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Der Nachtflüsterer

von Christoph F. J. Rotter (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Eine Nachricht reicht aus, um das Leben von Ben und Viola für immer zu verändern. Das erste Date zwischen den beiden läuft gar nicht gut. Sie finden einfach keinen Draht zueinander. Bis Ben Viola ein manipuliertes Handy zeigt, mit dem sie Chatnachrichten von Unbekannten im Umkreis lesen können. Viola amüsiert sich über die Chats und öffnet sich Ben endlich. Doch dann stoßen sie zufällig auf eine Nachricht, die einen Mord ankündigt. Jemand soll eine junge Studentin ganz in ihrer Nähe umbringen. Ein makaberer Scherz oder furchtbare Wahrheit? Kurzerhand identifizieren die beiden den Absender und verfolgen ihn durch die ganze Stadt. Können sie die junge Studentin retten oder kommen sie zu spät?

Impressum

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Erstausgabe Januar 2019

Copyright © 2019, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 978-3-96087-475-1
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-679-3

Covergestaltung: Annadel Hogen
unter Verwendung von Motiven von
© Seby87/depositphotos.com, © jenmax/depositphotos.com, © svedoliver/depositphotos.com, © Ensuper/depositphotos.com und © smsx_contributor_18980/adpic.de
Lektorat: Philipp Bobrowski

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

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8 Tage zuvor
Jakob

Die Box, so wurde der alte Vernehmungsraum im Keller genannt, war lange nicht mehr benutzt worden. Zuletzt hatte man dort einen jungen Vietnamesen verhört, der in einem Krankenhaus damit gedroht hatte, sich mit einer selbst gebastelten Bombe in die Luft zu sprengen. Die Zündung war von diesem Idioten zum Glück falsch verkabelt worden. Der Vorfall lag sicher zwei Jahre zurück.

Jakob folgte seinem Kollegen Moritz in das Kellergeschoss des Präsidiums. Er musste aufpassen, dass er mit den nassen Turnschuhen nicht auf der glatten Treppe ausrutschte. Moritz hatte ihn mitten in der Nacht aus dem Schlaf geklingelt, und Jakob hatte im Halbschlaf das erste Paar Schuhe angezogen, das er gefunden hatte.

Draußen regnete es seit Tagen ohne Unterbrechung. Den Astra hatte Jakob zwei Straßen weiter parken müssen, da in der unmittelbaren Umgebung vor dem Präsidium nicht einmal Gott selbst einen Parkplatz mehr bekommen hätte. Seit über drei Wochen war der offizielle Parkplatz im Hof gesperrt.

Verdammte Baustelle.

Die schwere Metalltür offenbarte einen langen, mit Neonleuchten erhellten Gang. Die eine Hälfte der Röhren verweigerte ihren Dienst, die andere flackerte wie eine billige Partybeleuchtung in einer Dorfdiskothek. Es war kalt hier unten.

»Wo habt ihr ihn gefunden?«, erkundigte sich Jakob.

»In der Wohnung des Opfers. Die Nachbarn hatten Schreie gehört und die Örtliche angerufen. Als sie ankamen, war er noch da.«

»Wie, er war noch da? Was hat er gemacht?«

»Er saß auf dem Sofa und hat Fernsehen geschaut.«

Jakob blieb stehen. »Er hat was

»Der Typ ist völlig krank.« Moritz forderte ihn mit einer Handbewegung auf, weiterzulaufen.

Im Besprechungsraum warteten bereits Emma und Lukas, ebenso Jürgen, der Chef der hiesigen Mordkommission. Alle begrüßten sich wortlos mit einem Nicken.

Jakob atmete tief ein, schmiss die nasse Jacke auf den Tisch und lief zum Spiegelglasfenster. In der Box saß ein Mann auf dem Verhörstuhl. Mitte vierzig, kurze braune Haare, unauffälliges graues T-Shirt. Seine Hände hatte er zufrieden vor sich verschränkt.

»Was wissen wir über ihn?«

»Gar nichts«, antwortete Jürgen. Der Kriminalchef zog gierig an seiner Zigarette. »Kein Name, keine Daten, nichts.«

»Fingerabdrücke?«

»Fehlanzeige. Noch nicht einmal einen Personalausweis oder eine Bankkarte.«

Jakob musterte den Mann erneut. »Wieder eine junge Frau?«

»Ja«, antwortete Emma.

Jakobs Verhältnis zu ihr war seit Wochen angespannt. Nach einer längeren Affäre – sie wollte eine Beziehung, er nicht – redeten sie nur noch miteinander, wenn es sich um die Arbeit drehte. Jakob fehlten die unverbindlichen Treffen … und der gute Sex.

»Dasselbe wie bei den anderen Opfern?«, hakte er nach.

Emma nickte. »Gerade zweiundzwanzig geworden.«

»Erzählt mir alles, bevor ich reingehe.«

Lukas reichte ihm einen Kaffee, den Jakob ablehnte. »Es ist Wahnsinn. Er hat sie zuerst mit Kabelbinder ans Bett gefesselt, bevor er ihr alle Finger und Zehen einzeln abgetrennt hat. Mit einer Gartenschere.«

Jakob runzelte die Stirn und verzog angewidert das Gesicht.

»Es geht noch weiter«, fuhr Lukas fort. »Die Augen. Er hat sie mit einer Feile ausgestochen. Dann hat er die Frau einfach liegen lassen, sich umgezogen und sich vor den Fernseher gesetzt. Sie war bereits tot, als die Kollegen eingetroffen sind.«

»Was für eine perverse Scheiße«, fluchte Jürgen und steckte sich eine neue Zigarette an.

»Sind die Körperteile diesmal …?«

»Nein«, antwortete Lukas. »Wie vom Erdboden verschluckt. Das Gleiche wie die letzten Male. Keine Ahnung, was er damit gemacht hat.«

»Er wird sie doch nicht …«, setzte Emma an, ohne ihren Satz zu beenden.

Allen war klar, was sie sagen wollte.

»Das finden wir raus, wenn wir ihm eine Kugel in den Kopf jagen und Bruno ihn aufschneidet«, sagte Moritz.

»Ich drück den Abzug«, zischte Lukas.

Jürgen zeigte ihnen den Vogel. »Wir sind hier nicht bei den Russen. Wir müssen rausfinden, was diesen Dreckskerl dazu getrieben hat.«

»Ich frag mich nur, warum er dieses Mal nicht abgehauen ist«, rätselte Jakob. »Und wo zum Teufel sind die Körperteile? Ich geh jetzt rein.«

Moritz öffnete ihm die Tür zur Box. Jakob setzte sich auf den Stuhl gegenüber dem Manne, der seine Arme entspannt auf den Tisch legte und ihn ansah. Der Unbekannte hatte ein markantes Kinn, trug einen Dreitagebart und einen Ohrring am linken Ohr. Auf der Stirn hatte er eine kleine Platzwunde, auf der sich eine dunkle Kruste gebildet hatte. Auf jeden Fall mindestens drei Tage alt.

»Mein Name ist Jakob Sulla, Polizeihauptkommissar. Wie ist Ihr Name?«

»Ich habe keinen Namen mehr.« Die tiefe Stimme des Mannes zeigte weder Unsicherheit noch sonstige emotionale Nuancen.

»Jeder hat einen Namen.«

»Ich nicht.«

»Aber Sie hatten einmal einen?«

»Das stimmt.«

»Und jetzt nicht mehr? Wie kommt das?«

Der Mann antwortete nicht.

Jakob schaute ihm in seine braunen Augen. Die Pupillen waren nicht geweitet, keine Anzeichen für Drogen. »Wissen Sie, was Sie getan haben?«

»Ja.«

»Was haben Sie getan?«

»Ich hab mir von ihr genommen, was nötig war.«

»Nötig wofür?«

Ein Grinsen breitete sich auf dem Gesicht des Mannes aus. Ansonsten keine Reaktion auf Jakobs Frage.

»Ina Ronsbach und Vanessa Durm. Sagen Ihnen diese Namen etwas?«

»Sie waren meine beiden Letzten.«

Jakob schnaufte. »Warum?«

»Warum was?«

»Warum haben Sie diese jungen Frauen getötet?«

»Das verstehen Sie nicht.«

»Erklären Sie es mir.« Die Bilder der beiden Frauen, die letzten Monat tot aufgefunden worden waren, schossen Jakob ins Gedächtnis. Ina Ronsbach war auf dem Küchentisch mit Klebeband fixiert worden, bevor dieser Mistkerl ihr Herz und Lunge mit einem Kai-Shun-Messer herausgeschnitten hatte. Keine chirurgische Meisterleistung, eher das Werk eines Metzgers. Vanessa Durm, dem zweiten Opfer, fehlten nach der Behandlung alle Zähne, beide Ohren sowie ihre Zunge.

Jakob stellte sich die fürchterliche Prozedur vor, die beide Frauen vor ihrem Tod hatten durchleben müssen. Ein solches Martyrium konnte man nicht ansatzweise nachempfinden. Die Panik des hilflosen Ausgeliefertseins. Die Angst vor dem eigenen Tod. Die grauenvollen Schmerzen.

»Das bringt nichts. Sie würden es nicht verstehen.«

»Hör zu, du Drecksack«, begann Jakob unbeherrscht. Er krallte sich an der Tischkante fest. Seine Fingerkuppen pressten sich auf das kalte Metall. »Ich will wissen, wieso du Frauen abschlachtest. Ich will wissen, wo die Körperteile sind.« Jakob spürte Verachtung für diesen Mann.

Ein diabolisches Grinsen überzog das Gesicht des Mannes und sorgte dafür, dass sich Jakobs Nackenhaare aufstellten. Nie zuvor hatte er einen solchen Blick gesehen. Der pure Wahnsinn manifestierte sich im Gesichtsausdruck dieses Mannes. Jakob bekam es mit der Angst zu tun.

1
Samstag, 21:09 Uhr
Ben

Ben stocherte mit dem Strohhalm in den Eiswürfeln seines leer getrunkenen Mai Tais und starrte an die grün beleuchtete Wanduhr über dem Tresen. Der Abend neigte sich früher als geplant seinem Ende zu.

Vermasselt, dachte er sich.

Das Date war bisher bestenfalls mittelprächtig verlaufen, heute war nicht sein Tag.

Den einzigen Lacher hatte er geerntet, als er einen halben Liter Cola über den Kinosessel verteilt und im Anschluss auch noch die Nachos eines Sitznachbarn abgeräumt hatte.

Grandiose Aktion.

Er musterte Viola, die erneut in ihr Smartphone vertieft war und fleißig tippte. Sie hatte schnell klargemacht, was für eine Art Frau sie war: Krankenschwester, selbstbewusst und klug, mit einem trockenen Humor und beileibe nicht auf den Mund gefallen. Viola war dreiunddreißig, zwei Jahre älter als er selbst. Bewusst oder unbewusst hatte sie durchsickern lassen, dass nette Kerle wie Ben normalerweise nicht in ihr Beuteschema fielen.

»Besonders gesprächig bist du nicht, oder?«, fragte Viola und widmete sich wieder ihrem Handy.

»Kommt drauf an«, antwortete Ben, woraufhin ihr Blick zu ihm zurückwanderte. »Aber ja, ein Entertainer bin ich wohl nicht wirklich. War ich noch nie.«

»Schade, dabei bist du doch echt ein Hübscher.«

Ben hatte mit seinen Einsvierundachtzig, den kurzen braunen Haaren und dem recht markanten Gesicht nie Probleme gehabt, Frauen kennenzulernen, auch wenn er weiß Gott keiner dieser aalglatten Schönlinge war. Über seinem linken Auge saß eine auffällige Narbe – ein unschönes Überbleibsel eines Schwimmbadsturzes im Alter von fünfzehn Jahren. Seine hellblauen Augen allerdings, für die er immer wieder mal ein Kompliment bekam, waren sein Kapital.

Ben zuckte mit den Schultern. »Man muss kein großer Schwätzer sein, um Frauenherzen zu erobern. Ich überzeuge wohl eher auf den zweiten Blick.«

Viola lächelte ihn herausfordernd an. »Ich bin sehr gespannt.«

Zumindest wenn es grundlegend passt, fügte Ben in seinen Gedanken hinzu. Denn immer wieder zogen ihn Frauen an, die nicht zu ihm passten. Er hasste es, aber es war nicht zu ändern. Irgendwie interessierten ihn nur diejenigen, von denen er wusste, dass er es schwer haben würde, sie für sich zu gewinnen. Der Reiz der Herausforderung. Wie bescheuert.

Er schaute Viola an, wie er es heute schon unzählige Male getan hatte. Diese Lippen – sinnlich, voll, einfach perfekt. Dann der Leberfleck rechts über ihrer Lippe, der besondere Touch. Jedes Mal, wenn er sie ansah, stellte er sich vor, sie zu küssen. Ihre smaragdgrünen Augen erzeugten eine Sogwirkung auf seine Seele. Er konnte sich darin verlieren. Er wollte sich darin verlieren.

Das schokobraune Haar, schulterlang und leicht gelockt. Perfekte Brüste, versteckt unter einem lässigen schwarz-violett gestreiften Shirt. Sie hatte eine weibliche Figur, nicht zu dürr. Viola war eine Traumfrau, zumindest optisch.

Sie nahm seinen Blick wahr, legte das Handy auf den Tisch und warf ihm ein Lächeln zu, das keine halbe Sekunde andauerte. »Willst du noch was?« Viola blickte erneut kurz auf ihr Smartphone. Es war dieser typische »Wie viel Uhr ist es? Oh, schön so spät?«-Blick.

Ben verneinte mit einem fragenden Schulterzucken und einem zaghaften Kopfschütteln. Ein gediegener James-Morrison-Wohlfühlsong tönte durch die Bar. Ein romantisches Lied für einen unromantischen Abend.

Viola hatte ihm nach dem Kino klargemacht, dass die Pizza ausfallen müsse und sie nur noch Zeit für ein Getränk habe. Einen wirklichen Grund hatte sie ihm nicht genannt. Warum auch?

»Okay, dann zahlen wir, oder?«

»Können wir machen.« Ben sah sich nach der Bedienung um. Sie war nirgends zu sehen. Wahrscheinlich schob sie gerade ein weiteres dieser Salami-Käse-Baguettes in den Ofen. Fünf Stück hatte sie schon an ihm vorbeigetragen und dafür gesorgt, dass der unverwechselbare Duft aufgebackener Fertigware in seine Nase gezogen war.

»Lustig, wie du immer deine Augen zusammenkneifst, wenn du nach irgendetwas Ausschau hältst.«

Ben zuckte mit den Schultern. »Eigentlich hab ich Kontaktlinsen.«

»Eigentlich?«, hakte sie nach. »Heute nicht?«

»Muss mir neue besorgen«, erklärte er.

»Hast du denn keine Brille?«

»Schon. Aber von Brillen bekomm ich Kopfschmerzen. Die zieh ich nur ab und an zum Autofahren auf. Aber so schlecht seh ich gar nicht. Nur ein klein wenig unscharf eben.«

Viola schmunzelte. »Was verdient man so als Comiczeichner?«

»Kommt drauf an.«

»Worauf?«

»Na ja, ich zeichne nicht nur Comics. Je nach Auftrag sind es auch Bilder für Magazine, Buch- und Website-Illustrationen, Storyboards. Alles Mögliche eben.«

»Und wie ist deine Auftragslage?«

Will sie jetzt einen Kontoauszug sehen? »Kann mich nicht beklagen.«

Violas Mimik zufolge hatte sie mit einer ausführlicheren Antwort gerechnet.

»Aber falls du dir Sorgen um mich machst, kann ich dich beruhigen. Strom und Wasser wurden noch nicht abgestellt.«

Lachgrübchen verzierten Violas Gesicht. »So hab ich das nicht gemeint.« Ihr Smartphone schickte eine kurze Vibration durch das Holz des Tisches, die sich bis zu Bens Ellenbogen ausbreitete. Sie wandte sich sofort ihrem Handy zu.

Langsam nervt es. Am liebsten würde ich dieses Ding im Aquarium in der Ecke versenken. »Scheint eine wichtige Unterhaltung zu sein.«

Viola schnaufte genervt. »Ja, sorry, ist echt wichtig.«

Aha. Na klar. Sicher doch. »Hast du Nouvius?«, fragte er.

»Nein«, antwortete sie, ohne mit dem Tippen aufzuhören. »Bin bei WhatsApp geblieben. Wieso?«

»Schade.« Ben grinste.

Viola legte das Smartphone wieder auf den Tisch. »Wieso schade?«

Ben schmunzelte und zog sein Handy aus der Hosentasche. Er öffnete die Nouvius-App und reichte ihr das Smartphone. »Klick mal auf das grüne Symbol.«

Viola tat es und betrachtete das Display. Sie runzelte die Stirn und schien zunächst verwirrt. »Wessen Chat ist das?«

»Keine Ahnung.«

»Wie, keine Ahnung?«

»Von irgendjemandem im Umkreis von dreißig Metern.«

Viola schaute sich ungläubig um. Auch Ben blickte um sich. Die Cocktailbar war bestens besucht, jeder zweite Gast hatte ein Handy in der Hand oder auf dem Tisch liegen. Willkommen im einundzwanzigsten Jahrhundert.

»Jetzt klick mal auf den Pfeil links oben in der Ecke.«

Viola klickte. Sie las einige Zeilen.

»Ein anderer Chat? Auch von hier?«

»Japp.«

»Okaaaay, sehr strange.«

Ben genoss den Augenblick. Er hatte sie verblüfft.

»Sag mal, das ist doch bestimmt illegal.«

»Gut möglich.«

»Ähm, ich hab keine Ahnung, wie so was funktioniert, aber wieso kann dein Handy so was? Also ich meine, bist du irgendwie ein Stalker oder so?«

»Quatsch«, widersprach Ben bestimmt. »Bin ich nicht.«

»Erklärs mir.« Viola schaute erneut neugierig auf das Display.

»Meine Nouvius-Version hat einen kleinen Hack hinter sich. Von Tommy.«

»Dein Bruder? Der Hightechfreak?«

Ben nickte. »Aber ich versteh von diesem Hackerzeug nichts.«

Viola zuckte mit den Schultern. »Mir gehts da nicht anders.«

Tommy hatte ihm vor einigen Wochen sein altes Smartphone vermacht. Bei ihm musste es stets das allerneueste Modell sein, da machte Bens großer Bruder keine Kompromisse. Ben fragte sich jedes Mal, wie man derart viel Geld für ein bescheuertes Handy ausgeben konnte, nur weil es drei Gramm leichter war und die Kamera das siebenmillionste Pixel mehr hatte.

»Unglaublich, dass so was funktioniert. Wenn das der Hersteller wüsste, würde dein Bruder üble Probleme bekommen.« Viola war noch immer verblüfft. »Wenn publik wird, dass Nouvius gehackt wurde, benutzt doch niemand mehr diese App.«

»Na ja, zuerst wollte Tommy den Hersteller über die Sicherheitslücke informieren. Er dachte, dann klingelt die Kasse.«

»Aber?«

»Die wissen über dieses Problem schon längst Bescheid.«

»Bitte was?«

Ben erinnerte sich daran, wie Tommy ausgeflippt war, als er diese Tatsache herausgefunden hatte. Monatelang hatte sein Bruder an der Software gearbeitet. Der Lohn war ein nettes Gimmick, das keinen Cent eingebracht hatte. »Dass es theoretisch möglich ist, Gespräche mitzuverfolgen, steht in den tiefsten Untiefen der AGB. Wie oft hast du schon AGB gelesen?«

Viola schüttelte den Kopf. »Ich glaubs ja nicht. Was für eine Schweinerei.«

»Es interessiert sie deswegen nicht, weil man diese Funktion als Nutzer deaktivieren kann, wenn man denn weiß, dass es sie überhaupt gibt. Dann nutzt auch Tommys Hack nichts mehr.«

»Damit bewegen sie sich wunderbar in der Grauzone.«

»Richtig. Was ich wohl in deinem Chat so gelesen hätte?«

Viola warf ihm einen bösen Blick zu.

»Scherz. Hätte ich nie gemacht.«

Die Verärgerung in Violas Mimik verschwand wieder.

Der Blick der Kellnerin mit den wasserstoffblonden Haaren traf sich mit dem von Ben. Zielstrebig lief sie auf den Tisch zu. »Kann ich euch noch was bringen?« Ihre Stimme klang heiser.

»Wir würden dann gerne zahlen«, sagte Viola und widmete sich wieder Bens Smartphone. Als die Bedienung weit genug weg war, stellte Viola weitere Fragen: »Wieso sieht man hier keine Namen? Also … man sieht nicht, wer mit wem schreibt.«

»So weit war Tommy wohl noch nicht. Sein Hack kann nur die Gespräche entschlüsseln, keine Namen und Nummern.«

»Und was heißen die Zahlen?«

»Die vordere ist einfach nur die Chatnummer, die hintere gibt die Anzahl der Personen an, die gerade miteinander schreiben.«

Viola schmunzelte.

»Was ist?«, wollte Ben wissen. »Um was gehts in dem Chat?«

»Ich bin schon wieder in einer anderen Unterhaltung.«

Ben lachte. Hätte er sein Handy nur schon früher gezückt.

»Was ist eigentlich genau mit deinem Bruder los? Du hast am Telefon nur mal kurz erzählt, dass er nicht mehr vor die Tür geht. Was hat er denn?«

»Nur, wenn es sein muss«, erklärte Ben. »Ich glaube, das letzte Mal, dass er die Wohnung verlassen hat, war, als er seine Tabletten während eines längeren Stromausfalls nicht mehr online bestellen konnte.«

»Wieso hat er dich da nicht angerufen?«

Ben runzelte die Stirn. »Hat er. Aber ich war im Urlaub in Italien. Hab am Telefon live mitbekommen, wie er gefühlt alle zwei Minuten eine Panikattacke bekommen hat. Die Apotheke ist keine achthundert Meter weit von seiner Wohnung entfernt, aber das Ganze hat fast zwei Stunden gedauert.«

Viola rollte mit den Augen und unterbrach kurzzeitig das Lesen der Chatnachrichten. »So krass? Ach herrje.«

»Na ja, er leidet unter ziemlich starken Ängsten, denen er sich einfach nicht mehr aussetzt.«

»Und wie bekommt er dann sein Leben auf die Reihe?« Ihr Blick richtete sich wieder auf das Display.

»Du wirst verwundert sein, wie gut das heutzutage funktioniert. Er bestellt alles online und lässt es sich liefern … von Arzneien, Getränken bis hin zum Obst und Gemüse. Einmal die Woche kaufe ich für ihn mit ein, seitdem ich wieder hier in der Stadt wohne.«

»Klingt echt heftig.« Viola tippte sich weiter durch die verschiedenen Chats.

»Und? Gibt es interessante Gespräche hier?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Schatz, ich liebe dich … Schatz, ich liebe dich mehr als meine Frau … Schatz, ich liebe dich nicht mehr.«

»Das Übliche also.«

»Oh, ach ja! Irgendjemand hat noch geschrieben, wie scheiße die Cocktails hier schmecken.«

Ben zuckte mit den Schultern. »Also meiner war in Ordnung.«

»Du meinst diesen Mädchen-Cocktail?«

Mädchen-Cocktail? So ein Blödsinn! Wahrscheinlich hätte sie es männlicher gefunden, wenn er ein Bier bestellt hätte. Drauf geschissen. Keine Lust, irgendwas zu trinken, um männlicher zu wirken.

Genau solche Kommentare nervten ihn an Viola. Doch ihre perfekten Zähne, die sie mit jedem Lächeln zur Schau stellte, als wären es strahlend weiße Diamanten, machten ihre gelegentlichen Aussetzer vergessen.

Die Kellnerin brachte die Rechnung. »Getrennt oder zusammen?«

Ben griff nach seinem Geldbeutel in der hinteren Hosentasche. Sein Blick streifte dabei Viola, die mit seltsam angespannter Miene auf das Display starrte.

»Zusammen.« Sie deutete Ben an, die Rechnung schnell zu begleichen.

Ähm, okay.

»Sechszehn vierzig«, sagte die Blondine und tippte auf ihrem digitalen Lesegerät.

»Stimmt so.«

»Danke. Einen schönen Abend euch noch.«

»Jaja, danke«, sagte Viola hastig und machte der Kellnerin deutlich, dass sie verschwinden sollte. Der Blick der Blondine sprach Bände. Sie schüttelte den Kopf und machte sich auf zur Bar.

Viola erhob sich sofort von ihrem Platz, zog ihren Stuhl eilig um den Tisch und setzte sich neben Ben. »Schau dir das an.« Sie zeigte ihm das Smartphone. Ein Chat war noch geöffnet.

Wo bist du?

noch in der stadt

Und die beute?

im haus

Die studentin?

ja

Lebt sie noch?

ja, aber nicht mehr lange

Halte dich genau an den plan

keine sorge. ich weiß bescheid.

Ach du Scheiße!

Ben und Viola sahen sich entsetzt an.

»Denkst du, das ist ein Scherz?« Der Unterton in ihrer Stimme ließ darauf schließen, dass sie selbst nicht mit einem Ja rechnete.

»Keine Ahnung. Verdammt! Ich glaub nicht.«

»Was machen wir jetzt?«

Ben klickte auf distance. »Zwischen den beiden Chatpartnern liegen sieben Kilometer.« Er klickte erneut.

Chat 17-2.

Chatnummer 17, zwei Personen.

Viola drückte seine Hand. »Da! Jemand schreibt wieder was!«

user is typing …

Die beiden starrten gebannt auf das Display. Dann spürte Ben Violas Arm an seinem eigenen. Ihre Haare berührten seine Wange, er konnte ihr Parfüm riechen. Elegant und feminin. Er glaubte, den Duft von Jasmin und Orangenblüte wahrzunehmen. Für einen Augenblick hatte er alles um sich herum vergessen.

Hast du die nächste schon ausgewählt?

es gibt zwei kandidatinnen

Melde dich, sobald alles getan ist

Mach ich.

user left chat …
disconnect in …
1:59
1:58
1:57

»Scheiße, der Chat schließt sich gleich!«, zischte Ben aufgeregt. »Wir müssen rausfinden, wer das geschrieben hat. Und die Polizei informieren.«

»Aber wie?«

Ben sprang auf und schaute sich hektisch um. Allein an den Tischen um ihn herum waren fünf Menschen mit ihrem Handy zugange. An einem Tisch direkt nebenan saßen drei junge Frauen, die sich amüsiert unterhielten und lauthals lachten. Eine davon, eine dicke Blondine mit einem zu engen Shirt, tippte auf ihrem Handy.

Auf keinen Fall.

Zwei Männer in Anzügen werkelten ebenfalls mit ihren Smartphones herum, auf dem Tisch lagen Börsenzeitungen und Notizblöcke. An einem anderen Tisch saßen zwei Pärchen. Während das eine Paar Händchen hielt und sich mit verliebtem Blick unterhielt, tippten die anderen beiden gelangweilt auf ihren Mobiltelefonen.

Weiter hinten saß ein Mann mit einem zusammengebundenen Zopf – die schwarzen Haare hingen beinahe bis zu seinem Hintern – allein auf einem Barhocker. Seine Arme waren vollständig tätowiert. Auch er hielt ein Smartphone in der Hand. Er widmete sich kurz dem Barkeeper und schien etwas bei diesem zu bestellen. Der Schönling hinter dem Tresen nickte ihm zu und griff nach einer Flasche aus dem oberen Regal.

Der könnte es sein.

1:23
1:22

»Wir rufen an«, schlug Ben vor.

»Geht das?«

»Ja, aber danach ist der Chat bestimmt weg. Wir haben nur einen Versuch, denke ich.«

»Na dann los.« Viola drückte seine Schulter. »Wir müssen alle hier drin im Blickfeld haben, damit wir sehen können, wer den Anruf annimmt. Ich stell mich da hinten in die Ecke vors Klo. Dann kann ich den ganzen hinteren Bereich sehen. Du gehst am besten vor zum Eingang.«

Noch bevor Ben etwas sagen konnte, war sie bereits losgelaufen. Er schaute noch einmal auf das Display.

0:47
0:46
0:45

Ben lief an dem Frauentisch vorbei. Die dicke Blondine schaute ihm in die Augen. Er wandte seinen Blick ab und lief angespannt durch die Cocktailbar. Weitere Menschen mit Handys: ein älterer Mann an einem der Stehtische, zwei Jugendliche, nicht älter als sechzehn, ein vollbärtiger, dunkelhäutiger Kerl mit einem Afro, der aber wohl eher auf seinem Smartphone spielte, so wild, wie er auf dem Display herumdrückte.

0:28
0:27

Ein Stehtisch in der Ecke des Raumes, unmittelbar neben der gläsernen Eingangstür, erwies sich als geeigneter Platz. Von dieser Position aus hatte Ben jetzt alles im vorderen Bereich im Blick. Auch den tätowierten Mann auf der gegenüberliegenden Seite sah er durch die Bar hindurch gut genug, falls dieser das Handy ans Ohr halten würde.

0:19
0:18
0:17

Ben zog sein Handy aus der Tasche. Um unauffällig zu bleiben, hielt er es unter den Tisch.

0:11
0:10
0:09
0:08

Er drückte auf den Text des Chats. Ein Fenster ploppte auf.

0:04
0:03

Ben drückte auf call.

2
Samstag, 21:20 Uhr
Ben

In den folgenden Sekunden beobachtete Ben mit fokussiertem Blick den vorderen Teil der Bar. Kurze, unregelmäßige Atemzüge begleiteten seine angespannte Suche nach der Person, die anscheinend bereit war, einem anderen Menschen das Leben zu nehmen. Jetzt musste der Unbekannte seinen Anruf bemerkt haben.

DER Unbekannte? Es könnte genauso gut eine Frau sein. Na ja, eher unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen.

Keiner der Anwesenden hatte bisher ans Handy gegriffen und es sich ans Ohr gehalten. Einen Moment später hatte Ben allerdings Gewissheit, dass sein Anruf entgegengenommen worden war. Auf seinem Display startete eine Zeitanzeige für die bisherige Dauer des Telefongesprächs.

0:00
0:01
0:02

Trotz der vielen Gesprächsfetzen, die durch die Cocktailbar schwirrten, konnte Ben die Stimme aus seinem Handy hören. Vor Anspannung hielt er den Atem an.

»Hallo?«

Männlich. Also doch.

Sofort richtete er seinen Blick auf den Tätowierten am Tresen, doch der saß noch immer seelenruhig auf dem Hocker und trank aus seinem Glas. Kein Handy in Sicht, er konnte es nicht sein.

»Hallo?« Die Stimme aus dem Handy erklang lauter.

Ben überlegte, ob die Geräusche seinem Gegenüber am anderen Ende der Leitung verraten würden, dass es jemand aus dieser Bar war, der ihn angerufen hatte. Dann wurde der Anruf beendet, die Person hatte aufgelegt. Sofort steckte Ben das Handy in die Hosentasche.

Noch einmal wanderte sein Blick umher, auf der Suche nach einer Person mit Handy am Ohr oder zumindest in der Hand. Aber es schien niemand aus diesem Bereich der Bar gewesen zu sein. Alles lag nun an Viola. Ben wartete noch eine knappe Minute und machte sich dann auf den Weg in den hinteren Teil. Er lief an der Bar vorbei und wollte gerade um die Ecke biegen, als Viola ihm entgegenkam.

»Und? Hast du angerufen?«, wollte sie wissen.

»Hab ich. Hast du gesehen, wer es ist?«

Viola zog ihn ein Stück vom Tresen weg an einen leeren Stehtisch direkt an der Wand.

»Eine Frau und ein älterer Mann haben gerade einen Anruf entgegengenommen. Beide waren nur kurz am Handy. Die Frau hat sich leider umgedreht, sodass ich ihre Reaktion nicht erkennen konnte. Aber ich würde sagen, sie …«

»Vergiss es«, unterbrach Ben sie. »Es ist ein Mann, ich hab seine Stimme gehört.«

Viola schaute ihm in die Augen, er erwiderte ihren Blick.

Hatte er tatsächlich soeben mit einem Mörder telefoniert?

Das Licht eines Leuchtschildes an der Wand strahlte Violas Gesicht an. Es tauchte ihre makellose Haut in ein helles Blau. Ben verlor sich ein weiteres Mal in ihrem Anblick.

»Ben?« Ihre Frage holte ihn wieder zurück auf diese Erde.

»Wo ist der Kerl?« Ben versuchte, so ernsthaft wie möglich zu klingen, um seinen kurzen Ausflug in das Paralleluniversum seiner Seele vergessen zu lassen. Es war nicht so, dass er die Sache nicht ernst nahm, immerhin ging es hier anscheinend um ein Menschenleben, aber in diesem Moment war er froh, dass sich der Abend doch anders entwickelt hatte, als eben noch vorherzusehen gewesen war.

»Er sitzt ganz hinten an einem Zweiertisch. Nachdem er das Handy weggesteckt hat, hat er nach der Rechnung gefragt.«

»Alles klar, zeig ihn mir.«

Viola nahm seine Hand und führte ihn durch die Bar.

Das wird ja immer besser. Bens Herz schlug lauter denn je. Ironischerweise weniger aus dem Grund, in wenigen Augenblicken einem möglichen Mörder zu begegnen, sondern eher aufgrund einer simplen Berührung von Violas Hand. Ein Gefühl, das er lange nicht mehr erlebt hatte.

Viola blieb stehen. Hektische Blicke wanderten durch den Raum. »Wo zum Teufel ist er?« Sie deutete vorsichtig in Richtung einer Sitzgelegenheit. »Gerade eben war er noch genau da.«

Hat er bezahlt und sich aus dem Staub gemacht? Unmöglich, er hätte direkt an uns vorbeikommen müssen.

Es gab nur einen einzigen Ein- und Ausgang, der hintere Teil der Bar war eine Sackgasse.

»Wie sieht er aus? Was hat er an?«

Viola schüttelte den Kopf und schien in ihrem Gedächtnis zu graben. »Ich weiß nicht … kurze, dunkle Haare. Er hat eine blaue Jeans an und … ich glaube, da hing eine grüne Jacke über seiner Stuhllehne.«

»In Ordnung«, sagte Ben. »Er ist nicht an uns vorbeigekommen, oder? Das hättest du ja gesehen. Das heißt, er muss noch hier hinten sein. Die Toilette. Das ist die einzige Möglichkeit.«

Sofort fielen ihre Blicke auf den kleinen Durchgang, der zu den Toiletten führte.

»Wir warten einfach, bis er wieder rauskommt«, schlug Ben vor.

»Was, wenn es dort ein Fenster gibt, aus dem er flüchten kann?«

Ben schüttelte den Kopf. »Kann ich mir nicht vorstellen. Okay, es hat ihn jemand angerufen und nichts gesagt. So was passiert doch mal. Warum sollte er denken, jemand wäre ihm auf die Schliche gekommen?«

Viola zuckte mit den Schultern. »Willst du trotzdem nachsehen?«

Ob ich nachsehen will? Natürlich nicht. »Äh, ich fand meinen Plan, abzuwarten, eigentlich ganz gut.«

»Es geht vielleicht um Leben und Tod, Ben. Wir dürfen diesen Mann nicht verlieren.«

Verdammt. Wenn ich es nicht mache, hält sie mich für einen Feigling. »Na gut. Ich schau nach.« Ben zog sich die Kapuze seines schwarzen Hoodies über den Kopf und lief zur Tür der Herrentoilette. Vorsichtig drückte er die Klinke nach unten und trat ins Innere. In dem kleinen, nur durch eine grüne Neonröhre spärlich beleuchteten Waschbeckenbereich war niemand zu sehen, also bog Ben um die Ecke. Es war stickig hier drinnen. Drei Urinale, keine zwei Meter dahinter zwei Toilettenkabinen. Ein Fenster gab es, allerdings passte höchstens eine Katze durch. Keine geeignete Fluchtmöglichkeit. Auch hier war kein Mensch zu sehen.

Ob er in einer der Kabinen sitzt?

Ben überlegte kurz, zu klopfen, verwarf sein Vorhaben aber zügig. Unter keinen Umständen wollte er etwas von sich preisgeben, weder sein Gesicht noch seine Stimme. Er stellte sich an das letzte Urinal ganz an der Wand und öffnete Gürtel und Hose. Zuerst wollte er nur so tun, als würde er pinkeln, doch schnell dankte ihm seine Blase den Ausflug in die Erleichterungszone und ließ seinen Toilettengang echt klingen.

Eine Toilettenpapierrolle im Inneren der Kabine hinter Ben drehte sich mehrfach, kurze Zeit später wurde die Spülung betätigt.

Also doch jemand hier!

Ben war bereits fertig, verharrte aber regungslos vor dem Urinal. Die Kabinentür hinter ihm öffnete sich. Bens Blick war auf die Fliege fixiert, die für alle Schrägpinkler auf der Keramikwanne aufgedruckt war. Hinter sich hörte er zügige Schritte auf dem Fliesenboden in Richtung Ausgang. Ben wartete ab, bis der Unbekannte um die Ecke bog, und riskierte in letzter Sekunde einen vorsichtigen Blick an seiner Kapuze vorbei.

Grüne Jacke. Er ist es.

Wasser plätscherte aus dem Hahn, der Seifenspender quietschte. Ben wartete, bis die Tür zugefallen war, und zwang sich, ruhig bis fünf zu zählen, um nicht direkt hinter dem Unbekannten zurück in die Bar zu stürmen. Ein mutmaßlicher Mörder, entlarvt durch einen mitgelesenen Chat. Dieser Chat erwies sich als Glücksbringer für sein Date mit Viola. Und jemandem dadurch möglicherweise das Leben zu retten, konnte die Sache sicher nicht schlechter, wenn auch sehr gefährlich machen.

Einfach cool bleiben, den Typ verfolgen und die Polizei informieren.

Die wohl aufregendste Verabredung seines Lebens. Und sicher galt das auch für Viola. Er öffnete die Tür zurück in die Bar.

Viola stand bereits am Tresen und winkte ihn herbei. Sie hatte ihre und Bens Jacke unter dem Arm. »Was hast du so lange gemacht? Er geht gerade.« Sie zeigte auf den Mann.

Der hatte soeben Geld auf den Tisch gelegt und machte sich auf zum Ausgang.

»Ich war vorsichtig. Wenn er mein Gesicht gesehen hätte, würde es die Verfolgung schwieriger machen. Also dann los.«

»Was machen wir denn jetzt? Ihn beschatten?«

»Na was sonst? Wir folgen ihm unauffällig. Schauen, wo er hingeht und was er macht, und rufen die Polizei, sollte irgendetwas unseren Verdacht bestätigen.«

Sie eilten durch die Cocktailbar. Der Mann mit der grünen Jacke war bereits kurz vor der Tür nach draußen.

»Aber ich …« Viola schaute auf ihr Handy. Ihr Gesichtsausdruck vermittelte den Zwiespalt in ihr, Bens Plan weiter zu folgen.

»Hast du etwas Besseres vor, als jemandem das Leben zu retten?«

Sie steckte das Handy weg. »Natürlich nicht. Ich muss aber zumindest in der nächsten halben Stunde kurz telefonieren. Jemand erwartet meinen Anruf.«

Jemand? Ben verkniff es sich, weiter danach zu fragen. Dafür war jetzt keine Zeit.

Bevor sie den Ausgang erreicht hatten, konnten sie durch die Glasscheibe der Cocktailbar sehen, dass der Mann nach rechts abbog. Seine grüne Jacke war ideal, um ihn bereits aus der Ferne ausfindig zu machen.

»Warte mal.« Viola zog an Bens Arm, als sie auf der Straße standen und Ben bereits loslaufen wollte. »Was ist, wenn er zu seinem Auto läuft?«

»Dann verlieren wir ihn.«

Viola nickte. »Hol du dein Auto, und ich folge ihm. Falls er irgendwo ins Auto einsteigt, kannst du mich aufsammeln und wir können ihm hinterherfahren.«

»Hm, ich weiß nicht.«

»Was soll schon passieren? Wir sind mitten in der Stadt. Er hat keine Ahnung, dass ich ihm folge, und ich bleibe auf Abstand. Los jetzt. Hol das Auto und ruf mich an!« Sie lief los.

Ben fühlte sich beflügelt. Der Abend war noch lange nicht zu Ende. Auch wenn er gerne gewusst hätte, wer die Person war, die Viola so dringend anrufen wollte, war er es, der noch immer im Spiel war. Und seine Chancen standen besser als jemals zuvor. Rasch eilte er die Straße entlang. Die Stuttgarter Innenstadt war wie jeden Samstagabend gerammelt voll, nicht zuletzt aufgrund der heutigen langen Einkaufsnacht.

Im Parkhaus hatte sich zu Bens Ernüchterung vor dem einzig funktionierenden Parkautomaten eine Schlange von Leuten gebildet, an zwei weiteren Automaten haftete je ein handgeschriebener »Defekt«-Zettel.

Na fantastisch!

Ein junger Mann fischte recht schnell sein bezahltes Ticket aus dem Automaten, die Dame nach ihm, eine solariumgebräunte Mittvierzigerin mit zu viel Lidschatten, zählte in aller Seelenruhe das Kleingeld in ihrem Portemonnaie. Dahinter warteten ein Rentner und ein kräftiger Kerl mit Glatze.

Ben reihte sich in die Schlange ein, packte kurz darauf aber eine kleine Lüge aus: »Entschuldigung, dürfte ich mich bitte vordrängeln?« Seine Frage galt der Frau vor dem Automaten. »Meine Frau liegt in den Wehen, und ich muss schnellstmöglich ins Krankenhaus.«

»Aber natürlich.« Die Dame machte ihm demonstrativ Platz und setzte ein mitfühlendes Lächeln auf.

Ben musste sich ein Grinsen verkneifen und schob sich nach vorn, doch der stämmige Meister-Propper-Glatzentyp zeigte sich nicht ganz so leichtgläubig. »In welches Krankenhaus müssen Sie denn?«

Verflucht! »Es ist das …«, setzte Ben an. Er war erst vor vier Monaten nach Stuttgart gezogen, und bisher hatte es keinen Grund gegeben, ein Krankenhaus aufzusuchen. Immer wieder mal hatte er von einem gehört, allerdings hatte er dummerweise nicht richtig aufgepasst, sodass ihm in diesem Moment partout kein Name einfallen wollte. Ben realisierte nach wenigen Sekunden, dass es bereits zu spät war, und überlegte eher, wie er aus der Nummer wieder herauskam, ohne dass ihm der Muskelprotz eine verpasste. »Erwischt«, sagte er und setzte ein schuldiges Gesicht auf. Im nächsten Augenblick spielte er kurz mit dem Gedanken, die Wahrheit zu sagen, doch jetzt, nach dieser plumpen Lüge, mit einer Verfolgung eines möglichen Mörders um die Ecke zu kommen, würde ihm ganz sicher ein blaues Auge bescheren. Also reihte er sich brav wieder in die Warteschlange ein, was den Glatzkopf besänftigte.

»So ein verlogener Hund«, zischte die Solariumnixe. »Schämen Sie sich.« Sie ließ sich sichtlich Zeit, eine Zwanzigcentmünze nach der anderen einzuwerfen.

Die verachtenden Blicke des Meister Propper und des Rentners ließ Ben über sich ergehen. Er zog sein Handy aus der Tasche und rief Viola an.

»Ben?«

»Ich häng am Ticketautomaten fest, noch zwei Leute vor mir. Alles klar bei dir?«

»Alles bestens. Der Regen nervt. Er hat sich Klebeband im Supermarkt und gerade eben Zigarillos am Lottostand gekauft. Jetzt unterhält er sich noch mit dem Verkäufer. Ich stehe vor einem Pub und beobachte ihn.«

»Gut, bleib auf Distanz. Ich bin gleich da.«

»Ich komme noch nicht ganz klar, was wir gerade tun. Ich fühle mich wie in einem Film. Das ist echt abgefahren.«

Endlich! Ben war an der Reihe und bezahlte sein Parkticket. »Glaub mir, geht mir genauso. Aber stell dir vor, wir können wirklich jemandem das Leben retten.«

»Schon klar«. Gelächter übertönte Violas Stimme, weswegen sie lauter sprechen musste. »Uns bleibt nichts übrig, als der Sache nachzugehen. Er läuft jetzt weiter, Richtung Kino. Wie lange brauchst du noch?«

Ben musste sich kurz orientieren, bevor er seinen Ford Focus fand. »Ein paar Minuten. Ich beeil mich, sitz quasi schon im Auto.«

Ben stieg in den Wagen und startete den Motor. Zügig manövrierte er das Auto aus der engen Parklücke.

»Scheiße!« Viola fluchte so laut, dass Ben sie hören konnte, obwohl das Telefon auf dem Beifahrersitz lag.

»Was ist?« Ben passierte bereits die Schranke, musste kurz darauf allerdings erneut warten, da mehrere Autos vor ihm auf eine Gelegenheit lauerten, auf die Straße zu fahren.

»Er löst ein Ticket für die U-Bahn.«

»Dann steig einfach mit ein.«

»Und welches Ticket soll ich bitte kaufen? Ich kann ihn ja kaum fragen, wohin er fährt.«

»Zum Teufel mit dem Ticket. Da wird schon niemand kontrollieren.«

Stille am Handy.

»Bist du noch dran?«

Die Verbindung war noch da, doch Viola antwortete nicht. Ben nutzte eine klitzekleine Lücke in der nicht enden wollenden Flut von Autos, um seinen Wagen auf die Straße zu drängeln. Ein aggressives Hupen verriet, was der Fahrer hinter ihm von Bens Manöver hielt.

Leck mich, dachte er. Wenn du wüsstest. »Okay, Viola, wie siehts aus?«

Das Gespräch war weg. Ben startete es erneut über seine nachgerüstete Freisprechanlage. Undeutliches Geraschel erklang aus den Lautsprechern. Kurz darauf meldete sie sich zurück. »Bin in der Bahn. U14 Richtung Mühlhausen. Wenn mich jetzt jemand kontrolliert, war es das mit der Verfolgung.«

»Das wird schon nicht passieren.«

»Der Kerl sieht irgendwie gar nicht aus wie ein Mörder.«

Ben verzog das Gesicht zu einer Grimasse. Als ob man das jemandem ansieht. Wer sieht schon in den Nachrichten ein Bild eines Mörders und sagt: »Jawohl, das hab ich mir sofort gedacht, dass dieser Kerl seine Ex-Frau mitsamt den gemeinsamen Kindern umbringt«? Oh Mann. »Ist das eine fundierte Analyse oder einfach nur weibliche Intuition?«

»Sehr witzig.«

»Du hast gelesen, was er geschrieben hat.«

Viola antwortete nicht. Ben konnte das Rattern der U-Bahn hören. Er schaute auf die Uhr, es war kurz nach 22 Uhr. Vor einer guten Stunde hatte er sich noch auf dem Heimweg gesehen, verärgert über den Verlauf des Abends und die vertane Chance. In seinen Gedanken ließ er das erste Treffen mit Viola Revue passieren.

Welch ein Auf und Ab der Gefühle. Dabei hatte er sich anfangs, als er sie auf dem Konzert von Passionate kennengelernt hatte, gar keine großen Hoffnungen gemacht. Bis sie ihn in ein Gespräch über Marvel-Filme verwickelt hatte. Sympathisch! Sie hatten Nummern ausgetauscht.

»Ich glaub, er steigt die Nächste aus«, erklang es aus den Lautsprechern. »Rotebühlplatz.«

Ben wechselte die Spur. »Er fährt in die Einkaufsstraße?«

Vielleicht nutzt er die lange Einkaufsnacht, um sein Mordwerkzeug zu kaufen.

Ben stellte sich vor, was man wohl so für einen Mord benötigte. Gummihandschuhe, eine Waffe und … Klebeband?

»Anscheinend. Er steht bereits. Was tun wir jetzt?«

»Da er mit der U-Bahn fährt, schätze ich, dass er ohne Auto unterwegs ist. Ich fahr in ein Parkhaus und komm dann zu dir.«

»Er könnte dort immer noch sein Auto stehen haben.«

»Könnte er, ja. Aber der Verkehr ist die Hölle, und ich würde dich niemals rechtzeitig einsammeln können. Wir verfolgen ihn zu Fuß. Sollte er wider Erwarten doch irgendwo sein Auto geparkt haben, schreiben wir zumindest das Kennzeichen auf und geben es an die Polizei weiter.«
»Klingt nach einem Plan. Die Bahn hält jetzt.«

»Bleib an ihm dran. Ich melde mich, sobald ich das Auto abgestellt habe.«

»Okay, bis gleich.«

Die Suche nach einem Parkplatz gestaltete sich langwieriger als geplant. Tatsächlich zeigte die Anzeige über der Einfahrt des nächsten Parkhauses eine ernüchternde Null an, sodass Ben nichts übrig blieb, als weiterzusuchen.

Heute muss wieder jeder Trottel in die Stadt rennen, um am späten Abend noch einkaufen zu gehen.

Es ging kaum vorwärts. In den letzten Minuten hatte Ben nur wenige Meter gemacht. Schweiß stand auf seiner Stirn, hibbelig wackelte er mit den Füßen. Die Vorstellung, dass Viola diesen Mann noch weiter allein verfolgte, machte ihn verrückt. Er wollte unbedingt bei ihr sein. Nicht, weil er sich Sorgen um sie machte – dafür erschien ihm eine heimliche Verfolgung mitten in der Stadt zu ungefährlich –, aber er wollte diese außergewöhnliche Situation nutzen, um weiterhin Zeit mit Viola zu verbringen.

»Gemeinsame Erlebnisse schweißen zusammen«, hörte Ben in seinen Gedanken seine Mutter sagen.

Scheiß drauf. Er steuerte das Auto auf einen Privatparkplatz vor einem Juwelierladen und ignorierte das Parkverbotsschild an der Hauswand. Als er ausstieg, prasselte der Regen auf ihn herab. Ben eilte die Straße entlang zur nächsten U-Bahn-Haltestelle und musste über die Schulter einiger Leute den Fahrplan betrachten.

Er zückte sein Handy.

Bereits nach dem ersten Klingeln nahm sie seinen Anruf an.

»Viola?«

»Er ist jetzt in einem kleinen Asia-Restaurant. Mr. Meng, kennst du das?«

»Nein, aber wenn du mir …« Er musste seinen Satz nicht aussprechen, da vibrierte bereits sein Handy. Viola hatte ihm den Standort des Lokals per WhatsApp geschickt. »Ah, perfekt. Danke.«

»Wie lang brauchst du noch?«

»Fünf Minuten.«

»Gut, weil … na ja, jetzt komm erst mal her.«

Das klang irgendwie komisch.

Ben eilte über die Straße und folgte der Wegführung auf seinem Handy. Die Innenstadt erstrahlte wie bereits die letzten Jahre in einem wahren Lichtermeer. Bäume wurden von farbigen Strahlern in sanftes Licht getaucht, Artisten präsentierten umringt von Menschenmassen Feuershows und Tänze. Der Regen schien kaum jemanden zu stören, zumal es sicher noch immer knapp unter zwanzig Grad warm war. Ben musste um einen abgesperrten Parcoursbereich herum, auf dem Besucher mit Miniraupenfahrzeugen fahren konnten. Eine Straßenüberquerung und Seitenstraße weiter sah er das Leuchtschild bereits aus der Ferne – Mr. Meng.

Viola saß an einem einzelnen Tisch nahe dem Eingang, der Mann mit der grünen Jacke etwas weiter hinten.

»Hey.«

Viola lächelte ihn an. Dann sah Ben, dass sie gerade telefonierte. Er setzte sich zu ihr. Auf dem Tisch stand eine blaue Dose, sah nach Litschisaft aus.

»Und wie geht es dir jetzt?« Ihre Stimme klang besorgt. »Hm, okay.«

Eine längere Pause.

»Ich weiß noch nicht. Mal sehen. Ich komme, so schnell ich kann. Ich bin gerade unterwegs, es ist wirklich wichtig. Aber keine Sorge, ich hab dich nicht vergessen.«

Mit wem redet sie da bloß? Ben versuchte, sich seine Unsicherheit nicht anmerken zu lassen. Er würde sie gleich fragen, was es mit ihrem Anruf und der Dringlichkeit auf sich hatte. Wie Viola jetzt an etwas anderes denken konnte, war ihm nicht wirklich begreiflich.

»Alles klar, so machen wir es. Ist gut … bis später. Ja, ich dich auch.«

Ich dich auch. Da ist er. Der Satz, der sie verraten hat. Sie hat also doch einen Kerl, mit dem sie zusammen ist. Na klasse, so ein verfluchter Mist. Warum trifft sie sich dann überhaupt mit mir? Wieder so eine Frau, die sich Hintertürchen in alle Richtungen offen hält?

»Du bist da. Sehr gut.«

»Ja, ging leider nicht schneller.«

»Also hör mal«, setzte sie an. »Ich weiß, wir haben gelesen, was er geschrieben hat. Auf mich macht der Mann allerdings keinen sonderlich gefährlichen Eindruck. Ich meine, was hat er gemacht? Zigarillos und Klebeband gekauft, jetzt isst er asiatisch.«

»Ja, aber irgendwas stimmt an dem Kerl nicht. Wieso sitzt er allein in einer Bar, kauft sich Klebeband und isst danach bei einem Asiaten? Wieder allein!«

»Was weiß denn ich? Vielleicht hat ihn jemand versetzt. Vielleicht braucht der Typ das Klebeband, um ein Paket zu verschicken, und vielleicht isst er einfach gerne asiatisch. Das macht ihn für mich jedenfalls nicht verdächtig.«

Ben schüttelte den Kopf. Er warf einen Blick ins Restaurant und beobachtete, wie eine Kellnerin dem Mann ein Bier servierte und sich kurz mit ihm unterhielt. »Du willst das Ganze abblasen? Und was ist mit der Studentin?«

»Ich bin mir gar nicht mehr sicher, ob ich nicht jemand anderen in der Cocktailbar übersehen habe. Oder du. Was, wenn wir den Falschen verfolgen? Bist du einhundertprozentig sicher, dass es niemand in deinem Sichtbereich gewesen sein kann? Ich hab mir Gedanken gemacht. Vielleicht hatte er ja auch einen Kopfhörer im Ohr. Die Dinger haben mittlerweile ja auch Mikros. Was ich damit sagen will … ich glaube, das hier ist Zeitverschwendung.«

Zeitverschwendung also, gut zu wissen.

»Wenn du der Überzeugung bist, den Mann noch weiter verfolgen zu müssen, kannst du das ja tun. Aber ich werde mich hier ausklinken.«

Ben schüttelte den Kopf. »Du meinst, du würdest lieber zum nächsten Date gehen.«

Violas Blick verfinsterte sich. Ungläubige Falten legten sich über ihre Stirn. »Zum nächsten Date? Wie kommst du jetzt darauf?«

Ben nickte in Richtung ihres Handys. »Na dein Anruf eben. Diese wichtige Sache, die du schon den halben Abend lang verfolgst. Ich wollte ja nichts sagen, aber das nervt schon, wenn jemand ständig nur am Handy sitzt, während man sich trifft.«

»Sorry, Ben, aber ich bin dir keine Rechenschaft schuldig. Dass ich so oft am Handy war, tut mir leid, das war blöd, keine Frage. Ich hatte dir aber gesagt, dass es wichtig ist.«
»Alles gut, hab verstanden. Geh, wenns wichtig ist, ich will dich nicht aufhalten.«

Viola winkte eine Kellnerin herbei und verlangte nach der Rechnung. Bens Armbanduhr zeigte 22:23 Uhr.

Keine Rechenschaft schuldig. Natürlich nicht, aber dann hättest du lieber zu Hause bleiben sollen. Na ja, darüber hätte ich mich auch aufgeregt, aber … ach, das ist doch alles Scheiße.

Ben starrte auf ein junges Paar, das einige Meter weiter an einem Tisch saß. Werdende Eltern, die sich an ihrem baldigen Glück erfreuten. Der Kerl streichelte den gewaltigen Bauch seiner Liebsten, beide warfen sich ein inniges Lächeln zu, küssten sich und stocherten zufrieden gemeinsam in ihren asiatischen Nudeln.

Familie … schon schön.

Bens Blick fiel wieder auf den Mann mit der grünen Jacke, und er benötigte einen kurzen Moment, um zu realisieren, was er gerade sah. »Er hat es wieder in der Hand.«

Viola schaute ihn verwundert an. »Bitte was?«

»Das Handy! Er hat es wieder in der Hand.« Sofort zog Ben sein Smartphone aus der Hosentasche. Viola haderte einen Moment mit sich, rückte dann aber doch wieder an ihn heran.

Ach, das interessiert dich jetzt wieder, soso. »Dreihundertzwei Chats?« Ben schnaufte ernüchtert. »Oh Mann, das ist viel.« Direkt rechts neben dem Asia-Imbiss war ein gut gefüllter Italiener, links daneben ein Fitnessstudio. Genügend Möglichkeiten für unzählige Menschen mit Handys. Er klickte die ersten Chats durch, resignierte aber bereits nach wenigen Sekunden. »Das dauert ewig.«

»Probiers trotzdem. Vielleicht haben wir ja Glück.«

»Ich hab eine andere Idee.« Ben beendete Nouvius und wählte Tommys Nummer. »Ich ruf meinen Bruder an, vielleicht kann er uns helfen.«

Viola lehnte sich zurück.

»Ja?«

»Tommy? Ich bins, Ben.«

»Hey, was gibts? Ich bin grad beschäftigt. Kannst du später noch mal …«

»Tommy hör zu, es ist dringend. Es geht um dein altes Handy und Nouvius … ich hab da was mitgelesen. Was ziemlich Krasses.«

»Was Krasses? Meinst du krass im Sinne von pervers?«

Im Hintergrund konnte Ben Stimmen hören, die aus dem Fernseher kommen mussten. Tommy ging aufgrund seiner psychischen Krankheit schon seit Monaten nicht mehr aus der Wohnung, und Besuch hatte er eher selten.

»Ich meine krass im Sinne von lebensgefährlich.« Ben senkte seine Stimme, um keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. »Ein Kerl hat angekündigt, jemanden zu töten.«

»Du willst mich verarschen, oder?«

»Ich meine es todernst, Tommy. Ich hab ihn verfolgt. Er sitzt ein paar Tische entfernt. Er hat sein Handy wieder in der Hand, aber es sind hier zu viele Chats offen, um den richtigen zu finden. Kannst du mir helfen?«

»Oh Mann, du erzählst echt keinen Mist, oder? Okay, ähm … wart mal kurz.«

»Und?«, wollte Viola ungeduldig wissen.

Ben zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung, mal sehen. Er hat gesagt, ich soll kurz warten.«

»Gerade hat er noch einmal was geschrieben.«

Sofort schaute Ben zu dem Mann, doch das Handy lag bereits wieder auf dem Tisch.

Zumindest hat er es noch nicht weggesteckt.

»Ben? Bin wieder da. Wird schwierig. Wieso hast du nicht seine Nummer gespeichert während des Chats?«

»Das geht?«

»Klar, aber das ist ja jetzt egal. Ich glaube …«

»Wir haben ihn angerufen«, fügte Ben hinzu.

»Du hast was? Und was meinst du mit wir

»Wir mussten kurz anrufen, um ihn zu identifizieren. Eine Freundin ist bei mir.« Bens Blick fiel auf Viola. Sie hatte inzwischen bezahlt, saß aber noch immer da. »Keine Zeit für Details, Tommy. Was ist jetzt? Hast du eine Idee? In meiner Anrufliste wird keine Nummer angezeigt.«

»Das ist normal. Weißt du noch die Chatnummer?«

»Die Chatnummer?« Scheiße, wie war die noch mal?

»17-2«, warf Viola ein.

»Ja, die haben wir. 17-2.«

»Gut, hast du danach einen anderen Chat mit derselben Nummer geöffnet.«

»Nein, ich hab recht schnell aufgegeben und die App beendet.«

»Perfekt. Dann öffne jetzt Nouvius, klick auf das Zahnrad in der Ecke und dann auf Edit

»Hab ich.«

»Jetzt gib Folgendes ein: Raute, Slash, dann zusammengeschrieben regfixvfchat, noch mal Slash, 17 minus 2, Raute und dann save

Ben tippte konzentriert. »Okay, hab ich gemacht. Und jetzt?«

»Jetzt beendest du die App, startest sie neu, und dann sag mir, was passiert.«

Ben befolgte seine Anweisungen und winkte Viola näher an sich heran, die seiner Geste neugierig nachkam. Die App öffnete sich, Ben klickte auf das grüne Chatsymbol und ein Ladebalken erschien.

»Irgendwas lädt gerade«, gab Ben seinem Bruder durch.

»Das kann kurz dauern.«

Viola stupste ihn an. »Er hat das Handy auf dem Tisch liegen.«

»Er wartet bestimmt, bis jemand zurückschreibt.«

Noch immer arbeitete sich der Ladebalken von links nach rechts und wieder zurück.

»Sofern derselbe Chatteilnehmer in eurer Nähe ist, sollte der Chat jetzt ab sofort immer automatisch gefunden werden. Er wird dann unter dem Namen Chat siebzehn zwei aufgeführt. Das ist jetzt aber wirklich illegal.«

Als ob jemand wie du, der seit seiner Kindheit Musik und Filme im Internet streamt und sich schon in diverse Einrichtungen gehackt hat, sich daraus etwas machen würde.

»Das heißt, wenn kein Chat gefunden wird, verfolgen wir die falsche Person?«

Er schaute Viola an. Hatte sie tatsächlich recht mit ihrer Theorie? Hatten sie wirklich den Falschen verfolgt und alles war Zeitverschwendung?

Wenige Sekunden später pochte Bens Herz.

Viola lag falsch, es war der Richtige.

chat17-2 found

»Ich fass es nicht.« Viola wollte nicht glauben, was sie da gerade sah. »Und er hat das Handy wieder in der Hand.«

user is typing …

Das heißt, alles verzögert sich?

der verkehr ist die hölle

»Der Verkehr?«, wunderte sich Viola. »Er sitzt doch hier im Restaurant. Das versteh ich nicht.«

»Tommy, bist du noch dran?«, fragte Ben.

»Klar, habt ihr ihn?«

Sie muss sterben, noch heute nacht

das wird sie

Verdammt. Der Typ meint es ernst. Er will tatsächlich jemanden umbringen. Aber irgendwie ist das doch seltsam. Wäre es möglich, dass …

»Haben wir. Sag mal, auf welcher Seite wird der Chatteilnehmer in meiner Umgebung angezeigt? Rechts, oder?«

»Äh nein«, antwortete Tommy. »Links.«

»Tommy, ich ruf zurück.« Konsterniert beendete Ben das Gespräch.

»Was ist?«, wollte Viola wissen.

Ben rieb sich die Augen. Noch einmal betrachtete er den Mann in der grünen Jacke, den sie bis hierher verfolgt hatten. Dann blickte er wieder zu Viola. »Der Kerl ist nicht der Mörder. Er ist der Auftraggeber.«

3
Samstag, 19:03 Uhr
Jakob

Jakob schlenderte zum Chefbüro und öffnete die Tür. Der schwere Nikotingeruch, der sich in den Jahren in sämtlichen Poren des Zimmers sesshaft gemacht hatte, stieg ihm in die Nase. Mittlerweile hatte sich Jakob daran gewöhnt. Es fühlte sich jedes Mal so an wie sein staubiger Dachboden, auf den Jakob nur ging, wenn es unbedingt sein musste, der aber doch irgendwie zu seinem Leben dazugehörte.

»Jürgen? Du wolltest mich sprechen?«

Der Kriminalchef winkte ihn zu sich, während er wild in einer Schublade kramte und gleichzeitig an seiner Zigarette zog. »Setz dich.«

Jakob zog den Stuhl vor Jürgens Schreibtisch ein Stück zurück und nahm Platz. Die Uhr an der Wand offenbarte, dass es knapp mit dem Einkaufen werden würde. Der Kühlschrank war bis auf einen halben Liter Milch und Energydrinks leer.

»Es gibt Neuigkeiten, die dich interessieren werden.«

»Und zwar?«

»Hirntumor.«

Jakob verzog sein Gesicht zu einer Grimasse. »Wie jetzt? Wovon redest du?«

»Na von deinem Fall. Der Kerl in U-Haft. Er hat einen Hirntumor.«

Jakob schaute ihn verwundert an. Was soll das jetzt heißen?

»Er ist vorgestern zusammengebrochen und wurde daraufhin durchgecheckt. Hirntumor im Endstadium. Hab gerade die Info erhalten. Der Kerl liegt auf der Intensiv.«

Jakob fasste sich ans Kinn und zupfte nachdenklich an seinem Ziegenbart. »Du vermutest, er ist nicht der Täter und deckt jemand anderen, da er eh nichts zu verlieren hat?«

Jürgen drückte den verbliebenen Zigarettenstummel im Aschenbecher aus und pustete den letzten Qualm aus seiner Nase. »Möglich. Aber ehrlich gesagt bringt mich diese Mordserie um den Verstand. Er kennt Einzelheiten der vorangegangenen Morde. Dass er in irgendeiner Form involviert ist, steht außer Frage. Unklar ist nur, ob er all das wirklich zu verantworten hat oder ob noch mehr dahintersteckt.«

Ein weiteres Mal sah Jakob den teuflischen Gesichtsausdruck des Mannes, den er in der Box verhört hatte, vor seinem geistigen Auge. Der Ausdruck, der ihn nachts im Schlaf heimsuchte und den er nicht mehr vergessen konnte. Er wurde nicht schlau aus diesem Kerl, dessen Identität noch immer völlig ungeklärt war. Irgendwo mussten die entnommenen Organe und Körperteile sein. Die Untersuchungen hatten zumindest ausgeschlossen, dass er sie gegessen hatte. Jakob schüttelte den Kopf und konnte nicht glauben, dass diese Variante tatsächlich kurzzeitig zur Debatte gestanden hatte.

»Dann überprüfe ich Krankenhäuser und Spezialisten. Vielleicht finden wir so seine Identität heraus.«

Jürgen nickte. »Deswegen hab ich dich zu mir gerufen. Nur mit dem Foto wird es schwierig werden, etwas rauszufinden. Geh deine Kontakte durch und lass deinen Charme spielen. Vielleicht haben wir ja Glück.«

»Schon dabei.«

»Aber gönn dir auch Schlaf, Jakob«, ermahnte ihn Jürgen, ehe sein Feuerzeug einen weiteren Glimmstängel entzündete. »Du siehst übel aus. Meine Großmutter hat kleinere Augenringe als du.«

Ohne darauf zu reagieren, verließ Jakob das Büro, schnappte sich seine Jacke von seinem Platz und machte sich auf den Weg aus dem Präsidium. Draußen hatte der Regen nachgelassen, es nieselte nur noch leicht. Auf dem Fußweg zu seinem Auto bestellte er sich bei seinem Stammlieferdienst eine Pizza mit Hackfleisch und Zwiebeln und telefonierte kurz mit Sophie, die ihm eine Auflistung über sämtliche relevante Krankenhäuser und Ärzte im näheren Umkreis machen sollte – bis 21 Uhr. Sophie war eine der besten Internetfahnderinnen des Landes und gehörte ebenfalls zu Jakobs Sonderkommission.

Jakob inspizierte sein Handy.

Zwei Nachrichten auf Nouvius. Eine von Emilia, einer Bekannten und Kurzaffäre. Jakob las sie nicht. Die zweite von Moritz: »Kino heut Abend?«

»Keine Zeit, muss arbeiten«, war seine Antwort.

Er steckte das Handy weg, sein Auto wartete wenige Meter weiter auf dem Parkplatz eines kleinen Elektroladens.

Durch den Verkehr benötigte er eine gute Stunde bis nach Hause. Für neunzehn Kilometer vom Pragsattel war das um halb acht überraschend flott. Es reichte daher noch für eine Dusche, ehe die Essenslieferung eintraf. Kurz darauf erreichte ihn bereits eine E-Mail von Sophie mit einer Liste potenzieller Behandlungseinrichtungen, die möglicherweise Auskunft über den Verhafteten geben konnten.

Jakobs Vorhaben, zumindest bis nach dem Essen die Arbeit ruhen zu lassen, verwarf er bereits nach dem zweiten Stück Pizza. Er telefonierte die ersten Krankenhäuser ab, erklärte die Dringlichkeit seines Ersuchens, schickte allen das Täterfoto und bat um Mithilfe.

»Ja genau«, murmelte Jakob ins Telefon, während er hastig auf einem Stück Pizza kaute und auf dem Touchpad seines Laptops herumklickte. »Selbstverständlich weiß ich um das Zeugnisverweigerungsrecht. Ich habe Ihnen aber doch gerade erklärt, wie heikel die ganze Angelegenheit ist, oder? Sorgen Sie bitte einfach dafür, dass alle zuständigen Ärzte die Infos erhalten, sich das Foto ansehen und selbst entscheiden können. Weitere Leben könnten auf dem Spiel stehen, und wir müssen wissen, wer der Täter ist. Das Foto kommt soeben per Mail. Danke.«

Der Anruf im nächsten Krankenhaus kostete Jakob zehn Minuten Lebenszeit in der Warteschlange. Ernsthaft? Ruf ich grad wirklich in einem Krankenhaus an oder bei irgendeiner Kundenhotline?

Entnervt legte Jakob auf, schob sich das nächste Stück Pizza in den Mund und breitete seine Füße gemütlich auf dem Sofa aus. Im Fernseher lief Schlag den Star, wofür er ein Faible hatte. Zumindest für die Spielshow an sich, weniger für diese C-Promis, die sich der Reihe nach dort blamierten. Trotz seiner Antipathie gegen die Kandidaten amüsierten ihn die einzelnen Spiele der Show. Perfekte Unterhaltung am Samstagabend, bei der man auch mit nur halber Aufmerksamkeit folgen und zu jeder Zeit wieder einsteigen konnte.

Jakob wählte die nächste Nummer. Den zuständigen Chefarzt kannte er persönlich, was nervige Diskussionen um Schweigepflichten obsolet machte.

»Sulla, Kriminalpolizei. Guten Abend«, nuschelte er kauend. »Die Neurochirurgie, bitte.« Schnell hatte man ihn verbunden, es dauerte jedoch eine ganze Weile, bis der Chefarzt zur Verfügung stand.

»Baust.«

»Jakob Sulla, Kriminalpolizei. Guten Abend, Herr Professor Dr. Baust.«

»Herr Sulla, ich grüße Sie. Was kann ich für Sie tun?«

»Folgendes … ich bin auf der Suche nach der Identität eines Mannes, Tatverdächtiger einer Mordserie.«

»Einer Mordserie? Das klingt ja furchtbar.«

»Glauben Sie mir, das ist es. Wir haben den Mann bereits gefasst, benötigen aber dringend Informationen über seine Identität. Noch wissen wir nichts über ihn, möglicherweise sind noch weitere Menschenleben in Gefahr.«

»Ich verstehe.« Die tiefe Stimme des Chefarztes klang mitfühlend, gleichzeitig hoch konzentriert. »Wie kann ich Ihnen bei dieser Sache denn helfen?«

»Es wurde ein Hirntumor im Endstadium bei dem Verhafteten festgestellt. Er liegt derzeit auf der Intensivstation. Ich erhoffe mir, dass ihn irgendjemand erkennt, der ihn möglicherweise behandelt hat.«

»In Ordnung, Herr Sulla. Sie schicken mir das Foto?«

Jakobs Handy vibrierte in seiner Hand.

»Ja genau. Soeben abgeschickt an Ihre POKO-Mail. Falls Sie oder Ihre Kollegen etwas wissen, informieren Sie mich bitte unverzüglich.«

»Selbstverständlich. Ade, Herr Sulla.«

»Vielen Dank.«

POKO bedeutete Polizeikooperation, es handelte sich hierbei um eine speziell eingerichtete E-Mail-Adresse, die ausschließlich für den Austausch zwischen Polizei und Krankenhaus diente. Leider hatten nur wenige Einrichtungen eine solche Adresse. Die meisten beriefen sich auf die ärztliche Schweigepflicht und ließen sich nicht auf derartigen Informationsaustausch ein.

Jakob schaute auf sein Handy, es war erneut eine Nouvius-Nachricht von Moritz: »Du übertreibst es mal wieder. Kein Wunder, dass das zwischen Emma und dir nichts wird.«

Als ob das das einzige Problem wäre.

Jakob konnte nicht anders, das war schon seit seiner Einstellung in den Polizeidienst so. Er war Polizist durch und durch und lebte für seinen Beruf. Dinge unvollendet zu lassen, war noch nie seine Stärke gewesen. Seitdem er bei der Mordkommission war, gab es selten freie Zeit, in der ihm nicht irgendwelche Fragen oder Details aktueller Fälle im Kopf herumschwirrten. Es war nicht zu ändern, sein Kopf konnte oder wollte einfach nicht abschalten. Hatte er einen Fall abgeschlossen, angelte er sich den nächsten. Kam er bei einem nicht weiter, zermürbte es ihn psychisch.

Ohne Frage gestaltete sein eigenwilliger Charakter es schwierig, eine gesunde Beziehung zu führen, weswegen Jakob mit diesem Thema abgeschlossen hatte.

Gewissenhafte Arbeit und glückliche Familie? Unmöglich!

Aber das mit Emma war eine noch kompliziertere Geschichte. Emma war eine dieser Frauen, die auf den ersten Blick perfekt erschienen – clever, hübsch, mit einer gewissen Portion Feuer und Würze. Eine Frau, die meistens gut gelaunt war, die Witze verstand und mit der man Pferde stehlen konnte. Auf den zweiten Blick jedoch hatte sie irgendetwas an sich, was Jakob Angst machte. Etwas Unerklärbares, das trotz aller Perfektion stets unterschwellig mitschwamm wie ein gut getarnter Parasit. Jakob hatte bereits mehrere Male versucht, Moritz zu erklären, was er damit meinte, aber er konnte es nie wirklich in Worte fassen. Es war mehr so ein Gefühl, dass hinter Emmas makelloser Fassade eine hysterische, falsche Schlange steckte.

Wie bescheuert! Wahrscheinlich bilde ich mir das Ganze nur ein, um eine Ausrede zu haben, keine Beziehung mit ihr führen zu müssen.

Moritz war der Einzige, der von der Affäre wusste. Jakob hatte viele Bekannte, aber nur wenige gute Freunde. Moritz war so einer, dem er alles erzählen konnte. Er genoss die Zeit mit seinem Partner, auch wenn das Familiengeschwafel des dreifachen Vaters und das dauernde Appellieren an Liebe und weniger Arbeit oft nervte.

Jakob schrieb zurück: »Füße sind auf dem Sofa. Somit eher Freizeit als Arbeit, oder?«

Dann blieb seine Aufmerksamkeit bei einem der Spiele im TV hängen. Ein Geschicklichkeitsspiel, bei dem die beiden Kontrahenten Holzscheiben in ein von Gummistiften umringtes Loch schnippen mussten.

Jakob merkte unterschwellig, wie seine Augen langsam zufielen. Doch er konnte nichts mehr dagegen tun.

***

Mit einem heftigen Ruck erwachte Jakob aus seinem unfreiwilligen Schlaf. Im Fernseher lief Werbung, weswegen er nicht wusste, ob noch immer die Spielshow lief. Ein Griff zu seinem Handy verriet, dass er eine gute Dreiviertelstunde geschlafen hatte. Es war 21.59 Uhr. Zu seinem Entsetzen hatte er das Klingeln des Telefons nicht gehört, der Anrufbeantworter blinkte rot auf.

Hab ich so tief geschlafen?

Er sprang auf und hörte die Nachricht ab.

»Dr. Rentschek, Uniklinik Tübingen, guten Abend Herr Sulla. Ich wollte Sie nur darüber informieren, dass ich die Person, deren Foto Sie uns geschickt haben, kenne. Ich habe Ihnen die Infos an Ihre Mail geschickt. Bei weiteren Fragen melden Sie sich bitte telefonisch bei mir. Ade.«

Das ging ja flotter als erwartet! Uniklinik Tübingen? Und das, obwohl die Dame am Telefon sich ganz und gar nicht kooperativ gezeigt hat.

Jakob eilte aufs Sofa zurück und öffnete den Laptop. Die Mail war vor etwa zwanzig Minuten angekommen, neugierig sondierte Jakob die Infos.

Der Mann hieß Eugen Wiesenbrock, war neunundvierzig Jahre alt, geschieden und ehemaliger Kaminbauer. Die Akte hatte Dr. Rentschek eingescannt. Der Mann wohnte in Stuttgart-Degerloch. Laut Bericht ein Glioblastom vierten Grades, festgestellt vor etwas mehr als einem halben Jahr.

Glücksgefühle machten sich in Jakob breit, endlich konnten die Ermittlungen weitergehen. Jakob lief zum Kühlschrank, holte sich einen Energydrink und schob das letzte Stück Pizza in den Mund. Er informierte Moritz über Nouvius von seiner erfolgreichen Recherche und rief dann erneut Sophie an.

»Hey, Jakob, was gibts?«

»Bist du arg beschäftigt?«

Ein kurzes Stöhnen. »Wenn ich jetzt Ja sage, lässt du mich dann in Ruhe?«

»Wahrscheinlich nicht.«

»Hab ich mir gedacht. Also schieß los, was brauchst du?«

Jakob setzte sich im Schneidersitz aufs Sofa und stellte den Laptop vor sich.

»Eugen Wiesenbrock, neunundvierzig aus Stuttgart-Degerloch, Kazmaierstraße zwölf. Ich brauche alles, was du finden kannst.«

Auf der anderen Seite der Leitung tippte Sophie auf ihrer Tastatur. »Ist das der Verrückte aus der Charlottenstraße?«

»Exakt.«

Sophie schwieg und legte los. Das liebte Jakob an ihr. Auf eine gewisse Weise war Sophie ihm äußerst ähnlich. Gab man ihr Rechercheaufgaben, biss sie sich in die Arbeit wie eine blutgierige Zecke und saugte alles heraus, was zu finden war. Seitdem Jakob das erste Mal mit ihr vor etwa drei Jahren zusammengearbeitet hatte, griff er so gut wie immer auf sie zurück. Selbst vor Urlaub machte Jakob nicht halt. Nur in seltenen Fällen hatte Sophie ihm einen kollegialen Korb verpassen müssen. Diese Spezialfälle hatten ausschließlich mit Sophies Mann zu tun. Der erfolgreiche Anwalt hatte selbst enorm viel zu tun und war ständig unterwegs. Wenn er allerdings mal zu Hause war, ließ Sophie die Arbeit ruhen.

Zu Beginn ihrer Zusammenarbeit hatte Jakob sogar geglaubt, dass zwischen Sophie und ihm etwas mehr entstehen könnte als gute Zusammenarbeit und Neckereien, aber Sophie hatte schnell unmissverständlich klargemacht, dass es für sie nur ihren Martin gab.

Warum auch immer.

»Gut, bin dran«, sagte sie und legte auf.

4
Samstag, 22:11 Uhr
Tommy

Ungeduldig starrte Tommy auf den Hauptbildschirm seiner aus vier Monitoren bestehenden Kommandozentrale, wie er sie selbst nannte. Alles Relevante lief hierauf ab, die anderen drei Displays fungierten als Desktoperweiterungen für Programme, die nebenherliefen oder sich in der Warteschlange befanden.

Wo zum Teufel steckst du?, dachte sich Tommy.

Das Profilbild von Mr-Myagi – ein weißhaariges Animemädchen mit zwei Pistolen – blinkte immer wieder auf, sobald der Klingelton seines Discord-Anrufs erklang. Dann endlich ploppte ein Videofenster auf.

»Hey, Tommy. Was gibts?« Kalle kam offensichtlich direkt aus der Dusche. Seine Haare waren klatschnass, was ihn nicht daran gehindert hatte, sein Headset aufzusetzen. Er richtete das integrierte Mikro näher an seinen Mund aus. »Dachte, wir programmieren erst heut Abend weiter.«

Kalle war Tommys einziger Freund, den er hin und wieder sogar persönlich traf. Natürlich nur bei Tommy zu Hause.

»Du wirst es nicht glauben. Mein Nouvius-Hack war wohl doch noch zu was nutze.« Tommy strahlte zufrieden in die Webcam.

»Wie meinst du das?«

»Mord.«

Kalle schaute mit verdutzter Miene in seine Kamera. »Mord? Von was redest du?«

»In einem der mitgelesenen Chats hat jemand einen Mord angekündigt.« Tommy führte seinen Zeigefinger demonstrativ quer an seinem Hals entlang. »Da wird jemand kaltgemacht, und nur wegen mir könnte das verhindert werden.«

»Jetzt red keinen Scheiß«, sagte Kalle perplex. »Wann hast du das gelesen?«

»Nicht ich. Mein Bruder. Ich hab ihm mein altes Handy geschenkt, und er hat damit ein bisschen rumgespielt. Dann ist er auf diesen Chat gestoßen.«

»Alter, und du glaubst, das ist echt?«

Tommy nickte. »Scheint so. Ben verfolgt den Typen gerade in der Stadt.«

»Hier in Stuttgart? Ach du Scheiße.«

»Ja, total krass das Ganze. Eventuell wäre es hilfreich, wenn ich die meet-Funktion anzapfe.«

»Du meinst, dass du möglicherweise manuell jemanden orten kannst?«

»Genau. Das wird aber nicht ganz einfach. Du könntest mir vielleicht helfen.«

Kalles Augen funkelten voller Vorfreude auf die Herausforderung. »Sag mir einfach, was ich tun kann.«

5
Samstag, 22:29 Uhr
Ben

Mit Adleraugen beobachteten Ben und Viola den Mann in der grünen Jacke. Mit einer Seelenruhe saß dieser da, schlürfte an seinem Getränk und erteilte Mordaufträge über sein Smartphone. Sicher hatte niemand sonst auch nur den Hauch einer Ahnung, was dieser Kerl, der so unscheinbar aussah, im Schilde führte. Die Kellnerin, das Ehepaar am Tisch daneben und all die anderen Leute, die diesem Mann heute schon begegnet waren – keiner von ihnen wäre auf die Idee gekommen, was für ein Mensch ihnen über den Weg gelaufen war.

Der Gedanke daran beunruhigte Ben auf eine Art und Weise, die er nie zuvor verspürt hatte. Was geht in solch einem Menschen vor? Ist er der Chef einer Auftragskillerfirma? Auftragskillerfirma – was für ein bescheuertes Wort. Gibt es so etwas überhaupt?

Ben dachte darüber nach, wie er vorgehen würde, wenn er irgendjemanden tot sehen wollte, aber nicht in der Lage war, die Drecksarbeit selbst zu machen. Wo fand man diese Leute, die zu solchen Gräueltaten in der Lage waren? Leute, deren täglich Brot es war, Leben auszulöschen.

Sie muss sterben, noch heute Nacht.

Der Satz ging Ben nicht mehr aus dem Kopf. Was hatte diese Studentin verbrochen, dass ihr ein Todesengel auf den Fersen war? Ob sie es ahnte?

»Was machen wir jetzt?«, wollte Viola wissen.

Ben pustete. »Ich weiß es nicht. Um überhaupt irgendetwas tun zu können, müssten wir herausfinden, mit wem er chattet. Den eigentlichen Mörder aufspüren, bevor er sie umbringen kann.«

»Dann ruf deinen Bruder wieder an. Vielleicht geht das ja.«

Ben nickte zustimmend und klickte Tommys Namen auf seinem Display an. Wenige Sekunden später nahm dieser seinen Anruf an.

»Hey. Und? Was ist jetzt mit dem Typ?«

»Er ist nicht der Mörder, sondern der Kerl, der den Auftrag dazu gegeben hat.«

»Okaaay. Und ihr seid sicher, dass das alles kein Scherz ist?«

Ben runzelte die Stirn. »Schön wärs. Der Kerl scheint es tatsächlich ernst zu meinen. Wir müssen seinen Chatpartner ausfindig machen. Und dann die Polizei informieren. Vielleicht können sie ihn schnappen, bevor er den Mord durchführen kann.«

Stille am anderen Ende der Leitung.

»Geht das?«, hakte Ben nach.

Es dauerte einen Moment, bis Tommy wieder antwortete. »Die Idee kam mir auch schon. Prinzipiell geht das, aber dafür fehlt mir was. Ich arbeite dran.«

»Was denn?«, wollte Ben wissen. »Tommy, es ist extrem wichtig. Was fehlt dir denn?«

»Normalerweise könnte ich das selbst programmieren, aber das würde zu lange dauern. Die einzige Möglichkeit, die in Frage kommt …«

»Ja?«

»Kalle und ich arbeiten schon dran. Mir ist grad was eingefallen, ich ruf zurück.«

Dann war das Gespräch zu Ende.

Kalle? Anscheinend hatte Tommy seinen Computerkumpel bereits eingeweiht und um Hilfe gebeten.

Ben packte das Handy in die Tasche und ließ auf Violas fragenden Blick ein Schulterzucken folgen. »Er braucht ein bisschen Zeit. Uns bleibt erst mal nichts anderes übrig, als weiterhin …«

Ein heftiger Ruck durchfuhr ihn. Es war dieser typische Moment der Überraschung, bei dem einem das Herz kurzzeitig stehen bleibt und das Adrenalin durch den Körper gepumpt wird.

Der Mann in der grünen Jacke – er war nicht mehr auf seinem Platz.

Viola fuhr auf Bens Reaktion hin herum und schaute sich ebenfalls hektisch um. »Entwarnung«, beruhigte sie ihn. »Er steht am Tresen.«

Bens Atmung setzte wieder ein, tausend Steine fielen ihm innerhalb eines Moments vom Herzen. Mit einem Lächeln pustete er kurz durch. »Gott, bin ich erschrocken.«

Viola grinste. »Wir sind noch dran, keine Panik. Der Kerl geht uns nicht durch die Lappen.«

Klingt so, als wäre sie wieder mit dabei. Sehr gut. »Vielleicht sollten wir das beruflich machen«, scherzte Ben.

»Bisher schlagen wir uns auf jeden Fall ganz brauchbar.« Sie schaute auf ihr Handy und schien über etwas nachzudenken, ehe sie aussprach, was sie im Kopf hatte: »Es ist mein Bruder.«

Ben hatte keine Ahnung, was sie meinte. »Dein Bruder?« Ich wusste gar nicht, dass du einen hast.

»Na er ist das Date, das ich heute noch hatte. Mein Bruder Adam.«

»Okay. Aber … wie meinst du das? Du wollest dich mit ihm treffen?«

»Ja.« Sie wandte ihren Blick von Ben ab. »Mein Bruder ist schwerbehindert.«

Ach du heilige Scheiße. »Das … tut mir leid.« Mehr Worte fielen Ben nicht ein. Alles, was ihm in den Kopf schoss, machte die Sache nicht besser. Ich bin so ein Idiot!

»Adam benötigt Hilfe in allen Lebenslagen, außerdem ist er stark auf mich fokussiert. Oft bekommt er Panik, wenn ich nicht zu ihm komme.«

»Verdammt.« Ben schüttelte den Kopf. »Das ist natürlich … tut mir so leid.«

»Schon gut.« Viola zeigte sich einsichtig und machte eher den Eindruck, als wäre sie auf sich selbst sauer. »Ich rede nur einfach nicht gerne darüber.«

Ben zwang sich, nicht nach weiteren Einzelheiten hinsichtlich Adams Behinderung zu fragen. Viola sah niedergeschlagen aus, sobald sie über ihren Bruder erzählte.

»Mein Bruder ist zwar nicht behindert, aber seine massiven Ängste beeinflussen ihn auch sehr stark. Was ich damit sagen will … Ich weiß natürlich nicht, wie schlimm das alles ist, aber ich kann verstehen, dass dir das sehr zu Herzen geht.«

Viola rang sich ein kurzes Lächeln ab, wirkte im nächsten Moment wieder nachdenklich betrübt. »Adam war das Opfer eines Raubüberfalls. Es war alles so furchtbar. Ich erzähle Menschen nicht gerne etwas davon, weil ich das Mitleid hasse. Ich ertrage es nicht.«

Ben musste schlucken. »Ich bemitleide dich nicht.«

»Ich weiß, deswegen spreche ich ja mit dir darüber.« Sie wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel und lächelte ihn an, dieses Mal länger als zuvor. »Ich hätte es dir einfach sagen sollen. Geheimnistuerei kann ich eigentlich selbst nicht leiden. Kann mir gut vorstellen, dass das nervt, wenn man sich mit jemandem verabredet.«

»Alles gut. War nur etwas verwundert, was so wichtig war. Jetzt ergibt das natürlich Sinn.«

Er überlegte, wie Adam nun für den Abend allein zurechtkommen würde. »Und wie macht er das jetzt allein?«

»Meine Schwester schaut nach ihm.«

»Ach, du hast auch eine Schwester? Okay. Na, dann ists doch kein Problem, oder?«

Viola schien nicht sonderlich zufrieden zu sein. »Na ja, Ronja ist nicht besonders zuverlässig. Sie hat oft Besseres zu tun und drückt sich vor ihren Verpflichtungen. Aber ich hab ihr geschrieben, dass es extrem dringend ist. Ich denke, das klappt schon.«

»Sehr gut.«

Viola deutete auf den Mann mit der grünen Jacke. »Er zahlt grad. Machen wir uns bereit.«

Ben schaute kurz rüber zu besagtem Tisch. »Keine Eile. Wir lassen ihn erst mal gehen und heften uns dann wieder an seine Fersen.«

Viola nickte und sah ihm tief in die Augen.

»Was ist?«

Sie schmunzelte.

»Was denn?« Ben kniff sie am Arm, woraufhin sie ihn amüsiert an der Hand packte und diese kurz festhielt.

»Ich finds toll, dass du nicht auf mich gehört hast und nicht lockergelassen hast. Du bist der Grund, weshalb diese Studentin möglicherweise noch eine Chance hat.«

Violas Worte gingen runter wie Öl. »Ich hätte auch falsch liegen können, keine Frage. Aber für mich gab es da keine Alternative.«

»Du bist eben einer der Guten.«

Sagt meine Mutter auch immer. »Danke für die Blumen.«

Sie lächelten sich an und wurden dabei völlig überrascht. Der Mann in der grünen Jacke kam unmittelbar an ihnen vorbei, sein Blick traf sich mit dem von Ben.

Bens Mund stand offen. Kalte, graue Augen blickten ihm entgegen. Der Kerl trug einen leichten Stoppelbart, sein Gesicht war faltig. Ben schätzte ihn auf über fünfzig. Einen Wimpernschlag später fiel der Blick des Mannes auf Viola. Kurz darauf hatte er die beiden passiert und bog um die Ecke.

»Scheiße.«

»Er hat uns wahrgenommen«, sagte Viola entrüstet. »Das ist nicht gut.«

Ben berührte sie am Arm. »Wir bleiben in sicherer Distanz. Er darf uns nicht wiedererkennen. Ab jetzt müssen wir noch vorsichtiger sein.«

Die beiden waren gerade aufgestanden, als Bens Handy klingelte.

»Tommy?«

»Ich habs gleich. Seid ihr noch an ihm dran?«

»Ja.«

»Gut, denn du musst dir sein Handy besorgen.«

»Nicht dein Ernst, oder?«

»Das ist die einzige Möglichkeit.«

»Verdammte Scheiße!« Ben war so laut, dass sich einige Leute zu ihm umdrehten. »Wie verdammt noch mal soll ich das bitte anstellen? Das kann nicht dein …«

Viola zog ihn am Ärmel und machte ihm deutlich, loszulaufen. Ben folgte ihr aus dem Asia-Imbiss und lief ihr auf der Straße hinterher.

»Es muss eine andere Möglichkeit geben, Tommy.«

»Gibt es nicht.«

Ben nahm das Handy vom Ohr und fixierte die grüne Jacke des Mannes, der in einer Entfernung von gut zwanzig Metern vor ihnen durch die Stadt schlenderte.

Wie soll das gehen? Unmöglich. Das ist viel zu gefährlich, auch im Hinblick auf Viola. Ich darf sie auf keinen Fall in Gefahr bringen.

»Wenn du wissen willst, wo der andere Typ in seinem Chat ist, musst du irgendwie an das Handy kommen«, erklärte Tommy.

Na klasse. Das ist doch alles Bullshit. »Nehmen wir mal an, das würde klappen. Was muss ich dann tun?«

»Du musst ihm eine Datei von deinem Handy über Bluetooth schicken.«

»Geht das nicht auch, ohne dass ich sein Handy habe?«

»Schon, aber er müsste die Datei selbst annehmen und installieren. Ich glaub kaum, dass er das macht.«

»Oh Mann, Tommy.«

Eine Vibration an Bens Ohr. Tommy hatte die besagte Datei geschickt.

»Was hast du jetzt vor?«, wollte sein Bruder wissen.

»Na an das scheiß Handy kommen. Melde mich wieder.«

»Nicht dein Ernst, oder?« Viola schien sofort realisiert zu haben, was er damit meinte.

»Leider doch. Tommy sagt, es gibt keine andere Möglichkeit. Wir müssen irgendwie auf seinem Handy eine Datei installieren. Und zwar so schnell wie möglich.«

Viola wurde unruhig und packte ihn am Arm. »Ben, das ist zu gefährlich.«

Er blieb stehen und sah ihr in die Augen. »Uns bleibt keine Wahl. Es geht um Leben und Tod, also klauen wir jetzt dieses beschissene Handy.«

Viola schnaufte tief durch. Ihr Blick verriet, dass sie dem Plan zustimmte.

Die Stadt war immer noch gerammelt voll. Auf den Straßen schoben sich Menschen in beide Richtungen, sodass Ben und Viola den Abstand zu dem Mann etwas verringern mussten. Erneut hielt er an einer U-Bahn-Haltestelle, diesmal am Charlottenplatz.

»Ich begreif immer noch nicht, was der Kerl hier überhaupt macht«, rätselte Viola. »Mich würde es jetzt nicht überraschen, wenn er in der nächsten Bar am Ende der Stadt eincheckt. Wie lange macht er dieses Spiel noch?«

»Gute Frage«, stimmte Ben zu.

Die U-Bahn Richtung Ruhbank traf ein. Der Mann in der grünen Jacke stieg ein, Ben und Viola folgten ihm. Sämtliche Sitzplätze waren belegt, und auch zum Stehen gab es nur wenig Platz. Ben und Viola kämpften sich durch die Bahn, bis sie einen guten Blick auf die grüne Jacke hatten. An einer Stange konnte Ben Halt finden, Viola kam zu ihm. Weitere Leute stiegen hinzu, und Ben spürte Violas Körper. Ihr Busen berührte ganz leicht seine Brust, ihre Lippen waren keine dreißig Zentimeter entfernt. Ihr bezaubernder Duft lag wieder in der Luft und verdrängte alles andere um ihn herum, ihre Haare berührten Bens Arm. Ben schaute zu dem Mann hinüber und schmiegte sich dabei näher an Viola, die nicht zurückwich.

»Ich verspreche dir, dass ich dich nicht in Gefahr bringen werde«, flüsterte er ihr zu, woraufhin sie ihm in die Augen schaute.

»Ich kann auf mich selbst aufpassen.« In ihrer Stimme lag etwas höchst Selbstbewusstes, das eine Nuance Erotik im Zugabteil versprühte.

»Ach ja?« Er kam ihr noch ein Stück näher, sodass er ihren Atem spüren konnte.

»Ja.« Ihr Flüstern brachte Ben beinahe um den Verstand.

Momente verstrichen, in denen alles um Ben herum verblasste. Der Drang, sie zu küssen, war wieder da. Dummerweise auch der penetrante Geruch von Schnaps, den ein alkoholisierter Fahrgast, eine abgehalfterte Mittfünfzigerin, direkt neben ihnen verbreitete.

Auch Viola verzog angewidert das Gesicht und drehte ihren Kopf in Richtung der grünen Jacke.

Ben schob sich etwas zur Seite, um der Schnapsdrossel seinen Rücken zuzudrehen. Der Mann stand an einer Stange und hielt sich mit der rechten Hand daran fest.

»Einer von uns könnte fragen, ob wir mal telefonieren dürfen«, schlug er vor.

Viola verneinte mit einem Kopfschütteln. »Würde ich nicht machen. Sagt er Nein, läuft er uns davon und kennt definitiv einen von uns.«

»Hm. Gesehen hat er uns aber eh schon.«

Die U-Bahn hielt, der Mann stieg nicht aus. Er nahm auf einem soeben frei gewordenen Sitz Platz.

»Na ja, er hat uns im Vorbeigehen gesehen, ja«, sagte Viola. »Wie hundert andere Leute auch. Möglicherweise würde er uns erkennen, vielleicht hat er unsere Gesichter allerdings auch schon wieder vergessen.«

»Mir fällt einfach nichts Sinnvolles ein«, jammerte Ben. »Man könnte ihn anrempeln und einen kleinen Unfall inszenieren. Währenddessen müsste der andere von uns irgendwie an seine Jacke kommen.«

»An so etwas habe ich gerade auch schon gedacht. Aber da könnte genauso viel schiefgehen. Vielleicht haut er dann einfach ab, während andere aufmerksam werden. Dann wird es unmöglich, ihn weiter zu verfolgen.«

Ben musste schlucken. »Scheiße.«

Viola sah ihn verwundert an.

»Das Handy. Er hat es vorhin nicht mehr in seine Jacke, sondern in die Hosentasche gesteckt.«

»Na das ist wirklich Scheiße«, äußerte Viola.

Sie passierten eine weitere Haltestation, ohne dass sich etwas tat.

»Taschendieb müsste man sein. Die bekommen so was ja auch immer hin, ohne dass es jemand merkt. Ich hab mal irgendwo gesehen, dass es auf die Ablenkung im richtigen Moment ankommt. Wenn die passt, kann man jemandem seine Brieftasche aus einer engen Jeans oder den Platin-Kugelschreiber aus der Brusttasche klauen.«

»Aha …«, sagte Viola skeptisch. »Und du beherrschst diese Kunst der Ablenkung?«

»Natürlich nicht.«

Viola schmunzelte. »Also gut, wir brauchen jetzt einen Plan. Ich würde sagen, wir versuchen es einfach. Im schlimmsten Fall klappt es nicht, und er ist weg. Dann haben wir zumindest alles versucht, richtig?«

»Ich hab eine Idee.«

»Lass hören.«

Ben vergewisserte sich, dass keiner der anderen Fahrgäste nahe genug bei ihnen stand, um etwas mitzuhören. »Sobald er aussteigt, remple ich ihn direkt beim Aussteigen an und ziehe ihn in ein kleines Handgemenge. Du musst direkt hinter ihm sein und genau dann in seine Tasche greifen.«

»Oh Gott, Ben, ich weiß nicht, ob ich das hinbekomme.«

»Wir versuchen es einfach. Wie du gesagt hast, entweder es klappt, oder er ist weg, und wir haben unser Bestes getan. Okay?«

»In welcher Hosentasche hat er das Handy denn?«

Gute Frage. Ben grub in seinem Gedächtnis. Vor seinem geistigen Auge sah er den Mann, wie er bei Mr. Meng aufstand, das Smartphone vom Tisch fischte und es in die Hosentasche steckte. Er stand seitlich zu Ben, aber in welche Richtung?

»Rechts«, sagte er schließlich.

»Sicher?«

»Sicher nicht, aber tendenziell stecken die meisten Leute das Handy doch in die rechte Tasche, oder?«

»Ja.« Viola warf ihm einen scharfen Blick zu.

»Ich bin mir relativ sicher, aber im Fall des Falles musst du eben auch in die linke Tasche greifen. Vielleicht siehst du es ja auch schon in seiner Tasche stecken, wenn du hinter ihm stehst.«

»Na gut, dann machen wir es so. Oh Mann.«

Ohne ein weiteres Wort miteinander zu wechseln, fuhren die beiden weiter mit der U-Bahn, ihren Blick fest auf den Mann gerichtet. Die Bahn war mittlerweile nur noch halb voll, sodass Ben und Viola zumindest einen Sitzplatz ergattern konnten.

Ben betrachtete den Übersichtsplan über der Ausgangstür ihm gegenüber. Zwei Stopps hatten sie bereits hinter sich, noch weitere drei bis zur Endstation. Er ging den Plan in seine Gedanken mehrere Male durch, dabei schossen ihm unzählige Ausgänge in den Kopf. Was, wenn der Kerl einfach wegrannte? Oder Viola bemerkte?

Dann war es so weit. Der Mann stand auf und wartete auf den nächsten Halt – Waldau.

»Okay, es geht los.« Ben streichelte Viola aufmunternd an der Schulter. »Wir schaffen das.«

Sie presste ihre Lippen zusammen und versuchte, so gut es ging, zu lächeln.

Sie erhoben sich von ihrem Platz und machten einige Schritte durch die Bahn. Der Mann ging zur vorderen Ausgangstür. Ben und Viola schlossen auf und waren beinahe hinter ihm, als zwei ältere Damen sich von ihren Plätzen erhoben. Die beiden stellten sich so ungünstig hin, dass Ben Mühe hatte, an ihnen vorbeizukommen. Also quetschte er sich an ihnen vorbei. Viola machte dasselbe.

»Nun hören Sie mal!«, zischte eine der Frauen und setzte ihr altbackenes, aufdringliches Damenparfüm aus ihren Poren frei.

Ben ignorierte die Frau und versuchte, das Smartphone in der Hosentasche des Mannes zu erkennen, doch beide Taschen wiesen eine Wölbung auf.

Die Bahn wurde langsamer. Gleich war es so weit.

»Bereit?«, flüsterte er Viola zu.

»Bereit.«

Mit einem Zischen öffneten sich die Türen. Drei Fahrgäste stiegen vor dem Mann in Grün aus. Ben drückte sich weiter nach vorn, sodass seine Schulter die des Mannes berührte. Dieser blickte kurz zu ihm, ohne jedoch etwas zu sagen.

Dann war der Weg frei. Zuerst machte Ben dem Mann demonstrativ ein kleines Stück Platz, was diesen zum Aussteigen veranlasste. Im nächsten Moment hastete Ben ebenfalls aus der Bahn und prallte mit voller Wucht gegen die Schulter des Mannes. Ben simulierte ein Stolpern und stieß ein »Aaaah« aus. Der Mann blieb stehen und rieb sich die Schulter.

Sofort schoss Ben in die Höhe und ging auf ihn los. »Was zum Teufel stimmt mit dir nicht?«, schrie er ihn an.

»Sie haben mich angerempelt«, entgegnete der Mann.

Ben packte ihn fest an der Jacke. »Sie haben mir ein Bein gestellt. Ich habs doch genau gesehen.«

»Sie spinnen doch«, giftete der Kerl zurück und versuchte, sich aus Bens Griff zu befreien. Er schlug mit den Händen gegen Bens Arme. »Lassen Sie mich gefälligst los!«

Jetzt Viola. Unsere einzige Chance.

Von der Seite kamen zwei Männer hinzu und griffen in die Rauferei ein. Wenige Augenblicke später hatten sie Ben und den Mann in Grün getrennt.

»Das ist Körperverletzung«, rief Ben. »Sie Idiot!«

»Ruuuhig«, sagte ein junger Mann, der Ben vom Geschehen wegzog. »Das war bestimmt keine Absicht.«

Der Tumult fand ein Ende, der Mann in Grün unterhielt sich etwas weiter weg mit einem anderen Kerl und einer Frau.

Viola kam hinzu.

»Ich hab mich wieder beruhigt«, sagte Ben zu dem jungen Mann, der noch immer neben ihm stand. »Danke, sie können gehen.«

»Sicher, dass es Ihnen gut geht?«

»Alles gut, war nur ein kurzer Schock.«

»In Ordnung«, antwortete der Kerl und machte sich davon.

»Und? Hast du es?«

Viola nickte und zog ihn hinter eine Reklamewand an der Haltestelle. »Hab es. Bluetooth ist an.«

Gott sei Dank. Unfassbar, es hat funktioniert. »Okay, gib es mir.«

Viola zog das Handy aus ihrer Hosentasche und reichte es ihm.

Ben suchte mit seinem Smartphone nach Geräten im Umkreis. Es dauerte einige Sekunden, bis es angezeigt wurde. Er wählte Tommys Datei aus und schickte sie ab. Das Handy in seiner anderen Hand vibrierte.

Ben klickte auf annehmen, kurz darauf war die Datenübertragung komplett. Erst jetzt realisierte er, dass ein Sperrbildschirm auf dem Handy des Mannes den ganzen Plan zunichtegemacht hätte. Glücklicherweise hielt der Mann nichts von Sicherheitsmaßnahmen auf seinem Smartphone. Ben öffnete die soeben übertragene Datei, sofort startete ein Installationsbalken, der im Handumdrehen fertig war.

»Geschafft.« Bens Neugier loderte auf. Hastig klickte und wischte er auf dem Handydisplay herum, bis er Nouvius und den obersten Chat geöffnet hatte:

Sie muss sterben, noch heute nacht

das wird sie

Auch Violas Augen waren auf die letzten Zeilen der Unterhaltung fokussiert, die sie zuvor bereits mitgelesen hatten.

»MK«, äußerte Viola. So lautete der eingespeicherte Name des Chatteilnehmers.

Ben klickte auf den Namen und auf Details.

»Schnell«, wies Ben Viola an. »Speicher die Nummer auf deinem Handy.«

Sofort wählte sie ihre eigene Nummer und ließ es kurz klingeln. Ein Blick auf ihr Handy verriet, dass die Nummer angezeigt wurde. Anschließend löschte sie den soeben getätigten Anruf auf dem Handy des Mannes wieder.

»Perfekt.«

»Und jetzt?«, fragte Viola. »Wir müssen ihm das Handy ja auch wiedergeben.«

Sie hatte recht. Doch der Mann in der grünen Jacke war nicht mehr an der Haltestelle.

6
Samstag, 22:48 Uhr
Ben

»Wo zum Teufel ist er?« Das darf jetzt nicht wahr sein. Ben hastete um ein Reklameschild. Dahinter löste sich die Gruppe, die mit dem Mann gesprochen hatte, auf. Die Leute gingen ihrer Wege. Die Frau warf Ben noch einen kurzen Blick zu, ehe sie sich umdrehte und davonging.

»Ist er das?«, rief Viola und deutete auf die gegenüberliegende Straßenseite.

Ben musste etwas weiter die Straße entlanglaufen, da ein Bus seine Sicht behinderte. »Ja, das ist er. Du musst ihm jetzt sein Handy bringen.«

Viola schnaufte tief durch. Auch wenn sie von ihrer nächsten Aufgabe nicht sonderlich begeistert war, blieb ihr nichts anderes übrig. Es war klar, dass Ben nach der Auseinandersetzung nicht zu dem Mann hingehen und ihm sein Smartphone wiedergeben konnte, als wäre nichts gewesen.

»Also dann los«, sagte Viola.

Sie überquerten die Straße, der Mann wartete vor einer roten Ampel an einem Fußgängerübergang. Ben und Viola waren noch etwa dreißig Schritte entfernt, als die Ampel grün wurde.

Viola rannte los. »Hey, Sie!«

Ben verlangsamte sein Tempo und hielt sich nahe der Häuserwände, um nicht aufzufallen. Vor einer Videothek blieb er stehen, stellte sich hinter einen Baum am Gehweg und schaute vorsichtig hervor.

Der Mann hatte den Zebrastreifen schon beinahe überquert, Viola schaffte es nicht rechtzeitig. Die Ampel wurde rot.

»Hey, Sie in der grünen Jacke! Ihr Handy! Sie haben Ihr Handy verloren!«

Der Mann drehte sich um, überprüfte seine Taschen und blieb stehen.

Viola erreichte die Ampel und hielt das Handy in die Höhe. Der Mann nickte.

Es dauerte fast eine Minute, bis es wieder grün wurde, dann lief Viola zu ihm, überreichte ihm das Handy und zeigte in Richtung der Haltestelle, an der sie ausgestiegen waren. Der Mann gab ihr die Hand, kurz darauf lief er weiter. Viola wartete an der Ampel.

Ben lief ihr entgegen, musste jedoch am Fußgängerübergang warten, bis die Ampel grün wurde. »Wie hat er reagiert?«

»Er hat sich bedankt und das Handy wieder genommen.«

»Sehr gut.« Dann muss Tommy jetzt weiterhelfen. Alles, was er wollte, haben wir erledigt.

»Schon gruselig der Kerl, wenn man weiß, wer er eigentlich ist.«

Ben streichelte ihre Schulter. »Jetzt haben wir es geschafft.«

Viola lächelte.

Sie liefen weiter, Ben zog währenddessen sein Handy aus der Tasche und wählte Tommys Nummer. Niemand nahm ab.

»Was soll das jetzt?«, fluchte er. »Wieso geht er nicht ran?«

Der Mann in Grün spazierte weiter die Straße entlang, Ben und Viola im Abstand von etwa dreißig Metern hinterher. Bens Handy zeigte 23.01 Uhr. In diesem Vorort war kaum noch etwas los. Hier und da ein paar Jugendliche, vor einem kleinen Pub tummelten sich eine Handvoll Leute.

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960874751
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v459372
Schlagworte
spannende-r-Thriller Verfolgung-s-jagd rasante-r-Thriller Date Technik-Thriller Stuttgart-Thriller Psycho-Thriller

Autor

  • Christoph F. J. Rotter (Autor)

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Titel: Der Nachtflüsterer