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Wilder Retter meines Herzens

von Anne Gracie (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Faith Merridew lässt ihr ganzes Leben hinter sich für jenen Mann, den sie für die Liebe ihres Lebens hält. Doch statt sie zu heiraten zerstört er ihren guten Namen und ihre Träume auf einen Schlag. In einem Moment größter Not begegnet ihr Nicholas Blacklock, ein Kriegsveteran, der ihr anbietet, ihren Ruf mit einer Zweck-Ehe zu retten.
Der verbitterte Soldat Nick verbirgt ein tödliches Geheimnis. Aus genau diesem Grund versucht er seine Zukünftige auf Distanz zu halten. Doch obwohl Nick mit einem einzigen Wort ganze Legionen kommandiert, werden seine Anweisungen von seiner Braut starrköpfig ignoriert. Und als die beiden sich näher kennenlernen, bringt Faith in ihm Dinge hervor, die er lange für tot hielt: Sanftmut, Freude und … Liebe. Kann sie sein Schicksal, das er für in Stein gemeißelt hielt, ändern?

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe 2006
Überarbeitete Neuausgabe Mai 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-767-7

Copyright © 2006 by The Berkley Publishing Group, a member of Penguin Group (USA) Inc.
Titel des englischen Originals: The Perfect Stranger

Alle Rechte vorbehalten einschließlich der Wiedergabe im Teil oder Ganzen.

© für die deutsche Übersetzung erschienen im CORA-Verlag in der Reihe Historical Gold, 2011, by HarperCollins Germany GmbH, Hamburg.

Copyright © 2014, MIRA Taschenbuch in der Harlequin Enterprises GmbH
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits 2014 bei MIRA Taschenbuch in der Harlequin Enterprises GmbH erschienenen Titels Wilder Retter meines Herzens (ISBN: 978-3-95649-015-6).

Übersetzt von: HarperCollins Germany GmbH
Covergestaltung: Rose & Chili Design
Korrektorat: Susanne Meier

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

1. Kapitel

Lang und beschwerlich ist der Weg, der aus der Hölle zum Licht führt.

-John Milton-

In der Nähe von Calais, Frankreich, September 1818

Stimmen. Da waren Stimmen in der Dunkelheit, irgendwo in den Dünen. Männerstimmen.

Faith Merridew setzte sich auf. Ein Licht tanzte oberhalb von ihr über den Sand. Es bewegte sich langsam und stockend auf ihr Versteck zu.

Où es-tu, ma jolie poulette? Wo bist du, mein hübsches Schätzchen?“ Der Mann, wer immer er auch sein mochte, klang betrunken.

Sie hörte, wie eine andere Person im Dunkeln stolperte und in einen der niedrigen Sträucher stürzte, die auf den Dünen wuchsen. Er fluchte. „Bist du sicher, dass sie dort ist?“, fragte er auf Französisch.

Oui. Ich habe sie hineingehen und nicht wieder herauskommen sehen. Sie wartet in ihrem gemütlichen Nest auf uns.“ Der Sprecher lachte heiser auf, zwei andere Männer stimmten in sein Gelächter ein. Drei Männer also, wenn nicht noch mehr.

Faith wollte nicht abwarten, bis sie darüber Gewissheit hatte. Sie packte ihren handgewebten Wollumhang und ihr Retikül, duckte sich und fing an zu laufen, so schnell sie konnte.

Hinter ihr lag die Stadt und vor ihr – wer wusste das schon? Sie hatte jedoch nicht vor, in die Stadt zurückzukehren, schon gar nicht bei Nacht. Die Stadt bot ihr auch keine Zuflucht, das hatte sie bereits auf unangenehme Weise zu spüren bekommen. Die Stadt war voll von Männern wie diesen hier. Männer, die sie überhaupt erst dazu gebracht hatten, sich in den Dünen zu verstecken.

Es gab keine Alternative. Sie lief auf den Strand zu.

Là-bas! Da unten!“ Sie hatten sie entdeckt und nahmen die Verfolgung auf.

Es gab keinen Grund mehr, sich möglichst lautlos zu verhalten. Sie fing an zu rennen, quer durch die struppigen Büsche und das Dünengras. Ihr Rock blieb an kleinen Ästen und spitzen Dornen hängen. Faith zerrte ihn frei, raffte ihn hoch und rannte weiter. Die Dornen zerkratzten ihre Beine, doch sie merkte es nicht. Hinter ihr trampelten die Männer durch das Gestrüpp, der Abstand zwischen ihnen und Faith verringerte sich.

In diesem Moment stolperte sie über eine Wurzel und stürzte. Ein greller Schmerz durchzuckte ihr Gesicht. Einen Moment lang versuchte sie vergeblich zu atmen, doch dann strömte die Luft wieder in ihre Lungen, und Faith richtete sich mühsam auf.

Sie lauschte in die Richtung, wo sie ihre Verfolger vermutete, und in dem Moment hörte sie etwas anderes. Musik. Leise, aber ganz in der Nähe.

Wo Musik war, waren auch Menschen. Menschen, die ihr vielleicht helfen würden. Oder auch nicht. Vielleicht waren sie ja wie die Männer in der Stadt oder wie die, die sie jetzt verfolgten.

Ihr blieb keine andere Wahl. Sie konnte sich nicht einfach wie ein Hase von der Meute jagen lassen. Sie musste es riskieren. Sie würde weiterrennen, geradewegs auf die Musik zu, und beten, dass sie dort Rettung fand.

In der Musik hatte sie schon einmal Zuflucht gesucht. Und letztlich war sie ihr Untergang gewesen.

Um noch schneller laufen zu können, rannte sie jetzt über den offenen Strand auf das Meer zu, dorthin, wo der Sand am festesten war. Bei jedem Schritt schmerzte ihr Knöchel unerträglich. Sie hörte Schreie hinter sich, als ihre Verfolger sie entdeckten. Faith rannte, rannte um ihr Leben, immer weiter in die Richtung, aus der die Musik ertönte.

Ihre schweren Stiefel behinderten sie. Im dornigen Gestrüpp hatten sie ihre Füße geschützt – ihre eigenen dünnen Schuhe hätten das nie vermocht –, aber jetzt sog der Sand förmlich an ihnen. Faith hatte keine Zeit, stehen zu bleiben und die Stiefel auszuziehen. Ihr Atem ging keuchend, sie verspürte Stiche in der Seite, aber sie achtete nicht darauf.

Sie umrundete eine kleine Landzunge. Ein Feuer flackerte am Fuß der Dünen. Schwer atmend rannte sie darauf zu. Ein Lagerfeuer mit einem Kessel darüber. Fischer?

Eine einsame Gestalt saß am Feuer und spielte leise auf der Gitarre – eine spanisch anmutende Weise, die wie perlendes Wasser oder Wein in die Nacht hinausströmte. Ein Mann. Ein Zigeuner? Ein riesiger Hund erhob sich aus dem Schatten. Faith erstarrte. In der vergangenen Woche waren bereits zweimal Hunde auf sie gehetzt worden. Dieser hier war so groß, dass er ihr sicher mühelos die Kehle durchbeißen konnte.

„Là-bas!“ Ihre Verfolger stürmten um die Landzunge herum. Nichts, nicht einmal ein Höllenhund, konnte schlimmer sein als das, was diese Männer vorhatten. Das schiere Entsetzen trieb sie weiter voran.

„Aidez-moi!“, keuchte sie, als sie auf den Mann zu stolperte. „Aidez-moi, je vous implore! Helfen Sie mir, ich flehe Sie an!“

Die Musik verstummte. Aus dem leisen Knurren des Hundes wurde wütendes Gebell.

„Aus, Wulf!“ Das tiefe Bellen hörte augenblicklich auf, obwohl der Hund weiter knurrte.

„Aidez-moi!“, wiederholte sie mit letzter Kraft, kaum lauter als ein Flüstern.

Doch der Mann hatte sie gehört. Er streckte die Hand nach ihr aus. Ein Rettungsanker! „Viens ici, petite“, war alles, was er sagte. „Komm her, Kleine.“

Seine Stimme klang tief, ruhig und sicher, und sie schien irgendetwas tief in Faiths Innern anzusprechen. Und so, trotz der Tatsache, dass sie sein Gesicht nicht sehen konnte, trotz des knurrenden Ungeheuers an seiner Seite, nahm sie ihre letzte Kraft zusammen und schwankte auf ihn zu. Er war so groß und stark, und sie fand, dass seine Stimme fest und zuversichtlich klang. Er konnte kaum grausamer sein als die, die hinter ihr her waren, und außerdem war sie mit ihren Kräften am Ende.

Wieder verfing sich ihre Stiefelspitze im Gestrüpp. Sie knickte mit ihrem verletzten Knöchel um und prallte gegen den Mann. Er hielt sie zwar fest an seine Brust gedrückt, aber durch die Wucht des Aufpralls verlor er das Gleichgewicht und fiel rücklings in den Sand.

Einen Moment lang lag sie erschöpft und nach Luft ringend auf seiner breiten, festen Brust. Der Mann rührte sich nicht, als hätte ihm der Sturz ebenfalls den Atem verschlagen. Er hatte die Arme um sie geschlungen, und sie spürte seine harten, kräftigen Muskeln. Er roch frisch und sauber, nach Salz, Rauch und Seife.

Der Hund bellte wieder, doch jetzt wurde seine Aufmerksamkeit in die Dunkelheit gelenkt. Ihre Verfolger mussten fast hier sein.

Während Faith sich mühsam aufrichtete, suchte sie nach den richtigen französischen Worten, um ihm alles erklären und ihn um Hilfe bitten zu können. Aber nicht ein einziges Wort wollte ihr einfallen. Sie kniete sich neben ihn in den Sand und versuchte angestrengt, sich zu konzentrieren.

Seine Gesichtszüge lagen im Schatten. „Mademoiselle?“, fragte er beinahe schroff.

Sie öffnete hilflos den Mund – und schloss ihn wieder. „Es tut mir leid, es tut mir so leid“, flüsterte sie auf Englisch. „Mir fallen die Worte einfach nicht ein. O Gott!“

„Sie sind Engländerin!“, entfuhr es ihm, und er stand abrupt auf. Er kam ihr unglaublich groß vor.

Faith nickte. „Ja. Ja, das bin ich. Und Sie …?“ Seine Worte durchdrangen endlich den Nebel in ihrem Gehirn. Er war ebenfalls Engländer.

„Gott sei Dank. Gott sei Dank!“, hauchte sie, obwohl ihr schleierhaft war, warum sie sich bei ihm sicherer fühlen sollte, nur weil er sauber und noch dazu Engländer war. Und doch war es irgendwie so.

Der Hund fing erneut wütend zu bellen an, und Faith riss sich zusammen. „Diese Männer werden jeden Moment hier sein …“

Er wandte den Blick nicht von ihr ab, bückte sich und streckte die Hand nach ihr aus. „Können Sie aufstehen?“ Ganz am Rande nahm sie wahr, dass er ohne jeglichen Akzent sprach, genau wie ein Gentleman.

Sie nickte, obwohl sie am ganzen Leib zitterte, und er half ihr mit festem Griff, auf die Beine zu kommen. Ängstlich starrte sie in die Dunkelheit. Der Hund knurrte und fletschte die Zähne. Er spürte eindeutig ihre Verfolger, obwohl die sehr leise geworden waren. „Genug, Wulf!“ Der Hund gehorchte, und Stille breitete sich aus.

Vor dem schimmernden Hintergrund des Meeres zeichneten sich undeutlich drei Gestalten ab.

„Sie sind hinter mir her.“

„Das habe ich bereits vermutet. Aber warum? Haben Sie ihnen etwas gestohlen?“

„Nein!“, widersprach sie empört. „Sie wollen … Sie glauben … Sie denken, ich wäre …“

Er betrachtete sie mit einem kühlen, abschätzenden Blick. „Ich verstehe“, erwiderte er knapp.

Er dachte das Gleiche wie die Männer, das hörte sie seinem Tonfall an. Sie senkte den Kopf, zu gedemütigt, um sprechen zu können.

„Setzen Sie sich dorthin, ans Feuer. Ich kümmere mich um sie.“

„Aber es sind drei Männer! Vielleicht sogar noch mehr!“

Er lächelte beinahe grausam und entblößte dabei schimmernde Zähne. „Gut.“

Gut? Faith wünschte, sie hätte seine Gesichtszüge deutlicher sehen können. Was meinte er bloß damit – gut?

Aus der Dunkelheit ertönte eine raue Männerstimme auf Französisch. „He, Sie da! Die Frau gehört uns.“

Oui, geben Sie sie uns zurück, dann machen wir auch keine Schwierigkeiten“, fügte ein anderer hinzu.

Der große Mann antwortete ebenfalls auf Französisch. „Die Frau gehört mir.“ Der Hund knurrte, als wollte er diese Worte noch unterstreichen.

Die Frau gehört mir. Das unerbittliche Feststellen einer Tatsache. Faith erschauerte. Musste sie jetzt vor vier Männern fliehen, anstatt vor drei? Sie sah zu ihm auf, eine große, gesichtslose Silhouette vor dem Feuer. Ihr Zorn regte sich. Sie gehörte keinem Mann. Seit sie Felix verlassen hatte, dachten alle möglichen Männer anscheinend, sie könnten sich einfach bedienen. War das wirklich erst zehn Tage her? Ihr erschien es eher wie ein nicht enden wollender Albtraum, der von Mal zu Mal schlimmer wurde.

Der erste Mann fluchte. „Das Flittchen gehört uns, wir haben es zuerst gefunden.“ Er spuckte aus. „Sie können die Frau haben, wenn wir mit ihr fertig sind.“

Sie hatten vor, sie sich zu teilen? Großer Gott! Faith fing wieder an zu zittern. Sie sah sich nach einer Waffe um, einem Messer vielleicht oder einem dicken Stock, aber sie konnte nichts Nützliches entdecken. Die dicksten Äste waren ins Feuer geworfen worden. Sie würde fliehen müssen. Wieder einmal. Ihr Seitenstechen hatte aufgehört und ihr Atem ging – fast – wieder regelmäßig. Das Gesicht tat ihr weh und der Knöchel schmerzte, aber alles in allem war sie besser imstande zu rennen als noch vor kurzer Zeit. Sie beugte sich unauffällig nach vorn und begann, ihre schweren Stiefel aufzuschnüren. Im Sand würde sie barfuß schneller sein.

Der Hüne bückte sich und packte ihr Handgelenk. „Lassen Sie das“, forderte er sie sanft auf und zog sie wieder zu sich hoch. „Sie werden nicht weglaufen müssen. Sie haben mein Wort, dass Sie in Sicherheit sind.“

Lauter und mit einem drohenden Unterton rief er den Männern zu: „Dieses Mädchen gehört zu mir, und ich werde es mit niemandem teilen. Es bleibt bei mir.“ Er wandte sich leise an Faith. „Sehen Sie die Satteltaschen dort drüben auf der Decke neben der Gitarre? In ihnen befinden sich zwei Pistolen. Holen Sie sie mir, seien Sie ein braves Mädchen. Ich will diese Schurken nicht aus den Augen lassen.“

Seien Sie ein braves Mädchen? Das klang nicht gerade so, als wollte er ihr Gewalt antun.

„Wir haben sie zuerst entdeckt!“, rief einer der Männer wütend.

„Sie wollen sie haben? Dann kommen Sie und holen sie sich. Aber vorher werden Sie mich umbringen müssen.“ Zu Faiths Erstaunen lächelte er erneut. Doch an diesem Lächeln war nichts Freundliches oder Belustigtes. Es war eher wie eine zähnefletschende Vorfreude auf einen Kampf.

Hämisches Gelächter ertönte. „Pah, wir sind drei gegen einen, Engländer! Wir werden Sie an die Fische verfüttern!“

Wieder lächelte Faiths Engländer dieses schreckliche Lächeln, als wollte er sagen: Wir werden ja sehen.

Faith fand die Pistolen, eilte zu ihm zurück und drückte sie ihm in die Hände. Die Männer im Schatten murmelten etwas, als diskutierten sie miteinander. Oder schmiedeten einen Plan.

Er prüfte die Pistolen ohne Eile. Faith starrte ihn an und bewunderte seine Ruhe. Einer gegen drei! Er war groß und breitschultrig, aber nicht so stämmig wie die drei anderen. Wahrscheinlich waren sie die Sorte von Rohlingen, die bis an die Zähne mit Messern bewaffnet waren, und obwohl der Engländer zwei Pistolen hatte, konnte er damit bestenfalls auch nur zwei der Angreifer unschädlich machen. Diese schrecklich ungleich verteilten Chancen schienen ihn nicht im Geringsten zu beunruhigen.

Plötzlich empfand sie so etwas wie Selbstverachtung. Dieser Mann, ein Fremder, dessen Namen sie nicht einmal kannte, setzte sein Leben für sie aufs Spiel. Sie sollte sich nicht hinter ihm verschanzen und es ihm und seinem Hund überlassen, sie vor den Angreifern zu beschützen. In der letzten Woche hatte sie den Vorsatz gefasst, endlich zu lernen, auf sich selbst aufzupassen und nicht mehr von anderen abhängig zu sein – um nichts auf der Welt! Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, ihren Vorsatz zu beherzigen.

Sie lief zum Feuer, wählte einen dicken langen Ast aus, der an einem Ende noch brannte, und zog ihn aus den Flammen. Sie bemühte sich, ihr Zittern unter Kontrolle zu bringen und trat neben ihren unbekannten Helden.

„Ich werde ebenfalls kämpfen“, rief sie und schüttelte den brennenden Ast in die Richtung der nur schemenhaft zu erkennenden Franzosen.

Ihr Beschützer lachte schallend auf, dieses Mal mit echter Belustigung. „Recht so!“ Er hob die Stimme. „Ein Mann, ein Mädchen und ein Hund! Drei gegen drei! Also kommt schon, ihr Schurken, und zeigt, aus welchem Holz ihr geschnitzt seid!“

Faith schwenkte den Ast und hoffte, dabei Furcht einflößend zu wirken. Der Feuerschein des brennenden Endes fiel auf die Züge ihres Beschützers, und zum ersten Mal konnte sie sein Gesicht sehen. Der Eindruck von Stärke drängte sich auf. Eine kühne Nase. Dunkles Haar, dicht und zerzaust, das einen Haarschnitt gebrauchen konnte. Hohe Wangenknochen. Ein energisches, unrasiertes Kinn mit dunklen Bartstoppeln. Seine Augen glänzten im Flammenlicht, fast, als freute er sich auf einen Kampf. Was natürlich absurd war.

Er hob erst eine Pistole an, dann die andere. Silberne Zwillingsläufe blinkten auf. Er schwenkte sie mit einer erfahrenen Gelassenheit, die sogar Faith auffiel. Die drei Männer im Dunkeln waren auf einmal ganz still.

„Nicht mehr ganz so mutig, was, ihr Helden?“ Seine Miene wurde grimmig. „Dann verkriecht euch wieder in die Gosse, aus der ihr gekommen seid, oder ihr lernt englisches Metall kennen!“

Faith wartete, den Atem anhaltend, ab. Natürlich bluffte er nur. Auf die Entfernung und im Dunkeln konnte er unmöglich treffen. Wenn jemand eine offene Zielscheibe darbot, dann er, vor dem Hintergrund der lodernden Flammen.

Das Schweigen zog sich in die Länge. „Also gut, Monsieur, Sie haben gewonnen“, rief schließlich einer. Schwere Schritte zermalmten das Gestrüpp und entfernten sich. Faith atmete erleichtert auf.

„Bewegen Sie sich nicht“, flüsterte der hochgewachsene Mann an ihrer Seite. Er stand genauso angespannt da wie sein Hund, den Kopf konzentriert zur Seite geneigt.

Faith erstarrte.

„Werfen Sie den Ast weg und kauern Sie sich tief auf den Boden“, befahl er ihr leise. „Ich will Sie aus der Schusslinie haben.“

Sie schleuderte den Ast in den Sand und duckte sich ganz tief, während sie angestrengt in die Dunkelheit starrte. Die Ohren des Hundes zuckten. Der Engländer schloss die Augen und lauschte in die Nacht hinaus. Faith hörte nichts.

Umso heftiger schrak sie zusammen, als er plötzlich über ihren Kopf hinweg ins Dunkel feuerte. Ein Schmerzensschrei ertönte, gefolgt von wüsten Verwünschungen.

„Guter Schuss, aber kannst du auch an drei Fronten kämpfen?“, höhnte einer der Männer.

„Es ist mir ein Vergnügen“, erwiderte er und schoss in die Richtung, aus der die Stimme ertönt war. Ein neuerlicher Schwall von Flüchen.

„Zum Teufel, Engländer, wie kann man so genau zielen? Es ist stockfinster!“

„Der Teufel ist in der Tat auf meiner Seite, und ich kann im Dunkeln sehen“, gab er ruhig zurück. Er warf eine der Pistolen auf die Decke und wandte sich an Faith. „Holen Sie mir auch einen brennenden Ast.“

Sie beeilte sich, ihm zu gehorchen, und als sie ihm den Ast reichte, sah sie im Feuerschein eine bösartig wirkende Klinge aufblitzen. Die Franzosen waren also nicht die Einzigen, die Messer bei sich hatten. Er hob den Ast hoch und schwenkte ihn so mühelos über seinem Kopf, als wäre es nur ein Grashalm. Funken sprühten, aber er achtete nicht darauf. „Kommt her, ihr Feiglinge, zeigt euch!“ Er tat einen Schritt nach vorn. Faith bückte sich nach ihrem eigenen Ast, um ihm zu folgen. „Sie bleiben hier“, forderte er sie auf. „Sie würden mir nur im Weg sein.“

Er ging weiter und schwenkte den Ast, schneller und immer schneller. Seine grimmige Entschlossenheit war faszinierend – ein mythischer Krieger, umgeben von Flammen und mit einem Hund an seiner Seite, der direkt der Hölle entsprungen zu sein schien.

Der Engländer sah über alle Maßen furchterregend aus. Und über alle Maßen prachtvoll.

Plötzlich schleuderte er den Ast auf eine schemenhafte Gestalt, und schon stürzten sich die beiden anderen auf ihn. Den einen wehrte er mit einem Tritt ab, den anderen mit einem Fausthieb ins Gesicht. Faith konnte kaum erkennen, was sich abspielte; da waren nur Schatten und schreckliche Geräusche – Fausthiebe, brechende Knochen und das Keuchen der kämpfenden Männer.

Es war unglaublich, aber ihr Engländer schien zu gewinnen. Dem größten der Männer verpasste er zwei furchtbare Schläge, hob ihn dann scheinbar mühelos auf und schleuderte ihn ins Gestrüpp. Der Rohling schrie auf, als er in einem Dornbusch landete.

Während ihr Beschützer mit dem anderen Mann kämpfte, schlich sich der dritte von hinten an ihn ran. Ein Messer blinkte auf. Faith gab einen Warnschrei von sich. Der Engländer packte seinen Gegner, fuhr mit ihm zusammen herum und stieß ihn in das gezückte Messer des anderen Angreifers. Ein weiterer Aufschrei und neuerliche Flüche.

Und dann herrschte plötzlich Stille. „Behalte sie doch, Engländer“, stöhnte einer der Männer. „Ich hoffe, sie steckt dich mit den Pocken an!“ Die drei Angreifer verschwanden schwankend in der Dunkelheit.

Mann, Frau und Hund warteten, bis keinerlei Rückzugsgeräusche mehr zu vernehmen waren. Der Hund hörte auf zu knurren, seine gesträubten Nackenhaare legten sich, und schon bald waren nur noch das Knistern des Feuers und das entfernte Rauschen der Brandung zu hören.

„Sie sind fort“, stellte der Mann knapp fest.

„S…sind Sie sicher?“

„Ja. Beowulf wäre nicht so entspannt, wenn noch irgendjemand in der Nähe wäre, nicht wahr, Wulf?“ Der Hund sah erst zu ihm auf, dann zu Faith. Er knurrte leise und fletschte die beeindruckenden Zähne. Faith erschauerte. Das furchterregende Geschöpf war riesig, fast so groß wie ein kleines Pferd, und struppig. Beowulf? Er sah eher aus wie eines der legendären Ungeheuer, die der angelsächsische Held gleichen Namens bekämpft hatte.

„Keine Angst. Er mag Frauen nicht, aber er wird Ihnen nichts zuleide tun. Und? Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“

„Ja, vielen Dank. Doch was ist mit Ihnen, sind Sie verletzt?“

„Ich? Natürlich nicht.“ Er sagte das, als wäre allein der Gedanke völlig absurd.

Als ihr klar wurde, dass sie in Sicherheit war, begann sie plötzlich wieder am ganzen Leib zu zittern. „D…danke, dass Sie mich g…gerettet haben.“ Vollkommen unzulängliche Worte angesichts dessen, was er für sie getan hatte.

„Nicholas Blacklock, zu Ihren Diensten.“ Er streckte die Hand aus, und Faith legte ihre in seine. Auch ihre Hand zitterte wie Espenlaub.

Als er es merkte, runzelte er die Stirn und drückte ihre Hand fester. „Es ist vorbei, Ihnen kann nichts mehr passieren.“ Bei ihm klang das fast wie ein Befehl.

„Ja.“ Sie biss sich auf die Unterlippe. „Ich weiß.“

Er begutachtete ihr Gesicht, und seine Miene verfinsterte sich. „Kommen Sie mit ans Feuer, Ihr Gesicht muss behandelt werden. Können Sie laufen?“

„Ja, natürlich.“ Sie machte Anstalten, aufs Feuer zuzugehen, aber aus irgendeinem unerfindlichen Grund schienen ihre Beine sie nicht zu tragen. Ein Schreckenslaut entfuhr ihr, als sie stolperte und beinahe hingefallen wäre.

Er fluchte leise, und ehe Faith sich versah, hatte er sie auf die Arme gehoben und trug sie ans Feuer.

Nick nahm ein Aufflackern in ihrem Blick wahr – Angst? Überraschung? Sie erstarrte in seinen Armen, als bereitete sie sich zur Flucht vor. Er umfasste sie fester. „Kleine Närrin!“, grollte er. „Warum haben Sie mir nicht gesagt, dass Sie verletzt sind? Ihrem Gesicht kann ich das ansehen, aber nicht Ihren Beinen!“

Sie warf ihm einen unsicheren Blick zu, entspannte sich aber ein wenig. Die Arme ließ sie hängen, als wüsste sie nicht, was sie mit ihnen tun sollte. Doch dann legte sie einen Arm um seinen Nacken – und sah Nick dabei argwöhnisch an. Als er keinen Einwand erhob, wurde sie mutiger und hielt sich mit der anderen Hand krampfhaft an seiner Hemdbrust fest, aus Furcht, er könnte sie fallen lassen. Sie ist es nicht gewohnt, von einem Mann getragen zu werden, dachte er.

Und das überraschte ihn. Ihr grünes Kleid war tief genug ausgeschnitten, um zierliche, aber durch und durch weibliche Rundungen erkennen zu lassen. Es war aus Seide oder irgendeinem anderen edlen Stoff, auch wenn es fleckig und an einigen Stellen eingerissen war. Ihr Umhang hingegen war dick, kratzig und schwer; handgesponnene Wolle, vermutete er. Eine völlig unpassende Zusammenstellung.

Wie sie sich so an seine Brust schmiegte, konnte er nicht umhin, ihren Duft einzuatmen. Sein Körper reagierte genau wie beim ersten Mal, als sie ihn hintenüber in den Sand geworfen hatte. Erregt. Spontan und heftig. Unwillkürlich blähten sich seine Nasenflügel auf, als er ihren Duft wie ein witterndes Tier einsog.

Ein Glück, dass es so dunkel war; er hatte keine Macht über seinen Körper. Nick zwang sich, sich auf dieses Rätsel zu konzentrieren. Sie duftete frisch, weiblich. Nicht ein Hauch von Parfum, nur ihr ganz eigener Duft, der ihn so erregte. Sie sah aus wie ein zerlumptes Straßenmädchen, ihre Kleidung war schmutzig und zerrissen, und doch roch sie frischer als eine ganze Reihe von feinen Damen, die ihm in den Sinn kamen. Zu viele Leute, die er kannte, überschütteten sich mit Parfum, anstatt sich zu waschen. Dennoch war es diesem verwahrlosten kleinen Geschöpf gelungen, sich selbst in dieser Ausnahmesituation sauber zu halten.

Törichte Frau! Was zum Teufel hatte sie überhaupt in diesen französischen Dünen zu suchen? Ein missratenes Stelldichein? Das bezweifelte er. Trotz ihrer grotesken Kleidung kam sie ihm nicht wie ein Straßenmädchen vor. Aber was war sie dann?

Sie klang, als wäre sie von vornehmer Abstammung. Ihre Sprache war frei von jedwedem Dialekt, selbst in Augenblicken größten Entsetzens. Nicks Erfahrung nach fielen alle affektierten Angewohnheiten von den Menschen ab, sobald sie Todesangst verspürten. Also war ihre gewählte Ausdrucksweise etwas ganz Natürliches für sie.

Allerdings gingen wohlerzogene englische junge Damen nirgendwo ohne Begleitung hin, und sie trieben sich schon gar nicht nach Anbruch der Nacht allein in französischen Dünen herum.

Mit dem Fuß schob er die Gitarre zur Seite, die er bei ihrem ersten Hilferuf fallen gelassen hatte, und setzte die Unbekannte auf die Decke am Lagerfeuer.

Eine Weile beobachtete er sie, während sie mit zitternden Händen versuchte, ihre Kleidung zu ordnen, ihr Haar nach hinten zu streichen und wieder einigermaßen Haltung anzunehmen. Sie war zierlich und sah ziemlich ramponiert aus. Ihre Nase schälte sich, ihre Haut war fleckig und voller Kratzer, und ihr ganzes Gesicht wirkte irgendwie schief. Durch eine erhebliche Schwellung, wie er bei genauerem Hinsehen feststellte. Ihr Haar war zu einem straffen Knoten zusammengefasst, aus dem sich ein paar Strähnen gelöst hatten.

Sie wog nicht viel. Sie ist auch nicht gerade eine Augenweide, dachte er, und wieder wunderte er sich über die Reaktion seines Körpers. Das einzig wirklich Schöne an ihr waren diese großen Augen mit den langen, dunklen Wimpern. Klar wie Quellwasser und jeden einzelnen ihrer Gedanken widerspiegelnd. Es waren Augen, in denen sich ein Mann verlieren konnte – wenn er das denn wollte. Nick hatte nicht vor, sich in den Augen irgendeiner Frau zu verlieren.

Und dann war da noch ihr Mund. Ihren Mund konnte er kaum ansehen. So weich, so verführerisch, so verletzlich … Er hatte noch nie einen Mund gesehen, der mehr zum Küssen einlud. Aber auch das hatte er natürlich nicht vor.

„D…danke. Es tut mir leid, ich wollte nicht …“ Ihre Stimme brach, und Nick bereitete sich im Stillen auf einen hysterischen Anfall vor.

Sie überraschte ihn damit, dass sie tief durchatmete und sich zusammennahm. Mit bebender Stimme sagte sie: „Es tut mir sehr leid, dass ich Sie in meine Schwierigkeiten mit hineingezogen habe, aber ich wusste mir nicht anders zu helfen. Ich bin Ihnen so dankbar, dass Sie mir beigestanden haben. Sie waren so mutig und haben so viel aufs Spiel gesetzt für …“

„Unsinn“, unterbrach er sie schroff. „Ich bin … war Soldat. Ich habe nichts gegen einen Kampf, und diese drei waren wohl kaum eine ernsthafte Bedrohung.“ Ihre Unterlippe zitterte. Nick fasste in seine Manteltasche und zog eine kleine Flasche heraus. „Hier, trinken Sie. Das wird Ihre Nerven beruhigen.“

„Aber ich …“

„Selbst abgehärtete Soldaten fangen manchmal nach einer Schlacht zu zittern an.“ Er drückte ihr die flache silberne Flasche in die Hand. „Widersprechen Sie nicht, trinken Sie.“

Sie warf ihm einen misstrauischen Blick zu. Er verdrehte ungeduldig die Augen. „Ich habe nicht vor, Sie betrunken zu machen, Mädchen! Tun Sie einfach, was ich Ihnen gesagt habe, und trinken Sie einen Schluck oder zwei. Es wird Ihnen guttun. Es beruhigt die Nerven und wärmt Sie auf.“

„Mir ist nicht kalt“, widersprach sie, nahm die Flasche aber trotzdem an.

Er kauerte sich vor sie und griff nach ihrem Rocksaum.

„Aufhören! Was machen Sie da?“, rief sie und versuchte, seine Hand wegzuschieben.

Er hielt ihre Hände fest und sah sie streng an. „Seien Sie nicht albern! Wie, zum Teufel, soll ich mir Ihren Knöchel ansehen, wenn ich den Rock nicht etwas anhebe?“

Sie bedachte ihn mit einem aufgebrachten Blick. „Warum wollen Sie sich meinen Knöchel ansehen?“

„Weil er verletzt ist natürlich!“

Sie sah zweifelnd auf ihren Knöchel. „Er schmerzt tatsächlich, ziemlich stark sogar“, gab sie zu und klang dabei fast überrascht.

Er kam zu dem Schluss, dass sie wahrscheinlich zu große Angst gehabt hatte, um den Schmerz spüren zu können. Das war nicht ungewöhnlich. Die Leute bemerkten ihre Verletzungen erst, wenn der Kampf vorbei war. Er ließ ihre Hände los und griff nach der Flasche, die sie vor Schreck hatte fallen lassen. „Ich habe Ihnen doch gesagt, Sie sollen trinken! Das hilft auch gegen die Schmerzen.“

Die Flasche war aus Silber, zerkratzt, zerbeult und noch warm, weil er sie an seinem Körper getragen hatte. Faith schraubte den Verschluss auf und führte das Gefäß an die Lippen. Flüssiges Feuer rann durch ihre Kehle, und sie fing prompt zu würgen und zu husten an, bis es sich in ihrem leeren Magen ausbreitete.

„W…was war das?“, keuchte sie, sobald sie wieder Luft bekam. „Das habe ich noch nie getr…“

„Brandy. Nicht gerade ein Getränk für eine Dame, aber Sie brauchten das nach dem Schock, den Sie erlitten haben.“

Sie wischte sich über ihre tränenden Augen. „Sie meinen, Sie ersetzen einen Schock durch einen anderen.“ Ihre Stimme klang heiser vom Husten, aber Nick entging ihr tapferer Versuch, einen Scherz zu machen, dennoch nicht.

„Sie werden das schon überstehen“, erwiderte er sanft.

Die ruhigen, fast anerkennend klingenden Worte taten ihr gut. Irgendetwas war an der Art, wie er sprach – etwas Bezwingendes. Er hatte gesagt, er wäre Soldat gewesen. Ein Offizier, vermutete sie. Er strahlte sie aus, diese natürliche Gewohnheit, Befehle zu erteilen.

Jetzt, nachdem das erste Brennen des Brandys verflogen war, breitete sich eine wohlige Wärme in ihr aus. Sie konnte spüren, wie sich ihre Nerven beruhigten.

„Ich danke Ihnen.“ Als sie ihm die Flasche zurückgab, sah sie seine aufgeschrammten Fingerknöchel, Folgen des vorangegangenen Kampfes. „Ihre Hände …“, begann sie.

Er zuckte mit den Achseln. „Das ist nichts.“ Er setzte die Flasche an die Lippen – genau dort, wo ihre eigenen Lippen die Flasche noch vor wenigen Augenblicken berührt hatten – und nahm einen kräftigen Schluck, ohne auch nur ein einziges Mal zu husten. „Wie heißen Sie?“

Faith zögerte.

„Ich habe Ihnen meinen Namen bereits genannt, Nicholas Blacklock“, erinnerte er sie.

„Faith Merrid … Merrit“, korrigierte sie sich rasch. Es war nicht gut, ihren wirklichen Namen zu nennen. Schlimm genug, dass sie Schande über sich selbst gebracht hatte, aber den guten Ruf ihrer Schwestern wollte sie nicht auch noch schädigen.

„Sehr erfreut, Miss … Merrit.“ Die bewusste Pause verriet ihr, dass er ihre Korrektur bemerkt hatte, aber er sagte nichts weiter dazu. „So, und nun lassen Sie mich Ihren Knöchel untersuchen.“

Faith zuckte zusammen, als er seine sehnigen Hände unter ihren Rock schob und die zarte Haut ihrer Kniekehlen berührte. „Was …?“

„Ich wollte Ihr Strumpfband lösen und Ihnen den Strumpf ausziehen.“ Er sagte das ganz gelassen, obwohl er sofort gespürt haben musste, dass sie gar keine Strümpfe trug.

Faith ließ den Kopf hängen. Keine anständige Frau würde ohne Strümpfe herumlaufen. „Meine Strümpfe waren voller Löcher. Ich habe sie benutzt, um die Stiefel auszupolstern.“

„Ich verstehe.“ Er hob ihren Rock an und legte ihn über ihre Knie. Tödlich verlegen versuchte Faith, den Rock wieder hinunterzuziehen, doch Blacklock hielt sie mit einem einzigen Blick davon ab. Wie schaffte er das bloß?

Der Feuerschein fiel auf ihre Beine, und um Blacklocks Lippen trat ein angespannter Zug, als er anfing, ihr die Stiefel aufzubinden. Sie wusste sofort, was er dachte. Keine Dame würde so grobes Schuhwerk tragen.

„Meine eigenen Schuhe waren viel zu dünn und leicht. Ich habe sie gegen die Stiefel eingetauscht“, murmelte sie. Er antwortete nicht.

Behutsam legte er eine Hand unter ihre Wade und zog ihr vorsichtig erst den einen, dann den anderen Stiefel aus. Faith hörte, wie er geräuschvoll den Atem einsog. Langsam löste er die Strümpfe, die sie sich um die Füße gewickelt hatte, und hielt sofort inne, als sie zusammenzuckte.

Er richtete sich auf und sah sie aufgebracht an. „Wie um alles in der Welt sind Sie in diesen Zustand geraten?“ Er sprach vollkommen ruhig, dennoch spürte sie den Zorn tief in seinem Innern.

Sie wandte den Blick ab. „Schlechte Menschenkenntnis.“

„Wer kümmert sich um Sie?“

„Niemand.“

Er brummte etwas Unverständliches vor sich hin, zog seine eigenen Stiefel aus und legte seinen Mantel ab. Als sie sich gerade nervös fragte, was er wohl als Nächstes ausziehen würde, bückte er sich und hob sie wieder auf seine Arme.

„Was …?“ Sie klammerte sich an ihn.

„Ich bringe Sie hinunter zum Meer.“ Er klang wütend. „Das Salzwasser wird höllisch brennen, aber es wird Ihre Füße und Beine besser säubern als alles andere.“

„Ich weiß, dass sie schmutzig sind, aber das ist kein Grund, so verärgert zu sein. Ich habe Sie schließlich nicht darum gebeten, mir die Schuhe auszuziehen.“

„Schmutzig! Nur wenn man Ihre Füße in Wasser einweicht, bekommt man diese verdammten Lumpen ab. Sie kleben vor lauter Blut an Ihrer Haut fest!“

„Ach.“

„Und Ihre Beine sind übersät von Kratzern und Schnitten.“

„Ich habe beim Laufen meinen Rock gerafft. Der Stoff blieb ständig an den Dornen hängen. So ist es wahrscheinlich passiert.“

„Aber ja!“, stieß er empört hervor. „Gott bewahre, dass ein schäbiger alter Rock an ein paar Dornen hängen bleibt! Da ist es doch viel vernünftiger, sich die Haut in Fetzen reißen zu lassen!“

„Das war nicht der Grund“, antwortete sie, mit aller Würde, die sie aufzubringen vermochte. „Mein Rock behinderte mich, ich konnte nicht schnell genug rennen.“

Er schnaubte. „Und was ist mit den Stiefeln? Ihre Füße sind voller Blasen!“

„Ich hatte einen langen Weg vor mir“, begann sie, verstummte dann aber. Das ging ihn nichts an. Er hatte keinen Grund, böse auf sie zu sein. Das waren ihre Füße, ihre Beine und ihre Stiefel. Wenn ihm ihr Zustand nicht gefiel, sollte er ihn einfach ignorieren. Sie musste niemandem Rechenschaft ablegen. Niemandem außer ihrer Familie.

Er legte den Rest des Weges zum Meer schweigend zurück. Am Wasser angekommen, blieb er jedoch nicht stehen, sondern watete hinein, bis es ihm bis zu den Knien reichte.

„Machen Sie sich auf etwas gefasst. Es wird schrecklich wehtun.“ Seine Stimme klang zornig und sanft zugleich.

Faith schnappte nach Luft, als ihre Haut an den Beinen und Füßen, die mit Hunderten von Kratzern, Schnittwunden und Blasen übersät war, mit dem Salzwasser in Berührung kam. Am liebsten hätte sie geschrien, doch sie biss die Zähne zusammen und zwang sich, den Schmerz zu ertragen.

Alle Merridew-Mädchen konnten Schmerzen ertragen, ohne zu weinen. Ein Vermächtnis von Großvater und seiner Erziehung.

Ohne ein Wort zu sagen, stand Blacklock neben ihr. Erst nach einer geraumen Weile fiel ihr auf, dass er sie stützte und dass sie sich mit aller Kraft an ihm festklammerte. Allmählich ließen die schlimmsten Schmerzen nach. Sie schlug die Augen auf und sah, dass er sie mit grimmiger Miene betrachtete.

„Besser?“

Sie brachte noch immer kein Wort heraus und nickte nur.

„Braves Mädchen. Ich trage Sie jetzt zu dem Felsen dort drüben und werde versuchen, diese Lumpen von Ihren Füßen zu lösen.“ Er setzte sie behutsam auf den flachen Gesteinsbrocken. „Lassen Sie die Knöchel im Wasser. Ich weiß, es ist kalt, aber dadurch geht die Schwellung zurück.“

Er hob den ersten Fuß aus dem Meer und entfernte den zerrissenen Strumpf mit einem für so kräftige Hände erstaunlichen Zartgefühl, danach wiederholte er dies bei ihrem zweiten Bein. Faith beobachtete sein Tun. Ihre Füße waren tatsächlich in einem schrecklichen Zustand, überall waren Blasen aufgegangen und bluteten. Kein Wunder, dass das Salz so gebrannt hatte. Vorher war ihr gar nicht bewusst gewesen, dass sie dermaßen wund waren.

Endlich war er mit seiner Arbeit fertig und richtete sich auf. „Lassen Sie die Füße im Wasser, solange Sie es aushalten. Aufwärmen können Sie sich später am Feuer. Ich weiß, dass es wehtut, aber Meerwasser heilt.“ Er betrachtete sie eine Weile stumm. „Ich bin gleich wieder bei Ihnen. Bleiben Sie hier.“ Er machte sich auf den Rückweg zum Strand, und Faith blieb zusammengesunken auf ihrem Felsen sitzen wie eine kleine Meerjungfrau, die sich schmutzig fühlte.

2. Kapitel

Und mit ihm wichen die Schatten der Nacht.

-John Milton-

„Besser?“ Nicholas Blacklock kehrte zu Faiths Felsen zurück.

„Ja, vielen Dank. Sie hatten recht, das Meerwasser hilft wirklich.“

„Ich schätze, Ihnen ist inzwischen ziemlich kalt. Ich habe das Feuer neu angefacht.“ Er hob sie hoch und trug sie zum Strand. Faith klammerte sich stumm an ihn, sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Bis zu diesem Abend war sie noch nie von einem Mann getragen worden. Es fühlte sich sehr … gut an.

Als sie sich dem Feuer näherten, stieg Faith ein wundervoller Geruch in die Nase. Eintopf! Ihr Magen fing prompt laut zu knurren an, und sie warf Blacklock einen verlegenen Blick zu.

„Meine Freunde werden bald zurück sein.“

„Ihre Freunde?“

„Kein Grund zur Beunruhigung.“ Er deutete ihren Gesichtsausdruck richtig. „Nur Stevens, mein Reitknecht, und Mac, mein alter Unteroffizier.“ Er setzte sie sanft auf die Decke, die er vorher ausgeschüttelt und frisch ausgebreitet hatte. „Sie werden mit uns essen.“

„Aber …“

Er bedachte sie erneut mit diesem für ihn typischen Blick. „Sie werden mit uns essen“, wiederholte er in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldete.

Faith war so hungrig, dass sie gar nicht in der Stimmung war, Einwände zu erheben. „Vielen Dank, sehr gern.“

„Gut. Und nun kümmern wir uns um Ihren Knöchel.“ Ohne Umschweife schlug er ihren Rocksaum hoch und nahm ihren verletzten Knöchel in die Hand. Faith war es weniger peinlich als beim letzten Mal, dennoch war es ein seltsames Gefühl, dass er sich über ihren nackten Fuß beugte, so nah an ihrem Körper.

„Sehr schön, das kalte Salzwasser hat gewirkt. Die Schwellung ist etwas zurückgegangen. Jetzt noch ein wenig Salbe …“ Er hob den Kopf und sah sie mit leicht spöttischer Miene an. „Nun ja, es ist Pferdesalbe, aber die ist genauso gut für Menschen geeignet.“ Er tauchte die Finger in den Tiegel und verteilte die Salbe behutsam auf ihrem Knöchel. Sie fühlte sich kalt an und hatte einen leicht stechenden Geruch, bei dem Faiths Augen zu tränen begannen. Aber während er die Salbe sanft in ihre Haut einmassierte, breitete sich ein Gefühl der Wärme in ihr aus. Faith sah wie gebannt auf seine Hände.

Sie waren groß, voller Schwielen und hätten eigentlich unbeholfen wirken müssen. Aber selbst die zarteste ihrer Schwestern hätte ihren Fuß nicht sanfter behandeln können. Faith betrachtete die aufgeschürften Handrücken und dachte daran, wie brutal sie mit den Angreifern umgegangen waren. Felix’ Hände waren lang und schlank, doch vom täglichen Geigenspiel ebenfalls voller Schwielen gewesen. Nie aber hatten sie Faith mit solcher Zartheit berührt. Sie verdrängte den Gedanken.

Es hatte keinen Zweck, über die Vergangenheit zu jammern, sie war an allem selbst schuld. Was für einen schrecklichen Fehler sie begangen hatte, und das nur wegen dieses Traums. Der Traum … selbst jetzt noch hinterließ er einen bitteren Nachgeschmack in ihrem Mund.

Vor Jahren, als Faith und ihre Schwestern noch unter der grausamen Vormundschaft ihres Großvaters gelitten hatten, passierte es eines Nachts, dass sie und ihre Zwillingsschwester unabhängig voneinander einen unvergesslichen Traum träumten. Sie waren ungefähr zur selben Zeit aufgewacht und hatten sich erzählt, was sie hatte wach werden lassen. Sie hatten nahezu identisch geträumt, mit nur wenigen Abweichungen. In diesem Moment wurde ihnen klar, dass ihre verstorbene Mutter ihnen diesen Traum geschickt hatte, um sie daran zu erinnern, dass alles gut werden würde. Ihr Versprechen auf dem Sterbebett hatte gelautet, dass alle ihre vier Mädchen die große Liebe finden würden – Liebe, Lachen, Sonnenschein und Glück.

Hope hatte von einem Mann geträumt, der tanzte – und das geradewegs in ihr Herz hinein. Faith von jemandem, der musizierte.

Irgendwann waren sie vor ihrem Großvater geflüchtet und nach London gekommen. Hope hatte ihren Traummann gefunden, ihren wunderbaren Sebastian, und ihn vor knapp drei Monaten geheiratet. In der Woche ihrer Vermählung hatte Faith Felix Geige spielen hören. Vom ersten herrlichen Akkord an hatte sie gewusst – geglaubt –, dass er derjenige aus ihrem Traum sein musste. Doch aus dem Traum war ein Albtraum geworden …

Wieder knurrte ihr Magen – und holte sie dadurch in die Gegenwart zurück. Blacklock musste es gehört haben, so nah wie er vor ihr kauerte, aber er ließ sich nichts anmerken.

Faith hob schnuppernd den Kopf. „Ich glaube, der Eintopf fängt an, etwas anzubrennen. Sollten Sie nicht lieber einmal umrühren?“

Er erledigte die letzten Handgriffe an ihrem Verband und betrachtete dann seine von der Salbe fettigen Hände. „Wie wäre es, wenn Sie das übernehmen, und ich wasche mir inzwischen dieses Zeug von den Händen? Belasten Sie mal Ihren Knöchel, um zu sehen, ob der Verband hilft.“

Sie stand auf und merkte augenblicklich, dass ihr Fuß längst nicht mehr so schmerzte. Während Blacklock zum Meer ging, um sich die Hände zu reinigen, kümmerte sie sich um den Eintopf. Heißer, duftender Dampf hüllte sie ein. Ihr wurde bei dem köstlichen Geruch, der ihr das Wasser im Munde zusammenlaufen ließ, fast schwindelig. Wann hatte sie das letzte Mal eine ordentliche Mahlzeit zu sich genommen? Vor Tagen, dachte sie. Am vergangenen Abend hatte sie nur ein kleines trockenes Stück Brot und etwas Käse gegessen. Während sie mit einem Holzlöffel den Eintopf umrührte, sog sie beglückt den Duft ein. Das war beinahe genauso gut wie essen. Beinahe.

Blacklock kam zurück und rieb sich die Hände an der Hose trocken. „Ist er angebrannt?“

„Nein, aber er fing schon an, etwas anzusetzen. Er ist ziemlich dickflüssig. Haben Sie irgendetwas, womit ich ihn ein wenig verdünnen kann?“

„Nehmen Sie den Wein in der Flasche dort.“

Faith goss einen großzügigen Schuss Rotwein in den Eintopf und rührte um. Würziger Dampf stieg auf, und als sie den Deckel wieder auf den Kessel legte, meldete sich ihr Magen erneut.

„Nach dem Essen werden wir reden.“

Faith schluckte. „Reden?“

„Ja, darüber, wie Sie in diesen Schlamassel geraten sind und wie wir Sie am besten wieder nach Hause zu Ihren Lieben bringen.“

Nach Hause zu Ihren Lieben. Faith schrak zusammen. Sie wandte hastig den Blick ab und, weil ihre Knie nachzugeben drohten, setzte sie sich wieder auf die Decke.

Eine Weile schwiegen sie beide, dann sagte er ruhig: „Trinken Sie noch einen Schluck.“ Blacklock hielt ihr die silberne Flasche hin. Sie sagte nichts – sie konnte einfach nichts sagen. Da sie den Brandy ignorierte, steckte er das Gefäß wieder in seine Tasche, griff nach seiner Gitarre und fing leise an zu spielen. Dabei sah er nicht auf das Instrument, sondern blickte in die Flammen.

Faith erstarrte kurz, zwang sich dann aber, sich zu entspannen. Musik hatte keine Macht mehr über sie. Sie war nicht länger die Stimme der Liebe, sondern schlichtweg nur noch – Musik. Ein schönes Geräusch wie das Rauschen der Brandung oder der Wind, der leise raschelnd durch das Dünengras strich.

Sie ließ sich von den Tönen, dem Flüstern der Wellen und dem Wind einhüllen; sie waren Balsam für ihre aufgewühlte Seele.

„Wenn der Eintopf angebrannt ist, nur weil du unbedingt mit dieser Frau reden musstest …“

Faith zuckte zusammen, als zwei Männer ans Feuer traten. Derjenige, der gesprochen hatte, war klein, runzelig und etwa fünfzig. Den anderen schätzte sie trotz des älter machenden roten Vollbarts auf noch nicht einmal dreißig. Er war riesig! Und sie hatte schon Blacklock für groß gehalten.

Der eher klein geratene Mann warf Faith einen neugierigen Blick zu. Er wünschte ihr einen guten Abend, doch so flüchtig, dass es klar war, was für ihn Vorrang hatte. Er nahm den Deckel vom Kessel, rührte einmal kurz um und sah anschließend schmunzelnd auf. Sein Gesicht war voller Narben, zudem lächelte er etwas schief. Aber seine Augen funkelten lebhaft, und Faith mochte ihn auf Anhieb.

„Danke, Miss, dass Sie meinen Eintopf gerettet haben.“

Faith war überrascht. „Woher wissen Sie, dass ich das war?“

Er schnaubte. „Mr Nicholas etwa? Der soll daran gedacht haben, den Eintopf umzurühren?“

„Ich habe ihr immerhin gesagt, sie solle noch Wein hinzufügen“, gab Blacklock leicht gekränkt zurück. „Miss Merrit, darf ich vorstellen? Dieser kulinarisch Ungläubige hier ist Wilfred Stevens und der bärtige Riese Mr Dougal McTavish, genannt Mac.“

Faith begrüßte die beiden Männer. Mr Stevens lächelte sie warm an, während er ihr die Hand gab, doch Mr McTavish stand nur wie angewurzelt da und ignorierte ihre ausgestreckte Hand. Er musterte sie von Kopf bis Fuß, und Faith wand sich innerlich angesichts seiner ausdruckslosen Augen, die durch die buschigen roten Brauen aber auch etwas Düsteres und Bedrohliches ausstrahlten.

Sie wusste, was er dachte. Offensichtlich sah er in ihr nichts anderes als das, was die drei Männer in ihr gesehen hatten, die sie vorhin in der Dunkelheit verfolgt hatten – nur dass er sie sicherlich nicht einmal mit einer Zange anfassen würde. Sie hob das Kinn und hielt seinem Blick trotzig stand.

„Mac? Das ist Miss Merrit“, wiederholte Blacklock. Wieder dieser Tonfall.

„Sehr erfreut“, grollte der Riese widerstrebend, ehe er Nicholas Blacklock mit zusammengekniffenen Augen betrachtete. „Du siehst so aus, als hättest du einen Kampf hinter dir.“

Nicholas Blacklock berichtete von den drei Angreifern, nur dass er sie als unwillkommene Gäste bezeichnete. Er verlor auch kein Wort über seine eigenen Heldentaten, sondern erzählte nur, wie Faith den Schurken mit einem brennenden Ast entgegengetreten war und sie in die Flucht geschlagen hatte. Der rothaarige Hüne ließ sich jedoch nicht so leicht täuschen und bedachte Faith mit einem weiteren vernichtenden Blick. „Nun ja, verdorbenes Fleisch zieht immer Schmeißfliegen an.“

„Das reicht“, fuhr Blacklock ihn an.

„Also gut, ich gehe dann mal und sehe nach, ob die unwillkommenen Gäste wirklich verschwunden sind.“ Er stapfte wieder in die Dunkelheit.

Faith war über die Feindseligkeit dieses Mannes erschrocken .

„Beachten Sie ihn nicht weiter, Miss“, sagte Stevens und machte sich an dem Kessel zu schaffen. „Mac hat nicht viel mit Damen im Sinn, mit keinem weiblichen Wesen, genauer gesagt. Er hat vor ein paar Jahren eine bittere Enttäuschung erlebt, und seitdem benimmt er sich wie ein Bär mit Kopfschmerzen. Aber er bellt nur und beißt nicht.“

„Er sollte besser weder bellen noch beißen, wenn ich in Hörweite bin“, meinte Nicholas Blacklock mit einem sanften, dennoch drohenden Unterton, als der Koloss ans Feuer zurückkehrte.

Mac sah ihn erschrocken an und setzte sich hastig. „Darf ich Ihnen etwas Wein einschenken, Miss?“ Seine Stimme klang widerwillig, aber durchaus höflich.

Wie macht Blacklock das bloß?, fragte sie sich staunend, als sie den Becher mit Wein annahm. Er hob niemals die Stimme, sprach immer ruhig und sanft, und doch ertappte sie sich dabei, dass sie – und nun auch dieser Riese – stets sofort gehorchte, ohne darüber nachzudenken. Trinken Sie das. Rühren Sie um. Setzen Sie sich auf diesen Felsen. Bleiben Sie zum Essen. Sei höflich zu dieser Frau. Lag es an seiner sehr tiefen Stimme? Eine wirklich tiefe Männerstimme hatte durchaus etwas Bezwingendes, wie sie ehrlich feststellen musste.

Stevens reichte ihr eine Schale mit Eintopf und einen Kanten Brot. „Hier, Miss, essen Sie, solange es noch heiß ist.“

„Vielen Dank, Mr Stevens.“ Sie wartete, bis alle ihre Mahlzeit vor sich hatten, dann schloss sie die Augen, um ein Tischgebet zu sprechen. Doch lautes Schmatzen kam ihr zuvor.

„Miss Merrit, würden Sie bitte das Tischgebet für uns sprechen!“ Blacklock, der Mann an ihrer Seite, betonte dies mit allem Nachdruck.

Sämtliche Kaugeräusche erstarben. Stevens hielt mitten in seinen Bewegungen inne, den Löffel wollte er gerade zu seinem Mund führen. „Verzeihung, Miss“, murmelte er noch kauend. Danach senkte er den Löffel wieder und wartete auf das, was er fast vergessen, aber einmal gelernt hatte.

Mit glühenden Wangen sprach Faith rasch das Tischgebet, ehe sie sich ganz auf ihren Eintopf konzentrierte. Das Fleisch war zart und wohlschmeckend, vermischt mit Kartoffelstücken und gewürzt mit Wein und Kräutern.

„Es ist köstlich, Mr Stevens“, sagte sie. „Ich kann mich nicht erinnern, jemals einen besseren Eintopf gegessen zu haben.“

Stevens strahlte über das ganze runzlige Gesicht. „Nehmen Sie ruhig noch mehr, es ist genug da, Miss!“

„Vielleicht hätte Miss Merrit gern eine Tasse Tee, Stevens?“, schlug Blacklock vor, als sie mit dem Essen fertig waren.

Tee! Faith wusste nicht, wann sie das letzte Mal eine anständige Tasse Tee getrunken hatte. Die Franzosen bereiteten ihn anders zu, und Felix verabscheute Tee. Er trank nur Wein oder Kaffee.

„Ist das so, Miss?“, fragte Stevens.

„Das wäre wundervoll, d…danke.“ Ihre Stimme brach, weil sie plötzlich von ihren Gefühlen überwältigt wurde. Faith biss sich angestrengt auf die Lippen und kämpfte gegen ihre Tränen an. Nun hatte sie schon so viel durchgemacht, ohne auch nur eine einzige Träne zu vergießen, da war es gerade zu lächerlich, wegen etwas so Banalem wie einer Tasse Tee die Fassung zu verlieren. Vor allem jetzt, nachdem sie soeben ein köstliches Essen genossen hatte und sich zum ersten Mal seit Wochen warm und sicher fühlte.

Sie würde wie eine Mimose wirken, wenn sie jetzt in Tränen ausbrach, und eine Mimose war sie nun wirklich nicht! Sie zog ein Taschentuch hervor und schnäuzte sich energisch.

Nicholas Blacklock beobachtete sie stirnrunzelnd. So einer Frau war er noch nie begegnet. Jung, aus gutem Haus und zierlich gebaut, war sie nur um Haaresbreite einem Gewaltakt entgangen. Und hinterher hatte sie eisern darum gekämpft, ihre Fassung wiederzugewinnen. Sie hatte den Schmerz ertragen, als Salzwasser in ihre Wunden drang, ohne auch nur einmal zu klagen. Sie hatte auch nicht gejammert, als er ihren verstauchten Knöchel bandagiert hatte. Doch jetzt kämpfte sie mit den Tränen, nur weil man ihr eine Tasse Tee angeboten hatte.

Sie hatte Klasse, durch und durch.

In den letzten Jahren hatte er nicht viel Umgang mit vornehmen jungen Damen gehabt – trotz der Bemühungen seiner Mutter. Aber während des Krieges, in Spanien, da hatte er ein paar von ihnen kennengelernt. Miss Faith Merrit übertraf sie jedoch noch bei Weitem.

Irgendetwas oder irgendjemand hatte sie in eine verzweifelte Lage gebracht – und das waren nicht einfach nur drei betrunkene Fischer gewesen. Nicholas Blacklock war fest entschlossen, herauszufinden, was ihr widerfahren war. Und das wieder ins Lot zu bringen, ehe er weiterzog.

Er wartete, bis sie ihre Tasse Tee getrunken hatte, dann bedeutete er seinen Gefährten mit einer stummen Geste, dass er mit ihr allein zu sein wünschte.

„So, Miss Merrit, ich denke, es wird Zeit, dass wir uns unterhalten.“

Es war, als hätte er sie geschlagen. „Entschuldigung, es ist schon spät, ich hätte längst aufbrechen sollen.“ Hastig stand sie auf. „Ich kann Ihnen gar nicht genug danken, dass Sie mich vor diesen Männern gerettet haben. Und könnten Sie Mr Stevens bitte nochmals meinen Dank für dieses wunderbare Essen ausrichten?“

„Ich werde Sie begleiten.“ Nick erhob sich ebenfalls.

„Nein, nein, vielen Dank“, stammelte sie nach kurzem Zögern. „Meine … Unterkunft ist hier ganz in der Nähe, und ich fühle mich jetzt ziemlich sicher. Diese Männer sind längst fort, dessen bin ich mir gewiss.“

„Sie sind stolzer, als es Ihnen guttut, glaube ich“, sagte er sanft.

Lange Zeit schwiegen sie beide, schließlich flüsterte Faith: „Sie wissen Bescheid, nicht wahr?“

Er antwortete nicht, und das war auch gar nicht nötig.

„Sind Sie ebenfalls mittellos? Müssen Sie deshalb wie ich am Strand schlafen?“

Er schloss flüchtig die Augen. Gütiger Gott, sie schlief am Strand! Er schüttelte den Kopf. „Nein, das war meine Entscheidung. Ich habe mich in letzter Zeit ziemlich … eingeengt gefühlt, und da das Wetter so schön ist, wollte ich gern unter dem Sternenhimmel schlafen.“ Er schmunzelte ironisch. „Meine Männer sind weniger begeistert von dieser Entscheidung, wie ich vielleicht hinzufügen darf.“

„Ach, Sie sind also nicht dazu gezwungen?“

Er verzog das Gesicht. „Auf eine gewisse Weise schon. Ich führe es zurück auf ein Übermaß an Zivilisation in letzter Zeit. Als ich noch bei der Armee war, war das Schlafen unter freiem Himmel Routine. Vermutlich wollte ich jetzt …“ Er verstummte.

Ja, was wollte er? Seine Jugend zurückholen? Er galt doch noch als jung. Oder versuchte er, einer Zukunft zu entgehen, die unerbittlich auf ihn zukommen würde? Indem er eine Freiheit vorschob, die er gar nicht hatte? Er wusste nur, er musste das tun, was er gerade tat. Wäre er in England geblieben, hätte er mit ansehen müssen, wie er die Hoffnungen seiner Mutter ein weiteres Mal enttäuschte. Das hätte ihn umgebracht. Er lachte verbittert auf. Wieso sollte es ihn umbringen? Was für ein Scherz.

„Also werden Sie mich nicht mit meinem fadenscheinigen Stolz und den Sanddünen, die ich mir ausgesucht habe, allein lassen?“, fragte sie leise.

Er schüttelte den Kopf. „Nein. Und keineswegs ist Ihr Stolz fadenscheinig, Miss Merrit.“ Er schlug einen, wie er hoffte, leichteren Tonfall an. „Und was die Dünen betrifft, so denke ich, dass meine sicherer und bequemer sind.“

Sie zögerte immer noch.

Er wünschte, er hätte ihren Gesichtsausdruck deuten können, aber es gelang ihm nicht. Sachlich fügte er hinzu: „Ich habe nicht vor, Sie ohne Schutz zurückzulassen. Also können Sie genauso gut nachgeben.“ Plötzlich verzerrten sich seine Züge.

Faith runzelte die Stirn. „Was haben Sie?“

„Nichts. Nur Kopfschmerzen.“ Tiefe Falten hatten sich auf seiner Stirn gebildet, und er sprach, als koste ihn jedes Wort größte Anstrengung.

„Sie sind krank“, beharrte sie.

Er wollte den Kopf schütteln, hielt aber mitten in der Bewegung inne. „Ich bekomme öfter … Kopfschmerzen. Verzeihen Sie mir meine Unhöflichkeit, aber …“ Er schwankte auf ein paar zusammengerollte Decken am Feuer zu und trat gegen eine, um sie auszubreiten. „Sie bleiben bei uns. Meine Männer … kümmern sich um Sie.“ Vorsichtig legte er sich auf die Decke und schloss die Augen. Er sah schrecklich aus.

Faith sah sich panisch um und rief um Hilfe.

McTavish erschien.

„Was ist mit ihm, Mr McTavish?“

Er beachtete sie gar nicht, sondern nahm nur eine weitere Decke und legte sie fürsorglich über Blacklock, als wäre er ein krankes Kind. Stevens kam hinzu, warf nur einen Blick auf seinen Herrn und legte Feuerholz nach.

Blacklock schlug in diesem Moment die Augen auf und packte das Handgelenk des riesigen Schotten. „Das Mädchen … bleibt bei uns“, stieß er mühsam hervor, die Lider fielen ihm wieder zu.

„Keine Sorge, ich kümmere mich darum.“ McTavish wandte sich an Faith. „Bleiben Sie hier, ich hole Ihnen eine Decke zum Schlafen.“ Er warf ihr einen strengen Blick zu, als wollte er sie warnen, sich ja keinen Schritt zu entfernen.

Nicht, dass sie das jetzt noch vorgehabt hätte. Blacklock sah wirklich krank aus. Sein Gesicht war totenblass, selbst im Feuerschein, und er hatte die Stirn vor Schmerzen in tiefe Falten gelegt. Sie kniete sich neben ihn. Hatte er sich während des Kampfes am Kopf verletzt? War sie vielleicht schuld daran, dass er jetzt so dalag?

Sein dichtes dunkles Haar stand ihm wirr vom Kopf ab; behutsam strich sie es ihm aus dem Gesicht. Seine Stirn fühlte sich feucht an. Nun, da die durchdringenden, scharf beobachtenden Augen geschlossen waren, wirkte er jünger, als sie zuerst angenommen hatte. Noch keine dreißig, dachte sie.

Waren die Falten auf seiner Stirn inzwischen weniger tief? Sie wusste nicht, ob das nicht vielleicht nur frommes Wunschdenken war. Sie richtete sich auf und merkte, dass McTavish sie misstrauisch beobachtete. Er warf ein Bündel grauer Decken auf den Boden, beinahe so wie einen Fehdehandschuh.

„Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, im Sand unter den Sternen zu schlafen, Miss“, meinte Stevens und schichtete weiter kunstvoll Holz ins Feuer.

Faith lächelte ihn etwas kläglich an, brachte es aber nicht über sich, ihm zu erklären, wie tief sie gesunken war. „Was hat Mr Blacklock?“

Stevens wollte gerade antworten, aber McTavish kam ihm zuvor. „Halt den Mund, Schwätzer! Wenn er will, dass sie Bescheid weiß, dann kann er es ihr morgen früh selbst erzählen.“

„Morgen wird es ihm also wieder gut gehen?“

Der große Schotte sah sie unwirsch an. „Das wird es, ja.“

„Diese Kopfschmerzen gehen vorbei.“ Stevens hob das Deckenbündel auf, das McTavish hatte fallen lassen, und schüttelte es aus.

Faith zögerte. Das war ziemlich dicht neben Mr Blacklock, auch wenn der in diesem Augenblick wohl nichts davon wahrnahm.

Stevens fuhr fort. „Sie bleiben lieber nah beim Feuer. Ich sehe, dass Sie von Mücken gestochen worden sind. Der Rauch wird sie fernhalten.“

Faith hob die Hände und berührte ihr Gesicht, das voller Mückenstiche von der vergangenen Nacht war.

„Mac schläft dahinten.“ Er zeigte auf McTavish, der sich gerade weitab vom Feuer in seine Decke wickelte. „Ihn stechen die Mücken nicht. Außerdem schnarcht er fürchterlich. Ich selbst bin gleich dort drüben, auf der anderen Seite des Feuers.“

„Was ist denn mit Mr Blacklock? Sollte nicht jemand auf ihn aufpassen?“

„Nein. Wulf wird auf uns alle aufpassen. Er wird uns beim ersten Anzeichen von Ärger wecken.“

Faith dachte daran, wie der große Hund angesichts der Männer geknurrt und gebellt hatte, und fühlte sich sofort wohler.

„Gehen Sie jetzt auch schlafen, Miss. Sie sehen so aus, als könnten Sie’s vertragen. Mr Nicholas schläft sicher ebenfalls bald ein, wie immer, wenn die Schmerzen nachlassen.“

„Vielen Dank, Mr Stevens.“

Er zögerte. „Nur Stevens, wenn Sie nichts dagegen haben, Miss. Ich bin Mr Nicholas’ Reitknecht, wissen Sie. Ich habe ihn aufwachsen sehen.“

Faith nickte. „Also schön, wenn es Ihnen so lieber ist.“

„Ja, das ist es. Wenn Sie nun alles haben, was Sie brauchen, ziehe ich mich zurück. Gute Nacht, Miss.“

Faith wünschte beiden Männern ebenfalls eine gute Nacht, danach setzte sie sich auf den Boden. Sie wischte den Sand von ihren Füßen und wickelte sich zum Schlafen in ihre Decke, anschließend warf sie einen letzten Blick auf Nicholas Blacklock.

Er atmete jetzt gleichmäßiger. Vielleicht ließen seine Kopfschmerzen ja bereits nach, wie Stevens prophezeit hatte. Sein markantes Profil zeichnete sich vor dem flackernden Schein des Feuers ab. Im Schlaf wirkte es weicher, nicht mehr so grimmig und ernst.

Beowulf warf seinem bärtigen Herrn einen sehnsüchtigen Blick zu, drehte sich dreimal im Kreis und ließ sich dann seufzend neben Mr Blacklock in den Sand fallen.

„Braver Hund“, lobte Faith ihn.

Das Tier öffnete ein Auge, knurrte leise und fletschte die gelblichen Zähne, wie um sie daran zu erinnern, ja nicht näher zu kommen.

„Wie der Herr, so sein Hund“, flüsterte sie ihm zu, und durch diesen kleinen Akt des Aufbegehrens fühlte sie sich gleich besser. Sie rutschte ein wenig im Sand hin und her, um ihn ihrer Figur anzupassen, danach legte sie sich hin, starrte in die Flammen und dachte an ihre Schwestern.

Wo waren sie jetzt? Wie es ihnen wohl gehen mochte? Wahrscheinlich machen sie sich Sorgen, dachte sie wehmütig. Inzwischen mussten sie ihren Brief erhalten haben, in dem stand, dass sie Felix verlassen hatte. Bestimmt erwarteten sie schon seit Tagen ihre Rückkehr.

Sie schloss die Augen und versuchte, ihrer Zwillingsschwester gute Gedanken zu übermitteln. Manchmal gelang es ihnen, ihre jeweiligen Gefühle zu spüren. Faith konzentrierte sich darauf, obwohl sie nicht wusste, ob es klappen würde. Aber sie musste es tun, sie konnte nicht anders.

Das war das Schlimmste in den vergangenen Wochen gewesen, dieses Gefühl der Hilflosigkeit. Sie hatte keine Ahnung gehabt, was sie tun sollte. Ihr Leben lang hatte sie es zugelassen, dass andere sich um sie kümmerten – ältere Geschwister, ihre viel mutigere Zwillingsschwester, ihr Großonkel und zu guter Letzt Felix.

Felix. Was für eine naive, vertrauensselige Närrin sie doch war!

Eingehüllte in ihre Decke sah sie hinauf zum Nachthimmel. Ein Stern erschien ihr heller als die anderen, funkelte strahlender. Ich werde wie dieser Stern sein, beschloss sie. Irgendwie würde sie es lernen, auf eigenen Füßen zu stehen. Nie wieder wollte sie von einem anderen Menschen so restlos abhängig sein.

Das Feuer knisterte leise, die Flammen züngelten in der Dunkelheit. Ein Stück weiter entfernt hörte sie das sanfte Rauschen der Wellen, ein beruhigendes, tröstliches Geräusch. Schon bald war Faith ebenfalls eingeschlafen.

Mitten in der Nacht wurde sie von einem Geräusch geweckt. Vorsichtig hob sie den Kopf und blickte um sich, aber es war nichts zu sehen. Beowulf hatte sich jedoch aufgerichtet und betrachtete Blacklock mit gespitzten Ohren. Das riesige Tier winselte leise, dann stupste es seinen Herrn mit der Pfote an.

Faith rückte näher heran. Der Hund begann zu knurren, aber sie achtete nicht darauf. Blacklock warf unruhig den Kopf hin und her. Sein Gesichtsausdruck wirkte angespannt, doch nicht mehr so schmerzverzerrt wie noch vor wenigen Stunden. Ein Albtraum vielleicht? Damit kannte Faith sich aus, ebenso ihre Zwillingsschwester. Sie hatten beide oft Albträume.

Sie befühlte seine Stirn, die nicht mehr feucht war. Sanft strich sie mit ihren Fingern darüber. „Ruhig, es ist alles gut“, flüsterte sie. Er riss die Augen auf und starrte sie an, ohne sie wirklich zu sehen. „Ganz ruhig“, wiederholte sie leise. „Es ist nur ein Traum, es ist nichts passiert.“ Er warf hektische Blicke um sich, als suche er etwas. „Es ist alles in Ordnung. Schlafen Sie weiter.“

Abrupt hob er den Arm und packte ihr Handgelenk. Einen Moment lang fixierte er Faith, dann schloss er erneut die Augen. Sein Griff um ihr Handgelenk verstärkte sich, und er seufzte einmal tief, ehe er sich entspannte und ihre Finger gegen seine Brust presste.

Faith versuchte ein paarmal, ihm die Hand zu entziehen, aber es gelang ihr nicht. Unter ihren Fingern konnte sie seinen Herzschlag spüren, gleichmäßig, wenn auch ein wenig zu schnell. Sobald er wieder fest eingeschlafen war, würde sich sein Griff bestimmt lockern. Sie legte sich neben ihn und wartete darauf, dass dies geschah.

Das Heben und Senken seiner Brust beim Atmen hatte etwas Tröstliches an sich. Es war wie die Wellen des Meeres, ein beständiges Auf … und Ab …

Nick erwachte, als die ersten Sonnenstrahlen auf ihn fielen, mit einem ungewohnten Gefühl der Zufriedenheit und einem säuerlichen Geschmack im Mund. Er war erregt, und zwar über alle Maßen; in einem solchen Zustand war er schon lange nicht mehr aufgewacht. Versonnen lächelte er. Er musste etwas geträumt haben, nur leider wusste er nicht mehr, was das gewesen war.

In dem Moment, in dem er sich streckte, bemerkte er die kleine Frauenhand auf seiner Brust. Jetzt wurde ihm der Grund für seine Erregung klar. Der weiche Körper einer Frau schmiegte sich an ihn, warm und vertrauensvoll.

Wer zum Teufel war das? Er konnte sich nicht erinnern, eine Frau verführt zu haben. Die einzige Frau, die ihm einfiel … und dann kehrten die Erinnerungen an den vergangenen Abend schlagartig zurück. Das Mädchen, das vor diesen Schurken geflüchtet war, der Kampf – Gott, wie er den genossen hatte! –, das Essen am Lagerfeuer, die stolze Behauptung des Mädchens, es hätte eine Unterkunft …

Doch was den Rest des Abends betraf, so herrschte nur eine große Leere in seinem Kopf. Plötzlich verstand er auch den Grund für diesen unangenehmen Geschmack in seinem Mund. Schon wieder ein Anfall. Verdammt!

Seine Zufriedenheit verflog, auch wenn sein körperlicher Zustand unverändert blieb. Vorsichtig setzte er sich auf. Sie schien es dennoch zu bemerken, denn sie schmiegte sich enger an ihn und murmelte etwas im Schlaf.

Warum war sie in der Nacht zu ihm gekommen? Er war immer noch vollständig angezogen, also schien nichts weiter zwischen ihnen vorgefallen zu sein. Hatte sie vielleicht gefroren? Oder Angst gehabt und bei ihm Schutz gesucht? Wahrscheinlich war es das gewesen.

Das dumpfe Pochen eines Hundeschwanzes neben ihm auf dem Sand verriet ihm, dass Beowulf ebenfalls wach und unternehmungslustig war. Nick streckte sich erneut. Er musste wieder einen klaren Kopf bekommen und etwas gegen seine anhaltende Erregung tun. Ein Bad im Meer würde beide Probleme beheben.

„Hol Mac“, flüsterte er. Der Hund rannte freudig mit dem Schwanz wedelnd davon. Sorgfältig darauf bedacht, sie nicht zu wecken, stand Nick auf und betrachtete sie. Sie hatte sich vollständig in ihre Decke gehüllt und schlief tief und fest. Nur die kleine, sich schälende Nasenspitze und ein paar wirre helle Locken waren zu sehen. Zweifellos war sie nach den Strapazen des vorangegangenen Abends völlig erschöpft.

Der Morgen war trotz der Sonne noch ziemlich frisch. Sicher würde dem Mädchen seine Wärme fehlen, daher breitete Nick seinen Mantel über sie aus. Sie würde bestimmt noch ein paar Stunden schlafen, also hatte er genug Zeit zu entscheiden, was er mit ihr machen sollte. Eins stand jedoch fest, so konnte sie nicht weitermachen.

Ein Schwall schottischer Flüche ertönte von der anderen Seite des Lagers. Nick schmunzelte. Beowulf pflegte Mac zu wecken, indem er ihm mit der Zunge über das Gesicht leckte.

Beim Erwachen stieg Faith der Geruch nach Mann in die Nase. Mann und Kaffee. Konnte es einen himmlischeren Duft auf der Welt geben? Sie atmete tief ein, setzte sich auf und stellte fest, dass sie mit einem Männermantel zugedeckt war. War das der von Blacklock? Er lag nicht mehr neben ihr, von ihm und dem Hund war nichts zu sehen. Er musste sich von seinem Anfall oder von was auch immer es gewesen sein mochte, erholt haben.

„Gut geschlafen, Miss?“ Stevens beugte sich über die Feuerstelle.

Faith stand ein wenig steif auf und streckte sich. Für so ein ungewohntes Nachtlager hatte sie erstaunlich gut geschlafen. Sie schüttelte den Mantel und die Decke aus und hängte beides zum Lüften über einen Strauch.

„In dem Kessel ist heißes Wasser, Miss. Wenn Sie sich vor dem Frühstück waschen wollen, können Sie dort oben hingehen, hinter die Sträucher, da wird Sie niemand stören. Mr Nicholas und Mac sind schwimmen gegangen, bis Sie fertig sind, sollten sie eigentlich wieder hier sein.“

„Schwimmen? Wirklich?“ Dazu wäre es ihr zu kalt gewesen. Sie nahm das heiße Wasser und zog sich hinter das Buschwerk zurück. Es war himmlisch, sich mit warmem Wasser waschen zu können!

Sie streifte ihre Kleidung ab, so gut es ging, und wünschte, sie hätte etwas Sauberes zum Anziehen gehabt. Sie sehnte sich plötzlich nach einem frisch gebügelten Unterrock, der nach Seife und Stärke duftete. Ordnend strich sie mit den Fingern durch ihr Haar. Ein Gutes hatten die Jahre in Großvaters Haus, in dem keine Spiegel erlaubt worden waren, wenigstens gehabt – sie konnte ihr Haar frisieren, ohne dass sie sich dazu sehen musste.

Vorsichtig befühlte sie ihr Gesicht. Die Schwellung schien zurückgegangen zu sein, obwohl die Stelle immer noch wehtat. Wahrscheinlich zeichnete sich dort ein großer und hässlicher blauer Fleck ab. Faith verzog das Gesicht. Ein Spiegel war das Letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte, zumal ihre Haut sicher sonnenverbrannt war, sich ihre Nase schälte und sie bestimmt von Mückenstichen übersät war. Und gewiss hatte sie auch Sommersprossen. Tante Gussie hätte einen Herzanfall bekommen.

An Sommersprossen hatte Faith nicht gedacht, als sie ihre Haube verkauft hatte, nur an das Geld, das sie ihr einbringen würde. Und an das Essen, das sie davon kaufen konnte. Sommersprossen waren immer noch besser als Hunger. Apropos Hunger … dieser Speck duftete köstlich. Trotz ihres verletzten Knöchels und der vielen Blasen an den Füßen war ihr Schritt ausgesprochen beschwingt, als sie zum Lagerplatz zurückkehrte.

„Kaffee, Miss? Wenn es Ihnen nichts ausmacht zu warten, bereite ich Ihr Frühstück zusammen mit dem von Mr Nicholas und Mac zu. Sie müssten gleich zurück sein.“ Stevens sah ungeduldig über den Strand und reichte Faith einen dampfenden Becher.

Sie setzte sich ans Feuer und nippte an dem heißen schwarzen Getränk. Es war erstaunlich, wie Gesellschaft, ein voller Magen, guter Schlaf und ein Becher mit heißem, starkem Kaffee die seelische Stimmung wieder aufrichten konnten. Faith war noch genauso mittellos wie am vergangenen Tag, ihr Ruf noch genauso hoffnungslos ruiniert. Es stimmte schon, was die Leute sagten – neuer Tag, neue Hoffnung.

Wenn Blacklock gar noch ein wohlhabender Gentleman war, lieh er ihr vielleicht das Geld für die Passage nach England. Sie sehnte sich so sehr danach, nach Hause zurückzukommen, wo sie geliebt wurde und hingehörte, nach Hause zu ihren Schwestern, zu Großonkel Oswald und zu Tante Gussie. Sie vermisste ihre Familie schmerzlich.

Aber würde ihr Zuhause für sie je wieder der Zufluchtsort sein, der es früher einst war? Wenn sie zurückkehrte, würde sie eine von der Gesellschaft Ausgestoßene sein, eine ruinierte Frau. Sie würde sich den Konsequenzen ihres törichten Leichtsinns voll und ganz stellen müssen.

Faith trank ihren Kaffee und dachte über ihre Lage nach. Sie konnte ihr früheres Leben nicht einfach wieder aufnehmen. Dort würde sie ständig Leuten begegnen, die Bescheid wussten, und sie glaubte nicht, das ertragen zu können. Es war schon schlimm gewesen, als man sie angestarrt hatte, weil sie ein Zwilling war, und damals war sie noch ehrbar gewesen. Jetzt würde es noch viel furchtbarer sein. Jetzt war sie nicht nur ein Zwilling, sondern die Zielscheibe für bösartigen Klatsch und Tratsch – ein gefallenes Mädchen.

Die Vorstellung, wieder und wieder mit den Blicken der Leute konfrontiert zu werden, die von allem wussten; die Blicke, die sie als leichtes Mädchen abstempelten … bei diesem Gedanken kam es ihr jedes Mal vor, als würde man sie martern. Wie gern hätte sie erklärt, dass man sie betrogen, dass sie geglaubt hatte, aus Liebe geheiratet zu haben.

Hier, unter Fremden, war es schon schrecklich genug, aber zu Hause, unter Menschen, die sie kannte, die einmal Freunde gewesen waren …

Nein, sie konnte ihnen nicht gegenübertreten, nicht ihr Mitleid, ihre Verachtung oder noch Entsetzlicheres ertragen, diese hämische Schadenfreude, dass sie, der „treue Zwilling“, gestrauchelt war. Faith, das hieß ja nichts anderes als Treue. Was würde man jetzt für einen Spott mit ihrem Namen treiben! Die Leute hätten längst vergessen, dass die Bezeichnung ursprünglich daher rührte, dass die Zwillinge – wie alle Merridew-Mädchen – nach den Tugenden benannt worden waren. Hope, ihre Schwester, sollte die Hoffnung verkörpern.

Sie trank einen letzten Schluck von dem starken, bitteren Gebräu und kippte den Kaffeesatz weg. Er hinterließ einen unschönen Fleck auf dem sauberen weißen Sand. Faith ließ eine Handvoll Sandkörner über den Kaffeesatz rieseln, bis der vollständig darunter verschwand.

Schade, dass sie ihre Irrtümer nicht genauso leicht aus der Welt schaffen konnte. Sie konnte nie wieder in ihr altes Leben zurückkehren, sie würde sich ein neues aufbauen müssen. Aber wie?

Charity und Edward konnten sie vielleicht bei sich aufnehmen und irgendeine Aufgabe für sie finden, dort, in dem abgelegenen Teil von Schottland, in dem sie lebten. Möglicherweise drangen die Gerüchte nicht bis dort vor. Faith konnte sich um ihre kleine Nichte Aurora kümmern, die noch ein Baby war. Das würde ihr gut gefallen. Auch Prudence erwartete in Kürze ein Kind, ihr konnte Faith ebenfalls behilflich sein. Sie liebte Kinder und hatte davon geträumt, irgendwann selbst welche zu haben …

Sie biss sich auf die Unterlippe. Noch ein gescheiterter Traum. Kein anständiger Mann würde sie jetzt noch als Mutter seiner Kinder haben wollen.

Sie hörte, wie Stevens halblaut fluchte. Überrascht sah sie ihn an. Er starrte mit finsterer Miene zum Meer. „Verdammt! Die müssen glauben, dass Sie noch schlafen“, murmelte er.

Faith drehte sich um, um nachzusehen, was ihn so verärgerte.

„Nein, Miss! Sehen Sie nicht hin!“

Faith zuckte zusammen.

„Verzeihung, ich wollte Sie nicht anschreien“, entschuldigte er sich hastig und senkte die Stimme. „Bitte, sehen Sie nicht zum Strand, Miss.“ Er verzog das Gesicht und wirkte tödlich verlegen. „Das ist kein Anblick für eine junge Dame.“ Er spießte eine dicke Scheibe Brot auf eine Röstgabel und reichte sie Faith. „Bitte, rösten Sie ein wenig Toast für uns, Miss. Ich springe schnell zu den beiden und sage ihnen, dass Sie wach sind! Und drehen Sie sich bitte nicht um, Miss. Vertrauen Sie mir einfach!“ Er eilte davon.

Verwirrt hielt Faith das Brot über die glühende Holzkohle. Sie war jedoch so neugierig, dass sie einfach hinschauen musste, wohin sie nicht blicken sollte – nur ganz kurz –, und so verdrehte sie den Kopf, um herauszufinden, was Stevens so aus der Fassung gebracht hatte.

Ihre Hände ließen die Röstgabel plötzlich kraftlos nach unten sinken.

Nicholas Blacklock und sein großer schottischer Freund kamen gerade aus dem Wasser und gingen auf die Kleiderbündel am Strand zu. Wasser strömte an ihren Körpern hinunter. Faith schluckte.

Das Brot hatte genau die richtige goldbraune Farbe angenommen. Faith bemerkte es nicht. Sie war zu sehr von dem gebannt, was sich ihren Augen bot – nasse Männerkörper, die in der Morgensonne einfach nur verführerisch aussahen.

Nasse, nackte Körper. Nicholas Blacklock und McTavish waren vollkommen unbekleidet. Lachend und plaudernd schlenderten sie zu ihren Sachen, ohne jegliche Scham, selbstbewusst. Prachtvoll.

Das Brot wurde schwarz und fing an zu qualmen. Faith rührte sich nicht.

Nicht, dass sie Augen für den stämmigen, bärtigen Schotten gehabt hätte. Es war Mr Blacklock, der ihre Blicke magisch anzog. Faiths Mund fühlte sich plötzlich ganz trocken an.

Blacklock war eine zum Leben erwachte griechische Statue, kraftvoll, muskulös und durch und durch maskulin. Das nasse dunkle Haar hatte er sich achtlos nach hinten gestrichen, es glänzte in der Sonne. Seine Beine waren lang und kräftig, seine Brust breit. Diese Brust hatte sie berührt. Faith schluckte bei dem Gedanken. Sie beobachtete das Spiel seiner Muskeln, während er sich bewegte, geschmeidig und voller Lebensfreude. Seine Haut schimmerte. Pure, nackte Männerschönheit, die sorglos über den Strand auf sie zukam.

Das Brot ging in Flammen auf.

3. Kapitel

Überall herrscht der Zufall. Lass deine Angel nur hängen. Wo du’s am wenigsten glaubst, sitzt im Strudel der Fisch.

-Ovid-

„Der Toast, Miss!“

Faith zuckte zusammen. „Du lieber Himmel!“ Hastig warf sie die brennende Brotscheibe ins Feuer. „Verzeihung.“ Bestimmt waren auch ihre Wangen feuerrot. Hatte er bemerkt, in welche Richtung sie gesehen hatte?

„Macht nichts. Es ist auch nicht schlimmer als das, was Mac zustande gebracht hätte – er ist völlig unbrauchbar, dieser riesige Tölpel!“ Stevens verstummte und sah Faith an. „Entschuldigung, Miss, ich wollte Sie nicht …“

„Schon gut“, erwiderte sie kläglich. „Ich habe es verdient. Vertrauen Sie mir eine neue Scheibe an?“

Er zuckte mit den Achseln. „Wenn Sie möchten? Wir können die verbrannten Stellen abkratzen. Gegessen wird ohnehin alles, egal wie schwarz es aussieht.“

Faith gelobte innerlich, dass die nächsten Scheiben perfekt geröstet sein würden. Wenn sie nicht so abgelenkt gewesen wäre … Ein Glück, dass die Röte ihrer Wangen auf die Wärme des Feuers zurückgeführt werden konnte. Was würden sie von ihr denken, hätten sie gewusst, wie sie ihren Blick nicht hatte abwenden können? Nackte Männer anstarren! Eine richtige Dame hätte sofort die Lider niedergeschlagen, so wie Stevens es ihr ja auch nahegelegt hatte. Sie konzentrierte sich ganz auf den Toast.

Letzteres war gar nicht so einfach, weil sie immer noch das Bild des nackten Nicholas Blacklock vor Augen hatte.

Stevens legte ein Dutzend dicker, gemaserter Speckstreifen in die Pfanne und stellte diese auf die Glut. Schon bald begannen die Streifen zu brutzeln, der Geruch war himmlisch.

Faith widmete sich wieder ihrem Toast, konnte aber nicht umhin, ab und zu einen Blick auf die beiden Männer zu werfen, die jetzt angezogen auf sie zukamen. Selbst in Kleidern hatte Blacklock etwas Umwerfendes an sich.

Selbst in Kleidern. Wie verdorben sie war! Sie legte eine goldbraun geröstete Brotscheibe auf einem Blechteller ab, strich Butter darauf und spießte eine neue auf die Gabel.

In der vergangenen Nacht hatte sie ihn im Feuerschein gesehen, einen Mann, der verschiedene Schattierungen hatte, markant, stark und grimmig war. Ein Furcht einflößender Krieger, und doch musste sie daran denken, wie er ihre Verletzungen versorgt hatte – mit unterdrücktem Zorn und ganz sanften Händen.

An diesem Morgen, mit seinem nassen, in der Sonne schimmerndem Gesicht, schien er nicht mehr derselbe Mann zu sein. Der Mann in der Nacht war ihr wie ein dunkles, verschlossenes Geheimnis vorgekommen. Jetzt erinnerte er an einen den Fluten entstiegenen Meeresgott, kraftvoll, beschwingt, voller Leben.

In seiner schlichten ledernen Hose und dem weißen Leinenhemd wirkte er wie die Verkörperung von Kraft und Männlichkeit. Das Hemd klebte an seinem Körper, weil seine Haut noch feucht war. Mit ausgreifenden Schritten lief er durch den Sand.

Rauchgeruch stieg ihr in die Nase, und Faith drehte hastig die Toastscheibe um. Leicht angebrannt zählte nicht.

„Das Frühstück ist fast fertig“, verkündete Stevens, als die Männer den Lagerplatz erreicht hatten. „Der Speck ist gebraten, Miss Merrit röstet den Toast, und ich bereite jetzt die Eier zu.“ Noch beim Sprechen schlug er welche in die heiße Pfanne.

„Guten Morgen, Miss Merrit.“ Nicholas Blacklock verneigte sich galant.

Einen Moment lang stutzte sie bei dem ungewohnten Namen, den sie in aller Hast angenommen hatte. „Guten Morgen, Mr Blacklock, Mr McTavish.“ McTavish gab irgendeinen unverständlichen Laut von sich, den Faith als schottische Form der Begrüßung auslegte. Sie sah zu Nicholas Blacklock hinauf. Seine Augen waren grau, dunkler als das Grau des Morgenhimmels, aber heller als das bleigraue Meer. Seine Haut war leicht gebräunt. Gleichmäßig am ganzen Körper, wie ihr wieder einfiel. Er musste oft nackt schwimmen. Ihre Blicke trafen sich, und Faith wandte ihren errötend ab, als könnte er ihre Gedanken lesen.

Er kauerte sich neben sie, nahm ihr Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger und drehte ihr Gesicht in die Sonne, um es eingehend zu betrachten. Faith wand sich innerlich. „Ich weiß, ich bin kein schöner Anblick.“

„Doch“, widersprach er ernst. „Die Kratzer verheilen, die Schwellung ist etwas zurückgegangen, und der Bluterguss hat eine annehmbare Farbe.“

„Eine annehmbare Farbe?“, wiederholte sie leicht verstimmt.

„Ja, bald wird er sogar nicht mehr zu sehen sein. Offensichtlich heilt Ihre Haut sehr schnell.“ Er ließ ihr Kinn los und griff nach ihrem Rocksaum.

Sie hatte die Hände wegen der Röstgabel nicht frei, aber es gelang ihr, ihre Knie zur Seite zu schwingen. „Meine Füße sind vollkommen in Ordnung, vielen Dank“, teilte sie ihm in einem Tonfall mit, der ihm verriet, dass sie nicht die Absicht hatte, ihre Beine noch einmal vor ihm zu entblößen.

Seine Mundwinkel zuckten, und er setzte sich mit einer geschmeidigen Bewegung neben sie auf die Decke. „Ich hoffe, Sie haben gut geschlafen.“

Sie prüfte den Toast. „Ja, danke. Erstaunlich gut, viel besser, als ich erwartet hatte. Und Sie – haben Sie sich von Ihrer Unpässlichkeit erholt?“

„Ja.“ Seine Stimme ließ keinen Zweifel daran, dass dieses Thema tabu war.

„Haben Sie Ihr Bad genossen?“ Sie fühlte, dass sie erneut rot wurde, als sie sich seines nackten Anblicks entsann, und sie fügte hastig hinzu: „Stevens hat mir erzählt, dass Sie zum Schwimmen gegangen sind. Nicht, dass ich Sie dabei gesehen hätte, wissen Sie …“ Sie verstummte vor Verlegenheit, als er sie durchdringend ansah. Was bedeutete das? Wusste er, dass sie ihn heimlich beobachtet hatte? Sie sprach eilig weiter. „Was für ein schöner Morgen. War das Wasser sehr kalt?“ Großer Gott, was fiel ihr nur ein, ausgerechnet das zu fragen? Sie hatte schließlich an seinem Körper ablesen können, dass es kalt war! Ihre Wangen glühten.

„Ach, nun geben Sie schon her!“ Mac nahm ihr die Röstgabel ab. Der Toast qualmte ein wenig.

„O nein, das tut mir leid! Ich habe nicht hingesehen!“

„Ja, das ist mir auch aufgefallen“, schnaubte er. „Jetzt muss ich das alles abkratzen!“ Er zog ein Messer aus seinem Stiefel und machte sich mit einer Miene, die kaum mehr Leid auszudrücken vermochte, an die Arbeit.

Dabei handelte es sich um nur eine einzige Scheibe, noch dazu gar nicht zu sehr angebrannt, und sie wollte ihm das auch schon sagen, als Stevens sie unterbrach. „Keine Sorge, Miss. Mac ist äußerst geschickt im Abkratzen angebrannter Stellen. Wie gesagt, normalerweise ist er für den Toast zuständig.“ Er zwinkerte Faith zu, und sie fühlte sich augenblicklich besser. „So, und hier ist Ihr Frühstück. Essen Sie, bevor es kalt wird.“

Es war ein Festmahl: goldgelbe Rühreier, dicke Streifen Speck und sorgfältig abgekratztes Brot mit reichlich guter Butter darauf.

„Und nun, Miss Merrit, ist es wohl an der Zeit, dass Sie mir Ihre Geschichte erzählen“, meinte Nick, als sie zu Ende gefrühstückt hatten.

„Meine Geschichte?“, erwiderte sie mit einem wenig überzeugenden Ausdruck unschuldsvoller Überraschung auf ihrem Gesicht.

„Sie wissen ganz genau, was ich meine“, grollte er. „Die Geschichte, wie es dazu kommt, dass eine vornehme junge Dame aus England ganz allein und hungrig in französischen Dünen nächtigt und jedem dahergelaufenen Bösewicht hilflos ausgeliefert ist.“ Er sprach bewusst so unverblümt, um erst gar keinen falschen Stolz aufkommen zu lassen. Es durfte nicht geschehen, dass sie so weitermachte. Nicht auszudenken, was in der letzten Nacht passiert wäre – hätte sie ihn nicht entdeckt. Das Schlimmste hatte er verhindern können, doch unvorstellbar, wenn er nicht in der Nähe gewesen wäre!

„Keiner von uns wird verbreiten, was Sie uns erzählen. Sie haben mein Ehrenwort.“

Sie senkte den Kopf. „Danke“, murmelte sie. „Ich nehme an, die Geschichte wird in wenigen Wochen ohnehin in London in aller Munde sein …“ Sie hielt ihre bloßen Füße näher an das wärmende Feuer. Die schmalen, zierlichen Füße waren von Blasen übersät. Von verheilenden Blasen, wie Nick sah, aber trotzdem! Er nahm sich fest vor, bei der nächstbesten Gelegenheit etwas gegen diese großen, hässlichen Stiefel zu unternehmen.

Als es so aussah, als wollte sie nichts mehr sagen, drängte er: „Los, reden Sie! Wie zum Teufel sind Sie in diesen Schlamassel geraten?“ Sie hob den Kopf und bedachte ihn mit einem kühlen Blick. Er versuchte, seinen Tonfall zu mäßigen, damit er sich nicht so anhörte wie bei einem Gefangenenverhör. „Ich meine, wer ist verantwortlich für Ihre gegenwärtige missliche Lage?“

Sie zuckte mit den Achseln. „Daran bin ich ausschließlich selbst schuld.“

Nick runzelte die Stirn. Seiner Erfahrung nach waren an den meisten Problemen der Menschen andere schuld. „Wie das?“

Sie zögerte. „Ich hatte mich verliebt.“ Einen Moment lang sah es so aus, als wollte sie es dabei belassen. Nick schickte sich schon an, sie zum Weiterreden aufzufordern, doch sie kam ihm zuvor. „Ich hatte mich in England verliebt, aber er war – nun, ich dachte, er wäre ein ungarischer Geigenspieler. Er bat mich, ihn zu heiraten, mit ihm durchzubrennen! Und … und das … tat ich dann auch.“

„Ich verstehe.“ Verdammt törichte Vorstellungen von Romantik, dachte Nick im Stillen.

Stevens fluchte halblaut. „Haben Sie denn gar nicht an die Schande gedacht, Miss?“

Sie sah ihn reumütig an. „Das ist mir gar nicht in den Sinn gekommen, Stevens.“

„Aber warum denn nicht, Miss? Sie mussten doch wissen, was die Leute sagen würden!“

„Nein“, widersprach sie schlicht. „Wissen Sie, durchzubrennen hat in meiner Familie eine gewisse Tradition. Meine Mutter und mein Vater sind nach Italien durchgebrannt, um dort zu heiraten.“ Sie schlang die Arme um ihre Knie, und ihre Stimme klang traurig. „Sie waren bis ans Ende ihres Lebens ineinander verliebt …“

Das Feuer knisterte, und irgendwo in der Ferne stritten zwei Möwen lautstark um etwas Essbares.

„Sie sagten, Sie hätten ihn für einen ungarischen Geigenspieler gehalten“, hakte Nick nach. „War er das denn nicht?“

„Nein! Nun ja, Geigenspieler ist er, ein außergewöhnlich begabter sogar, aber er kam gar nicht aus Ungarn! Er war Bulgare!“

Nick runzelte ein weiteres Mal die Stirn. „Und das machte Ihnen etwas aus – dass er Bulgare war?“

„Nein, natürlich nicht. Was mir etwas ausmachte, war die Tatsache, dass er fünf Kinder hatte. Fünf!“

„Fünf Kinder?“ Er nickte. „Das ist eine ganze Menge, da muss ich Ihnen zustimmen. Ich vermute, Sie mögen Kinder nicht besonders.“

„Natürlich mag ich Kinder. Ich liebe Kinder! Das Problem waren nicht die Kinder.“

„Was dann?“ Er war verwirrt.

„Er war verheiratet. Seine Frau und seine Kinder leben in Bulgarien. Er hatte mich angelogen.“

„Als er sich also weigerte, Sie zu heiraten …“

„Aber er hat mich geheiratet! Ohne Trauschein hätte ich niemals mit ihm zusammengelebt. So verkommen bin ich denn nun doch nicht.“

Nick beugte sich nach vorn. „Aber Sie sagten doch eben …“

„Die Sache ist, ich glaubte, wir hätten geheiratet.“ Ihr Tonfall war eine Mischung aus Trostlosigkeit und Zorn. „Er täuschte die Hochzeit nur vor.“

„Wie zum Teufel hat der Bast…?“ Nick sprach das Wort nicht aus und versuchte es erneut. „Wie, hm, täuscht man eine Hochzeit vor?“

„Er bestach einen Geistlichen, die Kirche benutzen zu dürfen, und brachte einen Freund dazu, sich als Pfarrer zu verkleiden und die Trauung vorzunehmen.“

Nick ballte unbewusst die Hände zu Fäusten. Am liebsten hätte er den Kerl erwürgt. „Wie erfuhren Sie von dem Betrug?“

Faith seufzte. „Wir waren genau einen Monat verheiratet, und ich wollte irgendetwas tun, um das zu feiern. Felix war beschäftigt, also beschloss ich, ein paar Blumen in die Kirche zu bringen. Für den Pfarrer hatte ich eine Flasche Wein dabei. Aber als ich nach ihm fragte … erschien der echte Pfarrer, und so kam alles heraus. Er sagte, er hätte nicht gewusst, wofür Felix die Kirche nutzen wollte.“ Sie schüttelte den Kopf.

Nick ballte wieder die Fäuste. Jetzt gab es schon zwei, die er erwürgen wollte – einen bulgarischen Geiger und einen bestechlichen Priester. „Was haben Sie dann getan?“

„Ich ging nach Hause und stellte Felix zur Rede. Ich … ich dachte, es würde sich alles als Missverständnis herausstellen, aber … er stritt es gar nicht erst ab.“ Sie beugte sich nach vorn, damit er ihr Gesicht nicht sehen konnte. Sie ließ Sand durch ihre Finger rieseln und fuhr leise fort: „Ich erkannte, dass er mich nie geliebt, ja, nicht einmal viel für mich empfunden hatte.“

Nick sagte nichts und wartete auf ihre Erklärung.

„Es war eine Wette, müssen Sie wissen.“

„Eine Wette?“ Er fühlte sich plötzlich so angespannt wie eine Sprungfeder.

„Ja. Er hatte mit einem Freund gewettet, er könnte mit mir durchbrennen“, sagte sie gepresst. „Im Grunde hätte jedes englische Mädchen aus gutem Haus den Zweck erfüllen können, doch ich war in jener Saison wohl das dümmste Mädchen in ganz London. Ich glaubte wirklich, ich hätte meine große Liebe gefunden, so wie Mama damals.“

Betretene Stille breitete sich aus. Wenn er ihm je begegnete, dann war dieser Geiger ein toter Mann! Ein süßes junges Mädchen zu ruinieren – nur wegen einer Wette!

Nick konnte es sich genau vorstellen. Ein schüchternes, behütetes, naives kleines Geschöpf, groß geworden mit törichten romantischen Märchen. So ein Mädchen war einem aalglatten Schmeichler vom Kontinent nicht gewachsen. Man hätte sie vor so einem Schurken beschützen müssen. „Haben Ihre Eltern denn nicht gemerkt, was sich da anbahnte? Haben sie nicht versucht, Sie davon anzuhalten?“

„Meine Eltern starben, als ich sieben war.“

Nick murmelte etwas von Beileid, ließ sich aber nicht ablenken. „Hat sonst niemand etwas unternommen, diesen Hochstapler von Ihnen fernzuhalten?“

Sie schüttelte den Kopf. „Das Problem war, Felix hatte den Namen einer tatsächlich existierenden ungarischen Familie angenommen. Die Familie Rimavska ist sehr bekannt, sehr reich und sehr aristokratisch, daher galt er als gute Partie. Großonkel …“

Sie brach mitten im Satz ab, doch Nick konnte zwei und zwei zusammenzählen. Der lasche Vormund war also ihr Großonkel. Das ergab einen Sinn. Nur ein sehr behütetes Mädchen, aufgezogen von einem älteren Mann, konnte so leicht getäuscht werden. Das würde auch erklären, warum der Vormund bereit gewesen war, die Augen vor dem Problem zu verschließen. Hauptsache, die Aussicht auf ein größeres Vermögen, dachte er grimmig.

Faith fuhr fort. „Er hieß gar nicht Felix Vladimir Rimavska. Sein eigentlicher Name war Yuri Popov.“

Stevens schimpfte vor sich hin, und Mac warf geräuschvoll ein paar Holzscheite in die Flammen. Das Holz knackte und rauchte fürchterlich, bis es endlich Feuer fing.

Nicholas hustete und warf Mac einen gereizten Blick zu, wandte sich dann aber wieder an Faith, die niedergeschlagen und zusammengekauert neben ihm saß. „Das erklärt aber immer noch nicht, warum Sie einsam, ohne Schutz und völlig mittellos unterwegs sind. Wollen Sie etwa sagen, dass dieser Geiger Sie ohne einen einzigen Penny hinausgeworfen hat?“

„O nein.“ Ihre Stimme klang dumpf. „Er wollte, dass ich weiterhin bei ihm lebte, als seine Geliebte.“

Nick fluchte.

„Feli… Yuri“, verbesserte sie sich, „sah nicht ein, warum seine Frau und seine Kinder seinem Vergnügen im Weg stehen sollten. Schließlich waren sie weit weg, in Bulgarien.“

„Besaß dieser Kerl denn gar kein Schamgefühl?“, empörte Stevens sich.

„Nein. Es war ihm überhaupt nicht peinlich, als ich seine ganzen Lügen herausfand. Er wusste, dass ich ruiniert war und nie wieder in mein früheres Leben zurückkehren konnte. Er dachte, es gäbe für mich keine andere Wahl, als bei ihm zu bleiben, bis er meiner überdrüssig wurde. So viele Leute wussten ja Bescheid, dass wir durchgebrannt waren, um zu heiraten.“ Ihre Stimme klang brüchig, als sie weitersprach. „Heute kann ich das Ausmaß meiner Dummheit nicht mehr nachvollziehen, aber damals, als wir fortgingen, schrieb ich allen Briefe, um von meinem Glück zu berichten. Ich hielt das Ganze für die romantischste Erfahrung meines Lebens.“ Sie lachte bitter. „Ich dachte sogar, Mama und Papa würden es gutheißen, wenn sie es wüssten.“

Mac hantierte lautstark mit dem Blechgeschirr herum. „Um Himmels willen, Mac, hör mit dem verdammten Krach auf!“, rief Nick gereizt.

„Diese Teller müssen abgewaschen werden.“

„Dann trage sie hinunter ans Wasser und erledige das dort!“

„Wird gemacht.“ Noch mehr lautes Klappern von Blech, dann stampfte Mac sichtlich verdrossen davon.

Nick beachtete ihn nicht länger, er wollte die ganze Geschichte erfahren. „Was haben Sie also getan?“

„Ich konnte dort nicht länger ausharren. Sobald er in Paris zu einem Konzert aufgebrochen war – er ist wirklich äußerst talentiert, müssen Sie wissen –, packte ich ein paar Dinge zusammen und flüchtete. Ich nahm nicht die Postkutsche, denn die war bereits ausgebucht …“

„Heißt das, Sie haben Paris nachts verlassen, um allein nach England zurückzureisen?“

Sie sah ihn aus schmalen Augen an. „Ich hatte keine andere Wahl.“

„Hatten Sie denn keine Zofe“

„Nein.“

„Wie bitte? Aber …“

„Hören Sie!“, brauste sie auf. „Ich war todunglücklich und wollte Paris so schnell wie möglich verlassen. Ich habe das alles nicht richtig durchdacht und hatte auch keine Erfahrung darin, eine Reise zu planen. Zu der Zeit wusste ich mir nur so zu helfen, und ja, mir ist klar, dass das dumm und gefährlich war. Sind Sie jetzt zufrieden?“ Sie warf ihm einen zornigen Blick zu.

„Ganz und gar nicht.“ Nicks Augen funkelten ebenfalls aufgebracht. Warum, zum Teufel, glaubte sie, er wäre zufrieden damit, dass sie sich in Gefahr gebracht hatte? Er dachte, er hätte klar zum Ausdruck gebracht, dass es ihm nicht gefiel, wenn sie bedroht war!

„Was geschah dann, Miss?“, schaltete Stevens sich beschwichtigend ein.

„Ich fand – nun ja, jemand in der Pension, in der Yuri und ich untergebracht waren, hat das für mich arrangiert – eine private Kutsche, die Reisende mitnahm. Sie war ziemlich alt und schmutzig, doch das war mir gleichgültig.“ Sie zögerte und fügte dann zu ihrer Verteidigung hinzu: „Ja, ich weiß! Es hätte mir nicht gleichgültig sein dürfen. In Zukunft passe ich besser auf!“

„Warum? Was ist passiert?“, fragte Stevens prompt nach.

„Nachdem sie die letzten Reisenden hatten aussteigen lassen, hörte ich, wie sich der Kutscher und der Wachmann unterhielten – sie wussten ja nicht, dass ich Französisch verstehe. Sie hatten vor, mich auszurauben … und noch Schlimmeres. Es gelang mir zu fliehen, aber mein Gepäck musste ich zurücklassen. Und hier bin ich nun“, sagte sie. Für sie schien die Geschichte damit beendet.

Nicht aber für Nick. Sie war ganz sicher nicht mit diesen schrecklichen Stiefeln aus Paris abgereist. Sie hatte Paris auch nicht halb verhungert verlassen. Ein paar entscheidende Details hatte sie verschwiegen. Aber er war nicht umsonst in Kriegszeiten Offizier gewesen. Fingerspitzengefühl beim Verhör konnte unerwartete Einzelheiten ans Tageslicht bringen.

„Wie gelang Ihnen die Flucht?“ Manchmal bewirkten direkte Fragen dasselbe.

„Ich bin aus der Kutsche gesprungen.“

„Aus einer fahrenden Kutsche?“ Nick riss sich zusammen und fügte etwas milder hinzu: „Und verraten Sie mir eins – es war obendrein auch noch stockfinster, habe ich recht?“

„Der Mond schien hell, doch zum Glück verbarg er sich die ganze Zeit hinter Wolken, als ich mich zwischen den Weinstöcken versteckte. Und sobald die Männer die Suche nach mir aufgaben und verschwanden, kam er wieder zum Vorschein. Dadurch konnte ich genug sehen, um weitergehen zu können.“

Nick schloss die Augen. Gütiger Gott, sie war in unbekanntem Gelände im Dunkeln aus einer fahrenden Kutsche gesprungen. „Sie kleine Närrin! Sie hätten sich ernsthafte Verletzungen zuziehen können.“

„Sicher, aber das war nicht der Fall“, gab sie leicht gereizt zurück. „Wenn ich jedoch geblieben wäre, hätte ich mich mit Sicherheit verletzt, denn ich hätte mich nach Leibeskräften gewehrt.“

Sofort sah er sie wieder vor sich, wie sie in der letzten Nacht neben ihm gestanden und tapfer den brennenden Ast geschwenkt hatte. Er schlug die Hände vors Gesicht und stöhnte.

Faith bemerkte es gar nicht. Erschauernd erinnerte sie sich an die schrecklichen Augenblicke, nachdem sie aus der Kutsche gesprungen war und sich im Dunkeln zwischen Weinstöcken am Boden kauernd versteckt hatte, immerzu darum betend, dass der Mond hinter den Wolken blieb. Es hatte Stunden gedauert, bis die Männer endlich aufgaben. Und dann war sie allein in der Dunkelheit gewesen, irgendwo in Nordfrankreich, nur bekleidet mit einem dünnen Seidenkleid, einer Kaschmirstola, zierlichen Schuhen aus dünnem Ziegenleder und einer kleinen, eleganten Haube. Erst als die Männer fort waren, hatte sie gemerkt, dass sie fror.

„Und wo ungefähr war das, Miss?“, unterbrach Stevens ihre Gedanken.

„Irgendwo hinter Montreuil-sur-Mer.“

„Montreuil-sur-Mer!“ Nick hob abrupt den Kopf. „Wie zum Teufel sind Sie bis hierher gekommen?“

Sie knirschte mit den Zähnen. Sie war doch keine … keine Dienstmagd, die man so anpfeifen konnte! Sie reagierte auf seine Unhöflichkeit betont liebenswürdig. „Ich bin gelaufen.“

Stevens stieß beeindruckt einen Pfiff aus.

„Daher also der grauenvolle Zustand Ihrer Füße!“ Nick wies mit düsterem Blick auf ihre Zehen.

Verlegen zog Faith ihre grauenvoll aussehenden Füße unter ihren Rock, damit ihr Anblick nicht länger seine Augen beleidigte. Wie hatte sie ihn je bloß für freundlich halten können? Er war unhöflich und herrisch, und sie wäre am liebsten aufgestanden und weggegangen. Doch nach allem, was er für sie getan hatte, glaubte sie, ihm eine Erklärung schuldig zu sein – auch wenn er mit ihr sprach wie mit einem Verbrecher auf der Anklagebank.

Stolz fuhr sie fort. „Ich tauschte bei einer Bäuerin meine Ziegenlederschuhe und meine Kaschmirstola gegen diese Stiefel und den Umhang ein.“ Und etwas Suppe, Brot und Käse, aber das wollte sie ihm nicht verraten. Wahrscheinlich würde er ihr den Kopf abreißen, weil sie das Verbrechen begangen hatte, Hunger zu haben. „Es war ein guter Tausch. Meine Schuhe hätten den langen Weg niemals überstanden, ich konnte jeden noch so kleinen Stein durch die dünnen Sohlen spüren. Sie bot mir ihre Holzpantinen an, aber in denen hätte ich auch nicht laufen können, daher entschied ich mich für die Sonntagsstiefel ihres Sohns. Und meine Stola war sehr schön, aber nicht warm genug für die Nächte.“

„Hat Ihnen denn niemand einen Unterschlupf angeboten? Oder Beistand?“, fragte Nick.

„Nein.“ Sie ließ den Kopf hängen. „Die Leute … wenn sie eine junge Frau zu Fuß in einem schmutzigen Seidenkleid und Bauernstiefeln sehen … dann verstehen sie das falsch. Sie hielten mich für eine … eine …“

„Wir wissen, wofür sie Sie hielten.“

Sie spürte, wie sie errötete. „Ja, und deshalb habe ich gelernt, nicht zu fragen. Einmal wandte ich mich an ein paar englische Damen in Calais – ich meine, ich sprach schließlich Englisch –, doch sie schienen ebenfalls zu glauben, ich …“ Sie schluckte und betrachtete ihre Stiefel. Sie würde sich wohl irgendwie daran gewöhnen müssen, von anständigen Frauen verachtet zu werden.

„Vergessen Sie die stocksteifen englischen Damen.“ Nicholas Blacklock hörte sich beinahe gelangweilt an. „Die Lösung für Ihre Probleme liegt klar auf der Hand.“

„Ach ja?“ Faith ärgerte sich über seine gelassene Bemerkung. Ihre Zukunft lag für sie ebenfalls klar auf der Hand, nur fühlte sie sich diesbezüglich nicht halb so zuversichtlich wie Blacklock. „Was ist denn daran so klar? Wäre es Ihnen recht, mich in diese Lösung einzuweihen?“

„Das ist doch offensichtlich. Sie werden mich heiraten.“

„Sie heiraten?“ Faith hätte sich beinahe verschluckt. „Sie heiraten?“ Sie stand auf und ging voller Würde davon.

Das Problem mit diesem würdevollen Abgang, so wurde Faith wenig später klar, bestand darin, dass er zwar im ersten Moment in gewisser Weise sehr befriedigend war, aber doch wesentlich wirkungsvoller gewesen wäre, wenn sie ein Ziel vor sich gehabt hätte. Ein Schloss zum Beispiel, mit einem hohen Turm, von dem aus sie hochmütig auf Mr Blacklock hätte herabblicken können.

Auf einem Findling zu sitzen – auch wenn es ein recht großer war –, sorgte nicht gerade für die erwünschte Distanz. Auch nicht für das Gefühl von Unbezwingbarkeit, gepaart mit Überlegenheit, das ein Schlossturm ihr hätte vermitteln können. Ein Felsbrocken weiter hinten am Strand war nicht unbedingt die Position, um jemandem eine kleinlaute Entschuldigung entlocken zu können.

Sie schwankte zwischen Wut und Tränen.

Sie werden mich heiraten. Also wirklich! Hielt er sie denn für eine absolute Närrin? Für vollkommen leichtgläubig und naiv? Glaubte er etwa, dass sie – schon wieder! – auf so etwas hereinfallen würde?

Sie dachte an die Art, wie er in der vergangenen Nacht ihren Fuß behandelt hatte – mit behutsamen Händen und gleichzeitig schimpfend über ihre Dummheit –, und hätte am liebsten geweint. Vor Zorn, natürlich. Sie würde ihm nicht die Genugtuung bereiten und weinen. Arroganter Grobian. Und das Ganze war natürlich völlig unmöglich.

Denn auch wenn er unter freiem Himmel schlief, war er doch ganz offensichtlich kein armer Mann. Seine Kleidung und Stiefel waren von feinster Qualität, und er reiste mit einem Diener. Er war gebildet, drückte sich geschliffen aus und hatte etwas Befehlsgewohntes an sich – von Arroganz ganz zu schweigen! –, das ihr seine vornehme Abstammung verriet.

Welcher vornehme Gentleman würde einer mittellosen Frau unbekannter Herkunft, die ihrem eigenen Bekenntnis nach ein gefallenes Mädchen war, schon einen Heiratsantrag machen? Das war schlichtweg unvorstellbar, unmöglich, geradezu lächerlich. Faith hatte nicht vor, länger hierzubleiben, damit er sich weiter über sie lustig machen konnte.

Auch wenn sie wusste, dass er es nicht ernst gemeint hatte, so schmerzte es sie dennoch. Und warum die achtlosen Worte eines Fremden, den sie noch nicht einmal vierundzwanzig Stunden kannte, sie so verletzen konnten, darüber wollte sie lieber gar nicht erst nachdenken.

Eine Träne lief ihr über die Wange, und Faith wischte sie zornig fort. Dieser schreckliche Mensch! Wahrscheinlich fand er das sogar noch lustig! Sie wollte nie wieder auch nur ein Wort mit ihm reden!

Das Dumme war nur, dass sich ihre Stiefel und ihr Umhang immer noch am Lagerplatz befanden. Es blieb ihr gar nichts anderes übrig, als zurückzugehen. Sie reckte trotzig das Kinn und marschierte um die kleine Landzunge herum, fest entschlossen, ihre Habseligkeiten zu holen und mit angemessenem Schweigen zu verschwinden.

Das Lager wirkte verlassen, auch wenn sich alles noch an Ort und Stelle befand. Das Feuer brannte nach wie vor, irgendetwas qualmte sogar schrecklich, und der Gestank war entsetzlich. Faith spähte durch den Rauch und gab einen empörten Laut von sich.

„Meine Stiefel!“ Sie war wie vom Donner gerührt. Ihre Stiefel – oder besser gesagt, das, was noch von ihnen übrig war, standen mitten in den Flammen, zwei schwarze unförmige Lederklumpen.

Aufgebracht sah sie sich um, aber es war niemand da, den sie zur Rechenschaft ziehen konnte. Was unterstand er sich, einfach ihre Schuhe zu verbrennen! Jetzt saß sie in der Falle, denn sie hatte schon einmal versucht, barfuß zu wandern. Doch sobald sie den Sandstrand verließ und auf steinige Pfade oder in dornige Vegetation geriet, war an ein Weiterkommen nicht mehr zu denken. Außerdem würde sie ohne Schuhwerk noch mehr wie eine Bettlerin aussehen. Wehe, wenn sie diesen Nicholas Blacklock zu fassen bekam! Sie ballte wütend die Fäuste. Sie würde ihn zwingen, ihr neue Stiefel zu kaufen!

Sie entdeckte Stevens unten am Wasser, beim Angeln, und rannte zu ihm hin.

„Er ist mit Mac in die Stadt gegangen, Miss“, verkündete Stevens, sobald sie in Hörweite war.

„Er hat meine Stiefel verbrannt!“, rief sie ihm aufgebracht entgegen.

Stevens nickte. „Ja, Miss, ich habe es gesehen.“

„Aber sie waren noch vollkommen in Ordnung!“

„Ja, Miss, das habe ich ihm genau so gesagt.“

„Er hatte nicht das Recht, sie zu verbrennen, das waren meine Stiefel!“

„Ja, Miss. Ich glaube, deswegen hat er sie auch verbrannt.“

Faith ballte wieder die Fäuste. Es gab nichts Schlimmeres, als wenn man wütend war und jemanden anbrüllen wollte, doch die einzige zur Verfügung stehende Person nicht nur völlig unschuldig war, sondern einem noch in allem freundlich beipflichtete.

„Können Sie angeln, Miss?“

„Nein, ich …“, begann sie gereizt.

„Dann lernen Sie es. Es ist ganz einfach. Hier.“ Er drückte ihr eine Angelschnur in die Hand. Faith öffnete den Mund, um ihm unmissverständlich klarzumachen, dass sie nicht die geringste Lust hatte zu lernen, wie man Fische fängt, da fügte er hinzu: „Jetzt, wo wir einen Esser mehr haben …“

Sie machte den Mund wieder zu und fing an zu angeln. Nach geraumer Zeit merkte sie, dass Stevens sie aus den Augenwinkeln beobachtete. „Ja?“, fuhr sie ihn unwirsch an.

Er zuckte mit den Achseln. „Ach, nichts, Miss. Ich wollte nur gerade feststellen, was für eine ungemein beruhigende Beschäftigung das Angeln ist.“ Er warf ihr einen ironischen Blick zu. „Aber dann habe ich es mir wieder anders überlegt.“

Jetzt musste sie doch lachen. „Entschuldigung, ich wollte nicht unhöflich sein. Ich wollte nur so dringend mit Mr Blacklock sprechen, weil ich so wütend auf ihn bin. Ich wollte meine Wut aber nicht an Ihnen auslassen, Stevens.“

„Schon gut, Miss. Sie haben nichts gesagt, was mich gekränkt hätte.“

Danach angelten sie beide eine ganze Weile schweigend. Faith beobachtete ihn verstohlen. Er schien das Angeln wirklich beruhigend zu finden. Es war eigentlich ganz nett, auf einem Stein zu sitzen und aufs Meer hinauszublicken, aber es war auch ein wenig … langweilig. Vor allem, weil sie das dringende Bedürfnis hatte, jemanden zu erdrosseln.

„Machen Sie sich nichts aus Mr Nicks Selbstherrlichkeit, Miss. Er hat schon immer das getan, was er selbst für richtig hielt, ganz gleich, was andere sagen. Schon immer, seit er ein Junge war.“

Faith schnaubte leise. Selbstherrlichkeit, in der Tat! Aber gefälligst seinem eigenen Hab und Gut gegenüber.

„Ich kenne ihn schon sein ganzes Leben lang, wissen Sie.“

Faith wartete darauf, dass er mehr sagte, aber er schien vollkommen aufs Angeln konzentriert zu sein. Schließlich gewann ihre Neugier die Oberhand. „Sie kennen Mr Blacklock schon seit seiner Geburt?“

„Seit der Zeit, als er alt genug war, seiner Kinderfrau wegzulaufen und in die Stallungen zu rennen. Er liebt Pferde, von klein auf. Im Grunde liebt er alle Tiere, auch die wild lebenden – die sogar ganz besonders.“ Stevens runzelte die Stirn und holte seine Angelschnur ein. „Raffinierte Biester! Sie haben schon wieder den Köder weggeknabbert.“ Er nahm etwas aus dem Eimer, der neben ihm im Sand stand und spießte es auf den Angelhaken. Faith wandte den Blick ab und versuchte zu ignorieren, dass dieses Etwas zappelte. Nachdem Stevens die Schnur wieder ausgeworfen hatte, fuhr er fort. „Master Nicholas war genauso alt wie mein Junge, Algy.“

„Sie haben einen Sohn?“

„Hatte. Er ist im Krieg gefallen.“ Er zog leicht an der Schnur. „Als Mr Nicholas in den Krieg geschickt wurde, folgte mein Junge ihm. Rannte ohne ein Abschiedswort davon und schloss sich Master Nick an.“ Er schüttelte den Kopf bei dieser Erinnerung. „Er konnte Mr Nicholas nicht allein fortgehen lassen. Die beiden waren unzertrennlich, heckten ständig zusammen irgendwelche Streiche aus. Mr Nicholas holte Algy zu sich in sein eigenes Regiment. Der alte Sir Henry hatte ihm eins besorgt.“

„Es tut mir leid, dass Sie Ihren Sohn verloren haben, Stevens. Vermutlich glaubten beide, der Krieg wäre ein einziges großes Abenteuer – das tun junge Männer oft, glaube ich.“

„Nein.“ Stevens warf ihr einen Blick zu. „Mr Nicholas wurde in den Krieg geschickt, Miss. Er wollte nicht, aber ihm blieb keine andere Wahl. Der alte Sir Henry war wütend auf ihn – Mr Nicholas hatte mal wieder etwas angestellt. Der Alte dachte wohl, die Armee würde ihm eine Lektion erteilen.“

„Was hatte er denn getan?“

Er schüttelte den Kopf. „Harmloses Zeug, typischer Unsinn, den junge Männer so machen. Aber der alte Mann war außer sich vor Zorn. Für ihn sollte Mr Nicholas eher so sein wie sein Bruder, der junge Sir Henry.“

Faith hätte gern mehr über diesen Bruder erfahren, aber Stevens war jetzt so in seine Erinnerungen versunken, dass sie ihn nicht unterbrechen wollte.

„Mr Nicholas war völlig verzweifelt, weil man ihn zwang, Soldat zu werden. Er hätte nie einer Fliege etwas zuleide tun können, damals jedenfalls nicht. Er war noch so jung – genau wie Algy. Noch fast Kinder, alle beide.“ Wieder schüttelte er den Kopf. „Sie wären beide in ihrer ersten Schlacht gefallen, wenn Mac nicht gewesen wäre.“

„Mac?“

„Lassen Sie sich nicht von Macs Verbitterung täuschen. Er ist ein guter Mann, Miss. Ein herzloses spanisches Mädchen hat ihn zu dem gemacht, was er heute ist. Dieser riesige schottische Tölpel hat ein Herz aus Gold.“

„Mac?“ Sie konnte es nicht glauben.

Stevens schmunzelte. „Kaum zu fassen, ich weiß. Aber er riskierte sein Leben, als er in den Fluss sprang – damals konnte er noch nicht schwimmen –, um einen hässlichen Mischlingswelpen zu retten, dem man einen Stein um den Hals gebunden hatte, um ihn zu töten. Mac holte ihn heraus und wäre dabei selbst beinahe ertrunken, wenn Mr Nicholas nicht ebenfalls in den Fluss gesprungen wäre, als er merkte, dass Mac in Gefahr war. Tsss! Und das alles nur wegen eines Hundes!“ Er nickte mit dem Kopf in die Richtung des Lagers. „Beowulf. Mr Nicholas, Mac und Algy kümmerten sich um den hässlichen Welpen, und die drei Jungen wurden unzertrennlich, auch später noch, als Mr Nicholas Offizier und die beiden anderen nur einfache Soldaten waren. Mac war wirklich das Beste, was Mr Nick und meinem Algy passieren konnte. Wissen Sie, sie waren alle gleichaltrig, nur dass Mac schon mit zwölf zur Armee gekommen war.“

„Mit zwölf!“ Faith war entsetzt.

„Ja, als Trommler.“ Stevens zuckte mit den Schultern. „In der Armee sind viele schottische Jungs – die einzige Alternative wäre, in den Highlands zu verhungern. Als meine beiden Grünschnäbel also in Spanien landeten, war Mac schon ein erfahrener Soldat. Er zeigte ihnen, wo’s langgeht, und er brachte ihnen genug bei, um als Soldaten überleben zu können, als sie in ihre erste Schlacht zogen. Drei Jungs, gerade einmal sechzehn Jahre alt.“ Er schwieg, und Faith glaubte, dass er an seinen Sohn dachte. Verbittert fuhr er fort. „Der alte Sir Henry Blacklock hatte recht, die Armee erteilte Mr Nick eine Lektion. Sie veränderte ihn, tötete etwas in ihm ab. Aber schließlich tötete sie ja auch alle seine Freunde, nicht wahr? Einschließlich meines Sohns Algy. Das war der Moment, als ich nach Spanien ging, um mich Mr Nick anzuschließen. Ich dachte, ich könnte auf ihn aufpassen, aber stattdessen holte ich mir das hier.“ Er rieb die Narbe auf seinem Gesicht, als jucke sie. „Und so passten eher Master Nick und Mac auf mich auf.“ Sein Tonfall veränderte sich plötzlich. „Da! Sehen Sie, wie gespannt Ihre Schnur auf einmal ist? Merken Sie, wie etwas daran zerrt?“

„Sie meinen, ich habe einen Fisch? Hilfe! Was soll ich jetzt machen?“ Faith vergaß alles andere und konzentrierte sich auf den wild zappelnden Fisch. Stevens watete mit einem kleinen Netz ins Wasser, und Faith folgte ihm, bis sie bis zu den Knien im Meer stand. Lachend und juchzend versuchte sie, Stevens’ Anweisungen zu befolgen, und als sie den Fisch schließlich sicher an Land hatten, waren sowohl sie als auch Stevens vollkommen durchnässt – und beste Freunde. Zufrieden betrachtete sie ihren Fisch. Groß, fett und wütend zappelte er in seinem Eimer.

„Ist er nicht wunderschön, Stevens?“

„Das ist er wirklich, Miss. Hier, nehmen Sie.“ Er reichte ihr ein Messer.

„Kochen wir ihn denn nicht vorher?“

Stevens lachte. „Ja, aber zuerst müssen Sie ihn töten, entschuppen und ausnehmen.“

„Ich?“, entfuhr es ihr entsetzt.

„Ja, Miss. Sie haben ihn gefangen, also töten Sie ihn auch.“

„Aber ich habe noch nie im Leben ein Tier getötet, noch nicht einmal eine Spinne! Ich wüsste zudem gar nicht, wie ich das machen soll.“

Zu ihrem Erschrecken rührte sich Stevens nicht von der Stelle. Er war Reitknecht, kein Gentleman. Er ging nicht davon aus, dass man die Realitäten des Lebens von einer Dame fernhalten sollte. Schon gar nicht von einer, die am Strand nächtigte, besagte seine Miene. „Sie können nie wissen, wann Sie sich wieder einmal einen Fisch zum Abendessen angeln müssen. Besser, Sie kennen sich mit so etwas aus.“

Allein die Vorstellung, den Fisch zu töten, war Faith zutiefst zuwider. Aber es war gerade erst einen Tag her, seit sie beschlossen hatte, sich nicht mehr so stark auf andere zu verlassen und unabhängiger zu werden. Sie starrte auf den zappelnden Fisch. Das war ihre erste Gelegenheit, zu beweisen, dass sie auch allein zurechtkam.

Sie sah Stevens zu, wie er einen bereits toten Fisch aus dem Eimer nahm und ihr zeigte, wie sie ihn zu halten hatte. Zögernd griff sie nach ihrem Fisch, so wie Stevens es ihr vorgemacht hatte, schob die Finger hinter die Kiemen und packte fest zu. Der Fisch wand sich mit aller Macht, er fühlte sich kalt, glitschig und ekelhaft an.

„Braves Mädchen“, lobte Stevens.

Faiths Entschlossenheit nahm zu.

„Und nun drücken Sie ihn auf den Boden und schieben die Messerspitze hier hinein.“ Er machte es ihr an seinem Fisch vor. „Er wird nichts spüren, Miss. Ein schneller, schmerzloser Tod, das ist es doch, was wir uns alle wünschen.“

Sie rümpfte die Nase und nickte wenig überzeugt. Das Ganze war abscheulich, aber sie hatte sich fest vorgenommen, dass die hilflose Faith der Vergangenheit angehören sollte. Die unabhängige Faith konnte alles schaffen. „A…also gut.“ Sie gab sich einen Ruck. Sie hob das Messer, kniff die Augen zusammen und wollte den Arm sinken lassen.

„Nein!“ Stevens packte ihr Handgelenk.

Sie starrte ihn überrascht an. „Was ist?“

Er betrachtete sie ungläubig. Um seine Augen bildeten sich unzählige Fältchen, und dann fing er zu lachen an.

„Was ist? Was habe ich falsch gemacht?“

Immer noch lachend nahm er ihr das Messer ab und tötete den Fisch mit einer blitzschnellen Bewegung.

Faith beobachtete ihn mit einer Mischung aus Abscheu und Erleichterung. „Ich dachte, ich sollte …“

Er unterbrach sie sanft. „Ja, Miss, aber es ist keine gute Idee, einen Fisch – oder sonst irgendein Lebewesen – mit geschlossenen Augen zu töten.“

Sie sah ihn kleinlaut an. „Ich konnte den Anblick nicht ertragen.“

Er lachte erneut auf. „Also gut, ich nehme ihn für Sie aus und schuppe ihn ab. Aber sehen Sie genau hin, damit Sie im Notfall wissen, wie es geht, ja?“

Sie dankte ihm beschämt und schaffte es, die Lektion im Ausnehmen und Entschuppen zu überstehen, ohne sich allzu viel dabei zu schütteln. „Und wenn Sie mal etwas zum Nähen oder Ausbessern haben, Stevens, revanchiere ich mich gern bei Ihnen.“

Er neigte nachdenklich den Kopf zur Seite. „Das kommt darauf an, Miss. Machen Sie beim Nähen ebenfalls die Augen zu?“

„Sie müssen wissen, dass man mich im Umgang mit Nadel und Faden für sehr geschickt hält“, erwiderte sie etwas zugeknöpft.

Er lachte abermals. „Schon gut, schon gut, Miss. So, und nun angeln Sie weiter, und ich töte und säubere alles, was Sie fangen. Wahrscheinlich brauchen Sie das alles ohnehin niemals zu tun, jetzt, da Sie Mr Nicholas heiraten, aber …“

„Mr Nicholas heiraten? Das tue ich doch gar nicht. Ich bin mir sicher, dass er das nicht ernst gemeint hat. Das kann nicht sein.“

„Mr Nicholas sagt nie etwas, was er nicht ernst meint.“

„Nun, trotzdem heirate ich ihn nicht! Allein der Gedanke ist absurd.“

Stevens hielt im Entschuppen inne und sah sie unter buschigen Augenbrauen skeptisch an. „Ich halte Sie nicht für dumm, Miss. Warum wollen Sie ihn nicht heiraten? Er ist der beste Mensch, den ich je gekannt habe – und ich kenne ihn ja, wie Sie jetzt wissen, schon sein ganzes Leben lang.“

„Mag sein, aber ich kenne ihn erst seit ein paar Stunden.“

Er schnaubte leise. „Ganz schön wählerisch, nicht wahr? Für eine alleinstehende Frau, die in einem fremden Land im Freien übernachtet.“

Faith errötete. „Nur weil ich mich momentan in einer … misslichen Lage befinde, sollte ich nicht zu einer Heirat mit einem völlig Fremden gedrängt werden.“ Stevens fuhr fort, den Fisch zu entschuppen, und wirkte ein wenig gekränkt, daher fügte sie hinzu: „Sehen Sie, ich habe schon einmal wegen meiner schlechten Menschenkenntnis ein schreckliches Durcheinander angerichtet. Ich möchte Ihren Herrn nicht beleidigen, aber ich will wirklich nicht vom Regen in die Traufe geraten.“

„Lieber Gott, Miss! Mr Nicholas ist nicht die Traufe! Er ist ein guter Mann, einer der besten! Wenn ich Sie wäre, würde ich mit beiden Händen zugreifen!“ Er spülte den abgeschuppten Fisch mit Meerwasser ab und warf ihn dann in den Eimer. „Ich verstehe Ihr Zögern nicht, erklären Sie mir das! Er hat Ihnen sozusagen einen Freibrief angeboten. Sie müssen nicht das Geringste dafür tun – er ist derjenige, der Ihnen alles gibt!“

Faith nagte an ihrer Unterlippe. „Das ist es ja gerade“, gab sie zu. „Selbst wenn er es ernst meint – was ich einfach nicht glauben kann –, vermag ich einen so ungleichen Handel nicht einzugehen. Er hätte nichts von alldem, gar nichts!“ Sie erwartete, dass Stevens ihr widersprach oder einen neuen Aspekt von Mr Blacklocks außergewöhnlichem Angebot aufzeigte, aber er drückte ihr nur wieder die Angelschnur in die Hand.

„Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf darüber, angeln Sie einfach weiter. Eine gute Gelegenheit zum Nachdenken, das Angeln – und den Kochtopf füllt man dabei gleich mit.“

Faith angelte. Und dachte nach. Und angelte weiter. Stevens hatte recht, das war tatsächlich eine gute Art, nachzudenken. Doch manchmal tat es nicht gut, zu viel zu grübeln. Ihre Gedanken überschlugen sich.

Nachdem sie ihre Angelegenheiten in der Stadt erledigt hatten, machten sich Nick und Mac auf den Rückweg zum Lager. Mac trug die vollen Einkaufsnetze und sagte nun schon zum vierten Mal: „Ich fasse es nicht, dass du das wirklich tun willst, Käpt’n! Das ist doch der reine Wahnsinn!“

„Das finde ich nicht“, widersprach Nick.

Mac schnaubte verächtlich. „Sie ist doch nur hinter deinem Geld her. Ich kenne Frauen ihres Schlages! Nutzt deine Gutmütigkeit mit dieser herzergreifenden Geschichte und ihrer verdammten Mädchenstimme aus – da muss ein Mann ja schwach werden! Und du lässt das auch noch mit dir machen, du Dummkopf!“

Nick ging ungerührt weiter. „Sie ist eine Dame, Mac, die gerade eine schwere Zeit durchmacht.“

„Pah! Eine Dame! Das bezweifle ich. Mit diesem schon fast unanständigen Seidenkleid! Du kennst dich nicht so gut aus mit weiblicher List, das ist dein Problem!“

„Ach ja?“, konterte Nick gelassen. Auf Macs Urteil konnte man sich bei fast allen Dingen verlassen, nur nicht, wenn es um Frauen ging. Nicht, seit eine gewisse Señorita aus Talavera ihm so übel mitgespielt hatte. Bis zu dem Zeitpunkt war der große Schotte der weichherzigste Mensch gewesen, den er kannte, der Retter von Witwen, Waisen und allen möglichen herrenlosen Kreaturen, wie zum Beispiel Beowulf. Doch Pepita hatte den Stolz des großen Mannes mit Füßen getreten und ihm obendrein auch noch das Herz gebrochen. Seit damals war Mac auf Frauen nicht mehr gut zu sprechen.

„Nun ja, zugegeben, ein so winziges Ding wie sie muss schon sehr listig sein, zumal sie ein solch schiefes und rotes Gesicht hat, mit derart schrecklich vielen Flecken darauf.“

„Die Schwellung wird zurückgehen, genauso wie der Bluterguss. Außerdem sind das keine Flecken, sondern Kratzer und Mückenstiche, und die werden ebenfalls verschwinden. Wenn sie erst einmal wieder in England ist, wird sie sogar ziemlich hübsch aussehen. Wie dem auch sei, du wirst ihren Anblick nicht lange ertragen müssen. Ich schicke sie zu meiner Mutter.“

„Und wie kommt deine Mutter damit zurecht, wenn dieses Frauenzimmer erst Schande über euren Namen bringt?“, unkte Mac mit finsterer Miene.

„Wie sollte sie das bitte tun?“

„Indem sie herumtändelt oder noch Schlimmeres anstellt! Mit anderen Männern!“

Genau das hatte Pepita Mac angetan, daher blieb Nick ruhig. „Sie wird mir keine Schande machen, und nach einer gewissen Zeit spielt ihre Vergangenheit ohnehin keine Rolle mehr.“

Einen Moment lang schwiegen beide.

„Sie ist schon einmal mit einem Mann durchgebrannt, wer weiß, ob er überhaupt der Erste war? Vielleicht war das auch letzte Nacht mit den drei Kerlen am Strand der Fall – und sie hatte es sich nur im letzten Moment anders überlegt! Frauen sind wankelmütig, das weißt du.“

„Manche Frauen“, räumte Nicholas ein. „Aber nicht Miss Merrit. Ich glaube, sie ist genau so, wie sie sich gibt – abgesehen von dem falschen Namen …“

„Siehst du!“

„So, Mac, nun hast du gesagt, was du zu sagen hattest. Jetzt will ich jedoch nichts Herabsetzendes mehr über sie hören. Die Dame wird meine Frau.“

„Aber Käpt’n, sie ist …“

„Genug, sagte ich!“

Danach verlor Mac kein Wort mehr zu diesem Thema, aber sein Schweigen war genau wie er selbst – groß, schottisch und sehr missbilligend.

4. Kapitel

Es ist für einen Mann immer unverständlich, warum eine Frau einen Heiratsantrag ablehnen sollte.

-Jane Austen-

Faith hatte einige Fische gefangen und sehr viel nachgedacht, als die Männer aus der Stadt zurückkehrten. Ihr wurde leicht flau im Magen, als sie Nicholas Blacklocks hochgewachsene Gestalt mit ausgreifenden Schritten um die Landzunge herumkommen sah. Er sah entspannt, sorglos und selbstsicher aus.

Ja, sie konnte sich ihn mühelos als Offizier vorstellen. Er hatte diese typische Ausstrahlung, eine leichte, unbewusste Arroganz, eine natürliche Autorität. Er war es gewohnt, andere Menschen zu befehligen. Zu entscheiden, was für sie das Beste war. Ihre Schuhe zu verbrennen. Wenn Faith es zuließ, würde er auch sie herumkommandieren. Wenn sie das zuließ.

„Sie haben meine Stiefel verbrannt!“, rief sie ihm entgegen, als er in Hörweite war.

„Das war auch nötig“, erwiderte er, ohne die geringste Spur von Reue.

Ihr Zorn erwachte wieder zum Leben. „Aber das waren meine Stiefel!“

Er warf einen Blick auf ihre Füße. „Sie haben Blasen darin bekommen. Wie geht es denen übrigens?“

Sie verbarg die Füße unter ihrem Rock. „Das geht Sie nichts an. Sie hatten nicht das Recht, meine Schuhe zu verbrennen.“

„Ich weiß. Das war ein spontaner Einfall, dem ich nicht widerstehen konnte.“

Sein ruhiges Geständnis verwirrte sie. „Was soll ich denn jetzt ohne Stiefel machen? Ich kann doch schlecht barfuß in die Stadt laufen!“

„Nein, auch das weiß ich.“ Er drehte sich zu seinem Freund um. „Mac?“

Mac ließ mehrere prall gefüllte Einkaufsnetze neben Faith auf den Boden fallen, zog aus einem zwei Stangenbrote hervor und stapfte wortlos zum Lagerfeuer.

Nicholas Blacklock ging in die Hocke, nahm ein in braunes Papier gewickeltes Paket heraus und reichte es Faith. „Hier.“

Erstaunt nahm sie es entgegen. Es hatte eine seltsame Form und war gleichzeitig nachgiebig und hart. Was mochte das sein? Und was führte er damit im Schilde?

„Nun machen Sie es schon auf.“

Sie entfernte das Papier und betrachtete das, was er ihr gekauft hatte, was dieser schreckliche, arrogante, Stiefel verbrennende und rechthaberische Kerl ihr mitgebracht hatte. Sie spürte, wie ihr die Tränen kamen, und sie blinzelte heftig dagegen an.

„Ich hoffe, sie passen. Die Größe habe ich raten müssen.“

Natürlich würden sie passen, das sah sie jetzt schon. Wenn sie es nicht besser gewusst hätte, sie hätte glauben können, sie wären eigens für sie angefertigt worden.

„Gefallen Sie Ihnen nicht?“

Sie brachte nur ein Flüstern zustande. „Doch. Ich danke Ihnen. Sie sind wunderschön.“ Und das waren sie, ihre neuen Stiefel. Ihre wunderschönen neuen, weichen und blauen Stiefel aus Ziegenleder.

„Nun, dann probieren Sie sie doch mal an.“

„Ich … ich warte damit, bis ich mir die Füße gewaschen habe. Ich will sie nicht schmutzig machen.“ Es widerstrebte ihr fast, sie anzuziehen. Sie waren so wunderbar und ihre Füße so verunstaltet. Außerdem war sie auf eine seltsame Art immer noch böse auf ihn.

Achselzuckend drehte er sich zu Stevens um, der die Szene mit einem väterlichen Schmunzeln verfolgt hatte. „Wie war das Angeln?“ Er wandte sich noch einmal an Faith, als hätte er etwas vergessen. „Sie findet morgen früh um neun statt, übrigens.“

„Was findet dann statt?“

„Die Trauung. Es ist alles geregelt und für morgen früh um neun anberaumt.“

Faith zuckte zusammen. „Aber wir haben das noch nicht einmal miteinander besprochen!“

Er zog seine dunklen Augenbrauen hoch. „Was gibt es da zu besprechen?“ Als sie ihn wütend anstarrte, warf er Stevens einen flüchtigen Blick zu und streckte die Hand aus. „Dann kommen Sie. Wir gehen ein Stück am Strand spazieren und reden über alles, was Sie wollen. Stevens kann schon anfangen zusammenzupacken.“ Seine große, warme Hand schloss sich um ihre.

Faith fühlte sich vereinnahmt, aber gleichzeitig auch – wie ärgerlich – seltsam getröstet. Sie entzog ihm ihre Hand. „Ich habe nicht geglaubt, dass Sie es ernst meinten.“

„Ich meine immer, was ich sage.“

„Aber warum sollten Sie den Wunsch haben, mich zu heiraten?“

Er zog spöttisch eine Braue hoch. „Ich habe nicht den Wunsch, Sie zu heiraten. Ich will überhaupt niemanden heiraten. Es wird eine Trauzeremonie sein, nichts weiter. Eine reine Formsache. Sie müssen doch zugeben, dass Ihre momentane Situation unmöglich ist.“

Faith musste nichts dergleichen zugeben. Nichts war unmöglich, sie hatte nur noch nicht beschlossen, wie es weitergehen sollte. „Aber deswegen eine völlig Fremde heiraten? Das ist absurd!“

„Es ist ungewöhnlich, aber gleichzeitig die beste Lösung.“ Er war ganz ruhig und gelassen, und das reizte sie bis aufs Blut.

„Die beste Lösung für wen? Was haben Sie davon?“

Nicholas Blacklock runzelte die Stirn. „Es wäre natürlich eine Scheinehe“, gab er etwas steif zurück.

„Wirklich?“

„Ja, natürlich. Nach der Trauung schicke ich Sie zurück nach England, wo Sie in Sicherheit sind. Dann gehen wir wieder getrennte Wege.“

Aus irgendeinem Grund fand sie das noch irritierender als seinen Entschluss, sie zur Frau zu nehmen. „Ach, tatsächlich?“

Er sah sie erstaunt an. „Sind Sie böse auf mich?“

Sie zuckte mit den Achseln. Ja, eigentlich war sie böse auf ihn. Doch das war nur eins von vielen Gefühlen, die sie gerade überwältigten – und es bestand keine Hoffnung für sie, Klarheit in ihren Kopf zu bringen, solange er dastand wie ein … eine männliche Sphinx! „Ich weiß selbst nicht, was ich zurzeit fühle.“

Heiraten? Diesen Mann, den sie noch keine vierundzwanzig Stunden kannte? Wer war er denn wirklich, dieser Nicholas Blacklock? Sie wusste von ihm nur, dass er ohne zu zögern gefallene Mädchen rettete, um ihnen dann vollkommen gleichgültig einen Heiratsantrag zu machen.

Es wird eine Trauzeremonie sein, nichts weiter. Eine reine Formsache.

Sie schüttelte den Kopf. „Es … es tut mir leid. Ich kann im Moment keinen klaren Gedanken fassen.“

„Worüber müssen Sie noch groß nachdenken?“

„Worüber ich nachdenken muss?“, brauste sie auf. „Über alles! Ich habe mir fast mein Leben ruiniert, weil ich einem Mann vertraut habe – und den glaubte ich zu kennen!“

„Ich bin ein Mann, der sein Wort hält, und ich war Offizier in Wellingtons Armee. Mir können Sie vertrauen. Nehmen Sie sich ruhig etwas Zeit zum Nachdenken. Dann werden Sie selbst von der Richtigkeit meines Angebots überzeugt sein.“

„Ach, werde ich das?“ Seine ruhige männliche Selbstsicherheit zerrte an ihren ohnehin schon äußerst angespannten Nerven. „Dann sollte ich wohl besser losgehen und meinen Kopf anstrengen, nicht wahr?“ Faith raffte den Rock ihres Kleids und watete ins wohltuend kalte Wasser, weil sie wusste, dass er ihr mit seinen Stiefeln nicht folgen konnte.

Er wartete am Strand, hob Kieselsteine auf und ließ sie über die spiegelglatte Meeresoberfläche hüpfen, als hätte er nicht die geringste Sorge der Welt.

Mir können Sie vertrauen.

Mir vertrauen. Der letzte Mann, der das zu ihr gesagt hatte, hatte ebenfalls versucht, sie zur Hochzeit zu überreden. Nun war es nicht so, als versuchte Nicholas Blacklock, sie zu etwas zu überreden. So wie er es ausdrückte, klang es schon fast wie ein Befehl. Aber ob es sich nun um einen nüchternen, gefühllosen oder einen äußerst romantischen Antrag handelte, das Ergebnis war das gleiche – sie musste sich und ihre Zukunft einem Mann anvertrauen.

Nie wieder, hatte sie sich geschworen. Nie wieder wollte sie einem Mann Macht über sich einräumen. Sie war Großvaters strengem Regiment entronnen, nur um sich in Felix’ Geflecht aus Lügen und Demütigungen zu verfangen. Beide Erfahrungen hatten Narben bei ihr hinterlassen. Sie musste verrückt sein, wenn sie sich noch einmal einem Mann anvertraute, noch dazu einem, der ihr fremd war.

Eine leise innere Stimme erinnerte sie daran, dass sie mit den Männern, die sie gekannt hatte, auch nicht eben gut gefahren war. Welchen Unterschied machte es da, einem Unbekannten zu vertrauen?

Sie konnte ihr Schicksal nicht mehr in die Hände eines Mannes legen. Nicht einmal irgendeines Mannes – und schon gar nicht dieses Fremden!

Aber konnte sie es sich andererseits leisten, es nicht zu tun? Sie hatte sich in eine derart fatale Lage gebracht. Konnte Blacklock all das wirklich noch schlimmer machen?

Ja! Es gab Furchtbareres als das, was sie bislang erlebt hatte. Diese drei Männer letzte Nacht zum Beispiel.

Es wäre natürlich eine Scheinehe. Wenn er tatsächlich mit ihr eine Scheinehe eingehen wollte, durch die er ihr seinen Namen schenkte – was hatte er davon? Irgendeinen Nutzen musste es für ihn doch auch haben. Kein Mann würde ein solches Geschenk anbieten, ohne eine Gegenleistung zu erwarten.

Sie drehte sich wieder zu ihm um. „Sie wissen doch gar nichts über mich. Ich könnte genauso gut eine … eine Verbrecherin sein.“

Er schnaubte. „Unsinn.“

Sie kehrte zu ihm zurück. „Ich könnte sehr wohl eine sein. Oder eine Lügnerin.“

„Sie sind weder eine Lügnerin noch eine Verbrecherin“, erwiderte Nick mit unbewegter Miene. Sie wirkte beinahe verstimmt darüber, dass er sich weigerte, eine unredliche Frau in ihr zu sehen. „Und was ich persönlich von einer Heirat mit Ihnen habe – nun, zum einen wird es meine Mutter freuen.“

„Ihre Mutter?“ Darüber schien sie genauso verstimmt.

„Ja. In den letzten Monaten hat sie mir Scharen von ledigen Damen vorgestellt, in der Hoffnung, ich würde mich vielleicht für eine von ihnen interessieren.“

„Warum war dem nicht so?“

Ja, warum war dem nicht so? Er dachte an die jungen Frauen, die seine Mutter eingeladen hatte. Er konnte sich nicht vorstellen, dass auch nur eine von ihnen einem geschenkten Gaul so misstrauisch ins Maul geschaut hätte wie dieses Mädchen. Sie alle hätten sein Angebot bereitwillig angenommen, ohne Wenn und Aber. Er war der Einzige, der wusste, dass es sich bei dem geschenkten Gaul nicht um ein Geschenk handelte.

„War es so schlimm?“

Ihre sanfte Frage holte ihn aus seinen Gedanken. Er verzog das Gesicht. „Es verlief etwas unglücklich. Und deshalb hat meine Mutter nicht die Schwiegertochter bekommen, die sie sich so sehr wünscht.“

„Hatte sie ein bestimmtes Mädchen im Sinn gehabt?“

„Nein, ihr wäre jede recht – Hauptsache, ich bin verheiratet.“ Er hob eine Handvoll Sand auf und ließ ihn leise durch seine Finger auf seine Stiefel rieseln. „Ich sollte vielleicht hinzufügen, dass ich der letzte Nachkomme in unserer Familie bin, nachdem mein älterer Bruder Henry vor drei Jahren an einem Fieber gestorben ist. Meine Mutter wünscht sich nicht so sehr eine Schwiegertochter, sondern vielmehr einen Enkel.“

Sie zuckte zusammen.

Er begriff sofort, was sie denken musste. „Als ich Ihnen einen Antrag gemacht habe, dachte ich allerdings nicht an einen Erben für Blacklock Manor. Mich interessiert so etwas nicht. Das war die Aufgabe meines Bruders Henry, und wenn er vor seinem Tod nicht an die Erbfolge gedacht hat …“ Er zuckte mit den Achseln. „Ich dachte nur, weil Sie einen Ehemann brauchen und meine Mutter so versessen darauf ist, dass ich heirate, könnte ich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Ich muss gestehen, ich war mein Leben lang eher eine Enttäuschung für sie. Sie könnten sicher und behütet in Blacklock Manor leben, und meine Mutter hätte Gesellschaft.“

„Aber was würde sie denn von einer ihr aufgezwungenen Schwiegertochter halten, die noch nicht einmal wirklich Ihre … Ihre …“

„Sie braucht nicht zu erfahren, dass die Ehe nicht vollzogen wurde. Nach meinem Tod wird mein Cousin den Besitz erben, wobei meine Mutter bestens versorgt ist. Genau wie Sie es sein werden.“

„Ich könnte diese wohltätige Geste niemals annehmen …“

Er schnaubte. „Das ist keine Wohltätigkeit. Sie tun mir – ich meine, es wäre ein gegenseitiger Gefallen.“ Er verlagerte sein Gewicht von einem Bein aufs andere. Seine Mutter würde der Schlag treffen! Der Erbe von Blacklock und ein in den Dünen aufgelesenes Mädchen! Nicholas stellte sich den Brief vor, den er ihr schreiben könnte:

 

Liebe Mutter!

 

Ich habe die neue Herrin von Blacklock gefunden. Sie hatte sich irgendwo in Frankreich in den Dünen versteckt, freundlicherweise zur Verfügung gestellt von einem betrügerischen bulgarischen Subjekt namens Yuri Popov. Sie ist ein liebes kleines Geschöpf, und ich denke, sie wird Dir eine ganz reizende Schwiegertochter sein. Ich hoffe, das entschädigt Dich für meine Flucht.

 

Dein Dich liebender, wenn auch unfolgsamer Sohn
Nicholas

 

„Ist Ihre Mutter krank? Oder einsam? Ist es das, was Sie wollen – jemanden, der sich um sie kümmert?“

„Lieber Gott, nein! Sie ist gesund wie ein Fisch im Wasser! Und einsam ist sie auch nicht, sie hat Dutzende von Freundinnen. Ich suche keine Pflegerin oder Gesellschaftsdame für sie.“

„Aber dann verstehe ich das nicht! Ich hätte wieder einen intakten Ruf und ein Zuhause – als Gegenleistung wofür? Das kommt mir wie ein ziemlich unausgewogener Handel vor.“ Ihre Stimme wurde sanfter. „Verzeihen Sie, dass ich unhöflich und undankbar erscheine, aber meine letzten Erfahrungen haben mich gelehrt, Worten nicht so einfach zu vertrauen.“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, Sie haben recht, mich das zu fragen. Nun, zum einen bin ich keine besonders gute Partie, falls Sie das glauben. Sie erhalten schlichtweg nur meinen Namen, ein Zuhause und ein komfortables Auskommen. Ich wiederum …“ Stirnrunzelnd überlegte er, wie er sie am besten überzeugen konnte.

Sie überzeugen? Warum sollte er sie überzeugen wollen? Sie bedeutete ihm nichts, zumindest sollte es so sein. Und doch … Er wollte, dass sie ihn heiratete. Es war seiner Meinung nach die einzige Möglichkeit, sie vor den Folgen ihrer Dummheit zu beschützen. Er konnte seine Reise nicht mit dem Wissen fortsetzen, nichts getan zu haben, um ihr Los zu verbessern. Es würde ihn erheblich beruhigen, wenn er wusste, dass sie sicher und gut versorgt in Blacklock Manor war.

„In den letzten Monaten hat meine Mutter von fast nichts anderem geredet als von meiner Hochzeit. Stattdessen verließ ich England unverheiratet. Und überstürzt.“

„Ich verstehe.“

„Nein, das tun Sie nicht. Die Tragweite ist viel größer, als Sie denken. Erst jetzt wird mir bewusst, wie viel Kummer ich meiner Mutter bereitet habe. Wenn ich ihr nun meine Braut schicken könnte …“ Er zuckte mit den Achseln. „Ich weiß nicht, wahrscheinlich wäre es eine Art von Entschuldigung für mein überhastetes Fortgehen.“

Eine Weile sagte sie nichts, doch als sie antwortete, bebte ihre Stimme ganz leicht. „Finden Sie nicht, dass ein Blumenstrauß und ein paar nette Zeilen eine einfachere Lösung wären?“

Es dauerte ein paar Augenblicke, bis er begriff. „Lachen Sie mich etwa aus?“, fragte er misstrauisch.

„Es tut mir leid“, meinte sie mit noch immer nicht ganz sicherer Stimme. „Es ist nur so, dass ich noch nie die Rolle einer lebendigen Entschuldigung gespielt habe, daran muss ich mich erst noch ein wenig gewöhnen. Sagen Sie, sollte ich mich darauf gefasst machen, dass ich in Geschenkpapier gewickelt werde? Wollen Sie mir eine Nachricht an den Rock heften? Oder soll ich Ihre Entschuldigung Wort für Wort mündlich wiedergeben? Dann muss ich Sie warnen, ich war noch nie besonders gut darin, Reden zu halten.“

Dieser Fratz lachte ihn tatsächlich aus! Er wusste nicht, wann jemand zum letzten Mal die Kühnheit besessen hatte, sich über ihn lustig zu machen.

„Miss, Sie sind reichlich frech“, stellte er streng fest.

„Jawohl, Sir“, antworte sie mit einer Fügsamkeit, von der er sich aber nicht hinters Licht führen ließ.

„Ich möchte meiner Mutter einfach nur eine Freude machen und ihr zeigen, dass ihre Bemühungen, mich zu einer Heirat zu bewegen, nicht umsonst waren und dass ich nicht ganz so undankbar und pflichtvergessen bin, wie sie zweifellos glaubt.“

Sie wurde wieder ernst. „Pflichtvergessen wären Sie aber nach wie vor, denn wenn wir eine Ehe nur auf dem Papier führen, würden Sie sie betrügen. Sie sagten, sie wünscht sich Enkelkinder.“

Er machte eine wegwerfende Handbewegung, antwortete jedoch nicht. Verdammt, ihre Logik war bestechend.

Während er schwieg, dachte Faith nach. „Falls wir also heiraten sollten, gehe ich nach England zurück und lebe bei Ihrer Mutter. Was tun Sie in der Zeit?“

„Ich?“ Er zuckte wieder mit den Achseln. „Ich setze natürlich meine Reise fort.“

„Ich verstehe. Nach Paris?“

„Nein, wir werden an der Küste entlang bis nach Spanien gehen und dann weiter nach Portugal.“

„Ach ja?“

Er zögerte. Eigentlich konnte er ihr auch den Grund für diese Reise nennen. „In Spanien und … darüber hinaus will ich ein paar Schauplätze des letzten Krieges aufsuchen, Orte, an denen ich gekämpft habe … Schlachtfelder, auf denen einige meiner Freunde gefallen sind.“

„Sie müssen Ihre Freunde sehr vermissen.“

Ja, er vermisste sie. Mehr, als er beschreiben konnte, aber das vermochte er nicht einmal diesem Mädchen mit den sanften Augen zu erklären.

„Und wenn Ihre Reise dann zu Ende ist, kommen Sie zurück nach Blacklock Manor? Zu Ihrer Mutter und – falls wir verheiratet sind – zu mir?“

Er hob einen weiteren Kiesel auf und warf ihn ins Meer. „Ich bezweifle, dass ich je wieder nach Blacklock Manor zurückkehre. Meine Reise wird weiter und weiter gehen. Sie sind dann frei, zu tun, was immer Sie wünschen.“

„Ich verstehe nicht ganz“, sagte sie nach einer Weile. „Heißt das, wir würden die Ehe annull…“

„Sie kennen meine Bedingungen, also entscheiden Sie sich“, fiel er ihr schroff ins Wort.

Faiths Gedanken überschlugen sich. Sie setzte sich in den Sand und dachte angestrengt nach. Irgendwie war das alles nicht richtig. So sollten Menschen die Ehe nicht eingehen, ohne Liebe, ohne sich wirklich zu kennen, nur zum Schein. Aber sie hatte schon einmal aus Liebe geheiratet – und dennoch damit ihr Leben ruiniert.

„Ich weiß, das alles klingt nicht ideal, aber ich muss Sie trotzdem noch heute um eine Antwort bitten. Ich habe nicht viel Zeit.“

„Meinetwegen müssen Sie Ihre Reise nicht aufschieben“, sagte sie und wusste selbst, wie schnippisch und undankbar sie sich anhörte. Trotzdem – ließ er ihr wirklich keine Wahl? Würde sie bei ihrer eigenen Hochzeit kein einziges Wort mitzureden haben? „Ich weiß, dass das gegen alle Vernunft ist und dass ich keine andere Wahl habe, aber …“

„Sie haben immer die Wahl!“ Er bückte sich nach einem weiteren Kiesel. „Verzeihen Sie mir. Ich kann es kaum abwarten, meinen Weg fortzusetzen, und ich war von der Richtigkeit dieser Sache so überzeugt, dass ich gar nicht an Ihre Gefühle gedacht habe.“

„Aber ich …“

„Nein!“ Er schleuderte den Kiesel über die Wasseroberfläche, und sie beobachteten beide, wie er viermal sprang und dann in den Tiefen des Meeres versank. „Es gibt stets eine Alternative. In jeder Situation!“

Seine Vehemenz überraschte sie. „Ich weiß, für mich jedoch nicht.“ Er wollte widersprechen, aber sie legte ihm den Finger an die Lippen. „Nein, sagen Sie nichts.“ Seine Lippen fühlten sich kühl und fest an, im Gegensatz zu seinem warmen Atem, der ihre Finger streifte. Sie fingen auf seltsame Weise zu prickeln an, und Faith ließ hastig die Hand sinken.

„Es ist eine Angewohnheit von mir – wenn ich ein Problem sehe, muss ich es lösen.“

Sie verzog leicht das Gesicht.

„Lieber Himmel, damit meinte ich nicht, dass Sie ein Problem sind, ich meinte … ach, zur Hölle. Ich erzähle Ihnen jetzt, was ich vorbereitet habe, und dann sagen Sie mir, ob das für Sie annehmbar ist oder nicht.“ Etwas reumütig fügte er hinzu: „Ich mag ein unsensibler Klotz sein, aber Sie müssen wissen, dass es mir eine Ehre wäre, Sie zu heiraten.“

Faith spürte, wie ihr bei diesen Worten die Tränen in die Augen stiegen. Es war ihm eine Ehre, ein schmutziges, heimatloses und gefallenes Mädchen zu heiraten! Er war wirklich durch und durch ein Gentleman.

Mit etwas sachlicherer Stimme fuhr er fort. „Es wird – wenn Sie einwilligen – eine standesamtliche Trauung sein. In Frankreich wird man heutzutage im Rathaus getraut, vom Bürgermeister. Normalerweise muss man drei Wochen warten, wegen des Aufgebots, wissen Sie, aber …“ Er rieb Daumen und Finger aneinander, das uralte Symbol für Bestechung. „… ich konnte den Bürgermeister davon überzeugen, dass die Trauung zweier Ausländer schneller vorgenommen werden könnte, und so findet sie morgen statt. Haben Sie etwas gegen eine standesamtliche Hochzeit?“

„Nein.“ Sie versuchte, den schmerzhaften Stich zu ignorieren. Als kleines Mädchen hatte sie immer von einer kirchlichen Hochzeit geträumt, mit Blumen, Spitze und allem, was dazugehörte. So wie sie Felix geheiratet hatte. Was für eine Ironie, dass ihre Traumhochzeit nicht echt gewesen war und dass die tatsächliche nun in einem schlichten Rathausraum stattfinden sollte.

Er schmunzelte. „Der Dolmetscher war etwas verdrossen – er ist ein ältlicher katholischer Geistlicher, wissen Sie, der eine tiefe Abneigung gegen standesamtliche Trauungen hat –, weil wir Gott nicht mit einbeziehen. Aber da wir beide nun einmal Protestanten sind, geht das nicht anders. Also, Miss Merrit, wie sieht es aus? Werden Sie mich morgen früh heiraten oder nicht?“

Die Stunde der Wahrheit war gekommen. Faith betrachtete ihn stumm. Er sah sie eindringlich an, seine Augen waren grau und emotionslos. Prüfend studierte sie sein Gesicht. Es war ernst, ohne ein Lächeln, aber es war ein gutes Gesicht, wie sie fand. Markant. Seine Lippen waren fest und von schöner Form, seine Nase gerade und das Kinn kantig – alles wirkte, nun ja, verlässlich.

Ach, was wusste sie schon von Männern? Ihr Aussehen besagte gar nichts. Großvater war auch so ein hochgewachsener, beeindruckender Mann und Felix geradezu eine Schönheit gewesen. Nein, das Äußere verriet einem gar nichts. Sie war völlig durcheinander.

„Miss Merrit?“ Er berührte ihre Hand. „Ich gebe Ihnen mein Wort, in dieser Ehe wird Ihnen nichts Böses widerfahren.“ Seine Stimme klang tief und aufrichtig.

Faith schloss die Augen und ergriff seine Hand. Es war eine starke Hand, warm und ein wenig rau. Faith fühlte sich sicher, wenn sie diese Hand hielt. Eine Kleinigkeit nur, aber es reichte. Es musste reichen.

Mit immer noch geschlossenen Augen nahm sie ihren ganzen Mut zusammen. „Mr Blacklock, wenn Sie sich ganz sicher sind, dass Sie das wollen, dann wäre es mir eine große Ehre, Sie morgen zu heiraten. Und ich danke Ihnen von ganzem Herzen dafür. Mir ist sehr wohl bewusst, dass ich das gar nicht verdi…“

„Still!“ Er hob ihre Hand an seine Lippen und küsste sie. „Ich danke Ihnen.“

Sie erbebte. Er küsste ihre Hand, als hätte Faith ihm den größten Gefallen getan. Als erlöse sie ihn und nicht umgekehrt. Ihre Kehle war wie zugeschnürt. Er würde diese ritterliche Tat keineswegs bedauern, dafür wollte sie sorgen. Mit diesem stummen Versprechen ergriff sie seine Hand.

„Gut gemacht, Miss!“, sagte Stevens, als sie zum Lager zurückkehrten und Faiths Entschluss verkündeten. „Sie machen genau das Richtige. Sie werden es nie bereuen, das weiß ich. Jetzt können Sie die Vergangenheit hinter sich lassen.“

Faith lächelte ihn an, ihre Augen waren feucht. Ja, sie hatte sich für das Richtige entschieden. In dem Moment, als sie seine Hand genommen und eingewilligt hatte, ihn zu heiraten, hatte sie es gewusst. Es war, als habe man ihr eine ungeheure Last von den Schultern genommen. Stevens hatte recht, sie konnte mit ihrer Vergangenheit abschließen. Jetzt hatte sie wieder eine Zukunft, eine, die es wert war, für sie zu kämpfen.

Nick beobachtete die kleine Szene. Stevens war also auch einverstanden. Er selbst war überrascht, wie ungemein zufrieden er sich fühlte, als er sich an seine zukünftige Frau wandte. „Wir werden morgen um neun getraut. Ich hoffe, dass Ihnen das nicht zu früh ist, aber der Bürgermeister …“

„Es ist nicht zu früh.“

„Gut. Sie werden heute Nacht in einem Gasthaus in der Stadt schlafen. Ich habe schon alles in die Wege geleitet. Stevens wird zu Ihrem Schutz …“

„Aber es macht mir nicht das Geringste aus, noch einmal hier zu übernachten.“

Nick dachte daran, wie er an diesem Morgen aufgewacht war, an das Gefühl, wie sie sich warm und weich an ihn geschmiegt hatte. Sein Körper reagierte schon wieder, allein bei der Erinnerung daran. Er hatte ihr eine Scheinehe versprochen. Er würde weitaus besser schlafen, wenn sie weit weg war und er erst gar nicht in Versuchung geriet. „Unsinn. Stevens wird sehr froh sein, wieder einmal in einem Bett zu schlafen, denn er kommt nun auch langsam in die Jahre. Und wäre Ihnen nicht ebenfalls ein Bett, ein Bad und ordentliches Essen an einem gedeckten Tisch lieber?“

„Ein Bad! Ach, was gäbe ich nicht alles für ein schönes, heißes Bad!“ Sie seufzte, und Nick sah sie plötzlich in einem Zuber, nackt und einladend weich … Er verbannte das Bild aus seinem Kopf. „Das und ein warmes, trockenes Bett mit sauberen Laken wären mir äußerst willkommen, zugegeben. Aber essen möchte ich lieber hier, mit Ihnen, wenn Sie nichts dagegen haben. Ich habe noch nie zuvor einen Fisch gegessen, den ich selbst geangelt habe.“

„Sie haben auch geangelt? Ich dachte, Sie hätten Stevens nur Gesellschaft geleistet!“

Sie musste über sein überraschtes Gesicht lachen. „Stevens hat es mir beigebracht. Ich muss sagen, anfangs fand ich es ziemlich langweilig – bis ich meinen ersten Fisch geangelt hatte. Danach war es sehr aufregend. Ich habe nämlich sieben Fische gefangen, müssen Sie wissen.“

„Sieben? Großartig. In dem Fall müssen Sie natürlich mit uns essen. Ich erinnere mich noch an meinen ersten selbst gefangenen Fisch. Er war eher klein und voller Gräten. Wir brieten – oder besser verbrannten – ihn über dem Lagerfeuer, aber für mich war das der köstlichste Fisch, den ich je gegessen hatte.“

„Ich freue mich auch schon auf meinen, nur hoffentlich nicht angebrannt. Oder voller Gräten, die hasse ich nämlich.“ Nach einer kleinen Pause fügte sie hinzu: „Sie sagten eben ‚wir‘. Wer war denn Ihr Gefährte bei diesem bedeutenden historischen Ereignis?“

Der Augenblick voller angenehmer Erinnerungen endete abrupt. Auf einmal war alles wieder da. Er ließ ihre Hand los, selbst erstaunt, dass er sie die ganze Zeit gehalten hatte, und wandte sich ab. „Ich … ich muss noch etwas mit Stevens besprechen.“

„Aber …“

Er ging wortlos zum Lagerfeuer.

„Was ist mit diesen Einkaufsnetzen?“, rief sie ihm nach. „Soll ich sie irgendwo für Sie hinbringen?“

„Der Inhalt gehört Ihnen“, gab er kurz angebunden zurück. „Kümmern Sie sich darum.“

Faith sah ihm ungläubig nach. Was hatte sie bloß gesagt? In dem einen Moment lächelte er beinahe über ihre Angelgeschichte, die grimmigen Züge um Mund und Augen verschwanden und seine Miene hellte sich auf. Und im nächsten fragte sie nach seinem Angelgefährten von damals – und es war, als schlüge er ihr eine Tür vor der Nase zu.

Ihr fiel wieder ein, was Stevens ihr erzählt hatte, und plötzlich verstand sie. Sein jugendlicher Gefährte war Algy gewesen, Stevens’ toter Sohn.

Sie wandte sich den Einkaufsnetzen zu, die voller weiterer brauner Päckchen waren. Für sie, hatte er gesagt. Er war ein wirklich eigenartiger Mann – arrogant, schroff, dann wieder freundlich. Er hatte sie so in Rage versetzt, als er ihre Stiefel verbrannt hatte, und sie mit dem unerwarteten, wunderschönen Ersatz dafür fast zu Tränen gerührt. Faith setzte sich in den Sand und begann, die Päckchen auszupacken.

Das erste war klein und weich; es enthielt Strümpfe, feine Seidenstrümpfe, genau wie die, die sie sich zerrissen hatte. Im nächsten fand sie Unterwäsche – Hemden, Pantalons und einen entzückenden Unterrock, alles aus weicher Baumwolle und mit Spitze besetzt. Faith errötete bei der Vorstellung, dass Blacklock und McTavish etwas so Intimes wie Dessous für sie ausgesucht hatten, trotzdem war sie ihnen unendlich dankbar. An diesem Abend würde sie ein richtiges Bad nehmen, und hinterher konnte sie diese hübschen, sauberen Sachen anziehen. Ihr war gar nicht klar gewesen, wie schwierig es war, sich unter solchen Umständen sauber zu halten. Das Waschen mit Meerwasser mochte ja heilsam für Kratzer sein, aber es hinterließ eine unangenehme Salzschicht auf der Haut.

Sie öffnete das nächste Päckchen. Seife! Sofort schnupperte Faith sehnsüchtig daran. Die Seife war einfach und unparfümiert, doch das machte Faith nichts aus, Hauptsache sauber! Daneben entdeckte sie noch eine Bürste, einen Kamm und mehrere Taschentücher.

Er hatte ihr ein weiteres Paar Schuhe gekauft, zierliche Schlüpfschuhe aus Ziegenleder in einem hellen Beigeton. Dazu zwei Kleider aus Baumwolle, eins in Blaugrün, das andere in einem dunklen Nelkenrosa. Beide waren bequem und schlicht geschnitten, hochgeschlossen am Hals und mit langen Ärmeln. Sie schüttelte die Kleider aus und hielt sie sich vor. Sie schienen fast ein wenig zu groß zu sein. Wenn es ihr gelang, Nadel und Faden aufzutreiben, konnte Faith sie etwas enger machen und kürzen. Großvater hatte von allen Merridew-Mädchen verlangt, dass sie sich ihre Kleider selbst nähten, und Faith war sehr geschickt darin. Sie hatte meist auch Hopes Kleider genäht, denn ihre Zwillingsschwester hasste diese Tätigkeit.

Faith seufzte. Sie konnte es kaum erwarten, ihre Schwester wiederzusehen.

Beim weiteren Durchstöbern der Einkäufe stieß sie auf eine Nähnadel, Garn und eine kleine Schachtel mit Stecknadeln. Sie hatten wirklich an alles gedacht! Vielleicht hofften sie, dass Faith auch ihre Kleidung ausbesserte. Den Wunsch wollte sie ihnen nur zu gern erfüllen.

Sie strich über den leise knisternden Stoff ihrer neuen Kleider. Sie hätten keinen größeren Gegensatz zu den Kleidern darstellen können, die Felix ihr gekauft hatte. Felix hatte darauf bestanden, dass alle ihre Kleider aus Seide oder einem anderen glamourösen Stoff waren, und er sah sie am liebsten in tief ausgeschnittenen, den Körper betonenden Gewändern. Sie hatte sich in ihnen nie wohlgefühlt.

Auf die Schnelle hatten die beiden Männer wohl nichts anderes gefunden, aber das störte Faith ganz und gar nicht. Sie mochte hübsche Kleider, aber im Moment waren ihr diese schlichten, hochgeschlossenen lieber als die ausgefallenen von Felix. Sie wirkten so durch und durch anständig und ehrbar, und genau das war es, was Faith in letzter Zeit gefehlt hatte. Die Menschen wurden nun einmal anhand ihrer Kleidung beurteilt. Vielleicht fand sie ja irgendwo ein paar hübsche Knöpfe oder Bänder, um den Kleidern etwas mehr Pfiff zu geben.

Vielleicht halfen ihr diese schlichten Kleider ja auch, ihr angestrebtes neues Ich zu finden.

Faith hatte nie einen Gedanken an ihr Aussehen verschwendet, bis sie und ihre Schwestern nach London gekommen waren. Sie waren in einem Haus aufgewachsen, in dem Eitelkeit nicht nur eine Sünde, sondern ein strafwürdiges Vergehen war! Es gab keine Spiegel im Court, dem düsteren alten Haus in Norfolk, wo sie den größten Teil ihrer Jugend verbracht hatte. Für sie war es geradezu ein Schock gewesen, in London feststellen zu müssen, dass man sie und ihre Schwestern – bis auf Prudence – für Schönheiten hielt.

Ihre Zwillingsschwester Hope genoss die Aufmerksamkeit, die sie erregten. Und selbst die schüchternste ihrer Schwestern, die sanftmütige Charity, hatte nichts dagegen gehabt, dass sich die jungen Männer um sie scharten, solange nur ihr Edward unter ihnen war. Faith hingegen hatte sich immer etwas unwohl gefühlt, wenn die Leute sie anstarrten. Sie redete sich dann immer ein, dass die sie nur anblickten, weil sie und Hope sich zum Verwechseln ähnlich sahen und blondes Haar und blaue Augen in London der letzte Schrei waren. Dennoch machte es sie nervös. Alle Blicke auf sich zu ziehen, war gewöhnungsbedürftig für ein Mädchen, das dazu erzogen worden war, möglichst nach Unsichtbarkeit zu streben.

Felix hatte es gefallen, welche Aufmerksamkeit ihr zuteilwurde, und nachdem sie miteinander durchgebrannt waren, hatte er ihr Kleider geschenkt, in denen sie sogar noch mehr Aufsehen erregte. Faith hatte sich gezwungen, sie für ihn zu tragen, weil sie ihn liebte … weil sie geglaubt hatte, ihn zu lieben.

Nein, ihr Aussehen hatte ihr nichts als Scherereien gebracht, und nicht nur, was Felix betraf. Die feinen englischen Damen, die sie gewagt hatte, am Hafen von Calais anzusprechen, hatten nur einen Blick auf ihr leuchtend blondes Haar und ihre seltsame Aufmachung geworfen – und sie als leichtes Mädchen eingestuft. Ungeachtet dessen, was Faith ihnen erzählt hatte, und der Tatsache, dass ihr Englisch kultiviert und frei von jedem Dialekt war. Die Männer in der Stadt hatten ihr blondes Haar und das tief ausgeschnittene, zerlumpte grüne Seidenkleid gesehen und waren zu dem gleichen Schluss gelangt.

Doch in diesen schlichten, dezenten Kleidern würde ihr das niemand mehr unterstellen. Sie wollte kein Aufsehen mehr erregen; wenn ihr danach war, konnte sie wieder unsichtbar werden. Sie dachte eine Weile darüber nach. Nein, sie wollte nicht wieder so tun, als wäre sie unsichtbar. Sie wollte überhaupt nicht mehr so tun, als wäre sie irgendetwas.

Vor zwei Jahren war sie Großvaters furchterregender Tyrannei entronnen. Jetzt konnte sie dem Druck entfliehen, eine der Merridew-Schönheiten zu sein und eine Raffinesse vorzutäuschen, über die sie nie verfügt hatte. Und das Beste von allem war, dass sie sicher verheiratet sein würde und somit davor gefeit war, noch einmal auf irgendwelche leidenschaftlichen Liebesschwüre hereinzufallen. Es war so eine Erleichterung.

In diesen Kleidern, fernab von allem, was sie bislang gekannt hatte, und verheiratet mit einem Mann, der nichts von ihr verlangte, konnte Faith einfach nur noch sie selbst sein – wer immer das auch sein mochte.

„War das nicht das Gasthaus, in dem ich übernachten soll?“ Faith sah sich verwirrt um, als Stevens mit ihren Habseligkeiten links abbog und Blacklock sie, ohne stehen zu bleiben, am Gasthaus vorbeiführte. Mac und der Hund waren noch am Lagerplatz, um nach ihrem köstlichen Abendessen, bestehend aus knusprigem, goldbraun gebratenem Fisch, aufzuräumen.

„Ja, das war es.“ Nick Blacklock ging unbeirrt weiter. Er hatte ihren Arm fest durch seine Ellenbeuge gezogen, und Faith hatte Mühe, in ihren neuen beigefarbenen Schuhen mit ihm Schritt zu halten.

„Aber wohin gehen wir denn dann?“

„Monsieur le Curé hat darum gebeten, Sie heute Abend kennenlernen zu dürfen.“

Nun blieb Faith doch wie vom Donner gerührt stehen. „Der Pfarrer will mich kennenlernen? Warum? Sie sagten doch, der Bürgermeister würde uns trauen.“

„Ja, aber Monsieur le Curé hat mir dabei geholfen, die Angelegenheit zu beschleunigen. Daher besteht er darauf, die Braut vor der Trauung zu sehen. Das konnte ich schwerlich ablehnen.“

„Aber ich bin doch für so einen Besuch gar nicht passend angezogen!“ Faith fasste sich unwillkürlich an den tiefen Ausschnitt ihres zerrissenen Kleids. Ihre neuen Sachen hatte sie nicht tragen wollen, nicht bevor sie gebadet hatte. Die neuen Schuhe hatte sie anziehen müssen, doch ihre Füße und Beine waren unter dem Kleid nackt.

„Das wird ihn nicht stören. Ich habe ihm Ihre Situation kurz geschildert.“

„Sie haben ihm von mir erzählt?“ Faith hüllte sich fester in ihren Umhang. „Er wird das Schlimmste von mir denken!“

„Wahrscheinlich, und genau deshalb habe ich ihm angeboten, Sie zu ihm zu bringen. Dann ist er wenigstens beruhigt.“

„Sie haben ihm angeboten, mich zu ihm zu bringen? Warum, um Gottes willen?“ Faith drehte sich um und machte sich entschlossen auf den Rückweg zum Gasthaus.

Mit zwei Schritten hatte er sie eingeholt und legte von hinten den Arm um ihre Taille. „Wo gehen Sie hin?“

„Zum Gasthaus.“

„Sie haben nicht die Zeit zum Baden und Umziehen, sonst kommen wir zu spät. Außerdem wird es ihm gleichgültig sein, wie Sie aussehen. Er ist schließlich Geistlicher.“

Faith sah ihn über ihre Schulter hinweg aufgebracht an. „Ich hatte auch gar nicht vor, pünktlich bei ihm zu sein. Ich werde überhaupt nicht dort hingehen. Ich weigere mich, die Verachtung irgendeines … eines Priesters über mich ergehen zu lassen! Davon hatte ich die letzten Tage mehr als genug! Lassen Sie mich jetzt bitte los?“ Wütend versuchte sie, sich seinem Arm zu entwinden, aber vergeblich.

„Er erwartet uns. Er möchte Tee mit uns trinken.“

„Das ist mir gleich! Ich gehe nicht hin!“

Nicholas Blacklock drehte sie in seinem Arm um, ohne lockerzulassen. „Machen Sie nicht so ein Theater! Sie kommen mit mir, und das ist mein letztes Wort.“ Ehe sie weiter protestieren konnte, fügte er hinzu: „Wenn er auch nur ansatzweise unhöflich zu Ihnen ist, bringe ich Sie auf der Stelle ins Gasthaus. Doch das wird er nicht sein, er ist ein freundlicher, sanftmütiger alter Mann, und ich habe ihm versprochen, Sie mitzubringen. So, und nun kommen Sie.“ Faith rücksichtslos mit sich ziehend, eilte er auf die Kirche zu.

Es war das kleine Haus neben der großen Kirche aus Blaustein. Faith fühlte sich völlig überrumpelt und war wütend auf den großen Sturkopf an ihrer Seite. Doch als Nicholas an die Haustür klopfte, löste sich Faiths Wut plötzlich auf und wich einem beklemmenden Angstgefühl.

Eine dünne ältere Frau in Schwarz öffnete ihnen, offenbar die Haushälterin des Pfarrers. Ein Duft von Lavendel und Kampfer ging von ihr aus, als sie Mr Blacklock kurz zunickte.

Mit säuerlicher Miene betrachtete sie Faith von Kopf bis Fuß. Wie es aussah, kannte die Haushälterin ihre Geschichte ebenfalls. Die Frau begutachtete Faiths goldblondes Haar, den Bluterguss in ihrem Gesicht, das tief ausgeschnittene Kleid und schnaubte leise. Für Faith kam das einer Ohrfeige gleich.

Sie schluckte und straffte sich. Sie wusste genau, was die Frau dachte und was der Pfarrer ebenfalls denken würde. Faith war eine Dirne, die dem Sündenbabel entkommen wollte, indem sie einen armen Narren hinters Licht führte. An solche Blicke würde sie sich wohl gewöhnen müssen.

Stock und Stein brechen mein Gebein, doch Worte bringen keine Pein, sagte sie sich wieder und wieder. Großvater hatte seinen Stock benutzt. Sie war davongekommen, weil sie sich vor seinem Zorn versteckt hatte. Nie wieder würde sie ein Feigling sein. Sie wollte sich nie wieder verstecken. Niemand sollte sie mehr dazu bringen, sich für etwas zu schämen, wofür sie nichts konnte. Sie war imstande, jede Form von Häme und Verachtung zu überstehen.

Hoffentlich.

Sie straffte die Schultern und betrat das Pfarrhaus.

5. Kapitel

Lehre mich zu fühlen des anderen Harm,

Makel zu verbergen, die ich sehe;

So wie ich anderer mich erbarm,

So erbarm dich meiner Seele.

-Alexander Pope-

Die Frau stellte sich als Marthe vor und führte sie in den Salon. Monsieur le Curé erhob sich aus seinem Sessel, um sie zu begrüßen. Er war nicht nur alt, sondern auch kahlköpfig und ziemlich mager. Aber seine braunen Augen wirkten klug und lebhaft.

Als sie alle Platz genommen hatten, betrachtete er Faith mit ernster Miene. Faith wappnete sich innerlich. Stock und Stein.

Eh bien, Mademoiselle, Sie wollen morgen also diesen guten Mann heiraten?“

„Ja, Monsieur.“

„Er hat mir ein wenig von Ihnen erzählt. Ein glücklicher Zufall, dass Sie sich begegnet sind, nicht wahr?“

„In der Tat, Monsieur.“ Sie hatte nicht vor, sich für irgendetwas zu rechtfertigen.

Marthe erschien mit einer Kanne Tee und einem Teller mit Gebäck. „Ah, bon“, meinte der Geistliche, als sie das Tablett abstellte. „Le thé. Engländer lieben le thé, nicht wahr? Mademoiselle, wären Sie bitte so freundlich, einzuschenken?“

Faith gehorchte und reichte die Tassen und das Gebäck weiter. Dabei spürte sie die prüfenden Blicke von Marthe und dem Pfarrer deutlich auf sich ruhen, ignorierte sie aber geflissentlich. Je eher der Tee getrunken war, desto schneller konnte sie sich in die Anonymität des Gasthauses zurückziehen. Sie gab zwei Stücke Zucker in Blacklocks Tee – sie hatte seine Vorliebe für Süßes schon am Strand bemerkt –, rührte um und gab ihm die Tasse.

Als sie sich wieder setzte, runzelte der Geistliche leicht die Stirn. „Mademoiselle, Sie stammen also aus England? Monsieur Blacklock hat mir erzählt, dass Sie nach der Trauung dorthin zurückkehren werden, um bei Ihrer belle-mère zu leben. Ist das wahr?“

„Bei meiner Mutter, ja, das ist richtig“, bestätigte Nicholas. Faith warf ihm einen raschen Seitenblick zu, sagte aber nichts.

Der Pfarrer legte nachdenklich die Fingerspitzen gegeneinander und betrachtete Faith unverwandt – zweifellos um sie einzuschüchtern. Unwillkürlich hob sie trotzig das Kinn. „Mademoiselle, Sie haben Monsieur Blacklock berichtet, Sie hätten sich angeblich schon einmal ungültig trauen lassen.“

Faith gefiel sein Tonfall nicht. „Nicht angeblich, die Trauung war ungültig.“ Mr Blacklock legte seine Hand auf ihre. Sie war sich nicht sicher, ob er ihr damit den Rücken stärken oder ihr andeuten wollte, Ruhe zu bewahren. Ungehalten schüttelte sie seine Hand ab. Er hatte sie doch überhaupt erst in diese Lage gebracht!

„Wo hat diese Trauung stattgefunden?“

„In Paris. In der Kirche der Sainte Marie-Madeleine.“

„Ah, in Sainte Marie-Madeleine. Und wer ist dort Pfarrer?“

Sie antwortete mit vollkommener Gelassenheit. „Welchen Pfarrer meinen Sie? Den falschen, der mich getraut hat – der nannte sich Vater Jean –, oder den echten, der sich bestechen ließ, die Trauung auf diese Weise vornehmen zu lassen? Der nannte sich Père Germaine.“

Der Pfarrer nickte freundlich. „Ah, oui, Père Germaine von Sainte Marie-Madeleine. Ich kenne ihn. Ein kleiner, rundlicher Mann mit weißem Haar, n’est-ce pas?“

„Non“, erwiderte Faith. „Der Père Germaine, den ich kennengelernt habe, war hochgewachsen, dünn und buckelig und hatte eine große, auffallend rote Nase.“

Der Geistliche runzelte die Stirn. „Und dieser Père Germaine hat die Trauung nicht vorgenommen?“

„Nein, das hat der falsche Geistliche getan.“

„Und hat es vorher ein Aufgebot gegeben?“

Faith schüttelte den Kopf. „Das weiß ich nicht. Am Tag der Trauung war ich zum ersten Mal in Sainte Marie-Madeleine. Am Tag der ungültigen Trauung.“

Er schürzte die Lippen. „Und an dem Tag haben Sie sich nicht in Père Germaines Kirchenbuch eingetragen? Ein großes schwarzes Buch, etwa so dick?“ Er machte die entsprechende Handbewegung.

Wieder schüttelte sie den Kopf. „Ich habe mich nirgendwo eingetragen.“

Der alte Pfarrer nickte nachdenklich. „In dem Fall, Mademoiselle, glaube ich, dass Sie tatsächlich frei sind und Mr Blacklock heiraten können. Sie haben den echten Père Germaine absolut treffend beschrieben. Seine Nase ist in der Tat auffallend rot, er trinkt nämlich. Schon immer. Eine üble Geschichte, eine ganz üble Geschichte. Ich werde sie dem Bischof melden müssen.“ Er sah Faith jetzt eindringlich an. „Und jetzt wollen Sie diesen Mann hier aus freien Stücken heiraten?“ Er zeigte auf Nicholas Blacklock.

„Ja.“

„Er hat Sie in keiner Weise dazu gezwungen?“

„Nein.“

Der Pfarrer beugte sich leicht vor, legte ihr behutsam die Hand unter das Kinn und drehte ihr Gesicht zum Licht, um den Bluterguss besser sehen zu können. „Und dafür ist er hoffentlich auch nicht verantwortlich?“

„Nein, Monsieur le Curé, dafür ist er nicht verantwortlich“, erwiderte sie mit weicherem Tonfall. „Er hat mich vor Männern gerettet, die mir noch weitaus größeren Schaden zugefügt hätten.“

Eh bien, das ist gut.“ Der alte Mann lehnte sich wieder zurück.

Faith beobachtete ihn unsicher. Der Pfarrer begann nun, mit Mr Blacklock die Einzelheiten des kommenden Tages zu besprechen. Faith merkte, dass sie vor Erleichterung zitterte. Sie würde also nicht noch einmal als leichtes Mädchen beschimpft werden. Sie hatte sich auf eine Moralpredigt gefasst gemacht, doch der alte Pfarrer hatte nur sichergehen wollen, dass sie nicht Bigamie betrieb. Und dass sie freiwillig und ohne Zwang die Ehe einging.

Sie leerte ihre Tasse und erhob sich mit immer noch zitternden Knien. „Monsieur, mir ist ein wenig warm. Ich würde gern kurz an die frische Luft gehen, wenn Sie gestatten.“

Der Geistliche sah Nicholas Blacklock stirnrunzelnd an, und als dieser nichts sagte, antwortete er: „Wie Sie wünschen, Mademoiselle. Marthe wird Ihnen den Weg zeigen.“

„Danke, ich finde mich schon selbst zurecht“, wehrte sie hastig ab. Sie hatte keine Lust, sich Marthes missbilligenden Blicken auszusetzen. Sie brauchte jetzt ein wenig Ruhe und Frieden, und sie wusste genau, wo sie beides finden würde.

Sie verließ das Haus und schlüpfte durch den Seiteneingang, eine schwere, dunkle Eichentür, in die Kirche. Im Innern war es kühl und dunkel, nur zwei große Kerzen brannten auf dem Altar. Der vertraute Duft nach Weihrauch, Messingpolitur und Bienenwachs hüllte sie ein und versetzte sie wieder in die Zeit, als sie ein kleines Mädchen war und Mama, Papa und manchmal auch ihre Kinderfrau Concetta mit ihr in die Dorfkirche in Italien gegangen waren. Mama pflegte zum Beten dort hinzugehen, obwohl sie keine Katholikin gewesen war. Gott ist überall, hatte Mama immer gesagt, aber in einer Kirche fühle sie sich Ihm näher.

Gleich neben der Tür stand der Ständer für die Votivkerzen, die meisten von ihnen nur noch Stummel, stille Zeugen von Hoffnungen, Gebeten und Erinnerungen. Neue Kerzen lagen in einer Schachtel neben dem Ständer, von ganz dünnen bis hin zu dicken Säulen aus Wachs, die darauf warteten, auserwählt und im Gebet angezündet zu werden.

Als sie noch klein war, hatte Concetta den Merridew-Mädchen in Italien erklärt, was es mit den Votivkerzen auf sich hatte. Sie selbst entzündete sie regelmäßig für die Seele ihres verstorbenen Ehemanns. Den Kindern war das Ritual nur allzu vertraut.

Seit ihrem siebten Lebensjahr war Faith nicht mehr in einer katholischen Kirche gewesen. Großvater hatte immer gesagt, die Papisten wären des Teufels. Jetzt, Jahre später und erwachsen geworden, verstand Faith, wie viel Trost Kerzen bringen konnten. Plötzlich verspürte sie das überwältigende Bedürfnis, eine Kerze für ihre Mutter und ihren Vater anzuzünden. Sehnsüchtig betrachtete sie die Schachtel mit den Kerzen, aber sie hatte kein Geld bei sich.

Sie schob sich in eine Kirchenbank, kniete sich hin und betete. Mama und Papa waren nun schon so lange tot, mehr als zwölf Jahre, doch an diesem Abend vermisste sie sie besonders schmerzlich. Sie wusste noch, wie Mama sie immer im Arm gehalten hatte; sie war so weich, wunderschön und wohlduftend gewesen, Papa hingegen groß und stark und nach seinen Zigarren riechend. Wenn sie auf seinen Schultern sitzen durfte, fühlte sie sich immer sicher und über alle Dinge erhaben.

„Ich habe ein fürchterliches Durcheinander angerichtet, Mama“, flüsterte sie. „Ich dachte, ich würde das Gleiche tun wie du und Papa, dachte, ich hätte die große Liebe gefunden, genau wie ihr. Aber ich habe mich so schrecklich geirrt.“ Sie wusste, Mama hätte ihr verziehen, aber sie wäre sehr enttäuscht gewesen. Sie hatte allen ihren Töchtern Liebe, Glück, Sonnenschein und Freude im Leben versprochen. Faith hatte sie schwer enttäuscht.

„Ich werde morgen heiraten, Papa. Er ist ein guter Mann, ich weiß es. Er tut das alles nur für mich, um mir zu helfen, obwohl er mich gar nicht kennt. Ich weiß aber nicht, ob ich das Richtige tue oder nicht …“ Heiße Tränen liefen ihr plötzlich über die Wangen.

Sie hatte keine Ahnung, wie lange sie dort im Dunkeln gekniet hatte, aber als sie sich erhob, fühlte sie sich deutlich getröstet. Wieder blieb sie zögernd neben den Votivkerzen stehen. Schließlich nahm sie eine davon in die Hand und schickte Mama ein stummes Gebet. Dann küsste sie die Kerze und legte sie zurück zu den anderen. Der Nächste, der diese Kerze anzündete, würde ihr Mamas Antwort zukommen lassen.

Hinter ihr bewegte sich etwas in der Dunkelheit. Faith zuckte zusammen. „Wer ist da?“

Eine Gestalt löste sich aus den Schatten und trat ins Licht. Es war Marthe. „Ich dachte, Sie wären Anglaise?“, meinte sie auf Französisch. „Ich wusste nicht, dass es Anhänger des wahren Glaubens in England gibt.“

„Es gibt welche“, erwiderte Faith in derselben Sprache. „Ich bin tatsächlich Engländerin, aber gewiss keine Katholikin.“

„Sie kennen sich jedoch aus.“ Marthe nickte zu den Votivkerzen hinüber. „Sie wollten eine Kerze anzünden.“

Ihre Kehle war vor Bewegtheit plötzlich wie zugeschnürt. Faith konnte nicht sprechen, also nickte sie nur.

„Ich hätte nicht geglaubt, dass englische Protestanten Kerzen anzünden.“

Faith zuckte mit den Achseln. „Ich wurde in Italien geboren. Unsere Kinderfrau zündete immer Kerzen in der Kirche an, sie hat uns gezeigt, wie wir das machen müssen. Das Ritual schien sie sehr zu trösten.“

Oui, das tut es“, sagte Marthe nach einer Weile. „Sie … brauchen also Trost?“

Faith biss sich auf die Unterlippe.

„Warum haben Sie dann keine Kerze angezündet?“

„Ich habe kein Geld dabei.“

„Aber Sie haben doch gedacht, Sie wären ganz allein. Niemand hätte Sie gesehen, niemand hätte es gemerkt!“

Faith sah sie nur stumm an.

Marthe nickte bedächtig. „Für wen wollten Sie denn eine Kerze anzünden?“

Faith zögerte. Sie wollte nicht, dass diese säuerlich wirkende alte Frau etwas von ihrer Lebensgeschichte erfuhr, aber allmählich wurde das anhaltende Schweigen drückend. „Für meine Mutter und für meinen Vater“, murmelte sie schließlich.

„Sie sind tot? Alle beide?“

Faith nickte abermals und kämpfte erneut gegen ihre Tränen an. Wie lächerlich würde es klingen, wenn sie sagte, dass ihre Eltern starben, als sie sieben war. Wie konnte eine erwachsene Frau von neunzehn Jahren Eltern vermissen, an die sie nur noch bruchstückhafte Erinnerungen hatte? Und doch war es so, im Moment vermisste sie sie schmerzlich.

Marthe sagte nichts mehr. Stattdessen ließ sie ein paar Münzen in die Schachtel fallen, suchte zwei dicke Kerzen aus und drückte sie Faith in die Hand. „Zünden Sie sie an. Ich warte draußen.“

Als Faith ins Pfarrhaus zurückkehrte, sah ihr der Pfarrer mit ernster Miene entgegen. „Marthe hat mir erzählt, dass Sie in der Kirche waren und gebetet haben“, sagte er auf Französisch. Es klang beinahe wie ein Vorwurf.

Faith nickte.

„Sie sagte, Sie wollten gern ein paar Kerzen anzünden, hätten es aber nicht getan, weil Sie kein Geld bei sich hatten.“

Wieder nickte Faith nur.

Jetzt sprach er auf Italienisch weiter. „Sie sagt, Sie wären mit unserer Kirche vertraut und wären in Italien zur Welt gekommen. Ich sehe Ihnen an, dass Sie mich verstehen, daher muss es stimmen, dass Sie dort eine Weile gelebt haben. Erzählen Sie mir doch bitte, wo Sie getauft worden sind?“

Sie zuckte mit den Achseln und antwortete auf Italienisch. „In unserer Dorfkirche. Eine andere Möglichkeit gab es nicht.“

„In einer katholischen Dorfkirche in Italien?“

Auf ihre Bestätigung hin sprang er plötzlich auf und strahlte über das ganze faltige Gesicht. „Aha! Habe ich es nicht gesagt, Marthe?“ Er ging wieder zum Englischen über und wandte sich an Nicholas Blacklock, der wenig erfolgreich versuchte, hatte, dem Gespräch zu folgen. „Monsieur, ich kann Sie und die junge Dame nun doch trauen. Der Bürgermeister muss Sie natürlich zuerst standesamtlich trauen, aber danach kommen Sie zu mir und schließen vor Gott den Bund der Ehe. Ihre Braut ist in einer Kirche des wahren Glaubens getauft worden, ich darf Sie also trauen!“

Mr Blacklock zog eine Augenbraue hoch. „Möchten Sie das gern, Miss Merrit?“

Faith sah sich etwas hilflos um. Im Grunde genommen wollte sie überhaupt nicht heiraten – keine Vernunfthochzeit mit einem Mann, den sie kaum kannte –, aber da sie kaum eine andere Wahl hatte …

Vorhin in der Kirche hatte sie Frieden gefunden. Sie hatte Kerzen für Mama und Papa angezündet. Sie hatte sich die beiden an ihre Seite gewünscht; so waren sie ihr vielleicht am nächsten. „Ich würde sehr gern in einer Kirche heiraten, aber das ist auch Ihre Entscheidung. Hätten Sie etwas dagegen einzuwenden?“

Er zuckte mit den Achseln. „Für mich macht das keinen Unterschied.“ Er wandte sich an den Pfarrer. „Wäre Ihnen morgen um zehn Uhr recht? Die standesamtliche Trauung ist um neun.“ Während der Pfarrer sich zustimmend verneigte, ertönte der Türklopfer. Marthe ging, um zu öffnen, und Nicholas erhob sich. „Das wird Stevens sein. Kommen Sie, Miss Merrit, wir begleiten Sie zum Gasthaus.“

„Zum Gasthaus?“ Der Geistliche wirkte brüskiert. „Sie kann nicht im Gasthaus bleiben, das schickt sich nicht. Sie bleibt hier, mit Marthe als ihrer Anstandsdame“, fügte er würdevoll hinzu.

„Aber …“ Faith verspürte kein Verlangen, die Nacht unter Marthes strenger Beobachtung zu verbringen. Die Frau mochte in der Kirche vorübergehend freundlich zu ihr gewesen sein, aber sie wirkte immer noch kühl und missbilligend.

„Dann wäre das also beschlossene Sache“, betonte der alte Mann bestimmt.

„Nun gut. Ich muss zugeben, das ist eine bessere Lösung als das Gasthaus. Stevens wäre zwar bei ihr geblieben, aber hier ist sie doch sicherer. Außerdem braucht eine Frau am Vorabend ihrer Hochzeit weibliche Gesellschaft.“

Vielleicht, aber nicht unbedingt die einer alten Frau, die mich immer noch ablehnt, dachte Faith, aber sie widersprach nicht. Der Gedanke, in einem öffentlichen Gasthaus zu übernachten, war nach ihren Erfahrungen der letzten Wochen schon ein wenig furchterregend. Hier würde sie niemand belästigen.

Mr Blacklock nahm ihre Hand und hauchte einen Kuss darauf. „Wir holen Sie um halb neun ab, Miss Merrit.“ Er hielt ihre Hand eine ganze Weile und fügte dann weich hinzu: „Schlafen Sie gut, meine Liebe.“

Seine Freundlichkeit trieb ihr wieder die Tränen in die Augen. Sie konnte nur stumm nicken.

„Keine Sorge, Monsieur, wir werden gut auf sie aufpassen.“

Nick stürzte sich kopfüber ins Meer. Das Wasser war eiskalt und belebend. Mit kräftigen Schwimmzügen entfernte er sich vom Strand. So machte er es immer, schwamm blindlings und ohne nachzudenken einfach weiter hinaus ins offene Meer. Manchmal kam ihm der Gedanke, weiter und weiter zu schwimmen, bis er zu erschöpft zum Umkehren war, und sich in den Fluten zu verlieren.

Aber es war nicht seine Art, so ohne Weiteres aufzugeben. Eine Welle schlug über seinem Kopf zusammen, und er schüttelte sich lachend und ausgelassen. Er liebte das Schwimmen. Manchmal stellte er sich vor, er wäre zur Hälfte eine Robbe, so wie die Selkies aus den schottischen Legenden, die an Land kamen und sich in Menschen verwandelten, indem sie ihr Fell ablegten. Im Wasser fühlte er sich frei. Hier konnte er tun, was er wollte, sein, wer er wollte.

Als junger Soldat, täglich den Tod vor Augen habend, hatten er und seine Freunde manchmal darüber gesprochen, welchen letzten Wunsch sie noch äußern würden, sollten sie sterben müssen. Matt, zum Beispiel, wollte mit hundert schönen Frauen schlafen, ehe er starb. George wünschte sich, einmal alle Weine Frankreichs kosten zu dürfen. Albert träumte davon, alle Werke von Shakespeare zu lesen.

Nicholas hatte sich nie so recht entscheiden können. Ja, es war bestimmt schön, mit vielen Frauen zu schlafen, doch hundert waren eindeutig zu viel. Nach dem ersten Dutzend verlor die Sache sicherlich an Reiz. Er wollte auch nicht alle Weine Frankreichs probieren – nur die besten davon. Er hatte mehrere Tragödien von Shakespeare im Theater gesehen, aber die frühen Komödien gefielen ihm besser. Aus seiner Gruppe war er der Einzige, der nicht den glühenden Ehrgeiz verspürt hatte, sich vor seinem Tod noch einen besonderen Wunsch zu erfüllen. Doch er hatte einen. Einen Wunsch, bei dem er sich aber schämte, ihn vor den anderen zu äußern – er wollte leben. Nicht sterben.

Er befürchtete, deswegen als Feigling zu gelten. Ein Soldat sollte doch ganz sicher keine Angst vor dem Tod haben, und so stürzte sich Nicholas in die Schlacht, um seine Feigheit vor den anderen zu verbergen. Immer an vorderster Front, immer mitten im Kampfgetümmel. Er kämpfte nicht für König und Vaterland, sondern um sein Leben.

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    Anne Gracie (Autor)

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Titel: Wilder Retter meines Herzens