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Drachentraum

von Jessica July (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Kurz vorab

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

wie schön, dass du dich für diesen booksnack entschieden hast! Ich möchte dich auch gar nicht lange aufhalten, denn sicher hibbelst du der folgenden Kurzgeschichte schon voller Freude entgegen.

Aber ich möchte dir vorab ganz kurz die wichtigsten Merkmale einer Kurzgeschichte in Erinnerung rufen:

  1. Der Name ist Programm: Alle Kurzgeschichten haben ein gemeinsames Hauptmerkmal. Sie sind kurz.
  2. Kurz und knapp sind auch die Handlung und die erzählte Zeit (Zeitsprünge sind eher selten).
  3. Ganz nach dem Motto »Einleitungen werden total überbewertet« fallen Kurzgeschichten meist sofort mit der Tür ins Haus.
  4. Das zweite Motto lautet »Wer braucht schon ein Happy End?« Also bereite dich auf einen offenen Schluss und/oder eine Pointe am Ende der Geschichte vor. Das Geheimnis dahinter: Kurzgeschichten sollen dich zum Nachdenken anregen.
  5. Versuch deine Neugier zu zügeln, denn auch für die Beschreibung der Charaktere und Handlungsorte gilt »in der Kürze liegt die Würze«.
  6. Die Aussage des Textes ist nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Hier bist DU gefragt, um zwischen den Zeilen zu lesen und deine persönliche Botschaft aus der Geschichte zu ziehen.

Jetzt bist du gewappnet für unseren literarischen Snack. Und findest du nicht auch, dass man diesen gleich noch mehr genießen kann, wenn man weiß was drin ist?

 

Viel Spaß beim Booksnacken wünscht dir

Dein booksnack-Team

booksnacks

Über dieses E-Book

Tina flieht vor dem Mobbing regelmäßig in ihre Traumwelt. Doch ihr neuer Mitschüler Conan beschäftigt sie nicht nur im Klassenzimmer, sondern er ist auch mittendrin – in ihrem Traum. Wer von beiden träumt nun den Traum von dem bösen Drachen, der die Menschheit unterdrückt?

Impressum

booksnacks

Erstausgabe März 2019

Copyright © 2020 booksnacks, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-338-9

Covergestaltung: Stephanie Schlagenhauf
unter Verwendung eines Motivs von
shutterstock.com: © Josep.Ng
Lektorat: Daniela Pusch

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Die Sonne stieg langsam über dem verschlafenen Vorort auf und ließ die Zuckerwattewölckchen wie in Erdbeersoße getaucht rötlich schimmern. Tina streckte sich träge in ihrem Bett und zog sich die Decke über den Kopf. Sie genoss diese ruhigen Momente am frühen Morgen, wenn sie noch vor dem Weckerklingeln aufwachte. Lange würde diese Ruhe nicht anhalten. Yvonne hatte es sich zu ihrer wichtigsten Aufgabe gemacht, Tina das Leben so schwer wie möglich zu machen. Sie waren jetzt in der zwölften Klasse und bereits seit der fünften, seit dem Vorfall mit Sven, war Tina die Lieblingsfeindin von Yvonne. Dabei wollte Tina gar nichts von Sven. Es war purer Zufall gewesen, dass sie bei dem Biologie-Projekt in einer Gruppe waren. Und dass das Thema Sexualkunde war und Sven mit Tina unbedingt die gängigen Stellungen nachspielen wollte, war ja nun wirklich nicht Tinas Verschulden. Doch Yvonne, die Diva der Schule, sah das anders. Ihrer Meinung nach gehörte der Schönling der Schule ganz allein ihr. Tina pustete mit einem Seufzen eine helle Haarsträhne aus ihrer Stirn, dann schlug sie die Decke weg, um ins Bad zu gehen. Auf dem Weg zum Frühstückstisch öffnete sie Sala die Hintertür, damit sie sich im Garten selber Gassi führen konnte. Tina hatte sich auf Anhieb in den Mischlingswelpen, der fast aussah wie ein Wolf, verliebt. Ihr war klar gewesen, dass dieses kleine Hundemädchen keinen Tag länger sein Dasein in diesem Tierheim fristen durfte. Als sie mit ihrer Schultasche am Grundstück entlanglief, folgte ihr Sala so weit es die dicke Hecke ermöglichte und Tina verspürte jedesmal einen feinen Stich im Herzen, wenn sie den Weg zur Schule alleine gehen musste. Sie fuhr etwa zwanzig Minuten mit dem Bus. Der Weg von der Bushaltestelle zum Schulgebäude entwickelte sich oft zu einem Spießrutenlauf. Yvonne und ihre Freundinnen hatten sich links und rechts der Eingangstür positioniert und begrüßten jeden, der ihr Spalier passierte, mit einem bissigen Kommentar.

„Hast du heute den Weg in die Dusche nicht gefunden, du Stinktier?“, war Yvonnes Lieblingsspruch für Tina.

„Tut mir leid“, antwortete diese. „Aber das Wasserloch wurde so lange von deiner Sippe in Beschlag genommen.“

Yvonne schnappte hörbar nach Luft und Tina konnte mehr spüren, als sehen, wie sich eine Wand aus eingeschnappten Mädels um sie herum aufbaute. So umzingelt sah Tina keine Möglichkeit zu entkommen, als die Furien sie in das Schulgebäude durch die Flure zum leeren Jungsklo schoben. Sie stießen sie in eine der Kabinen und schlugen die Tür zu.

„Hey, was soll der Scheiß. Lasst mich hier raus!“ Tina drückte so fest sie konnte gegen die Tür, doch die Horde Mädchen war in ihrer geballten Kraft sehr viel stärker als sie.

„Ganz genau, Scheiß ist das richtige Wort“, höhnte Yvonne. „Da hast du jetzt dein Wasserloch und kannst ganz in Ruhe reinscheißen.“

Tina hörte, wie die Mädels die Toilette verließen, ihr Rufen und Hämmern völlig ignorierend. Sie warf sich mit Gewalt gegen die Tür, doch diese rührte sich keinen Millimeter. Sie hatten die Tür blockiert und sämtliches Schieben und Rütteln brachte keinen Erfolg. Tina stellte sich auf die Klobrille und versuchte über die Tür zu klettern. Doch sie rutschte mit den glatten Sohlen ihrer Schuhe ab und landete mit dem linken Fuß im Wasser.

„Verdammt!“ Resigniert lehnte sie sich gegen die Kabinenwand. In der ersten Stunde hatten sie Mathe, das mochte sie ohnehin nicht. Aber bis zum Deutschunterricht musste sie hier raus sein, da würden sie ein Gedicht interpretieren. Tina schaute gelangweilt nach oben und inspizierte die Wasserflecken an der Decke. Langsam wurde aus dem zufälligen Muster eine Landschaft, durch die ein mutiges, starkes Mädchen rannte …

 

***

 

Als wäre der Teufel höchstpersönlich hinter ihr her, rannte sie über ein Stück brachliegendes Ackerland. Ihr Herz raste und ihr Atem ging keuchend. Sie spürte, wie die Muskeln in ihren Waden gegen die ungewohnte Anstrengung protestierten, indem sie verkrampften. Doch obwohl sie mit größter Kraftanstrengung weiterrannte, holten die beiden Ritter in den schwarzen Rüstungen schnell auf. Sie trugen keine Helme und ihre Gesichter sahen beinahe nicht menschlich aus. Viel zu grobschlächtig wirkten ihre Züge, als hätte man sie grob aus Stein gehauen. Unerbittlich schmolz der Abstand zwischen ihnen dahin. Die Sonne brannte erbarmungslos von einem wolkenlosen Himmel. Der Schweiß rann ihr in Strömen von Gesicht und Rücken und ihr T-Shirt hätte man auswringen können. Die Jeans war total verdreckt, von den Schuhen ganz zu schweigen. Mit dem linken Fuß war sie von dem schmalen Grat einer Ackerfurche abgerutscht und in einer Pfütze gelandet, die der Hitze tapfer die Stirn bot. Der nasse Stoff der Socke rieb ihr unangenehm an der Ferse. Das Rennen auf dem unebenen Boden erforderte ihre gesamte Konzentration, um nicht ins Straucheln zu geraten. So bemerkte sie nicht, dass ihre Verfolger bedrohlich nahegekommen waren. Ein derber Stoß in den Rücken ließ sie der Länge nach zu Boden stürzen. Kräftige Hände drehten ihr die Arme auf den Rücken und rissen sie grob in die Höhe. Anit beschloss, dass diese groben Ritter in ihren dunklen Rüstungen keine Einladung zu ihrer nächsten Geburtstagsfeier bekommen würden. Sie konnte einen ihrer Arme aus dem Griff winden und schlug dem Ritter hinter ihr mehrmals mit der flachen Hand ins Gesicht. Sie traute sich nicht, die Faust einzusetzen, zu groß war die Angst, ihre Knöchel könnten an dem kantigen Kiefer brechen. Der Ritter ließ sie los und wandte sich ab, um sich vor den Schlägen zu schützen. Dabei stolperte er rückwärts über eine Furche im Acker. Anit griff sich eine Handvoll Dreck und warf sie dem Anderen mitten ins Gesicht. Diesen kurzen Moment der Ablenkung nutzte sie und rannte los. Sie rannte so schnell sie noch konnte bis zum Rand des Ackers und krachte durch das dichte Unterholz des angrenzenden Waldes. Die Dornen der Büsche und Sträucher schnitten schmerzhaft in ihr Gesicht und Hände, bis sie endlich einen Waldweg erreichte, dem sie mühsam folgte. Lange würde sie diesen Marathon nicht mehr durchhalten. Sie sah mehrmals über die Schulter zurück. Als sie keinen ihrer Verfolger sehen konnte, fiel sie in einen kräftesparenden Trab. Doch auch den hielt sie nicht mehr lange durch. Sie suchte sich einen einladenden Baum, auf dem sie ein paar Minuten verschnaufen wollte. Sie hatte den Stamm noch nicht mal erreicht, als die Welt plötzlich auf dem Kopf stand. Ein schmerzhafter Ruck am linken Bein hatte sie nach oben gerissen und nun baumelte sie kopfüber unter dem Baum. Welcher Idiot baute denn hier eine Seilfalle? Sie versuchte, sich nach oben zu hangeln, um das Seil von ihrem Knöchel zu lösen, die Schlaufe hatte sich allerdings durch ihr eigenes Körpergewicht zu fest zugezogen, sie schaffte es nicht, sich zu befreien. Kraftlos ließ sie sich nach unten hängen.

„Was machst du denn da?“, hörte sie eine belustigte Stimme.

„Ich unterhalte mich mit einer Fledermaus.“ Anit sah den Jungen unter ihr genervt an.

„Hier gibt es keine Fledermäuse. Nur eine giftige Schlange hängt hier kopfüber rum.“

„Schneid mich los!“

Er rührte sich nicht, sah sie nur mit vor der Brust verschränkten Armen an.

„Würdest du mich losschneiden?“, fragte sie. Sie pendelte und drehte sich unter dem Baum, so dass er immer wieder aus ihrem Sichtfeld verschwand. Als er sich weiterhin nicht rührte, ergänzte sie: „Bitte!“

Mit einem „Na geht doch!“ kletterte er behände den Baum empor und säbelte das Seil mit einem kleinen Messer durch. Obwohl Anit versucht hatte, sich auf den Sturz vorzubereiteten, knallte sie hart auf den Waldboden und ihr blieb für ein paar Sekunden die Luft weg. Sie schaute dem Jungen zu, wie er trotz seiner schlaksigen Gestalt ohne einen einzigen Fehltritt am Stamm wieder hinunterkletterte. Auf seinem T-Shirt stand „Hero of the day“ und Anit musste grinsen.

 

***

 

Doch das Grinsen erstarrte zu einer Grimasse, als Tina hörte, wie jemand den Vorraum der Toilette betrat und ans Waschbecken ging.

„Hallo?“, rief sie zögerlich. Schritte näherten sich ihrer Kabine. Unter der Tür hindurch sah sie graue Sneakers. Ein Rascheln und Schaben war zu hören, dann ging die Tür auf. Vor ihr stand der Außenseiter der Schule. Conan hielt den Wischmopp in der Hand, mit dem die Tür blockiert gewesen war, und auf seiner Brust prangte der Aufdruck „Hero of the day“. Tina sah verschämt zu Boden, murmelte ein „Danke“ und verließ die Toilette, ohne sich noch einmal umzusehen.

„Hey, warte doch mal!“ Conan lief ihr hinterher und fasste sie am Handgelenk, um sie zum stehenbleiben zu zwingen.

„Was willst du?“ Tina wirbelte herum, vermied es aber, ihm in die Augen zu schauen. Sie war frustriert und fühlte sich gedemütigt, weil es Yvonne und ihrer Sippe gelungen war, sie in der Jungstoilette einzusperren.

„Solltest du jetzt nicht in Mathe sein?“, fragte Conan.

„Du doch auch!“ Eine Standpauke zum Thema Schwänzen von einem Schwänzer brauchte Tina jetzt nun wirklich nicht.

„Ich hatte Tafeldienst. Aber weil der Schwamm voll Kreidewasser mich so anekelt, wollte ich mir nur schnell die Hände mit Seife waschen. Der Spender im Klassenraum ist leer.“ Er sah sie erwartungsvoll an. „Jetzt du!“

„Yvonne hat sich mal wieder was Tolles ausgedacht, um mich zu demütigen. Ende der Geschichte.“

„Das ist eine sehr kurze Geschichte. Kommst du jetzt mit in Mathe?“ Conan wandte sich zum Gehen, schien ihre Antwort gar nicht erst abwarten zu wollen.

„Nein!“ Sie traute sich nicht, mit solch einer Verspätung in Mathe aufzutauchen, daher drückte sie sich in einer versteckten Ecke auf dem Schulhof rum, bis der Gong zur großen Pause rief. Am Kiosk holte sie sich ein Matschbrötchen, ein Schaumkuss zwischen zwei Brötchenhälften gematscht, und mischte sich möglichst unauffällig zwischen die anderen Schüler.

„Na, wen haben wir denn da?“, fragte eine gemeine Stimme hinter ihr. Sie wirbelte herum und schaute ihren Mathelehrer stumm an.

„Willst du etwas zu deiner Verteidigung sagen?“

Tina schluckte mühsam den süßen Schaum aus dem Brötchen herunter, lächelte Herrn Keidel schüchtern an und stotterte: „Ja, ähm. Als ich heute Morgen aufwachte. Da war überall Blut in meinem Bett.“

Herrn Keidel entgleisten die Gesichtszüge. „Schon gut. Schon gut. Red nicht weiter. Aber solltest du erneut beim Schwänzen erwischt werden, wird das Konsequenzen haben.“

Nur mühsam konnte Tina sich das fiese Grinsen verkneifen, als sie zum Klassenraum ging. Jetzt war Deutsch dran, ihr Lieblingsfach. Die Pause war noch lange nicht vorbei, doch Tina setzte sich bereits an ihren Tisch, um die Geschichte, die sie schon seit längerem in ihrem Kopf und in ihrem Notizbuch mit sich herumtrug, weiterzuspinnen.

 

***

 

Anits Muskeln wollten keinen weiteren Schritt mehr laufen. Sie stolperte über eine Wurzel und schlug der Länge nach auf dem Waldboden auf. Sofort waren zwei dunkle Ritter über ihr. Anit hatte nicht bemerkt, dass ihre Verfolger bereits so nahe waren. Seit ihrem Sturz vom Baum plagten sie tierische Kopfschmerzen. Ihren Retter hatte sie einfach stehenlassen und war weiter gelaufen. Egal wohin, hauptsache weg von diesen Rittern. Doch nun packten sie sie links und rechts und zerrten sie zu einem alten Schloss. Hier verbrachte sie die Nacht in einem Kerker. Sie war viel zu erschöpft, um den kalten Stein unter ihrem Hintern zu spüren, oder sich vor den wuselnden Ratten zu ekeln. Sie war einfach nur froh, nicht mehr laufen zu müssen. Die Erschöpfung trieb sie in einen unruhigen Schlaf. Ihre Beine zuckten unkontrolliert, als würde sie selbst im Traum noch rennen. Langsam stieg erneut die Sonne auf und die ersten Lichtstrahlen stahlen sich durch das vergitterte Fenster und kitzelten Anit, bis sie die Augen aufschlug. Sie genoss das Gefühl, wach zu sein, bevor einer der dunklen Ritter in den Kerker gepoltert kam. Sie hörte ihn schon von Weitem und dennoch konnte sie sich nicht dagegen wappnen, dass er sie wie eine Puppe am Arm packte und hinter sich herschleifte. Ihr Zetern und Zappeln völlig ignorierend warf er sie einem Kobold vor die Füße.

„Was wollt ihr von mir?“ Anit versuchte, aufzuspringen. Wurde aber sogleich von einem schweren Stiefel niedergedrückt. Sie lag auf den Knien, der Ritter stand mit einem Fuß auf ihrer rechten Wade und nagelte sie so auf dem Boden fest.

„Du hast mich um meine Jagd gebracht“, sagte der Kobold.

„Welche Jagd?“

„Die Jagd nach dem Wolfsmädchen. Du hast sie mir vor der Nase weggeschnappt.“

„Du meinst Sala? Sie ist meine treue Wegbegleiterin. Nimm dir eine der anderen Kreaturen aus diesem Gefängnis. Meine Kleine bekommst du nicht!“

„Und wo ist deine treue Gefährtin jetzt?“, höhnte der Kobold.

„In Sicherheit!“

„Wenn ich dein Wolfsmädchen nicht kriege, werde ich eben dich jagen!“ Er gab dem Ritter hinter Anit ein Zeichen, er solle sie aufrichten. Anit kniete vor dem Kobold, der Ritter drückte ihr ihren Kopf in den Nacken und der Kobold zog mit einer fließenden Bewegung ein Messer aus seinem Stiefel. Der Stahl war stumpf und dunkel von Rost und Blut, dadurch verlor er allerdings nichts von seiner Bedrohlichkeit, als der Kobold ihn ihr an die Kehle hielt.

„Lauf! Lauf um dein Leben, solange du noch kannst!“

Sie sah ihn mit kalten Augen an: „Nein!“

„Wenn du nicht um dein Leben laufen willst, dann lauf um seines!“

Die doppelflüglige Tür wurde aufgestoßen und der Junge, der sie vom Baum geschnitten hatte, schlitterte zusammengekrümmt über den glatten Boden, bis er vor dem Kobold liegenblieb. Dieser riss den Jungen an den Haaren grob nach oben und hielt nun ihm das Messer an die Kehle. Die grauen Augen des Jungen flackerten vor Panik und er wagte kaum zu schlucken.

„Lauf! Lauf um euer beider Leben!“, sagte der Kobold und rammte dem Jungen das Messer zwischen die Rippen.

Anit riss die Augen auf. Konnte das wirklich wahr sein? Der Schmerzensschrei des Jungen war es auf jeden Fall. Gekrümmt lag er auf dem Boden, schrie erneut, als das Messer wieder aus ihm herausgezogen wurde. Sein flehender Blick traf auf Anit und verfehlte seine Wirkung nicht. Der Griff des Ritters lockerte sich und Anit rannte los. Sie rannte durch die langen Gänge, die ihre Schritte gespenstisch von den nackten Wänden zurückhallen ließen. Die riesige Eingangstür ließ sich erstaunlich leicht öffnen und Anit überquerte Haken schlagend das riesige Gelände im Innenhof, bis sie zum Tor gelangte. Natürlich war es verschlossen und Anit sah voller Verzweiflung an dem schmiedeeisernen Gitter hoch. Es maß gut drei Meter und war in regelmäßigen Abständen mit Eisenspitzen versehen. Anit lief mehrmals an der Mauer entlang. Diese war etwa zwei Meter hoch und sauber verputzt. An ein Hochklettern war nicht zu denken. „Verflucht!“, schimpfte sie und bekam eine schnatternde Antwort. Im Baum saß ein Eichhörnchen und schien sie mit seinem Schnattern auszulachen. Es flitzte einen Ast entlang, der bis zur Mauer reichte, dann verließ es mit einem eleganten Satz das Grundstück.

„Ich danke dir, Kleiner“, sagte Anit und kletterte ebenfalls den Baum hoch. Doch der Ast in der Nähe der Mauer erwies sich als zu dünn für sie. Die Mauer befand sich immer noch einen Meter von ihr weg. Auf festem Boden war das kein Problem, doch hier, auf diesem wackeligen Ast, spielte sie mit dem Gedanken, wieder runter zu klettern, um einen anderen Weg zu suchen. Lautes Hundegebell hielt sie von diesem Plan ab. Ohne weiter drüber nachzudenken sprang sie auf die Mauer und landete wie durch ein Wunder genau in der Mitte. Drei Meter unter ihr befand sich ein ausgetrockneter Graben. Wenn sie hier runter sprang, würde sie sich den Knöchel brechen. Die Hunde kamen unüberhörbar näher und stoppten ihre Zweifel. Sie rannte auf der Mauer zum Tor und sprang diagonal auf die Kieseinfahrt auf der anderen Seite des Eisengitters. Sie strauchelte und fiel unsanft auf den Hintern. Noch im Aufstehen klopfte sie sich den Staub vom Hosenboden und rannte los. Der Kobold schlenderte zum Tor in der festen Annahme, diese Göre würde früher oder später dort auftauchen. Mit einer Mischung aus Verwirrung und Belustigung beobachtete er, wie seine Hunde einen der Bäume umrundeten und ankläfften. Er trat näher und schaute durch das Blätterdach in die Baumkrone. Dort saß ein kleines Eichhörnchen und schnatterte wütend die Hunde an. „Blöde Hunde! Lassen sich von einem Nagetier aus der Ruhe bringen.“

 

***

 

„Die Freiheit ist zum Greifen nah.

Kämpft um das was ist

und das, was war.

Greift zu den Waffen

und lasst den Wahnsinn

einen Kopfstand machen.“

Frau Backhaus hielt kurz inne, dann fragte sie in die Klasse: „Wie würdet ihr dieses Gedicht interpretieren?“

Tina meldete sich zögerlich und Frau Backhaus nickte ihr aufmunternd zu. „Also für mich klingt das wie eine Prophezeiung. Jemand soll für seine Freiheit kämpfen.“

„Was, denkst du, soll der Wahnsinn sein?“

„Keine Ahnung.“ Tina wollte nicht vor der gesamten Klasse über Wahnsinn reden. Schon gar nicht seit den Zwischenzeugnissen; sie fühlte sich dem Wahnsinn auch so schon nah genug. Seit der Außenseiter der Schule in ihre Klasse versetzt worden war und sie mit seinen grauen Augen ganz kribbelig machte. Und heute erst recht nicht, nachdem er sie aus der Toilette befreit hatte.

„Und die Sache mit dem Kopfstand?“

„Vielleicht geht es um den Namen des Retters, der auf den Kopf gestellt werden muss. Etwa wie aus Lisa Asil wird.“

„Kommt, wir schicken sie ins Asyl“, feixte Yvonne.

„Kannst du auch etwas Produktives dazu beitragen?“, fragte Frau Backhaus laut und Yvonne zuckte zusammen. „Naja, aus Tina wird dann Anit.“

Wieder kicherte die ganze Klasse, verstummte jedoch schnell, als Tina sich zu Yvonne umwandte. „Aus Yvonne wird Ennovy. Ich kenne Menschen, die nennen ihr Meerschweinchen so.“ Diesesmal hatte Tina die Lacher auf ihrer Seite und Yvonnes Gesichtsfarbe wandelte sich von vornehmer Blässe zu wütendem Rot. Tina genoss ihren kleinen Sieg, doch während der Pausen drückte sie sich immer in der Nähe der Aufsicht herum. Yonne und ihre Gefolgschaft würden sich niemals im Beisein eines Lehrers an ihr vergreifen. Als der letzte Gong das Ende des Schultages ankündigte, rannte Tina so schnell sie konnte nach Hause. Dort sperrte sie sich in ihr Zimmer ein, ohne auf die Fragen ihrer Mutter zu antworten. Eigentlich hätte sie für die Biologie-Arbeit lernen müssen, doch immer wieder schlich sich ihre Geschichte in ihre Gedanken. Schließlich legte sie sich aufs Bett und fuhr mit dem Fingern die Furchen der Raufasertapete entlang. Sala kuschelte sich in ihre Armbeuge und bettete ihren Kopf auf Tinas Brust.

 

***

 

Anit hatte den Hunden des Kobolds nicht lange entkommen können und mit einem Karren wurde sie in ein Bergwerk tief unter der Erde gebracht. Ein Troll drückte ihr Hammer und Meißel in die Hand, mit denen sie den Gang immer tiefer in die Erde trieb. Neben ihr arbeitete der Junge, der sie vom Baum geschnitten hatte. Er hatte kein einziges Mal von seiner Arbeit aufgesehen. Stumm hieb er mit schwachen Schlägen auf den Meißel und löste Stein um Stein aus dem Fels. Immer wieder fuhr seine Hand an seine Rippen, zwischen denen das Messer gesteckt hatte. Anit war überrascht, dass er diesen Angriff überlebt hatte. Und noch mehr verblüffte es sie, dass er mit dieser Verletzung genügend Kraft für solch eine Arbeit fand. Ein kleiner Gnom kam in unregelmäßigen Abständen mit einem Karren vorbei und sammelte die Gesteinsbrocken ein. Tina verstand nicht, warum sie hier war und warum sie diesen Gang graben musste. Jeder Versuch von ihr, mit dem Jungen ins Gespräch zu kommen, wurde von ihm völlig ignoriert. Als ein schriller Pfiff ertönte, wurden sie in ihre Zelle geführt. Der Boden war mit feuchtem, verfaultem Stroh ausgelegt und in einer Ecke standen zwei Schalen mit undefinierbarem Inhalt. Der Junge setzte sich auf das faulende Stroh und begann, eine der Schüsseln mit den Fingern leer zu essen. Anit stand unschlüssig in der Mitte der Zelle. Ihr tat von der Arbeit alles weh und sie hätte sich gerne schlafen gelegt. Aber noch war sie nicht müde genug, um den Ekel überwinden zu können.

„Du solltest etwas essen.“

„Was?“ Sie fuhr überrascht zusammen. Der Junge hielt ihr die andere Schüssel entgegen.

„Setz dich und iss. Die Pause dauert nicht ewig.“

Zögernd ließ sich Tina neben ihn auf das Stroh nieder und griff nach der Schüssel.

„Du kannst ja reden.“

„Du kannst es doch auch.“

„Warum hast du mir dann nicht geantwortet?“

„Weil man dafür Schläge bekommen kann. Jetzt iss.“

„Warte mal. Was meinst du mit Pause? Wir müssen noch weiter schuften?“

Der Junge schaufelte sich mit den Fingern den Brei aus der Schüssel in den Mund, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Tina sah sich in der engen Zelle um. Zwei Strohlager waren von massiven Felswänden umringt, die offene Seite wurde von einem dicken Eisengitter versperrt. Sie wandte sich wieder dem Jungen zu. „Was ist das hier?“

„Offiziell ist es ein Heim für elternlose Jugendliche. Aber im Grunde genommen ist es ein Arbeitslager, in dem jeder schuften muss, für den es keine Heimat gibt. Der kleinste Fehltritt reicht aus, um als Gauner hier eingesperrt zu werden.“

„Was hast du getan?“

„Ich habe dich vom Baum gepflückt.“

„Dann ist es meine Schuld, dass du hier bist?“ Bestürzung lag in Anits Stimme.

„Sieht so aus. Aber da oben gibt es nicht viel, was ich vermissen könnte. Nur Kaypas.“

„Alles, was dir hier fehlt ist Obst.“

„Ja. Ich liebe Kaypas über alles. Ich habe sie als Kind von Nachbars Baum geklaut.“

„Was genau tun wir hier?“

„Wir schürfen nach Grannen. Oder besser gesagt, wir hauen handliche Steine aus dem Fels, diese werden dann an der Erdoberfläche zermalmt, bis kleine, kugelförmige Stückchen übrigbleiben. Das ist das Grannen, ein Material, das jedes Schwert unsagbar stark macht. Wenn in dein Schwert Grannen eingearbeitet ist, wird es nie im Leben rosten. Du wirst nie auch nur die kleinste Scharte haben und brechen kann er schon mal gar nicht.“

„Und vermutlich wird es auch nie stumpf und es macht dich unverwundbar.“

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960873389
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v460687
Schlagworte
spann-ung-en-de Kurz-geschichte Mobbing Traum Wirklichkeit Schule Drache Fantasy

Autor

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    Jessica July (Autor)

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Titel: Drachentraum