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Ich glaub, mich küsst ein Zwerg

von Jana Schikorra (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Magdalenas Ruhestand könnte so beschaulich sein: Die einzige Aufregung im Leben der Schriftstellerin ist ihr Enkel im Teenageralter – bis eine Lesereise Wirbel in Magdalenas Dasein bringt. Denn plötzlich taucht ein Mann auf, der von sich behauptet Rumpelstilzchen zu sein und Magdalena noch dazu weismachen will, dass er aus der Märchenwelt gefallen ist. Allerdings geht es nicht alleine ihm so, sondern auch allen anderen Märchenfiguren. Nur Magdalena kann sie retten und wieder in ihre Welt zurückbringen, doch dafür muss sie ein Buch über die verrückten Märchenhelden schreiben. Zusammen mit Rotkäppchen machen sich die Schriftstellerin und Rumpelstilzchen auf eine aberwitzige Reise, um die verstreuten Märchenfiguren zu finden. Dabei wartet so manche Überraschung auf sie, nicht zuletzt der bärbeißige Bikerzwerg, für den Magdalena ganz unerwartet Gefühle entwickelt …

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe März 2019

Copyright © 2019 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-690-8
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-791-2

Covergestaltung: ARTC.ore
unter Verwendung von Motiven von
shutterstock.com: © Billion Photos, © TunedIn by Westend61, © Ana Gram
freepik.com: © jannoon028
Lektorat: Philipp Bobrowski

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

Kapitel 1

Es war ein durch und durch herrlicher Tag. Die Sonne spiegelte sich glitzernd auf der Oberfläche des kleinen Sees am Fuße meiner Veranda, die Vögel zwitscherten ihre Lieder, und die Bäume wiegten ihre prachtvollen Kleider, als wollten sie einen mystischen Tanz vollführen.

Zufrieden lehnte ich mich in meinem Schaukelstuhl zurück und schloss die Augen. Heute hatte ich eine Menge geschafft; gut zwanzig neue Seiten waren fleißig von mir beschrieben worden, und immer noch keimten neue Ideen in mir auf, die zweifelsohne für den Rest meines Buches ausreichen würden.

Ich liebte mein Leben. Manchmal fragte ich mich, womit ich es eigentlich verdient hatte, in einer solchen Idylle zu leben, fernab jeglicher –

»Ey, Oma, zocken wir ein bisschen FIFA?«

Ich schlug die Augen auf und blickte in das für einen Dreizehnjährigen typische chronisch gelangweilte Gesicht meines Enkels, das aus einem überdimensionierten Kapuzenpullover herausragte. »FIFA zocken« gehörte nicht unbedingt zu meinen Lieblingsbeschäftigungen, was nicht zuletzt daran lag, dass ich, vor allem meinem Alter geschuldet, mit Spielkonsolen absolut nichts anfangen konnte. Überhaupt hätte meinen Vorstellungen eher ein Spiel entsprochen, in dem in die Jahre gekommene Frauen als Heldinnen gefeiert wurden, die ihr Land vor dem Bösen beschützten. Frauen, die aussahen wie ich und gegen feuerspeiende Drachen kämpften, die –

»Oma?«

Der Tagtraum löste sich auf und ich schlüpfte aus meiner Rolle als furchtlose Kriegerin zurück in die der liebenden Großmutter. Ich hörte ein »Aber natürlich, mein Schatz« aus meinem Mund kommen.

Es widersprach den Gesetzen der Natur, seinen Enkelkindern etwas abzuschlagen. Das hatte ich schon als kleines Mädchen gelernt. Während meine Eltern damals stets die Meinung vertreten hatten, Süßigkeiten würden mich krank und dick machen, hatte ich mir bei meinen Großeltern den Bauch so lange mit Schokolade vollgeschlagen, bis ich mich übergeben musste. Eine gute Oma sagte nicht Nein. Ich war eine dieser guten Omas.

»Ich bin Bayern«, verkündete mein Enkel auf dem Weg ins Wohnzimmer.

»Super, Timon!«, rief ich mangels einer besseren Reaktion auf diese geistreiche Aussage.

»Du bist Dortmund, okay?«

»Ähm … ja, einverstanden.«

»Gut. Moment mal.« Timon, der es scheinbar kaum erwarten konnte, seine sechsundsechzigjährige Großmutter auf virtuellem Wege zu demütigen, machte sich in Windeseile am Fernsehapparat und der damit verkabelten PlayStation zu schaffen.

Gemeinsam ließen wir uns auf meinem Sofa nieder.

»Hier, Oma, du musst deine Aufstellung festlegen.« Timon drückte mir einen Controller in die Hand.

»Ja … Wie war das noch mal? Was passiert, wenn ich auf das X … Oh, entschuldige bitte.«

Nachdem Timon mir zum wiederholten Male die Bedeutung der verschiedenen Knöpfe und der darauf befindlichen Symbole erklärt hatte, konnte es endlich losgehen.

Es war kein sonderlich spannendes Spiel. Bereits nach zwei Minuten führte Timon mit fünf Toren. Das war auch nicht weiter verwunderlich, hielten meine Spieler es doch für eine großartige Idee, das Laufen durch permanentes Grätschen zu ersetzen. Mir schwante, dass ich mal wieder mit den Knöpfen durcheinandergekommen war.

Die Türklingel bewahrte mich vor einer zweiten Runde. Voller Dankbarkeit machte ich mich auf in den Hausflur und gewährte meiner Tochter Einlass.

»Hallo, Mama! Danke, dass du den Tag mit Timon verbracht hast. Ich weiß, wie sehr die Arbeit dich momentan in Anspruch nimmt.« Ein dicker Kuss fand seinen Weg auf meine Wange.

Ich kam nicht umhin, meine Tochter Emilia mit einem warmen Gefühl in der Brust zu betrachten. Mit ihren bernsteinfarbenen Augen und dem nussbraunen, lockigen Haar war sie so wunderschön, dass Stolz in mir aufkeimte. Obwohl die kleinen Fältchen um Augen und Mundwinkel verrieten, dass sie keine junge Frau mehr war, würde sie immer mein kleines Mädchen bleiben. Die Lebensfreude, die sie versprühte, war noch ein und dieselbe, mit der sie schon in Kindertagen jeden Menschen angesteckt hatte, der ihr begegnet war.

»Das ist doch selbstverständlich, Liebes«, beteuerte ich. Innerlich war ich bemüht, mein überaus hartnäckiges schlechtes Gewissen zu verjagen. Da mir nur noch zwei mickrige Wochen blieben, um mein nächstes Buch fertigzustellen und an meinen Verlag zu schicken, war es unvermeidbar gewesen, Timon für ein paar Stunden mitsamt seiner Lieblingsfilme vor dem Fernseher zu platzieren. Ich wusste, dass er mir nicht böse war, doch irgendwie nagte es trotzdem an mir, auf der Veranda gesessen und geschrieben zu haben, während Batman vor den Augen meines Enkels für die Gerechtigkeit gekämpft hatte.

»Was habt ihr denn so getrieben?«, erkundigte sich Emilia auf dem Weg ins Wohnzimmer.

»Timon hat FIFA gespielt. Was genau ich da neben ihm veranstaltet habe, kann ich dir selbst nicht so genau sagen«, gestand ich amüsiert.

Meine Tochter musste lachen. »Schatz, bist du fertig?«, fragte sie Timon, der gerade die Schnalle seines großen, schwarzen Rucksacks zuschnappen ließ.

»Jo«, begrüßte er seine Mutter. »Gleich Mecces?« Timons Gesicht wies nun eine interessante Mischung auf, war der Ausdruck darin doch gleichzeitig gelangweilt und hoffnungsvoll.

»Himmel nein, doch nicht an einem Sonntagabend! Ich habe gekocht; und zwar reichlich. Papa dürfte auch gleich zu Hause sein. Na komm!«

»Was gibts denn?«, fragte mein Enkel gedehnt, während er neben uns in Richtung Tür schlurfte.

»Eine Reispfanne mit Gemüse und Hühnerfleisch. Ich bin sicher, es wird dir schmecken.«

»Voll homo.«

»Timon, was soll das? Homosexualität ist keine Beleidigung.«

Ich blendete die Diskussion für einen Moment aus, um mir homosexuelles Gemüse vorzustellen, und musste schmunzeln. Ob ich das wohl irgendwie in mein Buch einbauen konnte? Wohl eher nicht. Homosexuelles Gemüse hatte in einem Märchenbuch schätzungsweise nicht allzu viel verloren. Selbst, wenn es sich dabei um ein modernes Märchenbuch handelte.

 

***

 

Ich kam ausgezeichnet voran. Noch vor Ablauf der Abgabefrist überreichte ich meiner Lektorin und Freundin das fertiggestellte Manuskript mit dem verheißungsvollen Titel Prinzen zum Nachtisch.

»Auf dich kann man sich wirklich immer verlassen, Magda«, frohlockte Anna und grinste mich von der anderen Seite des monströsen Schreibtisches hinweg breit an.

»Dieses Mal hatte ich einfach einen Lauf. So schnell, wie meine Finger auf die Tasten eingehämmert haben, konnte ich gar nicht gucken«, berichtete ich triumphierend. Der Gedanke daran, dass die Früchte meiner Arbeit bald sämtliche Regale verschiedenster Buchhandlungen füllen sollten, versetzte mich in Hochstimmung. Ich war genauso aufgeregt wie vor meiner ersten Veröffentlichung und wusste insgeheim, dass es mir auch beim nächsten Mal wieder so ergehen würde.

»Weißt du, ich hatte da so eine Idee. Da dein Debütroman so erfolgreich war, dachte ich, wir könnten mal über eine Lesereise nachdenken. Vielleicht zur Mitte des Jahres, wenn dein kleiner Frischling hier schon eine Weile auf dem Markt ist?«

Augenblicklich bildeten sich Schweißperlen auf meiner Stirn. Zur Mitte des Jahres klang immer so herrlich weit weg – dummerweise war es bereits April und die Mitte des Jahres somit zum Greifen nahe. Mal ganz davon abgesehen war es völlig utopisch, dass ich jemals eine Lesereise antreten würde.

»Na ja, also … Es wäre eine Überlegung wert, durchaus … Aber du weißt ja, meine Knochen wollen nicht immer so wie ich …« Diese Ausrede war derart lahm, dass ich vor Scham errötete. Noch vor wenigen Wochen hatte ich Anna überschwänglich von meiner Reise in die Schweiz berichtet, mit der ich mir einen langjährigen Traum erfüllt hatte. Mehr als ausschweifend hatte ich von meinen langen Wanderungen erzählt, von den imposanten Bergen und den glasklaren Seen. Davon einmal abgesehen machte ich ohnehin regelmäßig Sport. Unter anderem mit Anna zusammen.

»Deine Knochen? Magda, du bist fit wie ein Turnschuh.«

»Also, das ist jetzt vielleicht ein bisschen übertrieben. Außerdem sind es ja nicht direkt die Knochen, sondern es ist doch eher das Herz.« Dumm nur, dass auch mit meinem Herzen alles in Ordnung war. Ich hatte mehr Ausdauer als die meisten jungen Leute.

Annas Augenbrauen erklommen beängstigende Höhen.

Ich seufzte theatralisch. »Na schön, na schön. Ich habe Lampenfieber«, gestand ich drucksend.

»Aha.«

Anna schien den Ernst der Lage nicht zu begreifen. Große Menschenansammlungen machten mich aus unerfindlichen Gründen derart nervös, dass ich mich sogar bei längeren Schlangen an der Supermarktkasse am liebsten einfach nur auf den Boden werfen und schreien würde. Die Vorstellung, aus meinen Büchern vorzulesen, während dutzende Augenpaare auf mich gerichtet waren, brachte mich einer Ohnmacht nahe. Schuldbewusst dachte ich daran, dass ich innerhalb meiner Familie immer mit Sätzen wie »Ängste sind da, um besiegt zu werden!« herumtönte, und nahm mir vor, das in Zukunft zu unterlassen.

»Anna, ich rede hier nicht von normalem Lampenfieber. Eine Lesereise ist völlig ausgeschlossen, glaube mir! Ich würde kein einziges Wort herausbringen.« Die Idee, meinen Hundeblick aufzusetzen, mit dem ich in der Blütezeit meines Lebens dem einen oder anderen Mann ein Glas Champagner abgeluchst hatte, erwies sich als außerordentlich wirkungslos.

Meine Lektorin ließ sich nicht erweichen. »Es geht hier nicht nur um dich, Magda. Wie du weißt, würde auch der Verlag von einer solchen Aktion profitieren«, appellierte sie geschickt an meine altruistische Ader.

Glücklicherweise war diese nicht annähernd so groß wie meine egoistische. »Aber der Verlag profitiert doch schon von mir!«, maulte ich. »Was übrigens ein schnelles Ende finden wird, wenn die Leser erst einmal mit eigenen Augen gesehen haben, was für ein psychisches Wrack sich hinter dem Namen Magdalena Dombrowski verbirgt.«

»Seit wann ist Wahnsinn geschäftsschädigend? Da musst du dir schon etwas Besseres einfallen lassen.«

»Aber …«

»Nichts aber. Soll ich ehrlich sein? Es würde mir sehr viel bedeuten, wenn wir dieses kleine Abenteuer gemeinsam antreten. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal verreist bin. Seit der Trennung von Thomas jedenfalls nicht mehr. Ich bin einsam, Magda. Und ich könnte ein paar Tage mit einer guten Freundin verdammt gut brauchen.«

Ich suchte händeringend nach einem Gegenargument, konnte jedoch keines finden.

Anna, die über ein Radar für kapitulierende arme Seelen verfügte, grinste triumphierend. »Dann hätten wir das ja geklärt. Gehen wir einen Kaffee trinken?«

 

***

 

»Sieben Städte in zehn Tagen? Bist du wahnsinnig?« Entrüstet fuchtelte ich mit meiner Kuchengabel herum, von der winzige Krümel herabrieselten. Bedauernd verfolgte ich deren Sturz auf den fleckigen Boden eines schmuddeligen Eckcafés, ehe ich meine Tirade fortführte. »Ich bin doch nicht Stephen King oder Joanne K. Rowling oder … oder Cornelia Funke. Die nehmen vielleicht solche Reisen auf sich, weil das ganze Land zu ihrer Leserschaft zählt. Verstehst du nicht, Anna? Das sind die Großen, die ganz Großen! Die haben einen Namen. Was sollen das für sieben Städte sein, in denen du ausreichend Menschen finden willst, die eine meiner Lesungen besuchen? Ich bin bloß eine Oma, die perverse Märchen schreibt!«

Für den letzten Satz erntete ich den missbilligenden Blick eines Kellners.

Anna verschluckte sich an ihrem Kaffee. »So ein Unsinn! Einige deiner Geschichten leben nun einmal von ihrer latent sexuellen Komponente. Die Leute lieben so was.« Sie zwinkerte.

Latent sexuelle Komponente.Das war zwar gänzlich untertrieben, klang aber zweifellos besser als pervers.

»Zudem hast auch du dir im vergangenen Jahr einen Namen gemacht. Immerhin stand Von Prinzessinnen und ihren Gelüsten eine ganze Zeit lang in den Bestsellerlisten«, setzte Anna hinzu.

Bei Von Prinzessinnen und ihren Gelüsten handelte es sich um mein Erstlingswerk, das sich in der Tat ziemlich gut verkauft hatte. Zugegebenermaßen verdrängte ich meinen nicht zu verachtenden Erfolg oftmals, ohne es zu wissen. Der Grund dafür war simpel: Ich konnte es noch immer nicht fassen.

»Das mag sein, Anna. Aber ich sollte trotzdem Vorsicht walten lassen. Der Erfolg meines letzten Buches verspricht mir nicht automatisch den Erfolg des nächsten.« Wenn ich eines im Leben gelernt hatte, dann war es Folgendes: Wer Hoffnungen möglichst gering hielt, konnte auch besser mit Enttäuschungen umgehen.

Es faszinierte mich, dass ich mittlerweile mehr Angst vor einem leer gefegten Raum hatte als vor einer gesunden Anzahl an Menschen, die sich für mein Buch interessierten. Ob man das als Fortschritt bezeichnen konnte?

»Was hältst du davon, deine Sorgen einmal unter den Tisch zu kehren und dir anzuhören, in welch fantastische Städte es dich verschlagen wird?«, schlug meine Lektorin gut gelaunt vor. Sie fischte ein zusammengefaltetes Blatt Papier aus ihrer Handtasche, strich es glatt und begann, mich mit Informationen zu überhäufen. »Starten werden wir in Lübeck. Ein nettes Fleckchen Erde, wirklich! Das Holstentor wird bei Weitem nicht das einzige Bauwerk sein, dessen Charme du erliegen wirst. Als Nächstes geht es dann nach Hamburg. Glaube mir, ein kleiner Spaziergang an der Alster wird dir alle Anspannung nehmen. Unsere dritte Anlaufstelle ist Rostock. Sollte ursprünglich die zweite werden, aber es gab ein paar terminliche Schwierigkeiten mit der dortigen Buchhandlung. Was soll ich sagen? Allen Komplikationen zum Trotz eine ebenso schöne und anheimelnde Stadt wie die vorherigen. Danach machen wir uns auf nach Berlin. Darauf freue ich mich ganz besonders. Es ist ewig her, dass ich das letzte Mal dort war. Wie ist es bei dir?«

Meine Antwort ließ wohl zu lange auf sich warten, denn Anna redete direkt weiter auf mich ein. »Bleiben noch Hannover, Göttingen und … Na, was glaubst du? Welche Stadt habe ich mir für die letzten drei Tage als ganz besonderes Sahnehäubchen aufgehoben?«

Ich war einigermaßen ratlos.

»Komm schon, Magda, so schwer ist es nicht. Es hat etwas mit deinen Büchern zu tun.«

»Las Vegas?!«, quiekte ich voller Entsetzen. Bei aller Liebe, das würde ich nicht mitmachen! Anna hatte wohl einen weitaus größeren Hackenschuss, als ich es zunächst vermutet hatte. Was sollte eine Frau über sechzig bitteschön in Las Vegas mit sich anzufangen wissen? Mit einem Rollator durch den Caesars Palace flitzen?

»Aber nein, wie kommst du denn darauf?«, wehrte Anna ab.

»Na ja, in einer meiner Geschichten entschließen Prinz Schwengel und seine Angebetete sich doch dazu, in Vegas zu heiraten, damit die Familie keinen Wind davon bekommt«, rechtfertigte ich meine scheinbar mehr als unzutreffende Aussage.

»Prinz Schwengel …« Anna lächelte verträumt.

»Ähm, hallo?«

»Entschuldige. Also, zurück zum eigentlichen Thema: Unser letzter Halt wird Kassel sein.« Sie strahlte mich an. Bis über beide Ohren.

In der Erwartung, sie würde noch hinzusetzen, was an Kassel so bezaubernd war, beugte ich mich vor und wartete.

Nichts geschah.

»Naaa?«, fragte ich schließlich mit auf und ab wippenden Augenbrauen.

Die Begeisterung in Annas Gesicht wich einem Ausdruck tiefen Bedauerns. »Du hast keine Ahnung, warum ich Kassel ausgewählt habe, oder?«

Mein Gesicht kribbelte. »Na ja, also so würde ich das jetzt nicht sagen. Kassel ist für vielerlei Dinge berühmt, zum Beispiel für … Ahhhh!« Der Groschen fiel. »Die Brüder Grimm. Darauf spielst du an. Natürlich. Ein paar ihrer berühmtesten Werke entstanden während ihrer Zeit in Kassel.« Ich war äußerst zufrieden mit mir.

»Ganz recht. Eine märchenhafte Stadt, im wahrsten Sinne des Wortes.«

»Das ist toll, Anna. Wirklich. Es wird mir eine Ehre sein, dort lesen zu dürfen«, lobte ich sie, und der Ausdruck des Bedauerns auf ihrem Gesicht verschwand.

 

***

 

Ich war mehr als dankbar für die Unterstützung, die ich während der folgenden Wochen erhielt. Emilia und Timon besuchten mich so regelmäßig, dass ich beinahe das Gefühl hatte, sie wären bei mir eingezogen. Sogar Holger, mein Schwiegersohn, schaute mindestens zweimal die Woche vorbei, was angesichts seiner unchristlichen Arbeitszeiten an ein Wunder grenzte.

Trotz der wohltuenden Gesellschaft meiner Liebsten wurde mir schmerzlich bewusst, dass mir ein Mann an meiner Seite fehlte. Ich kam nicht oft zu dieser Einsicht, zog ich es doch vor, unangenehme Tatsachen zu verdrängen. Doch während ich Tag für Tag und Woche für Woche vergeblich versuchte, mich seelisch auf meine anstehende Lesereise vorzubereiten, bahnte sich die Sehnsucht hartnäckig ihren Weg an die Oberfläche.

»Wenn ich einen Partner hätte, könnte er mich begleiten«, maulte ich daher eines schönen Nachmittages zum Erstaunen meiner Tochter, die mich bisher nur ein einziges Mal über mein Dasein als alleinstehende Frau hatte meckern hören. Und das auch nur, weil ich auf der vorletzten Weihnachtsfeier ihres Betriebes ein inniges Verhältnis mit einem Pott Glühwein eingegangen war.

»Aber Mama, was … Ich meine ja, das wäre wirklich schön, aber …« Emilia verstummte und begann, mit ihrer Suppenschüssel um die Wette zu starren.

»Entschuldige. Es war dumm von mir, das Thema anzuschneiden.«

Meine Tochter schüttelte vehement den Kopf. Verstohlen warf sie einen Blick ins Wohnzimmer.

Timon hatte sich, nachdem er von der Zwiebelsuppe als Mittagsgericht erfahren hatte, kurzerhand dazu entschlossen, dass er doch nicht hungrig war, und es sich vor dem Fernseher bequem gemacht.

Offenbar wollte Emilia sichergehen, dass er seine Aufmerksamkeit voll und ganz dem Geschehen auf dem Bildschirm widmete, bevor sie weitersprach. »Dein Verschleiß an Männern ist rekordverdächtig, und das weißt du auch. Ich nehme dir nicht übel, dass du meinen Vater damals verlassen hast. Es war vermutlich wirklich besser so, das sehe ich ein, und du wolltest mich nur beschützen. Aber auch danach wolltest und konntest du dich nie festlegen. Kaum hatte ich mich an jemanden gewöhnt, durfte er auch schon wieder seine Sachen packen und der Nächste kam durch die Tür spaziert. Fakt ist: Du hast es nie lange mit einem Mann ausgehalten. Niemand konnte dir je gerecht werden.«

Das hatte gesessen. Eine Zeit lang blinzelte ich nur ungläubig. Mein Verschleiß an Männern? Nur weil ich ein wenig Abwechslung in mein Leben hatte bringen wollen und es mir stets absurd vorgekommen war, mich für immer und ewig an ein und dieselbe Person zu binden, musste man ja nicht gleich von Verschleiß reden. Oder? »Der Richtige war eben einfach nie dabei. Das ist manchmal so. Nicht jeder Mensch findet die große Liebe und hat das Glück, sein Leben in Zweisamkeit zu verbringen«, verteidigte ich mich und unterdrückte den Impuls, meine Unterlippe vorzuschieben und die Arme zu verschränken.

»Aber Mama, genau das hättest du haben können. Nur war dir nie jemand gut genug, ganz egal, was er für dich getan hat. Nie. Also höre bitte auf, dich zu beschweren.«

Ich wollte mich empören, meine Stimme erheben, Emilia zurechtweisen und sie für diese verletzende Aussage tadeln. Das wollte ich wirklich. Aber ich konnte es nicht. An Emilias Worten war durchaus etwas Wahres dran, ob ich das nun wahrhaben wollte oder nicht. Viele meiner Verehrer hatten mich auf Händen getragen, doch ich hatte es mir zur Aufgabe gemacht, nach ihren Fehlern zu suchen und sie mir selbst schlechtzureden. Meine Freiheit hatte stets über allem gestanden. Unabhängigkeit war in meinen Augen das einzig Erstrebenswerte gewesen.

»Ich möchte mich nicht beschweren. Du und Timon, ihr seid alles, was ich brauche«, antwortete ich und stellte zu meiner eigenen Überraschung fest, dass meine Augen feucht wurden.

Emilias gefrorene Gesichtszüge tauten auf.

»Boah, zieht euch das mal rein! Die haben Wasser auf dem Mars entdeckt. Wie krass ist das bitte?«, drang es ehrfürchtig aus dem Wohnzimmer.

Vorsichtig lächelte ich meine Tochter an. Sie lächelte zurück.

Den Rest des Abends verbrachten wir zu dritt auf meinem Sofa, sahen uns auf Timons Wunsch hin ein paar Pannenvideos an, in denen Mensch und Tier vor laufender Kamera alle nur denkbaren Missgeschicke geschahen, und waren nur allzu bereit, das unangenehme Gespräch aus unserem Gedächtnis zu verbannen.

Es war der Abend vor Beginn meiner Lesereise, und ich stand kurz vor einer ausgewachsenen Panikattacke. Dreimal hatte ich meinen Koffer ein- und wieder ausgepackt, weil ich das Gefühl nicht losgeworden war, etwas vergessen zu haben. Einzig und allein die Tatsache, dass ich mir mittlerweile ziemlich neurotisch vorkam, hielt mich davon ab, es noch ein viertes Mal zu tun.

Es war bereits zehn Uhr, und ich würde um fünf aufstehen müssen. Eigentlich höchste Zeit, ins Bett zu gehen, doch ich fühlte mich noch immer unzureichend vorbereitet. Also entschied ich mich kurzerhand dazu, das nächstbeste Buch zur Hand zu nehmen, mich mitten ins Wohnzimmer zu stellen und mir eine imaginäre Zuhörerschaft vorzustellen, die es mit meinen Worten zu begeistern galt.

Ich räusperte mich, schlug die erste Seite auf und konzentrierte mich darauf, meine Stimme fest und selbstbewusst klingen zu lassen.

»Acht Gemälde für eine Ausstellung sollen in vierundzwanzig Tagen von fünfzehn Künstlern erstellt werden. Nach sechs Arbeitstagen fallen zwei Künstler aus, jedoch wird die Kreativgemeinschaft nach weiteren vier Tagen um sieben Künstler erweitert, weil noch zwei Gemälde zusätzlich gemalt werden sollen. Wann sind die zehn Gemälde fertig gestellt?«, krakeelte ich durch den Raum.

Gut, es wäre sicherlich hilfreich gewesen, hätte ich aus meinem eigenen Buch vorgelesen, doch das befand sich sicher verpackt in meinem Koffer, den ich ja aus Gründen der Selbstachtung nicht mehr hatte anrühren wollen. Und ja, es war gegebenenfalls nicht besonders optimal, dass es sich bei dem Buch in meinen Händen um eine Sammlung diverser Textaufgaben für die achte Klasse handelte. Noch viel weniger schön war es allerdings, dass ich mich während des Lesens anhörte wie ein heiserer Bundeswehroffizier. Weshalb hatte ich so rumgeschrien?

Hastig entschuldigte ich mich bei meinem imaginären Publikum und versuchte es nun sanft und melodisch.

»Ein Mann kauft fünfhundert Papageien …«

Abrupt stoppte ich. In welchem Universum kaufte man sich fünfhundert Papageien? Und was tat man dann mit ihnen?

Entnervt stellte ich das Buch zurück an seinen Platz und ersetzte es durch ein anderes. Paradiesische Gärten stand auf dem Einband.

Heiter flötete ich Namen und Herkunft exotischer Pflanzen durch mein verlassenes Haus, bis mein Hals trocken wurde. Anschließend putzte ich aus Jux und Tollerei die Küche. Die Uhr schlug Mitternacht, als ich hinausging, um die Blumen zu gießen. Unmittelbar danach kaufte ich zwei elektrische Heizdecken auf dem Teleshopping-Kanal.

Dann endlich fiel ich in einen traumlosen Schlaf.

 

***

 

Entgegen meinen Vermutungen erwies sich meine Angst als vollkommen unbegründet. Auch wenn zunächst alles danach ausgesehen hatte, als würde meine erste Lesung guten Stoff für einen Endzeitroman liefern.

Die Führung durch die Lübecker Altstadt trat ich als psychisches Wrack an; meine Aufnahmefähigkeit glich der eines Stücks Marzipan. Auch die Instruktionen der zuvorkommenden Buchhändlerin, die den Abend moderieren würde, wollten meine Ohren partout nicht erreichen.

Erst kurz vor Einlass, als Anna mir großzügigerweise ein Glas Wein gewährte und mir obendrein versicherte, dass sie draußen bereits ein Dutzend Leser erspäht hatte, legte sich meine Anspannung zumindest ansatzweise.

»Deine Angst ist irrational«, beschwichtigte mich meine Lektorin zum wiederholten Male. »Selbst, wenn ich draußen niemanden gesehen hätte – es wurden genug Karten verkauft. Du wirst vor rund fünfzig Leuten lesen, Magda.«

»Aber du hast sie doch gesehen? Oder sagst du das nur, um mich zu beruhigen?«

»Himmel, nein …«

Die Diskussion kam erst zum Erliegen, als ich angekündigt wurde und an meinen Platz wankte. Unentwegt sendete ich Kommandos wie Lächeln! an mein Gehirn in der Hoffnung, dass es sie möglichst zeitnah umsetzte.

Nachdem ich ungeschickt auf meinem Stuhl Platz genommen hatte, richtete ich ein paar wirre Worte an meine Leserschaft und ermahnte mich zur Ruhe. Trotz aller Bemühungen drohte die Panik mich zu überwältigen, sah ich doch plötzlich alles verschwommen. Hektisch griff ich dahin, wo ich mein Wasserglas vermutete, und schüttete mir den halben Inhalt über meine Satinbluse. Vereinzeltes Gelächter ertönte. Spontan entschied ich mich dazu, mit einzustimmen.

Zu meinem großen Erstaunen sollte es allerdings keine weiteren Zwischenfälle geben. Kaum hatte ich zu lesen begonnen, blendete ich meine Umgebung vollständig aus und tauchte ein in eine eigens von mir geschaffene Welt.

 

***

 

»Das war ja der helle Wahnsinn, Magda!«, rief Anna mit schriller Stimme aus. Sie umarmte mich stürmisch. »Du bist die geborene Rednerin, hat dir das mal jemand gesagt? Wow, ich bin echt hin und weg.«

Mein Ego klopfte sich selbstgefällig auf die Schulter. Das Glücksgefühl, das mich überkommen hatte, als ich meine Geschichten in die bescheidene Welt der Buchhandlung hinausgetragen hatte, hatte einen riesigen Schatten über die lästige Angst geworfen. »Ich habe mich noch nie zuvor so lebendig gefühlt«, verkündete ich mit glühenden Wangen.

Selbst die Signierstunde am Ende der Veranstaltung hatte ich mit Bravour gemeistert. Noch immer labte ich mich an den in meinem Kopf widerhallenden Lobpreisungen meiner Leser.

Anna hakte sich bei mir unter. »Darauf stoßen wir an! Komm, meine Liebe, ich kenne da einen wunderbaren Italiener an der Untertrave.«

 

***

 

Es gab weitaus schönere Dinge, als mit einem Kater nach Hamburg zu fahren. Dessen war ich mir am nächsten Morgen zu hundert Prozent sicher.

Anna verbarg ihre rot geränderten Augen hinter einer überdimensionierten Sonnenbrille und gab keinen Mucks von sich, ich starrte stur aus dem Fenster und fixierte den Horizont, als hinge mein Leben davon ab. Nur nicht bewegen lautete die Devise. Ganz simpel.

Zum Glück erreichten wir bereits nach knapp anderthalb Stunden unser Ziel.

Nach einem kleinen Schläfchen auf dem Hotelzimmer machten wir uns auf ins Zentrum der Stadt und ersetzten die ursprünglich geplante Sightseeingtour durch den Verzehr zweier Fischbrötchen, der ungewöhnlich viel Zeit in Anspruch nahm.

Ich kam nicht umhin, mich ein wenig für meinen Zustand zu schämen. Immerhin war ich keine zwanzig mehr, nicht einmal dreißig, vierzig oder fünfzig, sondern eine waschechte Großmutter auf intellektueller Mission, zu deren Bestandteilen nicht unbedingt drei Flaschen Weißwein gehörten.

»Das passiert mir nicht noch mal«, stöhnte ich nach dem gewonnenen Kampf mit meinem Fischbrötchen.

 

***

 

Natürlich passierte es mir wieder.

Herr Zweiacker, Weinliebhaber und Leiter der Filiale, in der ich meine Lesung diesmal abhielt, lud Anna und mich nach getaner Arbeit zum Essen ein. Die Konsequenzen waren verheerend. Auf dem Weg nach Rostock reichte es nicht ganz, nur den Horizont zu fixieren und zu hoffen. Beinahe alle zehn Minuten suchten wir eine Raststätte auf, um frische Luft zu schnappen und ein paar Schritte zu gehen, ehe wir die endlos erscheinende Fahrt wieder aufnahmen.

Auch an diesem Abend sollten Anna und ich nicht verschont bleiben, überraschte mich doch meine Tochter mit einem Besuch. Sie war beruflich in der Nähe der Stadt unterwegs gewesen und führte uns in ein griechisches Restaurant aus, in dem eindeutig zu viel Ouzo aufs Haus ging.

In Berlin verlor ich meine Hoffnung auf einen Morgen ohne Kater bereits frühzeitig. Im Publikum befanden sich gute Bekannte meiner Lektorin, die uns kurzerhand zu sich nach Hause einluden, um mit uns anzustoßen.

Mein relativ jung gebliebenes Äußeres, das ich bisher stets als Segen empfunden hatte, entpuppte sich mittlerweile als Fluch. Wären meine Haut schrumpelig und meine Haare grau gewesen, die Körperhaltung leicht gebückt, so hätte man mir möglicherweise Kaffee oder Tee statt hausgemachten Schnapses angeboten. Ich überlegte ernsthaft, einen Friseur und einen Maskenbildner aufzusuchen, um dem Schlamassel zukünftig zu entkommen.

Nach meiner Lesung in Hannover waren Anna und ich glücklicherweise nicht mehr imstande, die Einladung eines vermeintlich von meiner »schier unglaublichen Kreativität«begeisterten Lesers anzunehmen, der meiner Ansicht nach einfach nur ein Auge auf meine Lektorin geworfen hatte. Halbtot fielen wir ins Bett – und verschliefen den Wecker.

Trotz verspäteter Abreise kamen wir rechtzeitig in Göttingen an. Die Lesung war wie Balsam für meinen geschundenen Geist, den ich nach den vergangenen Nächten bereits tot geglaubt hatte. Mit der Erholung war es aber auch schon wieder vorbei, kaum dass wir aus der Tür der Buchhandlung getreten waren. Anna bat mich, sie zu einem Jazzkonzert zu begleiten. Zunächst sah alles ganz gut aus: Anna hatte bereits ein paar Cocktails intus, doch ich schreckte vor den Preisen zurück und blieb konsequent beim Wasser. Als sie dem Inhaber der Bar, in der die Veranstaltung stattfand, jedoch in meinem Namen (und in einigermaßen beschwipstem Zustand) ein Exemplar meines Buches schenkte, sprach er die fünf verheerenden Worte: »Der Rest geht aufs Haus!«

 

***

 

»Ich habe mir vorhin sechsmal die Zähne geputzt, und meine Zunge ist immer noch pelzig«, klagte Anna, die völlig übermüdet am Steuer saß.

Ich hörte ihr nur mit halbem Ohr zu, spekulierte ich doch gerade darüber, wie sich die letzten Tage auf meine Leberwerte ausgewirkt hatten. »Bitte sag mir, dass du uns für Kassel ein Wellnesshotel gemietet hast, das wir ausschließlich für den heutigen Termin verlassen werden«, krächzte ich. Zu allem Überfluss war ich heiser. Die Jazzband hatte so laut gespielt, dass Anna und ich uns hatten anschreien müssen, um den jeweils anderen zu verstehen.

»Ach, Magda, wir haben drei Tage Zeit. Da werden wir doch nicht in einem Hotel versauern.«

Der Gedanke, die Haare grau zu färben und mir tiefe Furchen schminken zu lassen, erschien immer verlockender. »Anna, ich bin zu alt für so was. Vergiss das nicht, ich könnte deine Mutter sein.«

»Du siehst aber nicht so aus. Außerdem bist du kerngesund. Erzähl mir nicht, dass du bisher keinen Spaß hattest!«

»Darum geht es nicht, ich …«

»Wo kann man sich besser gehen lassen als an Orten, an denen einen keiner kennt?«

»Anna, mein Gesicht schmückt dank dieser Lesereise diverse Plakate an diversen Buchhandlungen.«

»Na ja, aber …«

»Achtung, hier musst du abfahren!«

Die Diskussion darüber, ob ich zu alt zum tagelangen Feiern war, zog sich noch eine ganze Weile hin. Als Anna mich schließlich lachend fragte, warum ich überhaupt mitgetrunken hätte, wenn ich doch angeblich schon fast am Stock ging, konnte ich mir ein Grinsen nicht verkneifen. So oft ich mich während der letzten Tage auch über unsere ausschweifenden Abende beschwert hatte, ich wollte keinen von ihnen missen. Dennoch lag mir auch etwas daran, weiterhin für mein künstlerisches Schaffen und nicht bloß für glasige Augen, abstehende Haare und eine schwere Zunge bekannt zu sein. Es wurde also eindeutig Zeit für ein bisschen Kultur.

So kam es, dass Anna und ich den Tag damit zubrachten, von einer Sehenswürdigkeit zur anderen zu eilen. Wir besahen uns die Löwenburg, bestaunten das Marmorbad, genossen die eindrucksvolle Aussicht von der Aussichtsplattform bei der Herkulesstatue und besuchten die Grimmwelt.

Kassel hatte es mir wahrhaftig angetan. Jeder Winkel dieser Stadt inspirierte mich, meine Fingerspitzen kribbelten unaufhörlich. Ich war drauf und dran, mir Stift und Papier zu schnappen, mich in die Ecke einer Spelunke zurückzuziehen und einfach draufloszuschreiben, bis mir die Gelenke schmerzten. Die Müdigkeit der letzten Tage war wie weggeblasen. Ich konnte es mir selbst nicht erklären, doch ich strotzte geradezu vor Lebensenergie.

Kapitel 2

»Es war eine wunderbare Idee von dir, Kassel zu unserem letzten Ziel zu machen«, lobte ich Anna überschwänglich, während ich voller Vorfreude auf meine anstehende Lesung an meinem wohltuenden Tee nippte. Die gedämpften Stimmen meiner eintreffenden Leserschaft drangen durch die Wand, doch ich empfand keine Aufregung. Alles war so, wie es sein sollte.

»Ja, wirklich großartig. Herrgott, Magda, weißt du eigentlich, wie sehr mir die Füße schmerzen? Wieso um alles in der Welt musstest du mich heute so durch die Gegend hetzen, wo wir doch noch zwei volle Tage vor uns haben?«

»Wieso stand ich die letzte Woche durchgehend unter Alkoholeinfluss? Wenn wir anfangen, das zu hinterfragen, drehen wir uns nur im Kreis. Lassen wir das Jammern sein und erfreuen uns an der Schönheit des Lebens.«

Meine Lektorin versah mich mit einem kritischen Blick. »Du klingst überhaupt nicht nach dir selbst.«

»Nach wem denn dann?«

»Nach dem Dalai-Lama auf Crack.«

»Auf was?«

»Vergiss es.«

»Wenn das dein Wunsch ist.« Meine neu entdeckte Gelassenheit gefiel mir prima.

Anna öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch ein hektisches Klopfen schnitt ihr das Wort ab.

In der Tür erschien ein vor Nervosität rot gesprenkelter Frauenkopf, der zur Filialleiterin gehörte. »Es geht los!«

 

***

 

Ich hielt mich nicht im Entferntesten an die Zeitvorgabe von zwei Stunden, sondern überzog maßlos. Das lag nicht zuletzt daran, dass ich diesen letzten Abend meiner Lesereise zu einem ganz besonderen machen wollte.

Falls jemand aus dem Publikum noch etwas Dringendes vorhatte, so ließ er es sich nicht anmerken. Soweit ich es beurteilen konnte, hingen alle Anwesenden an meinen Lippen, was mir außerordentlich schmeichelte.

Auf einige vorgelesene Seiten aus meinem neuesten Buch folgten Anekdoten aus meinem Leben; ich berichtete von lustigen Erlebnissen und denkwürdigen Augenblicken, von meinen Anfängen als Schriftstellerin und den damit verbundenen Höhen und Tiefen. Auch die Publikumsfragen beantwortete ich heute ausgesprochen ausführlich. Ich war sehr zufrieden mit mir.

»Sie sind wirklich eine reizende Person«, verkündete ein strahlender, schmächtiger Mann mittleren Alters, der mir sowohl ein Exemplar von Von Prinzessinnen und ihren Gelüsten als auch eines von Prinzen zum Nachtisch über den Tisch reichte.

Ich bedankte mich herzlich.

»Könnten Sie Für Harald hineinschreiben?«, bat er mit rosafarbenen Wangen.

»Aber natürlich!«

Die Signierstunden würden mir am meisten fehlen, dessen wurde ich mir just in diesem Moment bewusst. Der direkte Kontakt und die erquickenden Gespräche mit jenen Menschen, die ihre Freizeit damit verbrachten, von mir geschriebene Bücher zu lesen, waren unendlich wertvoll. Es gab keine größere Ehre für mich, als an ihrer Freude teilhaben zu dürfen. Ein Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus.

»Für Heinz-Kunz, wenn ich bitten darf.«

Das Lächeln erstarb. Die Stimme des Mannes, der nun vor mir stand, war derart schrill und nervtötend, dass ich um mein Gehör fürchtete. »Ähm, ja … sicherlich.« Anstatt sofort den Stift zu zücken und seinem Wunsch nachzukommen, starrte ich ihn jedoch erst einmal unverwandt an.

Er war klein, auffallend klein, und äußerst merkwürdig gekleidet. Der zierliche Körper war in einen tannengrünen Mantel gehüllt, und auf dem Kopf trug er einen spitzen, schwarzen Hut, aus dem rote Haare hervorlugten. Was mich am meisten aus der Fassung brachte, war allerdings das Gesicht des Mannes. Eine dicke, wulstige Narbe schien es in zwei Hälften teilen zu wollen. Kerzengerade verlief sie vom Scheitel bis zum Kinn. So sehr mich meine innere Stimme auch ermahnte, meinen Blick endlich abzuwenden und das unhöfliche Starren zu unterlassen, es wollte mir nicht gelingen.

»Gibt es irgendein Problem?«, quäkte mein sonderbarer Leser.

Ich zuckte zusammen und schüttelte beschämt den Kopf. »Nein, nein … Verzeihen Sie bitte.« Hastig kritzelte ich eine Signatur in das vor mir liegende Exemplar und reichte es dem Unbekannten.

»Vielen Dank.« Er beugte sich nach vorn, um das Buch entgegenzunehmen, und da sah ich es: Die Narbe endete nicht an seinem Kinn, sondern zog sich den gesamten Hals hinunter, ehe sie sich im Ausschnitt eines roten Strickpullovers verlor.

Ich musste schlucken. Was war diesem Mann nur zugestoßen?

In diesem Moment war mir noch nicht klar, dass ich es allzu bald erfahren sollte.

 

***

 

Der Weg zurück zum Hotel kam mir endlos vor. Ich konnte mich nicht erinnern, jemals so geschafft gewesen zu sein. Jeder weitere Schritt, den wir in der kühlen Nachtluft taten, ließ mich träger werden.

Die letzten Tage hatten mir unsagbar viel Freude bereitet, doch die zahlreichen Unternehmungen, insbesondere jene, bei denen Alkohol im Spiel gewesen war, forderten allmählich ihren Tribut.

»Hast du noch Lust auf einen kleinen Absacker?«, erkundigte sich Anna, als wir endlich den Hoteleingang passierten.

Mein Gesichtsausdruck schien als Antwort zu genügen.

»Schon gut, schon gut … Dann schlaf schön, meine Liebe, und erhol dich gut! Ich werde mal sehen, ob ich dem einsamen Herren dort eventuell Gesellschaft leisten kann.« Ein vielsagendes Augenzwinkern später war meine Lektorin bereits in Richtung Hotelbar entschwunden, an der tatsächlich ein nicht unansehnlicher Mann mittleren Alters ohne Begleitung saß.

Ich lächelte in mich hinein, wünschte ihr gedanklich alles Gute und betrat den Aufzug. Manchmal, so stellte ich fest, sah ich in Anna eine jüngere Version von mir. Unfähig, sich fest zu binden, immer auf der Suche, ruhelos, selbstzerstörerisch … Seit wann machte Müdigkeit mich eigentlich so depressiv?

Ein leises Ping verriet mir, dass ich es in mein Stockwerk geschafft hatte. Immer noch in Gedanken versunken trat ich hinaus und schlenderte den Flur entlang.

»So sieht man sich wieder.«

Ich wirbelte herum, die Handtasche in meiner erhobenen Hand. Bereit, sie niedersausen zu lassen.

»Das ist nun wirklich nicht nötig«, befand Heinz-Kunz mit einem Blick auf meine provisorische Waffe.

»Was … Was machen Sie hier?« Mir war bewusst, dass diese Frage im Normalfall etwas seltsam anmutete. Die Wahrscheinlichkeit, dass einer meiner Leser sich in dasselbe Hotel wie ich einquartiert hatte, war sicherlich nicht allzu gering. Dennoch hatte ich ein merkwürdiges Gefühl. Meine Müdigkeit war wie weggeblasen, Adrenalin jagte durch meinen Körper.

»Ich würde mich gerne mit Ihnen unterhalten«, sagte Heinz-Kunz geradeheraus.

»Moment mal – sind Sie mir gefolgt? Warum zum Teufel haben Sie vorhin nicht mit mir geredet?«

»Es handelt sich um eine äußerst wichtige Angelegenheit, die auf keinen Fall vor Dritten besprochen werden kann.«

»Na, wenn das so ist«, ich strich meinen Rock glatt und reckte das Kinn, »dann schreiben Sie mir doch bitte einen Brief. Ich bin müde und würde nun gern zu Bett gehen. Einen schönen Abend noch.«

Wie erwartet ließ Heinz-Kunz sich nicht so einfach abwimmeln. Er folgte mir kurzerhand, als ich mich auf den Weg zu meinem Zimmer machte.

»Du meine Güte, was wollen Sie? Kann das nicht warten? Lassen Sie mich jetzt schlafen, sonst rufe ich den Sicherheitsdienst!« Seine Dreistigkeit verärgerte mich.

»Ich brauche Ihre Hilfe. Wir alle brauchen Ihre Hilfe.« Seine nervtötende Stimme hatte einen flehentlichen Klang angenommen.

Ich seufzte. Sah ihn an.

Seine Augen waren feucht.

Ich seufzte erneut. »Also schön, verdammt noch mal! Worum geht es denn?«

»Möchten Sie mich nicht hineinbitten?«

»Überspannen Sie den Bogen nicht.«

»Aber wenn uns jemand hört?«

»Sie machen mich fertig!« Leise fluchend schloss ich meine Zimmertür auf. Eigentlich konnte ich kaum fassen, was ich da tat. Immerhin gewährte ich einem völlig fremden Mann Zutritt zu meinem Hotelzimmer. Und ich war allein. Wer würde mich hören, wenn ich schrie?

Doch meine Neugier überwog. Das hatte sie immer schon getan. Der Gedanke daran, dass ich mit Mitte sechzig immer noch so unvernünftig war wie zu meiner Jugendzeit, zauberte mir ganz kurz ein Lächeln ins Gesicht. »Sie können dort Platz nehmen.« Ich deutete auf einen Stuhl am anderen Ende des Zimmers, während ich selbst mich auf der Bettkante niederließ.

»Vielen Dank.«

»Also, worum geht es?«

»Wissen Sie, wer ich bin?«

Ich verdrehte die Augen. Was war das denn für ein Spielchen? »Selbstverständlich. Sie heißen Heinz-Kunz, haben vorhin meine Lesung besucht und haben allem Anschein nach nicht die beste Erziehung genossen. Andernfalls würden Sie einer älteren Dame wohl kaum nachstellen.«

»Nein, nein. Das ist nicht mein richtiger Name. Raten Sie mal.«

Das war mir nun wirklich zu blöd. »Hören Sie, ich glaube, ich bin Ihnen sehr entgegengekommen. Aber jetzt verlassen Sie bitte umgehend mein Zimmer und lassen mich in Frieden. Für so etwas habe ich keine Zeit.«

Wider Erwarten erhob Heinz-Kunz sich tatsächlich von dem Stuhl, den ich ihm zugewiesen hatte. Allerdings nicht, um meiner Aufforderung nachzukommen. Stattdessen begann er, wie verrückt im Kreis zu tanzen.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt hätte ich weglaufen und die nächstgelegenen Klapsmühlen über einen potenziellen flüchtigen Patienten informieren müssen, doch ich war völlig gefesselt von diesem einzigartigen Schauspiel.

»Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß. Heute back ich, morgen brau ich, übermorgen ganz geschwind, hol ich mir im Morgengrauen der Königin ihr einz’ges Kind.«

Mir klappte die Kinnlade herunter. »Sie halten sich für Rumpelstilzchen?!«

Heinz-Kunz beendete sein Tänzchen und wandte sich mir zu. »Ich bin Rumpelstilzchen. Schauen Sie her!«

»Was … oh, um Gottes willen, behalten Sie das an!« Eilig schlug ich mir die Hände vors Gesicht, als mein ungebetener Gast sich zu entblößen begann.

»Bitte, Sie müssen hinsehen! Ich habe mich selbst entzweigerissen, erinnern Sie sich? Als die Königin meinen Namen erriet.«

Zögernd entfernte ich meine Hände von meinem Gesicht.

Heinz-Kunz stand, nur mit einer Unterhose bekleidet, vor mir. Die Narbe, die mir bereits während meiner Signierstunde aufgefallen war, setzte sich tatsächlich über seinen gesamten Körper fort. Sie teilte ihn in der Mitte.

Ich verlor das Bewusstsein.

 

***

 

»Guten Morgen, Magda! Weißt du schon, wo du am liebsten … Ach du Scheiße!«

»Hmpf?« Ich gähnte ausgiebig, bevor ich die Augen öffnete.

Anna stand in der Verbindungstür unserer Zimmer und starrte entgeistert zu mir herab. »Ist alles in Ordnung bei dir? Was ist denn passiert?«

Ich hatte keine Ahnung, wovon sie sprach, bis ich versuchte, mich aufzusetzen. Jeder einzelne Muskel tat mir weh. Stöhnend sah ich mich um und realisierte, dass ich auf dem Boden geschlafen hatte. »Oh … Puh, ich weiß auch nicht, wie ich hier gelandet bin. Vermutlich bin ich aus dem Bett gefallen.«

»In das du dich vollständig bekleidet gelegt hast?«, hakte Anna ungläubig nach. »Mit Schuhen?«

Die Erinnerung an gestern Nacht brach ohne Vorwarnung über mich herein. »Oh … Oh Gott!«

»Was? Was ist denn?« Anna kniete sich neben mich und legte besorgt einen Arm um meine Schulter.

»Ich weiß es wieder. Es war sehr merkwürdig, ich … ähm … Ich bin auf dem Weg zum Badezimmer hingefallen und war dann zu faul, wieder aufzustehen. Es war so schön gemütlich, und da bin ich einfach eingeschlafen.« Für eine Schriftstellerin war das eine verhältnismäßig unkreative Ausrede, doch mein Hirn war viel zu sehr damit beschäftigt, das zu verarbeiten, was vor einigen Stunden geschehen war.

»Ja, wirklich sehr bequem«, stimmte Anna mir stirnrunzelnd zu, während sie mehrmals auf den steinharten Boden klopfte.

Ich hatte nicht die geringste Lust, weiterhin über die merkwürdigen Umstände zu diskutieren, unter denen meine Lektorin mich aufgefunden hatte. »Ich werde schnell duschen gehen und dir dann Bescheid geben. Du kannst ja schon mal ein nettes Café raussuchen, wenn du magst.« Ich rappelte mich umständlich auf und verschwand dann eilig im Badezimmer, bevor Anna noch etwas sagen konnte.

 

***

 

Das reichhaltige Frühstück brachte mir nicht nur meine Kräfte, sondern auch meinen gesunden Menschenverstand zurück. Das »Rumpelstilzchen-Ereignis«, wie ich es nannte, tat ich nach Brötchen und Kaffee schlichtweg als Wahnvorstellung ab, ausgelöst durch meinen akuten Schlafmangel.

Zufrieden lehnte ich mich zurück. »Das war wirklich herrlich. Und heute ist auch noch so tolles Wetter. Was hältst du davon, wenn wir gleich ein wenig spazieren gehen?«, fragte ich beschwingt.

»Eine wundervolle Idee«, antwortete eine mir nur allzu bekannte Stimme, die definitiv nicht zu Anna gehörte. Heinz-Kunz alias Rumpelstilzchen stand neben unserem Tisch und schenkte mir ein breites Grinsen. Zumindest nahm ich an, dass es eines sein sollte, ähnelte es bei genauerem Hinsehen doch eher einer verzerrten Fratze, die ausreichend Stoff für einen Albtraum lieferte. So viel zum Thema Wahnvorstellungen.

»Und Sie sind …?«, fragte Anna sichtlich verwundert und ließ den Blick zwischen dem Neuankömmling und mir unsicher hin und her schweifen.

»Heinz-Kunz ist mein Name, Teuerste. Ihre Freundin und ich sind uns bereits vertraut«, klärte er sie augenzwinkernd auf.

»Er war gestern auf meiner Lesung«, fügte ich hastig hinzu, ehe ein Missverständnis entstehen konnte.

»Und in ihrem Schlafzimmer«, ergänzte Heinz-Kunz.

Ich hatte nicht übel Lust, die Wand zu meiner Rechten Bekanntschaft mit meinem Kopf schließen zu lassen. »Um mir ein paar Fragen zu stellen!«, verteidigte ich mich unter den vollkommen verständnislosen Blicken meiner Lektorin, die sich insgeheim zu fragen schien, ob ich es mittlerweile tatsächlich so nötig hatte.

»Wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich Magdalena gern kurz entführen«, bat Heinz-Kunz. »Ich bringe sie danach wieder zum Hotel.«

»Das … tja, das ist kein Problem. Ich wollte sowieso gerade … Wie auch immer. Viel Spaß euch beiden.«

»Nein!«, empörte ich mich. »Anna, bitte, ich möchte nicht …«

»Du musst dich nicht schämen, Süße. Wir alle haben unsere Bedürfnisse.«

»Nein, was …«

»Ich geh schnell rüber und zahle. Bis später.«

Es war sinnlos. Stinksauer folgte ich einem triumphierenden Heinz-Kunz nach draußen.

 

***

 

»Was bilden Sie sich eigentlich ein? Das ist Stalking. Sie machen sich strafbar!«

»Du bist gestern in Ohnmacht gefallen, Magdalena. Es war mir nicht mehr möglich, dir mein Anliegen vorzutragen.«

»Ich bitte vielmals um Entschuldigung. Das nächste Mal, wenn sich ein verrückt gewordener Mann nachts in meinem Zimmer auszuzieht und behauptet, er sei Rumpelstilzchen höchstpersönlich, werde ich mich zusammenreißen. Und wann sind wir eigentlich zum Du übergegangen?«

Wir ließen uns an einem stillen Plätzchen an der Fulda nieder.

Jedes Mal, bevor er sprach, sah Heinz-Kunz sich hektisch um. Erst wenn er sicher war, dass alle Passanten außer Hörweite waren, wandte er sich mir in gedämpfter Lautstärke zu. Ich musste mich bemühen, mich nicht von seiner Paranoia anstecken zu lassen.

»Ich beobachte dich schon seit Langem, Magda. Du kannst uns erlösen.«

Ich entschied mich dazu, den ersten Satz einfach zu überhören, um nicht auszurasten. »Wen meinen Sie mit uns

»Die anderen Märchenfiguren. Unsere Existenz ist bedroht. Wir sind sterblich geworden.«

Dieser Typ hatte eindeutig nicht mehr alle Latten am Zaun. Er hielt sich also immer noch für Rumpelstilzchen.

»Ich weiß nicht, wieso ich mich überhaupt noch mit Ihnen abgebe. Verzeihung, aber Sie haben ernsthafte Probleme und sollten vermutlich besser mit einem Psychologen sprechen als mit mir.« Ich machte Anstalten, aufzustehen, doch Heinz-Kunz hielt mich am Ärmel fest.

»Bitte, lass mich ausreden! Bitte. Wenn du dir meine Geschichte angehört hast und mir trotzdem nicht helfen willst, lasse ich dich in Ruhe. Versprochen.«

»Sie sind bei Weitem die anstrengendste Person, die mir je begegnet ist.«

Er wertete diese Aussage offenbar als Einverständnis, denn er fuhr hastig fort: »Wir werden nicht mehr gelesen. Die Menschen interessieren sich nicht mehr für uns. Ihre Fantasie verkümmert einfach, verstehst du? Aber wir leben davon, gelesen zu werden. Seitdem die Technologie das moderne Leben bestimmt, sind wir nichts mehr. Unser Zauber ist verschwunden, wir sind mehr und mehr selbst zu Menschen geworden. Unser Dasein ist nun endlich, wir sind nicht mehr gefeit vor Krankheiten oder Unfällen. Wir altern. Und eines Tages werden wir sterben. Magdalena, wenn wir sterben, stirbt auch ein großes Stück Kultur. Dann gibt es keine Märchen mehr.« Er weinte jetzt.

»Oh, um Himmels willen, nicht weinen!« Unbeholfen klopfte ich Heinz-Kunz auf den Rücken. Mit meiner freien Hand suchte ich in den Untiefen meiner Handtasche nach meinem Mobiltelefon. Der arme Kerl gehörte wirklich therapiert. Ich musste unbedingt eine Nachricht an Anna schicken und sie bitten, einen Krankentransport zu organisieren.

»Du kannst helfen. Du schreibst Märchen«, schluchzte mein Begleiter und schnaubte ohne Vorwarnung in meinen Ärmel.

»Sind Sie noch ganz bei Trost? Das ist ja ekelhaft!« Pikiert schälte ich mich aus meiner Jacke.

»Du kannst die Menschen dazu bringen, uns wieder zu lesen«, beharrte Heinz-Kunz.

»Nun kommen Sie doch endlich mal zur Vernunft! Ich kann Ihnen nicht helfen, so leid es mir tut. Ja, Sie brauchen Hilfe, aber nicht meine.«

Endlich schien ich zu ihm durchgedrungen zu sein. Er erwiderte nichts, sondern erhob sich wortlos und ließ mich einfach stehen.

Kopfschüttelnd wählte ich Annas Nummer.

 

***

 

Nachdem wir alle psychiatrischen Anstalten im Umkreis von hundert Kilometern angerufen und uns ohne Erfolg nach einem gewissen Heinz-Kunz erkundigt hatten, beschlossen Anna und ich, das Thema ruhen zu lassen.

Dankbar für das schöne Wetter genossen wir die Sonne bei einer Schiffsfahrt auf der Fulda, gingen am frühen Abend in einem schicken Restaurant essen und besuchten danach ein Theaterstück, für das wir an der Abendkasse spontan noch Karten ergattert hatten. Danach schlenderten wir gemächlich zurück zum Hotel.

Dort angekommen, streifte ich nur die Schuhe ab und ließ mich dann gähnend ins Bett sinken. Obwohl ich ungeheuer müde war, lag ich noch lange Zeit da, die Decke bis ans Kinn hochgezogen, und starrte in die Dunkelheit.

Die letzten Tage waren mit unzähligen wunderbaren Erfahrungen gespickt gewesen. Ich hatte mein Lampenfieber überwunden, neue Städte und Menschen kennengelernt. Mein Buch verkaufte sich ausgesprochen gut, und in meinem Kopf schwirrten unzählige neuer Ideen herum, die nur darauf warteten, zu Papier gebracht zu werden. Eigentlich, so stellte ich fest, hätte ich rundum zufrieden sein müssen.

Das war ich aber nicht. Immer wieder kehrten meine Gedanken zu Heinz-Kunz zurück. Dieser völlig fremde Mann hatte vor mir geweint, mich angefleht. Wenn nun doch etwas an seiner Geschichte dran war …

Ich verwarf den Gedanken eilig wieder. Bisher hatte ich angenommen, nicht zu den Menschen zu zählen, die im Alter immer leichtgläubiger wurden. Kopfschüttelnd drehte ich mich auf die Seite. Es war eindeutig Zeit, endlich zu schlafen und Heinz-Kunz ein für alle Mal zu vergessen.

Kapitel 3

Endlich wieder zu Hause. Ich merkte, wie die Anspannung der letzten Tage von mir abfiel und meine Muskeln sich entspannten. Mit klimpernden Schlüsseln erklomm ich die vier Stufen zu meiner Veranda, genoss dort kurz den wunderbaren Ausblick auf den angrenzenden See und machte mich dann an der Haustür zu schaffen.

Es war erstaunlich, wie sehr ich meinen Alltag vermisst hatte. Zuallererst würde ich Teewasser aufsetzen, dann meinen Koffer auspacken und mich anschließend mit meinem Laptop nach draußen setzen, um dort noch eine Weile zu arbeiten. Und nach getaner Arbeit, so überlegte ich fröhlich, könnte ich es mir eigentlich vor dem Fernseher bequem machen und mir den Tatort ansehen. Ja, das klang wahrlich nach einem guten Plan.

Ich wollte gerade über die Schwelle treten, als ich hörte, dass im ersten Stockwerk ein Fenster geöffnet wurde. Irritiert machte ich ein paar Schritte nach hinten und legte den Kopf in den Nacken. War vielleicht Emilia gekommen, um mich zu begrüßen? »Emilia? Liebes?«, rief ich ein wenig verunsichert.

Zu meinem Entsetzten war es nicht der Kopf meiner Tochter, der mir aus dem Fenster entgegenblickte, sondern der einer alten Frau mit riesigen, hervorstehenden Zähnen, die ein Kissen von mir in der Hand hielt und begann, es wie verrückt zu schütteln.

Ich blinzelte ein paarmal, um sicherzugehen, dass ich nicht träumte. Erst, als ich davon überzeugt war, wirklich wach zu sein, sandte mein Hirn meinem Körper das in dieser Situation einzig sinnvolle Kommando zu: Lauf!

Meinen Körper schien das nicht zu interessieren. Er hatte sich völlig versteift und dachte gar nicht daran, sich vom Fleck zu bewegen.

»Was machen Sie in meinem Haus?«, brüllte ich daher ungehalten. Zumindest meine Stimme schien noch zu funktionieren.

»Ich muss die Arbeit nun allein verrichten. Einst kam ein fleißiges, schönes Mädchen zu mir, das mir brav zur Hand ging. Doch Heimweh überkam sie, und ich ließ sie gehen. Mit Gold überhäufte ich dieses reizende Geschöpf. Ihre Schwester aber vermochte mir nicht zu helfen, zu faul war sie, zu verbittert. Und so klebte das Pech bis in alle Ewigkeit an ihr», posaunte die Alte durch die Gegend.

Mir klappte die Kinnlade herunter. Erst traf ich auf einen psychisch labilen, kleinwüchsigen Mann, der sich für Rumpelstilzchen hielt, und nun schüttelte eine fremde Frau meine Kissen aus, während sie eine abgespeckte Version des Märchens Frau Holle zum Besten gab.

Ich war ausgesprochen dankbar für die abgeschiedene Lage meines Hauses. Nicht auszudenken, was für einen Aufruhr diese wirren Worte in einer Wohnsiedlung ausgelöst hätten.

»Auch’n Zug?«

Ein erstickter Schrei entwich meine Kehle. Erschrocken wirbelte ich herum – und blickte abermals in das Gesicht einer alten Frau. Diese Dame jedoch sah weitaus furchteinflößender aus als jene, die sich an meiner Bettwäsche zu schaffen machte. Ihre Haut war verrunzelt, die Nase krumm und lang und übersät von Warzen.

Sie lächelte ein beinahe zahnloses Lächeln, als sie mir eine Haschzigarette vors Gesicht hielt. »Hier, ist guter Stoff«, krächzte sie. Als sie merkte, dass ich keinerlei Reaktion zeigte, sondern sie einfach nur vollkommen fassungslos anstarrte, nahm sie selbst einen tiefen Zug und blies mir ungeniert den übelriechenden Rauch ins Gesicht.

Von Hustenkrämpfen geschüttelt fuchtelte ich wie wild mit den Händen vor meiner Nase herum. »Also … Also, das ist ja wohl die Höhe! Auf meinem Grundstück wird kein Marihuana konsumiert!«, empörte ich mich. Was in aller Welt ging hier bloß vor sich? Ich war drauf und dran, in Panik zu verfallen.

Verängstigt wagte ich einen Blick zur Tür. Vielleicht stand Emilia ja dort im Rahmen mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht und einer Kamera in der Hand. Ja, vielleicht hatte sie sich einen perfiden Scherz mit mir erlaubt und all das hier gekonnt inszeniert.

Leider war es nicht Emilia, die in der Tür stand, sondern Heinz-Kunz.

Das gab mir den Rest. Zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage verlor ich das Bewusstsein.

 

***

 

Ich erwachte von einem lauten Stimmengewirr, das an meine Ohren drang und in ein Raunen überging, als ich mich aufsetzte. Alle Augenpaare im Raum waren auf mich gerichtet, und es waren während meiner geistigen Abwesenheit definitiv noch welche dazukommen.

Neben Heinz-Kunz und den zwei Damen, deren Bekanntschaft ich mehr oder weniger freiwillig erst vor einigen Augenblicken gemacht hatte, entdeckte ich eine junge Frau mit grellen, rot gefärbten Haaren (und einem ebenfalls roten Käppi) in löchrigen Jeans, einen auffallend attraktiven Mann, dessen Gesicht beinahe wie gemalt aussah, und eine dicke Katze zu seinen Füßen. Die Situation war so absurd, dass ich gar nicht daran dachte, zum Hörer zu greifen und die Polizei zu alarmieren. Um die Wahrheit zu sagen, dachte ich in diesem Moment vermutlich überhaupt nichts.

»Es ist uns eine Ehre, bei Ihnen sein zu dürfen!« Der Schönling hatte das Wort ergriffen. Mit weiten, eleganten Schritten bewegte er sich auf mich zu, kniete vor meinem Sofa nieder und küsste mir die Hand.

Nicht sicher, ob ich hingerissen oder ärgerlich sein sollte, starrte ich ihn an.

»Mach mal halblang, Schmalzlocke. Die Alte sieht ziemlich senil aus. Kann mir nich vorstellen, dass die überhaupt noch irgendwas peilt«, tönte das rothaarige Mädchen, das sich im Schneidersitz auf meinem Esstisch niedergelassen hatte.

In diesem Fall war es nicht schwer, sich zwischen hingerissen und ärgerlich zu entscheiden. »Hat dir denn keiner Manieren beigebracht, Mädchen? Füße und Gesäß vom Tisch, aber dalli!«

Anstatt meine Ansprache ernst zu nehmen und sich wie ein zivilisierter Mensch auf einem Stuhl zu platzieren, streckte sie mir die Zunge heraus und grinste frech.

Ich befand es für wenig sinnvoll, mich weiterhin mit dieser verzogenen Göre auseinanderzusetzen, und wandte mich stattdessen an den einzigen Menschen, von dem ich mir eine Erklärung für dieses Zusammentreffen der Wahnsinnigen erhoffen konnte: Heinz-Kunz. »Wenn Sie mir nicht sofort sagen, was hier vor sich geht, verliere ich den Verstand. Und glauben Sie mir, das wollen Sie nicht miterleben!«

»Versprichst du, mich ausreden zu lassen?«

»Ich schwöre bei Gott, gleich schnappe ich mir die nächste Bratpfanne, und dann werden Sie nie wieder in der Lage sein, auszureden! Also lassen Sie ihre dämlichen Spielchen endlich sein und erklären Sie mir, wieso um Himmels willen Sie in mein Haus eingebrochen sind, noch dazu einen Haufen Irrer und eine Katze im Schlepptau!«

Jetzt verstand ich den Spruch mit den Schattenseiten des Ruhms. Wenn es der Preis für meinen beruflichen Erfolg war, von einer Schar Verrückter belagert zu werden, würde ich mich in Zukunft mit Freuden wieder dem Häkeln widmen.

»Das habe ich dir doch bereits erzählt. Ich brauche deine Hilfe.«

»Sie sind schizophren.«

»Ich habe eine Versammlung einberufen. Ich weiß, du hast gesagt, du willst mir nicht helfen, aber ich habe gespürt, dass ein Teil von dir es doch will. Vor allem, dass ein Teil von dir es genau weiß. Ich wusste bereits an dem Abend im Hotelzimmer, dass du nicht sofort auf meine Bitte eingehen wirst, deswegen habe ich vorsorglich deinen Zweitschlüssel entwendet.«

»Sie haben was?!«

»Wie du siehst, brauchst du keine Angst zu haben. Wir tun dir nichts. Wir wollen nur … leben. Wenn wir unsere Unsterblichkeit und unsere Kräfte wiedererlangen, können wir in unser Reich zurückkehren.«

Ich schluckte meinen Ärger über den geklauten Schlüssel hinunter, so gut es ging. Jetzt galt es, sachlich zu bleiben. Auf keinen Fall durfte mir die Kontrolle über die Situation entgleiten. Das hieß, wenn ich die Situation überhaupt jemals kontrolliert hatte. Wirklich sicher war ich mir da nicht mehr.

»Ihr haltet euch also für Märchenfiguren. Das ist … interessant. Versucht ihr, auf diesem Wege vor euren Problemen zu flüchten? Oder stecken vielleicht theologische Beweggründe dahinter? Oh, ich weiß – ihr seid eine Art Sekte, kann das sein?«

»Eine Sekte? Nicht doch! Ich bin der Froschkönig, so wahr ich hier stehe«, verkündete der attraktive Mann stolz und strich sich dabei eine seiner dunklen Locken aus dem ebenmäßigen Gesicht. »Und diese reizende Dame zu meiner Linken ist Frau Holle.« Er deutete auf die alte Frau mit den hervorstehenden Zähnen, die gerade wie von Sinnen ein besticktes Sofakissen durchschüttelte. »Bleiben noch Rotkäppchen, der gestiefelte Kater und die böse Königin«, säuselte er verträumt.

Himmel, das war ja schlimmer, als ich gedacht hatte! »Oh … ähm … Klasse! Und ihr betrachtet euch wohl als so etwas wie die Elite der Märchenwelt?« Diese Frage erschien mir durchaus berechtigt. Immerhin fehlte beispielsweise von einer Schneewittchen-Imitatorin jede Spur.

»Wie meinen?«

»Ist die Auswahl der Rollen, in die ihr schlüpft, willkürlich? Gibt es noch andere, die sich mit euch verkleiden, oder seid ihr die Einzigen?»

Der selbst ernannte Froschkönig sah mich an, als hätte ich ihn gefragt, ob er gerne Ohrläppchen am Spieß aß.

»Meine Fresse, so kommen wir doch nich weiter«, nörgelte die Rothaarige.

Heinz-Kunz nickte zustimmend. »Magdalena, hast du vielleicht ein Märchenbuch da? Eines der Grimms? Ich möchte dir etwas zeigen.«

Ich seufzte. Eigentlich hatte ich mit einer dampfenden Tasse Tee auf der Veranda sitzen und schreiben wollen. Stattdessen bekam ich nun einen Eindruck vom alltäglichen Leben in der Klapsmühle vermittelt. Na ja, man konnte nicht alles haben. »Dort, im Regal. Ganz oben, das dritte von rechts.«

»Ausgezeichnet. Magst du uns Der arme Müllerbursch und das Kätzchen vorlesen?«

»Der arme Müllerbursch und … wie bitte?«

»Verzeih, das ist der ursprüngliche Titel. Der gestiefelte Kater.«

Das würde mir mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit niemand glauben. Obwohl es bestimmt ein guter Aufmacher für die Sonntagszeitung wäre: Fünf völlig fremde Menschen in ulkigen Kostümen brechen in das Haus einer Sechsundsechzigjährigen ein und bitten sie, ihnen etwas vorzulesen. Ja, das hatte durchaus Potenzial.

»Wenn Sie alle die Güte besäßen, anschließend mein Haus zu verlassen, kann ich das gerne tun«, schlug ich vor.

»Einverstanden.« Heinz-Kunz machte es sich, die übergewichtige Katze wie einen Rettungsring umklammernd, auf meinem Perserteppich bequem.

Die anderen taten es ihm gleich.

»In einer Mühle lebte ein alter Müller, der hatte weder Frau noch Kinder …«

Zu meiner Überraschung unterbrach mich niemand. Alle lauschten aufmerksam dem Klang meiner Stimme, sogar die freche Rothaarige. Nur einmal musste ich intervenieren, als die vermeintliche böse Königin Anstalten machte, sich eine Haschzigarette anzuzünden.

Als ich fertig war, wischte der Froschkönig sich mit dem Hemdsärmel ein paar Tränen von der Wange. »Das war wunderschön!«

»Danke. Wären Sie nun alle so freundlich, mein Haus zu verlassen? Ich möchte ja nicht unhöflich sein, aber ich habe Sie nicht eingeladen, und dafür, dass Sie allesamt bei mir eingebrochen sind, war ich doch nun wirklich mehr als gastfreundlich.«

»Einen kleinen Moment noch!« Heinz-Kunz klang furchtbar aufgeregt. Er hatte die korpulente Katze gepackt und mit ihr meinen Sessel erklommen. Nun streckte er seine Arme empor, an deren Ende das Tier baumelte. »Mobilisiere all deine Kräfte, Kater, und sprich!«

Das wurde ja immer schöner. »Hören Sie, Sie gehen mir gewaltig auf den Zeiger, Freundchen! Wir hatten eine Abmachung. Ich lese, Sie verschwinden.«

Niemand schenkte mir auch nur die geringste Aufmerksamkeit.

Gerade wollte ich aufgeben und mich so unauffällig wie möglich zum Telefon stehlen, da geschah tatsächlich etwas mit der Katze, die eigentlich ein Kater war. Unaufhörlich öffnete sich der Mund des Tieres und schloss sich wieder, undefinierbare Laute entwichen seinem Rachen. Alle fassten sich in freudiger Erwartung an den Händen.

Dann flog ein mit Speichel durchtränktes Fellknäuel auf meinen Teppich.

Vorwurfsvoll sah ich den Kater an. »Das hätte nun wirklich nicht sein müssen!«

»Es tut mir leid, das musste raus.«

»Nur damit ist es nicht getan. Wer darf gleich mit einem Putzlappen auf dem Boden rumkriechen? Ich. Also ehrlich, allmählich werde ich … Moment … Was?!« Ich hatte erstaunlich lange gebraucht, um zu realisieren, dass ich gerade mit einem Kater über seinen Mageninhalt stritt. Mit einem Kater, der sich bei mir entschuldigt hatte, und zwar nicht mit herzerweichenden Blicken oder einer Kuscheleinlage, sondern mit Worten.

»Glaubst du mir jetzt, Magdalena?«

Tiere konnten nicht sprechen, das war unmöglich. Jedenfalls, wenn man einmal von bestimmten Vogelarten absah. Aber der dicke Kater war ganz offensichtlich kein Vogel. »Wie ist das möglich?«

»Der arme Müllerbursch oder Der gestiefelte Kater ist eines jener Märchen, die noch ab und zu gelesen werden. Das liegt daran, dass diese Geschichte vor ein paar Jahren filmisch inszeniert wurde. Sicher gab es etliche Abweichungen, für Disney sind wir nicht zeitgemäß. Aber dennoch: Der Film hat vor allem bei Kindern das Interesse für die Hauptfigur, den gestiefelten Kater, geweckt. Es wurde wieder über ihn gesprochen. Das ist längst Geschichte, sicher. Aber im Gegensatz zu mir, Frau Holle oder den anderen in diesem Raum hat er seine Kräfte also erst vor relativ kurzer Zeit einbüßen müssen, ebenso wie Schneewittchen, Cinderella, Malefiz oder aber Rotkäppchen. Leider reichen diese Verfilmungen nicht aus. Sie helfen uns, aber sie können uns nicht retten. Außerdem sind sie meilenwert von dem entfernt, was wir wirklich sind – oder waren, bevor wir durch den Wald hierhergekommen sind. Du hast es selbst gemerkt: Der Originaltitel des Märchens unseres lieben Katers war dir gänzlich unbekannt. Mit den Jahren wurden wir mehr und mehr geformt, bis wir einigermaßen gesellschaftstauglich waren. Wie dem auch sei … Viel mächtiger als all das ist die schriftliche Sprache. Wenn jemand in unserer unmittelbaren Umgebung ein Märchen zu lesen beginnt, ganz egal wer, kann der Zauber bei einigen wenigen von uns für einen winzigen Augenblick wieder hergestellt werden.«

»Aber… selbst, wenn das, was du sagst, der Wahrheit entsprechen sollte – wie kann ich euch helfen? Wieso habt ihr euch für mich entschieden?« Natürlich ging ich nicht davon aus, dass irgendetwas von dem, was der kleine Mann mir da erzählte, der Wahrheit entsprach. Das redete ich mir jedenfalls unaufhörlich ein. Vielleicht war das mit dem Kater irgendein genialer Trick gewesen, den ich schlicht und ergreifend nicht durchschaut hatte. Ja, so musste es sein.

»Weil du das Interesse wieder ankurbeln könntest. Du schreibst Märchen. Du bringst Menschen dazu, sie zu lesen.«

»Dir ist schon bewusst, dass meine Märchen nicht das Geringste mit den klassischen gemein haben? Genau genommen schreibe ich Sexgeschichten.« Ich war zum Du übergegangen, ohne es zu merken.

Im Hintergrund begann der Froschkönig, mädchenhaft zu kichern.

Heinz-Kunz sah mich eindringlich an. »Und genau das lässt sich ändern. Schreib über uns. Du kannst deinem Stil ja treu bleiben. Hauptsache, du holst uns zurück in die Öffentlichkeit. Und somit nach Hause.«

»Das ist alles? Ich soll nur über euch schreiben?«

»Und die Masse damit erreichen. Eine Verfilmung wäre übrigens auch nicht schlecht. So als zusätzliche Absicherung. Nur möglichst weit von dem entfernt, was Disney verzapft. Du weißt schon, ohne Animation und ab und zu auch mal ohne Happy End und so was.«

»Mir gefällt deine Bescheidenheit.«

»Also? Was sagst du?«

Ja, was sagte ich? »Also, ehrlich gesagt …«

»Ja?« Rumpelstilzchen sah mich mit bebender Unterlippe an.

»Das ist einfach Wahnsinn. Wie konnte das alles so aus dem Ruder laufen? Ich kann euch nicht helfen, so leid es mir tut. Und nun muss ich euch wirklich bitten, zu gehen.«

»Magdalena, tu das nicht. Du bist unsere einzige Chance. Unsere Hoffnung. Die Frau, die mit ihren Worten Wunder wirken kann.«

Ich verfluchte mein pflegebedürftiges Ego dafür, dass es sich über den letzten Satz freute. Überhaupt war es seltsam: Mein Herz wollte, dass ich mich der Sache annahm. Denn da war sie plötzlich … diese Gelegenheit, von der ich all die Jahre lang geträumt hatte. Die Gelegenheit, eine Heldin zu sein.

Dennoch: wie konnte ich sichergehen, dass ich mich nicht auf eine Truppe Verrückter einließ? Klar, ich hatte den Kater sprechen gehört, aber was bewies das schon? Vielleicht war er bloß eines dieser täuschend echt aussehenden Kuscheltiere mit integrierter Sprachfunktion. »Ich … ich kann nicht!«

Heinz-Kunz wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. »Die Magda, die vor achtundfünfzig unter dem Apfelbaum im Garten ihrer Großeltern saß, hätte das nicht gesagt«, flüsterte er heiser.

In meinem Kopf begann es zu rauschen. »Was hast du da gerade gesagt?« Ein Bild formte sich vor meinem inneren Auge. Ich als kleines Mädchen in einem leichten Sommerkleid. In der Hand ein Buch.

»Weißt du es nicht mehr? Ich habe es genau gehört. Gehört, wie du gesagt hast, dass wir alle deine Freunde sind. Dass du mit uns spielen willst und uns eines Tages in unserer Welt besuchen kommst. Nun sind wir in deine Welt gekommen. Und als deine Freunde benötigen wir deine Hilfe.«

»Das ist unmöglich …« Wie konnte Heinz-Kunz davon wissen? Ein dicker Kloß bildete sich in meinem Hals. Meine Freunde. Ja, so hatte ich sie immer genannt. Wenn sonst niemand ein offenes Ohr für die verträumte kleine Magda gehabt hatte, die Märchenfiguren in ihren Büchern waren immer für sie da gewesen. Und nun musste ich für sie da sein.

»Magdalena. Bitte!«

Ich schluckte den Kloß mit einiger Mühe hinunter. »Ich kann nicht glauben, dass ich das tue, aber ja, ich werde euch helfen. Selbst, wenn sich im Nachhinein herausstellt, dass ihr mich reingelegt habt, kann ich von dieser Erfahrung profitieren. Schon euer kurzer Besuch hat mir genug Stoff für das nächste Projekt geliefert.«

»Unser kurzer Besuch? Ey, wenn sich niemand traut, der Alten zu sagen, dass wir die nächsten Wochen zusammen chillen werden, tu ich’s halt«, mischte sich Rotkäppchen ein.

»Was sagst du da?«

»Erst müssen wir die ander’n finden. Sind ja noch lange nich alle. Während ’n paar von uns mit dir such’n, muss der Rest hier gammeln. Und wenn wir alle zusamm’ ham, wohn’ wir ’ne Zeit bei dir, bis wir geh’n könn.«

In der Hoffnung, der Jugendsprache schlichtweg nicht mächtig zu sein und daher einfach missverstanden zu haben, was ich soeben erfahren hatte, wandte ich mich an Rumpelstilzchen. »Übersetz doch mal.«

»Nun ja … Rotkäppchen hat recht, wir sind nicht vollständig. Es ist schwierig. Wir sind über das ganze Land verteilt, und es ist mir nicht gelungen, alle zu kontaktieren. Ich habe ein paar Anhaltspunkte, aber wir müssen uns auf die Suche nach ihnen machen. Deine Anwesenheit wäre bei dieser Suche wirklich sehr, sehr wichtig. Wenn ich sie nicht überzeugen kann, sich uns anzuschließen, schaffst du es vielleicht.«

»Von wie vielen anderen reden wir hier?«

»Etwas über zweihundert.«

»Zweihundert?!«

»Keine Sorge. Die Alten wirst du nicht finden, einige von ihnen existieren ohnehin gar nicht mehr. Da du gleich fragen wirst: Die Alten sind die Unbekanntesten unter uns. Folglich sind wir, die du uns hier versammelt siehst, die Neuen. Bei über zweihundert Märchen kommt es schon einmal vor, dass die einen beliebter sind als die anderen. Jedenfalls haben wir keinen Kontakt zu den Alten und folglich auch keine Ahnung, wo sie sich aufhalten. Wir werden uns aufteilen. Ein paar von uns werden sich mit dir auf die Suche begeben, andere verschlüsselte Botschaften aussenden und hoffen, dass die Alten sie lesen. Sollten wir wirklich keinen von ihnen finden, werden wir weitersehen, wenn die Neuen gefunden wurden.«

»Und diejenigen, die sich nicht mit auf die Suche begeben, bleiben wo …?«

»Hier, dachte ich.«

»Und diejenigen, die wir finden, bringen wir wohin …?«

»Auch hierher.«

»Ich glaube nicht, nein.« Fremden mein Heim zu überlassen, während ich durch die Gegend reiste, bereitete mir schon Magenschmerzen. Mit Dutzenden von ihnen zusammenzuleben, war völlig undenkbar. Allein schon, weil ich nicht die geringste Lust verspürte, morgens Schlange zu stehen, um mein eigenes Bad zu benutzen. Außerdem: Was würde geschehen, wenn ich Besuch bekam? Wie sollte ich jemandem weismachen, dass ich nun mit einer Schar mir unbekannter Menschen eine WG gegründet hatte, ohne dass man mich für vollkommen unzurechnungsfähig erklärte? »Taucht in deinem Plan zufällig irgendwann noch mal die Stelle auf, an der du mir erzählst, dass ich für meine selbstlosen Taten mit unendlichem Ruhm überschüttet und bis an mein Lebensende als Heldin gefeiert werde? Jetzt wäre ein ganz guter Zeitpunkt. Ansonsten weiß ich nicht ganz, wie ich die nächsten Wochen überstehen soll, ohne in einen Strudel ernst zu nehmender Gemütsschwankungen zu geraten.«

»Magda, überlege doch: Wenn es dir gelingt, uns vor dem grausigen Tod eines gewöhnlichen Menschen zu bewahren, werden nicht nur wir dir ewig dankbar sein. Auch all die Kinder, denen wir wieder Träume schenken und mit denen wir aufwachsen werden. Du bist Schriftstellerin. Wäre das nicht der größte Liebesbeweis, den du der Literatur erbringen könntest?«

»Also eigentlich war das mit den Depressionen ein Scherz, aber ich muss sagen, das war ziemlich aufmunternd. Bis auf das mit dem grausigen Tod eines gewöhnlichen Menschen, aber da werde ich mal ein Auge zudrücken.«

»Das heißt, wir können auf dich zählen?«

»Ich … Also, gibt es nicht noch eine Alternative, was eure Unterkunft betrifft? Ich meine, wieso müssen sich denn überhaupt alle auf einem Fleck versammeln? Nichts für ungut, aber eure Gesellschaft ist schon mehr als genug, und wenn sich in dieser Angelegenheit vielleicht ein Kompromiss finden ließe …«

»Da muss ich dich leider enttäuschen, Magda. Wenn der Prozess in Gang gesetzt wird, und wir erst einmal wieder Gegenstand der Öffentlichkeit werden, müssen wir irgendwo sein, wo uns niemand sieht und niemand hört, wo niemand uns kennt. Wir alle müssen das Leben, das wir uns innerhalb der letzten Jahre aufgebaut haben, unbedingt verlassen. Nicht alle von uns sind sonderlich verantwortungsbewusst, außerdem hat unser Wesen sich während unserer Zeit im Reich der Menschen erheblich verändert. Ich würde sagen, wir haben uns angepasst. Wenn wir aber unseren Zauber zurückerlangen, erregt das Aufsehen. Wir würden uns verraten schon in dem Moment, in dem wir wieder zu denen werden, die wir einmal waren. Es ist schwer zu erklären, aber die Menschen würden unsere Auren spüren. Wir würden sofort herausstechen, ohne irgendeine Möglichkeit der Tarnung. Aber unser Geheimnis muss gehütet werden.«

Das alles klang einleuchtend, stimmte mich aber nicht gerade fröhlicher. Wie es aussah, blieb mir gar nichts anderes übrig, als den vermenschlichten Märchenfiguren Asyl zu gewähren. Im Stillen verabschiedete ich mich schon einmal von meinem Privatleben. Wehe, wenn die Literatur diesen Liebesbeweis nicht zu schätzen wusste.

 

***

 

Während meine Gäste sich bereits zur Ruhe gelegt hatten, tauschte ich die getragene Wäsche in meinem Koffer durch frische, stellte mir den Wecker und klebte eine Notiz an den Türrahmen, die mich daran erinnern sollte, morgen früh bei Anna und meiner Tochter anzurufen und mich für die nächsten Tage abzumelden.

Als ich endlich meine Schlafzimmertür hinter mir schloss, war es bereits Nacht. Wie ein nasser Sack Kartoffeln ließ ich mich auf meine Matratze plumpsen. Mein Körper schien am Ende seiner Kräfte angelangt zu sein, mein Gehirn jedoch lief auf Hochtouren. Ich war ausgesprochen nervös. Immerhin würde ich losziehen und die Welt verändern, ein echtes Abenteuer erleben.

Jahrelang hatte ich davon geträumt, einmal gebraucht zu werden, einmal wirklich gebraucht zu werden. Nicht etwa zum Wäscheaufhängen oder Kochen, nicht zum Reden oder Zuhören, sondern zum Erfüllen einer unsagbar wichtigen Aufgabe, die einzig und allein ich bewältigen konnte. Dass dieser Traum nun Realität werden sollte, noch dazu auf eine so ganz und gar magische Art und Weise, konnte ich kaum begreifen. Ich glaubte nicht an Gott, nicht an Geister und nicht an Wunder. Aber das hier war nun mal ein Wunder. Das hier war mehr als ein normaler Verstand verarbeiten konnte. Etwas ganz, ganz Großes. Und es würde nicht lange auf sich warten lassen.

Gemeinsam hatten wir beschlossen, dass wir uns gleich am nächsten Tag auf den Weg machen wollten. Der Froschkönig würde mit Frau Holle, dem gestiefelten Kater und der bösen Königin auf mein Haus aufpassen, was mir gut gefiel, denn in meinen Augen war er der Vernünftigste von allen. Das bedeutete, dass Rumpelstilzchen, Rotkäppchen und ich die Reise antreten würden. Das Mädchen war zwar unheimlich frech, aber auch erfrischend ehrlich und mit Abstand die energiegeladenste im Bunde, was sich als Vorteil erweisen könnte, falls Rumpelstilzchen und ich einmal schlappmachen würden. Außerdem war ich dann doch nicht so naiv, eine Jugendliche in ihrem Alter mit der Verantwortung zu betrauen, niemanden ins Haus zu lassen und für Ordnung zu sorgen. Da verzichtete ich zugunsten meiner Versicherung lieber auf die Gesellschaft des charmanten Froschkönigs und begnügte mich mit der etwas weniger charmanten kleinen Göre.

 

***

 

Als das schrille Klingeln meines Weckers mich aus dem Schlaf riss, war ich sofort hellwach und voller Tatendrang. Erfüllt von einem Kribbeln, das meinen ganzen Körper erfüllte, suchte ich das Badezimmer auf und machte mich zurecht.

Gleich darauf meldete ich mich bei Emilia, um ihr zu berichten, dass ich mir nach den furchtbar anstrengenden letzten Tagen dringend Urlaub nehmen müsse, um zur Ruhe zu kommen und die Arbeit einmal beiseitezuschieben. Ich versprach, sie dennoch bald zu besuchen und bis dahin regelmäßig von mir hören zu lassen.

Beschwingt machte ich mich auf in die herrlich duftende Küche. Die anderen waren ebenfalls schon auf den Beinen und hatten mir, zu meinem großen Erstaunen, ein Frühstück zubereitet.

»Du meine Güte, das wäre doch nicht nötig gewesen. Wobei das nicht ganz stimmt, immerhin habt ihr mir mein Leben völlig auf den Kopf gestellt, aber … ach, ihr wisst, was ich meine.«

»Das ist das Mindeste, was wir für dich tun können. Setz dich doch.« Rumpelstilzchen zog einen Stuhl zurück und wies mich an, darauf Platz zu nehmen.

Ich schaufelte mir eine gewaltige Portion Rührei auf den Teller, deckte mich mit Brötchen, reichlich Obst und Konfitüre ein und begann zu essen. »Wirklich toll, danke«, brachte ich zwischen ein paar Bissen hervor.

Auch meine Gäste machten sich nun über das Essen her. Neugierig beobachtete ich sie. Frau Holle hielt es nach einer Schale Müsli nicht mehr aus, still dazusitzen. Diverse Entschuldigungen murmelnd, kramte sie in meinem Abstellschrank, bis sie genug Utensilien beisammen hatte, um einen Hausputz zu veranstalten.

Beruhigend auf sie einredend, gesellte sich der Froschkönig zu ihr. »Komm schon, meine Liebe. Iss erst einmal auf, es eilt doch nicht.«

»Herrje, hast du dich einmal umgesehen? So viel Schmutz, überall Schmutz!«

»Herzlichen Dank auch«, beschwerte ich mich.

Der Rest der Truppe sprach zunächst nicht viel. Die böse Königin starrte breit lächelnd ins Nichts, während sie sich ihren Teller zum dritten Mal füllte. Rotkäppchen, das sich vermutlich um seine Figur sorgte, kaute seit einer gefühlten halben Stunde auf ein und derselben Karotte herum, während Rumpelstilzchen unterdessen den Kater fütterte. Für einen Außenstehenden hätten wir sicherlich ein recht merkwürdiges Bild abgegeben, hätten wir alle doch unterschiedlicher nicht sein können.

»Das war köstlich, ehrlich. Danke nochmals für eure Mühe. Also, wann brechen wir auf?«, erkundigte ich mich nach Beendigung meiner üppigen Mahlzeit.

»Jetzt gleich, wenn es nach mir geht. Die anderen werden sich um den Abwasch kümmern, also hält uns genau genommen nichts mehr hier.«

Das bezweifelte ich nicht, gehörte Frau Holle doch zu denjenigen, die das Haus während unserer Abwesenheit hüten würden. Gerade schrubbte sie voller Inbrunst den Parkettboden in meinem Wohnzimmer.

»Einverstanden.«

»Gut. Rotkäppchen und ich waren heute früh schon in der Innenstadt und haben einen Kleinbus gemietet. Oh, ich habe uns übrigens im NightandDay einquartiert. Nicht gerade günstig, aber ich dachte, das sei dir vielleicht lieber als eine Jugendherberge.«

Ich nickte verhalten. Vielleicht war es langsam an der Zeit, mein Problem mit Autos anzusprechen. »Würde es dir etwas ausmachen, wenn du fährst? Um ehrlich zu sein, besitze ich nicht sonderlich viel Fahrpraxis. Um nicht zu sagen, gar keine. Und mit einem Gefährt dieser Größe kommen wir, glaube ich, nicht heil von A nach B … zumindest, wenn ich am Steuer sitze.«

Rotkäppchen schnaubte. »Stell dich nich so an, Omi. Sogar ich kann das Teil fahr’n und ich hab nich ma’n Lappen.«

»Beachte sie am besten gar nicht«, winkte Rumpelstilzchen ab.

»Ich gebe mein Bestes. Also?«

»Es ist ja wirklich schmeichelhaft, liebe Magdalena, dass du so einfach über meine Körpergröße hinwegsiehst, aber … ich bin schlichtweg nicht groß genug, um Auto zu fahren. Ausgenommen eines, das eigens für mich angefertigt wurde, aber das war den Herren von der Autovermietung dann doch etwas zu spontan.«

Prima. Mit meinen sechsundsechzig Jahren, von denen ich allerhöchstens fünf Auto gefahren war, sollte ich nun also einen Kleinbus durch halb Deutschland manövrieren. Meine Euphorie ebbte augenblicklich ab. »Ich glaube, ich habe nicht so ganz verdeutlicht, wie schlimm es um meine Fahrkünste bestellt ist.«

»Aber du hast doch ein Auto in deiner Garage stehen.«

»Irgendwas musste ich ja da reinstellen, oder?«

»Du hast dir ein Auto zur Dekoration gekauft? Findest du das nicht ein bisschen dekadent?«

»So eine Diskussion führen wir jetzt also? Wenn mein Enkel alt genug ist, wird der Wagen ihm gehören, also verurteile mich ja nicht zu vorschnell.« Meine Wangen glühten.

»Ey Leute, chillt ma bitte! Haste nich zugehört, Ömchen? Ich fahre.«

So also sollte ich sterben. »Du? Du hast doch selbst gesagt, du hast nicht mal eine Fahrerlaubnis. Wir machen uns strafbar!«

»Das is ganz einfach. Entweder, ich fahr, und das kann ich gut, oder du fährst, und du kannst es ja offensichtlich nich. Such’s dir aus, Magdalein.«

Obwohl es gegen all meine Prinzipien verstieß, hatte ich mich bereits entschieden. Selber zu fahren wäre Selbstmord. Rotkäppchen fahren zu lassen und dann das Zeitliche zu segnen wäre tragisch, aber immerhin könnte ich dann nichts dafür. Jedenfalls nicht direkt.

 

***

 

Nachdem wir unser Gepäck verstaut und das Navigationsgerät installiert hatten, starteten wir mit quietschenden Reifen in Richtung Hamburg. Soweit ich das mitbekommen hatte, vermutete Rumpelstilzchen dort Schneewittchen und die sieben Zwerge. Wirklich sicher war ich mir nicht, konzentrierte ich mich doch in erster Linie auf die stummen Gebete, die ich gen Himmel sandte.

»Geht es dir gut, Magdalena? Du bist etwas blass um die Nase.«

»Merkwürdig, wir jagen doch nur mit hundertfünfzig Stundenkilometern über die Autobahn.«

Rotkäppchen warf mir einen verächtlichen Blick zu. »Willste, dass wir heute noch in Hamburg ankomm’? Dann nörgel nich rum.«

»Guck auf die Straße!«

»Is ja gut, ey!«

Das war es nicht. Rotkäppchen hatte nicht nur die linke Spur für sich reserviert, sondern fuhr anderen Fahrzeugen auch noch viel zu dicht auf. Machten diese ihr keinen Platz, überholte sie einfach rechts und ließ ein paar beachtliche Schimpftiraden los.

Als wir unser Ziel endlich erreichten, waren meine Beine weich wie Gummi und mein Magen war eine tickende Zeitbombe.

Rumpelstilzchen sah mich mitfühlend an und reichte mir eine Wasserflasche, die ich dankend annahm.

»Woher hast du den Tipp mit Hamburg eigentlich?«, erkundigte ich mich, nachdem meine inneren Organe wieder ihre ursprünglichen Positionen eingenommen hatten.

»Der Froschkönig hat hier in regelmäßigen Abständen Freunde besucht. Er ist der Meinung, Schneewittchen vor einem knappen Jahr mal im Supermarkt gesehen zu haben. Leider nur von Weitem.«

»Und das ist alles?«

»Es ist ein Anhaltspunkt, besser als nichts.«

»Hamburg ist nicht gerade ein Ententeich. Sie könnte überall sein. Sollen wir etwa vorm Supermarkt campieren?«

»Nein, aber wir müssen uns schlaumachen, ob sie möglicherweise jemand gesehen hat. Schneewittchen ist eine auffallend schöne Frau, sie bleibt den Menschen im Gedächtnis. Außerdem habe ich eine Zeichnung dabei.« Rumpelstilzchen zog ein zerknittertes Blatt Papier aus seiner Manteltasche. Behutsam strich er es glatt, ehe er es mir unter die Nase hielt. »Der Froschkönig sagt, sie trägt ihr Haar jetzt lang und offen. An den Gesichtszügen habe ich nicht viel verändert, sie dürfte immer noch aussehen wie damals.« Seine Stimme hatte einen verträumten Klang angenommen.

»Hast du das gemacht?« Ich war beeindruckt. Die Zeichnung war so perfekt, dass man meinen könnte, ein Foto in der Hand zu halten. Wenn Schneewittchen wirklich so aussah, hatte Rumpelstilzchen definitiv recht: So schnell würde niemand dieses Gesicht vergessen.

»Ja. Ich habe an einer Kunstschule gearbeitet.«

»Könn’ wir jetzt los, oder müssen wir die blöde Kuh noch weiter anstarr’n?« Rotkäppchen machte keinen Hehl aus ihrem Neid auf Schneewittchen. Dabei war sie selbst ein recht hübsches Mädchen, solange sie nicht den Mund aufmachte.

»Von mir aus können wir los. Wo fangen wir denn an?«

»Ich würde sagen, in unmittelbarer Umgebung des Supermarktes. Wir befragen Passanten, Ladenbesitzer und klingeln, wenn es nötig sein wird, auch an Haustüren.«

»In Ordnung. Auf gehts.«

 

***

 

Schnell stellte sich heraus, dass es nicht die beste Idee war, die Befragung zu dritt durchzuführen. Viele hatten, aufgrund seiner nicht sonderlich durchschnittlichen Erscheinung, Angst vor Rumpelstilzchen und beschleunigten ihren Gang, sobald sie ihn näher kommen sahen. Rotkäppchen hingegen hielten die meisten für eine Obdachlose und wimmelten sie daher mit dem berühmt berüchtigten Satz »Ich habe kein Kleingeld dabei» ab, bevor sie überhaupt ihr Anliegen vortragen konnte. So war es nicht weiter verwunderlich, dass schließlich mir allein die Aufgabe zuteilwurde, mich nach Schneewittchen zu erkundigen.

Mit der Behauptung, die Frau auf dem Bild sei meine verschollene Enkeltochter, machte ich mich an die Arbeit. Meine beiden Begleiter hielten sich im Hintergrund. Sie beobachteten das Geschehen lieber aus der Distanz.

Ich hatte bereits mehr als ein Dutzend Passanten an meiner herzzerreißenden Geschichte teilhaben lassen, ohne einen Hinweis zu erhalten, als ich beschloss, lieber in ein paar Läden mein Glück zu versuchen. Doch weder der freundliche Tabakladenbesitzer noch die hilfsbereiten Supermarktkassiererinnen hatten Schneewittchen jemals zu Gesicht bekommen. Genauso verhielt es sich mit den Mitarbeitern des Shoppingcenters.

»Kennen Sie diese Frau?«, startete ich einen letzten Versuch in einem Zeitschriftenhandel. »Das ist meine Enkelin. Ein schlimmer Streit hat die Familie entzweit, und wir haben uns aus den Augen verloren. Aber sie ist alles, was mir geblieben ist. Meine eigene Familie hat mich verlassen, ich bin mutterseelenallein auf dieser Welt. Ich wäre Ihnen wirklich für jeden Hinweis dankbar. Fünf Jahre ist es nun her, dass ich sie zum letzten Mal gesehen habe. Fünf Jahre … Sie fehlt mir so sehr!«

»Tut mir wirklich leid, aber da kann ich Ihnen nicht weiterhelfen. An so ein Gesicht könnte ich mich erinnern.«

Ich begann, hemmungslos zu weinen. Jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich mich daran erinnerte, dass ich gar keine Enkeltochter hatte. Ich brauchte eindeutig eine Pause. Eilig verließ ich den Laden.

 

***

 

Entmutigt sah Rumpelstilzchen zu mir empor. »Niemand will sie gesehen haben? Wir haben nicht einmal einen Anhaltspunkt?«

»Kein Grund zur Sorge. Wir geben nicht auf, in Ordnung? Aber bevor ich weitermache, würde ich mich gern stärken. Gehen wir eine Kleinigkeit essen?«

Das taten wir. Nach einem Steak mit Pommes sah die Welt schon wieder ganz anders aus, sodass ich frohen Mutes erneut in die Rolle der trauernden Großmutter einer verloren gegangenen Enkeltochter schlüpfte.

Doch auch diesmal konnte ich keine Erfolge verzeichnen. Wieder musste ich ohne neue Informationen zu meinen Begleitern zurückehren, und wieder sah Rumpelstilzchen mich entmutigt an. »Es tut mir wirklich leid. Wir machen morgen weiter.«

»Ja. Dann sollten wir vielleicht ein bisschen Schlaf tanken. Wir müssen unsere Suche ausweiten. Also, gehen wir ins Hotel?«

»Hey, nu ma langsam!«, protestierte Rotkäppchen. »Jetzt zischen wir erstma’n Bierchen, oder nich?«

»Gegen ein Bier hätte ich jetzt tatsächlich nichts einzuwenden. Magdalena, wie steht es mir dir?«

Ich überlegte kurz. Meine jüngsten Erinnerungen an Hamburg waren nicht nur positiv besetzt. Tagsüber hatte ich mit einem ausgewachsenen Kater gekämpft, der erst am Abend verschwunden und am nächsten Morgen von einem neuen abgelöst worden war. Allerdings glaubte ich nicht, dass Rumpelstilzchen mich zum Trinken verführen würde, und Rotkäppchen war ohnehin alles egal, was ich tat oder eben ließ. Also willigte ich ein.

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960876908
ISBN (Buch)
9783960877912
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v459029
Schlagworte
Märchen-erzählen-buch-held-prinz-essin-n-en Großmutter Om-i-a liebe-frauen-roman-tik-s-e-lustig-humor-voll traum-mann verliebt romantische komödie

Autor

  • Jana Schikorra (Autor)

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Titel: Ich glaub, mich küsst ein Zwerg