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Krumme Gurken

von Jaromir Konecny (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

„Mit den Mädels im Netz ist’s viel gemütlicher!“, redet Benn sich ein, und so kennt er diese reizvolle Spezies ausschließlich aus dem Internet. Benn würde es niemals zugeben, aber die „echten“ Mädchen machen ihm eine SCHEISS-ANGST! Blöd, dass sein Vater ausgerechnet einen Job in einem Mädcheninternat annimmt. Richtig gehört: Mädcheninternat. Urplötzlich findet sich Benn als einzig männliches Wesen inmitten einer Horde von gefährlich wunderbar weiblichen Wesen wieder – und das von morgens bis abends, Tag und Nacht!

Impressum

dp Verlag

Überarbeitete Neuausgabe April 2019

Copyright © 2019 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-745-5
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-771-4

Copyright © 2011, cbt
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits 2011 bei cbt erschienenen Titels Krumme Gurken.

Covergestaltung: Miss Ly Design
unter Verwendung von Motiven von
shutterstock.com: © Avesun, © PanicAttack, © Avector
Korrektorat: Lektorat Reim

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

 

 

 

Für alle, die Geschichten mögen.

 

 

 

 

Wer heute noch Abenteuer sucht, wird sie in den Computern finden.
Thornton Wilder

Wenn Sie am menschlichen Körper etwas anekelt, beschweren Sie sich beim Hersteller.
Lenny Bruce

„Du machst es so gut!“,

kreischte Judy. Ich pulste schon im roten Bereich. Judy stöhnte, leckte sich die Lippen. „Ja! Mach’s mir! Buddy! Ooh!“

Und so machte ich. Mannomann! Wie ein Wahnsinniger machte ich. Judy schrie vor Lust, mich aber musste nichts mehr antörnen. Hatte schon in den höchsten Gang geschaltet. Auf und ab und Countdown – … fünf, vier, drei, zwei, eins, zero!!! Eine Sturmflut jagte durch meine Düse und hob mich vom Sofa: „Aaaah!“

Uff! Ich landete wieder, plumpste auf den Rücken – boah! – und blieb liegen. Ausschnaufen.

Judy stöhnte immer noch. Ich holte ein paar Tempos heraus. Judy lachte mich breit an. Ich stand auf, ging zu ihr und klickte sie weg. Zusammen mit ihrem Stecher, dem wilden Buddy. Outlook stülpte sich über die Webcam wie ein Keuschheitsgürtel. Ich zog wieder meinen Computerstuhl heran, den ich wegen des Sofas mit Aussicht weggeschoben hatte.

Na, was gibt’s Neues?

Shakira Toll hat dich als FreundIn auf Facebook hinzugefügt. Wir benötigen deine Bestätigung, dass du Shakira Toll kennst, damit ihr Freunde auf Facebook sein könnt.

Klar, kenne ich dich, Shaki, Schnucki! KLICK! Jetzt bist du meine Freundin Nummer 999 in diesem Facebookaccount. 999! Gespiegelte 666. Die Zahl des Biests! Du Shakira, ich Jerry van Helsing!

Ich scrollte durch meine 999 Freunde … ehmm … Freundinnen. Typen lasse ich auf meine Jerry-van-Helsing-Seiten gar nicht rein. Wenn Freundschaftsanfragen von Männern kommen, lösche ich sie diskret. Das Blümeln mit Männern macht mir nicht so viel Spaß. Welcher der Hübschen könnte ich wieder mal was Tiefsinniges auf die Pinnwand schreiben? Hallo, Süße, die Meditation ist das Kissen der weltumfassenden Liebe …

Frauen über dreißig mögen anscheinend Männer, die für mehr Liebe im Kosmos meditieren. Na ja, ganz genau weiß ich nicht, ob einige von meinen hübschen Freundinnen nicht gefaket und auch Kerle wie ich sind, aber der Schein trügt sowieso immer, also lohnt es nicht, daran Gedanken zu verschwenden.

Ich bin Jerry van Helsing. Buddy find ich als Namen auch nicht schlecht. Aber das nur nebenbei. Was mache ich jetzt also? Welche schreibe ich an? Dich, Anna Manon … übelst hübsch … nur fällt mir momentan nichts Tiefsinniges für deine Pinnwand ein, Baby! Besser poste ich für euch alle ein paar interessante Neuigkeiten in meinem Profil. Also: Allgemeine Informationen. KLICK!

Mein Profilfoto hatte Rowdy gebastelt. Ein großer Hut verdeckt mein Gesicht. Schulter eines Bodybuilders. Krass! Mehr muss ich nicht dazu sagen.

 

Derzeitiger Wohnort: Die Welt.

 

Heimatstadt: Sin City.

 

Geschlecht: Männlich (wollte zwar schon immer „Supermännlich“ reinschreiben, aber da ist Facebook zu konservativ und erlaubt nur zwei Geschlechter).

 

(Meinen Geburtstag lasse ich in meinem Profil weg. Mein Alter ändert sich ja von Freundin zu Freundin.)

 

Politische Einstellung: Cremig.

 

Religiöse Ansichten: Die Welt ist voller Magie.

 

Biografie: Kunst und Abenteuer.

 

Lieblingszitat: Wer seine Glorie kennt und dennoch in Schande weilt, der ist das Vorbild der Welt. (Lao Tse)

 

Hmm … hier musste ich nichts ändern. Ich klickte im Profil auf Ausbildung und Arbeit:

 

Schule: Albertus-Magnus-College für angewandte Hexenkunst.

 

Hochschule: Promovierter Alchemiker.

 

Arbeitgeber: Freiberuflich. Beruf: Vampirjäger.

 

Mein Vampirjäger-Beruf kotzte mich langsam an. Noch vor ein paar Jahren, als ich mir das Profil zurechtgelegt hatte, sind Frauen auf Vampirjäger voll abgefahren, jetzt aber standen sie auf Vampire. Echt! Letzte Woche hat mir hier Birgit ’nen Vortrag gehalten, von wegen ich solle die armen Vampire in Ruhe lassen, sie seien eine aussterbende Art. Birgit ist bei den Grünen. Die Stellas wollten zur Zeit alle ihr Leben mit ’nem Blutsauger verbringen, und Vampirjäger sind seitdem nicht mehr in. Besser legte ich mir einen positiv besetzten Beruf zu. Bei einem Vampirjäger ist der Freundinnenschwund zu groß. Als Vampir hätte ich die Tausendste-Freundin-Marke schon vor ein paar Monaten sprengen können. Davor kannst du einfach nicht die Augen verschließen. Klar konnte ich hier nicht so mir nichts, dir nichts vom Vampirjäger zum Vampir mutieren, aber eine Zwischenstufe ginge schon, zur Abwechslung mal etwas Realistisches. Also Beruf: Stuntman in Vampirfilmen. So! Und jetzt noch eine neue Tagesmeldung:

 

Jerry van Helsing ist beflügelt und schaut gerade, wo er gefahrlos landen kann.

 

„Bennie? Abendessen!“

Ich loggte mich aus. Ciao meine Damen! Die Landung findet in der Küche statt. Mama, Vati und Clara hockten schon am Küchentisch.

„Wo bleibst du denn, Bennie.“

Bennie? Klar heiße ich nicht Freddy, nicht mal Jerry van Helsing. Aber Bennie? Ich heiße Benn, verdammt!

„Die ganze Zeit hockst du am Computer! Was machst du da bloß?“

Was sollte ich dazu sagen? „Mama! Ich bin der einzige überlebende Jugendliche bei Facebook. Alle meine Altersgenossen tummeln sich bei Instagram und Snapchat, ich verlasse Facebook nie. Facebook ist meine Fortnite-Spielwiese. Bei Instagram hätte man Jerry van Helsing schon längst gekillt. Bei Facebook tummelt sich meine Zielgruppe – die schönsten Damen der Welt.“ Klar konnte ich das meiner Mutter nicht erzählen. Ein Computerverbot würde meine Karriere als virtueller Frauenheld ruinieren.

„Iiiii! Wieder Nudeln?“

„Ach komm, Pasta ist gesund!“

„Jeden Tag? Ich will lieber Schnitzel!“

„Am Wochenende gibt’s Schnitzel!“, sagte Mama. „Du kannst nicht nur von Schnitzeln leben!“

„Doch!“, sagte ich. „Ein Vampirjäger isst doch keine Nudeln!“

„Was?“

„Nur ein Scherz!“

„Nimm dir auch Salat, Bennie!“

„Ich heiße Benn, Mama!“

„Früher hast du an Bennie aber nichts auszusetzen gehabt.“

„Jetzt bin ich sechzehn!“

„Weiß ich doch, Bennie. Nimm dir bitte Salat! Du musst einfach mehr Gemüse essen.“

„Tue ich doch“, sagte ich. „Pommes, Ketchup …“

„Da“, sagte Mama. „Tomatensoße.“ Als ob Tomatensoße ein würdiger Ersatz für Ketchup wäre.

„Wahrscheinlich verlier’sch meine Arbeid!“, sagte Vati. Vati ist der Sachse in unserer Familie. Spricht immer mit Dialekt und kann nicht anders. Ich hab mal rausgegoogelt, dass die meisten Leute finden, Sächsisch sei der am wenigsten charmante deutsche Dialekt. Das ist Vati wurscht, wie die Bayern sagen würden. Das ganze Internet interessiert ihn nicht. Für Vati ist Google ein Kuchen – nämlich der Gugelhupf – und Wikipedia eine Schlampe.

„Was?“, sagte Mama. „Du verlierst die Arbeit?“

„De Wessis sprengn das Haus in dem’sch arbeide!“

„Du arbeitest in einer großen Firma, Vati“, sagte Clara. „Die wird doch nicht ganz von den Wessis weggebombt.“

„’s Haus abor schon.“

„Na und?“

„’sch bin dor Hausmeisdor.“ Mein Vater ist Hausmeister aus Überzeugung. Weil er Kühlschränke, Bügeleisen und Klospülungen reparieren kann. Am liebsten würde Vati nur Kühlschränke, Bügeleisen und Klospülungen reparieren. Deswegen war er nie wirklich böse, wenn ich früher mal Kühlschränke, Bügeleisen und Klospülungen kaputt gemacht habe.

„Die haben doch noch andere Häuser“, sagte ich.

Und dann erklärte mein Vater uns, dass ja in jedem ordentlichen Haus schon ein Hausmeister säße. Wenn also ein Haus in die Luft gejagt würde, gäbe es einen Hausmeister zuviel und einen Hausmeisterjob zu wenig. Vati nahm einen tiefen Schluck und erklärte dann weiter: Das hieße im Kapitalismus Rationalisierung. Er sah uns an: „Hab’dor das ni in dor Schule gehabbd?“

„Immer noch besser, als wenn man dich mit dem Haus sprengen würde“, sagte Clara.

„Keenor kann mich leiden“, sagte mein Vater.

„Ähwo“, sagte meine Mutter auf Sächsisch, tätschelte Vati an der Schulter und lachte.

„Vielleichd kann Karl en Hausmeisdordschob für mich besorgn.“ Karl ist Vatis Bruder, lebt aber in Berlin.

„Wir haben hier in Dresden unser Haus“, sagte meine Mutter und seufzte. „Kannst du dir nicht vom Arbeitsamt eine Umschulung bezahlen lassen?“

„Zum Gombjudoreggsbärdn, odor?“

„Als Computerexperte wärest du sicher nicht zu schlagen“, sagte ich und mein Vater grinste.

Es klingelte zweimal an der Tür.

„Wer kann das sein?“, fragte meine Mutter.

„Der Briefträger“, rief Clara. „Der klingelt zweimal!“

„Hä-hä“, sagte ich.

„So spät?“, fragte meine Mutter. „Es ist schon sechs!“ Mama versteht Claras Witze nie. Ich versteh sie zwar, find sie aber nicht lustig. Meine Schwester ist echt old school – sie ist achtzehn, steht aber auf Jack Nicholson!

„Das ist sicher Rowdy“, sagte ich. Krass erleichtert schob ich den Nudelteller mit der roten Tomatensoße von mir weg und stand auf.

„Holla, Mann!“

Rowdy und ich kennen uns schon seit Jahren, aber so richtig befreundet sind wir erst seit einem Jahr, als wir uns in einem Laden mit Computerspielen getroffen hatten. Damals war Rowdy schon weg aus unserer Klasse.

Rowdy stand vor unserer Haustür, starrte in seine Hand. Eine Kastanie lag darin. „Verdammt“, murmelte er vor sich hin. „Was macht die Kastanie hier? Wir haben erst Juli.“

„Hollaaa!“, sagte ich noch mal.

Rowdy umschloss die Kastanie mit seiner Faust und hob den Kopf. Schreck in den Augen. Als ob gleich ein Gangster mit ’ner Knarre in der Hand sagen würde: ‚Kastanie oder Leben!‘

„Ah“, sagte er und lachte. „Du bist’s!“

„Klar“, sagte ich. „Du hast bei uns geläutet.“

„Weiß ich!“, sagte Rowdy. „Kommst du zu mir? Ich muss dir was zeigen.“

„Deine Gurke?“, fragte ich.

„Nee“, sagte er, lachte aber nicht. Clara und ich sind wohl echte Geschwister. Auch meine Witze versteht keiner.

„Bin gleich fertig“, sagte ich. „Muss mich nur verabschieden. Komm mit in die Küche! Meine Eltern mögen’s, wenn man ihnen ‚Hallo‘ sagt.“

„Echt?“ Rowdy sah nicht begeistert aus, aber er trottete mir hinterher.

„Hallo, Rowdy“, sagte meine Mutter in der Küche. „Magst du mitessen?“ Schützend stellte sie sich aber vor den Topf mit der Soße. Sie hatte Rowdys begehrlichen Blick auf die Tomatensoße bemerkt. Soßen und Suppen machen ihn voll an. Unlängst hatte Mama Rowdy ihre Kartoffelsuppe angeboten und prompt steckte er seinen Finger in den Suppentopf hinein. Seitdem passt meine Mutter auf.

„Hier sind noch Nudeln“, sagte sie.

„Ich mag Schnitzel“, sagte Rowdy, glotzte aber in den Tomatensoßetopf.

„Siehst du?“, sagte ich.

„Ich ess gerne Wursd“, sagte Vati „und in’dor allorgrösdn Nod, schmäggd de Wurschd och ohne Brod“, sächselte er weiter.

„Hä?“, sagte Rowdy. Seine Mutter kommt aus Berlin.

„Ich mach aus euch Vegetarier“, drohte meine Mutter. „Und dann seid ihr mir ewig dankbar.“

„Die Weichen besiegen die Harten“, sagte ich, und Vati nickte mir anerkennend zu. Rowdy starrte schon wieder die Tomatensoße an. „Komm, Kumpel!“ Ich zerrte ihn Richtung Küchentür.

„Und die Nudeln?“, fragte meine Mutter und trat erleichtert einen Schritt vom Tomatensoßentopf weg. Das war ein Fehler.

„Die esse ich morgen auf!“

„Warte mal!“, sagte Rowdy, riss sich aus meinem Griff, hüpfte zu dem Topf und steckte den Finger in die rote Soße.

„Rowdy!“, brüllte Mama.

„Tschuldigung!“, sagte Rowdy, leckte den Tomatenfinger ab und marschierte aus der Küche.

Meine Mutter seufzte. „Wann kommst du heute heim, Bennie?“

„Keine Ahnung!“

„Wo geht ihr hin?“

„Zu ’ner Pornoparty!“

„Saubor!“, sagte Vati.

„Idioten“, murmelte Clara vor sich hin.

„Sollen wir nicht besser zu mir gehen?“, fragte Rowdy draußen. „Ich mag keine Pornopartys!“

„Warum nicht?“

„Hab meine Gründe dafür!“

„War eher nur ’n Scherz!“, sagte ich. „Aber es ist echt krass, was ich mir leisten kann, oder? Wenn ich mein Vater wäre, würde ich mir nicht so viel erlauben. Meine Eltern machen immer voll auf Verständnis, aber ich brauch hin und wieder ’ne harte Hand.“

„Du hattest doch letztes Jahr genug Stress mit ihnen, als du acht Stunden am Tag LoL gezockt hast.“

„Schon! Aber seit ich damit aufgehört habe, finden sie mich super.“ Meine Noten haben sich auch verbessert, sollte ich dazu sagen. Seitdem lassen mich meine Eltern in Ruhe. League of Legends frisst Zeit. Jetzt zocke ich nur noch höchstens ein Adventure im Monat. Keine Online-Spiele mehr. Meine Freundinnen im Web fahren sowieso voll auf Kunst und Abenteuer ab. Bei Frauen kannst du nicht mit ’nem Ego-Shooter kommen: „Ey, Bunny! Gerade hab ich tausend Mutanten abgeknallt.“ Frauen langweilen sich beim Ballern. Da fiel mir noch Rowdys Ekschn in der Küche ein: „Hey! Warum hast du den Finger in die Soße gesteckt?“

„Ich konnte nicht widerstehen“, sagte Rowdy.

„Hab ich mir gleich gedacht.“

„Wenn ich den Finger nicht reinsteck, krieg ich Depressionen.“

„Was machen die?“

„Eh … ich will mich halt umbringen und so.“

„Huch!“, sagte ich. „Hab schon Angst gehabt, dass es was Ernstes ist.“

„Wie läuft’s bei uns in der Schule?“, fragte Rowdy. Er sagt immer noch „bei uns in der Schule“, obwohl er seit der Siebten weg ist. Ein paar Jungs aus unserer Klasse haben ihn damals rausgemobbt. Weil Rowdy anders ist.

„Wir haben doch schon Ferien“, erinnerte ich ihn.

Rowdy zuckte mit den Schultern. „Hab ich vergessen.“

Ich ging an einem Straßenschild vorbei, das Verkehrszeichen ganz nah an meinem Kopf. In einer plötzlichen Eingebung – die krieg ich hin und wieder – schlug ich mit der Hand auf das Schildblech, BUMM!, fasste mich an die Schläfe und krümmte mich, als ob mich das Schild böse am Kopf erwischt hätte: „Autsch!“

Erschrocken hüpfte Rowdy um mich herum. „Oida! Benn! Hast du dich verletzt?“

Ich hörte auf, mich zu krümmen. „Hä-hä-hä! April, April!“

Rowdy dachte nach. „Wenn jetzt Ferien sind, ist April doch schon längst vorbei, oder? Hast du mich verarscht? Du hast dich gar nicht angeschlagen, oder?“

„Nee! Hab nur mit der Hand dagegen gehauen!“

„Wichser!“ Rowdy zeigte mir den Stinkefinger.

„Schnell!“, rief ich. „Die Straßenbahn kommt.“ Rowdy wohnt auf der anderen Seite der Neustadt, und Dresden ist echt groß. Wir spurteten los. Hätte ich geahnt, was mich erwartet, wäre ich vorsichtiger gewesen.

„Guck mal!“, rief Rowdy, der hinter mir her trabte. „Da ist Carmela!“

„Carmela? Meine Schicksalsfrau?“ Ich drehte mich im Laufen um. „Wo?“ Und BUMM!

 

***

 

Wohl lag ich auf dem Boden, hörte Stimmen. Was ist passiert? Ich versuchte die Stimmen zuzuordnen: Carmela? …

„Bist du wieder wach?“

Ich traute mich kaum, die Augen zu öffnen, betete: Bitte lass es nicht die gefährliche Sexbombe Carmela sein. Vorsichtig öffnete ich ein Auge: Nein, es war keine Sexbombe, es war ein Engel. Jetzt riss ich beide Augen weit auf. Was? Ein Engel? Scheißeee!

Im Hintergrund hörte ich eine bekannte Stimme – Rowdy: „Das spielt er nur! Das hat er vor ein paar Minuten genauso gemacht!“

„Ich …“ Ich versuchte, etwas zu sagen. Was wollte ich sagen, verdammt?

„Du hast dich am Straßenschild angeschlagen“, sagte der Engel. „Hat dich direkt an der Schläfe erwischt. Da ist die Beule!“ Sie fuhr mit dem Finger über meine Schläfe. Die Haut schlug sofort Funken. Echt! Hab im rechten Auge Blitze gesehen. Wahrscheinlich war sie mein Schutzengel. Doch ein anderer kam dazu. Und noch einer. Hmm … so viele Schutzengel gibt’s doch gar nicht. Ein Sack voll mit Schutzengeln? Ich rappelte mich hoch.

Der Straßenbahnfahrer tauchte auf. „Soll ich einen Krankenwagen rufen?“

„Nein“, sagte ich. „Mir geht’s super.“

„Dagegen bist du gedonnert“, sagte Engel Nummer 3 und klopfte auf das verfluchte Straßenschild. Darauf war ein großes Ausrufezeichen und der Schriftzug Gefahrenstelle. Welches Arschloch hat das hier nur aufgestellt, verdammt? Gestern stand das Zeichen noch nicht da. Ich guckte mich um. Ein paar Meter weiter baggerte Bob, der Baumeister, am Straßenrand. Und das um sechs am Nachmittag, wenn normale Leute schon längst Feierabend haben. Hmm … Manche Gefahrenwarnung ist krass gefährlich.

„Du Spinner, du!“, Rowdy schüttelte den Kopf. „War’s jetzt echt?“

„Jep.“

„Ey … krass, Alta“, sagte er. „Ich rufe nur Carmela und du fällst tot um.“

„Weil ich mich wegen der bescheuerten Carmela umgeschaut habe. Hab das Schild nicht gesehen. Wo ist sie?“

„Carmela? Dort!“ Rowdy drehte sich um. „Schon weg.“ Er zuckte mit den Schultern.

„Oh!“, sagte Engel Nummer 1. „Du hast dich wegen eines Mädchens verletzt? Wie süß!“

„Nein!“ Mist! Statt der teuflischen Carmela flatterten weiter Engel um uns rum. Nichts wie weg hier. Ich zog Rowdy am Ärmel hinter mir her und schlüpfte in die Straßenbahn.

Doch die Engel schlüpften uns nach. Anscheinend fand in der Straßenbahn die Engel-Hauptversammlung statt. Vielleicht war es aber auch einfach nur eine Mädchenklasse auf ihrem Ausflug durch Dresden. Und ich Blödmann musste einem solchen Weiberrudel eine meiner fetten Reality-Shows vorführen. Und wieder mal trug Carmela die Schuld an der Ekschn. Carmela, du Biest!

„Frau Schnippköter“, rief einer der Engel durch die Straßenbahn zu einer dicken Frau, die nach einer Lehrerin aussah.

„Schnippköter?“, flüsterte mir Rowdy zu. „Kommen die aus Bayern, oder was?“

„Klar“, flüsterte ich noch ziemlich benebelt zurück. „Wo sollen Engel sonst herkommen?“

„Engel?“, fragte Rowdy und guckte sich mit großen Augen um.

„Der Junge ist ohnmächtig geworden!“, kreischte das Mädchen der Lehrerin zu und drehte sich wieder zu mir. Ein freizügiges T-Shirt: Im nackten Tal ihrer Brüste lag ein kleines Kreuz. Schon krass, wo die Bayern das Kreuz überall hinhängen. Als gute Katholiken wollen sie wohl, dass der Gekreuzigte jetzt eine bessere Aussicht hat als damals: Statt nach Golgota ins Busental.

„Ich war nicht ohnmächtig!“, rief ich, doch die Engel guckten mich skeptisch an. Die Tür ging zu. Gefangen wie der Graf von Monte Christo. Die Straßenbahn fuhr los. „Ich war nicht ohnmächtig!“, wiederholte ich noch mal, weil’s keiner bestätigen wollte.

„Doch“, sagte Engel Nummer 1. „Du warst ohnmächtig.“

„Nein! War ich nicht!“

Ich werd gleich ohnmächtig“, flüsterte mir Rowdy zu. „Ich kann so viele Perlhühner auf einmal nicht ertragen!“ Und tatsächlich drängten sich immer mehr Engel um uns herum. Es war aber kein Himmel, es war die Hölle. Die Mädchen fragten und fragten und das peinlichste Wort des Tages machte in der Bahn die Runde: „OHNMÄCHTIG!“

„Begleitest du deinen Freund ins Krankenhaus?“, fragte ein Mädchen Rowdy. „Er muss sich untersuchen lassen. Vielleicht hat er eine Gehirnerschütterung.“ Alle Mädchen drehten sich zu Rowdy.

Er zog aus der Tasche einen Bleistift und sagte: „Ich hab hier irgendwo meinen Radiergummi verloren.“ Der Idiot ließ sich auf alle Viere nieder und begann, auf dem Straßenbahnboden nach seinem Radiergummi zu suchen. Feigling! Was sollte ich jetzt allein mit den ganzen Mädchen tun?

„Ich war nicht ohnmächtig!“, wiederholte ich. Fand keinen anderen Satz in meinem brummenden Schädel. Vielleicht hatte ich doch eine Gehirnerschütterung.

„Ich war auch schon mal ohnmächtig“, sagte ein Mädchen in einem Minirock über ein Paar Beinen, die mir einen neuen Ohnmachtsanfall zu bescheren drohten. „Ein Schwächeanfall“, fügte sie hinzu.

Schwächeanfall? Nö, oder?

„Er war nicht ohnmächtig“, sagte ein Mädchen. Sicher die Klassenbeste. „Er war bewusstlos.“

„Ist doch dasselbe“, sagte eine Klugscheißerin. Sie hockte gleich an der Tür und hielt eine halbleere Colaflasche in der Hand.

„Bewusstlos“ gefiel mir viel besser als „ohnmächtig“. Kein Mann möchte ohnmächtig sein. Aber bewusstlos. Mann! Bewusstlos wirst du, wenn du im Kampf gegen ’nen Assassinen eins mit dem Schwert übergebraten kriegst. Eine männliche Tat!

Was ging eigentlich auf dem Boden ab? Rowdy tat so, als suche er weiter nach seinem Ratzefummel. Dann wurde es ihm wohl zu blöd. Er stand auf und holte sein Nintendo aus dem Rucksack.

„Hast du deinen DS dabei?“, fragte er. „Wir könnten Pokémons tauschen.“

„Pokémons?“ Wir zockten doch seit Jahren keine Pokémon-Spiele mehr. Wollte er damit die Mädels beeindrucken? Mit Pokémons zocken nur Kinder und Mädchen. Nach dem Motto: „Dein Lippenstift ist super, Heidi. Wollen wie Skorglar gegen Vulpix tauschen?“

Doch plötzlich vergaß Rowdy die Pokémons. Er erblickte das Mädchen mit der halbleeren Colaflasche an der Tür. Erstaunlich, dass er das Flaschenhalsloch den vielen nackten Busentälern um uns herum vorzog. Rowdy war halt genauso durcheinander wie ich. Er starrte die Colaflasche an wie ein Ertrinkender den Rettungsring, in der Rechten den DS, in der Linken seinen Bleistift. O Gott! Ich ahnte, was nun kam. Das hatte mir noch gefehlt! Die Colaflasche bannte magnetomagisch Rowdys Blick.

„Er war bewusstlos“, sagte noch mal die Klassenbeste. Rowdy ging zu der Klugscheißerin mit der Colaflasche und steckte seinen Bleistift in den Flaschenhals. Die Straßenbahn hielt an. Das Mädchen guckte verdutzt ihre Flasche an, in der jetzt Rowdys Bleistift schwamm.

„Ja!“, brüllte ich. „Ich war nur bewusstlos!“ Und – HOPP, HOPP! – in Riesensprüngen aus der Straßenbahn. Rowdy hinter mir her.

„Auf Wiedersehen“, riefen die Mädchen. Wir joggten davon, ohne uns umzugucken.

„Mannomann! So viele Chickas in real machen einen nervös. Schlimmer als im Dschungelcamp.“

„Du bist doch dran gewöhnt“, sagte Rowdy. „Du hast ’ne Schwester. Und in deiner Klasse gibt’s auch Mädchen.“

„Nur drei“, sagte ich. „Und die sind so gebaut, dass sie überhaupt keinen nervös machen. Linda ist zu lang, Sandra zu breit und Heidi zu blöd. Sandra macht Kugelstoßen, weil ihre Mutter eine berühmte DDR-Kugelstoßerin war.“

„Die kenne ich auch!“, sagte Rowdy. „Die isst nur Spiegeleier mit Speck. Zwanzig Stück am Tag. Wieso bist du aber plötzlich so schüchtern? Früher haben wir doch auch mit Mädchen gespielt.“

„Das stimmt“, sagte ich. „Ich bin gar nicht so schüchtern. Nur in der letzten Zeit bekomme ich immer ’nen Ständer, wenn ich mit ’nem sexy Mädchen rede. Komisch, oder?“

„Ich auch“, sagte Rowdy. „Manchmal hilft es mir, wenn ich irgendwo was reinstecke. Ein Finger in Soße ist das Beste dagegen.“

„Oder einen Bleistift in ’ne Colaflasche.“

„Besser als nichts“, sagte Rowdy. „In der Straßenbahn hat’s keine Soße gegeben. Wenn’s über mich kommt, muss ich irgendwo was reinstecken.“

„Deswegen hast du also diesen Tick“, sagte ich. „Bei uns zu Hause musst du aber keinen Finger in die Soße stecken. Da macht dich doch kein Mädchen nervös …“

„Doch“, sagte Rowdy. „Deine Schwester.“

„Was??? Meine Schwester? Das ist nicht dein Ernst, oder?“ Ich schaute ihn fassungslos an. Hatte fast vergessen, dass Clara ein Mädchen war.

Er zuckte mit den Schultern.

„Und hilft das wirklich?“, fragte ich. „Vielleicht sollte ich das auch mal ausprobieren!“

„Macht echt Spaß“, sagte Rowdy.

„Wir haben halt ein umgekehrtes Erektionsproblem. Die Alten müssen Viagra futtern, um ihn hochzukriegen. Wir bräuchten Pillen, um ihn runter zu bekommen.“ Ich seufzte. „Mit den Mädels im Netz ist’s viel gemütlicher.“

„Was hast du denn eigentlich mit Carmela für Probleme?“, fragte Rowdy.

„Die bringt Unglück“, sagte ich. „Woher kennst du Carmela überhaupt?“

Was für eine Frage! Wer kannte Carmela NICHT?! Carmela war die kosmische Sexbombe, die Superfrau, der heißeste Feger unserer Schule, der alle Jungs in die Hölle zu fegen drohte, die Frau, um deren Füße meine Mitschüler herumkrochen wie geile Würmer. Hin und wieder zertrat Carmela einen bei ihrem Rauschen durch den Kosmos. Sie war einfach ein Komet mit Brüsten! Ein supergeiler Torpedo! Zum Glück war Carmela in der Parallelklasse. Alle Jungs vergötterten sie, weil sie keine Ahnung hatten. Nur ich mied Carmela wie Mario den Bowser. Für mich hieß Carmela mit ihrem anderen Namen Gefahr. Gefährlicher als Battle Royale in Fortnite!

Meine Frage, woher er Carmela kannte, überhörte Rowdy einfach – er läutete schon an seiner Haustür. Ich fragte nicht noch mal. Wünschte mir sowieso nur, mich an einen Bildschirm zu hocken, und bei Doom ein paar Monster abzuknallen, um dabei wieder ein bisschen Selbstbewusstsein zu tanken. Obwohl ich ja eigentlich keine Ego-Shooter mehr zockte. Wegen der Hirn-Hygiene halt. Und das hatte sich auch schon gelohnt: Seit ich keine Ego-Shooter spielte, jagten mich in der Nacht keine Zombies mehr, die mir den Kopf abhacken wollten. Seitdem lockten mich höchstens ein paar nackte Sextussen in ihren Schoß. Mit sechzehn hast du eine super Zeit: Tagsüber spielst du den Robinson auf einer Insel bei Ebbe, nachts kommt die Flut! Brutal, oder?

Krumme Gurken

„Hallo, Bennie!“ Rowdys Mutter hatte die Tür geöffnet.

Schon wieder Bennie? Bin ich mit meiner Zeitmaschine direkt im Kindergarten gelandet, oder was? Ich stammelte einen kurzen Gruß und lief hinter Rowdy her.

„Was wolltest du mir zeigen?“

„Warte mal!“

In Rowdys großem Zimmer sieht’s aus wie in einem Rechenzentrum oder in einem Aufnahmestudio. Rowdy ist ein Technikfreak. Und ein Musikfreak. Zwischen den Computern, seinem Keyboard, Boxen und anderen Geräten, die ich nicht näher bestimmen kann, lagen verschiedene Musikinstrumente.

„Ich hab den Preis gewonnen!“, sagte Rowdy.

„Echt?“ Rowdy hatte vor ein paar Monaten einen Song an eine Webadresse geschickt: Die Ausschreibung einer Firma um die beste Werbemelodie. Preis 10.000 Euro!!! Wenn Rowdy gerade mal nicht dabei ist, irgendwo irgendwas reinzustecken, komponiert er am Computer Songs. Als Kind hatte er viel Klavier spielen müssen, aber irgendwie hat’s ihm den Bock auf Mucke nicht gekillt wie mir der Flötenunterricht. Rowdy ist ein genialer Producer geworden. Sowas hängt ganz stark von deinem Lehrer ab. Rowdys Klavier-Lehrer hat ihm krasse Witze erzählt, so dass Rowdy vor dem Beethoven ständig am Ablachen war. Meine Flötenlehrerin hatte nur Volkslieder vor sich hin geblasen, alles andere war ihr egal.

„Für den Preis habe ich mir Tarzan gekauft!“ Stolz zeigte Rowdy auf ein riesiges Notebook, das auf seinem Computertisch thronte. Dann hockte er sich auf seinen ledernen Drehstuhl, drehte sich zum Keyboard, das im rechten Winkel zum Computertisch stand, und schlug in die Tasten. Auf dem Monitor hüpften farbige Balken hoch und runter.

„Fett!“ Ich staunte nicht schlecht.

„Ich hab auch ein neues Sequencerprogramm!“, sagte Rowdy. „Sing mal was!“

„Wenn ich singe, dann stürzen deine Festplatten ab, Mann!“

„Egal!“, sagte Rowdy. „Warum hast du ständig Hemmungen?“

„Dafür hast du keine!“, sagte ich. „Du musst nur in der Straßenbahn nach einem Radiergummi suchen, wenn dich ein paar Mädchen anquatschen!“

„Ich hatte gerade Lust drauf“, sagte Rowdy. „Mach, worauf du Lust hast!“

„Dann singe ich nicht! Hab ja keine Lust.“

„Na, mach schon!“

„Uuouha, ouh, auhaaaua, eouhouh!“

„Und jetzt hör’s dir an!“, sagte Rowdy, klickte mit der Maus rum und hämmerte in die Computertastatur. Keine Tastatur hält lange die Wucht seiner Schläge aus. Rowdy braucht jedes halbe Jahr eine Neue. Plötzlich dröhnte durchs Zimmer ein geiles Gitarrensolo.

Rowdy lachte vor Glück. „Erkennst du deinen Gesang?“

„Ja, Mann!“, sagte ich. Irgendwie war ich platt.

„Das Programm wandelt deinen Gesang in jedes beliebige Instrument um. Mit Mustererkennungssoftware! Endgeil, oder?“

„Genial! Und wie klingt das jetzt? Uiiihu – hu – hu – tritralala!“

„Willst du’s als Bassgitarre hören?“

„DUMM, DUMM, DUMM …“

„Oder als Flöte!“

„PFI, PFI, PFI …“

„Kannst du noch Flöte spielen?“, fragte Rowdy.

„Etwas schon. He? Woher weißt du, dass ich früher Flöte gespielt habe? Hab’s dir nicht erzählt!“

„Ich merke mir alles, was mit Musik zusammenhängt. In der fünften bist du zweimal pro Woche in der Klasse mit deiner Flöte aufgetaucht, weil du am Nachmittag Musikunterricht hattest. Warum hast du damit aufgehört?“

„Hatte keinen Bock mehr!“

„Haben deine Eltern keinen Stress gemacht, als du aufhören wolltest?“

„Hab denen erzählt, dass sich in der Spucke im Mundstück der Flöte Legionellen vermehren, von denen man die Legionärskrankheit kriegen kann. Damals war die Glotze voll von Berichten über alte Duschen in Krankenhäusern, wo sich Leute die Legionellen geholt haben!“

„Ich find Flöte gar nicht so schlecht!“ Rowdy warf mir eine Blockflöte zu.

In dem Moment piepste sein Computer, er checkte den Monitor.

„Hallihallo! Carmela-Schnecke schreibt mich an!“

„Carmela? Willst du mich verarschen? Was hast du ständig mit Carmela?“

„Und was hast du für ’n Problem mit der?“

„Erzähle ich dir ein andermal.“ Ich winkte ab. „Was will sie?“

„Ihr Tablet war kaputt“, sagte Rowdy. „Sie wollte, dass ich es mir angucke, hatte mich bei WhatsApp angeschrieben und wir sind ins Gespräch gekommen.“

„Aber wieso kennt sie dich noch?“, fragte ich. „Du bist doch seit drei Jahren von unserer Schule weg!“

„Meine Mutter kennt ihre Mutter!“, sagte Rowdy. „Sie hat ihr erzählt, dass ich voll der Edison bin und alles Elektronische reparieren kann.“

„Carmela hat ’ne krass vernetzte Familie.“

Ich seuftzte. „Mein Vater ist mit Carmelas Vater im Schachverein!“

„Hey! Von der würde ich mir schon ’ne Rochade machen lassen … he-he-he!“

„Ja, wie redest du mit der?“, fragte ich. „Doch nicht so … direkt, meine ich, von Auge zu Auge!“

„Nö!“, sagte Rowdy. „Wir chatten. Ihr Tablett hat sowieso meine Mutter gebracht.“

„Ihr könntet skypen. Dann siehst du hier auch mal was Hübsches. Nicht nur diesen ganzen Elektroschrott.“

„Äääh … sie skypt mich nie an. Will nur chatten!“

„Vielleicht ist sie schüchtern?“

„Carmela? Spinnst du? So was Episches wie Carmela und schüchtern?“

„War nur ein Witz“, sagte ich. „Carmela ist so schüchtern wie das Auge des Sturms!“

Rowdy starrte mich an: „Zockst du Fortnite? Du wolltest doch jetzt etwas Ruhe schieben und keine Shooter mehr spielen. Damit dich deine Alten nicht enterben.“

„Die besitzen sowieso nichts“, sagte ich. „Keine Sorge! Ich hab alles im Griff.“ Ich trat neben Rowdy und sah auf den Bildschirm. Carmela hatte Rowdy mit „Bist du da, Dschulio?“ angetippt.

„Dschulio?“, fragte ich und guckte Rowdy an.

Er wurde rot. „Das … das … das schreibt sie nur so.“

„Aha!“

Um sich zu rehabilitieren, schmiss Rowdy eine mutige Antwort rein: Bin da, Bunny!, tippte er, drehte sich zu mir und grinste etwas verlegen. „Mann! Wie bringt man so ’ne Frau dazu, dass sie auf einen abfährt?“, fragte er.

PIEP! Kannst du auch die Digitalkamera von Jasmin reparieren, Süßer?

Wow – Dschulio! Süßer! War echt neugierig, was da noch kommen würde. Schnurzelschnarf?

Klar!“, tippte Rowdy. „Mach ich!“ Er drehte sich zu mir. „Die braucht mich nur, damit ich ihre Sachen repariere. Scheiße!“

Ich sagte nichts dazu. Wollte Rowdy keine falschen Hoffnungen machen. Außerdem wusste ich nicht, ob Rowdy und ich Freunde bleiben könnten, wenn er mit Carmela was anfing. Die war ja gemeingefährlich!

Busi“, schrieb Carmela.

„He?“, sagte ich. „Will sie dir ihren Busen zeigen?“

„Blödmann!“, sagte Rowdy. „Sie hat sich vertippt. Wollte‚ ‚Bussi‘ schreiben!“

„Bussi?“

Auf die Gurke?“, tippte Rowdy in das Kommentarfenster.

Hey! Wenn er diese Frage abschickte, dann wäre er echt der Größte. Rowdy ließ seinen Zeigefinger über der Enter-Taste kreisen. Mit Rowdys Flöte in der Hand stand ich hinter seinem Rücken und wartete auf DIE TAT seines Lebens. Rowdy seufzte, löschte seine Gurkenfrage und tippte: „Bis dann, Carmela!“ ENTER. Er drehte sich zu mir. „Raus mit der Sprache! Was hast du für Probleme mit der?“

„Keine Ahnung!“, sagte ich. „Immer wenn ich sie treffe, passiert mir was Megaheftiges. Mit sieben bin ich mit ’ner Glasschüssel voll Mittagessenreste zur Hundehütte in unseren Hof gelaufen, Carmela kam um die Hausecke rum, wollte meinem Vater irgendwelche Schachaufgaben bringen, ich versuchte ihr auszuweichen, stolperte über den Bordstein von Mutters Rosenbeet und BUMM! krache mit der Schüssel voll auf den Boden. Hab mir an einem der Splitter die Handfläche aufgeschlitzt.“ Ich zeigte ihm meine rechte Hand. „Siehst du? Da ist noch die Narbe. Immer wenn ich Carmela treffe, geht die Ekschn ab. Die Frau ist lebensgefährlich! Heute hast du doch nur ihren Namen gerufen und ein Straßenschild hätte mich fast gekillt.“

„Das hast du selbst verschuldet, Alta.“

„Schon!“, sagte ich. „Aber nur weil Carmela auf Tuchfühlung war. Die muss ich auf Distanz halten. Es gibt eben Frauen auf der Welt, die dir Unglück bringen!“

„Das ist voll der Aberglaube, Mann!“

„Ist mir egal!“, sagte ich. „Die hat mich schon mit fünf traumatisiert!“

„Wie denn?“

„Als wir klein waren, sind unsere Eltern im Sommer mit uns zum Baden an die Elbe gefahren. Carmelas Vater und mein Vater haben dort den ganzen Nachmittag Schach gespielt. Noch mit vier haben Carmela und ich ganz entspannt nackt gebadet.“

„Echt? Du hast mit Carmelina-Mausi nackt gebadet?“

„Ja!“

„Und wie ist sie so?“

„Rasiert!“

„Echt?“

„Wie sollte sie schon sein, du Idiot? Wir waren vier! Ich erinnere mich sowieso nicht mehr dran. Das gemeinsame Baden mit fünf vergesse ich aber nie!“

„Habt ihr im Busch Doktorspiele gespielt, oder was?“, Rowdy lachte etwas gezwungen.

„Nein! Ich hab mich nur ausgezogen, Carmela starrte mich an und sagte: ‚Oh! Hast du immer noch diesen Schniedel?‘“

„Die ist voll lustig!“, prustete Rowdy.

„Hä? Voll lustig? Hab deswegen Alpträume gekriegt. Hab gedacht, ich bin der einzige Mensch auf der Welt, bei dem der Schniedel noch nicht abgefallen ist.“

„Der Schniedel ist halt unser Schicksal“, sagte Rowdy. „Sogar Gott muss einen Schniedel tragen.“

„Gott ist allmächtig und kann sich einen ganz Großen wachsen lassen.“ sagte ich. „In der Glotze haben ein paar Frauen über ihre Wunschschwanzlänge diskutiert. Echt übel!“

„Besser kurz als krumm!“, sagte Rowdy. „Meiner …“ Er stockte.

„Na, was?“, fragte ich.

„Äääh …“

„Na, sag schon!“

„Meiner ist krass krumm!“

„Linksdrehend oder rechtsdrehend?“

„Rechtsdrehend!“

„Meiner ist linksdrehend!“, sagte ich.

„Echt?“ Rowdy rollte die Augen. „Ich hab gedacht, nur ich hab so ’ne krumme Gurke. Du verarschst mich, oder?“

„Nö! Ist echt so! Hast du dir keine Gurken im Netz angeschaut?“

„Ich guck mir doch keine fremden Gurken an! Nein!“

„Mir hat’s geholfen“, sagte ich. „Ich war wegen der Krümmung ziemlich fertig. Wollte den Säbel gerade biegen, echt! Hab das Ding nur im rechten Hosenbein getragen, damit die Krümmung wieder ins Lot kam.“

„Ich hab den immer links getragen!“, brüllte Rowdy.

„Eine Schiene hab ich drangebunden!“, sagte ich.

„Ich auch!“, rief Rowdy.

„Ich wollte schon zu unserer Ärztin damit gehen“, sagte ich, „aber dann war’s mir doch zu blöd.“

„Ob die Krankenkasse ’ne Krumme-Gurke-OP zahlt?“, fragte sich Rowdy.

„Meinst du brechen und noch mal zusammenwachsen lassen?“ Ich schauderte. „Als ich mein Notebook bekam, guckte ich mir jeden Ständer im Internet an!“, erzählte ich weiter. „Gleich ging’s mir besser. Eigentlich sah mein Ding gegen die ganzen Web-Abarten noch recht normal aus. Nicht so groß wie die Anakondas im Netz, dafür aber ziemlich schnuckelig. Gurken sind halt krumm.“

Rowdy starrte mich mit offenem Mund an. „Zeig mal!“

„Hä? Wenn deine Mutter reinkommt und wir hier voll die Gartenschau abziehen und uns die Gurken zeigen, hat sie was zu erzählen in der Nachbarschaft …“

„Stimmt!“, sagte Rowdy. „Mutter würde’s womöglich auch Carmela sagen. Findet so was lustig. Ich sperr ab.“ Er ging zur Tür und drehte den Schlüssel rum. Ich ließ meine Hose runter und zeigte Rowdy meine Gurke. „Guck!“

„Der ist doch ganz gerade“, sagte Rowdy.

„Die Krümmung siehst du nur am Ständer.“

„Bei mir siehst du die auch so.“

„Zeig mal!“

„Meiner schaut echt wie ’n krummer Knollenblätterpilz aus“, sagte Rowdy und holte seine Gurke heraus.

„Ich sehe gar keine Krümmung.“

„Guck! Wenn ich den hängen lasse, so … zeigt die Spitze doch nach Süd-West, oder?“

„Blödsinn!“, sagte ich.

„Wenn er steht, schlägt er krass nach Nord-West aus!“

„Das ist bei mir genauso! Nur nach Nord-Ost!“

„Zeig mal!“

„Ich krieg den nicht hoch, so vor dir.“

„Ich hol uns ein paar Bilder auf den Bildschirm!“

„Okay“, sagte ich. „Mann! Das ist doch Carmela! Wow! Hat sie dir ein Nacktfoto geschickt? Krass!“ Ich wollte einen Schritt näher zum Bildschirm machen, vergaß aber, dass meine Hose wie Fußschellen an meinen Knöcheln hing. „Uaah!“ Ich stürzte zum Boden, holte mit den Händen aus, um mich am Tisch festzuhalten und haute dabei mit der Flöte, die ich immer noch in der Hand hielt, Rowdy über seinen nackten Arsch.

„Autsch!“, kreischte er. „Bist du gaga, du Sado?“

„Sorry“, sagte ich und rappelte mich wieder hoch. „War keine Absicht. Siehst du? Carmela taucht nur auf dem Bildschirm auf und schon passieren mir Sachen.“

„Die sind mir passiert!“ Rowdy rieb sich seine nackte Arschbacke, die jetzt von einem roten Striemen verschönert war. „Hi-hi-hi!“, lachte er aber auf einmal. „Das Foto ist doch gar nicht echt! Ist nur ’ne Fotocollage!“

„Das Gesicht ist von Carmela!“

„Der Kopf von Carmela“, sagte Rowdy, „… der Körper von Jenna Jameson!“

„Sieht aber wie echt aus“, sagte ich. Wir guckten runter. Die Fotomontage funktionierte bestens. Nur ’ne gefakte Carmela, aber unsere Gurken zeigten stramm nach oben. Na, ja, ganz stramm nicht. Rowdys Gurke krümmte sich etwas nach rechts, meine etwas nach links. Jetzt zur Abwechslung also nach Nord-West und nach Nord-Ost.

Ich legte die Holzflöte als Vergleich an. „Siehst du?“, sagte ich. „Ich hab die Krümmung auch. Fast jeder hat sie.“

„Mannoh!“ Rowdy strahlte. „Ich bin glücklich!“

„Kannst du da nicht ein anderes Foto reintun?“, fragte ich. „Sonst krieg ich das Ding nicht wieder runter.“

„Soll ich bei Google-Bild nach der Bundeskanzlerin gucken?“

„Besser nach einem Zahnarzt. Da krieg ich immer Panik.“

„Okay.“ Wir zogen uns an.

„Spiel mir jetzt mal was vor“, sagte Rowdy und zeigte auf die Flöte. Ich spielte Stairway to Heaven von Led Zeppelin, an den Song konnte ich mich noch etwas erinnern. Den hatte ich mal eingeübt, um ihn meinem Vater zum Geburtstag vorzuspielen. Leider hab ich seit vier Jahren nicht mehr Flöte gespielt. Es ging trotzdem einigermaßen. Rowdy schnitt mein Spiel mit und ließ die Melodie gleich auf einigen Instrumenten abspielen.

„Super!“, sagte ich. „Mit deinem Tarzan könnten wir glatt ’ne Band gründen.“

„Locker!“, sagte Rowdy. „Hab sowieso ein paar neue Songs. Nur texten kann ich nicht.“

„Das ist kein Problem! Das mach ich. In der Fünften hab ich für Frida Liebesgedichte geschrieben.“

„Die neuen Songs haben aber schon heftige Beats!“ Rowdy spielte mir ein Stück vor.

„Megafett!“ sagte ich. „Wir gründen eine Heavy-Metal-Hip-Hop-Band.“

„Ich kann uns im Netz eine Webseite basteln!“, sagte Rowdy. „Gleich erstelle ich ’nen Kanal bei YouTube.“

„Mach uns auch ’ne Fanseite bei Facebook und Instagram“, sagte ich.

Rowdy guckte mich angewidert an: „Ich sag dir mal was zu deinem Facebook: Die verkaufen nur deine Daten. Datenschutz …“

„Der einzige Datenschutz, den du heute praktizieren kannst, ist, vor dem Wichsen die Vorhänge zuzuziehen, damit dir die Satelliten dabei nicht zugucken!“

„Sehe ich auch so!“, sagte Rowdy. „Trotzdem! Facebook liefert unsere Daten der Industrie, und die Typen nutzen das dann für die Werbung und für die Marktforschung und so.“

„Siehst du – gut dass es mich und mein altes Ego Jerry van Helsing gibt. Wenn noch mehr Leute wie ich bei Facebook falsche Infos verbreiten würden, bricht in der Industrie das Chaos aus. Die Manager würden statt Hundefutter Blutkonserven für Vampire herstellen lassen. Je mehr Lügen du über dich verbreitest, umso schwieriger kann man daraus die richtigen Daten fischen. Das ist der wahre Datenschutz.“

„Spielst du Robin Hood, oder was?“

„Nein!“

„Dann bleib cremig, Alta. Wer singt also in unserer Band? Ich wohl kaum. Meine Stimme steckt voll in der Pubertät – und auch du röhrst wie ein Hirsch.“

„Clara kann gut singen!“, sagte ich.

„Deine Schwester?“

„Ja.“

„Die ist doch krass old school!“, sagte Rowdy. „Hört sie nicht nur Cat Stevens und so Zeug?“

„Schon!“, sagte ich. „Aber singen kann sie!“

„’ne Mädchenstimme?“

„Das wird der Hit sein!“, sagte ich. „Eine liebliche Frauenstimme surft auf deinen Hammer-Beats.“

„Wie nennen wir die Band aber?“, fragte Rowdy.

„Na, wie denn?“, sagte ich.

„Wie also?“

Krumme Gurken!“

„Krass! Echt … nö!“, sagte Rowdy. „Das geht nicht! Dann weiß doch jeder sofort, dass wir beide krumme Gurken haben.“

„Quatsch! Keiner würde doch denken, dass wir so blöd sind, uns nach unseren krummen Gurken zu benennen, oder?“

Rowdy nickte: „Wenn du recht hast, dann hast du recht!“

Der Herz-Kerzen-Song

Mitternacht. Die Family pennte schon. Leider konnte ich deswegen nicht das Licht einschalten. Komisch, wie die Dunkelheit auf einen wirkt. Sogar zu Hause, wo du alles kennst. Um Mitternacht ist es am Schlimmsten. Zum Glück kenne ich geile Geisterjägerstrategien: Ein paar Geister auf unserer dunklen Treppe vertrieb ich mit gezielten Zaubersprüchen, die ich schon im Kindergarten gelernt hatte:

„Ich fick deine Mutter“ schlägt jeden Geist in die Flucht. Das hat mir Heiko im Kindergarten erzählt. Seitdem praktiziere ich das immer im Dunkeln und es funzt voll. Als ich klein war, hab ich hier auf der dunklen Treppe so laut „ich fick deine Mutter!“ gebrüllt, bis Mama aus dem Schlafzimmer kam. „Aber Bennie!“, hat sie meistens nur gesagt. Erschrocken war sie nicht. Geister aber und Leute, die denken, dass sie einen Geist haben, lassen sich von so was immer abschrecken.

In meinem Zimmer angekommen, schmiss ich deshalb schnell mein Notebook an. Schon fühlte ich mich nicht mehr allein. Unsere Band rockte in meinem Kopf ab. Aber auch bei Facebook gab’s Musik:

Paulina hat ein Foto einer großen Tafel aus einer Schule gepostet. Darauf hatte die dortige Musiklehrerin in großer Schrift für ihre Orchesterschüler eine Nachricht hinterlassen:

Alle Bläser, die noch keinen Ständer haben, kommen bitte nach oben und holen sich einen runter! Grüße Frau F.

Ich gab meinen Senf dazu, für den sich der coole Superstecher Buddy sicher nicht schämen würde: „Erledigt, Mädels! Gute Nacht!“ Vor dem Zubettgehen guckte ich mir noch ein paar Game-Foren an: GTA, Minecraft, Fortnite und so Zeugs. Mit älteren Frauen bei Facebook kannst du leider nur über Rollenspiele reden. Dagegen knallte die Kugelstoßerin Sandra aus unserer Klasse Dämonen am Fließband ab und schiss auf den Artenschutz.

Schluss für heute! „Gute Nacht, Püppi!“ Für mein billiges Smartphone schäme ich mich vor der ganzen Welt. Deswegen hab ich’s Püppi genannt, damit es sich auch schämt. Das darf aber keiner erfahren. Klar?

PIEP! Doch nicht Bettruhe. Rowdys Beats trudelten ein. Sogar drei Songs: Ein Hip-Hop-Ding und zwei Nummern, die man als Melodic-Metal bezeichnen könnte. Ich ließ den Hip-Hop-Song mit repeat laufen, legte mich ins Bett und versuchte im Halbschlummer einen Textfaden zu spinnen:

 

Yo, yo, yo,

Du willst disch mit mir messen,

Das kannste vergessen,

Harte Männer müssen schweigen,

Und sisch ihre Gurken zeigen!

Jeder Gangsta, jeder Schurke,

Hat auch ’ne krumme Gurke.

Pack die Mütze und das Sakko,

Hast du’n Problem, du Spako?

Isch sehe schon deinen Kummer,

Meine Gurke ist viel krummer.

Yo, yo, yo

 

Hey, hey! Das war schon ein richtiger Gangstarap. Ich sprach das Ding auf mein Handy.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, kam ich mir nicht mehr so gangstamäßig vor. Weil ich von Carmela geträumt hatte. Carmela war Gretel und ich Hänsel, leider hat sich meine Gretel mit der Hexe zusammengetan. Gerade als die beiden bösen Weiber mich in den Ofen schieben wollten, wachte ich auf.

Die Sonne klopfte schamlos nackt aufs Fenster. Ich war in Schweiß gebadet und dann fiel mir zu allem Übel noch ein, dass Clara sicher nicht den Gangstarapper geben würde. Sie konnte zwar singen, aber nicht rappen. Und erst recht hatte sie nicht den richtigen Flow, um über krumme Gurken zu rappen. Ich ließ am Notebook über die Boxen einen von den zwei melodischeren Songs von Rowdy laufen. Der Ohrwurm fraß sich bei mir ein. Meine Morgenlatte tanzte dazu einen krassen Salsa-Blues.

 

Jede Frau hat ihren Trumpf,

Langes Haar, ’nen schönen Rumpf.

Im Dunkel strahlend wie der Mond,

Ziemlich schlau und somit blond.

Doch nur eine gibt’s, die mich ließ,

Ins Paradies.

 

Oh, Frida!

 

Ich kann sagen jeden Tag,

Dass ich Frauen ganz gern mag.

Sie haben, was ich nicht hab,

Schubi, dubi, schaba, dab.

Doch nur eine gibt’s, die mich ließ,

Ins Paradies.

 

Oh, Frida!

 

Hmm … Das konnte Clara aber auch nicht singen, oder? Musste wohl noch etwas anderes dichten. Etwas über Männer, damit das auch zu einer weiblichen Sängerin passt. Etwas Schöneres musste her. Etwas Intellektuelles, etwas wie von Silbermond.

 

Ich liebe dich echt,

Sei zu mir nett.

 

Aber halloo! Silbermond pur! Blöd genug, um in die Charts zu kommen. Krasser Reim, oder? Na ja, schon nach dem Motto, reim dich oder stirb, aber als Dichter musst du ja auch Mut zum Neuen zeigen. Am Ende kam aber ein ganz anderer poetischer Text raus, der so losging:

 

Die Kerzen

 

Im Schein der schön geraden Kerzen,

Schmelzen wir wie unsre Herzen …

 

Den Rest kann ich nicht mehr hinschreiben, jetzt schäme ich mich plötzlich für den Text, obwohl ich den Song zuerst super fand. Erst viel später, als sich Mia über den Song lustig machte, fiel mir auch die unfreiwillig komische Wortwahl auf: Krumme Gurken singen über gerade Kerzen.

Zum Glück musste ich den Schwachsinn nicht selbst performen. Herzen, Kerzen, schmelzen! War echt stolz auf mich, dass ich die Schmerzen ausgelassen habe. Trotzdem voll der Kitsch! Da würde Clara nicht nein sagen können.

Ich hüpfte nach unten. Meine Eltern waren schon auf Arbeit. Meine Mutter hat einen Halbtagsjob in einer Kantine, mein Vater half wohl, sein Haus zu sprengen. Die Erwachsenen haben halt so Routinen. Clara guckte sich im Wohnzimmer die DVD Einer flog übers Kuckucknest an. Meine große Schwester ist im 20. Jahrhundert stecken geblieben. Voll auf Retro!

„Hör dir besser etwas Avantgarde an!“, sagte ich und ließ Rowdys Song am Handy abrollen.

„Nett“, sagte Clara.

„Nett? Mann! Das ist der krass geilste Song überhaupt!“

„Leider ohne Worte“, sagte Clara. „Ich hab’s nicht so mit Instrumentalmusik.“

„Die singst du auf!“

„Was?“

„Die Worte!“

„Spinnst du?“

„Willst du nicht berühmt werden?“ Ich schmierte Clara ein Brot mit Philadelphia und Honig und hatte sie schon bald so weit. Wenn du Clara Honig ums Maul schmierst, kann sie nicht nein sagen. Clara ist nach unserer Mutter geraten.

„Was wird Kevin dazu sagen?“, fragte Clara.

Das war ein Problem – zugegeben. Claras Freund Kevin ist das Letzte – er arbeitet als Berater in einer Bank – echt!, voll der Kotzbrocken. Keine Ahnung, was Clara in Kevin sieht. Mein Vater mag ihn auch nicht besonders. Kevin gibt ihm Aktien-Tipps. Blöd nur, dass Vati kein Geld hat, um Aktien zu kaufen. So wie das Internet sind Aktien für unseren Vati Scheißdreck. Trotzdem führt sich Kevin bei uns zu Hause auf, als ob er und seine Bank die Aktienmehrheit unserer Familie übernommen hätten.

„Gewien!“, sagt dann Vater zu Kevin.

„Ja!“

„’sch habb in dor Zeidung geläsn, dass deine Bang blaide is. Soll’sch dor bor Bieb’m lein?“ Bieb’m sind bei Vati Piepen, also Geld, klar?

„Meine Bank ist nicht pleite!“, regt sich Kevin auf. Er versteht keine Witze. Nicht mal seine eigenen. Ich glaub aber nicht, dass mein Vater ihm wirklich Geld leihen würde.

„Du musst es ihm doch gar nicht sagen!“, schlug ich Clara vor. „Wir nehmen den Song auf, posten den bei Facebook und YouTube, und wenn wir damit berühmt sind, kannst du dir immer noch überlegen, wie du’s ihm sagst. Oder ob du dir ’nen besseren Lover suchst!“

„Hör auf mit dem Blödsinn!“

Ich zeigte ihr meinen Kerzentext.

„Ach!“, sagte Clara. „Wunderschön! Wusste nicht, Bennie, das du auch so gefühlvoll sein kannst.“ Sie tätschelte mich am Kopf wie ’nen Dackel. Meine Backen liefen wahrscheinlich himbeermarmelademäßig an. Aber da musste ich durch. Ich konnte Clara jetzt nicht blöd kommen. Ließ mich also tätscheln und schnurrte wie ein Kater. Hmm …

Trotzdem schämte ich mich bis in den Boden dabei. Vielleicht sollte ich den Text verbrennen und etwas weniger Heftiges dichten, etwas Anständiges, etwas mit Schwanztänzen. Hier wusste ich noch nichts davon, dass mich das Schwanztanzen mal krass erwischen würde. Ich sollte nicht vorgreifen Leute. In dieser Liebesgeschichte passieren aber noch ganz krasse Sachen. Und es ist eine Liebesgeschichte. Glaubt’s mir!

„Der Text ist echt schön“, sagte Clara. „Aber ich weiß nicht …“ Sie runzelte die Stirn. „Wie … wie heißt eure Band?“

Krumme Gurken“, sagte ich. Tja. Jetzt war die Katze aus dem Sack. Für eine Band mit einem solchen Namen würde Clara nie singen.

„Super Name“, sagte Clara und seufzte. „Okay. Ich mach mit.“

Ich gab ihr den Text.

 

***

 

Gleich nach dem Mittagessen fuhr ich mein Notebook wieder hoch. Die ziemlich aufdringliche Sonne lachte die ganze Welt herbei. Ich machte die Jalousien zu. Gleich war’s bei Facebook gemütlicher.

 

NEUIGKEITEN

 

Saskia Schön: Kopier diesen Text an deine Pinnwand, wenn du jemanden kennst oder wenn du von jemandem gehört hast, der jemanden kennt. Wenn du niemanden kennst, oder von jemandem gehört hast, der niemanden kennt, kopier es trotzdem. Es ist extrem wichtig, diese Botschaft zu verbreiten! ♥♥♥♥♥♥ Und die Herzen, verdammt noch mal!!! Vergiss um Gottes Willen nicht die verdammten Herzen!!! ♥♥♥♥♥♥

 

Ich kopierte die Herzen. Klar, nur aus Spaß und nur für mich. Als Exvampirjäger und Stuntman in Vampirfilmen kannst du nicht mit Herzen rumschwuchteln. Herzen würde ich nie und nimmer und nirgendwo einfügen. Das machen nur Mädchen. Hmm … wie fühlt sich das aber an? Herzen reinzukopieren, wenn dich keiner dabei beobachtet?

Ich fügte die Herzen in das Kommentarfeld unter Saskias Meldung: „♥♥♥♥♥♥ “ So! Hmm … fühlte sich ganz gut an, sechs Herzen von MIR! Klar würde ich jetzt nicht auf Kommentieren klicken und meine Herzen auf die Webwelt loslassen. Nie! Das war nur ein Spielchen zwischen mir und mir, wollte die Herzen gleich löschen. So wie Rowdy seine Gurken-Chat-Antwort an Carmela gelöscht hatte. Wollte mich halt nur ein paar Augenblicke krass herzensmäßig fühlen. Ich tippte noch etwas Text dazu: „Liebe, Liebe, Liebe!!!“ Etwas, was ein richtiger Mann nie schreiben würde! Und jetzt das Russische Roulette: Ich kreiste mit dem Zeigefinger über dem Balken: KOMMENTIEREN. Noch ein paar Sekunden. Gleich würde ich’s löschen …

„Benniiieee!!!“ Der Schrei ließ das Haus in seinen Grundmauern erschüttern. Mich auch: RUCK und ZUCK und KLICK! Mein Zeigefinger hatte tatsächlich aufs Kommentieren geklickt.

Scheißeeee! Und schon jagten meine sechs Herzen auf die Bildschirme meiner 999 Freundinnen. Verdammt! Jedes Mädchen bei Facebook würde mich auslachen.

Wie peinlich!!!

Was jetzt? Sofort muss ich den Kommentar löschen. Doch gleich brüllte meine Mutter: „Carmela!“ Was Carmela war hier? Ich lief in den Gang. Herzen vergessen.

Und noch mal von unten: „Benniiieee!!!“

„Was ist’n los, Mama?“

„Carmela ruft an. Sie fragt, ob Rowdy bei dir ist. Er soll ihr was reparieren.“

Ich lehnte mich über das Treppengeländer und guckte zu, wie meine Mutter unten am Telefon mit Carmela sprach: „Was … wie heißt das Ding, Carmela? Belmondo? Ah … Nintendo!“ Sie hielt die Sprechmuschel zu: „Bennie! Ist Rowdy bei dir? Er soll Carmelas Belmo … äh … ein Dingsbumstendo reparieren!“

„Ist nicht da.“ Ich ging wieder in mein Zimmer und schlug die Tür zu. Diese bescheuerte Carmela! Ich schnitt sie, so gut ich konnte, aber die blöde Tusse fand immer irgendein Schlupfloch. Und HUSCH! Schon schlüpfte sie durch, um mich fertigzumachen. Jetzt vernichtete ich mich wegen ihr sogar bei meinen Freundinnen im Web. Wenn ich den nicht sofort löschte. Doch schon war auch mein Kommentar kommentiert. Von Lucie: „Oh, @Jerry van Helsing – wie schön!“ Na, ja, wenn auch erwachsene Damen Herzchen so verehren, bleibe ich bei ihnen.

Um von den Herzen wegzukommen, knallte ich bei Fortnite ein paar Anfänger ab. Lange im Spiel war ich nicht. Plötzlich tauchte bei mir ein wahnsinniger Gladiator auf und bevor ich nur zielen konnte, pumpte er mich mit seiner Schrotflinte voll.

Zumindest konnte ich bei Facebook vorbeigucken, ob schon der erste Spott da wäre.

Ich kenne keinen anderen Mann, van Helsing, der Frauen so gut verstehen würde“, schrieb Claudia aus Berlin als Kommentar zu meinen Herzen. Gleichzeitig postete sie eine Nachricht auf meiner Pinnwand. „Weise, weise! Wie alt bist du eigentlich?

28 schrieb ich, haute aber ein Smiley dazu – vielleicht würde die hübsche Claudia dann denken, dass ich nur scherze und in Wirklichkeit achtunddreißig bin. So wie sie.

Schon trudelten ein paar andere Heiratsanträge rein. Mannomann. Als Sechzehnjähriger hast du in der Schule und in der Stadt so viel Stress mit Mädchen, aber im Web läuft alles wie geschmiert. Hier kannst du Frauen voll mit Blödsinn beeindrucken – mit Herzen und so.

In der Welt draußen landet jedes Wort auf der Goldwaage, im Netz verzapfst du aber Scheiß ohne Ende, und keiner wundert sich drüber. Vor lauter Freude baute ich bei Minecraft eine Burg für meine Prinzessin, die auf mich schon irgendwo in der großen Welt da draußen wartete. Sicher, oder? Ab jetzt gibt’s hier nur Herzen.

 

 

Am Abend fuhren Clara und ich zu Rowdy. Clara hatte sich bei YouTube ein paar Videoclips mit heißen Sängerinnen anguckt und sich entsprechend aufgemotzt: Mit einem Top, das mehr ent- als verhüllte und einem Minirock, der wie ’ne Arschklappe aussah. Wusste nicht, dass Clara solche ultimativen Dinger hatte. „Wir drehen doch keinen 50-Cent-Clip“, sagte ich, doch Clara lachte nur.

Im Rowdys Studio war schon alles vorbereitet. Heiße Strahler ließen uns schwitzen. Seine High-Tech-Programme blinkten vor Aufregung, nur mit Claras Outfit hatte Rowdy nicht gerechnet. Sofort griff er nach einem roten Flummi und spielte damit herum. Dabei glotzte er in Claras Ausschnitt, auf die Kugelbahn zwischen ihren Brüsten.

Huch! Das wird was werden! Rowdy schleuderte den Flummi auf den Boden, fing ihn wieder auf, beglotzte dabei aber weiter Claras Brüste und trat einen Schritt auf sie zu. Krass! Die ganze Songaufnahme hing auf der Kippe. Wenn Rowdy jetzt zwischen Claras Brüsten Kugelbahn spielte … Ich sprang zu ihm und riss ihm den Flummi aus der Hand. „So was nennt man eine Zwangshandlung!“, sagte ich.

„Waaas?“

„Lasst uns anfangen!“, sagte Clara. „Oder wollt ihr lieber Flummi spielen?“

„Nö“, murmelte Rowdy. Ich stellte ihm ein paar leere Colaflaschen auf den Tisch und einige Bleistifte daneben. Rowdy warf die Bleistifte abwechselnd in die Flaschenhälse, glotzte dabei in Claras Ausschnitt und ließ die Boxen surren wie ’ne Hummel. Als Clara ins Mikro hustete, hat’s mir fast das Trommelfell zerissen. Egal! Anders kannst du einen Heavy-Metall-Hip-Hop-Song sowieso nicht aufnehmen.

 

 

Alle Instrumente waren schon zusammengemixt, ich musste gar nichts machen. Nicht singen, nicht Flöte spielen. Auch das Sprechgesang-Grunzen, das er Claras Melodie unterlegen wollte, hatte Rowdy schon selbst aufgenommen. Seine Instrumente und Geräte beherrscht Rowdy virtuos, da würde ein zusätzlicher Musiker ihn nur verwirren.

Clara gab ihr bestes. Die Aufnahme klappte gleich beim zweiten Mal. Rowdy musste das Ganze nur ein bisschen glätten, unnötige Geräusche löschen, seinen Rap-Refrain reinschneiden, das Gekreische der Fans reinbringen und so. Krumme Gurken on Tour! Made in Japan!

Für mich war die Aufnahme reine Entspannung. Ich guckte meiner Schwester bei der Arbeit zu. Clara ist echt toll, ganz nach mir geraten, auch wenn sie älter ist. Zufrieden hockte ich auf Rowdys Bett und zog mir die geile Melodie rein. Auf mich kam die Arbeit erst noch zu. Ich war der Texter der Band und die Propagandaabteilung. Unsere Fans bei Facebook mussten mit falschen Meldungen gefüttert werden.

„Ich mach mich so bald wie möglich an die Facebook-Seiten!“, sagte ich.

„Die hab ich schon fertig!“, sagte Rowdy und gab mir das Password. Der Typ war echt das Arbeitstier. Ich guckte mir die Seiten gleich auf Rowdys Rechner an: Unser Logo gleich oben unter unserem Namen schaute geil aus. Zwei gekreuzte grüne krumme Gurken auf gelbem Hintergrund. Und morgen würde er auf die Seiten das erste Video, unseren Mega-Clip, hochladen.

 

 

In der Straßenbahn auf dem Heimweg kicherte Clara vor sich hin. „Was ist’n los?“, fragte ich.

„Warum heißt unsere Band eigentliche Krumme Gurken?“ Da war sie, die Frage.

„Äääh …“ Ich kam ins Schwitzen. Was sollte ich meiner Schwester erzählen? Wohl nicht die Wahrheit. „Weißt du …“, stammelte ich. „Rowdy musste mal als kleiner Junge im Garten Unkraut jäten. Statt Unkraut hat er alle Gurken rausgerissen. Als ihn seine Mutter fragte, warum er so einen Blödsinn macht, hat er gemeint, die Gurken sind zu krumm gewesen.“

Das war doch ziemlich glaubwürdig, oder? Wie ich schon Rowdy beschwichtigt hatte – kein normaler Mensch würde denken, wir hätten unsere Band nach unseren krummen Gurken benannt.

„Ach so!“, sagte Clara. „Und ich hab schon gedacht, ihr hättet unsere Band nach euren krummen Gurken benannt.“

„Waaas?“

„Na, du weißt schon!“, sagte Clara. „Nach euren Pimmeln.“

„Bist du gaga?“ Ich starrte sie an. „Was dir so durch den Kopf geht. Da liegst du voll daneben. Unsere Gurken könntest du statt eines Lineals nehmen.“

„Habt ihr euch die Gurken gezeigt? Du und Rowdy?“

„Wie bitte?“

„Weil du ja anscheinend weißt, wie seine aussieht.“

„Du spinnst! Ich würde doch nie einem Typen meine Gurke zeigen.“ Komisch wie Frauen dich mit zwei einfachen Fragen entlarven. Wo lernen die das?

 

 

Am nächsten Tag hing das Video mit unserem Song bei Facebook. Der geilste Videoclip der Musikgeschichte: Krumme Gurken auf Tour in Japan. Der Kerzen-Song! Nur Clara war auf dem Video zu sehen. Wir, die Musiker, waren vom Nebel verdeckt. Nur hin und wieder hat’s einen Kameraschwenk auf die kreischenden japanischen Fans gegeben, in erster Linie Mädels. Die hat sich Rowdy von ein paar Konzerten japanischer Heavy-Metal-Bands zusammengeschnitten. Rowdy hat’s technisch so hingekriegt, dass es aussah, als ob unsere Band in einem Stadion spielte.

„Mann, Alta!“, sagte mir Rowdy am Telefon. „Seit heute früh verlinke ich die Krumme-Gurken-Seiten mit dem ganzen Web.“

„Ich auch“, sagte ich. „Auf allen meinen Facebookseiten oute ich mich als der totale Fan von Krumme Gurken.“

„Ein Kommentar pro Tag bei Facebook ist aber zu wenig.“

„Das wird schon“, sagte ich. „Hast du den von HeavyJohnn gelesen? Der hat geschrieben: ‚Geiles Video, Leute!‘“

„Cool!“

Mehr war vorläufig nicht drin. Musste nicht viel Zeit verschwenden, um Fan-Kommentare bei Facebook zu beantworten. Einmal am Tag postete ich selbst eine Neuigkeit oder beantwortete einen Kommentar und die Arbeit war getan:

 

@HeavyJohnn: Im Herbst kommt ein neues Video raus. Jetzt müssen wir nur noch unsere Japan-Tour zu Ende bringen. Echt krass der Tripp! Die Leute flippen hier aus. DieGurke.

 

Klar hab ich auch gleich gemerkt, dass ich direkt in die Scheiße gelatscht war. Nicht weil wir zu wenige Fans hatten, das nicht. Sondern weil die meisten Fans TYPEN waren. Und selbst die meisten stimmt nicht ganz: ALLE unsere Fans waren Jungs. Echt! Keine Mädels! Alle fuhren auf Clara ab. Aber hallo? Hatten wir eine Band gegründet, um Männer auf meine Schwester heiß zu machen?

Anstatt im Web um Mädels rumzugruscheln, schäkerte ich mit Jungs. Echt blöd. Das musste in der Zukunft anders laufen: Unsere nächste Band würde eine Boy Group sein. Das schwor ich mir. Zum Glück hielt sich die Begeisterung für unseren Clip bei YouTube in Grenzen. Nur etwa fünf Zugriffe pro Tag. Ein paar freundliche Kommentare wie: „Lahmarschiges Affentheater! Der Gurkenschäler“ – das ist im Netz normal. So was bringt mich nicht aus der Ruhe. Arschloch!!! Erst ein Kommentar in unserem Facebook-Blog ein paar Tage später brachte mich ins Grübeln.

Neue Nachricht von Violonzzelo: Hi Krumme Gurken! Stark! Wann seid ihr eigentlich zurück in Deutschland?

Die Kacke dampfte wie Dampfnudeln. Ich rief Rowdy an: „Ein Fan fragt, wann wir aus Japan zurückkommen.“

„Hä?“

„Was machen wir jetzt?“, sagte ich. „Irgendwann müssen wir zurück.“

„Können wir nicht für immer in Japan bleiben?“

„Das kauft uns keiner ab. Wenn wir aber vorgeben, in Deutschland rumzutouren, wird schon irgendwann jemand herausfinden, dass es uns gar nicht gibt.“

Rowdy überlegte. „Wir touren noch ein paar Wochen in Japan“, sagte er.

„Und dann?“

„Dann lassen wir die Band bei einem Flugzeugabsturz umkommen.“

„Sind bei so was nicht normalerweise die Zeitungen voll davon?“

„Nerv nicht rum!“, sagte Rowdy.

„Und was ist, wenn wir bis dahin berühmt sind?“

„Dann stellen wir uns mit deiner kerzengeraden Flöte und unseren krummen Gurken auf die Bühne und geben Konzerte. Wenn wir berühmt sind, dann ist’s auch scheißegal, dass wir nicht spielen können. Hör dir doch die Bands im Radio an! Du lernst ein paar Songs auf der Flöte, ich klimpere was dazu. Ist doch ganz iiisi. Nach den Konzerten krallen wir uns die Groupies und sind fein raus.“

„Ganz meine Rede“, sagte ich.

„Hast du heute Lust auf Ekschn?“

„Bin gleich bei dir!“

Carmela

„Boah! Willst du so ’n Monstertruck fahren?“

„Viel besser als dein schwules Motorrad.“

„Dafür ist das das Schnellste.“

„Wenn du damit fahren kannst“, sagte ich. Logisch konnte Rowdy damit fahren. Gleich am Start flitzte er mir davon. Ich holperte in meinem Truck schwerfällig hinter ihm her. Doch es kommt die Zeit, Baby! Er musste mich ja in der zweiten Runde überholen. Und darauf lauerte ich, kontrollierte mein und sein Bildschirmfenster. Geiles Gelände: Grabenbruch, Strand, Schlucht, Wald, eine runtergekommene Stadt, scharfe Kurven, Klippen, Gefahr. Und da kommt Rowdy angedüst. Ich schwenke nach rechts, mache Platz für sein Motorrad, und schon tappt er in die Falle, schon überholt er mich und … jetzt! Wilder Schlenker nach links mit meinem Monstertruck und BUMM! Rowdys Motorrad fliegt von der hohen Felsklippe runter und schlägt Saltos – in Flammen! So rockt’s richtig, Mann! Weiter geht’s! Mein Monstertruck donnert nach vorne.

Klar überholte mich Rowdy gleich wieder und fuhr eine halbe Runde vor mir ins Ziel. Mit dem Monstertruck hast du gegen das leichte Motorrad echt keine Chance – wenn der Motorradfahrer etwas Übung hat. Als Anfänger fliegst du mit dem Motorrad aus jeder Kurve. Aber wenn du’s draufhast, bist du King of the Riff. Da ich kein Anfänger war, wählte ich im nächsten Spiel auch das Motorrad. Den ganzen Vormittag lieferten wir uns gnadenlose Rennen im Pacific Rift von MotorStorm. Leider hatten wir dafür Rowdys uralte PS3 rauskramen müssen. Für PS4 wurde das Spiel nicht mehr entwickelt.

„Juuungs!“ Bei diesem heißen Spiel hatten wir gar nicht gemerkt, dass Rowdys Mutter ins Zimmer gekommen war. „Schluss damit!“ Sie hantierte an der PS3-Konsole.

„Was machst du, Mama?“

„Ich steck eure Fernbedienungen aus! Ihr spielt schon seit Stunden, Domi!“ Rowdys Mutter war wohl der einzige Mensch auf der Welt, der Rowdy „Domi“ nannte, weil Rowdy früher mal Dominik geheißen hatte. Rowdys Vater hatte sich noch vor seiner Geburt verzogen. Seine Mutter reichte Rowdy aber vollkommen. Sie war manchmal ziemlich lustig. Jetzt suchte sie an der PS3-Konsole weiter nach den Kabeln zu unseren Controllern.

Rowdy drehte sich zu mir: „Als ich kleiner war, hat meine Mutter immer meinen Controller an der PS2 ausgesteckt. Damit ich zu spielen aufhöre.“

„Und das mache ich jetzt genauso!“

„Nö, Mama, machst du nicht!“

„Sei nicht frech, Domi!“

„Die Controller am PS3 sind wireless, Mama. Da gibt’s keine Stecker.“

„Ach so!“, sagte sie und riss das Stromkabel der Konsole aus der Steckdose. Unsere Motorräder verschwanden in einem schwarzen Loch. „Wireless hin oder her.“

Rowdy flüsterte mir ins Ohr: „Dann müssen wir halt FIFA an PS4 zocken.“

Seine Mutter richtete sich wieder auf. „Irgendwo muss der Strom ja reinfließen.“

„Warum der Stress, Mama?“, fragte Rowdy.

„Du kannst nicht den ganzen Tag am Bildschirm hocken!“

„Doch!“, sagte Rowdy. „Ich lerne dabei!“

„Lernen?“, regte sich seine Mutter auf. „Das nennst du lernen?“

Rowdy hielt ihr den Controller hin. „Probier’s mal! Ist gut gegen Alzheimer. Trainiert die Hirnwindungen. Das stand in Wikipedia.“

„Der Arzt hat gesagt …“

„Du warst beim Arzt?“, fragte ich Rowdy.

„Jup“, sagte er.

„Depressionen“, sagte seine Mutter.

„Du bist ein Genie im Datenschutz, Mama“, sagte Rowdy. Zwar hat er’s mir mit den Depressionen selbst erzählt, hin und wieder zieht er aber seine Mutter auf.

„Der Arzt hat gesagt, du brauchst Bewegung.“

„Ich nehme Pillen, Mama. Sport ist Mord!“

„Du kommst mit ins Schwimmbad“, sagte sie.

„Schwimmbad?“, stöhnte Rowdy. „Ach, nööö!“

„Doch.“ Seine Mutter blieb hart. „Sonst ist Spielen verboten.“

„Ich bin nicht mehr zwölf, Mama!“

„Ist mir egal. Entweder kommst du mit ins Schwimmbad, oder du kriegst Stress mit mir.“

„Sport ist auch Stress“, sagte Rowdy. „Und was, wenn ich ersaufe, he?

„Komm schon!“, sagte ich. „Ich komme auch mit.“

„Echt?“

„Klar.“ Blöd! Wo hab ich mich da wieder reingeritten?

„Na, siehst du?“; sagte Rowdys Mutter. „Bennie ist viel sportlicher als du.“ Sie drehte sich zu mir. „Du treibst doch Sport, Bennie, oder?“

„Benniiieee“, sagte Rowdy und spitzte die Lippen als ob er mich abküssen wollte.

„Klar mache ich Sport“, sagte ich. „eSport … äääh … Golf spiele ich.“

„Das könnten wir auch machen“, sagte Rowdys Mutter. „Da ist man an der frischen Luft und hat auch Bewegung. Wo spielst du denn Golf, Bennie?“

„An der Wii“, sagte ich.

„Ach so“ Rowdys Mutter stemmte empört die Hände in die Hüften: „Das ist doch kein Sport.“

„Doch“, sagte Rowdy. „Beim Golf an der Wii bewegst du dich mehr als auf dem Golfplatz. Und wenn du das Fenster aufmachst, bekommst du auch frische Luft dazu.“

„Wie auch immer“, sagte Rowdys Mutter, „wir fahren jetzt jedenfalls bei Bennie vorbei und holen seine Badesachen und dann machen wir echten Sport.“

Musste sie ständig Bennie sagen, hä?

 

 

Meine Mutter war schon zu Hause und freute sich ziemlich, dass ich schwimmen wollte. Die Mütter sind eben alle gleich. „Wo hab ich mein Badezeug, Mama?“

„Ich hab dir eine neue Schwimmhose gekauft.“ Mutter reichte mir eine lange graue Badehose. Zum Glück ganz unauffällig. Keine Delfinbilder drauf. Wir holten noch Frau Kotzian ab, eine Freundin von Rowdys Mutter, und fuhren dann ins Freibad.

Klar gingen Rowdy und ich nicht ins Wasser, obwohl wir’s Rowdys Mutter hoch und heilig versprechen mussten.

„Zuerst etwas chillen“, sagte Rowdy. „Du willst doch nicht, dass wir von dem Wasser einen Temperaturschock kriegen.“ Das verstand ich nicht ganz: Draußen waren’s fünfunddreißig Grad im Schatten, und das Wasser im Schwimmbad kochte wie Hühnersuppe. Eine Menge Hühner schwammen auch schon drin, he-he-he. Aber Rowdys Absicht, die Nummer hier ganz langsam angehen zu lassen, passte mir ganz gut. „Kann sein, dass hier im Wasser Haie sind“, fügte Rowdy hinzu. „Wir dürfen nichts überstürzen!“

Seine Mutter seufzte und legte sich mit ihrer Freundin gleich auf den Rasen am Eingangsgebäude, um’s zu Kaffee und Kuchen näher zu haben. Wir verzogen uns nach hinten. Na ja, so übel war’s gar nicht. Sonniges Chillen halt. Bis das Unerwartete geschah.

„Carmela!“, sagte wieder mal Rowdy.

„Du kannst mich mal!“, antwortete ich. „Ein wiederholter Witz ist kein Witz.“

„Das ist kein Witz, Mann“, stieß Rowdy hervor. Er starrte so erschrocken hinter mich, dass ich mich doch umdrehen musste. Und gleich sah ich SIE. Carmela im Anmarsch. Wie ein General an der Spitze seiner Armee: mit fünf Mädels aus ihrer Klasse im Anhang. Was an Sexappeal in unserer Klasse fehlte, gab’s in der Parallelklasse gigamäßig. Und diese in ein paar Körper gepresste Sexladung der 10b marschierte gerade im Freibad auf. Bevor wir uns vergraben konnten, stürmte die Busendivision das Rasenstück neben uns. Angeführt von dem Satansbraten Carmela – dem Suppenhuhn!

„Hi, Schnuckel“, rief Carmela in Rowdys Richtung. Schnuckel? Und zu allem Überfluss ergänzte sie: „Hallo, Bennie.“

Die Frauen schienen sich über die Generationen gegen mich verbündet zu haben. Auch sie hatte meinen Kosenamen aus den Kindergartenzeiten gut drauf. Das war aber noch nicht alles. Die Mädchen fingen sofort an, sich auszuziehen. Ohne jede Warnung und Hemmung. Die Sorbin Mascha schlüpfte zuerst sogar aus ihrem T-Shirt, unter dem sie keinen BH trug, und erst dann zog sie sich ihren Bikini-BH über die strammen Brüste. Heftigst am Angeben. Ja, sag mal!

„Geil“, flüsterte Rowdy. Ich lag auf dem Rücken, auf den Ellbogen gestützt und glotzte. Mit Disziplin war diese Show noch zu ertragen. Meist kriegte ich ja bei den Mädels meinen Ständer erst, wenn sie anfingen zu reden. Bin nun mal der geistige Typ. Trotzdem musste ich aufpassen. Um mich abzutörnen, dachte ich an das Weihnachtsgeschenk für unseren Vater – er kriegt immer Socken. Ein guter Abtörner ist auch das Denken an das Geschirrspülen zu Hause. Oder an die letzte Mathearbeit. Auch unser Englischlehrer ist nicht besonders erotisch. So weit, so gut.

Als dann aber Carmela anfing, sich umzuziehen, bestrahlte ihre nackte Sonne meine Gurke so stark, dass sie nur noch wachsen wollte. Krasse Photosynthese. Mir blieb nichts anderes übrig, als einen halben Salchow aus der Rückenlage: Ich drehte mich im Sprung um 180 Grad um die Körperachse, fiel auf den Bauch und bohrte nach Erdöl: „Autsch!“

Mannomann! Hatte mit meiner Bohrstange garantiert das Handtuch aufgerissen und ein Loch in den Rasen geschlagen. Dabei fast den Maulwurf gekillt. Verdammt! Ich war zum Baden hergekommen, und es wurde wieder mal eine Zirkusvorstellung draus, samt dem hoch hinausragenden Zirkuszelt.

Die Mädels haben nicht mal vor Haien Angst. Schon hüpften sie um uns herum, lauter nackte Haut, mit Spaghetti-BHs auf den Nippeln und kleinen Stoff-Bermudadreiecken auf den Mösen, und wollten uns ins Wasser treiben.

Inzwischen lag auch Rowdy auf dem Bauch. Ich glaubte zu hören, wie seine krumme Gurke wegen des Gewichts knarrte, das sie halten musste. Emma packte mich an der Hand und zerrte mich zum Wasser. Carmela und Edith nahmen sich Rowdy vor. Ich verkrallte mich mit der anderen Hand am Fuß der Gartenbank und zog mich zurück. „Komm schon!“, kreischte Emma und zog mich Richtung Becken und ich zog mich wieder zurück.

Vor und zurück, vor und zurück auf dem Bauch liegend … rieb mich am Boden wie sich ’ne Wildsau am Baum reibt. Nur die Wildsau reibt ihre Seite, ich rollte dagegen auf meinem Skateboard, auf meinem Kanonenrohr mit zwei Bällen statt Rädern, hin und zurück, auf und ab, so wie mich Emma vorwärts zog und ich mich rutschend wieder nach hinten kämpfte, mein Gesicht zwischen Emmas Schenkeln … „Grrrrr!“

Schon spürte ich das Unheil: Ich musste mich aus der Gefahrenzone retten. Ich riss mich los, rutschte wieder auf meiner Spritzwalze zurück, die schon pulste und pochte als wäre sie an einem Hydrant angeschlossen.

Über mir hüpfte Emma in Bikinidreiecken, die so klein waren, dass ihre linke Brust rausrutschte, als sie wieder nach mir grabschte und mich erneut nach vorne zerren wollte. „Tschuldigung!“, rief sie und schob den Apfel ins Körbchen –, und da hat der Feuerwehrmann in meinem Hirn den Hahn voll aufgedreht, und ich spielte die Elbe: „Aaaah!“

Emma ließ meine Hand los. „Habe ich dir weh getan?“, rief sie.

Verflucht! Jetzt war ich vollgebadet, in meinen eigenen Saftsee getaucht. „Hast du dich verletzt?“, kreischte Emma noch mal.

„Nö!“, kreischte ich zurück und – HOPP, HOPP! – zum Wasserbecken, gebückt als würde ich von einer Horde Mutanten beschossen, die Hände vor den Spermafleck haltend. In vollem Anlauf sprang ich kopfüber ins Wasser. Das tat gut! Ich tauchte auf.

„Und jetzt du!“, riefen die Mädels, aber auch Rowdy riss aus, donnerte Richtung Schwimmbecken, genau wie ich in gekrümmter Haltung, um den Zeltmast gen Boden zu zwingen. Er platschte in voller Bauchlandung auf die Wasseroberfläche: „Aaaaah!“

Wir mussten mit den Mädels im Wasser einen Ball hin und her werfen. Keine Ahnung, was daran spaßig ist, aber was soll’s. Das Leben eines Mannes soll ja kein Vanilleeisschlecken werden, sondern nur Spaß, wie mein Vater sagt. Und eigentlich ist Schwimmengehen gar nicht schlecht, wenn du deine Hose sauber kriegen willst.

Als wir aus dem Wasser kamen, war ich nur noch wassernass. Und Rowdy schien die Abkühlung auch geholfen zu haben. Er lag wieder auf dem Rücken und ließ sich von der Sonne die Haut massieren. Doch unser Glück wähnte nicht ewig.

„Wisst ihr“, fragte Lara die anderen Mädchen, „wo sich die Eiserne Betty hat piercen lassen?“

Und „hi-hi-hi“, von allen.

„Wenn sich Betty ein neues Organ stechen lassen will, macht ihre Mutter mit“, sagte Carmela.

„Jesses!“, flüsterte ich Rowdy zu. „Das muss ja ein schönes Mutter-Tochter-Gespräch sein:

‚Mama! Ich möchte mir die Schamlippen piercen lassen.‘

‚Eine super Idee, Kindchen! Das wollte ich schon immer. Ich zahl’s für uns beide.‘“

Rowdy und mir war’s für heute zu viel Ekschn. Wie ein Mann sprangen wir auf. „Wo geht ihr hin?“

„Flötenunterricht“, rief Rowdy. Wir packten unsere Sachen und nichts wie weg hier!

Unterwegs zu den Umkleiderkabinen gab’s nur eine kleine Störung: Auf einer Liege lag eine Frau mit Arschgeweih. Oben ohne war sie auch noch. Zum Glück lag sie auf dem Bauch und ihren nackten Brüsten. Doch gerade ihre Bauchlage lieferte Rowdy eine unwiderstehliche Ansicht: Ihr kümmerlicher Bikini enthüllte unter dem Arschgeweih die halbe Arschritze. Rowdy blieb stehen und starrte die Kugelbahn zwischen ihren Arschbacken an, über der das mächtige Geweih thronte. Zum Glück hatte er keinen Flummi dabei. Doch ich sah ihn schon den Zeigefinger spreizen.

„Rowdy!“, rief ich.

Er versteinerte, drehte sich zu mir und guckte seinen ausgestreckten Zeigefinger an. Wow! Das war aber knapp. Rowdy sah zu dem Arschgeweih und dann wieder zu mir. „Ich würde doch nie meinen Finger bei der reinstecken“, sagte er. „Oder?“

Ich zerrte ihn in die Umkleidekabinen. Den Rest des Nachmittags zockten wir dort an unseren DS. Bis uns Rowdys Mutter entdeckte. Sie seufzte und wir fuhren nach Hause. Für dieses Jahr bin ich genug geschwommen. Dachte ich mir.

Ossis on the road

„Gehst du nicht mehr auf die Arbeit?“, fragte ich meinen Vater eines Vormittags. Rowdy und mir ging’s in den Ferien übelst fett, aber die Erwachsenen schienen sich arbeitslos unwohl zu fühlen. Hoffte, dass mir das nie passierte. Dass ich mich ohne Arbeit schlecht fühlen würde, meine ich. Ohne Arbeit müsste man sich eigentlich super fühlen.

„Nimehr“, sagte er und schaute von seiner Zeitung auf. „Muss mor was Neues suchn.“ Aber statt nach was Neuem, suchte Vati in der Zeitung nach blöden Ideen. Er las mir einen Artikel vor über einen Pfarrer, der zwanzig Jahre lang Jugendliche sexuell missbraucht hatte. In Bayern.

„Krass“, sagte ich.

Aber Vati ließ das Thema keine Ruhe. Er konnte nicht glauben, dass keiner der Jugendlichen in den zwanzig Jahren sich getraut hatte, seinen Eltern davon etwas zu erzählen. „Da müssde doch ma eenor von dä’n nach Heeme kommn und sachn: Heute hat mor unsor Pfarror hindor dor Saggrisdei in de Hose gegriffn, odor?“

„Das würde keiner sagen, dass ihm der Pfarrer in die Hose gegrabscht hat.“ Ich schüttelte den Kopf. „Darüber redet man nicht.“

„Ähbn“, sagte mein Vater. „Zum Glügg hab’sch mid euch immor übor alles gereded.“

„Schon“, sagte ich.

„Biss de nu genuch säggsuell offgeglärd?“

„Ob ich sexuell aufgeklärt bin? Ich bin sechzehn, Vati.“

„’sch kann dor alles erglärn“, sagte mein Vater. „’sch habb ne Menge Erfahrung. Gugge ma, wennde so zehne … zwölwe bisd, grischs’de manschma n Schdeifn. Das is …“

Doch bevor mir mein Vater den Steifen ganz erklären konnte, rief ich, „ist schon gut, Vati!“ und flüchtete in mein Zimmer. Obwohl sexuelle Aufklärung auf Sächsisch sicher ihren Reiz hatte. Dank meiner Gurkenjagd im Netz war ich aber besser aufgeklärt als unsere ganze Familie zusammen.

 

 

„Abendessen“, rief Mutter aus der Küche. Ich ließ das Notebook eingeschaltet und lief wieder nach unten. Mein Rechner pennt sowieso nach einer Viertelstunde von allein ein.

Linseneintopf.

„Ärbsn, Bohn, Linsn …“, sagte Vati und ließ prophylaktisch einen fahren. „Was hassde gesachd Ellge?“ Er kicherte vor sich hin. Mama seufzte nur und pappte ihm den Teller voll.

„Bänn.“ Mein Vater wandte sich an mich. „Nu könnmar vormittachs wiedor Düschdennis spieln. Bis ’sch ne Arbeid finde.“

„Ich spiele kein Tischtennis mehr“, sagte ich.

„Warumdn ni?“, fragte Vater. „Früor hadds dor doch o Schbas gemachd.“

„Nein.“

Mama seufzte wieder. Auch mir schaufelte sie den Brei auf den Teller, als ob Hungersnot ausbrechen sollte.

„Genug“, schrie ich.

„Genug?“, fragte sie.

„Ja.“ Ich greife schon nach dem Teller, da holt sie noch einen vollen Schöpflöffel aus dem Topf und haut ihn obendrauf. Das macht sie immer so.

Nach dem Abendessen ging ich nach oben in mein Zimmer und ließ mein Windowsbook aus seinem Schlummer aufwachen. Den Rechner habe ich mir hart bei einer Sommerbrigade erarbeitet. Meine Eltern gaben mir etwas Geld dazu: Ein krasser Gaming-Rechner. Das teuerste Ding in unserem Haushalt. Bis mein Vater eine neue Arbeit gefunden hatte, würde es kein neues Fernsehen geben. Unser altes schaute aus wie aus den DDR-Zeiten – ein Überbleibsel aus der Steinzeit der Elektronik.

An der Haustür läutete es. 22.30 Uhr. Clara hatte wohl wieder mal ihren Schlüssel vergessen. Ich lief die Treppe runter. Meine Eltern hockten im Wohnzimmer und glotzten. Ich bin hier der Türaufmacher. Boah! Schon im Flur spürte ich, wie die Linsen vom Abendessen meinen Darm zu einer Erdgaspipeline machten. Vielleicht könnte ich in Vatis Stapfen treten und meine Schwester Clara nach seiner Art begrüßen. Schlechtem Humor sollte man keine Grenzen setzen. Ich drehte mich mit meinem Rücken zur Haustür, streckte meinen Arsch heraus, packte hinter meinem Rücken die Türklinke, öffnete die Tür und ließ einen fahren, so dass der Türrahmen erzitterte.

„Rate, was es zum Abendessen gab?“, sagte ich und drehte mich zu Clara. Doch es guckte mich nicht Clara an, sondern … CARMELA! Wer sonst? Mann! Peinlich!!! Womit sich wieder mal Carmelas unheiliger Einfluss auf mich bestätigte. Ich hatte sie noch nie getroffen, ohne mich peinlich gefühlt zu haben. Aberglaube hin oder her. Die Statistik sprach eine eindeutige Sprache. Vor lauter Schamschreck ließ ich noch einen fahren.

„Hast du nichts Vernünftigeres zu sagen?“, fragte Carmela.

„Was … w-was …“, stammelte ich hervor, „was … was machst du hier so spät?“

„Ich soll deinem Vater etwas ausrichten“, sagte Carmela. „Euer Telefon geht nicht.“

„Mein Vater schaltet das Telefon um zehn Uhr aus.“ Ich seufzte.

„Eure Handys sind auch ausgeschaltet.“ Carmela kam rein. „Dein Vater wird sich über die Nachricht freuen.“ Sie ging ins Wohnzimmer.

Huch! Hab ich echt Carmela mit einem Furz begrüßt? Wenn sie das nach den Ferien in der Schule erzählen würde, war ich erledigt. Fassungslos stand ich im Flur und überlegte, ob ich mich gleich umbringen sollte. Besser ich verkroch mich erstmal in meiner Bude. Vielleicht konnte mich ja eines der Mädchen bei Facebook etwas aufbauen. Doch heute hat mir nur Mila eine Treasure-Isle-Anfrage geschickt, ein paar Freundinnen kommentierten sich gegenseitig ihre Fotoalben, viele posteten neue Fotos und neue Bilder und neue Videoclips, Veranstaltungseinladungen, Geburtstagshinweise und die üblichen Statements. Nichts Aufbauendes, kein verdammtes Herz.

„Bennie!“, rief meine Mutter aus dem Wohnzimmer. Ich trottete nach unten. Carmela hockte am Tisch und tat ganz unschuldig. Ganz schön verschlagen, die Tante. Auch Clara war inzwischen gekommen.

„Zum Ferienende ziehen wir um“, sagte Mutter. „Carmelas Onkel Alfred hat für euren Vater eine Arbeit in Bayern gefunden. Als Hausmeister.“

„In äm Mädlindernad!“, sagte Vati und grinste.

„In einem Mädcheninternat? Echt?“ Im ersten Augenblick hüpfte ich vor Glück: Endlich würde ich Carmela loswerden. Aber gleich packte mich das Grauen. „Bayern?“, fragte ich. „Das liegt doch gar nicht in Sachsen.“ Alle guckten mich an, als ob ich was echt Blödes gesagt hätte. „Und Rowdy?“, fügte ich hinzu.

„Rowdy?“, fragte Carmela.

„Bennie und Rowdy sind sehr gut befreundet“, sagte Mama zu Carmela.

„Jetzt hör endlich auf mit dem Bennie!“, sagte ich.

„Wieso, Bennie?“, sagte Carmela. Jetzt spielte die sich noch auf.

„Du und Rowdy hockt ja sowieso ständig am Computer“, sagte Mama. „Das könnt ihr doch auch auf die Entfernung machen.“

„Ja“, sagte Carmela. „Ihr könnt online spielen.“

„Du solltest dir allmählich ohnehin ein schönes Mädchen suchen, Bennie“, sagte Mama. Bei Carmela zuckten die Lippen. „So eins wie Carmela.“ Carmela hörte auf zu lachen.

„Und Rowdy auch“, fügte Mama hinzu. „Vielleicht würde euch ein Mädchen den Computer ersetzen. Wieso Rowdy kein Mädchen hat, verstehe ich überhaupt nicht. So ein flotter Junge.“ Carmela schoss Ketchup auf die Backen.

Holla! Ging da was ab zwischen Carmela und Rowdy? Ich wischte den Gedanken weg. Jetzt musste ich erstmal etwas anderes verdauen: Bayern!? In Bayern liefen doch noch Bären frei rum. Hmm … DSL würde man dort wohl haben. Ob wir aber unsere Band so auf Entfernung am Leben halten konnten? Autorennen zocken würden Rowdy und ich wohl zusammen nicht mehr. Mussten auf Online-Spiele umsatteln.

„Kann ich hier im Haus bleiben?“, fragte Clara. „Mit Kevin?“

„Kevin Kline?“, sagte ich. Vielleicht würde ich mit meinem Humor bei Carmela den Furz ausbügeln. Obwohl es jetzt ja sowieso egal war, was sie nach den Ferien in der Schule erzählte. Doch mein Witz gefiel Carmela nicht. Statt zu lachen, verdrehte sie nur die Augen.

„Idiot“, sagte Clara.

Das sind halt unsere üblichen Gespräche. Seit Clara sich zur Krankenschwester ausbilden ließ, machte sie einen auf vernünftig und so. Früher war das Schwesterchen ziemlich ausgeflippt, hat am Valentinstag alle Schuhe von Vati rosa angestrichen und so Zeugs. Aber wenn du täglich an lebenswichtigen Schläuchen herumwerkeln musst, hast du vernünftig und ernst zu werden, sonst kann’s lebensgefährlich enden – vor allem für die Leute, die an den Schläuchen hängen.

„Du bleibst vorläufig hier“, sagte Mama zu Clara. „Du musst deine Lehre fertig machen. Wir können das Haus sowieso nicht verkaufen, bevor sich nicht zeigt, wie wir in Bayern zurechtkommen. Bennie geht aber dann in Bayern in die Schule.“

„Bänn“, sagte Vater. „Bring de Carmeela heem! Die soll ni in dor Nachd alleene durch de Gegnd latschn.“

Ich begleitete Carmela die paar Straßen weiter, sagte aber kein einziges Wort zu ihr. Heute hat sie’s echt übertrieben: Zuerst die Ekschn am See – und dann knallt sie noch meine ganze Zukunft mit ihrer bescheuerten Botschaft ab. Wir mussten nach Bayern. Und das gerade jetzt, wo wir unsere fette Band gegründet hatten. War das nicht zum Heulen?

 

 

Erst in der Nacht im Bett hat’s mich richtig erreicht. Ich meine nicht die Reise nach Bayern. Das andere: Mädcheninternat! Kurz bevor ich in die überfluteten Schluchten des Schlafs fiel, hielt ich mich an meiner Gurke fest wie an einem Rettungsstab. Wenn ich Angst habe, pack ich mein Ding in die Hand. Sicher ist das bei den anderen Jungs genauso wie bei mir. Wir Jungs sind halt gurkenfixiert.

Echt aber Mädcheninternat? Dort wird’s eine Menge Mädchen geben, oder? Mann! Alle sicher krass katholisch drauf. Ich sprang aus dem Bett, schmiss Püppi noch mal an und googelte nach „Mädcheninternat“. Gleich fand ich was, samt einigen Bildern, und es knotete meinen Dünndarm zusammen. Die Mädels in diesem Mädcheninternat trugen Röcke wie im 19. Jahrhundert und durften nicht glotzen. Mussten halbstündlich beten und knöchellange Kleider tragen. Na, wenn wir in einem solchen Ajatollah-Mädcheninternat landen würden, dann verliere ich meine Jungfernschaft nie, oder?

Wie du zum Spanner wirst

Mein Dachbodenzimmer wurde von Gott persönlich geheizt. Bayern nun mal. Heiß wie in der Sauna. Obwohl draußen bereits das Dunkel herrschte. Die Sonnenstrahlen des Tages hatten sich aber in den Dachritzen über mir versteckt und wollten nicht abhauen.

 

 

Am Nachmittag waren wir hier, in den bayerischen Wäldern, angekommen. Das Ausladen des Lastwagens hat sich bis in die Nacht gezogen. Zuerst war ich glücklich über das Dachbodenzimmer. Voll privat. Meine Eltern schliefen einen Stock unter mir. Und jetzt diese Hitze!

Ich riss das Fenster auf: Der Ast eines Apfelbaumes ein paar Meter unter mir zeigte mir ein paar reife Früchte. Das Wasser lief mir im Mund zusammen. Oh, trete ein und schade nicht, du saftiger Apfel. Saftig und frisch! Leider hingen die Äpfel zu weit unten. Gott wünschte mir die schönen Früchte nicht. Unglaublich, oder?

Seit ich in Bayern war, dachte ich nicht mehr an Mädchen, nicht mal an meine Facebookfreundinnen, sondern nur noch an Gott. Obwohl ich in einem Mädcheninternat hockte. Gott sei Dank glaube ich nicht an Gott. Ich bin ja Sachse. In einem bayerischen Mädcheninternat musste ich mich aber mit Gott auseinandersetzen. Ein Paradies mit einem Apfel gab es hier schon, auch wenn es kein echtes war – die nackte Eva fehlte dort draußen.

Trotzdem – der Apfel machte mich an. Ich lief die Holztreppe runter, aus dem ehemaligen Kloster in seinen Garten. Wo waren jetzt die prächtigen Melonenäpfel? Der Baum musste gleich unter meinem Dachbodenfenster stehen … wo lag aber mein Zimmer, verdammt?

Das Klostergebäude strotzte vor Dachbodenfenstern, der Garten voll mit schwangeren Apfelbäumen bewachsen. Ich lief unter die Bäume, guckte mich um und erstarrte: Hinter einem der beleuchteten Fenster im zweiten Stock, also in meinem, zog Eva sich gerade ihre Bluse aus, darunter trug sie keinen BH! Hatte sich der Klostergarten doch zum Garten Eden gewandelt? Boah! Peepshow im Paradies. Klar bekam ich einen anständigen Ständer – und das sofort!

„Hau hier ab!“, sagte eine Stimme in meinem Hirn. „Lass dich nicht von deiner blöden Schlange verführen! Sicher ist da irgendwo der Alte versteckt und passt auf.“

Doch ich starrte weiter. Ein Kerkermeister hatte meine Füße mit bleiernen Kugeln behängt, als wäre ich wieder mal der Graf von Monte Christo und mein Blick eine Gefängnisinsel – mein eigenes Château d’If – ich wollte weg, verdammt, doch mein Blick ließ mich nicht los. Weggucken konnte ich auch nicht – mein Kopf steckte in einer Halskrause aus Gips. Was tat ich hier eigentlich? Bin ich …

„Ein Spanner?“, sagte eine weibliche Stimme hinter mir. Das Blei an meinen Füßen schmolz, die Gipskrause um meinen Hals zerbrach, ich fuhr herum.

„Was machst du hier?“

Sprachlos starrte ich das Mädchen an, das auf einer Welle aus Mondstrahlen herangesurft kam: Langes lockiges Haar – schmutzigblond. Sommersprossen. Schwarzes ärmelloses T-Shirt und abgerissene Jeans, nicht Designerjeans, diese Löcher schauten echt aus. Aber wie soll schon ein Loch anders ausschauen als echt? Ein Hippiemädchen! Doch freie Liebe interessierte sie jetzt nicht.

„Bist du ein Strolch?“

„Ich … ich wollte mir einen Apfel holen!“ Scheiße! Hin und wieder hört sich die Wahrheit nach einer verdammten Lüge an.

„Wolltest du vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse essen?“, sagte sie mit einem Blick auf die nackte Eva hinter dem erleuchteten Fenster und mit einer Grunzstimme. Wohl doch kein Hippiemädchen. Eher ein Bibelfreak der Heavy-Metal-Prägung. Aber verdammt! Konnte sie meine Gedanken lesen? Gott und Schlange und der verbotene Apfel spannen doch nur in meinem Hirn herum! Wohl waren hier alle auf dem Katholen-Tripp. Mannomann! Ein schöner Anfang im Mädcheninternat: Als Spanner entlarvt!

„Ich wollte echt nicht gucken“, sagte ich.

„Das wäre sowieso das falsche Subjekt“, sagte das Mädchen. „Auril ist zu gefährlich für dich.“

„Auril?“

„Ja, Auril! Die Frostmaid, die kalte Göttin. Wenn du ihr zu nah kommst, schlägt sie dir Löcher in den Schädel, damit sie deinen Kopf mit ihrem eisigen Atem füllen kann.“

„Krass“, dachte ich. Eine Poetry Slammerin. Wo bin ich nur hineingeraten?“

„Lebst du im Dorf?“, fragte sie mich.

„Nein.“ Ich zeigte zum Klostergebäude, das immer noch mit dem lebenden Bild der nackten Auril geschmückt war. „Mein Vater ist der neue Hausmeister hier.“

„Dann sei dir zur Begrüßung das Rumspannern verziehen“, sagte das Mädchen.

„Ich hab nicht geguckt“, beteuerte ich noch einmal.

„Das Fenster dort muss für dich auf jeden Fall tabu bleiben“, sagte sie. „Ich wohne auch da.“ Sie trat ganz nahe an mich, streckte ihre Hand aus und berührte mit ihrem Zeigefinger meine Stirn. Als wollte sie sich überzeugen, dass ich wirklich war. „Du bist blass“, sagte sie. „Hockst die ganze Zeit am Computer, oder?“

„Nö“, log ich.

„Hier draußen ist es schön“, sagte sie. „Eine Sommernacht hat was Magisches.“

„Heißt sie wirklich Auril?“, fragte ich.

„Wer?“ Die Hippiebraut schaute irritiert.

„Na, das Mädchen in deinem Zimmer!“

„Anna?“ Sie prustete. „Wie kommst du denn auf Auril? Auril ist doch die kalte Göttin der Vergessenen Reiche.“ Lachend hüpfte sie davon.

„Wie heißt du?“, rief ich ihr nach.

„Finde’s selbst raus!“, rief sie zurück. „Das Spiel kann beginnen.“

„Hä?“, sagte ich, während sie im Dunkeln verschwand. Tja, eine Verrückte, die wohl viel zu viel Rollenspiele spielte: Dungeon & Dragons. Wie sollte’s hier bloß weitergehen? Wie sie hieß, wusste ich nicht. Aber das war egal. Ich hatte den wichtigeren Namen: Anna hieß also die nackte Königin des leuchtenden Fensters. Die Göttin dieses alten Klosters, das gegründet wurde, um sie zu verehren. Anna, du Heilige! Was? Heilige? Ein Junge aus Dresden, der an Heilige glaubte? Mann! Ein Tag in Bayern, und ich war hier voll integriert. FLATTER, FLATTER! – ich hörte ein paar Flügel davonflattern. Von der Putte, die einen Liebespfeil direkt in mein Herz geschossen hatte: Anna!

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960877455
ISBN (Buch)
9783960877714
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v464998
Schlagworte
Mädcheninternat humor-voll-er-männer-roman coming-of-age-roman humor-voll-er-all-age-roman erste liebe pubertät liebe-frauen-roman-tik-s-e-lustig-humor-voll

Autor

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    Jaromir Konecny (Autor)

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Titel: Krumme Gurken