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Die Begnadete

von Tessa May (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Das Leben als Königin der Schule hat nicht nur Sonnenseiten. Das muss Lilja auf die harte Tour feststellen, als die rätselhafte Tara auftaucht. Plötzlich ist ihre außergewöhnliche Begabung immer ihren Willen durchzusetzen wie ausgelöscht. Als sich ihre Bewunderer von ihr abwenden, findet sie heraus, dass ihre Überzeugungskraft magischen Ursprungs ist. Nur Tara kann ihr dabei helfen, die Begabung zu kontrollieren, nach der dunkle Mächte gieren. Doch Tara scheint Lilja zu hassen, wird sie ihr helfen?
Um die Menschheit zu schützen und sich selbst zu retten, muss Lilja lernen jemandem zu vertrauen – ohne ihre Kräfte dabei einzusetzen … 

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe März 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-703-5
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-705-9

Covergestaltung: Michelle Tocilj
unter Verwendung von Motiven von
shutterstock.com: © Irina Bg
Lektorat: Lektorat Reim

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Für alle, die sich noch nicht trauen, sie selbst zu sein. Es wird besser. Versprochen.

1

Es gibt Menschen, die mit Niederlagen klarkommen. Sie akzeptieren diese und setzen ihr Leben fort, als hätten sie nicht in diesem Augenblick verloren. Sie haben keine Angst davor, ihren Willen nicht durchsetzen zu können. Sie halten ihren Mund und nehmen ihr Schicksal an.

Zum Leidwesen aller um mich herum gehörte ich nicht zu diesen Menschen.

»Debattierclub, Tanzclub, Schwimm-AG, Kunstkurse … So viel Auswahl dieses Jahr. Sehr schön.« Zufrieden trug ich meinen Namen in säuberlichen Buchstaben auf den Anmeldezetteln ein. Meine beste Freundin Liv tat es mir gleich, immerhin wollten wir die meisten Kurse gemeinsam besuchen. Auch unser Abschlussjahr würde somit von vollen Terminkalendern geprägt sein – genau das, worauf ich gehofft hatte.

»Bist du mit Diana hergefahren?« Olivias helle Stimme hallte durch den Gang, der sich allmählich mit fröhlich schnatternden Schülern füllte. Theatralisch seufzend nickte ich und steuerte mein Schließfach an.

»Nur, weil meine Mutter es so wollte. Und mit dem Bus hätte ich ohnehin viel länger gebraucht.« Mit einem verächtlichen Schnauben öffnete ich das Fach, das ich mir dieses Jahr mit Liv teilte. Während ich meine Sachen für die Mittagspause verstaute, sah ich aus dem Augenwinkel, wie sie einigen unserer Bekannten zuwinkte.

Nach den Sommerferien herrschte Hochstimmung in der Schule. Alle tauschten sich darüber aus, was sie unternommen hatten, welche Abi-Partys demnächst anstanden und vor welchen Fächern sie jetzt schon zitterten. Nachdem ich den Sommer auf Balkonien verbracht hatte und damit wohl kaum für begeisterte Aufmerksamkeit sorgen konnte, war ich einfach nur heilfroh, wieder in der Schule zu sein.

»Unser letztes Jahr, Liv«, schwärmte ich, als ich die Schließfachtür schloss und mich bei meiner Freundin unterhakte. Dass sie um einiges größer war als ich, fiel durch meine Sandalen mit den hohen Absätzen kaum auf. Zum Glück. Livs Größe war das Einzige, was mich mit Neid ihr gegenüber erfüllte. »Bald haben wir es endlich geschafft. Und wenn ich dieses Jahr Schulsprecherin werde …«

»Kein wenn, Lil.« Lachend stupste sie mich in die Seite. »Wer sollte es sonst werden? Es werden ohnehin alle für dich stimmen, so wie letztes Jahr.«

»Mhm …« Lächelnd zwinkerte ich einigen Jungs zu, die uns angrinsten, bevor ich in den Flur mit dem Klassenzimmer unserer ersten Stunde einbog. »Du hast recht. Wer sonst sollte gewinnen? Etwa Di…«

»Sprich’s nicht aus! Als ob Diana gegen dich eine Chance hätte. Sie würde doch sowieso nur kandidieren, um dir eins reinzuwürgen … und dabei jämmerlich untergehen.«

Zufrieden nickte ich. O ja, der Gedanke daran, meine Cousine vor der gesamten Schule vernichtend zu schlagen, gefiel mir. Nur wegen ihr hatte ich in den letzten Monaten auf so viel verzichten müssen. Seit sie bei mir und meiner Mutter eingezogen war, lebten wir im flammenden Hass aufeinander. Ja, wenn sie es tatsächlich wagte, mir meinen Platz auf der sozialen Leiter unserer Schule streitig zu machen, dürfte sie schon sehr bald ihr blaues Wunder erleben.

Ich bekam, was ich wollte. Schon immer.

»Ne, oder?« Livs entsetztes Kreischen riss mich aus meinen Tagträumen, in denen Diana vor der versammelten Schule in Tränen ausbrach und ich triumphierte. Erst als ich ihr in den Klassenraum folgte, merkte ich auch, was ihr Problem war. »Ist die jetzt ernsthaft in unserer Klasse? Oh, Lil, das tut mir so leid für dich!«

»Ach was«, murmelte ich und bedachte meine Cousine mit einem abwertenden Blick. »War doch klar, dass sie sie nach dem Schulwechsel hierher stecken. Immerhin hat sie hier Anschluss.«

»Du siehst aus, als ob du ihr gleich die Augen auskratzt, wenn sie dich um eine Führung bittet.«

Ich schnaubte leise. »Als ob sie mich um eine Führung bitten würde. Sie weiß genau, dass ich dazu weder Lust noch Zeit habe. Entschuldige, ich muss meinen Platz zurückerobern.«

Mit einem zuckersüßen Lächeln, das ich mir aufs Gesicht kleisterte, baute ich mich vor dem Tisch in der zweiten Reihe auf, den Diana bereits in Beschlag genommen hatte. Fragend schaute sie zu mir auf, als ich die Arme verschränkte und sie abwartend niederstarrte.

»Bist du da festgefroren, Prinzessin? Was ist?«

»Du bist jetzt also in unserer Klasse«, stellte ich unterkühlt, aber immer noch lächelnd, fest. »Herzlichen Glückwunsch. Ich brauche dir wohl nicht zu erklären, dass wir dieses Klassenzimmer seit drei Jahren haben und du gerade auf meinem Platz sitzt?«

Diana zupfte ihr schwarzes Tanktop zurecht und zuckte lässig mit den Schultern. »Plätze werden doch immer am Anfang des Jahres vergeben. Jetzt sitze ich hier.«

Ungerührt griff sie zu ihrem Block und schlug eine freie Seite auf, um sich ihre zur Schau gestellte Langeweile mit dem Ausmalen von Kästchen zu vertreiben. Obwohl ich wusste, dass sie mich damit nur weiter provozieren wollte, spürte ich die Wut in mir aufsteigen.

Das war mein Platz. Seit drei Jahren saß ich dort, und ich würde ganz sicher nicht zulassen, dass sie mir den auch noch wegnahm, so wie neuerdings das meiste in meinem Leben. Wenn sie rumzicken wollte – bitte, das konnte ich auch.

»Steh auf«, giftete ich. Keine Spur mehr von einem Lächeln. »Es gibt noch genug freie Plätze. Hier sitzen Liv und ich. Oder soll ich mal den Lehrern erzählen, dass du Zigaretten in die Schule bringst?«

»Es gibt keine Schulordnung, in der das verboten ist«, gab sie grinsend zurück. So ein Miststück – natürlich gefiel es ihr, mich auf die Palme zu bringen. »Ich rauche ja nicht auf dem Schulgelände. In der Tasche stören sie niemanden.«

»Hey, Lilja!« Ich fuhr herum, als ich eine weiche Stimme hörte, die meinen Namen rief. Nur zwei Schritte, schon lag ich in Leanders Armen – starke Arme mit breiten Schultern vom Schwimmtraining. Seine braunen Augen leuchteten auf, als er die Lippen auf meine drückte, doch ich konnte mich vor Schadenfreude kaum auf den Kuss konzentrieren. Das nannte sich dann wohl Karma.

Leander war, wie Liv es nannte, der Neue in meiner Freundessammlung. Ich machte kein Geheimnis daraus, dass ich gern und oft flirtete, doch mit Leander auszugehen hatte neben seines guten Aussehens und seiner Beliebtheit in zahlreichen Sportclubs an der Schule auch den Vorteil, dass Diana ebenfalls ein Auge auf ihn geworfen hatte. Mit einem schnellen Seitenblick stellte ich fest, dass sie sich nun auch abgewandt hatte, doch ihre Wangen leuchteten in einem verräterischen Rot. Perfekt. Sollte sie sich ruhig vom Neid zerfressen lassen, weil ich mir ihren Traumtypen gekrallt hatte.

»Gibt es ein Problem? Du wirkst so angespannt.« Leander löste sich von mir, ohne meine Hand ganz loszulassen. Lachend warf ich die Haare zurück und winkte ab.

»O nein, keineswegs. Diana kann den Platz ruhig haben.« Lächelnd schritt ich an ihr vorbei zum Nachbartisch und senkte die Stimme, als ich sie passierte. »Das ist schließlich das Einzige, was du an dieser Schule hast.«

Während sich Liv zu meiner Rechten platzierte und wir uns fröhlich mit Leander hinter uns über die letzte Party in den Ferien unterhielten, betrat auch Frau Zusak, unsere Lehrerin, den Raum. Augenblicklich wurde es still. Sie war als gutmütige Lehrerin bekannt, behandelte uns mit Respekt und kümmerte sich ernsthaft um unsere Probleme. Das sorgte dafür, dass die Klasse in ihrem Unterricht deutlich ruhiger war als bei anderen Lehrern.

Die Tür wurde erneut geöffnet, als sie die Klassenliste zur Hand nahm. In dem harten Licht der Leuchtstoffröhren sah das eintretende Mädchen noch blasser aus, als es tatsächlich war. Doch ihre blauen Augen blitzten gefährlich auf, als sie den Blick durch den Raum schweifen ließ. Für einen kurzen Moment sah sie mich an, und mir wurde schlecht.

Irgendetwas an ihr stimmte nicht, ließ mich schwerer atmen. Meine Nackenhaare stellten sich auf und eine Gänsehaut überzog meinen Körper. Was sollte das denn? Ich konnte mir nicht erklären, wieso sich mein Körper automatisch anspannte, bereit, bei der kleinsten Bewegung der Fremden die Flucht zu ergreifen.

Krieg dich ein , ermahnte ich mich, als Frau Zusak aufstand und das Mädchen begrüßte, das schon längst wieder woanders hinsah.

»Tara Garcia«, stellte sich die Unbekannte in dem Moment vor und schüttelte Frau Zusak lächelnd die Hand.

»Willkommen, Tara. Stellst du dich der Klasse kurz vor?«

Die Neue nickte und ließ den Blick über die Klasse schweifen. Sie stand ganz locker da, mit einer Hand in der Hosentasche, und ratterte ihren Text herunter, als würde sie jeden Tag die Schule wechseln. Vielleicht hatte sie das vor dem Spiegel geprobt? »Ich bin Tara und vor kurzem erst von Stuttgart aus hergezogen. Ich habe vier Geschwister und reise in meiner Freizeit gern.«

Frau Zusak nickte ihr zu, offensichtlich zufriedengestellt, und wandte sich stirnrunzelnd wieder zu uns. Ihr Blick fiel auf Olivia und mich, wie wir locker auf unseren Stühlen hockten. »An der Sitzordnung müssen wir dieses Jahr feilen«, erklärte sie ernst. Ich verspannte mich, als sie uns taxierte.

»Olivia, geh bitte zu Diana. Tara, nach da hinten, zu Lilja. Sie ist momentan unsere Jahrgangssprecherin, sie kann dich hier herumführen. Diana, würdest du dich auch noch kurz vor…«

»Aber Frau Zusak!«, fiel ich ihr empört ins Wort und versuchte die amüsierten Blicke und das verhaltene Getuschel auszublenden. Wollte sie mich ernsthaft von Liv trennen? Nein, unmöglich. Dabei würde ich es nicht belassen. »Liv und ich sitzen immer zusammen, das wissen Sie doch! Wir helfen uns gegenseitig …«

»Ihr schwätzt zu oft, Lilja«, ermahnte sie mich mit einer sympathischen Sanftheit in der Stimme, die ich ignorierte. Ich wusste, dass mein Flehen sie nicht kalt ließ. Die Worte kamen mir süß wie Honig über die Lippen.

»Kommen Sie, Frau Zusak, Sie wissen doch, dass wir trotzdem gut sind. Und wir halten uns dieses Jahr zurück, Ehrenwort! Bitte, lassen Sie uns zusammensitzen, Liv hilft mir auch bei Mathe und ich ihr in Englisch, es macht gar keinen Sinn, wenn wir auseinandergesetzt werd…«

»Lilja, ihr versprecht jedes Jahr, weniger zu reden.« An ihrer nachdenklichen Miene erkannte ich, dass ich sie langsam weich bekam.

Noch ein paar wohlplatzierte Worte, nicht mehr. An ihre Freundlichkeit appellieren. Ihr aufzeigen, dass wir ein gutes Team waren. Nur noch ein kleiner Ruck!

Als ich zum Sprechen ansetzen wollte, durchfuhr mich ein eiskalter Schauer. Auf einmal bekam ich kein Wort mehr heraus. Ich hatte zwar nicht das Gefühl zu ersticken, aber es war, als würde mich jemand würgen.

Panik durchflutete mich. Irgendetwas stimmte nicht mit mir. Im Bruchteil einer Sekunde wanderte mein Blick von Frau Zusak zu dem Mädchen an ihrer Seite. Die eisblauen Augen blickten mich kritisch an, und ich sah, wie sich die rosa Lippen zu einem spöttischen Grinsen verzogen. Ihre rechte Hand machte eine unmerkliche Bewegung, drehte sich ein winziges Stück zur Seite, die Finger gekrümmt.

Das Blut rauschte mir in den Ohren, ich nahm entfernt wahr, wie Liv sich zu mir wandte und mich erschrocken ansah. Mein Herz schlug, als wollte es mir aus der Brust springen. Und das alles geschah rasend schnell. Alles an mir war schwer, als ich seitlich vom Stuhl fiel. Ich hörte vereinzelte Schreie meiner Mitschüler, konnte mich aber nicht auf eine einzelne Stimme konzentrieren. Dafür redeten sie zu wild durcheinander. Mein Kopf schlug auf dem Boden auf und mein Blick blieb bis zur letzten Sekunde auf zwei eisblaue Augen gerichtet, die sich erschrocken weiteten. Fast mitleidig schaute mich die Neue an, als ich auch schon ohnmächtig wurde.

Kaum kam ich wieder zur mir, wollte ich am liebsten losschreien. Oder Diana beißen, weil sie es wagte, mir die Hand zu tätscheln und mich anzusehen, als täte ihr leid, dass ich auf der Sanitätsstation lag. Gerade wollte ich einen bösen Spruch abliefern, als sich Leander über mich beugte. Sofort hielt ich mich zurück.

Ich hatte ganz vergessen, dass er auch im Sanitätsdienst aushalf. Nun, das erklärte zumindest, warum Diana so wahnsinnig mitleidig schaute. Heuchlerin. Wahrscheinlich konnte sie ihr Glück kaum fassen, da sie ungestörte Zeit mit ihm verbringen durfte.

»Wie geht’s deinem Kopf?«, fragte mich mein Freund besorgt und reichte mir ein Glas Wasser, bevor er mir half, mich ein wenig aufzusetzen. Meine Beine zitterten immer noch, und dort, wo sie nicht von meinem Rock bedeckt waren, hatte sich eine Gänsehaut gebildet. Erst jetzt merkte ich, dass mir kalt war.

»Ich weiß nicht«, brachte ich verwirrt hervor, nahm einen Schluck Wasser und ließ mich dann wieder zurücksinken. Alles drehte sich. Ein wenig übel war mir auch.

»Eine Gehirnerschütterung hast du wohl nicht«, erklärte er mit weicher Stimme und griff gedankenverloren nach meiner Hand. Ein schneller Blick zu Diana bewies mir, dass sie neidisch auf die Stelle starrte, an der wir uns berührten.

Wow, das tat gut. Es war noch viel besser als das bloße Gefühl von Leanders weicher Haut an meiner.

»Du hast dir aber ziemlich heftig den Kopf gestoßen«, fuhr er besorgt fort. »Ich hab deine Mutter schon angerufen, sie weiß Bescheid. Diana bringt dich nach Hause, okay? Ich muss zurück in den Unterricht, aber ich schaue später bei euch vorbei. Leg dich zu Hause sofort ins Bett, Lil.«

»Ist gut«, murmelte ich und verkniff mir ein rührseliges Tränchen. Die Gedanken in meinem Kopf rasten hin und her. Ich versuchte, zu verstehen, was genau passiert war. Normalerweise kippte ich nicht einfach um. Und schon gar nicht so. Ich ernährte mich gesund, trieb viel Sport, stand zwar unter Stress, aber nicht so sehr, dass ich überfordert war. So ein Schwächeanfall war untypisch für mich.

Während ich neben Diana vorsichtig zum Auto ging, versuchte ich, das Chaos zu ordnen, das in mir tobte. Irgendetwas stimmte hier nicht. Ich hätte nicht umkippen dürfen. Ich sollte nicht ohnmächtig werden.

Und ich sollte ganz bestimmt keine fremde Stimme in meinem Kopf hören.

Lass es sein.

Die Worte, kurz vor meiner Ohnmacht in meinen Kopf geflüstert, hatten sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt. Ich wusste schon jetzt, dass ich sie nie wieder löschen können würde. Ich ließ mich neben Diana auf den Beifahrersitz sinken und mein Atem ging wieder stoßweise. Als könnte ich es wieder hören, dieses bestimmende Flüstern, obwohl es nur in meiner Erinnerung existierte. Als würde ich erneut spüren, wie mir die Zunge am Gaumen festklebte, wie ich an meinen eigenen Worten erstickte.

Du darfst das nicht. Du verstößt gegen die Regeln. Hör auf.

Ich verlor den Verstand. Diana warf mir unablässig ängstliche Blicke zu, während ich mit weit aufgerissenen Augen vor mich hinstarrte und doch nichts sah. Ich hatte mir das nicht nur eingebildet. Es konnte nicht sein. Aber wenn es keine Halluzination gewesen war, was dann?

Erst als ich mich durch die Wohnungstür die Treppen hoch und in meinem Zimmer ins kuschelige Bett geschleppt hatte, ging mir auf, dass auch die letzten Worte, die ich durch die verunsicherten Stimmen meiner Mitschüler hindurch gehört hatte, nur in meinem Kopf gewesen waren.

Nein, nicht …

Und dann war da nur Dunkelheit.

Erschöpft drehte ich mich auf die Seite, in meine normale Schlafposition. Irgendetwas war passiert. Irgendetwas, das ich nicht begriff. Aber ich durfte jetzt nicht ausflippen. Vielleicht hatte ich mir die Stimme nur eingebildet. Vielleicht hatte ich einen Anfall, eine Krankheit, die jetzt ausbrach. Fieberte ich? War gut möglich. Aber nein, als ich nach meiner Stirn tastete, war sie eiskalt. Außerdem fühlten sich meine Beine immer noch wie Wackelpudding an und zitterten wie verrückt.

Oh, Mann, was passierte nur mit mir? Ich musste mich wieder einkriegen.

Verzweifelt holte ich mein Handy hervor und schickte Liv eine Nachricht. In zehn Minuten war Pause, dann musste sie mir antworten. Und in der Mittagspause würde ich sie anrufen und über alles ausquetschen, was die Neue heute gesagt hatte. Jede winzige Einzelheit.

Aber fürs Erste musste eine Nachricht reichen.

Bin zu Hause. Mach dir keine Sorgen, das wird schon wieder. Leander kommt später vorbei. Ich ruf dich um 13 Uhr an. Schreibst du bitte meinen Namen auf die Wahlkampfliste? Love you, Lil.

Keine fünf Minuten später kam die Antwort. Liv wartete nicht einmal bis zur Pause ab, auch auf die Gefahr hin, dass man ihr das Handy abnahm.

 

Gut zu hören. Werd schnell wieder gesund. Lieb dich auch.

Seufzend legte ich das Handy weg und dankte dem Universum für eine Freundin wie sie. Auf sie konnte ich mich verlassen.

Als ich die Augen zumachte, um eine Portion Schlaf zu kriegen, klopfte es an meiner Zimmertür und Diana steckte den Kopf rein.

»Lebst du noch? Willst du einen Tee?«

»Verzieh dich. Ich bin müde.«

Sie fluchte laut, als ich ein Kissen nach ihr warf, und ließ die Tür ins Schloss schnappen. Ich hörte, wie sie am anderen Ende des Flurs in ihr Zimmer ging, bevor Bässe das Haus vibrieren ließen. Musik, die ich hasste. Aber wenigstens hatte sie die Lautstärke so weit reduziert, dass ich schlafen konnte.

Und das tat ich dann auch, darauf bedacht, nicht an die Stimme zu denken, die trotz allem in meinen Gedanken rumgeisterte, wo sie absolut nichts zu suchen hatte.

2

Als ich wieder aufwachte, war Dianas Musik verstummt. Stattdessen hörte ich das Klappern von Geschirr in der Küche, und als ich mich aufsetzte, konnte ich von meinem Fenster aus das Auto meiner Mutter in der Einfahrt sehen. Es musste schon spät am Abend sein. Das hieß, dass ich den ganzen Tag verschlafen hatte.

Stöhnend kämpfte ich mich aus dem Bett. An der Stelle, die mit dem Fußboden des Klassenraums Bekanntschaft gemacht hatte, pochte der Schmerz in meinem Kopf. Den Gedanken an das gruselige Flüstern in meinen Erinnerungen verdrängte ich so gut wie möglich und schleppte mich hinunter in die Küche. Kaum dass ich den Raum betrat, wünschte ich mir, ich wäre oben verhungert.

»Hallo, Schätzchen«, begrüßte mich meine Mutter, während ich stumm in der Tür stehen blieb und irritiert zum Esstisch hinüberstarrte. »Wie geht’s deinem Kopf? Leander hat gesagt, dass du ziemlich mitgenommen warst. Diana meinte, du schläfst, also wollte ich dich lieber nicht wecken.«

»Geht schon«, presste ich hervor.

Diana lächelte mir unschuldig entgegen, bevor sie zu dem Mädchen deutete, das neben ihr saß. »Tara hat uns die Hausaufgaben vorbeigebracht«, erklärte sie gelassen. Ich konnte den Blick nicht von eisblauen Augen abwenden, die mich eindringlich taxierten. Dass ausgerechnet sie in unserer Küche saß, war nur ein dummer Zufall. Natürlich freundete sich Diana mit der Außenseiterin in der Klasse an – der Neuen.

»Sie ist erst vor kurzem in die Stadt gezogen«, fuhr meine Cousine unbekümmert fort und warf dem Eindringling einen hingerissenen Blick zu. Für Dianas zurückgezogene Art fand sie nun erstaunlich schnell eine neue Freundin. Das würde ich beobachten müssen – und notfalls eingreifen. Ich konnte ihr nicht oft genug eins auswischen.

Vorerst begnügte ich mich aber damit, mich auf einen freien Platz sinken zu lassen, der möglichst weit weg von der Neuen war. Sie verzog die vollen Lippen zu einem Lächeln, das mir einen kalten Schauer über den Rücken fahren ließ. Etwas an ihr fühlte sich verkehrt an. Als könnte ich in ihrer Nähe nicht richtig atmen, nicht mehr rational denken. Der Fluchtinstinkt, den ich schon bei unserer Begegnung im Klassenraum verspürt hatte, regte sich in mir, doch ich konnte den Blick nicht von ihr abwenden.

»Ich sollte dir danken.« Ihre leise, eindringliche Stimme kam mir bekannt vor – zu bekannt. Hatte ich sie mir doch nicht nur eingebildet?

»Dein filmreifer Auftritt hat dafür gesorgt, dass ich nicht direkt als Neue mit komischen Fragen bestürmt wurde. Ich bin übrigens Tara.«

Erst als sie mir eine Hand hinhielt, deren Fingernägel in einem schlichten Himmelblau lackiert waren, das die Farbe ihrer Augen perfekt traf, schaffte ich es, mich aus meiner Trance zu lösen.

»Lilja«, murmelte ich und schockte mich selbst damit, wie kleinlaut ich klang. Die Hand ignorierte ich geflissentlich. Ich wollte sie nicht berühren. Schon allein der Gedanke daran brachte meinen Magen durcheinander.

Ich wusste selbst nicht, was es war, aber etwas an diesem Mädchen machte mich nervös, unsicher. Sie bereitete mir Angst.

Glücklicherweise wandte sie sich nun wieder an Diana. »Echt lieb, dass ich zum Essen bleiben darf. Meine Mom kocht furchtbar, und mein Dad ist gerade auf Geschäftsreise, da freu ich mich über jede normale Mahlzeit.«

»Kommst du aus Amerika?«, entfuhr es mir, bevor ich darüber nachdenken konnte. Ich erntete irritierte Blicke von meiner Cousine und meiner Mutter. Tara schien jedoch nicht überrascht zu sein. Als hätte sie die Frage schon vorhergesehen.

»Mom und Dad hat’s verraten, nicht wahr?« Sie lachte leise, wobei sie die schwarzen Haare zurückwarf. Ich zuckte unwillkürlich zusammen, als ich sah, wie sie die Finger krümmte, aber sie strich sich nur eine lästige Strähne aus der Stirn. Erleichtert atmete ich auf, bevor ich mich ermahnte, ruhig zu bleiben.

Warum regte ich mich überhaupt so auf? Sie konnte unmöglich etwas mit meinem Schwächeanfall zu tun gehabt haben. Nicht einmal, wenn ich ihre Stimme halluziniert hatte.

»Ich wurde in Connecticut geboren«, erklärte sie schließlich. Ihr scharfer Blick durchbohrte mich dabei, als wartete sie nur auf meine Reaktion. Aber sie wirkte viel entspannter als heute morgen, und sah gar nicht mehr so kränklich blass aus. Wahrscheinlich war es nur das Licht gewesen.

»Ich hatte aber von Anfang an deutsche Nannys. Und vor ein paar Jahren sind wir nach Stuttgart gezogen, und jetzt nach Frankfurt. Ein paar Überreste sind aber trotzdem vom ›American way of life‹ geblieben.«

Wieder lachte sie, doch diesmal klang es gekünstelt. In dem Moment stellte meine Mutter einen dampfenden Teller vor mir ab und ich hatte zumindest einen guten Grund, die beiden Mädchen am Tisch zu ignorieren.

»Gemüseauflauf, Herzchen«, rief mir meine Mutter zu und machte sich schon wieder am Herd zu schaffen. »Ich dachte, dass du sicher keine Frikadellen möchtest.«

»Mit Fleisch?«

»Die Frikadellen? Natürlich.«

»Dann ist der Auflauf perfekt.« Erleichtert inspizierte ich, was sich auf meinem Teller verbarg.

»Lilja ist überzeugte Vegetarierin«, klärte Diana unterdessen ihren Gast auf, mit einem Spott im Tonfall, den ich unmöglich überhören konnte.

»Sind zwei meiner Geschwister auch«, erwiderte Tara schulterzuckend, bevor sie sich an mich wandte. »Politisches Statement?«

»Ich mag einfach kein Fleisch.« Ich hoffte, dass ich abweisend genug klang, damit sie mich mit ihren Fragen in Ruhe ließ.

»Lilja war schon immer wählerisch mit ihrem Essen«, bemerkte meine Mutter. »Wie viele Geschwister hast du?«

»Vier«, brachte Tara trocken hervor. Mir entging der genervte Unterton in ihrer Stimme nicht. »Zwei große Schwestern, die schon ausgezogen sind, einen großen Bruder, und eine jüngere Schwester. Das ist immer der reine Wahnsinn, wenn alle daheim sind. Nie hat man seine Ruhe.«

»Glaub ich gern«, murrte ich vor mich hin und warf Diana einen herausfordernden Blick zu. Zu meinem Ärger bemerkte sie den nicht einmal. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt immer noch ihrer neuen Busenfreundin. Damit zerstörte Tara unser allabendliches Ritual, uns am Esstisch zu bekriegen.

Eine Weile lang schaffte ich es, das Gespräch zu ignorieren, und als sich meine Mutter zu uns setzte, konzentrierten wir uns auf das Essen. Kaum fiel mir etwas ein, wandte ich mich an Diana.

»War Leander eigentlich da? Er wollte doch vorbeikommen.«

»Er war kurz da«, erklärte sie mir steif. Ich konnte förmlich dabei zusehen, wie die Eifersucht sie gefangen nahm. Ein Triumph für mich. »Aber als ich ihm gesagt habe, dass du schläfst, ist er wieder gegangen. Seine Blumen für dich stehen im Wohnzimmer.«

»Oh«, brachte ich errötend hervor. Na so was. So aufmerksam meine Freunde bisher auch gewesen waren, Blumen hatte ich von keinem bekommen. Leander legte sich ja wirklich ins Zeug. Bisher war er derjenige, der mir am besten gefiel – aufmerksam und feinfühlig, aber auch abenteuerlich und immer wieder voll neuer Ideen. Vielleicht würde diese Beziehung doch länger halten, als es alle erwarteten. Der Gedanke daran sandte mir kleine Wärmeschauer durch den Körper. Ja, ich könnte mich definitiv daran gewöhnen.

»Mami …«, setzte ich rasch an und hoffte auf den Überraschungseffekt, der meinen Plan begünstigen würde. Meine Mutter sah mich bei diesem schmeichelnden Tonfall alarmiert an. »Er kann doch sicher morgen hier übernachten, nicht? Letzte Woche war ich bei ihm, jetzt sollte er mal zu uns kommen. Das ist nur fair.«

»Du weißt genau, dass ich es nicht mag, wenn deine männlichen Freunde hier schlafen«, wehrte meine Mutter sanft ab. Ich merkte, dass sie vor Tara keinen Aufstand machen wollte – das kam mir nur zugute. Doch plötzlich überfiel mich wieder dieses komische Gefühl von heute morgen, auch wenn der Schwindel diesmal ausblieb und ich nicht zu ersticken drohte. Trotzdem spürte ich tief in mir, dass etwas nicht stimmte. Mir drehte sich der Magen um und ein Zittern durchlief meinen Körper, als hätte man mich in Eiswasser getaucht. Meine nächsten Worte bekam ich nur mit viel Mühe heraus.

»Nur einmal, Mami.« Erschrocken beobachtete ich, wie sich das Gesicht meiner Mutter verfinsterte.

Was war denn nun los? Normalerweise wurde sie doch wegen so was nicht gleich sauer … Aber ich war nicht der Typ, der nachgab. Schon gar nicht, wenn ich etwas wirklich wollte. »Bitte, es ist doch nur eine Nacht …«

»Lilja, Schluss jetzt! Er wird nicht hier übernachten!«

Der scharfe Tonfall ließ selbst Diana zusammenzucken, während ich erstarrt auf meinem Stuhl saß und meine Mutter anschaute. Zornfunkelnd starrte sie zurück. Unwillkürlich schossen mir die Tränen in die Augen und mein Magen verkrampfte sich stärker. Irgendetwas stimmte hier nicht. So heftig fuhr sie mich nie an.

»Ich wollte doch nichts Böses«, brachte ich mit bebender Unterlippe hervor. Ich war mir peinlich genau darüber im Klaren, wie interessiert mich Tara erneut musterte. Ihre Hände waren unter dem Tisch verschränkt. Als ich ihren kalten Blick auffing, durchströmte mich eine Welle von Angst. Mein ungutes Gefühl wies mich an, die Beine in die Hand zu nehmen und das Weite zu suchen. Ich wollte nur noch weg, sie am besten nie wiedersehen, doch ich schüttelte das Gefühl ab, so gut es ging. Das war doch albern. Sie konnte mir nichts anhaben.

Ich wandte mich meiner Mutter zu, die schweigend in ihrem Essen rumstocherte. So leicht würde ich nicht aufgeben. Erst recht nicht vor Publikum. »Wir müssen nicht in einem Bett schlafen«, versuchte ich es mit einem Kompromiss, um sie ein wenig zu besänftigen. »Ich kann die Luftmatratze nehmen. Und wir können es auf das Wochenende verschieben, dann macht es auch nichts aus, wenn wir länger wachbleiben.«

»Lilja, jetzt ist Schluss mit den Diskussionen! Ich habe Nein gesagt, halt dich daran!«

Die Endgültigkeit im Tonfall meiner Mutter zeigte mir, dass ich zu weit gegangen war. Solch ein Verhalten kannte ich gar nicht von ihr. Sie hatte mich nie so angeschrien, besonders wenn ich versuchte, ihr entgegenzukommen. Ich war ja nicht einmal frech geworden.

Frustriert schnappte ich mir meinen Teller und stand auf. »Ich esse in meinem Zimmer«, verkündete ich, ohne lange nachzudenken. Ich hörte das Getuschel meiner Cousine und unseres Gastes. Erst als ich meine Zimmertür mit einem lauten Knall schloss, löste sich so langsam der Knoten in meinem Inneren.

Trotzdem fühlte sich alles falsch an, und ich versuchte, irgendeinen Sinn in meine Empfindungen zu bringen. Vergeblich. Heute war eindeutig nicht mein Tag, als hätte das Schicksal beschlossen, mir eins mit der Bratpfanne überzuziehen. Ich konnte mir keinen Reim draufmachen und beim Rest meines Abendessens grübelte ich über die Reaktion meiner Mutter nach. Vielleicht hatte sie einen ebenso miesen Tag gehabt. Das musste es sein. Irgendein Kunde hatte sich in der Firma beschwert, hinzu kam ihre Sorge wegen meines Schwächeanfalls … Das konnte selbst ihr auf die Nerven schlagen.

Nur eine Tatsache wusste ich mit absoluter Gewissheit: Tara war mir nicht geheuer. Und ich musste mich so weit wie möglich von ihr fernhalten. Das leise Gefühl, das mich in ihrer Nähe überkam und mir befahl, mich ans andere Ende der Welt abzusetzen, hielt immer noch an. Und ich konnte es erst wieder abschütteln, als ich erschöpft zurück ins Bett taumelte. An ihre Stimme in meinem Kopf, eingebildet oder nicht, wollte ich gar nicht erst denken.

Am nächsten Morgen wurde ich in der Schule empfangen, als wäre ich am Vortag gestorben. Liv warf sich mir freudestrahlend um den Hals, als sie mich erblickte, tausend Leute fragten mich, wie es mir ging und ob mein Kopf noch wehtat, ob sie mir etwas Gutes tun könnten und ob ich ganz sicher war, dass mir nichts fehlte. Das Beste am Ganzen war jedoch, dass mir Leander nicht von der Seite wich. Im Klassenraum zog er sogar meinen Stuhl für mich raus.

Ich merkte erst, dass etwas nicht stimmte, als Liv mit einem gequälten Gesichtsausdruck an mir vorbeiging und sich neben Diana niederließ. Keine der beiden sah besonders glücklich aus, aber das war nichts gegen meine Gefühle. Fast wäre ich wieder in Tränen ausgebrochen, vor allem, als mir klar wurde, was das hieß.

Im selben Moment schritt Tara durch die Tür und kam direkt auf mich zu.

Offensichtlich war meine Pechsträhne noch nicht vorbei.

Eigentlich erwartete ich, dass sie mich begrüßen würde. Sie sollte den ersten Schritt machen, schließlich war sie der Grund dafür, dass meine beste Freundin und ich auseinandergesetzt worden waren. Aber als sie sich auf den Stuhl neben mir sinken ließ, kam kein Laut über ihre Lippen. Sie schaute mich nicht einmal an.

Moment mal, ignorierte die mich gerade? Mich?!

Das war ja wohl die Höhe. Aber bitte, wenn sie es so haben wollte, hielt ich eben auch den Mund. Schön. Sollte sie doch sehen, wie es war, keine Freunde zu haben. Ich war immer noch die ungeschlagene Königin dieser Schule – wer mit mir nicht klarkam, hatte seinen schlechten Ruf weg. Und Tara war auf dem besten Weg dahin.

Ich stellte mich schon darauf ein, die ganze Stunde schweigend zu verbringen, als Tara sich plötzlich zu mir drehte und mich scharf musterte. Mein Herz fing vor Schreck an zu rasen. Mir wurde gerade klar, dass ich sie die ganze Zeit über angestarrt hatte. Was war eigentlich los mit mir? So interessant war diese Neue doch gar nicht. Doch trotz ihres Schweigens hatte sie etwas an sich, das mich nicht zur Ruhe kommen ließ. Ich wollte mehr über sie erfahren und gleichzeitig meine Ruhe vor ihr haben – keine aussichtsreiche Kombination.

»Frau Zusak sagte gestern, dass du gut in Französisch bist«, erklärte sie mir gelassen. Eine unergründliche Note schwang in ihrem Tonfall mit. Ich nickte langsam, auch wenn mir nicht klar war, worauf sie hinauswollte. Und damit schaufelte ich mir mein eigenes Grab.

»Sie meinte auch, dass du mir Nachhilfe geben könntest. Und ich kann dir dafür mit Mathe helfen. Deal?«

»Nicht wirklich«, stieß ich hervor. Durch ihren unterkühlten Blick brach mir wieder der kalte Schweiß aus. Verdammt, irgendetwas stimmte entweder mit mir oder mit diesem Mädchen nicht. Warum hatte ich solche Angst vor ihr?

Die Antwort darauf gab ich mir selbst.

Ich hatte ihre Stimme in meinem Kopf gehört. Ich wusste, dass ich mir das nicht eingebildet hatte, und das war das Beunruhigende daran – wenn es doch wenigstens nur eine Halluzination gewesen wäre! Aber ich war mir völlig sicher, dass es da gewesen war, dieses Flüstern. Ihr Befehl.

Ich kratzte meinen ganzen Mut zusammen und starrte sie nieder. »Ich habe schon genug zu tun«, verkündete ich, so entschlossen ich nur konnte, und erntete ein herablassendes Lächeln. »Ehrlich, ich habe keine Zeit dafür. Frag doch Diana, sie kann auch Französisch.«

»Wenn du meinst.« Sie zuckte die Schultern, bevor sie sich nach vorne wandte und Frau Zusak anblickte, die gerade das Klassenzimmer betrat.

Der Rest der Stunde verlief tatsächlich in Stille. Ich machte mir Notizen und versuchte, Taras Nähe zu vergessen. Aber jedes Mal, wenn ihr Arm meinen streifte, durchzuckte mich ein Gefühl der Anspannung, das ich kaum abschütteln konnte. Wenigstens bekam ich langsam meine Angst in den Griff. Und in der zweiten Stunde fing ich an, die Minuten bis zur Pause zu zählen, in der ich endlich von ihr wegkäme.

Tatsächlich schaffte ich es, den Tag danach noch ein wenig erträglicher zu gestalten. Die Pausen waren mein Heiligtum, die Zeiträume, die meinen Freunden bestimmt waren. Wir quatschten und lachten zusammen in der Mensa, aber ich hütete mich, Tara Garcias Namen in den Mund zu nehmen. Sie saß nur ein paar Tische von uns entfernt mit Diana zusammen, und obwohl es in der Mensa laut war, hatte ich das Gefühl, dass sie uns belauschen könnte.

Liv, die gute Seele, lenkte mich wenigstens mit den Vorbereitungen für ihre Einweihungsparty ab, und Leanders Küsse halfen mir, mich zu entspannen. Ein paar seiner Blicke, die zu Liv schweiften, machten mich zwar stutzig, aber sie bemerkte nichts und vertiefte sich in ihre Arbeit für die Party.

Es war alles okay. Der Tag hätte wesentlich schlimmer sein können.

Nach der achten Stunde am Nachmittag traf ich mich noch mit dem Debattierclub, um die nächsten Termine festzulegen, danach folgte mein Tanztraining. Es war schon nach sechs, als ich mich auf Livs Beifahrersitz wieder auf den Heimweg machte. Meine Mutter war zum Glück noch nicht daheim, aber als ich mich von meiner besten Freundin verabschiedete und durch die Haustür spazierte, bemerkte ich sofort das fremde Paar Schuhe im Flur. Na super. Diana hatte Besuch. Ich konnte mir lebhaft vorstellen, wer das sein mochte.

Ich hörte Gekicher aus der Küche, als ich mich verdrossen der Tür näherte. »Das ist ja so was von cool!«, schallte mir Dianas Stimme entgegen. Auch Taras ruhige Antwort konnte ich genau ausmachen. »Bleib vorsichtig. Konzentrier dich. Du musst es unter Kontrolle halten.«

»Es ist so eine riesige Energie! Wieso kann ich das?«

»Wieso kannst du was?«, funkte ich dazwischen. Leichtfüßig trat ich in die Küche – und erstarrte an Ort und Stelle. Erschrocken blickten die zwei Mädchen auf, überrascht, dass ich wieder zu Hause war. Ich hatte aber keine Aufmerksamkeit für sie übrig. Ich konnte nur das Feuer anstarren, das auf Dianas Handfläche loderte und sich rasend schnell ausbreitete. Meine Glieder waren wie erstarrt. Die Flammen versetzten mich in eine lähmende Panik, bis ich endlich so weit zu mir kam, dass ich mich in Bewegung setzen konnte.

»Seid ihr wahnsinnig?«, schrie ich los und sprintete zur Spüle, um ein Glas mit Wasser zu füllen, doch als ich mich umdrehte, war das Unglück schon geschehen. Entsetzt starrte auch Diana auf das Feuer, das sich auf dem Tisch zwischen uns ausbreitete. Eilig kippte ich den Schwung Wasser darauf, aber es half nichts. Die Flammen züngelten weiter, rasend schnell, immer stärker werdend. Ich konnte nicht einmal die Quelle des Feuers erkennen.

»Diana«, ertönte eine energische Stimme. Den Tränen nahe starrte ich auf das gefräßige Ungetüm, das immer näherrückte. Aber nein, das war doch nicht möglich.

»Diana!«, rief Tara erneut, forderte die Aufmerksamkeit meiner Cousine ein, während ich beim Zurückweichen fast über meine Füße stolperte. Das Feuer breitete sich in meine Richtung aus, als wollte es mich verfolgen. Panisch schrie ich auf, als ich durch die Küchenzeile in meinem Rücken an einer weiteren Flucht gehindert wurde. Ich saß in der Falle und die Flammen kamen näher, züngelten weiter hoch wie gierige Mäuler. Tränen rannen mir über die Wangen und ich musste vom Rauch husten.

Was war hier los? So wollte ich nicht sterben, auf keinen Fall!

»Diana, zieh es zurück!«, herrschte Tara immer noch meine Cousine an, die mich geschockt anstarrte. In einem verzweifelten Versuch zu entkommen, kletterte ich auf die Küchenzeile. Sekunden später leckten die Flammen an der Stelle, wo eben noch mein Fuß gestanden hatte.

Ich sah schon meinen sicheren Tod voraus und krümmte mich noch enger zusammen, die Arme fest um meine Knie geschlungen.

Mit einem Mal war alles vorbei. Kein Feuer, kein Rauch. Erst in der plötzlichen Stille, die ohne das scharfe Knacken der Flammen eintrat, bemerkte ich das Piepsen des Rauchmelders über uns. Ich hatte nicht die Nerven dafür, ihn auszuschalten. Mit tränenüberströmten Wangen hockte ich auf der Küchentheke und riskierte einen Blick zu den zwei Mädchen, die mindestens ebenso geschockt aussahen wie ich.

Obwohl, so ganz stimmte das nicht. Nur Diana schien genauso außer sich zu sein. Ihre Atemzüge waren abgehackt, sie sah aus, als würde sie gleich umkippen. Tara hingegen stand einfach nur da und starrte mich an, während sie mit der rechten Hand immer noch den Oberarm meiner Cousine umklammert hielt. Der Blick aus ihren hellblauen Augen bohrte sich in meine und ich spürte wieder Übelkeit in mir aufsteigen. Nicht nur der Rauch machte mir das Atmen schwer. Ich schaffte es gerade noch, mit Beinen wie Wackelpudding von der Küchentheke zu klettern, als sie schon auf mich zukam. Ihre Hände waren so eisig wie ihre Iriden, als sie sie um meine Handgelenke schloss. Bestimmt konnte sie mein hämmerndes Herz hören und den viel zu schnellen Puls spüren, der unter ihrem Griff pochte.

»Vergiss das alles, Lilja«, befahl sie mir. Ich starrte sie erschrocken an. Was wollte sie überhaupt von mir? Wie sollte ich das vergessen? »Denk nicht mehr dran. Es gab kein Feuer, es ist nichts passiert …«

»Lass mich los!«, brachte ich hervor. Ihre Worte beruhigten mich, vertrieben die Panik aus meinem Körper. Wow, sie hatte echt eine nette Stimme. Langsam lullte sie mich ein.

»Es gab kein Feuer, Lilja. Vergiss alles, was passiert ist, seit du nach Hause gekommen bist. Du gehst in dein Zimmer, machst deine Hausaufgaben und ruhst dich aus, in Ordnung?«

»Aber …«

»Kein aber«, flüsterte Tara. Ein Lächeln schlich auf ihre Lippen. Ihre Wangen sahen mit jeder Sekunde rosiger aus und ich versank fast in ihren himmelblauen Augen. Ihre Berührung erfüllte mich nicht mehr mit Angst – ich spürte nur noch, wie gut es tat, dass sie mich festhielt. Das brauchte ich jetzt. Ihre Nähe. Ihr Vertrauen. Tara sollte mich mögen, also tat ich, was sie wollte.

»Geh in dein Zimmer, Lilja«, hauchte sie noch ein letztes Mal und lächelte mich sanft an, bevor sie mich losließ. Es bereitete mir fast körperlichen Schmerz, als sie mich nicht mehr berührte. Aber in meinem Kopf war ein süßer Nebel, der alles erträglich machte.

Wow, was für hübsche Augen sie hatte.

Aber ich sollte sie nicht länger anstarren – ich sollte wirklich in mein Zimmer gehen.

Ich hatte den ersten Schritt gemacht, als wieder Bewegung in Diana kam. Irritiert blickte sie mich an, blass wie ein Gespenst. »Was hast du gemacht, Tara?«, murmelte sie. »Wieso macht sie, was du willst?«

Ja, wieso eigentlich? Die Frage hallte in meinem Kopf wider, während ich langsam auf die Küchentür zuhielt.

Warum tat ich das, was Tara von mir wollte? Ihre Worte waren so süß, ihr Lächeln so lieb … Aber eigentlich wollte ich gar nicht in mein Zimmer gehen. Ich wollte mir was zu essen machen, damit ich auch was hatte, wenn meine Mutter nach Hause kam. Und wieso roch es hier so angebrannt?

Angeekelt verzog ich das Gesicht, während sich der Nebel in meinem Kopf langsam lichtete … und damit auch die Erinnerungen zurückkehrten.

Auf einen Schlag war alles wieder da. Das Feuer. Die Flammen, die genau auf mich zugehalten hatten. Tara, die Diana befahl, sich zu kontrollieren. Oder sollte sie vielleicht gar nicht sich selbst in den Griff kriegen? Und Taras honigsüße Worte, die mich völlig eingelullt hatten. Plötzlich hatten sie ihren Effekt verloren.

Taras Blick war jetzt auf Diana fixiert, die zu ihr hinübergegangen war und leise mit ihr diskutierte. Als ich mich rasend vor Zorn auf dem Absatz umdrehte, bemerkte sie es sofort.

»Was hast du getan?«, schrie ich ihr entgegen. Sie kam auf mich zugeeilt, doch rasch wich ich ein paar Schritte zurück. Die sollte mich bloß nicht mehr anfassen – was für ein kranker Mist wurde denn hier gespielt? »Was zur Hölle ist hier los? Fass mich nicht an, fass mich ja nicht an, Tara … scheiße, ich sagte, bleib weg von mir!«

Ich schaffte es, sie von mir zu stoßen, als sie wieder nach meinem Arm greifen wollte. Sie stolperte ein paar Schritte zurück und fixierte mich stumm. Ihre Haut war wieder abgekühlt, aber ihre Wangen waren jetzt knallrot – ob vor Wut oder Scham, konnte ich nicht sagen. Anstatt mir zu antworten, zückte sie ihr Handy und wählte rasch eine Nummer, ohne mich aus den Augen zu lassen.

»Annie, ich brauche dich hier«, erklärte sie in einem knappen, mürrischen Tonfall. »Wir hatten ein kleines Feuerproblem, du musst Ordnung schaffen. Und bring Finn mit, sicherheitshalber. Ich glaube, wir haben hier eine Unkategorisierte. Sie ist in keiner Datenbank eingetragen, aber sie hat definitiv Kräfte. Ich hab die Adresse gestern hinterlegt.«

Mit diesen Worten legte sie auch schon auf, ohne einen Gruß, eine Verabschiedung, irgendetwas Nettes. Man hätte fast meinen können, dass sie gerade geschäftlich nach China telefoniert hätte. Mich interessierte allerdings mehr das, was sie gesagt hatte.

Unkategorisierte. Was sollte das überhaupt heißen? Es hörte sich auf jeden Fall nicht gut an.

Mir blieb kaum Zeit, darüber nachzudenken. Und ich war nicht die Einzige, die aufschrie, als zwei Personen wie aus dem Nichts in unserer Küche auftauchten. Träumte ich gerade oder war ich im Irrenhaus gelandet?

Wenigstens sah Diana von der anderen Seite des Raums ebenso geschockt zu mir herüber. Als hätte ich etwas mit dem drahtigen Jungen und dem niedlichen Mädchen zu tun, die gerade in unser Haus eingedrungen waren, als hätten sie sich … hergebeamt?

Diese Woche entwickelte sich mit überirdischer Geschwindigkeit zur schlimmsten in meinem Leben.

3

»Was habt ihr hier denn getrieben?« Die Frage der Blonden entlockte Tara ein trockenes Schnauben.

»Dianas Kräfte sind ein wenig aus dem Ruder gelaufen. Ich hab sie gestoppt, bevor sie wirklich jemanden verletzen konnte.«

»Gut gemacht«, bemerkte der Typ neben ihr. Ich vermutete, dass er Taras Bruder war – die Ähnlichkeit zwischen ihnen war kaum zu übersehen. Beide hatten das gleiche rabenschwarze Haar und die gleichen eisblauen Augen. Mit diesen blickte er neugierig von Diana zu mir und wieder zurück. Ich war immer noch zu geschockt, um den Mund aufzumachen, aber er plapperte munter weiter. »Welche ist die Flammenwerferin?«

»Diana«, erwiderte Tara und deutete auf meine Cousine, die schüchtern die Hand des Jungen ergriff, als er sich ihr zuwandte.

»Ist mir eine Ehre.« Er grinste verschmitzt. »Mit dir haben wir zwar immer noch nicht alle Elemente durch, aber es ist trotzdem eine tolle Begabung. Wir können das gleich besprechen, zuerst sollte Annie … Ja, genau, leg los.«

Die Blonde schloss die Augen und legte die Handflächen aneinander. Während ich ihrer komischen Meditationsübung zusah, debattierte ich innerlich mit mir selbst, ob ich den Tennisschläger aus meinem Zimmer zur Verteidigung gegen diese Irren holen sollte. Das hier war doch verrückt. Und ich wusste immer noch nicht, wie die beiden Neuankömmlinge hereingelangt waren.

Mein Schrei blieb mir im Hals stecken, als ein Windhauch durch das Zimmer fegte und der Boden unter meinen Füßen erbebte. Ich drückte mich an die Wand und bemerkte aus den Augenwinkeln, wie es mir Diana gleichtat. Was hatte ich mal über Erdbeben gehört? Sollte man sich da nicht unter Tischen verstecken? Ich bezweifelte, dass mir der Küchentisch Schutz bieten würde, und die Theke erschien mir auch nicht besonders verlässlich.

Die anderen waren die Ruhe selbst. Mein Blick verharrte bei der Suche nach einem Versteck auf Tara. Sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt und schaute auf den Tisch. Langsam schrumpften die Brandflecken darauf und verschwanden schließlich komplett. Auch der Fleck an der Küchenzeile löste sich vor meinen Augen in Luft auf. Aber er war da gewesen, ich war mir absolut sicher. An der Stelle wäre ich fast verbrannt worden!

Ich bemerkte erst, dass ich verzweifelt nach Luft rang, als meine Beine unter mir nachgaben und ich mit weit aufgerissenen Augen zu Boden sank. Mein ganzer Körper zitterte vom Adrenalin und meine Gedanken liefen Amok beim Versuch zu verstehen, was gerade vor sich ging.

»Wer zum Teufel seid ihr?«, platzte es schließlich aus mir heraus, als ich Taras Blick auffing. Sie schaute mich mit einer Mischung aus Besorgnis, Neugier und Verachtung an und stapfte mit großen Schritten auf mich zu. Obwohl ich so weit wie möglich von ihr wegwollte, schaffte ich es einfach nicht, meine Beine zum Aufstehen zu zwingen. Meine Knochen schienen durch Wackelpudding ersetzt worden zu sein.

»Bleib bloß weg von mir, Tara! Verdammt, was ist hier los? Wer seid ihr Freaks überhaupt? Geh …«

»Ist das die Unkategorisierte?«, unterbrach mich der Junge. Er erntete ein rasches Nicken von Tara, das nur dazu führte, dass er mich neugierig anblickte. Sein Lächeln konnte ich jedoch nicht erwidern. Mir reichte es endgültig. Wut schwelte in mir wie das Feuer, das ich vor Kurzem noch gesehen hatte.

Gerade als ich für meine nächste Schimpftirade Luft holte, fuhr mir Tara dazwischen. »Ich erklär’s dir.« Erleichtert stellte ich fest, dass sie stehen geblieben war. »Wir erklären dir alles, Lilja, aber dafür musst du ruhig sein. Ich kann dir zeigen, was es mit deiner Kraft auf sich hat …«

»Was für eine Kraft?«, fiel ich ihr ins Wort, ohne sie direkt anzusehen. Stattdessen konzentrierte ich mich darauf, mein Zittern wieder in den Griff zu kriegen. Ohne nennenswerten Erfolg. Dabei versetzte es meinem Ego einen ziemlichen Knacks, vor ihr und den beiden anderen Irren so schwach zu wirken.

»Sieht so aus, als ob das ein längerer Besuch wird«, erwiderte der unbekannte Junge an Taras Stelle und reichte mir schließlich die Hand, welche ich mit einem schnellen Kopfschütteln ablehnte. Davon ließ er sich aber nicht entmutigen und packte trotz meines wütenden Protests meinen Arm. Er zog mich auf die Beine und stützte mich, bis ich es schaffte, mich von ihm zu lösen. Ich wollte seine Hilfe nicht, zumal er dieselben Gefühle wie Tara in mir weckte. Angst, Erschrecken und den Wunsch, an jedem anderen Ort zu sein als in seiner Nähe.

Er schien mir meine heftige Abweisung nicht übel zu nehmen. »Ich bin Finn«, erklärte er gelassen und zog sich einen Stuhl raus. Als er sich niederließ, sah seine Bewegung so locker aus, als wäre er hier zu Hause. Dies schien alles nur ein großer Scherz für ihn zu sein. »Das ist meine Schwester, Annie«, führte er die Vorstellungsrunde weiter fort und deutete auf Tara. »Mit meiner anderen Schwester hast du ja bereits Bekanntschaft gemacht. Annie ist eine Begnadete, so wie du und Diana, und Tara und ich sind Unantastbare.«

Für den Bruchteil einer Sekunde war ich so überrascht, dass ich tatsächlich als ersten Reflex einen hilflosen Blick zu Diana warf. Diese Verräterin nickte mir freundlich lächelnd zu. Allein ihr Gesichtsausdruck war ein größerer Schock für mich, als wenn ein Ufo in unseren Garten gekracht wäre.

»Klingt ja spannend«, entfuhr es mir trocken. Ich strich mir einige Strähnen aus dem Gesicht und versuchte krampfhaft, ruhig zu bleiben. »Und ihr seid wohl alle gerade aus der geschlossenen Psychiatrie entlassen worden?«

»Da gehörst wohl eher du hin«, murmelte Tara finster. Mit verschränkten Armen baute sie sich vor mir auf. Dank der Wand in meinem Rücken hatte ich keine Chance zurückzuweichen und kratzte meinen ganzen Mut zusammen, als ich mich auf das Blickduell mit ihr einließ.

»Hör mir zu«, befahl sie streng. »Deine Mutter kann jeden Moment nach Hause kommen. Du darfst ihr nichts davon erzählen, ist das klar?«

»Von was erzählen?«, fuhr ich sie ärgerlich an und hob die Stimme. »Zuerst brennt ihr unsere Küche ab, dann hypnotisierst du mich und schleppst deine Familie hier an. Und ich weiß ganz genau, dass ich wegen dir ohnmächtig geworden bin, du blöde Kuh! Verschwindet von hier, auf der Stelle!«

»Lilja …«

»Ich sagte, du sollst gehen! Ihr seid doch alle solche Freaks!«

»Du etwa nicht?«, unterbrach sie mich wütend. Ihre Blicke hätten mich locker erdolchen können. »Lilja, verdammt, du benutzt deine Fähigkeit in jeder freien Minute. Du bist eine unkategorisierte Begnadete, mit einer Energie, die völlig aus dem Ruder läuft. Setz dich gefälligst hin und hör zu, was wir dir erklären!«

Ich wollte schon protestieren und sie endgültig als Spinnerin abstempeln, doch da fiel mir ausgerechnet Diana ins Wort. Zögernd trat sie an uns heran und zog mich zum Tisch. Ich setzte mich widerwillig neben Finn und rückte meinen Stuhl so weit von ihm weg, wie nur möglich. Sein freundliches Lächeln wollte ich nicht mal ansatzweise beachten.

»Lil«, setzte meine Cousine tapfer an, ließ sich neben mir nieder und nahm sanft meine Hand. »Du musst ihnen vertrauen. Hör dir an, was sie dir sagen, bitte. Ich hatte selbst keine Ahnung, aber Tara hat Recht, sie wissen viel mehr über das ganze Zeug … Wenn sie sagen, dass du auch eine Fähigkeit hast, dann hast du sie auch.«

»O ja, und was für eine!« Finn schmunzelte und musterte mich, als wäre ich sein neues Forschungsobjekt. »Deine Energie ist beeindruckend, du musst definitiv was Besonderes haben.«

Kraftlos sackte ich auf meinem Stuhl zusammen, als ich begriff, dass ich mir das wohl oder übel anhören musste. Wenn Diana auch an diesen Quatsch glaubte, hatte ich niemanden, der auf meiner Seite war.

»Unseren Aufzeichnungen zufolge haben die Götter vor langer Zeit beschlossen, den Menschen, die ihnen am meisten ans Herz gewachsen sind, Fähigkeiten zu geben, die das normale Maß weit übersteigen.« Taras Stimme war vollkommen ruhig und gelassen, während ich den Kopf in den Händen vergrub. Götter? Was für ein Schwachsinn! War das irgendein Versuch, mich in eine komische Sekte einzuführen? Tja, Jungfrauenblut konnte ich ihnen nicht anbieten und ich würde ganz sicher nicht bei Vollmond Hühner schlachten!

»Diese Kräfte können sich psychisch oder physisch äußern«, fuhr sie fort. »In seltenen Fällen gibt es eine Kombination aus beidem. Wir bezeichnen diese Auserwählten heute als Begnadete.«

»Ihr seid ja auch wahnsinnig.«

»Halt den Mund, Lilja.« Sie verdrehte die Augen, ließ sich aber sonst nicht anmerken, dass sie meine Bemerkung aus der Bahn warf. »Wie auch immer, einige der Begnadeten haben ihre Fähigkeiten dazu benutzt, andere Menschen zu tyrannisieren. Als die Götter das erkannt haben, haben sie eine weitere Gruppe erschaffen – die Unantastbaren. Im Gegensatz zu euren sind unsere Kräfte vererbt. Wir sind in der Lage, all euren Fähigkeiten zu widerstehen, daher auch der Name. Außerdem können wir sie, wenn wir genug Training haben, nach Belieben an- und abschalten. Das habe ich am ersten Tag in der Schule mit dir vorgehabt. Ich wollte deine Kraft abschalten, weil das, was du veranstaltest, völlig aus dem Ruder läuft, aber deine Energie ist riesig, Lilja … Ich konnte kaum gegen deine mentale Barriere ankommen und dein Körper hat abgeschaltet, um mich auszusperren.«

Ich konnte meinen Ohren nicht trauen. Was mir Tara hier präsentierte war etwas Unglaubliches, absolut Irrwitziges – aber es würde erklären, warum ich ihre Stimme in meinen Gedanken gehört hatte. Es würde erklären, warum ich mich auf einmal so komisch gefühlt hatte. Und es erklärte, warum ich solche Angst vor ihr und ihrem Bruder hatte.

Fassungslos blickte ich auf und merkte, dass jedes Augenpaar im Raum auf mich gerichtet war. Alle warteten meine Reaktion ab, aber ich war zu geschockt, um etwas zu sagen. Ich konnte das alles unmöglich verarbeiten. So etwas konnte es doch gar nicht geben. Nicht in meiner Realität!

Kraftlos schüttelte ich den Kopf. Tara schien jedoch nur auf diesen Widerspruch gewartet zu haben und legte wieder los, obwohl ich noch Stunden gebraucht hätte, um mich wieder zu fassen.

»Die Aufgabe eines Unantastbaren ist einfach: Beschütze die normalen Menschen und lehre die Begnadeten, ihre Fähigkeiten zu kontrollieren. Ich wollte Diana nur einen kurzen Einblick geben, als du reingeplatzt bist, was mir aufrichtig leid tut, Lilja. Die Demonstrationen hätten wir wohl doch auf unseren Trainingsplatz verlegen sollen. Ich dachte, ich hätte es unter Kontrolle, aber du hast meine Konzentration gestört. Wenn ihr eure Kräfte benutzt, setzt ihr eine wahnsinnige Energie frei. Gerade im Lernstadium ist es schwer, diese unter Kontrolle zu halten. Und als du ausgetickt bist, hat Diana sie nicht mehr kontrollieren können. Deshalb das Feuer.«

»Und du erwartest ernsthaft, dass ich dir diesen Scheiß glaube?« Spöttisch musterte ich sie und schüttelte vehement den Kopf. »Du hast sie echt nicht mehr alle. Was für einen kranken Streich wollt ihr mir spielen?«

»Gib mir deine Hand, Lilja.« Taras Stimme klang so sanft, dass ich sie kaum wiedererkannte. Ihre Augen leuchteten auf, als sie auf mich zugeeilt kam. »Gib mir deine Hand und ich beweise es dir.«

»Kannst du vergessen«, zischte ich und verschränkte demonstrativ die Arme. Ein winziger Seitenblick zu Finn zeigte mir, dass auch er nicht gerade sicher wirkte.

»Tara, lass das«, hauchte er mit angespannter Miene, als sie weiterhin die Hand nach mir ausstreckte. »Du solltest das nicht machen. Sie hat zu viel Energie … Was ist denn überhaupt ihre Gabe?«

»Sie ist eine Flüsterin«, erwiderte Tara. Ein leichtes Lächeln schlich sich auf ihr Gesicht. »Ich habe sie gerade im Griff, deshalb spürst du es nicht, aber ich bin mir ganz sicher. Ich hab’s gefühlt, ich hab’s probie…«

»Fass sie nicht an, Tara!«, herrschte Finn seine Schwester an, die erschrocken zurücktrat. Auch ich zuckte zusammen, als er von seinem Stuhl aufsprang und Taras Hand von mir wegschlug. »Verdammt noch mal, es fällt dir erst jetzt ein, das zu sagen? Kein Wunder, dass sie so eine Energie hat! Eine Flüsterin, Tara, das ist … das ist …«

»Atemberaubend«, hauchte seine Schwester.

»Gefährlich«, entgegnete er kopfschüttelnd. »Du weißt, was mit Eliza passiert ist. Wenn der Rat rausfindet, dass wir eine Flüsterin haben …«

»Wie meinst du das, wenn der Rat das rausfindet? Natürlich finden sie es raus, sie muss kategorisiert werden.« Der seltsame Glanz war wieder aus Taras Augen verschwunden und ihre Stirn in tiefe Falten gezogen. Erstarrt beobachtete ich den Schlagabtausch zwischen den Geschwistern, aber Finn kam gar nicht dazu, etwas zu sagen, weil ihm Annie ins Wort fiel. Ich hatte sie bisher nicht auf dem Schirm gehabt, so unscheinbar und still, wie sie war. Doch jetzt hob sie die Stimme.

»Finn hat recht, Tara. Wenn der Rat weiß, dass es wieder eine Flüsterin gibt, fängt alles von vorne an. Wir brauchen nicht noch eine Eliza.«

»Es gibt keinen Beweis für Elizas Tod«, entgegnete Tara stur. Mein Körper kribbelte unter ihrem eindringlichen Blick. Als ob sie mich besser kennen würde als ich selbst. »Stellt es euch doch mal vor«, hauchte sie entzückt. »Es gab seit dreihundert Jahren keine Flüsterin mehr. Wir könnten so viel forschen, so viel erreichen …«

»Das hat der Rat damals auch gedacht«, zischte Finn sie wütend an. »Bis sich Eliza aufgehängt hat. Tara, bitte, du weißt, wie die sind. Das ist es nicht wert. Sie werden sie benutzen wollen.«

»Hm-hm«, räusperte ich mich lautstark, um die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Alle Blicke wanderten wieder überrascht zu mir, als hätten sie vergessen, dass ich noch anwesend war und ihnen zuhörte.

»Okaaay«, brachte ich gedehnt hervor, um mich zu sammeln, was aber nicht wirklich funktionierte. Ich klang beinahe kleinlaut, als ich weitersprach. »Nehmen wir mal an, was ihr hier erzählt, ist nicht völliger Schwachsinn und nicht nur dazu gemacht, mir einen Streich zu spielen … Könnt ihr mal erklären, was es mit dieser Eliza auf sich hat?«

»Natürlich«, beeilte sich Finn, das erste Wort zu haben, und warf einen warnenden Blick zu Tara. Sie beantwortete diesen nur mit einem genervten Augenrollen.

»Eliza Twining war eine der mächtigsten Begnadeten«, erklärte er ruhig. Nur an dem fehlenden Lächeln erkannte ich, wie sehr ihm das Verhalten seiner Schwester aufstieß. »Sie hat vor fast dreihundert Jahren gelebt, aber sie ist nur 28 Jahre alt geworden. Man hat ihre Kraft erst sehr spät entdeckt, obwohl sie sie jahrelang benutzt hat. Sie war eine Flüsterin, genau wie du, sie konnte Menschen manipulieren, sie dazu bringen, zu tun, was immer sie wollte. Es gibt nicht viele Aufzeichnungen über sie, weil der Rat so ziemlich alles zerstört hat, aber jeder weiß, dass sie sich umgebracht hat, als der Rat habgieriger wurde. Sie wollten ihre Kraft selbst nutzen, natürlich ist es eine sehr verlockende Fähigkeit … Aber Eliza hat es nicht zugelassen. Sie wusste, dass sie keine Chance gegen den Rat hatte, also hat sie den Tod gewählt, um zu verhindern, dass sie ihre Kraft in die Finger kriegen und etwas Schlimmes damit anstellen.«

»Das ist aber alles nur ein dummes Gerücht«, erklärte Tara, als Finn sich langsam wieder neben mich setzte. »Keiner weiß genau, was wirklich vorgefallen ist. Aber soweit wir wissen, hat es seitdem keine Flüsterin mehr gegeben. Die Gabe ist sehr selten, aber du hast sie. Die Götter müssen dich wirklich lieben.«

»Ähm, ja, super. Können wir gerade noch mal an die Stelle zurück, an der ich Menschen kontrollieren kann?« Ungläubig starrte ich Tara an, die sich über den Tisch beugte und mir fest in die Augen sah.

»Dieses Gefühl, als du im Klassenraum kaum noch sprechen konntest? Ich habe deine Fähigkeit ausgeschaltet«, flüsterte sie. »Du konntest niemandem einreden, was zu tun ist. Vorhin habe ich es gegen dich benutzen wollen, um dich zu schützen. Wir Unantastbaren können eure Kräfte absorbieren und benutzen, wenn wir euch anfassen. Deshalb habt ihr den Fluchtinstinkt, wenn wir euch zu nahe kommen. Ich wollte, dass du vergisst, was du gesehen hast, aber deine Energie ist zu stark, du kannst dich dagegen wehren. Du benutzt deine Fähigkeit andauernd, Lilja. Sie ist immer an, wenn ich sie dir nicht gerade wegnehme. Und das darfst du nicht, verstehst du? Du bist zu mächtig. Du zwingst die Leute, dich zu lieben. Du zwingst sie zu tun, was immer du willst. Das ist falsch. Deshalb wirst du trainieren müssen, und zwar hart, damit du dieses unbewusste Kontrollieren sein lässt. Du darfst deine Fähigkeit nicht missbrauchen, ebenso wenig, wie Diana dich einfach in Flammen stecken darf. Haben wir uns verstanden?«

»Seid ihr nur deshalb hergezogen?«, hakte ich nach, anstatt auf ihre Frage zu antworten. »Um uns in Schach zu halten?«

»Wir hatten keine Ahnung, dass du begnadet bist«, erklärte sie mir mit ernster Miene. »Von Diana wussten wir es. Sie ist einer der Gründe, weshalb wir hier sind, ja. Ihre Eltern waren ebenfalls begnadet, die ganze Familie, und sie ist beim Rat registriert.«

»Was ist dieser Rat?«

»Der Rat verwaltet uns«, antwortete Annie leise, aber wie aus der Pistole geschossen. Beim Sprechen blickte sie auf ihre Fingernägel, von denen der Lack abblätterte. Sie machte keinen glücklichen Eindruck auf mich und ihre gesamte Art zu reden kam mir zu abgeklärt für ihr Alter vor. »Sie sind die höchste Instanz der Unantastbaren. Der Rat besteht aus sieben Mitgliedern und kümmert sich darum, neue Begnadete aufzuspüren. Wir sind in einer Datenbank eingetragen, mit unseren Fähigkeiten und Trainingsständen. Fälle wie deiner, bei denen es erst spät erkannt wird, sind äußerst selten. Normalerweise fällt es schneller auf, wenn jemand Kräfte hat, vor allem, wenn er sie so oft benutzt wie du.«

»Und genau deshalb«, fuhr Tara fort, »sollten wir endlich den Rat verständigen. Wir müssen dich eintragen lassen.«

»Nein, Tara«, beharrte Finn. »Bitte, lass das. Eliza …«

»Seit Eliza ist der Rat völlig neu besetzt«, widersprach Tara heftig. »Ihr wird nichts passieren!«

»Sie werden sie aber mitnehmen.« Finns Stimme hatte einen zweifelnden Unterton. »Tara, du sagst doch selbst, dass sie ihre Kraft zu oft benutzt. Der Rat wird sie nach London bringen, um an ihr herumzuexperimentieren, schon allein, weil sie ihre Gabe so dermaßen ausnutzt. Lass uns wenigstens abwarten, bis wir sie trainiert haben, damit sie sich im Griff hat.«

»Wir haben unsere Verpflichtungen, Finn.« Tara sah allmählich immer unsicherer aus. Mit einem Finger tippte sie sich an die Lippen und schüttelte schließlich den Kopf. »Ich kann sie nicht beide trainieren.«

»Dann übernehme ich Diana.« Finn nickte meiner Cousine entschlossen zu. »Ich hatte schon Mona, ich weiß, wie man Flammenwerfer trainiert. Du bist sowieso besser bei den psychischen Begabungen, du kannst Lilja helfen. Wenn sie so weit ist, können wir meinetwegen dem Rat Bescheid geben.«

Einen unendlich langen Moment herrschte Stille. Mein Blick wanderte von Finn zu Tara, die mich grübelnd betrachtete. Ich wusste noch nicht, was ich von dem Ganzen halten sollte – die Sektentheorie ließ mir einfach keine Ruhe – und ganz wohl war mir bei der Sache auch nicht. Es klang einfach alles zu schräg. Ich sollte am besten einfach brav nicken und mitspielen und die Tür nachts dreifach verriegeln, um diese Psychopathen draußen zu halten.

Schließlich nickte Tara und warf Diana einen gequälten Blick zu. Meine Cousine schaute bei näherer Betrachtung auch nicht fröhlich aus der Wäsche, obwohl sie Finn bereitwillig ihre Handynummer gab, als dieser sie darum bat. Ich hingegen wandte mich an Tara.

»Mach mir keinen Ärger«, zischte sie mich an, auf einmal wieder so feindselig, wie ich sie am besten kannte. »Ich kann dir deine Kräfte nicht wegnehmen, solange ich nicht bei dir bin, aber versuch gefälligst, dich zurückzuhalten. Morgen nach der Schule fangen wir mit dem Training an.«

Bevor ich etwas erwidern konnte, lief sie mit schnellen Schritten zu Annie, die ihr sofort einen Arm entgegenstreckte. Tara packte sie fest am Handgelenk und schon verschwanden die beiden. Fassungslos starrte ich auf die Stelle, an der sie gerade noch gestanden hatten, und hörte Finns leise Stimme zu meiner Linken. Er musste wohl meinen entgeisterten Blick bemerkt haben.

»Ach ja«, brachte er sanft hervor. »Um unsere Schützlinge schnell zu erreichen, können wir Unantastbaren auch teleportieren. Macht das Reisen einfacher.«

Hätte ich nicht schon gesessen, wäre ich garantiert wieder auf dem Boden zusammengesackt.

4

Am nächsten Morgen kletterte ich völlig übermüdet aus meinem Bett. Die Nacht war der reinste Horror gewesen, ich hatte kaum ein Auge zubekommen. Taras stechender Blick ging mir nicht aus dem Sinn und ihre Worte hatten mich verunsichert. Dermaßen verunsichert, dass ich mich fast dazu durchgerungen hätte, Diana aus dem Schlaf zu reißen, um mich mit ihr über diesen Wahnsinn auszutauschen. Aber auch nur fast – wahrscheinlich war es besser so. Wenn sie wenig Schlaf bekam, konnte meine Cousine unausstehlich werden.

Gestern hatten wir kein Wort mehr darüber verloren, dass sie mich beinahe in Brand gesteckt hätte und ich angeblich Menschen dazu bringen konnte, alles zu tun, was ich wollte. Wie sollte man so ein Gespräch auch beginnen?

Hey, würdest du mein Zimmer in Schutt und Asche legen, wenn ich dich dazu zwinge, dich mitten im Unterricht auszuziehen?

Mir fielen nur solche unangenehmen Ansätze ein, aber ich war mir sicher, dass sie das in den völlig falschen Hals kriegen würde. Als ob ich mir ernsthaft überlegte, sie derart bloßzustellen … Ich doch nicht. Aber träumen durfte man ja. Zudem wollte ein großer Teil von mir immer noch daran glauben, dass Tara mich nur verspottet hatte und ein klärendes Gespräch mit Diana völlig unnötig war.

»Du siehst schrecklich aus, Lilja«, bemerkte meine Mutter besorgt. Ich setzte mich gerade an den Küchentisch und bereitete mir mein Müsli zu. »Du wirst doch nicht wieder krank, Schätzchen? Wo hab ich denn nur schon wieder meine Brille hingetan?«

»Sie liegt im Bad«, murmelte Diana schnell und meine Mutter seufzte erleichtert. Erneut warf sie mir einen prüfenden Blick zu. Ich atmete tief durch und rieb mir die vom Schlafmangel geröteten Augen.

»Mir geht es gut«, versuchte ich sie zu überzeugen. »Ernsthaft, mach dir keine Sorgen. Ich hab nur schlecht geschlafen.«

»Wenn du meinst«, erwiderte sie und unwillkürlich musste ich mich fragen, ob sie es auf sich beruhen ließ, weil ich sie mit meinen komischen Götterkräften dazu brachte. Nein, ich wollte gar nicht daran denken! Ich hatte keine Superkräfte. Ich war keine Begnadete oder sonst irgendein Freak.

»Finn trainiert mit mir nach der Schule«, meldete sich Diana zu Wort, als meine Mutter verschwand, zweifellos, um ihre Brille zu suchen. Ohne die war sie völlig aufgeschmissen. Ich schloss nur die Augen und versuchte die eindringliche Stimme meiner Cousine auszublenden, was sich äußerst schwierig gestaltete, weil sie nicht locker ließ. Offensichtlich wollte sie unbedingt ein Gespräch in Gang bringen.

»Er meinte, dass wir am besten zu ihnen gehen. Sie haben wohl ein echt großes Grundstück, dort können wir uns in aller Ruhe austoben. Er hat auch gesagt, dass du mitkommen sollst, weil du mit Tara im Garten Platz hättest, aber sie hat ihm wohl gesagt, dass es besser ist, wenn wir getrennt bleiben, also will sie dich hier …«

»Glaubst du diesen Quatsch wirklich oder willst du mich einfach nur ärgern?«, unterbrach ich sie grimmig. Was für ein Theater! Als ob es mich interessierte, was Finn oder Tara sagten. Mir hatten sie schon mal gar nichts vorzuschreiben. Und ich würde auch nicht zu ihnen fahren – danke, ich hatte eigene Freunde und war damit bestens bedient!

Erstarrt blickte Diana mich an und schüttelte langsam den Kopf. »Lil, wenn sie das sagen …«

»Das ist völliger Schwachsinn, Diana! Sie treiben hier irgendein abgekartetes Spiel, um uns einen Schreck einzujagen, und du läufst mitten in die Falle rein! Warum glaubst du diesen Mist?«

»Lilja …«, murmelte sie. Ich hatte sie zum Nachdenken gebracht. Gut, vielleicht schaffte ich es ja, ihr ein wenig Verstand einzubläuen. Als sie jedoch den Kopf schüttelte und mich benommen ansah, merkte ich, dass sie keineswegs überzeugt war. »Bitte«, flüsterte sie und schlug sich sichtlich erschöpft die Hände vors Gesicht. Ihr Atem schien viel zu laut für die kleine Küche zu sein. Gerade so, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen. »Bitte, Lilja, hör auf damit. Du tust es, du versuchst mich zu beeinflussen, dabei weiß ich ganz genau, dass sie recht haben. Ich bin mir sicher, das mit dem Feuer war ich.«

»Meinetwegen«, erwiderte ich genervt und erhob mich rasch, um meine halb volle Müslischale in die Spüle zu pfeffern. Glücklicherweise schaffte ich es, nichts von dem Inhalt auf meinem Kleid zu verschütten. Bei meinen zitternden Händen wäre das kein Wunder gewesen. »Dann bist du eben ein Freak«, fuhr ich sie harsch an. »Meinetwegen können sie sogar recht haben und du kannst wirklich Feuer kontrollieren und sie können teleportieren und was weiß ich … Aber eins sage ich dir, Diana, ich mach da nicht mit. Ihr bildet euch das nur ein, ich habe keine Kraft. Sag deinen neuen Freunden, dass ich Besseres zu tun habe, als an ihrem lächerlichen Training teilzunehmen, erst recht, wenn Tara dabei ist.«

»Das sagst du nur, weil du sie nicht ausstehen kannst. Weil sie sich nicht von dir einlullen lässt.« Mit verengten Augen blickte mir Diana entgegen, ihre Lippen zu einem dünnen Strich gepresst. Ich musste laut loslachen. Sie dachte wirklich, dass sie mich mit solchen Anfeindungen kleinkriegen würde?

»Jetzt hör mir mal zu«, erklärte ich in meinem herablassendsten Tonfall, die Arme vor der Brust verschränkt. »Was Tara über mich denkt, ist mir völlig egal. Ich kann sie nicht ausstehen, weil sie arrogant und selbstgefällig ist und weil sie noch kein einziges freundliches Wort an mich gerichtet hat.«

»Wenn es so wäre, würdet ihr ja wunderbar zusammenpassen«, entgegnete Diana eisig und erhob sich ebenfalls. Ihr missmutiger Blick berührte mich jedoch absolut nicht. Viel eher amüsierte es mich, dass sie keine bessere Beleidigung auf Lager hatte. Dabei lebte sie schon lange genug unter unserem Dach.

»Weißt du, Lil, du warst mal echt süß.« Sie ballte die Fäuste und reckte das Kinn. Abwartend betrachtete ich sie. Putzig. Wollte sie mir gleich einen Schlag verpassen? Das tat sie nicht. Stattdessen nahm ihre Stimme einen bedauernden Tonfall an. »Ich verstehe wirklich nicht, wie du dich so verändern konntest. Du bist die größte Zicke der Schule und nur, weil du vor allen anderen so scheinheilig tust, hast du deine kleine Fangemeinde. Aber am Ende des Tages wäre keiner von denen da, wenn es dir schlecht ginge, weil sie doch spüren, dass du viel zu arrogant bist. Ich wette mit dir, dass du keine echten Freunde hast, die wirklich für dich einstehen, wenn’s hart auf hart kommt. Und das täte mir sogar leid für dich, wenn du dich nicht wie die größte Kuh des Universums aufführen würdest.«

»Du denkst ernsthaft, dass ich keine Freunde habe?« Ich verkniff mir ein Lachen. Diana hatte garantiert ihren ganzen Mut zusammengekratzt, um diese lächerliche Anfeindung vorzubringen. Wirklich beeindruckend. »Wenn ich keine echten Freunde habe, was ist dann mit Leander und Liv …«

»Olivia macht sich an deinen Freund ran und du bist zu selbstverliebt, um es zu erkennen.« Ihre Worte waren zwar leise, aber eindringlich. Ein Minenfeld, auf das sie mich rausschubste, das unter meinen Stöckelschuhen losging und dazu imstande wäre, mich zu verletzen – wenn die Behauptung nicht so hirnrissig gewesen wäre. Fassungslos starrte ich Diana an, bevor ich mich zusammenriss.

Nein, das stimmte nicht. Das würde mir keiner der beiden antun. Dianas Fantasie ging mit ihr durch. Liv war die beste Freundin, die ich je gehabt hatte, und Leander war eine treue Seele. Ein Romantiker durch und durch. Die beiden würden mich nicht hintergehen.

»Muss du ernsthaft solche dummen Lügen erfinden, um mich anzugreifen, Diana? Fällt dir nichts Besseres ein? Du bist so erbärmlich!« Grinsend wandte ich mich ab und achtete nicht auf den Rest ihrer Rede, mit der sie mich überzeugen wollte. Ich schritt aus der Küche und zog mich in mein Zimmer zurück. Sollte sie doch sagen, was sie wollte. Mich konnte sie mit so was nicht treffen.

»Hey, Lilja, warte! Wo willst du denn hin?«

Ich verdrehte die Augen und sah zu Liv hinüber, die mir von der Seite einen irritierten Blick zuwarf. Ich zuckte bloß die Schultern. Als ich mich umdrehte, fand ich mich Auge in Auge mit Tara wieder. Der Gang um uns herum war schon fast leer, wir hatten ein wenig herumgetrödelt, nachdem die letzte Stunde geendet hatte. Dass Tara zurückgeblieben war, hatte ich bisher gar nicht bemerkt, aber jetzt konnte ich sie nicht länger ignorieren. Sie sah auch nicht gerade glücklich aus, aber meine Miene war wohl nicht abweisend genug. Wurde Zeit, das zu ändern.

»Ich weiß zwar nicht, was dich das angeht, aber Liv und ich fahren einkaufen. Wenn du Diana su…«

»Lilja, hast du schon vergessen? Du wolltest mir doch heute Nachhilfe geben.« Die Strenge in Taras Zügen amüsierte mich über alle Maßen, während ich mir ausmalte, wie schwer es ihr fallen musste, vor Liv den Mund zu halten. Es gefiel mir, sie auf die Palme zu bringen, also schenkte ich ihr ein sanftmütiges Lächeln und schüttelte den Kopf.

»Natürlich hab ich das nicht vergessen«, hauchte ich gespielt bedauernd und beobachtete, wie sich ihre Augen bei meinem lieben Tonfall überrascht weiteten. »Aber ich sagte dir doch schon, Diana ist viel besser in Französisch als ich. Außerdem muss ich später noch meine Rede für den Debattierkurs schreiben, ich habe also wirklich keine Zeit. Tüdelü!«

Ich wollte mich schon umdrehen, als sie mich kurzerhand am Handgelenk packte und festhielt. Eine Welle von Angst durchflutete mich. Alle meine Nervenenden standen unter Strom, mir war, als hätte sie mir einen Eimer Eiswasser über den Kopf gekippt. Liv verfolgte das Geschehen mäßig interessiert. Tara schien gar nicht daran zu denken, mich loszulassen. Ich wollte keine Szene machen, aber ihr Griff war fest – und beängstigend. Ich musste von ihr weg. Sofort.

»Lilja, bitte«, schlug sie nun ebenfalls einen erstaunlich lieben Tonfall an. »Es wäre besser, wenn wir beide zusammenarbeiten. Du hast doch sicherlich eine Stunde Zeit für mich?«

Der süße Nebel in meinem Kopf war wieder da, als ich benommen nickte und mich an Liv wandte. Die betrachtete mich verblüfft. »Ich sollte das wirklich machen«, erklärte ich ihr lächelnd. Ja, das war die richtige Entscheidung. Wie konnte ich Tara etwas abschlagen? Es kam mir so dumm vor, sie stehenzulassen. Liv würde das verstehen, wer konnte diesen eisigen Augen schon etwas entgegnen? Die Stelle, an der sie mich immer noch festhielt, prickelte angenehm unter ihrer warmen Berührung. Etwas zog mich zu ihr hin – ich wollte mehr davon. Mehr von ihren Bitten, von ihren lieben Worten, von ihren Berührungen. »Wir können doch später noch einkaufen gehen, Liv. Ich ruf dich an.«

»Ist das dein Ernst, Lil?«, fuhr sie mich an. Ihre roten Stressflecken kamen zum Vorschein, doch die Wut, die sie ausstrahlte, kümmerte mich nicht. »Du lässt mich stehen für Nachhilfe mit ihr?« Anklagend deutete sie auf Tara, die mir unmerklich zunickte, während ich in ihren Augen versank. Wow, wie hübsch sie war. Und wie gut es sich anfühlte, dass sie mich immer noch festhielt. Konnte sie das nicht einfach den ganzen Tag lang machen?

»Ich ruf dich an, Liv«, wiederholte ich, ohne den Blick von Tara abzuwenden, die mich liebevoll anlächelte. Ich strahlte automatisch zurück. Schön, wenn ich sie glücklich machen konnte.

»Mach dir nicht die Mühe«, erwiderte Olivia schnaubend, wandte sich kopfschüttelnd ab und ging ein paar Schritte weiter. Tara lockerte schon ihren Griff um meine Hand, was mir fast körperliche Schmerzen bereitete, als Liv sich noch mal umdrehte und gekränkt verkündete: »Dann nehme ich eben Leander mit, wenn dir deine Nachhilfe wichtiger ist. Ich kriege die Party auch ohne dich geplant.«

Schon marschierte sie aufgebracht davon und Tara zog mich an meinem Shirt in die entgegengesetzte Richtung. Wir waren gerade in der Mitte des Flurs angekommen, als sich der süße Nebel in meinem Kopf so weit lichtete, dass ich klar genug denken konnte, um zu begreifen, was ich hier überhaupt tat.

»Hey!«, schrie ich sie aufgebracht an und befreite mich endgültig von ihr. Sie hatte immer noch dieses glückliche Lächeln aufgesetzt, aber mir war gar nicht mehr nach Strahlen zumute. Am liebsten hätte ich ihr einen Tritt verpasst, der sie direkt bis zum Nordpol beförderte, aber kein Geld der Welt würde mich dazu bringen, sie freiwillig zu berühren.

»Verdammt noch mal, was soll das? Was hast du mit mir gemacht, Tara?« Ich verschränkte die Arme und blieb einfach stehen, was meiner Begleiterin nur ein leises Seufzen entlockte. Als ob ich auch nur einen Schritt weiterging mit dieser Psychopatin!

»Du bist so was von stur«, erklärte sie mir in einem ähnlich herablassenden Tonfall. »Wir müssen trainieren, Lilja, und wenn du nicht zuhören willst, bringe ich dich eben dazu. Glaub mir, für mich ist das auch nicht angenehm. Deine Gabe ist wirklich schwer zu dosieren, ich dachte einen Moment lang, dass du mich gleich abknutschst. Kein Wunder, dass du sie die ganze Zeit benutzt.«

»Nicht schon wieder die Nummer.« Ich stöhnte genervt auf und warf einen Blick über meine Schulter. Es war zu spät, Liv war schon weg. Der Flur war völlig ausgestorben.

»Komm schon«, ermahnte mich Tara. »Wenn wir uns beeilen, können wir bei Finn und Diana mitfahren. Es ist wahrscheinlich doch besser, wenn ich dich zu uns bringe.«

»Wer sagt denn, dass ich mitkomme?«, entgegnete ich trotzig, doch als Tara wieder meine Hand packte, konnte ich nicht schnell genug reagieren. Ein Gefühl tiefster Zufriedenheit durchflutete mich, auch wenn ich diesmal spürte, dass etwas nicht ganz stimmte.

»Wer sagt denn, dass du nicht mitkommst?«, hauchte mir das hübsche Mädchen zu. Ich musste schwer schlucken, als sie mich amüsiert angrinste. »Komm schon, Prinzesschen. Ich will wirklich nicht nach Hause laufen müssen. Und ich bin nicht wie mein Bruder, dass ich ständig in der Öffentlichkeit porten muss.«

»Okay«, murmelte ich leise und setzte mich folgsam in Bewegung, doch als Tara mich grinsend wieder losließ, packte mich brennende Wut. Was machte sie nur mit mir? Auf einmal fiel mir wieder ein, warum ich nicht mit ihr gehen wollte. Wie konnte ich das bei einer einfachen Berührung vergessen?

»Würdest du das gefälligst sein lassen?«, knurrte ich sie feindselig an, während ich doch versuchte, mit ihr Schritt zu halten. Meine scharfen Worte schienen sie gar nicht zu kümmern. »Hör auf, mich anzufassen und mir irgendetwas einzureden, Tara! Wie machst du das überhaupt?«

»Genau wie du«, klärte sie mich lachend auf. Ihre Augen funkelten und ihre Wangen hatten endlich eine gesunde Farbe angenommen, nicht mehr so blass, wie heute Morgen. Einen Moment lang fragte ich mich, was es damit auf sich hatte. Dann fiel mir ein, dass ich sie nicht ausstehen konnte und es mich nicht interessieren sollte, was ihr seltsamer Gesundheitszustand über sie aussagte. Selbst wenn sie ein Vampir wäre und Diana heimlich Blut abzapfte – sie sollte sich einfach nur von mir fernhalten.

»Deine Gabe macht echt Spaß, Lilja«, verkündete sie, sichtlich zufrieden mit sich selbst, und warf mir einen prüfenden Blick zu. Ich tat so, als ob ich das nicht bemerkte und konzentrierte mich starr darauf, einfach neben ihr herzulaufen. Nur raus hier. Wenn wir aus dem Gebäude rauskamen, könnte ich ihr entfliehen. Ich kannte mich in der Umgebung besser aus als sie. Immerhin war sie erst vor kurzem hergezogen.

»Wirklich, diese Gabe ist von allen, die ich bisher ausprobiert habe, die Verlockendste. Klar, total unmoralisch, deshalb sollst du sie gefälligst kontrollieren lernen, aber trotzdem … interessant. Schade, dass ich das nicht auf Finn lenken kann.«

»Ich habe keine Gabe«, erwiderte ich trotzig, obwohl mich langsam echte Zweifel überkamen. Schließlich hatte ich Dianas und Annies kleine Kunststückchen gesehen … und wie sonst sollte mich Tara kontrollieren können?

Vielleicht ist es ja keine Lüge, schoss es mir durch den Kopf. Vielleicht kann ich das alles wirklich, was sie behaupten.

»Wie auch immer«, murmelte ich. Mir fiel auf, dass Tara auf meine Widerrede gar nicht eingegangen war. Wollte sie sich einfach nicht mit mir streiten oder ignorierte sie mich? »Ganz egal, wie du das machst, lass mich in Ruhe. Fass mich noch mal an, und ich schwöre, ich wende alles an, was ich in meinem Selbstverteidigungskurs gelernt habe, das tut auch Mädchen weh.«

»Ach, tatsächlich?«, spottete Tara und griff blitzschnell nach mir. Augenblicklich stellte sich das vertraute Hochgefühl in mir ein, während ich den Blick nicht von ihr abwenden konnte. Diese Entspannung, nicht denken zu müssen, zumindest nicht so viel wie sonst … Tara übernahm das für mich. Das war angenehm, und dieses süße, kuschlige Gefühl in mir …

»Meinst du das wirklich, Lilja?«, hauchte sie mir neckisch zu.

Ich hatte schon längst vergessen, worum es hier eigentlich ging. Mein Körper brannte, nicht nur unter ihrer Berührung. In diesem Moment gab es nichts, was mich von ihr ablenken konnte – alles, was ich wollte, war, ihr zu gefallen. Nein, nicht nur zu gefallen …

Kurz war ich noch zu benommen, um zu begreifen, was passiert war. Doch dann verstand ich, warum mich Tara eilig wieder losgelassen hatte. Rasch machte ich einige Schritte zurück. Am liebsten hätte ich mich vor Scham in meinem Bett verkrochen, aber da das so schnell nicht möglich war, wandte ich mich nur ab. Hitze flammte in meinen Wangen, Tränen schossen mir in die Augen. Was war nur in mich gefahren? Was hatte ich da gerade vorgehabt?

Hätte Tara mich nicht rechtzeitig losgelassen, hätte ich einfach den Abstand zwischen uns überbrückt. Ich war mehr als bereit gewesen, sie zu küssen, aber sie war seelenruhig stehengeblieben. Machte es ihr überhaupt etwas aus? Sie hatte mir nur rechtzeitig meinen eigenen Willen zurückzugeben – ansonsten hätte ich mich hier und jetzt im ausgestorbenen Schulflur über sie hergemacht.

Es stimmte. Es musste stimmen. Anders ließen sich die Gedanken in meinem Kopf, die Vorstellungen, die ich noch vor wenigen Sekunden gehabt hatte, nicht erklären.

Ich musste tatsächlich diese Gabe besitzen – und Tara hatte sie dreist gegen mich angewendet.

»Lilja?«, ertönte hinter mir eine zarte Stimme, bei der ich am liebsten laut aufgeschrien hätte. Stattdessen merkte ich, dass ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten konnte. Diese gesamte Situation überforderte mich und Taras vorsichtiger Annäherungsversuch machte es nicht besser. »Lilja, tut mir leid«, murmelte sie. »Ich hab’s übertrieben, entschuldige. Genau deshalb sollte man nicht die Kräfte der Begnadeten nutzen … Das war mein Fehler. Ich habe dich in eine blöde Situation gebracht. Aber das tust du andauernd, verstehst du? Du bringst andere zu solchen Dingen, du machst das ständig …«

»Hör auf!«, unterbrach ich sie lautstark und drehte mich weinend zu ihr um. War das Reue in ihrer Miene? Zerknirscht schaute sie zu Boden, bevor ihr Blick zu mir wanderte und sich ihre Augen beim Anblick meiner Tränen weiteten. Schließlich zog sie ein Päckchen mit Taschentüchern hervor und reichte mir eins.

»Warum machst du mir andauernd diese Vorwürfe?«, fragte ich zittrig. Beim Abtupfen der Tränen achtete ich sorgsam darauf, mich nicht in einen Panda auf Koks zu verwandeln. »Ich hatte ja nicht mal eine Ahnung, dass ich so was kann, das ist nicht meine Schuld!«

»Du glaubst es also endlich?« Hoffnung machte sich auf den blassen Zügen des Mädchens vor mir breit.

»Nein«, sagte ich nach einer Weile. »Na ja, doch. Irgendwie … vielleicht. Keine Ahnung, das ist alles so … so komisch.«

»Natürlich.« Sie setzte sich in Bewegung und winkte mich hinter sich her. Ich raffte mich dazu auf, ihr mit gebührendem Abstand zu folgen. Diesen Versuch ließ sie jedoch nicht gelten und wartete ab, bis wir auf gleicher Höhe waren. »Am Anfang ist es immer schwer«, erklärte sie mir mit ernster Miene, die feinen Augenbrauen dicht zusammengezogen. Ihre gewohnte Strenge kehrte zurück. »Aber du gewöhnst dich daran. Du musst einfach lernen, es zu kontrollieren und deine Gabe nur in Notfällen zu benutzen. Dafür sind wir da. Deshalb gibt es uns Unantastbare, damit wir Leuten wie dir helfen. Mach dir keinen Kopf, das wird schon bald Routine werden.«

Einige Minuten lang herrschte Schweigen zwischen uns, noch immer versuchte ich, mich zu sammeln. Ich konnte noch nicht ganz fassen, was gerade geschehen war, und fühlte mich aufs Übelste gedemütigt. Es war nicht die Aussicht, ein Mädchen zu küssen, die mich so fertig machte, sondern zwei ganz andere Punkte: Tara hatte mir zum einen keine Wahl gelassen, und ich fragte mich, was sie noch mit mir anstellen könnte, wenn sie es probieren würde. Zum anderen empfand ich furchtbare Reue gegenüber Leander. Ein Kuss, egal mit wem, wäre ein Betrug von meiner Seite aus. Und so lieb, wie er war, hatte er das nicht verdient, egal unter welchen Umständen. Stimmte es? Hatte ich mir all das, meine ganze Aufmerksamkeit und Beliebtheit, nur mit billigen Tricks erkauft?

»Was machen wir eigentlich genau?« Wir traten auf den Schülerparkplatz hinter dem dreistöckigen Hauptgebäude hinaus und ich sah Diana und Finn an einem kleinen Toyota lehnen. Die hatten mir gerade noch gefehlt.

»Wirst du schon sehen«, meinte Tara betont gelassen, als hätte sie wieder jegliche Sympathie zu mir verloren. Sie winkte ihrem Bruder zu, der den Gruß grinsend erwiderte. »Auf jeden Fall wird dein Training nicht so spannend wie Dianas«, fügte sie hinzu und führte mich über den Parkplatz zu den Wartenden. »Psychische Fähigkeiten erfordern, dass man lernt, sie unter Kontrolle zu halten und die Benutzung einzudämmen. Physische Kräfte wie Dianas müssen erst freigesetzt werden. Finn wird den Feuerlöscher bereithalten müssen. Nur wenn sie viel mit den Flammen übt, kann sie auch lernen, sie zu kontrollieren.«

»Warum trainierst du nicht Diana, wenn dir ihre Kraft besser gefällt?«, fragte ich patzig. Tief in mir spürte ich bei der Zuneigung zu Diana in ihren Worten einen heftigen Stich. Wahrscheinlich war das die Nachwirkung von Taras dummer Vorführung an mir. Oder mich hatte gerade eine Wespe gestochen. Die zweite Möglichkeit war mir definitiv lieber.

»Weil Finn schon eine Flammenwerferin hatte und er sich damit auskennt. Außerdem ist er für eine Gabe wie deine viel zu nachsichtig. Er würde dir jeden Mist durchgehen lassen. Du brauchst jemanden, der Verantwortung übernimmt und dich nicht verwöhnt. Du bist kein Porzellanpüppchen, Lilja, man braucht dich nicht mit Samthandschuhen anzufassen, und wenn dir was nicht passt, ist das nicht mein Problem. Ich trainiere dich nur, ich bin nicht dazu da, dich zu umschmeicheln. Das hast du sowieso lang genug jeden tun lassen.«

Mir blieb keine Zeit mehr, etwas zu erwidern. Wohl oder übel musste ich mich damit abfinden, dass ich verloren hatte. Diana und Tara umarmten sich freudig zur Begrüßung und Finn schenkte mir ein aufmunterndes Lächeln. Ich konnte nur hoffen, dass mein Make-up dank meines Gefühlsausbruchs vorhin nicht verwischt war. Das wäre nun wirklich mehr als peinlich. Kaum ließ ich mich neben Diana auf dem Rücksitz des Wagens nieder, entfuhr mir ein tiefes Seufzen.

Ich hasste Niederlagen.

5

Die Fahrt dauerte eine gute Viertelstunde, und Finn riss einen Witz nach dem anderen. Dass nur Diana darüber lachte, brachte ihn nicht davon ab, weiterzuplappern.

Ich war viel zu abgelenkt von meinen eigenen Gedanken und Tara schien mit jeder Minute genervter zu sein. Verübeln konnte ich ihr das nicht. Immerhin stand mir gleich eine volle Stunde ihrer liebreizenden Gesellschaft bevor. Ich konnte mir allerdings beim besten Willen nicht vorstellen, dass sie sich schlechter fühlte als ich. Mir gingen zu viele Sorgen durch den Kopf. Was mochte Liv davon halten, dass ich sie für Tara im Stich gelassen hatte? Wie würde das Training ablaufen? Ich hatte keine Vorstellung davon, was Tara mit mir treiben würde, und das Nachdenken machte mich zunehmend unruhig. Die ganze Fahrt über hatte ich meine Hände nicht stillhalten können und mein Bein wippte auf und ab. Außerdem versuchte ich immer noch zu ergründen, ob ich dieser ganzen Geschichte über Begabungen und Menschenkontrolle Glauben schenken konnte. Alle Anzeichen deuteten darauf hin, dass es die Wahrheit war – aber leichter zu akzeptieren wurde sie dadurch auch nicht.

Wir hielten schließlich in einem Außenbezirk Frankfurts vor einem gepflegten, zweistöckigen Haus an. Die Fassade war weiß gestrichen – anhand der Reinheit konnte es noch nicht lange her sein. Durch die hohen Fenster wirkte es modern, aber die niedlichen Erker im oberen Stockwerk mit den Blumenkästen vor den Fenstern verliehen ihm schon auf den ersten Blick etwas Gemütliches.

Rundherum konnte ich einen riesigen Garten ausmachen, der von hohen Hecken und einem Zaun mit Sichtschutz umgeben war. Tara hatte zwar schon in unserer Küche angedeutet, dass sie Gaben wie Dianas Feuerkräfte normalerweise in geschützten Bereichen trainierten. Aber erst jetzt wurde mir das volle Ausmaß dessen bewusst. Links von uns grenzte ein Teil des Gartens an einen dichten Wald, rechts war das nächste Haus kaum auszumachen. Diese Grundstücksgröße war in einer Großstadt nicht besonders üblich, weshalb ich umso erstaunter aus dem Fenster sah und mich fragte, wie viel Geld Finns und Taras Eltern wohl besaßen.

Kaum stiegen wir aus, flog schon die Haustür auf und Annie stürmte uns entgegen. »Finn, Frankie hat angerufen!«, rief sie lautstark, bevor sie vor ihrem Bruder Halt machte. Sofort ergriff dieser ihre Hand. Ich betrachtete das zierliche Mädchen, das irgendetwas von einem Unfall im Wasserwerk erzählte und ihm eine Adresse in Kalifornien nannte. Das alles klang so merkwürdig. Wie viele Länder hatten die Garcias wohl schon auf der Suche nach Begnadeten bereist?

Kaum erklang dieser Gedanke in meinem Kopf, wischte ich ihn schon störrisch fort. Ich wollte diesen Unsinn doch gar nicht glauben, geschweige denn, mir über ihre Reisen den Kopf zerbrechen!

»Bin gleich wieder da«, ertönte plötzlich Finns Stimme. Damit riss er mich aus meiner Überlegung, von wie vielen Geschwistern Tara am ersten Abend bei uns gesprochen hatte. Ehe ich mich versah, waren Finn und Annie verschwunden – wie vom Erdboden verschluckt. Tara blickte nur ungerührt auf die Stelle, an der ihr Bruder gerade gestanden hatte. Bei seinem Auftauchen wenige Sekunden später zuckte sie nicht mal mit der Wimper. Ich hingegen verkniff mir einen erstaunten Aufschrei. An diese Teleportationsgeschichte würde ich mich nie gewöhnen. Ein Teil von mir wollte noch immer hartnäckig glauben, dass das nur ein dämlicher Zaubertrick war, um uns Respekt einzuflößen. Wenn es so war, klappte es ziemlich gut.

In Dianas Fall zu gut. Sie wirkte völlig hingerissen, strich sich eine ihrer dunkelblonden Strähnen zurück und sah Finn mit solchen Rehaugen an, dass mir übel wurde. Ohne jegliche Scheu ergriff sie seine ausgestreckte Hand.

»Willkommen in der Casa Garcia – oder an jedem anderen Ort, wo ihr hinwollt. Wenn ihr euch anständig benehmt, laden wir euch gern zum Sightseeing ein, die Reisezeit beträgt eine unschlagbare Millisekunde. Verlockend?«

»Total«, hauchte Diana verzückt. Ich verdrehte genervt die Augen und äffte ihr begeistertes Nicken nach. Tara war die Einzige, die meine Showeinlage mitbekam. Obwohl sie mir einen strengen Blick zuwarf, meinte ich doch, einen Funken Amüsement in ihrem Gesicht zu erkennen. Sie schien sich sogar ein Lächeln zu verkneifen.

»Spiel hier nicht den Frauenheld, Finn«, zog sie ihren Bruder auf, der ihr bloß die Zunge rausstreckte, bevor er und Diana einfach verschwanden. Fragend blickte ich zu Tara hinüber, die den Kopf schüttelte. Wohin brachte Finn meine Cousine wohl? Obwohl wir nicht gerade die besten Freundinnen waren, wollte ich nicht, dass ihr etwas zustieß. Ich war mir nicht sicher, ob Finn in der Lage war, auf sie achtzugeben.

»Verdammter Casanova, zeigt ihr bestimmt den Eiffelturm«, murmelte sie vor sich hin und bedeutete mir mit einem Kopfnicken, ihr zu folgen. Eilig setzte ich mich in Bewegung und ging mit ihr zum Haus. Lieber tat ich, was sie von mir verlangte, bevor ich riskierte, dass sie mich wieder anfasste und mich zu irgendetwas zwang, das ich nicht wollte.

Tara stieß die einen Spalt offenstehende Tür auf und trat mit mir im Schlepptau hinein. »Mom?«

Zaghaft schaute ich mich um, betrachtete den hellen Flur, von dem gleich mehrere Zimmer abzweigten. Eins davon war die Küche, die sie auch schnurstracks ansteuerte. Allerlei Essensdüfte vermischten sich in der Luft und schwappten mir entgegen. Mein Magen machte einen Satz – normalerweise wäre jetzt die Zeit gewesen, zumindest ein Sandwich zu essen.

Ich folgte ihrem wippenden Pferdeschwanz und gelangte beim Anblick der Frau vor mir zu dem Schluss, dass in dieser Familie außergewöhnliche Gene vorliegen mussten – ich kannte niemanden, der seinen Eltern so ähnlich sah. Auge in Auge mit Taras Ebenbild blieb ich stehen. Zumindest hätte ihre Mutter das sein können, wäre sie nicht etwa zwanzig Jahre älter gewesen. Einen Moment lang betrachtete sie mich verdutzt, bevor ein zartes Lächeln auf ihren Zügen erschien. »Du musst Lilja sein«, stellte sie fest und streckte mir eine Hand entgegen. »Wir haben nicht damit gerechnet, noch eine Begnadete zu finden. Willkommen bei uns.« Das Lächeln erreichte ihre Augen nicht, die mich unter den feinen, angehobenen Brauen anblitzten. Die Skepsis war nicht zu übersehen, aber ich war höflich genug, das nicht zu erwähnen.

»Danke sehr.« Ich ergriff ihre Hand. Dass ich sowieso nicht hier sein wollte und sie gut und gern nur meine Cousine trainieren könnten, ließ ich unter den Tisch fallen.

»Diana und Finn sind unterwegs«, zog Tara die Aufmerksamkeit auf sich. Rasch ließ ich die Hand ihrer Mutter wieder los und zog mich in den Hintergrund zurück. »Ich wette, er hat sie nach Paris mitgenommen.« Interessiert betrachtete sie die Töpfe auf dem Herd und hob nacheinander die Deckel hoch.

»Dann kommen sie hoffentlich bald wieder zurück.« Ihre Mutter runzelte die Stirn. »Ich dachte, du wolltest nicht hier mit Lilja trainieren. Meintest du nicht, dass es besser wäre, sie und Diana zu trennen?«

»Doch«, bestätigte Tara unbekümmert. Sie probierte die Soße, die auf dem Herd vor sich hinkochte, und verzog angeekelt das Gesicht. Mir fiel nichts ein, was ich sagen konnte, das mich nicht wie die letzte Vollidiotin dastehen ließ. Außerdem übernahm Tara das Reden und meine mentale Liste mit Fragen wurde immer länger. Wieso waren hier alle so scharf auf Diana? Sie war nichts Besonderes. Nur weil sie ein überdimensionales Feuerzeug war, machten alle so einen Aufstand um sie.

»Ich habe mich umentschieden. Im Garten ist genug Platz und wir werden sowieso nicht die Kampffläche nutzen, also kann sich Diana austoben. Liljas Kräfte müssen eingedämmt werden und hinten auf der Wiese haben wir unsere Ruhe.«

»Das ist ja eine sehr optimistische Einschätzung.« Die leichte Besorgnis in der Stimme ihrer Mutter entging selbst mir nicht. Ich musste ihr recht geben – was erwartete Tara davon?

Mit einer entschuldigenden Miene wandte sich ihre Mom an mich. »Das soll wirklich kein Angriff sein, Lilja«, erklärte sie mir, eine Hand in die Hüfte gestemmt, mit der anderen wild gestikulierend. »Aber deine Gabe ist so selten, dass wir besondere Sicherheitsvorkehrungen treffen müssen. Natürlich bist du trotzdem herzlich willkommen, wir nehmen dich gern auf, aber es stellt auch für uns ein enormes Risiko dar, dich vor dem Rat geheim zu halten. Elizas Tod liegt schon lange zurück, aber fürs Erste ist es sicherer, wenn niemand weiß, was du kannst. Wenn der Rat hier unangemeldet auftaucht, kriegen wir ein echtes Problem. Wunder dich also nicht, falls Tara dich mal schnell zu Hause ablädt.«

»Macht nichts«, brachte ich mühsam hervor und warf Tara einen schnellen Blick zu. Sie kramte gerade im Kühlschrank herum und gab schließlich entnervt auf. Aus einem Schrank holte sie zwei Müsliriegel heraus.

»Ich will Ihnen wirklich keine Umstände machen«, nahm ich den Gesprächsfaden mit ihrer Mutter wieder auf, die mich immer noch nachdenklich betrachtete. An ihren angespannten Zügen erkannte ich deutlich, dass sie sich Sorgen machte, obwohl ich nicht vorhatte, ihrer Familie zu schaden. Ich hatte ja nicht mal das Bedürfnis, besonders viel Kontakt zu ihrer Familie zu haben. »Ich brauche das auch alles gar nicht. Wenn es Ihnen Unannehmlichkeiten bereitet, kann ich gern gehen …«

»Schmink dir das ab«, unterbrach mich Tara mit einem Augenrollen und reichte mir einen der Müsliriegel. Zittrig nahm ich ihn entgegen. Ihr war garantiert nicht entgangen, wie nervös ich in diesem neuen, geheimnisvollen Umfeld war und mir war längst der Appetit vergangen. Ich machte mir immer noch Gedanken darüber, was mich beim Training erwarten würde. Würde Tara wieder in meine Gedanken eindringen und mir die Kontrolle entziehen? Musste ich sie zurückerlangen? Ich konnte mir nichts anderes vorstellen. Wie sonst wollte sie mich psychisch trainieren? Trotz der Beklemmung, die mir den Magen zuschnürte, biss ich tapfer ein Stück des Riegels ab und kaute darauf herum, um meine Nerven zu beruhigen.

In diesem Moment ertönte ein lauter Knall und Finn und Diana tauchten lachend vor uns auf. So ausgelassen hatte ich meine Cousine zuletzt vor dem Tod ihrer Eltern gesehen. Seit dem einschneidenden Tag in ihrem Leben hatte sie kaum Anlass zum herzhaften Lachen gehabt – bis jetzt. Dass sie bei ihrem Eintreffen einen Stuhl umgeworfen hatten, schien keinem von beiden aufgefallen zu sein.

»Wow«, entfuhr es Diana überschwänglich. Mit großen Augen bretrachtete sie Finn, der immer noch grinsend ihre Hand hielt. »Das war der beste Spontantrip meines Lebens. Können wir das noch mal machen?«

»Wann und wohin du willst.« Er zwinkerte ihr zu und wandte sich an seine Mutter, die nur den Kopf schüttelte. »Mom, darf ich vorstellen: Diana Roth. Der Name sollte dir ja was sagen.«

»Sehr witzig, Finn.« Obwohl ihre Stimme trocken klang, umarmte sie mit einem strahlenden Lächeln meine Cousine. Wieso hatte ich eigentlich nicht so eine herzliche Umarmung verdient? »Willkommen, Diana. Es ist so schön, dich endlich kennenzulernen. Als ich dich das letzte Mal gesehen habe, warst du ein kleiner Fleck auf einem Ultraschallbild.«

Ich blickte zu Tara hinüber, aber die beachtete mich gar nicht. Was sollte das denn heißen? Kannte diese Frau etwa meine Tante, Dianas Mutter? Ich verstand die Welt nicht mehr.

»Es freut mich auch sehr«, erklärte meine Cousine gelassen. »Tara und Finn haben erzählt, dass Sie meine Eltern trainiert haben.«

»Ganz richtig«, bestätigte die Hausherrin stolz. Jetzt wurde mir einiges klar. Was für ein Zufall! Natürlich bekam Diana mit ihrem Glück die Familie zugeteilt, die schon ihre Eltern trainiert hatte. Oder hatte Mrs. Garcia gar darum gebeten, Diana zugeteilt zu werden, nachdem sie von dem Tod ihrer ehemaligen Schützlinge erfahren hatte? Unwillkürlich fragte ich mich, was für Begabungen meine Tante und mein Onkel gehabt hatten. Ob diese wohl in Zusammenhang mit den Forschungen standen, für die sie in wissenschaftlichen Kreisen Anerkennung erlangt hatten?

»Ohne mich hätte es dich wohl kaum gegeben«, erklärte sie in diesem Moment scherzhaft lächelnd. Dianas Staunen zeichnete sich deutlich auf ihren hübschen Zügen ab: Ihre Augen leuchteten, als hätte Mrs. Garcia ihr gerade ein kostbares Geschenk überreicht. Ich hätte nur zu gern ihren Gesichtsausdruck nachgeäfft, aber dankbares Publikum würde ich hier wohl nicht finden.

»Deine Eltern haben sich auf einer meiner Partys kennengelernt«, fuhr Mrs. Garcia fort. »Es tut mir sehr leid, dass sie so früh von uns gegangen sind, aber ich kann dir versichern, sie wären sehr stolz, wenn sie wüssten, dass du lernst, deine Kräfte zu nutzen. Wenn du möchtest, kannst du dir gerne mal einige unserer alten Fotoalben ansehen, da gibt es haufenweise Bilder von ihrem Training.«

»Sehr gern«, hauchte Diana begeistert und drehte sich zu Finn um. »Wann fangen wir eigentlich an?«

»Wenn du ausgerüstet bist. Du kriegst erst mal Spezialkleidung, damit nichts Feuer fangen kann. Wir wollen ja nicht, dass du dich selbst in Brand steckst.«

Die beiden gackerten verschwörerisch los. Ich wusste nicht, was schlimmer war: Dass sie nach einem Tag zusammen schon ein eingeschworenes Team waren, oder dass ich mit Tara den Kürzeren gezogen hatte. Wobei mir Finns ewig gute Laune nach einiger Zeit sicherlich auch auf die Nerven gefallen wäre, hätte er sich als mein Trainer angeboten.

Er nahm Dianas Hand und zog meine Cousine an mir vorbei in Richtung Küchentür. Als sie Tara passierten, grinste er sie neckisch an. »Diana mochte den Eiffelturm übrigens sehr gern. Wenn du dich nur mal ein bisschen lockermachen würdest, könntest du deine Kräfte auch dazu nutzen, mal was zu erleben, was nicht nur Arbeit ist.«

»Unsere Kräfte sind kein Spielzeug«, brachte Tara bissig hervor und taxierte Finn sichtlich erzürnt. Fehlte nur noch, dass sie ihn mit Laserstrahlen aus ihren Augen tötete. »Du kannst nicht einfach den ganzen Tag an Stränden lümmeln oder Städte abklappern. Wir haben unsere Verpflichtungen!«

»Ja, ja, ich weiß. Na los, Spaßbremse, komm deiner Verpflichtung nach und kümmer dich um Lilja. Wir haben jetzt erst mal zu tun.«

Ohne weiter auf uns zu achten, zog er mit Diana von dannen und ließ seine Schwester mit einer Miene zurück, die mir das Gefühl vermittelte, dass ich sie besser nicht ansprechen sollte. Resigniert schüttelte Tara den Kopf. »Ich nehm dich nicht mit nach Paris.«

Ich zuckte nur die Schultern. Ihr Unterton zeigte mir ohnehin schon, dass das kein lustiger Ausflug geworden wäre. Den Eiffelturm mit Taras säuerlicher Miene erleben? Nein, danke.

»Paris wird überbewertet«, murmelte ich und schaffte es damit seltsamerweise, zwei Lächeln abzubekommen – von ihr und ihrer Mutter. Wow, was für eine Leistung.

»Komm, Prinzesschen, legen wir los«, forderte Tara mich schließlich auf. Obwohl mir der Spitzname nicht gefiel, folgte ich ihr ohne Widerrede den Flur entlang zu einer breiten Treppe, die wir bis in den zweiten Stock erklommen. Schnurstracks hielt Tara auf eine weiße Tür zu und stieß sie auf. Mit einer lässigen Handbewegung bedeutete sie mir, voranzugehen.

Das Zimmer mit der hohen Decke war durch die großen Fenster trotz der herumstehenden Umzugskartons heimelig. Der Erker in der Zimmerecke gegenüber war mit Sitzkissen an den Fenstern ausstaffiert und ich wünschte mir, ich könnte den Nachmittag hier mit einer neuen Zeitschrift oder Schminktutorials auf Youtube verbringen statt beim Training. Ich betrachtete ihr ausladendes Bett mit den pastellfarbenen Bezügen und die vielen Umzugskartons, die teilweise unangetastet herumstanden. Die warmen Sonnenstrahlen des Spätsommers fielen auf Taras Schreibtisch, auf dem sorgfältig sortiert und wie mit dem Lineal ausgerichtet Papiere abgelegt waren. Darüber hing eine Pinnwand. Mehrere Polaroids waren daran befestigt, alle sorgfältig beschriftet. Ich machte ein paar Schritte darauf zu und blendete Tara aus, die in einem ihrer Kartons wühlte.

Unter den Bildern standen verschiedene Namen und das jeweilige Datum der Aufnahme. Außerdem gab es zu den Personen Fähigkeiten, von denen ich bisher nur in Superheldenfilmen gehört hatte. Ein breitschultriges Mädchen in meinem Alter war mit der Beschriftung »Clarisse Whiting, Telekinese«, versehen, der Junge neben ihr war dem Text zufolge Léon Duboit und ein Gedankenleser. Taras Stimme unterbrach mich.

»Du solltest dich umziehen, Lilja, in den Sachen wirst du wohl kaum trainieren können. Deine Sportsachen hast du doch mitgebracht, oder?«

»Klar«, erwiderte ich schnell, legte meinen Rucksack ab und zog meine Kleidung hervor, die ich schon in der Sportstunde angehabt hatte. Es machte mich nervös, jetzt wieder mit Tara allein zu sein, doch ich wollte endlich wissen, was mich erwartete.

Während ich mich eilig umzog, holte sie ihr Handy hervor und eine kleine, tragbare Anlage, die sie neben den zwei Matten ablegte. Ich runzelte bei dem Anblick die Stirn. Wollte sie etwa Gymnastikübungen mit mir machen? Das wäre ja normaler, als ich es mir ausgemalt hatte.

Fertig umgezogen fand ich mich vor der Linse ihrer Polaroid-Kamera wieder. Flugs setzte ich ein strahlendes Lächeln auf. Tara musterte zufrieden das Bild, das sie aus der Kamera zog und beschriftete es in demselben Stil wie die anderen Fotos, ohne mich weiter zu beachten. Ich konnte es nicht lassen und sah ihr über die Schulter: Sie trug meinen Namen, mein Alter, das Datum und das Wort, das wohl meine Fähigkeit beschreiben sollte, darauf ein.

»Flüsterin«. Der Begriff war schon mehrmals gefallen, aber ich wusste immer noch nicht so recht, was ich mir darunter vorstellen sollte. Was konnte ich alles tun? Was tat ich jetzt schon, ohne mir dessen bewusst zu sein? Wenn Tara mich berührte, konnte sie meine Kraft absorbieren und selbst verwenden, ich hatte die Auswirkungen am eigenen Leib gespürt. Aber wie kam es, dass ich keine Ahnung hatte, dass ich so etwas konnte?

»Tara?« Sie heftete mein Foto an ihre Pinnwand und nickte mir zu, also redete ich leise weiter. Meine Gedanken zogen ihre Kreise und ich versuchte sie während des Sprechens logisch zu ordnen. »Wenn ich das wirklich kann, was ihr da behauptet … Wie kommt es, dass ich nichts davon weiß? Wenn ich es doch dauernd benutze, hätte ich das nicht merken müssen?«

»Du benutzt es nicht bewusst«, erklärte Tara gelassen und griff nach den Sachen, die sie zurechtgelegt hatte. Eine der Matten drückte sie mir in die Hand. Ich zuckte zurück, aber sie schien es nicht zu bemerken – oder es kümmerte sie einfach nicht. »Du legst es zwar darauf an, aber richtig steuern kannst du es nicht. Deine Gefühle beeinflussen deine Stimmung, und je nachdem, in welchem Gemütszustand du bist und was du gerade benötigst, reagiert deine Gabe darauf. Das ist in Ordnung, wenn du wirklich in einer Notsituation bist. Sagen wir mal, jemand überfällt dich und du bringst ihn dazu, das zu lassen, dann würde das keiner verurteilen. Aber du kannst nicht einfach Menschen manipulieren, wie es dir gerade passt. Damit du nicht von deinen Gefühlen abhängig bist, bin ich hier. Manche Fähigkeiten sind leichter zu ignorieren als andere, Lilja, aber das macht sie nicht moralisch vertretbarer. Komm, wir gehen in den Garten, da lässt es sich gut üben, solange wir Diana nicht in die Quere kommen.«

»Ist es nicht gefährlich, wenn ihr Diana ermutigt, ihre Gabe zu nutzen?«, hakte ich weiter nach und folgte ihr die Treppe hinunter. In einem ausladenden Wohnzimmer öffnete sie die Terrassentür und gab den Blick frei auf die große Wiese hinter dem Haus. Rundherum blühte ein Farbenmeer aus Blumen und es gab mehrere Sitzgelegenheiten. Rechts von uns erstreckte sich in einiger Entfernung ein Sandplatz, daneben eine betonierte Fläche mit einem hohen Zaun drumherum. Dort hatten sich Diana und Finn breitgemacht. In der Hoffnung, etwas von ihrem Training zu erkennen, spähte ich hinüber, doch Tara führte mich zu einer Rasenfläche, die an den Wald grenzte. Nicht weit von uns befand sich sogar ein Swimmingpool. Wieder wunderte ich mich, mit was Taras Eltern ihr Geld verdienten, dass sie sich so ein großartiges Haus leisten konnten. Ich verkniff mir aber die Frage, da Tara sowieso noch über meine letzte Bemerkung grübelte.

»Dianas Kräfte sind physisch veranlagt, nicht psychisch«, erklärte sie mir schließlich. Immerhin legte sie ihre besserwisserische Art allmählich ab, sodass ich mir nicht mehr wie das Dummchen vom Dienst vorkam. Nebenher suchte sie eine Stelle aus, an der sie ihre Ausrüstung abstellte. Ich breitete meine Matte neben ihrer aus, sorgsam darauf achtend, gebührenden Abstand einzuhalten. »Wir hatten schon mal eine Flammenwerferin, Mona. Jedes Mal, wenn ihr die Nerven durchgegangen sind, hat sie irgendetwas in Brand gesteckt. Dianas Kraft ist in dem Sinn gefährlicher als deine, da sie schwerer zu kontrollieren ist und erheblich mehr physischen Schaden anrichten kann. Um sie kontrollieren zu lernen, hilft es Diana, sie regelmäßig zu benutzen und damit Stress abzubauen. Außerdem kann sie durch die Übung das Feuer unter Kontrolle halten, wenn es ausbricht, und schneller reagieren, um den Schaden zu minimieren. Setz dich hin.«

Langsam ließ ich mich auf der Matte nieder und lauschte der Musik, die Tara anmachte. Die leisen Klänge waren ja zum Einschlafen. Da wären mir selbst Dianas ohrenbetäubende Bässe lieber gewesen. Es fehlte nur noch, dass mir Tara mit irgendwelchem Feng-Shui-Kram ankam.

Locker hockte sie sich auf die Matte neben mir, kreuzte die Beine und warf mir einen entspannten Blick zu. »Ab jetzt konzentrierst du dich nur auf dein Training«, befahl sie. Meine Aufmerksamkeit war für einen kurzen Moment zu Diana und Finn hinübergeschweift, die gerade eine Flamme auf dem Arm meiner Cousine bewunderten. Gruselig. Da war mir meine Menschenkontrolle viel lieber.

»Hey, Lilja! Hier spielt die Musik«, ermahnte mich Tara und holte mich damit zurück auf den Boden der Tatsachen. Ihre eisigen Augen nahmen mich gefangen, und ich konzentrierte mich wieder auf sie. Sie sah nicht gerade begeistert aus – eher ratlos, als wäre ich ein Spielzeug, dessen Sinn sie noch nicht ganz herausgefunden hatte.

»Was genau soll ich denn machen?«, hakte ich nach, aber Tara überging meinen fehlenden Enthusiasmus und band ihre schwarzen Strähnen zu einem Knoten.

»Das Wichtigste ist, dass du entspannt bist.« Sie deutete auf meine abwehrende Haltung. »Mach dich locker und versuch den Kopf freizukriegen. Setz dich aufrecht hin, Rücken gerade, Beine über Kreuz und schließ die Augen. Konzentrier dich nur auf dich selbst und meine Anweisungen.«

»Willst du etwa mit mir meditieren?« Ich verkniff mir ein spöttisches Lachen, aber bei Taras ernstem Nicken verging mir der Spaß. »Wirklich?« Ich stöhnte auf. Das durfte doch nicht ihr Ernst sein. Dafür hatte ich Shopping mit Liv sausen lassen? »Tara, ich hab mich doch nicht von dir herschleppen lassen, um irgendwelche Yoga-Übungen zu machen! Wie soll mir das denn weiterhelfen?«

»Indem du einfach mal abwartest und dich entspannst. Ich weiß schon, was ich tue, Lilja, du bist nicht meine erste Schülerin. Los, schließ die Augen und atme tief durch.«

»Ich hoffe, du weißt, dass ich dich dafür echt gern von deiner Matte schubsen würde«, grummelte ich und entlockte ihr damit ein lautes Lachen. Mir blieb keine andere Wahl – ich tat, was sie verlangte. Wie ich im Schneidersitz dahockte und unter Taras forschendem Blick tief durchatmete, kam mir aber nicht weniger affig vor.

»Mach die Augen zu, Lilja. Pass deine Atemzüge an die Musik an.«

»Das ist nicht gerade die Art von Musik, die ich mag, Tara. Können wir nicht was Schnelleres hören?«

»Du sollst dich entspannen, Idiot, es geht nicht darum, dass du in Tanzlaune kommst. Na los, Augen zu.«

»Ist ja gut. Aber fass mich ja nicht an.« Missmutig tat ich, wie mir befohlen wurde, und schloss die Augen. Aus der Ferne hörte ich Dianas und Finns lautes Lachen, das mich noch weiter verstimmte. Die beiden hatten ihren Spaß und ich hockte hier mit Tara, hörte schlechte Musik und durfte mich nur aufs Atmen konzentrieren. Klasse Unterricht.

Einige Minuten vergingen in Stille. Langsam passte ich meine Atemzüge an Taras an. Ein sanfter Wind blies mir einige Strähnen ins Gesicht, aber ich verharrte in meiner Position und hörte einfach nur der einschläfernden Musik zu.

»Jeder Mensch besitzt Energie, die er mit viel Übung kanalisieren kann. Die Begnadeten ziehen aus dieser Energie ihre Kraft, um die Gaben anzuwenden und zu beherrschen. Ich möchte, dass du versuchst, diese Energie in dir zu spüren, Lilja. Konzentrier dich ganz auf deinen Körper und denk nicht zu viel nach.«

»Sagst du so leicht«, murmelte ich und unterdrückte ein aufsteigendes Gähnen. Die Musik schläferte mich wirklich ein und im Liegen hätte ich glatt angefangen zu träumen. Stattdessen strengte ich mich an, nichts zu denken, was sich tatsächlich schwieriger gestaltete, als es Tara darstellte. Wenn man sich auf das Nichts konzentrierte, dachte man automatisch über die dümmsten Dinge nach – die Sache mit dem rosa Elefanten. Meine Gedanken wanderten zu allem Möglichen, nur nicht zu der Energie, die ich nicht im Geringsten spüren konnte.

»Wie soll sich diese Kraft denn anfühlen?« Allmählich nahm meine Lustlosigkeit überhand. Zu meiner Enttäuschung war Tara weiterhin ruhig und besonnen. Ein bisschen Zickendrama wäre mir viel lieber gewesen. Immerhin wäre damit weniger Langeweile aufgekommen als mit ihrem Meditatonsquatsch.

»Das ist bei jedem anders«, erklärte sie und atmete entspannt weiter. »Du wirst es merken, wenn du sie spürst. Sobald du sie hast, solltest du auch auf deine Gabe aktiv zugreifen können. Ich hab sie jetzt losgelassen, an mir kannst du sie sowieso nicht benutzen.«

Wieder vergingen einige Minuten, ohne dass etwas geschah. Entnervt stöhnte ich auf. »Ich spüre gar nichts, Tara. Ich sag’s dir doch, ich habe keine Gabe!«

»Lass dir Zeit«, beschwor sie mich seelenruhig. Ich schlug die Augen auf und blinzelte zu ihr hinüber. Sie saß in derselben Pose wie ich, wobei sie ihr blasses Gesicht der Sonne zugewandt hatte. »Das kommt schon noch, keine Sorge. Bleib einfach locker und versuch dich zu entspannen.«

»Wenn ich noch entspannter bin, schlafe ich ein. Das hilft nichts, können wir nicht was anderes ausprobieren?«

Prüfend sah sie mich an. »Du hast recht, so wird das nichts«, verkündete sie und stand auf. »Du blockierst dich selbst, weil du dich viel zu sehr darauf versteifst. Warte, wir versuchen es mit ein wenig Führung.«

Bevor ich protestieren konnte, ließ sie sich hinter mir nieder und streckte die Hände nach mir aus. Alles in mir sträubte sich dagegen, dass sie mich anfasste, und ich machte mich bereit, sie wegzustoßen.

»Ich nehm dir deine Gabe nicht weg, Lilja, mach dir keine Sorgen.« Ihre Stimme klang erstaunlich sanft, obwohl ich den unterschwelligen Befehlston noch heraushören konnte. »Der Sinn der Sache ist doch, dass du sie spürst. Dreh dich wieder um und schließ die Augen. Lass mich dir einfach ein bisschen Hilfestellung geben.«

Damit hatte ich nicht gerechnet. Mit Vorwürfen oder Genervtheit, aber nicht mit Verständnis. So miserabel, wie ich mich anstellte, konnte Hilfestellung wirklich nicht schaden. Auch wenn ich Tara nicht komplett vertraute, machte ihre Argumentation Sinn. Und was hatte ich schon zu verlieren? Schlimmer als die Peinlichkeit im Schulflur konnte es nicht mehr werden.

Geschlagen drehte ich mich wieder nach vorn und konzentrierte mich auf das Gefühl ihrer Fingerspitzen an meinen Schläfen. Unsere Atmung verflocht sich in einem gleichmäßigen Rhythmus, der Fluchtinstinkt, der mich sonst in ihrer Nähe befiel, verflog. Diesmal fühlte sich ihre Berührung nicht so überwältigend an. Tatsächlich zwang sie mich nicht dazu, sie zu mögen und zu verehren.

Ich konnte mich ganz darauf konzentrieren, meine Gedanken freizumachen. Mein Herz vollführte bei Taras warmer Berührung an meiner Wange einen Sprung. Es war nur ein sanftes Streicheln, federleicht, doch die Berührung war anders als alles, was ich bisher von ihr kennengelernt hatte. Ich konnte mich fallen lassen – eine wohlige Wärme breitete sich in mir aus, ließ mich entspannen und den letzten Rest meiner Bedenken verfliegen.

Nach einigen Minuten hatte ich mich an das Gefühl gewöhnt, wie ihre Finger an meinen Schläfen lagen, und ich spürte, wie alle Last von mir abfiel. Die Gedanken an die Aufgaben, die ich eigentlich erledigen sollte, an meine Auseinandersetzung mit Liv und den peinlichen Moment zwischen Tara und mir kümmerten mich nicht mehr. Stattdessen wurde ich mir über jede Zelle meines Körpers bewusst. Eine Gänsehaut breitete sich in meinem Nacken aus, wo mich Taras Atemzüge kitzelten. Ich fing an, die Ruhe um uns herum zu genießen, da konnte ich sie spüren – die Energie, von der Tara gesprochen hatte.

Wie ein süßer, warmer Fluss in meinem Inneren strömte sie durch meinen Körper und ich tastete mich mental vorsichtig an sie heran, ganz erstaunt darüber, dass ich es tatsächlich geschafft hatte. »Ich glaube, ich hab’s«, murmelte ich und hörte Tara hinter mir glucksen.

»Natürlich hast du es. Konzentrier dich ganz darauf, wie du die Energie benutzt. Du wendest gerade deine Gabe an, Lilja. Ich spür’s, aber mir kannst du damit sowieso nichts anhaben.«

»Was genau tue ich denn?«, fragte ich verblüfft. Mir war gar nicht bewusst gewesen, dass ich unterschwellig meine Gabe nutzte. In mir pulsierte die Energie.

»Du versuchst gerade, mich zu beeinflussen, damit ich dich sympathisch finde. Echt niedlich. Wenn du deine Kraft zu fassen bekommst, probier doch mal aus, mir bewusst irgendetwas zu befehlen.«

Angestrengt richtete ich meine Aufmerksamkeit wieder auf die Energie in meinem Inneren und stellte mir vor, wie Tara aufstand und ein paar Blumen pflückte, die um uns herum wuchsen. Etwas Besseres fiel mir auf die Schnelle nicht ein, aber sie kicherte los. »Sehr gut!« Bei ihrem Lob wurde ich rot vor Stolz.

Ich hatte es geschafft, hatte meine Gabe bewusst gelenkt! Obwohl ich Tara damit nichts anhaben konnte, war ich in diesem Moment außer mir vor Glück. Durch den Zugriff auf meine Energie konnte ich zum ersten Mal glauben, dass das hier nicht eine einzige Lüge war. Es fühlte sich berauschend an. Übermächtig. Damit könnte ich wahre Wunder vollbringen …

»Vergiss es«, hauchte Tara mir amüsiert ins Ohr, als ich mir vorstellte, wie sie die Musik zu etwas Schnellerem wechselte. »Das würde dich nur ablenken und wir veranstalten hier keine Party. Fühlst du dich noch fit? Wenn du deine Kraft zu lange aktiv steuerst, könnte es sein, dass es für deinen Körper zu viel wird.«

»Mir geht’s ganz gut, denke ich«, flüsterte ich zurück. Ich versuchte zu ergründen, was es mit Taras Abwehr meiner Kräfte auf sich hatte. Jedes Mal, wenn ich ihr einen Befehl erteilen wollte, prallte ich an einer Barriere ab. Obwohl es unmöglich schien, suchte ich nach einem Weg, sie zu umgehen. Wenn Tara meine Kraft absorbieren konnte, könnte ich vielleicht diese Mauer, die uns mental trennte, durchbrechen. Immerhin kam sie dahinter hervor und zog meine Kraft hindurch – dann musste es auch für mich ein Schlupfloch geben …

Ein scharfer Schmerz durchschoss meinen Kopf und ich riss mich mit einem schrillen Schrei von Tara los. Hinter meinen Schläfen hämmerte es wie an meinen schlimmsten Katertagen – fehlte nur noch, dass ich mich auf ihre Füße erbrach.

»Genau das ist das Problem bei euch psychisch Begabten.«

Meinen schmerzenden Kopf haltend, drehte ich mich langsam zu ihr um. Ungerührt fuhr sie fort. »Immer müsst ihr es übertreiben. Deshalb sollst du deine Gabe nicht so stark benutzen, erst recht nicht gegen Unantastbare. Unsere Kräfte kannst du nicht durchbrechen, du tust dir nur selbst weh.«

»Das hättest du mir echt mal früher sagen können«, giftete ich sie an. Resignation und der Frust über diese Niederlage ließen das Glück aus meinem Körper schwinden. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich mich noch mal entspannen konnte. Tara merkte jedoch, was mir zu schaffen machte, und verkrümelte sich wieder auf ihre eigene Matte. Mit einer fließenden Bewegung stand sie auf und fing an, sich zu dehnen.

»Das reicht erst mal für heute. Wir machen noch ein paar kleine Übungen, dann hast du die erste Stunde geschafft. Kannst du aufstehen?«

»Ja, geht schon«, murmelte ich und ließ mir ein paar Yoga-Übungen von ihr zeigen, die wir gemeinsam vollführten. Langsam wurde ich ruhiger und der Kopfschmerz ließ ein wenig nach, aber wirklich wohl fühlte ich mich nicht.

Wenigstens blieb mir die Erinnerung daran, wie gut es getan hatte, meine Gabe im Griff zu haben und sie zu benutzen, selbst wenn ich nichts damit ausrichten konnte. Trotzdem hatte die Macht dieser Energie in mir meine letzten Zweifel an Taras und Finns Aussagen zerstreut. Das Gefühl der Wärme, der Überzeugungskraft, die durch mich floss, war überwältigend und anders als alles, was ich kannte. Mit dieser Fähigkeit konnten mich höchstens Unantastbare aufhalten. Ich konnte es nicht länger leugnen: Ich war eine Begnadete.

Ich konnte tatsächlich Menschen manipulieren und ich wollte lernen, wie ich das aktiv betrieb. Dass Tara gerade das unterbinden wollte, interessierte mich nicht. Diese Kraft war viel zu nützlich, um sie nicht zu verwenden.

Endlich war es geschafft und meine Trainerin bedeutete mir, die Matte wieder zusammenzurollen. Ich dachte schon, wir würden zurück ins Haus gehen, doch sie führte mich stattdessen zu Diana und Finn. Die beiden vergnügten sich immer noch mit dem hell lodernden Feuer.

Ich hielt gebührenden Abstand dazu. Immer noch stand mir klar vor Augen, wie mich Diana mit ihren Flammen angegriffen hatte. Obwohl Finn und Tara das jeden Moment stoppen konnten, wollte ich nicht in die Nähe des gefährlichen Elements kommen.

»Na, seid ihr fertig mit euren Turnübungen?«, rief uns Finn entgegen und entlockte seiner Schwester ein verächtliches Schnauben.

»Das sind keine Turnübungen, Finn, sondern Meditationen, die helfen, an Liljas Kraft ranzukommen. Außerdem hat sie sich wirklich gut geschlagen. Bloß weil sie nicht Plätze in Schutt und Asche legen kann, heißt das nicht, dass ihre Kraft weniger Anstrengung verlangt.«

»Sagt ja auch keiner. Aber du musst schon zugeben, dass Dianas Flammeninferno cooler aussieht.«

»Ach ja? Wenn Lilja jemanden dazu bringt, sich völlig zu blamieren, ist das um einiges cooler.«

»Wollen wir’s ausprobieren?« Finns Lächeln war unverschämt herausfordernd, aber ich wusste, dass sich Tara niemals auf so etwas einlassen würde. Dafür war sie viel zu verantwortungsbewusst.

Moment. Wieso griff sie dann nach meiner Hand? Diana fiel Finn freudestrahlend um den Hals. Er wirkte einen Moment lang überrascht, ehe er den Spieß umdrehte und Dianas Kraft dazu benutzte, eine Flamme entstehen zu lassen, die wesentlich größer war als die in unserer Küche. Allerdings schoss sie nun auf mich zu und entlockte mir einen schrillen Schrei, während ich mich an Tara klammerte.

»Mach’s aus, bitte!« Die Panik in meiner Stimme war nicht zu überhören, aber meine Kraft kehrte zu mir zurück. Im selben Augenblick schob mich Tara hinter sich. Diana ließ derweil etwas benommen von Finn ab, der das Feuer grinsend zurückzog.

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960877035
ISBN (Buch)
9783960877059
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v460660
Schlagworte
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Autor

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    Tessa May (Autor)

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Titel: Die Begnadete