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Wer zuletzt liebt … liebt am besten

von Liv Larson (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Die jazzbegeisterte Bea arbeitet bei einer Künstlervermittlung für Alleinunterhalter und Schlagersänger. Eines Tages stößt sie auf eine Kontaktanzeige, die in ihrem Namen verfasst wurde. Als Bea herausfindet, dass ihre beste Freundin Emily die Anzeige ohne Rücksprache geschaltet hat, platzt ihr der Kragen. Sie hat diese Verkupplungsversuche so satt! Nur weil ihr Zukünftiger sie sitzengelassen hat, heißt das schließlich noch lange nicht, dass sie Nachhilfe in Sachen Liebe bräuchte. Doch die Dating-Szene ist hart und gerade als Bea der Männerwelt für immer abschwören will, lernt sie den attraktiven und scharfzüngigen Karikaturisten Lars kennen. Der wiederum scheint jedoch ausschließlich Augen für ihre Freundin Emily zu haben …

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe April 2019

Copyright © 2019 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-741-7
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-747-9

Covergestaltung: Rose & Chili Design
unter Verwendung von Motiven von
© dagadu, © Kolopach, © alehnia und © jameschipper/depositphotos.com, © majivecka/shutterstock.com und ©Elionas/pixabay.com
Lektorat: Sofie Raff

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Kapitel eins: Schneekugel ohne Schnee

Das Problem: Ihr lebt in verschiedenen Städten.

Don`t: Jammern! Fernbeziehungen sind trendy und sexy.

Do: Freu dich! Bei getrenntlebenden Paaren nutzt sich die Liebe nicht so schnell ab, vermutlich befeuert die Distanz sogar die Erotik zwischen euch!

(Mehr dazu im ultimativen Beziehungsguide: So optimierst du dein Liebesleben, 17,50 Euro)

Freitagabend … und schon flog Philips Seiden-Hängerchen, das er in seiner Berliner Lieblingsboutique für mich erstanden hatte, in den Schrank zurück.

Püppchen?

War ich ein Püppchen?

Nein. Mit neununddreißig Jahren fühlte ich mich zu alt für diese sauteuren Flatterfetzen. Vor allem im Winter und erst recht bei der so unvorteilhaft blass machenden LED-Weihnachts-Beleuchtung, mit der offenbar sämtliche Restaurantbesitzer Bochums neuerdings ihre Innenräume ausgestattet hatten. Aber das steife, langärmlige Etuikleid, das ich mir stattdessen vor die Brust hielt, konnte mich auch nicht so recht überzeugen. Meine Stirn legte sich beim Anblick meines Spiegelbildes in Falten. In diesem Outfit käme ich ähnlich charmant rüber wie Frau Merkel bei einer Gedenkminute im Bundestag. Unzufrieden klemmte ich mir eine meiner widerspenstigen Haarsträhnen hinter das Ohr. Also, ein wenig frecher dürfte das Outfit für unser romantisches Abendessen schon sein. Als wir uns kennengelernt hatten, hatte Philip mein Aussehen immerhin einmal mit dem der jungen Juliette Binoche verglichen. Sehr schmeichelhaft, zumal er dabei diskret über meine Riesennase hinweggesehen hatte. Er muss wirklich sehr verliebt gewesen sein, denn die einzigen drei Gemeinsamkeiten, die ich zwischen ihr und mir sehen konnte, waren:

Wir stammten beide aus Frankreich

Genau wie Binoches berühmteste Filmrolle hatte ich ein Faible für Schokolade (nicht, dass das unter Frauen ein Alleinstellungsmerkmal wäre).

Wir waren beide brünett.

Doch das war dann auch schon alles. Nervös schaute ich zum wiederholten Male auf den Wecker. Eine Armbanduhr trug ich aus Prinzip nicht, wobei ich zugeben muss, dass sich mein Ansatz vor allem bei der Arbeit nicht wirklich als praktikabel erwies. Zum Glück hatten sich die anderen Kollegen mittlerweile an meinen Spleen gewöhnt. Judith, unsere Sekretärin, nannte meinen Stil sogar anerkennend „Old School“, während Moritz, der Jüngste in unserem Team, schon längst der Ära der Armbanduhren entwachsen war und automatisch sein Handy zückte, wenn er nach der Uhrzeit gefragt wurde. Insgesamt fielen meine kleinen Macken in meinem Arbeitsumfeld nicht weiter ins Gewicht.

In der Künstlervermittlung, in der ich angestellt war, gab es nämlich noch weit schrägere Typen als mich. „Applaus“ gehörte meinem Onkel Pièrre. Wir betreuten hauptsächlich Alleinunterhalter und Schlagersänger, eine Musikrichtung, die zwar privat nicht zu meinen Favoriten gehörte, die dafür aber umso mehr dem Geschmack meines Onkels entsprach. Als gewitztem Inhaber und leutseligem Chef in Personalunion ging Pièrre ein gutes Arbeitsklima über alles. Er würde niemandem unnötige Steine in den Weg legen. Dementsprechend fand er meinen Versuch, ohne das Diktat der Uhr leben zu wollen, auch „nonchalant“, wohingegen Philip die Idee als einfach nur kindisch abtat.

Schon zehn nach sieben! Die Zeit, die mir für meinen Kampf mit dem Kleiderschrank blieb, wurde langsam knapp. Es war einfach unfair: Gestandene Männer in unserem Alter hatten es in puncto Kleidung so viel leichter als wir Frauen. Eine gut geschnittene Hose, ein schickes Hemd und fertig. Herrenkonfektionsgrößen mussten nicht einmal anprobiert werden: Auswählen, Etikett lesen und ab zur Kasse. Philips Hemden saßen jedenfalls immer perfekt. Meine Freundin Emily hatte letztens, nachdem sie ihm zufällig am Bahnhof begegnet war, von ihm als einer „sexy Schnitte“ gesprochen. Mir blieb es ein Rätsel, wie er es schaffte, dass seine Kleidung nach der langen Fahrt von Berlin bis ins Ruhrgebiet niemals auch nur den kleinsten Kaffeeflecken oder die winzigste Falte aufwies. „Das ziemt sich so für einen wertebewussten Politiker“, klärte er mich auf. „Ein tadelloses Äußeres und ein angemessenes Gefühlsmanagement gehören eben zu den ungeschriebenen Spielregeln.“ Seine Einstellung trug nicht gerade dazu bei, dass ich mich bei meiner Kleidungswahl entspannte.

Unmotiviert probierte ich eine beige Hose an. Nude look, total in, top modern. Aber dazu passte nur die knallrote Bluse hinten links und die war ein echtes No-Go für Philip, wenigstens in der Öffentlichkeit. Privat hatte er gegen gewagte Kleidung nichts einzuwenden. Im Gegenteil … Aber nein, keine rote Bluse.

Mein Handy piepste. Langsam begann ich panisch zu werden. Eine Nachricht von Emily. Eigentlich meldete sie sich selten per Handy, doch leider hatte sie die Whats-App-Funktion „Medieninhalte verschicken“ neu für sich entdeckt. Seitdem schickte mir das verrückte Huhn ständig Ratschläge aus ihrer „Bibel“, irgend so einem völlig überbewerteten Beziehungsratgeber. Ich warf einen kurzen Blick aufs Display. Was sollte das? Die Gute sollte mich mal lieber mit passenden Klamottentipps versorgen, denn ich begann langsam zu verzweifeln. Es war wie verhext. Als hätte sich die gesamte Modewelt gegen mich verschworen! Warum konnte ich mich ausgerechnet heute nicht entscheiden?

Seit Philip sein Kommen angekündigt hatte, wurde ich das Gefühl nicht los, dass er mir endlich ganz offiziell einen Antrag machen wollte. Schließlich waren wir schon gut zwei Jahre zusammen. Kennengelernt hatten wir uns damals auf einem Straßenfest. Ich betreute dort zwei unserer Künstler namens „Das Malle-Duo“. Die beiden gehörten zu unseren beliebtesten Stimmungskanonen und mussten entsprechend hofiert werden.

Philip hatte nach der Schließung der Opelwerke beruflich in Bochum zu tun. Auf dem Fest sprach er mich unter dem Vorwand an, unser Duo engagieren zu wollen. Ich verwies ihn souverän an Pièrre, der ihn gleich überredete, seine PR von unserem Familienunternehmen machen zu lassen. Ich belauschte fassungslos die Schacherei am Telefon, während mir mein Onkel verschwörerisch zuzwinkerte. Erst als Pièrre, Philip und ich uns in den darauffolgenden Tagen mehrmals zusammensetzten, um die Details zu besprechen, ging mir auf, wie perfide mein Onkel vorgegangen war. Es kam, wie es kommen musste, und nach der dritten Besprechung verabschiedete Philip sich mit einem langen Kuss von mir. So hatten wir uns kennengelernt. Na, wenn das keine gute Story für unsere Kinder war!

Obwohl meine Vorahnung mich schon den ganzen Tag über in einen freudigen Erregungstaumel versetzt hatte, gestattete ich es mir dennoch nicht, mir die romantischen Details des Antrags auszumalen. Dazu war ich zu misstrauisch, eindeutig ein Erbe meiner verstorbenen Mutter. Was hätte ich dafür gegeben, ihr Philip noch vorstellen zu können! Als gebürtige Südfranzösin wäre sie begeistert von seinem Charme und seiner Eleganz gewesen. Doch leider war maman bereits einige Monate, bevor Philip und ich uns auf besagtem Straßenfest kennengelernt hatten, gestorben. An Krebs. Ich hatte lange um maman getrauert, wenn ich ehrlich war, tat ich es eigentlich noch heute. Aber gleichzeitig wusste ich ganz genau, dass sie unsere Hochzeit vom Himmel aus nicht nur gutheißen, sondern sie auch überglücklich mitfeiern würde. Lächelnd zog ich mir erneut das Etuikleid à la Merkel an und stellte mir meine stolze maman mit Petrus in einer schwungvollen Walzerdrehung vor. Doch in diesem Moment beendete das Klingeln meines Festnetztelefons abrupt alle weiteren Träumereien. Mist, bitte keine Anrufe! Nicht jetzt! Ich musste mich doch noch schminken und überhaupt …

Meinem Apparat war das völlig egal. Unbeeindruckt von meiner Zeitnot klingelte er erneut. Das nervte. Wo hatte ich den dummen Hörer denn nur hingelegt? Während ich hektisch das Regal absuchte, breitete sich einen Moment lang Stille aus, bis der Anrufbeantworter schließlich mit einem lauten Klick ansprang. Eine tiefe Männerstimme räusperte sich umständlich … Philip.

Ob sein Zug Verspätung hatte? Jetzt sah ich, dass der Hörer unter dem Stuhl lag. Ich war kurz davor, ihn aufzuheben und dranzugehen, als mich Philips seltsam belegter Tonfall davon abhielt.

„Ähm, tut mir leid, Béatrice, wenn du schon zu unserem Treffen unterwegs sein solltest. Ähm, was ich …“ Komisch, mein eloquenter Geliebter mied normalerweise ein „ähm“ ebenso konsequent wie ein Veganer das Steakhaus.

„Also, was ich dir sagen wollte. So leid es mir auch tut, aber aus unserer Verabredung wird nichts.“ Wie um die abgehackte Sprechweise vom Anfang des Telefonats wettzumachen, sprach Philip jetzt so schnell, dass die Silben Purzelbäume zu schlagen drohten.

„Du hast das sicherlich schon selbst gemerkt. Das mit uns passt nicht. Bochum und Berlin, das konnte auf lange Sicht nicht gut gehen. Schon gar nicht mit meinen Verpflichtungen. Ich habe einfach keine Zeit für dich. Weder jetzt noch in Zukunft. Tut mir leid. Du musst mich übrigens auch nicht zurückrufen. Bin die nächsten drei Wochen nicht in Berlin. Nur im Umland. Wahlkampf, du weißt schon. Also, noch alles Gute für dein weiteres Leben. Vielleicht …“

Ein durchdringender Piepton erklang, Philips Sprechzeit war abgelaufen.

Merkwürdig distanziert, wie in einem Film, hatte ich sein Gestotter über mich ergehen lassen. Es fühlte sich so an, als würde mich das Ganze gar nicht selbst betreffen. Ich war lediglich eine unbeteiligte Zuschauerin einer fremden Liebestragödie, wohnte in einer weihnachtlichen Schneekugel, die jemand zu wild geschüttelt hatte. Mit einem Mal kam ich mir seltsam leer und verbraucht vor. Eine Schneekugel ohne Flocken. Die Welt um mich herum erschien mir unwirklich, irgendwie gedämpft. Als befände ich mich hoch oben über den Wolken oder tief unten auf dem Meeresgrund. In Slow Motion näherte ich mich dem Telefonhörer, hob ihn auf und rief Philip zurück. „Der gewünschte Gesprächspartner ist zurzeit nicht erreichbar. Versuchen Sie es später noch einmal.“ Erschöpft setzte ich mich kurz auf den Rand des frisch bezogenen Bettes. Danach stand ich wieder auf und begann, mich kraftlos aus dem Etuikleid zu pellen. Anschließend schlüpfte ich in meine bequeme geblümte Pyjamahose. Die Kleidungsfrage jedenfalls hatte sich geklärt.

Kapitel zwei: Todesspritze und Rettungsring

Das Problem: Dein Schatz meldet sich nicht zum vereinbarten Zeitpunkt.

Don`t: Vorschnelle Schlüsse ziehen! Besser ist es, deine Gefühle zu unterdrücken

Do: Höchstwahrscheinlich gibt es eine einfache Erklärung. Bleib geduldig und positiv: Männer sind eher Schweiger als Redner. Sie brauchen Anerkennung und Loyalität, geben dir aber im Gegenzug Sicherheit und Vertrauen.

(Mehr dazu im ultimativen Beziehungsguide: So optimierst du dein Liebesleben, 17.50 Euro)

Warum hatte Philip seinen letzten Satz nur mit vielleicht begonnen? Die ganze lange schlaflose Nacht hindurch zerbrach ich mir den Kopf über dieses eine Wort. Nachdem ich mich Ewigkeiten im Bett hin- und her gewälzt hatte, kam ich zu dem Schluss, dass es noch Hoffnung für uns gab. War es denn nicht durchaus möglich, dass Philip das Gesagte noch hatte zurücknehmen wollen? Seine Wiedergutmachung war vielleicht einfach nur der kurzen Aufnahmezeit zum Opfer gefallen. Schicksal! Nichts als ein großes technikbedingtes Missverständnis! Diese Überlegung tröstete mich immerhin so weit, dass ich in den frühen Morgenstunden noch ein wenig Schlaf finden konnte.

Als mein Wecker am Samstagmorgen klingelte, war ich sofort hellwach. Neuer Morgen, neue Hoffnung, Bea, sprach ich mir Mut zu. Mit etwas Glück gewinnst du ihn zurück. Ich atmete einmal tief durch. Als ich die Vorhänge aufriss, erwartete mich ein weiterer hässlich trüber, verregneter Wintertag. Wie sollte es auch anders sein? So war Deutschland eben im Dezember. Ich ging entschlossen in die Küche. Bevor ich zur Tat schritt, wollte ich mich erst einmal stärken. „Essen fassen“, befahl ich mir und stopfte gleich darauf hemmungslos einen halben Schokonikolaus und ein Marzipanbrot als Frühstück in mich hinein. Zum Abschluss vernichtete ich noch die Tüte Lebkuchenherzen, die ich Montag eigentlich mit in die Künstleragentur hatte nehmen wollen. Jetzt war das nötige Zuckerlevel erreicht, um meinen Plan, Philip anzurufen, in die Tat umzusetzen. Tapfer nahm ich den Hörer von der Station.

Mit zitternden Fingern tippte ich auf die eingespeicherte Nummer. Beim ersten Mal erwischte ich den falschen Eintrag, beim zweiten Mal legte ich auf, sobald das erste Tuten ertönte. Beim dritten Mal jedoch hielt ich heldenhaft durch bis ich mit dem Anrufbeantworter verbunden wurde. Sonst nichts. Philip ging einfach nicht ran. Okay, nicht aufgeben! Ein Schlachtplan musste her! Ich würde jetzt systematisch wie ein Kriegsminister vorgehen! Und so setzte ich den ganzen Tag hindurch immer zur vollen Stunde einen Anruf ab. Ohne Erfolg! Mein Wecker zeigte bereits Mitternacht, als ich wie in der Nacht zuvor völlig frustriert ins Bett ging.

Sonntagmorgen. Ich stand sofort auf und versuchte es erneut. Diesmal auf nüchternen Magen, noch halb im Schlaf, vor der ersten Tasse Kaffee. Vielleicht wäre ich ohne meine übliche Dosis Koffein ruhiger, könnte meine Verhandlungen so friedvoll wie Mutter Teresa führen. Doch wieder nahm niemand ab. Nicht einmal Philips Anrufbeantworter ließ sich dazu herab, mit mir zu sprechen. Er war voll.

Ich war verzweifelt. In mir war eine große Leere. Wie sollte ich diesen Tag nur überleben? Ich legte mich wieder ins Bett, zog die Knie ans Kinn und ließ den Kopf hängen. Doch statt mich zu beruhigen, durchrollte mich eine Welle heißer Wut. Was für ein Schwein! Was fiel ihm ein, mich so zu behandeln? Er hatte noch nicht einmal den Anstand zu einer Aussprache von Angesicht zu Angesicht besessen. Ich griff nach der roten Bluse, die noch über dem Stuhl hing, knüllte sie zusammen und warf sie zornig in die Ecke. War das zu fassen, dass Philip mich nach zwei Jahren einfach so abservierte? Per Anrufbeantworter! Ging‘s noch mieser? Ich sprang auf und lief nervös auf und ab. Mein Gott, wir wollten doch zusammenziehen, suchten bereits seit einem Jahr eine passende Wohnung in Berlin! Ohne Ankündigung fingen meine Knie zu zittern an, mein Magen krampfte sich zusammen und mein Herz schlug so heftig, dass mein Brustkorb zu platzen drohte. Bevor ich völlig zusammenbrach, hatte ich Erbarmen mit mir selbst: Ich nahm mehrere Schlaftabletten auf einmal und ließ mich erneut auf das Bett fallen.

Als ich am Montagmorgen mit einem dumpfen Schädel aufwachte, fühlte ich mich noch immer wie gerädert, obwohl mein Wecker mir unmissverständlich anzeigte, dass ich den ganzen restlichen Sonntag und die Nacht auf Montag durchgeschlafen hatte. Glückwunsch: Ich hatte das erste Wochenende ohne Phil überlebt. Plötzlich hatte ich einen Geistesblitz. Es war zehn Uhr am Montagmorgen, ein stinknormaler Arbeitstag hatte begonnen. Ich arbeitete Gleitzeit und musste mich zum Glück nicht hetzen. Warum versuchte ich nicht einfach, Philip im Büro der Berliner Parteizentrale an den Apparat zu bekommen?

„Parteizentrale Berlin, Kriener am Apparat“. Hut ab. Die Sekretärin rasselte den ganzen Spruch herunter, ohne auch nur einmal Luft zu holen.

„Guten Tag, Frau Kriener. Hier Béatrice Dupont. Könnten Sie mich bitte mit Philip Schatta verbinden?“ Ich klopfte mir innerlich auf die Schulter. Ich klang den Umständen entsprechend professionell.

„Einen Moment bitte.“ Angespannt lauschte ich Frau Krieners Atem. Mein Herz fing erwartungsvoll an, schneller zu schlagen.

„Hören Sie? Herr Schatta befindet sich für unbestimmte Zeit auf Dienstreise. Auf Wiederhören.“

Das durfte nicht wahr sein! Selbst die Sekretärin hatte mich abserviert. Eiskalt! Und jetzt? Wo sollte ich nur hin mit meinem Liebeskummer? Das ganze Wochenende lang hatte ich mich gegen das Schicksal aufgebäumt, hatte versucht, das Missverständnis zu klären. Doch mittlerweile musste ich mir eingestehen, dass sein Schlussmachen kein „unglücklicher Zufall“ gewesen war. Philip hatte ganz bewusst jeglichen Kontakt unterbunden und eine einseitige Entscheidung getroffen, die ich akzeptieren musste. Meine Schonfrist war abgelaufen. Jetzt galt es, der Welt mitzuteilen, dass Philip und ich Geschichte waren.

Und dann meldete sich noch eine andere Stimme in meinem Kopf. Sie sprach Französisch und zischelte mir ins Ohr, mit neununddreißig sei es allerhöchste Zeit, endlich unter die Haube zu kommen. In dem heiseren Tonfall, der typisch für maman war, fügte sie hinzu: „insbesondere, wenn du noch ein gesundes Kind in die Welt zu setzen gedenkst.“ Wie konnte es angehen, dass die beschränkte Weltsicht meiner Mutter noch immer einen derart großen Einfluss auf mein Leben ausübte, obwohl ich mittlerweile schon selbst eine gestandene Frau war? Ich wollte das nicht hinnehmen und kämpfte dagegen an, diesen fürchterlichen Glaubenssätzen aus meiner Kindheit Macht über mich zu geben. Stattdessen zwang ich mich, das Ganze weiterhin logisch anzugehen. Es stand viel Arbeit an, jetzt, da ich mein Leben ohne Philip neu ordnen musste. Am liebsten hätte ich mich sofort bei ‚Applaus‘ krankgemeldet. Da ich sonst nie fehlte und noch einen Haufen Überstunden abzufeiern hatte, wäre das überhaupt kein Problem gewesen. Allerdings wusste ich selbst nicht, wie ich dann die liegengebliebenen Jobs am nächsten Tag noch on top bewältigen sollte. Auf keinen Fall wollte ich sie unserer Sekretärin Judith aufhalsen. Okay, beschloss ich zähneknirschend, ich werde jetzt meine Gefühle gut wegsperren und in den normalen Alltag zurückkehren.

Ich schluckte. Würde ich ihn nie mehr wiedersehen, nie mehr seine Haut auf meiner spüren? Ja, ich befahl mir, der hässlichen Wahrheit ins Gesicht zu blicken: Genau das bedeutete es! Und noch eine andere Stimme meldete sich in meinem Kopf. Auf französisch zischelte sie mir ins Ohr, mit neununddreißig sei es allerhöchste Zeit, endlich unter die Haube zu kommen. In dem heiseren Tonfall, der typisch für maman war, fügte sie hinzu: „Insbesondere, wenn du noch ein gesundes Kind in die Welt zu setzen gedenkst.“ Wie konnte es sein, dass die beschränkte Weltsicht meiner Mutter noch immer einen derart großen Einfluss auf mein Leben hatte, obwohl ich mittlerweile schon selbst eine gestandene Frau war? Ich wollte das nicht hinnehmen und kämpfte dagegen an, diesen fürchterlichen Glaubenssätzen aus meiner Kindheit Macht über mich zu geben. Stattdessen zwang ich mich, das Ganze logisch anzugehen. Es stand viel Arbeit an, jetzt, da ich mein Leben ohne Philip neu ordnen musste. Am liebsten hätte ich mich sofort bei „Applaus“ krankgemeldet. Da ich sonst nie fehlte und noch einen Haufen Überstunden abzufeiern hatte, wäre das überhaupt kein Problem gewesen. Allerdings wusste ich nicht, wie ich dann die liegengebliebenen Jobs am nächsten Tag noch bewältigen sollte. Auf keinen Fall wollte ich sie unserer Sekretärin Judith aufhalsen. Okay, beschloss ich zähneknirschend, ich würde meine Gefühle wegsperren und in den normalen Alltag zurückkehren.

Flucht in die Arbeit war zwar nicht gerade eine originelle Strategie zur Bewältigung von Liebeskummer, aber akzeptabel, solange sie funktionierte. Ich gab mir noch eine Stunde, um in einen halbwegs arbeitsfähigen Modus umzuschalten. Tränen schossen mir in die Augen. Ich kam mir unendlich klein und hilflos vor. Warum nahm mich jetzt niemand in den Arm? Wieso kam keiner vorbei und überraschte mich mit einer Flasche Rotwein und einer lustigen DVD?Ganz einfach, meldete sich mein Verstand voller Selbstmitleid: Weil keiner da ist! Und es stimmte tatsächlich: Niemand meiner Freunde war dem grönemeyerschen Lokalpatriotismus gefolgt und unsere Heimatstadt treu geblieben. Außer mir waren alle, die mir etwas bedeuteten und mich jetzt hätten stützen können, Hals über Kopf aus 4630 Bochum geflohen. Meinen Bruder Fred hatte es seit seinem Medizinstudium nach „Kölle am Rhing“ verschlagen und meine alte Schulfreundin Em hatte ihr Glück nicht tief im Westen, sondern im tiefen Süden, im malerischen Überlingen am Bodensee gefunden. Mir wurde schlecht vor Sehnsucht nach Em und meinem dreijährigen Patensohn Lenny. Dennoch konnte ich mich nicht überwinden, noch einmal zu telefonieren. Zum Glück gab es ja auch noch Internet.

Doch zu früh gefreut: Fünf Minuten, nachdem ich Em mein Leid gemailt hatte, rief sie mich auf dem Festnetz an. Klar, das war typisch für sie. Em besaß zwar ein Handy, aber sie benutzte es nur selten (hauptsächlich, wie gesagt, um mich mit klugen Sprüchen zu nerven). Meist lag es dekorativ mit leerem Akku auf ihrem wackeligen Beistelltisch herum. Eigentlich misstraute sie Whats App und Co. E-Mails schreiben war schon mehr ihr Ding, aber am allerliebsten nutzte sie nach wie vor das Festnetz. Ich zögerte kurz, ging dann aber doch dran. Schon seltsam: Mal war das Telefon eine Todesspritze, mal ein Rettungsring.

„Hallo“, meldete ich mich tonlos.

„Oh nein, Liebes, was muss ich da lesen?“

Ich brachte sie knapp auf den neuesten Stand und fing zwischendurch immer wieder an zu weinen. Überrascht nahm ich wahr, dass Em am anderen Ende ebenfalls laut seufzte. Fassungslos stammelte sie immer wieder, was für ein schönes Paar wir gewesen waren. Sie wirkte, als habe man ihr den Boden unter den Füßen weggezogen. Die Situation war regelrecht absurd! Mitgefühl unter Freundinnen sollte eine Selbstverständlichkeit sein und so war es auch zwischen uns, aber dass meine Trennung Emily dermaßen aus dem Konzept brachte, verunsicherte mich dann doch etwas.

„Ich hätte es besser wissen müssen“, beschuldigte sie sich selbst. „Politiker sind Schlangen und Philip ist da mit Sicherheit keine Ausnahme. Das Leben ist so ungerecht. Wie soll es jetzt nur weitergehen?“ Mir kamen schon wieder die Tränen. Gleichzeitig befremdete mich Ems melodramatischer Tonfall. Hallo? Das war mein Liebeskummer! Doch meine Freundin ließ sich nicht unterbrechen. Sie hatte sich in Fahrt geredet.

„Wie kann er dir das antun und deine gesamte, sorgfältig geplante Zukunft innerhalb von zwei Minuten in den Mülleimer kippen? Du hättest alles für ihn aufgegeben, wärst für ihn sogar nach Berlin gezogen!“

„Ja, das stimmt. Ich hatte das schon alles mit Pièrre geklärt.“ Nervös lief ich mit dem Hörer durch das Zimmer und erinnerte mich an das Gespräch mit meinem Onkel. „Wir haben vereinbart, dass ich per Home-Office von Berlin aus arbeiten und nur alle zwei, drei Monate für wichtige Geschäftsgespräche nach Bochum pendeln würde.“ Ich machte eine Pause und ließ mich aufs Bett plumpsen. Dann holte ich tief Luft: „Weißt du, mir war schließlich von Anfang an klar, dass ich, wenn ich mit Philip zusammenleben will, nach Berlin umziehen muss. Als Politiker muss er im Zentrum des Geschehens sein. Und der Ort, an dem die große Politik gemacht wurde, heißt eindeutig nicht Bochum.“

Meine Freundin lachte höflich.

„Ach, Em, es hätte durchaus funktionieren können!“ Ich sah mich vor meinem inneren Auge auf einer bunten Krabbeldecke in unserer großzügig geschnittenen Altbauwohnung sitzen und geduldig mit unseren Kindern spielen. Em schien ähnlichen Fantasien nachzuhängen.

„Ihr habt ja bereits nach einer gemeinsamen Wohnung gesucht“, stimmte sie mir zu.

„Wäre, hätte, Fahrradkette.“ Ich lachte bitter auf. „Jetzt verstehe ich auch, warum die besichtigten Apartments nicht gut genug für Philip waren. Keine Wohnung hatte eine echte Chance …“

„Denn dein angeblicher Zukünftiger wollte sich in Wahrheit gar nicht binden“, führte Em meinen schmerzhaften Gedanken zu Ende. Die Tränen liefen mir die Wangen herunter.

„Zumindest nicht an mich“, schniefte ich. „Verdammte Scheiße. Ich war für ihn nur so eine Art Stolperstein in seiner Karriere. Zu wenig vorzeigbar, nicht repräsentativ genug.“

„Ach, Unsinn. Der sollte sich geschmeichelt fühlen, dass ihm eine so tolle Frau wie du überhaupt eine Chance gegeben hat.“ Ihr Lob tat mir gut.

„Was machst du denn während der Weihnachtstage?“ Em ging meine Probleme jetzt mit ruhigem Pragmatismus an. Ich war ihr dafür überaus dankbar, denn ich selbst konnte kaum einen klaren Gedanken fassen.

„Ähm, Philips Eltern haben mich letzten Sommer bei unserer ersten Begegnung eingeladen, die Weihnachtstage mit ihnen in ihrem Wintergarten zu verbringen.“ Damals hatte ich bei diesen Worten einen inneren Freudentanz hingelegt. Während ich meinen Erinnerungen nachhing, hörte ich durch das Telefon eine Ladenklingel läuten.

„Sorry“, erklärte Em. „Kundschaft. Ich muss Schluss machen. Aber du hörst von mir. Weihnachten feierst du bei uns und dann fängst du Neujahr nochmal ganz von vorne an. Und ich verspreche dir: Wenn ich dich wieder aufgepäppelt habe, wirst du durchstarten wie eine Rakete … Ja, ja, ich komme schon … Kopf hoch, meine Schöne!“

„Danke“, sagte ich mit zittriger Stimme. Emily war großartig. Es hatte mir richtig gutgetan, mit ihr zu reden. Mir ging es bereits viel besser. Wie gut, dass ich eine Freundin wie sie hatte. Sie war wirklich die beste, netteste Freundin, die man sich vorstellen konnte. Unkompliziert und ein bisschen verrückt. Ich hatte tatsächlich große Lust, sie zu besuchen. Wir hatten immer so viel Spaß zusammen. Und ich war eine der wenigen, die auch um ihre dunkle Seite wusste. Em hatte eine düstere Familiengeschichte als Adoptivkind hinter sich, über die sie fast nie sprach, obwohl sie sie sehr geprägt hatte. Ich lehnte mich nachdenklich mit dem noch immer warmen Hörer in der Hand zurück.

Em war etwas Besonderes, stets auf Hochtouren und dabei nah dem Abgrund. Wir hatten uns bereits in der Grundschule kennengelernt. Obwohl sie zwei Jahre älter war als ich, waren wir immer in dieselbe Klasse gegangen. Das hing wohl damit zusammen, dass sie durch ihr soziales Umfeld entwicklungsverzögert war und erst später eingeschult wurde. Mir war das damals völlig egal, als Kind merkt man nicht, wenn bei den Klassenkameraden etwas schiefläuft. Allerdings fiel mir später als Teenie schon auf, dass Emily seltsam verquere Vorstellungen von der Liebe hegte. Für mich malte sie sich, wie auch heute bei unserem Telefonat, eine perfekte Bilderbuch-Zukunft aus. Für sich selbst sah sie schwarz und hatte dann auch tatsächlich eine Serie glückloser Beziehungen mit den seltsamsten Typen. Aus einer ihrer zahlreichen Affären resultierte mein Patensohn Lenny. Ich wusste bis heute nicht, aus welcher. Da Em sehr attraktiv war, mangelte es nie an interessierten Männern. Eine Blondine nach der sich jeder, egal ob Mann oder Frau, umdrehte. Früher war ich manchmal eifersüchtig gewesen, doch mittlerweile glaubte ich, dass ihre Attraktivität für sie eher ein Fluch und nicht gerade hilfreich für ihr verkorkstes Liebesleben war. Mit Erik zum Beispiel, ihrer jüngsten Eroberung, hatte sie sich wieder mal so einen typischen Blender angelacht. Das Schlimmste war, dass er meine Freundin nicht wertschätzte. Dabei war Emily ihm zuliebe sogar nach Überlingen gezogen, obwohl sie sich mit dem provinziellen Leben in der badischen Kleinstadt oft schwertat. Bei dem Gedanken an meine Besuche bei ihr in Süddeutschland musste ich unvermittelt grinsen. Zum Glück hatte sie sich bislang wenigstens noch nicht diesen gewöhnungsbedürftigen Dialekt angeeignet: „adele“ und „sodele“. Ich schmunzelte und hatte plötzlich große Lust, sie in ihrem „Lädele“ zu besuchen und Weihnachten am Bodensee zu verbringen.

Halbwegs aufgeräumt machte ich mich gegen elf Uhr auf den Weg zu unserem Unternehmen. Ich setzte mich an meinem vertrauten Schreibtisch an den Computer und machte mich an die Arbeit. Alle paar Minuten erreichten mich per E-Mail mehr oder weniger originelle Sprüche von Em. Natürlich fehlte weder der von den anderen Müttern, die ebenfalls schöne Söhne haben, noch ein weiteres überflüssiges Zitat aus ihrer BB, ihrer heiligen Beziehungsbibel. Im Grunde genommen war meine Freundin trotz all ihrer Macken ein echter Schatz. Zu schade, dass sie schlappe 600 Kilometer von Bochum entfernt wohnte. Digitale Medien konnten zwar viel, aber Händchenhalten und eine Schulter zum Ausweinen gehörten nicht dazu.

Ich öffnete eine längere E-Mail von Em, in der sie mir in höchsten Tönen von Weihnachten vorschwärmte. Ich überflog ihre Zeilen: Schubkarren voller Schnee, kaum Touristen. Ein Weihnachtsbaum im Blumentopf geschmückt mit Lennys Bastelarbeiten. Kakao ohne Ende für meinen Patensohn und jede Menge Rotwein für uns. Wir würden es uns so richtig gemütlich machen, versprach sie. Es klang wirklich verlockend. Alles war besser, als während der Feiertage allein mit Liebeskummer herumzuhängen und Trübsal zu blasen. Ich hätte mich natürlich auch bei meinem Bruder Fred in Köln blicken lassen können, aber der war mit seiner ruhigen Art nicht gerade eine Stimmungskanone. Die wilde, chaotische Em würde da die bessere Medizin für mich und mein angeschlagenes Selbstbewusstsein sein. Und mein Patensohn Lenny erst recht. Der forderte hundert Prozent Aufmerksamkeit ein, ihm war es egal, ob das Schicksal mich gerade k.o. geschlagen hatte. Doch bevor ich meine Zelte im Ruhrpott abbrechen und die mit Erinnerungen übersättigten Orte für ein paar Tage hinter mir lassen konnte, musste ich in unserem Familienunternehmen erst noch einmal ordentlich ranklotzen. Das war ich meinem Onkel schuldig. Ich wollte Pièrre unter gar keinen Umständen hängen lassen. Schließlich war im Dezember in der Welt des Marketings Hochsaison: Friede, Freude, Kundenbindung hieß die Devise. Vor Weihnachten war es immer besonders anstrengend. Doch das kam mir nun gerade recht. In der Hektik vor den Feiertagen würde ich vielleicht ab und zu mein gebrochenes Herz vergessen können.

Kapitel drei: Pflichtbesuche

Das Problem: Er hat dich sitzengelassen.

Don`t: Grübeln!

Do: Lenk dich ab, kümmere dich um deinen beruflichen Erfolg und zeig dich offen für Überraschungen!

(Mehr dazu im ultimativen Beziehungsguide: So optimierst du dein Liebesleben, 17.50 Euro)

In den folgenden Tagen bemühte ich mich mit aller Kraft, unsere Kunden beim Warten auf das Christkind zu unterstützen. Meine Strategie funktionierte. Ich funktionierte. Durch meine vollgestopften Arbeitstage überlebte ich die erste Woche nach der Trennung erstaunlich gut. Als ich abends Ems Beziehungs-Bibelzitat, diesmal als E-Mail-Anhang, las, grinste ich. Ach nee! Auf den Trick, bei Liebeskummer härter zu arbeiten, war ich ganz von allein gekommen. Mir blieb auch nichts anderes übrig, denn unser Nikolaussack quoll vor Arbeit nur so über. Die Kunden wollten mit persönlichen Weihnachtskarten und kleinen Präsenten umworben werden. Großkunden forderten unsere beliebtesten Showacts für ihre Firmenfeiern an, die merkwürdigerweise alle auf dasselbe Datum zu fallen schienen.

Ein weiterer, allgemein verhasster Termin stand bereits für das kommende zweite Adventswochenende auf der Agenda: Der Förderverein des Berthold-Brecht-Gymnasiums hatte zu seiner traditionellen Weihnachtsfeier im Brauhaus geladen. Da „Applaus“ das fünfzigjährige Schuljubiläum inklusive Hüpfburg, Tombola und Schlager zum Mitgrölen organisierte, mussten wir uns bei der feuchtfröhlichen Feier selbstverständlich blicken lassen. Die Frage war nur, wer von uns verpflichtet werden würde, am Samstag den Kopf hinzuhalten. Natürlich würde mein Onkel Pièrre als Inhaber unseres Familienunternehmens hingehen und eigentlich wäre Moritz dieses Jahr an der Reihe gewesen, ihn zu begleiten - schließlich war er neben mir und unserer Sekretärin Judith der einzige Festangestellte in unserem kleinen Team. Doch leider hatte Moritz rechtzeitig vorgebaut und sich unter einem fadenscheinigen Vorwand vom Acker gemacht. Typisch! Die freien Mitarbeiter, erklärte mir mein Onkel am Freitagvormittag geduldig, wolle er mit solchen unangenehmen Zusatzaufgaben gar nicht erst behelligen. Ich war genervt, dass schon wieder Überstunden auf mich zukommen sollten. Erst vor zwei Monaten hatte ich meinen Ersten-Hilfe-Schein für die Agentur aufgefrischt. Ich ahnte Böses und sollte Recht behalten. Kurz vor Feierabend tauchte Pièrre erneut neben meinem Arbeitsplatz auf. „Béatrice, ich befürchte, dass es uns beide trifft. Judith kann uns auch nicht begleiten. Wir werden morgen Abend in der Brauerei die Fahne hochhalten müssen.“

Ich drehte mich zu ihm um. Ich mochte Pièrre, nicht nur, weil der ältere Bruder meiner Mutter fast zu einem Vaterersatz für meinen Bruder und mich geworden war. Er war derjenige, der uns alle damals, nachdem unser leiblicher papa unsere kleine Familie in Marseille hatte sitzen lassen, kurzerhand mit sich nach Deutschland genommen hat. Ich war damals gerade fünf Jahre alt und wurde in Deutschland eingeschult, während Fred mit neun bereits in Frankreich zur Schule gegangen war. Eine Zeit, die er nicht vermisste.

Hätte Pièrre uns nicht unterstützt, wäre unsere ledige, alleinerziehende Mutter in Frankreich mit Sicherheit verzweifelt. Mein Bruder würde Pièrre für diese Entscheidung ewig dankbar sein. Frédéric hatte nie viel für sein französisches Erbe übrig gehabt und war in Deutschland dann auch flugs zu „Fred“ mutiert. Ich selbst sah das alles etwas anders. Doch ganz abgesehen von unserer privaten Familiengeschichte, bewunderte ich meinen Onkel auch in seiner Funktion als Chef. Er war gerecht und verzichtete weitgehend auf Machtspielchen. Meistens jedenfalls.

„Sorry, Bea, aber du hast keine Wahl. Der Vorsitzende des Fördervereins, Herr Steinkötter, hat bereits deine erste Fassung des Bühnenprogramms gelesen und die Liederauswahl in höchsten Tönen gelobt. Er besteht darauf, auf dem Fest mit dir persönlich anzustoßen. Ich weiß, du hast es nicht so mit Smalltalk, aber …“

Ganz besonders nicht, nachdem ich gerade von meinem Zukünftigen sitzen gelassen worden bin, fügte ich in Gedanken hinzu, widersprach Pièrre jedoch nicht.

„… aber du weißt ja: Übung macht den Meister. Oder wie die Amerikaner sagen: Fake it til you make it.

So gut Pièrre auch Deutsch und Französisch sprach, sein Englisch hörte sich schauderhaft an und war wegen seines starken Akzents kaum zu verstehen. Das hielt ihn jedoch nicht davon ab, immer mal wieder ein paar englische Wörter einzuflechten.

„Jedenfalls“, nahm er den Faden wieder auf, „ist es ungeheuer wichtig, dass du deine gesellschaftlichen Umgangsformen erweiterst!“ Ich schaute ihn fragend an, doch mein Onkel vermied den Augenkontakt. Er schien sich unwohl zu fühlen. „Für die Zukunft, glaub mir. Sieh den Abend einfach als Training an! Du kannst jetzt übrigens auch Schluss machen.“ Und weg war er.

Kurz darauf, als ich das Büro ebenfalls verlassen wollte, nahm mich Judith, unsere elegante Sekretärin, etwa zehn Jahre jünger als mein Onkel, zur Seite. „Es tut mir leid, dass ich euch nicht begleiten kann“, entschuldigte sie sich. „Aber als eine Art Entschädigung könnte ich dir nächste Woche ein bisschen Gesangstraining anbieten. Erinnerst du dich, du hattest mich doch mal um eine Stunde gebeten?“

Ich schaute sie verwirrt an. Hatte ich das? Obwohl mir die Schlager, mit denen ich beruflich zu tun hatte, nicht gefielen, liebte ich Musik. Die französischen Chansons von Piaf, Kaas, Zaz ebenso wie die alten Jazzstandards, aber … Dann fiel mir ein, warum Judith mich auf eine Gesangsstunde ansprach: Ich hatte meiner Mutter als Geburtstagsüberraschung kurz vor ihrem Tod einen ihrer Lieblingschansons vortragen wollen und Judith um ein paar Gesangstipps gebeten. Doch dann ging es mit maman schneller als erwartet bergab und mein Plan hatte sich zerschlagen. Mein Gott, das war schon ewig her!

Ich schüttelte den Kopf. „Aber nein, Judith. Danke für das Angebot. Deine Unterstützung wäre zwar schön gewesen, aber wir stemmen das auch ohne dich. Und natürlich bist du mir nichts schuldig. Weißt du, für Musik habe ich im Moment überhaupt keinen Sinn.“

Judith musterte mich, als warte sie darauf, ob ich noch fortfahren wollte. Ich schwieg. Was gab es sonst noch dazu zu sagen? „Okay“, setzte sie langsam an und wählte ihre Worte mit Bedacht. „Also, mir würde es schon Spaß machen, mal ein Stündchen zusammen mit dir zu singen. Unser kleiner Chorauftritt bei der Weihnachtsfeier letztes Jahr hat dir damals doch gut gefallen oder täusche ich mich? “

Ich konnte mich nicht mehr dran erinnern, denn ich hatte bei dem Fest, wie ich mir peinlicherweise eingestehen musste, ein paar Gläschen Sekt zu viel genossen. Eigentlich ein Fauxpas, der besser zu einer unerfahrenen Praktikantin gepasst hätte, aber ich war gerade liebestrunken von einem romantischen Kurztrip aus Berlin zurückgekommen, sodass ich meine guten Manieren während der Feier ausnahmsweise unter den Tisch hatte fallen lassen. Nichts, an das ich erinnert werden wollte. Und schon gar nicht, nachdem Phil mich hatte sitzen lassen. Schnell unterbrach ich Judith. „Das können wir gerne machen, vielleicht nächstes Jahr, nach den Feiertagen, wenn sich der Stress gelegt hat.“

„Oh nein“, widersprach sie mir sanft. „Gerade jetzt, in Stresszeiten, ist das Singen umso wichtiger. Komm doch einfach übermorgen vorbei und berichte mir haarklein alles über die Weihnachtsfeier mit den Paukern. Ich würde ja zu gerne Mäuschen spielen, um zu sehen, ob die eine Neuauflage der Feuerzangenbowle im Brauhaus feiern.“

Pauker? Die Feuerzangenbowle mit Heinz Rühmann? Ab und zu merkte man Judith ihr Alter wirklich an.

„Du kannst meine neuste Plätzchenkreation ausprobieren, ich mache uns einen schönen starken Milchkaffee und zwischendurch schmettern wir ein Liedchen.“

Das Telefon läutete. Judith legte die Hand auf den Hörer und sah mich fragend an. Mit einem Mal hatte ich Mitleid mit ihr. Vielleicht hatte unsere Sekretärin einfach Sehnsucht nach Gesellschaft. Bevor ich es mir anders überlegen konnte, nickte ich. Sie hob den Daumen nach oben und nahm das Gespräch an, während ich nach Hause ging.

Und so kam es, dass ich den Vorabend des zweiten Advents in einem Bochumer Brauhaus und den Adventssonntag bei unserer Sekretärin verbringen sollte. Dumm gelaufen!

Was soll‘s, sprach ich mir halblaut Mut zu, als ich pflichtbewusst am Samstagabend um Punkt zwanzig Uhr vor dem Brauhaus stand. Ich kämpfte tapfer meine Fluchtinstinkte nieder und trat ein. Die Bedienung war schlecht gelaunt und grüßte nicht zurück. Der Gerechtigkeit halber musste ich jedoch auch zugeben, dass ich für nichts in der Welt mit ihr hätte tauschen wollen, denn das Fachwerkhaus war vollständig mit Betriebsfeiern belegt.

Konnte es etwas Unangenehmeres geben als von der Chefetage aufgezwungene Geselligkeit? Unwillig betrat ich einen der reservierten Säle. Mir schlug eine Mischung aus Essensduft, vorwiegend Rotkohl, Nikotin und Schweiß entgegen. Der Lärmpegel war ähnlich wie auf einem Flughafen und das Gedränge fast noch schlimmer. Überall lange Tische und gekünsteltes Lachen - ich wäre am liebsten sofort wieder gegangen. Meine Partystrategie „Wo ist hier eigentlich das Klo?“ würde ich an diesem Abend auch nicht überstrapazieren dürfen. Denn selbst wenn es einen anderen Anschein hatte: Das hier war ein ernstzunehmender Geschäftstermin zum Zweck der Beziehungspflege. Ich schaute mich gründlich in Saal eins um. Kein einziges bekanntes Gesicht, ich konnte weder den Vorsitzenden des Fördervereins, Herrn Steinkötter, noch Pièrre ausmachen. Ich fing schon an, mich zu freuen, als mir der Wirt erbarmungslos mitteilte: „Oben gibt es auch noch eine Etage.“

Ich quälte mich die Treppen hinauf und dann sah ich auch schon die drei Tischreihen, die von der Berthold-Brecht-Schule reserviert worden waren. Blitzschnell sondierte ich die Lage. Sollte ich mich neben die blutjunge magersüchtige Referendarin mit modischer Skinny Jeans setzen? Oder neben die in Würde ergraute Gemeinschaftskundelehrerin, die mindestens zehn Jahre mehr als ich auf dem Buckel hatte? Außerdem gab es noch einen freien Stuhl an der Seite eines vollbärtigen, dicken Mathelehrers, der schon demonstrativ gutmütig auf den Platz neben sich klopfte: „Grüß Gott!“

„Hallo“, flüstere ich höflich, während ich neben ihn rückte. Dann schob ich noch dynamisch ein: „Alles gut?“ nach. Ob man mir meinen Beruf auch so ansah? Eher nicht. Was man den Lehrern zu viel, sah man mir zu wenig an. Ich verhielt mich so unbeholfen, dass mir niemand zutrauen würde, dass ich Schlagersänger promoten und Events organisieren konnte. Doch das konnte ich. Und zwar gut! Egal, im Moment reichte es, überhaupt hier zu sein und gesehen zu werden. Schon das fiel mir schwer, schließlich hatte maman ihrem Töchterchen immer gepredigt, es solle sich stets im Hintergrund halten. Ihr im Befehlston geflüstertes „tais-toi“, schweig still, hatte mich meine ganze Kindheit hindurch begleitet. Es klang für mich wie das gefährliche Zischeln einer Schlange. Doch spätestens seit der Grundschule wollte ich statt unsichtbar und still lieber so beliebt, unbefangen und natürlich wie Em sein. Diese Brauhaus-Situation etwa würde Emily zweifellos spielend bewältigen. Sie würde leicht wie ein Schmetterling von Tisch zu Tisch fliegen und den Abend in vollen Zügen genießen. Ich hingegen tat mich mit der ganzen angeschickerten Heiterkeit um mich herum fürchterlich schwer.

In diesem Augenblick erhob sich ein kleiner, dicklicher Mann mit beginnender Rundglatze und winkte mir stürmisch zu. Das war wohl der Vorsitzende des Fördervereins. Sein Fuchteln wurde immer hektischer. Sollte das heißen: „Hauen Sie bloß ab!“ oder, was wahrscheinlicher war: „Bitte, setzen Sie sich doch neben mich“? Nichts lieber als das, signalisierte ich ihm mit einem schiefen Lächeln, ergab mich in mein Schicksal und wechselte den Platz.

„Herr Steinkötter! Ich bin Béatrice Dupont. Schön, dass wir uns jetzt persönlich kennenlernen.“ Pièrre zwinkerte mir zu. Er hatte sich strategisch geschickt einen Stuhl mit vielen offenen Fluchtwegen am Kopfende des Tisches gesichert. Wann konnte ich diesen Ort des Schreckens frühestens verlassen? Mein Geist fiel in eine Art Winterschlaf, meine social skills jedoch arbeiteten im Turbo-Modus, während die Stunden sich unerbittlich in die Länge zogen.

Das Gespräch verlief jedoch erträglich. Herr Steinkötter stellte die erwarteten Fragen zu den geplanten Jubiläumsvorbereitungen, ich gab ihm die erwarteten Antworten. Meine Nick- und Lachfrequenz war dabei so hoch, dass meine Gesichtsmuskulatur bereits Rheuma bekam. Doch mein Einsatz lohnte sich. Sie haben Ihr Ziel erreicht, lobte ich mich in Gedanken. Herr Steinkötter schien zufrieden zu sein und leitete endlich den amüsanten Teil des Abends ein.

Ich versuchte einen unauffälligen Blick auf Pièrres Armbanduhr zu erhaschen, als er aufstand – wahrscheinlich, um auf die Toilette zu gehen. Um ein Haar hätte ich mir bei diesem Manöver den Hals verrenkt! Ich wartete und wartete, aber Pièrre kam nicht mehr zurück. War eigentlich untypisch für ihn, dass er ging, ohne sich zu verabschieden. Wie sollte ich mich denn jetzt ohne ihn verdünnisieren? Dann war es endlich viertel nach zehn, falls ich die Digitalanzeige am Handgelenk des Kellners richtig entschlüsselt hatte. Was machten Schönheitsköniginnen in kritischen Situationen? Sie befreiten sich elegant, indem sie salbungsvoll einen universalen Segensspruch von sich gaben: „Ich liebe euch alle und wünsche mir Frieden auf Erden.“ Ich beschloss, es ihnen gleich zu tun, stand auf und rief etwas zu laut und fröhlich in die Runde: „Irgendwer muss ja den Anfang machen. Noch einen schönen Abend!“ Und dann geschah das Unvermeidliche: Als ich mich schwungvoll umdrehte, riss ich meinen Stuhl mit, der polternd zu Boden fiel. Typisch! Mit hochrotem Gesicht verdrückte ich mich und bezahlte meine Getränke. Dabei sah ich, dass auch Pièrres Anteil an der Tischrechnung noch ausstand. Seltsam. Verwundert beglich ich auch seine Rechnung. Zu Hause schrieb ich Herrn Steinkötter eine Dankesmail, in der ich ihn wissen ließ, wie sehr mir der nette Abend im Brauhaus gefallen habe. Ich speicherte die Nachricht ab, um sie gleich am nächsten Morgen verschicken zu können.

Der zweite Pflichttermin, den ich wahrnahm, bevor ich mich nach Süddeutschland abseilte, war mein Besuch bei Judith. Zaghaft drückte ich am nächsten Tag auf ihre Klingel. Bis jetzt war ich noch nie bei ihr gewesen. Sie öffnete mir die Tür mit einem so strahlenden Lächeln, dass ich fast schon ein schlechtes Gewissen bekam, nicht schon früher einmal vorbeigekommen zu sein. Sie trat zur Seite und ich schob mich inklusive meiner Jacke und meinem aufwendig in Folie verpackten Christstern vorsichtig durch den schmalen Türrahmen. Ich erwartete, dass Judith mir alles abnehmen würde, um es dann tantchenmäßig der Garderobe anzuvertrauen. Doch anstatt mich höflich zu bedienen, ging Judith selbstbewusst ins Wohnzimmer voraus. Ich folgte ihr und wunderte mich über den modernen Einrichtungsstil. Ein paar Teelichter, ein wenig Adventsschmuck, aber alles sehr zurückhaltend. Apart. Unauffällig sah ich mich genauer um: Helles Holz, Grünpflanzen, nur in der Ecke stand ein altes Klavier aus braunem Holz. Neben dem Klavier lehnte ein Notenständer an einem Bücherregal. Wir machten etwas gezwungen Konversation, während Judith mir Kaffee einschenkte und Plätzchen anbot. Hauptsächlich um peinlichen Gesprächspausen vorzubeugen, erzählte ich ihr ausführlicher als geplant von den Lehrern im Brauhaus. Doch erstaunlicherweise erwies sich unsere Sekretärin als dankbare Zuhörerin. Sie lachte immer wieder herzhaft über meine Schilderungen, wodurch sich die anfangs recht förmliche Stimmung zwischen uns schnell entspannte.

„So“, schritt sie etwas später zielstrebig zur Tat. „Jetzt haben wir uns körperlich gestärkt und nun sollten wir auch etwas für die Seele tun.“ Ich hatte bis zuletzt gehofft, mein Schicksal noch abwenden zu können und suchte dringend nach einer glaubwürdigen Ausrede. „Tut mir leid, Judith, aber …“

„Als Erstes wärmen wir die Stimme auf“, unterband sie meine Ausflüchte.

Schnell schaute ich demonstrativ auf ihre Wanduhr. „Meinetwegen, aber ich habe nur noch eine knappe halbe Stunde Zeit.“

„Kräusel die Lippen und sage mmmhhh!“

„Oh, das ist einfach“, ergab ich mich Judiths Hartnäckigkeit. „Da muss ich nur an deine leckeren Plätzchen denken.“

„Etwas leiser und genussvoller. Jaaa, genau, so ist es richtig.“ Judith machte mir Lockerungsübungen für die Gesichtsmuskulatur vor, die ich so gut ich konnte brav imitierte. Nach ein paar Minuten jedoch kam ich mir wie eine grasende Kuh vor und begann, meine Mimik zu übertreiben, um die absurde Lächerlichkeit der Übung zu unterstreichen.

„Wunderbar, genau so!“, ermutigte mich unsere Sekretärin und überging meine Clownereien. „Reiß die Augen weit auf, dadurch öffnest du die Resonanzräume im Kopf.“

Ich starrte Judith an. Ich suchte Anzeichen von Ironie in ihrem Blick, aber sie meinte es völlig ernst. Das perfekte Jurymitglied von „Deutschland sucht den Superstar“.

„Okay“, fragte sie mich. „Was wollen wir denn heute singen?“

„Alles außer Weihnachtslieder.“

„Keine Jingle Bells oder Alle Jahre wieder?“

„Nur, wenn du sichergehen willst, dass ich nie wieder einen Schritt in deine Wohnung setzen werde.“

Judith kicherte. „Heißt das, dass du nächste Woche wiederkommst?“

Ich ignorierte ihr Angebot. „Blues. Etwas Trauriges“, schlug ich stattdessen vor.

„Oh“, murmelte sie in neutralem Tonfall und wich meinem Blick diskret aus.

„Etwas über verlogene Männer, die Frauen sitzen lassen.“ Meine Stimme klang aggressiver als gewollt. Judith beugte sich unbeeindruckt über einen Stapel Noten, der auf dem Klavier lag. „Er will sich nicht binden und sie heult sich die Augen aus?“, vergewisserte sie sich mit sachlicher Stimme.

„Exakt!“

Dann schlug ich mir die Hand für den Mund. Meine Antwort war mir einfach so herausgerutscht. Wieso wusste Judith über Philip Bescheid? Ich hatte nur Pièrre kurz darüber informiert, dass meine Umzugspläne nicht länger aktuell wären. Hatte sie etwa bei einem meiner Telefonate mit Em gelauscht? Aber eingentlich konnte ich mir so ein verqueres Verhalten bei ihr nicht vorstellen. Judith merkte meinen skeptischen Blick, legte ihre Stirn in Falten, leckte sich über die Lippen und zog ein Blatt aus dem Noten-Turm.

„Kennst du Cry Me A River? “

„Das von Justin Timberlake?”

„Den kenne ich nicht. Warte, mein Song ist von …“ Judith setzte sich ihre Lesebrille auf. „Words and Music by Arthur Hamilton.”

„Sagt mir nichts.”

„Ähm, mir ehrlich gesagt auch nicht, aber ich summ dir die Melodie einmal vor. Vielleicht hast du sie ja doch schon einmal gehört, von diesem Timberling oder so …“

Eine helle, klare, aber dennoch zerbrechliche Stimme füllte den Raum. Ich konnte gar nicht glauben, dass sie aus Judiths Mund kam. Mittlerweile summte sie nicht mehr, sondern sang den Text. Ich verstand nicht viel, nur, dass die Sängerin einen Fluss Tränen für ihren Liebsten geweint hatte. Das Bild gefiel mir. „Guter Song“, bestätigte ich Judith, als sie fertig war. „Du hast ja eine Wahnsinnsstimme. Leicht und elfenhaft. Für mich ist das viel zu hoch. War aber schön, dir zuzuhören.“

„Och.“ Judith gab sich unbeschwert und setzte sich ans Klavier. „Das kann man ändern.“

„Wie meinst du das? Willst du mich zum Eunuchen machen?“

„Komm doch mal her und leg dir den Text auf den Notenständer.“ Unsicher nahm ich das silbrige Gestell vor dem Buchregal in die Hand. Es erwies sich schwieriger als erwartet, das Monstrum aufzuklappen. Judith wartete geduldig, bis ich fertig war und sang mir dann noch einmal den Anfang vor. Ich krächzte ein paar Takte hinter ihr her. Judith zeigte kein Mitleid. Mein Hals tat schon jetzt weh. „Hmmm, versuchen wir es eine Terz tiefer.“ Judith spielte weiter unten auf dem Klavier und ich bekam zumindest den ersten Ton hin, ohne mir sofort eine Tüte Ricola einwerfen zu müssen.

„Schon besser“, merkte auch meine Lehrerin an. „Und so?“ Sie sang noch ein wenig tiefer, doch diesmal scheiterte ich am Ende von Now you say you`re lonely. Jetzt konnte ich zwar das erste Wort mit Schmackes schmettern, landete bei lonely aber so tief im Keller, dass ich befürchtete, mir würde die Brustbehaarung eines Gorillas wachsen.

„Also, ich glaube, im Moment bleiben wir auf „fis“ als Ausgangston und dein zweiter Ton ist dann das „e“. Mir sagte das alles nicht viel, aber wenn sie meinte, dann sollte es so sein. Judiths Finger drückten auf schwarze und weiße Tasten und ich versuchte die Töne zu imitieren, die sie sang. Wir gingen das Lied dreimal durch, bis sie mich bat, es allein zu versuchen.

„Oh, nein, das kann ich nicht. Gib mir Grammatik oder Zahlen, aber sag nicht, dass ich irgendetwas nach Gehör machen soll.“ Ich merkte, dass ich stark schwitzte. Mit einem Schlag war es mir sehr unangenehm, so nahe neben Judith zu stehen.

„Du kannst keine Noten lesen?“

„Ähm“. Ich wurde rot und stotterte. „Meine letzte Begegnung mit Noten liegt schon etwas länger zurück. Blockflötespielen in der Grundschule? Jedenfalls habe ich keine Ahnung, wo welche Note liegt.“

„Ach, das ist im Moment auch gar nicht so wichtig. Ich glaube, vorerst reicht die grobe Orientierung, ob die Melodie nach oben oder unten geht.“

„Oder gleich bleibt“, warf ich oberschlau ein.

Judith nickte unbeeindruckt. „Lass uns noch einmal den B-Teil versuchen: Told me love was too plebeian, told me you were thru with me.

Während Judith die Stelle interpretierte, wurde mir erst so richtig bewusst, was sie da überhaupt sang. Das war nicht irgendein Lied. Es war unser Song! Es ging um Philip und mich! Darum, warum wir gescheitert waren. Er hatte mich verlassen, weil unsere Liebe zu plump, zu volksnah war, zu gewöhnlich. Ganz genau Philips Denke. Ich drehte mich voller Leidenschaft zu Judith um.

„Judith, du musst mir einfach beibringen, dieses Lied zu singen!“

Sie schien sich über meinen plötzlichen Gefühlsausbruch nicht weiter zu wundern.

„Aber sicher. Dachte ich mir doch, dass es dir gefallen würde. Ich gebe dir die Noten schon einmal über die Ferien mit, damit du den Text lernen kannst. Und auf YouTube findest du sicherlich die ein oder andere Sängerin, die es interpretiert. Mach dich noch ein wenig mehr mit der Melodie vertraut und im Januar machen wir Nägeln mit Köpfen.“

„Solange nicht mein Kopf rollt, wenn sich herausstellt, dass ich kein Talent habe!“

„Ach Unsinn.“ Judith wischte meine Bedenken mit großer Geste weg. „Der Song ist bereits in dir drin, wir müssen ihn nur herausholen.“

Als ich mich für das nette Kaffeetrinken bedankte und mich von Judith verabschiedete, war ich tief in Gedanken versunken. Ich freute mich auf meinen Gesangsunterricht, den ich ihr natürlich bezahlen würde. Gleichzeitig machte er mir aber auch Angst. Meine Mutter hatte es nicht so mit dem Musischen. Hoffentlich würde ich mich nicht völlig zum Affen machen. Und dann hatte sich noch ein anderes Gefühl unbemerkt in meine hintersten Gehirnwendungen eingeschlichen. Ich konnte es noch nicht klar benennen. War es Trotz oder Rebellion? Der Song fühlte sich gut an, nicht so falsch und verlogen wie die Schlager, die wir tagein, tagaus verkauften. Dieses Cry Me A River wirkte jung, frisch und authentisch. Irgendwie gab es mir Kraft und neuen Mut. Himmel, was für Gedanken! Waren das vielleicht die ersten Anzeichen dafür, dass ich mich kurz vor dieser berühmt-berüchtigten Midlife-Crisis befand? Aber von der waren doch hauptsächlich Männer betroffen. Oder nicht?

Kapitel vier: Aufhübschen in Überlingen

Das Problem: Dir fehlt die Energie, dich auf die Pirsch zu begeben.

Don`t: In der Opferrolle verharren!

Do: Motivier dich! Arbeite an deiner Optik und investiere in dein Äußeres! Wenn du es dir gut gehen lässt und dir selbst gefällst, wirst du das auch nach außen ausstrahlen.

(Mehr dazu im ultimativen Beziehungsguide: So optimierst du dein Liebesleben, 17,50 Euro)

Endlich war es so weit. Urlaub! Nichts wie weg aus dem hektischen, lauten Bochum, in dem mich so viel an Philipp erinnerte. Auf nach Überlingen! Im Zug machte ich es mir auf einem Fensterplatz bequem. Mir gegenüber saß ein Mädchen, das in Lichgeschwindigkeit auf ihrem Smartphone tippte und wischte. Fasziniert beobachtete ich eine Zeitlang ihre Fingerfertigkeit, dann wandte ich mich ab und schaute stattdessen aus dem Fenster: Rheinschiffe, Burgen, die Lorelei. Während ich vor mich hinträumte, stellte ich mir vor, dass mich jeder Kilometer weiter von meinen Problemen weg und näher zu meiner Freundin führte. Das gleichmäßige Ruckeln machte mich müde, mein Schlafdefizit forderte seinen Tribut. Und so kam es, dass wir das nächste Mal, als ich nach draußen sah, schon in den Ulmer Hauptbahnhof einfuhren. Mein Umsteigebahnhof! Erschrocken starrte ich das Schild an, bis der Groschen fiel. Ich war offensichtlich eingedöst und hatte den Großteil der Fahrt bereits verschlafen.

Aufgeregt schnappte ich mir meinen Rucksack, stieg aus dem Zug und stolperte zum gegenüberliegenden Bahnsteig. Mir blieb gerade noch genug Zeit, mich an dem Büdchen notdürftig mit Kaffee und Käsebrötchen zu versorgen, da fuhr schon der Zug nach Friedrichshafen ein. Kurz darauf saß ich wieder ganz entspannt auf einem Fensterplatz. Die Landschaft sah diesmal anders aus als vorher. Felder, manche schneebedeckt, ein futuristisch aussehendes Umschlagwerk für Strom, dann wieder Seen, Wälder, Bauernhöfe, weites Land. Kurz bevor wir in Überlingen ankamen, stürmte ein Kegelclub das Abteil. Der erste Flachmann wurde herumgereicht, ein paar verhaltene Sprüche waren zu vernehmen. Bis meine lieben Mitreisenden beim Lallen und Rülpsen angekommen sind, beruhigte ich mich in Gedanken, bin ich schon längst ausgestiegen. In diesem Moment meldete sich Patricia Kaas. Irritiert fischte ich mein Handy aus der Tasche. Wer wollte mich sprechen? Unterdrückte Nummer. Komisch.

„Parteizentrale Berlin. Kriener am Apparat. Die Agentur ‚Applaus‘ hat mir netterweise Ihre Privatnummer gegeben.“

Ich stutzte. Seltsam, bei uns wurden Privatnummern als Heiligtum angesehen. Vielleicht hatte sich einer der Freien weichklopfen lassen?

„Ich rufe im Namen von Herrn Schatta an.“

Ich hätte auflegen, irgendetwas von falsch verbunden murmeln sollen. Stattdessen hechelte ich wie ein übereifriges, schwanzwedelndes Hündchen: „Ja, ich höre. Was gibt’s?“

„Herr Schatta bittet noch um Ihr Design einer Weihnachtskarte. Sie sind schon sehr spät dran. Er hat wichtige Kontakte, die äußerst pikiert wären, wenn sie dieses Jahr keinen Weihnachtsgruß erhielten.“

Ich riss den Mund auf. Mir fiel keine passende Replik ein.

„Ich nehme an, das geht klar. Für Rückfragen stehe ich gerne zur Verfügung.“

Ohne meine Antwort abzuwarten, legte die Sekretärin auf. War das zu fassen? Das Telefonat hatte mich völlig überrumpelt. Damit hatte ich nicht gerechnet. Nie im Leben hätte ich geglaubt, dass Philip die Dreistigkeit besäße, weiterhin meine Dienste in Anspruch zu nehmen, nachdem er mich so herzlos abgesägt hatte.

„Alles okay?“, fragte mein Sitznachbar, einer der Kegelbrüder, besorgt. Vermutlich sah ich aus wie ein Reh auf Panikattacke. „Aber ja doch“, nickte ich hyperaktiv in seine Richtung und beschloss, das Telefonat schnellstmöglich wieder zu vergessen. Als der Zug etwas später in Überlingen hielt, befand ich mich zum Glück tatsächlich wieder in Urlaubsstimmung.

Sobald sich die Zugtüren öffneten, schlug mir eisige Luft entgegen. Ungläubig stieß ich Atemwölkchen aus. Endlich fühlte sich der Winter auch wie Winter an. Hastig zog ich den Reißverschluss meines Mantels hoch. Schon komisch, zum Jahresende in Überlingen zu sein. Ich hatte die Landungsbrücken noch nie im Schnee gesehen, um mich herum waberte dichter Nebel. Die Schweizer Alpen waren kaum auszumachen. Das verwunschene weiße Überlingen hatte durchaus Charme, musste ich zugeben, auch wenn ich als alte Frostbeule generell den Sommer bevorzugte. Doch jetzt war das mediterrane Straßenleben zum Stillstand gekommen, es gab nur noch wenige Besucher. Nur ein paar ganz Hartgesottene trotzten dem frostigen Wetter mit Heizstrahlern und Wolldecken. Ich lief an der großspurig als „ÜB on Ice“ angekündigten Schlittschuhbahn vorbei, passierte die Zunfthäuser aus solidem Fachwerk und verlangsamte meine Schritte erst, als ich den Weihnachtsmarkt erreichte. Die Verkaufsstände befanden sich in der malerischen Altstadt und wurden vom Burggraben und der trutzigen Stadtmauer begrenzt. Sehr stimmungsvoll. Weniger einladend jedoch war die Steigung, die mich erwartete. Keuchend schleppten mein Rucksack und ich uns in die Neustadt hinauf. Die Tragegurte begannen, sich mir in die Schultern zu schneiden. Ganz anders als im letzten August. Damals war mein Gepäck noch wesentlich leichter gewesen.

Um mich abzulenken, gab ich mich meinen Sommererinnerungen hin. Em und ich hatten Lennys Buggy durch den fast schon tropisch anmutenden botanischen Garten mit den Kakteen und Bananenstauden geschoben, waren in dem Parkstück mit den alten Zedern kurz vor dem Strandbad-West in den türkisblauen Bodensee gesprungen. In der leider hoffnungslos überteuerten, aber absolut leckeren Eisdiele am Münster hatten wir zusammen einen Partner-Becher Obsteis verdrückt. Eine Hälfte frisch aufgeschnittenes Obst, die andere cremig schmelzendes Fruchteis, verfeinert mit einer dickflüssigen Schokosoße: Die ultimative Mischung aus gesunden Vitaminen und sündigem Genuss. Hach! Ich blieb stehen und schaute mich um. Jetzt war es nicht mehr weit. Kurze Zeit später erreichte ich den Treffpunkt, wo ich auf Em warten sollte, während sie Lenny als Übernachtungsgast bei einem seiner Kindergartenfreunde ablieferte.

Als ich vor Ems neuer Stammkneipe stand, war ich erst einmal erleichtert, dass es sich dabei nicht um ein Brauhaus handelte. Und in der Tat täuschte mich mein erster Eindruck nicht: Sobald ich das warme Lokal betrat, fühlte ich mich wohl und hatte das Gefühl, tatsächlich angekommen zu sein. Das lag nicht nur daran, dass ich den Rucksack endlich abstellen konnte, sondern auch an dem gedämpften Licht und der Musik aus den Neunzigern. Auf den ersten Blick wirkten die anderen Gäste sympathisch und der Bartender sah sogar recht attraktiv aus mit seinen kurzen schwarzen Haaren. Ich stand eindeutig auf den dämonisch-südländischen Männertyp. Aber irritierenderweise war ich dann in der Realität immer eher mit den fröhlichen, unbeschwerten Robert‑Redford-Männern dieser Welt zusammen. Vermutlich sollte ich dieses Beuteschema einmal überdenken. Schließlich hatte Philip haargenau diesem verhängnisvollen Raster entsprochen. Da war es wieder, dieses Aufbegehren. Ich hatte bis jetzt „comme il faut,“ gelebt, wie es sich schickte. Mit Philip, einem gestandenen Mann, eine Fernbeziehung geführt. Alles, wie es sollte, passend zu Ems Beziehungsbibel, passend zur spießigen Schlagermusik. Aber vielleicht nicht passend zu mir? Ich merkte, wie der Gedanke an Philips Anfrage wegen der Weihnachtskarte mich erneut in Rage brachte.

Em war noch nicht da und so bestellte ich mir schon einmal ein Glas Rotwein bei dem gutaussehenden Barkeeper. Dann holte ich mein Handy heraus und rief meinen Onkel an.

„Pièrre? Ich bin`s Béatrice. Es geht um Philip, du weißt schon, meinen Ex.“ Ich räusperte mich. „Mit anderen Worten um unseren Kunden Philip Schatta. Eben hat mich die Sekretärin der Parteizentrale, Frau Kriener, angerufen und mich um eine Weihnachtskarte gebeten. Da ich im Urlaub bin, kann ich mich nicht darum kümmern …“

Pièrre ließ mich gar nicht erst ausreden und versprach mir, sich persönlich darum zu kümmern. Ich wusste nicht, wie gut er sich zusammenreimen konnte, was genau zwischen mir und Phil vorgefallen war, aber das war letztendlich auch egal: Auf meinen Onkel war so oder so zu hundert Prozent Verlass.

„Also, danke schön. Und schöne Feiertage! Bis zum nächsten Jahr!“

Uff, das war die richtige Entscheidung gewesen. Ich atmete tief durch, spürte, wie ich mich entspannte und träumte vor mich hin. Hier könnte ich es stundenlang aushalten. Endlich frei, endlich weg. Em könnte sich meinetwegen so lange verspäten, wie sie wollte. Doch das würde sie natürlich nicht tun. Das war nicht ihre Art.

Der Wein machte mich sentimental. Ich nahm noch einen Schluck und beamte mich zurück in die Vergangenheit, erinnerte mich daran, wie Emily damals in der vierten Klasse, als es im Deutschunterricht um das Thema Werbung ging, zu meiner besten Freundin geworden waren. Der unvergessene Höhepunkt der Unterrichtsreihe waren nämlich kleine selbstausgedachte Werbespots, bei denen uns unsere Klassenlehrerin mit ihrer Urlaubskamera filmte. Emily und ich wussten sofort, dass wir unbedingt einen Werbespot für „Rollo“ machen wollten. Gab es diese Kaubonbons eigentlich noch immer?

Em war weiterhin nicht zu sehen. Ich bestellte noch ein Glas Wein und spürte, wie der Alkohol mir langsam zu Kopf stieg. Ich hatte während der Zugfahrt einfach zu wenig gegessen. Seit Philip mich hatte sitzen lassen, war mir buchstäblich der Appetit vergangen. Um nicht an Philip zu denken, kehrte ich zu unserem „Rollo“-Shooting zurück. Ich konnte mich noch an alle Details der Storyline erinnern, vor allem, wie wir zum Schluss einstimmig das Kaubonbon mit unserem selbstgetexteten Reim: »Ein Rollo macht dich froh‑oh« anpriesen. Ein Riesenerfolg für unsere Deutschnote – und für unsere Freundschaft. Während ich noch in nostalgischen Gedanken schwelgte, ging die Tür auf. Der Filzvorhang, der die Kälte draußen hielt, öffnete sich und herein trat Ex‑Rollo‑Filmstar Em.

Plötzlich wurde mir bewusst, wie sehr ich mich gedanklich in den letzten Wochen um mich selbst gedreht hatte. Meine beste Freundin sah fantastisch aus, besser denn je. Von Birnenform und Mama-Zweckkleidung war nichts mehr zu sehen. Ganz im Gegenteil. Sie konnte glatt als Model durchgehen, eine moderne Brigitte Bardot. Große blaue Augen, voller sinnlicher Mund, das Ganze eingerahmt von ihren langen, welligen blonden Haaren. Obwohl es albern war, spürte ich einen kleinen Stich Eifersucht, als ich bemerkte, wie schwer es „meinem“ Bartender fiel, seine Augen von meiner Freundin nehmen. Em sah sich suchend um, schaute dabei aber in die falsche Richtung. Ich erinnerte mich an die Brauhausstrategie von dem Fördervereinsvorsitzenden und winkte meiner Freundin stehend zu. Die ganze Kneipe starrte mich an. Alle bis auf Em. Okay, es führte kein Weg daran vorbei. Ich fügte noch eine Tonspur dazu.

„Hi Em. Hier bin ich“. Endlich sah sie mich.

„Oh, du bist ja schon da. Wartest du schon lange?“

„Nicht wirklich.“ Der Bartender kam grinsend an unseren Tisch und sah Em fragend an. Ich trank noch ein Glas Rotwein, sie nahm eine Cola light. „Sorry, Lenny wollte mich nicht gehen lassen, als ich ihn zum Übernachten bei seinem besten Freund Niklas abgesetzt habe.“ Sie hängte ihre Daunenjacke über die Stuhllehne. Die Cola kam. Em nahm schnelle, kleine Schlucke.

„Aber jetzt genieße ich es, dass wir mal etwas Zeit nur für uns haben. Wie geht’s dir?“

„Ein wenig besüppelt, müde, nostalgisch, verletzt und jetzt freue ich mich auf die zwei freien Wochen, die vor uns liegen.“

„Kannst du auch. Für Montagvormittag habe ich schon einen Termin bei diesem neuen Frisör für dich vereinbart. Dann hast du zwei Tage frei, denn ich muss noch arbeiten, aber danach gehen wir zusammen shoppen und kleiden dich neu ein.“

Ich lachte. „Das hört sich nicht gerade nach Urlaub an.“

„Nee, du bist hier auch nicht zu deinem Vergnügen, sondern zur Kur. Zur Selbstbewusstseins-Aufmöbelungs-Kur. Schau, was in meiner Beziehungsbibel dazu steht!“ Em kramte ein Buch aus ihrer Umhängetasche, blätterte hektisch darin herum, strich die betreffende Doppelseite glatt und präsentierte sie mir stolz. Ich schaute gar nicht hin, sondern zog das Ganze ins Lächerliche: „Mit anderen Worten: Ich bin nicht zu meinem, sondern zu deinem Vergnügen hier, Mrs Style-Coach.“

So blödelten wir noch eine Weile herum, bis wir zwei Stunden später, meinen Rucksack immer abwechselnd schulternd, durch den Schnee zu Ems möblierter Drei-Zimmer-Wohnung stapften. Ihre Überlinger Einrichtung war das Gegenteil von ihrer Hippie-Deko im Ruhrgebiet. Statt Flowerpower im Pott hieß es jetzt eher Puppenhausstil made in Süddeutschland. In der Küche etwa gab es einen Vorhang vor den Häkchen für Hand- und Trockentuch, in der Diele hölzerne, mit Wolle umhäkelte Garderobenbügel, im Wohnzimmer viel dunkles Holz und Polsterkissen mit Blümchenbezügen. Doch trotz oder gerade wegen all dieser Spießigkeit, dem Geschmack von Heimat und Familie, schlief ich in der Nacht auf dem Ausziehsofa meiner Freundin besser als in all den letzten Bochumer Nächten zusammengenommen. Okay, okay, der Rotwein war daran vermutlich auch nicht ganz unschuldig.

Am nächsten Morgen frühstückten Em und ich ausgiebig. Sie schwärmte mir von Erik vor, der jedoch, so ein Zufall aber auch, leider über die Feiertage zu seinen Eltern nach Stuttgart fahren würde. Natürlich ohne sie, ohne Lenny. Mir wurde ganz schlecht, als mir Em Feuer und Flamme von diesem selbstverliebten Hallodri erzählte. Einen kleinen Sohn zu haben, so überlegte ich mir geistesabwesend, machte Emilys Suche nach Mr Right sicherlich auch nicht gerade einfacher. Es war einfach ungerecht. Auf der einen Seite gab es Frauen wie mich, denen keiner gut genug war, auf der anderen Seite Frauen wie Em, die immer Angst hatten, irgendetwas zu verpassen. Beides war nicht wirklich gesund. Eine Kreuzung zwischen uns ergäbe wahrscheinlich die unwiderstehliche Superfrau!

Wie angedroht schleppte Em mich am Montag zu dem angesagtesten Frisör in Überlingen. Ich musste schon lachen, als sich Ems großspurige Ankündigung eines „Top-Hot-Spots“ als ein kleines, üseliges Lokal mit jeder Menge Plastikblumen und der unglaublichen Menge von zwei Waschbecken entpuppte. In Berlin hatte ich mir einmal am Ku‘damm in einem dreistöckigen Beauty Parlour die Haare für einen dreistelligen Betrag machen lassen. Auf Philips Kosten, schließlich hatte er darauf bestanden, dass ich meine kastanienbraunen Haare hellblond umfärbte. „Die leuchten dann wie ein Weizenfeld im Wind“, hatte er damals noch außergewöhnlich poetisch geschwärmt. Ich hätte ihm niemals nachgeben sollen, denn die Farbe stand mir überhaupt nicht. Und dann das Zupfen und Bleichen der Augenbrauen. Das tat scheißweh! Nach der exquisiten Prozedur hatte ich Augen wie ein Albinoferkel. Selbstredend wies Philip alle Schuld weit von sich. Auf einmal hatte er mit dem „Weiberkram“ nichts mehr am Hut.

„Em, aber ich lasse keinen an meine Augenbrauen ran!“, baute ich vorsichtshalber einem ähnlichen Katastrophenszenario vor.

„Natürlich nicht, lass mich nur machen.“ Doch dieses in Krankenschwestermanier vorgebrachte Statement verfehlte seine beruhigende Wirkung. Ich schloss die Augen, dachte an Philip und verkrampfte völlig, während Marek, dem das Studio gehörte, an meinen Haaren zupfte und schnitt. Emily bellte ihm immer wieder kurze Befehle zu. „Ja, nein, länger, kürzer“. Und so erlebte ich meinen eigenen Frisörbesuch als Hörspiel in der dritten Person. Als Marek fertig mit Föhnen war und meine Ohren vor Hitze abzufallen drohten, kam der große Moment. Ich öffnete die Augen, starrte in den Spiegel.

Die Wahrheit war: Ich erkannte die fremde Frau im ovalen Glas vor mir nicht wieder. „Ich sehe toll aus!“, musste ich zugeben. Das mit dem Glätteeisen bearbeitete schulterlange Haar betonte die Kontur meiner Wangen ausgesprochen vorteilhaft. Mein widerspenstiger Pony war, O-Ton Marek: „beruhigt“, oder anders gesagt: entgegen der natürlichen Lage meiner Wirbel mit viel Gel niedergedrückt worden.

„Sag ich doch! Marek ist ein Künstler!“, triumphierte Em beim Hinausgehen so stolz, als hätte sie das Werk selbst vollbracht. Ich ließ ihr die Freude, dachte aber insgeheim, dass das wieder einmal eine der typischen Täuschfrisuren war. Eine Pseudofrisur, die man, wenn man wie ich mit zwei linken Händen auf die Welt gekommen war, niemals allein hinbekam und die für alle feinmotorisch Begabten einen mindestens einstündigen Arbeitseinsatz im Badezimmer bedeutete. Vor dem Frühstück, versteht sich. Egal, die Heldentat war vollbracht. Frisörbesuch erledigt, Em zufriedengestellt. Ich begleitete meine Freundin noch zu ihrer „Boutique“, wie sie den besseren Souvenirladen in Münsternähe schönfärberisch nannte. Beim Abschiedskuss versprach ich ihr, Len um vier von der Kita abzuholen und später abends für uns alle zu kochen. In der Zwischenzeit wollte ich die Zeit für mich genießen, um mich von den Strapazen der Verschönerungsaktion zu erholen. Da hieß es schnell entspannen, denn ein Blick auf die Rathausuhr zeigte mir, dass die Zeiger schon auf kurz nach drei standen.

Um dreiviertel vier war es soweit. Ich machte mich auf den Weg zur Kita, zu Lennys Mäusegruppe. Eine Freundin von Em hatte ihr kurzfristig diesen Kindergartenplatz beschafft. Das Abholen erwies sich als unerwartet langwierig. Beim Hinbringen wollte Len seine Ma nicht gehen lassen, doch jetzt war es umgekehrt. Nun wollte Len sich auf gar keinen Fall von seinen Freunden trennen. In der Kita hatte der Kleine sich mal wieder total zugematscht. Unauffällig hatte ich die beiden fest zugeschnürten grauen Müllbeutel mit Pippiwäsche auf sein Fach gestellt. Seit Lennys drittem Geburtstag vor ein paar Wochen versuchte Em, ihn trocken zu kriegen. Ein mühsames Unterfangen sei das, hatte Em mir gebeichtet, ein buchstäbliches Fass ohne Boden: Die Waschmaschine im Keller stünde nicht mehr still.

Bei Edeka kaufte ich so schnell, wie das mit einem Kleinkind möglich war, ein. „Mehr zu trinken!“, forderte Lenny, als ich gerade bezahlen wollte. Um Konflikten aus dem Weg zu gehen, stellte ich noch schnell einen Sechserpack Apfelsaftschorle aufs Fließband. Mann, Len war wirklich ein durstiges Kind! Auf dem Rückweg hatte er schon fast eine der Flaschen geleert. Der Junge hatte einen ganz schönen Zug!

Erstaunlich, wie aufwendig die alltägliche Logistik mit einem Kleinkind war. Es dauerte Ewigkeiten, bis ich die Zutaten für die Pizza in den Kühlschrank räumen konnte. Merkwürdig, immer, wenn ich die Tür öffnete, nahm ich eine strenge Geruchsnote wahr. Nein, keine schlecht gewordenen Lebensmittel, eher Bahnhofsklo. Ich zwang mich, mich systematisch im Inneren des Kühlschranks auf die Suche zu machen. Und bingo, als ich das Gemüsefach öffnete, fand ich die Ursache für das Kloakeparfüm: Ein Pipischlüpfer von Lenny. Als ich Emily diskret von meiner Entdeckung erzählte, lachte sie nur kurz auf und machte mir ein Zeichen, das heikle Thema erst später zu vertiefen.

Ich brachte Len ins Bett und las ihm die Geschichte vom „Egoistischen Riesen“ vor. Er kuschelte seinen kleinen, warmen Körper an mich, legte sein Köpfchen an meine Schulter und war mir auf einmal so nah, dass ich beim Vorlesen den Pfefferminzduft seiner Zahnpasta roch. Für einen kurzen Moment überkam mich der brennende Wunsch, sofort selbst ein Baby zu bekommen. Doch als ich Em im Wohnzimmer nebenan lautstark gähnen hörte, löste sich mein Verlangen schnell wieder in Luft auf. Kein Wunder: Meine Zeit in Überlingen führte mir eindrucksvoll vor Augen, wie anstrengend der Alltag mit einem Kind war. Ich las noch ein wenig weiter, bis ich Len tief und regelmäßig atmen hörte. Ich streichelte ihm über sein Gesicht und schlich leise aus seinem Kinderzimmer.

Im Wohnzimmer wartete Em schon mit einem Absacker auf mich. Sie brannte darauf, mir die ganze Wahrheit über die Pipihöschen meines Patensohns mitzuteilen. „Es ist nämlich so“, setzte sie an und trank einen Schluck Glühwein. „Manchmal verhält sich Lenny wie ein kleines Hündchen.“

„Klar, Idefix ist sein Idol“, feixte ich, während ich mir eine Handvoll Erdnüsse aus dem Schälchen vor mir nahm.

„Genauso ist es. Mein Sohn markiert sein Revier, sprich unsere Wohnung, mit seinen Pipihöschen. So kommt es mir zumindest vor.“ Em piddelte das Wachs von der Adventskranzkerze ab. „Also, er schafft es nicht trocken zu werden und versteckt dann die nassen Micky‑Mouse‑Schlüpfer mit plötzlich aufkommender Scham hinter Schränken, Tischen oder Regalbrettern, wo sie wochenlang im Geheimen vor sich hin modern. Gestern hat er seine pipifeuchten Höschen direkt in den Abfalleimer statt in den Wäschekorb geworfen. Das ist auch nicht wirklich besser!“

Ich beobachtete meine Freundin. Mir war schon klar, warum sie das Thema so langatmig vor mir ausbreitete. Sie wollte mich von meinem Katzenjammer ablenken. Wobei, was hieß schon Katzenjammer? Meine Sorge, in Zukunft unfreiwillig Single zu bleiben, war durchaus begründet. Mal ernsthaft: Wie hoch standen die Chancen, dass ich demnächst wieder liiert sein würde? Sagte die Statistik nicht, dass eine Frau über Dreißig eher von einem Auto überfahren wurde, als dass sie zufällig einem attraktiven Mann begegnete? Und ich war bald vierzig. Klar, es gab Frauen, denen sah man das Alter nicht an. Iris Berben war so eine oder auch diese Hippie-Ikone Uschi Obermaier. Em gehörte in dieselbe Kategorie. Sie würde immer attraktiv aussehen. Und dann noch ihre melodramatische Art: Männer standen durchaus auf Drama und Diven-Allüren, aber nur, wenn man wie Em lange blonde Haare hatte und Barbie-Proportionen sein Eigen nennen konnte. Aber rucksacktragende, zweite Klasse fahrende zurückhaltende Französinnen, die bei Stress so knittrig, mausartig aussahen, dass sie Stunden brauchten, um „das Beste aus ihrem Typ zu machen“, konnten sich das nicht leisten. Frauen wie ich hatten in dem Spiel deutlich schlechtere Chancen. Und bei auf Geschäftsbeziehungen und Außenwirkung bedachten Arschlöchern wie Philip schon gar keine.

Em bemerkte meinen Stimmungswechsel. „Na, bist du in Gedanken wieder bei deinem Lieblingsthema?“ Sie wartete meine Antwort erst gar nicht ab. „Und apropos Sitzen-gelassen-Werden. Auf dem Hintern sitzen bleiben und auf das Telefon starren, in der Hoffnung, dass sich Deutschlands zukünftiger Bundeskanzler doch noch an seine kleine Kohlefee erinnert, hilft dir nicht weiter. Wie ich dich kenne, hast du ihm schon drei Liebesbriefe geschrieben und fünfmal versucht, ihn telefonisch zu erreichen, um ihn anzuflehen, dich bitte …“ Sie gab ihrer Stimme einen larmoyanten Unterton: „bitte, bitte wieder zurückzunehmen.“

„Unsinn“, wehrte ich ihren Vorwurf erbost ab, beschloss dann aber, ihr lieber doch nichts von meinen Gesprächen mit der Sekretärin und meinen Interpretationen seines Vielleichts auf dem Anrufbeantworter verlauten zu lassen.

„Bea, du solltest echt aus den Puschen kommen, aktiv werden und dich wieder in der Szene blicken lassen.“

„Du bist mir viel zu schnell, Em. Hab Mitleid mit mir! Es ist noch nicht einmal einen Monat her, dass …“

„Kontaktsperre“, unterbrach mich meine Freundin ohne auf meinen Einspruch einzugehen. „Du hast ihn hoffentlich von deiner Facebook-Seite geworfen und seine Nummer gelöscht. Zum Glück wohnt er wenigstens in einer anderen Stadt.“ Hatte ich nicht und würde ich auch nicht. Sollte sie das doch mit ihren eigenen Verflossenen so handhaben. Ich versuchte Ems nett gemeinten, aber gedankenlosen Aktionismus zu stoppen.

„Ich glaube, es lag an der Entfernung zwischen unseren Wohnorten. Irgendwo zwischen Bochum und Berlin ist unsere Liebe verloren gegangen.“

Em wollte mir widersprechen, ich sah es ihr an, aber dann ließ sie mich einfach weiterreden und schenkte uns noch einen weiteren Becher duftenden Glühwein nach. Es fühlte sich wundervoll an, sich an der Tasse die Hände zu wärmen. Ich lehnte mich entspannt zurück und merkte, wie mir die Prozente die Zunge lösten.

„Das Ganze war manchmal so surreal. Letztens hat mir Philip einen zweiseitigen, tiefsinnigen und liebevollen Brief geschrieben. Ich bekam ihn an einem Samstagmorgen, wir frühstückten gerade und schwiegen uns an. Philip hatte schlechte Laune, er ist eh ein Morgenmuffel, und ließ die an mir aus. Während er die WAZ las, riss ich seinen Brief auf. Das war so verrückt. Er saß neben mir und mauerte, so dass ich keinen Zugang zu ihm fand, aber in dem Brief war er mir gleichzeitig so nah, so vertraut.“ Ich spürte, wie meine Augen schon wieder feucht wurden.

„Ich weiß nicht“, Em schüttelte melodramatisch den Kopf. „Eigentlich fand ich Philip anfangs wie gemacht für dich. Ihr wart so ein schönes Paar. Du weißt schon, deine Mutter wäre begeistert gewesen. Der perfekte Schwiegersohn, der ihrer Kleinen einen sicheren Hafen bieten kann. Vielleicht hätte Lenny einen kleinen süßen Schwesterersatz zum Spielen bekommen. So habe ich damals gedacht. Doch allmählich sehe ich das anders. Je mehr ich darüber nachdenke, kommt es mir so vor, als habe Philip dich, deine Arbeit und eure gemeinsame Zukunftsplanung gar nicht richtig ernst genommen.“

Dass sie von meiner Mutter gesprochen hatte, trieb mir ein Messer zwischen die Rippen. Noch immer tat es höllisch weh, wenn sie jemand ohne Vorankündigung erwähnte. Sie traf da einen Nerv, das spürte ich, sie hatte recht mit dem, was sie sagte. Im Grunde genommen war Philip wie meine Mutter. Beide lebten nach dem Leitsatz. „Das Leben ist ein Kampf: Siege!“ Philip war vielleicht nicht unbedingt der selbstverliebte Spießer, als den Em ihn jetzt auf einmal darstellte, aber eigentlich hatten wir uns beide benutzt. Wie Em angedeutet hatte, wollte ich ganz in der Tradition meiner Mutter einen starken Mann, der mir Sicherheit bot. Und für Philip war ich die vorzeigbare Frau an seiner Seite, die seinen professionellen Ambitionen zugutekam. Unterm Strich hatte ich mich aber als too plebeian für ihn erwiesen, sodass er mich wie einen lästigen Krümel auf seinem Jackett abgewischt hat. Was für ein Chauvi! Und die Fantasie eines Töchterchens, die mir Em in den Kopf gesetzt hatte, hellte meine Stimmung auch nicht gerade auf. Im Gegenteil ... der Gedanke an Kinder verursachte mir Kopfschmerzen. Ich konnte es mir nicht wirklich vorstellen wie Em jeden Tag, jede Minute einem Kind zu widmen. Ich war mir nicht sicher, ob das mein Weg war. Aber ich wollte auch nicht länger darüber nachdenken, was sollte das auch? Es war ja nicht gerade so, dass mögliche Väter und Ehemänner vor der Tür Schlange standen … Das Thema war rein akademisch. Erschöpft von meinen Grübeleien schlug ich Em vor, den Abend zu beenden.

„Ich denke, wir sollten mal die Wohnzimmercouch ausziehen. Ich fühle mich erschossen nach dem langen Tag, dem guten Essen und der vielen gesunden Seeluft.“

Ich erhob mich ruckartig und mir wurde sofort schwindelig. Em lachte. Sie warf mir ein Sofakissen an den Kopf, das ich kaum noch zu fangen vermochte. Der Alkohol hatte meinem Körper schlimmer als erwartet zugesetzt.

„Dein Handtuch liegt neben dem Waschbecken. Und morgen schminke ich dich. Es ist wichtig, dass du dich stark und selbstbewusst fühlst. So berappelst du dich am schnellsten wieder.“

Berappeln? Ich hatte Kopfschmerzen, mein Magen fühlte sich komisch an, ich hatte mich noch nicht entschieden, ob ich weinen oder um mich schlagen sollte und, Himmel, das Bauchgegrummel wurde immer schlimmer. Vielleicht sollte ich mich einfach im Bodensee ertränken.

„Em, Hilfe, ich glaube ich muss … Mir ist ganz schlecht …“

„Hand vor’n Mund!“ Em sprang auf und legte ihren Arm um meine Schultern. Effizient bugsierte sie mich auf dem kürzesten Weg zum Klo. Ich kniete mich nieder, sie konnte gerade noch den Deckel öffnen, als es auch schon losging.

Die Zeit im Bad kam mir unendlich lang und ich mir unendlich schwach und hilfsbedürftig vor. Em tröstete mich, gab mir Halt und putzte, ohne Aufheben darum zu machen, hinter mir her: „Hier eine Zahnbürste mit Zahnpasta gegen den fiesen Geschmack im Mund.“

Als ich die unappetitliche Angelegenheit hinter mich gebracht hatte, begleitete sie mich zurück zum Wohnzimmer. Ich zog mich bis auf Slip und T-Shirt aus, weitere Verrenkungen wollte ich meinem ermatteten Körper nicht mehr zumuten, und ließ mich auf die Couch plumpsen. Em deckte mich zu. Ich hörte nicht einmal mehr, wie sie die Tür hinter sich schloss.

Am nächsten Morgen konnten wir uns alle ausschlafen, denn Lennys Kita blieb während der Weihnachtsferien geschlossen. Außer man gehörte zu äußersten Notfallausnahmefällen und trug sich mit schlechtem Gewissen auf eine Extrabetreuungswunschliste ein. Das durfte man aber nur, erklärte mir Em, wenn man wirklich gewichtige Gründe für eine Ferienbetreuung vorzuweisen hatte: Den Ausbruch des dritten Weltkrieges, die eigene Beerdigung oder etwas ähnlich Dramatisches. Und so hielt Len uns in den nächsten Tagen auf Trab. Zum Glück schlief er morgens lang und wurde abends früh ins Bett gebracht. Diese Randzeiten des Tages standen somit für uns Freundinnen zur freien Verfügung. Nun ja, zur mehr oder weniger freien Verfügung. Morgens zwang Em mir ihr „Beauty-Management“ auf. Ihrer Strategie nach würde eine freche neue Optik ein Push-Up für mein angeschlagenes Selbstbewusstsein garantieren. Ich selbst hatte mich noch nicht wirklich an meine neue Frisur gewöhnt. Meine zaghafte Anfrage, ob denn dieses morgendliche Glätteisengestriegel nicht meine Haare zerstören würde, tat sie lässig ab. „Ach, Quatsch. Vielleicht früher, zu Zeiten unserer Großeltern, aber heutzutage doch nicht mehr. Aber wenn du willst, dann besorge ich dir eine Haarkur.“

Und so kam es, dass Lenny den Heiligabend mit den beiden aufgetakeltsten Miezen der Stadt verbrachte. Ihm war das ziemlich egal, Hauptsache es gab Nudeln mit Tomatensoße. Auch sein Interesse an den Weihnachtsgeschenken unter dem Nadelbaum im Blumentopf hielt sich in engen Grenzen. Das Geschenkpapier selbst jedoch machte ihn glücklich. Er gluckste regelrecht vor Freude, als er es zerriss und eifrig mit ihm raschelte.

„Toll“, strahlte er uns an und war bis auf weiteres unter dem Esstisch verschwunden.

„Zu beneiden, mit so wenig so zufrieden zu sein“, seufzte ich.

„Ich wünschte, mir würde das auch gelingen“, stimmte Em mir zu.

„Okay, jetzt bist du dran. Kotz dich aus!“ Dann bemerkte ich die Doppeldeutigkeit meiner Aufforderung. „Nein, das meine ich natürlich nicht wörtlich.“

„Schon gut, ist schon richtig angekommen“, beruhigte mich Em. „Also, eigentlich läuft es ganz okay mit Len und mir. Aber mir graut schon vor dem Tag, an dem er nach seinem Vater fragt. Was soll ich nur sagen?“

Dass sie von sich aus das Thema ansprach, war ein großer Vertrauensbeweis. Normalerweise war ihr rasanter Männerverschleiß genauso tabu wie ihre „dysfunktionale Kindheit“, wie Emily ihre Erfahrungen als ungeliebtes Adoptivkind pseudowissenschaftlich-distanziert zusammenfasste.

„Vielleicht findest du bis dahin ja einen netten Ersatzvater“, schlug ich optimistisch vor. Selbst in meinen Ohren klang es falsch. Dafür war Em zu sehr auf amouröse Selbstsabotage geeicht.

„Nicht wirklich wahrscheinlich“, sagte Em ruhig. „Als Single Mom trifft man viele Menschen. Auf dem Spielplatz, in der Kita und bei der Arbeit.“ Ich sah sie erwartungsvoll an. „Doch die sind fast ausschließlich Träger des Doppel-X-Chromosoms.“

Ich musste lachen. „Und Erik?“

Em dachte einen Moment lang nach. „Manchmal gibt es zwei Möglichkeiten im Leben: die leichte und die ehrliche. Erik ist erstere.“

„Hört sich so an, als stünde bereits ein Verfallsdatum auf seiner Stirn.“

„Vielleicht. Aber als alleinerziehende Mutter darf man nicht zu wählerisch sein. Du hast ja am eigenen Leib erfahren, wie schnell Männer Reißaus nehmen, wenn sie die zwei Ekelwörter, die mit „F“ und „K“ anfangen, hören.“

„Du meinst Fisch und Kartoffeln“, witzelte ich.

„Vielleicht bei euch da oben im hohen Norden“, konterte sie schlagfertig. „Bei uns steht es für Familie und Kinder.“

„Leider wahr“, stimmte ich ihr zu.

„Also, falls das mit Erik nicht klappen sollte, habe ich mir überlegt, es mit einem Paradigmenwechsel zu versuchen.“

„Paradigmenwechsel? Sprich kein Klingonisch mit mir!“

„Du weißt schon, mit einem anderen Männertyp. Besonnen, belastbar, respektvoll. Jemand, der mir guttut. Jemanden, den ich auch mal offiziell Lenny vorstellen könnte.“

„Hört sich vielversprechend an“, gab ich zu.

„Aber leider auch verdammt unsexy, oder?“

„Och, das will ich gar nicht mal sagen. Ein Gentleman kann durchaus erotisch sein, nur halt etwas …“ Wie sollte ich es Em sagen, ohne, dass sie sich auf den Schlips getreten fühlte? „Ähm …etwas subtiler vielleicht.“ Vor meinem inneren Auge tauchte Erik im Muskel-Shirt auf.

„Ach, Béatrice. Ich weiß selbst, dass mir der Kerl nicht guttut. Nach dem Unfall mit Len ist mein Leben aus dem Ruder gelaufen. Nein, Unfall hört sich so negativ an. Ich meine, Lenny ist das Schönste, was mir passiert ist. Du weißt schon, was ich sagen will.“

Wusste ich das tatsächlich? Theoretisch vielleicht. Plötzlich fiel mir die Szene mit der Gutenachtgeschichte ein. Doch eigentlich fand ich den Alltag mit einem Kleinkind eher anstrengend als beglückend. Vielleicht lag es daran, dass es nicht meins war. Oder ich war tatsächlich zu alt für die Familienphase.

„Was mich an Erik fasziniert, ist seine Lebensfreude. Mit ihm ist das Leben einfach. Einfach und gleichzeitig so intensiv.“ Em machte eine Pause, vermied den Blickkontakt. „Weißt du“, fuhr sie fort. „Für Erik gibt es keine Grenzen. Hört sich erst einmal gut an. Das ist es auch, aber nur für ihn. Sein Drang nach Freiheit, inklusive Fremdgehen, geht nämlich auf meine Kosten. Er nimmt alles, was er kriegen kann, Hauptsache es vergrößert sein, wie er es nennt, Weltwissen.“

Emily saß kerzengerade dem Sofa. Oh Mann, das hörte sich noch schlimmer als befürchtet an. „Ich würde mit Erik ja zusammenbleiben wollen. Wenn er erwachsen werden würde, seine Kindergarten-Egozentrik ablegen und Verantwortung für sein Tun übernehmen würde.“ Gierig leerte Em eine weiteren Schale Milchkaffee.

„Ui, das sind aber ziemlich viele Würdes!“

„Wenn er doch nur das Leben planen würde, nicht alles dem Zufall überließe. Aber dann wäre er nicht mehr Erik. Mit anderen Worten: Ich muss das Paradigma wechseln, mich für andere Männer interessieren. Ja, so spießig, so langweilig.“

Als hätte sie mir bereits zu viel verraten, stand Em auf und räumte mit lautem Getöse unser Frühstücksgeschirr in die Spülmaschine. Das war Em durch und durch, immer intensiv, immer mit voller Kraft voraus. Sie liebte Extreme und konnte vermutlich auch gar nicht anders. Und dafür liebte ich sie, gerade auch, weil mir diese Wesensart fremd war.

„So, meine Liebe, weiter geht’s. Jetzt mache ich dir die Haare und schminke dich und danach gehen wir shoppen.“ Plötzlich bekam ich Mitleid mit Erik. Versuchte Em ihn auch so zu optimieren, wie sie es mit mir tat?

„Jetzt stillhalten.“ Nachdem sie mir ein aufdringlich duftendes Gel ins Haar einmassiert hatte, zeichnete sie mir mit einer bewundernswert ruhigen Hand einen Lidstrich. Stolz begutachtete sie das Ergebnis.

„Sehr schön. Orientalisch steht dir. Okay, und jetzt auf in die Boutiquen. Welche Kleidergröße trägst du? 38?“

„Keine Ahnung. Bin nicht zum Essen gekommen, viel Stress bei der Arbeit. Und überhaupt wenig Appetit“, verteidigte ich mich.

„Ich glaube, du bist die einzige Frau, die ich kenne, die in der Zeit vor Weihnachten ab- statt zunimmt. Im Ernst, du bist zu beneiden. Du hast eine tolle Figur.“

„Danke“, sagte ich höflich. Ich selber fand, dass mir das nicht gut stand. Seitdem mein Gewicht in den Keller gerutscht war, sah ich hager aus. Hager und verhärmt.

Es war fast unmöglich, Em in ihrem Kaufrausch zu bremsen. Ich bat sie, mit den preiswerten Kaufhäusern vorlieb zu nehmen, musste ihr aber recht geben, dass dort für eine Frau in unserem Alter nichts zu holen war. Das Angebot war auf zupackende Einheimische ausgerichtet, die sich beim Feuerwehrball auch einmal einen gewagten blauen Blazer mit goldenen Knöpfen überwarfen. Nichts, was uns Großstadtfrauen vom Hocker haute. Dann gab es noch eine überteuerte Abteilung für den reiferen Kurgast. Frustriert drängte ich Em in den Fahrstuhl und fuhr mit ihr in die Teenie-Etage in den Keller. Sie sagte nichts, musste sie auch nicht. Bauchfreie Tops von so hoher Qualität, dass sie nicht gewaschen werden mussten, sondern nach einmaligen Tragen à la Lenny direkt im Mülleimer landeten. Mir drehte sich der Magen um, wenn ich dran dachte, dass die Dumpingpreise durch unmenschliche Fertigungsbedingungen teuer erkauft waren. In die Skinny Jeans im Used Look musste ich mich erst gar nicht zwängen, die sahen nur bei Mädels mit vorpubertärer Knabenfigur gut aus. Em sah mich spöttisch an. Ihre erhobene Augenbraue fragte mich ironisch: „Na, fündig geworden?“ Ich deutete ein Kopfschütteln an und gab auf. „Los, zeig mir die hottesten Fashion Spots dieser sagenhaft fancy Stadt am Bodensee!“ Doch Em ließ sich nicht provozieren. Stattdessen gab sie mir eine Nachhilfestunde in Psychologie.

„Es ist wichtig, die Opferrolle zu verlassen“, betonte sie. „Auf gar keinen Fall darfst du Philip hinterherlaufen. Jetzt geht es darum, deine Attraktivität zu steigern, ihm die kalte Schulter zu zeigen, den Kopf hoch zu tragen.“ Und schon schob sie mich in die erste Boutique. Um diesem unwürdigen An- und Ausziehen bei gnadenlosem Neonlicht ein schnelles Ende zu setzen und auch aus einem diffusen Gefühl moralischer Verpflichtung heraus, ließ ich mich zu dem Kauf von drei elendig teuren, aber überaus angesagten Kombinationen breitschlagen. Als ich mit zwei fetten, angeblich umweltfreundlichen Tüten den Modeschuppen wieder verließ, hatte ich so viel Geld zum Fenster hinausgeworfen, dass mein Dispokredit angewachsen war wie ein Schwein vor dem Schlachtfest.

So stressig auch Ems unsägliche Versuche, mein Liebesleben wieder auf Vordermann zu bringen, waren, so unerwartet entspannt verbrachten wir Silvester. Statt groß einen auf Party, Feuerwerk und Neujahrsvorsätze zu machen, hingen wir gemütlich ab. Wir spielten mit Len und zogen uns dann zwei trübsinnige finnische Videos rein. In einem schneite es durchgehend und am Ende beging der Held Selbstmord, das andere war eine Art bizarres Roadmovie über einen Desperado, der sich auf die Suche nach einem Elch machte, so ganz habe ich die Handlung nicht begriffen. Aber darum ging es auch gar nicht. Es ging darum, dass Em und ich mit einer Synthetikwolldecke auf ihrem durchgesessenen Ausziehsofa saßen, Lenny auf der Spieldecke neben uns schnarchte, wir abwechselnd Chips und Nachos aßen und immer wieder neue Rotweinflaschen aus der Speisekammer holten. Eine Stunde vor Mitternacht brieten wir uns ein Spiegelei und dann schliefen wir vor der Glotze ein. Irgendwie waren wir ins Neue Jahr hinübergerutscht: Einfach so, ohne Feuerwerk, ohne Böller und vor allem ohne zu erfahren, ob der Cowboy aus Helsinki seinen Elch oder was auch immer gefunden hatte.

Kapitel fünf: Magical Mystery Tour

Das Problem: Wo finde ich ihn?

Don`t: Dich zu schnell auf Fremde einlassen! Das Risiko ist zu hoch, dass du auf einen groben Klotz triffst, oder noch schlimmer, auf einen gefährlichen Irren.

Do: Die meisten Paare lernen sich in gewohnter Umgebung kennen: Am Arbeitsplatz, im Freundeskreis oder durch sorgfältig gematchte Profile auf einer seriösen Datingplattform im Internet.

(Mehr dazu im ultimativen Beziehungsguide: So optimierst du dein Liebesleben, 17,50 Euro)

Als ich am ersten Januar von Überlingen nach Bochum zurückfuhr, ging es mir schon viel besser. Ich litt zwar immer noch ein wenig an gebrochenem Herzen, aber irgendwie hatte der Abstand, die Gespräche und Ems Fürsorge meinen Liebeskummer gelindert, meine emotionalen Akkus wieder aufgeladen. Leider konnte es Em sich nicht verkneifen, mir am überfüllten Bahnsteig kurz vor der Abfahrt noch ihre Beziehungsbibel mit dem peinlichen Titel „So optimierst du dein Liebesleben“ in die Hand zu drücken. Mir fielen auf Anhieb viel bessere Alternativtitel ein: „Liebe nach Schablone“, „Liebe für angepasste Idiotinnen“ oder „Liebe zum Verramschen“. Bevor ich etwas sagen konnte, fuhr mein Zug ein.

Apropos zum Verramschen, ich verfluchte mich, dass ich zu geizig gewesen war, einen Sitzplatz zu reservieren. War doch klar, dass die Schwarzwaldbahn nach Karlsruhe nach den Feiertagen völlig überfüllt sein würde. Ich atmete tief durch und drängte mich stoisch zur nächsten Zugtür durch. Eine Wand abgestandener Luft empfing mich, die Reisenden begannen sich bereits zu stapeln. „Aua“, entfuhr es mir, als mir ein zielbewusster Drängler auf der Pirsch nach einem Sitzplatz seinen Rollkoffer in die Waden rammte. „Entschuldigen Sie bitte“, sagte er und verpasste mir dabei mit seinem rechten Ellbogen noch einen weiteren Stoß Richtung Magen, während er sich weiter ins Zuginnere durchkämpfte.

Als der Zug ruckartig anfuhr und uns Stehende gegeneinander fallen ließ, wurde mir bewusst, dass ich die Letzte war, die sich in das Abteil hineingequetscht hatte. Adieu Sitzplätze. Halt, dort hinten gab es auf einer Viererbank noch einen Platz, der war allerdings schon von Gepäckstücken zweckentfremdet worden. Leider fehlte mir die Kraft, den aggressiv blickenden Besitzer um eine Räumungsaktion zu bitten. Die einzige Alternative, die ich erspähte, war ein Platz auf einer Treppe, die in die erste Klasse hinaufführte. Die obere Stufe war besetzt, aber die untere noch frei. Toll, dort, zu Füßen eines langhaarigen Studenten, würde ich also die nächsten Stunden verbringen müssen. Reizende Aussichten! In diesem Moment bemerkte ich ein Flackern in den Augen des Wadenremplers. Er schaute in dieselbe Richtung, ich sah ihm an, dass er meinen Platz stehlen wollte. Entschlossen hielt ich mit meinem Rucksack so schnell ich konnte auf den Langhaarigen zu.

„Sorry, ist hier noch frei?“, sprach ich ihn an und zeigte auf das schmierige Resopal unter ihm. Der Student reagierte nicht. Ich wollte gerade trotzig die Stufe okkupieren, als mein Gesprächspartner Lebenszeichen zeigte. Er stellte seinen iPod auf Pause und nahm die Ohrstöpsel heraus. Dabei musterte er mich kritisch. Ihm schien zu gefallen, was er sah, denn er schenkte mir ein angenehm offenes Lächeln: „Bitte nehmen Sie doch Platz!“ Von Nahem sah er wesentlich älter als vermutet aus. Mindestens Post Graduate. Ich korrigierte meine Alterseinschätzung nach oben. Normalerweise hatte ich mit solchen Typen nicht viel zu tun. Als ich noch angestrengt überlegte, ob ich ihn siezen sollte, bemerkte ich, dass ich mir darüber keine Gedanken mehr zu machen brauchte. Der Dunkelhaarige war erneut im Spotify-Universum abgetaucht war. Ich machte es mir so bequem wie möglich, indem ich meinen Rucksack als improvisiertes Kopfkissen in meinen Nacken drückte und mich mit der linken Schulter an die Außenwand lehnte. Wenn Phil mich jetzt sehen könnte! „Bei allem Respekt, wie kannst du nur mit einem lächerlichen Rucksack auf dreckigen Treppenstufen sitzen?“ Doch ich fand das nicht so schlimm. Von meinem sicheren Posten schaute ich mich im Großraumabteil um. Aus dem Augenwinkel konnte ich dabei noch schadenfroh wahrnehmen, wie der Rollkoffer-Rambo frustriert ins nächste Abteil von dannen zog.

In meinem Bemühen mich von der unbequemen Fahrt, die noch vor mir lag, abzulenken, fiel mein Blick auf den unsympathischen Mann, der mit seinen beiden Kindern samt Gepäck einen Viererplatz okkupiert hielt. Der Fiesling zog gerade mit grimmiger Miene eine Zeitschrift aus der Vordertasche seines Koffers. Ihm gegenüber saßen seine zwei Jungs und gaben sich voller Begeisterung ihren Spielkonsolen hin. Ich schloss die Augen und versuchte mich zu entspannen. Als ich die Augen wieder aufschlug, hatte der Vater sein Magazin gegen ein rotes Schweizer Taschenmesser ausgetauscht und pulte in aller Seelenruhe die schwarzen Ränder unter seinen Fingernägeln hervor, betrachtete sie stolz und ließ sie dann auf den Fußboden rieseln. Ich schaute schnell woanders hin, bevor er Ansätze machte, seinem Ohrenschmalz den Garaus zu machen oder gar seine Zahnseide zu zücken.

Mittlerweile empfand ich meinen Nichtmehr-Studenten auf der Treppe über mir doch nicht mehr als die unbedingt schlechteste Sitznachbarwahl. Ich verlagerte mein Gewicht ein wenig auf die rechte Pobacke, um das Ruckeln abzufedern, drückte meine teure neue Frisur achtlos gegen die Wand und versuchte, so in Ems Ratgeber zu lesen, dass der Titel verdeckt blieb. Mann, war das unbequem! Außerdem war Ems Buch einfach grässlich, dieser auf salopp gemachte Ton machte mich regelrecht aggressiv. Die Botschaft triefte auch nicht gerade vor Originalität: Sprich nicht mit Fremden!

„Ich will aber Schokolade!“ Der Aufschrei kam aus der Richtung des Vierersitzes mit dem Vater, der auf öffentliche Körperpflege setzte. Obwohl ich die Lust der Jungs auf Zucker verstehen konnte, empörte mich das abstoßende Verhalten dieser Kleinfamilie. Ich empfand das Trio als Zumutung, doch den direkten Sitznachbarn schien ihr Verhalten nichts auszumachen. Die alte Dame direkt hinter ihnen las unbeeindruckt in ihrem Buch. Vielleicht war sie schwerhörig? Oder ihre Lektüre war einfach nur ausgesprochen fesselnd. Neugierig warf ich einen Blick auf den Titel: „Live to Tell“. Klang spannend. Mehr aus Langeweile schrieb ich die drei Worte auf meine Fahrkarte. Wer weiß, vielleicht würde ich sie später im Job einmal verbraten können. Ich wollte Fahrschein und Stift gerade wieder in die Tasche meiner Jeanshose versenken, als die wippenden Haare des Nichtmehr-Studenten meine Aufmerksamkeit auf ihn lenkten. Er schien sich ebenfalls Notizen zu machen. Ein Seelenverwandter! Ich überlegte, ob ich ihn auf seine Aufzeichnungen ansprechen sollte, als mir einfiel, dass er mich eh nicht hören konnte. Ich lauschte und vermeinte eine vertraute Melodie wahrzunehmen. Was war das? Mr Mojo risin`.

Rising, rising. Ich dachte scharf nach, doch kam weder auf den Songtitel noch auf den Namen der Band. Irgendetwas Altes. Sechziger Jahre. Classic Rock.

„Darf ich mal durch?“ Ein eleganter Herr aus der ersten Klasse sah mich erwartungsvoll an. Ich rückte etwas näher zur Wand und schaute auf die frisch polierten italienischen Lederschuhe auf der Treppenstufe neben mir. Der Zug wurde langsamer. Die teuren Treter näherten sich zielstrebig der nächsten Wagontür. Tür? Tür! Das war’s.

„Doors“, fiel mir ein. Jim Morrison. Ich grinste meinen Kompagnon an. Der entfernte seine Ohrstöpsel. „Ist was?“

„Cooler Song.“

Er schaute mich verwirrt an.

„Ach so, die Doors.“

„Was schreibst du denn da so eifrig auf?“, fragte ich ihn neugierig. Ohne groß drüber nachzudenken hatte ich ihn nun doch geduzt.

„Zeig ich dir, wenn du mir zeigst, was du auf den Fahrschein gekritzelt hast.“

Siegessicher blickte mir Mr Mojo in die Augen. Ich lachte. Konnte er haben.

„Klar, kein Problem.“ Ich streckte meine Hand in die Jeans und reichte ihm meine beschriftete Fahrkarte.

Eine Minute später hörte ich: „Ähm? Und was soll das?“

Ich ignorierte seine Frage. „Du bist dran.“

Widerwillig gab er mir sein Notizbuch. Von der Doppelseite aus grinste mich der Familienvater mit einer riesengroßen Nagelfeile in der Hand dümmlich an. Neben ihm starrten seine Kinder mit hypnotisierten Spiralaugen wie die Schlange Kaa aus dem Dschungelbuch auf ihre Konsolen.

„Wow, psychodelisch.“ Meine Stimme war ironisch, obwohl ich insgeheim zugeben musste, dass die Karikatur unerwartet gekonnt aussah. Kurz vor Karlsruhe kam Unruhe auf. Mojo stand auf. „Sorry, die Nächste muss ich raus.“ Wen wundert`s? War schließlich die Endstation. Für alle. Ich verabschiedete mich mit einem Doorszitat von ihm: „This is the end, my friend“. Doch er hörte mich schon nicht mehr. Er hatte bereits wieder seine Stöpsel in den Ohren.

Plötzlich bremste der Zug mit einem Ruck. Und dann herrschte ein unglaubliches Durcheinander: Ich rutschte von der Treppe und landete unsanft weiter unten auf meinem Hintern. Gleichzeitig sah ich, wie einige Gepäckstücke aus den Netzen fielen. Irgendwo fing ein Baby wie wild an zu brüllen. „Notbremse“ stellte jemand hinter mir in neutralem Tonfall fest. Kurz darauf ertönte knisternd eine hektisch gesprochene Durchsage.

„Meine Damen und Herren, aufgrund eines unvorhergesehenen Vorfalls sind wir gezwungen einen Nothalt auf offener Strecke durchzuführen. Bitte verlassen Sie alle den Zug. In circa einer halben Stunde wird die Fahrt voraussichtlich fortgesetzt. Befolgen Sie die Anweisungen des Zugpersonals!“

Ich hörte ein aufgeregtes Murmeln um mich herum, Vermutungen wie „Selbstmordversuch“ und „Bombendrohung“. Wenige Minuten später stand ich mit den anderen Passagieren mitten in der Botanik. Ein Schaffner, der es geschafft hatte, die aufkommende Panik durch seine ruhige Art im Keim zu ersticken, leitete uns seelenruhig über einen Trampelpfad zu einer Hochhaussiedlung. Dort gab es einen heruntergekommenen schneefreien Spielplatz, auf dem wir uns alle versammelten. Len wäre begeistert.

„Und, Lust auf ein bisschen Wippen?“

Ich blickte hoch. Mein Sitznachbar stand grinsend neben mir. Ich war mir nicht ganz sicher, ob sein Vorschlag ernst gemeint war, aber ehrlich gesagt fand ich ihn nach der Enge und der Aufregung gar nicht so übel. Der Himmel war blau, ein Hauch von Frühling im Januar. Sitzen ist bequemer als Stehen, dachte ich, und nickte. Und so schlenderten wir zu dem alten Holzgestell und wippten auf und ab. Gut, dass mich keiner der ‚Applaus‘-Kunden so sah! Die ganze Aktion hatte etwas Kafkaeskes.

„Bist du bereit für ein kleines Fragespiel?“, riss mich mein Gegenüber aus meinen Gedanken.

„Sonst lässt du mich nicht wieder runter?“, antwortete ich ohne nachzudenken. Solche Erpressungsspiele hatten mein Bruder Fred und ich früher zuhauf veranstaltet.

„Ganz genau!“, bestätigte Mojo, der sich auf seinem Sitz in eine königliche Pose warf, und die Füße auf dem Boden hielt. Mein Blick blieb an seiner rechten Hand hängen, mit der er sich elegant an dem viel zu kleinen Haltegriff festhielt. Der Typ hatte ausgesprochen schöne, feingliedrige Finger. Ob das mit seinem Zeichentalent zusammenhing? Nein, beantwortete ich mir die Frage selbst, denn Moritz, mein Kollege, der bei Bedarf auch designte und sich um Layout-Fragen kümmerte, besaß all seiner Kreativität zum Trotz eher ziemlich aufgequollene Wurstfinger.

„Okay. Was willst du wissen?“

„Name!“

„Dupont. Béatrice Dupont. Am liebsten Rotwein, weder geschüttelt noch gerührt. Aber ‚Drecksack‘ geht auch. Und wer bist du?“

„Lars“, lachte er und ließ mich nach unten sausen.

„Alter!“, kommandierte ich.

„39.“

Was, so alt? Ob das stimmte? Ich zögerte einen Moment, doch dann stieß ich mich gnädig ab. Er sah mich von unten auffordernd an.

„Auch 39“.

Er ließ mich oben zappeln. „Familienstand?“, fragte er. Ich schluckte und zögerte kurz, bevor ich antwortete.

„Single.“

Er nahm Schwung und meine Füße bekamen wieder Boden unter den Füßen. „Und du?“

„Vogelfrei.“

„Ich mag nicht mehr“, sagte ich und stand gleichzeitig auf, sodass er abrupt nach unten knallte.

„Hättest mich ruhig vorwarnen können“, maulte er.

Stimmt, dachte ich. Das war nicht gerade nett gewesen, aber irgendetwas an ihm machte, dass ich mich in seiner Gegenwart anders als sonst verhielt. Ich wusste nicht, warum, aber es reizte mich, ihn ein wenig zu provozieren, ihn zu necken – mit ihm zu spielen. Und so fragte ich divenhaft blasiert: „Wie lange dauert das denn noch?“

„Zeit genug für einen romantischen Gang um den Spielplatz.“

„Okay“, erwiderte ich scheinbar gelangweilt.

„Du bist nicht gerade gesprächig, oder?“

„Kommt drauf an.“ Ich musterte ihn, versuchte ihn einzuschätzen.

„Naja, besser als diese Leute, die einen ewig zulabern.“

„Oder zutelefonieren“, grinste ich und gab mein Femme-fatale-Gehabe auf, während ich unauffällig in Richtung des telefonsüchtigen Geschäftsmannes aus unserem Abteil nickte, der wütend im Tigergang auf und ab lief, das Handy dicht ans Ohr gedrückt. Eine Windböe kam auf und wirbelte das, was die Zugfahrt noch von meinem Sleek-Look übriggelassen hatte, durcheinander. Ich lachte.

Lars lächelte ebenfalls. Dabei sah ich, dass seine obere Zahnreihe etwas vorstand.

„Du bist also Zeichner?“

„Karikaturist, schwarzer Humor und so.“

„Die Stimmungskanone auf jeder Feier.“

„Nee, das denken die Leute immer, dabei ist das Gegenteil der Fall. Ich achte eher auf das Schlechte, das Außergewöhnliche, etwas, worüber ich mich lustig machen kann. Dadurch mache ich mich ziemlich schnell unbeliebt.“

„Wie meinst du das?“

Er blieb stehen und schaute mich forschend an. „Darf ich?“ Und noch bevor ich verstand, was er vorhatte, war er schon auf mich zu gekommen und hatte mir frech eine Strähne aus meinem Gesicht gestrichen.

„Hallo?“, sagte ich vorwurfsvoll, obwohl ich mir eingestehen musste, dass mir seine sanfte Berührung alles andere als unangenehm gewesen war.

„Also, ein normaler Mensch würde dich als zurückhaltende, hübsche Brünette mit guter Figur charakterisieren.“

Ich merkte, wie ich rot wurde.

„Aber als Karikaturist würde ich dich mit einer steilen Nase im Barbara-Streisand-Stil zeichnen und deine sanft gekräuselte, skeptische Stirn würde ich wie den Grand Canyon aussehen lassen.“

Ich starrte ihn fassungslos an. „Sehr charmant“, krächzte ich. Ich war wütend. Was bildete er sich ein?

„Hast du sie noch alle? Wenn ich mich recht erinnere, warst du derjenige, der unbedingt noch eine Runde mit mir drehen wollte.“ Ich wollte ihm gerade à la Philip „Ein schönes Leben noch“ wünschen und in die Gegenrichtung abmarschieren, als er mich am Ellbogen festhielt.

„Hey, so habe ich das gar nicht gemeint. Das war doch nur ein Beispiel. Ich wollte dir nicht zu nahetreten.“ Er hatte mädchenhaft lange schwarze Wimpern, die von seinen schon recht tiefen Augenringen ablenkten. Insgesamt eine schöne Augenpartie, ausdrucksstark. Um den Mund herum war er ziemlich nachlässig rasiert, bohémien. Wenn man genau hinschaute, zeigten sich in dem schwarzen Stoppelfeld bereits hier und da kleine weiß-graue Inseln.

„Komm, sei mir nicht böse. Es ist eine Berufskrankheit. Vergiss Karikatur und Co, halten wir uns lieber an Fakten wie Name, Alter und Familienstand.“ Wir gingen ein paar Schritte. Ich hatte mich mittlerweile wieder ein wenig beruhigt. „Da du jetzt weißt, was ich beruflich mache, ist es nur fair, dass ich erfahre, wie das bei dir aussieht. Womit verdienst du deine Brötchen?“

Ich überlegte. Ins Alter gekommene Stimmungskanonen vermitteln, indem ich ihr Talent anpries. Das konnte ich natürlich nicht sagen. Trotzig antwortete ich: „Das Gute im Menschen sehen.“

Er hob die Augenbrauen. „Krankenschwester oder Pfarrerin?“

In dem Moment ertönte die Zughupe.

„Ich glaub, wir müssen wieder.“ Schnell machte ich mich zur Tür auf. Diesmal war ich eine der ersten und bekam sogar einen Sitzplatz direkt am Fenster. Mein Sandkastenfreund setzte sich neben mich.

„Was kann ich tun, damit du mir verzeihst?“

Plötzlich hatte ich eine Idee.

„Mir eine Weihnachtskarte zeichnen. Aber so richtig ätzend geschmacklos. Selbstverliebter Gartenzwerg im Berliner Reichstag, etwas in der Richtung.“

Lars stellte zum Glück keine Fragen, kritzelte nur mit markantem Strich in seinem Skizzenbuch herum.

„Die Deutsche Bahn AG entschuldigt sich für Unannehmlichkeiten, aber aufgrund eines nicht identifizierbaren Koffers musste die Bahn geräumt werden. Mittlerweile ist der Koffer geöffnet und der Besitzer ausfindig gemacht worden. Wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können, dass es sich um einen Fehlalarm handelte. Wir bitten um Ihr Verständnis.“

Die Mitfahrenden um mich herum atmeten erleichtert auf. Etwas später erreichten wir Karlsruhe. Bevor Lars den Zug verließ, warf er mir einen eindringlichen Blick zu, während er mir eine Seite aus seinem Skizzenbuch in die Hand drückte.

„Hoffe, das ist geschmacklos genug. Frohes Neues!“

Kapitel sechs: Zurück im Hamsterrad

Das Problem: Du kriegst deinen Ex nicht aus dem Kopf.

Don`t: Sex mit dem Ex. Denk nicht mal dran!

Do: Ausmisten! Wirf alle Erinnerungsstücke weg oder räume sie zumindest in den Keller.

Sei gründlich. Lösche alle Fotos auf deinem Computer und blocke ihn auf allen Social-Media-Kanälen. Heute ist der erste Tag deines neuen Lebens ohne ihn.

(Mehr dazu im ultimativen Beziehungsguide: So optimierst du dein Liebesleben, 17,50 Euro)

Grinsend hüpfte Lars aus dem Zug. Ich faltete das Blatt auf: Ein ekliger Gartenzwerg mit heruntergelassener Hose, der ein eingelaufenes Deutschland T-Shirt als BH trug. Voilà, meine Weihnachtskarte für Phil. Zufrieden steckte ich das Blatt in meine Jeans und stieg als eine der letzten aus. Egal, meinen Anschlusszug nach Bochum hatte ich eh verpasst. Ich schlenderte zum Gleis gegenüber und hielt auf dem Bahnsteig nach Mojo Ausschau. Doch leider machte er seinem Namenspatron alle Ehre und war spurlos verschwunden. Ich blieb mit dem Gefühl zurück, dass dieser Unbekannte irgendetwas mit meiner sonst so zuverlässig funktionierenden Wahrnehmung gemacht hatte. Meine Umwelt wirkte merkwürdig leicht, hell und freundlich.

Nach einer Weile verpuffte die Magie. Mir wurde langweilig und deswegen beschloss ich, noch einmal in Ems Buch zu schmökern. Vielleicht offenbarte sich mir der Reiz des Bestsellers auf den zweiten Blick.

Als eine Art Freundschaftsdienst versuchte ich diesem Schund so unvoreingenommen wie möglich zu begegnen. Wirklich, ich gab dem Ratgeber eine echte Chance, doch nachdem im zweiten Kapitel behauptet wurde, dass die Welt voller Männer sei, die alle meine Liebhaber werden wollten, verabschiedete sich mein guter Willen mit jedem weiteren Satz ein wenig mehr, bis ich zehn Minuten später die Selbsthilfebibel ganz zuklappte. Zugegeben, nicht ohne vorher nach Tipps zu suchen, wie ich eine Zufallsbekanntschaft aus dem Zug zu mir nach Hause hätte locken können. Wie zu erwarten ging die Ausbeute, abgesehen von zwei völlig absurden Vorschlägen, gegen Null.

Eine halbe Stunde später saß ich endlich im IC nach Bochum. Auf der Weiterfahrt erfand ich eine passende Bildunterschrift zu Mojos Karikatur, knipste das Kunstwerk mit dem Handy ab und stellte mir vor, das giftige Bildchen in Philips Parteizentrale zu mailen. Doch das war natürlich völlig unprofessionell und gänzlich unakzeptabel. Schade eigentlich! Ich dachte lächelnd an die seltsam unwirkliche Begegnung mit Mr Mojo und verstaute seine Karikatur vorsichtig in meinem Handgepäck. Als wir in den Bochumer Hauptbahnhof einfuhren, waren sowohl der Fremde als auch der Rest der Winterferien gedanklich bereits in weite Ferne gerückt.

Am nächsten Morgen saß ich wieder in meinem Büro, starrte aus dem Fenster und hoffte auf Inspiration für das fünfzigjährige Schulfest der Bert-Brecht-Schule. Ich wartete auf eine geniale Eingebung, um einen kurzen, griffigen und dennoch geistreichen Slogan für die Jubiläumsbecher zu verfassen. Natürlich wollte mir partout nicht einfallen. Warum hatte ich mich nur von Pièrre dazu überreden lassen, neben dem Bühnenprogramm auch ein praktisches ‚Goodie‘ zum Anfassen mit in das Angebot zu schreiben? Als ich mich bei meinem Onkel darüber beschwerte, bestand er darauf, dass die Tasse den Unterschied gemacht hätte. Der alberne Becher hatte angeblich den Ausschlag gegeben. Nur seinetwegen hätte unsere Firma den Auftrag eingeheimst. Vielleicht, vielleicht auch nicht. Fakt war, dass sich dieser Schriftzug nicht um den Becher, sondern mir wie eine Schlinge um den Hals legte.

Pièrre hatte mir direkt nach dem Bodenseeurlaub eine Deadline vor den Bug geknallt. Natürlich nicht von sich aus, sondern im Namen des Vorsitzenden des Fördervereins. Als nächstes erinnerte mich dann auch noch Judith zur Begrüßung erneut daran, dass bis zum ersten März der Druck sämtlicher Merchandising-Produkte, Banner und Gefäße inklusive, abgeschlossen sein müsste. Meine Erholung war auf einen Schlag verflogen, denn die Ansage hieß im Klartext, dass mir weniger als sechs Wochen blieben, um mir diesen umwerfenden Slogan auszudenken. Bei dem Gedanken daran wurde mir flau im Magen.

Seit meiner Rückkehr aus Überlingen hatte Judith es sich zur Gewohnheit gemacht, mich täglich mit der Frage, wie weit ich wäre, zu piesacken. Natürlich auf ihre nette, verbindliche Art: „Weißt du, Bea, je schneller du bist, desto mehr Vorlauf haben wir. Umso weniger Stress gibt es dann in der heißen Phase gegen Ende.“

Ja, ja, Judith hatte ja recht. Natürlich durfte und musste sie mir Druck machen. Da sie die Einzige war, die Buchhaltung auf der Höheren Handelsschule von der Pike auf gelernt hatte, hörte ich auf sie. Wir alle taten das, denn ohne sie wären wir wegen irgendeines Formfehlers schon längst hinter Gittern oder in der Insolvenz gelandet. Dennoch nervte ihre Fragerei. Bei ihr blieb ich immerhin höflich, Kollegen wie Moritz hingegen fingen sich jedoch nur noch patzige Antworten ein.

Am dritten Tag nach meinem Urlaub empfing Judith mich wieder einmal mit ihrer Inquisitionsmasche. „Und Bea, wie schaut‘s aus? Alles im grünen Bereich?“

„Bis jetzt steht noch nicht viel“, gab ich offen zu. „Aber keine Sorge. Ich leg’ sofort los und verbuddele mich bis zum Feierabend hinter meinem Schreibtisch. Bitte nicht stören!“ Judith ignorierte meinen ironischen Unterton.

„Super!“, lobte sie mich und schenkte mir dabei einen warmen Blick. „Aber du weißt ja, nie die Work-Life-Balance aus den Augen verlieren! Kommst du morgen Abend vorbei? Abschalten und ein bisschen singen?“

„Hört sich gut an. Wann passt es dir denn?“ Wir vereinbarten eine Uhrzeit und dann hörte ich, wie Patricia Kaas den Blues sang. Erfreut nahm ich mein Handy zur Hand. Sich mit Judith verabreden, lange telefonieren … egal was, mir kam jede Ablenkung wie gerufen. Alles war besser als der Brecht-Slogan.

„Ich bin`s, Em. Gut angekommen?“ Das war eine Überraschung. Em benutzte ihr Handy tatsächlich zum Telefonieren.

„Ja, danke, hör mal, ich bin gerade bei ‚Applaus.‘“

„Hast du das Buch gelesen?“

„Ja.“ Mir fiel noch ein Alternativtitel ein: „Konsumieren, optimieren, strangulieren.“ Meine destruktiven Ideen sprudelten nur so. Warum fiel mir zu Bert Brecht nicht ebensoviel ein?

„Und, hast du Phils Fotos alle gelöscht?“

„Entschuldige, Em. Ich habe jetzt keine Zeit. Wir reden später.“

Was hatte Em sich dabei denn gedacht? Kontrollanrufe waren unserer Freundschaft nicht würdig. Was war in meine Freundin gefahren? Da sie mich nicht mehr in ihrer eigenen Wohnung pflegen konnte, versuchte sie sich nun in Fernfürsorge und drehte dabei so richtig auf. Vermutlich war das lieb gemeint, aber es fühlte sich falsch an. Ich war ihre Freundin und kein hilfsbedürftiges Patchwork-Geschwisterkind für Lenny.

Am nächsten Tag ging ich mit einer Flasche Rotwein bewaffnet zu Judith. Nach all dem Stress bei der Arbeit freute ich mich auf den Gesangsunterricht.

„Und?“, begrüßte mich Judith. „Zeit zum Üben gefunden?“

Ich antwortete ihr ausweichend. In Wirklichkeit hatte ich das Youtube-Video von Julie London am Bodensee, wenn ich allein war, täglich mehrmals angeklickt und dazu mitgesungen. Und auch die Fassung von Ella Fitzgerald gefiel mir sehr, noch besser als der Song von Timberlake, der zwar denselben Titel trug, aber einen anderen Songtext hatte. Ob das was genützt hatte, müsste sich erst noch zeigen.

Nach einigen Aufwärmübungen, in der mich Judith mich wie ein Pferd schnauben und unsinnige Silben wie blublublu und mamemimomu in allen möglichen Tonlagen wiederholen ließ, durfte ich endlich meinen Song vortragen. Ich hatte immer als Zweitstimme von Julie London fungiert und dabei, wie ich fand, keinen allzu schlechten Job gemacht… Doch in dem großen Wohnzimmer, nur vom Klavier begleitet, bekam ich die Melodie allein plötzlich nicht mehr hin. Ich versuchte, meine Unsicherheit durch Lautstärke wettzumachen. Endlich waren wir durch.

„Und, wie war ich?“, fragte ich kleinlaut.

„Weniger wütend als im Dezember.“

„Ach ja?“ Damit hatte ich nicht gerechnet. War das ein Kompliment? Ich spürte, wie sich meine Schultern lockerten.

„Komm, gleich nochmal.“

Diesmal ging es besser, denn Judith spielte, um mir zu helfen, immer wieder Teile der Melodie mit.

„Du hörst dich sehr angespannt an, versuche das Ganze doch einmal so zu singen, als, wenn der Typ dich zurückhaben wollte, du ihm aber die kalte Schulter zeigst.“

Ich verstand nicht, auf was sie hinauswollte. Sie machte es mir vor und sang den Song unterkühlt und arrogant. Er hörte sich wie ein ganz anderes Lied an.

Ich versuchte es ihr nachzumachen, aber es fühlte sich aufgesetzt an. Bis auf die Stelle just to prove that you do, cry me a river. In dieser Zeile konnte ich meinem Hass auf Phils Politikergelaber Luft machen: Gefühle auf Knopfdruck mit großem Drama vorspielen, nur um den anderen zu manipulieren. Einen mit großen, vielversprechenden Worten blenden. Ja, das konnte Phil! Dieser Vers umfasste für mich die ganze glatte Jackett-Parkett-Welt inklusive aller Pseudodiskussionen, die zwischen uns gestanden hatte. Und dann Phils Zwang, immer recht behalten zu müssen! Ich spürte, wie die Wut mich übermannte.

„Genau richtig. Leg Verachtung in deinen Blick, aber nicht in deine Stimme! Die kontrollierst du nach wie vor ganz souverän. Du weißt schon: Wenn du ihn eiskalt abblitzen lässt, setzt du ihm mehr zu, als wenn du dich aufregst.“

Später auf dem Heimweg wurde ich das Gefühl nicht los, dass Judith mir in dieser Stunde etwas Bedeutsames klar gemacht hatte, auch wenn ich nicht benennen konnte, was. Jedenfalls spürte ich, dass dieses Etwas nach Freiheit schmeckte.

Doch meine Freiheit hielt nicht lange an. Leider war Emilys übergriffiger Fürsorgeanfall keine Eintagsfliege gewesen. Nach der Gesangsstunde rief sie mich schon wieder an, um erneut mit mir über die hochnotpeinliche Zwangslektüre im Zug zu sprechen. Diesmal wimmelte ich sie ziemlich aggressiv ab. Anschließend nahm ich mir mit schlechtem Gewissen vor, demnächst das Gespräch mit ihr zu suchen und offen und ehrlich mit ihr zu reden.

Am Freitagabend kam sie mir zuvor. Freitagabend. Ich freute mich wie verrückt aufs Wochenende, da die erste Woche alles andere als entspannt gewesen war und ich ein wenig Ruhe dringend nötig hatte. Doch gerade, als ich die Wohnungstür aufschloss, ging schon wieder das Telefon.

„Hey Em.“

„Hey Süße, wie geht`s?“

„Bin müde, hungrig und muss aufs Klo.“

Sie lachte und zeigte sich verständnisvoll.

„Ich wollte nur sagen, dass du am kommenden Dienstag mal in eure kleine Szenezeitschrift, den ‚Bochumer‘, schauen solltest.“

„Was? Meinst du das Stadtmagazin, das wir als Schülerinnen immer gelesen haben?“

„Genau das meine ich. Mehr wollte ich gar nicht. Tschüüüss, noch einen schönen Abend.“

„Tschüssele. Drück Len von mir!“

Und schon hatte sie aufgelegt. Sehr merkwürdig. Den ‚Bochumer‘ hatte ich mir schon seit Ewigkeiten nicht mehr gekauft. Für den Veranstaltungskalender fehlte mir eh die Zeit. Schien so, als ob Em auf dem Nostalgietrip war. Ich seufzte. Einerseits war es anstrengend, wieder zurück in Bochum bei der Arbeit zu sein, andererseits genoss ich den räumlichen Abstand zwischen mir und Em. Ich wusste die Intimsphäre in meinen eigenen vier Wänden durchaus zu schätzen. Das Wochenende hing ich auf der Couch ab und tat nichts anderes, als die barmherzige Ruhe zu genießen.

Kapitel sieben: Der Sand auf Mallorca

Dein Problem: Du suchst per Anzeige oder Partnerbörse nach Mr Perfect.

Don`t: Einfach drauf los schreiben! Wie bei Firmenzeugnissen gibt es auch hier bestimmte Codes.

Do: Vermeide Formulierungen wie „romantisch“ und „aufrichtig“, denn sie turnen Männer ab. Sie lesen sie so, als seist du eine frustrierte, bedürftige Frau, die zum Klammern neigt. Erfinde besser eine humorvoll formulierte Selbstpräsentation.

(Mehr dazu im ultimativen Beziehungsguide: So optimierst du dein Liebesleben, 17,50 Euro)

Montag und Dienstag versank ich erneut in Arbeit, da über Weihnachten viel liegen geblieben war. Aber insgesamt machte mir mein Job Spaß. Ich kam gut voran, nur mit dem Slogan tat sich nichts. Mir wollte einfach kein griffiger Spruch einfallen. Mir kam es fast so vor, als spielten die guten Ideen wie kleine, ungezogene Kinder Verstecken mit mir.

Am Dienstag kam ich wieder nicht dazu, mir den ‚Bochumer‘ zu kaufen. Aber am Mittwoch sah ich ihn auf dem Weg zur Arbeit. Er lächelte mich von dem Drehständer einer Trinkhalle aus an und flüsterte mir zu: „Nimm mich mit!“. Also erbarmte ich mich seiner, bezahlte ihn und steckte ihn ein, um in der Mittagspause kurz darin herumzublättern. Dazu kam ich aber nicht, da uns das „Malle-Duo“ seine neuste Demo hatte zukommen lassen und auf ein schnelles Feedback drängte. Ich ergab mich, olé, olé, meinem Schicksal, zog mir drei Marsriegel rein und verbrachte eine zuckerhaltige Mittagspause vor der Musikanlage.

Easy listening für gute Laune nonstop. Gnadenlos altbacken. Ewiges Glück und permanente Harmonie.

Nein, nicht nur. Die Lieder waren auch witzig. Das Malle-Tandem war nicht blöde, sie mischten bieder und frech auf ihre ganz eigene Art. Die Erfolgsformel des Duos bestand aus achtzig Prozent vorhersagbaren Klischees und zwanzig Prozent frivolen Wortspielen. Ich lauschte gerade ebenso fasziniert wie abgestoßen dem holprigen Mitgröl-Refrain von Track drei: „Mit Maria am Strand, die Hose birst vor Sand“, als es an der Tür klopfte und Judith mir eine Tasse Kaffee brachte. Was für ein Schatz!

„Und, wie sind unsere Mallorca-Spatzen? “

„Erinnern mich an den Blauen Bock aus den achtziger Jahren gekreuzt mit etwas David-Hamilton-Erotik bei spanischem Gitarrengezupfe.“

„Echte spanische Gitarre?“, horchte Judith interessiert auf. „Wohl kaum“, sagte ich nüchtern. „Vermutlich eher am Keyboard produzierte synthetische Gitarrensounds.“

„Bin beeindruckt, dass die das können. Sie scheinen technisch durchaus versiert zu sein“, kommentierte Judith bissig.

Ich kicherte. „Jaja, die haben es drauf, gehen mit der Zeit.“ Ich fand es sehr erfrischend, dass Judith kein Blatt vor den Mund nahm. Anders als Pièrre würde sie in ihrer Freizeit niemals Schlagermucke an ihre Ohren lassen.

„Und“, fragte sie mich mit einer erhobenen Augenbraue, „funktioniert es?“

„Aber ja, die beiden verstehen es, ihr Publikum zu begeistern. Jede Wette, dass ihre Fans auch die neuen Songs so wild wie den letzten WM-Sieg abfeiern werden.“

„Du hast ein gutes Näschen.“

Ich schaute sie nachdenklich an und stellte die Musik lauter. Plötzlich fiel mir Lars, der Karikaturist aus dem Zug, ein. Er hatte Judiths Meinung von meinem ‚guten Näschen‘ nicht geteilt. Ich erinnerte mich noch genau an die unvorteilhafte Adlernase, die er mir verpassen wollte.

„Schade, dass die Musik so vorhersagbar ist. Umpa, umpa.“ Judith deutete ein brachiales Mitstampfen an.

„Ich denke, gerade das macht den Reiz aus.“

„Also, letztens habe ich eine Combo gehört, die war richtig pfiffig, so in Richtung der Comedian Harmonists. Die hätte ich zu gerne für uns unter Vertrag genommen. Aber leider ist dein Onkel nicht für Experimente zu haben. Okay, Bea, ich muss dann mal wieder, will nicht weiter stören.“

Einige Stunden später verabschiedeten sich erst Moritz und Judith und schließlich Pièrre von mir. Ich dachte an Judiths Kommentar, dass mein Onkel keine moderneren Künstler unter Vertrag nehmen wollte. Und auch jetzt bei der Verabschiedung kam er mir älter als sonst vor. Es schien mir, als hätte er Schmerzen. Als ich ihn darauf ansprach, wiegelte er ab. Mit einem Mal überkam mich ein ungutes Gefühl. Ich hatte Angst um ihn. Was wäre, wenn er eines Tages nicht mehr wäre?

Ich war mir selbst fremd. Schon wieder diese seltsame Überempfindlichkeit. Vermutlich war ich das Opfer außer Rand und Band geratener Hormone. Oder noch einfacher: wahrscheinlich arbeitete ich zu viel und litt unter Schlafmangel. Um neunzehn Uhr ging ich ebenfalls nach Hause.

Erst als ich in meiner Umhängetasche nach dem Wohnungsschlüssel suchte, fiel mir der ‚Bochumer‘ wieder in die Hände. Mechanisch schloss ich auf, warf den Mantel über den Stuhl und die Zeitschrift auf den Küchentresen, schmierte mir ein Brot und betrachtete dabei die Titelseite, auf der ein großes Foto vom Kulturbahnhof Langendreer prangte. Ein paar Minuten später setzte ich mich mit der Illustrierten, meinem Teller und einer Flasche Bier aus dem Kühlschrank aufs Sofa und arbeitete mich durch den Kulturteil, während ich hungrig meine Käsestulle verzehrte.

Der Aufbau der Zeitschrift war derselbe wie früher. Nach den einleitenden Artikeln folgte das Monatsprogramm mit Veranstaltungstipps. Ich legte es ungelesen zur Seite, spülte den letzten Bissen Gouda mit dem Bier hinunter. Was hatte Em nur mit ihrem Anruf gemeint? Ich blätterte das Heft noch einmal von hinten nach vorne durch, überflog die Schlagzeilen, fand aber nichts, das auch nur im Entferntesten mit Überlingen zu tun hatte. Zu blöd, wenn man nach etwas suchte, ohne die geringste Ahnung davon zu haben, was das überhaupt sein könnte! Ich wollte das Magazin schon im Altpapier entsorgen, als mir ein Geistesblitz kam: Anzeigen. Vielleicht hatte Em eine Annonce für mich geschaltet. Das ging sicherlich auch von Überlingen aus. Aber in welcher Rubrik? Wozu? Kurz darauf fand ich die Antwort in der Spalte „Sie sucht Ihn“.

Béatrice (39), Pottgewächs: brünett, schweigsam, old-fashioned und oft knapp bei Kasse sucht männlichen Gegenpart, der ihre Mankos ausgleicht. BmB an: pottgewächs@gmail.com

War das zu glauben? Em hatte sich noch nicht einmal die Mühe gemacht, ein Pseudonym für mich zu erfinden. Wahnsinnig witzig. Ich wollte sie umbringen. Wütend griff ich zum Hörer.

„Wie konntest du nur?“

Sie lachte. „Ach Béatrice, nimm’s locker! Sei doch keine Spaßbremse!“

„Bist du jetzt total durchgedreht?“

„Mach mal halblang. Ist doch witzig. Ich helfe dir nur, deinen süßen Hintern hochzukriegen.“

„Em, das geht gar nicht. Das ist völlig drüber. Was denkst du dir dabei?“

„Sei nicht so verklemmt! Erst wollte ich dich bei einer Partnerbörse anmelden, ein nettes Profil für dich erstellen, dachte mir aber schon, dass du dafür etwas zu Old School bist. Da fiel mir der gute alte ‚Bochumer‘ ein. Weißt du noch, wie wir uns früher immer auf die ‚Möchte dich wiedersehen‘-Anzeigen gestürzt haben?“

„Em, du machst mich sprachlos. Und dann diese peinliche Aufforderung, ein Bild mitzuschicken. Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll.“

Ich beendete das Gespräch. Als ich den Hörer auf die Station legte, blickte ich direkt in die garstigen Augen von Mojos Giftzwergkarikatur, die ich beim Auspacken meines Reisegepäcks mit einer Reißzwecke an die Wand gepinnt hatte. Mittlerweile kam ich mir wie der letzte verbleibende Gutmensch auf dieser Welt vor. Armes, kleines Dummerchen, naiv bis unter die Zehennägel! Wie hieß es so schön? Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr.

Kapitel acht: Ohne Worte

Den Rest der Woche verabschiedete ich mich nach Dienstschluss so schnell es ging von meinen Kollegen. Ich wollte von keinem gesehen werden. Zu Hause vergrub ich mich in meiner Wohnung, lebte aus der Tiefkühltruhe, ging nicht ans Telefon und rief keine privaten Mails ab.

Ich schämte mich. Für mich. Für Emily. Nach der Arbeit blieb ich am liebsten allein. Die Einzige, deren Gesellschaft ich auch privat ertragen konnte, war Judith. Mein Glück, schließlich drängte sie schon seit Tagen auf einen neuen Termin für eine Gesangsstunde. „Das Wichtigste, liebe Bea, ist es, am Ball zu bleiben und ganz regelmäßig zu üben.“ Mir sollte es recht sein. Die Stunden mit Judith waren ungefährlich, denn wir sprachen nie direkt über etwas Persönliches. Judith war diesbezüglich sehr diskret. Gerade die Tatsache, dass wir uns fremd blieben, gab mir Halt in diesen Tagen, in denen ich an allem zweifelte: An der Liebe, an der Freundschaft und vor allem an mir selbst. Ich ging hauptsächlich zu Judith, um nicht an Ems Anzeige zu denken.

Allerdings musste ich zugeben, dass bei mir, was das Singen anging, irgendwie das Feuer erloschen war. Mit meiner piepsigen flachen Stimme würde ich niemals eine Soul- oder Bluesröhre werden. Ich machte mir nichts vor: Eigentlich reichte sie noch nicht einmal zur drittklassigen akustischen Chanson- oder Folksängerin. Zu eigentlich gar nichts.

Vor Judiths Haustür erreichte ich den Tiefpunkt: Ich fragte mich, ob ich nicht einfach umdrehen und wieder gehen sollte. Als Judith mir öffnete, erkannte ich an ihrem Gesichtsausdruck, dass sie die Lage sofort richtig einordnete. Zwischen uns stand eine schier unüberwindbare Mauer aus Frust und Unmut. Das hielt sie jedoch nicht davon ab, mich so freundlich wie immer zu begrüßen. Sie beobachtete, wie ich meine Noten unausgepackt in der Garderobe deponierte und dann ohne Material direkt ins Wohnzimmer marschierte. Sie folgte mir, schenkte mir einen langen Blick und fragte: „Zeit für etwas Neues?“

Ich nickte.

„Und, hast du schon eine Idee? Einen Song, der dich reizt?“

Ich zuckte mit den Schultern. Nein. Das war es ja eben. Ich war durch und durch demotiviert. Ems skurrile Anzeige hatte mir den Rest gegeben.

Judith beobachtete mich aufmerksam, während sie mir ungefragt Tee einschenkte.

„Diesmal hatte ich leider keine Zeit zu backen, aber ich habe etwas Gebäck vom Bäcker um die Ecke geholt.“

„Hm“, kommentierte ich unbeteiligt, ohne eines der liebevoll drapierten Teilchen anzurühren.

„Nun“, Judith lehnte sich zurück und schlug die Beine übereinander. Bevor sie weitersprach, nahm sie einen Schluck Tee.

„Es gibt viele sehnsüchtige Lieder. Zum Beispiel Autumn Leaves, auch wenn das jahreszeitlich nicht unbedingt passt. Oder Lover, come back to me. Es gibt im Englischen sogar einen Namen für diese Art von Lied.“

„Ach ja?“ Unsere Sekretärin verwunderte mich immer wieder. Offensichtlich besaß sie profunde Insiderkenntnisse, was englische Songtexte anging.

„Torch Songs.“

Ich dachte einen Moment nach. „Taschenlampen-Lieder?“

„Genau.“

„Lieder, die im Dunkeln Mut machen?“, spekulierte ich.

„Das wohl weniger. Unsere Chorleiterin meinte, es gäbe eine Redewendung: To carry a torch for somebody.

Diese Info machte mich nicht gerade klüger. Ich fühlte mich unangenehm an meinen Schulunterricht erinnert. In sämtlichen Englischklausuren in der Oberstufe wurden prinzipiell nur die Wörter annotiert, die man eh verstand. Die anderen, die, auf die es ankam, wurden nicht erklärt. Oder sie wurden als sadistische Krönung schon erläutert, aber nicht auf Deutsch, sondern mit einem englischen Synonym, das man ebenso wenig wie das Ursprungswort verstand. Anders als mein alter Englischlehrer erbarmte sich Judith meiner und lieferte mir endlich eine brauchbare Übersetzung.

„Das heißt, noch eine Flamme für jemanden zu tragen, seiner großen Liebe hinterher zu weinen, auch, wenn er oder sie die Unverschämtheit besitzt, einen nicht zu erhören.“

Ich merkte, wie ich errötete. Zum Glück war Judith einfühlsam genug, mir bei ihren Ausführungen nicht direkt ins Gesicht zu schauen. Ich dachte an Phil, an das Leid, das er mir zugefügt hatte, stellte mir vor, wie er eine andere anlächelte, küsste, seine Arme um sie schlang … okay, weiter wollte ich nicht gehen. Dennoch, stellte ich erfreut fest, war der Schmerz erträglicher geworden. Anscheinend hatte Ems Rosskur doch geholfen. Ich schaute noch einen Moment auf den sauber gesaugten dunkelblauen Teppichboden, um mich zu sammeln. Dann blickte ich Judith gefasst in die Augen.

„Nein, ich will nicht zurücksehen. Was vorbei ist, ist vorbei.”

Sie hielt meinem Blick stand, was mich um ein Haar schon wieder erröten ließ. Ich schluckte und fragte mich einmal mehr, was genau sie von meinen emotionalen Turbulenzen mitbekommen hatte.

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960877417
ISBN (Buch)
9783960877479
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v464687
Schlagworte
lustig-er Frau-en-roman roman-ti-sch-e Komödie Unterhalt-ung-s-roman Liebe-s-geschichte Dat-e-ing musik-a-lisch Freund-in-en

Autor

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    Liv Larson (Autor)

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Titel: Wer zuletzt liebt … liebt am besten