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Erwache nie

von Thomas Kowa (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Eine bizarre Mordreihe lässt die Schweizer Bundespolizei aufhorchen: Der Mörder hinterlässt auf den Lippen seiner Opfer eine Daunenfeder. Das mysteriöse Ritual und die Verbindung der Opfer weisen auf einen religiösen Tathintergrund hin. Als Kommissar Erik Lindberg einen bekannten Sektenführer vernehmen will, wird ihm das vom Bundesanwalt aus fadenscheinigen Gründen verwehrt. Hat der Verdächtige eine dunkle Vergangenheit?

Nur ein Pfarrer kennt die Identität des Täters, doch das Beichtgeheimnis bindet ihn. Als der ebenfalls ermordet wird, hinterlässt er einen letzten Hinweis der zur Spur des Täters führt. Doch der St.-Martins-Tag steht bevor – traditionell der Tag der Abrechnung.

Impressum

dp Verlag

Überarbeitete Neuausgabe April 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-666-3
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-729-5
Hörbuch-ISBN: 978-8-72614-655-4

Copyright © Juli 2016, dp DIGITAL PUBLISHERS
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits Juli 2016 bei dp DIGITAL PUBLISHERS erschienenen Titels Redux (ISBN: 978-3-94529-881-7).

Covergestaltung: rauschgold Coverdesign
unter Verwendung eines Motivs von
shutterstock.com: © posteriori
Lektorat: Daniela Höhne

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

Fakten und Fiktion

Büren an der Aare war im Mittelalter ein Wallfahrtsort für Kindstaufen, hunderte von bestatteten Skeletten auf dem Gelände der ehemaligen Wallfahrtskirche belegen dies noch heute.

Der Limbus – die Vorhölle für ungetaufte Kinder – war jahrhundertelang gelebter Bestandteil der katholischen Kirchenlehre und wurde erst 2007 widerrufen, als „ältere theologische Meinung, die nicht vom kirchlichen Lehramt unterstützt wird“.

1994 hat der BND den Schmuggel von waffenfähigem Plutonium per Linienmaschine nach München organisiert, auch die Fakten zum Fall Tinner wurden soweit dargestellt, wie es der Kenntnisstand nach Vernichtung aller belastender Unterlagen durch den Schweizer Bundesrat heute noch zulässt.

Ebenso haben die geschilderten Anthrax-Attentate im Oktober 2001 stattgefunden – einige Wochen nach 9/11 – wobei der Täter nie zweifelsfrei ermittelt werden konnte.

Weitere historische Gegebenheiten wie das Valentinsmassaker in Straßburg und die Abfolge der Ereignisse um das Erdbeben in Basel 1356 entsprechen ebenfalls dem heutigen Kenntnisstand.

Trotz dieser und weiterer Fakten ist das Buch sowie alle darin auftretende Charaktere pure Fiktion, auch wenn sich Ähnlichkeiten mit lebenden Personen manchmal nicht vermeiden ließen :-).

Mir bleibt jetzt nur noch, gute Unterhaltung zu wünschen, eine Menge Nervenkitzel und hoffentlich auch den einen oder anderen Lacher.

Teil I

ZAEHRINGEN BEI FREIBURG, 1495

Er sah das Blut und in seinen Augen blitzte Misstrauen auf.

Sie griff nach seiner Hand. „Ich bin nicht verflucht.“

Er zog seine Hand weg, musterte die roten Flecken auf dem Waldboden. Er biss sich auf die Lippe, sein Blick wanderte höher zu ihren blutverschmierten Ledersandalen, ihren Knöcheln, dem Rock. Das Neugeborene hingegen schaute er nicht an. „Wir müssen weiter“, sagte er und ließ sie stehen.

Selma legte ihre Hand auf die Stirn des Säuglings. Sein Kopf fühlte sich fiebrig heiß an. Die Wolldecke, die den kleinen Körper umschloss, schimmerte schweißnass. Selma öffnete die Decke ein wenig, sprach ein Stoßgebet und folgte ihrem Mann den Hang hinauf. Die Kälte schnitt in ihre Sandalen. „Wie weit ist es noch bis zum Priester?“, fragte sie.

Bartholomä deutete auf ein Gehöft abseits des Weges. „Das Haus des Baders liegt auf dem Weg.“

Sie drückte den Säugling näher an sich und wischte sich die Tränen aus den Augen. „Er wird uns nicht mehr helfen können.“

Bartholomä lief schneller. „Der Bader hat schon manches Wunder vollbracht.“

„Wir haben kein Geld.“

Er wartete auf sie, doch er nahm sie nicht in den Arm.

„Ich spüre es“, flüsterte sie, als sei verboten, was sie aussprach. „Er gibt auf.“

„Er darf nicht sterben!“ Bartholomä richtete seinen Blick gen Himmel. „Nicht bevor er getauft wurde. Sie würden unser Hab und Gut verbrennen, uns aus dem Dorf jagen. Wenn sie uns nicht gleich töten.“

„Ich habe alles genauso gemacht, wie die Hebamme es mir aufgetragen hat.“

„Ich weiß“, sagt er, doch er lief weiter.

Eine Träne kullerte ihre Backe hinunter, benetzte ihre trockenen Lippen und fiel hinab auf den eiskalten Boden. Sie atmete tief ein, schaute nach vorn und stapfte ihm hinterher.

Endlich erreichten sie die Anhöhe. Bartholomä atmete nicht einmal durch, sondern eilte den Weg nach Freiburg hinab.

Sie nahm ihre letzte Kraft zusammen und folgte ihm. So wie sie es immer getan hatte.

An der Abzweigung zum Haus des Baders blieb Bartholomä stehen und wartete auf sie. Mit tränenüberströmten Augen bedeutete sie ihm, weiterzugehen.

Nach quälend langen Minuten erblickte sie endlich die Silhouette des Kirchturms. Im Dunkel des Morgens wirkte er unheimlich, fast geisterhaft.

Sie musste rennen, um mit ihrem Mann Schritt zu halten. Bartholomä erreichte die Kirche, lief zum Eingang des Pfarrhauses und schlug den Türklopfer auf das Holz.

Noch bevor er dreimal geschlagen hatte, stand Selma neben ihm.

Der Türriegel wurde aufgeschoben und eine Frau lugte durch den Türspalt. Sie trug eine weiße Haube, ihre Augen verrieten Müdigkeit. Und Mitgefühl.

Selma hielt ihr den Säugling hin. „Der Priester muss unseren Erstgeborenen taufen.“

Die Frau nickte, schloss die Eingangstür, ihre Schritte entfernten sich schnell. Selma hörte zwei Stimmen, jemand stapfte zur Tür und riss sie auf.

Der Priester musterte sie wie Eindringlinge und ließ sie nur soweit in sein Heim hinein, dass sie von der Dorfstraße aus nicht mehr zu sehen waren. „Was macht ihr hier um diese Zeit?“ Sein unerbittlicher Blick traf Selma mitten ins Herz.

„Unser Sohn muss getauft werden.“ Selma ging in die Knie, bot ihm den Säugling dar wie ein Opfer.

Der Priester seufzte unwillig, legte seine Hand auf das Kind und betastete dessen Kopf. Er hielt inne, ein, zwei Sekunden. Dann, mit einem Ruck zog er seine Hand fort. „Ihr wagt es?“ Der Priester bekreuzigte sich, seine Augen flammten auf vor Zorn.

„Was ist?“, fragte Bartholomä.

„Hinweg mit euch!“, rief der Priester und drängte sie hinaus auf die Straße. „Seht ihr nicht, dass er schon tot ist?“

1

Erik Lindberg blickte in den Lauf eines entsicherten Sturmgewehrs. „Aus dem Weg!“, rief der Mann und kam einen Schritt auf ihn zu. „Oder ich knall dich ab!“

Kommissar Lindberg hielt seine Hände in die Höhe. Seine Dienstwaffe lag im Büro, die Schutzweste ebenso; kein Wunder, noch vor einer halben Stunde hatte er im Basler Hirscheneck ein Feierabendbier getrunken und einem alten Schulfreund zugehört, wie toll, frei und abwechslungsreich das Leben als Single war.

Der Schulfreund hatte dabei beinah geweint.

Dann war diese Frau gekommen und hatte Lindberg um Hilfe angefleht. Obwohl er sie nicht kannte, hatte er ihr zugehört.

Und jetzt stand er in ihrer Wohnung vor der Schlafzimmertür und ein Mann richtete ein Sturmgewehr auf ihn. Aus zwei Metern Entfernung. Die Augen des Mannes waren trüb von zu viel Alkohol, von Verzweiflung und Wahnsinn. „Ich will zu meiner Frau und meinem Sohn!“

Lindberg blieb in der Tür stehen. „Ihre Frau hat Angst vor Ihnen.“

„Ich will nur mit ihr reden!“

„Das können Sie, wenn Sie mir Ihre Waffe geben.“

„Du hast mir gar nichts zu befehlen!“ Der Mann machte zwei Schritte auf Lindberg zu und zielte mit diesem verdammten Gewehr direkt auf sein Herz. Eine SIG 550, das übliche Modell der Schweizer Armee, vollautomatisch, 20-Schuss-Magazin. Nahezu jeder ehemalige Schweizer Soldat besaß eines davon, Milizarmee nannte man das. Und die hielt man immer noch für notwendig, denn wie jeder wusste, war die Schweiz ja von so unglaublich vielen Feinden umgeben.

Es war völlig paranoid. Und zog die Wahnsinnigen an wie kostenloses Koks auf einem Züricher Nachtclubklo.

Alle zeigten immer mit dem Finger auf die USA, aber hier, in der kleinen Schweiz starben jedes Jahr über dreihundert Menschen durch Armeewaffen. Und die Polizei durfte die Überreste einsammeln.

So wie die Kollegen ihn einsammeln würden, wenn der Mann abdrückte.

„Ihr wollt sie mir nur wegnehmen!“ Der Mann spuckte auf den Boden. Sein Atem stank nach Korn und Bier. „Du auch!“

„Ich kenne Ihre Frau gar nicht“, entgegnete Lindberg.

„Und warum bist du dann hier?“

„Sie hat mich um Hilfe gebeten. In der Kneipe gegenüber.“

„Und kaum kennst du sie fünf Minuten, riskierst du schon dein Leben für sie?“

Lindberg atmete tief aus. Wie war es soweit gekommen?

Die Frau hatte erzählt, ihr siebenjähriger Sohn habe sich im Bad eingeschlossen, aus Angst vor seinem Vater. Dieser habe schon mehrfach gedroht, sich umzubringen und alle mitzunehmen, doch es sei noch nie so eskaliert wie heute. Er habe sie geschlagen, ihr Handy und Geld abgenommen und sie mit einer Waffe bedroht.

In ihrer Verzweiflung sei sie in die gegenüberliegende Kneipe geflüchtet, habe den Barkeeper gebeten, die Polizei zu rufen und der habe ihr erzählt, dieser Schwarzhaarige am Tisch neben der Garderobe sei Kriminalkommissar.

Und so war sie zu Lindberg gekommen und er hatte sie in ihre Wohnung begleitet. Dort hatte er jeden Raum überprüft und dann den Jungen und die Frau ins Schlafzimmer geschickt, um das Nötigste zu packen. Plötzlich war dieser Mann aus dem Gartenschuppen gekommen und über die Terrasse ins Wohnzimmer gestürmt. Mit erhobenem Gewehr.

Lindberg hatte sich schützend vor die Schlafzimmertür gestellt. Was hätte er auch tun sollen, ohne Waffe?

Er konnte nur hoffen, dass er den Mann solange aufhalten konnte, bis die Frau und der Junge durch das Fenster geflüchtet waren.

Falls sie das überhaupt taten.

Er sah, wie der Mann zitterte, seinen Finger am Abzug krümmte. „Geh zur Seite!“

„Noch ist es nicht zu spät.“ Lindberg blickte dem Mann direkt in die Augen. „Noch ist nichts geschehen. Ich bin bei der Polizei …“

In dem Moment fiel der Schuss.

Er spaltete Lindbergs Satz in zwei Teile, von dem der zweite nie gesagt werden würde.

2

Antipas legte den Kopf auf den Kofferraum und lauschte.

Stille.

Sein Atem kondensierte in der kalten Novemberluft.

Nur noch wenige Tage, dann würde niemand mehr atmen.

Er stieg in den Wagen und fuhr los, ohne die Scheinwerfer anzuschalten.

Nichts sollte die Schwärze der Nacht stören. Er mochte sie. Schon als Kind hatte er sich in der Dunkelheit geborgen gefühlt.

Und Antipas mochte die Finsternis erst recht.

Nach wenigen Minuten parkte er den Wagen auf der anderen Seite des Waldes und zog den Zündschlüssel ab. Er holte die Drahtschlaufe aus dem Handschuhfach, eine Spezialkonstruktion, die man mit nur einer Hand zuziehen konnte und so stets die Kontrolle über den Gegner behielt. Er stieg aus dem Auto und lauschte wieder.

Wahrscheinlich war Eva noch bewusstlos.

Er wartete einen Moment, nahm dann den Autoschlüssel und öffnete den Kofferraum.

Evas Füße trafen ihn mit voller Wucht an der Brust. Er geriet ins Wanken, trat einen Schritt zurück und lächelte überlegen. Sie war eine Kämpferin. Selbst mit gefesselten Händen und einem Gaffer-Tape vor dem Mund. Und weil sie eine Kämpferin war, würde er sie retten.

Eva war ein guter Mensch. Er hatte viel von ihr gelernt. Früher.

Jetzt würde sie von ihm lernen.

Ihre hinter dem Rücken gefesselten Hände suchten am Kofferraum nach Orientierung. Er ging einen Schritt auf sie zu. Das Weiß ihrer Augen blitzte in der Dunkelheit auf. Er spannte die Drahtschlaufe zwischen seinen Fingern und beobachtete ihre suchenden Bewegungen.

Jetzt! Mit einem einzigen Handgriff legte er ihr die Schlinge um den Hals und zog zu. Die Drahtschlaufe brannte sich in jene Striemen, die er vor ein paar Stunden hinterlassen hatte. Eva trat erneut nach ihm, doch sie verfehlte ihn. Für ihre Augen war die Dunkelheit ein Feind. „Wenn du dich bewegst, machst du es nur schlimmer“, sagte er. „Du möchtest doch deinen Körper behalten, dort wo du hingehst, oder?“

Sie zerrte an ihren Fesseln.

„Ich will dir nicht wehtun“, flüsterte er. „Ich bringe dich an einen Ort, an dem es keine Schmerzen gibt. Keine Sünde. Und keine Versuchung. Du wirst glücklich sein.“

Sie trat noch verzweifelter um sich.

Er zog die Schlaufe enger zu. „Steh auf!“, befahl er.

Sie röchelte und in ihren Augen erkannte er Tränen.

Er gab dem Draht mehr Spiel. „Steh auf!“, befahl er erneut.

Taumelnd erhob sie sich.

„Und jetzt spring!“

Sie reagierte nicht, blickte ihn angsterfüllt an.

„Dir kann nichts passieren“, sagte er. „Ich bin bei dir.“

Eva wimmerte irgendetwas, das unter dem Gaffer-Tape nicht zu verstehen war.

Er zog fester zu und sie sprang aus dem Kofferraum.

Sie kam mit beiden Beinen auf dem Boden auf, verlor das Gleichgewicht, wollte sich trotz ihrer hinter dem Rücken gefesselten Hände instinktiv abstützen und fiel zur Seite. Ihr Oberkörper prallte auf den Waldboden. Regungslos blieb sie in den Laubblättern liegen.

Er ging in die Hocke und beugte sich über sie. „Eva?“

Ihr Tritt traf ihn dort, wo es wehtut.

Er fiel nach hinten, stützte sich ab, verlor dabei den Draht und fluchte. Sie sprang auf und rannte in die Dunkelheit. Mit schmerzverzerrtem Gesicht hob er den Draht auf und folgte ihr.

Sie rannte so haarscharf an ein paar Bäumen vorbei, dass er sich fragte, ob sie diese in der Dunkelheit sah. Schon bald war er dicht hinter ihr, ihr keuchender Atem ganz nah. Mit einer einzigen Bewegung schwang er die Drahtschlaufe wieder um ihren Hals und zog zu.

Sie riss den Kopf nach hinten, wollte schreien, doch es kam nicht mal ein Röcheln aus ihrer Kehle. Er drängte sie tiefer in den Wald, ließ sie nicht mehr zu Atem kommen.

„Siehst du sie schon?“, fragte er.

Doch sie winselte nur um Gnade.

Er zog ihren Kopf nach oben und zeigte auf ein hölzernes Gebäude wenige Meter vor ihnen. „Das ist meine Kapelle“, erklärte er. „Du darfst sie leider nicht betreten.“ Er verstärkte den Druck auf die Drahtschlaufe. „Noch nicht.“

Sie versuchte sich zu wehren, zerrte panisch mit den Händen an den Handschellen.

Er zog den Draht fester zu, Eva zappelte, sie wollte keuchen, doch sie konnte nicht mal mehr das. Sie zuckte ein letztes Mal und erschlaffte in seinen Armen.

Er zählte bis dreißig und dann erst ließ er von ihr ab.

Er musste ihren Puls nicht überprüfen. Er wusste auch so, dass Eva tot war.

Jetzt musste er sie nur wieder zum Leben erwecken.

3

Überall war Blut. Auf seinem Gesicht, seinem Hemd, am Boden. Erik Lindberg lehnte mit dem Rücken am Türpfosten, die Beine von sich gestreckt, seine Arme hingen schlaff herab.

Vor ihm lag der nach Korn stinkende Mann, niedergestreckt von den Scharfschützen der Sondereinheit Basilisk. Der Mann bewegte sich nicht mehr.

Lindberg hatte nicht damit gerechnet, dass die Kollegen so schnell eingreifen würden, nur fünfundzwanzig Minuten nachdem der Barkeeper die Polizei angerufen hatte.

Ein Typ in Vollmontur stellte sich vor Lindberg. Der Kommissar fokussierte auf dessen Namensschild. Kübler stand darauf. „Das war ziemlich fahrlässig von Ihnen. Wir hatten gerade unsere Position bezogen.“ Kübler zeigte auf den Mann, der aus dem Bauch und dem linken Unterarm blutete. „Eine Minute später und Sie lägen jetzt an seiner Stelle da.“

Lindberg war sich sicher, dass der Mann ohne sein Eingreifen erst seine Frau und den Jungen getötet hätte und dann sich selbst, aber er schwieg.

„Wie kamen Sie überhaupt dazu, sich da einzumischen, und das auch noch ohne Waffe?“ Kübler schüttelte den Kopf. „Man kann kaum glauben, dass Sie bei der Bundespolizei sind.“

Lindberg blickte auf den Boden. „Danke“, sagte er schließlich, „dass Sie die Frau und den Jungen gerettet haben.“ Er richtete sich auf und torkelte ohne weitere Worte aus dem Haus.

Irgendeiner würde sich schon melden, um seine Aussage aufzunehmen.

Irgendeiner meldete sich immer.

Lindberg ging wieder in das Hirscheneck, sah, dass sein Schulfreund nicht mehr dasaß, nickte dem Barkeeper zu und bestellte noch ein Bier. Er wollte jetzt nicht nach Hause. Er brauchte erst ein wenig Ablenkung.

In die Rehaklinik konnte er auch nicht. Er hatte Paula heute schon besucht und die Ärzte sagten, er dürfe sie nicht überfordern. Und wenn sie schlief, glaubte er immer, sie würde nie mehr aufwachen.

Als die Kneipe endlich schloss, fand er doch noch den Weg nach Hause.

Er legte sich ins Bett und wenn das möglich gewesen wäre, hätte er sich gewundert, dass er direkt einschlief.

Jedenfalls schreckte er erst aus dem Schlaf hoch, als sein Handy klingelte.

Sein Kopf schmerzte, als baue jemand eine Autobahn mittendurch. Er griff nach seiner Jeans, kramte sein Privathandy aus der Hosentasche und blickte auf das Display. Es war schwarz.

Es musste ein dienstlicher Anruf sein. Normalerweise erkannte er das schon am Klingelton. Er holte sein Polizeihandy aus der Jackentasche und nahm das Gespräch an. „Ja?“

„Hi, Erik“. Es war seine Kollegin Mia. „Bist du schon auf dem Weg zur Arbeit?“

„Ich bin grad aufgestanden.“ Lindberg rieb sich die Augen und blickte auf den Wecker. Morgens sechs Uhr dreißig. Definitiv zu früh. „Und ziemlich fertig.“

„Dann musst du allein nach Einsiedeln kommen. Wir fahren jetzt los.“

„Einsiedeln?“

„Ein Mordfall, es wäre wirklich gut, wenn du so schnell wie möglich kommst.“

Lindberg massierte sich den schmerzenden Schädel. „Ich war gestern in einen Amoklauf verwickelt.“

„Was? Bist du verletzt?“

„Nein, nur Kopfweh und Kater.“

„Bist du selbst Amok gelaufen, oder was?“ Sie lachte.

„Nicht wirklich.“ Er räusperte sich. „Ist es so wichtig?“

„Würde ich dich sonst um die Zeit anrufen?“

Er atmete tief durch. „Wo muss ich hin?“

„In den Chlosterwald. Ich schicke dir die genauen Koordinaten per SMS.“

Lindberg legte auf, zog seine Jeans an, griff sich ein frisches Hemd und schob sich eine Sonnenbrille in die schwarzen Haare. Auch wenn er in Basel geboren war, was die Sonne anging, war er Schwede, notfalls konnte er auch ein halbes Jahr ohne sie auskommen. Jedenfalls wenn er einen Kater hatte.

Er ließ seinen Volvo stehen und rief sich ein Taxi. Als Lindberg einstieg, rümpfte der Fahrer missbilligend seine Nase. Lindberg schluckte ein Fisherman’s und rieb sich die Stirn. Gemäß Dienstanweisung hätte er aus Versicherungsgründen erst nach Bern zur Bundespolizei fahren müssen und dann dort in einen Dienstwagen steigen, aber er bezweifelte, dass er in einer Stunde schon wieder fahrtüchtig war. Außerdem hatte Mia ihn gebeten, so schnell wie möglich zu kommen. „Nach Einsiedeln“, sagte er so normal es ihm momentan möglich war.

„Das wird aber nicht günstig“, antwortete der Taxifahrer. „Das liegt ja voll in der Pampa.“

„Deswegen heißt es auch Einsiedeln.“ Ein besserwisserischer Taxifahrer hatte Lindberg gerade noch gefehlt.

Ebenso einer, der an jeder Ampel eine Vollbremsung machte, als wolle er das Taxi einem Belastungstest unterziehen.

Und Lindbergs Magen gleich mit.

Der Kommissar erinnerte sich daran, dass er als Kind vor zwei Dingen Angst gehabt hatte: Erstens auf einen hohen Turm zu steigen und zweitens, mehr als dreißig Minuten mit einem Bus fahren zu müssen. Unweigerlich war ihm dabei schlecht geworden. Mit den Jahren hatte sich Letzteres gelegt, aber momentan fühlte Lindberg sich, als sei er wieder fünf und säße in einem Bus irgendwo zwischen Basel und Bangladesch.

Er schloss die Augen und atmete tief durch.

4

Das nächste was Lindberg mitbekam war, dass der Fahrer ihn antippte. „Wo müssen wir jetzt hin?“

Lindbergs Kopf schmerzte immer noch und ihm war hundselend. Sie standen vor dem riesigen Portal eines Barock-Klosters. „Sind wir schon in Einsiedeln?“

Der Taxifahrer nickte. „Ich kann mir nur nicht vorstellen, dass in dem pompösen Ding nur Einsiedler leben.“

Lindberg holte sein Smartphone heraus und führte den Fahrer am Kloster vorbei zu einem Feldweg und auf diesem in Richtung Wald. Jede Bodenunebenheit schlug Lindberg direkt auf den ohnehin schon strapazierten Magen.

Er schaffte auf dem Feldweg nicht einmal hundert Meter. „Stopp!“, rief er.

Der Taxifahrer hielt an, Lindberg stürzte aus dem Wagen und beugte sich über die Gräser am Wegesrand.

Ich bin wohl der erste Kommissar, der schon vor dem Tatort kotzt. Lindberg wischte sich mit einem Taschentuch den Mund ab, deckte seine Hinterlassenschaft mit Herbstlaub ab, nahm dieses Mal gleich drei Fisherman’s und stieg wieder in das Taxi.

„Zu viel Alkohol ist nicht gut“, erklärte der Taxifahrer, als habe er die Weisheit mit Schaufelbaggern gefressen.

Sie fuhren in den Wald hinein und hielten neben mehreren Streifenwagen, die dort parkten. „Da können Sie ja froh sein, dass Sie nicht selbst gefahren sind“, sagte der Fahrer.

Lindberg antwortete nichts, sondern nickte nur.

Der Mann zeigte auf den Taxameter und bewies, dass er nicht zu viel versprochen hatte. Kein Wunder, das Leben in der Schweiz war eben teuer.

Und das Sterben auch.

Lindberg zückte seine Kreditkarte und verließ schwankend das Taxi. Ihm war immer noch schlecht, aber die frische Waldluft tat gut. Und wenigstens stand er jetzt am Tatort. Tatort? Was hatte Mia noch einmal gesagt?

Ein Streifenpolizist stand am Ende des Waldweges, Lindbergs Kehle brannte, als habe er Feuerwasser getrunken. Und zwar nicht nur im übertragenen Sinne. Ich brauche dringend ein Wasser.

Lindberg trottete zu dem Polizisten und zückte wortlos seinen Ausweis.

Der Kollege zeigte in den Wald. „Geht da hinten lang, fünfzig Meter und dann links. Ist nicht zu übersehen.“

Lindberg zog sich Schutzoverall und Handschuhe an. Auch das war ihm schon leichter gefallen. Doch irgendwie schaffte er es und ging los. Der Boden war mit Laub übersät, das dichte Gestrüpp war an einigen Stellen niedergetreten. Es mussten etliche Kollegen vor Ort sein. Wenn jemand hier entlanggekommen war, würde man kaum mehr Spuren von ihm finden.

Nach einigen Metern blieb Lindberg stehen. Hat der fünfzig oder hundertfünfzig Meter gesagt?

Der Pfad vor Lindberg verlor sich im Nichts. Links wucherten ein paar Büsche, nur rechts schien es weiterzugehen. Lindberg torkelte nach rechts, glaubte, ein paar Stimmen zu hören und lief schneller.

Dann sah er das Kreuz. Ein schlichtes, naturbelassenes Holzkreuz. Es ruhte auf einem aufgeschütteten Erdhaufen. Die Erde war noch frisch.

Lindberg lief von hinten auf das Kreuz zu, dann erst erkannte er seine Assistentin Mia Adam, deren knallroter Bubikopf selbst in der Morgendämmerung unverkennbar war. Neben ihr stand die Chefin der Kriminaltechnik Katharina Zach, sie lebte schon viele Jahre in der Schweiz, aber ihre Berliner Schnauze hatte sie nie abgelegt. Wie immer war sie ganz in Schwarz gekleidet, samt schwarzlackierten Fingernägeln. Nur den Einwegoverall der Spurensicherung trug die Mittvierzigerin notgedrungen in Weiß, angeblich hatte sie sich jedoch schon aus Japan ein schwarzes Modell bestellt.

Lindberg erkannte weitere Mitarbeiter der Bundespolizei, sowie eine Menge Kollegen, die er noch nie gesehen hatte, wahrscheinlich von der Kantonspolizei.

Normalerweise überließ die Bundespolizei den lokalen Behörden die Ermittlungen und schaltete sich nur bei Terrorismus ein oder wenn die Sicherheit der Schweiz bedroht war, sowie bei internationalen oder kantonsübergreifenden Fällen, dazu kamen Entführungen. Was also machten sie hier?

Mia Adam erblickte ihn als Erstes und ließ ein Lächeln aufblitzen. Selbst am frühen Morgen sah sie aus wie siebzehn, obwohl sie vierundzwanzig war. „Geht’s dir gut?“

Lindberg zuckte mit den Schultern, am besten er redete nicht viel.

„Erst dachte ich, das ist ein Scherz“, sagte Katharina Zach und zeigte auf das Grab mit dem Holzkreuz. „Aber der Täter hat wohl nicht meinen Humor.“

Ein Blick in ihre Augen verriet Lindberg, dass es nur der übliche Sarkasmus am Tatort war, reiner Selbstschutz. Jetzt erst sah er hinab in das Grab. Dort lag eine Frau. In einem weißen Totenhemd.

5

Lindberg blickte zur Seite und atmete tief ein. Wer begräbt eine Tote mitten im Wald, verziert mit einem Holzkreuz? Eva stand darauf.

Eva? Nur Eva?

Das Holzkreuz sah aus wie eines dieser provisorischen hüfthohen Kreuze, die man in der Schweiz auf das frische Grab stellte, bis der Grabstein gesetzt wurde. Wenn kein Geld für einen Grabstein oder ein Metallkreuz vorhanden war, blieb es auch stehen. Aber immer trug es den kompletten Namen. Außer bei Kindern.

Zwei Kriminaltechniker waren gerade dabei, die feuchte Erde zu beseitigen, die am Körper der Leiche und an ihrem Totenhemd klebte.

„Was machen wir hier?“, fragte Lindberg. Das sah eher nach einer illegalen Bestattung aus als nach ihren üblichen Fällen.

„Das ist Eva Rohner“, antwortete Mia Adam. „Wurde vor zwei Tagen entführt. Du erinnerst dich?“

Lindberg nickte, aber viel wusste er nicht über das Opfer. Lehrerin, Single, Ende dreißig, ein Zeuge hatte gesehen, wie sie beim Joggen von einem Mann überwältigt worden war. „Woher wisst ihr, dass sie es ist?“ Die Kollegen hatten die Leiche gerade mal freigelegt, da war es unwahrscheinlich, dass sie schon identifiziert war.

Mia Adam deutete auf ein weißes Jutesäckchen. „Der Täter hat ihre Kleider mit ihr bestattet, darin befand sich ein Ausweis.“

Lindberg blickte wieder hinab in die Gruft. Das brünette Haar der Toten setzte sich kaum von der Erde ab, ihre Augen waren geschlossen, Mund und Nase noch mit Erde bedeckt. Lindberg hätte am liebsten weggeschaut, denn jetzt hatte der Tod ein Gesicht. Ein bräunlich-roter Bluterguss zog sich quer über den Hals von Eva Rohner. „Stranguliert?“, fragte er.

Katharina Zach nickte. „Wahrscheinlich mit etwas Schmalem wie einer Drahtschlaufe.“

„Wer hat sie entdeckt?“, fragte Lindberg.

Mia Adam zeigte auf einen älteren Mann, der mit zwei Polizisten sprach. „Ein Spaziergänger.“

„Um die Uhrzeit?“

„Der Mann dreht immer morgens um fünf Uhr dreißig seine Runde. Sein Hund hat angeschlagen, ist in den Wald gelaufen und er hinterher. Tja, und dann stand er vor dem Grab.“

„Ist ihm etwas aufgefallen?“

Mia schüttelte den Kopf. „Keine merkwürdigen Spuren, kein Auto, er hat nichts gesehen.“

„Warum hier?“, fragte Lindberg. „Kam die Entführte nicht aus Zürich?“

„Das hab ich mich auch gefragt“, sagte Mia. „Vielleicht hat er den Ort gewählt, weil Einsiedeln der bekannteste Wallfahrtsort des Landes ist.“

„Und daher das Kreuz?“

Mia Adam nickte.

„War das Grab komplett zugeschaufelt?“

Mia nickte. „Wie auf dem Friedhof.“ Sie blickte Lindberg an. „Hast du so was schon mal gesehen?“

„Einen Täter, der sein Opfer bestattet?“ Lindberg schüttelte den Kopf. „Gibt’s hier irgendwo ein Wasser?“

Mia schaute ihn irritiert an.

„War ein Bier zu viel gestern“, flüsterte er.

„Ist nicht zu übersehen.“ Sie zwinkerte ihm zu. „Ist trotzdem gut, dass du gekommen bist.“ Sie kramte in ihrer übergroßen Handtasche, holte aber nur eine leere PET-Flasche heraus und schüttelte den Kopf. „Willst du eine Alka-Seltzer?“

„Ohne Wasser?“ Er winkte ab, nicht ohne ein ,Hicks‘ hinterherzuschieben. Verdammt, jetzt hab ich auch noch Schluckauf!

Katherina Zach lupfte eine Augenbraue, doch dann widmete sie sich wieder der Leiche. „Mach mal das Gesicht richtig frei!“, rief sie zu einem ihrer Mitarbeiter. „Über den Lippen liegt irgendetwas.“

Zach ging erst am Rand des Loches in die Knie und stieg dann doch selbst hinab.

Schließlich richtete sie sich wieder auf und drehte sich zu den Kommissaren. In ihrer Hand hielt sie eine weiße Daunenfeder.

6

Die letzten Tage hatte er nicht gut geschlafen. Und er befürchtete, dass er es niemals wieder tun würde.

Sein früheres Leben war unglaublich weit entfernt.

Vorsichtig bewegte er erst den einen Arm, dann den anderen und als der auch wehtat, verzichtete er darauf, sein Kreuz durchzudrücken.

Das Schlimmste erwartend, schaute er auf den Wecker.

Acht Uhr dreißig. Er war mal wieder spät dran. Selbst für einen Montag. Doch war das nicht egal, wenn die Kirche bald für immer schließen würde? Oder wenn sie ihn mit Schimpf und Schande davonjagten?

Urs Hediger richtete sich auf und blickte zwangsläufig auf das Jesuskreuz an der Wand gegenüber. Schnell schaute er weg.

Er quälte sich aus dem Bett, stellte sich unter die Dusche und zog sein Priestergewand an. Dann machte er sich einen Espresso, nahm zwei Knäckebrote, beschmierte sie mit Butter und verteilte darauf die letzten drei Scheiben Salami, die sich in seinem Kühlschrank fanden.

Während er kaute, blätterte er in der Zeitung von gestern.

Nichts Neues.

Er blickte auf das Schachspiel, das schon seit Tagen auf dem Küchentisch stand und überlegte, ob er ein Spiel gegen den Computer wagen sollte.

Dabei konnte er eine Zeit lang seine Probleme vergessen, so bedeutend sie auch waren.

Oder war das nur eine Flucht? Er stand auf und stellte das Schachspiel ins Wohnzimmer, aus seinem Blickfeld. Dann ging er zur Haustür. Mit einem Seufzen trat er hinaus in die Novemberkälte. Die Tageszeitung lag auf dem Boden vor der Tür. Er musste den Briefkasten jetzt wirklich mal leeren.

Hediger ging über die Straße zur Kirche, schloss die hölzerne Tür des Hauptportals auf, schaltete das Deckenlicht an und blickte durch den Türspalt zurück zu seiner Wohnung. Selbst von hier aus sah man den überquellenden Briefkasten. Er fluchte leise, ging zurück, nahm seinen Schlüsselbund, öffnete den Kasten und versuchte, dessen Inhalt mit einer Hand zu packen.

Es gelang ihm nicht.

Hediger klemmte die eine Hälfte zwischen die Beine, nahm den Rest aus dem Briefkasten, schloss ihn und legte alles aufeinander in beide Hände. Umständlich griff er nach dem Schlüssel, verlor dabei drei Briefe, öffnete die Haustür, legte die Post auf die Anrichte, sammelte die verlorenen Briefe sowie die Zeitung ein, seufzte und ging wieder in seine Wohnung.

Er setzte sich an den Küchentisch, nahm den obersten Brief, schaute auf den Absender und legte ihn beiseite. Er wusste, was die Sozialversicherung wollte. Momentan konnte er ohnehin nichts daran ändern.

Hediger nahm das nächste Anschreiben, riss es auf und überflog es. Es war der Bittbrief eines verschuldeten Familienvaters. Auch wenn ihn die Worte berührten, er war erleichtert, dass es sich nicht um eine Rechnung handelte. Er würde den Brief an die Caritas weiterleiten. Vielleicht konnten die helfen.

Nach zwei weiteren Rechnungen und drei Werbesendungen ließ Hediger die restlichen Briefe liegen, stand auf, richtete sich noch einmal den Priesterkragen, ging auf die Straße und schaute hoch zum Kirchturm. St. Joseph. Seine Heimat. Wenn auch erst knapp über hundert Jahre alt, war sie mit ihrem neobarocken Stil nach dem Vorbild des Klosters Einsiedeln gebaut worden und damit eine der wenigen katholischen Kirchen in Basel, die nicht dem Beton huldigten.

Hediger schritt durch das Kirchenportal, ging neben dem Weihwasserbecken in die Knie, bekreuzigte sich und lief zum Altar. Dort kniete er erneut nieder und begann zu beten.

Zehn Minuten später erhob er sich wieder, atmete tief durch und drehte sich zum Kirchenschiff. In der Zwischenzeit hatte niemand die Kirche betreten. Wie fast jeden Morgen. Die meisten Touristen und ein paar Gläubige kamen erst gegen Mittag.

Dann sah er, dass die rote Lampe des Beichtzimmers brannte.

Wahrscheinlich hat sich eines der Kinder einen Scherz erlaubt. Die alten Beichtstühle hatte man vor einigen Jahren beim Umbau entfernt, was Hediger heute noch im Herzen wehtat. Stattdessen standen jetzt rechts und links vom Haupteingang zwei quadratische Zimmer.

Hediger hielt nicht viel von festen Beichtzeiten, schließlich folgte das Gewissen keiner Uhr. Als er die Gemeinde vor wenigen Jahren übernommen und mit neuem Leben gefüllt hatte, war seine erste Verfügung gewesen, die Beichtzimmer nicht mehr abzuschließen. Schließlich konnte man auch die Sünde nicht einfach wegschließen. Die Zimmer konnten jederzeit von jedem betreten werden.

Außerdem hatte er die Anonymität wieder hergestellt, indem er das Zimmer mit einem purpurnen, schweren Vorhang unterteilt hatte, das ein fein gewebtes Kreuz in der Mitte aufwies, durch das man nur die Silhouette des anderen sehen konnte.

Hediger öffnete die Tür des Beichtzimmers und hörte jemandes Atem. Das war kein Kind. Er bekreuzigte und setzte sich.

Von seinem Gegenüber konnte er hinter dem Vorhang nur erkennen, dass er ein wenig größer als er und blond war, trotzdem spürte er, dass ihm ein Fremder gegenübersaß. Einer, den er noch nie in der Gemeinde gesehen hatte.

7

Katharina Zach nahm die kleine Daunenfeder und legte sie in ein transparentes Plastikgefäß für fragile Beweismittel.

„Lag die Feder auf der Toten?“, fragte Lindberg.

Katharina Zach nickte. „Kann natürlich auch Zufall sein, aber sie lag direkt auf ihren Lippen. Und sie ist noch unversehrt.“

Lindberg runzelte die Stirn. „Warum eine Feder?“

„Bin ich hier der Kommissar oder du?“

Mia Adam deutete auf den Jutesack mit den bestatteten Kleidern der Toten. „Da war auch keine Daunenjacke oder so dabei. Nur Joggingklamotten, ein iPod, Stirnlampe und ein Zwanzig-Franken-Schein.“

„Und was ist mit dem Ausweis?“

„Ist ein Swisspass. Deswegen hat man uns sofort informiert.“

Das Swisspass war eine scheckkartengroße Karte, mit der man alle Züge, Busse und Straßenbahnen der Schweiz nutzen konnte. Es galt zwar nicht als offizieller Ausweis, trug aber Namen und Lichtbild. Lindberg verglich das Passfoto mit der Leiche. Die brünetten Haare, das oval gerundete Gesicht, die schmalen Lippen, er war überzeugt, vor ihnen lag Eva Rohner.

„Willst du etwas Bestimmtes sehen?“, fragte Mia Adam. Sie war erst seit Kurzem bei der Bundespolizei, genau wie Lindberg, aber er hatte zuvor schon Ermittlungen in Berlin und bei der Basler Kantonspolizei geleitet.

Lindberg schüttelte den Kopf. Normalerweise ließ er einen Tatort gerne auf sich wirken, doch heute kam in seinem schummrigen Hirn gar nichts bei ihm an. „Wir lassen am besten die Spurensicherer ihre Arbeit machen. Als Erstes reden wir noch mal mit den Angehörigen, offensichtlich war das keine Entführung, um Lösegeld zu erpressen.“ Er massierte sich die Stirn. „Ich wäre froh, wenn du das übernehmen könntest.“

„Yep.“ Sie lächelte ihn aufmunternd an.

„Ich fahre in die Zentrale, hier stehe ich eh nur im Weg rum.“

„Soll ich dir ein Taxi rufen?“

„Ich fahre lieber mit dem Zug. Tut mir auch gut, ein paar Meter zu laufen.“ Er drehte sich um und ging.

Kurz bevor er wieder auf den Waldweg traf, sah er jemanden mit schnellen Schritten auf sich zukommen. Obwohl Lindberg erschrak, meldete sich sein Schluckauf wieder. Verdammt, was macht der denn hier?

Bundespolizeichef Graf erkannte ihn und hielt weiter auf ihn zu. Lindberg überlegte, ob er noch ein paar Fisherman’s einwerfen sollte, doch das war jetzt zu auffällig.

In seiner immer etwas zu gestressten Art gab Graf ihm flüchtig die Hand. „Morgen, Herr Lindberg.“ Dann hielt Graf inne und musterte sein Gegenüber genauer. „Was ist denn mit Ihnen los? Ist Ihnen nicht gut?“

Lindberg nickte. „Herbstgrippe.“ Er trat einen Schritt zurück. Vielleicht roch Graf den Alkohol in seinem Atem so nicht.

Graf strich sich über seine Glatze. „Sie hatten schon bessere Ausreden.“

Lindberg überlegte, ob er den Vorfall von gestern Nacht erwähnen sollte, doch dann ließ er es dabei. Graf würde noch früh genug davon erfahren. „Ich hab schlecht geschlafen.“

„Tja, gäbe es das Remexan noch …“ Graf biss sich auf die Lippe, er schien dem Medikament immer noch nachzutrauern. „Und jetzt trinkt man eben ein, zwei Bier, um die nötige Bettschwere zu bekommen?“ Graf setzte ein Lächeln auf, als sei er ein verständnisvoller Freund.

„Diese homo … äh … diese homöopathischen Medikamente enthalten Alkohol.“ Lindberg versuchte den Schluckauf zu unterdrücken, obwohl er wusste, dass das auf Dauer nicht funktionieren würde. „Frau Adam meinte letztens schon, dass man das riecht.“

„Dann müssten Sie ja eigentlich blasen“, grinste Graf. „Damit wir sehen, ob Sie dienstfähig sind.“

„Ich kann mich auch krankmelden“, antwortete Lindberg. „Bisher dachte ich, sie wären kein Weichei.“ Graf klopfte Lindberg auf die Schulter. Eine Geste, die so unnötig war wie aufgesetzt. „So eine Herbstgrippe stecken Sie doch locker weg. Oder was immer Sie da erwischt hat.“

Lindberg trat einen Schritt zurück. „Weswegen sind Sie eigentlich hier? Ich habe Sie noch nie an einem Tatort gesehen.“

„Der Fall hat möglicherweise eine politische Bedeutung.“

Lindberg warf dem Bundespolizeichef einen fragenden Blick zu.

Graf seufzte überheblich. „Erstens ist das Kloster Einsiedeln weltbekannt und zweitens sind wir angehalten, allen religiös motivierten Taten besondere Beachtung zu schenken.“

„Der Täter wird kaum ein Islamist sein“, entgegnete Lindberg. „Der Leichenfundort sieht aus wie ein Friedhofsgrab. Sogar ein Kreuz steht drauf.“

„Das ist ja mal ein vorbildhafter Mörder“, entgegnete Graf. „Hat er einen Kranz mit seinem Namen dagelassen?“ Graf lachte über seinen eigenen Witz bis genau zu dem Moment, in dem ihn der Schluckauf von Lindberg unterbrach.

Der Bundespolizeichef fixierte Lindberg. „Können Sie mir diese homöopathischen Medikamente mal zeigen?“

Lindberg spürte, wie er rot anlief. „Ich … hab sie nicht dabei.“

„Dann können Sie auch nicht so krank sein.“ Graf schüttelte den Kopf. „Kommen Sie um ein Uhr in mein Büro. Pünktlich!“

Lindberg nickte, drehte sich um und ging so schnell davon, wie er es ohne zu torkeln konnte. Vor einer Übersichtstafel mit Wanderschildern blieb er stehen. Direkt am Kloster führte auch noch der Jakobsweg vorbei. Das war ja fast heiliger Boden hier. War das der Grund, weshalb jemand Eva Rohner hier begraben hatte?

8

Der Mann hinter dem purpurnen Vorhang des Beichtzimmers bekreuzigte sich. „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“

„Gott, der unser Herz erleuchtet, schenke Euch wahre Erkenntnis Eurer Sünden und seiner Barmherzigkeit.“ Wie immer, wenn Hediger die Eingangsworte des katholischen Beichtrituals sprach, versuchte er sich ganz auf sein Gegenüber zu konzentrieren. Also auf das, was er von ihm durch den Vorhang wahrnehmen konnte: Seine Emotionen, seine Präsenz, seine Aura, auch wenn das ein von Esoterikern verbranntes Wort war. Dem Mann wohnte etwas Kindliches inne. Und doch auch etwas Kaltes.

Der Mann sprach das Amen leise, aber mit fester Stimme.

„Nun“, begann Hediger. „Was liegt Euch auf dem Herzen, um diese Zeit?“

„Ich finde Gott in der Einsamkeit“, sagte der Mann. „Ich mag den Kirchtrubel nicht.“

„Ich auch nicht“, antwortete Hediger, obwohl er sich durchaus wünschte, dass in seiner Kirche manchmal mehr Trubel herrschte.

„Ich habe gesündigt.“

„So sprecht.“

„Ich glaube an Gott, Jesus und die Heilige Dreifaltigkeit“, sagte der Mann. „Aber ich bin nur ein einfacher Gläubiger.“

„Gott hat die einfachen Gläubigen am liebsten.“

„Ich … ich habe jemanden getauft.“

Hediger horchte auf. Ehebruch, Diebstahl, häusliche Gewalt, solche Reuebekundungen kannte er zur Genüge, aber eine Taufe hatte noch nie jemand bei ihm gebeichtet. „Weshalb habt Ihr das getan?“

„Es war … eine Frau.“ Dem Mann schien jedes Wort wie ein Stein auf dem Herzen zu liegen. „Sie … sie lag im Sterben.“

„Und es war kein Priester anwesend?“

„Nur ich, sonst niemand.“

„Das muss keine Sünde sein“, erklärte Hediger. „Die katholische Kirche erlaubt die Laientaufe in Notsituationen.“ Er rieb sich die Stirn. „Aber Ihr sagt, es war eine Frau, kein Kind. Woher wusstet Ihr denn, dass sie getauft werden wollte?“

„Sie war ein guter Mensch.“

Hediger wartete ein paar Sekunden. War das schon die Antwort? Er hörte nichts als den nervösen Atem das Mannes. „Es gibt auch gute Menschen, die nicht katholisch sind“, sagte Hediger schließlich.

„Aber sie kommen nicht in den Himmel.“

Der Priester nickte. „Das glauben wir.“ Wieder legte er eine Pause ein. Er fühlte, dass der Beichtende noch nicht alles gesagt hatte.

Doch der Mann schwieg.

„Woher wisst Ihr, dass die Frau ein guter Mensch war?“, fragte Hediger schließlich. „Kanntet Ihr die Sterbende?“

„Ja.“

„Woher, wenn ich fragen darf?“

„Sie … war meine Lehrerin.“

„Aber Sie gehen nicht mehr zur Schule, oder?“

„Es ist schon eine Weile her, dass sie meine Lehrerin war.“

„Und Ihr habt die Frau am Krankenbett besucht? Sie lag dort im Sterben?“ Hediger vermutete, dass er den Mann nur über Fragen dazu bringen konnte, seiner Beichte nachzukommen. Und es war wichtig, dass er das tat. Denn schlimmer als nicht zu beichten war es, bei der Beichte nicht die volle Wahrheit zu sagen.

„Sie … sie lag in meiner Kapelle“, antwortete der Mann. „Dort ist sie gestorben.“

„Jetzt verstehe ich.“ Urs Hediger nickte erleichtert. „Ihr habt die Frau in einer Kapelle gesehen und daher habt Ihr angenommen, dass sie getauft werden wollte.“

„Sie war ein guter Mensch.“

„Ja, das war sie sicher.“

Der Mann schwieg.

„Wollt Ihr mir noch etwas sagen?“, fragte Hediger.

„Sie lag in meiner Kapelle.“

„Das war richtig von Ihnen, die Frau zu taufen“, antwortete Hediger. „Die wenigsten hätten das gemacht. Aber gibt es noch etwas, dass Ihr mir beichten wollt?“

Wieder hörte Hediger nur den nervösen Atem des Mannes.

Der Priester wartete ein paar Sekunden.

Der Mann biss sich auf die Lippe. „Ich möchte jetzt mein Reuegebet sprechen“, sagte er schließlich.

Hediger nickte. „Wenn Euch noch etwas auf dem Herzen liegt, redet mit mir. Denn Ihr wisst: Nichts von dem, was hier gesprochen wird, verlässt diesen Raum.“

„Oh, mein Jesus, verzeih uns unsere Sünden, bewahre uns vor dem Feuer der Hölle, führe alle Seelen in den Himmel, auch jene, die deiner Barmherzigkeit am meisten bedürfen.“

„So habt Ihr Euer Reuegebet gesprochen“, sagte Hediger.

Die Stimme des Mannes hatte jegliche Sicherheit verloren, flatterte leicht. „Diese und alle meine Sünden tun mir von Herzen leid. Mein Jesus, Barmherzigkeit.“

„Ego te absolvo a peccatis tuis in nomine Patris et Filii et Spiritus Sancti“, sprach Hediger die obligatorischen Schlussworte und vergab dem Beichtenden damit seine Sünden.

Jene, die er gebeichtet hatte.

„Amen“, flüsterte der Mann.

„Danket dem Herrn, denn er ist gütig“, sagte Hediger. „Sein Erbarmen währt ewig“, antwortete der Mann.

„Der Herr hat Eure Sünden vergeben. Gehet hin in Frieden.“ Hediger stand auf, bekreuzigte sich und verließ das Beichtzimmer.

Der Beichtende betete noch ein stilles Gebet zur Danksagung, dann würde auch er gehen. Hediger war versucht, auf ihn zu warten, sich zu vergewissern, ob er ihn nicht doch irgendwoher kannte. Doch er wusste, dass er das niemals tun durfte. Was im Beichtstuhl gesprochen wurde, blieb im Beichtstuhl.

Für immer.

9

Am Bahnhof von Einsiedeln kaufte sich Lindberg eine Flasche Wasser, leerte sie und holte sich eine weitere. Dann ging er in eine Apotheke, kaufte eine Packung Alka-Seltzer und nahm eine Tablette. Anschließend fuhr er mit dem Zug nach Bern und dort weiter zur Zentrale der Bundespolizei.

Im Büro nahm er eine weitere Alka-Seltzer, setzte sich an den Computer und rief die Akte zu Eva Rohner auf. Er rieb sich die Stirn. Wie ein Anfänger war er vom Tatort davongelaufen, planlos, ohne irgendwelche Anhaltspunkte, ohne Gespür für den Ort. Wie sollte er da recherchieren? Er nahm sein Handy und rief Mia an.

„Und, schon ausgenüchtert?“, meldete sie sich.

„Ich hab eine Herbstgrippe.“

„Echt jetzt?“

„Hab ich Graf erzählt. Ist er noch da?“

„Hat nur ein paar Sprüche über die immense Bedeutung des Ortes abgelassen und ist dann wieder gegangen.“

Mia räusperte sich. „Ich bin gerade auf dem Weg zurück von Eva Rohners Eltern.“

„Und?“

„Sie waren natürlich geschockt.“ Mia hielt kurz inne, so als müsse sie das erst noch verarbeiten „Die beiden haben keinen Verdacht, wer der Täter sein könnte, das hatten sie auch schon bei der Entführung angegeben. Sie meinten, Eva sei überall beliebt gewesen.“

„Und sie hatte wirklich keinen Freund?“

„Eva Rohner war seit drei Jahren Single, ihren Eltern hat sie immer gesagt, sie sei auch ohne Partner glücklich. Ihr letzter Freund, den sie noch an der Pädagogischen Hochschule kennengelernt hatte, lebt inzwischen in den USA.“

„Also scheidet eine Beziehungstat erst mal aus.“

Mia räusperte sich. „Ich hatte mir gestern ihren Computer genauer angesehen, sie besaß ein Konto bei einer Onlinedating-Börse, hat dieses aber schon über sechs Monate nicht mehr benutzt.“

„Tja, entweder sie hat doch einen Freund oder sie will wirklich keinen mehr.“ Lindberg runzelte die Stirn.

„Etwas war noch merkwürdig“, sagte Mia. „Als ich der Mutter erzählt habe, dass ihre Tochter im Grunde christlich begraben wurde, war sie richtiggehend erleichtert.“ Sie räusperte sich. „Als ob das den Täter zu einem besseren Menschen machen würde.“

Lindberg biss sich auf die Lippe. „Alles was ein Trost für die Angehörigen ist, sollte man ihnen nicht nehmen.“

Mia schwieg.

„Was gibt es von Katharina?“, fragte Lindberg. „Irgendwelche weiteren Spuren an der Leiche?“

„Sie ist angeblich an was dran.“

„An was denn?“

„Keine Ahnung, am besten du rufst sie mal an.“

Er legte auf und wählte die Nummer der leitenden Kriminaltechnikerin. Sie ging sofort ans Telefon. „Schon im Delirium tremens, oder alles noch im grünen Bereich?“

Lindberg seufzte. „Ich hab nur eine Herbstgrippe.“

„Die Knallcharge, die das glaubt, muss erst noch gecastet werden.“ Katharina Zach lachte. „Ich hab mir übrigens dieses Holzkreuz näher angeschaut. Wie zu erwarten war, hat der Täter die Plakette der Schreinerei entfernt. Aber man kann noch sehen, wo sie befestigt war.“

„Und du meinst, über die Schreinerei könnten wir herausfinden, wer der Käufer war?“

„Exakt. Ich hab die Fotos und Maße vom Kreuz in die Ermittlungsdatenbank gelegt.“

„Okay, ich kümmere mich darum.“ Lindberg trank noch einen Schluck Wasser. „Wann ist die Obduktion?“

„Molet mag keine Besucher …“

„Das ist nichts Neues. Sagst du mir Bescheid, wenn ihr loslegt?“

„Im Rechtsmedizinischen Institut herrscht striktes Alkoholverbot …“

Lindberg suchte nach Worten, blickte ausweichend auf seinen Bildschirm und blieb an der Akte von Eva Rohner hängen. Beim Punkt Religionszugehörigkeit stand nur ein Wort: keine.

10

Roland Träger liebte das Leben, die Liebe und die Image-Zeitung. Kein Wunder, er war ihr Chefredakteur. Und weil er die Zeitung liebte, liebte er auch seinen Job.

Meistens jedenfalls.

Wenn er selbst mal wieder eine Reportage machen konnte, dann war er glücklich.

So glücklich, wie nach einem Blick auf den Zürichsee bei Sonnenschein und steigender Auflage.

Doch bei dem trüben Wetter war der See nicht zu sehen, es regnete und die Auflage sank seit Jahren. Auch wenn die Image-Zeitung immer noch unangefochtener Marktführer war, es wurmte ihn, dass nur noch sieben Prozent der Schweizer zu den Lesern seiner Zeitung zählten. Es könnten doppelt so viel sein.

Klar hatten sie online inzwischen eine beachtliche Reichweite, aber er war ein Zeitungsmann der alten Schule und betrachtete das Onlinegeschäft nur als notwendiges Übel. Er wollte den ganzen Internetgläubigen beweisen, dass man selbst heute noch erfolgreich eine Zeitung verkaufen konnte.

Tag für Tag.

Träger blätterte gerade in den Ausgaben der Konkurrenz, da öffnete sich die Tür zu seinem Büro. Sein Assistent Soldau schaute hinter der halb geöffneten Tür hervor, als wolle er sich verstecken. „Herr Träger, wir haben da was ganz Komisches bekommen.“ Er hielt einen Brief in der Hand. „Den sollten Sie sich mal anschauen.“

„Ein Leserbrief, oder was?“ Träger seufzte. Der Kerl kann nicht mal Scheiße von Gold unterscheiden. Und Anklopfen kann er auch nicht.

Soldau schüttelte den Kopf. „Es ist … eher ein Drohbrief.“

„Die bekommen wir doch jeden Tag, oder?“

„Der hier ist aber anders.“ Soldau ließ die schützende Tür los und trat ins Büro. „Wenn ich die richtigen Schlüsse gezogen habe, bezieht der Brief sich auf diesen Mord in Einsiedeln.“

„Merkwürdige Geschichte, oder?“

„Daher wollte ich Ihnen den Brief zeigen. Vielleicht sehen Sie das auch so.“

Kann ich mir nicht vorstellen. Aber selbst eine kaputte Uhr zeigt zweimal am Tag die richtige Uhrzeit. „Dann geben Sie mal her.“

„Er ist in Fraktur geschrieben“, erklärte Soldau. Er hielt den Brief weiter in der Hand. „Soll ich ihn vorlesen?“

„Glauben Sie etwa, ich kann kein Altdeutsch?“

„Natürlich nicht.“ Soldau senkte seinen Blick und legte den Brief auf den Schreibtisch.

Träger nahm eine Pinzette, hob den Brief damit an und betrachte den Umschlag. Kein Absender, keine Briefmarke. „Hat jemand den Brief bei uns im Hausbriefkasten eingeworfen?“

„Ja, hier in Zürich.“ Soldau räusperte sich. „Der Mord war ja erst heute Nacht, meint zumindest die Polizei.“

„Und Sie haben den Brief einfach so geöffnet?“

„Ich …“ Soldau machte eine Pause. Wie immer wenn er angegriffen wurde. „Ja, also … die Kollegen konnten ja nicht wissen, dass es ein Drohbrief ist.“

„Und jetzt sind diverse Fingerabdrücke drauf.“

Soldau nickte tonlos.

„Sie können jetzt wieder an die Arbeit.“

Soldau trottete zur Tür, blieb davor stehen und drehte sich noch einmal um. „Sollten wir den Brief nicht der Polizei zeigen?“

„Wenn wir denen alles zeigen würden, was wir an Material bekommen, könnten wir eine Rohrpoststation zwischen unserer Redaktion und der Kantonspolizei einrichten.“

„Ich verstehe.“ Soldau schloss unterwürfig die Tür.

Nein, du verstehst gar nichts. Träger zog sich ein paar Einweghandschuhe über, nahm den Umschlag und fingerte den Brief heraus. Normales Schreibmaschinenpapier. Mit Tinte beschrieben, leicht krakelige Handschrift. Tatsächlich in Fraktur.

Schon ein paar Sekunden später war Roland Träger so gebannt von dem, was er da las, dass er das feine weiße Pulver, gar nicht bemerkte, dass aus dem Umschlag rieselte.

Welche Person den Brief hat und den Menschenkindern nicht offenbart, der sey verflucht von der Kirche Gottes, und von meiner allmächtigen Hand verlassen. Dieser Brief soll einem jedem gegeben werden abzuschreiben, und sollt euere Sünde so viel sein, als Sand am Meer und Gras auf dem Feld, so sollen sie euch verzogen und vergeben werden. Ihr werdet bald in das Reich Gottes übergehen.

Denn endlich kommt der Tag des Herrn, an dem er richten wird die Lebenden und die Toten.

Eine Pestilenz wird an St. Martin über Europa kommen, wie sie noch nie jemand erlebet hat. Nur solche, die in den Himmel gehören, werden überleben.

So wie Eva Rohner, getaufet und begraben in Einsiedeln.

11

Lindberg stützte seinen Kopf mit beiden Händen ab. Sollte er seine Kopfschmerzen mit einem Konterbier vertreiben? Funktionierte das überhaupt? Das letzte Mal hatte Lindberg das mit neunzehn probiert, doch damals hatte sein Körper alles wegstecken können. Außerdem musste er nüchtern werden und nicht betrunkener. Statt zum Bier griff er zu einem weiteren Fisherman’s und dann zum Telefon.

Eine weibliche Stimme meldete sich. „Christine Hübner, Bezirksverwaltung, Einsiedeln.“

„Kommissar Lindberg von der Bundespolizei.“

„Bundespolizei?“ Die Frau räusperte sich. „Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Sie sind für die Friedhöfe in Einsiedeln zuständig?“

„Nicht ich persönlich“, antwortete die Frau. „Aber hier in der Bezirksverwaltung betreue ich sie, das stimmt.“

„Wir haben da einen merkwürdigen Fall“, sagte Lindberg. „Eine Bestattung im Chlosterwald.“

„Eine Bestattung?“

„Die Tote wurde im Waldboden begraben, die ausgehobene Erde zu einem Grab aufgetürmt und mit einem Holzkreuz geschmückt.“

„Gottfriedstutz! Wer macht denn so was?“

„Das wollte ich Sie fragen“, entgegnete Lindberg. „Gab es hier schon mal illegale Bestattungen?“

„Ich habe noch nie davon gehört“, antwortete sie. „Zumal die Bestattung in Einsiedeln kostenlos ist“, antwortete sie. „Die Beisetzung, die Grabeinfassung und das Grabfundament werden vom Bezirk bezahlt, selbst das provisorische Holzkreuz.“

„Wirklich?“ Lindberg runzelte die Stirn. Als seine Eltern gestorben waren, war er noch zu klein gewesen, um sich um die Formalitäten zu kümmern.

„Das ist schon seit ein paar Jahrhunderten so“, antwortete sie. „Man könnte fast sagen, es lohnt sich, in Einsiedeln zu sterben.“

Lindberg musste fast lachen. Dann hatte er wohl doch falsch gelegen und in der Schweiz war zwar das Leben teuer, aber das Sterben kostenlos. „Und wie kommt das provisorische Kreuz auf das Grab?“

„Der Bezirk Einsiedeln stellt es den Angehörigen zur Verfügung. Wie gesagt kostenlos.“

„Haben Sie einen festen Lieferanten für die Holzkreuze?“

„Moment“, sagte die Frau. „Da muss ich nachschauen.“ Sie legte den Hörer beiseite.

Lindberg trank einen großen Schluck Wasser. Direkt nach dem Mittag musste er zu Graf, verkatert und übernächtigt. Das konnte nur scheitern.

Er hörte, wie das Telefon wieder aufgenommen wurde. „Wir haben drei Lieferanten“, sagte die Frau und blätterte in ein paar Unterlagen. „Die kommen aber nicht aus der Region. Soll ich Ihnen trotzdem die Adressen geben?“

Lindberg notierte sich die Anschriften. „Darf man auch ein privates Kreuz aufstellen?“, fragte er. „Eines, das man von einer anderen Schreinerei hat?“

„Wenn es der Würde des Ortes entspricht, ist das kein Problem“, antwortete sie.

Also kann das Kreuz von überall stammen. Warum sollte es auch einfach sein? „Die Kreuze von Ihren drei Lieferanten, sehen die alle gleich aus?“

„Kleine Unterschiede gibt es schon“, antwortete sie. „Soll ich Ihnen von jedem ein paar Fotos schicken?“

„Das wäre sehr nett“, antwortete er. „Sie würden mir wirklich helfen, wenn Sie das heute noch erledigen könnten.“

„Ich mache das gleich“, sagte sie.

Lindberg gab ihr seine E-Mail-Adresse und hörte, dass ein weiterer Anrufer in der Leitung war. Er bedankte sich und nahm den anderen Anruf an. Es war Zach, die Kriminaltechnikerin. „Die Leiche wird gerade überführt, Graf hat ziemlich Druck gemacht und Dr. Molet bittet um zwei Uhr zur Audienz. Schaffst du das?“

„Hat er was dazu gesagt, dass ich mitkomme?“

„Meinst du, ich sag ihm das? Da regt er sich nur vorher schon unnötig auf.“

„Du bist eine Meisterin der Psychologie.“ Lindberg legte auf.

Er ging in die Cafeteria und drückte sich einen Kaffee aus dem Automaten, mit der einzigen Kombination, in der das Zeug nicht schmeckte wie Spülwasser: Doppelter Espresso, extra stark, extra Milch, extra Zucker.

„Da ist ja der Mann, wegen dem man sich neuerdings als Bundespolizist schämen muss.“

Lindberg drehte sich um. Vor ihm stand Thorben Furrer, der Leiter der Terrorermittlung. Er sah aus wie die Schweizer Ausgabe von James Bond und wahrscheinlich hielt er sich auch dafür. Doch er trug eben eine Aktenmappe statt einem Martini, dazu eine Hornbrille und einen graumelierten Oberlippenbart. „Also was Kübler vom Basilisk mir da erzählt hat …“

Lindberg nahm einen Schluck Espresso, wollte etwas sagen, doch sein Hirn schien vollends damit beschäftigt, Kopfschmerzen zu produzieren und ihm fiel keine Entgegnung ein. Er warf Furrer einen Blick zu, der mindestens so bitter war wie der Kaffee und ließ ihn stehen.

Als er wieder ins Büro kam, war Mia schon vom Tatort zurückgekehrt und saß an ihrem Schreibtisch. „Gibt es was Neues?“, fragte sie.

Lindberg schüttelte den Kopf und öffnete sein Mailprogramm. Zu seiner Überraschung hatte die Verwaltungsmitarbeiterin aus Einsiedeln schon eine E-Mail gesendet. Lindberg klickte auf die Fotos im Anhang und betrachtete sie. Auf jedem war ein Kreuz abgelichtet, alle leicht unterschiedlich in Farbe und Größe. Das Kreuz der Schreinerei Ullrich kam ihm irgendwie bekannt vor. Er verglich es mit den Bildern, die Katharina Zach vom Tatort gemacht hatte.

„Schau dir das mal an.“ Er schwenkte seinen Bildschirm in Mias Richtung und zeigte auf eines der Fotos.

„Das könnte das Kreuz sein“, sagte sie. „Aber ich hab keine Ahnung, ob die nicht alle gleich aussehen.“

Er schaute auf die Uhr. „Sollen wir bei der Schreinerei mal vorbeifahren? Sie sitzt in der Nähe von Biel.“

„Musst du nicht zu Graf? Er hat vorhin so was angedeutet.“

„Um eins“, sagte Lindberg. „Aber wenn wir Glück haben, dauerte die Befragung so lange, dass ich den Termin verpasse.“

„Und falls nicht?“

„Dann wird mir schon etwas einfallen.“

12

Was war jetzt heute Nacht?“, fragte Mia ihn auf dem Weg zur Tiefgarage. „Das war doch ein Scherz mit dem Amoklauf, oder?“

Lindberg schüttelte den Kopf. „Die Kollegen vom Basilisk mussten mich retten.“

„Was?“

Lindberg erzählte was vorgefallen war. „Danach musste ich erst mal ein paar Bier trinken, um mich zu beruhigen.“

„Also muss ich fahren?“

„Wenn wir nicht riskieren wollen, dass uns die Bullen anhalten.“

Mia lächelte. „Schon den neuen Dienstwagen gesehen?“ Sie ließ die Blinker eines silbernen Sportwagens aufleuchten. „Ist alles elektrisch.“

„Die Fensterheber, oder was?“

„Sehr witzig.“ Sie strich über den Lack. „Das ist ein Tesla, der erste alltagstaugliche Elektrosportwagen. Fünf Sitze, cooles Design. 225 Sachen.“

„Bin beeindruckt“, sagte Lindberg. „Aber Tesla? War der nicht wahnsinnig?“

„Mir doch egal“, antwortete sie. „Das Ding schießt von Null auf Hundert in sechs Sekunden.“

Lindberg blickte sie irritiert an. „Ich dachte, du bist bei Greenpeace?“

„Das heißt nicht, dass man keinen Spaß mehr im Leben haben darf. Außerdem fährt das Teil mit Ökostrom.“ Sie stieg in den Wagen.

Lindberg setzte sich auf den Beifahrersitz. Es roch nach Neuwagen und Leder, so hatte sein Volvo für fünfzehn Jahren wahrscheinlich auch gerochen. „Und warum haben wir so einen Dienstwagen?“

„Du kennst doch Graf, der braucht immer ein neues Profilierungsprojekt“, antwortete sie. „Nachdem die für uns zuständige Bundesrätin der Energiewende höchste Priorität eingeräumt hat, ist er sofort auf den Zug aufgesprungen und präsentiert sich mal wieder als Vorreiter.“

„Na, wenigstens ist es dieses Mal ungefährlich.“

„Du bist noch nie mit mir Auto gefahren, oder?“ Sie grinste. „Geht’s eigentlich mit dem Kater?“

„Ich tu einfach so, als hätte ich keinen.“

„Und, klappt’s?“

„Seh ich so aus?“

Mia lachte. „Dann schnall dich mal an.“ Sie drückte das Gaspedal durch und schoss aus der Tiefgarage. Lindberg hielt sich am Haltegriff fest. „Willst du den Wagen gleich zu Schrott fahren?“

„Ich will doch nicht schuld sein, wenn du dein Tête-à-Tête mit Graf verpasst.“

„Du könntest mir keinen größeren Gefallen tun.“

Gerade als Lindberg einnicken wollte, parkte Mia vor einem alten, hölzernen Bauernhaus. „Wir sind da.“ Sie zeigte auf eine an das Haus angebaute Werkstatt. Die Schreinerei lag in Aarberg im Berner Seeland, von nichts umgeben als von abgeernteten Feldern, selbst die asphaltierte Straße endete dort.

„Kannst du die Befragung durchführen?“, fragte Lindberg, während sie aus dem Auto stiegen. „Aber bitte nicht so hektisch.“

„Hektisch? Ich?“ Mia hob die Hände, so unschuldig wie ein Fußballspieler nach einer Schwalbe. „Ich bin die Ruhe selbst. Völlig relaxed.“

„Hm“, brummelte Lindberg. Vor dem Eingang der Schreinerei stand ein alter Transporter mit deren Logo. Sie klingelten an der bemerkenswert schlichten Eingangstür der Schreinerei.

Ein großgewachsener Mann Mitte zwanzig öffnete die Tür. Er hatte seine Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden und blickte die Kommissare freundlich an. „Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Wir sind von der Bundespolizei.“ Mia zeigte ihren Ausweis. „Wir hätten ein paar Fragen an Herrn Ullrich.“

Der Mann blickte sie verunsichert an. So ging es den meisten, wenn unangemeldet jemand von der Bundespolizei vorbeikam. Er bat sie in den Verkaufsraum. „Worum geht es denn?“

„Sind Sie Herr Ullrich?“, fragte Mia.

„Er ist hinten in der Schreinerei. Ich … hole ihn.“

Lindberg blickte sich um, im Verkaufsraum standen einige Kommoden mit applizierten Schnitzereien, zwei Küchentische mit Stühlen und ein Kleiderschrank. Auf einem der Küchentische stand das Modell einer Kapelle, sie war als einzige nicht in Naturholz, sondern in Weiß gehalten.

Ein Mann mit graumelierten Haaren betrat den Raum. „Sie wollten zu mir?“

„Sie sind Herr Ullrich?“ Mia gab ihm die Hand und zeigte ihren Ausweis.

Der Mann nickte. „Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Wir haben heute Morgen in Einsiedeln den Leichnam einer wahrscheinlich ermordeten Person gefunden“, sagte Mia. „Der Leichnam wurde in einem Grab bestattet, mit einem Holzkreuz darauf.“

„Und wieso kommen Sie zu mir?“

„Wir vermuten, dass dieses Holzkreuz aus Ihrem Betrieb stammt.“

„Trägt es denn einen Namen?“

„Nur einen Vornamen.“

Ullrich zog eine Augenbraue hoch. „Also ist es ein Kinderkreuz?“

„Nein“, antwortete Mia. „Eines für Erwachsene.“

„Und unser Schild ist auf der Rückseite angebracht?“

„Das fehlt, aber das Modell sieht aus wie Ihres.“ Sie lächelte entschuldigend. „Zumindest laut der Gemeinde Einsiedeln, die Sie beliefern. Können wir die Kreuze mal sehen?“

„Sicher.“ Der Schreiner zeigte in Richtung Werkstatt. „Ich habe immer ein paar auf Lager.“

„Sie haben in letzter Zeit nicht zufällig einen Diebstahl festgestellt?“, fragte Mia.

Ullrich schüttelte den Kopf und führte sie in die Werkstatt. Bis auf eine Sägemaschine stand sie leer. Durch ein Fenster sah Lindberg auf der Straße den Mitarbeiter stehen, der sie hereingelassen hatte. Er unterhielt sich mit einem anderen, jüngeren Mann.

„So ein einzelnes Kreuz würde nicht auffallen, wenn es fehlt“, sagte Ullrich. „Ist ja nicht so viel wert.“

„Ist die Werkstatt immer abgeschlossen?“, fragte Mia.

„Wenn man nicht gerade auf massive Holzmöbel steht, gibt es bei uns nichts zu holen.“

„Das heißt?“

Der Schreiner rieb sich das Kinn. „Tagsüber schließe ich normalerweise nicht ab.“

„Haben Sie keine Angst, dass jemand einbrechen könnte?“

„Wir leben hier ziemlich auf dem Land, da vertraut man einander. Und tagsüber sind David und mein Sohn Christian da.“ Er öffnete die Tür zum Lager. „David ist mein Mitarbeiter. Er hat Sie vorhin hereingelassen.“

„Und Ihr Sohn?“

„Er hilft auch mit“, sagte Ullrich, stockte dann jedoch. „Er ist allerdings … na ja … er leidet am Down-Syndrom.“

„Das tut mir leid“, sagte Mia.

„Gott gibt, Gott nimmt“, antwortete Ullrich. „Meist kümmert sich meine Frau um ihn, aber sie arbeitet halbtags im Büro, da ist er dann in der Schreinerei.“ Er blickte auf den Boden. „Aber das wollen Sie sicher gar nicht wissen.“ Er ging zu einem Holzregal, in dem einige Kreuze lagen. „Das wären dann meine Kreuze. Kinderkreuze habe ich gerade keine da.“

„Das ist die richtige Größe“, sagte Mia.

Lindberg nahm ein Kreuz. Es sah genau aus, wie das, welches ihm die Mitarbeiterin aus der Stadtgärtnerei fotografiert hatte. „Könnte man zweifelsfrei feststellen, dass diese Kreuze von Ihnen stammen?“

„Na ja … was ist zweifelsfrei?“ Ullrich rieb sich die Nase. „Wenn es vom selben Baum ist, dann bestimmt. Ansonsten werden alle mit derselben Maschine hier bearbeitet.“ Er zeigte auf die Sägemaschine in der Werkstatt. „Ich nehme an, Ihre Techniker könnten an dem Kreuz Charakteristika der Maschine feststellen.“

„Dürfen wir ein Kreuz mitnehmen?“ Mia zeigte auf das Kreuz, das Lindberg immer noch musterte.

„Sie können es behalten“, antwortete Ullrich. „Normalerweise liefern wir die Kreuze immer mit vollem Namen. Falls das für Sie wichtig ist.“

„Das heißt, Sie lagern hier die Rohlinge und sobald eine Bestellung kommt, schnitzen Sie den Namen in das Kreuz und senden es an den Besteller?“, fragte Mia.

Ullrich nickte.

„Privatpersonen bestellen nicht bei Ihnen?“

„Möbel schon, aber keine Kreuze.“

„Danke, Sie haben uns sehr geholfen.“ Mia wandte sich zu Lindberg. „Hast du noch Fragen?“

Lindberg schüttelte den Kopf. In seinem Zustand wären ihm nicht mal die Hälfte der Fragen eingefallen, die Mia gestellt hatte.

Die Kommissare verabschiedeten sich und gingen zu ihrem Tesla. Ein Jugendlicher stand davor und versuchte, den Tachometer abzulesen. Er bemerkte die Kommissare erst, als Mia schon fast an der Tür war.

„Schnelles Auto“, sagte er und lächelte. Sein Blick war ein wenig schief, aber freundlich.

„Du bist Christian?“, fragte Lindberg.

Der junge Mann nickte. „Dein Auto?“

„Nein, es ist ein Polizeiwagen.“

„Wie kommt man zur Polizei?“

„Indem man immer ehrlich ist, mutig, und etwas gegen das Böse tun will.“

Christian nickte interessiert und zeigte auf Mias roten Bubikopf.

„Schöne Haare.“

„Danke“, sagte sie. „Du hast einen guten Geschmack.“

Der junge Mann lächelte und ließ die beiden Kommissare einsteigen. Zum Abschied winkte er ihnen nach.

Mia gab Gas. „Ehrlich, mutig und kämpft gegen das Böse? Hast du dabei an Graf gedacht?“

Nein, an dich, dachte Lindberg, doch er sagte es nicht. Er wollte nicht, dass Mia auf falsche Gedanken kam.

„Und, war das Verhör hektisch?“, fragte sie.

Lindberg schüttelte den Kopf. „Du hast das gut gemacht.“

„Aber?“

„Der Mann, der uns die Tür geöffnet hat.“ Lindberg massierte sich die Stirn. „Dieser David. Er hat uns die ganze Zeit von draußen beobachtet, zusammen mit dem Sohn des Schreiners.“

„Die Polizei kommt hier eher selten vorbei, oder?“

Lindberg nickte. „Aber der wirkte auf mich, als habe er ein schlechtes Gewissen.“

„Wer hat das nicht?“, fragte Mia. „Wenn plötzlich die Polizei vor der Tür steht? Hat doch jeder eine kleine Leiche im Keller.“

Lindberg schaute sie irritiert an. „Ich hab das nicht.“

„Nö, du kommst nur betrunken zur Arbeit und lässt die Termine mit deinem Vorgesetzten sausen.“

Lindberg lächelte. „Was zumindest beweist, dass ich keine Angst vor der Polizei habe.“

„Du könntest den Termin mit Graf übrigens noch schaffen, wenn ich in den Sebastian-Vettel-Modus schalte.“

„Mir ist plötzlich total übel“, sagte Lindberg. „Ich glaub, du musst ganz, ganz langsam fahren.“

13

Roland Träger zündete sich eine Zigarette an, nahm den Telefonhörer und wählte eine Nummer. In der gesamten Schweiz gab es nur zwei Personen mit dem Namen Eva Rohner. Und er würde herausfinden, welche die richtige war. Schließlich fühlte er sich immer noch als Reporter und er war überzeugt, dass niemand ein guter Chefredakteur sein konnte, der das Handwerk nicht von der Pike auf gelernt hatte. Und es ab und an anwendete.

Eine Frauenstimme meldete sich. „Rohner hier.“

„Spreche ich mit Eva Rohner?“

„Ja. Was möchten Sie denn?“

„Ich bin von der Werbeagentur Active-Ad und würde gerne mit Ihnen eine Umfrage …“

Eva Rohner hatte aufgelegt. Umso besser.

Träger zog an seiner Kippe und wählte die zweite Telefonnummer. Er ließ es klingeln, bis er die Zigarette ausgeraucht hatte. Niemand ging an den Apparat. Er öffnete das Fenster und warf die Kippe hinaus. Er hatte noch zwei Handynummern von Eva Rohner gefunden. Er wählte die erste und während er das Telefon läuten ließ, überdeckte er den Zigarettengeruch in seinem Büro mit einem Raumspray und schloss das Fenster wieder. Er hasste das Rauchverbot, hatte kräftig dagegen in seiner Zeitung anschreiben lassen, doch es hatte nichts genutzt. Das hatte mal wieder bewiesen, dass selbst seine Macht begrenzt war.

Träger legte auf, wartete eine Weile und versuchte es dann bei der zweiten Nummer, dem Geschäftshandy von Eva Rohner. Die Rechnung dafür lief über eine Schule in Zürich, offensichtlich ihr Arbeitgeber.

Erneut ließ er es eine gute Minute lang klingeln, dann suchte er im Internet nach der Telefonnummer von Eva Rohners Schule und wählte die Nummer des Sekretariats. „Hier ist Bernd Rohner“, meldete er sich.

„Womit kann ich Ihnen helfen?“

„Ich bin der Onkel von Eva Rohner und wollte meine Nichte wegen einer dringenden Familienangelegenheit sprechen, aber sie geht nicht an ihr Telefon.“

„Wenn sie im Unterricht ist, kann sie natürlich keine Gespräche annehmen.“

„Ich würde auch nicht anrufen, wenn es sich nicht um einen Notfall handeln würde“, sagte er und legte ein wenig Verzweiflung in seine Stimme. „Wissen Sie denn, ob Eva heute zum Unterricht erschienen ist? Dann könnte ich sie vielleicht in der Pause kurz abpassen.“

„Einen Moment bitte.“ Es raschelte in der Leitung, wahrscheinlich blätterte die Frau in irgendwelchen Unterlagen. „Frau Rohner ist heute nicht zur Arbeit gekommen“, sagte sie schließlich. „Das ist ungewöhnlich, denn normalerweise ist sie sehr zuverlässig.“

„Hat sie sich nicht krankgemeldet?“

„Nein, das ist ja das Merkwürdige.“

„Dann fahre ich mal bei ihr daheim vorbei“, sagte Träger. „Vielleicht ist sie ja krank und braucht Hilfe.“

„Das wäre sehr nett“, antwortete die Sekretärin, doch Träger hörte gar nicht mehr hin. Er öffnete Facebook, suchte nach Eva Rohner, fand sie und klickte auf ihr Profil. Verdammt! Die Lehrerin teilte ihre Daten nur mit Freunden ihrer Freunde.

Aber auch dafür wusste er eine Lösung. Er suchte nach Freunden, möglichen Verwandten und Kollegen von Eva und versendete ein paar Freundschaftsanfragen. Irgendeine von Evas Freundinnen würde ihn schon annehmen, schließlich sah er in diesem Profil um einiges blendender aus als in der tristen Realität. Während er auf Antwort wartete, drängte sich plötzlich ein Gedanke nach vorn: Was ist eigentlich, wenn die Drohung in dem Brief ernstgemeint ist?

14

Drei Minuten nach eins kamen Lindberg und Mia in der Bundespolizei an. Sie fuhren mit dem Aufzug auf Zachs Etage, die Tür zu deren Büro stand wie immer offen. Lindberg nahm das Holzkreuz von der Schulter, das Ullrich ihnen mitgegeben hatte. „Das Kreuz vom Tatort, sieht es so aus?“

Katharina Zach nahm das Kreuz in die Hand. „Auf den ersten Blick schon“, antwortete sie und deutete mit dem Daumen nach hinten. „Das andere liegt im Schrankregal.“

Lindberg ging hinüber und nahm das Kreuz heraus. Daneben lag eine transparente Plastikdose, in der sich eine weiße Feder befand. Lindberg legte sie auf das Kreuz, hielt es waagerecht und ging zurück zu den Kollegen. „Ist das die Feder?“, fragte er.

Zach nickte. „Ist eine Gänsedaune.“

„Ganz schön weiß“, sagte Lindberg. „Dafür, dass sie in der Erde gelegen hat.“

„Daher meine Theorie, dass sie erst mit dem Leichnam in die Erde kam.“ Katharina Zach räusperte sich. „Zumal im Wald für gewöhnlich keine Gänse rumlaufen.“

Lindberg legte beide Kreuze nebeneinander auf einen freien Schreibtisch. „Sie scheinen identisch zu sein“, sagte er. „Zumindest sieht das für mich so aus.“

„Das ist kein Beweis“, sagte Zach. „Das müssen wir forensisch untersuchen. Holzart, Maserung, Schnittkanten, das volle Programm.“

„Und wie lang dauert das?“

„Das muss ich extern vergeben. Ein paar Tage.“

Mia nahm die beiden Kreuze und drehte sie auf die Rückseite. „Das Schild der Schreinerei sitzt genau an derselben Stelle, hier in der kleinen Einbuchtung.“ Sie zeigte auf das Kreuz, das auf dem Grab gestanden hatte. „Jemand hat es gestohlen und das Schild entfernt.“

„Und er hat nicht mit euch Supercops gerechnet.“ Zach klatschte demonstrativ in die Hände.

In dem Moment öffnete sich die Tür. Bundespolizeichef Graf trat ein, wie immer ohne anzuklopfen. „Was machen Sie hier, Herr Lindberg?“

„Wir waren noch beim Lieferanten des Grabkreuzes aus Einsiedeln und sind gerade wiedergekommen.“

„Das hat sich vielleicht noch nicht bis nach Schweden rumgesprochen, aber heutzutage gibt es so kleine elektronische Geräte, mit denen kann man anrufen, wenn man unterwegs ist und zu spät kommt.“ Graf deutete auf die Kreuze auf Zachs Tisch. „Davon abgesehen sieht das hier nicht nach gerade wiedergekommen aus.“

„Wir haben die Kreuze schnell noch abgeglichen. Es scheint …“

„Das kann ja wohl warten. Hätten Sie vielleicht zufällig einen Moment für Ihren Vorgesetzten?“

„Hier oder bei Ihnen?“

„Bei mir, falls Sie es ohne Unfall dahin schaffen.“

15

Auf dem Weg zu Grafs Büro wurde Lindberg wieder schlecht. Seit seinem dreißigsten Geburtstag machte sein Körper nicht mehr jeden Unsinn mit, jedenfalls nicht widerstandslos. Wahrscheinlich merkte ihm Graf die schlaflose und bierselige Nacht nur deswegen an, weil Lindberg kein Gewohnheitstrinker war. Genau wie in der Schule, dort erwischten die Lehrer meist die braven Schüler, wenn die ausnahmsweise mal was Verbotenes taten, nie die durchtriebenen, erfahrenen Hinterbänkler.

Lindberg hoffte, dass er als Polizist nicht genauso halbblind war.

Bundespolizeichef Graf öffnete die Tür zu seinem Büro, ging hinein, wartete, bis Lindberg ihm gefolgt war und schloss die Tür direkt hinter ihm ab. Zweimal. Graf ließ sich in seinen Chefsessel fallen, ohne Lindberg einen Platz anzubieten.

Lindberg setzte sich auf den Besucherstuhl.

Graf fixierte ihn ein paar Sekunden. Auf seiner Stirn erkannte Lindberg jene pochende Ader, die immer erschien, wenn Graf sich aufregte. „Können Sie mir bitte erklären, was Sie gestern Abend in der Wohnung von Frau Krasnic gemacht haben?“

Lindberg hatte keine Ahnung, wie die Frau hieß, aber er wusste auch so, worum es ging. „Sie wurde von ihrem Mann bedroht und hat mich um Hilfe gebeten.“

„Sind Sie neuerdings Streifenpolizist?“

Lindbergs Augen funkelten. „Ich bin nicht Polizist geworden, um tatenlos danebenzustehen, wenn eine Frau und ein Kind in Gefahr sind.“

„Und ich bin nicht Bundespolizeichef geworden, um mir von meinen Mitarbeitern auf der Nase herumtanzen zu lassen.“

„Das hatte doch gar nichts mit Ihnen zu tun“, entgegnete Lindberg. „Außerdem hatte der Barkeeper die Kollegen sofort informiert. Aber das Kind der Frau war noch im Haus, also bin ich …“

„Was für ein Barkeeper denn?“

Lindberg schloss die Augen. Er hatte sich übertölpeln lassen wie ein Anfänger. „Ich hatte mich mit einem Schulfreund getroffen. Mehr nicht.“

„Wäre vielleicht besser, Sie hätten was getrunken. Das würde wenigstens erklären, warum Sie im Alleingang in diese Wohnung gegangen sind, ohne Waffe, ohne Schutzweste.“

„Ich war nicht im Dienst …“

„Und dann legen Sie Ihr Hirn genauso ab, wie die Waffe?“

„Wenn ich es nicht getan hätte, würden die Frau und das Kind vielleicht nicht mehr leben.“

„Vielleicht“, sagte Graf. „Wenn die Sondereinheit aber nicht so schnell gewesen wäre, dann wären die beiden trotzdem tot. Und Sie gleich mit.“

Lindberg schloss die Augen. Er wusste, das Graf recht hatte. Trotzdem würde er wieder genauso handeln.

„Und dann nach dem Vorfall, betrinken Sie sich einfach“, sagte Graf. „Obwohl Sie wussten, dass Sie heute Morgen Dienst haben.“

„Ich hab mich nicht betrunken“, antwortete Lindberg. „Ich hab wegen einer Grippe Medikamente genommen.“ Er fasste in seine Tasche und holte ein Arzneifläschchen heraus.

Graf winkte ab. „Das haben Sie vorhin noch schnell gekauft“

„Und warum ist es dann offen?“ Lindberg stellte die Flasche auf Grafs Schreibtisch. Noch vor der Apotheke hatte er die Flasche aufgedreht und die Hälfte in den Gully geschüttet. Er war ja kein Anfänger. „Da sind einundfünfzig Prozent Alkohol drin. Das ist mehr als in einem Whiskey.“

„Sie scheinen sich ja gut auszukennen.“ Graf zog seine Augenbrauen hoch. „Und Sie meinen wirklich, ich glaube Ihnen diesen Schwachsinn?“

„Soll ich irgendwo blasen?“ Lindberg hatte sich entschieden, in die Offensive zu gehen, sonst würde die Diskussion nie aufhören.

Graf seufzte. „Sie haben sich äußerst unprofessionell verhalten.“

„Es wird nicht wieder vorkommen.“

„Der Meinung bin ich auch“, sagte Graf. „Und damit das sichergestellt ist, lassen Sie mich eines klarstellen: Noch so ein Ding, und Sie können Ihr Helfersyndrom als Privatperson ausleben!“

Bevor Lindberg etwas sagen konnte, redete Graf weiter. „Von nun an erwarte ich absolute Disziplin“, sagte er. „Keine Widerreden mehr, Pünktlichkeit wie es sich für einen Schweizer Polizisten gehört und jeden Tag einen schriftlichen Bericht über den Ermittlungsstand in unserem Mordfall. Ist das klar?“

Lindberg nickte, stand auf und schaffte es gerade so, die Tür nicht hinter sich zuzuschlagen.

16

Es gibt wahrscheinlich keinen Gott“, sagte Tanja Egger. „Sorge dich nicht und genieße das Leben!“

„Ein interessanter Name für eine Kampagne“, antwortete der Reporter am Telefon. „Aber was ist, wenn es doch einen Gott gibt?“

„Bisher ist noch kein Bus, der mit unseren Plakaten fährt, von brennenden Büschen, Sintfluten oder den himmlischen Heerscharen von seinem Kurs abgebracht worden“, antwortete sie. „Und wir fahren unsere Kampagne weltweit: London, Chicago, Madrid und jetzt Zürich.“

„Wenn die Verkehrsbetriebe nicht noch einen Rückzieher machen.“

„Zürich ist eine tolerante Stadt. Und wenn die katholische Kirche in den Straßenbahnen Werbung machen darf und die reformierte an den Haltestellen, dann ist es nur legitim, dass auch die Atheisten ihre Meinung kundtun können. Oder finden Sie nicht?“

„Meine Meinung steht hier nicht zur Debatte“, antwortete der Mann. „Ich bin nur Journalist.“

Das Argument kannte Tanja Egger zur Genüge. Viele Atheisten scheuten sich, Position zu beziehen. Genau aus diesem Grund hielten die Kirchen immer noch die Meinungsmacht inne, obwohl es in vielen Großstädten inzwischen mehr Konfessionslose gab als Katholiken oder Protestanten. „Haben Sie noch eine Frage?“

„Mein Bericht wird wahrscheinlich eine Diskussion auslösen“, antwortete der Reporter. „Sind Sie darauf vorbereitet?“

Sie strich sich durch ihr vorzeitig ergrautes Haar und lächelte. „Wir freuen uns auf die Diskussion. Denn genau die wollen wir mit unseren Plakaten anregen.“

„Und Sie haben keine Angst vor Drohungen?“

„Nein. Sonst hätten wir schon lange aufgehört.“

„Das heißt, Sie werden bedroht?“

Tanja Egger hielt den Atem an. Es war nicht richtig, diesen fundamentalistischen Spinnern auch noch Aufmerksamkeit zu verschaffen. „Ab und an“, antwortete sie ausweichend.

„Wenn Ihre Kampagne erst läuft, wird das sicher zunehmen.“

„Hunde die bellen, beißen nicht.“

Der Reporter lachte.

Doch so cool Tanja Egger sich nach außen hin gab, ihr war nicht nach Lachen zumute. Der Reporter hatte recht. Es war in letzter Zeit immer schlimmer geworden. Vor allen Dingen mit diesen Fanatikern von den Primuschristen. Wie würden sie reagieren, wenn die Plakate in jedem Züricher Bus hingen?

„Sie sind eine sehr mutige Frau“, sagte der Reporter. „Die trifft man heutzutage selten.“

„Danke“, antwortete sie leise. Wenn ich wirklich so mutig bin, warum hab ich dann solche Angst?

„Vielleicht sollten wir uns mal auf einen Kaffee treffen?“ Der Reporter räusperte sich. „Privat.“

Tanja Egger schluckte. „Ich bin …äh … ich habe sogar schon graue Haare.“

„Dafür klingen Sie aber noch sehr jung.“

„Wenn sie zweiunddreißig noch jung finden …“

„Was denn sonst?“, antwortete er. „Wir legen Ihre grauen Haare und meine Glatze zusammen und trinken einen Kaffee. Wie sieht es bei Ihnen heute Abend aus?“

Ihr Herz schlug schneller. Als sei dort eine Antwort zu finden, ging sie zu ihrem Küchenfenster und blickte hinaus. „Ich weiß nicht“, antwortete sie. „Das ist doch ein wenig kurzfristig.“

„Ich dachte, Sie wären so mutig …“

„Das haben Sie gesagt!“ Tanja Egger lächelte.

„Die Gläubigen gründen ihre Hoffnung in Gott“, sagte er. „Die können jeden Rückschlag hinnehmen und darauf hoffen, dass Gott es schon richtet.“ Er legte einen schmeichelnden Unterton in die Stimme. „Aber ich bin Atheist. Wenn Sie mir die Hoffnung nehmen, wer soll mich dann trösten?“

„Sie sind Atheist?“

„Dass ich meine Meinung als Reporter nicht in den Vordergrund stelle, heißt nicht, dass ich keine habe.“

„Und Sie haben heute Abend wirklich nichts Besseres vor, als mit einer grauhaarigen Aktivistin essen zu gehen?“

„Ich könnte mir nichts Schöneres vorstellen.“

„Dann ist Ihre Phantasie nur schwach ausgeprägt.“ Sie lächelte und fühlte sich fast ein wenig kokett.

„Ertappt“, sagte er. „Also ich konkretisiere: Von den Dingen, die es sich geziemt, zu einer jungen Frau am Telefon zu sagen, könnte ich mir nichts Schöneres vorstellen. Also bitte enttäuschen Sie meine Hoffnung nicht.“

Tanja Egger hatte schon lange nicht mehr geflirtet. Es tat ihr unerwartet gut. Warum eigentlich sollte sie sich nicht mit dem Reporter treffen? Er schien unterhaltsam und lachte sogar über ihre Witze.

Außerdem war es immer gut, einen Verbündeten in der Presse zu haben. Und vielleicht wurde auch mehr daraus. „Na gut“, sagte sie. „Schließlich haben auch wir Atheisten Mitgefühl.“

„Zu gnädig.“ Sie hörte ihn schmunzeln. „Wie wäre es um zwanzig Uhr im Hiltl?“

Sie lupfte eine Augenbraue. Ein Reporter, der das älteste vegetarische Restaurant der Welt für ein Date vorschlug, war auf alle Fälle ein Treffen wert. „Das würde passen. Woran erkenne ich Sie?“

„Ich erkenne Sie“, antwortete er. „Eine so junge, hübsche Frau mit grauen Haaren wird wohl nicht zu übersehen sein, oder?“

„Ich habe nicht behauptet, dass ich hübsch bin“, erwiderte sie.

„Mutige Frauen sind auf ihre eigene Art immer hübsch“, antwortete er. „Außerdem habe ich Ihr Bild auf der Homepage gesehen.“ Er klang übertrieben charmant und trotzdem frech.

Das gefiel ihr. Es gefiel ihr gut. „Ich freue mich“, flüsterte sie und verabschiedete sich.

Sie blickte wieder aus dem Küchenfenster. Dieses Mal nicht, um eine Antwort zu finden. Sondern einfach nur, um den Moment zu genießen. Die Sonne schien auf die Hecke zwischen dem Fenster und ihrem kleinen Garten. Manchmal ärgerte sie sich, dass sie im Erdgeschoss wohnte, aber jetzt, in diesem Moment gefiel ihr der Ausblick. Sie öffnete das Fenster. Ein bisschen frische Luft würde ihr guttun.

Tanja Egger lehnte ihren Oberkörper auf die Fensterbank, schaute hinaus und hörte plötzlich unter sich ein Rascheln.

Dann Schritte. Irgendwelche Bewegungen.

Sie schaute hinab. „Hey, was machen Sie da?“

Der Mann, der sich unter ihrem Fenster versteckt hatte, drehte ihr den Rücken zu, sprang über die Hecke und verschwand in der nächsten Seitenstraße.

Tanja Egger hatte nicht viel gesehen. Nur, dass der Flüchtende blonde Haare hatte.

17

Erschöpft ließ Lindberg sich in den Bürostuhl fallen und schaltete den Computer ein. Mia telefonierte gerade, legte aber kurz darauf auf. „Was habt ihr denn so lange besprochen?“, fragte sie. „Ich dachte schon, Graf hat dich gefeuert.“

„Bin noch mal davongekommen.“ Lindberg zuckte mit den Schultern. „Und ich war noch in der Kantine. Ich musste mal was essen.“

„Und was machst du dann noch hier?“ Mia blickte demonstrativ auf die Uhr. Bei der Zusammenarbeit mit Lindberg war das eine ihrer Lieblingsgesten. „Es ist Viertel nach zwei. Solltest du nicht bald bei der Obduktion sein?“

„Verdammt!“ Lindberg stand wieder auf. „Kommst du nicht mit?“

„Zu Molet? Ich bin froh, wenn ich Le ’Obbydiktator nicht sehen muss. Da schreib ich lieber den Tatortbericht. Und du weißt, wie sehr ich Berichte hasse.“

Eine Viertelstunde später stieg Lindberg aus dem Taxi und betrat das Rechtsmedizinische Institut in Bern. Der bisherige Pathologe war vor ein paar Wochen in Rente gegangen und ausgerechnet der griesgrämige Dr. Molet aus Basel hatte die Stelle übernommen. Schon der Eingangsbereich des Instituts roch nach Formaldehyd und schlechter Laune.

Lindberg zog sich um und öffnete die Tür zum Obduktionsraum. Er sah zwei Personen an einem Stahltisch stehen, Katharina Zachs schwarze Bluse war selbst unter dem grünen Kittel zu erkennen. Neben ihr stand Dr. Luc Molet, Spitzname Le ’Obbydiktator.

Zach hob den Kopf und kam auf Lindberg zu. „Hast du den Weg nicht mehr gefunden?“

„Der Bundespolizeichef hat mich noch aufgehalten.“

Molet schaute Lindberg an, als sei er die Heilige Inquisition und nuschelte etwas auf Französisch, das eine Begrüßung sein konnte, oder eine Beschimpfung.

„Sie waren doch im Urlaub, oder?“, fragte Lindberg. „Wie war es denn?“

Dr. Molet brummelte ein paar Worte in seinen imaginären Bart, von denen Lindberg nur Bandscheibenvorfall verstand. Dann wandte sich Molet wieder der Leiche zu.

„Haben Sie schon etwas herausgefunden?“, fragte Lindberg.

Molets stahlblaue Augen funkelten. „’err Lindberg, glaube Sie, wir stehen uns ’ier nur eine ’albe Stunde lang die Beine in die Bauch?“

„Natürlich nicht“, antwortete Lindberg. „Ich dachte nur, Sie könnten mich kurz auf den aktuellen Stand bringen.“

„Entweder Sie sein pünktlich und ’alte die Obduktion nicht auf, oder Sie müsse die Bericht lese.“

„Ich werde den Kollegen später orientieren“, mischte sich Zach ein. „Er hat sicher nichts dagegen, wenn wir direkt mit der Obduktion fortfahren.“

In dem Moment klingelte Lindbergs Diensthandy. Molet lupfte wieder eine Augenbraue. Stimmt, das ist ja hier auch verboten. Lindberg stellte das Handy auf lautlos und nickte den anderen entschuldigend zu.

In Molets Gegenwart kam Lindberg sich immer vor wie das platte, fünfte Rad am Wagen. Im Ernstfall völlig nutzlos.

Er zwang sich, die Leiche zu betrachten. Sie lag auf dem Bauch, Lindbergs Blick fiel als Erstes auf die rot-blauen Hämatome am Nacken der Toten, die er schon am Fundort der Leiche gesehen hatte. Molet schob die Oberschenkel der Frau zusammen.

„Haben Sie Spuren eines Sexualdelikts entdeckt?“, fragte Lindberg.

Molet schwieg und betastete den Po der Toten.

„Bisher haben wir keine Hinweise in die Richtung“, antwortete Zach und hielt den Zeigefinger vor die Lippen.

Und zu Schweigen hat man hier auch, während der Meister sein Können zelebriert.

„Wir haben auf der Stirn Spuren von Olivenöl entdeckt“, sagte Zach. „Es könnte aber auch Salböl sein, wie Chrisam, das zur Taufe verwendet wird.“

„Zur Taufe?“ Lindberg trat näher an den Obduktionstisch heran, betrachtete den Kopf der Toten. Bis auf die Würgemale am Hals war nichts Außergewöhnliches zu sehen. Sein Blick wanderte weiter nach unten. Er hatte schon einige Leichen gesehen, aber die Haut am Rücken des Opfers wirkte unnatürlich trocken, fast gegerbt wie die einer Mumie. Molet war das anscheinend auch schon aufgefallen. Er strich mit den Einweghandschuhen über den Rücken der Toten. „Die ’aut fühlt sich an, als ’abe sie jemand gegrillt.“

„Ein Feuer?“

Molet hob wieder eine Augenbraue. „Die Verbrennungen sind exklusiv an ’interkopf, Rücken und Steiß. Als ’abe die Oberkörper ein oder zwei Minuten auf eine ’olzkohlegrill gelegen.“

„Auf Holzkohlen?“, wiederholte Lindberg. „Zu welchem Zweck?“

Molet warf Lindberg einen überheblichen Blick zu. Lindberg glaubte fast, darin ein Lächeln zu erkennen. „Das, ’err Lindberg, müssen Sie schon selbst ’erausfinden.“

18

Kaum war Lindberg wieder zurück im Büro, klingelte sein Telefon. Es war irgendeine Züricher Nummer. Lindberg nahm den Hörer ab. „Hier ist Roland Träger, Chefredakteur der Image-Zeitung“, sagte der Anrufer. Seine Stimme klang warm, erfahren und selbstsicher.

Lindberg überlegte, ob er gleich wieder auflegen sollte. Nach seiner Erfahrung waren Boulevardjournalisten mehr an ihrer Auflage interessiert als an der Wahrheit.

Obwohl Lindberg nichts antwortete, redete der Reporter einfach weiter. „Ich habe Ihren Vorgesetzten Herrn Graf nicht erreicht und da es sich um eine dringende Angelegenheit handelt, habe ich mir erlaubt, bei Ihnen anzurufen.“

Natürlich will er Graf sprechen, der passt zu solchen Typen. Lindberg sagte immer noch nichts. Der Reporter würde ohnehin weiterplappern und dann die üblichen Fragen stellen, zu denen Lindberg nichts anderes antworten konnte als no comment.

„Es geht um diesen Mordfall in Einsiedeln“, sagte der Mann. „Ich glaube, wir haben Hinweise dazu.“

„Hm“, brummelte Lindberg. Er hasste es, wenn die Reporter sich auch noch wichtigmachten.

„Uns ist eine Art Bekennerschreiben geschickt worden. Oder ein Drohbrief, je nach Interpretation.“

Zwar wurden nach Morden häufiger falsche Bekennerschreiben an die Presse gegeben, meist jedoch, nachdem die Fälle medial ausgewalzt worden waren. Bisher hatten jedoch erst zwei lokale Radiosender von der Tat berichtet und ein paar Onlineportale. Lindberg stellte das Telefon auf Lautsprecher, so dass auch Mia mithören konnte. „Was ist denn der Inhalt des Bekennerschreibens?“, fragte Lindberg.

Träger las den Brief vor. „Er ist übrigens in Fraktur geschrieben“, erklärte er anschließend. „Mit der Hand.“

„Tun Sie mir den Gefallen und verwahren Sie Brief und Umschlag in einer verschlossenen Plastiktasche“, antwortete Lindberg. „Wir lassen ihn sofort von den Züricher Kollegen abholen.“

„Kein Problem.“

„Wie haben Sie den Bekennerbrief erhalten?“

„Er lag bei uns im Hausbriefkasten, unfrankiert, kein Absender.“

„Und wann haben sie ihn erhalten?“

„Die Mitarbeiter haben ihn gegen acht Uhr bemerkt.“

Um diese Zeit kannten nur wir den Namen des Opfers, dachte Lindberg. „Wir werden den Bereich vor diesem Briefkasten überwachen lassen. Falls die Person weitere Briefe einwirft.“

Träger schwieg, schien kurz nachzudenken. „Das finde ich gut“, sagte er schließlich, doch es klang nicht, als meine er das wirklich.

„Dürfte ich Sie bitten, die Information aus dem Brief noch zurückzuhalten?“, fragte Lindberg.

Träger schwieg erneut ein paar Sekunden. „Das wird leider nicht möglich sein. Die Druckmaschinen laufen schon.“

„Was?“ Lindberg blickte auf die Zeitanzeige des Telefons. „Wir haben gerade mal fünfzehn Uhr!“

„Schon mal was von der Image am Abend gehört?“ In der Stimme des Chefredakteurs lag eine Spur Überheblichkeit. „Die Zeitung erscheint in einer Stunde. Die ist schon in der Auslieferung.“

„Ich dachte, Sie hätten sofort bei mir angerufen, als Sie das Schreiben erhalten haben?“

„Der Brief ging durch einige Hände“, erklärte Träger. „Wir sind ein großes Medienhaus mit verschiedenen Redaktionen. Der Mordfall ist eine potentielle Headline und als ich informiert wurde, hatten die Kollegen schon einen Auszug aus dem Drohbrief in den Artikel kopiert.“

Mia Adam umfasste mit der Hand ihre Nase und tat so, als würde sie diese wie Pinocchio langziehen. Lindberg nickte ihr zu. „Welchen Auszug?“, fragte er.

Träger räusperte sich. „Der Brief ist ja nicht so lang. Genaugenommen haben wir ihn komplett übernommen.“

„Wollen Sie eine Panik verursachen?“

„Ein Mord und eine unbewiesene Drohung verursachen doch noch keine Panik. Aber wir dürfen die Bevölkerung da nicht im Ungewissen lassen.“

Natürlich nicht, Angst schüren könnt ihr ja am besten, dachte Lindberg. „Falls Sie noch mal einen Brief erhalten sollten, wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie uns direkt informieren.“

„Selbstverständlich“, antwortete Träger. Es war nur eine Floskel, so leer wie die Image am Abend-Zeitungsboxen am Morgen.

Lindberg legte auf.

„Mann, war das ein Arschloch“, sagte Mia.

Lindberg nickte. „Der wird die Story bis zum Martinstag am Kochen halten und wir werden das ausbaden müssen. Aber mit unserem Chef versteht er sich anscheinend bestens.“

Mia lachte. „Da bin ich sicher. „Du wirkst übrigens gar nicht mehr betrunken“, sagte Mia. „Gibt’s da ein Geheimrezept?“

Bis auf das martialische Kopfweh merkte er tatsächlich nichts mehr vom Alkohol. Das Gespräch mit Graf hatte ihn irgendwie in die Realität zurückgeholt. „So betrunken war ich gar nicht“, antwortete er.

„Na, dann kannst du dich ja um den Bericht kümmern, oder?“

Lindberg schüttelte den Kopf. „Von Berichten bekomme ich Kopfweh. Lass uns lieber mal recherchieren, warum die Pestilenz, von der in dem Bekennerschreiben die Rede ist , ausgerechnet an St. Martin ausbrechen soll.“

19

Irgendwann kommt ein Prinz, der sich nicht als Frosch entpuppt. Jedes Mal wenn eine Beziehung in die Brüche gegangen war, hatte Tanja Egger sich das eingeredet.

Und das war häufig vorgekommen, vor allem, weil sie nicht aufgeben wollte, was ihr wichtig war. Sie wollte nicht zwischen Kinder, Küche und Karriere pendeln, sondern etwas Bleibendes schaffen. Sie wollte den Atheisten eine Stimme geben, genauso einflussreich wie die der Kirche.

Außerdem war das Leben auch ohne Mann lebenswert.

Meistens jedenfalls.

Vielleicht ging ja auch beides. Es musste eben nur ein echter Prinz kommen. Oder wenigstens ein aufrichtiger Mann.

Inzwischen verfluchte sie sich dafür, dass sie dem Reporter von ihren grauen Haaren erzählt hatte. Sonst hätte sie die noch färben können, was sie sicherlich fünf, wenn nicht gar zehn Jahre jünger gemacht hätte. Und war jünger nicht besser? Oder war er anders als die meisten Männer? Gab es das überhaupt? Oder waren alle Männer doch gleich und unterschieden sich nur in ihrer schauspielerischen Fähigkeit, einer Frau das zu sagen, was sie hören wollte?

Andererseits musste man manches Mal auch dem Spielerischen, dem Gefühl und den eigenen Träumen freien Lauf lassen. Und wann dann, wenn nicht bei der Liebe?

Sie blickte in den Spiegel und zog den Lippenstift nach. War das Rot nicht viel zu knallig? Und die Ohrringe, passten die überhaupt? Vielleicht stand er ja nur auf natürliche Frauen? Sie schaute auf die Uhr. Es war zu spät, noch etwas zu ändern. Hoffentlich stand der Reporter auf innere Werte. Oder tat zumindest so.

Tanja Egger legte ihren Mantel über den Arm und schob sich ein Pfefferminzbonbon in den Mund. Verdammt, wo hatte sie denn jetzt ihren Schlüssel? Sie suchte ihre Taschen ab, kramte in der Handtasche, nichts. Nach zwei Minuten hektischer Suche fand sie den Schlüssel unter der Anrichte. Hatte sie ihn da hingelegt? Wahrscheinlich war sie nur ein wenig durcheinander.

Sie schloss die Tür ab, zog den Mantel an und schaute erneut auf die Uhr. Wenn sie pünktlich sein wollte, musste sie unbedingt den Bus bekommen.

Es war schon dunkel, aber der schnellste Weg zur Haltestelle ging nun einmal durch den Wald. Sie verließ das Haus, klappte den Mantelkragen hoch und spürte ein leichtes Kribbeln auf der Haut. Tanja Egger hörte hinter sich ein Rascheln und drehte sich um.

War da jemand?

Sie blickte in Richtung der Büsche.

Nein, ihre Nervosität spielte ihr wohl nur einen Streich.

Sie lief die Straße entlang und bog nach dreißig Metern auf einen Feldweg ein. Wie eine dunkle Festung türmte sich der Wald vor ihr auf. Obwohl es heute nicht geregnet hatte, war der Boden leicht feucht. November eben. Sie blickte auf ihre Stöckelschuhe. Sie würde sie im Bus putzen müssen. Hatte sie überhaupt ein Taschentuch dabei?

Tanja Egger verzichtete darauf, in ihrer Handtasche nachzuschauen. Da waren sicher welche drin, bestimmt zwei oder drei Packungen. Sie nahm ihr Handy aus der Hosentasche, schaltete die Taschenlampen-App ein und leuchtete den Boden aus. Das musste reichen. Hauptsache sie stolperte nicht, oder trat in irgendwelche Pfützen oder Kuhfladen. Hier auf dem Land konnte man nie wissen. Sie lächelte und entspannte sich ein wenig.

Sie freute sich auf den Abend, doch irgendwie schob sich immer dieses unangenehme Kribbeln in den Vordergrund. Wahrscheinlich war sie männertechnisch einfach nur aus der Übung. Sie atmete tief durch.

Wieder hörte sie ein Rascheln.

Dieses Mal drehte sie sich nicht um.

Sicher nur ein Tier. Ein Vogel. Nein, bestimmt ein Kaninchen, die gab es ja hier zuhauf.

Sie schaute wieder auf die Uhr und lief ein wenig schneller. Die Schweiz ist wohl das einzige Land der Welt, in dem die Busse manches Mal sogar zu früh kommen.

Sie lächelte wieder.

Eine Sekunde lang.

Dann röchelte sie, zuckte, schlug um sich.

Schon nach wenigen Augenblicken wurde ihr schwarz vor Augen.

Ihr Unterbewusstsein stellte lediglich noch fest, dass ihr kein Kaninchen gefolgt war. Und auch kein Vogel. Denn für gewöhnlich hatten die keine Hände, die eine Drahtschlaufe hielten.

20

Gegen 22 Uhr stand Lindberg vor der Basler Klinik Neuro-Re. Es war absurd, jeden Tag von Basel nach Bern zu pendeln, aber solange Paula hier lag, ging es nicht anders.

Die normalen Besuchszeiten waren schon lange vorbei, aber da die leitende Schwester Verständnis für Angehörige mit unregelmäßigen Arbeitszeiten hatte, durfte Lindberg kommen und gehen, wann er wollte.

Auf der Station konnte er ohnehin niemanden stören.

Er hätte gerne früher Feierabend gemacht, aber er war erst um 20 Uhr bei der Bundespolizei in Bern losgekommen. Und er hatte nicht schon wieder mit dem Taxi fahren wollen, so viel verdiente ein Schweizer Kommissar auch wieder nicht.

Er war schon vor Stunden erschöpft und müde gewesen und das hatte sich seitdem nicht gebessert. Doch Bundespolizeichef Graf hatte ihn zweimal daran erinnert, dass er nicht ewig gedachte, darauf zu warten, dass sie ihm einen Verdächtigen präsentierten. Unter ewig verstand Graf einen Zeitraum von weniger als einer Woche.

Lindberg hatte sich die Bemerkung verkniffen, was es wohl bedeutete, wenn Graf einer Frau ewige Liebe versprach.

Außerdem schien der Bundespolizeichef zu meinen, mit ein wenig Ermittlungsarbeit würde man den Täter schon finden.

Lindberg seufzte und betrat die so karge wie moderne Eingangshalle des Spitals, sie schien nur aus Glas und Beton zu bestehen. Nirgendwo im Neuro-Re gab es Treppen, jeder Aufgang war rollstuhlgängig ausgeführt. Lindberg fuhr mit dem Aufzug in den dritten Stock und ging zum Zimmer 303. Vor der Tür blieb er stehen und starrte auf die Klinke.

Er träumte nachts nicht mehr vom brennenden Auto, in dem er und Paula gesessen hatten, als sie ins Koma fiel, sondern merkwürdigerweise von genau diesem Zimmer. Immer begann es damit, wie er die Tür öffnete und hineinblickte. Manchmal erwartete Paula ihn in seinem Traum freudig strahlend, häufiger lag sie, sich vor Schmerzen krümmend, im Bett, doch meistens war das Bett leer.

Im Traum stand er immer vor der 303, doch manches Mal landete er trotzdem in einem anderen Raum, hatte dort gegen doppelköpfige Amazonen gekämpft, gegen Schlangen, deren Biss einen lähmte und gegen ihn: Udo Wohlers. Der Mann, der für all das verantwortlich war.

Wenigstens war Wohlers im Gefängnis, nach seinem letzten Ausbruch zudem in Sicherheitsverwahrung. Und dort würde er hoffentlich Zeit seines Lebens bleiben.

Denn in der Realität konnte er nicht so leicht aus dem Gefängnis entkommen wie in Lindbergs Träumen.

Nicht noch einmal.

Doch wenn Lindberg dann im wirklichen Leben die Klinke herunterdrückte und die Tür öffnete, erwartete ihn stets dasselbe Bild.

Vielleicht war es die Angst vor dem ewig Gleichen, die ihn vor der Tür innehalten ließ und seine Träume befeuerte.

Oder war es die Angst, dass es nie wieder so werden würde, wie es einmal gewesen war?

Aber da war auch Hoffnung und so drückte er die Klinke schließlich hinunter und ging in das Zimmer.

21

Antipas nahm ein Stück Lindenholz und legte ein Foto von Tanja auf den Werktisch. Er setzte das Schnitteisen an und hieb eine Kerbe in das Holz. Und noch eine. So musste Gott sich gefühlt haben, als er die Welt erschaffen hatte. Aus Erde, aus einer Rippe, aus blankem Holz wurde Leben.

Nachdem Antipas die grobe Form aus dem Holz gehauen hatte, widmete er sich ihren Beinen und arbeite sich langsam nach oben. Ihr Becken, ihr flacher Bauch, ihre Brüste. Er arbeitete akkurat, mit Liebe zum Detail, nur ihren Ausschnitt schloss er etwas höher als auf dem Foto. Den Kopf schnitzte er zuletzt, achtete auf jeden Zug ihres Gesichts, jede Strähne ihrer Haare.

Immer wieder glich er das Foto mit der Holzfigur ab. Seine Finger wussten genau, was sie zu tun hatten. Dabei hatte er sich alles selbst beigebracht.

Schließlich rieb er die Figur mit einem Tuch sauber, wachste sie und betrachtete sie noch einmal.

Zufrieden mit seinem Werk öffnete er die kleine Tür der Kapelle und legte Tanja hinein. Dort war sie sicher.

Er blies die Kerzen aus und wartete eine Weile, bis er die Konturen seines Städtchens selbst im tiefen Dunkel der Nacht erkennen konnte. Friedlich lag es vor ihm. So wie die Welt sein sollte.

Aber so war die Welt nicht.

Noch nicht.

Trotz des güldenen Altars, der hinter der Stadt thronte.

Er ging nach oben in den Dachstock und überprüfte, dass die Bleitonne mit der russischen Aufschrift noch an ihrem Platz stand. Dann stieg er wieder nach unten und verließ seine Wohnung.

Er legte seinen Kopf auf den Kofferraum seines VWs, nickte schließlich zufrieden, stieg in den Wagen und fuhr los. Wie immer auf diesem Weg blieben seine Scheinwerfer dunkel. Licht gehörte nicht in seinen Wald. Nicht zu dieser Zeit.

Ein paar Minuten später fuhr er auf den Parkplatz am anderen Ende des Waldes, der wie immer nachts leer stand. Antipas parkte im Schutz eines Holzstapels, stieg aus und tauschte mit wenigen Handgriffen seine Schweizer Nummernschilder gegen ein paar deutsche aus. Dann horchte er wieder am Kofferraum.

Stille.

Wie er seit Eva wusste, hatte das nichts zu bedeuten. Sie hatte sich gewehrt. Weil sie ihn nicht verstanden hatte. Es war noch zu früh gewesen. Doch schon bald würde Eva ihn verstehen.

Genau wie Tanja.

Antipas zog sich Einweghandschuhe über, nahm die Drahtschlaufe in die eine Hand und öffnete mit der anderen den Kofferraum.

Nichts rührte sich. „Steh auf“, sagte er. „Wir werden ein bisschen spazieren gehen.“

Nur die Stille antwortete.

Ein paar Sekunden lang beobachtete er sein Opfer. Tanja lag zusammengekauert da wie ein Baby, die Augen geschlossen, aber sie atmete noch, also war sie am Leben. Vielleicht bewusstlos, aber am Leben. Das machte alles einfacher. „Ich möchte dir nicht wehtun“, sagte er. „Also steh auf.“

Sie bewegte sich immer noch nicht.

Er nahm einen länglichen Klotz von dem Holzstapel neben seinem Auto und stieß Tanja damit in den Nacken. Sie rührte sich nicht, lag da wie ein totes Reh. Er beugte sich näher zu ihr. „Du willst also nicht hören“, flüsterte er. „Ich gebe dir zehn Sekunden. Wenn du dann nicht aufgestanden bist, werde ich dir mit diesem Hammer das Bein brechen.“ Er deutete mit der freien Hand eine Armbewegung an. Er hielt darin nur den Klotz, aber das konnte Tanja durch ihre geschlossenen Augen nicht sehen. Er zählte langsam rückwärts. „Zehn … neun … acht … sieben … sechs … fünf … vier … drei … zwei … eins!“

Bei null zuckte sie zusammen. Ganz leicht, und doch hatte er es gesehen. Sie spielte mit ihm.

Er schlug ihr mit dem Holzklotz in die Leiste. Sie schrie auf, drehte sich, versuchte ihn zu packen, doch er stand schon wieder einen Meter vom Kofferraum entfernt. „Es ist einfacher für dich, wenn du tust, was ich dir sage.“

Ihre Augen voller Angst und Schmerzen suchten ihn in der Dunkelheit. Ihre Pupillen wanderten tiefer und entdeckten seine weißen Einweghandschuhe. Ein panischer Schrei entglitt ihr, gedämpft durch das Gaffer-Tape vor ihrem Mund.

Ihr Blick suchte wieder sein Gesicht. „Ich kenne dich“, schien sie sagen zu wollen.

„Ich kenne dich auch.“ Er lächelte sie an. „Deswegen bist du hier. Weil ich weiß, dass du trotz allem ein guter Mensch bist. Obwohl du dem Teufel verfallen bist. Aber es gibt einen Weg zurück.“

Sie blickte ihn irritiert an.

„Und ich werde ihn dir zeigen. Steh auf!“

Dieses Mal tat sie, was er verlangte. Obwohl ihre Füße gefesselt waren, sprang sie aus dem Kofferraum. Als sie auf dem Waldboden aufkam, verlor sie das Gleichgewicht, doch er stützte sie.

Als sei er ein Freund.

Und doch wollte er sie töten.

22

Der Raum 303 lag im Dunkeln, Lindberg betätigte den Lichtschalter und blickte auf Paula.

Sie lag genauso da, wie er sich gestern Abend von ihr verabschiedet hatte. Ihre Augen geschlossen, den Kopf zur Seite geneigt, der restliche Körper unter einer weißen Decke versteckt.

Lindberg setzte sich auf das Bett und nahm ihre Hand. „Ich bin es“, flüsterte er.

Ihre Augen blieben geschlossen.

Er gab ihr einen Kuss auf die Stirn, strich ihr sanft über den Arm und legte seine Hand in die ihre.

Sie reagierte nicht.

Er legte seinen Kopf neben den ihren, sprach lauter, massierte ihr den Nacken und die Stirn.

Nichts.

Es gab gute Tage, schlechte und beschissene.

Und das schien mal wieder ein beschissener zu sein.

Er seufzte und begann von seinem Tag zu erzählen.

Der irgendwie in dieselbe Kategorie passte, auch wenn er ihn überlebt hatte.

Doch es ging nicht um ihn. Wenn er starb, war niemand mehr für Paula da.

Geschwister hatte sie keine und ihre Eltern waren schon in ihrer Jugend gestorben.

Etwas – das sie wie so vieles – gemeinsam hatten.

Selbst an dem was geschehen war, hatte er seinen Anteil.

Seinen Teil der Schuld.

Es war in Berlin gewesen, Paula war nach dem Überfall von Wohlers schwer verletzt ins Koma gefallen. Äußerlich hatte man sie wieder hinbekommen, jedenfalls wenn man von den Schläuchen und Zugängen absah.

Doch sie war einfach nicht mehr aufgewacht. Also hatte Lindberg sie nach Basel verlegen lassen, im Glauben, Paula würde sich dort heimisch fühlen. Der vertraute Dialekt, die Stadt, Ausflüge in die heimische Natur. Doch nichts hatte geholfen.

Als Lindberg schon fast die Hoffnung aufgegeben hatte, da hatte Paula endlich die Augen geöffnet.

Nach endlosen sechs Monaten. Er hatte für sie gelernt, Gitarre zu spielen, nur einen Song, ,Enjoy the silence‘ von Depeche Mode. Aber es war nun mal ihr Lieblingssong gewesen und bei den letzten Worten, die er sang, da hatte sie ihn plötzlich angeblickt.

Danach war sie langsam wieder ins Leben zurückgekommen, konnte ihm an guten Tagen zublinzeln, den kleinen Finger der rechten Hand bewegen, aber sprechen, das konnte sie nicht.

Und heute öffnete sie nicht mal mehr die Augen.

Die Ärzte redeten von einem langen Weg, doch wenn er nachfragte, ob sie diesen jemals zu Ende gehen würde, da schwiegen sie.

23

Antipas stützte sie, half ihr auf und legte ihr die Drahtschlaufe um den Hals. Tanja wehrte sich kaum. Entweder hatte sie schon resigniert oder sie sparte sich ihre Kräfte. Es würde ihr nichts nützen.

Er führte sie in den Wald.

Tanja versuchte irgendetwas zu sagen, aber er verstand sie nicht. Er hätte sich gerne mit ihr unterhalten, sie so viel gefragt, aber wenn er ihr das Gaffer-Tape vom Mund nahm, würde sie schreien.

Er sah die Kapelle lange bevor Tanja sie bemerkte. Als es endlich soweit war, stoppte sie unvermittelt. Er ließ zu, dass sie sich zu ihm umdrehte. Tränen standen in ihren Augen. Und eine Frage. „Das ist meine Kapelle“, erklärte er. „Gott hat mir befohlen, sie zu bauen.“

Ihr Blick verriet ihm, dass sie immer noch nichts verstand.

„Dreh dich wieder um!“, befahl er. Ihre Tränen kannten kein Halten mehr. Sie wollte etwas sagen, wahrscheinlich um Gnade flehen. Sie würde sie bekommen.

Vom Herrn.

Nicht von ihm.

Er packte sie an der Schulter und zog die Schlaufe zu. Sie ging in die Knie und hieb ihm ihre Schulter in den Magen.

Er krümmte sich, holte Luft, aber er hielt die Schlaufe immer noch in seiner Rechten. Sie rammte ihn erneut mit der Schulter in die Seite, ließ ihn taumeln. Er spürte, wie der Draht aus seiner Hand glitt und packte ihn fester.

Sie war stark. Aber nicht so stark wie der Herr. Antipas wickelte den Draht um sein Handgelenk und zog die Schlaufe noch enger. Er ließ ihr nicht einmal Luft für ihre letzten Worte.

Er drückte zu, bis sie jegliche Spannung verlor und zählte bis sechzig. Bei jeder anderen hätte er den Griff jetzt gelockert, doch er zählte noch einmal bis sechzig.

Und noch einmal.

Dann erst ließ er von ihr ab.

Wie ein Sack Zement fiel sie auf den Boden. Er hob sie an und legte sie auf seine Arme, als sei sie eine Braut, die er über die Schwelle tragen würde. Ihre grauen Haare rochen nach Herbstlaub.

Vor dem Eingang der Kapelle legte er sie in das Laub, öffnete das Vorhängeschloss und betrat den fensterlosen, hölzernen Bau. Er kniete nieder und bekreuzigte sich. Die Kälte ließ ihn leicht zittern.

Oder war es die Aufregung?

Er erhob sich und brachte den Leichnam in den Präparationsraum der Kapelle und schloss dessen Tür. Der Raum lag komplett im Dunkel, doch er fand die Kerze auf Anhieb, zündete sie an und blickte zufrieden auf das stählerne Bett.

Er nahm ein wenig Reisig aus einem der Fächer an der Wand, schichtete es am oberen Ende des Bettes auf und zündete es mit der Kerze an. Knisternd fing es Feuer. Der Rauch trieb den Abzug hinauf und durch den kleinen Kamin in den Wald. Er warf ein paar dünne Äste in die Flammen und legte eine Reihe Holzscheite darauf.

Dann nahm er Tanja und säuberte sie mit einem Lappen. Er entfernte all den Schmutz, den ihr irdisches Leben hinterlassen hatte. Er trocknete sie behutsam ab, zog ihr ein weißes Büßerhemd über und legte sie auf eine Bahre, die mit Rosenblüten bedeckt war.

Er wartete, bis das Feuer verklungen war, schürte die Glut, verteilte sie gleichmäßig in dem stählernen Bett und schob den metallenen Rost eine Handbreit darüber in die Wand.

Schließlich nahm er ein Einmachglas aus dem Regal, betrachtete es andächtig und holte dann eine einzelne weiße Daunenfeder heraus.

Alles war vorbereitet.

Es konnte beginnen.

24

Katharina Zach beugte sich über ihn und strich langsam mit dem Messer an seinem Hals entlang.

Er schluckte, Schweiß stand auf seiner Stirn.

Sie führte die Spitze der Klinge zu seiner Halsschlagader. Dort hielt sie inne. Es war ein schönes Bild, sein männlicher Hals, die pulsierende Ader, das scharfe Messer, ihre zarten Hände, ihr enges, langärmeliges Latexkleid, das ihre Tattoos bedeckte.

Jugendsünden.

Die Sünden, die sie als reife Frau beging, fand sie wesentlich verlockender.

Vor allem mit einem jüngeren Mann.

„Hast du Angst?“, fragte sie.

Er schüttelte kaum merklich den Kopf.

„Das glaube ich dir nicht.“

Er lächelte peinlich berührt.

„Vielleicht müssen wir doch harmloser beginnen“, sagte sie, legte das Messer auf den Stahltisch neben sich und überprüfte den Sitz seiner Handschellen. Es hatte sich gelohnt, in vernünftige Ausrüstung zu investieren.

Katharina nahm eine langstielige, schwarze Kerze und zündete sie mit einem Streichholz an. Das Streichholz ließ sie ausbrennen und auf seinen Oberkörper fallen. Mit der Asche malte sie ein Kreuz auf seine Brust.

Anschließend ließ sie die brennende Kerze langsam über seinen Oberkörper kreisen und zeichnete mit dem Wachs das Kreuz nach. Dann erst ging sie tiefer um die Formen seines Sixpacks in Wachs zu gießen.

In dem Moment klingelte ihr Diensthandy.

Sie löschte die Kerze, nahm das Handy vom Stahltisch und blickte auf das Display. Es war Lang, der Streber aus ihrer Abteilung.

Vielleicht war es keine gute Idee, in der Kriminaltechnik einen Workaholic zu beschäftigen. Das sparte ihr zwar eine Menge Arbeit, doch manche wussten einfach nicht, wann Feierabend war. Und hier und jetzt, um Mitternacht, war verdammt noch mal Feierabend!

Sie stellte das Handy auf Vibrationsalarm und legte es wieder auf den Tisch.

Nach wenigen Sekunden hörte es auf zu vibrieren. Typisch, Lang hatte nicht mal die Eier, um durchzuhalten.

„Du dachtest wohl schon, du kommst mir davon“, sagte sie, entzündete die Kerze wieder und ließ das Wachs über seine Bauchmuskeln laufen.

Er biss sich auf die Lippen, sagte aber immer noch nichts.

Denn jedes Wort zu viel bedeutete stärkere Schmerzen.

Jedenfalls wenn es nicht das Codewort war.

Gerade als sie weiter nach unten wandern wollte, vibrierte ihr Handy erneut. Anscheinend konnte Lang doch hartnäckig sein.

Ohne auf das Display zu blicken, drückte sie den Anruf weg und schaltete das Handy aus. Sie wusste ohnehin, dass es Lang war. Oder irgendeine andere Nervensäge. Einzig für die Einsatzzentrale musste sie rund um die Uhr erreichbar sein. Schlau wie sie war, hatte sie der Zentrale einen anderen Klingelton zugewiesen.

Dumm nur, dass sie den jetzt nicht mehr hören konnte.

Und wenn der Täter erneut jemanden entführt oder ermordet hatte?

Katharina Zach fluchte und schaltete das Handy wieder ein.

Der Mann auf der Streckbank warf ihr einen genervten Blick zu.

„Du hättest also gern wieder mehr Schmerzen?“, fragte sie und ließ das Wachs auf seine Brustwarzen tropfen.

Er schien es zu genießen, blickte sie herausfordernd an.

Sie war gespannt, ob das auch so sein würde, wenn sie zu seiner empfindlichsten Stelle kam.

In kleinen Kreisen ging sie tiefer, hielt an seinem Bauchnabel inne und wanderte dann langsam nach unten, bis zum Muskelansatz seines rechten Oberschenkels.

Schließlich führte sie die Kerze weiter nach innen.

Sofort zuckte er zusammen. Doch er schwieg immer noch.

Und dann klingelte das Handy erneut.

Sie seufzte, zuckte entschuldigend mit den Schultern und während sie das Gespräch annahm, ließ sie die Kerze weiter kreisen. „Was gibt es?“, meldete sie sich, ohne den herrischen Tonfall abzulegen.

„Das tut weh!“, rief der Mann unter ihr.

„Schweig, Sklave!“, befahl sie.

„Was?“, fragte Lang am Telefon.

„Ich meine nicht dich“, erklärte sie, löschte die Kerze und verließ den Raum. „Aber wenn du keinen verdammt guten Grund hast, hier anzurufen, mach ich dich einen Kopf kürzer. Dann kannst du dich umbenennen in Halblang, ist das klar?“

„Ich dachte, du wolltest sofort Bescheid wissen“, antwortete Lang kleinlaut. „Sonst hätte ich mich nicht getraut anzurufen, um Mitternacht.“

„Ich weiß selbst wie spät es ist! Also was gibt es?“

Lang räusperte sich. „Wir haben ein Problem mit der Probe.“

„Mit welcher Probe?“

„Dieses Bekennerschreiben. Wir haben es auf chemische, radioaktive und biologische Rückstände testen lassen.“

„Und was soll es dabei für ein Problem geben? Das ist das Standardprozedere für Drohbriefe.“

„Einer der Tests war positiv.“

„Positiv?“ Katharina Zach schluckte.

Langs Stimme klang brüchig, irgendwie zu hoch und viel zu ängstlich. Doch dieses eine Wort, das er sagte, verstand Katharina Zach trotzdem: „Anthrax.“

25

Alle preisen den Himmel. Aber keiner will jetzt schon hin.“ So stand es auf dem Kalenderblatt für den heutigen Tag. Lindberg fand den Spruch so passend, dass er beschloss, ihn hängen zu lassen, bis ein besserer kam. Und das konnte dauern.

Nachdem er gestern Nacht von der Reha-Klinik zurückgekommen war, hatte er sich nicht mehr getraut, bei seiner Nachbarin Isabel zu klingeln, um seine Katze Dr. Watson dort abzuholen. Isabel kümmerte sich immer dann um sie, wenn er unterwegs war. Und das war oft der Fall.

Er hatte es heute Morgen direkt nach dem Aufstehen erledigt, misstrauisch beäugt von Isabels neuem Freund Frank.

Frank war Gruppenleiter bei einer kriminellen Vereinigung, die Ahnungslose immer noch Investmentbank nannten. Den Spruch hatte Lindberg halb im Scherz bei ihrer ersten Begegnung gebracht und sofort war das Eis zwischen ihnen auf zwei Meter Dicke angewachsen. Dr. Watson schien den Banker auch nicht leiden zu können.

In beiden Fällen beruhte das auf Gegenseitigkeit, wobei Dr. Watson das viel subtiler mitteilen konnte als Lindberg, jedenfalls solange er genügend zu essen bekam.

Eigentlich hätte Lindberg froh sein müssen, dass Isabel ihm jetzt keine Avancen mehr machte, andererseits war es schon merkwürdig, auf welche Typen Frauen manchmal abfuhren.

Und was das über einen selbst aussagte.

Doch am meisten tat ihm ihre Tochter Nina leid und natürlich Leon, ihr sechsjähriger Sohn. Er vergötterte Lindberg und ließ das den neuen Mann im Haus jeden Tag spüren. Schließlich war Lindberg Kommissar, hatte der Familie das Leben gerettet und im Gegensatz zu Frank nie versucht, Isabels Kinder zu erziehen.

Schließlich war er nur der Nachbar und ein guter Freund.

Es gab wahrlich einfachere Startbedingungen für eine Beziehung, als jene, mit denen Frank konfrontiert war, aber ausnahmsweise war das mal nicht Lindbergs Problem.

Der Kommissar stieg in seinen Volvo, gab Gas und gerade als er auf der Autobahn war, klingelte sein Handy.

Er erkannte Katharina Zachs raue Stimme sofort. „Ich hab zwei schlechte Nachrichten“, sagte sie. „Welche willst du zuerst hören?“

„Keine von beiden“, antwortete Lindberg.

„Sei froh, dass ich dich nicht um Mitternacht rausgeklingelt hab wie meine Kollegen mich. Also pass auf. Es gibt ein neues Grab, im Bruderholz, Basel. Ich schicke dir gleich die Koordinaten. Und beeil dich, Mia und ich sind schon unterwegs und sie hat das Blaulicht ausgepackt.“

„Wenn das erste ein Mord ist, was ist dann die zweite schlechte Nachricht?“

„Ich habe gestern Nacht noch den Reportern von der Image-Zeitung Bescheid gegeben, damit sie entsprechende Vorsichtsmaßnahmen ergreifen. Denn der Drohbrief der dort eingegangen ist, war mit Anthrax versetzt.“

„Anthrax?“ Lindberg hielt den Atem an. Hatte er den Brief nicht auch in Händen gehalten? Zwar nur in einer Plastikmappe, aber was hieß das schon bei einem hochgefährlichen Stoff wie Anthrax? „Ist das Zeug nicht in kleinsten Mengen tödlich?“ Irgendetwas kratzte in seinem Hals.

„Ist es“, antwortete Katharina Zach. „Weniger als ein Milligramm und du bist Geschichte. Erinnerst du dich an die Anthrax-Briefanschläge in den USA kurz nach 09/11? Dabei sind fünf Menschen gestorben. Mit ein paar Gramm könnte man jedenfalls eine ganze Großstadt auslöschen.“

„Hat der Täter nicht mit dem Jüngsten Gericht gedroht?“

„Daran musste ich auch als Erstes denken“, seufzte Zach. „Bisher hab ich das für Spinnerei gehalten.“

„Das dachte ich bis vor ein paar Sekunden auch noch“, antwortete Lindberg. „Aber ich bin gerade dabei, meine Meinung zu ändern.“

26

Seit der Nacht vor seiner Priesterweihe hatte Pfarrer Urs Hediger nicht mehr so schlecht geschlafen. Er schleppte sich aus dem Bett, stellte sich unter die Dusche und ließ das Wasser an. Wenigstens das hatten sie ihm noch nicht abgestellt. Erst nachdem er sich angezogen hatte, traute er sich, auf die Uhr zu sehen. Natürlich, er war mal wieder zu spät. St. Joseph müsste schon seit fünfzehn Minuten geöffnet sein.

Doch auf die paar Minuten kam es jetzt auch nicht mehr an.

Während er sich einen Kaffee machte, fiel sein Blick auf den Kalender, der noch das Blatt vom Oktober zeigte, obwohl schon der fünfte November war.

Er schlug das Blatt um, sah diese unförmige Betonkirche von Le Corbusier und blätterte wieder zurück. Da betrachtete er lieber noch einen Monat das Straßburger Münster.

Hediger trank den Kaffee aus, nahm den Schlüssel, ging hinüber zur Kirche und schloss sie auf. Am Portal schaltete er das Licht ein und trottete zurück zum Pfarrhaus. Aus dem Briefkasten quollen schon wieder Briefe. Wie bei einer neunköpfigen Hydra wuchsen ständig neue nach. Und er hatte nicht einmal ein Schwert. Es war so viel einfacher, den Briefkasten nicht zu öffnen. Doch er durfte sich keinen Fehler mehr erlauben. Er musste die dringendsten Rechnungen bezahlen, irgendwie. Und wenn er dafür erneut seinen Lohn opferte. Er würde schon nicht verhungern.

Andererseits war nach dem Frühstück auch noch Zeit für die Post. Er hörte von der Straße Schritte, drehte sich um und sah gerade noch, dass jemand durch die hölzerne Eingangstür der Kirche huschte. War das Krause? Überwachte der ihn?

Hedigers Magen knurrte. Das Frühstück war für ihn die wichtigste Mahlzeit des Tages, selbst wenn es so karg ausfiel wie in letzter Zeit. Aber es war die Einzige, bei der er sicher wusste, wann und wo er sie aß. So war das Leben als Pfarrer eben. Aber er war gern unter den Menschen. Nur musste er morgens eine Grundlage schaffen, sonst diktierte sein Magen den Zeitplan und nicht die Seelsorge.

Trotzdem, er musste sich vergewissern, wer da gekommen war. Sonst würde er nicht in Ruhe frühstücken können.

Er ging hinüber in sein Gotteshaus und lief durch das Kirchenschiff. Niemand betete dort. Hediger überprüfte, dass die seitlichen Aufgänge zur Orgelempore verschlossen waren und blickte erst dann zum Beichtzimmer. Das rote Licht leuchtete.

Genau wie gestern.

Kurzentschlossen klopfte Hediger an das Beichtzimmer, bekreuzigte sich und setzte sich auf seinen Stuhl.

„Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“, begann sein Gegenüber.

Hediger erkannte die Stimme sofort. Es war die des blonden Mannes. Also hatte der gestern doch nicht alles gebeichtet und wollte es jetzt nachholen. Ein guter Seelsorger sorgte eben dafür, dass der Mensch seine Schwächen und Fehler erkannte. Hediger sprach seine Begrüßungsworte und versuchte, den Vorhang zu ignorieren, der sie trennte. „Was liegt Euch auf dem Herzen?“

„Ich habe noch einmal über die Frau von gestern nachgedacht“, sagte der Mann.

„Habt Ihr Eurer Beichte noch etwas hinzuzufügen?“

Der Mann schwieg.

„Es gibt in der Hölle einen besonders furchtbaren Ort“, erklärte Hediger. „Er liegt ziemlich tief unten, in der hintersten Kammer. Da kommen die Gläubigen hin, die bei der Beichte nicht aufrichtig waren. Wer sich Gottes Vergebung durch falsche Reue erschleichen will, wird härter bestraft als ein Sünder, der sich der Sühne verweigert.“

„Jemand muss die Frauen retten.“

„Die Frauen?“ Hediger runzelte die Stirn. „Gestern habt Ihr nur von einer Frau erzählt.“

„Wenn ich sie doch retten muss …“

„Warum müsst Ihr die Frauen retten?“

„Christus wird kommen und die Menschen erlösen. Wer nicht getauft ist, wird in der Hölle schmoren.“

„Das lehrt uns die Bibel“, sagte Hediger. „Und ich glaube daran. Aber noch sind wir auf dieser Erde und haben unser Leben zu meistern. Daher sollten wir uns auf das Hier und Jetzt konzentrieren. Und jetzt gerade sitzt Ihr im Beichtstuhl und wollt beichten. Oder?“

Der Mann schien nachzudenken. „Ich habe gesündigt“, sagte er schließlich.

„So sprecht.“

„Ich … ich habe noch eine zweite Frau getauft.“

Hediger riss die Augen auf. Er hatte vieles erwartet, aber das nicht. „Es war auch in dieser Kapelle?“

Der blonde Mann antwortete fast tonlos. „Ja.“

„Und lag sie auch im Sterben?“

Der Mann nickte.

„Warum habt Ihr mir gestern von der zweiten Frau noch nichts erzählt?“

„Weil sie gestern noch nicht tot war.“

Hediger verschluckte sich vor Schreck. Für einen Jugendlichen, der ihm einen Streich spielte, war der Mann viel zu ernst. Und zehn Jahre zu alt. Um seine Gedanken wieder zu sammeln, blickte er auf die Bibel vor sich. „Ihr habt gestern erneut eine sterbende Frau getauft?“

Der Blonde nickte. „Sonst wäre sie nicht in den Himmel gekommen.“

Hediger starrte durch das gewebte Kreuz hindurch. Er konnte nicht viel erkennen, doch eines spürte er: Der Mann wirkte seltsam beherrscht, ruhte in sich selbst. War es sein Gottvertrauen, das ihm Sicherheit gab? Oder war der Mann wahnsinnig? „Aber es kann doch kein Zufall sein, dass nacheinander zwei Frauen im Sterben in eine Kapelle kommen und sich von euch taufen lassen.“

„Es war Gottes Werk.“

„Wo war denn der Pfarrer?“

„Es ist meine Kapelle“, antwortete der Mann. „Gott hat Antipas befohlen, sie zu bauen.“

Etwas an diesem Mann machte Hediger nervös. Sehr nervös. „Und diese Frauen sind in Ihre Kapelle gekommen?“, fragte er.

„Ich habe sie dort hingebracht“, sagte der Mann.

„Um sie zu taufen?“

Der Mann nickte. „Es waren gute Menschen.“

„Und nach der Taufe habt Ihr die Frauen wieder zurückgebracht?“, fragte Hediger.

„Zurückgebracht?“, wiederholte der Mann. Er schien nicht zu verstehen, worauf Hediger hinauswollte. „Wohin?“

„Na, wo sie herkamen, wo sie lebten?“

„Nein“, antwortete der Mann mit ruhiger Stimme. „Ich habe sie begraben.“

Hediger schloss die Augen. Irgendwie hatte er bisher nicht wahrhaben wollen, dass der Mann wirklich von Sterbenden gesprochen hatte. „Die Frauen sind in Eurer Kapelle gestorben?“

„Vorher“, antwortete der Mann. „Aber bei der Taufe waren sie am Leben. Sonst hätte man sie ja nicht taufen können.“

Hediger verstand überhaupt nichts mehr. Das passte alles nicht zusammen. Vielleicht musste er einfachere Fragen stellen. „Woran sind die Frauen denn gestorben? Waren sie krank?“

„Alle Menschen sind krank.“

„Ist Eure Kapelle in einem Krankenhaus? Lagen die Frauen dort?“ Vielleicht gab es ja doch eine einfache Erklärung. „Ihr habt ein paar alte Damen besucht, am Sterbebett?“

Der Mann schüttelte den Kopf. „Meine Kapelle liegt im Wald.“

„Und die alten Damen sind dort hingekommen?“

„Die Frauen waren nicht alt.“

„Und woran sind sie dann gestorben?“

Der Mann schwieg. Lange. Hediger dachte schon, er müsste erneut fragen. Dann sprach sein Gegenüber doch noch. Leise, fast unhörbar und doch verstand Hediger jedes Wort.

Was der Mann sagte, war so ungeheuerlich, so schockierend, dass Hediger regungslos im Beichtzimmer sitzen blieb, selbst als der Mann aufstand und ging.

Hediger saß noch da bis die Glocken neun Uhr schlugen.

Dann stand er endlich auf und wiederholte die Worte des Mannes, so als habe er sie doch nicht verstanden. „Ich habe sie getötet.“

27

Lindberg wendete an der nächsten Raststätte und musste sich zusammenreißen, dort nicht mit dem Smartphone nach den Symptomen einer Anthrax-Kontamination zu suchen.

Er beruhigte sich damit, dass Katharina ihn sicher nicht zum Tatort geschickt hätte, wenn er sich wirklich in Lebensgefahr befand.

Und dass sein Hals kratzte, war bestimmt nur Einbildung.

Er nahm ein Fisherman’s und drückte das Gaspedal durch.

Er schenkte sich die Fahrt nach Bern, nur um mit dem Dienstwagen dieselbe Strecke zurückzufahren und fuhr direkt zum Leichenfundort in Reinach an der Stadtgrenze zu Basel. In der Heiligholzstrasse sah er den Dienst-Tesla neben einigen Einsatzwagen stehen.

Lindberg ließ sich von einem Streifenpolizisten die Richtung zeigen und zog sich Einweghandschuhe und Schutzoverall an. Schon als er den kleinen Wald betrat, kam der ihm bekannt vor. Doch woher sollte er ihn kennen? Er hatte zwar in Basel seine Kindheit verbracht, aber in Reinach war er wie in den meisten Vororten kaum je gewesen.

Wahrscheinlich war es nur ein normaler Laubwald im November, die Bäume kahl, der Boden mit braunen Blättern bedeckt.

Er musste daran denken, wie er sich beim letzten Opfer übergeben hatte. Er ging ein wenig langsamer, atmete tief durch und dann sah er zwischen den Baumstämmen seine Kolleginnen Mia und Katharina stehen. Er begrüßte sie und dann erst sah er das Grab.

Zwei Kriminaltechniker hatten schon mehr als einen halben Meter tief gegraben, neben der aufgeschütteten Erde lag ein Holzkreuz.

Darauf stand ein Name: Tanja.

„Ziemlich eindeutiges Beuteschema“, sagte Mia.

Zach drehte sich zu ihr. „Glaubst du ernsthaft, schon nach einem Opfer das Beuteschema des Täters zu kennen?“

„Er steht auf Frauen“, antwortete Mia. „Gut aussehend, natürlicher Typ. Ungefähr dreißig.“

„Na dann bin ich ja zum Glück nicht in Gefahr“, entgegnete Katharina und rieb sich das Augenbrauenpiercing. „Trifft ja nur das erste Kriterium auf mich zu.“

„Wer hat das Grab gefunden?“, fragte Lindberg.

„Eine Orientierungsläuferin“, antwortete Zach. „Sie hat erst mal ihren Lauf beendet und die Kollegen dann angerufen. Trainiert wohl für irgendeinen Wettbewerb und wollte sich ihre Zeit nicht versauen.“

Zach kniete sich nieder und deutete auf eine graue Haarsträhne, die aus der Erde lugte. „Das mit dem Beuteschema war wohl ein Griff ins Klo!“

Lindberg wendete sich ab, ging näher zum Kreuz und musterte es. „Tanja also. Gibt noch keine Vermisstenmeldung dazu, oder?“

Mia schüttelte den Kopf. „Das hab ich gleich als Erstes überprüft.“

Lindberg zeigte auf die Rückseite des Kreuzes. „Wieder kein Schild einer Schreinerei. Aber das Kreuz ist ein wenig kleiner.“

Mia nahm das Kreuz in die Hand und strich mit den Handschuhen über dessen Kanten. „Leicht uneben. Ich würde sagen, das ist handgeschnitzt.“

„Das wird ja immer besser“, antwortete Zach. „Und auf dem nächsten Grab steht eine Marienstatue oder was?“

„Schau mal“, rief einer der Kriminaltechniker aus der Grube. Die Männer hatten inzwischen den Kopf des Opfers freigelegt. Auf Tanjas Mund lag etwas Weißes, Flauschiges. „Ist es das, was ich denke?“, fragte Lindberg.

Zach nickte. „Also war die Feder kein Zufall.“

Lindberg runzelte die Stirn. „Spielt hier jemand ,Das Schweigen der Lämmer‘ nach, oder was soll das?“

„Im Schweigen der Lämmer war es ein Falter, keine Feder“, korrigierte ihn Mia.

„Es war weder Falter noch Feder, weil es fiktiv ist“, entgegnete Zach. „Ich hingegen stehe mitten in der Scheiße. Respektive in einem Grab.“

Mia trat näher an das Loch heran und ging in die Hocke. „So alt ist sie gar nicht.“

Zach bückte sich und betrachtete den Kopf der Toten. „Ich gebe ja ungern jemand anderem als mir recht, aber das Gesicht passt zu einer Dreißigjährigen. Natürliche Haarfarbe. Ein Punkt für dich.“ Sie seufzte und zeigte auf den Hals der Frau. „Dieselben Strangulationsspuren. Die Leichenstarre ist noch ausgeprägt, sie wurde wahrscheinlich gestern ermordet oder heute Nacht.“

Lindberg hatte genug gesehen und ließ seinen Blick in die Ferne schweifen. Er rieb sich die Augen, drehte sich einmal um sich selbst und dann erkannte er am Horizont den markanten Bruderholzer Wasserturm.

„Verdammt“, sagte Lindberg. „Jetzt weiß ich wo wir sind. „Ich hab das nicht gleich erkannt, weil ich früher immer von der Basler Seite hierhergekommen bin. Und nicht von Riehen. Als Kind hatte ich immer Angst vor diesem Ort.“

Katharina Zach blickte ihn skeptisch an. „Vor dem Wald hier oder was?“

Lindberg nickte. „Das Gebiet hier nennt man Galgenbruderfeld“, sagte er. „Im Mittelalter hielt man das für einen verwunschenen Ort, weil man glaubte, hier würden die Seelen böser Menschen umherstreifen.“ Er deutete auf den Hügel gegenüber. „Dort drüben stand der Galgen von Riehen.“ Er ging näher an das Grab heran. „Und hier stand der Münchensteiner Galgen, eine der früheren Hinrichtungsstätten von Basel.“

28

Benommen trottete Urs Hediger zurück in das Pfarrhaus. Den Briefkasten ließ er geschlossen, nur die Tageszeitung, die darin steckte, nahm er heraus. Ohne sie anzuschauen, warf er sie auf den Küchentisch.

Er zitterte. Hatte der Beichtende wirklich einen Mord begangen? Oder wollte er sich über einen alten Pfarrer lustig machen?

Nein, dazu war der Mann einfach zu ernst gewesen. Zu betroffen. Entweder der Beichtende war wahnsinnig, oder er hatte die Taten begangen. Und dann war er beides.

Welche Prüfungen hatte Gott noch für ihn vorgesehen? Erst seine finanzielle Situation, nun die drohende Bevormundung und jetzt noch ein Mörder, der in seiner Kirche ein- und ausging.

Der auch für ihn selbst eine Gefahr sein könnte. Hediger stand auf, goss Wasser in die Kaffeemaschine, doch seine Hand war so unruhig, dass er die Hälfte verschüttete.

Obwohl ihm der Hunger vergangen war, wusste Hediger, dass er etwas essen musste.

Er schmierte sich ein paar Scheiben Knäckebrot mit nichts als Butter, schnitt ein paar Äpfel klein, legte sie in eine Schüssel, füllte Haferflocken und Milch dazu. Das lenkte ihn ein wenig ab. Sicher bildet sich der Mann das alles nur ein. Welcher Mörder kam schon zur Beichte? Hediger war schon seit achtunddreißig Jahren Priester, aber nie hatte jemand eine schwere Straftat gebeichtet. Na ja, fast nie, eine Unterschlagung war dabei gewesen und er musste zugeben, auch ein paar Fälle häuslicher Gewalt. Ja, die hatten ihn betroffen gemacht. Aber das war nichts im Vergleich zu einem Mord.

Wahrscheinlich fantasierte der Mann nur, ging nachts auf irgendwelche Friedhöfe und taufte die Toten. Wie die Mormonen. Die taufen ja auch Verstorbene. Selbst wenn die schon mehrere hundert Jahre tot waren. Ja, so war es!

Aber hatte der Mann sich nicht selbst als Antipas bezeichnet? Antipas. Gegen alles. Bezog er sich damit auf Herodes Antipas, der Jesus an die Römer ausgeliefert hatte?

Oder auf den Antipas aus der Offenbarung des Johannes, der in Pergamon, wo der Satan wohne, als Märtyrer gestorben sei. Gerichtet von Kaiser Domitian, der ihn in einen glühenden eisernen Ochsen werfen ließ, welcher zur Vertreibung von Dämonen diente.

Hediger setzte sich an den Frühstückstisch, zwang sich, das Müsli zu essen und schlug die Zeitung auf. Mitten in der Kaubewegung hielt er inne. Seine Hand zitterte wieder, stärker noch als zuvor.

Erst nach und nach fanden die Zeitungslettern, die auf seiner Netzhaut abgebildet waren, einen Weg in Hedigers Gehirn. Eine Frau war gestern ermordet worden. Der Täter hatte sie in Einsiedeln begraben. Und ein Kreuz auf das Grab gestellt.

Hat der Mann das nur aus der Zeitung? , dachte Hediger.

Doch er zitterte immer noch.

Denn etwas stimmte nicht.

Der Mann hatte die Zeitung bis zur Beichte noch gar nicht lesen können. Hier stand, die Leiche sei am frühen Morgen gefunden worden, der Beichtende war gestern aber schon um sieben Uhr dreißig bei Hediger in der Kirche gewesen. Selbst die fixesten Onlinemedien waren nicht so schnell. Also wusste der Mann etwas über den Mord.

Am Ende des Zeitungsartikels stand eine Telefonnummer der Polizei. Hediger ging zum Telefon, legte die Zeitung daneben und wählte die Nummer.

„Bundespolizei Bern“, meldete sich eine junge Frau. „Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Ich habe den Artikel in der Zeitung gelesen“, sagte Hediger. „Bei mir …“ Mitten im Satz stoppte er. Was mache ich hier? Ich kann doch das Beichtgeheimnis nicht brechen! Was, wenn es eine Prüfung Gottes ist? Hat Gott einen Plan, den ich nur noch nicht verstanden habe?

„Hallo?“, fragte die Polizistin in der Leitung. „Sind Sie noch am Apparat?“

Im nächsten Moment legte Urs Hediger auf.

29

Lindberg war nicht lang am Tatort geblieben. Ohne Zeugen, ohne Spuren und ohne die Identität des Opfers zu kennen, gab es vor Ort nicht viel zu ermitteln. Er musste auf Katharinas Ergebnisse warten und auf die Obduktion. Die Befragung der Zeugin durch die Basler Kollegen hatte nicht viel ergeben. Im Gegenteil, die Orientierungsläuferin hatte ihren Teil zur Verwirrung beigetragen.

Sie sei durch den Wald gelaufen, habe das Grab entdeckt, dabei mindestens dreißig Sekunden verloren und sei dann weitergelaufen, natürlich nicht, ohne pflichtbewusst die Koordinaten der Fundstelle in ihrem GPS-Gerät zu speichern. Nach Ende ihres Laufes habe sie die Polizei angerufen.

Die Orientierungsläuferin war eine halbe Stunde zu spät zur Befragung gekommen, angeblich, weil sie in die falsche Straßenbahn gestiegen war. Wie auch immer, sie hatte niemanden beobachtet, nichts Auffälliges bemerkt, wusste lediglich, dass vor zwei Tagen, als sie das letzte Mal an der Stelle vorbeigekommen war, dort noch kein Grab gewesen sei.

Das war alles, was sie bisher hatten.

Zumal die Tote noch nicht identifiziert war.

Wieder im Büro in Bern hatte Lindberg als Erstes die Vermisstenakten noch einmal durchgesehen, doch es war keine Tanja darunter und auch keine andere Frau um die dreißig, die ihr ähnlich sah.

Es klopfte an Lindbergs Bürotür und ein kleiner, knochiger Mann mit Glatze und albinotisch weißer Haut trat ein. Die Kollegen nannten ihn Giftzwerg, doch er war der höchste Vertreter des Staates in der Verbrechensbekämpfung, Bundesanwalt Schiller. „Kann ich davon ausgehen, dass wir kurz vor der Auflösung des Falles stehen?“, fragte er.

„Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?“

„Graf hat mir das berichtet. Der Bekennerbrief, die Zeit, die der Täter aufbringt, sein Opfer zu bestatten, das kann doch nicht lang dauern, bis Sie den Mann haben. Und es darf auch nicht lang dauern!“

„Wir tun unser Bestes“, sagte Lindberg, was zwar nur eine nichtssagende Floskel war, aber wenigstens besser klang als: „Wir tappen total im Dunkeln.“

„Das will ich hoffen“, entgegnete Schiller. Er legte den Zeigefinger auf die Lippen. „Von dem Anthrax darf keiner erfahren. Ist das klar?“

Lindberg nickte. Der Bundesanwalt war zwar nicht sein Vorgesetzter, aber er legte die grundsätzliche Richtung der Ermittlungen fest und war weisungsbefugt.

Lindbergs Telefon klingelte, doch Schiller ignorierte es und dozierte über die Wichtigkeit des Falles und dass die Bundespolizei jetzt endlich mal zeigen könne, was sie draufhabe. Und das könne positive Presse bringen, denn hier gehe es um Terrorismus und nicht um die Festnahmen einiger korrupter FIFA-Funktionäre, welche der Bundespolizei zuletzt Schlagzeilen beschert hatte.

Lindberg nickte wieder, doch überzeugt war er nicht.

Als Schiller endlich gegangen war, blickte Lindberg auf sein Handydisplay. Der Image-Chefredakteur Träger hatte versucht ihn zu erreichen.

Lindberg hätte nicht gedacht, dass er jemals freiwillig einen Boulevardjournalisten zurückrufen würde, aber nun wählte er dessen Nummer. Wenn Träger nur wissen wollte, was es Neues gab, würde er ihn schnell abwimmeln.

„Roland Träger, Chefredakteur der Image-Zeitung“, meldete sich der Journalist. „Gut, dass Sie gleich zurückgerufen haben“, sagte er. „Wir haben wieder einen Bekennerbrief bekommen.“

„Was?“ Lindberg hob eine Augenbraue. „Meine Kollegen, die den Briefkasten überwachen, haben mir nichts davon berichtet.“

„Er hat den Brief auch nicht in unserem Büro in Zürich eingeworfen, sondern in Basel.“

„Sie wissen, dass der erste Brief kontaminiert war?“

„Wir wurden informiert“, antwortete Träger knapp. Wenn er geschockt war, ließ er es sich nicht anmerken.

„Wir holen den Brief sofort ab“, sagte Lindberg. „Niemand sollte ihn anfassen. Wir schicken ein Analyseteam vorbei.“

„Der Brief wurde schon geöffnet.“

„Was?“

„Die Kollegen in Basel hatten unsere interne Mitteilung noch nicht gelesen.“

Lindberg seufzte. „Haben Sie die Mitarbeiter untersuchen lassen?“

„Es gab bisher keine Auffälligkeiten.“

„Über die Kontamination mit dem Anthrax darf auf keinen Fall berichtet werden.“

Roland Träger klang, als zöge er an einer Zigarette. „Was wir zu dem Fall schreiben, müssen Sie schon mir überlassen.“

„Der Bundesanwalt entscheidet, was in dem Fall kommuniziert wird und was nicht.“

„Herr Schiller ist nicht mein Vorgesetzter“, antwortete Träger. „Und selbst wenn er eine Nachrichtensperre verhängt, betrifft das nur die Information der Behörden, die dann eben nicht mehr fließen. Wenn wir eigene Quellen haben, dürfen wir diese trotzdem nutzen. Und die haben wir ja wohl.“

„Im Regelfall hält sich die Presse an Nachrichtensperren.“

„Auf freiwilliger Basis. Und die ist hier nicht gegeben. Der Mann droht mit dem Weltuntergang!“ Träger hustete. „Und darüber sollen wir nicht berichten?“

Lindberg seufzte resigniert. Es war nicht seine Aufgabe mit Träger darüber zu diskutieren. „Gibt der Täter wieder den Namen des Opfers preis?“

„Den kennen Sie noch nicht?“ Träger klang wie ein Kind, das ,Ich sehe was, was du nicht siehst‘ spielt. „Sie heißt Tanja Egger. Ich schicke Ihnen den Brief gleich per E-Mail.“

„Würden Sie wenigstens den Namen zurückhalten, bis wir das überprüft und die Angehörigen informiert haben?“

„Sicher“, antwortete Träger. „Aber spätestens heute Nachmittag bringen wir die Story. Die Tote leitete nämlich die Atheismus-Kampagne in Zürich. Und sie wurde offensichtlich kirchlich beerdigt, von jemandem, der droht, die Welt würde untergehen. Und wenn bei dem Thema kein öffentliches Interesse besteht, dann kann ich die Zeitung gleich dicht machen.“

Lindberg legte auf und erhielt zwei Minuten später die versprochene E-Mail von Träger. Er öffnete sie und las den Text des Drohbriefes.

Es ist zu viel Sünde geschehen, in der Welt. Sodom und Gomorrha weilen jeden Tag unter uns. Die Pestilenz wird alles Leben von der Erde vertilgen. Erst Europa, dann die Welt. Das Jüngste Gericht kommet bald!

Oder wisset ihr nicht, dass wir alle, die wir auf Jesus Christus getauft sind, auf seinen Tod getauft sind? Wir sind also mit ihm begraben worden durch die Taufe auf den Tod, auf dass, gleichwie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt worden ist, so auch wir in einem neuen Leben wandeln.

So wie Tanja Egger, getaufet und begraben unter dem Galgen von Münchenstein.

An St. Martin werdet ihr folgen.

Alle.

30

Wie sind die Symptome einer Anthrax-Vergiftung?“, fragte Lindberg, hielt sich mit der einen Hand am Haltegriff des Dienst-Teslas fest und rieb sich mit der anderen den immer noch kratzenden Hals.

„Hohes Fieber, Benommenheit, Herzrhythmus- und Kreislaufstörungen bis hin zum Schock“, antwortete Katharina Zach. „Sie treten in den ersten zwölf Stunden nach Kontamination auf.“

„Und was ist mit Halsschmerzen?“

„Die kommen bestimmt von der Herbstgrippe, die du gestern noch hattest.“ Katharina Zach lachte. „Hast du etwa Angst?“

Lindberg blickte sie irritiert an. Zach war zwar für ihren schwarzen Humor bekannt, aber das ging selbst für sie zu weit.

„Bis vor einer Stunde habe ich mir auch noch Gedanken gemacht“, sagte sie. „Aber jetzt habe ich die definitiven Resultate vom ersten Bekennerbrief erhalten. Sie liegen nur knapp über der Nachweisgrenze.“ Sie atmete tief aus. „Zum Glück für uns.“

„Und was folgerst du daraus?“

„Der erste Bekennerbrief war für Menschen ungefährlich. Vielleicht handelt es sich auch nur um eine zufällige Kontamination.“

„Der Mann redet von einer Pestilenz, vom Jüngsten Gericht“, entgegnete Lindberg. „Davon, dass er erst Europa und dann den Rest der Welt vernichten will. Da passt Zufall nicht sonderlich gut dazu, oder?“

Katharina Zach zuckte mit den Schultern.

„Wir sind da“, sagte Mia und deutete auf ein Einfamilienhaus, welches nur durch eine Wiese von einem Waldstück getrennt war. „Fast wie bei Eva Rohner.“

„Beides geeignete Orte, jemanden zu entführen.“ Lindberg legte die Stirn in Falten. „Den Wald müssen sich die Kollegen später vornehmen. Vielleicht finden wir diesmal Spuren.“ Ein Schlüsseldienst hatte die Haustür geöffnet. Als Lindberg den aufgebohrten Zylinder sah, zog er die Augenbrauen hoch. „Das hätte man auch einfacher machen können.“

„Manchmal glaub ich, an dir ist ein Einbrecher verloren gegangen.“ Mia zwinkerte ihm zu.

„Ich hab noch nie etwas gestohlen“, antwortete Lindberg, musste dann aber selbst lachen. „Wenn es nicht für einen guten Zweck war.“ Er musste an das Sudoku-Heft denken, das er bei seinem letzten Fall aus der Berliner Asservatenkammer entwendet hatte. Den Schlüssel zu der Kammer hatte er bei Basel in den Rhein geworfen, wenn die Strömung mithalf, würde er in ein paar Jahren wieder in Deutschland landen.

Die Kommissare zogen sich die übliche Ausrüstung an und grüßten die Kriminaltechniker, die schon dabei waren, die Wohnung systematisch in Chaos zu verwandeln. Katharina Zach gesellte sich zu den Kollegen, Mia und Lindberg gingen in das Wohnzimmer. Es war im skandinavischen Stil eingerichtet, hell und nüchtern. An der Wand hing ein großes Plakat mit pinkfarbenen Lettern: ,Es gibt wahrscheinlich keinen Gott. Sorge dich nicht und genieße das Leben!‘

„Sie wird wohl einige Feinde gehabt haben“, sagte Mia.

Lindberg nickte. „Aber normalerweise morden die nicht gleich.“

„Wenn alle normal wären, ständen wir nicht hier.“ Mia öffnete erst die Nachttischschubladen und dann den Kleiderschrank. Sie konnte es einfach nicht lassen, selbst am Tatort herumzustöbern. Sie schob die Bügel auseinander. „Fast nur Jeans, kein einziges Kleid“, sagte sie. „Eine praktisch veranlagte Frau.“

„Was suchst du?“, fragte Lindberg.

„Hinweise“, antwortete sie.

„Die Kriminaltechniker lassen hier ohnehin kein Stück auf dem anderen.“

„Aber es macht viel mehr Spaß, wenn wir was finden.“

Sie streckte ihren Oberkörper in den Kleiderschrank. Es raschelte, Bügel schlugen aneinander. „Schade“, sagte sie schließlich, öffnete aber noch im selben Moment die oberste Schublade einer Kommode. Sie schaute nur oberflächlich hinein und betastete dann von außen deren Unterseite.

Sie wiederholte das bei drei Schubladen, bis sie plötzlich grinste. „Ich glaub, hier ist was … Moment … Ist mit Gaffer-Tape festgeklebt.“

Mia zog die Schublade weiter heraus, löste das Gaffer-Tape und hielt kurz darauf drei Briefe in der Hand. Sie fächerte die weißen Umschläge auf, sie waren akkurat oben aufgeschnitten. „Für Liebesbriefe sehen die ziemlich nüchtern aus“, sagte sie. „Und ihre Steuererklärung wird sie auch nicht im Schrank lagern.“

„Was ist, wenn die Dinger auch kontaminiert sind?“, fragte Lindberg.

„Dann hätte sie die Briefe nicht im eigenen Kleiderschrank versteckt, oder?“

„Wenn sie davon wusste.“ Lindberg zog die Einweghandschuhe nach hinten über die Handgelenke, nahm einen der Briefe und zog ein Blatt heraus. Es war mit Buchstaben beklebt, die aus einer Zeitung ausgeschnittenen worden waren. „Das wäre in der Tat ungewöhnlich für einen Liebesbrief“, sagte er und las den einzigen Satz vor, aus dem der Brief bestand. „Gott wird Eure frevelhafte Kampagne nicht zulassen!“

„Fragt sich nur, ob jemand dabei nachgeholfen hat“, sagte Mia.

„Wer immer den Brief geschrieben hat, er scheint wenig Ahnung von DNA-Nachweisen zu haben“, sagte Lindberg. „Die Zeitung kaufen, ausschneiden, aufkleben, da kann einiges hängen bleiben.“

Mia nahm einen anderen Brief und holte ein weiteres Blatt mit ausgeschnittenen Lettern heraus. „Stoppt die Kampagne, solang Ihr noch könnt!“, las sie vor. „Was meinst du, weswegen hat Tanja Egger die Briefe versteckt?“

„Möglicherweise hatte sie Angst vor einem Einbruch und wollte verhindern, dass der Täter seine Drohbriefe verschwinden lässt. Oder es sollte uns im Falle ihres Todes einen Hinweis geben.“ Er zeigte auf das Telefon. „Und wer Briefe schreibt, ruft vielleicht auch an.“

„Ich hab die Verbindungsauskunft vorhin schon beantragt“, sagte Mia. „Für die Anrufer der letzten sechs Monate. Sollten wir bald bekommen.“

„Hast du genug gesehen?“, fragte Lindberg.

Sie nickte. „Ein Wünschelrutengänger hätte nicht erfolgreicher sein können, oder?“

Lindberg lächelte. Manchmal war er froh, dass Mia sich an keine Regeln hielt.

Mia legte die Briefe in einen Plastikbeutel und übergab sie Katharina Zach. „Ich glaube, das ist was für deine neue Supermaschine.“

Die Kriminaltechnikerin verschränkte die Arme. „Damit analysiere ich nur DNA, die mein Team gefunden hat.“

„Sie hätten sie ja auch gefunden“, entgegnete Mia. „Nur halt ein paar Stunden später.“ Sie lächelte. „Das sind Drohbriefe. Außerdem bist du doch bestimmt schon ganz heiß darauf, das Ding auszuprobieren …“

„Gib schon her!“ Katharina Zach nahm die Plastikmappe entgegen.

„Gab es eigentlich irgendwelche Anrufe bei der Telefonhotline, die wir eingerichtet haben?“, fragte Lindberg.

Mia Adam schüttelte den Kopf. „Nur ein paar jugendliche Scherzkekse. Plus ein paar haltlose Verdächtigungen und Zeugenaussagen, die zwar gut gemeint waren, aber nach unseren bisherigen Erkenntnissen nichts mit dem Fall zu tun haben. Hinzu kommen die üblichen falsch verbundenen Rentner.“

31

Urs Hediger fluchte, wie es sich nicht einmal für jemanden gehörte, der nicht gläubig war. Und erst recht nicht für einen Pfarrer. Er blickte wütend das Telefon an, als könne es etwas für die schlechten Nachrichten, die es gerade überbracht hatte. Er solle sofort zum Rapport kommen! In diesen hässlichen Betonklotz! Diesen Seelensilo!

Es ging um die Finanzen von St. Joseph, mal wieder. Man erwartete ihn in zwanzig Minuten. Er hatte entgegnet, dass er einen Krebskranken besuchen müsse, der seinen Zuspruch benötige. Man hatte ihm gesagt, der Mann könne warten, Gott würde ihn in den paar Stunden sicher nicht zu sich rufen.

Was immer Hediger einwandte, es interessierte die Herren nicht. So wie es sie nie interessiert hatte, wenn er die finanziell schwierige Lage angesprochen hatte. Damals als sie noch erträglich gewesen war. Damals, bevor er sich auf dieses unselige Geschäft eingelassen hatte.

Hediger hasste es, wenn die Kirche krampfhaft versuchte, modern zu sein, wenn sie ihre zweitausend Jahre alte Tradition verleugnete. Nirgendwo konnte man mehr richtig beichten, nirgendwo war eine Gemeinde wirklich das, was man früher darunter verstanden hatte: Ein Ort der Gemeinsamkeit nicht nur für Jung und Alt, sondern auch für die Menschen zwischen Firmung und Rente.

Ein einziges Mal hatte auch er modern sein wollen und das getan, was ihm ein Berater empfohlen hatte. Er könne doch nicht die fantastischen Möglichkeiten, die der Markt heutzutage bot, einfach ignorieren. Er müsse doch auch daran denken, was er mit dem Geld alles tun könne. Gutes tun könne. Und die Gelegenheit sei einmalig! Jeden Tag, den er warte, würde den Gewinn schmälern. Und er könne ja in ein paar Monaten wieder aussteigen und niemand würde etwas mitbekommen.

Hediger hatte unterschrieben, ohne die Genehmigung des Kirchenrates einzuholen.

Nach sechs Monaten war er tatsächlich ausgestiegen. Weil alles eingesetzte Kapital vernichtet gewesen war. Der Anlageberater hatte seine Provision trotzdem erhalten.

Wenigstens hatte der Vorfall Hediger bewiesen, dass es nur einen Weg gab. Den der Tradition. Was jahrhundertelang richtig gewesen war, konnte nicht auf einmal falsch sein. Und was es dort draußen an Neuem gab, war nicht fantastisch, es war fatal.

Doch diese Einsicht nützte ihm jetzt auch nichts mehr.

Das Geld war weg, fünfhunderttausend Franken.

Urs Hediger seufzte, stieg in seinen Wagen und fuhr in die Kannenfeldstraße. Schon von Weitem erkannte er den riesigen Betonquader der St.-Antonius-Kirche, der jeden Ortsunkundigen vermuten ließ, hier befände sich die Städtische Müllverbrennung. Kein Wunder, der unverputzte Betonkirchturm sah aus wie ein Schornstein. Nur fünfundzwanzig Jahre nachdem seine Kirche, St. Joseph im neobarocken Stil gebaut worden war, hatte man hier dem Beton ein Denkmal gesetzt. Das, man konnte es kaum glauben, tatsächlich denkmalgeschützt war.

Hediger parkte seinen Wagen und stieg aus. Jedes Mal, wenn er vor diesem Gebäude stand, stieg sein Puls vor lauter Zorn, allein nur, weil er diese Bausünde betreten musste. Vielleicht war er deshalb nie gut mit dem Kirchenrat klargekommen. Und alles nur, weil Krause sich gerne als großzügiger Gastgeber aufspielte, sonst würden sie sich nicht hier in dessen Gemeinde treffen, sondern im Dekanat. Doch das spielte jetzt alles keine Rolle mehr. Er musste stark sein. Denn es ging darum, wie er seine Gemeinde führte. Und wie keiner der anderen Pfarrer in Basel es tat.

Hediger öffnete die schwere Tür der St.-Antonius-Kirche. Durch die großen Kirchenfenster fiel farbiges Licht, welches den nüchternen Anblick der Kirche wenigstens etwas abmilderte. Doch die quadratischen Betonsäulen, die Betondecke, die Wände, alles sah aus wie eine Kirche für Bauunternehmer.

Hediger kniete sich nieder, bekreuzigte sich und sprach ein Vaterunser. So viel Zeit musste sein. Vielleicht hatte Gott eine Lösung für ihn.

Doch als er aufstand, fühlten sich seine Beine viel schwerer an als sonst.

Er verließ die Kirche, ging in die nahegelegenen Büroräume und klopfte an die Tür. Weber, der Geschäftsleiter, der für die Finanzen des Kirchenrats zuständig war, öffnete ihm. Am Sitzungstisch saßen die drei leitenden Kirchenräte: Sein alter Fürsprecher Fritz Langenbrück, dann Riescher, der sich bisher aus allem herausgehalten hatte und Krause, ein Betonkopf genauso wie seine Kirche.

„Schön, dass Sie es so kurzfristig einrichten konnten“, begrüßte ihn Weber und bot ihm einen Platz an.

Hediger nickte nur. Er war noch viel zu aufgewühlt, um etwas Freundliches, oder wenigstens Neutrales entgegnen zu können.

„Dann möchten wir gleich zur Sache kommen“, erklärte Weber. Er holte einen Brief heraus, Hediger erkannte den Briefkopf der Sozialversicherungsbehörde. Anscheinend hatten sie eine Kopie des Schreibens an das Dekanat gesendet. Hediger schluckte. Das war noch schlimmer, als er befürchtet hatte.

„Sie kennen dieses Schreiben?“, fragte Weber.

Hediger nickte. „Es lag in der Post.“

„Und was haben Sie dazu zu sagen?“

„Nichts“, hätte Hediger am liebsten geantwortet, doch er wusste, dass dies keine Option war.

„Ich habe schon vor Jahren auf die finanziellen Probleme meiner Gemeinde hingewiesen“, sagte er stattdessen. „Dann die ganzen Kirchenaustritte … und aus dem Bistum mit diesem ultrakonservativen Bischof bekommen wir auch mehr Gegenwind als Unterstützung.“

„Ich empfinde das als Rückenwind“, entgegnete Krause. „Aber das ist wohl eine Frage der Position.“

„Die Austritte in Ihrer Gemeinde sind die höchsten in ganz Basel“, entgegnete Hediger.

Langenbrück gab Hediger ein Zeichen, sich zu mäßigen. „Meine Herren, wir wollen doch sachlich bleiben. Pfarrer Hediger hat stets nur das Beste für die Gemeinde im Sinn. Da bin ich mir sicher. Und er führt St. Joseph ausgesprochen erfolgreich.“

Hediger seufzte erleichtert.

„Dennoch müssen wir auch an den Schaden denken, der entstehen würde, wenn die finanzielle Situation anhält.“ Langenbrück blickte in die Runde. „Also werden wir in zwei Stunden im Kirchenrat abstimmen, ob St. Joseph weiterhin selbstständig bleibt oder einer anderen Gemeinde unterstellt wird, um die Finanzprobleme in den Griff zu bekommen.“

„Du auch?“, sagte Hediger. „Du bist auf ihrer Seite?“

Langenbrück atmete tief aus. „Es geht nicht darum, auf welcher Seite ich bin, es geht darum, was richtig ist. Es handelt sich offensichtlich um eine Notlage. Wir könnten auch ohne dich abstimmen. Ich habe mich jedoch dafür eingesetzt, dich anzuhören.“ Er warf Hediger einen versöhnlichen Blick zu, doch der schaute sofort weg. „Du bekommst das Dossier mit der Entscheidungsvorlage und kannst dich im Büro nebenan vorbereiten. Mehr kann ich dir nicht anbieten.“ Langenbrück blickte wieder in die Runde. „Also treffen wir uns um dreizehn Uhr wieder hier?“

Alle stimmten zu.

Nur Hediger hielt den Kopf gesenkt, als sei das Urteil schon gesprochen. Jetzt konnte ihm nur noch ein Wunder helfen.

32

Drei Stunden später standen sie in Katharina Zachs Labor. „Ihr fasst hier nix an“, sagte sie und klang auf einmal sehr dominant. „Vor allen Dingen du Mia.“

Katharina deutete auf ein schrankgroßes, weißes Gerät, das leise vor sich hin surrte. „Das hier ist nämlich die Zukunft der Kriminaltechnik.“

„Für mich sieht das Ding aus wie jeder andere Automat hier auch: weiß, Schläuche, kleine Reagenzgläser.“

„Das sind Probenbehälter“, sagte Katharina. „Außerdem hab ich um das Analysegerät zwei Jahre gekämpft. Ich habe allein sieben Anträge gestellt, in Kommissionen vorgesprochen und jedes Mal wurde die Investition abgelehnt.“

„Und dann hast du die Kiste selbst gekauft?“

Katharina Zach lächelte. „Wäre ich Millionärin hätte ich das glatt getan. Stattdessen habe in einem Fernsehinterview erzählt, dass wir damit Terroristen viel schneller überführen würden, weil wir so die DNA von Verdächtigen in zwei Stunden statt in zwei Wochen analysieren könnten.“ Sie lächelte. „Und innerhalb von drei Tagen war der Antrag genehmigt und zwei Wochen später stand die Kiste hier. Irgendein paranoider Sicherheitspolitiker hat sich damit zwar profiliert, genau wie Graf, aber solange wir solche Fälle wie diesen schneller lösen können, soll mir das recht sein.“

„Und warum ist das jetzt so viel schneller?“

„Bisher wurde alles in externen Labors getestet“, antwortete sie. „Allein der Probenversand hat schon ein paar Tage gedauert. Dann musstest du für Eilbearbeitung immer einen Antrag stellen und der musste genehmigt werden, weil das kostete ja extra. Wenn du nicht jedem ständig damit auf den Wecker gegangen bist, hat das noch mal eine Woche gedauert. Die Analyse selbst war in ein bis zwei Tagen erledigt.“

Sie klopfte auf den Deckel des Sequenziergeräts. „Tja, und jetzt spare ich mir die Anträge und kann in derselben Zeit die DNA von bis zu drei Spuren analysieren und sofort mit der DNA-Datenbank CODIS abklären.“

„Und wie viele Spuren hast du auf den Erpresserbriefen gefunden?“

„Auf einem Brief zwei Speichelproben, auf dem nächsten keine und dann noch mal eine.“

„Und wann bekommen wir jetzt das Resultat?“ Lindberg schaute auf die Uhr.

„Wenn du weiterhin so ungeduldig bist, in zwei Wochen.“

In dem Moment piepste das Gerät und auf dem Bildschirm erschien eine grün unterlegte Meldung.

„Da ist unsere erste DNA“, sagte Katharina, exportierte die entsprechende Datei auf einen USB-Stick und steckte diesen in ihren Computer. „Old style, ich weiß“, sagte sie. „Aber das Analysegerät kann auf CODIS nicht zugreifen. Und verschlüsseln kann es die Daten auch nicht. Und da bei einem Transfer über das Internet jeder schauen könnte, was wir hier so analysieren, mache ich das auf die bewährte Art und Weise.“

„Jetzt muss die DNA nur noch einem Verbrecher gehören“, sagte Mia.

„Ach was“, antwortete Katharina und lud die Datei zum Abgleich in die DNA-Datenbank. „Es reicht schon, wenn du dem Staat quer kommst. Beispielsweise hat die Berner Kantonspolizei 2014 den Demonstrantinnen gegen die ,Miss Schweiz Wahl‘ die DNA abgenommen, nur weil deren Sitzstreik nicht genehmigt war.“ Sie lächelte. „Und erst nach einem Urteil des Bundesgerichts musste die Probe wieder vernichtet werden. Hier sind also nicht nur Schwerverbrecher drin, sondern Leute wie du und ich.“

„Wieso? Hast du auch gegen die ,Miss Schweiz Wahl‘ protestiert?“, fragte Mia.

„Klar“, antwortete Katharina. „Aber nur, weil sie mich nicht zugelassen haben.“ Sie grinste, doch dann blickte sie irritiert auf den Bildschirm und klickte auf der Maus herum, jedes Mal eine Spur lauter.

„Was ist denn?“, fragte Lindberg.

„CODIS hat eine Übereinstimmung gefunden.“ Katharina Zach rieb sich das Kinn. „Aber ich kann mir die Datei nicht anzeigen lassen.“ Sie klickte ein paar mal, schüttelte dann den Kopf. „Das hab ich ja noch nie gesehen“, sagte sie. „Der Datensatz hat einen Sperrvermerk.“

33

Die Kirchenratssitzung war noch keine fünf Minuten alt, da präsentierte Krause schon die dritte Mahnung. „Laut diesem Brief haben Sie seit sieben Monaten keine Sozialbeiträge mehr bezahlt“, rief er. „Und ich möchte nicht wissen, welche Rechnungen noch darauf warten, beglichen zu werden!“

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960876663
ISBN (Buch)
9783960877295
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v463348
Schlagworte
Ermittl-er Kommissar Kirche Religion Sekte-n-führer Welt-unter-gang Ritual

Autor

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    Thomas Kowa (Autor)

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Titel: Erwache nie