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Schlafe tief

von Thomas Kowa (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Es verspricht, deinen Schlafbedarf auf eine Stunde zu verkürzen.
Es verspricht, die Welt zu ändern.
Es verspricht, dich zu ändern.

Remexan ist eine Revolution. Doch Revolutionen bringen meistens Tote mit sich.So ereignen sich im Umfeld des verschwiegenen Pharmakonzerns GENEKNOV bestialische Morde, die Opfer wurden präpariert wie Versuchstiere.
Während sich Kommissar Erik Lindberg in die Ermittlungen stürzt, kämpft er mit einer erschütternden Erkenntnis aus seinem Privatleben. Der Bundespolizeichef setzt ihn unter Druck und Lindberg läuft die Zeit davon. Gleichzeitig wird der verlockende Ruf des Remexans immer lauter …

Impressum

dp Verlag

Überarbeitete Neuausgabe März 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-567-3
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-713-4
Hörbuch-ISBN: 978-8-72614-653-0

Copyright © 2016, dp DIGITAL PUBLISHERS
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits 2016 bei dp DIGITAL PUBLISHERS erschienenen Titels Remxan – Der Mann ohne Schlaf (ISBN: 978-3-94529-880-0).

Covergestaltung: rauschgold Coverdesign
unter Verwendung eines Motivs von
shutterstock.com: © posteriori
Lektorat: Daniela Höhne

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Remexan® <Kunstwort> das, –s, Warenzeichen der Firma GENEKNOV. Personalisiertes Psychopharmakon zur künstlichen Schlafverkürzung. Durch Einnahme des Arzneimittels wird die durchschnittliche Schlafdauer von acht Stunden auf ca. 60 Minuten reduziert.

1

Noch war Leben in ihr. Still lag sie da, ihre Augen geschlossen, ihr Körper regungslos, nur der Brustkorb senkte und hob sich mechanisch.

Doch sie schlief nicht.

Erik Lindberg beugte sich über sie, ging ganz nah an ihre Lippen heran, aber er spürte ihren Atem nicht.

Mechanisches Surren erfüllte den Raum. Lindberg hasste dieses Geräusch. Obwohl die Ärzte sagten, dass die Apparate, die es verursachten, lebensnotwendig waren. Dabei konservierten sie das Leben nur, bis es gleich dem Sterben war.

Im Karton, den er mitgebracht hatte, maunzte es. Lindberg sprach ein paar beruhigende Worte und schob ein Leckerli hinein.

Paula hatte ihm immer gesagt, dass sie lieber tot wäre, als an einer Maschine angeschlossen.

Doch das sagte sich leicht, wenn man jung und gesund war. Moralisieren war immer einfach, wenn es um Fragen ging, die einen gar nicht betrafen.

Er hatte Paula sogar versprechen müssen, nie zuzulassen, dass ihr Leben an Geräten hing. Auch für ihn war das damals nur eine hypothetische Frage gewesen.

Bis es wirklich geschehen war. Bis der Arzt ihm nur mit seinem Blick mehr über die Diagnose gesagt hatte, als mit allen Worten, die folgten.

Dieser verzweifelte Blick, den kannte Lindberg gut genug. Wenn er vor den Angehörigen stehen und ihnen die bittere Nachricht überbringen musste. Er hatte geglaubt, er wüsste, wie es sich auf der anderen Seite anfühlte.

Erik Lindberg strich sich durch das schwarze Haar. Er musste eine Entscheidung treffen. Hätte Paula eine Patientenverfügung gemacht, wäre ihm diese Last abgenommen worden. Doch sie hatte sich auf ihn verlassen wollen, nicht auf den Staat oder die Ärzte. Vielleicht hatte Paula aber auch der eigenen Entscheidung nicht getraut und sie daher ihm in die Hand gelegt.

Zärtlich streichelte er Paulas Gesicht, jedenfalls soweit es diese verdammte Beatmungsmaske zuließ. Manchmal kam es ihm vor, als sauge dieses hässliche Ding aus Plastik alle Kraft aus ihr, so ausgemergelt wie Paula inzwischen dalag. Wie ein Parasit hatte die Maske sich ausgebreitet, bedeckte Nase wie Mund und hielt Wache, sodass er ihr nicht mal einen Kuss geben konnte.

Nichts von dem war geblieben, was das Leben für sie lebenswert gemacht hatte.

Alle Versuche, sie zurückzuholen, waren gescheitert. Die Blicke der Ärzte waren zwar routinierter geworden, aber nicht zuversichtlicher.

In der Charité in Berlin hatte man ihr das Etikett austherapiert verpasst – nach nur vier Monaten.

Also hatte er Paula in ihre alte Heimat nach Basel verlegen lassen, in der Hoffnung, dass es dort besser wurde.

Doch es hatte sich nur die Klinik geändert und der Dialekt der Pflegerinnen.

Die Ärzte hatten alles versucht. Und er ebenso. Jeden Tag eine andere Idee. Begonnen hatte er damals mit ihrem Lieblingssong, Enjoy the Silence von Depeche Mode, den er ihr mittels iPod auf Ohrhörern vorgespielt hatte, verschiedene Filme waren gefolgt, er hatte die Straße vor ihrem Haus aufgenommen, die Durchsage in dem Zug, mit dem sie immer gependelt war, vor einer Woche hatte er sogar einen Meister für chinesische Akupunktur ins Krankenhaus gebracht, doch Paula hatte jedes Mal dagelegen wie schon gestorben.

Einmal hatte er in Berlin trotz des ausdrücklichen Verbots sogar versucht, Dr. Watson, Paulas Kater, in einer mit Löchern versehenen Kartonbox ins Krankenhaus zu schmuggeln.

Natürlich war er erwischt worden, bevor er Paulas Zimmer überhaupt erreicht hatte.

In der Basler Klinik waren Tiere auch verboten, doch er hatte dazugelernt und die Kartonbox mit dünner Seide umwickelt, als sei es ein Geschenk. Außerdem hatte es einige Übungseinheiten und noch mehr Leckerli gebraucht, bis Dr. Watson sich im Karton endlich still verhielt.

Die Schwester sollte erst in einer halben Stunde wieder auf Visite in Paulas Zimmer kommen, also löste Lindberg das Seidentuch und lupfte den Kartondeckel, begleitet vom leisen Scharren Dr. Watsons.

Der Kater steckte neugierig sein schwarzes Köpfchen aus dem Karton, sprang heraus, ignorierte das Leckerli in Lindbergs Hand, lief über die Bettdecke auf sein Frauchen zu und schleckte ihr die Backen ab.

Paula reagierte nicht.

Dr. Watson stupste sie am Ohr, blickte zu Lindberg, rieb sich an ihrem Kinn und stieg dann über Paula, um sich in ihre Armbeuge zu legen.

Lindberg packte Paulas Hand und streichelte sie, eine Träne fiel auf ihren Oberarm. Er hatte Paula von Anfang an geliebt, abgöttisch, sie waren erst zwei Jahre zusammen gewesen, doch er hatte nie daran gezweifelt, dass sie heiraten würden, Kinder bekommen und irgendwann Enkel.

Er war sich so sicher gewesen.

Doch das Leben hielt sich nicht an Pläne. Jedenfalls nicht, wenn man Kriminalkommissar war. Der Mann, der ihr das angetan hatte, saß im Gefängnis, das wenigstens hatte Lindberg erreicht. Doch das klärte nicht die Schuldfrage, klärte nicht, wie es soweit hatte kommen können.

Musste er seiner Freundin daher nicht wenigstens ihren letzten Wunsch erfüllen?

Erik Lindberg hatte die Entscheidung immer weggedrückt, doch jetzt, während Dr. Watson neben seinem Frauchen lag, spürte Lindberg, dass er nicht länger warten durfte.

Welches Recht nahm er sich heraus, ihren Willen zu ignorieren?

Lindberg hörte vom Flur Schritte. Er flüsterte dem Kater zu, er solle zu ihm kommen, winkte mit dem Leckerli, doch der blieb einfach neben Paula liegen und schien sich mal wieder zu wundern, wie kompliziert die Menschen waren.

Lindberg packte ihn, legte ihn in den Karton, das Leckerli dazu, doch Dr. Watson maunzte trotzdem.

Die Schritte stoppten und schienen sich wieder zu entfernen.

Lindberg kraulte den Kater noch ein wenig, dann schloss er den Karton und wickelte das Seidentuch darum.

Vor Enttäuschung zitternd, strich er mit den Fingern über Paulas Maske und auf einmal wusste er, was sie wollte.

Er schob seine Finger unter die Gummi-Arretierung der Atemmaske und hob sie leicht an.

Das mechanische Atemgeräusch wurde lauter, jetzt, da das Plastik nicht mehr auf das Gesicht drückte. Paula rührte sich nicht und Lindberg hob die Maske stärker an.

Er schob das verhasste Plastikteil nach oben, Zentimeter für Zentimeter.

Und dann sah er mit seinen von Tränen gefüllten Augen, dass die Maske auf dem Kopfkissen lag, doch er fühlte sich, als habe er nichts getan.

Er hörte ein Piepsen, irgendeinen Alarm, doch in seiner Welt war das nur ein Hintergrundgeräusch.

Paula zuckte wie eine Ertrinkende, die keine Luft mehr bekam.

Lindberg wusste, es war nur ein Reflex.

Er strich Paula zur Beruhigung über die Stirn, nahm ihre Hand in die seine, beugte sich über sie und gab ihr einen langen, endlosen Kuss.

2

Nadja Trokovski stand in der Tür und lächelte ein falsches Lächeln, weil es für ihr echtes nicht mehr reichte. Drei fettbäuchige Männer kamen die Treppe hoch, zwei mit Glatze, dafür der dritte mit ungewaschenem Haar. Einer mindestens fünfzig, die anderen nahe dran. Zehn, fünfzehn Jahre älter als sie, einer roch nach Schweiß.

Nadja lächelte trotzdem.

Die jüngeren Freier, die Gepflegten, die Gutaussehenden, die mit Manieren, die Nüchternen, das war alles nicht mehr ihre Klientel. Dabei war sie erst siebenunddreißig, bestes Heiratsalter heutzutage. Doch das Leben hatte seine Spuren hinterlassen.

Die drei Männer scannten mit ihren glubschigen Augen jede Frau, doch ihr schenkten sie nicht mal eine Sekunde.

„Alle viel zu alt“, sagte einer noch, dann gingen sie in die nächste Etage.

Irgendeine Kollegin fluchte auf Rumänisch, die anderen tuschelten miteinander, doch Nadja Trokovski lief schweigend zurück in ihr Zimmer.

Sie öffnete das Fenster und atmete die kalte Luft des Winters. Der Rauch ihrer Zigarette kräuselte sich im Wind und verschwand nach ein paar Umdrehungen in der Dunkelheit. Der Nachthimmel hing voller Wolken und so sehr Nadja auch suchte, sie fand nicht einen Stern.

Früher hatten die Sterne immer für sie geleuchtet. Oder war es ihr nur so vorgekommen, wegen dem Zeug, das sie sich damals durch die Adern geschossen hatte? Wenigstens diese Zeiten waren vorbei. Endgültig.

Sie blickte auf die Gasse vor dem Magico. Der schmutzige Schnee der Stadt lag vor der Tür wie nicht abgeholter Müll. Reste bunten Konfettis erinnerten an die gerade zu Ende gegangene Fasnacht. Nadja atmete tief aus, schnippte die Kippe auf die Gasse und schloss das Fenster.

Fröstelnd zog sie ein Wolljäckchen über ihre Berufsbekleidung, die aus nicht viel mehr als einem schwarzen Tanga, halterlosen Strümpfen und einem BH bestand. Ihre roten High Heels lagen einsam auf dem Parkettboden. Nadja war um jeden Moment froh, in dem sie diese Folterwerkzeuge nicht tragen musste.

Falsche Freunde, abgebrochene Schule, das schnelle Geld, ein Leben ohne Grenzen. Wie hatte sie nur glauben können, es würde immer so weitergehen? Wenn man jung war, wollte man nicht auf das hören, was die Alten sagen, und wenn man alt war, nützte es einem nichts mehr.

Im letzten Monat hatte ihr Geld nicht mal gereicht, um das Zimmer zu zahlen, von der Wohnung ganz zu schweigen. Je verzweifelter sie wurde, desto mehr wandten sich die Freier ab. Klar, die wollten ja auch ihr eigenes Leben für einen Moment vergessen, was sollten sie dann mit den Problemen der anderen?

Also hatte Nadja Trokovski sich selbst um ihre Probleme gekümmert. Obwohl sie aus dieser Zeit nur noch einen Namen kannte, von ihr im Delirium hingekritzelt auf ein Stück Papier.

Aber sie wusste, was geschehen war.

Und mit diesem Wissen würde sie das alles hinter sich lassen.

Sie wollte nichts anderes, als ein stinknormales, stinklangweiliges Leben führen.

Mit ein wenig Luxus.

Nadja Trokovski schob eine rote Haarsträhne aus ihrem Gesicht und schaute auf die Uhr. Zwei Uhr nachts. Die Konkurrenz lichtete sich, also gab sie sich noch eine Stunde, schminkte sich nach, tauschte das Wolljäckchen mit einem durchsichtigen Negligé und zog die High Heels an.

Sie hörte Schritte von unten, ein Mann kam die Treppe hoch, offener Wintermantel, seidig glänzender Anzug, viel zu attraktiv, nicht nur für sie, sondern für den ganzen Laden hier. Und doch ging er mit schnellen Schritten auf sie zu.

Nadja atmete tief ein. „Hallo, Darling“, hauchte sie. „Ficken, Blasen achtzig, von hinten hundert.“

Er reichte ihr zwei Hunderter. „Eine Stunde.“ Er schien es eilig zu haben in ihr Zimmer zu kommen, ging direkt an ihr vorbei. Ihr Blick streifte sein Gesicht. Er kam ihr irgendwie bekannt vor. Hatte sie ihn schon einmal gesehen?

Ein Blick in seine Augen ließ sie den Gedanken vergessen. An diesem Ort war er sicher noch nie gewesen.   Sie nahm seine Hand. Es war nicht die Hand eines Arbeiters. Seine Fingernägel waren so akkurat gerundet, als seien sie gefeilt und seine Haut war weich wie nach einem Peeling.

„Hast du Champagner?“, fragte er.

Sie nickte. „Kostet fünfzig.“

Er steckte ihr den Schein zu.

Sie öffnete den Kühlschrank, holte eine Flasche Prosecco heraus, schloss die Tür hinter sich ab, zog den Vorhang zu und startete eine CD mit Chill-out. „Mach ruhig lauter“, sagte er.

Und sie tat es, weil fast alle Frauen schon in den eigenen Betten schliefen. Sie öffnete die Flasche und füllte zwei Gläser. Er nippte nur an dem seinen.

Sie stellte sich vor ihn und er zog sich langsam das Jackett aus. „Tanz!“, befahl er.

Der Unbekannte setzte sich auf das Bett und betrachtete sie; er regte sich kaum, sprach kein weiteres Wort, bis alle Hüllen gefallen waren.

Sie setzte sich neben ihn. „Ich möchte, dass du dir die Augen verbindest und dich auf das Bett setzt“, flüsterte er und ging zum Waschbecken in der anderen Ecke des Zimmers.

„Gerne, mein Darling“, hauchte sie. Nadja band sich einen schwarzen Seidenschal über die Augen und wartete auf das, was kommen würde. So hatte sie sich diesen Beruf früher vorgestellt, hübsch und naiv wie sie gewesen war. Damals, vor zwanzig Jahren.

Doch in Wirklichkeit ging es nur um das alte Rein-Raus-Spiel. Und darum, dass die Männer sich potent und attraktiv fühlen konnten, egal wie beschissen sie aussahen.

Sie hörte seine nahenden Schritte und spürte seine warme Hand in ihrem Nacken. Er streichelte ihren Oberkörper, ihr Gesicht und zog sanft die Binde fester. Nadja legte ihren Kopf zurück und seufzte gespielt lasziv. Etwas Kaltes berührte ihre Lippen. „Trink!“, sagte er.

Der Prosecco prickelte in ihrem Mund, auch wenn er ein wenig bitter schmeckte. Wahrscheinlich hatte die Flasche schon ewig im Kühlschrank gestanden. Der Unbekannte drehte die Musik noch ein wenig lauter, fuhr mit seinen Händen langsam um ihren Hals. Er schien sich Zeit zu lassen. Immerhin besser als die Jungs, die eine Stunde buchten, aber schon nach fünf Minuten fertig waren. Und sie durfte sich dann fünfundfünfzig endlose Minuten abmühen, bis das Ding endlich wieder stand und der Typ kam, oder bis er aufstand und ging.

Sie schob ihren Kopf zur Seite, fast schien es, als würde das Bett sich bewegen, Schwindel überkam sie.

Um sich abzulenken, stellte sie sich vor, sie läge an einem endlosen Strand. Ja, sah sie nicht sogar das blaue Meer in der Sonne glitzern?

Doch es war nicht das Meer, das durch den Stoff des Schals funkelte, sondern scharfes, kaltes hartes Metall.

Brennender Schmerz erfasst sie. Sie versuchte dagegen anzukämpfen, wollte schreien, doch es gelang ihr nicht. Es war, als gleite sie davon, als wäre ein Teil ihres Körpers betäubt. Etwas Warmes, Flüssiges lief ihre nackte Brust entlang. Sie versucht sich damit zu beruhigen, dass es Angstschweiß war.

Doch warum war ihr dann auf einmal so kalt?

Sie konnte nicht einmal ihren Kopf bewegen. Oder die Binde vor ihren Augen. Ihre Hände gehorchten ihr nicht mehr. Obwohl sie nichts sehen konnte, schien sich alles um sie herum zu drehen.

Sollte sie es nicht einfach geschehen lassen?

Nein! Etwas tief in ihr sträubte sich dagegen. Sie wollte sich aufbäumen, um Hilfe rufen, den Unbekannten stoppen! Egal wie!

Doch sie konnte nicht einmal ihren Mund öffnen. Sie hatte die Kontrolle über ihren Körper verloren.

Alles war auf einmal so weit, weit weg.

Ihr Leben. Oder wie immer man das nennen sollte.

Langsam kam die Wärme zurück, erst zögerlich und stockend, doch schließlich durchströmte sie auch die letzte Faser ihres Körpers.

Jetzt sah Nadja auch das glitzernde Meer wieder. Sie stand erneut am Strand, dieses Mal ganz nah am Wasser. Sie blickte in den blauen Horizont, keine Wolke störte die Sonne. Sie spürte, wie die Gischt zwischen ihren Zehen kitzelte und den Sand mitriss. Grelle Lichtpunkte tänzelten auf den Wellen, so hypnotisch, dass sie kaum ihren Blick davon abwenden konnte. Sie ging weiter in das Meer hinein, das warme Wasser umschmeichelte ihre Knöchel.

Der Unbekannte kam aus den Wellen gestiegen, und obwohl er hätte nass sein müssen, strahlte er hell wie die Sonne und trug ein trockenes, weißes Sommergewand. Er strich Nadja durch ihr rotes Haar. „Komm“, flüsterte er.

Erst jetzt erkannte sie ihn. Und auf einmal wusste sie, warum der Prosecco so bitter geschmeckt hatte.

Sie wollte flüchten, drehte sich um, doch sie stand schon zu weit im Meer. Die Wellen, die plötzlich vom Ufer zurückflossen, schlugen ihr ins Gesicht. Die Strömung zerrte an ihr und riss ihre Beine vom Boden. Sie verlor den Halt und fiel nach hinten. In die Arme des Mannes, der inmitten der Brandung stand wie ein Fels. Er lächelte diabolisch und zog sie mit festem Griff näher zu sich.

Nadja bäumte sich noch einmal auf, doch das Wasser schlug an ihr hoch wie loderndes Feuer. Der Mann nahm ihre Hand in die seine und das Meer wurde still. Das Wenige, was in ihr noch lebte, ließ es geschehen.

Dann führte er sie tiefer ins Meer und geleitete sie aus dieser in eine andere Welt.

3

Die Tür zum Zimmer wurde aufgerissen und eine Krankenschwester stürmte an Paulas Bett. „Was soll denn das?!“, rief sie. „Wollen Sie Ihre Freundin umbringen?“

Die Pflegerin schob ihn beiseite, nahm die Maske und setzte sie Paula wieder auf. „Der Chefarzt hat Ihnen doch ausführlich erklärt, dass sie die Maske tragen muss, weil es Probleme mit dem Tubus gab!“

Lindberg blickte sie mit ausdruckslosen Augen an. „Ich wollte sie küssen“, sagte er kraftlos. „Ich dachte, das hilft ihr.“

Die Schwester atmete tief aus. Sie hatte anscheinend jeglichen Sinn für Romantik verloren, jedenfalls wenn es um ihren Beruf ging. „Was Ihrer Freundin hilft, und was nicht, das wissen wir am besten!“

Auch wenn er anderer Meinung war, nickte Lindberg. „Ich muss ohnehin los“, sagte er, blickte noch einmal auf Paula, die so ruhig atmend dalag wie zuvor, dann nahm er den Karton und stand auf.

Die Schwester baute sich vor ihm auf. „Was ist das eigentlich für ein Geschenk?“

Und als habe er die Frage gehört, miaute Dr. Watson.

„Herr Lindberg!“ Die Schwester stemmte ihre Arme in die Hüfte. „Von einem Polizisten kann man doch eigentlich erwarten, dass er die Vorschriften einhält, oder?“

„Es geht um Leben oder Tod, nicht um Vorschriften.“ Er nahm den Karton und ging an ihr vorbei.

„Sie hätten wenigstens mal fragen können.“

„Und was wäre Ihre Antwort gewesen?“

Die Pflegerin kratzte sich an der Nase. „Sie reden nicht viel, oder?“

„In Schweden gelte ich als extrovertiert.“

Sie lächelte. „Also gut, wenn Sie versprechen, dass Sie das nächste Mal fragen, und zwar mich, dann habe ich nichts gesehen.“

Lindberg versprach es, verabschiedete sich, setzte sich in seinen Volvo und fuhr nach Hause.

Er hätte am liebsten mit keiner Menschenseele mehr geredet, sich einfach ins Bett gelegt und auf den Schlaf gewartet.

Doch so lief das nicht. Nicht mehr. Noch bevor Lindberg seine eigene Tür öffnete, ging er zum Nachbarhaus. Wenn er es nicht tat, würde Isabel in fünf Minuten bei ihm klingeln und wissen wollen, wie es gelaufen war. Denn sie kümmerte sich um Dr. Watson, wenn Lindberg im Krankenhaus übernachtete oder auf der Arbeit war.

Isabel war überzeugt gewesen, dass Dr. Watson Paula helfen würde aufzuwachen.

Gerade mal zehn Wochen alt war der Kater gewesen, als Paula ihn aus einem Tierheim geholt hatte. Lindberg wusste es noch genau, es war an ihrem ersten Jahrestag gewesen. „Du, der Kommissar und Watson, der Assistent“, so hatte sie im Scherz begründet, warum der Kater nicht Felix hieß, Blacky oder wenigstens Napoleon. Denn wie der benahm er sich.

Im Grunde kam Dr. Watson nur noch zum Schlafen und Essen nach Hause, die Zärtlichkeiten holte er sich woanders, als wäre er ein Mann in der Midlife-Crisis.

Das Problem war, das sich auch Isabel nach Zärtlichkeiten sehnte, seit ihr Mann vor zwei Jahren bei einem Tauchunfall ums Leben gekommen war. Und nun saß sie allein daheim, mit dem fünfjährigen Leon und der sechsjährigen Nina und wartete darauf, zum zweiten Mal den Mann ihres Lebens zu finden.

Sie war wie Lindberg einunddreißig, attraktiv, fast schon zu attraktiv und wirkte daher ein wenig künstlich auf ihn. Lindberg hatte zu spät gemerkt, was sich da anbahnte. Weil er in Berlin mit all dem Mitleid, den Ratschlägen und der Tuschelei der Kollegen und Freunde nicht mehr klargekommen war, hatte er in der Schweiz niemandem von Paulas Schicksal erzählt.

Bis auf Isabel.

Er hatte gehofft, ihr damit klarzumachen, dass er vergeben war, und sie hatte es wohl auch verstanden. Aber Verstand und Herz waren nun einmal zwei getrennte Dinge.

Und jetzt konnte er ihr Dr. Watson schlecht wieder wegnehmen. Doch da war noch mehr. Er mochte Leon, ihren Sohn, weil er ihn daran erinnerte, wie es Lindberg in dem Alter gegangen war. Weil er ihm helfen wollte. Und weil der Junge ihn auch mochte.

Lindberg klingelte an der Nachbarstür, die wie immer innerhalb von wenigen Sekunden geöffnet wurde. Isabel strahlte ihn an, die brünetten Haare offensichtlich frisch auf Schulterlänge gekürzt, es stand ihr gut. Obwohl es schon zehn Uhr abends war, hatte sie das Make-up noch nicht abgelegt. „Und, wie war es?“, fragte sie, ein Glas Wein in der Hand.

Er schüttelte nur den Kopf.

„Leon liegt schon im Bett.“ Sie deutete nach oben zu den Schlafzimmern der Kinder. „Er war zu müde.“

„Du bist bestimmt auch müde“, antwortete er, anstatt ein Kompliment zu ihrem neuen Haarschnitt zu machen. Doch auch der Anti-Flirt-Modus half nicht mehr, im Gegenteil, er schien sie noch mehr zu befeuern.

„Möchtest du auch noch einen Wein?“ Sie schwenkte ihr Glas. „Ein 98er Shiraz. Wäre schade um die angebrochene Flasche.“

Die letzten drei Einladungen hatte Lindberg schon abgelehnt, sich Dr. Watson geschnappt und war gegangen. Außerdem konnte er jetzt ohnehin noch nicht schlafen. Also nickte er und ließ Dr. Watson aus dem Karton.

„Ich hätte übrigens einen Wunsch“, sagte Isabel, kaum hatte er sich auf den Wohnzimmersesseln gesetzt. „Ich weiß, es ist viel verlangt, aber ich habe Angst vor meinem Geburtstag.“ Sie blickte ihn mit Verzweiflung in den Augen an. „Festtage erinnern mich daran, dass ich allein bin.“

„Das verstehe ich“, sagte er, obwohl er noch keinen Festtag ohne Paula hatte durchstehen müssen. Er wollte gar nicht daran denken. „Wie kann ich dir helfen?“

„Ich würde gerne mit dir essen gehen, in einem speziellen Restaurant. Wo wir hingehen, ist ein Geheimnis.“

Lindberg blickte sie gespannt an.

„Ich verrate nichts, aber es wird ein tolles Erlebnis“, sagte sie. „Es wäre super, wenn du dir den Dienstagabend freihalten könntest.“

Er nickte. „Danke, dass du auch immer für mich da bist.“

Sie strich sich eine Strähne aus dem Gesicht und nahm einen Schluck Wein. „Es wäre schön gewesen. Wenn wir uns mit unseren Partnern kennengelernt hätten.“

„Ja, es wäre schön gewesen“, sagte er und das meinte er ernst. Er mochte Isabel, aber wenn er nicht bald die Beziehung zwischen ihnen klärte, würde er Paula nicht mehr in die Augen schauen können, wenn sie diese jemals öffnete.

Und darauf wartete er doch so sehr.

Isabel legte ihre Hand auf seine Schulter. „Ich weiß, wie du dich fühlst.“

Nein, das weißt du nicht, dachte er. Dein Mann ist tot, aber Paula lebt noch.

Er nahm das Weinglas, leerte es in gerade noch angemessener Zeit, rief Dr. Watson und verabschiedete sich.

Daheim angekommen, reichte seine Kraft nur noch, sich zu entkleiden, ins Bad zu gehen und dann ins Bett zu fallen.

Dort wartete er auf den Schlaf.

4

Er schlug die Augen auf und sah nichts. Sein Kopf schmerzte, sein Gehirn war in einem Nebel gefangen, und bevor er feststellen konnte, wo er sich befand, nickte er wieder weg.

Nach einer Weile kam sein Bewusstsein wieder, kämpfte sich durch den dichten Nebel, orientierungslos. Schmerz war die einzige Empfindung. Sein Kopf, die Schulter, mehr spürte er nicht.

Er atmete ein, auch das tat weh. Etwas drang in seine Nase. Ein Geruch. Es roch nach Treibstoff. Diesel.

Hastig schnappte er nach Luft, er hustete, alles schien in Diesel getränkt. Es war stockdunkel, er spürte, dass er auf einem gepolsterten Sitz saß, dass seine Kleider an ihm klebten und nass waren.

Alles stank nach Treibstoff.

Hektisch blickte er sich um, doch er konnte immer noch nichts sehen, obwohl seine Augen geöffnet waren, obwohl sie brannten von den stechenden Ausdünstungen des Diesels. Er spürte einen handbreiten Gurt auf seine Brust drücken. Saß er in einem Auto?

Er schob seine Hände nach vorn, befühlte das nasse Leder eines Lenkrads. Er suchte rechts an der Lenksäule nach dem Schlüssel, doch der steckte nicht. Er wollte das Licht anschalten, vorne an der Konsole, drückte ein paar Knöpfe, nichts tat sich.

Er langte an den Dachhimmel, fand den Schalter für das Innenlicht, betätigte ihn, doch die Batterie des Autos schien leer. Alles war tot.

Der Dieselgeruch stach ihm wieder in die Nase. Er musste hier raus. Mit der Linken suchte er nach dem Türgriff, fand ihn, rüttelte daran, doch die Tür blieb geschlossen.

Er spannte den Gurt los, beugte sich nach rechts, um den Türgriff an der Beifahrerseite zu greifen und dann erst bemerkte er, dass jemand neben ihm saß.

5

Daniel C. Meyer jagte, weil er sich auf dieser Weise der Natur nahe fühlte. Die Natur brauchte Führung, brauchte eine ordnende Hand, so wie alles im Leben. Wer wollte schon, dass die ganze Welt nur aus Urwald bestand? Klar, es gab noch das Meer und ein paar Gletscher und Berge, aber dort lebte ja niemand.

Was der Mensch schön fand, war überwiegend Kulturlandschaft: Weinberge, Teeplantagen, Wiesen, Olivenhaine, bewirtete Wälder. Natürlich, manche fanden auch den Urwald schön, aber wie wollten sie ihn sehen, wenn nicht jemand wenigstens einen Pfad hindurch schlug?

Und wie sollte ein Wald überleben, wenn sich das Wild planlos vermehrte und alles an Rinde verspeiste, was in  seiner Reichweite lag?

Klar, die Natur kontrollierte sich selbst, manches Mal in ein paar Jahrzehnten, doch oft erst in Hunderten oder Tausenden von Jahren.

Doch der Mensch lebte jetzt und konnte nicht warten, bis die Natur eingriff. Deswegen war er gerne Jäger und hatte nicht den Ansatz eines schlechten Gewissens, wenn er einen Rehbock schoss, einen Hasen oder eine Gämse.

Fachmännisch, ohne unnötige Schmerzen für das Tier.

Trotzdem hatte die Jagd viele Feinde. Feinde, die er auch von seinem Beruf kannte. Bei der Führung eines Pharmaunternehmens lernte man schnell, wer für einen und wer gegen einen war.

Wer seine Argumente verstand, und wer sie nicht verstehen wollte.

Doch sollte er sich deswegen selbst beschränken, weil andere zu beschränkt waren? Nein, es war richtig was er tat, davon war Daniel C. Meyer überzeugt.

Trotz der Anfeindungen in letzter Zeit. Es ging ihm nicht um Geld, er hatte wahrlich genug verdient. Es ging ihm darum, etwas zu verändern. Und das konnte er jetzt noch mehr als zuvor.

Denn er war jetzt nicht mehr CEO eines One-Trick-Pony-Pharmaunternehmens, sondern Forschungschef bei Novartis, einem der größten Pharmakonzerne weltweit.

Wer hätte das gedacht, er, der damals in der siebten Klasse in Biologie mit einem Ungenügend abgespeist worden war. Dann hatte der Lehrer gewechselt und er seine Einstellung und endlich hatte er verstanden, wie das funktionierte mit der Natur und dem Menschen.

Meyer hörte ein Geräusch, legte sich flach auf den Boden, nahm sein Jagdgewehr, schaute durch das Zielfernrohr und scannte den Bereich vor sich. Zentimeter für Zentimeter.

Nichts bewegte sich, selbst die Luft schien stillzustehen.

Plötzlich raschelte es im vom Schnee bedeckten Laub, so als habe jemand einen kleinen Ast geworfen, nur ein paar Meter hinter ihm. Meyer blickte sich um, immer noch auf dem Boden liegend.

Da, vor ihm wieder ein Geräusch.

Er drehte den Kopf, schaute nach vorn; etwas bewegte sich, an mehreren Stellen, jetzt kam es wieder von hinten, er hob den Oberkörper, um besser sehen zu können und dann erst entdeckte er das Gewehr, das auf seine Brust gerichtet war.

Im nächsten Moment fiel ein Schuss.

6

Wieder der unerträgliche Dieselgestank, die Dunkelheit. Jemand saß neben ihm; er wollte etwas sagen, doch sein Mund gehorchte ihm nicht.

Er hustete, der Treibstoff brannte in den Augen.

Er strich über den Arm der Person auf dem Beifahrersitz, sie reagierte nicht. Ihre Haut war weich, nass vom Diesel, aber sie fühlte sich vertraut an.

Es war eine Frau. Er spürte ihre Haare, sie klebten unnatürlich, er führte die Hand zu ihrem Hals, befühlte die Kette, die sie angelegt hatte.

Etwas hing daran.

Ein Stein? Ein Amulett? Eine Figur?

Seine Hände zitterten zu sehr, um es zu erkennen.

Wieder versuchte er, etwas zu sagen, doch es fühlte sich an, als hätte er das Sprechen nie gelernt.

Wie lange brauchte man, um einen Wagen samt Insassen mit Diesel zu überschütten und diesen anzuzünden?

Drei, vier Minuten?

Auch wenn er nicht wusste, wann er aufgewacht war und wie lange er hier schon saß, es konnte nicht mehr lange dauern.

Vielleicht nur noch Sekunden.

Er rüttelte am Türgriff, suchte einen Türknopf, fand keinen. War die Doppelverriegelung aktiv? Man konnte diese Funktion von außen per Schlüssel aktivieren, um zu verhindern, dass jemand in das Auto eindringen konnte. Dazu gehörte auch, die Türgriffe zu deaktivieren, damit man an diesen durch einen Fensterspalt nicht per Draht ziehen konnte. Er lehnte sich zur Beifahrertür, auch diese war verschlossen. Und dann, plötzlich, als er über der Frau lehnte, die neben ihm saß, spürte er ihren Anhänger an seiner Schulter. Er fühlte sich vertraut an, die runde Form, der kalte Stein.

Es konnte keinen Zweifel mehr geben, wer neben ihm saß: Paula.

7

Natürlich hätte er Meyer einfach erschießen können, doch das wäre viel zu human gewesen. Nein, er musste sterben, wie auch die Tiere starben. Denn sonst würde seine Botschaft nicht verstanden werden.

Also hatte er Meyer nur betäubt, mit einem gezielten Schuss, so wie man es bei Großwild tat. Schnell, effizient. Meyer hatte nicht mal mehr röcheln können, oder gar etwas sagen.

Aber was hätte er auch sagen sollen, außer die üblichen haltlosen Beschuldigungen, Ausflüchte und Rechthabereien von sich zu geben?

Daniel C. Meyer war der Prototyp eines Managers, dessen Interessen seine Moral bestimmten.

Entweder man war seiner Meinung, oder man lag falsch. Etwas dazwischen gab es nicht.

So hatte Meyer immer geglaubt, Tierschützer wären wie Hunde, die nicht beißen, sondern nur bellen.

Allem Anschein nach hatte er sich getäuscht.

Er lehnte Meyer mit dem Rücken an einen Holzstumpf, holte die Knochensäge aus seiner Tasche und setzte sie am Kopf des Bewusstlosen an, ein paar Zentimeter über den Augen.

Es knirschte ein wenig, als er in den Schädelknochen eindrang.

Kurz darauf hob er die Schädeldecke ab und blickte auf das freigelegte Gehirn seines Opfers. Meyer lebte noch, sein Puls schwach, aber vorhanden. Natürlich wäre es realistischer gewesen, dem Manager bei vollem Bewusstsein den Schädel aufzuschneiden, aber wer ließ das schon freiwillig mit sich machen? Und fixieren konnte er den Mann hier nicht. Das Leben war eben ein einziger Kompromiss.

Und das Sterben auch.

Er wusste grob, welche Bereiche im Hirn für welche Funktionen standen, schaltete erst das Sprachzentrum aus, dann den Teil für die Emotionen sowie das Lustzentrum und schließlich das ganze verdammte Ding.

Meyer hörte auf zu atmen.

Jetzt fehlte nur noch ein Detail, um den Plan perfekt zu machen.

Ein paar Minuten später trat er einen Schritt zurück und betrachtete sein Werk.

Es war perfekt.

Jetzt kann ich mich wohl Serienkiller nennen, dachte er. Zwei Morde in zwei Tagen. Und niemand wird je erkennen, dass sie zusammengehören. Schließlich habe ich nicht im Affekt getötet, oder aus Mordlust.

Sondern aus purer Notwendigkeit.

Er spürte, wie sich seine Haare aufstellten. Okay, ein wenig Mordlust war schon dabei gewesen. Doch ich habe immer die Kontrolle behalten, meinen Plan strikt verfolgt.

Zwei verschiedene Modi Operandi, zwei verschiedene Täter, die nichts gemein hatten.

Jeder würde das glauben. Denn die Menschen glaubten immer, was sie sahen.

Ob es nun die Realität war, oder eine Illusion.

8

„Schach“, sagte der Mann, den man Gehirnklitschko nannte.

Lindberg blickte auf die Figuren vor sich. Nur mit der Dame und ein paar Bauern konnte er den König nicht befreien. „Das muss ich wohl kämpferisch lösen“, sagte er.

Gehirnklitschko lächelte generös. „In drei Zügen du Schachmatt.“

Lindberg stand auf. „Wenn du nicht in der nächsten Runde auf die Bretter gehst.“

„Mich hat noch niemand k.o. gemacht.“

„Das heißt: k.o. geschlagen“, sagte Lindberg und zog sich die Boxhandschuhe über.

„Ist nur kein Literaturwettbewerb“, antwortete Gehirnklitschko, legte Handschuhe und Mundschutz an und stieg in den Ring. „Aber gib mir zwei Jahre, dann ich gewinne auch.“

Eigentlich war Reden während eines Kampfes verboten und mit dem Mundschutz nicht so einfach, aber Gehirnklitschko konnte einfach nicht still sein. Außerdem trafen sie sich ohnehin nur zum Sparring. „Ich versteh das nicht“, sagte Lindberg und legte seinen Arm um Gehirnklitschkos Schulter. „Du bist hyperintelligent und arbeitest immer noch bei der Müllabfuhr?“

„Ich entschiede zwische Abgabe Doktorarbeit und Lebe von Familie. Und ohne Abschluss du nix wert in Schweiz.“ Er lächelte. „Außerdem ich verdiene gutes Geld hier. Mehr als Professor in Aserbaidschan.“

Kremer vom Tisch nebenan räusperte sich. Er war der uneingeschränkte König im Basler Schachboxclub gewesen, bis Gehirnklitschko aufgekreuzt war. Und ihn nach drei Runden k.o. geschlagen hatte. „Wollt ihr reden oder boxen?“

Inzwischen hatte Gehirnklitschko auch das mit dem Schach gelernt und jetzt war er unbesiegbar. Lindberg mochte ihn, obwohl er über dessen Vergangenheit nicht viel mehr von ihm wusste, als dass er eigentlich Erdin Kourlaev hieß und aus Aserbaidschan geflüchtet war.

Doch die Kämpfe mit ihm waren Lindbergs einziger Ausgleich zwischen den einsamen Nächten an Paulas Bett und der Arbeit. Hier konnte er nachdenken, ohne gleich zu verzweifeln und er konnte seine Aggressionen abbauen, ja zuschlagen, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen. Dank Gehirnklitschko konnte er sogar ab und an lachen.

Und seine Alpträume vergessen, die ihn jede Nacht quälten, wenn ihn der Schlaf endlich holte.

Kaum hatte auch Lindberg seinen Mundschutz angezogen, tänzelte Gehirnklitschko vor ihm herum, als sei er Muhammed Ali. „Aber was du arbeite, ich auch nix verstehe.“ Gehirnklitschko deutete mit dem Boxhandschuh an seinen Kopf. „Bist bei höchste Polizei, Bundespolizei und ihr versucht verlorene Urne wiederzufinde?“

„So ähnlich.“ Lindberg setzte eine Rechts-Links-Kombination, doch Gehirnklitschkos Deckung stand. „Wir übermitteln bei grenz- oder kantonsüberschreitenden Verbrechen“, sagte Lindberg und wehrte einen Aufwärtshaken ab. „Außerdem sind wir bei Terrorismus zuständig, bei Entführungen und wenn die Sicherheit der Schweiz bedroht ist.“

„Aber es geht bei deine aktuelle Fall um Pharmaindustrie“, entgegnete Gehirnklitschko. „Nicht um Schweiz.“

„Für manche ist es dasselbe.“ Lindberg machte einen Ausfallschritt, um einen weiteren Angriff abzuwehren. „Und einige Manager werden eben von Tierschützern bedroht. Da werden Wände beschmiert, Urnen von Angehörigen gestohlen, Drohbriefe geschrieben und Versuchstiere befreit. Also wurden wir eingeschaltet. Damit die Manager sich wieder sicher fühlen.“

„Aber Tierschützer würde doch nicht umbringen Mensch“, widersprach Gehirnklitschko und tänzelte um Lindberg herum. Er war nicht mal außer Atem. „Mensch ist doch auch nur Tier, was glaubt intelligent zu sein, oder?“

Lindberg lächelte. „Das sehe ich auch so. Aber auch ich musste in die Schweiz und nehmen, was ich kriegen konnte.“

Er täuschte einen Aufwärtshaken an, gefolgt von einem rechten Schwinger.

Gehirnklitschko parierte. „Aber du hier gebore“, sagte Gehirnklitschko.

„Deswegen bin ich mir auch zu fein für die Müllabfuhr.“

„Aber dein Vater Schwede?“

Lindberg nickte. „Nur meine Mutter kam von hier.“

Gehirnklitschko tänzelte vor Lindberg auf und ab, blickte kurz in dessen Augen. „Manchmal auch in reiche Land nicht einfach, oder?“

„Vielleicht machen wir es uns auch nur selbst schwer.“

„Was ich letzte Mal schon wollte frage, was das für eine Narbe?“ Er deutete auf den Oberkörper Lindbergs wo sich rechts auf Höhe der Niere eine fingerbreite Narbe befand. „Ist von Kriminelle?“

„Ja, stammt von einem Brand.“

„Ich werde nicht dahin schlage, okay?“

„Du wirst keine Gelegenheit dazu haben.“

Gehirnklitschko grinste. „Aber weswegen du arbeite in Bern und wohne in Basel?“

„Damit ich gegen dich boxen kann.“ Lindberg sah die Lücke in der Deckung, schlug zu und traf sein Gegenüber mit einem rechten Haken am Kinn.

Gehirnklitschko wankte. „Du besser geworde in Boxe. Tut schon fast weh.“ Er ging ein wenig auf Abstand. „Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du sehe aus wie Jude Law, als der noch hatte alle Haare?“

Lindberg senkte verdutzt seine Deckung, und genau in dem Moment schlug Gehirnklitschko eine Rechts-Links-Kombination und der Kommissar ging zu Boden.

9

Der Videowecker projizierte eine dunkle Seenlandschaft auf die Wand. Der Mond lugte blass hinter einer Wolke hervor und spiegelt sich im Wasser des Sees. Leise rauschte ein Bach, ein angeblich beruhigender Effekt, den Lindberg schon häufiger hatte deaktivieren wollen. In der unteren Ecke der Seenlandschaft leuchtete die Uhrzeit: 6:03. Der Sonnenaufgang würde noch eine Stunde auf sich warten lassen, man konnte ihn auf die Minute genau einstellen. Meist kam er jedoch dann, wenn der Kommissar gerade eingeschlafen war.

Lindberg schlief, unruhig, aber wenigstens schlief er.

Bis sich ein Klingeln dazwischen drängte, laut und fies. Er blickte auf den Videowecker, erkannte die Landschaft und seine Augen wanderten zu seinem Diensthandy. Er traf blind die Taste für die Rufannahme. Das Klingeln stoppte.

„Erik, wir haben einen Mord in der Pharma-Geschichte“, dröhnte die raue Stimme Carla Freys aus dem Lautsprecher des Mobiltelefons.

„Einen Mord?“ Lindberg richtete sich auf. Seine rechte Backe schmerzte, Gehirnklitschkos Siegtreffer von gestern Abend.

„Daniel C. Meyer, der neue Forschungschef von Novartis.“

„Und es ist wirklich Mord?“, fragte Lindberg.

Carla Frey seufzte. „Die Details kenne ich auch noch nicht, muss aber eindeutig sein.“

„Scheiße.“

„Allerdings. Er war beim Jagen im Bettinger Wald bei Riehen. Die Kollegen von der Basler Kantonspolizei sind schon vor Ort, aber ich glaube, wir sollten uns den Tatort auch anschauen.“

Bei fedpol, der Schweizer Bundespolizei, für die Lindberg arbeitete, überließ man häufig die Ermittlungsarbeit den Kollegen vor Ort und delegierte nur. Nicht jedoch wenn es ein Fall von Carla Frey war. Sie war seit vierzig Jahren bei der Polizei und immer noch - oder gerade deshalb - härter im Nehmen, als die meisten Kollegen.

Sie hatte ihren Aufstieg geschafft, als noch niemand über Frauenquoten diskutierte, ja, sie war schon bei der Polizei gewesen, da hatte in der ganzen Schweiz noch nicht einmal das Frauenwahlrecht gegolten.

Und doch war Carla Frey keine Feministin, sie war einfach nur sie selbst. Authentisch, geradeheraus und immer noch ein Stück weit rebellisch. Ihre graue Stoppelfrisur passte jedenfalls wunderbar zu den Kakteen auf ihrem Schreibtisch.

Lindberg ließ sich den Leichenfundort beschreiben und versprach, in einer Stunde in der Zentrale zu sein. Er fühlte sich erschlagen, kein Wunder, wenn er die Nächte entweder im Krankenhaus verbrachte oder von Alpträumen heimgesucht wurde.

Als er letzte Woche ohne Vorankündigung vom Polizeiarzt zu einer Routineuntersuchung gebeten wurde, hatte der über Lindbergs Alpträume nur gesagt, diese würden bald von allein verschwinden. Stattdessen wurden sie immer schlimmer! Natürlich, der Arzt hatte seine Meinung auch durch nichts begründen können, nur Lindbergs Blut auf ein Ding geträufelt, das aussah wie ein Computerchip und irgendetwas von einer Metabolisierungsrate gefaselt.

Als ob ihm die helfen würde!

Damit er wenigstens einigermaßen wach wurde, stellte Lindberg sich unter die Dusche und drehte sie so heiß auf, dass sein Bad bald einer Sauna glich.

Anschließend zog er einen Anzug an und schob sich zwei Scheiben Knäckebrot in den Mund. Als er die Haustür öffnete, ließ ihn der eisige Wind frösteln. Er zog den Mantelkragen höher.

Schnee türmte sich auf seinem Volvo, er wischte ihn mit blanken Händen von der Scheibe, seine Handschuhe lagen daheim im Warmen. Natürlich befand sich unter dem Schnee eine Eisschicht, die einem Schweizer Winter würdig war.

Obwohl Lindberg halb Schwede und halb Schweizer war, hasste er den Winter.

Aber was konnte man von einem Schweden schon erwarten, der nicht mal blond war? Und einem Schweizer, der nicht mal Ski fuhr? Und sogar noch Höhenangst hatte?

Wahrscheinlich hab ich genau die falschen Eigenschaften angenommen, und trotzdem bin ich bisher gut durchs Leben gekommen.

Bis Paula ins Koma gefallen war.

Er schloss die Augen für einen Moment, nahm dann den Eisschaber aus dem Wagen, kratzte vorne und hinten ein Guckloch frei und setzte sich in den kalten Wagen. Lindberg hatte nie wieder im Auto eingesperrt sein wollen, also hatte es ein Cabrio sein müssen.

Gebraucht, schließlich war er nur Polizist.

Lindberg fuhr mit der Handfläche über das Gebläse und hoffte, dass die Heizung dieses Mal zu arbeiten begann, bevor er ankam.

Kaum hatte er beschleunigt, pfiff der Wind durch das Verdeck. Von der Hochstraße blickte er auf die erwachende Stadt. Der graue Schnee hatte Basel ein gleichförmiges Gesicht gegeben. Nur die Schornsteine der Industrie stachen heraus und zogen vorbei wie Strichmännchen in einem Daumenkino. Er war hier geboren, doch nach all den Jahren im Ausland fühlte er sich in der alten Heimat wie ein Fremder.

Von seiner Wohnung in Basel hätte er in einer Viertelstunde in Riehen sein können, doch die Regularien sahen vor, das man nur mit dem Dienstwagen an den Tatort fuhr. Versicherungstechnischer Unsinn. Andererseits liefen die Toten nicht weg, wie Carla Frey immer sagte.

Also musste Lindberg nach Bern, dort mit den Kollegen in den Dienstwagen steigen und dann wieder nach Basel. Klar hätten die Kollegen ihn unterwegs aufpicken können, aber nicht mal das war ihnen offiziell gestattet.

Die Schweizer hatten die Bürokratie zwar nicht erfunden, aber sie hatten sie definitiv perfektioniert.

Die Zentrale der Bundespolizei fedpol befand sich in Bern direkt neben der Autobahn E25, die in den Niederlanden begann und in Palermo endete. Lief man zufällig an der Zentrale vorbei, konnte man nur erkennen, dass es sich um ein Verwaltungsgebäude handelte, selbst die Briefkästen hatte man abmontiert, aus Angst vor Anschlägen.

Als er in die fedpol-Tiefgarage einbog, stand Carla Frey schon vor dem Einsatzwagen. Neben ihr eine Frau mit langen, schwarzen Haaren, schlank, ganz in schwarz gekleidet. Sie schien um die vierzig, Lindberg kannte sie nicht. Er stieg aus dem Wagen, begrüßte Carla.

„Erster Tag nach dem Urlaub und dann so eine Scheiße“, sagte die Schwarzhaarige und rieb sich das Piercing an ihrer rechten Augenbraue. „Ich bin übrigens Katharina Zach.“ Sie gab Lindberg die Hand, ihre Jacke rutschte dabei leicht nach oben und Lindberg blickte auf eine Tätowierung in Form eines umgedrehten Kreuzes. „Ich bin die Chefin der Spurensicherung“, sagte sie. „Und du bist der neue Hahn im Korb?“

Das klang, als hätte es schon einige gegeben, doch Lindberg nickte. „Bin seit einem Monat hier, hab vorher in Berlin beim LKA gearbeitet.“

„Tolle Stadt, wenn nur die Berliner nicht wären“, sagte sie. Und dann erst lächelte sie. „Bin dort geboren. Und warum bist du nach Bern gekommen?“

Lindberg stockte. „Wollte zurück in die Schweiz.“

„Da kann nur eine Frau dahinterstecken, oder?“

„Ich pflege meine Eltern.“ Lindberg hasste es zu lügen, aber in dem Fall war es das Beste. Niemand stellte weitere Fragen, er hatte einen Grund übernächtigt zu sein und es erklärte, warum er in Basel wohnte. Damit vermied er all das, was Berlin am Ende unerträglich gemacht hatte.

Selbst bei seiner Bewerbung in Bern hatte er die Pflege seiner Eltern vorgeschoben, wer würde schon einen Kommissar anstellen, dessen Freundin im Koma lag? Der Job war schon hart genug.

Genau wie er erwartet hatte, sagte auch Katharina nichts mehr zu dem Thema, sondern sie stiegen schweigend in den Dienstwagen. Carla setzte sich hinter das Steuer, wie immer. Sie gab Dinge eben ungern aus der Hand.

Eine Stunde später kamen sie in Riehen an und bogen auf eine Nebenstraße ab, die der städtische Winterdienst offensichtlich schon länger aufgegeben hatte.

Als sie schon ein paar Hundert Meter in den Bettinger Wald hineingefahren waren, sahen sie endlich die Autos der Kantonspolizei.

Die drei stiegen aus, zogen sich ihre Overalls an und liefen den plattgetretenen Schneespuren der Kollegen nach.

Lindberg spürte ein dumpfes Bauchgrimmen. Obwohl er schon einige Tatorte in seinem Leben gesehen hatte, war er jedes Mal angespannt wie beim ersten Mal. Er konnte sich an vieles gewöhnen, aber nicht an den Tod.

Sie kamen auf eine kleine Lichtung, die mit Polizeiband abgesperrt war, Lindberg zählte mehr als zehn Männer in Schutzkleidung, am Rand standen verloren ein paar Sanitäter. Offensichtlich hatten sie nichts mehr zu tun.

Dann erst sah er den Toten.

Ihm wurde augenblicklich schlecht.

10

Lindberg hatte bisher angenommen, seine Kollegin Carla Frey könne nichts schockieren, doch jetzt, da er sie anblickte, verriet der Ausdruck in ihren Augen das Gegenteil. Für gewöhnlich blinzelten sie flink und aufgeweckt unter Freys grauen Stoppeln hervor, doch jetzt schienen sie leer und starr. „Das ist mal eindeutig“, sagte sie.

Lindberg musste sich zwingen, nicht wegzuschauen. Der Tote war in Jägermontur gekleidet, er lehnte mit dem Rücken an einem Holzstumpf; jemand hatte ihm die Schädeldecke abgetrennt und zwei Elektroden, die man für gewöhnlich an Affenhirnen verwendete, in die blutige Hirnmasse gesteckt.

„Nette Show“, sagte Zach. „Aber nur vom Abtrennen des Schädels stirbt man nicht. Die Versuchsaffen leben ja auch weiter.“

Lindberg blickte sie überrascht an. Katharina Zach war anscheinend aus ähnlich hartem Holz geschnitzt wie Carla.

Der Kommissar der Basler Kantonspolizei kam zu ihnen und stellte sich vor, doch Lindberg hörte kaum hin und vergaß den Namen schon wieder nach wenigen Sekunden. Er hatte bisher nicht glauben mögen, das Tierschützer, die im Grunde das Leben bewahren wollten, zu so einer Tat fähig waren.

Drohung, Sachbeschädigung, ja, aber Mord?

2009 hatten sich militante Tierschützer den damaligen Novartis CEO Vasella als Zielscheibe ausgesucht, die Urne aus dem Grab seiner Mutter gestohlen, sein Jagdhaus in Brand gesetzt und zwei Kreuze mit seinem Namen und dem seiner Frau auf dem Friedhof seines Heimatdorfs aufgestellt. Schon damals hatte die Bundespolizei ermittelt.

Inzwischen war eine neue Generation Tierschützer nachgefolgt, die härter, brutaler und kompromissloser war.

Sie hatten an Forscher angeblich mit AIDS kontaminierte Handtücher versendet, anhand gefälschter Beweisfotos behauptet, diese Forscher wären pädophil, hatten deren Autos in Brand gesteckt, ja sie hatten sogar den CEO einer deutschen Pharmafirma entführt und ihn über Nacht in der firmeneigenen Tierversuchsstation angekettet, aber gemordet hatten sie noch nicht.

Doch was tat man, wenn all die Provokation nichts nützte?

Wenn Drohungen nicht mehr ausreichten?

„War Meyer nicht erst seit Kurzem bei Novartis?“, fragte Lindberg.

Carla Frey nickte. „Er kam von einer kleineren Pharmafirma, war der neueste Shooting-Star der Branche. Es gab einen offenen Brief der FAA an ihn zu seinem Amtsantritt. Er solle alle Tierversuche unverzüglich stoppen, sonst werde man ihn, na ja stoppen.“ Die FAA, ,Free All Animals‘ war jene militante Tierrechtsorganisation, die den Kampf gegen Tierversuche in der Schweiz vor einem Jahr wieder intensiviert hatte.

„Hatte er Familie?“, fragte Lindberg.

Frey nickte. „Frau und zwei Kinder.“

„Wie wurde er gefunden?“

„Fragen wir mal die Kollegen.“ Frey ging zu dem Basler Kommissar. „Gibt es irgendwelche Zweifel an der Identität des Toten?“

Der Kommissar schüttelte den Kopf. „Natürlich ist er noch nicht von den Angehörigen identifiziert worden, aber er hatte sein Portemonnaie samt Ausweis und Kreditkarten bei sich. Und optisch passt das. Außerdem hatte er eine Erlaubnis, in dem Revier zu jagen.“

„Wer hat ihn gefunden?“

„Eine Joggerin, läuft jeden Morgen hier lang. Die ist drüben beim Psychologen. Hat nichts weiter beobachtet.“

„Gibt es andere Zeugen?“

„Ende Februar sind nicht viele hier unterwegs. Und dann ist noch die Woche nach Fasnacht.“

„Das wird ganz schön Wellen machen“, sagte Frey. „Ich will auf keinen Fall, dass Bilder von ihm in die Öffentlichkeit kommen. Auch die Abtrennung der Schädeldecke, der ganze Zirkus, das ist Täterwissen und darf nicht in die Presse.“

„Klar“, antwortete der Basler Kommissar. „Und Sie leiten die Ermittlungen?“

Carla Frey nickte. „Wir sind schon eine Weile an den Tierschützern dran. Die machen nicht vor Kantonsgrenzen oder Staatsgrenzen halt. Nur das hat jetzt ein neues Ausmaß angenommen.“

„Ist gut, wenn wir da entlastet werden“, sagte der Kommissar. „Gab gestern nämlich noch einen anderen Mord in Basel.“

Lindberg schaute ihn überrascht an, das hatte er noch gar nicht mitbekommen. „Ein ähnlicher Fall?“

Der Kommissar schüttelte den Kopf. „Völlig anders, geht um eine erstochene Prostituierte in Klein-Basel. Wahrscheinlich Raubmord.“

„Haben Sie den Täter schon?“

„Nicht mal einen Verdächtigen. Gab Unmengen von Spuren, aber das ist in einem Puff ja kein Wunder. Wir sind noch am Auswerten.“

„Kommt mal!“, rief einer der Spurensicherer. „Hier ist was in seinem Mund.“

Lindberg ging näher an den Toten heran. Jetzt erst fiel ihm die bläuliche Färbung von dessen Hirn auf. Der Spurensicherer hatte eine Pinzette in den Mund des Ermordeten gesteckt und zog vorsichtig an etwas Weißem.

Ein kleines Papierkügelchen, nicht viel größer als eine Botschaft aus einem Glückskeks. Er trug es zu einem Tisch und faltete es vorsichtig mit der Pinzette auseinander. Das Papier war bedruckt, so viel konnte Lindberg sehen.

Nachdem der Spurensicherer das Beweisstück in einem Plastiksäckchen abgelegt hatte, ließ Lindberg sich das Teil geben. Die Schrift auf dem Papier war zwar durch den Speichel ausgefasert, aber immer noch lesbar: Wenn du Tiere tötest, dann töten wir dich!

11

Lindberg rief Carla Frey zu sich. „Kennst du den Spruch?“

Frey schüttelte den Kopf. „Inhaltlich passt das aber zu unseren Freunden von der FAA. Und eine Visitenkarte wird kaum jemand am Tatort hinterlassen. Nicht bei einem Mord.“

„Und was machen wir?“

„Jetzt, da die Drohungen wahr geworden sind, sollte das für einen Durchsuchungsbefehl ausreichen. Ich rede mit dem Bundesanwalt und dann statten wir denen mal einen Besuch ab.“

Sie blieben noch eine Weile am Tatort, ließen Katharina Zach zurück, die anscheinend gar nicht mehr gehen wollte und bezogen ein temporäres Büro im Basler Waaghof, der Zentrale der Basler Kantonspolizei. Lindberg kannte das Gebäude von früher, jedes Mal, wenn er den Waaghof betrat, fühlte er sich, als sei er im Gefängnis gelandet.

Kein Wunder, denn es war auch eines. In einem Teil des Gebäudes saßen Verbrecher ihre Zeit ab, im anderen Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft. Böse Zungen behaupteten, es sei die perfekte Symbiose. Und noch bösere, es gäbe einen geheimen Durchgang, der es den Verbrechern ermöglichen würde, tagsüber einer geregelten Arbeit nachzugehen. Meist behaupteten das Personen, die selbst mit dem Gesetz im Konflikt standen, was die Überzeugungskraft dieses Arguments doch beträchtlich schmälerte.

Nachdem sie Meyers Frau und die jugendlichen Kinder informiert hatten - die Frau hatte einen Nervenzusammenbruch erlitten - waren sie der Parole ,Wenn du Tiere tötest, dann töten wir dich!' nachgegangen. Weder in der Polizeidatenbank noch im Internet ließen sich Hinweise dazu finden.

Trotzdem erhielten sie am Nachmittag Durchsuchungsbefehle für die Wohnungen von mutmaßlichen FAA-Mitgliedern, samt Haftbefehlen.

Lindberg hatte gehofft, erst mit den Tierschützern reden zu können, doch es kam anders. Der neue Chef der Bundespolizei, Beat Graf, der sein Amt eigentlich erst in ein paar Tagen am 01. März antrat, hatte schon ein Wörtchen mitgeredet und für ein hartes Durchgreifen plädiert. Lindberg kannte seinen neuen Vorgesetzten noch nicht und er war sich nicht sicher, ob er ihn überhaupt kennenlernen wollte. Morgen schon stellte sich Graf der versammelten Mannschaft vor, zwei Tage vor Amtsantritt.

Bundesanwalt Schiller war einer Meinung mit dem Chef der Bundespolizei und entschied sich, die Aktivisten die volle Härte des Staates spüren zu lassen.

Und so stürmte ein Sonderkommando die Wohnungen der mutmaßlichen FAA-Mitglieder, verhaftete dreizehn Personen und durchsuchte neun Objekte.

Von den Verhafteten war niemand bereit, ohne Anwalt auch nur seinen Namen zu nennen.

„So läuft das immer“, sagte Carla Frey. „Und wir dürfen dann hinterher die Scherben zusammenkehren und irgendwie versuchen, mit den Verdächtigen ein Vertrauensverhältnis aufzubauen.“

Man fand Propagandamaterial, Hanf unterhalb der Bagatellgrenze und detaillierte Pläne eines Versuchslabors in Italien. Aber Hinweise auf den Mordfall fand man nicht.

Sie hatten nicht einmal herausfinden können, ob einer der Verdächtigen etwas vom Tod Daniel C. Meyers gewusst hatte, und jetzt, da sie alle gewarnt waren, konnte man den Überraschungseffekt abschreiben.

Doch die Öffentlichkeit hatte die ersten Schuldigen präsentiert bekommen und der Druck war für den Moment vom Bundesanwalt genommen.

Politik eben.

Das hatte nur nichts mit echter Polizeiarbeit zu tun. Lindberg fragte sich, wie Carla Frey das solange ausgehalten hatte. War sie eigene Wege gegangen, um dann doch zum Ziel zu kommen? Oder hatte sie irgendwann  resigniert?

Carla Frey hatte Lindberg beauftragt, alles über Daniel C. Meyer zu erfahren, seine Familie, Freunde, Feinde, mit wem er telefoniert hatte, welche Termine angestanden waren.

Ein riesiger Wulst an Daten, die irgendjemand sichten musste.

Lindberg blieb bis zehn Uhr abends im Waaghof, entschied sich dann, das Auto in Bern stehen zu lassen und lief die wenigen Hundert Meter in Richtung Basler Bahnhof.

Die Tage, an denen er noch Hoffnung gehabt hatte, tagsüber mit einer positiven Nachricht von der Rehaklinik angerufen zu werden, waren schon lange vorbei.

Seitdem Paula im Koma lag, schlief Lindberg schlecht, er, der früher zu jeder Tageszeit und an jedem Ort ein Nickerchen hatte einlegen können. Einerseits war er völlig übermüdet, andererseits hätte er gerne mehr Zeit an Paulas Seite verbracht und jetzt kam noch ein Fall dazu, der ihm alles abfordern würde.

Dennoch, manche Dinge dürfte er nicht aufgeben. Bei jedem Besuch in der Klinik versuchte er, etwas Neues auszuprobieren, etwas, das Paula vielleicht dazu bringen würde, ihren Zustand zu verlassen.

Irgendwann, hoffte er, würde er damit Erfolg haben.

Er besorgte beim Floristen am Bahnhof Winterjasmin, der früher bei ihnen im Garten immer als erster geblüht hatte und fuhr dann mit der Straßenbahn zur Rehaklinik Neuro-Re.

Wenigstens hatte er eine Vereinbarung mit dem Personal treffen können, das für ihn die normalen Besuchszeiten nicht galten.

Er ging in Paulas Zimmer, schaltete das Licht ein und sah sofort, dass alles unverändert war. Er setzte sich zu ihr aufs Bett, nahm ihre Hand und legte den Winterjasmin auf das Kopfkissen.

Aufgrund der Maske konnte sie die Blumen natürlich nicht riechen, laut der Ärzte war ihr Geruchssinn ohnehin nicht aktiv, genauso wenig wie das Schmerzempfinden. Er hob die Maske trotzdem leicht an, achtete darauf, den Alarm nicht auszulösen und schob die Blumen näher an ihr Gesicht.

Lindberg achtete auf Paulas Mundwinkel, ihre Nase, ihre geschlossenen Augen. Er konnte den Jasmin deutlich riechen, ein angenehmer Duft, der an den beginnenden Frühling erinnerte, an Leben, an Aufbruch.

Doch Paula reagierte nicht.

Er ließ die Maske los und legte sich enttäuscht neben sie, ihre Hand immer noch in seiner.

Er atmete tief aus, dachte noch einmal an den Mordfall, an Carlas Frustration, an den Winterjasmin, an Dr. Watson und irgendwann war er eingeschlafen.

12

Was tat Paula hier? Was machte sie im Auto?

Er hatte Feinde, natürlich, bei seinem Job. Je erfolgreicher er war, desto mehr wurden es.

Aber Paula?

Eine Studentin, gerade hatte sie ihre Doktorarbeit in Geschichte eingereicht. Jung, hübsch, ehrlich. Niemand wollte ihr etwas antun.

Außer es ging um mich.

Lindberg versuchte sich zu erinnern, was geschehen war, bevor er in diesem mit Diesel übergossenen Auto aufgewacht war, aber nicht der kleinste Fetzen der letzten Stunden drang in sein Bewusstsein.

Ermittlungen wegen des brutalen Überfalls auf einen Geldtransporter in Berlin, drei Tote, anderthalb Millionen Euro Beute. Das war das Letzte, was sein Hirn hervorkramte. Doch was nutzte die Vergangenheit, sie mussten hier raus, bevor sich die Dunkelheit in ein Flammeninferno verwandelte.

Er rüttelte erneut am Türgriff, durchsuchte die Taschen seines Jacketts, seiner Hose. Nichts. Kein Schlüssel, kein Hinweis.

Lindberg beugte sich zu Paula, doch sie trug nur ein Kleid ohne Taschen. Er strich über ihre vom Diesel nasse Schulter, aber den Riemen der Handtasche, den er suchte, fand er nicht.

Er schob den Sitz nach hinten, lehnte sich zu den Türen im Fond, doch auch diese waren verschlossen.

Alles fühlte sich vertraut an, es musste sein Auto sein, ein alter Volvo.

Er kannte den Wagen in- und auswendig und er wusste, wenn die Doppelverriegelung aktiv war, gab es nur einen Weg hier raus. Mit Schlüssel.

Er tastete den Wagenboden vor sich ab, fand nichts, blickte wieder nach oben, hörte ein Geräusch.

Und dann sah er durch die Windschutzscheibe die Flamme eines Feuerzeugs.

13

Lindberg erwachte erst, als die Nachtschwester ihn um sechs Uhr morgens weckte. „Ich hab Sie natürlich schon vorher bemerkt“, sagte sie. „Aber ich dachte, das schafft vielleicht eine Vertrautheit bei Paula, wenn Sie neben ihr liegen.“

Lindberg rieb sich den Schlaf aus den Augen. Irgendwann in der Nacht war er nassgeschwitzt aufgewacht, nach dem üblichen Alptraum, doch dann hatte er Paula neben sich gespürt und war wieder eingeschlafen.

In der irrigen Annahme, das alles gut sei.

Daher war das Erwachen in der Realität umso desillusionierender.

Er verabschiedete sich von Paula, fuhr nach Hause, stellte sich unter die Dusche, wechselte die Kleider und dann erst fiel ihm ein, dass er sein Auto in Bern hatte stehen lassen.

War heute Morgen um acht nicht die Rede von Graf, dem neuen Bundespolizeidirektor? Bei der alle Mitarbeiter anwesend sein mussten?

Lindberg fluchte, hetzte aus dem Haus und verpasste doch den nächsten Zug nach Bern.

Eine halbe Stunde zu spät kam er bei der fedpol an. So leise wie möglich öffnete er die Tür zur Cafeteria und lugte hinein. Beat Graf stand schon auf der Bühne. Er war groß, durchtrainiert, sah trotz seiner Glatze jünger aus als die fünfzig Jahre, die in seinem im Intranet veröffentlichten Lebenslauf standen. Auf den ersten Blick wirkte der Polizeidirektor, als hätte er lieber einen Tarnanzug angezogen, als einen von Brioni. „Für Nachzügler haben wir extra die erste Reihe reserviert“, sagte er, als Lindberg den Versammlungsraum betrat.

Neugierig blickten sich die Kollegen nach ihm um. In einigen Gesichtern spiegelte sich Schadenfreude. Lindberg  setzte sich direkt neben Carla Frey, die anscheinend auch zu spät gekommen war. „Was habe ich verpasst?“, flüsterte Lindberg ihr zu.

„Bin auch erst seit Kurzem hier“, antwortete sie. „Hatte Wichtigeres zu tun.“

Lindberg blickte auf die Bühne. Graf verglich gerade die Schweizer Kriminalstatistik mit anderen Ländern. Dafür hätten wir auch noch später kommen können, dachte Lindberg. Dann erst sah er sie.

„Was machen die drei Männer auf der Bühne?“, fragt er Carla Frey.

„Keine Ahnung, die lagen schon da, als ich kam.“

Lindberg musterte die Männer, sie trugen ihre normale Kleidung und lagen auf je einer Krankenliege. „Schlafen die etwa?“, fragt er.

Carla Frey wollte etwas antworten, doch Graf kam ihr zuvor. „Da die Damen und Herren in der ersten Reihe die Kriminalstatistik anscheinend so gut kennen, dass Sie mein Vortrag langweilt, können Sie mir vielleicht eine Frage beantworten.“ Graf schaute Lindberg an. „Ich habe vorhin erklärt, dass ich die Zahl der Fälle, die wir pro Jahr und Mitarbeiter aufklären, binnen zwei Jahren um fünfzig Prozent erhöhen möchte. Bei gleichzeitiger Senkung der Kosten. Da Sie ja anscheinend schon alles wissen, Herr Lindberg, sagen Sie mir bitte, wie würden Sie dieses Ziel erreichen?“

Wieso weiß der schon, wer ich bin?

„Und, wie lautet Ihre Antwort?“, fragte Graf.

„Ich habe keine Ahnung, wie Sie das bewerkstelligen wollen“, antwortete Lindberg, nur um irgendetwas gesagt zu haben.

„Dann sollten Sie besser mal zuhören“, erklärte Graf und widmete sich wieder seinem Vortrag. Im Publikum war es jetzt so still, dass man nur noch das Surren der Klimaanlage hörte. „Man sagt von mir, ich sei ein Mann mit Visionen“, erklärte Graf. „Und ja, ich habe eine Vision für die Bundespolizei. Erlauben Sie mir, diese mit Ihnen zu teilen.“

Auf der Leinwand erschien das Bild einer violett-schwarzen Medikamentenschachtel. Aus ihr lugte ein Blisterstreifen heraus, der leuchtend rote Kapseln enthielt. Auf der Schachtel prangte der Name des Medikaments: Remexan.

„Wie Sie sicher wissen, hat dieses Arzneimittel vor gut einer Woche die Zulassung in der Schweiz erhalten“, erklärte Graf. „Mit Remexan ist es für jeden Menschen möglich, seine Schlafperiode selbst einzuleiten und auf maximal sechzig Minuten zu verkürzen. Es ist absolut sicher, hat keine Nebenwirkungen und wird seit zwei Monaten von der New Yorker Polizei eingesetzt.“

Graf lächelte. „Die Herren sind uns da leider zuvorgekommen. Aber wir werden sie schon bald überholen.“ Er sprach nun lauter und eindringlicher. „Stellen Sie sich das einmal vor! Sie müssen nur noch eine Stunde am Tag schlafen. Jeder Tag hat plötzlich sieben Stunden mehr! Ist das nicht faszinierend?“

Das ist nicht sein Ernst, dachte Lindberg und blickte Carla Frey an. Sie schloss die Augen, doch er erkannte ihre Anspannung an ihren leicht flatternden Händen. Das Getuschel aus den Sitzbänken hinter ihnen deutete darauf hin, dass auch die Kollegen das nicht erwartet hatten.

„Mit Remexan treten Ermüdungszustände so gut wie nicht mehr auf“, sagte Graf. „Sie werden leistungsfähiger und konzentrierter sein, besser und zuverlässiger arbeiten.“   „Anscheinend geht es ihm vor allem darum, aus Menschen Maschinen zu machen“, brummelte Carla.

„Über die medizinischen Details möchte ich nicht allzu viele Worte verlieren“, sagte Graf. „Darüber wird Sie der polizeiärztliche Dienst ausführlich informieren. Aufgrund meiner eigenen Erfahrungen kann ich Ihnen aber jetzt schon sagen: Remexan ist besser als der Schlaf selbst!“

„Ich finde, das Schweizer Fernsehen ist immer noch das beste Schlafmittel“, flüsterte jemand hinter Lindberg, als habe er schon wieder vergessen, was hier mit Störenfrieden geschah.

„Wie wird uns dieses Medikament helfen, unsere Vision umzusetzen?“, fragte Graf und gab die Antwort gleich selbst. „Zwei Buchstaben sind dabei wichtig: MP, Medizinische Produktivitätssteigerung. Dabei handelt es sich um ein Pilotprojekt des Bundes, das zum Ziel hat, die Schweiz zum effektivsten und produktivsten Land Europas zu machen. In diesem Prozess wird die Bundespolizei den Stoßtrupp bilden. Wir wollen die Ersten sein, die das Medikament flächendeckend anwenden.“

Graf nahm ein Glas Wasser und nippte daran. „Eine Behandlung mit Remexan kostet pro Polizist zweitausend Franken im Monat.“ Er verzog sein Gesicht, als müsste er das selbst bezahlen. „Die Kosten tragen der Bund und die staatlichen Stellen, die das Remexan einsetzen. Teilnehmer des Programms erhalten das Medikament selbstverständlich kostenlos.“

Graf machte eine kurze rhetorische Pause und blickte in das Publikum, bis alle Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet war. „Darüber hinaus bekommen die Teilnehmer eine Einmalzahlung in Höhe von dreitausend Franken.“

Diesen Satz verstand nun wirklich jeder. Selbst Lindberg bemerkte, wie seine Skepsis ein wenig schwand. Nur Carla Frey schaute stur geradeaus.

Graf genoss den Moment der Überraschung, legte aber schon beim nächsten Satz wieder ein ernstes Gesicht auf. „Eine solche Investition muss sich für den Bund allerdings lohnen, gerade in finanziell schwierigen Zeiten wie diesen.“

„Achtung, jetzt kommt der Haken“, flüsterte jemand rechts von Lindberg.

„Durch die Einnahme des Remexans sparen Sie dank unseres Engagements durchschnittlich sieben Stunden Schlaf am Tag, die Sie uneingeschränkt nutzen können. Die Behörde erwartet als Gegenleistung einen erhöhten Arbeitsanteil von anfangs zwei Stunden täglich. Das heißt, Sie haben jeden Tag fünf Stunden mehr Freizeit! Gleichzeitig sind Sie erholter und ausgeglichener! Das ist gewissermaßen die erste Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnerhalt!“ Graf machte eine Pause, als erwarte er an dieser Stelle Beifall. Doch niemand regte sich.

Außer Carla Frey. „Ich hätte eine Frage“, sagte sie und erhob sich. „Unser Gesamtarbeitsvertrag geht über 41 Wochenstunden. Wollen Sie den einfach ignorieren?“

„Der wird natürlich nicht ignoriert, sondern angepasst“, sagte Graf. „Im Rahmen des Pilotprojektes wurde vom Gesetzgeber die Möglichkeit geschaffen, die gesetzliche Maximalarbeitszeit von 50 Wochenstunden temporär zu überschreiten.“

Lindberg erinnerte sich, davon gehört zu haben. Bisher hatte er gedacht, diese Ausnahmeregelungen zur Arbeitszeit beträfen nur irgendwelche staatlichen Forschungslabore und ein paar Abteilungen der Remexan-Herstellerfirma GENEKNOV.

„Und wenn die Gewerkschaft den Arbeitsvertrag nicht anpassen will?“, fragte Frey.

„Auch die Gewerkschaft hat Interesse an einer produktiven Schweiz“, antwortete Graf. „Sie hat der 50- Stunden-Woche Änderungen im Rahmen des Pilotprojektes zugestimmt. Ihre Arbeitsverträge werden entsprechend aktualisiert.“ Graf holte kurz Luft. „Zudem laufen momentan auf Bundesebene Verhandlungen, die Normalarbeitszeit für Beschäftigte in einem Remexan-Programm auf 60 Wochenstunden zu erhöhen. Wir rechnen damit, dass diese Änderungen bis zum Sommer verabschiedet werden.“

„Und dann arbeiten wir 60 Stunden die Woche?“, fragte Frey.

Graf nickte. „Bedenken Sie, dass Sie inklusive Wochenende fast 50 Stunden pro Woche mehr zur Verfügung haben werden. Wenn Sie dann 19 Stunden mehr arbeiten, ist das ein fairer Deal …“

„Das ist ein Scheißdeal!“, unterbrach ihn Frey. Carla, halt dich zurück, dachte Lindberg und legte seine Hand auf ihre. Er wusste wie impulsiv seine Kollegin sein konnte, wenn ihr etwas nicht passte. Doch Frey war noch nicht fertig. „Wir müssen dieses Medikament schlucken und fünfzig Prozent mehr arbeiten. Was soll daran fair sein?“

„Frau Frey, ich verbitte mir solche Kommentare!“ Graf warf ihr einen gereizten Blick zu. „Wir können das gerne später bei mir im Büro diskutieren. Nach der Veranstaltung. Und bringen Sie Ihren Kollegen mit. Sie arbeiten ja gerade an einem Fall, bei dem uns mehr Engagement gut anstände!“

Lindberg biss sich auf die Lippe. Da haben wir uns ja richtig gut beim neuen Chef eingeführt.

„Da wir im Rahmen des Pilotprojektes neue Kapazitäten in erheblichem Umfang gewinnen, werden wir in den nächsten Jahren auf jegliche Neueinstellungen verzichten“, fuhr Graf fort, als sei nichts gewesen. „Ausscheidende Mitarbeiter werden nicht ersetzt. Und ich werde mich persönlich um die Ermittlungen im Fall Daniel C. Meyer kümmern.“

Lindberg unterdrückte den Fluch, der ihm auf den Lippen lag. Carla Frey brummelte etwas, das irgendwie nach Kündigung klang.

„Wie Sie sehen, gehe ich mit gutem Beispiel voran“, lobte sich Graf. „Ich bin gewissermaßen der erste Mitarbeiter, der am MP-Programm teilnimmt.“

Das war dann selbst Lindberg zu viel. „Ich hätte eine Frage.“ Er erhob sich. „Was geschieht mit den Mitarbeitern, die nicht an dem Programm teilnehmen?“

Der neue Direktor trank einen Schluck Wasser und lächelte. „Die Teilnahme an dem Programm ist freiwillig“, antwortete er. „Wer sich innerhalb eines Monats dazu entscheidet, erhält die Einmalzahlung von dreitausend Franken. Danach gilt für alle Beschäftigten die neue Arbeitszeit von 50 Stunden, unabhängig davon, ob sie Remexan nehmen oder nicht.“

„Was ist denn daran freiwillig?“, antwortete Lindberg. „Wenn wir so oder so 50 Stunden arbeiten müssen?“

„Sie haben die Möglichkeit, sich auf eine andere Dienststelle mit altem Arbeitszeitmodell versetzen zu lassen“, antwortete Graf. „Im Rahmen des Pilotprojektes ist das temporär möglich.“

„Und wenn ich mich nicht versetzen lassen will?“

Grafs Blick verhärtete sich. „Das Leben ist kein Wunschkonzert. Es kommen neue Zeiten auf uns zu und wem das zu schnell geht, der muss sich anderweitig orientieren.“

Lindberg hatte verstanden. Da es in der Schweiz im Prinzip keinen Kündigungsschutz gab, würden die Mitarbeiter, die sich weigerten einfach entlassen.

Endlich begann die Menge zu diskutieren. „Das können Sie nur mit uns machen, weil wir keine Beamten mehr sind!“, rief ein Mitarbeiter von hinten. Vielleicht hatte er recht, aber es war ein wenig zu spät, etwas dagegen zu tun. Die Schweiz hatte den Beamtenstatus schon zur Jahrtausendwende abgeschafft.

Graf klopfte auf sein Pult und bat um Ruhe. „Denken Sie bitte auch an die gesellschaftlichen Veränderungen, die das Remexan unweigerlich mit sich bringen wird: Die Nacht wird zum Tag, die Menschen werden in jeder Stunde gleich aktiv sein, gleich gefährdet und gleich kriminell!“ Er hob erneut seine Stimme. „Darauf müssen wir reagieren! Schon deshalb führt kein Weg an dem Medikament vorbei. Früher oder später wird jede Polizeieinheit Remexan einsetzen. Sie haben das Privileg, zu den Ersten zu gehören. Sie sind die Pioniere und können die unglaublichen Möglichkeiten dieses Medikaments vor allen anderen kennenlernen. Sie werden aktiv dazu beitragen, dass die Bundespolizei zur Elite gehört!“

Graf schaute auf seine Uhr und zeigte auf die drei Männer, die auf der Bühne lagen. „Unsere Freiwilligen werden bald aufwachen. Haben Sie noch Fragen, während wir auf die Herren warten?“

„Wie kann ich mich für das Pilot-Programm melden?“, fragte ein Kriminaltechniker aus Zachs Gruppe. Es gab immer einen Streber, der sich bei solchen Gelegenheiten in den Vordergrund spielen musste.

„Die Details können sie den Informationsmappen entnehmen, die am Ausgang bereitliegen“, schloss Graf und wartete auf weitere Fragen.

Eine sehr jung wirkende, schmale Rothaarige erhob sich. Lindberg hatte sie vor Kurzem schon einmal in der Cafeteria gesehen und sie für eine Praktikantin gehalten. „Ist das rechtlich überhaupt zulässig?“, fragte die junge Frau. „Soweit ich weiß, wurde von einem Berner Professor für Arbeitsrecht eine Klage gegen die Ausweitung der Arbeitszeit eingereicht.“

„Wir haben das von einer externen Kanzlei prüfen lassen“, antwortete Graf. „Sie ist zum Schluss gekommen,  dass der Mann sich nur profilieren will. Wir sind uns sicher, dass unsere Position Bestand hat. Vergessen Sie nicht, dass der Bundesrat einvernehmlich beschlossen hat, dieses Pilotprojekt durchzuführen.“

Einer der Männer auf der Bühne regte sich. Lindberg glaubte, ihn aus dem Archiv zu kennen. Der Mann hob den Kopf, rieb sich die Augen, blickte sich um und setzte sich auf das Bett. Er wirkte ein wenig desorientiert, aber wach.

Graf ging zu ihm und klopfte dem Mann auf die Schulter. „Das war ihr erster Schlaf mit Remexan“, sagte er. „Wie fühlen Sie sich?“

„Sehr gut“, antworte der Mann. Er stand auf, streckte sich, grinste zufrieden. „Ich bin sofort wachgewesen, keine Müdigkeit mehr.“

„Und wie war der Schlaf?“, fragte Graf.

„Ganz normal, nur dass meine Frau nicht geschnarcht hat.“

Lindberg hörte ein paar Lacher und schloss genervt die Augen. Was soll dieser Hokuspokus? Das ist ja wie auf einem Erweckungsgottesdienst.

„Haben Sie etwas geträumt?“, fragte Graf.

„War alles ganz normal, kann mich nicht erinnern.“

Nun regten sich auch die anderen beiden Männer auf der Bühne. Sie wirkten noch schneller wach und äußerten sich ähnlich positiv wie der erste Kollege. Graf wies noch einmal auf die ausliegenden Broschüren hin und darauf, dass für jeden Mitarbeiter beim polizeiärztlichen Dienst eine kostenlose Probepackung Remexan bereitstand. Dann schloss er die Sitzung.

Die Mitarbeiter verließen die Cafeteria, manche still, manche geschockt, manche diskutierend. Nur die drei Freiwilligen schienen glücklich, sowie die paar Kollegen, die sie fragend umgaben.

Als Carla Frey zurück ins Büro lief, kam Lindberg kaum hinterher. „Ich habe nur noch ein paar tausend Stunden abzuleisten“, sagte sie schließlich. „Wenn Graf nur eine mehr will, dann ohne mich!“

14

Lindberg blieb geschockt stehen. „Das ist nicht dein Ernst?!“

„Mir war noch nie etwas so ernst wie das.“ Carla Frey stemmte die Arme in die Hüfte. „Ich hab nicht vierzig Jahre gearbeitet, um mich am Ende mit Psychopharmaka vollstopfen zu lassen. Solange ich nicht an Krebs, einem Herzinfarkt oder Altersschwachsinn leide, kommen nur Globuli in meinen Körper.“

Mit Globuli meinte Carla Frey homöopathische Zuckerkügelchen, deren Krankenkassenerstattung sich die Schweizer sogar per Volksabstimmung in die Verfassung hatten schreiben lassen. Obwohl deren Wirksamkeit in keiner einzigen wissenschaftlichen Studie bewiesen war.

Aber sie schadeten auch nicht. Und es gab viele Patienten, die auf die Globuli schworen und deren Wehwehchen nach der Einnahme verschwanden, ob nun durch erfolgreiche Selbsttäuschung oder eine tatsächliche Wirkung war im Grunde ja egal, solange man wieder gesund wurde.

„Willst du dich etwa versetzen lassen und Akten ordnen?“, fragte Lindberg. „Graf setzt uns eiskalt die Pistole auf die Brust!“

„Und du lässt dich erpressen?“

Lindberg rieb sich die Stirn. Er wusste, Carla Frey hatte im Grunde recht. Aber das hieß noch lange nicht, dass er dieselbe Entscheidung treffen musste. Es war schwer genug gewesen, den Job bei der Bundespolizei zu bekommen, bei der Basler Kantonspolizei hatten sie schon seit Längerem Einstellungsstopp. Und wenn sie ihn irgendwo in die Innerschweiz versetzten, würde er noch weniger Zeit mit Paula verbringen. Andererseits, wie sollte das funktionieren, nur eine Stunde Schlaf am Tag, ohne Nebenwirkungen?

„Und jetzt müssen wir auch noch zu dem Idioten“, sagte Carla und atmete frustriert aus.

„Weißt du, was auf Schwedisch Hölle heißt?“, fragte Lindberg.

Carla Frey blieb stehen und schüttelte den Kopf.

„Helvete“, sagte Lindberg.

„Ach deswegen heißt es Helvetia?“, fragte Carla Frey. „Jetzt ist mir endlich klar, warum ich in diesem Land seit zweiundsechzig Jahren mit dem Kopf an die Wand laufe.“

An Grafs Büro angekommen, bat seine Sekretärin sie, darin zu warten. Die Kommissare setzten sich auf die Gästestühle vor Grafs Schreibtisch. Die Wände des Zimmers waren gesäumt von Aktenschränken, hinter dem Schreibtisch hingen drei abstrakte Gemälde. Sie waren fast komplett in Weiß gehalten.

„Schau dir diesen Quatsch an“, sagte Frey. „Früher haben hier die Porträts der Polizeidirektoren gehangen.“

Bevor Lindberg antworten konnte, kam Graf hinein und schloss die Tür hinter sich. „Mir ist klar, dass es nicht einfach ist, wenn man mit tiefgreifenden Veränderungen konfrontiert wird. Ich verstehe daher Ihre Reaktion“, begann er, während er Frey und Lindberg die Hand gab. „Aber ich hoffe, Sie verstehen auch meine.“

Die beiden schwiegen.

„Ich habe viel Gutes von Ihnen gehört und würde Sie gerne bei dem Programm dabeihaben.“ Graf blickte sie aufmunternd an. „Ich weiß Ihren Einsatz zu schätzen.“

Frey und Lindberg schwiegen immer noch.

„Meinen Sie nicht auch, dass Sie den Mörder mit höherem Zeiteinsatz früher überführen könnten?“ Graf schenkte zwei Gläser Wasser ein. Er reichte sie den Kommissaren und blickte sie fragend an.

„Mit ein wenig mehr Fingerspitzengefühl hätten wir vielleicht ein paar Verdächtige, die reden, anstatt sich hinter ihren Anwälten zu verschanzen“, entgegnete Frey. „Wir haben nichts gegen die Gruppierung in der Hand. Das ändert sich auch nicht, wenn wir doppelt so viel arbeiten!“

„Mörder kooperieren nicht“, sagte Graf. „Ach was Mörder, das sind Terroristen!“

„Wir behandeln sie wie Terroristen“, sagte Frey. „Ob sie es sind, wissen wir nicht.“

„Deswegen müssen wir so viel wie möglich über sie herausfinden, über die Hintergründe der Tat, mögliche Verbindungen. Und das braucht Zeit. Und die bekommen wir dank des Remexans geschenkt! Ich hoffe, ich kann dabei auf Sie zählen. Je schneller desto besser.“ Graf holte eine Akte hervor. „Ihre Routineuntersuchung, die ich habe vorziehen lassen, bestätigt übrigens, dass Sie beide geeignet sind, das Remexan zu verwenden.“

Lindberg blickte Carla an, die genauso überrascht schien wie er.

„Sie sind beide kerngesund.“ Graf lächelte und schob ihnen einen farbigen Zettel zu. „Und damit Sie das Medikament ausprobieren können, bevor Sie sich entscheiden, habe ich Ihnen vom Polizeiarzt schon mal ein Rezept ausstellen lassen.“

Lindberg blickte konsterniert auf das Rezept. Das ging ihm alles viel zu schnell.

„Die Anfangsphase einer Ermittlung ist immer die Wichtigste“, sagte Graf. „Daher erwarte ich Ihre Entscheidung bis Freitag.“

Frey schwieg wie ein trotziges Kind. Lindberg wollte antworten, doch der Polizeidirektor erwartete anscheinend gar keine Antwort und redete einfach weiter. „Ich war anfangs genauso skeptisch wie Sie“, sagte er. „Aber ich nehme das Medikament jetzt seit einem USA-Besuch vor vier Wochen. Und ich frage mich schon, wie es jemals ohne Remexan gegangen ist. Das ist eine Revolution wie das Handy, das Internet.“

Schließlich stellte er noch ein paar Fragen zum aktuellen Fall und erhob sich dann. „So, und nun darf ich Sie bitten, wieder an die Arbeit zu gehen.“ Er gab den Kommissaren die Hand. „Die Herren von der Kantonsregierung kommen nämlich gleich und wollen sich über unser neues Programm informieren.“

Lindberg und Frey verließen wortlos das Büro. „Wenigstens findest du den Kerl auch so Scheiße wie ich“, sagte Frey als sie außer Sichtweite waren. „Stimmt’s?“

„Ich bin mir nur nicht sicher, ob wir nicht die Einzigen sind.“

„Da hast du leider recht“, nickte Carla Frey. „Es wird genug Kollegen geben, die sich profilieren wollen und bei dem Mist mitmachen.“

„Und einige, denen nichts anderes übrig bleibt.“

„Plus die ganzen Schleimer, die hoffen, dass Graf in den Nationalrat kommt und sie mit ihm aufsteigen.“

„Graf kandidiert für das Parlament?“

„Es ist nur ein Gerücht“, sagte Frey. „Aber wenn schon an seinem ersten Arbeitstag die Kantonsregierung vorbeikommt, hat er offensichtlich gute Verbindungen. Ich sag dir, wenn das Programm ein Erfolg wird, zündet er die Karriererakete.“

Lindberg rieb sich das Kinn. „Also hat Graf das Remexan-Programm nicht nur aus Überzeugung lanciert.“

„Wenn er glaubt, ich fange den Täter für sein Scheiß-Programm, hat er sich getäuscht“, sagte Frey.

Lindberg schaute seine Kollegin irritiert an. So missmutig hatte er sie noch nie erlebt.

„Ich fange ihn, weil sich so ein brutaler Mord nicht wiederholen darf.“ Carla Freys Augen funkelten. „Also, dann lass uns mal unsere kleine Terroristengruppe verhören.“

„Meinst du, das bringt was?“, fragte Lindberg. „Keiner der Kollegen hat auch nur ein Wort aus ihnen herausgebracht.“

„Ich hab da meine eigene Methode“, sagte Frey. „Gib mir drei Minuten und er redet.“

Lindberg lupfte eine Augenbraue. „Na, da werde ich gleich eine Menge lernen.“ Er musterte seine Kollegin, die eher wie ein junges Großmütterchen wirkte, als wie eine knallharte Polizistin. „Vermöbeln wirst du ihn ja kaum können, oder?“

„Lass dich überraschen.“ Sie lächelte. „Übrigens, du lässt dich auch durch nichts entmutigen, oder?“

„Wie meinst du das?“

„Wir bekommen einen Rüffel vom Chef vor versammelter Mannschaft, müssen dieses Psychozeugs schlucken und gleich ein paar Verdächtige verhören, für die wir nur Abschaum sind. Und du steckst das einfach weg, als ob nichts wäre.“

Lindberg nickte, aber irgendwie konnte er nicht glauben, dass Carla mit ihrer Bemerkung recht hatte. Nein, er wusste, dass sie unrecht hatte. Es war nur eine Frage der Zeit.

15

Eine Viertelstunde später saßen Frey und Lindberg im Vernehmungszimmer, ihnen gegenüber ein junger Student namens Jörg Egger, mutmaßlicher Kopf der FAA, von ,Free All Animals‘. Neben ihm der unvermeidliche Anwalt, ein Pflichtverteidiger, den Lindberg nicht kannte. Ein rot blinkendes Diktiergerät lag auf dem Tisch, es sollte die Vernehmung protokollieren.

Eggers Wohnung war inzwischen durchsucht worden, bemerkenswerterweise lag sie nicht in der Natur, sondern in einem Hochhaus im Basler Vorort Pratteln.

Außer Plakaten und Flyern hatte man nichts gefunden, ein erster Scan von Eggers Computer und seines Handys hatte zwar eine Menge noch zu überprüfender Kontakte ergeben, aber keinen Hinweis auf die Tat.

„Sie wissen, weswegen Sie hier sind?“, fragte Carla Frey.

Der Student nickte, die Lippen geschlossen.

„Ich will ganz offen zu Ihnen sein“, sagte Carla Frey. „Die Maßnahme, die FAA hochgehen zu lassen, war bei uns in der Bundespolizei heftig umstritten.“

Der Student blickte sie mit großen Augen an.

„Ich war beispielsweise dagegen, mein Kollege hier auch. Ich glaube nicht daran, dass Sie die Tat begangen haben.“

Die Augen des Studenten wurden immer größer. „Und was mache ich dann hier?“

Lindberg lächelte in sich hinein. Carla war raffiniert.   „Das Problem ist“, sagte Carla Frey. „Dass wir beide in dem Laden ziemlich allein dastehen. Die Führung will eine schnelle Lösung, die Bevölkerung beruhigen, die Pharmaindustrie, et cetera.“ Sie reichte dem Studenten ein Glas Wasser. „Wir aber wollen den Täter.“

„Ich kenne den Täter nicht.“

„Das hab ich auch nicht erwartet. Ich muss den Chefs irgendetwas liefern, das beweist, dass ihr unschuldig seid. Dass du unschuldig bist.“ Sie machte eine kurze Pause, um ihre Worte wirken zu lassen. „Wenn ihr schweigt, kann ich nichts liefern. Wenn wir bei den Durchsuchungen nichts finden, wird man das nur als Bestätigung sehen, wie professionell und durchtrieben ihr seid. Dabei seid ihr nur eine Studentengruppe, die für ihre Ideale einsteht.“

„Das ist jetzt ein Witz, oder?“, sagte Egger. „Sie tun so, als wären Sie auf meiner Seite, und hinterher verpfeifen Sie mich!“

Carla Frey schaltete das Diktiergerät aus und legte es wieder auf den Tisch. „Was in diesem Raum besprochen wird, bleibt unter uns. Nichts wird protokolliert. Ich will diesen Fall klären und dazu brauche ich deine Hilfe! Genauso um euch hier rauszuholen!“

 Lindberg war beeindruckt, Carla Frey hatte erst eine Brücke gebaut, geschickt zwischen dem ,Sie‘ und ,Du‘ gewechselt und zeigte dem Verdächtigen nun eine Lösung auf, ohne ihn anzugreifen.

Jörg Egger blickte seinen Anwalt an. „Wenn das ein informelles Gespräch ist, können Sie auf alle Fragen antworten“, sagte dieser. „Sie können aber auch Fragen verweigern und belasten müssen Sie sich ebenso wenig.“

„Fangen wir mal mit den einfachen Fragen an“, sagte Carla Frey. „Wo warst du gestern Nacht?“

„War mit einem Kumpel im Ausgang.“

„Der würde das bezeugen?“

Egger nickte. „Er hat nichts mit uns zu tun. Er heißt Stefan Reeder, wohnt drei Stockwerke über mir.“

„Wie lange wart ihr unterwegs?“

„Bis fünf oder sechs.“

„Und wo?“

„In ein paar Bars in Basel. Meine Freundin hat sich von mir getrennt und ich musste mal Abstand gewinnen.“

„Habt ihr irgendwo mit Kreditkarte bezahlt?“, fragte Carla Frey. „Das wäre für ein Alibi von Vorteil.“

„Ich glaube schon, Stefan hat die letzte Runde übernommen.“

„Das sieht doch schon mal ganz gut aus.“ Carla Frey nickte. „Jetzt müssen wir noch ein wenig konkreter zu dem Mordfall kommen. Kennst du Daniel C. Meyer?“

„Wie man eben jemanden kennt, der Forschungschef von Novartis ist.“ Egger zuckte mit den Schultern. „Also nur aus den Medien.“

„Du bist ihm nie persönlich begegnet?“

„Nein.“

Lindberg lupfte eine Augenbraue. Wenn man Eggers DNA am Tatort fand, hatte man ihn soeben der Lüge überführt. Er würde sich nicht mehr herausreden können, Meyer vorher schon einmal getroffen zu haben. Carla hatte ihm diese wichtige Aussage einfach so entlockt, ohne Widerstand.

„Auch nicht, als er noch CEO von GENEKNOV war?“

Egger schüttelte den Kopf. „Auch da kannte ich ihn nur aus den Medien. Mr. Remexan, so hat irgendeine Zeitung ihn genannt.“

„Und deine Kollegen, kannten die ihn?“

„Nicht, dass ich wüsste. Klar, wir waren mal auf der Novartis Hauptversammlung, aber da wird man ja nur wie Stimmvieh behandelt und in unserem Fall niedergebrüllt.“

„Aber da war Meyer noch gar nicht bei Novartis, oder?“

„Richtig“, der Student nickte.

Carla Frey blickte Egger direkt in die Augen. „Kennst du den Slogan: ,Wenn du Tiere tötest, dann töten wir dich‘?“

Egger rutschte unsicher auf seinem Stuhl hin und her. „Die Frage möchte ich nicht beantworten.“

„Das ist auch eine Antwort“, sagte Frey. „Ich werte das mal als ja. Weißt du, welche Organisation den Slogan verwendet?“

„Ich möchte die Frage nicht beantworten“, sagte Egger wieder, lehnte sich zurück und verschloss demonstrativ seine Lippen.

16

„Ich bin beeindruckt“, sagte Lindberg, als sie wieder allein im Verhörzimmer saßen.

„Ist nicht auf meinem Mist gewachsen“, sagte Carla Frey. „Kennst du Hanns Scharff?“

„Nie gehört.“

„Das ist genau das Problem“, sagte sie. „Er war ein Verhörspezialist der Deutschen Luftwaffe im zweiten Weltkrieg. Und er hat jeden feindlichen Bomberpilot zum Reden gebracht. Jetzt könnte man denken, er hätte das mit Folter getan, klar, war ja ein Nazi.“

Lindberg nickte.

„Nein, er hat den amerikanischen und englischen Piloten erzählt, er will ihnen da raushelfen. Das war glaubwürdig, weil er mit einer Engländerin verheiratet war, und weil er wusste, das die Soldaten, genau wie er, nur Befehle befolgten.“ Carla Frey räusperte sich. „Er hat den Piloten klar gesagt, wir haben brutale Herrscher und viele möchten euch tot sehen, weil sie euch für Spione halten. Eure einzige Chance ist, dass ich sie überzeugen kann, dass ihr keine Spione seid. Und dafür brauche ich eure Hilfe. Dafür müsst ihr mir etwas verraten, was das beweist.“

„Und er hatte Erfolg?“

„So sehr, dass die Amerikaner ihn sofort nach dem Krieg  in die USA geholt haben und er im Pentagon Schulungen in Verhörtechnik gegeben hat.“ Sie biss sich auf die Lippe. „Leider sind die Amis inzwischen der Meinung, sie könnten mit Folter bessere Antworten bekommen. Das ist totaler Blödsinn. Damit schaffst du dir nur Feinde. Und hier glaubt man inzwischen ja auch wieder, mit Gewalt etwas erreichen zu können.“

„Und du führst deine Verhöre immer so?“

„Ich kann sie nur so führen, wenn ich auch eine gewisse Sympathie für mein Gegenüber habe. Wenn es nicht authentisch ist, machst du dich nur lächerlich.“ Sie strich sich durch ihre grauen Stoppelhaare. „Ohne Drohkulisse übrigens auch. Aber die ist ja ohnehin immer gegeben, niemand geht gerne ins Gefängnis.“

„Egger kannte den Slogan, oder?“

„Das glaube ich auch. Und wer auch immer dahintersteckt, Egger bringt ihm mehr Loyalität entgegen als uns.“

„Kein Wunder, wir stehen ja auch für die Bewahrung des Systems, das er ändern will.“

„Da kommt dann jede Verhörtechnik an ihre Grenzen. Aber jetzt schauen wir erst mal, ob Egger uns überhaupt die Wahrheit gesagt hat. Wer überprüft sein Alibi?“

„Ich muss heute Abend eh nach Basel, ich kann das tun.“

Vier Stunden später wusste Lindberg, dass Egger zumindest in dem, was er ihnen erzählt hatte, nicht gelogen hatte.   Der Freund des Tierschützers hatte alles bestätigt und im Gegensatz zu Egger hatte er sein Handy nicht ausgeschaltet gehabt, was Lindberg ermöglichte, die Angaben zu verifizieren. Auch hatte der Freund zweimal mit Kreditkarte gezahlt, doch das hätte er auch alles allein tun können, viel wichtiger war, Zeugen hatten die beiden Männer zusammen gesehen.

Lindberg wollte gerade Feierabend machen, zur Rehaklinik fahren, und danach sofort ins Bett, als er eine SMS bekam. „Denkst du noch an heute Abend? Wir müssten um 19 Uhr los. Isabel.“

Verdammt, das hab ich total vergessen! Lindberg war hundemüde, aber er konnte Isabel nicht absagen, nicht jetzt, an ihrem Geburtstag. Obwohl er nicht mal ein Geschenk hatte. Er würde etwas besorgen, das Essen hinter sich bringen und später zu Paula in die Klinik gehen.

Schon der erste Punkt gestaltete sich schwierig. Was schenkt man einer einunddreißigjährigen verwitweten Frau, die nur eine gute Freundin ist und es auch bleiben sollte? Isabel war auch noch Psychologin, was es nicht einfacher machte. Die interpretierten selbst dort etwas hinein, wo gar nichts war.

Blumen? Schieden aus.

Alkohol? Musste später noch zusammen getrunken werden.

Kinokarten? Brachten neue Verpflichtungen mit sich.

Endlich hatte er eine Idee, ging in eine Buchhandlung, schließlich noch in eine Apotheke, um das Rezept einzulösen und fuhr dann nach Hause.

Genaugenommen betrat er die eigene Wohnung nicht einmal, sondern ging direkt zu Isabel.

Schon als sie die Tür öffnete, merkte er, dass sie geweint hatte. „Alles Gute zum Geburtstag!“ Er gab ihr einen Kuss auf die Backe.

Dr. Watson kam um die Ecke und strafte ihn mit Ignoranz. „Wann müssen wir los?“, fragte er.

Sie schaute auf die Uhr. „Eigentlich jetzt.“

„Wo sind denn die Kleinen?“

„Ich hab sie mit Schweizer Schokolade bestochen und sie liegen ganz brav im Bett.“

„Und wohin gehen wir jetzt?“

Sie grinste. „Das wirst du gleich sehen.“

Er zeigte auf seinen Anzug. „Bin ich passend gekleidet?“

Sie legte ihm den Arm auf die Schulter. „Das ist heute so was von egal, das kannst du dir nicht vorstellen.“

17

Draußen erwartete sie die Kälte des Winterabends. Ihr Ziel lag nicht weit entfernt und so liefen sie. Der Schnee knirschte unter ihren Schuhen und der Abendhimmel sah aus, als würde er weitere Flocken bringen. Der Wind blies die Kälte bis unter ihre Mäntel und Isabel legte ihren Arm um seine Schulter. „Danke, dass du mitkommst. War heute nicht einfach.“

„Das hab ich gemerkt.“ Er schenkte ihr einen aufmunternden Blick. „Irgendwann wird alles wieder gut.“

Doch selbst er wollte nicht so recht daran glauben. Dann erst merkte er, dass er ihr noch gar nicht das Geschenk gegeben hatte. Er reichte ihr einen kleinen Umschlag, nicht größer als eine Kreditkarte. „Ist noch für dich.“

„Hier laufen Mörder durch die Stadt und du findest Zeit, mir ein Geschenk zu kaufen?“ Sie lächelte und sie war schön, wenn sie lächelte. „Ich glaube, du brauchst das Remexan doch nicht.“

„Ist nur eine Kleinigkeit.“

„Ich packe es später aus, ist das okay?“

„Klar.“

Eine Viertelstunde später betraten sie das Restaurant, nur ein paar Kerzen erhellten die Bar, die Tische dahinter lagen im Halbdunkel.

„Es wird dir gefallen“, sagte Isabel und legte den Mantel ab.

Eine ältere Frau kam auf sie zu. „Die anderen Gäste sind schon am Platz, aber das macht nichts. Maria wird Sie in das Restaurant begleiten. Bitte legen Sie Uhren und Handys ab, damit sie nicht stören, ich werde die Sachen im Safe für Sie verwahren.“

Maria war eine nette rundliche Frau mit einem knallroten Kurzhaarschnitt. Sie trug eine verdunkelte Sonnenbrille. „Stellen Sie sich hinter mich und halten Sie Ihre Hände an meine Schulter“, sagte sie zu Isabel. „Ihr Begleiter soll dann dasselbe bei Ihnen tun.“ Sie ordneten sich an wie bei einer Polonaise und wurden von Maria zu einem dichten, schwarzen Vorhang geführt. Maria öffnete den Vorhang.

Dahinter erwartete sie nichts als Dunkelheit. Nach einem weiteren schwarzen Vorhang betraten sie den Speisesaal des Restaurants. Die Welt war hier tiefschwarz, gleich, ob man die Augen öffnete oder schloss. Nicht das geringste Flimmern war zu sehen, nicht einmal Marias knallrote Haare.

Einzig die Bedienungen wie Maria konnten sich hier orientieren, weil es ihre gewohnte Welt war, eine Welt ohne Licht. Alle anderen, die sonst immer so sicher schienen, waren bei ihrem Ausflug in dieses nachtfarbene Land auf Menschen wie Maria angewiesen, auf Menschen, die nicht sehen konnten. Hier konnten diejenigen, die sonst Hilfe benötigten, die Starken sein und Hilfe geben.

Sie gingen Meter für Meter in das Restaurant hinein. Das Gemurmel der anderen Gäste irritierte Lindberg, es klang in der Dunkelheit laut und fremd. Maria hatte ihnen erzählt, dass sich gut zwanzig Personen in dem Raum aufhielten, doch das Stimmengewirr prallte auf Lindberg ein, als wären es doppelt so viele.

Maria blieb stehen und rückte einen Stuhl nach hinten. „Greifen Sie an die Lehne, dann können Sie sich hinsetzen“, flüsterte sie. „Vor Ihnen steht der Tisch. Passen Sie auf, dass Sie die Gläser nicht umwerfen.“

Lindberg tastete sich zum Stuhl und setzte sich. Die Sitzfläche wirkte ungewohnt hart und kalt. Seine Hände fuhren unschlüssig an der Tischkante entlang, schließlich legte er sie auf den Holztisch und tastete nach Messer und Gabel. Die Serviette schien aus dickem, grobem Stoff zu sein, fast wie Jute. Oder übertrieben seine Sinne, jetzt, da sie um einen reduziert waren? Er bewegte vorsichtig seine Hände weiter von sich weg und fand ein dickbauchiges Glas. Es fühlte sich leer an.

„Und, hab ich zu viel versprochen?“, fragte Isabel und schien dabei zu lächeln.

„Nein, eher zu wenig.“

„Ist alles in Ordnung?“, fragte sie.

„Ja“, antwortete Lindberg, doch selbst ihm fiel auf, dass es eher wie ein Nein klang. „Es erinnert mich nur an einen Traum, das ist alles.“

„Das geht vorbei, du wirst dich daran gewöhnen“, antwortete sie. „Ich dachte, das bringt uns auf andere Gedanken.“

Er antwortete nicht, hätte am liebsten nach ihrer Hand in der Dunkelheit gesucht, doch er ließ es bleiben. Eine Bedienung kam und schenkte ihnen Wasser ein. Lindberg war überrascht, dass er sofort erkannt hatte, dass es nicht Maria war. Sie bewegte sich anders, geräuschvoller.

Langsam begann er sich an die Situation zu gewöhnen und bestellte einen Rotwein. Kurz darauf stellte Maria zwei Gläser auf den Tisch und schenkte den Wein mit mehr Treffsicherheit ein, als mancher Sehende in einem normalen Restaurant. Lindberg tastete den Tisch ab und führte die Hand zu dem dünnen Stiel des Weinglases. Er musste es erst ein wenig ausbalancieren, doch dann führte er das Glas sicher zum Mund und schnupperte vorsichtig.

Der Wein duftete intensiv nach Rosen und Vanille. „Wollen wir anstoßen?“, fragte Isabel.

„Rechts oder links?“

„Find es heraus“, antwortete sie und hielt ihm ihr Glas hin. Er führte es in die Mitte nach vorne, doch dort wartete nur die Leere. Er schob das Glas nach rechts, fand ihren Arm, dann der Klang zweier Gläser, ein Kichern und Stille. Der Wein schmeckte vollmundig und mit Tiefe.

„Siehst du, ich wusste, dass es dir gefällt.“

„Ja, das war eine gute Idee.“ Lindberg nahm einen weiteren Schluck.

Doch kaum hatte er sich ein wenig entspannt, spürte er wieder die Müdigkeit.

An den vorderen Tischen wurde die Vorspeise gereicht. Das Aroma von Balsamico und Olivenöl breitete sich im ganzen Raum aus. Es roch, als hielten sie ihre Nase in einen frisch angemachten Salat.

Maria brachte nun auch ihnen den Salat und der Geruch des Dressings schien jetzt noch intensiver. Lindberg fiel auf, dass er heute fast nichts gegessen hatte. Sein Magen war kurz davor, komische Geräusche zu machen. Lindberg konnte es kaum erwarten, mit dem Essen zu beginnen, obwohl noch nicht alle am Tisch einen Teller bekommen hatten. Es sieht ja ohnehin niemand, dachte er und er biss in den knackigen Salat.

„Hast du etwa ohne mich angefangen?“, fragte Isabel.

„Das ist doch mein Nachbar“, antwortete Lindberg mit vollem Mund und musste lachen. Isabel lachte mit, nur der Sitznachbar Lindbergs räusperte sich pikiert. Doch dem Kommissar war das egal. Der Salat schmeckte so frisch, wie er duftete und Lindberg verspeiste ihn mit einem Genuss, den er schon lange nicht mehr erlebt hatte.

Auch die Hauptspeise, ein grünes Crevetten-Curry mit Parfümreis und Mango-Chutney war so frisch und erlesen gewürzt, als befänden sie sich auf einem indischen Wochenmarkt.

Kaum hatte Lindberg den letzten Happen verschlungen und sich zurückgelehnt, holte ihn wieder die Müdigkeit ein. Die Schlaflosigkeit der letzten Tage rächte sich nun, verstärkt durch die totale Dunkelheit. Er kämpfte noch eine Weile, hörte Isabel etwas murmeln, doch dann döste er weg.

18

Die Flamme des Feuerzeugs kam näher, er sah eine Hand, die sie hielt. Männlich, klobig.

Etwas in seinem Gehirn regte sich, sendete Signale der Erinnerung, doch sie versandeten irgendwo in seinen Synapsen.

Hektisch beugte er sich wieder nach unten, suchte den Fußraum erneut nach dem Schlüssel ab, fand ihn nicht, beugte sich zu Paula, doch auch dort konnte er nichts ertasten.

Er ging wieder nach oben, sah das Feuerzeug, die Hand, die es hielt. Sie schien sich zu entfernen.

Woher kenne ich diese klobige Hand?

Der Überfall auf den Geldtransporter, ein Verdächtiger, befreundet mit dem Fahrer. Nachdem dieser seine Schuldigkeit getan hatte, endete die Freundschaft mit einem Schuss ins Genick.

Jetzt erinnerte er sich wieder: Er war dem Täter auf der Spur gewesen, kurz davor, ihn zu verhaften.

Aber wer es war, das wusste Lindberg nicht.

Lindberg starrte das Feuerzeug an, die Hand, die nun mehrere Meter entfernt war und dann sah er nur noch einen Schweif auf sich zukommen, es tat einen Schlag und die Welt um ihn herum brannte lichterloh.

Bevor die Flammen alles einkesselten, blickte er noch einmal in die Richtung aus der das Feuerzeug geworfen worden war.

Und dann sah er dieses grobschlächtige Gesicht, die schwarzen Haare, die Koteletten.

Der Mann, der den Geldtransporter überfallen hatte.

Udo Wohlers.

19

Lindberg schreckte hoch. Was hatte er eben gehört? Diese Stimme! Er lauschte dem Geraune hinter sich. Eine Frau sprach, dann eine weitere, schließlich ein Mann. Hatte er sich das nur eingebildet? Oder geträumt?

Lag es an seinem Alptraum?

Dann hörte er das Lachen, tief und hart.

Die Haare auf seinen Armen richten sich auf, seine Narbe neben der Niere schmerzte. Er blickte sich um, doch die Dunkelheit verbarg den anderen vor ihm.

„Wird Zeit, dass der Nachtisch kommt, diese Kinderportion war ja auf dem Teller kaum zu sehen“, rief die Stimme, gefolgt von dem markanten Lachen und dem Kichern zweier Frauen. Der leichte Berliner Akzent, die Überheblichkeit in der Stimme, alles passte. Lindberg dachte an Berlin. An Paula, an das Koma.

Aber Udo Wohlers saß im Gefängnis! Er konnte nicht hier sein!

Wahrscheinlich hatte der Alptraum ihn irritiert, die Dunkelheit, seine Müdigkeit. Wenn er den Mann sehen könnte, der sprach, dann wäre ihm die Ähnlichkeit der Stimmen bestimmt gar nicht aufgefallen.

Trotzdem zitterten Lindbergs Hände. Er nahm das Weinglas trank einen Schluck und tastete dann nach Isabel. Seine Hand griff ins Leere. Panik erfasste ihn.

„Isabel?“, flüsterte er, doch er hörte nur das dumpfe Lachen des Unbekannten als Antwort.

Seine Hände suchten hastig den Tisch ab, stießen ein Glas um und spürten, wie das kalte Wasser über seine Hände lief. Sein Herz pochte so laut, dass er glaubte, der ganze Raum könne es hören. Er stand auf, doch er fand keine Orientierung jenseits seines Tisches. „Maria?“, rief er, doch die Bedienung antwortete nicht.

„Haben Sie … nein, wissen Sie, wo meine Begleitung ist?“, fragte er seinen Sitznachbarn.

„Ich habe sie nicht gesehen“, antwortete dieser und lachte auch noch ob seines blöden Scherzes.

Lindberg hielt sich am Tisch fest, unfähig einen klaren Gedanken zu fassen.

Dann endlich hörte er Maria. „Wir sind gleich da“, sagte sie, während sie näher kam.

„Isabel?“, rief Lindberg eine Spur zu laut.

„Erik?“, antwortete sie irritiert. „Bist du wieder wach?“

Im Hintergrund war Gekicher zu hören. Isabel setzte sich, er brauchte irgendetwas Echtes, Lebendes, Sicherheit.  Er suchte ihre Hände, fand sie. „Ich war nur kurz draußen“, sagte sie und strich über seine Finger. „Der Wein … Maria hat mich begleitet und ich wollte dich nicht wecken. Du hast doch geschlafen, oder?“

„Ich hatte einen Alptraum.“ Er ließ ihre Hände los. Er horchte ins Dunkel, doch im Stimmenchaos der anderen klang alles so nah, so übertrieben, so unecht.

Maria führte noch weitere Gäste auf die Toilette, die außerhalb des Restaurants neben der Bar lag. Lindberg bemühte sich zu hören, ob der Unbekannte mit nach draußen gebracht wurde, doch die Gehenden tuschelten so leise, als sei es ihnen peinlich, Hilfe zu benötigen. Nach wenigen Minuten kamen sie wieder, die Stimmen schwollen erneut an, doch die eine, die hörte er nicht mehr.

Hatte er sich getäuscht? Oder spielte seine Fantasie verrückt?

Doch seine Brandnarbe schmerzte, als wisse sie es besser.

 Maria kam an ihren Tisch und teilte mehrere Tonschalen mit zuckrig duftendem Inhalt aus. „Das ist Crème brûlée“, erklärte sie. „Schauen Sie genau hin.“

Um sich irgendwie abzulenken, probierte Lindberg das Dessert. Es knackte beim Kauen und schmeckte süß.

„Hast du das gesehen?“, rief Isabel. „Winzige Funken, das gibt’s doch gar nicht.“

Jetzt erst blickte auch Lindberg auf den Tisch und sah, wie sich beim Durchbrechen der Karamellschicht mit dem Löffel kleine Funken bildeten, als reibe jemand einen Feuerstein im Dunkeln. Lindberg schaute sich um, doch die Funken waren so schwach, dass man sie nur aus der Nähe sah. Im Raum selbst war es immer noch stockdunkel. Der Geräuschpegel und die Begeisterung an den Tischen verrieten jedoch, dass jeder fasziniert das kleine Schauspiel beobachtete.

Jeder, nur nicht Lindberg. Er suchte immer noch nach der einen Stimme, die er zuvor gehört hatte. Doch sie war nicht mehr im Raum.

20

Als es an der Tür klingelte, ließ Claudia Römer gerade ein Bad ein. Sie wollte den Knopf für die Sprechanlage drücken, da klopfte es schon an der Haustür. „Claudia?“

Eine männliche Stimme.

Sie öffnete die Tür einen Spalt weit. „Was machst du denn hier?“

Er blickte sie mit einer Mischung aus Charme und Dominanz an. „Wir müssen reden.“

„Es ist spät.“ Sie hielt die Tür fest in der Hand. „Außerdem hab ich mir gerade ein Bad eingelassen.“

„Wir brauchen nur fünf Minuten“, sagte er. „Ich möchte dir nur erklären, was damals geschehen ist.“ Er strich sich nervös über die Stirn. „Du musst mich zumindest anhören, bevor du mich verurteilst.“

Sie biss sich auf die Lippe und bat ihn herein. „Ich bin keine Richterin.“

„Aber du hast dir sicher ein Urteil gebildet.“

Sie nickte, führte ihn ins Wohnzimmer.

„Ich habe gehört, du warst noch mal in Erzenberg?“, fragte er. „Was hast du dort gemacht?“

„Ich wollte wissen, ob diese ermordete Prostituierte etwas mit uns zu tun hatte.“

Seine Augen verengten sich. „Hast du mit jemandem darüber geredet?“

Sie schüttelte den Kopf. Erst in dem Moment wurde ihr klar, dass sie sich in höchster Gefahr befand. Ihr Atem stockte, doch ihr Herz raste. „Ich glaube es ist besser, du gehst.“

„Nicht bevor ich dir meine Sicht der Dinge dargelegt habe.“

Sie spürte, wie ihre Hände zu zittern begannen. Er musste hier weg. „Hast du eine Remexan?“, fragte sie. „Ich hab meine Packung auf der Arbeit vergessen.“

Er holte einen Blister aus seinem Jackett, drückte eine Tablette heraus, doch er behielt sie in der Hand. „Du bist aber leichter als ich und hast vermutlich ein anderes Geschlecht.“ Er lächelte.

„Hast du vergessen, dass ich die Studien zur Personalisierung des Remexans geleitet habe?“, fragte sie. „Ich sollte also wissen, was ich tue.“

Er schien einen Moment nachzudenken, dann gab er ihr die Tablette.

„Ich hol mir gerade was zu trinken“, sagte sie, ging in die Küche, ließ die Tablette ins Besteckfach zu den Fleischermessern fallen, nahm sich eines heraus und hastete zurück in den Flur.

Verdammt! Wo war er? Sie lief ins Wohnzimmer, vorbei an der Badzimmertür, wollte sich gerade drehen, weil die Tür nur angelehnt war, da stand er schon hinter ihr und drückte ihr den Lauf einer Pistole in den Rücken. „Das mit dem Messer lassen wir mal schön bleiben.“ Er schob sie in Richtung Küche. „Das legst du brav wieder zurück und dann unterhalten wir uns.“

Sie schob das Messer wieder zurück in das Fach, in dem auch die Remexan-Tablette lag.

„Warum könnt ihr die Vergangenheit nicht einfach ruhen lassen?“, sagte er. „Es hat doch niemand etwas davon.“

„Doch“, antwortete sie. „Die Patienten.“

„Als ob die jemanden interessieren.“ Er lachte. „Nimm ein Glas aus dem Schrank, füll es mit Leitungswasser und stell es auf die Anrichte.“

Sie tat was er befohlen hatte, ihm immer noch den Rücken zugewandt. Er schüttete etwas ins Glas, ohne die Waffe von ihr zu nehmen. „Und jetzt trink!“

„Was ist das?“

„Trink einfach!“

Und so trank sie.

Zum letzten Mal in ihrem Leben.

21

„Udo Wohlers?“, fragte der ehemalige Kollege aus Berlin.   Lindberg drehte die Freisprechanlage in seinem Auto lauter. „Genau der.“

„Ich dachte, das weißt du? Stand doch überall in der Presse.“

„Vielleicht in Berlin, hier hab ich nichts mitbekommen.“

„Wie läuft es eigentlich in Bern?“

„Erzähl ich dir ein anderes Mal.“ Lindberg wechselte die Spur. Es war mal wieder Stau auf dem Weg nach Bern. „Wann ist Wohlers ausgebrochen?“

„Vor gut zwei Wochen.“

„Wie hat er das eigentlich geschafft?“, fragte Lindberg. „Der saß doch im Hochsicherheitstrakt!“

„Er ist auf einem Gefangenentransport entkommen. Sie waren zu dritt. Die Mistkerle haben die Wärter erschossen und sind abgehauen. Wir verdächtigen ihn, dass er letzte Woche in Karlsruhe eine Bank überfallen hat, dann hat sich die Spur verloren. Wie kommst du ausgerechnet jetzt auf ihn?“

„Ich dachte, ich hätte ihn gehört“, antwortete Lindberg.

„Gehört? Das ist ein bisschen dünn, oder?“

„War in einem Blindenrestaurant.“

„Wo?“

„Vergiss es.“ Lindberg verabschiedete sich und schaltete die Freisprechanlage aus. War Wohlers wirklich über die grüne Grenze in die Schweiz gekommen? Ausgerechnet nach Basel? Womöglich, weil er ihn damals verhaftet hatte?

Nein, so dreist würde selbst Udo Wohlers nicht sein. Der lag doch sicher schon mit ein paar Bunnys und einer Nase voll Koks an der Copacabana und schlürfte einen Cocktail nach dem anderen.

Schließlich hatten sie seine Beute nie gefunden, anderthalb Millionen Euro. Wohlers hatte lieber eine längere Strafe in Kauf genommen, als auch nur einen einzigen Hinweis zu liefern, wo sich die Beute befand.

Wie man jetzt wusste, aus gutem Grund.

Nur warum hatte er dann in Karlsruhe eine Bank überfallen?

Das passte alles nicht zusammen. Wenn er ihn gestern Abend nur hätte sehen können! Er und Isabel waren noch an der Bar des Restaurants geblieben, bis auch der letzte Gast gegangen war; Wohlers war nicht darunter gewesen. Maria, ihre Bedienung, hatte ihnen noch erzählt, drei Gäste seien früher gegangen, zwei Frauen und ein Mann aus Deutschland. Die Frauen hätten sich sehr anzüglich verhalten, zumindest soweit sie das beurteilen könne, als Blinde. Möglicherweise Prostituierte, dachte Lindberg, das würde zu Wohlers passen. Aber trotzdem, was will der Kerl in Basel? Der holt höchstens seine Beute und haut ab. Er hat keine Rechnung offen, im Gegensatz zu mir.

Die Autos vor Lindberg waren jetzt endgültig zum Stehen gekommen, er lehnte sich erschöpft im Fahrersitz zurück. Spät in der Nacht war er noch in der Rehaklinik gewesen und hatte Paula vorgelesen, aus dem Buch, das er am Abend zuvor gekauft hatte. ,Der Kleine Prinz', sie hatte einmal davon erzählt. Es hatte nichts genützt, außer, das er unendlich müde geworden war.

Wenigstens hatte er diese Nacht daheim geschlafen, wenn auch nur ein paar Stunden. Er hatte keine Remexan nehmen wollen, irgendetwas sträubte sich in ihm dagegen.

Er war auch so rechtzeitig aufgestanden, doch jetzt saß er hier im Stau und würde zu spät kommen.

Bundespolizeidirektor Graf wollte um acht Uhr morgens über den Stand des Falls informiert werden, Lindberg hatte die Einladung erst heute Morgen gesehen, Graf hatte sie gegen 22 Uhr versendet. In seiner Welt war das offensichtlich genügend Vorlaufzeit.

Eine halbe Stunde zu spät erreichte Lindberg endlich die Zentrale der Bundespolizei und hastete in Grafs Büro.

Er war überrascht, nur Carla Frey und den Polizeidirektor dort zu sehen. Beide saßen da, angespannt und mit verbissenem Blick. „Soll ich später noch mal kommen?“, fragte Lindberg.

„Wenn Sie jetzt schon mal da sind, können Sie auch bleiben.“ Graf deutete auf Carla Frey. „Kommissarin Frey verlässt uns übrigens Ende März.“

„Was?“ Lindberg blickte seine Kollegin schockiert an. „Warum das denn?“

„Sie wird nicht an dem MP-Programm teilnehmen, lehnt eine Versetzung ab und hat noch jede Menge Überstunden.“ Auf Grafs Stirn pochte eine dicke Ader. „Außerdem haben wir grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten, was die Arbeitsweise der Bundespolizei angeht. Und ich kann nur Mitarbeiter gebrauchen, die meinen Kurs bedingungslos unterstützen.“

„Wir sind keine Sklaven, die ihr Hirn an der Pforte abgeben“, sagte Frey.

„Das hat niemand behauptet …“

„Wenn mir vorgeschrieben wird, wie ich ein Verhör zu führen habe“, entgegnete Frey. „Dann ist das für mich nichts anderes.“

„Sie können doch nicht einfach ein Gespräch mit dem Hauptverdächtigen nicht protokollieren …“

„Das ist kein Hauptverdächtiger!“ Frey stand auf, ihre Stimme überschlug sich fast. „Das ist nicht mal ein Zeuge, jedenfalls nicht bei dem Mord! Sie glauben, der Fall ist schon gelöst, nur weil die Öffentlichkeit beruhigt ist. Aber was machen Sie, wenn wir morgen an einen neuen Tatort gerufen werden?“

Lindberg blickte die beiden konsterniert an, sie waren anscheinend kurz davor, aufeinander loszugehen. Er räusperte sich. „Kann ich etwas zum Stand der Ermittlungen sagen?“

Graf atmete tief aus. „Bitte.“

„Jörg Egger, der mutmaßliche Kopf der FAA hat ein Alibi, ich habe es gestern im Detail überprüft. Wir haben unabhängige Zeugen, die seine Aussage bestätigen.“

„Er kann den Mord auch delegiert haben.“

„Wir glauben eher, dass Egger uns wertvolle Hinweise geben könnte, welche Gruppierung tatsächlich hinter dem Mord steht. Oder zumindest die Parole verwendet: ,Wenn du Tiere tötest, dann töten wir dich!‘“

Graf schüttelte den Kopf. „Er wird seine Gesinnungsgenossen kaum verraten.“

„Das hängt davon ab, was wir ihm anzubieten haben.“

„Was soll das sein?“

„Freilassung aller Mitglieder der FAA und Einstellung der Ermittlungsverfahren gegen sie.“

„Jetzt kommen Sie auch noch mit so einem Unsinn!“ Graf schüttelte ungehalten den Kopf. „Das ist eine terroristische Gruppe, die Manager und Politiker bedroht. Und die haben wir in einer konzertierten Aktion ausschalten können. Wo ist da das Problem?“

„Erstens sind das keine Terroristen“, sagte Frey. „Zweitens war unsere Reaktion völlig unangemessen. Und drittens haben wir einen Mörder zu finden und keine ideologischen Grabenkämpfe zu führen.“

„Der Bundesanwalt und ich waren uns in der Beurteilung der Lage völlig einig.“

Carla Frey verschränkte ihre Arme. „Weil Sie beide keine Ahnung haben.“

Das war sehr unklug, Carla, dachte Lindberg. „Können wir …“

„Was wollen Sie damit sagen, Frey?“ Graf schoss hoch, seine Zornader pochte noch heftiger.

Carla Frey lehnte sich trotzig zurück. „Wir brauchen in der Führung einen Kriminalisten und keinen Opportunisten.“

Graf beugte sich nach vorne, deutete mit dem Finger auf Carla Frey. „Sie meinen also, ich hänge mein Fähnchen in den Wind? Ich sag Ihnen mal was, ich scheue mich nicht davor, unpopuläre Maßnahmen zu ergreifen. Sie sind mit sofortiger Wirkung vom Dienst suspendiert!“

Als hätte Carla Frey nur darauf gewartet, stand sie auf, feuerte Polizeimarke und Dienstwaffe auf Grafs Schreibtisch und stürmte nach draußen. Sie schlug die Tür mit einer solchen Wucht hinter sich zu, dass die Sekretärin im Vorzimmer erschrocken aufschrie.

22

Lindberg wollte Frey hinterher, mit der Kollegin reden, stand auf, blickte Graf an.

„Sie bleiben noch hier.“ Der Polizeidirektor stand da, als hätte man seine Füße mit Sekundenkleber fixiert und schien bis zehn zu zählen, wohl um sich wieder zu beruhigen. „Weswegen sind Sie eigentlich zu spät gekommen?“, fragte er schließlich.

„Ich stand von Basel ab im Stau.“

„Sie wohnen in Basel? Und arbeiten hier?“

Lindberg biss sich auf die Lippen. „Ich pflege dort meine Eltern.“

„Dann können Sie mehr Zeit ja gut gebrauchen. Haben Sie das Medikament schon genommen?“

Lindberg schüttelte den Kopf. „Ich hoffe, es löst mehr Probleme, als es schafft.“

„Da können Sie ganz beruhigt sein“, sagte Graf. „Die Zulassungsbehörden haben das Medikament intensiv geprüft.“

Lindberg blickte Graf an, die Zornader pochte nur noch verhalten. „Wollen Sie sich das mit Frau Frey nicht noch einmal überlegen? Sicher hat sie überreagiert, aber …“

„Niemals!“ Graf ballte die Fäuste. „Und wenn ich jeden verfügbaren Polizisten für den Fall abstellen muss, Carla Frey wird für uns nicht mehr ermitteln!“

Lindberg atmete tief aus. „Wenn nichts mehr ist, würde ich jetzt gern an die Arbeit gehen.“

Graf ließ ihn gehen und als Lindberg zurück in sein Büro kam, hatte Carla Frey schon einen Karton auf ihren Schreibtisch gestellt und räumte ihre persönlichen Dinge hinein.

Lindberg ging zu ihr und legte seine Hand auf ihre Schulter. „Graf hat sich nicht mehr umstimmen lassen.“

„Damit hätte er mir auch keinen Gefallen getan“, erwiderte sie. „Ich werde dem Kerl nicht in den Arsch kriechen. Jemand musste ihm mal die Meinung sagen!“

„Meinst du, er hat sie verstanden?“, fragte Lindberg. „Den interessiert doch nur das Ansehen der Behörde und seine eigene politische Karriere. Das ist ein Hardliner, den kannst du nicht ändern.“

„Er mich aber auch nicht.“ Sie schaute Lindberg trotzig an. „Und du? Machst du den Unsinn mit dem Medikament mit?“

„Carla, was glaubst du, wie lange es dauert, bis auch die letzte Polizeiwache auf Remexan umgestellt hat?“

Frey verschränkte die Arme. „Das Pilot-Projekt kann immer noch scheitern.“

„Es wird erfolgreich sein, zumindest kurzfristig“, antwortete Lindberg. „Hauptsache die Kosten sinken, alles andere ist den Verantwortlichen doch egal.“

Frey nickte nachdenklich. „Ich hab hier jahrelang gegen Widerstände gekämpft“, sagte sie. „Ich fange nicht noch mal von vorn an. Dafür bin ich zu alt.“ Sie räumte ihre kleinen Kakteen in eine Box. Eine Träne kullerte über ihre Wange. Sie wischte sie hastig ab, als wolle sie diese verstecken.

„Lässt du mir einen Kaktus da?“, fragte Lindberg. „Wird sonst sehr einsam hier.“

„Klar, bekommst den stacheligsten von allen.“ Sie versuchte ein Lächeln. „Damit du dich an mich erinnerst.“

Frey reichte ihm einen kleinen Tontopf. Lindberg bemerkte, wie die Kollegin dabei zitterte, doch er sagte nichts. Er nahm den Kaktus und stellte ihn behutsam auf seinen Schreibtisch. „Was wirst du jetzt tun?“

„Ich weiß nicht. Kam alles ein bisschen schnell.“ Lindberg biss sich auf die Lippen. Mit den anderen Kollegen hatte er in den paar Wochen bisher nur oberflächlich Kontakt gehabt. Lediglich Katharina Zach war da eine Ausnahme. Doch er kannte sie kaum. Frey war für ihn hingegen wie eine verständnisvolle … Nein, Lindberg sträubte sich, den Gedanken weiterzudenken.

Carla Frey seufzte. „Schon als ich Graf das erste Mal gesehen hab, wusste ich, das geht nicht gut.“  Ihre Stimme flatterte. „Im Grunde hab ich auch genug von diesem … wie heißt noch mal Scheiß-Arbeit auf Schwedisch?“

„Pissjob.“

„Genau das Wort hab ich gesucht.“ Sie legte den Deckel auf den Karton und blickte Lindberg direkt in die Augen. „Wenn du bei dem Fall Hilfe brauchst, bin ich jederzeit für dich da.“

„Danke.“ Lindberg ging zu seiner Kollegin und umarmte sie als wäre es das letzte Mal.

23

Nachdem Carla Frey gegangen war, setzte Lindberg sich vor die Akte, in der aufgelistet war, mit wem der Forschungschef in den letzten vier Wochen telefoniert oder Mailverkehr gehabt hatte und wen er laut seinem Kalender getroffen hatte. Lindberg schrieb sich einige Telefonnummern aus Meyers Verbindungsnachweis auf, die er nicht zuordnen konnte und meldete sie den Basler Kollegen zur Überprüfung.

Als er gerade beim Mittagessen saß und den ersten Bissen nehmen wollte, kam Katharina Zach an seinen Tisch. „Sag mal, wo steckt denn Carla?“, fragte sie. „Ich hab sie überall gesucht und auf dem Handy erreiche ich sie auch nicht.“

„Graf hat sie gekündigt und anschließend suspendiert.“

„Das ist nicht dein Ernst.“ Katharina Zach setzte sich.

„Doch, leider. Sie sind ziemlich aneinandergeraten.“

„Das Remexan, oder?“

Lindberg nickte.

„Und wer leitet jetzt die Ermittlungen?“

„Offiziell Graf, aber der kommt eh damit zu mir.“

Katharina Zach zupfte an den Ärmeln ihre Bluse, sodass man ihre Tattoos auf den Unterarmen sehen konnte. „Dann lass dir dein Essen besser mal einpacken.“

„Was?“

„Die Basler Kollegen haben mich vorhin informiert. Es gibt ein neues Opfer.“

Fünf Minuten später saßen sie im Dienstwagen, Lindberg fuhr. „Das Opfer heißt Claudia Römer“, sagte Katharina Zach. „Sie ist 42, Biologin und alleinstehend. Eine Nachbarin hat ihre Leiche entdeckt. Gärbergasse, mitten in der Basler Altstadt.“

„Und wie kommen die Kollegen auf uns?“

„Sie arbeitet bei einem Pharmaunternehmen“, antwortete Zach. „Mehr weiß ich auch noch nicht, die Kollegen wollten keine voreiligen Schlüsse ziehen.“

Das Haus in der Gärbergasse maß nur drei Fenster breit, ein gut erhaltener Altbau in bester Wohngegend. Das Funkeln des Schnees, der hier heller schien als anderswo, gab der Gasse ein freundliches Gesicht.

Im Erdgeschoss des Hauses befand sich ein Café im Stil eines Coiffeurgeschäfts oder aber ein Coiffeur im Stil eines Cafés. Manchmal verschmolz selbst das miteinander, was nicht zusammengehörte. Ein Haar in der Suppe oder zumindest im Cappuccino war hier sicher häufiger zu finden.

Neben der Ladenfront führte eine hölzerne Tür zu den Wohnungen, gesichert von einem Polizisten in Uniform. Obwohl dieser Zach kannte, kontrollierte er die Dienstausweise der beiden peinlich genau und ließ sie erst dann passieren.

Sie betraten den schmalen Flur, der direkt in eine Treppe aus altem, aber gepflegtem Holz überging. Ein weißer Pudel kam ihnen kläffend entgegen. Im weichen Licht der antiken Deckenbeleuchtung glänzte sein Fell wie Seide. Er hätte putzig ausgesehen, wenn nicht das Blut gewesen wäre.

Wie am Mund eines Raubtiers klebte es an der kleinen Schnauze und befleckte den Pudel mit der traurigen Brutalität des Lebens. Der Hund rannte an den Kommissaren vorbei durch die offene Haustür. Auf der Gasse blickte er sich um, als wolle er Hilfe holen und wisse nicht wohin. Schließlich blieb er stehen und bellte so laut er konnte.

Im ersten Stock angekommen, betraten Zach und Lindberg die Wohnung, eine kleine schmucke Bleibe in der Altstadt mit Blick auf die Fußgängerzone. Ein flüchtiger Veilchenduft lag in der Luft, passte so gar nicht zu dem, was die Kommissare erwartete. Die mit antiken Möbeln eingerichtete Wohnung der Ermordeten wirkte aufgeräumt und sauber, Türen und Fenster schienen unbeschädigt. Das Badezimmer lag ein Stockwerk höher, es war für das kleine Appartement ungewöhnlich geräumig und beherbergte einen Jacuzzi. Dieser bot Platz für zwei Personen und ließ keinen Zweifel am Wohlstand seiner Besitzerin.

Lindbergs Blick fiel auf die Wand hinter dem Jacuzzi, sie war mintgrün gekachelt, verziert mit einem Blumenmuster. Und mit blutgetränkten Lettern: ‚Wenn du Tiere tötest, dann töten wir dich!‘

Dann erst schaute Lindberg in den Jacuzzi. Es konnte keinen Zweifel geben, es war derselbe Täter. Die rote Färbung des Badewassers kontrastierte mit der weißen Keramikwanne des Jacuzzis. Und mit dem freigelegten Hirn Claudia Römers samt hineingesteckter Elektroden.

Der mattgraue Kachelboden war mit Blutspritzern übersät. Sie sahen aus, wie von einem Aktionskünstler arrangiert.

Lindberg wurde erst jetzt klar, wie spät sie an den Tatort gekommen waren. Die Basler Spurensicherer begannen schon, die Leiche aus der Wanne zu heben. Ein dunkles Gemisch aus Blut und Wasser perlte von der Haut der Toten und gab frei, was durch das Wasser bisher verborgen geblieben war. Claudia Römer musste mehr als ein paar Stunden darin gelegen haben, ihre Haut war aufgequollen wie ein zerrissener Waschlappen.

„Tja, da habt ihr gestern wohl die Falschen festgenommen“, sagte Katharina Zach und machte sich an die Arbeit.

24

Lindberg blieb nicht allzu lange am Tatort, er wollte der Spurensicherung nicht im Weg stehen und der Eindruck, den er gewonnen hatte, reichte ihm.

Der Täter war äußerst professionell und äußerst brutal. Hatte er beim ersten Mord die Parole noch dezent versteckt, hatte er sie dieses Mal in die Welt hinausgeschrien.

Vor allem gab Lindberg jedoch zu denken, dass er ohne Carla Frey ermitteln musste. Ohne ihre langjährige Erfahrung, ohne ihre Kompetenz, ohne ihr Wissen über die militanten Tierschützer.

Und das, obwohl sie recht behalten hatte.

Er brauchte jemanden, der sich mit den Tierschützern auskannte. Nur wen?

Auf alle Fälle war es an der Zeit, wieder mit Egger zu reden. Vielleicht hatte der zweite Mordfall die Lage verändert. Und es war eine gute Gelegenheit, Carlas Verhörtechnik auszuprobieren.

Als er dem Studenten gegenübersaß, gleiches Verhörzimmer, gleicher Pflichtverteidiger, fiel sein Blick auf Carlas leeren Stuhl. Er hatte schon viele Verhöre geleitet, aber wie er jetzt wusste, hatte er eine Menge Fehler dabei gemacht. Er ließ das Diktiergerät demonstrativ ausgeschaltet.

„Wo ist die ältere Kommissarin?“, fragte Egger.

„Sie wurde heute vom Dienst suspendiert“, antwortete Lindberg. „Der Bundespolizeichef verlangt, dass wir hart gegen euch durchgreifen und das wollte sie nicht mittragen.“

„Und Sie tragen das mit?“

„Nein.“ Lindberg deutete auf das ausgeschaltete Diktiergerät. „Aber wenn auch ich gehe, dann wird das vollends zum politischen Prozess. Du kannst dir sicher vorstellen, was das bedeutet. Es gibt einige, die wollen euch wegen Landesverrat anklagen.“

„Das ist doch totaler Schwachsinn!“

Lindberg rieb sich die Stirn. „Heute ist eine weitere Pharmamanagerin ermordet worden. Jetzt könnte man meinen, ihr seid unschuldig, schließlich seid ihr in Gewahrsam. Doch tatsächlich ist man der Auffassung, man hat euch nur noch nicht hart genug angepackt.“

„Es gab einen weiteren Mord?“ Egger blickte unsicher seinen Anwalt an. „An wem?“

„Claudia Römer, Forscherin bei GENEKNOV, dem Remexan-Hersteller.“ Lindberg zeigte ihm ein Foto. „Sie ist nicht mal mittleres Management, hat auch nichts mit Tierversuchen zu tun. Eine wie du und ich.“

Egger wurde bleich.

„Kennst du sie?“

„Ich hab den Namen nie gehört.“

„Ist GENEKNOV in eurem Fokus? Immerhin hatte auch Meyer vor seinem Wechsel zu Novartis dort gearbeitet, als CEO.“

„Wir haben mitbekommen, was sie machen, aber wir konzentrieren uns auf die Großen. Wenn Novartis umkippt, haben die anderen keine Ausrede mehr. Und wir bringen niemanden um, nur um das noch mal klarzustellen!“

„Und wie erklärst du dir dann die Parole: ,Wenn du Tiere tötest, dann töten wir dich‘?“

„Wie ich schon sagte, sie ist nicht von uns.“

„Wenn ich wüsste, welche Organisation diese Parole verwendet, würde das den Druck von euch nehmen und wir hätten eine Chance den Täter zu finden. Bevor er weitere Menschen umbringt.“

„Ich kann euch da nicht weiterhelfen.“ Egger lehnte sich zurück, so wie das letzte Mal, seine Lippen verschlossen.

Lindberg wusste, jetzt würde sich zeigen, ob er wirklich etwas von Carla gelernt hatte. „Ich weiß, es mag für dich unpassend klingen, wenn ein Polizist von Moral redet, aber ich könnte nicht damit leben, wenn noch mehr Menschen sterben, und ich deren Tod hätte verhindern können. Was machst du, wenn wir den Täter irgendwann finden – und wir werden ihn finden – und er stammt aus der Organisation, die den Slogan verwendet? Wirst du das dann nicht dein ganzes Leben bereuen?“

Egger schaute an die Wand. „Das Problem ist, ich traue euch nicht.“

Lindberg beugte sich vor, sprach ruhig, aber mit eindringlicher Stimme. „Ich traue uns auch nicht“, sagte er. „Carla hatte prophezeit, dass weitere Morde geschehen werden und sie wurde entlassen. Wenn ich dem Polizeidirektor nichts liefern kann, werde ich auch abgezogen und du bekommst Besuch von einem dieser rechten Arschlöcher, die euch kleinkriegen wollen, nur weil ihr den Finger in die Wunde legt.“

Egger atmete tief aus, starrte an die Wand. „Was ist, wenn ich euch den Namen nenne und ihr lasst die Gruppe genauso hochgehen wie uns? Und sie sind auch unschuldig?“

Lindberg schloss kurz die Augen und atmete tief durch. „Ist es für dich okay, wenn der Anwalt kurz den Raum verlässt?“

Der Anwalt wollte protestieren, doch Egger nickte. „Sie können gehen.“

Der Kommissar wartete, bis der Anwalt die Tür hinter sich geschlossen hatte. „Danke, dass ich ihn da nicht mitreinziehen muss“, sagte er. „Was ich dir jetzt sage, muss unter uns bleiben. Sonst bin ich am nächsten Tag kein Polizist mehr.“ Lindberg rieb sich die Stirn. „Ich schaue mir die Organisation an und gebe dir mein Wort, dass ich ihren Namen nur dann an meinen Vorgesetzten weitergebe, wenn es Beweise gibt, dass sie etwas mit der Tat zu tun haben.“

„Warum tust du das?“

„Weil ich keinen Bock auf politische Spielchen habe. Und weil ich diesen verdammten Mörder finden will.“

Egger starrte auf den Tisch, seufzte, dann erst blickte er Lindberg an. „Als die Parole zum ersten Mal verwendet wurde, waren wir selbst überrascht und ich habe mich umgehört. Niemand wusste etwas Genaues, aber dann wollte jemand bei uns mitmachen, der sich brüstete, bei der Organisation gewesen zu sein, ja, er habe den Spruch sogar miterfunden. Ich weiß nicht mehr, wie der Typ heißt, es ist ein paar Monate her, aber ich weiß noch, wie er die Organisation genannt hat: ,Tierarmeefraktion‘.“

25

Tierarmeefraktion. Direkt nach dem Verhör setzte sich Erik Lindberg vor seinen Computer und suchte nach dem Begriff. In der Polizeidatenbank fand er nicht einen Eintrag, aber es gab ja noch das Internet.

Schon bald erkannte er, dass die Gruppierung keine Homepage besaß, keine Facebook-Seite, in Tierschutzforen wurde sie nicht erwähnt, ja es gab nicht mal Suchergebnisse bei Google, so als würde die Organisation gar nicht existieren.

Hatte Egger die Gruppierung erfunden, um den Verdacht von sich abzulenken?

Gegen Abend war Lindberg immer noch nicht zu Ergebnissen gekommen und verließ resigniert die Zentrale.

Früher waren Lindberg über Nacht immer die besten Ideen gekommen, doch inzwischen schien sein Unterbewusstsein vollauf damit beschäftigt zu sein, ständig denselben Alptraum zu replizieren.

Er musste dringend auf andere Gedanken kommen, und er wusste, was da helfen würde: Schachboxen.

Lindberg rief Gehirnklitschko an, der ließ seinen Deutschkurs an der Volkshochschule ausfallen und sie trafen sich im Boxclub.

„Du hättest ruhig in den Deutschkurs gehen können“, sagte Lindberg und eröffnete das Spiel. „Schließlich willst du mal den Literaturnobelpreis gewinnen, oder?“

„Ich nie Nobelpreis“, antwortete Gehirnklitschko. „Egal in welche Fach. Ich nix Genie genug.“ Er zog mit seinem ersten Bauern zwei Felder nach vorn. „Und auch nix wahnsinnig genug.“

Lindberg musste lachen und zog mit einem zweiten Bauern nach vorn.

„Außerdem ich lerne mehr bei Schachboxen, als in Schule“, sagte Gehirnklitschko. „Die andere Ausländer alle spreche gebroche Deutsch, so ich nie werde verstehe, was ist richtig.“

Nach drei Runden, in denen Lindbergs Hirn ein paarmal touchiert worden war, fühlte es sich irgendwie nicht mehr so blockiert an. „Und was macht die Müllabfuhr?“, fragte er.

„In Winter ist besser zu arbeite“, antwortete Gehirnklitschko. „Dann Müll stinke nicht so sehr. Und ich nicht muss halbe Stunde dusche, um rieche wieder wie normale Mensch.“ Er eröffnete die vierte Runde mit einer Rochade. „Und du habe zu tun mit die drei Morde?“

„Mit zwei davon.“

„Sind komische Tierschützer in Schweiz, die gehe über Leiche.“

„Gibt es bei euch in Aserbaidschan auch Tierschützer?“

„Wir habe genug zu tun, uns selbst zu schütze.“ Gehirnklitschko runzelte die Stirn. „Dabei ware wir früher einmal progressiv, obwohl Aserbaidschan islamisch, wir ware bei der erste Länder weltweit, die hatte Frauenwahlrecht, noch vor Deutschland, USA und natürlich vor die Schweiz. Was war so ziemlich letztes Land wo eingeführt, das Fraue genau wie Männer könne Kreuz an falsche Stelle mache.“

Lindberg musste lachen und vergaß den Zug, den er sich gerade überlegt hatte.

„Ich selbst auch war progressiv“, sagte Gehirnklitschko. „Ich schon mit vierzehn gehört Modern Talking statt aserbaidschanische Volksweise.“

„Modern Talking?“

„Du kenne? You’re my heart, you’re my soul …“

„Ja, ich kenn das“, unterbrach Lindberg ihn.

„Du finde nix gut?“

Lindberg schüttelte den Kopf. „Wie kann ein Mann mit einem IQ von 180 Fan von Modern Talking sein?“

„Sie ware in Aserbaidschan so groß wie die Beatles.“

„Das spricht jetzt aber nicht für Aserbaidschan“, sagte Lindberg. „Aus dem Land wäre ich auch geflüchtet.“

„Ihr Europäer seid komisch“, sagte Gehirnklitschko. „Mögt eigene Sache nicht, wenn erfolgreich.“

  Lindberg nickte. „Und du? Als du hier im Club vor ein paar Wochen ankamst, konntest du kaum Schach. Aber ist das nicht eine Art Volkssport bei euch?“

„Stimmt.“ Gehirnklitschko nahm einen Turm, setzte ihn aber noch nicht auf das neue Feld. „Kasparow ist sogar gebore wie ich in Baku, aber ich habe lieber gespielt Fußball. Damals ich denke ganze Tag in Schule und Studium, also ich nix noch wolle denke bei Spiel. Jetzt umgekehrt.“ Er grinste und schlug mit dem Turm Lindbergs Springer. „Aber du wolle rede über Tierschützer. Was ist Problem?“

„Ich komme nicht an sie ran.“ Lindberg zog seine Dame beiseite damit der Turm sie nicht auch noch holte. „Sie operieren im Untergrund.“

„Tierschützer operiere Tiere?“

Lindberg lachte. „Nein, operieren meint in dem Fall etwas anderes, so wie im Englischen.“

„Deutsche Sprache komisch“, sagte Gehirnklitschko. „Für lebensnotwendige Sache wie Operation nicht mal habe eigenes Wort.“ Er setzte die Dame mit einem Springer unter Druck. „Wenn sie sind in Untergrund, wo du habe gesucht?“

„In den Polizeiakten, im Internet … in den Gelben Seiten stehen sie leider nicht.“ Er zog seine Dame ein Feld nach links.

„Warum du nicht mache, was ich hab getan, als ich wollte finde Verein für zu übe Boxe?“

„Was hast du denn getan um uns zu finden?“

„Ich bin an Universität und habe geschaut auf … wie heißt das, schwarze Brett? Obwohl ist weiß?“ Gehirnklitschko zuckte mit den Schultern. „Da du finde komischste Sache. So wie Klub wo könne gleichzeitig Boxe und spiele Schach.“

Hätte Lindberg in dem Moment im Boxring gestanden, wäre er sicher wieder ausgeknockt worden.

So aber stand nur sein König im Schach.

26

Die Flammen schlugen um das Auto, als gäbe es draußen keine andere Welt mehr. Als gäbe es nur noch diesen einen Flammenball, der alles andere schon vernichtet hatte.

Der kein anderes Ziel hatte, als in seinen Volvo einzudringen und auf das in Diesel getränkte Innere zu treffen.

Auf Paula und ihn.

Udo Wohlers, der Mann, der den Geldtransporter überfallen hatte, Lindberg erinnerte sich wieder. Er war ihm auf der Spur gewesen, hatte dessen Wohnung observiert. Ohne Erfolg. Anschließend war er mit der Zivilstreife zurück zum Präsidium, war in den eigenen Wagen gestiegen und hatte Paula an der Uni abgeholt.

Hier endete seine Erinnerung und begann wieder in seinem nach Diesel stinkenden Volvo, der brannte, der verschlossen war und der jeden Moment den von außen züngelnden Flammen nachgeben würde.

Panisch drückte Lindberg den Türhebel, doch es war nun mal der Sinn der Doppelverriegelung, dass sich die Türen nicht öffnen ließen, weder von innen, noch von außen, sondern nur mit dem Schlüssel. Und den hatte er nicht.

Lindberg hatte auf einer Polizeischulung gelernt, dass Autos nicht von allein explodierten, dass die Tanks gut abgedichtet waren, doch das half alles nichts, wenn das Auto schon brannte.

Diesel hatte eine höhere Zündtemperatur als Benzin, aber irgendwann war der Punkt erreicht, an dem es sich entzündete, oder an dem jede Schweißnaht platzte, jedes Glas zersprang und das Innerste zum Äußeren wurde.

Die Flammen erhellten den Innenraum, das Plastik an den Armaturen wurde glänzend weich und stank verbrannt. Lindberg musterte den Fahrzeugboden, die Fußmatte aus Gummi warf Blasen, er beugte sich zu Paula, kam an den metallenen Knauf der Gangschaltung, schreckte hoch, weil er sich daran verbrannt hatte, blickte zum Fahrzeugboden auf Paulas Seite, sah keinen Schlüssel, drehte sich schon weg und schaute dann doch noch mal hin.

Unter ihrem Sitz lag etwas, der schmale Tragegurt ihrer Handtasche! Hatte Paula die Tasche unter dem Sitz versteckt?

Lindberg beugte sich hinab, griff nach dem Riemen, kam mit der Hand an die metallene Halterung der Sitze, schreckte vor Schmerz zurück, roch die verbrannte Haut, doch er angelte die Handtasche unter dem Sitz hervor.

Er klappte sie auf, wühlte darin, fand ein schmorendes Mobiltelefon, einen Geldbeutel, Schminksachen, einen Kamm.

Und dann spürte er den Schlüssel.

Er packte ihn, obwohl er glühend heiß war und drückte auf den Knopf zum Öffnen des Autos.

Nichts.

Er drückte fester, alle Knöpfe, die er fand.

An seiner Seite der Tür schob sich eine Flamme ins Fahrzeuginnere, nahm ihm die Luft. Irgendetwas klickte, seine Kleidung fing Feuer, geistesgegenwärtig langte er nach dem glühend heißen Türgriff, verlor den Schlüssel, doch das interessierte ihn nicht mehr, denn der Griff gab nach und Lindberg warf sich aus dem Auto.

Er riss sich Jackett und Hemd vom Leib, die Fahrertür fiel zu, er rannte um das Auto herum, wollte die Beifahrertür öffnen, doch sie war verschlossen.

Der Schlüssel! Verdammt, er lag auf der kokelnden Fußmatte!

Das Feuer schoss in den Innenraum, Lindberg versuchte es hinten links an der Tür, am Kofferraum, rechts, auf der Fahrerseite, doch er kam nicht hinein.

Paula saß auf dem Beifahrersitz, sah ihn mit vor Schock geweiteten Augen an.

Und dann verbrannte sie.

27

‚The world never sleeps – Remexan‘ prangte auf einem Videodisplay, an dem Lindberg auf dem Weg zur Arbeit vorbeifuhr. Für gewöhnlich wechselten die Bildsequenzen der Werbung darauf so hektisch wie der daran vorbeifahrende Verkehr, doch jetzt bildeten sie einen Pol der Ruhe, zeigten nächtliche Aufnahmen jagender Eulen, Eichhörnchen, die Nüsse stibitzten und Fledermäuse beim Füttern ihrer Jungen, begleitet von dem prägnanten Slogan.

‚The world never sleeps‘ – sollte es wirklich so weit kommen? Bis auf die Überflutung der Medien mit Berichten über das gerade eingeführte Wundermittel hatte sich noch nicht viel geändert. Waren sie wirklich die Pioniere? Wer würde es außer ihnen noch einnehmen? Nachtschwestern, Piloten, die Werbeszene? Oder am Ende jeder, der es sich leisten konnte?

Vielleicht würden mit dem Remexan seine Albträume enden? Möglicherweise konnte er gleichzeitig mehr Zeit an Paulas Krankenbett und mit der Aufklärung des Falles verbringen? Ein echtes Paradoxon, dachte er. Und doch passt es perfekt in diese Zeit.

Nach seinem Besuch in der Rehaklinik hatte Lindberg gestern noch sämtliche Schwarzen Bretter der Universität abgeklappert. An der biologischen Fakultät war er schließlich fündig geworden. Ein einfaches Blatt Papier, auf dem nichts stand, als ein Wort: ,Tierarmeefraktion‘. Darunter hingen abreißbare Telefonnummern, doch Lindberg hatte gleich das ganze Blatt mitgenommen. Die Versuchung war groß gewesen, die Nummer sofort anzurufen, aber er wollte erst mehr dazu herausfinden. Er hatte in der Nacht noch recherchiert und war dann irgendwann eingeschlafen, ohne eine Remexan zu nehmen.

Er hätte am liebsten sofort weiter ermittelt, doch er war mal wieder zu spät. Polizeidirektor Graf wollte ihn in fünf Minuten sprechen, verlangte jetzt schon eine Entscheidung, ob er nun an dem Remexan-Programm teilnehme. Fehlte nur noch, dass Graf diesen künstlichen Zeitdruck damit begründete, dass die Arbeit nach Carlas Entlassung nicht weniger geworden war.

Obwohl Gehirnklitschko ihn gestern Abend nicht niedergeschlagen hatte, sondern nur Schachmatt gesetzt, herrschte in Lindbergs Kopf ein Chaos wie in einem Kinderzimmer nach dem Urlaub der Eltern.

Sollte er das Remexan in Zukunft wirklich nehmen?

Er parkte in der Tiefgarage der Bundespolizei und mit jedem Schritt, den er näher an Grafs Büro kam, zweifelte er stärker daran, dass er überhaupt in der Lage war, das Ausmaß seiner Entscheidung zu beurteilen.

Was wusste er schon über Risiken eines Medikaments, über Langzeiteffekte, Nebenwirkungen?

Am liebsten hätte er diese verdammte Entscheidung weggedrückt wie ein Pop-up-Fenster. Doch genauso hartnäckig wie ein Pop-up würde die Entscheidung sich immer wieder in den Vordergrund drängen, wenn er sich ihr jetzt nicht stellte. Entweder er war von Anfang an dabei, oder er ließ es gleich bleiben.

Lindberg kam ein paar Minuten zu spät an Grafs Büro. Die Sekretärin deutete auf die Uhr und ignorierte ihn dann so gut sie konnte, während sie geschäftig auf den Tasten ihres Laptops herumtippte. Endlich wurde Lindberg hereingerufen.

„Haben Sie gut geschlafen?“, fragte Graf.

„Ich habe das Medikament noch nicht genommen. Ich … wollte erst mal das Gespräch mit dem Polizeiarzt abwarten.“

Graf lupfte eine Augenbraue. „Was gibt es Neues zum Fall?“

„Wir haben nach wie vor nichts, was Egger oder die FAA belasten würde.“

„Jetzt wissen wir wenigstens, dass sie es nicht waren.“ Graf winkte ab. „Außerdem haben die genügend anderen Dreck am Stecken.“

Lindberg sagte nichts. Einen Dogmatiker konnte man nicht bekehren.

„Jetzt treffen Sie erst mal die richtige Entscheidung bezüglich des MP-Programms und dann werden Sie den Fall schon lösen.“

Lindberg atmete tief aus. Er wollte hier so schnell wie möglich wieder raus. „Ich weiß nicht, ob es die richtige Entscheidung ist“, sagte er. „Aber ich bin dabei.“

„Perfekt.“ Graf öffnete seine Schublade und reichte Lindberg den geänderten Arbeitsvertrag.

Der Kommissar überflog das Papier. Er hatte den Entwurf schon mehrfach gelesen, seine Bauchschmerzen waren mit jedem Durchgang größer geworden.

Er blätterte zur letzten Seite, nahm den Stift, hielt kurz inne und schloss die Augen. Das ist ein Fehler, dachte er. Ein Fehler, dem ich nicht ausweichen kann.

Graf blickte ihn an, als dauerten ihm die paar Sekunden Bedenkzeit schon zu lange.

Lindberg setzte seine Unterschrift unter den Vertrag und ließ ihn schweigend über den Tisch gleiten.

Der Polizeidirektor legte das Papier zu den Akten. „Es freut mich, dass Sie weiterhin dabei sind.“ Er nickte zufrieden. „Jetzt kann ich Ihnen auch mitteilen, was ich noch mit Ihnen vorhabe. Ich glaube, Sie sind ein guter Mann, Sie brauchen nur noch ein wenig Führung, aber mit der Zeit wird das schon. Daher werde ich Sie in Nachfolge von Carla Frey zum Leiter der Ermittlungsgruppe befördern. Sobald feststeht, wer an dem MP-Programm teilnimmt, erhalten Sie einen neuen Partner.“

Lindberg war es unangenehm von dem Mann gelobt zu werden, den er am liebsten für immer aus diesem Büro oder noch besser aus seinem Leben verbannt hätte. Dummerweise war der Kerl sein Vorgesetzter.

Der Kommissar bedankte sich tonlos. Graf erhob sich und gab ihm zum Abschied die Hand. „Sie melden sich Morgen um acht Uhr beim polizeiärztlichen Dienst. Der wird dann Ihre Bedenken ausräumen.“ Er klopfte Lindberg auf die Schulter. Der Kommissar ließ es so missmutig über sich ergehen, wie ein kleiner Junge den Kuss der Erbtante.

Als Lindberg zurück ins Büro kam, fühlte er sich, als habe er seine Ideale verkauft. War es wegen der Beförderung? Oder weil er sich von einem Medikament abhängig machte? Er wusste es nicht und es war nicht einmal jemand da, mit dem er darüber reden konnte.

Nur Carlas Kaktus stand einsam auf seinem Schreibtisch.

Der konnte zwar auch nicht reden, aber dafür erzählte er im Gegensatz zu Graf wenigstens keinen ideologisch verbrämten Unsinn.

Lindberg konnte jetzt kein Verhör führen, keines, das so wichtig war, wie das, was ihm bevor stand. Kurzentschlossen ging er zu Katharina Zach.

„Kannst du Gedanken lesen?“, fragte sie ihn, als er das Büro der Kriminaltechnikerin betrat.

„Weshalb?“

„Ich wollte dich gerade anrufen. Wir haben einen ersten Hinweis.“

„Schieß los.“

„Claudia Römer besaß eine stattliche Schmucksammlung. Sie hat antiken Schmuck aus den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts gesammelt und über jedes Schmuckstück genau Buch geführt. Die Aufstellung liegt uns vor, aber es fehlt noch das Bijou ihrer Sammlung.“

„Das Bijou?“

„Ein diamantbesetzter 24-Karäter, der ist gut und gerne 100.000 Franken wert, unter Liebhabern eventuell noch mehr.“

„Der Täter weiß, was gut und teuer ist.“ Lindberg runzelte die Stirn. „Wie konnte sie sich den Ring leisten?“

„War ein Erbstück.“ Katharina Zack zuckte mit den Schultern. „Und der Täter dachte wohl, der Diebstahl würde nicht auffallen, wenn er alles andere zurücklässt.“

„Und wenn sie den Ring vor Kurzem verkauft hat?“

„Dann müsste das Geld irgendwo sein und es einen Käufer geben.“

„Besitzen wir ein Foto des Ringes?“

„In den Unterlagen des Opfers haben wir eines gefunden“, antwortete Frey. „Würde mir auch gefallen.“ Sie zeigte Lindberg ein Foto. Der Ring sah fast aus wie ein Siegelring, nur ein wenig runder, in der Mitte des Ringes war ein fingernagelgroßer Diamant eingelassen. „Wir sollten die lokalen Juweliere und Antiquitätenhändler informieren“, sagte sie. „Wenn der Täter das Ding verkaufen will, haben wir ihn.“

„Das werde ich sofort erledigen.“

„Ich hab aber noch was anderes“, sagte sie. „Wir haben etwas Merkwürdiges in der Wohnung von Claudia Römer gefunden. Etwas, das nicht dahin gehört.“

„Was denn?“

„Eine Remexan-Tablette.“

„Sie ist Forscherin bei GENEKNOV, sie wird das Medikament selbst einnehmen, oder?“

„Wir haben die Tablette aber in ihrer Messerschublade gefunden, unverpackt.“

„Dann ist sie ihr da reingefallen und sie hat es nicht gemerkt.“

„Genau das hab ich auch gedacht“, sagte Katharina Zach. „Aber so kann es nicht gewesen sein.“ Sie lächelte triumphierend. „Denn Remexan ist ein personalisiertes Medikament.“

„Bedeutet das, jeder hat seine eigene Wirkstoffdosis?“

„Ganz so ist es nicht“, sagte sie. „Das Medikament gibt es in sechsunddreißig Varianten, abhängig von Gewicht, Geschlecht und Metabolisierungsrate, damit jeder nur eine Stunde schläft und nicht zwei, oder nur eine halbe.“

Lindberg blickte sie fragend an. „Metabolisierungsrate?“ Er hatte das schon mal gehört, er wusste nur nicht mehr wo.  „Was ist das denn?“

„Vereinfacht gesprochen ist es die Rate, die angibt, wie schnell und wie stark ein Wirkstoff im Körper umgesetzt wird, das ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich, und GENEKNOV hat da drei Untergruppen gebildet: schnelle, langsame und normale Metabolisierer.“

„Und das heißt, die Dosierung des Medikaments passt nicht zu Claudia Römer?“

Katharina Zach nickte. „Exakt. Wir haben die Wirkstoffmengen analysiert und nach Rücksprache mit GENEKNOV wissen wir, die Tablette war für einen Mann vorgesehen, in der Gewichtsklasse zwischen sechzig und achtzig Kilogramm, Schnell-Metabolisierer.“

„Das heißt, wir könnten ein erstes Täterprofil haben“, sagte Lindberg. „Wenn auch ein recht grobes.“

Katharina Zach lächelte und strich sich über ihr Augenbrauen-Piercing. „Was wolltest du eigentlich von mir?“

„Hat sich erledigt“, sagte Lindberg, stürmte aus dem Büro und setzte sich in seinen Wagen.

28

Philipp Farner. So hieß der Student auf den das Prepaidhandy zugelassen war, dessen Nummer am Schwarzen Brett der Universität gehangen hatte. Er studierte Jura, lebte im Basler Quartier St. Alban, war vierundzwanzig, kein Eintrag im Strafregister. Ein unauffälliger junger Mann, wäre sein Vater nicht ehemaliger Bundesrichter in Bern gewesen.

Lindberg fuhr nach St. Alban, jenen Teil der Altstadt, den man auch das kleine Venedig Basels nannte. So wie wohl jeden Ort der Erde, durch den ein paar Kanäle fließen. St. Alban war wenigstens eines der schöneren Möchtegern-Venedigs. Inmitten der zugefrorenen Kanäle, die in den Rhein mündeten, lag eine alte Mühle. Das Mühlrad war halb verfallen und sah aus, als würde es nur noch von Eiszapfen zusammengehalten. Einige Kinder tummelten sich auf der Eisfläche und freuten sich am Winter.

So beschaulich St. Alban auch wirkte, so auffallend kontrastierte es mit der gegenüberliegenden Rheinseite. Denn dort herrschte die pharmazeutische Industrie, gekrönt vom Roche-Hochhaus, welches wie eine halbierte Pyramide in die Wolken stieß. Es war so hässlich wie eine Betonburg für Pauschaltouristen, nur ohne Strand und ohne Meer. Dafür gab es in der Bar im obersten Stockwerk angeblich Cocktails.

Ein ungewöhnlicher Ausblick für einen Tierschutzaktivisten, dachte Lindberg, als er an Farners Altbau am Mühlegraben kam. Er klingelte. „Wer ist da?“, dröhnte es aus der Gegensprechanlage.

„Erik Schneider, ich arbeite für das Greenpeace Magazin und würde Sie gerne sprechen. Ich wollte Sie eigentlich anrufen, aber jetzt war ich gerade in der Gegend.“

„Moment, ich öffne die Tür“, tönte es aufgeregt von der anderen Seite. Lindberg verzichtete auf den Lift und nahm die Treppen. Das war ohnehin authentischer.

Als er oben ankam, stand Farner vor der Tür seiner Wohnung und erwartete ihn. Der Student war eher klein, Lindberg schätzte ihn auf 65 kg, also passend zu dem hinterlassenen Medikament. Farner war mit einer markanten Nase gesegnet, die von seinem lockigen, blonden Haar ablenkte. Ein grüner Wollpullover, der fast zwei Nummern zu groß schien, bedeckte seinen schmächtigen Oberkörper. „Kann ich Ihren Presseausweis sehen?“, fragte der Student und lächelte entschuldigend.

„Sicher“, nickte Lindberg und schob dem jungen Mann seinen Polizeiausweis hin.

„Was soll das?“, fragte Farner.

„Sagen wir, das ist ein informelles Gespräch unter Freunden.“

„Unter Freunden?“

„Nicht jeder Polizist ist Ihr Gegner.“ Lindberg reichte dem Studenten die Hand.

„Und was soll dann der Spruch mit dem Greenpeace Magazin?“ Farner ließ die ausgestreckte Hand des Kommissars in der Luft verhungern.

„Hätten Sie mich sonst reingelassen und wir würden uns hier unterhalten?“ Lindberg grinste entwaffnend.

„Na, Sie haben zumindest Ahnung von Ablenkungsmanövern.“ Der Student nahm die Hand des Kommissars und schüttelte sie. „Wenn Sie Ihr Handy ausschalten und den Mantel draußen lassen, können Sie reinkommen. Soll ja wirklich informell sein, oder?“

Lindberg nickte, hängte seinen Mantel über den Türknauf, schaltete sein Handy aus und ließ es in die Manteltasche fallen. „Sie dürfen mich auch durchsuchen.“

„Ein bisschen Vertrauen habe ich schon“, sagte Farner und bat Lindberg hinein. Die Wohnung wirkte klein, zwei Zimmer, die Wände über und über mit Plakaten und Postern beklebt, die von einer besseren Welt träumten.

Sie erinnerten Lindberg an seine eigene Vergangenheit. Wie viele Stunden hatte er als Jugendlicher damit verbracht, sich eine neue Weltordnung herbeizufantasieren, in der es keine Ungerechtigkeit mehr gab? Inzwischen war er zu dem Teil der Gesellschaft geworden, der dafür arbeitete, das Alte zu erhalten. War er noch auf dem richtigen Weg? Er blickte Farner an, der seinen Idealismus zu leben schien.

Oder war das alles nur Fassade?

In einer tönernen Schale auf der Fensterbank des Küchenfensters hatten sich ein paar Kräuter durch die Blumenerde gekämpft und trotzten dem Winter aus sicherer Distanz. Farner räumte einen Wäscheständer mit Joggingklamotten beiseite und bot Lindberg einen Platz an einem unlackierten Kieferntisch an. „Ich hab grad Kaffee gemacht. Möchten Sie einen Espresso?“ Der Student wartete gar nicht erst auf die Antwort und reichte Lindberg eine Tasse. „Der ist aus Nicaragua. Direkt vom Bauernkollektiv.“

Der Kommissar nippte daran. „Schmeckt gut“, sagte er. „Scheint von glücklichen Bohnen zu stammen.“

„Oder von glücklicher Hände Arbeit“, schmunzelte Farner. „Weshalb sind Sie hier?“

„Ich hab Ihren Anschlag am Schwarzen Brett der Universität gefunden. ,Tierarmeefraktion', das klang interessant.“

Farner nickte. „Und jetzt wollen Sie Mitglied werden oder was?“

„Dann hätte ich kaum meinen Polizeiausweis gezeigt“, sagte Lindberg. „Und meine Vorgesetzten würden das auch nicht so witzig finden.“ Er räusperte sich. „Wie Sie vielleicht mitbekommen haben, wurden zwei Pharmamanager ermordet.“

Farners Augen verengten sich. „Und was wollen Sie da von mir?“

Lindberg nahm eines der ausliegenden Magazine, holte einen roten Stift heraus und schrieb quer über das Cover ‚Wenn du Tiere tötest, dann töten wir dich‘. „Kommt Ihnen das bekannt vor?“

„Jetzt sagen Sie mir nicht, Sie kommen wegen so einer Scheiße!“ Ruckartig stand Farner vom Tisch auf. „Ich dachte, das ist ein Gespräch unter Freunden!“

„Das ist es auch.“ Lindberg hob beschwichtigend seine Hand. „Wenn Sie ein paar Pharmabonzen ärgern, hätte es mich zwar von Amts wegen zu interessieren, aber irgendwie sehe ich gerade auf dem Auge nicht so gut. Ich ermittle ausschließlich in den Mordfällen.“

„Und … und wie kommen Sie da auf mich?“

„An beiden Tatorten wurde dieser Slogan hinterlassen“, sagte Lindberg und deutete auf das Magazin. „Ich weiß nicht, wie Ihnen das geht, aber ich persönlich kann mir nur schwer vorstellen, dass jemand Tiere retten will und dafür Menschen tötet.“

„Das wäre auch gegen meine Prinzipien.“ Farner setzte sich wieder.

„Nur der Slogan droht genau das an, was Sie eben verurteilt haben.“

„Manchmal muss man provozieren, um die Aufmerksamkeit der Medien zu bekommen.“

„Es stimmt also, dass der Slogan von Ihrer Gruppierung verwendet wird, von der Tierarmeefraktion?“

„Das hier gleicht irgendwie immer mehr einem Verhör“, sagte Farner. „Meinen Sie ich bin blöd, und merke das nicht?“

„Sorry.“ Lindberg nippte erneut an seinem Espresso. „Haben Sie mitbekommen, was mit der FAA geschehen ist?“

„Ja, und deswegen hätte ich Sie gar nicht reinlassen sollen!“

„Darf ich dazu etwas sagen?“, fragte Lindberg. „Meine Kollegin und ich waren gegen die Verhaftung, aber der Bundesanwalt und der Bundespolizeichef wollten unbedingt staatliche Härte demonstrieren. Meine Kollegin ist inzwischen entlassen worden. Als ich einen Tipp bezüglich Ihrer Organisation bekommen habe, hatte ich zwei Möglichkeiten: Ich gebe ihn wie es meine Aufgabe wäre, an meine Vorgesetzten weiter und dann stände jetzt unten ein Sonderkommando.“ Er blickte Farner direkt in die Augen. „Oder ich behalte alles für mich und unterhalte mich erst mal mit Ihnen.“

Farner schwieg.

„Ihnen brauche ich ja nicht zu sagen, was es bedeutet, wenn der Bundesanwalt ermittelt. Da kann Ihnen Ihr Vater auch nicht weiterhelfen.“

„Und was wollen Sie jetzt von mir?“

„Kennen Sie jemanden, der den Slogan wörtlich nimmt?“

„Sie glauben, ich verpfeife jemanden?“ Farner hatte die Falle gewittert wie ein scheues Reh.

„Würden Sie wirklich einen Mörder decken?“

„Wir sind nur eine kleine Gruppe, für die lege ich meine Hand ins Feuer. Zu anderen Aktivisten habe ich keinen Kontakt.“ Farner erhob sich wieder. „Ich kann Ihnen da nicht weiterhelfen.“

„Es ist ein offenes Geheimnis, das Ihre Organisation den Slogan verwendet“, sagte Lindberg. „Wenn Sie damit nichts zu tun haben, stellt sich die Frage, wer hat diese Wörter am Tatort zurückgelassen?“

„Woher soll ich das wissen?“

„Vielleicht will jemand Ihnen die Schuld in die Schuhe schieben?“ Lindberg leerte den Kaffee. „Wer könnte das sein?“

Der Student zuckte mit den Schultern und schwieg.

„Herr Farner, ich möchte nur von Ihnen wissen, ob es schon einmal vorgekommen ist, dass sich andere Ihres Slogans bemächtigt haben?“

„Nein“, antwortete Farner. Es war ihm anzumerken, dass er die Antwort selbst etwas vorschnell fand, doch er machte keine Anstalten sie zu korrigieren.

„Sie haben also keine Ahnung, wer den Slogan verwendet hat?“

Farner kaute an seinen Fingernägeln und schüttelte den Kopf. Lindberg stand auf, stellte die Tasse in die Spüle, als sein Blick auf einen Flyer fiel, der auf der Küchenanrichte lag. ,Remexan tötet!‘, stand darauf.

„Warum Remexan?“ Lindberg zeigte auf den Flyer.

„Weil es ein Lifestyle-Medikament ist!“ Farner ließ seine blauen Augen aufblitzen. „Niemand braucht es! Das Medikament ist die Inkarnation des Turbo-Kapitalismus!“

„Es schadet auch niemandem, oder?“

„Sind sie wirklich so naiv?“

„Angeblich hat es keine Nebenwirkungen“, sagte Lindberg.

„Das hängt immer von der Dosis ab. Wissen Sie, was LD50 heißt?“

„Nein.“

„Das ist die letale Dosis. Also die Dosis, bei der 50 Prozent der Versuchsobjekte krepieren.“ Farners Stimme klang nun scharf, unbeherrscht. „Sie wird für jedes Medikament ermittelt, also auch für Remexan. Und wie Sie sich denken können, macht man das nicht am Menschen, sondern am lebenden Tier! Also gilt der Satz: Remexan tötet!“

29

Als Lindberg gegen Abend wieder in sein Büro kam, saß eine junge, rothaarige Frau an seinem Schreibtisch. „Ich wollte Ihnen gerade eine Nachricht hinterlassen“, sagte sie, stand auf und deutete auf eine Post-it. „Ich bin Mia Adam.“

„Erik Lindberg“, antwortete er. Die junge Frau war nicht größer als eins sechzig, schmal, roter Bubikopf, überall Sommersprossen. Kannte er sie nicht von der Vorstellung des Bundespolizeichefs? „Es geht um diesen Slogan“, sagte sie. „Den der Mörder am Tatort hinterlassen hat.“

Lindberg war überrascht, dass sie mit dem Fall vertraut war, aber die Sonderkommission war so groß, dass er nicht jedes Mitglied kannte.

„Wenn du Tiere tötest, dann töten wir dich“, sagte sie. „Ich habe den Spruch in der Datenbank gesehen, und dass wir keine Hinweise dazu haben.“

„Das stimmt mehr oder weniger“, sagte Lindberg.

„Ich hatte eine Idee dazu.“ Mia Adam schaute auf den Boden. „Vielleicht ist sie aber auch blöd.“

„Davon würde ein Mann nie ausgehen“, sagte Lindberg. „Dass seine Ideen blöd sind.“ Er lächelte und zeigte auf seinen Kopf. „Und es sind eine Menge bescheuerte Ideen hier drin. Also, was haben Sie sich überlegt?“

„Ich habe vermutet, dass der Spruch vorher vielleicht schon mal verwendet wurde, aber im Internet war nichts zu finden.“

„Das hab ich auch festgestellt.“

„Also habe ich mir überlegt, wenn jemand etwas über Graffiti weiß, dann die Firmen, die sie beseitigen müssen.“

Lindberg nickte. Schon wieder eine Idee, die so nahe lag, dass er nicht darauf gekommen war. War das alles zu viel für ihn? Die Alpträume, Paulas Koma, die Mordfälle?

„Also habe ich mir die Firmen herausgesucht und angerufen.“

So viel Eigeninitiative hatte Lindberg nicht erwartet. „Und?“

„Eine Firma gab an, sie hätten vor einem halben Jahr ein solches Graffito entfernt. Sie wussten nur nicht mehr den genauen Wortlaut, nur dass es um ,Tiere töten‘ gegangen sei. Das sei ihnen aufgefallen, weil normalerweise wären die Graffiti ja kaum zu entziffern. Aber hier sei es klar und deutlich dagestanden.“

„Und die Firma weiß auch noch, bei wem das Graffito entfernt wurde?“

„Sie haben sich ihre Rechnungen angeschaut und mir drei mögliche Kunden genannt.“ Sie reichte Lindberg einen Zettel mit drei Adressen.

„Und was war daran jetzt eine blöde Idee?“, fragte er. Sie strich sich verschämt durch den roten Bubikopf. „Ich hätte mich nicht getraut, damit anzukommen, wenn ich die Idee nicht überprüft hätte.“

Lindberg blickte auf den Zettel. „Eine davon ist eine Arztpraxis“, sagte er. „Das könnte passen.“

Er bedankte sich und blickte Mia Adam dabei noch einmal genauer an. Waren es die Sommersprossen in ihrem Gesicht, die sie wie siebzehn aussehen ließen? Das war sicher nicht einfach für sie, sich in diesem Laden durchzusetzen. „Woran arbeiten Sie eigentlich gerade?“

„Ich bin frisch mit der Kommissar-Ausbildung fertig“, antwortete sie. „Ich kann ganz gut mit Computern umgehen und helfe bei der Dateneingabe und Auswertung mit, bis Graf mich fest einem Team zuweist. Momentan ist ja alles im Umbruch wegen des Remexans.“

„Allerdings.“ Lindberg verabschiedete sie und setzte sich an seinen Schreibtisch. Es war so unreal, dass er bald dieses Medikament nehmen musste, das eine immer größere Rolle in dem Fall einzunehmen begann.

Mit jeder Sekunde, die verstrich, wuchs das Gefühl in ihm, dass er mit seiner Entscheidung für das Remexan-Programm einen Fehler gemacht hatte.

Einen Fehler, der nicht wiedergutzumachen war.

30

Als Erik Lindberg spät abends nach Hause kam, hatte er seit dem Morgen nichts mehr gegessen, das übliche Polizistenlos. Zwar hatte er sich in der Kantine etwas zum Mitnehmen besorgt, aber dann war alles andere wichtiger gewesen. Nach Feierabend hatte er noch Paula in der Rehaklinik besucht und jetzt trieb ihn der Hunger so sehr, dass er beschloss, Dr. Watson erst später zu holen.

Er packte das Essen auf einen Teller und stellte diesen in den Refresher, den er vor zwei Wochen gekauft hatte. Das Gerät erwärmte Essen angeblich schonender als jede Mikrowelle.

Er hatte nie eine Mikrowelle besessen, aber es waren jetzt eben andere Zeiten.

Keine zwei Minuten später klingelte es an seiner Tür. Er blickte durch den Spion. Es war Isabel.

Er seufzte und öffnete die Tür.

„Ich hoffe, ich störe nicht“, sagte sie. „Aber ich wollte mich noch für das Geschenk von gestern bedanken.“ Sie lächelte unsicher. „Gute Idee mit dem Museumspass. Ich wusste gar nicht, dass man damit in der ganzen Schweiz alle möglichen Museen besichtigen kann, kostenlos.“

„Gern geschehen.“ Dr. Watson schlüpfte an ihm vorbei, ohne ihn zu beachten.

„Im Fernsehen lief übrigens gerade ein Report über Remexan“, sagte sie.

„Willst du reinkommen?“ Er deutete auf den Küchentisch. „Ich mache mir nur gerade essen warm, bin am Verhungern.“

„Wenn es dich wirklich nicht stört?“

Er schüttelte den Kopf. „Willst du einen Rotwein?“

Sie nickte.

Er öffnete eine Flasche und goss den Inhalt in einen Dekanter. „Und was haben sie über das Remexan erzählt?“

„Die streiten sich darüber, ob die Bevölkerung in Zukunft noch dicker wird, da man mit Remexan neben Frühstück, Lunch und Abendessen zusätzlich ein Mitternachtsdinner einnimmt.“ Sie grinste. „Oder ob wir jetzt alle dünner werden, da man sich im Schlaf nicht so viel bewegen würde wie im Wachzustand.“

„Ich kenne Leute, die bewegen sich im Fernsehsessel weniger als im Bett.“ Lindberg starrte durch die Glasscheibe des Refreshers. Heiße Luft zirkulierte in dem kleinen Ofen, alle zehn Sekunden wurde das Essen mit Dampf bestrahlt, wohl um es nicht auszutrocknen. „Haben sie auch was Sinnvolles diskutiert?“, fragte er.

„Du meinst einen Beitrag, der thematisiert, dass wir mit Remexan am Beginn einer der größten gesellschaftlichen Umwälzungen der letzten Jahrzehnte stehen?“, entgegnete sie.

„Ja genau.“

„Den gab es natürlich nicht, wo denkst du hin?“ Isabel lupfte eine Augenbraue. „Wir reden schließlich vom Fernsehen!“

Lindberg lachte. Der Refresher piepste und der Kommissar nahm gespannt den Teller aus dem Gerät. Das Essen dampfte, doch das Fleisch sah so grau aus wie eine tote Maus. Wenigstens das Gemüse hatte sich ein bisschen aufgerappelt.

„Wie war denn die Tendenz? Für oder gegen das Teufelszeug?“ Lindberg schnitt sich ein Stück Entrecote ab.

„Eher dafür. Sie haben auch gar nicht so schlechte Argumente, finde ich.“

„Du als Psychologin?“ Lindberg blickte sie erstaunt an. „Die Bewahrerin der menschlichen Seele?“ Er biss in das Fleisch. Es war trocken und zäh.

„Sie behaupten, die Infrastruktur würde optimal ausgenutzt, es gäbe weniger Staus, alles verteile sich besser. Man steht nicht mehr an, Filme laufen im Kino rund um die Uhr, Geschäfte haben immer geöffnet und man kann alles in weniger Hektik erledigen. Jede Stunde ist gleich viel wert, ein echter Vierundzwanzigstundentag.“

„Dreiundzwanzig! Du musst immer noch schlafen.“

„Na gut“, antwortete sie. „Aber es gäbe keine Müdigkeit, kein Verschlafen und keine Schlaflosigkeit mehr. Weltweit wären immer alle zu jeder Zeit erreichbar und könnten miteinander kommunizieren.“

„Und wer soll das alles bezahlen, wenn er wegen des Remexans entlassen wird?“ Lindberg goss den Wein in ihre Gläser.

„Angeblich wäre das gar nicht so schlimm“, sagte sie. „Da wir dann fast dreißig Prozent mehr Zeit zum Konsumieren haben, braucht man mehr Personal, um diese Bedürfnisse zu befriedigen. Außerdem wird unser Export boomen, weil wir neben den Amerikanern die erste Nation sind, die das Medikament großflächig anwenden.“ Sie nippte an dem Rotwein. „Ein Wissenschaftler meinte sogar, Schlaf sei unproduktiv und passiv und deshalb ein echtes Ärgernis für unsere Dauerkonsumkultur. Die Logik des Systems fordere das Medikament geradezu. Und im Grund hat er recht, auf den ersten Blick nutzlose Zeitintervalle kommen immer mehr unter Druck.“ Sie räusperte sich. „Wer hat heute noch Zeit, sich einfach mal nur auszuruhen? Und wenn man das mal tut, muss man es gleich Wellness nennen und teuer bezahlen.“

„Da hast du recht“, sagte Lindberg und stieß mit ihr an. „Hat jemand auch gegen das Remexan argumentiert?“ Er spießte ein Stück Zucchini auf seiner Gabel auf, das noch recht ordentlich aussah. Nach nur einem Bissen schob er das Gemüse missmutig auf die Seite des Tellers, auf der auch schon das Fleisch gelandet war. Es schmeckte wie dreimal eingefroren und wieder aufgetaut. Der Refresher schien nichts anderes als eine Mikrowelle zu sein, alter Wein in neuen Marketing-Schläuchen.

„Eigentlich waren alle dafür“, sagte Isabel und zuckte mit den Schultern. „Sie halten die Entwicklung für unaufhaltsam.“

„Und die Risiken?“, fragte er, während er den Teller abräumte.

„Hat’s nicht geschmeckt?“

Lindberg schüttelte den Kopf.

„Ich hätte drüben noch Mousse au Chocolat. Ist eigentlich für morgen, aber du kannst einen Bissen haben.“

Hätte sein Magen eine Stimme, hätte er ja geschrien. Niemand konnte Mousse au Chocolat so gut wie Isabel. Aber er schüttelte den Kopf.

„Komm schon, deine Augen sagen ja. Und es passt super zu dem Wein.“

Er sparte sich die typisch Schweizerische Art, sich erst noch fünf Mal bitten zu lassen und nickte direkt. „Okay, aber ich stelle Dr. Watson nur noch was zu essen hin.“

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960875673
ISBN (Buch)
9783960877134
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v460998
Schlagworte
Pharma-Konzern Ermittler Polizei Psycho-Thriller Serien-Mörder Medikament Schlaf

Autor

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    Thomas Kowa (Autor)

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Titel: Schlafe tief