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Das Herz der Highlands

von Kathleen Givens (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

England, 1290: Als die junge Rachel de Anjou mit ihrer Familie aus London verbannt wird, bricht es ihrer besten Freundin Isabel de Burke das Herz. Jedoch hat sie kaum Zeit für ihren Kummer, denn als sie überraschend an den englischen Hof gerufen wird, sieht sie sich mit ganz anderen Problemen konfrontiert. Sie gerät in ein Spiel aus Verführung und Intrigen – und plötzlich muss die junge Frau um ihr Leben fürchten. Nur der Schotte Rory MacGannon steht ihr zur Seite und kann ihr zur Flucht verhelfen. Unterdessen lässt sich Rachel in der ruhigen schottischen Stadt Berwick nieder. Dort lernt sie den attraktiven Kieran MacGannon kennen und trifft schließlich sogar Isabel wieder. Endlich scheint die Welt der beiden Freundinnen in Ordnung zu sein. Doch der Friede hält nicht lange an, denn ein Kampf um die schottische Krone bricht aus und die jungen Frauen befinden sich zwischen den Fronten ...

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe 2006
Überarbeitete Neuausgabe März 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-651-9
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-737-0

Copyright © 2006 by Pocket Books, a division of Simon & Schuster Inc., New York
Titel des englischen Originals: Rivals for the Crown

Copyright © September 2008, Blanvalet, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH, München
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits September 2008 bei Blanvalet, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH, München erschienenen Titels Das Herz der Highlands.

Übersetzt von: Katharina Volk
Covergestaltung: Cover Up Buchcoverdesign
Korrektorat: Susanne Meier

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Für meine Schwestern – leiblich, angeheiratet oder auserwählt: Ihr seid mir unendlich kostbar.Und für Lily, Kate, Mikayla, Gavin, Michael, John, Patty, Kerry und Russ, wie immer Russ, weil ihr mir ein so reiches Leben beschert.

Liste der wichtigsten Personen

In England

Isabel de Burke – Urenkelin eines Königs, Hofdame von Königin Eleanor von England

Isabels Großmutter – uneheliche Tochter eines Königs

Rachel de Anjou – Isabels beste Freundin

Sarah de Anjou – Rachels Schwester

Jacob de Anjou – Rachels Vater

Edward Plantagenet – König von England, auch bekannt als Longshanks („Langschenkel“) oder Edward von England

Eleanor Plantagenet – Königin von England

Walter Langton – Bischof und Kämmerer, später Lordschatzmeister

Alis de Braun – Hofdame von Königin Eleanor

Lady Dickleburough – Hofdame von Königin Eleanor

Henry de Boyer – Ritter im Gefolge König Edwards

 

In Schottland

Margaret MacDonald MacMagnus – Lady of Loch Gannon, verheiratet mit Gannon MacMagnus

Gannon MacMagnus – halb Ire, halb Nordmann, Krieger, Clanoberhaupt und Laird of Loch Gannon, verheiratet mit Margaret

Rory MacGannon – jüngerer Sohn von Margaret und

Gannon Magnus MacGannon – älterer Sohn von Margaret und Gannon

Drason Anderson – Nordmann von Orkney, ein Freund von Margaret und Gannon

Nell Crawford – Margarets Schwester, verheiratet mit Liam Crawford

Liam Crawford – Nells Ehemann, Neffe von Ranald

Crawford und Cousin von William Wallace

William Wallace – Liams Cousin, der zum Wächter von Schottland und Anführer der schottischen Armee ernannt werden soll

Ranald Crawford – Onkel von Liam und William, Sheriff von Ayr

Davey MacDonald – jüngerer Bruder von Margaret und Nell

Kieran MacDonald – Daveys ältester Sohn, Rorys Cousin 

Edgar Keith – jüngerer Sohn eines Wollhändlers

Robert Bruce der Jüngere – Enkel von Robert, der Anspruch auf den Thron von Schottland erhob, später Robert I. von Schottland

Erster Teil

The holly and the ivy
Are plants that are well known
Of all the trees trat grow in the woods
The holly bears the crown.
Stechpalme und Efeu Sind wohlbekannte Pflanzen
Von allen Bäumen in den Wäldern Trägt die Stechpalme die Krone.

Traditionelles englisches Volkslied

Prolog

London

Juli 1290

»Rachel! Rachel, wach auf!«

Anfangs fügte sich Sarahs Flüstern in ihren Traum ein. Rachel wandte sich von der Angst in der Stimme ihrer Schwester ab. Sie hatte vom Winter geträumt, von Schnee, der sacht aus einem hellen Himmel fiel. Sie und Sarah hatten als kleine Mädchen darin getanzt und lachend die Flocken mit ihren kleinen Händen aufgefangen. Dann war ein gequälter Schrei aus Sarahs Mund gedrungen, der Himmel hatte sich verdunkelt, und der Schnee war zu Regen geworden. Rachel kletterte mühsam zurück in die Welt. Ihr Geist sträubte sich dagegen, denn was auch immer Sarah Angst gemacht hatte, würde auch sie ängstigen.

»Wach auf!« Sarah rüttelte Rachel an der Schulter.

Rachel schlug die Augen auf. Es war noch dunkel. Und obgleich Sommer war, lag ein kalter Hauch in der Luft. Draußen trommelte der Regen auf das Dach unmittelbar über ihren Köpfen, und die Fensterläden klapperten, wenn der Wind sie gegen die hölzernen Fensterrahmen schlug. Jetzt hörte sie es auch – ein schreckliches Hämmern an der Tür und laute, zornige Männerstimmen.

»Sie sind hier«, flüsterte Sarah.

Rachel richtete sich auf, mit einem Schlag hellwach. Sie wusste, wen Sarah meinte: Die Männer des Königs waren gekommen, um sie aus ihrem Haus zu vertreiben. Eben das, was Mama vorhergesagt hatte, war eingetreten. Und Mama hatte Vorbereitungen getroffen. Papa, stets zuversichtlich, hatte behauptet, ihre Familie würde von alledem unberührt bleiben, ganz gleich, was in König Edwards Edikt stand.

Sie konnte die Stimme ihres Vaters aus dem Schlafgemach der Eltern unter ihnen hören. Das Hämmern an der Tür brach ab. Der Regen war zu laut, als dass sie die Worte hätte verstehen können, doch Papa sprach einige Augenblicke, ehe hastige Schritte auf der Treppe seine Stimme übertönten. Die Tür zu ihrem Schlafzimmer wurde aufgestoßen, und Mama eilte herein.

»Zieht euch an, Mädchen«, sagte sie beinahe flüsternd, noch damit beschäftigt, ihre eigenen Gewänder zu schließen. »Denkt an die Bündel unter euren Kleidern. Sagt nichts. Ganz gleich, was geschieht, widersprecht den Männern nicht. Und falls … falls es zu Gewalttätigkeiten kommen sollte … lauft weg. Denkt an den Plan.«

Sarah nickte. Sie war bereits aus dem Bett gesprungen und zog mehrere Röcke über das Hemd, in dem sie geschlafen hatte.

»Mama«, sagte Rachel, doch ihre Mutter schüttelte hektisch den Kopf.

»Zieh dich an. Kein Wort mehr. Los doch, Rachel! Bitte widersprich mir dieses eine Mal in deinem Leben nicht. Tu einfach, was ich dir sage.« Damit war sie verschwunden.

Die nächsten Augenblicke verschwammen in Hast, als sich Rachel und Sarah anzogen und die vorbereiteten Bündel unter ihre Kleider stopften; sie banden einander kleine Säckchen um die Knie, wo sie unter ihren Röcken verborgen sein würden. Die Bündel, die sie sichtbar bei sich tragen würden, enthielten nur Kleidung und ein paar kleine Schätze, die niemanden verwundern würden: Bänder für ihr Haar, einen Glücksstein, einen Spitzenkragen, eine Umhangfibel. Nichts, was Verdacht erregen könnte. Man hatte sie gut unterwiesen. Doch Rachel hatte nicht geglaubt, dass es je so weit kommen würde. Trotz all ihrer Vorbereitungen, trotz Mamas Anweisungen und Ermahnungen, hatte Rachel nicht geglaubt, dass sie tatsächlich würden gehen müssen.

König Edward hatte am 18. Juli sein Edikt verkündet, mit dem er alle sechzehntausend Juden, die in England lebten, aus seinem Königreich auswies. Binnen weniger Tage hatten sich die Straßen Londons mit jenen gefüllt, die den Exodus anführten. Manche hatten einfach alles zurückgelassen, was sie nicht tragen konnten, und ihre Häuser und Läden so verlassen, wie sie waren. Andere hatten versucht, ihre Geschäfte und Wohnhäuser zu verkaufen, und einige hatten auch einen fairen Preis bekommen, die meisten hatten sich jedoch mit einem Bruchteil des Wertes abspeisen lassen. Sie zerstreuten sich in alle Winde, kleine Stadtviertel und Familien wurden auseinandergerissen, vielleicht für immer.

Viele Juden hatten aber auch erklärt, dass sie nicht fortziehen würden, weil König Edward in der Vergangenheit als ihr Beschützer aufgetreten war. Hatte er sie nicht erst vor wenigen Jahren hinter den Mauern des Tower of London in Sicherheit gebracht und beschützt? Er würde sie jetzt nicht im Stich lassen. Das Ausweisungsedikt, hatten sie behauptet, sollte nur die Gemüter derjenigen besänftigen, die die Stimme gegen die Juden erhoben hatten – ein politisches Manöver Edwards. Weiter nichts. Doch andere erinnerten sich noch an damals, als Edward die Geldverleiher im Tower eingekerkert hatte. Hunderte waren gestorben.

Zunächst hatte man die Juden nicht massenweise zusammengetrieben, und niemand hatte jene massakriert, die nicht auf der Stelle fortgezogen waren. Doch manche hatte es härter getroffen als die meisten anderen. Mehrere Familien waren bereits mitten in der Nacht aus den Betten gerissen, aus ihren Häusern geworfen und zum Stadttor eskortiert worden; man hatte sie aus der Stadt gejagt und sich selbst überlassen. Diese Vorfälle schienen keinem bestimmten Muster zu folgen, doch seit beinahe zwei Wochen geschah so etwas täglich. Und nun, am 30. Juli, waren sie an der Reihe. Ihr Vater war so sicher gewesen, dass man sie verschonen würde.

Dies hier ist nicht wirklich. Ich bin in einem Traum, und wenn ich aufwache, tanze ich mit Sarah in einem Schneesturm. Dies hier ist nicht wirklich.

»Beeile dich!«, sagte Sarah. »Schneller! Ich kann sie schon auf der Treppe hören.«

Sie waren kaum fertig angekleidet, als der erste Soldat vor ihrem Schlafgemach erschien. Er war älter, und sein grau meliertes Haar ringelte sich störrisch unter dem Helm der königlichen Wache hervor. Er salutierte.

»Meine Damen. Man hat Euch bis Tagesanbruch Zeit gewährt, Eure Habseligkeiten zu packen.« Er blickte auf das dunkle Fenster. »Nicht mehr lange.«

»Und wenn wir bis dahin nicht reisefertig sind?«, fragte Rachel.

»Rachel!«, rief Sarah.

»Mein Befehl lautet, dafür zu sorgen, dass Ihr die Stadt verlasst. Wenn Ihr weiterleben wollt …« Er zuckte mit den Schultern, als sei ihm das völlig gleichgültig.

Rachel nickte knapp. Von diesem Mann konnten sie keinerlei Gnade, keinen kleinen Akt der Güte erwarten. Er beobachtete mit steinerner Miene, wie sie das Bett abzogen und die Laken verknoteten. Sarah, den Kopf noch über das Bündel Leinen gebeugt, griff nach ihrem Ränzel. Sie hielt den Blick gesenkt, schob sich an dem Mann vorbei und lief die Treppe hinunter.

Rachel ließ ein letztes Mal den Blick durch den Raum schweifen, in dem sie ihr Leben lang geschlafen hatte – über die leere Bettstatt, deren Matratze in den Seilen durchhing, über die leeren Haken an der hölzernen Wand, an der ihre Kleider gehangen hatten. Über den schmiedeeisernen Kerzenständer auf dem Tischchen in der Ecke, mit der einen kostbaren Kerze darin, die ihnen an Winterabenden erlaubt war. Sie griff nach dem Kerzenhalter und hörte, wie sich der Mann von der Wache räusperte. Sie blickte über die Schulter zurück. Er fing ihren Blick auf und schüttelte den Kopf. Sie zog die Hand zurück, als würde sie der Kerzenständer verbrennen, und spürte, wie ihr die Hitze ins Gesicht stieg. Einen verrückten Augenblick lang wollte sie ihn anschreien, wie erbärmlich es sei, dass er ihr ein so kleines Ding wie diesen Kerzenständer wegnahm, da er ihr doch schon ihr Zuhause und ihre Vergangenheit entriss, doch sie blieb still und lief ihrer Schwester nach.

Unten packte ihr Vater seine Bücher in eine Tasche aus Öltuch, darunter seinen Sidúr, das Gebetbuch, und den Tanach, das Alte Testament, das sein Großvater ihm geschenkt hatte. Die Menora und der Talít, der Gebetsmantel, den er am Sabbat brauchte, lagen schon in einem Holzkästchen zu seinen Füßen. Draußen hörte sie das Rattern des Karrens, den ihre Mutter bereits bestellt hatte, nur für alle Fälle. Sie konnte Tränen in den Augen ihres Vaters erkennen, während er emsig packte, doch er sah sie nicht an. Auch die beiden jüngeren königlichen Wachen, nur wenig älter als sie und Sarah, wichen ihrem Blick aus. Einer bedeutete ihr, ins Hinterzimmer zu gehen, auch das, ohne sie anzusehen. Rachel blieb wie angewurzelt stehen und starrte ihn an. Er wollte, dass sie in das dunkle Hinterzimmer ging. Mit ihm. Allein. Sie spürte eine Hand auf der Schulter, drehte sich um und blickte in die Augen ihrer Mutter, in denen gut verborgener Zorn glomm.

»Der Karren ist hier«, sagte Mama leise, in einem zaghaften, bescheidenen Tonfall, den Rachel noch nie von ihr gehört hatte. »Dürfen wir ihn bitte beladen?«

Der Soldat musste genickt haben, denn Mama hob eine Kiste hoch und trug sie zur Haustür hinaus. Rachel tat es ihr gleich und war froh, nach draußen zu kommen, wo sich der Regen zu einem leichten Nieseln abgeschwächt hatte. Der Fuhrmann hielt sie mit erhobener Hand zurück. »Erst wird bezahlt«, knurrte er.

»Wir werden Euch bezahlen, sobald wir sicher aus der Stadt gelangt sind«, sagte Mama. »So war es vereinbart.«

Der Fuhrmann lachte kehlig. »Dann tragt Eure Kisten selber, Madam. Ihr habt ja noch bis Tagesanbruch Zeit.«

Ihre Mutter straffte die Schultern, gab jedoch mit einem Nicken nach und reichte dem Mann die Münzen aus ihrer Rocktasche. Er schüttelte den Kopf und nannte einen exorbitanten Preis.

»Das entspricht nicht unserer Abmachung!«, sagte Mama, die nun ein wenig ängstlich klang.

»Tagesanbruch«, wiederholte der Fuhrmann. »Überlegt es Euch.«

»Wir nehmen den Karren«, sagte Jacob de Anjou und beugte sich an Mama vorbei, um dem Mann das restliche Geld zu geben. Der Fuhrmann überprüfte jede Münze mit einem kräftigen Biss und brummte dann.

»Aufladen müsst Ihr schon selber. Nur zwei fahren mit. Die anderen laufen.«

Sie brauchten keine Stunde, um alles aufzuladen. Sarah und ihre Mutter fuhren hinten auf dem Karren mit, und sie machten sich auf den Weg durch die feuchten Straßen. Als der Himmel heller wurde, konnte Rachel die Angst in den Gesichtern ihrer Eltern deutlich erkennen. Der Tag war beinahe angebrochen, und sie mussten noch einen weiten Weg innerhalb der Stadt zurücklegen.

Sie hatte sich nicht nach ihrem Haus umgeblickt, denn sie wollte nicht einmal insgeheim daran denken, dass sie vielleicht nie hierher zurückkehren würde. Sie hatte die wenigen Gesichter hinter den Fenstern über der Straße nicht zur Kenntnis genommen, als sie das Haus verlassen hatten. Sie hatte diese Menschen seit ihrer Kindheit gekannt, doch keiner von ihnen hatte ihnen beigestanden, niemand hatte auch nur Bestürzung kundgetan. Niemand hatte ein Wort zu ihnen gesprochen, nicht einmal Lebewohl. Es war, als hätte sie diese Menschen nie gekannt.

Ihre Familie hatte viel zurückgelassen – sämtliche Möbel, bis auf ein paar Hocker –, aber sie hatten die Bücher ihres Vaters, den kostbaren Servierteller ihrer Mutter, die kleine Aussteuertruhe ihrer Schwester und drei weitere Truhen voll Habseligkeiten. Ihre Mutter hatte sich seufzend in der Küche umgeblickt und ein letztes Mal den Tisch getätschelt, an dem sie Tag für Tag gearbeitet hatte. Rachel hatte sich von diesem Anblick abgewandt, denn der Zorn drohte sie zu überwältigen. Was hatten sie und ihre Familie getan, dass sie so etwas verdienten? Sie waren gute Bürger Londons gewesen, gute Untertanen des Königs. Ihre Gebräuche und ihr Glauben mochten sich von jenen der Christen unterscheiden, doch sie beteten zu demselben väterlichen Gott, gehorchten denselben Gesetzen. Welche Sünden sollten sie an dieser Gesellschaft begangen haben, dass sie nun zu Ausgestoßenen wurden?

Und was würde aus jenen Juden werden, die allen Warnungen zum Trotz in der Stadt blieben, denjenigen, die sie nun beobachteten – würden sie für diese Entscheidung teuer bezahlen? Würden die Soldaten wahrhaftig all jene töten, die zurückblieben? Sie wollte nicht daran denken, wollte sich ihre Namen nicht ins Gedächtnis rufen. Sie wollte nicht an den Jungen denken, der versprochen hatte, um sie zu werben, wenn sie älter waren – auch er hatte schweigend zugesehen, als sie mit ihrer Familie aufgebrochen war. Sie wollte nicht an Isabel denken, ihre liebste Freundin, die nie erfahren würde, was aus ihnen geworden war – die nur wissen würde, dass Rachel sie ohne ein Wort des Abschieds verlassen hatte.

Es wurde heller, und es hatte aufgehört zu regnen. Doch noch immer befanden sie sich in London. Weitere jüdische Familien waren auf dem Weg aus der Stadt, Menschen mit Bündeln und Babys in den Armen eilten der Stadtmauer zu. Karren wie der ihre bedrängten einander um bessere Plätze in der Schlange, die sich vor dem Aldgate gebildet hatte. Ihr Fuhrmann fluchte und trieb sein Pferd mit der Peitsche auf das Tor zu. Rachel und ihr Vater hielten sich mit einer Hand am Wagen fest, beunruhigt von dem Gedränge um sie her und der Angst, die plötzlich in der Luft lag.

Von oben bewarfen Jungen sie mit verfaultem Obst, doch niemand beklagte sich. Alle dachten nur an den bevorstehenden Sonnenaufgang und die Schlange, die sich nur langsam durch das Tor nach draußen wälzte. Und dann wurde ihre Mutter mit Kot beworfen, und ein dunkler Fleck breitete sich an der Schulter ihres Kleides aus. Ihr Vater wirbelte herum, das Gesicht vor Zorn verzerrt.

»Nein!«, rief Mama. »Jacob, nein! Achte gar nicht darauf.«

Jacob wurde als Nächster getroffen, und sein Gesicht verfärbte sich scharlachrot. »Ist es nicht genug, dass wir aus unseren eigenen Häusern vertrieben werden? Ist es nicht genug, dass wir wie Vieh durch die Straßen gejagt werden? Müssen wir auch noch diese Demütigung hinnehmen? Das ist mehr, als ich ertragen kann!«

Ihre Mutter packte ihn am Arm. »Jacob, sei vernünftig! Sie sind gar nichts, diese Jungen, die uns mit Mist bewerfen. Sie wollen, dass du zornig wirst. Sie wollen, dass du ihnen nachläufst, um sie zur Rede zu stellen. Und was dann? Wir wären bei Tagesanbruch immer noch hier. Und was wird dann mit dir, mit uns geschehen? Achte nicht auf sie. Sie sind nichts. Dies hier ist nichts. Wir werden diesen Tag überleben.«

Sie starrten einander in die Augen. Und dann nickte Jacob. Plötzlich brach hinter ihnen ein kleiner Aufruhr aus, und eine Truppe der königlichen Kavallerie sprengte durch die Menge. In einer prunkvollen Zurschaustellung von Waffen und Rüstungen bildeten sie eine Gasse vor dem Tor, und die Atemwolken der Pferde wirkten in der ungewöhnlich kühlen Morgenluft wie Rauch von kleinen Höllenfeuern. Rachel blickte den Männern des Königs ins Gesicht, sah in den Himmel und beobachtete die Blicke, die die Reiter wechselten. Würden die Soldaten Befehl erhalten, über jene herzufallen, die bei Sonnenaufgang noch in London waren? Sie begann für ihre Familie und für die vielen Menschen hinter ihnen zu beten. Noch zehn vor ihnen in der Schlange, dann sechs.

Und dann hörte sie Isabels Stimme.

»Rachel! Rachel!«

Nur Isabel de Burke war tapfer genug, sich diesem Irrsinn zu stellen, dachte Rachel und schöpfte ein wenig Mut. Ein Mensch in ganz London scherte sich noch darum, ob sie lebte oder starb.

»Isabel!«, rief sie und stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihre Freundin zu entdecken. »Isabel!«

Die Schlange rückte weiter, und Jacob packte sie am Arm.

»Nicht stehen bleiben, Rachel.«

»Aber Papa, Isabel ist hier! Woher kann sie das wissen?«

»Sie lebt bei Hofe«, sagte er. »Dort wissen es wohl alle.«

»Rachel!« Isabels Stimme klang nun lauter.

Eine schlanke Hand mit langen Fingern winkte verzweifelt über das Gedränge hinweg, und endlich entdeckte Rachel ihre Freundin. Isabels hellbraunes Haar war zerzaust und fiel ihr offen über die Schultern, als habe sie sich eben hastig aus dem Bett erhoben. Sie war wie eine Dienstmagd gekleidet, einfach und trist, doch die Verkleidung war wenig überzeugend. Dienstmägde hatten nicht so feine Gesichtszüge und strahlten keine so seltene Schönheit aus. Rachel stiegen Tränen der Dankbarkeit in die Augen, weil ihre Freundin nach ihr gesucht hatte.

»Hier! Isabel, hier bin ich!«

»Dafür haben wir keine Zeit, Rachel!«, schalt Jacob. Rachel blieb stehen, wo sie war, und winkte mit dem hochgereckten Arm. Die Gruppe vor ihrer Familie verhandelte mit den Torwächtern, und nun wurde ihr klar, warum sie so lange warten mussten. Die Neuigkeit verbreitete sich unter den Wartenden hinter ihr, und sie konnte die Wut und Angst der Leute beinahe riechen. Die Männer des Königs ließen ihre Pferde auf dem Boden scharren, als warteten sie ungeduldig darauf, sich an die Arbeit zu machen.

»Ich dachte schon, ich würde euch nie finden!« Isabel schob sich durch die Menge und umarmte Rachel.

»Ich konnte dir keine Nachricht mehr schicken! Soldaten kamen und –«

»Ich habe gehört, was vor sich ging, und bin zu eurem Haus gelaufen«, erklärte Isabel keuchend, »aber ihr wart nicht mehr da. Ach, Rachel! Wo wollt ihr hin? Sir, wohin werdet Ihr Euch wenden?«

Jacobs Miene wurde weicher. »Ich weiß es nicht, Isabel. Ich weiß es wirklich nicht.«

»Ich hätte nie gedacht, dass der König sein Edikt mit Gewalt durchsetzen würde!« Isabels Augen waren vor Sorge weit aufgerissen. »Ihr habt im ganzen Land kein sicheres Geleit mehr. Ihr steht unter keinerlei Schutz! Die Reise wird gefährlich sein. Ihr wisst ja, wie gefahrvoll die Straßen ohnehin schon sind!«

»Uns bleibt keine andere Wahl«, entgegnete Jacob.

»Ich wünschte, ich hätte wenigstens Geld oder die Macht, euch Männer mitzugeben! Gebt acht, gebt gut auf euch acht!« Isabel weinte und drückte Rachel fest an sich. »Ich kann es nicht ertragen! Es wird unendlich lange dauern, bis wir uns wiedersehen!«

»Isabel, wir werden einander niemals wiedersehen!«

»Nein, nein, das darfst du nicht sagen!«, rief Isabel. »Wir werden uns wiedersehen. Du musst daran glauben! Wir müssen beide fest daran glauben! Wir werden auf ewig Freundinnen sein. Nichts, nicht einmal dies hier, wird etwas daran ändern!«

»Rachel, komm!«, sagte Jacob, als sie an der Reihe waren, das Tor zu passieren. Er reichte dem Torwächter einige Münzen und drehte sich zu Rachel um. »Lebt wohl, Isabel. Ich danke Euch dafür, dass Ihr meiner Tochter eine Freundin wart. Komm.«

Rachel riss sich aus Isabels Umarmung los. Beide Mädchen schluchzten.

»Sichere Reise, liebste Freundin«, sagte Isabel. »Rachel, o lieber Gott, beschütze sie! Ich werde jeden Tag für dich beten! Für euch alle!«

»Und ich für dich, Isabel! Ich werde an dich denken, in deinem neuen Leben bei Hofe!«

»Rachel, nun komm!«

Rachel trat mit ihrer Familie durch das Stadttor. Sie drehte sich nach Isabel um, konnte sie aber nicht mehr sehen, denn hinter ihnen drängte sich eine verzweifelte Menschenmenge zu dem Tor. Die Strahlen der Sonne trafen die Dächer Londons, und ihr Vater wandte sich von dem Anblick ab und scheuchte sie hinter dem Karren her die Straße entlang. Ihre Tränen, die Isabels Erscheinen zum Fließen gebracht hatte, wollten nicht mehr versiegen.

»Rachel«, sagte Jacob tröstend, »wir haben London rechtzeitig verlassen, und es liegt noch viel vor uns. Trockne deine Tränen. Wir werden uns gemeinsam der Zukunft stellen.«

Rachel schniefte. Nun lagen die Gefahren der Straße vor ihnen. Sie schlang die Arme um sich und starrte auf den Fleck an der Schulter ihrer Mutter. Ein Teil von ihr würde sich niemals wieder sicher fühlen, nirgendwo.

1

September 1290

Loch Gannon, Schottland

Margaret MacDonald MacMagnus hob den Kopf und ließ sich den Wind durchs Haar wehen, während sie Luft holte. Auch nach all den Jahren erklomm sie noch den Gipfel der Landzunge, um auf ihren Mann zu warten, wenn er heimkehrte. Zwei Schiffe heute, und keines davon war seines gewesen, doch bis Sonnenuntergang würde es noch Stunden dauern. Sie war nicht besorgt, denn Gannon MacMagnus war ein Mann, dem man vertrauen konnte. Er hatte gesagt, dass er heute nach Hause kommen würde, also kam er auch.

Sie hatte ihn vermisst. War das nicht lächerlich – da teilte sie nun seit fast dreißig Jahren ihr Leben mit diesem Mann, und doch fehlte er ihr schrecklich, obgleich er nur ein paar Tage fort gewesen war! Er hatte auch keine ungewöhnliche oder gefährliche Reise unternommen, er war nur nach Skye gesegelt, um ihren Bruder Davey zu besuchen, und dann hinunter nach Ayrshire zu ihrem älteren Sohn Magnus, der nun auf dem Land lebte, das der König Gannon vor so vielen Jahren zugesprochen hatte.

Und da war es, das Segel, das sie erwartet und auf das sie gehofft hatte. Gannons Schiff näherte sich rasch von Süden, fast bis zur Reling ins Wasser getaucht, das weiße Segel wie ein Spiegelbild des Schaums, der sich am Bug bildete, wo der schwarze Rumpf durch das dunkelblaue Wasser schnitt. Doch das Schiff war nicht allein auf See, denn dort, von Norden, näherte sich ein zweites Segel, das Margaret scharf nach Luft schnappen ließ. Ein Drachenschiff. Ein Langschiff nach Bauart der Wikinger, dessen breiter, flacher Rumpf eine Flut unwillkommener Erinnerungen aufrührte. Dunkle Sturmwolken ballten sich dahinter und ließen das rechteckige Segel, rot mit gelben Streifen, umso stärker hervortreten. Sie umklammerte die Oberarme mit den Händen, ignorierte den kalten Schauer, der sie überlief, und sagte sich, dass dies kein Kriegsschiff war – diese Zeiten waren für immer vorbei. Gewiss nur ein Bote aus dem Norden, weiter nichts. Aber dennoch … Sie blickte gen Süden, wo sich Gannons Schiff der schmalen Einfahrt zu dem Meeresbusen näherte, der Gannons Namen trug, und war beruhigt. Ganz gleich, was für Nachrichten das Drachenschiff brachte, sie und Gannon würden sich ihnen gemeinsam stellen, wie auch allem anderen, was das Leben ihnen abverlangt hatte.

Sie wandte sich ab, um den steilen Abhang hinunterzuklettern, hielt dann aber inne und nahm sich die Zeit, den Blick über das Tal schweifen zu lassen, das ihr Zuhause war. Sie und Gannon hatten sich hier gemeinsam ihr Leben aufgebaut und die Überreste ihrer Familie und ihres Clans in eine mittlerweile blühende Gemeinschaft eingebunden. Der durch eine schmale Rinne mit dem Meer verbundene See war nun als Loch Gannon bekannt, was ihren Ehemann immer noch erheiterte. Doch die Ehre war nur angemessen, denn ohne ihn wäre keiner dieser Menschen mehr am Leben. Hinter dem stillen Wasser, das heute vom Wind gekräuselt wurde, ragten im Norden und Osten die Berge auf, die sie vor der Welt dahinter beschützten. Unter ihr schien die Festung aus dem großen Felsvorsprung hervorzuwachsen, auf der sie erbaut war. Dorthin eilte sie nun, als die Hörner zweimal erschollen, erst mit den vertrauten Tönen, die allen dort unten sagten, dass der Laird in sein Tal heimkehrte, und dann noch einmal mit der Botschaft, dass sich ein fremdes Schiff näherte. Gannon hatte die Männer des Clans gut ausgebildet, und Margarets Frauen würden sich sogleich an die Arbeit machen und ein Mahl vorbereiten, um ihn und seine Männer zu Hause zu empfangen. Doch sie würde ihn – und die Besucher – selbst begrüßen.

Rory, ihr jüngerer Sohn, groß, stark und bereit für die Welt, kam ihr auf dem Pfad zum hinteren Tor entgegen. Sein blondes Haar, derselbe helle Farbton wie bei seinem Vater, fing das Sonnenlicht ein. Er sah seinem Vater so ähnlich. Er hatte Gannons Kinn, Gannons blaue Augen und seine breiten Schultern. Und seine Ungeduld.

»Mutter! Weißt du, wer da kommt? Vater und wer noch?«

Sie schüttelte den Kopf, denn sie wollte nicht sprechen und sich dabei anmerken lassen, wie atemlos sie nach dem halsbrecherischen Lauf war, der sie die Klippe hinabgebracht hatte. Sie vergaß oft, dass sie nicht mehr jung war, doch ihr Körper vergaß es nicht. »Ja, dein Vater kommt. Aber das andere Segel gehört zu einem Drachenschiff.«

Rorys Brauen runzelten sich, genau wie die seines Vaters, wenn er nachdachte. »Von Orkney? Vielleicht mit Neuigkeiten von der Königin?«

Margarets Stimmung hob sich augenblicklich. Margaret, die Jungfrau von Norwegen, erst sieben Jahre alt, hatte sich auf den Weg gemacht, den schottischen Thron zu besteigen, der seit ihrem dritten Lebensjahr rechtmäßig ihr gehörte. »Aber natürlich. Das ist es. Drason hat uns ja versprochen, uns Nachricht zu senden, wenn sie auf dem Weg nach London auf den Orkneys haltmacht. Ich gehe nur rasch –«

»Vater begrüßen«, beendete Rory ihren Satz lachend. »Als würdest du das nicht immer tun.«

»Und falls dir so viel Glück beschieden ist wie deinem Vater, mein Junge, wird deine eigene Ehefrau eines Tages genau dasselbe tun.«

»Du wirst sie lehren müssen, mich zu vergöttern, so wie du Vater.«

»Vergöttern! Hat er wieder verrückte Geschichten in Umlauf gebracht?«

Sie lachte mit ihm und ging voran zu der Burg, die Gannon erbaut hatte, um sie alle zu schützen. Erst hatte man nur hölzerne Wände errichtet, sie aber im Lauf der Jahre durch dicke Steinmauern ersetzt, doppelwandig und mit Geröll aufgefüllt, damit sie Katapulten und anderen Belagerungsgeräten standhielten. Sie konnten auch nicht niederbrennen, wie sowohl Inverstrath als auch Somerstrath zuvor. Doch daran wollte sie jetzt nicht denken. Diese Erinnerungen gehörten zu einer Zeit, als sie, ihre Schwester Nell und der kleine Davey so grauenhafte Dinge erlebt hatten, wie sie niemand sollte erdulden müssen. Als Gannon in ihr Leben getreten war und es für immer verändert hatte.

Sie war seit siebenundzwanzig Jahren Gannon MacMagnus’ Ehefrau, hatte fünf Kinder geboren, von denen zwei überlebt hatten, und zugesehen, wie die beiden zu Männern heranwuchsen. Magnus war bereits verheiratet und lernte nun, Ländereien und Leute selbst zu führen. Rory war noch jung, aber er würde sich gut machen, denn Rory machte einfach alles hervorragend, was er anfing. Alles, was er brauchen würde – irgendwann –, war ein eigenes Heim, eine Frau, die ihn liebte und, ja, vergötterte, denn das hatte er verdient. Doch das würde mit der Zeit schon kommen.

Die Gannons Lady glitt mit vollen Segeln aus der Passage auf den Loch Gannon heraus, mit ihrem Mann am Bug. Margaret stand wie immer am Ende des hölzernen Kais und erwartete ihn, mit Rory an ihrer Seite. Der Himmel verdunkelte sich, der Wind frischte auf und trug den Geruch des nahenden Unwetters mit sich. Diesmal würde es mehr als nur ein wenig Regen geben, denn die Berggipfel um den Meerbusen herum waren bereits verhüllt, und die Seevögel zogen landeinwärts, um Schutz zu suchen. Die Tagundnachtgleiche im Herbst brachte oft heftige Stürme mit sich, und dieser, neun Tage danach, schien keine Ausnahme zu machen. Rory wurde das Haar um den Kopf gepeitscht, und er strich es mit einer Geste zurück, die so sehr der seines Vaters glich, dass sie lächeln musste.

Und dann rief Gannon nach ihr, und seine große Gestalt geriet in Bewegung. Wie immer sah sie nichts anderes mehr. Er trug schottische Kleidung, eine eng anliegende, karierte Hose, gestrickte Beinlinge und einen safrangelben Kittel. Seine irischen Gewänder hatte er schon vor langer Zeit abgelegt. Manchmal vergaß Margaret ganz, dass er aus Irland stammte und nicht von der Westküste Schottlands, an der sie ihr Leben lang zu Hause gewesen war. Doch die Schnitzereien an der Reling seines Schiffes, keltische Symbole und nordische Runen, goldfarben bemalt, sodass sie sich von der schwarzen Reling deutlich abhoben, gemahnten sie daran, dass er ein Geschenk des Meeres an sie gewesen war – ein Verlust für Irland, ein Gewinn für Schottland.

Sie winkte zurück und lächelte breit. Ihr Mann war zu Hause, und alles war gut … zumindest für einen Augenblick, denn dort, aus der letzten Biegung in dem kahlen Felsspalt, der Loch Gannon vor der Welt verbarg, kam das Drachenschiff. Sie erkannte es sogleich als Drasons. Der Mann von den Orkney-Inseln war seit ihrer schicksalshaften Begegnung im längst vergangenen Sommer des Jahres 1263 ihr Freund. Ihre Freundschaft hatte einen seltsamen Anfang genommen. Sie waren Feinde gewesen, hatten jedoch bald entdeckt, dass sie in ihrem Hass auf Nor Thorkelson vereint waren – Drasons Onkel war der Mann, der Margarets Familie ermordet hatte. Sie hatten sich miteinander verbündet und Nor schließlich in einer gewaltigen Schlacht auf der Insel Skye geschlagen, von der man heute noch in ganz Schottland sprach. Drason winkte, doch es wirkte nicht so überschwänglich wie sonst, und Margarets Herz machte einen Satz. Die Neuigkeiten, die er brachte, konnten nicht gut sein. Sie war sicher, dass es nicht um Magnus gehen konnte, oder um ihren Bruder Davey und seine Familie, denn Gannon kam ja eben erst von dort. Und ganz gewiss betrafen die Neuigkeiten nicht Nell, denn die weilte in Stirling, um die kleine Königin zu empfangen, war also nicht einmal in der Nähe der Orkneys oder der Küste.

Doch irgendetwas musste geschehen sein.

»Mein Mädchen«, rief Gannon, als sich sein Schiff dem Steg näherte. »Du hast Drason gesehen, ja? Lass schnell die Tür zum Weinkeller verriegeln. Sonst trinkt er uns die Haare vom Kopf.«

Sie lächelte, doch es entging ihr nicht, dass Gannons Augen schmal wurden, als er das Drachenschiff betrachtete, und sie wusste, dass auch er Drasons angespannte Haltung bemerkte. Drason trug eine Lederrüstung und einen Lederhelm, der sein blondes Haar verbarg. Nicht die Aufmachung eines Mannes, der Freunden nur einen Besuch abstatten wollte, sondern eher das, was ein kluger Mann in unsicheren Zeiten trug. Sie blieb still und wartete, während die Männer des Clans die Seile auffingen und Gannons Lady vertäuten. Als Gannon sie an sich zog, schlang sie die Arme um ihn, und er küsste sie vor den Augen des versammelten Clans. Sie fand seine Inbrunst auch nach so vielen Jahren hinreißend.

Er lächelte auf sie herab. »Ich habe dich vermisst, Margaret.

Wie geht es dir?«

»Großartig, nun, da du wieder da bist«, entgegnete sie.

Sie schmiegte die Hand an seine Wange und küsste ihn erneut. Er war nicht mehr jung, ihr prachtvoller Mann. Seine meerblauen Augen waren von Fältchen umgeben, seine Schläfen wurden grau, doch er bewegte sich immer noch geschmeidig und hielt sich aufrecht und gerade. Er war nach wie vor der bestaussehende Mann, der ihr je begegnet war, und sie war wahrlich vom Glück gesegnet, dass sie diesen wilden Krieger liebte und er ihre Liebe erwiderte. Sie lächelte, als Gannon Rory umarmte und dem Jungen auf die Schulter klopfte.

»Bitte sag mir, dass ich nicht schrumpfe, sondern du immer noch wächst«, sagte Gannon zu seinem Sohn.

»Ich wachse, Vater«, sagte Rory, und beide lachten.

»Hier steht alles zum Besten, Liebster«, sagte sie. »Es ist schön, dich wieder zu Hause zu haben. Wie geht es denn allen?«

»Gut. Allen geht es gut«, antwortete Gannon. »Magnus lernt allmählich, wie man ein eigenes Haus leitet, und Jocelyn ist dieselbe wie immer.«

Was bedeutete, dachte Margaret, dass sich ihre Schwiegertochter, die man bestenfalls als schwierig bezeichnen konnte, so zimperlich und verzärtelt benahm wie immer. Magnus war ein guter Mann, aber sehr ernst und übervorsichtig, und Margaret hatte gehofft, dass er eine Frau mit einem Lachen in der Seele heiraten würde, nicht so eine wie Jocelyn. Doch Magnus schien sie sehr zu mögen, und was konnte eine Mutter sich für ihren Sohn mehr wünschen?

»Dein Bruder lässt herzlich grüßen«, fuhr Gannon fort.

»Sein Geröllhaufen sieht schon ein wenig mehr wie eine Burg aus denn wie eine Schutthalde. Und es wird eine gute Festung, wenn sie einmal fertig ist. Davey möchte, dass du ihn bald besuchen kommst und sie dir ansiehst. Dort geht es auch allen gut.« Er blickte zu Drasons Schiff hinüber, und seine Stimme wurde ernst. »Wir werden ja sehen, was für Neuigkeiten er bringt. Ihr habt hier noch nichts gehört?«

Margaret schüttelte den Kopf. »Nein. Rory meint, es müsse die Reise der Königin von Norwegen nach London sein. Sie sollte doch auf den Orkneys haltmachen.«

Gannon zog sie an sich. »Das wird es wohl sein.«

»Drason kommt selbst«, bemerkte Rory. »Es muss sich um etwas Bedeutendes handeln.«

»Wir haben ihn seit vier Jahren nicht mehr hier gesehen«, erinnerte sich Margaret. »Seit wir König Alexander verloren haben.«

Gannon fing ihren Blick auf. »Ja, seit dem Tod unseres Königs.«

Das Langschiff glitt an den hölzernen Kai, und Drason beugte sich über die Reling. Er riss sich den Helm herunter. Sein Blick schweifte über die Wartenden.

»Sie ist tot«, sagte Drason. »Eure Königin ist auf Orkney verstorben.«

Margaret schnappte nach Luft. »Bist du sicher? Die arme Kleine ist tot?«

»Ich bin aufgebrochen, sobald ich es gehört hatte«, sagte Drason. »Noch weiß kaum jemand davon. Ich wusste, dass ihr es so rasch wie möglich würdet erfahren wollen.«

»Oh, das arme Kind!«, rief Margaret.

Gannon ergriff Drasons Hand. »Ja, da hast du recht. Und ich danke dir, dass du uns die Nachricht selbst überbracht hast, mein Freund. Nun komm herein und erzähl uns die ganze Geschichte.«

»Was hat das zu bedeuten?«, fragte Rory. »Was bedeutet ihr Tod für uns?«

»Es wird ein Gerangel um den Thron geben«, erklärte Margaret ihrem Sohn kopfschüttelnd. »Und es gibt keine Gewissheit dafür, dass der Sieger auch der beste Anführer für unser Volk sein wird.«

»Es bedeutet«, fügte Gannon hinzu, »dass die Wölfe aus ihren Schlupfwinkeln hervorkommen werden. Und der Leopard im Süden wird abwarten, wer gewinnt. Möge Gott Schottland beistehen.«

Drason Anderson hatte ihnen nicht viel mehr zu erzählen als die schreckliche Neuigkeit vom Tod der kleinen Königin auf ihrer Reise zu ihrem Thron. Man hatte sie die Jungfrau von Norwegen genannt, weil ihr Vater König Erik von Norwegen gewesen war, doch ihr Großvater war der schottische König Alexander III. gewesen, und sie selbst seit ihrem dritten Lebensjahr Königin von Schottland. Die Jungfrau, die Tochter von Alexanders Tochter, war die Letzte seiner Linie. Durch ihren Tod war die Thronfolge nun völlig ungeklärt.

Margaret saß mit Gannon und Rory am riesigen steinernen Kamin in ihrer großen Halle und lauschte Drason. In den Jahren, seit sie den Nordmann von den Orkney-Inseln zuletzt gesehen hatten, hatte er sich verändert. Drason war jünger als Gannon, doch sein blondes Haar war bereits mit grauen Strähnen durchzogen. Er sah unbeschreiblich erschöpft aus, und Margaret spürte Zuneigung und Mitgefühl für ihren treuen Freund in sich aufsteigen. Drason hatte seine eigene Frau, seine Familie verlassen, um ihnen diese Nachricht zu überbringen. Es gab gute Menschen auf der Welt – sogar auf den Orkney-Inseln.

»Es heißt, sie sei während der Überfahrt krank geworden«, erzählte Drason. »Manche behaupten natürlich, sie sei vergiftet worden, doch ich habe gehört, dass sie schon vorher kränklich gewesen sein soll. Und um ganz offen zu sprechen, es gäbe keinen Grund für die Norweger – oder für uns auf Orkney –, das Kind in unserer Obhut sterben zu lassen.«

»König Edward kann das auch nicht gefallen«, sagte Gannon. »Das wird seine Pläne durcheinanderwirbeln.«

»Ein Kind sollte kein Unterpfand solcher Machtspiele sein«, warf Margaret ein. »Was hat ihr Vater sich dabei gedacht, sie einfach fortzuschicken? Sie ist doch noch ein kleines Mädchen.« Sie hielt inne. »War ein kleines Mädchen, die arme Seele.«

»Ihr Vater hatte den Vertrag mit Edward von England unterzeichnet und sie dessen Sohn als Gemahlin versprochen, das hat er sich dabei gedacht«, sagte Gannon. »Und König Erik ist selbst noch ein Junge, kaum zwanzig Jahre alt, glaube ich. Edward ist ein mächtiger, einflussreicher Herrscher. Vor ihm sind schon geringere Männer in die Knie gegangen. Es überrascht mich nicht, dass Erik Edward seinen Willen gelassen hat.«

»Widerlich ist das«, warf Drason ein, »seinen Sohn mit der Enkelin der eigenen Schwester zu verheiraten.«

»Ebenso widerlich ist, dass der Papst dem zustimmt«, sagte Gannon. »Aber das hat er. Und jetzt ist die Thronfolge ungeklärt.«

»Sie werden über Generationen zurückrechnen müssen«, bemerkte Margaret. »Die Balliols werden die Krone für sich beanspruchen. Die Bruces ebenfalls. Und meine Verwandten, die Comyns, werden gewiss auch eine Meinung dazu haben.« Sie seufzte beim Gedanken an die Mittel, zu denen ihre Cousins womöglich greifen würden, um sicherzustellen, dass ihre Machtposition nicht geschwächt wurde. »Und es gibt eine ganze Reihe unehelicher Kinder von königlicher Abstammung, die ebenfalls Ansprüche auf den Thron erheben könnten.«

Drason runzelte die Stirn. »Damit werden sie aber doch keinen Erfolg haben? Ich kenne mich in der schottischen Politik nicht sonderlich gut aus, aber ich kann mich nicht erinnern, dass jemals ein Bastard den Thron bestiegen hätte.«

»Meiner Meinung nach«, sagte Gannon lachend, »hat schon so mancher Bastard auf dem Thron gesessen. Aber nein, ich kann mir auch nicht vorstellen, dass einer der Bastarde unserer früheren Könige die Krone erlangen könnte. Was spricht man denn so auf Orkney? Was sagen deine Leute dazu?«

Drason lächelte schief. »Sie wünschen sich, sie wäre anderswo gestorben. Manche glauben, dass die Orkney-Inseln damit den Zorn Eriks von Norwegen erregt haben könnten, obgleich Eriks eigene Männer sie begleitet haben. Andere befürchten, dass die Schotten uns die Schuld daran geben und sich an uns rächen werden, oder auch Edward von England. Und obwohl das niemand offen ausspricht, fragen sich einige, ob sie wirklich so krank war, wie man uns glauben machen will.«

Gannon runzelte die Brauen. »Mord?«

»Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich«, sagte Drason. »Zeigt mir ein Land, in dem man Männer nicht durch Bestechung oder Erpressung dazu bewegen kann, jemanden zu verraten, der ihnen vertraute. In jedem Land gibt es schlechte Menschen. Wie wir nur zu gut wissen.«

Gannon nickte. »Es gibt ein Königreich zu gewinnen. Das würde die Gierigen überall hervorlocken, und von denen hat auch Schottland seinen Teil.«

»Was wird jetzt aus Nell?«, fragte Margaret, an Drason gewandt. »Sie und ihre älteste Tochter Meg sollten der Königin dienen. Sie erwarten ihre Ankunft in Stirling.«

»Nun«, sagte Gannon zu Margaret, »Nell wird wohl nicht mit der Königin nach London reisen. Zumindest das sollte dir ein Trost sein, mein Mädchen, auch wenn der Grund dafür so betrüblich ist.«

»Ja«, sagte Margaret, die den Gedanken tatsächlich tröstlich fand. Die Jungfrau hätte in Stirling und Edinburgh haltmachen sollen, um von einem Großteil des schottischen Adels begrüßt zu werden. Danach wäre sie nach London gereist und hätte bis zu ihrer Hochzeit mit Edwards Sohn an Edwards Hof gelebt. Nell und ihre Töchter hätten sie begleiten müssen. »Ich frage mich, ob Nell in Stirling bleiben wird, bis der neue König ausgewählt ist. Was, wenn sie noch nichts davon erfahren hat? Wir müssen sie benachrichtigen.«

»Ich gehe«, sagte Rory begierig und sah sie dabei an. »Ich reise nach Stirling und sage es ihr.«

Das Gesicht ihres Sohnes strahlte vor Aufregung über diese Reise, und Margaret empfand einen Stich der Angst. Sie würde ihn verlieren. Sie hatte ja stets gewusst, dass sie Rory nicht für immer auf Loch Gannon behalten konnten, dass ihm das friedliche Leben hier niemals genug sein würde. Sie hatten ihn auf ihre Reisen nach Irland und durch Schottland mitgenommen, und er hatte Gannon bereits auf das europäische Festland und nach London begleitet. Aber nun war Rory bereit für mehr. Zumindest glaubte er das.

Gannon musterte seinen Sohn nachdenklich. »Sie werden davon erfahren, ehe du oder sonst jemand sie von hier aus erreichen kann, aber es wäre wohl trotzdem günstig, dich dorthin zu schicken. Ich wüsste gern, was man bei Hofe so sagt.«

»Ich könnte gleich morgen früh aufbrechen«, erbot sich Rory.

»Du brauchst Begleiter.«

»Nicht viele«, sagte Rory und benannte einige junge Männer.

Margaret hörte zu, während die Männer die Reise besprachen. Rory war die wachsende Aufregung deutlich anzumerken, und sie verbarg ihre Bestürzung. Warum konnte Rory seinen Lebensweg nicht in einem friedvollen Schottland beginnen, so wie sein Bruder es getan hatte? Warum vernahm er ausgerechnet jetzt den Ruf der großen, weiten Welt, da Schottland einmal mehr vor einem Aufruhr stand? Oder waren ihre Sorgen lächerlich? Sie beugte sich dicht zu ihrem Mann hinüber.

»Gannon, das macht mir Angst«, flüsterte sie. »Ist es falsch von mir, Liebster, mich so um ihn zu sorgen?«

Gannon küsste sie auf den Kopf. Doch er antwortete nicht.

Oktober 1290

London

»Es wird Männer geben«, sagte Isabel de Burkes Mutter und beugte sich vor, um den Saum von Isabels Rock zu prüfen.

»Sie werden dich auf die Probe stellen, das weißt du. Das sind die Jäger.«

»Ja, Mutter«, sagte Isabel.

Sie hatte diese Predigt schon allzu oft gehört. Die Männer, die ihre Mutter als »die Jäger« bezeichnete, hatten es auf junge Mädchen abgesehen, die töricht genug waren, ihre Jungfräulichkeit gegen ein wenig hübschen Flitterkram einzutauschen. Unsichtbar in ihren sittsamen, nüchternen Kleidern, hatte Isabel beobachtet, wie sich diese Männer über eine Schulter beugten, eine Wange liebkosten, einen schlanken Nacken küssten. Und Isabels wachsame Blicke nie bemerkten. Doch diese Tage waren vorüber. Nun würde sie zu jenen gehören, die als Beute begehrt wurden.

»Die meisten der Männer sind verheiratet«, sagte ihre Mutter und zupfte Isabels seidenes Kleid zurecht, damit der Stoff schön fiel. »Doch selbst jene, die nicht verheiratet sind, haben keine ehrenhaften Absichten. Einige der Mädchen sind dumm genug, zu glauben, das, was ihnen entgegengebracht wird, sei aufrichtige Zuneigung. Sie erkennen nicht, dass es in Wahrheit nur um das Spiel des Jägers mit seiner Beute geht.« Sie richtete sich auf und sah Isabel in die Augen. »Diesen Mädchen ist nicht bewusst, dass sie nichts weiter als eine Trophäe sind, ein Name, mit dem diese Männer vor ihren Freunden prahlen, um ihn dann zu vergessen. Schon so manches junge Mädchen hat Lust mit Liebe verwechselt und ihr einzig wertvolles Gut verspielt. Du wirst keine von ihnen sein.«

»Nein, Mutter.«

Sie kannte die Antwort, die ihre Mutter hören wollte. Und sie hatte wahrhaftig aufmerksam zugehört und gelernt, sie kannte den Preis solcher Torheit. Sie nahm den Platz einer jungen Frau aus gutem Hause ein, die den Hof plötzlich verlassen hatte, nachdem sie sich wochenlang immer wieder hatte übergeben müssen und offenkundig schwanger war. Isabel würde nicht so töricht sein.

»Halte dir diesen Tag stets in Erinnerung«, sagte ihre Mutter. »Nichts wird je wieder so sein wie zuvor. Du wurdest dazu ausersehen, Eleanor von Kastilien zu dienen, von Gottes Gnaden Königin von England, Irland und Aquitanien. Sie hat dich vielen anderen vorgezogen, ein englisches Mädchen, statt einer jungen Edeldame aus ihrem Heimatland. Das ist eine große Ehre. Und eine unerwartete Ehre, wenn man bedenkt, wer wir sind.«

Eine solche Ehre konnten sie selbstverständlich nicht ablehnen, wenngleich sie schlicht unerklärlich schien. Ihre Mutter war überzeugt davon, dass sie sie ihren Verbindungen zur Krone zu verdanken hatten, doch diese lag Generationen zurück, und die Familie war seither vom Hof kaum mehr beachtet worden. Isabels Urgroßmutter war von einem König verführt worden, der das Kind – ihre Großmutter – nie als das seine anerkannt hatte, und ihre Familie hatte sie verstoßen und sich selbst überlassen. Glücklicherweise hatte der König ihrer Urgroßmutter ein eigenes Haus in der Stadt London geschenkt, wo sie ihre Tochter ganz allein großgezogen hatte, und das sogar sehr gut.

Es hatte natürlich nicht geschadet, dass Isabels Urgroßmutter eine große Schönheit gewesen war und diese Eigenschaft an ihre Nachkommen weitergegeben hatte. Isabel hatte zum Glück ebenfalls die feine Haut, die graugrünen Augen und das üppige braune Haar ihrer Mutter geerbt. Sie hatte auch die langen, schlanken Finger ihrer Mutter und, so behauptete ihre Mutter jedenfalls, den hohen Wuchs ihres Vaters. Die Miene ihrer Mutter wurde weich, und sie drehte Isabel zu ihrem luxuriösesten Besitz um – einem langen Spiegel vom Kontinent, der ein Geschenk ihres Großvaters gewesen war.

»Sieh dich an.«

Isabel betrachtete ihr Spiegelbild, ein wenig wellig von dem Glas zurückgeworfen, und sah ein junges Mädchen, das ein tapferes Gesicht machte. Sie war für diesen neuen Teil ihres Lebens bereit, doch sie hatte zugleich schreckliche Angst davor. Sie fürchtete sich nicht vor der Arbeit an sich, obgleich sie wusste, dass man ihr die unangenehmsten Aufgaben übertragen würde, alles, was die älteren und viel einflussreicheren Damen der Königin als unter ihrer Würde betrachteten. Nein, sie fürchtete sich davor, nach all diesen Jahren der Unsichtbarkeit plötzlich höchst sichtbar zu sein, ein Gesprächsthema, das Objekt höfischer Spekulationen. Viele würden sich fragen, warum von den vielen Damen des Hofes und des Adels ausgerechnet sie von der Königin auserwählt worden war.

»Ich wünschte, dein Vater könnte das miterleben«, sagte ihre Mutter sehnsuchtsvoll.

»Das wünschte ich auch. Er hätte sich gewiss sehr gefreut.«

Ihre Mutter zog eine Augenbraue hoch. Sie betrauerte den Verlust ihres Vaters nicht so sehr wie Isabel. Mutter sprach selten von ihm, und niemals liebevoll. Isabel hatte nur vage Erinnerungen an einen Mann, der sie auf seinen Arm hob, an ein fröhliches Lachen und tröstliche Umarmungen. Sie vermisste ihn dennoch, auch nach so vielen Jahren.

»Du darfst keinem von ihnen trauen«, mahnte ihre Mutter. »Lausche, lerne, lache. Spiel mit ihnen. Aber niemals, niemals darfst du ihnen vertrauen.«

Isabel nickte erneut. Sie wusste, wie der Hof wirklich war. Sie war im Schatten eines königlichen Palastes aufgewachsen, denn ihr Vater war Bediensteter der Kammer gewesen. Trotz des Namens hatte dieses Amt wenig mit Gemächern zu tun. Der Kämmerer regelte, im Unterschied zum Schatzmeister, die finanziellen Belange des königlichen Haushalts. Die Diener, Gewänder und andere Ausstattung des Königs und der Königin gehörten natürlich dazu, aber noch viel mehr, denn die Kammer war nicht nur für den königlichen Haushalt zuständig, sondern auch für die Armeen des Königs. Die Kammer war für den Kauf, die Ausgabe und Lagerung großer Vorräte an Rüstungen, Bögen, Schwertern, Speeren, Lanzen und anderer Waffen verantwortlich sowie für die Pferde und die Bediensteten, die sich um all das kümmerten.

Ihre Mutter war die persönliche Schneiderin der Königin mit fünf Näherinnen und Gemächern in Windsor und hier in Westminster. Isabel hatte den Großteil ihrer Kindheit in den Fluren königlicher Paläste verbracht, praktisch unsichtbar für die königliche Familie und die Edelleute, die dort ein und aus gingen. Sie hatte sie fasziniert beobachtet und als Kind ihre Akzente und ihr Gehabe nachgeahmt, zur Belustigung ihrer Mutter und Großmutter. Doch all das hatte sich nun verändert, denn jetzt sollte sie der Königin dienen.

Eleanor von Kastilien war die Gemahlin von König Edward, einem Löwen von einem Mann. Einst hatte Isabel ihn bewundert. Inzwischen hasste sie ihn. Edward war ein herzloser König, der den Juden in einem Jahr zu Hilfe kam, um sie im nächsten Jahr aus ihren Häusern werfen zu lassen. Diese beiläufige Grausamkeit würde sie ihm nie verzeihen. Eleanor hingegen hatte sich gelegentlich die Zeit genommen, sich mit der Tochter ihrer Schneiderin zu unterhalten. Isabel hatte Geschichten darüber gehört, dass Eleanor mit anderen – vor allem den Pächtern auf ihren Ländereien – nicht so freundlich umging, und ganz gewiss war sie als Königin beim Volk nicht sonderlich beliebt.

»Ich verstehe nur nicht«, sagte Isabel, »warum ich ausgewählt wurde. Die Königin war stets gütig zu mir, aber wir haben nie viel miteinander gesprochen, und ich hätte nicht gedacht, dass sie sich auch nur an meinen Namen erinnern könnte.«

»Vergiss nicht, dass diese Position unerwartet frei geworden ist. Und sie kennt dich schon dein Leben lang.«

»Mutter, Königin Eleanor kennt mich ganz gewiss nicht.«

»Stellst du etwa dein Glück infrage, Isabel? Die meisten jungen Damen wären hocherfreut, wenn man ihnen eine solche Position anböte. Die meisten Frauen in England wären hocherfreut! Du bekommst die Chance, den guten Namen unserer Familie wiederherzustellen, und vielleicht eine hervorragende Partie zu machen. Warum musst du alles so genau hinterfragen? Falls die Königin dich noch nicht gut kennt, wird sich das mit der Zeit eben ändern.«

»Wenn ich dort eingeführt bin«, sagte Isabel, »und wenn die Königin mich kennt, werde ich mit ihr über König Edwards Ausweisung der Juden sprechen. Wenn ich darlegen kann, dass der König zu hart vorgegangen ist, dass sie nichts Böses getan, aber alles verloren haben, nur weil sich eine Handvoll Londoner Bürger über sie beklagt hat, dann wird sie gewiss mit König Edward sprechen. Er könnte sein Ausweisungsedikt doch einfach widerrufen.«

Ihre Mutter richtete sich mit funkelnden Augen auf. »Das wirst du nicht tun!«

»Doch, das werde ich, Mutter. Der König betrachtet die Angelegenheit nur aus einem Blickwinkel. Christen dürfen kein Geld verleihen, deshalb hat man die Juden nach London geholt. Vor wenigen Jahren hat sie noch der König selbst beschützt, und nun das!«

»Der König hat sie in den Tower sperren lassen und Lösegeld von ihnen verlangt, wenn sie wieder freikommen wollten, Isabel! Du wirst kein Wort über diese Angelegenheit verlieren.«

»Rachels Familie wurde wie Vieh aus der Stadt getrieben. Betrachtest du das denn nicht als Ungerechtigkeit, Mutter? Wie kannst du so blind sein? Ich habe meine liebste Freundin verloren – nur des Geldes wegen!«

»Es war ohnehin an der Zeit, dass diese Freundschaft ein Ende fand, Isabel. Sie war widernatürlich.«

»Widernatürlich! Wir sind zusammen aufgewachsen. Daran ist überhaupt nichts Widernatürliches. Sie war mir eine Freundin, als uns viele andere gemieden haben. Ihr war es gleichgültig, dass Großmutter unehelich geboren wurde, und mir war es gleichgültig, dass sie Jüdin ist.«

»Du darfst niemandem erzählen, dass du mit Rachel de Anjou befreundet warst! Niemandem! Und du wirst die Königin mit keinerlei Klagen belästigen, schon gar nicht mit dieser Sache. Du riskierst mehr als einen Tadel, Isabel, du setzt dein Leben aufs Spiel. Und meines. Und das deiner Großmutter. Ist dir denn nicht klar, wer du bist und wer die Königin ist? Mit einem einzigen Wort könnte sie uns alle in den Kerker werfen oder hinrichten lassen. Deine Großmutter könnte man dafür bestrafen, dass sie diese Freundschaft zugelassen, ja sogar gefördert und vor mir verheimlicht hat. Du weißt, dass ich damit nie einverstanden war. Ich würde mindestens meine Arbeit verlieren. Du setzt unser aller Leben aufs Spiel!«

»Wenn sie eine so harte Königin ist, dass niemand auch nur mit ihr sprechen kann, warum sollte ich ihr dann überhaupt dienen wollen? Welche Loyalität schulde ich schon König Edward, dessen Großvater es vorzog, sein eigenes Kind nicht anzuerkennen? Und wie leicht das für ihn gewesen wäre!«

»Was du da sagst, ist Hochverrat, Isabel!« Ihre Mutter wich einen Schritt vor ihr zurück. »Es steht uns nicht an, das Tun von Königen zu hinterfragen. Ich weiß, du bist noch jung, und Rachel zu verlieren, das war schmerzlich für dich, aber du darfst nie wieder von diesen Dingen sprechen. Niemals! Uns bleibt keine andere Wahl. Das ist allein die Schuld deiner Großmutter, die dir den Umgang mit allen möglichen Leuten erlaubt hat.« Ihre Miene wurde weicher. »Kind, ich weiß, wie standhaft dein Ehrgefühl ist und dass es schwierig für dich war, weder zu der einen noch zu der anderen Welt ganz dazuzugehören. Ich bitte dich jetzt, mir und deiner Großmutter deine Loyalität zu beweisen. Du bist ausgewählt worden, über deinen Stand erhoben zu werden. Das ist eine große Ehre und Gottes Vorsehung für dich. Stell sie nicht infrage. Ich flehe dich an, Kind, schweige. Versprich mir, dass du die Königin nicht darauf ansprechen wirst! Unser aller Leben liegt in deinen Händen.«

»Glaubst du das wirklich, Mutter? Dass wir alle sterben könnten, nur weil ich die Ausweisung der Juden durch den König infrage stelle?«

»Hast du denn in all den Jahren bei Hofe gar nichts gelernt? Was bringt dich auf den Gedanken, die Königin könnte in dieser Sache nicht derselben Ansicht sein wie ihr Gemahl? In allem anderen sind sie sich einig, Kind. Und wenn sie sich bei Edward über dich beklagen sollte, was denkst du, wird dann aus uns werden? Erscheint er dir wie ein König, der sich Kritik gefallen lässt? Glaubst du, er würde auch nur einen Augenblick zögern, uns aus seiner Nähe verbannen zu lassen? Stell seine Entscheidung nicht infrage, Isabel. Sie mag dir gefallen oder nicht, aber du darfst nichts dazu sagen. Versprich mir, dass du kein Wort darüber verlieren wirst.«

»Mutter –«

»Versprich es mir!« Ihre Mutter brach in Tränen aus. »Schön, dann geh! Geh. Ich kann nichts mehr für dich tun, solange diese Sache zwischen uns steht.« Sie schlug die Hände vors Gesicht und weinte.

Isabel seufzte. Ihre Mutter beschritt niemals den Mittelweg. Alles war absolut makellos, oder es wurde als unrettbar aufgegeben. Es gab keine Kompromisse. Sie hatte sich an die Launenhaftigkeit ihrer Mutter gewöhnt, an die plötzlichen Stimmungsumschwünge. Menschen, die sie einst als Freunde betrachtet hatte, waren für immer aus ihrem Leben ausgeschlossen worden, was Isabel nie hatte verstehen können. Sie konnte sich nicht vorstellen, Rachel im Stich zu lassen – die herzlich darüber gelacht hätte, dass Isabel der Königin aufwarten sollte. Isabel seufzte und vermisste ihre Freundin mehr denn je, wusste aber, dass sie nicht mit der Königin darüber sprechen würde. Noch nicht. Sie war sicher, dass sie eines Tages, wenn sie mit Eleanor allein war, Gelegenheit finden würde, all das zur Sprache zu bringen.

»Versprich mir, dass du unser aller Leben nicht aufs Spiel setzen wirst, Isabel.«

»Nein, Mutter. Ich werde dein und Großmutters Leben nicht in Gefahr bringen.«

»Oder dein eigenes. Versprich es mir!«

»Ich verspreche, vorsichtig zu sein.«

Mutter wischte sich die Tränen fort. »Gut. Solange der Hof in Westminster weilt, wirst du bei den Hofdamen der Königin wohnen, und ich werde dich jeden Tag sehen. Doch wohin die Königin geht, da gehst auch du hin. Wenn sie reist, reist du mit ihr. Du wirst dich von einer Eskorte begleiten lassen, wenn du deine Großmutter besuchst. Vergiss nicht, darum zu bitten, und lauf nicht einfach allein los.«

»Ich brauche keine Eskorte. Ich bin mein Leben lang durch die Straßen Londons gelaufen.«

»Aber nicht bei Nacht und allein. Versprich mir das: Wenn es spät ist und dich niemand begleiten kann, wirst du im Tower übernachten.«

Isabel nickte. Dieses Versprechen zu halten, würde ihr nicht schwerfallen. Sie mochte den Tower mit seiner zweihundertfünfzigjährigen Geschichte. Sie fragte sich, wie es gewesen sein mochte, damals zu leben, als Wilhelm von der Normandie, der Eroberer Englands, die beeindruckende Festung und ihre Mauern erbaut hatte, um seine Männer und seinen Hof vor der feindseligen Bevölkerung zu schützen. Ihre Mutter verabscheute den Tower, und obgleich sie Isabel nie erzählt hatte, warum, glaubte Isabel den Grund zu kennen. Dort hatte ihr Vater seine Amtsstube gehabt. Der Anblick der Gebäude musste eine schmerzliche Erinnerung an diesen Verlust sein.

Sie sah ihrer Mutter beim Nähen zu und dachte an die vielen Jahre, die ihre Mutter der Königin gedient hatte, all die Jahre, während derer sie unsichtbar bei Hofe gelebt und sich allein um Isabel gekümmert hatte. Und nun, durch eine seltsame Laune des Schicksals, bekam Isabel diese goldene, einmalige Gelegenheit. Irgendwie, sagte sie sich, würde sie einen Weg finden, beides zu erreichen – mit der Königin zu sprechen und dennoch ihre Familie nicht zu gefährden. Sie war sicher, dass ihr das gelingen würde. Auf irgendeine Weise, so seltsam ihr das auch erschien, hatte sie die Aufmerksamkeit und die Gunst der Königin erlangt. Sie wäre eine Närrin, wenn sie das nicht nutzen würde.

»Nenne mir die Damen der Königin«, sagte ihre Mutter.

Isabel tat es, und die Gesichter zu den Namen standen ihr dabei vor Augen. Bedeutende Damen aus bedeutenden Familien, Frauen und Töchter bedeutender Männer. Und Isabel, vollkommen unbedeutend. Doch jede Einzelne von ihnen würde wissen, warum Isabel in ihren Kreis aufgenommen worden war, und wieder einmal würde die Sünde ihrer Urgroßmutter zur Kenntnis genommen werden, ohne dass jemand ein Wort darüber verlor.

»Lady Dickleburough«, sagte ihre Mutter. »Die hast du vergessen.«

»Ach ja«, sagte Isabel nickend und dachte voller Abscheu an die ältliche Hofdame. Lady Dickleburough benahm sich so, als sei sie noch jung und begehrenswert, doch jene Zeiten waren längst vorbei, obgleich sie das nicht zu bemerken schien.

Sie trug Kleider, die für eine viel jüngere Frau angemessen wären. Ihre sehr tiefen Ausschnitte enthüllten die Falten an ihrem Hals und Dekolleté, die Mieder konnten ihre schlaffen Brüste nicht mehr richtig halten. Tagsüber warf das Sonnenlicht Schatten in den tiefen Furchen um ihren Mund und ihre Augen und ließ den Kohlepuder, den sie benutzte, um das Grau in ihrem Haar zu verbergen, allzu gut sichtbar werden. Isabels Mutter behauptete oft, dass Lady Dickleburough die Strähnen ihres lockigen Haars fest nach hinten zog und auf dem Kopf zusammensteckte, um dadurch ihre Haut straff zu spannen und wenigstens ein paar Falten zu mindern, doch dieser Versuch schlug fehl. Ihr Gesicht, von ihrem weißseidenen Schleier umrahmt, war teigig. Ihre kleinen braunen Knopfaugen blickten zwischen Hautfalten hervor, die sie zu verbergen drohten. Ihr Gemahl, ein unbedeutender Baron aus East Anglia, war weder einflussreich noch wohlhabend, und seine Familie alles andere als bemerkenswert. Isabel fand sie abstoßend.

»Warum ist sie überhaupt noch bei Hofe? Hat sie irgendeine Bedeutung, von der ich nichts weiß?«

Ihre Mutter lachte. »In ihrer Jugend war sie recht anziehend, wenn auch auf verschlagene, hinterhältige Art. Sie war eine … sehr willige Gespielin.«

»Ist es wahr, dass sie die Mätresse gleich mehrerer bedeutender Männer war? Mehrerer!«

»Das ist wahr, ja. Und einige bezahlen lieber dafür, dass sie bei Hofe bleiben kann, als zu riskieren, dass sie über gewisse Dinge spricht. Sie haben ihr Gemächer gegeben, in denen sie wohnen darf, und ihr Kleider und Schmuck gekauft, damit sie weiter schweigt.«

»Was hält ihr Gemahl denn von alledem? Wusste er davon?«

»Geht jeden Tag die Sonne auf? Selbstverständlich wusste er davon. Sein Vermögen ist daran gediehen, denn er war damit zufrieden, den Blick abzuwenden und zu nehmen, was andere Männer übrig ließen. Heute ist vielleicht niemand mehr bereit, sich ihre Gunst zu erkaufen, doch es gibt einige, die sich nur zu gern ihr Schweigen sichern. Sie wittert ein Geheimnis meilenweit. Vertrau ihr niemals etwas an, von dem du nicht möchtest, dass es ganz London erfährt. Sie kann eine interessante Verbündete sein, denn sie weiß alles über jeden. Nun weiter, du wirst sehr umsichtig sein müssen, wenn du mit der Königin reist. Die Straßen sind nicht sicher, und trotz der Männer des Königs, die euch beschützen werden, musst du sehr vorsichtig sein.«

Isabel nickte und dachte an Rachel und ihre Familie. Kein Wort, seit sie die Stadt verlassen hatten. Isabel hatte nicht ernsthaft erwartet, von ihrer Freundin zu hören, doch es war sehr schwer, nicht zu wissen, was aus ihnen geworden war. Sie seufzte.

»Ich frage mich, wo Rachel –«

»Ja, ja«, sagte ihre Mutter. »Ich weiß, du machst dir immer noch Gedanken um sie. Aber wir werden womöglich nie erfahren, was aus ihnen geworden ist. Ihr Vater hat sich gewiss etwas einfallen lassen. Sie sind ja erst vor drei Monaten fortgezogen. Rachel und ihre Familie haben ganz bestimmt irgendwo Zuflucht gefunden.«

»Aber wo sollten sie denn hingehen? Sie mussten England verlassen!«

»Es gibt eine ganze Welt außerhalb Englands. Es gibt viele Orte, wo ein Mann wie Jacob de Anjou eine Stellung finden könnte.«

»Ich sollte Lady Dickleburough fragen«, sagte Isabel lachend. »Wenn sie, wie du sagst, wirklich alles weiß, dann weiß sie auch, wo Rachel ist. Oder wer wissen könnte, wo sie ist.«

Ihre Mutter erwiderte nichts, sondern sah sie mit einem seltsamen Ausdruck in den Augen an. Dann ließ sie die Nadel sinken und starrte auf Isabels Röcke. Isabel beobachtete sie beunruhigt.

»Das war ein Scherz, Mutter. Ich werde sie nicht nach Rachel fragen.«

»Isabel«, sagte ihre Mutter mit einem merkwürdigen Unterton in der Stimme.

»Und ich verspreche dir, auch sonst nicht mehr von Rachel zu sprechen. Ich weiß, dass es unklug ist, auch nur offen zuzugeben, dass wir befreundet waren. Ich habe sie sehr gern, aber ich werde nicht mehr von ihr sprechen.«

»Isabel.« Ihre Mutter blickte nicht von dem Saum auf. »Da ist etwas, das du wissen musst.« Sie erhob sich, legte die Hand an Isabels Wange, wandte sich dann seufzend ab und ging durchs Zimmer. »Es wäre mir lieber, du würdest das nie erfahren, aber du musst die Wahrheit kennen, und es ist besser, wenn du sie von mir hörst als von Lady Dickleburough oder sonst jemandem bei Hofe. Sie würden es in meiner Gegenwart niemals erwähnen, aber da du nun zu ihnen gehörst, wird es dir gewiss irgendjemand erzählen.« Sie seufzte erneut.

»Mutter, ich weiß alles über Urgroßmutters … Torheit. Ich weiß, dass Großmutter unehelich geboren wurde. Das weiß ich schon seit Jahren.«

Ihre Mutter schüttelte den Kopf. »Das ist es nicht, Isabel. Natürlich weißt du darüber Bescheid. Aber … da ist noch mehr, das du wissen musst. Und ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll.« Sie blieb am Fenster stehen und strich mit einem Finger über das Glas.

Isabel wartete, und ihr Herz begann zu hämmern. Was konnte das nur sein? War Großmutter krank? War das der Grund dafür, weshalb Mutter wünschte, dass Isabel sie öfter besuchen sollte? Dann kam ihr ein weiterer Gedanke.

»Bist du krank, Mutter? Du siehst gut aus, aber hast du …?«

»Nein, nein. Es geht nicht um mich, Kind. Oder vielmehr doch. Verstehst du, dein Vater … Ich …« Ihre Mutter wandte sich vom Fenster ab und reckte das Kinn vor. »Ich war noch sehr jung, kaum älter als du jetzt. Er sah so gut aus und war so charmant, und ich glaubte ihm jedes Wort – dass ich wunderschön sei und er mich liebe, dass er mich immer lieben und auf ewig bei mir bleiben würde. Er eroberte mein Herz. Ich dachte, er würde mich lieben. Und deshalb wurde ich … seine Geliebte. Und du bist aus dieser Verbindung hervorgegangen.«

»Aber das ist doch keine Schande, Mutter! Männer und Frauen erklären einander immer ihre Liebe, heiraten und bekommen Kinder. Das ist der Lauf der Welt.«

»Der Lauf der Welt.« Das Lachen ihrer Mutter klang hässlich. »Ich hätte es besser wissen müssen, Isabel. Ich wusste doch, wie es ist, als Bastard gebrandmarkt zu sein. Ich wusste, was man über meine Großmutter sagte – dass sie die Hure eines Königs war. Ich wusste, dass meine Mutter unter dem Fehler ihrer Mutter zu leiden hatte, dass ihre Familie sie verstoßen hatte. Und dennoch habe ich aus alledem nichts gelernt.«

»Aber Mutter –«

»Sei still! Du musst es erfahren, und wenn ich es dir jetzt nicht sage, bringe ich es vielleicht niemals über mich. Ich werfe dich in eine Schlangengrube und habe erst jetzt erkannt, wie schlecht du darauf vorbereitet bist.« Sie holte tief Luft. »Ich habe dich getäuscht. Dein Vater ist nicht tot. Er lebt.«

2

»Er heißt jetzt Lord Lonsby«, sagte ihre Mutter. »Er war der Sohn eines jüngeren Bruders, als ich ihn kennenlernte, doch er hat den Titel seines Onkels geerbt. Er hat nie für die Kammer gearbeitet; das war reine Erfindung, und ich wünschte, ich hätte dir das nie erzählt, denn deshalb liebst du nun den Tower allzu sehr. Er hat mich nicht geheiratet. Er war bereits verheiratet, lange bevor wir … bevor du zur Welt kamst. Er ist auch nicht verstorben. Es tut mir leid, dass ich dich das all die Jahre habe glauben lassen. Er hat ein Heim, Frau und Kinder im Norden, in Northumbria, nahe der schottischen Grenze.«

Sie hielt inne und fuhr dann fort, die Hände vor der Taille zusammengepresst: »Du, Isabel, bist ein uneheliches Kind, genau wie deine Großmutter. Du musst klüger sein, als ich es war. Vertrau den Jägern nicht. Vertraue niemals einem Mann.«

Ihre Mutter wandte den Kopf ab. Isabel eilte zu ihr, um sie in die Arme zu schließen und ihr zu versichern, dass sie sich nichts daraus machte. Aber das stimmte natürlich nicht. Sie war verletzt, weil ihr die Wahrheit so viele Jahre lang vorenthalten worden war, und aufgeregt über die Entdeckung, dass ihr Vater noch lebte. Vielleicht sollte sie in den Norden reisen, um ihn zu besuchen. Aber würde er sie sehen wollen? Immerhin hatte er sie und ihre Mutter im Stich gelassen. Dennoch … ihr Vater lebte. Und das hatte sie jahrelang nicht gewusst. Ihre Aufregung wurde nur von dem Schmerz gedämpft, den sie in den Augen ihrer Mutter sah. »Warum hast du es mir nicht gesagt?«, fragte sie schließlich.

»Erst warst du zu jung, um das zu verstehen. Und als du alt genug dazu warst, wusste ich, dass du mich mit anderen Augen betrachten würdest, wenn ich es dir erzählt hätte. Welches junge Mädchen möchte schon hören, dass ihre Mutter eine Dirne ist?«

»Mutter! Du bist wohl kaum eine Dirne! Und ich halte deswegen gewiss nicht weniger von dir.« Doch noch während sie das sagte, erkannte sie, dass diese Worte nicht der Wahrheit entsprachen. Sich all die Jahre lang Moralpredigten anhören zu müssen, ständig daran gemahnt zu werden, dass ihr Verhalten jederzeit untadelig zu sein habe, um dann festzustellen, dass ihre Mutter … was gewesen war? Närrisch? Leichtfertig? Nein, leichtfertig war ihre Mutter gewiss nie gewesen, sagte sich Isabel. Doch sie wusste auch, dass ihre Mutter nie die Folgen ihrer Handlungsweise bedachte. Vielleicht war sie als junges Mädchen schon so gewesen, hatte sich in Situationen gestürzt, ohne an den möglichen Ausgang zu denken, wenn ihre Gefühle heftig aufflackerten und ebenso rasch wieder erloschen, heiß und kalt – so war es auch jetzt noch. Und nun war sie verbittert. Doch so viele Jahre … und ausgerechnet jetzt, da sie völlig überraschend in das höfische Leben gestoßen wurde, zu erfahren, dass sie selbst unehelich war. Dass sie, wie ihre Großmutter, ein Bastard war.

»Gewiss nicht«, wiederholte sie und erkannte dabei, dass sie, genau wie ihre Mutter, sehr wohl fähig war, sich zu verstellen. Das war eine beunruhigende Erkenntnis.

Die Augen ihrer Mutter blitzten. »Aber selbstverständlich betrachtest du mich jetzt mit anderen Augen! Das solltest du sogar! Du musst vorsichtiger sein, weniger vertrauensselig, als ich es war. Und deine Urgroßmutter vor mir, obgleich ihre Sünde geringer war als meine, denn wie sagt man Nein zu einem König? Sie hatte keine Wahl, keine Familie, die sie hätte beschützen können. Aber ich schon … ich hätte es besser wissen müssen, Isabel. Ich hätte ihm niemals glauben dürfen. Ich habe mit meinem unzüchtigen Verhalten meinen eigenen Ruin herbeigeführt. Ich habe mich zur Dirne gemacht.«

»Du warst jung. Du warst töricht.«

»Ich war in der Tat sehr jung und mehr als töricht. Und deshalb warne ich dich, deshalb habe ich dich schon immer vor den Männern gewarnt. Man darf ihnen nicht vertrauen.«

»Hättest du es mir überhaupt je gesagt, wenn ich nicht als Hofdame der Königin auserwählt worden wäre? Wenn du nicht fürchten müsstest, dass es mir jemand wie Lady Dickleburough erzählen könnte … hättest du es mir dann jemals selbst erzählt?«

»Ich wollte es dir ja immer sagen. Wenn der richtige Zeitpunkt kommen würde. Sobald du alt genug wärest. Ich wollte es dir sagen. Aber …« Ihre Mutter straffte die Schultern. »Aber vielleicht hätte ich es doch nicht getan, Isabel. Eigentlich wollte ich nicht, dass du so etwas über mich weißt.«

»Hast du … ist er … hörst du manchmal von ihm?«

»Gelegentlich. Anfangs schickte er noch Geld, doch in den vergangenen zehn Jahren … nichts mehr.«

»Er hat eine Ehefrau, hast du gesagt. Und Kinder.«

»Sieben, nach allem, was ich zuletzt gehört habe.«

»Sieben.« Isabel war wie vor den Kopf geschlagen. »Ich habe Schwestern … oder Brüder.«

»Ja. Er hat zwei Söhne, die älter sind als du. Und eine Tochter … in deinem Alter. Und noch ein paar jüngere Kinder, aber ich weiß nicht, ob es Jungen oder Mädchen sind. Isabel, kannst du mir verzeihen?«

»Ach, Mutter!« Isabel eilte zu ihr, schloss sie in die Arme, trat dann zurück und lächelte zittrig. »Natürlich, Mutter. Das ändert gar nichts. Natürlich verstehe ich das.«

»Nein, tust du nicht. Das kannst du nicht verstehen. Bis ein Mann dich so vollkommen blendet, dass du dich selbst vergisst, wirst du das niemals verstehen. Ich bete für dich, dass dieser Tag niemals kommen möge. Bleibe wachsam. Vertraue niemandem.«

Isabels ersten drei Tage im Dienst von Eleanor von Kastilien waren grau und kalt. Der vierte Tag war heller, und der fünfte klar und herrlich warm. Isabels Stimmung glich dem Wetter – anfangs düster und unsicher, dann immer klarer und heller, als sie sich an ihr neues Leben gewöhnte und die Aufgaben, die man ihr übertrug, zu erfüllen lernte. Sie war dazu ausersehen worden, der Königin zu dienen. Selbstverständlich war sie überglücklich. Das sagte sie sich selbst jeden Tag. Die Abneigung gegen den König brodelte noch immer in ihr, doch sie schwieg und wartete ab. Wenn sie erst länger am Hof gewesen sein würde, wenn die Königin, mit der sie noch keine einzige private Unterhaltung geführt hatte, sie besser kannte, wenn sie ihre Loyalität bewiesen hatte, dann würde sie die Königin auf Rachels Volk ansprechen.

Vorerst jedoch hatte sie genug damit zu tun, ihre neuen Pflichten kennenzulernen. Und sich mit der Wahrheit über ihre uneheliche Geburt abzufinden. Sie versuchte, nicht darüber nachzugrübeln, weshalb ihre Mutter ihr die Wahrheit – dass ihr Vater sie im Stich gelassen hatte – so lange verschwiegen haben mochte. Dabei hätte diese Geschichte so gut zu Mutters Predigten über gefährliche Männer gepasst. Isabel war sich sicher, dass ihre Mutter sie nur davor hatte warnen wollen, leichtfertig zu sein. Oder waren die Beweggründe ihrer Mutter, Isabel die Wahrheit vorzuenthalten, doch nicht so selbstlos gewesen? Sie sollte großzügiger sein, schalt sie sich selbst, weniger hart über ihre Mutter urteilen. Ihre Mutter war nicht sehr gefestigt, das wusste sie doch. Und verbittert, was nur verständlich war, wenn jemand so rücksichtslos beiseitegeschoben wurde.

Ihr Vater hatte sieben Kinder, darunter zwei Töchter und zwei Söhne, die älter waren als Isabel. Sie, die sich schon ihr Leben lang nach einer Schwester sehnte, hatte eine. Und mindestens zwei Brüder. Und sie würde keines ihrer Geschwister je kennenlernen. Sie hatte ihrer Mutter keine weiteren Fragen gestellt – die waren ihr erst später eingefallen, in den langen Stunden, während sie im Dienst der Königin untätig wartete. Wartete. Es überraschte sie, wie viel Zeit sie mit Warten zubrachte.

»Zumindest verstehe ich jetzt, warum man meine Tätigkeit ›Aufwarten‹ nennt«, erzählte sie ihrer Großmutter, als sie diese endlich besuchen konnte, »denn Warten ist im Grunde das, was ich tue.«

Sie hatte den Tag frei bekommen und sollte nur vor dem Dunkelwerden wieder in Westminster sein. Also hatte sie an diesem herrlich klaren Morgen ein Boot flussabwärts genommen, um ihre Großmutter zu besuchen, die sie mit einem breiten Lächeln und einer verborgenen Traurigkeit in den Augen begrüßte, die Isabel sagte: Ihre Mutter war hier gewesen und hatte Großmutter erzählt, dass Isabel nun von ihrer unehelichen Geburt wusste. Sie sprachen aber zunächst nicht darüber, sondern nur über Isabels neues Leben.

»Ich verbringe tatsächlich die meiste Zeit mit Warten. Ich dachte, ich würde der Königin Gesellschaft leisten oder mit ihr im Park spazieren gehen. Beides tue ich ja auch. Aber ich hatte keine Ahnung, dass man das ›Aufwarten‹ wörtlich nehmen muss.«

Ihre Großmutter lachte mit ihr und schob Isabel einen Teller mit Feigen hin.

»Was sind deine Pflichten? Wie verbringt die Königin den Tag?«

»Wir Hofdamen müssen natürlich zuerst aufstehen, ihre Gewänder bereitlegen, die Gemächer aufräumen, die Nachttöpfe leeren, wenn sie gesäubert werden müssen, und Nachrichten entgegennehmen. An den meisten Vormittagen – ach, wenn ich mich so höre! Seit fünf Tagen in ihren Diensten und bereits eine Expertin!« Isabel lachte über sich selbst. »Der König besucht sie jeden Tag, manchmal mit seinen Ratgebern. Und die Kinder sind auch oft bei ihr.«

»Die Kinder haben früh einen eigenen Haushalt, nicht wahr? Wie viele wohnen denn noch zu Hause? Königin Eleanor hat doch, wie viele, vierzehn Kinder geboren?«

»Fünfzehn, aber nur sechs leben noch. Kannst du dir das vorstellen, nur sechs?«

»Das kommt sehr oft vor. Die beiden hatten noch Glück. Prinzessin Eleanor ist verheiratet und lebt in Aragon, ist das richtig? Und Joan, die sie Joan of Acre nennen – ist das nicht die, die im Mai Gilbert de Clare geheiratet hat?«

»Ja! Ich wünschte, ich hätte schon damals zum Hof gehört. Man hat mir erzählt, die Zeremonie in der Westminster Abbey sei sehr prunkvoll gewesen. Du hast doch gewiss alles darüber gehört?«

Ihre Großmutter lachte. »Aber selbstverständlich. Und ebenso selbstverständlich habe ich es wieder vergessen. Im Gegensatz zum restlichen London verbringe ich meine Zeit nicht mit Gesprächen darüber, was die königliche Familie so tut. Von Prinzessinnen erwartet man, dass sie sich gut verheiraten, und das hat sie getan. Was ist mit den anderen Kindern?«

Isabel zählte sie an den Fingern ab. »Margaret ist fünfzehn, Mary ist elf, Elisabeth acht und Prinz Edward sechs. Lady Dickleburough behauptet, sie alle hätten die Starrsinnigkeit ihres Vaters geerbt.«

»Lady Dickleburough? Sie ist noch bei Hofe? Es hat sie noch immer niemand ermordet?«

»Großmutter! Warum sollte jemand so etwas tun?«

»Sie weiß viel zu viel. Offensichtlich wird sie für ihr Schweigen sehr gut bezahlt. Vertrau ihr nicht, Liebes.«

»Ach, gewiss nicht, aber sie ist ja so unterhaltsam. Und Alis de Braun lerne ich gerade besser kennen. Sie war sehr freundlich zu mir.«

»Alis de Braun?« Ihre Großmutter rümpfte die Nase. »Ihr Großvater war ein Kaufmann!«

Isabel lachte. »Meiner ebenfalls.«

»Dein Großvater«, erklärte ihre Großmutter spitz, »war ein erfolgreicher Kaufmann, der zum Ritter erhoben wurde. Er hat mir ein sehr behagliches Leben ermöglicht. Alis’ Großvater hat am Hafen Fisch verhökert und konnte sich irgendwann sogar einen Fischstand leisten.«

»Wie ist sie dann an den Hof gelangt?«

»Alis ist sehr hübsch, was gewiss nicht geschadet hat. Und sie hatte einen Wohltäter. Alis’ Mutter hat einen alten Narren von einem Baron geheiratet, der angenehmerweise recht bald, nachdem Alis und ihre Schwester zur Welt gekommen waren, verstorben ist. Das war eine Frau, die ihr Leben zu lenken wusste.«

Eine Pause entstand. Isabel biss in eine Feige. »Kanntest du ihn? Meinen Vater? Bist du ihm je begegnet?«

Ihre Großmutter lehnte sich zurück und beobachtete Isabel einen Augenblick lang. »Lonsby? Recht oft sogar. Ich konnte ihn nicht ausstehen. Ich verabscheue ihn heute noch. Er hat gelogen. Vom ersten Tag an hat er gelogen, und mein Mädchen war töricht genug, ihm zu glauben. Es gibt Männer, Isabel, die einem hübschen Gesicht oder einem willigen Weibsbild nicht widerstehen können, und er ist so einer. Ich wage zu behaupten, dass du nicht das einzige Kind bist, das er gezeugt hat, während er in London weilte. Der König hat fünfzehn Kinder gezeugt. Ich bin sicher, bei Lord Lonsby waren es nicht weniger. Er konnte seinen … er besitzt keinerlei Selbstbeherrschung.«

»Er war schon verheiratet, als er Mutter kennenlernte?«

»Seit mehreren Jahren.«

»Und das war allgemein bekannt? Aber niemand hat es ihr gesagt?«

»Er war ein recht unbedeutender Mann. Ich wäre nie auf den Gedanken gekommen, dass sie ihn anziehend finden könnte. Er war in seinen Nachstellungen sehr verstohlen. Ich wusste, dass irgendjemand das besondere Interesse deiner Mutter geweckt hatte, doch ich dachte, es sei ein junger Mann aus der Nachbarschaft. Ich war mir sicher, dass ihr dieser Junge nicht schaden würde. Er hat sie geliebt. Er liebt sie immer noch, wenn du mich fragst, ist aber seit Jahren verheiratet und gehört nicht zu der Sorte, die ihr Ehegelöbnis so leicht bricht.«

»Seine Mutter sagt, sie sei leichtfertig gewesen.«

Ihre Großmutter seufzte. »Nein, obgleich uns allen eine gewisse Neigung zur Leichtfertigkeit im Blut liegt. Meine Mutter war zweifellos leichtfertig, aber ebenso zweifellos war deine es nicht. Meine Mutter hat ihren Fehltritt, dessentwegen sie in Ungnade fiel, nie aufrichtig bereut. Sie hat mir mein Leben lang gesagt, ich solle stolz darauf sein, dass ich die Tochter eines Königs bin, so wenig uns das auch genutzt hat. Allerdings wurde ihr dieses Haus geschenkt, und das ist nicht zu verachten. Der Lohn der Sünde, nehme ich an, ist nicht immer so armselig, wie man meinen könnte. Aber, Liebes, du musst klüger sein als meine Mutter und als deine Mutter. Du siehst ja, wie verbittert sie ist. Es sind stets die Frauen, die den Preis bezahlen, niemals die Männer. Sei klüger, mein liebes Kind.«

»Warum habt ihr mir das nicht gesagt?« Isabel bemühte sich, ihre Stimme nicht vorwurfsvoll klingen zu lassen. »Warum hat keine von euch mir je davon erzählt?«

»Es stand mir nicht zu, dir das zu sagen. Das war Sache deiner Mutter. Ich hatte gehofft, dass du es nie erfahren würdest. Jetzt trauerst du um das Bild, das du dir von deinem Vater gemacht hast, und nicht mehr um den echten Mann, den du für tot hieltest. Warum musstest du unbedingt erfahren, dass dein Bild so anders war als die Wirklichkeit?«

»Wusste er – mein Vater, meine ich – wusste er von mir? Er muss von mir gewusst haben, Großmutter. Ich erinnere mich an ihn …«

»Selbstverständlich wusste er von dir. Sein Onkel war ein einflussreicher Mann, und mit seiner Hilfe ist es Lonsby gelungen, deine Mutter in den Dienst der Königin zu bringen. Sie war ihm gleichgültig, doch zumindest hat er dafür gesorgt, dass sie ein Auskommen hatte – obwohl ich euch natürlich nicht hätte verhungern lassen. Aber deine Mutter war stolz und wollte meine Hilfe nicht annehmen. Ich habe sie angefleht, hierherzuziehen, doch sie war entschlossen, den Preis für ihren Fehler zu bezahlen.«

»Der Fehler bin ich.«

»Nein, Isabel, du warst kein Fehler. Er war der Fehler. Ein charmanter, gut aussehender Fehler. Er hätte sie mit gebrochenem Herzen und ruiniert zurückgelassen. Du hast ihr einen Grund dafür gegeben, jeden Tag aufzustehen, und den brauchte sie dringend, nachdem er sie verlassen hatte. Bastard!«

»Das wäre dann ich, nicht er, Großmutter.« Isabel lächelte schwach und kämpfte mit den Tränen.

Die standen auch in den Augen ihrer Großmutter. »Bitte entschuldige, Liebes. Das war gedankenlos von mir.«

»Aber genau das bin ich doch, nicht wahr? Ein Bastard.«

»Nein. Ein über alles geliebtes Kind.«

»Ein Kind der Liebe meinst du wohl. Sie hasst Männer. Mutter, meine ich. Sie hasst sie.«

Ihre Großmutter seufzte. »Allerdings. Aber es gibt auch gute Männer, nicht nur Lügner. Hör auf deine Mutter, Isabel, aber hör bei aller Vorsicht auch auf deine eigene innere Stimme. Weniges ist so wunderbar, wie ein guter Mann, der dich liebt, Kind. Dein Großvater hat mich geliebt, und deine Mutter. Und er liebte dich. Er war ein guter und treuer Mann. Es gibt sie also. Ich wünschte nur, er hätte dich heranwachsen sehen.«

»Was hat er denn von meinem Vater gehalten?«

»Es war nur gut, dass Lonsby London verlassen hat, ehe dein Großvater von alledem erfuhr. Aber genug von Lonsby. Ist es wahr, dass die Schotten König Edward gebeten haben, zu entscheiden, wer sie regieren soll?«

»Das habe ich auch gehört. Es gibt dreizehn Männer, die Anspruch auf den Thron erheben, darunter König Erik von Norwegen und sogar Edward selbst.«

»Dreizehn! Warum nicht gleich hundert? Welch ein Irrsinn.« Ihre Großmutter schüttelte voller Abscheu den Kopf.

»Die Schotten werden sich nie untereinander einig sein. Diese Unfähigkeit, sich zusammenzutun, wird ihr Untergang sein. Es wäre besser, sie würden Edward einfach als ihren König anerkennen, dann wäre die ganze Insel unter seiner Herrschaft vereint. Es wäre ohnehin irgendwann so gekommen, denn die Jungfrau sollte ja Prinz Edward heiraten. Wir alle wissen, dass unser König der wahre Herrscher gewesen wäre, bis die beiden herangewachsen wären. Und so wäre die Welt ein besserer Ort gewesen, wenn du mich fragst. Sieh nur, wie viel besser Wales nun gedeiht, da es unter dem Schutz des Königs steht. Also, wird der König nach Schottland reisen? Und die Königin?«

»Ich weiß es nicht genau. Das Parlament, das er in Nottinghamshire abgehalten hat, in Clipstone, ist jetzt beendet. Mir hat man gesagt, dass der König im Norden bleiben würde und die Königin ihm nachreisen wolle, um ihn in Lincoln zu treffen. Lincoln! Stell dir nur vor, was ich auf dieser Reise alles sehen werde!«

»Vielleicht sogar Schottland, obgleich es mir ein Rätsel ist, weshalb irgendjemand Schottland sollte sehen wollen. Schon die Römer wussten, dass es dort oben nichts Interessantes gibt. Aber genug von Schottland. Erzähl mir lieber, was du dieser Tage so trägst.«

Isabel lachte und erzählte ihrer Großmutter von den prächtigen neuen Kleidern, die sie in ihrer neuen Position tagtäglich trug. Ihre Großmutter füllte einen Korb mit Obst und Leckereien für Isabel, den sie ihrer Mutter bringen sollte, und gab ihr einen ihrer Burschen mit, der Isabel bis zum Kai am Fluss begleitete. Von hier aus würde sie eines der vielen Fährboote nehmen, die Passagiere von der Stadt nach Westminster und noch weiter beförderten. Es begann zu nieseln, als Isabel dem Burschen eine Münze gab, dann den Fährmann bezahlte und vorsichtig das Boot betrat. Sie hielt den Korb mit beiden Armen umschlungen, und als der Wind ihr das Haar ins Gesicht wehte, hatte sie keine Hand frei, um es zurückzustreichen.

»Gebt acht, Demoiselle«, sagte eine Männerstimme. »Augenblick, ich helfe Euch.«

Sie spürte, wie jemand nach ihrer Hand griff, und warf sich mit einer Kopfbewegung das Haar aus dem Gesicht. Er war groß, der junge Mann, der ihre Hand hielt, und gekleidet wie die Ritter des königlichen Gefolges. Sie glaubte alle Ritter des Haushalts zu kennen, doch diesen hatte sie noch nie gesehen. Sie hätte sich gewiss an ihn erinnert. Sein Haar war braun, aus einem auffallend angenehmen Gesicht zurückgebürstet, mit dunklen Brauen über noch dunkleren Augen und einem leichten Bartschatten um den Kiefer. Seine Wangenknochen waren scharf gezeichnet, sein Kinn ebenfalls. Sein Lächeln war breit. Franzose, vermutete sie.

»Ich danke Euch, Sir«, sagte sie knapp, trat sicher hinab in den Rumpf des Bootes und entzog ihm ihre Hand.

Sie stellte den Korb neben sich ab, faltete die Hände im Schoß und blickte über den Fluss. Es begann heftiger zu regnen. Die Passagiere um sie herum zogen sich Kapuzen und Umhänge über die Köpfe und murrten leise vor sich hin, doch das Boot war noch nicht einmal zur Hälfte besetzt, und Isabel wusste, dass sie noch eine Weile würden warten müssen, bis das Boot ablegte.

Sie irrte sich. Der Ritter beugte sich dicht zu dem Fährmann herab, Isabel sah ein paar Münzen blinken, und dann legte das Fährboot vom Kai ab. Der Ritter ließ sich auf der Sitzbank nieder, sodass ihr Korb zwischen ihnen stand, und schenkte ihr ein weiteres Lächeln.

»Ich dachte, Ihr wollt gewiss nicht warten, bis der Regen uns alle durchweicht hat.«

»Nein.«

Sie wusste nicht, was sie sagen sollte, und kam sich vor wie eine Närrin, während sie stumm neben ihm saß. Hatte er den Fährmann tatsächlich dafür bezahlt, dass dieser sofort ablegte? Sie warf aus den Augenwinkeln einen Blick auf ihn. Er schaute zufrieden über das Wasser, während der Bootsmann die Mitte des Flusses ansteuerte. Er musste einer der Ritter sein, die mit König Edward aus der Gascogne zurückgekehrt waren. Dort hatte er in den vergangenen Jahren viel Zeit verbracht und sich um seine französischen Besitzungen gekümmert. Er hatte viele Ritter mit nach Hause gebracht und ihnen Ländereien und Titel gewährt. Dieser Mann war jünger als die meisten anderen, sein Akzent jedoch unverkennbar.

»Ihr seid eine der Hofdamen der Königin?«, fragte er sanft.

»Ja«, erwiderte sie überrascht.

»Ihr müsst die Neue sein.«

»Woher wisst Ihr das, Sir?«

»Das war nicht schwer zu erraten. Jeder in London weiß, dass die Königin eine neue Begleiterin hat. Ihr müsst Euch daran gewöhnen, dass man Euch überall erkennt. Und Euch zu überreden versucht, die Bitten und Wünsche der Leute an die Königin heranzutragen.«

Davor hatte man sie gewarnt – dass andere sie bitten würden, sich ihrer Sache anzunehmen, und sie kannte Hofdamen, die genau das getan hatten. Und für ihren Einsatz reichlich belohnt worden waren.

Sein Lächeln war breit. Und bezaubernd. Isabel ignorierte das Echo der mütterlichen Ermahnungen. Was konnte es denn schaden, auf der kurzen Überfahrt höfliche Konversation zu machen? Die anderen Passagiere beobachteten sie unverhohlen, einige mit offenkundiger Missbilligung, manche eher apathisch, ein paar auch lächelnd.

»Und Ihr seid?«

»Henry de Boyer.«

Sie wies mit einer Geste auf seine Kleidung. »Sir Henry de Boyer? Einer der Männer des Königs?«

»Oui. Das bin ich. Und Euer Name, Demoiselle Hofdame?«

»Ich bin Isabel de Burke.«

»Es ist mir ein Vergnügen, Eure Bekanntschaft zu machen, Demoiselle.«

»Gleichfalls, Sir.«

»Kommt Ihr von einem Stelldichein mit Eurem Liebsten?«, fragte er.

»Nein! Ich habe meine Großmutter besucht.« Sie schwiegen einen Augenblick lang.

»Und Ihr?«, fragte sie.

»Ob ich von einem Stelldichein mit meiner Liebsten komme?« Er lachte. »Allerdings. Ich bin verliebt in diese Stadt. Wenn ich ein wenig Zeit für mich habe, streife ich durch die Straßen, um jeden Zoll dieser Stadt kennenzulernen.« Er beugte sich vertraulich zu ihr herüber. »Bald wird sie keine Geheimnisse mehr vor mir haben. Ich kenne sie gewiss besser als Ihr.«

»Ganz gewiss nicht, Sir. Ich habe mein ganzes Leben hier verbracht. Früher habe ich sogar genau auf der Straße gespielt, wo wir eben an Bord gegangen sind.«

»Tatsächlich?« Ein Lächeln breitete sich langsam über sein Gesicht. »Letztes Jahr?«

»So jung bin ich nicht, Sir.«

»Ah, doch, das seid Ihr, liebliche Isabel de Burke. Aus Euren schönen Augen leuchtet die Unschuld. In wenigen Jahren werdet Ihr abgestumpft und gelangweilt sein, doch jetzt umgibt Euch noch dieser frische Schimmer der Jugend. Der ist sehr anziehend.«

Sie warf ihm von der Seite einen Blick zu, unsicher, was sie sagen sollte. Er lachte in sich hinein, sagte aber nichts mehr. Am Kai in Westminster nahm er ihren Korb, trug ihn die Stufen vom Fluss hinauf und griff dabei nach ihrer Hand, als hätten sie diesen Weg schon oft gemeinsam genommen. Sie ließ sich von ihm die Treppe hinaufhelfen, ließ jedoch seine Hand los, sobald sie ebenen Boden erreicht hatten.

»Ihr wollt zurück in den Palast?«, fragte er. Sie nickte.

»Ich ebenfalls. Ich werde Euch begleiten.«

Schweigend eilten sie durch die Menge und vorbei an den Wachen, die ihnen zunickten. Sobald sie den Palast betreten hatten, schüttelte Isabel den Regen von ihrem Umhang, zog die Kapuze zurück und griff nach dem Korb. Henry reichte ihn ihr, verneigte sich tief und lächelte sie ein letztes Mal an, ehe er ging. Sie sah ihm nach, bis er um eine Ecke verschwand, und lächelte in sich hinein. Henry de Boyer, Ritter des Königs.

Es wird Männer geben …

»Ach, bitte! Ihr glaubt doch wohl nichts von alledem?« Isabel strich sich lachend das Haar über den Kragen zurück. »Das sind alles nur Gerüchte.«

»Gerüchte können wahr sein, wisst Ihr?«, bemerkte Lady Dickleburough.

»Dass Langton mit dem Teufel im Bunde ist? Dass er seine Mätresse ermordet hat, weil er ihr kein Geld dafür bieten wollte, dass sie ihn verlässt? Ganz gewiss sind das nur Einbildungen einer allzu lebhaften Fantasie, aber keine Tatsachen.«

»Und ganz gewiss seid Ihr noch sehr jung.«

»Aber er ist der Kämmerer, und ein Vertrauter des Königs.«

»Was allein seine Tugendhaftigkeit beweist, ja? Seht, da kommen sie«, sagte Lady Dickleburough und beugte sich vor, um Edwards Ritter bei den Vorbereitungen zu einem Ausritt zu beobachten. »Welcher ist denn nun dieser gut aussehende Ritter, den Ihr bewundert?«

Isabel beugte sich über die steinerne Brüstung. »Der dort. Seht Ihr, er dreht gerade den Kopf.«

»Um einer Frau nachzuschauen. Er hat Euch gesagt, er käme gerade von einem Stelldichein mit einer Geliebten, und Ihr wolltet ihm nicht glauben. Wenn ein junger Mann solche Sachen sagt, gewährt er Euch damit Einblick in seine Gedanken. Ich glaube, dass er tatsächlich gerade von einer Geliebten kam. Ich habe gehört, er sei der Vater des Kindes, das Eure Vorgängerin unter dem Herzen trägt.«

»Und ich habe gehört, Bischof Langton habe sie geschwängert«, entgegnete Isabel.

»Weshalb ich Euch all diese Dinge über ihn erzählt habe. Ihr habt Walter Langton noch nicht kennengelernt, nicht wahr?«

»Nein.«

»Das überrascht mich. Da Eure Mutter so häufig im Haushalt der Königin weilt, hätte ich längst damit gerechnet. Nun, wie auch immer. Habt Ihr ihn denn zumindest einmal gesehen?«

»Nein.«

»Ihr werdet ihn unvergesslich finden. Das tun wir alle.«

Isabel wandte sich der älteren Frau zu und sah sie an. Im hellen Tageslicht waren die Falten um Mund und Augen deutlich zu erkennen. Sie war für die Tageszeit sehr aufwändig gekleidet, ihr Gürtel war mit Edelsteinen überladen, der Schleier aus feinster weißer Seide. Die meisten Damen der Königin trugen nur die feinsten Stoffe und Edelsteine, kleideten sich jedoch meist schlichter, denn Edwards Hof war alles andere als prunkvoll. Der König selbst schien nicht darauf zu achten, was er trug, und sein Hofstaat folgte diesem Beispiel. Lady Dickleburough scherte sich nicht um die Regeln, sie trug, was ihr gefiel, und hatte es dennoch irgendwie geschafft, bei Hofe zu bleiben.

Alle behaupteten, sie sei einst eine wunderschöne Frau gewesen, eine Sirene, die Männer zu sich lockte und an sich zu binden vermochte, doch es war schwierig, diese Frau jetzt noch in ihr zu sehen. Dennoch, es gab Augenblicke – wenn Lady Dickleburough mit einem jungen Mann flirtete, als sei auch sie noch jung und hübsch –, da konnte Isabel sich vorstellen, wie sie in ihrer Jugend gewesen war. Wie Alis.

Die beiden waren sich sehr ähnlich. Alis war wunderschön, und das wusste sie auch. Alles, selbst das Wiegen ihrer Hüften – stets ein wenig ausgeprägter, wenn ein Mann in der Nähe war, sei er ein Diener oder ein Edelmann –, war bewusst auf Wirkung bedacht. Die geübten Gesten, mit denen sie Aufmerksamkeit auf sich zog, das reizend geneigte Köpfchen, das glockenhelle Lachen über einen müden alten Witz, das Lächeln, bei dem sich die Lippen ganz langsam zu hübschen Bögen verzogen und das so viel mehr versprach – alles war darauf ausgerichtet, die Blicke der Männer auf sie zu ziehen. Kein Wunder, dass die anderen Hofdamen sie mieden. Sie mochten Adelstitel tragen und sich hervorragend verheiratet haben, sie mochten mit Gold, Silber und Edelsteinen beladen sein, doch keine besaß diese Jugend und Schönheit.

»Langton wird Euch finden, Isabel. Und dann werdet Ihr Euch entscheiden müssen.«

»Entscheiden?«

Lady Dickleburough lächelte. »Hier bei Hofe bieten sich uns zahlreiche Wege. Viele Männer. Ein gut gemeinter Rat: Wenn Ihr Eure Gunst verschenkt, dann nur im Tausch für etwas sehr Wertvolles.« Sie befühlte einen Rubin an einem ihrer zahlreichen Ringe. »Ihr solltet nicht unterschätzen, wie kostbar – und wie selten – die Tugendhaftigkeit bei Hofe ist. Wenn Ihr sie eintauscht, dann feilscht um den höchsten Preis. Henry de Boyer mag Euch in Versuchung führen. Da seid Ihr gewiss nicht die Einzige. Aber ist er Eure Aufmerksamkeit auch wirklich wert? Seht Euch nach einem älteren Mann um, Isabel. Lockt ihn in eine Falle, ehe er auch nur merkt, dass Ihr auf der Jagd seid. Legt es auf einen Heiratsantrag an, nicht nur auf einen Nachmittag in einem Zimmer in London.«

»Gebt Ihr Isabel gute Ratschläge fürs Leben?«, fragte Alis und trat zu ihnen. Sie beugte sich vor, um die Ritter unten zu betrachten. »Ach, seht nur, wie sie glänzen.«

»Bin ich etwa so unwissend, dass sie von mir nichts lernen könnte?«, entgegnete Lady Dickleburough. »Ich kenne einige Geschichten, die sie sehr interessant finden könnte.«

»O ja, Isabel, sie hat genug Geschichten, um ein ganzes Haus damit zu füllen. Lauscht ihr aufmerksam. Ihr könntet ein paar Geschichten hören, die Euch bekannt vorkommen.«

Isabel blickte von Alis zu Lady Dickleburough.

»Sie könnte in der Tat etwas lernen, liebe Alis. Ich habe einen Ehemann.«

»Und ich, liebe Lady Dickleburough, habe einen Liebhaber. Mit dem ich mich jetzt vergnügen werde.«

Alis warf einen letzten Blick auf die Ritter, strich dann über ihr Haar und ging. Isabel sah ihr nach und schaute dann wieder zu den Rittern hinunter. Doch sie hatte ihn verpasst. Henry war fort, durch das Tor hinaus in die Stadt Westminster geritten.

»Wer ist er?«, fragte Isabel. »Alis’ Liebhaber. Wisst Ihr, wer es ist?«

Lady Dickleburough lächelte nur.

Es sollte noch eine Woche vergehen, bis sie ihn wiedersah – eine erfüllte Woche, in der sie mehr über ihre neuen Pflichten lernte. Dazu gehörte es auch, die Königin zu begleiten, wohin auch immer und wann immer es der Königin beliebte. Und heute beliebte es ihr, durch die Straßen von Westminster auszureiten, und dann nach London, das nicht weit entfernt lag. Früher einmal, so hatte man Isabel erzählt, hatten Felder und Weiden die beiden Städte getrennt, doch jene Zeiten waren längst vorbei. Sie würden durch belebte, schmale Straßen reiten, und deshalb würden sie die Ritter des Königs begleiten.

»Demoiselle! Seid Ihr bereit, Euch der Welt da draußen zu stellen?«

Isabel erkannte die fröhliche Stimme sofort wieder. Sie lächelte Henry de Boyer an. Sie hatte in den vergangenen Tagen überall Ausschau nach ihm gehalten, ihn aber nicht ein einziges Mal gesehen. Er saß auf einem prächtigen Schlachtross, geschmückt mit den Farben des Königs und dem königlichen Wappen. Er selbst trug einen Brustharnisch aus glänzendem Metall und lange Kettenhandschuhe, die ihm bis zu den Ellbogen reichten. Den Helm hielt er in der Armbeuge. Seine Gefährten beugten sich neugierig vor, um nachzusehen, mit wem er sprach.

»Darf ich Euch die neueste Hofdame der Königin vorstellen, werte Sirs? Demoiselle Isabel de Burke. Wir werden Euch heute begleiten, meine Damen, um Euch auf dem Weg durch London zu beschützen.«

»Meinen Dank, Sir«, erwiderte sie in demselben, halb scherzhaften Tonfall. »Ich fühle mich jetzt schon sicherer.«

»Keine Frau ist sicher, wenn de Boyer in der Nähe ist«, rief einer der jüngeren Ritter.

»Das werde ich beherzigen«, sagte sie und lachte mit den Männern.

»Wir sehen uns später, Demoiselles.« Er beugte sich aus dem Sattel zu ihr herab. »Ich freue mich schon darauf.«

»Ich ebenfalls«, sagte Isabel. Sie seufzte, als die Ritter losritten. »Ist er nicht der bestaussehende Mann, den Ihr je gesehen habt?«

»Ist das de Boyer?«, fragte Alis. »Ich habe schon von ihm gehört.«

»Ihr kennt ihn nicht?«

»Nein«, sagte Alis leise und sah Henry nach, als er zum Tor hinausritt.

»Was habt Ihr denn über ihn gehört?«

»Dass er so köstlich ist, wie er aussieht. Ich frage mich, ob das stimmt.«

Isabel warf ihr einen verblüfften Blick zu und bemühte sich dann hastig, ihre Überraschung zu verbergen. Sie war bereits lange genug bei Hofe, um zu wissen, dass Höflinge über solche Dinge sprachen – nur bisher eben nie mit ihr.

Alis lächelte. »Ihr werdet schon noch lernen, Euer Vergnügen dort einzusammeln, wo Ihr es findet. Sozusagen.«

»Und Ihr lasst kein Vergnügen links liegen, nicht wahr, Alis?«, fragte Lady Dickleburough betont.

»So macht es eine kluge Frau. Auch Isabel wird das irgendwann lernen. Sie hat einen hervorragenden Geschmack, was Männer angeht, findet Ihr nicht? Ah, da sind unsere Pferde. Jetzt können wir zur Abwechslung einmal aufsteigen, statt bestiegen zu werden. Isabel, was das bedeutet, werdet Ihr auch noch lernen.«

Isabel unterdrückte ihren Ärger. Sie hatte es satt, von Alis wie ein unwissendes Kind behandelt zu werden. Sie reihte sich ein. Das Gefolge der Königin war groß, eine lange Reihe bildete sich, und manche Straßen waren so schmal, dass sie nur einzeln hintereinander hindurchreiten konnten. Die Königin wurde offenbar nicht von allen geliebt, denn mehrere Leute riefen Beleidigungen, als sie vorüberritt. Ein Dummkopf warf sogar Abfall aus einem Fenster über ihnen, traf jedoch niemanden. Isabel sah, wie die Wachen der Königin die Tür des Hauses aufbrachen; der Mann würde diesen Angriff teuer bezahlen. Niemand wagte es, sich der Königin zu nähern, doch die Ritter, unter ihnen auch Henry, ritten unablässig neben der Prozession auf und ab, eine Demonstration ihrer Stärke. Als sie endlich auf die breitere Straße einbogen, die zurück nach Westminster führte, war Isabel froh, und noch mehr freute sie sich, als Henry ein Stück weit neben ihr herritt.

»Demoiselle, habt Ihr Euren Ausritt genossen?«

»Sir! Wie könnte ich das? Ich war voller Furcht, die Königin könnte jeden Augenblick angegriffen werden. Ich bin so froh, dass wir die Stadt wieder verlassen.«

»Sie ist keine sehr beliebte Monarchin, nicht? Aber deshalb sind wir ja bei Euch, Demoiselle, um Euch zu schützen. Und um das pure Vergnügen Eurer Gesellschaft zu genießen.«

»Gut gesprochen, Sir«, sagte Alis und holte zu ihm auf. »Ihr versteht es, hübsche Worte zu finden.«

Henry verneigte sich lächelnd. »Hübsche Worte zu finden fällt leicht, wenn man eine solche Inspiration wie Euch beide vor Augen hat, Demoiselles.«

Alis lächelte und neigte den Kopf zur Seite. »Wie die Frauen Euch lieben müssen, Sir de Boyer. Seid Ihr in allem so gut wie in der Schmeichelei?«

»Das war keine Schmeichelei, Demoiselle, ich habe nur gesagt, was ich sehe.«

»Würdet Ihr denn mehr sagen, wenn Ihr mehr sehen würdet?«, fragte Alis.

»Das müsste ich erst sehen, bevor ich etwas sagen kann«, erwiderte er lachend.

»Also dann, wir werden sehen«, sagte Alis und trieb ihr Pferd voran, um Lady Dickleburough in ein Gespräch zu verwickeln.

Henry sah ihr nach. »Wer ist sie, Demoiselle?«

»Alis de Braun«, antwortete Isabel verdrießlich.

»Ich habe schon von ihr gehört. Jetzt werde ich sie gewiss nicht mehr vergessen.«

Isabel war ein wenig schockiert über seine Bemerkung.

Henry lachte. »Eifersüchtig, meine Liebe? Dazu besteht kein Anlass. Sie ist zauberhaft, ja, aber Ihr seid wunderschön. In zehn Jahren wird sie bitter und abgehärmt sein, und Ihr noch immer wunderschön. Ihre Schönheit gehört zu der Sorte, die mit der Zeit verblasst und bei längerem Ansehen langweilig wird. Nun, sagt mir, habt Ihr Eure Großmutter inzwischen wieder besucht?«

»Ja, des Öfteren.«

»Dann werde ich auf dem Fluss nach Euch Ausschau halten.«

Er berührte den Rand seines Helms und verließ sie, um an der Prozession entlangzupatrouillieren. Ein Stück weiter vorn hielt er kurz inne, beugte sich zur Seite und sagte etwas zu Alis. Sie lächelte ihn an, schien kurz zu zögern und nickte dann. Henrys Lächeln war sehr breit, als er davonritt.

3

Berwick-Upon-Tweed, Schottland

»Da sind wir«, sagte Jacob de Anjou fröhlich.

Rachel Angenhoff, ehemals Rachel de Anjou, starrte bestürzt das Gebäude an, das ihr neues Zuhause werden sollte, und versuchte, etwas Gutes daran zu finden. Es stand. Ansonsten konnte sie nichts erkennen, das kein Mangel gewesen wäre. Sie warf hastig einen Blick auf ihren Vater Jacob und sah den Kummer in seinen Augen, der sein forsches Auftreten Lügen strafte. Doch sie wagte es nicht, dem Blick ihrer Schwester Sarah zu begegnen, denn Sarah empfand zweifellos das gleiche Entsetzen wie sie selbst.

Das Gebäude war mehr als alt; es war vorsintflutlich. Die Wände waren gefährlich krumm und schief, die Dachziegel geborsten und mit Moos bedeckt. Das Holz des Türrahmens war voller Wurmlöcher; die Stufen, die von der Straße zur Tür hinaufführten, waren vom Alter grau und durchhängend. Ihr Vater, das wusste sie, sah nichts von alledem. Er sah die hohen Bleiglasfenster, die auf die Straße hinausgingen, sogar im ersten Stock über ihnen, der sich ein wenig über die Straße nach vorn neigte, und dachte gewiss nur daran, wie viel Licht diese Fenster in die Räume ließen. Er sah die geschäftige Straße und die vielen Reisenden, von denen er bereits gehört hatte, dass ihnen ein weiterer Gasthof in Berwick sehr willkommen wäre. Er sah das frisch bemalte Schild, das über der schmuddeligen Tür völlig fehl am Platze wirkte. Er sah die Zukunft, und sie konnte nichts sehen als ein altes Haus, in das man viele Jahre Arbeit würde stecken müssen. Ihr Vater eilte die Stufen hinauf, stieß die Tür auf und ignorierte den quietschenden Protest, mit dem sie nach innen schwang.

»Kommt herein, kommt herein«, sagte er, als bitte er sie in die königlichen Privatgemächer in London statt in einen schmutzstarrenden, leeren Gasthof in Schottland, der nun ihr Lebensunterhalt und ihr Zuhause sein würde.

Da ist noch etwas Gutes an dieser Herberge, dachte Rachel, ohne sich vom Fleck zu rühren. Sie liegt nicht in England. Aber …

Ihre Mutter stieg vorsichtig die Stufen empor, raffte die Röcke über den Stiefeln hoch und trat in den düsteren Raum.

»So«, sagte sie, und ihre Stimme hallte durch die Tür hinaus zu Sarah und Rachel, die noch immer zauderten. »So«, sagte sie erneut in dem Tonfall, der Rachel bedeutete, dass Mama nicht erfreut war. Doch Rachel wusste, wie sie alle, dass das Gasthaus bereits gekauft war und es keinen Zweck hatte, jetzt noch zu protestieren.

»Ja, Jacob«, sagte ihre Mama, »daraus können wir etwas machen. Mädchen, kommt herein und seht es euch an. Wir brauchen eure Ideen für unser neues Heim.«

Sarah warf Rachel mit hochgezogenen Augenbrauen einen Blick zu, raffte die Röcke und betrat den Schankraum. Rachel zögerte und sah sich über die Schulter nach den Männern um, die geduldig darauf warteten, ihre wenigen Besitztümer ins Haus zu tragen. Ihr Blick glitt weiter, über die Straßen der Stadt Berwick. Zuhause, dachte sie, als probiere sie das Wort aus. Niemals, und wenn ich den Rest meines Lebens hier verbringen sollte. Berwick war ihre Zuflucht und der Ort, wo sie nun leben würden, doch ihr Zuhause würde es niemals sein.

Dabei war dieses geschäftige Hafenstädtchen am Fluss Tweed gar kein so grauenhafter Ort. Keiner von ihnen wollte hier sein, doch nachdem sie zwei Monate lang über Land gereist waren und dann eine Woche auf der anderen Seite des Flusses gewartet hatten, während Papa ihnen einen Platz zum Leben suchte, waren sie alle dankbar, dass die Reise ein Ende gefunden hatte. Sie waren heute Morgen auf einem der Fährboote herübergekommen, die beständig auf der Mündung des Tweeds verkehrten. Rachel hatte sich an die Reling des flachen Kahns geklammert und die kleine Stadt gemustert, der sie sich näherten, in der Hoffnung, etwas zu entdecken, das sie bewundern könnte. Sie hatte wenig gefunden.

»Rachel …« Sie hörte ihre Mutter durch die offene Tür nach ihr rufen. Noch immer rührte sie sich nicht. Schräg unter ihr erhob sich die hölzerne Wehr aus dem Boden der Halbinsel, auf der die Stadt errichtet worden war. Berwick Castle ragte weiter oben über die Häuser und Läden auf, die sich um den großen Hafen drängten. Die Stadt lag an der Flussmündung, nicht zum Meer hin, sodass ihr Hafen vor den schweren Stürmen und den Gezeiten der offenen See geschützt war. Der Legende nach war Berwick von St. Boswell gegründet worden, einem angelsächsischen Heiligen, dem die Kathedrale, an der man noch baute, hundertfünfzig Jahre zuvor geweiht worden war. Doch an dem Hafen, in dem Schiffe aus der ganzen Welt lagen, war wenig Heiliges. Welche Ironie, dass St. Boswells Day der 18. Juli war, eben jener Tag, an dem Edward von England sie verbannt hatte. Derselbe Tag, an dem König Edward den Kontrakt unterzeichnet hatte, demzufolge sein Sohn die Enkelin seiner Schwester heiraten sollte. Doch die kleine Königin war verstorben, und Rachel fand das zwar traurig, tröstete sich aber damit, dass einer von Edwards Plänen durchkreuzt worden war.

»Rachel, komm herein«, sagte ihre Mama.

Rachel raffte die Röcke, blieb aber noch einen Augenblick länger auf der Straße stehen. Sie ermahnte sich, nicht so melancholisch zu sein. Man hatte sie aus ihrem Haus geworfen, und sie hatten es überlebt, ebenso wie die Reise hierher, und all ihre Habseligkeiten waren noch heil. Ihre Familie hatte wahrlich Glück gehabt. Jacob war vor Jahren einmal in Berwick gewesen, hatte in diesem Gasthof genächtigt und sich mit dem Wirt unterhalten, der keine Familie hatte und sich sorgte, wie er sich im Alter noch ein Dach über dem Kopf sichern sollte. Der Wirt hatte kurz davorgestanden, das Gasthaus zu schließen, und Jacobs Angebot, es zu kaufen, mit Freuden angenommen.

»Gilbert wird bleiben und uns helfen, gegen Kost und Logis«, hatte Jacob ihnen am vergangenen Abend erzählt.

Rachel hatte die Stirn gerunzelt.

»Möchtest du vielleicht weiterreisen?«, hatte ihre Mama mit scharfer Stimme gefragt. »Hast du schon vergessen, was wir durchmachen mussten, um hierherzugelangen?«

»Nein«, hatte Rachel geantwortet und an die entsetzliche Reise gedacht, während derer sie viele Male um ihr Leben hatten fürchten müssen. Sie war bereit, eine neue Heimat zu finden.

»Aber was ist mit dem Sabbat?«, hatte sie gefragt. »Wir können einen Gasthof nicht nach den Bedürfnissen unserer christlichen Gäste führen und dennoch den Sabbat einhalten.«

»Auch darüber haben wir gesprochen«, hatte Jacob erwidert. »Gilbert wird an den Freitagabenden und am Samstag die Arbeit übernehmen, wenn es nötig ist. Und wir werden jemanden in Dienst nehmen müssen. Den Rest der Woche betreiben wir das Haus selbst.«

»Was bedeutet, dass wir vor dem Sabbat oder danach zusätzliche Arbeit leisten werden«, hatte ihre Mama mit einem warnenden Blick zu Rachel gesagt. »Genau so, wie wir es stets gehalten haben.«

Rachel hatte genickt, noch immer nicht überzeugt davon, dass dieser Plan aufgehen würde. Ihr Vater hatte noch nie mit den Händen gearbeitet; es war sein Verstand gewesen, der sie bisher ernährt hatte.

»Es wird schon gut gehen, Jacob«, hatte ihre Mama gesagt und ihre Töchter mit einem weiteren strengen Blick ermahnt.

»Wir werden dafür sorgen, dass es gut wird. Wir werden lernen, ein Gasthaus zu betreiben. Und selbst, falls wir scheitern sollten …«, hatte ihre Mama gesagt und den Saum ihres Rockes über den Boden geschwenkt, »ist noch nicht alles verloren.«

Das hatte Rachel beruhigt. An dem Tag, als Edward das Ausweisungsedikt hatte verkünden lassen, hatte ihre Mutter ihren Schmuck und Goldmünzen in die Säume ihrer Kleider eingenäht. Das war ihre letzte Reserve gegen den Hungertod. Sie hatten noch nichts davon ans Tageslicht holen müssen, doch es war gut, zu wissen, dass sie zumindest nicht verhungern würden, selbst wenn sich der Gasthof als Fehlschlag erwies.

»Wir werden alles lernen«, hatte Jacob gesagt. »Und jetzt lasst uns gemeinsam beten.«

Rachel hatte die Worte des Gebets auswendig heruntergeleiert. Ihr Vater betete dreimal täglich, wie jeder fromme jüdische Mann, doch sie konnte sich nicht auf das Gebet konzentrieren, solange ihre Zukunft so unsicher war. Sie würden lernen und sich verändern müssen, um zu überleben. Nun starrte sie noch immer den Gasthof an und fragte sich, was ihr Vater glaubte, daraus machen zu können.

Zumindest würden sie hier in Berwick unter den vielen Einwanderern nicht auffallen. Die Stadt wimmelte von holländischen und flämischen Kaufleuten, schottischen und englischen Schafbauern und Wollhändlern. Die Franzosen wurden zwar geduldet, waren aber in der Stadt nicht unbedingt willkommen, weshalb die Familie de Anjou zur Familie Angenhoff geworden war und es Jacob de Anjou überhaupt nicht mehr gab. Doch was bedeutete das schon? Namen waren nicht so wichtig.

In Berwick gab es auch andere Juden, Kaufleute, Schneider und jene, die nach Norden geflohen waren, und da unter ihnen mindestens ein Rabbi war, würde es auch Gottesdienste geben. Berwick, voller Menschen aus allen Ecken der Welt, nahm sie auf, ohne sie sonderlich zu beachten. Sarah würde unter den Schotten nicht auffallen – ihr Haar war hell, ihre Augen waren blau. Sie hätte von sonst woher stammen können. Rachel hingegen hatte pechschwarzes Haar und dazu sehr blasse Haut. Ihr Aussehen und ihr Name würden ihre Abstammung überall verraten.

»Rachel!« Der Tonfall ihrer Mutter duldete nun keine Verzögerung mehr.

Hastig erklomm Rachel die Stufen und trat ein. Sie versuchte, die schmutzigen Binsen auf dem Boden ebenso zu ignorieren wie die Mäuse, die in den Ecken herumhuschten. Von dem Gestank nach Schimmel und Moder, Verfall und Verwahrlosung, Urin und Schlimmerem wurde ihr übel.

Ihre Mama lächelte tapfer. »Wir richten das Nötigste ein und beginnen sofort damit, das Haus zu säubern. Das dürfte nicht allzu lange dauern«, sagte sie und betrat den hinteren Teil des Gasthauses. »Ich denke, in zwei Wochen können wir den Betrieb aufnehmen.« Sarah und Rachel wechselten einen Blick.

»Seht mal«, sagte Mama und zeigte auf die Tische und Bänke. »Die sind recht solide. Dieses Haus muss nur einmal gründlich geschrubbt und frisch verputzt werden. Der Boden ist fest, und die Wände mögen krumm sein, aber noch wackeln sie nicht. Jacob, sag den Männern, sie sollen unsere Sachen hereinbringen. Wir sind bereit, zu Hause anzukommen.«

Zuhause, dachte Rachel. Zumindest befanden sie sich in Schottland außerhalb von König Edwards Reichweite. Hier würden sie sicher sein.

Rachel überraschte sich selbst, und zweifellos auch ihre Eltern, indem sie sich sehr schnell in ihre neuen Aufgaben einarbeitete. Zwei Wochen nach ihrer Ankunft servierten sie die erste Mahlzeit im Schankraum und eine weitere Woche später waren die Zimmer im oberen Stock bereit für Gäste.

Seit dem Tod der Jungfrau von Norwegen wurde über nichts anderes gesprochen als über die Thronfolge. Der Lärm dieser Rivalität erfüllte die Straßen, denn auch die Bürger Berwicks diskutierten eifrig die Vorzüge der Anwärter, die Anspruch auf den Thron Schottlands erhoben. Dreizehn gab es insgesamt, doch für die Schotten kamen bald nur noch zwei ernsthaft in Frage: Robert Bruce der Ältere und John Balliol. Rachel lauschte den Streitereien über Blutlinien und fand die Entscheidung selbst sehr einfach: jeder außer Edward von England.

Seltsamerweise hatte sich die Stimmung ihrer Mutter trotz des Schicksalsschlages erstaunlich gebessert. Sie hatte sich auf der Reise hierher nicht ein einziges Mal beklagt und ihre veränderten Lebensumstände überhaupt nur in sachlichem, nüchternem Ton angesprochen. Ihre Mutter, so stellte Rachel fest, besaß eine innere Kraft, die sie alle durch diese schwere Zeit hindurchgetragen hatte. In London hatte ihre Mutter eine Dienerschaft gehabt, Pelze und Edelsteine getragen und einen großen Haushalt geleitet. Hier lernte sie nun, einen Gasthof zu führen, die Zimmer sauber zu halten, dafür zu sorgen, dass die Gäste im Voraus bezahlten und jeder Krug Bier gezählt wurde. Und sie machte das sehr gut. Der Gasthof gedieh bereits, doch das war nur teilweise ihr eigenes Verdienst, denn ganz Schottland schien auf Reisen zu sein.

Gegen Ende Oktober, an einem grauen Regentag, platzte Sarah in die Küche, wo Rachel und ihre Mutter das Abendmahl zubereiteten.

»Ich habe gerade die Neuigkeiten aus England erfahren«, sagte Sarah. »Die Juden, diejenigen, die in London zurückblieben, als wir die Stadt verlassen haben … den meisten von ihnen ist nichts geschehen. Einige wurden aus ihren Häusern vertrieben, so wie wir, andere dagegen in Ruhe gelassen. Aber jetzt … jetzt wurden sie zusammengetrieben, alle, und aus London fortgebracht, auf Schiffe, die in den Cinque Ports auf sie warteten. Alles, was sie zurückließen, haben sich die Engländer genommen. Manche haben sich geweigert, die Stadt zu verlassen.« Sie senkte die Stimme. »Und sind dafür gestorben. Wir haben gut daran getan, letzten Sommer fortzugehen. Und es kommt noch schlimmer. Ein Brief wurde nach England geschickt, an König Edward, in dem man ihn bittet zu entscheiden, wer Schottland nun regieren soll.«

Ihre Mama schaute auf und senkte den Blick hastig wieder, doch Rachel hatte die Angst in ihren Augen aufflackern sehen. Rachel legte ihr Messer beiseite.

»Manche sagen, die Bruces hätten den Brief geschickt«, erzählte Sarah atemlos weiter. »Aber andere behaupten, es sei ein Bischof gewesen, der verhindern wollte, dass es in Schottland Krieg um die Krone gibt.«

Ihre Mama schlug sich die Hand vor die Brust. »Sag mir bitte, dass König Edward nicht hierherkommt.«

»Ich habe gehört, dass er in England bleiben wird, vorerst jedenfalls.«

Ihre Mama erhob sich langsam. »England liegt nicht fern genug, doch zumindest ist er noch nicht hier. Ich gehe und sage es eurem Vater.« An der Tür blieb sie stehen und drehte sich zu Sarah um. »Wer hat dir das alles erzählt?«

Sarah errötete. »Dieser Kaufmann. Sein Name ist …« Sie wedelte wegwerfend mit der Hand, und Rachel erkannte, dass sie log. »Edgar Keith, glaube ich. Oder so ähnlich.«

»Edgar Keith«, wiederholte ihre Mutter. »Der Mann, der seit drei Tagen hier ist?«

Sarah nickte. »Ja.«

»Aha«, sagte ihre Mama und ging.

»Glaubst du, dass das wahr ist?«, fragte Rachel Sarah, sobald sie allein waren.

»Aber natürlich ist das wahr! Edgar würde mich nie belügen!«

»Ich meine«, sagte Rachel und bemühte sich, ihre Stimme nicht scharf vor Ungeduld klingen zu lassen, »hat man ihm die Wahrheit erzählt? König Edward soll in Schottland etwas zu sagen haben? Das kann nicht gut für uns sein.«

»Uns geschieht schon nichts, Rachel. Sorge dich nicht so sehr.«

Rachel versuchte es, doch während der Tag verging, geprägt von Regen und vielen Reisenden, die Zuflucht vor dem Wetter suchten, wurde die Neuigkeit bestätigt. Edward von England würde bei der Entscheidung, wer Schottland regieren sollte, eine Rolle spielen. Rachel arbeitete den lieben langen Tag und fiel abends ins Bett, zu erschöpft, um noch mit Sarah zu schwatzen. Was nur gut war, denn obgleich es niemand aussprach, wussten alle: Sollte sich Edwards Herrschaftsbereich auf Berwick erweitern, würde ihre Lebensgrundlage – und vielleicht ihr Leben selbst – erneut in Gefahr sein.

Wie seltsam, dachte sie, dass ihre liebe Freundin Isabel dieselben Neuigkeiten in England als eine der Hofdamen der Königin erfuhr. Würde sie an Rachel denken, wenn sie davon hörte? Aber nein, natürlich nicht. Isabel wusste ja nicht, wohin sie gegangen waren, und sie stellte sich vermutlich vor, dass sie jetzt irgendwo auf dem Kontinent lebten. Rachel seufzte. London könnte ebenso gut am anderen Ende der Welt liegen. Wäre es doch nur so – dann könnte der lange Arm Edwards von England ihre Familie nie wieder erreichen. Wie seltsam, dass Isabel Edward nun täglich sah und Rachel überhaupt nicht mehr.

Rory MacGannon wischte sich den Regen aus dem Gesicht und trat von einem Fuß auf den anderen. Er bemühte sich nicht, seine Ungeduld zu verbergen, während er, gemeinsam mit seinem Cousin Kieran MacDonald, der sein Pferd auf und ab trotten ließ, vor dem Tor von Stirling Castle wartete.

»MacGannon, nicht wahr?«, fragte die Wache zum dritten Mal.

»Ja. Rory MacGannon. Ich will zu Liam Crawford.«

»MacGannon.« Die Augenbrauen des Wächters hoben sich.Er knallte das kleine Fenster im Tor zu.

»Ich hätte MacDonald angeben sollen«, bemerkte Rory, an seinen Cousin Kieran gewandt. »Ihr MacDonalds seid hier willkommen. Wir würden jetzt schon vor einem Feuer sitzen, statt hier im Regen zu stehen und uns zu fragen, ob sie uns wieder in die Dunkelheit hinausjagen werden.«

»Ja«, stimmte Kieran zu. »MacDonald ist ein besserer Name. Mein Vater und deine Mutter würden das auch so sehen«, fügte Kieran mit einem Lachen hinzu. »Du solltest mir das Reden überlassen.«

Rory schnaubte. Aber vielleicht hatte Kieran recht. Er rechnete halb damit, dass man sie gar nicht einlassen würde. Er war schon mehrmals mit seinen Eltern in Stirling gewesen, aber noch nie allein. Und Kieran, zwei Jahre jünger als Rory, hatte noch nie eine längere Reise ohne seinen Vater oder Onkel unternommen. »Was tun wir denn, wenn sie uns nicht einlassen?«, fragte Kieran.

»Wir suchen uns einen trockenen Platz zum Schlafen und verfluchen sie bei einem Krug Bier.«

»Was nicht notwendig sein wird«, erklang eine Stimme aus der Dunkelheit.

Rorys Schrecken ließ sogleich wieder nach. Der Stimme seines Onkels Liam folgte der Mann selbst, als der Wächter die kleine Tür im Tor aufstieß. Liam Crawford grinste Rory und Kieran an und warf dann einen Blick hinter sie.

»Ihr werdet in einem warmen, trockenen Bett schlafen, den Bauch voll mit gutem Wein. Wie viele Männer habt ihr bei euch?«

»Nur wir beide«, erwiderte Rory. »Und die Pferde.«

»Gut. Ich lasse euch eine warme Mahlzeit vorbereiten. Gebt uns einen Augenblick Zeit, das große Tor zu öffnen«, sagte Liam und ging geduckt durch die kleine Tür zurück nach drinnen.

Während Rory sein Pferd vom Tor zurückweichen ließ, konnte er Liams befehlsgewohnte Stimme von drinnen hören, und die Antwort eines anderen Mannes. Endlich schwang das große Tor auf, und Liam winkte sie hindurch.

Das Tor wurde von einer Truppe bewaffneter Männer wieder geschlossen, was Rory überraschte. Er hatte angenommen, dass einige der Wachen von Stirling in diesen unsicheren Zeiten vielleicht desertiert waren, dass die Burg unterbesetzt sein könnte. Doch er brauchte sich nur kurz umzublicken, um selbst im schwachen Schein der Fackeln in den Wandnischen zu erkennen, dass das Gegenteil der Fall war. Stirling Castle und das Dorf, das sich die Hügelkuppe mit der Festung teilte, wimmelten vor Soldaten. Einige trugen die königlichen Uniformen, offensichtlich der Krone treu ergeben, ganz gleich, wer sie tragen mochte, doch die Übrigen waren eine bunte Mischung aus Highlandern in den traditionellen Farben ihres jeweiligen Clans, Männer aus den Grenzlanden in ihrer auffälligen Lederrüstung, und den Akzenten nach zu schließen kamen einige auch aus dem Süden und Südwesten. Rory und Kieran saßen ab und führten ihre Pferde langsam die Straße hinauf, denn der Regen machte das Pflaster glitschig.

»Warum diese Verzögerung?«, fragte Rory Liam.

»Ihr habt Glück, dass es nicht noch viel länger gedauert hat. Zurzeit kann sich niemand darauf einigen, wer hier das Sagen hat.«

»Ich dachte, dass der Name MacGannon vielleicht schuld daran war.«

Liam warf ihm einen scharfen Blick zu. »War er auch.«

»Ja, offenbar hat jeder schon von meinem Vater gehört.«

»Allerdings. Und von deinem«, sagte Liam zu Kieran. »Berüchtigt sind sie alle beide.«

Rory nickte. Ganz Schottland kannte die Geschichte von seinem Vater und seinem Onkel Davey, dem Bruder seiner Mutter. Die Leute erzählten sich noch heute, wie Davey von Nordmännern verschleppt und in die Sklaverei verkauft worden war. Rorys Eltern, Margaret und Gannon, hatten Davey nach jahrelanger Suche in Jütland in Dänemark gefunden, im Besitz eines dänischen Müllers, der ihn nur ungern wieder hergegeben hatte. Gold – und die Androhung von Gewalt – hatten ihn davon überzeugt, Davey freizugeben.

Doch Gannon war nicht nur für seinen Mut und seine brillanten taktischen Fähigkeiten berühmt, mit denen er die Nordmänner besiegt hatte, und auch nicht für die Beharrlichkeit, mit der er nach Davey geforscht hatte. Nein, man erinnerte sich vor allem daran, dass er des Mordes beschuldigt und von König Alexanders Hof verbannt worden war, nachdem er jahrelang die besondere Gunst des Königs genossen hatte. Wenige erinnerten sich daran, wie ungerecht diese Anschuldigung gewesen war, denn Lachlan Ross war nicht ermordet, sondern im Kampf getötet worden, nachdem er selbst Gannon angegriffen hatte. Gannons Mangel an Reue und seine heftige Weigerung, sich dafür zu entschuldigen, dass er den Cousin des Königs getötet hatte, hatten zu seiner Verbannung geführt. Und noch weniger Menschen erinnerten sich daran, warum Gannon überhaupt an den Hof geeilt war und Lachlan zur Rede gestellt hatte: Lachlan hatte Nell so brutal geschlagen, dass sie beinahe daran gestorben wäre. Doch Nell und Liam, der Margarets Schwester schon damals geliebt hatte, vergaßen das nicht, und das genügte Gannon.

»Aber diesmal war es nicht der Name deines Vaters, Rory, sondern dein eigener.«

»Mein Name?«

»Ja. Was, zum Teufel, höre ich da über dich, mein Junge? Eine Blutfehde? Man schreit nach deinem Tod.«

»Ich habe dir doch gesagt, dass sie gewiss davon gehört haben«, sagte Kieran. »Jeder hat davon gehört.«

Zwei Männer kamen ihnen auf dem schmalen Weg entgegen und starrten Rory finster an. »MacGannon«, sagte der eine zum anderen. Als sie aneinander vorbeikamen, rempelte der Mann Rory grob mit der Schulter an und ging einfach weiter. Rory blickte ihnen nach.

»Kennst du sie?«, fragte Liam.

»Nein.«

Liam fluchte. »Wir werden uns darüber unterhalten, aber nicht hier. Verzögerung, da war ich gerade. Hier herrscht ein solches Durcheinander, dass ihr in jedem Fall hättet warten müssen, ganz gleich, wer ihr seid. Wir haben keine Königin und keinen König. Für jede Entscheidung, wie unbedeutend sie auch sein mag, braucht man einen halben Tag, weil zwanzig Männer etwas dazu zu sagen haben. Zum Glück wusste einer der Jungen am Tor, dass ich euer Onkel bin, und hat mich geholt, sonst würdet ihr jetzt warten müssen, bis eine Versammlung der Statthalter einberufen wurde.«

»Offenbar habt ihr also bereits vom Tod der Jungfrau erfahren?«

»Ja, und wir haben eine Nachricht an deine Eltern gesandt. Ihr müsst auf dem Weg hierher an meinem Boten vorbeigeritten sein. Bringen wir euch erst einmal ins Trockene.«

Rory nickte zustimmend und folgte Liam durch das nächste bewachte Tor in den inneren Burghof. Der Regen prasselte nun noch heftiger herab. Er würde gleich von Kopf bis Fuß durchnässt sein, dachte Rory, doch zumindest hatte man sie eingelassen, und irgendwann würden sie auch ins Trockene gelangen. Sie überließen die Pferde einem Stallburschen und folgten Liam über den Hof, eine Treppe hinauf und durch ein hohes hölzernes Portal. Sobald sie drinnen waren, zogen sie sich die Kapuzen vom Kopf. Steinerne Mauern wurden hier errichtet, um die Holzwände zu ersetzen, doch das war kaum überraschend. Rory war noch nie in Stirling gewesen, ohne dass gerade an irgendeinem Teil der Burg gebaut wurde. Die jüngsten Arbeiten waren nur teilweise fertiggestellt, und es sah aus, als seien sie plötzlich abgebrochen worden.

»Ja«, sagte Liam, der ihrem Blick gefolgt war. »Wer weiß, wann das nun alles fertig werden wird? Oder ob der neue König überhaupt hierherziehen möchte.« Er nickte den Wachen zu, die Rory und Kieran ausdruckslos ansahen. Liam führte sie um eine Ecke und eine weitere Treppe hinauf. »Ich weiß nicht, ob Stirling bestehen bleiben wird. Ich habe gehört, die Burg solle aufgegeben werden, und ich habe auch gehört, man wolle sie weiter vergrößern.«

»Aber sie ist das Tor zu den Highlands«, sagte Rory. »Zu wichtig, um sie unbemannt zu lassen.«

»Du weißt das, und ich weiß das, aber gilt das auch für John Balliol oder Robert Bruce?«

»Du glaubst also, es wird einer von diesen beiden sein?«, fragte Kieran.

»Wer sonst?«, entgegnete Liam. »Niemand wird einen der Bastarde, und mögen sie auch königliche Bastarde sein, zum König krönen lassen. Und wer hat sonst noch Ansprüche angemeldet? Erik von Norwegen? Glaubt ihr, die Schotten würden sich unter das Joch Norwegens zwingen lassen, nach allem, was wir getan haben, um uns von den Nordmännern zu befreien – und das erst vor gut zwanzig Jahren? Ganz Schottland hat in jenem Sommer in Angst gelebt. So manches Dorf und manche Familie wurden ausgelöscht, aber das brauche ich euch beiden kaum zu erzählen, nicht wahr? Glaubt ihr, die Menschen hätten das vergessen? Erik ist zu schwach, um seinen Anspruch durchzusetzen, und das ist nur gut für uns.«

»Was ist mit dem Anspruch Edwards von England?«, fragte Rory.

Liam legte den Zeigefinger an die Lippen. Die nächste Treppe erklommen sie schweigend.

»Da sind wir«, sagte Liam, stieß eine Tür auf und ließ sie in ein großes, gut ausgestattetes Gemach, behaglich eingerichtet mit Stühlen und einer großen Bettstatt in der Ecke. An einer Wand stand ein Tisch mit Wein und Bier.

»Hier können wir uns unterhalten, aber leise. Und außerhalb dieses Raumes werden wir nichts von Bedeutung besprechen, verstanden? Es tut mir leid, Jungs, aber alles ist in Aufruhr, und jeder redet. Edward von England – das ist der interessanteste Thronanwärter, nicht wahr? Edward verlangt nicht etwa offen den Thron. Er behauptet, er sei bereits der Souverän und Oberherr Schottlands. Das ist ein altes Argument, aber natürlich eine Lüge.«

»Diesen Anspruch verstehe ich überhaupt nicht«, sagte Kieran.

»Nun ja«, antwortete Liam, »du weißt, dass unser König Alexander König Edwards Schwester geheiratet hat?«

»Ja.«

»Danach ist Alexander nach England gereist und hat Edward seine Huldigung dargebracht. Alexander hat allerdings damals und auch später mündlich und schriftlich deutlich gemacht, dass diese Ehrbezeugung nur für seine englischen Ländereien galt, dass er Edward als Oberherren dieser Besitzungen anerkenne, nicht aber als Oberherren Schottlands. Er hat stets betont, dass er der König von Schottland war und dass Schottland ein eigenständiges Königreich ist. Wenn die kleine Königin überlebt hätte, hätte sich das bald von selbst erübrigt, nicht wahr? Denn dann hätte Edwards Sohn die Königin von Schottland geheiratet, und ihre Kinder hätten einen vereinten Thron geerbt. Doch die Jungfrau ist verstorben und der Plan dahin.«

»Was meinst du, was Edward tun wird?«, fragte Kieran.

»Der Leopard des Südens? Meint ihr etwa, Edward würde sich die Chance entgehen lassen, unseren Herrscher auszuwählen? Unwahrscheinlich. Das Essen kommt bald. Zieht euch erst mal die nassen Sachen aus und wärmt euch auf. Eure Tante Nell ist nicht hier, sonst hätte sie sich schon längst auf euch gestürzt.«

»Nell ist nicht da?«, fragte Rory und zog sich die Stiefel aus. Feines Leder und gut verarbeitet, dennoch waren seine Füße froh, den warmen Wollteppich unter den Sohlen zu spüren. »Wo ist sie denn?«

Das Licht des Kaminfeuers beschien Liams kupferfarbenes Haar und sein Gesicht, sodass Rory die Schatten in Liams Augen deutlich erkennen konnte. Sein Onkel war besorgt.

»Ich habe sie und unsere Mädchen hinunter nach Ayrshire geschickt, als die Nachricht vom Tod der Jungfrau kam. Ich habe es satt, meine Frau in Gefahr zu sehen, weil es wieder einmal Unstimmigkeiten wegen des schottischen Throns gibt.«

Er durchquerte den Raum, schenkte Wein in drei Kelche und reichte zwei davon Rory und Kieran. »Die Comyns haben sie schon bearbeitet. Sie wollten, dass sie bleibt, um sie für ihre eigenen Zwecke einzuspannen, und die Balliols haben ihr bereits Botschaften geschickt. Ich wollte sie aus dem Getümmel heraushalten, zumindest, bis wir wissen, wer denn nun den Thron besteigen wird. Oder ob es Krieg darum gibt. Ihr werdet morgen sehen, dass die meisten Frauen Stirling verlassen haben.«

Rory und Kieran wechselten einen Blick, während Liam erneut durch das Zimmer ging, den Deckel einer Truhe vor dem Fenster aufklappte und zwei wollene Kittel herauszog.

»Glaubst du wirklich, dass es zu einem Krieg kommen wird?«, fragte Rory, zog sich den nassen Kittel über den Kopf und ließ ihn auf den Boden fallen.

»Seht euch beide nur an – ihr hofft ja halb, dass es Krieg gibt«, sagte Liam. »Wünscht euch das nicht, nicht einmal einen Augenblick lang. Ich habe den Krieg schon erlebt, und ich will nichts mehr damit zu tun haben. Hier«, sagte er und reichte ihnen die Kittel. »Wir haben ein schönes Feuer, und das wird euch wärmen, solange eure eigenen Sachen trocknen. Und jetzt erzählt mir, warum ihr hier seid und warum zum Teufel alle Welt behauptet, Rory MacGannon hätte im Streit um ein Mädchen einen Mann getötet.«

»Ich habe dir doch gesagt, dass er sicher schon davon gehört hat«, bemerkte Kieran. »Dabei ist es erst zwei Tage her.«

»Mein Vater hat uns gebeten, dich und Nell zu besuchen und uns umzuhören, was man in Stirling so sagt«, erklärte Rory seinem Onkel. »Und um uns zu vergewissern, dass du vom Tod der Jungfrau erfahren hast, obwohl wir davon ausgegangen sind. Nach unserem Besuch hier wollen wir weiter nach Edinburgh, um zu hören, was die Leute dort sagen.«

»Und dann hinunter nach Berwick«, sagte Kieran.

»Wo ihr hören wollt, was man dort so spricht«, sagte Liam und ging auf ein Klopfen hin zur Tür. Er kehrte mit einem Tablett voll Essen zurück und stellte es auf den Tisch. »Kommt und esst, Jungs, und erzählt mir, warum du in eine Blutfehde verwickelt bist, Rory. Was ist geschehen?«

»Wir waren in Onich, am Ufer des Loch Linnhe«, begann Rory.

»Ja, den Ort kenne ich. Und?«

»Und ein Mann hat versucht, ein Mädchen zu vergewaltigen.«

»Und?«

»Und ich habe ihn davon abgehalten. Wir haben miteinander gekämpft. Und ich habe ihn getötet.«

»Ich habe gehört, du hättest ihn zerstückelt.«

»Nein.«

»Sein Kopf war beinahe abgetrennt, aber nicht ganz«, bemerkte Kieran. »Sie waren zu viert. Rory hat den einen getötet, einen zweiten haben wir verletzt, und die anderen sind geflohen.«

»Das Mädchen hat überlebt und kann alles bestätigen«, sagte Rory.

»Das ist nicht das Gerücht, das verbreitet wird. Ich habe gehört, du hättest eine Frau vergewaltigt und die anderen angegriffen.«

»Wie hätte das denn gehen sollen?«, fragte Rory. »Wenn ich damit beschäftigt wäre, ein Mädchen zu vergewaltigen, würde ich mir dann die Zeit nehmen, Streit mit den Zuschauern anzufangen?«

Liam nickte und trank einen weiteren Schluck Wein. »Aber behauptest du nicht genau das von dem anderen Mann?«

»Nein. Wir sind auf die vier gestoßen, als einer ihr gerade die Kleider vom Leib riss, während zwei sie festhielten und der vierte Mann zusah. Wir haben ihnen Einhalt geboten. Ich wollte ihn nicht töten, aber er hat sich heftig gewehrt, und da blieb mir keine andere Wahl. Ich bereue es nicht.«

»Das wirst du womöglich noch. Du hast dir da draußen Feinde geschaffen. Glaubst du etwa, die werden die Geschichte so erzählen, dass die anderen als Übeltäter dastehen? Unwahrscheinlich.«

»Das Mädchen wird die Wahrheit sagen.«

»Und dafür vergewaltigt werden oder Schlimmeres? Sie wird hübsch den Mund halten, wenn sie klug ist. Wer waren diese Männer?«

»MacDonnells.«

»Pah! Du verfeindest dich mit dem Clan, dessen Land du jedes Mal durchqueren musst, wenn du hierherkommst. Cousins deiner Mutter obendrein.«

Rory tat einen tiefen Zug und stellte den Kelch beiseite. »Ich habe diesen Kampf nicht gesucht, Liam, aber ich bin auch nicht davor zurückgescheut. Wenn ich noch einmal die Wahl hätte, würde ich genauso handeln. Und wenn die MacDonnells Männern wie diesen Zuflucht gewähren, dann müssen wir davon wissen.«

»So übel sind sie nicht.« Liam lehnte sich zurück und musterte Rory ausgiebig. »Wie alt bist du jetzt?«

»Einundzwanzig. Zum vergangenen Lammas-Fest.«

»Du hast noch eine Menge zu lernen.«

»Was hätte ich denn tun sollen?«

»Genau das, was du getan hast, mein Junge, das war schon richtig. Aber du musst klüger vorgehen.«

Rory wollte aufbrausen, doch Liam fuhr fort: »Nächstes Mal tötest du sie alle. Lass niemanden zurück, der dann Lügen verbreitet. Und jetzt erzähl mir, was man im Westen und auf den Inseln zu alledem sagt.«

Sie berichteten Liam, was es zu berichten gab, während sie Scheiben von warmem Rinderbraten mit dunklem Brot verzehrten, dazu Käse, der gut zu dem Rotwein passte, und ein Kompott aus Äpfeln und Orangen. Liam schnitt das Fleisch mit einem Dolch auf; der Griff war mit Schriftzeichen verziert, die Rory nicht lesen konnte. Liam musste ihn auf einer seiner vielen Reisen gekauft haben, nahm er an, denn Liam war schon fast überall herumgereist. Liams Vergangenheit lag ein wenig im Schatten, da nur selten darüber gesprochen wurde, doch Rory hatte einiges zusammengesetzt: Liam hatte als Gesandter König Alexanders viel Zeit an den Höfen anderer Länder verbracht. Liam war in Frankreich gewesen, als Davey gerettet worden war und als man Nell gezwungen hatte, Lachlan zu heiraten. Und in Flandern, als Gannon Lachlan getötet hatte und vom Hof verbannt worden war. Doch all das war schon lange her.

»Glaubst du wirklich, dass es Krieg geben wird?«, fragte Rory.

»Glaubst du wirklich, dass die Bruces ihren Anspruch so einfach aufgeben werden? Balliol steht dem Thron näher, und das wissen wir alle, aber die Bruces sind machtgierige Leute.«

»Du machst dir nichts aus ihnen?«, fragte Kieran.

Liam schnaubte. »Das kannst du laut sagen. Du weißt ja, dass mein Onkel als Verwalter von Ayrshire auch für die Ländereien deines Vaters zuständig ist. Und Carrick liegt unmittelbar südlich davon. Die Bruces haben dort unten reichlich Ärger gemacht, nicht? Sie haben sich viele Feinde geschaffen. Aber nur ein Narr würde sie unterschätzen. Robert, der Ältere, mag ein alter Mann sein, aber er ist so skrupellos wie eh und je. Und sieh dir nur an, was sein Sohn getan hat – er hat Marjory von Carrick entführt und sie gezwungen, ihn zu heiraten.«

»Ich habe gehört, es sei genau andersherum gewesen«, sagte Kieran.

Liam zuckte mit den Schultern. »Spielt das eine Rolle? Sie passen gut zusammen, diese beiden. Und alle haben sie Verbindungen zur englischen Krone und hoffen vermutlich, dass Edward ihren Anspruch stärken wird. Drei Roberts, die zuallererst die eigenen Interessen im Auge haben.«

»Und Balliol?«, fragte Rory. »Hat er auch nur seine eigenen Interessen im Auge, oder ist er England mehr verpflichtet?«

»Beides natürlich. Aber er hat noch deine Cousins, die Comyns, die ihm den Rücken decken. Und auf eure Rücken solltet ihr ebenfalls gut achtgeben, Jungs. Wenn sie hören, dass ihr unterwegs seid, werden sie versuchen, euch zu rekrutieren, damit auch ihr für sie Neuigkeiten sammelt, und sie werden euch für die Zukunft das Blaue vom Himmel versprechen. Ihr solltet nach allen Seiten Vorsicht walten lassen. Ihr seht ja, was euch schon auf dem Weg hierher passiert ist. Eine Partei hat euch den Tod geschworen, und jeder andere ist bereit, sich auf die eine oder andere Seite zu stellen. Spannende Zeiten für euch, um auf Reisen zu gehen. Ihr werdet doch auf dem Heimweg wieder hier haltmachen?«

»Ja.«

»Gut. Wer weiß, vielleicht haben wir bis dahin einen König.«

Sie unterhielten sich noch eine Weile und legten sich dann schlafen, Liam in seinem behaglichen Schlafgemach, Rory und Kieran ein Stück den Flur entlang in einem weniger prächtigen Zimmer. Liam hatte ihnen einen Weinschlauch gereicht, als sie gegangen waren, und den teilten sich die beiden nun.

»Meinst du, dass es Krieg geben wird?«, fragte Kieran und trank einen Schluck Wein.

»Könnte sein«, sagte Rory und streckte sich auf der Pritsche aus, die man ihm zugewiesen hatte. Draußen trommelte der Regen aufs Dach, und er zog sich die Decke über die Schultern, froh, es warm und trocken zu haben.

»Für wen werden wir dann kämpfen?«, fragte Kieran.

»Balliol, vermutlich. Du hast Liam doch gehört. Mit den Bruces will er nichts zu schaffen haben. Mein Vater auch nicht, also nehme ich an, dass wir für Balliol kämpfen würden.«

»Ich bin bereit!«

Rory lachte. »Wenn du noch mehr Wein trinkst, fängst du am Ende deinen eigenen Krieg an.«

»Bist du denn nicht bereit, für eine gute Sache zu kämpfen?«

»Für die richtige Sache schon.«

Kieran schlief ein, doch Rory lag im Dunkeln wach und fragte sich, was sie erwarten mochte. Er hatte das Gefühl, auf einer Schwelle zu stehen, doch er hatte keine Ahnung, ob es klug oder dumm wäre, den nächsten Schritt nach vorn zu tun. Oder ob ihm überhaupt eine Wahl blieb. Sein Vater, das wusste er, hatte oft Träume, die die Zukunft vorhersagten. Nicht zum ersten Mal wünschte Rory, er hätte diese Gabe geerbt. Der Morgen war klar und hell, es versprach ein warmer Tag zu werden, und sie hatten es eilig, sich wieder auf den Weg zu machen, solange das gute Wetter anhielt. Sie frühstückten mit Liam in der großen Halle, die von Soldaten und Männern aus allen Ecken Schottlands wimmelte, und brachen dann in östlicher Richtung gen Edinburgh auf.

Als sie den Stall aufsuchten, um ihre Pferde zu holen, begrüßte sie ein Bursche und fragte nach ihren Namen.

»MacDonald«, sagte Kieran.

»MacGannon.«

Die Augen des Burschen weiteten sich. Er deutete vage die Stallgasse entlang und ergriff die Flucht.

Kieran und Liam wechselten einen Blick, während Rory langsam an den einzelnen Ställen vorbeiging. Einige waren leer, in anderen standen Pferde, die ihn beobachteten. Er fand Kierans Pferd, seines aber nicht. Der Stall ganz am Ende war leer. Zumindest dachte er das, doch dann erhaschte er einen Blick auf etwas Dunkles am Boden. Er beugte sich über die halbhohe Tür.

»Himmel!« Kieran, der an seine Seite getreten war, presste sich die Hand auf den Mund und wandte sich ab.

Dem Pferd war die Kehle aufgeschlitzt worden. Es war auf dem Boden des Stalls verblutet, und das Blut war durch das Heu gesickert und hatte sich in dem ganzen Verschlag verteilt.

»Sie wissen, dass du hier bist, mein Junge«, sagte Liam leise.

4

Rory kaufte sich im Dorf ein neues Pferd und ignorierte die Blicke, die man ihnen nachwarf. Der Tag erschien ihm kälter als zuvor, und er ertappte sich dabei, dass er viel zu oft über die Schulter blickte. Liam begleitete sie eine Stunde weit und verließ sie an einer Wegkreuzung, nicht jedoch, ohne ihnen noch eine Predigt zu halten.

»Berwick ist ein wenig rau, wisst ihr? Natürlich nicht die ganze Stadt. Die Flamen sind überall, und die Holländer nun auch, und bei Gott genug Engländer. Ihr werdet Boten mit Neuigkeiten nach Hause senden?«

»Ja. Wenn wir irgendetwas Wichtiges erfahren, benachrichtigen wir dich ebenfalls.«

»Bleibt immer wachsam.« Liam zögerte und runzelte die Stirn. »Soll ich euch nicht noch bis Falkirk begleiten?«

»Und uns heute Abend ins Bett stecken?«, entgegnete Rory. »Nein, danke.«

Liam streckte beiden die Hand entgegen. »Denkt daran, sie wissen, wer ihr seid, aber ihr wisst nicht, wer die sind. Sieht so aus, als hätte ein ganzer Haufen MacDonnells beschlossen, sich an euch zu rächen. In Schottland gibt es augenblicklich kein Gesetz. Verlasst euch nicht auf das Gute im Menschen. Sichere Reise, Jungs. Passt aufeinander auf, ja?«

»Das machen wir«, sagte Rory.

In Falkirk erfuhren sie wenig Neues und hörten nur endlose Wiederholungen derselben Diskussionen über die Rivalen, die Anspruch auf die Krone erhoben. Sie hörten außerdem die Geschichte vom mörderischen Rory MacGannon, der vier Männer mit bloßen Händen ermordet und dann sämtliche Frauen einer großen Familie vergewaltigt hatte. Er kämpfte gegen den Drang an, sich und seinen Namen zu verteidigen. Er hielt den Kopf gesenkt und sprach kein Wort, doch er fragte sich, wie viel mehr Männer er noch auf dem Gewissen haben würde, bevor die Leute aufhörten, diese Gerüchte zu glauben.

In Edinburgh, wo viele Familien aus den östlichen Highlands und aus dem Grenzland Männer stationiert hatten, hörten sie nichts mehr von Rory MacGannon – nur noch politisches Gerede. Hier erfuhren sie endlich Neues vom Kontinent und dass König Edward und die Truppen, die ihn begleiteten, noch in England in den Midlands weilten.

Sie hielten sich nicht lange in Edinburgh auf und waren bald wieder unterwegs, doch die Reise war alles andere als einsam. Sie ritten mit einem steten Strom von Reisenden gen Süden und erreichten das Ufer des Tweeds gegenüber von Berwick spät an einem grauen Novembernachmittag. Die Stadt hatte eine interessante Geschichte. Ursprünglich war sie schottisch gewesen, dann aber als Teil des Lösegelds, mit dem sich der eingekerkerte schottische König William I. vom englischen König Henry II. die Freiheit erkauft hatte, an England abgetreten worden. Richard I. von England, genannt Richard Löwenherz, verkaufte den Schotten die Stadt später zurück, weil er Geld für seinen Kreuzzug brauchte. Der englische König John, auch bekannt als Johann Ohneland, zerstörte die Stadt im Jahre 1216. Berwick hatte all diese Veränderungen überlebt und war trotzdem prächtig gediehen.

Rory hatte keinerlei Schwierigkeiten, einen Fährmann zu finden, der sie über die Mündung in die Stadt transportierte. Es dauerte nicht lange, und er und Kieran saßen in dem flachen Kahn und blickten sich interessiert um, während der Fährmann sie durch die Strömung lenkte. Im Hafen von Berwick tummelten sich alle möglichen Schiffe, kleine Fischerboote lagen neben Handelsschiffen vom Kontinent. Englische Galeeren schaukelten neben Langschiffen auf dem Wasser. Lederboote und Fährkähne warben um Passagiere, die fleißig wie die Ameisen die Flussmündung überquerten. Es schien dabei keinerlei Muster erkennbar: Es fuhren ebenso viele Menschen ab wie ankamen. Rorys erste Aufgabe war nun, ihnen einen Schlafplatz zu suchen.

»Könnt Ihr uns ein gutes Gasthaus empfehlen, Sir?«, fragte Rory den Fährmann.

Der Mann schnaubte. »Für Euresgleichen? Unten am Wasser, am Rand der Stadt, gibt es wohl Häuser, die Euch aufnehmen würden. Und die Frauen dort sind bereit, Euch jeden Dienst zu erweisen, den Ihr wünscht. Nehmen sogar Highlander.«

»Wie bitte?«, fragte Kieran empört.

»Sogar Highlander, ja?«, fragte Rory den Fährmann milde. »So anspruchslos sind sie?«

Der Mann lachte. »Eure Sorte ist im Süden nicht überall willkommen, aber Berwick hat kaum Skrupel, was seine Besucher angeht. Wenn Ihr Euch friedlich verhaltet, dürfte es Euch hier wohlergehen.«

»Wir sind hier, um Geschäfte zu tätigen, nicht um Ärger zu machen.«

»Dann werdet Ihr auch keinen bekommen. Vom Geldverdienen versteht Berwick was.« Er warf erst Kieran, dann Rory einen scheelen Blick zu. »Ziemlich jung für Kaufleute.«

»Wir sind keine Kaufleute. Habt Ihr einen Rat, was den Umgang mit ihnen angeht?«

»Lasst sie nicht wissen, dass Ihr Highlander seid. Legt Eure seltsame Kleidung ab und sprecht ordentliches Schottisch, kein Gälisch, dann werden sie Euch schon nicht übers Ohr hauen.«

»Wir sind nicht dumm«, sagte Kieran.

Der Fährmann warf ihm einen langen, abschätzenden Blick zu. »Ihr wolltet meinen Rat. Den habe ich Euch gegeben. Wenn Ihr Euch so aufführt, werdet Ihr nur allen bestätigen, dass es stimmt, was sie gehört haben: dass Highlander nicht viel besser sind als Wilde .«

»Denkt Ihr das etwa auch?«, fragte Rory.

»Ich denke nicht. Wenn die Münze echt ist, bringe ich Leute über den Fluss. Wenn nicht, dann nicht.«

»Vernünftige Einstellung«, sagte Rory, und der Fährmann lachte.

Den Rest der Überfahrt legten sie schweigend zurück, doch als sie den Hügel hinaufstiegen, schimpfte Kieran über die Bemerkungen des Fährmanns. Rory schüttelte den Kopf.

»Denk nicht mehr daran. Sonst zettelst du diesen Krieg, von dem alle Welt spricht, noch ganz allein an.«

»Hast du gehört, was er über Highlander gesagt hat?«

»Ja. Sie halten uns für Barbaren. Sie erkennen uns außerdem auf den ersten Blick. Siehst du hier sonst noch jemanden, der so gekleidet ist wie wir?«

Der Unterschied war in der Tat bemerkenswert. Die Einwohner von Berwick trugen lange, dunkle Kittel und enge Beinlinge, oder lange, dunkle Roben mit Untergewändern in einer kontrastierenden Farbe. Ihre Umhänge waren oft gar nicht oder mit weicher Wolle gefüttert. Rory und Kieran trugen safrangelbe, schwere Leinenkittel über eng anliegenden, gestrickten Hosen. Ihre Umhänge waren lang, dunkel und mit Fell gefüttert, und darüber, über eine Schulter geworfen, prangte der wollene Plaid, den jeder Highlander erkannte, eingefärbt mit den Pflanzenfarben ihrer Heimat. Auch ihre Haartracht war anders, mit zwei seitlichen Zöpfen zurückgebunden, das lange Haar offen über den Rücken fallend, während die Männer hier in der Stadt das Haar kurz oder unter Filzkappen verborgen trugen. Die einzige Übereinstimmung waren die Stiefel, die bei allen aus Leder waren und meist einen flachen Absatz hatten.

»Ja, aber sieh dich doch hier um«, erwiderte Kieran. »Hier sind Leute aus aller Herren Länder, die meisten viel seltsamer gewandet als wir.«

Damit hatte er recht. Besucher aus vielen verschiedenen Ländern waren auszumachen – Italiener in Seide und leuchtenden Farben, Nordmänner, bedeckt mit Pelzen und schwerem Gold, dunkelhäutige spanische Mohren und schlicht, aber fein gekleidete Bürger vom Kontinent.

»Vielleicht halten sie jeden, der nicht von hier kommt, für einen Barbaren.«

»Dann sollten wir ihnen vielleicht zeigen, dass wir keine Barbaren sind«, sagte Kieran.

»Was wir brauchen, sind Betten und eine warme Mahlzeit«, sagte Rory und blickte zum Himmel auf, der sich bereits verfinsterte. »Wir sind hier, um uns umzuhören. Umstimmen können wir sie ein andermal. Immerhin sind wir nur zu zweit, und mir wäre es lieber, wir wären wesentlich besser gerüstet, wenn wir versuchen, ihre Meinung über Highlander zu ändern.«

Kieran erwiderte sein Grinsen. »Da hast du recht. Aber wir könnten trotzdem gewinnen, wenn wir gegen sie kämpfen müssten. Nach allem, was ich gehört habe, hat Rory MacGannon zwanzig Männer mit einer Hand getötet.«

»Ach, und ich habe gehört, es sollen vierzig gewesen sein.«

Sie fanden einen Gasthof, The Oak and The Ash, in einer schmalen Straße unterhalb des Burgbergs. Der Schankraum war belebt, es wurde laut geredet, und jeder Tisch war besetzt. Rory blieb in der Tür stehen, sah sich um und genoss die köstlichen Düfte. Dienstmägde schoben sich an ihm vorbei, die Tabletts mit Essen beladen, und er merkte, wie hungrig er war.

Er wandte sich Kieran zu, um ihm das zu sagen, doch sein Cousin hatte die Schankstube bereits durchquert und sprach mit einem Mädchen. Rory konnte ihr Gesicht nicht erkennen, da sie ihm den Rücken zuwandte, doch er sah, dass sie jung und schlank war, und aus der Miene seines Cousins konnte er schließen, dass sie recht hübsch sein musste. Ihr Haar war sehr dunkel, und wenn sie lachte, bewegte es sich in schimmernden Wellen über ihren Rücken. Kieran, so schien es, war gerade dabei, sie zu bezaubern.

Rory konnte mit dem großen, schlaksigen Mann, der ihn begrüßte, einen anständigen Preis für Zimmer und Mahlzeiten aushandeln, fand dann einen kleinen Tisch am Rand der Schankstube und rief nach seinem Cousin. Kieran lächelte breit, als er sich auf der hölzernen Bank niederließ.

Rory grinste. »Kaum zur Tür herein, stellst du schon einem Mädchen nach. Wer ist sie?«

»Ich weiß ihren Namen nicht, aber sie hat gesagt, sie würde uns Bier bringen, also nehme ich an, dass sie hier arbeitet.«

»Du bist brillant, wahrlich.«

»He! Wer von uns beiden hat denn schon mit einem Mädchen geschwatzt?«

»Wer von uns hat uns Betten für die Nacht beschafft?«

»Ah, aber wer von uns hat dafür gesorgt, dass wir Bier bekommen?«

»Da hast du natürlich recht.«

Rory lachte und musterte dann die anderen Gäste, während sie warteten. Die meisten waren Männer, doch es waren auch einige Frauen darunter, manche sehr fein gekleidet. Das war nicht überraschend. Berwick war die reichste Stadt Schottlands, der Hafen, von dem aus die meisten schottischen und nordenglischen Güter aufs europäische Festland exportiert wurden. Wenn die wohlhabenden Besucher Berwicks hier speisten, dann bedeutete das, dass das Essen gut war. Die Menschen um sie herum sprachen viele verschiedene Sprachen. Er hörte Schottisch, die Sprache aus dem Süden Schottlands, und Französisch von den Schotten und Engländern, die an den Königshöfen verkehrten. Hier und da schnappte er auch gälische Wörter auf, allerdings nicht in dem Gälisch, das im Westen gesprochen wurde, sondern dem Gälisch der nordöstlichen Highlands. Er hörte Englisch, Flämisch und Holländisch, und noch ein paar Sprachen, die er nicht erkannte.

Und natürlich gab es auch die Leute, die man in jeder Hafentaverne fand, raue Seeleute, die aussahen, als hätten sie schon viel zu viel Zeit auf dem Meer verbracht. Ein großer, klapperdürrer Mann, dessen Hals mit knotigen Adern überzogen war, über denen der knochige Kopf aufragte, beobachtete die Dienstmägde mit offenem Mund. Ein kleiner Mann hockte in seinen Umhang gehüllt da, Kopf und Gesicht unter der Kapuze verborgen. Zwei stämmige Kerle schäkerten in einer Ecke mit einer Frau, die wie eine Hure aussah. Ein großer und sehr fröhlicher Mann aus dem Orient, das dunkle Haar straff zu einem Zopf auf dem Oberkopf zusammengezurrt, lachte wüst und betrank sich nach Leibeskräften. Ein Mann mit einer leuchtend roten Narbe, die sich von seiner Schläfe bis zum Schlüsselbein hinabzog, klammerte sich an eine Flasche, aus der eine bernsteinfarbene Flüssigkeit tropfte. Der, dachte Rory, hatte gewiss eine Geschichte zu erzählen.

Sie brauchten nur wenige Augenblicke zu warten, bis die dunkelhaarige junge Frau zu ihnen trat, hohe Zinnkrüge mit dem hiesigen Bier vor sie auf den Tisch stellte und ihnen die Speisen des Abends aufzählte. Rory hörte ihr zu, blickte auf und sah, wie bezaubernd ihr Gesicht war, mit weichen, ebenmäßigen Zügen und grauen, dick bewimperten Augen, die voller Neugier zwischen ihm und Kieran hin- und herblickten. Kieran grinste wie ein Tölpel. Ihre Stimme war leise und angenehm, ihr Akzent gebildet.

Und sie sprach Englisch, stellte er überrascht fest und sah sie sich genauer an. Sie war sehr hübsch. Ihr Gesicht war schmal, oder vielleicht wirkte es nur so, weil es von ihrem dunklen Haar umrahmt wurde, das ihre Wangenknochen hervorhob. Sie war schlicht gekleidet, ihr Kleid sauber und frisch, die Hände gepflegt. Was hatte ein solches Mädchen in einem Gasthof in Berwick verloren?

Kieran, offenbar sehr zufrieden mit sich, lehnte sich an die Wand und beobachtete sie geradezu begierig, während sie ihr Essen bestellten. Sie sah Kieran an, schaute weg, sah ihn dann wieder an. Und wieder. Belustigt bat Rory sie, die Auswahl an Speisen zu wiederholen.

Falls sie sich darüber ärgerte, ließ sie sich nichts anmerken. Während sie ihnen die Speisen noch einmal nannte, warfen sie und Kieran einander weiterhin verstohlene Blicke zu. Kieran wählte den Fisch, und sie nickte.

»Der Fisch ist heute Abend gut.«

»Ich bin sicher, alles, was Ihr serviert, ist gut«, sagte Kieran.

Rory verdrehte die Augen gen Himmel. »Wir danken Euch, Mistress.«

»Gern geschehen, Sir.«

»Seid nicht allzu höflich zu ihm, Mädchen«, bemerkte Kieran. »Sagt lieber Rory zu ihm, sonst bildet er sich noch ein, er sei ein feiner Herr. Mein Name ist Kieran. Und Ihr seid …?«

»Erfreut, Euch zu Gast zu haben, Sir.« Sie lächelte und trat an den nächsten Tisch, wo drei Seeleute saßen, um ihnen die Speisen des Abends zu nennen.

»Und wie ist der Fisch?«, fragte einer von ihnen.

»Der Fisch ist heute Abend sehr gut«, sagte sie.

Einer der Männer grinste sie lüstern an. »Er könnte jeden Abend gut sein.«

Sie lächelte knapp und fragte, ob sie Bier oder Wein wollten.

»Weder noch. Mir steht der Sinn nach etwas ganz anderem«, sagte einer der Männer. Er griff nach ihr, doch sie wich ihm aus.

»Ich bin keine der Optionen«, entgegnete sie.

Er stand auf, packte sie um die Taille und zog sie an sich. »Und was, wenn ich dich haben will?«

Sie wand sich, doch er hielt sie fest und beugte sich dann vor, um die Lippen auf ihren Nacken zu pressen.

»Lasst mich los! Lasst mich los!« Ein Anflug von Panik schwang in ihrer Stimme mit.

Rory und Kieran erhoben sich wie ein Mann. Rory hielt dem Kerl den Dolch an die Kehle. Kieran löste die Hand des Seemanns von der Taille des Mädchens.

»Ihr werdet sie jetzt loslassen, Junge, und Euch artig entschuldigen, nicht wahr?«, sagte Kieran leise.

Der Mann wandte den Kopf, die Augen zur Seite gedreht, und versuchte, den Dolch zu sehen. Rory drückte ihn ein wenig fester gegen seine Haut. Der Seemann zog den Kopf zurück und ließ das Mädchen los.

»Kluger Mann«, sagte eine Stimme. Schottisch, aber kein Highlander.

Rory blickte in die blauen Augen eines Mannes, den er vorhin auf der anderen Seite des Schankraums bemerkt hatte, jung, mit braunem Haar; sein Messer drückte sich nun gegen den Bauch des Seemanns.

»Ich glaube«, sagte der Neuankömmling, »dass Ihr nun doch keinen Hunger habt und dass Ihr Euch mit einem großzügigen Trinkgeld für diese Beleidigung entschuldigen werdet. Und ich glaube, Ihr möchtet jetzt gehen.«

»Den Teufel wird er tun!«, schrie der Gefährte des Seemanns und sprang auf.

Er hob einen Krug und schlug damit nach dem jungen Schotten, der sich duckte und dem zweiten Seemann die Faust in den Magen rammte. Ein dritter Seemann stand brüllend auf.

Das Handgemenge war rasch vorüber und endete damit, dass Rory, Kieran und der andere Schotte die Seeleute zur Tür hinausbeförderten.

»Wir fackeln den Gasthof ab!«, brüllte einer von ihnen, als er sich aufrappelte.

»Wenn ihr das tut, werden wir euch finden«, rief Rory ihnen nach. »Glaubt mir, das würdet ihr bereuen.«

»Verfluchte Highlander!«

Rory trat einen Schritt vor und sah zu, wie die drei die Beine in die Hand nahmen. Er stand lachend mit den anderen auf der Treppe, bis die Seeleute verschwunden waren. Dann wandte er sich Kieran und dem anderen Schotten zu.

»Gut gemacht!«

Die übrigen Gäste jubelten ihnen zu, als sie in den Schankraum zurückkehrten, und der Wirt bedankte sich überschwänglich bei ihnen.

»Man weiß nie, was der Abend bringen wird«, sagte der Wirt kopfschüttelnd. »Manchmal ist es ruhig. Und dann wieder … Wir können uns nicht aussuchen, wer durch diese Tür hereinkommt. Ich danke Euch, meine Herren. Ich lasse Euch sofort mehr Bier bringen.«

»Vielen Dank, Sir«, sagte Rory.

Der andere Schotte grinste. »Denen haben wir eine Heidenangst eingejagt, was?«

»Allerdings«, sagte Rory.

Das Mädchen eilte herbei. »Ich danke Euch von ganzem Herzen«, sagte sie atemlos. »Meine Herren. Edgar. Danke! Ich hatte solche Angst.«

»Aus gutem Grund«, sagte der junge Schotte. »Der hatte üble Absichten.«

»Es war uns ein Vergnügen, Mädchen«, sagte Kieran. »Wie könnten wir auch zulassen, dass jemand einer Schönheit wie Euch etwas zuleide tut?«

»Ich danke Euch für Eure Hilfe.« Mit flammendroten Wangen eilte sie davon.

»Das haben wir gut gemacht, Jungs«, sagte Rory, als sie sich wieder niederließen. »Und nun kommt und setzt Euch zu uns. Ich bin Rory MacGannon.« Er hob den Zinnbecher grüßend in Richtung des anderen Schotten.

»Edgar Keith«, sagte der und streckte die Hand aus. »Ihr seid Highlander.«

»Wie kommt Ihr nur darauf?«, fragte Rory grinsend und deutete auf Keiths Kleidung. »Findet Ihr, dass wir anders aussehen als Ihr?«

»Ein wenig, Sir.«

»Ihr habt recht. Aber für uns seht Ihr hier alle ein wenig merkwürdig aus, so unpassend, wie Ihr gekleidet seid.«

Keith lachte. »Seht Euch doch um. Wer trägt hier schon die gleiche Kleidung?«

»So ist es«, sagte Kieran. »Ich bin Kieran MacDonald. Von Skye.«

»Skye? Kennt Ihr Davey MacDonald? Den Jungen, der –«

»Von den Nordmännern entführt wurde«, sagte Kieran.

»Ihr habt die Geschichte gehört?«

»Wer nicht? Und er wurde von einem Mann namens Gannon gerettet. Ihr kennt ihn?«

Kieran lachte. »Ja, und das ist Gannons Sohn, der hier bei uns sitzt.«

»Ich habe irgendetwas über diesen Gannon gehört …«, sagte Edgar Keith und schüttelte den Kopf. Er hob die Hand, und das Serviermädchen eilte herbei. »Fällt mir sicher wieder ein. Noch eine Runde«, sagte er zu ihr, »wenn Ihr so freundlich wärt.«

Edgar Keith war der jüngere Sohn eines Tuchhändlers aus Lothian, erzählte er ihnen, und er kam oft nach Berwick. Sie unterhielten sich über den Tod der Jungfrau und darüber, was man hier dazu sagte, dass Schottland seine Königin verloren hatte. Der junge Schotte sprach sehr ernst und zeigte sich besorgt um die Zukunft ihres Landes. Das glatte braune Haar fiel ihm beim Sprechen ins Gesicht, und er strich es sich mit einer beiläufigen Geste aus den Augen. Dann veränderte sich seine Miene schlagartig. Er errötete und starrte jemanden hinter Rory so gebannt und so lange an, dass Rory sich umdrehte.

Wie er erwartet hatte, war es ein Mädchen, ein sehr hübsches sogar, mit goldblondem Haar, das Keith besorgt ansah. Die junge Frau war züchtig gekleidet, doch Rory konnte die Kurven ihrer Taille und Hüfte erkennen.

»Entschuldigt mich für einen Augenblick, meine Herren«, sagte Keith, stand ungeschickt auf und verließ den Tisch, ehe einer von ihnen antworten konnte.

»Ich frage mich, ob alle Mädchen in Berwick so hübsch sind?«, bemerkte Rory.

»Anscheinend«, sagte Kieran und beobachtete das dunkelhaarige Mädchen, das gerade einer großen Gruppe Männer Bier servierte. »Sie sieht nicht schlecht aus, nicht wahr?«

Rory folgte seinem Blick. Die junge Frau schien sich von dem Zwischenfall mit den Seeleuten erholt zu haben. Und im Allgemeinen war sie recht geschickt darin, jenen auszuweichen, die sie berühren wollten oder versuchten, sie in ein Gespräch zu verwickeln.

»Meinst du damit, dass sie sich wieder gefasst hat oder dass sie dir gefällt?«

»Ich habe sie zuerst gesehen, Mann«, sagte Kieran.

Rory hob abwehrend die Hände. »Ich werde mich nicht auf dein Territorium vorwagen. Ich habe nur gerade gedacht, dass sie wahrlich einen zweiten Blick wert ist.«

Er drehte sich um, um nach Edgar Keith zu sehen. Der junge Schotte und das Mädchen waren ganz in ihr Gespräch vertieft und achteten nicht auf die Leute, die an ihnen vorbeigingen. Rory trank sein Bier aus, stellte den Becher auf den Tisch und betrachtete ihn.

»Mehr Bier, Sir?«, fragte das dunkelhaarige Mädchen, das plötzlich an ihrem Tisch stand. »Für Euch beide?«

»Ja, und vielen Dank«, sagte Kieran. »Miss …?«

»Für Mr. Keith ebenfalls? Oder ist er schon gegangen?«

»Nein, er ist dort drüben und unterhält sich mit einem Mädchen«, sagte Rory.

Die junge Frau blickte zu Edgar Keith hinüber und erbleichte sichtlich. »Entschuldigt mich bitte«, sagte sie und eilte hinüber.

»Du verschwendest deine Zeit«, sagte Rory zu Kieran. »Sie will dir nicht einmal ihren Namen nennen.«

»Den finde ich schon heraus.« Als Rory lachte, streckte Kieran ihm eine Münze entgegen. »Wetten wir? Hältst du meinen Einsatz?«

»Die Wette gilt«, sagte Rory. »Vor morgen früh musst du ihren Namen erfahren.«

»Abgemacht«, sagte Kieran.

Sie beobachteten, wie das dunkelhaarige Mädchen auf Edgar Keith und die blonde Frau zutrat, erregt gestikulierte und beinahe furchtsame Blicke über die Schulter warf. Die blonde Frau hörte zu, schüttelte dann den Kopf, lächelte sanft und sagte etwas, das den Wortschwall des dunkelhaarigen Mädchens unterbrach. Die beiden Mädchen starrten einander an und blickten dann zu Edgar Keith auf, der nickte. Die dunkelhaarige Frau trat einen Schritt zurück, wirbelte herum und verschwand.

»Großartig«, sagte Rory. Er war hungrig und durstig und hatte das Gefühl, dass das noch eine Weile so bleiben würde.

»Ich bitte um Verzeihung, meine Herren«, sagte Edgar Keith, als er sich wieder zu ihnen setzte. »Euer Becher ist leer. Trinken wir noch ein Bier, wir hatten unsere Unterhaltung nicht beendet.«

»Ich habe schon Bier bestellt«, sagte Rory, »aber das Mädchen ist davongelaufen, um mit Euch zu sprechen. Ist die Unterhaltung zu Eurer Zufriedenheit verlaufen?«

Edgar Keith lächelte breit. »Ja, allerdings. Ah, da kommt Jacob.«

Der Wirt erschien mit einem großen Krug in der Hand.

»Hier, bitte sehr, werte Herren.«

»Darf ich Euch unseren Gastgeber vorstellen, Jacob Angenhoff«, sagte Edgar. »Noch keine zwei Monate hier, hat aber bereits ein verfallenes Gebäude in einen behaglichen Gasthof verwandelt. Ich würde nie anderswo übernachten, wenn ich in Berwick bin. Jacob, das sind Rory MacGannon und Kieran MacDonald.«

»Es ist mir eine Freude, Euch bei uns zu haben, Sirs«, sagte Angenhoff.

»Die Freude ist ganz unsererseits«, entgegnete Rory und vermutete, dass Keiths Vorliebe für Angenhoffs Gasthof mehr mit dem blonden Mädchen zu tun hatte als mit irgendwelchen Verbesserungen, die der neue Wirt eingeführt hatte. »Woher kommt Ihr, Sir?«

Jacob zögerte kurz und lächelte dann. »Aus London.«

»Was hat Euch dazu getrieben, das großartige London zu verlassen und nach Berwick zu kommen?«, fragte Kieran.

Jacobs Lächeln gefror. »Wart Ihr schon in London, Sir?«

»Nein«, antwortete Kieran. »Aber ich würde die Stadt gern einmal sehen.« Er warf ein paar Münzen auf den Tisch. »Für unser Mahl und das Bier, Sir.«

»Nein, ich bitte Euch. Behaltet Euer Geld«, sagte Jacob.

»Ihr werdet für nichts bezahlen, solange Ihr bei uns seid. Ich bin Euch sehr dankbar dafür, dass Ihr meine Tochter Rachel beschützt habt. Ah, da kommt sie mit dem Essen. Ich kümmere mich um eure Zimmer.« Er verließ sie mit einem weiteren Lächeln.

Kieran stupste Rory mit dem Ellbogen an. »Rachel Angenhoff. Ich musste nicht einmal danach fragen.«

Rachel trug rasch das Essen auf, ohne einen von ihnen anzusehen. Sie war höflich, aber sehr zurückhaltend.

Kieran lächelte zu ihr auf. »Geht es Euch auch gut? Oder fühlt Ihr Euch noch ein wenig zittrig?«

»Nein, Sir, mir fehlt nichts, dank Eurer Hilfe.«

Sie warf Edgar Keith noch einen Blick zu und ging. Kieran beobachtete sie.

»Sie ist zornig auf mich«, bemerkte Keith. »Das Mädchen, mit dem ich mich unterhalten habe, ist ihre Schwester, und Rachel hat etwas dagegen.«

»Warum denn?«, fragte Kieran.

»Ich bin kein … Sie ist …« Er brach ab. »Ich wäre Euch dankbar, wenn Ihr das Jacob gegenüber nicht erwähnt. Er weiß nichts davon, und er wird ganz gewiss nicht damit einverstanden sein.«

»Ihr seid kein was?«, fragte Kieran und leerte seinen Becher. »Ist ihr Vater nicht damit einverstanden, dass ein jüngerer Sohn um sie wirbt, oder liegt es an dem Wollgeruch, der Euch umweht?«

Edgar Keith grinste. »Das muss es sein, ganz gewiss. Ich erzähle aller Welt, ich käme nach Berwick, um mit den hiesigen Händlern über Wolle zu sprechen, doch in Wahrheit komme ich hierher, um Sarah zu sehen.«

»Sie sind also aus London, ja?«, fragte Rory.

»Ja«, antwortete Keith. »Erst vor Kurzem hier angekommen. Ich danke Euch für Eure Hilfe vorhin.«

»Mit so etwas darf ein Mann nicht davonkommen«, sagte Rory.

Kieran grinste ihn an. »Mein Cousin hat sich offenbar selbst zum Beschützer aller Frauen ernannt. Er rettet sie neuerdings regelmäßig.«

Keith blinzelte. »Das ist es. Mir ist gerade eingefallen, wo ich den Namen MacGannon erst kürzlich gehört habe.« Er senkte die Stimme und sah Rory an. »Es sind Männer hier in Berwick, die nach einem Highlander dieses Namens fragen. Man hat mir erzählt, Ihr hättet eine Frau geschändet und ihren Mann ermordet.«

Rory schnaubte angewidert und schüttelte den Kopf.

»Es war andersherum«, sagte Kieran. »Rory hat die Frau gerettet und den Mann getötet, der über sie hergefallen war.«

»Dann müsst Ihr dafür sorgen, dass die wahre Geschichte bekannt wird.«

»Wer waren diese Männer?«, fragte Rory, »die sich nach mir erkundigt haben. Wisst Ihr, wer sie sind?«

»Angeheuerte Schläger, glaube ich. Jedenfalls keine Highlander«, antwortete Keith. »Hört zu, alle sind ohnehin schon angespannt, weil so viele Seiten Anspruch auf den Thron erheben und Leute um sich scharen. Eine Menge Männer suchen förmlich nach einem Grund, mit irgendwem Streit anzufangen. Euer Name macht die Runde, und ich habe gehört, dass sogar eine Belohnung auf Euren Kopf ausgesetzt wurde. Ihr fallt hier auf, Sir. Ich würde Euch raten, Euch zumindest unauffälliger zu kleiden. Ihr habt ja gesehen, was heute Abend hier passiert ist. Seht Euch um. Jeden Augenblick könnte neue Gewalt ausbrechen.«

Rory ließ den Blick durch den Schankraum schweifen. »Die Männer hier sehen ganz gewöhnlich aus, wie man es in einer Hafenstadt eben erwarten würde.«

»Dann lasst mich das erklären. Seht Ihr den Mann dort drüben, mit der Frau und zwei Kindern?«

»Ja?«

»Und die Frau und ihre Dienerin am Tisch daneben? Das ist seine Mätresse. Er reist niemals ohne sie. Jacob bringt sie in einem Flügel unter, die Ehefrau in einem anderen. Seine letzte Mätresse wurde vergiftet. Wen wundert’s? Und der seltsam aussehende Mann dort mit dem langen Hals, der den Kopf hin und her bewegt wie eine Schlange? Das ist ein französischer Marquis, der mit Schimpf und Schande aus seiner Heimat verjagt wurde, doch niemand will über die Verbrechen reden, die der Grund dafür waren. Und der da, der dicke Mann mit den vielen Ringen an den Fingern? Ein Tuchhändler, der alle betrügt, die für ihn arbeiten. Zwei haben bereits versucht, ihn zu ermorden. Einer ist gestorben, der andere verschwunden. Und der große, dünne Mann mit den fünf Seeleuten am Tisch? Kapitän eines Schiffes, das kleinere Boote so bedrängt, dass sie auf Grund laufen, und sich dann die Beute mit jenen teilt, die am Ufer warten und das Boot ausrauben. Ihr müsst hier gut auf Euch achtgeben, Sirs. Unsere lautstarken Freunde von vorhin sind nicht die Einzigen, die hier gefährlich werden können.«

Er trank einen Schluck Bier. Rory blickte sich erneut in dem Schankraum um. Und er hatte diese Leute vorhin für so harmlos gehalten. Er kam sich sehr naiv vor. Nun wurde ihr Essen gebracht, heiß und köstlich, und später wurde ihnen reichlich nachgelegt. Nicht von Rachel oder ihrer Schwester, sondern von einer anderen Frau, die sich beim Servieren in einer Taverne wohler zu fühlen schien.

Rory und Keith unterhielten sich noch eine gute Stunde lang, tranken Angenhoffs köstliches Bier und sprachen über den Tod der Königin und die möglichen Folgen für Schottland. Kieran verließ sie nach einer Weile, stieg bei einem Würfelspiel ein und trank viel zu viel. Und in einer Ecke des Raums saß ein Mann, der Rory beobachtete. Er hatte sich den ganzen Abend lang nicht gerührt, sondern dort gesessen, langsam an einem hölzernen Becher genippt und Rory nicht aus den Augen gelassen.

»Claret, das ist die Lösung«, sagte Keith. »Die Edelleute lieben Wein, und Claret ist derzeit am beliebtesten. Ich bin überzeugt, dass man damit ein Vermögen verdienen könnte.«

»Claret?«, wiederholte Rory und sah zu, wie Kieran immer tiefer in sich zusammensackte. Sein Cousin musste viel Geld verloren haben, was nicht überraschend war, wenn man die Mengen bedachte, die er getrunken hatte.

»In England«, sagte Keith, »verlangt der König ein Fass Wein vor jedem Mast, von jedem Schiff, das vom Festland kommt, und ein weiteres Fass hinter dem Mast. Von jedem Schiff. Zwei Fässer. Wir müssen auf so etwas achten, denn wenn Edward entscheidet, wer Schottland regieren soll, wird er dann auch über unsere Gesetze bestimmen?«

»Und, was glaubt Ihr, was geschehen wird?«

Keith schüttelte den Kopf. »Ich glaube, wir werden an den Meistbietenden verkauft.«

»Eine jämmerliche Aussicht.«

»Von der ich hoffe, dass sie nicht eintreffen wird. Ich wünsche Euch eine gute Nacht, Sir.«

Rory trank sein Bier aus. Der Schankraum, so bemerkte er nun, war inzwischen fast leer. Kieran saß mit dem letzten Würfelspieler beisammen. Der Mann in der Ecke war etwa zu derselben Zeit gegangen wie Edgar Keith. Vielleicht hatte Rory sich also doch in ihm getäuscht.

Von der Tür her beobachtete sie das dunkelhaarige Mädchen. Rachel hatte Keith nicht angesehen, als er an ihr vorbeigegangen war, und auch nicht geantwortet, als er sie angesprochen hatte. Offensichtlich war Rachel mit Edgar Keiths Werben um ihre Schwester ganz und gar nicht einverstanden.

Rory zuckte mit den Schultern. Nichts von alledem ging ihn etwas an. Es war an der Zeit, dass er und Kieran ins Bett gingen. Er würde die Tür verbarrikadieren.

Rachel lehnte am Türrahmen und beobachtete, wie Rory MacGannon seinem Cousin auf die Beine half. Kieran MacDonald schwankte, blieb aber stehen, was sie überraschte, denn er hatte sehr viel Bier getrunken. Highlander, alle beide, große Männer in dieser seltsam gemusterten Kleidung, die Ihresgleichen bevorzugte. Sie hatte schon ein paar in Berwick gesehen, große, kräftige Männer, und bis heute Abend hatte sie Highlander für ebenso ungehobelt und barbarisch gehalten, wie es ihrem Ruf entsprach.

Diese beiden hier hatten ihre Meinung geändert. Kieran hatte sie vom ersten Augenblick an zum Lachen gebracht, indem er sich vorgestellt und sich wie ein Höfling verneigt hatte, um ihr dann zu versichern, dass sein Aussehen nicht die Kultiviertheit seines Herzens widerspiegele. Und sie waren die Einzigen gewesen – abgesehen von Edgar –, die eingeschritten waren und ihr geholfen hatten. Es geschah nicht oft, dass sich ein Gast so danebenbenahm, aber wenn doch, dann wurde die Lage oft sehr hässlich.

Sie war mehr als dankbar dafür, dass diese Männer sie gerettet hatten – sie war hocherfreut, denn das gab ihr einen weiteren Vorwand, mit Kieran MacDonald zu sprechen. Sie glaubte nicht, schon jemals einen so prachtvollen Mann gesehen zu haben, nicht einmal in London. Er war so groß. Seine Augen waren so blau, sein Haar dunkel, dicht und lockig. Auch sein Cousin Rory war ein gut aussehender Mann. Highlander, dachte sie lächelnd, und plötzlich vermisste sie ihre Freundin Isabel, mit der sie stundenlang über die beiden hätte schwatzen können.

Rory hatte den Abend mit Edgar verbracht, den Rachel ignoriert hatte, als er ihr eine gute Nacht wünschen wollte. Edgar hatte ihr die Namen der beiden genannt und versprochen, ihr noch mehr über sie zu erzählen, wenn sie dafür aufhörte, ihm Vorhaltungen zu machen, weil er sich heimlich mit ihrer Schwester traf. Sie hatte auch darauf nicht geantwortet, denn sie würde nie wieder mit ihm über Sarah sprechen. Heute Abend hatte sie feststellen müssen, dass es schon viel zu spät war und sie die zärtlichen Gefühle, die sich zwischen den beiden entwickelt hatten, nicht mehr unterbinden konnte.

Am meisten verletzte sie die Tatsache, dass sie bis heute Abend nichts von dieser Beziehung geahnt hatte – bis sie Sarah und Edgar Keith im Vorraum der Wirtsstube ertappt hatte, wo sie die Köpfe zusammensteckten und wie ein Liebespaar flüsterten. Sie war schockiert, dass ihre Schwester ihr nichts davon erzählt hatte.

Ihre Schwester hatte ihr Geheimnis wahrlich gut gehütet. Sarah hatte Glück, dass Rachel sie entdeckt hatte, und nicht Papa oder Mama, die ihren Töchtern täglich predigte, wie gefährlich es wäre, ihren Gästen irgendetwas außer Essen und Getränken anzubieten. Edgar Keiths Bewunderung und Aufmerksamkeit schien echt zu sein, doch es konnte für die beiden keine gemeinsame Zukunft geben, und das sollte Sarah ebenso gut wissen wie Rachel.

Als sie in den Gasthof eingezogen waren, hatten sie und Sarah den Schankraum nicht einmal betreten, sondern sich nur in der Küche aufhalten dürfen, wo sie die zahllosen gewöhnlichen Arbeiten verrichteten, die in einer Gastwirtschaft anfielen. Doch Mama war eine viel bessere Köchin, und Papa viel schlechter im Servieren, deshalb hatten sie schließlich doch begonnen, die Bestellungen der Gäste aufzunehmen und ihnen das Essen zu bringen, anfangs nur tagsüber. Doch allmählich hatte sich ihre Arbeitszeit im Schankraum immer mehr ausgedehnt, und nun taten sie kaum mehr etwas anderes.

An Abenden wie diesen, wenn die Taverne voll war und alle Hände zum Servieren gebraucht wurden, machte diese Arbeit ihr kaum etwas aus, denn dann hatte sie zu viel zu tun, um nachzudenken, und die Gäste erwarteten meist nicht mehr als das Essen, das sie ihnen brachte. Doch an jenen Tagen, wenn nur wenige Gäste zur Tür hereinkamen und diese sich unterhalten wollten – oder mehr –, dann hasste sie ihr neues Leben aus tiefstem Herzen.

Von Anfang an hatten ihre Eltern den Gasthof als ein Haus etabliert, in dem Frauen willkommen waren, und ein beträchtlicher Anteil der Reisenden, die durch Berwick kamen, waren Ehefrauen oder Mätressen. Im Hafen von Berwick herrschte rege Betriebsamkeit, und es schien, als hätten die Straßen schon Menschen jeder nur erdenklichen Herkunft gesehen.

Die Männer gaben sich zum größten Teil damit zufrieden, zu essen, zu trinken und ein wenig zu schäkern. Es waren die Frauen, die Rachel so ungern bediente. Sie wurde von manchen ignoriert, in den Augen anderer sah sie Mitleid oder Freundlichkeit, die jedoch das Wissen enthielt, dass Rachel das Serviermädchen war, und sie die Gäste. Das verabscheute sie am allermeisten und auch ihren Stolz, den sie anscheinend nicht unterdrücken konnte. Sie wusste, dass es kein Zurück gab, dass ihr vorheriges Leben vorbei und dies nun ihr Los war. Und dass sie endlich lernen sollte, das Beste daraus zu machen. Aber sie hasste es.

Und nun zog Berwick noch mehr Reisende an, es hatte sich bereits verändert und war nicht mehr die Stadt, die sie anfangs erkundet hatten. Seit dem Tod der Jungfrau wurde die Stimmung in der Stadt immer unruhiger, und jede Woche kamen mehr Engländer im Hafen an. Falls die Gerüchte stimmten, würde Edward von England selbst bald nach Schottland kommen, um zu entscheiden, wer König werden sollte. Ihr Vater tat ihre Ängste als unbegründet ab und erklärte, Edward habe ihnen ja nicht verboten, nach Schottland zu ziehen, und es sei sehr unwahrscheinlich, dass die Schotten englische Herrschaft oder Gesetze hinnehmen würden. Doch Mama überprüfte, ob die Münzen noch fest in ihre Rocksäume eingenäht waren, und erinnerte Rachel stets daran, dass sie notfalls wieder weiterziehen konnten. Natürlich konnten sie das, doch ihre Eltern waren nicht mehr jung. Also machte sich Rachel Sorgen.

Sie hatten ihren Namen geändert und gaben sich nun die größte Mühe, sich den hiesigen Akzent anzueignen. Rachel arbeitete weniger hart an ihrem schottischen Akzent als ihre Familie, denn es widerstrebte ihr, alles aufzugeben, was sie mit London verband. Doch gelegentlich geschah es, so wie heute Abend bei Rory MacGannon, dass jemand beim Klang ihrer Stimme stutzte und sie musterte. Und das war gefährlich. So auszusehen wie sie, und dabei als Engländerin erkannt zu werden, konnte sie alle verraten. Sie verbargen nicht direkt, wer sie waren, doch sie verkündeten es auch nicht aller Welt.

Was sie wieder zu Sarah führte. Was dachte sich ihre Schwester eigentlich dabei, mit Edgar Keith zu schäkern? Er schien kein Mann zu sein, der mit Frauen spielte, doch vielleicht wäre das besser gewesen. Was glaubten die beiden, was sie taten, wenn sie einander so ansahen?

»Verzeihung, Mistress Angenhoff.«

Rachel fuhr zusammen und blickte auf, direkt in Rory MacGannons blaue Augen. Er wies mit einem Nicken auf seinen Cousin, der sich halb schlafend und gefährlich schief auf Rory stützte.

»Ich fürchte, wir passen nicht an Euch vorbei durch die Tür. Wenn Ihr so freundlich wäret …?«

Sie sprang beiseite. »Oh, ich bitte um Verzeihung! Braucht Ihr Hilfe?«

Er lächelte auf sie herab. »Von Euch, Mädchen? Er ist zweimal so schwer wie Ihr. Nein, ich schaffe das schon.«

»Ich meinte meinen Vater, oder einen unserer Männer.«

»Ach ja, Ihr seid Jacobs Tochter, nicht wahr?« Er sah sie lange und bewundernd an.

»Ja …«

Sein Cousin hob den Kopf, starrte Rachel mit zusammengekniffenen Augen an und wandte sich dann wieder Rory zu. Sein Kopf sank nach unten, und das dunkle Haar fiel ihm in die Stirn. Selbst in diesem Zustand sah er so gut aus, wie sie ihn vorhin schon eingeschätzt hatte.

»Sieh sie dir an, Rory!«, sagte er nun mit starkem Akzent. »Sieh dir dieses Mädchen an. Sie ist wunderschön! Ein wunderschönes Mädchen steht hier vor uns. Rachel. Sie heißt Rachel, und ich habe die Wette gewonnen, du schuldest mir was. Wir sollten etwas zu Rachel sagen. Was wollen wir sagen? Sagen wir ihr einfach, dass sie ein schönes Mädchen ist. Das sollten wir ihr sagen, ja?«

»Wir sollten ihr ›Gute Nacht‹ sagen. Ich bitte um Verzeihung, Mistress, er meint es nicht böse.«

»Augenblick«, sagte Jacob, der gerade aus der Küche geeilt kam. »Ich helfe Euch, Sir.«

Sie trat zurück und sah zu, wie ihr Vater dem Highlander half, seinen Cousin die Treppe hinauf zu dem Zimmer zu bringen, das sie sich mit einigen anderen Männern teilen würden. Sie wartete, bis der Lärm verklungen war, den sie beim mühsamen Manövrieren auf der schmalen Treppe verursachten. Sie hörte die Männer oben im Flur, doch dann begann Kieran, ein anzügliches Lied zu singen. Nach wenigen Augenblicken wurde er zum Schweigen gebracht. Er hatte eine wunderschöne Stimme, wenn auch seine Auswahl an Liedern zu wünschen übrig ließ. Sie lachte leise.

Und dann machte sie sich auf die Suche nach ihrer Schwester.

5

»Es ist ja nicht so, als ob ich das geplant hätte«, sagte Sarah, die nun ein wenig gereizt klang. »Das habe ich dir bereits gesagt. Mehrmals. Wir sind eben ins Gespräch gekommen, und –«

»Ich kann nur nicht fassen, dass du mir nichts von ihm erzählt hast.«

»Er war in den vergangenen zwei Monaten mindestens fünf Mal hier! Ist dir das nicht aufgefallen?«

Rachel kämpfte mit den Tränen. Sie fühlte sich durch Sarahs Schweigen ausgeschlossen. Wie konnte sie übersehen haben, was sich da anbahnte? »Ja, ich habe bemerkt, dass er öfter hier war.«

»Und er fragt stets nach mir. Hast du das auch bemerkt?«

»Nein. Und du hast es mir nicht erzählt.«

Sarah zuckte mit den Schultern. »Ich dachte, du wüsstest es. Außerdem gab es weiter nichts zu erzählen.«

Sie starrten einander einen Augenblick lang an, und Rachel wusste, dass sich ihre Welt wieder einmal verändert hatte.

»Wissen Mama und Papa davon?«

»Mama weiß es. Papa nicht. Aber … Edgar wird mit ihm sprechen. Noch nicht gleich, aber bald.«

»Er will Papa um Erlaubnis bitten, um dich werben zu dürfen? Das kann nicht dein Ernst sein!«

Ihre Schwester verschränkte die Arme vor der Brust. »Und warum nicht? Ist es denn so unwahrscheinlich, dass mich ein Mann anziehend finden könnte? Ist das so unvorstellbar?«

»Nein! Das ist es nicht. Aber er ist –«

»Ein guter Mann, Rachel. Was könnte wichtiger sein?«

»Was wichtiger sein könnte? Hast du den Verstand verloren? Weiß er überhaupt …?«

»Dass ich Jüdin bin?« Sarah spie die Worte förmlich aus. »Ja, er weiß es. Und er will mich trotzdem, Rachel.«

»Was sagt seine Familie dazu?«

»Sie wissen es nicht.«

»Sarah! Sie werden das niemals gutheißen! Papa wird nie seine Zustimmung geben! Sarah, was denkst du dir nur dabei?«

»Wir sind nicht mehr in London, Rachel! Die Möglichkeiten, die mir dort offenstanden, habe ich hier nicht mehr. Ich werde mein Leben nicht damit verbringen, in einer Taverne Männer zu bedienen! Wenn ich schon Nachttöpfe leeren muss, dann meine eigenen, und nicht die fremder Leute! Edgar Keith interessiert sich für mich. Es ist noch nichts geschehen. Aber das wird es, Rachel. Ich werde sogar dafür sorgen. Ich werde ihn dazu bringen, mich zu lieben. Ich werde ihn dazu bringen, mich zu brauchen. Ich werde ihn glücklich machen, und er wird mich beschützen. Unsere Kinder werden niemals mitten in der Nacht gezwungen werden, ihr Zuhause zu verlassen. Das ist ein gutes Arrangement für uns beide. Kannst du dich denn nicht für mich freuen?«

»Aber Sarah …«

Sarah wandte ihr den Rücken zu. »Wenn du nicht großzügig genug bist, dich für mich zu freuen, Rachel, dann gibt es nichts mehr zu sagen.«

Rachel starrte den Rücken ihrer Schwester noch lange an. Dann blies sie die Kerze aus, starrte in die Dunkelheit und vermisste Isabel mehr denn je.

»Mistress Angenhoff.«

Rachel hörte seine Stimme, drehte sich jedoch nicht um. Erst als er die Worte wiederholte, merkte sie, dass er mit ihr sprach. Sie war jetzt Rachel Angenhoff, die Wirtstochter. Sie richtete sich von dem Korb voll Kleidung auf, die sie gerade zusammenlegte, und war sich ihres ungekämmten Haars und des abgetragenen Kleides plötzlich sehr bewusst, als sie sich zu ihm umdrehte.

Kieran MacDonald, der dunkle Highlander, stand vor ihr, der Mann, dessen strahlend blaue Augen und breite Schultern ihr schon aufgefallen waren, als sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte. Draußen im Vorraum war er recht geistreich gewesen und hatte sie zum Lachen gebracht. Und später, als er zu betrunken gewesen war, um stehen zu können, als sich all seine Zurückhaltung mitsamt der Nüchternheit verflüchtigt hatte, da hatte er sich dennoch an ihren Namen erinnert und gesagt, sie sei schön. Nun, am späten Vormittag, waren seine Augen ein wenig gerötet, seine Wangen blässlich, doch weiter schien ihm nichts zu fehlen.

»Sir?«

Er faltete die Hände vor der Brust und machte ein so ernstes Gesicht, dass sie sich das Lachen verkneifen musste. Doch in seinen Augen war kein Anflug von Humor zu erkennen – nur, so bemerkte sie überrascht, Verlegenheit.

»Ich bin gekommen, um mich bei Euch zu entschuldigen.«

»Wofür?«

Er ließ die Hände sinken und faltete sie sogleich wieder. Sie hatte Mitleid mit ihm.

»Ihr braucht Euch für nichts zu entschuldigen, Sir. Ihr habt nichts getan, das ich Euch verzeihen müsste.«

»Ich war betrunken.«

»Das wart Ihr allerdings.«

»Ich war laut.«

»Ja.«

»Ich habe gesungen?«

»Nur kurz.«

»Habe ich Euch etwa wach gehalten?«

»Nein. Ich glaube, Ihr seid recht schnell eingeschlafen.«

»Das tue ich für gewöhnlich nicht.«

»Schlafen?«

Er grinste sie an, und ihr stockte der Atem.

»Nein, ich schlafe für gewöhnlich sogar sehr gut. Ich meinte, dass ich mich für gewöhnlich nicht betrinke und zum Narren mache.«

»Ihr habt wirklich nichts Böses getan, Sir. Ihr habt Euer Geld verspielt und zu viel Bier getrunken, aber glaubt mir, Ihr habt nichts verbrochen.«

»Man hat mir gesagt, ich sei Euch zu nahegetreten. Das tut mir aufrichtig leid.«

»Das ist nicht nötig. Ihr habt mich gestern Abend gerettet, und nur daran denke ich. Ihr habt nichts Falsches getan.«

»Was habe ich denn zu Euch gesagt?«

»Das wisst Ihr nicht mehr?«

Er schüttelte den Kopf.

»Euer Cousin –«

»Mein Cousin sagt, ich hätte mich wie ein Volltrottel benommen. Was habe ich also zu Euch gesagt?«

Sie ignorierte die plötzliche Hitze in ihren Wangen. »Ich …«

»Kommt, Mädchen, was habe ich zu Euch gesagt, das Euch so erröten lässt?«

»Ihr sagtet, ich sei schön.«

Langsam breitete sich ein Lächeln in seinem Gesicht aus, und sie kam sich dumm vor. Er neigte den Kopf zur Seite und musterte sie, und sie wäre vor Scham beinahe gestorben.

»Anscheinend«, sagte er, »habe ich wirklich Geschmack, was Frauen angeht, ob ich betrunken bin oder nüchtern. Ich hatte völlig recht. Ihr seid schön.«

Sie brachte kein Wort heraus. Sein Lächeln wurde breiter, und dann lachte er leise.

»Ihr seid ein wunderschönes Mädchen, Mistress Rachel Angenhoff, und ich hoffe, Ihr werdet nicht schlecht von mir denken, weil ich Euch das nun zum zweiten Mal gesagt habe. Heute habe ich noch keinen Schluck getrunken, Ihr könnt also gewiss sein, dass ich meine, was ich sage.«

Er ließ sie stehen, und sie starrte auf die Tür, durch die er verschwunden war.

Eine Woche verging ohne weitere Zwischenfälle. Die Highlander blieben, doch Rachel bat darum, sie nicht mehr bedienen zu müssen. Sie überließ diese Aufgabe Sarah und der Bediensteten, die sie eingestellt hatten – eine derbe, aber liebenswerte und fleißige Frau, die Freitagabend und am Samstag das Servieren übernahm. Rachel hatte gehört, Highlander seien gefährlich, doch Kieran MacDonald war eine Gefahr von der Art, die sie nicht erwartet hatte. Er würde wieder abreisen. Und sie würde ihn vergessen.

Sarah und sie hatten kaum ein Wort gewechselt. Es war, als sei Sarah durch eine Tür in ein anderes Land getreten, während Rachel zurückgeblieben war, ihr nur nachsehen, aber nicht folgen konnte. Sie sah nun mit anderen Augen, wie Edgar mit Sarah sprach und wie Mama die beiden beobachtete. Mama hatte es gewusst, erkannte Rachel, und nichts unternommen, um es zu verhindern. Aber so durfte es doch nicht weitergehen. Papa würde entsetzt sein, niemals würde er Edgar Keith erlauben, um Sarah zu werben. Was sollte aus dieser Sache nur werden?

Diese Sorge vergaß Rachel niemals ganz, doch sie lenkte sich mit Arbeit ab, half fleißig in der Küche oder säuberte die Zimmer. Der ehemalige Wirt, Gilbert Macken, war ihr eine große Hilfe, denn er zeigte ihr kleine Kniffe, wie sie sich die Arbeit erleichtern konnte, und erklärte ihr, wie sie erkennen konnte, wer ein gut zahlender Gast war und wen sie besser abwies. Er sprach nur sehr vage von ihrer Familie, und sie fand seine Gesellschaft tröstlich.

Manchmal beobachtete sie ihre Eltern in ihren neuen Rollen als Wirtsleute, und ihre Schwester, die sie so gut zu kennen geglaubt hatte. Sie fragte sich, wie sich ihre Familie so sehr hatte verändern können. Sie fühlte sich schuldig wegen Sarahs heimlicher Liebschaft und der Rolle, die sie selbst dabei spielte, indem sie Papa ablenkte, wenn Edgar erschien, damit er nicht sah, wie die beiden in einer Ecke flüsternd die Köpfe zusammensteckten. Oder die Blicke, die sie einander über den vollen Schankraum hinweg zuwarfen, als seien alle anderen blind.

Sie fühlte sich elend. Und Kieran MacDonald mit seinem guten Aussehen, seinem breiten Lächeln und seiner höflichen Aufmerksamkeit machte es nicht eben besser. Sie ging ihm aus dem Weg, obgleich er ja nicht mehr getan hatte, als sie anzulächeln und ihr einen guten Morgen oder guten Abend zu wünschen. Sein Cousin war ihr lieber, denn Rory unterhielt sich mit ihr, als sei sie eine Gleichgestellte – er schäkerte nie mit ihr, ja, er schien nicht einmal zu bemerken, dass sie eine junge Frau war und er ein junger Mann. Das war viel besser, redete sie sich ein. Sie weigerte sich, sein wohlgeformtes Kinn zur Kenntnis zu nehmen, die blauen Augen unter diesem üppigen blonden Schopf, weigerte sich, seinen hohen Wuchs, die langen Finger oder seine Höflichkeit zu bemerken, oder sein ansteckendes Lachen, das durch die Taverne hallte und allen um ihn herum ein Lächeln entlockte. Viel besser, sagte sie sich. Die beiden waren Gäste ihres Hauses, weiter nichts.

Der Regen hatte die Reisenden den ganzen Tag über im Haus gehalten, und als der Nachmittag allmählich in den Abend überging, scherzte ihr Vater, er wolle sich beeilen, alle ihre Gäste vor Sonnenuntergang betrunken zu machen, damit sie den Sabbat verschliefen. Sarah lachte, doch Rachel konnte sich nur ein angespanntes Lächeln abringen. Der Sabbat begann in der Abenddämmerung, sobald drei Sterne sichtbar waren, und sie wusste, dass Papa ihn einhalten würde, ob die Wirtsstube voll war oder nicht.

Sie hatte die Rituale dieses Abends schon immer geliebt, die uralte Zeremonie, die sie mit unzähligen Generationen ihrer Vorfahren verband und an alles erinnerte, was ihr Volk erlebt hatte – die Freude und das Leid, die gemeinsame Verbindung, die sie zum Anfang der Zeit zurückführte.

Sie hatte geglaubt, dass ihre Schwester und Mutter das genauso empfanden. Doch wie konnte Sarah dieses Gefühl teilen, wie konnte sie hier bei ihnen stehen und beten und zusehen, wie ihr Papa den Sidúr, den Gebetsmantel, umlegte und ihnen aus dem Tanách vorlas, obgleich sie diese Familie und ihre Religion im Herzen schon hinter sich gelassen hatte? Wie konnte Mama die Hände falten, den Kopf neigen und die Antworten murmeln, obgleich sie wusste, was ihre Tochter vorhatte, obgleich sie wissen musste, wie niederschmetternd das für Papa sein würde? Rachel war wie zerrissen zwischen ihrer Loyalität zu ihrer Schwester und der Hoffnung, dass Sarah wieder zur Vernunft kommen würde.

Heute Abend eilte ihre Mama in das kleine Zimmer neben der Küche, in dem sie den Sabbat abhielten. Sie brachte das Abendessen mit und wischte sich die Hände an der Schürze ab, ehe sie sich setzte, um den Segen zu empfangen. Die Tür hinter ihnen klapperte im Wind, doch keiner von ihnen achtete darauf, denn die Tür wackelte oft, wenn der Wind daran rüttelte. Jacob trug schon den Talít, den Gebetsmantel, um die Schultern, und sprach nun das Dankgebet für eine weitere Woche Gesundheit und gutes Auskommen. Mama, Sarah und Rachel traten vor, um die Kerzen in dem silbernen Leuchter zu entzünden, der seit Generationen von Mutter zu Tochter vererbt worden war. Jacob sprach das zweite Gebet.

Und die Tür ging auf.

Zwei Männer, Kieran und Rory, standen auf dem kleinen Hinterhof, der als Küchengarten diente. Aus der Küche fiel das Licht seitlich auf ihre Gesichter, und ihre Überraschung war offensichtlich. Es war Rory, der sich als Erster fasste.

»Ich bitte um Verzeihung«, sagte er und griff nach der Tür, um sie wieder zu schließen. »Es ist viel los in der Taverne, und wir wollten Gilbert helfen. Er hat uns in den Keller geschickt, und wir dachten, hier ginge es hinunter. Es tut mir sehr leid, dass wir Euer … Gebet gestört haben. Ich bitte um Verzeihung.«

Er schloss die Tür, doch vorher begegnete Rachel Kierans Blick. Beim Anblick seiner entsetzten Miene wäre sie am liebsten im Erdboden versunken, um niemals wieder daraus aufzutauchen. Sie spürte eine Woge von Verlegenheit, beinahe Scham, und wurde dann zornig auf sich selbst, weil sie so empfand. Sie war Jüdin. Wie konnte er das nicht gewusst haben? Sie hieß Rachel, um Himmels willen. Und sie schämte sich nicht dafür, wer sie war.

Wie hatte er das nicht wissen können? Sie schloss die Augen, zwang sich, die Tränen zurückzudrängen, und schlug dann die Augen auf, um dem Blick ihrer Schwester zu begegnen. Sarah sagte nichts, doch das war auch nicht nötig. »Siehst du?«, drückte ihre Miene aus. Und obgleich Rachel das unendlich bereute und sich dafür schämte, sah sie es tatsächlich.

»Steh still, Isabel! Wie soll ich je mit diesem Saum fertig werden, wenn du herumhüpfst wie ein Kaninchen?« Ihre Mutter sprach mit dem Mund voll Nadeln, doch ihr Ärger war unüberhörbar.

Isabel richtete sich auf und starrte an die gegenüberliegende Wand, denn sie konnte es ebenso kaum erwarten, die Anprobe hinter sich zu bringen. Die Königin würde bald aufbrechen, um in Lincoln mit König Edward zusammenzutreffen, wo dieser immer noch auf Antwort aus Schottland wartete, und die meisten ihrer Damen würden sie begleiten. Isabel freute sich sehr darauf. Sie hatte London erst einmal verlassen, und nur für wenige Tage.

Man hatte ihr mehrere abgelegte Gewänder geschenkt und ihrer Mutter befohlen, sie auf der Stelle zu ändern. Als Nächstes würde Isabel hinunter zum Kürschner eilen, um den Samtumhang neu füttern zu lassen, den die Königin abgelegt und Isabel ebenfalls geschenkt hatte, mitsamt einem Brief, der erforderlich war, damit das junge Mädchen den königlichen Samt überhaupt tragen durfte. Und Schuhe! Sie sollte ein weiteres Paar exquisit bestickter Schuhe bekommen, eigens für sie angefertigt, mit so hohen Absätzen, dass sich Isabel vorsichtig bewegen musste. Doch obwohl sie darin nur kleine Trippelschritte machen konnte, war es das wert, um ihren Rock leicht anzuheben und beim Gehen den Fuß ein wenig nach vorn strecken zu können, sodass jeder die fein gestickten Verzierungen auf den ledernen Schuhen sehen konnte. Sie waren so weich, dass sie sich anfühlten wie aus Leinen.

Sie waren berauschend, all diese Veränderungen in ihrem Leben, von ihrer neuen Position bis hin zu ihren Kleidern und Schuhen. Es fiel ihr schwer, stillzuhalten. Sie wollte vor Freude tanzen. Hatte schon jemals irgendein Mädchen so viel Glück gehabt wie sie?

»Uns bleiben nur noch zwei Tage«, sagte ihre Mutter und bedeutete Isabel, eine Vierteldrehung zu machen. »Du musst bei Morgengrauen in drei Tagen bereit sein, die Königin zu begleiten, und du darfst dich nicht verspäten.«

»Ich werde mich nicht verspäten, Mutter«, erwiderte Isabel. »Alles wird fertig sein.«

»Ja«, sagte ihre Mutter. »Aber du bist nicht diejenige, die bei Kerzenschein nähen wird.«

Isabel bekam ein schlechtes Gewissen. »Mutter, ich helfe dir beim Nähen! Einen Teil kann ich auch unterwegs noch fertigstellen. Bitte mach dich deswegen nicht verrückt!«

»Ich soll zulassen, dass mein eigenes Kind, die Tochter der königlichen Leibschneiderin, nicht jederzeit perfekt gekleidet ist? Auf gar keinen Fall! Alles wird fertig sein, Isabel. Zweifellos werdet ihr in mindestens einem Schloss haltmachen, und sei es nur, um festzustellen, ob man es kaufen könnte. Du kennst ja unsere Königin. Wenn ein Stück Land nur irgendwie zu haben ist, wird sie es sich beschaffen.«

Isabel nickte. Sie war inzwischen mit der unersättlichen Gier der Königin auf Land wohlvertraut und mit deren Angewohnheit, Ländereien mit allen Mitteln in ihren Besitz zu bringen. Königin Eleanors Grundbesitz war gewaltig, ihre Verwalter, so hieß es, hart und gierig. Dennoch war Isabel bereit, mit ihrem Urteil zu warten, bis sie selbst feststellen konnte, ob diese Gerüchte der Wahrheit entsprachen. Die Leute, so hatte sie inzwischen gelernt, verbreiteten begeistert Unwahrheiten, als verkündeten sie das Evangelium.

»So!«, rief ihre Mutter aus, richtete sich auf und steckte die Nadeln wieder in das kleine Kissen, das sie an ihrem Gürtel trug. »Dreh dich um und lass dich ansehen.«

Isabel drehte sich im Kreis, schloss mit einem perfekten Hofknicks, und ihre Mutter lachte.

»Ich schwöre, du bist die Schönste von all ihren Damen, mein Kind.«

»Das ist nicht weiter schwierig, Mutter. Die meisten sind viel älter als ich. Manche dienen ihr schon, seit sie den Kreuzzug mit dem König unternommen hat, und das ist Jahrzehnte her.«

»So lange nun auch wieder nicht. Joan wurde vor gerade einmal sechzehn Jahren in Akkon geboren, sie ist also nur zwei Jahre jünger als du. Jetzt zieh das Kleid aus, damit ich das nähen kann.«

»Eine englische Prinzessin, die in Akkon auf die Welt kam«, sagte Isabel und schnürte ihre Ärmel auf. »Stell dir nur vor, als Kind schon so weit zu reisen.«

»Und die Reise zu überleben. Du musst auf dieser Reise gut auf dich achtgeben, Kind. Halte dich warm und trocken. Du wirst nicht mit der Königin in der Kutsche reisen, nehme ich an?«

»Habe ich dir das noch nicht gesagt, Mutter? Man hat mir ein eigenes Pferd gegeben!«

»Was bedeutet, dass du den ganzen Tag lang dem Wetter ausgesetzt sein wirst, das dem lieben Gott gerade gefällt, und als Erste in Gefahr gerätst, falls euch Briganten angreifen.«

»Der König schickt seine eigenen Ritter, um uns zu bewachen, Mutter.« Isabel errötete bei dem Gedanken, dass Henry de Boyer einer von ihnen sein könnte, doch ihre Mutter war so damit beschäftigt, Isabels Sachen in die hölzerne Truhe zu räumen, dass sie es nicht bemerkte.

Isabel schlang die Arme um sich. Ihre erste Reise mit der Königin! Sie würden unterwegs bei mehreren Besitzungen der Königin und des Königs haltmachen. Sie würden Edelleute besuchen und dann weiter gen Norden reiten, um den König in Lincoln zu treffen. Gerüchte machten die Runde, der König rücke mit einer Armee vor, um in Schottland einzufallen, oder man habe ihm die Krone angeboten, und er reise nach Norden, um den schottischen Thron zu besteigen. Sie glaubte nichts von alledem. Sie hatte eine wunderhübsche weiße Stute bekommen, und einen Sattel, um den sie sämtliche anderen Hofdamen beneideten, die für sich selbst hatten sorgen müssen. Als sie Isabel gefragt hatten, weshalb man ihr so großzügige Geschenke machte, hatte sie nur mit den Schultern zucken und schweigen können, denn sie hatte es wahrhaftig nicht gewusst.

Bis gestern.

Man hatte ihr gesagt, sie solle die königliche Kammer im Tower of London aufsuchen, um ihre Unterschrift für die Kleider, das Pferd und ihren Lohn zu leisten. Sie war mit einem Boot den Fluss hinuntergefahren und hatte zu ihrer Belustigung festgestellt, dass Henry recht hatte – der Fährmann kannte tatsächlich ihren Namen. Sie war durch das Wassertor in den Tower gelangt, das König Edward erst wenige Jahre zuvor hatte einbauen lassen. Mit hochgerafften Röcken war sie die nassen Stufen hinauf zum äußeren Hof und dann zum Wardrobe Tower geeilt.

Sie hatte sich einen Augenblick Zeit genommen, den Turm zu betrachten, um den sich im Lauf der Jahre viele ihrer Tagträume gerankt hatten, und sie erkannte, dass sie den Vater vermisste, den sie sich ausgemalt hatte. Ein Teil von ihr würde sich immer vorstellen, dass er hier arbeitete, dass er just diese Stufen zur Amtsstube des königlichen Verwalters hinaufstieg und seine Tage damit zubrachte, die Ausgaben der Krone in den gewaltigen, ledergebundenen Journalen festzuhalten, die sich an der Wand hinter dem Schreibtisch des Kämmerers aufreihten.

Walter Langton war nicht im Raum gewesen, als man sie eingelassen hatte. Niemand war hier gewesen. Der Wächter, der sie begleitet hatte, war bei ihr geblieben, was sie beruhigt hatte, denn sie hatte schon viel von Langton und seinen frevelhaften Gepflogenheiten gehört. Es hieß, er sei mit dem Teufel im Bunde und habe seltsame Kräfte dazu benutzt, seinen Vorgänger beiseitezuschaffen, damit er selbst in diese Position aufsteigen konnte.

Als der Mann schließlich gefolgt von drei Schreibern hereineilte, fand sie sein Äußeres abstoßend, doch er sah kaum aus wie ein Mann, der über Pentagrammen vor sich hinmurmelte. Er sah eher aus, als sollte er an einem Hafen Fisch verhökern. Sein Haar war dunkel und leicht ergraut. Er war groß. Und er hatte keinen Hals. Sein Kopf ging unmittelbar in die Schultern über, wie bei den Reptilien, die der König hielt. Er bewegte sich mit vorgerecktem Bauch und schwang leicht die Hüften, beinahe wie eine Frau. Er hatte kantige Hände und stumpfe Finger mit Tintenflecken daran. Wie die meisten von Edwards Höflingen war er schlicht gekleidet, denn man hob sich gern durch den Verzicht auf Opulenz und Juwelen von früheren Höfen ab. Mit feuchten braunen Augen begaffte er sie beinahe lüstern. Sie hielt ihre Miene undurchdringlich.

»Ah. Die reizende Demoiselle de Burke. Ich bin hocherfreut, Euch wiederzusehen.«

Sie knickste, wusste aber nicht recht, wo sie sich schon einmal begegnet sein sollten. »Sir.«

Er trat näher, umkreiste sie dann, und plötzlich bekam sie ob seines gierigen Gesichtsausdrucks eine Gänsehaut. Es wird Männer geben … Dann änderte sich seine Haltung abrupt, er setzte sich an seinen Schreibtisch und bedeutete einem seiner Männer, ihm eines der Journale hinter ihm zu bringen. Der Schreiber beeilte sich, das gewünschte Buch vom Wandbord zu holen, legte es vor den Verwalter hin und schlug eine Seite voller Unterschriften auf.

»Ihr müsst hier für Eure Gewänder und das Pferd unterschreiben, Demoiselle. Ihr könnt doch Euren Namen schreiben?«

»Ja, Sir«, sagte sie und trat vor den Tisch.

»Nein, kommt hier herum«, sagte er.

Sie zog die Röcke fest an sich, ging um den Tisch herum und warf dem Wächter einen Blick zu, der sie mit steinerner Miene beobachtete. Als sie sich Langton näherte, legte der eine Hand auf ihre Taille und zog sie dicht zu sich heran, stand jedoch nicht auf. Ihre Brüste waren auf seiner Augenhöhe.

»Ist alles nach Eurem Geschmack?«, fragte er.

»Sir?«

»Das Pferd.« Seine Hand glitt über die Seide an ihrer Taille.

»Eure Kleider. So viel feiner Stoff. Ich kann die Wärme Eurer Haut durch diesen Stoff spüren. Und, gefallen sie Euch?«

»Sehr sogar«, sagte sie leichthin.

Seine Hand glitt tiefer und umfasste ihr Gesäß. Sie entwand sich ihm.

»Wo soll ich unterschreiben, Sir?«

»Hier«, sagte er und legte eine Hand auf ihre. »Eure Haut ist sehr weich. Ich kann mir vorstellen, dass sie überall so weich ist. Vorsichtig. Das Pergament ist sehr dünn. Seid sacht beim Schreiben. So, wie Ihr es bei einem Liebhaber wärt. Streichelt die Tinte nur auf die Seite. Zieht den Strich ganz langsam und lasst ihn unter Eurer Berührung wachsen.«

Sie beugte sich über das Buch und war sich seiner Hand, die nun auf ihrer Taille ruhte, und seines Blickes auf ihre Brüste höchst unangenehm bewusst. Sie schrieb ihren Namen nieder, so schnell sie konnte, richtete sich auf und eilte wieder hinter den Schreibtisch. Seine Augen glitzerten. Der Wächter ging einen halben Schritt auf die Tür zu. Langton stand auf, trat zu ihr und blieb viel zu dicht bei ihr stehen. Wieder war sein Blick starr auf ihre Brüste gerichtet. Sie schnappte nach Luft und sah etwas in seinen Augen aufflackern.

»Möchtet Ihr gern mehr?«, fragte er.

»Sir?«

»Kleider. Umhänge. Pferde. Positionen. Habt Ihr Euch nie gefragt, wie es möglich ist, dass die Tochter einer Schneiderin plötzlich zur Hofdame der Königin von England erhoben wird? Erscheint Euch das nicht seltsam? Hat Eure Familie vielleicht einflussreiche Verbindungen? Gewaltigen Reichtum? Seid Ihr eine Erbin oder die Tochter eines Edelmanns?«

»Ich dachte, die Königin mag mich.«

Er blickte über ihre Schulter hinweg seinen Angestellten an und lachte. »Sie dachte, die Königin mag sie! Ihr dachtet, Ihr hättet die Gunst von Königin Eleanor errungen? Dass sie Euch tatsächlich auf rätselhafte Weise bemerkt hätte? Hat sie Euch denn besondere Gunst erwiesen? Hat sie Eure Gesellschaft der aller anderen vorgezogen?«

»Nein«, flüsterte sie.

Er trat näher, sodass sein Bauch an ihren stieß und seine Brust gerade eben ihre Brüste berührte. »Ich mache alles möglich, Demoiselle. Jenen, die mir gefällig sind, können wundersame Dinge geschehen.« Er strich mit dem Zeigefinger seitlich ihren Hals hinab bis zu ihrer Schulter und folgte dann dem Ausschnitt ihres Kleides, bis sie seinen rauen Fingernagel auf der Haut ihrer Brust spürte. »Fragt doch Mistress de Braun, wie sie an diese Position gekommen ist. Und fragt Eure Mutter, wer sie entlohnt. Und wer sie jederzeit entlassen könnte.« Er schnippte mit den Fingern. »Einfach so.«

Dann trat er zurück. »Ich danke Euch, Demoiselle. Falls es noch irgendetwas anderes gibt, das Ihr … begehrt …, stehe ich Euch gern zur Verfügung. Ich mache alles möglich.«

»D-danke, ich danke Euch, Sir«, stammelte sie, eilte zur Tür und lief hindurch, sobald der Wächter sie geöffnet hatte.

»Isabel?« Langtons Stimme klang träge.

Sie blieb stehen. »Sir?«

»Ich habe Euer Pferd und Euren Sattel selbst ausgewählt und dabei an Euch gedacht, an Eure gespreizten Beine, an Euren Körper, der das Leder berührt, nur dünne Seide zwischen dem Sattel und Eurer Haut. Ich werde mir Euch weiterhin so vorstellen.«

»Ich … ich reite im Damensitz, Sir. Aber ich danke Euch trotzdem, Sir«, sagte sie und floh. Sie hörte die Männerstimmen hinter sich lachen und verfluchte sich als kleine Närrin, weil sie ihm auch noch gedankt hatte. Sie raffte die Röcke, rannte die Treppe hinunter und kam sich vor wie eine Hure. Er hatte ihre prächtigen Gewänder arrangiert. Ihr Pferd. Ihre Position bei Hofe. Und jetzt kannte sie seinen Preis.

Der Wächter folgte ihr ein wenig langsamer, doch am Fuß der Treppe hielt er sie am Arm zurück. »Demoiselle, ich muss Euch warnen.«

Sie nickte, brachte jedoch kein Wort heraus.

Der Wächter senkte die Stimme. »Ich habe selbst Töchter. Bitte, junge Dame, geht niemals allein zu ihm. Er ist ein mächtiger Mann, und er ist es gewohnt, seinen Willen zu bekommen … Ihr habt ihn schon ganz richtig verstanden.« Er hielt ihr die Tür zum Burghof auf. »Geht jetzt, junge Dame, und denkt an meine Worte.«

Sie hatte daran gedacht. Sie hatte sich beschmutzt gefühlt. Und später hatte sie sich unruhig in dem schmalen Bett herumgeworfen, das sie mit Alis teilte.

»Isabel! Könnt Ihr nicht endlich stillliegen!«, hatte Alis ausgerufen. »Was ist denn? Nichts kann so schrecklich sein! Was geht Euch nur durch den Kopf, das Euch so beunruhigt?«

»Ich war heute bei Walter Langton.«

»Aha.« Alis setzte sich auf. »Und er hat Euch Angst gemacht.«

»Nein. Ja. Er ist abscheulich.«

»Ihr werdet Euch schon an ihn gewöhnen.«

»Er hat gesagt, er hätte mir meine Position bei Hofe verschafft, und ich solle Euch fragen, wie Ihr an Euren Posten gekommen wärt.«

Alis lachte leise. »O ja, er wählt stets die Position aus. Wusstet Ihr das nicht? Was glaubt Ihr denn, wie solche Dinge bei Hofe gemacht werden? Seid Ihr so geistreich, so unterhaltsam, dass die Königin Euch unbedingt in ihrer Nähe haben musste? Glaubt Ihr, sie hätte Euch, die Tochter der Schneiderin, allen anderen Damen im Reich vorgezogen und als ihre Dienerin auserwählt? Natürlich hat Walter Langton das arrangiert, Eure Position ebenso wie meine. Und es wäre klug von Euch, ihm dankbar zu sein.«

»Es stimmt also? Er hat alles für Euch arrangiert …?«

Alis schauderte geziert. »Ich bin machtlos gegen ihn.« Ihre Miene nahm einen seltsamen Ausdruck an, und sie lächelte Isabel katzenhaft an. »Könnt Ihr ein Geheimnis bewahren? Können wir Freundinnen sein, Isabel de Burke? Kann ich Euch meine Gedanken und Sorgen anvertrauen?«

»O ja, Alis. Meine liebste Freundin ist aus London fortgezogen, und ich wäre glücklich, wenn wir beide Freundinnen werden könnten.«

»Ich ebenfalls. Meine liebste Freundin war Eure Vorgängerin, die sie fortgeschickt haben. Armes albernes Ding, aber ich vermisse sie schrecklich. Erzählt mir von Eurer Freundin. Erwartet sie auch ein Kind?«

»O nein, ganz und gar nicht! Sie ist Jüdin und wurde ausgewiesen.«

»Eine Jüdin.« Alis blickte nachdenklich drein. »Aber viele von denen haben London noch nicht verlassen.«

»Einige wurden sofort aus der Stadt gebracht, und Rachels Familie gehörte dazu. Und Ihr habt ja sicher gehört, dass man die Übrigen zu den Cinque Ports bringt und aufs Festland schickt.«

Alis winkte ab. »Ja, davon habe ich gehört. Wir wollen also Freundinnen sein, Isabel. Dann müssen wir einander auch alles erzählen. Ich glaube Lady Dickleburough ja nie etwas, aber wie kann ich Euch verteidigen, wenn sie mir seltsame Dinge erzählt, solange Ihr mir nicht die Wahrheit anvertraut?«

»Was hat sie Euch erzählt?«

»Ach, nichts.«

»Alis, bitte, sagt es mir!«

»Also schön. Sie sagt, Ihr hättet ihr vor Jahren erzählt, Euer Vater habe für die königliche Kammer gearbeitet.«

»Das hat sie gesagt?«

»Als Ihr ein Kind wart, hätte sie Euch danach gefragt. Aber mir habt Ihr erzählt, dass er im Norden lebt.«

»Ja.«

»Was stimmt denn nun?«

»Ich dachte, er arbeite im Tower. Jahrelang habe ich das geglaubt. Aber ich habe mich getäuscht.«

»Wie kann man sich in so einer Sache irren? Entweder lebt er in London, oder er ist im Norden? Also, was stimmt nun?«

Isabel schwieg.

Alis seufzte schwer. »Ich sehe schon, Ihr wollt doch nicht meine Freundin sein.«

»Erzählt mir von Langton.«

»Erzählt Ihr mir von Eurem Vater.«

»Ich habe es selbst erst vor Kurzem erfahren.«

»Was?«

»Es ist –«

»Was, beschämend? Wie könnt Ihr so etwas zu mir sagen, wo ich Euch gerade anvertraut habe, dass ich ebenfalls Walter Langtons Opfer bin? Was könnte beschämender sein?«

»Er ist widerlich!«

»O ja. Aber mächtig. Jetzt erzählt mir von Eurem Vater.«

»Sein Name ist Lord Lonsby«, sagte Isabel, und dann war auch der Rest aus ihr herausgesprudelt.

Bis zum Mittag hatten sie zwei Höflinge darauf angesprochen.

Lektion eins, sagte sich Isabel daraufhin. Ich werde niemanden mehr ins Vertrauen ziehen. Sie erzählte ihrer Mutter nichts, gar nichts, von dem Besuch bei Langton, nichts davon, dass sie Alis ihren Vater genannt hatte, und auch nicht, dass Alis es der ganzen Welt erzählt hatte.

Sowohl das Kleid als auch Isabel waren bei Morgengrauen am Tag der Abreise der Königin fertig und bereit zum Aufbruch. Sie wartete mit den übrigen Damen der Königin im Schutz eines Vordachs. Keine der anderen Damen, bis auf Lady Dickleburough und Alis, sprach ein Wort mit ihr. Jetzt wusste sie auch, warum, und weshalb keine von ihnen sie je in ihre Kutsche einlud oder ihre Gesellschaft beim Essen suchte. Sie zitterte in der Kälte und hatte das Gefühl, sich bereits auf einer sehr seltsamen Reise zu befinden, obgleich sie London noch nicht einmal verlassen hatten. Sobald sie im Sattel saß, musste sie an Langtons Worte denken, und ihre Laune wurde noch schlechter.

Die königliche Gesellschaft reiste zwei Wochen lang, doch sie legten nicht jeden Tag ein Stück des Weges zurück. An manchen Tagen gab es so viel zu tun, dass Isabel einschlief, sobald sie sich auf ihr Lager sinken ließ. Isabel hatte dafür zu sorgen, dass das Bett der Königin richtig aufgebaut wurde, dass die Laken und Decken genau so arrangiert wurden, wie es ihr gefiel, und wenn sie weiterzogen, war sie dafür verantwortlich, dass das Bettzeug sorgfältig eingepackt, das Bett abgebaut und alles auf den Gepäckwagen verstaut wurde. Wenn sie an einem Ort nur eine Nacht verbrachten, bekam sie kaum Schlaf, denn sie musste neben all diesen Pflichten der Königin jederzeit zur Verfügung stehen. Und Gott helfe der Närrin, die verschlief und die königliche Reisegesellschaft aufhielt, und sei es nur für einen Augenblick.

Es gab auch andere mühselige Tage, wenn sie einmal mehrere Nächte an demselben Ort verbrachten. Sie und die anderen Damen mussten in irgendeiner Abtei oder einem Kloster eine Messe nach der anderen über sich ergehen lassen, manchmal gemeinsam mit der Königin, manchmal an ihrer Stelle. Zu anderen Zeiten saß Isabel nur mit im Schoß gefalteten Händen da und lauschte endlosen Diskussionen über politische Fragen oder, was am schlimmsten war, den Petitionen, die an die Königin gerichtet wurden.

Aber die Reise war nicht nur Mühsal. Sie sah viel von den Midlands, von Burgen wie Warwick und Kenilworth bis hin zu der großen Universität in Oxford, und sie schlief in Klöstern und Herrenhäusern. Sie war von den Unterschieden in der Lebensweise der Untertanen ihrer Königin fasziniert – manche wohnten in winzigen Hütten, andere in großen Häusern, umgeben von Nebengebäuden, wieder andere in den Festungen und Burgen, die verstreut in der Landschaft lagen. Die Königin nahm nicht jede Einladung an, sondern wählte aus einer großen Zahl williger Gastgeber sorgfältig aus, bei wem sie haltmachte.

Isabel hielt die Ohren offen und erfuhr, obgleich es ihr niemand sagte, dass sie weiter nach Norden reisen würden, nach Lincolnshire, und dass der König ihnen entgegenkommen wolle. Isabel hielt die Augen offen und erfuhr, obgleich es ihr niemand sagte, dass Alis ihre Gunst gegen billigen Tand gewährte – gegen Leckereien, Gefälligkeiten und ab und zu ein Schmuckstück von einem dankbaren Mann in einem abgelegenen Landstrich. Das Bett, das sie eigentlich mit Alis teilte, hatte sie oft für sich, doch sie sprachen nie über Alis’ nächtliche Abwesenheit oder das neue Kleid oder Spitzenband, das plötzlich in Alis’ Garderobentruhe auftauchte.

Einige der Hofdamen erwärmten sich allmählich für Isabel; manche wurden beinahe freundlich, als sie sie näher kennenlernten – vor allem, da Isabel neben ihren eigenen Aufgaben oft noch die der anderen übernahm. Doch alle mieden Lady Dickleburough, so gut es ging. Die ältere Dame suchte oft Isabels Nähe, als könnte sie wittern, dass Isabel es nicht über sich brachte, sie zu schneiden. Alis war ebenfalls aus dem inneren Kreis um die Königin ausgeschlossen, also ritt Isabel gemeinsam mit diesen beiden Hofdamen hinter der Kutsche der Königin her. In Nottinghamshire wurde es kalt, und auf den matschigen Straßen kamen sie nur mühsam voran.

»Mein erster Ehemann besaß Ländereien ganz in der Nähe«, bemerkte Lady Dickleburough eines Nachmittags. »Wunderbares Land. Ein Jammer, dass er schon zwei Söhne hatte, denn sonst könnte ich jetzt dort sitzen und meine Reichtümer zählen. Wenn ich nicht so jung gewesen wäre – jünger als Ihr jetzt seid –, hätte ich dafür gesorgt, dass er sein Vermächtnis ändert, ehe er so plötzlich verschied.« Sie lachte mit einem beunruhigenden Unterton.

Isabel war nicht sicher, was sie davon halten sollte, doch was kümmerte es sie eigentlich, ob Lady Dickleburoughs Ehemann eines unnatürlichen Todes gestorben war? Also nickte sie nur.

»Das Fieber der Königin ist schlimmer geworden«, sagte Lady Dickleburough. »Ihr wart noch nicht da, als sie vor Jahren schon einmal so krank war. Drei Jahre ist das her, und ich bin nicht sicher, ob sie je vollständig genesen ist. Welch eine törichte Idee, im November so weit nach Norden zu reisen. Es wäre möglich, dass wir den ganzen Winter über nicht zurück nach London gelangen können und hier festsitzen.«

»Wir sind schon fast in Clipstone«, sagte Isabel, »und dort ist der König. Er hat gewiss Ärzte, die sie behandeln können.«

»Ärzte!« Lady Dickleburough schnaubte. »Keiner von denen ist sein Geld wert.«

»Nicht alle Ärzte sind Scharlatane«, wandte Alis ein.

»Nein«, sagte Lady Dickleburough, »nicht alle Ärzte sind Scharlatane, nicht wahr, liebe Alis? Einem unter ihnen seid Ihr sogar besonders dankbar, ist es nicht so?«

»Ich weiß nicht, was Ihr meint«, sagte Alis, doch die hellen Flecken auf ihren Wangen straften ihre Worte Lügen.

»Nicht?« Lady Dickleburough lächelte selbstzufrieden.

»Isabel, wusstet Ihr eigentlich, dass es möglich ist, Euch von der Bürde zu befreien, falls Ihr jemals feststellen solltet, dass Ihr ein Kind erwartet?«

»Davon habe ich gehört«, sagte Isabel zurückhaltend. »Es soll Frauen geben, die Tränke kennen.«

»Und Hexen, die Zauber sprechen«, sagte Lady Dickleburough mit einem scheelen Blick auf Alis. »Und Ärzte, die Euch etwas zu trinken geben. Und wenn das nicht hilft, sind sie sogar bereit, das Ding herauszuschneiden. Für einen gewissen Preis. War das nicht in Lincoln, liebe Alis, als Ihr plötzlich so furchtbar krank wurdet?«

Alis’ Blick war undurchdringlich. »Ja. Aber ich erwartete kein Kind, Lady Dickleburough, ganz gleich, was Ihr gehört habt. Oder Euch einbildet.«

Lady Dickleburough lachte in sich hinein und trieb ihr Pferd voran, um sich leise mit einer anderen Hofdame zu unterhalten. Alis starrte mit hasserfülltem Blick auf ihren Rücken.

»Ich verabscheue dieses widerliche Biest!«, zischte sie. »Es ist nicht wahr! Nichts davon ist wahr!«

»Sie ist abscheulich«, stimmte Isabel zu.

Da drehte sich Lady Dickleburough um und sah Isabel mit einem wissenden Lächeln an, und ihr lief ein Schauer über den Rücken. London war auf einmal sehr weit weg.

Die nächsten Tage verliefen ereignislos, obgleich die Königin noch immer fiebrig war, als sie Clipstone und König Edward erreichten. Eleanors Krankheit und die Sorge des Königs verbreiteten Anspannung im gesamten Gefolge. Sie reisten langsam weiter gen Norden, nach Lincoln, nun als riesiger Tross. Die Reisenden wechselten kaum noch ein Wort miteinander, alle wurden immer ernster, denn Tag für Tag hieß es, der Königin ginge es schlechter. Der König verbrachte viel Zeit bei Eleanor.

Sie hielten sich gerade in Harby auf, in der Nähe von Gratham, nur noch zehn Meilen von ihrem Ziel Lincoln entfernt. Die Königin war im Hause von Richard de Weston untergebracht. Und dann wurde ihnen gesagt, dass sie nicht mehr weiterreisen würden.

Isabel und Alis verbrachten, wie die meisten Damen der Königin, viele Stunden in der kleinen Kirche in der Nähe von de Westons Haus und beteten dafür, dass Eleanor bald gesunden möge. Oder sie standen auf dem Flur vor den Gemächern der Königin, wo ihre Damen, die ihr aufwarten sollten, warteten.

Isabel hörte die Königin so heftig und so oft husten, dass sie sich wunderte, wie ihr Brustkorb dem standhalten konnte. Der König war verrückt vor Sorge, rief nach Salben und Tränken, brüllte mitten in der Nacht nach Fleischbrühe und wich seiner Königin nicht von der Seite. Und irgendwann während dieser schrecklichen Zeit begann Isabel, König Edward die Vertreibung der Juden aus London zu verzeihen. Vielleicht hatten ihm seine Ratgeber ein falsches Bild vermittelt. Wie konnte ein Mann, der seine Gemahlin so sehr liebte, zu anderen so grausam sein? Täglich trafen neue Ärzte ein, Ägypter mit dunkler Haut, die Eleanor tief in die Augen blickten, Ärzte aus London, die sie zur Ader ließen, was sie nur zusätzlich schwächte, Ärzte aus dem Norden, die Umschläge anordneten. Astrologen, die sich über ihre Tabellen beugten und mit grimmigen Mienen die Köpfe zusammensteckten. Isabel brauchte ihre Vorhersage gar nicht erst zu hören.

Die Stunden schienen langsamer zu vergehen, die Augenblicke schienen sich dahinzuschleppen, während sie warteten. Wenige sagten überhaupt etwas, und niemand sprach aus, was für alle offensichtlich war. Am Abend des 28. Novembers wurde eilig ein Priester zu Königin Eleanor gerufen, der die letzte Ölung vornahm.

Es hieß, der König habe ihre Hand gehalten, als sie starb.

Die nächsten Tage verschwammen vor Isabels Augen. Der Leichnam der Königin wurde nach Lincolnshire gebracht, wo er einbalsamiert werden sollte, und für ihre Seele wurde in langen, prächtigen Messen gebetet, die nicht nur die Kathedrale, sondern die ganze Stadt erfüllten. Ihre Eingeweide wurden dort bestattet, doch ihr Herz, in einer goldenen Schatulle verwahrt, begleitete ihren Leichnam nach London.

Es dauerte zwölf Tage, bis die Trauerprozession London erreichte. Sie machten in Grantham, Stamford und an sieben weiteren Orten halt, ehe sie endlich Charing und die Abtei von Westminster erreichten.

Isabel, verloren irgendwo in der Mitte der Prozession, weinte fast die gesamte Strecke. Sie weinte um Eleanor, die vielleicht nicht vom englischen Volk geliebt worden war, aber einen König sechsunddreißig Jahre lang entzückt und gefesselt hatte. Sie weinte um Edward, dessen Leid beinahe greifbar war, trotz seiner steinernen Miene. Und sie weinte um sich selbst und ihre Mutter, denn was würde die Zukunft ihnen nun bringen?

6

Rory biss von dem gebratenen Huhn ab und kaute genüsslich. Beim nächsten Bissen dachte er daran, wie er die Küche des Gasthofs vermissen würde. Berwick war eine interessante Stadt, aber es war an der Zeit, nach Hause zu gehen. Sie konnten hier nichts weiter erfahren. Sie hatten sämtliche Neuigkeiten gehört, die Reisende vom europäischen Festland mitgebracht hatten – von Edwards Auseinandersetzung mit Philipp von Frankreich, von den neuen Allianzen der Stadtstaaten in Italien. Und aus England, wo Königin Eleanor gestorben war. König Edward, so hatte man ihnen erzählt, brachte sie heim nach London, wo sie ein königliches Begräbnis bekommen sollte. Eine Engländerin war in Tränen ausgebrochen, als die Nachricht den Gasthof erreicht hatte, doch ihr Mann hatte sie zum Schweigen gebracht. »Sie war keine gute Königin. Verschwende deine Tränen nicht an Ihresgleichen«, hatte er gesagt, und viele hatten ihm zugestimmt.

Rory und Kieran hatten den Mund gehalten. Zwei tote Königinnen binnen zwei Monaten, das war schon seltsam, aber sie konnten kaum etwas dagegen unternehmen. Es war Zeit, nach Hause zu gehen. Er beobachtete, wie Rachel an einem anderen Tisch Essen servierte, und warf dann seinem Cousin einen Blick zu. »Hast du mit ihr darüber gesprochen?«

Kieran schüttelte den Kopf. »Was soll ich denn sagen? ›Ich wusste nicht, dass Ihr Jüdin seid, und ich war überrascht, Euch bei Eurer Zeremonie zu sehen, aber ich hätte es mir denken können, da Ihr so plötzlich aus London hergekommen wart und Rachel heißt, und das hätte mir auffallen sollen, aber ich war zu sehr damit beschäftigt, Euch anzuschauen, und außerdem spielt das sowieso keine Rolle für mich?‹ Wie soll ich das in eine Unterhaltung einflechten?«

»Warum sagst du ihr nicht genau das? Du hast seither nicht mehr mit ihr gesprochen. Glaubst du vielleicht, dass ihr das nicht aufgefallen ist? Wir reisen ab, Kieran. Sag es ihr, sonst wirst du es später bereuen. Und hör auf, sie ununterbrochen anzustarren.«

»Ja.« Kieran nickte, beobachtete sie aber weiterhin.

Rory brummte entnervt, hob den Arm und machte Rachel auf sich aufmerksam. Er winkte sie herbei und ignorierte dabei Kierans rotes Gesicht. Rachel kam langsam näher und blieb am Ende ihre Tisches stehen, die Hände vor sich gefaltet.

»Ihr wisst, dass wir heute abreisen?«, fragte Rory.

»Ja. Ich habe gehört, wie Ihr es meinem Vater gesagt habt.«

»Ja. Und wir wollten uns bei Euch für Eure großartige Gastfreundschaft bedanken. Es war uns eine Freude, Euch und Eure Familie kennenzulernen, Rachel Angenhoff. Wir wünschen Euch alles Gute hier in Berwick, und bei allen Euren Unternehmungen. Und falls Eure Schwester Edgar Keith heiratet, was ich doch annehme, dann hoffe ich, dass Ihr und Euer Vater ihr irgendwann verzeihen werdet.«

Rachel nickte und presste die Lippen zusammen. Sie warf einen kurzen Blick auf Kieran und sah dann wieder Rory an.

»Es war uns eine Freude, Euch in unserem Hause zu haben. Und wir wünschen Euch eine sichere Heimreise.«

»Danke sehr«, sagte Rory.

Eine verlegene Pause entstand. Rachel lächelte und ging weiter.

Rory sah Kieran kopfschüttelnd an. »Und du hast kein Wort gesagt. Hast du denn gar nichts von dem behalten, was ich dich über Frauen gelehrt habe, Junge? Es ist ganz einfach: Sprich aus, was du in deinem Herzen findest. Du magst eine Ohrfeige dafür bekommen oder zornige Worte. Zum Teufel, du könntest auch dafür geküsst werden, aber was auch immer sie tut, zumindest wirst du über ihre Gefühle nicht mehr im Zweifel sein.«

Kieran lachte verlegen und zuckte mit den Schultern. »Aber ich werde sie vermutlich nie wiedersehen. Was, wenn ich es ihr sage und sie sich dann nur noch elender fühlt? Würde ich das nicht auch bereuen? Ich halte Schweigen für das Klügste, Rory.«

»Das glaube ich gern, aber … Ich überlege mir etwas.«

Sie packten ihre wenigen Habseligkeiten ein und verabschiedeten sich von Jacob, doch Rachel war nirgends zu sehen. Rory trat hinaus auf die Straße. Kieran zögerte noch einen Augenblick im Vorraum und folgte ihm dann seufzend nach draußen.

Sie marschierten gerade den Hügel hinab, als Rachel durch die Tür herauskam, ihnen nachlief und neben Kieran stehen blieb. »Meine Herren. König Edward bringt Eleanors Leichnam nach London.«

»Ja«, sagte Kieran.

»Was bedeutet, dass er nicht hierherkommen wird«, sagte Rachel. »Das sind gute Neuigkeiten.«

Kieran sah ihr in die Augen. »Ja, Rachel, das sind gute Neuigkeiten für Euch. Für uns alle.«

»Ja. Gute Reise. Ich … Gute Reise.« Sie lief drei Schritte weit und drehte sich dann noch einmal um. »Kieran, Rory … werdet Ihr nach London reisen?«

»Ihr meint, ob wir dem Begräbnis der englischen Königin beiwohnen werden?«, fragte Rory. »Das glaube ich nicht.«

»Oh. Nun denn, gute Reise.«

Kieran hielt sie am Arm zurück, ehe sie wieder hineingehen konnte. »Warum? Braucht Ihr etwas aus London?«

Rachel schüttelte hastig den Kopf. »Nein. Aber … falls Ihr je dorthin geht … falls Ihr nach London reist, irgendwann … Könntet Ihr nach meiner Freundin suchen? Sie ist … sie war … eine Hofdame der Königin.«

Rory zog die Augenbrauen hoch.

»Wir … wir waren schon als kleine Mädchen befreundet«, erklärte sie hastig und wandte den Blick von Kieran ab, der sie weiterhin beobachtete. »Ihre Großmutter wohnte ganz in unserer Nähe, und sie und ich haben oft zusammen gespielt, als wir noch klein waren, und wir sind Freundinnen geblieben, obwohl wir ganz verschieden sind und sich unser beider Leben sehr unterschieden.« Ihre Wangen waren scharlachrot. »Ich … wir haben London recht übereilt verlassen. Ich würde sie gern wissen lassen, dass es mir gut geht.«

»Ihr könntet ihr schreiben. Kann sie lesen?«, fragte Rory.

»O ja.« Rachel warf einen Blick zur Tür des Gasthofs, von wo aus Jacob sie mit verschränkten Armen beobachtete. »Aber ich habe Angst … Ich möchte sie wissen lassen, wo ich bin, und dass es uns gut geht. Aber niemand sonst darf das erfahren.«

Rory wechselte einen Blick mit Kieran, doch sein Cousin schwieg. »Es ist unwahrscheinlich, dass wir je nach London kommen, aber nennt mir ihren Namen, Mädchen. Wenn ich höre, dass jemand nach London reist, dem ich vertrauen kann, werde ich ihn bitten, Eure Freundin ausfindig zu machen und ihr Eure Nachricht zu überbringen.«

»Isabel. Sie heißt Isabel de Burke. Ich wäre Euch unendlich dankbar.« Sie lächelte. »Ich danke Euch für alles, für Eure Freundlichkeit und Euer … Verständnis.«

»Noch so ein Lächeln«, sagte Kieran, »wäre mir den weiten Weg nach London wert.«

Rachel blieb der Mund offen stehen.

»Ich wusste, dass Ihr aus London hierherkamt«, sagte Kieran, »doch ich wusste nicht, warum Ihr England verlassen hattet. Jetzt weiß ich es. Ich will Euch sagen, dass es mir gleichgültig ist, zu welchem Gott Ihr betet oder was König Edward von Eurem Volk hält. Ich bin glücklich, Euch kennengelernt zu haben, Rachel Angenhoff, und ich wünsche auch Euch eine gute Reise. Wohin das Leben Euch auch führen mag.« Er nahm ihre Hand und hob sie an die Lippen. »Ich werde an Euch denken, Mädchen. Und ich werde einen Weg finden, Eure Botschaft zu Eurer Freundin zu bringen. Das schwöre ich.«

»Ich danke Euch.« Rachel sah Kieran in die Augen, wirbelte dann herum und floh.

»Das glaube ich ja nicht«, sagte Rory.

Kieran reckte stolz die Brust. »Keine Sorge, Rory, mein Junge, ich werde dich lehren, wie man mit Frauen umgeht.«

Rory lachte laut. »Ja, tu das nur.«

Sie erreichten Stirling kurz vor Sonnenuntergang, und diesmal wurden sie sogleich eingelassen. Sie ließen Liam bestellen, dass sie angekommen waren, und gingen dann zu den Stallungen, wo Rory eine großzügige Summe und eine Warnung hinterließ, seinem Pferd dürfe nichts geschehen. Der Stalljunge nickte mit entsetzter Miene. Und dann machten sie sich auf die Suche nach Liam, doch es war ihre Tante Nell, die ihnen entgegeneilte, als sie die Burg betraten. Sie umarmte die beiden abwechselnd und lächelte strahlend.

»Endlich!«, rief sie. »Wir haben uns solche Sorgen gemacht und uns ständig gefragt, was euch so lange in Berwick aufhalten könnte. Kommt, begrüßt euren Onkel und esst einen Bissen. Wir müssen uns unterhalten. Morgen früh brechen wir alle auf.«

»Wohin?«, fragte Rory lachend.

Nichts veränderte Nell, nicht die Zeit, nicht die Mutterschaft, nichts von alledem, was ihr zugestoßen war. Sie nahm das Leben noch immer mit offenen Armen und freudigem Herzen an. Sie schien nie zu altern. Ihr braunes Haar war so üppig und wellig wie immer, ihr Schritt so flott, ihre grünen Augen so klar wie früher. Und wie immer hatte sie es eilig.

»Wo wollen wir denn alle hin? Kommst du mit uns nach Loch Gannon?«

»Ach, mein Junge«, sagte sie, und ihr Lächeln erlosch. »Wir werden nicht gemeinsam reisen. Ihr beide fahrt nach London und begrabt eine Königin.«

Liam schenkte ihnen beiden Wein ein. »Sie hält es für gut, dass ihr beide nach London reist.«

»Es ist auch gut«, sagte Nell. »Ihr werdet viel erfahren, wenn ihr zu Königin Eleanors Beerdigung geht und die Stimmung in England erlebt. Wir müssen wissen, ob Edward sein eigenes Volk hinter sich hätte, falls er versuchen sollte, uns regieren zu wollen. Sein Volk stand hinter ihm, als er in Wales eingefallen ist, aber ich habe gehört, die Leute hätten den Krieg allmählich satt.«

»Sie haben es satt, dafür zu bezahlen«, warf Liam ein.

»Was auf dasselbe hinausläuft«, sagte Nell. »Dein Bruder Magnus hat mich aufgesucht, als er erfahren hat, dass du diesen MacDonnell-Jungen getötet hast. Und dein Vater ist nach Ayrshire gereist, um in Erfahrung zu bringen, was da vor sich ging. Du darfst das nicht auf die leichte Schulter nehmen, Rory, wenn eine Blutfehde gegen dich ausgerufen wird. Ich bin hierhergekommen, um Liam zu warnen.«

»Du hast das als Ausrede benutzt, um mich zu besuchen«, sagte Liam, »was sehr leichtsinnig war, denn Rory ist dein Blutsverwandter, und eine Fehde gegen ihn ist auch eine Fehde gegen dich.«

»Ich hatte zwanzig Comyn-Männer bei mir, wie du sehr wohl weißt, da du sie selbst zu uns geschickt hast, weil du wissen wolltest, ob es uns gut geht, Liebster. Und ich bin nur seine Tante. Du warst doch bereits bei den MacDonnells, um mit ihnen zu sprechen. Dein Vater ebenfalls, Rory. Die MacDonnells wollen nicht, dass diese Angelegenheit aus dem Ruder läuft und lassen selbst verbreiten, was wirklich geschehen ist. Das Letzte, was dieses Land braucht, sind zwei große Clans im Westen, die sich gegenseitig erschlagen.«

»Ja«, sagte Liam. »Wo sie doch stattdessen Balliols oder Bruces erschlagen könnten.«

»Bruces, wenn ihr mich fragt«, sagte Nell. »Als ich hier ankam, war John Comyn da.«

»Er reist mit einer ganzen Gruppe Comyns nach London, zur Beerdigung«, sagte Liam. »Er meint, ihr solltet eure Cousins begleiten. Und eure Eltern sind derselben Meinung. Sie lassen euch ausrichten, dass ihr gehen solltet. Und wir stimmen ihnen zu.«

»Also trinkt aus, Jungs«, sagte Nell. »Ihr werdet noch heute Abend mit John Comyn sprechen, und morgen früh brecht ihr nach London auf.«

John Comyn hatte sich für sein Alter gut gehalten, dachte Rory, während sie darauf warteten, mit dem Cousin seiner Mutter zu sprechen. Die Comyns waren die einflussreichste Familie in ganz Schottland, und John, Earl of Buchan und Lord of Badenoch, war ihr Anführer. Er war einer der dreizehn Bewerber um den Thron und – wider Erwarten nun immer noch – einer der sechs »Wächter«, Guardians genannt, die Schottland in Abwesenheit der Jungfrau regiert hatten und dies nun nach ihrem Tod weiterhin taten. Er war als »der Schwarze Comyn« bekannt, denn sein Sohn hieß ebenfalls John, wurde aber »der Rote Comyn« genannt – so unterschied man sie anhand ihrer Haarfarbe.

William, der dritte Earl of Ross, ein Onkel von Rorys Mutter, hatte Jean Comyn geheiratet und die beiden Familien dadurch vereint. Rorys Bruder Magnus hatte die Verbindung weiter gefestigt, indem er Jocelyn Comyn zur Frau genommen hatte. Der Schwarze Comyn besaß viel Land, sowohl im Norden wie im Süden Schottlands, vor allem in der Gegend um Lochaber. Innerhalb seines Herrschaftsbereichs hatte Rory den MacDonnell getötet. Das Netz der Macht, das die Comyns aufgebaut hatten, erstreckte sich über das ganze Land, und Rory hätte sich denken können, dass John Comyn ihn zur Rede stellen würde, weil er eine Blutfehde angezettelt hatte, auch wenn das nicht seine Absicht gewesen war. Zwischen den Rivalen, die um die Krone stritten, gab es ohnehin bereits genug Konflikte und Unruhe, auch ohne solche Vorfälle.

Genau das sagte ihm der Schwarze Comyn auch. Rory verteidigte sich und erklärte, was geschehen war, wobei er sich bemühte, seinen Zorn zu zügeln. Er hatte getan, was jeder anständige Mann hätte tun müssen, und das hatte er jetzt davon. Und genau das sagte er auch.

Comyn hörte aufmerksam zu und nickte, als Rory fertig war. »Ich habe dafür gesorgt, dass die anderen Männer, die an dem Verbrechen beteiligt waren, bestraft werden«, sagte er.

»Sie werden Euch nicht nachstellen, und ihre Familien ebenso wenig. Dafür haben wir gesorgt. Täuscht Euch nicht, Ihr habt mein volles Lob dafür, dass Ihr das Mädchen gerettet habt, und ich an Eurer Stelle hätte dasselbe getan. Aber die Sache hat sich über denn MacDonnell-Clan hinaus verbreitet, und Ihr seid zur Zielscheibe für jedermann geworden. Es gibt das Gerücht, dass auf Euren Kopf ein stolzer Preis ausgesetzt sei, und viele hören das gern. Wir müssen die Sache beenden, und zwar sofort. Ihr solltet eine Weile verschwinden, bis die Angelegenheit vergessen ist. Die MacDonnells werden sich selbst um ihre hitzköpfigen jungen Männer kümmern.«

Er reichte Rory ein Bündel, das in scharlachrote Seide gewickelt und mit einem goldbestickten Band verschnürt war. »Von der Lady MacDonnell, als Dank dafür, dass Ihr das Mädchen gerettet habt. Sie sagt, Ihr wäret ein Beschützer der Frauen.« Er lachte. »Vielleicht sind deshalb einige der MacDonnells bereit, das Schlimmste von Euch zu denken. Kein Mann ist glücklich, wenn seine Frau einen anderen Mann derart lobpreist. Das wird sich alles legen. Aber es wird seine Zeit dauern, und das Letzte, was ich jetzt brauche, ist, dass Ihr mir in finsterer Nacht ermordet werdet.«

»Oder in sonst einer Nacht«, sagte Rory. »Ich bin von der Vorstellung auch nicht begeistert.«

Comyn nickte. »Ihr werdet mit uns nach London reisen. Nach der Beerdigung werden wir nach Hause zurückkehren, aber Ihr werdet den Winter über in London bleiben und so viel in Erfahrung bringen, wie Ihr könnt. Ihr werdet uns regelmäßig Nachricht schicken. Und bis zum Frühling ist dieser Streit mit den MacDonnells vielleicht schon vergessen.«

»Habt Ihr nicht bereits eigene Männer in London, Mylord?«, fragte Rory.

»Natürlich, aber es kann nie schaden, eine weitere Bestätigung für das zu bekommen, was ich von ihnen erfahre. Hört zu, mein Junge. Ich kenne Euren Vater und Eure Mutter gut. Ich weiß, aus was für Holz Ihr geschnitzt seid. Ich brauche Eure Mithilfe in dieser Sache. Und Ihr wäret ein Narr, es Euch mit mir zu verscherzen. Haben wir uns verstanden?«

Rory nickte. »Wann brechen wir auf?«

London mochte offiziell in Trauer sein, doch am Verhalten seiner Bürger hätte man das nicht erkannt. Jeder Tag sah aus wie ein Festtag. Fliegende Händler mit heißen Kastanien und Klößen in eisernen Kesseln, die in Holzschalen ausgegeben wurden, streiften durch die Straßen – ein Kunde nach dem anderen aß aus derselben Schüssel. Wirte lächelten breit, denn ihre Zimmer waren immer belegt, und Metzger arbeiteten bis spät in den Abend, um das Essen für all jene vorzubereiten, die an der festlichen Beisetzung teilnehmen würden.

Die Straßen wurden immer voller, je mehr Menschen eintrafen. Edelleute zu Pferde drängten sich neben Bauern, die ihre eingelagerten Wurzelgemüse zum Verkauf in die Stadt brachten. Früchte aus Spanien und Italien erzielten Höchstpreise. Gefüllte Feigen und Persimonen häuften sich auf Tabletts neben leuchtenden Orangen, die an offenen Ständen auf den Straßen und Plätzen verkauft wurden. Jede Kirche war voll. Ob das nun an der Wärme der Kohlepfannen über den Köpfen der Betenden lag, die man den Gläubigen an diesen wenigen Tagen gönnte, oder ob die Londoner angesichts des Todes von Eleanor eine plötzliche Woge der Pietät erfasst hatte, konnte Rory nicht recht sagen.

In jedem Gebäude schienen Menschen aus Fenstern zu schauen und sich in Türen zu drängeln. Die Häuser aus dunklem Holz oder Fachwerk reckten sich oberhalb der schmalen Straßen einander entgegen. Fußgänger mussten achtgeben, nicht in Abfall – und Schlimmeres – zu treten, während sie sich durch die Menge zwängten. Huren luden Rory und Kieran in Bordelle ein. Die jungen Männer scherzten mit ihnen, hielten sich jedoch nicht auf.

Und dann kam der 17. Dezember, der Tag der Beisetzung. Die Zeremonie würde in der Abtei von Westminster stattfinden, und ganz London schien auf dem Weg dorthin zu sein. Rory und Kieran würden zu jenen gehören, die der Messe innerhalb der Abteimauern lauschen konnten, denn ihre Verbindung zu den Comyns hatte ihnen Sitzplätze beschert, wenn auch weit weg vom Altar. Das machte Rory nichts aus. Er war zu sehr damit beschäftigt, alles in sich aufzunehmen, denn wo auch immer er sich hinwandte, bot London ihm ein Schauspiel, wie er es noch nie gesehen hatte.

Die Westminster Abbey befand sich nahe am Fluss, in dem Teil Londons, den man früher Thorney genannt hatte. Edward der Bekenner war hier begraben, wie er es geplant hatte, ehe ihn die Dänen zwangen, ins Exil zu gehen. William der Eroberer war hier am Weihnachtstage 1066 gekrönt worden, und seither hielt jeder Monarch bedeutende Zeremonien in dieser Abtei ab. Das Gebäude selbst war faszinierend, gewiss das Prächtigste, was Rory je gesehen hatte. Der Altarraum war erhebend und glanzvoll. Eines Tages würde er gern durch diese Kirche schlendern und sie sich in allen Einzelheiten ansehen. Aber nicht heute.

»Die Damen der Königin.« Er hörte das Murmeln, als die Frauen an ihnen vorbeigeleitet wurden, die wichtigsten Adeligen zuerst, die Gemahlinnen und Töchter von Herzögen und Grafen, erstaunlich prächtig gekleidet und geschmückt. Hinter ihnen kam eine zweite Gruppe, weniger protzig herausgeputzt.

»Wie hieß sie noch gleich?«, fragte Rory Kieran. »Rachels Freundin, die wir ausfindig machen wollten? Weißt du ihren Namen noch?«

Kieran überlegte einen Augenblick lang. »Isabel de Burke. Sie muss eine von diesen Frauen sein. Aber welche? Sie sehen alle viel älter aus, als ich dachte.«

Rory nickte. Isabel de Burke. Er konnte sich nicht vorstellen, welche Verbindung sie zur Königin gehabt haben mochte, doch ganz sicher sah keine dieser Frauen so aus, als könnte sie mit Rachel befreundet sein.

Und dann entdeckte er sie, zwei jüngere Frauen, eine blond und hübsch, die üppig geschwungenen Lippen geschürzt, einen ängstlichen Ausdruck in den blauen Augen. Die andere war größer und hielt sich mit königlicher Anmut. Ihr liebliches Gesicht wurde von einem cremeweißen Schleier umrahmt, und unter dem Kopfputz in derselben Farbe fielen weiche braune Locken über ihre Schläfen. Sie hatte eine wunderhübsche Figur, schlank, aber wohlgeformt, und ihr graues Gewand von derselben Farbe wie ihre Augen ließ die Rundungen von Brüsten und Hüfte erkennen. Ihre Ärmel waren dottergelb, beinahe goldfarben, ein heller Fleck in diesem Meer gedeckter Töne. Sie drehte den Kopf und zeigte ihm ihr Profil, die feinen, weiblichen Züge, nickte dann wegen etwas, das jemand zu ihr sagte, und eilte, von den Wachen hinter ihr vorangetrieben, weiter.

Er stupste Kieran an und zeigte auf die beiden Hofdamen.

»Die Blonde, meine ich«, sagte Kieran.

»Wetten wir?«, fragte Rory, nicht etwa aus der Überzeugung heraus, das braunhaarige Mädchen müsse Isabel sein, sondern eher aus Neugier auf Kierans Reaktion.

»Gilt.«

Die gesamte Welt schien an Königin Eleanors Begräbnis teilnehmen zu wollen. Die Oberhäupter jedes bekannten Landes auf Erden waren eingeladen worden. Über Wochen hin hatte sich London mit Menschen gefüllt, die miterleben wollten, wie Geschichte geschrieben wurde, und nun, da der große Tag gekommen war, waren die Straßen so gut wie unpassierbar. Isabel hatte die Mengen aus einer der zahlreichen königlichen Kutschen heraus beobachtet.

Sie hatte nicht erwartet, nun hier zu sein. Sie hatte angenommen, dass man sie bei ihrer Rückkehr nach London entlassen würde, doch stattdessen hatte man sowohl sie als auch ihre Mutter angewiesen, auf ihrem Posten zu bleiben. Ihre Mutter, tief betroffen vom Tod der Königin, war erstaunt gewesen und hatte sich sehr geehrt gefühlt, als man sie gebeten hatte, die schmückenden Draperien für Eleanors Sarg zu schneidern. Man hatte ihnen gesagt, sie sollten in ihren Gemächern in Westminster wohnen bleiben. Doch Isabel konnte an nichts anderes denken als an den Preis, den Walter Langton dafür einfordern würde.

Noch überraschter war Isabel, als man sie anwies, jeden Tag dem Hof beizuwohnen. Niemand erklärte ihr, warum oder was sie überhaupt noch bei Hofe sollte, doch sie nahm am gesellschaftlichen Leben teil, wie man ihr befohlen hatte, obwohl sie an den meisten Tagen nichts weiter tat, als bei den Mahlzeiten anwesend zu sein, den anderen Höflingen Gesellschaft zu leisten, während die geschmackloseren Hofnarren und Sänger versuchten, den König aufzuheitern, und die klügeren einfach nur ihre Lieder vortrugen. Jeden Tag war sie in der Erwartung aufgewacht, in den Tower zitiert zu werden. Und jeden Abend hatte sie beim Zubettgehen erleichtert geseufzt. Doch so würde es nicht bleiben, das wusste sie.

Der König ließ bereits Pläne für zwölf gewaltige Kreuze ausarbeiten, eines für jeden Ort, an dem die Begräbnisprozession eine Nacht verbracht hatte, und der Hof füllte sich mit Baumeistern und Steinmetzen, die Edward ihre Pläne vorlegten. Eleanors Grabmal mit demselben Relief, das auch ihr Siegel zierte, war schon vor Jahren entworfen worden, und bis es fertiggestellt war, würde ihr Leichnam in einem Grab in der Nähe des Hochaltars in der Abtei von Westminster ruhen. Das konnte noch Monate, vielleicht sogar Jahre dauern.

Eleanors Herz war in Lincoln aus dem Leichnam entnommen, nach London transportiert und in einer prachtvollen Zeremonie im Dominikanerkloster von Blackfriars bestattet worden. Isabel hatte dieser gemeinsam mit den übrigen Damen der Königin beigewohnt. Langton war ebenfalls dort gewesen, doch nichts hatte darauf hingewiesen, dass er sie auch nur zur Kenntnis genommen hätte, und der eiserne Ring um ihr Herz hatte sich ein wenig gelockert. Vielleicht hatte er sie vergessen. Wie Henry offenbar auch.

Sie sah ihn nun fast täglich, denn man hatte ihm Gemächer in der Nähe der Räumlichkeiten zugewiesen, in denen die Hofdamen wohnten. Sie winkte ihm oft zu, und er lächelte dann oder nahm sich manchmal sogar einen Augenblick Zeit, sich mit ihr zu unterhalten. Er war stets freundlich und vergaß nie, ihr Komplimente zu machen. Doch sie sprachen über nichts von Bedeutung, noch waren sie jemals allein. Was nur angemessen war, dachte sie, denn schließlich mussten sie beide daran denken, dass der Hof in tiefer Trauer war. Sie war sicher, dass er genauso empfand und dass sie sich öfter sehen würden, wenn die Trauerzeit vorüber war.

Bis zu jenem verregneten Dezembertag.

Sie hatte ihre Großmutter besucht und eilte durch die nassen Straßen zur Fähre, die sie nach Westminster zurückbringen würde, als sie die beiden entdeckte. Henry hatte ihr den Rücken zugewandt, doch sie hätte ihn überall erkannt. Sein dunkles Haar reichte bis kurz über den Kragen seines Harnischs, denn er war in Uniform.

Er hielt die Zügel seines Pferdes in der rechten Hand, doch die Linke lag an Alis’ Rücken, und er drückte sie an sich. Isabel blieb stehen, als sie Alis’ helles Haar über seine Schulter hinweg sah, während Henry den Kopf vorneigte. Sie brauchte nicht näher heranzugehen, um zu erkennen, dass er sie küsste. Isabel stand wie angewurzelt da.

Was war sie nur für eine Närrin gewesen! Sie hatte Alis erzählt, wohin sie heute wollte, und ihr sogar gesagt, wann sie zurückfahren würde. Alis hatte das geplant. Und dann fiel ihr auf, wie oft sich Alis nach ihren Plänen erkundigt und scheinbar harmlose Fragen über Isabels Kommen und Gehen gestellt hatte. Und über Henry.

Sie hatten ständig von Henry gesprochen, bei Tisch die Köpfe zusammengesteckt und ihn und die anderen Ritter beobachtet, ihn bei Turnieren bewundert und ihm zugejubelt, wenn er seinen Gegner geschlagen hatte, bei königlichen Festen und Bällen mit ihm getanzt. Isabel hatte bemerkt, dass Alis mit ihm kokettiert hatte, und er mit ihr, doch Alis flirtete mit jedem. Und niemand hatte ihr hiervon ein Sterbenswort gesagt. Aber wer hätte das auch tun sollen? Lady Dickleburough. Sie musste davon wissen. Natürlich wusste sie es. Der gesamte Hof wusste es.

Sie war ja so dumm gewesen. Wie hatte sie nicht merken können, dass Alis Henry ebenso begehrenswert und hinreißend männlich fand wie sie selbst? Und natürlich war Alis hübsch und kokett, was Henry nicht entgehen konnte. Er hatte ihr ja selbst gesagt, dass er Alis hübsch fand. Isabel hatte er erzählt, sie sei wunderschön, und sie hatte ihm nur zu gern geglaubt. Sie hatte auch nur zu gern geglaubt, dass seine Schäkerei mit Alis nichts bedeutete. Alle Ritter flirteten mit Alis. Und viele auch mit Isabel oder mit jeder beliebigen Frau, die ihnen begegnete. Das war ein Spiel, ein vorgegaukeltes Werben, das den Hof amüsierte, ein netter Zeitvertreib. Höfische Liebe. Aber nicht echt. Nicht Liebe. Zumindest hatte sie das geglaubt.

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960876519
ISBN (Buch)
9783960877370
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v459472
Schlagworte
Highland-er-roman Krieg-er Schottland englich-e-r Hof König-s-krone Macht-kampf Liebe-s-roman

Autor

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    Kathleen Givens (Autor)