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Mord im Nachbarort

von Rhys Bowen (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Langsam gewöhnt sich Evan Evans an seine Rolle als Constable von Llanfair, einer kleinen Gemeinde, die sich in den Bergen Nordwales’ versteckt. Er tritt als Schlichter bei den nebensächlichen Streitigkeiten der Einheimischen auf, zwischen konkurrierenden Geistlichen, Gewerbetreibenden und scheinbar jedem walisischen Exzentriker der gesamten Region. Doch eine ungewöhnliche Verkettung von Ereignissen bringt verborgene Konflikte ans Licht und Evan wird klar, wie tief die Feindseligkeiten der Bürger verwurzelt sind.

Obwohl das Dorf Llanfair schon immer mit der Nachbarstadt Beddgelert im Streit lag, treibt eine faszinierende archäologische Entdeckung diese Rivalität auf die Spitze und schafft ein buntes Treiben aus Lokalpatriotismus und Klatsch. Dieses Treiben wird allerdings bald tödlich, als Llanfairs verlorener Sohn, Ted Morgan, ankündigt, dass er an der Ausgrabungsstelle einen Freizeitpark errichten wird. Constable Evans gerät in einen Strudel aus kulturellem Stolz, Täuschung und Gier und deckt dabei das ungebrochene Streben der Gemeinde auf ...

Impressum

dp Verlag

Deutsche Erstausgabe März 2019

Copyright © 2019 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-648-9

Copyright © Oktober 1998 by Rhys Bowen
Titel des englischen Originals: Evan Help Us

Published by Arrangement with Janet Quin-Harkin.
c/o JANE ROTROSEN AGENCY LLC, 318 East 51st Street, NEW YORK, NY 10022 USA.

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.

Übersetzt von: Lennart Janson
Covergestaltung: Miss Ly Design
unter Verwendung von Motiven von
shutterstock.com: © solarseven und © Matt Gibson
Korrektorat: Martin Spieß

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

 

 

 

Dieses Buch ist der Erinnerung an meine Mutter gewidmet, Margery Lee (geborene Rees). Ihr Tod hinterließ eine dunkle Leere in meinem Leben. Ich werde ihre Liebe vermissen, ihre Gesellschaft und ganz besonders ihr Lachen.

DIE LEGENDE VON BEDDGELERT

Prinz Llewellyn hatte einen treuen Hund namens Gelert. Eines Tages ging er zum Jagen aus und ließ den Hund zurück, damit dieser seinen jungen Sohn bewachte. Bei seiner Rückkehr fand er eine leere Krippe und einen blutverschmierten Hund vor. Aus Zorn und Verzweiflung zog er sein Schwert und erschlug Gelert. Erst als der Hund schon im Sterben lag, bemerkte Llewellyn den Kadaver eines mächtigen Wolfes, der am Boden lag, und fand den kleinen Prinzen, sicher in einer Ecke schlafend. Er stürmte zu Gelert, doch es war zu spät. Der Hund starb in seinen Armen.

Dem Hunde zu Ehren errichtete er ein beeindruckendes Grabmal, das noch heute zu sehen ist, in dem Ort namens Beddgelert – Gelerts Grab.

Heute glaubt man, dass sich ein geschäftstüchtiger Gastwirt im neunzehnten Jahrhundert diese dramatische Legende ausdachte. Wissenschaftler gehen mittlerweile davon aus, dass sich der Name auf einen alten Heiligen bezieht, nicht auf Llewellyns Hund.

1. Kapitel

Colonel Arbuthnot schritt über das federnde Gras und blies seine Wangen auf, während trompetenartige Laute von seinen geschürzten Lippen kamen. Das Lied war gerade so als Men of Harlech erkennbar. Schafe sahen vom Grasen auf und stoben auseinander, verschreckt von den seltsamen Geräuschen, die aus dem Mund des Colonels kamen, und den Schlägen, mit denen sein mit einem silbernen Knauf verzierter Spazierstock gegen Büschel aus Ginster und Farn stieß.

Obwohl er auf die Achtzig zuging, war der Colonel eine imposante Gestalt, mit aufrechter Haltung und zielgerichtetem Schritt. In seinen besten Tagen war er ein stattlicher Mann gewesen und er glaubte noch immer gern, dass die Damen ihn für attraktiv hielten. Stolz trug er einen gepflegten, kleinen Schnurrbart, doch dieser Tage hingen seine schweren Wangen zu beiden Seiten herab und seine einst furchterregenden Augenbrauen stachen wie Krabben über den verblassten, wässrig blauen Augen hervor. Obwohl es Hochsommer war, trug der Colonel sein gewohntes Tweedsakko, darunter eine kanariengelbe Weste, ein kariertes Hemd, und um den Hals eine Seidenkrawatte mit Paisley-Muster. Sein einziges Zugeständnis an die Jahreszeit war ein verblasster Panama-Strohhut, den er trug, wann immer es möglich war, um die kahle Stelle auf seinem Schädel vor der Sonne zu schützen. Die Kinder von Llanfair imitierten den unverwechselbaren Gang des Colonels, jedoch nur hinter seinem Rücken.

Eine steife Bergbrise wehte Colonel Arbuthnot ins Gesicht. Er hielt inne und atmete tief ein.

»Ah«, sagte er und schlug sich auf die Brust. »Schon besser.«

Zum ersten Mal seit Monaten fühlte er sich lebendig. Gott, es tat gut, dieser trostlosen Wohnung in London zu entkommen. All diese endlosen Tage der Stille, nur unterbrochen von strammen Spaziergängen zur Bibliothek, um Zeitungen zu lesen, die er sich nicht länger leisten konnte, oder, an schönen Tagen, zwei Runden um den See im Park, für die Gesundheit. Zum Glück hatte er zu wohlhabenderen Zeiten eine lebenslange Mitgliedschaft in seinem Club erstanden, doch er ging kaum noch hin. Das schien wenig Sinn zu haben, seit der alte Chaterham vergangenes Jahr gestorben war. Jetzt war er der einzige, der von seiner Generation noch übrig war, und die jüngeren Burschen interessierten sich nicht dafür, was er zu erzählen hatte. Sie hielten ihn für einen alten Zausel und ließen sich Ausreden einfallen, um davonzueilen – die jüngere Generation schien stets in Eile zu sein. Ständig diesen verdammten Mobiltelefonen ausgeliefert. Keine Zeit, das Leben zu genießen. Colonel Arbuthnot bemitleidete sie. Er hatte immerhin mal das gute Leben gekannt. Er hatte Tiger gejagt, mit Maharadschas diniert und in Marmorpalästen mit schönen Frauen geschlafen. Die Jugend verstand nichts von Jagdsport, Konversation oder Liebe. Keine Manieren und keine Zeit, stellte der Colonel fest und enthauptete brutal eine große Distel.

Wolken jagten über ihn hinweg und eröffneten kurze, verlockende Ausblicke auf Berge, Seen und steile, mit Schafen übersäte Wiesen. Er hatte nicht bemerkt, wie hoch er schon geklettert war. Nicht schlecht für einen Senioren, sagte er sich. Er würde wetten, dass diese jungen Schwächlinge im Club nicht mit ihm Schritt halten könnten, obwohl sie behaupteten, so viel Zeit in ihren Fitnessclubs zu verbringen, um sich in Form zu halten.

Unter ihm lag das Dorf Llanfair wie eine Reihe aus Puppenhäusern: Sie säumten die Straße, die zum Pass emporstieg und sich um Mount Snowdon wand. Mit zärtlichem Blick sah der Colonel hinab. Mit seinen einfachen, schiefergedeckten Cottages konnte es kaum mit der Schönheit der idyllischen, gemütlichen britischen Dörfer mit ihren Reetdächern und Bauerngärten mithalten. Aber die Kulisse, hoch oben am Pass, mit Gipfeln, die zu beiden Seiten in die Höhe ragten, war spektakulär. Am hinteren Ende des Dorfes machte er die Silhouette des Red Dragon aus, das bemalte Schild des Pubs pendelte an der Frontseite. Genau so sollte ein Pub sein, sagte er sich und nickte zufrieden. Immer genug Burschen mit Zeit zum Plaudern, die Frauen beschränkten sich üblicherweise auf die Lounge, wo man sie sehen, aber nicht hören konnte; genau so mochte er es. Entzückende Kreaturen, diese Frauen, aber sie tendierten zu bedeutungslosem Geschwätz, wenn man sie nicht an die Kandare nahm – bis auf Joanie. Sie war nie geschwätzig gewesen. Sie hatte mit einem sanften Lächeln auf den Lippen seinen Geschichten gelauscht und stets über seine Witze gelacht. Gott, er vermisste sie immer noch so sehr ...

Immerhin waren sie im Pub von Llanfair höflich genug, sich seine Geschichten anzuhören. Sie gaben sogar vor, interessiert zu sein. »Haben Sie denn je einen Tiger erlegt, Colonel?«, würden sie fragen. Und er könnte antworten: »Einen Tiger erlegt? Ich kann euch erzählen, wie ich an einem Tag drei Tiger zur Strecke gebracht habe. Wir mussten natürlich behaupten, der Maharadscha hätte sie erlegt. Das Protokoll verlangte es so. Aber in Wirklichkeit war es jedes Mal meine Kugel, die ihnen den Rest gegeben hat. Einer war ein riesiges Tier, zweieinhalb Meter lang. Zu Hause auf meinem Kaminsims steht ein Foto von ihm ...«

Der Colonel lächelte in der Erwartung, darum gebeten zu werden, diese Geschichte erneut zu erzählen. Hier in Llanfair lebten nette Kerle – einfache, walisische Dörfler natürlich, aber bei ihnen fühlte er sich willkommen. Er wusste, dass das in großem Gegensatz zu dem stand, wie sie die meisten Außenstehenden behandelten. Er hatte erlebt, wie sie mitten im Gespräch ins Walisische wechselten, weil ein Tourist hereinkam. Doch er nahm an, dass seine walisische Frau ihn irgendwie akzeptabel gemacht hatte.

Er erinnerte sich daran, wie Joanie ihn zum ersten Mal mit nach Wales nahm, als sie gemeinsam Heimaturlaub hatten. Bis dahin war ihm nicht klar gewesen, dass Wales ein fremdes Land war. Sie eine Sprache sprechen zu hören, die er nicht verstand, hatte ihn erstaunt und beeindruckt – es war eine Seite von ihr, die er nie erwartet hatte. Jetzt an Joanie zu denken, ließ das bleierne Gefühl in sein Herz zurückkehren. Es war verblüffend, dass man einen Menschen so lange vermissen konnte. Sie war seit zehn Jahren tot und es fühlte sich immer noch an, als wäre es gestern gewesen.

Im Sommer nach Joanies Tod war er nach Wales gekommen, um die Bedeutung von allem zu verstehen, und war von der stillen, schroffen Schönheit der Berge Snowdonias geheilt und verzaubert worden. Aus purem Glück hatte er eine Anzeige für ein Sommerquartier auf dem Hof der Owens oberhalb von Llanfair gesehen. Sein Blick schweifte über das Dorf hinaus, zu dem quadratischen, getünchten Bauernhaus im Schutze windgepeitschter Bäume. Auf diese Anzeige zu antworten, war die glücklichste Entscheidung, die er je getroffen hatte, und er hatte in seinem Leben gewiss glückliche Momente gehabt – wie damals, als ihn ein heranstürmendes Nashorn knapp verfehlte, oder als Charlottes Ehemann in Kaschmir auf ihn geschossen und ihn nicht getroffen hatte, als er aus dem Fenster des Hausbootes in den See sprang.

Mrs. Owens verwöhnte ihn schamlos, kochte seine Lieblingsgerichte und ermutigte ihn, sich zwei- oder dreimal von den Speisen nachzunehmen, die sein Arzt ihm verboten hatte. Sie machte seine Wäsche, bügelte sie und hielt sein Zimmer in makelloser Ordnung, ohne einen Wirbel um ihn zu machen. Er hatte die Tage frei, um sie in der guten, frischen Luft zu verbringen, über Anhöhen zu wandern, zu versuchen Wildblumen oder Vögel zu identifizieren, oder seiner wahren Leidenschaft nachzugehen, der Archäologie. Er war ein begeisterter Amateurarchäologe, seit er im Alter von acht Jahren in der Nähe seines Zuhauses in Yorkshire auf einem Feld eine römische Münze gefunden hatte. Er war von der Ehrfurcht darüber ergriffen, dass zweitausend Jahre alte Gegenstände zu seinen Füßen lagen und darauf warteten, wiederentdeckt zu werden. Wenn er aus einer anderen Familie käme, wäre er vielleicht nach Oxford oder Cambridge gegangen, um Alte Geschichte zu studieren, aber Arbuthnots gingen stets zur Armee. Er seufzte.

Seine Leidenschaft für Archäologie war einer der Gründe, die ihn nach Wales zurückzogen. Er wollte derjenige sein, der zweifelsfrei bewies, dass König Artus tatsächlich existiert hatte. Es gab natürlich genügend regionale Legenden, die das stützten. Oben auf dem Mount Snowdon gab es den Bwlch y Saethau (den Pass der Pfeile), wo Artus tödlich verwundet wurde, als er dabei war Mordred zu besiegen. Man erzählte sich, dass Excalibur aus dem Llyn Llydaw aufgetaucht war, dem See, der sich in die Ausläufer des Snowdon schmiegte. Er konnte ihn jetzt sehen, glitzernd im hellen Sonnenlicht. Selbst der Gipfel des Snowdon wurde von den Ortsansässigen Yr Wyddfa genannt, was Grabstätte bedeutete. Nur ein großer König wäre auf der Spitze des höchsten Berges von Wales beerdigt worden. Wenn er bloß etwas Handfestes finden könnte, um Artus’ Existenz zu belegen. Das war es, was ihn dieser Tage auf Trab hielt.

Er ließ sich auf einer Felszunge nieder und holte sein Fernglas heraus. Es hatte in der Bronzezeit ein Fort gegeben, das den Pass bewachte. Wenn er dafür Belege finden könnte, wäre das ein Anfang.

Sein Blick glitt von der Spitze des Snowdon über die anderen Gipfel, deren Namen er vergessen hatte, und wieder hinab zum Dorf. Es war ein gutes Fernglas, in Deutschland gefertigt, früher, als man Dinge so baute, dass sie lange hielten. Er machte eine Gestalt aus, die auf der gewölbten Steinbrücke über dem kleinen, lauten Gebirgsbach saß. Das musste dieser dämliche Briefträger sein, entschied er – der, den sie Briefträger-Evans nannten. Er setzte sich immer hin und las die Post, ehe er sie austrug. Seltsam, dass das niemanden zu kümmern schien ... Sein Blick wanderte die Straße hinauf. Er sah den jungen Polizisten auf seiner Nachmittagsrunde. Er mochte Constable Evans – gutaussehender, junger Bursche, breit gebaut wie ein Rugby-Spieler, nicht wie manche dieser verweichlichten Männer heutzutage, mit ihren furchtbaren Ohrringen. Colonel Arbuthnot hatte oft seinen Rat zu den besten Wanderpfaden eingeholt, oder wenn es um die Identität gewisser Vögel oder Blumen ging. Natürlich hatte der junge Kerl eine einfache Stelle an Land gezogen, als Leiter einer Nebenstelle der Polizei in einem Dorf wie Llanfair. Schwerlich eine Brutstätte der Kriminalität, stellte der Colonel fest, während er die leeren Straßen und die spielenden Kinder auf dem Schulhof wahrnahm.

Er stellte scharf, in der Hoffnung, einen Blick auf die Lehrerin zu erhaschen. Ein hübsches, junges Fohlen, schlank und anmutig. Sie erinnerte ihn an Joanie, als sie sich auf dieser Gartenparty in Delhi zum ersten Mal begegnet waren. Er hörte das entfernte Schlagen einer Glocke und die Kinder bildeten unverzüglich zwei Reihen und marschierten im Gänsemarsch ins Gebäude.

Der Blick des Colonels wanderte weiter. Die letzten zwei Häuser im Dorf waren zwei Kapellen, zu beiden Seiten der Straße. Er hatte nie verstehen können, warum ein Dorf in der Größe Llanfairs zwei Gotteshäuser brauchte – aber die Waliser liebten natürlich ihren Glauben. Sie hielten endlose Predigten durch und sangen bei jeder Gelegenheit Kirchenlieder. Und es war guter Gesang, nicht das halbherzige Gemurmel der Gemeindemitglieder der All Saints Church zuhause in Kensington.

Das Fernglas strich noch einmal träge über das Dorf, dann versteifte sich der Colonel und blinzelte, um eine Gestalt scharf zu sehen. »Außerordentlich!«, sagte der Colonel laut. »Das kann nicht sein.« Jemand stand mitten auf der Dorfstraße und sah sich interessiert um. Es schien dem Colonel fast, als träfen sich ihre Blicke, obwohl er wusste, dass das unmöglich war. Doch er spürte, dass der stechende Blick auf dem Felsen ruhte, auf dem er jetzt saß. Dann drehte sich die Gestalt um und verschwand im Schatten zwischen zwei Cottages.

Der Colonel stieß einen Seufzer aus und schüttelte den Kopf. Das Augenlicht musste ihn ob seines hohen Alters im Stich lassen. Er hatte gerade jemanden gesehen, der unmöglich hier sein konnte. Es war aberwitzig. Seine Augen spielten ihm einen Streich.

Er ließ das Fernglas sinken, saß da und starrte ins Leere. Natürlich irrte er sich, redete er sich ein. Jeder Mensch hatte einen Doppelgänger, oder? Er stand auf und klopfte seine Hose ab. Verflixt unangenehm, wenn das wirklich der war, für den er ihn hielt. Verflixt unangenehm für sie beide, nahm er an.

Dann geschah etwas, das alles andere aus seinen Gedanken vertrieb. Er starrte auf die Felsen, auf denen er gerade gesessen hatte. Sie waren mit Ginster und Farnkraut überwuchert, aber sie hatten eine gewisse Ebenheit und Regelmäßigkeit an sich. Als er sich genauer umsah, konnte er erkennen, dass sie ein perfektes Rechteck um eine grasbedeckte Fläche bildete. Aufgeregt zog er am Ginster, ohne die Kratzer der Dornen zu bemerken, und stellte fest, dass er definitiv auf eine alte Mauer starrte. Er kletterte darüber und machte sich daran, Gras und Unkraut aus dem Weg zu schieben. Ja, hier war der Eingang, und kurz dahinter etwas, das wie eine glatte Steinplatte aussah! Der Colonel ließ sich auf die Knie fallen und zerrte das Unkraut beiseite, blind gegenüber allem und jedem um ihn herum ...

2. Kapitel

Constable Evan Evans von der Polizei von Nordwales ging langsam die Hauptstraße von Llanfair entlang. Um genau zu sein, war es die einzige Straße in Llanfair, abgesehen von den schlammigen Wegen, die zu einigen Bauernhäusern führten. Wie viele walisische Dörfer war es in der Blütezeit der Schiefersteinbrüche entstanden. Es war ein schlichter Ort – zwei Reihen steinerner Cottages, ein paar Läden, eine Zapfsäule und zwei Kapellen säumten die Straße, die zum Pass am Fuße des Mount Snowdon anstieg. Es konnte manchmal düster und windig sein, wenn Wolken und Schnee die höhergelegenen Gipfel verhüllten, doch die spektakuläre Lage machte den Mangel an architektonischen Wunderwerken wett.

Constable Evans hielt auf der alten Steinbrücke an, die den rauschenden Gebirgsbach überspannte und sah sich mit Genugtuung um. Llanfair mochte nicht der schönste oder aufregendste Ort der Welt sein, aber das war ihm recht. Er ließ das klare Wasser auf sich wirken, das über moosbewachsene Steine tanzte, und verfolgte es bergauf bis zu dem hellen Band aus Wasser, das von der senkrechten Bergflanke stürzte. In der Brise vernahm er gerade noch das leise Blöken der Schafe. Es war das einzige Geräusch, abgesehen von dem Plätschern und Gurgeln des Wassers und dem Seufzen des Windes in den Erlen am Ufer.

Evan blickte die Straße hinauf. Es herrschte kein Verkehr, was für einen sonnigen Sommernachmittag ungewöhnlich war, obwohl es langsam spät wurde. Die meisten Touristen waren wohl schon zurück in ihren Hotels oder Gästehäusern und erörterten, ob sie an einem primitiven Ort wie Wales wohl mexikanisches Essen oder Pizza finden könnten.

Obwohl es schon fast sechs Uhr war, stand die Sonne noch hoch am Himmel. So weit im Norden würde sie erst nach neun untergehen. Die langen, hellen Abende waren einer der Vorteile am Leben in Nordwales. Er stand da, atmete tief durch und war mit der Welt im Reinen.

Er vernahm das Geräusch rennender Füße auf der Straße hinter sich und drehte sich herum, um eine Gruppe von Dorfjungen in Fußballtrikots an sich vorbeirennen zu sehen.

»Hallo, Mr. Efans! Sut yrch chi?«, riefen sie in ihren hohen, melodischen Stimmen und benutzten dabei die Mischung aus Walisisch und Englisch, in der sie sich üblicherweise unterhielten.

»Hallo Jungs. Ihr seid wohl unterwegs zum Fußballtraining?«, rief Evans zurück.

Sie nickten und ihre Gesichter leuchteten erwartungsvoll. »Wir spielen am Samstag unten in Beddgelert – das große Spiel des Jahres!«, sagte einer von ihnen.

»Letztes Jahr haben sie uns geschlagen, aber dieses Mal werden wir’s ihnen zeigen«, fügte ein anderer hinzu.

»Werden Sie zusehen, Mr. Efans?«, fragte der erste Junge. »Es wird gut. Wir haben jetzt Ivor in der Mannschaft und der ist unheimlich schnell. Er hat beim Sportfest den Hundert-Meter-Sprint gewonnen.«

»Wenn ich kann, werde ich da sein«, rief Evan ihnen nach, als sie die Straße hinauf Richtung Schulhof rannten. Er lächelte, während er ihnen nachsah, und erinnerte sich an sich selbst in ihrem Alter – zu kurz geraten, spindeldürr und nur aus Beinen bestehend, wie sie.

Ein Dorfpolizist – oder die Präsenz der Gemeindepolizei, wie sie es heute nannten – war die beste Art von Polizist, die man werden konnte, fand er. Es war erstaunlich, für das bezahlt zu werden, was er am liebsten tat: herumlaufen und mit Leuten sprechen.

Vor ein paar Jahren hatte es eine landesweite Initiative gegeben, die Polizeikräfte zu modernisieren und zu optimieren. Sie hatten alle Nebenstellen geschlossen und vom Hauptquartier aus große Bereiche mit Streifenwagen abgedeckt. Doch sie hatten bald ihren Fehler erkannt. Eine Polizeipräsenz in den Dörfern, ein einheimischer Polizist, der alles und jeden kannte, war die beste Abschreckung vor Kriminalität. Also eröffneten im ganzen Land wieder die Nebenstellen und Polizeitruppen der Gemeinden.

Evan hatte vor einem guten Jahr von diesem Schritt erfahren, als er sich noch von dem seelischen Schock durch den Tod seines Vaters erholte. Sie hatten zusammen im harten Revier des Hafenviertels von Swansea gearbeitet, als sich sein Vater bei einer Drogenrazzia eine Kugel einfing. Danach wollte er nicht länger Teil einer Truppe sein, in der gute Leben so bedeutungslos weggeworfen wurden.

Jetzt war er froh, sich für diese Stelle entschieden zu haben, anstatt den Polizeidienst zu quittieren. Er hatte es nie bereut herzukommen. Er mochte die Einheimischen. Sie mochten ihn. Die Gangart war langsam und die Berge warteten darauf, von ihm erklettert zu werden, wann immer er Freizeit hatte.

Er blickte zu den Gipfeln hinauf. Snowdon leuchtete in diesem rosaroten Licht des frühen Abends. Evan sah auf die Uhr ... vielleicht wäre noch Zeit, um schnell auf den Bwlch y Moch zu klettern, nachdem er abgeschlossen und die Uniform abgelegt hätte – wenn er ins Haus hinein- und wieder herausschlüpfen konnte, ohne dass seine Vermieterin ihn hörte.

Er wohnte bei Mrs. Williams, seit er nach Llanfair gekommen war und war weitestgehend zufrieden. Sie war eine freundliche, mütterliche Frau, doch sie hatte zwei Schwächen: Sie war entschlossen, ihn wie einen preisgekrönten Truthahn zu mästen, indem sie ihm täglich drei gewaltige Mahlzeiten vorsetzte, und sie war ebenso entschlossen, ihn mit ihrer Enkelin Sharon zu verheiraten, die selbst gebaut war wie ein preisgekrönter Truthahn.

Evan seufzte und lief weiter die Straße hinauf, vorbei an einer Reihe von Läden zu seiner Rechten. G. Evans, Metzger, lag direkt neben R. Evans, Milch und Milcherzeugnisse. Das Monopol wurde vermiest von T. Harris, Gemischtwaren und Post. Als Evan vorbeiging, wurde die Tür des ersten Ladens aufgeworfen, ein dicker Mann mit blutbespritzter Schürze sprang heraus und schwang sein blutrünstig aussehendes Fleischerbeil.

»Nos da, guten Abend, Gesetzes-Evans«, rief er. »Heute irgendwelche saftigen Morde aufgeklärt?« Er lachte laut über seinen eigenen Witz.

»Noch nicht, Fleischer-Evans«, rief Evan zurück. »Aber es ist ja noch Zeit, nicht wahr? Planen Sie, einen zu begehen?«

»Könnte ich wohl«, gab Fleischer-Evans zurück, während das Lächeln aus seinem Gesicht verschwand. »Ich würde gerne all diese verdammten Touristen umbringen. Warum können die uns nicht in Ruhe lassen? Das wüsste ich gern.«

Evan sah sich auf der menschenleeren Straße um. Selbst zum Höhepunkt der Sommerferien konnte man Llanfair kaum als Touristen-Hochburg bezeichnen. Hier gab es wenig, das zum Verweilen einlud – eine Zapfsäule mit einer kleinen Imbissbude und Postkarten, die bei der Post und im Gemischtwarenladen verkauft wurden. Einige Cottages boten Gästezimmer an, und im Frühling waren vier neue Ferienbungalows auf dem Land der Morgans aufgetaucht, aber das war das ganze Ausmaß des Hotel- und Gastgewerbes hier im Dorf. Die gut betuchten Fahrer der BMWs und Jaguars verweilten im neuen Everest Inn, weiter oben am Pass. Evan blickte zu dem überwucherten, schweizerischen Chalet, dessen Bau die Einheimischen so erzürnt hatte. Es wirkte immer noch fürchterlich fehl am Platz – eine Art Disney-Berg-Fantasie an einem kahlen, walisischen Hang.

»Wir werden hier ja nun nicht gerade von Touristen überrannt, oder?« Evan sprach seine Gedanken laut aus. »Und Tankwart-Roberts freut sich über das zusätzliche Geld, das er mit seinem Imbiss verdient.«

Fleischer-Evans schnaubte angewidert. »Der Mann würde für zwei Pence seine eigene Mutter verkaufen«, sagte er. »Und dieser Idiot von Milchmann-Evans auch.« Das fügte er lautstark hinzu und blickte hoffnungsvoll zur offenen Tür des Milchladens. Eines seiner größten Hobbys war der Streit mit seinem direkten Nachbarn. Doch niemand kam aus dem Milchladen um die Herausforderung anzunehmen.

»Milchmann-Evans?«, fragte Evan. »Was verkauft er denn?«

Fleischer-Evans lehnte sich zu ihm, als würde er ein großes Geheimnis enthüllen. »Er plant, sein eigenes Eis zu machen, das ist es«, zischte er. »Er glaubt, dann kämen die Touristen gelaufen. Ich sagte ihm, dass ich keine weiteren Touristen in der Nähe meines Ladens sehen will!«

Evan grinste. »Aber die Touristen belästigen Sie doch nicht, oder?«

Er konnte sich nicht vorstellen, dass allzu viele Besucher von außerhalb einen Grund finden würden, bei einem Metzger hereinzuschauen.

»Diese Leute, die in den neuen Ferienbungalows wohnen, schon«, sagte Fleischer-Evans. Er blickte zu den vier neuen Gebilden aus Holz und Glas hinauf, die auf dem Gelände standen, das einst Taff Morgans Bauernhof gewesen war. Sie waren im Frühling gebaut worden und die Dorfbewohner beschwerten sich, dass Taffs Sohn Ted nicht einmal gewartet hatte, bis sein armer Vater unter der Erde war, ehe er alles mit seiner hochtrabenden Londoner Art verdarb. Nicht dass er dem Ort je auch nur nahegekommen wäre. Ein Bauunternehmer war eines Tages einfach mit einem Auftrag aufgetaucht und Mr. Ted Morgan hatte sich nicht einmal blickten lassen, um die Ergebnisse zu begutachten.

Fleischer-Evans kam näher, noch immer das Fleischerbeil in der Hand. »Wollen Sie wissen, was heute passiert ist?«, fragte er vertraulich. »Eine dieser Engländerinnen aus den Bungalows besaß die Frechheit mich zu fragen, ob ich anständiges, englisches Lamm hätte! Ich sagte ihr, dass ich an dem Tag, an dem ich ausländisches Lamm verkaufen müsste, meinen Laden für immer dicht machen würde.«

Evan versuchte, nicht zu lächeln. »Ich gehe nicht davon aus, dass sie je die Gelegenheit hatte unser einheimisches, walisisches Lamm zu probieren«, sagte er leichthin.

»Dann ist es verdammt noch mal Zeit dafür, oder nicht?«, blaffte Fleischer-Evans. Er ging in seinen Laden zurück und drehte sich dann noch einmal zu Evan um.

»Wir sehen uns dann im Dragon, ja?«

Evan nickte. »Davon gehe ich aus. Sobald ich in der Polizeistation alles dichtgemacht habe.«

»Es muss hart sein, all das Laufen, auf und ab, und immer für einen Tee anzuhalten«, sagte Fleischer-Evans.

Evan lächelte, obwohl er nie ganz sicher war, ob Fleischer-Evans einen Scherz machte.

»Es ist harte Arbeit, aber jemand muss sie tun, nicht wahr?«, konterte er. »Bis dann. Wedeln Sie nicht so viel mit diesem Teil herum, ja? Sonst muss ich Sie für das Tragen einer tödlichen Waffe vorladen.« Er winkte dem Metzger freundlich zu und ging weiter die Straße hinauf.

Die Jungen waren schon mitten in ihrem Fußballtraining, als er die Dorfschule erreichte. Er hielt einen Augenblick lang an und sah zu, wobei sein Blick zu dem Schulgebäude aus grauem Stein wanderte. Bronwen blieb oft lange, um die Stunden des nächsten Tages vorzubereiten. Er hoffte, dass sie ihn bei einem flüchtigen Blick sehen, und für eine Unterhaltung herauskommen würde. Evan war eigentlich nicht schüchtern, wenn es darum ging, mit Frauen zu sprechen, aber bei Bronwen Price ließ er es absichtlich langsam angehen. Manchmal fragte er sich, ob sie nicht ein wenig zu ernst und gebildet für ihn war. Er wusste sehr wohl, dass in einem Dorf wie Llanfair alle nach einer zweiten Verabredung mit derselben Frau die Hochzeit planen würden. Es war nicht so, als wollte er nicht eines Tages heiraten, aber er hatte es auch nicht besonders eilig.

Bronwens Gesellschaft und ihre dezente Weisheit genoss er allerdings sehr wohl. Sie war die eine Person, mit der er reden konnte, wenn ihn etwas beschäftigte. Sie war eine gute Zuhörerin und fällte keine vorschnellen Urteile. Wie sie dasaß, den Kopf leicht zur Seite geneigt, wodurch das lange, aschblonde Haar wie ein Vorhang aus goldenem Regen herabfiel, hatte ihn häufig dazu angespornt, weit mehr zu sagen, als er beabsichtigt hatte. Und er war mit einem seltsam zufriedenen Gefühl gegangen.

Doch Bronwen kam heute nicht aus der Schule und Evan führte seine Wanderung zum oberen Ende der Dorfstraße fort. Die zwei letzten Gebäude waren beide Kapellen. Zur Linken stand die Bethel-Kapelle, Hochwürden Parry Davies, Sonntagsschule zehn Uhr morgens, Gottesdienst sechs Uhr abends (Predigt auf Englisch). Zur Rechten stand die Beulah-Kapelle, Hochwürden Powell-Jones, Gottesdienst um sechs Uhr abends (Predigt in Walisisch und Englisch). Sie rahmten die Straße ein, zwei schlichte Spiegelbilder aus grauem Stein, sie glichen sich bis hin zu den identischen Anschlagtafeln neben den Haupteingängen. Nur die Bibeltexte auf den Tafeln unterschieden sich.

Sollte ein Außenstehender innehalten und sich fragen, warum ein Dorf von der Größe Llanfairs zwei Kapellen brauchte, hätten die Botschaften auf den Anschlagtafeln ihm einen Hinweis geben können. Die beiden Kapellen befanden sich in einem andauernden Krieg. Heute lautete die Botschaft vor der Bethel-Kapelle: »Die Rache ist mein, spricht der Herr«, während Beulah verkündete: »Vergib deinen Feinden. Halte die andere Wange hin!«

Evan grinste. Der Krieg der Tafeln war der gesittete Weg, mit dem die Hochwürden Parry Davies und Powell-Jones aufeinander losgingen. Wenn einer ein neues Zitat anbrachte, eilte der andere ohne Umschweife zu seiner Bibel, um ihn zu widerlegen oder zu übertrumpfen. Es gab keine leidenschaftlichere Feindseligkeit als die zwischen zwei rivalisierenden Christen, fand Evan.

Er hatte das Ende des Dorfes erreicht. Vor ihm schlängelte sich die Straße zum Pass hinauf, ein graues Band zwischen grünen Hügeln. Das einzige Gebäude war das Everest Inn, das mit Holzschindeln gedeckte Dach des schweizerischen Chalets leuchtete in der Abendsonne. Evan hielt inne und suchte die höherliegenden Hügel ab. Er machte eine Gestalt aus, die sich über die Bergweiden bewegte, und sah ein helles Funkeln. Das war wohl der silberne Griff des Spazierstocks des Colonels, entschied er. Auf dem Abstieg, nach einer seiner Expeditionen. Er bewunderte die Kraft und Entschlossenheit des alten Mannes. Er musste auf die Achtzig zugehen, dennoch hielt er sich dort oben auf, wanderte umher, ob es feucht oder trocken war, entschlossen, König Artus’ Krone aufzutreiben, oder vielleicht die vermodernden Reste der Tafelrunde.

Als Evan den Blick zurück zur Polizeistation schweifen ließ, erregte etwas weiter unten am Berg seine Aufmerksamkeit. Ein hellroter Blitz auf der Wiese hinter der Bethel-Kapelle. Es war ein kleines Mädchen mit rotblonden Locken in einem hellroten Kleid. Sie sprang so leicht durch das Gras, das sie wie schwerelos wirkte. Evan erkannte sie nicht als eines der Dorfkinder. Sie musste eine Fremde sein, die in den Ferienhäusern wohnte, und er fand sie zu jung, um allein draußen zu sein, selbst an einem sicheren Ort wie Llanfair.

Er suchte die Straße nach einem Anzeichen dafür ab, dass jemand sie im Auge behielt, sah niemanden und beschloss, selbst ein Auge auf sie zu haben. Das da oben war ein ungeheuer hoher Berg und er wollte nicht, dass sie zu weit fort irrte. Dann hielt sie in ihrem Aufstieg inne und machte sich auf den Rückweg. Evan seufzte erleichtert. Sie war schon fast wieder an der Trockenmauer, als sie zu rennen begann. Evan sah, dass sie auf ein junges Lamm zusteuerte, das alleine, nicht weit von der Mauer entfernt stand. Er hörte, wie sie ihm zurief und sah wie sie die Arme auseinanderriss, als erwartete sie, dass es wie ein Welpe zu ihr kommen würde. Seltsamerweise rannte das Lamm nicht davon. Das kleine Mädchen nahm es in die Arme und hob es hoch. Es war schwerer als erwartet und sie taumelte mit vor Anstrengung gerötetem Gesicht vorwärts. Evan fragte sich, was sie mit ihm anstellen wollte und wo sie es hinzubringen gedachte.

Doch er fand es nicht heraus, weil das Lamm strampelte und verzweifelt blökte. Seine Schreie drangen ans Ohr seiner Mutter, die nicht allzu weit entfernt graste. Das alte Schaf hob den Kopf und trottete dann heran, um ihr Junges zu beschützen. Das kleine Mädchen sah sich um und erblickte ein großes Schaf, das unter bedrohlichem Geblöke auf sie zu stürmte. Sie ließ das Lamm fallen und floh zurück zur Mauer, so schnell ihre kleinen Füße sie trugen.

Evan rannte ihr entgegen, für den Fall, dass sie Hilfe brauchte, um über die Mauer zu kommen. Doch sie kletterte hinauf und sprang auf der anderen Seite herunter, ihre Augen noch immer schreckgeweitet. Sie rannte die Böschung hinab, wurde immer schneller und schoss geradewegs auf die Straße. Unterbewusst hatten Evans Ohren vor einer Weile das Heulen eines herannahenden Wagens vernommen. Das Heulen war jetzt zu einem Brüllen geworden. Das kleine Mädchen hörte es auch und erstarrte mitten auf der Straße, während das Auto die Passstraße heraufraste.

Evan stürzte auf die Straße, schnappte sie und schwang sie zur Seite, als der Wagen ins Schlingern geriet, Bremsen kreischten und die Hupe plärrte. Er verfehlte sie beide um wenige Zentimeter und kam quietschend zum Stehen.

»Puh, das war knapp«, rief der Fahrer, ganz grün im Gesicht.

»Zum Glück ist nichts passiert«, rief Evan zurück. Er winkte dem Fahrer, als das Auto weiterfuhr. »Alles ist gut, Liebes. Nichts passiert.« Er lächelte zu dem Kind hinab, das angefangen hatte zu weinen.

Ein Schrei ließ ihn aufblicken. Eine junge Frau rannte mit schreckgeweiteten Augen über die Straße. Ihr Haar hatte einen dunkleren Rotton als die Haare des Mädchens, aber sie war unverkennbar ihre Mutter.

»Jenny! Meine Güte, Jenny! Was ist passiert? Geht es ihr gut?«, kreischte sie.

Evan setzte das kleine Mädchen ab. »Alles gut. Nur ein kleiner Schrecken, nicht wahr, Kleines?«, fragte er das Mädchen. Er verschwieg, dass auch er einen leichten Schrecken davongetragen hatte. Er spürte, dass sein Herz noch immer pochte.

»Der Bär hat mich verfolgt«, sagte Jenny, eilte zu ihrer Mutter und klammerte sich an ihre Beine. »Er hat mich angeknurrt.«

»Ein Bär?« Die Mutter blickte fragend zu Evan.

»Sie meint ein Schaf«, sagte Evan. »Sie hat ein Lamm hochgehoben und dessen Mutter verfolgte sie.«

Die junge Mutter blickte Evan entschuldigend an, als sie das Kind in die Arme schloss. »Wir sind aus Manchester. Sie hat noch nie ein Schaf gesehen.«

Das kleine Mädchen schluchzte an der Schulter ihrer Mutter, ihr kleiner Körper zuckte mit jedem Schluchzer. Die Frau hielt sie noch fester. »Du warst ein böses Mädchen, ohne Mami rauszugehen, hörst du?«

Das kleine Mädchen nickte, ihre Unterlippe zitterte.

»Ich fürchte, das ist meine Schuld«, sagte die Frau und richtete sich wieder auf. Evan stellte interessiert fest, dass ihr Akzent mehr nach London als nach Manchester klang. »Es war so ein schöner Tag, dass ich alle Türen offenstehen ließ. Sie muss vorne rausgegangen sein, als ich damit beschäftigt war, ihr einen Tee zu machen.« Sie blickte zu der Reihe von Cottages gegenüber, wo eine Haustür weit offenstand. »Ich dachte, an einem Ort wie diesem könnte nicht viel passieren, wenn man Fenster und Türen offenlässt«, fügte sie hinzu.

»Es gibt immer noch Autos auf der Straße«, sagte Evan. »Bei Kindern kann man nie vorsichtig genug sein, nicht wahr?«

»Da haben Sie recht.« Sie schüttelte den Kopf und schenkte ihm ein verzweifeltes Lächeln. »Sie ist ein kleiner Affe. Interessiert sich für alles Mögliche, sobald ich ihr den Rücken zukehre, nicht wahr, du schreckliches, kleines Monster?« Sie hätschelte das Kind im Nacken, wodurch das kleine Mädchen aufhörte zu weinen und vor Freude quiekte.

Jetzt da der Schock überstanden war, bemerkte Evan, dass sie eine gutaussehende, junge Frau war, obwohl ihr hellrotes Haar, die gezupften und nachgezogenen Augenbrauen und ihr starkes Make-up in Llanfair genauso fehl am Platz wirkten wie die knappen, weißen Shorts und das Träger-Oberteil mit Hawaii-Druck, die sie trug. Nicht, dass sie ihr nicht gestanden hätten, mit diesen langen Beinen ...

Evan zwang seine Gedanken, zum Geschäftlichen zurückzukehren. »Dann sind Sie hier im Urlaub?«

Die junge Frau sah auf, das kleine Mädchen klammerte sich immer noch an ihren Hals. »Nein, wir sind vor ein paar Tagen hergezogen.«

»Hergezogen? Für immer, meinen Sie?« Evan war überrascht. Üblicherweise wusste die Gerüchteküche Bescheid, sobald jemand Neues ins Dorf kam. Diese Frau schien sich unbemerkt eingeschlichen zu haben.

»Ich kann noch nicht sagen, für wie lange es sein wird.« Die Frau lächelte wieder. Da lag etwas Wehmütiges in ihrem Lächeln. »Ich dachte, wir versuchen es mal hier. Ich wollte, dass sie an einem gesunden und sicheren Ort aufwächst, weit weg von all den Drogen und Verbrechen.«

»Aber warum hier?«, fragte Evan. »Sie sind keine Waliserin, oder?«

Sie kicherte. »Wenn Sie gehört hätten, wie ich versuche Chlanfair zu sagen, wüssten Sie die Antwort. Nein, ich habe keine Verbindungen hierher, was einen Teil des Reizes ausmacht, nehme ich an.«

»Warum dann hier? Waren Sie als Kind in den Ferien hier?«

Sie hielt einen Augenblick inne und starrte an ihm vorbei in die grünen Hügel. Evan fragte sich, ob er zu neugierig war. »Tut mir leid, dass ich Sie so ins Kreuzverhör nehme«, sagte er. »Ich überlasse Sie wieder ihrem Tee.«

»Ich weiß selbst nicht genau, was mich herkommen ließ«, sagte sie als er sich entfernte. »Ich habe den Ort vorher nicht einmal gesehen – zumindest nicht in natura. Ich, na ja, hörte davon und es schien wie ein guter Ort, um ein Kind großzuziehen.«

»Und was halten Sie jetzt davon, da Sie hier sind?«, fragte Evan.

Sie blickte die Straße hinauf und hinunter. Ein paar Männer gingen auf dem Weg zum Pub vorüber, Hände in den Taschen und Mützen tief ins Gesicht gezogen. Die Straße hinunter trat eine Frau aus ihrem Cottage, und rief im Gehen eine Flut walisischer Schimpfwörter über die Schulter.

Die junge Frau wandte sich wieder Evan zu. »Ich hätte nicht erwartet, dass es so ... anders ist. Ich werde niemals lernen, Walisisch zu sprechen. Ich nehme an, ich werde immer eine Außenstehende sein.«

»Lassen Sie den Leuten Zeit«, sagte Evan. »Sie sind ziemlich freundlich, sobald sie sich an Sie gewöhnen. Waliser sind einfach ein wenig scheu und argwöhnisch gegenüber Fremden.«

»Sie wirken nicht allzu scheu.« Die Frau schenkte ihm ein herausforderndes Lächeln.

»Ach, nun, das ist mein Job, nicht wahr?« Evan spürte, dass er rot anlief und verfluchte seine helle, keltische Haut dafür, die kleinste Verlegenheit preiszugeben.

»Dann sind Sie der Dorfpolizist, ja?«

Evan nickte. »Constable Evans. Ich leite die Polizeistation der Gemeinde.«

Sie bekam einen Arm frei, obwohl sich das kleine Mädchen noch immer an sie klammerte, und streckte ihm die Hand entgegen. »Freut mich, Sie kennenzulernen, Constable Evans. Ich bin Annie. Annie Pigeon.«

»Schön Sie kennenzulernen, Annie.« Evan nahm ihre Hand. »Willkommen in Llanfair. Wenn Sie Hilfe brauchen, kommen Sie zu mir.« Er schenkte ihr ein freundliches Lächeln. »Ich mache mich besser auf den Weg. Ich muss mich im Hauptquartier melden, ehe ich zur Nacht zusperre. Wir sehen uns, Annie, und wir auch, Jenny. Und renn nicht mehr ohne deine Mama auf die Straße, ja?«

Das kleine Mädchen blickte ihn schüchtern an und vergrub dann das Gesicht an der Schulter ihrer Mutter.

»Sie ist gegenüber Fremden recht scheu, so wie ihr Waliser«, sagte Annie mit herausforderndem Blick. »Ich mache mich besser wieder ans Kochen, sofern man Baked Beans und Frankfurter Würstchen als Kochen bezeichnen kann. Wir sehen uns, Constable, oder haben Sie einen Vornamen?«

»Evan.«

»Evan Evans?« Sie stieß ein spitzes Lachen aus. »Das ist so verdammt walisisch, walisischer geht es nicht, oder?«

Evan lief weiter, als sie sich auf ihre Haustür zubewegte.

»Tschüss, Evan«, rief sie ihm nach. »Wir sehen uns. Komm schon Jenny, verabschiede dich.«

Er drehte sich um, doch Jennys Gesicht war immer noch vergraben. Er ging weiter die Straße hinab, fasziniert von Annie Pigeon, die spontan an einem Ort auftauchte, den sie nie zuvor besucht hatte. Warum? Warum sollte ein Großstadtmädchen aus England in ein abgelegenes Dorf in Wales ziehen? Er hatte das Gefühl, dass es keinen Mr. Pigeon gab, und wahrscheinlich nie gegeben hatte. Für eine alleinerziehende Mutter würde es nicht leicht werden, soviel war sicher. Man konnte nicht abstreiten, dass die Waliser lange brauchten, bis sie sich Fremden gegenüber erwärmten, und die meisten Menschen in Llanfair sprachen eher Walisisch als Englisch. Er würde tun müssen, was in seiner Macht stand ...

Er hielt abrupt inne, als er mehr spürte denn sah, dass ihn jemand beobachtete. Bronwen Price lehnte sich über das Tor zum Schulhof. Ihr aschblonder Zopf hing über einer Schulter und der Wind wehte ihr lose Strähnen ins Gesicht. Sie trug einen langen, blauen Baumwollrock und eine blaue Jeansbluse, die zu ihren Augen passte.

»Guten Abend, Evan«, sagte sie und wiederholte dabei seinen Namen exakt so, wie Annie ihn hinterhergerufen hatte.

3. Kapitel

»Verdammt«, murmelte Evan.

Er lächelte sie an, während er zu ihr herüberschlenderte. »Oh, hallo, Bronwen. Du arbeitest heute wohl länger, wie?«

»Dasselbe könnte ich über dich sagen«, entgegnete Bronwen, ihr Blick richtete sich an ihm vorbei auf die sich gerade schließende Haustür. »Hast du die Touristen über die hiesigen Sehenswürdigkeiten informiert?«

Evan konnte an ihrem Tonfall nicht erkennen, ob sie verärgert oder belustigt war. »Sie ist keine Touristin. Sie ist gerade hergezogen. Kommt aus Manchester und ist allem Anschein nach nie zuvor aus der Stadt rausgekommen. Das kleine Mädchen hielt ein Schaf für einen Bären.« Er versuchte zu lachen, aber Bronwen sah ihn immer noch mit großen Augen und ernstem Blick an. »Ich stelle mir das nicht so leicht vor, herzukommen, ohne Walisisch zu sprechen.«

»Also wirst du ihr dabei helfen, sich einzugewöhnen.«

»Ich glaube, das sollten wir alle tun«, sagte Evan. »Es ist sicher nicht leicht, alleine mit einem kleinen Kind.«

»Du kennst dich mit Schwierigkeiten aus, Evan Evans«, sagte Bronwen. »Du bist einfach ein zu groß geratener Pfadfinder. Kannst nicht aufhören, den Menschen zu helfen, nicht wahr?«

»Ich mache nur meine Arbeit, Bronwen.«

»Natürlich«, sagte sie und schenkte ihm ein liebliches Lächeln. »Du machst dich besser auf den Weg und schließt die Station, oder? Sie werden sich unten in Caernarfon fragen, wohin du verschwunden bist.«

Sie wandte sich vom Tor ab und Evan ging verdrießlich und verwirrt weiter. Hatte sie ihn nur geneckt oder glaubte sie wirklich, dass er Annie Pigeon unnötig viel Aufmerksamkeit geschenkt hatte? Warum war es so verdammt schwer, Frauen zu verstehen? Und warum sollte es eine Rolle spielen, was sie dachte? Sie waren ja nicht verlobt oder gingen auch nur offiziell miteinander aus. Und doch wusste Evan, dass es eine Rolle spielte. Er machte sich mehr aus Bronwen, als er sich einzugestehen wagte. Er hatte sie gern in seiner Nähe. Er verließ sich mittlerweile auf sie. Wie Henry Higgins hatte er sich an ihr Gesicht gewöhnt. Und er ging auf die dreißig zu – ein Alter, in dem ein Mann darüber nachdenken sollte, sesshaft zu werden.

Es war fast sieben Uhr, als Evan sich endlich auf den Heimweg machte. Er hatte nachdenklich an seinem Schreibtisch gesessen, und der Papierkram zum Wochenabschluss hatte ihn mehr Zeit als üblich gekostet.

»Kommst du nicht mehr auf einen Drink vorbei, Evan bach?«, rief Charlie Hopkins nicht nur seinen Namen, sondern auch das walisische Kosewort, als sie sich auf der Straße begegneten. »Es ist Freitagabend, nicht?«

»Ich werde da sein«, rief Evan zurück. »Ich muss nur erst nach Hause und mich umziehen. Ich darf nicht in Uniform trinken, du weißt schon: Das wirft ein schlechtes Licht auf die Polizei.«

Das Haus von Mrs. Williams lag auf der als bessergestellt angesehenen Straßenseite. Anders als die direkt aneinandergebaute Reihe von Cottages standen die Häuser gegenüber der Tankstelle in drei halbwegs separierten Paaren. Es waren ebenfalls einfache Gebäude aus grauem Stein, kaum besser als die anderen Cottages, aber man erachtete sie als den gehobenen Teil von Llanfair, nur aus dem Grund, dass sie darüber verfügten, was Mrs. Williams vorderen und hinteren Salon nannte, beide von speziellen Anlässen abgesehen völlig ungenutzt, und zudem das, was Mrs. William großspurig Vorgarten nannte – in Wirklichkeit nur ein guter Quadratmeter Erde, in dem einige traurige Rosen wuchsen.

»Sind Sie das, Mr. Evans?« Mrs. Williams’ Stimme trällerte durch den dunklen Flur, als er versuchte, leise die Haustür hinter sich zu schließen. Er fragte sich immer wieder, warum die Polizei Mrs. Williams nicht als örtliches Radargerät einstellte. Sie hatte einen unglaublichen sechsten Sinn, der sie alarmierte, wenn sich sein Schlüssel in die Vordertür schob, selbst wenn der Fernseher plärrte oder sie sich in der Küche im hinteren Teil des Hauses verbarrikadiert hatte. Es war unmöglich, unbemerkt herein- oder herauszukommen, obwohl Evan es noch immer versuchte.

»Nein, Mrs. Williams. Ein Einbrecher«, rief Evan zurück, »der zufällig den Haustürschlüssel besitzt.«

Mrs. Williams’ Gesicht, rot vom Kochen und mit Schweißperlen übersäht, erschien in der offenen Küchentür. »Sagen Sie so etwas nicht, Mr. Evans. Sie wissen, dass ich eine Heidenangst vor Dieben habe. Es war der glücklichste Tag meines Lebens, als ein Polizist bei mir einzog. Und wissen Sie, was meine Tochter gesagt hat? Sie sagte, sie werden zweimal darüber nachdenken, hier einzubrechen, jetzt da ich einen großen, starken Mann wie Sie im Haus habe. Sie hält sehr viel auf Sie, meine Tochter. Meine Enkelin natürlich auch. Wir alle.« Sie kam ihm durch den Flur entgegen und ergriff seinen Arm. »Jetzt kommen Sie und setzen Sie sich. Ihr Abendessen ist fertig und wartet.«

»Ich glaube, ich warte mit dem Essen noch eine Weile, wenn es Ihnen nichts ausmacht, Mrs. Williams«, sagte Evan vorsichtig. »Ich habe einigen der Jungs versprochen, dass ich sie unten im Dragon treffen würde. Es ist immerhin Freitagabend.«

»Aber ich haben Ihnen Lamm-Cawl gemacht«, sagte sie, und meinte damit den ortsüblichen, dicken, walisischen Lammeintopf. »Ihre Leibspeise.« Alles was sie kochte, war anscheinend Evans Leibspeise. »Ich habe eine köstliche Lammschulter von Fleischer-Evans geholt. Und wenn wir gerade von ihm sprechen«, fuhr sie fort, »haben Sie gehört, dass eine dieser Engländerinnen, die auf dem Hof der Morgans wohnt, sich erdreistet hat, ihn zu fragen, warum er kein englisches Lammfleisch auf Lager hätte? So eine Frechheit. Fleischer-Evans hat in seinem ganzen Leben noch kein ausländisches Fleisch verkauft!«

In Gedanken machte Evan der Effizienz der dörflichen Gerüchteküche ein Kompliment und erinnerte sich dann an seine Begegnung. »Wussten Sie, dass wir neben Charlie Hopkins neue Einwohner haben?«, fragte er.

»Neue Leute? Die das alte Cottage von Mrs. Hughes mieten?« Mrs. Williams sah überrascht aus.

»Sie sind vor ein paar Tagen eingezogen«, sagte Evan, begeistert, dass ausnahmsweise er einmal punkten konnte. »Eine Mutter und ihre kleine Tochter.«

»Nein, sowas«, sagte Mrs. Williams. »Und wir haben nichts davon gehört? Allerdings glaube ich, dass es von diesem noblen Immobilienmakler unten in Caernarfon vermietet wurde. Sind sie über den Sommer hier?«

»Vielleicht für immer«, sagte Evan.

»Und der Ehemann wird zweifellos zu ihnen stoßen, nicht wahr?«

»Da bin ich mir nicht so sicher«, sagte Evan taktvoll.

Mrs. Williams schnaubte. »Achten Sie nur darauf, dass sie nicht versucht, ihre Klauen in Sie zu schlagen«, sagte sie. »Ein gutaussehender, junger Kerl wie Sie, und Sie sind auch noch im richtigen Alter, um sesshaft zu werden. Sie sollten eine nette Frau aus der Gegend finden, eine die kochen kann und sich vernünftig um Sie kümmert.« Sie verstummte, als wäre ihr gerade ein Gedanke gekommen. »Woran erinnert mich das?« Sie legte sich eine Hand auf den Mund, dann breitete sich ein breites Grinsen über ihr Gesicht aus. »Oh, übrigens, habe ich Ihnen schon erzählt, dass unsere Sharon bei der Abendschule einen dieser kontinentalen Kochkurse besucht? Letzte Woche gab es Spaghetti Bolognese und diese Woche irgendeine Art französischen Fischeintopf – Bulabäse nannte sie es, glaube ich. Sie ist mittlerweile eine recht gute Köchin und kommt morgen wie üblich zu Besuch.«

Evan lächelte höflich. Er brachte es einfach nicht übers Herz, Mrs. Williams zu sagen, dass ihre Enkelin Sharon die Statur eines Rugby-Fallbacks hatte, und die höchst nervige Eigenschaft, bei allem was er sagte, wie eine Teenagerin zu kichern. Bronwen hatte ihm gesagt, eines seiner Probleme sei, dass er es hasste, die Gefühle anderer Leute zu verletzen. Vielleicht sollte er jetzt anfangen, daran zu arbeiten.

»Ich werde mich nur schnell umziehen, dann gehe ich zum Dragon runter, Mrs. Williams«, sagte er. »Warum stellen sie meinen Lamm-Cawl nicht in den Ofen? Ich esse ihn, wenn ich zurückkomme.«

»Ganz wie Sie wollen, Mr. Evans.« Mrs. Williams sah verletzt aus, aber sie gab ohne Streit auf und ging in die Küche zurück. Für Evan fühlte sich das wie ein kleiner Sieg an und er ging die Treppe hinauf, um seine Uniform abzulegen.

Im Red Dragon war der Freitagabend schon in vollem Gange, als Evan die schwere Eichentür aufstieß. Eine große Bar aus Eichenholz trennte den Hauptraum, ehemals die öffentliche Kneipe, von der vornehmeren Lounge, ehemals die Privatkneipe, mit Eichentischen und Kamin. Beide Räume waren eichengetäfelt und in dem großen Kamin brannte ganzjährig ein Feuer. Laute Gespräche konkurrierten mit Frank Sinatra aus der Jukebox. Llanfair war im Musikgeschmack nicht ganz auf dem neuesten Stand. Zigarettenqualm hing schwer in der Luft und in der Lounge nebenan brach großes Gelächter aus, als Evan gerade hereinkam. Er sah sich nach Fleischer-Evans und den anderen Stammkunden um, aber er konnte sie nicht entdecken. Eine Gruppe junger Männer, die aktuell an der Straße oberhalb von Llanberis arbeitete, stand in der Ecke. Evan fragte sich, ob er sich dazugesellen sollte, als eine klare, helle Stimme erklang.

»Da ist er ja endlich. Wir haben uns schon gefragt, wo du abgeblieben bist, Evan bach

Die Stimme gehörte der anderen Komplikation in Evans Leben. Betsy, die blonde, üppige Bardame des Red Dragon, hatte offenkundig Gefallen an Evan gefunden und war entschlossen, ihn auch für sich zu gewinnen. Bislang war es Evan gelungen, sich ihren verlockenden Einladungen zu ausländischen Filmen und Tänzen in Caernarfon zu entziehen, aber Betsy stellte ihm noch immer so eifrig nach wie eh und je. Evan fragte sich manchmal, ob er nur deshalb zögerte, ihr gerade heraus zu sagen, dass er nicht interessiert war, weil er ihre Gefühle nicht verletzen wollte. Tatsächlich sagte er sich manchmal, dass er verrückt sein müsse. Die Hälfte der Männer im Dorf hätten sich für eine Verabredung mit Betsy geprügelt und sogar Evan hatte sich gelegentlich ausgemalt, was er womöglich verpasste.

In der Kneipe war es warm und Betsy trug einen Bodysuit aus schwarzem Elastan und einen schwarzen Leder-Minirock. Um die Taille trug sie eine absurd kleine, gekräuselte, weiße Schürze, die absolut keinen Schutz bot und sie wie ein Dienstmädchen aus einer französischen Schmierenkomödie aussehen ließ. Evan war sich ziemlich sicher, dass sie unter dem Bodysuit keinen BH trug. Dazu hatte sie die Angewohnheit, sich zum Plaudern mit Kunden über die Bar zu lehnen, was ihren Ausschnitt noch tiefer werden ließ.

Sie lehnte sich auch jetzt vor, als Evan den Raum betrat, und beobachtete ihn mit unverfrorenem Interesse.

»Ich bin froh, dass du die muffige, alte Uniform abgelegt hast«, sagte sie, als er sich der Bar näherte. »Dieses T-Shirt steht dir gut, Evan Evans. Betont deine Muskeln.«

Sie warf einem der jungen Männer einen wütenden Blick zu, der seinen Kumpel anstieß und grinste. »Was habe ich jetzt wieder Lustiges gesagt, Eimer-Barry?«, fragte sie fordernd. »Ich darf beim Einkaufen ja wohl die Ware betrachten, oder nicht?« Sie richtete die ganze Macht ihres Blickes wieder auf Evan. »Dann bist du heute Abend ganz allein, ja, Evan bach? Ich schätze, Bronwen Price ist wieder zur Vogelbeobachtung draußen? Glück für mich. Ein Pint Guinness, richtig?«

Evan war erleichtert, dass er bislang noch nicht gezwungen war, sich an der Unterhaltung zu beteiligen.

»Ich dachte, ich probiere heute mal das McAffreys«, sagte Evans und deutete auf den Zapfhahn eines anderen irischen Stouts. »Mit ist nach Abwechslung zumute.«

Betsy fuhr sich mit der Zunge über die tiefroten Lippen. »Ich mag Männer, die offen für Experimente sind.«

Es lagen so viele Andeutungen in dieser Aussage und sie blickte Evan so freimütig an, dass er eilig kommentiere: »Wie ich sehe, ist der Colonel noch nicht hier.«

Betsy sah sich um. »Stimmt. Ich frage mich, wo er hin ist. Es ist sonst immer seine Art, hier zu sein, sobald wir öffnen.«

»Ich habe ihn vorhin auf dem Hang über dem Hof der Morgans gesehen«, sagte Evan. »Ich hoffe, ihm ist nichts passiert. Er ist nicht mehr so jung, wie er sich fühlt, und der Weg ist an manchen Stellen ziemlich abschüssig.«

»Oh, mach dir keine Sorgen um ihn«, sagte Betsy, während sie Evan sein Pint Bier zapfte. Er ist fit wie ein Turnschuh und das weißt du auch. Und in dem alten Hund steckt noch viel Lebenskraft, wenn du verstehst, was ich meine. Mir ist aufgefallen, dass er sich immer gründlich unter meinem Rock umsieht, wenn ich auf den Hocker steigen muss, um an das Regal mit den alten Single Malt Whiskys dranzukommen – so wie andere Leute auch, wenn ich das mal sagen darf«, fügte sie hinzu und starrte Evan wissend an. »Und einmal hat er mir in den Hintern gekniffen, als ich mich bückte.« Sie schenkte Evan ein herausforderndes Lächeln.

Evan war gerade aufgefallen, dass Betsy eine lange Silberkette um den Hals trug. Was immer an dieser Silberkette hing, war in ihrem Dekolleté verschwunden. Er versuchte sich von Spekulationen über die Art des Anhängers abzuhalten.

»Nichtsdestotrotz«, fuhr er fort und versuchte, das Gesprächsthema in sicherere Gewässer zu steuern, »ist er immer zur Öffnung der Kneipe da, oder?«

»Wie lang ist das her, dass du ihn am Hang gesehen hast?«

»Muss jetzt eine gute Stunde sein.«

»Na, da hast du’s«, sagte Betsy. »Er muss eine Weile gebraucht haben, um vom Hang der Morgans herunterzukommen, und du weißt, wie eitel er bei seinem Auftreten ist. Er ist bestimmt zu den Owens gegangen, um sich umzuziehen, oder nicht?«

Evan lächelte. »Du hast vermutlich recht«, sagte er.

»Ich habe meistens recht«, sagte Betsy und machte ihm schöne Augen. »Wo wir gerade davon sprechen, im Kinocenter von Colwyn Bay läuft ein neuer Film, den ich unbedingt sehen will. Ich dachte, vielleicht ...«

Glücklicherweise blieb es Evan erspart, sich eine Ausrede einfallen zu lassen, weil ein Mann mit einem Tablett leerer Gläser zu ihnen stieß.

»Das Gleiche nochmal, Betsy-Maus«, sagte er und schob ihr das Tablett entgegen. »Nur Brains.« Er meinte ein populäres Bier aus Cardiff.

»Nur Hirn, keine Muskeln, wollen Sie das sagen, Mr. Roberts?«, witzelte Betsy.

»Zusammen haben wir genug Muskeln, um mit dir fertig zu werden, Betsy-Maus«, sagte Roberts und grinste Evan an. »’N Abend, Constable Evans.«

»’N Abend, Pumpen-Roberts«, sagte Evan. Mr. Roberts war der Eigentümer von Llanfairs einziger Tankstelle und Autowerkstatt. »Was machen Sie drüben in der Lounge? Haben Sie Besuch oder werden Sie plötzlich piekfein?«

»Wir sitzen da alle mit Ted Morgan«, sagte Pumpen-Roberts. »Wir schwelgen ein bisschen in Erinnerungen. Als Jungs waren wir gemeinsam an der Schule hier.«

»Der Sohn vom alten Taff Morgan, meinen Sie?« Evan war überrascht.

»Genau.«

»Was macht er hier? Ich dachte, er käme nie auch nur in die Nähe des Dorfes«, sagte Evan. »Ich hörte, dass er zwanzig Jahre lang nicht mehr hier gewesen sei.«

»Das stimmt. Er war nicht mal in der Nähe.« Ein Mann, der schweigend an der Bar gestanden hatte, kam zu ihnen herübergeschlendert. Er trug die typische Landwirts-Kluft aus Tweedsakko, Tweedmütze, in die Socken gestopfter Hose, damit er auf dem Motorrad über sein Land fahren konnte, und sehr schlammigen Stiefeln. »Hat sich nicht einmal zur Beerdigung seines eigenen Vaters blicken lassen, nicht wahr, und jetzt hat er den Hof geerbt, taucht seelenruhig hier auf, spielt sich wie eine große Nummer aus London auf und lädt alle auf Drinks ein.«

In seiner Stimme lag echte Bosheit, und Evan fragte sich kurz, ob es daran lag, dass er nichts von den Freigetränken abbekommen hatte. Dann erinnerte er sich daran, wer sein Gegenüber war: Sam Hoskins, ein Landwirt aus dem Tal bei Beddgelert, der mit Taff Morgans Tochter verheiratet war.

Betsy lehnte sich über den Tresen und dehnte dabei den Bodysuit bis zu einer gefährlichen Grenze. »Kein Wunder, dass du aufgebracht bist, Sam. Es scheint nicht fair zu sein. Er hat schon Grundbesitz über ganz London verteilt, und jetzt bekommt er auch noch den Hof.«

»Er hat alles bekommen, und meine Gwyneth, die sich um ihren alten Vater gekümmert hat, seine Wäsche gemacht und seine Socken gestopft hat, bekam nicht einmal einen Dankesbrief.«

Evan sah Sam überrascht an. »Ich habe den alten Taff nicht besonders gut gekannt, aber er schien ein recht anständiger alter Kerl zu sein. Warum hat er Ted alles vermacht?«

»Das ist leicht zu beantworten«, sagte Betsy. »Er glaubte, Ted hätte das Glück gepachtet, nicht wahr? Jedes Mal, wenn er hier war, prahlte er mit seinem Sohn, dem reichen Geschäftsmann aus London mit all seinem Grundbesitz, der einen Jaguar fuhr und übers Wochenende nach Paris flog. Er war so unheimlich stolz auf Ted. Du hättest sehen müssen, wie aufgeregt er hier hereinkam, wenn Ted ihm mal geschrieben hatte.«

»Aber warum hinterließ er Ted den Hof, wenn es so aussah, als würde er auch ohne ihn gut zurechtkommen?«, fragte Evan. »Er hat doch wohl nicht geglaubt, dass Ted je hierher zurückkommen und in die Landwirtschaft einsteigen würde, oder?«

Sam Hoskins schnaubte. »Der dumme, alte Narr hat vor Jahren ein Testament gemacht und es nie geändert. Ich nehme an, er hat immer gehofft, dass Ted eines Tages die Nase voll hätte von London und nach Hause kommen würde.«

»Nun, jetzt ist es so weit«, sagte Pumpen-Roberts, »also hat es wohl funktioniert, nicht wahr?«

Betsy füllte mit fachkundiger Leichtigkeit ein Glas nach dem anderen und ließ genau die richtige Menge Schaum über den Rand ragen. »Er würde doch nie hierher zurückkommen um hier zu leben, oder?«, fragte sie.

»Er sagt, er möchte es mal ausprobieren«, antwortete Pumpen-Roberts.

»In diesem Loch?« Betsy füllte das letzte Glas. »Was würde er denn hier mit sich anfangen? Und was ist mit seinen Geschäften in London?«

»Wenn du das wirklich wissen willst«, sagte Pumpen-Roberts und lehnte sich auf vertrauliche Weise zu ihr. »Er denkt darüber nach, die alte Schiefermine zu kaufen.«

»Aber die ist zu, seit ich ein kleines Mädchen war!«, rief Betsy laut genug, dass alle in der Kneipe sich umdrehten und zuhörten. »Ted Morgan denkt darüber nach, die alte Schiefermine wieder aufzumachen?«

»Warum sollte er das machen wollen?«, murmelte jemand. »Er sollte sich mal das Hirn untersuchen lassen.«

»Das würde ich so nicht sagen. Es wäre gut für Llanfair, oder nicht?«, sagte Pumpen-Roberts. »Denkt mal an die zusätzlichen Kunden.«

»Und all die Arbeitsplätze«, sagte Betsy aufgeregt. »Mein alter Herr hat nicht gearbeitet, seit sie die Mine geschlossen haben. Vielleicht will er wieder hin.«

»Dein alter Herr würde lieber zuhause rumsitzen, fernsehen und Arbeitslosengeld kassieren, Betsy-Maus«, kommentierte jemand aus der Ecke beim Feuer. »Man kann sich kaum vorstellen, dass er jetzt noch an Felswänden hochklettert, oder?«

»Er wüsste noch, wie’s geht«, sagte Betsy stolz. »Er hilft bei der Bergrettung, nicht wahr, Evan?«

Evan nickte, scheute sich aber zu erklären, dass Betsys Vater üblicherweise sturzbetrunken und für die Bergrettung eher ein Hindernis war, denn eine Hilfe.

»Ich kann mir vorstellen, dass es in der Gegend viele Männer gibt, die gerne ihre alte Arbeit wiederhätten«, fuhr Betsy fort, während sie sich über die Bar lehnte und sich damit die plötzliche Aufmerksamkeit aller Männer sicherte. »Das würde auch ein wenig Leben in diesen öden, alten Ort bringen. Vielleicht würden sie einen Supermarkt bauen, oder eins dieser Kinocenter, wie in Colwyn Bay.«

»Du kannst dir vorstellen, was Fleischer-Evans dazu zu sagen hätte.« Sam Hoskins kicherte.

»Er würde jeden mit seinem Fleischerbeil angreifen, der versucht, hier einen Supermarkt hinzustellen«, kommentierte Pub-Harry.

»Ich verstehe nicht, wie ein kluger Geschäftsmann aus London glauben kann, dass diese Mine eine gute Investition wäre«, verkündete Hochwürden Parry Davies und trat aus der Ecke heraus, in der er sich beim Trinken üblicherweise verbarg. »Sie hat schon lange vor ihrer Schließung nur Verluste erwirtschaftet.«

»Vielleicht fühlt sich Ted Morgan schuldig, weil er all das Geld hat, und möchte seiner Gemeinde etwas Gutes tun«, schlug Betsy mit ihrer üblichen, großäugigen Naivität vor.

Sam Hoskins prustete in sein Bier: »Er? Wann hat er je etwas Nettes für irgendjemanden getan? Er wollte nicht mal seiner Schwester fünfhundert Pfund leihen, als unser Schaf dieses Virus hatte und wir die Tierarztrechnungen bezahlen mussten.«

Hochwürden Parry Davies hustete. »Ich erinnere mich an Ted Morgan, als er in meine Sonntagsschule ging und ich glaube nicht, dass Altruismus je eine seiner Stärken war.«

»Wie bitte?« Betsy sah ihn ausdruckslos an. »Altru was?«

»Nett zu anderen sein, Betsy«, sagte Hochwürden Parry Davies. »Ich erinnere mich daran, dass Ted die größte Murmelsammlung im Dorf hatte, erworben auf fairen und unfairen Wegen.«

»Vielleicht hat er das Licht gesehen, Hochwürden«, sagte Pumpen-Roberts, während er das Tablett mit den Biergläsern aufnahm und zu der lautstarken Party im Nachbarraum zurückkehrte. »Vielleicht hat er zum Glauben gefunden, dank dieser weit zurückliegenden Besuche in der Sonntagsschule.« Er drehte sich um und zwinkerte Evan zu. »Warum kommen Sie nicht mit rüber und gesellen sich zu uns, Gesetz-Evans? Wir haben Ted schon viel von Ihnen erzählt.«

»Nur die guten Sachen, hoffe ich«, sagte Evan und blickte verlegen zu Sam Hoskins, der mit verschränken Armen dastand und auf seine großen Stiefel hinabstarrte. »In einer Minute vielleicht. Ich frage mich noch immer, ob ich nach dem Colonel sehen sollte. Ich habe noch nie erlebt, dass er so spät kommt.«

Wie aufs Stichwort flog die Tür auf und Colonel Arbuthnot eilte herein, Schweiß perlte von seinem scharlachroten Gesicht.

»Ich habe sie gefunden«, bekam er gerade so keuchend heraus. »Ich habe sie endlich gefunden!«

4. Kapitel

Evan stieß einen erleichterten Seufzer aus, während der Colonel auf die Bar zuwankte. Er konnte sich nicht erklären, warum er sich solche Sorgen gemacht hatte. Der Colonel verbrachte jeden Tag damit, durch die Berge zu wandern, und nie war ihm etwas passiert. Wie Betsy sagte, er war fit wie ein Turnschuh.

Pub-Harry schenkte eilig einen großzügigen Schluck Scotch aus, während sich der Colonel an die Bar lehnte und keuchend nach Luft rang.

»Was haben Sie gefunden, Colonel?«, fragte Betsy, während Evan ihm zu Hilfe eilte.

Der Colonel stürzte den Scotch in einem Schluck herunter, erschauderte und atmete tief und schnaufend durch. »König Artus«, sage er. »Ich habe endlich die Burg von König Artus gefunden.«

»Die habe ich auch schon ein paar Mal gesehen.« Einer der jungen Männer kicherte vor sich hin. »Lauter Türme und wehende Banner, nicht wahr?«

»Oder vielleicht werden Sie kurzsichtig, Colonel, und haben König Artus’ Burg mit dem Everest Inn verwechselt«, witzelte Barry, der Fahrer der Planierraupe, und stieß seinem Kollegen kräftig in die Rippen. »Das kann leicht passieren, mit all diesen Flaggen und Geranien, was?«

Er wirkte sehr selbstzufrieden, während er seine Begleiter angrinste.

»Halt die Klappe, Eimer-Barry«, sagte Betsy und blickte den grinsenden Mann grimmig an. »Wenn der Colonel sagt, dass er König Artus gefunden hat, dann hat er das auch.«

»Und war die Tafelrunde auch dort?«, fuhr Barry unverdrossen fort.

»Erzählen Sie uns davon, Colonel«, sagte Betsy ermutigend.

Der Colonel atmete noch immer schwer und sein Gesicht war noch beinahe violett. »Sie ist völlig von Ginster und Farnkraut überwuchert«, sagte er. »Also konnte man direkt daran vorbeigehen, ohne sie zu bemerken. Aber sie ist wirklich sehr alt. Solide Steinmauern und eine große Steinplatte als Boden. Und genau an der richtigen Stelle, um den Pass zu bewachen. Es muss eine mittelalterliche Festung sein.«

»Wo war das, Colonel?«, fragte Evan. »Oben, über dem Hof der Morgans, wo ich Sie vorhin gesehen habe?«

»Exakt«, sagte Colonel Arbuthnot. »Und relativ nah an der alten Schiefermine. Ich muss schon hundert Mal daran vorbeigegangen sein, ohne sie zu bemerken.« Er holte schnaufend Luft. »Ich glaube, ich brauche noch einen Scotch, Harry, mein Guter. Die Aufregung war einfach zu viel.« Er holte ein altertümliches Taschentuch mit Mottenlöchern hervor und wischte sich über die Stirn. »Ich eilte herunter und wäre direkt hergekommen, aber ich bin an dieser vermaledeiten, steilen Stelle ausgerutscht und habe mir die Hose schmutzig gemacht. Also musste ich natürlich bei den Owens reinschauen und mich erst umziehen.«

Betsy schenkte Evan ein wissendes Grinsen.

»Das ist höchst interessant«, sagte Hochwürden Parry Davies, als er zu ihnen stieß. »Wirklich höchst interessant. Wir sollten morgen früh das Archäologische Institut der Bangor University informieren.«

»Warum gehen wir nicht gleich hoch und schauen uns um?«, fragte Eimer-Barry.

»Heute Abend?«, wollte Betsy wissen.

»Wir sollten doch sicher sein, dass der Colonel wirklich etwas gefunden hat, ehe jemand den Professor der Bangor anruft, oder nicht? Und es wird erst in ein paar Stunden dunkel«, sagte Barry.

»Aber der Colonel ist erschöpft. Er wird sicher nicht noch einmal den Aufstieg machen wollen.«

»Meine liebe Miss Betsy«, sagte Colonel Arbuthnot und richtete sich zu voller Größe auf, »ich lasse nicht zu, dass jemand behauptet, ein Mitglied der Khyber Rifles wäre für irgendetwas zu erschöpft. Noch ein Scotch und ich könnte den Mount Everest erklimmen!«

Er stürzte seinen Drink in einem Schluck herunter und wurde unter Applaus von einer lautstarken Woge aus Walisern aus dem Pub gespült. Pumpen-Roberts stellte sein Bier-Tablett ab. Ein paar der Männer kamen aus dem Nachbarraum, um zu sehen, was los war.

»Der Colonel hat die Burg von König Artus gefunden«, rief Pumpen-Roberts. »Und wir sehen uns das jetzt an.«

»Die Burg von König Artus? Das glaube ich nicht.« Milchmann-Evans lachte.

»Nun, ich glaube ihm«, sagte Fleischer-Evans. »Ich habe immer gewusst, dass es hier in Wales sein würde, wenn sie König Artus eines Tages finden.«

»Nun, ich werde nicht für ein sinnloses Unterfangen in die Berge hinaufrennen«, sagte Milchmann-Evans.

»Keine Lust?«, spottete Fleischer-Evans. »Aber ich habe ja schon immer gesagt, dass du vom schwächeren Teil der Familie abstammst, nicht wahr?«

»Wer behauptet denn, dass ich keine Lust hätte?«, fragte Milchmann-Evans und schloss sich dem Getümmel an, das sich durch die schmale Kneipentür drängelte.

Wie ein Hunderudel, das Witterung aufgenommen hat, stürmten sie über die Dorfstraße und den Schafspfad hinauf, ohne langsamer zu werden, bis der Colonel nach einem steilen Anstieg schwer atmend, aber triumphierend am Ort seiner Entdeckung stehenblieb. Dienstbare Geister rissen Ginster und Gras heraus.

»Das ist definitiv eine Ruine«, verkündete Fleischer-Evans. »Und mit guten, soliden Mauern. So wie König Artus sie gebaut hätte.«

»Aber sie ist nicht besonders groß, oder?« Eimer-Barry kicherte. »Ich meine, es hätte schon eine sehr kleine Tafelrunde sein müssen, um hier reinzupassen, nicht? Hier ist weniger Platz als hinterm Tresen unten im Dragon, und das will was heißen.«

»Es muss nicht sein Hauptsitz gewesen sein«, sagte Colonel Arbuthnot. »Das hier war offensichtlich ein Wachposten. Aber wenn wir ein paar Artefakte finden könnten ...«

»Vielleicht ein oder zwei Kronen«, schlug Barry vor und stieß verstohlen seine Freunde an.

»Oder einen verrotteten Holztisch?« Einer der Männer kicherte.

»Excalibur würde es auch tun«, schlug ein anderer vor.

»Einen Moment. Seid alle still«, sagte Hochwürden Parry Davies mit solcher Autorität, dass alle in Schweigen verfielen. »Ich glaube, wir haben hier eine bedeutende Entdeckung gemacht. Ich habe immer an die Existenz dieses Ortes geglaubt, und ich denke, wir haben ihn endlich gefunden.«

»Die Burg von König Artus?«, fragten ungläubige Stimmen.

»Nein, nicht die Burg von König Artus«, sagte Hochwürden Parry Davies überschwänglich. »Dies, meine Freunde, ist Gelerts Grab.«

Es folgte verblüffte Stille und dann allgemeines Gelächter.

»Wovon sprechen Sie, Hochwürden?«, wollte jemand wissen. »Jeder weiß, wo Gelerts Grab ist. Ich habe es selbst gesehen, neben der Kirche unten in Beddgelert.«

Der Pastor schüttelte den Kopf. »Nein, das ist nur Bauernfängerei aus dem neunzehnten Jahrhundert, eine Legende, erfunden von einem dortigen Gastwirt, um Touristen anzulocken.«

»Sie behaupten also, dass Prinz Llewellyns Hund Gelert gar nicht dort begraben liegt?«, fragte Fleischer-Evans.

»Ich behaupte, dass der Hund wahrscheinlich gar nicht existiert hat«, verkündete Hochwürden Parry Davies, »und mit ziemlicher Sicherheit nicht in einer ausgefallenen Grabstätte beerdigt wurde.«

»Aber das Dorf heißt schon seit hunderten von Jahren Beddgelert«, sagte Milchmann-Evans. »Und selbst ich, der nicht so fließend Walisisch spricht wie Fleischer-Evans, weiß, dass das Wort ›Gelerts Grab‹ bedeutet.«

»Exakt«, sagte Hochwürden Parry Davies, als hätte er gerade gepunktet. »In religiösen Kreisen wurde lange angenommen, dass Gelert dieselbe Person war wie Saint Celert, ein früher christlicher Heiliger. Es wurde vermutet, dass er in einer einfachen Einsiedlerklause hoch oben am Pass lebte, damit er Gott näher sein konnte. Dieses kleine Steingebäude hätte genau die richtige Größe für eine Mönchsklause, findet ihr nicht?«

Mehrere Köpfe nickten.

»Wäre für König Artus ohnehin zu klein gewesen«, kommentierte Eimer-Barry.

»Und die große Steinplatte am Boden«, fuhr Hochwürden Parry Davies fort, »muss bestimmt das Grab des Heiligen sein. Die Einheimischen müssen ihn hier begraben haben, wo er zuhause war.«

Fleischer-Evans drängelte sich durch die Menge, bis er neben dem Geistlichen stand. »Dann wollen Sie also sagen, dass Gelert gar nicht Prinz Llewellyns berühmter Hund war und Gelerts Grab gar nicht wirklich in Beddgelert liegt?«, fragte er.

»Das ist korrekt.«

Fleischer-Evans stieß plötzlich einen Freudenschrei aus. »Das ist ja mal was, oder? Das wird den Leuten in Beddgelert einen Denkzettel verpassen. Und es wird Llanfair zumindest ins Gespräch bringen. Llanfair – Heimat von Saint Celerts Grab. Wir sollten uns so nennen, wie das andere Llanfair.«

»Meinst du das Llanfair drüben in Anglesey, das Dorf mit dem angeblich längsten Namen der Welt?«, fragte Eimer-Barry.

»Genau das meine ich«, sagte Fleischer-Evans großspurig. »Wenn die sich Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch nennen können – was, wie wir alle wissen, nur bedeutet ›Marienkirche im Talkessel der weißen Hasel, in der Nähe des schnellen Strudels und der Tisiliokirche bei der roten Höhle‹ – warum sollen wir uns dann nicht ab jetzt ›Llanfair-oben-am-Pass-mit-dem-hindurchfließenden-Bach-direkt-unter-Saint-Celerts-Grab‹ nennen?«

Es folgte allgemeines Gelächter.

»Das kannst du nicht ernst meinen, Mann«, sagte Eimer-Barry.

»Doch, das tue ich«, entgegnete Fleischer-Evans. »Es ist an der Zeit, dass wir Llanfair bekannt machen. Jetzt, da wir das echte Grab von Saint Celert haben, können wir damit auf uns aufmerksam machen, oder nicht?«

»Sicher, dass es nicht auch eine kleine Festung sein könnte?«, fragte Colonel Arbuthnot. Enttäuschung stand ihm ins Gesicht geschrieben.

Fleischer-Evans klopfte ihm auf den Rücken. »Ein Heiliger ist ebenso gut wie ein König, Colonel bach«, sagte er.

»Wie dem auch sei, Sie haben eine wichtige Entdeckung gemacht, Colonel«, sagte Evan. »Wir müssen nur abwarten, was die ausgebildeten Archäologen der Bangor dazu sagen.«

»Ich bin mir sicher, dass ich recht habe«, sagte Hochwürden Parry Davies. »Ich habe schon immer geglaubt, dass die letzte Ruhestätte des Heiligen eines Tages entdeckt werden würde.«

»Ich dachte, Methodisten sollten nicht an Heilige glauben.« Eimer-Barry gluckste.

»Natürlich glauben wir an heilige Männer und Frauen. Wir respektieren, wie sie ihr Leben geführt haben. Wir beten sie nur nicht an, wie die heidnischen Katholiken.« Er stand mit aus Ehrfurcht gebeugtem Kopf im Eingang zu Saint Celerts Kammer. »Und nach allem, was ich gelesen habe, war Saint Celert einer der heiligsten der frühen Christen. Ich wäre nicht überrascht, wenn er eigenhändig das ganze Tal missioniert hätte.«

»Ich habe noch nie von ihm gehört«, murmelte jemand in der Menge, als sie sich an den Abstieg machten.

»Dann obliegt es wohl mir, einige Nachforschungen anzustellen«, sagte Hochwürden Parry Davies. »Ja, vielleicht sollte ich über das schlichte Leben des Saint Celert schreiben. Wir könnten es verkaufen, für einen moderaten Preis, wenn Touristen herkommen wollen.«

»Sie sollten einen Artikel für die North Wales Weekly schreiben, Hochwürden«, schlug jemand vor.

»Ja, genau«, sagte Fleischer-Evans stolz. »Wir sollten die Welt wissen lassen, dass Llanfair jetzt über sein eigenes historisches Monument verfügt – solange die verdammten Touristen nicht herkommen wollen, um es sich anzusehen.«

Die Männer stiegen unter absurden Vorschlägen und lautem Gelächter vom Berg herunter.

»Vergessen Sie nicht in ihr Buch zu schreiben, dass das Grab vom Colonel entdeckt wurde, Hochwürden«, schlug Evan vor, als er bemerkte, dass der Colonel still und schmallippig neben ihnen herging.

»Natürlich, das muss er tun«, sagte Eimer-Barry und klopfte dem Colonel auf den Rücken. »Sie werden in die Geschichte eingehen, Colonel! Vielleicht wollen die Archäologen, dass Sie ihnen bei der Ausgrabung helfen. Ich frage mich, ob ich meine Planierraupe über diesen Pfad nach oben bekomme. Das würde alles beschleunigen, oder?«

»Man arbeitet bei einer archäologischen Ausgrabung nicht mit einer Planierraupe, Eimer-Barry, meine Güte«, rief Hochwürden Parry Davies entsetzt.

Evan lächelte und gesellte sich zum Colonel.

»Vielleicht könnten sie wirklich ein Paar tüchtige Hände gebrauchen, wenn die Ausgrabung losgeht«, brummte Colonel Arbuthnot zu Evan, und seine gute Laune schien zurückzukehren. »Ich wollte schon immer Teil einer echten Ausgrabung sein. Und wenn wir tatsächlich ein paar Artefakte finden ...«

Als sie den letzten steilen Wegabschnitt hinabstiegen und ins Dorf kamen, war die Sonne mittlerweile hinter den Bergen verschwunden, was das Tal in Dunkelheit tauchte. Die höheren Hänge leuchteten noch im Abendlicht, die grasenden Schafe wurden von rosarotem Licht beschienen. Evan sah sich zufrieden um.

»Morgen wird ein schöner Tag«, sagte er.

»Vorhin war es da oben wundervoll«, kommentierte Colonel Arbuthnot. »So klar, dass man das Meer sehen konnte, und mit meinem Fernglas – ein gutes deutsches, nicht dieser japanische Müll – konnte ich ...« Er hielt inne, als ihm einfiel, was er genau gesehen hatte. »Wissen Sie, es war wirklich außergewöhnlich«, fuhr er fort. Seine laute Stimme dröhnte die Straße zum Red Dragon hinunter, während sie weitergingen. »Ich glaube, ich habe jemanden gesehen, den ich von irgendwo anders her kenne.«

»Ist das so?«, fragte Evan höflich.

Die laute Menge kehrte wieder in die Kneipe ein und rief denen ihre Entdeckungen entgegen, die zurückgeblieben waren. Hände klopften wieder auf den Rücken des Colonels und ihm wurde ein doppelter Scotch in die Hand gedrückt.

»Dies ist der Mann, der Llanfair bekannt machen wird«, rief Fleischer-Evans stolz. »Ich habe den ganzen Abstieg lang darüber nachgedacht und beschlossen, dass wir uns umbenennen in ›Llanfairbeddgelert, der-kein-Hund-sondern-ein-Heiliger-war-und-hoch-oben-am-Pass-über-den-Lärchen-mit-Blick-auf-den-Snowdon-begraben-liegt‹. Wie klingt das?«

»So sollen wir uns nennen?« Pub-Harry kicherte. »Da schläft mir ja die Hand ein, ehe ich das alles aufgeschrieben habe.«

»Und die Adresse würde auf keine Postkarte passen«, fügte Betsy hinzu.

»Aber das würde uns dem anderem Llanfair gleichstellen, dem berühmten«, sagte Pumpen-Roberts. »Was hat dieses Llanfair, was wir nicht haben, abgesehen vom längsten Namen der Welt?«

»Dann machen wir unseren eine Silbe länger«, schlug Milchmann-Evans vor.

»Dann wären wir berühmt!«, rief Betsy aufgeregt. »Jede Menge Touristen würden herkommen!«

»Einen Augenblick – wer hat was von Touristen gesagt?«, brüllte Fleischer-Evans. »Wir wollen nur den Respekt, den wir verdient haben, keine Horden verdammter Fremder, die sich hier herumtreiben und Fotos machen.«

»Was ist denn verkehrt an mehr Touristen?«, wollte Milchmann-Evans wissen. »Ich für meinen Teil würde mehr Kundschaft begrüßen.«

»Und ich für meinen Teil ...«, setzte Fleischer-Evans an und hob auf bedrohliche Weise die Faust, doch Evan trat zwischen ihn und Milchmann-Evans.

»Ganz ruhig, Mann«, sagte er. »Jeder darf eine Meinung haben. Wir leben in einem freien Land, nicht wahr?«

»Nicht, wenn es nach meinem Willen geht«, bemerkte Fleischer-Evans. »Ich würde all die verdammten Fremden rausschmeißen.«

»Aber den Colonel doch nicht?«, fragte Eimer-Barry. »Nachdem er derjenige war, der eure historische Sehenswürdigkeit gefunden hat.«

Der Pastor Parry Davies trat zu Evan zwischen die beiden sich bekriegenden Männer. »Ich schlage vor, dass wir eine Dorfversammlung abhalten, um in Ruhe zu diskutieren, was diese neue Entdeckung für Llanfair bedeutet und wie wir von hier aus weitermachen. Nichts sollte übereilt gesagt oder getan werden. Wir reden hier über das Grab eines Heiligen, nicht über eine Touristenattraktion. Es sollte mit dem größten Respekt behandelt werden.«

»Sie haben Recht, Hochwürden«, sagte Pub-Harry. »Also, trinkt aus, Gentlemen, und lasst uns die Diskussion ein andermal weiterführen, ja?«

Evan trat beiseite und gesellte sich zum Colonel an die Bar. Er stellte fest, dass sein Bier noch immer dort stand, halb getrunken, der Schaum verschwunden. Er leerte es. »Wir Waliser sind ein hitzköpfiger Haufen, wenn unsere Leidenschaften geweckt werden.« Er grinste den alten Colonel an. »Den Engländern ist es immer schwergefallen, uns zu bezwingen.«

»Das gleiche Gefühl hatte ich bei meiner Frau«, sagte Colonel Arbuthnot und erwiderte das Lächeln. »Sie war Waliserin, wissen Sie. Üblicherweise war sie die gelassenste Frau der Welt, aber wenn sie etwas aufregte, nahm man sich besser in Acht. Ich machte meistens einen langen Spaziergang, bis sie sich wieder beruhigt hatte.«

Evan gluckste. »Also, was hatten Sie mir über die seltsame Person erzählt, die sie gesehen haben?«, fragte er.

»Oh, ja«, sagte Colonel Arbuthnot. »Es war wirklich außergewöhnlich. Ich sah durch das Fernglas und glaubte, jemanden wiederzuerkennen ...« Er brach plötzlich ab und starrte mit einem seltsamen, fast peinlich berührten Blick über die Bar hinweg. »Ich machte einen Kerl aus, den ich vor vielen Jahren in Indien kennengelernt hatte«, fuhr er mit lauterer und lebhafterer Stimme fort. »Aber er kann es natürlich nicht gewesen sein. Der arme, alte Monty Hallford hat sich das Genick gebrochen, als er ’39 von einem Polo-Pony stürzte!« Er blickte auf seine Armbanduhr. »Himmel, ist es schon so spät? Mrs. Owens wird sich fragen, wo ich bin, und mein Abendessen wir ruiniert sein. Ich muss wirklich gehen. Ich sehe euch dann morgen, Jungs!«

Er drängelte sich durch die Menge und eilte aus der Kneipe, wobei er beinahe mit Annie Pigeon kollidierte, die gerade hereingekommen war. Evan freute sich zu sehen, dass sie die knappen Shorts abgelegt hatte, und ein attraktives Sommerkleid trug. Der Colonel bemerkte sie kaum. Er murmelte eine halbherzige Entschuldigung und eilte weiter.

Evan starrte ihm interessiert nach. Was hatte den Colonel dazu veranlasst, so übereilt zu verschwinden?

5. Kapitel

Es war fast dunkel, als Colonel Arbuthnot aus dem Red Dragon trat. Die kühle Nachtluft wehte ihm ins Gesicht und er verlangsamte seinen Schritt. Wie töricht er sich verhalten hatte. Er hätte nie diesen Angriff auf die afghanische Grenze aufgehalten, wenn er damals so leicht die Nerven verloren hätte. Und was hatte er überhaupt zu befürchten? Sie würden vorgeben, sich nicht zu kennen, und nicht ein Wort sagen. Er war absolut sicher, absolut.

Wie auch immer, er blickte über die Schulter, als er die Lichter des Dorfes hinter sich ließ und auf den Weg zum Hof der Owens einschwenkte. Der Pfad wand sich am Bach entlang und kreuzte ihn über eine eher gefährliche, kleine Brücke. Es war nicht leicht, ihm im Dunkeln zu folgen, aber der Colonel kannte sich gut aus. Er ging jeden Abend dieselbe Abkürzung, statt durch das ganze Dorf zu laufen und über die Fahrspur zum Grundstück der Owens zu gelangen. Üblicherweise hatte er eine Taschenlampe dabei, aber er war heute Abend so in Eile gewesen, dass er sie vergessen hatte.

Er glaubte hinter sich einen Zweig knacken zu hören und blickte erneut über die Schulter. Äste bewegten sich in einem geisterhaften Tanz. Reiß dich zusammen, Mann, sagte er sich nachdrücklich. Es war wirklich außergewöhnlich, welch seltsame Formen Bäume im Zwielicht annehmen konnten. Er trabte weiter und holte sein seidenes Taschentuch hervor, um die Schweißtropfen von seiner Stirn zu wischen. Warum sollte er sich so bedroht fühlen? Es gab nichts, worüber er sich Sorgen machen müsste. Er konnte das einladende Licht aus Mrs. Owens’ Wohnzimmerfenster sehen. Morgen würde das alles sehr amüsant wirken.

Er spürte mehr, als dass er es hörte, wie sich jemand hinter ihm bewegte.

Briefträger-Evans kam mit einem prallen Postsack aus dem Postamt, das gleichzeitig Gemischtwarenladen war. Ein breites Lächeln zeigte sich unter seinem hohlen Blick, als er auf die Brücke zusteuerte. Es würde ein guter Tag werden. Unter den Postsendungen, die er zustellen musste, waren mehrere Ansichtskarten, die er lesen konnte, ohne dass irgendjemand sauer auf ihn wurde. Und die Hopkins bekamen anscheinend eine Hochzeitseinladung. Er würde herausfinden müssen, wer da heiratete!

Er blickte nach hinten um zu sehen, ob die alte Miss Roberts ihn beobachtete. Sie machte immer reichlich Gezeter, wenn sie ihn beim Lesen der Post erwischte. »Griesgrämige, alte Frau«, murmelte er. Einen Blick in die Leben anderer Leute werfen zu können war einer der Vorteile am Beruf des Briefträgers, oder nicht? Und er wollte ja niemandem etwas Böses – jeder in Llanfair wusste das.

Die Brücke war menschenleer und badete in Sprenkeln aus Sonnenlicht, während er darauf zuschritt, wobei sich seine langen Gliedmaßen ruckartig bewegten wie bei einer unkontrollierten Marionette. Er wollte sich gerade niederlassen, als er über die Brüstung in den rauschenden Bach blickte. Irgendetwas bewegte sich im Wasser und funkelte im Sonnenlicht. Es war cremefarben und glänzend, und bewegte sich anmutig zwischen dem Schilf. Zuerst dachte Briefträger-Evans, es sei eine Blume, die er noch nie zuvor gesehen hatte. Irgendeine Art Seerose vielleicht. Er beschloss, sie zu pflücken. Der Polizist würde wissen, was es war, oder die Lehrerin, wenn er nicht zu schüchtern war, sie zu fragen.

Er ließ seinen Postsack an der Brücke und kletterte die steile Böschung hinab. Er hielt sich an einer Erle fest, die dort wuchs, lehnte sich über den Bach und griff nach der Blüte. Nach einigen Versuchen bekam er sie zu fassen. Sein triumphales Lächeln verblasste, als er sie aus dem Wasser hob und sah, was es war. Es war ganz und gar keine Pflanze. Es war ein glänzendes, cremefarbenes Stoffquadrat, Seide vielleicht.

Seltsam, so einen Gegenstand im Bach zu finden, wenn man bedachte, dass weiter oben nur Schafsweiden lagen. Von der Brücke hätte es niemand fallenlassen können, das war klar, sonst wäre es flussabwärts getrieben worden. Sogar Briefträger-Evans konnte das feststellen. Er starrte den Flusslauf hinauf, um zu sehen, wo es hergekommen sein könnte. Dabei sah er, was ihm auf den ersten Blick wie ein seltsam geformter Fels vorkam, über den das Wasser plätscherte.

Evan schlug die Augen auf und betrachtete die Muster, die das Sonnenlicht auf die Blumentapete warf. Mrs. Williams musste vergessen haben, ihn zu wecken. Er war drauf und dran aufzuspringen, als ihm bewusst wurde, dass Samstag war. Mit einem zufriedenen Seufzen legte er sich wieder hin. Kein einziger Punkt auf der Tagesordnung. Er würde die Zeitung lesen, während er in aller Ruhe frühstückte, und dann würde er klettern gehen. Es war Wochen her, seit sich ein freier Tag mit schönem Wetter überschnitten hatte, und er hatte Lust auf eine herausfordernde Klettertour; vielleicht an den Felswänden unterhalb von Glaslyn. Er hatte keine Lust gehabt, dort zu klettern, seit diese zwei Männer in den Tod gestürzt waren. Aber es war dämlich, sich von einem der besten Klettergebiete fernzuhalten.

Er stand auf und ihm kam ein Gedanke – vielleicht hatte Bronwen an diesem Tag auch frei und hätte Lust, mit ihm wandern zu gehen. Sie hatten darüber gesprochen, auf der Llwyn-Halbinsel zu wandern, wo man an verlassenen Stränden toll Vögel beobachten konnte.

Er lehnte mit einem erwartungsvollen Lächeln an der Fensterbank und blickte in den blauen Himmel. Solche Tage gab es in Nordwales nicht oft, also musste man alles stehen und liegen lassen und das ausnutzen. Er roch gebratenen Speck und Würstchen von unten, während Mrs. Williams’ übliche Samstagmorgen-Musik aus dem Radio plärrte – Popmusik aus den Fünfzigern und Sechzigern, Tommy Steele, Cliff Richard und die Beatles.

Die Dorfstraße erwachte langsam zum Leben. Schäfer-Owens fuhr auf seinem Motorrad vorbei, seine schwarzweißen Border Collies waren ihm auf den Fersen. Landwirte hatten wohl nie einen freien Tag. Der Milchwagen stand auf halber Strecke die Straße hinauf und Evan hörte das vertraute Klirren der Milchflaschen. Milchmann-Evans hatte auch nicht viele freie Tage. Ein paar Jungs rannten in ihren Fußballtrikots den Berg hinauf. Das erinnerte Evan daran, dass er eine Verpflichtung hatte – er hatte den Jungs mehr oder weniger versprochen, dass er sich ihr großes Spiel unten in Beddgelert anschauen würde.

Halb so wild, das Spiel würde bis zum Mittag gehen, dann hätte er immer noch einen halben Tag, um zu tun, was er wollte ... und Bronwen würde definitiv auch beim Spiel sein. Ein guter Weg um herauszufinden, welche Pläne sie hatte.

Er war drauf und dran, sich vom Fenster abzuwenden, als sich ihm ein außergewöhnlicher Anblick bot. Briefträger-Evans kam von der Brücke aus heraufgerannt, seine langen Gliedmaßen schlackerten umher, sein Kopf wippte von einer Seite zur anderen und sein Postsack tanzte neben ihm, während er einige Umschläge fest in der Hand hielt.

Evan öffnete das Fenster und lehnte sich heraus. »Wo brennt’s denn, Briefträger-Evans?«, rief er.

Der Postbote hielt an und sah mit offenem Mund zu ihm herauf. »Kein Feuer, Mann«, stammelte er. »Da ist etwas im Bach, etwas, das Sie sich sofort ansehen müssen!«

»Nicht schon wieder!« Detective Sergeant Watkins vom regionalen Polizeihauptquartier in Caernarfon stieg aus dem weißen Mannschaftswagen.

Evan erwartete ihn auf der Brücke, während ein Großteil der Dorfgemeinschaft von jenseits des gelben Absperrbandes zusah, das er eilig aufgehängt hatte. »Tut mir leid, Sie an einem Samstag rauszurufen, Sarge«, sagte er entschuldigend, »aber ich habe hier einen verdächtigen Todesfall und dachte, dass sich das jemand anschauen sollte.«

»Warten Sie mit Ihren Leichenfunden immer darauf, dass ich der Einzige im Dienst bin?«, knurrte Sergeant Watkins. »Ich hatte gehofft, heute Nachmittag zu Tiffanys Fußballspiel gehen zu können. Sie wird langsam zu einer guten Nachwuchsspielerin. Mittelstürmerin. Wirklich schade, dass sie ein Mädchen ist. Ich hätte sie bei Manchester United anmelden können.« Er seufzte. »Gut, zeigen Sie mir endlich die Leiche.«

»Wir haben ihn aus dem Bach gezogen«, sagte Evan zögerlich, als er den Sergeant die steile Böschung hinabführte. »Ich hatte gehofft, dass wir ihn vielleicht noch wiederbeleben können, aber ich möchte wetten, dass er schon eine Weile tot ist.«

Vor ihnen am Flussufer bedeckte jetzt ein weißes Laken die Leiche von Colonel Arbuthnot. Als sie sich näherten, hob der Wind eine Ecke des Lakens an, und die linke Hand des Colonels mit seinem goldenen Siegelring wurde plötzlich sichtbar. Sergeant Watkins zog das Laken zurück und starrte auf Colonel Arbuthnots weißes, aufgedunsenes Gesicht hinab.

»Kennen Sie ihn?«, fragte er scharf.

»Oh ja«, sagte Evan. »Sein Name ist Colonel Arbuthnot.«

»Ein Einheimischer?«

»Nein, aber in der Gegend wohlbekannt. Er verbringt seit etwa zehn Jahren jeden Sommer einige Wochen hier.«

»Armer, alter Kerl«, sagte Sergeant Watkins. Das war eine der Eigenschaften, die Evan an Watkins mochte – es machte ihm noch immer etwas aus. Bei den meisten Polizisten war das nicht so, oder sie taten zumindest so. »Allerdings scheint mir, dass er alt ist, nicht wahr?«

»Er muss mindestens achtzig gewesen sein«, sagte Evan. »Er war vor dem Zweiten Weltkrieg in Indien stationiert.«

»Wann wurde er zuletzt gesehen?«

»Er verließ gestern Abend gegen neun Uhr den Pub. Ich war dort. Ich sah, wie er ging. Und anscheinend nahm er immer eine Abkürzung auf dem Weg zum Hof der Owens, wo er wohnt. Der Weg führt hinter dem Pub am Flussufer entlang und kreuzt den Bach dann an dieser kleinen Brücke.« Evan deutete flussaufwärts. Der Bach wurde an diesem Punkt schmaler und die Brücke bestand aus kaum mehr als einigen Planken zwischen zwei Granitblöcken.

Sergeant Watkins starrte für einen Augenblick dort hin, dann blickte er zurück und rekonstruierte den Weg des Colonels bis zum Red Dragon zurück.

»Und er kam nie zu Hause an?«

»Das kann ich Ihnen nicht sagen«, sagte Evan. »Mrs. Owens, die Frau des Landwirtes, bei dem er wohnt, sagte, sie hätte ihm in seinem eigenen Wohnzimmer eine kalte Mahlzeit stehengelassen, also hat sie keine Ahnung, ob er zurückkam. Auf Bauernhöfen geht man früh ins Bett. Das Essen wurde auf jeden Fall nicht angerührt.«

»Und die Tür war noch verschlossen?«

»Sie schließen nie ab. Sie haben Hunde.«

»Wann hat sie dann festgestellt, dass er nicht da war?«

»Hat sie nicht. Sie sagte, sie sei ein wenig besorgt gewesen, weil er so lange ausschlief, aber sie wollte nicht nach ihm sehen und riskieren, ihn aufzuwecken.«

»Also nehmen wir an, dass er es gestern Abend nicht bis nach Hause geschafft hat«, sagte Sergeant Watkins. »Er war im Pub, sagen Sie? Hat er viel getrunken?«

»Vier Gläser Scotch«, sagte Evan. »Aber er trank jeden Abend mindestens genauso viel. Es schien ihn nie zu beeinträchtigen. Er steckte es weg wie kein anderer.«

»Wie auch immer«, fuhr Sergeant Watkins fort. »Ich versteh nicht ganz, warum Sie uns hergerufen haben. Das ist alles ziemlich offensichtlich, oder nicht? Der alte Junge trinkt ein paar Gläser zu viel, er sieht vermutlich schlecht und auf der Brücke verliert er das Gleichgewicht. Dafür bräuchte es nur einen plötzlichen Windstoß ...«

»Aber was ist hiermit?« Even drehte den Kopf des Colonels leicht und zeigte auf eine schlimme Wunde hinter seinem rechten Ohr.

»Das ist leicht zu erklären«, fuhr Watkins fort. »Da sind ein paar ziemlich übel aussehende Steine unter der Brücke. Der alte Junge stieß sich den Kopf an, als er fiel.« Er blickte hoch und sah Evans Gesichtsausdruck.

»Was?« Sergeant Watkins verzog das Gesicht. »Oh, kommen Sie schon, Sie werden mir doch nicht sagen, dass Sie Fremdeinwirkung vermuten, oder?«

»Ich hätte Sie nicht gerufen, wenn dem nicht so wäre«, sagte Evan.

»Finden Sie alle paar Monate einen neuen Mord, damit Ihnen hier oben nicht langweilig wird?« Watkins scherzte nur zum Teil. »Also, ich bin hier der Detective, und ich wüsste gerne, was Sie glauben lässt, dass es kein Unfall war.«

»Das hier«, sagte Evan. Er deutet auf die Vorderseite des Harris-Tweedsakkos des Colonels. »Sehen Sie hier. Fuchsschwanzgras und einige Kletten haben sich im Tweedstoff verfangen. Er muss im Gras gelegen haben, ehe er ins Wasser gezogen wurde.«

»Nicht notwendigerweise«, sagte Sergeant Watkins. »Er hätte jederzeit sein Sakko ausziehen und ins Gras legen können. Etwa um sich daraufzusetzen. Die paar winzigen Kletten könnte er tagelang nicht bemerkt haben.«

Evan schüttelte den Kopf. »Sie kannten den Colonel nicht. Er wollte immer gut gekleidet aussehen, wie er es nannte. Gestern Abend ging er erst nach Hause, um die Hose zu wechseln, ehe er in den Pub kam, weil sie etwas Dreck abbekommen hatte. Er hätte nie mit Pflanzenteilen auf dem Sakko das Haus verlassen.«

»Wir wissen nicht, wie gut sein Augenlicht war.«

»Verdammt gut«, sagte Evan. »Ihm entging nichts.«

»Also deuten Sie an«, sagte Watkins langsam, »dass jemand dem alten Mann eins über den Schädel gezogen und ihn dann in den Bach geworfen hat?«

»So scheint es.«

»Mir erscheint das verdammt dämlich«, sagte Sergeant Watkins. »Wir sind hier nicht in einer Seitengasse von Cardiff. Es laufen keine Menschen herum, die alten Männern einfach eins überziehen und sie in den Bach werfen.« Er blickte Evan lange und unverwandt an. »Sie hatten letztes Mal recht mit Ihrem Mordverdacht, aber in diesem Fall kann ich Ihnen nicht zustimmen. Nicht, solange Sie mir nicht sagen können, dass hier ein komplett Gestörter durch die Nachbarschaft rennt oder jemand eine offene Rechnung mit dem alten Burschen hatte.«

Evan schüttelte den Kopf. »Das ist das Problem, Sarge. Wie ich bereits sagte, war er hier beliebt. Er wurde wie eine Art Dorfmaskottchen behandelt.«

»Wenn ihn also jemand getötet hat, ging derjenige ein verdammt großes Risiko ein«, sagte Watkins. »Jeder Passant hätte bemerkt, dass der alte Kerl verfolgt wurde, nicht wahr?«

Evan seufzte. »Wie Sie sagten, wir sind nicht in Cardiff, Sarge«, sagte Evan. »Die meisten Leute sind nach neun drinnen, hinter verschlossenen Türen und zugezogenen Vorhängen, alle anderen waren im Pub.« Er hielt inne, um nachzudenken. »Tatsächlich waren fast alle Männer aus dem Dorf gestern Abend im Pub, als der Colonel nach Hause ging.«

»Sie glauben, dass es ein Mann gewesen sein muss?«

»Es müsste schon eine sehr starke Frau sein, um ihm so eine Delle im Kopf zu verpassen und ihn dann in den Fluss zu schleifen.«

Sergeant Watkins lachte beunruhigt. »Kommen Sie schon, Evans. Sie wissen, wie Detective Inspector Hughes tickt. Er ist den ganzen Tag auf einer Konferenz in Colywn Bay, aber er sagte, ich solle ihn informieren, wenn sich irgendetwas ereignet. Ich habe nicht wirklich die Befugnisse, irgendetwas ohne ihn zu unternehmen, nicht wahr?  Und er hat mir die Hölle heiß gemacht, als er glaubte, dass ich Ihnen erlaube, Ihre Nase in diese anderen Mordfälle zu stecken.«

»Also wollen Sie, dass ich wegsehe und das hier als Unfall abtue, damit wir Detective Inspector Hughes nicht verärgern?«, fragte Evan.

»Ich werde es als Unfall einstufen«, sagte Sergeant Watkins. »Es sei denn, Sie können mir Beweise für das Gegenteil vorlegen, abgesehen von den Pflanzen, die an seinem Sakko hängen – die auch dort hingelangt sein könnten, als Sie ihn aus dem Bach zogen.«

Evan schüttelte den Kopf. »Wir haben ihn herausgehoben und hier abgelegt.«

»Können Sie mir einen einzigen Grund nennen, weshalb ihn jemand umbringen sollte?«

»Nein«, sagte Evan nach einer Pause. Er dachte an den Abgang des Colonels am vergangenen Abend, den seltsamen Ausdruck, der auf sein Gesicht getreten war, und wie er plötzlich von dieser absurden Geschichte geplappert hatte. Irgendetwas hatte den alten Mann durcheinandergebracht. Er verschwand fluchtartig, weil ihn etwas beunruhigt hatte – so verunsichert, dass er beinahe Annie Pigeon umgerannt hätte, als sie hereinkam, und kaum angehalten hatte, um sich zu entschuldigen. Angesichts seiner altertümlichen Ritterlichkeit schien das von Bedeutung zu sein. Aber es war immer noch weit von einem Beweis dafür entfernt, dass sein Leben in Gefahr war.

»Nein, keinen einzigen«, wiederholte Evan. Diese Angelegenheit würde er selbst untersuchen müssen.

»Na bitte.« Sergeant Watkins stieß ein erleichtertes Seufzen aus.

»Aber wir können das nicht einfach als Unfall abtun, Sarge«, beharrte Evan. »Was, wenn es doch ein Mord ist?« Er hielt inne und fügte dann hinzu, als Sergeant Watkins das Laken wieder über die Leiche zog: »Sie wollten auch nicht glauben, dass die beiden Todesfälle auf dem Mount Snowdon Morde waren, oder?«

»In Ordnung. Sie müssen nicht darauf herumreiten«, brummte Watkins versöhnlich. »Ich weiß: Sie hatten Recht und ich lag falsch. Gut, wir machen Folgendes. Ich bin geneigt, diesen Todesfall als verdächtig einzustufen, wegen der Kopfwunde. Das bedeutet, die Leiche wird nach Bangor zum Pathologen des Innenministeriums geschickt. Lassen Sie uns sehen, was er für die Ursache der Kopfwunde hält. Wenn er glaubt, dass daran irgendetwas faul ist, machen wir den nächsten Schritt.«

»Wann werden wir das wissen?« Evan begleitete den Sergeant zurück zu seinem weißen Mannschaftswagen.

»Vor Montag wird er sich nicht darum kümmern können.«

»Montag?«

»Immer mit der Ruhe. Ich kann ihn am Wochenende nicht anfordern, soll ich ihn etwa vom Angeln abhalten? Nicht, solange wir nicht hundert Prozent sicher sind, dass wir es mit einem Verbrechen zu tun haben. Wir werden uns alles andere für Montag aufheben.«

»Aber was ist mit dem Tatort?«, fragte Evan und blickte auf das gelbe Absperrband zurück. »Es könnte wertvolle Indizien geben, die man bis dahin verfälschen könnte.«

»Wir lassen das Absperrband hängen«, sagte Watkins. »Sagen Sie den Einheimischen, dass wir ermitteln müssen, wie er in den Bach gefallen ist, ehe wir den Weg wieder freigeben.«

»Danke, Sarge.«

»Und in der Zwischenzeit, Evans«, murmelte Sergeant Watkins, als sie sich der Menge jenseits des gelben Absperrbands näherten, »würde ich keine Andeutungen machen, dass Sie Fremdeinwirkung vermuten. Das hier war ein tragischer Unfall, sonst nichts. Verstanden? Wir wollen die Leute doch nicht unnötig in Panik versetzen, oder?«

»Nein, Sarge«, sagte Evan. Er dachte, dass ihm das etwas Zeit geben würde, um inoffiziell ein wenig herumzuschnüffeln. Außerdem würde es den Mörder beruhigen. Und wenn Menschen sich entspannten, machten sie manchmal Fehler.

»Oh, und Evans«, fügte Sergeant Watkins hinzu, als er in den Wagen stieg, »spielen Sie nicht wieder auf eigene Faust Detective, verstanden? Sie fassen nichts an, ehe Sie mein Okay bekommen, klar?«

»Sehr wohl, Sir«, sagte Evan und winkte freundlich, als der Mannschaftswagen ansprang und vorsichtig durch die Menge der Schaulustigen manövrierte.

Aber das hält mich nicht davon ab, meine Augen zu benutzen und ein paar Fragen zu stellen, dachte Evan.

6. Kapitel

Bis zum Samstagabend hatte Evan noch immer keine Spur eines Beweises, mit dem er Sergeant Watkins davon hätte überzeugen können, dass sie es mit mehr als einem Unfall zu tun hatten – abgesehen von seinem eigenen Bauchgefühl. Und er hatte auch nicht den Eindruck, dass es sich um die zufällige Tat eines Verrückten handelte. Es war unheilvoller und vorsätzlicher als das. Aus irgendeinem Grund hatte jemand den Colonel zum Schweigen bringen wollen. Doch Evan fiel keiner ein. Es war seltsam, dass sein Tod so kurz auf seine bedeutende Entdeckung auf dem Berg gefolgt war, aber Evan konnte sich nicht erklären, warum die Entdeckung einer alten Ruine irgendjemanden zum Mord treiben sollte. Wenn er getötet worden wäre, um eine Entdeckung zu verhindern – das hätte Sinn ergeben. Aber dieser Mord ergab gar keinen Sinn.

Er hatte sich den ganzen Nachmittag das Hirn zermartert, doch ihm fiel niemand in Llanfair ein, der den Colonel nicht mochte. Der alte Mann war eine beliebte Figur im Dorf. Nach Evans Wissen hatte er sich nie mit jemandem zerstritten.

Diese Beobachtung wurde von der allgemeinen Traurigkeit gestützt, die Evan bemerkte, als die Leiche des Colonels abgeholt wurde, um sie zum Pathologen in Bangor zu bringen. Die Einheimischen standen dabei und sahen schweigend zu. Männer in der Menge nahmen die Hüte ab. Frauen tupften sich die Augen trocken. Evan sah sich um, versuchte, die Menge zu beobachten und sich zu merken, wer anwesend war und wer nicht.

»Werden Sie das Absperrband jetzt entfernen?«, fragte einer der kleinen Jungs Evan, als der Mannschaftswagen wegfuhr.

»Noch nicht. Wir müssen es vorerst so lassen.« Evan erhob die Stimme ein wenig. »Wir müssen herausfinden, wie und wo genau er in den Bach gefallen ist, damit wir weitere solcher Unfälle verhindern können, nicht wahr?«

Er bewegte sich durch die Menge und stellte Fragen. Unter der vorgeschobenen Frage, ob die Leute sich erinnerten, wann der Colonel den Pub verlassen habe, gelang es Evan, eine ziemlich akkurate Liste der Personen aufzustellen, die an jenem Abend dort waren. Die Liste schloss beinahe alle Männer des Dorfes ein, sowie einige der Frauen. Von den Männern waren nur ein paar junge Kerle nicht anwesend, die zu Verabredungen ausgegangen waren, einige Väter, die zu Hause bei ihren Ehefrauen waren, und Hochwürden Powell-Jones, der, anders als sein Rivale von der anderen Kapelle, nie mit dem Dämon Alkohol verkehrte.

Das bedeutete, dass beinahe jeder kräftige Mann im Dorf ein hieb- und stichfestes Alibi für diese Nacht hatte. Die meisten von ihnen hatten gesehen, wie der Colonel den Pub verließ, aber niemand sah, was danach geschehen war. Wie Evan vermutet hatte, befanden sich alle anderen Einwohner von Llanfair ab neun Uhr sicher hinter zugezogenen Vorhängen in ihren Häusern.

Am späten Samstagnachmittag beendete Evan die Befragung der Dorfbewohner und besuchte Mrs. Owens, die Vermieterin des Colonels, um auch mit ihr zu sprechen. Er umging das Absperrband am Ufer, überquerte den Fluss aber über dieselbe kleine Brücke, von der aus der Colonel in den Tod gestürzt war. Evan stand auf den Planken, die den Bach überspannten und beobachtete, wie das Wasser über die Felsen stürzte. Es stimmte, dass der Colonel sich den Kopf angeschlagen haben könnte, wenn er auf diese Felsen gestürzt wäre, und das vorbeiströmende Wasser hätte alle Blutspuren fortgespült. Aber die Brücke war stabil und breit genug, dass ein Mann sie sicher überqueren konnte, es sei denn natürlich, er war sehr betrunken.

Mrs. Owens machte einen verstörten Eindruck, als sie die Haustür öffnete. Sie tupfte sich die Augen mit einem durchnässten Taschentuch ab, während sie ihn in die Küche führte und ihm einen Platz an dem blitzblanken Kiefernholztisch anbot. Evan sah sich anerkennend um und dachte, dass eine Küche genau so aussehen müsse. Eine Wand wurde von einer riesigen, walisischen Anrichte eingenommen, die mehrere Sätze von Porzellantellern mit blauem, chinesischem Muster enthielt. Eine andere Wand wurde von einem großen, gusseisernen Ofen dominiert, der mittlerweile von dem danebenstehenden, eleganten Elektroherd abgelöst worden war. Die Steinwände waren weiß gekalkt und der Boden bestand aus ordentlich geschrubbten, grauen Schieferplatten. Der ganze Raum war makellos. Kein Wunder, dass der Colonel sich hier so wohlgefühlt hatte.

»Wir hätten ihm nie diese Abkürzung zeigen dürfen«, schniefte Mrs. Owens, als sie Evan ohne zu fragen eine Tasse Tee eingoss. »Wir sind schuld. Wir hätten wissen müssen, dass ein alter Mann wie er auf der Brücke das Gleichgewicht verlieren könnte. Ich habe Mr. Owens wieder und wieder gesagt, dass sie wackelig sei und repariert werden müsse.« Sie putzte sich lautstark die Nase.

Evan nickte mitfühlend. »Regen Sie sich nicht auf«, sagte er. »Ich bin über die Brücke gegangen. Sie ist in Ordnung und der Colonel war so trittsicher wie eine alte Ziege, oder nicht? Überlegen Sie doch nur, wo er in den Bergen herumgewandert ist, ohne je einen Unfall zu haben.«

Er verstummte und starrte aus Mrs. Owens’ Fenster auf die grünen, steil ansteigenden Hänge. Wenn jemand den Colonel umbringen wollte, wäre es sicher weniger riskant gewesen, das dort oben zu erledigen. Es wäre die leichteste Aufgabe der Welt, ihm ins Hochland zu folgen und auf den richtigen Moment zu warten, um ihn über eine Klippe zu stoßen. Niemand hätte je bestritten, dass es ein Unfall war. Warum sollte jemand also riskieren, es so nah am Dorf zu tun?

»... und er war hier immer so glücklich.« Evan tauchte wieder aus seinen Gedanken auf und hörte Mrs. Owens, die mitten im Satz war.

»Es tut mir leid, ich habe über etwas nachgedacht«, sagte er. »Was haben Sie gesagt?«

»Nur dass er immer so blass und schlecht genährt aussah, wenn er herkam, und dann sofort auflebte«, sagte Mrs. Owens. »Ich glaube, in London hatte er nicht viel, für das es sich zu leben lohnte.«

»Hat er mit Ihnen viel über sein Leben in London gesprochen?«, fragte Evan.

»Ich wollte nicht fragen«, sagte Mrs. Owens. »Er war immerhin ein zahlender Gast. Zu plaudern wäre nicht anständig gewesen. Aber ich weiß, dass es nicht viel gab. Er hatte seine Spaziergänge durch den Park, die Bibliothek und seinen Club, vielleicht einen Kinoabend pro Woche. Kein großartiges Leben, der arme Mann. Er hatte all seine Freunde und Verwandten überlebt.«

»Dann hatte er nie Besuch?«

»Kein einziger Besucher in all den Jahren, die er hier war.«

»Und was ist mit Briefen? Bekam er Briefe oder Anrufe aus London?«

»Nichts. Der arme Mann hatte niemanden in der ganzen Welt, oder?«

»So scheint es«, sagte Evan. Er stand von dem harten Küchenstuhl auf. »Immerhin haben Sie seine letzten Tage zu glücklichen Tagen gemacht, Mrs. Owens. Es lohnt sich, das nicht zu vergessen, nicht wahr?«

Mrs. Owens nickte und putzte sich erneut die Nase, ehe sie aufstand und ihm die Tür öffnete. Er ging denselben Weg über die Felder der Owens zurück und hielt an, um hoch zu den Hängen zu starren, wo der Colonel seine große Entdeckung gemacht hatte. Bestand die Möglichkeit, dass sein Tod etwas damit zu tun hatte? Hatte jemand nicht gewollt, dass er die Ruine findet? Falls ja, war derjenige zu spät, oder nicht? Mittlerweile wusste das gesamte Dorf davon und alle waren auch noch ziemlich aufgeregt deswegen.

Evan lag den Großteil der Nacht wach und dachte nach. Der Colonel hatte keine Feinde und keine Freunde. Seine einzigen Begegnungen schienen im Pub stattzufinden, aber es gab niemanden, der ihn gut kannte. Nicht gut genug um ihn zum Ziel eines Mordes zu machen. Nichts ergab einen Sinn.

Wer könnte von seinem Tod profitiert haben? In der Ausbildung zum Detective brachten sie einem immer bei, diese Frage zu allererst zu stellen. Der Colonel hatte Familie und Freunde überlebt. Er besaß keinen Reichtum, den er irgendjemandem hätte hinterlassen können. Tatsächlich machte sich das Gefühl in Evan breit, dass der Colonel mit seiner Rente gerade so auskam. Seine abgetragene Kleidung bestätigte das. Niemand würde ihn für sein Geld umlegen – es sei denn er war einer dieser alten Exzentriker, die wie ein Sozialhilfeempfänger lebten, aber ihre Matratze mit Pfundnoten ausgestopft hatten. Evan wusste, dass solche Menschen existierten, aber er bezweifelte, dass der Colonel einer von ihnen war. Denn der Colonel war ein großzügiger Mann. Er hatte nie lange damit gewartet, eine Einladung im Pub zu erwidern. Na ja, es hatte keinen Zweck zu spekulieren, ehe am Montag der Bericht des Pathologen vorlag. Er könnte völlig falsch liegen ...

Der Sonntag brach klar und hell an. Evan blickte aus seinem Fenster und fragte sich, oder er überhaupt daran denken durfte, sich den Tag frei zu nehmen. Wäre es zu unhöflich und gefühllos, einen Tag nach dem Tod des Colonels wandern zu gehen? Könnte es jemand wagen, das Absperrband zu ignorieren und den Tatort zu verfälschen, während er weg war? War es möglich, dass er gebraucht wurde, wenn irgendein Beweisstück auftauchte?

Dann erinnerte er sich daran, dass er kein Detective war. Man hatte ihm sogar gesagt, er solle sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern und keine Ermittlungen anstellen. Wenn sie es mit einem Mord zu tun hatten, hatte er getan, was von ihm erwartet wurde – er hatte die Kriminalpolizei in Caernarfon alarmiert und jetzt lag es an ihnen. Er war nur ein einfacher Polizist und er hatte einen freien Tag.

Er zog seine Wanderstiefel an und ging nach unten. Das Radio in der Küche war ausgeschaltet. Mrs. Williams begrüßte ihn mit einem traurigen Nicken. Sie trug schwarz und blickte entsetzt auf seinen Pullover und die Cordhose.

»Sie werden doch heute nicht in die Berge gehen, Mr. Evans?«, fragte sie in einem bestürzten Flüsterton. »Wo doch der arme Colonel noch nicht einmal anständig begraben ist.«

Evan zuckte mit den Schultern. »Ich kann hier doch nichts tun, oder, Mrs. Williams? Und ich bin mir sicher, dass es dem Colonel nichts ausmachen würde, wenn ich wandern gehe. Immerhin hat er das selbst am liebsten getan.«

»Das ist schon richtig.« Mrs. Williams nickte. »Dann ist es eine Art Andenken an ihn, den armen Mann.« Sie nahm ein Taschentuch hervor und tupfte sich die Augen trocken. »So eine schreckliche Tragödie. Ich habe immer gesagt, dass diese kleine Brücke nicht sicher ist. Warum konnte er nicht die Straße hinaufgehen, statt diese kleine Abkürzung zu nehmen? Dann wäre er immer noch bei uns.« Sie rang um Beherrschung. »Das Leben muss weitergehen«, sagte sie steif. »Sie wollen bestimmt Ihr Frühstück, nicht wahr?«

»Toast reicht schon«, sagte Evan. Er hatte sich auf Speck und Würstchen gefreut, aber die wurden ihm ausnahmsweise nicht angeboten.

Mrs. Williams nickte, als sei Toast eine passende Mahlzeit für Trauernde. »Ich machen Ihnen etwas Toast, dann muss ich los zur Kapelle«, sagte sie und schnitt zwei dicke Scheiben Brot ab. »Dann kommen Sie wohl nicht in die Kapelle?«

»Heute Vormittag nicht«, sagte Evan. »Ich werde wohl heute Abend gehen.«

»Ich hoffe, ihr Männer habt den Anstand, euch nach der Kirche nicht in den Pub zu schleichen«, sagte Mrs. Williams.

»Wir? In den Pub schleichen? Was hat Sie denn auf die Idee gebracht?«, fragte Evan unschuldig.

Mrs. Williams schniefte. »Glauben Sie, wir sehen das nicht? Es gibt nicht viel, was in diesem Dorf passiert und nicht allgemein bekannt ist, Mr. Evans. Und ich finde, Sie sollten das Andenken an den Colonel respektieren und ausnahmsweise nicht am Sabbat trinken.«

Evan wollte sagen, dass er glaube, der Colonel hätte es begrüßt, wenn alle in seinem Gedenken angestoßen hätten, aber er schluckte die Worte im letzten Moment herunter. In Llanfair nahmen sie den Tod sehr ernst.

»Glauben Sie, dass man die Dorfversammlung morgen Abend vertagen wird?«, fragte er.

Mrs. Williams schüttelte den Kopf. »Nicht, wenn man Hochwürden Parry Davies glaubt. Er sagte, wir sollten weiter unseren Weg gehen, so wie der Colonel es sich gewünscht hätte – obwohl ich nicht ganz verstehe, warum wir eine Versammlung brauchen. Ich meine, entweder stellt sich heraus, dass die Ruine das Grab des Heiligen ist, oder eben nicht.«

»Es geht um mehr als das, Mrs. Williams«, sagte Evan. »Es stehen alle möglichen verrückten Ideen im Raum, wie wir Llanfairs Namen ändern könnten.«

»Unseren Namen ändern? In was denn bloß?«

Evan grinste. »Wer weiß? Es fing mit dem Vorschlag an, dass wir uns jetzt Llanfair BG nennen, kurz für Llanfair Bedd Gelert.«

Autor

  • Rhys Bowen (Autor)

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Titel: Mord im Nachbarort