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Das Licht der Seele

von Andie Krown (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

„Um dem Licht zu dienen, musst du eins werden mit der Finsternis.“
Offiziell in Luzifers Dienste getreten, spielt Cedric ein gefährliches, doppeltes Spiel. Denn Samuel, ein hochrangiger Engel und Cedrics ehemaliger Befehlshaber der himmlischen Armee, verfolgt seine eigenen Ziele. Mit einem Teil von Annes Seele hat Samuel ein Ass im Ärmel, mit dem er Cedric dazu zwingt, seinen Plänen zu gehorchen. Für seine große Liebe ist Cedric bereit durch die Hölle zu gehen. Wird es ihm gelingen, Luzifers Vertrauen zu gewinnen, um ihm das zu stehlen, was Samuel begehrt? Oder ist sogar Luzifer derjenige, der im Stillen die Fäden zieht? Wird Cedric seine Anne retten können oder wird er sie erneut verlieren?

Impressum

dp Verlag

Überarbeitete Neuausgabe Mai 2019

Copyright © 2019 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-688-5
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-779-0

Copyright © Juni 2017, Amazon Media
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits Juni 2017 bei Amazon Media erschienenen Titels Stärker als die Verdammnis.

Covergestaltung: Rose & Chili Design
unter Verwendung von Motiven von
dreamstime.com: © Halayalex und © Vvs219
depositphotos.com: © MoonBloom, © jag_cz und © EdZbarzhyvetsky
Lektorat: Daniela Höhne

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

1

Anne kniete regungslos mitten auf der Straße. Ihr Verstand bemühte sich, die Dinge zu verstehen, die hier soeben geschehen waren, doch er scheiterte kläglich. Wie konnte es möglich sein, dass Samuel von Anfang an seine Hände in diesem schmutzigen Spiel gehabt hatte? Er hatte Cedric schändlich verraten und dabei zugesehen, wie ihm Schreckliches angetan wurde. Cedrics qualvolle Schreie, als ihm die Flügel ausgerissen worden waren, hallten noch immer laut in Annes Ohren und sie spürte seinen unsagbaren Schmerz, als wäre es ihr eigener gewesen.

Niemals würde sie Samuel vergeben, dass er Cedric in eine Falle gelockt hatte!

Cedric … wo haben sie dich nur hingebracht? Wie konnte sie ihn jemals finden? Anne spürte, wie Panik mit eisigen Fängen nach ihr griff und wusste, sie musste dagegen ankämpfen. Doch wie sollte sie das schaffen?

Sie konzentrierte sich auf die Feder, die sie noch immer in ihrer Hand hielt – strahlendes Weiß, das brutal von Tropfen dunkelroten Blutes durchbrochen wurde.

Cedrics Blut.

Als Zeuge der Gräueltaten, die hier soeben geschehen waren. Dort, wo die Feder ihre Haut berührte, konnte sie noch immer seine vertraute Wärme spüren. Sie fühlte das geliebte Kribbeln, jedoch in einer so abgeschwächten Form, dass es ihr die Tränen in die Augen trieb. Zärtlich strich sie wieder und wieder darüber, als könnte sie dadurch das Gefühl intensivieren.

Wie viel Zeit bereits verstrichen war, wusste sie nicht, doch nach und nach blinzelte sie die Nässe in ihren Augen fort. Als sie den Kopf anhob, blickte sie in die heller werdende Dämmerung. Sie empfand es geradezu als eine Verhöhnung von Cedrics Qualen und ihrer grenzenlosen Verzweiflung. Ein neuer Morgen brach an und läutete den Beginn des nächsten Tages ein, als wäre nichts geschehen. Das Rad der Zeit drehte sich einfach weiter. Unaufhörlich und rücksichtslos.

Nur würde ihr Leben niemals wieder so sein wie zuvor.

Wie ferngesteuert stand sie auf und ging zu dem Wrack von ihrem Auto. Einige Minuten lang suchte sie nach ihrer Handtasche und fand sie schließlich im hintersten Winkel. Als sie diese mühsam herausgezogen hatte, prüfte sie, ob ihr Handy noch funktionierte, denn irgendwie musste sie nach Hause kommen und sich überlegen, was sie nun tun sollte.

Ohne darüber nachzudenken, wie früh es an diesem Sonntagmorgen noch war, rief sie ihre Schwester an.

„Anne, ist alles in Ordnung?“ Als Anne nicht gleich antwortete, wurde Rachels Stimme eindringlicher: „Was ist geschehen?“

Bei dem vertrauten Klang konnte Anne sich nicht mehr zurückhalten. „Nein. Rachel, er ist weg!“ Sie weinte, bis sie keine Luft mehr bekam.

„Anne, bitte sprich mit mir. Was ist passiert? Wo bist du?“

„Auf einer Landstraße.“

„Was? Wieso das denn? Bist du verletzt?“

„Nein.“

„Gott sei Dank! Sag mir genau, wo du bist, ich komme dich holen!“

Einige Zeit später sprang Rachel aus dem Wagen. „Anne! Meine Güte, dein Auto! Geht es dir wirklich gut? Du blutest ja!“

„Ich bin okay. Es ist nur ein Kratzer.“ Ihre Schwester nahm sie in die Arme und drückte sie an sich.

„Ich habe mir solche Sorgen gemacht! Was ist denn passiert?“

Anne wusste, dass sie ihr niemals sagen durfte, was wirklich geschehen war. Der Himmel war bezüglich Strafen nicht gerade zimperlich – der Beweis dafür lag noch vor ihr. Wieder hörte sie, Cedrics qualvolle Schreie in ihrem Kopf und sein schmerzverzerrtes Gesicht erschien in aller Deutlichkeit vor ihrem geistigen Auge. Dieser Anblick würde sie auf ewig verfolgen, dessen war sie sich sicher.

„Ich bin von der Straße abgekommen“, log sie. „Bitte bring mich nach Hause.“

„Bist du sicher, dass du nicht ins Krankenhaus gehörst?“ Anne spürte Rachels besorgte Blicke.

„Ja.“ Denn eigentlich wurde ich ermordet, doch ein Engel hat mich geheilt. „Ich möchte nur nach Hause.“

„Na gut“, gab Rachel sich geschlagen und Anne stieg in das Auto ihrer Schwester. Als sie an der Stelle vorbeikamen, an der Cedric verschwunden war, blickte sie noch einmal zu der Unmenge an Blut auf dem Asphalt. Zusammen mit der Feder war es der einzige Beweis, dass er jemals existiert hatte.

Zu Hause angekommen, versicherte sie Rachel nochmals, dass es ihr gutging und schleppte sich mit abgehackten Bewegungen hinauf in ihr Badezimmer. Sie musste sich das Blut abwaschen und erschrak, als sie ihr Gesicht im Spiegel erblickte, kreidebleiche Züge und gerötete Augen starrten ihr gespenstisch entgegen. Der Schock war ihr deutlich anzusehen. Lange stand sie da, die Hände am Waschbecken abgestützt und erwiderte den leeren Blick ihres Spiegelbilds.

Wie sie es schaffte, genügend Kräfte zu mobilisieren und unter die Dusche zu steigen, wusste sie nicht und sie erledigte mechanisch nur das Nötigste. Trotz des heißen Strahls zitterte sie am ganzen Körper und er vermochte es auch nicht, ihre Gedanken fortzuspülen.

In ihren dicken Bademantel eingehüllt, trat sie ins Schlafzimmer und sah zu ihrem Bett, wo sie alles an ihn erinnerte. Am liebsten würde sie sich einfach hineinlegen und hoffen, dass die letzten Stunden nur ein schrecklicher Albtraum gewesen waren. Wie sehr wünschte sie sich, aufzuwachen und ihn neben sich liegen zu sehen. Ihr Blick fiel auf den kleinen Kristallengel, den er ihr geschenkt hatte und sie spürte, wie Verzweiflung sie zu überwältigen drohte. Sie kannte dieses Gefühl, das unbarmherzig und unaufhaltsam von ihr Besitz ergriff; es lähmte und erstickte sie zugleich, schnürte ihre Brust erbarmungslos zu und ließ sie nicht wieder los. Genauso hatte sie sich in ihrem letzten Leben schon einmal gefühlt. Konnte es wirklich wahr sein? Hatte sie ihn hier und jetzt wieder verloren? Wiederholten sich Schmerz und Trauer? Wie grausam das Schicksal doch war.

Sie setzte sich auf die Matratze und griff nach der Kette um ihren Hals. Damals hatte sie sich auf seiner Seite des Bettes zusammengerollt und sich ihrem Schmerz hingegeben. Aber nun gab es einen grundlegenden Unterschied: Damals hatte sie seinen Leichnam gesehen. Diesmal jedoch war er nicht tot!

„Ich habe dir Tee gemacht. Er ist aber noch kochend heiß.“ Rachel kam mit einem Tablett mit Tassen und Keksen beladen zur Tür herein. Sie war also noch geblieben. Sie stellte es auf dem Nachttisch ab und bedeutete Anne, sich hinzulegen und deckte sie wie ein kleines Kind zu, bevor sie sich zu ihr setzte.

„Jetzt erzähl mir mal, was geschehen ist. Was meintest du damit, er wäre weg?“

Anne musste sich zusammenreißen, damit sie sich nicht in ihrer Geschichte verstrickte.

„Cedric. Er ist Soldat und ist weg. Ich weiß nicht, wohin und ich weiß auch nicht, wann oder ob ich ihn jemals wiedersehen werde.“

„Das tut mir so leid, Liebes.“ Rachel strich ihr sanft übers Haar. „Soldat, sagst du. Das passt zu ihm. Aber ist er nicht Brite?“

Da erzählte Anne ihr die Version, die Cedric ihr vor einiger Zeit berichtet hatte. Eine weltweit operierende Organisation. Beinahe musste sie lachen, aber nur beinahe.

„Rachel, danke, dass du mich abgeholt hast. Ich werde jetzt ein wenig schlafen.“ Sie musste ihre Schwester loswerden, damit Anne nicht doch irgendetwas herausrutschte und sie ihre Schwester dadurch in Schwierigkeiten brachte. Diese vergewisserte sich noch, ob es ihr wirklich gut ging, ob sie ihr Handy bei sich hatte und noch etwas brauchen würde. Dann ging sie mit dem Versprechen, später noch einmal nach Anne zu sehen. Kurz meldete sich Annes schlechtes Gewissen, dann setzte sie sich auf und zog sich an.

Sie straffte die Schultern und wischte sich energisch über die Wangen. Sie würde nicht tatenlos herumsitzen und weinen. Sie würde nicht ruhen, ihn zu suchen, auch wenn sie keine Ahnung hatte, wo er sein könnte.

Zielstrebig ging sie hinunter und setzte sich an den Tisch. Die erste Hürde, die sie nahm, war es, Ordnung in ihre Gedanken zu bringen. Es musste eine Möglichkeit geben, ihn zu retten und sie würde sie finden! Auch wenn sie noch nicht wusste wie. Mit Papier und Stift bewaffnet, machte sie sich Notizen.

Stunden später schmerzte ihr Kopf, doch war sie noch keinen Schritt weiter. Sie wusste, dass Cedric ein Kriegerengel war und in Erzengel Michaels Armee gegen Dämonen kämpfte. Samuel war sein Befehlshaber und er wollte Cedric bei Luzifer einschleusen, sodass dieser ihm irgendetwas besorgte.

Nur was?

Es musste wichtig sein. Aus diesem Grund hatte er es eingefädelt, dass Anne wiedergeboren worden war und Cedric als Schutzengel zu ihr geschickt. Dann hatte er dafür gesorgt, dass Cedric sich ihr offenbarte, indem ihr gestern von einem Gefallenen Engel namens Valerius, der offensichtlich ebenfalls für Samuel arbeitete, ein Dolch ins Herz gerammt worden war. In dem Versuch, sie zu retten, hatte Cedric sich ihr gezeigt, hatte seine Flügel materialisiert, um über genügend himmlische Energie zu verfügen und sie ins Leben zurückgeholt. Die Konsequenz dieses Regelverstoßes war, dass er nun ebenfalls zu einem Gefallenen Engel geworden war. Samuel hatte ihr gesagt, Cedric wäre nun ein Diener Luzifers und dass er sich bewusst dafür entscheiden konnte, ob er weiterhin für Samuel tätig sein wollte.

Warum sollte er das wollen? Und wie würde sein Leben wohl fortan aussehen? Nichts als Fragen, auf die sie keine Antworten wusste.

Frustriert strich sie sich die Haare zurück und band sie zu einem Pferdeschwanz zusammen. Ihre Gedanken drehten sich im Kreis und kamen nicht weiter. Aber sie durfte sich nicht in Fragen verlieren, die sie nicht lösen konnte, musste fokussiert bleiben und sich darauf konzentrieren, was sie wusste.

Laut Samuel hatten die drei Engel Cedric an einen Ort gebracht, von dem die andere Seite ihn dann übernehmen würde. Und angeblich wüsste er nicht, wohin sie ihn verschleppt hatten. Er hatte sich seltsam ausgedrückt: Cedric ist an einem Ort, an dem er über seine Verfehlungen nachdenken soll. Und von diesen Orten gab es laut Samuel Tausende.

Nach Stunden der Arbeit starrte sie auf das Papier vor sich und wusste, dass sie eigentlich nichts Verwertbares in den Händen hatte. Lauter kryptische Aussagen, die ihr keinen brauchbaren Anhaltspunkt gaben. Sie musste mit jemandem reden, der ihr helfen konnte. Doch wer würde ihr glauben? Vielleicht ein Priester oder ein anderer Engel. Allerdings war der Einzige, den sie kannte Samuel. Er war definitiv sehr mächtig, doch nach ihrem letzten Gespräch würde er wohl nicht auf ihr Flehen reagieren. War sie schließlich so außer sich vor Zorn gewesen, dass sie jeglichen Respekt vor dem einflussreichen Wesen verloren und ihn wütend angeschrien hatte.

Außerdem: Wie rief man überhaupt einen Engel herbei?

Eine Stunde später klappte sie wütend den Laptop zu; nichts, was sie über das in Kontakttreten mit einem Engel herausgefunden hatte, konnte sie gebrauchen. Von Meditieren, um den inneren Frieden zu finden, über Rituale mit Räucherstäbchen, bis hin zu Sprays mit Engelessenzen, die man in die Luft sprühen sollte, war alles dabei gewesen. Abgesehen davon, dass sie in ihrem gegenwärtigen Zustand Millionen Lichtjahre von ihrem inneren Frieden entfernt war, hatte sie Schwierigkeiten damit, sich Engel als mitfühlende und barmherzige Wesen vorzustellen, erfüllt von Liebe für alles und jeden. Sie verdrehte die Augen und schnaubte verächtlich. Die letzte Nacht hatte das Gegenteil offenbart. Sowohl die drei, die Cedric verschleppt hatten, als auch Samuel waren alles andere als großherzig gewesen. Sie waren eiskalte Kreaturen!

Kurz meldete sich der rationale Teil ihrer Persönlichkeit und schüttelte den Kopf über die Art der Gedanken, denen sie nachhing. Bis gestern Abend hatte sie nichts von tatsächlich existierenden Engeln gewusst, die wie Menschen aussahen und Dämonen bekämpften. Aber andererseits, was war schon real?

Sie beschloss, das in Kontakttreten einfach zu versuchen, atmete tief durch und rief: „Samuel?“

Während sie den Blick durch ihr leeres Wohnzimmer schweifen ließ, kam sie sich unsagbar lächerlich vor. Nichts geschah und sie wusste nicht, ob sie verärgert oder erleichtert sein sollte.

„Kannst du mich hören?“ Sie vernahm nichts als ihren eigenen Atem.

„Bitte hilf mir.“ Angestrengt lauschte sie in die Stille, nachdem Minuten vergangen waren, lösten Bitterkeit und Verzweiflung ihre aufkeimende Hoffnung ab. Wenn ihr niemand half, hätte sie wohl kaum eine Chance, Cedric zu finden.

Auf einmal fühlte sie sich unendlich erschöpft. Sie blickte auf die Uhr an ihrem DVD-Player und stellte überrascht fest, dass es bereits weit nach Mitternacht war. Den ganzen Tag hatte sie hier gesessen und nichts erreicht. Aber was hatte sie überhaupt erwartet?

Als sie zwei Stunden später mit dem Kopf auf ihrem Tisch liegend aufwachte, begab sie sich mit schmerzendem Nacken und brennenden Augen ins Bett. Aufgeben würde sie deswegen noch lange nicht.

2

Nur langsam drangen klare Gedanken in Cedrics benommenen Geist und er scheiterte bei dem Versuch, sie zu fassen. Dichte Nebelschwaden umhüllten seinen Verstand und es war unmöglich, sie zu durchdringen, stattdessen konzentrierte er sich darauf, was er fühlte. Kälte, er spürte etwas Kühles und Hartes unter sich, aber er hatte keine Ahnung, wo er sich befand. Krampfhaft versuchte er, die Augen zu öffnen, doch seine Lider waren bleischwer. Die dunkle Bewusstlosigkeit drohte, ihn erneut zu überwältigen. So gut er konnte, kämpfte er dagegen an, klammerte sich an das leise Geräusch, das zu seinen Ohren durchdrang. Es war ein rhythmisches, dumpfes Pfeifen. Cedric lauschte weiter und vernahm ein stetiges, tiefes Surren wie von einem alten Motor. Wo war er bloß?

Endlich gelang es ihm, seine Augen einen Spalt weit zu öffnen. In dem dämmrigen Licht sah er nichts als Grau. Er lag auf dem Bauch. Sein linker Arm war taub, wer wusste schon, wie lange sein Kopf bereits auf ihm lag. Der Boden unter ihm war hart wie Beton und mit einer zentimeterdicken Staubschicht bedeckt.

Ihm war so kalt. Seit wann konnte er überhaupt Kälte fühlen? Er blickte auf seinen Arm. Offensichtlich trug er kein Hemd, aber er konnte sich nicht erinnern, was geschehen war. Warum lag er hier mitten im Dreck?

Er musste sich aufsetzen, und wusste schon jetzt, dass es ihn eine Menge Anstrengung kosten würde. Sein Geist war benommen, wie auf Drogen und sein Körper kam ihm tonnenschwer vor. Ob es ihm überhaupt gelingen würde, Kontrolle über ihn zu haben, wusste er nicht. Probieren musste er es trotzdem.

Seinen gefühllosen Arm konnte er nicht gebrauchen, also würde er versuchen, sich auf dem anderen abzustützen.

Langsam bewegte er zunächst einmal seine Finger. Halb verblüfft stellte er fest, dass es klappte, denn er konnte die Streifen im Staub sehen, die sie dort gezeichnet hatten. Als Nächstes zog er seinen Unterarm zu sich heran und verspürte stechende Schmerzen im Rücken, doch sie waren auszuhalten. Schließlich war er nicht zum ersten Mal in seinem Leben verwundet, auch wenn er nicht wusste, wie es dazu gekommen war. Er atmete ein paarmal durch und wartete, bis der Schmerz verebbt war.

Vorsichtig setzte er die Handfläche auf den Boden und stützte seinen Oberkörper darauf ab. Eine Welle aus Schmerz durchfuhr ihn und sein Rücken schien in Flammen zu stehen. Sofort fiel er zurück in den Staub, sein Kopf krachte auf den kalten, harten Beton und er stöhnte auf, als eine Welle der Übelkeit ihn überrollte. Konzentrieren, ruhig atmen – und den Drang sich übergeben zu müssen, bekämpfen.

Nach und nach spürte er etwas Warmes seinen Rücken hinabrinnen. Blut. Sogleich fühlte er das brennende Pulsieren seiner tiefen Wunden. Sein ganzer Rücken schmerzte höllisch, doch am meisten dort, wo seine Flügel angewachsen waren. Flügel! Er riss die Augen auf. Mit einem Mal fiel ihm alles wieder ein. Wie er Anne gerettet hatte und … Verdammt!

Er musste zu ihr, und zwar schnell! Dafür musste er sich jedoch zuerst heilen. Er schloss die Augen und konzentrierte sich auf seine Verletzungen. Wie schon Tausende Male zuvor, stellte er sich vor, wie sie sich verschlossen. Nichts geschah. Statt das warme Kribbeln zu verspüren, das die Heilung stets verursachte, fühlte er weiterhin das Blut aus den Wunden sickern. Egal, wie oft er es erneut probierte, er blutete weiter. Dann musste es eben so gehen.

Da er bereits wusste, was ihn erwartete, machte er sich auf die Schmerzen gefasst und stemmte sich mit aller Kraft hoch. Kaum hatte er es auf seine Knie geschafft, wurde ihm schwarz vor Augen. Wie viel Blut hatte er bereits verloren? Schwer atmend konzentrierte er sich auf einen Punkt auf dem staubigen Boden. Es brauchte einige Versuche, bis er einigermaßen aufrecht und auf ziemlich wackeligen Beinen stehen konnte.

Er war völlig außer Atem.

Gedanklich fokussierte er sich auf Annes Haus, doch wieder geschah nichts. Er war noch immer an derselben Stelle. Wie konnte das sein? Ein Gedanke schlich sich in seinen Kopf, doch er ließ ihn nicht zu, verdrängte ihn in den hintersten Winkel seiner Hirnwindungen. Erneut probierte er es. Doch wieder geschah nichts. Erst jetzt ließ er den Gedanken zu, denn es zu leugnen machte keinen Sinn.

Er konnte sich nicht mehr teleportieren. Er hatte keine Kräfte mehr.

Angst ergriff ihn mit aller Macht, denn wie sollte er Anne nun schützen?

„Verdammt!“ Fluchend fiel er zurück auf seine Knie. Nahe der Verzweiflung verharrte er in dieser Position. Wie lange, wusste er nicht.

Irgendwann veränderte er seine Lage und setzte sich auf den Boden, mit dem Rücken an eine Wand gelehnt. Schmutz und Blut kümmerten ihn nicht, denn er würde wohl kaum an einer Infektion sterben. Seine Arme auf den Knien abgestützt, ließ er den Kopf nach vorne fallen. Es war genau die gleiche Position, in der er früher neben dem Tor zur Stätte der Seelen verweilt hatte. Die Erinnerungen überwältigten ihn, doch damit wurde auch seine Hoffnungslosigkeit immer größer. Er hing seinen Gedanken nach und ging jeden einzelnen Moment, seit er Anne gefunden hatte, wieder und wieder durch.

Niemals hätte er es dazu kommen lassen dürfen! Wenn er stärker gewesen wäre und sich ihr nicht genähert hätte, hätte sie ihn nun nicht bereits zum zweiten Mal verloren. Er hasste sich dafür, ihr das anzutun. Damals war er auf dem Schlachtfeld gestorben, das war, nun ja, menschliches Versagen gewesen, doch diesmal … frustriert fuhr er sich durch die Haare. Diesmal hätte er es nicht so weit kommen lassen dürfen! Doch was nützte ihr das jetzt noch?

Er hob den Kopf und sah sich zum ersten Mal um. Alles deutete darauf hin, dass er sich in einer heruntergekommenen, leer stehenden Lagerhalle befand. Wände aus Stahlbeton wurden in regelmäßigen Abständen von Fenstern unterbrochen, die so schmutzig waren, dass er nicht sagen konnte, ob draußen Tag oder Nacht war. Das wenige Licht, das in Streifen auf den staubigen Boden fiel, sorgte bestenfalls für ein schummriges Zwielicht. Unterbrochen wurde es in lähmend gleichmäßigem Sekundentakt vom Schatten riesiger Rotorenblätter. Oben an der Decke sah er den Ventilator einer veralteten, rostigen Lüftungsanlage. Er hatte keine Ahnung, warum sie noch lief, doch das musste die Quelle für die einzigen Geräusche sein, die er seit seinem Erwachen hier drinnen vernommen hatte. Das leise Surren des Motors und das dumpfe, rhythmische Pfeifen der Blätter, wenn sie die Luft durchschnitten. Er blickte nach unten und starrte wie hypnotisiert in das Wechselspiel aus Licht und Schatten. Er würde noch verrückt werden hier drinnen! Wahrscheinlich war genau das der Sinn an der Sache. Eines wusste er mit Sicherheit: Er musste hier raus!

Wieder stand er auf und da er schon wusste, was ihn erwartete, ging es diesmal ein wenig leichter. Trotzdem standen ihm Schweißperlen auf der Haut und er zitterte am ganzen Körper. Schritt für Schritt durchquerte er die gesamte Halle und musste sich immer wieder an der Wand abstützen, um nicht zusammenzubrechen. Hinter sich ließ er eine Spur aus Blut zurück. Er hasste es, so schwach zu sein und zwang sich mit reiner Willenskraft immer weiter. Und tatsächlich fand er, nach einer gefühlten Ewigkeit, am anderen Ende eine Tür. Er rüttelte an dem verrosteten, alten Stahl, doch wie er es erwartet hatte, rührte sich nichts. Mit all seiner verbliebenen Kraft stemmte er sich dagegen, doch obwohl sie derartig heruntergekommen aussah, bewegte sie sich keinen Millimeter. Aber er gab nicht auf. Immer wieder stemmte er sich dagegen. Auch das verfluchte Brennen an seinem Rücken, die Schmerzen in seinen Armen und der nun wieder stärker werdende Blutfluss aus den Wunden konnten ihn nicht aufhalten. An der Tür konnte er jedoch nicht das Geringste ausrichten.

Also nahm er sich als Nächstes die Fenster vor. Sie waren schmal und hoch oben, doch vielleicht konnte er sich an der Mauer hochziehen und sie einschlagen. Er fühlte nach Ritzen im Beton, in die er seine Finger schieben konnte. Stück für Stück zog er sich hinauf, wobei er das Pochen seiner Muskeln ignorierte. Solange er noch Kraft hatte, würde er sie darauf verwenden, hier rauszukommen. Alles andere war unwichtig.

Ritze für Ritze zog er sich mit seinen Armen weiter hinauf, denn mit seinen schweren Stiefeln fand er kaum Halt auf dem glatten Beton. Endlich war er weit genug oben, um den Vorsprung der Fensterbank greifen zu können. Er stemmte sich mit letzter Kraft hinauf und fluchte lautstark, als er endlich darauf stehen konnte. Jetzt musste er das Glas zerstören. Er zögerte nicht lange und schlug mit seiner Faust durch die Scheibe. Sie zersprang in tausend Scherben und nicht wenige davon bohrten sich in seine Haut. Es war ihm egal. Er entfernte so viel von der Scheibe, dass eine Öffnung entstand, durch die er sich durchzwängen konnte. Mit einem Bein voran wollte er dieses Drecksloch verlassen, doch obwohl keine Scheibe mehr da war, stieß er gegen eine unsichtbare Barriere.

„Was?!“ Das konnte doch nicht wahr sein! Eine magische Sperre! Er tastete das glaslose Feld ab, irgendwo musste doch eine Schwachstelle zu finden sein! Doch er war Realist genug, um nicht wirklich damit zu rechnen. Wenn ihn seine lange Existenz eines gelehrt hatte, dann, dass der Himmel gründlich war … Und offensichtlich auch die dunkle Seite.

Er sprang auf den Boden und musste sich eingestehen, dass er hier nicht rauskam. Zumindest nicht im Moment. Frustriert betrachtete er seine zerschnittene Hand und fühlte nichts außer dem bitteren Geschmack des Scheiterns.

Mit dem Rücken drehte er sich zu den verdreckten Fenstern, um das wenige Licht zu nutzen und inspizierte seinen verletzten Rücken. Was er sah, verhieß nichts Gutes. Es waren tiefe Fleischwunden, deren Ränder wulstig entzündet und ausgefranst waren. Sie klafften weit auseinander und das Blut vermischte sich mit dem Schmutz zu einer dunklen Masse. Konnte er vielleicht doch an einer Infektion sterben, jetzt, da er kein Engel mehr war?

Er würde mit Sicherheit nicht hier sitzen und auf den Tod durch Wundbrand warten. Das Siechtum eines Schwächlings. Wenigstens war er als Mensch ehrenhaft auf dem Schlachtfeld gestorben. Voller Ärger wog er seine Möglichkeiten ab, musste sich aber eingestehen, dass es nicht gerade viele waren. Die aufgezwungene Tatenlosigkeit und Passivität nagten an ihm, denn er hatte noch nie viel Geduld besessen … außer bei Anne. Der Gedanke an sie riss ihn aus seiner Wut über diese ausweglose Situation und führte ihn auf direktem Weg zurück zur Frustration. Er schleppte sich hinüber zu der Stelle, an der er aufgewacht war und setzte sich auf den Boden, mit dem Rücken an die Wand gelehnt. Das Brennen seiner Wunden ignorierte er und starrte auf die Spur aus Blut, die er auf dem Boden, dort, wo er gegangen war, hinterlassen hatte. Das dunkle Rot schien seine Schwäche lustig zu verhöhnen und er wandte seinen Blick erneut auf das Wechselspiel aus Licht und Schatten der alten Lüftungsanlage. Wie viel Zeit verging, konnte er nicht sagen.

Je länger er so dasaß, desto stärker drängte sich die Frage nach dem Warum in seinen Kopf. Warum war er ausgerechnet jetzt, nach so langer Zeit, auf Anne gestoßen? Und weshalb hatte Samuel sie ihm als Schützling zugeteilt?

Samuel.

Auf einmal setzte er sich kerzengerade auf, denn ihm fiel wieder ein, dass Samuel einmal gesagt hatte, dass er Anne in der Stätte der Seelen aufgesucht hatte. Das hätte er niemals tun dürfen, denn niemand außer den Seelen der Verstorbenen durfte dort hinein. Also hatte er entweder im Geheimen gehandelt, oder auf Geheiß von sehr weit oben. Cedric wusste nicht, was ihm lieber wäre, denn noch immer wusste er nicht, was Samuel von ihr gewollt hatte. Wie so oft im Leben ergab im Nachhinein vieles mehr Sinn und so konnte es nur eine Antwort auf diese Frage geben. Nämlich, dass er gewollt hatte, dass Anne wiedergeboren wurde. Und das konnte nur mit ihm selbst etwas zu tun haben, sonst hätte Samuel nicht auch noch dafür gesorgt, dass sie Cedrics Schützling geworden war.

Hatte er ihn testen wollen? Nun, dann hatte Cedric kläglich versagt. Eigentlich glaubte er das nicht so richtig, denn er erinnerte sich an das zufriedene Lächeln auf Samuels Gesicht, als er sie in dem Bistro abgepasst hatte. So sah jemand aus, dessen Pläne nach Wunsch verliefen. Cedric wollte nicht glauben, dass sein langjähriger Mentor seine Finger im Spiel gehabt hatte. Oder noch schlimmer, dass er vielleicht sogar gewollt hatte, dass alles so geschah, wie es letzten Endes auch der Fall gewesen war. Doch was gab es für eine andere Antwort auf all diese Ungereimtheiten?

Er fühlte sich verraten und spürte den galligen Geschmack der Enttäuschung in seinem Mund. Obwohl ihn nie eine innige Freundschaft mit seinem Vorgesetzten verbunden hatte, hatte er ihn stets respektiert. Für seine Fähigkeiten als Befehlshaber, als Ratsmitglied der Lichtgarde und als Mentor. Tief in seinem Inneren war Cedric ihm immer dankbar gewesen, dass er, gewollt oder nicht, über so viele Jahrhunderte für ihn da gewesen war. Frustriert und gebrochen lehnte er den Kopf an die Wand und schloss die Augen. „Warum nur, Samuel?“

3

Unruhig wälzte Anne sich hin und her und fand keinen tiefen Schlaf, unzählige Erinnerungen aus ihrem früheren Leben und dem jetzigen strömten wirr auf sie ein und wechselten im Sekundentakt. Völlig chaotisch und ohne zeitlichen Zusammenhang überrollten sie ihren Geist.

Erst nach endlosen Stunden versank sie in ruhigeren Schlaf und die Erinnerungen wurden nun langsamer, greifbarer und blieben schließlich bei dem Tag, den sie und Cedric auf dem Mittelalterfest verbracht hatten, hängen. Deutlich sah sie alles vor sich. Die bunten Farben der einzelnen Stände und deren ausgestellte Waren, sogar das Lachen der anderen Besucher und deren Feilschen waren zu hören. Sogar die Gerüche der Essensstände konnte sie riechen. Grillhähnchen vermischt mit frisch gebackenem Brot, Zuckerwatte und anderen Backwaren. Da war Cedric, der in ein Wams gekleidet aus dem Umkleidebereich trat und auf sie zukam. Sie sah sich selbst bei der Wahrsagerin im Zelt sitzen und blickte in die warmen, rehbraunen Augen von Mystique-Melanya, beobachtete, wie deren lange, rotbraune Mähne ihr in Locken über die Schulter fiel, als sie nach etwas suchte. Wonach suchte sie? Anne konnte sich in ihrem Traum nicht daran erinnern, doch sie wusste, dass es wichtig war. Sie hatte das Gefühl, gleich ein Rätsel lösen zu können. Wenn Melanie doch nur schneller kramen würde!

Plötzlich reichte sie ihr etwas und als Anne ihre Finger darum schloss, stand die Szenerie komplett still. Die Visitenkarte! Sie starrte auf die kunstvoll ineinander verschlungenen Buchstaben und konnte das steife Papier beinahe zwischen ihren Fingern spüren. Wieder blickte sie in Melanies Gesicht und hörte deutlich die eindringlich gesprochenen Worte: Wenn du mich brauchst, egal wann, dann ruf mich unverzüglich an.

Kaum hatte Anne die Stimme der Wahrsagerin vernommen, wachte sie ruckartig auf. Hastig fuhr sie hoch, blickte auf ihre Hände und etwas verblüfft stellte sie fest, dass sich die Visitenkarte nicht darin befand. Wieder begannen ihre Gedanken zu rasen. Wo hatte sie sie bloß hingelegt? Schnell sprang sie aus dem Bett und lief die Stiegen hinab ins Vorzimmer. Sie öffnete den Schrank, in dem sich ihre Handtaschen befanden und versuchte, sich zu erinnern, welche sie an diesem Tag getragen hatte. Kurzerhand fegte sie alle aus dem Fach und durchstöberte eine nach der anderen. Ihre Finger zitterten und ihre Bewegungen waren fahrig. Voller Ungeduld suchte sie immer weiter, bis sie schließlich die Karte in Händen hielt. Ja, genau von dieser Karte hatte sie geträumt. Ohne zu überlegen, griff sie nach dem Telefon und rief die Nummer an.

Nach unzähligem Läuten meldete sich eine verschlafene Frauenstimme. „Hallo?“

„Ähm. Hallo. Mein Name ist Anne.“ Sie hatte sich noch gar nicht überlegt, was sie der anderen Frau sagen sollte. „Entschuldige bitte, dass ich so früh anrufe. Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, wie spät es ist. Ich habe noch nicht auf die Uhr geschaut.“

Melanie schien Annes Verwirrung zu spüren.

„Deine Stimme kommt mir bekannt vor, Anne. Kannst du mir auf die Sprünge helfen?“

„Ja, natürlich, entschuldige. Wir sind uns kürzlich auf dem Mittelalterfest begegnet. Ich war dort mit meinem Freund, wobei das nicht annähernd das Wort ist, das unsere Verbindung beschreibt.“

„Cedric.“

Für einen Moment kam es Anne seltsam vor, dass sie sich an seinen Namen erinnerte, doch Melanie sprach sogleich weiter.

„Ich erinnere mich an euch. Was ist geschehen? Nein, warte!“ Sie klang nun deutlich vorsichtiger. „Bevor du mir antwortest, muss ich eines wissen, damit ich mich nicht verplappere. Weißt du, wer Cedric ist?“

„Ja.“ Unsicher zögerte sie. „Es ist verrückt, das auszusprechen, aber er ist ein Engel.“ Sie machte eine kurze Pause. „Woher weißt du es?“

„Ich habe seine Energie gespürt.“ Melanies melodische Stimme drang an ihr Ohr. Konnte das wahr sein? Nun ja, wieso eigentlich nicht, schließlich hatte sie selbst auch etwas wahrgenommen, als er in ihr Leben getreten war.

„Bitte erzähl mir, was geschehen ist“, forderte sie Anne auf, und diese begann zu berichten. In allen schrecklichen Einzelheiten schilderte sie, was Cedric widerfahren war und ließ auch Samuels Pläne mit ihm nicht aus. Sie brauchte lange, um die zunächst wirren Sätze in ein logisches Ganzes zu verwandeln und nachdem sie geendet hatte, wartete sie gespannt auf Melanies Reaktion.

„Ich weiß nicht, ob ich dir helfen kann, ihn zu finden.“

„Würdest du es versuchen?“ Sekunden vergingen und Anne hatte das Gefühl, als würde Melanie mit sich selbst kämpfen.

„Ja, das werde ich“, antwortete sie schließlich und sie verabredeten sich für später an diesem Abend.

Nach Beenden des Gesprächs blickte Anne zum ersten Mal auf die Uhr. Es war halb sechs Uhr morgens, in dreißig Minuten würde ihr Wecker ungnädig die neue Arbeitswoche einläuten. Sollte sie sich krankmelden? Doch das konnte sie nicht machen, sie konnte ihre Schwester und Mark, deren Mann, den Inhaber der Tierarztpraxis, in der sie ebenfalls als Tierärztin arbeitete, nicht hängen lassen. Montag war der stressigste Tag der Woche und Anne konnte es ihnen nicht antun, dem Ansturm allein standhalten zu müssen. Doch wie sollte sie den Tag überstehen? Alle Gedanken kreisten nur um Cedric und alle ihre Hoffnungen lagen auf dem Abend. Sie wusste zwar nicht genau, was sie von Melanie erwartete, doch sie klammerte sich an jeden, der bereit war, ihr zu helfen, wie an den sprichwörtlichen Strohhalm.

Wie sie letztlich den Tag gemeistert hatte, wusste sie nicht mehr, denn sie konnte sich nicht daran erinnern. Es hatte ein hohes Maß an Kraft gekostet, sich auf ihre vierbeinigen Patienten zu konzentrieren und außer Kaffee hatte sie nichts zu sich genommen. Bei dem bloßen Gedanken an Nahrung wurde ihr speiübel. Zum Glück war so viel los gewesen, dass ihre Schwester Rachel nicht auf die Idee gekommen war, sie genauer zu mustern. Denn es wäre ihr sicher aufgefallen, dass Anne lediglich mechanisch ihre Arbeit verrichtete. Entsprechend ihrem Gemütszustand hatte es in einer Tour geregnet. Der graue, wolkenverhangene Himmel war später am Abend, als sie bereits zu Hause war, direkt in die Dämmerung übergegangen.

Das Klopfen an der Tür riss sie aus ihren trüben Gedanken und ließ ihr Herz sofort schneller schlagen. Keine Sekunde später war sie bereits beim Eingang und riss die Tür auf. Vor ihr stand Melanie, die ganz anders aussah als auf dem Fest. Ohne die bunte, mittelalterliche Kostümierung und ohne die skurrilen Dinge um sie herum, die sie an ihrem Stand verkaufte, wirkte sie viel jünger. Sie trug ein normales, weißes T-Shirt sowie Bluejeans und Sneakers. Ihre rotbraunen Haare hatte sie zu einem hohen Pferdeschwanz zusammengebunden, sodass ihr liebliches, herzförmiges Gesicht voll zur Geltung kam. Anne fand, sie hatte sehr hübsche, feine Züge und ihre großen, rehbraunen Augen strahlten eine sanfte Wärme aus.

Etwas verlegen wegen ihrer offenkundigen Musterung trat Anne einen Schritt zur Seite.

„Bitte komm doch herein.“ Als Melanie eingetreten war, wollte Anne ihr den großen Rucksack abnehmen, doch die junge Frau winkte nur ab. „Ist schon gut, das ist nicht nötig.“

Anne führte sie ins Wohnzimmer und wusste nicht so recht, wie sie sich nun verhalten sollte.

„Zum Tisch oder auf die Couch?“ Sie beobachtete Melanie, die sich gründlich im Raum umsah und sich dann für die Couch entschied. Nachdem sie Platz genommen hatte, stellte sie den Rucksack direkt neben sich ab und begann, unterschiedliche Utensilien herauszuholen. Nacheinander legte sie diese auf den Beistelltisch und Anne schaute fasziniert dabei zu. Sie sah einen kleinen Behälter mit Erde darin, eine Kerze, einige Kristalle, Zweige und etwas, das aussah wie getrocknete Kräuter.

„Ich werde eine Schale mit Wasser benötigen“, meinte sie und blickte Anne freundlich an, die sich langsam wieder erhob.

„Ja, natürlich.“ Sie zögerte etwas. „Ich habe aber auch Saft oder Tee hier.“ Melanie lachte leise. „Nein, danke, ich habe keinen Durst, ich brauche nur eine Schale Wasser.

„Okay.“ Anne drehte sich unsicher um und ging in die Küche. Je länger ihr Gast hier war, desto weniger kannte sie sich aus. Sie hoffte, dass Melanie wusste, was sie tat. Vielleicht war es auch ein wenig naiv gewesen, zu glauben, sie würde einfach oben im Himmel anrufen, oder so ähnlich.

Als sie wieder ins Wohnzimmer trat, saß die junge Frau mit geschlossenen Augen da und wirkte sehr konzentriert. Anne wollte sie nicht stören und näherte sich ihr leise. Als sie sich setzte, öffnete Melanie die Augen und lächelte herzlich.

„Da bist du ja wieder. Stell die Schale einfach hier ab.“ Sie zeigte auf den niedrigen Tisch. „Das mag dir alles ein wenig seltsam vorkommen und ich muss gestehen, vielleicht übertreibe ich auch etwas.“ Mit einem Kopfnicken deutete sie auf die ganzen Utensilien, die fein säuberlich vor ihnen aufgereiht waren. „Das ist alles für einen Schutzkreis gedacht. Du musst wissen, ich habe so etwas schon ewig nicht mehr gemacht. Wenn man jemanden ruft, weiß man nie so genau, wer noch alles kommt und deswegen mache ich als Erstes immer einen Schutzkreis.“

Anne staunte über das Gesagte und wusste nicht, ob sie verängstigt oder fasziniert sein sollte. Obwohl sie eine innere Ruhe ausstrahlte, wurde Anne das Gefühl nicht los, als wäre Melanie nervös und sie fragte sich, warum. Es schien, als würde das Reden und Erklären sie beruhigen und so lauschte Anne ihr gebannt weiter.

„Zuerst zieht man einen Kreis.“ Bei diesen Worten war sie aufgestanden und durchschritt den Raum, wobei sie sich rechtsherum drehte.

„Den Kreis dürfen wir nun nicht mehr verlassen, sonst ist der Schutz durchbrochen.“

Nach einem kurzen Blick auf den mitgebrachten Kompass fuhr sie fort. „Nun beginnt man im Norden und bittet die vier Elemente um die Verstärkung der Energie im geschützten Bereich. Der Norden symbolisiert die Erde und ist Erzengel Uriel gewidmet.“ Sie legte einen lilafarbenen Kristall auf die Kommode. „Das ist ein Amethyst. Aber auch keltische Gottheiten sind dem Norden zugeordnet, das würde jedoch zu weit führen. Mir bedeuten die heidnischen Brauchtümer jedoch sehr viel, deswegen lege ich hier immer noch den Zweig einer Eiche dazu. Dieser Baum galt als heilig.“

Dem Lauf der Sonne folgend, bewegte sie sich weiter im Raum. „Der Osten steht für die Luft. Ihm ist Erzengel Raphael zugeordnet. Jeder macht das anders, aber wie gesagt, ich füge hier noch den Zweig einer Weide hinzu.“ Sie kam zum Tisch zurück und holte sich die Schale, die Anne ihr zuvor gebracht hatte.

„Der Westen steht für Wasser, deswegen die Schale.“ Sie legte noch einen Aquamarin hinein. „Erzengel Gabriel steht für diese Himmelsrichtung. Leider habe ich keinen Zweig eines blühenden Mandelbaumes, denn sie blühen im Frühling. Aber ich schätze, es geht auch so.“

Dann holte sie eine Kerze sowie einen Kristall und Streichhölzer. „Der Süden repräsentiert das Feuer. Ich verwende hierfür getrockneten Weihrauch zum Räuchern.“ Sie entzündete die Kerze und legte einen intensiv orangefarbenen, leuchtenden Stein daneben. „Das ist ein Feueropal.“ Das Bündel Zweige hielt sie in die Flamme und platzierte es in einem Gefäß. Bereits nach kurzer Zeit stieg Anne der intensive und sehr charakteristische Duft des Weihrauches in die Nase.

„Und welchem Erzengel ist der Süden gewidmet?“

Melanie sah sie mit klarem Blick an. „Vielleicht der für dich Bekannteste. Michael.“

Anne fror das Gesicht ein. „Was weißt du über ihn?“, fragte sie und beobachtete, wie sich ihr Gegenüber kurz räusperte. „Ich habe noch nie mit ihm gesprochen, wenn du das meinst. Er wird stets als blonder Krieger mit einem Schwert dargestellt. Menschen, denen er sich gezeigt hat, beschreiben ihn als nordländisch aussehend.“ Sie zuckte mit den Achseln. „Er ist sehr einflussreich als Gottes Heerführer und rechte Hand. Man sagt, er sei der Mächtigste unter den Erzengeln. Und er ist auch derjenige gewesen, der Luzifer nach dessen Rebellion aus dem Himmel befördert hat.“

Anne nickte ehrfürchtig. Sie hatte keinen Grund, an der Geschichte zu zweifeln.

„Warte, ich habe etwas vergessen.“ Wieder kramte Melanie in ihrem Rucksack herum. Zutage förderte sie ein Amulett, das an einer silbernen Kette hing. Als Anne es genauer betrachtete, erkannte sie die typischen fünf Zacken eines Pentagramms und konnte nicht verhindern, dass ihr mulmig wurde. „Was willst du denn damit? Ist das nicht ein satanisches Symbol?“

Melanie sah sie verblüfft an. „Nein, ganz und gar nicht. Die Satanisten haben es bloß zweckentfremdet und tragen es verkehrt herum, mit zwei Spitzen nach oben. Eigentlich ist es ein uraltes, sehr mächtiges Schutzzeichen. Es muss so um die fünftausend Jahre alt sein und man sagt ihm nach, es könne das Böse bannen.“ Augenzwinkernd fügte sie noch hinzu: „Man muss nur schön darauf achten, dass immer nur eine Spitze nach oben zeigt.“

„Okay“, murmelte Anne, nicht sicher, ob sie die Fülle an Informationen, die sie an diesem Abend bekommen hatte, auch wirklich verarbeiten konnte. „Und was machen wir jetzt damit?“

Melanie erhob sich bereits. „Es gehört nach Norden.“

Nachdem sie es an den dafür vorgesehenen Platz gelegt hatte, drehte sie sich zu Anne um. Ein fragender Ausdruck trat auf ihr Gesicht.

„Hast du dir schon überlegt, wen du rufen möchtest?“ Als Anne nickte, nahm sie wieder Platz und forderte sie auf, ihr die Hand zu reichen.

„Ich habe zwar nicht viel Hoffnung, doch ich möchte nichts unversucht lassen.“ Anne blickte vorsichtig zu Melanie, die sie verständnisvoll aufmunterte, weiterzusprechen. „Kannst du Cedric rufen?“

Melanie sah sie voller Mitgefühl an. „Ich kann es probieren, doch wenn er an einem Zwischenort ist, abgeschirmt irgendwo zwischen Gut und Böse, hat er wahrscheinlich im Moment keine Kräfte. Das würde bedeuten, dass er mich auch nicht hören kann.“

„Was weißt du sonst noch darüber?“, wollte Anne wissen und ein kleiner Hoffnungsschimmer lag auf ihrem Gesicht.

„Das ist leider schon alles. Und das sind nur Vermutungen, basierend auf Legenden. Ich habe mich heute tagsüber etwas in die Materie eingelesen, doch viel habe ich nicht herausgefunden.“ Sanft drückte sie Annes Hand. „Es tut mir leid.“ Als diese einfach nur nickte, fuhr sie fort: „Weißt du was, wir probieren es einfach. Wir werden schon sehen, ob es funktioniert.“

„Wie genau sollte es eigentlich ablaufen?“

„Nun ja, ich rufe denjenigen und dann höre ich ihn in meinem Kopf.“ Sie lächelte verlegen. „Wenn man es so ausdrückt, klingt das ganz schön verrückt.“

„Und wozu brauchst du dann den Schutzkreis mit all diesen Sachen?“

„Meine Großmutter hat es mir so beigebracht. Sie sagte immer, wenn man eine Tür öffnet, weiß man nie genau, wer alles durchgeht. Ich will einfach nur auf Nummer sicher gehen.“

Anne nickte und beobachtete Melanie, die nun mit geschlossenen Augen neben ihr saß. Ihr Gesicht wirkte konzentriert und sie atmete ruhig und gleichmäßig. Ihre gesamte Aufmerksamkeit schien nach innen gerichtet zu sein, doch sie ließ Annes Hand nicht eine Sekunde lang los. Anne wagte kaum, sich zu bewegen, und saß steif und angespannt da, darauf wartend, dass irgendetwas geschah.

Nach einer Weile öffnete Melanie ihre Augen und sah sie traurig an. „Nichts. Es tut mir leid.“

„Damit haben wir gerechnet.“ Doch die Enttäuschung konnte sie nicht verbergen. „Es wäre auch zu einfach gewesen.“

Wieder drückte Melanie ihre Hand und versuchte, aufmunternd zu klingen. „Wir sind erst am Anfang und wir werden es weiter versuchen. Irgendwann wird er mich hören, da bin ich mir sicher. Doch heute musst du mir jemand anders nennen.“

„Du hast recht. Bitte ruf Samuel.“

„Im Ernst? Nach allem, was du mir erzählt hast?“

Anne nickte und das Bild von vorhin wiederholte sich. Melanie mit geschlossenen Augen, fokussiert auf etwas, das Anne nicht begreifen konnte. Die Minuten verstrichen in absoluter Stille und Anne wagte kaum, zu atmen. Würde er antworten? Vor allem, wenn man bedachte, wie wütend sie ihn angeschrien hatte. Melanie rührte sich immer noch nicht und Annes Gedanken schweiften zu der Auseinandersetzung mit Samuel ab. Mit jeder Sekunde, die verging, wurde Annes Stimmung trüber.

Plötzlich riss ein lautes Klopfen an der Haustür die beiden Frauen aus der Stille und Melanie sah Anne erschrocken an. So abrupt aus der tiefen Konzentration gerissen, schien sie Schwierigkeiten zu haben, in die Realität zurückzufinden. Langsam erhob sich Anne und ging zum Eingang. Ihr Herz wollte sich kaum beruhigen, als sie den Knauf drehte und die Tür öffnete. Kaum erkannte sie den Besucher, sog sie überrascht die Luft ein.

„Guten Abend, Anne, ich war zufällig in der Nähe.“ Vor ihr stand Samuel und lächelte scheinbar freundlich.

„Darf ich eintreten?“

Nur langsam fand Anne ihre Stimme wieder. „Natürlich“, stammelte sie verstört und ließ ihm den Vortritt ins Wohnzimmer. Sie sah, wie er sichtlich überrascht die Szenerie beäugte und dann das Wort an Melanie richtete.

„Du bist es also, die mich gerufen hat, Melanya. Ich war mir nicht sicher.“ Er musterte sie eindringlich. „Das ist überaus interessant.“

„Du hast nicht erwähnt, dass du ihn kennst“, wandte Anne sich an die sprachlose und verängstigt dreinschauende Melanie.

„Das tue ich auch nicht. Ich habe keine Ahnung, woher er meinen Namen kennt.“ Irritiert wandte sie sich an Samuel. „Ich fühle, was Sie sind, da ich Ihre Energie erkenne, aber ich weiß nicht, weshalb Sie glauben, wir wären uns bereits begegnet.“

Samuel erwiderte gönnerhaft: „Ich kenne dich schon sehr lange, Melanya.“ Als Melanie erschrocken dreinblickte, wirkte er belustigt.

„Ich … Mein Name ist Melanie“, sie musste sich räuspern. „Normalerweise kommt niemand her. Ich meine, körperlich. Es sind einfach nur Stimmen oder Gedanken, die ich in meinem Kopf höre.“

„Ich denke, diese spezielle Angelegenheit erfordert meine Anwesenheit.“ Er deutete auf die ausgebreiteten Utensilien. „Ich finde jedoch, du übertreibst.“

„Meine Großmutter hat es mich so gelehrt.“

„Lass dir gesagt sein, es ist nicht notwendig. Niemand würde sich unaufgefordert in deine Nähe begeben.“

Melanie keuchte überrascht und wurde noch blasser. Doch Samuel fuhr fort: „Du unterschätzt deine Kräfte, Melanya. Aber wahrscheinlich ist das auch besser so.“

Nun mischte auch Anne sich ein. „Was hat das alles zu bedeuten?“ Doch der Engel machte nur eine wegwerfende Handbewegung.

„Nichts, ich war nur überrascht, sie hier zu sehen.“ Er wandte sich nun Anne zu und musterte sie von oben bis unten. „Du siehst mitgenommen aus.“

„Ach, wirklich?“ Sie mahnte sich zur Ruhe. Immerhin war er gekommen, das musste sie ihm anrechnen. „Es geht mir auch nicht gut. Ich mache mir solche Sorgen um Cedric.“ Sie sah ihn eindringlich an. „Bitte, Samuel, hilf mir. Ich muss ihn finden.“

Er wartete lange, bevor er antwortete. „Das kannst du nicht.“ Doch sie legte mehr Wert auf das, was er nicht ausgesprochen hatte.

„Aber du kannst es.“

„Selbst wenn, was würde es dir nützen? Er ist an einem Punkt, an dem es kein Zurück mehr für ihn gibt.“

Nun meldete sich Melanie. „Wie heißt doch gleich dieser Gefallene Engel, der dir das Messer ins Herz gestochen hat? Valerius? Vielleicht kann er uns weiterhelfen“, überlegte sie laut, doch Samuel schnitt ihr unwirsch das Wort ab.

„Denk nicht einmal im Traum daran, ihn zu rufen!“ Dabei hob er mahnend den Zeigefinger. „Gerade du solltest dich von dunkler Magie fernhalten, Melanya! Ein Gefallener Engel, egal, ob er mich ab und zu mit Informationen versorgt, ist und bleibt ein Wesen der Finsternis!“

Erschrocken sah Melanie ihn an. „Es tut mir leid. Ich wollte nicht … Ich meine …“, stammelte sie verstört und schwieg dann gänzlich. Anne beobachtete, wie sie steif und kreidebleich an den entferntesten Winkel der Couch rutschte.

„Was soll das, Samuel? Lass sie gefälligst in Ruhe. Sie ist nur hier, um mir zu helfen. Im Gegensatz zu dir.“

Samuels kühle Fassade bekam keine Risse. Er stand nur da und musterte sie. Anne glaubte schon, er würde gar nicht mehr mit ihr sprechen.

„Nun gut. Ich werde ihn ausfindig machen. Ich muss ihn ohnehin sprechen. Doch erwarte dir nicht zu viel. Cedric wird mein Angebot annehmen und sich Luzifer anschließen. Er wird ein Gefallener Engel werden und ein Diener der Finsternis sein.“

„Nein!“, rief sie zutiefst erschüttert. „Das würde er niemals tun!“

Er schaute herüber und für den Bruchteil einer Sekunde glaubte Anne, Mitgefühl in seinen Augen aufblitzen zu sehen.

„Du kannst ihn nicht retten. Er ist verloren. Den Cedric, den du gekannt hast, gibt es nicht mehr. Finde dich damit ab.“ Mit diesen Worten verschwand er und ließ Anne verzweifelt zurück.

4

Cedric hatte die Augen geschlossen und bewegte den Kopf auch nicht, als er einen leichten Luftzug spürte. Er hatte vielleicht keine Kräfte mehr, doch er konnte immer noch spüren, wer hier gerade aufgetaucht war.

„Du hast mich in eine Falle laufen lassen!“, knurrte er anklagend.

„Ja.“ Dieses einzige Wort schnitt Cedric mitten ins Herz und er öffnete die Augen, um Samuel anzusehen, verfluchte sich dafür, dass es ihm so naheging. „Bist du nun zufrieden?“

„Es ist alles nach meinen Plänen gelaufen.“

Cedric nickte und glaubte ihm sogar. „Ich frage dich nur nach dem Warum.“

„Weil du der Beste bist“, antwortete er, doch Cedric schnaubte nur abfällig. „Du hast zwei Möglichkeiten“, fuhr er fort, doch Cedric ließ mit keiner Regung erkennen, ob er neugierig war.

„Du kannst hier bis in alle Ewigkeit sitzen bleiben, oder du schließt dich Luzifer an.“

„Lieber verrecke ich hier!“, spie Cedric heraus.

„Du kannst nicht verrecken, wie du es so schön ausdrückst“, stellte Samuel in seiner nüchternen Logik fest.

„Ich habe keine Kräfte mehr. Bin ich noch ein Engel?“

Unmerklich schüttelte sein Gegenüber den Kopf. „Nein, nicht ganz. Du befindest dich in einer Art Zwischenstadium, das entweder auf ewig so bleibt, oder du wechselst“, er deutete mit dem Daumen nach unten, „zur dunklen Seite.“

„Ich würde eine Kreatur der Hölle werden. Genau das, was ich die letzten Jahrhunderte lang bekämpft habe? Das kann doch nicht dein Ernst sein!“

„Sei nicht naiv. Aus einem Engel kann kein Dämon werden. Das ist doch lächerlich. Du wärst ein Gefallener.“

„Das weiß ich, aber das ist nichts als Haarspalterei!“, brauste Cedric auf.

„Das ist es nicht. Es gibt einen riesigen Unterschied.“

„Und zwar welchen?“

„Luzifer selbst ist ein Gefallener Engel. Er ist noch immer gekränkt, dass Erzengel Michael ihn aus dem Himmel verbannt hat und sieht in einem Gefallenen einen Bruder, in dem einen oder anderen sogar einen Vertrauten. Dämonen sind nichts als seine Handlanger. Er hat sie erschaffen, damit sie für ihn kämpfen und er sich nicht selbst die Hände schmutzig machen muss. Er hat nichts als Verachtung für diese niederen Wesen übrig.“

Cedric nickte. „Kann aus einem Gefallenen wieder ein Engel des Herrn werden?“

„Wenn das möglich wäre, dann hätte ich davon gehört.“

Cedric fuhr sein Gegenüber frustriert an: „Bekomme ich ein einziges Mal in über fünfhundert Jahren eine klare Antwort von dir?“

„Ich sage dir, was ich weiß. Das ist alles. Aber eines muss dir klar sein: Du wirst dort unten nicht lange überleben, wenn du dich nicht voll und ganz auf dein Dasein als dunkler Engel einlässt. Luzifer ist nicht dumm.“

„Ich habe noch mit keinem Wort gesagt, dass diese Möglichkeit für mich überhaupt infrage kommt.“ Er sah Samuel lange mit prüfendem Blick an. „Das ist es also, was du die ganze Zeit über gewollt hast, oder? Und ich frage dich noch einmal nach dem Warum.“

„Weil du der Einzige bist, dem ich es zutraue, bei Luzifer Eindruck zu machen und in seinen inneren Zirkel zu gelangen.“

Cedric lächelte ihn kalt an. „Warum sollte ich das tun? Warum sprichst du nicht endlich aus, was du von mir willst?“

Samuel sah ihn ernst an. „Luzifer hat etwas, das ich haben will.“

Cedric zählte eins und eins zusammen. „Das Schwert. Michaels verloren geglaubte Waffe.“

Samuel nickte. „Luzifer ist krankhaft misstrauisch und hütet es wie seinen verfluchten Augapfel. Mein Informant kommt nicht nahe genug heran. Außerdem hat er kein Interesse daran, seine Position zu verspielen. Er verkauft lediglich ab und an Informationen. Aber du“, er musterte Cedric eindringlich, „du könntest es schaffen, es zu stehlen!“

Cedrics Miene war eiskalt. „Und warum sollte ich das tun? Nach all der Scheiße hier? Du hast Anne, verdammt noch mal, ein Messer ins Herz rammen lassen!“ Cedric hielt seine Wut nicht im Zaum, er hätte es ohnehin nicht gekonnt.

Samuel hob abwehrend die Hände. „Valerius hat sie nicht getötet. Ich habe gewusst, dass du sie retten kannst.“

„Und warum willst du dieses verdammte Schwert haben?“

„Luzifer darf eine solch mächtige Waffe nicht besitzen!“, erwiderte er und Cedric ahnte, dass das nicht alles war. Er kannte seinen Mentor gut genug, um zu spüren, dass dieser ihm nicht die ganze Wahrheit sagte.

„Was hast du damit vor?“

„Ich muss es Michael geben. Er wird wissen, was zu tun ist, also kümmere dich gefälligst darum, dass du es findest!“

Cedrics Miene war undurchdringlich. Im Grunde konnte ihm das verfluchte Schwert egal sein. Was auch immer im Himmel vor sich ging, hatte nichts mehr mit ihm zu tun. Doch eine Sache musste er unbedingt wissen.

„Steckt Thomas mit dir unter einer Decke? Ich habe ihn als Annes Schutzengel mehrmals gerufen, als ich sie geheilt habe. Ich habe ihn geradezu angefleht, zu kommen, aber er ist nicht aufgetaucht.“ Egal, ob Mitwisser oder nicht, er würde es dem Schutzengel niemals verzeihen, dass er nicht gekommen war, als Anne ihn am meisten gebraucht hatte.

„Thomas weiß von all dem nichts. Er war beschäftigt. Ein Busunfall mit zahlreichen Kindern. Ein tragisches Unglück.“

„Wie praktisch! Da hast du ja ganze Arbeit geleistet.“

Samuel atmete tief durch. „Ich möchte dir ein Angebot machen und du weißt, dass ich Mittel und Wege finden werde, um von dir zu bekommen, was ich will.“

Cedric unterbrach ihn knurrend: „Wenn du Anne jemals wieder auch nur ein Haar krümmst, dann bist du tot!“

„Das werden wir dann ja sehen“, erklärte Samuel selbstgefällig. „Mit meinem Angebot komme ich dir entgegen, also spar dir deine Drohungen. Wenn du mir freiwillig hilfst und dich bereit erklärst, mir das Schwert zu bringen, dann werde ich dir einen Wunsch erfüllen.“

„Einen Wunsch?“ Cedrics Stimme triefte vor Sarkasmus. „Du siehst gar nicht aus wie eine gute Fee.“ Als Samuel ihn nur verständnislos ansah, murmelte er: „Du meinst wohl eher einen letzten Dienst für den gefallenen Kameraden.“

Er fühlte sich plötzlich um fünfhundert Jahre zurückversetzt, als er auf dem Schlachtfeld in England gestorben und Samuel erschienen war, um ihn für Erzengel Michaels Armee zu rekrutieren. Ich brauche deine Antwort, also triff deine Entscheidung!, hatte er damals zu ihm gesagt und Cedrics einzige Motivation war gewesen, Anne während ihrer Trauer nahe sein zu können, zumindest in körperloser Gestalt. Cedric erkannte die Ironie dahinter, denn auch nun drehten seine Gedanken sich einzig und allein um sie. Wieder hatte sie ihn verloren. Und wieder musste sie um ihn trauern. Es war grausam, dass die Geschichte sich wiederholte. Wie konnte er dies zulassen? Es gab nur eine einzige Möglichkeit für ihn und die lag plötzlich so klar wie ein Gebirgsbach vor ihm.

„Entscheide nicht sofort. Nimm dir Bedenkzeit. Ich komme morgen wieder.“

Seit wann war Samuel so zuvorkommend? „Ich brauche keine Bedenkzeit!“, fuhr er ihn an. „Ich habe mich entschieden.“

Samuel sah ihn verblüfft an, bevor er die Hände anhob und eindringlich auf Cedric einredete: „Ich bitte dich, überlege es dir noch einmal. Ich habe dir bereits gesagt, dass du hier nicht sterben kannst. Du wirst also nicht verrecken, um es mit deinen Worten auszudrücken.“

„Meine Antwort lautet Ja“, unterbrach Cedric ihn schroff und wiederholte damit exakt die Worte von damals. Kurz genoss er Samuels überraschte Miene. Viel zu schnell hatte dieser sich jedoch wieder im Griff und fand seine Sprache wieder.

„Wie lautet dein Wunsch?“

Cedric fühlte sich unendlich erschöpft und ausgelaugt, doch er wusste, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte. „Lösch Annes Erinnerungen an mich.“

Damit hatte er es schon wieder geschafft, Samuel sprachlos zu machen. Diesmal dauerte es ein wenig länger, bis er seine Stimme wiederfand. „Davon wird sie nicht begeistert sein.“

Cedric lächelte matt. „Nein, das wird sie nicht. Doch sie soll nicht schon wieder um mich trauern müssen. Ändere ihre Erinnerungen an die letzten Monate. Wann immer sie mit mir zusammen war, soll sie glauben, dass sie sich mit Freunden getroffen hat, oder shoppen war, oder was auch immer. Lass dir was einfallen“, spöttisch musterte er Samuel. „Du hast doch bereits bewiesen, wie kreativ du sein kannst. Und wenn du schon dabei bist, dann verändere auch gleich Rachels Gedächtnis und das ihrer Mutter und sonst jedem, dem sie von mir erzählt hat.“ Es fiel ihm unendlich schwer, weiterzusprechen. „Nichts soll mehr davon zeugen, dass ich jemals existiert habe.“

Samuel blickte ihn lange ruhig an. Mitleid und Schuldgefühle standen ihm ins Gesicht geschrieben und Cedric hoffte inständig, dass er nicht anfing, über seine Gefühle zu sprechen. „Cedric … Du musst verstehen … Ich brauche das Schwert … Es …“

„Wage nicht zu sagen, es täte dir leid!“, donnerte Cedric und starrte seinen früheren Mentor eiskalt an.

„Also gut. So soll es sein. Ich werde tun, was du verlangst.“ Samuel wandte sich zum Gehen, doch mitten in der Bewegung verharrte er und blickte Cedric durchdringend an.

„Vergiss niemals: Um dem Licht zu dienen, musst du eins werden mit der Finsternis! Nur so kannst du überleben.“

„Als ob das jetzt noch wichtig wäre.“ Cedric schloss die Augen und lehnte seinen Kopf erschöpft an die kalte Mauer, als wäre er um tausend Jahre gealtert. So fühlt es sich also an, wenn man vergessen wird.

5

Anne ging nervös im Wohnzimmer auf und ab. Ihr Blick glitt immer wieder zu Melanie, die weiterhin in Schockstarre verfallen war und wirkte, als wäre sie auf der Couch festgeklebt. Anne hatte keine Ahnung, ob es fünf Minuten oder eine Stunde her war, dass Samuel gegangen war, aber sie konnte mit Sicherheit sagen, sie war noch nie in ihrem Leben so nervös gewesen. Konnte er Cedric tatsächlich aufspüren? Und würde er ihr überhaupt die Wahrheit sagen?

Kurz blieb sie vor dem Fenster stehen und blickte hinaus. Angestrengt starrte sie in die Dunkelheit, doch erkennen konnte sie nichts Ungewöhnliches. Was hatte sie auch erwartet? Sie sah einige Autos vorbeifahren und einen Nachbarn, der soeben nach Hause kam und von seiner Frau liebevoll an der Tür begrüßt wurde. Annes Kehle schnürte sich zusammen, als sie die Szene beobachtete und daran dachte, wie oft sie Cedric ebenso empfangen hatte. Schon von Weitem hatte sie sein Motorrad gehört und nichts hatte sie mehr im Haus halten können. Das Leben der Menschen dort draußen verlief in gewohnten Bahnen und schien sie zu verhöhnen, während ihres gerade zerbrach, von den Engelsmächten zermalmt und ausgespuckt.

Wieder nahm sie ihren Weg durch das Zimmer auf und tigerte eine gefühlte Ewigkeit weiter. Als Samuel plötzlich im Raum stand, keimte sogleich Hoffnung in ihr auf und sie stürmte auf ihn zu.

„Wie geht es ihm? Wo ist er?“

Doch Samuel sah sie einfach nur mit versteinerter Miene an. Er schien meilenweit entfernt zu sein.

„So antworte doch! Bitte sag mir, dass du ihn gefunden hast.“

„Das habe ich.“

Erleichterung durchströmte sie und sie schloss kurz die Augen. „Wie geht es ihm?“

Samuel schien nach den richtigen Worten zu suchen. „Er kann sich nicht mehr heilen, also ist er immer noch verwundet, aber er ist ansprechbar.“

„Wie hast du ihm das nur antun können?“, hauchte sie und hielt den vorwurfsvollen Ton nicht zurück. „In der Stätte der Seelen hast du mir dein Wort gegeben, ihn nicht im Stich zu lassen, sollte er in Not sein!“

„Er trägt selbst die Verantwortung für seine Situation. Niemand hat ihn gezwungen, sich dir zu offenbaren.“ Samuels kalte Worte lösten Zorn in ihr aus.

„Das ist nicht wahr und das weißt du so gut wie ich! Er hätte mich niemals sterben lassen und genau das hast du ausgenutzt!“

„Ich bin nicht hier, um mich vor dir zu rechtfertigen.“

„Verdammt, Samuel! Er hat dich als seinen Mentor angesehen. Wie kann dir das nichts bedeuten?“ Damit hatte sie wohl einen Nerv getroffen, denn der Engel blickte zu Boden.

„Natürlich ist mir Cedric nicht gleichgültig. Ich habe ihn damals vor über fünfhundert Jahren rekrutiert und Gott allein weiß, wie viel ich seither mit ihm durchgemacht habe. Doch das große Ganze ist nun mal wichtiger. Es gibt Dinge, die getan werden müssen. Und ich weiß sehr wohl, dass ich dir ein Versprechen gegeben habe. Aus genau diesem Grund habe ich ihn heute aufgesucht.“

„Du hättest es aber gar nicht erst so weit kommen lassen dürfen!“

„Ich habe dir bereits erklärt, wie wichtig es ist, ihn bei Luzifer einzuschleusen. An dieser Sache gibt es nichts zu rütteln.“

Anne spürte Resignation in sich aufsteigen. Sie erkannte, dass es sie keinen Meter weiterbringen würde, dem Engel seine Tat immer wieder vorzuhalten. „Wie geht es ihm?“, wiederholte sie stattdessen ihre Frage.

„Er ist ansprechbar.“

Anne schloss verzweifelt die Augen und musste sich hinsetzen. Sie hielt sich die Hände vors Gesicht und rang um Fassung. „Was hat er gesagt?“

Samuel stieß hörbar die Luft aus. „Er wird sich Luzifer anschließen.“

„Nein!“ Anne sprang auf und ballte die Hände zu Fäusten. „Das darf er nicht tun!“

„Es ist seine Entscheidung, doch er hat eine Bedingung daran geknüpft.“

Fragend sah sie ihn an. „Und die wäre?“

„Er gab mir den Auftrag, ihn aus deinem Gedächtnis zu löschen.“

„Was?“ Anne war fassungslos. „Das kannst du vergessen! Ich lasse mir meine Erinnerungen nicht nehmen!“

„Und was willst du dagegen tun?“

Sie wollte etwas Deftiges erwidern, doch dann blieb sie stumm wie ein Fisch. Es fiel ihr einfach nichts ein, was sie hätte tun können. „Nichts“, antwortete sie wahrheitsgemäß. „Ich kann dich nur bitten, es nicht zu tun.“

Samuel nickte und sah sie abschätzend an. „Cedric möchte nicht, dass du erneut um ihn trauerst.“

„Ich trauere nicht um ihn!“, rief sie aufgebracht. „Er ist nicht tot!“

Doch er ließ sich von ihren Worten nicht beeindrucken. „So oder so gibt es kein Zurück für ihn.“

„Du kannst mein Gedächtnis löschen, aber nicht meine Seele! Ich werde nicht aufgeben, nach ihm zu suchen, auch wenn ich nicht wissen werde, wonach ich suche. Ich werde eine innere Leere verspüren, die mich dazu drängt, sie zu füllen. Über kurz oder lang werde ich mein Gedächtnis wiedererlangen. Ich habe mich schon einmal über den Tod hinaus an unsere Liebe erinnert und ich werde es wieder tun!“

Samuel wirkte verunsichert. „Doch bis dahin …“ Er vollführte mit seinem Arm eine kreisförmige Bewegung vor ihrem Kopf und als wäre sie in einen Bann gezogen, setzte Anne sich auf die Couch neben Melanie. Samuel berührte die beiden Frauen an der Stirn, woraufhin sie die Augen schlossen. „Und so werdet ihr keine Erinnerung an ihn haben.“

Anne sah die Erlebnisse mit Cedric in diesem Leben vor ihrem geistigen Auge vorbeirauschen. Beginnend mit den letzten Ereignissen reichten sie immer weiter zurück. Szene für Szene verblasste und Panik erfasste sie.

„NEIN!“, schrie sie, doch sie war unfähig, sich zu wehren. „Bitte nicht! Tu mir das nicht an!“ Sie schluchzte und versuchte verzweifelt, ihre Erinnerungen festzuhalten. Aber sie konnte sich nicht bewegen, war wie gelähmt und gefangen in ihrem Körper. Samuel zwang sie unerbittlich, jede einzelne Minute mit Cedric in umgekehrter Reihenfolge zu durchleben und zuzusehen, wie er aus ihrem Geist verschwand. Sie waren wieder auf dem Mittelalterfest und sie konnte sehen, wie Cedric immer durchscheinender wurde.

„Nein! Bitte!“, rief sie erneut, aber die Szenen schwanden. Anne versuchte, Cedric an einem unsichtbaren Band zu fassen. Alles in ihr sträubte sich dagegen, ihn zu vergessen, doch er wurde unbarmherzig gelöscht und durch ihre Schwester und ihren Schwager ersetzt. Sie weinte und schrie, doch es ging unaufhaltsam weiter. Egal ob es das Essen in dem französischen Restaurant war, die Motorradausflüge oder das erste Treffen im Club, mit jeder Erinnerung entglitt er ihr ein wenig mehr. Auch vor ihrem früheren Leben vor fünf Jahrhunderten machte Samuel nicht halt. Cedrics Schwur bei ihrer Hochzeit, sie bis in alle Ewigkeit zu lieben, wurde ihr ebenso genommen wie jede einzelne Zärtlichkeit. Jedes Lachen bei gemeinsamen Ausritten, sogar sein Heiratsantrag. Das starke Band, das sie einst verbunden hatte, war nun kaum mehr zu fassen. Als Samuel bei ihrem Gespräch, damals auf dem Jahrmarkt, angekommen war, flossen Annes Tränen in Strömen. Sie fühlte die Liebe, die ihr Herz ausgefüllt hatte, schwinden und eine allumfassende Leere breitete sich in ihr aus, verschlang sie gnadenlos. Zusammen mit Cedric sah sie sich bei Aris, dem braunen Wallach, stehen und mit dem verblassenden Cedric wurde ihr auch jegliches Glück genommen. Im nächsten Augenblick war sie allein bei dem Pferd und blickte sich suchend nach ihren Schwestern um.

Anne war in ihrem tranceartigen Zustand gefangen und konnte nicht sehen, wie Samuel sich am Fernseher zu schaffen machte. Jetzt würde er nur noch ihrer Familie einen Besuch abstatten müssen und Cedrics Bedingung wäre erfüllt. Ihnen würde er allerdings nur andere Erinnerungen einpflanzen, das war keine große Sache. So wie er es gerade bei Melanie getan hatte.

Bei Anne war er allerdings tiefer gegangen. Er hatte die Erinnerungen nicht nur verändert, sondern ausgelöscht. Bis zum Grund ihrer Seele hatte er sich vorgegraben. Und dann hatte er ein Stückchen davon an sich genommen. Nur eine kleine Rückversicherung. Immerhin brauchte er ein Druckmittel gegen Cedric. Er kannte ihn schließlich gut genug, um zu wissen, dass er etwas benötigte, um sich dessen Mithilfe zu sichern. Was war wohl besser dafür gedacht als ein Teil von Annes Seele?

Samuel war nicht naiv. Er wusste, Cedrics Loyalität galt weder dem Höchsten noch Erzengel Michael und schon gar nicht ihm. Sie galt nur Anne. Für sie würde er alles tun. Im früheren Leben wie auch in diesem. Aus diesem Grund hatte Samuel für diese kleine Rückversicherung sorgen müssen. Kurz hatte er gezögert, denn niemand wusste, was so ein brutaler Eingriff für Auswirkungen hatte. Doch für Bedenken war es mittlerweile zu spät.

Er drehte sich zu Anne um und betrachtete ihr Gesicht. Er hatte das Gefühl, sie bereits seit Jahrhunderten zu kennen. Hatte ihre und Cedrics Liebe ihn doch mehr als ausgiebig beschäftigt. Er dachte an Cedrics Trauer, seinen Zorn und seine Zweifel an den Plänen des Höchsten. Jahrhundertelang hatte er vor der Stätte der Seelen, wo Annes Seele verweilt hatte, gelegen, und sich geweigert, seine Wunden nach einer Schlacht zu heilen. Wie oft hatte er in dieser Zeit auf ihn eingeredet und seine Verletzungen an seiner Stelle verschlossen. Und wie viele Male hatte er mit Michael diskutiert, damit sein bester Mann nicht verstoßen wurde. Der Erzengel war, was das Thema „bedingungslose Treue zum Höchsten“ anbelangte, ein wenig empfindlich. Schließlich hatte er einst Luzifer aus diesem Grund aus dem Himmel verbannt. Dieses Erlebnis hatte seine Toleranz nicht gerade gefördert und Samuel hatte zunächst mit der sprichwörtlichen Engelszunge auf ihn eingeredet, damit Cedric nicht fiel. Später dann aber auch unter Aufbringung seines gesamten diplomatischen Geschicks, vermischt mit der ein oder anderen Erpressung.

Sein Aufenthalt auf der Erde als Aushilfs-Schutzengel hatte ihn gefestigter und berechenbarer gemacht. Oh, er war immer noch schwierig, aufbrausend und stur wie ein Esel, aber wenigstens keine tickende Zeitbombe mehr. Er hatte ihm vieles nachgesehen, auch seine respektlosen Umgangsformen, denn er war sein bester Mann. Wenn einer Erfolg bei Luzifer haben konnte, dann er. Denn der Herrscher der Finsternis war umgeben von Speichelleckern und Samuel rechnete damit, dass ihm Cedrics ungehobelte Art und sein mangelnder Respekt über kurz oder lang gefallen würden. Wenn er ihn nicht vorher umbrachte, denn eines war klar: Cedric würde ihm keinen Honig ums Maul schmieren.

Natürlich bedauerte Samuel Cedrics Fall, immerhin hatte er viel Geduld und Mühe in ihn investiert. Und ihm war auch die Ironie an der Sache durchaus bewusst. Hatte er vor so langer Zeit doch alles darangesetzt, ihn zu behalten. Die Situation war damals aber eine andere gewesen. Nun hatte er von Valerius, seinem Informanten, von dem Schwert erfahren.

Wieder betrachtete er diese faszinierende junge Frau, die solch eine Macht über seinen besten Krieger hatte. Er hatte sie in der Stätte der Seelen kennengelernt und seither mochte er sie. Von allen Menschen respektierte er sie am meisten. Cedric hatte ihm einmal das Versprechen abgenommen, dass im Falle seiner Abwesenheit Thomas, der Schutzengel aus ihrem früheren Leben, über sie wachen solle. Auch ihm war ihre Unversehrtheit ein Anliegen. Für einen Menschen war sie stark und ebenso unerschütterlich loyal wie Cedric. Er hatte bereits vor über fünf Jahrhunderten erkannt, dass diese beiden Seelen etwas Besonderes verband. Sie gehörten einfach zueinander, waren durch die universelle Macht der Liebe miteinander verbunden. Wie eine Löwin hatte sie für diese Liebe zu Cedric gekämpft. Doch er hatte sie ihr soeben genommen. Er hoffte, dass er nicht zu viel ihrer Seele abgezwackt hatte. Es gab nicht viele Erfahrungswerte diesbezüglich, allerdings schien es Menschen nicht allzu gut zu bekommen.

Er ging zu ihr hinüber und forschte in ihrer Aura nach einem Anzeichen. Er war sich nicht ganz sicher, ob er hier nicht soeben einen fatalen Fehler begangen hatte. Zart strich er mit der Hand über ihr tränenfeuchtes Gesicht. „Es tut mir leid“, flüsterte er und verschwand.

 

***

 

Als Anne die Augen öffnete, blinzelte sie mehrmals und musste sich erst orientieren. Sie saß mit Melanie zusammen auf der Couch und fühlte sich innerlich leer und ausgelaugt, ganz so, als hätte sie etwas Wichtiges verloren. Sie spürte die Nässe an ihren Wangen. Warum hatte sie bloß geweint? Sie wusste es nicht mehr.

„Der Film ist so traurig. Aber gleichzeitig auch wunderschön.“

Anne blickte Melanie verständnislos an. Sie sah zum Fernseher, wo ein Abspann lief. Da fiel es ihr wieder ein. Sie hatten sich gerade P.S. Ich liebe dich angesehen.

Sie hatte Melanie auf einem Mittelalterfest kennengelernt, das sie mit ihrer Schwester, ihrem Schwager und Kate, deren Tochter und der Sonnenschein in ihrer Familie, besucht hatte. Die junge Frau hatte dort als Wahrsagerin einen kleinen Esoterik-Stand betrieben und so waren sie ins Gespräch gekommen. Seither hatten sie sich angefreundet und schon öfter gemeinsame DVD-Abende veranstaltet, oder waren shoppen gewesen. Manchmal gingen sie auch abends zusammen aus. Wieder glitt Annes Blick zum Fernseher. Sie konnte sich gar nicht daran erinnern, den Film soeben geschaut zu haben. Weshalb also hatte sie geweint?

6

Noch immer verharrte Cedric in derselben Position, saß auf dem kalten, harten Betonboden inmitten von Staub und starrte auf das Wechselspiel zwischen Licht und Schatten, das die riesigen, alten Rotoren der Lüftungsanlage auf den Boden warfen. Er hatte keine Ahnung, wie lange er dies schon tat, doch er wusste, dass es ihn früher oder später in den Wahnsinn treiben würde. Waren es Tage, Wochen oder gar Monate? Wie lange war es her, seit Samuel ihn hier aufgesucht und vor die Wahl gestellt hatte? Hatte der gleich danach Annes Erinnerungen an ihn gelöscht?

Wie lange hat sie mich schon vergessen? Diese Frage stellte er sich immer und immer wieder und sie hatte sich bereits fest in sein Gehirn eingebrannt. Natürlich war es sein Wunsch gewesen, denn sie sollte nicht leiden. Dass er ihr das einmal angetan hatte, war mehr als genug – der einzige Grund, warum er sich auf Samuels Angebot eingelassen hatte, weiterhin für ihn zu arbeiten. Doch wie es sich letztlich wirklich anfühlen würde, hatte er sich nicht einmal annähernd vorstellen können. Anne erinnerte sich nicht mehr an ihn! Er hatte für sie nie existiert. Weder in diesem Leben noch in ihrem letzten. Es war, als hätte man ihm sein Herz aus der Brust gerissen, als würde ein großes Loch in ihm klaffen. Nun war er allein, hatte sie verloren.

Er wusste, so war es das Beste, sie war ohne Erinnerungen an ihn besser dran. Dadurch hatte sie die Chance auf ein glückliches, erfülltes Leben, ohne Trauer und Schmerz. Sein Kopf wusste das alles, doch die Vernunft hatte keine Chance gegen sein gebrochenes Herz. Der Schmerz, der von seinem Rücken ausging, war nichts im Vergleich zu dem in seiner Brust. Um Jahrhunderte fühlte er sich in der Zeit zurückversetzt, genau an dem gleichen Punkt angelangt, an dem er schon vor fünfhundert Jahren gewesen war, nur die Rahmenbedingungen hatten sich etwas geändert. Statt vor dem großen Tor zur Stätte der Seelen saß er nun hier in dieser alten, heruntergekommenen Fabrikhalle. Der eine Ort so trostlos wie der andere.

Die dunkle Seite … ein Gefallener Engel … wen juckte es schon, was er nun war und für wen er offiziell und nicht-offiziell tätig war? Die eine Seite war schließlich genauso verlogen wie die andere. Noch immer schmeckte er den bitteren Geschmack von Samuels Verrat.

Freudlos lachte er auf, denn in gewisser Weise fand er die Ironie an der ganzen Sache doch irgendwie komisch. Jahrhundertelang hatte der Befehlshaber sich dafür eingesetzt, dass Cedric nicht verstoßen wurde. Und nun hatte er es sogar höchstpersönlich eingefädelt, dass Cedric gefallen war. Wie es Anne wohl bei dem Gedanken erging, dass sie als Köder missbraucht worden war? Shit! Sie konnte sich ja gar nicht mehr daran erinnern. Aber es war schließlich besser so. Sie hatte es verdient, den ganzen Engelmist zu vergessen und hinter sich zu lassen.

So schließt sich also der Kreis. Wieder einmal hatte er nichts anderes als seine Erinnerungen an sie. Er sah sie so deutlich, dass er dachte, sie stünde vor ihm. Ihr sonniges Lachen ertönte in seinem Kopf und den Duft nach ihrem Rosenparfum konnte er beinahe riechen. Das gleichmäßige, rhythmische Surren würde ihn noch verrückt machen. Ein wahnsinniger Gefallener Engel. Das würde also aus ihm werden.

Erneut spürte er einen Lufthauch und wieder öffnete er nicht einmal die Augen. Erst als er einen zweiten wahrnahm, riskierte er einen Blick und sah geradewegs in eisige, blaue Augen. Niemals würde er dieses kalte Blau vergessen und bis in alle Ewigkeit würde er es hassen.

„Du hast Mut, hier aufzutauchen, du mieser Römer!“, knurrte er zu dem Typen, der Anne das Messer ins Herz gestoßen hatte. Cedric hatte den Blick fest auf ihn gerichtet, doch sonst zeigte er keinerlei Gefühlsregung.

„Wir sind gekommen, um dir ein Angebot zu machen.“

„Zuerst wirst du mir zuhören, denn das wird das Einzige sein, das ich dir zu sagen habe. Du kannst dir dein Angebot in den Hintern schieben. Ich verhandle nicht mit einem Mann, der dazu fähig ist, eine Frau kaltblütig zu erstechen.“

Valerius wandte den Blick ab.

„Sieh an. Du bist also nicht nur ein Mistkerl, sondern obendrein noch feige. Ihr Römer wart schon immer Weicheier, die sich hinter ihren Schildern versteckten.“

Valerius ballte die Hände zu Fäusten, blieb ansonsten jedoch beherrscht. Schnell beäugte Cedric den zweiten Mann, der sich etwas weiter hinten aufgestellt hatte und die Szene offensichtlich witzig fand. Er war ebenfalls groß und muskulös, genau wie man sich einen braungebrannten Surfer vorstellte. Mit etwas längeren, von der Sonne ausgebleichten blonden Haaren, die ihm unordentlich ins Gesicht fielen. Er trug eine ausgewaschene Bluejeans, deren beste Tage offensichtlich schon weit zurücklagen und ein einfaches weißes T-Shirt, dazu Armeestiefel, so wie sie alle. Seine Aufmachung wirkte lässig, doch Cedric kam es darauf an, hinter die Fassade zu blicken, um seinen potenziellen Gegner abzuschätzen. Somit achtete er auf dessen Körpersprache, darauf, wie er dastand, ob er bereit zum Angriff war. Doch im Gegensatz zu dem Messerstecher, der ziemlich verkrampft wirkte, war der andere offensichtlich entspannt. Er hatte die Hände lässig in den Taschen seiner Jeans vergraben und sah Cedric mit unverhohlener Neugier an. Dieser wiederum fand den gegensätzlichen Eindruck, den die beiden boten, interessant.

„Was wollt ihr?“

„Wir möchten dir ein Angebot machen.“

„Kommt ihr zu zweit, weil ihr so große Angst vor mir habt?“, provozierte er die beiden, denn er wollte sie ein wenig testen, wollte wissen, wie weit er gehen konnte. Während er bei Valerius offenbar einen Nerv getroffen hatte, denn er ballte erneut die Hände zu Fäusten und bemühte sich um ein ruhiges Äußeres, lachte der andere nur kurz. Diese Information speicherte er schnell ab. Es war offensichtlich recht leicht, den Römer zu ärgern.

„Du da, Feigling“, er deutete mit dem Kopf auf ihn, „komm ruhig etwas näher, ich beiße nicht.“ Er zwinkerte Valerius leicht zu. „Es sei denn, du traust dich nicht. So von Angesicht zu Angesicht. Könnte ja durchaus sein, dass du deinen Gegnern immer von hinten das Schwert in den Rücken stößt. Oder bist du nur darauf spezialisiert, wehrlose Frauen zu erstechen?“

„Du … überheblicher, arroganter Drecksack!“, knurrte er Cedric an und wollte noch etwas hinzufügen, doch da packte der zweite ihn an den Armen und hielt ihn zurück.

„Val, so bringst du uns nicht weiter! Los, verschwinde nach hinten und lass mich das machen!“ Nun wandte er sich an Cedric: „Vielleicht sollte ich ab jetzt weitersprechen.“ Er wartete und Cedric nickte kurz.

„Ich bin Kieran.“

„Deine Eltern waren wohl nachtblind“, stichelte Cedric weiter und deutete dabei auf dessen blonden Haarschopf, doch auch diesmal lachte er nur.

„Sieh an, was für ein schlauer Bursche du bist. Es stimmt, Kieran bedeutet der Dunkle, doch ich schätze, meiner Mutter hat der Name einfach gefallen.“

Nun war es Cedric, der kurz schmunzelte. „Also schieß mal los, was ist das für ein verlockendes Angebot?“

Kieran kam etwas näher. „Du hast zwei Möglichkeiten. Du kannst hier bis in alle Ewigkeit sitzen und grübeln, oder du schließt dich uns an und kannst mehr oder weniger tun und lassen, was du willst.“

„Und wem genau soll ich mich anschließen?“, fragte Cedric gedehnt.

„Der kann doch nicht so blöd sein!“, rief Valerius von hinten, doch Kieran unterbrach ihn sogleich: „Halt die Klappe!“ An Cedric gewandt, fuhr er fort: „Wir sind Gefallene Engel. Unser Anführer ist Luzifer persönlich.“

„Luzifers Diener also … dann seid ihr nicht besser als Dämonen und die hab ich jahrhundertelang den Staub unter meinen Stiefeln fressen lassen.“

Er hörte ein abfälliges Schnauben aus der hinteren Ecke, doch Kieran ignorierte es einfach. „Wir wissen, dass du unzählige Dämonen vernichtet hast. Doch wir sind keine. Es gibt einen großen Unterschied, denn Luzifer selbst ist ein Gefallener Engel. Er ist der erste und er ist älter als wir alle zusammen. Älter als die Zeitrechnung selbst und doch identifiziert er sich noch immer mit den Engeln.“ Er verdrehte kurz die Augen. „Ist wahrscheinlich so ein Familiending, kann seine Wurzeln nicht vergessen, du weißt schon.“

„Und wie viele von euch gibt es?“, fragte Cedric geradeheraus.

„Kieran!“, klang es drohend von hinten.

Dieser drehte sich daraufhin um. „Ach, was soll’s, ich mag ihn irgendwie.“ Er wandte sich wieder an Cedric: „Nicht allzu viele.“

„Und was ist eure Aufgabe? Schließlich macht ihr euch ja nicht die Hände auf dem Schlachtfeld schmutzig.“

„Na, was wohl … Wir sind Seelenfänger. Wir finden heraus, was ein bestimmter Mensch sich am meisten wünscht und bieten ihm einen Tauschhandel an.“ Er schüttelte den Kopf und grinste. „Du wärst erstaunt, für welche banalen Wünsche die Menschen ihre Seele hergeben.“ Nun lachte er lauthals. „Es ist manchmal wirklich nicht zu glauben. Aber das ist nicht unsere einzige Aufgabe. Je nach besonderer Begabung oder Vorliebe gibt’s auch Spezialaufträge, aber das würde jetzt zu weit führen.“

„Wie zum Beispiel Frauen erstechen?“ Cedric vernahm ein Knurren und er konnte nicht widerstehen, sich direkt an dessen Quelle zu wenden: „Ist das deine besondere Vorliebe? Nur Frauen oder auch kleine, unschuldige Kinder?“, spottete er weiter.

Nun war Valerius nicht mehr zu halten und stürzte sich auf Cedric. Dieser sprang auf und dankte im Stillen dem Adrenalin, das ihn seine Schmerzen nicht spüren ließ. Er wartete nicht etwa auf den Angriff, sondern stürmte ebenfalls los. Wie Naturgewalten prallten die beiden aufeinander und Cedric schlug auf ihn ein, wie von einer inneren Bestie angetrieben. Fäuste flogen und Blut spritzte. Die Kampfgeräusche wurden begleitet von wilden Flüchen und lautem Knurren. Obwohl Cedric keine übernatürlichen Kräfte mehr hatte, waren sie trotzdem ebenbürtige Gegner. Denn Cedric trieb etwas an, das der andere nicht hatte.

Die Gier nach Vergeltung.

Bei jedem Schlag stellte Cedric sich noch einmal die nackte Panik vor, die ihn erfasst hatte, als dieser Mistkerl Anne das Messer ins Herz gerammt hatte. Die Angst, dass er es nicht schaffen würde, sie zu heilen, war das Schlimmste gewesen, was er jemals erlebt hatte. Er durchlebte die ganze Situation nochmals und schlug wie von Sinnen auf den anderen ein. Die Bestie in ihm, die nach Rache gierte, wurde nicht müde und kannte keine Erschöpfung. Erst als der Römer am Boden lag und sich nicht mehr rührte, ließ Cedric von ihm ab und fiel keuchend auf seine Knie.

„Habt ihr das jetzt geklärt?“ Kieran blickte von einem zum anderen. „Ihr führt euch auf wie zwei Vollidioten. Val, heile dich und steh auf! Und du“, er wandte sich an Cedric, „fühlst du dich jetzt besser?“

Cedric konnte kaum atmen, so weh tat ihm sein Brustkorb. Seine Lippe und seine Wange waren aufgeplatzt und ein Auge musste zugeschwollen sein, denn er konnte damit nichts mehr sehen. Seine ohnehin schon zerschnittenen Fingerknöchel brannten nun höllisch und er glaubte nicht, dass er es in den nächsten Minuten schaffen würde, aufzustehen, doch das war es wert gewesen. „Scheiße, ja!“

Kieran lachte. „Ich mag dich, Bruder. Also was ist jetzt, kommst du mit uns?“

„Warum sollte ich das tun?“

„Ganz einfach, weil es auf jeden Fall besser ist, als hier herumzusitzen.“ Er deutete auf Valerius. „Außerdem, wer weiß, vielleicht ergibt sich ja noch einmal eine so günstige Gelegenheit wie eben.“

Nun erschien ein schiefes Grinsen auf Cedrics derangiertem Gesicht. „Dann mal los.“

Kieran wirkte sehr zufrieden und trat an Cedrics linke Seite, während der Römer, inzwischen vollständig geheilt, ebenfalls zu ihm ging. Er streckte ihm seinen Arm entgegen, um Cedric aufzuhelfen. „Schätze, das hab ich verdient. Solltest du das jedoch noch einmal versuchen, werde ich dich umbringen.“

Cedric fasste seinen Arm und ließ sich hochziehen. Auf gleicher Augenhöhe wandte er sich an ihn: „Du hast noch viel mehr verdient als das und ich kann dir versichern, irgendwann werde ich dich töten. Vielleicht in hundert Jahren, oder erst in tausend. Aber sei gewiss, meine Hand wird es sein, durch die du stirbst.“

„Na, wenn das keine perfekten Voraussetzungen für eine gemeinsame Ewigkeit sind“, scherzte Kieran leichthin. Er packte Cedric kameradschaftlich am Arm und zog ihn von Valerius weg. „Komm schon, Mann. Lass uns von hier verschwinden. Luzifer erwartet dich bereits.“

7

In den nächsten Wochen hatte Anne in der Tierarztpraxis alle Hände voll zu tun. Sie übernahm freiwillig die Wochenendschichten, denn aus irgendeinem Grund wollte sie nicht unnötig viel Zeit zu Hause verbringen. Normalerweise hatte ihr die Arbeit immer Freude gemacht, doch neuerdings war sie rastlos. Sie konnte einfach nicht abschalten und fühlte sich innerlich getrieben. War sie im Haus, hielt sie es nicht aus und fuhr in die Praxis und kaum war sie dort, deckte sie sich mit Arbeit ein. Abends konnte sie es nicht mehr erwarten, von hier wegzukommen, doch nach Hause wollte sie auch nicht. Also saß sie oft stundenlang auf einer Parkbank und beobachtete Menschen. So auch diesmal. Sie hatte im Vorbeifahren ein älteres Paar auf der Sitzgelegenheit bemerkt und setzte sich spontan gegenüber.

Die beiden wirkten so unendlich vertraut miteinander, wie sie händchenhaltend nebeneinandersaßen. Sie waren mit Sicherheit bereits in ihren Siebzigern und ihre Körpersprache wirkte so harmonisch, als wären sie eins. Ihre Oberkörper waren einander zugeneigt und sie redeten nicht viel. Das brauchten sie auch nicht, denn sie verstanden sich scheinbar ohne Worte. Es würde Anne nicht wundern, wenn sie schon ihr ganzes Leben lang ein Paar wären. Der Mann sagte nun etwas und die Frau schenkte ihm ein liebevolles Lächeln, woraufhin er seine Hand anhob und ihre Wange streichelte. Anne beobachtete die kleine Geste und fühlte sogleich eine Wehmut in sich, die ihr Herz schwer werden ließ, sie regelrecht überflutete und ihr die Tränen in die Augen trieb. Sie konnte nicht aufhören, die beiden anzustarren und sehnte sich sehr nach einer so tiefen Liebe, aber sie wusste, dass sie das niemals haben würde. Woher sie das wusste, konnte sie nicht sagen, aber sie war sich vollkommen sicher, dass es stimmte. Das drängende Gefühl, etwas Wichtiges vergessen zu haben, überkam sie. Doch was konnte das schon sein?

Ich werde dich bis in alle Ewigkeit lieben, hörte sie plötzlich eine Männerstimme in ihren Gedanken und sah das Gesicht eines dunkelhaarigen Mannes. Er sieht gut aus, fand sie. Seine Haare waren ein wenig zu lang und einige Strähnen hingen ihm rebellisch in die Stirn. Sie hatte schon immer eine Vorliebe für unkonventionelle Rebellen gehabt. Aber es waren seine Augen, die sie fesselten. Sie waren dunkelbraun wie flüssige Bitterschokolade und sein intensiver, trauriger Blick rührte Annes Herz. Leider konnte sie das Bild nicht festhalten. Er kam ihr vage bekannt vor, doch sie konnte ihn nicht zuordnen. Wahrscheinlich war er ein Schauspieler, aber sie kam nicht darauf, aus welchem Film diese Szene stammte.

Wieder wurde Anne rastlos und plötzlich hatte sie das dringende Gefühl, von hier wegzumüssen. Hastig griff sie nach ihrer Handtasche und stieß sie ungeschickt von der Bank, sodass sich der gesamte Inhalt am Boden verteilte. Genervt von sich selbst, hockte sie sich hin und sammelte jedes einzelne Stück wieder ein. Kurz starrte sie dabei auf ihre zittrigen Hände. Warum war sie neuerdings innerlich bloß so nervös? Fahrig strich sie sich die Haare aus dem Gesicht und sammelte die restlichen Utensilien ein.

Zu Hause angekommen, hatte sie keinen Hunger und setzte sich vor den Fernseher. Sie fühlte sich kraftlos und müde, doch an Schlaf war ohnehin nicht zu denken, zwar konnte sie sich nicht erinnern, jemals unter Schlafstörungen gelitten zu haben, aber seit einigen Wochen war dies der Fall. Und schlief sie dann doch irgendwann einmal ein, wälzte sie sich unruhig hin und her und war am nächsten Morgen so müde wie am Abend zuvor. Sie hatte früher ja keine Ahnung gehabt, wie langsam die Zeit in der Dunkelheit verging.

Also sah sie bis spät in der Nacht fern, schaute meistens Liebesdramen, die emotional unter die Haut gingen. Neuerdings war sie geradezu ausgehungert nach Emotionen, je trauriger der Film, desto weniger tot fühlte sie sich. Denn dann weinte sie hemmungslos und fragte sich einmal mehr, seit wann sie derart masochistische Züge besaß. Aber zumindest fühlte sie etwas.

An diesem Abend schwankte sie noch zwischen Ghost – Nachricht von Sam und Das Leuchten der Stille. Mit Taschentüchern neben sich entschied sie sich für Letzteres und wappnete sich für die Flut an Gefühlen.

8

Cedric ließ sich von den beiden Gefallenen Engeln fortteleportieren. Er hatte keine Ahnung, wohin sie ihn bringen würden. Direkt in die Hölle? Er fragte sich, was ihn gleich erwarten würde und hätte er nicht nach wie vor derartig höllische Schmerzen in seinem Rücken gehabt, wäre er wahrscheinlich nervös gewesen. Zusätzlich hatte der Kampf mit Valerius ihm noch den Rest seiner Kräfte geraubt, doch verdammt, das war es wert gewesen.

Wie würde die Hölle wohl aussehen? Und würde er Luzifer begegnen? Vermutlich. Er war gespannt auf den ehemaligen ersten und strahlendsten aller Engel, der einst Gottes Liebling gewesen war. Hochmut und Stolz hatten ihn rebellieren und sich gegen den Willen des Höchsten stellen lassen. Sein Fall war somit unausweichlich gewesen.

Als Kieran und der Römer Cedric absetzten, war ihm schwindelig und er musste dagegen ankämpfen, sich hier an Ort und Stelle zu übergeben. Mann, er war sowas von erledigt. Nicht nur, dass er sich nicht mehr selbst teleportieren konnte, wurde ihm nun auch noch übel davon. Er war es nicht gewohnt, derartig schwach zu sein und würde sich wohl auch nie daran gewöhnen. Er atmete ein paarmal tief durch und wunderte sich über die frische, klare Luft. Sollte es nicht nach Schwefel riechen und stickig heiß sein? Er sah sich um und merkte, dass sie sich in einem schneebedeckten Wald befanden. Viel konnte er nicht erkennen, denn es war dunkel, doch eines war klar: Dieser Ort konnte unmöglich die Hölle sein.

„Wo sind wir?“, wandte er sich an Kieran.

„Nahe unserem Hauptsitz. Luzifer hat unzählige Häuser rund um den Erdball, doch dieses ist ihm am liebsten.“ Er zwinkerte ihm zu. „Dieser Teil der Welt hat Geschichte.“ Freundschaftlich packte er Cedric am Arm und zog ihn vorwärts. „Ich denke, wir lassen den ersten Eindruck so richtig wirken.“

Sie stapften durch den Schnee und kamen bald auf eine weitläufige Lichtung. Cedric erblickte ein herrschaftliches Anwesen im viktorianischen Stil. Es war augenscheinlich alt und doch perfekt instand gesetzt. Cedric ließ seinen Blick darüber schweifen und sah mehrere spitze Türme, die weit in die Luft ragten und Balkone, die mit ihren verschnörkelten Balustraden die Fassade verzierten. Eine breite Treppe führte zum Eingang des imposanten Gebäudes und er ahnte, dass das Anwesen weit größer war, als er von hier aus vermutete. Die dunkle Seite hatte eindeutig Geld.

„Das hier ist Luzifers Wohnort?“, fragte er ungläubig.

Kieran lachte. „Was hast du erwartet? Ein dreckiges Rattenloch, das nach Schwefel stinkt?“

„Das wirst du noch früh genug sehen“, meldete sich Valerius zu Wort und Cedric wusste nicht, ob es als Scherz gemeint war.

„Ach, vergiss ihn!“ Kieran machte eine wegwerfende Handbewegung und fasste Cedric erneut am Oberarm. Er musterte ihn gründlich. „Wahrscheinlich ist es besser, ich teleportiere dich nicht hinein, sondern wir gehen. Du siehst aus, als würdest du mir gleich auf die Füße kotzen.“

Cedric zuckte mit den Schultern und sah den Römer ein mürrisches Gesicht machen. „Na toll!“, hörte er ihn murren. „Spar dir das Kotzen für später auf!“

Cedric riss sich los und starrte Kieran an. „Was meint er? Was bedeuten seine Anspielungen?“ Sein Gegenüber rang offensichtlich mit sich. „Nun ja … Luzifer ist …“, er wirkte tatsächlich verlegen, „ein wenig misstrauisch Neuen gegenüber. Du wirst ihn in drei Tagen treffen.“

„Und bis dahin?“

„Es gibt eine Art Ritual, oder besser gesagt eine Prüfung, die du bestehen musst. Wenn du bestehst, wird er dich in seine Familie aufnehmen. Wenn nicht“, er machte eine unmissverständliche Geste, indem er mit dem Daumen an seiner Kehle entlang fuhr, „ziert dein hübscher Kopf nicht länger deine Schultern.“

„Und wie sieht dieses Ritual aus?“ Cedric konnte nicht verhindern, dass ihm ein mulmiges Gefühl in seine Knochen kroch.

„Ach, du weißt schon, es wird nur gecheckt, ob deine Absichten rein sind.“

Folter. Großartig. Nichts anderes konnten Kierans kryptische Worte bedeuten.

„Dann bringen wir es hinter uns. Teleportiere mich rein“, forderte er und spürte sogleich Kierans Griff an seiner Schulter.

Einen Wimpernschlag später fand Cedric sich in einem Kellerverlies wieder. Er musste sich an der Wand festhalten, um nicht umzufallen und spürte den nackten Felsen unter seiner Handfläche. Es war kalt und feucht hier unten und die einzige Lichtquelle war eine Glühbirne, die von der Decke hing. Es gab tatsächlich Strom hier unten? Ihm wurde erneut speiübel, denn es roch zwar nicht nach Schwefel, dafür nach altem Blut, gemischt mit Schweiß und dem Gestank der Furcht.

Kieran und Valerius packten ihn und schoben ihn zur Mitte der Zelle, zogen seine Arme über den Kopf und fesselten ihn mit breiten Handschellen, die mit einer Eisenkette an der Decke befestigt waren. Seine Füße wurden ebenfalls mit Fesseln am Boden verankert. So hing er nun und war schon längst dabei, sich in den hintersten Winkel seines Geistes zurückzuziehen.

„Keine Sorge, du schaffst das schon. Wir sehen uns in drei Tagen“, meinte Kieran leichthin. Dann ließen sie ihn allein und sperrten ihn mittels einer schweren, eisernen Gittertür ein.

Bereits kurze Zeit später fingen seine Arme an, zu schmerzen. Schnell machte er eine Bestandsaufnahme über seinen Zustand und kam zu keinem allzu guten Ergebnis. Blut rann ihm erneut den Rücken hinab, oder hatte es überhaupt jemals aufgehört? Erfolglos versuchte er die Panik, die in ihm aufstieg, zu bekämpfen und gestand es sich ein. Er hatte Angst. Er war kein Engel mehr, was bedeutete, egal, was sie ihm auch antun würden, er konnte sich, verdammt noch mal, nicht heilen!

Noch weiter hing er düsteren Gedanken nach, als sich die Tür zum Verlies erneut öffnete. Nun würde es also beginnen.

Ein Mann kam mit schlurfenden Schritten näher, kleiner und gedrungener als Cedric und bestand nur aus Muskeln. Seine schwarzen, langen Haare trug er im Nacken zusammengebunden und seine kantigen Gesichtszüge verrieten eine ursprünglich mittel- oder südamerikanische Herkunft. Großartig, dachte Cedric. Bei meinem Glück ist er wahrscheinlich ein Azteke. Die waren bekannt für ihre grausamen Opfer- und Folterrituale.

Sein finsteres Gegenüber legte ohne Übergang los. Er schlug Cedric mit der Faust ins Gesicht, sodass er glaubte, ein Zug hätte ihn gerammt. Sein Kopf flog auf die Seite und er musste sich schütteln, um die Benommenheit loszuwerden. Cedric fokussierte den letzten Rest seiner mentalen Stärke, um keine Schwäche zu zeigen. Zumindest diesen kleinen Sieg musste er erringen.

„Mehr hast du nicht drauf?“, provozierte er ihn. Er wusste, es war nicht sonderlich klug, aber wenigstens auf kranke Art befriedigend.

Der Azteke, oder was auch immer er war, sprach kein Wort und ließ sich mit keiner Regung anmerken, dass er Cedrics Worte überhaupt verstehen konnte. Dass er ihn allerdings sehr wohl gehört hatte, merkte Cedric sogleich an einem gezielten Schlag in den Magen. Verflucht!, dachte er, als die Übelkeit ihn erneut überrollte.

Nun widmete der andere sich wieder Cedrics Gesicht. Die Fäuste flogen und Cedric stöhnte auf. Es war, als würde ihn ein Presslufthammer bearbeiten. Und jeder Schlag zerrte an seinen Fesseln. Es schien eine kleine Ewigkeit zu vergehen, aber der Azteke wurde nicht müde. Schweiß und Blut spritzten. Cedric spürte seine Lippe aufplatzen und sein linkes Jochbein brach mit einem beängstigenden Knacken. Sogleich merkte er, wie sein Auge noch weiter zuschwoll und er gegen die Benommenheit ankämpfen musste. Schwer atmete er und Schweiß vermischt mit Blut rann sein Gesicht hinab in sein noch unversehrtes Auge. Es verminderte seine ohnehin schon eingeschränkte Sicht noch weiter und brannte wie Feuer. Doch er würde dem Schläger nicht die Genugtuung geben, zu schreien!

Er verzog seine verunstaltete Lippe zu einer Grimasse.

„Azteke, oder?“ An seinem Blick erkannte Cedric, dass er ins Schwarze getroffen hatte. „Bist wohl etwas eingerostet!“

Er spuckte Blut direkt vor die Füße des Muskelbergs. Der musterte daraufhin Cedrics nackten Brustkorb und ging schlurfend um ihn herum. Cedric versuchte, sich zu drehen, wurde aber von seinen Fesseln daran gehindert. Das war gar nicht gut! Was tat der da hinter ihm? Er konnte dessen Atem auf seiner verschwitzten Haut fühlen. Plötzlich spürte er, wie er mit den Fingern über seine wulstigen Wunden fuhr, die sich, seit ihm die Flügel ausgerissen worden waren, nicht verschlossen hatten. Im Gegenteil. Sie schmerzten höllisch und waren mit Sicherheit entzündet. Cedric gefror das Blut in den Adern. Nicht mein Rücken! Hoffentlich tat der Typ nicht das, was er vermutete! Doch er tat es. Er bohrte die Finger tief in das wunde Fleisch!

Cedric stieß einen markerschütternden Schrei aus. Er versuchte, sich dagegen zu wehren und sich von dem scharfen Brennen, das seinen Körper peinigte, mental zu entfernen, zog sich in den hintersten Winkel seines Geistes zurück. Dorthin, wo kein Schmerz hinkam, keine Realität Zutritt hatte und keine Gefühle wie Angst und Furcht existierten. Dort gab es nur noch sie. Anne. Er stellte sich ihr Gesicht vor, grüne Augen, die ihn fröhlich anfunkelten, als sie ihm ein strahlendes Lächeln schenkte. Und er war glücklich. Kurz bevor er ohnmächtig wurde.

9

Unbarmherzig läutete der Wecker Anne aus einem kurzen und ruhelosen Schlaf. Sie fühlte sich erschlagen und brauchte nahezu übermenschliche Kraft, um überhaupt aufzustehen und sich ins Badezimmer zu schleppen. Ein Blick in den Spiegel genügte, um ihr zu zeigen, dass sie so aussah, wie sie sich fühlte. Ihre Wangenknochen stachen hervor und ungesund blasse Haut spannte sich darüber. Wo waren nur ihre rosigen Wangen hin verschwunden? Und seit wann sahen ihre Haare aus wie Stroh?

Sie zog sich ihr Schlafgewand aus und betrachtete sich im Spiegel. Eine dünne und farblose Frau, die nichts mehr mit ihr gemein hatte, stand ihr gegenüber. Wie eine Fremde starrte ihr Spiegelbild sie an. Ihre Haare waren glanzlos und hingen ihr in Strähnen ins Gesicht und auch ihre Haltung wirkte energielos. Nein, nicht nur energielos … gebrochen. Ja, sie sah eine gebrochene Frau. Sollte sie das nicht bestürzen? Sollte sie sich nicht ernsthafte Sorgen um ihren Gesundheitszustand machen? Nun, das solltest du wohl, meldete sich die Stimme der Vernunft, schließlich war sie Ärztin, wenn auch für Tiere. Ein Dutzend Krankheiten fielen ihr auf Anhieb ein, eine schlimmer als die andere, doch die Angst oder Sorge blieben aus. Da war nichts, keine Emotion. Es war ihr einfach egal. Genauso wie es ihr gleichgültig war, ob sie genügend zu essen im Haus hatte.

Fahrig strich sie sich die Haare aus dem Gesicht und drehte sich zur Duschkabine um, um das Wasser anzustellen. Eine heiße Dusche würde ihr bestimmt helfen, also stieg sie hinein und machte die Glastür zu. Das Wasser war bereits angenehm warm und sie ließ es über ihren Kopf rinnen. Gerade wollte sie zum Duschgel greifen, als sie mitten in der Bewegung innehielt.

Sie sah vor ihrem inneren Auge einen Mann. Er trug nur Jeans und war mit den Armen über dem Kopf an der Decke gefesselt. Sein Körper war mit Wunden übersät, und Blut rann über seine Haut. Die schwarzen Haare fielen ihm in verschwitzten Strähnen in sein zerschundenes Gesicht und sein linkes Auge war komplett zugeschwollen und seine Lippen aufgeplatzt. Doch sie war sich sicher, dass es der Mann war, den sie schon einmal in ihren Gedanken gesehen hatte. Auch wenn er nun entstellt aussah. Anne hörte ein schmerzerfülltes Stöhnen und sie zog erschrocken die Luft ein. Das Geräusch drang ihr durch Mark und Bein. Dann wurde er offensichtlich bewusstlos, denn sein Kopf fiel nach vorne und er rührte sich nicht mehr.

Ein eiserner Panzer legte sich um ihren Brustkorb und drückte erbarmungslos zu. Sie rang nach Luft, doch ihre Lunge konnte sich nicht füllen und sie fasste sich an die Kehle, da sie glaubte, zu ersticken. Ihr Herz hämmerte rasend schnell gegen das beklemmende Korsett, während Anne zu Boden sank und versuchte, ruhig zu bleiben. Sie konzentrierte sich völlig darauf, langsam einzuatmen, doch sie konnte einfach nichts gegen die Panik machen, die von ihr Besitz ergriff. Sie musste raus hier! Der heiße Dunst in der Duschkabine drückte ihr auf die Lunge und raubte ihr den letzten Sauerstoff. Gerade noch schaffte sie es, das Wasser abzudrehen, bevor sie auf allen vieren aus der Kabine stürzte.

Klitschnass kroch sie ins Schlafzimmer und blieb auf dem Boden vor ihrem Bett sitzen. Triefend und zitternd. Was hatte das zu bedeuten? Wer war dieser Mann?

So schnell, wie das Bild gekommen war, war es auch wieder verschwunden. Abgelöst von einer Panikattacke.

Ihr Blick fiel auf einen kleinen Kristallengel, der auf dem Nachttisch stand. Sein Anblick wirkte auf seltsame Weise beruhigend. Woher hatte sie den gleich noch mal? Sie konnte sich nicht erinnern. Aber sie wusste, dass er einen ganz besonderen Platz in ihrem Herzen hatte. Wieder versuchte sie, ruhig ein- und auszuatmen. Eine Panikattacke in der Dusche? Drehte sie jetzt völlig durch? Sie schüttelte den Kopf über sich selbst und brauchte ein paar Minuten, um ihre Fassung wiederzuerlangen und sich für die Arbeit etwas anziehen zu können. Ständig verfolgt von dem Bild des gefesselten und gefolterten Mannes.

10

Als Cedric wieder zu sich kam, hatte er keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen war. Anscheinend hatte der Schläger die Glühbirne abgeschaltet, denn es war stockdunkel und dazu noch feucht und eiskalt.

Cedric fühlte sich genauso, als hätte ein aztekischer Folterknecht ihn in die Mangel genommen. Kurz lachte er über diesen Gedanken, immerhin war Galgenhumor das Einzige, was er hier unten noch hatte. Allerdings meldeten sich dabei seine gebrochenen Rippen mehr als deutlich und trieben ihm eine Welle aus stechendem Schmerz durch den Brustkorb. Noch immer hing er mit den Armen an der Decke, niemand hatte sich die Mühe gemacht, ihn von den Fesseln zu befreien. Er machte eine kurze Bestandsaufnahme seines Zustandes und verzog das Gesicht. Seine Hände konnte er nicht mehr spüren, was allerdings in der derzeitigen Situation kein Nachteil war. Seine Schultern, die den unnatürlichen Winkel nicht gewohnt waren, schmerzten dafür umso mehr. Sein Gesicht pulsierte und sein Rücken brannte wie Feuer. Dieser verdammte Hurensohn! Fluchend spuckte er das Blut aus, das sich in seinem Mund gesammelt hatte. Der verfluchte Azteke hatte doch tatsächlich in seinen entzündeten Wunden herumgebohrt. Er vermutete, dass die nächste Runde seines Foltermeisters wohl nicht mehr allzu lange auf sich warten ließ.

Wenig später lauschte Cedric in die Dunkelheit, doch es drang kein Geräusch zu ihm durch. Er versuchte, die Düsternis aus seinen Gedanken zu vertreiben, doch es gelang ihm nicht. Immerhin hing er an Armen und Beinen gefesselt in irgendeinem Kerker, weiß Gott wo auf der Welt. Er lachte auf und musste gleich darauf heftig husten. Natürlich wusste der Höchste es nicht. Schließlich waren sie hier in Luzifers Reich. Wo das wohl sein mochte?

Er richtete seine Gedanken weg von all den Fragen, auf die er ohnehin keine Antworten wusste und bündelte sie auf denjenigen, dem er hierfür die Schuld geben konnte. Samuel! Aber Wut wollte einfach nicht von ihm Besitz ergreifen. Im Grunde wusste er auch, warum. Er war selbst für seinen Fall verantwortlich. Er hatte Anne geheilt. Mitten auf der Straße und mit voll entfalteten Flügeln als Verstärker seiner Kräfte. In dem vollen Wissen, dass es Konsequenzen geben würde. Und er würde jedes Mal wieder so handeln! Ob nun inszeniert oder nicht, Annes Beinahe-Tod war verdammt echt gewesen und lieber würde er hier auf ewig verrotten, als dass er zugelassen hätte, dass ihr etwas passierte.

Anne … Wie es ihr wohl ging? Er schnaubte freudlos. Sie führte nun ein besseres Leben, ohne ihn und den ganzen Engelsmist. Sie sollte einfach glücklich sein können. Das hatte er schon immer für sie gewollt, auch schon damals in England.

Die Kerkertür ging geräuschvoll auf. Cedric erkannte augenblicklich die schlurfenden Schritte des Azteken. Das schummrige Licht der einzelnen Glühbirne ging flackernd an und obwohl es den Raum kaum erhellte, musste Cedric blinzeln, war er doch bis eben in völliger Dunkelheit gewesen. Sein Herz raste und er musste sich konzentrieren, um die aufsteigende Panik zu unterdrücken. Sie nutzte ihm nichts, sondern machte ihn nur schwach. Cedric hob den Kopf mit dem letzten bisschen an Würde, das ihm noch geblieben war und sah seinem Foltermeister ins Gesicht.

Dieser hielt sich nicht lange auf und begann sofort sein Werk. Wieder bearbeitete er Cedrics Gesicht mit seinen Fäusten und erneut spritzte Blut und sickerte auch in seinen Mund. Immer wieder musste er es ausspucken. Er sah, wie der Schläger nach hinten griff und ein Messer aus dem Hosenbund zog. Cedric fühlte seinen eigenen Schweiß an seinem Rücken entlang rinnen und spürte genau den Moment, als er das entzündete Fleisch seiner Wunden traf. Das Metall der Klinge blitzte auf, kurz, bevor es in seine Brust schnitt. Er stöhnte auf und wappnete sich innerlich gegen den Schmerz. Schmerz war schon so lange Teil seines Lebens, oder vielmehr seiner Existenz. Damit kannte er sich aus. Und doch hatte die Empfindung im Laufe der Jahrhunderte niemals abgenommen. Jede Verwundung tat einfach höllisch weh. Seltsam, dachte er, dass ich mich nicht längst daran gewöhnt habe.

Er hatte in den letzten fünf Jahrhunderten unzählige Schnittwunden davongetragen. Und es hatte mal eine Zeit gegeben, da hatte ihn der Schmerz von seiner Trauer um Anne abgelenkt. Anne.

Eine neuerliche Welle aus Feuer durchströmte ihn, als der Azteke ihm in die Wange schnitt. Ganz langsam ließ er die Klinge über seine Haut gleiten. Cedric knurrte und versuchte, ihn mit seinem Kopf zu treffen. Doch die Ketten an Händen und Füßen schränkten seinen Spielraum zu sehr ein. Und der Azteke wusste das natürlich. Er blieb schön gerade außerhalb von Cedrics Reichweite und fuhr mit dem Messer eine blutige Linie hinab zu Cedrics Hals, wo er es seitlich an der Halsschlagader verweilen ließ. Cedric keuchte und wusste, was gleich geschehen würde. Er erkannte es in dem grimmigen Blick seines Gegenübers, hatte er diese Taktik doch selbst oft angewendet. Mit einem schnellen Schnitt ritzte der andere die Arterie auf, gerade so weit, dass er nicht zu schnell verbluten würde. Cedric konnte die warme Flüssigkeit spüren, die in pulsierendem Rhythmus über seinen Körper rann. Der Azteke hörte nicht auf, ihn mit dem Messer zu bearbeiten, und trieb es nun tief in Cedrics Bauch. Schon bald machte sich der Blutverlust bemerkbar.

Cedric war in einem Zustand kurz vor der Bewusstlosigkeit. Die Schmerzen drohten, ihn zu überwältigen und er fühlte, wie seine Lebenskraft zusammen mit seinem Blut aus ihm entwich. Er rechnete damit, zu sterben. Wie schon bei seinem Tod als Mensch galten seine letzten Gedanken Anne und Ruhe breitete sich in ihm aus, die sich wie Balsam um seine Wunden legte. Nur sie konnte all das Blut, den Schmerz und die Folter vertreiben. Obwohl es gegen jegliche Vernunft war, hätte er in diesem Moment alles dafür gegeben, ihr noch ein einziges Mal sagen zu können, wie sehr er sie liebte.

Schemenhaft sah Cedric, dass ein zweiter Mann in der Tür stehen geblieben war, Genaueres konnte er nicht erkennen, da er sich außerhalb des Lichtkreises befand. Das war dann wohl die Verstärkung. Cedric schüttelte seinen Kopf in der Absicht, etwas klarer zu werden.

„Ist er ansprechbar?“, fragte der zweite. Als der Azteke nickte, trat er in Cedrics Verlies. Es war Valerius.

„Ich bin geschickt worden, um dich zu befragen.“ Er starrte Cedric eindringlich an, als wolle er ihm eine stille Botschaft übermitteln. „Luzifer möchte wissen, warum du gefallen bist.“

Cedric ließ sich seine Verwirrung nicht anmerken und versuchte, in seinem benebelten Hirn einen klaren Gedanken zu fassen. Wollte der Römer ihm wirklich etwas mitteilen? Er versuchte krampfhaft, seinen restlichen Verstand zusammenzukratzen. Valerius schien für Samuel zu arbeiten, ab und zu jedenfalls. Also würde er wahrscheinlich nicht wollen, dass jemand von den wahren Umständen seines Falls erfuhr. Denn Luzifer würde verständlicherweise sofort nach dem Grund für dessen Einmischung fragen. Da Cedric jedoch keine Kräfte mehr hatte und sich somit auch nicht auf telepathischem Weg unterhalten konnte, musste er raten.

„Warum bist du gefallen?“, fragte der Römer eindringlicher.

„Leck mich!“ Er würde sich den Spaß gönnen und ihn noch ein wenig zappeln lassen.

Valerius blickte den Azteken an und deutet mit dem Kopf in Cedrics Richtung. „Du hast es nicht anders gewollt“, meinte er zu Cedric und verschränkte die Arme vor der Brust, während er zusah, wie der Schläger seine Tätigkeit wieder aufnahm und in Cedrics Haut ritzte.

„Ich schwöre dir, das kann ewig so weitergehen. Also, ich frage dich noch einmal. Warum bist du gefallen?“

Cedric stöhnte, als der Azteke das Messer in seiner Brust stecken ließ. „Ich habe mich einem Menschen offenbart.“

Valerius lachte. „Ja, das haben sie da oben gar nicht gern. Was genau ist passiert?“ Wieder starrte er ihm eindringlich in die Augen und Cedric war sich sicher, dass Valerius wollte, dass er eine andere Version der Wahrheit erzählte.

„Wir hatten einen Unfall. Mit dem Auto. Sie wäre beinahe verblutet … innere Blutungen“, er berichtete ihm mit wenigen Worten, wie er Anne mit materialisierten Flügeln geheilt hatte und auch die Geschehnisse danach, als sie ihm dann von drei Engeln ausgerissen worden waren.

Valerius nickte und wandte sich dem Azteken zu. „Genug. Ich werde die Geschichte überprüfen, aber ich denke, er ist sauber.“ Er deutete auf die Ketten. „Mach ihn los und dann bring ihm Wasser.“ Ohne ein weiteres Wort verschwand er.

Cedric stöhnte erneut auf, als der Azteke ihn ziemlich unsanft loskettete und er auf die Knie krachte. Als der Azteke ihm das Wasser gebracht und wieder gegangen war, versuchte er, mit zittrigen und gefühllosen Händen das Messer aus seinem Körper zu ziehen. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, es zu entfernen und so steckte es noch immer in seinem Brustkorb. Keine Ahnung wie lange er angekettet gewesen war, nun waren seine Hände jedenfalls taub. Er bekam es einfach nicht zu fassen und starrte auf die Klinge in seiner Brust. Als er nach mehreren Versuchen endlich den Griff umgreifen konnte, war er glitschig von seinem eigenen Blut. Seine Arme zitterten, aber endlich konnte er das Messer langsam aus seinem Körper ziehen. Er hörte noch das klirrende Geräusch, als es auf den Steinboden aufschlug, bevor er umfiel wie ein Baum. Seine rechte Schulter krachte zuerst auf, gefolgt von seinem Kopf, dessen wuchtigen Aufprall er nicht abfedern konnte. Der Boden unter ihm war nass von seinem Blut, doch er spürte es kaum.

In seinem Zustand zwischen Bewusstlosigkeit und Delirium gab es nur noch sie! Anne. Auch noch nach all der Zeit war sie sein Anker. Seine Heilung. Und sein Leben. Sein Gehirn spielte ihm einen üblen Streich, denn er hörte ihr Lachen, als stünde sie direkt neben ihm. Sah das Glück in ihren leuchtenden grünen Augen, als sie ihn bei ihrer Hochzeit angestrahlt hatte. Er erkannte das Spiel der Reflexe in ihrem goldenen Haar, als die Sonne in ihr Schlafzimmer schien. Er sah sie in England in ihrem Gutshof stehen und dann wieder in ihrem Praxisraum als Tierärztin. Sein Verstand schaffte keine Chronologie mehr. Wirr wechselten sich Szenen aus Annes beiden Leben ab, war sie doch für ihn immer die Gleiche. Egal in welcher Zeit. Ich werde dich bis in alle Ewigkeit lieben!, hatte er ihr damals versprochen. Und genau das tat er auch. Selbst hier an diesem finsteren Ort, von dem er nicht wusste, ob er das Ende seines ewigen Lebens war.

11

Anne saß in ihrem Auto auf dem Parkplatz vor der Praxis. Der kleine Wagen hatte seine besten Tage bereits hinter sich, wie auch schon ihr alter hellblauer Ford zuvor, der den Unfall leider nicht überlebt hatte. Sie war zu früh dran und doch wollte sie noch nicht hineingehen. Der andere Wagen auf dem Platz sagte ihr, dass ihre Schwester und ihr Schwager bereits drinnen waren. Anne fragte sich, was denn nur mit ihr los war, normalerweise würde sie jetzt aussteigen und mit den beiden noch gemütlich eine Tasse Kaffee trinken.

Mark, im Alltag ein hoffnungsloser Chaot, aber ein begnadeter Chirurg, würde anschließend im OP verschwinden und sie und Rachel würden sich um den täglichen Ansturm an Patienten kümmern. So lief das normalerweise. Doch nicht in letzter Zeit. Anne wusste, dass es ihre Schuld war. Sie hatte sich verändert, doch sie hatte keine Ahnung, warum. Die traurigen Blicke, die Rachel ihr zuwarf, brachen ihr das Herz. Sie liebte ihre Schwester über alles, doch sie wollte nicht mit ihr reden. Anne wusste einfach nicht, was sie ihr hätte sagen sollen, wie sie die Leere in sich hätte beschreiben können. So blieb sie im Auto sitzen.

Als sie nicht länger warten konnte, ging sie hinüber zur Praxis. Sie lief den Gang entlang und steckte ihren Kopf in den Aufenthaltsraum. Erleichtert stellte sie fest, dass Rachel und Mark bereits an der Arbeit waren. Schnell warf sie ihre Tasche in den Spind und zog sich ihren weißen Kittel über, um sich dann ihre Haare zu einem Zopf zu binden und sich auf dem Weg zu ihrem Behandlungsraum noch eine Wasserflasche zu schnappen. Rachel wartete bereits auf sie, als sie eintrat. Na toll.

„Was gibt’s?“, fragte Anne schnell. Sie wollte ihrer Schwester keine Gelegenheit geben, sie zu mustern.

„Anne, was ist los? Geht es dir nicht gut?“ Die Sorge in Rachels Blick rührte und reizte Anne gleichermaßen.

„Doch, es ist alles in Ordnung.“ Sie wollte nicht über sich sprechen. Sie wusste selbst nicht, weshalb sie seit einigen Wochen so getrieben war.

Warum bist du gefallen?

Sie sah, dass sich Rachels Lippen bewegten, doch sie hörte eine männliche Stimme in ihrem Kopf.

„Was hast du gesagt?“, stammelte Anne irritiert.

„Ich habe dich gefragt, ob du nach der Arbeit etwas essen gehen möchtest.“ Rachel sah sie mit hoffnungsvollem Blick an. „Wir könnten reden, wenn du das möchtest.“

Ich schwöre dir, das kann ewig so weitergehen. Also ich frage dich noch einmal. Warum bist du gefallen?

Wieder hörte sie einen Mann sprechen. Anne schüttelte den Kopf, um ihre Gedanken zu sortieren. Sie blickte sich geistesabwesend um, aber außer Rachel und ihr war der Raum leer.

Ich habe mich einem Menschen offenbart.

Nun sprach ein anderer Mann und diese Stimme ging ihr unter die Haut. Sie würde das dunkle, zutiefst männliche Timbre unter allen auf der Welt wiedererkennen. Es gehörte zu dem dunkelhaarigen, gut aussehenden Mann, den sie zuvor in ihren Gedanken gesehen hatte. Sowohl im Park als auch unter der Dusche, kurz bevor sie die Panikattacke bekommen hatte. Diese Stimme bescherte ihr eine Gänsehaut und zwar im angenehmen Sinn.

Was war nur los mit ihr? Warum hörte sie Stimmen in ihrem Kopf? Sie war zwar Tierärztin und keine Psychiaterin für Menschen, doch sie wusste auch so, dass das kein gutes Zeichen war.

„Anne?“, holte Rachel sie aus ihren Gedanken zurück. „Hörst du mir überhaupt zu?“

„Diese Stimme …“, murmelte sie abwesend. Rachel sah sie nur verwirrt an und wusste offenbar nicht, wovon Anne sprach. „Was meinst du?“

„Diese Stimme. Dieser Mann. Ich muss wissen, wer er ist.“

„Wovon sprichst du?“ Rachel konnte die Sorge nicht verbergen. Doch plötzlich sog Anne erschrocken die Luft ein und ließ die Wasserflasche fallen. Die Flüssigkeit breitete sich über den gesamten Boden aus, doch sie bemerkte es nicht einmal. Sie sah plötzlich den Mann, dem die Stimme gehörte, auf seinen Knien und ein Messer steckte tief in seinem Brustkorb. Vergeblich versuchte er, es herauszuziehen, und Anne musste ihre Übelkeit bekämpfen. Blut machte ihr zwar nichts aus, doch ein Messer in dem Körper des gefolterten Mannes war eine andere Sache. Er schien kein Gefühl in seinen Händen zu haben und sie wusste bereits, dass er zuvor an der Decke angekettet gewesen war. Wer konnte schon sagen, wie lange er so gehangen hatte? Wieso dachte sie überhaupt so, als wäre er real? Endlich bekam er die Klinge zu fassen und ihr wurde erneut übel, als sie zusah, wie er sie langsam aus seinem Leib zog. Als er es geschafft hatte, fiel er einfach um und blieb bewusstlos liegen.

„Wer bist du?“, fragte sie leise.

„Wer ist wer, Anne? Was redest du da?“ Rachel machte einen Schritt auf sie zu und berührte sie am Oberarm. Anne jedoch schien es gar nicht zu bemerken.

„Anne!“, rief Rachel außer sich vor Sorge. Mit benommenem Blick, als wäre sie gerade aus einer Trance aufgewacht, blickte Anne sie an.

„Ich muss herausfinden, ob er real ist.“

„Wer denn? Anne, bitte rede mit mir.“

„Der Mann. Ich sehe ihn.“

„Jetzt?“, fragte Rachel ungläubig und packte sie an den Schultern. „Sieh mich an!“, forderte sie streng. „Anne, hörst du Stimmen?“

Anne nickte. „Da ist ein Mann, er wird gefoltert und … Rachel, da ist überall Blut! Es ist sein Blut … Ich sehe, wie er leidet.“

„Okay, das genügt!“ Rachel fasste Anne am Arm und zog sie mit sich aus dem Raum. „Es tut mir sehr leid, aber die Praxis ist heute geschlossen“, wandte sie sich an die Patienten. „Es handelt sich um einen familiären Notfall. Ich bitte um Ihr Verständnis.“

Mit diesen Worten lief sie zum Aufenthaltsraum, schnappte sich ihre Handtasche und schob Anne zum Auto. Kaum saßen sie, startete sie auch schon den Motor und fuhr an. Ihr Handy hatte sie zwischen Kinn und Schulter eingeklemmt und sie sprach ihrem Mann Mark auf die Mailbox, damit er sich nicht wunderte, wo sie abgeblieben waren, sobald er aus dem OP herauskam. Als sie geendet hatte, suchte sie bereits die Nummer seiner Cousine Sarah. Sie war Psychiaterin und, nach einem Seitenblick auf Anne, die noch immer völlig abwesend war, ihre einzige Hoffnung. Gott sei Dank hob sie nach dem dritten Läuten ab.

„Sarah, hier ist Rachel, bitte sag mir, dass du in New York bist.“ Nach kurzem Lauschen atmete sie erleichtert aus. „Dem Himmel sei Dank! Kann ich zu dir kommen? Anne ist nicht ganz sie selbst und ich mache mir große Sorgen um sie.“ Wieder lauschte sie. „Ich danke dir. Ich muss gestehen, ich bin schon auf dem Weg.“

Keine Stunde später bog sie auf den Parkplatz vor Sarahs Praxis ein. Kaum hatte sie den Motor abgestellt, lief sie um den Wagen herum. „Anne, Liebes, komm, steig aus. Wir sind da.“

Anne folgte ihr wie in Trance in das Gebäude. Mit dem Lift fuhren sie in den fünften Stock und als die Türen auseinander glitten, wartete Sarah bereits im Flur auf die beiden. Die junge Frau mit ihren kastanienbraunen Haaren und den hellen Strähnen darin winkte Rachel freundlich zu und musterte Anne neugierig.

„Vielen Dank!“, rief Rachel. „Ich kann dir gar nicht sagen, wie froh ich bin, dass du Zeit hast!“

„Das ist überhaupt kein Problem“, erwiderte Sarah ehrlich. Ihre cognacfarbenen Augen strahlten Natürlichkeit und Wärme aus. Kein Wunder, dachte Rachel einmal mehr, dass sie so erfolgreich ist. Sie gab ihren Patienten das Gefühl, nur für sie da zu sein. Man sollte meinen, dass das selbstverständlich für eine Psychiaterin wäre, doch die Realität sah leider anders aus.

„Kommt doch erst einmal herein.“ Sie lotste sie in ihren Behandlungsraum und bat sie, auf der Couch Platz zu nehmen. Dann holte sie noch drei Gläser Wasser und setzte sich gegenüber.

„Was ist denn eigentlich los?“, fragte sie Rachel. Diese deutete auf Anne. „Ich weiß auch nicht. Sie hat die ganze Fahrt über nichts gesagt. Davor hat sie unzusammenhängendes Zeug geredet von einem Mann, der gefoltert wird und von Blut. Und sie hat mir gesagt, dass sie Stimmen in ihrem Kopf hört.“

Sarah nickte und beugte sich ein wenig vor. „Hallo, Anne, erkennst du mich?“

Annes Blick klärte sich ein wenig. „Hallo, Sarah. Wie geht es dir?“

Sarah lächelte freundlich. „Kannst du mir sagen, was du gesehen hast?“

Anne berichtete von dem Mann in dem Kerker, von der Folter und dem Blut. Sie erzählte die Szene detailgetreu und ließ auch das Messer, das in seiner Brust steckte, nicht aus.

„Weißt du, wer er ist?“, fragte Sarah und ließ sich nicht anmerken, ob sie Anne für verrückt hielt.

„Nein.“

„Hast du ihn schon einmal gesehen?“

„Im richtigen Leben?“, wollte Anne wissen. „Nein. Nur in meinem Kopf.“ Nach einer kurzen Pause gab sie zu. „Drei Mal.“

„Und hat er auch etwas gesagt?“

„Beim ersten Mal hat er gesagt, dass er mich bis in alle Ewigkeit lieben würde.“

„Und bei den weiteren Malen?“, bohrte Sarah nach.

„Nein. Nichts.“ Anne wusste, dass sie lügen musste, sie würde sonst sofort in die geschlossene Anstalt eingeliefert werden. Und sie könnte es Sarah nicht einmal übelnehmen.

Ich bin gefallen, weil ich mich einem Menschen offenbart habe. Das würde sie niemals laut aussprechen. Sie wusste selbst, wie verrückt das klang.

„Anne, hast du vielleicht selbst eine Vermutung, warum du Bilder eines bestimmten Mannes siehst?“

„Eigentlich nicht.“

„Wie ist es dir denn in letzter Zeit ergangen? Ist etwas anders als sonst gewesen?“

„Nun ja“, begann sie zögerlich. „Ich bin nicht mehr so ausgeglichen wie früher.“

„Das ist noch untertrieben ausgedrückt“, warf Rachel ein und Sarah hakte sofort nach. „Anne, weißt du, was deine Schwester damit meint?“

„Ich habe in den letzten Wochen Gewicht verloren. Unbeabsichtigt, meine ich. Und ich fühle mich rastlos. Regelrecht getrieben. Es fühlt sich so an, als hätte ich etwas Dringendes zu erledigen, aber ich weiß nicht, was. Oder als hätte ich etwas Wichtiges vergessen, aber ich komme einfach nicht drauf.“

Sarah nickte. „Gut, dann machen wir doch einfach eine kleine Übung. Sollte da wirklich etwas sein, das du erledigen musst, dann finden wir es heraus.“

Rachel wirkte wenig überzeugt. „Glaubst du das denn?“, wandte sie sich an Sarah.

„Ich denke, es hilft Anne, wenn sie selbst herausfindet, ob da etwas ist, das dieses Gefühl begründet.“

„Was ist denn deine Diagnose bisher?“, fragte Anne. Immerhin interessierte es sie, wie Sarah als Fachfrau ihren geistigen Zustand beurteilte. Für Annes Geschmack überlegte sie allerdings ein wenig zu lange.

„Es ist noch sehr früh, etwas Konkretes zu sagen.“ Natürlich, dachte Anne ironisch, typisch Psychiater, die reden immer um den heißen Brei herum.

„Auf den ersten Blick zeigst du die typischen Symptome einer posttraumatischen Belastungsreaktion.“ Als Rachel sie unterbrechen wollte, hob sie abwehrend die Hände. „Ich weiß selbst, dass da kein Trauma gewesen ist. Und doch sprechen die Symptome eine deutliche Sprache. Natürlich kann all dies auch stressbedingt sein. Stress kann ernsthafte psychische und auch körperliche Erscheinungen nachahmen. Man denke nur an eine Panikattacke, in der man tatsächlich glaubt, zu ersticken oder einen Herzinfarkt zu haben.“

Anne nickte. In den Genuss war sie ebenfalls bereits gekommen. Alles, was Sarah sagte, klang plausibel und doch konnte sie nicht glauben, einfach nur gestresst zu sein. Sie liebte ihre Arbeit. Normalerweise. Und sie hatte auch nicht mehr zu tun als sonst.

„Doch zurück zu dieser Übung. Anne, bist du bereit?“

Anne nickte. Ihr war zwar nicht ganz wohl dabei, jemanden in ihrem Kopf herumwerkeln zu lassen, doch sie bezweifelte, dass sie verrückter hier rausgehen würde, als sie hereingekommen war.

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960876885
ISBN (Buch)
9783960877790
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v465339
Schlagworte
Engel-dämonen-roman historische-r-fantasy-liebe-s-roman-e gefallene-r-engel urban-fantasy-roman-tasy erzengel dämonen-liebes-roman-e fantasy-liebe-s-roman-e

Autor

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    Andie Krown (Autor)

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Titel: Das Licht der Seele