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Mord ist kein Hobby

von Kai Rohlinger (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Kurz vorab

Liebe Leserin, lieber Leser,

wie schön, dass du dich für diesen booksnack entschieden hast! Wir möchten dich auch gar nicht lange aufhalten, denn sicher hibbelst du der folgenden Kurzgeschichte schon voller Freude entgegen.

Aber wir möchten dir vorab ganz kurz die wichtigsten Merkmale einer Kurzgeschichte in Erinnerung rufen:

  1. Der Name ist Programm: Alle Kurzgeschichten haben ein gemeinsames Hauptmerkmal. Sie sind kurz.
  2. Kurz und knapp sind auch die Handlung und die erzählte Zeit (Zeitsprünge sind eher selten).
  3. Ganz nach dem Motto »Einleitungen werden total überbewertet« fallen Kurzgeschichten meist sofort mit der Tür ins Haus.
  4. Das zweite Motto lautet »Wer braucht schon ein Happy End?« Also bereite dich auf einen offenen Schluss und/oder eine Pointe am Ende der Geschichte vor. Das Geheimnis dahinter: Kurzgeschichten sollen dich zum Nachdenken anregen.
  5. Versuch deine Neugier zu zügeln, denn auch für die Beschreibung der Charaktere und Handlungsorte gilt »in der Kürze liegt die Würze«.
  6. Die Aussage des Textes ist nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Hier bist DU gefragt, um zwischen den Zeilen zu lesen und deine persönliche Botschaft aus der Geschichte zu ziehen.

Jetzt bist du gewappnet für unseren literarischen Snack. Und findest du nicht auch, dass man diesen gleich noch mehr genießen kann, wenn man weiß was drin ist?

Viel Spaß beim Booksnacken wünscht dir

Dein booksnacks-Team

Über die Kurzgeschichte

Ulrike Heimlich ist eine beliebte Krimi-Autorin und manche ihrer Fans sind zu allem bereit, um an ein Autogramm zu kommen – zum Beispiel der Busfahrer Münch. Doch wer würde so weit gehen, die Autorin zu entführen? Das fragt sich Ulrike Heimlich, als sie eines Tages mit schmerzendem Kopf in einem dunklen, verschlossenen Keller erwacht.

Impressum

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Erstausgabe April 2019

Copyright © 2019, booksnacks,
ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten
ISBN: 978-3-96087-481-2

Titel- und Covergestaltung: Stephanie Schlagenhauf
unter Verwendung von Motiv von
© teddy kelley/unsplash.com

Korrektorat: Daniela Pusch

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Buches sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Mord ist kein Hobby



Kai Rohlinger

1. Der Spagat

Branko fährt zu seiner Freundin; sie heißt Jazzy und tanzt Ballett. Das interessiert ihn eigentlich wenig, aber Jazzy ist sehr biegsam und behauptet, sie könne Spagat. Das interessiert ihn sehr. Sie wohnt nicht in der Innenstadt, sondern in einem Vorort; der 50er Bus hält fast vor ihrer Haustür, trotzdem fährt er mit dem Auto. Denn erstens hat er einen dicken BMW mit getönten Scheiben, zweitens ist das Auto nagelneu und seine Freundin auch, und drittens ... drittens ... Es gibt immer ein Drittens, das wird man schon noch sehen.

Branko hält vor Jazzys Haus. Da ist nur wenig Platz, die Straße ist sehr eng, und gegenüber parkt ein roter Golf; aber das geht schon in Ordnung. Jazzy wohnt im vierten Stock, direkt unter dem Dach. Im Erdgeschoss befindet sich eine Buchhandlung, der Raum ist hell erleuchtet, obwohl es schon recht spät ist. Drinnen sitzen etwa vierzig Leute auf Stühlen. Sie scheinen auf etwas zu warten. Branko grinst und drückt den Knopf von Jazzys Klingel. Es dauert nur ein paar Sekunden, bis der Öffner summt.

Im Treppenhaus riecht es nach Zitrus und Sauberkeit; das ist kein Wunder, denn heute ist Freitag. Oben angekommen, holt er den Kamm aus der Tasche und zieht ihn ein paarmal durch sein glänzendes schwarzes Haar. Die Wohnungstür ist angelehnt. Jazzy trägt nur Leggings und ein rosa T-Shirt; YOLO steht darauf, mit großen Buchstaben aus Glitzersteinchen …

* * *

Münch – er selbst nennt sich gern Munich, wie »München« auf Englisch, doch außer ihm macht das keiner – Münch, der also gerne Munich heißen würde, sitzt im 50er Bus. Er fährt nicht mit dem Bus wie all die anderen Leute, sondern er sitzt hinter dem Steuer. Das macht er schon seit fünfeinhalb Jahren. Mit Pausen, natürlich.

Heute hat er schlechte Laune, dabei ist er sonst ein fröhlicher Mensch. Manchmal pfeift er morgens unter der Dusche oder beim Fahren ein Lied, einfach so aus guter Laune. Er mag auch seinen Job, zumindest an den meisten Tagen. Aber heute ist das anders, an diesem einen besonderen Abend. Denn eigentlich hätte Münch jetzt frei. Doch ein Gespenst geht um in der Stadt: die Grippe, mit Fieber, Husten, Schnupfen, Hals- und Kopfweh. Die Hälfte der Kollegen hat sich krank gemeldet. – Dann sollen die Leute halt ein Taxi nehmen, denkt sich Münch. Doch nein, die Busse müssen ja fahren, alles immer schön nach Plan. Sogar wenn keiner drin sitzt.

Sein Bruder hat ein Taxi. Das fährt nur dann, wenn jemand es möchte und dafür bezahlt. Mit seinem Bruder will er trotzdem nicht tauschen, wirklich nicht: Denn erstens fährt sein Bruder immer nur Nachtschicht, zweitens hat er nervige Kinder, und drittens – wie gesagt, es gibt immer ein Drittens – drittens ist sein Bruder ein Idiot. Er langweilt sich nämlich, wenn er keinen Fahrgast hat. Die Wartezeit am Taxistand sei unerträglich, meint sein Bruder immer. »Leerlauf« nennt er das. Münch versteht das nicht: Wenn kein Fahrgast da ist, dann hat man Zeit zum Lesen. Münch würde das jedenfalls tun, in jeder freien Minute würde er lesen, die Krimis von Ulrike Heimlich zum Beispiel, die mag er am liebsten. Die gehen auch für zwischendurch, sie haben handliche, kleine Kapitel, das liest sich wie warme Butter. Aber sein Bruder, der Idiot, der macht das nicht. Der liest nicht mal die Witze in der Zeitung, der hockt nur da und raucht und starrt durch die fleckige Scheibe. Und langweilt sich.

So ist das also mit dem Bruder von Münch. Der liegt heute übrigens im Bett, mit Fieber, Schnupfen, Husten, Hals- und Kopfweh. Münch jedoch sitzt hinter dem Steuer des 50er Busses, obwohl er eigentlich frei hat. Es sind nur ein paar Leute drin: zwei Omas mit großen geflochtenen Taschen, ein Mädchen mit einem Gitarrenkoffer, ein Mann im schwarzen Anzug und einer mit Glatze, außerdem noch eine junge Frau mit blonden Haaren in einer grasgrünen Jacke.

»Wie eine frische Wiese sieht sie aus, die Jacke, es könnten Blumen darauf wachsen. Aber sie enthält den Tod.« So steht es bei Ulrike Heimlich. Genau so eine Jacke hat die Attentäterin in ›Tod aus heiterem Himmel‹. Sie hat ein Auge für Details, die Heimlich, und das ist wichtig, denn in Krimis geht es um Details.

Die nächste Haltestelle schält sich aus dem Dunkel. Münch stoppt den Bus, die Türen öffnen sich, die Omas steigen aus. Sie schleppen ihre großen Taschen durch den Winterabend.

»Sie wissen nicht, dass eine Ecke weiter das Verderben lauert.« So enden die Kapitel in Ulrike Heimlichs Büchern, und dann kann man gar nicht anders, dann muss man weiterblättern, weiterlesen, weil man wissen will, was mit den Omas passiert. In ›Todesengel und Lebensteufel‹ sterben sie wie die Fliegen, denn im Altersheim geht ein verrückter Pfleger um. Er handelt im Auftrag der Erben und kassiert Provision, wenn er den Gang der Natur ein wenig beschleunigt. Er ist durchaus geschickt, doch Kommissar Fröbe täuscht er nicht …

Münch schreckt auf: Ein Typ ist eingestiegen und hält ihm seine Monatskarte hin. Der Kerl hat ein fieses Vogelgesicht, die Nase ist nach unten gebogen, irgendwie schnabelartig, aus den Ohren hängen Kopfhörerkabel, der Kopf bewegt sich im Takt, vor und zurück, er sieht aus wie eine Taube beim Laufen.

›Dem will ich nicht in einer dunklen Gasse begegnen‹, denkt sich Münch und winkt ihn durch. Genau so stellt er sich den schweigsamen Komplizen aus ›Totensonntag im Mai‹ vor, dem gruseligsten der Heimlich-Romane. Wo nimmt die Frau nur die Ideen her!

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960874805
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v464216
Schlagworte
spann-ung-en-de Kurz-geschichte Kriminal-fall-kommissar Mord Stalker Fan Verfolgung

Autor

  • Kai Rohlinger (Autor)

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Titel: Mord ist kein Hobby