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Das Licht der Ewigkeit

von Andie Krown (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Kent, 1481. Die Liebe zwischen Cedric und Anne scheint perfekt. Doch als Cedric während der Rosenkriege stirbt, zerbricht ihr Glück. Um seiner Geliebten weiterhin nahe sein zu können, nimmt er ein verlockendes Angebot an: Cedric wird als unsterblicher Kriegerengel in Erzengel Michaels Armee gegen die Dämonen Luzifers kämpfen. Aber Anne stirbt nur wenige Jahre nach ihm.

Fünfhundert Jahre vergehen, aber Cedric kann Anne nicht vergessen. Aus dem rechtschaffenen und liebenden Ehemann ist ein verbitterter Kämpfer geworden. Dann geschieht das Unmögliche: Cedric trifft in New York auf eine Frau, die aussieht wie seine Anne. In ihr erkennt er die Seele seiner Geliebten, die er für immer verloren glaubte. Die beiden kommen sich näher. Doch die Liebe zwischen Engeln und Sterblichen ist verboten und plötzlich sehen sich beide einer Gefahr gegenüber, die ihnen alles zu nehmen droht. 

Impressum

dp Verlag

Überarbeitete Neuausgabe April 2019

Copyright © 2019 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-725-7
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-753-0

Copyright © 2017, Andrea Kronberger im Selfpublishing
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits 2017 bei Andrea Kronberger im Selfpublishing erschienenen Titels Stärker als die Ewigkeit.

Covergestaltung: Rose & Chili Design
unter Verwendung von Motiven von
Dreamstime.com: © Halayalex, © Vvs219,
depositphotos.com: © MoonBloom, © gubh83, © EdZbarzhyvetsky
Lektorat: Daniela Höhne

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

1

England, Kent, Frühling 1481, Tag des Jahrmarkts

Mit gleichmäßigem Ruckeln rollte die offene Kutsche über den unbefestigten Weg durch die hügelige Landschaft von Kent. Anne saß gemeinsam mit ihrer Mutter und ihren beiden Schwestern auf der weich gepolsterten Sitzbank und war in ihren dicken Wollumhang gehüllt. Zu dieser frühen Stunde war es noch kühl, denn sie waren bereits kurz nach Sonnenaufgang aufgebrochen, hatten die Burg hinter sich gelassen und fuhren nun durch einen dichten Wald. Sie waren auf dem Weg ins Dorf, wo an diesem Tag der alljährliche Frühjahrsmarkt stattfand. Anne liebte die besondere Atmosphäre, die auf solchen Jahrmärkten herrschte, den regen Trubel, denn jeder feilschte mit jedem und manche Leute stritten sogar. Die Luft war schwer von all den verschiedenen Gerüchen nach Gewürzen, Pasteten und Backwaren.

Wie in den Jahren zuvor hatte ihr Vater, der Earl of Ashford, seiner Familie erlaubt, das Freudenfest zu besuchen und ritt nun mit drei seiner Ritter neben dem Wagen. Zwar war Anne es gewohnt, Geleitschutz um sich zu haben, denn sobald sie die schützenden Mauern der Burg verließ, musste stets ein Ritter ihres Vaters um sie sein, um ihre Sicherheit zu gewährleisten. An diesem Tag jedoch hatte ihre Nervosität nichts mit der Vorfreude auf den Markt zu tun. So sehr sie es auch versuchte, sie konnte den Blick einfach nicht von dem Ritter abwenden, der direkt neben ihr ritt.

Cedric.

Immer wieder sah sie verstohlen zu ihm. Er war ihr so nahe, dass sie das metallische Klirren seines Schwertes hören konnte, das sich im gleichmäßigen Schritt des Tieres mitbewegte. Den Blick hatte er geradeaus gerichtet, während er die Zügel locker in einer Hand hielt. Sie bemühte sich, nicht ständig zu ihm hinüberzusehen, doch es gelang ihr eher schlecht als recht. Bewusst ermahnte sie sich, den Kopf gesenkt zu halten, doch ihr Blick wanderte erneut zu ihm. Bereits vor einiger Zeit war ihr der junge Ritter aufgefallen, dessen muskulöse Statur von täglichem Waffentraining und harter körperlicher Arbeit zeugte. Er war groß, hatte breite Schultern und ein markantes Gesicht, dessen Wangen ein Bart zierte, der ganz der Mode entsprechend gestutzt war. Zum Glück trugen die Ritter heute keinen Helm, sodass sie seine Züge genauer betrachten konnte. Sein Haar war dunkelbraun, beinahe schwarz und reichte ihm bis auf die Schultern. Sie konnte sehen, dass sich die Spitzen im Nacken kräuselten und sie hatte bereits herausgefunden, dass eine vorwitzige Strähne dazu neigte, ihm in die Stirn zu fallen. Sie wusste, seine Augen waren dunkelbraun und erschrak, als genau diese sie nun belustigt anblickten. Kurz lächelte sie zurück und senkte dann beschämt den Blick. Schließlich hatte er sie dabei erwischt, wie sie ihn musterte, als wäre er ein Pferd, das zum Verkauf angeboten wurde.

Ach, du liebe Güte. Anne spürte die Hitze bereits, die in ihren Wangen aufstieg.

„Seid Ihr unwohl, Mylady? Wünscht Ihr eine Rast?“ Besorgnis lag in seinem Blick.

„Nein … Danke. Es geht schon“, brachte sie stammelnd hervor, der tiefe melodische Klang seiner Stimme brachte sie völlig durcheinander.

Sei kein Schaf, schalt sie sich, denn für gewöhnlich war sie doch sonst auch nie um Worte verlegen. Selbstbewusst hob sie den Blick und lächelte ihn an. „Möchtet Ihr heute auch etwas kaufen, Sir Cedric?“

„Vielleicht ein Pferd, wenn es die Zeit erlaubt. Welche Besorgungen schweben Euch vor, Mylady, etwa auch Stoff für ein neues Kleid?“ Damit spielte er schmunzelnd auf das Gespräch zwischen ihrer Mutter und ihren Schwestern an, das sich seit Stunden um Muster, Farben und Schnitte drehte.

Anne lachte herzhaft. „Da wäre Mutter sicherlich begeistert, aber meine Kleider werden ohnehin bloß schmutzig und aus Haarschmuck mache ich mir nichts.“ Sie strich sich eine honigblonde Strähne hinters Ohr. „Am liebsten sehe ich mir die Tiere an, die Schafe, Rinder, Schweine, Gänse und natürlich die Pferde.“

 

***

 

Cedric blickte in ihre grünen Augen, die vor lauter Vorfreude funkelten. Schon lange war er fasziniert von Anne, bereits an dem Tag, als er in die Dienste ihres Vaters getreten war, war sie ihm aufgefallen. Sie war ein Wildfang, lebensfroh und abenteuerlustig und sie ritt lieber, als dass sie Kleider nähte oder an Stickereien arbeitete. Statt im Studierzimmer zu sitzen und zu lesen, nahm sie, sehr zum Leidwesen des Pfarrers, der ihr Lehrer war, die wertvollen Bücher gerne mit an den naheliegenden Fluss, um an dessen Ufer zu sitzen und die Werke im Sonnenschein zu lesen. Das wusste jeder in der Burg und alle waren hingerissen von ihrem liebenswürdigen und ungestümen Wesen. Sogar die strenge Köchin hatte sie verzaubert und es gelang Anne, ihr immer wieder einen Apfel abzuschwatzen. Sollte die Küchenmeisterin allerdings jemals dahinterkommen, dass Anne damit ihr Pferd fütterte, würde sie wohl keinen mehr bekommen.

Der Earl war zu Annes Glück ein weiser Mann, der wusste, dass er seine Tochter einsperren müsste, um sie zu bändigen. So hatte er beschlossen, ständig einen seiner Ritter bereitzustellen, um für ihre Sicherheit zu sorgen. Allerdings sehr zum Leidwesen von Annes Zofe Mildred, denn die hatte nun alle Hände voll zu tun, ihren lebensfrohen Schützling unter Kontrolle zu halten und die jungen Ritter mit ihren Blicken zu erdolchen, sollten sie sich in Annes Gesellschaft etwas zu sehr bemühen, ihren Pflichten nachzukommen. Wann immer sich die Gelegenheit ergab, ließ Cedric sich unauffällig als ihren Geleitschutz einteilen, so konnte er zumindest etwas Zeit mit ihr verbringen und Annes sonniges Wesen genießen. Von mehr durfte er nicht einmal träumen, denn sie war für ihn unerreichbar, schließlich war sie die Tochter eines Earls, während er bloß ein Ritter von niederem Adel war und somit weit unter ihr stand.

Als sie zur Mittagsstunde am Marktplatz angekommen waren, kommandierte Annes Vater einen Mann ab, um beim Wagen zu bleiben und darauf aufzupassen. Anne war ihr Tatendrang anzusehen, denn sie hatte sich bereits ihres Wollumhangs entledigt und wirbelte nun voller Energie um ihren Vater herum.

„Wir würden viel Zeit sparen, wenn Sir Cedric mich begleiten könnte. Ich möchte mir die Tiere ansehen und er möchte ein Pferd kaufen.“

Sie redete auf den Earl ein, der ihrem Wortschwall nicht viel entgegensetzen konnte und als sie ihn noch dazu davon überzeugte, kein Geld für neue Kleider zu benötigen, wusste Cedric, dass sie gewonnen hatte. Der Earl wandte sich an ihn: „Pass gut auf sie auf, sie wird sich mit Sicherheit in Schwierigkeiten bringen.“

Cedric verneigte sich. „Mylord.“

„Und lass dir von ihr keinen Klappergaul einreden, den sie vor dem Schlachter retten möchte.“

Cedric nickte und folgte Anne, die bereits losgelaufen war, zu den Ständen.

„Kommt, wir holen uns zuerst etwas Met und einige frische Pasteten.“ Schon war sie im Schnellschritt zu dem verlockenden Duft unterwegs. Cedric ließ es sich nicht nehmen, zu bezahlen und genüsslich vertilgten sie die frischen Backwaren und tranken den süßen Honigwein.

„Wo ist eigentlich Eure Zofe?“ Cedric war aufgefallen, dass er noch keine tödlichen Blicke erhalten hatte.

„Die Ärmste ist leider durch eine Erkältung ans Bett gefesselt.“

Cedric konnte ein erleichtertes Aufatmen nicht verhindern, das Anne sogleich zum Lachen brachte. „Habt Ihr etwa Angst vor ihr?“

„Ein wenig“, gab er schmunzelnd zu

„Ach, sie bellt nur und beißt nicht.“

„Da wäre ich mir aber nicht so sicher.“

Anne grinste und als sie fertig gespeist hatten, beschlossen sie, sich bei den Pferden umzusehen.

Kaum waren sie fündig geworden, hatte Cedric den dunkelbraunen Wallach auch schon an der Kutsche festgebunden. Er wurde den Verdacht nicht los, dass er vom Händler soeben ziemlich über den Tisch gezogen worden war, doch Anne hatte das Tier, das den Namen Aris trug so gut gefallen und somit hatte er es gekauft. Nun begleitete er sie zu den Reihen der Stände, die sie sich ansehen wollte.

Hatte er sich zuvor noch gefragt, wie sie sich wohl in Schwierigkeiten bringen würde, wusste er es nur wenig später.

Sie stritt mit einem Händler, der Schmuckstücke verkaufte, die man an das Zaumzeug eines Pferdes hängen konnte. Er reagierte nicht besonders freundlich, als Anne ihn der Halsabschneiderei beschuldigte. Auch vor einem Schweinezüchter musste er sie schützen, dem sie die Hölle heiß machte, da er die armen Tiere zu eng einpferchte. Schnell schob Cedric sie hinter sich und baute sich bedrohlich vor dem Mann auf. Demonstrativ legte er seine Hand auf den Schwertknauf und erinnerte den Züchter an seinen Tonfall einer Lady gegenüber. Gott sei Dank war die Angelegenheit damit erledigt, denn der Viehzüchter wich zurück, schimpfte etwas in seinen Bart und schickte Cedric und Anne zum Teufel. Cedric schob Anne hinter einige mannshoch aufgetürmte Strohballen in Sicherheit, denn sie schüttelte sich vor Lachen und er wollte den Groll des Mannes nicht erneut heraufbeschwören.

„Cedric, habt Ihr die Ader an seiner Stirn gesehen?“

„Ja, ich dachte, sein Kopf würde jeden Moment platzen.“

Ihr frohes und gänzlich undamenhaftes Lachen schürte eine Sehnsucht in ihm, die er nicht empfinden sollte und ein Verlangen, dem er niemals nachgeben durfte. Trotzdem konnte er die Augen nicht von ihr abwenden.

Plötzlich geriet sie ins Straucheln und legte schnell ihre zarte Hand an seine Brust, um sich abzustützen.

Es durchfuhr ihn wie ein Blitz.

Wie war das möglich? Schließlich trug er sein wattiertes Wams und dennoch spürte er eine Hitze an genau der Stelle, an der ihre Hand lag. In Windeseile breitete sich das Prickeln von seiner Brust in seinem ganzen Körper aus und trieb seinen Puls in die Höhe. Er hörte Annes überraschtes Keuchen. Sie hatte aufgehört zu lachen und sah ihn nun mit vor Überraschung geweiteten Augen an.

 

***

 

Was geschieht hier? Sie konnte die Hitze seines Körpers durch die Jacke hindurch fühlen und von ihrer Hand ausgehend, drohte sie ihren ganzen Leib zu versengen. Die gleiche Hitze, die in ihr tobte, erkannte sie in seinen Augen. Das glühende Braun, das von langen schwarzen Wimpern umgeben war, fesselte sie so sehr, dass ihr der Atem stockte.

„Cedric?“

„Ja. Ich fühle es auch.“

Er hob seine Hand und legte sie auf ihre an seiner Brust. Kräftige warme Finger umfingen ihre zitternden und sie fühlte seine vom täglichen Waffendrill schwielige Haut. Konnte ihr Herz denn überhaupt noch schneller schlagen?

Da hob er seine freie Hand, strich ihr zärtliche über die Wange und sogleich schmiegte sie sich näher an ihn. Wie konnten so unschuldige Berührungen derartig intensive Empfindungen in ihr auslösen und sich so richtig anfühlen? Es war, als gehörte sie genau hierher, denn sie wurde wie durch ein magisches Band zu ihm hingezogen. Sein Brustkorb hob und senkte sich schwer atmend, und die Luft um sie herum schien zu knistern, als sie ihren Kopf anhob und ihm entgegenstreckte.

Er beugte er sich zu ihr hinab und sein warmer Atem strich über ihre Lippen. Kurz verweilte er und sie befürchtete schon, er hätte es sich anders überlegt, doch dann verschloss er ihre Lippen mit seinen.

Ihr erster Kuss.

Noch nie zuvor hatte sie den Mund eines Mannes auf ihrem gefühlt und es war fantastisch. Zärtlich leckte seine Zunge über ihre Lippen, neckte sie unendlich süß und als würde eine höhere Macht es ihr zuflüstern, öffnete sie ihren Mund und gewährte ihm Einlass. In jenem Augenblick, als ihre Zungen sich berührten, wusste sie, dass es niemals einen anderen Mann in ihrem Leben geben würde.

Um ihm noch näher sein zu können, stellte sie sich auf die Zehenspitzen und schlang die Arme um seinen Nacken. Sogleich presste er sie an sich und eroberte ihren Mund stürmisch und voller Leidenschaft. Ihre Sinne konzentrierten sich nur auf ihn. Sie fühlte seine weichen Haare zwischen ihren Fingern, spürte seine harte Brust an ihren zarten Rundungen und war wie berauscht von der Intensität seines Kusses.

Viel zu schnell löste er sich jedoch wieder von ihr und ohne sie aus seiner Umarmung zu entlassen, schob er sie ein kleines Stück von sich.

„Anne, was tun wir hier?“ Er war ebenso außer Atem wie sie.

„Etwas, das sich völlig richtig anfühlt.“

Er erwiderte nichts, sah sie nur einen Augenblick lang an, dann löste er sich aus ihrer Umarmung und nahm ihre Hand.

„Kommt, wir sind spät dran.“

Anne war beunruhigt. Sie war sich sicher, dass er die gleiche Magie gefühlt hatte, die auch sie empfunden hatte, denn obwohl sie unerfahren war, war sie nicht dumm. So stapfte sie verdrießlich neben ihm her.

Als alle sich wieder auf der Kutsche versammelt und die Männer die Berge an Stoffballen, Garn und Spitze verstaut hatten, half Cedric Anne auf den Wagen. Mit einer Hand hielt sie sich an ihm fest und mit der anderen raffte sie ihren Rock hoch, sodass sie die Stufe hinauf auf das Trittbrett erklimmen konnte. Dabei nahm sie seinen Duft wahr und atmete ihn tief ein. Er roch nach Leder, Wald und Seife sowie nach dem süßen Met, den sie zuvor getrunken hatten. Zart strich er mit dem Daumen über ihren Handrücken bevor er sie schließlich freigab. Verstohlen lächelte er sie an, doch dann blickte er zum Earl, der gerade den Befehl zum Aufsitzen gab. Cedric tat wie geheißen und dirigierte sogleich sein Pferd an Annes Seite. Zwar hielt er den Blick zumeist geradeaus gerichtet, doch wann immer er zu ihr sah, tauschten sie ein Lächeln aus. Dann fiel sein Blick jedoch stets auf den Rücken des Earls, der vor ihm ritt und Cedrics Miene wurde erneut ernst.

Anne fragte sich, wie sie den langen Weg zurück zur Burg bloß überstehen sollte. Sie musste unbedingt eine Möglichkeit finden, so schnell wie möglich ungestört mit Cedric zu reden, allerdings wusste sie nicht, wie sie das anstellen sollte.

2

Erst nach Sonnenuntergang kehrten sie zur Burg zurück. Nachdem sie im Hof angehalten hatten und die Männer abgesessen waren, eilten sogleich mehrere Stallburschen herbei, die sich emsig daran machten, die Pferde zu versorgen. Anne wartete geduldig, bis Cedric zu ihr kam und ihr die Hand reichte, um ihr vom Wagen zu helfen. Kaum berührte sie seine Haut, fühlte sie sofort wieder jenes warme Prickeln, das sich über ihren Arm hinauf weiter ausbreitete. Sie hüpfte die letzte Stufe hinunter und selbst als sie wieder festen Boden unter sich hatte, ließ er sie nicht gleich los. So stand sie da, unsicher, was sie nun tun sollte, doch sie wollte auf keinen Fall, dass der Moment in seiner Nähe endete.

„Ich danke Euch für den schönen Tag.“

Da ließ Cedric ihre Hand los und deutete eine Verneigung an. „Mylady“, erwiderte er bloß, drehte sich um und ging in Richtung Stall davon.

Voller Bedauern sah Anne ihm nach, ließ sich dann aber von ihren Schwestern in die Burg hineinschieben. Da sie aber keinen Hunger hatte, verabschiedete sie sich schnell und lief die Treppe hinauf, die ins Obergeschoß zu ihrer Kammer führte. Dort setzte sie sich an den Rand des Bettes und starrte in die Dunkelheit. Sie musste Cedric unbedingt sprechen, es ließ ihr einfach keine Ruhe. Natürlich konnte sie jeden Tag einen Ausritt unternehmen und hoffen, dass er der Ritter wäre, der sie begleiten musste, aber sollte er ihr aus dem Weg gehen wollen, würde ihm das leicht gelingen. Sie beschloss also, die Angelegenheit selbst in die Hand zu nehmen. Doch sie musste sich gedulden, bis die Bewohner der Burg sich zur Ruhe begeben hatten. So lauschte sie auf die Geräusche außerhalb ihres Gemachs und tappte dabei ungeduldig mit ihren Füßen auf den Boden.

Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, bis die letzte Tür ins Schloss gefallen war. Schnell griff sie sich den schweren dunklen Wollumhang, der neben der Tür hing und legte ihn sich um die Schultern. Sorgsam achtete sie darauf, sich die Kapuze tief in die Stirn zu ziehen, damit keine verräterische blonde Haarsträhne ihr Vorhaben zunichtemachen konnte.

Ganz leise öffnete sie die Tür ihres Gemachs und lauschte hinaus auf den Gang, der zum Glück leer und verlassen vor ihr lag. Flink schlüpfte sie hinaus und lief zur steinernen Treppe lief, die in die große Halle führte. Eng an die Wand gedrückt schlich sie die Stufen hinunter und verharrte knapp vor dem Durchgang zum Burgsaal, in dem abends die Tische zur Seite geschoben wurden und der den unverheirateten Männern als Schlafstätte diente. Sie hoffte inständig, dass Cedric noch im Stall war, denn wäre er bereits hier inmitten der schnarchenden Meute würde sie ihr Vorhaben, ihn ungestört zu treffen, gleich wieder vergessen können.

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, ermahnte sie sich und lief los. Es war nur ein kleines Stück, das sie in der Halle zurücklegen musste, denn sie bog schnell in Richtung Küche ab, huschte sie durch das Reich der Köchin auf dem Weg zu einer schmalen Tür, die den seitlichen Eingang der Burg markierte. Ihre Finger zitterten, als sie den eisernen Riegel beiseiteschob; sie betete, dass niemand das Quietschen gehört hatte. Schnell schlüpfte sie durch das hölzerne Tor ins Freie und lief an der Burgmauer entlang in Richtung der Ställe.

 

***

 

Cedric half, die Pferde zu versorgen, denn er brauchte ein wenig Zeit, um Ordnung in seine Gedanken zu bringen. Und das konnte er am besten allein, wenn sich alle anderen bereits für die Nacht zurückgezogen hatten. Mit Stroh rieb er die Tiere trocken wobei die gleichmäßigen Bewegungen ihn eigentlich zur Ruhe bringen sollten, doch sie taten es nicht. Er konnte nicht aufhören, an Anne zu denken. Wie so oft.

Vielleicht sollte er den Earl bitten, ihn für einige Tage vom Dienst freizustellen. Er hätte schon längst mal wieder zu seinem Gutshof in Stentington reiten sollen, um nach dem Rechten zu sehen. Letztes Jahr hatte der Earl ihn damit für seinen Einsatz im Kampf belohnt. Durch einen Verwalter ließ Cedric die Einkünfte aus Viehzucht und Ackerbau beaufsichtigen, aber ab und zu war es von Vorteil, selbst ein Auge auf die Buchführung zu werfen.

War er jedoch ehrlich zu sich selbst, wollte er nicht weg von hier. Von Anne. Er konnte sich nicht vorstellen, von ihr getrennt zu sein. Spätestens nach dem Kuss heute hatte sie ihn endgültig verzaubert. Der süße Geschmack ihrer Lippen machte ihn süchtig nach mehr.

Was sollte er nun tun? Der Earl würde ihm Anne niemals zur Frau geben, war er doch im Adelsstand weit unter ihr.

Frustriert, da er auf die vielen Gedanken, die in seinem Kopf kreisten, keine Antworten fand, fuhr er sich durch die Haare und stieß entnervt die Luft aus. In dieser Nacht würde er wohl auch zu keiner Erkenntnis mehr kommen.

Genervt trat er ein Büschel Stroh zur Seite und machte sich auf den Weg hinüber zur Burg, vielleicht konnte zumindest sein Körper Erholung finden nach dem langen Ritt.

Gerade, als er den Burghof überquerte, erregte eine Bewegung in seinem Augenwinkel seine Aufmerksamkeit. Er versuchte in der Dunkelheit etwas zu erkennen, doch es gelang ihm nicht. Er beschloss, noch etwas zu warten und sich zu versichern, dass seine Augen ihm nicht bloß einen Streich gespielt hatten. So lehnte er sich an die Wand und starrte in die Nacht.

Es dauerte nicht lange, da bemerkte er eine Gestalt, die, in einen dunklen Umhang gehüllt, zu den Ställen schlich. Was sollte das? Der Größe nach musste es sich um einen Jugendlichen Handeln, wahrscheinlich einer von denen, die ständig nur Unfug im Kopf hatten. Wehe ihm, sollte er es wagen, die Pferde zu erschrecken! Cedric hatte keinerlei Verständnis für solchen Unfug und der Bursche würde sich wünschen, er wäre nie geboren worden. Geräuschlos setzte Cedric sich in Bewegung und folgte dem Halbwüchsigen, der schmal mal gebaut und sicherlich einen ganzen  Kopf kleiner war als er selbst. Kaum war er in den Stall getreten, schlich Cedric sich hinter ihn und packte ihn grob am Oberarm.

„Hab ich dich, du Bengel.“ Er vernahm deutlich ein erschrockenes Keuchen und flink wie ein Wiesel duckte sich der Bursche unter seinem Arm hindurch. Keinen Augenblick später spürte Cedric einen heftigen Schmerz an seinem Schienbein.

„Verflucht!“ Sogleich wollte er dem Übeltäter nachsetzen und ihn wieder einfangen, als dessen Kapuze nach hinten rutschte und er im Mondlicht, das durch die Tür hereinfiel, eine Flut an hellen Locken erkennen konnte, die sich über ein zartes Antlitz ergoss.

„Anne?“ Sofort blieb Cedric stehen und starrte sie entsetzt an.

„O Cedric, Ihr seid es, dem Himmel sei Dank.“

„Seid Ihr wohlauf? Habe ich Euch wehgetan?“

„Nein, es ist alles in Ordnung. Ich habe mich nur erschrocken.“

Da schien Cedric sich wieder daran zu erinnern, dass sie mitten in der Nacht im Stall aufgetaucht war.

„Was tut Ihr hier? Seid ihr völlig verrückt geworden im Dunkeln hier draußen herumzuschleichen?“

„Nein, mein Verstand ist völlig klar. Ich war vorsichtig und habe dafür gesorgt, dass mich niemand sieht.“

„Nun, das hat ja bestens geklappt.“

Sie setzte bereits zu einer Antwort an, schien es sich aber anders zu überlegen. Stattdessen rieb sie sich über die Stelle an ihrem Oberarm, an der er sie zuvor gepackt hatte. Schuldgefühle durchströmten ihn und er verringerte den kurzen Abstand, der sie trennte. Behutsam schob er ihren Umhang zur Seite und ihren Ärmel etwas in die Höhe, sodass er die Stelle knapp oberhalb ihres Ellenbogens entblößte. Obwohl er es im Mondlicht nicht genau erkennen konnte,  vermutete er, dass sich die roten Abdrücke seiner Finger deutlich auf ihrer zarten Haut abzeichneten.

„Vergebt mir“, flüsterte er, als er sanft über die geschundene Stelle strich. Als sie nickte, hob er vorsichtig ihren Arm und beugte sich darüber, um einen zarten Kuss auf die Striemen zu hauchen. Er fühlte Annes freie Hand an seinem Nacken, als sie ihre Finger in seinen Haaren vergrub und richtete sich auf, ohne sich aus ihrer Liebkosung zu lösen.

„Warum seid Ihr nicht in Eurer Kammer?“

„Ich wollte mit Euch sprechen.“

„Ist dies noch immer Euer Wunsch?“ Forschend sah er sie an, denn in ihrem Gesicht spiegelte sich eine Mischung aus Schüchternheit und Neugierde.

„Nein.“ Zart strich nun auch ihre andere Hand seinen Arm hinauf, berührten die Muskeln an seiner Schulter und wanderte seinen Nacken entlang, wo sie spielerisch durch seine Haare glitt. Bei keiner anderen Frau hatte er jemals so intensive Gefühle empfunden wie bei ihr. Nur Anne vermochte es, bereits durch so kleine Berührungen sein Innerstes in Aufruhr zu versetzen.

Als er sie im Stall erkannt hatte, hatte sein Herz ausgesetzt – wenn er nur daran dachte, was ihr alles hier draußen hätte geschehen können! Allein, ohne Schutz, und eine Horde sorgloser und wahrscheinlich betrunkener Ritter unweit entfernt.

Er betrachtete ihre anmutigen Züge, im Mondlicht hatte ihre Haut einen hellen Glanz und ihr honigblondes Haar leuchtete silbrig. Bestimmt legte er seine Arme um ihre Taille und zog sie ganz nah an sich heran. Wie verführerisch sich ihre Rundungen anfühlten, als sie sich an ihn schmiegte. Er beugte sich zu ihr hinab und verschloss ihren Mund mit seinem. Sogleich teilte sie ihre Lippen und hieß ihn willkommen. Sie schmeckte süßer als jede Frucht und berauschender als der stärkste Wein. Als sie die Initiative ergriff und mit ihrer Zunge in seinen Mund eindrang, ihn erkundete und eroberte, raubte sie ihm damit den letzten Funken Verstand. Seit er ein Jüngling gewesen war, hatte er keine weichen Knie mehr durch einen Kuss bekommen, aber dies war nicht einfach nur ein Kuss. Es war, als würden ihre Seelen miteinander verschmelzen.

Sie drängte sich an ihn und ließ ihre Hände seinen Rücken hinabgleiten, schob sie unter seine Jacke und sein Unterhemd und zum ersten Mal fühlte er ihre Finger an der nackten Haut seines Oberkörpers. Obwohl sie kühl waren, zogen sie eine Spur aus Feuer hinter sich her. Er konnte nicht widerstehen und streifte ihren Umhang von ihren Schultern und ließ den Stoff achtlos ins Stroh fallen.

Zärtlich strich er ihre Haare nach hinten und beugte sich weiter hinab, um ihren Hals zu liebkosen. Anne keuchte voller Begierde in sein Ohr, was seinen Puls noch weiter antrieb. Er bedeckte ihre zarte Haut mit Küssen, leckte verführerisch darüber und atmete tief ihren süßen Duft ein. Je mehr er von ihr schmeckte, desto mehr wollte er sie. Mit all seinen Sinnen wollte er ihren Körper erkunden, wollte jede Stelle an ihr entdecken, sie küssen, riechen und überall streicheln. Er wollte ihren Atem tief in sich einsaugen und sich jedes verzückte Seufzen und jedes leidenschaftliche Stöhnen tief in seinem Gedächtnis einprägen.

Erneut suchte er ihre Lippen und verschloss sie mit einem Kuss. Tief drang er in ihre feuchte Höhle ein, während seine Finger hinaufwanderten, um die sanfte Wölbung ihrer Brüste zu verwöhnen, die so perfekt in seine Hände passten. Als er über die aufgerichteten Spitzen strich, keuchte Anne reizvoll und er konnte den schnellen Schlag ihres Herzens durch den Stoff hindurch fühlen. Wenn er noch einmal diesen süßen Klang ihres Stöhnens vernahm, schwor er sich, er würde sie hier und jetzt auf der Stelle nehmen.

Bei diesem Gedanken gefror ihm das Blut in den Adern. Was tat er hier, um Himmels willen? Hatte er denn völlig den Verstand verloren?

Bestimmt löste er sich von ihr, musste Abstand zu ihr gewinnen, denn so nah bei ihr brachte er keinen vernünftigen Gedanken zustande.

„Cedric?“, hauchte sie atemlos. „Was hast du?“

„Wir müssen aufhören. Du hättest nicht herkommen sollen.“

„Ich ahne, was du vorhast dennoch bitte ich dich, tritt nicht mit Füßen, was uns verbindet.“

Verblüfft sah er sie an, kam erneut zu ihr und nahm zärtlich ihr Gesicht in seine Hände. „Wie könnte ich das? Ich bin dir längst verfallen. Schon seit unzähligen Monden gehört mein Herz dir allein. Ich möchte dich nur schützen. Sollte man uns hier erwischen, wäre dein Ruf ruiniert.“

„Dessen bin ich mir bewusst.“

„Bist du dir auch im Klaren darüber, was geschehen würde, würde dein Vater vermuten, ich hätte dich entehrt? Bestenfalls würde er dich in ein Kloster verbannen.“

„Und dich in den Kerker werfen.“

Cedric nickte. „Ich habe keine Angst vor dem Verlies. Ich fürchte weder Dunkelheit noch Hunger und Ratten. Das Einzige, das ich daran nicht ertragen könnte, wäre, nicht zu wissen, wo du bist.“

Voller Verzweiflung blickte sie zu ihm auf. „Was sollen wir nur tun? Eine Zukunft ohne dich ist für mich unvorstellbar.“

Er zog sie zu sich heran und hielt sie mit seinen Armen umfangen, als er ihr ein Versprechen gab: „Wir werden einen Weg finden.“

3

Einige Monate später, auf einem Waldweg in wildem Galopp

Tief beugte Anne sich über den Hals ihres dunkelbraunen Wallachs. Sein angestrengtes Schnaufen und der rhythmische Schlag seiner Hufe, dröhnten laut in ihren Ohren. Der Wind peitschte ihr ins Gesicht und ließ ihre blonde Mähne ungestüm fliegen, während die Bäume an ihnen vorbeijagten.

Wie sehr sie diese Ausritte liebte und das Gefühl der unendlichen Freiheit genoss! Dies war es eindeutig wert, sich von zu Hause wegzuschleichen und die langweiligen Näharbeiten oder Stickereien hinter sich zu lassen. Sie blickte über die Schulter nach hinten. „Wehe, du lässt mich wieder absichtlich gewinnen!“, rief sie Cedric zu.

„Das würde ich niemals wagen!“, hörte sie ihn kurz hinter sich und drehte sich herzlich lachend wieder nach vorne. Natürlich ließ er sie gewinnen und sie war sich dessen völlig bewusst, aber er würde es niemals zugeben.

Cedric. Sie liebte diesen Ritter von ganzem Herzen und sie hatte nicht vor, ihn jemals wieder freizugeben.

Vor einer Wegzweigung galoppierte er an ihr vorbei, nahm die Zügel in seine rechte Hand und deutete mit der anderen nach links. Sie wusste, was er meinte und freute sich, dass er den Weg zu der kleinen Lichtung mit dem eiskalten Bach einschlug.

Kurz vor der Waldwiese parierten sie die Pferde durch, wobei Aris, der dunkelbraune Wallach, den Cedric damals auf dem Frühjahrsmarkt gekauft hatte und der nun ihr liebstes Reittier war, immer etwas länger brauchte, bis er von so viel Bewegungsdrang wieder zu seiner gewohnten Gemütlichkeit zurückfand.

Cedric lachte herzhaft. „Ihr zwei benötigt eine Strecke zum Anhalten so lang wie von London bis nach Canterbury.“

„Lachst du uns etwa aus? Wage es ja nicht, schlecht über Aris zu sprechen!“, drohte sie ihm scherzhaft. „Da verstehe ich keinen Spaß!“

Er hob beschwichtigend die Hände. „Ich weiß, er steht außer Konkurrenz.“

Sie lenkte Aris neben seinen Hengst. „Du bist sein einziger Widersacher.“ Daraufhin beugte sie sich zu ihm hinüber und küsste ihn.

In gemütlichem Schritt ritten sie über die Lichtung zu dem Bach, an dem sie abstiegen und den Pferden Wasser und eine verdiente Pause gönnten. Während Anne sich von ihren Schuhen und Strümpfen entledigte und ihre Füße ins kühle Nass tauchte, begleitete sie das genüssliche Mahlen der Pferde, sie sich nun an dem saftigen Gras bedienten. Glücklich lehnte sie sich an Cedric und kuschelte sich an seine Seite.

„Du hast dich verraten, mein Liebster. Indem du mich vorhin überholt hast, hast du bewiesen, dass dein Hengst doch nicht so langsam ist wie eine altersschwache Schnecke.“

Cedric grinste. „Ich hatte nur Glück.“

Sie glaubte ihm nicht, doch er beteuerte, dass ihr Aris viel leichter und wendiger wäre als sein schweres Streitross. Anne lachte über diese absurde Erläuterung und ihr Herz quoll über vor Liebe. Welches Geschenk des Himmels es doch war, hier diese Momente mit Cedric verbringen zu können. Seit Monaten ließ er sich, wann immer er konnte, ohne aufzufallen, als ihren Geleitschutz einteilen. Ihre verbotenen Gefühle füreinander waren rasend schnell zu aufrichtiger Liebe geworden.

Cedric stand unerwartet auf und zog sie mit sich hoch. Verständnislos wartete sie, was er vorhatte, doch er stand nur vor ihr und hielt ihre Hände in seinen.

„Anne …“ Sie sah den ernsten Ausdruck in seinen Augen. „Was ist denn los?“

„Du weißt, ich würde jederzeit mein Leben für dich geben.“

„Was bedrückt dich?“, erwiderte sie verstört.

„Ich möchte dich ehren, dir treu ergeben sein und dich stets beschützen. Anne, möchtest du mich heiraten?“

Überrascht schlug sie die Augen weit auf und warf sich dann stürmisch in seine Arme. „Ja!“, rief sie ohne zu zögern. „Natürlich will ich das.“ Lachend küsste sie ihn und obwohl sie vom Reiten verschwitzt war und das Kleid an ihr klebte, war sie noch nie zuvor glücklicher gewesen als in diesem Moment.

Als Cedric sie wieder zu Boden gleiten ließ und ihre nackten Füße das Gras berührten, schmiegte sie sich glücklich in seine Arme. Zärtlich strich er ihr eine feuchte Strähne aus dem Gesicht und sie schloss die Augen, um die sanfte Berührung seiner rauen Finger zu genießen.

„Was machen wir wegen meinem Vater?“, fragte sie an seine Brust gelehnt.

„Ich habe die letzten Wochen und Monate an nichts anderes gedacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass ich es versuchen muss. Ich möchte meine Gefühle für dich in die Welt hinaus rufen und sie nicht einen Tag länger im Verborgenen halten.“

„Was wenn er zornig wird und uns seine Zustimmung verweigert?“

„Er wird mit Sicherheit vor Wut schnaufen und ich werde seine Strafe über mich ergehen lassen müssen. Sobald er sich beruhigt hat, bitte ich ihn erneut um deine Hand.“

„Wenn wir nicht heiraten dürfen, gehen wir zusammen fort. Irgendwohin, ganz egal. Vielleicht in eine große Stadt. Dann kann es uns niemand verbieten.“

Langsam schüttelte Cedric den Kopf. „Anne, du bedeutest mir alles, dein Glück ist das Einzige, was für mich von Bedeutung ist. Glaubst du ich könnte dich einer solch ungewissen Zukunft aussetzen?“

„Ich nehme jedes Leben glücklich an, das ich als deine Gemahlin an deiner Seite verbringen werde.“

Anne ahnte, dass sie ihn noch nicht überzeugt hatte. „Hast du etwas dagegen, wenn wir zuerst mit Mutter sprechen? Wenn uns jemand helfen kann, dann ist sie es und es kann ja nicht schaden, sie als Fürsprecherin zu gewinnen.“

Cedric stimmte ihr zu und sie planten ihre gemeinsame Zukunft.

4

Anne wusste, ihre Mutter, Lady Margaret, trug eine romantische Ader in sich und an diese würde sie appellieren. Wenn jemand zu dem Earl durchdringen konnte, dann war sie es. Sie fanden die Burgherrin, als diese einer Magd in der großen Halle Anweisungen gab.

„Mutter, dürfen wir um ein privates Gespräch mit dir bitten?“

Die warmen Augen ihrer Mutter sahen erst sie und dann Cedric an. „Ich habe mir so etwas bereits gedacht. Kommt, hier gibt er zu viele Ohren.“ Sie führte die beiden die Treppe hinauf in ihre privaten Gemächer und sobald Cedric durch die Tür gegangen war, forderte sie ihn auf, sie zu schließen.

„Ich erahne die Gefühle, die ihr füreinander hegt.“

„Aber, Mutter, woher –“

„Ach, mein Kind, ihr beide seid noch so jung. Glaubt ihr, ich sehe nicht, wie ihr euch anblickt, wenn ihr glaubt, dass es niemand merkt? Oder wie sehr ihr euch anstrengt, in eine andere Richtung zu sehen, wenn ihr euch beobachtet wähnt?“

Cedric fühlte sich ertappt. „Mylady seid versichert, dass nie etwas Unanständiges –“

„Ich weiß, sei unbesorgt. Wäre es anders, hätte ich schon längst meinen Gemahl informiert. Ich habe stets auf Eure Anständigkeit gezählt und dass Ihr die Tugend meiner Tochter wahrt.“

„Natürlich, Mylady. Aus diesem Grund möchte ich Mylord um Erlaubnis bitten, Anne und mich zu vermählen.“

Lady Margaret nickte nachdenklich und wandte sich an ihre Tochter. „Ist das auch dein Wunsch?“

„Ja, so ist es. Ich möchte Cedric heiraten und mein Leben an seiner Seite verbringen.“ Die Worte sprudelten voller Zuversicht aus Anne heraus. Gemeinsam mit Cedric wartete sie gespannt auf Lady Margartes Reaktion. Die Augenblicke zogen sich unendlich in die Länge, als diese sie aufmerksam musterte. Dann endlich zeigte sich ein Lächeln in deren Gesicht. „Ihr habt meinen Segen, aber lasst mich zuerst mit dem Lord sprechen.“

Überschwänglich stürzte Anne sich in die Arme ihrer Mutter. „Ich danke dir mehr als ich jemals ausdrücken könnte.“ Ihr war schwindelig vor Glück, nur Cedric Worte holten sie auf den Boden zurück.

„Werdet Ihr den Lord davon überzeugen können?“

Lady Margarte nickte abschätzend. „Ich werde es versuchen.“

 

***

 

Noch am selben Abend sprach Lady Margaret mit ihrem Gemahl.

„Er möchte was?“, mit donnernder Stimme lief der Earl im Schlafgemach umher.

„Er möchte dich um Annes Hand bitten.“

„Was hat er getan? Hat er sie etwa entehrt? Ich werde ihn vierteilen lassen!“, energisch riss er die Tür auf und brüllte hinaus: „Wo ist er? Bringt ihn sofort zu mir!“

Sogleich beeilte sich Lady Margarte, die Tür wieder zu schließen und sah ihrem Mann eindringlich in die Augen. „William, bitte hör mich an. Ich versichere dir, es ist rein gar nichts geschehen. Komm, lass uns Platz nehmen und ruhig darüber sprechen, wie du zu entscheiden gedenkst.“ Sie schob ihn zu der Bank vor dem Kamin und schenkte ihm einen Becher Wein ein.

„Cedric ist ein anständiger junger Mann. Nicht ohne Grund hältst du große Stücke auf ihn. Er würde nie etwas tun, dass Anne Schande bereitet. Er liebt sie.“

Sir William schnaubte abfällig. „Wie kommt es denn, dass du davon weißt?“

Zärtlich legte sie ihrem Gemahl eine Hand auf den Arm. „Ich bin eine Frau, die das Glück hatte, zu erfahren, wie sich die Liebe anfühlt. Deswegen erkenne ich sie zwischen zwei jungen Leuten, wenn ich sie sehe.“

„Was genau hast du gesehen?“, fragte er argwöhnisch, doch Lady Margaret schmunzelte nur. „Ach, William, bloß ein Blick hier und ein schüchternes Lächeln da.“

„Was ist sonst noch vorgefallen?“

„Vielleicht mal eine flüchtige Berührung oder ein gestohlener Kuss. Erinnerst du dich denn nicht mehr, wie es war, als wir jung und verliebt waren?“

„Doch natürlich. Wie lange geht das schon?“

„Ich hege den Verdacht seit einigen Wochen, aber wahrscheinlich schon etwas länger. Ist dir nicht aufgefallen, dass es in letzter Zeit immer öfter Cedric war, der sich als Geleitschutz für unseren Wildfang einteilen ließ?“

Sir William kratzte seinen Bart und überlegte. „Jetzt da du es ansprichst.“

„William, sie lieben sich und Cedric ist ein ehrenwerter, junger Mann. Er würde sie glücklich machen.“

„Ehen werden nicht geschlossen, damit Frauen ihr Glück finden.“

Lady Margaret schmunzelte. „Natürlich nicht, aber es spricht auch nichts dagegen.“

„Das habe ich noch nicht entschieden.“

„Gewiss. Politisch gesehen hast du mit den Vermählungen unserer beiden älteren Töchter jeweils eine vorteilhafte Wahl getroffen. Hast du für Anne einen Anwärter im Sinne?“

„Nein. Außerdem ist sie noch zu jung.“

Lady Margaret lächelte erneut. „Ich war in ihrem Alter, als wir vermählt wurden. Anne ist unsere Jüngste, doch sie ist alt genug.“

Sir William schlug mit der Faust auf die Armlehne seines Stuhls. „Wir haben ihr viel zu viel durchgehen lassen. Wir hätten strenger mit ihr sein müssen und uns nicht von ihrem aufgeweckten Geist und ihrem Liebreiz um den Finger wickeln lassen dürfen.“

„Nun, mein lieber Gemahl, da stimme ich dir zu, doch das ist jetzt wohl nicht mehr zu ändern. Anne war schon immer etwas Besonderes und obwohl ich weiß, dass du alle unsere Kinder liebst, war Anne deinem Herzen doch stets die Nächste.“

Sir William brummte etwas Unverständliches in seinen Bart, aber Lady Margaret war mit ihren Ausführungen noch nicht am Ende. „Was spricht also gegen Cedric? Es stimmt, er ist noch von niederem Stand, jedoch bin ich mir sicher, er hat eine glanzvolle Zukunft vor sich und wird sich höhere Titel verdienen. Außerdem liegt sein Gut nicht einmal einen halben Tagesritt von hier entfernt.“

Sir William erhob sich. „Nun gut, ich möchte mit ihm sprechen. Lass ihn rufen.“

 

***

 

„Mylord.“ Cedric verneigte sich vor seinem Dienstgeber, verschränkte die Hände hinter dem Rücken und wartete.

„Aus Dank für deine Tapferkeit und Treue während der letzten Schlacht habe ich dich mit dem Gut Stentington belohnt. Aber ich frage mich nun: Wo ist deine Loyalität, wenn du hinter meinem Rücken mit meiner Tochter anbändelst?“

„Mylord, ich würde jederzeit mein Leben für das Eure geben, doch meine Gefühle für Anne sind aufrichtig und ehrenhaft und ich beabsichtige, sie zu ehelichen.“

„So, tust du das?“

„Ja, Mylord und ich bitte um Eure Zustimmung.“

„Und wenn ich dich wegen Verrats in den Kerker sperren lassen?“

„Irgendwann würde ich einen Weg dort hinaus finden und wenn Anne mich dann immer noch heiraten möchte, würde ich genau das tun. Aber lieber hätten ich Euren Segen.“

„Und wenn ich dich aus meinen Diensten entlasse und dich zum Teufel jage? Du wärst ein verarmter Ritter ohne Anstellung und ohne Lebensunterhalt. Würdest du allen Ernstes Anne ihres Standes und ihrer Zukunft berauben und sie mit dir fortnehmen?

„Nein, Mylord. Würdet Ihr mich fortschicken, so würde ich ohne sie gehen. Ich würde Tag und Nacht arbeiten, um mich zu beweisen und eine neue Anstellung zu finden. Erst wenn ich einen gewissen Wohlstand errungen habe, würde ich Anne zur Frau nehmen, sollte es dann noch ihr Wunsch sein.“

Sir William machte eine abfällige Handbewegung und fasste sich dann an die Nasenwurzel, ganz so als hätte er Kopfschmerzen. „Ich habe für heute genug von dir. Geh mir aus den Augen.“

Lady Margaret kam zu ihrem Mann, doch sie kannte ihn gut genug, um abzuwarten.

„Die Männer treiben mich eines Tages noch in den Wahnsinn.“ Erneut durchquerte Sir William den Raum. „In regelmäßigen Abständen verliebt sich einer meiner Ritter und dann setzt komplett sein Verstand aus. Cedric ist ja nicht der Erste, dem ich am liebsten den Kopf in Eiswasser tauchen würde, bevor ich es ihm überhaupt erst gestatte, den Mund aufzumachen.“

„Es wurden ganze Heldensagen über die Taten verliebter Männer geschrieben und Minnesänger trällern ihre Lieder darüber.“

„Und stell dir vor, sie hätten nichts mehr, worüber sie singen könnten, wäre das nicht furchtbar?“, spöttisch sah Sir William zu seiner Ehegattin.

„Mein Gemahl, ich finde, Cedric hat sich recht wacker geschlagen. Er erinnert mich an dich, als du noch ein junger Heißsporn warst. Auch dich konnte man von nichts abbringen, was du dir in den Kopf gesetzt hast.“

„Nur gut, dass ich unbedingt dein Herz erobern wollte.“

Lady Margarte lächelte ihn liebevoll an. „Also wirst du den beiden deine Zustimmung geben?“

Sir William nickte. „Das werde ich, aber möge Gott ihn vor meinem Zorn bewahren, sollte er mich noch einmal übergehen.“

„Soll ich ihn rufen lassen, damit du ihm deine Entscheidung kundtun kannst?“

„Nein, lassen wir ihn noch bis morgen in Ungewissheit schmoren. Er hat es nicht anders verdient.“

„Ich kann mir gut vorstellen, dass keiner von den beiden heute Nacht ein Auge zutun wird.“

Sir William grinste. „Das geschieht ihnen ganz recht.“

5

England, Kent, Frühling 1482, Tag der Hochzeit 

Anne hielt den Türgriff bereits in der Hand und warf einen letzten Blick in ihr Gemach. Alle ihre Kleidertruhen waren bereits fertig gepackt und standen in der Ecke, bereit, am nächsten Tag zu ihrem neuen Zuhause und in ihr neues Leben gebracht zu werden.

Ihre Mutter und ihre beiden Schwestern hatten ihr beim Ankleiden geholfen und ihre Locken in einem kunstvoll geflochtenen Zopf gebändigt. Sogar Rosenblüten hatten sie darin befestigt, doch vor wenigen Augenblicken waren sie aufgebrochen, um ihre Plätze in der Burgkapelle einzunehmen.

Ehrfürchtig strich sie den kostbaren Stoff, aus dem ihr Kleid gefertigt worden war, glatt. Es war ein cremefarbener Seidenbrokat mit goldenen Stickereien. Das Oberteil war eng geschnitten und schmiegte sich an ihren Körper bevor es in einen weiten Rock überging. Lange Ärmel und eine goldfarbene Kordel um den runden Ausschnitt vervollständigten das elegante Prunkgewand.

Ein energisches Klopfen riss sie aus ihren Gedanken.

„Es ist Zeit“, erklang die Stimme ihres Vaters, der es sich nicht nehmen ließ, seine Tochter persönlich abzuholen und zum Altar zu führen.

Anne drehte sich zu ihm. „Was meinst du, Vater, wird Cedric mich so heiraten?“

„Er wäre ein Idiot es nicht zu tun. Du siehst wunderschön aus.“

Anne stellte sich auf die Zehenspitzen und gab ihrem Vater einen Kuss auf die Wange. Amüsiert reichte Sir William Anne seinen Arm zum Geleit.

„Nun komm, bevor Cedric noch den Boden der Kapelle plattläuft. Der arme Kerl ist so nervös, er geht seit einer geschlagenen Stunde hin und her.“

Kaum schritt sie durch die Pforte, als sich ihr Blick mit Cedrics verflocht. Wie er dort vorn neben dem Altar stand, groß und stark, mit breiten Schultern und selbstsicherer Haltung. Ihr Herz flatterte aufgeregt und ihr stockte der Atem. Sie hatten nur Augen für einander. Cedric verfolgte jeden einzelnen ihrer Schritte und am liebsten wäre sie einfach zu ihm gelaufen, um sich in seine Arme zu werfen. Natürlich waren die Reihen der Kapelle und auch der Altar mit Blumen geschmückt, doch sie sah sie nicht. Sie sah nur ihn. Sie spürte die Anwesenheit vieler Gäste, doch sie wandte den Blick nicht von seiner Gestalt ab. Ihre gesamte Wahrnehmung war auf diesen einen Mann gerichtet.

Jeder Schritt brachte sie näher zu ihm und zu ihrem neuen Leben. Es fiel ihr schwer, in dem quälend langsamen Tempo zu gehen, das die Musik vorgab. Doch es gab ihr auch die Gelegenheit, ihn zu mustern. Er trug ein festliches Wams aus dunkelblauem Samt mit dem Wappen ihres Vaters darauf. Ein silberner, aufgerichteter Bär prangte auf dunkelrotem Grund. Hier stand er. Ein stattlicher Mann und stolzer Ritter. Und er war der Ihre.

Ihr Blick glitt weiter hinab über seinen Waffenrock und seine Hose, bis hin zu seinen Schuhen und sie musste schmunzeln. Offensichtlich hatte er sich auch heute nicht von seinen schweren Reitstiefeln trennen können. Sie wusste, wie lächerlich er Männer fand, die sich in feines Schuhwerk aus Seide kleideten. Ganz mein Cedric, dachte sie und sah ihm wieder ins Gesicht. Seine dunklen Augen zogen sie in ihren Bann, genau wie bei ihrer ersten Unterhaltung und bei jedem einzelnen Mal seither. Sie war sich sicher, dass sich an ihrer Liebe zu ihm niemals etwas ändern würde.

Als ihr Vater ihre Hand in Cedrics legte, war ihre Nervosität wie weggeblasen. Sie spürte die Wärme seiner Haut und eine innere Ruhe breitete sich in ihr aus. Einzig die Vorfreude auf ihr zukünftiges Leben an seiner Seite erfüllte sie.

Auf das Geheiß des Pfarrers drehten sie sich zueinander. Mit fester Stimme begann Cedric, das Ehegelöbnis zu sprechen und als sie den tiefen Klang seiner Worte vernahm, spürte sie Tränen in ihre Augen treten.

„Ich werde dich ehren, dir stets treu sein und dich als die Meine gegen jegliches Unglück beschützen.“

Ein erstauntes Raunen ging durch die Menge, als er sich dem Zeremoniell widersetzte und ihr schon jetzt einen Kuss stahl. „Ich werde dich bis in alle Ewigkeit lieben“, flüsterte er ihr ins Ohr und grinste.

Da war es um Anne geschehen und sie konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Cedric sah sie belustigt an und strich ihr zärtlich über die Wange.

Nun war sie an der Reihe und sprach das Gelübde mit der Stimme ihres Herzens. Ein Lächeln lag auf ihren Lippen.

„Ich werde dich, als die Deine ehren, dir treu ergeben sein, deinem Wort gehorchen und dich lieben.“ Sie sah Cedric grinsen, denn sie wusste beide, dass gehorchen nicht zu ihrem Naturell passte. „Bis in alle Ewigkeit“, fügte auch sie hinzu, denn das war es, was sie fühlte. Als der Priester sie zu Mann und Frau erklärte, zog Cedric sie an sich und küsste sie voller Hingabe.

6

Das rauschende Fest war im vollen Gange. Die große Halle der Burg war ebenfalls mit wunderschönen Wildrosen geschmückt worden. Alle Gäste schienen sich glänzend zu amüsieren, denn es spielte fröhliche Musik und Wein und Bier flossen in Strömen. Auch gab es ein beachtliches Festmahl mit allen nur erdenklichen Köstlichkeiten, Cedric war sehr aufmerksam und legte eine Unzahl an Speisen auf Annes Teller. Es war üblich, dass der Bräutigam als Zeichen seiner Wertschätzung die Braut bediente und er machte seine Sache außerordentlich gut. Immer wieder strich er dabei über ihre Hand oder stahl ihr lächelnd einen Kuss. Ein warmes Kribbeln entstand in ihrem Bauch, als sie daran dachte, dass sie später noch genug Zeit füreinander haben würden. Sie konnte die Röte förmlich spüren, die ihre Wangen bei diesen Gedanken färbte. Und die Neugierde auf die bevorstehende Nacht wurde immer größer. Sie blickte zu Cedric und betrachtete sein Profil. Seine dunklen Haare, die im Schein der Kerzen beinahe schwarz aussahen, seine gerade Nase und die Fältchen um seine Augen, da er gerade über etwas lachte, das sein Bruder zu ihm gesagt hatte. Ihr Blick glitt zu seinem festen Mund und sie wollte ihn einfach nur küssen. Plötzlich drehte er sich zu ihr und sah sie fragend an. „Was meinst du dazu?“

„Mhm?“, stammelte sie verlegen. „Bitte entschuldige, ich habe nicht zugehört.“

„Cedric, deine Braut scheint mit ihren Gedanken bereits im Obergeschoß zu sein“, warf sein älterer Bruder ein und sogleich ertönte dessen lautes Lachen. Anne wollte am liebsten im Boden versinken, denn sie war sich sicher, dass man ihr ansehen konnte, woran sie gerade gedacht hatte. Cedric beugte sich zu ihr und gab ihr einen Kuss auf die Wange.

„Lass dich von seinen Späßen nicht einschüchtern. Im Grunde hat er einen weichen Kern“, laut fügte er hinzu: „Er verträgt gerade mal so viel Bier wie ein Mädchen.“

Nun war sie es, die kichern musste, denn Coenred war so groß wie Cedric und von stämmiger Statur. Noch bevor er etwas erwidern konnte, kam ihm eine kleine, zarte Frau zuvor.

„Junge, lass Anne in Ruhe!“ Doch der liebevolle, stolze Blick, mit dem sie ihn bedachte, nahm ihren Worten die Strenge. Etwas verblüfft stellte Anne fest, wie es ihr so leicht gelang, Coenreds Humor zu bändigen, denn dieser lehnte sich in seinem Stuhl zurück und widmete sich wieder den Speisen vor sich.

Anne musterte die Frau, Elizabeth, die Mutter der beiden, der sie an diesem Tag zum ersten Mal begegnet war. Sie war klein, doch von einer Anmut, die ihr ein beinahe königliches Auftreten verlieh und sie war noch immer wunderschön. Anne wurde klar, von wem Cedric sein dunkelbraunes Haar geerbt hatte. Der beeindruckende Kontrast zu ihrem hellen Teint bannte jedermanns Blick und die wenigen Falten machten sie umso sympathischer. Sie war ihrem Sohn unglaublich ähnlich.

„Anne, mein Kind, wenn du satt bist, möchtest du dich nicht ein wenig zu mir setzen? Ich würde dich so gern näher kennenlernen.“ Sie strahlte eine mütterliche Wärme aus, durch die Anne sich sogleich zu ihr hingezogen fühlte. Gern kam sie dieser Bitte nach und nahm neben ihr Platz.

„Er hat Eure Augen“, platzte sie heraus und erschrak über ihre direkten Worte. Dies war das erste Gespräch mit ihrer Schwiegermutter, und sie plapperte einfach drauf los. Doch die andere Frau lächelte nur mit einer Herzlichkeit, die Annes Herz rührte.

„Meine Liebe, dir muss nichts unangenehm sein. Ich wünsche mir ein ungezwungenes und freundschaftliches Verhältnis zu dir.“ Sie beugte sich ein wenig zu ihr und flüsterte verschwörerisch: „Ich möchte nicht der Drache von einer Schwiegermutter sein, den ich selbst habe. Bei deren Besuch ich schon im Vorfeld mit Bauchschmerzen erwache und den Tag herbeisehne, an dem sie wieder abreist.“ Ihr herzliches Lachen war ansteckend. Anne bemerkte, dass Cedric sie beobachtete. Sie lächelte ihm zu und bat Elizabeth, ihr etwas über seine Kindheit zu erzählen.

„Nun, meine ersten beinen Kinder sind Söhne, Coenred, mein Ältester und Cedric, mein Zweitgeborener. Sie waren beide kaum zu bändigen, einer der beiden hatte immer Unfug im Kopf und dann den anderen angestiftet.“ Lady Elizabeth lächelte versonnen. Ihr mütterlicher Stolz stand ihr deutlich ins Gesicht geschrieben und mit jeder Minute mochte Anne sie mehr.

„Ehrlich gesagt, bin ich heilfroh, dass ich nach den beiden zwei Töchter bekommen habe. Für meinen Geschmack hatte ich zu diesem Zeitpunkt bereits genug blutige Nasen und aufgeschlagene Knie versorgt.“

„Oje, das klingt wahrlich abenteuerlich“, Anne wollte noch mehr sagen, doch es verschlug ihr die Sprache. Cedric hatte sich erhoben und kam nun zielstrebig auf sie zu, nur vage nahm sie im Augenwinkel das amüsierte Schmunzeln seiner Mutter wahr. Als er zu ihr trat verneigte er sich grinsend vor ihr: „Mylady Wykeham, darf ich Euch um diesen Tanz bitten?“ 

„Aber natürlich, mein Gemahl“, antwortete sie und lachte freudestrahlend. Lady Anne Wykeham, so hieß sie nun und es fühlte sich unbeschreiblich gut an, Cedrics Namen zu tragen.

Cedric führte sie in die Mitte der Halle, wo bereits eine Gruppe von Männern und Frauen ausgelassen eine Chapelloise tanzten. Sie bewegten sich in einem großen Kreis, die Damen standen außen und die Herren innen. Anne mochte diesen Tanz besonders gern, denn er war fröhlich und die Damen wurden ein wenig herumgewirbelt. Man ging vorwärts und rückwärts, drehte sich und dann wurden die Damen von den Männern hochgehoben und im Kreis gedreht. Nach einer bestimmten Schrittfolge wechselte die Dame dann in einer Drehung zu dem Herrn hinter sich und das Ganze begann von vorn.

Sie stießen zu der Menge und bewegten sich gemeinsam zu der mitreißenden Musik. Obwohl Anne diesen Tanz liebte, mochte sie es nicht, sich von Cedric wegzubewegen, und auch er schien nicht ganz bei der Sache zu sein. Zwar beherrschte er die Schritte, doch er widmete sich nicht gebührend den Damen an seiner Seite. Er verfolgte Anne mit seinen Blicken.    

Endlich hatte sie die Runde vollendet und die Musik klang aus, als sie wieder bei Cedric angekommen war. Die Herren verbeugten sich und die Damen sanken in einen tiefen Knicks. Er reichte ihr seine Hand und half ihr, sich wieder aufzurichten. Anne war ein wenig außer Atem und einige Locken hatten sich aus ihrem Zopf gelöst.

Als sie ihren Kopf hob, sah sie das Verlangen, das in seinem Blick lag. Sie hatte nichts dagegen, als er sie zu sich heranzog und ihre Lippen mit seinen bedeckte. Obwohl die Musik von Neuem erklang, blieben sie einfach stehen, während die Tänzer um sie herumwirbelten.

Nachdem er den Kuss beendet hatte, nahm ihre Hand in seine und führte sie unter anfeuernden Jubelrufen hinauf ins Obergeschoß.

7

Annes Kammer wurde nur durch das Feuer im Kamin erhellt. Als sie das Geräusch der ins Schloss fallenden Tür vernahm, strömten tausend Gedanken gleichzeitig durch ihren Kopf, begleitet von noch mehr Gefühlen. Vorfreude, Neugierde, Glück, aber auch Unsicherheit, Nervosität und ein klein wenig Angst. Was, wenn sie sich linkisch anstellte? Natürlich hatte er Erfahrung, welcher Mann hatte die nicht? Es gab genügend willige und kundige Frauen. Und er war ein Mann, dem es mit Sicherheit nicht an Angeboten mangelte.

Unsicher sah sie ihn an und wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte. Da kam Cedric zu ihr und nahm sie in seine Arme. Er hielt sie nur und streichelte beruhigend über ihren Rücken. Anne konnte seinen Mund an ihren Haaren spüren und fühlte seinen warmen Atem.  

„Hab keine Angst. Ich verspreche dir, es wird nichts geschehen, was du nicht willst.“

Doch Anne reckte ihm ihr Kinn entgegen. „Ich habe keine Angst. Jedenfalls nicht viel. Und ich will es. Ich meine, du weißt schon.“ Sie atmete tief durch. „Ich möchte voll und ganz deine Gemahlin sein, nur habe ich ein wenig Angst davor, dich zu enttäuschen.“

Er legte einen Finger unter ihr Kinn und zwang sie sanft, seinen Blick zu erwidern.

„Das könntest du gar nicht.“ Zärtlich berührte er ihre Wange.

„Aber du hast sicher schon viele Frauen gehabt, und –“

„Du bist alles für mich. Seit ich dich zum ersten Mal gesehen habe, habe ich an keine andere mehr gedacht, geschweige denn eine angerührt. Du bist die Einzige, die ich liebe und die ich begehre.“

Anne sog seine Worte ein und dachte zum tausendsten Mal, wie dankbar sie war, dass Gott ihr diesen Mann geschenkt hatte. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn, fühlte seine festen Lippen auf ihren und er hielt still, überließ ihr die Führung. Sie schlang ihre Arme fester um seinen Nacken, aber er löste sich von ihr und schien ihr etwas sagen zu wollen.

„Du hast mir deine Liebe geschenkt und mich zum glücklichsten Mann aller Zeiten gemacht. Dass wir nun vermählt sind, ist mehr, als ich jemals zu hoffen gewagt habe und du kannst dir sicher sein, dass es für mich immer nur dich geben wird.“

Anne schmiegte sich eng an ihn, spürte den wohlbekannten Druck seiner Umarmung und roch seinen vertrauten und über alles geliebten, männlichen Geruch, als sie seinen Hals küsste. „Ich liebe dich.“

„Und ich liebe dich.“ Langsam trat er hinter sie und drehte sie zum Spiegel. „Sieh nur, wie wunderschön du bist.“ Er legte ihren Zopf über eine Schulter und glitt zärtlich über die nun freie Haut an ihrem Nacken, bevor er sich nach vorn beugte und die zarte Stelle küsste. Wie gebannt starrte Anne in den Spiegel und ihr Anblick, zusammen mit seinen Berührungen, löste wohlige Schauer in ihr aus.

Cedric entfernte die Blüten aus ihren Haaren und löste den kunstvollen Zopf. Nun reichten ihr die Locken bis zur Taille. Sie wusste, dass er es mochte, wenn sie ihr Haar offen trug. Tief atmete er ihren Duft ein.

„Ich kann die Blumen noch in deinem Haar riechen.“

„Es sind Wildrosen.“

Er blickte ihr im Spiegel entgegen. „Ich mag den Geruch.“ Langsam begann er, die Schnürung an der Rückseite ihres Oberkleides zu lösen. Als es weit genug aufgeschnürt war, um es hinabgleiten zu lassen, trafen sich ihre Blicke im Spiegel. Im Schein des Feuers wirkten seine Augen fast schwarz. Er half ihr, aus dem Kleid zu steigen, und nur in ihr Untergewand gekleidet, drehte sie sich zu ihm. Der Drang, ihn ebenfalls zu berühren, wurde stärker und schenkte ihr Mut, doch das Zittern ihrer Finger konnte sie nicht verhindern, als sie sein Wams öffnete. Schnell schlüpfte er aus der Jacke und entledigte sich auch gleich des weißen Unterhemds, das er darunter trug. Achtlos warf er es in eine Ecke und drehte sich erneut zu ihr.

Der Anblick seines nackten Oberkörpers war atemberaubend. Gebräunte glatte Haut spannte sich über harte Muskeln, denn er hatte die Statur eines Kriegers. Anne wurden die Knie schwach und sie legte zaghaft ihre Hand an seine Brust. Sogleich fühlte sie seine Wärme und Stärke und sie konzentrierte sich auf seinen kräftigen Herzschlag. Zärtlich küsste sie genau die Stelle darüber.

„Es schlägt nur für dich.“ Eindringlich sah er sie an. „Anne, du hast keine Ahnung, was du mit mir anstellst.“

Sie sah zu ihm auf und er starrte gebannt auf ihren Mund und er eroberte ihn mit einem begierigen Kuss. Sie fühlte seine Zunge, die ihre herausfordernd umspielte und Anne hatte den Wunsch nach mehr. Sie fasste in seine Haare und zog seinen Kopf weiter zu sich hinab. Er umfasste sie und presste sie an sich, doch es war ihr zu wenig, denn noch immer trennte sie der Stoff ihres Unterkleides. Noch nie hatte sie seine glatte Haut direkt auf der ihren gespürt und sie würde nun nicht länger darauf warten. Mit einer schnellen fließenden Bewegung zog sie sich ihr Baumwollgewand über den Kopf und schmiegte sich erneut in Cedrics Arme. Zum ersten Mal konnte Anne seine warme Haut auf ihrem nackten Oberkörper spüren. Das Gefühl war berauschend und sie wollte mehr von ihm. Da sie ihren Beinen allerdings nicht mehr trauen konnte, klammerte sie sich an ihn. Da hob er sie hoch, trug sie hinüber zur Bettstatt und legte sie sanft auf die Felle.

„Du bist wunderschön“, sein glühender Blick versprach ihr vieles und er legte sich zu ihr, ohne die Augen von ihr abzuwenden. Anne konnte das Lager unter seinem Gewicht nachgeben spüren und augenblicklich fühlte sie sich geborgen. Seine Berührung war unendlich sanft, als er mit seinen Fingern die Konturen ihres Gesichts nachfuhr. Er verlagerte sein Gewicht und küsste ihren Hals, während er seine Hände weiterhinab zu ihrer Taille wandern ließ. Wo er sie berührte, hinterließ er eine brennende Spur aus Hitze. Nun strich seine Hand wieder hinauf über ihren Bauchnabel entlang zu ihrem Brustbein und der weichen Wölbung ihrer Brüste. Seine Berührungen ließen ihren ganzen Körper erbeben, da entfuhr ihr ein überraschtes Keuchen, als er spielerisch in ihre Knospe kniff. Sogleich breitete sich noch mehr Hitze in ihr aus und sammelte sich im Zentrum ihrer Weiblichkeit. Sie konnte das süße Ziehen fühlen und auch etwas Feuchtigkeit.

Anne war aufgeregt, denn alles fühlte sich so neu und intensiv an, kaum dachte sie, es gäbe nichts noch Besseres, belehrte er sie eines Besseren, indem seine Lippen weiter hinab zu ihrer Brust gleiten ließ. Anne fühlte seinen warmen Atem an der empfindlichen Haut ihrer Brust und hielt die Luft an. Genießerisch leckte er mit seiner Zunge über ihre aufgerichtete Spitze, neckte die empfindliche Stelle und saugte spielerisch daran.

Keuchend stieß sie die Luft aus, als tausend Empfindungen gleichzeitig auf sie einprasselten. Sein Mund, seine Zunge, sein heißer Atem und seine Hände, all dies spürte sie auf ihrem Körper und es erregte sie. Gebräunte Haut traf auf hellen Teint. Raue Hände auf zarte Haut. Der Gegensatz seiner männlichen, markanten Züge an den weichen Rundungen ihrer Brüste steigerten ihre Lust noch mehr.

Noch mehr drückte sie ihren Oberkörper durch und krallte ihre Hände in seine Haare. Ihrer stummen Bitte folgend, saugte er fester an der zarten Spitze. Ein intensives Kribbeln breitete sich in Annes Körper aus, als er den Kopf hob und sie mit einem verheißungsvollen Lächeln ansah. Zielstrebig glitten seine Finger weiter hinab und Anne hätte nicht für möglich gehalten, dass ihr Herz noch schneller schlagen konnte.

Mit seinem Mund verfolgte er küssend diesen Weg und sie glaubte, in tausend Splitter zu zerspringen, als seine Zunge das intime Zentrum ihrer Weiblichkeit berührte. Ein lautes Stöhnen durchströmte die Kammer und sie vermutete, dass sie es ausgestoßen hatte, denn die Lust, die sie durchströmte war überwältigend. Sie drängte sich an ihn, ermutigte ihn, weiterzumachen, aber er ließ sich Zeit damit, sie vorzubereiten. Unaufhörlich umspielt seine Zunge ihrer Perle und sie keuchte, als und das süße Ziehen sich in ein verheißungsvolles Verlangen verwandelte. 

Cedric schien zu spüren, dass sie bereit war. Als er zu ihr kam, küsste sie ihn voller Leidenschaft. Ihre Finger glitten mutig und entschlossen über seinen Bauch zur Schnürung an seiner Hose, aber sie konnte nicht verhindern, dass ihre Finger zitterten, als sie versuchte, die Bänder zu lösen. Er kam ihr zu Hilfe und entledigte sich schnell dem unnötigen Kleidungsstück. Beeindruckt betrachtete Anne seine Männlichkeit und verspürte weder Unsicherheit noch Zögern. Im Gegenteil, sie war erstaunt über das Besitzdenken, das sie entwickelte, denn sie wollte, dass dieser Mann ganz ihr gehörte. Aufgeregt und fasziniert zugleich beobachtete sie, wie er sich über sie beugte und ihre Beine spreizte. Auf seine Unterarme gestützt, legte er sich auf sie und ihre Blicke trafen sich. „Ich werde vorsichtig sein.“

„Ich vertraue dir.“ Sanft strich sie über seine Schläfe und zog ihn zu sich hinab. „Ich möchte eins sein mit dir.“

Mit einem zärtlichen Kuss verschloss er ihre Lippen und drang langsam in sie ein. Er ließ sich viel Zeit und hörte nicht auf, sie zu küssen. Überrascht keuchte sie auf, als  ein kurzer Schmerz sie durchzuckte. Sofort hielt er inne und verharrte ruhig.

„Geht es?“

Sie konnte den besorgten Ausdruck deutlich in seinen Augen sehen und nickte. „Ich war nur kurz erschrocken, das ist alles.“

Noch immer bewegte er sich nicht, küsste ihr Ohrläppchen und flüsterte ihr unentwegt liebkosende Worte zu. Er gab ihr die Möglichkeit, sich an seine Größe zu gewöhnen. Als er ein wenig weiter in sie eindrang, wartete sie gespannt auf den Schmerz, doch er kam nicht. Stattdessen breitete sich erneut das süße Ziehen in ihr aus. Es war ein Gefühl, das jeden anderen Gedanken beiseitefegte, außer dem Verlangen, so tief wie möglich mit ihm verbunden zu sein.

Als er sie ganz ausfüllte, war sie berauscht von der Intensität ihrer Empfindungen. Niemals hätte sie sich die Magie dieses Augenblicks vorstellen können. Sie war voll und ganz eins mit dem Mann, dem ihr Herz gehörte.

„Was stellst du nur mit mir an, Anne?“, seine tiefe Stimme war kratzig vor Lust. „Ich gehöre mit Leib und Seele dir.“

Quälend langsam zog er sich aus ihr zurück und das Verlangen, ihn wieder ganz in sich zu spüren wurde noch stärker. Als er erneut vorstieß, kam sie ihm entgegen. Er liebte sie in einem zärtlichen, gefühlvollen Rhythmus, der tausend Empfindungen, unendlich stärker als alles bisher Gekannte, über sie hereinströmen ließ.

Sie strich über seinen Rücken und spürte das Spiel seiner Muskeln. Sie fühlte sein Gewicht auf sich, seine Bewegungen waren voller männlicher Kraft und zugleich unendlich gefühlvoll. Diese Mischung war berauschend und trug sie in andere Sphären. Anne hörte ihn stöhnen, es war ein zutiefst maskuliner Laut, heiser und tief aus seiner Kehle. Ein erotischer Schauer lief über ihre Haut, machte sie noch empfindlicher und sie küsste ihn voller Verlangen, wollte mehr und drängte der Erfüllung entgegen, jedoch bestimmte er das süße Tempo. Mal reizte er sie schneller und dann wieder ganz langsam und gefühlvoll. Ihre Hände krallten sich in seine Rückenmuskeln, als die glühende Hitze in ihr jederzeit drohte, unkontrolliert hervorzubrechen. Nur fähig, stoßweise zu atmen, sehnte sich ihr Körper nach Erfüllung und drängte sich ihm flehend entgegen. In diesem Moment brach der Wall, und die Leidenschaft trug sie hinfort in ungeahnte Höhen. Als sie seinen Namen schrie, gab er seine Beherrschung auf und folgte ihr in die Ekstase.

Noch immer war sie gefangen in einer bisher unbekannten Welt aus glühendem Verlangen und berauschender Lust. Ihr Herz raste und sie atmete schwer. Noch immer waren Sie vereint und obwohl er sich abstützte, drückte sein Gewicht sie tiefer. Gänzlich beschützt und abgeschirmt von der Außenwelt, liebte sie dieses Gefühl von seiner Kraft und Stärke über ihr. Zärtlich streichelte er ihr Gesicht und küsste ihre Nase und Augen. „Wie geht es dir? Hast du Schmerzen?“

„Das war um so vieles besser, als ich es mir erträumt habe.“ Sie blickte ihn an, als er laut auflachte.

„Euer Lob ehrt mich, Mylady“, schelmisch grinsend rollte er sich mit ihr um, sodass sie nun auf ihm lag.

„Nun, das sollte es auch, Mylord“, sie verschränkte ihre Finger mit seinen und führte seine Arme nach oben über seinen Kopf, wo sie ihn spielerisch festhielt. „Schließlich habt Ihr Euch für immer und ewig an mich gekettet.“

„Und ich würde es auch nicht anders wollen. Und nun komm zu mir und küss mich, Eheweib.“

„Eheweib?“ Lachend beugte sie sich über ihn, leckte über seinen Mund und biss ihm spielerisch in die Unterlippe. Da rollte er sich wieder herum und begrub sie unter sich. „Du spielst mit dem Feuer.“

Sie nahm sein Gesicht in ihre Hände und küsste ihn. In diesem Moment war sie sich sicher, dass noch nie eine Frau ihren Mann so sehr geliebt hatte, wie sie ihn.

8

England, Kent, 1485, im Hof von Cedrics Gutshaus

„Ich hasse es, dich zu verlassen!“ Verzweiflung packte Cedric, als er Anne in die Augen blickte. In den grünen Tiefen konnte er lesen, wie sehr ihr dieser Abschied zu schaffen machte. Sie versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen, doch es gelang ihr nicht.

„Ich weiß“, erwiderte sie und Tränen rannen ihre Wange hinab. Cedric küsste sie fort und hielt ihr Gesicht in seiner Hand.

„Versprich mir, dass du zu mir zurückkehrst!“

Wie konnte er ihr ein Versprechen geben, das er vielleicht nicht würde halten können? Als ein Ritter hatte er ihrem Vater als seinem Lehnsherrn einen Treueschwur geleistet und sein Leben in dessen Dienste gestellt. Politische Verstrickungen und Ränkeschmiede hatten ihn noch nie interessiert, doch sie lebten in unruhigen Zeiten, in denen England von zwei Herrschern zerrissen wurde. Der rechtmäßige König rief nun seine Vasallen zu den Waffen und der Earl of Ashford folgte diesem Befehl und Cedric mit ihm.

Einst war es das Größte für ihn gewesen, sein Leben für Ehre und Treue zu geben, damals, als er zum Ritter geschlagen worden war. Doch genau diese Tugenden zwangen ihn nun dazu, seine Liebste zu verlassen. Hier, im Hof seines Gutshauses stand er nun und blickte sie an. So vieles wollte er ihr noch sagen und doch fehlten ihm die Worte. Sie sollte wissen, wie sehr er sie liebte, doch er war wie gelähmt. Er wollte nicht fort.

„Anne“, begann er und suchte nach der passenden Formulierung. „Ich –“

„Scht“, unterbrach sie ihn. „Das weiß ich doch.“

Er schmunzelte, natürlich wusste sie es, sie las in ihm wie in einem offenen Buch. Niemals hatte er auch nur die unwichtigste Kleinigkeit verheimlicht, denn sie war seine Gefährtin, seine Vertraute und sein Leben.

„Sollte ich nicht wiederkommen –“

„Hör auf!“, sie hatte einen Zeigefinger an seine Lippen gelegt und ihn forsch unterbrochen. „Ich möchte nicht, dass du so sprichst!“ Sie nahm sein Gesicht in ihre Hände und sah ihn eindringlich an. „Du kommst zu mir zurück!“

Eine gewaltige Furcht stieg in ihm hoch, gerade, als er das glückliche Kinderlachen hörte. Dankbar, dass es die Schwere des Moments unterbrach, blickte er zu seiner Tochter Margaret hinüber, die versuchte, ein Huhn zu fangen und es quer über den gesamten Hof jagte.

Als er sich wieder zu Anne wandte, erhellte ein sonniges Strahlen ihr Gesicht, das sich bei der Betrachtung ihrer Tochter gebildet hatte. Cedric wusste, dass die Erinnerung an dieses Lächeln ihn die lange Zeit voller Krieg und Sehnsucht würde ertragen lassen. Viel zu schnell verschwand es jedoch und erneut trübte ein trauriger Ausdruck Annes anmutige Züge. Eine Träne stahl sich aus ihrem Augenwinkel und er strich sie fort, fühlte ihre weiche Haut unter seinen schwieligen Händen. Noch einmal wollte er sie dicht an sich spüren und zog sie zu sich heran. Er vergrub sein Gesicht in ihren langen, blonden Haaren und saugte tief ihren Duft ein. Es war die vertraute Mischung aus dem Rosenöl, das er ihr geschenkt hatte und ihrem eigenen Geruch nach Weiblichkeit. Tief prägte er ihn sich in sein Gedächtnis, damit er sich später daran erinnern konnte, wenn seine Sinne überflutet waren von dem Gestank nach Blut, Schmutz und Tod.

„Ich liebe dich“, hörte er sie flüstern presste sie an sich, um sie zu küssen. Auch nach all den Jahren raste sein Herz wie verrückt, sobald sich ihre Lippen berührten. Er schmeckte ihre Süße und auch das Salz ihrer Tränen. Die Verzweiflung packte ihn erneut und ließ ihn zu Gott beten, er möge heil zu ihr zurückkehren. Er wusste, er musste sich von ihr losreißen und doch verharrte er in ihrer Umarmung, unfähig, sich zu bewegen. Doch es gab keinen Ausweg. Er musste gehen.

 

***

 

Anne beobachtete, wie er die Zügel seines Pferdes packte und sich in den Sattel schwang. Er sah noch ein letztes Mal zu ihr hinab und strich zärtlich über ihre Wange. Sie nahm seine Hand, hauchte einen Kuss auf die Innenfläche, und schmiegte dann ihre Wange in seine Hand. Sie spürte seine Wärme und prägte sich das Gefühl ein, denn ihr Herz war schwer vor Sehnsucht und Furcht. Eine Furcht, die sie mit aller Kraft versuchte, zu verdrängen. Sie gestand sich nicht zu, auch nur daran zu denken, dass ihm etwas zustoßen könnte.

Kurz verharrten sie in diesem Moment. Doch dann ließ er sie los. Er wendete sein Pferd und rief: „Ich werde dich bis in alle Ewigkeit lieben!“ Dann ritt er vom Hof und trieb sein Pferd zu einem schnellen Galopp an.

Anne war wie erstarrt. Mit ihrem Blick verfolgte sie seine immer kleiner werdende Gestalt. Erst als er vom Hof aus nicht mehr zu erkennen war, lief sie, so schnell sie konnte, zu dem Hügel, der ganz in der Nähe lag. Sie hastete die Anhöhe hinauf und erblickte erneut den immer kleiner werdenden Reiter. Noch lange schaute sie ihm nach, selbst als er nicht mehr zu sehen war, brachte sie es nicht über sich, dem Pfad, den er genommen hatte, den Rücken zu kehren.

9

Die Schlacht war in vollem Gang. Zahlenmäßig klar unterlegen kämpfte Cedric an der Seite von Sir William umso verbissener für Henry Tudor und die Krone von England. Viel zu lange schon zerriss der Bürgerkrieg das Land. Befehle wurden gebrüllt und reiterlose Pferde donnerten an ihm vorbei. Die Schreie von Verwundeten dröhnten in seinen Ohren. Zahlreiche Feinde hatten durch sein Schwert den Tod gefunden und die Erde unter den Hufen seines Streitrosses war getränkt von ihrem Blut. Um ihn herum nahm er den vertrauten Lärm der Schlacht wahr, als sein Schwert mit einem lauten Klirren auf das seines Gegners niederfuhr.

Plötzlich hörte er einen Schrei und erkannte die Stimme seines Schwiegervaters. Blut floss aus einer klaffenden Wunde an dessen Oberschenkel und hatte ihn in die Knie gezwungen. Schnell wendete Cedric sein Pferd und kämpfte sich zu ihm durch, um ihn zu schützen. Wie ein Berserker pflügte er sich durch die Feinde. Bei ihm angekommen, hieb er auf den Gegner des Earls ein und schlitzte ihn der Länge nach auf. Sogleich glitt er vom Pferd, um ihn aus der Gefahrenzone zu bringen. Er beugte sich zu ihm hinunter: „Sir William, Ihr müsst aufstehen! Stützt Euch auf mich!“

Gerade wollte er ihn hochziehen, als ein scharfer Schmerz seinen Körper durchfuhr. „Cedric!“, schrie sein Schwiegervater entsetzt. Doch das Schwert ragte aus Cedrics Bauch und er spürte einen Schmerz, der ihn von innen verbrannte. Ungläubig blickte er an sich hinab. Da verspürte er einen Ruck, als das Schwert aus ihm herausgezogen wurde und ein Gefährte seinen Angreifer niederstreckte. Wieder sah er an sich hinab. Unaufhörlich strömte Blut aus seinem Körper.

„Cedric, mein Junge!“, rief der Earl erneut und bettete ihn auf den Rücken, sodass er den Himmel sehen konnte. Er strich ihm über den Kopf. „Bleib wach!“ Cedric bemühte sich, aber Dunkelheit brach über ihn herein. Er blinzelte, doch er konnte den Earl nur noch verschwommen sehen.

„Kämpf dagegen an!“, schrie Sir William, packte ihn an den Schultern und schüttelte ihn, als Cedric drohte, ohnmächtig zu werden. Sie wussten beide, dass seine Verletzung tödlich war.

„Sagt ihr, dass ich sie liebe“, stöhnte Cedric und schloss die Augen, als mit all dem Blut auch sein Leben aus seinem Körper floss.

 

***

 

„Hast du mich nicht verstanden? Ich habe keine Zeit, dir alles nochmals zu erklären!“

Cedric blickte verwirrt umher. War er nicht soeben gestorben? Was wollte dieser Mann von ihm?

„Ich habe gesagt, ich habe keine Zeit!“, rief dieser unwirsch.

Cedric musterte ihn. Erstes Grau durchzog seine braunen Haare, aber er hatte noch immer einen kraftvollen Körper und markante Gesichtszüge, die Macht und Autorität ausstrahlten. Er trug einen glänzenden, silbernen Harnisch über seinem Wams, doch das Merkwürdigste waren strahlend weiße Flügel, die stolz an seinem Rücken emporragten.

Cedric blinzelte mehrmals, denn es schien, als würde der andere von innen heraus strahlen und die Luft um ihn herum flimmerte geradezu. Woher kam dieses Licht? Langsam drehte er sich und suchte den Himmel ab, konnte aber keine Sonne entdecken. Dichte Wolken verhängten die beginnende Abenddämmerung.

„Ich brauche eine Antwort, also triff deine Entscheidung! Verpflichtest du dich, oder nicht?“, fragte er Cedric, wobei er sich kaum die Mühe machte, seine Ungeduld zu unterdrücken.

„Was soll das heißen? Ihr erwartet doch nicht ernsthaft, dass ich Euch glaube, Ihr wäret ein Engel, und ich solle in Gottes Armee kämpfen! Was für ein Unfug! Ich sterbe gerade und deswegen seid Ihr nur eine Phantasie!“

„Glaub, was du willst, aber du bist bereits tot.“ Er deutete auf Cedrics leblos am Boden liegenden Körper und dessen Erwiderung blieb ihm im Hals stecken.

„Hör mich an! Wir brauchen Krieger wie dich. Seit Luzifer sich gegen den Höchsten gestellt hat, herrscht Krieg, ein immer währender Krieg mit hohen Verlusten. Wenn du meinst, ich sei bloß eine Einbildung und du wärst ohnehin gleich tot, hast du ja nichts mehr zu verlieren.“

Cedric blickte zwischen dem Mann und seinem Körper hin und her. Sein Schwiegervater war völlig erschüttert über seinen reglosen Leib gebeugt und seine Kampfgefährten zollten ihm den letzten Respekt. War es möglich, dass er bereits tot war und dieser silberne, leuchtende Mann die Wahrheit sagte?

Eine Idee keimte in ihm auf und beherrschte in Blitzesschnelle sein gesamtes Denken. Als Kriegerengel würde er Anne beistehen können. Er war sich darüber im Klaren, dass er keinen Körper mehr hatte, denn der lag schließlich blutüberströmt neben ihm, doch er wusste, dass keine Macht ihn davon abhalten konnte, bei Anne zu sein. Er würde über sie wachen, ihr beistehen und sie ihr gesamtes Leben lang begleiten. Als Gemahl war ihm das nicht gelungen, doch als Engel würde er nicht versagen.

Er straffte die Schultern und blickte den Engel fest an. „Meine Antwort lautet: Ja.“

Dieser nickte und im gleichen Augenblick erschien ein Schwert in seiner Hand. „Nimm es, es gehört dir.“

Erstaunt starrte Cedric es an. Als er es zögernd entgegennahm, legte sein Gegenüber ihm eine Hand auf die Schulter. Plötzlich durchfuhr ihn ein Schmerz, der ihn in die Knie zwang. Als würde sein Körper mit einem glühenden Eisen gespalten, fühlte er die Hitze bis in die letzte Zelle vordringen. Cedric stöhnte und kämpfte mit aller Kraft dagegen an, zu schreien. Der Schmerz war allgegenwärtig. Er sah zu dem Engel auf, der ihn mit einem abschätzigen Lächeln von oben herab ansah. Cedric verstand. Der Bastard prüfte ihn, denn noch immer lag dessen Hand auf seiner Schulter und schickte das Feuer durch ihn. Cedric atmete tief durch und konzentrierte sich darauf, aufzustehen. Niemals würde er vor diesem Mistkerl Schwäche zeigen! Als wäre er ein Greis, kämpfte er sich mühsam hoch und es gelang ihm nur unter Aufbringung all seiner Willenskraft, aufrecht zu stehen. Sogleich verbarg er seine Gefühle hinter einer starren, ausdruckslosen Maske. Den körperlichen Schmerz, die Erschütterung über das Geschehene und die Ungewissheit der Zukunft, all dies verbarg er tief in sich und hielt dem herausfordernden Blick des Engels stand. Erst da nahm dieser die Hand von Cedrics Schulter und nickte anerkennend.

„Ich sehe, ich habe mich nicht in dir getäuscht.“

Cedric erwiderte nichts und wartete einfach ab.

„Ich bin Samuel. Ab nun stehst du unter meinem Befehl in Erzengel Michaels Armee. Er ist der himmlische Heerführer und ihm sind vier Befehlshaber unterstellt. Einer davon bin ich.“

Cedrics erstes Gefühl hatte ihn also nicht getäuscht. Samuel war tatsächlich ein überaus mächtiger Engel.

Sein neuer Vorgesetzter führte ihn in eine andere Welt und nannte sie Die Dimension des Krieges. Dort wurden die Schlachten zwischen Gut und Böse ausgetragen, denn wo die beiden Heere aufeinandertrafen, blieb nichts Lebendes übrig. Cedric sah sich um und erblickte eine karge, trostlose Weite, die am Horizont in dichten Nebel überging.

„Woran erkenne ich einen Dämon, wenn er vor mir steht?“

„Du wirst ihn erkennen, keine Sorge. Dazu musst du wissen: Der Höchste erschuf die Engel nach dem Abbild der Menschen und auch Luzifer, den man nun als den Teufel kennt, war einst einer von uns. Als er seine Rebellion anzettelte und von Erzengel Michael besiegt und aus dem Himmel verbannt worden war, schwor er Rache. Allerdings hatte er zunächst keine Armee, nur eine kleine Schar von Verbündeten war bis zur Verbannung an seiner Seite geblieben. Sie sind gefallene Engel wie auch Luzifer selbst einer ist, doch mit ihnen allein könnte er natürlich auf dem Schlachtfeld nichts anrichten. Also brauchte er Krieger und so entwickelte er eine Möglichkeit, sich ein Heer zu bauen. Dämonen werden einzig und allein zu dem Zweck erschaffen, zu kämpfen. Sie bedeuten ihm sonst nichts und er macht sich auch nicht die Mühe, sie zu verschönern. Also erkennst du sie daran, dass sie hässlich sind, grobschlächtig und plump und es haftet ihnen der stechende Gestank der Hölle an.“

Samuel erklärte ihm weiterhin, ihre Schwerter wären in den Feuern des Himmels geschmiedet worden, dazu gemacht, Luzifers Krieger zu vernichten.

„Du musst ihnen ihren hässlichen Kopf abschlagen, nur so sind sie endgültig ausgelöscht.“

„Ich nehme an, dass auch ich auf diese Weise getötet werden kann?“

„Ja, doch nur mit dem Pendant zu unseren Waffen, menschliche können dir nichts anhaben. Dämonische Klingen jedoch werden im Höllenfeuer geschmiedet und können dich sehr wohl verletzen.“ Er tippte ihm mit dem Finger an die Brust. „Merk dir eins: Du bist nicht unverwundbar! Und glaub mir, du wirst Schmerz verspüren. Das Gute an der Sache ist jedoch, du kannst dich selbst wieder heilen.“

Cedric sah ihn zweifelnd an und Samuel erklärte weiter: „Dafür musst du nur die himmlische Energie mit deinen Gedanken aktivieren, dir sozusagen vorstellen, wie sich deine Wunden verschließen und schon bist du wieder unversehrt. Vergiss niemals, dass du nicht unsterblich bist! Pass also auf, dass dein Kopf stets auf deinen Schultern bleibt.“

Er würde also in Erzengel Michaels Armee kämpfen. Bis in alle Ewigkeit oder bis ein Gegner ihn köpfte, das hatte Samuel ihm nur allzu deutlich klargemacht. Doch all dies war Cedric egal. Das Einzige wofür es sich lohnte, weiterhin zu existieren, war, bei Anne zu sein.

10

Obwohl es ihm verboten war, sich den Menschen zu zeigen, die ihn in seinem Leben gekannt hatten, konnte ihn das nicht davon abhalten, Anne aufzusuchen. Er teleportierte sich in ihre Schlafkammer und blieb unsichtbar in der Ecke stehen. Spätestens jetzt wurde ihm klar, dass er tatsächlich gestorben war.

Zusammengerollt wie ein verwundetes Tier lag Anne auf seiner Seite des Bettes, die Arme fest um sich geschlungen. Sie trug eines seiner Untergewänder, in dem ihre zierliche Gestalt völlig unterging, zudem zitterte sie am ganzen Körper, denn die Decke lag zerknüllt bei ihren Beinen. Cedric hörte sie leise schluchzen und sah ihre Tränen auf das bereits feuchte Kissen tropfen. Sie wirkte so unendlich verloren – ihr Anblick zerriss ihm das Herz.

Das Verlangen, sich ihr zu zeigen, war beinahe übermächtig, aber die Folge wäre gewesen, dass die Engel ihn beseitigt und Annes Gedächtnis an diesen Augenblick gelöscht hätten. Ihre Trauer wäre unverändert, aber er wäre nicht mehr imstande, zu ihr zu kommen. Irgendwie musste er ihr doch helfen können!

Langsam ging er zu ihr hinüber. Wie gern hätte er sie zugedeckt! Er kam sich so hilflos in seiner körperlosen Gestalt vor. Wie wärmte man jemanden, wenn man unsichtbar war? Trotzdem legte er sich neben sie, ihren Rücken an seinem Bauch. Er konnte es sich nicht erklären, aber nach einiger Zeit verebbte ihr Zittern und sie schlief ruhig ein. Die ganze Nacht blieb er regungslos an ihrer Seite und wachte über sie.

Wann immer er konnte, kam er nachts zu ihr. Egal, ob sie leise weinte, sich unruhig im Bett umherwarf, oder schreiend aus einem Albtraum erwachte, immer beruhigte sie sich in seinen Armen und fand einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Die Monate vergingen, doch an ihrer Trauer änderte sich nichts. Einzig für ihre Tochter Maggie versuchte sie, tagsüber stark zu sein, aber mit der Dunkelheit holte der Schmerz sie wieder ein.

Oftmals fand er Anne bei seinem Grab kniend vor. Es befand sich auf dem kleinen Friedhof, direkt neben der Kapelle, in der sie geheiratet hatten. Wie sehr wünschte er sich, sie könnte ihn loslassen und ein neues Leben beginnen, aber das schien ihr unmöglich.

Er beobachtete, wie sie sich vorbeugte und mit ihren Fingerspitzen zärtlich über seinen Namen fuhr, der in den Stein gemeißelt worden war.

„Bald blühen sie wieder, kannst du die Knospen sehen?“, fragte sie seinen Grabstein. „Du magst den Duft doch so sehr.“

Gedankenverloren strich sie über die Blätter der Wildrose, die sie daneben gepflanzt hatte. Nach einiger Zeit wandte sie ihren Blick zu der kleinen Kirche und er sah, dass Tränen in ihren Augen schimmerten.

„Wieso hast du so früh gehen müssen? Das ergibt einfach keinen Sinn! Jeden Abend wünsche ich mir, dass ich am nächsten Morgen aufwache und feststelle, dass es ein fürchterlicher Albtraum gewesen ist. Und jeden Tag stelle ich erneut fest, dass meine schlimmste Angst wahr geworden ist. Ich weiß nicht, wie ich das durchstehen soll. Ich habe einfach keine Kraft mehr!“

Sie schluchzte leise und in der Stille des Friedhofs klang es herzzerreißend zwischen den Steinen wider. Er sah, wie ihr Körper vor Kummer erbebte und sie sich ganz klein zusammenkauerte. Mit ihrer Seite lehnte sie sich an den Grabstein, als würde sie daran Halt suchen. Ihre Wange berührte den kühlen Marmor.

„Wie soll ich das nur ertragen?“

Ihre Worte waren nur ein Flüstern und er spürte eine Welle der Wut in sich aufsteigen.

Er hasste sich dafür, dass er für ihr Leid verantwortlich war. Alles, was er jemals gewollt hatte, war, sie glücklich zu machen, sie zum Lachen zu bringen und sie zu beschützen. Stattdessen hatte er sie allein zurückgelassen, weinend und voller Verzweiflung.

Seinem Verlangen ihr zu helfen folgend, kniete er sich vor sie und berührte ganz zart ihre Wange. In diesem Moment hätte er alles dafür gegeben, wenn sie ihn hätte spüren können. Er wollte ihr den Schmerz nehmen, sie vor der Welt beschützen. Er breitete seine Flügel aus und hüllte sie damit ein. Er schickte ihr all seine Kraft und Liebe, obwohl er nicht wusste, ob sie es bemerken würde. Sie bewegten sich nicht und Zeit spielte keine Rolle mehr. Er wünschte sich so sehr, sie könnte ihn hören und versprach ihr in seinen Gedanken, sie für immer zu lieben.

Für den Fall, dass er den Krieg nicht überleben würde, hatte er ihr einen Brief geschrieben und ihn ihrer Mutter gegeben, mit der Bitte, ihn Anne auszuhändigen, sollte ihm etwas zustoßen. Er bat sie darin, nach vorn zu blicken, sich erneut zu verlieben, glücklich zu sein und noch viele Kinder zu bekommen, auch wenn ihn in schwachen Momenten die Vorstellung von einem anderen Mann an ihrer Seite schlichtweg um den Verstand brachte. Es machte ihn wütend, dass nicht er es sein konnte. Und noch wütender machte es ihn, zu sehen, wie sehr sie in der Vergangenheit gefangen war. Sie sollte leben und lieben, denn sie hatte so viel Herzlichkeit und Wärme zu geben. Da sah er, wie sie ihre Schultern straffte und sich aufrichtete.

„Ich weiß, dass du möchtest, dass ich ein glückliches Leben führe. Erneut heirate. Doch wie kannst du das von mir verlangen? Glaubst du wirklich, dass ich ohne dich glücklich sein könnte, dass irgendjemand dich ersetzen könnte?“ Sie strich noch einmal über seinen Namen. „Ich liebe dich!“, sagte sie. „Ich komme dich bald wieder besuchen.“

Als sie gegangen war, blieb Cedric noch eine Weile bei seinem Grab sitzen, ratlos darüber, wie er ihr helfen konnte.

Weitere Monate vergingen, und sein Leben bestand nur aus Kämpfen und seiner Sorge um Anne. Sie wirkte stets in sich gekehrt. Nur Maggie konnte ihr Leid ein wenig lindern. Seine kleine Tochter schien ein glückliches Kind zu sein und Cedric war froh, dass sie noch so jung gewesen war, als er gehen musste.

Wenn ihre Tochter schlief, setzte sich Anne an ihr Bett und blickte sie voller Liebe an. Dabei strich sie ihr zärtlich über die Haare.

„Du bist mein wertvollster Schatz. Ich erkenne so vieles von ihm in dir.“

Während ihr Tränen über das Gesicht liefen, wünschte er sich zum tausendsten Mal, er könne sie trocknen. Dann küsste sie Maggies Stirn und ging hinüber in ihre Schlafkammer.

Regelmäßig nahm sie eines seiner Gewänder in die Hand und vergrub ihr Gesicht darin, obwohl sein Duft schon längst verflogen sein musste. Noch immer hatte sie es nicht über sich gebracht, sich von seiner Kleidung zu trennen und bewahrte sie nach wie vor in seiner Truhe auf. Noch immer trug sie eines seiner Untergewänder im Schlaf und lag stets auf jener Seite des Bettes, die früher seine gewesen war.

Ein Jahr nach seinem Tod beobachtete er, wie sie zu den Pferden ging, die friedlich auf der Weide grasten. Sobald ihr dunkelbrauner Wallach sie sah, spitzte er die Ohren, wieherte erfreut und kam auf sie zu. Sie streichelte ihn an Stirn und Nase.

„Guten Morgen, Aris! Wie geht es dir?“

Als er sie anstieß, um den mitgebrachten Apfel einzufordern, musste sie lachen. Cedric genoss ihren Anblick, denn Anne wirkte in diesem Moment glücklich und er dankte Aris still dafür, dass er ein Lächeln in ihr Gesicht gezaubert hatte. Es war jenes Pferd, das er gekauft hatte, als er vor Jahren mit Anne als ihr Geleitschutz auf dem Jahrmarkt gewesen war. Dann schenkte er ihn Anne und wann immer sie gemeinsam ausritten, hatte er Aris stets persönlich für sie gesattelt.

11

Fünf Jahre nach seinem Tod spürte er sie nach einigen Wochen der Abwesenheit in Maggies Kammer auf. Sie saß an ihrem Bett und legte dem Kind ein kühles feuchtes Tuch auf die Stirn, während sie ihr beruhigende Worte zuflüsterte.

Schluck für Schluck flößte sie ihr einen Trank ein. Cedric ging zu seiner Tochter, breitete seine unsichtbaren Flügel aus und legte die Hände an Maggies Schläfen. Anders als bei Schutzengeln richteten sich bei Kriegerengeln die Heilkräfte nach innen, um nach einem Kampf schnell und effizient zu regenerieren. Aus diesem Grund waren seine Fähigkeiten, jemand anderen zu heilen, begrenzt. Doch bisher hatte er Maggie mit ihren kleineren Blessuren immer helfen können. Aber diesmal geschah nichts.

Thomas! Erscheine!, rief er gedanklich nach dem Schutzengel seiner Familie. Wann immer Cedric anwesend war, passte er selbst auf seine Familie auf und der Schutzengel brauchte nicht in der Nähe zu sein. Diese hatten ohnehin stets mehrere Schützlinge zu betreuen und so war Thomas dankbar, wenn er sich gerade nicht um Cedrics Familie kümmern musste. Cedric mochte den Schutzengel, der zu seinen Lebzeiten ein Heilkundiger gewesen war.

Als er erschien, sah er Cedric schweigend an, dann senkte er den Blick.

„Ich weiß, warum du mich rufst. Es tut mir leid. Ich kann sie nicht heilen.“

„Was sagst du da? Wie kann das sein?“ Cedric spürte Verzweiflung in sich aufsteigen, als er die Bedeutung von Thomas’ Worten begriff. „Verdammt, sie ist erst acht!“

„Du weißt, dass ich nur die heilen kann, deren Zeit noch nicht gekommen ist.“

Da stürzte Cedric sich auf ihn und packte den Schutzengel an den Schultern. „Thomas, tu irgendetwas! Das darf nicht geschehen!“

„Es tut mir unendlich leid. Cedric, ich wünschte, ich könnte das verhindern, aber ich kann es nicht. Ich kann nichts tun.“

Cedrics Verzweiflung verwandelte sich in nicht zu bändigenden Zorn. Er schlug auf Thomas ein, stieß ihn zu Boden und schlug erneut auf ihn ein. Erst Maggies Stöhnen rief ihn wieder zur Vernunft.

Kurz bevor sie ihren letzten Atemzug tat, tauchte Thomas den Raum in helles, himmlisches Licht und breitete seine Flügel aus. Als sich ihre Seele, golden leuchtend und fast durchscheinend, aus dem Körper erhob, umfing er sie mit seinen Schwingen. Cedric wusste, der andere Engel würde sie in den Himmel begleiten, zur Stätte der Seelen, jenem Ort, wo nur die Seelen Verstorbener Zutritt hatten. Vor dem schweren, massiven Tor würde er sie absetzen, und sobald sie die Schwelle überschritten hätte, würde ihre Seele zu einem hellen Lichtschein werden.

 

***

 

Anne konnte nicht weinen, denn sie war innerlich gebrochen. Sie trug Cedrics Untergewand und in ihrem Arm hielt sie Maggies Puppe. Seitlich zusammengerollt lag sie im Bett, aß nichts, trank nichts und starrte ins Leere. Cedric lag nun wieder Tag und Nacht an ihrer Seite und hielt sie mit seinen unsichtbaren Armen umfangen. Er spendete ihr so viel Kraft, wie er nur konnte, doch es war nicht genug. Verzweiflung packte ihn, denn er wusste nicht, was er tun sollte.

Während Maggie ihr die Kraft gegeben hatte, seinen Tod zu überstehen, war ihr Tod mehr, als Anne ertragen konnte. Er wusste, dass ihr Lebenswille zusammen mit ihrer Tochter gestorben war. Doch es sollte nicht so enden! Anne sollte alt werden und glücklich dabei sein! Er wünschte sich ein langes Leben voller Liebe und Freude für sie, sie sollte lachen und niemals wieder leiden.

Cedric war zutiefst erleichtert, als ihre Eltern gekommen waren. Er hoffte, dass sie es schafften, sie wachzurütteln. Vielleicht gelang es ihrer Mutter sogar, ihr etwas Nahrung einzuflößen, von der Magd und der Köchin hatte sie stets alles verweigert.

Ihre Mutter blieb fortwährend bei ihr und versuchte immer wieder, zu ihrer Tochter durchzudringen, doch Anne reagierte nicht. Fürsorglich hielt Lady Margaret sie in ihren Armen wie ein kleines Kind und bemühte sich unermüdlich. Sie weinte und redete aufmunternd auf ihre Tochter ein, doch Cedric war sich nicht sicher, ob Anne sie überhaupt wahrnahm.

Er hielt es nicht mehr aus, seine Geliebte so zu sehen und zu später Stunde, als beide fest schliefen, kniete er sich vor Anne nieder. Es war eine sternenklare Nacht, und der Mond schien hell durch das Fenster. Er legte seine Hand an ihre Wange und musste sich mit all seiner Willenskraft daran hindern, sich ihr zu zeigen. Doch vielleicht gab es einen anderen Weg, mit ihr in Kontakt zu treten. Er wusste, dass es ihm verboten war und wahrscheinlich auch aus gutem Grund, doch es war seine letzte Hoffnung. Anne würde sterben und er konnte nicht einfach dabei zusehen. Vielleicht war das die einzige Möglichkeit, ihre Lebensenergie zurückzuholen.

Er konzentrierte sich auf einen einzigen Gedanken, unausgesprochenen Worte, die er ihr gedanklich sandte.

„Ich liebe dich auch“, sagte sie plötzlich und er war verblüfft, wie klar sie geantwortet hatte. Er musste sich vergewissern, dass sie auch tatsächlich schlief. Obwohl es unter Engeln ganz normal war, sich auf diese Art zu unterhalten, war es mit Menschen nicht einfach. Ihre Sinne waren zu stumpf und meistens konnte man ihnen nur Gefühle vermitteln, doch der Schlaf schien sie empfänglicher zu machen. Obwohl er ihr gern so vieles gesagt hätte, konzentrierte er sich auf das, was am wichtigsten war.

„Das kann ich nicht“, erwiderte sie, denn er hatte sie um ein Versprechen gebeten. Zu leben.

„Ich habe dich so sehr vermisst“, fuhr sie fort und unterbrach seinen verzweifelten Versuch, sie davon zu überzeugen, nicht aufzugeben. „Alles ist gut. Es ist bald vorbei.“

Alles in ihm schrie: „NEIN!“, und die Gedanken strömten nur so in seinen Kopf. Er hatte Schwierigkeiten, sie zu filtern, denn einer war lauter als der andere. Die Panik, die ihn übermannte, hinderte ihn daran, klar zu denken, so versuchte er, alles in ein Bild zu packen. Er stellte sich eine glückliche Anne vor, wie sie mit ihren zukünftigen Kindern auf einer Wiese spielte und vor Freude lachte. Zusammen mit dem Gefühl reinsten Glücks schickte er es ihr.

„Das wäre schön.“ Ein kleines Lächeln umspielte ihre Lippen.

Der kleine Funken Hoffnung loderte in ihm und wurde immer größer, doch er konnte die Tränen sehen, die sich in ihren geschlossenen Augenwinkeln gebildet hatten. Sie schniefte im Schlaf und murmelte, dass sie nie wieder so glücklich sein würde. Er empfing ein Gefühl der unendlich großen Trauer, das ihn beinahe in Stücke riss. Der Drang wurde unbezwingbar und schließlich gab er auf, dagegen anzukämpfen. Dies war der Moment, in dem er sich in Annes Gegenwart materialisierte.

Sie schlief, doch er konnte nicht widerstehen, ihr Gesicht zu berühren. Ganz zart strich er ihr über ihre feuchte Wange und trocknete ihre Tränen. Niemals würde er vergessen, wie weich sich ihre Haut anfühlte. In vollem Bewusstsein, dass dies das einzige Mal sein würde, dass er sie spüren konnte, zögerte er den Augenblick hinaus. Er beugte sich zu ihr und atmete ihren vertrauten, blumigen Duft ein, um ihn sich für die Ewigkeit einzuprägen. Ein letztes Mal legte er seine Lippen auf ihre und verlor sich in ihrer Zartheit.

Plötzlich setzte sie sich ruckartig auf und er schaffte es gerade noch, sich unsichtbar zu machen.

„Cedric?“, rief sie in die Dunkelheit und blickte sich suchend im Raum um. Er stand in der Ecke am anderen Ende der Kammer, mit wildem Herzen direkt neben der Tür.

„Bist du hier?“, fragte sie und schwang sich mit ungeahnter Energie aus dem Bett. Barfuß und nur mit seinem Untergewand bekleidet durchquerte sie den gesamten Raum und blieb dann abrupt stehen. Sie blickte direkt in die Ecke, in der er stand.

„Ich glaube, ich kann dich fühlen.“

Sie kam einige Schritte auf ihn zu und streckte die Hand aus. Obwohl sie nichts als Luft zu fassen bekam, lächelte sie. „Du bist oft hier, nicht wahr? Ich wünschte, ich könnte dich sehen.“

In ihrer Stimme lag ein so großes Flehen, das es ihm beinahe unmöglich machte, nicht darauf zu reagieren. Er musste seine gesamte mentale Stärke zusammennehmen, um unsichtbar zu bleiben – er war in dieser Nacht bereits viel zu weit gegangen.

Annes Mutter war inzwischen aufgewacht und fragte ihre Tochter, was sie denn außerhalb des Bettes mache. Anne sagte nichts, doch sie ging zurück und legte sich wieder hin. Lange schlief sie nicht ein, sondern starrte in die dunkle Ecke. Er blieb bei ihr und erst, als es dämmerte, schlummerte sie ein.

Während die Zeit verstrich, nahm sie immer mehr Gewicht ab, ihre Wangenknochen traten stark hervor und sie bekam dunkle Ringe unter den Augen. Ihre Haut wirkte fahl und grau. Dieser Anblick schockierte ihn zutiefst und er informierte Samuel, dass er in nächster Zeit nicht verfügbar wäre. Er fragte nicht um Erlaubnis und er wartete auch nicht auf die Zustimmung seines Vorgesetzten.

Tag und Nacht war er bei ihr und schickte ihr telepathische Bilder, wie sie herzhaft lachte, sang oder tanzte. Er war überzeugt davon, wenn sie erst ihren Lebenswillen zurückerlangte, dann würde sie in kürzester Zeit wieder bei Kräften sein. Doch wusste er nicht, ob ihr Geist klar genug war, diese auch zu empfangen, denn anders als beim letzten Mal erwiderte sie nichts. Er war frustriert und verzweifelt, da er  nicht zu ihr durchdringen konnte. So hoffte er, dass er zumindest positive Gefühle wie Glück, Zuversicht und Hoffnung in ihr hervorrufen konnte.

Auch ihre Mutter war unentwegt bei ihr und selbst der Earl stellte alles andere hintan, um bei seiner Tochter zu sein. Sie hielten Annes Hand und flößten ihr ein kräftigendes Gebräu ein.

Es wirkte nicht.

Immer wieder redete Cedric telepathisch auf sie ein. Wenn er sie nur dazu bringen konnte, dass sie leben wollte! Solange sie in diesem geschwächten Zustand nicht krank wurde, hatte er Hoffnung. Akribisch achtete er darauf, dass sie nicht fror, indem er ihr mit seiner himmlischen Energie Wärme spendete. Wieder lag Cedric die ganze Zeit neben ihr. Doch sie litt unter eisiger Kälte, sie zitterte und nicht einmal er konnte sie wärmen.

Er verfluchte ihre Mutter, denn so lange sie in der Kammer war, konnte er sich nicht materialisieren und Anne berühren. Als sie endlich einmal den Raum verließ, wurde er sofort körperlich. Er strich Anne über die Stirn und erschrak. Sie glühte!

Völlig verzweifelt rief er nach Thomas, dem Schutzengel von Anne und verlangte dessen sofortiges Erscheinen. Kaum stand er vor ihm, packte Cedric ihn am Kragen und presste ihn gegen die Wand.

„Bist du verrückt geworden? Lass mich los!“, protestierte der Schutzengel.

„Heile sie!“, donnerte Cedric fordernd und deutete mit dem Kopf auf Anne. Als Thomas den Mund aufmachte, um etwas zu erwidern, fiel er ihm ins Wort. „Ich warne dich, überlege dir deine Antwort gut. Ich weiß, dass Schutzengel Menschen heilen können. Doch du hast bereits meine Tochter sterben lassen! Wenn du diesmal wieder nutzlos bist, werde ich dich töten!“

„Ich kann sie heilen“, antwortete Thomas schnell.

„Dann tu es“, forderte er und fühlte, wie Thomas sich unter seinem Griff wand und Cedrics Blick auswich.

„Das wird nur leider nichts bringen.“

Cedric starrte ihn fassungslos an. „Was sagst du da?“

„Ich kann die Krankheit heilen, Cedric, aber ich kann ihr nicht ihren Lebenswillen zurückgeben.“

„Was soll das bedeuten? Ich verlange es von dir!“ Er ließ Thomas los und durchquerte den Raum. Wie ein eingesperrtes Raubtier tigerte er herum und fuhr sich verzweifelt durch die Haare.

„Hör mir zu, Cedric, wenn sie nicht leben möchte, dann wird sie eben das nächste Fieber oder das übernächste nicht überstehen.“

„Dann heilst du diese eben auch! Solange bis sie ihren verdammten Lebenswillen zurückbekommt!“

„Und wie lange sollen wir dieses Spiel spielen? Die nächsten dreißig oder vierzig Jahre?“

„Das ist kein Spiel, du Mistkerl! Es geht um das Leben meiner Frau!“

Thomas ging auf Cedric zu und fasste ihn ruhig mit beiden Händen an der Schulter. „Hör mich an.“ Er forschte in Cedrics Gesicht nach Zustimmung. Schließlich nickte dieser.

„Anne war deine Frau, als du noch gelebt hast. Doch als du auf dem Schlachtfeld gefallen bist, ist ein Teil von ihr mit dir gestorben. Komm, ich zeige dir etwas.“ Er zog Cedric mit sich und ging zu Anne, die mit geschlossenen Augen auf dem Rücken lag. Er legte seine Hand auf ihre Stirn und forderte Cedric auf, das Gleiche zu tun.

„Ich weiß, du erkennst die charakteristische Wärme ihrer Seele, weil du tief mit ihr verbunden bist. Doch spürst du auch ihre Lebenskraft? Jene Energie, die ihre Seele in ihrem Körper hält?“

Cedric berührte Annes Stirn. „Was genau sollte ich spüren?“

„Ein sanftes Pulsieren, ähnlich ihrem Puls.“

Cedric konzentrierte sich. „Nein“, gab er schließlich zu.

Thomas schien überrascht. „Vielleicht kannst du es nicht, weil du ein Kriegerengel und kein Schutzbeauftragter bist.“

Cedric blickte ihn lange an. Dann deutete er auf Thomas’ Hand, die noch immer auf Annes Stirn lag. „Was fühlst du?“

„Leider nicht mehr viel. Es ist nur mehr ein kleiner Rest übrig. Der sprichwörtliche seidene Faden.“ Er sah Cedric verständnisvoll an. „Cedric, sie möchte nicht mehr. Aber ich heile sie von der Krankheit, wenn du das von mir verlangst.“

Cedric brauste auf: „Wie kann ich mich dagegen entscheiden? Du legst die Verantwortung über ihr Leben in meine Hand.“

„Nein, das tue ich nicht“, erwiderte Thomas besänftigend. „Es wäre nur ein Aufschub, denn die Entscheidung, dass sie gehen möchte, hat sie schon längst selbst getroffen.“

„Was soll ich tun?“, fragte Cedric verzweifelt.

„Was würde sie wollen, dass du tust?“

Cedrics Blick wanderte zu Anne und gebrochen sank er neben ihr auf die Knie.

„Ich weiß nicht, ob ich das kann“, flüsterte er. Thomas berührte ihn mitfühlend an der Schulter. „Lass dir Zeit. Ich werde kommen, wenn du mich rufst.“

Cedric umfasste mit beiden Händen ihre Finger und fühlte die Hitze ihrer Haut. Unendlich liebevoll führte er sie an seine Lippen und hauchte einen Kuss darauf, bevor er seine Stirn in ihrer Hand legte.

„Warum tust du mir das an?“, fragte er die wie bewusstlos erscheinende, schlafende Anne. Er küsste jeden ihrer zarten Finger, ihre glühende Stirn und ihre unnatürlich geröteten Wangen, die die krankhafte Blässe ihres Gesichts noch verstärkten. Als er sie anflehte zu leben, bekam er keine Antwort. Hoffnungslos legte er seinen Kopf an ihre Brust und weinte. All die Tränen, die er nie vergossen hatte, strömten nun unaufhörlich aus ihm heraus. Er weinte um die verlorene Zukunft an ihrer Seite, verschuldet durch seinen eigenen Tod, weinte, weil sie ihr Leben wegwarf und er sie niemals altern sehen würde. Sie könnte einen neuen Mann finden und eine neue Familie gründen. Er wäre immer zu ihr gekommen und hätte sie unsichtbar begleitet, hätte seine Seele verkauft, um sie alt und grau zu sehen. Wenn sie eines Tages eines natürlichen Todes gestorben wäre, dann hätte er auf ihre Kinder, Enkelkinder und deren Kinder aufgepasst.

Als ihre Mutter wiederkam, unterbrach er abrupt den Ausbruch seiner Gefühle. Schnell dematerialisierte er sich und sackte in einer Ecke des Raumes zusammen. Ihm war klar, dass er nichts tun konnte, als zu warten. Also wartete er.

Unermüdlich träufelte Lady Margaret einen fiebersenkenden Trank zwischen die Lippen ihrer Tochter, doch Annes Zustand verschlechterte sich zusehends. Schon bald wurde ihr zierlicher Körper von Hustenanfällen heimgesucht. Cedric lauschte aus der Ecke den Schlägen ihres Herzens. Als sie schwächer wurden, hielt er es nicht mehr aus. Er teleportierte sich an die nördlichste Küste Schottlands. Auf einem Felsen, mitten im tosenden Meer gelegen, brüllte er seinen Schmerz in die Weite hinaus.

Als er zurückkam, schlug ihr Herz nur noch langsam und unregelmäßig. Kurz darauf verstummte es.

Wie die Seele seiner Tochter zuvor erhob sich auch die von Anne golden leuchtend und fast durchscheinend aus ihrem Körper. Sie war nun wieder die wunderschöne junge Frau von früher.

Lächelnd sah sie Cedric an. „Ich habe gewusst, dass du da bist! Ich habe dich gespürt.“

„Ja“, antwortete er knapp.

Sie blickte ihn liebevoll an. „Nicht einmal der Tod hat dich von mir fernhalten können.“

„Nein.“

Sie sah ihn eindringlich an. „Cedric, was ist los? Du siehst furchtbar aus. Geht es dir nicht gut?“

„Nein, Anne. Es geht mir nicht gut.“

„Was ist denn los?“

„Du fragst, was los ist?“ Er deutete auf ihren leblosen Körper und ihre weinende Mutter. „Das ist los! Wieso hast du nicht gekämpft, Anne?“

„Es war an der Zeit. Es ist gut so, wie es ist.“

„Nichts ist gut!“, erwiderte er heftig. „Du solltest leben und ein neues Glück finden. Kinder haben und alt werden.“

„Das hast du mir bereits mitgeteilt“, erwiderte sie ruhig. „Bitte, Cedric, lass uns jetzt nicht streiten!“

Er hatte die Hände zu Fäusten geballt und bebte innerlich, doch er wusste, dass sie recht hatte. Mehrmals musste er tief durchatmen, um sich zu sammeln. Dann ging er auf sie zu und sie lächelte ihn an. Wie immer raubte ihm ihre Schönheit den Atem. Sie blickten einander tief in die Augen. Er wollte ihr so vieles sagen, doch er wusste nicht wie. Sie hatten so wenig Zeit. Mit seinen strahlend weißen Flügeln hüllte er sie ein, so wie er es bei dem Schutzengel gesehen hatte. Niemand anderes als er selbst würde sie zur Stätte der Seelen geleiten. Auch wenn er kein Schutzbeauftragter war, wusste er, wo der Ort zu finden war, an dem die Seelen verweilten.

Vor dem großen schweren Tor, das bereits für sie geöffnet war, setzte er sie ab.

„Ist unsere Tochter da drinnen?“, fragte sie.

„Ja, ihre Seele ist hier. Du kannst sie nicht sehen, denn sie ist Licht, aber sie ist hier.“

Forschend sah sie ihn an. „Was ist nach deinem Tod geschehen?“

„Mir wurde die Möglichkeit geboten, ein Kriegerengel zu werden.“

„Warum hast du das getan?“

„Das fragst du? Ich hätte alles getan und alles dafür gegeben, noch an deiner Seite zu bleiben.“

Anne deutete zu dem Tor. „Können Engel hinein?“

Langsam schüttelte er den Kopf. „Nein.“

Sie schloss die Augen und nickte kaum merklich. „Das hättest du nicht tun sollen. Was wird jetzt aus dir?“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich werde dich bis in alle Ewigkeit weiterlieben.“

Seine Worte schienen sie traurig zu machen. „Ewig ist eine lange Zeit, Cedric. Du hast gewusst, dass ich irgendwann sterben würde, während du weiterlebst. Das ist es nicht wert gewesen, du hättest damals gehen sollen.“

Doch er schüttelte den Kopf. „Schon allein, dass ich jetzt hier bei dir sein kann, ist es wert, die Ewigkeit einsam zu verbringen.“

Sie nahm sein Gesicht in ihre Hände und er hätte seine Seele dafür gegeben, sie spüren zu können. Auch sie schien sich nichts sehnlicher zu wünschen. Den Blick aus ihren traurigen, grünen Augen würde er niemals vergessen.

„Wie gerne würde ich dich ein letztes Mal berühren! Ich liebe dich so sehr! Ich wünschte, wir hätten mehr Zeit gehabt.“ Sie lächelte ihn an und warf einen Blick über die Schulter. „Es ist so weit. Ich spüre, dass ich gehen muss.“ Langsam drehte sie sich um.

„Warte!“, rief er und machte einen großen Schritt in ihre Richtung. Sie blieb stehen und sah ihn an.

„Anne, bitte geh noch nicht! Es gibt so vieles, das ich dir noch sagen möchte. So vieles, zu dem ich keine Gelegenheit mehr gehabt –“

„Scht“, unterbrach sie ihn sanft und legte ihren Finger an seine Lippen. „Ich weiß es doch schon längst.“

Wieder glitt ihre Hand über seine Wange und er sah, wie sie sich auf ihre Zehenspitzen stellte. Obwohl er sie nicht spüren konnte, leistete er ihrem Befehl Folge und beugte sich zu ihr hinab. Sie legte ihre Lippen auf seine, und er schloss die Augen, konzentrierte sich nur auf sie. Verzweifelt hoffte er auf diese letzte Berührung. Wünschte sich aus tiefstem Herzen, diesen einen Kuss zu fühlen, der ihn für die Ewigkeit wärmen würde. Doch er hoffte vergebens.

Sie schenkte ihm ein letztes Lächeln und ging.

„Ich werde dich bis in alle Ewigkeit lieben!“, rief er ihr nach, doch sie hatte die Schwelle bereits überschritten.

Noch lange, nachdem sich das Tor geschlossen hatte, starrte er darauf und wusste, dass er sie niemals wiedersehen würde.

 

***

 

Er blieb dort, bis er den nächsten Kampfbefehl erhielt und nutzte die Schlachten als Ventil für seinen Schmerz. Nur dort konnte er sich voll und ganz auf das Kämpfen konzentrieren und seine Trauer kurz vergessen. Er spürte nur das Gewicht seines Schwertes, fühlte nur das Leder, mit dem der Griff umwickelt war, hörte nur das klirrende Geräusch, wenn es auf die Klinge eines Dämons krachte und der einzige Schmerz, den er spürte, war der, den feindliche Waffen ihm zufügten.

Schnell hatte er sich einen gewissen Ruf erkämpft, denn er ging mit roher Gewalt gegen Luzifers Dämonen vor. Und er war mittlerweile in Erzengel Michaels Armee zu einem Krieger der Lichtgarde aufgestiegen. Der mächtige blonde Heerführer war die rechte Hand des Höchsten und führte das himmlische Heer mit eiserner Faust gegen den Feind. Mitten auf seinem ledernen Brustharnisch prangte das silberne Wappen der Lichtgarde, das ihn zeigte, als er mit hocherhobenem Schwert einer Schlange den Kopf abschlug. Er trug es als Warnung an seine Feinde und als Erinnerung, dass er es gewesen war, der Luzifer besiegt und aus dem Himmel verbannt hatte.

Cedric war stolz drauf, Teil dieser elitären Lichtgarde zu sein, denn Michael scharte nur eine Handvoll der besten Krieger um sich. Ihre Aufgabe bestand darin, sich nicht mit den gegnerischen Fußsoldaten abzugeben, sondern die Befehlshaber der Dämonenarmee zu beseitigen. Vor jeder Schlacht nahm Cedric an einer Ratsversammlung teil, deren Vorsitz Michael innehatte. Zusammen mit seinen vier Befehlshabern, zu denen auch Samuel, jener Engel, der Cedric gewandelt hatte, gehörte, legten sie die Strategie für den Kampf fest. Diese mächtigen Engel waren jene der ersten Stunde, die von dem Höchsten persönlich erschaffen worden waren. Und jeder dieser vier hatte seinen besten Krieger zum Mitglied des Rates der Lichtgarde ernannt. Ehemalige Menschen, die nach ihrem Tod rekrutiert und gewandelt worden waren und somit in der Hierarchie weit unter ihnen standen. Zusammen mit einem Schotten, einem Iren und einem Wikinger bildeten sie die Krieger der Lichtgarde. Jeder von ihnen hatte Männer unter sich dienen, die jedoch von den Ratsversammlungen ausgeschlossen waren.

Mit der Zeit wandelte sich Cedrics Trauer in Wut. Er kämpfte mit immer größerer Brutalität, angetrieben von dem Adrenalin des Krieges und dem Geruch des Blutes. Er kämpfte furchtlos, denn seine eigene Existenz bedeutete ihm nichts. Als jemand, der nichts zu verlieren hatte, wurde er von den Dämonen gefürchtet. Er fügte ihnen aus Vergnügen schwere Verletzungen zu, die sie zwar schwächten, jedoch nicht kampfunfähig machten. So ritzte er die Halsschlagader an, gerade so viel, dass die Dämonen nicht gleich verbluteten, schlug ihnen den Schwertarm ab und machte sich über deren klägliche Versuche lustig, mit der anderen Hand zu kämpfen. Manchmal schlitzte er sie auch einfach gleich der Länge nach auf. Schließlich enthauptete er dann einen nach dem anderen, während sein Schwertarm nicht müde wurde.

Doch sobald der Letzte vernichtet war, überkam ihn die Erschöpfung und damit auch wieder die Trauer. Sie packte ihn mit einer Macht, als wollte sie ihn dafür bestrafen, dass er sie nicht beachtet hatte. Dann teleportierte er sich zurück zur Stätte der Seelen und schlug voller Zorn auf das verhasste Tor ein.

Als er keine Kraft mehr fand, setzte er sich nieder und lehnte sich mit dem Rücken dagegen. So verharrte er, bis er wieder zu den Waffen gerufen wurde und der Kreislauf von Neuem begann … Jahr für Jahr, Jahrzehnt für Jahrzehnt, Jahrhundert für Jahrhundert … Zeit hatte hier oben keinerlei Bedeutung.

12

In einer Schlacht traf Cedric auf einen mächtigen Dämon, der außergewöhnlich gut kämpfte. In Tausenden Schlachten hatte er sich bereits einen Namen gemacht. Er schwang sein Schwert listenreich und fügte seinem Gegner schwere Verletzungen zu.

Quer über Cedrics Oberkörper klaffte eine große Wunde, aus der das Blut in Strömen floss. Sein rechter Arm war mit tiefen Schnitten übersät und sein eigenes Blut machte den Griff seiner Waffe rutschig. Er spürte, wie die Klinge seinen Oberschenkel durchbohrte und fiel vor dem Befehlshaber der Dämonenarmee zu Boden.

Kniend stützte Cedric sich mit einem Arm auf dem Boden ab, als der Feind ihm sein Schwert aus der Hand schlug. Cedric merkte, wie sehr dieser es genoss, denn er lächelte, als er sich zu ihm hinabbeugte und ihm die Klinge tief in seinen Bauch trieb. Cedric schrie auf, als der Dämon sie um neunzig Grad drehte, bevor er sie wieder herauszog und sich aufrichtete, um zum vernichtenden Hieb auszuholen.

Der Augenblick zog sich in die Länge und Cedric war wie gelähmt. Er konnte nicht mehr denken, nur sein Instinkt war ihm noch geblieben. Als das gegnerische Schwert mit voller Wucht auf ihn niederfuhr, rollte er sich unter der Klinge hindurch und schlug bewusst gegen das Bein des Dämons, sodass dieser das Gleichgewicht verlor und zu Boden stürzte. Mit vor Überraschung geweiteten Augen sah er Cedric an, doch dieser ergriff schnell das Schwert des Feindes und schlug ihm den Kopf ab. Noch bevor der Dämon zu Staub zerfallen war, brach Cedric zusammen.

Er wusste nicht, wie lange er dort gelegen hatte, denn als er wieder zu sich kam, war er allein. Noch immer sickerte Blut aus seinen Wunden. Er hatte Schmerzen, aber er wollte nicht dort liegen bleiben, also teleportierte er sich mit zitternd vor Anstrengung zur Stätte der Seelen und legte sich vor das Tor. Er wartete auf die übliche Flutwelle der Trauer, doch sie blieb aus. Einzig seine brennenden Wunden schafften es, in sein Bewusstsein vorzudringen. Konnte er vielleicht den seelischen Schmerz durch den körperlichen vertreiben? Einen Versuch war es wert und er weigerte sich, an das Heilen zu denken. Sein Körper brannte, als würde er in Flammen stehen und das scharfe, stechende Pulsieren raubte ihm fast den Verstand. Er fühlte die Wärme des Blutes, das über seine Haut lief und das Zittern seiner erschöpften Muskeln. Als der Schmerz ihn würgen ließ, rollte er sich zur Seite und blieb schweißgebadet liegen … Erst ein neuerlicher Kampfbefehl, der ihn telepathisch erreichte, veranlasste ihn dazu, sich zu heilen.

Von nun an änderte er seine Strategie. Ließ ein paar ihrer Angriffe durch, bis seine Schmerzen groß genug waren, dann enthauptete er sie. Stets blieb er vor dem großen Tor liegen, nicht imstande, klar zu denken. Er genoss das Brennen und den Zustand irgendwo zwischen Bewusstlosigkeit und Feuer.

Die Zeit verging, doch die quälende Finsternis in ihm blieb. Irgendwann merkte er, dass Samuel ihn argwöhnisch beobachtete und oft schien er ein Gespräch beginnen zu wollen, also ging Cedric ihm aus dem Weg.

Doch dann stand er plötzlich neben ihm, als er wieder einmal vor dem Tor lag.

„Cedric, so kann es nicht weitergehen!“ Mit intensivem Blick starrte er zu ihm hinunter. Cedric stöhnte und rollte sich auf den Rücken, ohne seinen Blick zu erwidern.

„Du kannst nicht bis in alle Ewigkeit hier herumliegen.“ Noch immer erwiderte Cedric nichts. „Wenn du dich nicht sofort heilst, tue ich es!“

„Wage es ja nicht!“, fuhr er seinen Befehlshaber und Mentor an.

„Und wie genau willst du mich aufhalten?“, fragte Samuel, als er bereits seine Hände auf Cedrics Schultern gelegt hatte. Sogleich spürte er die warme Energie, die ihn durchfloss und das sanfte Kribbeln, als seine Wunden sich verschlossen.

Er setzte sich auf und merkte, wie Wut in ihm aufstieg. „Dazu hattest du kein Recht!“

„Ich habe jedes Recht der Welt und ich werde es wieder tun!“, sagte er und verschwand.

Samuel hielt sein Wort und suchte Cedric nach jedem Kampf an der Stätte der Seelen auf. Manchmal wunderte er sich, wie leicht der mächtige Engel seine schweren Verletzungen heilen konnte und stets sagte er, so könne es nicht weitergehen. Vielleicht hatte er sogar recht damit, denn die Ewigkeit hatte noch viele Tage und wollte Cedric sie wirklich so verbringen? Oder sollte er sich vielleicht einfach von dem nächsten Dämon köpfen lassen? Was würde mit einem Engel geschehen, der die Sünde beging, den Freitod zu wählen? Würde seine Seele in der Hölle schmoren?

Er wusste, er würde dies niemals herausfinden, denn der Ritter in ihm ließ es nicht zu, einen solch unehrenhaften Tod zu sterben. Aber was sollte er denn in einer Welt, in der er nichts mehr hatte, wofür es sich zu leben lohnte? Was war das überhaupt für eine Welt, für die er kämpfte? Wofür der ewige Krieg, wenn es doch niemals einen Sieger geben durfte? Wenn sich Gut und Böse doch immer die Waage halten mussten? Er fing an, sein gesamtes Dasein infrage zu stellen. Was war das denn für ein Gott, der den Menschen Glück und Liebe schenkte, nur um sie dann in Schmerz und Leid zu verwandeln?

Michael schien zu erahnen, woran Cedric dachte, denn er tauchte neben ihm auf und redete ihm ins Gewissen. Irgendetwas über Gottes Wille und dass er ihn nicht anzweifeln dürfe, aber Cedric ignorierte ihn einfach.

Eines Tages packte der Engel Cedric an den Schultern und zog ihn hoch. Er schlug ihm wütend ins Gesicht. „Du wirst mir jetzt endlich einmal zuhören! Ich habe deine menschlichen Gefühle vierhundert Jahre lang nie verurteilt! Deine Verzweiflung und Wut haben dich im Kampf sogar beflügelt, deine Flucht in die Schmerzen habe ich lange Zeit hingenommen. Aber ich werde es nicht zulassen, dass du Gott anzweifelst! Du bist zuallererst ein Engel, verflucht noch mal!“

Da erwachte Cedric aus seiner Starre und fühlte Zorn in sich lodern. „Ja, ich bin ein verdammter Engel, und ich bin ein Krieger in einem sinnlosen Krieg für eine unbedeutende Welt. Trotzdem habe ich so viele Dämonen vernichtet wie kein anderer. Du kannst dich nicht beklagen und der Höchste auch nicht, also lass mich gefälligst in Ruhe!“ Woher er den Mut nahm, derart mit Gottes rechter Hand zu sprechen, wusste er nicht.

Der Erzengel hielt ihn noch immer an den Schultern. „Ich kenne dich und ich weiß, was in deinem Kopf vorgeht, aber ich warne dich. Du darfst Gottes Wille nicht infrage stellen!“

Herausfordernd schaute Cedric ihn an. „Sonst was? Willst du mir lebenslanges Leid androhen? Nun, da muss ich dich enttäuschen, du kommst zu spät.“

Daraufhin sah Michael ihn lange schweigend an. „Cedric, du befindest dich auf einem schmalen Grat!“ Traurig schüttelte er den Kopf und verschwand. Endlich war er wieder allein.

Leider nicht lange genug, denn nach einigen Tagen tauchte Samuel bei ihm auf. Cedric blickte ihn desinteressiert an. „Scheint, als ob du nicht genug von mir kriegen könntest!“

Er musste lächeln, als sein Mentor verächtlich schnaubte. „Als ob deine Gesellschaft so angenehm wäre!“ Er setzte sich neben Cedric. „Ich habe einen Auftrag für dich und solltest du dich widersetzen, werde ich dich daran erinnern, dass ich dich gewandelt habe und du somit immer noch meinem Befehl unterstehst. Lichtgarde hin oder her.“

Er warf Cedric einen schnellen Blick von der Seite zu. „Von jetzt an wirst du deine freie Zeit auf der Erde verbringen. Du wirst den Menschen dienen, indem du als Schutzengel arbeitest.“

Das konnte doch nicht sein Ernst sein! „Ich bin doch kein Babysitter! Ich bin ein Krieger und kein verfluchter Schutzengel!“

Samuel hob die Hand. „Du bist hochmütig und sonst nichts! Du wirst noch heute nach New York gehen und dich mit einem Schutzengel treffen. Du wirst ihm einen Menschen abnehmen, den ich bereits ausgesucht habe. Du wirst entweder kämpfen, oder über deinen Schutzbefohlenen wachen. Du wirst in einer Wohnung leben und dich dort gefälligst wohlfühlen. Hier will ich dich nicht mehr sehen!“

Trotz seiner Proteste wusste er, dass er sich dem Befehl unterzuordnen hatte und nickte. Doch er musste diese Frage einfach stellen: „Und wozu das Ganze?“

Samuel sah ihn direkt an. „Damit du lernst, was es bedeutet, ein Engel zu sein. Du bestehst nur noch aus Zweifeln gemischt mit Zorn. Ich möchte, dass du erkennst, was Mitgefühl und Großherzigkeit bedeuten, denn das ist es, was einen Engel ausmacht.“ Er unterbrach Cedric mit einer Geste. „Spar dir deine Einwände. Das gilt für einen Krieger genauso wie für einen Schutzengel.“

13

New York City, Gegenwart

So lebte er fortan in New York City. Sein erster Auftrag hatte ihn dorthin geführt und er war geblieben. Seine Aufgabe bestand darin, über einen Menschen zu wachen. Bloß einen. Und doch war dies schwieriger als jede Schlacht.

Hör in dich hinein, dann kannst du fühlen, ob er in Not ist, hatte Thomas, der frühere Schutzengel seiner Familie zu ihm gesagt, als er ihn danach gefragt hatte, wie man auf einen Menschen aufpasste. Als Schutzbeauftragter sollte er fühlen können, sobald sein Mensch in Bedrängnis war und seine Hilfe brauchte. Wie ein Alarm sollten seine Instinkte anspringen, war sein Schützling in Gefahr, nur leider taten sie es nicht. So sehr er es auch versuchte, er konnte seinen Menschen einfach nicht fühlen.

Du wirst es doch wohl schaffen, einen einzigen Menschen wahrzunehmen. So schwer ist es nicht. Ich habe ein Dutzend. Schön für Thomas, doch immer mehr bestätigte sich Cedrics Verdacht, dass er es niemals lernen würde. Er war ein Kriegerengel, seine Aufgabe war es, Dämonen zu bekämpfen, seine Sinne waren darauf ausgerichtet, zu vernichten und nicht darauf, Menschen zu beschützen.

In sich hineinfühlen … so ein Schwachsinn! Thomas hatte sich königlich darüber amüsiert, dass er diese Fähigkeit nicht besaß. Für einen richtigen Schutzengel war es leicht, sich um seine Schützlinge zu kümmern. Denn er hatte eine besondere Verbindung zu ihnen. So konnte er sich irgendwo auf der Welt aufhalten und würde es sofort spüren, wenn einer seiner Menschen in Not war.

Cedric konnte das nicht. Und er würde seinen Schwertarm darauf verwetten, dass Samuel das wusste. Somit blieb ihm also nichts anderes übrig, als tagelang in der Nähe des Menschen zu hocken und darauf zu hoffen, dass sich ein strikter Tagesablauf erkennen ließ, sodass er sich wenigstens ab und zu aus dem Staub machen konnte. Aber die Auswahl desjenigen, den er zu betreuen hatte, wurde stets von Samuel getroffen. So waren es meistens unkonventionelle Querdenker, abenteuersuchende Freigeister und als der Begriff des Extremsportlers erfunden wurde, kannte er sich bereits gut damit aus.

Mit der Zeit hatte er gelernt, die Annehmlichkeiten auf der Erde zu schätzen, manchmal ertappte er sich sogar dabei, dass er gern hier war. Um Geld musste er sich zum Glück keine Sorgen machen, denn er bekam einen Sold.

In den Zwanzigern des zwanzigsten Jahrhunderts kam er auf den Geschmack von Alkohol, denn etwas Verbotenes hatte immer seinen Reiz. Leider musste er feststellen, dass er, egal wie viel er auch trank, keinen Rauschzustand erreichen konnte. Aber der Alkohol schmeckte ihm, also trank er weiter. Es hatte etwas Beruhigendes an sich, denn es war ein so menschliches Ritual.

Als er in den Vierzigern einmal einen Koch, der liebend gern flambierte, zu betreuen hatte, wurde er neugierig, ob er wohl auch essen konnte und wie es wohl schmecken würde nach den vielen Jahrhunderten. Er begann, verschiedene Speisen zu probieren, und fand heraus, dass er nicht nur gerne aß, sondern auch Spaß daran hatte, zu kochen. So schaute er sich viel von dem kulinarischen Feuerteufel ab.

Der Vorteil seiner menschlichen Gestalt war, dass er zwar keine Nahrung brauchte, aber durchaus welche zu sich nehmen konnte, wenn er Lust dazu hatte.

Die Fünfziger und Sechziger waren geprägt von guten Filmen und noch besserer Musik und gelegentlich blieben Thomas und er körperlich und mischten sich unter die Besucher, wenn sein Schützling auf einer Party war. Da dort immer Alkohol in Strömen floss, brauchte er sich mit den Frauen nicht einmal zu unterhalten, um ein paar nette Stunden mit ihnen verbringen zu können. Er brauchte kein Interesse an ihrem Leben vorzutäuschen, um die Frauen ins Bett zu bekommen. Sie schliefen nach ihrem Beisammensein tief und fest ihren Rausch aus und bemerkten gar nicht, dass er ging. Meistens hatte er noch nicht einmal seinen Namen genannt.

Er hatte allerdings keine Geduld für diese  Schutzengelsache. Die Menschen gingen ihm auf die Nerven. Warum brauchte ein Turmspringer auf der Zehnmeterplattform ewig, bis er endlich in das blöde Wasser sprang? Als ob das Schicksal der Welt davon abhängen würde, stand er dort oben, und konnte sich nicht entscheiden, einen Schritt vor oder zurück zu machen. Cedric lehnte an der Wand neben dem Becken und starrte gelangweilt hinauf. Er konnte nicht einmal nachhelfen, denn es waren zu viele Menschen anwesend, sodass er sich nicht materialisieren konnte.

Nun stand er da und wartete, dass der Held in Badehose endlich seine Angst überwand. Als es endlich so weit war, merkte Cedric sofort, dass das eine schmerzhafte Landung werden würde. Kurz überlegte Cedric, ob er dafür sorgen sollte, dass sein Schützling gerade landen würde. Dazu musste er sich nicht einmal materialisieren, doch er verwarf die Idee gleich wieder. Er fand ohnehin, dass die jungen Männer heutzutage zu verweichlicht waren. Zu seiner Zeit hatte er in dem Alter bereits einiges hinter sich gehabt. Er war fern ab von zu Hause in Ausbildung zum Ritter gewesen und hatte den täglichen Drill im Waffentraining bis hin zur körperlichen Erschöpfung zu absolvieren gehabt. Von früh bis spät hatte er gelernt, denn ein Ritter war nicht einfach nur eine Kampfmaschine, vielmehr waren sie Männer voller Ehre, die ebenso gebildet und belesen waren, wie sie den Umgang mit sämtlichen Waffen beherrschten. Sie lebten nach einem Kodex aus Loyalität, Ehrgefühl und Moral. Cedric beherrschte neben der englischen auch die französische Sprache, ebenso wie Latein.

Das laute Platschen riss ihn aus seinen Gedanken und als sein Mensch aus dem Wasser kam, hatten sich seine gesamte Brust und sein Bauch bereits rot verfärbt. Cedric lachte innerlich, denn er war sich sicher, dass das höllisch wehtun musste.

Bei seiner dritten Expedition auf den Mount Everest fragte er sich erneut, was es den Menschen brachte, auf diesen verdammten Berg zu steigen? Was wollten sie sich damit beweisen? Ihm war es egal, ob sein jetziger Schützling Erfolg damit haben würde oder nicht. Im dritten Lager hatte Cedric einfach die Nase voll und keine Lust mehr auf diese öde, trostlose weiße Hölle. Also materialisierte er sich in einem unbeobachteten Moment hinter seinem Menschen und gab ihm einen kleinen Schubs. Leider stolperte sein Schützling und fiel so unglücklich, dass Cedric seinen Unterschenkel mit einem lauten Knacken brechen hörte. Fuck, das wird wohl Ärger geben! Sein Mensch war nicht gerade von der hartgesottenen Sorte und wimmerte herzzerreißend. Amüsiert zog Cedric sich wieder in die Welt des Unsichtbaren zurück. Wahrscheinlich würde der andere ein paar Tage im Krankenhaus bleiben müssen. Wenigstens hatte Cedric dadurch ein paar freie Tage bekommen. Er würde sie nutzen, um seine himmlische Energie wieder aufzuladen. Dazu musste er sich in einen Zustand tiefer Meditation versetzen. Sein Bett war dafür bestens geeignet.

Ihm gefiel es in New York und vor einigen Jahren hatte er sich ein größeres Apartment in einem Hochhaus gekauft. Vielleicht suchte er ja doch die Nähe zum Himmel. Er musste zugeben, dass Samuel damals recht gehabt hatte und das Leben hier unten ihn ablenkte.

Da er gerade nichts Besseres zu tun hatte, konnte er sich auch gleich wieder aufladen. Er wollte nur etwas Kraft tanken, denn er brauchte keinen Schlaf, eine tiefe Meditation war alles, was nötig war, um wieder frisch zu sein. Also legte er sich auf das Bett und schloss die Augen.

Doch als er tiefer und tiefer glitt und vor ihm die Brücke erschien, die ins Land der Träume führte, konnte er nicht widerstehen, sie zu überqueren. Und dann sah er sie … Anne … blickte in ihre tiefgrünen Augen. Ihr Anblick raubte ihm auch nach so langer Zeit noch immer den Atem. Honigblondes Haar umrahmte ihre lieblichen Züge und es umgab sie ein heller Glanz. Ihre Lippen formten sich zu dem Lächeln, das er so sehr liebte und der Schmerz in seiner Brust war beinahe unerträglich.

„Ich habe gewusst, dass du da bist!“, hauchte sie und der melodische Klang ihrer Stimme ließ sein Herz flattern. Dann drehte sie sich um und ging fort, auf das große, schwere Tor zu. Wie jedes Mal lief er ihr nach und sein Herz raste in seiner Brust, denn er musste es einfach schaffen, sie aufzuhalten! Er rannte immer schneller, aber es war, als würden seine Beine in Treibsand versinken. Mit aller Mühe versuchte er, sich zu befreien, doch da schritt sie schon über die Schwelle. Voller Verzweiflung schrie er ihren Namen und sah ihr nach. Noch bevor sich die schweren Türen geschlossen hatten, war sie verschwunden. Er hatte auch diesmal versagt.

Außer Atem und schweißgebadet wachte er auf. Frustriert setzte er sich auf und stützte die Ellenbogen auf seinen Knien ab. Er ließ den Kopf hängen und starrte eine Ewigkeit lang auf den Fußboden vor sich. Noch immer raste sein Herz, es wollte sich einfach nicht beruhigen und seine Hände zitterten. Mit jeder Faser seines Körpers und mit jedem Teilchen seiner Seele vermisste er sie. 

Schwerfällig stand er auf und schleppte seinen ausgelaugten Körper ins Badezimmer. Schwer hob und senkte sich sein Brustkorb, denn er rang noch immer nach Luft. Sich auf dem Waschtisch abstützend, hob er den Kopf und blickte in sein Spiegelbild. Dunkelbraune Augen starrten ihm leer entgegen, weder Leben noch Energie lagen in ihnen. Sie waren genauso tot wie er es seit fünfhundert Jahren eigentlich sein sollte.

Seine markanten Gesichtszüge waren aufgewühlt und die Haare klebten auf seiner verschwitzten Haut. Er war selbst schuld, war sich dessen völlig bewusst und doch konnte er der Versuchung nicht widerstehen, von ihr zu träumen.

Mit einem Ruck zog er sich sein Shirt über den Kopf und spritzte sich kaltes Wasser über Gesicht und Brust.

„Was bist du nur für ein Idiot!“, schimpfte er mit sich selbst und öffnete eine Schublade, aus der er ein kleines Kästchen herausnahm, das er in der hintersten Ecke aufbewahrte. Langsam klappte er den Deckel auf und blickte auf die kleine rosa Seife, die auf einem weichen Kissen lag. Mit zittrigen Fingern nahm er sie in die Hand, spürte die glatte, kühle Oberfläche und führte sie an seine Nase. Er schloss die Augen und atmete tief ein, sogleich umfing ihn der Duft nach Rosen und hüllte ihn ein.

Er verharrte völlig regungslos, merkte, wie die Erinnerungen ihn überwältigten. Annes fröhliches Lachen erklang auch nach all der Zeit in seinem Kopf und er konnte sie beinahe körperlich spüren. Die Intensität seiner Gefühle raubte ihm auch nach fünf Jahrhunderten noch immer den Verstand.

Als er die Augen wieder öffnete, starrte ihn sein Spiegelbild an. Abfällig verzog den Mund. „Du kriegst wohl niemals genug!“

Wütend über sich selbst schleuderte er die Seife in die Ecke und ging. Er wusste ohnehin, dass er sie später aufheben und wieder im hintersten Winkel der Lade verstauen würde.

In der Küche nahm er sich eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank und stellte sie vor sich auf die Kochinsel. Gedankenverloren sah er sie an. Wann hatte er eigentlich damit angefangen, um fünf Uhr morgens Alkohol zu trinken? Er konnte sich nicht mehr daran erinnern, aber es war ihm auch egal, denn er trank nur aus Gewohnheit.

Cedric lehnte sich an die schwere, schwarze Steinplatte und blickte hinüber in das steril wirkende Wohnzimmer; weiße Wände und schwarze Möbel, viel Glas, viel Chrom und viel Technik. Das ganze Apartment war in diesem Stil eingerichtet, maskulin und ohne jegliche Wärme.

Er griff nach der Flasche und leerte sie in einem einzigen Zug, doch der fahle Geschmack konnte ihn nicht ablenken. Also ging er hinüber zur Kommode, um sich ein Glas Whiskey einzuschenken und auch dieses leerte er gleich, erneut bedauernd, dass er sich nicht betrinken konnte. Es hätte so vieles leichter gemacht. Doch wenigstens das Brennen konnte er in seiner Kehle fühlen.

Nachdenklich betrachtete er die goldene Flüssigkeit in der Flasche und ärgerte sich einmal mehr über sich selbst, dass er der Versuchung nicht widerstehen konnte. Warum musste er die Vergangenheit immer und immer wieder durchleben? Konnte er sie nicht einfach ruhen lassen? Nach dem Traum von Anne blieb er stets noch einsamer zurück.

Frustriert schüttelte er den Kopf und strich sich durch die feuchten Haare, während er gegen die Trauer ankämpfte, die ihn auch heute noch schier in die Knie zwang. Die widersprüchlichen Gefühle zerrissen ihn. Er wollte nicht an sie denken, sehnte sich aber gleichzeitig nach ihr. Vielleicht könnte er noch einmal einschlafen, sodass er wieder von ihr träumen konnte, fürchtete sich jedoch davor. Er wollte sie vergessen und trotzdem hütete er seine Erinnerungen wie seinen kostbarsten Schatz.

Mit der Zeit hatte er gelernt, seine Gefühle tief in sich zu vergraben, hatte sein Herz verschlossen und die Einsamkeit als einen Teil von sich akzeptiert. Weshalb aber konnte er sie nicht vergessen? Wieso klammerte er sich an die Vergangenheit? Er kannte die Antwort und wusste, dass es niemals leichter werden würde. Die Intensität seiner Gefühle würde niemals abnehmen, denn die Erinnerungen eines Engels verblassten nicht.

Resigniert nahm er einen tiefen Schluck direkt aus der Flasche und legte sich auf die Couch, wo er sich der übermächtigen Flut an Erinnerungen hingab.

„Du bist ein ganz mieser Schutzengel!“ Thomas war unerwartet in Cedrics Apartment aufgetaucht. Wieder einmal. War es denn wirklich zu viel verlangt, ihm vorher Bescheid zu geben? Vor allem, da er über telepathische Kräfte verfügte? Cedric vermutete, dass Samuel den Schutzengel auf ihn angesetzt hatte, denn er war wie ein Terrier, der sich in seiner Wade verbissen hatte und ging erst wieder, wenn es ihm passte.

„Du hast ja keine Ahnung, wie knapp es damals für dich gewesen ist.“ Cedric wusste, dass er nicht nachfragen musste, Thomas würde auch so weiterreden.

„Erzengel Michael hat sich schon dafür eingesetzt, dich aus dem himmlischen Verband zu verstoßen. Also hat Samuel den Plan geschmiedet, dich auf die Erde zu schicken. Er hoffte, dass du durch die Verantwortung für Schützlinge und das Leben hier unten etwas an deiner Einstellung ändern würdest. Unter der Aufbringung meisterlicher Überredungskunst gelang es ihm, seinen Vorschlag durchzusetzen. Und was machst du? Du prügelst deinen Schützling krankenhausreif!“

„Ich habe ihn nicht verprügelt!“, protestierte Cedric. „Und im Krankenhaus ist er bestens aufgehoben. Es ist nur zu seinem Schutz gewesen.“

Thomas sah ihn entgeistert an. „Er hat einen offenen Unterschenkelbruch! Einen verschobenen, offenen Bruch wohlgemerkt. Und es hat drei Tage gedauert, bis er fachmännisch versorgt werden konnte. Das ist Wahnsinn!“

„Es ist einfach so passiert“, beschwichtigte Cedric. „Ich hab ihn nur leicht getreten.“

„Und weißt du, was das Schlimmste an der Sache ist?“

„Ist das eine rhetorische Frage?“

Thomas verdrehte die Augen und warf die Arme in die Luft. „Du zeigst keinerlei Reue!“

„Ich lasse wenigstens keine unschuldigen, kleinen Kinder sterben!“, fuhr Cedric ihn an und spielte auf den Tod seiner Tochter an.

„Das wirst du mir niemals verzeihen, oder?“ Thomas sah ihn zerknirscht an. „Du weißt, dass ich nichts gegen den Tod tun kann.“

„Ja, ich weiß und nein, ich werde es dir niemals verzeihen.“ Cedric machte eine abfällige Handbewegung. „Vergiss es. Ich will nichts hören.“ Er wusste, dass Thomas nicht für Maggies Tod verantwortlich war und im Grunde mochte er den Schutzengel, doch das würde er ihm nie verraten. Er atmete ein paarmal tief durch. Vielleicht war er mit dem Bergsteiger wirklich etwas zu weit gegangen.

„Schon gut, du hast ja recht. Die paar Tage im Krankenhaus kann er wenigstens nichts Dummes anstellen und ich verspreche, danach werde ich ihn mit Samthandschuhen anfassen.“

„Das wirst du nicht! Ich bin hier, um dir zu sagen, dass du von ihm abgezogen bist.“

„Mist! Schon wieder ein neuer Schützling?“, stöhnte Cedric.

„Du wirst morgen irgendwem zugeteilt.“ Thomas grinste verschmitzt. „Aber heute gehörst du mir!“

Cedric schluckte er seine üblichen Proteste hinunter und verschwand im Badezimmer.

„Vielleicht ziehst du ja mal was anderes als dunkle Jeans und schwarze Hemden an!“, rief Thomas ihm nach. Cedric erwiderte etwas Unfreundliches und schloss die Tür.

Thomas wusste, dass Cedric seine Hilfe brauchen würde, denn dieser hatte seit Langem die erste Nacht frei gehabt, nachdem er seinen Schützling ins Krankenhaus befördert hatte. Somit war ihm klar, dass Cedric die freie Zeit dazu genutzt hatte, um seine Kräfte aufzuladen. Als er Cedric telepathisch nicht hatte erreichen können, war Thomas sich sicher gewesen, dass er die tiefe Meditation als Einschlafhilfe missbraucht hatte. Er wusste von seinen Träumen und man musste ihn nur ansehen, um zu wissen, dass seine Erinnerungen ihn wieder eingeholt hatten. Also stand nun Ablenkung in Form von Motorrädern und abends einer Bar von zweifelhaftem Ruf auf dem Programm. Sie waren zwar Engel, aber schließlich keine Heiligen.

14

Tatsächlich genoss Cedric die Fahrt auf seinem schwarzen Motorrad, richtig spaßig wurde es aber erst, als sie die Stadt hinter sich gelassen hatten. Sie lieferten sich ein schnelles Rennen und er spürte die Kraft der Maschine unter sich. Adrenalin peitschte durch seine Adern und ließ ihn sich lebendig fühlen. Thomas war leichter als er und somit auf den geraden schneller, aber auf dem kurvigen Teil der Strecke holte Cedric auf, denn hier lag seine Stärke. Er bremste gefährlich spät, warf die Maschine in Schräglage bis sein Knie beinahe am Asphalt streifte und drehte am Kurvenausgang den Gashahn voll auf. Von Kurve zu Kurve wurde sein Grinsen breiter bis er schließlich an Thomas vorbeibrauste und den Schutzengel hinter sich ließ.

„Diesmal hätte ich fast gewonnen.“ Verschwitzt und außer Atem lehnte Thomas an einem Baum, als sie eine Pause einlegten.

Grinsend strich sich Cedric die feuchten Haare aus dem Gesicht. „Aber eben nur fast. In den Kurven wirst du mich nie kriegen.“

„Wie machst du das nur? Du fährst wie der Teufel.“

Versöhnlich schlug er Thomas auf die Schulter. „In dir steckt einfach zu viel Schutzengel. Dein Kopf ist voller Risikokalkulationen und Gefahrenvermeidung. Das kannst du gar nicht verhindern.“

„Alles Wörter, von deren Bedeutung du noch nie etwas gehört hast.“

Cedric lachte herzhaft. „Da stimme ich dir zu.“

Thomas schnaubte verächtlich und Cedrics Grinsen wurde noch breiter. „Na komm, bringen wir den alten Mann in dir sicher nach Hause.“

Nach einem kurzen Zwischenstopp in Cedrics Wohnung, machten sie sich auf den Weg zur Bar.

„Ich habe zwei Freundinnen von mir eingeladen, den Abend mit uns zu verbringen, eine Rothaarige und eine Dunkelhaarige. Ich lasse dir gerne den Vortritt.“

Cedric schmunzelte. „Schon klar, aber wie ich dich kenne, würde es dir nichts ausmachen, wenn dir die feurige Rote bliebe.“

Thomas schlug sich theatralisch die Hände auf sein Herz. „Tja, es ist mein Job, Menschen glücklich zu machen!“

„Du bist ein Schutzengel und nicht Amor“, erwiderte Cedric lachend.

Kurze Zeit später flirtete Thomas auch schon mit der hübschen Rothaarigen. Cedric beobachtete ihn amüsiert, vielleicht sollte er es ihm gleichtun? Er ließ seinen Blick über den Tisch zu der dunkelhaarigen Schönheit wandern, die ihn mit unverhohlenem Interesse musterte. Er spendierte ihr noch ein Getränk, flirtete etwas mit ihr und stellte fest, dass er sich tatsächlich amüsierte. Als sie ihn zu später Stunde fragte, ob er noch Lust auf einen Drink bei ihr hätte, wog er kurz ihr Angebot ab.

„Klar, warum nicht.“

Natürlich gab es Frauen in seinem Leben. Wenn er es darauf anlegte, konnte er charmant sein und es war leicht, in einer Stadt wie New York eine hübsche Singlefrau kennenzulernen, die nichts gegen ein unverbindliches Abenteuer einzuwenden hatte. Sie verbrachten einen netten Abend miteinander, der mit wildem, aber bedeutungslosem Sex endete. Danach verließ er ihre Wohnung und hatte ihren Namen auch schon wieder vergessen. Eines jedoch hatten alle gemeinsam, sie hatten niemals blonde Haare und grüne Augen.

Es war schon weit nach Mitternacht, als er die Brünette verließ. Er mochte diese Phase der Nacht, denn obwohl es in New York City niemals wirklich still wurde, war diese Zeit doch die ruhigste. Also beschloss er, zu Fuß zu gehen und diese ganz besondere Atmosphäre zu genießen. Meistens mied er die großen Straßen und hielt sich lieber etwas weiter abseits. Wenn man nahezu unsterblich war, war dies kein großes Risiko.

Tief vergrub er seine Hände in den Hosentaschen und schlenderte vor sich hin, als er plötzlich eine Präsenz spürte, die auf der Erde nichts zu suchen hatte. Wie eisige Kälte packte sie ihn in seinem Nacken und versetzte ihn in sofortige Kampfbereitschaft.

Seine Sinne verschärften sich und sein Körper spannte sich an. Ein Zustand, den er nur vom Schlachtfeld her kannte. Abrupt blieb er stehen und blickte sich um. Als er jedoch nichts Ungewöhnliches entdecken konnte, schloss er die Augen und lauschte, aber da war nichts.

Zwei Sekunden später war auch die Präsenz nicht mehr zu fühlen. Das war doch nicht möglich, nicht hier auf der Erde! Aber er hatte sie gefühlt, die unverkennbaren Schwingungen des Bösen. Oder etwa nicht? Sein Körper hatte darauf reagiert und sich bereit gemacht, das konnte er sich nicht eingebildet haben. Allerdings hatte solch ein Kampf noch nie hier auf der Erde stattgefunden.

Nachdem er noch etwas gewartet hatte, aber nichts Ungewöhnliches geschehen war, teleportierte er sich in sein Apartment, um Samuel zu informieren. Noch bevor er seine Telepathie einsetzen konnte, stand dieser schon vor ihm.

„Du möchtest mich sprechen?“

Cedric war einen Moment lang überrascht. „Ja. Aber woher …?“

Etwas verlegen blickte der Engel zur Seite.

„Du hast es gar nicht gewusst, du hast dich schon wieder einfach so in meine Wohnung gebeamt.“

„Engel beamen sich nicht, wir teleportieren uns“, versetzte Samuel rechthaberisch.

Cedric wischte den Einwand mit einer ärgerlichen Armbewegung beiseite. „Verdammt, wie oft soll ich euch noch sagen, dass ich das nicht leiden kann? Es ist immer das Gleiche mit dir und Thomas!“ Verärgert lief er im Zimmer auf und ab. „Ist es zu viel verlangt, wenn ihr vorher anruft, oder euch sonst irgendwie ankündigt?“ Die beiden würden ihn eines Tages noch um den Verstand bringen!

„Warum soll ich vorher anrufen, wenn ich dir auch eine telepathische Nachricht schicken kann?“

„Dann schick mir doch zur Abwechslung mal eine!“, schimpfte Cedric.

„Ich weiß wirklich nicht, warum du so empfindlich bist, es ist ja nicht so, als hättest du Damenbesuch.“

Damenbesuch. Wer sagte das denn heutzutage noch?

Samuel versuchte, zu beschwichtigen. „Du warst ja gar nicht hier. Wo warst du eigentlich?“

„Das geht dich nichts an.“

„Ja, schon gut, ich meine, weshalb möchtest du mich sprechen?“

Cedric sammelte sich kurz und erzählte von dem Vorfall vorhin.

„Das ist in der Tat eigenartig und sehr interessant. Und du bist dir ganz sicher?“

Cedric schüttelte den Kopf. „Ja. Nein, nicht zu hundert Prozent.“

„Nun gut, wir werden das beobachten, aber ich möchte auch noch etwas mit dir besprechen.“ Cedric blickte ihn abwartend an.

„Ich habe einen neuen Schützling für dich.“

Cedric stieß einen verächtlichen Laut aus. „Und wer ist es diesmal? Vielleicht ein professioneller Freeclimber, oder einer von den Wahnsinnigen, die von Hochhäusern springen? Oder muss ich zum vierten Mal zum Mount Everest?“

Der ältere Engel wich seinem Blick aus. „Ich glaube nicht, dass das diesmal notwendig sein wird. Eigentlich ist es jemand mit einem ganz gewöhnlichen Beruf und ohne gefährliche Hobbys.“

Na, das war ja mal was Neues! „Wo ist nur deine Kreativität geblieben?“ Ohne darauf einzugehen, gab Samuel ihm die Anschrift und war dann genauso schnell verschwunden, wie er aufgetaucht war. Cedric blickte kurz ins Leere, dann schüttelte er den Kopf und war schon gespannt auf den Haken an der ganzen Sache. Er beschloss die verbleibende Zeit zu nutzen, um seine Akkus aufzuladen – und diesmal wirklich nur aufzuladen. Kein Schlaf. Keine Erinnerungen. Und zur Abwechslung mal kein Schmerz.

15

Nachdem er früh morgens geduscht und frische Sachen angezogen hatte, machte er sich auf den Weg zu seinem neuen Schützling. Er erschien an der genannten Adresse und blieb in seiner unsichtbaren Gestalt in einem gepflegten kleinen Vorgarten stehen. Dieser befand sich am Rande eines kleinen Vorortes von New York City in einer der besseren Gegenden mit den typischen weißen Zäunen und getrimmten Rasen. Sein Schützling schien ein Händchen für Blumen zu haben, denn überall blühten üppige Rosen und in den Beeten war kein Unkraut zu sehen.

Er ging hinüber zu dem Gebäude, das nicht sehr groß war, aber einladend wirkte. Obwohl es Samstag war und die Sonne gerade erst aufging, brannte im oberen Stockwerk bereits Licht. Ohne zu zögern teleportierte er sich ins Wohnzimmer und blickte sich kurz um. Hier wohnte definitiv eine Frau. Die Einrichtung wirkte warm und freundlich, mit geschmackvollen Möbeln aus hellem Holz. Vor den Fenstern hingen weiße Gardinen, die von Seitenteilen eingerahmt wurden, auf denen unzählige Blumen in Rosa und Violett zu sehen waren.   

Als er die cremefarbene Couch sah, verdrehte er die Augen, denn dort waren Unmengen an Zierkissen verteilt, alle mit unterschiedlichen Blumenmustern, die farblich genau mit den Vorhängen abgestimmt waren. Bisher hatte er nicht gewusst, wie viele verschiedene Blumenmuster es gab.

Wenn sie einen Mann hat, dann hat das arme Weichei definitiv nichts zu melden, dachte er belustigt.

Aber Cedric musste zugeben, dass das Zimmer gemütlich war, auch wenn es nicht seinen Geschmack traf. Er hoffte, dass Samuel recht hatte mit dem geordneten Leben dieser Frau, denn so würde er nicht Tag und Nacht hier verbringen müssen.

Neben dem Sofa stand ein Esstisch und an der Wand dahinter ein übervolles Bücherregal. Es gab einen durchschnittlich großen Fernseher und eine Kommode, auf der eine Vase mit frischen Blumen stand. Natürlich. Noch mehr Blumen. Neugierig ging er zum Bücherregal und erblickte eine etwa zwanzig Zentimeter große Figur aus weißem Porzellan. Es war ein nackter Engel, der auf seinem Bauch lag und sich auf seinem pummeligen Arm abstützte, die Füße in die Höhe gestreckt. Er sah aus wie ein Kleinkind mit Pausbäckchen und Babyspeck, mit kleinen goldenen Flügeln. Hässlicher kleiner Scheißer. Welcher Engel hatte denn goldene Flügel?

Seine eigenen strahlend weißen Flügel reichten ihm bis zu den Waden. Entfaltete er sie zur Gänze, verdichtete sich die reine, positive Himmelsenergie, die ihn umgab und er konnte sie beinahe anfassen, konnte deutlich fühlen, wie sie ihn durchströmte und ihn in diesem Moment beinahe glücklich machte.

Nun war er jedoch auf der Erde unterwegs und oftmals auch in menschlicher Gestalt. Samuel und auch Erzengel Michael hatten ihn eindringlich mit schrecklichen Konsequenzen gedroht, sollte er jemals einem Menschen seine Engelsgestalt offenbaren. Cedric hatte keine Ahnung, was ihn dann erwarten würde und er hatte auch keine Lust, es herauszufinden. Wahrscheinlich würden sie ihn auf der Stelle enthaupten. Zwar konnte er seine Flügel nicht einfach wegzaubern, schließlich waren sie ein Teil von ihm und an seinem Rücken angewachsen, doch er konnte sie unsichtbar machen, wenn er in seiner menschlichen Erscheinung war. Was er allerdings nicht ändern konnte, waren genau jene Verwachsungsstellen an seinem Rücken. Waren seine Flügel unsichtbar, waren dennoch zwei derbe, narbige Stränge zu sehen, die neben seinen Schulterblättern anfingen und schräg nach unten in Richtung Wirbelsäule verliefen.

Er schüttelte noch den Kopf über diese hässliche, kleine Figur und wunderte sich, dass in einem Raum mit so viel persönlicher Note keinerlei Fotos zu sehen waren, als er auf dem Glasregal über dem Fernseher einen elektronischen Bilderrahmen entdeckte.

Gerade wollte er ihn einschalten, als er Schritte im Obergeschoss vernahm. Um einen Blick auf seinen neuen Schützling werfen zu können, ging er ins Vorzimmer. Auch dieser Raum war nicht sehr groß, also stellte er sich unsichtbar in die Ecke gleich neben der Eingangstür, direkt gegenüber der Treppe.

Die Schritte näherten sich und dann sah er Füße, die in Laufschuhen steckten. Unverkennbar weibliche Beine, die in schwarzen Leggings steckten, folgten ihnen. Er fand, sie hatte Rundungen an genau den richtigen Stellen. Gleich darauf erschien ihr Oberkörper in einer dünnen gelben Jacke.

Dann erblickte er ihr Gesicht – und das Universum wurde aus den Angeln gehoben.

Taumelnd wich er zurück und konnte nicht aufhören, sie anzustarren. Fünfhundert Jahre lang trug er nun das Bild jener grünen Augen mit sich im Herzen herum – und nun sah er genau in diese. Wie konnte das sein?

Die Frau sah genauso aus wie Anne.

Da spürte er die vertraute Wärme ihrer Seele. Er würde sie unter allen Menschen der Welt sofort erkennen und wusste, dass sie es wirklich war.

Er starrte sie an wie einen Geist, während sie fröhlich weiter die Treppe hinunterlief und genau auf ihn zukam. Sobald sie die Tür erreichte, legte sie die Hand um den Knauf und verharrte plötzlich mitten in der Bewegung. Cedric beobachtete sie und es schien fast, als wäre sie verwirrt. Dann drehte sie ihren Kopf ein kleines Stück. Die Welt stand still, denn sie sah ihm direkt in seine unsichtbaren Augen.

Die Augenblicke verstrichen, denn Zeit existierte nicht mehr. Cedric stand völlig regungslos da, denn er war wie gelähmt. Dann zuckte sie kurz mit den Schultern und öffnete die Tür. Als sie hindurchgegangen war, fing sie an, in gemächlichem Tempo zu joggen.

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960877257
ISBN (Buch)
9783960877530
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v462053
Schlagworte
Engel-dämonen-roman historische-r-fantasy-liebe-s-roman-e gefallene-r-engel urban-fantasy-roman-tasy erzengel dämonen-liebes-roman-e fantasy-liebe-s-roman-e

Autor

  • Andie Krown (Autor)

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Titel: Das Licht der Ewigkeit