wollte, und als er nach meiner Hand greift, braucht es keine weiteren Überzeugungskünste, um mich nach oben in unser kuscheliges Schlafloft zu locken. Es ist eh schon spät, und nichts ist entspannender als ein Gutenacht-Schäferstündchen mit meinem hinreißenden, attraktiven, ausdauernden, unwiderstehlichen, nimmersatten Kriminalkommissar.

Am Montagmorgen fühle ich mich gut gewappnet, als ich das Gebäude der Mediaboutique nach fünf Wochen Zwangspause zum ersten Mal wieder betrete, und niemanden erstaunt es mehr als mich selbst, dass ein gerührtes Kribbeln in meiner Brust anwächst, nachdem ich den Lift bestiegen habe. Die Türen schließen sich gerade, da schiebt sich eine grazile Frauenhand dazwischen, wodurch sie mit einem leisen Zischen wieder aufgehen. Ilina huscht neben mich, und mit dem Rücken zu all den Bankern, die im dritten Stockwerk aussteigen, stehen wir einträchtig nebeneinander – fast gleich groß, blond und braun, und erstaunlicherweise gibt es keinerlei negative Schwingungen zwischen uns beiden. Anscheinend haben sich alle Animositäten, die uns jemals getrennt haben, verflüchtigt. Noch wage ich es nicht, diesem Frieden zu trauen, aber ich erlaube mir vorsichtig, eine Freundschaft mit der Vanilla-Latte-Königin in Betracht zu ziehen. Dass sie bei Weitem nicht so unbedarft ist, wie sie anfänglich glauben machen wollte, habe ich ja längst bemerkt. Und auch Lena hat mir erst neulich in einem Telefonat berichtet, dass Ilina ihr in einer Diskussion mit Dürri darüber, wann wir Mitarbeiterinnen ein Gespräch grußlos beenden dürften, zur Seite gestanden hat.

»Bist du wieder fit?«, fragt sie mich, nachdem die Anzugträger den Aufzug verlassen haben, und ich sehe nur Interesse in ihren Augen.

»Ja, und ich freue mich auf die Arbeit. Auch wenn ich mir auf lange Sicht was anderes suchen will. Aber erst mal ist es schön, euch alle wiederzusehen.«

»Das ist kluge Entscheidung.« Sie lässt ihren Blick zu meinem Bauch wandern. »Solltest du machen schnell, bevor man Babys kann sehen.«

Ausnahmsweise reagiere ich gnädig auf diese Bemerkung, zumal ich das ja auch so sehe. Aber generell mag ich kluge Ratschläge nun mal so gar nicht. Ich nicke einfach, und schon öffnen sich die Fahrstuhltüren zu dem altgewohnten ›Pling‹.

Als hätte er gewusst, wer kommt, steht Dürrbier da, die Hände im Rücken verschränkt, mit leicht vorgebeugtem Rumpf. Irre ich mich, oder hat sich sein Haarkranz noch weiter Richtung Hals verschoben? Nein, auf ihn freut sich keine einzige Faser in mir. Eher weckt sein Anblick einen Fluchtimpuls in meinem Rückenmark. Aber ich bewahre Haltung und erwidere sein Lächeln, in dem er seine von Zigarillo-Rauch und Kaffee gelblich verfärbten Zähne bleckt.

»Welch ein Glanz in unseren heiligen Hallen«, ruft er aus. Ich kann nicht verhindern, dass meine Augen sich bei seinen Worten in Richtung Decke verdrehen. Irre ich mich, oder höre ich die Kolleginnen leise kichern? Mist, mein Hochgefühl wird sofort gedämpft. Ich meine, verstohlene Blicke zu spüren. Trotzdem bemühe ich mich um ein unverkrampftes Lächeln und sehe meinen Chef an.

»Guten Morgen, Herr Dürrbier.« Ohne seine Antwort abzuwarten, schicke ich mich an, den langen Weg durch die Schreibtische der Kolleginnen – die männlichen Mitarbeiter sind natürlich mitgemeint, wie immer – zu meinem Arbeitsplatz einzuschlagen, da packt mich der Chef am Arm. Zum Glück trage ich einen Wollpullover, sodass er nicht meine Haut berührt. Nur mit Mühe ein angewidertes Grunzen unterdrückend, starre ich die knochige Hand an, deren Finger wie mit gelblichem Leder überzogene Klauen aussehen. Überhaupt wird mir in einem irrationalen Gedankenblitz klar, ist alles an Dürri gelb. Fahlgelb. Ekelgelb. Ich schlucke mühsam und frage mich eine Sekunde, ob solche Empfindungen für meine Babys gut sein können. Doch bevor ich mich in einem Gedankenwirrwarr verlieren kann, sorgt mein Kleinhirn dafür, dass ich die Klauenhand durch eine natürlich wirkende Bewegung abschüttle und meinem Chef emotionslos in die Augen blicke.

»Wir heißen Sie herzlich Willkommen, liebe Frau Schober, und freuen uns, dass Sie wieder unter uns weilen. Ihr Arbeitsplatz«, damit deutet er auf meinen Schreibtisch, und ich sehe Lena, die mir dort gegenübersitzt und mir ihr liebevoll-verschwörerisches Lächeln schickt, »und Ihre Kollegin warten schon auf Sie. Und doch«, er macht eine Kunstpause und beeindruckt mich damit nachhaltig, denn Eloquenz hat bisher wahrlich nicht zu Dürris Stärken gezählt, »und doch möchte ich Ihnen zuvor noch etwas zeigen, liebe Frau Schober.« Er betont das Wörtchen ›liebe‹, das er nun bereits zwei Mal benutzt hat, was mich hellhörig werden lässt. Immer, wenn Dürri jemanden als ›lieb‹ bezeichnet, geht es ihm einzig und allein um den gesteigerten Umsatz. Und für einen gesteigerten Umsatz kann ich ja nicht verantwortlich sein, da ich fünf Wochen nicht gearbeitet habe. Das Ganze ist also mehr als suspekt. Er will wieder nach meinem Arm greifen, was ich nur durch geschicktes Umgreifen meiner Handtasche verhindern kann, und dirigiert mich nun zu der Wand, an der immer die Mitarbeiterinnen des Monats ausgehängt werden. Ich entdecke neben dem Kasten ein DinA4-Blatt und ahne, was das ist. Mit einem nervösen Ziehen im Magen nähere ich mich dem ominösen Gedicht meines heimlichen Verehrers. Offenbar ist es bisher doch nur eines, oder Dürri hat nur eines aufgehängt. Ilina folgt mir auf dem Fuß, und ich höre ihre leise Stimme die absurden Worte deklamieren, die sie mir schon einmal aufgesagt hatte: »Gebenedeit der Tag, der Mond, das Jahr«, und wieder fängt sie an zu glucksen.

Ich bin nahe genug heran, um die Überschrift entziffern zu können: »An Lucinden«.

Dürri deutet mit einer großspurigen Geste auf den Bogen Papier. Das nervöse Ziehen wird zu einem Kribbeln, und mit wachsendem Erstaunen lese ich den eigentümlichen Text auf dem Blatt.

Der Segen

Gebenedei’t der Tag, der Mond, das Jahr,

Die Jahreszeit, die Stunde, die Sekunden,

Das schöne Land, der Ort, wo mich gebunden,

Wo mich umstrickt der holden Augen Paar:

An diesem Punkt angekommen, bemerke ich, dass Dürri leise mitliest, und überrascht erkenne ich die Begeisterung in seiner Stimme. Ein Seitenblick überzeugt mich davon, dass er diesen Text auswendig aufsagen kann. Ich schlucke, dann lese ich rasch weiter, um mit Dürris Tempo mithalten zu können.

Gebenedei’t, das ach! so süss mir war,

Das erste Bangen, dem sich Lieb’ entwunden:

Der Bogen und der Pfeil, die ich empfunden,

Die Wunde, die mein Herz trifft immerdar.

Gebenedei’t die Worte, die ich ihr,

Der Herrin, ihren Namen rufend, weihte;

Die Seufzer und die Tränen, die Begier:

Gebenedei’t sei eine jede Seite, 

Die Ruhm ihr gab, und der Gedank’ in mir,

Der sie allein nur kennt, und keine Zweite.

In meinem Ohr höre ich immer noch Dürris gedämpfte Stimme, und nur widerwillig gestehe ich mir ein, dass seine Intonation diesem … Sonett? … irgendwie was gibt. Ich begreife sofort, dass es ein Liebesgedicht ist, wundere mich allerdings, dass es mit »Der Segen« betitelt ist. Ich nehme mir vor, im Internet danach zu suchen, weil ich gleich denke, dass es auch berühmt sein könnte. Leider bin ich in dieser Hinsicht nicht sattelfest.

»Wundervoll, nicht wahr, Frau Schober?« Dürris Augen leuchten in seinem gelben Gesicht vor Begeisterung, und für einen wahnwitzigen Moment frage ich mich, ob er selbst womöglich …? Aber nein, das wäre absurd. Trotzdem vermag ich sein Verhalten nicht einzuschätzen. Was bezweckt er mit seiner Freundlichkeit mir gegenüber? Denn nicht nur, dass er mich jetzt zu meinem Schreibtisch geleitet, nein, er fordert Ilina auch noch dazu auf, mir einen Kaffee an meinen Arbeitsplatz zu bringen.

»Nehmen Sie doch bitte die Lieblingstasse unserer Mitarbeiterin dafür. Die mit der Mohnblume.« Mit diesen Worten entfernt der Chef sich endlich in Richtung seines Büros, und ich atme auf.

»Was warn das?«, erklingt die warme Stimme von Lena, und sie zwinkert mir über unsere Bildschirme hinweg zu. »Hascht du dem Dürri irgendwas verabreicht?«

Ich erwidere ihr herzliches Lächeln und schüttle den Kopf, während ich meinen PC einschalte und darauf warte, dass sich die Maske öffnet, um mich einzuloggen. »Du, ich habe null Ahnung.« Mit einem Kopfrucken in Richtung der Mitarbeiterwand und des Gedichts spreche ich weiter: »Und was das dort soll, weiß ich auch nicht. Wann ist dieses komische Gedicht denn angekommen?«

Lena blickt nachdenklich zur Seite, dann nickt sie kurz. »Vor einer Woche. Es hängt seit acht Tagen da.«

»Hier, bitteschön.« Ilina ist herangekommen und stellt meine Tasse mit der Mohnblume neben meinen PC.

Mit einem leichten Kopfschütteln reiche ich sie ihr zurück. »Sei mir nicht böse, Ilina, aber ich kann das nicht trinken.«

»Ach, wegen Koffein? Aber hast du doch letzte Woche noch Kaffee mit uns getrunken?«

Lena beugt sich herüber und streckt die Hand aus. »Ich nehme den Kaffee gerne.« Sie lacht auf. »Es liegt nicht am Koffein, hab ich recht?«

Ilina übergibt Lena die Tasse, dann tippt sie sich nachdenklich mit dem Zeigefinger auf die Oberlippe und mustert mich. Ein Ausdruck des Erkennens zieht über ihr schönes Gesicht. »Ah, weiß ich. Hat der Chef benutzt deine Tasse vor ein paar Wochen. Ist es deshalb?«

Ich nicke. »Genau. Seitdem kann ich mich nicht mehr überwinden, daraus nur einen einzigen Schluck zu nehmen. Auch wenn ich mir hundertmal sage, dass sie in der Spülmaschine völlig sauber geworden ist.«

»Bringe ich dir gleich frischen Kaffee«, erklärt Ilina.

»Hm, dein Vanille-Kaffee ist einfach köstlich«, murmelt Lena, die gerade einen Schluck genommen hat. Um uns herum höre ich plötzlich ein warnendes Zischen, das den Lärm der permanent geführten Telefongespräche der Kolleginnen untermalt, und da sehe ich im Augenwinkel die Gestalt, die sich nähert. Woher Dürri weiß, wenn irgendwo ein paar Minuten nicht gearbeitet wird, ist mir echt ein Rätsel – vielleicht spioniert er die Aktivitäten auf unseren Computern aus? Und ich habe bisher nicht einmal nachgesehen, ob es noch Mails zu beantworten gibt, geschweige denn die erste Liste geöffnet, die Dürri mir zugeteilt hat, und die ich abtelefonieren soll. Jedenfalls naht er in seinem typischen Stechschritt heran, der einfach lächerlich wirken würde, wenn der kleine Mann nicht eine frappierende Ähnlichkeit mit Stromberg hätte, dem Inbegriff des intriganten, fiesen Büromenschen. Dadurch erhält seine Gangart etwas subtil Bedrohliches. Sie wissen schon, wie bei diesen kleinen Hunden, die auf den ersten Blick als Wadenbeißer zu entlarven sind. Vor ihnen muss man sich in acht nehmen.

Lena stellt rasch ihre Tasse ab, richtet den Blick auf ihren Bildschirm und wählt eine Telefonnummer, was ich daran erkenne, dass sie wenig später freundlich in ihr Headset säuselt, um den Kunden zu begrüßen, der am anderen Ende der Leitung abgehoben hat. Ilina ihrerseits entfernt sich von unserem Schreibtisch, und zwar in die entgegengesetzte Richtung, um nicht am Chef vorbeizumüssen. Ich lege rasch das Headset an, öffne die erste Liste und klicke auf die oberste Nummer. Als Dürri heran ist, ertönt das Freizeichen, und nach dem zweiten Läuten ist jemand dran.

Einer Bemerkung meines Chefs komme ich zuvor, indem ich meine übliche Begrüßung abspule: »Einen wunderschönen Guten Tag, Callcenter Mediaboutique, Lucinda Schober am Apparat.« Dürri grinst zufrieden und geht weiter, während ich versuche, meinem ersten Kunden ein Zeitungsabonnement aufzuschwatzen.

Tja, bis zur Mittagspause hat sich trotz des von Ilina gestifteten Kaffees in der Eulentasse (meiner zweitliebsten) in meiner Gefühls- und Gedankenwelt die Erkenntnis festgesetzt, dass ich mir einen anderen Arbeitsplatz suchen muss. Dringend.

Die Pause ist eine Erlösung, und es tut mir so gut, endlich wieder mit Lena zusammen zu den Kasematten zu schlendern, wo wir ein Mittagessen nehmen wollen.

»Weißt du, Rouwen meint, ich sollte auch sehen, dass ich von der Mediaboutique wegkomme«, sagt sie, nachdem ich ihr erzählt habe, dass ich schon vor Monaten nach einem anderen Job Ausschau halten wollte. Mein Juristenbruder Rouwen, der sich durch die Beziehung mit Lena in einer überraschenden Metamorphose vom überperfektionistischen, gnadenlosen Rechtsanwalt zu einem herzlichen und sensiblen Guten entwickelt hat, rät ihr also das Gleiche? Eigentlich sollte mich das nicht überraschen, da ich weiß, dass Lena im Callcenter ihr Licht definitiv unter den Scheffel stellt – wie ich selbst ja auch. Bei mir war es die Revolte gegen die elterlichen Ansprüche, die mich dazu verleitet hat. Aber auch Lena hat ihr Studium vorzeitig beendet und ist in der Mediaboutique gestrandet, allerdings aus anderen Gründen als ich: Sie leidet unter Prüfungsangst, was ihr den Abschluss unmöglich gemacht hat.

»Ehrlich gesagt denke ich drüber nach, wieder ins Modebusiness einzusteigen«, überrascht sie mich mit ihren Worten. Lena ist eine etwas spezielle Art Frau. Früher hielt ich sie für unscheinbar, was aber wohl daran gelegen hat, dass sie sich den Diktaten unserer Zeit gebeugt hatte. Lena ist der Typ, den man als Plus-Size-Model buchen könnte, wenn Sie wissen, was ich meine. Und nein, sollten Sie da auch nur eine Spur von Häme heraushören, irren Sie sich. Falls Sie Lena noch nicht kennen, halten Sie mal schön Ihre Klappe.

Lena ist eine Wawawawumm-Frau, und bloß weil wir in den Medien, in Filmen, Zeitungen und auf Werbeplakaten mit Magermodels vollgespammt werden, schämt jemand wie sie sich ihrer Formen. Ich kann mit meiner eigenen Figur unter der Wahrnehmungsschwelle hindurchtauchen, weil ich weder dick noch dünn, weder groß noch klein bin. Ich bin einfach gut so. (Glauben Sie mir, es hat mich eine Weile gekostet, dazu zu stehen. Mein Traummann und Kriminalkommissar hat mir da sehr geholfen.)

»Modebusiness?«, frage ich überrascht, weil ich nicht den geringsten Schimmer hatte, dass sie damit was am Hut hat. Weil sie noch bis vor einigen Monaten – genauer gesagt, bis sie zum ersten Mal in Kontakt mit dem Haus Schober gekommen ist, in dem Äußerlichkeiten eine eminent wichtige Rolle spielen – auf ihre Kleidung nicht sonderlich viel Wert gelegt hat. Lena kleidete sich unauffällig, was sich inzwischen allerdings geändert hat. Sie ist unglaublich stilsicher, was Muster und Farben betrifft, und ihre Kurven setzt sie perfekt in Szene, ohne dabei auch nur im Geringsten plakativ, herausfordernd oder gar vulgär zu wirken. Ich habe mir heimlich schon so manchen Styling-Tipp bei ihr abgeguckt.

»Ja, ich entwerfe und nähe meine Klamotten wieder selbst. Früher wollte ich Designerin werden, aber das Studium hat mich total entmutigt.« Sie deutet auf das Lokal, zu dem wir gehen wollten. »Das ›La Tasca‹ hat heute Ruhetag. Sollen wir ins ›Delphi‹ in der Bastion VI?«

»Lucy, Lena«, höre ich eine sonore weibliche Stimme, und zum ersten Mal löst sie kein unangenehmes Ziehen in mir aus. Auch Lena wirkt eher erfreut, als sie sich umdreht und Ilina erkennt, die mit raschen Schritten auf uns zukommt. »Darf ich anschließen mich? Wollt ihr essen gehen zur Feier des Tages?«

»Feier des Tages?«, frage ich und warte, bis sie heran ist.

»Erster Arbeitstag.« Ilina grinst entwaffnend. »Wohin wollt ihr?«

»Zum Delphi.« Sie schließt sich uns an, und nachdem wir den Anton-Merziger-Ring überquert haben, betreten wir das urige Restaurant in den Gewölben der ehemaligen Festungsanlagen und lassen uns vom Kellner einen Tisch zuweisen.

Unsere Entscheidung für ein Getränk und ein Gericht fällt rasch, und ich frage Lena nach ihren Plänen. »Aber nochmal zu deinen Modeideen. Du willst daraus einen Beruf machen? Was schwebt dir denn vor – einen Laden eröffnen?«

»Nein, vorerst nicht. Ich will Mode machen und sie im Internet anbieten, verstehst du?«

»Meinst du, das läuft?«, frage ich zweifelnd.

Lena runzelt die Stirn und nimmt vom Kellner ihre Apfelschorle entgegen, um einen großen Schluck zu trinken. »Es ist den Versuch wert, oder nicht? Ich muss mir ein Label schaffen, einen guten Namen.«

»Mode für Mollige?« Ilina grinst, und ich bin mir nicht sicher, ob ich da Überheblichkeit vonseiten der zierlichen, personifizierten Eleganz erkenne. Sie schenkt dem Kellner, der ihr nun ihren Salatteller hinstellt, ein atemberaubendes Lächeln, bevor sie Lena zunickt. »Finde ich eine super Idee.«

»Tatsächlich?«, fragen Lena und ich gleichzeitig.

»Klar. Du hast es drauf.« 

Auf dieses unfassbare Kompliment der ehemaligen Zimtzicke schweigen Lena und ich beeindruckt und genießen die ersten Bissen unseres Essens.

»Ich finde, sie hat recht«, sage ich schließlich. »Erstens bist du wirklich gut«, ich deute mit dem Kinn auf den Hosenträgerrock aus blassrotem, verwaschenen Jeansstoff, den sie heute trägt und um den ich sie ehrlich beneide, »und ich kann mir auch vorstellen, dass dir das richtig Spaß machen wird. Ich finde Nähen nämlich auch total geil.«

Lena legt ihre Gabel zur Seite und schaut mich an. »Du? Seit wann?«

»Ach, ich mache nur Babykram.« Ich winke ab und ziehe verlegen den Kopf zwischen die Schultern. »Und ein bisschen Schwangerschaftsmode. Aber ich entwerfe nicht selbst.« Ich halte inne und schaue zur Decke, mir darüber klar werdend, dass ich mir mal wieder etwas nicht zutraue und es nur deshalb nicht mache. »Also, Ideen hätte ich schon, aber ich traue mich nicht. Schließlich habe ich keine Ausbildung. Und außerdem erledigt sich das ja, wenn die Babys erstmal da sind und ich meine normale Figur zurück habe.«

Damit zücke ich mein Handy, um Lena die Babystrampler, Höschen und Oberteile zu zeigen, die ich genäht habe. Sie quiekt begeistert.

»Lucy, die sind klasse! Und was ist mit den Schwangerschaftssachen? Hast du davon auch ein paar Bilder?«

Darauf zeige ich ihr auch die Pumphosen, die ich für mich selbst genäht habe, und die bis in den Sommer hinein mitwachsen werden.

Sie strahlt mich an. »Daraus machen wir was! Kannst du dir vorstellen, auch Sachen im Partnerlook zu nähen? So Mama-und-Kind-mäßig, meine ich. Wir könnten gemeinsam einen Internethandel aufziehen. Babysachen, Mamasachen, Freundinnensachen. Mode von echten Frauen für echte Frauen, sowas halt. Ich mache meine Kollektionen für Frauen, du machst deine für Babys und Schwangere beziehungsweise Mamas.«

Verdattert starre ich sie an, doch mein Zögern dämpft ihre Begeisterung kein bisschen. »Wie viel Vorlauf brauchst du, um ein paar Teile in mehreren Größen zu machen? Oder«, sie redet sich immer mehr in Begeisterung, während Ilina von ihr zu mir blickt und dabei ihren Salat verspeist, »wir können auch auf Bestellung produzieren. Aber dazu brauchen wir ein paar Teile, die wir zeigen können. Am besten am lebenden Model, also Fotos von dir und von mir. Und vielleicht dürfen wir Ellens Paula auch als Fotomodel nehmen. Dann stellen wir Bilder online und warten, was passiert. Ich kenne ein paar Shops, bei denen man Selbstgemachtes anbieten kann. Das machen wir, Lucy!«

»Ich, ähm …«, fühle mich überfordert und zögere. »Ich denke drüber nach, okay?« So schnell bin ich nicht im Umschalten, schon gar nicht, wenn es um berufliche Aussichten geht. Sonst wäre ich ja auch längst nicht mehr bei der Mediaboutique.

»Solltest du aber machen schnell mit Nachdenken«, erklärt Ilina, die ihren Salat aufgegessen hat. »Ist es jetzt guter Zeitpunkt, um Business zu starten. Wenn du erstmal hast Bauch und dann Babys, wird sein besser, wenn schon ein paar Leute kennen eure Sachen.« Sie wendet sich Lena zu. »Finde ich das wirklich großartige Idee. Macht das.«

Wir reden uns noch eine Weile die Köpfe heiß, weil ich mich immer noch nicht auf den Gedanken einlassen kann und beide mir in den schönsten Farben ausmalen, was für ein großartiges Geschäft aus der Idee entstehen könnte. Am Ende haben sie mich fast überzeugt, und erst als wir das Lokal verlassen, wird mir bewusst, dass meine inneren Zwillinge heute noch gar nichts gesagt haben.

Das ändert sich jedoch, als wir zurück ins Callcenter kommen und Ilina mit dem Versprechen, uns einen Kaffee zur Stärkung für den Nachmittag zu bringen, in Richtung Kaffeekabuff verschwindet, während Lena und ich unseren Schreibtisch ansteuern.

Wir sehen sofort die Traube der Kolleginnen, die vor der Mitarbeiterinnenwand stehen und etwas anstarren, und jetzt höre ich unzweifelhaft Lady Tough, die in meinem Kopf ein eigenartiges Knurren ausstößt. Ich kann mich nicht entscheiden, ob es zornig, warnend oder verunsichert klingt, da bewegen sich meine Füße auch schon wie ferngesteuert auf die Wand mit dem DinA4-Bogen zu, der dort angepinnt wurde – neben das »Gebebenei’t«-Gedicht, das ich noch nicht verdaut habe. Spätestens, als die Kolleginnen auseinandertreten, um eine Gasse für mich zu bilden, ist mir klar, dass es ein zweites Schreiben an mich ist, und dass Dürrbier es ausgedruckt und aufgehängt haben muss.

›Oh weia‹, unkt Heulsuse in meinem Kopf, ›ich ahne Schreckliches. Wer weiß, welcher Irre dahintersteckt.‹

›Und worauf er aus ist‹, ergänzt Lady Tough, bevor ich beiden entschlossen die Klappe verbiete – mittlerweile so geübt, dass niemand um mich herum bemerkt, was sich in meinem Kopf abspielt, während ich mich dem Text nähere. Wie beim letzten Mal steht ›An Lucinden‹ darüber. Mir wird ein bisschen übel, als ich halblaut lese:

Ungewissheit

Seh’ ich dich: nicht seufze ich, noch wein’ ich:

Erblick’ ich dich: stets meiner Herr erschein’ ich;

Und dennoch, war ich lange von dir ferne,

so fehlt mir etwas, seh’ ich wen so gerne,

und sehnsuchtsvoll frag’ ich mich selber trübe:

Sprich, ist das Freundschaft, oder ist es Liebe?

»What the fuck«, höre ich Lena murmeln und blicke zu ihr. Ihre Stirn ist gerunzelt, als sie meinen Blick erwidert. Ich ziehe die Mundwinkel nach unten und schüttle den Kopf, bevor ich nach Dürri Ausschau halte. Er hat anscheinend nur darauf gewartet, dass ich nach ihm suche, denn schon ist er zur Stelle und sieht mich lauernd an, ohne etwas zu sagen.

»Woher ist das?«, frage ich tonlos.

»Wundervoll, nicht wahr? Es kam heute Morgen per Mail. Leider ohne Absender, sonst hätte ich den Sender gefragt, ob er diese beiden wunderbaren Gedichte selbst verfasst hat. Und ich würde ihm Ihre E-Mail-Adresse geben. So sehr ich diese Lyrik wertschätze, so sehe ich doch ein, dass dies eine Privatangelegenheit ist, liebe Frau Schober.«

»Sind des Wahnsinns Sie?«, erhebt Ilina ihre kräftige Stimme und spricht meine Gedanken laut aus. »Werden Sie auf keinen Fall geben heraus Lucys Adresse. Wäre auch gegen die Datenschutzgrundverordnung.«

Beeindruckt werfe ich Ilina einen Seitenblick zu. Wie leicht ihr dieses Wort von den Lippen kommt, das ich immer erst nach dreimaligem Anlauf aussprechen kann.

Dürri duckt sich fast unmerklich, dann nickt er in einer ergebenen Geste, die bei ihm wirklich, wirklich deplatziert wirkt. »Da haben Sie recht, Fräulein Kowalska.« Darauf klatscht er in die Hände. »Und nun alle wieder hübsch zurück an die Arbeit. Wenn unsere Mediaboutique solche Post bekommt, bedeutet das, dass unsere Arbeit wertgeschätzt wird, so müssen wir das sehen, nicht wahr? Also bitte, meine Damen – und Herren – steigern Sie den Umsatz, und vielleicht erhalten wir bald alle solche Liebeslyrik.«

Mit nach wie vor mulmigem Gefühl im Magen drehe ich mich um, da greift Dürris Klauenhand nach meinem Arm, und er streckt mir ein zusammengerolltes Blatt entgegen, das er zuvor hinter seinem Rücken verborgen haben muss.

»Es geht noch weiter, meine liebe Lucinda. Das Gedicht hat noch viele Strophen. Wenn Sie mich fragen: Da ist Ihnen jemand in tief empfundener Liebe zugetan. So etwas erlebt man nicht oft. Sie sollten sich geschmeichelt fühlen.« Für einen Moment erscheint seine Zunge zwischen den trockenen Lippen, ein auf verstörende Art erschreckender Anblick. Entgeistert strecke ich die Hand aus, um das Papier an mich zu nehmen, und abermals formt sich weit hinten in meinem Kopf die bange Frage, ob Dürrbier etwas mit der Sache zu tun hat. Auf die Tatsache, dass er mich mit meinem Vornamen angesprochen hat, gehe ich nicht ein. Ich straffe die Schultern, um seine Hand abzuschütteln zu können, ohne meinen Ekel offen zu zeigen – schließlich will die Höflichkeit gewahrt bleiben. Mein Kopf jedenfalls fühlt sich an wie mit Watte gefüllt, nachdem ich, zurück an meinem Platz, die restlichen Strophen des Gedichts gelesen habe. Außer der wiederholten Frage ›ist das Freundschaft, oder ist es Liebe?‹ verstehe ich ehrlich gesagt nicht sehr viel. Sie vielleicht?

Schwind’st du dem Blick, will oft mir’s nicht gelingen,

Dein Bildnis den Gedanken abzuringen;

Und dennoch fühl’ ich manchmal wider Willen,

Dass stets es meine Seele wird erfüllen.

Und wieder thu’ ich mir die Frage trübe:

Sprich, ist es Freundschaft, oder ist es Liebe?

Ich litt zuweilen; nicht hatt’ ich den Willen,

Zu dir zu gehen, mein Leid dir zu enthüllen;

Doch wie ich planlos nicht des Weges achte,

Weiss nicht, was mich an deine Schwelle brachte;

Und überschreitend sie, frag’ ich mich trübe:

Was führt hieher mich? Freundschaft oder Liebe?

Mein Leben gäb’ ich für dein Glück zur Stelle,

Für deine Ruhe dräng’ ich bis zur Hölle,

Wiewohl mein Herz den kühnen Wunsch nie dachte:

Wenn ich dein Glück, ich deine Ruhe machte!

Und wieder thu’ ich mir die Frage trübe:

Sprich, ist das Freundschaft, oder ist es Liebe?

Wenn deine Hand auf meinem Arme lieget,

Fühl’ ich in holde Ruhe mich gewieget,

Mein Leben, scheint’s, hat leiser Schlaf geendet;

Doch stärk’rer Herzensschlag mich ihm entwendet,

Und macht mich durch die laute Frage trübe:

Sprich, ist das Freundschaft, oder ist es Liebe?

Als ich dies Lied dir schrieb in stiller Stunde,

War Dichtergeist nicht über meinem Munde;

Voll Staunen hab’ ich selbst nicht wahrgenommen,

Woher Gedanke mir und Reim gekommen;

Und noch zum Schluss schrieb ich die Frage trübe:

Was hat beseelt mich? Freundschaft oder Liebe?

 

Erinnerung – Drei Jahre zuvor

»Leonora?«

Leonie fuhr hoch und sah in das runzelige Gesicht ihres Großvaters, der dicht vor ihren Augen mit den Fingern geschnipst hatte, um ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Nur ihr Opa, Richard Spreulhagen, durfte sie bei ihrem Taufnamen nennen, ohne dass sie ausflippte. Der Alte hatte das Gesicht sorgenvoll verzogen und musterte sie nachdenklich. Inzwischen sah man ihm die fünfundachtzig Jahre an, und Leonie wusste, wie viel Mühe es ihn gekostet hatte, seinem Sohn Theodor, ihrem Vater, die Leitung der von ihm gegründeten Restaurantkette zu überlassen. Jetzt saßen sie im Stammhaus in der Hamburger City, es war spät, und die meisten Gäste hatten das Lokal verlassen, nicht ohne sich beim alten Spreulhagen mit Handschlag zu verabschieden. Leonies Opa war jeden Mittwochabend hier anzutreffen – immer, wenn er sicher sein konnte, dass sein Sohn eines der anderen Lokale aufsuchte. Sie beide, Leonie und der alte Richard, hatten es sich zur Gewohnheit gemacht, mittwochs hier einen letzten Schlummertrunk zu nehmen, wenn es bei Leonie ein langer Arbeitstag geworden war. Deshalb hatte sie auch heute, obwohl todmüde, nochmal im ›Spreulhof‹ vorbeigeschaut.

»Min Deern, wenn du nur in die nächste Woche stierst, kann ich nicht mit dir reden. Wo bist du?«, wollte der Alte nun wissen, und in seinem breiten Lächeln gruben sich die Fältchen um seine hellblauen Augen tief ein.

Sie seufzte. »Entschuldige, Opa, ich bin mit den Gedanken beim nächsten Artikel.« Sie schauderte, als sie an das letzte Gespräch des heutigen Tages dachte, und zog die Strickjacke vor ihrer Brust zusammen.

Der Alte runzelte die Stirn. »Warum hast du dir so eine schwere Arbeit ausgesucht? Sieh dich an, ein bildhübsches, zartes, junges Ding bist du …«

»Blödsinn«, unterbracht sie ihn. »Meine Arbeit ist nicht schwer, ich sitze die meiste Zeit am Schreibtisch!« Natürlich war ihr klar, dass er das nicht gemeint hatte. Trotzig schob sie die Unterlippe vor. »Außerdem bin ich kein zartes, junges Ding. Oma und du habt in meinem Alter schon euer zweites Restaurant eröffnet, also erzähl mir nichts von meiner schweren Arbeit, Opa, das ist nicht glaubwürdig.« Sie legte ihre Hand auf seinen Arm. »Abgesehen davon liegt Mutter mir schon in den Ohren, dass ich mir einen anderen Job suchen soll. Also bitte, fang du nicht auch noch damit an.«

Er wiegte den Kopf. »Deine Mutter macht sich doch nur Sorgen um dich, min Deern. In ihrem Innern wird sie wissen, dass du sehr wertvolle Arbeit machst.« Abermals runzelte er die Stirn. »Aber könntest du denn nicht den männlichen Kollegen den Vortritt lassen? Mädchen, lass die Polizei diese Dinge aufklären. Du könntest über andere Missstände berichten, warum musst du ausgerechnet im Milieu herumschnüffeln?«

Sie lachte trocken auf. »Im Milieu! Das ist fast putzig, wie du das sagst. Gerade weil ich eine Frau bin, und weil ich noch so jung und verletzlich aussehe, vertrauen die Mädchen sich mir an. Aber auch die Kerle reden bereitwillig mit mir. Und keine Sorge«, fuhr sie fort, als sie sah, wie der Alte sie unterbrechen wollte, »ich bin sehr gut vorbereitet. Du selbst hast mich in der Grundschule zu meinem ersten Wing-Chun-Kurs angemeldet. Und dafür bin ich dir auch ewig dankbar. Du siehst also«, sie streichelte sacht über seinen Arm, »alles ist gut. Und ich mache genau die Arbeit, die ich machen will, seit …« Sie hielt inne und dachte an den Tag ihrer Graduiertenfeier vor zwei Jahren zurück.

»Seit du Mircela kennengelernt hast«, vervollständigte ihr Opa den begonnenen Satz. Er atmete tief ein und aus. »So oft habe ich mich gefragt, ob du heute für andere Medien schreiben würdest, wenn sie …«, er hielt inne und schluckte. Leonie wusste, dass Mircelas Geschichte ihren Opa damals sehr mitgenommen hatte.

»Wenn sie überlebt hätte«, beendete sie seinen Satz und nickte. »Es gibt einfach zu viele Mircelas da draußen. Und jede einzelne, der ich helfen kann, aus den Klauen der Zuhälter zu flüchten und sich ein normales Leben aufzubauen, bestätigt mich in meiner Arbeit. Und ich weiß, dass du das verstehen kannst.« Sie verdrehte die Augen. »Sogar Mutter versteht es, da bin ich mir sicher. Sie setzt sich doch für die Rechte der Frauen ein, wie sollte sie da etwas dagegen haben, dass ich den Frauen helfen will, die am Rand unserer Gesellschaft stehen?«

Der Alte nahm Leonies Hand von seinem Arm und barg sie in seinen riesigen, warmen Pranken, und für eine Sekunde wünschte Leonie, sie könnte wieder das kleine, glückliche Mädchen sein, das nichts davon ahnte, was manche Männer Frauen antaten. Doch dann sprach er, und seine Worte wärmten sie von innen heraus, obwohl sie ihre Kindheitswelt nicht wiederauferstehen lassen konnten.

»Min Deern, die Welt wäre ein armseliger Ort, wenn es dich nicht gäbe. Und ja, du hast recht und du hast meine volle Unterstützung. Aber versprich mir, dass du immer gut auf dich achtgibst.«

»Natürlich tue ich das.«

Kapitel 3

Ein rhythmisches Summen vom Nachtkästchen her weckt Frank. Er wirft einen Blick auf Lucys Bettseite und sieht, dass sie noch fest schläft, greift nach seinem Handy und klettert gleichzeitig aus dem Bett. Als er den Anruf annimmt, hat er die Hälfte der Raumspartreppe bereits überwunden und flüstert unten »Was gibt es?« ins Telefon. 

»Wir sollen zum Campingplatz kommen«, hört er Tinas Stimme. »Männliche Leiche am Saaraltarm. Ein Spaziergänger mit Hund hat den Mann entdeckt.«

Zehn Minuten später trifft Frank auf Tina, die wie er beim Campingplatz parkt und zum Ufer der Alten Saar eilt. Es beginnt gerade erst hell zu werden. Für eine Sekunde fragt Frank sich, wieso jemand bei diesem Kackwetter noch im Dunkeln mit seinem Hund spazieren geht, dann kann er Tina erkennen. Ihre Augen leuchten. »Unser erster Fall als Ermittlerduo«, flüstert sie und verzieht das Gesicht wie ein Kind, das durch das Schlüsselloch ins Weihnachtszimmer späht. Unwillkürlich muss er grinsen.

Wenige Momente später erreichen sie den Fluss, in dessen Nähe die Leiche gefunden wurde. Frank sieht die Kollegen von der KTU, die die Spuren sichern, und ein Stück weit entfernt einen Mann – wohl der Zeuge —, der in ein Gespräch mit einem Kontaktpolizisten verwickelt ist. Zunächst eilt er, Tina im Schlepptau, zu Ringo Wachs, dessen weißer Overall im Dämmerlicht hell leuchtet.

»Ei Morjn, Frank!» Wachs schiebt mit dem Gelenk seines Mittelfingers die Brille auf seiner Nase nach oben. Die Gläser beschlagen von der Nasenwurzel her, was ihn schrullig wirken lässt. Dann sieht er von Frank zu Tina und zieht die Brauen hoch. »Ui, neues Dream-Team? Das loss ich mir gefalle.«

Tina winkt ab. »Guten Morgen, was hast du für uns?«

Frank schluckt, da sie ihm mit der Frage zuvorgekommen ist.

»Männliche Leiche, Mitte dreißig, Identität unklar. Kä Papiere. Offenbar gab’s e Schläjerei. Do sinn Hämatome im Gesicht, die Nas is gebroch. Sieht no Dodschlach oder Körperverletzung mit Todesfolge aus. Aber ganz genau wääß ich es erst in paar Stunne.«

»Und woran ist er gestorben?«, hakt Tina nach. »Eine gebrochene Nase bringt einen ja noch nicht um«, fügt sie hinzu, als Ringo sie mit gespitzten Lippen ansieht. Frank unterdrückt ein Kichern.

»Naja, do isser woll mit der Birn uff e Stein druffgeknallt.« Wachs deutet auf die Blutlache neben dem Kopf des Opfers, die man in der regennassen Erde und bei den Lichtbedingungen mit ungeübtem Auge erst auf den zweiten Blick erkennt.

»Schädel-Hirn-Trauma. Awwer genau kann ich es noch nit sahn.«

»Und wie lange liegt er schon da?« Frank betrachtet das Opfer. Sein durchaus attraktives Gesicht ist durch die geschwollene und blutunterlaufene Nase etwas entstellt, aber sein dichtes, dunkelblondes Haar sowie der Dreitagebart wirken gepflegt. Er trägt einen Wollmantel, der über einer Dark-Denim-Jeans und einem Rollkragenpullover auseinanderklafft, dazu einen Schal. Alles ist vom nächtlichen Regen durchnässt. Frank registriert, dass das Innenfutter des Mantels zu sehen ist, was darauf hindeutet, dass jemand in die Innentasche gegriffen hat. Zudem liegt er mit leicht verdrehtem Becken auf der Erde. Vielleicht hat man auch die Gesäßtaschen seiner Jeans durchsucht. Ein Blick auf die Schuhe verrät Frank, dass er an seiner Garderobe nicht spart: Timberlands, die noch neu wirken. Er deutet auf die Hände des Toten. »Gibt es Kampfspuren an den Knöcheln?«

Ringo Wachs schnaubt. »Also zu deiner erschten Frage: Wahrscheinlich seit gestern Abend, aber wann genau kann ich noch nit sahn. Mit dem Rän unn dem Temperaturabfall letscht Nacht is das schwer, so uff de erschte Blick. Und zweitens …«, er hebt eine Hand des Toten hoch und dreht sie, sodass Tina und Frank sehen, dass seine Knöchel aufgeplatzt und blutverschmiert sind. »Jo, offenbar hat der Kerl sich gewehrt. Sieht wie ein wohlhabender Mensch aus, aber na ja«, er zuckt die Achseln, »Klopperei kommt in de beschte Familie vor.«

Dann richtet er sich wieder auf. Zwei seiner Kollegen bringen einen Transportsarg. »Mir wäre dann soweit fertisch. Wenn du nix dageje hast, packe mir zusamme.«

»Moment«, ruft Tina aus, »ich muss mir noch von allem ein Bild machen.«

»Ei dann mach, ich hann kalt. Mir hann doch schon alles geknipst.«

Frank schüttelt den Kopf zu Ringos Worten, dann geht er genau wie Tina um die Leiche herum und betrachtet den Ort, sieht sich die Schuhabdrücke in der aufgeweichten Erde an und erntet von Wachs ein zustimmendes Nicken, als er sich zu ihm wendet, um danach zu fragen, ob sie erkennungsdienstlich gesichert sind. Tina, die diese stumme Kommunikation verfolgt, entfernt sich ein paar Schritte und leuchtet mit ihrer Handytaschenlampe in die Büsche, die zwischen der Alten Saar und dem Weg wachsen, an dessen Seite der Tote liegt. Sie geht noch einige Schritte weiter, sodass Wachs die Augen verdreht. »Han mir doch alles abgesucht«, grummelt er in Franks Richtung und schlägt sich mit den Händen an die Oberarme. »Mann, ich frier mir hie de Arsch ab.«

Frank verzieht die Brauen und blickt zu dem Mann mit dem Hund. Mit den Worten »Ich rede mit dem Zeugen« entfernt er sich von Ringo.

Der riesenhafte Hund verwarnt ihn mit einem leisen Knurren, als Frank sich seinem Herrchen nähert, einem älteren Mann in Mantel und Hut, unter dem weiße Haare hervorlugen.

»Akki, still!«, hört Frank, wie der Alte die Höllenkreatur in Schach hält, die sich daraufhin lammfromm auf die Hinterläufe setzt. Ein Sabberfaden spult sich von ihren Lefzen herab, und Frank hat das Gefühl eines Déjà vu. Diese Dogge kommt ihm bekannt vor. Doch das ist im Moment nicht wichtig.

»Guten Morgen, Sie haben den Mann gefunden?«

»Ja, ich bin wie immer zu unserer ersten Morgenrunde mit Akki an der Alten Saar lang gelaufen, vorbei am Campingplatz, und da hat Akki angeschlagen. Ich hätte den Mann sonst glatt übersehen. Bin ein bisschen nachtblind, wissen Sie? Habe dann sofort die Polizei informiert und nichts angefasst.«

»Haben Sie sonst irgendetwas Verdächtiges beobachtet?«

»Nein, nichts, aber das habe ich Ihren Kollegen schon zu Protokoll gegeben.«

Frank wirft den Kontaktpolizisten einen Blick zu, die ihm mit einem Nicken zu verstehen geben, dass sie die Personalien des Zeugen aufgenommen haben.

»Gut, dann wäre es das fürs Erste. Ich melde mich bei Ihnen.«

»Frank«, erklingt da Tinas Stimme. Er entlässt den Mann mit einer winkenden Geste und dreht sich um. Tina steht mehrere hundert Meter entfernt auf dem Weg und hält den Arm in die Luft. »Hier ist was. Komm mal bitte her.«

Er läuft zu ihr, gefolgt von Ringo Wachs, der den Kollegen ein Zeichen gibt, worauf diese die Leiche in den Transportsarg heben.

Tina ist in die Hocke gegangen und leuchtet mit dem Handy auf den Wegrand. »Ich glaube, das ist ein Handschuh.«

Wachs geht ebenfalls in die Knie, macht ein Foto von dem Fundstück und hebt es dann mit seinen behandschuhten Händen hoch. »Stimmt.« Tina zieht einen Plastikbeutel aus ihrer Jackentasche und reicht ihn Frank, der ihn öffnet und Ringo auffordernd hinhält. Mit ein paar gemurmelten Worten lässt der den Handschuh in den Beutel gleiten.

Frank hebt ihn vor seine Augen. »Ein Männerhandschuh aus Mikrofaser, wenn ich das richtig sehe. Den geben wir gleich ins Labor.« Er blickt über die Schulter zu dem Leichenwagen, der bereits davon fährt. »Ihm gehört der wohl nicht. Der Tote ist eher der Typ für Lederhandschuhe.« 

»Siehn ich ach so. Alleh dann, ich fahre ins Krankenhaus und mache meine Obduktion. Wenn ich noch was Neues herausfinde, sag ich sofort Bescheid.«

»Schick mir bitte noch das Foto seines Gesichts, damit ich die Betreiber des Campingplatzes befragen kann.«

Tina hat ihre Untersuchungen beendet und kommt zu Frank. »Mal sehen, ob schon jemand wach ist.« Sie nickt mit dem Kinn in Richtung der Rezeption, dann setzen beide sich in Bewegung.

 

***

 

Oh mein Gott! Wie würde ich meine Arbeit aushalten, wenn Lena mich nicht auf den Gedanken gebracht hätte, mehr aus meinem Hobby zu machen? Das frage ich mich schon die ganze Woche, wenn ich morgens meine Arbeitsstelle betrete. Ich weiß, was Sie jetzt denken, und glauben Sie mir, meine Mutter denkt das Gleiche. Was Ihnen, nebenbei bemerkt, klarmachen sollte, dass es nicht gerade sympathisch ist … Aber ja, ich kümmere mich mit Feuereifer ums Nähen, seit Lena und ich den perfekten Markennamen für uns gefunden haben. Wir nennen uns ›L&L Fashion – Mode von Frauen für Frauen‹. Das ist doch genial, finden Sie nicht? Frank jedenfalls – mein Frank, der smarteste Kriminalkommissar in ganz Saarlouis – findet die Idee prima. Zumindest sagte er das neulich, als ich ihm am späten Abend im Bett von unserem Projekt erzählt habe. Ich bin mir sicher, dass er es nicht nur deshalb gesagt hat, weil er zu müde war, um nachzuhaken. Schließlich ist er in letzter Zeit immer müde, wenn wir miteinander sprechen. Und unsere Gespräche sind trotzdem gut, auch wenn sie kurz ausfallen, jedenfalls wenn wir nicht am Tisch sitzen und gemeinsam essen. Momentan wirkt er immer abgelenkt, aber das kenne ich schon. So ist er drauf, wenn er einen neuen Fall hat. Vor ein paar Tagen ist ein unbekannter Toter beim Campingplatz im Stadtpark gefunden worden. Mich gruselt es immer ein bisschen, wenn ich daran denke. Aber na ja, der Campingplatz ist normalerweise ja nicht mein Ziel, und ich will mir die Pausenspaziergänge zur Vauban-Insel bei schönem Wetter nicht vermiesen lassen.

Nun trägt mich die Vorfreude darauf, heute Abend zu nähen, über den Tag in der Mediaboutique. Draußen zeigt der Februar sich schon seit Tagen von seiner miesepetrigsten Seite, und sogar Saarlouis wirkt bei diesem Wetter und den Temperaturen düster, trostlos und langweilig. Ich aber denke an den entzückenden, fröhlich bunten Baumwollstoff in meiner Tasche, den ich Lena in der Mittagspause gezeigt habe, und aus dem ich eine Kollektion Babyhöschen herstellen will.

Und, um auf Ihre Gedanken zurück zu kommen, nein, ich habe mich nicht um die Liebesgedichte gekümmert, die Mister Unbekannt mir geschickt hat. Dazu fehlt mir einfach die Zeit. Immer wenn ich mich zu Hause an den Laptop setze, um mit der Textsuche nach dem Ursprung der Gedichte zu suchen, muss ich erst mal meine Mails checken, dann muss ich mich um die Homepage kümmern, die Lena und ich uns letzte Woche gebaut haben, und an der noch einiges zu tun ist. Sie muss sinnvoll gegliedert sein, damit unsere Kunden auf den ersten Blick erkennen, wo sie Mode für Babys, für werdende Mamis, für fertige Mamis und für alle anderen Frauen finden, das leuchtet doch jedem ein.

Dann müssen wir Fotos einstellen, auf denen unsere Teile zu sehen sind. Bisher geben wir uns mit Bildern ohne Models zufrieden, aber wir haben vor, bald auch Mode am Objekt zu zeigen. Um dem Datenschutz Genüge zu tun, werden wir Fotos ohne die Köpfe der abgebildeten Personen (auch unsere eigenen) verwenden. Ja, das war ein Tipp von Ilina, die sich mit diesem Kram gut auskennt. Außerdem finde ich die Idee schlicht genial, weil ich mich nicht im Internet zeigen will – außer vielleicht auf einem Schnappschuss von Lena und mir für die »Über uns«-Seite.

Kurz und gut, ich habe viel zu viele andere Dinge zu tun, um mich mit altmodischen Liebesgedichten zu befassen. Außerdem glaube ich nicht, dass es wichtig ist. Diese Gedichte sind harmlos, und so wie sie klingen, stammen sie eh von irgendeinem alten Mann, der weiß, dass ich in Saarlouis bei der Mediaboutique arbeite, aber das war’s auch schon. Was ist schon dabei?

›Ähm‹, höre ich eine tiefe weibliche Stimme in meinem Kopf, und dieses ›Ähm‹ hat mit dem üblichen Stammeln, wofür es bei mir steht, nichts zu tun. Nein, Lady Tough benutzt es gern, um anzudeuten, dass sie ein Wörtchen zu sagen hat, oder auch zwei oder drei. Gerade passt mir das aber überhaupt nicht in den Kram, denn ich habe einen Lauf! Ja, ich hatte vor der Mittagspause schon mehrere gute Abschlüsse. Vor allem das Kleinkindspielzeug geht heute gut, aber auch Wein ist sehr gefragt, liegt vielleicht am Wetter. Und dieser Lauf hat sich nach der Pause bis zum späten Nachmittag weiter fortgesetzt. Deshalb dränge ich alle Gedanken, die ich mir gerade über die Gedichte gemacht habe, und auch das vielsagende Räuspern meines toughen Zwillings im Kopf nach hinten und wähle die nächste Nummer, die auf der Liste steht.

»Ja«, meldet sich eine sehr dunkle männliche Stimme, und ich muss wohl fürchterlich abgelenkt sein, denn ich erkenne sie nicht auf Anhieb. Allerdings habe ich sie auch schon sehr lange nicht mehr gehört, dafür hat Dürri gesorgt. Und dummerweise habe ich nicht auf die Liste geachtet. So spule ich nichts ahnend meinen Begrüßungsspruch ab.

»Einen wunderschönen guten Tag, hier ist Lucinda Schober von der Mediaboutique Saarlouis, spreche ich mit –«, ich schaue endlich auf den Namen neben der Telefonnummer, und noch bevor Tymon Nowak mich unterbricht, läuft ein Schauder durch meinen ganzen Körper.

»Lucinda«, knurrt er mit dieser Stimme, die mich in meine nächtlichen Träume verfolgen wird. »Sind das tatsächlich Sie?« Irre ich mich, oder hat Herr Nowak, der ›Hengst von Hamburg‹, an seinem Akzent gearbeitet?

Ich stoße ein helles Lachen aus, das frappierend an das Quieken eines Schweinchens erinnert, und atme vorsichtig ein und aus, um die Zwillinge zu beruhigen, und mit ihnen auch mich selbst. Die Zwillinge in meinem Bauch meine ich. Solche Aufregung kann für die Babys nicht gut sein, auch wenn es erst die achtzehnte Schwangerschaftswoche ist. »Guten Tag, Herr Nowak, wie geht es Ihnen?«, sage ich das Erste, was mir einfällt. Warum, zum Geier? Er wird denken, ich wolle mit ihm plaudern.

»Oh, habe ich so lange nicht mehr gehört deine Stimme, Kätzchen! Wie ich mich freue. Jetzt es geht mir gut. Was bietest du mir an?«

Warum hört sich eigentlich alles, was Herr Nowak sagt, wie ein Flirt an? Lena hat an meinem Tonfall wohl bemerkt, dass etwas nicht so läuft wie gewünscht. Ihre Augen tauchen oberhalb unserer Bildschirme auf. Ich ziehe eine unglückliche Grimasse, um auf ihren fragenden Blick zu antworten. Dann klicke ich auf das Weinsortiment. Herr Nowak hat mir zwar schon die verrücktesten Dinge abgekauft, aber das war meinerseits nicht ganz seriös, weil ich seine Vorliebe für meine Stimme damals schamlos ausgenutzt habe. Deshalb bin ich für ihn das ›Kätzchen mit der geilen Stimme‹. Oh, wie peinlich diese Erinnerungen sind! Wie konnte es geschehen, dass Tymon Nowak wieder auf meinem PC gelandet ist? Dürrbier hatte doch auf Anweisung meines Kriminalkommissars sämtliche Horrorlisten aus meiner Reichweite entfernt.

Sie wissen, was Horrorlisten sind? Unser Chef hat für jedes Bundesland eine eigene angelegt. Darauf versammeln sich die Namen der ›schlimmsten Kunden‹ – derjenigen, die am Telefon unhöflich bis beleidigend werden. Diese Horrorkunden sind leider nicht immer diejenigen, die nichts kaufen, im Gegenteil, und nur deshalb bleiben sie in unseren Karteien, eben auf den Horrorlisten. Immer wenn eine Mitarbeiterin besonders viele Abschlüsse hat, bekommt sie eine der Listen, weil Dürri mit seinem kranken Weltbild der Meinung ist, dass wir dann besonders motiviert sind. Na, jedenfalls könnte das der Grund sein, weshalb ich jetzt den Mann an der Strippe habe, mit dem ich nie wieder sprechen wollte, und das aus mehreren Gründen.

Zum Ersten, weil er mich mit seiner tiefen Stimme einschüchtert, zum Zweiten, weil er sich selbst als ›Hengst‹ bezeichnet und damit Dinge andeutet, mit denen ich mich nicht beschäftigen will. Zum Dritten, weil ich vor einigen Monaten in einer Anwandlung von Geistesumnachtung bei einem Gespräch auf seinen anzüglichen Tonfall eingestiegen bin und mich dazu hinreißen lassen habe, mit ihm so zu sprechen, wie es die Damen diverser Sex-Hotlines tun, Sie wissen schon. Zwar habe ich bei jenem Gespräch so viel verkauft wie nie zuvor und nie danach, aber ich habe mir geschworen, so etwas nie wieder zu tun. Den kurzen Spaß, den ich bei jenem legendären Telefonat durchaus empfand, habe ich hinterher bitter bereut, zumal er mir ein schlechtes Gewissen meinem Liebsten gegenüber bescherte. 

Ich konzentriere mich also darauf, den verlogen-sinnlichen Tonfall zu unterdrücken, in dem ich sonst mit den Kunden spreche, und benutze meine normale, sachliche Stimme, um ihm den Wein schmackhaft zu machen.

»Herr Nowak, wie ich sehe, haben Sie seit Langem keinen Wein unserer Handelspartner mehr bezogen. Darf ich Ihnen diesbezüglich ein Angebot unterbreiten?« Obwohl das der normale Duktus unserer Verkaufsgespräche ist, wird mir, noch während ich die letzten Worte ausspreche, klar, dass jemand, der so drauf ist wie Herr Nowak, sie mir im Munde umdrehen wird.

»Ja, unterbreite mir dein Angebot, Lucinda.«

Ich tue so, als registriere ich das brünftige Tremolo in seiner Stimme nicht, und spreche einfach weiter, zu spät bemerkend, dass ich ausgerechnet das Angebot unseres humorvollsten Weinhändlers geöffnet habe. Nicht! Mir steigt die Hitze in die Wangen, während ich Tymon Nowak Weißweinsorten aus der Mosel-Saar-Ruwer-Region anbiete. Ich ärgere mich, dass ich nicht einfach die Seite des Weinhauses Pethgen ausgesucht habe, dessen Weine ich liebe, und deren Bezeichnungen nicht anzüglich sind. Tja, habe ich aber nicht, und einmal begonnen, muss ich natürlich weitermachen. Ich sehe im Augenwinkel, wie Lenas Stirn über dem Bildschirm sich in Falten legt – vermutlich schneidet sie eine mitleidsvolle Grimasse, weil ihr die aufsteigende Röte meiner Wangen genauso wenig entgeht wie die Namen, die ich Nowak gegenüber abspule. Ich verdanke es ausschließlich der toughen Hälfte in mir, die mir in ihrem strengsten Ton befiehlt, die Pobacken zusammenzukneifen, dass ich mich nicht komplett verheddere, womit ich mich noch mehr zum Opfer des Hengstes machen würde.

»›Rüdigers Rebenlust‹ ist ein fruchtig-herber Riesling, den Sie am besten gut gekühlt genießen. ›Susis schäumende Sinnenfreude‹ ist ein halbtrockener Winzersekt, der bei den Frauen sehr beliebt ist ...«

»Wie heißt der Sekt, sag das nochmal, Kätzchen.«

»Susis schäumende Sinnenfreude«, wiederhole ich, peinlichst darauf bedacht, nicht zu lispeln. Wer zum Geier denkt sich solche Bezeichnungen für Sekt aus?

»Magst du es halbtrocken, Lucinda?«, unterbricht der Hengst mich abermals. »Schäumende Sinnenfreude gefällt mir.«

»Ich, ähm …« Verflixt, was tun? Mir dämmert, dass ich den Hengst schröpfen könnte, wenn ich es wollte. Ich habe es in der Hand, zur Mitarbeiterin des Monats gekürt zu werden, wird mir als nächstes klar. Innerhalb von Sekundenbruchteilen kämpft es in mir: zwei imaginäre Frauen gegeneinander, und ich gegen mein schlechtes Gewissen. Die Babys in meinem Bauch schlafen wohl gerade, sie mischen sich kein bisschen ein. Der Gedanke, dass sie nichts von dem mitbekommen werden, was ich jetzt zu tun im Begriff bin, gibt schließlich den Ausschlag. Lady Toughs fröhlichen Ausrufs ›Halali!‹ bedarf es gar nicht mehr, um Heulsuses geflüstertes ›Tu es nicht‹ zu übertönen, da straffe ich bereits die Schultern und recke das Kinn vor, in schönster Ilina-Manier. Dabei scanne ich mit dem Blick flugs unser Büro nach ihr ab, denn ich erinnere mich noch allzu gut daran, wie Ilina mich das letzte Mal gerügt hat, als ich den Hengst gemolken habe.

Ehrlich, es ist keine Absicht, dass meine Stimme abrutscht, aber ich höre mich in der tiefsten Tonlage antworten, derer ich fähig bin: »Wie ich es am liebsten mag, möchten Sie wissen?«

Er checkt natürlich sofort, dass ich im Begriff bin, auf seinen ungebührlichen Flirt einzusteigen, und hakt ein: »Duze mich, Lucinda, ich bin Tymon. Lass hören mich, wie du aussprichst meinen Namen, Süße.«

Selbst der völlig deplatzierte Kosename kann mich jetzt nicht mehr bremsen. »Tymon«, knurre ich seinen Namen, worauf ich ein leises Stöhnen im Telefon höre. »Halbtrocken ist mir viel zu seicht. Ich mag es brut. Keine halben Sachen.«

Er lacht kehlig. »Warum wusste ich das? Gefällt mir. Also bestelle ich Susis schäumende Sinnenfreude nicht. Was du bietest mir anstatt, Lucinda?«

»Da habe ich ›Brunos brutalen Brut‹ im Angebot, einen extrem trockenen Rieslingsekt für Kenner, auch geeignet für Cocktails, um Frauen mit Geschmack zu bezaubern.«

»Also für Frauen wie dich. Bestelle ich davon zehn Kisten. Und Wein, welcher Wein dich bezaubert? Hell und klar, oder dunkelrot wie Sünde?«

Schnell suche ich den teuersten Rotwein heraus. Der stammt zwar nicht aus Deutschland, aber das kann mir ja egal sein. »Dunkelrot und italienisch«, schnurre ich. »Kennst du Bolgheri, Tymon? Ein wunderschöner, kleiner Weinort in der Toskana.«

»Nein, unglücklicherweise ich war noch nie in Italien. Und du, meine Rosenblüte?«

Ich ignoriere die ansteigende Kosenamendichte und auch die Tatsache, dass Herr Nowak diesbezüglich eine gewisse Fantasie an den Tag legt, und betrachte das kleine Foto auf der Seite des Weinhändlers, das einen wahren Traumort zeigt. »Nein, ich auch nicht. Aber ich möchte dahin.« Zum Glück fällt mir dann ein, dass ich Wein verkaufen und nicht von Zielen für den nächsten Urlaub träumen soll. »Der Wein dieser Region ist berühmt, und ich wünsche mir schon seit Langem, den ›Sassicaia‹ zu probieren. Er soll unwiderstehlich nach roten Beeren, Kräutern und gerösteten Mandeln duften, und am Gaumen entwickelt er eine charaktervolle, herb-würzige und kräftige Textur, mit Früchten, wohlbalancierten Tanninen und reichhaltigen Fruchtnoten«, zitiere ich die Beschreibung auf der Händlerseite. Zielgerichteter hätte ich selbst es nicht ausdrücken können, denn mir ist klar, dass Tymon auf die Reizworte einsteigen wird. Was er auch tut, aber sowas von.

»Mhm«, höre ich ihn genüsslich brummeln, »unwiderstehlich. Erst recht aus deinem Mund, meine Nymphe. Ich stelle mir vor, wie ich den Nektar von deinen Lippen koste.«

Ich schlucke ob der Dinge, die er da andeutet, und schaudere unter einem Prickeln, das von meinem Rückenmark aus hochkrabbelt. Wahrscheinlich sind die Babys in meinem Bauch aufgewacht und beeinflussen meinen Hormon- und Moralspiegel. Vor meinem inneren Auge blitzt das Bild eines Mannes auf, der sich auf einem Sofa rekelt. Ich muss das Geschäft zu Ende bringen, bevor mir der Umsatz durch die Lappen geht, weil ich das scheinheilige Spiel nicht mehr aufrechterhalten kann. Und um die Bilder in meinem Kopf loszuwerden, was ich mir allerdings nicht eingestehen will.

»Und im Finish kommst du in den Genuss eines langen und fruchtig-würzigen Nachklangs«, säusle ich, bevor ich ihm den Preis nenne, knappe hundertvierzig Euro pro Flasche.

»Eine Kiste davon, und hoffe ich, dass kommt der Tag, an dem du mir gibst aus deinem süßen Mund daraus zu trinken.«

Ich quieke gleichermaßen entsetzt wie erfreut auf und beende rasch den Handel, ohne Herrn Nowak noch weitere Schnäppchen unterzujubeln, denn das würde ich rein von meinem Magen her nicht mehr aushalten, der sich warnend gemeldet hat. Außerdem sehe ich Ilina auf mich zusteuern, die strahlend lächelt und meine Eulentasse in der Hand hält. Erfreulicherweise trägt sie heute eine Pumphose, die ich genäht habe – dieses Modell natürlich nicht für wachsende Babybäuche – und sieht darin sensationell aus. Jung, selbstbewusst, attraktiv. Ihr Lächeln ist echt, als sie an meinem Platz angekommen ist und mir meine Tasse reicht.

Sofort überfällt mich das schlechte Gewissen, weil ich ihre Einstellung zum Umgang mit den Kunden kenne, und rasch klicke ich den Namen des Kunden weg, der soeben Waren im Wert von zweitausend Euro bestellt hat. Tymon Nowak muss einen sehr großen Durst haben, denn zehn Kisten Sekt verkaufe ich sonst nur für Feste.

Gerade reicht Ilina mir meine Tasse, da sehe ich im Augenwinkel jemanden durch den Gang auf meinen Platz zu wuseln, und mir ist sofort klar, dass Dürri in seinem Stalkerbüro den Geschäftsabschluss mitbekommen hat. Sein Gesicht strahlt denn auch wie eine alte Straßenlaterne, deren einstmals helles Licht von Spinnennetzen voller verendeter und halbverwester Fliegen gedimmt wird. Er wirft die Hände in die Luft und rennt dermaßen zielgerichtet auf mich zu, dass Ilina erschrocken einen halben Schritt zur Seite springt und ich mich innerlich wappne, seiner Umarmung – die ich befürchten muss – standzuhalten, ohne mich endgültig zu übergeben. Mein Magen ist durch das unsägliche Telefongespräch mit dem Hamburger Horrorkunden gehörig übersäuert, da geht nichts mehr!

Tatsächlich senkt Dürrbier die ausgebreiteten Arme und beugt sich zu mir herunter, da stolpert Ilina gnädigerweise über ihre eigenen Füße (mir ist klar, dass dies ein Freundschaftsdienst ist) und rammt ihm aus Versehen ihre Schulter gegen die Hühnerbrust, sodass ihm die Luft aus den Lungen entweicht, er zurückprallt und schweratmend stehenbleibt.

»Sorry«, ist Ilinas knapper Kommentar, doch Dürri winkt nur ab. Ilina hat bei ihm Narrenfreiheit. Ich muss sie bei Gelegenheit fragen, wie sie das macht, denn sie hält ihn immer geschickt auf Abstand, egal, wie er sich ihr zu nähern versucht.

»Liebste Lucinda«, bricht es aus Dürrbier heraus, und ich schlucke heftig an der Magensäure, die mich bedroht. Da erkennt er, dass das nicht die korrekte Anrede seiner Untergebenen gegenüber ist. »Sehr verehrte Frau Schober meine ich natürlich, bitte verzeihen Sie mir den Fauxpas. Aber ich bin begeistert!«

Er greift nach meiner Hand und zieht mich vom Stuhl, obwohl ich noch das Headset trage, das mir auch prompt vom Kopf rutscht und auf die Tastatur knallt.

»Meine lieben Mitarbeiterinnen, soeben hat unsere Lucinda Schober«, langsam kann ich meinen Namen nicht mehr hören, und ich zische ihm deutlich »Lucy« zu, was ihn kurzzeitig irritiert. Er blickt mich stirnrunzelnd an, dann nickt er. »Lucy Schober, natürlich. Ihre Kollegin Lucy Schober hat soeben Wein und Sekt im Wert von annähernd zweitausend Euro verkauft.«

Peinlich berührt erkenne ich, dass ihm Tränen in die Augen steigen.

Ein Raunen geht durch den Saal, und ich fühle mich mies, weil ich den Verkauf auf eine Art und Weise erreicht habe, für die ich mich schäme. Hoffentlich erfährt Ilina nicht, was da gelaufen ist, sonst zieht sie mir die Hammelbeine lang. Als ob es sie was anginge. Ich recke das Kinn und gebe Lady Tough kurz Macht über meine Ausstrahlung, um die Situation zu ertragen.

»Welcher Kunde war das?«, fragt Ilina tatsächlich nach. Ich deute ein Kopfschütteln an, doch Dürri hat ja null Feingefühl. Ihm geht es nur um die Zahlen, nicht um die Mitarbeiterinnen, sonst hätte er mir den Hengst ja gar nicht erst auf die Liste gesetzt. Ich frage mich, ob es ein Versehen war, oder ob er das mit voller Absicht getan hat. Jedenfalls posaunt er es in dieser Sekunde für alle gut hörbar heraus: »Tymon Nowak.«

Auch ohne dass er eine weitere Erklärung gibt, weiß jeder, wer gemeint ist. Und während einige der Kolleginnen leise kichern und andere genervt aufstöhnen – vermutlich hatten sie auch schon das Vergnügen —, verzieht Ilina ungläubig das Gesicht. »Haben Sie Lucy die Horrorliste mit Nowak gegeben?«, fragt sie in fassungslos klingendem Ton. Fällt nur mir auf, dass sie das in reinstem, flüssigem Deutsch sagt? Doch ihr nächster Satz ist wieder so typisch Ilina, dass ich denke, mich verhört zu haben. »Sind noch zu retten Sie?«

»Das ist eine Frage, die ich mir auch schon einmal gestellt habe«, erklingt da die tiefe, angenehme Stimme des Mannes meiner Träume, und mit freudig galoppierendem Puls sehe ich Frank vom Aufzug aus auf mich zu kommen. Er trägt diese unglaublich gut sitzende Jeans und darüber eine Lederjacke und sieht einfach zum Anbeißen aus. Mit gelassenen Schritten kommt er näher, und ich habe das Gefühl, alles geschehe in Zeitlupe, wie in der Werbung mit dem Cola-Mann. Lady Tough und Heulsuse singen in meinem Kopf das altbekannte Lied ›Whatta man, whatta man, whatta man, whatta mighty good man‹.

Was für ein Tag, oder?

»Haben Sie Lucy mit Tymon Nowak verhandeln lassen, dem Kunden aus Hamburg?«, will Frank, an Dürrbier gewandt, wissen.

Dieser sieht aus, als würde er noch mehr zusammenschrumpfen, und ringt die Hände. »Es war ein Versehen«, krächzt er dann.

Mit einem Kopfschütteln, aus dem ich herauslese, was mein Schatz von Dürri hält, beugt Frank sich zu mir und haucht mir ein Küsschen auf die Lippen. »Ich bin da, um dich abzuholen. Wir müssen ein paar Dinge besprechen.«

Ich werfe einen Blick auf die Uhr an meinem PC und erkenne erfreut, dass gerade Feierabend ist. Auch meine Kolleginnen packen zusammen, um die Schreibtische für die nächste Schicht zu räumen, die bald dort weitermachen wird, wo wir aufgehört haben. Also logge ich mich rasch aus und packe die wenigen Dinge in meine Tasche, die ich herausgenommen hatte, dann greife ich nach der Kaffeetasse und trinke sie in großen Schlucken aus. Ilinas Kaffee ist zu schade, um ihn auszukippen. Sie nickt und nimmt mir die Tasse ab. »Räume ich weg für dich«, erklärt sie.

Meine Jacke vom Stuhl nehmend, hake ich mich bei Frank unter. Seine Ankündigung, wir hätten etwas zu besprechen, bewirkt nicht mehr so viel Schrecken wie noch vor ein paar Monaten, als ich ihm noch nicht erzählt hatte, dass ich schwanger bin und dass es eine Zwillingsschwangerschaft ist, aber nervös macht sie mich trotzdem. Schließlich weiß man ja nie so genau … Hat sein neuer Fall etwas mit mir zu tun? (Was ja nicht das erste Mal so wäre.) Oder hat ihn eine seiner Phobien überfallen und ihm klargemacht, dass er noch nicht reif für eine Beziehung und eine Familie ist? Oder hat sich etwa meine Mutter bei ihm gemeldet, um ihn darauf hinzuweisen, dass wir noch immer nichts in Sachen größere Wohnung unternommen haben, und er will sich bei mir beklagen?

Wie auch immer, sage ich mir dann, viel wichtiger ist doch, dass er seit Wochen zum ersten Mal an meiner Arbeitsstelle aufgetaucht ist, um mich abzuholen. Pünktlich. Damit zeigt er allen um uns herum, dass wir eine funktionierende Beziehung führen.

»Ach, noch etwas«, sagt Frank zu Dürrbier, »Horrorlisten für Lucy können gefährlich sein. Sie wollen doch nicht, dass es wieder Tote gibt?«

Also ehrlich, diesen letzten Satz hätte er sich sparen können! Das unbeschwerte Lächeln, das er mir schenkt, als wir im Aufzug nach unten fahren, entschädigt mich dann ein kleines bisschen für seinen frechen Scherz.

Kapitel 4

»Hast du für heute Abend etwas geplant, oder darf ich dich ins Tapas entführen? Ich hatte ewig nicht mehr ›Pasta Inge‹, und außerdem brauche ich schnell was zu essen, sonst kippt mir der Giebel um.« Frank feixt bei dieser letzten Formulierung, die so typisch saarländisch ist. Mein Giebel schwankt auch schon bedrohlich, weil die heranwachsenden Symbionten in meinem Bauch nach Nahrung gieren. Tatsächlich hatte ich heute Morgen eine Veränderung an mir bemerkt, die mir erst jetzt, wo ich dicht neben meinem Traummann im Lift hinunterrausche, wieder bewusst wird: keine Morgenübelkeit mehr! Dafür fülligere Brüste, die Frank noch nicht wahrgenommen hat, und Appetit. Appetit auf alles, was gesund ist glücklicherweise, aber einen, der nicht mehr enden will, wie es scheint.

»Da bin ich sofort dabei. Mir würde es heute auch zu lange dauern, wenn ich kochen müsste, ehrlich gesagt.«

So schlagen wir fröhlich den Weg zur Alte-Brauerei-Straße ein und steuern unser Stammlokal an.

»Frank«, höre ich eine helle Stimme rufen, als wir am Eingang der Polizeiwache vorbei sind, und wir drehen uns gleichzeitig um. Tina, die Kollegin von Frank, die neuerdings mit ihm als Ermittlerduo zusammenarbeitet, kommt auf uns zu. »Sorry, ich will nicht stören. Guten Tag, Lucy, lange nicht gesehen.« Damit streckt sie mir die Hand entgegen und schenkt mir ihr offenes Lächeln. Mit ihrem zerzausten, pinkfarbenen Pixie-Cut erinnert sie mich an meine Lieblingsschwester Kat, ihre Augen unterstreichen diesen Eindruck. Ich könnte gar nicht anders, als sie zu mögen.

»Hey, kein Problem. Und? Geht’s dir gut?«

Ihr Händedruck ist warm und angenehm fest. »Ei jo. Frank, hast du noch zwei Minuten?« Tina sieht mich entschuldigend an, und endlich kapiere ich.

»Ich gehe vor und suche uns einen Tisch aus. Soll ich Pasta Inge mit Extra Käse für dich bestellen?«

»Ja, bitte. Ich bin gleich bei dir.«

Ich winke Tina zu und schlendere weiter. Im Tapas sichere ich uns einen Tisch am Fenster und muss lachen, als ich merke, dass die Bedienung – es ist nicht die traurige junge Witwe von Mark Friskeel – mich kennt. Mit einem Grinsen fragt sie, ob der Kommissar auch kommt, und schreibt dann ganz selbstverständlich unsere üblichen Nudelgerichte auf. Und obwohl ich eben noch dachte, dass mein Appetit sich nur auf gesunde Sachen erstreckt, freue ich mich jetzt auf die Spaghetti mit der deftigen und nicht gerade fettarmen Soße.

Als Frank hereinkommt, wirkt sein Gesichtsausdruck nicht erfreut. Trotzdem bemüht er sich um ein Lächeln, setzt sich über Eck neben mich und bestellt ein Bier.

»Alles in Ordnung?«, frage ich besorgt, denn er schweigt sich aus. Dabei hat er doch angekündigt, dass wir ein paar Dinge besprechen müssen.

Er legt beide Unterarme auf dem Tisch ab und dreht einen Bieruntersetzer, den er vom Stapel auf dem Tisch genommen hat, zwischen seinen schönen, schlanken Fingern. Zwar fasziniert der Anblick mich, wie immer, aber die Tatsache, dass er nervös wirkt, beunruhigt mich auch. Also schiebe ich meinen Arm zu ihm und berühre seine Hand. »Ist etwas passiert?«

»Nein, nein, alles gut. Es knirscht noch ein bisschen im Getriebe, weil Tina und ich uns aneinander gewöhnen müssen.« Er sieht mir offen ins Gesicht. »Es ist halt eine Umstellung, mit ihr zu arbeiten. Sie prescht zu schnell los. Aber das klappt schon. Wir verstehen uns gut.«

»Hm, das hört sich nicht überzeugend an. Also, ich habe kein Problem damit, dass du jetzt mit einer jungen, toughen Kollegin zusammenarbeitest. Vorher, mit dem älteren, kauzigen männlichen Kollegen war es ja letzten Endes nicht so …«, mir fällt kein passendes Wort ein, ich ziehe die Schultern hoch. »Na, egal. Jedenfalls wird Tina sich ja nicht in dich verlieben und mich dann um die Ecke bringen wollen.« Ich verdrehe die Augen und lache, um ihm klarzumachen, dass es nur ein Witz sein soll. Doch er runzelt die Stirn. Okay, wird mir klar, ihm ist nicht nach Scherzen zumute.

›Wie dumm von dir, immer wieder darauf herumzureiten‹, murrt prompt Heulsuse in meinem Kopf. Aber wenigstens gibt die toughe Lady nicht noch ihren Senf dazu.

Meine Finger streicheln weiterhin über Franks Hand, und es beruhigt mich, dass er sie nicht wegzieht, sondern im Gegenteil seine zweite Hand auf meine legt, als die Bedienung unser Bier bringt. Meines ist selbstverständlich alkoholfrei.

»Nein, natürlich nicht. Tina ist ein Kumpel, darum geht es nicht. Ich befürchte nur, dass sie den Pathologen und die Leute von der KTU gegen uns aufbringt, weil sie manchmal eine echte Nervensäge sein kann.«

»Oh, du meinst diesen Doktor Wachs? Der ist mir nicht geheuer.« Ich sehe den Glatzkopf vor meinem inneren Auge, den ich im letzten Jahr erlebt habe, als er eine Leiche am Tatort zwischen der Ludwigskirche und dem Callcenter in Augenschein nahm. Nicht meine Art von Humor. Ich könnte mir vorstellen, dass die kesse Tina dem Paroli bietet.

»Jap.« Frank nimmt sein Bier, stößt mit mir an und nimmt einen tiefen Zug. »Könnte stressig werden, vor allem, wenn wir in Zukunft tatsächlich enger mit der ›Sitte‹ zusammenarbeiten sollten. Ich kann mir die Witze schon lebhaft vorstellen.« Er verdreht die Augen. »Ein Erbe von Herbert, auf das ich hätte verzichten können.«

»Du meinst Sexualstraftaten?«

»Genau.«

»Ist euer aktueller Fall denn eine?«

Er schüttelt den Kopf, doch seine Miene sagt mir deutlich, dass er keine Informationen zum Fall preisgeben wird. Das macht es mir ja oft so schwer, seine Stimmungen einzuschätzen. Mit meiner Art neige ich manchmal dazu, seine schlechte Laune auf mich zu beziehen, obwohl das Quatsch ist, wie er mir schon oft genug versichert hat. Anscheinend liest er genau diese Bedenken gerade aus meinem Gesicht heraus, denn er streichelt meinen Unterarm. »Wir wissen noch gar nichts«, sagt er dann, »nicht einmal, wer der Tote ist. Aber das bleibt unter uns.«

Die Bedienung nähert sich unserem Tisch mit zwei vollbeladenen Tellern und stellt sie vor uns ab. »So, bitteschön, und guten Appetit.«

Wir wünschen uns gegenseitig einen ebensolchen und beginnen zu essen. Frank schweigt sich aus, und in meinem Bauch setzt sich ein unsicheres Gefühl fest.

»Frank, du hast gesagt, wir müssten reden?« Ich formuliere es als Frage und sehe ihn auffordernd an.

»Ja. Deine Mutter hat sich heute Morgen bei mir gemeldet.«

Ich stöhne. »Während deiner Arbeitszeit?«

Frank nickt. »Sie hat mehrere Dinge angesprochen, die sie von uns erwartet.«

Ich verziehe das Gesicht. »Lass mich raten: Wohnung suchen, Babyzubehör kaufen, Namen für die Zwillinge aussuchen. Was noch?«

Nun lacht er doch, und es löst die Stimmung zwischen uns sofort. »Ja, all das, aber das Wichtigste hast du vergessen, Schatz. Rate nochmal.«

»Andere Arbeitsstelle suchen.« Ich ziehe einen Flunsch. »Jetzt bin ich in der Mitte der Schwangerschaft. Ist es da sinnvoll, noch Bewerbungen rauszuschicken?« Mir ist klar, dass ich Frank gegenüber zu erkennen gebe, dass ich die Arbeitssuche vorerst ad acta gelegt habe. Er atmet tief ein, doch ich rede weiter, bevor er mir auf meine eher rhetorisch gemeinte Frage eine Antwort gibt. »Ehrlich gesagt hat mich der Mut verlassen, nachdem ich im Jobcenter war und dort mit der Mitarbeiterin über meine Möglichkeiten gesprochen habe. Es ist nicht einfach. Ich weiß«, betone ich und hebe beide Hände wie zur Verteidigung in die Luft, »ich habe es schleifen lassen. Und ich ärgere mich am meisten darüber, dass ich nach dem abgebrochenen Studium in der Mediaboutique gestrandet bin.« Ich verstumme und lade mir die Gabel mit Spaghetti voll. Irgendwie muss ich doch dieses schale Gefühl loswerden können, das das ewige, leidige Thema in mir geweckt hat. Frank beobachtet mich schweigend. Seine Haselnussaugen blicken … verständnisvoll, wird mir klar. Kein Vorwurf spricht daraus. Seine nächsten Worte sorgen dafür, dass das schale Gefühl verschwindet, als ich die zerkauten Spaghetti runterschlucke. 

»Lucy, ich lebe mit dir zusammen, weil ich dich liebe, nicht weil du einen perfekten Lebensplan verfolgst.«

Ich liebe diesen Mann, habe ich das schon gesagt? Doch noch bevor ich ihm antworten kann, grinst er auf seine verführerische Art und spricht weiter. »Was nicht bedeutet, dass ich es nicht gut fände, wenn du einen Lebensplan hättest. Irgendeinen. Einen, der mich einschließt natürlich, aber auch einen, der unseren Kindern gerecht werden wird. Und der den Umgang mit deiner Familie managt. Ich wusste nicht, was ich deiner Mutter antworten sollte. Wenigstens konnte ich sie vertrösten.«

»Vertrösten?« Meine Stimme klingt leicht schrill. »Wollte sie den Sonntagsbrunch wieder einführen?« Der Sonntagsbrunch ist ein Wunschtraum meiner Mutter. Sie lädt regelmäßig ein, aber bisher kommt er – zum Glück! – nicht jede Woche zustande. Tatsächlich hatten wir seit Weihnachten Ruhe, fällt mir auf. Immer konnte jemand nicht, mal Rouwen und Lena, mal Kat und Susa, mal Frank und ich – und einmal sogar A-Mi, meine mustergültige Juristenschwester. Ich habe mich in den Wochen meiner Rehabilitationszeit nicht in der Lage gefühlt, mich meinen Eltern und ihren Vorstellungen über die Art und Weise, wie man sich auf eine Geburt vorbereitet, zu stellen. Meine Babys werden die Ersten in der Familie sein, und entsprechend übermotiviert ist meine Mutter. Das musste ich nach Franks und meiner Ankündigung, dass wir Nachwuchs erwarten, erfahren, und ich verdanke es meinem Psychologen, dass meine Mutter mich nur selten angerufen hat. Nun ja, inzwischen haben sie sicher mitbekommen, dass ich wieder arbeite, und da ist es letzten Endes nur natürlich, dass sie sich bei mir melden. Bei Frank vielmehr, um genau zu sein. Eine Tatsache, die mich verwundert.

Aber vielleicht liegt es auch daran, dass ich mein Handy seit Tagen nicht mehr benutze, weil es mir neulich ins Wasser gefallen ist. Ja, lachen Sie ruhig. Es ist die häufigste Todesursache bei Smartphones. Ich habe mir ein neues bestellt, in der inständigen Hoffnung, dass die Sim-Karte noch brauchbar ist, die ich sofort herausgenommen hatte, nachdem das Unglück passiert war. Noch auf der Toilette.

Wie auch immer, meine Mutter hat also Frank angerufen. Ich hoffe, das Gespräch hat sich nicht über Stunden hingezogen. Andererseits kann Frank, wenn er im Dienst ist, sehr bestimmend sein. Und meine Familie hat sich nach anfänglichen Vorbehalten an ihn gewöhnt. Die Tatsache, dass er bald befördert wird, hebt sein Ansehen in den Augen des Herzchirurgen und der Apothekerin gewaltig. Aber selbst A-Mi, die Franks Charme am längsten widerstanden hat, betrachtet ihn inzwischen als vollwertiges Familienmitglied, nachdem ihm zuerst Kat und Susa, dann Rouwen und schließlich sogar meine Eltern verfallen waren.

»Ja, sie träumt davon, dass die Familie jeden Sonntag im trauten Kreise zusammenkommt«, bestätigt Frank meine Befürchtung. Er zieht die rechte Braue hoch, was mich dazu bringt, ihm ein Luftküsschen zuzuhauchen.

»Ich habe ihr gesagt, dass das nicht gehen wird. Meine eigene Familie hat auch Ansprüche, und wir bräuchten jeden Monat mindestens zwei freie Sonntage. Noch dazu fallen manche weg, wenn ich ermitteln muss.«

»Cool. Hat sie es geschluckt?«

Er spitzt die Lippen, und da fällt mir wieder ein, dass ich aus guten Gründen nicht mehr gerne im öffentlichen Raum mit ihm speise. Er ist so verdammt lecker und erreicht mich mit seinen Blicken und Gesten dauernd in den niedersten Gefilden meines Hormonhaushalts. Ich schlucke und atme tief ein und aus. Vielleicht hilft mir diese Atemtechnik auch bei der Geburt, flitzt ein typisch konfuser Lucy-Gedanke durch meinen Kopf. Und die inneren Zwillinge sind nicht mal daran beteiligt.

»Sie hatte keine andere Wahl. Aber als ich L&L erwähnte, ist sie fast ausgeflippt.«

Mein Hormonhaushalt ist schlagartig nüchtern (im übertragenen Sinne), und ich stöhne. »Du hast ihr von Lenas und meinem Label erzählt? Wie konntest du nur!«

Er schüttelt den Kopf und hat die Frechheit, schief zu grinsen. »Schatz, du bist damit im Internet, das ist jedem zugänglich. Und außerdem finde ich, dass ihr das gut macht. Wie läuft es denn?«

»Lenk nicht ab.« Ich will ihm nicht auf die Nase binden, dass wir noch keine einzige Bestellung hatten. »Aber wie konntest du das hinter meinem Rücken der Apothekerin erzählen? Du weißt doch, was sie von schlichtem Handwerk hält.«

Bevor er darauf antworten kann, kommen drei Personen durch die Kneipentür herein, und als hätten sie geahnt, dass sie uns hier finden, steuern sie zielstrebig auf uns zu. Vielleicht sollten wir uns ein anderes Stammrestaurant suchen. Hier im Tapas habe ich Ellen damals kennengelernt, und danach haben wir oft hier zusammen gesessen. Nur als Streiflicht kommen mir meine sonnengelben Peeptoe-Manolos in den Kopf, mit denen letztes Jahr alles begonnen hat.

Der Dieter trägt das Baby vor dem Bauch. Ellen hat sofort »Lucy, Frank!« ausgerufen, nachdem sie das Lokal betreten hat (sie hat uns sicher schon von außen gesehen) und stürzt auf uns zu. Ein fast unmerklicher Ruck geht durch meinen Herzensmann, und auch ich drücke den Rücken durch. Aber obwohl die beiden etwas anstrengend sind, freue ich mich, sie zu sehen. Sie wirken glücklich, und da der Dieter das Baby heute trägt, vermute ich, dass Ellen sich mit ihm ausgesprochen hat. Ich hoffe, die schlechten Schwingungen, die ich bei unserer letzten Begegnung mit ihr gespürt habe, haben sich in Luft aufgelöst.

Ellen strahlt wie eh und je, sie ist eine Frau, die man gerne ansieht. Ich stehe auf, um die beiden zu begrüßen, Frank tut es mir gleich.

»Dürfen wir uns zu euch setzen? Paula schläft«, erklärt Ellen und zieht einen freien Stuhl zurück. Wie sollten wir da noch Nein sagen? Aber mir ist die Ablenkung ganz willkommen, weil ich so drum herum komme, weiter über meine Mutter oder L&L zu sprechen.

Die beiden ordern Essen und Getränke, und schon sind wir im schönsten Gespräch über Babykleidung gelandet. Mir ist klar, dass Frank davon nicht begeistert ist, aber er schlägt sich wacker. Er bewundert gebührend das süße Bommelmützchen, das der Dieter Paula vom Kopf zieht und uns zeigt. Er hat es selbst entworfen und gehäkelt, was mich gleich auf eine weitere Geschäftsidee bringt.

»Dieter«, rufe ich aus, »das ist die Idee. Du kannst unsere Kollektion erweitern.«

Ellens Räuspern auf meinen Ausruf klingt wie das ›Ähm‹ von Lady Tough, und mir ist klar, dass ich ihr zuerst mal berichten muss, dass es L&L gibt und wofür es steht. Tatsächlich wirkt Ellen nicht begeistert, sondern verzieht zweifelnd die Mundwinkel. Aber als ich an dem Punkt ankomme, an dem ich ihr vorschlage, Paula als Model einzusetzen, taut sie sichtlich auf. Überraschenderweise stimmt sie sofort zu, nachdem ich ihr erklärt habe, dass wir keine Gesichter zeigen wollen.

»Gibst du eigentlich noch deine alternativen Bastelkurse?«, will Frank von Dieter wissen, worauf dieser stolz nickt, dann jedoch die Schultern sinken lässt.

»Der Letzte läuft bald aus. In letzter Zeit ist der Zulauf nicht mehr so hoch, auch in den Häkelkursen meldet sich niemand mehr an. Aber das macht nichts, weil ich dadurch mehr Zeit für Ellen und Paulinchen bekomme.« Er lächelt seiner Frau zu, die seine Hand nimmt und kurz drückt, bevor sie weiter isst. Aha, da hat sich tatsächlich einiges getan. Gut so, denke ich.

»Insofern wird es mir eine Freude sein, euch mit Häkelsachen zu beliefern«, erklärt der Dieter.

»Häkelsachen?«, höre ich eine weitere Stimme, und erst jetzt bemerke ich, dass die Tür sich wieder geöffnet hat. Herein kommen Lena und Rouwen. Meine Freundin stürzt sich sofort auf unseren Tisch und begrüßt uns, bevor sie bei dem Dieter stehen bleibt, zuerst das Baby bewundert und dann das Mützchen entdeckt, das neben seinem Teller liegt.

»Oh, sowas hier? Ist das handgemacht?« Sie hat es hochgehoben und fingert mit Kennermiene daran herum.

Rouwen hat uns in der Zwischenzeit ebenfalls begrüßt und fragt die Bedienung, ob wir den Nachbartisch dazu stellen dürfen, worauf ich aufstehe, damit er und Frank den Tisch an unseren heranschieben können. Ich stelle meinen Teller neben den von Frank und setze mich, während ich grinsend dem Gespräch von Lena und dem Dieter lausche. Innerhalb kürzester Zeit ist die Zusammenarbeit abgemachte Sache. Die Stimmung am Tisch wird immer gelöster, nachdem auch Rouwen und Lena Pasta Inge geordert und bekommen haben. Unsere Pläne entwickeln sich prächtig und lassen mich die Sorge darüber, dass wir bis jetzt unglaublich viel Zeit investiert, aber noch nichts verkauft haben, wieder vergessen.

»Ihr müsst ein Gewerbe anmelden«, erklärt Rouwen, und wir stimmen ihm zu. Das steht für nächsten Montag auf der To-do-Liste. Ja, solche Dinge erledige ich schneller als früher. Ich verpasse auch keinen meiner Arzttermine. Was auch immer Sie denken, ich entwickle mich weiter. Aber das nur nebenbei.

»Ihr braucht ein Lager«, gibt der Dieter zu bedenken.

»Haben wir«, erklärt Lena.

»Haben wir?«, echoe ich.

»Ja, wir bekommen einen Kellerraum im Haus von Oma und Opa. Da können wir ein Büro einrichten und die Wände mit Regalen vollstellen. Rouwen und ich kümmern uns drum. Nächste Woche wird alles fertig sein.«

»Klingt perfekt«, sagt Frank. Ich bin gerührt, weil er voll und ganz hinter unserem Projekt steht.

»Aber mal was anderes«, meint Lena und sieht mich an. »Hast du was über die Gedichte herausgefunden?«

Ich verziehe das Gesicht. »Nein.«

»Welche Gedichte?«, hakt Ellen nach.

»Auf der Arbeit sind Gedichte für mich angekommen, die mir irgendjemand geschickt hat.« Ich winke ab. »Fürchterlicher Kitsch.«

Stirnrunzelnd wirft Ellen Frank einen Blick zu. »Was sagst du dazu?«

»Ich behalte es im Auge«, sagt er vage. Mich ärgert die Art, wie Ellen über meinen Kopf hinweg Frank darauf anspricht. Ich meine, was soll das?

»Du behältst es im Auge? Also hast du noch nichts unternommen, obwohl jemand der Mutter deiner Kinder komische Gedichte schickt?«

»Es gibt keinen Grund, etwas zu unternehmen«, dabei malt er Gänsefüßchen in die Luft. »Bisher handelt es sich offensichtlich um eine harmlose Schwärmerei.«

»Ach so? Und das sagst du so seelenruhig, wo Lucy bereits mehrfach durch harmlose Schwärmereien in Gefahr war?«

»Ähm, ich sitze mit am Tisch«, werfe ich dazwischen, doch Ellen ignoriert mich. Die anderen verfolgen gespannt das Gespräch. Also wirklich, als ob zwei Liebesgedichte irgendeine Gefahr bergen!

»Na, Maurice sitzt in Merzig und Herbert auf dem Lerchesflur. Von den beiden geht keine Gefahr aus.«

»Pff«, stößt Ellen aus. »Von denen wird wohl auch keiner dahinterstecken. Aber das riecht doch meilenweit nach Stalking.«

Frank stöhnt. »Danke für deine Belehrung, Ellen. Ich sagte doch, ich behalte es im Auge. Momentan gibt es lediglich zwei Gedichte, die an die zentrale Mailadresse der Mediaboutique geschickt wurden. Nichts, das ein Eingreifen der Polizei rechtfertigen würde.«

»Moment, zwei?«, sagt Lena. »Nein, heute ist noch eins angekommen.«

Überrascht sehe ich zu ihr. Sie nickt. »Nachdem ihr beide schon weg wart. Ich musst noch zur Toilette, und wie ich danach zum Fahrstuhl gang bin, hat Dürri grad ein neues Gedicht aufgehängt. Wart, wie fängt es nochmal an?« Hinter ihrer Stirn arbeitet es. »Ich liebe das Weib, das sind die ersten Wörter, und dann kommt noch irgendwas mit ›Lust‹.« Sie kichert. »Sorry, Ellen, aber ich finde, das kann man nicht ernstnehmen. Unter uns gesagt, vielleicht hat der Dürri das selbst rausgesucht, weil Lucy heut so gut abgeschnitten hat.«

Mir wird schlecht, ein kleines bisschen, und das liegt nicht nur daran, dass ich mich daran erinnere, mit wem ich heute das beste Geschäft gemacht habe. 

Doch da durchbricht ein schriller Piepton die Stille, die Lenas Worten gefolgt ist, und Frank zieht sein Smartphone heraus. Der Klingelton verrät ihm offenbar, wer dran ist, denn er meldet sich mit den Worten: »Was gibt’s?« Seine Stirn legt sich in Falten, er legt die Serviette von seinem Schoß neben den Teller und steht auf. »Ich bin sofort da. Habt ihr Tina schon benachrichtigt? Gut, bis gleich.«

Er beugt sich über mich, um mir ein Küsschen auf die Wange zu hauchen. »Neue Erkenntnisse, ich muss leider los.« Er blickt in die Runde. »Kann einer von euch Lucy nach Hause begleiten?« Noch bevor ich ihm klarmache, dass ich sehr wohl alleine nach Hause kann, ist er davongerauscht.

 

***

 

Frank klingelt an der Tür eines zweistöckigen Hauses in Lisdorf. Der Handschuh hat sie hergeführt. Im Sportgeschäft, in dem die Marke verkauft wird, sind zwei Käufe mit Karte bezahlt worden. Der erste Käufer war ein Familienvater, der für den Tattag ein wasserdichtes Alibi hat. Der zweite Kauf führt zu einem Max Schöller, der hier wohnen soll.

Ein etwa dreißigjähriger Mann öffnet. »Ja, bitte?«

»Guten Abend, ich bin Frank Kraus, das ist meine Kollegin Tina Kunz, wir sind von der Polizei.« Frank hält ihm seinen Dienstausweis hin. »Sind Sie Max Schöller?«

»Nein, ich bin Nick. Max ist mein Bruder. Er ist drinnen.« Der Mann runzelt die Stirn. »Worum geht es?«

»Könnten Sie Ihren Bruder bitte rufen? Wir haben ein paar Fragen an ihn.«

»Ja, klar. Kommen Sie herein. Warten Sie dort.« Er deutet auf eine offenstehende Tür, die zum Wohnzimmer führt. Frank und Tina treten ein und sehen sich um. Die gediegene Einrichtung lässt auf eine gutbürgerliche Familie schließen. Tina zeigt auf das Foto eines Paars in den Sechzigern. Über einer Ecke ist ein schwarzes Band gespannt.

Frank hört, wie Nick Schöller im Flur nach seinem Bruder ruft. Kurz darauf werden Schritte auf der Treppe laut, ein gemurmelter Wortwechsel folgt. Dann schwingt die Tür auf, und neben Nick tritt eine jüngere Ausgabe seiner selbst ein, vielleicht um die zwanzig. Die dunkel geränderten Augen und gerunzelten Brauen lassen den jungen Mann auf den ersten Blick älter wirken. Anscheinend hat Max Schöller ein paar schlaflose Nächte hinter sich.

»Setzen Sie sich«, bittet Nick Schöller, nachdem sie sich seinem Bruder vorgestellt haben. Tina und Frank lassen sich auf der Zweiercouch nieder, während die beiden jungen Männer jeweils einen Sessel wählen.

»Ist das Ihr Handschuh?«, fragt Tina und hält die Tüte mit dem Beweisstück über den Couchtisch. Max Schöller streckt die Hand aus, doch Tina zieht den Beutel zurück.

»Sieht so aus«, sagt der Junge. »Wo haben Sie ihn her?«

»Wo waren Sie in der Nacht vom vierzehnten auf den fünfzehnten Februar?« Tina hat Frank zuvor gebeten, diese klassische Frage stellen zu dürfen, was er ihr mit einem Grinsen zugestanden hat.

»Keine Ahnung, warum?« Max vermeidet es, Tina oder Frank in die Augen zu sehen.

»Denken Sie nach.«

Nick Schöller beobachtet seinen Bruder und verzieht den Mund. »Max, was ist passiert? Rück endlich mit der Sprache raus!«

Frank betrachtet nachdenklich den Älteren der beiden und erkennt Sorge in dessen Blick.

»Seit ein paar Tagen ist mein Bruder wie ausgewechselt«, sagt Nick Schöller schließlich. Max ruckt mit dem Kopf zu ihm herum und starrt ihn abweisend an.

»Ich will, dass mein Bruder rausgeht«, erklärt er dann. Frank blickt zu dem Älteren und nickt ihm zu. Der zieht die Brauen hoch und verlässt widerwillig den Raum.

»Was ist bloß passiert?«, sagt er im Vorbeigehen.

»Wissen Sie etwas über Bianca?« Es wirkt, als habe sich die Frage aus Max’ Mund gelöst, ohne dass er es wollte. Mit fahrigen Bewegungen ringt er die Hände und starrt Frank einen kurzen Moment an, dann fixiert er eine Stelle im Teppich auf dem Boden. 

»Bianca?« Tina sieht mit vielsagendem Blick von Max zu Frank. »Wer ist das?«

Der Junge rauft sich die Haare. »Worum geht es hier?« 

»Vielleicht beantworten Sie zuerst unsere Frage«, sagt Frank. »Wo waren Sie am vierzehnten Februar?«

»Seit dem Tag ist Bianca verschwunden. Bianca Fillipova. Sie hat mir eine WhatsApp geschickt.« Max kramt in seiner Gesäßtasche nach seinem Smartphone, schaltet es ein und starrt auf das Display. »Aber ich glaube nicht, dass sie freiwillig gegangen ist.« Mit diesen Worten öffnet er den Nachrichtendienst, tippt einen Kontakt an, scrollt auf dem Bildschirm nach oben und hält Frank das Handy hin.

›Ich gehe heim zu meiner Tante und meinem Onkel. Bitte sei nicht traurig. Ich hab dich lieb. Bianca.‹

Unter dieser Nachricht folgt eine ganze Flut von Postings, die der Junge anschließend geschickt haben muss, und in denen er das Mädchen mit Fragen und der Bitte, sich zu melden, bestürmt. Aber Frank kann sehen, dass seine Nachrichten nicht zugestellt worden sind, denn sie haben nur einen einzelnen Haken.

»Wollen Sie uns nicht erzählen, was passiert ist?«

»Bianca ist Bulgarin, sie war erst seit ein paar Monaten in Deutschland, und ich habe sie …«, er räuspert sich und vergewissert sich mit einem Blick über die Schulter, dass die Zimmertür geschlossen ist. »Ich habe sie in so einer Art Nachtclub kennengelernt.« Flammende Röte überzieht die Wangen des Jungen. »Nicht, was Sie jetzt denken. Wir lieben uns. Ich habe bemerkt, dass sie nicht frei war.« Max verzieht das Gesicht und sieht plötzlich wie ein Schuljunge aus, der nicht weiß, wie er aus dem Schlamassel wieder herauskommen soll, in den er sich geritten hat. Frank legt ihm eine Hand auf den Unterarm. Der Junge blickt auf, schüttelt sie dann geistesabwesend ab und zieht die Schultern hoch, als fröre er.

»Wie meinen Sie das, sie war nicht frei?« Tinas Stimme klingt belegt, sie wirft Frank einen Blick zu. »Was für ein Nachtclub?«

»Ähm, so ein Club halt. Wir waren mit ein paar Kumpels dort und wollten Mädchen aufreißen. Na ja, die anderen wollten das, ich bin nur aus Neugier mitgegangen. Dort haben Frauen nackt getanzt und so.« Die erneute Röte, die ihm in die Wangen steigt, macht ihn Frank sympathisch. »Ich …«, Max stockt, dann spricht er weiter. »Ich wollte es mir nicht eingestehen, aber sie hat wohl auch«, er räuspert sich und flüstert fast, als er weiterspricht, »… angeschafft.«

»Sie meinen, diese Bianca ist eine Prostituierte?« Tina macht sich Notizen.

»Sag ich doch. Aber sie ist da ungewollt hineingeraten, das müssen Sie mir glauben. Da war dieser Typ, für den sie gearbeitet hat. Aber es war nicht nur das. Sie hat auch bei ihm gewohnt. Er ist sowas wie ein Zuhälter.« Das letzte Wort ist wieder kaum hörbar. Max erweckt den Eindruck, überfordert zu sein.

»Wieso haben Sie nicht die Polizei eingeschaltet?«

»Sie hat mich davon abgehalten.« Der Junge schüttelt den Kopf. »Ich hätte es trotzdem machen müssen. Aber sie hatte Angst. Sie sagte, sie dürfte nicht auffliegen, weil ihre Verwandten auf sie angewiesen sind. Der Typ hat Macht über sie. Das ist unheimlich. Aber er wusste immer, wo sie war.« Max springt auf und läuft auf und ab. »Sie müssen mir sagen, was mit Bianca passiert ist«, sagt er plötzlich. »Ich werde wahnsinnig. Was hat der Kerl mit ihr gemacht?«

»Können Sie den Mann beschreiben, kennen Sie seinen Namen?«, will Frank wissen. Tina ist verstummt, ihr Kuli fliegt über die Seiten ihres Notizbuchs.

»Nein, den Namen kenne ich nicht. Er ist groß, dunkelblond, breitschultrig, und er trägt teure Kleidung. Sieht aus wie einer mit Kohle.« Max runzelt die Stirn. »Anscheinend verdient er sein Geld damit, Frauen auszubeuten. Er spricht reines Hochdeutsch. Muss aus Norddeutschland kommen, vielleicht Niedersachsen oder Hamburg. Jedenfalls kein Saarländer.«

»Woher wissen Sie, wie er redet? Haben Sie mit ihm gesprochen?«

»Ja, hab ich. Nachdem Bianca verschwunden war. Wir hatten uns verabredet, aber sie kreuzte nicht auf. Am nächsten Tag hat sie mir dann diese Nachricht geschickt. Also bin ich zu dem Club und habe nach dem Kerl gesucht. Ich hatte Glück, er kam gerade dort heraus und ist zum Stadtpark gelaufen. Also bin ich ihm gefolgt.«

»War das am Vierzehnten?«, will Frank wissen.

»Ja, verdammt. Am frühen Abend, es wurde schon dunkel.« Max ballt die Hände zu Fäusten und drückt sie auf seine Augen, dann lässt er sie wieder sinken. »Der Kerl lief zielstrebig durch den Park, ich dachte, dass er Bianca irgendwo dort abholen wollte. Dann hat er mich bemerkt, das war in der Nähe des Campingplatzes.«

»Er bemerkte Sie, und dann?«

»Er hat mich angesprochen. Ich habe ihn gefragt, wo Bianca ist, aber er sagte, er wüsste es nicht. Sie wäre nicht die Erste, die ihm entwischt ist.«

Frank zieht sein Handy aus der Hosentasche und öffnet das Bild des Toten, hält es Max unter die Nase. »Ist das der Mann?«

Max reißt die Augen auf. »Ja, was ist mit ihm?«

»Es gab eine Schlägerei, ist das richtig?«

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960875918
ISBN (Buch)
9783960875932
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v458775
Schlagworte
Cosy-Crime-deutsch Frauen-krimi Cosy Krimi Krimi für Frauen Amateur-Detektiv-in Zeugenschutzprogramm Detektivin-Krimi

Autor

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    Angelika Lauriel (Autor)

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Titel: Tote Frauen lügen nicht