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Mein Leben mit Anna von IKEA – Hochzeit

von Thomas Kowa (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Matthias und Anna wollen endlich heiraten. Um Annas geschiedene Eltern wieder zusammenzubringen, sollen diese die Hochzeit organisieren. Dumm nur, dass ihr Vater und ihre Mutter völlig unterschiedliche Vorstellungen von einer perfekten Hochzeit haben.
Doch auch die Eltern von Matthias tragen nicht dazu bei, die Situation zu entspannen. Während seine Mutter davon überzeugt ist, dass die Verlobte von Matthias nur erfunden ist, hat sein Vater noch nie ein Heimspiel seines Fußballclubs verpasst. Weil ein solches ausgerechnet am Tag der Hochzeit stattfindet, weigert er sich zu kommen. Schließlich steht bei einer Hochzeit das Ergebnis von vornherein fest – glaubt er jedenfalls …

Impressum

dp Verlag

Überarbeitete Neuausgabe März 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-557-4
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-562-8

Covergestaltung: ARTC.ore
unter Verwendung von Motiven von:
freepik.com: © freepik.com/wedding couples
pixabay.com: © OpenClipart-Vectors/27422
Lektorat: Daniela Höhne

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Vorwort

Liebe Leserinnen und Leser,

wird man in Japan zu einer Hochzeit eingeladen, müssen die Teilnehmer für viel Geld eine Eintrittskarte kaufen.

In England bringt nicht der Schornsteinfeger Glück, sondern es bringt ihm Glück, wenn er die Braut küsst. Und wahrscheinlich eine hohe Rechnung für die Reinigung, denn auch auf der Insel heiratet man in Weiß.

Die Massai schmieren der Braut Kuhdung auf den Kopf, um zu prüfen, wie sie die Herausforderung der Ehe meistern wird. Letzteres mag erst einmal weit hergeholt klingen, aber spätestens, wenn der Nachwuchs seine primären Ausscheidungsorgane entdeckt, zeigt sich die praktische Relevanz dieser Prüfung.

In Schweden hingegen darf jeder Hochzeitsgast die Braut oder den Bräutigam beliebig oft küssen, jedoch nur dann, wenn der oder die Zukünftige die Räumlichkeiten gerade verlassen hat. Da sollte man sich jeden Besuch auf dem WC gut überlegen.

Aber warum erzähle ich das alles?

Tja, wir feiern jetzt gleich zusammen eine Hochzeit in Schweden. Und wie ich Matthias Käfer kenne, wird das nicht ohne Fettnäpfchen, Missverständnisse und kleinere Katastrophen ablaufen.

Trotzdem wird er wie immer sein Bestes geben, also schauen wir mal, ob es reicht …

PS: Wer – wie ich – schon wieder vergessen hat, was alles geschehen ist, der findet auf den nächsten Seiten eine kurze Zusammenfassung. Und wer die Serie noch gar nicht kennt, kann sich hier bequem auf den aktuellen Stand bringen. Aber Vorsicht: Spoilergefahr!

Was bisher geschah

Matthias Käfer, Vollzeitsingle, Bankangestellter auf Bewährung und Besitzer eines inkontinenten Geschirrspülers, lernt bei IKEA die nette schwedische Kundenberaterin Anna kennen. Doch sieht Matthias eine hübsche Frau, bekommt er den Mund nicht mehr auf.

Also kontaktiert er Anna online. Durch ein Missverständnis gerät er an die virtuelle Kundenberaterin Anna von Ikea und glaubt am Ende, sie habe sich mit ihm verabredet.

Weil Matthias denkt, das Date finde bei IKEA statt, trifft er dort die echte Anna und verliebt sich in sie.

Doch er sagt es ihr nicht.

Als Anna eine Stelle als Lehrerin in Schweden angeboten bekommt, geht sie schweren Herzens zurück.

Fast zeitgleich verliert Matthias seinen Job bei der Sparkasse. Der Klempner Kemal, dem er einige Werbeslogans getextet hat, stellt ihn als neuen Werbeleiter an und erlaubt ihm, von überall aus zu arbeiten.

Matthias besucht Anna in Schweden und die beiden werden ein Paar.

Kaum ist Matthias zu Anna nach Göteborg gezogen, merkt er, dass im Land der Elche und Billy-Regale einiges anders ist als daheim.

Außerdem hat sich der ex-porschefahrende Ex-Freund von Anna, Viggo, in den Kopf gesetzt, seine große Liebe zurückzuerobern. Der Millionärssohn gibt sich umweltbewusst und überredet Anna, mit ihm auf eine Klimakonferenz ins tiefste Grönland zu fahren.

Derweil muss Matthias die Firma seines Chefs Kemal retten, der alles auf ein neues Produkt gesetzt hat: Dönereis. Und das mitten im Winter.

Matthias entwirft eine Werbekampagne, doch diese scheitert, weil das Eis furchtbar schmeckt.

Auch ein Relaunch als Dönersuppe geht in die Hosen, allerdings kann Kemal das Fertigungsverfahren verkaufen. Die Firma und der Job von Matthias werden gerettet.

Am Ende erkennt Anna, dass Viggo sich nie geändert hat und der rücksichtslose Egoist ist, der er immer war.

Schließlich, an Heiligabend, macht Matthias Anna einen Heiratsantrag – und sie nimmt an.

Nach seinem Junggesellenabschied wacht Matthias Käfer in einem fremden Bett auf, neben ihm schlafen zwei nackte vietnamesische Stripperinnen mit einem ziemlich großen Geheimnis und vor ihm steht ein Pappaufsteller von George Clooney, an dessen Ohr ein Hamster knabbert.

Vierundzwanzig Stunden zuvor denkt Matthias noch, er werde seiner Verlobten Anna stets treu bleiben. Da weiß er allerdings nicht, wer seinen Junggesellenabschied organisiert: Alexa, die digitale Assistentin, die alles besser weiß und doch von nichts eine Ahnung hat.

Matthias’ Freund Video-Paule dokumentiert die Feier per Video und schneidet daraus den Film Fear and Loathing in Ludwigshafen, mit dem er seine Videothek retten will.

Währenddessen feiert Anna ihren Junggesellinnenabschied in Amsterdam, auf den sich ihr Ex-Freund Viggo als Stripper einschleust.

Viggo hat zudem den beiden vietnamesischen Ladyboys eine unerhörte Summe geboten, sollten sie Matthias dazu bringen, mit ihnen ins Bett zu steigen.

Schließlich eskaliert die Party und Matthias kann sich hinterher an nichts mehr erinnern.

Nachdem er am nächsten Morgen den Trailer von Fear and Loathing in Ludwigshafen gesehen hat, glaubt er, die beiden Ladyboys wären erfolgreich gewesen.

Dann jedoch erkennt Matthias, dass Video-Paule Alexa gekapert und alles nur inszeniert hat, um seinen Film zum Erfolg zu führen. Mit Hilfe von Alexa beweist er, dass er Anna nie betrogen hat.

Trotz Viggos Intrigen ist Anna ihm ebenso treu geblieben. Matthias und Anna beginnen, ihre Hochzeit zu planen und sind so naiv zu glauben, dieses Mal würde schon nichts schiefgehen …

1

Heiraten und Kuahkälbern muaß schnell geh.
Lebensweisheit aus dem Bayerischen Wald

»Eine Hochzeit ist das einzige Fest in eurem Leben, an dem alle eure Freunde und Verwandten zusammenkommen, um gemeinsam darüber zu lästern«, sagt Morten.

Ich bin versucht zu nicken.

Mache ich natürlich nicht, denn Anna blickt von dem Papierstapel in ihrer Hand auf und schaut ihren alten Greenpeace-Kumpel Morten entgeistert an. »Wie kannst du nur so unromantisch sein?«

»Genau«, pflichte ich ihr bei. »Total unromantisch.«

Morten streicht sich seinen grauen Pferdeschwanz glatt. »Das nennt man Lebenserfahrung.«

»Oder Unerfahrenheit«, sagt Anna. »Schließlich hast du nie geheiratet.«

Morten zuckt mit den Schultern und lächelt. »Es hat eben noch kein Blauwal meinen Antrag angenommen.«

»Sei froh drum«, sage ich. »Das wäre wahrscheinlich die einzige Hochzeit, die noch schwieriger durchzuführen wäre als unsere.«

»Unsere Hochzeit ist nicht verzwickter als andere auch«, sagt Anna. »Männer sind nur häufig überfordert, sobald es komplex wird.« Sie blickt Morten und mich an. »Deswegen übernehmen meistens Frauen die Organisation einer Hochzeit.« Anna legt den Papierstapel auf den Couchtisch vor sich und sortiert ihn. »Also: Wenn wir alle unsere Freunde und Verwandte einladen, kommen wir auf zweihundertdreiundzwanzig Gäste.« Anna lächelt versonnen.

Ich möchte gern mitlächeln, doch irgendein Bereich in meinem Hirn weigert sich. Außerdem können wir Männer sehr wohl mit Komplexität umgehen – hätten wir sonst die Abseitsregel erfunden, das Dosenpfand und Windows Vista? »Hast du vorhin nicht ausgerechnet, dass unser Budget nur für zwanzig Gäste reicht?«, frage ich.

Jetzt lächelt auch Anna nicht mehr.

Willkommen bei unserer Hochzeitsplanung.

Seit ich Anna letzte Weihnachten in unserem schönen Häuschen in Göteborg einen Heiratsantrag gemacht habe – den sie freudig angenommen hat –, gleicht unser Leben einem Sprung beim Bungee-Jumping.

Erst gab es ziemlich viele Hochs, doch nun überwiegen die Tiefs.

Wenn unser Seil nicht so stark wäre, hätten wir vielleicht schon aufgegeben, aber wenigstens nehmen Anna und ich die ganzen Ups and Downs mit Humor.

Bisher.

Okay, es war von Anfang an eine Prise Sarkasmus dabei, die sich inzwischen zu einer Drei-Kilo-Gewürzmischung entwickelt hat. Und die schmeckt auf keiner Hochzeitstorte gut.

Hinzu kommt, dass jede Dienstleistung und jedes Produkt, das den Stempel Hochzeit trägt, mindestens das Dreifache kostet.

Man kann das leider schlecht umgehen, ein Fotograf beispielsweise, den man für eine Geburtstagsparty gebucht hat, merkt spätestens, wenn er das Brautkleid sieht, dass er sich auf einer Hochzeit befindet.

Ebenso wird es das Restaurant mitbekommen, in dem die Feier veranstaltet wird, der Schneider des Hochzeitskleids, und auch der Juwelier ist in der Lage, Eheringe von anderen zu unterscheiden.

Also kann man das entweder bezahlen, oder eine Hochzeit feiern, von der die Gäste hinterher sagen werden, sie habe sich nicht festlich angefühlt.

Ich für meinen Teil würde Anna auch nur ganz allein auf einem einsamen Sandstrand heiraten. Vorausgesetzt dort herrschen nicht minus fünfundvierzig Grad wie im Winter in Nordschweden.

Aber für Anna ist eine Hochzeit in erster Linie ein Familienfest und damit hat sie natürlich recht.

Was aber leider keines unserer Probleme löst.

»Vielleicht solltet ihr erst einmal die einfachen Entscheidungen treffen«, sagt Morten. »Zum Beispiel wann ihr heiratet.«

»Im Winter kosten viele Angebote nur die Hälfte«, sagt Anna.

»Dann kannst du mich nach den Hochzeitsfotos gleich draußen als Weihnachtsmann stehen lassen«, sage ich. »Weil ich dann festgefroren bin. Und nach dem obligatorischen Gruppenfoto meine Freunde und Familie gleich mit.«

»In dem Fall solltet ihr besser nur mit zwanzig Gästen heiraten«, sagt Morten. »Dann halten sich die Verluste an der deutschen Gästefront in Grenzen.«

Weil wir Deutsch sprechen, bin ich mir nicht sicher, ob Morten das absichtlich so formuliert hat, oder ob es ein Versehen war.

Morten ist eigentlich ein toller Kerl, aber wahrscheinlich freut ihn unterbewusst unser Leid, weil er sich so in seinem selbstgewählten Singledasein bestätigt fühlt.

Anna ignoriert seine Bemerkung und winkt ab. »Ihr Südländer seid viel zu empfindlich«, sagt sie und obwohl sie geographisch im Recht ist, ist die Mentalität von Deutschen und Südländern so gegensätzlich wie die von Darth Vader und Benjamin Blümchen.

»Also gut«, seufzt Anna schließlich. »Dann heiraten wir eben im Sommer.« Sie blättert in einem Kalender. »Am besten am Anfang der Sommerferien, damit wir noch in die Flitterwochen gehen können. Aber auch nicht ganz am Anfang, damit wir noch Zeit für die Vorbereitungen haben.« Sie schlägt ein Kalenderblatt auf. »Also ist der beste Termin für die Feier: Samstag, der 14. August.«

»Das ist ja schon in drei Monaten?«, frage ich.

»Du wolltest doch im Sommer heiraten.«

»Dann machen wir das so.«

»Gut.« Anna nickt. »Zivile Trauung einen Tag davor.«

»Also Freitag, der 13.?«

Anna beißt sich auf die Lippe.

»Was ist?«, frage ich. »Du bist doch nicht abergläubisch, oder?«

Anna schüttelt den Kopf. »Ich nicht, aber meine Mutter.«

2

Heirat halbiert unsere Leiden,
verdoppelt unsere Freuden
und vervierfacht unsere Ausgaben.
Englisches Sprichwort

Ich schaue Anna verwundert an und mir fällt auf, dass ich zwar viel über Anna weiß und sie über mich, aber dass sie meine Eltern gar nicht kennt.

Und ich die von Anna auch nicht.

Da meine Eltern immer noch glauben, ich habe meine Freundin nur erfunden, habe ich das Thema einfach ausgespart.

Ich hoffe, Anna hatte keine ähnlichen Gründe.

Ich weiß nichts über ihre Eltern, außer dass sie beide nach Kanada ausgewandert sind.

Was von den Temperaturen nicht wirklich eine Verbesserung zu Schweden darstellt.

»Wie abergläubisch ist deine Mutter denn?«, frage ich.

»Wenn sie aus Versehen mit dem linken Fuß aufgestanden ist, bleibt sie lieber im Bett.« Anna reibt sich das Kinn. »Außerdem geht sie nie ohne ihre Energiesteine aus dem Haus. Ich sag zwar immer zu ihr, die Dinger kosten viel zu viel Kraft, weil fünf Kilo Steine trägt man ja nicht im Vorbeigehen, aber sie lässt sich trotz ihrer ständigen Rückenschmerzen nicht belehren. Vielleicht liegt es aber auch an ihren ganzen …« Anna runzelt die Stirn. »Was ist der Plural von Talisman?«

Ich seufze. »Und dein Vater?«

»Der ist protestantisch. Freitag, der 13. ist für ihn ein Tag wie jeder andere.«

»Dann kann er doch deine Mutter überzeugen, oder?«

Anna wirft mir einen skeptischen Blick zu, schaut dann auf ihre Uhr. Schließlich murmelt sie irgendetwas davon, dass in Kanada jetzt morgens sei. »Wir rufen einfach meine Eltern an, das ist ohnehin überfällig.« Anna klappt ihren Laptop auf. »Per Videotelefon, dann sehen sie dich auch mal.«

Morten verdrückt sich in die Küche, um Tee zu kochen und den Tigerkaka aus dem Ofen zu nehmen, schwedischer Marmorkuchen. Derweil öffnet Anna Skype und klickt auf das Hochzeitsbild ihrer Eltern. Es tutet und kurz darauf hört man eine weibliche Stimme etwas auf Schwedisch sagen.

Anna entgegnet etwas, wahrscheinlich, dass ihre Mutter das Video einschalten soll. Jedenfalls erscheint auf dem Bildschirm eine blonde Frau Mitte fünfzig, die ein ziemlich farbenfrohes Oberteil trägt und mindestens drei augapfelgroße Energiesteine um ihren Hals hängen hat, aber sie lächelt freundlich.

Sie erblickt mich und sagt auf Deutsch: »Das ist ja schön mit eurer Hochzeit. Ich freue mich schon, dich kennenzulernen, Matthias. Ich bin Margareta.«

»Ich freue mich auch«, antworte ich, zumal Annas Mutter zufrieden und unkompliziert aussieht.

»Dann kann ich mein Deutsch endlich mal wieder nutzen«, sagt sie. »Mein Vater stammte ja ursprünglich aus Hamburg.«

»Wo ist denn Papi?«, fragt Anna.

Margareta beißt sich auf die Lippe. »Wisst ihr denn jetzt schon, wann ihr heiratet?«

»Samstag, 14. August, zivile Trauung einen Tag früher.«

Margareta lächelt. »Das ist ja schon bald. Schön.«

»Der Termin ist also okay?«, fragt Anna.

Margareta nickt. »Klar. Wie viele Gäste wollt ihr einladen?»

»Das ist eben eine Frage des Budgets.«

Margareta winkt ab. »Das ist keine Frage. Ich zahle selbstverständlich die Hälfte. Und ich habe natürlich auch ein paar Anregungen für eine perfekte Hochzeit.«

Das läuft doch gut, denke ich gerade, als Anna wieder fragt. »Wo ist denn Papi?«

»Habt ihr denn schon einen Priester?«, fragt Margareta schnell. »Ich werde euch da jemand ganz Speziellen vermitteln. Das wird ein unvergessliches, spirituelles Erlebnis …«

»Die letzten Male als ich angerufen habe, war Papi auch nie da«, entgegnet Anna.

»Und ihr müsst unbedingt in der freien Natur heiraten, am besten am Meer, mit einer Bootsfahrt für alle Gäste«, sagt Margareta. »Ich kenne da noch einen sehr schnittigen Kapitän von früher.«

»Was ist mit Papi?!«, ruft Anna.

Margareta beißt sich wieder auf die Lippe. Das scheint in der Familie zu liegen. »Hab ich dir das noch nicht erzählt?«, fragt sie schließlich. »Wir sind geschieden.«

»Was?« Anna blickt ihre Mutter geschockt an. »Ihr seid doch beide zusammen nach Kanada ausgewandert!«

»Ja, aber ich nach Ostkanada und er nach Westkanada.«

3

Welches Kind hätte nicht Grund, über seine Eltern zu weinen?
Friedrich Wilhelm Nietzsche, deutscher Philosoph

»Warum habt ihr mir nicht von der Scheidung erzählt?«, fragt Anna, nachdem sie sich wieder gefangen hat. »Ich bin eure Tochter!«

»Wir wollten nicht, dass du dich als Scheidungskind fühlst.«

»Ich bin dreißig!«

»Was hätte es geändert, dass du von der Scheidung weißt?« Margareta reibt an einem ihrer Energiesteine. »Du hättest dir nur Gedanken gemacht. Aber du bist selbst für dein Glück verantwortlich und wir für unseres.«

Anna atmet tief aus. »Und seit wann seid ihr geschieden?«

»Als die Scheidung durch war, sind wir nach Kanada ausgewandert, eben in verschiedene Landesteile. So mussten wir niemandem etwas erklären und konnten komplett neu anfangen.« Margareta strahlt dabei, als sei das eine besonders geniale Idee gewesen.

»Wieso habt ihr euch überhaupt scheiden lassen?«, fragt Anna. »Es war doch immer recht harmonisch daheim.«

»Es war harmonisch, weil ich immer nachgegeben habe«, antwortet Margareta. »Außerdem gab es da diesen Schornsteinfeger.« Sie lächelt versonnen. »Ich dachte, es bringt Glück, wenn ich mit ihm ins Bett gehe.«

»Na, das hat ja super geklappt«, seufzt Anna.

»Wieso?«, fragt Margareta. »Ich bin jetzt glücklicher als zuvor.« Sie zuckt mit den Schultern. »Dummerweise hat dein Vater unser Schlafzimmer per versteckter Videokamera überwachen lassen.«

Anna rollt mit den Augen. »Das hättest du dir doch denken können, oder?«

»Kind, man denkt nicht in jeder Situation nach, das wirst du auch noch lernen.«

»Und wer von euch hatte die Idee, mir die Scheidung zu verheimlichen?«

»Wie du weißt, war dein Vater schon immer sehr bedacht darauf, dass nach außen hin alles in Ordnung ist«, antwortet Margareta. »Und ich fand auch, dass es besser für dein Karma wäre, wenn du es nicht erfährst.«

»Um mein Karma kann ich mich schon selbst kümmern«, seufzt Anna. »Und bei der Hochzeit tretet ihr dann als glückliches Paar auf, oder wie habt ihr euch das vorgestellt?«

Margareta reibt wieder über einen ihrer Energiesteine. »Das haben wir uns noch gar nicht vorgestellt, schließlich gab es bisher noch nicht mal Hochzeitseinladungen, oder?«

Anna beißt sich schuldbewusst auf die Lippe. »Die kommen, sobald wir wissen, wen wir alles einladen.«

»Wie auch immer, das Universum wird schon eine Lösung für uns bereithalten«, sagt Margareta. »Vielleicht tun wir einfach so, als wären wir eine Kommune, die freie Liebe praktiziert?«

Anscheinend wird das Anna zu viel, jedenfalls wechselt sie ins Schwedische und ich glaube zu verstehen, dass es besser ist, wenn ich mich kurz in die Küche verdrücke und Morten helfe.

Kaum habe ich die Küche betreten, deutet Morten auf den Laptop mit dem Videotelefonat im Wohnzimmer. »Was ist denn da grad los?«, flüstert er.

»Anna hat gerade erfahren, dass ihre Eltern geschieden sind.«

»Tja, wir Schweden reden eben nicht viel.« Morten zuckt mit den Schultern.

Als das Videotelefonat endet, serviert Morten den Tee sowie den Tigerkaka und ich gehe wieder zu Anna und lege meinen Arm um ihre Schulter. »Ich fasse es nicht!«, sagt sie. »Da muss ich heiraten, um zu erfahren, dass meine Eltern geschieden sind.«

»Ich dachte immer, ich wäre der Geheimniskrämer in der Familie«, sage ich.

»Tja, seine Eltern kann man sich eben nicht aussuchen.« Anna seufzt.

Ich nehme ein Stück Tigerkaka und beiße hinein. »Allerdings.«

»Wieso?« Anna schaut mich skeptisch an. »Was ist mit deinen Eltern?«

»Mein Vater interessiert sich nur für Fußball«, sage ich. »Das letzte Mal, dass ich ihn ohne Trikot gesehen habe, war bei meiner Konfirmation. Aber auch nur bis zum Essen, weil dann herauskam, dass er das Ding unter dem Hemd versteckt hatte.« Ich nehme noch ein Stückchen Tigerkaka. Auch wenn der Name ungute Assoziationen weckt, schmeckt der Kuchen wirklich lecker.

»Das mit dem Fußball ist sein einziges Problem?«, fragt Anna.

Ich nicke vorsichtig. »Wenn mein Vater nicht gerade ein Spiel verpasst, ist er einigermaßen in Ordnung.«

»Und deine Mutter?«

»Du kennst Alice Schwarzer?«, frage ich.

»Das ist diese Super-Emanze, oder?«

»Meine Mutter ist zehnmal schlimmer.«

Anna winkt ab. »So extrem wird sie schon nicht sein.«

»Sie hat zwei Wochen lang nur geweint, weil sie keine Tochter geboren hat, sondern mich.«

»Das war bestimmt nur der Baby-Blues. Aber danach hat sie dich doch sicher ins Herz geschlossen, oder?«

»Ich würde eher sagen, ich wurde geduldet. Ihre einzige Konzession war, dass ich keine Röcke tragen musste, aber dafür hatte ich mit Barbiepuppen zu spielen.« Ich seufze. »Und an Fasnacht musste ich immer als Biene Maja gehen. Erst nachdem mich in der ersten Klasse alle ausgelacht hatten, habe ich mich geweigert.« Ich schüttle den Kopf. »Im Grunde ist es ein Wunder, dass ich keine bleibenden Schäden davongetragen habe.«

Morten mustert mich. »Ist das so?«

»Jedenfalls will ich im Gegensatz zu dir keinen Wal heiraten.«

Morten zuckt mit den Schultern. »Vielleicht bin ich so durchgeknallt, weil meine Eltern so normal waren. Und ihr seid so normal, weil eure Eltern so durchgeknallt waren.«

Ich nicke, Anna auch und zwar voller Überzeugung.

»Außerdem hat meine Mutter Die Ärzte gehört«, sage ich.

»Aber das ist doch eine coole Band«, antwortet Anna.

»Ja, aber sie hat immer nur einen Song gehört. Schwanz ab, runter mit dem Männlichkeitswahn.«

Anna und Morten lachen, doch ich lache nicht, denn ich habe den Song in meiner Jungend mehr als tausendmal hören müssen und bekomme jetzt noch Aggressionen, wenn er läuft.

»Und was ist mit deinem Vater?«, wechsle ich das Thema und schaue Anna an. »Dreht er Videos, wenn er selbst das Schlafzimmer überwacht?«

Anna seufzt. »Aus meiner Kindheit existieren über zehntausend Fotos. Und das war vor der Zeit der Digitalkameras. Er hat alles dokumentiert, von der Geburt über den ersten Brei, meine hilflosen ersten Laufversuche, das erste Mal auf dem Töpfchen – wundert mich eigentlich, dass er nicht auch beim ersten Kuss dabei war.«

»Aber das ist doch toll«, sage ich. »Also, bis auf den ersten Kuss.«

»So toll ist das nicht, wenn du mehr Zeit vor dem Objektiv verbringst, als mit dem Vater dahinter.« Sie nimmt einen Schluck Tee. »Außerdem hat er aus allem einen Wettbewerb gemacht. Schon als Dreijährige ging es darum, wer den höheren Turm baut, er oder ich. Er hat mich nicht ein einziges Mal gewinnen lassen, bis ich ihn im Alter von acht Jahren endlich geschlagen hab, mit einem drei Meter Lego-Turm in unserem Garten, den ich mit Sekundenkleber verstärkt hatte. Und dann meinte er nur: Okay, jetzt steht es 1248:1.«

»Immerhin habt ihr zusammen eine Menge Türme gebaut.«

»Von wegen. Er hat in seinem Zimmer gebaut und ich in meinem und erst wenn wir fertig waren, wurde die Höhe verglichen.« Ich sehe Zorn in Annas Blick. »Zufällig war sein Turm immer ein wenig höher als meiner. Ich habe erst mit acht geschnallt, dass er mein Zimmer per Video überwacht hat. Dann habe ich als Nächstes nur einen kleinen Turm in meinem Zimmer und einen großen im Garten gebaut.«

»Er hat dich die ganze Zeit beschissen?«, frage ich. »Die eigene Tochter?«

Anna nickt und nimmt wieder ihren Laptop. »Deswegen wird es Zeit, dass er endlich etwas zurückzahlt.«

4

In der Wahl seiner Eltern kann man nicht vorsichtig genug sein.
Paul Watzlawick, österreichisch-amerikanischer Kommunikationswissenschaftler

Immerhin hat Annas Mutter ihr die neue Skype-Adresse ihres Vaters verraten, so dass sie ihn direkt per Videotelefonie anrufen kann.

»Er war übrigens auch mal Deutschlehrer«, sagt sie. »Dann hat er sein Hobby zum Beruf gemacht und eine Firma für Überwachungstechnik gegründet.«

Morten verdrückt sich wieder dezent in die Küche und Anna klickt auf die Skype-Adresse ihres Vaters.

Er nimmt das Gespräch an und schaltet natürlich gleich das Video ein. Er ist Mitte fünfzig, grauhaarig und recht gutaussehend, sieht man mal von dem Wohlstandsbauch ab. »Hallo, Papi«, begrüßt Anna ihn zu meiner Überraschung auf Deutsch. Sie deutet auf mich. »Das ist mein Verlobter Matthias.«

Ihr Vater schaut ein wenig überrumpelt drein. Er streicht sich durch das graue Haar und es wirkt, als zwinge er sich zu lächeln. »Schön dich kennenzulernen, Matthias. Ich bin Holger.«

»Ich freue mich auch«, sage ich.

»Ich rufe dich wegen unserer Hochzeit an«, sagt Anna. »Die Feier ist am Samstag, 14. August, zivile Trauung einen Tag vorher.«

»Am Freitag, dem 13.?« Er blickt überrascht auf. »Na, mir soll es recht sein.«

»Wir haben allerdings noch ein paar Budgetprobleme«, sagt Anna.

Holger reibt sich langsam das Kinn, als müsse er sich erst eine Antwort überlegen. »Als ich so alt war wie du, wollte ich unbedingt einen Porsche fahren«, sagt er schließlich. »Doch ich hatte das Geld nicht. Und was hab ich gemacht?«

Anna zuckt mit den Schultern.

»Ich hab meine eigene Firma gegründet, einige harte Jahre durchlebt, doch zack, grade mal zwanzig Jahre später hatte ich den Porsche.«

»Hast du den nicht nach drei Monaten an eine Wand gesetzt?«

»Das war beim Einparken und auch nur, weil der keine Heckkamera hatte.« Er winkt ab. »Außerdem geht es darum gar nicht. Es geht darum, dass sich nicht jeder Wunsch sofort erfüllt, sondern erst wenn man etwas dafür tut.«

»Willst du mir jetzt sagen, dass ich noch zwanzig Jahre auf die Hochzeit warten soll?«

Annas Vater reibt sich die Stirn und antwortet etwas auf Schwedisch, von dem ich nur das Wörtchen Viggo verstehe.

Anna läuft vor Wut rot an. »Du meinst also, mit Viggo hätte ich diese Probleme nicht gehabt?«, wiederholt Anna seine Worte. Allerdings in Deutsch, so dass auch ich sie verstehe, was ihrem Vater sichtlich unangenehm ist. »Das mag sein«, sagt sie schließlich. »Aber Viggo ist ein selbstsüchtiger, ehrloser Aufschneider, der nichts vorzuweisen hat außer Geld.« Anna redet sich so in Rage, dass sie fast außer Atem ist. »Matthias mag zwar keine Reichtümer besitzen, aber er ist der Mann, den ich liebe.«

Okay, es mag romantischere Liebeserklärungen geben, aber mir wird trotzdem gerade ganz warm ums Herz.

Holger reibt sich das Kinn. »Wir haben dich eigentlich so erzogen, dass du auf eigenen Beinen stehst«, antwortet er. »Meine Eltern – Gott hab sie selig – haben das auch so gemacht, das ist quasi Familientradition.«

Anna atmet tief aus. »Traditionell tragen die Eltern der Braut die Kosten der Hochzeit.«

»Jetzt wollen wir mal nicht päpstlicher sein als der Papst«, antwortet Holger. »Die Eltern von Matthias werden doch sicher auch ein paar Euro beisteuern, oder?«

Anna schaut zu mir und ich schüttle den Kopf. »Margareta zahlt die Hälfte der Hochzeit«, sagt Anna.

»Soso?« Holger reibt sich wieder das Kinn. Wenn man in sein Gehirn schauen könnte, würden sich dort jetzt wahrscheinlich ein paar Rädchen drehen. »Dann zahle ich natürlich 51 Prozent«, sagt er schließlich.

»Die Hälfte reicht.«

»51 Prozent oder gar nichts«, entgegnet er. »Wenn ich schon Geld investiere, möchte ich natürlich meine Vorstellungen einbringen, damit mein Teil der Hochzeit zu einer Success-Story wird. Ihr müsst unbedingt in der Stadt heiraten, diese Landeier bekommen so was ja nie organisiert. Und die W-Lan-Abdeckung ist in der Pampa auch eine Katastrophe.«

Anna blickt ihn kühl an. »Über die Details setzen wir uns dann mit dir in Verbindung.«

»Nein, nein«, sagt er und schüttelt den Kopf. »Über die Details setze ich mich mit euch in Verbindung.« Er lächelt siegessicher. »Du weißt doch, wenn ich etwas anpacke, dann richtig.« Er holt einen Block heraus. »Wie viele Gäste ladet ihr ein?«

»Zweihundertdreiundzwanzig«, seufzt Anna.

»Also dann.« Holger schreibt etwas auf seinen Block. »Ich melde mich morgen mit einer To-do-Liste für euch und einem ersten Budgetplan.«

»Super«, platzt es aus mir heraus, doch Anna wirkt alles andere als begeistert.

»Dann kannst du mir morgen auch gleich noch das Video von eurer Scheidung schicken.« Sie wirft ihm einen durchdringenden Blick zu, den ich so noch nie an ihr gesehen habe. »Hast du ja sicher auch dokumentiert.«

5

Der Fußball ist einer der am weitesten verbreiteten religiösen Aberglauben unserer Zeit.
Er ist heute das wirkliche Opium des Volkes.
Umberto Eco, italienischer Schriftsteller

»Alles okay?«, frage ich und nehme Anna in den Arm.

Sie nickt. »Er hätte von sich aus nie erwähnt, dass sie sich geschieden haben«, sagt sie. »Obwohl ihm klar sein musste, dass ich es weiß, wenn ich ihn auf seiner neuen Adresse anrufe.« Sie schüttelt den Kopf. »Vielleicht verstehst du jetzt, warum ich es nicht mag, wenn man mich anlügt oder mir etwas verheimlicht.«

Ich stimme zu und mache mir drei Knoten in meine Hirnwindungen, dass ich das nie vergesse. Morten kommt wieder aus der Küche, er hat noch einmal Tee aufgesetzt und schenkt jedem eine Tasse ein.

Anna nimmt einen Schluck. »Und deine Eltern können sich wirklich nicht finanziell an der Hochzeit beteiligen?«

Ich schüttle den Kopf. »Ich habe als Jugendlicher nicht mal Taschengeld bekommen und musste von den fünf Mark, die ich pro Stunde für Nachhilfestunden verdient habe, daheim die Hälfte abgeben.« Ich reibe mir die Stirn. »Zudem sind beide Rentner und jedes Mal, wenn ich sie anrufe, beschweren sie sich, dass die Rente vorn und hinten nicht reicht. Sie haben mir nicht mal geholfen, als ich damals pleite war und den Flug nach Schweden zu dir nicht zahlen konnte.« Ich seufze. »Außerdem glauben sie ohnehin, dass ich dich nur erfunden habe.«

Anna nimmt wieder ihren Laptop. »Dann sykpen wir sie jetzt auch an und sie sehen, dass ich echt bin.«

»Skypen? Meine Eltern besitzen nicht mal ein Handy.«

Morten stupst Anna an. »In Schweden zahlen ja ohnehin die Eltern der Braut traditionell die Hochzeit.«

Ich lächle. »Von der Tradition habe ich auch schon gehört.«

Anna seufzt. »Wenn meine Eltern Geld geben, wollen sie auch etwas dafür haben. Vor allem mein Vater. Und in Folge auch meine Mutter. Die werden sich gegenseitig hochschaukeln.« Sie vergräbt den Kopf in ihren Händen. »Ich will gar nicht daran denken.«

Ich nehme sie in den Arm. »Hochzeiten sind doch dermaßen traditionell, da ändern sich die Geschmäcker nicht so schnell, oder?«

»Das mag ja sein«, sagt Anna, doch sie schüttelt den Kopf. »Aber willst du ernsthaft unsere Hochzeit von einer abergläubischen Buddhistin und einem calvinistischen Kontrollfreak ausrichten lassen?«

»Mir würde es ja reichen, nur mit dir allein zu feiern.« Ich lächle Anna an.

»Und was ist mit mir?«, fragt Morten.

Ich zucke mit den Schultern. »Da Singles sich auf Hochzeiten immer beschissen fühlen, solltest du froh sein, wenn wir dich nicht einladen.«

Anna schüttelt den Kopf. »Wenn ich meine Eltern von der Hochzeit ausschließe, benehme ich mich genauso kindisch wie sie. Und die Welt wird sich nur dann ändern, wenn wir es besser machen als unsere Eltern.«

Mir ist zwar neu, dass wir mit unserer Hochzeit die Welt ändern wollen, aber ich nicke trotzdem. Denn Anna hat mal wieder recht. Im Grunde feiert man ja eine Hochzeit nicht nur für sich selbst, sondern auch für Freunde und Verwandte.

»Offensichtlich haben wir beide sehr spezielle Eltern«, sagt Anna. »Nachdem die Pubertät vorbei war, konnte ich das gut ignorieren, aber jetzt merke ich, dass mir die Familie doch wichtig ist.«

»Mir auch«, sage ich. »Nur meinen Eltern nicht.«

Anna winkt ab. »Die Hochzeit wird auch in ihnen etwas ändern.«

»Ich hoffe es«, sage ich und plötzlich wird mir heiß und kalt. »14. August?«, frage ich, schnappe mir Annas Laptop, öffne eine Homepage, seufze und schlage auf den Tisch. »Verdammt, am 14. August spielt Südwest Ludwigshafen gegen den FC Haßloch. Daheim, Saisonauftakt.«

»Und?«

»Mein Vater ist der größte – und wahrscheinlich einzige – Ultra-Fan von Südwest Ludwigshafen. Er hat noch nie ein Heimspiel verpasst.«

»Dann soll er das Spiel halt im Fernsehen anschauen.«

Ich schüttle den Kopf. »Südwest Ludwigshafen spielt nicht in der Bundesliga, auch nicht in der zweiten Liga oder in der dritten, auch nicht in der Regionalliga oder der Oberliga, sondern noch viel weiter unten in der Bezirksliga Vorderpfalz. Das ist achte Liga.«

»So tief?«

Ich nicke. »Für einen Verein, der mit dem Ziel gegründet wurde, in die Bundesliga aufzusteigen, ist das eine beachtliche Leistung, oder?« Ich fahre mir durchs Haar. »Bevor von denen auch nur ein Spiel im Fernsehen gezeigt wird, erobern eher gallertartige Außerirdische mit Raumschiffen in Form von Fruchtzwergen die Erde.«

6

Eltern wollen sich in ihren Kindern verwirklichen,
indem sie verhindern, dass sich ihre Kinder verwirklichen.
Gerald Dunkl, österreichischer Psychologe und Aphoristiker

Am nächsten Morgen um acht Uhr hat Annas Vater tatsächlich eine To-do-Liste für uns mit achtundvierzig Hauptpunkten und einhundertsiebenundachtzig Unterpunkten gesendet, sowie einen unterschriftsreifen Vertrag mit einem protestantischen Pfarrer für die Trauung. Plus natürlich eine detaillierte Budgetplanung über zweihunderttausend Schwedische Kronen für seinen 51-Prozent-Anteil an der Hochzeit.

Er will unter anderem 51 Prozent der Fischkirche mieten, eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten Göteborgs, die ich einmal fast erfolgreich aus Streichhölzern nachgebaut habe.

Außerdem will er die Hochzeit von einem dreiköpfigen Videoteam dokumentieren lassen, inklusive Livestream ins Internet. Nur das Video der Scheidung fehlt in seiner Mail, was Anna damit erklärt, dass er immer nur seine Erfolge aufgezeichnet habe, aber nicht seine Misserfolge.

So habe er, nachdem sie mit acht Jahren den höheren Legoturm gebaut hatte, nur noch einmal einen Turm errichtet, der noch höher gewesen war und dann nie wieder mit ihr einen Turm gebaut.

Nun habe ich mit der Aufzeichnung meines Junggesellenabschieds nicht unbedingt die besten Erfahrungen gemacht, geschadet hat es am Ende allerdings auch nicht.

Da Video-Paule inzwischen auf Bäcker umgeschult hat, dürfte sein Film Fear & Loathing in Ludwigshafen kein großer Erfolg gewesen sein.

Also wird die Aufzeichnung der Hochzeit wahrscheinlich niemanden außer den Gästen interessieren.

Und uns natürlich.

Insofern habe ich da keine Vorbehalte – im Gegensatz zu Anna. Doch das liegt wahrscheinlich eher an ihrem Vater, als an den Aufnahmen selbst.

Meinen Eltern habe ich den Hochzeitstermin auch mitgeteilt, das heißt, genau genommen nur meiner Mutter per Telefon. Sie meinte, sie würde sich den erst eintragen, wenn sie auch eine Einladung hätte, von Anna unterschrieben.

Ich kann nur hoffen, dass sie meinen Vater überzeugt, mitzukommen.

Anna hat die Überlegungen ihres Vaters per E-Mail weiter an ihre Mutter gesendet und nicht mal fünf Stunden später erhalten wir auch von ihr eine Liste mit Vorschlägen und entsprechenden Kosten, die sie übernimmt.

Anna überfliegt die E-Mail ihrer Mutter, schreit kurz auf und rauft sich die Haare. »Meine Mutter will in den Schären feiern, auf einem abgelegenen Inselchen, mein Vater mitten in Göteborg in der Fischkirche, meine Mutter will einen buddhistischen Guru einladen, mein Vater einen protestantischen Pfarrer, meine Mutter möchte keine Hochzeitsfotos, sondern ein Ölgemälde des Hochzeitspaars, aber bitte nur aus biologisch angebauten Leinölfarben, mein Vater will eine umfassende Videodokumentation, die mit jeder Königshochzeit mithalten soll, meine Mutter will …«

»Sind die beiden sich in einem Punkt einig?«, unterbreche ich sie.

»Ja, sie meinen, die Vorschläge des anderen könne man jeweils ignorieren, es würde reichen, wenn sie das Geld geben.«

»Ihnen ist schon klar, dass es unsere Hochzeit ist, oder?«

Anna zuckt mit den Schultern. »Du weißt doch, für die eigenen Eltern bleibt man immer ein Kind.«

»Und was machen wir jetzt?«

»Wir suchen uns die Vorschläge raus, die uns am besten gefallen und dann schicken wir sie den beiden.«

»Meinst du sie gehen darauf ein?«, frage ich.

Anna schüttelt den Kopf. »Nein, aber wenn wir es gar nicht erst versuchen, müssen sie sich selbst einigen und da sehe ich rabenschwarz.«

»Und wenn sie unsere Vorschläge ignorieren?«

»Dann können wir uns immer noch Gedanken machen. Jedenfalls müssen wir heute noch den Termin an unsere Gäste schicken, wir sind im Grunde schon zu spät.«

Ich seufze, doch da ich auch keine bessere Idee habe, schicken wir unsere Vorschläge, die relativ wenig mit denen von Annas Eltern zu tun haben.

Zehn Minuten später kommt eine Antwort von Annas Vater, in der er anbietet, uns Flitterwochen auf den Seychellen zu finanzieren, wenn wir seine Vorschläge allesamt übernehmen.

»Warum macht er das?«, frage ich.

»Einfach nur um meine Mutter auszustechen.« Anna schüttelt den Kopf. »Trotzdem ist es verlockend. Vor allem, wenn wir mit mehr als zwanzig Gästen und unseren Ideen feiern, haben wir anschließend kein Geld mehr für Flitterwochen.«

»Aber wenn wir sein Angebot annehmen, müssen wir bis dahin durch die Hölle.«

»Und wenn wir den beiden sagen, sie sollen sich selbst einigen?«, fragt Anna. »Und wir lassen uns überraschen? Das mussten sie ja früher bei meinem Geburtsgeschenk auch. Das hat immer geklappt, und wir sparen uns eine Menge Nerven.«

»Aber es ist dann nicht mehr unsere Hochzeit.«

»Doch, das ist es«, entgegnet Anna. »Wir heiraten. Und egal wie schlimm die Feier im ersten Moment ist, spätestens in zwanzig Jahren lachen wir darüber.«

»Das klingt jetzt aber ziemlich unromantisch.«

Anna zuckt mit den Schultern. »Auch Frauen haben das Recht, mal pragmatisch zu sein.« Sie lächelt mich an. »Außerdem ist mir viel wichtiger,wen ich heirate, als wie das geschieht.«

Das finde ich jetzt wiederrum eine sehr romantische Bemerkung und gebe Anna einen Kuss. »Und du meinst, deine Eltern kriegen das hin?«

Anna zuckt mit den Schultern. »Das werden wir erst wissen, wenn es zu spät ist. Wir müssen uns jetzt entscheiden, ob wir mit zweihundertdreiundzwanzig Gästen nach ihren Regeln feiern oder mit zwanzig nach unseren.«

Ich seufze. »Wenn ich mein Bauchgefühl frage, sagt es, lieber mit zwanzig Gästen nach unseren Regeln.«

»Und wenn du dein Hirn fragst?«

»Das will natürlich auf die Seychellen.«

»Wenn die beiden sich einigen, glaube ich nicht, dass wir die Reise von meinem Vater geschenkt bekommen.«

»Also, dann will mein Hirn auch nur mit zwanzig Gästen feiern. Und was meinst du?«

Anna beißt sich auf die Lippe. »Die Hochzeit wäre ein gemeinsames Projekt meiner Eltern, vielleicht finden sie dadurch wieder zusammen. Das würde mich so glücklich machen.«

Sie schaut mich mit diesem bittenden Blick an, der mich alle Einwände vergessen lässt und im nächsten Moment ist es entschieden.

 

 

 

 

 

 

Drei Monate später

7

Hallo Leute, ein guter Freund von mir hat für nächsten Samstag zwei Tickets für das Champions League Finale in Mailand. Leider hat er vergessen, dass er an diesem Tag heiratet! (Er hat die Tickets schon vor Monaten gekauft, bevor das genaue Datum für die Hochzeit festgelegt wurde.) Frage jetzt an alle: Hat jemand Interesse am Samstag zu heiraten? Irgendjemand?
Unbekannt, aber verzweifelt

Ein wenig angeschlagen stehen Anna und ich am Flughafen in Stockholm und warten auf ihre Eltern. Holger und Margareta haben verschiedene Flüge aus Toronto respektive Vancouver gebucht, treffen aber fast zur selben Zeit ein.

Anna ist so sauer, als hätte sie einen Sauerbraten im Sauerbrotteig mit Sauerkraut gegessen und als Nachtisch drei Sauerdrops mit Zitronengeschmack gelutscht. Denn auf dem Hinweg zum Flughafen hat sie mit Isabella della Stella telefoniert, ihrer Trauzeugin. Diese hat Anna gerade gebeichtet, dass sie nicht auf die Hochzeit kommen kann, denn am selben Tag findet in London ein Britney-Spears-Konzert statt, das sie unbedingt mit Viggo besuchen muss.

Es wäre total schwer gewesen, dafür Karten zu bekommen und die Flüge nach London wären ja auch nicht einfach so vom Himmel gefallen. Als sie alles schon gebucht und bezahlt hatte, da erst hätte sie bemerkt, dass am selben Termin die Hochzeit sei und jetzt sei es eben zu spät.

Ja, es ist in der Tat spät, nämlich genau vier Tage vor unserer Hochzeit.

Nicht mal für die Beatles-Reunion hätte ich das verstanden, selbst dann nicht, wenn John Lennon und George Harrison dafür aus ihrem Grab auferstanden wären.

Und für Britney – ich bin für die Todesstrafe, damit der Täter seine Lektion fürs nächste Mal lernt – Spears erst recht nicht.

Nach dieser Ausrede halte ich selbst Donald Trump für glaubwürdiger als Isabella della Stella und das will einiges heißen.

Anna sieht das wahrscheinlich auch so, ist aber viel zu verärgert, das auszusprechen.

Zumal sie keiner ihrer Freundinnen den Job als Trauzeugin so kurzfristig zumuten möchte. Vor allem angesichts der Bedingungen, unter denen unsere Hochzeit stattfinden wird.

Wenigstens sind das heute die einzigen schlechten Nachrichten, jedenfalls bisher.

Weil Anna die Hoffnung hat, dass die Vorbereitung unserer Hochzeit ihre Eltern wieder zusammenbringt, haben wir die beiden tatsächlich alles planen lassen. Damit ihre Eltern auch wirklich direkt miteinander reden und nicht über uns, haben wir uns weitgehend rausgehalten.

Ich habe keine Ahnung, ob die Hochzeit der eigenen Tochter die richtige Gelegenheit ist, um eine Scheidung rückgängig zu machen oder ob die Feier die beiden vollends entzweit. Aber aufgrund unserer Budget-Probleme hatten wir ohnehin keine andere Wahl und jetzt ist es sowieso zu spät für einen Kurswechsel.

Wenigstens haben Annas Eltern sich irgendwie geeinigt, wenngleich Anna und ich noch nicht wissen, wie die Einigung aussieht. Es soll alles eine große Überraschung sein. Ich mag ja Spontanität, aber das geht echt an meine Grenzen. Wir heiraten in exakt vier Tagen und haben keine Ahnung wie!

Ich tröste mich damit, dass in manchen Ländern die Kinder nicht mal den Ehepartner aussuchen dürfen, denn natürlich feiere ich lieber die schlimmste Hochzeit der Welt mit Anna als die perfekte mit Anabolika-Heidemarie. Zwar ist es gewöhnungsbedürftig, bei der eigenen Hochzeit kein Mitspracherecht zu haben, aber wenigstens durften wir bei der zivilen Trauung mitbestimmen, weil die von den Brautpaaren selbst angemeldet werden muss.

Interessanterweise macht man das nicht beim Standesamt, denn das gibt es in Schweden gar nicht, sondern bei der Steuerbehörde. Die stellt einem auch ein Ehefähigkeitszeugnis aus und das vor der Hochzeitsnacht!

Erst dachte ich, die legen sich dafür nachts unter das Bett der Zukünftigen, aber tatsächlich schauen sie nur, ob die Dokumente alle in Ordnung sind und wahrscheinlich auch, ob alle Steuern bezahlt sind.

Wie auch immer, unsere zivile Trauung findet direkt in Göteborg statt, mit einem anschließenden Umtrunk in der Fischkirche, den Annas Vater organisiert hat. Die Trauungszeremonie am nächsten Tag und die anschließende Feier finden hingegen auf einer einsamen Schäreninsel statt.

Mehr wissen wir nicht über unsere Hochzeit. Ich habe die Hoffnung, dass Annas Eltern für alle Entscheidungen einen ähnlich guten Kompromiss gefunden haben, aber Anna ist da deutlich skeptischer.

Wenigstens haben wir noch vier Tage Zeit, um die schlimmsten Entscheidungen geradezubiegen.

Falls wir überhaupt die Chance dazu bekommen.

Immerhin wird es in zwei Tagen eine Probe der Trauung geben, bei der wir sogar anwesend sein dürfen.

Annas Eltern haben eine Menge Gepäck angekündigt und ich freue mich darauf, dass sie eine Weile bei uns bleiben. Annas Vater bringt sogar einen Assistenten mit, für was auch immer.

Daher habe ich einen Minivan gemietet, so dass wir für alle Eventualitäten gerüstet sind.

Anna blinzelt nervös. »Ich bin so gespannt, wie es ist, wenn meine Eltern sich wiedersehen.«

»Meinst du, sie haben sich vermisst?«

»Klar, sie waren fünfundzwanzig Jahre verheiratet!«

Da kann man auch erst mal genug voneinander haben, denke ich, doch ich sage es nicht, weil ich Anna die Vorfreude nicht nehmen will.

»Ich habe schließlich extra unser Bed & Breakfast für beide hergerichtet, mit ihren Hochzeitsfotos und Erinnerungen von früher.«

»Die beiden wissen, dass sie zusammen in einem kleinen, kuschligen Zimmer mit nur einem Bett übernachten?«, frage ich. »Und dass wir kein zweites Zimmer haben?«

Anna schüttelt den Kopf. »Die Hochzeit ist eine Überraschung für uns und das ist eine Überraschung für sie.«

Ich hoffe, dass die Aktion nicht nach hinten losgeht, aber auch das behalte ich für mich.

»Also, pass auf«, sagt Anna. »Meine Mutter kommt hier an Terminal 2 mit dem Flug aus Vancouver an, mein Vater an Terminal 5. Ich hole ihn dort ab und wir treffen uns am bestem in diesem Café.« Sie deutet auf eines der typischen, gesichtslosen Flughafencafés. »Während ihr auf uns wartet, kannst du Margareta ein wenig kennenlernen. Am besten du fühlst schon mal vor, ob sie sich freut, Holger wiederzusehen.«

Ich nicke und schon ist Anna verschwunden wie ein blonder Wirbelwind.

Zum Glück weiß ich dank des Videotelefonats, wie Margareta aussieht. Ich freue mich, sie kennenzulernen, denn sie hat auf mich einen netten Eindruck gemacht, trotz Annas Vorbehalten. Und sehen wir selbst unsere Eltern nicht immer viel kritischer, als sie es verdienen?

Nach einer Weile kommen die ersten Passagiere aus Vancouver an. Margareta erkenne ich sofort, obwohl sie ein wenig gebückt läuft. Wahrscheinlich liegt das daran, dass neben den augapfelgroßen Energiesteinen, die ich schon vom Skypen kenne, auch noch einer um ihren Hals hängt, der fast den Umfang eines Handballs hat.

Zu meiner Überraschung trägt oder rollt sie keinen Koffer, nicht mal eine Tasche.

»Soll ich dir den Stein abnehmen?«, frage ich.

»Meinen Reiseenergiestein?« Sie schaut mich an, als hätte ich so ein Riesending um den Hals hängen. »Wo denkst du hin? Der Achat sorgt dafür, dass ich frisch und munter in Göteborg ankomme.«

Ich nicke so, wie man einer Fünfjährigen zunickt, die einem gerade ihre Theorie der Welt eröffnet hat, in der Einhörner eine entscheidende Rolle spielen. »Wo hast du denn deine Koffer?«

Sie deutet auf einen kleinen, dürren, asiatischen Mann um die fünfzig, der ihr nachfolgt und drei Koffer hinter sich herzieht. »Die trägt mein Freund.«

8

Söhne glauben immer an die Tugend ihrer Mutter,
ebenso die Töchter, aber weniger.
Anatole France, Nobelpreisträger für Literatur

Der kleine asiatische Mann bleibt vor mir stehen und verbeugt sich bis fast hinab zum Boden.

»Das ist Mr. Yin«, sagt Margareta. »Er stammt aus Japan. Wir haben uns im Internet kennengelernt und er hat mich in die Kunst des taoistischen Kamasutras eingeführt.«

So genau wollte ich das zwar gar nicht wissen, aber ich nicke trotzdem freundlich und reiche ihm die Hand.

»Ich freue mich, zu sein in schönes Land hier«, sagt Mr. Yin in gebrochenem Deutsch und lächelt mich stolz an, obwohl sein Satz wie auswendig gelernt klingt.

Anderseits kenne ich bis auf Karate, Kimono und Karaoke überhaupt keine japanischen Wörter und wäre wahrscheinlich auch stolz, wenn ich einen Satz in Japanisch auswendig könnte, also lächle ich ihn anerkennend an und erkläre ihm, dass ich mich auch freue, ihn kennenzulernen.

Er lacht unsicher und nickt, wahrscheinlich hat er mich nicht verstanden. Ich wende mich wieder an Margareta. »Wir treffen Anna in dem Café da vorn.«

Auf dem Weg dorthin läuft Mr. Yin ehrerbietig hinter uns her, fast wie ein Diener.

»Stammt Kamasutra nicht aus Indien?«, flüstere ich Margareta zu.

»Yin ist polyglott.« Sie stupst mich an. »Und ich bin auch irgendwas mit poly.« Margareta muss kichern wie ein Teenager. Ich habe den Witz zwar verstanden, lächle aber nur aus Höflichkeit mit.

»Der Termin auf dem Standesamt war nur ein Scherz, oder?«, fragt Margareta. »Niemand, der noch alle Sinne beisammen hat, heiratet am Freitag, dem 13.«

»In Italien bringt die dreizehn Glück«, entgegne ich.

»Ihr seid aber keine Italiener.« Margareta schüttelt ungehalten den Kopf. »Was für eine Jungfrau mit Aszendent Schütze Glück bringen mag, kann für einen Widder mit Neptun im dritten Haus tödlich sein!«

Ich bin ja eher auf Harmonie gepolt, aber bei offensichtlichem Unsinn kann ich nicht anders, als zu widersprechen. »Wir sind nicht abergläubisch«, sage ich und winke ab.

»Es reicht, dass eure Schutzengel es sind.«

Ich muss an all die Missgeschicke denken, die mir in den letzten Jahren passiert sind, wie ein inkontinenter Geschirrspüler, ein versehentlich eingenommenes Abführmittel und ein perfekter Nachbau der Fischkirche aus Streichhölzern, der in Flammen aufgegangen ist. »Glaub mir, wenn ich einen Schutzengel hätte, dann hätte ich das schon lange mitbekommen.«

»Daran siehst du nur, wie gut er arbeitet.« Margareta streicht über einen ihrer Energiesteine. »Wie auch immer, beim Standesamt ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.«

Ich zucke mit den Schultern, denn Anna wird ihr schon klarmachen, dass es keine Alternative gibt. Keine Sekunde nachdem wir an das Café gekommen sind, nimmt Margareta ihren großen Reiseenergiestein ab, packt ihn in einen Koffer und holt einen kleineren heraus. »Der Bergkristall dient zur Erholung in einer Reisepause«, sagt sie. Angesichts des Gewichtsunterschiedes glaube ich ihr das sofort.

Margareta scheint darüber mehr erzählen zu wollen, aber ich wechsle trotzdem das Thema. »Was wollt ihr denn trinken?«, frage ich.

»Zwei koffeinfreie Latte Macchiato mit laktosefreier Milch«, antwortet Margareta. »Aber nur wenn die Bohnen fair gehandelt sind und bio natürlich.«

Ich nicke und bin schon auf dem Weg zur Theke, als sie mir nachruft: »Und die Milch fettarm, nicht pasteurisiert und nur von glücklichen Kühen, die noch beide Hörner tragen! Aber das ist ja selbstverständlich, oder?«

Nun sind Flughafencafés weltweit eher für ihre Austauschbarkeit und ihre überhöhten Preise bekannt als für ihre Nachhaltigkeit, aber ich versuche mein Glück trotzdem.

Schließlich komme ich mit drei frisch an einem Wasserspender gezapften Pappbechern wieder zurück an den Tisch.

»Das war das einzig ökologisch korrekte Getränk«, sage ich und stelle drei Wasser auf den Tisch.

Margareta mustert die Becher skeptisch.

»Die Pappe ist aus Altpapier«, erkläre ich, bevor meine Schwiegermutter in spe etwas sagen kann.

Mr. Yin scheint sich über das Wasser zu freuen, jedenfalls leert er es in einem Schluck, ich hole Nachschub und das ganze wiederholen wir zweimal.

»Wo übernachtet eigentlich Mr. Yin?«, frage ich, nachdem sein Durst einigermaßen gestillt scheint.

»Na, ihr habt uns doch euer Bed & Breakfast reserviert.« Margareta wirft Mr. Yin einen ziemlich eindeutigen Blick zu. »Wir sind schon ganz ausgehungert nach dem langen Flug.«

9

Auf Reisen lass die Scham fallen.
Japanische Weisheit

Ich beiße mir auf die Lippe, denn eigentlich war das Bed & Breakfast für die Versöhnung von Annas Eltern vorgesehen, nicht für Margaretas private Kamasutra-Vergnügungen.

Auch darüber wird Anna mit ihr reden müssen.

Wenn sie erst einmal den Schock verkraftet hat, dass ihre Mutter nicht mehr Single ist.

Nachdem ich noch einmal einen Becher Wasser für Mr. Yin geholt habe, erklärt er auf Englisch, dass er mal für kleine Japaner müsse und verschwindet auf dem WC.

Kaum ist er gegangen, kommt ein junger Typ mit einer großen Videokamera auf der Schulter auf Margareta und mich zu. Wie ich an dem rot leuchtenden Licht der Kamera erkenne, zeichnet diese gerade auf.

Und zwar Margareta und mich.

Annas Mutter seufzt genervt und ich will den Mann mit der Kamera gerade bitten, mit dem Filmen aufzuhören, als dieser die Kamera von der Schulter nimmt und mit ausgestreckter Hand auf uns zukommt. »Ich bin Erik, der Assistent von Herrn Svenson.«

Noch während ich die Hand des Mannes schüttle, holt er mit der anderen aus seiner Jackentasche eine streichholzschachtelgroße GoPro-Kamera, die normalerweise von Sportlern verwendet wird, um ihre Aktivitäten zu filmen. Ohne zu fragen, heftet er sie mir mit einer Klammer an meinen Mantel und schaltet sie an.

Das Gleiche macht er mit Margareta, die kurz aber erfolglos protestiert. Dann dreht er sich von uns weg und ruft: »Sie können kommen.«

Im nächsten Moment treten Anna und ihr Vater Holger hinter einer Säule hervor, beide rollen zwei randvolle Gepäckwagen vor sich her. Auch an ihrem Oberkörper erkenne ich je eine GoPro mit rotem Aufnahmelicht. Anna wirkt wenig begeistert, doch als sie ihre Mutter sieht, ändert sich ihr Gesichtsausdruck und sie läuft freudestrahlend zu ihr hin.

»Das sind Emotionen!«, ruft ihr Vater. »Live, in Farbe, in Stereo, mit Bildstabilisation.« Dann kommt er auf mich zu und reicht mir die Hand. »Du musst Matthias sein.«

Ich nicke, schüttle seine Hand, will etwas antworten, da ist er schon auf dem Weg zu Margareta. Im Augenwinkel beobachte ich, wie die beiden sich begrüßen, er hält ihr die Backe hin und sie ihm die Hand. Am Ende lächeln sie sich nur verlegen an und sagen leise Hallo.

Dann wendet sich Margareta wieder Anna zu und wohl weil es ihm peinlich ist, allein dazustehen, dreht sich Holger wieder zu mir.

»Was gibt das mit der Kamera?«, frage ich ihn.

»Wir werden die gesamte Hochzeit aufnehmen, jeder Gast erhält eine GoPro und ihr könnt hinterher die Feier aus der Perspektive jedes Besuchers anschauen.«

»Also so wie Täglich grüßt das Murmeltier, nur immer mit dem gleichen Ende?«

Holger nickt. »Und es ist immer ein Happy End.«

Ich suche Annas Blick, doch sie ist in einem intensiven Gespräch mit ihrer Mutter, also wende ich mich wieder Holger zu. »Und wenn ein Gast keine Aufnahmen von sich will?«

»Man filmt ja nicht sich selbst, sondern die anderen Gäste.« Holger deutet auf seine Kamera. »Stell dir mal vor, jemand kommt auf eure Hochzeit und sagt, es darf niemand ein Foto machen, weil er nicht fotografiert werden möchte. Das wäre doch total absurd, oder?«

Ich nicke vorsichtig.

»Eben«, sagt Holger. »Wer auf eine Hochzeit geht, weiß, dass er fotografiert oder gefilmt wird und nichts anderes machen wir.«

»Aber da werden sicher auch einige peinliche Szenen aufgenommen«, sage ich.

Holger winkt ab. »Spätestens in zwanzig Jahren kann jeder darüber lachen.«

Ich deute auf die Kamera. »Aber der Akku hält doch gar nicht die ganze Feier durch, oder?«

»Natürlich sind da nur die leistungsstärksten Akkus drin und ich habe diverse Ersatzgeräte zum Austauschen dabei.«

In dem Moment sehe ich, dass sich Mr. Yin wieder zu uns gestellt hat, ganz unauffällig. Nicht einmal Margareta scheint ihn zu bemerken, jedenfalls unterhält sie sich immer noch mit Anna, weswegen sie ihren Freund nicht vorstellt.

Schließlich sieht Holger Mr. Yin und macht ein paar Schritte auf ihn zu. »Entschuldigung, das hier ist eine private Veranstaltung«, sagt er.

»Ich freue mich, zu sein in schönes Land hier«, antwortet Mr. Yin.

Holger setzt ein unfreundliches Lächeln auf und wiederholt seine Bemerkung auf Englisch.

Mr. Yin lächelt auch und sagt seinen Satz ebenfalls auf Englisch.

Als Holger daraufhin den Kopf schüttelt, wiederholt Mr. Yin seinen Satz auf Schwedisch.

Jetzt endlich bemerkt Margareta ihn und legt ihre Hand auf seine Schulter: »Ich habe glatt vergessen, euch meinen neuen Lebenspartner vorzustellen.«

Anna blickt Mr. Yin geschockt an und Holger entgleist dermaßen das Gesicht, dass er sicher auch in zwanzig Jahren nicht wird darüber lachen können.

10

Wer heiratet, kann die Sorgen teilen, die er vorher nicht hatte.
Unbekannt, aber offensichtlich nicht glücklich verheiratet

Jetzt begrüßen auch die anderen Mr. Yin und er erklärt jedem, dass er sich freut, in diesem schönen Land zu sein.

Holger zögert ein wenig, doch dann steckt er auch Mr. Yin eine GoPro-Kamera an dessen Jacke.

Ich nutze den Moment, nehme Anna beiseite und deute auf Margareta und ihren Partner. »Die beiden gehen übrigens davon aus, dass sie in unserem Bed & Breakfast übernachten.«

Anna seufzt. »Holger auch. Wobei er für seinen Assistenten ein eigenes Zimmer in einem Hotel in der Stadt organisiert hat.«

Ich versuche ein aufmunterndes Lächeln. »Also haben wir in unserem Haus entweder rund um die Uhr Überwachung oder rund um die Uhr Kamasutra.«

»Ich dachte, das kommt aus Indien?«

»Das dachte ich auch.«

»So schnell gebe ich nicht auf«, sagt Anna. »Er liebt sie noch und sie ihn auch.«

»Das sah eben aber nicht so aus.«

»Meine Mutter verdrängt das nur.«

Ich blicke zu Margareta und Mr. Yin, die sich Händchen haltend anhimmeln, als würden sie am liebsten gleich hier am Flughafen mit einer Lektion Kamasutra beginnen.

»Ich hoffe, du hast recht«, sage ich. »Aber momentan werden deine Eltern kaum zusammen in unserem Bed & Breakfast übernachten wollen, oder?«

Anna nickt. »Leider. Ich buche nachher ein Zimmer für meinen Vater und eines für Mr. Yin.«

»Für ihn auch?«

»Dann müssen wir ihn später nicht ausquartieren.«

Anna ist so fest entschlossen, ihre Eltern wieder zusammenzubringen, dass sie wahrscheinlich gleich auf der Heimfahrt nach Göteborg damit anfangen wird. »Ich denke, wir sind komplett«, sage ich und laufe los in Richtung Minivan.

Holger schaut mich irritiert an. »Wann kommen denn deine Eltern?«

»Morgen«, antworte ich.

»Da komme ich wieder mit zum Flughafen, damit wir auch deren Ankunft von Anfang an aufzeichnen.«

Ich nicke, bin jedoch alles andere als begeistert. Zwei Oggersheimer in Schweden, das wird sicher die eine oder andere Verwicklung geben, die dann für immer dokumentiert ist.

Vielleicht sollte ich erst einmal herausfinden, wie man die Videos auf dieser Kamera wieder löschen kann.

»Wir können noch nicht los«, sagt Margareta.

Ich winke ab. »Ich habe einen Minivan gemietet, der hat sechs Sitzplätze, passt also.«

»Und die ganzen Koffer?« Holger zeigt auf die beiden vollgepackten Gepäckwagen, die sein Assistent schiebt.

»Das wird zwar knapp«, antworte ich. »Aber notfalls legen wir ein paar Koffer in den Fußraum.«

Margareta nimmt mich beiseite. »Wir werden ohnehin einen zweiten Wagen nehmen müssen.«

»Ich habe nur einen gemietet«, sage ich. »Es ist nach Göteborg zwar ein Stück zu fahren, aber wenn wir ein wenig zusammenrücken, geht das schon.«

Sie schüttelt den Kopf. »Glaub mir, wir brauchen einen zweiten Wagen.« Sie geht mit mir noch ein paar Schritte weg von den anderen. »In einer Stunde landet mein zweiter Freund, Mr. Yang.« Sie beugt sich noch näher zu mir, zwinkert mir zu und flüstert: »Und Mr. Yin weiß nichts von Mr. Yang und umgekehrt, das heißt, sie dürfen sich keinesfalls sehen.«

11

Yin und Yang, männlich und weiblich, hart und weich, Himmel und Erde,
Licht und Dunkel, Donner und Blitz, kalt und warm, gut und schlecht.
Das ist die Wechselwirkung der gegensätzlichen Prinzipien, die das Universum formen.
Konfuzius, chinesischer Philosoph

Nachdem ich Anna über Mr. Yang eingeweiht habe, ist sie nicht mehr ganz so überzeugt, dass sie ihre Eltern wieder zusammenbringen kann.

Wir entscheiden, dass Anna den Minivan nimmt und ihren Vater, den Assistenten und Mr. Yin in einem Hotel einquartiert, während ich mit ihrer Mutter und Mr. Yang einen zweiten Mietwagen nehme.

Gerade als ich den gebucht habe, stelle ich fest, dass der Flug aus Peking eine Verspätung hat, die selbst die deutsche Bahn vor Neid erblassen lassen würde. Sieben Stunden!

In denen ich nichts über unsere Hochzeit erfahre, denn das soll ja eine Überraschung sein. Stattdessen lerne ich alles über die Anwendungsgebiete der verschiedenen Energiesteine. Leider gibt es keinen, der die Zeit schneller vergehen lässt.

Oder Margaretas Sehnsucht nach ihrem Mann wiederbelebt.

»Du hast also wirklich zwei Partner?«, frage ich sie, um das Thema von den Energiesteinen zu ihrem Ex-Mann zu lenken.

»Ein Mann allein kann nie die Bedürfnisse einer erfahrenen Frau wie mir decken«, sagt sie. »Das habe ich spätestens mit Holger gelernt.«

»Vielleicht ist es gar nicht gut, wenn alle Bedürfnisse gedeckt werden«, antworte ich. »Das Endresultat stelle ich mir vor wie einen kugelrunden Mann, für den jeden Tag Fußballweltmeisterschaft im Fernsehen läuft und der von seiner Frau nur gestört wird, wenn sie ihm ein frisches Bier bringt oder in der Halbzeitpause einen …«

»Ich weiß, worauf du hinaus willst«, unterbricht sie mich. »Aber Frauen sind eben vielschichtiger als Männer. Wir wissen, welche Bedürfnisse uns guttun und welche nicht.«

Ich bezweifle zwar, dass die meisten Männer das nicht wissen, aber ich komme gar nicht dazu, zu widersprechen.

»Das ganze Leben ist Yin und Yang«, sagt Margareta derweil. »Da sollte man auch seine Partner nicht von ausnehmen.«

»Mr. Yin kenn ich jetzt ja schon«, antworte ich. »Aber was zeichnet Mr. Yang denn so aus?«

Margareta lächelt versonnen. »Das wirst du schon noch früh genug selbst entdecken.«

»Und Holger vermisst du nicht?«

»Ich vermisse den Mann, den ich geheiratet habe, nicht den, der er heute ist.« Sie streicht sich durch ihr blondes Haar. »Früher ist er am liebsten mit mir wandern gegangen, nur wir beide, ein Zelt und Proviant. Wir hatten nicht mal eine Uhr dabei. Schau ihn dir jetzt an, er ist ein Technikjunkie und Kontrollfreak.«

Ich nicke. »Energiesteine hattet ihr aber auch keine dabei, oder?«

Das Flackern in ihren Augen verrät, dass ich mit meiner Bemerkung ins Schwarze getroffen habe. Doch es dauert keine Sekunde, dann hat sie an einem ihrer Energiesteine gerieben und wirkt wieder völlig kontrolliert. »Schon klar, ihr Männer müsst immer zusammenhalten.«

»Sorry«, sage ich. »Anna wünscht sich eben, dass ihr wieder zusammenfindet.«

»Wie kann sie sich das wünschen?«, fragt Margareta. »Sie wusste ja nicht mal, dass wir geschieden sind.«

»Das lag nicht an ihr, oder?«

Margareta seufzt. »Wenigstens verteidigst du deine Zukünftige, dann besteht eine Chance, dass ihr besser zusammenpasst als Holger und ich.« Sie räuspert sich. »Können wir jetzt über etwas anderes reden?«

Über was redet man mit der künftigen Schwiegermutter, wenn man die Themen Hochzeit und Ex-Mann nicht ansprechen darf und das Thema Energiesteine nicht mehr hören kann?

Tja, unter Männern wäre das einfach, man unterhält sich über Fußball. Soweit jedenfalls das Klischee.

Und ich habe auch keine Lust, mich über die aktuelle Mode, den neuesten Tratsch aus dem schwedischen Königshaus oder über die letzte Bachelor-Staffel zu unterhalten, um beim Thema Klischee zu bleiben.

»Findest du IKEA-Hotdogs auch so lecker?«, frage ich schließlich, nachdem wir uns fast eine halbe Stunde angeschwiegen haben.

»Ich bin selbstverständlich Veganerin.«

Ich spare mir die Frage, was das für unser Hochzeitsmenü bedeutet, denn das soll ja sicher auch eine Überraschung sein. Jetzt folgt sogar eine Stunde Schweigen, bis ich auf die Idee komme, sie nach Annas Kindheit zu fragen, woraufhin es aus Margareta heraussprudelt wie aus einer überlaufenden Quelle.

Sie erzählt so viel, dass ich mir nur merken kann, dass Anna im Alter von fünf Jahren aus alten Pappkartons und gelber und blauer Farbe einen eigenen IKEA gebaut hat, in dem es Möbel aus Legosteinen zu kaufen gab. Die sie natürlich selbst entworfen hat.

Außerdem hat Anna schon ab der dritten Klasse den Nachbarsjungen Nachhilfeunterricht gegeben, die sich allesamt in sie verliebt haben, was aber nicht auf Gegenseitigkeit beruhte, denn sie waren Anna nicht clever genug.

Dann endlich landet der Flug aus Peking und eine halbe Stunde später kommt ein dicklicher, grauhaariger Chinese mit zwei Koffern aus der Zollabfertigung gelaufen. Noch bevor er uns begrüßt, steckt er sich eine Zigarette an, trotz Rauchverbot.

Margareta stürmt freudig auf ihn zu, doch der Mann zieht erst noch mal an seiner Kippe, bevor er ihr einen Begrüßungskuss gibt.

Schließlich führt sie ihn zu mir und er deutet mit der brennenden Kippe auf sich selbst. »Yang.« Dann zeigt er auf mich und schaut mich fragend an.

»Matthias«, sage ich. »How was your flight?«

Er schaut mich an, als hätte ich Klingonisch mit ihm gesprochen und wie ich mit meinen weiteren Fragen herausfinde, kann er kein einziges Wort Englisch, Deutsch oder Schwedisch. Nein, nicht mal Hello.

Ich reiche ihm die Hand und stecke ihm dann die GoPro an seinen Pullover, die mir Holger als Reserve mitgegeben hat. Mit Hand und Fuß bedeute ich ihm, die Kamera nicht abzunehmen, was er schließlich versteht.

»Wie kommuniziert ihr beide?«, frage ich Margareta auf dem Weg zum Mietwagen.

Ihre Augen strahlen, als hätte dort jemand Weihnachtsbeleuchtung eingebaut. »Ich unterhalte mich mit ihm in Zeichensprache, das hat etwas ausgesprochen Animalisches.«

12

Heiraten ist der Hauptgrund für Ehescheidungen.
Jerry Lewis, amerikanischer Schauspieler

Nachdem wir irgendwann in der Nacht total übermüdet in Göteborg angekommen sind und ich Margareta und Mr. Yang in unserem Bed & Breakfast untergebracht habe, hätte ich heute gerne ausgeschlafen.

Schließlich haben Anna und ich extra freigenommen, um uns um die Hochzeit und unsere Eltern zu kümmern.

Wobei wir für die Hochzeit nichts vorbereiten können, solange wir nicht wissen, was geplant ist.

Außerdem darf ich meine Eltern vom Flughafen abholen. Wenigstens muss ich dafür nicht wieder durch halb Schweden nach Stockholm fahren, sondern nur zum Göteborger Flughafen Landvetter, der auch von Deutschland aus angeflogen wird.

Anna bleibt derweil bei ihrer Mutter und versucht, die Verwirrungen mit Mr. Yin und Mr. Yang aufzulösen, sowie zu erfahren, wie es zu der Episode mit dem Schornsteinfeger und damit zur Scheidung gekommen ist. Sie hofft, dass sie danach die Lösung in den Händen hält, um ihre Eltern wieder zusammenzubringen.

Wie angekündigt, begleitet mich Holger, natürlich mit mehreren Kameras und seinem Assistenten im Gepäck.

Wegen dem ganzen Kram musste ich schon wieder den Car-Sharing-Minivan mieten, zumal mein Vater vor Monaten angekündigt hat, jedem männlichen Hochzeitsgast ein Trikot des SV Südwest Ludwigshafen zu schenken, wofür er mindestens zwei Koffer benötigen würde.

Natürlich überprüft Holger, dass ich die GoPro noch an meinem Mantel angesteckt habe, nimmt sie ab und ersetzt sie durch ein Modell mit frischem Akku.

Die Fahrt zum Flughafen ist immerhin eine gute Gelegenheit, meinen zukünftigen Schwiegervater zu unserer Hochzeit auszufragen. »Wie macht ihr das eigentlich mit dem Hochzeitsmenü, wenn die Gäste irgendeine Unverträglichkeit haben?«, frage ich, kaum sind wir aus der Innenstadt heraus.

»Um das Essen kümmert sich meine Ex-Frau.«

»Und welche Musik wird so gespielt?«

»Darum kümmert sich auch Margareta.«

»Und was ist mit den Hochzeitsspielen?«

»Das ist Margaretas Job.«

»Und um was kümmerst du dich?«

Er lächelt mich breit an. »Das ist ein Geheimnis.«

Die restliche Fahrt erfahre ich nur, welche tollen Sachen man alles mit der GoPro aufnehmen kann, doch nichts über die Hochzeit.

Als wir schließlich in die Ankunftshalle des Flughafens laufen, schultert der Assistent seine große Videokamera, damit auch jede Gefühlsregung von mir und meinen Eltern in Großaufnahme zu sehen ist, wenn sie eintreffen.

Es ist über ein Jahr her, dass ich sie das letzte Mal gesehen habe, schließlich lebe ich jetzt in Schweden und sie in Ludwigshafen-Oggersheim, wo man offensichtlich nichts von der Existenz diverser Billigfluganbieter mitbekommen hat.

Und wenn ich geschäftlich in der alten Heimat war, hatten sie nie Zeit für mich oder ich nicht für sie.

Wahrscheinlich sind wir zusammen schuld daran, dass zwischen uns so lange Sendepause war.

Aber das kann sich jetzt ja ändern.

Endlich landet das Flugzeug aus Frankfurt. Kurz darauf trippelt meine Mutter in doppelter Rentnergeschwindigkeit aus der Zollabfertigung, was möglicherweise daran liegt, dass sie nur einen Handgepäckkoffer hinter sich herzieht.

Ich umarme sie freudig. »Wo ist denn Papa?«, frage ich. »Noch auf dem WC?«

Meine Mutter zuckt mit den Schultern. »Wahrscheinlich ist er das«, sagt sie. »Kann ich ja jetzt nicht kontrollieren, was er daheim in Ludwigshafen macht.«

13

Bei einem Fußballspiel verkompliziert sich allerdings alles durch die Anwesenheit der gegnerischen Mannschaft.
Jean-Paul Sartre, französischer Philosoph und Schriftsteller

Es dauert eine Weile, bis ich mich wieder gefangen habe, was auch daran liegt, dass die Kamera des Assistenten die ganze Zeit voll auf mich draufhält. Das ist schlimmer als bei Big Brother, denn im Gegensatz zu den Kandidaten dort habe ich mein Schamgefühl nicht an der Garderobe abgegeben. Und das, was bei einem durchschnittlichen Mitteleuropäer an Ehre übrig geblieben ist, auch nicht.

»Er ist daheim geblieben?«, frage ich noch mal und bin versucht, mich zu zwicken.

»Ich hab ihn gebeten, er solle wenigstens anstandshalber mitkommen.« Meine Mutter zuckt mit den Schultern und rückt die GoPro an ihrer Bluse zurecht, die ihr Holger zwischenzeitlich verpasst hat. »Aber er wollte dieses blöde Fußballspiel nicht verpassen.«

Ich war häufig genug selbst Überbringer schlechter Nachrichten, so dass ich versuche, meine Mutter nicht für seine Entscheidung verantwortlich zu machen und daher auch nicht mit ihr darüber diskutiere. Also nehme ich mein Handy und wähle die Nummer meiner Eltern.

Ich stelle mich ein wenig abseits, damit nicht jeder mitbekommt, worüber wir reden. Zwar zeichnet die GoPro alles auf, aber ich werde die Löschfunktion schon noch finden. Es dauert ein wenig, bis mein Vater abnimmt, dann höre ich als Erstes die Klospülung und schließlich fragt er: »Wer stört?«

Ich melde mich und nach dem kurzen Smalltalk, der sich bei uns auf je einen Satz zum Allgemeinzustand beschränkt, frage ich: »Ein Fußballspiel ist dir wichtiger als meine Hochzeit?«

Er räuspert sich. »Bei einer Hochzeit steht das Ergebnis schon fest, bei einem Fußballspiel nicht.«

»Südwest verliert doch ohnehin wieder, die sind in den letzten vier Jahren dreimal abgestiegen!«

»In solch einer Situation zeigt sich der wahre Fan.«

»Das sagst du schon seit zehn Jahren.« Ich räuspere mich. »Hat es irgendetwas gebracht?«

»Sie hätten in den zehn Jahren auch zehnmal absteigen können.«

»Tiefer als die Kreisklasse geht gar nicht.«

»Und da sind wir dank meines Einsatzes noch nicht angekommen.« Ich glaube tatsächlich, eine Spur Stolz in der Stimme meines Vaters zu erkennen.

»Jedes Jahr nach dem Saisonauftakt bist du dermaßen enttäuscht, dass du dich tagelang im WC verbarrikadierst und kein Wort mehr redest.« 

»Das stimmt«, sagt er und wirkt einen kurzen Moment lang einsichtig. »Aber nur bis zum nächsten Spieltag.«

»Danach ist es dann noch schlimmer.«

»Dieses Mal wird alles anders. Wir haben auf dem Transfermarkt so richtig zugeschlagen. Da sind richtige Granaten dabei, der Hans-Peter Kaltz, das ist der Vorderpfalz-Messi.«

»Wieso? Lässt der in der Ankleidekabine seine ganzen Sachen rumliegen?«

So ist mein Vater, statt über seine Entscheidung zu diskutieren, verwickelt er mich in eine Diskussion über Fußball. Doch heute kann ich das nicht zulassen. »Du willst also wirklich die Hochzeit deines einzigen Sohnes verpassen?«, unterbreche ich seine Ausführungen über die Dribbelkünste dieses angeblichen Vorderpfalz-Superstars.

»Was meinst du, wofür die Sommerpause erfunden wurde?«, entgegnet mein Vater und antwortet auf seine Frage, bevor ich es kann. »Für Hochzeiten, Kinderkriegen und zur Saisonvorbereitung. Was also kann ich dafür, wenn ihr nicht in der Lage seid, einen Termin in der Sommerpause zu finden, sondern euch ausgerechnet den wichtigsten Tag des Jahres aussucht?«

»Am zweiten Spieltag hättest du doch auch keine Zeit«, sage ich. »Und am dritten genauso wenig, oder?«

»Das ist eben eine Serie, die ich nicht abreißen lassen darf.«

»Jede Serie endet irgendwann, spätestens mit dem Tod«, antworte ich. »Und ist es am Ende nicht egal, ob du 500 oder 501 Spiele deines Teams gesehen hast?«

»Es sind 861«, antwortet er. »Und da sind die Freundschaftsspiele gar nicht mitgerechnet.«

»Hast du denn gar kein Interesse an meiner Hochzeit?«

»Ich hatte nicht mal an meiner eigenen Hochzeit Interesse.« Er räuspert sich. »Nur an der Hochzeitsnacht danach. Das Interesse an der Feier täuschen alle anderen Männer doch nur vor oder sind froh, sich an der Hochzeitsbar kostenlos betrinken zu können. Ich bin wenigstens ehrlich zu dir. Oder möchtest du, dass unser Vater-Sohn-Verhältnis auf einer Lüge basiert?«

Ich muss diese Frage verneinen, doch gleichzeitig habe ich keine Ahnung, worauf unser Verhältnis sonst basiert. Jedenfalls seit ich mit sechzehn beschlossen habe, dass Fußball doof ist, zumindest außerhalb der Weltmeisterschaften.

»Schau mal«, sagt mein Vater schließlich. »Du kannst jedes Jahr heiraten, aber den Auftakt der Bezirksligasaison Vorderpfalz gegen den 1. FC 08 Haßloch erlebt man nur einmal im Leben.«

»Anna ist meine große Liebe«, sage ich. »Und ich heirate sie nur einmal und dann nie wieder.«

»Tja«, sagt mein Vater. »Und der SV Südwest Ludwigshafen ist eben meine große Liebe. Und wie du weißt, kann man sich die nicht aussuchen, sondern sie sucht einen. Und mich hat sie gefunden.«

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960875574
ISBN (Buch)
9783960875628
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v459417
Schlagworte
Hochzeit Heiraten Humor-volle-r-Liebes-Roman-e romantische Komödie Fettnäpfchen humorvolle-Liebes-Geschichte-n Matthias Käfer

Autor

  • Thomas Kowa (Autor)

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Titel: Mein Leben mit Anna von IKEA – Hochzeit