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Zwischen uns das Meer

Zion & Lia

von Nena Siara (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Der smarte Zion liebt die Dämmerung, es ist die beste Zeit zum Surfen. Als er eines Abends von einem Wellenritt mit seinem Boot nach Hause fährt, rettet er einen ausgemergelten Hund, der in den Wellen um sein Leben kämpft. Das Tier trägt um seinen Hals eine Metallbox mit einem Brief und einem Ring. In knappen Worten wird Zion aufgetragen, das Tier zu behalten.
Einige Jahre später läuft der zurückhaltende Rüde am Strand der jungen Lia in die Arme. Das Tier ist wie ausgewechselt. Auch Zion fühlt sich von ihrer geheimnisvollen Art angezogen. Doch seine beginnende Zuneigung trübt ein Schatten. Warum ist Lia so wütend auf Surfer und wieso geht sie seinem Hund aus dem Weg? Und wer ist sie wirklich?
Kann Zion Lias Schweigen brechen und ihr Herz für sich gewinnen?

Impressum

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Erstausgabe Mai 2019

Copyright © 2019, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 978-3-96087-628-1
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-775-2

Covergestaltung: Buchgewand
unter Verwendung von Motiven von
© CARACOLLA/shutterstock.com und © 0LaLa Merkel/shutterstock.com
Lektorat: Marie Weißdorn

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

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Prolog

Das Licht der Schreibtischlampe erhellte jede Zeile ihres Briefes. Sie las ihn noch ein letztes Mal durch. Ja, jede Zeile meinte sie ernst. Jedes Wort war richtig gewählt. Und die Entscheidung getroffen.

Sie hatte keine Wahl. Sie musste es tun, um ihre Tochter zu schützen. Sie sollte ihre Mutter unbeschwert in Erinnerung behalten.

Seit Wochen nahm die Verzweiflung jede ihrer Zellen ein und jetzt, kurz davor, mutierte sie zu tiefster Traurigkeit. Der Herzschmerz beim Gedanken an ihre Tochter erfüllte den gesamten Brustraum. In stillen Minuten, ungesehen, waren ihr Tränen über die Wangen gelaufen, aber jetzt tat es nur noch höllisch weh. Das Leben kann jedem von uns Ohnmacht zeigen. Aber ihr Plan erwartete Vertrauen.

Ihr Blick wanderte zu dem Sofa in der Ecke, auf dem der junge Hund lag. Schweren Herzens stand sie auf und setzte sich zu ihm. Im gleichen Augenblick grollte es draußen. Ein Gewitter zog über die Insel, wie ein Vorbote für das, was ihnen bevorstand. Der Hund blieb von dem Geräusch unerschrocken. Er sah auf, kroch ihr entgegen und legte seinen Kopf auf ihrem Schoß ab.

„Du wirst sehen, der junge Surfer ist der Richtige.“ Liebevoll streichelte sie ihm über das silberne Fell. Es glänzte wunderschön im sanften Lichte des Wohnzimmers. Wochenlang hatte sie den Surfer beobachtet immer wieder nachgerechnet, wie es sein würde. Der Hund würde es schaffen. Er war eine Kämpfernatur. Vertrauen war angesagt. Wenigstens dieses eine Mal! Auch wenn sie die Möglichkeit in Betracht ziehen musste, dass der Hund mit ihr unterging, es war ihre einzige Chance, den Plan durchzuführen.

Entschlossen faltete sie das Blatt in ihrer Hand, nahm den kostbaren Ring vom Wohnzimmertisch und steckte beides in eine kleine Metalldose, die sie an das Halsband des Tieres hängte. Der Hund blickte zu ihr auf und warf ihr einen traurigen Blick zu. Ahnte er ihr Schicksal? Es musste einfach gut gehen! Auch wenn sie es nicht mitbekommen würde, versuchte sie daran festzuhalten. Morgen war es so weit. Morgen!

Mit diesem Gedanken löschte sie das Licht und legte sich ein letztes Mal unter ihre warme, behütende Bettdecke.

1
Zion

Hey, Zion! Muss diese Töle immer dabei sein? Du siehst so gut aus, was brauchst du einen verdammten Köter?“, rief Rickie quer über den Strand und schüttelte seine nasse, rote Lockenmähne. Die anderen Jungs lachten auf, einer rempelte Zion an, der gerade von seinem Jeep über den Sand Richtung Ufer lief.

„Vorsicht, keine Sprüche gegen Ellie!“, gab Zion lässig zurück und streichelte seinen Mischling, der freudig neben ihm herlief. „Die ist mir hundertmal lieber als die dummen Blondchen, die es nur auf einen Surfer abgesehen haben!“

„Ach, die heiße Brünette letzte Woche war doch nicht von der Bettkante zu stoßen.“ Rickie lachte dreckig und die anderen Surfer stimmten mit ein. Alle außer Luisa, die gab Rickie einen Stoß mit dem Ellbogen.

„Und was hast du davon, du Playboy? Eine weitere Nacht Sex, und dann wieder ein leeres Bett und ein Mädchen mehr, das deine Telefonnummer kennt!“, rief sie augenverdrehend.

Zion war Luisa dankbar für diesen Satz. Er drückte genau das aus, was er dachte. Die beiden kannten sich schon aus Kindheitstagen, waren nach der Schule in der Kleinstadt Croyde hängen geblieben und surften oft zusammen. Zion legte das Surfbrett auf das kleine Boot, das hier ankerte und zur Miete seines kleinen Strandhauses gehörte.

„Ach, hört schon auf, ihr Heiligen! Als ob du es nicht nötig hättest, Zion. Am Ende bist du noch schwul, und keiner weiß es.“

Wieder lachten alle. Zion schüttelte den Kopf. Die Jungs hatten wieder ihre flotten Sprüche parat. Manchmal nervte es, aber im Kern waren sie in Ordnung und würden ihm immer zur Seite stehen, wenn er sie bräuchte. Der Tag war angenehm warm und dazu noch windig. So einen Saisonbeginn hatten sie schon einige Jahre nicht mehr. Alle Surfer waren draußen und ritten ihre Wellen, aber heute würde Zion nicht mitmachen.

„Fährst du wieder nach Downend?“, wollte Rickie wissen. Sein Surfbrett klemmte unter seinem Arm, bereit für die nächste Welle.

Zion nickte. „Dort können wir ungestörter unsere Tricks üben.“

Der Mischling war schon ins Boot gesprungen und wedelte fröhlich mit dem Schwanz, während Rickie sich jetzt mitsamt Board ins Wasser warf.

„Dann bis heute Abend in der Brandung. Du kommst doch?“, rief er ihm laut durch die Brandung zu.

„Klar komme ich. Die Flut lass ich mir mit euch nicht entgehen.“

Abends würden alle die letzten Wellen in der Dämmerung reiten. Das Schauspiel beobachteten immer viele Mädchen. Am Tag stellten die jungen Männer ihre nackten Oberkörper zur Schau, aber vor allem der Abend hatte eine besondere Magie und Anziehungskraft auf das andere Geschlecht und die jungen Surfer waren alles andere als abweisend ihren Fans gegenüber.

Zion zog Ellie die Schwimmweste über, schob das Boot in die Fluten und sprang mit einem Satz hinein. Ellie bellte aufgeregt, blieb aber brav an einer Stelle stehen.

„Ja, ja. Wir beide suchen uns jetzt mehr Ruhe zum Surfen, nicht wahr, Ellie?“

Wieder bellte die Hündin, als wolle sie zustimmen.

Während die Freunde längst ihren ersten Wellenritt genossen, entfernte sich das Boot immer weiter von der idyllischen Kleinstadt Croyde im Südwesten Englands. Hier, wo die schönsten und beliebtesten Surfstrände Großbritanniens vor der Tür lagen, war es nicht außergewöhnlich, dass die Jungs nur das Eine im Kopf hatten. Sie wuchsen mit dem Meer, den Wellen und dem Surfbrett auf wie Großstadtkinder mit der Underground und dem Smog.

Ihr Ziel, Downend, lag am südlichen Rand von Croyde und bot ideale Bedingungen für surfbegeisterte Hunde. Sanfte Wellen und schmale Strandabschnitte, die meisten nur von Spaziergängern besucht. Bis zur felsigen Küste war es nicht weit, aber für beide war das Boot komfortabler als der Weg über die steinigen Klippen. Der Hund liebte das Wasser und das Gefährt und hielt die Nase neugierig in den salzigen Wind.

„Das hast du gern, Ellie, stimmt’s?“

Ellie bellte als Antwort, als hätte sie jedes Wort verstanden. Auch heute war wieder optimaler Wind und als Zion sein kleines Boot an Land ruderte und zwischen die Felsen von Downend zog, hechelte Ellie hektischer denn je.

„Warte nur ab, Mädchen. Gleich sind wir so weit.“ Er überprüfte noch einmal Ellies Schwimmweste. Alles fest. Dann schnappte er sich das Surfruder und hob das Surfbrett aus dem Boot.

„Na, darf Ihr Hund wieder mit?“

Zion sah über die Schulter und erkannte Mac James zwischen den Felsen. Der ältere Mann war Besitzer des beliebten Bed & Breakfast der Stadt. Er saß des Öfteren zwischen den Felsen und amüsierte sich, wenn Ellie auf dem Surfbrett die Wellen ritt.

„Ja! Sie liebt es. Genau wie ich!“, antwortete Zion und lächelte ihn an.

Mac James nickte grinsend. „Erst habe ich gedacht, Sie quälen das Tier, aber jetzt bin ich überzeugt, dass sie gerne surft.“

„Das denken alle. Die wenigsten schauen zu oder machen sich darüber Gedanken. Meine Kumpels behaupten sogar, dass ich nicht mehr alle Tassen im Schrank habe.“

„Das kann ich mir denken. Ihre Kollegen denken wahrscheinlich lieber an die Girls und surfen direkt am Strand von Croyde, nicht wahr?“ Mac James lachte. Auch er war in jungen Jahren dem Surfen verfallen und ebenso den Mädchen, die von diesem Sport angezogen wurden wie die Motten von gleißendem Licht. Das Ergebnis war bei beiden ähnlich. Die Motten verbrannten sich an der Hitze, die Mädels an der einseitigen Liebe zu den Wellenreitern.

Zion lachte. „Ja, so sieht’s aus. Aber jetzt wollen wir mal. Ellie will nicht mehr warten.“ Er nickte Mac James freundlich zu und stapfte Richtung Wasser.

„Viel Spaß!“, rief der noch, bevor die laut brechenden Wellen jedes weitere Wort verschluckten.

Immer und immer wieder paddelte Zion mit seinem verrückten Hund auf dem Brett ins Meer hinaus und ließ sich dann in die Brandung gleiten. Entweder mit ihr zusammen, oder Ellie verbrachte den Ritt auf seinen Schultern, oder aber er lenkte das Brett in die passende Richtung, sodass Ellie einen nahezu perfekten Hunderitt hinlegen konnte. Abschließend sprang sie übermütig einige Minuten in der Brandung herum, während sich Zion allein in die Wellen stürzte. Mac James hatte sich das Schauspiel einige Male angesehen und dann wieder den Heimweg angetreten.

Stunden später, der Strand leerte sich bereits, zeigte die untergehende Sonne den Abschied vom Wellenreiten an. „Es wird Zeit. Für heute langt’s, Ellie!“

Ellie sprang ins Boot und Zion schob es gegen die eintretende Ebbe in die Fluten.

Obwohl die beiden erschöpft waren, ruderte Zion jedes Mal nach einem Wellenritt einige Meter weiter hinaus, als er musste, um zum Strand zurückzufahren. Weiter draußen legte er die Ruder ins Boot und genoss den stillen Abschied vom Tag in Gedanken an die schönen und freudvollen Momente mit Ellie und dem Meer. Dankbar schloss er die Augen und atmete die salzige Seeluft ein.

Lautes Bellen schreckte ihn auf. Ellie war auf ihn gesprungen, stemmte die Vorderpfoten auf seine Brust und sah hechelnd aufs Meer hinaus.

„Was hast du denn?“ Erschrocken sah Zion seine Hündin an, die plötzlich laut bellend zum Bug des Bootes lief und aufgeregt ins Wasser sah. Stirnrunzelnd setzte Zion sich auf, warf ebenfalls einen Blick über den Bootsrand und traute seinen Augen nicht. Ein graues Etwas trieb mit den Wellen dahin und versuchte krampfhaft, sich am Boot festzukrallen. Erst glaubte er, es wäre eine verletzte Robbe, ein Delfin oder ein Seehund, wie sie auf Lundy Island zu sehen waren aber das hier war kleiner und hatte lange Pfoten. Endlich erkannte Zion, was da verzweifelt um Hilfe bettelte. Ein Hund!

„Um Gottes willen“, murmelte er, beugte sich vor und griff mit einem Ruck nach dem erschöpften Tier. „Was machst du denn für Sachen?“, fragte er, als er es über die Reling gezogen hatte. Auch Ellie beäugte den triefenden Hund, während Zion nach seinem Handtuch griff und ihn abrubbelte.

„Wo kommst du denn her, und wo gehörst du hin?“ Zion sah sich um. Er war mindestens zwei Kilometer vom Strand entfernt, und dass der junge Hund diese Strecke hatte schwimmen können, grenzte an ein Wunder. Am typisch grau-silbrigen Fell und dem verkürzten Schwanz erkannte Zion mit dem geschulten Tierarztauge sofort einen Weimeraner. Er schien noch jung zu sein, denn sein Körper war noch zu klein für das faltige Fell, die Ohren zu groß für den Kopf und der Ausdruck der Augen noch unerfahren, was sich nach diesem Vorfall sicher ändern würde.

Eilig ruderte Zion dem Strand entgegen. Ellie hatte sich zu dem jungen Hund gesellt, der zitternd vor Zion saß. In Ufernähe erkannte er schon seine Surffreunde, die sich wie üblich für ihre Wellenritte feiern ließen.

„Hey Zion, verdoppelt sich dein Hund beim Surfen, oder hab ich schon zu viel getrunken?“

Da waren sie wieder, die hohlen Sprüche seiner mittlerweile betrunkenen Freunde. Tagsüber ließen sie sich von Frauen bewundern und abends waren sie oft zu betrunken, um diese ernst zu nehmen. Dennoch verband sie alle die gemeinsame Liebe zum Meer und den Wellen, wie ein unsichtbares Bündnis.

Er nahm den jungen Weimeraner auf den Arm und trat auf Rickie zu. „Du bist eindeutig vollkommen dicht, Rickie. Das sieht doch ein Blinder, dass das nicht dieselben Hunde sind!“ Kopfschüttelnd wandte sich Zion ab.

Doch kaum hatte er einen Schritt vom gut besuchten Lagerfeuer weg gemacht, hielt Rickie ihn am Arm zurück. „Hey Alter, lass gut sein. War dumm von mir, okay?“, sagte er, als hätte er gemerkt, dass er es übertrieben hatte. „Komm schon, setz dich zu uns ans Feuer.“

„Geht nicht. Ich muss zum Tierarzt. Den Hund hier hab ich in den Fluten gefunden, er ist vollkommen ausgemergelt und braucht medizinische Hilfe. Kümmere du dich lieber um mein Boot.“

„Alles klar, mach ich. Viel Glück mit dem Hund. Bei dir ist er ja an der richtigen Adresse, du Tiernarr. Und schau mal in die Dose an seinem Halsband, vielleicht steht da was Wichtiges drin“, rief Rickie ihm hinterher und zeigte sich damit wieder von seiner zuverlässigeren Seite.

Zion hastete zu seinem Jeep und lud Ellie auf die Laderampe. Die Metalldose! Wieso war ihm die nicht aufgefallen? Zion löste das Halsband des Hundes, aber dessen Zustand war ihm gerade wichtiger als sein Besitzer. Also nahm er den kleinen Weimeraner zwischen Lenkrad und Oberkörper und lenkte so gut es ging mit einer Hand.

Bis zur Tierarztpraxis waren es nur zehn Minuten Fahrt. Die Straße führte durch Downend an der Küste vorbei und dann ein Stück ins Landesinnere bis Braunton. Zion fuhr diese Strecke mehrmals in der Woche, allerdings nicht in dem Tempo, das er in diesem Augenblick hinlegte. Während die anderen Surfer heiter und angetrunken den Sonnenuntergang mit den Mädels genossen, hoffte er, dass er von seinem Chef nach der Untersuchung keine schlechten Nachrichten erhalten würde.

Die Tierarztpraxis lag etwas außerhalb von Braunton, einem der kleinen Küstenorte, und Zion bremste scharf auf dem Kies in der Einfahrt. Ellie sprang vom Jeep, wie sie es immer tat, wenn ihr Herrchen hier arbeitete. Zion war überglücklich gewesen, als er sich in der Praxis vorgestellt hatte, um neben seinem Tierarztstudium Erfahrung zu sammeln. Das Geld war ihm dabei nicht wichtig. Die Erkenntnisse waren unbezahlbar. Die Praxis war in der Nähe seines Zuhauses und Mr. Gullingham ein angesehener und erfahrener Tierarzt in der Region rund um Devon. Zion war zwar erst einundzwanzig, aber er liebte das Leben in Croyde und war im Gegensatz zu den Surfnomaden heimatgebunden.

Ellie lief neben ihm in den Praxiseingang. Heute war sie achtsamer und bellte nicht zur Begrüßung. Schnell drückte Zion mit dem Fuß gegen die Tür und eilte den kurzen Flur entlang bis ins Sprechzimmer. Sein Chef saß an seinem Schreibtisch und arbeitete am Computer. Sicher studierte er Befunde oder war mit seiner Buchhaltung beschäftigt.

„Mister Gullingham“, rief Zion, noch bevor er den Schreibtisch erreichte.„Ich brauche Ihre Hilfe! Ich habe diesen Hund gerade aus dem Meer gefischt, er ist vollkommen unterkühlt.“

Mr. Gullingham war die Sorte von Arzt, die ruhig und besonnen an einen Patienten herantrat. Mit seinen vierzig Jahren Berufserfahrung hatte er schon so manche schlimme Verletzung gesehen und versorgte jedes Tier so gut wie möglich. Er stand auf und lief auf den Hund zu, den Zion auf den Untersuchungstisch gesetzt hatte. Zunächst schaltete er die Wärmelampe an und begann, das Tier zu untersuchen.

„Na, wer bist du denn, du Schöner?“, fragte er behutsam und hielt den Patienten fest. „Bist du weit geschwommen und von meinem guten Zion gefunden worden? Du hast aber Glück, mein Freund, jetzt bist du in Sicherheit. Wollen wir doch mal schauen, ob du gechipt bist. Dein Herrchen wird sicher traurig sein, wenn er ein solches Prachtexemplar vermisst.“

„Vielleicht ist er auch über Bord geworfen worden“, wandte Zion ein.

„Nein, nein. Wir wollen ja nicht gleich vom Schlimmsten ausgehen, nicht wahr?“

Zunächst hörte ihn Mr. Gullingham ab, maß die Temperatur und führte einen Ultraschall durch, um innere Verletzungen auszuschließen. Zion ging ihm fleißig und gewissenhaft zur Hand. Es dauerte eine Weile, bis alle notwendigen Untersuchungen abgeschlossen waren und Zion beobachtete jede Handbewegung. Zwischendurch streichelte er den Hund immer wieder und warf Blicke zu Ellie, die am Tischrand saß und den Kleinen beschützend beobachtete.

Nach einer Weile ging es dem jungen Hund besser, das Fell war getrocknet und die Stimmen hatten ihn beruhigt. Jetzt lag er nur ein wenig eingeschüchtert auf dem Untersuchungstisch, abwartend, ob er noch weitere Handlungen über sich ergehen lassen musste.

„Soweit scheint er stabil zu sein. Keine inneren Verletzungen, kein Wasser in der Lunge. Alle Knochen sind heil. Was auch immer passiert ist, er hat es gut überstanden. Prima Kerl!“, sagte Mr. Gullingham gelassen.

Zion fielen Tonnen von Steinen vom Herzen. Seitdem er den Hund aus dem Wasser gezogen hatte, fühlte er sich für ihn verantwortlich. „Das freut mich sehr“, gab der junge Tierarztstudent zum Ausdruck.

„Das sieht man“, erwiderte Mr. Gullingham lachend. „Ich habe Sie selten so erleichtert gesehen. Wenn Sie immer so einfühlsam und fleißig sind, können Sie gerne Ihr praktisches Jahr bei mir absolvieren, wenn Sie in einem Jahr so weit sind.“

„Ist das Ihr Ernst?“, fragte Zion ungläubig.

Mr. Gullingham nickte. „Anfangs hatte ich Zweifel, zugegeben. Ich dachte, Sie wären wie die anderen Surfer. Immer den Wellen hinterher. Aber Sie lernen schnell und haben viel Einfühlungsvermögen. Man merkt, dass Sie es wirklich wollen. Mein Angebot steht. Vielleicht arbeiten wir dann Hand in Hand.“

Zion war ergriffen. Er mochte Mr. Gullingham sehr und würde das Angebot sicher annehmen.

„Sie sollten den Kleinen hier allerdings einige Tage bei sich behalten, damit er wieder zu Kräften kommt. Ellie ist ja eine perfekte Freundin. Sie wird ihm sicher ein Plätzchen abgeben, nicht wahr, Ellie?“

Ellie winselte, wedelte mit dem Schwanz und kam vorsichtig an Mr. Gullinghams Beine gelaufen. Liebevoll streichelte er sie an ihrem Köpfchen.

„Ich werde mich mal umhören, wer einen Weimeraner vermisst gemeldet hat, und ein Foto bei meinen Kollegen hinterlassen. Der Besitzer wird sicher überrascht sein, dass der Hund noch lebt.“

Zion seufzte leise. Der Gedanke, den Hund wegzugeben, schmerzte bereits jetzt. Aber er musste auch darüber nachdenken, wie er sich fühlen würde, wenn Ellie verloren gehen würde … Da erinnerte er sich wieder an die Metalldose.

„Einen Moment bitte“, sagte Zion und ging hinaus zu seinem Jeep. Vielleicht gab es darin Hinweise über den Hund oder seinen Besitzer. Neugierig zog er einen gerollten Brief und einen Ring aus der Dose. Aufmerksam las er die Zeilen und lief dann irritiert in die Praxis zurück. Auffordernd hielt Zion Mr. Gullingham das Blatt entgegen. „Lesen Sie. Anscheinend gehört der Hund mir.“

Neugierig las der Tierarzt die Zeilen.

„Das ist natürlich etwas anderes. Dann viel Glück mit dem Tier“, wünschte er und nickte Zion im stillen Einverständnis zu.

Erleichtert stopfte er den Brief in seine Hosentasche, verabschiedete sich von Mr. Gullingham und kehrte an seinen Jeep zurück. Der Weimeraner lief wie selbstverständlich neben Ellie her und am Fahrzeug angekommen, ließ er sich problemlos auf die Ladefläche heben.

Inzwischen war es dunkel und für die Rückfahrt nahm Zion die ruhigere und längere Strecke Innerlands. Den Weimeraner hatte er mit Ellies Leine angebunden. So viel Vertrauen hatte er noch nicht in den jungen Hund und verlieren wollte er ihn auch nicht, nachdem er ihn gerade erst gefunden hatte.

Eine halbe Stunde später parkte er an dem kleinen Strandhaus, das er seit einem Jahr mietete. Die älteren Besitzer waren vor langer Zeit ins Ausland gezogen und froh, dass sich in ihrer Abwesenheit jemand darum kümmerte, damit es nicht von betrunkenen Jugendlichen für nächtliche Strandpartys missbraucht wurde. Zion hatte ihnen einen guten Eindruck vermittelt und mit seiner handwerklichen Begabung das in die Jahre gekommene Haus wieder in einen guten Zustand gebracht. Seine Freunde hatten ihn immer wieder animiert, in dem Haus zu feiern, aber für ihn war es ein Rückzugsort und keine Plattform für wilde Feste.

„Dann wollen wir mal sehen, wo wir dir ein Plätzchen schaffen. Schade, dass ich deinen Namen nicht weiß. Den hat mir deine alte Besitzerin nicht verraten. Aber mir wird schon etwas einfallen, mein kleiner Freund“, murmelte Zion, schloss die Tür auf und ließ die beiden Hunde hinein. Neugierig schnupperte sich der Junghund durch die beiden kleinen Zimmer, die Küche und das Bad, um dann wieder bei Zion anzukommen und ihn mit großen, fragenden Augen anzusehen. „Du hast aber ganz schön viel Fell für deine Größe. Da musst du erst noch reinwachsen, was meinst du, Ellie?“

Es dauerte eine Weile, bis sich die Hunde beruhigt hatten. Zion setzte sich wie jeden Abend auf die Couch, um sein tägliches Lernpensum zu absolvieren. Er blieb ganz still dabei, denn er wollte dem neuen Hund so viel Ruhe wie möglich signalisieren. Und es schien zu funktionieren. Endlich legte er sich auf eines der Hundekissen direkt neben der Heizung und rollte sich ein.

Nun hatte Zion die notwendige Ruhe, den Brief noch einmal zu lesen. Ungläubig ob der Worte, die dort geschrieben standen, schüttelte er den Kopf und sah zu dem kleinen Hund hinüber, der nun den Schlaf der Gerechten schlief und dabei vor sich hin schnarchte. Dann nahm er den Ring in die Hand, der ebenfalls in der Dose gelegen hatte. Feinste blaue, rechteckige Diamanten und Saphire zierten eine filigrane Fassung, die wie Platin wirkte. Der größte Stein thronte in ihrer Mitte und funkelte wie der Ozean am Abend. Wenn dieser echt war, musste er mehrere Karat schwer sein. Zions Blick fiel auf die Innenseite des Ringes, auf der mit deutlicher Schrift die Herkunft des Ringes angezeigt wurde: Tiffany&Co. Ein Schmuckstück in dieser Größe musste ein Vermögen wert sein. Die Steine funkelten in dem von Kerzen erhellten Zimmer. Mit diesem Ring solle er „die Kosten für das gesamte Leben des Hundes decken“, hieß es in dem Abschiedsbrief, aber Zion war überzeugt, der Wert war wesentlich höher.

War es recht, den Ring zu behalten? Machte ihn ein solcher Brief tatsächlich zum Erbe einer Unbekannten?

***

Vier Wochen später hatten sich die drei aneinander gewöhnt. Zion hielt sich täglich mit beiden Hunden am Strand auf, um seinen neuen Begleiter an den Sand, seine Freunde und das Surfen zu gewöhnen. In diesen Wochen surfte er weniger und immer am Hauptstrand bei seinen Freunden, die darüber mehr als froh waren.

„Zion zieht mehr Mädels an als wir alle zusammen. Das ist der Hundebonus“, raunte Rickie eines Tages zähneknirschend, dabei wussten alle, dass die Mädchen einfach auf Zions trainierten Körper, seine wasserblauen Augen und das smarte, harmonische Gesicht standen. Er hatte eben das richtige Geschenk mit auf die Welt bekommen.

„Aber der Kleine surft noch nicht mit, oder?“ Rickie deutete auf den Weimeraner.

„Nein“, gab Zion zurück und grub die nackten Füße in den Sand. „Er hat wohl noch Angst vor dem Wasser. Kein Wunder. Das Letzte, was er damit in Verbindung gebracht hat, war für ihn ein Überlebenskampf. Er muss erst wieder Vertrauen finden.“

Die Jungs nickten und stürzten sich kurz darauf wieder in die Fluten. Währenddessen sprach Zion ruhig und sanft auf den Junghund ein, der geduldig auf ihn und Ellie wartete. Anfangs hatte ihn Zion mit Ellie am Strand gelassen und nur einen kurzen Wellenritt genommen. Jetzt konnte er den Rüden schon allein lassen und sicher sein, dass er auf dem Platz blieb, den der junge Surfer mit seiner Alltagskleidung belegt hatte.

Gerade als Zion die letzte Welle genoss und die letzten Meter in die Brandung glitt, sprang der Hund ihm entgegen und eine Welle schwappte über ihn. Lachend ging der junge Mann auf ihn zu, nahm ihn hoch und sagte: „Wave! Das ist ab sofort dein Name. Ich glaube, mit den Wellen wirst du es immer haben.“

2
Zwei Jahre später

Wave wuchs zu einem stolzen Rüden heran, den Ellie wie einen Sohn bemutterte. Die letzten beiden Jahre waren ihm gut bekommen und die drei waren als Team in der Stadt und am Strand bekannt. Auch die Surferkollegen hatten sich an die doppelte Portion Hund am Strand gewöhnt.

„Warum bist du eigentlich nicht mehr in Downend?“, hatte einer von ihnen einmal gefragt.

„Wave hat jedes Mal gezittert, wenn ich dort war. Und Boot fahren mag er überhaupt nicht. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als hier zu surfen“, war Zions Antwort. Auch beim Surfen hatte sich nichts verändert. Die jungen Männer waren ein wenig älter geworden, nicht aber weniger schnippisch oder scharf auf sexy Mädels.

„Heute ist wieder Strandparty angesagt“, meinte Rickie. Es war Freitag und das Wetter hätte nicht besser sein können.

„Dass euch das auf Dauer nicht langweilig wird.“ Zion seufzte, während er sein weißes T-Shirt auszog und den braungebrannten Oberkörper entblößte. Die von der Sonne gebleichten, kinnlangen Haare fielen ihm dabei ins Gesicht.

„Was hätten wir sonst zu tun an diesem herrlichen Freitagabend?“, meinte Christian, der wie immer seine knallroten Badeshorts trug und nun lachend mit seinem Surfbrett unter dem Arm ins Wasser lief.

„Na, lernen!“, rief Zion ihm hinterher. „In ein paar Wochen stehen bei uns die Prüfungen an. Da muss man das eine oder andere eben opfern.“

„Opfern werde ich meine Zeit nur für diesen Ritt, und für sonst nichts!“, schrie Christian noch und stürzte sich in die Fluten. Er hielt nicht viel von Fleiß und Arbeit. Er jobbte hier und dort und lebte von der Hand in den Mund. In Croyde würde er nur einige Monate bleiben, bis er zum nächsten Strand weiterzog und von dort aus wieder weiter und weiter. Jedes Jahr drehte er dieselbe Runde.

„Das ist kein Leben für uns, nicht wahr, Ellie und Wave?“

Die Hunde bellten zur Bestätigung und Wave setzte sich wie üblich auf Zions großes Handtuch, von wo aus er ihm und seiner Hundemum zusehen konnte. Zion hatte Ellie ein paar neue Tricks auf dem Board beigebracht und am Strand herrschte deshalb wildes Gejubel, als die beiden das Wasser erreichten und ihr Können zeigten. Einige klatschten sogar Beifall. Ellie sprang anschließend jedes Mal freudig in der Brandung auf und ab, bis Zion sie erneut auf das Brett hob. Nach jedem Trick warf der Surfer einen Blick zu dem wartenden Wave und paddelte dann wieder in die Fluten. Aber als er gerade über eine Pause nachdachte, war das Handtuch leer.

„Wave?“ Besorgt sah Zion am Strand auf und ab. „Du musst wieder runter, Ellie. Wave ist weg. Wir müssen erst nach ihm suchen!“

Ellie verstand sofort und sprang vom Surfbrett zurück ins Wasser. Schnell stapfte Zion mit dem Board und dem Paddel an Land, warf beides kurzerhand in den Sand und pfiff nach Ellie, damit sie neben ihm herlief.

„Such nach Wave, Ellie. Such! Hoffentlich ist ihm nicht schon wieder was passiert. Ich hätte ihn doch anbinden sollen …“ Tausend Gedanken schossen ihm durch den Kopf. War Wave mit Wasser in Berührung gekommen und panisch davongerannt? Oder hatte ihn jemand mitgenommen? Nervös spähte er in alle Richtungen und suchte jedes Handtuch, jeden Menschen nach dem grauen Hund ab.

„Haben Sie einen großen, grauen Hund gesehen?“, fragte er immer wieder, bekam jedoch stets nur ein Kopfschütteln oder ein Nein als Antwort. Er lief immer schneller, blickte panisch umher. Fast am Ende des Strandes angekommen, blieb Zion stehen. Es war nur noch ein einziger Mensch auf dem letzten Abschnitt des Sandstrandes zu sehen: Eine junge Frau. Und Wave wirbelte um sie herum.

„Wave, da bist du ja!“, rief er erleichtert und rannte zu ihm, doch der Hund beachtete ihn gar nicht. Er schien nicht von der jungen Frau ablassen zu können. Immer und immer wieder stieß er seinen Kopf an ihren Oberschenkel und schwänzelte dabei ohne Unterlass, während die Frau versuchte ihn mit ihrem Bein wegzuscheuchen und dabei fluchte. Als Wave mit einem lauten Bellen darauf antwortete, ließ sie erschrocken ihr Handtuch fallen, das er sofort als Spielzeug in Beschlag nahm.

„Hat er dich belästigt?“, fragte Zion vorsichtig. Der Blick aus zwei ozeanblauen Augen traf ihn in sein jungmännliches Herz, das einen heftigen Satz nach vorne machte.

Für einen Moment verharrte er vor ihr, gebannt von ihrer Ausstrahlung. Eine ihm unbekannte, wohlige Wärme strömte aus seinem Herzen direkt in jede Zelle seines Körpers. Und als sie ihm ein kurzes, freundliches Lächeln schenkte und dabei das Sonnenlicht ihre hüftlangen, blonden Haare in einen goldenen Umhang verwandelten, war es gänzlich um ihn geschehen.

„Nein, nein. Schon gut“, sagte die junge Frau und hob eine Hand als Entschuldigung. „Ich kann nur nicht so mit Hunden. Kannst du vielleicht dafür sorgen, dass ich mein Handtuch wiederbekomme? Ich wollte gerade gehen.“ Jetzt kräuselte sie ihre Lippen und sah drängend auf Wave, der mit Ellie und dem Handtuch neben ihnen herumtollte.

Die blauen Augen zogen wie ein Magnet an dem jungen Mann, der wie benommen vor ihr stand. „Äh, ja. Natürlich“, stammelte er und drehte sich um. „Ellie, Wave. Hierher!“

Aber die Hunde dachten gar nicht daran, die Beute loszulassen, und spielten ausgelassen weiter.

„Vielleicht solltest du mehr Zeit in die Erziehung deiner Hunde investieren als ins Surfen. Nicht jeder hat Verständnis für freilaufende Hunde“, bemerkte die junge Frau und verschränkte die Arme vor der Brust.

Zion, der irritiert abwechselnd zu seinen Hunden und zu ihr sah, stockte für einen Moment der Atem. Lange, schlanke Beine, die durchaus Muskulatur zeigten, waren das Ende eines durchtrainierten Körpers. Sicher war sie in seinem Alter, aber nicht von hier, sonst hätte er sie gekannt. Normalerweise hatte er kein Auge für diese Art von Schönheiten, aber irgendetwas an ihr zog ihn an und hielt ihn in diesem Moment gefangen.

„Was ist jetzt?“, fragte sie und hob eine Augenbraue. „Bekomme ich mein Handtuch zurück?“

„Ähm, natürlich! Sofort.“ Widerwillig löste er den Blick von der Unbekannten und hastete zu seinen beiden Vierbeinern. „Wave, Ellie, aus! Her mit dem Handtuch. Das gehört sich nicht. Aus!“

Endlich ließen die beiden das große Strandtuch fallen, rannten bellend einige Meter weiter und setzten ihre Rauferei zwischen Mutter und Ziehsohn fort. Der Sand peitschte um sie herum. Zion schüttelte das Strandtuch kräftig aus. Mit großen Buchstaben stand darauf Lundy Island über einem Bild von Seehunden und Möwen inmitten einer Landkarte.

Zion wollte gerade das Handtuch zusammenfalten, als eine Hand danach griff und den weiteren Blick darauf unterbrach.

„Danke“, sagte die Unbekannte tonlos und faltete es selbst zusammen.

„Äh, bitte. Lundy? Warst du schon einmal auf der Insel?“, wollte er wissen, nur um das Gespräch fortzuführen und sie noch etwas festzuhalten.

„Ja. Ich wohne dort“, war ihre knappe Antwort.

„Du wohnst auf Lundy? Geht das? Die Insel ist doch nahezu unbewohnt.“

Das unbekannte Mädchen schlug das Handtuch gekonnt in einem Turban um seinen Kopf. Ein langer Handtuchzipfel, aus dem noch längere nasse Haare wie goldene Fäden herauslugten, hingen an ihrem Rücken herab. Hastig griff sie nach dem Rucksack, der neben ihr auf dem Boden stand, und schulterte ihn.

„Ich habe wirklich keine Zeit mehr für junge Surfer mit frechen Hunden. Ich verpasse meine Mitfahrgelegenheit“, murmelte sie noch und stapfte an Zion vorbei, ohne ihn weiter anzusehen.

„So frech sind meine Hunde gar nicht. Vielleicht kannst du sie näher kennenlernen, falls du öfter hier bist. Ich bin übrigens Zion“, rief er ihr hinterher, worauf sie nur mit „Aha“ antwortete.

Er dachte noch darüber nach, ihr zu folgen, da lenkte ihn ein lautes Bellen ab. Ellie sprang an ihm hoch und wollte eine Streicheleinheit.

„Du bist ein feines Mädchen, Ellie, und du bist ein ganz toller Junge! Was hast du da nur für ein besonderes Mädchen aufgespürt, Wave. Dafür bekommst du heute eine Extraportion Hundewurst.“ Liebevoll streichelte Zion Wave über sein glänzendes graues Fell, das in der Abendsonne wie ein Hämatit glänzte. „Jetzt lasst uns nach Hause fahren.“

Gedankenverloren schlenderte Zion zu seinem Surfbrett zurück, sammelte seine Siebensachen ein und verstaute alles in seinem Jeep. Ellie und Wave nahmen wie immer auf der Ladefläche Platz. Seinen Surfanzug ließ er zum ersten Mal in all den Jahren an, obwohl er steif und trocken an seinem Körper rieb. Wie hypnotisiert fuhr er an der Küste entlang, bis endlich der kleine Streifen auftauchte, an dem sein Strandhaus lag.

Immer noch im Surfanzug stieg er aus und gab den beiden Hunden ihre Abendportion. Anschließend reinigte er sein Board auf der Veranda und stellte es zum Trocknen an die Hauswand, dann erst schälte er sich aus dem Anzug und ließ in der Dusche genüsslich kaltes Wasser über seinen Körper rieseln. Wie jeden Tag würden Rickie, Christian und die anderen Jungs ihren Abend am Strand verbringen und sich von ihren Mädels umschmeicheln lassen, aber Zions Gedanken kreisten nur um die langhaarige Unbekannte von Lundy Island. Sie hatte eine Faszination in ihm geweckt, obwohl sie sich nicht gerade für ihn zu interessieren schien. Wo konnte er sie wiedersehen? Was konnte er tun, damit sie Notiz oder vielleicht auch mehr von ihm nahm? Die Hunde waren in ihrem Fall kein Bonus gewesen. Im Gegenteil.

Nach der Dusche braute Zion sich eine Ingwer-Zitronen-Limonade zusammen, die er mit Eiswürfeln in einem großen Sommerglas auf den kleinen Tisch auf der Veranda vor seinem Strandhaus stellte, den er aus Treibholz zusammengezimmert hatte. Das Bauen war eine Begeisterung, die er neben seiner Tätigkeit als Tierarztaushilfe und Surfen noch hegte. Der Tisch wirkte wie ein wildes Durcheinander von Holzfundstücken, die so zusammengeschraubt und zurechtgefeilt waren, dass sie zahlreiche flache Flächen boten, um Getränke und andere Utensilien darauf zu platzieren. Er setzte sich in den Schaukelstuhl, der einen fantastischen Blick auf den Ozean und den Strand von Croyde freigab. Genüsslich trank er seine Limonade und beobachtete die Paare und einzelnen Spaziergänger, die sich dem Zwielicht am Strand hingaben. Irgendwann verblassten all die Menschen und er sah nur noch das bedruckte Handtuch von Miss No-Name, wie es einem langen Pferdeschwanz ähnlich auf ihrem Rücken hin- und herbaumelte.

***

Mitten in der Nacht erwachte er und bemerkte, dass ihn das Klingeln seines Handys aus den Träumen geholt hatte.

Mr. Gullingham war am Apparat. „Zion, gut, dass ich Sie erreiche. Wir haben einen komplizierten Hüftbruch bei einer Katze. Sie ist angefahren worden. Das ist eine gute Chance für Sie, kommen Sie schnellstmöglich her!“

Zion war augenblicklich hellwach. Er wusste, dass Mr. Gullingham ihm nicht nur eine Chance geben wollte, sondern auch eine zweite Hand brauchte. Als Zion vor einem Jahr tatsächlich das praktische Jahr begonnen hatte, hatte Mr. Gullingham ihm rasch viel Verantwortung übertragen und sie waren übereingekommen, herausragende Fälle gemeinsam zu übernehmen. Zum einen, weil Mr. Gullingham in die Jahre gekommen war und nachts nicht mehr die notwendige Konzentration aufbrachte, zum anderen, weil Zion Erfahrungen am lebenden Objekt sammeln wollte und musste.

„Ja, selbstverständlich. Ich bin sofort bei Ihnen“, versprach er.

„Gut. Ich lege die Katze schon in Narkose. Bis gleich.“

„Bis gleich.“

Schnell schälte er sich aus dem Bett, beruhigte Ellie und Wave liebevoll und brach mit seinem Jeep in Richtung Praxis auf.

Die kühle Nachtluft blies um seine Ohren. Auch Ende Juli konnten es immer noch um die fünfzehn Grad sein und genauso fühlte es sich an. Leichter Nieselregen fiel auf ihn herab, aber Zion spürte ihn kaum. Er zog die Plane des Fahrzeugs lediglich im Dezember und Januar über. Als Surfer war er Wasser mehr als gewohnt und er liebte das Freiheitsgefühl, das durch das offene Fahren aufkam.

Keine zwanzig Minuten später traf er bei Mr. Gullingham ein und eilte in das einzige noch erleuchtete Behandlungszimmer. Die Katze lag bereits in Narkose, ein Mann saß kreidebleich und sichtlich geschockt auf einem der Wartezimmerstühle.

„Sie war ganz plötzlich da“, erklärte er kleinlaut und hob die Schultern zum Zeichen, dies nicht mit Absicht gemacht zu haben.

„Sie haben sie hergebracht. Nur das zählt“, antwortete der junge Tierarztstudent und schenkte ihm einen beruhigenden Blick. Dann beeilte er sich, seinen Operationskittel überzuziehen und die üblichen Hygienevorschriften durchzuführen.

„So, mein Freund“, begrüßte ihn der Doktor und winkte ihn zum Behandlungstisch. „Das wird heute Ihr Opus. Sie werden die Operation durchführen und eine Meisterleistung vollbringen. Sie bauen ein neues Hüftgelenk ein. Es wird Zeit, bald stehen Sie vor Ihrem Examen.“

Das Vertrauen des Doktors gab Zion wie immer die nötige Sicherheit. Entschlossen nickte er, sammelte seine Konzentration und machte sich an die Arbeit.

„Das war famos, junger Kollege!“, verkündete Mr. Gullingham zwei Stunden später. „Glückwunsch. Sie sind so weit!“ Wertschätzendes Schulterklopfen begleitete das Kompliment und Zion atmete erleichtert auf.

„Danke, Mister Gullingham. Ohne Sie hätte ich niemals solche Möglichkeiten gehabt. Ich weiß es sehr zu schätzen.“

„Na, na, junger Mann. Stellen Sie sich selbst nicht hinten an. Sie sind eine Koryphäe und Croyde kann sich glücklich schätzen, bald eine solchen Tierarzt zu bekommen. Ich bin froh, dass Sie vor einem Jahr mein Angebot angenommen haben. Sie machen mir wirklich Konkurrenz mit ihren dreiundzwanzig Jahren.“ Er lachte herzhaft, während Zion ihn erstaunt ansah.

„Das geht gar nicht. Wie könnte ich Sie ausstechen?“

„Nun, irgendwann ist meine Zeit gekommen und ich kann mir keinen Besseren als Ersatz vorstellen. Das steht außer Frage.“ Mr. Gullingham wandte sich ab und ging wie üblich erst zu dem Besitzer des Tieres, um ihm von der Operation und dem Zustand des Patienten zu berichten. Dann schrieb er an seinem Schreibtisch den Bericht. Es waren die Kleinigkeiten, die Zion an ihm schätzte. Solche Dinge erledigte der Tierarzt ganz allein. Keine Sprechstundenhilfe durfte das für ihn übernehmen, auch wenn es durchaus in anderen Betrieben gängige Praxis war. Aber so war es richtig, fand Zion, und genauso würde er es später auch handhaben.

Der Tierarzt sah müde aus. In letzter Zeit war ihm die Last der nächtlichen Einsätze und des Tagespensums deutlich anzumerken. Immer öfter wirkte er erschöpft und nicht ganz bei der Sache. Gelegentlich kam Zion zwischen den Patienten in sein Sprechzimmer und fand Mr. Gullingham dann mit dem Kopf in seiner abgestützten Hand ruhend vor. Allerdings vermied Zion es, seinen Chef auf seine offensichtlichen Ermüdungserscheinungen anzusprechen. Zwar war ihr Verhältnis mehr als nur das eines Assistenzarztes zu seinem Vorgesetzten, aber zwischen ihnen lag eine unsichtbare Wand, die private Einblicke verbot und auch immer noch durch das Sietzen unterstrichen wurde. Deshalb verabschiedete er sich auch heute einfach freundlich von seinem Chef und fuhr in sein Strandhaus zurück.

Ellie und Wave sahen kurz auf, schliefen aber sofort wieder ein. Nur Zion wälzte sich noch eine gute halbe Stunde im Bett hin und her und verdaute die schwierige und dennoch gelungene Operation. Auch das erleichterte Gesicht des Kurzzeitbesitzers der Katze und sein kräftiges Händeschütteln mit dem Tierarzt tauchten wieder vor ihm auf. Das waren die wertvollsten Momente im Tierarztbusiness. Wenn es einem gelang, die Tiere zu retten und dem Besitzer die frohe Botschaft zu verkünden. Nichts war damit zu vergleichen.

Nach und nach verblassten die Bilder der Nacht. Ein Hund bellte in der Nachbarschaft. Zion hatte noch zwei Stunden, bis er wieder aufstehen musste. Also zwang er sich zur Löschung seiner Erinnerungen und bemühte sich, die aufkeimenden blassen Bilder des wippenden Handtuchs im Dunkeln zu ignorieren.

***

Am nächsten Morgen hing die Dämmerung über dem Wasser und tauchte den Strand in ein beeindruckendes Farbspiel. Leichter Nebel verlieh dem Ausblick eine Spur Romantik.

Zion schlüpfte in seine Joggingklamotten, pfiff einmal in Ellies und Waves Richtung und startete seinen morgendlichen Rundlauf. Er liebte es, dann, wenn alles schlief, Sport zu treiben und die frische Seeluft einzuatmen. Ellie und Wave tobten wie immer neben ihm, liefen in die Brandung und genossen ebenso wie ihr Herrchen die Einsamkeit am Strand.

Gedankenverloren lief er immer weiter und fand sich plötzlich genau an der Stelle, an der er am letzten Nachmittag die Schwimmerin getroffen hatte. Das Ende des Strandes war von hohen Steinfelsen eingesäumt, die nur durch Klettern überwunden werden konnten. Außer Atem blieb er stehen und sah sich um. Tatsächlich erkannte er noch den Abdruck ihres Handtuchs. Der Nieselregen der letzten Nacht hatte den Sand gebändigt und wie ein Fossil erhalten. Die ablehnende Haltung von Miss No-Name hatte ihm zugesetzt, für einen Moment fluchte er vor sich hin und stach mit seinem Turnschuh in den Sandabdruck vor ihm.

„Huch, was haben wir denn da?“ Zion bückte sich und hob einen kleinen Gegenstand aus dem Sand. Behutsam pustete er die Körner weg und sah ihn sich genauer an. Es war ein Schmuckstück, aber für ein Armband war es zu groß. Es bestand aus vielen kleinen unterschiedlichen Perlen und in seiner Mitte leuchteten schwarze Buchstaben auf runden weißen Perlen, wie man es bei Neugeborenen oft sieht. LIA stand dort.

Der Verschluss war kaputt. Sicher war es ein Fußkettchen und möglicherweise gehörte es Miss No-Name. Lia. Wenn er den Namen aussprach und dabei an sie dachte, wurde ihm wieder warm ums Herz und vergessen war sein Stolz. Wenn es ihr gehörte, würde sie es vermissen. Es sah aus, als sei es mit viel Liebe angefertigt worden. Jeder Stein sah anders aus und am Rand war ein winzig kleiner, silberner Buddhakopf angehängt. Sicher eine Modesache, wenngleich sich Zion auch für ethische Grundsätze interessierte. Eine Gemeinsamkeit, schoss es ihm durch den Kopf. Das konnte nur von Vorteil sein. Aber erst einmal musste er sie wiederfinden. Von nun an würde er sein Handtuch an diesen Strandabschnitt legen und hoffen, sie baldmöglichst zu treffen.

Er pfiff Ellie und Wave zu sich und joggte heimwärts.

Auf dem Rückweg hielt Zion für gewöhnlich bei Joyce, einem kleinen Standcafé, das die herrlichsten Muffins und den Kaffee auch to Go anbot. Allerdings, und das war das besondere an Joyce, nur wenn man seinen eigenen Becher mitbrachte. Der kleine Laden war stets gefüllt, das Gebäck mit Liebe zubereitet, der Service persönlich und die Inhaberin legte Wert auf gute, faire Zutaten. Dafür zahlte Zion gern ein wenig mehr und den anderen Gästen schien es nicht anders zu gehen.

„Guten Morgen, Zion. Das Übliche?“, fragte Joyce, eine dauerkaugummikauende, schlanke Frau, die zwar ihr bester Kunde in Sachen Muffins war, aber nie ein Gramm zunahm.

„Guten Morgen, Joyce. Natürlich. Könntest du einen einzigen Morgen ohne deine Muffins auskommen?“, schmeichelte er ihr und sah in ihre türkisfarbenen Augen. Ihre Haare, die mit einem Haarband im Nacken zusammengebunden waren, waren mit Henna gefärbt und ihrem Outfit nach hätte sie als alter Hippie auf Ibiza leben können.

„Ach, hör auf, wenn ich doch bloß zunehmen würde, dann würde ich aufhören alle naselang selbst zu naschen. Aber es ist, als ob ich nach jedem Muffin wieder weniger wiege“, erwiderte sie lächelnd und winkte ab.

„Dann gehörst du zu der glücklichen Sorte von Frauen. Glaub mir, die meisten wollen schlank sein und quälen sich ein Leben lang. Ich kann diese Hungerhaken nicht leiden. Schlank ist okay, aber der Genuss sollte dabei nicht fehlen“, besänftigte er sie und nahm sein Frühstück entgegen.

„Du alter Charmeur! Wenn ich in deinem Alter wäre … du könntest dich nicht vor mir retten.“ Joyce hob die Augenbrauen. „Kannst du dich überhaupt von den ganzen Frauen fernhalten?“

„Was redest du da? Für mich gibt nur eine. Die Richtige.“ Zion hob seinen Kaffee, als wolle er seiner Aussage damit Nachdruck verleihen, drehte sich dann zu den Sitzgelegenheiten und wählte seinen Lieblingstisch direkt am Strandweg. Ellie und Wave lagen beide bereits unter dem Baum, der dem Tisch Schatten bot. Joyce stellte immer Wasserschalen für Hunde auf und so wie Zion seine beiden Hunde kannte, hatten sie sich bereits bedient.

Der Kaffee tat gut und der Muffin war wie immer erstklassig. Er war aus dunkler Schokolade und von kleinen, weißen Schokostückchen durchzogen. Joyce stellte immer ein winziges Töpfchen Ahornsirup zum Tunken dazu und tatsächlich machte genau das einen weiteren Punkt ihres Geheimrezeptes aus. Genussvoll biss Zion zu, während er mit der anderen Hand noch mal das gefundene Fußkettchen beäugte. Vielleicht konnte er es reparieren und Lia würde ihm dann nicht mehr so feindselig gegenüberstehen, wenn er es ihr zurückgeben konnte. Falls es denn ihres war.

„Na toll! Erst verliere ich wegen deinem Hund meine Fußkette und dann behältst du sie auch noch!“

Überrascht sah Zion auf und blickte in die zwei ozeanblauen Augen vom Vortag. Sein Mund blieb offen. Da stand sie. Am Morgen. Vor ihm. Die Hände in die Hüften gestemmt. Ihre Haare wirkten wie eine lange Hülle, die ihren gesamten Körper umfassten. Ein Tuch hielt die Strähnen aus ihrem Gesicht, ein weißes T-Shirt und khakifarbene Shorts lagen eng an ihrem durchtrainierten Körper.

„Was ist? Habe ich dich in flagranti erwischt?“, hakte sie nach, aber Zion war so von ihrem Auftreten geblendet, dass er nur wenige Worte parat hatte.

„In flagranti? Wieso? Ich …“

„Ich hätte sie gern wieder“, unterbrach sie ihn und hielt ihm die Hand entgegen. Geöffnet, um die Fußkette zu bekommen.

„Moment.“ Endlich funktionierte sein Gehirn wieder. „Du kannst hier nicht auftauchen und solche Sachen behaupten. Woher weiß ich denn, dass es dir gehört?“

„Weil das mein Name ist. Lia. Willst du etwa meinen Ausweis sehen? Reicht es dir nicht, dass dein Hund mir das Teil kaputt gemacht hat?“ Die Hände erneut in den Hüften wirkte Lia nun wütender. Auch ihre Stimme klang nicht mehr nur fordernd, sondern zunehmend provokant.

„Woher weißt du denn, dass Wave dafür verantwortlich war? Und wenn schon! Er ist ein guter Hund. Er wollte spielen, mehr nicht“, verteidigte Zion seinen Hund vehement. „Und behalten wollte ich es nicht. Im Gegenteil, ich habe es heute Morgen dort gefunden, wo du gestern gelegen hast. Und ehrlich gesagt, wollte ich es reparieren lassen“, fügte er hinzu und beobachtete zufrieden, wie Lias Augen ein Stück größer wurden. „Du kannst es sofort wiederhaben. Aber erst setzt du dich zu mir und trinkst mit mir einen Kaffee. Die Muffins sind auch ganz ausgezeichnet.“

Damit ließ Zion Lia stehen und ging erneut zu Joyce.

„Das gleiche noch mal, Joyce“, bat er am Tresen.

„Gern, aber Lia nimmt immer den Muffin mit Heidelbeeren und Vanille. Soll ich ihn auf den Teller legen?“

Zion sah sie überrascht an. „Kommt sie öfter her?“, wollte er wissen. „Ich habe sie noch nie hier gesehen.“

Joyce lachte. „Ja, gelegentlich. Früher öfter. Bevor … hm. Das soll sie dir besser selbst erzählen.“

Zion nahm den Muffin entgegen, wandte sich ab und ging zurück zu seinem Platz. Lia hatte sich tatsächlich gesetzt.

„Oh Gott. Joyce kann es einfach nicht lassen! Sie hat dir sicher gesagt, welchen Muffin ich mag“, murmelte sie und sah mit einem Funken Vorwurf in den Augen zur Theke.

Zion kommentierte dies mit einem Grinsen. „Also ist dein Name Lia und das ist deine Fußkette“, stellte er fest und nickte in Richtung des Schmuckstücks, das mittlerweile in Lias Hand lag.

Sie ließ die Perlen einzeln durch ihre Finger gleiten und nickte. „Danke, dass du es aufgehoben hast. Es ist mir sehr wichtig.“ Ihr Blick bekam einen traurigen Schatten, den Zion jedoch nicht hinterfragen wollte. Er wollte nur eins: Dass Lia blieb und mit ihm einige Minuten verbrachte.

„Bist du so früh von Lundy hierhergefahren?“, fragte er deshalb und biss noch einmal in seinen Muffin.

„Nein. Ich bin nicht zurückgefahren, als ich gemerkt habe, dass ich die Fußkette verloren habe. Also habe ich in Ilfracombe übernachtet. Von dort aus fahre ich immer nach Lundy.“ Zion war gerne in der kleinen Hafenstadt. Sie hatte eine gesunde Mischung zwischen Geschäftigkeit und Gemütlichkeit. Zudem gab es dort einige Surfläden, die Zion von Zeit zu Zeit aufsuchte.

„Du hast wegen der Fußkette hier übernachtet? Dann scheint sie dir wirklich wichtig zu sein.“ Eigentlich wollte er fragen, was sie an der Kette festhielt, aber er zügelte seine Neugier.

Lia antwortete nicht und sah zur Seite. Zion folgte ihrem Blick zu seinen Hunden. Wave bellte, als ein anderer Hund in der Ferne am Strand vorbeilief und Lia kommentierte dies mit einem Stirnrunzeln. Als Ellie in das Bellen miteinstimmte, änderte sich Lias Ausdruck und Milde überzog ihr Gesicht.

„Deine Hündin ist brav“, sagte sie leise.

„Ja! Sie ist fantastisch. Und Wave auch. Er ist ein guter und treuer Freund.“ Zion merkte anhand der Art, wie sie sich bemühte nicht zu Wave zu sehen, dass Lia ihm entweder noch nicht verziehen oder gänzlich Schwierigkeiten mit ihm oder Rüden hatte.

„Mag sein, aber er scheint zu machen, was er will“, murmelte Lia, wandte sich ihrem Muffin zu und biss hinein.

„Da kommt er stark nach mir. Ich mache auch genau das, was ich möchte und nicht das, was andere von mir erwarten. Wave und ich passen gut zusammen.“ Zion versuchte in Lias Gesicht irgendeine Reaktion zu lesen, aber es war, als ob sie ein Geheimnis vor der Welt verbarg. Und Joyce hatte es ja gesagt: Irgendetwas war in Lias Leben passiert.

„Gehst du heute wieder schwimmen?“, wechselte er das Thema.

„Ja. Ich schwimme jeden Tag.“

„Warum schwimmst du hier und nicht auf Lundy?“

„Ich mag den Strand. Wir waren früher oft hier schwimmen. Ähm, ich meine, ich war früher hier oft schwimmen …“

Zion nickte, während Lia an ihm vorbei zum Meer sah. Über das Thema wollte sie wohl nicht sprechen und Zion bohrte nicht weiter.

Er warf einen Blick auf die Uhr und registrierte erschrocken, dass er längst auf dem Weg nach Hause sein musste. Er war zwar schon mit den Themen für das Examen vertraut, wiederholte sie jedoch täglich. Schweren Herzens trank er seinen letzten Schluck Kaffee und stand auf. „Dann sehen wir uns heute Nachmittag. Zur selben Uhrzeit am selben Strandabschnitt?“

Lia sah irritiert aus, nickte aber. Natürlich hätte er ihr sagen können, warum er so hastig aufbrach, aber sie war selbst so verschlossen, dass er sie zunächst nicht mit zu vielen Informationen überhäufen wollte. Das unerwartete Treffen bei Joyce hatte seinen Glückspegel in ungeahnte Sphären katapultiert. Deshalb stand er nun lächelnd vor ihr.

„Ellie, Wave, los geht’s!“

Die Hunde setzten sich in Bewegung und wirbelten vor Freude um ihn herum.

„Wir sehen uns später. Und das hier, das nehme ich mit.“ Zion schnappte sich das Fußkettchen aus ihrer Hand und steckte es schneller, als Lia reagieren konnte, in die kleine Tasche seiner Sporthose. „Schließlich müssen Wave und ich etwas wiedergutmachen.“

Lia wollte wohl noch protestieren, denn sie stand auf und stützte die Hände auf dem Tisch ab. Dabei wehten ihr erneut die blonden Haare um den Oberkörper. Mit dieser Mischung aus Vorwurf und Weiblichkeit in den Augen sah sie verführerisch aus. Zion konnte kaum die Augen von ihr lassen und hätte sie gern einfach weiter betrachtet.

Stattdessen schenkte er ihr noch ein gewinnendes Lächeln und wandte sich ab. Sein Herz pochte wild vor sich hin. Wenn er sich noch einmal zu ihr umgedreht hätte, wäre er zu ihr gerannt, um sie augenblicklich zu küssen. Aber dann hätte er den Moment zerstört.

***

Das Beach Beads war ein kleiner, aber bekannter Juwelier direkt am immer gut besuchten Woolacombe Beach oberhalb von Croyde. Zion war fast versucht, das Surfbrett aus dem Auto zu holen und die Morgenstunden zum Surfen zu nutzen statt für das Aufzählen der verschiedenen Muskelgruppen. Aber er war seit jeher ein strukturierter Mensch, der immer das tat, was auf seinem Programm stand. Obwohl, heute brach er seine Struktur. Statt seit einer halben Stunde am Schreibtisch die Anatomie von Hunden zu wiederholen, saß er in seinem Jeep und hatte nur die Reparatur des Kettchens auf dem Schirm.

Zion hatte Glück und parkte direkt vor dem Geschäft. Er war froh, dass sie pünktlich öffneten und er als Erster bedient wurde. Die Besonderheit des kleinen Schmuckgeschäfts lag in seiner Vielfalt und der gesunden Mischung aus echtem Schmuck, Edelsteinen und Modeperlen. Er zeigte einer jungen Frau, deren Kopf durch ihre Dreadlocks größer wirkte als ihr gesamter Oberkörper und die von ihrem Hippistyle als Tochter von Joyce hätte durchgehen können, das Kettchen mit dem Schaden.

„Es sind einige Perlen rausgefallen. Soll ich sie ersetzen oder eine Lücke lassen?“

„Eine Lücke?“ Zion sah sich das Kettchen nun genauer an. Tatsächlich. Wenn man es am abgefallenen Verschluss zusammenhielt, fehlte etwas. Aber was? Ahnungslos sah er die Verkäuferin an.

„Es ist wohl von deiner Freundin und du weißt nicht, was da dran war, oder?“, fragte sie lachend. Zion nickte instinktiv.

Das Mädchen brachte mehrere durchsichtige Kisten mit unterteilten Fächern voller Perlen. Zielstrebig griff die Verkäuferin in zwei Fächer und fädelte die Perlen auf die Stelle auf, die an Lias Fußkette leer war.

„Hm. Das sieht zwar aus, als sei es niemals kaputt gewesen, aber es gefällt mir nicht“, kommentierte Zion die Perlen.

„Okay.“ Die Verkäuferin schien über die Aussage nicht beleidigt zu sein und fädelte stattdessen andere Perlen auf. Zion schüttelte erneut den Kopf. Auch der dritte und vierte Versuch fand nicht seine Zustimmung.

„Hast du zufällig einen Muffin als Perle?“, fragte er plötzlich.

„Klar. Warum hast du das nicht gleich gesagt? Wir haben auch Tiere, Sternzeichen und viele andere Symbole.“ Sie wandte sich ab und holte aus einem anderen Schrank zwei weitere Kästchen, die sie vor Zion auf den Tresen stellte.

„Hier. Der ist ganz niedlich. Oder der hier.“ Sie hielt ihm mit jeder Hand eine Muffinperle entgegen. Die erste war aus Silber. Die andere war aus Kunststoff und so bunt wie ein Muffin selbst.

„Ist die hier aus echtem Gold?“, wollte er wissen und zeigte auf den dritten Muffin in dem Kästchen vor ihm. Gleichzeitig fragte er sich, ob er nicht gerade überschnappte. Warum wollte er einem völlig unbekannten Mädchen eine echt goldene Perle schenken?

„Ja, und du hast Glück! Das hier ist die letzte.“ Sie griff nach der Perle und fädelte sie an die leere Stelle. „Das sieht gut aus. Zuerst dachte ich, das wäre zu kitschig, aber jetzt verleiht es der Fußkette irgendwie ein Stück Eleganz.“

Sie hatte recht. Es sah gut aus. Zwar wusste Zion nicht, ob es besser aussah als zuvor, aber jetzt sah es gut und sogar elegant aus. Für einen Augenblick schloss er die Augen und sah Lia im Sonnenschein am Strand sitzen. Ihre goldenen, langen Haare um ihren Körper wehend und mit der goldenen Muffinperle an ihrem Knöchel.

Kurz stockte er. War es überhaupt in Ordnung, wenn er einfach ohne ihr Einverständnis etwas hinzufügte? Wenn es nun eine ganz andere Bedeutung für Lia hatte und Zion mit der ausgesuchten Perle etwas von dieser Besonderheit zerstörte? Er dachte darüber nach und lauschte auf sein Herz, aber es befand sich im Chaos und war nicht zurechnungsfähig.

„Worüber denkst du nach? Glaubst du, sie wird sauer sein?“, unterbrach das Mädchen seine Zweifel.

„Kannst du Gedanken lesen?“, fragte Zion und lachte.

„Das kommt häufiger vor, als du denkst. Und es liegt auf der Hand. Aber im Prinzip brauchst du dir keine Gedanken zu machen. Eigentlich freuen wir uns immer über Geschenke jeglicher Art“, versicherte die Verkäuferin.

„Ja, genau. Eigentlich …“ Zion warf ihr einen skeptischen Blick zu, aber dann gab er sich einen Ruck. „Das passt so. Du kannst sie reparieren. Mit dem Muffin.“

„Gut. Ich brauche nicht lang“, meinte sie und begab sich hinter den Ladentisch.

Als Zion sich auf einen der Stühle setzte und quer durch das Geschäft die Verkäuferin hantieren sah, fiel ihm ein, dass er nicht nach dem Preis der Perle gefragt hatte. Aber irgendwie spielte das auch keine Rolle. Lias Wohlbefinden und ihre Freude waren ihm mehr wert als jedes Geld der Welt, dabei kannte er sie überhaupt nicht. Bislang war sie nur unfreundlich, zurückhaltend, vorwurfsvoll und, okay, das musste Zion zugeben, bei Joyce relativ zugänglich gewesen. Allerdings musste er in Betracht ziehen, dass ihre Freundlichkeit lediglich der Tatsache geschuldet war, dass er die Kette gefunden und ihr ausgehändigt hatte …

„Fertig“, sagte das Mädchen und hielt Lias Fußkette in die Höhe.

Zion sprang auf und lief auf die Theke zu. Das Schmuckstück lag nun auf einer mit schwarzem Samt überzogenen Ablage und sah wunderschön aus. Der goldene Muffin glänzte wie ein Schatz in der Dunkelheit. Begeisterung stieg in ihm auf.

„Danke für alles. Sie sieht wunderschön aus. Besser als vorher“, lobte er.

„Na, das hoffe ich doch sehr, dass das Mädchen wunderschön ist.“ Die Dreadlocks umrahmten ein grinsendes Gesicht. „Ich mache nur Spaß. Soll ich sie dir einpacken?“

Wenige Minuten später verließ Zion das Beach Beads mit einer kleinen, roséfarbenen Schachtel in der Hand und strömte über vor Glück. Die bloße Tatsache, Lia eine Freude zu machen und ihr zu zeigen, dass sie ihm wichtig war, versetzte ihn in Hochstimmung, die er auf diese Weise noch niemals für einen Menschen empfunden hatte. Die 79 Pfund spielten keine Rolle. Überhaupt nichts spielte gerade eine Rolle. Weder die Tatsache, dass er völlig eingeparkt worden war und geschlagene fünfzehn Minuten warten musste, bis er losfahren konnte, noch dass er hinter einer Radfahrerkolonne festhing, noch dass er die nächsten fünf Stunden an seinem Schreibtisch festsaß und lateinische Begriffe auswendig lernte. Lia beflügelte alle Situationen mit ihrer imaginären Erscheinung in Zions Kopf. Sie wirbelte um ihn herum, verlieh allem eine besondere Leichtigkeit und gab ihm gleichzeitig eine gehörige Spritze Energie.

***

Der Tag war zu einem perfekten Surftag mutiert. Es herrschte leichter bis moderater Wind in Richtung der entgegenkommenden Wellen. Sie würden Barrels formen und Zion, Rickie und den anderen die Möglichkeit geben, sich in der Welle aufzuhalten, bevor sie brach. Traumbedingungen, die sich weder Zion noch die anderen entgehen lassen würden. Fünf Stunden Lernen mussten reichen. Zion kribbelte es in den Fingern und Ellie bellte und sprang wie eine Irre durch das Wohnzimmer. Sie wusste genau, wann ihr Herrchen in die Fluten springen und sie auch zum Zuge kommen würde.

„Du bist unglaublich, Ellie. Riechst du es wieder, ja?“, lobte Zion seine Hündin, die mit einer Drehung um ihre eigene Achse und lautem Bellen antwortete. Zion lachte. Auch Wave freute sich, mehr aber über die Tatsache, gleich mit seinem „Rudel“ unterwegs zu sein, als in die Fluten zu preschen.

Zion packte alles in seinen Jeep und fuhr an den Strandabschnitt, an dem er sich mit Lia sozusagen verabredet hatte. Am Strand angekommen, warf sich Ellie sofort in die Brandung. Für Wave war der Tag nicht optimal, die Wellen waren zu hoch und schlugen laut am Strand auf. Das flößte ihm wie immer Respekt ein und an diesen Tagen blieb er im trockenen Bereich.

Zion aber hatte nur das Handtuch mit der Lundy Island - Aufschrift im Visier. Da lag es! Diese Mal viel weiter vorne in der Nähe der Surfer. Ohne Lia. Sie war tatsächlich bei diesen Wellen schwimmen. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass das Wetter zwar Traumbedingungen für Surfer brachte, aber für Schwimmer konnte es gefährlich werden. Weiter draußen peitschten die Wellen jeden Widerstand durch das tobende Nass. Wenn Lia tatsächlich jetzt im Meer war, konnte Zion nur hoffen, dass sie eine verdammt gute Schwimmerin war. Konzentriert spähte er bei jeder brechenden Welle über den Horizont und suchte ihren Kopf.

„Hey, Zion! Willst du nicht mit uns raus? Komm schon, Alter!“, brüllte jemand hinter ihm. Als Zion sich umdrehte, erkannte er Rickie auf sich zulaufen.

„Nein, lass mal, ich warte hier auf jemanden“, antwortete er knapp und spähte weiter auf das offene Meer.

„Was ist denn mit dir? Solches Wetter lässt du dir doch sonst nicht entgehen. Sieh dir die Barrels an, und das direkt zum Saisonbeginn. Der Wahnsinn!“ Rickie stieß Zion auffordernd an, aber Zion winkte vehement ab. Seine Unruhe nahm zu, je größer sich die Wellen vor ihm auftürmten und je länger er Lia nicht entdeckte. Sie hätte längst aus dem Wasser sein müssen. Nicht umsonst hieß es Die Surfer gehen dann ins Wasser, wenn die Schwimmer rauskommen. Aber plötzlich, wie aus heiterem Himmel, tauchte sie aus den Wassermassen auf und schritt nicht sonderlich außer Atem auf ihn zu. Wie eine Säule stand er mit dem Surfbrett in der Hand vor ihr.

Ihre Anwesenheit füllte das Loch, das er seit seiner Ankunft am Strand gespürt hatte. Leere, Angst und Sorge hatten einen tiefen Krater in sein Herz gerissen, und auch wenn er sie bisher nur zweimal gesehen hatte, fühlte er sich bereits für sie verantwortlich. Als hätte ihr Wohl Einfluss auf sein Wohlergehen.

Wave war erneut wie von Sinnen, als Lia ihrem Handtuch entgegenlief. Er sprang an ihr hoch und lief wild schwänzelnd um sie herum.

„Lass das!“, murmelte Lia und versuchte, den Hund von sich fortzudrücken. Bittend sah sie zu Zion. „Es tut mir leid, aber ich mag es nicht, wenn Hunde an mir hochspringen.“

Für einen Moment war Zion noch von der Situation gebannt, löste dann aber seinen Blick von ihr und sah zu Wave. „Schon gut. Wave! Aus! Hierher!“, rief er und der Hund folgte widerwillig. „Ich weiß auch nicht, was er mit dir hat. Sonst ist er eher schüchtern. Und Wasser mag er gar nicht.“

„Dann hat er aber das falsche Herrchen“, meinte Lia und griff nach ihrem Handtuch. Heute hatte sie ihre Haare zu einem langen Zopf geflochten und knetete diesen mit dem Frottiertuch. „Das heute Morgen, das war nicht so nett“, beschwerte sie sich bei Zion.

„Was meinst du? Dass ich dich zum Frühstück eingeladen habe?“, fragte er unschuldig.

Sie verdrehte die Augen. „Du bist wohl ein Spaßmacher.“

„Das Leben birgt Herausforderungen. Da kann Freude helfen, meinst du nicht?“, konterte er. „Bleibst du noch eine Weile? Ich würde gerne noch eine Welle mitnehmen. Oder zwei. Und wenn du noch länger Zeit hast, würde ich dir gerne noch etwas zurückgeben. Vielleicht findest du mich ja danach netter.“

Wenn sie jetzt Nein sagte, blieb ihm nichts anderes übrig, als ihr die Schachtel mit ihrem Fußkettchen einfach auszuhändigen. Nervös blickte er sie an. Noch immer knetete Lia ihren langen Zopf und schien nachzudenken. Die schweigsame Minute dehnte sich unerträglich.

„Ich habe noch Zeit“, sagte sie schließlich und Zion fiel eine zentnerschwere Last vom Herzen.

„Gut, dann lasse ich Ellie und Wave bei dir. Ellie surft sonst mit, aber heute sind die Wellen zu hoch. Sie werden sich benehmen. Versprochen.“ Zion versuchte gelassen zu reagieren, aber seine Freude zu bändigen, war harte Arbeit. Dennoch wollte er Lia nicht überrumpeln. Sie war scheu und distanziert.

Ellie saß wenige Meter von Lia entfernt im Sand. Anscheinend ahnte sie bereits, dass sie nicht mitdurfte. Wave hatte sich resigniert neben seine Ziehmama gelegt und schielte weiter zu Lia.

„Wie du meinst. Ich bin zwar kein Surfgirl, aber sie können hierbleiben, wenn sie mich nicht wieder anspringen. Sie scheinen sich ohnehin schon damit abgefunden zu haben.“ Lia sah zu den Hunden, dann zu Zion und machte eine Handbewegung, die ihn von ihr wegscheuchte. „Geh schon. Hol dir die Welle.“

Zion wandte sich ab, aber sein Herz blieb. Es war, als ob sich sein Körper fortbewegte und etwas von ihm zurückblieb, während er in die herabbaumelnden Ärmel seines Surfanzugs schlüpfte und den Reißverschluss über seinem darunterliegenden Shirt schloss. Und auch wenn er ihren Blick nicht sehen konnte, spürte er, wie sie ihm dabei zusah.

Mit wenigen Schritten war er am Ufer und stürzte sich mit seinem Board in die Brandung.

Alle seine Jungs waren am Strand und befanden sich in dem Bereich, wo sie auf die Wellen warteten – dem Line Up. Rickie schüttelte sich gerade seine schulterlange rotgelockte Mähne, nachdem er eine Welle bis ins seichte Wasser geritten hatte, nahm sein Surfbrett unter den Arm und steuerte auf ihn zu.

„Alter, das ist pures Adrenalin. Mein Körper bebt.“ Er atmete schwer und sah dabei so glücklich aus, wie ihn Zion selten gesehen hatte. „Das ist besser als Sex!“ Und bevor Zion den Satz kommentieren konnte, hatte sich Rickie schon auf das Board gelegt und paddelte erneut auf das Line Up zu.

Auch wenn an diesem Surfspot der Wellenvorrat üppig war, gab es an Tagen wie heute Gerangel um die Startposition. Zion und seine Jungs waren Locals – Stammgäste an diesem Spot, und dennoch hieß es: Eine Welle ein Surfer! Hier in Croyde waren die Surferregeln heilig. In den seltensten Fällen kam es zu einer Missachtung, schließlich wollte sich keiner verletzen. Nur wenn Rickie rippte, also extrem radikal surfte, mussten sich die anderen in Acht nehmen. Hoffentlich würde er heute nicht ganz so egozentrisch sein.

Kurzerhand band er die Leash, die Verbindungsleine zwischen Surfer und Surfbrett, um seinen Knöchel, warf sich ebenfalls auf sein Brett und paddelte in das Line Up, wo sich die anderen Kumpels tummelten und jeder auf seine ganz eigene Welle wartete.

Rickie hatte recht! Als Zion seine erste Welle anstartete und nach einigen Turns durch die Tube – die Wasserröhre – glitt, ließ er das sich brechende Wasser durch seine Finger gleiten. Sein Surfbrett trug ihn weiter, bis sich die Gischt über ihn legte und er mit einem gekonnten Turn über den Wellenkamm die Welle bändigte. Ein Surfer, eine Welle. Seine Welle. Nur die zählte. Auch wenn eine gute Portion Konzentration notwendig war, spürte er tiefstes Vertrauen, während das Wasser wie eine Schraube um ihn herumwirbelte. Ein Moment, der alles bringen konnte, aber auch das Beste offenbarte. Freiheit, Frieden, Leben!

Wie sonst auch verlor sich Zion in der Euphorie des Wellenritts und vergaß alles um ihn herum. Zeit, Raum, Termine, Gegebenheiten. Auch heute war er ganz dem Lesen und Reiten der Wellen verfallen und erst nach der dritten Welle mischte sich ein Unbehagen in seine Emotionen. Lia wartete auf ihn! Hoffentlich. Kaum war sie wieder in seinem Bewusstsein, paddelte er schnurstracks ins seichte Wasser, schnappte sich sein Surfbrett und hechtete zu ihrem Handtuch.

Sie war noch da.

Ellie und Wave jagten ihm entgegen und sprangen an ihm hoch. Er streichelte ihre Köpfe und ging weiter, bis er vor Lia stand.

„Du siehst zufriedener aus“, registrierte sie.

Zion überraschte ihre Aussage. Nicht der Inhalt, sondern vielmehr die Tatsache, wie sehr sie ihn beobachtete oder vielleicht auch schon einschätzen konnte. Sie hatte vollkommen recht, für Zion war das Wellenlesen und -reiten mehr als eine Leidenschaft. Es war ein Lebensstil, wenngleich er sich nicht an allen Ritualen der Lokals beteiligte.

„Danke. Das Surfen stimmt mich tatsächlich glücklich“, erwiderte er ehrlich.

Lia seufzte. „Eigentlich kann ich Surfer nicht ausstehen. Sie sehen gammlig aus und sicher arbeiten sie nicht.“

Zion konnte nicht anders, als fürchterlich zu lachen. „Das gibt’s doch nicht. Dieses Klischee hat sich wirklich lange gehalten. Glaubst du ernsthaft, wir liegen unseren Eltern auf der Tasche und waschen uns nicht?“ Er lachte noch einmal, sah sie aber dabei interessiert an. Ihre Ehrlichkeit und Offenheit waren belebend. Lia war keines der Mädchen, die etwas dachten und dann für sich behielten. Lia knallte alles auf den Tisch.

„Du musst schon zugeben, dass die Frisuren nicht gerade gepflegt aussehen“, meinte sie und lehnte sich zurück. Sie saß entspannt auf ihrem Handtuch und hob ihr Kinn in Richtung der Surfer, dann streifte ihr Blick Zions kinnlange, blonde Haare und sie musterte seinen Fünftagebart. „Und was machen die alle, wenn sie nicht am Strand surfen sind? Es ist nicht gerade spät.“ Ein Blick in Richtung der Sonne sollte wohl andeuten, dass sie anhand des Sonnenstandes die Uhrzeit erriet. Wer am Meer aufwuchs, wusste zu jeder Jahreszeit die Uhrzeit anhand der Sonne, der Schatten und anderer kleiner Merkmale zu lesen.

„Du beurteilst die Menschen nach ihrem Äußeren? Tja, dann steht wohl fest: Wir beide werden niemals zusammenkommen, wenn du keinen Bart und lange Haare magst. Andererseits könnten wir abends vor dem Einschlafen unsere Haare miteinander verflechten. Wie bei Avatar, wenn die blauen Wesen sich mit ihren Tieren verbinden und dann eine Einheit bilden.“ Seine Hand wanderte zu ihrem langen Zopf, den er behutsam aufnahm und an seine Haare hielt. Etwas von ihr zu berühren, ließ ihn erzittern. Ihre Haare zwischen seinen Fingern lösten ein gieriges Bedürfnis nach mehr aus, anders, als Wellen zu reiten. Wärmer, zarter. Und Rickie glaubte er kein Wort. Von wegen, Wellen seien besser als Sex. Mit der richtigen Frau konnte das nur in reiner Ekstase enden und niemals wieder aufhören.

Für einen Moment trafen sich ihre Blicke. Dann senkte sie ihren.

„Das klingt nach einer guten Alternative“, meinte Lia, während er ihren Zopf losließ. „Du wolltest mir noch etwas zeigen. Schließlich habe ich fast eine Stunde auf dich gewartet. Und deine Hunde habe ich auch am Weglaufen gehindert.“

„Ellie und Wave laufen nie fort. Sie sind treu“, berichtigte er Lia ruhig. „Aber du hast recht. Es war unhöflich, dich so lange warten zu lassen. Moment.“ Er sprang auf und rubbelte sich den mittlerweile trockenen Sand von den Händen. Sein Rucksack lag am Kopfende von Lias Handtuch, ein alter Soldatenrucksack aus armeegrünem, festem Stoff mit zwei braunen Lederschnallen. Beschwingt griff er danach und kniete sich erneut vor Lia. Mittlerweile schlug sein Herz heftiger. Nicht nur ihre Anwesenheit war dafür verantwortlich, sondern auch die Ungewissheit, wie Lia auf die neue Perle reagieren würde.

„Würdest du bitte die Augen schließen?“

Lia wirkte irritiert. „Meine Augen? Äh, ja, okay.“

Sanft umfasste er ihre linke Hand. Lia zuckte unter seiner Berührung zusammen, ließ jedoch zu, dass er die Hand in ihren Schoß legte. Nun nahm er ihre rechte und legte sie wie eine Schale in die andere. Gerne hätte er sie den ganzen Nachmittag so sitzen lassen. Lia sah anmutig und graziös aus. Ihre vollen Lippen hatte sie leicht geöffnet, einer Einladung gleich, mit seinen zu verschmelzen. Zion schluckte bei dem Gedanken, griff schnell in den Rucksack, holte die kleine Schachtel hervor und legte sie sachte in ihre Handschale. Dieses Mal zuckte Lia nicht.

„Jetzt darfst du die Augen wieder öffnen.“

Lia tat es und sah die Schachtel nur für einen Augenblick an. Dann griff sie mit der linken nach dem Unterteil und hob mit der rechten Hand den Deckel ab. Adrenalin schoss Zion durch alle Blutbahnen. So stark, dass seine Hände davon taub wurden und ihm schwindelte. Die Fußkette wirkte wie ein edles Schmuckstück auf dem schwarzen Untergrund. Lia strich über die Perlen, die ihren Namen zeigten, weiter über die bunten und stoppte schließlich an dem goldenen neuen Muffin.

„Sie ist wunderschön“, hauchte sie und schluckte, was Zion bemerkte, weil er ihre Gesichtszüge ununterbrochen studierte. „Danke, dass du sie repariert hast.“

„Ich hoffe, dass keine dir wichtigen Perlen verloren gegangen sind.“ Keinesfalls wollte er direkt auf die Muffinperle anspielen, vielmehr respektierte er die Wichtigkeit des Schmuckstücks.

„Nein. Das ist in Ordnung. Mit dem Verlust kann ich leben, es ist nur …“ Für einen Moment sah sie auf das offene Meer hinaus und seufzte. „Die Kette ist von meiner Mum. Sie hat sie mir geschenkt, bevor sie … bevor sie ertrank.“ Lias Stimme erstickte. Ihr Ausdruck verzerrte sich vor Schmerz.

„Du musst nichts erklären“, sagte Zion sanft und nahm die Fußkette vorsichtig aus der Schachtel. Lia hielt still, als er sie um ihren Knöchel legte. „Der Verschluss ist ein wenig anders. Aber ich hoffe, er hält.“

„Ich weiß wirklich nicht, was ich sagen soll. Danke.“

„Das genügt.“

Lia stand auf und packte wortlos ihre Sachen zusammen. Zion sah ihr dabei zu. Dann sah sie zu ihm auf. Eine Millisekunde. Lagen Tränen in ihren Augen? Schnell wandte sie sich ab, nuschelte ein „Mach’s gut“ und lief davon. Zion blieb stehen und sah ihr nach, ohne enttäuscht zu sein. Vielmehr glaubte er, sie berührt zu haben.

Irgendetwas brachte ihm Gewissheit, dass er sie bald wiedersehen würde. Dennoch hatte ihn die Situation und das Treffen mit ihr aufgewühlt und so beschloss er, sich an diesem Abend nicht allein in sein Strandhaus zurückzuziehen, sondern den herrlichen Surftag mit seinen Jungs zu feiern.

***

Andrew Billings kam aus einer wohlhabenden Familie in Croyde. Seine Eltern waren oft nicht zu Hause, wie auch an diesem Abend. Als Zion eintraf, stand die Tür offen und laute Musik drang bis auf die Straße. Gut gelaunt durchschritt er das hochmoderne, verglaste Eingangsportal, das direkt in einen weiträumigen und mit Holzpaneelen versehenen Wohnraum führte. Das Billingshaus befand sich auf einer entfernten Anhöhe, stand einzeln und bot einen guten Blick über die Häuser und den Strand von Croyde. Für laute Partys war der Standort perfekt geeignet, weniger aber der reduzierte klare Stil in weiß, Holz und Glas. Allerdings kümmerte das Andrew weniger, da er das Glück hatte, ganztägig auf Bedienstete zurückgreifen zu können, die regelmäßig für das Eliminieren seiner Eskapaden zuständig waren.

Der gesamte Wohnraum war zum Hang hinaus ebenso verglast und durch eine große Terrassentür verbanden sich die beiden Flächen. Zion mixte sich einen Gin Tonic an der Theke und setzte sich direkt zu Andrew auf eines der weißen Sofas.

„Wie es aussieht, hast du schon einen gedampft“, stellte er fest.

„Hm“, war die Antwort. „Und wie es bei dir aussieht, konntest du dich von der blonden Schwimmerin losreißen.“ Andrews Stimme war leicht rau und er dehnte die Wörter, dennoch schien er der Entspannteste von allen zu sein. Nicht, dass Zion Drogen billigte. Als angehender Tierarzt wusste er um die Wirkung und besonders auch um die Suchtgefahr, aber Andrew war am Tage fleißig und zeigte auch sonst keinerlei Suchtanzeichen. Daher verzieh Zion ihm seine gelegentlichen Fehltritte.

„Von mir aus hätte ich noch den ganzen Abend mit Lia verbringen können“, gestand er seinem Freund.

„Lia Castle?“, fragte der stirnrunzelnd. „Sie soll nicht zu knacken sein. Die Leute sagen, man sieht sie nie und sie hat auch keine Freunde. Sie lebt wie eine Einsiedlerin und hat nur Kontakt zu den Fischern, die sie von Lundy rüberbringen. Es ist ein Wunder, dass sie sich überhaupt blicken lässt. Ich dachte schon, sie existiert überhaupt nicht.“ Entspannt griff er in seine Tasche und begann, sich einen Joint zu drehen.

Überrascht, dass Andrew sie kannte, drehte Zion sich zu ihm und trank einen kräftigen Schluck. „Woher weißt du das alles? Und wieso weißt du überhaupt etwas über sie?“

„Mann, Zion, das kommt davon, wenn man alle Frauen von der Bettkante stößt und sich nicht für das andere Geschlecht interessiert. Außerdem sitze ich an der Quelle zum Klatsch und Tratsch.“

Mit der „Quelle“ meinte Andrew seine Mutter, die tatsächlich, wie alle seine Freunde wussten, bestens über alle Aktivitäten innerhalb und außerhalb des Landbezirks Devon Bescheid wusste. Anders als Zions Eltern, die sittsam in ihrem Anwesen residierten und ständig versuchten, Zion über das richtige Leben aufzuklären und weniger den Tratsch, aber die Weisheit mit Löffeln gefressen hatten. Aber welche Mutter war schon perfekt?

„Ihre Mutter ist tot. Ist ertrunken, vor zwei Jahren.“ Ein weiterer Zug am Joint und Andrew schloss die Augen. Nun würde er für eine geraume Weile nichts mehr sagen. Die letzten Sätze hatte er nur noch leise gekrächzt und Zion wusste, was dann folgte.

Aber immerhin kannte er nun ihren Namen: Lia Castle. Castle. Hatte er nicht irgendetwas von einer berühmten Musikerin namens Castle gehört? Er überlegte und überlegte, trank einen weiteren Schluck Gin Tonic und sah hinaus zu Rickie und den Mädels, die sich um ihn rangelten. Vom Sofa aus konnte er direkt zum Pool blicken, der in die Terrasse eingelassen war und den Abschluss des Hauses darstellte.

Castle … Ja! Irina Castle! Jetzt fiel es ihm wieder ein. Eine berühmte Solistin war vor Croyde ertrunken. Keiner konnte sich den Grund erklären. Und sie hatte ein großes Vermögen hinterlassen. So stand es damals in der Ausgabe des Devon 24, der Zeitung der Region. Wenn Lia tatsächlich ihre Tochter war, konnte er ihre Zurückhaltung nachvollziehen. Zwei Jahre waren keine Zeit für einen solchen Verlust. Besonders nicht, wenn man so jung war und die Eltern einem noch Halt und Zuversicht geben sollten. Nicht dass dies vielleicht jemals aufhören würde, aber vielleicht war man, wenn die Zeit gekommen war, eher bereit, sich mit dem letzten Gang der Eltern abzufinden.

„Hey, Zion. Du bist auch hier?“

Eine piepsige Stimme holte ihn in den sterilen Raum zurück. Luisa hatte sich neben ihn gesetzt. Sie und ihn verband eine lange Freundschaft. Schon als Kinder hatten sie sich am Strand von Croyde in die Wellen geworfen, wobei Luisa immer die mutigere von ihnen war und sein Zögern oft belächelte. Bis jetzt ritt sie die Wellen mutig und unerschrocken ab. Zion kannte kaum eine Surferin, die so gut die Wellen las wie sie, und er bewunderte sie dafür. Aber seitdem ihre Mutter vor einem Jahr gestorben war, suchte Luisa ständig Nähe bei ihm. Sie schien etwas für ihn zu empfinden, das er nicht erwidern wollte, und so sehr er sie mochte … manchmal war sie einfach zu aufdringlich. Zudem ertränkte sie ihren Schmerz zunehmend in Alkohol, was ihm und den Jungs Sorgen bereitete. Augenscheinlich hatte sie auch jetzt schon einen sitzen, denn das Hinsetzen klappte nicht richtig und sie schwankte selbst auf dem Sofa noch.

„Luisa. Du bist gut geritten heute“, gab Zion zurück.

„Danke. Aber ewig die Wellen reiten, ist auf Dauer auch langweilig.“ Luisas Stimme wurde leiser und anzüglicher. Der Kommentar war eine eindeutige Einladung und ihr durchdringender Blick unterstrich diese.

„Luisa, ich hab dir doch schon oft genug gesagt, dass wir … nur Freunde sind. Geh zu Rickie, wenn du irgendwas anderes willst.“ Schnell wandte Zion sich von ihr ab und sah zu Rickie, nicht ohne Luisa mit einem Nicken in Richtung des Pools wegzulenken. Aber da hatte er sich zu früh gefreut. Bislang hatte sie ihn körperlich noch nie bedrängt, aber jetzt legte sie ihre Hand auf sein rechtes Bein und strich an seinem Oberschenkel entlang.

Irritiert blickte er sie an. „Was soll das, Luisa?“ Keine Frage, sie war ein reizvolles Mädchen. Groß gewachsen, lange, dunkelbraune Haare und ein perfektes Gesicht mit blauen Augen. Die meisten Jungs waren scharf auf sie, aber sie hatte nur Zion auf dem Schirm. Auf jeder Party war es dasselbe. Alle liefen ihr hinterher und sie Zion.

„Ich möchte eine Chance“, raunte Luisa. „Du kennst mich doch. Wir haben viel gemeinsam.“ Ihre Augen schimmerten feucht. Anscheinend hatte sie schon mehr getrunken als angenommen.

Behutsam nahm er ihre Hand von seinem Schenkel, rückte ein wenig näher an sie heran und blickte ihr in die strahlend blauen Augen, die dem Ozean, in dem sie so oft versank, Konkurrenz machten. Doch bevor er auf ihre Frage antworten konnte, löste sie ihre Hand von der seinen, griff um seinen Hals herum, zog ihn an sich und küsste ihn mit einer Leidenschaft, dass Zion sie nicht zurückwies. Ihre Lippen waren weich und fordernd zugleich. Ihre Zunge schmeckte ebenfalls nach Gin Tonic, nach dem guten Illusionisten, den auch Zion mochte, und ganz objektiv betrachtet wusste sie genau, was sie tat. Küssen konnte sie offensichtlich genauso gut wie Wellenreiten.

Warum er Luisas Kuss erwiderte, konnte Zion in diesem Augenblick nicht sagen. Vielleicht waren es die Hormone, die Sehnsucht nach einem Kuss von Lia oder Mitleid. Von seiner Bereitschaft angelockt, umfasste sie nunmehr seinen Kopf auch mit ihrer linken Hand und stöhnte dabei leise auf. Der leichte Geruch von Marihuana, der Geschmack von Wacholder, der sanfte, rhythmische Beat und die zahlreichen Fackeln, die mittlerweile in der Dunkelheit für romantische Stimmung sorgten, hüllten Zion ein. Zudem fühlte er sich nach allem, was er an diesem Tag erlebt und erfahren hatte, aufgewühlt. Das zufällige Treffen bei Joyce, seine Entscheidung, die fehlenden Perlen am Schmuckstück mit einem Teil von ihm zu ersetzen, die Verabredung am Nachmittag und der wortkarge Abschied von Lia. Alles beschäftigte ihn und das leidenschaftliche Küssen mit Luisa war wie Balsam auf seine irritierte Seele. Für einen Augenblick überkam ihn der Gedanke, doch eine Nacht mit Luisa zu verbringen. Sein Verlangen nach Körperlichkeit stieg, aber zum einen wollte er sie nicht verletzen, wenn es nur bei dieser einen Nacht bleiben würde, und zum anderen würde er sich kaum richtig hingeben können. Er war zwar ein Mann, aber seine Gedanken kreisten nur um Lia …

Lia!

Langsam löste Luisa die Lippen von seinen, und sie blickte ihn milde und glücklich an. „Was ist? Wollen wir woanders hingehen, oder warum hörst du auf?“

Auch wenn es ihr wehtun würde, musste er ihr reinen Wein einschenken. „Nein, Luisa. Es tut mir leid, aber daraus wird nichts“, erklärte er so sanft wie möglich. Leider reichte das nicht. Im Gegenteil. Luisa sprang auf und funkelte ihn an.

„Verdammt, Zion! Warum küsst du mich dann?“, keifte sie. „Du weißt doch genau, dass ich mehr von dir will! Verfluchter Scheißkerl!“ Und wham, traf ihre Hand seine Wange.

Die Szene hatte alle aufschauen lassen. Zion blinzelte, sah fassungslos zu ihr hoch und schämte sich. Für alles, was er in den letzten Minuten getan hatte. „Luisa, es tut mir wirklich leid. Ich weiß auch nicht. Was soll ich dir sagen?“, stammelte er beschämt von seinem Kontrollverlust.

Zurecht wütend und mit den Händen in den Hüften stand sie vor ihm. Dann taumelte sie etwas, sodass Zion aufsprang und sie stützte.

„Lass mich. Ich komm schon allein klar. Wie immer!“, schnaubte sie und wandte sich ab.

Pflichtbewusst eilte er ihr nach. In diesem Zustand wollte er sie nicht sich selbst überlassen. „Warte, Luisa, so kannst du nicht allein nach Hause!“

Torkelnd griff sie nach ihren High Heels und zog sie aus, während Zion sie an ihrem Arm festhielt. Sie fluchte leise, aber er verstand von ihrem Gelalle kein einziges Wort, als sie sich auch schon in Bewegung setzte und die Straße hinunterlief.

Voller Schuldgefühle folgte Zion ihr.

3
Lia

Wie die Wellen vor Croyde brach auch die Vergangenheit über Lia ein, während sie die roséfarbene Schachtel betrachtete. Genau so eine Schachtel hatte ihre Mutter ihr damals in die Hände gedrückt. Mit dem gleichen Inhalt. Ein Déjà-vu.

Tief atmete Lia ein und hielt die Tränen zurück. Sie kannte das Beach Beads nur zu gut. Oft genug war sie mit ihrer Mutter dort gewesen, hatte in den Perlen gestöbert und sich im Laufe ihrer Jugend zahlreiche Kettchen zusammengestellt. Bis ihre Mutter ihr vor zwei Jahren diese Fußkette hatte machen lassen. Natürlich konnte Zion nicht wissen, warum Lia ihm vorhin am Strand nicht mehr hatte offenbaren können. Doch der Schmerz über den tragischen Verlust saß noch immer zu tief. Das Vermögen, das ihre Mutter ihr hinterlassen hatte, erleichterte zwar den Alltag, aber es schien, als wollte jeder Cent das Loch stopfen. Ein utopischer Gedanke, der sich in Lias Hirn eingenistet hatte und den sie nicht wieder loswurde.

Niemand wusste, wie oft sie ihrer Mutter in ihren Träumen erfolglos nachschwamm, verzweifelt nach ihr tauchte und sie dann im Dunkel der Tiefe verlor. Sie sah sie genau vor sich, die Augen weit aufgerissen. Die Luftblasen quollen nur so aus ihrem Mund, wäh- rend sie ins atlantikblaue Wasser hinabsank ...

Entschlossen verbannte sie diese Gedanken und sah auf den wunderschönen goldenen Muffin hinab. Inständig hoffte Lia, dass Zion ihr den kargen Abschied nicht übelnahm. Sie hatte sich geschworen, dieser Clique niemals nahe zu kommen, aber Zion war an- ders. Äußerlich war er ein typischer Surfer, aber seine Stimme klang beruhigend, seine Wortwahl war eloquent und mit einer Mischung aus Heiterkeit und Wissen gespeist. Er surfte mit seinem Hund zusam- men besser als die anderen. Und er hatte etwas an sich, das sie kaum in Worte fassen konnte. Eine Art, die Vertrauen brachte, aber auch geheimnisumspült war. Umso mehr tat ihr leid, wie sie sich ihm gegen- über verhalten hatte. Möglicherweise fand er sie nun unhöflich oder gar eingebildet, dabei war sie ihm dankbar. So, wie das Fußkettchen in der schönen Schachtel gelegen hatte, wirkte es, als sei es erst jetzt wirklich perfekt. Der goldene Muffin glänzte leicht in der Abendsonne. Ihre Mutter hätte die neue Perle auch geliebt.

Gedankenverloren sah sie auf und lauschte auf das Rauschen der Wellen. Dies war ihr Lieblingsplatz auf Lundy Island. Hinter ihr erstreckten sich weite Wie- sen und hohe Felsen schirmten diese ruhige Stelle vom Wasser ab. Die Touristen konnten mit diesem Platz wenig anfangen und hielten sich hier nicht weiter auf. Aber wenn man Geduld aufbrachte, wovon Lia jede Menge besaß, entdeckte man von hier aus gele- gentlich Seehunde, die wie Korken aus dem Wasser ragten und wirkten, als würden sie ihr einen Guten Tag wünschen. Manchmal dösten sogar einige auf den niedrigen Felsen am Wasserrand.

Lia kam oft hierher, um den Tag Revue passieren zu lassen. Der Sonnenuntergang war an dieser Stelle besonders schön. Der Ozean schien alle Farben von Lundy Island zu spiegeln und diese mit einem feinen Film aus purem Gold zu überziehen. Auch jetzt tauch- te die untergehende Sonne ihre Umgebung in ihr ein- zigartiges Licht, aber heute machte die goldene Perle an ihrem Fußgelenk dem Farbspiel Konkurrenz. Ein zartes Gefühl der Sehnsucht stieg in ihr auf. Ein Seh- nen nach Wärme und Geborgenheit. Nach einem Menschen, mit dem sie wieder Mut bekam und Freude erleben konnte. Der an ihrem tiefsten Inneren interes- siert war, an ihrer Seele. Und der nicht aufhören woll- te, sie zu erforschen und zu lieben.

Mit einem Mal stieg Zions Bild vor ihr auf, als würde er in den wilden Farben des Ozeans hängen. Konnte er vielleicht diese tiefe Sehnsucht stillen und all das er- füllen? War Zion derjenige, der das Loch wieder füllen konnte?

***

In dieser Nacht plagten Lia undurchsichtige Träume, die all ihre Sehnsüchte, Ängste und Hoffnungen mit- einander vermischten, und als sie am nächsten Mor- gen in den Spiegel sah, zeigte er genau das. Erschöpft stieg sie unter die Dusche und setzte sich anschlie- ßend im Bademantel mit einer heißen Tasse Ingwer- tee auf die kleine Veranda ihres Cottages.

In der frischen Luft dieses Julimorgens roch sie den aufkeimenden Sommer und ein feiner Nebel lag auf den Wiesen und den kargen Felsen. Genau das hatte Lia in all den Jahren an Lundy Island schätzen und lieben gelernt. Als ihre Mutter beschlossen hatte, sich aus dem Musikgeschäft zurückzuziehen und auf die- ser Insel niederzulassen, um sich dem Naturschutz zu widmen, war Lia anfänglich sprachlos gewesen und hatte sich mit allen Kräften dagegen gewehrt. Sie hatte sogar damit gedroht, ihren Vater ausfindig zu machen und zu ihm zu ziehen. Er war ein Pianist, mit dem ihre Mutter damals eine leidenschaftliche Affäre eingegangen war, die jedoch schnell wieder zerbrach, als es darum ging, ob man Karriere und Kind miteinander verbinden konnte. Sie konnte es. Er nicht. So hatte ihre Mum sie allein großgezogen und ihre Entscheidung niemals bereut. Genauso wenig wie die, nach Lundy Island zu ziehen, um ihrer kleinen Familie Zeit und Raum zu geben. Die ewigen Konzertreisen und der Ruhm hatten an ihrer Mutter gezehrt. Erst hier hatten sie wieder zueinandergefunden und zugleich eine neue, verlorene Nähe und Bindung zur Natur. Lia war ihrer Mutter dafür zutiefst dankbar.

Das Cottage war solide und gemütlich. Groß genug, um sich zurückziehen zu können, und klein genug, um es zu zweit instand zu halten. Ein kleiner Garten mit wenigen Blumen, die auf der rauen Insel gediehen, umsäumte das Haus. Zu ihrer Freude auch eine Viel- zahl von Rosen, die im Spätsommer ihren betörenden Duft verströmten. Jetzt, im Sommer, roch die Luft nach Salz und Erde.

„Guten Morgen, schöne Lia.“

Beim Klang der tiefen und beruhigende Stimme sah Lia auf und lächelte.

„Old John“, begrüßte sie ihren Gast erfreut. Auch wenn sie jedes Mal, wenn sie seinen Namen aussprach, das Gefühl hatte, in die Südstaatenzeit zurückzukehren, liebte sie alles, was mit ihm verbunden war. Old Johns dunkelbraune Cordhose, die immer in wollenen Socken steckte und von der Lia glaubte, er gehe damit sogar schlafen. Seine karierten Hemden, die unter einer feinen Weste aus Flanell hervorlugten. Die grüne Wachsjacke von Barbour, die ihm den typischen englischen Stil verlieh, und nicht zuletzt die braun-grün karierte Kappe, die dem Ganzen den letzten Schliff verpasste. Sogar die Tatsache, dass Old John sein Leben lang gesurft hatte, stieß Lia nicht ab. Es schien, als mindere er ihre Abneigung gegen diesen Sport allein durch seine angenehme und fürsorgliche Art. Als ihre Mutter mit Lia nach Lundy gekommen war, hatte er sie in alles eingeführt. Er war auf der Insel geboren und kannte jeden Grashalm. Schnell war daraus eine tiefe Freundschaft entstanden und seit ihrem Tod war es, als ob er stets ein wachsames Auge auf sie richtete. „Machst du dir wieder Sorgen um mich?“, neckte sie ihn.

„Sorgen nicht gerade, aber solange du dich nicht wil- lenlos in einen wunderbaren, brauchbaren und ehrenhaften jungen Mann verliebst, wache ich über dich.“

Natürlich machte er nur Spaß, was die Hoffnung anbelangte, aber den Rest meinte er ernst. Das wusste Lia.

„Du alter Schwerenöter“, konterte sie mit einem Lä- cheln. „Möchtest du auch einen Tee?“

„Sehr gerne. Es riecht nach Ingwer.“
„Ja, genau. Du hast eine feine Nase für dein Alter.“ „Das liegt an der sauberen Luft hier auf Lundy. Hier

kannst du die Kräuter auf hundert Meter riechen“, meinte Old John und setzte sich.

„Du bestimmt.“ Grinsend verschwand Lia im Haus und holte eine zweite Tasse Ingwertee aus der Küche. Auch wenn Old John es nie äußerte, wusste sie genau, welche Tasse er bevorzugte. Eine große, bauchige mit vielen Uhren darauf. Große und kleine, Taschenuhren und Wanduhren. Sobald er die Tasse in der Hand hielt, drehte er sie regelmäßig und beäugte die einzel- nen Zeitanzeiger. Genau wie heute.

„Wie läuft dein Schwimmtraining?“

„Ich werde besser. Mein Professor gibt mir genügend Freiraum für das Training. Ich werde dieses Semester durchschwimmen“, erklärte sie.

„Na, du kannst es dir ja leisten, Lia. Aber gib auf dich Acht. Verbissenheit tut niemandem gut. Und so wirst du dein Ziel vielleicht nicht erreichen. Du bist noch jung. Hab Spaß! Triff dich mit Freunden.“

„Das sagst du jedes Mal, Old John. Aber es nicht das, was ich will.“ Lia senkte den Kopf, trank einen Schluck und legte seufzend die Beine auf die Bank gegenüber.

„Was ist das denn? Ein neuer Anhänger?“ Mit hochgezogenen Augenbrauen starrte er auf ihr Fußkettchen.

„Dir entgeht aber auch nichts“, bemerkte Lia lä- chelnd.

„Wer hat es denn geschafft, einen Platz auf Irinas Kette zu ergattern?“ Jetzt lachte Old John herzhaft und Lia lief rot an. Er hatte eine Art siebten Sinn. Bevor sie selbst sich über etwas im Klaren war, hatte er bereits den Durchblick.

„Du bist gruselig, Old John.“

Kurz überlegte Lia, wie und was sie von Zion erzäh- len sollte. Aber dann beschloss sie, einfach loszuplap- pern. Sie erzählte von den Hunden am Strand, von dem zufälligen Frühstück bei Joyce und von dem Nachmittag mit der Überraschung am Schluss. Old John hörte aufmerksam zu und unterbrach sie kein einziges Mal. Genüsslich trank er Schluck um Schluck seinen heißen Tee, dessen Dampf sich in der kühlen Morgenluft abzeichnete. Und als sie von ihrem kargen Abschiedsgruß erzählte und damit die Berichterstattung beendete, sah sie ihn fragend an.

Old John nahm einen weiteren Schluck aus der Tasse mit den Uhren, die wie ein Zeichen wirkte, für einen Moment abzuwarten. „Möchtest du ihn wiedersehen?“, fragte er dann so ruhig und gelassen, dass Lia irritiert zu ihm blickte. Ihr wäre es lieber gewesen, wenn er sie für ihren Abgang kritisiert oder ihr Vorwürfe gemacht hätte, dass sie zu unfreundlich gewesen war.

„Nun, schöne Lia, was sagt dein Herz?“

Seine zweite Frage war noch deutlicher. Was sagte ihr Herz denn? Konnte und wollte sie überhaupt auf ihr Herz hören? Zion war einfach so in ihr Leben eingedrungen. Ein Surfer! Mit einem Hund! Genau das, was sie sich für immer geschworen hatte, niemals in ihr Leben zu lassen. Aber nun war er da ... und es fühlte sich nicht falsch an. Im Gegenteil.

„Ich glaube schon, ja“, sagte sie langsam. „Ich möchte ihn wiedersehen.“ Jetzt hatte sie es ausgesprochen. Zum ersten Mal.

„Dann muss er ein wirklich interessanter junger Mann sein.“

Lia sah ihn forschend an, aber Old John blieb so ge- lassen wir zuvor.

„Wo?“, wollte er wissen.
„Wie, wo?“
„Na, wo willst du ihn wiedersehen? Hast du einen

Plan? Oder willst du alles dem Zufall überlassen?“ „Vielleicht sehe ich ihn wieder, wenn ich später schwimmen gehe.“ Bilder flackerten vor ihr auf. Zion, wie er mit einem schelmischen Grinsen bei Joyce nach dem Fußkettchen geschnappt hatte. Wie er sich den Surfanzug über die Arme gezogen hatte, der seine männlichen Konturen perfekt abzeichnete. Der Blick, den er ihr in dem Augenblick schenkte, als sie ihre Sachen zusammenpackte und sich mit einem kurzen, schwachen Gruß verabschiedete, damit er ihre Tränen nicht sah. Sie hatte sie kaum zurückhalten können. Lia war ein wenig durcheinander. Die Vorstellung, dass sie ihn eventuell am Nachmittag treffen würde, war zwar schon seitdem sie wach geworden war prä-

sent, aber einen Plan hatte sie nicht.

„Ein Plan wäre nicht schlecht, Lia. Wenn dieser Zion wirklich das ist, was er dir gezeigt hat, dann solltest du Kommissar Zufall aus dem Spiel lassen. Und nur mal so am Rande, ein wenig freundlicher könntest du ihm gegenüber auch sein. Unterkühlte Zimtzicken brau- chen wir Surfer nicht zum Glücklichsein.“ Grinsend schob Old John den Stuhl zurück und stand auf. „Es wird Zeit für mich. Hab einen schönen Tag, schöne Lia, und halte mich auf dem Laufenden.“

Lia sprang auf. Old John blieb nie wirklich lang bei ihr, aber heute hätte sie sich genau das gewünscht. Mit wem sollte sie auch sonst über ihre Gefühle und Erlebnisse sprechen? In diesem Augenblick fehlte ihr ihre Mutter wieder unglaublich. „Ist gut, Old John. Ich wünsche dir auch einen schönen Tag“, erwiderte sie und sah ihm nach, als er die Veranda verließ. Dabei hob er seinen Zeigefinger an den Rand seiner Kappe und fuhr dann daran entlang, während er sich abwandte. Eine lustige Geste, die sie nur von Old John kannte.

An kaum einem Tag war sie für seinen Besuch so dankbar gewesen wie heute. Old Johns Rat wirkte nach, als sich Lia anzog und im Haus umsah, ob es noch etwas zu tun gab. Normalerweise empfand sie niemals Langeweile oder Unruhe, sie konnte sich leicht beschäftigen. Heute aber blickte sie immer wieder zu ihrem Fußkettchen und streichelte den goldenen Muffin, während sie in die Gedanken an Zion versank. Sein Körper war wie ein Magnet, der sie anzog. Sie dachte daran, wie er sich neben sie in den Sand gesetzt hatte, vom Wellenritt glücklich gestimmt. Seine Haare hingen nass und dunkelblond in alle Richtungen, sein Surfanzug ließ seinen durchtrainierten Körper erahnen und Lia schluckte bei dem Gedanken an seine nackte Haut darunter. Obwohl er rein äußerlich den anderen Surfern glich, trennten ihn doch Welten von den egoistischen Rowdies und Aufreißern. Oder war Lia wirklich unfair und schrieb allen Surfern die negativen Erfahrungen zu, die sie mit wenigen von ihnen verband?

Lia schüttelte sich und damit auch ihre Gedanken beiseite. Sie wollte Zion wiedersehen, und dazu musste sie schwimmen gehen. Wo sonst könnte sie ihm heute noch über den Weg laufen?

Plötzlich überkam sie noch mehr Unruhe. Wenn sie ihn wiedersehen wollte, sollte sie den ganzen Tag am Strand von Croyde verbringen. Eine Extraportion Schwimmen würde ihr auch guttun. Hektisch sah sie auf die Uhr, mittlerweile war es schon kurz nach halb zwölf. Nach Croyde brauchte sie zwei Stunden, wenn Benji, der Naturschützer, der jeden Tag früh morgens hier ankam und gegen Mittag wieder zurückfuhr, sie mitnahm. Schnell sprang sie auf, packte ihre Sachen und dazu noch Übernachtungsutensilien und Wäsche – nur für den Fall, dass sie auf dem Festland bleiben würde. Kurz hielt sie inne, denn der Gedanke überraschte sie. Wollte sie wirklich wegen Zion in einer Pension übernachten? Was war nur los mit ihr?

Trotzdem! Zion entfachte etwas in Lia und sie wollte herausfinden, was es war.

Kurz darauf war sie schon wieder auf dem Festland. Die Überfahrt nach Croyde war heute unruhiger ge- wesen als sonst, die See rauer und dunkler. Schwimmen würde heute nicht einfach werden, aber Lia war gut trainiert und erfahren. Wenn sie heute länger als üblich trainieren wollte, brauchte sie allerdings noch eine gute Grundlage. Also machte sie einen Abstecher zu Joyce und genoss einen Gemüseburger mit Salat. Natürlich nicht ohne die Hoffnung zu hegen, hier Zion zu begegnen.

„Ihr kommt wohl jetzt fast zur selben Uhrzeit her, du und Zion, was? Und ihr benutzt auch denselben Sitzplatz?“, fragte Joyce, als Lia zahlen wollte.

Lia erstarrte. Da waren sie, die Schmetterlinge in ihrem Bauch, die ihr Gewissheit gaben, dass sie sich mehr wünschte, als ihn nur wiederzusehen. Sie versuchte jedoch, sich dies nicht anmerken zu lassen. „Ach, Zion war eben da?“

„Ja, Liebes, du hast ihn knapp verpasst.“ Joyce kaute genüsslich Kaugummi und wirkte gelassen wie immer. Manchmal glaubte Lia, sie würde bereits zum Frühstück einen Joint rauchen.

Lia nickte bemüht desinteressiert und verließ das Café Richtung Strand. Zion war hier gewesen. Auf demselben Platz hatte er gesessen! Lia schloss die Au- gen und dachte an seinen Körper auf dem Stuhl, den auch sie benutzt hatte. Es war, als ob seine Haut die ihre berührte. Leidenschaftlich und kraftvoll. Warum war sie ihm gegenüber nur am Vortag so ablehnend aufgetreten? Wütend über sich selbst stapfte sie durch den Sand bis zu ihrem Platz, zog ihre Kleidung aus und watete in die Brandung. Einige Surfer waren schon da, aber heute würde das Meer ihnen Grenzen zeigen. Genau wie ihr. Aber das war ihr egal. Hauptsache, Zion würde heute den Weg zum Strand finden. Und den Weg zu ihr.

Zwei Stunden später absolvierte Lia bereits die zweite Schwimmeinheit. Das Training war anstrengender denn je und die Tatsache, dass sie Zion immer noch nicht gesichtet hatte, trübte den gesamten Tag und Lias Stimmung.

Wenn er nun nicht auftauchte? Oder nach dem gestrigen Treffen sogar bewusst ihre Nähe mied? Sie könnte es ihm nicht verdenken, so unhöflich, wie sie auf ihn gewirkt haben musste. Immer wieder verfluchte sie sich dafür, während sie weiter hinausschwamm. Du dumme Nuss!, schimpfte sie sich selbst und legte als Bestrafung für ihre Dummheit noch eine Meile Training drauf.

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960876281
ISBN (Buch)
9783960877752
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v465158
Schlagworte
Surf-er-Roman-ce New-Young-Adult-Roman Contemporary-Sport-s-Roman-ce Liebesromane für junge Erwachsene Urlaubsromane für Frauen junge-erwachsene-roman-e

Autor

  • Nena Siara (Autor)

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Titel: Zwischen uns das Meer