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Wo die Liebe hinfährt

von Sophia Monti (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Ueber dieses Ebook

Das Leben der 33-jährigen Anja gerät total aus den Fugen, als ihr chronisch bekiffter Lover Andy sie verlässt. Was für ein glücklicher Zufall, dass Anjas Exfreund Jan einen Trip nach Spanien plant. Anja ergreift die Chance und begleitet ihn. Bereits vor der spanischen Grenze beginnt es zwischen den beiden heftig zu knistern und dank der unwiderstehlichen Romantik eines Lavendelfelds landet Anja erneut in Jans Schlafsack. Aber als wäre das nicht schon kompliziert genug, steht plötzlich Andy vor der Tür. Anja ist hin- und hergerissen. Jan oder Andy? Oder besser keiner von beiden?

Impressum

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Neuausgabe März 2019

Copyright © 2019, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 978-3-96087-689-2

Covergestaltung: Rose & Chilli Design
unter Verwendung von Motiven von
© OlgaYakovenko/depositphotos.com © Zularizal/shutterstock.com © NadzeyaShanchuk/shutterstock.com
Lektorat: Daniela Höhne

Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits 2016 bei dp DIGITAL PUBLISHERS erschienenen Titels Hasta la Pista (ISBN: 978-3-96087-086-9).

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

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Vorwort

Geierkollegen, Stalkingnachbarn, Parfümeriefachverkäuferinnen – die große Krise hat viele fiese Gesichter. Aber nicht jede Lady will sich mit den Fratzen des Alltags abfinden. Manch eine träumt davon, noch einmal bei „0“ anzufangen. In einem wunderbaren Land, in dem die Orangebäume duften und in dem die große Chance nur darauf wartet, dass man sie am Schopf packt – und die einzig wahre, große Liebe natürlich sowieso. Diese Lady sollte schleunigst Ballast abwerfen, ihr Leben in einem Koffer verstauen, in ein Wohnmobil springen und losdüsen. Oder ihren Frust zumindest mit dieser Geschichte durchbooten. Haut rein, Schwestern. Wenn ihr euren Humor bewahrt, hängt ihr die Geier, Stalker und Parfümeriefachverkäuferinnen einfach ab.

Eure Sophia Monti

Kapitel 1

Miese Zeiten fuer Pandabaeren

„…“

Wie ein Blasebalg pumpte ich mich über die Luftröhre und die Bronchien bis zum letzten Lungenbläschen mit Rauch voll. Wennschon, dennschon. Doch leider schüttelte mich bereits im nächsten Moment ein fieser Hustenanfall und trieb mir die Tränen in die Augen.

„Na, na, na“, krächzte meine Freundin Tine und klopfte mir beherzt auf den Rücken. „Wir sollten besser aufhören zu rauchen. Ich höre mich schon an wie Ivan Rebroff. Und du wie eine Dampflok mit TBC.“

„Ach was“, japste ich nach Luft. „Wir fangen doch gerade erst an damit, da können wir nicht schon wieder aufhören.“ Ich schnappte mir die Schachtel und zündete mir einen weiteren Glimmstängel an. „Los, weiter geht’s. Kneifen gilt nicht. Du hast gesagt, dass du das mit mir durchziehst. Und ohne Kippen geht’s nun mal nicht.“

Das mit den Zigaretten hatte ich gestern in einem Frauenmagazin gelesen. Na ja, nicht ganz so. Genau genommen hatte da gestanden: Das beste Mittel gegen böse Geister aus Gegenwart und Vergangenheit ist das Ausräuchern. Leider wurde mir beim Geruch von Räucherstäbchen schlecht. Also mussten wir Andys Geist mit Zigarettenrauch vertreiben. Jedenfalls hatte ich meiner besten Freundin Tine erklärt, dass ich ohne die Räucheraktion aus dem Erdgeschoss springen würde. Und da sie nach gefühlten dreihundertsiebenundzwanzig Jahren glücklicherweise immer noch an mir hing und mir außerdem Roy Blacks Ende ersparen wollte, hatte sie der Räuchernummer zugestimmt. Als überzeugter Nichtraucherin schlugen ihr die Zigaretten allerdings mächtig auf den Magen. Ganz grün um die Nase war die Arme schon. Aber von einer Busenfreundin konnte man in Extremsituationen schon mal vollen Einsatz erwarten. Auch, wenn’s ihr den Magen aushebelte.

„Weißt du was?“, fragte ich, um sie abzulenken. „Ich glaube, wir müssen einfach mehr Bewegung in die ganze Sache bringen. So im Sitzen reicht das Räuchern einfach nicht.“ Also kletterte ich auf den Küchentisch.

„Anja, komm sofort runter da“, rief Rebroff-Tine erschrocken.

Ich schüttelte den Kopf. „Nö. Komm du rauf. Alleine kann ich nicht Sirtaki tanzen.“

„Sirtaki?“

Ich nickte energisch. „Sicher. Was willst du denn sonst auf einem Küchentisch tanzen? Pogo?“

Tine seufzte erneut schwer. „Muss das wirklich sein?“, fragte sie gequält.

Ich sah sie nur mit Tränen in den Augen an und nickte, da kletterte sie tatsächlich mit wackeligen Knien zu mir auf den noch wackeligeren Tisch.

Dankbar sah ich sie an. Meine gute Tine. Die quadratisch, praktisch, gute Rechtsanwältin. Die für mich sämtliche Prinzipien über Bord warf und auf einem Küchentisch herumhoppelte. Ich atmete tief ein und aus. Zum Glück gab es auf der Welt jemanden, der mich so sehr liebte, dass er sich für mich komplett zum Affen machte. Ein schöner Gedanke.

„Los geht’s“, krächzte ich und drückte auf den Play-Knopf meiner Fernbedienung.

Ein schmalziger Schlager aus der Mottenkiste meiner Mutter tönte uns entgegen. In Extremsituationen halfen mir die fies frisierten Sängerinnen und Sänger aus den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts manchmal besser als Schopenhauer und Konsorten. Kein Mensch wusste von dieser überaus peinlichen Marotte, nur Tine. Es war ein echter Liebesbeweis, dass sie sich das Zeug jetzt nicht nur gemeinsam mit mir anhörte, sondern sogar mit mir dazu Sirtaki auf dem Küchentisch tanzte. Was wären wir alle ohne beste Freundin? Nur etwas, das die Katze macht. Doch trotz dieses tröstlichen Gedankens, halfen mir die Schlager im Moment herzlich wenig weiter. Und während Tine mit gequältem Gesicht ungelenk die Beine hob, blieben meine auf der Tischplatte. Die Sängerin dudelte gerade herzzerreißend etwas davon, dass jeder Schmerz einmal zu Ende ging. Schwachsinn! Das blieb für immer so! Für alle Zeiten blieb ich ein Häuflein Elend. Weil Andy ein Schwein war. Ein Schwein, das ich liebte. Auf der Stelle kullerten die kurzfristig versiegten Tränen von Neuem.

Tine ließ die Beine schnell wieder auf dem Tisch und nahm mich dafür fest in den Arm. „Och, Anja, Süße, nicht.“

Ich würgte heulend hervor: „Mach den Mist bloß aus. Schnell!“ Denn nun behauptete die Schmalzsängerin sogar noch, dass man an Liebeskummer nicht sterben konnte.

„Und ob man daran stirbt. So fühlt es sich jedenfalls an“, jammerte ich. In der Tat wusste ich nicht, ob meine Lunge vor oder nach meinem Herz explodieren würde. Die Lunge wegen der Zigaretten, das Herz wegen meinem Ex-Schwein. Der hing jetzt garantiert nicht mit seinem Busenfreund heulend in seiner Küche und räucherte mich aus. Das war schon deshalb nicht möglich, weil Andy im Krankenhaus lag. Aber auch dort war Ausräuchern nicht notwendig, er war mich längst losgeworden. Schon vor Wochen. Und ich hatte es nicht einmal bemerkt. Bis vorgestern. Da war sein Betrug aufgeflogen.

Nachmittags hatte er mich vor Selbstmitleid zerfließend aus dem Krankenhaus angerufen, weil er sich das Bein gebrochen hatte. Beim Klettern. Dabei war der Kerl so sportlich wie ein Lehnsessel. Außerdem war er vom vielen Kiffen zwanzig Stunden am Tag derart tiefenentspannt, dass er gar nicht auf die wahnwitzige Idee kam, irgendwelche Wände hochzuklettern.

Deshalb hatte ich die Geschichte zuerst auch nicht geglaubt, sondern erst einmal eine Runde herzhaft gelacht. Das fand er irgendwie gar nicht witzig. Ziemlich sauer hatte er darauf bestanden, sich im Mainzer Klinikum zu befinden, wo es stinklangweilig war und wo er dringend seinen iPod benötigte, der bei mir in einer Ecke herumlag. Mit schlechtem Gewissen, weil mein Geliebter schwer verletzt in einem zugigen, verkeimten Krankenhaus vor sich hin litt, während ich mich über ihn lustig machte, hatte ich bei der Arbeit alles stehen und liegen lassen und meinem Chef eine wirre Geschichte von lebensgefährlichen Unfällen in der Familie aufgetischt. Dann war ich heimgedüst, hatte mich aufgehübscht, den iPod geschnappt und war mit Blümchen und Schokolade zu Andy ins Krankenhaus geflogen.

Als ich ankam, war der gerade bei einer Untersuchung. Und so empfing mich in seinem Zimmer nur sein Bettnachbar, ein leutseliger Rotzbremsenträger, der mich offensichtlich für Andys Schwester hielt. Das passierte häufig, weil wir beide schulterlange schwarze Ringellocken hatten.

Noch bevor ich „Piep“ sagen konnte, hatte sich der Kerl mit dem Bröselbesen lang und breit über Andys sexy Freundin ausgelassen. Seiner Aussage nach eine „kesse Blondine. Zuckersüß und rattenscharf. Mit einem Gesicht wie aus diesen japanischen Comics.“ Mir war auf der Stelle schlecht geworden. Schockiert hatte ich mich auf einen Besucherstuhl fallen lassen und den rotzbremsigen Schwärmereien gelauscht. Jedes Wort fühlte sich an wie ein Messer. Auch wenn ich nicht die kleine Meerjungfrau und der Schnauzer kein Prinz war.

Nach ein paar Minuten war ich zerfleischt genug. Ich hatte Blumen und Schokolade in einen Mülleimer, den iPod auf Andys Bett gedonnert und war aus dem Zimmer gerannt. Eine Stunde später begann das Dauerklingeln auf meinem Handy. Die ersten zwanzig Anrufe hatte ich einfach weggedrückt. Dann hatte mein Bedürfnis, Klarheit zu haben, gesiegt. Und die bekam ich auch. Die erstaunliche Quintessenz des wirren Geständnisses war: Andy war eben nur ein Mann – und Gloria eine Frau.

Und ich? Was war ich? Während ich das Handy umklammert hielt, lauschte ich der ganzen, lächerlich langweiligen Geschichte: Gloria – so ein affiger Name – war Parfümeriefachverkäuferin und bei einem von Andys Konzerten aufgetaucht. Und weil sie nicht nur von Stinkbomben, sondern auch von Musik wahnsinnig viel Ahnung hatte, hatte sie nach dem Konzert auf Andy gewartet. Für ihn hatte das Ganze allerdings rein gar nichts zu bedeuten.

Es war ein Witz. Für ihn bedeutete es nichts, dass für mich wegen einer aufgebrezelten Verkäuferin die Welt unterging. Ich konnte es nicht fassen. Dabei waren wir schon ein ganzes Jahr zusammen. Ein Jahr für den Mülleimer. Kennengelernt hatten wir uns bei einem Benefizkonzert in der Alten Oper. Ich arbeitete damals schon für das MEM, das Merchandising Event Magazine, einem Szenemagazin in Frankfurts Mitte, und sollte einen Artikel über das Who’s who des Abends schreiben. Andy war einer der Roadies. Ansonsten war er dauerbekiffter Endlosstudent und Drummer in einer schwülstigen Poser-Band mit dem bekloppten Namen ,Hannahs Lunchtime‘. Diese Band tourte seit Jahren mit mäßigem Erfolg durch die grässlichen Kaffs der hessischen Bergstraße. Doch da die hiesigen Teenies sich auf demselben THC-Pegel wie die Band bewegten, kamen die laschen Poser einigermaßen gut an. Offensichtlich.

Auf meinem wackeligen Küchentisch ballte ich nun die Fäuste. Eine Parfümeriefachverkäuferin mit Erbsenhirn und Puppenkleidergröße inklusive Mangagesicht hatte mir den Kerl ausgespannt!

So ein Elend.

Andy.

Keiner roch so gut wie er. Das war das Schlimmste. Ich war nämlich hyperolfaktorisch. Meine Nase war derart empfindlich, dass ich nur die wenigsten Menschen überhaupt riechen konnte. Und dann rannte ich in diesen erfolglosen Drummerroadie rein – und roch, trotz der ihn ständig umgebenden Cannabiswolke, nur noch ihn. Das Gemeinste war, dass Manga-Gloria ihn jetzt so lange in Parfüm tunken würde, dass sein wunderbarer Geruch zum Teufel ging. Aber war er da wirklich richtig oder sollte ich ihn nicht doch noch an den Ohren aus seiner selbst gebastelten Hölle ziehen? War er das wert, nur weil er gut roch?

„Anja? Kannst du bitte vom Tisch runterklettern? Du machst mir mit deinem Gestarre und Gejammere Angst“, bat Tine nun.

Ach, Tine. Meine Beste. Die hatte ich bei meiner Rolle rückwärts ganz vergessen. Tränenverschleiert starrte ich sie an und nickte. Meine Schlagerfuzzis hatten ebenso wie Sirtaki und Glimmstängel auf ganzer Linie versagt. Das heulende Elend zerrte erbarmungslos an meinen Eingeweiden. Tine half mir wie einer Achtzigjährigen vom Tisch, dirigierte mich energisch ins Wohnzimmer aufs Sofa und legte mir dort eine Schachtel Mozartkugeln in den Schoß.

„Da. Iss.“

„Danke“, schluchzte ich, konnte mich aber nicht dazu durchringen, in die Zucker-Fett-Bombe zu beißen, obwohl ich sie sonst heiß und innig liebte. Aber die Glimmstängel waren mir genau wie Tine auf den Magen geschlagen. Na toll. Lunge kaputt, Magen kaputt, Herz kaputt. Genau genommen fühlte sich Letzteres an wie eine Knetgummimasse, auf die sich ein Elefant gesetzt hatte.

„Mein Herz ist ein Knetgummipfannkuchen. Ganz platt“, würgte ich hervor.

„Aha.“

„Ja“, jammerte ich weiter. „Und jetzt, in diesem Moment, fühlt es sich so an, als ob viele kleine Gnome daran herumdrücken, reißen und beißen, um es wieder in seine alte Form zu quetschen. Oder eben ganz zu zerstückeln.“

„Jaja.“ Tine nickte verständnisvoll.

Ich warf ihr einen wütenden Blick zu. Was verstand sie schon von Gnomen und Elefanten? „Jetzt tu doch nicht so, als ob du wüsstest, wie es mir geht“, jaulte ich. „Du hast keine Ahnung von Liebeskummer.“

„Also bitte“, beschwerte sie sich empört. „Letztes Jahr? Alex? Schon vergessen?“

„Ach so, ja natürlich. Tschuldigung“, murmelte ich kleinlaut. In meinem Jammer-Dasein hatte ich ganz vergessen, dass meine liebe Tine sich nicht nur mit Liebeskummer auskannte – sondern sogar eine Expertin auf dem Gebiet war. In der Tat hatte es Ewigkeiten gedauert, bis Tine ihren letzten Griff ins Klo verkraftet hatte. Das war ihr nur mit endlosen Sachertortenschlachten gelungen, aus denen sie erst mit zehn Kilo mehr auf den Hüften als Siegerin hervorgegangen war. Bei ihr war das kein Problem, weil sie vor dem Liebesfiasko viel zu dünn gewesen war – und ihre jetzigen Kurven phänomenal zu ihr passten. Sie hatte auch vor ihrem jüngsten Beziehungsdebakel schon wie die junge, ziemlich untergewichtige Grace Kelly für Arme ausgesehen. Jetzt raubte sie so ziemlich jedem Kerl schlichtweg den Atem. Dumm war nur, dass trotzdem keiner bei ihr landen konnte. Tine verlangte von ihrem nächsten Lover nämlich etwas fast Unmögliches: Er sollte auf Goethes Pfaden wandeln und vor allem wahr und gut sein; das Schöne war ihr gar nicht so wichtig. Leider gabelte man so ein Ausbund an gutem, freundlichem und aufrichtigem Charakter nun mal nicht an jeder Straßenecke auf. Und deshalb war und blieb sie bis auf Weiteres Single.

Genau wie ich. Allerdings konnte ich zehn Kilo mehr auf den Hüften nicht so gut vertragen. Meine waren schon rund genug. Deshalb wollte ich auch nicht noch mehr mit meinem Gewicht kämpfen. Ich wollte … Andy. Erneut kullerten mir die Tränen übers Gesicht. Ob die superdünne Gloria mit dem Mangagesicht jetzt wohl bei ihm war? Im Krankenhaus? Die Eifersucht nagte und kaute an mir herum wie ein halb verhungerter Wolf an einem verwesenden Gnu.

In dieses Elend hinein klingelte das Telefon. „Lass es klingeln“, schluchzte ich. Doch Tine war schon unterwegs. „Bei Rembrand … Ach, Jan, wie nett. Nein, im Moment ist es nicht so günstig. Sie ist, äh, in der Badewanne …“ Tine warf mir einen fragenden Blick zu.

Ich überlegte kurz. Sollte ich mit Jan sprechen? Warum nicht. Er war schließlich auch mein Ex. Wenn auch schon seit fünf Jahren. Wir hatten uns damals nach einer ebenfalls fünfjährigen Beziehung im gegenseitigen Einvernehmen sehr erwachsen getrennt. Übersetzt hieß das, dass wir praktischerweise beide gleichzeitig jemanden gefunden hatten, der besser zu uns passte. Deshalb konnten wir Freunde bleiben. Und wenn es hin und wieder bei einem von uns zu kribbeln begann, steckte der andere gerade in einer Beziehung. So blieben wir weiterhin die platonischsten aller platonischen Freunde. Und das für alle Zeiten.

Unser Muster griff auch jetzt wieder. Ich war Dank der Parfümschlampe zwar wieder Single, aber Jan steckte seit über einem halben Jahr in einer ziemlich heftigen Nummer fest, aus der er nicht so schnell wieder herauskam. Marcella hieß seine glutäugige Aktuelle. Eine sensationell schöne Italienerin mit Sinuskurventemperament und riesiger Familie, die Jan bereits als Zuwachs absorbiert hatte. Seitdem er sich auf diese Weise auffressen ließ, hatte ich ihn kaum noch gesehen. Beim letzten Treffen hatte er mir gestanden, dass Marcella vor Eifersucht auf mich regelrecht platzte. Sie nahm Jan und mir die platonische Freundschaft keinen Millimeter ab. Diese Schönheitskönigin war auf mich eifersüchtig. Ein schöner Gedanke, der unendlich guttat. Gerade jetzt, wo ich mit dicker Knollennase, zugeschwollenen Augen und aufgeschwemmtem Gesicht wie eine Mischung aus Käsekuchen und Clownsgesicht aussah. Es gab jemanden auf der Welt, der mich als Bedrohung ansah. Das richtete mich auf der Stelle etwas auf.

Also krächzte ich in Tines Richtung: „Gib her.“ Ich schnappte den Telefonhörer, den sie mir mit hochgezogenen Augenbrauen vor die Nase hielt, und fragte krächzend: „Jan, wie geht’s?“

„Gut. Du bist aber schnell aus der Badewanne aufgetaucht“, stellte er fest. „Wieso hörst du dich denn an wie ein Papagei?“

„Ich, äh, war gerade fertig mit Baden. Und da, äh, habe ich so laut gesungen, dass ich jetzt keine Stimme mehr habe“, krächzte ich weiter.

„Ach so. Sag mal, Anja, hast du nächste Woche abends irgendwann ein Stündchen Zeit für mich? Ich würde gerne etwas mit dir besprechen.“

„Was denn?“

„Das sage ich dir, wenn wir uns treffen. Oder gönnt dir dein Star-Drummer keine Auszeit?“

„Ach der“, höhnte ich. „Der gönnt sich gerade was ganz anderes: Minderjährige XS-Tussis mit Erbsenhirn zum Beispiel.“

Nach einer kurzen Pause meinte Jan: „Autsch, das hört sich aber nicht gut an. Habt ihr euch getrennt?“

Jetzt machte ich meinerseits eine Pause und schnaufte tief durch. Hatten wir uns getrennt? Darüber hatte ich noch gar nicht nachgedacht. Konnte und würde ich Andy seine Erbse verzeihen? Was war, wenn sein Bein verheilt war und er angekrochen kam? Ich atmete tief durch, hustete kurz den letzten Zigarettenqualm aus meinen Lungen und hauchte damit auch den letzten Rest des bösen Geistes aus: „Ja. Getrennt. Aus. Schluss. Ende.“

Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken, so gnadenlos und endgültig hörte sich das an. Tine riss erstaunt und gleichzeitig begeistert die Augen auf. Gleich würden sie ihr aus dem Kopf fallen. Sie strahlte wie ein Honigkuchenpferd und klatschte wie eine Dreijährige vor dem Weihnachtsbaum in die Hände.

Doch Jan bekam von alldem nichts mit. Er schnaubte kurz, dann meinte er: „Okay. Dann hast du ja sicher einen Abend Zeit für mich. Wie wäre es gleich morgen?“

„Ja, passt. Aber warum hast du es denn so eilig und machst es so spannend? Hast du was ausgefressen und musst schnell untertauchen?“

Jan gackerte eine Zeit lang ebenso begeistert wie albern vor sich hin. Das kannte ich gar nicht von ihm! Doch bevor ich weiter nachhaken konnte, erklärte er: „So etwas in der Art. Alle Details gibt es morgen. Sagen wir um acht in der Orion-Bar?“

„Au ja“, seufzte ich. „Da war ich lange nicht.“

„Kein Wunder. Schließlich konnte sich dein Student die Drinks dort nicht leisten. Anja? Sei froh, dass du den los bist. Früher oder später hätte er dir sicher eine Geschlechtskrankheit angehängt.“

„Du meinst, so wie du damals den Genitalherpes?“, fragte ich zuckersüß.

Nach einer kurzen Pause erklärte er: „Ich muss jetzt Schluss machen. Also bis morgen.“

Zufrieden und nachdenklich legte ich ebenfalls auf und schenkte Tine ein halbherziges Grinsen. „Noch einer, der jetzt dringend Schluss mit mir machen musste. Aber wir treffen uns trotzdem morgen Abend.“

„Na, siehst du, so ist es richtig: Vergiss den bekifften Versager. Geh aus. Stürz dich ins Vergnügen.“

Ich winkte verächtlich ab. „Aber doch nicht mit Jan.“

***

Die nächste Morgenstund hatte Ratten im Mund. „Nie wieder Glimmstängel“, krächzte ich meinem teigig grauen Spiegelbild im Bad entgegen. Was stank hier eigentlich so? Ich schnupperte. Der Geruch kam eindeutig von der Toilette. Hatte Tine gestern etwa nicht gespült? Ich lief zum Klo und schnüffelte rund um die Brille. Puh. Was war das denn? Ich kniete mich auf den Boden und schaute hinter die Keramik. Da! Ein Leck. Wie gut, dass ich eine so feine Nase und das Leck sofort entdeckt hatte. Bei einem normal Riechenden hätte es sicher irgendwann eine riesige Schweinerei gegeben.

Also griff ich seufzend zum Telefonhörer und rief meine schmallippige und humorfreie Vermieterin Cordula Simmel alias Fräulein Rottenmeier an. Erwartungsgemäß war sie wenig bis überhaupt nicht begeistert von der auf sie zukommenden Handwerkerrechnung, versprach aber, sich zeitnah um die Reparatur zu kümmern und einen Handwerker zu schicken.

Einigermaßen gefasst machte ich mich auf den Weg zur Arbeit. Hoffentlich hielt sich heute der Zickenkrieg im Rahmen. In der Redaktion arbeiteten meiner Meinung nach einfach zu viele zu gut ausgebildete, aber zu schlecht ausgewählte Frauen auf einen Haufen. Schlecht ausgewählt deshalb, weil jede einzelne von ihnen Haare auf den Zähnen und das dringende Bedürfnis nach einer schwindelerregenden Karriere hatte. Unser Chef, Klaus Fink, suchte sich genau diesen Typ Frau immer wieder aus.

„Was wir brauchen, sind Kämpferinnen“, blubberte er ein ums andere Mal, wenn wir ihn bei der Neubesetzung einer Stelle um mehr Freundlichkeit und weniger Biss anflehten. Dies lehnte Fink jedoch kategorisch ab. „Wir sind das kulturelle Szenemagazin Frankfurts. Und das wollen wir auch bleiben. Mit Freundlichkeit funktioniert das nicht. Mit Biss schon.“

Also wurde gebissen. Tagtäglich. Und gnadenlos. Blöderweise war ich im Grunde meines Herzens eher der trottelig-freundliche Typ. Ich wachte morgens schon mal auf, nachdem ich von saftigen Bergwiesen voller Gänseblümchen, Häschen und Murmeltieren geträumt hatte. Das war sicher irgendein nicht verarbeitetes Kindheitstrauma. Ein Psychiater hätte mir auf der Stelle ein bedenklich kindliches Gemüt bescheinigt. Auf jeden Fall war ich so harmlos wie ein Pandabär. Gab man mir genug zu Futtern und hielt man mir Stress vom Hals, war für mich die Welt ein wunderbarer Ort.

Mein Dilemma bestand deshalb darin, dass ich als Pandabär dazu gezwungen war, über die Schlechtigkeit der Welt zu schreiben. Denn es wollte kein Schwein etwas Positives in der Zeitung lesen. Die Menschen lechzten nach Katastrophen. Und mein Job war es, darüber zu berichten. Ganz toll.

Leider war mir so überhaupt nicht klar, wie ich aus der Nummer herauskommen sollte. Eine Umschulung hätte Jahre gedauert – und ich wusste auch gar nicht recht, was ich statt Schreiben tun sollte. Denn im Grunde machte es mir einen Riesenspaß! Also hatte ich mich vor einem guten Jahr zu einer ganz anderen Taktik entschieden: Ich wollte versuchen, mir ein dickeres Fell zuzulegen. Dann konnte ich mich durchbeißen, in meinem ungeliebten Job Karriere machen – und als Chefin endlich darüber entscheiden, nicht länger ausschließlich über Katastrophen zu berichten.

Meiner Meinung nach war das ein toller Plan. Und er schien sogar aufzugehen. Denn ab übernächsten Ersten hatte mein Chef mir die Position der stellvertretenden Chefredakteurin in Aussicht gestellt. Unsere aktuelle hatte sich nämlich schwängern lassen und würde mit den tobenden Hormonen im Leib nicht viel länger in unserem Haifischbecken überleben können. Gestern hatte sie drei Stunden lang geheult, weil eine der Obermobberinnen in der Redaktion ihre Tasse zerbrochen hatte.

„Das war Absicht“, hatte die arme Schwangere geschluchzt. Natürlich war das Absicht, hätte ich ihr gerne zugestimmt. Genauso wie es Absicht war, dass du jetzt heulst.

Viel länger würde sie nicht durchhalten. Höchstens noch ein paar Wochen. Deshalb wetzten alle eifrig die Messer – doch nur meine Stunde würde schlagen.

Ich träumte bereits von aus dem Leben gegriffenen Porträts interessanter Persönlichkeiten vor Ort und Hoffnung verbreitenden Sozialreportagen, ganz nebenbei natürlich auch von einer Gehaltserhöhung sowie von Ruhm und Ehre. Doch an diesem Tag konnte ich all das in meinem defekten Klo hinunterspülen. Schon beim Betreten der Redaktion registrierte ich unzählige schadenfrohe Blicke. Freuten die sich etwa über meine grünliche Gesichtsfarbe und die verquollenen, überschminkten Augen?

In meinem Büro klärte Fink die Situation persönlich: „Frau Rembrand, Sie haben doch die eSports-PR-Artikel geschrieben?“, empfing er mich mit zornumwölkter Stirn.

„Ja, wieso?“

„Weil der erste heute bereits erschienen ist“, antwortete mein Chef mit nur schlecht unterdrückter Wut.

„Und?“ Ich verstand nach wie vor nur Bahnhof.

„Ich hatte doch ausdrücklich darum gebeten, mir die Artikel vor Abdruck vorzulegen. Jetzt haben wir den Salat.“

Ich schaute ihn ratlos an.

„Fehler! Im Artikel sind inhaltliche und formale Fehler. Und zwar keine Kleinigkeiten“, brüllte Fink plötzlich in gewaltiger Lautstärke. „Der Kunde will jetzt nicht nur nicht bezahlen, er fordert Schadenersatz.“

Nun wurde ich unter meiner grünen Gesichtsfarbe blass. „Aber wieso? Ich meine, ich habe doch alles gründlich recherchiert“, stammelte ich. „Und den Artikel auf dem normalen Weg zur Gegenprüfung an Frau Maier weitergeleitet. Damit die ihn dann in die Korrektur gibt – und anschließend zu Ihnen schickt. Vor Abdruck selbstverständlich.“ Cover my ass as usual, setzte ich in Gedanken hinzu.

Doch Fink beugte sich zu mir und fragte leise: „Und warum weiß Frau Maier davon nichts?“

Ich starrte ihn mit offenem Mund fassungslos an. „Aber das muss sie“, würgte ich schließlich hervor. „Ich habe ihr die Texte gestern Nachmittag persönlich vorbeigebracht und sie um das übliche Prozedere gebeten.“ Allerdings hatte ich vergessen, mir das schriftlich quittieren zu lassen. Ein Fehler. Ein böser, böser Fehler. Einer, auf den die fiese Maier seit Wochen gewartet hatte.

„Nun, da sagt Frau Maier etwas anderes“, erklärte Fink da auch schon erwartungsgemäß. „Sie meinte, Sie hätten derzeit offensichtlich private Schwierigkeiten. Den ganzen Tag über hätten Sie unkonzentriert und zerstreut gewirkt. Frau Maier meinte außerdem, sie habe sich selber darüber gewundert, dass Sie die Texte direkt in den Druck gegeben hätten. Frau Rembrand, Frau Rembrand …“

Er griff sich mit beiden Händen an den Kopf und raufte sich die wenigen noch vorhandenen farblosen Haare. Dann schüttelte er den Kopf. „Sie sind eine unserer Besten. Und natürlich sind wir alle nur Menschen. Aber das … hätte Ihnen nicht passieren dürfen. Es tut mir leid. Aber als stellvertretende Chefredakteurin kann ich Sie nun nicht mehr vorschlagen.“

Alles für die Katz. Aus der Traum von Ruhm, Ehre und einer besseren Welt für Pandabären. Während ich versuchte, meine Schnappatmung unter Kontrolle zu bekommen, klopfte er mir auf die Schulter. „Nehmen Sie sich doch ein, zwei Tage frei und ordnen Sie Ihr Privatleben. Danach legen Sie wieder hundertprozentig los, ja?“ Er seufzte schwer, schüttelte noch einmal den Kopf und ließ mich in meinem Büro stehen.

Mein Blick wanderte durch die Milchglasscheibe nach nebenan. Dort stand das erfolgreiche Mobbing-Triumvirat: die Maier, die Mendel und die Böhm. Sie winkten mir feixend und bestens gelaunt zu. Die Aasgeier! Sie hatten hinterrücks den Job-Ast abgesägt, auf dem ich bisher einigermaßen komfortabel gesessen und mit den Beinen gebaumelt hatte. Wer von ihnen den Job wohl wollte? Ich tippte auf die Maier selbst, die im Rennen um die Beförderung bisher keine Chancen gehabt hatte. Das hatte sich nun geändert. Wenn ich mich nicht täuschte oder mir schnell einen noch fieseren Gegenschlag einfallen ließ, war sie in wenigen Wochen meine direkte Chefin. Und dann gute Nacht. Eine zerbrochene Tasse wäre da mein kleinstes Problem. Es war nämlich glasklar, was sie wollte: nichts weniger als meinen Kopf auf einem silbernen Tablett. Denn sie konnte mich ebenso wenig leiden, wie ihre Kumpaninnen.

Was meine liebe Tine an mir so schätzte – meine „Begabung, die Welt in einem positiven Licht zu sehen“, wie sie es ausdrückte – war für Maier, Mendel, Böhm einfach nur ein rotes Tuch. Oder anders gesagt: Ich stand ihnen mit meiner Einstellung massiv im Weg. Sie wollten Blut sehen. Und zwar in Farbe und in Massen. Und dann wollten sie ausführlich darüber berichten. Ganz ohne, dass jemand wie ich ihnen mit moralischen Bedenken kam.

Deshalb war zwar zu erwarten gewesen, dass die Hyänen in meiner Redaktion mich bei der erstbesten Gelegenheit in die Pfanne hauten. Dennoch machte es mir nun schwer zu schaffen.

Völlig erschlagen schleppte ich mich, um Schadensbegrenzung bemüht, durch den Tag und endlich nach Hause in meine Wohnung. Das Einzige, was mich noch aufrecht hielt, war der Gedanke, dass es kaum noch schlimmer kommen konnte. Ein Irrtum.

„Was ist denn hier los?“, fragte ich fassungslos, als ich vor meiner Wohnungstür stand, die sperrangelweit offen stand. Ich warf einen Blick in meinen Flur und fand dort die halbe Nachbarschaft zu einem Kaffeekränzchen versammelt.

„Ach, Frau Rembrand, da sind Sie ja endlich.“ Unser Hausdrache Schossnowski, wie üblich in eine Schweißwolke und einen grässlichen Acrylpullover gehüllt, walzte freudestrahlend auf mich zu. „Frau Simmel hat mich gebeten, den Handwerker in Ihre Wohnung zu lassen.“

„Aber das geht doch nicht“, stammelte ich entsetzt. „Das kann sie doch nicht über meinen Kopf hinweg entscheiden!“

„Doch, sicher kann sie das.“ Die Schossnowski rieb sich strahlend die Hände. „Wenn ein Rohr kaputt geht, besteht doch die Gefahr einer Überschwemmung! Das Risiko konnte Frau Simmel nicht eingehen. Außerdem haben Sie selbst doch heute Morgen darum gebeten, dass ein Handwerker kommt.“

„Aber ich habe nicht darum gebeten, dass Sie in meine Wohnung einbrechen – und diese Leute hier gleich mitbringen!“

„Also bitte, jetzt hör sich das einer an“, begann der Drache da lautstark zu zetern. Sämtliche schwarzen Borsten auf ihrem unrasierten Kinn bebten vor Empörung. Und natürlich scharte sich auf der Stelle ihr dankbares Publikum um sie: ihr ebenso debiler wie notgeiler Lebensabschnittsgefährte, der fettleibige Frührentner Jansen, die beiden verschüchterten Rentnerinnen aus dem Souterrain, die aussahen wie die Kessler-Zwillinge, sowie die aufdringliche Klatschbase Kowiak, die gerade ihren schätzungsweise dreihundertsiebenundzwanzigsten Säugling in einem versifften Tragetuch umgeschnallt hatte und nach saurer Milch müffelte.

Ich hielt dezent die Luft an, um nicht vor Übelkeit zu brechen. Hyperolfaktorisch zu sein, hatte eindeutig seine Nachteile. Dann blickte ich niedergeschlagen in die Runde. Was, zum Teufel, hatte ich getan, um nach dem schlimmsten Arbeitstag meines Lebens diese Horde wild gewordener, miefender Spießer zu verdienen? So viel übles Karma konnte ein einzelner Mensch auch in hundert Leben nicht angesammelt haben!

Also fragte ich, um Aufklärung bemüht: „Was machen Sie denn eigentlich alle hier?“

„Zustände aufklären, die bei Ihnen herrschen“, erklärte die Schossnowski bartwackelnd weiter. „Wenn wir Ungeziefer und Schlimmeres hier im Haus haben, müssen wir schließlich wissen, woher sie kommen.“

„Genau“, nickte Jansen eifrig. „In dem Müll hier gedeiht ja alles.“

„Bitte?“, fragte ich mit weit aufgerissenen Augen und blickte gehetzt in meinem Flur auf und ab. „Wieso Müll? Welcher Müll denn?“ War vor unserem Haus ein Mülllaster verunglückt und hatte aufgrund einer Fehlzündung eine ganze Ladung Abfall in meine Wohnung katapultiert? Wundern würde es mich nicht. Das Maß an Katastrophen war offensichtlich nie voll. Allerdings sah ich in meiner Wohnung keine Spur von dem Müllwagenunfall.

Doch die Bärtige war unerbittlich. „Welcher Müll?!“ Sie schüttelte pikiert den Kopf, dann meinte sie hochnäsig: „Sie hören von Frau Simmel. Morgen kommt auf Ihre Kosten zudem der Kammerjäger und geht durchs Haus. Kommen Sie, meine Lieben“, wandte sie sich an den geifernden Mob. „Überlassen wir Frau Rembrand der vor ihr liegenden Putzarbeit.“

Stumm verfolgte ich den Auszug aus Ägypten. Meine Nachbarn schienen sich nur mit Mühe davon abhalten zu können, mich anzuspucken. Oder anzuzünden. Völlig erledigt warf ich hinter dem letzten Schaulustigen die Wohnungstür zu und lehnte mich dagegen. Was lief hier eigentlich für ein Film? Vorsichtig tappte ich durch die Wohnung. Die war zwar nicht gerade porentief rein, aber die Ungezieferhorden sowie die Müllberge suchte ich vergeblich. Nur der Aschenbecher in der Küche quoll über. Aber der rechtfertigte keinen Kammerjäger. Ich beschloss, dass der ganze alberne Auftritt der empörten Rentnerhorden auf nichts anderes, als unerträgliche Langeweile zurückzuführen war. Schnell entsorgte ich mit zugehaltener Nase die Nikotinbomben im Mülleimer und ließ mich dann auf mein Sofa plumpsen.

Überall hatte die Nachbarschaftsmafia herumgeschnüffelt, während ich nicht da war. Sogar die Schranktüren in meinem Büroschrank standen offen. Das war definitiv der mieseste Tag in meinem Leben. Und mich richtete als einziges der Gedanke auf, dass er jetzt nicht noch schlechter werden konnte.

***

„Du machst was?“, fragte ich entsetzt.

„Ich hau ab. Für ein Jahr“, wiederholte Jan in der Orion-Bar ebenso glücklich wie geduldig.

„Ja, aber wie? Ich meine, warum?“

Er seufzte wohlig, mit einem dicken Grinsen im Gesicht und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. „Ich habe mir einen ziemlich klapprigen, aber sehr charmanten Bully gekauft. Baujahr 1973. Ich habe schon seit ein paar Monaten daran herumgebastelt. Jetzt müsste er die Fahrt quer durch Spanien eigentlich durchhalten.“

So plötzlich, dass ich zusammenzuckte, beugte er sich zu mir und raunte: „Anja, das wird wunderbar. Stell dir das einmal vor: Ich halte, wann ich halten will. Fahre, wohin ich will. Wenn ich müde bin, hau ich mich hinten auf meine Matratze. Sogar einen Campingkocher habe ich eingebaut. Und – das ist das Beste – einen Wasserkanister samt Schlauch. Damit kann ich sogar duschen!“

„Duschen. Und das in Spanien. Der helle Wahnsinn.“

„Der helle Wahnsinn“, wiederholte er flüsternd mit glänzenden Augen. Ich lächelte ihn verständnisvoll an. Spanien war unser gemeinsames Traumland. Vor ziemlich genau zehn Jahren hatten wir uns sogar dort kennengelernt: in einer Sprachschule in Salamanca. Ich musste damals dringend meine Spanischkenntnisse aufpolieren, um mit den vielen Muttersprachlern an der Uni mithalten zu können, mit denen ich gemeinsam Romanistik im Nebenfach studierte. Jan war mit seinem internationalen Wirtschaftsingenieursstudium mit spanischem Schwerpunkt beschäftigt. Bei ihm standen in Kürze einige wichtige Prüfungen an. Also hatten ihn seine Eltern in den Semesterferien ebenfalls nach Salamanca geschickt. Kennengelernt hatten wir uns damals bei einer Fiesta der Sprachschule, bei der wir uns beide zu Tode langweilten: Massen von Strebern und Holländern buhlten wahlweise um die Gunst der eingebildeten Sprachlehrer oder sternhagelvollen Schwedinnen. Notgedrungen hatten Jan und ich uns zusammengesetzt, um besser lästern zu können.

Es war der Auftakt einer großen Liebe, die fünf Jahre lang hielt. Danach war die Luft raus. Er stürzte sich in seinen langweiligen Bürojob und verknallte sich klischeemäßig in seine Sekretärin.

Freunde konnten wir glücklicherweise trotzdem bleiben. Schließlich hatte ich damals bereits seit ein paar Wochen etwas mit einem Redakteur laufen. Wir waren also quitt. Eine gute Voraussetzung für eine platonische Freundschaft. Und wenn sie in den Jahren danach einmal von Jans oder meiner Seite aus nicht mehr ganz so platonisch gemeint war, hielt uns einer meiner gerade aktuellen Freunde oder eine neue Sekretärin von Dummheiten ab.

Trotzdem hatte ich gerade jetzt sehr lebhaft den Abend vor Augen, an dem wir uns zum ersten Mal geküsst hatten.

Ich räusperte mich und fragte vorsichtig: „Ich nehme an, du fährst auch nach Salamanca?“

Jan zwinkerte mir zu. „Sicher. Aber ich habe keine Ahnung, ob zu Beginn oder Ende des Jahres.“

„Aha. Aber … geht das denn alles so einfach? Ich meine, mit deinem Job?“

„Alles geklärt“, winkte Jan grinsend ab. „Ich nehme ein Sabbatical. Mein Chef ist einverstanden. Wenn ich zurückkomme, geht es nämlich richtig los: Wir planen, einen Konkurrenten zu schlucken. Momentan ist noch nichts spruchreif. Deshalb ist jetzt die richtige Zeit für eine längere Pause. Natürlich sind die in der Firma nicht gerade begeistert. Aber ich komme ja rechtzeitig wieder – und lege dann richtig los. Aber vorher … Oh, Anja, ich kann dir gar nicht sagen, wie ich mich freue.“ Er griff nach meinen Händen. Ich starrte sprachlos auf unsere vier Pfoten.

Er schwärmte weiter: „Stell dir das doch mal vor: Ein ganzes Jahr lang Spanien! Niemand wartet auf mich, keine Pläne, nur Möglichkeiten. Das wird der reine Wahnsinn.“

Ich nickte. Der reine Wahnsinn. Beziehungsweise der unfaire Wahnsinn. Während mir mein mickriges kleines Leben um die Ohren flog, ließ der Mistkerl es sich richtig gut gehen. Im tollsten Land der Welt.

„Und wann geht’s los?“

„In zehn Tagen.“ Er ließ meine Hände los, verschränkte sie erneut hinter dem Kopf und lehnte sich mit einem breiten Grinsen bequem zurück.

„Schon“, sagte ich gedankenverloren. „Und was sagt Marcella?“

„Na ja.“ Er warf mir einen kurzen Seitenblick zu und druckste herum. „Die ist natürlich alles andere als begeistert. Zumal wir in diesem Jahr bereits drei Wochen Urlaub genommen haben – und sie in ihrer Unternehmensberatung nur die üblichen dreißig Tage bekommt. Aber während ihres Resturlaubs will sie mich natürlich besuchen kommen. Wo auch immer ich dann stecken werde.“

Jetzt sagte ich gar nichts mehr. Some guys have all the luck. Und andere wohnten mit der NSA unter einem Dach, wurden im beruflichen Haifischbecken zerfleischt und von ihrem Freund wegen eines japanischen Magermodels verlassen. Wo blieb da die Gerechtigkeit?

Anscheinend waren mir meine Gedanken allzu deutlich vom Gesicht abzulesen, denn Jan wechselte auf der Stelle das Thema und zog stattdessen den restlichen Abend über Andy her. Über dessen alberne Vorliebe für Hosen mit Schlag, seine Faulheit im Bett – ich hatte mich bei Jan hin und wieder darüber beklagt. Wozu hat man schließlich Freunde? –, über seine schlechte Angewohnheit, sich schon vor dem Frühstück Joints zu drehen und so weiter.

Als Jan und ich uns verabschiedeten, hatte er mich fast davon überzeugt, dass ich mich auf Knien bei Manga-Gloria bedanken sollte.

Kapitel 2

Kahlschlag

In den nächsten Tagen ließ mich der Gedanke an Spanien einfach nicht mehr in Ruhe. War das wirklich so einfach? Konnte man sein Leben samt nervigen Kollegen, betrügerischen Exmännern und der unfassbaren Hässlichkeit endloser Betonschluchten im deutschen Nieselregen rings um einen herum einfach so abschalten?

Offensichtlich. Jedenfalls, wenn es um die unzähligen Dokusoaps über grenzdebile Auswanderer ging. Jedes Jahr verließen über siebenhunderttausend Menschen Deutschland. Wohin verschwanden die? Immerhin rund achttausend davon hatten gut gewählt und gingen nach Spanien. Und wie viele schafften es, dort Fuß zu fassen?

Jan und ich waren während unserer Beziehung meistens im Urlaub in Spanien gewesen und hatten oft davon geträumt, dorthin auszuwandern. Schließlich waren unsere Chancen deutlich besser als die der meisten Deutschen, die auf Spanisch gerade mal ein Bier bestellen konnten. In einer deutschen Bar wohlgemerkt. Denn kein Spanier wusste, was eine „Zerfätza“ sein sollte.

Jan und ich dagegen sprachen – auch dank der Langweiler-Sprachschule – einigermaßen fließend Spanisch. Wir hatten beide Jobs, mit denen man auch in Spanien weiterkommen konnte. Trotz Wirtschaftskrise. Wir hatten spanische Freunde in Deutschland und kannten uns mit der Mentalität und Kultur aus, nein, wir liebten sie!

Ach ja.

Und jetzt machte der Sauhund ernst. Er konnte nach durchtanzten Nächten in Open-Air-Discos so viele Churros con Chocolate essen wie er wollte. Auf kleinen, staubigen Plätzen, die die Morgensonne in goldenes Licht tauchte. Mit sprudelnden, schmiedeeisernen Springbrünnchen, um die ringsherum den lieben langen Tag Opas und Omas auf kleinen Holzbänkchen miteinander stritten und lachten, während unzählige Vögel in riesigen Gummibäumen und Palmen dasselbe taten.

Buhu! Es war zum Heulen. Während ich an meinem Schreibtisch fast das Meer rauschen hören konnte, sägte das Triumvirat weiter kräftig an meinem Stuhl. Ich musste in jeder Sekunde höllisch aufpassen und x-fach Abschriften von jedem noch so popligen Dokument machen, um von Fink nicht noch eine Abmahnung zu kassieren.

Ich hatte es so satt! War es das wirklich wert? Die ganze Mühe, der endlose Zickenkrieg, wofür eigentlich? Für einen Job, für den ich ehrlich gesagt die absolute Fehlbesetzung war? Für die blöde Wohnung in einer ohnehin kaum erträglichen Vorstadtnachbarschaft voll von Spießern und NSA-Mitarbeitern? Für ein neues Auto? Einen Malediven-Urlaub mit Andy, den ich jetzt ohnehin vergessen konnte? Was machte ich hier eigentlich?

Diese Fragen und Gedanken wälzte ich von früh bis spät. Jan machte es genau richtig. Zwar behauptete er, nur für ein Jahr nach Spanien fahren zu wollen. Er hielt sich das Hintertürchen mit seinem Job meiner Ansicht nach aber nur offen, weil er den ganz großen Sprung allein einfach noch nicht wagen wollte. Vielleicht auch wegen Marcella. Als Italienerin hätte die sich eher beide Hände abgehackt, als nach Spanien zu ziehen.

Ganz schön raffiniert, der liebe Jan. Das Jahr Auszeit gönnte ihm jeder. Keiner machte Theater. Alles war wunderbar. Dabei war ich fest davon überzeugt, dass Jan insgeheim längst Nägel mit Köpfen gemacht hatte: Er würde in Spanien bleiben. Das war völlig klar. Schade, eigentlich. Er würde mir mächtig fehlen. Natürlich konnte ich ihn immer in Spanien besuchen. Aber das war nicht dasselbe. Am liebsten würde ich ihn begleiten.

Was für ein herrlicher Gedanke das war – alles einfach hinzuwerfen. Noch einmal neu anzufangen. Mit einem guten Freund an der Seite, der sich noch dazu schon um das Transportmittel gekümmert hatte. Ob in dem einer mehr oder weniger mitfuhr, war doch piepegal. Ja, genau genommen war es ein Klacks für Jan, mich einfach mit in den Süden zu schaukeln. Mitten hinein in ein ganz neues Leben.

Nach zwei Tagen dachte ich diesen unverschämten Gedanken zum ersten Mal. Ich saß gerade gelangweilt mit einer XL-Packung Walnusseis auf dem Schoß auf dem Sofa und gähnte den Regen an, der schon den ganzen Tag die Scheiben verschmierte. Doch das Gähnen blieb mir im Kiefer stecken. Wie elektrisiert warf ich das Eis auf den Boden und sprang auf.

Wie war das?

Am liebsten würde ich ihn begleiten?

Alles hinwerfen?

Noch einmal neu anfangen?

Warum, zum Kuckuck eigentlich nicht? Wer oder was hielt mich denn hier? Außer Tine, natürlich. Ich blickte mich in meiner hässlichen Zweizimmerwohnung in diesem hässlichen 60er-Jahre Block in der hässlichen Frankfurter Vorstadt Kelkheim um.

Was, bitteschön, war es wert, dass ich hierblieb? Die dauerspionierenden Nachbarn waren vom Geheimdienst. Die Möbel von Ikea. Und die Küche von irgendeinem Musterhausküchenfachgeschäft. Deshalb musste sie blitzblank poliert sein, darauf hatte mich Fräulein Rottenmeier bereits beim Einzug hingewiesen. Sonst würde sie meine Kaution einbehalten. Immerhin drei Monatsmieten. Zweitausendvierhundert Euro.

Ich grübelte. Wie viel Geld besaß ich eigentlich? Es war Zeit für einen Kassensturz. Ich rannte an meinen Schreibtisch, zog alle Fächer auf, kramte nach Sparbüchern und Kontoauszügen und begann zu rechnen. Am Ende grinste ich breit. Gut, dass Andy Gloria kennengelernt hatte, bevor ich die Malediven fest buchen konnte. Für die leider rasant absaufenden Inseln hatte ich nämlich nicht ganz so rasant siebentausend Euro gespart. Zu dem Inselgeld kamen ein paar Kröten auf meinem Konto und die Kaution, die ich natürlich wiederhaben wollte. Alles in allem war ich knapp fünfzehntausend Euro schwer. Das war doch ein Anfang. In Spanien. Vor allem, wenn man kaum Reisekosten hatte und sich auch noch für ein paar Tage das Geld für ein Hotelzimmer sparte.

Auf einmal sah ich alles glasklar vor mir. Ich klatschte mir mit der flachen Hand vor die Stirn, weil ich nicht längst darauf gekommen war: Deutschland war einfach nichts für mich. Zu wenig Spaß. Zu viel Hässlichkeit. Zu wenig Sonne. Zu viel Regen. Und so weiter.

Spanien war mein Land. Ich wusste es! Im Grunde genommen schon seit zehn Jahren. War ich dort, fühlte ich mich wie ein Fisch im Wasser. Sogar in der Sprache fühlte ich mich pudelwohl. Natürlich jubelten die Spanier nicht gerade vor Begeisterung, wenn wir deutschen Akademiker angelatscht kamen und ihnen die ohnehin schon nicht vorhandenen Jobs wegnahmen. Aber sowohl Jan als auch ich waren schließlich bereit, hart zu arbeiten und mit wenig Geld auszukommen.

Jan … Ich grinste breit. Der Idiot hätte mich eigentlich von Anfang an fragen können, ob ich nicht mit ihm kam. Für ihn war es schließlich auch leichter, wenn er nicht allein in dieses Abenteuer starten musste. Sicher hoffte er insgeheim längst, dass ich mitkam.

Ha! Zur Strafe, weil er mich hatte zappeln lassen, würde ich jetzt dasselbe mit ihm tun: Ich würde alles vorbereiten und ihm einfach meine Koffer in den Bully stellen, wenn er in acht Tagen zum Abschied vorbeischneite.

Hups, nur noch acht Tage, schoss es mir durch den Kopf. Das war nicht gerade viel Zeit. Aber es würde reichen, wenn ich alles gut plante und auf der Stelle mit dem Abbruch meiner Zelte beginnen würde. Ich rannte in die Küche und schnappte mir einen Müllsack. Dann begann ich, alles, was ich überflüssig fand, hineinzustopfen. Also in erster Linie das, was mich an Andy erinnerte: Seine blöde Wasserpfeife, die kratzige, rote Spitzenunterwäsche, die er an mir am liebsten gemocht hatte, genauso wie verschiedene andere Kleidungsstücke, die mich an ihn erinnerten. Das unglaublich hässliche Türkisarmband, das er mir zu Weihnachten geschenkt hatte. Uäh. Und so ging es weiter.

Den ersten Sack hatte ich nach wenigen Minuten voll. Den zweiten und dritten nach einer halben Stunde. Sehr zufrieden blickte ich mich um.

Viel Gepäck würde in den Bully ohnehin nicht passen. Ich beschloss, nur drei Koffer mitzunehmen. Alles andere würde ich wegwerfen oder verschenken. Ein guter Gedanke.

Ich griff zum Telefon: „Tine? Hier Anja. Komm bitte schnell. Und bring dein Auto mit … Nein, du sollst mich nirgendwo hinfahren. Du sollst Sachen mitnehmen. Nein, ich will sie dir schenken … Was du willst: Klamotten, Stühle, den Wohnzimmertisch, meine Pflanzen … Nein, ich bin nicht durchgedreht. Ich wandere aus. Aber das erzähle ich dir später. Ach, kannst du bitte noch Sarah anrufen, die könnte vielleicht noch Möbel, Klamotten oder Geschirr brauchen. Wenn ja, soll sie auch herkommen. Jetzt. Ich löse nämlich meine Wohnung auf. Bis gleich. Ciao. Oder besser: Hasta luego!“

Eine halbe Stunde später saßen Tine, Sarah und ich um meinen Wohnzimmertisch herum und nippten aufgeregt an einem Prosecco. Inklusive sündhaft teurer Hibiskusblüten. Die hatte ich zwar für eine besondere Gelegenheit aufgehoben, aber mit nach Spanien würde ich sie sicher nicht nehmen.

„Und du ziehst das wirklich durch?“, fragte Tine mich jetzt zum gefühlten hundertsten Mal.

„Ja-ha, wie oft denn no-hoch?“, gab ich lachend zurück. „Also, wer nimmt das Sofa?“

„Äh, ich?“, fragte Sarah schüchtern. „Du weißt ja, wie meins aussieht.“

Ich nickte schnaufend. „Ich tippe mal, dieses hier wird in einem halben Jahr genauso aussehen. Warum kaufst du deiner Katze eigentlich keinen Kratzbaum?“

„Ach, die Dinger sind doch so schrecklich teuer.“

Ich lächelte nur. Sarah war wirklich ein hoffnungsloser Fall. Sie sprach nicht nur Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch und Italienisch, sondern wegen ihrer Großmutter auch noch Polnisch und Russisch. Außerdem hatte sie ein abgeschlossenes BWL-Studium, einen messerscharfen Verstand und war ein Zahlengenie. Doch anstatt sich diese Fähigkeiten auf dem Arbeitsmarkt vergolden zu lassen, tingelte sie zwischen Sozialprojekten und Aushilfsjobs hin und her.

„Ich bin kapitalistisch einfach nicht verwertbar“, hatte sie mir noch im Studium gestanden. „Die Welt da draußen macht mir eine Heidenangst.“ Damals hatte ich sie nicht verstanden. Doch wenn man mit Kolleginnen wie den meinen gesegnet war, änderte sich das schnell. Vielleicht war es der Verzicht auf den monatlichen dicken Gehaltsscheck im Ausgleich für den persönlichen Seelenfrieden doch wert. Auf jeden Fall war Sarah sehr viel ausgeglichener und zufriedener als ich. Auch wenn sie mit ihrer Katze ständig am Hungertuch nagte und mit Anfang dreißig nach wie vor in ihrem Ein-Zimmer-Studenten-Appartement hauste.

Immerhin bekam sie jetzt ein halbwegs neues Sofa. „Kannst du es denn in den nächsten Tagen abholen?“, fragte ich sie.

Sarah nickte eifrig. „Mesut von gegenüber arbeitet bei einem Entrümpler. Er hat mir schon häufig den Transporter angeboten. Das ist kein Problem.“

Ich überlegte. „Meinst du vielleicht, er könnte hier auch entrümpeln? Ich meine die Sachen, die ihr nicht wollt.“

„Bestimmt“, meinte Sarah. „Aber willst du die schönsten Teile nicht lieber einlagern?“

„Wozu?“, fragte ich verblüfft.

Tine schaltete sich ein. „Sarah hat recht. Mir ist nicht wohl bei der Sache. Du bist doch momentan gar nicht zurechnungsfähig. Zuerst betrügt dich Andy, dann wirst du im Job gemobbt und dann kommt Jan anspaziert und erzählt was von spanischen Gitarren.“

„Andy hat dich betrogen?“, fragte Sarah entsetzt. Und nach einer Sekunde: „Und gemobbt wirst du auch noch?“ Zum Glück fand sie anscheinend wenigstens den Gedanken an spanische Gitarren erträglich. Also erklärte ich geduldig: „Ja und ja. Trotzdem hat das eine mit dem anderen gar nicht so viel zu tun. Ich meine, der Zeitpunkt bietet sich einfach an. Reiner Zufall. Da ist meine gegenwärtige Pechsträhne nur ein weiterer Tropfen im bereits vollen Fass. Ihr wisst schließlich, wie begeistert ich schon immer von Spanien war. Und dass ich auch schon häufig übers Auswandern nachgedacht habe.“

„Ja, in einem Atemzug mit einer Geschlechtsumwandlung, weil Frauen doch der intelligentere, humorvollere, anspruchsvollere und außerdem schönere Teil der Menschheit sind. Oder wie war das?“, fragte Tine und blinzelte mehrfach betont unschuldig mit ihren unverschämt langen Wimpern.

„Man wird ja wohl rumspinnen dürfen“, maulte ich und warf ihr einen bösen Blick zu.

Tine zog eine Augenbraue hoch: „Ja, rumspinnen. Aber das hat mit der Realität nun mal nichts zu tun. Wovon willst du in Spanien denn leben? Schau doch erst ein paar Folgen von irgendwelchen Auswanderersoaps. Da siehst du nämlich, wozu diese spontanen Superideen vom Auswandern innerhalb von drei Wochen führen: zum hochnotpeinlichen Zurückkriechen in die alte Heimat.“

Ich hieb auf die Sofalehne: „Du bist echt ein Spielverderber, Tine. Endlich sehe ich mal wieder Licht am Ende des Tunnels – und du gönnst mir das einfach nicht.“ Wider Willen traten mir Tränen in die Augen und ich schniefte. Es entging mir nicht, dass meine beiden Freundinnen einen vielsagenden Blick wechselten. Dann hechtete Tine auf mich zu und zerquetschte mich fast in einer dicken Umarmung.

„Mann, Rembrand“, knurrte sie und wuschelte mir durch die Locken. „Du weißt doch, dass ich dir immer nur das Beste wünsche – und mich außerdem seit der fünften Klasse dafür verantwortlich fühle, deinen leider nur in Ansätzen vorhandenen Realitätsbezug ständig weiter auszubauen.“

Ich lächelte ihr dankbar zu. In der Tat wäre ich auf dem Gymnasium ohne die fest mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen stehende Tine häufig aufgeschmissen gewesen.

Doch nun fuhr sie mit Zahnschmerzgesicht fort: „Mir ist eben gar nicht wohl bei dem Gedanken, dass du gerade in der Situation alle Zelte abbrichst, alles hinschmeißt und in den Süden ziehst.“

„Wo ich doch weder ein Vöglein bin, noch hier Winter herrscht“, würgte ich hervor.

„Ja, so ungefähr“, sie kicherte.

„Tine hat schon recht“, schaltete sich nun wie üblich sehr leise Sarah ein und schob vorsichtig eine ihrer dunkelrot gefärbten Rasta-Strähnen unter ein scheußliches Batiktuch in Orangetönen. Ich konnte gar nicht in ihre Richtung schauen, ohne zu schielen. Sie fuhr fort: „Wenn du wirklich auswandern willst, dann gib dir etwas mehr Zeit, um ganz sicher zu sein. Du könntest dich ja schon mal von hier aus um einen Job kümmern, um eine Wohnung … Wo, sagtest du, wolltest du eigentlich hin?“

„Keine Ahnung“, ich strahlte sie an. „Das ist ja das Tolle daran. Jan fährt nach Spanien und weiß selbst nicht, wo er landen wird. Ich fahre nur mit bis zur Grenze und spare einen Batzen Geld. In Spanien kann er mich dann rausschmeißen, wenn er will.“

„Aha. Wenn er will“, sagte Sarah bedeutungsschwanger. „Du spekulierst also, dass er dich weiter mitnimmt?“

„Was weiß denn ich!“, rief ich und riss entnervt die Arme hoch. „Wenn man in ein Abenteuer startet, plant man das eben nicht so genau. Wir fahren erst einmal in dieselbe Richtung los. Alles Weitere wird sich dann schon finden.“

Sarah wiegte den Kopf. „Tut mir leid, Anja, aber das hört sich schon reichlich teeniemäßig an. Such dir doch erst mal von hier aus in Ruhe eine Stadt aus. Dann den Job. Dann die Wohnung. Und wenn du das alles hast, ist das Auswandern immer noch Abenteuer genug. Meinst du nicht?“

„Nein“, erklärte ich. „Im Übrigen habe ich euch nicht hierher eingeladen, damit ihr mir das Ganze ausredet. Wollt ihr jetzt die Möbel, das Geschirr und die Klamotten? Ja oder nein?“

„Ja“, seufzten alle beide, nachdem sie einen weiteren vielsagenden Blick gewechselt hatten. Tine setzte an Sarah gewandt hinzu: „Wir nehmen das alles nur mit, um es für sie aufzuheben, ja? Wenn sie in drei Wochen wiederkommt, geben wir ihr alles wieder zurück, einverstanden?“

Sarah nickte lächelnd: „Klar. Wenn sie das zerkratzte Sofa dann noch will.“

„Wie nett von euch.“ Ich verdrehte die Augen. „Aber eher friert die Hölle ein, bevor ich die Rolle rückwärts mache.“

„Jaja“, winkte Tine ab. „Was sagt eigentlich die Freundin von Jan dazu, dass du mit ihm nach Spanien gehst? Oder hat er die nicht mehr? Diese unglaublich schöne Italienerin, die bei deiner letzten Party an ihm hing wie eine Klette.“

„Och, die weiß das doch nicht. Sonst würde sie ausflippen.“ Ich kicherte. „Soll ich euch was sagen?“ Verschwörerisch beugte ich mich vor und die beiden folgten mir neugierig und spitzten die Ohren.

Ich gluckste: „Dass ich mit Jan auswandere, weiß noch nicht mal er. Das habe ich ja eben erst selbst beschlossen.“

„Du spinnst“, war das einzige, was Sarah noch einfiel.

Tine dagegen lächelte zufrieden. „Aus den drei Wochen sind gerade drei Minuten geworden. Ich verwette meine Kaffeekanne, dass du nicht mal aus Kelkheim rauskommst.“

„Behalt das blöde Ding.“ Ich winkte ab. „Wetten wir um was anderes: Das Flugticket, wenn wir uns zum nächsten Mal besuchen wollen, zum Beispiel.“

„Ach“, Tine riss theatralisch die Augen auf. „Gibt es seit Neuestem eine Airline, die Frankfurt mit Kelkheim verbindet?“

***

In den nächsten Tagen war ich derart beschäftigt, dass ich kaum zum Trauern kam. Nur hin und wieder dachte ich mit Magenschmerzen an Andys und meinen letzten Kurzurlaub auf Malle, nur zwei Monate zuvor. Es war sagenhaft gewesen. Während der Frühling sich in Frankfurt auch Ende April noch bitten ließ, lag auf Mallorca bereits der Sommer in der Luft. Und die Liebe. Denn wir waren kaum einen Schritt vor die Hotelzimmertür gekommen. Beim Gedanken daran wurde mir jetzt schlecht. Damals lag bereits die unsichtbare Gloria mit uns zwischen den Laken.

Die Suche nach einem Nachmieter hielt mich zum Glück vom weiteren Grübeln ab. Denn auf meine Anzeige im Internet meldeten sich bereits am ersten Tag über hundert Leute. Zum Glück hatte ich nur meine E-Mail-Adresse angegeben, sonst wäre mein Telefon explodiert.

Ich suchte mir die fünfzehn Vielversprechendsten aus und lud sie noch am selben Abend zu einer Besichtigungstour ein. Alle gleichzeitig, was definitiv ein Fehler war. Denn alle wollten die Wohnung auf der Stelle mieten. Trotz meiner wiederholten Hinweise auf fiese Nachbarn, die ätzende Vermieterin, ein bis vor Kurzem noch leckendes Klo und die Hochglanzküche, die immer fein poliert werden wollte. Also standen rund dreißig Leute um mich herum und redeten gleichzeitig auf mich ein. Mir brach der Schweiß aus.

„Ruhe!“, rief ich schließlich mit überschnappender Stimme. Eine Sekunde lang herrschte diese tatsächlich, dann redeten alle weiter. Ich überlegte: Wie bekam man derart unerfreuliche, drängelnde Menschenmassen normalerweise in den Griff? Ich grinste, ließ meine hektisch argumentierenden Nachmieter in spe stehen und verdrückte mich kurzerhand in die Küche. Dort riss ich ein Blatt aus einem Block und malte Zahlen in kleine Kästchen, die ich dann wiederum abriss, zerknüllte und in eine Schüssel schüttete.

„Alle bitte mal herhören!“, trompetete ich anschließend in den überfüllten Flur. „Ich verlose jetzt Zettelchen mit Nummern darauf. Es tut mir leid, aber anders geht es nicht. Also: Wer konkretes Interesse an der Wohnung hat, darf eine der Nummern ziehen. Derjenige, der die Eins hat, kommt einfach als erster zu mir in die Küche und so weiter.“

Auf der Stelle grabschten Hände hektisch nach den Nummern. Ein überglückliches Pärchen Anfang zwanzig, das die Nummer eins gezogen hatte, hopste bereits euphorisch durch die Hochglanzküche. Nur zwei der Interessenten verdrückten sich, empört über die unprofessionelle Vorgehensweise. Blieben dreizehn.

Das hopsende Pärchen hatte inzwischen bereits eifrig Kontoauszüge und Arbeitsnachweise auf dem Küchentisch ausgelegt. Ich kam mir vor wie in der Werbung: mein Haus, mein Auto, meine Yacht. Nur, dass es in diesem Fall Ersparnisse in Höhe von eintausenddreihundertvierundneunzig Euro, ein Job als LKW-Fahrer, respektive Friseuse und ein Mutterschaftspass waren. Ich schluckte.

„Ihr wollt hier wirklich zu dritt einziehen? Insgesamt sind das keine fünfzig Quadratmeter – wenn man die Dachschrägen abzieht, sogar noch viel weniger“, meinte ich besorgt. „Das wird aber ganz schön eng.“

Die beiden schauten sich vielsagend an. „Meine Mutter hasst Ivana“, erklärte der Brummifahrer schließlich unglücklich. „Wir brauchen wirklich so schnell wie möglich eine Wohnung.“

Das glaubte ich ihnen aufs Wort. Auf der Stelle wurde mein Beschützerinstinkt wachgerüttelt. Ich erklärte also: „Wenn ich euch einen Tipp geben darf: Behaltet das mit dem Baby erstmal für euch. Die Vermieterin wäre sicher nicht so begeistert davon. Abgesehen davon drücke ich euch die Daumen. Wenn ihr mir eure Adresse und Telefonnummer gebt, werde ich Frau Simmel euch gerne ans Herz legen.“

„Wirklich? Oh danke“, hauchte die schwangere Ivana. Ich wusste nicht, warum sie mir mehr leid tat: Wegen ihrer meiner Meinung nach viel zu frühen Schwangerschaft, der Option ausgerechnet hier einzuziehen – oder wegen der Schwiegermutter.

„Die nächsten, bitte“, rief ich ebenso lautstark und energisch wie die Assistentin meines Zahnarztes in den Flur. Das machte Spaß! Vielleicht sollte ich umsatteln auf Zahnarzthelferin. Allerdings erst in Spanien. Für „Der Nächste, bitte“ reichten meine Sprachkenntnisse in der Landessprache auf jeden Fall aus.

Eine Frau in meinem Alter, die eine dunkle Sonnenbrille trug, schlurfte mit hängenden Schultern in die Küche. Auch sie zückte auf der Stelle ungefragt Kontoauszüge und Arbeitsvertrag. Hilfe! Derart detaillierte Einblicke in das Leben meiner Nachmieter hatte ich gar nicht bekommen wollen! Genau genommen waren die mir sogar äußerst unangenehm bis peinlich. Außerdem musste ich langsam anfangen, auszusieben: Ich konnte Fräulein Rottenmeier schließlich schlecht dreizehn Nachmieter auf den Hals hetzen. Also fragte ich freundlich: „Brauchen Sie die Wohnung dringend? Es gibt hier nämlich bei manchen Bewerbern wirklich akuten Bedarf.“

„Den habe ich auch“, flüsterte sie und schwankte.

„Oh, bitte, setzen Sie sich doch.“ Ich wies schnell auf einen Stuhl. „Geht es Ihnen nicht gut? Möchten Sie vielleicht ein Glas Wasser?“

„Danke. Nein.“ Immerhin setzte sie sich. „Mein Mann hat sich gerade von mir getrennt“, erklärte die Frau krächzend und verdrehte ein Stofftaschentuch krampfhaft zu einer Wurst. „Und nächste Woche zieht seine neue Freundin zu ihm. Also zu uns. Ich meine in unsere Wohnung. Bis dahin muss ich etwas Neues gefunden haben.“

„Was?“ Mir kullerten fast die Augen aus dem Kopf. Schweine gab’s … Ich zerfloss fast vor Mitleid. Da hatte ich gedacht, mir würde es schlecht gehen. Aber im Vergleich zu Ivana und der Sonnenbrille hatte ich das große Los gezogen. Immerhin wollte Andy mit Manga nicht auch hier einziehen. Fast wünschte ich mir, dass sie es versuchten. Dann hätte ich wenigstens einen Grund gehabt, mit Messern zu werfen. Andererseits war ich auf dem Weg nach Spanien. Und ich entschied, wer hier einzog. Andy war das sicher nicht. Aber vielleicht die Sonnenbrille?

Schnell zückte ich erneut den Stift, notierte die Adresse und Telefonnummer des betrogenen Härtefalls und versprach, sie der Vermieterin besonders ans Herz zu legen. Als sie davonschlurfte, war ich mir sicher, dass sie sich auf die NSA geradezu freuen würde.

Die Nummer drei machte es mir leicht: ein arroganter Versicherungsvertreter suchte „etwas Kleines“ in der Nähe von Frankfurt als Zweitwohnung für die Wochentage. An den Wochenenden wohnte er bei seiner Familie im schwäbischen Eigenheim. Der Nääächste!

Am Ende blieben fünf Anwärter übrig: Zu der Schwangeren und der Sonnenbrille kamen noch eine Sechzigjährige, deren Kinder sie ins Altenheim stecken wollten, ein Ex-Knacki, der einfach keine Wohnung fand und ein arbeitsloser Ex-Manager mit Burnout und Paranoia, der allerdings genug gespart hatte, um die Wohnung hundert Jahre lang bezahlen zu können. Natürlich hätte dieser sich auch jede andere Wohnung leisten können. Aber er bestand darauf, dass ihn „die Stimmen“ in Frankfurt überallhin verfolgten – während sie hier endlich einmal die Klappe hielten. Der Ärmste war so erleichtert, endlich einmal Ruhe zu haben, dass er am Küchentisch einschlief.

Diesen fünf Kandidaten versprach ich also, mich vehement für sie einzusetzen – was ich auch umgehend in die Tat umsetzte. Ich schnappte mir, kaum waren alle hoffnungsfroh zur Tür hinausspaziert, das Telefon und rief Fräulein Rottenmeier an. Die war erwartungsgemäß alles andere als erfreut. Sie schäumte vor Wut und drohte mir mit ihrem Anwalt.

Ein Fehler. Denn nun spielte ich meinerseits mein ewiges As im Ärmel aus: Tine, respektive Rechtsanwältin Christine Strobel, die Frau Simmel gerne meine Rechte als Mieterin erklären würde. Gegen Bezahlung, versteht sich. Ach, was war es wunderbar, dass Tine nicht nur mein wandelndes Gewissen und unverrückbarer Fels in der Brandung war, sondern mir auch stets als kostenloser Arm des Gesetzes zur Verfügung stand. In Frau Simmels Fall bereits mehrfach: Einmal, als mir die Gute nach einem halben Jahr die Miete hatte hochsetzen wollen. Zum zweiten Mal als sie mir verbieten wollte, meine Wäsche auch an den Wochenenden zu waschen und im Keller aufzuhängen. Und zum dritten Mal als sie mir Herrenbesuche nach 22 Uhr untersagen wollte.

Tine hatte alle diesbezüglichen Ansinnen Fräulein Rottenmeiers im Keim erstickt – und jedes Mal eine gepfefferte Rechnung an sie geschickt.

Deshalb reichte es jetzt, meine Vermieterin auf die reine Existenz von Rechtsanwältin Strobel hinzuweisen – und der Termin mit den Nachmietern am nächsten Abend stand.

In der Tat rückten diese ebenso wie die Wohnungsbesitzerin überpünktlich an. Letztere ignorierte mich aber eisern. Sollte sie nur, sie war bereits Geschichte. Im Gegensatz zu mir war sie an den Kontoauszügen der potenziellen Nachmieter sehr interessiert. Kurzfristig lag deshalb der Ex-Manager im Ranking ganz vorne. Allerdings verscherzte er es sich gleich wieder, als er begann, von seinen Stimmen zu reden. Am Ende entschied sie sich dann für die verheulte Sitzengelassene, der gerade noch sechs Tage bis zum Einzug ihrer Nachfolgerin blieben. Allerdings war ich mir sicher, dass reine Herzensgüte kaum den Ausschlag für Fräulein Rottenmeiers Wahl gab. Ich tippte eher darauf, dass sie damit rechnete, mit der armen Sonnenbrillenfrau das perfekte dankbare, willige und nachgiebige Opfer zu bekommen, das sie sich nach meinem Abgang wünschte. Das hätte mir normalerweise schlaflose Nächte bereitet. Allerdings war ich in ihrem Fall davon überzeugt, dass der Sonnenbrille so ziemlich jede Wohnung und jeder Hausdrache lieber gewesen wäre, als gemeinsam mit ihrem Ex samt Nachfolgerin auch nur eine Stunde unter einem Dach leben zu müssen.

Für mich ging die Ära Rottenmeier also mit einem Schlag zu Ende. Völlig unspektakulär. Ich würde sie nie mehr sehen müssen. Aus Angst vor Tines Rechnungen versprach sie mir sogar, die Kaution umgehend zu überweisen und auf eine Übergabe zu verzichten. Die Schlüssel sollte ich beim Drachen unter mir in den Briefkasten werfen. Herrlich unkompliziert. So konnte es weitergehen – und das tat es auch. Denn in der Tat nahm Sarahs Mesut in den nächsten Tagen tatsächlich das ganze Ikea-Gerümpel mit, das außer ihm niemand haben wollte.

So saß ich am letzten Tag vor der Abfahrt nur noch mit einigen Klamotten-, Papier-, Bücher- und Geschirrbergen in meiner Wohnung. Ich grübelte, wie ich vorgehen sollte. Am besten war es wohl, einfach die drei Koffer zu packen, die ich nach Spanien mitnehmen wollte. Und für den Rest rief ich noch einmal meine beiden Mädels an. Nicht nur, um mit ihrer Hilfe den letzten Ballast abzuwerfen, sondern weil mir bereits vor der Zeit ohne sie graute. Zum Glück rückten die beiden auch prompt an und verteilten den Rest unter sich, bevor sie sich mit vielen Tränen im Knopfloch verabschiedeten.

Am Ende des Tages lag ich nachdenklich in meinem Schlafsack auf einer dünnen, aufrollbaren Matratze, die ich ebenfalls in Jans Bully deponieren wollte und staunte über die Hässlichkeit der leeren Wohnung. Warum war ich vor zwei Jahren eigentlich hierher gezogen? Sicher, die Wohnungen in Frankfurt waren noch teurer und meistens noch hässlicher. Aber Kelkheim? Positiv hier war einzig die Nähe zu Frankfurt und Wiesbaden, die bessere Luft und ein paar nette Biergärten in der Nähe.

Es war absolut richtig, hier die Zelte abzubrechen. Selbst wenn ich im Frankfurter Raum geblieben wäre – das Ende der Kelkheim-Ära war gekommen.

Ich staunte darüber, wie richtig sich all das anfühlte. Kurz krampfte sich mein Magen zusammen, als ich an meine Eltern dachte, die ich gestern vor vollendete Tatsachen gestellt hatte. Na ja, nicht ganz. Ich hatte ihnen eine ähnliche Geschichte aufgetischt wie Jan mir: von einem Sabbatical, das mich beruflich enorm weiterbringen würde. Dass ich für immer nach Spanien zog, hätte ihnen nur das Herz gebrochen. Sie nahmen es auch so schon schwer genug. Ihr ganzes Leben hatten sie in ihrem Kronberger Reihenhaus verbracht. Glücklich, wie sie selbst sagten. Und allein der Gedanke an ein Leben im Ausland erschreckte sie halb zu Tode.

Ich verdrückte ein paar Tränen, weil ich sie in Zukunft nur noch ein- bis zweimal pro Jahr sehen würde. Bisher war ich jedes Wochenende in meine alte Kronberger Heimat gefahren und hatte auf der kleinen Terrasse den sagenhaften Frankfurter Kranz gegessen, den meine Mutter backte wie keine andere. Würde sie ihn jetzt weiterhin backen? Sie meinte immer, dass er ihr eigentlich viel zu viele Kalorien habe. Also sorgte ich mit meinem Auswandern auch für den Bruch mit einer guten alten Tradition. Wie schade. Ich weinte eine Weile um den feinen Frankfurter Kranz, der nun nicht mehr gebacken werden würde.

Dann weinte ich um Gloria, die sich fortan mit einem derart verlogenen, faulen und zudem noch fremdgehenden Kiffer wie Andy herumschlagen musste. Das Mädel war schließlich erst zwanzig. Und bereits in diesem zarten Alter musste sie der grenzenlosen Hässlichkeit der Welt ins Auge blicken. Anschließend weinte ich um Fink, der von meiner Kündigung am Vortag schwer getroffen schien. Das hatte es in seiner Redaktion noch nie gegeben: Jemanden, der alles von heute auf morgen einfach hinwarf. Wir waren zwar alle nur „Feste Freie“, das hieß, Selbständige, die ohne die Rechte einer Festanstellung bis auf Widerruf mit allen Pflichten einer Festanstellung vierzig bis sechzig Stunden in der Woche knechteten. Aber dieses Modell war bisher eine Einbahnstraße gewesen, mit der Fink unliebsame, faule oder unproduktive Angestellten im Handumdrehen loswerden konnte. Ihn jedoch hatte bisher niemand sitzen lassen. Ich war die Erste. Und er war bis ins Mark getroffen. Anscheinend war ich von einer Kündigung von seiner Seite doch noch weiter entfernt gewesen, als ich gedacht hatte.

Anschließend weinte ich noch lange um Sarah und vor allem Tine, die mir in Spanien jeden einzelnen Tag fehlen würde. Per Skype umarmt es sich einfach schlecht. Erst gegen fünf fiel ich langsam und völlig erschöpft in einen tiefen Schlaf.

Dummerweise klingelte bereits eine Stunde später mein Wecker und ich war kurz versucht, das Auswandern zu verschieben. Doch der Gedanke an den ahnungslosen Jan, der eine Stunde später hier nur vorbeikam, um sich bei einer Tasse Kaffee zu verabschieden, ließ mich doch noch aus dem Bett krabbeln.

Im Badezimmer erschrak ich kurz. Die Spanierinnen waren sagenhaft schön. Jedenfalls bis sie sich mit ungefähr Ende zwanzig, Anfang dreißig verdoppelten und gleich ihren Ehegatten nur noch mit Jogginganzügen unterwegs waren. Was würden die zu dieser verquollenen Fratze mit den Derrick-Tränensäcken sagen?

Kurz entschlossen nahm ich die letzte, eiskalte Dusche im NSA-Geheimdienstquartier und betrieb mithilfe von einem halben Pfund Make-up Schadensbegrenzung. Dann schlüpfte ich in meine Carmenbluse und behängte mich mit dem Silberschmuck, den mir Jan vor Jahren in Spanien geschenkt hatte.

Jetzt sah mein Spiegelbild schon anders aus. Ich kam mir wunderbar spanisch vor. Auf der Stelle begann ich, alberne spanische Weihnachtslieder zu singen, rollte meine Matratze auf und kochte einen letzten Kaffee. Die billige Maschine würde ich einfach in der Wohnung lassen. Dann konnte die Simmel sie gleich mit vermieten und meiner bedauernswerten Nachmieterin eine noch höhere Miete abknöpfen.

Gerade, als ich mir die erste Tasse einschenken wollte, klingelte es an der Wohnungstür. Mir entschlüpfte ein alberner Jauchzer. Es konnte losgehen. Aufgeregt drückte ich den Türöffner und riss die Wohnungstür auf. Das Grinsen rutschte in den Keller: Ausgerechnet die Schossnowski stand mit in die Hüften gestemmten Armen und gewaltigem Rauschebart vor mir und funkelte mich böse an.

„Och nö“, entfuhr es mir. Und ich klatschte die Tür gleich wieder zu. Das gehörte sich zwar nicht und ich kämpfte auch kurz mit dem Anflug eines schlechten Gewissens. Aber es gab nun einmal Dinge, die konnte man sich sparen.

Leider war meine Nachbarin anderer Meinung. Sie trommelte gegen meine Wohnungstür und brüllte: „Frau Rembrand, Frau Rembrand. Machen Sie auf!“

Allerdings dachte ich nicht im Traum daran. Ich hatte mich daneben benommen und ihr die Tür vor der Nase zugeknallt. Was gab es da noch zu reden? Beziehungsweise zu hören? Ich war schlichtweg nicht in der Lage, mir überflüssige Vorwürfe von chronisch gelangweilten Acrylfetischistinnen anzuhören. Schließlich hatte ich viel zu wenig geschlafen, war furchtbar aufgeregt und fieberte dem großen Moment entgegen, in dem ich Jan endlich die wunderbare Überraschung verraten konnte, dass ich gleich mit ihm gen Spanien aufbrechen würde.

Also ignorierte ich das Hämmern und Klingeln einfach und schlürfte weiter, laut Weihnachtslieder singend, um die Nachbartante samt schlechtem Gewissen zu übertönen, meinen Kaffee.

Schließlich klingelte mein Handy.

„Feliz navidad“, meldete ich mich stimmgewaltig.

„Bist du in der Klapse?“, kam die Gegenfrage von Jan.

„No. En Casa“, antwortete ich.

„Aha. Aber du willst dich nicht verabschieden, oder warum machst du nicht auf?“

„Wieso?“

„Na, ich stehe seit fünf Minuten hier unten auf der Straße und klingle.“

„Ach so“, ich lachte. „Ich dachte, du wärst meine bärtige Nachbarin. Pass auf, ich mache dir jetzt die Haustür auf. Aber oben, vor meiner Wohnungstür, steht ein gefährlicher und stinksaurer NSA-Drache. Wenn ich die Tür öffne, musst du blitzschnell zu mir reinschlüpfen, sonst verschiebt sich die Abfahrt um mehrere Stunden.“

„Alles klar“, meinte Jan und ich öffnete die Haustür. Durch den Spion versuchte ich, etwas auf dem Gang zu erkennen. Da! Jan war schon oben und sprach beruhigend auf die wild gestikulierende Bärtige ein, die plötzlich mit erstaunlicher Geschwindigkeit die Treppe hinunterrannte. Sicher bis zum Keller und von dort aus noch einige Stockwerke weiter hinunter, bis sie bei ihrem pferdehufigen Herrn und Gebieter angekommen war.

„Wie bist du die denn so schnell losgeworden?“, fragte ich verblüfft, als ich Jan hereinließ.

„Ganz einfach“, er grinste. „Ich habe ihr gesagt, dass ich vom Gesundheitsamt bin und bei dir der Verdacht auf eine lebensgefährliche, sehr ansteckende Krankheit besteht, die von Primaten aus dem afrikanischen Busch eingeschleppt wurde.“

„Besten Dank. Die zerreißen sich hier jetzt alle schön das Maul … wobei … mir das ziemlich egal sein kann.“ Ich strahlte ihn an. „Auf jeden Fall ist sie weg. Danke.“

„Gern geschehen“, gab er zurück. Dann stutzte er. „He, was ist denn hier passiert? Bist du ausgeraubt worden?“, fragte er entsetzt. „Die haben ja alles mitgenommen!“ Er lief geschockt über den Gang bis zum leeren Wohnzimmer und warf noch einen letzten Blick ins Schlafzimmer, in dem neben der Matratze nur noch meine drei Koffer standen. „Ist das alles, was sie dir gelassen haben?“, fragte er fassungslos.

Ich winkte lachend ab. „Wenn du Tine und Sarah meinst: Ja. Und ich bin ihnen sehr dankbar, dass sie mir den ganzen Mist vom Hals geschafft haben. Jetzt komm erst mal rein. Ich nehme an, du brauchst wie üblich einen Liter Kaffee intravenös, oder?“

Er nickte, nach wie vor mit vor Schreck geweiteten Augen. Dann räusperte er sich und fragte: „Aber wieso rauben dich deine besten Freundinnen aus? Warst du bei der Polizei?“

„Ach, Jan, du stehst aber auch auf dem Schlauch.“ Ich lachte kopfschüttelnd. „Die haben nichts geraubt, was ich nicht loswerden wollte. Wie hätte ich denn das ganze Zeug mit nach Spanien nehmen sollen? Nein, nein. Die Koffer und die Matratze – mehr brauche ich nicht.“

„Nach Spanien?“ Sein Gesichtsausdruck war nicht gerade der intelligenteste. Dass der Kerl auch so dermaßen langsam schaltete!

„Natürlich nach Spanien. Wohin denn sonst?“ Ich zwinkerte ihm verschwörerisch zu.

„Ja, aber …“, er war inzwischen völlig verwirrt, „ich wusste ja gar nicht, dass du auch nach Spanien gehst. Warum hast du mir denn nichts gesagt? Wie lange bleibst du denn weg?“

Ich lächelte ihn strahlend an. „Na, erst mal für immer, oder?“

Er begriff es immer noch nicht. Das konnte ich wie auf einem Spruchband lesen, das quer über seine Stirn lief. Also erklärte ich: „Du Schaf. Du nimmst mich natürlich mit! Glaubst du vielleicht, du wärst der einzige, der einen Tapetenwechsel braucht? Nein, mein Herr. Ich habe die Nase ebenfalls voll von gar nicht so good old Germany. Ich brauche eine neue Umgebung, neue Herausforderungen – kurz: Ich will nach Spanien. Wie du. Und da du sowieso gerade dorthin fährst, dachte ich, du nimmst mich einfach mit. Na, was sagst du?“

Ich strahlte ihn begeistert an. Gleich würde er mir jubelnd um den Hals fallen, mit mir durch die Wohnung tanzen und mir ins Ohr flüstern, dass er das die ganze Zeit gehofft hatte.

Stattdessen starrte er mich eine Minuten lang mit völlig versteinertem Gesicht an, bevor er mit Grabesstimme verkündete: „Vergiss es!“

„Bitte?“ Nun war ich diejenige mit dem nicht allzu schlauen Gesicht.

„Vergiss es“, wiederholte er grimmig und winkte ab. „Ich habe dieses Jahr eine halbe Ewigkeit geplant. Mich genauso lange darauf gefreut, gespart, organisiert und so weiter. Dieses Jahr gehört mir. Es ist mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit das letzte, in dem ich tun und lassen kann, was ich will, bevor mich die Realität einholt: Ein Job, in dem ich nie mehr länger als zwei Wochen Urlaub machen kann. Familie, Frau, Kinder … Das will ich irgendwann. Aber nicht jetzt. Jetzt will ich ein Jahr lang meine Ruhe. Ich dachte, das hätte ich dir klargemacht. Und das letzte, was ich dabei mit mir herumschleppen will, ist eine hysterische, frisch verlassene Karrieristin mit Sendungsbewusstsein und latentem Burnout, die wie eine Klette an mir klebt!“

Ich starrte ihn mit offenem Mund und hängenden Armen an. In meinem Hirn herrschte vor Entsetzen einen Moment lang gähnende Leere. Doch das änderte sich blitzartig. Ohne auch nur eine Sekunde nachzudenken, schubste ich Jan derart unvermutet und heftig nach hinten, dass er mit einem lauten Klatschen auf seinem Hosenboden landete.

Während er sich verblüfft sein Hinterteil rieb, schnappte ich kurz nach Luft. So dachte Jan also wirklich von mir? Dabei hatte ich immer geglaubt, dass er nach wie vor für mich schwärmte. Immerhin war er es gewesen, der über die Jahre den Kontakt gepflegt und mindestens ein- bis zweimal die Woche angerufen hatte. Und jetzt das: hysterische, verlassene Karrieristin mit Sendungsbewusstsein und Burnout – eine Klette!

Ich japste noch einmal vor Empörung, dann brüllte ich den vor mir auf dem Boden Sitzenden aus meiner überlegeneren Position an: „Was fällt dir ein, du Würstchen? Nur, weil ich gerade eine miese Phase habe, denkst du, du könntest auf mir herumhacken? Nein, mein Herr! Nicht mit mir! Klette, pffft!“

Ich warf ihm einen vernichtenden Blick zu. „Du warst es doch, der jahrelang hier angerufen hat. Du wolltest unbedingt den Kontakt halten. Du hast alle meine Kerle madig gemacht. Keiner war dir gut genug. Und die ganze Zeit dachte ich, du bist mein Freund.“

„Das bin ich ja auch!“, rief er schnell dazwischen.

„Oh nein!“ Ich schüttelte wütend den Kopf. „Ein Freund würde nie so fieses Zeug von sich geben. Also: Verzieh dich! Ich wandere ohne dich aus. Aber eins sage ich dir: In dem Leben, das ich mir in Spanien aufbaue, ist bestimmt kein Platz für dich.“

„Anja“, setzte er an.

Doch ich fiel ihm ins Wort: „Alles, was ich von dir wollte, war eine Mitfahrgelegenheit. Ich dachte, du freust dich, wenn dich eine gute Freundin ein Stück weit in dein neues Abenteuer begleitet. Bis zur spanischen Grenze zum Beispiel. Aber weißt du was? Ich pfeif auf dich und deine Schrottlaube. Sieh zu, dass du Land gewinnst. Da hinten ist die Tür! Adiós. Und zwar für alle Zeiten. Ich komme auch auf anderem Weg nach Spanien. Also: Ich wünsche dir ein schönes Leben. Und lass dir bloß nicht einfallen, dich jemals wieder bei mir zu melden!“

Während meiner letzten kleinen Explosion war meine Stimme nicht nur immer höher, sondern auch immer lauter geworden. Ich hatte bis jetzt selbst keine Ahnung gehabt, welche Stimmgewalt in mir steckte. Sicher hatte so eine Ansprache Mozart zum Komponieren der ,Arie der Königin der Nacht‘ inspiriert.

Jan starrte mich beeindruckt an. Er saß nach wie vor auf dem Boden und hielt sich die Rückseite. Und in seinen Augen las ich vor allem eins: Respekt – und Angst. Wovor auch immer.

„Du sitzt ja immer noch da“, zischte ich um einiges leiser und tiefer, aber deshalb nicht weniger eindrucksvoll. Vielleicht suchte ich mir in Spanien ein Engagement am Theater. Ich musste mir nur diese unglaubliche Wut merken, die mich von den Haarspitzen bis zu den Fußnägeln durchströmte – und schon konnte ich mich in die perfekte Rachegöttin verwandeln.

Endlich kam wieder Leben in Jan. Er räusperte sich ein paarmal, schluckte und krächzte schließlich: „Darf ich aufstehen, oder wirfst du mich gleich wieder um?“

„Mal sehen“, gab ich zurück. „Ich bin ja kein Unmensch. Steh auf und geh. Krabbeln wäre zu peinlich.“

„Mann, Anja“, schnaufte Jan und kam auf die Beine. „Jetzt komm mal wieder auf den Teppich.“

„Keiner mehr da“, stellte ich richtig und wies mit dem Kinn bedauernd auf den Boden.

„Krieg ich vielleicht einen Kaffee und wir sprechen in Ruhe über das alles? Bitte. Du hast mich eben einfach kalt erwischt.“

Ich zögerte einen Moment. Dann gab ich mir einen Ruck. Denn wie er so mit seinem flehenden Dackelblick vor mir stand, konnte ich ihm zumindest einen Kaffee nicht abschlagen. Ich lief also wortlos in die Küche, schenkte ihm einen Becher voll und überreichte ihn mit hochgezogenen Augenbrauen.

Er schnupperte, machte „Hmmm“ und schlürfte genießerisch, bevor er erklärte: „Du kochst eben doch den besten Kaffee.“

„Mir kommen gleich die Tränen“, war meine genervte Antwort. „Wie viele Phrasen willst du vor deinem Abgang eigentlich noch dreschen?“

„He, keine Phrase“, gab er beleidigt zurück und schlürfte stumm im Stehen weiter, bis die Tasse leer war. Dann grummelte er: „Können wir jetzt gehen?“

„Bitte?“ Der Kerl hatte vielleicht Nerven!

„Können wir jetzt gehen?“, bat er laut und deutlich und hob hilflos die Hände gen Himmel. „Ich will nämlich heute noch nach Spanien aufbrechen. Und das liegt ungefähr eineinhalbtausend Kilometer weit entfernt. Mein Bully fährt höchstens hundert. Da kannst du dir selber ausrechnen, wie lange wir fahren.“

„Ich fahre nicht mit dir“, schnappte ich.

„Oh doch. Du fährst. Jetzt hör schon auf, die Beleidigte zu spielen. Es tut mir leid.“

„Wie bitte?“, fragte ich und hielt ihm mein rechtes Ohr entgegen.

„Es tut mir leid, okay?“

Ich schwankte. So leicht wollte ich es ihm einerseits nicht machen. Andererseits tat ihm sein Gerede offensichtlich tatsächlich leid. Dazu kam, dass vor dem Haus ein zwar klapperiger, aber immerhin fahrtüchtiger Bully stand, der nur darauf wartete, mich nach Spanien zu bringen. Während ich noch schwankte, räusperte Jan sich und erklärte: „Du bist keine Klette. Im Gegenteil. Ich bin und war immer froh, dich zur Freundin zu haben. Du hast mich einfach nur kalt erwischt. Dieses Jahr bedeutet mir eine Menge. Ich hab Schiss gekriegt, dass ich schon wieder Verantwortung für jemanden übernehmen soll und meine Pläne baden gehen, bevor ich überhaupt in Spanien bin.“

„Von Verantwortung war nie die Rede“, erklärte ich empört. „Ich wollte einfach nur mit dir mitfahren. Bis zur Grenze oder bis kurz dahinter. Ich dachte sogar, du freust dich darüber, dass du Gesellschaft beim Aufbruch in dein Abenteuer hast. Deshalb wollte ich dich überraschen. Stattdessen beleidigst du mich und reitest darauf rum, dass ich gerade ziemlich viel Pech hatte. So verhält sich kein Freund.“

„Nein“, seufzte er. „Tut mir wirklich, wirklich leid. Anja. Bitte: Komm mit. Du hast recht. Wenn ich mir’s genau überlege“, er grinste mich spitzbübisch an, „dann wird das genial! Ich meine, du und ich, Churros con Chocolate, Cuba libre, Berge, Sonne, blauer Himmel, Strand und Meer – besser geht’s ja eigentlich nicht, oder?“

Ich spürte, wie sich bei diesen Worten ganz gegen meinen Willen ein idiotisches Grinsen auf meinem Gesicht ausbreitete. „Nein, besser geht’s wohl tatsächlich nicht“, stellte ich schließlich zögernd fest.

Er nickte lächelnd, packte kurzerhand meine drei Koffer und trabte damit zur Tür. Einen Moment zögerte ich noch. Dann atmete ich tief durch, schnappte meine zusammengerollte Matratze, zog die Tür hinter mir zu und schloss noch schnell zweimal ab. Schließlich wollte ich nicht, dass die NSA mit matschigen Schuhen in meiner Wohnung herumlatschte, bevor die Simmel sie gesehen hatte und eventuell wegen ein paar Staubkörnchen etwas von der Kaution abzwackte.

Ohne mich noch einmal umzudrehen, lief ich die Treppe hinunter. Und da stand er, direkt vor der Tür: ein teilweise angerosteter, verbeulter und mit Peacezeichen besprühter Bully. „Hach, wie anachronistisch“, rutschte es mir etwas entsetzt heraus.

„Sag bloß nichts gegen meinen Bully. Sonst streiten wir schon wieder, bevor wir überhaupt aus Hessen draußen sind. Steig einfach ein und mach’s dir bequem“, kam das Kommando von Jan, der meine Koffer bereits verstaut und sich auf den Fahrersitz geschwungen hatte. Er warf mir einen tiefen Blick zu und erklärte im besten, näselnden Pilotentonfall:

„Ladies and Gentlemen, welcome on board Drive 0815. Please remain seated with your seatbelts fastened until the seatbelt sign is switched off.”

Dann drückte er eine Kassette ins Deck – ich hatte keine Ahnung gehabt, dass es die heute noch gab – und einen Moment später klang tatsächlich herrlich scheppernd Salsa aus der Uralt-Anlage.

Jan und ich grinsten uns an. Wir waren Komplizen. Ließen den ganzen Mist hier einfach hinter uns. Wir waren Pioniere. Abenteurer. Aussteiger. Euphorie machte sich in mir breit wie noch ein paar Minuten vorher Wut. Und mir lief es eiskalt über den Rücken. Das hier war einer der Momente, die ich mit ins Grab nehmen würde. Und wenn ich dreihundertsiebenundzwanzig Jahre alt werden würde. Ich würde mich an jedes noch so kleine Detail erinnern. Sogar an den Geruch nach nassem Hund, der leider im Bully hing. Doch der konnte die Glückshormone nicht im Zaum halten, die mich durchströmten, als ich nur noch einen Gedanken hatte: Spanien – wir kommen!

Kapitel 3

Vorsicht: Lavendel!

„Ja, Marcella … mhm … mhm … ja, aber sicher … Ja, Marcella … Nein, gerade erst an Basel vorbei. Na hör mal, ich kann den Bully doch nicht so treten – der hat mehr als dreißig Jahre auf dem Buckel! Außerdem ist der Weg das Ziel. Ja, Marcella, ich melde mich, sobald ich irgendwo zum Übernachten anhalte. Ja, Marcella, natürlich freue ich mich, wenn du dich vorher meldest. Ja, Marcella, Küsse.“

Ich grinste Jan, der nach seinem sehr aufschlussreichen Telefonat angestrengt nach vorn durch die Scheibe starrte, breit von der Seite an. In den letzten sechs Stunden hatte Marcella gefühlte tausendmal angerufen. Sie schien wegen Jans Spanien-Trip regelrecht panisch zu sein. Hätte sie gewusst, dass ich direkt neben ihrem Geliebten saß, wäre sie endgültig ausgeflippt.

Normalerweise hatte ich für ein derart albernes Verhalten wenig übrig. Entweder, man vertraut sich oder man lässt es bleiben. Mitsamt der Beziehung. Aber eben war ich mit Andy derart auf die Nase geflogen, dass ich für das Elend anderer sehr empfänglich war. So auch für das von Jan. Er wand und krümmte sich jedes Mal auf seinem Fahrersitz, wenn sein Handy klingelte. Offensichtlich waren ihm die Anrufe peinlich. Das wären sie mir allerdings auch gewesen. Marcella hatte nicht nur eine Schraube locker, sondern einen ganzen Werkzeugkasten! Und Jan war ihr handzahmer Hanswurst, der nach ihrer Pfeife tanzte.

Bisher hatte ich bei jedem Telefonat geschwiegen. Doch nach diesem letzten rutschte mir heraus: „Ganz schön nervös, deine Marcella. Hat sie denn Grund dazu? Ich meine, hast du dir zwischendurch eine Sekretärin aufgerissen? Oder ist es einfach nur, weil sie selbst es damals war, die dich ihrer Vorgängerin ausgespannt hat? Caroline, oder so.“

„Ach, sei doch still!“, brummte Jan missmutig in seinen Dreitagebart.

„Nein, ehrlich. Ist doch kein Problem, vielleicht tut es dir ja mal ganz gut, über Marcellas offensichtlich chronische Eifersucht zu sprechen“, bot ich generös an. „Ich meine, ich bin schließlich so neutral wie die Schweiz.“

„Ha!“, lachte Jan. „Und genau wie in der Schweiz hat deine Neutralität einen Haken: Sie hält gerade mal so lange, wie es dir passt. Du freust dich doch nur diebisch darüber, dass bei Marcella und mir auch nicht alles zum Besten steht. Das lenkt dich von deiner eigenen missratenen Beziehungspleite ab.“

„Ja, schon. Trotzdem: Das Angebot steht.“ Betont lässig schaute ich aus der Beifahrerscheibe und summte fröhlich vor mich hin.

Nach nur fünf Minuten lenkte er ein: „Na gut. Also, wir haben da ein paar Probleme.“ Er räusperte sich: „Marcella hat, wie du weißt, ein manchmal sehr dramatisches, italienisches Temperament.“

Ich nickte lächelnd. Ein dramatisches, italienisches Temperament. So konnte man galoppierenden Wahnsinn auch nennen.

Jan fuhr fort: „Und ich kann nicht immer so gut damit umgehen. Ich meine, was würdest du denn machen, wenn jemand an deinem Geburtstag mit einem Messer werfen würde, nur, weil deine Kolleginnen dir einen Kuchen gebacken haben?“

Ich prustete und fragte ungläubig: „Sie hat mit dem Messer nach dir geworfen?“

Er nickte grimmig. „Dummerweise ist es an einer Tischkante abgeprallt und hat sich mir in den Oberschenkel gebohrt. Das wollte sie natürlich nicht“, setzte er schnell hinzu. „Aber eine halbe Stunde später saßen wir gemeinsam in der Notaufnahme. Der Arzt, der mich genäht hat, war allerdings sehr nett. Er hat bei der Arbeit sogar ,Happy Birthday‘ gesungen.“

„Aha“, krächzte ich und kämpfte mühsam einen Lachanfall nieder. Nach ein paar Minuten Schweigen räusperte ich mich und fragte mit bebender Stimme: „Und sonst? Ich meine, wirft sie öfter mit, äh, Haushaltsgegenständen?“

Er nickte seufzend. „Ja, aber normalerweise wirft sie vorbei. Nur den letzten Blumentopf … Also, das war wirklich Pech.“

„Wieso?“

„Das Fenster stand offen. Und Peter, du weißt, der freundliche Buchhalter von gegenüber, der hatte sich gerade einen neuen Astra gekauft. Eine furchtbare Spießerkarre. Na ja. Die stand eben direkt unter dem Fenster. Da hat der Blumentopf das Dach erwischt. Keine große Sache, vor allem nicht bei einem derart hässlichen Auto. Also ich finde nicht, dass Peter sich deshalb so aufführen musste.“

Um meine Beherrschung war es geschehen. Ich lachte fünf Minuten lang wie eine Kreissäge, klopfte mir dabei auf die Schenkel und goss mit meinen Lachtränen den Bully.

Jan starrte mit zusammengepresstem Mund und angespannten Kiefermuskeln die ganze Zeit stur geradeaus. Als ich mich nach vielen Japsern und neuen Lachanfällen endlich beruhigt hatte, knurrte er: „Das hat man davon, wenn man intime Details aus seiner Beziehung preisgibt: Hohn und Spott.“

„Also entschuldige mal. Deine liebe Marcella, die hat doch nicht mehr alle Latten am Zaun! Natürlich ist das zum Lachen.“ Ich schnäuzte mich geräuschvoll in ein Papiertaschentuch. Dieses Lachen bis zum Heulkrampf hatte etwas wunderbar Entspannendes. Meine so hartnäckig an mir klebende Pechsträhne schien plötzlich in weite Ferne zu rücken.

Doch Jan steckte noch mittendrin im Schlamassel. „Ja, vielleicht kannst du drüber lachen. Ich nicht.“

„Natürlich nicht. Jan, tut mir leid, aber in dem Fall kann ich wohl wirklich nicht weiterhelfen. Ob Schweiz oder nicht. Ich könnte dir höchstens ein paar Netze für die Fenster besorgen. Oder eine messersichere Hose. Falls es so etwas gibt.“

Zum ersten Mal zuckte es auch um seine Mundwinkel. „Eine Ritterrüstung wäre nicht schlecht.“

„Ja, oder ein Raumanzug“, schlug ich vor. „An der Ritterrüstung prallen die Geschosse ab und sausen zielungenau durch die Gegend. Im Raumanzug bleiben sie stecken. Da wäre Peter sicher froh.“

„Ja und ich auch. Seit der Geschichte mit seinem doofen Astra spricht Peter nämlich nicht mehr mit mir. Er wollte sich in dem Jahr, in dem ich weg bin, nicht mal mehr um Klaus kümmern.“

Klaus war ein ziemlich stattlicher Kaktus, ein sogenannter Schwiegermuttersessel, den ich Jan vor ein paar Jahren geschenkt hatte, nachdem er meine Mutter kennengelernt hatte. Die beiden waren sich nie besonders nahe gekommen. Nichtsdestotrotz war Klaus, der Kaktus, ein sehr angenehmer Zeitgenosse: Es reichten ihm ein paar Tröpfchen Wasser einmal pro Woche. Und nun fiel er Marcellas Messerwerfkünsten zum Opfer.

Ich fragte wehmütig: „Und was macht Klaus jetzt? Ein Jahr lang Wasserabstinenz überlebt nicht mal er.“

„Kein Problem. Ich habe die Wohnung untervermietet.“

„Aha. Und an wen? Hoffentlich nicht an einen Medizinstudenten. Die treiben es am schlimmsten.“ Oder sie versuchten sogar, Klaus zu trocknen, in seine Bestandteile zu zerhacken und dann zu rauchen.

„Nein, nein. An einen entfernten Cousin von Marcella, der für ein Jahr in Deutschland arbeitet.“

Der Kakteen rauchende Medizinstudent wäre sicher die bessere Wahl gewesen. Trotzdem fragte ich unschuldig:

„Schon toll, so eine große, italienische Verwandtschaft, oder? Und so praktisch. Da muss man weder nach Untermietern suchen, noch nach einem Onkel Corleone, falls man mal in Schwierigkeiten steckt. Da lässt man beim sonntäglichen Familienessen einfach eine Bemerkung über einen lästigen Kollegen fallen, einen betrügerischen Autoverkäufer oder Ärger mit einem Finanzbeamten und schon hat der – zack – einen abgeschnittenen Pferdekopf unter der Bettdecke und lässt das Ärgern sofort sein.“

„Geht’s vielleicht noch ein bisschen klischeehafter?“

„Nö. Lass mich doch. Ich stelle mir das alles eben sehr bildhaft vor … Mann, Mann, Mann, wenn du mich fragst, steckst du ganz schön fest. Aus der Nummer kommst du wohl kaum noch raus. Moment mal …“ Ich schaute ihn verblüfft von der Seite aus an. „Das willst du auch gar nicht, oder? Du haust jetzt noch einmal für ein Jahr ab. Nach Spanien. Das dürfte so ziemlich das einzige Land sein, in dem du vor deiner italienischen Verwandtschaft in spe sicher bist. Kein Italiener geht schließlich freiwillig nach Spanien. Und danach wird geheiratet!“ Ich starrte ihn, von meiner eigenen Scharfsinnigkeit entsetzt, von der Seite an.

Er zuckte nur die Schultern und zog die Augenbrauen wie eine Puppe aus der Muppet Show gleichzeitig zusammen und nach unten bis zur Nasenwurzel.

Mein lieber Schwan. Ich ließ mich völlig erledigt zurück in die Polster fallen. Jan würde heiraten. Ich schluckte. Natürlich war mir immer klar gewesen, dass er das irgendwann tun würde. Gerade eben hatte er schließlich erst angedeutet, dass er sich irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft eine Familie wünschte. Aber schon in einem Jahr und dann auch noch Marcella … Nun war es an mir, minutenlang stumm und starr geradeaus aus dem Fenster zu starren.

Wie würde das werden? Wenn er erst einmal mit der italienischen Wurfmaschine verheiratet war, würden Jan und ich uns garantiert ganz schnell aus den Augen verlieren. Dafür würden Marcella inklusive Verwandtschaft schon sorgen. Schließlich lebte ich lieber ohne abgeschnittene Pferdeköpfe unter der Bettdecke. Ich seufzte und warf ihm einen kurzen Seitenblick zu. Wehmut machte sich in mir breit. Dieser Trip nach Spanien war garantiert das Letzte, das wir beiden miteinander unternahmen. Eine Ära ging zu Ende. Dafür würde seine Italienerin schon sorgen. „Weißt du noch, wie wir uns kennengelernt haben?“, rutschte es mir heraus.

„Natürlich, du Huhn“, knurrte er. „Du warst die einzig Normale in diesem Haufen Streber und alkoholkranker Skandinavierinnen.“

„Na ja, was man so normal nennt“, winkte ich schwach ab. „Sagen wir einfach, ich war die einzige, die weder am Komasaufen, noch an endlosen Zitaten aus ,Don Quijote‘ als Partyinhalt interessiert war.“

Er hüstelte, dann rezitierte er nasal: „En un lugar de la Mancha, de cuyo nombre no quiero acordarme …“

Und ich leierte ebenso nasal weiter: „No ha mucho tiempo que vivía un hidalgo de los de lanza …“

„Hör auf!“, brüllte er. „Davon kriegt man ja Windmühlen-Fußpilz.“

Ich kicherte. „Schon komisch, was einen so verbindet. Wenn man es genau nimmt, sind die Idiotinnen und Langweiler von damals schuld, dass wir was miteinander angefangen haben.“

„Blödsinn“, schnaubte Jan. „Wir hätten auch dann etwas miteinander angefangen, wenn wir umgeben von interessanten, witzigen und schönen Menschen gewesen wären.“

„Ach ja?“ Ich wiegte den Kopf. „Schwer zu sagen. Wenn es noch andere Kerle über 1,80 Meter und unter hundert Kilo gegeben hätte, weiß ich nicht …“

„Doch, du weißt“, unterbrach er mich. „Erinnerst du dich denn gar nicht mehr, wie es gefunkt hat? Es lag so viel Elektrizität in der Luft, dass man eine Glühbirne zwischen uns halten konnte – und die brannte dann.“

„Du hast recht“, gab ich schließlich zögernd zu. „Wir waren wirklich unfassbar ineinander verknallt. Zum Glück haben wir uns erst am Ende der zweiten Sprachkurswoche kennengelernt. Sonst hätte ich mein Spanisch überhaupt nicht verbessert. Wir sind ja gar nicht mehr aus den Federn gekommen! Das ganze schöne Geld, das meine Eltern für den Kurs bezahlt haben: einfach futsch.“

„Was nur an dir lag, du gieriges Weib. Ich war ja schon nach einer Woche völlig entkräftet. Jeden Tag drei-, viermal, jede Nacht auch noch zwei-, dreimal …“

Ich seufzte tief: „Ja, das waren wahre Heldentaten. Davon kann ein alter Sack wie du heute nur noch träumen.“

„Du hast ja keine Ahnung“, behauptete er.

„Ja, denn die hat heute Marcella.“ Mein Neid war grenzenlos. Doch da schnappte sein Gesicht zu wie ein Schloss und seine Kiefermuskeln konnte man fast knacken hören. O-oh. Offensichtlich hatte ich einen wunden Punkt getroffen. Mit seinem aktuellen Bettgeflüster stand es nicht zum Besten. Was schade war. Im Bett war der liebe Jan, zumindest in meiner Hitparade, in Sachen Qualität wie Quantität unübertroffen.

Ich warf einen kurzen Blick in seine Richtung. Seine wunderschönen Arme hatte er immer noch. Unglaublich stark waren die. Keiner konnte so gut zupacken wie Jan. Und werfen. Vom Dach seiner WG in Salamanca hatte er eines Nachts faule Eier bis zu einem Kirchturm geworfen, dessen Glocke schrecklich verstimmt war. Nie zuvor und auch nie wieder danach hatte ich so weit fliegende faule Eier gesehen.

Ach ja.

Und jetzt lag diese wunderbare Stärke brach. Was für eine Verschwendung. Die Frauenwelt war soeben wieder ein kleines bisschen ärmer geworden.

Er durchbrach mein wehmütiges Grübeln: „Erinnerst du dich noch an die schräge Holländerin, die mit mir in der WG gewohnt hat? Die mit dem Pfannenkuchengesicht? Sie hat uns immer Erdbeeren und Waffeln mitgebracht.“

„Ja. Sie hatte Angst, dass wir beim Vögeln verhungern. Das hat sie mir in einer unserer Pausen auf dem Balkon gestanden“, erklärte ich. „Sie wollte keinen Ärger mit den Behörden, weil zwei kaputt gebumste Deutsche in ihrer Wohnung lagen. Deshalb hat sie uns versorgt. Aber, wenn du mich fragst, so großartige Erdbeeren habe ich nie wieder gegessen. Total zermatscht. Aber unglaublich süß und … erdbeerig.“

„Ja, die waren irre, die Erdbeeren. Und diese zwei Wochen auch. Und wenn ich dreihundertsiebenundzwanzig Jahre alt werde – ich werde sie nie vergessen.“

Ich starrte ihn an. Stimmt. Ich hatte schon ganz vergessen, dass er den Tick mit den „dreihundertsiebenundzwanzig“ irgendwann von mir übernommen hatte. Es war merkwürdig, neben jemandem zu sitzen, den man schon so lange und so gut kannte – und den man bald für immer an eine andere Frau verlieren würde.

Natürlich hatten wir uns beide in den letzten fünf Jahren ordentlich mit jeweils anderen Partnern ausgetobt. Aber irgendwie hatte doch immer die kleine Option „Erdbeeren in Salamanca“ im Raum gestanden. Jetzt waren die für immer für Marcella reserviert. Obwohl die sie gar nicht wollte. Das undankbare Weib.

Ich starrte erneut stumm aus dem Fenster. Die komplette Heiterkeit von vor ein paar Minuten war verflogen. Ebenso die Vorfreude auf Spanien. Stattdessen würgte ich an einem Kloß in meinem Hals.

Irgendwann durchbrach Jan das zähe Schweigen: „Wohin willst du eigentlich, nachdem wir uns in Spanien getrennt haben?“

„In den Süden“, antwortete ich wie aus der Pistole geschossen. Sofort ging es mir besser. Ich schloss kurz die Augen und dachte an mein Ziel. „Ich kann mir zwar eigentlich am besten Madrid als Stadt vorstellen, in der ich in Zukunft leben möchte, aber für den Anfang möchte ich Sonne, Meer, Strand, Palmen.“ Ich seufzte tief. „Dieser miese Dauernieselregen in Frankfurt ist mir richtig aufs Gemüt geschlagen. Ich muss erst mal auftanken, bevor ich mich in den Alltag stürze.“

„Hast du denn so viel Geld, dass du in Ruhe ,auftanken‘ kannst?“

„Fünfzehntausend Euro. Das reicht eine Weile“, erklärte ich stolz. „Außerdem will ich ja auch gar nicht nur faullenzen. An der Küste gibt es doch endlos viele Deutsche. Vielleicht finde ich ja für den Anfang einen Job in einer Strandbar oder so. Dann hält das Geld noch länger.“

„Du willst in einer Strandbar arbeiten, echt?“, fragte er verblüfft. „Du wolltest doch Karriere in einem Verlag machen und die Welt verbessern …“

„Ja und wohin hat mich das gebracht?“, schnappte ich. „Nein, mein Lieber, ich drossle das Tempo erst einmal und überlasse die Welt denjenigen, die ein dickeres Fell haben. So ein Job, bei dem man wenig denken und viel flirten muss – der käme mir gerade recht.“

Ihm anscheinend nicht. Denn seine Augenbrauen küssten erneut die Nasenwurzel. Schon merkwürdig. Er hatte anscheinend ähnlich wie ich Schwierigkeiten mit dem Teilen. Trotzdem. Den feinen Herrn Verlobter-in-spe ging das kein Stück weit etwas an.

Ich war frei. Und so eine Bar hatte durchaus ihre Reize.

„Erinnerst du dich an diese entzückende Bar in der Nähe von Jávea?“, fragte ich verträumt. „Die direkt auf die Felsen am Strand gebaut war? Vielleicht fange ich dort mit dem Fragen an. Wenn die mich nicht wollen, gibt es in der Nähe noch genug andere Möglichkeiten.“

„Natürlich nehmen die dich. Die wären ja bekloppt, wenn nicht.“

„Wieso?“

Er verdrehte die Augen: „Schau dich doch mal an! Wenn du da arbeitest, machen die ihren normalen Jahresumsatz in einer einzigen Woche!“

„Äh, danke, das war wohl ein Kompliment“, stellte ich verdattert fest. Jan war wirklich komisch. Er benahm sich wie ein eifersüchtiger Liebhaber. Sicher hatte Marcella auf ihn abgefärbt. Um das unangenehme Schweigen zu durchbrechen, fragte ich: „Und du? Ich meine, wohin möchtest du als Erstes?“

Schlagartig schossen seine Augenbrauen in die Höhe und seine Stirn glättete sich. Jede Kosmetikerin wäre von diesem Effekt entzückt gewesen. Er erklärte: „Ah, da gibt es so viele Möglichkeiten! Natürlich zieht es mich auch in den Süden. Im Mai ist es da noch nicht so heiß, auch Touristen gibt es noch nicht so viele. Da könnte ich mir in Ruhe die Mezquita in Córdoba anschauen, durch die Alhambra in Granada schlendern, durch die Bodegas in Jérez …“

„Kurz, du willst die ganzen Touristenfallen abklappern“, fiel ich ihm ins Wort.

„Touristenfallen – Blödsinn! Der Ballermann ist eine Touristenfalle. Die Alhambra ist Weltkulturerbe, meine Gute“, dozierte er. „Abgesehen davon tobt in den andalusischen Städten das Leben. Da kann man feiern.“ Er seufzte. „Zudem hoffe ich, vielleicht hier und da ein unbezahltes Praktikum zu ergattern. Gerade in Sevilla hätte ich vielleicht Chancen. Na ja. Der Süden ist ja nur eine Option. Vielleicht biege ich gleich nach La Jonquera auch ab Richtung Westen und bleibe erst mal in Nordspanien. Asturien, Kantabrien, Galizien … Wandern in den Picos de Europa, Covadonga, Canga de Onís.“

„Und dann weiter nach Santandér“, fuhr ich traumverloren fort. „Erinnerst du dich an das Reptilarium, das wir da mal besucht haben? Mich schüttelt es heute noch, wenn ich daran denke, wie einer der Tierpfleger die Schlangen zum Zubeißen gereizt hat. Nur, um den Besuchern etwas zu bieten. Grässlich war das.“

„Dann spare ich mir das Reptilarium besser. Auch, wenn ich sicher ein paar Wochen in Santandér bleiben werde.“ Er verstummte erneut.

Unsere gemeinsamen Erinnerungen an einen Urlaub in Nordspanien hingen fast greifbar im Bully. Am liebsten dachte ich an die Fassungslosigkeit einiger Spanier, als wir eher zufällig in Santiago de Compostela vorbeigeschneit waren. Desinteressiert und gähnend hatten wir die Kathedrale besichtigten und nicht einmal die Heiligenfigur anfassen wollten.

Wir waren eben weniger die gezielten Pilgertypen. Eher die spontanen Genießer. Das mochte ich an Jan schon immer besonders, dieses Genießen-Können. Außerdem hasste er Wandern genauso wie ich. So etwas verbindet. Gerade in Santiago.

„Nordspanien wäre für mich vielleicht auch eine Option“, murmelte ich gedankenverloren. „Wenn es nicht so viel regnen würde.“ Ich schüttelte mich. „Nein, doch nicht. Ich möchte auf jeden Fall in den Süden.“

Jan sagte: „Mit einem hast du recht: Bevor man sich in die Arbeit stürzt, aus der man schließlich sowieso gerade kommt, sollte man erst einmal Kraft sammeln. Und dafür eignet sich die Küste am besten. Barcelona spare ich mir für den Rückweg auf. Das habe ich so schon beschlossen. Aber ich könnte bis Valencia fahren.“ Er warf mir einen schnellen Blick zu.

In Valencia und dem Umland hatten wir ebenfalls einen wunderbaren Urlaub verbracht. Wenn man es genau betrachtete, war ganz Spanien mit positiven Sternstunden unsererseits regelrecht vermint. Zum Glück waren wir schon lange nur noch platonische Freunde. Sonst hätte das Motto des Hosenbandordens gegriffen.

„Honi soit qui mal y pense”, murmelte ich vor mich hin. Sehr passend. Denn schon wieder klingelte Jans Handy.

Er blickte auf das Display und stöhnte. Ich verdrehte die Augen. Marcella. Ihr letzter Anruf lag gerade mal zwanzig Minuten zurück. Die Abstände wurden immer kürzer. Wenn das so weiterging, rief sie bald im Fünfminutentakt an und ab der spanischen Grenze bestand eine Standleitung.

Plötzlich endete das Klingeln. Vorsichtig linste ich in Jans Richtung. Er hatte das Handy stumm im Schoß liegen. Ich warf ihm einen fragenden Blick zu.

„Telefonieren am Steuer ist auch in Frankreich nicht gestattet“, erklärte er verlegen.

Ich nickte nur, hütete mich etwas zu antworten und fragte mich, warum ich mich über ein weggedrücktes Gespräch so sehr freute.

In den nächsten Stunden machten wir mehrere kurze Pausen und staunten über Frankreichs entvölkerte Landstriche. Ich übernahm immer wieder begeistert das Bully-Steuer und schwelgte weiter mit Jan in Erinnerungen. Die meisten unserer Sätze begannen mit „Weißt du noch?“ oder „Erinnerst du dich an …“ Und in Lyon nervte auch sein Handy nicht mehr – weil er es endlich komplett ausstellte.

Ab da machte die Fahrt noch mehr Spaß. Weil wir zum einen die grässliche Großstadt Lyon hinter uns gelassen hatten und weil sich zum anderen die Landschaft deutlich veränderte. Es wurde wärmer und wärmer.

„Riechst du das?“, fragte ich Jan ein ums andere Mal mit aufgeregt geblähten Nasenflügeln, wenn wir an einem Lavendelfeld, wild wuchernden Kräuterbeeten oder Kiefernhainen vorbeifuhren. In der Abenddämmerung gaben die Pflanzen, die den ganzen Tag Sonne getankt hatten, ihren Duft großzügig von sich.

„Es riecht nach Süden! Wie herrlich!“, jubelte ich. Mein Fenster hatte ich längst komplett heruntergekurbelt und ließ den Arm im Fahrtwind fliegen. Schließlich schloss ich noch die Augen, um den würzig warmen Duft besser bis in den hintersten Winkel meiner Lunge hineinpumpen zu können. Auch als die Sonne unterging, ließ ich mich noch eine Weile mit geschlossenen Augen von Jan durch den südfranzösischen Abend kutschieren.

Endlich bemerkte ich, wie er langsamer wurde, abbog und der Bully derart zu rumpeln und schaukeln begann, dass ich mir den Kopf an der inzwischen wieder hochgekurbelten Beifahrerscheibe anschlug. „Au, was soll das denn?“, beschwerte ich mich und hielt mir die schmerzende Schläfe.

„Endstation für heute“, erklärte Jan, schaltete den Motor ab und begann dann, sich ausgiebig zu strecken und zu gähnen.

„Hier?“, fragte ich verblüfft. „Wo sind wir denn?“

Er grinste mich an. „Zwischen Orange und Nîmes. Irgendwo in der Richtung liegt Aix-en-Provence“, er wies grob in die eine Richtung. „Und da geht es nach Montpellier“, er deutete in die andere Richtung. „Und danach …“ Sein Grinsen wurde unter den erwartungsvoll hochgezogenen Augenbrauen noch breiter. „Aber nicht mehr heute. Ich spüre meinen Rücken schon gar nicht mehr. Außerdem habe ich Hunger wie ein Wolf und würde gern ein paar Stunden schlafen – was du ja bereits erledigt hast.“

„Blödsinn. Ich habe fünf Minuten lang mit geschlossenen Augen südfranzösische Düfte genossen.“

„Das würde ich an deiner Stelle jetzt auch behaupten. Los, wir steigen aus“, forderte er mich auf und hüpfte zur Tür hinaus.

„Aber du kannst doch hier sicher nicht einfach so stehen bleiben“, gab ich zu bedenken. „Das ist ein Lavendelfeld. Das gehört doch jemandem. Jemandem, der Deutsche im Allgemeinen und deutsche Bullyfahrer im Besonderen auf den Tod nicht ausstehen kann. Morgen früh steht dann genau der, ein fuchsteufelswilder Bauer mit Musketierbart, vor uns und jagt uns mit einer rostigen Mistgabel davon. Wenn er nicht mindestens fünf Bluthunde auf uns hetzt.“

„Du hast eine Phantasie.“ Jan lachte, dann zuckte er die Schultern. „Und wenn schon: Soll er doch kommen, dein Bauer. Im Moment ist jedenfalls nichts von ihm zu sehen. Außerdem riecht dieses Unkraut hier ganz nett – auf mich wirkt es sogar außerordentlich einschläfernd. Genau das, was wir für süße Träume brauchen.“

„Zum Glück steht der Lavendel noch nicht in voller Blüte“, überlegte ich laut. „Sonst würden wir nie wieder aufwachen, wenn wir uns darin schlafen legen.“

„Du wärst schon ein nettes Dornröschen. Aber soweit ich weiß, hatte die Gute keinen bärtigen Schnarchsack an ihrer Seite.“

„So bärtig bist du doch gar nicht. Als Prinz würdest du gerade noch durchgehen.“

Er strahlte selbstgefällig. Das konnte nicht so bleiben. Eine alte Regel von Tine und mir besagte, dass sich kein Mann zu toll vorkommen durfte, sonst wurde er im Handumdrehen größenwahnsinnig. Und wenn es erst soweit war, war das nur schwer zu relativieren.

Also ergänzte ich: „Auch wenn Prinzen selten so elende Opportunisten sind wie du. Warum musst du eigentlich jede blöde Mode mitmachen? Jetzt sind es gerade noch die Gesichtspullis, nächste Woche vielleicht Knochen in der Nase …“

„Und übernächste Woche Moko-Maori-Tattoos im kompletten Gesicht“, fuhr er fort. „Andere Frage: Warum hackst du ständig auf mir rum?“

„Das mache ich doch gar nicht“, brummte ich und fragte: „Was gibt’s zu essen?“

Er führte mich in den Laderaum des Bullys und präsentierte mir stolz seine Vorräte samt Gaskocher. Wir hatten die Wahl zwischen Spaghetti, Ravioli und Linsen aus der Dose. Schnell entschieden wir uns für die Spaghetti und genossen eine halbe Stunde später eine in Frankfurt gekaufte italienische Köstlichkeit unter südfranzösischem Sternenhimmel und tranken dazu Argentinischen Rotwein. Wir kamen uns schrecklich international vor.

Schließlich grunzte Jan zufrieden, räkelte sich in seinem Lavendelbeet und verkündete: „Also, ich weiß nicht wie es dir geht – aber ich schlafe heute Nacht draußen.“

„Au ja, ich auch. Sonst verpassen wir den Sternenhimmel.“

„Wenn du schläfst, kriegst du von dem wenig mit“, erklärte er, schleppte aber meine Matratze mitsamt seiner Isomatte und unsere beiden Schlafsäcke aus dem Bully und breitete alles nebeneinander aus.

Dann grunzte er: „Voilà“, streckte sich eine Weile und krabbelte mit einem gegähnten „Gute Nacht“ in seinen Schlafsack.

Ich starrte verständnislos auf ihn. „Wie kannst du jetzt schlafen?“

„Indem ich die Augen zumache. Dann geht das ganz schnell. Der Tag war gefühlte dreihundertsiebenundzwanzig Stunden lang.“

„Ja, vielleicht schon. Aber das ändert doch nichts daran, dass wir gerade auswandern!“

„Und? Ändert es etwas daran, wenn ich die ganze Nacht wach bleibe?“

„Nein. Aber ich meine … Das bedeutet doch etwas“, rief ich. „Wir haben unser altes Leben zurückgelassen und sind im Begriff, in etwas völlig Neues aufzubrechen! Wir haben keine Ahnung, was uns morgen erwartet, Übermorgen oder nächste Woche. Wir wissen nicht, wo wir wohnen werden, wen wir treffen und so weiter. Das ist unglaublich. Da kann man sich doch nicht einfach hinlegen und schlafen!“

„Ich kann das schon. Außerdem: Dir mag das alles zwar so gehen. Aber ich wandere nicht aus, schon vergessen? Ich treibe mich nur ein Jahr herum.“

Ich schüttelte den Kopf. „Das kannst du erzählen, wem du willst. Man fährt nicht einfach so ein Jahr lang ins Blaue. Nicht ohne Grund. Und nicht ohne Vision.“

„Aha. Und was, deiner Meinung nach, ist mein Grund und was meine Vision?“

Ich zuckte die Schultern. „Man muss kein Hellseher sein, damit einem klar wird, was mit dir los ist. Im gesamten letzten Jahr hast du auf mich einen etwas, äh, angestrengten Eindruck gemacht. Der Job frisst dich auf, Frankfurt geht dir auf den Wecker. Und Marcella drückst du am Telefon einfach weg.“

„Ich habe beide Hände fürs Steuer gebraucht“, behauptete er empört.

Ich prustete. Danach war es still. Das Lavendelfeld um uns herum duftete so wunderbar, dass ich schließlich die Augen schloss, um erneut mit Haut und Haaren in diesen unglaublichen Duft einzutauchen. Es war paradiesisch. Noch war es warm genug, um im T-Shirt und kurzen Hosen auf dem Boden zu sitzen. Die Zikaden zirpten und auf den Lippen schmeckte man bereits eine leise Ahnung von Meer, das nur wenige Kilometer entfernt lag.

„Und wenn es so wäre?“, riss mich Jan unvermittelt aus meinem südfranzösischen Wohlfühlkokon.

„Wenn was so wäre?“

„Wenn mir wirklich alles zum Hals raushängt. Mein Job, meine Kollegen. Wohnung. Nachbarn. Marcella. Was wäre dann?“

Bisher hatte er auf dem Rücken gelegen und in den Himmel gestarrt. Nun wandte er sich mir zu. Obwohl es keine mondhelle Nacht war, konnte ich jeden Muskel in seinem Gesicht zucken sehen. Ich war ihm eine Antwort schuldig. Also räusperte ich mich und erklärte: „Dann, mein Lieber, dann würdest du dich in exakt derselben Situation befinden wie ich.“

„Du meinst, ich würde einfach alles stehen und liegen lassen und davonlaufen?“

„Nö. Dann würdest du das einzig Richtige tun: Noch mal von vorn anfangen. Wer sagt denn, dass man einen toten Gaul endlos weiterreiten muss?“ Ich nahm mein Rotweinglas und trank einen großen Schuck.

„Ich kann nur hoffen, dass du mit dem toten Gaul nicht Marcella meinst.“

Ich prustete den Rotwein mehrere Meter weit. Dann erklärte ich würdevoll: „Ich meine damit die Gesamtsituation. Alles andere hast du gesagt. Aber wenn du über Marcella reden möchtest … bitteschön. Tipps kann ich dir da wohl keine geben. Aber mein Ohr hast du.“

„Och nö“, stöhnte er. „Danke für das Angebot. Und das Ohr. Aber … du hast ja selber mitgekriegt, dass es zurzeit nicht so super mit uns läuft.“

„Also die ideale Voraussetzung, um zu heiraten“, stellte ich fest.

„Ach, ich weiß doch auch nicht. Ich bin da irgendwie reingerutscht … Mit einer Frau wie Marcella ist man nicht nur einfach so zusammen. Das ist was Ernstes.“

„Was heißt das, ,nur einfach so zusammen‘? So, wie du es sagst, klingt das wie etwas Schlechtes.“

„Nein. Im Gegenteil. Ich wäre sehr gerne ,einfach so‘ mit jemandem zusammen. Aber mit Marcella funktioniert das eben nicht. Sie hat sehr genaue Vorstellungen, wie eine Beziehung auszusehen hat. Inklusive gigantischer Traumhochzeit in Italien, einem Job in der Vorstandsetage, drei süßen Bambini, einer Vorstadtvilla, ausgedehnte Urlaubsreisen zur italienischen Verwandtschaft und so weiter.“

„Und das willst du alles auch?“

„Eigentlich nicht. Aber wenn ich mit Marcella zusammen bleibe, dann muss ich das wollen.“

„Aha. Krass“, mehr fiel mir jetzt nicht ein. Anscheinend hatte Marcella Jan einer ausgedehnten Gehirnwäsche unterzogen. Früher hätte er sich nichts einreden lassen, was er selbst nicht wollte. Wie traurig, dass er jetzt nach ihrer Pfeife tanzte. Dabei hatte ich an Jan früher gerade seinen ganz eigenen Kopf geliebt.

„Ich weiß, was du jetzt denkst“, erklärte er nach ein paar stummen Minuten.

Was sollte ich da antworten? Dass das erstaunlich war, weil in meinem Kopf komplettes Chaos herrschte?

Doch er fuhr fort: „Das Schlimme ist: Ich weiß es selber nicht. Ich meine, ich weiß nicht mehr, was ich wollen soll. Verrückt, oder?“

Sicher. Aber sollte ich ihm das sagen?

Er fuhr unterdessen fort, halbherzig von Marcella zu schwärmen, wie schön, klug und erfolgreich sie war. Sehr überzeugt klang das nicht. Und mir wurde die Lobhudelei zu viel.

„Blablabla“, unterbrach ich seinen Wortschwall schließlich. „Das ist doch alles Selbsthypnose. Du redest dir ein, dass du etwas willst, das dir eigentlich piepegal ist. Nach viel Spaß hört sich das nicht an.“

Er blies die Backen dick auf. „Spaß. Was heißt schon Spaß?“

„Das heißt, dass du ein von Grund auf alberner Mensch bist. Wenn du niemanden an deiner Seite hast, der einen ähnlich kaputten Humor wie du mitbringt, ist er dem Untergang geweiht. Aber Marcella, die zum Lachen in den Keller geht, willst du heiraten. Das passt einfach nicht zusammen.“

„Es gibt Wichtigeres im Leben, als Spaß zu haben!“

„Nö“, stellte ich lapidar fest und trank mein Rotweinglas leer.

Jan schaute mich verblüfft mit offenem Mund an. Dann nickte er nachdenklich: „Du hast recht.“

„Sicher“, ich nickte eifrig zurück. Wir sahen bestimmt aus wie zwei Wackeldackel auf der Hutablage. Ich sagte: „Das weißt du doch, dass ich recht habe. Immer. Jederzeit.“

„Albernes Huhn.“

„Genau. Und stolz drauf.“

„Deshalb habe ich mich in Salamanca ja auch in dich verliebt. Ich glaube, ich habe noch nie so viel gelacht wie mit dir.“

„Danke, gleichfalls.“

Wir lächelten uns an.

„Schade“, seufzte er schließlich.

„Was?“, wollte ich wissen. „Dass du in Zukunft nichts mehr zu lachen hast?“

Er nickte. „Dabei würde ich nichts lieber tun.“ Wieso starrte dieser Mensch mir eigentlich die ganze Zeit auf den Mund? Und täuschte ich mich oder war er mir ziemlich dicht auf die Pelle gerückt? Davon hatte ich ja gar nichts mitbekommen. Ob das am Rotwein lag? Da! Jetzt hatte ich es gesehen! Er rückte tatsächlich immer noch näher.

Irritiert starrte ich ihn an. Was wurde das denn? Ich warf einen kurzen Blick über die Schulter, ob direkt hinter mir zufällig eine magersüchtige Sekretärin mit Mangagesicht entlangstöckelte. Aber nein.

„Was machst du denn da?“, fragte ich ihn deshalb misstrauisch.

„Gar nichts, wieso?“

Da traf er mich wie ein Hammer. Jans Geruch. Wider Willen schloss ich die Augen und sog ihn tief in die Nase. Ach herrje, das hatte ich ja ganz vergessen! Jan roch sogar noch besser als Andy. Bis vor einer Sekunde hätte ich das nicht für möglich gehalten. Aber jetzt war es einfach nur wunderbar. Als ob ein kaputter Backenzahn mit entzündeter Wurzel endlich betäubt wird.

„Was denkst du?“, fragte Jan rau.

„Dass du auf mich wie eine Spritze wirkst.“

„Hä?“

Ich winkte ab, machte die Augen wieder zu und rückte dezent ein Stückchen nach hinten. Das fehlte noch. Dass ich einen fremdgehenden Drummer durch einen verlobten Pantoffelhelden ersetzte. Aber dieser Geruch …

Gegen meinen Willen nahm ich noch eine Nase voll. Ja. Das war er. Der Geruch nach heißen, verschwitzten spanischen Nächten voller Erdbeeren und Schlagsahne. Mit Jan. Der Mistkerl wirkte auf mich wie ein unglaublich starker Magnet, der mein Hirn ausschaltete und den Rest magisch anzog. Meine Nervenbahnen verwandelten sich sachte zu Brei.

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960876892
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v460601
Schlagworte
liebe-frauen-roman-tik-s-e-lustig-humor-vol Chick-lit-liebe-s-frauen-romantik-romance-roman Roadtrip Abenteuer Lovestory Spanien

Autor

  • Sophia Monti (Autor)

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Titel: Wo die Liebe hinfährt