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Gerettet von einem Highlander

von Lois Greiman (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Obwohl Rachel Forbes den festen Entschluss gefasst hat, niemals zu heiraten, ist sie wider Willen verlobt. Doch ihre Liebe gilt nicht ihrem Verlobten, sondern einzig und allein ihrem Kindheitsfreund Liam. Ihr Stand als Adlige würde es ihr jedoch niemals erlauben, seine Braut zu werden.
Liam reist als Vagabund ruhelos umher, kann seine leidenschaftlichen Gefühle für Rachel jedoch nicht vergessen. Dann führt das Schicksal unerwartet ihrer beider Wege zusammen: Als Liam Rachel aus größter Gefahr rettet, sieht er nur eine Möglichkeit – er muss die junge Adlige als ihr Leibwächter beschützen. Gibt es vielleicht doch noch eine Chance für ihre unmögliche Liebe?

Impressum

dp Verlag

Deutsche Erstausgabe April 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-632-8

Copyright © 1999 by NYLA Publishing
Titel des englischen Originals: Highland Enchantment

Übersetzt von: Martin Spieß
Covergestaltung: Rose & Chili Design
unter Verwendung von Motiven von
hotdamnstock.com: © Killion Group
depositphotos.com: © Shaiith79
shutterstock.com: © Yulia_Bogomolova
Korrektorat: Lennart Janson

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

 

 

 

Für Justin, der mir seit dem Tag seiner Geburt nichts als Glück geschenkt hat

Prolog

Burn Creag Castle
Im Jahr unseres Herrn 1509

Ein Blitz zuckte am tiefschwarzen Himmel und erleuchtete die gewölbten Wände des Turmzimmers. Schatten waberten und wogten umher wie die Geister längst verstorbener Menschen. Die Stille hielt einen Augenblick lang an, dann knisterte erneut ein Blitz und plötzlich schien ein kleiner Punkt roten Feuers in der Mitte von Rachels Handfläche auf.

„Dragonheart!“, rang Shona nach Luft, die das Amulett selbst im unbeständigen Licht erkannte. „Du hast es gestohlen, von–“

Donner krachte gegen den Turm wie die niederträchtige Faust eines Riesen, erschütterte die Steine um sie herum und schreckte die drei Mädchen auf, die im flackernden Kerzenlicht auf dem Boden kauerten. Der Lärm rollte langsam fort und ließ die Luft angespannt zurück.

„Du hast es von Liam gestohlen?“, endete Shona atemlos. Sie war die jüngste der drei, kaum neun Jahre alt und zitternd in ihrem wallenden Nachthemd.

„Aye.“ Rachel schürzte ihre Lippen. Ihr Gesicht sah eingerahmt von ihren dunklen Haaren blass aus. „Ich habe es genommen, während er schlief.“

„Das ist Zauberei“, flüsterte Shona, die wie gelähmt war von dem silbernen Drachen, der in der Handfläche ihrer Cousine zahm, aber unbeugsam aussah.

„Es kann keine Zauberei sein“, berichtigte Sara, die Shonas kleine Hand immer noch in ihrer eigenen hielt. „Es ist nur Stein und Metall.“

„Genau das ist der Grund, warum ich es bezweifelt habe“, sagte Rachel, und ihre Stimme war in dem hohen Lagerraum beinahe unhörbar. „Aber selbst Liam muss hin und wieder die Wahrheit sagen, schätze ich. Und er hat die Wahrheit gesagt, als er mir von unserer Urgroßmutter erzählt hat.“

Unserer Urgroßmutter?“, fragte Sara. „Aber woher weiß er von unseren Ahnen?“

„Das kann ich nicht mit Sicherheit sagen“, gab Rachel zu und blickte vom einen Mädchen zum anderen. „Aber das ist die Geschichte, die er erzählt hat.

Vor langer Zeit lebte in einem Schloss ein Mädel. Ihr Name war Ula. Sie war so klein wie ich, hatte Shonas feuriges Haar und Saras Güte. Ihre Mutter starb, als sie ein Kind war, und sie hatte Angst davor, nachts allein zu sein. Manchmal weinte sie.“

„Und ihr Vater kam und erzählte ihr haarsträubende Geschichten, um sie zum Lachen zu bringen?“, schlug Shona vor.

„Aye“, lächelte Rachel. Shonas Vater, Roderic, hatte ihnen allen in den frühen Morgenstunden viele wilde Geschichten erzählt. „Aye, er erzählte ihr Geschichten. Aber sie hatte immer noch Angst. Also rief er den besten Steinmetz im Land, damit dieser neben ihrem Zimmer einen magischen Steindrachen anfertigte, der sie beschützte.“

„Er muss sie sehr geliebt haben“, flüsterte Sara, mehr zu sich selbst als zu den anderen.

„Sie schufen den Drachen oben auf dem Dach, sodass er über das umliegende Land blicken konnte“, sagte Rachel. „Jetzt fühlte sich das Mädel in seinem Zimmer sicher. Aber ihr Vater fürchtete, dass ihm etwas zustoßen würde und Glen Creag in die Hände des dunklen Zauberers fiele. Dann wäre die kleine Ula alleine. Er wusste, dass sie gezwungen sein würde, ihr Zuhause zu verlassen, wenn das der Fall sein sollte, und er wünschte sich für sie, dass sie mutig genug sei, um die Reise zu schaffen. Also ersuchte er einen guten Zauberer, ein silbernes Amulett für sie zu erschaffen. Es war ein magischer Anhänger, geschmückt mit Edelsteinen aus den verzauberten Wasser von Loch Ness.“

„Wo Nessie lebt?“

„Aye. Dieses Amulett würde Ula beschützen, wohin sie auch ging.“

„Und dies ist das Amulett?“

„Aye.“

„Aber Rachel“, sagte Sara, „auch wenn ich es nicht verstehe, glaubst du nie etwas, das Liam erzählt. Wieso vertraust du ihm hier?“

Rachel schloss ihre Finger um den Drachen. Er fühlte sich in ihrer Hand warm und schwer an, beinahe so, als habe er ein eigenes Leben. „Kommt her“, flüsterte sie und trat ans Fenster. Die drei drängten sich zusammen wie schelmische Feen und steckten die Köpfe zusammen. Kastanienbraunes Haar funkelte neben flachsblondem und schwarzem.

„Schaut hinaus.“

„Wohin?“

„Es ist dunkel“, sagte Shona, aber plötzlich durchfuhr ein Blitz den Himmel.

„Dort!“

„Ein Drache“, keuchte Sara, die sah, wie die Steinstatue erleuchtet wurde und sich scharf vor dem alten Dach abzeichnete. „Wie ist er da hingekommen?“

Rachel hob das Amulett näher an ihre Brust. „Er muss schon viele Jahre lang dort sein, aber man kann ihn von den meisten Stellen aus nicht sehen, nur von hier und von dem Zimmer, das daneben liegt.“

„Ulas Zimmer“, flüsterte Shona.

„Dann ist er wirklich magisch“, murmelte Sara.

„Aye“, sagte Rachel, „und heute Nacht werden wir seine Magie unserem Willen beugen.“

„Ja?“, fragte Shona mit Augen so rund wie Eier.

„Aye. Das werden wir. Denn morgen wird Sara in ihre Heimat zurückkehren. Und kurz danach wirst du die Rückreise nach Dun Ard antreten. Es ist unmöglich zu wissen, wann wir wieder zusammen sein werden.“

Es wurde still im Turmzimmer.

„Ich werde dich vermissen“, flüsterte Sara.

„Und ich dich“, sagte Rachel und streckte eine Hand aus, um die ihrer Cousine zu umschließen. „Ihr seid die Schwestern meines Herzens.“

„Wir werden dich sicher bald sehen“, sagte Shona. Sie fasste Saras Hand fester. Brüder hatte sie reichlich. Aber Schwestern waren eine seltene und kostbare Sache.

„Wenn das Wetter wärmer wird ...“

„Eine von uns wird sicher bald verlobt sein. Tatsächlich hat MacHurt um meine Hand angehalten und–“ Rachel hielt unvermittelt inne und sah rasch in Richtung der Fässer, die an der runden Wand aufgestapelt waren. „Was war das für ein Geräusch?“

Die Mädchen hielten den Atem an und lauschten.

Hinter den Fässern tat Liam dasselbe und achtete sorgfältig darauf, keinen Laut von sich zu geben, während in seiner Seele Enttäuschung aufschrie. Verlobt! Sicher konnten die Mädchen nicht in solch zartem Alter versprochen werden – getauscht werden wie Schafe. Nicht seine kleinen Mädels. Selbstverständlich konnten sie Rachel nehmen. Es kümmerte ihn wenig, wenn sie jemand heiratete, der so alt war wie die Sünde und so hässlich wie ein Troll. Schließlich war Rachel eitel und unnahbar, und wenn sie lachte, tanzten ihre Augen wie ...

Sie war nichts als ein albernes Mädchen, ermahnte er sich. Sie hatte seine lächerlichen Geschichten über Magie geglaubt. Sie hatte tatsächlich geglaubt, er habe geschlafen, als sie sein Amulett gestohlen hatte! Himmelherrgott, was war sie nur für eine schlechte Diebin! Dennoch, er hätte die beiden anderen schönen Mädels nicht hereinlegen sollen.

„Es muss eine Maus gewesen sein“, sagte Sara und wandte ihren Blick wieder zu Rachel. „Versprich mir, dass du nicht weit von uns wegziehst.“

„Ich werde nirgendwo hinziehen“, sagte Shona heftig. „Ich werde Liam heiraten und für immer in Dun Ard leben.“

„Liam!“, spottete Rachel. „Nicht diesen wilden Schurken. Du wirst einen großen Laird heiraten, so wie jede von uns.“

Die Andeutung eines Geräuschs kam hinter den Fässern hervor.

„Die Mäuse sind in der Tat unruhig“, murmelte Shona und blickte nervös hinter sich.

„Bitte verlass uns nicht“, flüsterte Sara erneut.

„Deswegen habe ich euch gebeten, in den Turm zu kommen“, sagte Rachel. „Wenn der Drache wahrhaftig magisch ist, kann er uns unsere sehnlichsten Wünsche gewähren und uns miteinander verbinden. Wir alle berühren das Amulett und schwören, uns um die anderen zu kümmern.“

„Aber wenn wir weit entfernt voneinander sind, woher sollen wir dann wissen, dass wir gebraucht werden?“, fragte Sara.

Rachel schaute finster drein und zog ihre dunklen Brauen über ihren Augen zusammen, die wie Amethysten leuchteten. „Der Drache wird es wissen“, improvisierte sie. „Er wird sicherstellen, dass wir in Sicherheit sind oder er wird Hilfe holen.“

Sara dachte für einen Moment nach, dann nickte sie. Ihr Ausdruck war ernst, aber sie zitterte vor Aufregung, während sie einen Kreis bildeten. „Wir sollten es alle gleichzeitig berühren.“

Und das taten sie. Sie schichteten ihre kleinen Hände über dem Amulett auf, und schlossen gleichzeitig ihre Augen.

„Mein sehnlichster Wunsch ist, eine große Heilerin zu werden, so wie meine Mutter“, setzte Rachel an.

Donner grollte wieder und ließ Shona zusammenzucken.

„Ich wünsche mir, mutig zu sein“, zirpte sie. „Wie Vater und die Flamme.“

Rachel drückte Saras Hand. Im Raum wurde es still.

„Du bist dran“, flüsterte Shona.

„Ich wünsche mir, für meine eigene Familie zu sorgen“, sagte Sara sanft. „Meine eigenen Kinder an meiner eigenen Feuerstelle. Nicht mehr.“

Stille legte sich über den Raum.

„Nun müssen wir einen feierlichen Schwur ablegen“, sagte Rachel. „Für immer und ewig sollen wir Freundinnen sein. Weder Zeit noch Entfernung soll uns trennen. Wenn eine in Not ist, soll eine andere kommen und ihr beistehen, denn die, die wir hier in diesem Zimmer versammelt sind, sind für die Ewigkeit verbunden.“

Die ganze Welt schien plötzlich ganz und gar still zu sein.

„Jetzt müssen wir darauf schwören“, flüsterte Sara.

„Ich schwöre“, sagten sie.

Donner krachte wie eine Kanone an ihre Ohren. Die Kerze war ausgegangen und warf sie in die Schwärze. Wilde Energie knisterte durch den Raum und schoss die Finger der Mädchen herauf.

Sie kreischten gleichzeitig, ließen das Amulett fallen und rannten wie eins in Richtung Tür. Das Portal knallte auf. Nackte Füße trippelten die Treppe hinab. Im Raum wurde es still. Hinter den Fässern lag Liam ausgestreckt an der Wand, schlaff wie ein aufgespießter Hase.

Mutter Gottes, was war hier gerade passiert? Natürlich, es musste der Sturm gewesen sein. Ein verirrter Blitzschlag, entfesselt im Turm. Das musste es gewesen sein, und diese einfältigen Mädchen hatten das Amulett in ihrer Angst sicher fallengelassen.

Er sollte gehen und es finden – die Binsen durchforsten und es herausholen –, aber seine Glieder fühlten sich schwach an und sein Geist seltsam durcheinander.

Er sollte diesen Ort am besten verlassen. Jetzt!, entschied er, stieß sich vom Boden ab und floh den Mädchen hinterher die Treppe hinab.

Die Welt wurde von Stille beherrscht. Die Mondsichel kroch hinter einem Wolkenfetzen hervor, um auf die Welt unter ihr herabzulächeln. Und tief in den Binsen wartete Dragonheart.

Kapitel 1

Das Jahr unseres Herrn 1520

Liam griff nach seinen Bällen und ließ das Messer fallen. Es durchschnitt die Luft, glitt an seiner Brust vorbei, bohrte sich in die feste Erde zwischen seinen Füßen und pendelte vor und zurück. Die Menge starrte einen erstaunten Moment lang in überwältigter Stille, dann hoben die Leute ihre Blicke vom zitternden Heft und brachen in Applaus aus.

„Habt Dank!“, sagte Liam. Er verbeugte sich und warf die hölzernen Jonglierbälle über seine Schulter. Ohne hinzusehen wusste er, dass sie problemlos in der Tasche landeten, die an einem Eichenast hinter ihm hing, ein Ball auf dem anderen. „Ihr seid zu gütig. Aber nun muss ich um einen Gefallen bitten.“

Er machte eine Pause, während er sich das lange Messer vom Boden schnappte. Es war eins seiner Lieblingsmesser, gut gearbeiteter Stahl. Er hatte es vor einigen Jahren einem lauten Waliser abgenommen. Der Waliser hatte eine Tochter gehabt, und die Tochter hatte allen schöne Augen gemacht. Genug gesagt. Er war nicht von der Sorte Mann, die über Eroberungen sprachen. Erobern und lügen, ja. Erobern und Fersengeld geben. Eindeutig.

„Ich bräuchte etwas Unterstützung“, rief er und schritt am Rand der Menge entlang. Seine Bühne war nicht mehr als eine grasbewachsene Anhöhe, aber das Gefälle des Hügels verschaffte ihm einen leichten Vorteil gegenüber der Menge unter ihm. Vor langer Zeit hatte er gelernt, seine Vorteile zu nutzen, wo er nur konnte.

„Schließlich“, fuhr er fort, „kann sich ein Mann nur eine gewisse Zeit mit seinen Bällen amüsieren.“ Es gab einiges Kichern aus der Menge. Er warf das Messer senkrecht in die Luft. Es drehte sich wild um die eigene Achse, nur um einige Augenblicke später wieder sicher in seiner Hand zu landen. Er mochte das Gefühl eines Messers in seiner Hand. Es war weitaus besser als ein Messer in der Hand eines anderen, denn dieses Szenario verhieß für sein weiteres Überleben nichts Gutes. Vielleicht waren die anderen Männer eifersüchtig auf ihn, sinnierte er.

Wahrlich, er war kein besonders muskulöser Bursche, und das gute alte England hatte gewiss elegantere Männer gesehen, aber er hatte bestimmte Eigenschaften, die Frauen anziehend zu finden schienen.

Selbst jetzt lächelte ihn ein hübsches Mädel aus der Mitte der Menge heraus an. Er lächelte zurück. Der Abend des Markttages im Dorf Rainich kam rasch näher. Eine ziemlich große Menge war zusammengekommen, um ihm zuzusehen, aber es war die lächelnde Frau, die ihn interessierte. Sie war eine dralle Maid, zeigte Grübchen und genug Ausschnitt, um einen Mann zu veranlassen, seine eigenen Vorzüge in der Hoffnung aufzulisten, im Gegenzug ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Wenn er sich nicht irrte, hatte sie während eines Großteils seines Auftritts mit ihm geschäkert. Und wenn es etwas gab, bei dem er sich nie irrte, dann war es die hohe Kunst des Schäkerns.

Liam ließ das Messer über seine Schulter schnellen und fing es beiläufig hinter seinem Rücken auf. „Ein Mann kann nicht alles mit seinen eigenen zwei Händen machen. Am Ende braucht er eine Gefährtin“, sagte er, erlaubte sich den Anflug eines Grinsens und stellte sicher, dass sein Blick nicht zu lang dort verweilte, wo er nicht verweilen sollte. Nur weil die Maid mit ihm anbändelte, hieß das nicht, dass sie seinen Auftritt ohne Begleitung besuchte. Das hatte er auf schmerzhafte Weise gelernt. „Ist hier jemand anwesend, der willens ist, mir beizustehen?“

Es gab Gemurmel in der Menge.

„Ach, kommt schon. Gewiss habt ihr keine Furcht mit meinesgleichen zu verkehren, auch wenn ich Ire bin.“ Er sprach die Worte undeutlich aus, während er mit vollkommen geradem Rücken seitwärts schritt. Bei jedem Schritt pendelte sein großer Sporran aus Pferdehaut, sein Umhang wirbelte umher und sein Plaid raschelte an seinen nackten Schenkeln. Die Vorteile davon, in England ein Plaid zu tragen, waren zweierlei: Erstens zog es Aufmerksamkeit auf ihn selbst. Und als Schausteller war das unerlässlich. Zweitens faszinierte es die Frauen, und er war niemand, der Erwachsenenbildung verweigerte, selbst wenn es um nicht mehr ging als die uralte Frage nach der Unterwäsche.

Zwei halbwüchsige Jungs hatten sich während des gesamten Programms heftig geschubst und waren drauf und dran, den Mut aufzubringen, sich freiwillig zu melden, aber sie waren nicht ganz die Art Assistent, die Liam vorschwebte. „Ich versichere euch, es ist recht sicher“, sagte er. „Meine Gehilfen werden nie verwundet. Nun, nicht schwer … Zumindest haben sie nie irgendwelche auffälligen Körperteile verloren.“ Die Kinnladen der Jungen klappten herunter, und sie traten rasch und gleichzeitig zurück.

Liam grinste und ließ seinen Blick einen Moment lang auf der Frau mit den Grübchen verweilen. Sie zuckte die Achseln. Der große Busen, der in Sicht gedrängt wurde, ließ das Blut aus seinem Schädel schwinden.

„Ich könnte Euch helfen“, rief sie.

Liams Grinsen wurde breiter. „Tretet vor“, sagte er. Sie tat es und glitt wippend und schwungvoll durch die Menge. Liam ließ seine Hand über die Schulter schnappen und schickte das Messer mit einem Knall in den Baum hinter sich. Dann streckte er seine Hand aus, nahm ihre und half ihr, den Hügel zu erklimmen. „Und wie ist Euer Name, Mädel?“

„Mairi“, sagte sie und neigte ihm ihren Kopf zu.

„Ein hübscher Name.“ Er verbeugte sich über ihrer Hand. „Beinahe so schön wie seine Besitzerin. Und Ihr lebt hier im Dorf?“

„Nay, ich bin heute gekommen, um mit meinem Ehemann und seinen Brüdern Schweine zu verkaufen.“

„Ah.“ Liam richtete sich auf, eine Hand hinter seinem Rücken, sein Ausdruck enttäuscht. „Ihr habt ein … Schwein.“

Die Menge lachte. Er zuckte verblüfft die Achseln.

„Ihr müsst gut verdient haben beim Verkauf Eurer Schweine.“

Sie sah ihn fragend an, und er zog seine Hand aus ihrer, um die Münze zu präsentieren, die sie ihm scheinbar gegeben hatte.

„Dennoch“, sagte er, „kann ich das nicht akzeptieren.“

Ihre Augen weiteten sich vor Überraschung.

„Hier, ich bestehe darauf. Ihr müsst sie zurücknehmen.“ Er drückte ihr die Münze in die Handfläche, faltete ihre dicken Finger darüber, ließ dann seine Kinnlade herunterklappen und zog dieselbe Münze aus ihrem Ohr.

Er legte sie ihr zurück in die Hand. Sie kam aus ihrer Nase, hinter ihrem Hals und aus der Unterseite ihres Ärmels zum Vorschein. Er konnte sich angesichts des Geldregens kaum schnell genug bewegen, und jetzt johlte die Menge.

Schließlich legte er die Münze entschieden in ihre Hand zurück und wandte sich dann zur Menge, um sich zu verbeugen. Aber gerade als er darauf und dran war das zu tun, sah er noch einmal zur Maid. Er drehte sich zurück zu ihr und starrte voller Erstaunen, denn das große Kupferstück steckte warm und fest zwischen ihren üppigen Brüsten.

Ihr Blick folgte seinem, aber anstatt schockiertes Entsetzen zu zeigen, grinste sie lasziv, als sie die Münze erspähte.

Liam räusperte sich und wischte sich dramatisch über die Stirn. „Vielleicht solltet Ihr sie selbst dort herausholen, Mädel“, sagte er.

Aber sie neigte ihm mit durchtriebenem Ausdruck ihren Kopf zu. „Und warum das, Sir? Ich dachte, Ihr hättet sicher die … Eier, um das zu tun.“

Nichts läge ihm ferner, als sich so eine Gelegenheit entgehen zu lassen, solange das Mädel willens war. Er zuckte mit den Achseln und streckte eine Hand aus.

Ein empörtes Bellen unterbrach Liam. Er drehte sich zu dem Lärm um, aber es war bereits zu spät. Eine Faust traf ihn aufs Ohr. Er taumelte seitwärts und schlug wie ein geworfener Pfahl auf die Erde, aber Liam der Ire war kein im Wald verlorener Säugling. Mit der geschmeidigen Beweglichkeit eines Mannes, der schon zuvor Ehemänner verärgert hatte, rollte er seitwärts, sprang auf die Füße und stürzte in Deckung. Doch ein Arm streckte sich aus dem Nichts nach ihm aus.

„Ihr werdet nicht mit der Frau meines Bruders herummachen!“, rief jemand.

Farben explodierten in Liams Kopf, und ab diesem Augenblick wurde alles nur noch schlimmer.

Es gab Gekreisch und Schreie, und Fäuste wie Rammböcke.

Körper so groß wie kleine Festungen bäumten sich über ihm auf und holten wild aus, während er sich hinkauerte und versuchte, sich zu schützen. Er grunzte vor Schmerz und spähte gerade lange genug hoch, um die vom Suff geröteten Gesichter von vier wütenden Brüdern zu erkennen.

„Ich habe es nicht böse gemeint“, krächzte er.

Aber die vier waren weit davon entfernt zuzuhören.

Liam beugte seinen Arm und schützte sein Gesicht. Eine Faust glitt an seinem Ellenbogen ab, seine eigene Hand schnellte auf den Gürtel des Mannes zu. Er hatte nur einen Moment, um einen Vorteil aus dieser Position zu ziehen, ehe ihn der nächste Schlag in den Bauch träfe und ihn aufs Gras werfen würde. Er ließ eine Hand unter seinen Umhang schnellen und versteckte den eben entwendeten Beutel, dann kauerte er sich zusammen, um seine lebenswichtigen Organe zu schützen … und sein Gemächt. Am Ende musste ein Mann seine besten Qualitäten bewahren.

Ein gestiefelter Fuß traf ihn im Rücken. Er grunzte vor Pein und kämpfte um Klarheit, aber die Dunkelheit kam näher. Von irgendwo in einer anderen Dimension hörte er, wie eine Frau den Männern Einhalt gebot. Also sorgte sich die mollige Mairi ein wenig um ihn, dachte er verschwommen und glitt Richtung Bewusstlosigkeit. Aber in diesem Augenblick zog sich die Bewusstlosigkeit etwas zurück. Er lag still da und bemerkte mit trüber Erleichterung, dass seinem Körper keine neuen Qualen angetan wurden.

Stattdessen berührte eine sanfte Hand seine Schulter. Eine beruhigende Stimme gelangte an seine Ohren. Er konzentrierte sich auf deren Sanftheit, auf das wundervolle Ende der Gewalt. „Bist du in Ordnung?“ Die Stimme einer Frau, melodiös und lieblich. Also hatte die süße Mairi schließlich die Kontrolle über ihren Ehemann erlangt.

„Aye. Es geht mir gut.“ Seine eigene Stimme klang weniger melodiös, sie erinnerte eher an das Knirschen metallbeschlagener Räder auf Schotter, während jeder Zoll an ihm mit schreiender Heftigkeit schmerzte. Es schien ein Grund so gut wie jeder andere zu sein, sich eine geeignete Beleidigung einfallen zu lassen. „Sie schlagen zu wie Säuglinge.“

„Ein Säugling bin ich?“, brüllte jemand. Am Rand seiner verschwommenen Sicht nahm Liam wahr, wie ein Berg von einem Mann vorstürzte.

Aber einen Augenblick später fing ihn ein Kerl in einem blauen Wams ab. Der Ehemann sackte zusammen wie ein Haufen trockener Spreu. Eine Frau schrie, dann stürzte sie aus der Menge vor und kauerte sich neben den gefallenen Mann. Es war Mairi.

Wenn Liam nicht ganz so angeschlagen gewesen wäre, hätte er sich womöglich fragen können, wie sie zur gleichen Zeit an zwei Orten sein konnte. Aber so wie es stand, akzeptierte er die Umstände.

„Was habt ihr getan?“, kreischte Mairi, ihr Ausdruck gequält, während sie sich Liam zuwandte.

„Schaff sie hier weg.“ Die Frau, die neben ihm kauerte, gab diesen Befehl. Die Frau, deren Stimme, wie Liam auffiel, weder so schrill, noch so heiser war wie die der hübschen Mairi. Eine Stimme voller Macht und Zuversicht. Eine Stimme, die an entfernte Erinnerungen gemahnte, die er nicht recht …

Nein! Es konnte nicht sein. Nicht hier. Nicht hunderte von Meilen von ihrer Heimat entfernt, beharrte die Logik.

Dennoch, Logik schien eine trübe Sache zu sein, wohingegen ihre Gegenwart allzu wirklich war.

Er wandte sich ihr langsam zu, aber es gab keinen Grund, in ihr Gesicht zu sehen. Er wusste bereits, dass sie es war. Spürte es an der Luft um ihn herum, spürte es an dem elektrischen Schlag, den er von den übrigen Schmerzen unterscheiden konnte.

Dennoch konnte er nicht einfach hier liegen und so tun, als habe sie ihm nicht gerade das Leben gerettet. Das wäre wie eine Weigerung, das Ende der Welt anzuerkennen. Also drehte er sich leicht zur Seite, sah sie durch seine Sicht verschmierendes Blut und Haare hindurch an und sagte: „Ich hätte so weit im Süden nicht mit dir gerechnet, Rachel. Ist jemand krank?“

Er sah, wie sich ihre Augen vor Überraschung weiteten. Es waren faszinierende Augen. Jenseitige Augen. Und wenn er sich redlich zu sein entschied, konnte er nachvollziehen, warum man sie vor langer Zeit Heilige Lady tituliert hatte.

Liam schwieg, während er mit einem gewissen Grad an Verzweiflung darauf wartete, dass der heilige Ausdruck verschwand. Er wurde nicht enttäuscht. Heiligkeit floh; Missbilligung machte sich breit. Er konnte es daran erkennen, wie sich ihr Rücken leicht versteifte, wie sie ihre Augen zusammenkniff.

„Ich würde dich ja fragen, was du hier tust, Liam, aber die Wahrheit scheint recht offensichtlich“, sagte sie.

„Ich bringe ihn um! Ich bringe ihn um!“, bellte der Ehemann.

„Ich verbreite lediglich Frieden und Wohlwollen, so wie ich es immer zu tun pflege“, sagte Liam. Er versuchte eine schwindelerregende Sekunde lang, sich aufzusetzen, und entschied dann, dass er dort, wo er lag, recht behaglich war.

„Du verbreitest wohl eher deinen Samen wie Staub im Wind“, gab sie zurück.

Er versuchte zu grinsen und stellte mit immerwährender Dankbarkeit und nicht ungerechtfertigter Überraschung fest, dass sein Gesicht sich bei dem Versuch nicht in zwei Hälften teilte. „Wir können nicht alle Heilige sein, Rachel“, sagte er.

Sie schnaubte. Der Klang war nicht ganz so damenhaft wie ihr Gewand und ihr Betragen nahelegten, und löste tausend heiße Erinnerungen in Liams angeschlagenem Kopf aus.

„Denkst du, du könntest wenigstens versuchen, dich um Vernunft zu bemühen?“, fragte sie.

„Unterstellst du, dass ich verrückt bin?“

„Ich reiße ihm das Herz aus der Brust!“, brüllte es aus der Ferne.

„Sag mir, Liam, hättest du keinen kleineren Mann finden können, um seiner Frau einen unsittlichen Antrag zu machen? Oder wenigstens einen mit weniger Brüdern?“

„Ich habe ihr keinen unsittlichen Antrag gemacht.“ Noch nicht, dachte er.

„Noch nicht“, sagte sie.

Er blickte sie finster an. Es hieß, dass Rachel Forbes die unangenehme Angewohnheit hatte, sich in den Gedanken der Leute herumzutreiben. Er hatte nie ein Wort davon geglaubt. Dennoch gab sie ihm zuweilen ein unheimliches Gefühl. Es war eines von vielen Dingen, die er nie an ihr gemocht hatte. Er tupfte sich mit dem Handrücken die Lippe ab und brachte es fertig, sich aufzusetzen.

„Sie war nicht mein Typ“, sagte er.

„Wahrlich?“ Sie sah ihn erstaunt an, ihre ebenholzfarbenen Brauen hoben sich unter der makellos weißen Bundhaube. „Es sah für mich so aus, als atmete sie. Und sie war nicht grotesk fett.“

Er versuchte sich an einem weiteren Grinsen. Es schmerzte höllisch. „Ganz und gar nicht fett“, berichtigte er und erhob sich beherzt. Unglücklicherweise neigte sich die Welt bei der Bewegung seltsam, und die Erde unter ihm bockte wie ein widerspenstiges Ross. Seine Knie knickten ohne Vorwarnung ein.

Rachel streckte mit instinktiver Schnelligkeit ihre Hände aus, und plötzlich hatte sie ihre Arme um ihn gelegt.

„Liam!“ Ihre Stimme klang krächzend in seinen Ohren, während sie versuchte, ihn aufrecht zu halten, und in diesem Moment machte er den furchtbaren Fehler, ihre Lippen anzusehen. Zur Hölle mit allem. Sie mochte die Augen einer Heiligen und die Haut einer Prinzessin haben, aber ihre Lippen waren des Teufels.

Hundert unerwünschte Gefühle durchfuhren ihn, Gefühle von Verlangen und Sehnsucht, die so schmerzhaft waren, dass ihm beinahe das Herz stehen blieb. Aber die Wirklichkeit kam rasch zurück, also presste er sich fester an sie und sagte: „Ach, Rachel, ich hätte nicht gedacht, dass du dich um mich sorgst.“

„Du warst schon immer weiser als du aussiehst“, sagte sie und ihre Lippen verhärteten sich. „Davin.“ Ihre Stimme klang kühl, als sie aufhörte, ihn zu halten und sich zu einem großen, in blau gewandeten Kerl umdrehte, der in der Nähe stand. „Bring den Iren in eine Schänke. Sorg dafür, dass er eine ordentliche Mahlzeit und ein Zimmer für die Nacht bekommt.“

„Ich reiße ihm die Eier ab!“ Die Drohung kam aus der Ferne, war aber dennoch recht eindrucksvoll.

„Ich denke, der Ehemann der Frau könnte einen Groll gegen ihn hegen“, sagte Davin. Liam suchte sein Gesicht nach einem Zeichen von Sarkasmus ab, aber die skandinavischen Züge waren genauso ausdruckslos wie der Spachtel eines Steinmetzes.

„Was schlagt Ihr vor?“, fragte Rachel.

„Wollt Ihr, dass der Ire die Nacht überlebt?“

Sie schwieg einen Moment lang, ihre teuflischen Lippen geschürzt. „Meine Familie hat ihn recht gern.“

„Dann entfernen wir ihn besser aus der Reichweite des Ehemannes“, schlug Davin vor.

Rachel blickte finster drein, erst in Richtung ihrer Wache, dann zu Liam.

„Nun gut.“ Ihre Zustimmung erfolgte widerwillig. „Helft ihm, seine Sachen zusammenzusammeln und sorgt dafür, dass er auf ein Pferd kommt. Aber lasst ihn nicht verweilen. Wir können auf seinesgleichen keine Zeit verschwenden.“

Der Abend umfing sie wie ein dichtes, graues Betttuch. Die Nacht stieß die Abenddämmerung beiseite, aber die Nacht konnte für Liam nicht schnell genug kommen, denn er fühlte sich, als sei er von einem Rammbock bearbeitet und dann in einem Weinfass die Straße hinuntergerollt worden.

Er hatte darauf bestanden, dass es in Ordnung wäre, wenn er in Rainich bliebe, aber Rachel hatte darauf beharrt, ihn mit diesem Ritt zu foltern. Und Davin, so schien es, war nicht von der Sorte, die auf einen Iren hörte, wenn seine Herrin einen Entschluss gefasst hatte.

Unter ihm stolperte sein Wallach bereits zum fünften Mal.

„Himmel, Arsch und Zwirn, Pferd“, knirschte Liam. „Es ist mir egal, dass ich fünf Mal so viel bezahlt habe, wie du wert bist. Noch einmal, und ich tausche deine Haut gegen ein schlechtes Paar Stiefel.“

Bocan stolperte erneut. Liam erstickte ein Stöhnen.

„Gleich voraus ist eine gute Stelle, Lady“, meldete Davin und ritt zurück an Rachels Seite. Das Gefolge von etwa zwölf blau gekleideten Soldaten hielt an, um zuzuhören. „Wasser und Futter für die Pferde. Sie wird sich leicht verteidigen lassen.“

„Sehr wohl. Schlagt ein Lager auf.“

Bocan ließ seinen Kopf sinken, spreizte die Beine und schüttelte sich heftig.

Liam griff nach dem Sattelknopf und versuchte, einen klaren Kopf zu bewahren, während ihn schmerzende Krämpfe überrollten. Der Wallach richtete sich auf, bewegte seinen eleganten Kopf auf und nieder und schnaubte. Liam überlegte, ob er das Bewusstsein verlieren sollte.

„Aber zuerst“, sagte Rachel und wandte ihren Blick nicht von Davin ab, „helft Ihr dem Iren besser von seinem Ross herunter.“

„Du bist zu gütig“, murmelte Liam.

„Das ist eine wohlbekannte Tatsache“, stimmte Rachel zu.

Davin stieg ab und durchschritt die Entfernung, die sie trennte. Liam zog ein Bein über den Hinterzwiesel seines Sattels, entschieden etwas Tapferkeit zu zeigen, doch gerade als er dabei war abzusteigen, packte der Nordmann ihn an der Rückseite seiner Tunika und zerrte ihn hinunter. Schmerz pochte wie galoppierende Hufe über Liams geschundenen Körper, aber er weigerte sich, ohnmächtig zu werden.

Davin schien Liams galantem Kampf gegenüber blind zu sein und zog ihn übers Gras.

In ihm bäumte sich heftiger Schmerz auf.

„Gut so, Mylady?“, fragte der riesige Nordmann.

„Das ist in Ordnung.“

Mit einem Nicken lockerte Davin seinen Griff und ließ seine Fracht auf die Erde fallen.

„Heilige Scheiße!“, keuchte Liam und hielt sich am Bewusstsein fest, während Schmerz ihn durchfuhr. „Wieso lässt du ihn mich nicht gleich mit einem Knüppel bearbeiten?“

„Ich habe darüber nachgedacht“, sagte Rachel. Sie stand nur einige Yards entfernt und wandte ihre Stute zu einem ihrer Männer. „Aber ich fand, das hier wäre genugtuender.“

Liam stöhnte, als er sich in eine sitzende Haltung begab. „Du ziehst einen langsamen Tod vor, nicht wahr, Rachel?“

„Ich bezweifle, dass du sterben wirst.“

„Du könntest dich täuschen.“

„Das tue ich selten“, sagte sie und schritt auf ihn zu.

Er schnaubte und zwang seinen Blick weg von ihr.

„Wo tut es weh?“

Liam ließ seine Aufmerksamkeit mit einem Ruck zu ihr zurückschnellen. „Nay! Du wirst deine hexenhaften Tränke nicht bei mir anwenden.“

„Wo schmerzt es dich?“, fragte sie erneut.

Sie besaß eine vollkommene Ausdrucksweise, erlangt durch gute Erziehung. Vielleicht war es diese Erziehung, die sie so schwierig machte, dachte Liam. Aber nein, sie war seit dem Tag eine Nervensäge gewesen, an dem er sie vor über zehn Jahren getroffen hatte. Selbst jetzt konnte er sich daran erinnern, wie sie ausgesehen hatte – mit ihrem dunklen Haar in scharlachroten Bändchen gebunden, und ihrem Gesicht so …

Nun, sie hatte schon immer dieses verdammt engelshafte Gesicht gehabt, dachte er, und unterbrach seine Träumereien. Es war dieses Gesicht, dass Männer jedes Mal hereinlegte. Selbst Davin hielt sich wahrscheinlich für ihren erobernden Helden, dabei war die Wahrheit, dass die Lady ganz und gar keines Helden bedurfte. Sie konnte einen Gegner mit nichts als der scharfen Kante ihrer Zunge in Scheiben schneiden, und Liam hatte Narben, die das belegten.

„Tut dein Kopf weh?“, fragte sie und kauerte sich neben ihn.

Er blickte sie finster an. „Ich wurde von vier betrunkenen Brüdern verprügelt, die Straße hinuntergeschubst und aufs Gras geworfen wie ein Sack schimmligen Mehls. Glaubst du, mein Kopf könnte wehtun?“

„Ich denke, wenn du den Schmerz nicht erträgst, solltest du die Tat nicht ausführen“, sagte sie.

„Sie haben es verdient“, gab er zurück, und dachte an die Münzen, die er aus dem Beutel eines der Brüder gestohlen und in seinem übergroßen Sporran verborgen hatte.

„Was verdient?“

Er bemerkte plötzlich, dass er zu viel gesagt hatte, zuckte mit den Schultern und versuchte, ungezwungen auszusehen. „Sie verdienen, was immer sie bekommen.“

„Was hast du getan, Liam?“, fragte sie. Ihre Stimme klang argwöhnisch und mehr als nur ein wenig erschöpft, als wäre sie seine leidgeprüfte Mutter.

„Ich?“ Er gestikulierte in Richtung seiner Brust und hoffte, beleidigt auszusehen. „Dass du es nicht vergisst, ich bin der Verletzte hier. Ich habe nichts getan, außer zu ihrer Unterhaltung ein kleines bisschen Fingerfertigkeit vorzuführen.“

Ihr Ausdruck änderte sich nicht im Geringsten.

„Ich bin der Verletzte hier“, beharrte Liam, und fragte sich, ob es zu spät war, sich auf der Bühne einen Namen zu machen. Gewiss hatte er Talent. „Wie kannst gerade du denken, dass ich etwas Unehrliches tun würde?“

Sie starrte ihn an mit ermatteter Langeweile an.

„Ich stehle nicht länger“, sagte er und grinste dann. „Es sei denn, jemand tut mir Unrecht … oder jemandem, den ich kenne … oder wenn ich jemanden–“

„Leg dich hin“, unterbrach sie ihn gereizt. „Ich hole meine Sachen.“

Er sah zu, wie sie fortging und sagte sich, dass er nicht wollte, dass sie ging und ihre Sachen holte. Er wollte nicht, dass sie ihn pflegte, wollte sie nicht in seiner Nähe. Durch die Stämme der umgebenden Bäume konnte er das Flackern eines Feuers und das Gewimmel der Männer sehen, die Zelte aufstellten und sich um die Pferde kümmerten.

„Du musst dich bewegen.“

Liam zuckte beim Klang ihrer Stimme herum. Der Mond war aufgegangen. Er schien ihr ins Gesicht, betonte den himmlischen Glanz ihrer Augen und beschattete die zierliche Fläche ihrer Wangen wie der liebevolle Pinselstrich eines Künstlers.

„Was?“, fragte er und schlug die Tür vor diesen närrischen, poetischen Worten zu, die in seinen Gedanken ihre hässlichen Fratzen zeigten. Die Schläge auf seine Birne mussten seinen Verstand durchgeschüttelt haben. Er war schwerlich von der poetischen Sorte.

„Du musst dich zum Feuer bewegen, wenn ich mich um deine Wunden kümmern soll.“

„Kein Grund, dass du dich bemühst“, sagte er. „Ich bin in Ordnung.“

Er konnte ihren finsteren Blick voraussagen, ehe er begann, sogar ehe ihre Brauen sich herabsenkten und ihre gottlosen Lippen sich unverschämt missbilligend kräuselten. Sie hob den lavendelfarbenen Rock ihres Gewands und kniete sich neben ihn. „Vielleicht denkst du, dass ich dich hier herausgeschleppt habe, weil ich deine Gesellschaft so schätze. Aber ich versichere dir, Liam, das ist nicht der Grund. Ich habe keine Zeit für deine Narretei. Also erledigen wir das.“

„Bist du in Eile, irgendwo hinzukommen, Rachel?“, fragte er.

„Aye. Das bin ich“, sagte sie und bot nicht mehr an, als sie seine Stirn berührte. „Tut das weh?“

„Selbstverständlich tut das weh“, fauchte er. „Wohin bist du so eilig unterwegs?“

„Ist dir schwindelig? Bist du durcheinander?“ Sie bewegte ihre Finger aufwärts, ließ sie durch sein Haar gleiten. Tausend inakzeptable Gefühle durchfuhren ihn bebend. Er unterdrückte ein Stöhnen und hielt seine Augen weit geöffnet, sodass sie der Verzückung nicht gewahr wurde, die ihre Berührung auslöste.

„Hättest du dich nicht schon früher um mich kümmern sollen?“, fragte er und bekam eine Grimasse zustande.

Sie blickte finster drein, und einen Moment lang fragte er sich, ob er eine Spur von Schuld in ihrem Ausdruck sah. Dieses Rätsel half ihm bei seinem Versuch, die rohen Empfindungen beiseitezuschieben, die die Berührung ihrer Fingerspitzen hervorrief. Sie zog ihre Hand weg. Er erinnerte sich daran zu atmen.

An ihrem Ausdruck war deutlich zu erkennen, dass sie dachte, sie hätte sich früher um seine Wunden kümmern sollen, aber irgendetwas hatte sie bis zum Einbruch der Dunkelheit weiterreisen lassen. Das sah der Rachel, die er seit ihrer Jugend kannte, nicht ähnlich. Sie war zuallererst eine Heilerin. Alles andere war zweitrangig.

„Wieso die Eile?“, fragte er. „Gibt es irgendwo einen Säugling, der sich weigert, ohne deine Hilfe auf die Welt zu kommen?“

„Ist dein Sehvermögen beeinträchtigt?“

„Nay“, antwortete er. „Es ist nicht der Säugling deiner Cousine, der auf seine Geburt wartet, oder? Shonas? Saras?“

„Meinen Cousinen geht es gut.“ Ihre Hand näherte sich wieder. Er atmete durch, und dann berührte sie ihn wieder, ließ ihre Finger sanft wie Mondstaub am Rand seines Kiefers entlang und abwärts gleiten. In seinen Gedanken tanzte Poesie wie niederträchtige Sirenen.

„Du hast Glück. Dein Gesicht ist beinahe unversehrt. Keine gebrochenen Knochen.“

„Ich bin ein Gaukler.“ Es fiel ihm schwer zu sprechen, und noch schwerer ungezwungen zu tun. „Ich muss meine besten Güter beschützen. Zumindest meine besten sichtbaren Güter.“ Er zwang sich zu einem Grinsen. „Oder wie soll ich sonst diese drallen, jungen Maiden ködern, mit mir aufzutreten? Autsch! Heilige Scheiße, Rachel!“, fluchte er und bedeckte seine Brust mit einer Hand. „Versuchst du mich umzubringen?“

„Da sickert Blut durch deine Tunika.“

„Ist mir aufgefallen“, sagte er gereizt.

„Ich dachte, das sei es vielleicht nicht. Immerhin war eine dralle Maid beteiligt“, sagte sie und ließ sich auf ihre Fersen fallen.

„Ich hoffe lediglich, dass ich ihr nicht das Herz gebrochen habe, weil ich so abrupt aufgebrochen bin.“

„Das letzte Mal, dass ich sie sah, hing sie am Arm ihres Gatten und bewunderte ihn dafür, dich so männlich verprügelt zu haben.“

„Es ist mehr als wahrscheinlich, dass sie Angst vor ihm hat.“

„Und du bist mehr als wahrscheinlich ein Narr!“, entgegnete sie. Sie sahen einander einen Moment lang mit wütenden Blicken an, dann atmete sie aus und blickte fort. „Du musst deine Tunika ausziehen.“

„Ich–“, setzte er an, aber Rachel unterbrach ihn.

„Kocht mein Wasser, Davin?“

„Aye, my Lady.“

Liam weigerte sich, darüber nachzudenken, woher sie wusste, dass sich der riesige Soldat ihr von hinten näherte.

„Helft mir, den Iren zum Feuer zu bringen“, sagte sie. „Dann könnt Ihr Eure Pritsche aufsuchen.“

„Aber …“

Sie sah zu dem riesigen Krieger hinauf. „Liam ist schon lange ein Freund unseres Clans. Ich versichere Euch, ich bin nicht in Gefahr.“

Mit einem kurzen Nicken beugte Davin sich über Liam. Seine Hände schlossen sich wie Fleischerhaken um die Arme seiner Last und Liam wurde auf die Füße gezerrt. Die Entfernung zum Feuer war kurz. Es wirkte nur wie eine aufreibende Reise ins Heilige Land. Aber schließlich wurde er vor dem Feuer fallen gelassen wie verdorbene Hirse.

„Seid Ihr sicher–“, setzte Davin an.

„Ich werde in Sicherheit sein“, versicherte Rachel. „Und ich brauche Euch ausgeruht. Geht. Findet Eure Schlafstatt.“ Liam sah zu, wie die riesige Wache sich umdrehte und dann ihren blonden Kopf einzog, um in einem Zelt zu verschwinden.

„Aus welchem Loch ist Davin gekrochen?“, fragte er.

„Mach dir keine Gedanken“, sagte Rachel, wickelte ihre Hand in Wollstoff und nahm einen Topf vom Feuer. „Es scheint, du hast genug, um das du dich sorgen musst.“

„Ist irgendein fetter Earl krankgeworden? Gehört Davin zu ihm?“

Sie goss Wasser in einen Zinnbecher, dann tauchte sie ihre Hand in einen großen Ledertornister und holte eine Rehfelltasche heraus. Sie entnahm ein paar trockene Blätter, ließ sie in den Becher fallen, rührte den Inhalt um und stellte alles beiseite.

„Hat Lord Haldane einen Rückfall erlitten?“, fragte Liam und beobachtete sie genau.

„Als ich den Herzog verließ, war er auf dem Weg der Besserung“, sagte sie und goss die Hälfte des verbleibenden Wassers in eine hölzerne Schale. Sie fügte ein Quäntchen Öl aus einem winzigen Gefäß hinzu, tunkte ein gefaltetes Stück Stoff in die Schale und hob es in Richtung seines Gesichts.

Also war sie nach London gereist, um den Herzog zu pflegen. Er hatte sich gefragt, warum sie so weit von ihrem Zuhause entfernt war. „Auf dem Weg der Besserung?“ Er kniff seine Augen zusammen, während er sie ansah. „Du bist den ganzen Weg nach London gereist, um dich um die Heilung des Herzogs zu kümmern, und bist abgereist, ehe er wieder ganz genesen war?“

Sie sagte nichts.

„Das sieht dir nicht ähnlich.“

Sie berührte seine Lippen mit dem Stoff. Es brannte, aber nicht unerträglich.

„Ich glaube, ich bin weit entfernt von dem Punkt, an dem ich dir gegenüber meine Taten erklären muss, Liam“, sagte sie.

Also verbarg sie etwas. Aber wieso? Um die Wahrheit zu sagen, die Taten der Heiligen Lady waren selten etwas anderes als heilig, außer wenn es um ihn ging. Warum sollte sie jetzt Geheimnisse haben?, fragte er sich. Aber es schien wenig Sinn zu haben, sie geradeheraus zu fragen, denn es war einige Zeit vergangen, dass sie geneigt war, ihm irgendwelche Gefallen zu tun.

„Ah.“ Er beobachtete ihre Augen genau, in der Hoffnung, einen unausgesprochenen Gedanken wahrzunehmen, während er sie ärgerte. „Also triffst du dich mit einem Liebhaber? Ein vertrautes Stelldichein?“

Sie tunkte den Stoff ins Wasser, wrang ihn aus und berührte wieder sein Gesicht damit, um das getrocknete Blut von seinem Kinn zu wischen.

„Weiß dein Vater davon?“, fragte er.

Sie ließ den Fetzen sanft über seine Wange gleiten, dann legte sie ihn zurück in die Schale.

„Zieh deine Tunika aus“, befahl sie trocken.

Er sah sie mit seinem besten schockierten Ausdruck an. „Was würde dein Liebster sagen?“

Sie sah ihn einen Augenblick später mit verärgertem Gesichtsausdruck an. „Er würde sagen, dass ich dich dem Ehemann der dickbrüstigen Schlampe und seinen Schafskopfbrüdern hätte überlassen sollen.“

Liam starrte sie einen Moment lang an, dann lachte er vor beinahe schmerzlicher Erleichterung, denn sie war offensichtlich genauso unbedarft wie eh und je. Die schrecklichen Bilder von ihr in den Armen eines anderen Mannes verblassten langsam. „Du weißt immer noch wenig von Männern, Rachel. Das ist ganz und gar nicht das, was ein Liebhaber sagen würde. Er wäre eifersüchtig. Er würde fragen, was du in dem Iren sahst, dass du ihn unter deine Fittiche nahmst. Vielleicht hätte er sogar von meiner Anziehung auf Frauen gehört und wäre doppelt eifersüchtig. Deshalb muss ich annehmen, dass es keinen Liebhaber gibt. Und außerdem …“, er zuckte mit den Achseln, „ist das nicht deine Art.“

Sie entfernte etliche Verbände aus ihrer Tasche und legte sie neben sich, ehe sie ihren Blick wieder zu ihm hob. „Sag an, Liam, deiner weisen Einschätzung nach, von welcher Art bin ich?“

Ihr Gesicht, so blass wie Elfenbein und vollkommen wie das einer Prinzessin, schien sich wenig verändert zu haben, seit dem Moment, in dem er sie im Schloss ihres Vaters kennengelernt hatte.

„Du bist von der Sorte, die heiratet“, murmelte er.

Ihr Blick, so scharf wie geschliffener Amethyst, verweilte für den Bruchteil eines Augenblicks in seinem, dann schnellte er herab, während ihre Finger irgendein übles Gebräu zusammenmischten. „Das wird mir immer wieder gesagt.“

Die Anspannung in seinen Eingeweiden, die sich gerade erst gelegt hatte, kehrte hundert Mal so schlimm zurück, als das Bild von ihrem nackten Körper zurückkam. Nackt und wollüstig wand sie sich in den Armen eines anderen Mannes, ihre teuflischen Lippen geöffnet, während sie einen unbekannten Namen summte. „Von wem?“, fragte er, und musste sich zu der Frage zwingen.

„Von dem Mann, den ich heiraten werde“, sagte sie.

Kapitel 2

„Du bist jemandem versprochen?“, fragte Liam. Seine Stimme klang zwanglos, wie er mit Freude feststellte, aber seine Eingeweide hatten sich zu etwas verknotet, das Ähnlichkeiten mit einem grausamen Seemannsknoten hatte.

Sie sagte nichts, ihr Ausdruck war unlesbar, ihre Finger bewegten sich rasch.

„Rachel“, sagte er, und zwang das Wort etwas zu scharf heraus.

„Ich bin keine errötende Maid.“ Sie blickte rasch auf. „Ich bin 25 Jahre alt. Es wird langsam Zeit, dass ich heirate.“

Liam biss die Zähne zusammen und überlegte, ob er ein Lächeln versuchen sollte, aber er war ein Mann, der seine Grenzen kannte, und ein Lächeln lag gerade weit außerhalb seiner Möglichkeiten. Der Knoten wurde fester.

„Wen?“, fragte er mit leiser Stimme.

„Das geht dich nichts an.“

Nay. Das tat es nicht. Das tat es nicht. Aber … Heilige Scheiße! Seine Eingeweide schmerzten. Er stand mit einem Ruck auf und schwelgte einen Augenblick lang in dem belebenden Schmerz.

„Jemand, den ich kenne?“, fragte er.

„Das ist schwer zu sagen.“

„Also dahin bist du so eilig unterwegs“, sagte er und beobachtete ihr Gesicht. „Und der Hüne? Dieser Davin. Gehört er zu deinem … Verlobten?“

Sie hob ihr Kinn. „Ich schätze, du würdest mir nicht glauben, wenn ich sagte, dass es Davin ist, den ich heiraten werde.“

Sie hatte schon immer einen bissigen Sinn für Humor gehabt, wenn es zu ihrer Stimmung passte. Aber ihn glauben zu lassen, sie würde sich mit jemandem einlassen, dessen Stand nur wenig höher war als sein eigener, war grausam bar jeder Worte. Obwohl er mit seiner ganzen fehlgeleiteten Seele hoffte, dass sie dieses Gefühl nicht bemerkte.

„Ich habe mir dich immer mit jemand anderem vorgestellt“, sagte er mit erzwungener Höflichkeit.
„Ach?“

„Aye. Jemand, der zur selben Zeit atmen und sprechen kann“, sagte er.

„Und das von einem Dieb, der in Rainich ein Plaid trägt.“

„Und warum sollte ich das nicht?“, fragte er.

„Weil es ihnen nur einen weiteren Grund gibt, dich zu verprügeln, und das weißt du sehr wohl“, fauchte sie.

Ah, ja. Vielleicht war das der dritte Grund, in England ein Plaid zu tragen. Aber es hatte entscheidende Vorteile, wenn man sich an seinen Platz im Leben erinnerte. Er wandte seinen Blick von ihrem Gesicht ab.

„Und dieser Sporran“, fügte sie hinzu und warf einen finsteren Blick auf die Tasche, die um seine Hüfte hing. Aus feiner Tierhaut gefertigt und mit langen Quasten aus schwarzem Pferdehaar, war er eine prahlerische, gälische Zurschaustellung, die ihm beinahe bis zu den Knien hing. „Musst du stets ein Spektakel aus dir machen, Liam? Musst du stets das leuchtendste Plaid tragen, den größten Sporran? Hast du so viele Münzen gestohlen, dass du mehr Platz brauchst, um sie herumzuschleppen?“

„Du bist selbst Schottin und kennst nicht den wahren Zweck des Sporrans? Er ist nicht da, um den Wohlstand zu verbergen, sondern den Schwanz.“ Sie hatte die Veranlagung, den Teufel in ihm zum Vorschein zu bringen, obwohl ihre Cousine Shona stets gesagt hatte, dass das nicht unbedingt eine schwere Aufgabe war. „Und deshalb …“, sagte er, ließ seine Hand abwärts gleiten, um auf die ungewöhnlichen Größenverhältnisse des Sporrans hinzuweisen, und grinste, „… seine massive Größe.“

Sie starrte ihn an, ihr Blick ausdruckslos. „Zieh deine Tunika aus“, befahl sie.

War sie nicht einmal schockiert von seiner Sprache? Sie war eine Lady! Einfältig, sanft, zierlich. Und erfahren? Die Möglichkeit schickte winzige Splitter des Schmerzes durch ihn hindurch. „Ich weiß, du bist in Versuchung, Mädel“, sagte er und blickte sie finster an. „Aber ich versichere dir, ich brauche nicht …“, setzte er an.

Sie trat vor, ihre Lippen geschürzt, ihre Bewegungen flink, als sie den Lederstreifen berührte, der seine Tunika im Nacken zusammenschnürte. Ihre Finger streiften seine Kehle. Liam biss die Zähne vor den schneidenden Empfindungen zusammen, die ihn vom Hals bis zum Schritt aufschlitzten. „Ich tue es“, sagte er und wischte ihre Hand beiseite.

Sie trat langsam zurück. Liam zwang seine Finger dazu, seinen Anordnungen Folge zu leisten, löste seine Zinnbrosche und zog die Enden seines Hemds aus dem Plaid. Schmerzende Splitter breiteten sich in alle Richtungen aus.

„Heb deine Arme.“ Es war ein Befehl, gegeben von einer Lady an ihren Untertan.

Wenn er den Verstand einer Rübe gehabt hätte, hätte er sich geweigert, aber sie war ihm zu nah, als dass er irgendeine Art männliche Tapferkeit hätte aufbringen können.

Er hob unter Anstrengung seine Arme. Sie packte den Saum seiner Tunika und zog sie vorsichtig aufwärts. Ihre Knöchel glitten über seine Rippen und seine Brust, dann hielten sie inne. Ihr Blick, leuchtend wie flüssiges Feuer, begegnete seinem. Erinnerungen an verbotene Träume stürmten durch Liams Gedanken. Träume an cremefarbene Haut, schaudernde Liebkosungen, das Seufzen seines Namens auf ihren lieblichen Lippen.

Aber die Wirklichkeit hinkte nur einen Augenblick hinterher. Er verschränkte die Arme vor der Brust, schlug ihre Hände beiseite, packte die Tunika und zog sie über seinen Kopf, dann riss er die Arme abwärts und verspürte krachend genugtuenden Schmerz.

Sie hatte sich bereits fortbewegt, um sich ans Feuer zu kauern.

Stille machte sich breit. Der Knoten in seinen Eingeweiden lockerte sich so weit, dass er atmen konnte.

„Gewiss würde dein …“ Einen Augenblick lang konnte er kein akzeptables Wort finden, um den Mann zu beschreiben, den sie offenbar zu heiraten gedachte, aber er schalt sich als tausendfachen Narr und fuhr fort. „Gewiss würde dein Liebhaber es dir übelnehmen, wenn er hiervon wüsste.“

„Wovon?“

„Von …“ Liam gestikulierte atemlos in Richtung seiner nackten Brust, aber sie zuckte nach einem kurzen Blick mit den Schultern, als ob es dort nichts gäbe, was auch nur von entferntestem Interesse wäre. Aber es war nicht immer so gewesen. Himmel, nein. Er konnte sich an eine Zeit erinnern … Er schob dem Gedanken voll wilder Panik einen Riegel vor. „Er könnte Anstoß daran nehmen“, sagte er heiser. „An dir und mir.“

„Mein Laird weiß, dass ich einen Ruf zum Heilen verspüre. Er verübelt mir das nicht.“

„Wahrlich?“ Er schnaubte. „Wie galant von ihm.“

„Aye.“

„Es sieht den Engländern nicht ähnlich, so nobel zu sein.“

„Ich habe nicht gesagt, er sei Engländer. Setz dich hin.“

Er blieb, wie er war. „Ein Lowlander also. Ich hätte nicht gedacht, dass dein Vater das erlauben würde.“

„Setz dich hin“, sagte sie erneut. „Ich habe nicht die Absicht, dich stehend in Ohnmacht fallen zu sehen.“

„Hast du nicht?“

Sie sah schließlich auf, ihr Ausdruck verärgert. „Du verwechselst mich mit dem Mädel, das ich einst war“, sagte sie und hob ihm einen Becher entgegen. „Trink das.“

Er ignorierte ihren Befehl. „Also hast du dich verändert, seitdem du das letzte Mal meine Pritsche mit Nesseln bedeckt hast?“

Sie lachte. Der Klang war kurz und rasch. Aber er bildete sich ein, eine singende Spur der Anspannung zu hören. „Es ist über zehn Jahre her, dass ich so Rache an dir geübt habe, Liam. Ich hatte es fast vergessen.“

„Ich nicht. Und obwohl du mich für einen Tölpel halten magst, bin ich schwerlich ein solcher Narr, deinem bösen Gebräu zu vertrauen.“

„Dann werde ich dich von Davin festhalten lassen, während ich es dir einflöße.“

Er schnaubte. „So anmutig wie eh und je, wie ich sehe“, sagte er und setze sich hin, denn um die Wahrheit zu sagen, war es nicht unwahrscheinlich, dass er ohnmächtig werden würde. Und das würde die heilige Rachel nie vergessen. „Weiß der gute Graf von deinem wahren Temperament?“

„Ich habe nicht gesagt, dass er ein Graf ist“, sagte sie und stieß ihm den Becher in die Hand. „Trink alles auf einmal.“

Liam blickte in den Trank. „Etwas zerriebener Fledermausflügel?“

„Speichel von der Zunge einer schwarzen Natter.“

Er blickte argwöhnisch auf, aber sie legte lediglich einen Finger an die Unterseite des Bechers und presste ihn fest an seine Lippen. „Es ist nichts außer etwas Silberweide und Mädesüß. Wahrlich, Liam, ich habe dich nie so leichtgläubig erlebt.“

Er blickte finster drein. Das Gebräu roch bestenfalls widerlich. „Und was ist mit deinem Marquess? Ich vermute, er fällt nie auf deinen Scharfsinn herein?“

„Ich kenne keinen Marquess“, sagte sie und kippte den Inhalt des Bechers über seine Lippen.

Liam schauderte, als er an den Geschmacksknospen vorbei seine Kehle hinabfloss. Schließlich war der Becher leer und er sagte: „Du kannst dich noch nicht um seine Wunden gekümmert haben, wenn er dich immer noch zu heiraten gedenkt.“

„Er war noch nicht so närrisch, dass er verletzt wurde“, sagte sie und berührte mit einem Stofffetzen die Wunde an seiner Brust.

Seine Muskeln zuckten, als sie das Blut fortwusch.

„Eine Wunde, die sich wieder geöffnet hat?“, fragte sie.

„Aye.“ Das war alles, was er für den Moment zustande brachte. Aber bald ließ sie den Fetzen zurück ins Wasser fallen, und er konnte wieder atmen.

„Also ist dein Liebster kein großer Kämpfer“, schloss er einen Moment später.

Die Wälder waren einen Augenblick lang still, dann fragte sie sanft: „Warum willst du das wissen, Liam?“

„Simple Neugier.“ Er schaffte es, mit den Achseln zu zucken. „Nichts weiter.“

„Wenn ich dir von ihm erzähle, hörst du dann auf, mich zu bedrängen?“

Er nickte.

„Laird Dunlock residiert einige Wegstunden nördlich von hier. Er ist kein junger Mann, und er ist auch nicht sonderlich wohlhabend. Aber er ist ein guter Mann – gütig und weise. Es ist ein paar Jahre her, dass er um meine Hand angehalten hat.“ Sie berührte seine Brust, um vorsichtig Salbe auf seine Wunde zu streichen.

„Und du hast eingewilligt?“ Liam bekam es nicht recht hin, seine Stimme lauter klingen zu lassen als ein Flüstern.

„Warum sollte ich nicht?“

Ihre Finger fühlten sich an seiner Haut so sanft wie Federn an, peinigten ihn, erinnerten ihn an tausend Momente, die er in ihrer Gesellschaft verbracht hatte.

„Es gibt keinen Grund“, sagte er.

Sie nickte, während sie nach einem Verband griff. Sie legte das Ende auf seine Wunde und lehnte sich vor, um den Rest um seine Brust zu wickeln. Ihr Geruch erfüllte seinen Kopf und beschwor eine Menge alter Bilder von ihr herauf, wie sie mit ihren Cousinen lachte, als sie ihre albernen Kunststücke beim Reiten übten, und ernst, als sie einen kränklichen Säugling an ihre Brust drückte.

Ihre Finger streiften seine Schulter, seinen Arm und die angespannten Muskeln seiner Brust. Schauer durchfuhren ihn. Er zwang sich, reglos unter ihrer Berührung zu verharren.

„Keinen Grund, warum du nicht heiraten solltest“, wiederholte er.

Sie sah auf, ihre Gesichter nur einige Zoll voneinander entfernt. „Es tut so gut zu wissen, dass ich deine Zustimmung habe, Liam“, sagte sie. Sie ließ sich nieder und ergriff seinen Arm. Entlang des Bizeps war ein Kratzer, aber er war nicht tief. „Ich würde das nähen, aber ich wäre nicht hier, um die Nähte zu entfernen, und ich kann nicht darauf vertrauen, dass du es ordentlich machst.“

„Ich bin also nicht in die Besitztümer deines Verlobten eingeladen?“

„Nay.“ Sie sah nicht von ihrer Arbeit auf. „Bist du nicht.“

„Es sieht dir nicht ähnlich, so selbstsüchtig zu sein, Rachel.“

Sie befestigte den Verband.

Ihre Blicke trafen sich. Tausend Wahrheiten rasten durch seine Gedanken. Tausend Bitten. Tausend Entschuldigungen. Aber trotz allem war sie immer noch die hochmütige Tochter eines Highland Lairds, und er war immer noch ein Bastard.

„Gibt es irgendetwas anderes, um das ich mich kümmern sollte?“ Ihre Stimme klang heiser, so wie sie während der Qualen der Leidenschaft klingen würde, ihre geschickten Hände gegen die Hitze seines Fleisches gepresst, und ihre …

„Aye, gibt es“, krächzte er, und rang darum, seine Gefühle in den Griff zu bekommen, ein Mindestmaß an Kontrolle zu erlangen. „Aber dein Verlobter könnte beleidigt sein, wenn ich es dir zeige.“

Sie erhob sich rasch und wandte sich ab. Liam presste seine Augenlider zusammen und versuchte zu bleiben, wo er war, aber es gab wenig Hoffnung.

Einen Moment später stand er, folgte ihr und bewegte sich fort vom flackernden Feuerschein.

Am Ufer des vorbeirauschenden Flusses kniete sie sich hin, um ihre Hände zu waschen, und blieb dort für einen Augenblick, ehe sie sich erhob und über den breiten Strom blickte.

„Ich werde dich nicht aufhalten, wenn du die Notwendigkeit verspürst, uns heute Nacht zu verlassen“, sagte sie, ohne sich zu ihm umzudrehen.

„Ich dachte, es wäre deine Pflicht als Heilerin, darauf zu bestehen, dass ich mich ausruhe und genese. Wieso hast du es so eilig, dass ich verschwinde?“

Jetzt wandte sie sich um, ihr Gesicht halb beschattet und halb vom Mondlicht erhellt. „Wie du richtig sagtest, mein Laird könnte sehr wohl eifersüchtig sein. Ich würde nicht wollen, dass er dich herausfordert, nur weil du so einfältig warst, der Frau eines Schweinebauern einen unsittlichen Antrag zu machen und dabei verwundet wurdest.“

„Darf ich hoffen, dass du dich um mich sorgst?“, fragte er und hoffte, dass seine Stimme einigen Sarkasmus nahelegte.

„Obwohl ich es nicht verstehe, hat meine Mutter dich recht gern. Es wäre eine schwere Prüfung, ihr zu erzählen, dass du von meinem eigenen Verlobten in tausend Streifen geschnitten wurdest.“

„Also ist er ein fähiger Schwertkämpfer?“

„Nicht sonderlich“, sagte sie. „Aber ich habe deine Fähigkeiten in diesem Feld gesehen.“

„Der Verstand mancher Männer ist schärfer als jede Klinge“, sagte er.

„Aye, ich habe gesehen, wie listig du den Ehemann und seine Brüder abgewehrt hast.“

Er bekam ein Achselzucken hin. „Ich kann nichts dafür, wenn eine Maid sich an mich schmeißt.“

„Und ich kann nichts dafür, wenn du dich töten lässt, weil du Frauen hinterherschaust“, fauchte sie und wandte sich ab, um am Ufer entlangzugehen.

Liam sagte sich tausend Mal, dass er ins Lager zurückgehen, seinen stolzen Wallach holen und verschwinden sollte.

Einen Augenblick später hatte er sie eingeholt.

„Also dieser Dunlock“, setzte er an. „War er schon mal verheiratet?“

„Das geht dich nichts an.“

„Ich frage es mich lediglich.“

Sie öffnete den Mund, als wolle sie ihn schelten, aber schließlich nickte sie. „Aye, er wurde vor einigen Jahren Witwer.“

„Eine kurze Zeit der Trauer“, sagte er.

„Was?“

„Er hat vor einigen Jahren um deine Hand angehalten“, sagte er. „Es ist unziemlich, dass er nicht etwas Zeit damit verbracht hat, um seine Frau zu trauern.“

„Es ist schwerlich deine Aufgabe, die Moral anderer Leute zu bewerten, Liam“, sagte sie und wandte sich von ihm ab.

„Ich sorge mich lediglich um dein Wohlergehen und–“

„Du sorgst dich ganz und gar nicht um mich“, entgegnete sie erregt. „Du quälst mich lediglich. Und warum, frage ich mich. Wieso bestehst du darauf, mich zu quälen?“

Weil sie ihn dazu veranlasste, in Gedanken erbärmliche Poesie von sich zu geben, weil sie dafür sorgte, dass er nicht schlafen konnte, dass er sich heiß und missmutig fühlte. Weil sie ihn an hundert Stellen denken ließ, die er gerne küssen und liebkosen würde. Aber er war kein solcher Narr, ihr das zu sagen. Also öffnete er den Mund, um zu lügen, aber in diesem Moment sah er etwas in seinem Augenwinkel aufblitzen. Er drehte sich in die Richtung und dachte einen Augenblick lang, dass es nichts weiter als der Schein verirrten Mondlichtes auf den Wellen war. Aber einen Moment später holte er Luft.

„Heilige Scheiße“, flüsterte er.

„Was ist?“

Liam zwang seinen Blick vom Ufer fort. „Es ist nichts.“

Sie blickte ihn finster an, dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit langsam zum Hochwasser des Flusses. „Was …“, setzte sie an, aber ihre Worte brachen ab und sie rang sanft nach Luft, als sie den silbernen Schimmer unter den vorbeieilenden Wellen bemerkte.

„Es ist nichts“, krächzte Liam erneut, aber sie schritt bereits darauf zu. Er raste ihr hinterher und packte direkt am Ufer ihren Arm. „Rachel!“

„Was?“ Sie waren nur wenige Zoll voneinander entfernt, standen Angesicht zu Angesicht.

Furcht packte ihn, Furcht so stark und scharf wie das Zweihandschwert eines Schotten. „Fass es nicht an.“

Sie starrte ihn mit geweiteten Augen und geöffnetem Mund an, als sie sich wieder zum Fluss wandte. „Was nicht anfassen? Was ist es?“

„Es ist … ein schlechtes Omen“, stammelte er.

Sie starrte ihn an, dann auf das Schimmern unter den Wellen, lachte und befreite ihren Arm aus seinem Griff.

„Wahrlich, Liam? Ein schlechtes Omen?“, fragte sie, schob ihren Ärmel hoch und griff ins Wasser.

Die Wellen schien sich für einen Augenblick in flüssiges Silber zu verwandeln, dann ruhte das Schimmern in ihrer Hand. Selbst in der Dunkelheit, schon im ersten Moment, in dem er es sah, wusste er, was es war. Wusste es in seinem Herzen. In seinen Eingeweiden. In seiner Seele, so er noch eine besaß.

„Dragonheart!“, flüsterte Rachel.

Liam schloss die Augen. Furcht wurde zu Schrecken.

„Liam, es ist Dragonheart“, sagte sie, in ihrer Stimme lag Erstaunen. „Aber …“ Sie schüttelte den Kopf und ließ einen Finger über die Rubin-Brust des Drachen gleiten. „Das kann nicht sein. James hat es vor vielen Monaten im Beith Burn verloren. Wie sollte es hierhergekommen sein?“

Er sagte nichts. Der Knoten in seinen Eingeweiden war so fest geworden, als würde er von ringenden Kriegern festgezurrt.

Rachel wandte sich zu ihm um. „Vielleicht ist es flussabwärts gespült worden. Es könnte sein, dass der Beith sich irgendwo mit diesem Fluss verbindet“, sagte sie und blickte finster drein. „Bist du nicht überrascht, es zu sehen?“

Er wünschte, er könnte es sein. Wünschte es mit jeder Faser seines Körpers. Aber dafür wusste er zu viel, hatte zu viele Jahre damit verbracht, die Wahrheit herauszufinden.

„Liam“, sagte sie und neigte ihm ihren Kopf zu. „Bist du nicht froh, es zu sehen? Es gab eine Zeit, da hast du dich nicht von ihm getrennt.“

„Das ist lange her“, sagte er ernst.

„Es scheint, als sei es zu dir zurückgekehrt“, sagte sie und hob ihm das Amulett entgegen.

„Es ist nicht für mich!“, fauchte er und wich einen Schritt zurück.

Sie starrte ihn an, ihre Augen so unheimlich wie die unerklärliche Anwesenheit des Drachen.

„Du hast doch keine Angst vor einem bisschen Metall und Edelstein, oder, Liam?“

„Nay“, sagte er, aber versagte beim Versuch, seinen Blick davon abzuwenden.

„Könnte es sein, dass du angefangen hast, deine eigenen wilden Geschichten zu glauben?“

Wilde Geschichten! Wenn sie es nur wären. Tatsächlich hatte er einst geglaubt, dass die Geschichten, die er verbreitete, eben nur das waren. Es gab, wie sich herausstellte, nur wenige Dinge, die furchteinflößender waren als festzustellen, dass die eigenen Lügen nichts anderes waren als scheußliche Wahrheiten.

„Seine Gegenwart hier ist seltsam. Aber ich bin sicher, dass es eine Erklärung gibt. Dennoch, wenn es dich quält, kann ich es gerne ins Wasser zurückschicken“, sagte sie und holte aus, als wolle sie es ins Wasser werfen.

„Nay!“, krächzte er und stürzte vor. Aber sie hatte die Bewegung ihres Arms bereits beendet und starrte ihn an. „Nay“, wiederholte er, räusperte sich und kam sich närrisch vor.

Es stimmte, das Drachenamulett war vor langer Zeit von einem Mann erschaffen worden, der für seine mystischen Kräfte bekannt war, und es stimmte, dass seltsame Dinge geschahen, wenn es in der Nähe war. Aber Rachel zu sagen, dass er sicher war, es sei aus eigener Kraft zu ihnen gekommen, lag irgendwie außerhalb seiner Fähigkeiten.

„Ich denke nicht, dass es weise wäre, es loszuwerden“, sagte er stattdessen.

„Und warum das?“ Da war etwas in ihrer Stimme. War es Gelächter?, fragte er sich, und sagte nichts.

„Warum sollte ich es nicht loswerden?“, fragte sie.

Er biss die Zähne zusammen und blieb still. Sie hielt ihn bereits für einen Narren, wieso sollte er sie darin bestätigen?

Schließlich holte sie mit einem Schulterzucken erneut aus, als wolle sie es werfen.

„Es ist deinetwegen gekommen“, platzte er heraus.

Selbst in der Dunkelheit konnte er die Überraschung auf ihrem Gesicht sehen. Was immer sie von ihm zu hören erwartet hatte, das war es nicht gewesen.

„Und es wusste, dass ich hier vorbeikommen würde? Das Amulett wusste es und hat deswegen sichergestellt, dass es meinen Weg kreuzen würde?“

Nein. Er hatte zu viel herausgefunden, um zu glauben, dass Glück eine Rolle spielte. Dragonheart hatte Rachel zu ihm, Liam, gerufen. Aber er war schwerlich bereit, ihr das zu sagen. „Vielleicht“, sagte er stattdessen.

Einen Moment lang schien sie bar jeder Worte schockiert zu sein. „Vielleicht wusste es, dass du hier vorbeikommen würdest. Vielleicht bist du derjenige, bei dem das Amulett sein wollte.“

„Nay. Es bevorzugt Mädels.“

Sie lachte laut. „Wenn ich dich nicht so gut kennen würde, müsste ich beinahe denken, dass du das glaubst, Liam.“

Er würde eine Riesensumme dafür geben, es nicht zu glauben, aber darauf konnte er nicht hoffen. Rachels Cousine Sara hatte das Amulett eine Weile lang besessen. Sie hatte es verloren, und einige Monate später war es von Shona gefunden worden, weit entfernt von dem Ort, an dem es verschwunden war. Und während der Zeiten, in denen die Frauen es besessen hatten, hatte es nichts als Mühen gegeben. Nichts als Drangsal, Schrecken und Tod.

Liam erschauderte beim Gedanken daran und sagte nichts.

„Wenn es gescheit genug ist, mich zu finden, muss es auch so gescheit sein zu wissen, dass ich hierfür keine Zeit habe“, sagte Rachel. „Mit dem ersten Licht des morgigen Tages muss ich auf dem Weg sein, und du …“ Sie hielt inne. „Du wirst wieder dazu übergehen, den Frauen anderer Männer unsittliche Angebote–“

„Nay!“ Er sprach ohne zu denken, die Ablehnung wurde von seinen Lippen gerissen.

„Was?“

„Ich werde nicht gehen“, sagte er. „Ich werde mit dir reisen.“

Kapitel 3

Rachel schloss die Finger um das warme Gewicht des Drachenamuletts und starrte Liam an. Der Mond war wieder verborgen, aber die Dunkelheit schaffte es nicht, die Heftigkeit seines Blicks abzuschwächen. Es waren seine Augen, die seit dem ersten Moment, da sie ihn getroffen hatte, an ihrer Seele zerrten. Fürwahr, es waren seine Augen, die dafür verantwortlich waren, dass sie sich wieder und wieder wie eine Närrin verhalten hatte. Aber damit war jetzt Schluss.

„Du hast vor, mich auf meiner Reise zu begleiten?“, fragte sie. Hochmut war ihr Geburtsrecht. Sie hatte ihn am Hofe von King James verfeinert und war sich nicht zu schade, ihn wie einen wohl geschärften Dolch einzusetzen, wenn es die Situation erforderte. Und das war jetzt der Fall. Er starrte sie an, schwieg einen Moment lang, dann sagte er: „Zu mehreren ist man sicherer.“

Nicht wenn er einer davon war.

„Also sorgst du dich plötzlich um deine Sicherheit?“, zweifelte sie und stellte sicher, dass ihre Stimme kühl klang. „Nachdem du den Großteil zweier Dekaden alleine gereist bist?“

Wieder seine Augen, so intensiv wie die Mitternachtsstunde. „Vielleicht sorge ich mich um dich“, sagte er.

„Mich?“ Sie konnte nicht anders als zu lachen, denn sie hatte vor lange Zeit herausgefunden, dass Liam der Ire sich um niemanden sorgte, außer sich selbst. „Du sorgst dich um mich? Während ich von den besten Wachen des Falken umgeben bin?“

„Der Falke!“

Rachel fluchte im Stillen. Es hatte wenig Sinn zu versuchen, eine feine Lüge zu spinnen, wenn sie den Faden nur Augenblicke später reißen ließ. Aye, Liam mochte so ich-bezogen sein wie ein Stein, aber er war nicht so dumm wie einer. Scharfsinn, Fingerfertigkeit und ein entschiedener Mangel an Moral hatten all die Jahre seit dem Tod seiner Mutter sein Überleben gesichert. Sie musste aufpassen, was sie sagte, oder mit den Konsequenzen leben.

„Davin gehört zum Falken?“, fragte Liam und machte einen Schritt auf sie zu. „Ich dachte, er wäre eine Wache von Dunlock.“

„Ich fürchte, das hast du missverstanden.“ Tatsächlich war sie nicht sicher, was sie gesagt hatte, sie war eine schrecklich schlechte Lügnerin. Ihre Cousine Shona versuchte ihr zu helfen, was das betraf, und eine Zeit lang hatte Rachel versucht, etwas Wissen von Liam zu erlangen, dem Meister der Lügen. Aber sie war hoffnungslos ehrlich zur Welt gekommen. Selbst ihre Mutter, Lady Fiona, die mehrere Jahre in einem Kloster verbracht hatte, hatte ein gewisses Talent dafür, Missverständnisse zu erzeugen. Rachel hatte sich stets einigermaßen betrogen gefühlt, weil sie das starre Ehrgefühl ihres Vaters geerbt hatte.

„Also hat der Falke die Wachen geschickt?“, fragte Liam, der sich in diese Information verbissen hatte wie ein Hund in einen Knochen.

„Aye.“ Es war eine zu kurze Antwort. Sie wusste genug übers Lügen, um zu begreifen, dass man eine Sache etwas ausschmücken musste, während man darauf achtete, nicht zu weit zu gehen. Sie hatte es nur nie verstanden, wie man diese vollkommene Mischung der Unehrlichkeit hinbekam. Die Wahrheit war so erbärmlich verführerisch für sie. Sie wünschte sich jetzt, sich nie auf diesen Pfad der Unehrlichkeit begeben zu haben, aber Liams selbstgefällige Überzeugung, dass sie keinen Liebhaber habe, hatte eine kindische Verärgerung in ihr wachgerüttelt, die sie vor langer Zeit zur Ruhe gebettet hatte.

„Wieso?“, fragte Liam. „Ich hätte gedacht, dass dein Verlobter selbst kommen würde, um seine Braut abzuholen, oder wenigstens seine eigene Eskorte schicken würde. Und was ist mit deinem Vater? Hat er nicht–“

„Beschäftigt.“ Das einzelne Wort eilte ihr über die Lippen, als wäre es Gift. Hochmut hätte sie fertigbekommen. Aber lieber Gott, ihr Versuch, hinterhältig zu sein, war jämmerlich.

„Was?“

„Vater ist beschäftigt.“

„Zu beschäftigt, um sich um die Sicherheit seiner einzigen Tochter zu kümmern?“ Liam neigte ihr seinen Kopf zu, als könne er in ihren Augen die Wahrheit lesen. Aber das war ihre Rolle, und sie verübelte es einem Anfänger wie ihm, zu versuchen, in ihren Gedanken herumzupfuschen. „Das klingt nicht nach dem Laird Leith, den ich kenne. Hätte er nicht Harlow schicken können? Und was ist mit dem Schelm? Dein Onkel Roderic hat dich seit dem Tag deiner Geburt verhätschelt. Hat er keinen einzigen Mann gesandt? Bullock oder–“

„Hör mir zu, Liam“, unterbrach sie verzweifelt. „Vielleicht hast du nichts Besseres zu tun, als herumzustehen und die Taten meiner Familie zu debattieren. Aber ich habe diesen Luxus nicht. Wenn du das Drachenamulett nicht willst, werde ich es einfach …“ Sie öffnete ihre Finger, um ihn abzulenken, indem sie es ins Wasser zurückwarf, aber das Rubinherz des Drachen leuchtete im Mondlicht unvergleichlich hell. „Werde ich es einfach … eine Zeit lang tragen“, sagte sie und legte es sich, ohne einen Moment darüber nachzudenken um den Hals.

Das Gewicht dort fühlte sich angenehm richtig an.

„An deine Brust.“

„Was?“ Sie blickte auf, angezogen vom karmesinroten Licht des Drachen.

Liam räusperte sich. „Trage es unter deinem Kleid. An deiner … Haut.“

Sie hatte vor, ihn zu verhöhnen, stellte aber fest, dass sie das Amulett bereits unter ihr Mieder steckte.

Sie zog ihre Hand mit einiger Anstrengung zurück und wandte sich ihm wieder zu. „So, fertig“, sagte sie und versuchte, zwanglos zu klingen. „Bist du zufrieden, Liam, jetzt da diese Narretei beendet ist? Wirst du dich auf den Weg machen?“

Er schien angespannt, als ob er einen inneren Kampf ausfocht. „Ich gehe, wohin du gehst.“

„Das wirst du nicht.“ Enttäuschung durchfuhr sie wie eine heiße Lanze. Es war schlimm genug, dass er überhaupt aufgetaucht war, ihren Frieden störte und tausend Erinnerungen heraufbeschwor, die besser vergessen blieben. Aber darauf zu bestehen, ihr zu folgen, war zu viel um es zu akzeptieren. Er würde alles verderben. Würde … Nun, er würde mindestens herausfinden, was für eine unglaublich schlechte Lügnerin sie war, wenn er sie begleitete. „Du bist nicht eingeladen, Liam“, sagte sie und beruhigte ihre Stimme. „Und ich habe keine Ahnung, warum du mitzukommen wünschst.“

Einen Moment lang schien er beinahe mit sich zu ringen, dann grinste er, und der schelmische Ausdruck schnitt eine Wunde voller Erinnerungen in ihre Gedanken. „Vielleicht habe ich den Wunsch, zu sehen, wen die Heilige Lady zu heiraten gewillt ist – dieses Mal.“

Es stimmte, dass sie mehr als einmal verlobt gewesen war. Aber jedes Mal hatte sie etwas aufgehalten, eine bevorstehende Geburt, ein krankes Kind. Ihre heilerischen Fähigkeiten waren sehr gefragt. Es waren diese Fähigkeiten, die ihr in den wilden Hügeln ihrer Heimat sowohl Ehre als auch Respekt eingebracht hatten. Sie hatten ihr außerdem gewisse Verantwortungen übertragen, die sie nicht ignorieren konnte, nur um verheiratet zu werden. „Ich stimme deiner Begleitung nicht zu.“

„Und ich lasse dich nicht dein Leben riskieren.“

„Wieso?“

Er machte sich gerade, als wäre er geohrfeigt worden. „Ich schulde deinen Eltern eine Menge.“

„Dann geh und stiehl ein unbezahlbares Geschenk.“

„Und dir soll ich erlauben, deine Haut zu riskieren, um irgendeinen …“, er gestikulierte wütend, während er nach Worten suchte, „Edelmann zu retten, den du noch nicht einmal kennengelernt hast.“

Sie öffnete den Mund, um etwas zu entgegnen, erkannte aber plötzlich seine Schlussfolgerung. „Ich gehe nicht, um irgendjemanden zu retten“, sagte sie. „Ich gehe, um bei meinem … Verlobten zu sein.“

Er verharrte einen Moment lang in stiller Anspannung, dann sagte er: „Aye. Natürlich tust du das.“ Liam trat auf sie zu. Sie spürte seine Anspannung wie einen anschwellenden Strom. „Er muss selbst ein regelrechter Heiliger sein, wenn du dich so beeilst, bei ihm zu sein.“

„Aye.“ Sie zwang das Wort heraus. „Das ist er.“

„Dann wird er gewiss nichts dagegen haben, wenn ich ihn kennenlerne.“

„Im Gegenteil. Ich habe etwas dagegen.“

„Wieso?“

„Weil …“ Weil es keinen Geliebten gab, und jetzt würde sie es vorziehen, mit verfaultem Obst beworfen zu werden, statt ihm die Wahrheit zu sagen. „Weil ich dich kenne, Liam. Du verursachst nichts als Ärger.“

Er trat noch näher. „Welche Art von Ärger?“

„Du lenkst … meine Wachen ab.“

„Wenn sie sich so leicht ablenken lassen, behaupte ich, dass du eine weitere gut gebrauchen kannst, damit du auf deinen Reisen sicher bist.“

„Und ich soll dich bitten, deine Pflichten zu vernachlässigen, nur damit du dich um meine Sicherheit kümmern kannst? Das könnte ich nicht.“

„Ich bestehe darauf.“

„Ich weigere mich.“

„Dann folge ich dir. Aber denk darüber nach. Ich werde in Gefahr sein, gewiss bin ich in eurer Mitte sicherer.“

Zum Teufel mit ihm und seiner verschlagenen, irischen Art. „Und du denkst das sorgt mich, Liam?“

Seine Augen waren in der Dunkelheit so unheimlich wie die einer Katze. „Aye, das tue ich, Rachel. Ich denke, du kannst nicht anders, als dich zu sorgen. Sogar um mich.“

„Du liegst falsch.“

„Warum hast du dann nicht zugelassen, dass die vier Brüder mich verprügeln?“

„Ich …“ Bei der Erinnerung wurde ihr schlecht, beim Gedanken an das Geräusch, das ihre Fäuste gemacht hatten, als sie auf sein Fleisch trafen. „Ich wusste nicht, dass du es bist.“

„Jetzt weißt du es“, sagte er. „Und jetzt schulde ich dir einen Gefallen. Ich bestehe darauf, meine Schulden zu bezahlen.“

Sie öffnete den Mund, um dagegenzuhalten, aber er hatte sich bereits umgedreht und war in die Dunkelheit verschwunden.

Irgendwann in der Nacht begann es zu regnen. Gegen Morgen war das Lager ein Sumpf, die Männer waren gereizt und die Pferde unruhig. Der Fluss, dessen Wasser bereits zuvor hoch stand, griff mit schiefergrauen Wellen nach ihnen.

Rachel frühstückte kalte Haferfladen in Davins Zelt.

„Es ist Eile geboten“, sagte sie und steckte die Hände in ihre übergroßen Ärmel. „Das wisst Ihr so gut wie ich, Davin.“

„Der Fluss führt Hochwasser.“

„Hochwasser!“ Liam, der nie nur deswegen abwesend war, weil man ihn nicht eingeladen hatte, betrat das Zelt und richtete sich etwas auf. „Der Fluss ist Selbstmord. Gewiss hast du nicht vor, ihn hier zu überqueren, oder, Rachel?“, fragte er.

„Das wäre am schnellsten“, sagte sie. Ohne darauf zu achten fiel ihr auf, dass er sich mit etwas weniger katzenhafter Anmut bewegte, die leichte Ungelenkigkeit war ein Zeugnis der Schläge, die er am Tag zuvor eingesteckt hatte. Von einigen hieß es, dass sie stets auf ihren Füßen landeten. Aber von Liam hieß es, dass er durch den Regen gehen konnte, ohne nass zu werden. Das Glück war sein treuester Gefährte.

„Am schnellsten. Es wäre vielleicht der schnellste Weg in den Tod“, gab Liam zurück. „Aber nicht der schnellste Weg, um dein Ziel zu erreichen. Übrigens“, sagte er und wandte sich zu Davin. „Wo residiert dieser Laird Dunlock?“

„Nördlich von hier“, antwortete Rachel rasch, obwohl Davin nicht wirkte, als beeile er sich, die Frage des Iren zu beantworten oder ihre Geschichte zu leugnen. „Aber ich fürchte, wir können nichts anderes tun, als nach Osten zu eilen und auf eine bessere Stelle zum Überqueren zu hoffen.“

„Ein paar Wegstunden von hier gibt es eine Fähre, glaube ich“, sagte Liam.

„Können wir sie bis zum Einbruch der Nacht erreichen?“

„Sag mir, Rachel, ist diese Eile, mit deinem Verlobten vereint zu sein, deine Idee oder ist dein Geliebter so ungeduldig?“

Rachel spürte, dass Davin ihr seinen leidenschaftslosen Blick zuwandte. Sie stand unvermittelt auf. „Befehlt den Männern, so bald wie möglich loszureiten. Wir werden zur Fähre reisen und hoffen, heute Nacht auf der anderen Seite zu kampieren.“

Gegen Mittag entschied Rachel, dass Liam gelogen hatte. Es gab wahrscheinlich von hier bis ins Heilige Land keine einzige Fähre. Drei Stunden später war es ihr egal. Sie wollte sich nur noch an einem trockenen Ort zusammenrollen und eine Ewigkeit lang schlafen.

Sie hatte die vergangene Nacht damit verbracht, von Zweifeln heimgesucht und von Sorgen geplagt zu werden. Jetzt ritt sie elend über den Hals ihrer Stute gebeugt, erschöpft, durchnässt und vom wollenen Umhang aufgescheuert, der ihr an Hals und Handgelenken rieb.

Liam, in einen dunklen Umhang gehüllt, schlug vor, dass sie Schutz suchen und so lange ausharren sollten, bis das Wetter besser würde, aber Rachel war nicht in der Stimmung für eine Verzögerung. Nach einer raschen und dürftigen Mahlzeit drängten sie weiter.

Einige Stunden vor der Dämmerung kamen sie an eine Stelle, an der der Fluss in seinem gewundenen Verlauf schmaler wurde. Vielleicht wäre es zu anderen Zeitpunkten ein guter Ort zum Überqueren gewesen, aber der Wind hatte aufgefrischt, kam von Nordwesten herauf und ließ den Fluss grau und forsch ans Ufer schlagen.

Davins trockene Feststellung, auf diese Art zu sterben sei so gut wie jede andere, war entmutigend genug, sie zur Weiterreise zu bewegen.

Sie wickelten ihre Mäntel fester um sich und eilten ostwärts. Als sie die Fährüberfahrt erreichten, blies der Wind die Nacht über sie. Durch das schwindende Licht sah Rachel ein bescheidenes Schiff, das an einem dürftigen Steg festgemacht war. Einen Moment lang fürchtete sie, dass der Fährmann seinen Posten bei solchem Wetter verlassen haben könnte, aber er saß zusammengekauert und vermummt unter einer Plane, die über einem kleinen Teil seines Schiffs hing.

Es war ein einfaches Schiff, hatte eine niedrige, unsichere Reling und war von rechteckiger Form. Hergestellt aus groben Bohlen und nicht viel mehr, hing es an einem Seil, das über dem aufgewühlten Fluss auf und abtanzte. Bis auf die andere Seite waren es etwa neunzig Yards.

Liam trieb seinen Wallach näher an Rachels Ross. „Vielleicht denkst du, es wäre besser zu sterben, als deinen fetten Laird zu heiraten“, sagte er. „Aber was mich betrifft, ich habe Dinge, für die ich gerne lebe.“

Nass, kalt und nicht in der Stimmung für seinen fragwürdigen Sinn für Humor, wandte sich Rachel ihm zu. „Willst du mir irgendetwas sagen, Liam?“

„Vielleicht sollten wir warten, bis der Wind sich legt, ehe wir versuchen, den Fluss zu überqueren“, sagte er, aber genau in diesem Moment nahm die steife Brise etwas ab, eingelullt, als habe ein mürrischer Riese aufgehört zu blasen.

„Bleib ruhig hier, wenn du willst“, sagte sie und trieb ihre Stute zu Davin hinüber.

„Bezahlt dem Mann seine Gebühr“, befahl sie und nickte Richtung Fähre. „Wenn wir uns beeilen, haben wir noch etwas Tageslicht zum Weiterreisen übrig.“

Davin brauchte nur einige Augenblicke für sein Geschäft mit dem vermummten Mann, dann kehrte er zurück. „Wenn Ihr nicht die Absicht habt, in diesen Wassern zu schwimmen, schlage ich vor, wir beeilen uns damit, Euch auf die andere Seite zu bringen, solange es halbwegs windstill ist. Es gibt Platz für uns, ein paar andere und die Vorräte.“

Sie nickte, begierig das andere Ufer zu erreichen.

Nach wenigen Minuten war ihr Proviant an Bord des ruhelosen Schiffs. Der Nordmann half ihr auf die Fähre. Sie wiegte unberechenbar unter ihren Füßen, und Liam, den es nicht zu kümmern schien, dass er nicht eingeladen worden war, hüpfte hinter ihr an Bord.

Davin, dessen Kapuze ihm übers Gesicht hing, gab ein Nicken als Zeichen, dass sie aufbrechen konnten.

Der Fährmann taumelte über das Deck und band das Schiff los.

Sie schossen sofort in den Strom. Rachel kauerte sich tiefer zwischen zwei Segeltuchsäcke und bereite sich darauf vor, seekrank zu werden. Aber nach einigen Momenten legte sich der Wind gänzlich. Das Wasser beruhigte sich und plätscherte sanft gegen die Fähre. Sie wandte ihre Aufmerksamkeit den Säcken zu und ließ sich vom Geräusch der Wellen beruhigen. Alles würde gut werden. Trotz allem lag sie gut in der Zeit; und jetzt, da das Wetter nachließ, würde es auch ihr besser gehen. Bald schon würde sie ihr Ziel erreichen.

„Unheimlich“, sagte Liam, der nahe bei ihr stand.

„Was?“ Sie blickte auf. Seine Stirn lag in Falten und seine Augen wandten sich seitwärts in Richtung des nahenden Ufers.

„Spürst du es nicht?“, zischte er.

„Was spüren?“

„Diese–“ Er unterbrach sich, als kämpfe er um seine Worte. „Atemnot?“

„Wovon redest du?“, fragte sie, aber unvermittelt schien die Welt nicht mehr so friedlich. Stattdessen fühlte es sich an, als hätten sie sich am Rand eines Abgrunds niedergelassen.

„Spürt Ihr das, Davin?“, fragte Liam, ohne seinen Blick vom Ufer abzuwenden.

Keine Antwort.

„Davin?“, fragte Liam.

Der Nordmann drehte sich zu ihm um, sein Gesicht von der Kapuze beschattet, während er mit einer Hand unter seinen Umhang griff.

Liam zischte, dann stürzte er wie ein Rennpferd vor und rammte den anderen mit seiner Schulter. Davin geriet aus dem Gleichgewicht und krachte gegen die Reling. Sie zerbrach unter seinem immensen Gewicht. Einen Moment lang taumelte er auf der Kante, dann stürzte er strampelnd von Bord.

„Liam!“, keuchte Rachel, aber der Ire stürzte bereits an ihr vorbei. Sie drehte sich wild um, nur um Liam auf den Fährmann zurasen zu sehen. Er zog gerade seine Stake aus dem Wasser und schrie, als Liam in seine Seite krachte. Er stolperte, ließ die Stake fallen und taumelte durch die Öffnung in der Reling.

Liam blieb schlitternd stehen, kaum in der Lage, nicht auch ins Wasser zu fallen.

„Liam!“, rief Rachel, aber er rannte bereits auf den Bug der Fähre zu, und plötzlich schlug der Wind wieder heftig auf sie ein.

Wellen krachten mit der Plötzlichkeit des Todes wütend gegen die Fähre und trieben sie seitwärts. Erschüttert und entsetzt hielt Rachel sich an einem Sack mit Vorräten fest. „Was hast du getan?“, kreischte sie.

„Hast du es nicht …“ Liam wandte sich ihr wieder zu, seine Beine wegen der Bewegung des Floßes weit gespreizt. „Hast du es nicht gespürt?“

„Was?“

Er gestikulierte wild in Richtung der Wellen, die an ihrem schwachen Schiff rissen. „Das Böse! Er wollte dir etwas antun.“

„Was?“ Das ergab keinen Sinn. Der Wind zerrte an ihr, während sie stolpernd aufstand und das Wasser absuchte. „Wovon redest du? Das war ein Mann des Falken, den du …“

„Er hat uns gefunden“, krächzte Liam. Die Wahrheit traf ihn mit entsetzlicher Kraft, schlug mit weißglühender Heftigkeit in seinen Verstand ein. „Er ist hier!“

Rachel fuhr zu ihm herum.

„Was? Wer?“, keuchte sie, aber er konnte seinen Blick nicht länger vom Ufer abwenden.

Eine Handvoll Männer stand jenseits der galoppierenden Wellen. Nur einige unbekannte Männer, nichts Schrecklicheres, und doch konnte Liam den Moment spüren, in dem der Schrecken Rachel überkam, konnte ihre Furcht so deutlich spüren wie ihre Finger, die in seinen Ärmel krochen.

„Wer ist das?“, flüsterte sie.

„Er hat uns gefunden“, flüsterte er. „Aber er wird uns nicht kriegen.“

„Wer?“

„Nicht solange ich atme!“, krächzte er, zerriss die Fesseln des Schreckens, ließ sich aufs Deck der Fähre fallen und zog sein Messer heraus.

„Liam! Nay!“, schrie Rachel, aber es war bereits zu spät.

Das Seil gab unter seiner Klinge nach. Die Fähre neigte sich wild zur Seite, von den gefräßigen Wellen aus der Bahn gerissen.

Rachel fiel und packte einen Sack, der zu ihren Füßen umherrollte.

„Halt dich fest!“, rief Liam. Er kroch auf sie zu, kämpfte sich gegen die schlingernde Bewegung an ihre Seite. „Lass nicht los!“

„Liam!“, kreischte sie und glitt einige Zoll auf die klaffenden Wellen zu. Er packte ihren Arm und zog sie verzweifelt näher.

„Er wird uns nicht folgen. Nicht schnell genug“, rief er in den Wind.

Eine sich auftürmende Welle schoss über die Seite des Schiffs, tränkte sie in eisigem Wasser und ließ sie auf die Kante des Floßes zugleiten. Rachel rang nach Luft. Zwei Säcke wirbelten wild umher, glitten von Bord und außer Sicht. Unter ihnen bockte die Fähre wie ein wildgewordenes Ross. Sie packte einen Pfosten an der Reling.

„Wer wird uns nicht verfolgen? Wer?“, krächzte sie.

Wellen stürzten auf sie ein. Der Wind heulte. Sie wurden umhergeworfen, gefoltert und verwirrt, und doch schien plötzlich alles ruhig, bis auf einen Gedanken in Liams Verstand. „Er ist zu spät.“

„Wer?“

„Zu spät.“

„Liam. Was …“, setzte sie an, aber die Fähre bockte wieder. Unter ihnen ächzte das Holz.

„Halt dich fest!“, rief er. „Sie kommen!“

Das dumpfe Tosen rauschte lauter.

„Was kommt?“, schrie sie, ihre Finger wie Krallen an seinem Arm. „Was?“

Liam erhob sich auf die Knie. Sein Umhang flatterte hinter ihm. Sein Haar klatschte losgerissen um seine Wangen.

„Was kommt?“, schrie sie.

„Die Wasserfälle!“

„Wasserfälle? Liam! Nay!“

„Es wird nicht so schlimm. Sie sind nicht hoch. Halt dich fest, Rachel. Du kannst das! Halt dich fest.“

Eine Welle so groß wie ein befestigtes Schloss krachte auf sie nieder. Das Floß wurde überspült, tauchte ab und wurde in die Höhe geworfen.

Rachel schrie, Liam rief.

Der Rand der Fähre tauchte ab und bockte dann himmelwärts. Ihre Körper wurden vom Boden gefegt. An ihren schmerzenden Armen hängend baumelten sie mitten in der Luft.

Für einen Augenblick, eine kurze, schreckliche Sekunde lang, ehe er wieder auf die Planken geworfen wurde, konnte Liam die Fälle sehen, sah den Schaum, das krachende Wasser und sah tausend Lebensalter darunter, wie der Fluss in Frieden dahinstrudelte.

„Lieber Gott!“, krächzte er. Es war viel höher, als er es in Erinnerung hatte. Sie würden nie überleben. Nie!

„Wie–“ Eine weitere Welle überschwemmte sie und wusch die Worte aus ihren Mündern. „Wie weit? Wie weit bis nach unten?“, keuchte sie.

„Halt dich fest!“

Die Fähre bewegte sich jetzt schneller, aber sanfter – die gepflasterte Straße zur Hölle.

Er fand ihre Hand und zog sie zwischen sie. Ihre Augen waren schreckgeweitet, als sie ihren Blick zu ihm hob. So wunderschön. Die Augen einer Heiligen.

„Rachel.“ Er hauchte ihren Namen und streifte mit seinen Lippen ihre Knöchel. „Es tut mir leid …“ Seine Stimme brach. Wasser krachte auf sie herab. Er sollte den Mund halten, sich auf das Schlimmste vorbereiten, aber es gab keine Hoffnung. Alles, was sie hatten, war dieser strahlende Moment. Es war der Moment der Wahrheit. Lügen wurden fortgespült wie glückloses Treibgut.

„Du bist alles, was gut ist, Rachel“, flüsterte er. „Das war schon immer so und ich habe es immer gewusst. Egal, was ich gesagt habe.“

Die Fähre neigte sich, strich immer sanfter dahin. Ihre Blicke trafen sich.

„Liam …“ Ihre himmlischen Lippen öffneten sich, aber es gab keinen Grund für sie zu sprechen, denn er wusste, was sie sagen würde, kannte die Wahrheit, wie er seinen eigenen Namen kannte.

„Ich werde dich immer lieben, für alle Ewigkeit und darüber hinaus“, sagte er, und dann fielen sie, über die Klippen gestoßen wie flugunfähige Spatzen.

Kapitel 4

Die Fähre zerbrach wie ein Schiff aus Streichhölzern und zerbarst in tausend winzige Splitter. Liam sah Rachel schreien. Sah, wie sich ihr Mund öffnete, spürte die Erschütterung ihres Schreckens, aber das Geräusch ging im Rauschen des Wassers verloren. Sie fielen in die schaumige Gischt wie Flickenpuppen, ihre Füße zappelten, ihr Haar wogte, aber selbst jetzt konnte er sie nicht loslassen, konnte nicht riskieren, die Ewigkeit ohne sie zu verbringen.

Sie schlugen gleichzeitig aufs Wasser auf. Die Oberfläche war hart wie Glas und traf ihn wie ein erschütternder Hammerschlag. Er versuchte ihre Hand festzuhalten, versuchte mit all seiner Kraft sie bei sich zu halten, aber die Wucht des Aufpralls trieb sie auseinander.

„Rachel!“ Er schrie ihren Namen, aber sie war bereits fort, unter die Wellen gerissen. Er rief erneut. Die Strömung wirbelte und ergriff auch ihn.

Sie zog ihn nach unten. Sein Bein traf auf etwas Hartes und Scharfes, und die Wucht betäubte ihn. Aber in diesem Augenblick erkannte er seine Chance. Er trat wild um sich und suchte Halt auf eben dem Ding, das ihn verletzt hatte. Seine Füße trafen auf etwas Festes. Sein Körper schoss durch das schaumige Wasser, aber ob er sich nach oben oder unten bewegte, konnte er nicht sagen. Ein Gegenstand rauschte an ihm vorbei. Er griff danach und verfehlte ihn. Er wurde herumgerollt und -geworfen. Etwas Schweres traf seinen Kopf. Schwärze rauschte herbei, aber dort, in seinem Hinterkopf, sah er Rachel, ertrinkend, fallend.

„Nay!“, kreischte er. Wasser füllte seinen Mund und schrie in seiner Lunge.

Würgend und kämpfend suchte er nach der Oberfläche, und gerade als er dachte, dass seine Brust zerspringen würde, brach sein Kopf durch die Wellen.

Luft versengte seine Lunge mit süßem Schmerz. Er keuchte, zog mehrere Mund voll Luft hinein, ehe er wieder nach unten gesaugt wurde. Er drehte sich und rollte herum, um ihn herum nur Schaum. Etwas streifte seinen Arm. Er griff danach. Seine Finger schienen nichts zu packen, aber als er wieder herumrollte, stellte er fest, dass er es mit sich zog. Verzweifelt hielt er sich fest, seine Finger gelähmt von der Hoffnung, dass es ihn wieder nach oben ziehen würde. Wieder Luft, wie ein Augenblick des Himmels, ehe er erneut nach unten geschleudert wurde. Aber einen Moment später tauchte er auf. Er schwamm auf dem Rücken und wurde durch die Nacht gezogen. Er füllte seine Lunge, rang nach Luft. Es ging jetzt leichter. Der Schrecken nahm etwas ab. Das Rauschen in seinem Kopf beruhigte sich. Er ließ die Fälle hinter sich. Oder er verlor das Bewusstsein. Aber nein. Das hektische Rauschen der Wellen war langsamer, das Wasser beinahe klar. Er senkte seine Füße, trat verzweifelt nach dem Grund und plötzlich war sein gesamter Oberkörper frei von Wasser und er kauerte am Ufer, die Beine unter sich zusammengezogen und den rechten Arm hinter sich gebogen, während er sich stur an das klammerte, was ihn in Sicherheit geschleppt hatte.

Er kämpfte darum, Luft zu holen, und atmete ein paar Mal krächzend und schmerzvoll. Sein Magen drehte sich um und seine Lunge brannte. Aber er hatte keine Zeit zu würgen, zu erbrechen oder ohnmächtig zu werden.

„Rachel!“ Er krächzte ihren Namen und sah sich um.

In diesem Moment hörte er das Husten.

Er drehte sich schwach um und sah, dass seine Finger gar keinen Ast gepackt hatten. Sondern Rachels Ärmel.

Sie hustete erneut, lag mit dem Gesicht nach unten im Wasser.

Er schaffte es, sie in seine Arme und an seine Brust zu ziehen und sie zu halten, während Leben in ihren Körper und Hoffnung in sein Herz zurückkehrten.

Sie saugte unregelmäßig große Mengen Luft in ihre Lunge.

Sie war am Leben. Er lachte, etwas anderes brachte er nicht fertig.

Ihre Augen trafen sich, ihre Seelen verschmolzen. Es stimmte, was die Leute über Nahtoderfahrungen sagten; sie ließen alles klar werden. Er konnte die Wahrheit in ihren Augen sehen.

Sie liebte ihn, das hatte sie schon immer.

Sie bewegte sich näher, ihre Lippen öffneten sich leicht. Er beugte sich vor und wartete auf ihre Worte. Ihre Lippen bewegten sich wieder, dann krümmte sie sich zusammen und erbrach sich in seinen Schoß.

Liam wartete, bis ihre Zuckungen vorüber waren, dann strich er ihr Haar zurück und starrte in ihr blasses Gesicht.

„Verdammt noch mal, Liam, was hast du getan!“, krächzte sie.

Er prallte wie getroffen zurück. „Ich habe dir das Leben gerettet.“

„Mir das Leben gerettet? Du hast mich beinahe getötet!“

„Nay.“ Er schüttelte den Kopf. „Du warst in Lebensgefahr. Davin – Er wollte dich töten.“

„Mich töten! Bist du dumm? Er war meine Wache.“

Liam war ratlos. Sprachlos. „Also hast du das Böse nicht gespürt?“

„Das Böse! Ich war in Sicherheit und beschützt, bis du–“

„Du warst nicht in Sicherheit“, bestritt er, aber jetzt, da der Schock vorüber war, erschienen ihm die Dinge weniger klar, wie Erinnerungen an einen Alptraum, die im Morgenlicht verblassen.

„Du denkst, hier unten bin ich in Sicherheit?“, fragte sie.

Sie hatte nicht ganz Unrecht. „Wir finden besser einen Ort, an dem wir die Nacht verbringen können“, sagte er.

„Ich hatte einen Ort, an dem ich die Nacht verbringen konnte. Ich hatte ein Zelt und Verpflegung und Wachen. Davin–“

„Davin!“ Der Name blieb ihm beinahe im Hals stecken. Undeutliche Gefühle waberten durch seinen Kopf. „Warum vertraust du ihm so, nach allem, was wir durchgemacht haben?“, fragte er, und kämpfte darum aufzustehen. Einmal auf den Beinen stellte er fest, dass sein Bein nur wenig heißer brannte als die Feuer der Hölle.

„Du bist verrückt“, sagte sie und stand stolpernd auf.

Liam machte einen einzelnen Schritt, spürte wie die Kraft sein verwundetes Bein verließ und taumelte wie eine Marionette ohne Schnüre in Richtung Wasser. Aber er hatte nicht die Absicht, wie ein schwacher Narr zu erscheinen, also kämpfte er wild und suchte nach Etwas, an dem er sich festhalten konnte.

Ihr Rock war das einzig Erreichbare. Er verhakte im Fallen seine Finger darin.

Mit einem leisen Schrei fiel sie neben ihm hin.

Sie saßen sich im Wasser von Angesicht zu Angesicht gegenüber, keuchend, halb ertrunken. Nichtsdestoweniger konnte Liam nicht anders, als bestimmte Dinge wahrzunehmen. Erstens war ihr Umhang verschwunden. Zweitens war ihre Haube fort, ihr Haar ergoss sich in wilder Unordnung von ihrem Kopf. Drittens, und am wichtigsten, war ihr Kleid an der Vorderseite eingerissen, entblößte eine Schulter und die hohe, blasse Erhebung ihrer rechten Brust.

„Ist das die Art Aussicht, wegen der Davin so nah bei dir blieb?“, fragte er.

„Worauf willst du …“, setzte sie an, aber einen Augenblick später erkannte sie, wo seine Aufmerksamkeit lag. „Heilige Maria!“, krächzte sie, hob eine Hand und versuchte genug Stoff zusammenzuraffen, um sich zu bedecken. Es war ein mehr oder weniger hoffnungsloses Unterfangen.

Und trotz allem – dem Schmerz in seinem Bein, ihrem gegenwärtigen Zustand der Hoffnungslosigkeit und ihrem Zorn – konnte er nicht anders als zu kichern.

„Auf die Füße mit dir“, knurrte sie.

Er war leicht überrascht, dass er es schaffte, aufzustehen. Sein Bein pochte und sein Kopf drehte sich, aber ein Blick auf ihren hochmütigen Ausdruck stachelte den Teufel in ihm an.

„Ziemlicher Ritt, nicht wahr?“, fragte er.

Blitze durchzuckten einen ebenholzfarbenen Himmel, und eine halbe Meile entfernt brüllte der Wasserfall. „Wir finden besser irgendeine Art Unterschlupf oder die Nacht wird nicht so angenehm wie die bisherige Reise.“

„Vielleicht hast du ein hübsches Haus in der Nähe.“

„Gewiss“, sagte er. Schmerz durchfuhr krachend sein Bein. Bewusstlosigkeit schien eine angenehme Abwechslung zu sein, wenngleich auch etwas feige. „Aber ich dachte, du würdest mein Schloss vorziehen. Das Privatgemach ist recht lieblich im–“

„Schweig“, sagte sie. „Und lass mich …“ Ihre Worte setzten mitten im Satz aus.

„Was?“ Liam stützte sich ab und bewegte seine Aufmerksamkeit mit einem Ruck nach rechts, dann nach links, bereit für die Schlacht, bereit Drachen zu trotzen und den Feinden gegenüberzutreten. Aber keine Feinde erregten seine Aufmerksamkeit. Er bemerkte einigermaßen unvermittelt, dass sie direkt in sein Gesicht starrte. Er starrte zurück. „Was ist?“, fragte er argwöhnisch.

Er beobachtete, wie sich ihre Lippen bewegten. Aber schließlich schüttelte sie den Kopf. „Es ist nichts“, sagte sie.

„Nichts?“

„Ich erinnere mich …“, flüsterte sie, dann hielt sie inne, als wäre sie verwirrt. „An etwas.“

Er neigte ihr den Kopf zu. Sie beobachtete ihn mit einem seltsamen Gesichtsausdruck, als ob sie Dinge sähe, die nicht wirklich da waren, als ob …

Auf der Fähre! Er hatte gesagt, dass er sie liebte. Hatte diese närrische Erklärung keuchend hervorgestoßen, als ob sie wahr wäre. Aber er war eingelullt gewesen vom Gedanken, dass sie beide sterben würden und sie keine Gelegenheit haben würde, ihn mit seinen eigenen idiotischen Worten zu Tode zu prügeln.

Woher hätte er wissen sollen, dass er unglücklich genug sein würde, eine solche Erfahrung zu überleben? Welche Art Gott würde das erlauben?

„Rachel“, sagte er, zog sich ein paar Zoll zurück und bereitete sich darauf vor, alles zu leugnen, seine besten Lügen heraufzubeschwören und bis zum Tod hinter ihnen zu stehen. „Du warst vorhin zu Tode erschrocken. Ich bezweifle, dass du dich an viel erinnerst.“

„Es gibt nicht weit von hier einen Unterschlupf“, murmelte sie.

Er wäre nicht überraschter gewesen, wenn sie gesagt hätte, dass sie ihr geflügeltes Ross an der Sonne festgebunden hatte. „Was?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich … erinnere mich daran.“

„Du warst schon einmal hier?“, fragte er zweifelnd.

„Nay.“ Ihre Stimme troff vor Unsicherheit.

Die Wirklichkeit dämmerte ihm. Er schnaubte sanft. „Wenn du ein Schloss heraufbeschwörst, beeil dich bitte. Andernfalls kannst du dir deine hexenhafte Darbietung für die Bauern aufsparen.“

In einer einzigen, raschen Bewegung brach sie aus ihrer Trance aus, atmete zitternd aus und vermochte, ihm einen wütenden Blick zuzuwerfen.

„Wenn ich in der Lage wäre, irgendetwas heraufzubeschwören, würde ich einen Knebel nehmen“, sagte sie, wandte sich von ihm ab und schritt rasch in den Wald.

In weniger als einem Herzschlag war sie außer Sichtweite.

Liam holte tief Luft und humpelte hinterher.

Der Wind heulte geisterhaft, bewegte sich finster durch die Bäume und trieb Liam die Kälte bis in die Knochen. Regen fiel schräg durch die Blätter und stach mit beißender Heftigkeit in sein Gesicht.

Es schien, als gingen sie in die Hölle und zurück, obwohl Liam wusste, dass sie umso sicherer waren, je weiter sie sich vom Wasser entfernten. Der Boden wurde steil und felsig. Der Wald lichtete sich und bot ihnen noch weniger Schutz. Liams Bein pochte wie Trommelschläge, aber er hätte sich eher verfluchen lassen als sie zu fragen, ob sie anhalten könnten.

Er war beinahe so weit, diese Entscheidung zu überdenken, als er gegen ihren Rücken stieß.

„Dort.“ Sie hauchte das Wort wie ein Gebet.

„Was?“, fragte er, aber sie antwortete nicht. Stattdessen tauchte sie unter einem tropfenden Ast hindurch und bewegte sich auf eine Felswand zu, die direkt vor ihnen lag.

Liam blickte hinter sich. Er war kein solcher Narr zu glauben, dass ihr atemberaubender Sturz die Fälle hinab oder ihr Rückzug jetzt sie vor den Mächten verbargen, die sie jagten. Egal was Rachel glaubte oder sich zu glauben weigerte, ihre Leben waren in schrecklicher Gefahr gewesen. Er wusste es. Spürte es in seiner Seele. Selbstverständlich war ihre gegenwärtige Situation auch kein Spaziergang.

„Hast du das Schloss gefunden?“, fragte er und blickte nach vorn. Aber er erkannte plötzlich, dass sie fort war, nirgendwo zu sehen, während sich das schwarze Gesicht des Felsen in beide Richtungen erstreckte. „Rachel?“ Trotz seiner abgestumpften Instinkte konnte er die Panik, die ihn durchfuhr, nicht aufhalten. Er stürzte vor und griff nach der Felswand.

Seine Hand fiel ins Nichts. Er stolperte vorwärts über zerklüftete Felsen, erschütterte seine Beinwunde und fiel in der vollkommenen Dunkelheit beinahe auf die Nase.

„Rachel!“, sagte er und blieb stolpernd stehen.

„Eine Höhle“, flüsterte sie.

So viel war offensichtlich. Aber er wollte wissen, wie sie sie gefunden hatte. Nein, wollte er nicht, sagte er sich eindringlich. Er hatte vor langer Zeit einen Schwur geleistet, nicht in die Falle ihres Spinnennetzes zu tappen. Dennoch, die Vorstellung, dass sie über eine Stunde durch die Dunkelheit gegangen waren, nur um an diesen Ort im Herzen eines Felsen zu gelangen, war zu unheimlich, als dass er ohne Anstrengung darüber hinwegsah.

„Hat dir jemand von diesem Ort erzählt?“, fragte er hoffnungsvoll.

„N-Nay“, stammelte sie leicht, und er fragte sich unvermittelt, ob das an der Kälte lag oder ob sie dieselben unheimlichen Empfindungen verspürte wie er. Vielleicht war es pures Glück gewesen, das sie sicher aus dem Wetter herausgebracht hatte, und sie war genauso überrascht wie er.

„Ich denke, wir können hier ein Feuer riskieren“, sagte er und wandte seine Gedanken ab.

„Hast du Feuerstein und Stahl?“

„Nay, mein Sporran ist weg.“

„Das hübsche, kleine Ding?“

„Er hat seinen Zweck erfüllt“, sagte er abgelenkt. Sein Bein pochte und in seinem Kopf begann es zu hämmern. Aber genau in diesem Moment streiften seine Finger etwas unter seinem Umhang.

Eine Funke Hoffnung durchfuhr ihn.

„Was ist das?“ Ihre Stimme kam von dicht neben ihm.

„Der Beutel des Ehemanns“, sagte er und verspürte einen Anflug von Genugtuung, als er ihn aus seinem Gürtel zog.

„Du hast ihn gestohlen.“

Es war wirklich recht erstaunlich, dachte er, dass sie es trotz allem hinbekam, beleidigt zu klingen. „Aye, habe ich“, sagte er, „und das ziemlich kunstvoll.“

Seine Finger waren steif und taub, aber schließlich gelang es ihm, den Knoten zu lösen. Er kniete sich auf den harten Boden der Höhle, leerte den Inhalt geräuschvoll auf die Felsen und versuchte, zu erspüren was im Beutel gewesen war.

„Ist da ein Stahl?“

„Nay. Nur Geld.“ Unter anderen Umständen wäre seine abschätzige Feststellung über so etwas Wunderbares wie Geld womöglich amüsant gewesen. Es war einigermaßen beunruhigend zu glauben, dass er seinen Sinn für Humor oder sein Gefühl für Werte verlor.

„Vielleicht finden wir einen S-Stein“, stammelte sie, „und können ihn gegen eine Münze schlagen.“

Sie war schon immer gescheit gewesen. Er erhob sich wie eingerostet und packte ihren Arm, um sie in eine willkürliche Richtung zu drehen. „Du suchst da hinten. Ich versuche die andere Seite.“

Sie bewegten sich voneinander weg, gingen langsam, denn es war unmöglich zu sagen, wann sie gegen eine Wand stoßen oder einer Wildkatze oder sonst etwas begegnen würden, das im dunklen Inneren dieses moderigen Ortes leben mochte.

„Und Zunder“, sagte sie.

„Aye“, stimmte er zu.

Plötzlich schrie sie auf. Er wirbelte zu ihr herum, die Bewegung warf ihn beinahe auf den felsigen Boden.

„Was ist?“

„Meine Zehen haben einen Stein gefunden.“

Er kicherte. Ah. Also war sein Sinn für Humor wiederhergestellt. Das war gut zu wissen. Oder Müdigkeit und Unterkühlung heckten gemeinsam etwas gegen seinen Verstand aus. „Du hattest schon immer kluge Füße.“

Sie stolperte auf ihn zu, reichte ihm den Stein und wandte sich dann ab, um Zunder zu suchen. Er tat dasselbe, aber einige Minuten später kehrte sie zurück und legte einen kleinen Haufen nicht auseinanderzuhaltenden Zeugs vor ihm ab. Er ging in die Hocke, nahm eine Münze in die unbeholfenen Finger und schlug sie gegen den Stein. Es fühlte sich an, als versuche er, mit einem Paar Rüben einen Splitter zu entfernen.

Nichtsdestoweniger eilte Rachel wieder fort und suchte weiter. Liam schlug, traf seine Finger, fluchte und versuchte es erneut. Ein Funke sprühte vom Stein, erlosch aber, ehe er ihren kostbaren Haufen Zunder erreichte.

Zeit verstrich, unterstrichen vom stürmenden Wind draußen und ihren klappernden Zähnen.

Hinter ihm knackte etwas. Liam zuckte zusammen und ließ beinahe seinen Stein fallen. „Rachel!“

„Ich bin es“, krächzte sie und atmete schwer.

„Was zum Teufel tust du?“

„Offensichtlich erschrecke ich dich zu Tode.“

„Was hast du gefunden?“

„Krieg das Feuer an und du wirst es herausfinden.“

Etwas knackte nahebei, und er konnte lediglich annehmen, dass sie einen Ast gefunden hatte. Er begann wieder zu schlagen, jetzt rhythmisch, zwang seine Finger, seinen Anweisungen wieder und wieder Folge zu leisten, bis ein weiterer Funke vom Stein flog. Er landete unsicher auf dem Zunder. Liam lehnte sich vor, blies verzweifelt … und pustete die winzige Flamme ins Nichts.

„Heilige Maria“, krächzte Rachel, und einen Augenblick lang fragte Liam sich, ob er Tränen in ihrer Stimme gehört hatte. Sie kauerte sich neben ihn. Ihre Arme berührten sich. Er spürte wie sie zitterte. „Du schlägst, ich nähere die Flamme. Los.“

Liam kehrte steif zu seiner Aufgabe zurück. Eine Ewigkeit später zuckte ein weiterer Funke durch die Dunkelheit. Die zerbrechliche Flamme versengte den Zunder.

Liam hielt den Atem an. Rachel lehnte sich über den Funken und blies.

„Vorsichtig! Vorsichtig!“, plapperte Liam, aber sie antwortete nicht.

Sie schürzte ihre Hände um den kleinen Haufen aus Zweigen und Federn und blies erneut. Der winzige Funke leuchtete auf. Liam ließ seine Werkzeuge fallen, schnappte sich den trockenen Stiel irgendeiner Pflanze und fütterte die kindliche Flamme. Sie fraß sich in die Spreu.

„Mehr! Mehr Zunder!“, krächzte Rachel.

Liam ruckte auf die Füße und eilte fort, um die Wände abzusuchen, den Boden und die Decke, die nur einige Zoll über seinem Kopf war.

„Hier!“ Eine kurze Zeit später kniete er vor ihr und hatte Geschenke mitgebracht.

„Gott segne dich“, hauchte sie, nahm ein getrocknetes Vogelnest und verfütterte es an die Flammen.

Das Feuer knisterte gierig, hatte jetzt die Größe seiner Faust, und Liam war beinahe von einem schmerzenden Verlangen überwältigt, sich darüber zu beugen und seine zaghafte Hitze aufzunehmen. Aber im Feuerschein konnte er Rachels Gesicht sehen. Es war totenblass, und ihre Lippen hatten beinahe dieselbe Farbe wie ihre Augen, eine unheimliche Mischung aus Blau und Violett.

Er richtete sich mit einem Ruck auf und eilte davon, um erneut durch die Höhle zu streifen.

Es dauerte eine Ewigkeit, ein richtiges Feuer herbeizuzaubern, aber nach atemloser Zuwendung und muskelbetäubender Fürsorge brachten sie es schließlich in die Welt, fütterten ihm Abfallholz und Zweige, bis es bereit war für kleine Äste.

„Wir haben es geschafft!“ Rachel starrte in die Flammen, die Finger ihrer schmalen Hände gespreizt, um die Wärme aufzufangen.

„Aye.“ Er kauerte auf der gegenüberliegenden Seite. „Es ist gut, dass du so gescheite Füße hast.“

Sie blickte auf.

„Sie haben den Stein gefunden“, erklärte er.

Ihm fiel auf, dass etwas Farbe in ihr Gesicht zurückkehrte und ihre Mundwinkel ganz leicht zuckten. Ihr Lippen hatten ein wenig von ihrem Himbeerrot zurückgewonnen, aber noch lange nicht genug.

„Und es ist gut, dass du so unmoralisch bist“, sagte sie.

„Oder wir hätten keine Münzen zum Feuermachen.“

Ihre Mundwinkel bogen sich dramatischer aufwärts. Sie war der Erschöpfung nahe, sagte er sich. Der Erschöpfung nahe, und sie schäkerte mit der Hysterie, aber dennoch, ihr Ausdruck beschwor Erinnerung an eine Zeit herauf, in der zwischen ihnen Frieden geherrscht hatte. Eine Zeit, in der sie jung und vertrauensselig gewesen war. Ehe … Nun, bevor viele Dinge passiert waren, und er würde jetzt nicht darüber nachdenken. Es gab Wichtigeres. Ihr Überleben, beispielsweise.

„Wir ziehen besser die Kleider aus.“ Er wusste, dass es besser gewesen wäre, sie nicht anzusehen, während er das sagte, aber er konnte nicht anders.

Ihre Augen sahen nur wenig größer aus als das kostbare Feuer, als sie aufsah, ihr Körper steif wie der Tod.

„Himmel, Arsch und Zwirn, Rachel, ich bin nicht drauf und dran, mich auf dich zu werfen. Aber ich würde deinem Laird und Vater nur ungern dein Ableben erklären, wenn du an Fieberfrost stirbst. Am Ende bist du – Was tust du da?“, fragte er und erhob sich mit einem Ruck auf die Füße, als ihre Finger seinen Nacken streiften.

„Ich ziehe deine Kleider aus“, sagte sie und erhob sich mit ihm.

„Was?“

Sie griff nach den Schnüren, die seinen zerfetzten Umhang am Hals festhielten.

Er bewegte die Lippen, versuchte zu sprechen.

„Wir waren sicher, als wir uns bewegt haben“, sagte sie. „Die Bewegung hat uns warmgehalten. Aber wir können nicht ewig gehen.“ Die Bänder gaben unter ihren eisigen Fingern nach. Der Umhang fiel schwer zu Boden. „Wir haben keine Zeit zu verschwenden, denn unser Feuer mag nicht lange brennen.“

Panik hätte seine Gemütsverfassung angemessen beschrieben. Eine Panik, die beinahe die Gefühle betäubte, die er während des Sturzes den Wasserfall hinunter verspürt hatte. „Sollten wir nicht …“

„Wir müssen uns beeilen. Wir hängen unsere Kleider über den Ast neben dem Feuer, dann suchen wir nach mehr Feuerholz.“

Er bewegte seine Lippen erneut, ohne zu sprechen, aber ihre Finger waren bereits an den Schnüren seiner Tunika. Ein Ärmel war abgerissen und der andere durchtrennt worden.

„Ich kann“, setzte er an, aber sie schob seine Hände brüsk beiseite.

Die Schnüre öffneten sich einen Moment später. Sie griff nach dem Saum, zog ihn aufwärts und über seinen Kopf. Gänsehaut folgte dem Verschwinden. Liam starrte sie an.

„Der Verband hilft dir nicht“, sagte sie.

Er blickte nach unten und sah, dass ihre Arbeit des gestrigen Tages kaum mehr war als Fetzen, die von seiner Schulter hingen.

Sie entfernte sie rasch.

„Hier. Komm näher zum Feuer. Reib deine Hände aneinander.“ Sie nahm sie zwischen ihre eigenen und rieb heftig. „Das wird dir helfen.“

Ihr Blick blieb an seinem hängen. Beide hielten gleichzeitig den Atem an. Also war ihr endlich die Erotik dieses Augenblicks bewusst geworden, dachte er. Sie hatte endlich gesehen, dass das Mieder ihres Kleides zerfetzt worden war und sich ihre Brüste, blass und magisch wie das Mondlicht, in Sicht hoben wie reife, verbotene Früchte.

Also würde sie endlich ihren gesunden Menschenverstand finden und sich zurückziehen.

Er zwang seinen Blick herauf in ihr Gesicht und beobachtete, wie sich ihre Lippen bewegten. Obwohl er wusste, dass sie Worte der Warnung aussprach, konnte er sie nicht recht verstehen.

„Was?“, krächzte er schließlich.

„Du musst dein Plaid ausziehen“, sagte sie rasch.

Liams Kinnlade klappte herunter. Wenn er hätte raten müssen, was sie sagen würde, wäre das am unteren Ende der Liste gewesen, obwohl in seinen Träumen … Er stieß die Gedanken beiseite, mit Hilfe eines harten Bildes vom Zweihandschwerts ihres Vaters. Es war eine riesige Waffe, länger als Liam selbst, und geführt von einem Mann, der sehr an seiner einzigen Tochter hing.

„Mir ist jetzt wirklich recht warm“, bekam er jämmerlich heraus.

Aber sie schüttelte den Kopf. „Wir haben keine Zeit zu verschwenden, Liam“, sagte sie und ließ ihren Blick seinen Körper hinabgleiten, als wäre er nicht interessanter als eine verkochte Zwiebel. Weniger tatsächlich, denn immerhin war eine Zwiebel essbar. „Du wirst ohne deine Kleider schneller trocken. Und es gibt mir Gelegenheit, mich um deine Wunden zu kümmern.“

Und andere Dinge zu sehen, Dinge, die sich trotz allem – ihrer hochmütigen Art, ihrer gegenseitigen Abneigung, diesen schrecklichen Umständen – weigerten, dort zu bleiben, wo er sie hingetan hatte. Dinge die, seit er sie vor Jahren kennengelernt hatte, immer noch schmerzten, wenn er sie ansah, wenn er ihren Duft atmete, wenn jemand sie erwähnte.

„Es geht mir gut“, sagte er.

Sie griff nach dem Gürtel, der sein Plaid an Ort und Stelle hielt. „Du darfst nicht–“

„Rachel!“ Er packte ihre Arme mit festem Griff. „Es geht mir gut.“

Ihre Blicke trafen sich wieder. Sie blinzelte, ihre amethystfarbenen Augen so weit wie ein Versprechen.

„Ich brauche dich, Liam“, flüsterte sie.

Er träumte wieder, war in die Ohnmacht hinübergeglitten, dachte er. Aber einen Moment später, fuhr sie fort.

„Ich habe keine Zeit zu verlieren. Am morgigen Tag muss ich weiterreisen. Ich darf nicht scheitern! Egal, ob wir meine Wachen, unsere Pferde oder unsere Vorräte finden. Irgendwie muss ich mir einen Weg bahnen. Aber ich kann das nicht alleine. Ich brauche deine Hilfe.“

Er blinzelte, versuchte zu ihren Gedanken aufzuholen und seine eigenen närrischen zurückzulassen.

„Wobei?“, krächzte er.

„Bitte“, flehte sie. „Ich brauche dich gesund und rüstig. Ich muss mich um deine Wunden kümmern. Lass mich deine Kleider ausziehen.“

Es gab wahrscheinlich alle möglichen Dinge, die ein Mann in dieser Lage sagen konnte, dachte Liam. Er könnte sich weigern einzuwilligen, es sei denn sie sagte ihm, warum sie so unbedingt zu ihrem Verlobten musste. Er könnte darauf bestehen, dass sie ihre Kleider zuerst auszog. Er könnte sich weigern, sich auszuziehen, wenn sie sich ihm nicht hingab.

Das Letzte war besonders interessant, aber es ließ sein Herz in seiner Brust seltsame und verschlagene Dinge tun.

Dennoch, Liam tat keines dieser Dinge. Stattdessen schluckte er einmal und nickte.

Sie atmete sanft aus, als habe sie den Atem angehalten, und dann bewegten sich ihre Hände wieder. Er stellte fest, dass er nicht hinsehen konnte. Stattdessen stand er da wie eine Statue, starrte geradeaus, die Hände an seinen Seiten zu Fäusten geballt.

Der Gürtel stellte sich als schwierig heraus, das Leder dick und schwergängig. Sie arbeitete einen Moment daran, dann ließ sie sich auf die Knie fallen.

Liam spannte seinen Kiefer an und konzentrierte sich auf Gedanken an ihren Vater. Er war ein großer Mann. Groß! Und mächtig – nicht nur körperlich, sondern politisch. Es wäre kein großer Kraftakt für ihn, dafür zu sorgen, dass Liam ausgeweidet, enthauptet und entmannt wurde.

Rachel lehnte sich etwas näher. Er spürte ihren Atem an der angespannten Fläche seines Bauchs, spürte, wie ihre Finger seine Haut streiften. Diese einzelne, einfache Berührung entzündete ein Feuer, wo kein Feuer entzündet werden sollte. Er öffnete eine Hand, um sie nach ihr auszustrecken.

Ihre Mutter! Lady Fionas Bild blitzte in Liams Gedanken auf. Er riss die Hand zurück. Fiona war eine Heilerin, sanft, liebevoll. Nie hatte sie ihn als diebischen Bastard abgelehnt. Nie hatte sie ihn auch nur einen Moment lang als weniger denn einen Gleichgestellten behandelt. Gewiss schuldete er ihr etwas dafür.

Er spürte, wie sich sein Gürtel sanft öffnete. Trotz seiner Gewissheit, dass es nicht passieren konnte, trat ihm Schweiß auf die Stirn. Rachels Hände waren behutsam, als sie sein Plaid auffaltete. Sein Atem beschleunigte sich. Seine Hände zitterten.

Er zwang sich, an Shona zu denken. Shona, Rachels Cousine. Shona würde ihm nie verzeihen, wenn er diesen Moment ausnutzte. Sie vertraute ihm, liebte ihn vielleicht sogar.

Er beruhigte seinen Atem mit einiger Anstrengung und ballte seine Hände wieder zu Fäusten.

Rachel fasste hinter ihn, ihre Wange berührte beinahe seinen Schritt, als sie die Länge des durchnässten Plaids auseinanderwickelte.

Liam hielt den Atem an, wartete und versuchte so zu tun, als wäre er ein Eunuch. Es funktionierte nicht. Denn Eunuchen bekamen keine Erektionen. Erektionen, die schmerzten und pochten, und sich nach der einen hochmütigen Frau sehnten, die ihn gequält hatte seit–

Sara! Rachels andere Cousine. Er liebte Sara wie eine Schwester. Sie war so lieblich wie ein Lämmchen, so sanft wie ein Kätzchen und sie würde es nie, niemals verstehen, wenn er seinen Kampf verlieren würde, gegen Lust und …

Rachel zog erneut. Die letzte Lage des Plaids glitt abwärts. Sein Penis, dick, begierig und geschwollen sprang aufwärts wie ein schwimmender Holzklotz.

Einen Moment lang spürte er, wie sie innehielt, aber er wagte es nicht, nach unten zu sehen. Eine Ewigkeit verstrich quälend langsam, und schließlich spürte er, wie sie sich wieder bewegte. Er versuchte, sich ans Atmen zu erinnern, und vermochte es, auszuschreiten, als er spürte, wie das Plaid seine Füße streifte.

Stille erfüllte die Höhle. Liam starrte geradeaus, sein Kiefer angespannt, sein Wille so hart wie andere Körperteile.

Das Feuer knisterte. Eine Ewigkeit verging. Er spürte ihre Hände auf seinem Schenkel, nahe der Wunde. Die Berührung ließ eine Million tödliche Begierden Funken sprühen, und seine Erregung spannte sich an, sodass sie sich aus eigenem Willen bewegte.

Er versuchte zu denken, sich zu behaupten, so zu tun, als sei sie alt und hässlich, oder wenigstens fett und verschroben. Er hielt die Hände fester an seine Seiten gepresst und schickte ein Gebet an einen Gott, der über Korrespondenz zu einem so späten Zeitpunkt gewiss überrascht war.

Liam räusperte sich, biss die Zähne zusammen und bemühte sich um Normalität. Sie war eine Heilerin, eine Heilerin, nichts weiter. „Wie sieht es aus?“, fragte er, seine Stimme klang kratzend.

Es wurde still in der Höhle. Augenblicke verstrichen, dann murmelte sie: „Es … es sieht gut aus.“

Kapitel 5

„Nun, es tut höllisch weh!“, platze Liam heraus.

Er tat weh? Rachel starrte ihn an. Wahrlich, sie war eine Heilerin, also war ihr der menschliche Körper nicht fremd. Aber sein Körper! Trotz der Vorstellungen ihrer Jugend hatte sie nie gedacht, dass Liam so … Nun, um ehrlich zu sein, erinnerte er sie an die wertvollen Hengste ihrer Tante Flanna. Der Gedanke trieb ihr Wärme ins Gesicht, und doch stellte sie fest, dass ihr der Anstand fehlte, sich abzuwenden. Tatsächlich sehnte sie sich danach, ihn zu berühren, ihre Finger seine Länge entlanggleiten zu lassen, ihn unter ihren Fingern tanzen zu spüren. Was ließ ihn sich so bewegen und warum tat er weh?

„Es ist im Fluss gegen einen Stein geprallt.“ Seine Stimme klang angespannt. „Muss es genäht werden?“

„Genäht?“, murmelte sie entsetzt. „Oh!“ Die Wirklichkeit dämmerte ihr mit heftiger Verlegenheit. „Dein Bein!“

Er ließ seinen Blick ruckartig abwärts schnellen, während sie ihren hob.

„Wovon zum Teufel dachtest du rede ich?“

„Von deinem …“ Wie standen die Chancen, dass die Erde sich auftat und sie verschlang? Wahrscheinlich nicht gut. Lieber Gott! „Von deinem Bein“, sagte sie, aber ihre Stimme klang zu schrill. Sie räusperte sich. „Natürlich.“

„Heilige Scheiße“, murmelte er durch zusammengebissene Zähne.

„Habe ich nicht!“ Sie federte so flatterig auf die Füße wie ein brütender Zaunkönig. „Sind sie nicht, ich habe nicht gestarrt, er muss nicht genäht werden“, plapperte sie in einem Wirrwarr von Worten.

Sie starrten einander staunend an. Sie ließ ihren Mund zuschnellen und verschränkte die Hände ineinander. „Ich …“ Was? Begehrte ihn trotz allem? Tat es seit über zehn Jahren, wie ein verrücktes Mädchen, das sich zu lernen weigerte. „Ich habe keine Nadel.“

„Oh.“ Er hauchte das Wort, aber er schien ganz und gar nicht an seine Beinwunde zu denken. Sein Blick war eindringlich. Sein Haar hatte sich gelöst und breitete sich dunkel wie die Mitternacht um seine Schultern aus. Es waren die Schultern eines Gauklers, wie von einem Bildhauer geformt, stark, mit Muskeln, die unmittelbar unter der sonnengebräunt glänzenden Oberfläche seiner Haut tanzten.

„Es sollte gut von selbst heilen“, bekam sie heraus.

„Oh.“

„Wenn ich meine Tränke hätte, würde ich etwas darauf reiben, sodass …“, sie blinzelte und befreite ihren Verstand von tausend erstickenden Gedanken und versuchte es erneut, „die Schwellung zurückgeht.“

„Ich habe da meine Zweifel.“

„Was?“

Er schloss die Augen. Sie sah einen Muskel in seinem Kiefer zucken. „Ich werde dich zu deinen Wachen zurückbringen. Du wirst deine Vorräte auffrischen.“

Das Feuer knisterte.

„Das hast du nicht gesagt“, murmelte sie.

„Vergiss, was ich gesagt habe. Hör nicht auf das, was ich sage.“ Er öffnete die Augen mit einem Ruck. „Wieso hast du immer noch deine Sachen an?“

„Ich–“ Sie raffte ihr Mieder zusammen, obwohl es einigermaßen spät war, sich sittsam zu verhalten. Schließlich hatte sie gerade aus nächster Nähe die eher hervorstechenden Teile seiner Anatomie angestarrt. Bestimmte Details hatten sich tatsächlich unauslöschlich in ihr Gedächtnis gebrannt. Blut schoss ihr heiß ins Gesicht. „Mir ist mittlerweile warm.“

Sein Lachen konnte man gewiss als wahnsinnig bezeichnen. „Zieh deine verdammten Sachen aus!“

„Wirklich, ich–“

„Zieh sie aus“, befahl er und trat vor.

„Nun gut.“ Sie zog sich mit raschen Schritten zurück. Er hatte natürlich recht. Sie war auf einer Mission. Sie konnte sich den Luxus der Schamhaftigkeit nicht erlauben. „Aber … dreh dich um.“

Er hob die Brauen. Die Mundwinkel seines Satyr-Munds zuckten leicht. „Ich denke nicht.“

Sie blickte finster drein. Seltsame, kleine Flammenzungen leckten an ihrem Inneren und schickten aus ihrer Magengrube ein heißes Kribbeln an Orte, die besser nicht angeregt wurden. „Also dann“, sagte sie, beugte ihre Arme hinter sich und öffnete die Holzknöpfe, die ihr zerfetztes Kleid an Ort und Stelle hielten. Er war nur ein Mann, sagte sie sich selbst. Sie hatte Hunderte wie ihn gesehen, hatte Hunderte wie ihn geheilt. Dann begehrte sie ihn eben seit ihrer Jugend. Lust war eine schlichte Sache, leicht zu bändigen.

Die glatten Holzknöpfe gaben langsam nach. Sie schob das Kleid von ihren Schultern und vorsichtig Stück für Stück abwärts. Dragonheart fühlte sich zwischen ihren Brüsten schwer und warm an, und obwohl sie es versuchte, konnte sie ihren Blick nicht von Liams Brust abwenden.

Seine Augen leuchteten im tanzenden Licht der Flammen wie entzündetes Ebenholz, und keinen Augenblick lang wankte sein Blick.

Sie ließ das Kleid tiefer gleiten. Ihre Nippel, hervortretend, hart und schmerzend, befreiten sich kratzend aus der Gefangenschaft.

Liam murmelte etwas Unverständliches. Aber ehe sie fragen konnte, was er gesagt hatte, drehte er sich mit einem Ruck um. Sie starrte verwirrt auf seinen Rücken, die harten, gebeugten Muskeln seiner Arme, die Hügel seines Hinterns, die gehauene Stärke seiner Schenkel. Er war wahrhaftig ein Wunder, Muskeln dicht an dicht, düstere Haut, magische Finger. Mit einiger Anstrengung erinnerte sie sich daran zu atmen.

Erneutes Murmeln.

„Was?“, fragte sie und riss ihren Blick nach oben.

„Starrst du mich an?“, fragte er, ohne sich zu ihr umzudrehen.

„Nay!“ Zu piepsig. „Nay.“ Und aus einem ihr selbst unbekannten Grund kicherte sie.

Er schwang mit einem Ruck herum. „Worüber lachst du?“

„Lachen? Ich habe nicht … Ich würde nicht …“ Wahrlich, sie war nicht von der kichernden Sorte. Normalerweise. Aber es fühlte sich an, als wäre ihr Inneres von einem Dämon besessen. Ein seltsamer, kleiner Dämon mit einem teuflischen Sinn für Humor.

„Das ist nicht komisch“, sagte er, und jeder seiner strammen Muskeln war gespannt wie eine Trommel. Aus seinen Augen stoben Funken.

Sie versuchte, nicht zu grinsen, aber …

„Das ist nicht komisch!“, wiederholte er und schritt auf sie zu.

Sie schüttelte den Kopf und versuchte, es zu wiederholen, aber er war bereits bei ihr, schürzte eine Hand um ihren Hals und riss sie mit einem Ruck an sich. Seine Lippen krachten auf ihre, sein Kuss war so heftig wie der Sturm draußen.

Rachels Finger vermochten es, ihr Kleid noch für den Bruchteil einer Sekunde festzuhalten, dann gaben sie nach. Das Gewand fiel in einem nassen Haufen zu Boden. Ihre Arme wanden sich wie von selbst um ihn, und sie beantwortete seine Leidenschaft mit einer flackernden, lange unterdrückten Hitze, presste sich mit all ihrer Kraft an ihn.

Seine Zunge erforschte ihre Lippen, und sie öffnete ihren Mund für ihn. Er schob eine Handfläche ihren Rücken hinab. Sie stöhnte und beugte sich näher, als er ihren Hintern packte.

Seine Erektion pulsierte geschwollen und lebendig an ihrem Bauch. Sie presste sich dagegen, spürte voller Verlangen ihre Hitze, ihre Heftigkeit.

Seine Küsse brannten sich tiefer, versengten ihre Kehle, ihre Schulter, die oberen Teile ihrer Brüste, und plötzlich lagen sie auf der Erde. Er war zwischen ihren Schenkeln und pulsierte voller Leidenschaft. Und es fühlte sich richtig, wie ein Fest, das zu lange aufgeschoben worden war.

Sie bog sich ihm entgegen, durchlebte hundert heiße Träume auf einmal, spürte die angespannten Muskeln seines Rückens an ihrer Handfläche, die harte Wölbung seiner Brust an ihren Nippeln. „Liam“, flüsterte sie.

Aber plötzlich hielt er inne.

Sie öffnete die Augen. Ihre Blicke trafen sich nur wenige Zoll voneinander entfernt, seine Augen waren dunkel und wild.

„Rachel!“, krächzte er. Seine Stimme klang überrascht, so als wäre er schockiert, dass sie es war. Als wäre er beschämt, dass sie es war.

Und dann stand er flatterhaft auf.

„Rachel! Ich …“ Er atmete schwer, so wie sie. Sie stützte sich auf die Ellenbogen und starrte ihn an. „Es tut mir leid“, krächzte er.

„Tut es das?“

„Aye. Aye.“ Seine Hand zitterte, als er sich damit durch sein nasses Haar fuhr. „Es ist die Bestie in mir.“

Sie ließ ihren Blick für den Bruchteil einer Sekunde sinken. Die Bestie pulsierte vor der welligen Ausdehnung seines Bauches. „So nennst du ihn also?“

„Rachel!“ Seine Kinnlade klappte herunter. Er stand absolut regungslos da, vor Empörung erstarrt.

Sie versuchte beschämt zu sein, stellte aber fest, dass sie nicht recht dazu in der Lage war, denn es hatte sich richtig angefühlt. Als habe sie alles in einem Traum gesehen. Und in der Tat, auf eine Weise hatte sie das, denn nur wenige Stunden zuvor, als sie am Ufer des Flusses gestanden hatte, hatte sie in ihren Gedanken ebendiese Höhle gesehen, hatte sich und ihn nackt im Feuerschein gesehen, ihre Körper vereint und ihre Gedanken verschmolzen.

„Was ist in dich gefahren?“, fragte er.

Sie erhob sich langsam auf die Füße, ohne ihren Blick von ihm abzuwenden. „Vielleicht ist es die Bestie in mir.“

Er schüttelte den Kopf, sein Blick wild, sein Körper angespannt. „Es gibt keine Bestie in dir. Da ist keine.“

„Woher weißt du, was in mir ist, Liam?“, fragte sie. Sie versuchte, seinen gequälten Tonfall nachzuvollziehen und streckte ihre Hand nach ihm aus.

„Was würde dein Vater sagen? Was würde–“ Er kam stotternd zum Stillstand und trat rückwärts aus ihrer Reichweite. Sie erkannte, wenngleich mit einiger Verlegenheit, dass sein Penis, hart und steif und überraschend groß, eng an seinen Bauch gepresst war. „Was denkst du?“

„Was denkst du?“, murmelte sie gebannt.

„Ich? Ich! Ich bin ein – ein Bastard!“, haspelte er. „Geboren auf der Schattenseite von Firthport, mit einem Vater, der …“ Er unterbrach sich abrupt und atmete immer noch schwer. „Aber dennoch, ich …“ Er starrte sie an und schien zu bemerken, dass ihr Blick weit unterhalb seiner Augen verweilte. Er rang nach Luft und hob seinen Umhang vom Boden, um seine Nacktheit zu bedecken.

Sie vermochte es, ihren Blick zu seinem zu heben. „Warum hast du mich geküsst, Liam?“, fragte sie sanft.

„Ich?“ Er blickte sich um, als hoffe er, jemand anderen hier gelangweilt verweilen zu sehen, jemanden, dem er die Schuld für die fehlgeleitete Zurschaustellung seiner Leidenschaft geben konnte. „Ich …“ Er leckte sich die Lippen, dann blickte er sie wütend an, als ob die Antwort ach so offensichtlich wäre. „Ich habe lediglich versucht, dich aufzuwärmen.“

„Wirklich?“

„Aye.“ Er nickte ihr knapp zu. „Deine Eltern waren immer gut zu mir. Ich habe nicht die Absicht, dich an …“ Er zeigte grob in ihre Richtung. „Christus!“ Er schien es einen Moment lang schwer zu haben, Luft zu bekommen. „Ich habe nicht die Absicht, dich an Fieberfrost sterben zu sehen.“

„So …“ Sie kam einen kleinen Schritt näher, während sie seinen Bick hielt.

Er wich zurück, der Umhang war nachlässig um seine Taille geschlungen. Die schiefe Lücke an der Seite entblößte eine schlanke Hüfte und etwas Bein, das von Jahren der Reisen und Auftritte hart geworden war. „Ich hätte nicht erwartet, dass du – du … Guter Gott! Wenn ich gewusst hätte, dass du so verzweifelt einen Mann suchst, hätte ich deinen Vater vor lange Zeit gewarnt, dass er dich verheiraten möge.“

Rachel unterbrach ihren Vorstoß. Ihr Körper kühlte sich ab. Wut machte sich in ihren Gedanken breit. Dies war der Liam, den sie schon so lange kannte, der Liam, den zu vergessen sie sich geschworen hatte. „Also hast du mich nur um meiner selbst willen geküsst?“, fragte sie, erfreut, dass sie trotz allem recht normal klang, sogar ruhig.

„Aye. Aye, das habe ich“, sagte er.

„Oh.“ Sie machte einen weiteren Schritt vorwärts. Dann berührte sie mit klopfendem Herzen seine Brust. Unter ihren Fingerspitzen nahmen seine Muskeln hüpfend stramme Haltung an. Es war diese einfache Bewegung, die ein gefühlvolles Schaudern ihren Arm hinauf und in den Körper hineinschickte. Sie hielt der Empfindung stand. In der Tat gab sie ihr Bestes, um sie zu ignorieren, konzentrierte sich stattdessen auf ihn, darauf, wie seine Lider für einen Moment zufielen, wie sein Kiefer sich anspannte und einen kleinen Muskel nahe seinem Ohr tanzen ließ. „Wie unglaublich selbstlos von dir, Liam. Wie wundervoll gütig von dir, für nichts als mein Wohlergehen auf deine eigenen Bedürfnisse und Begierden zu verzichten.“

„Aye.“ Das einzelne Wort war kaum mehr als ein Knurren.

„Und ich dachte …“ Sie drehte ihre Hand um und ließ die Flächen ihrer Fingernägel die gewellte Ausbreitung seines Bauches heraufgleiten. „Ich dachte, es wäre deine unsterbliche Zuneigung zu mir, die dich dazu veranlasst hat.“

Seine Augen öffneten sich ruckartig. „Was?“

Sie lächelte ihn mit kalter, schmerzender Wut an. „Kurz bevor die Fähre zerbrach, hast du mir deine Liebe gestanden.“

Er wich einen Schritt zurück. „Ich habe nichts dergleichen getan.“

„Oh, aye. Das hast du.“

„Das Rauschen des Wassers hat dich verwirrt.“

„Ich versichere dir …“ Sie trat wieder näher. „Ich habe dich ziemlich deutlich gehört.“ Tatsächlich hatte es gewirkt, als habe sein Herz unmittelbar mit ihrem gesprochen, als wären ihre Ohren gar nicht beteiligt gewesen, als ob das Gefühl direkt in ihre Seele hineingesummt worden wäre. Aber das war in einem Moment geschehen, in dem sie sicher gewesen war, dass sie sterben würde. Minuten später, als der Schrecken abnahm, wusste sie, dass sie sich die Worte eingebildet hatte. Wie jämmerlich, dass sie selbst in einer so entsetzlichen Lage so bedürftig war. Würde sie nie dazulernen?

Aber jetzt spielte das keine Rolle. Denn sie hatte einen Weg gefunden, ihn zu quälen.

„Also hast du mich all diese Jahre aus der Ferne geliebt“, sagte sie gehaucht und flüsternd. „All diese Jahre hast du dich von den Highlands ferngehalten, weil du wusstest, dass du nicht in meiner Nähe sein konntest, ohne mich zu haben.“

„Du bist …“, ein Muskel in seinem Kiefer zuckte wieder, „verrückt. Du hast dich wie eine läufige Hündin verhalten. Vielleicht bist du es, die in mich verliebt ist.“

Sie lächelte – der mitleidige Ausdruck einer großzügigen Edeldame, wie sie hoffte. „Das ist so romantisch. So ritterlich. Der arme, wandernde Schausteller, der eine Lady aus der Ferne liebt.“ Sie seufzte. Ihr Eingeweide zuckten vor Wut. „Wenn ich heirate, wird das hier die perfekte Ballade abgeben. Barden werden–“

„Heiraten! Heiraten! Wie kannst du vom Heiraten sprechen, wenn du …“ Er zeigte wild auf die Erde, auf der sie nur Minuten zuvor herumgerollt waren. „Wenn du für mich fühlst, was du fühlst?“

Sie lächelte ihn mit dem bedächtigen Wohlwollen eines Engels an. Die Heilige Lady. Es war ein Begriff, der sie jahrelang von der breiten Öffentlichkeit getrennt hatte. „Wenn ich fühle, was ich fühle? Du hast gesagt, dass du mich liebst, Liam.“

„Das könnte dir jeder verdammte Bastard sagen. Das bedeutet schwerlich, dass du–“

„Also gibst du es zu?“

„Was?“

„Du gibst zu gesagt zu haben, dass du mich liebst?“

Er versuchte, ein Wort zu formen. Es kam nicht. Sie zwang ein Lachen heraus und hoffte, dass es leichtfertig klang.

„Du hast recht, schätze ich. Ich sollte nicht jedem Burschen erliegen, der mir süße Worte zuflüstert.“

„Jedem …“

„Aber sie wirken stets so ernst und liebestrunken.“

„Stets?“

„Und ich werde bald verheiratet.“ Sie zuckte mit den Achseln. „Es ist meine letzte Chance, Stichproben zu machen.“

„Stichproben zu machen!“ Er packte ihre Arme, seine Hände waren wie Krallen. „Willst du damit sagen, dass andere dich so gesehen haben? Dass du dich hingegeben hast an–“ Er kam stotternd zum Stillstand und atmete schwer. „Nay.“ Er kniff die Augen zusammen, während er sie anstarrte. „Von solcher Art bist du nicht.“

„Von welcher Art bin ich nicht?“, flüsterte sie unschuldig.

Er starrte sie an. Ein Beben durchfuhr ihn und ließ sie erzittern, so heftig war es.

„Zur Hölle, Rachel! Bedecke dich!“, befahl er. Aber es gab nichts, womit sie sich bedecken konnte. Also griff er den Umhang von seiner eigenen Hüfte und wirbelte ihn ihr um den Rücken.

Der eisige Windhauch des Gewands verursachte Gänsehaut auf ihren Armen, und ihre Nippel traten hervor wie knospende Rosen. Aber das beachtete sie nicht.

Liam hingegen schien einen Augenblick lang gelähmt zu sein, ehe er den Umhang zusammenzog und ihre Nippel, ihre Brüste und Dragonheart auf einen Streich verdeckte.

„Welche Art Frau bin ich nicht?“, fragte sie erneut. „Wie die Frau in dem Dorf?“

Er blieb einen Moment lang still und beobachtete ihr Gesicht aus wenigen Zoll Entfernung.

„Richtig“, sagte er. „Du bist ganz und gar nicht von dieser Art.“

Nay. Nicht die Art, die ihn wirklich anzog. Oh ja, er hatte einen Augenblick lang seinen Kopf verloren. Vielleicht war es der Schrecken, dem Tod so nah zu sein, der ihn hatte glauben lassen, dass selbst sie dem Alleinsein vorzuziehen wäre. Er hatte es sich schnell genug anders überlegt.

Für sie war es anders. Nie zuvor hatte sie ihre eigenen Bedürfnisse mit solch verzehrender Wildheit gespürt. In der Vergangenheit hatte sie sich stets um die Bedürfnisse der anderen gesorgt, um ihren Clan, ihre Familie, ihr Land. So war sie erzogen worden.

Aber hier gab es niemanden, der über ihre Taten urteilen, sie mit der Vollkommenheit ihrer Mutter, der Schönheit ihrer Cousinen oder dem Mut ihres Vaters vergleichen konnte. Niemanden, sie zu beurteilen, wie sie seit ihrer Geburt beurteilt worden war. Sie hatte nur ihr eigenes Leben, um das sie sich sorgen musste.

Darin lag eine gewisse Freiheit. Genug Freiheit, um sich erlauben zu können, dass der Umhang sich öffnete, als sie aufs Feuer zuschritt. Etwas Bein war zu sehen, und die Rundung einer Brust. Sie streckte ihre Hände nach der Wärme der Flammen aus.

„Ich denke, es ist an der Zeit, dass du erklärst, warum du meine Wache angegriffen hast, Liam.“

Er hatte seine Tunika vom Boden aufgeklaubt und sie um seine bloßen Hüften geschlungen.

„Ich habe deine Wache nicht angegriffen“, sagte er und bot einen Moment lang nichts Weiteres an.

„Wahrlich? Für mich sah es nach Davin aus.“

Liam wandte ihr seinen dunklen Blick zu und schnaubte. „Und es gibt jene, die behaupten, du habest die Gabe.“

„Ich kenne meine Wachen, Liam. Sie haben mich sicher von London aus begleitet, und sie haben mich sicher an Bord der Fähre gebracht.“

„Du denkst mit deinem Kopf, Rachel.“

„Das tun manche von uns“, sagte sie und ließ ihren Blick auf sein Gemächt und zurück gleiten.

Er biss die Zähne zusammen. „Denk mit deiner Seele!“, knurrte er. „Hast du das Böse nicht gespürt?“

Wieder Gänsehaut, die sich unter dem Umhang ausbreitete. Aber es war jetzt keine Gänsehaut, die von der Kälte verursacht wurde, sondern von den Gefühlen, die seine Worte heraufbeschworen. Einen Augenblick lang glaubte sie ihm beinahe. Aber die Wahrheit war, dass er in der Vergangenheit tausend wilde Geschichten erzählt hatte. Und in der Vergangenheit hatte sie ihm geglaubt und es bereut.

„Dann sag mir, Liam, wessen wütender Ehemann ist dieses Mal hinter dir her?“

Sie beobachtete, wie sich sein Kiefer anspannte. „Es ist kein wütender Ehemann.“

„Wirklich? Wer dann?“

Er starrte sie einen kurzen Moment lang an, dann zuckte er schließlich mit den Schultern. Womöglich versuchte er, den Ausdruck zwanglos aussehen zu lassen, aber sie konnte die Anspannung in seinen nackten Schultern sehen. „Niemand, um den Eure Ladyschaft sich sorgen müsste. Nur ein wahnsinniger Hexer, der nach Unsterblichkeit giert und meinen Kopf auf einem Spieß sehen will.“

Sie lachte, obwohl die Gänsehaut so heftig war, dass es wehtat. „Ein Hexer?“

„Nicht einfach nur ein Hexer.“ Sein Blick war ausgeglichen und todernst. „Der Hexer.“

Die Nacht versank in Schweigen.

Rachel wünschte, sie wüsste nicht, wen er meinte. Aber darauf war nicht zu hoffen. Furcht kroch mit frostigen Fingern ihre Wirbelsäule hinauf. „Warwick ist tot“, flüsterte sie.

Liams Kiefer spannte sich an. „Nicht tot genug“, entgegnete er.

Kapitel 6

Liam war in Gedanken, während er Rachel beobachtete. Trotz allem – den immer noch klammen Kleidern, die sie zu tragen beharrte, dem Schrecken ihrer Lage, dem steinharten Höhlenboden – schlief sie.

Was ihn betraf, saß er wach da und starrte sie an.

Wilde Zweifel jagten wieder und wieder durch seine Gedanken. Vielleicht lag er falsch. Vielleicht war er verrückt. Schließlich stimmte, was Rachel gesagt hatte: Warwick war tot. Warwick, der uralte Hexer, der in seinem Streben nach Dragonheart beinahe Saras Leben ausgelöscht hatte. Warwick, der beinahe Shona getötet hatte, als sie das Amulett trug. Warwick, der sich in ein flammendes Inferno gestürzt hatte, um den Drachen zurückzugewinnen.

Liam selbst hatte den Hexer im Feuer verschwinden sehen. Liam selbst hatte sichergestellt, dass Warwick nicht herausgekommen war.

Und doch …

Er konnte sich bei den Gefühlen, die ihn auf der Fähre überkommen hatten, nicht getäuscht haben. Er hatte die böse Aura des Hexers oft genug gespürt, um sie zu erkennen. Bei diesen vergangenen Erfahrungen hatte es sich genauso angefühlt wie auf dem Fluss.

Alles hatte gut gewirkt. Aber plötzlich hatte es geschienen, als wäre eine dunkle Wolke aus seinen Gedanken verschwunden, und er hatte das Böse erkannt, genauso wie dessen Quelle. Es war von Davin ausgegangen – einem von Warwicks Männern.

Schrecken hatte Liam mit stählernem Griff gepackt. Einen entsetzlichen Augenblick lang hatte er nichts sehnlicher gewollt, als sich von der Fähre zu stürzen und zu sterben, anstatt Warwick in die Hände zu fallen. Aber dann hatte er einen Blick auf Rachel geworfen …

Liam fuhr sich vor schmerzendem Missmut mit der Hand durchs Haar. Vielleicht hätte er sich vom Boot stürzen sollen. Er war kein Krieger. Gewiss nicht. Er war ein Dieb, ein Zauberkünstler, ein Akrobat. Niemand, der ihresgleichen beeindrucken konnte.

Er hatte herzlich wenig Gutes für sie getan. Sie war beinahe getötet worden. Wahrlich, es war mehr als wundersam, dass sie den Sturz überlebt hatten.

Und jetzt hielt sie ihn für verrückt. Er betrachtete ihre schlafende Gestalt und schnaubte.

Er war nicht derjenige, der verrückt war. Sie war es. Was zur Hölle hatte sie sich dabei gedacht – ihn so zu küssen? Sie war …

Seine Hände fingen an zu schwitzen. Er ballte sie zu Fäusten und versuchte normal zu atmen. Sie war nicht für ihn bestimmt. Sie war es nicht, und das wusste sie.

Wahrlich, vor langer Zeit, als sie noch unschuldig war, hatte sie den Lauf der Dinge nicht verstanden, hatte nicht gewusst, dass die Tochter eines wohlhabenden Lairds niemals zu einem Bastard gehören konnte.

Daran erinnerte Liam sich jetzt. Erinnerte sich, wie sie in nichts als ihrem Nachtgewand zu ihm gekommen war, ihr hauchzartes Haar offen, ihr Blick unsicher. Aye, er erinnerte sich an alles, an ihren Duft, ihre Schüchternheit, ihre todlangweiligen Liebeserklärungen.

Aber er hatte sich den Luxus der Einfältigkeit nie leisten können. Er kannte damals wie heute die Konsequenzen, die es mit sich brachte, die Tochter eines Lairds zu berühren. Dennoch, und obwohl er die Konsequenzen kannte, hätte nur ein Bastard oder ein Held sie abweisen können, und er war kein Held.

Aye, sie war einst unschuldig und lieblich gewesen. Aber das war sie nicht länger. Jetzt war sie …

Was? Was war sie? Sie hatte ihn beinahe angefleht, sie zu nehmen. Rachel, die Heilige Lady! Warum sollte sie das tun, wenn sie ihn nicht gernhatte? Vielleicht–

Aber nein. Er war ein Narr. Sie hatte angedeutet, dass sie sich anderen angeboten hatte. Wahrlich, sie hatte mehr als das angedeutet.

Liam spannte seine Fäuste an und rang um Selbstbeherrschung. Aber es hatte keinen Zweck. Er war erschöpft. Erschöpft vom Schrecken, von den Strapazen der Reise und von den Jahren ohne sie.

Gott ja, er wollte sie in seinem Bett haben. Das hatte er schon immer gewollt. Und warum auch nicht? Sie war alles, was er nie haben konnte – gebildet, vornehm, tugendhaft. Aber er hatte sich beherrscht. Und wieso? Gewiss nicht, weil sie einen Besseren verdiente.

Nay, das war es ganz und gar nicht. Er hatte lediglich nicht die Absicht durch die Hände ihres erbosten Vaters ums Leben zu kommen. Wahrlich, Laird Leith war in der Vergangenheit gütig zu ihm gewesen, aber es gab einen gewaltigen Unterschied zwischen dem Anflug von Mitleid, das er für den heimatlosen Bastard empfand, und der fortwährenden Liebe für seine einzige Tochter. Falls Leith glaubte, dass ein irischer Bastard sein Mädel in irgendeiner Weise in Gefahr gebracht hatte, würde der Laird eben diesen Iren zerstückeln und an die Krähe verfüttern lassen. So viel glaubte Liam sicher zu wissen.

Dennoch hatte sie einen Moment lang so gewirkt, als wolle sie ihn.

Aber offenbar hatte sie auch andere gewollt. Hatte sie in ihr Bett geführt. Hatte sie ihre seidige Haut berühren lassen und … Die Gedanken stürmten durch Liams Verstand wie mächtiger Wein. Er stand mit einem Ruck auf, bereit sie wachzurütteln, sie zu befragen. Aber sobald er sich neben sie gehockt hatte, hielt er in allen Bewegungen inne.

Sie lag auf der Seite, mit dem Gesicht zum Eingang der Höhle. In der Welt da draußen dämmerte es gerade, und der erste Schimmer des Morgens fiel auf sie.

Ihr Kleid war zerrissen und dreckig. Ihr Haar, das für gewöhnlich hochgesteckt und unter irgendeiner verzierten Bundhaube verborgen war, lag wirr und verdreht da, schwarz wie Schlamm. Ihre Füße waren nackt, und einer ihrer Handrücken war aufgekratzt. Die große Lady am Boden, dachte er. Aber selbst als er das dachte, glitt sein Blick über ihre Alabasterhaut, ihre flaumigen Wimpern und ihre teuflisch himbeerroten Lippen, die leicht geöffnet waren, während sie durch sie hindurchatmete. Und plötzlich wusste er, dass nichts sie auf seine Stufe hinunterziehen würde.

Gleich was sie getan hatte, egal, ob sie bei hundert Männern gelegen hatte, sie war immer noch nicht für seinesgleichen bestimmt.

Er blickte finster drein und war drauf und dran, aufzustehen, als sie in eben diesem Moment erwachte.

„Wo …“ Sie stützte sich ohne eine Sekunde Vorlauf auf einen Ellenbogen, ihre Augen waren so weit und unheimlich wie Loch Ness. Dann holte sie zitternd Luft und ließ ihren Blick an den schmalen Wänden ihres Unterschlupfs entlanggleiten. „Ich erinnere mich.“

Er beobachtete sie, beobachtete die Furcht, die Tapferkeit, und war plötzlich wider alle Selbstkontrolle versucht, sie in seine Arme zu schließen und ihr zu versprechen, dass alles gut werden würde.

Er unterdrückte diese närrischen Empfindungen mit fester Entschlossenheit und erhob sich. Er würde sich nicht noch einmal vor ihr zum Narren machen. Er würde gescheit und zurückhaltend sein, so wie sie.

„Es gibt heute Morgen kein Frühstück im Bett, Mädel.“ Sie erhob sich langsam.

„Willst du damit sagen, dass du es versäumt hast, mir eine Mahlzeit zu beschaffen?“

Es war dieser hochmütige Tonfall, der dafür sorgte, dass ihm die Nackenhaare zu Berge standen. Auch wenn die Rundung ihrer mürrischen Unterlippe an ihm zog wie ein Haken an einem Lachs. „Ich bin nicht dein Diener“, erinnerte er sie.

„Ist mir aufgefallen“, sagte sie und drehte sich weg.

„Nicht jeder kann so gut bestückt sein wie ich.“

Für einen Moment war es absolut still. Also hatte er sie schockiert. Gut.

„Tatsächlich“, sagte sie, und ihre Stimme war so kühl wie der Morgentau, „hat mein Diener einen Schwanz wie ein Hengst. Aber er ist nicht so rüpelhaft.“

„Du hast ihn nackt gesehen?“, krächzte Liam.

Sie wandte sich nicht zu ihm um.

Er durchschritt die Höhle, packte sie am Arm und drehte sie zu sich herum. „Hast du ihn gesehen?“, knurrte er. Doch plötzlich bemerkte er, dass ihr Gesicht von einer Farbe errötet war, die nichts mit der aufgehenden Sonne zu tun hatte. Sie errötete vor unschuldiger Verlegenheit.

Er beruhigte sich mit einiger Anstrengung.

„Du warst noch nicht mit einem Mann zusammen“, sagte er sanft.

Sie antwortete nicht.

„Gib es zu, Rachel.“

„Das ist nicht wahr“, sagte sie, aber ihr Gesicht errötete noch mehr.

Er gab sich keine Mühe, nicht zu lachen.

Sie hob ihr Kinn auf die Weise, die er schon hundert Mal zuvor an ihr beobachtet hatte.

„Ich würde dich für deine Grobheit tadeln, Liam“, sagte sie sanft. „Aber ich vermute, sie entspringt lediglich deiner unerwiderten Liebe zu mir.“

Er machte sich bereit, eine Antwort zurück zu fauchen, aber sie fegte bereits an ihm vorüber, den Saum ihres Kleides in einer Hand, als wäre sie eine Prinzessin auf dem Weg zur Audienz mit dem König.

„Komm mit“, sagte sie. „Ich habe keine Zeit, auf dich zu warten.“ Aber als sie den vom Regen durchweichten Wald betrat, hielt sie inne. Er beobachtete, wie sie sich Richtung Fluss wandte.

Liam presste seine Hände zu Fäusten zusammen, bereit sie anzuflehen, nicht zu ihren Wachen zurückzukehren, aber einen Augenblick später wandte sie sich um und ging an der Felswand entlang.

„Halt“, sagte Liam und streckte eine Hand nach Rachels Arm aus.

„Was ist?“ Sie drehte sich zu ihm um. Ihr Gesicht war angespannt vor Müdigkeit, und eine rosarote Linie entstellte ihre Wange dort, wo ein Dorn sie gekratzt hatte, aber ihr Ausdruck war nicht weniger hochmütig als noch vor drei Stunden.

„Du kannst nicht ewig so weitergehen. Setz dich hin.“

„Ich habe keine Zeit zu verlieren.“

„Setz dich hin“, wiederholte er. „Ich mache dir ein Paar Schuhe.“

„Ich bin schon mal barfuß gewesen“, sagte sie, aber er hatte zu viele Stunden Zeit gehabt, sie sich mit anderen Männern vorzustellen, als dass er jetzt Geduld übriggehabt hätte. Er packte sie bei der Schulter und stieß sie auf einen Holzklotz hinter ihr.

Sie setzte sich mit einem dumpfen Ächzen, und er fragte sich, ob sie auch solche Schmerzen litt und so müde war wie er. Wohin zur Hölle war sie so eilig unterwegs?

Aber sie zu fragen würde wenig Sinn haben. Er kannte sie gut genug, um das zu wissen.

„Also glaubst du mir endlich“, sagte er, und kniete sich hin, um ihren schmalen Fuß auf sein Knie zu heben. Er war klein und zerbrechlich, das Fußgewölbe so zierlich wie der Flügel eines Spatzen.

„Ich glaube dir nicht“, entgegnete sie und starrte wütend auf seine Hände.

„Du weißt nicht, wovon du sprichst.“ Er versuchte, etwas rechtschaffenen Zorn zu entwickeln. Schließlich hatte er ihr das Leben gerettet. Aber selbst ihr Knöchel lenkte ihn ab. Er war leicht gewölbt und unmöglich schmal. Liams Blick strich zur teuflisch sanften Rundung ihrer Wade hinauf.

„Es spielt keine große Rolle“, sagte sie. „Ich bezweifle alles, was du sagst.“

Er riss den Blick von ihrem hypnotisierenden Bein. „Du glaubst, dass es der Hexer war, der am Ufer wartete. Sonst würdest du zum Fluss zurückgehen, statt weiter nach Norden.“

„Ich habe keine Zeit für den Versuch, meine Wachen zu finden“, sagte sie und versuchte, ihren Fuß wegzuziehen.

Er packte ihn und legte ihn wieder auf sein Knie, während es ihm gleichzeitig gelang, einen Stoffstreifen von ihrem Unterrock zu reißen.

„Was glaubst du, tust du da?“, krächzte sie, als sie einen Moment zu spät bemerkte, wo seine Hände gewesen waren.

Er grinste, während er begann, den Fetzen um ihre Ferse zu wickeln. „Du musst in der Tat sehr ungeduldig sein, deinen Verlobten zu sehen, wenn du nicht einmal abwarten kannst, dass ich deine Füße verbinde.“

„Was soll ich sagen?“, fragte sie mit anzüglichem Unterton. „Der Gedanke an ihn lässt mein Herz höherschlagen. Ich kann es nicht ertragen, auch nur einen Moment länger von ihm getrennt zu sein.“

„Also ist er ein solch außergewöhnlicher Liebhaber?“

Sie seufzte.

Wut durchfuhr Liam, aber er unterdrückte sie. „Ha!“, spuckte er aus und ließ ihren bandagierten Fuß fallen, nur um den anderen aufzunehmen. „Es gibt keinen Verlobten.“

„Wovon redest du?“ Sie schaffte es beinahe, ihren Fuß aus seinem Griff zu befreien.

„Du bist nicht so frivol gewesen seit …“ Er hielt inne. Er erinnerte sich erneut daran, wie sie als junges Mädchen zu ihm gekommen war. Aber selbst um sie zu demütigen, hatte er nie die Kraft aufbringen können, diese Erinnerungen zu besudeln. „Du bist nicht von der frivolen Sorte, Rachel. Und so frage ich mich, wohin du in solcher Eile davonstürmst?“

Seine Frage wurde durch das erneute Zerreißen von Stoff unterstrichen. Sie zuckte bei dem Geräusch zusammen und blickte ihn wütend an, ließ ihren Fuß jedoch auf seinem Knie.

„Es mag sein, dass ich die Heiligkeit der Ehe nicht für eine frivole Sache halte, Liam“, sagte sie. „Fürwahr, ich werde heiraten. Und ich bin gerade in diesem Moment auf dem Weg zu ihm.“

„Vielleicht. Falls er im Sterben liegt.“

„Was soll das bedeuten?“

„Dass du, seit du alt genug bist, dich um eine Wunde zu kümmern, nicht so eilig irgendwohin unterwegs warst, es sei denn, es ging um die nachlassende Gesundheit von jemandem.“

„Du weißt so wenig, Liam“, sagte sie. „Zufällig will ich seit Langem eigene Kinder. Und trotz meiner … nun …“ Sie hielt inne und vermochte es irgendwie, ihn ungeachtet ihrer zerzausten Erscheinung sittsam anzusehen. „Trotz meiner gewaltigen Erfahrungen mit Männern, habe ich entschieden zu heiraten, ehe ich ein Kind bekomme.“

„Wie tugendhaft von dir.“

„Aye. Laird Dunlock sieht das genauso.“

„Daran habe ich keinen Zweifel.“ Er ließ ihren Fuß auf die Erde fallen.

Sie neigte ihren Knöchel mit einem düsteren Blick. „Wo hast du das gelernt?“

„Ich bin als Bastard zur Welt gekommen“, erinnerte er sie. „Schuhe gehören nicht zum Titel. Und jetzt sag mir, wohin du unterwegs bist.“

„Das habe ich bereits.“ Sie versuchte, sich zu erheben, aber er hielt noch immer ihren Knöchel fest. Er brachte sie leicht aus dem Gleichgewicht und warf sie auf den Holzklotz zurück.

„Hör mir gut zu, Rachel. Einige ziemlich boshafte Männer sind hinter uns her. Und ich für meinen Teil würde gerne wissen, warum.“

„Was für Männer?“, fauchte sie und deutete mit dem Arm zur Seite. „Ich sehe keine.“

„Sie kommen“, versicherte er.

„Sie?“

„Du weißt wer!“

„Warwick?“, spottete sie.

„Sprich seinen Namen nicht aus!“, zischte Liam, während sich Panik in ihm ausbreitete.

Sie lachte. Lachte tatsächlich. „Also glaubst du wirklich, dass er noch lebt?“

„Hast du gedacht, ich scherze?“

„Liam! Das ist Wahnsinn. Er kann das Feuer in Kirkwood Castle unmöglich überlebt haben. Aber selbst, wenn doch – warum sollte er mir übelwollen? Er ist ein Edelmann. Ein–“

„Aye! Er war einst ein Edelmann!“, sagte Liam. „Fürwahr, er war einst wohlhabend, ein Berater von Königen. Und deshalb würdest du ihm vertrauen? Weil er von deinesgleichen ist?“

„Er ist tot.“

„Das ist er nicht. Er ist hinter dir her, und ich will wissen, warum. Wieso die Eile, Rachel? Wohin bist du unterwegs?“

Ihr Gesichtsausdruck war ernst. „Vermutest du …“ Ihre Hand klammerte sich um Dragonheart. „Sind sie hinter dem Amulett her?“

Schrecken traf Liam. Das war die Antwort, die er hundert Mal erwogen hatte, seit sie seine Haut gerettet hatte. Die einzige Antwort, die schlüssig schien. Aber es war unmöglich. Er schüttelte den Kopf. „Er konnte nicht wissen, dass du es hast. Konnte er nicht. Oder?“

Ihre Blicke trafen sich in stiller Furcht.

Aber schließlich lachte Rachel und brach den Bann, indem sie mit einem Ruck aufstand.

„Du erzählst schon so lange wilde Geschichten, dass du sie schließlich selbst glaubst, Liam. Ich bin unterwegs zu meinem Verlobten. Nichts anderes.“

„Aye“, sagte er und erhob sich neben ihr. „Und ich bin der König von Kalmar.“

 

Es war fast dunkel, als Rachel unvermittelt neben Liam stehen blieb.

„Was ist?“, zischte er.

„Hast du was gehört?“

Er schüttelte den Kopf, blieb aber einen Moment lang still und lauschte. Dann sagte er: „Hufgetrappel.“

Sie nickte rasch, ihr Ausdruck hoffnungsvoll, aber er wagte es nicht, so optimistisch zu sein. Stattdessen hob er eine Hand, um zur Ruhe zu mahnen, dann glitt er, so schnell es sein schmerzender Körper erlaubte, vor ihr in Richtung der Geräusche durch den Wald.

Es dauerte nicht lange, bis sie eine Straße erreichten.

Sie wandte sich ihm zu, ihr Ausdruck schockiert. „Hier war die ganze Zeit eine Straße?“

„Ich kann nur vermuten, dass sie sich nicht um deinetwillen bewegt hat.“

„Warum zum Teufel hast du mir dann nicht gesagt–“

Er bedeutete ihr zu schweigen. „Überlass mir das Reden.“

„Was?“

Er nickte in die Ferne. Beinahe eine Viertelmeile entfernt zog ein weißer, gedrungener Schimmel eine überdachte Kutsche in ihre Richtung. Hinter dem Wagen ritten zwei Männer zu Pferde. „Du versteckst dich.“

„Wieso?“ Trotz allem – den kräftezehrenden Meilen, dem Matsch, der an ihren Füßen zog, dem zerrissenen Mieder, das sie mit einem Fetzen aus ihrem Saum bedeckte – vermochte sie es, hochmütig zu klingen.

Er wurde zornig. „Vielleicht hältst du dich angesichts deiner neu entdeckten, niederen Moral vorzeigbar, aber ich bin da anderer Meinung.“

„Ich schätze, du hältst dich selbst–“

„Überlass–“ Er hob voll knirschendem Missmut eine Hand. „Überlass mir einfach das Reden“, zischte er, und schließlich stimmte sie zu und setzte sich ins Unterholz.

Liam trat sogleich auf die Straße und hob eine Hand zum freundlichen Gruß. Es gab wenig Grund, zu warten, bis die Kutsche herangekommen war und er den armen Kutscher zu Tode erschreckte.

„Brrr, Siegmund“, rief der Mann, der die Zügel hielt. Es war sowohl an seiner Stimme als auch an seinen Kleidern unschwer zu erkennen, dass er Italiener war, ein schmaler Bursche mittleren Alters, gekleidet in eine dunkle Kniehose und ein rotes, geschlitztes Wams. Neben ihm saß ein älterer Mann mit einem grauen, kurzgeschnittenen Bart. Er hatte eine Hand recht verdächtig unter sein Wams geschoben.

Liam ersparte sich einen Blick auf die Reiter hinten, denn wegen ihres Gebarens und ihrer Kleidung war klar, dass es sich um so etwas wie Wachen handelte, und die Rolle, die er gerade annahm, war entsprechend unter ihrer Würde. Liam sammelte all seine Kraft und versuchte sich an seinem besten Lächeln. Aber gerade jetzt war sogar sein bestes Lächeln etwas erzwungen und die Männer sahen skeptisch aus.

„Stimmt etwas nicht, Bursche?“, fragte der ältere Mann. Seine Stimme klang einigermaßen freundlich, aber seine Hand tauchte nicht aus seiner Jacke auf.

„Aye“, sagte Liam und schätzte die beiden rasch ein. Diese beiden waren keine einfachen Händler. Der jüngere Mann hatte einen Hauch von Arroganz an sich – vielleicht war er ein Schwerenöter. Der ältere Kerl war offensichtlich wohlhabend.

Es war nicht schwer, seinen irischen Akzent durch einen englischen zu ersetzen, und es war noch leichter, seine Körperhaltung anzupassen, um auszusehen wie ein Mann mit Vermögen – nicht zu übermütig, aber auch nicht zu bescheiden. „Ich hatte einige Schwierigkeiten und hoffe, Ihr könnt mir helfen.“

„Schwierigkeiten?“

„Aye. Ich bin Archibald of Horsham. Ich war unterwegs nach Coventry, um mich mit Lord Windsley zu treffen, als mir dieses Missgeschick passierte.“

„Wegelagerer?“, fragte der Mann, der die Zügel hielt.

„Nay. Ich fürchte, es war meine eigene Ungeduld.“ Es gelang ihm, ein schüchternes Grinsen aufzusetzen. „Es heißt, dass Frauen und Eile einen Mann oft zum Narren machen.“

„Ich vermute, dieses Mal war es keine Frau.“

„Wenn dem so wäre, sähe ich nicht so elend aus“, sagte Liam, „denn es ist weitaus besser, von einer Frau zum Narren gemacht zu werden als von einem Mann zu Prinzen, aye? So wie es steht fürchte ich, dass ich mich selbst zum Narren gemacht habe. Ich wusste, dass der Fluss zu hoch war, um ihn zu überqueren, aber ich war in Eile, Windsley zu treffen. Mein Pferd hat auf dem Weg hinüber den Halt verloren und mich beinahe ertränkt.“

Der ältere Mann beäugte Liams Plaid mit zusammengekniffenen Augen. „Ihr sprecht nicht wie ein Schotte.“

„Fürwahr, ich bin keiner. Aber meine Kniehose zerriss während des wilden Ritts im Fluss. Es war pures Glück, das mich dieses Stück Wollstoff finden ließ. Ich fürchte, der Schotte, der es verloren hat, hatte nicht so viel Glück wie ich.“

„Fürwahr.“

„Ich vermute, ich sollte froh sein, dass ich noch am Leben bin und ich nicht alles verloren habe. Aber es ist mir unangenehm, in solch schäbigem Aufzug an Lord Windsley heranzutreten“, sagte Liam, griff unter seine zerfetzte Tunika und zog den entwendeten Beutel hervor. „Und ich dachte, Ihr könntet mir vielleicht helfen.“

Kapitel 7

„Verdammte Italiener“, sagte Liam und streckte den Arm am Bündel seiner Neuanschaffungen vorbei, um Rachel den halben Laib eines runden Brots zu reichen.

„Gesegnete Italiener“, verbesserte sie und machte sich sogleich über den dunklen Laib her. „Haben sie meine Wachen auf der Straße gesehen?“

„Das habe ich nicht gefragt. Sie haben mir eine Riesensumme für das hier abgenommen. Ich habe nicht gewagt, darüber nachzudenken, was sie für Informationen berechnen.“ In Wahrheit hatte er Angst gehabt zu fragen, weil er keinen Verdacht erregen wollte. Nach dem unheimlichen Vorfall auf der Fähre hatte er sich geschworen, niemandem zu trauen.

„Ist Ihnen irgendwelcher Ärger begegnet?“

„Nay. Iss das“, sagte er und reichte ihr eine dicke Scheibe Käse, während er einen Schluck aus einer Weinflasche nahm. „Voraus liegt ein Dorf.“

„Dorf?“

„Aye. Etwa fünf Wegstunden, sagten sie.“

„Dann sputen wir uns“, befahl sie, aber er schüttelte den Kopf.

„Nicht in diesen Kleidern.“

„Du hast mir Kleider gekauft?“

Aye“, sagte er und zog eine Reihe an Kleidungsstücken unter seinem Arm hervor. „Zieh das an.“

„Sie hatten Kleider für mich?“

Er zuckte mit den Schultern. „Nenn mich Liam, den Glückspilz. Ich dachte, du habest es eilig.“

Sie wandte sich ab und lief tiefer in den Wald.

Liam wartete damit, seine eigene neu erworbene Kleidung anzuziehen, denn er konnte leicht den Augenblick vorhersagen, in dem sie wiederauftauchte. Sie enttäuschte ihn nicht. Er bändigte sein Grinsen mit einem Maß an Anstrengung, das selbst für einen Iren bewundernswert war.

„Ich fürchte, dein Humor ist leider mangelhaft“, sagte sie.

„Ach?“ Immer noch erlaubte er es sich nicht zu grinsen.

„Dies sind Männerkleider. Wie dir nur allzu bewusst ist.“

„Ach das. Aye, das wusste ich.“

Sie starrte ihn an. Ein geringerer Mann hätte es einen wütenden Blick genannt.

„Wieso?“ Es war ein einzelnes, elegant ausgesprochenes Wort.

„Denk drüber nach, Rachel“, sagte er, nahm einen weiteren Schluck und aß seine eigene Hälfte des Brotlaibs auf. „Dein Leben ist in Gefahr wegen eines wahnsinnigen–“

„Ich habe keine Zeit, mir deine wilden Geschichten anzuhören.“

Er hob die Flasche und brachte sie mit der Bewegung zum Schweigen. „Es ist dein gutes Recht, nicht daran zu glauben, dass es der Hexer ist, der dir folgt. Aber du kannst nicht leugnen, dass das Böse dort war. Du hast die Gabe. Du musst es gespürt haben.“

Sie sah aus, als hätte sie gern etwas gespürt, hatte es aber nicht.

„Jemand ist hinter dir her, Rachel“, sagte er und wünschte, er könne sich das Grinsen leisten, das er sich zuvor verboten hatte. Aber er stellte fest, dass er nicht in der Stimmung war, als er sich an den Schrecken auf der Fähre erinnerte. „Jemand will dir übel. Sie wissen, wer du bist. Sie wissen, wie du aussiehst. Und sie wissen, wo du dich versteckst.“ Er ließ seine Worte einen Moment lang schweigend schwären. „Und du bist in großer Eile in eigener Mission unterwegs. Einer geheimen Mission.“ Er beobachtete aufmerksam ihre Augen und wartete darauf, dass sie es leugnen würde. Aber sie sagte nichts. „Du kannst dir nicht erlauben, gefangengenommen zu werden, ob es nun der Hexer ist, der dir folgt, oder jemand anderes. Es ist selbstverständlich deine Entscheidung, aber die Tochter, die Lady Fiona erzogen hat, würde niemanden wegen ihrer eigenen Eitelkeit in Gefahr bringen. Fionas Tochter würde die Kleider anziehen, die Verkleidung anlegen und für Sicherheit beten.“

Rachel hob ihr Kinn und schwieg einen Moment lang, dann sagte sie: „Das muss ich dir lassen, Liam, du bist noch manipulativer, als ich dachte.“

Sein Grinsen trat nun zutage, er verbeugte sich dürftig und hielt dabei die Flasche aufrecht, damit er nichts verschüttete. „Hab Dank.“

„Ich habe jedes Wort ernst gemeint“, fügte sie gnädig hinzu, und er lachte, als sie sich wieder umwandte und in den Wald ging.

Liam zog sich rasch seine eigenen Gewänder an. Es war einfache Kleidung, eine dunkle Kniehose, eine rostfarbene, gegürtete Tunika und Schuhe, die beinahe passten. Nicht aufregend, abgesehen vom Umhang. Es war ein schönes Stück, aus waldgrünem Stoff gefertigt, der seinen Farbton zu verändern schien, wenn er sich bewegte, von Grün hin zu einem unbeschreiblichen Grau. Entlang des Saums waren Zinnpailletten in den Stoff gehakt.

Liam wirbelte den Umhang um seine Schultern, bewunderte, wie er aufleuchtete und sich um ihn legte, band die dunkle Schnur um seinen Hals und wartete.

Aber offenbar war Rachel mit Männerkleidern nicht so vertraut, denn es dauerte eine Weile, bis sie wiederauftauchte. Liam konnte nicht anders, als über die Konsequenzen der Verspätung zu lächeln, aber als sie schließlich in Sicht trat, schienen die Dinge nicht mehr so amüsant zu sein.

Ihre teuflischen Lippen waren geschürzt und ihre Stirn lag in Falten. „Sagst du mir noch einmal, was du mit dieser Verkleidung bezweckt hast, Liam?“, fragte sie. Aber einen Augenblick später hob sie ihre Brauen. „Und was, bitte schön, trägst du da?“

„Das ist mein neues Gewand“, sagte Liam und betrachtete ihre Gestalt. Das rote Wams mit der schwarzen Tunika, die man durch die geschlitzten Ärmel sehen konnte, hatte an dem schmalen Kutscher ganz anders ausgesehen. Wahrlich, es hatte mit der eng geschnallten Taille und den lächerlich weiten Schultern etwas prahlerisch gewirkt. Und wahrlich, er hatte die schwarze Kniehose nicht gesehen, die das Gewand begleitete, aber irgendwie hatte er nicht erwartet, dass sie Rachel … so aussehen ließe.

Er schluckte schwer, ließ seinen Blick an der unglaublichen Länge ihrer schlanken Beine herabgleiten und versuchte sich nicht vorzustellen, welche weichen, köstlichen Schätze die lächerlich große Schamkapsel verbarg.

„Das ist so, damit die Schurken dich nicht … bemerken“, sagte er.

Sie nickte zimperlich, wie eine fette Lady bei einem feinen Ball. Aber irgendwie konnte er nicht anders, als sich vorzustellen, wie sie Augenblicke zuvor ausgesehen hatte, als die schwarze Tunika kaum den blassen Mond ihres Hinterns bedeckte und die schlanken Oberseiten ihrer Schenkel liebkoste. Es wäre so einfach gewesen, eine Hand unter den Saum gleiten zu lassen, ihr seidenweiche Haut zu spüren, und wie sich ihr intimstes Haar sträubte. Zu …

„Und? Wird es funktionieren?“

Er unterbrach seine eigenwilligen Gedanken mit einem schaudernden Ruck und versuchte den Schmerz zu ignorieren, den die Teile von ihm verursachten, die nicht länger von einem übergroßen Sporran verdeckt waren. „Was?“, fragte er, etwas atemloser als er geplant hatte.

„Wird die Verkleidung dafür sorgen, dass ich unbemerkt bleibe?“

Sabberte er?, fragte er sich hoffnungslos. „Natürlich nicht!“, sagte er und warf seine Arme voll überschwänglicher Erleichterung von sich. „Du hast den Hut noch nicht aufgesetzt.“

„Oh! Es gibt einen Hut!“

„Aye“, sagte er und trat vor, um ihr die federgeschmückte, breitkrempige Schönheit auf den Kopf zu setzen.

Sie lächelte ihn gezwungen an. „Nun?“

Er zuckte dramatisch mit den Achseln und wünschte, er wäre sehr, sehr betrunken. Aber er hatte bereits die halbe Flasche geleert, und Rachel brauchte ihren Anteil. „Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, du bist nicht mehr als ein reisender–“, er suchte nach Worten, „Gaukler“, schloss er schwächlich.

„Denkst du wirklich?“

„Aye.“

„Dann bist du ein Tölpel!“, fauchte sie und die lange Hutfeder wippte auf und ab. „Ich könnte mit diesen Kleidern nicht mal eine Ziege zum Narren halten.“

„Eine Ziege gewiss“, sagte er und trotz seiner eigenen, hoffnungslosen Lage konnte er nicht anders als zu grinsen.

Ihre Lippen schürzten sich erneut. „Ich werde sie nicht tragen.“

„Bitte.“ Er packte sie am Arm, aber die Berührung war eine zu große Versuchung, also ließ er seine Hand sinken und wich einen vorsichtigen Schritt zurück. „Bitte, Rachel. Man darf dich nicht in dem Kleid sehen, das du gerade ausgezogen hast. Es ist zu gefährlich, denn damit wirst du bestimmt auffallen.“

„Und du denkst, dass ich hierin nicht auffalle? Ich sehe aus wie ein … ein …“ Sie deutete etwas wild auf ihren eigenen Körper. „Es gibt kein Wort dafür, wie ich aussehe.“

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960876328
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v462233
Schlagworte
Highland-er-Liebe-s-Roman-e Historische-r-Liebe-s-Roman-e-tik Schott-land-historisch-e-r-Roman Hochzeit in den Highlands Schicksal Ad-el-lig-e-r highland-saga-serie Entführung

Autor

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    Lois Greiman (Autor)

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Titel: Gerettet von einem Highlander