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Sommerkinder

von Lilian Kaufmann (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Als die dreiundzwanzigjährige Studentin Emily in Bangkok landet, ist es ihre erste große Reise. Doch sie ist nicht lange alleine: In ihrem Hostel trifft sie auf Annika und Julius. Sie alle sind auf der Suche – nach einem vermissten Freund, Ablenkung oder sich selbst – und freunden sich schnell an. Doch die Harmonie zwischen den neuen Freunden gerät ins Wanken, als sie Yan, einen faszinierenden Globetrotter, kennenlernen. Yan scheint auf alles eine Antwort zu haben und verbirgt ein Geheimnis, das auf keinen Fall offenbart werden darf. Einige Tage später verschwindet er spurlos. Zumindest scheint es so: Denn niemand ahnt, dass Yan einen ganz bestimmten Plan verfolgt. Und dass Emily, Julius und Annika sich keinesfalls zufällig kennengelernt haben ...

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe Mai 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-730-1
Taschenbuch-ISBN: 9783964432339

Covergestaltung: Franziska Wiedemann
unter Verwendung eines Motivs von
© Zamurovic Photography/shutterstock.com
Lektorat: Janina Klinck

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

Für Paula

 

 

One day baby, we’ll be old
Oh baby, we’ll be old
And think of all the stories that we could have told.
Asaf Avidan & The Mojos

Prolog

Es ist schwierig, zu sagen, wann alles anfing. Vielleicht war es der Moment, als wir uns zum ersten Mal begegnet sind. Um die Zusammenhänge zu verstehen, muss ich aber vermutlich noch weiter ausholen. Das fällt mir eigentlich nicht schwer: Ich habe mir Notizen gemacht, über jeden einzelnen dieser schockierenden, alles verändernden Tage. Obwohl ich die Erlebnisse auch ohne große Mühe aus dem Gedächtnis wiedergeben könnte. Ich schätze, ich werde sie nie vergessen. Und das sollte ich auch nicht. Wenn das passieren würde, wäre schließlich alles umsonst gewesen.

Uno

Emily

Er war weg. Und anstatt darüber entsetzt zu sein, war ich es eher über meinen spontanen Impuls, loszulachen. Glücklicherweise konnte ich ihn unterdrücken, denn sonst hätte ich am Ende die Aufmerksamkeit der Umstehenden noch auf mich gelenkt. Und das wollte ich ganz sicher nicht, immerhin waren sie allesamt bewaffnet: mit Digitalkameras, Spiegelreflexapparaten und Smartphones, den modernen Spontaneitäts- und Intimkillern. Sie alle zeigten jetzt schlaff zu Boden, eine ungewöhnliche Richtung, wenn es dort keine speziellen Pflanzen oder die eigenen Schuhe festzuhalten galt. Niemand sagte etwas. Jeder schien zu erwarten, dass noch etwas passieren, sich alles aufklären würde. Vereinzeltes Stirnrunzeln, offenstehende Münder, irgendjemand räusperte sich. Ein Bild der Verwirrung: Die beiden Tourguides, die im Übrigen nicht weniger überrascht aussahen, und die bunten Angebotsflyer hatten uns etwas anderes versprochen.

Uns, damit meine ich eine Gruppe junger Touristen mit ähnlichen Herkunftsländern, ähnlichen Geschichten und ähnlich ratlosen Gesichtern. Bis auf das eines schlaksigen Engländers, der die Erinnerungswürdigkeit des Augenblicks erkannte und seine Hände nun hob, um grinsend ein Foto von der Szene zu schießen. Wie viele Likes er wohl dafür kriegen würde?

Uns, das heißt auch ich: Emily, dreiundzwanzig, Medizinstudentin aus Berlin. Auch ich war einem solchen Angebotsflyer gefolgt. Gespickt mit geradezu unecht farbigen Highlights, ausgehändigt von dem Rezeptionisten meines Hostels. Er hatte mir die gesamte Tour in schlechtem, aber umso überzeugenderem Englisch ans Herz gelegt. Bereits eine halbe Stunde später war ein vollklimatisierter silberner Van vor meinem Hostel vorgefahren. Ein Fahrzeug, das in seiner Sterilität und seinem fremdartigen Spiegelglanz vollkommen deplatziert gewirkt hatte. Ein Bestandteil des Westens, mit aller Gewalt in den Osten verpflanzt. Eines jener Touristen-Zugeständnisse mit dröhnendem Air-Conditioner, der mir schon beim Einsteigen mitten ins Gesicht blies. Als wollte er ungefragt demonstrieren, welche enormen Vorteile diese teurere Transportvariante mit sich brachte.

Ich nahm vorne hinter dem Fahrer Platz, da ich als letzte einer ganzen Reihe von Backpackern abgeholt worden war. Über das Rattern der Lüftung erhob sich die Stimme des Beifahrers und leitenden Tourguides der heutigen Veranstaltung. In bester Kellner-Manier begann er, die geplanten Programmpunkte aufzuzählen. Ein Wasserfall (einer der größten), eine Tempelanlage, ein Markt, ein typisch thailändisches Dorf (direkt nebendran), und daneben (wie praktisch) auch noch ein Reisfeld, ein zweiter Wasserfall, und zu guter Letzt der Grund, warum der bunte Flyer eine ganze Seite mehr umfasst hatte und deshalb theoretisch als Broschüre bezeichnet werden konnte: Das Mekka der Backpacker, ein „modernes Heiligtum“, wie ein Internet-User kurz nach seiner Entdeckung erkannt hatte. Und eigentlich nur der Wunsch nach ein wenig Individualität, nach einem Foto also, das Profilbildqualitäten besaß.

Die Tour im silbernen Großraumvan wurde schon seit einiger Zeit angeboten und so waren bereits eine Menge luftgekühlter Touristen über den Umweg mehrerer Marktstände, Dorfhäuser und Reisfelder zu jenem zweiten Wasserfall geleitet worden. Vor einigen Monaten hatte dort ein selbsternannter Backpacker die Besonderheit eines Felsens für seine Handykamera entdeckt. Er besaß die Form einer steinernen Welle und war durch jahrelange Wassertropfen mit einem augenförmigen Loch versehen worden. Der Backpacker hatte sich für ein Foto so positioniert, dass sein Gesicht hinter dem Wellenausläufer verschwunden war und er mit einem Auge durch das Loch hatte schauen können. Mit den Bildunterschriften #immerseyourself, #seetheworld, #thetravellerseye hatte er das Selfie hochgeladen – und innerhalb kürzester Zeit Tausende Gleichgesinnte erreicht. Das Auge des Reisenden war bereits nach wenigen Wochen im Internet zum Selfie-Ort des Jahres gekürt worden – und verdiente damit auch eine eigene Broschürenseite.

„You have thirty minutes. Toilets are there.“ Einer Handbewegung nach rechts folgte die Aufforderung des leitenden Tourguides, die Türen des Vans zu öffnen und sich in eine Reihe mit einer anderen Gruppe zu stellen. Sie war gerade mit einem zweiten, ähnlich silbrig glänzenden Bus auf dem Parkplatz des ersten Wasserfalls vorgefahren und strömte nun Richtung Aussichtsplattform.

Feuchte Hitze schlug uns entgegen, die sich unter dem bewölkten Himmel angestaut hatte. Die Gerüche, die mir in die Nase stiegen, hatten nichts Exotisches: Die Mischung aus erhitztem nassen Stein und grasbewachsener Erde hätte ich auch in Europa finden können.

Für ein Foto blieben pro Person gut vierzig Sekunden, ausreichend Zeit also, um mehr als eine Pose auszuprobieren. Sportbegeisterte konnten verschiedene Sprungtechniken üben, Kreative taten so, als würden sie sich mit den Händen gegen den Wasserfall im Hintergrund stemmen und weniger Experimentierfreudige wählten zwischen dem Kussmund- und Grimassen-Klassiker. Wer keinen Selfiestick mitgebracht hatte, fand genügend hilfsbereite Mitreisende, die sich im Gegenzug selbst fotografieren ließen.

Nur ein junger, braungebrannter Typ blieb am Rand stehen, als gehörte er nicht zu der Gruppe. Er sah aus wie einer jener Menschen, die sich ein Tier oder ein Baby anschaffen, um einen eigenen YouTube-Channel gründen zu können. Mehrfach tastete er seine Hosentaschen ab, bevor er zu fluchen anfing. Wie es schien, hatte er sein Handy im Hostel liegen lassen.

„Was soll ich hier ohne Kamera?“, fragte er auf Hochdeutsch. „Eindrücke sammeln?“

Keiner der Anwesenden wusste eine Antwort darauf.

Das Anstehen endete konsequenterweise in einer zweiten Schlange vor einigermaßen sauberen Touristen-WCs, danach führte eine dritte Schlange zurück in den eisgekühlten Van.

Der nächste Programmpunkt wartete bereits.

Die Tempelanlage erstreckte sich auf einem Hügel, der so nebelverhangen war, dass selbst fotowilligen Profis das vielseitig erprobte Lächeln verging.

„No worries, only one day in the year I see sun here.“ Das strahlende Lachen des Tourguides hätte sich fantastisch auf den trüben Bildern gemacht. Warum sie dann jeden Tag hierherfuhren? Das Lachen wurde um ein Schulterzucken ergänzt.

Bei Programmpunkt Nummer drei war das schon leichter zu erkennen, wurde der Aufbruch zu Programmpunkt vier (das authentische Dorf) doch genau in dem Moment bekanntgegeben, als auch der letzte Tourist unsicher nach einem Säckchen getrockneter Früchte oder vielleicht auch einer Tüte Nüsse gegriffen hatte (da jeder der zwölf Marktstände eines von beidem anbot, fiel die Wahl nicht besonders schwer). Eine Runde durch das ausgestorbene, authentische Dorf führte zu einem Reisfeld, das glücklicherweise breit genug war, um mehrere Leute gleichzeitig und nebeneinander Fotos schießen zu lassen. Die Zeit wurde langsam knapp, denn das Broschüren-Highlight war noch immer nicht erreicht.

Ein letztes Klicken der Apparate, Rückzug in den Van, Aufbruch zum zweiten Wasserfall. Der Air-Conditioner blies eifrig auf Hochtouren. Auf den hintersten Sitzen entbrannte eine Diskussion, wie man sich am besten durch das Auge des Reisenden ablichten lassen würde.

Ein großer Parkplatz erschien, aber wieder war der zweite Silbervan schneller gewesen und entleerte seine Fahrgäste bereits. Aufgeregtes Kamerazücken und ein kurzer Weg über glitschige Steine.

„Wo ist er denn jetzt?“, fragte der Deutsche ohne Handy.

Das strahlende Lachen des Tourguides war einem Stirnrunzeln gewichen. Dreißig Augenpaare wanderten von ihm zu der Steinwelle, deren berühmtes Loch scheinbar so groß geworden war, dass es einen Teil des Steins aufgefressen hatte. Die Welle hatte sich halbiert, als wäre sie mit einem Messer zerteilt worden. Das Murmeln unter den Toursiten wurde lauter, aufgeregter.

„Kann man so was stehlen?“

"Ist das ein Witz?"

"Kriegen wir jetzt unser Geld zurück?"

Die Laune des Deutschen besserte sich dagegen mit einem Schlag. Er würde nicht mehr der Einzige ohne ein Selfie mit dem Traveller’s Eye sein.

Die Augenpaare der Reisenden wechselten zu ihm. Ein schlaksiger Engländer schoss ein Foto von der zerteilten Welle. Er würde sicher viele Likes dafür bekommen.

Ja, ich denke, das war der Anfang.

Ich packe meinen Koffer

Emily

Es raschelte. Erst lauter, dann wieder leiser. Ich fluchte und hielt inne. Bis auf das gleichmäßige Surren des Deckenventilators war es ganz still im Zimmer. So still, dass ich mir einreden konnte, alleine zu sein. Das stimmte aber nicht. Mir war eine Wölbung aufgefallen, im Stockbett rechts an der Wand. In der unteren Etage schien eine Person zu schlafen, obwohl es erst fünf Uhr nachmittags war. Vielleicht ein Neuankömmling, so wie ich selbst, dem der Jetlag zu schaffen machte.

Es war ein dunkles, heruntergekommenes Zimmer, aus dessen Ecken und Ritzen ein modriger Geruch sickerte. Ich hatte mir vom ersten Moment an fest vorgenommen, diese Stellen zu übersehen. Ich hatte Angst vor Spinnen und kriechendem Ungeziefer und hatte das ungute Gefühl, in jeder Ecke genügend von beidem finden zu können. Das einzige Fenster war klein und wurde von einem dunkelbraunen, fleckigen Vorhang erstickt. Ansonsten wurde jeder freie Zentimeter des Raumes von den sechs Schlafstellen ausgefüllt, auf denen sechs unterschiedliche, bleiche Bettbezüge lagen, und von sechs nicht verschließbaren Schrankkästen. Bisher war ich keinem meiner Mitbewohner begegnet, obwohl ich annahm, dass es sich um fünf Frauen handeln musste. Immerhin hatte ich einen 6-Bed-Female-Dorm gebucht.

Als ich am Vorabend in Bangkok angekommen war, war es bereits spät gewesen. Übermüdet und aufgeregt war ich in das dunkle Sechsbettzimmer geschlüpft, in dem kein Licht mehr brannte. Mithilfe meiner Handylampe hatte ich so leise wie möglich meinen Rucksack abgestellt und die untere Matratze des linken Hochbettes bezogen. Eine Stunde war ich wach geblieben und am nächsten Morgen trotzdem als Letzte aufgestanden. Verwirrt und verschlafen hatte ich mich an der Rezeption nach einem Frühstück und einer Stadtkarte erkundigt. Dort hatte man mir den Ausflug zum berühmten Traveller’s Eye empfohlen, laut Rezeptionisten eine einmalige Gelegenheit. Und da ich zum ersten Mal in meinem Leben vollkommen alleine war, hatte ich Ja gesagt. Die Aussicht auf eine kleine Reisegruppe war mir tröstlich vorgekommen. So war ich mitgefahren, im eisgekühlten Silbervan.

Nun, zurück in meinem Zimmer, fühlte ich mich verschwitzt und müde, obwohl ich erst vor wenigen Stunden aufgestanden war. Das schwüle Wetter drückte mir auf die Stimmung. Wieder griff ich in meinen Backpackrucksack und wieder raschelte es.

Niemals hätte ich gedacht, auf so wenigen Quadratmetern so wenig Ordnung halten zu können. Eine ganze Woche hatte ich nach dem richtigen Rucksack-Modell gesucht. Ich hatte sämtliche Internet-Anbieter durchgeklickt, mich in Foren belesen und war mit meiner Mutter in einem Spezial-Geschäft gewesen. Der Verkäufer hatte erfahren gewirkt, nicht zuletzt dank seines üppigen Hipster-Bartes. „Du brauchst ’nen 65-Liter-Trekkingrucksack für Damen mit Rückenpanel und extra Hüftpolsterung. Mehr Gepäck ist absolut sinnlos, das zieht dich nur runter und du siehst echt nicht stark aus. Achte auf den Gurt oberhalb der Brust, der muss gut sitzen. Zu viele Gurte und Schlaufen sind unnötiger Schnickschnack fürs Auge, am Ende wirst du nur irgendwo hängen bleiben. Und im Ausland auf die Fresse knallen will keiner, glaub’ mir. Seitenfächer brauchst du genauso wenig, die machen nur ’ne Gewichtsumverteilung und das schadet der Ergonomie, weil’s weniger auf die Hüften geht.“

„Der junge Herr weiß Bescheid, Emily“, hatte meine Mutter gesagt, zutiefst beeindruckt.

Der Verkäufer hatte noch mehr Geheimtipps gekannt und so hatten wir den Laden mit einer kompletten Rundumausstattung verlassen: Moskitospray für tagsüber, und für die Nacht ein insektenabweisender Seidenschlafsack mit insektenabweisendem Waschmittel, um den Seidenschlafsack insektenabweisend zu imprägnieren. Außerdem ein Fliegengitter mit Zeltboden, das sich laut Fachverkäufer auf jeder Bettmatratze selbstständig und formgerecht entfaltete und damit zielsicher bereits die dicksten (und damit auch erfolgreichsten und möglicherweise sprayresistenten) Mücken abwehrte. Komprimierbare Reisehandtücher, komprimierbare Wasserflasche und komprimierbares Reisekopfkissen, allesamt aus ultraleichtem Spezialmaterial. Und mehrere Beutel und Taschen zum Verstauen. „Water-resistant und eco-friendly.“ Leider raschelten sie laut, sobald man sie berührte.

Ich kramte weiter nach dem Beutel mit meinen Duschsachen. Schon am Morgen, bevor ich zum Ausflug aufgebrochen war, hatte ich ihn hervorgeholt. Mittlerweile schien er jedoch auf unerklärliche Weise wieder bis ganz nach unten gerutscht zu sein. Mein Handy vibrierte. Ich gab meine Suche auf und warf einen Blick auf die Wölbung im Nachbarbett. Sie regte sich nicht. Leise verließ ich das Zimmer und drückte auf den grünen Button.

„Emy, Häschen“, rief mir die Stimme meiner Mutter entgegen. „Wie geht’s dir? Wie war dein erster Tag? Wir haben uns schon Sorgen um dich gemacht, weil du uns nicht geschrieben hast.“

„Ich hab euch doch heute Morgen geschrieben, dass ich auf einem Ausflug bin. Ich hatte unterwegs kein Internet und bin erst seit einer halben Stunde wieder zurück.“

„Ach so, dann sind wir ja beruhigt! Wie geht’s dir, mein Schatz? Gefällt es dir?“

„Mir geht’s gut. Alles in Ordnung. Ich bin nur etwas müde.“

„Es ist aber auch alles sehr anstrengend! Stell dir mal vor, wie lange du im Flugzeug gesessen hast. Dreizehn Stunden! Und dann auch noch umsteigen. Dass so was überhaupt möglich ist … Du bist wirklich eine Abenteurerin!“

„Die größte Gefahr ging heute von der Klimaanlage aus.“

„Ach, wir vermissen dich jetzt schon! Sind die Leute nett?“

„Ich vermiss euch auch, Mama. Ich fühl mich hier ziemlich allein, ich hab noch nicht viele Leute kennengelernt.“

„Das wird schon, Schatz. Pass nur immer gut auf dich auf, ja? Versprichst du uns das? Geh nicht mit Fremden mit! Und geh niemals alleine irgendwohin!“

„Nein, Mama, ich hatte vor, vier Monate lang im Hostel in meinem Moskitozelt zu sitzen und dann wieder nach Hause zu fliegen.“

„Besser wär’s vermutlich! Weißt du denn schon, wie es weitergeht?“

„Bis jetzt noch nicht.“

„Noch keinen Plan?“

„Ich hab mich noch nicht entschieden.“

„Du hast aber auch so viele Möglichkeiten! Lass dir ruhig Zeit. Ruh dich doch noch ein paar Tage aus. Wir bezahlen dir auch ein Hotel, das weißt du!“

„Das weiß ich. Das ist lieb von euch.“

„Hauptsache, es geht dir gut!“

Das WC und die Duschbrause befanden sich in einem und demselben schwach beleuchteten Raum. Er war mit lockeren Steinen ausgelegt und seine beigefarbenen, gekachelten Wände teilweise mit grünen Schimmelspuren überzogen. Ich hatte schon am Morgen, bei meinem ersten Duschgang, erkannt, dass es für mich nur einen einzigen möglichen Pfad zur Duschbrause gab. Er führte weder über ein Bodenloch mit Spinnengefahr noch ging er zu nahe an der schmutzigen Wand entlang. Mit Flip-Flops bewaffnet trat ich ihn an und versuchte, nirgendwo genauer hinzusehen. Der Geruch nach Kloake ließ sich weniger leicht ignorieren. Immerhin handelte es sich bei dem WC nicht auch um ein Bodenloch, sondern um ein nullachtfünfzehn Sitzklo, wie es an deutschen Bahnhöfen üblich war (was genau genommen auch kein gutes Zeichen war).

An der Duschbrause angekommen, platzierte ich meine Waschsachen vorsichtig auf einer einigermaßen sauberen Kachel. Das Wasser war eiskalt und ließ eine feine Spur Ameisen auf meinen Kopf regnen. Ich schrak zurück, stieß mein Duschgel um und beförderte es auf den Boden, direkt neben ein besonders großes Loch. Ich musste mich verrenken, um beim Bücken weder einen der Steine noch die schimmelige Wand zu berühren. Der gesamte Raum schien bereits von der spritzenden Brause überflutet worden zu sein und sämtlichen Schmutz vor meine Flip-Flops zu schwemmen. In meinen Ohren klangen die Worte meiner Mutter: „Wir bezahlen dir auch ein Hotel“. Ich kniff die Augen zusammen. Ich war freiwillig hier. Und ich würde nicht so schnell aufgeben.

Es brauchte zehn Minuten, bis ich mich nach dem Duschen mit meinem extra-abweisenden Mückenspray und einer Portion Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 50 einbalsamiert hatte. Danach stand ich unschlüssig in meinem Zimmer.

Ich wollte es mir nicht eingestehen, aber ich fürchtete mich davor, in den Aufenthaltsraum des Hostels zu gehen und Fremde ansprechen zu müssen. Oder noch schlimmer: mich nicht zu trauen, jemanden anzusprechen, und vereinsamt in einem Sessel zu enden. Als Außenseiterin des Hostels.

Ich rief mir ins Gedächtnis, dass ich schon viel unangenehmere Situationen bewältigt hatte. An meinem ersten Unitag in einer fremden Stadt hatte ich es schließlich auch geschafft, unbekannte Kommilitonen anzusprechen.

Meine Bedenken sollten sich als vollkommen unbegründet herausstellen, denn der Aufenthaltsraum im Erdgeschoss des dreistöckigen Gebäudes war vollkommen leer. Es war ein Ort, der trotz permanent laufenden Deckenventilators muffig roch, erfüllt von abgestandener, warmer Luft. Sein Boden war übersät mit Sitzsäcken in verblassten Farben, an einer Wand stand ein altes, unerwartet elegantes Sofa, wie die verstaubte Antiquität in einem Museum. Darüber hingen allerhand Fotos von jungen Reisenden, die fröhlich lächelten, in den Augen Abenteuerlust.

Ich betrachtete einen der abgewetzten Sandsäcke. Zu Hause hätte ich einen Bogen um ihn gemacht, musste ich bei seinem Anblick doch sofort an Flöhe, Läuse und verschiedenste Körperflüssigkeiten denken. Aber jetzt war ich in Bangkok und wollte mich selbst als Backpackerin bezeichnen. Ich versuchte, möglichst lässig darin Platz zu nehmen, und knallte dabei fast auf den Boden, da der durchgehangene Sack offensichtlich keinerlei Gewicht mehr trug.

„Hey.“

Ich drehte mich um. Ein Junge mit braunem Teint und aufgepumpten Oberarmmuskeln hatte den Raum betreten, unter seinem gestählten Arm ein handliches MacBook.

„Hey“, erwiderte ich überrascht.

Ich überlegte, was ich dem ersten waschechten Backpacker sagen sollte, als dieser meinte: „New here?“

„Yes.“

„’Cause you’re sitting on the false bean bag. Nobody sits there. It’s the worst place in the whole room.“

Ich – ganz lässige Backpackerin ohne empfindlichen Rücken – meinte: „Oh, it’s okay, thank you.“ Während ich das sagte, war ich bereits um weitere zwei Zentimeter nach unten gerutscht und fürchtete, nie wieder aus dem Sitzkissen aufstehen zu können. Ich hatte die Hoffnung geschöpft, ein Gespräch zu beginnen, und wollte etwas sagen, doch der Fremde hatte bereits das Kabel seines Laptops in eine der Steckdosen und schwarze Kopfhörer in seine Ohren gestöpselt.

Unsicher hing ich auf dem false bean bag, der meinen Hintern immer tiefer gleiten ließ und gleichzeitig meine Oberschenkel in ungünstigem Winkel gegen meinen Bauch presste. Ich fühlte mich ein wenig wie in einer Fliegenfalle. Der echte Backpacker gegenüber schien ganz und gar in sein MacBook vertieft.

Schließlich entschied ich, den muffigen, tristen Raum zu verlassen und nach draußen zu gehen. Nicht zuletzt, weil meine Haltung immer unwürdiger wurde und ich mich fehl am Platz fühlte. Ich musste meine Hände auf dem Boden abstützen, um mich mit einigem Kraftaufwand wieder aufzurichten. Der echte Backpacker warf mir verstohlene Blicke über den Rand seines Bildschirms zu. Lässig humpelnd verließ ich das Zimmer.

Das Hostel lag direkt an der berühmten Khaosan Road, Backpackermittelpunkt und Partymeile Bangkoks. Sie war breit und eine der wenigen Straßen für Fußgänger. Hier musste man ausnahmsweise keine Angst haben, von brausenden Tuk-Tuks oder ratternden Motorrädern überfahren zu werden. Laut war es dennoch: An den Straßenrändern tummelten sich Hostels, Bars und Restaurants mit grellen Leuchtreklamen und blinkenden Discokugeln. Sie alle waren auf das junge Publikum zugeschnitten und warben mit Alkohol und westlichem Junkfood. Heimisches Essen fand sich dagegen auf zahlreichen fahrenden Wagen, die mitten auf der Straße aufgebaut waren. Daneben Stände mit Kleidung, Schmuck und Taschen, von Gucci bis Louis Vuitton.

Ausgefüllt wurde die gesamte Szene von einem Gewimmel aus Menschen verschiedenster Nationen. Sie alle kamen unter einem drückenden, tropischen Himmel zusammen, dessen dicke, feuchte Luft fast greifbar war. Sie war geschwängert mit dem Geruch von Bratfett, exotischen Gewürzen und literweise süßlichsaurer Cocktails. Junge Europäer wechselten sich mit Thais jeden Alters ab, die ihre Waren, den Zutritt zu einer Bar oder das Ticket zu einer Show anboten. Sie hatten verschiedene Taktiken, um die Vorbeigehenden auf sich aufmerksam zu machen: Manche versuchten es mit Schmeicheleien, andere mit dem Aufzählen der niedrigsten Preise und wieder andere liefen ihren Opfern einfach aufregend plappernd hinterher.

Ich hörte ein Plopp-Geräusch neben meinem linken Ohr und sah einen Thai mit gelben Zähnen, der mich angrinste. In einem Reiseblog hatte ich gelesen, dass auf diese Weise auf Ping-Pong-Shows hingewiesen wurde. Schnell ging ich weiter.

„Wanna have a drink, young lady?“

„Nice dress! Best dress in Bangkok! Eighty Baht! Sixty Baht for you, Miss!“

Plopp, plopp.

„Ice Cream! Coconut Ice Cream!“

Ein Massagesalon bot Fuß- und Nackenmassagen auf offener Straße an. Es war der einzig ruhige Ort.

Je weiter ich lief, desto lauter wurde die Musik und desto mehr Bars erschienen. Die Händler mussten fast schreien, um die Partysongs zu überstimmen. Aus jeder Bar und jedem Restaurant ertönten andere Lieder, sodass den Fußgängern je nach Standpunkt ein unharmonisches Klanggemisch entgegenschlug.

„Grab somebody sexy tell’em hey, got the magic stick, I’m the love doctor, so we gon’ dance until we drop.“

Ich war eindeutig zu nüchtern dafür. Am Ende der Straße wurde das Gedränge enger und die Besucher betrunkener. Sie tanzten auf der Straße und leerten Plastikbecher in sich hinein.

„Hey, darling!“ Eine Hand streckte sich nach mir aus. Sie gehörte zu einem pausbäckigen, schweißnassen Gesicht. „Don’t be so shy!“

Ich bezweifelte stark, dass der Typ bei weniger schüchternen Frauen mehr Erfolg haben würde. Schnell machte ich kehrt und hatte Mühe, in dem Getümmel vorwärtszukommen.

Vor einem einigermaßen ruhigen Restaurant am Anfang der Straße blieb ich stehen und studierte die Speisekarte. Peel it, boil it, cook it or forget it, kam mir in den Sinn. „Kein Salat, keine Mayo und keine Eiswürfel“, hatte mein Vater mir eingebläut. „Und sei vorsichtig mit Fisch!“

Ich bestellte Nudeln mit Hähnchen. Es triefte vor Fett und schien die raffinierte Küche Thailands geradezu zu verhöhnen. Dennoch aß ich es auf. Der Ausflug und die Aufregungen des Tages hatten mich hungrig gemacht.

Ein langgezogener, dumpfer Ton ließ mich hochschrecken. Eine dicke, mittelalte Thai tauchte zwischen den Tischen auf. Sie präsentierte ein Holzstück, das rülpsende Geräusche wie eine alte Kröte von sich gab, wenn man mit einem Stab darüberfuhr.

„Thirty Baht“, sagte sie. „Wanna have?“

Ich schüttelte den Kopf. „No, thank you.“

„Okay, twenty Baht. Wanna have?“

Wieder vollführte die Frau den Rülpsgesang, als sei dieser ein höchst überzeugendes Argument.

„No, thank you“, sagte ich zum Erstaunen der Verkäuferin.

„Fifteen Baht.“

Unsicher betrachtete ich meinen leeren Teller, der fettig glänzte. Es vergingen mehrere Minuten, in denen die Frau nichts machte, außer neben mir zu stehen und hin und wieder lustlos über das Holzstück zu fahren. Ich tat so, als würde ich eine sehr lange SMS verfassen und hatte die paranoide Vorstellung, die Verkäuferin könnte mir über die Schulter schauen und meinen Bluff entlarven. Irgendwann sah ich aus dem Augenwinkel, wie sie mit langsamen Schritten zum Nachbartisch schlurfte.

Ich befürchtete, sie könnte zurückkommen, besonders als sie als Nächstes eine abnorm blinkende Trillerpfeife auspackte („Thirty Baht, but twenty for you, Mister“), die sie mir noch nicht vorgeführt hatte. Also entschied ich kurzerhand, das Restaurant zu verlassen.

„You early!“, begrüßte mich der Mann an der Rezeption meines Hostels. „It’s nine p. m.!“ Es war der Angestellte, der mir am Morgen zu dem Ausflug im Silbervan geraten hatte. Er trug ein weißes, glatt gebügeltes Hemd, das eher zu einem schicken Hotel gepasst hätte, und strahlte trotz seiner unreinen Gesichtshaut die Erfahrenheit einer älteren, eingearbeiteten Fachkraft aus.

Ich zuckte mit den Schultern.

„No fun at Khaosan?“ Der Mann zeigte ein Lächeln, das mir mitleidig vorkam.

Weil ich nicht wusste, was ich sonst tun sollte, suchte ich mein Zimmer auf und legte mich auf die harte Matratze meines Stockbettes. Ich hatte den imprägnierten, insektenabweisenden Seidenschlafsack darüber ausgebreitet. Nur das Mückenzelt lag noch immer in meinem Rucksack. Ich hatte mich nicht getraut, es hervorzuholen, da trotz der Experten-Beteuerungen des bärtigen Hipster-Verkäufers und meiner Mutter offensichtlich niemand in meinem Schlafsaal etwas Vergleichbares verwendete. Aus dem Augenwinkel konnte ich die Wölbung im Nebenbett erkennen. Ansonsten war der Raum leer.

Wenn ich mir nicht zu achtzig Prozent sicher wäre, dass im Bett neben mir jemand schläft, dann würde ich jetzt ein Selbstgespräch beginnen, schrieb ich in den WhatsApp-Chat, der mich mit meinen zwei besten Freundinnen aus Berlin verband. Ich würde mir erzählen, was ich heute alles erlebt hab und dass ich eine starke, unabhängige junge Frau bin. Wundert euch nicht, wenn ich euch bald nicht mehr schreibe. Ich werde wohl lernen müssen, alleine durchs Leben zu ziehen, als asozialer Mensch ohne Freunde. Vielleicht werden mich ja manche für eine selbstbestimmte Abenteurerin halten, die zu cool für Hostel-Bekanntschaften ist. Habt ihr nicht Lust, eure Vorlesungen zu schwänzen und auch hierherzukommen?

Lange lag ich wach. Der Gedanke, nicht zu wissen, was ich am nächsten Morgen tun würde, machte mir Angst. Ich unterdrückte ein aufkommendes Gefühl von Panik. Wieder sagte ich mir, dass ich schon vor dieser Reise alleine losgezogen war. Als ich meinen Studienort gewechselt und Berlin zum ersten Mal verlassen hatte. Und auch das hatte geklappt. Irgendwann gelang es mir, einzuschlafen. Ich träumte von einem großen, alles verschlingenden Wasserfall. Er rauschte bedrohlich und riss das Traveller’s Eye unsanft entzwei, dann fing er an zu kichern und zu lallen.

„Pssssst!“, sagte eine Stimme.

Ich blinzelte. Das Zimmer war hell erleuchtet. Vier Mädchen standen in dem schmalen Gang vor meinem Bett, in kurzen Kleidern und Jeans. Sie lachten. Allem Anschein nach waren sie betrunken und bestens gelaunt. Ich rollte mich unauffällig zur Seite. Der erste Tag von vier Monaten war fast geschafft.

Schafkopf

Julius

Es brauchte wohl einiges Glück und Vertrauen, um auf einer Reise einen Weggefährten zu finden, dem man sich bedingungslos anschließen würde. Dieses instinktive Gefühl, zusammenzupassen, diese Sofort-Sympathie. Julius glaubte, genau das zu spüren, als er an der Bar seines Hostels auf einen Holländer mit breitem Grinsen traf.

„Du siehst aus, als könntest du einen Drink vertragen“, sagte dieser zur Begrüßung. „Als könntest du vielleicht sogar jeden Abend einen Drink vertragen. Und darauf sollten wir anstoßen.“

Weise Weggefährten waren in jedem Fall doppelt so wertvoll.

Als hätte er bereits mit Julius’ Auftauchen gerechnet, schob er ihm ein Glas mit brauner Flüssigkeit hin. „Whiskey“, meinte der Fremde. „Und nicht der Billigste.“

Julius nahm das Getränk entgegen.

Die Bar war laut und bis auf den letzten Hocker besetzt. Junge Menschen tummelten sich dicht an dicht, ein Stimmengewirr auf Englisch und Deutsch. Dazwischen zwängten sich Töne eines Rihanna-Songs. Nur Fetzen davon fanden ihren Weg durch das enge Gemurmel bis an Julius’ Ohr. Das Lied klang schräg, als sei es keine Originalversion oder als sei die Box am hinteren Ende des Raumes defekt. Julius hatte Mühe, den Fremden zu seiner Rechten zu verstehen, denn er sprach leise. Als würde er mit sich selbst reden.

„Bevor du mich fragst“, fuhr er fort, „ich heiße Yan und komme aus Holland. Das ist es, was alle immer wissen wollen, oder? Woher kommst du? Was machst du? Wohin willst du als nächstes? Du wirst es irgendwann hassen. Ein auswendiggelerntes Ping-Pong-Spiel. Warum immer das Offensichtliche fragen? Das ist so unkreativ.“ Yan legte die Stirn in Falten, als würde er sich ärgern, und nahm einen Schluck von der braunen Flüssigkeit. „Ich frage stattdessen: Was trinkst du gerne? Das sagt auch etwas über mein Gegenüber aus. Trink- und Essgewohnheiten können einiges verraten. Mich interessiert der Mensch hinter dem Steckbrief.“

Julius zuckte mit den Schultern. „Geht in Ordnung für mich. Aber eine Frage hab ich: Warum sprichst du so gut Deutsch?“

Yan sah aus, als hätte Julius ihn enttäuscht. „Das fragen mich alle Deutschen. Ich hab neun Jahre lang in Deutschland gelebt, mit meinen Eltern. Ich bin dort zur Schule gegangen. Wie schmeckt dir der Whiskey?“

„Nicht schlecht. Ist das eine thailändische Sorte?“

„Aus Reis hergestellt.“ Yan drehte sich zum Barmann um und sagte einige schnelle Worte auf Thai. „Meine Mutter“, erklärte er daraufhin, „halbe Thai. Ich bin in Bangkok geboren. Das hier fühlt sich an, als würde ich nach Hause kommen.“

Julius erstaunte die Aussage einigermaßen, wies doch nichts in Yans milchig weißem Gesicht auf diesen Teil seiner Herkunft hin. Vielleicht waren die dunkelbraunen dichten Haare auf eine Mischung aus holländischem Blond und asiatischem Schwarz zurückzuführen. Seine silbergrauen, glasigen Augen jedoch schienen ganz und gar einzigartig und keiner Ethnie zuzuordnen zu sein.

„Ich mag Whiskey“, meinte Julius. „Vor ein paar Monaten hab ich bei einem Tasting mitgemacht. Der traditionelle Malt-Whiskey aus Schottland wird aus Gerste hergestellt. Amerikanischer zum Großteil aus Mais, deswegen schmeckt er süßlicher. Zum Verkosten muss man eine Hand auf das Glas pressen, das Glas kurz umdrehen“ – er führte die Bewegung vor – „und wieder zurück und dann die Flüssigkeit auf der Handfläche verteilen. Durch die Körperwärme können sich die charakteristischen Aromen richtig entfalten.“ Er beugte sich über seinen Handteller und zog die Nase hoch. „Er riecht … stark, würde ich sagen.“

„Du hältst gerne Vorträge, was?“ Yan grinste. „Gibt Schlimmeres. Was machst du hier?“

„Ich dachte, dich interessiert so was nicht?“

„Hab ich das gesagt?“

„Ja, gerade eben. Die Person hinter dem Steckbrief.“

„Das heißt nicht, dass ich den Steckbrief uninteressant finde. Du bist neu hier, oder?“

„Ja.“

„Dann hast du die Fragerei noch nicht satt. Ich sehe keinen Grund, warum ich dich verschonen sollte." Er lachte. "Also, was machst du hier?“

„Ich war in Perth im Auslandssemester. Und jetzt will ich zwei Monate durch Südostasien reisen. Ich bin seit drei Tagen in Bangkok.“

„Verstehe. Das hab ich schon ein paar Mal gehört. Nicht schlecht. Wie lange bleibst du in Bangkok?“

„Weiß noch nicht genau. Ich hab noch keine konkreten Pläne. Ich dachte, das würde sich beim Reisen von selbst ergeben.“

„Du meinst, wenn man erst mal Leute kennenlernt.“

„Genau.“

„Dann hast du Glück. Du hast jetzt mich kennengelernt. Und ich suche jemanden, der Lust hat, in den Norden zu reisen. Ich will ein Auto mieten. Am Sonntag soll’s losgehen.“

Yan war eine jener Reisefiguren, von denen man sich nicht vorstellen konnte, dass sie jemals etwas anderes getan hatten, außer zu reisen und zu leben. Als hätte er die Geburt in Bangkok und die neun Jahre in Deutschland nur erfunden, um sich anzupassen. Um wie jeder andere eine Vorgeschichte erzählen zu können.

„Cool“, antwortete Julius. „Klingt gut. Ich will so viele Orte sehen … Ich hab mich noch nicht entschieden, wo ich anfangen soll.“

„Der Norden ist ein guter Start, glaub mir. Ich kenne viele Ecken abseits vom Massentourismus. Ich hab Familie dort oben. Und vielleicht finden wir ja auch noch ein paar Mädels, die mitkommen wollen. Roadtrips sind super.“

Yans Art war einnehmend, fast schon besitzergreifend. Bereits mit dem ersten Blick seiner eisgrauen Augen schien er sein Gegenüber fesseln zu können. Zu Hause, in seiner gewohnten Umgebung, wäre Julius einem Menschen wie Yan vermutlich instinktiv aus dem Weg gegangen. Aber hier, in der Fremde, war er offener. Toleranter. Er konnte nicht genau sagen, warum, aber Yans Erzählungen überzeugten ihn. Er wirkte wie ein Anführer, der wusste, wo es langging. Genau das Richtige auf einer Reise.

„Okay, warum nicht“, meinte Julius.

„Also abgemacht. Du und ich im Norden. Dschungel und das alles. Ein echtes Abenteuer. Du wirst es nicht bereuen.“

Ein Mädchen schob sich an ihnen vorbei, so dicht, dass ihr Hintern kurz Julius’ Oberschenkel streifte und er ihr Parfüm riechen konnte. Es verdeckte einen dezenten Schweißgeruch, der vermutlich dem stickigen Raum ohne Belüftung geschuldet war.

„Die ist heiß, oder?“ Yan hatte Julius’ Blick bemerkt. „Du siehst aus wie einer, der bei Mädels gut ankommt.“

Das Mädchen war weitergelaufen, ohne sie zu beachten.

„Könnte besser sein.“

„Keine falsche Bescheidenheit, so was mag ich nicht. Gefallen dir Thai-Mädchen? Lass die Finger von ihnen. Ich finde es widerlich, wie europäische Männer ihren Status ausnutzen. Und du wirkst nicht wie jemand, der auf der Suche nach was Ernstem ist, hab ich recht? Dann nimm dir ’ne Backpackerin. Die kommen doch extra her, weil sie scharf sind auf Abenteuer. Zu Hause mögen sie rumlaufen wie die größte Kirchenmaus, aber hier kann’s gar nicht wenig genug Stoff sein. Bei jeder zweiten zeichnen sich die Nippel durch das Oberteil ab. Und überall Bauchnabel … Glaub mir, die legen’s drauf an. Drei Monate ohne Regeln und dann geht’s zurück ins geordnete Spießbürgertum. Master, Job, eigene Wohnung. Als wär nie was gewesen. Jeder genau gleich. Das Leben geht immer weiter.“ Er kratzte mit dem Nagel über einen Schmutzfleck an seinem leeren Glas, als würde er über etwas nachdenken. Dann wandte er sich dem Barmann zu und bestellte zwei neue Gläser Whiskey.

„Magst du Spiele?“, fragte Yan, während der Barmann die Gläser auffüllte.

„Was für Spiele meinst du?“

„Ganz generell.“

„Ich bin Fan von Tennis, Fußball und Golf. Und früher hab ich viel Computer gespielt.“

„Golf hätte ich mir denken können. Du hast dieses Polohemd-Gesicht, obwohl du es hinter billigen Urlaubsklamotten versteckst.“ Er lachte über Julius’ gerunzelte Stirn. „Und keine Brettspiele? Würfel? Karten?“

„Doch, auch.“

„Ich hab ein Kartendeck dabei. Ich liebe das Spiel. Und ich hasse es, zu verlieren.“ Er zwinkerte und zog einen fein säuberlichen Stapel aus seiner Hosentasche. Altmodische Karten mit reich geschmückten Köpfen und prunkvollen Zahlen. Und dennoch gepflegt, ohne einen einzigen Knick.

„Ich entwickle gern eigene Spiele“, meinte Yan. „Mein Lieblingsspiel ist das Bier-Spiel. Genial, weil es so simpel ist. Ideal zu zweit. Ich denke mir Aufgaben aus, die mein Gegner lösen muss, und umgekehrt. Wenn mein Gegner scheitert, muss er ein Bier exen. Wenn er die Aufgabe schafft, muss ich ein Bier exen.“ Wieder lachte er. Es war ein merkwürdiges, heftiges Lachen, das seinen Mund unerwartet groß werden ließ. „Oder das Undercover-Spiel. Man denkt sich eine Nation, einen Beruf und einen Reisegrund für den anderen aus. Mit dieser Identität muss derjenige dann versuchen, Handynummern von Mädels zu kriegen. Wer mehr Nummern bekommt, hat gewonnen und kriegt von den restlichen Mitspielern je ein Getränk ausgegeben. Den größten Erfolg hatte ich als englischer Geschäftsreisender aus niederem Adel.“ Er zückte die oberste Karte des Decks und begann, die Regeln eines Spiels zu erklären, von dem Julius noch nie etwas gehört hatte. „Wer verliert, muss Aufgaben erfüllen. In Ordnung?“

Julius nickte. „Bin dabei.“

Sie tranken und zogen Karten, während es um sie herum immer lauter und voller wurde. Yan war ein guter Spieler. Nichts schien seinen Augen zu entgehen, jedes Zucken in Julius’ Gesicht deutete er richtig. Julius musste als Verlierer Mädchen ansprechen, Liegestützen auf dem schmutzigen Boden vollführen und Gläser exen.

Yan beobachtete all das mit einem Schmunzeln. „Du schlägst dich sehr tapfer“, sagte er irgendwann. „Das schafft nicht jeder. Würdest du mir folgen?“

Julius’ Gedankenwelt war bereits vom Alkohol vernebelt. Seine Aufmerksamkeit richtete sich mehr und mehr auf die Frauen um ihn herum. Überall wackelnde Hintern und Bauchnabel. Schöne, straffe Schenkel in kurzen Jeans. Es war schwer, sich zu konzentrieren.

„Julius?“

„Wie meinst du das?“

„Ich meine es genau so: Wenn mir etwas zustoßen würde, könnte ich mich auf dich verlassen? Immerhin wollen wir zusammen in den Norden fahren, du und ich. Ich muss wissen, mit wem ich es zu tun habe.“ Yans silbergraue Augen sahen ihn ernst an. Ein Anführer, der wusste, wo es langging.

„Klar“, entgegnete Julius, den der Alkohol euphorisch stimmte. „Du kannst dich auf mich verlassen.“

„Das ist gut.“ Yan warf einen Blick auf sein Kartendeck und schmunzelte. „Ich hab gewonnen. Ich glaube, wir setzen eine Runde aus. Du brauchst ’ne Verschnaufpause.“

 

***

 

Julius entschied, den nächsten Tag noch ein wenig aufzuschieben, indem er einfach im Bett liegen blieb. Es war elf Uhr und er war der letzte im Zimmer, erschlagen und unfähig, es jemals wieder zu verlassen. Ein Gefangener in einem kaputten, müden Körper. Er mochte sich nicht vorstellen, wie es hier roch: abgestandene, stickige Luft, verbraucht von fünf atmenden Lungen. Eine Mischung aus längst getrunkenem Alkohol, süßlich, säuerlich, bitter – die ganze Palette und in jedem Fall ausgesprochen widerwärtig –, Nachtschweiß und über allem ein dumpfer Film von Zigarettenrauch. Erbrechenswürdig.

Eine Welle der Übelkeit überkam ihn, doch er überstand sie, ohne sich übergeben zu müssen. So lag Julius da, in seinem eigenen Dunstkreis, mit tanzenden Schatten an der Decke, schwindelerregend. Er fixierte einen unbewegten Gegenstand, die Tür, und versuchte sich an die letzte Nacht zu erinnern.

Bruchstücke tauchten in seinem Gedächtnis auf. Er hatte Runde um Runde gegen Yan verloren und abwechselnd Bier und Whiskey getrunken. Ein einziges Mal war es ihm gelungen, Yan zu schlagen. Er hatte sich eine Zigarette gewünscht, und Yan hatte ihm einen Joint gebracht. Sie hatten ihn gemeinsam geraucht, und Julius hatte das Spiel aufgegeben. Er war zu betrunken gewesen, um Erfolg bei den Frauen zu haben, also war er irgendwann zurück auf sein Fünfbettzimmer geschwankt.

Es klopfte kurz an die Tür, geradezu ohrenbetäubend, dann trat Yan ein. Er grinste. Es war erstaunlich, wie hellwach und fit er wirkte. Er schien ein Stehaufmännchen zu sein, ein Angehöriger jener Backpacker-Rasse, die von verwanzten Bodenmatten bis zu Barfuß-Rollerfahren alles überstand. Ein beneidenswertes, glückliches Wunder.

„Du schaust mich an, als wäre ich von den Toten auferstanden“, sagte er. „Als hätte ich Superkräfte. Das gefällt mir. Aber jetzt bist du mit Aufstehen dran, beeil dich.“

Julius fand die Idee alles andere als gut. Kopfschmerzen, Schwindel, hochempfindlicher Magen. Genug Gründe, die dagegen sprachen.

„Wir haben heute viel vor. Wir müssen ein Auto mieten, du erinnerst dich? Der Norden, unser Roadtrip. Morgen ist Sonntag, da wollte ich losfahren. Du bist schon seit drei Tagen hier in Bangkok, oder? Dann hast du fürs Erste genug gesehen. Mir reicht’s hier langsam, ich vermisse die Natur. Lass uns heute alles planen und dann am Abend eine kleine Abschiedsparty veranstalten. Nur mit Mädels, was meinst du? Vielleicht finden wir welche, die mit uns mitfahren wollen. Zieh nicht so ein Gesicht, bis heute Abend bist du wieder fit. Und jetzt steh endlich auf, wir müssen unser Hostel wechseln.“

„Was?“

„Wir müssen los. Raus aus dem Hostel.“

„Wieso das denn?“

„Wegen der Sache mit dem Gummibaum.“

„Was ist damit?“

Im selben Moment überkam Julius eine dunkle Ahnung.

„Letzte Nacht warst du ganz schön besoffen. Zu viel Whiskey. Der hat dir auf die Blase gedrückt. Und der Gummibaum an der Rezeption kam dir ziemlich vertrocknet vor. Also hast du deine Hosen runtergelassen und ‚den Baum gegossen‘, wie du es nanntest. Und der Typ von der Rezeption hat zugeschaut.“

Julius erinnerte sich wieder. Er glaubte sogar, dass Yan ihn zu der Aktion ermuntert hatte.

Dieser lachte sein eigenartiges, breites Yan-Lachen. „Ich mag es, wenn Leute für Überraschungen gut sind. Ich nenne so was Eskalationspotenzial. Wenn jemand bereit ist, über die Stränge zu schlagen, um alles aus einem Abend rauszuholen. Das machen nicht viele. Je älter man wird, desto mehr Leute geben einfach auf. Ich finde, man sollte immer alles versuchen. Hat der Typ von der Rezeption leider anders gesehen. Als ich eben was essen gehen wollte, hat er mich angehalten und gesagt, wir müssten ein Bußgeld zahlen.“ Er schüttelte den Kopf. „Wir verschwinden durch die Balkontür. Warum sollten wir eine Strafe zahlen? Dem Gummibaum hat das bestimmt gutgetan, er sah wirklich vertrocknet aus. Wir ziehen in das Hostel am Ende der Straße. Ich kenn ein paar lustige Leute, die dort wohnen.“

Lustig war in jedem Fall Geschmackssache, aber Julius vertraute seinem neuen Weggefährten.

 

***

 

Zweieinhalb Meter trennten sie vom Boden, auch wenn sie im ersten Stock wohnten.

„Wenn uns eine Birkenfeige das Ganze eingebrockt hat, dann soll uns jetzt eine andere wieder da raushelfen“, entschied Yan nach fachmännischem Blick über den Balkon. Er zeigte auf einen hohen Baum mit breitem, geflochtenem Stamm und zahlreichen Ästen, die sich in den Himmel wanden. Er sah hart und rau aus, und das warme Holz mit seinen dunkelgrünen Blättern verströmte einen aromatischen, saftigen Duft. Yan testete vorsichtig die Haltbarkeit eines Astes, der sich wie eine fette Dschungelschlange direkt unter ihnen erstreckte. Den Bruchteil einer Sekunde stieß er sich daran ab, dann umgriff er mit beiden Armen den Stamm und rutschte einen kurzen Abschnitt herunter. Ein hässliches schleifendes Geräusch ertönte, das an Kratzer und Schürfwunden denken ließ. Ein Geräusch aus der Kindheit.

Julius beobachtete all das mit stechenden, trüben Augen, zu empfindlich, um an einem solch heißen Tag schon der Sonne ausgesetzt zu sein. Er beugte sich über das Gitter des Balkons und sah, dass Yan ihm zuwinkte. Er wollte, dass er sich beeilte.

„Du hast gesagt, dass du mir folgen würdest!“, rief er ihm zu. „Beweise es!“

Julius ahnte, dass es ein ziemlich anstrengender Tag werden würde. Und das, obwohl es eigentlich vieles gab, worüber er endlich einmal ernsthaft nachdenken musste. Er hatte eine Entscheidung zu treffen. Die erste große oder vielleicht auch die einzige, die er je hatte treffen müssen.

„Gibt es irgendwas, das du nicht weißt?“

Eine der wenigen Fragen, die Julius seinem neuen Freund gestellt hatte. Er hatte nur einen einzigen Abend gebraucht, um davon überzeugt zu sein, dass Yan der einfallsreichste und vielleicht auch gerissenste Typ war, den er je getroffen hatte.

„Ich kenne einen, der mehr weiß als wir beide zusammen“, hatte Yan geantwortet. „Und ich kann nur jedem empfehlen, ihn persönlich kennenzulernen – aber ich glaube, ich bin derjenige, der mehr Spaß hat.“

Zumindest schien er jemand zu sein, der aus jeder Lebenslage noch etwas herauszuholen wusste, ein Mensch, dem man intuitiv auf Bäume folgte – auch wenn Julius diese Idee im Augenblick weder als besonders klug noch spaßig empfand. Dennoch stieß er sich ab und griff nach dem Stamm.

„Wenn ich dir sage, dass sich dieser clevere Typ etwas ausgedacht hat, eine Art Spiel, bei dem ich mitmachen möchte. Würdest du dich anschließen?“

Julius’ Gedanken wurden gestört, denn im selben Moment spürte er, wie das Holz unter ihm wegbrach und er den Halt verlor.

„Es ist ein gefährliches Spiel, aber das beste, von dem ich je gehört habe.“

Zweieinhalb Meter trennten Julius vom Boden. Zweieinhalb Meter und ein Nebel aus Kopfschmerzen, der schlagartig zunahm, als er auf den Boden prallte.

„Keine Sorge“, war alles, was er Yan aus weiter Ferne sagen hörte. „So high wie du letzte Nacht warst, ist es kein Wunder, dass du heute tief fällst.“

Julius konnte sich vorstellen, wie sein neuer Reisegefährte bei diesen Worten grinste.

Verstecken

Annika

Annika war noch nie der Gedanke gekommen, dass sie Flugangst haben könnte. Vor etwa einem halben Jahr hatte sie in einer Zeitschrift gelesen, dass beim Start die meisten Dinge schiefgehen konnten. Und nun, im denkbar unpassendsten Moment, fiel es ihr wieder ein. Wort für Wort.

Annika konnte von ihrem Fenster aus den wolkenverhangenen Himmel erkennen und begann, sich ausgesprochen unwohl zu fühlen. Normalerweise neigte sie nicht zum Schwitzen, selbst dann nicht, wenn sie Sport trieb, aber jetzt waren ihre Hände klitschnass. Sie warf ihrem Sitznachbarn einen kurzen Blick zu. Er war ein dicker, unförmig aussehender Mann, der tief und fest zu schlafen schien, seit er sich in seinen Sitz geklemmt hatte. Definitiv keiner der Menschen, die man als Letztes in seinem Leben gesehen haben wollte. Zumal er einen Absturz vermutlich noch beschleunigen würde. Als hätte sie ihre Gedanken gehört, baute sich die Stewardess vor ihnen auf und zeigte, wie man sich in einer Notfallsituation die Sauerstoffmaske aufsetzte. Besonders ihr Dauerlächeln schien dabei notfallerprobt zu sein. Annika sah schnell weg.

Als sie starteten, klammerte Annika sich mit ganzer Kraft an den Armlehnen fest. Ihre Hände waren noch feuchter, ihr Sitznachbar schlief noch fester und das Bild der Sauerstoffmaske schwebte ihr so deutlich vor Augen, als drückte die lächelnde Stewardess sie ihr mitten ins Gesicht. Es waren furchtbare Sekunden, besonders der Augenblick, in dem sie immer näher an das Ende des Rollfeldes gelangten und sich langsam die Frage aufdrängte, wann der Pilot das Flugzeug endlich in die Luft befördern wollte.

Als dieser Moment überstanden war, begann Annika, sich ein klein wenig zu entspannen. Immerhin wurde ihre Atmung langsamer und sie konnte ihre Hände von den Armlehnen nehmen. Eine Weile ließ sie den Blick über die immer kleiner werdenden Autos und Straßen unter sich gleiten, eine Puppenwelt, wie die, die sie als Kind aus Playmobil und Lego gebaut hatte. Es war ein beruhigender Anblick. Jedes Haus, jeder Fluss und jedes Feld schien von oben betrachtet seine Ordnung zu haben. Sie schloss die Augen und versuchte zu vergessen, dass sie sich in einem Flugzeug befand. Es gelang ihr sogar so gut, dass sich ihre Gedanken schließlich wieder ihrer anderen, viel größeren Sorge zuwenden konnten. Der Frage, die ihr schon die ganzen letzten Tage durch den Kopf gegeistert war.

Wo war Andi?

Seit fast zwei Wochen hatte er sich nun schon nicht mehr bei ihr gemeldet, auf keine ihrer Nachrichten oder Anrufe hatte er reagiert. Natürlich, auch davor war er nie besonders mitteilungsbedürftig gewesen und hatte nur schleppend von sich hören lassen. Aber nie waren mehr als drei Tage vergangen. Annikas Nachbar ließ ein Schnauben von sich hören. Seinem zufriedenen Gesichtsausdruck nach zu urteilen, schien er in angenehmeren Höhen zu schweben als der Rest der Passagiere.

Je länger sie unterwegs waren desto mehr begann Annika, das Flugzeug um sich herum zu vergessen. Es löste sich nach und nach auf, wurde zu der Luft, durch die sie schwebten, und nahm alles andere mit. Gedankenverloren kaute sie an ihren Nägeln und verzog das Gesicht, als sie einen bitteren Geschmack registrierte. Um sich das Kauen abzutrainieren, hatte sie sich am Vortag zum ersten Mal eine Tinktur auf die Nägel aufgetragen. Andi hatte diese Angewohnheit von ihr nie leiden können und sie zu ihrem Ärger gerne als Nagetier bezeichnet.

Andi.

Warum antwortete er nicht? Er konnte ihre Nachrichten noch nicht einmal gelesen haben, denn seit mittlerweile zwölf Tagen schien er weder bei WhatsApp noch auf Facebook oder Instagram online gewesen zu sein. Durch Annikas Kopf zogen fürchterliche Bilder, wenn sie an all das dachte, was ihren Freund davon abhalten könnte, sich bei ihr zu melden. Gerade erst vor wenigen Tagen hatte sie mit Entsetzen gehört, dass zwei junge Mädchen – beide Backpackerinnen in Thailand – als vermisst gemeldet worden waren. Und noch immer war unklar, was ihnen zugestoßen war.

Andis letzter Aufenthaltsort war Bangkok gewesen.

Annika versuchte, nicht schon wieder daran zu denken. Ganz abgesehen davon, dass es auch noch ausgesprochen ungünstig war, gerade jetzt nicht zu wissen, wo sich ihr Freund befand. Immerhin saß sie im Flugzeug, weil sie ihn mit ihrem Besuch hatte überraschen wollen.

„Ich bin ja so neidisch auf dich!“, hatte ihre kleine Schwester ihr morgens am Frankfurter Flughafen zum Abschied gesagt. „Thailand muss der Wahnsinn sein! Und ich schreib nächste Woche ’ne Französischklausur …“

Annika konnte nicht verstehen, wie man sie um ihre Lage beneidete. Sie musste Andi suchen und dazu einen fremden Kontinent betreten, von dem sie befürchtete, dass er das reinste Chaos war. Dabei war sie weder gut in Englisch noch mochte sie Dreck oder hektische Großstädte. Ein einziges Mal war sie in Rom gewesen und stellte sich Bangkok um einiges schlimmer vor. Die Umweltverschmutzung musste alarmierend sein und wenn es überall so zuging, wie im Asia-Imbiss ihres Heimatortes, dann wimmelte es an jeder Ecke nur so von frittiertem fettigen Tierfleisch – es war ja bekannt, dass man in China ohne schlechtes Gewissen Hunde und Delfine verspeiste. Wie sollte sie sich dort nur zurechtfinden?

„Ist sicher total einfach“, hatte ihre kleine Schwester gemeint, die seit neuestem auf jede Frage eine Antwort wusste. Anderthalb Jahre jünger war Alina und mittlerweile sogar einen Zentimeter größer als Annika. Damit war sie nun offiziell die Kleinste in der Familie, denn auch ihr fünf Jahre jüngerer Bruder hatte sie schon überholt.

„Was darf es für Sie zu Trinken sein?“

Es war die Stewardess mit der Sauerstoffmaske. Nur dass sie diesmal statt einer Maske einen Getränkewagen präsentierte. Annika entschied sich für eine Cola Light. Die Stewardess machte Anstalten, den Wagen weiterzurollen, doch Annikas Nachbar – eben noch in unerschütterlichem Tiefschlaf – hatte den Servierwagen scheinbar aus seinem Traum heraus gewittert und war nun hellwach. Er bestellte ein Bier.

Annika warf ihm einen abschätzigen Blick zu. Für sie gab es nur eine einzige logische Erklärung, warum ein Mann mittleren bis fortgeschrittenen Alters (und obendrein auch noch dick) alleine nach Thailand reiste. Er musste ein Lüstling sein. Einer, der Frauen begrapschte und irgendwelche perversen Shows besuchte. Annika rückte unweigerlich ein paar Zentimeter weiter nach links in Richtung Fenster. Es wunderte sie nicht, dass der Lüstling sich für die Menüvariante Eins entschied, ein Schweinesteak mit pampigem Kartoffelpüree. Gierig machte er sich über das Fleisch her und gab eklige Schmatzgeräusche von sich. Annika rümpfte die Nase. Auch wenn sie keine überzeugte Vegetarierin gewesen wäre, hätte sie sich nur aus Trotz heraus für die Menüvariante Zwei entschieden, ein lockerluftiges Gemüseomelette. Es schmeckte scheußlich.

Man kann wohl durchaus von Pech sprechen, wenn man während eines Fluges in ein Unwetter gerät, und ganz besonders, wenn die Stewardessen gerade Getränke nachschenken. Es war daher auch nicht überraschend, dass das zweite Bier ihres Nachbarn nicht in dessen breiter, kurzfingriger Hand, sondern auf Annikas Pulli landete. Annika bemerkte es nicht einmal. Das Flugzeug bebte. Über den allgemeinen Lärmpegel erhob sich die Stimme des Piloten. In einer Nüchternheit, die vielleicht beruhigend, vielleicht aber auch erschreckend wirkte. Man sollte bitte auf seinen Plätzen sitzen bleiben und sich wieder anschnallen, verkündete er fast schon gelangweilt, denn sie wären in ein Unwetter geraten und es könnte eventuell turbulent werden. Annika schaute aus dem Fenster und sah, wie düster es um sie herum geworden war. Ihre Sorgen um Andi wurden schlagartig von der grauschwarzen Wolkenwand verdeckt. Wenn sie nur heil ankommen würde, dachte sie, würde sich sicher alles regeln. Ihre Hände wurden wieder feucht, und mit aller Kraft klammerte sie sich an ihren Armlehnen fest.

Kartenspiele

Emily

Es war mein zweiter Tag in Bangkok und eigentlich mein erster richtiger, wenn man bedachte, dass der missglückte Ausflug im Silbervan einen ganzen Tag verbraucht hatte. Die Zeitumstellung brachte noch immer meinen Rhythmus durcheinander und so stand ich auch an diesem Morgen erst auf, als mein Zimmer schon leer war. Selbst die Wölbung im Nebenbett war verschwunden.

Es war elf Uhr Ortszeit und die Stadt mit ihren 8,3 Millionen Einwohnern bereits zu vollem Leben erwacht. Wo nachts noch künstliches Licht und echte Dunkelheit für ein einheitliches, sauberes Bild gesorgt hatten, zeigten sich die Straßen und Häuser nun völlig nackt und unverfälscht. Auf meinem Weg vom Flughafen in die Innenstadt hatte ich die Skyline sehen können, die sich in weiten Abständen über die 1.600 Quadratkilometer messende Stadt erhebt. Zu ihren Füßen drängen sich tiefe, dicht besetzte Straßenzüge wie Zuschauer auf den billigsten Plätzen. Jeder Zentimeter Bangkoks scheint ausgefüllt.

Abseits der imposanten Einkaufs- und Touristengegenden traf ich auf baufällige, bröckelnde Fassaden, die sich mit hölzernen Verschlägen und überfüllten Innenhöfen abwechselten, in denen sich Planen, Reifenstapel, Werkzeuge und andere Ausschussware türmte. Bereit zur Wiederverwendung. Dazwischen zwängten sich unzählige Autos, Motorräder und Tuk-Tuks mit heulenden und ratternden Motoren. Ihre Abgase trieben in den grauen Großstadthimmel und in meine Nase. Nur an manchen Stellen wurde der Geruch von einem plötzlichen Luftzug aus der Kanalisation überboten.

Dennoch fand ich hier und dort auch einladende, verführerische Düfte, denn überall lockt Bangkoks reiches Straßenessen. Zuckersüße Berge von Früchten in allen Farben, Batterien glänzend lackierter Spieße, brodelnde Töpfe und Schalen, deren würziger Dunstkreis schon von weitem fühlbar ist. Und hinter all dem die flinke und klappernde Geschäftigkeit der Köche, die ihren würfelförmigen Freiluftküchen jeweils ganz eigene Gerichte entlocken. Nussiges Pad Thai mit Hähnchen neben grünem Kokosmilch-Curry, buttrig gebratene Bananenpancakes zwischen leuchtend bunten Obstsäften und feurig roter Tom-Yam-Suppe. Jeder präsentierte andere Schätze in seinen fahrenden, duftenden Schmuckkästen. Ein Jahrmarkt der Sinne.

Ich entschied mich für Pancakes und eine geschnittene Mango und setzte mich zum Essen auf den Bordstein neben einem Obststand. Ich hatte vor, die berühmten Tempelanlagen des Wat Phra Kaeo und des Wat Pho zu besichtigen und studierte eine Stadtkarte. Dank jahrelanger Nutzung von Google Maps war ich so schlecht darin, dass ich mit dem Gedanken spielte, mir ein Internetpaket zu kaufen.

„Miss, where do you want to go?“

„Tuk-Tuk, Miss!“

Ich verfluchte die Karte in meinen Händen, die mich so hilflos aussehen ließ.

„Search for temple?“, fragte mich schließlich ein dritter Thai, der freundlich in meine Richtung lächelte.

Ich überlegte, ob ich wegschauen und so tun sollte, als hätte ich ihn nicht bemerkt, oder ob mir der junge Mann tatsächlich den Weg zeigen konnte.

„Not open today!“, fuhr er fort. „Other temple open. I will bring you there. Better temple!“ Er zeigte auf sein Tuk-Tuk.

Ich winkte ab und lief los. Je näher ich dem Wat Phra Kaeo, dem Tempel im alten Königspalast, kam, desto dichter wurde die Spur aus Touristen, der ich folgen konnte. Sie schienen eine ölige, schweißige Fährte zu hinterlassen, wie glänzende Schnecken, die geradezu magisch von einem großen Salatkohl angelockt wurden.

Als ich die Anlage endlich erreichte, fühlte auch ich mich trotz der morgendlichen Dusche mit der Ameisen-Brause verschwitzt. Es war, als ob die Wärme so vieler menschlicher Körper und auf Hochtouren arbeitender Kameras die Mittagshitze noch verstärkte. Üppiges Gold, leuchtende Edelsteine, Stau vor den Attraktionen. In der zweiten Tempelanlage gab ich frühzeitig auf und entschied, stattdessen in die klimatisierte Massageschule des Wat Pho und direkt in einen Stuhl für Fußmassagen zu flüchten.

Zurück auf der Straße hielt ich vergebens nach einem Café oder einem anderen Ort Ausschau, der Ruhe und Erholung versprach. Also machte ich mich auf den Weg in die Khaosan, die tagsüber erstaunlich friedlich wirkte, und ging auf mein Zimmer. Im Nacken spürte ich den mitleidigen Blick des Rezeptionisten. Ich hatte ein Notizbuch dabei und wollte die ersten Eindrücke meiner Reise unter dem Surren des Deckenventilators aufschreiben.

Ich war überrascht, in meinem Schlafsaal auf zwei Mädchen zu treffen. Ihrem Aussehen nach zu urteilen, schätzte ich sie auf achtzehn.

„Hey, you live in our room?“, fragte die Kräftigere von beiden.

„Yes.“

„Cool. I’m Laura. That’s Betty.“

„Hey, I’m Emily. Nice to meet you.“

„You’re new in Bangkok?“

„Yes.“

„First time in a hostel?“

„Yes.“

„’Cause you have that sleeping bag in your bed. Looks like silk? There are also people who use tents. Against insects. Have you seen that?“ Laura und Betty lachten.

„Äh, no. Crazy.“ Etwas gezwungen stimmte ich in ihr Lachen ein, als hätte ich keines dieser Insektenzelte in meinem Rucksack und als sei mir noch gar nicht aufgefallen, dass mein überteuerter Schlafsack aus Seide war.

„Stupid.“ Laura verzog das Gesicht, als hätte sie noch nie etwas Absurderes gehört. „You go to that room party tonight?“

Nein, von einer Privatparty auf einem der Zimmer im Hostel hatte ich noch nichts gehört. Von wem auch? „Where?“, fragte ich deshalb.

„Second floor. 6-Bed-Male-Dorm. Sounds like fun!“

Die beiden Mädchen liefen zur Tür und winkten. „See you there, Emma!“

„Emily“, korrigierte ich, doch die Mädchen hatten bereits den Raum verlassen.

Domino

Emily

Einer Nacht in Bangkok wird bekanntlich allerhand nachgesagt. So heißt es zum Beispiel, man solle vorsichtig sein, wen man als Begleitung auswählt. Vielleicht hätte ich das Lied vorher noch einmal hören sollen, andererseits hätte mich kein Lied der Welt auf die Realität vorbereiten können, auf das, was jener Nacht folgen sollte.

Der 6-Bed-Male-Dorm beherbergte dieselben sechs Betten wie mein eigenes Zimmer, allerdings war er insgesamt um einiges größer. So fanden neben den sechs Bewohnern auch noch neun Gäste darin Platz – neun Mädchen, um genau zu sein.

Aus zwei Rucksäcken und einer Art Yogamatte war eine Bar entstanden, auf der sich allerhand alkoholische und nicht alkoholische Getränke reihten – von letzteren allerdings bedeutend weniger. Es war ein Zimmer, das auf den ersten Blick recht ordentlich aussah, aber von dem man ahnte, dass das Chaos nur Millimeter unter der Oberfläche lauerte, geschickt versteckt, aber trotzdem anwesend. Ein kleiner Stoffzipfel, der unter einem der Betten hervorschaute, war nur eines der Indizien, die dafür sprachen, dass erst vor wenigen Minuten sämtliche unerwünschten Objekte achtlos unter irgendwelche Möbel oder in dunkle Ecken verstaut worden waren. Es war eine typische Party, die von Jungs ausgerichtet wurde und für Mädchen gedacht war.

Einer dieser Jungs, ein Schwede, verwickelte mich schon an der Zimmertür in eine Unterhaltung. Es war eines dieser typischen Reisegespräche, bei dem der Gesprächspartner beliebig austauschbar war.

Who are you? Where do you come from? Where are you going to?

„Hallo, ich bin Emily, dreiundzwanzig, aus Berlin. Ich will als Nächstes nach Ko Samui, um von dort aus …“

„Um mit der Fähre nach Ko Phangan zu fahren, nehme ich an? Es gibt verschiedene Fähren, ich kann nachschauen, wie meine hieß. Oh, die Inseln sind super. Miete dir ’nen Roller für vier Dollar am Tag und mach eine Bootstour. Aber achte auf den Anbieter, an jeder Ecke will dir jemand was andrehen. Nächste Woche ist die nächste Fullmoon-Party, gehst du hin? Ich fand’s genial. Im Winter kommen da bis zu dreißigtausend Menschen zusammen. Alle total besoffen, echt irre. Und dann?“

„Ko Tao.“

„Zum Tauchen, klar. Geh auf jeden Fall zu meiner Tauchschule, Moment, der Name fällt mir gerade nicht ein … Aber bloß nicht diese eine, das war irgendwas mit einem Seestern … Die nehmen pro Tauchkurs fünf bis zehn Dollar mehr, das sind totale Abzocker. Und dann noch nach Chiang Mai?“

„Ja, vielleicht will ich eine –“

„Trekkingtour machen? Ich kann dir ein paar empfehlen. Hab das auch schon ausprobiert. Total authentisch mit einem Localguide, der hat das extra für uns gemacht. Kenne auch ein paar Leute, die dieselbe Tour gemacht haben. Echt total authentisch, ein Geheimtipp. Gibt ’ne Internetseite dazu. Und danach?“

Es ist ein immer wiederkehrendes Muster, wie ein Gebet. Verehrt wird darin der Weg, der gleichzeitig das Ziel ist. Die aktuellste Reiseführerausgabe von Lonely Planet ist die neue Bibel, die Hostels sind die Tempel, in denen man sich gedanklich austauschen und zusammenkommen kann. Lobpreisungen finden virtuell statt, auf Instagram und Facebook. Den digitalen Altären, wo Fotos wie Opfergaben arrangiert werden. Und das Abendmahl ist ein hervorragendes Mittel, um neue Mitglieder dieser Gesellschaft kennenzulernen. Wein – oder auch andere Getränke – lassen sich im Thailand der Touristen in ganzen Eimern herumreichen, die man hierzulande schlicht und einfach als Buckets bezeichnet. Ein so simpler Name, dass man ihn sich auch dann noch merken kann, wenn man den Eimer bereits geleert hat.

Während dem Schweden immer neue Tipps einfielen, ließ ich meinen Blick durch den Raum schweifen. Vor einem der Stockbetten stand ein Junge, der mir auf Anhieb gefiel. Ein blondes Mädchen hing an seinen Lippen, während ihre eigenen an einem Plastikbecher nippten. Hin und wieder unterbrach sie diese Beschäftigung, um in lautes Gelächter auszubrechen. Auch auf die Entfernung konnte ich ziemlich sicher sagen, dass sie scharf auf ihr Gegenüber war. Dem Gespräch mit dem Schweden schloss sich nahtlos ein zweites, ausgesprochen ähnliches an. Aus dem Augenwinkel beobachtete ich, wie das blonde Mädchen noch immer mit dem Jungen flirtete, der mir gefiel. Als sich jemand zum Rauchen nach draußen zurückzog, schlossen er und das Mädchen sich an und verschwanden aus meinem Blickfeld. Ich leerte meinen ersten Drink und überlegte, ebenfalls nach draußen zu gehen, doch ein zweiter, bis an den Rand gefüllter Plastikbecher, den mir einer der Zimmerbewohner entgegenstreckte, hinderte mich daran.

„Das Leben ist eine Party, auf der du den Gastgeber nicht kennst: die reinste Ekstase oder der beste Grund zum Kotzen. Und der Tod ist der Tag danach: vollkommen überflüssig und umso heftiger, je wilder du es treibst. Zurückhalten sollte man sich deshalb aber nicht. Die Kunst besteht darin, sich mitten in den Trubel zu begeben und trotzdem Ausdauer zu bewahren.“

Das waren die Sätze, durch die ich Yan kennenlernte.

„Na, dann bin ich ja froh, dass ich mir für morgen noch nichts vorgenommen hab“, erwiderte ich und nahm den Becher entgegen.

Yan, dessen Namen ich erst wenige Sekunden später erfahren sollte, schmunzelte.

Ob er mich sympathisch fand? Ich weiß es nicht. Ich kann mir kaum vorstellen, dass jener kurze Abend ausreichte, um in ihm den Wunsch zu wecken, mich einzuweihen. Aus irgendeinem Grund sollte er es dennoch tun. So weit waren wir aber noch nicht. Ich hatte ja noch nicht einmal einen Schluck von meinem zweiten Drink genommen.

„Du scheinst ein Experte auf dem Gebiet zu sein“, sagte ich, als mein Blick auf den ebenfalls randvollen Becher in seiner linken Hand fiel.

„Ich gebe mir zumindest Mühe.“ Er machte eine kurze Pause, in der er mich mit seinen seltsamen, stechend hellgrauen Augen betrachtete. „Ich bin Yan, freut mich.“

„Emily.“

Ich mochte ihn von Anfang an.

Es war spürbar, dass die Stimmung auf der Party langsam, aber sicher kippte. Eine Murmel, die an einer Kante ruhte und im nächsten Moment entweder hinunterrollte oder oben blieb. Es war der gefährliche Punkt, an den jede Party gerät: Wenn die anfängliche Euphorie, ausgelöst durch die ersten, durstig geleerten Gläser, verflogen ist und man sich entscheiden muss, ob man geht oder weitermacht.

„Magst du Spiele, Emily?“

Yan deutete auf einen Jungen mit Stirnwülsten, der ein Kartendeck und einen Würfel vor sich legte. Die Anwesenden setzten sich in einen Kreis, die Murmel blieb liegen. Yan dagegen hatte sich in Bewegung gesetzt und schenkte jedem Alkohol nach.

„Lasst uns die Jugend in Lust, Wein und Karten ertränken. Das Alter lässt nicht lange auf sich warten.“

Ich sah ihn fragend an.

„Das ist aus Pique Dame von Tschaikowsky.“

Der Würfel machte die Runde. Four to the whore. Die Mädchen tranken. Six to the dicks. Die Jungs tranken. Das Spiel war nicht gerade kompliziert, irgendeiner trank immer und daher erfüllte es hervorragend seinen Zweck. Es wurden Regeln dazu erfunden. Wer trinkt, muss vorher einen Trinkspruch aufsagen! Wer ihn vergisst, muss zweimal trinken! Und was, wenn man nun beim Strafschluck den Spruch erneut vergaß? Dreimal trinken! Ein Junge mit schulterlangen Haaren, der schon eine halbe Wodkaflasche geleert hatte, blühte förmlich auf. Soweit, dass seine nächste Regel lautete, man müsse vor jedem Schluck dem Nebenmann einen Kuss geben.

„Auf die Wange“, sagte er in ironischem Tonfall, während seine eigenen bereits rot und heiß glühten. Er würfelte mit neuem Elan, doch leider eine Zahl, die nicht ihn, sondern nur seine Nachbarin trinken ließ. Diese erinnerte sich trotz einiger Plastikbecher noch sehr gut an die neu geschaffene Regel und gab ihrem anderen Nebenmann schnell einen Kuss.

Der Würfel wanderte weiter. Ein Mädchen, das ich zuvor noch gar nicht bemerkt hatte, war an der Reihe. Der Junge mit den Stirnwülsten hielt ihr seine stoppelige Wange hin und grinste. So unauffällig das Mädchen zuvor gewirkt haben mochte, so auffällig war ihr Verhalten nun, da ihr auf einmal Tränen über das Gesicht liefen und sie aufstand, um den Raum zu verlassen. Der Junge zuckte nur mit den Schultern. Es wurde weitergetrunken.

Es dauerte nicht lange, bis das Chaos anfing, sich das Zimmer zurückzuerobern. Zertretene Becher, ein klebriger Boden, Zigarettenstummel und leere Flaschen. Der Zipfel Stoff, der unter einem der Betten herausragte, fiel gar nicht mehr auf.

„Ich werde bald auch bei etwas mitmachen, das man als Spiel bezeichnen kann“, kam es plötzlich von Yan, gerade laut genug, dass ich es hören konnte und trotzdem nicht sicher war, ob er wirklich etwas gesagt hatte. „Doch, ich glaube, so kann man es nennen. Das wohl schwierigste, aber auch beste Spiel, das ich kenne. Was meinst du, würde dich so was auch interessieren?“

Ich wusste nicht, ob ich ihn ernst nehmen konnte. Ich hatte ihn schließlich gerade erst kennengelernt. „Wie meinst du das?“

„Ich meine es genau so, wie ich es sage. Viel mehr kann ich leider nicht sagen, sonst würde ich alles verderben.“ Er grinste irgendwie verschlagen, sein Blick war durchdringend. Glücklicherweise schien er keine Antwort abzuwarten, denn im nächsten Moment wandte er sich wieder den Karten und dem Würfel zu.

Runde folgte auf Runde, doch trotzdem schlug die Stimmung allmählich um. Wir hatten den Zenit überschritten, an dem wir hätten weiterziehen können, und waren in dem kleinen Zimmer versackt. Es war ein Abend geworden wie viele zuvor und viele danach – nett, lustig, unbedeutend. In der Hoffnung, uns Mädchen bei Laune zu halten, waren zu schnell zu viele Flaschen geleert worden. Die Murmel war doch noch ins Rollen gekommen und jeder schien es zu ahnen. Die ernüchternde, erwachsene Gewissheit, dass ein Abend, den man noch Stunden zuvor in unendlicher Länge und mit etlichen Möglichkeiten vor sich gesehen hatte, zu Ende war. Man konnte es an dem fahlen Gesicht erkennen, das der langhaarige Junge mit der halben Wodkaflasche im Bauch machte, an einem müden Gähnen des Schweden und daran, dass eines der Mädchen plötzlich aufstand und in unserer aller Mitte erbrach. Das war der Moment, in dem die Murmel auf dem Boden aufkam und sämtliche Anwesende aufsprangen, um sich nicht schmutzig zu machen.

„Der Abend ist noch nicht vorbei.“ Yan schien nicht aufgeben zu wollen.

Im allgemeinen Trubel bemerkte niemand, wie er daraufhin das Zimmer verließ. Ich folgte ihm. Im Flur stießen wir auf den attraktiven Jungen und sein blondes Anhängsel. Das geflohene Mädchen stand bei ihnen, auf ihrem Gesicht klebten Spuren vertrockneter Tränen. Sie redeten Deutsch und stellten sich vor: Julius, Nina Sophie, genannt Nina (das Anhängsel), und Annika (die mit den Tränen).

„Kennst du einen Andi?“, fragte mich Annika ohne Umschweife. „Er ist auch in Bangkok. Andreas Berger.“ Ohne meine Antwort abzuwarten, präsentierte sie mir daraufhin mehrere Fotos von einem Typen, der etwa in meinem Alter sein musste. „Da waren wir zusammen in Griechenland“, meinte sie mit belegter Stimme.

„Ein schönes Foto“, kommentierte Yan, „und eine schöne Frau! Annika, heute ist ein besonderer Tag, denn du hast gerade jede Menge neuer Freunde gefunden. Lass uns darauf anstoßen und dich ein wenig auf andere Gedanken bringen, was hältst du davon?“ Er sah uns vier der Reihe nach an. „Die Nacht ist noch jung. Wer mitkommt, wird bestimmt nicht enttäuscht. Wie oft werden wir noch zu fünft durch Bangkoks Clubs streifen? Man muss die Feste feiern, wie sie fallen. Und ich mag Feste.“

„Bin dabei“, meinte Nina Sophie. Sie grinste und warf Yan Blicke zu, als hätte Julius allen Grund, eifersüchtig zu werden. Dann griff sie zielsicher nach Julius’ Hand und zog ihn in Richtung Ausgang. Yan nahm Annika und mich bei der Schulter und schob uns ebenfalls zur Tür.

„One Night in Bangkok“, sagte er, als wir auf die warme Straße hinaustraten. „Dann wollen wir mal sehen.“

Die Khaosan Road pulsierte, so wie die Lieder in meinen Ohren, geradezu schmerzhaft laut, und nur Nina Sophies Lachen schien sie übertreffen zu können. Damals nannte ich sie noch bewusst bei ihrem Doppelnamen mit der Betonung auf dem ie. Sie klebte an ihrem Opfer wie eine Spinne und schien sich nicht daran zu stören, es so offensichtlich zu tun. Ich fragte mich, wie es gewesen sein mochte, als man von Mädchen nichts anderes erwartete, als sich erobern zu lassen und demjenigen, der sie auserwählt hatte – wenn sie gnädig gestimmt waren – ihr gepudertes Händchen zu reichen. In diesem Moment drehte sich Nina Sophie um und lächelte in meine Richtung.

„Was machst du eigentlich hier – Emily, nicht wahr?“

Ich musste zugeben: Ihr Lachen war nicht ganz uncharmant. Sie hatte weiße, gepflegte Zähne und ein Grübchen auf der linken Wange. Ansonsten waren ihre Gesichtszüge eher gewöhnlich. Ihre Haut war blass und klar, bis auf das Kinn, wo ich mehrere kleine Pickel entdeckte. Nina Sophie schien versucht zu haben, sie mit einem Abdeckstift zu kaschieren. Ihre Augen, von einem wässrigen Blaugrün, waren von schwarzem Kajal umrandet und die dunkelblonden Haare von helleren Strähnen durchzogen, vermutlich gefärbt.

„Ich setze mein Studium ein Jahr aus.“

„Oh, wirst du so lange reisen?“

„Nein, nur vier Monate.“

„Und die restliche Zeit?“

„Ich … mal sehen. Ich schreibe sehr gerne und hab da ’n Projekt. Ist aber alles total unsicher.“

„Du schreibst? Das hört sich super an!“ Sie lächelte charmant. Fast schon so, als würde sie mit mir flirten. Und als schien sie ganz genau zu wissen, dass sie über einen Blick verfügte, mit dem sie andere Menschen für sich gewinnen konnte.

„Und du?“, fragte ich zurück.

„Jura. Bin schon fertig mit dem Studium. Jetzt will ich erst mal ein bisschen was von der Welt sehen. Ich mach einen Yogakurs in Bangkok, morgen geht’s los.“ Während sie das sagte, steckte sie sich eine Zigarette an, als wollte sie damit beweisen, dass sie trotz Yogakurs keine dieser Öko-Fanatikerinnen war. „Will noch jemand?“, fragte sie uns, doch alle außer Julius lehnten ab. Nina reichte ihm die Packung und das Feuerzeug. Ihre eigene Zigarette wippte lässig zwischen ihren rot geschminkten Lippen. Sie hakte sich bei Julius ein und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Mir entging nicht, dass die Schritte der beiden schneller wurden, als wollten sie uns abschütteln.

Annika, die neben ihnen lief, schien in ihre eigene Gedankenwelt versunken zu sein. Sie sagte kein Wort und sah weder nach links noch nach rechts. Das bunte Treiben der Straße schien sie nicht zu interessieren.

„Ist Nina nicht umwerfend?“, raunte Yan so leise, dass nur ich ihn hörte.

„Findest du?“

„Auf jeden Fall. Schau sie dir an: dieser Augenaufschlag. Dieses bezaubernde Lächeln. Und ihr Körper sieht trainiert aus, als wäre sie in Wahrheit knallhart. Das ist heiß.“ Er grinste über meinen Gesichtsausdruck. „Du verlierst nicht gerne, hab ich recht?“

„Ich finde, sie wirkt komplett aufgesetzt und künstlich.“

„Das ist das Totschlagargument jeder eifersüchtigen Frau.“ Wieder grinste er. „War ein Witz, Emily. Ich weiß, dass ich mir das bei dir erlauben kann. Willst du hören, warum? Ich schätze dich als eine Person ein, die nicht gerne beleidigt ist. Höchstens ein paar Sekunden. Das gefällt mir.“

„Fordere mich nicht heraus.“

„Du siehst echt nicht stark aus.“

„Hey!“

Er schlang einen Arm um mich. „Wir zwei suchen uns jetzt eine Bar“, entschied er. „Wie wär’s mit der hier?“ Er deutete nach rechts. Annika, Julius und Nina Sophie waren bereits daran vorbeigelaufen. „Die kommen schon noch“, meinte er. „Die hier ist besser als die anderen Bars.“

Da ich keinerlei Lust hatte, Nina Sophie und Julius beim Flirten zuzuschauen, war ich mit Yans Vorschlag einverstanden.

Es war so voll, dass wir Mühe hatten, uns bis zur Theke durchzuquetschen.

„Nächste Runde“, sagte Yan, während er die Getränkeliste inspizierte, strategisch wie ein Offizier die Landkarte.

„Hast du ein Ziel, Emily?“, fragte er mich, als er mir ein Shotglas reichte.

Trotz seiner rätselhaften Bemerkung während des Trinkspiels hatte er eine eigenartig direkte Art, Fragen zu stellen. Seine Offenheit war ansteckend. Ich spürte sofort, dass er ein richtiges Gespräch führen wollte. Ich überlegte.

„Ich will ein Buch schreiben“, antwortete ich wahrheitsgemäß und das erste Mal, ohne mir dabei dumm oder albern vorzukommen. „Das wollte ich schon immer.“

Yan nickte zufrieden, als hätte er mit einer solchen Aussage gerechnet. „Dann lass uns darauf anstoßen.“

Es brannte in meiner Kehle, weswegen wir beschlossen, direkt noch einen Cocktail zu bestellen. Irgendwo in einer einigermaßen ruhigen Ecke blieben wir stehen.

„Ein furchtbarer Laden“, sagte Yan. Er breitete seine Arme aus, irgendwie feierlich. Ich sehe ihn noch vor mir, wenn auch ein wenig unscharf. Er sagte etwas wie: „Aber hörst du das Lied? Das schafft nur die richtige Musik: unseren ganzen Körper einzunehmen und summen zu lassen. Als würden sich die akustischen Schwingungen auf uns übertragen und den Spin unserer Atome ausrichten. Und als wären wir je nach Musikgeschmack für andere Frequenzbereiche empfänglich. Was meinst du: Wenn jeder Mensch denselben Musikgeschmack hätte, müsste dann nicht ein einziges Lied ausreichen, um schlagartig Frieden auszulösen? Würden wir dann nicht alle harmonisch im Gleichtakt schwingen, jeder mit demselben Spin?“ Yan lachte.

„Der Einzige, der hier spinnt, bist du.“

Als hätte er auf ein Stichwort gewartet, hielt er mir plötzlich einen Joint vor die Nase.

„Was soll ich damit?“

„Die beste Story der Welt entwickeln“, entgegnete er. „Du musst deinen Horizont erweitern.“

„Mein Horizont reicht hoffentlich weiter als bis zur nächsten Kloschüssel.“

Yan grinste und steckte den Joint zurück in seine Hosentasche. „Das ist wahr, es gibt wesentlich bessere Methoden.“

Aus irgendeinem Grund hatte ich das Gefühl, dass er damit etwas Bestimmtes meinte. Ich nahm einen Schluck von meinem Cocktail.

Ich weiß nicht mehr, wie lange wir so standen und worüber wir uns unterhielten, aber hauptsächlich schien es um Bücher gegangen zu sein, denn ich erinnere mich noch daran, dass ich irgendwann sagte: „Jeder in meiner Familie liest. Meine Eltern arbeiten in der Buchbranche. Das färbt ab.“

„Ich lese auch viel“, meinte Yan. „Gerade bin ich bei den Russen angekommen. Dostojewski, Tolstoi. Ich weiß, ich wirke nicht so, aber das ist ein Vorteil. Wenn man anders ist, als man scheint, dann kann man entweder täuschen oder überraschen – und beides macht mir Spaß.“

Er hatte wirklich irritierend helle Augen. Ich musste meine ein wenig zusammenkneifen, um sie scharf sehen zu können. Ir-ri-tie-rend (komisches Wort). Silbergrau. Wie Eiskristalle, erstarrt, durchsichtig. Er erzählte weiter, doch ich fand es wesentlich spannender, ihn zu beobachten. Obwohl der Alkohol meine Umgebung verschwimmen ließ, verlieh er mir auch eine eigenartige Klarsicht.

„Neun Katzenleben sind gar nichts, jeder Leser hat wesentlich mehr“, sagte er. „Lesen ist wie Reisen für Ungeduldige: kein Kofferpacken, kein Stau und jederzeit die Möglichkeit, zwischen Raum und Zeile zu springen. Und dabei bleibt ein Buch ein sicherer Zufluchtsort. Wenn es mir in Thailand zu heiß wird, kann ich einfach ins kalte Russland entfliehen – nur um hinterher froh zu sein, mich im Hochsommer wiederzufinden.“

Es fiel mir immer schwerer, ihm zu folgen. „Ja, ich mag auch Tiere“, stimmte ich zu, in Gedanken bei den Katzen. „Nur keine Spinnen.“ Wie Nina Sophieee eine war. Julius und sie waren noch immer verschwunden, doch das war mir egal. Ich redete drauflos, belangloses Geplapper, erst auf Englisch, dann auf Französisch. Spätestens in diesem Moment hätte ich mit dem Trinken aufhören sollen. Je mehr man anfängt, in der Muttersprache zu lallen, desto stärker verspürt man eine plötzlich aufkeimende, nie dagewesene Eloquenz in sämtlichen jemals erlernten Fremdsprachen in sich erwachen, seien diese auch noch so rudimentär. Als würde man auf eine Seitensprache ausweichen, weil die Zunge in der Hauptsprache steckengeblieben ist.

Es ist nicht verwunderlich, dass sich dieser Szene eine ganze Reihe von Erinnerungslücken anschließt. Das nächste klare Bild: Yan und ich auf der Tanzfläche – Lied unwichtig – und der Versuch eines Backpackers, mich zu küssen. Ich wies ihn zurück. Rückblickend die Frage, ob er am Schluss doch noch an sein Ziel gekommen war. Fetzen von Musik, von zuckendem Licht und schwitzenden Körpern, die sich tanzend auf und ab bewegten. Danach: Yan und ich auf einer Bank.

„Was du brauchst, sind Erfahrungen.“ Er schrieb etwas auf ein Taschentuch (woher hatte er den Stift?) und überreichte es mir. Ich weiß nicht, ob ich überhaupt einen Blick darauf geworfen habe.

Irgendwie gerieten wir anschließend in ein langwieriges Gespräch mit unseren Banknachbarn, doch ich hörte kaum zu. Ich lebte in meiner eigenen Welt, einem Strudel aus Musik und bunten Bildern, einem summenden, langgezogenen Blabla. Stattdessen die Frage, ob Yan einen blauen Leberfleck am Hals hatte. Weitere Drinks folgten, irgendwann verließen uns unsere Nachbarn und Yan wandte sich wieder voll und ganz mir zu.

Hubkeatiswingam.

„Was?“

Hubkeatiswingam.

Ja, er hatte tatsächlich einen blauen Fleck am Hals!

„Das Ziel des Ganzen …“, meinte er, während ich noch immer seinen Hals betrachtete, „… wenn du es bis zum Ende schaffen willst.“

„Was für ein Ende?“

„Das Spiel. Ich rede von dem Spiel.“

„Ich mag Spiele“, erwiderte ich.

„Es ist wichtig. Du musst es dir merken.“

Ich wusste nicht, worauf er hinauswollte. Trotzdem hörte ich mich „In Ordnung“ sagen, alles andere wäre zu kompliziert gewesen.

„Morgen, okay?“

Ich ahnte, dass mir etwas Wesentliches entgangen war.

„Was ist morgen?“

„Ihr werdet es nicht bereuen.“

Aus irgendeinem Grund lächelte Yan. Oder hatte ich es nur geträumt? Yan, der mich mit seinen durchdringend silbergrauen Augen ansah und lächelte. Ein Strudel aus Musik und bunten Bildern. Ich wurde müde. Hatte das Gespräch jemals so stattgefunden?

„Mir ist schlecht“, sagte ich, ohne zu wissen, ob mich jemand hörte.

„Yan ist rauchen.“

Es war Annika.

Ich glaube, ich habe ihn später noch ein letztes Mal gesehen – oder nicht?

Wie auch immer, am Ende reichte mein Horizont doch nicht weiter als bis zur nächsten Toilettenkabine. Ich hatte wohl einfach ein klein wenig zu viel getrunken.

Am Spielfeldrand

Der Raum war klein und wurde nur von einer einzigen Lampe erhellt. Sie warf ein schummriges, düsteres Licht auf den Holztisch vor dem Fenster, ihr Schatten wie ein Spinnennetz. Die schmucklosen, kahlen Steinwände blieben dunkel, genau wie der knarrende Holzboden. Es war ganz sicher ein schäbigerer Ort als das Hotel, in dem er hätte schlafen können. Sein Budget war immerhin groß, auch nach all den wahrlich fetten Jahren. Es bestand kein Grund, zu sparen, auch jetzt nicht oder besser gesagt: gerade jetzt nicht. Und doch zog er dieses Zimmer und seine Dunkelheit einem Fünf-Sterne-Apartment vor. Denn einen Vorteil hatte es: Er konnte in Ruhe arbeiten. Er war ganz für sich, trotz der hellhörigen, engen Wände, die ihn umgaben. Das war ihm wichtig. Er brauchte seine Ruhe, brauchte ein Versteck, ein Schlupfloch, das nur ihm gehörte. In dem ihn weder eine unterwürfig lächelnde Reinigungskraft störte noch vorgegebene Küchenöffnungszeiten. Und immerhin hauste er im selben Gebäude wie zwei seiner treuen Helfer. Wenn er wollte, dann gaben sie ihm genug Reis und Suppe. Und meistens sorgte Mali dafür, dass er auch ein Stück Fleisch bekam.

„Du brauchst deine Kräfte“, sagte sie.

Sie war lieb, aber sehr naiv. Auch nach allem, was sie über ihn wusste, glaubte sie noch, dass sie die Zukunft beeinflussen konnte. Seine Zukunft.

In diesen Tagen dachte er oft über seine Zukunft nach, genau wie seine Vergangenheit. Es war, als würde sich in diesem Zimmer beides zu ein- und derselben Zeit verbinden. Als spiele es keine Rolle mehr, was zuerst war, solange es überhaupt stattfand.

Er sah einen Jungen vor sich, mittelgroß und schmal, denn er hatte nie zu denen gehört, die schnell Muskelmasse aufbauen. Und trotzdem hatte er stets gewusst, wie man es anstellte, sich nie unterordnen zu müssen – sondern in anderen den Wunsch zu wecken, sich ihm anzuschließen. Er war immer ein Anführer gewesen. Ein wenig vorlaut manchmal, das mochte sein. Stolz, ja, auch das. Er hatte schnell begriffen, dass er klug war und andere austricksen konnte. Dass er erahnen konnte, was sein Gegenüber dachte. Er hatte es oft genutzt, womöglich auch ausgenutzt. Die Macht, einen Menschen und seine Gefühle zu beeinflussen, sie zu lenken, hatte ihm gefallen. Eigentlich war das, was er nun tat, nur die logische Konsequenz.

Er sah auf seinen Schreibtisch, auf das vollgeschriebene Blatt Papier, das dort lag. Er hatte alles geplant. Er war klug und gerissen. Das war er schon immer gewesen.

Ene, mene, meck

Annika und Julius

Sie wachte mit einem guten Gefühl auf. Auch wenn sie nur wenige Zentimeter für sich allein gehabt hatte, auf ihrer unbequemen, drahtigen Matratze, hatte Annika außerordentlich erholsam geschlafen. Was man von ihrem unmittelbaren Nachbarn vermutlich nicht sagen konnte: Julius schien zur Hälfte über dem Bettrand zu schweben und sah aus, als hätte er sich in eine ausweglose Lage verrenkt. Aber immerhin hatte er dank ihr überhaupt einen Schlafplatz gehabt. Annika setzte sich auf und überlegte, wie sie über Julius’ leblosen Körper klettern konnte, ohne ihn aufzuwecken. Es war ein langer Abend geworden, doch trotz ihrer Tränen hatte er eine unerwartete Wendung genommen.

Yan hatte etwas gesagt, das sie nicht mehr losließ.

Es war in der überfüllten Bar geschehen, als sie ihn und Emily auf einer Bank wiedergefunden hatte.

„Das ist dein Freund?“, hatte Yan gefragt. „Andi?“

Annika hatte ihm Handyfotos gezeigt, die sie speziell für ihre Suche ausgewählt hatte: Bilder, auf denen man Andi aus verschiedenen Blickwinkeln gut erkennen konnte. Sie tat es schon vollkommen routiniert, als würde es zu ihrem Steckbrief gehören. Hallo, ich heiße Annika. Und das hier ist mein verschwundener Freund beim Tischtennis spielen und hier sieht man ihn auf einem Liegestuhl im Garten.

Yans Worte durchbrachen jede Routine.

„Ich hab ihn schon mal gesehen. Ein Kumpel von mir hat Fotos ins Netz gestellt, auf denen war dein Freund drauf. Da bin ich mir sicher. Ich kann meinen Kumpel fragen, ob er weiß, wo Andi steckt.“

Das hatte er gesagt. Und nun konnte Annika an nichts anderes mehr denken.

Langsam hob sie ein Bein über Julius, bis sie den Boden unter ihrem Fuß spürte, dann folgte ihr zweites. Sie warf sich eine Strickjacke über, nahm ihr Handy und verließ leise das Zimmer. Der Aufenthaltsraum war leer, so wie meistens. Erst abends, vor den Partys, kamen hier all jene zusammen, die auf der Suche nach einer freien Steckdose für ihre Smartphones und Laptops waren. Annika ließ sich auf einen der Sitzsäcke fallen und gab das WLAN-Passwort in ihr veraltetes Smartphone-Modell ein. Yans Worte hallten in ihren Ohren nach und machten sie nervös. Gedankenverloren begann sie, an ihren Nägeln zu kauen, und stoppte, als sie die bittere Tinktur schmeckte. Ungeduldig wartete sie darauf, dass die Verbindung hergestellt wurde. Danach tat sie das, was schon zu einer Art Ritual geworden war: Sie sah nach, wann Andi zuletzt online gewesen war (vor zwei Wochen) und öffnete gleich darauf den Internetbrowser, um nach Unfällen und Vermisstenmeldungen in Thailand zu suchen. Doch es war das erste Mal seit zwei Wochen, dass sie neue Hoffnung schöpfte.

 

***

 

Julius wachte mit einem schlechten Gefühl auf, was ausnahmsweise nicht an einem Kater liegen konnte. Nach mehreren eindrucksvollen Abstürzen hatte er letzte Nacht entschieden, rechtzeitig die Bremse zu ziehen. Er war fast nüchtern geblieben, obwohl Yan ihm immer wieder neue Becher und Bierflaschen gereicht hatte. Nina Sophie war an seiner Abstinenz nicht ganz unschuldig gewesen: Das viele Flirten und Grinsen hatte seine Lippen erfolgreich von den meisten Bechern ferngehalten. Er hatte Nina nachmittags im Aufenthaltsraum kennengelernt, als er und Yan nach passenden Gästen für ihre Party gesucht hatten. Und Nina hatte von Anfang an sehr passend gewirkt. Es war ihr erster Abend in Bangkok gewesen und sie hatte den Eindruck vermittelt, als wollte sie diesen in vollen Zügen genießen.

Julius’ Schulter schmerzte unter der harten Bettkante. Er rückte ein paar Zentimeter zur Seite und bemerkte, dass er die Matratze ganz für sich allein hatte. Er wusste, dass er sich in einem fremden Zimmer befand, und auch, wem er es zu verdanken hatte.

Aus irgendeinem Grund hatte Yan die Bar vorzeitig verlassen und ihn mitnehmen wollen. Dabei war sich Julius ziemlich sicher gewesen, dass Nina die gleiche Idee gehabt hatte. Sie wohnte zwar in einem Achtbettschlafsaal, aber das wäre kein Problem gewesen. Das Problem hatte eher Yan gesehen.

„Wir wollen morgen früh losfahren“, hatte er gemeint. „Wir müssen fit sein.“

Nach ihrer Flucht aus dem Hostel mit dem Gummibaum hatten sie einen Kleinbus gemietet, der groß genug war, um darin auch die eine oder andere Nacht zu überbrücken. Sie hatten ihn auf dem Gelände ihres neuen Hostels abgestellt, das praktischerweise über einen Parkplatz verfügte.

Julius hatte sich in einer Zwickmühle befunden, sowohl Nina als auch Yan hatten ihn unter Druck gesetzt. Schließlich hatte Nina beleidigt gewirkt und entschieden, Emily und Annika aufzusuchen. Also war Julius Yan in ihr eigenes Sechsbettzimmer gefolgt, nur um dort festzustellen, dass fünf der sechs Betten bereits belegt waren – darunter sein eigenes. Der langhaarige Wodkatrinker hatte es sich einverleibt, bevor er in einen komatösen Tiefschlaf gefallen war. Als Grund dafür hatte Julius das Mädchen wiedererkannt, das sich zuvor in ihrem Zimmer übergeben hatte. Sie hatte eingerollt im Bett des Langhaarigen gelegen und ähnlich weggetreten gewirkt wie dieser.

Julius hatte daraufhin entschieden, im Sessel des Aufenthaltsraumes zu schlafen. Auf seinem Weg nach unten war er der Mädchengruppe begegnet: Annika und Nina, in ihrer Mitte eine wankende Emily. Nina hatte ihn ignoriert und sich um Emily gekümmert, doch Annika schien guter Laune und hatte ihm angeboten, ihr Bett mit ihm zu teilen. Im Nachhinein glaubte Julius, dass der Sessel bequemer gewesen wäre.

Er brauchte einen Moment, bis er sich so weit gedehnt hatte, dass er sich dazu in der Lage fühlte, aufzustehen und in sein eigenes Zimmer zurückzukehren.

Das Sechserzimmer sah so chaotisch aus, wie er es zurückgelassen hatte. Die Bewohner waren auf ihre Betten verteilt und schienen fest zu schlafen. Sie lagen gleichgültig, fast schon erhaben, über einem Boden voller Flecken, leerer Flaschen und Chipskrümel. Gerade wegen des krassen Gegensatzes stach es Julius sofort ins Auge: Nur ein Ort im Raum war so sauber und ordentlich, dass fast eine Art Leuchtkraft von ihm auszugehen schien. Vermutlich waren es die weißen Laken, die unschuldig übereinanderlagen, als hätten sie noch nie einen langhaarigen Wodkatrinker bedecken müssen. Julius blinzelte, doch das Bild blieb dasselbe. Es war Yans Bett. Und es war leer.

In Julius machte sich eine dunkle Ahnung breit. Er verließ das Hostel und ging zum Parkplatz hinter dem Gebäude, wo Yan und er den blauen Mietvan abgestellt hatten. Dort fand er nichts außer einer Kokosnuss, die auf dem Boden lag. Julius’ Befürchtung bestätigte sich. Der Parkplatz war genauso leer wie Yans Bett.

„Weißt du, wo Yan ist?“

Annika sah von ihrem Handy auf. „Hi“, antwortete sie. „Nein, ich hab ihn heute noch nicht gesehen. Wieso, ist was passiert?“

Julius zögerte einen Moment. Er konnte weder sagen, was, noch ob überhaupt etwas vorgefallen war. Er wusste nur, dass alles so aussah, als hätte Yan das Hostel verlassen. „Das Auto ist weg. Unser Auto. Wir hatten heute damit zusammen in den Norden fahren wollen.“ Es war eine ziemliche Sauerei.

„Du meinst, er ist abgehauen?“

Erst jetzt schien Annika wirklich zuzuhören. Julius fiel auf, dass sie schockiert wirkte, und fragte sich, warum. Er zuckte mit den Schultern. „Ich kann ihn jedenfalls nicht erreichen. Ich hab schon ein paar Mal auf seinem Handy versucht.“

„Und er hat gestern nichts mehr zu dir gesagt? Dass er noch irgendwohin muss? Keine Andeutung?“

Julius schüttelte nur mit dem Kopf. Annika sah ihn mit großen Augen an, als wollte sie ihm nicht glauben.

„Lass uns noch mal in eurem Zimmer nachschauen“, beschloss sie.

Chaos bis auf ein einziges, leuchtend weißes Bett. Annika lief direkt darauf zu. „Der Bezug ist noch drauf“, stellte sie fest. „Vielleicht musste Yan schnell gehen. Oder er hat vor, im Laufe des Tages wiederzukommen.“

Julius entschied, die Rezeption im Eingangsbereich aufzusuchen und dort nach Yan zu fragen.

„No, he didn’t check out“, sagte ihnen der junge Mitarbeiter.

„Wenn er nicht ausgecheckt hat, dann kommt er vielleicht wieder zurück“, meinte Annika.

„Nothing happened?“, hakte Julius nach.

„A man called“, erwiderte der Rezeptionist und warf einen Blick in Richtung des Schnurtelefons, das sich auf seinem Schreibtisch befand. „He was searching for someone, too, but I don’t remember the name. Maybe he was saying Yan, I'm not sure.“

Julius ließ sich die Telefonnummer der Person geben, die im Hostel angerufen hatte, und hoffte, dass es die von Yan war. Es war jedoch eine andere, eine mit einer thailändischen Vorwahl. Zurück im Gemeinschaftsraum wählte Julius die Nummer zweimal, doch niemand meldete sich. Er lehnte sich auf einem der Sitzsäcke zurück und versank in eigene Gedanken.

„Wir sollten unsere Wertsachen lieber im Auto verstauen.“ Das hatte Yan am Vorabend gesagt, und Julius hatte genickt und seinen Laptop und seine Kamera hervorgeholt. „Nicht dass sie auf der Party kaputtgehen oder geklaut werden.“ Immerhin gab es keine Schließfächer. Und dann war da noch die Bewerbungsmappe, die Julius im Handschuhfach untergebracht hatte. Er mochte nicht daran denken, welche Unterlagen verloren gehen würden, wenn Yan und das Auto nicht zurückkamen. Es sah ganz so aus, als hätte man ihm seine Entscheidung abnehmen wollen …

„Oh, hey, geht’s dir besser?“

Julius blickte auf. Annika hatte Emily entdeckt. Ihr Gesicht zierten tiefe Augenringe und ein blasser Teint, aber immerhin schien sie wieder normal laufen zu können. Obwohl sie mittelgroß war und durchschnittlich schlank, machte sie einen zarten Eindruck und löste eine Art Beschützerinstinkt in Julius aus. Eigentlich mochte er selbstbewusste Frauen, aber Emily gefiel ihm. Auch jetzt sahen ihn ihre großen dunklen Augen verträumt an.

„Yan ist verschwunden“, erklärte Annika sofort. „Weißt du, wo er stecken könnte?“

Emily wirkte überrascht. Sie schwieg und fuhr sich dabei mit einer Hand über die rechte Schläfe, als hätte sie Kopfschmerzen. „Ich hab leider keine Ahnung“, sagte sie nach einer Weile. Wieder rieb sie sich über die Schläfe und schloss die Augen.

„Kater?“, fragte Julius.

„Ach“, erwiderte Emily, „es geht.“

„Siehst ehrlich gesagt ziemlich … angeschlagen aus.“ Er hatte zwei Schwestern und wusste, wie wichtig die richtige Wortwahl war.

„Alles gut, so betrunken war ich ja gar nicht.“ Niemand antwortete darauf. Emily öffnete die Augen. „Was ist?“

„Du warst komplett besoffen“, korrigierte Annika sie. „Ein Wunder, dass du überhaupt noch laufen kannst.“

„Ist das dein Ernst? Hab ich … hab ich was Schlimmes gemacht?“

Annika zuckte mit den Schultern. „Nicht direkt. Du hast erst deinem Sitznachbarn vor die Füße gekotzt, der glaube ich davon ausgegangen ist, dass du ihn küssen wolltest. War ein ziemlicher Schock für ihn. Ich hab ihm zwanzig Baht in die Hand gedrückt und gesagt, er soll abhauen, als er anfing, dich anzupöbeln. Du hast übrigens zurückgepöbelt. Hast gesagt, er hätte Mundgeruch und wär eh nicht dein Typ. Du warst ganz schön selbstbewusst für deinen Zustand. Danach hab ich dich zur Toilette gebracht und auf dem Weg dahin hast du dich über mein Kleid gebeugt und na ja … Macht nichts, mein Kleid ist schon in der Wäsche. Jedenfalls wurden wir aus der Bar rausgeschmissen und du hast ab sofort Hausverbot. Sie haben sogar ein Foto von dir geschossen und wollten es an irgendeine Wand pinnen und –“

„Okay, das reicht“, unterbrach Emily sie. „Das … das tut mir furchtbar leid, Annika, das ist … Ich fühl mich erbärmlich.“

Sie ließ sich auf einen der Sitzsäcke fallen und musste zu abgelenkt sein, um rechtzeitig zu bemerken, dass es sich um das kaputte, durchgehangene Exemplar handelte.

„Alles in Ordnung?“, rief Annika, als Emily mit einem dumpfen Geräusch zwischen dem Stoff verschwand, zusammengeklappt wie ein Taschenmesser.

„Schon okay. Tiefer als letzte Nacht kann ich eh nicht mehr sinken.“

„Ach, das war echt kein Ding. Andi trinkt auch oft zu viel, ich weiß nicht, wie oft er schon gekotzt hat …“ Annika verstummte.

„Hat jemand von euch eigentlich Nina gesehen?“, fragte Julius.

„Müsstest du das nicht am besten wissen?“, fragte Emily zurück, zwischen den Falten des Sitzsackes hindurch.

„Wieso meinst du?“

„Hast du nicht bei ihr geschlafen?“

„Ich hab bei Annika geschlafen.“

„Bei Annika?“ Emily rappelte sich ein paar Zentimeter nach oben, nur um im selben Moment wieder hoffnungslos zu versinken.

„Julius hatte keinen Schlafplatz, irgendjemand Fremdes hat sich in sein Bett gelegt“, meinte Annika. „Es war furchtbar eng. Aber das war nicht so schlimm, ich hätte auch so nicht gut schlafen können. Ich musste die ganze Nacht an das denken, was Yan zu mir gesagt hat. Dass er vielleicht rausfinden kann, wo Andi steckt. Und jetzt ist Yan weg. Mit dem Auto.“

„Er kommt bestimmt wieder.“ Emily war noch immer mit ihrer Sitzposition beschäftigt, als sie plötzlich in der Bewegung innehielt. „Moment“, sagte sie, stemmte sich mit einiger Mühe nach oben, schwankte kurz und verließ das Zimmer. Als sie zurückkam, hielt sie eine Serviette in der Hand. „Meine Kreditkarte ist weg …“ Ihre Wangen waren mit feinen, roten Flecken besprenkelt. „Jemand muss sie mir gestohlen haben. Ist euch irgendwas aufgefallen? Nein?“

„Was hast du da in der Hand?“, fragte Annika.

„Oh ja, genau.“ Emily wedelte mit der Serviette. „Die hat mir Yan gestern gegeben. Aber jetzt, wo ich sie wiedergefunden hab, bezweifle ich sehr, dass sie uns weiterhelfen wird.“

Zu dritt starrten sie auf das Stück Stoff.

„Also, ich weiß nicht, wie es euch geht, aber alles, was ich erkennen kann, ist eine grüne Essiggurke“, meinte Julius schließlich.

Annika nickte. „Mit einem Hut.“

„Und einem Bommel?“ Emily hatte den Kopf schief gelegt, als würde sie das Bild auf diese Weise in etwas Hilfreicheres als ein Mütze tragendes Gemüse verwandeln können. „Ich glaube, Yan war betrunkener, als ich gedacht hab. Es ist –“

Ein langgezogener Ton unterbrach sie. Die drei wechselten kurze Blicke, danach fuhr Julius mit einer Hand in die Tasche seiner Shorts. „Mein Handy“, sagte er. „Eine SMS.“

„Von Yan?“

„Nein.“ Julius runzelte die Stirn. „Das ist die Nummer, die uns der Typ von der Rezeption gegeben hat.“

Annika und Emily traten neben ihn, sodass sie die drei Wörter auf dem Display lesen konnten.

Who are you?

„Dasselbe solltest du ihn fragen“, fand Annika und Julius begann sofort, eine Nachricht auf Englisch zu verfassen.

Hallo, ich bin Julius, ein Freund von Yan. Ich suche ihn und kann ihn nirgendwo erreichen. Kannst du mir vielleicht weiterhelfen?

Fast im selben Moment, als er die Nachricht abgeschickt hatte, erhielt Julius bereits eine Antwort.

Ich kenne Yan. Er ist verschwunden, sagst du? Mit meinem Auto?

Er scheint heute Morgen mit einem Auto weggefahren zu sein, das er und ich gestern gemietet haben.

Das Auto gehört mir, ich habe es vermietet. Dann weiß ich ja jetzt, an wen ich mich wenden kann, wenn es nicht wieder auftaucht.

„Du kennst ihn?“, fragte Emily.

Julius schüttelte den Kopf. „Nein. Yan hat sich um das Auto gekümmert, und ich hab uns in der Zeit was zu essen besorgt. Danach haben wir uns wiedergetroffen.“

Das Handy vibrierte ein zweites Mal.

Ich kann mir vorstellen, warum Yan wegmusste. Er und ich spielen eine Art Spiel zusammen. Hat er dir davon erzählt?

Julius erinnerte sich an Yans Worte. Und auch an seinen Vorschlag, mitzumachen. Deswegen sollte er verschwunden sein?

Er hat es erwähnt. Wie genau funktioniert es?

Es ist eigentlich ganz einfach. Wir denken uns gegenseitig Aufgaben aus, die wir erfüllen müssen. Herausforderungen, die wir in unserem Leben bewältigen wollen, wichtige Erlebnisse, für die wir bisher keine Zeit hatten – und die uns zu den Menschen machen können, die wir sein möchten.

Man könnte fast sagen, dass es sich um eine Art Bucket-List handelt.

Auf jeden Fall ist es die beste Möglichkeit, sein Glück zu finden – oder an den Rand der Verzweiflung getrieben zu werden.

„Er hat mir auch davon erzählt“, kam es von Emily. Sie schien wieder nachzudenken, denn erneut griff sie sich an die Schläfe. „Ich weiß nur nicht mehr genau, was er gesagt hat.“

Julius tippte weiter.

Ich kenne viele Leute mit einer Bucket-List. Was soll das Besondere daran sein?

Ich habe nie behauptet, dass es etwas Besonderes ist. Aber ich habe meinen Teil der Aufgabe bereits erfüllt. Jetzt ist Yan dran. Er muss mir Videos von den Aufgaben schicken, Beweise, dass er sie wirklich geschafft hat.

Geht es dabei auch um bestimmte Orte? Kannst du dir vorstellen, wo Yan hingefahren ist?

Alle drei betrachteten den Bildschirm. Eine Minute, vier Minuten. Irgendwann wurde er schwarz. Julius ließ das Handy zurück in seine Hosentasche gleiten. Er seufzte.

„Ich glaube, es bleibt uns nichts anderes übrig, als abzuwarten.“

Stille Post

Emily

Wer bin ich?

Emily, dreiundzwanzig, Medizinstudentin aus Berlin. Und sonst? Ich reise gerade durch Thailand. Ich mag Bücher. Ich habe lange Jahre Klavier gespielt und als Kind habe ich mal Ballett gemacht. Medizinstudentin, Thailand, Bücher – das ist also mein Steckbrief. Er könnte aber auch Architektur, Ecuador, Volleyball lauten. Zum Beispiel. Immerhin hatte ich vor dem Abi ernsthaft überlegt, Architektin zu werden und Ecuador wäre ein gutes Ziel für mein Spanisch gewesen. Und wer weiß, vielleicht hätte sich Volleyball als genau meine Sportart entpuppt, wenn ich sie nur mal ausprobiert hätte. Emily, dreiundzwanzig – und so viele verschiedene Kombinationsmöglichkeiten. Nur, woher weiß ich, welche die richtige ist?

Anstatt mir zu überlegen, wer ich bin, sollte ich mich vielleicht vielmehr fragen: Wer will ich sein? Und welchen Weg muss ich gehen, um diese Person zu werden?

Es waren Gedanken, die schon lange in meinem Kopf umherwanderten und die nun wieder durch die Worte des anonymen SMS-Schreibers nach ganz vorne in mein Bewusstsein katapultiert worden waren: Wir denken uns gegenseitig Aufgaben aus, die wir erfüllen müssen. Herausforderungen, die wir in unserem Leben bewältigen wollen, wichtige Erlebnisse, für die wir bisher keine Zeit hatten – und die uns zu den Menschen machen können, die wir sein möchten.

„Angenommen, Yan hätte dir angeboten, bei seinem Spiel mitzumachen: Was hättest du dir ausgedacht?“

Es war Julius, an den ich diese Worte richtete, als wir am selben Nachmittag zusammen durch die Stadt liefen. Ich hatte gehofft, meinen Kater durch frische Luft zu verjagen (so frisch, wie man sie mitten in Bangkok eben finden kann), und Julius hatte angeboten, mich zu begleiten. Annika dagegen hatte im Hostel bleiben wollen, um auf Yan zu warten.

„Irgendwelche Mutproben, um Grenzen zu überwinden“, antwortete Julius. „Oder auch soziale Herausforderungen … Im Grunde ginge es ja darum, ein besserer Mensch zu werden, oder? Mutiger, klüger, irgendwie erfahrener als vorher. Ich hab da mal ein YouTube-Video gesehen, in dem ein Typ lauter persönliche Hürden überwindet. Ein Kanadier, der sich ein Jahr Zeit genommen hat, um all das zu machen, was er immer tun wollte und wovor er trotzdem immer Angst hatte.“ Er begann, das Video genauestens zu beschreiben, bis ich irgendwann den Faden verlor.

„Interessant“, meinte ich. Die hämmernden Straßengeräusche und die drückende Hitze verstärkten meine Kopfschmerzen.

„Du hast mir eben nicht zugehört, oder?“

„Ich hab’s versucht. Du kannst echt schnell reden.“

„Nehm ich dir nicht übel, dein Kater muss ziemlich heftig sein.“ Er grinste.

„Wieder was zum Abhaken auf meiner persönlichen Bucket List.“

„Aus einer Bar in Bangkok rausgeschmissen werden: check. Das schafft bestimmt nicht jeder, vor allem nicht auf der Khaosan Road.“

„Du vergisst, dass ich Medizinstudentin bin. Wir gelten als ehrgeizig. Da macht man keine halben Sachen.“

„Dann wirst du wenigstens anständige Kopfschmerztabletten dabei haben.“

„Schön wär’s. Du weißt nicht zufälligerweise, wo ich in diesem Moloch eine Apotheke finde?“

Zu meinem Bedauern schüttelte Julius den Kopf.

"Wie lange bleibst du eigentlich hier?", fragte ich weiter. "Also wie lange willst du reisen, meine ich?“

„Ich hab die ganzen Semesterferien Zeit. Mein Rückflug geht in drei Monaten.“

„Nicht schlecht. Und was studierst du? Offensichtlich nicht Medizin.“

„BWL.“

„Gefällt’s dir?“

„Geht so. Am besten hat’s mir in Perth gefallen. Hab dort ein Auslandssemester gemacht. Zumindest drei von fünf Tagen die Woche. Die restliche Zeit konnte ich machen, wozu ich Lust hatte. Es war … wie eine Art Paralleluniversum. Ich hab das neue Semester bis jetzt ganz gut verdrängen können. Ist das da vorne Nina? Hey!“

Sie war es tatsächlich. Ungeschminkt sah sie noch blasser aus als am Vorabend und die Pickel an ihrem Kinn waren deutlicher zu erkennen. Sie kam näher und lächelte ihr gewinnendes Lachen.

„Ich war gerade bei meinem Yogakurs und bin auf dem Rückweg an einem Straßenfest vorbeigekommen", erklärte sie. "Das war richtig schön, da müsst ihr unbedingt hin! Ist gleich dort vorne. Das Essen sah super aus und es wurde einheimische Musik gespielt. Bin leider nur kurz dort gewesen, ich will nur noch unter die Dusche. Der Kurs ist anstrengender, als ich dachte. Na ja, wir sehen uns später im Hostel!“ Wieder lächelte sie. „Viel Spaß auf dem Fest!“ Sie drehte sich um und lief weiter.

Wir folgten Ninas Wegangabe, doch ein Fest war nirgendwo zu entdecken. Die Gegend ringsum wirkte schäbig, mit düsteren Häuserfassaden, hängenden Fensterläden und engen Eingängen. Mehrere dunkle, schmale Höhlen taten sich zwischen den Gebäuden auf, Gassen, die aussahen, als würden sie ins Nichts führen.

„Geht’s nur mir so oder findest du diesen Ort hier auch unheimlich?“, fragte ich Julius.

„Na ja, hab schon schönere gesehen. Nina hat sicher eine andere Stelle gemeint.“

Ein Mann humpelte vor uns auf dem schrägen Bordstein, auf der anderen Straßenseite stand eine Frau in schmutzigen Kleidern und bot Obstsäfte an. Mit lautem Geknatter fuhr ein Motorroller an uns vorbei. Ansonsten wirkte der Ort gegen das restliche Bangkok wie ausgestorben. Und doch fühlte ich mich beobachtet. Als würden mich mehrere Augenpaare durch die schiefen Fensterläden mustern.

Wir bogen um die Ecke und tauchten ein in die gewohnte Geschäftsmäßigkeit der Stadt. Zwar war auch dort nirgendwo ein Fest zu entdecken, aber immerhin gab es Marktstände mit Schmuck, bonbonfarbenen Lampions und bedruckten Shirts. Männer, Frauen und Kinder saßen auf bunten, verschrammten Plastikstühlen und unterhielten sich, vor ihnen dampfende Schalen mit Reis und verschiedensten Eintöpfen. Köche jonglierten auf ihren fahrenden Herdplatten mit Tellern und Pfannen. Es war, als hätte die Straße zuvor nicht existiert. Instinktiv entspannte ich mich.

„Meinst du, über so was freuen sich kleine Schwestern?“, fragte mich Julius und deutete auf ein goldenes Armband mit kleinen rosa Steinchen. „Meine Schwester ist siebzehn und mag Rosa.“

Ich wollte etwas antworten, doch ich kam nicht dazu. Es war einer jener Schlüsselmomente, deren Bedeutung man nur erahnen kann und deren volles Ausmaß sich erst im Nachhinein zeigt. Julius griff sich an seine Shorts und drehte sich panisch um. Automatisch folgte ich seiner Bewegung und sah nur noch einen schwarzen Hinterkopf, der bereits wenige Augenblicke später im Getümmel verschwunden war.

„Verdammt, der hat mein Portemonnaie geklaut!“

„War viel drin?“

Julius schien kurz nachzudenken. „Ich hab noch was in meinem Kopfkissen versteckt. Aber ich weiß nicht mehr, ob ich meine Kreditkarte dort gelassen hab oder ob sie im Portemonnaie war. Ich glaub, ich sollte lieber nachschauen gehen … Verdammt! Willst du mitkommen oder bleibst du noch ein bisschen hier?“

Ich entschied, mir etwas zu Essen zu kaufen (die erste Mahlzeit für meinen geschädigten Magen) und mich unter die Einheimischen zu mischen. Mir gefiel der belebte Platz. Ich war von der Vorstellung angetan, durch die Städte und Länder Asiens zu streifen und mich an den schönsten, den interessantesten Orten niederzulassen, um meine Eindrücke in meinem Notizbuch festzuhalten. Wie eine große Schriftstellerin eben, eine Abenteurerin, die viel zu erzählen hat.

Der Tisch, an den ich mich mit einer dampfenden Schale Curry setzte, war mit klebrigen Essensresten bespritzt. Er gefährdete den kunstvollen Einband meines Notizbuches, das ich seit drei Tagen immer in meiner Tasche trug und das ich nun zum ersten Mal hervorholte. Ich wischte den Platz vor mir mit einem Taschentuch sauber, dann schlug ich die leeren Seiten auf. Ich dachte nach. Langsam und zähflüssig wie das dicke Curry vor mir. Ich beobachtete die Menschen und die Szene um mich herum mit pochender Schläfe. So sehr ich es auch versuchte: Mir fiel kein einziger schlauer Kommentar ein. Mein Gehirn war wie leergepustet, ohne jeden Witz, ohne jeden Scharfsinn. Ich fühlte mich deprimiert. In drei Tagen hatte ich noch nicht einen vernünftigen Satz zustande gebracht. Die lauten Stimmen um mich herum lenkten mich ab. Ich ließ mich gerne ablenken und beruhigte mein Gewissen mit der Begründung, in solch einem Umfeld unmöglich arbeiten zu können. Morgen, so war ich mir sicher, würden mir die Sätze klug und leicht von der Hand gehen. Dann würde ich nüchtern, ausgeruht und voll aufnahmefähig sein.

Ich packte mein Notizbuch ein und widmete mich mit weit größerem Interesse der Schale mit dampfendem Essen. Nach wenigen Bissen des scharfen Currys wurde mir wieder übel. Unverrichteter Dinge und mit dem Gefühl, nicht vorwärtszukommen, stand ich auf. Ich lief an den Marktständen entlang und warf einen Blick auf die Auslagen. Dabei achtete ich darauf, möglichst dauerhaft in Bewegung zu bleiben, damit keiner der Ladenbesitzer ein Gespräch mit mir anfangen konnte.

„Can you help me?“, fragte eine Stimme hinter mir.

Sie gehörte einer jungen Thai, die in meine Richtung lächelte, zwischen uns eine große braune Kiste. Sie sah schwer aus und vermutlich war das auch der Grund, warum mich die Frau angesprochen hatte. Unsicher nickte ich und lächelte anstandshalber zurück. Ich hoffte, dass neben mir ein starker, breit gebauter Mann auftauchen und mir zu Hilfe eilen würde, doch die Frau sah leider unmissverständlich nur mich an. Also nahm ich gezwungenermaßen einen der Henkel und hob ihn an.

Die Kiste war sogar noch schwerer, als ich gedacht hatte. Nur mühsam schafften wir es, sie gemeinsam zu tragen. Mit leichtem Unbehagen stellte ich fest, dass die Frau geradewegs die ausgestorbene, düstere Nebenstraße ansteuerte. Wir liefen auf einen der engen Hauseingänge zu, hinter dem sich eine wacklige Treppe auftat. Der Geruch im Treppenhaus war faulig und es brannte kein Licht. Nur durch Ritzen in den Wänden stahlen sich vereinzelte Sonnenstrahlen nach drinnen. Der Ort wirkte beklemmend und die Stufen unter mir waren so abgewetzt, als würden sie jeden Moment einstürzen. Ich nahm mir fest vor, nie wieder einer fremden Person in ein fremdes Haus zu folgen.

Der Raum, in dem ich mich schließlich wiederfand, konnte als logische Konsequenz der modrigen Holztreppe angesehen werden: dunkel und renovierungsbedürftig. Auch hier hatte ich das Gefühl, den Boden zu verlieren.

„Thank you very much“, sagte die Frau, nachdem wir die Kiste abgestellt hatten. Wieder lächelte sie und hielt ihre aneinandergelegten Handflächen vor das Gesicht, das Zeichen der Verabschiedung. Ich hätte es ihr nachgemacht, hätte ich in diesem Moment nicht ein langgezogenes Röcheln gehört, auf das ein heftiger Husten folgte. Ich drehte mich um. In der Ecke stand ein klappriges Holzbett, doch der alte (oder vielleicht auch nur mittelalte) Mann darin sah nach seiner Hustenattacke noch wesentlich klappriger aus. Laut atmend lag er in dem dämmrigen Halbdunkel.

„What’s the problem?“, fragte ich die Frau.

„You doctor?“

Automatisch machte ich eine abwehrende Handbewegung. Ich selbst wusste wohl am besten, dass ich alles andere als ein Arzt war. „Äh, no, just a medical student.“

„Oh, good!“ Das Lächeln der Frau wurde noch herzlicher. Es schlug in einen bedauerlichen Gesichtsausdruck um, als sie sich eine Hand auf ihre Herzgegend legte. „Not good.“ Danach hob sie ihren linken Arm und ihr linkes Bein und ließ sie schlaff zur Seite hängen. Sie schüttelte den Kopf und machte eine Kinnbewegung in Richtung des Bettes. Ich tippte darauf, dass sie vielleicht eine halbseitige Lähmung meinte und der Mann einen Schlaganfall gehabt haben könnte.

„Since when?“, fragte ich.

„Four months.“ Also immerhin kein akuter Notfall. „He my father. You want to see him?“

Die Frau sah mich erwartungsvoll aus runden, fast schwarzen Kinderaugen an. Mein Blick glitt von ihr zu dem Bett und wieder zurück. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, doch ich befürchtete, dass die Frau irgendeine kluge Handlung von mir erwartete. Ich kam mir wie eine Betrügerin vor und doch hätte ich mich noch schlechter gefühlt, wenn ich einfach so wieder gegangen wäre. Also lief ich auf den Mann zu, sicherer, als mir zumute war. Die Frau folgte mir und redete auf ihren Vater ein. Unter dem dünnen Laken trug dieser nur ein luftiges Nachthemd, was in der Hitze des düsteren Raumes verständlich war. Die Frau machte sich sofort daran, ihrem Vater das Hemd bis zum Hals hochzuziehen.

Ich hatte gelernt, dass jede Untersuchung eines Patienten mit der Inspektion beginnt, das heißt dem genauen Betrachten aller wichtigen Körperregionen. Gibt es zum Beispiel irgendwelche Besonderheiten an der Haut, wie Narben, die auf eine Operation hinweisen könnten? Gibt es gestaute Halsvenen, das Zeichen einer Rechtsherzschwäche? Sind die Atembewegungen des Brustkorbes regelmäßig?

Es ist ein eigenartiger Gegensatz aus lehrbuchhafter Routine und größter Intimität, wenn man bedenkt, dass man einen halbnackten Menschen – den man obendrein noch nie zuvor gesehen hat – aufs Gründlichste mustert. Es sind maschinelle Schemata, die im Notfall Leben retten können und es ist das Gefühl, wie eine leblose Maschine behandelt zu werden, was Patienten Angst macht.

Während ich mein Schema im Kopf durchging, fragte ich mich, ob es dem Mann unangenehm war, von einer dreiundzwanzigjährigen Touristin begutachtet zu werden. Mein Blick glitt über den dünnen, gebrechlich wirkenden Körper, das Werkzeug eines ganzen Lebens, abgenutzt und nach Jahren der Anstrengung offensichtlich nicht mehr gewillt, gute Arbeit zu leisten.

„He sixty“, sagte die Frau, die meinen Blicken folgte. „Pain. Lot of pain. Lot of years now, that he can’t do nothing. Can't breath. Only in bed. He was a strong man.“

Ich stellte ihr viele Fragen: über seine Beschwerden (welche, seit wann, wie oft, unter welchen Umständen?), frühere Erkrankungen, Zigaretten- und Alkoholkonsum, Medikamentengebrauch und seinen Beruf. Ich wusste, wie wichtig eine gute Anamnese ist, also das Patientengespräch mit allen notwendigen Informationen, um den gesamten Patienten so gut wie möglich zu erfassen. Allerdings merkte ich schnell, dass die Frau mich nicht richtig verstand. Stattdessen schien sie voll und ganz auf meine Fähigkeiten als Untersucher zu vertrauen. Ich fühlte mich immer schlechter und sah mich im Raum um: Wo sollte ich ein Stethoskop für Herz und Lungen hernehmen?

„Sorry, but I have no instruments.“

Erneut schien die Frau nicht zu wissen, wovon ich sprach. Ihre erwartungsvollen Augen machten mich immer nervöser. Schließlich entdeckte ich neben dem Spülbecken einen rostigen Metalltrichter. Es war das mieseste Instrument, das ich hätte finden können, und noch bevor ich es an die Brust des Mannes und mein Ohr hielt, wusste ich bereits, dass ich nichts hören würde. Das Schlimmste am Ganzen war allerdings, dass die Frau sehr beeindruckt von meiner Methode zu sein schien und abermals lächelte. Das Gefühl von betrügerischer Hilflosigkeit verstärkte sich immens und mischte sich mit dem Mitleid, das ich für die junge, hoffnungsvolle Frau und ihren armen, hoffnungslosen Vater empfand.

„You want some juice?“, fragte mich die Thai plötzlich. „Orange juice?“

Bevor ich etwas sagen konnte, hatte sie sich umgedreht und war zum Esstisch gelaufen. Ich sah zu ihrem Vater, der mir ein schwaches Lächeln schenkte. Es ließ sein graues, fahles Gesicht kurz und überraschend aufleuchten. Irritiert lächelte ich zurück.

„I want to die.“

Die schockierenden, geflüsterten Worte trafen mich vollkommen unerwartet. Der Thai lag ruhig da, mit unschuldigem Gesichtsausdruck. Ich war mir nicht sicher, ob ich ihn richtig verstanden hatte.

Die Tochter kam zurück und reichte mir ein Glas mit gelber Flüssigkeit.

„Good for you“, meinte sie.

„Thank you.“ Ich trank den warmen, süßen Saft in wenigen Zügen. Ich war froh über die Unterbrechung.

„You like?“ Die Thai schien sich zu freuen.

„Very good“, antwortete ich. „Your Dad …“, sagte ich dann. „He should go see a doctor.“ Die einzig vernünftigen Wörter, die ich nur deshalb solange hinausgezögert hatte, weil ich der Frau ihren Wunsch nach einer Untersuchung nicht hatte abschlagen wollen. „You have a doctor?“

„No hospital“, erklärte die Frau mit erstaunlicher Entschiedenheit.

Ich hatte nicht die geringste Ahnung vom thailändischen Gesundheitssystem und überlegte, ob es der Familie vielleicht zu teuer war.

„Family doctor? General practitioner?“

„No, no, thank you.“ Ihre Entschlossenheit wich einem freundlichen Lächeln. „Thank you.“

Sie schien einzusehen, dass ich nicht weiterwusste, und trotzdem wirkte sie dankbar. In mir rumorte der Drang, etwas zu tun, das ihr und ihrem Vater wirklich helfen konnte. Ich griff nach meiner Tasche und zog mehrere Geldscheine heraus. Unsicher hielt ich sie der Frau entgegen. Ich fragte mich, ob meine Geste beleidigend wirkte, und kam mir vor wie eine naive, behütete Dreiundzwanzigjährige, deren größte Stärke das Geld ihrer Eltern war.

„Oh no, it’s good!“

Höfliches Lächeln, erneute Unsicherheit meinerseits. Schließlich legte ich das Geld einfach auf den Tisch. „All the best“, sagte ich zum Abschied und meinte es genau so. „And sorry. I’m really sorry.”

Ich ließ den Raum und die modrige Treppe hinter mir und floh geradezu nach draußen, auf die offene Straße. Als sei ich diejenige mit den Atembeschwerden, holte ich automatisch tief Luft. Ich lief weiter, lief zurück zu dem kleinen Markt und war dankbar für den Trubel aus Menschen, Stimmen und Verkaufsständen, ein Zeichen von kräftigem Leben in all seinem bunten Durcheinander.

In meiner Tasche vibrierte mein Handy.

„Emy? Bist du’s?“ Es war die Stimme meiner Mutter.

„Mama?“

„Ach, Schatz, wie schön, deine Stimme zu hören! Wir vermissen dich ja so sehr! Wie geht’s dir?“

Ich hatte einen Kater, weil ich mich in der Nacht hatte volllaufen lassen. Ich hatte mich mitten in einer Bar übergeben und man hatte mich rausgeschmissen. Nur einen Tag später hatte ich mitbekommen, wie ein anderer Backpaper vor meinen Augen bestohlen worden war, ich war alleine einer Wildfremden in ein heruntergekommenes Haus in Bangkok gefolgt und ich hatte als Medizinstudentin versagt.

„Gut“, antwortete ich fröhlich. „Bin wohl noch in der Eingewöhnungsphase.“

„Na, das geht ja jedem so. Hast du denn schon nette Leute kennengelernt?“

„Ja, ein paar. Gestern Abend. Mama, ich glaube, jemand hat mir meine Kreditkarte geklaut.“

„Was, du wurdest überfallen?“

„Nein, nur meine Kreditkarte fehlt.“

„Wie ist denn das passiert?“

„Ich hab echt keine Ahnung.“ Aus taktischen Gründen vermied ich es, zu erzählen, dass laut Annika meine Tasche in der Bar auf den Boden gefallen sein musste, als ich hoffnungslos besoffen auf meiner Sitzbank eingenickt war.

„Schatz, was sind das für Leute, die du gestern kennengelernt hast? Muss ich mir Sorgen machen?“

„Nein, nein, Mama, wirklich nicht.“

„Pass immer gut auf, ja? Vor allem mit Männern. Ich bin mir sicher, die sind alle hinter dir her! Du darfst nicht so naiv sein und denken, dass alle immer nur nett sind, ja? Du bist ja so alleine unterwegs, mein Häschen … Ich darf gar nicht daran denken! Trink nur keinen Alkohol, ich hab gelesen, dass der in Asien gerne mal gepanscht wird. Und geh mit niemandem mit, den du nicht kennst, auch wenn er noch so nett wirkt, versprichst du mir das? Weißt du denn mittlerweile, wie es weitergeht?“

„Ähm, nein, noch nicht. Ich bin ja auch erst den dritten Tag hier.“

„Also hast du dir noch keinen Plan gemacht?“

„Ich hab mich noch nicht entschieden.“

„Na, du kannst dir ja Zeit lassen. Du musst ja nichts überstürzen.“

Mein Handy vibrierte ein zweites Mal.

„Mama, ich muss auflegen, ich bin gerade in der Stadt unterwegs. Ich ruf dich vom Hostel aus zurück, okay?“

„Nimm dir lieber ein Taxi! Nicht, dass du alleine irgendwo rumlaufen musst und dich verirrst!“

„Ich bin nicht alleine. In Bangkok ist man nie alleine“, sagte ich, dann legte ich auf.

Ich sah, dass Julius mir eine SMS geschickt hatte. Es war ein einziger Satz:

Ich glaube, mein Geldproblem hat sich gelöst.

Es folgte ein Foto, das einen Stapel fein säuberlich sortierter thailändischer Geldscheine zeigte. Auch ohne sie durchzuzählen, erkannte ich, dass es eine ganze Menge sein musste.

Ohne Moos nix los!

Julius

Es waren zweiundzwanzig Bündel, wobei jeweils hundert Scheine von einer Banderole zusammengehalten wurden. Zwanzig Bündel aus Tausend-Baht-Noten und zwei aus Zehntausendern. Das ergab genau vierzigtausend Baht und somit rund tausend Euro, die Julius an der Rezeption ihres Hostels in einem abgewetzten Turnbeutel nichtsahnend entgegengenommen hatte.

Wer zur Hölle hatte ihm so viel Geld geschickt?

Er glaubte nicht, dass es ein gutes Zeichen war, vierzigtausend Baht in einem abgewetzten Turnbeutel überliefert zu bekommen. Auch wenn der Betrag im europäischen Vergleich nicht besonders hoch war und er von einer Verwechslung ausging, beschlich Julius das Gefühl, er könnte in ernsthafte Schwierigkeiten geraten – zumindest, wenn er an all die Mafiafilme dachte, die er immer mit dem größten Interesse geschaut hatte. Er war froh, dass er das Geld alleine in seinem Sechsbettzimmer ausgepackt hatte, sodass niemand davon wusste. Außer Emily natürlich, der er ein Foto geschickt hatte. Aber mit irgendjemandem musste er schließlich darüber reden.

Seine Gedanken wurden abgelenkt, als sein Handy klingelte. Der Name seiner Mutter erschien.

„Julius“, sagte sie. „Wir haben deine Nachricht bekommen. Nur die Karte und etwas Bargeld fehlen, meintest du? Das ist sehr ärgerlich, aber das lässt sich ersetzen. Wir werden das regeln.“

„Danke.“

„Und sonst, alles gut?“

„Ja, alles super.“

„Ich war ja auch immer Fan von Bangkok. Tolle Stadt. Sag mal, hast du dich schon für das neue Semester eingeschrieben?“ Julius hatte befürchtet, dass seine Mutter dieses Thema irgendwann wieder zur Sprache bringen würde. „Das müsste doch jetzt langsam fällig sein. Nicht, dass du es vergisst, wenn du nur noch Reisen im Kopf hast.“

„Ich wollte es eigentlich schon längst machen.“ Das war immerhin nicht ganz gelogen, dachte Julius.

„Warum hast du es noch nicht gemacht?“

„Das Internet ist hier nicht so gut.“ Auch das entsprach der Wahrheit.

„Dann geh eben in ein Internetcafé!“

„Ich hab noch nirgendwo eins gesehen.“ Wieder wahr, überlegte er.

„Das ist ja wohl eine faule Ausrede!“ Das war leider ebenfalls wahr.

„Ich werde mich drum kümmern.“ Halbwahr. Immerhin.

Julius wusste, wie hartnäckig seine Mutter sein konnte. Daher redete er sich mit einer schlechten Handyverbindung heraus (erneute Halbwahrheit), verabschiedete sich und ließ sich auf sein Bett sinken.

Das BWL-Studium war nicht direkt seine Idee gewesen, beziehungsweise hatte Julius nach seinem Abitur sowieso keinerlei Ideen gehabt. „Erst mal genießen“, hatte sein Hauptvorschlag gelautet und so war er mit einem Jahr Zivildienst zufrieden gewesen. Seine Eltern hatten jedoch andere Vorschläge erwartet, und weil Julius keine machte, hatten sie diese Aufgabe kurzerhand für ihn übernommen. Ein Jurastudium zum Beispiel, so wie sein Vater, der in einer großen Bank arbeitete. Julius hatte Gesetze schon immer ziemlich langweilig gefunden, also hatte er mit dem Kopf geschüttelt. Dann vielleicht BWL? Damit konnte man eine Menge machen, zum Beispiel in einer Bank arbeiten, hatte sein Vater gemeint. Und immerhin war Julius gut in Mathe gewesen. In München gab es eine Privatuni, die seinem Vater empfohlen worden war, und damit war die Sache schließlich erledigt gewesen. Und weil Mathe Julius leichtfiel und er auch sonst nicht besonders viele Pflichtveranstaltungen gehabt hatte, hatte sich das Studium, dem er so misstrauisch begegnet war, als relativ angenehm herausgestellt. So angenehm, dass er es ab und an sogar vergaß und er schließlich vor lauter Vergesslichkeit ein Semester hatte wiederholen müssen. Danach war glücklicherweise Perth in Sicht gekommen und jetzt blieb noch ein weiteres Semester bis zum Bachelor. Und dann?

Für seine Eltern mochte es vielleicht ein wenig erstaunlich klingen, aber im Grunde hatte er keine Ahnung, was er mit BWL anfangen sollte. Ja, man konnte viel damit machen. Zum Beispiel in einer Bank arbeiten. Aber das wollte er nicht. Eigentlich hatte er den Beruf seines Vaters nie besonders gemocht. Sein Leben hatte er stets im Büro verbracht, in strengen Anzügen und mit strengen Mienen. Und die Gesprächsthemen, mit denen er nach Hause gekommen war! Kapitalanlagen, Zinsanleihen, Darlehen … Julius hatte nie verstanden, wie man sein ganzes Leben solchen Begriffen opfern konnte. Das war nicht seine Welt. Aber was war sie dann?

In letzter Zeit hatte er sich oft die Frage gestellt, ob er so leben wollte wie seine Eltern: absorbiert von einem Job, ohne Zeit für Familie, Freunde, Privatleben. Er und seine Schwestern waren auch ohne den Vater in der Bank und die Mutter im Forschungsinstitut groß geworden. Es hatte stets irgendwelche netten und manchmal auch weniger netten Nannys aus der ganzen Welt gegeben, die das Gästezimmer im Keller bezogen hatten, und ob nett oder nicht, sie alle hatten den goldigen kleinen Julius ziemlich gerngehabt.

Es war nicht so, dass er selbst nicht arbeiten wollte. Oder dass er grundsätzlich ein „stinkfauler Sack ohne Verantwortungsbewusstsein“ war, wie seine Mutter es ihm bei Gelegenheit vorwarf. Es hatte ihn insgeheim auch geärgert, dass Yan ihn ein Polohemd-Gesicht genannt hatte, auch wenn er zugeben musste, dass die meisten Shirts in seinem Schrank tatsächlich einen Kragen hatten. Julius war einfach ein Mensch, der viele Interessen hatte, viele Freunde und somit viele angenehme Möglichkeiten kannte, um sich den Tag zu vertreiben. Wenn er arbeitete, dann wollte er ganz einfach etwas Sinnvolles tun. Etwas, das ihm Spaß machte.

Eine kleine eigene Redaktion zum Beispiel. Oder ein Job als freischaffender Journalist. In letzter Zeit hatte er ernsthaft darüber nachgedacht. Er würde sich mit Politik beschäftigen können, mit Wissenschaft und Wirtschaft. Und das, ganz ohne jemals in einem Wirtschaftsbetrieb arbeiten zu müssen. Der Gedanke, Menschen ihre Umwelt besser zu erklären, sie über wichtige Themen aufzuklären und zu unterrichten, gefiel Julius. Vielleicht ließ sich das sogar mit flexiblen Arbeitszeiten vereinbaren, die ihm genügend Freiraum ermöglichen würden. Für eine nette Familie, für seine Freunde und einen Sportplatz um die Ecke.

Praktischerweise, und das war kein unerheblicher Grundpfeiler seines Plans, verfügte Julius schon jetzt über ein angenehm pralles Bankkonto. Es war also nicht schlimm, wenn er mit seiner Arbeit nicht viel verdienen würde. Und abgesehen davon glaubte Julius sowieso, dass er Luxus gar nicht unbedingt brauchte. Er kam auch gut mit Backpacks und Hostels zurecht, zumindest hin und wieder.

Es war ein verlockender Gedanke, dem BWL-Studium und den Banken dieser Welt den Rücken zuzukehren …

Das Einzige, was dieses fröhliche Bild trübte, war die Erinnerung an das verschwundene Auto, in dem sich die Bewerbungsmappe befand, die Julius eigentlich noch diese Woche hatte abschicken wollen. Genau wie sein Laptop, auf dem er die Exposés für seine Bewerbung abgespeichert hatte. Es wäre ein erster, großer Schritt in die richtige Richtung gewesen: Ein vorerst unbefristetes Volontariat bei einer jungen, aufstrebenden Zeitung. Sogar mit Ambitionen, sich auf YouTube zu etablieren, und mit einem feinen Sinn für Satire. Was seine Eltern wohl für Mienen gemacht hätten, wenn er die Stelle als unbezahlter Volontär wirklich bekommen hätte?

Deine Ausbildung hat uns ein Vermögen gekostet! Privatuni! Perth! Ein zusätzliches Semester, wiederholt vor lauter Vergesslichkeit … Und was ist mit der Bank?

Julius begann, das Geld zurück in den Turnbeutel zu befördern, als sich die Tür öffnete. Es war Nina Sophie, hinter ihr eine verweinte Annika.

„Was machst du da?“

Julius zögerte. Er traute Nina zu, eine jener neugierigen Tratschtanten zu sein, denen er lieber nicht zu viel erzählte. Immerhin wirkte sie nicht mehr beleidigt, auch wenn sie ihre kokette Art verloren hatte. Ungeschminkt erinnerte sie ihn eher an eine brave kleine Schwester.

„Ist das dein Geld?“, fragte sie mit Blick auf das Bündel in Julius' Händen.

Sie sah so überzeugend harmlos aus, dass Julius beschloss, sie doch einzuweihen.

„Krass! Und was machst du jetzt damit? Tausend Euro sind in Thailand ’ne Menge Geld.“

„Ich werd noch mal zur Rezeption gehen, um zu fragen, ob sie mich verwechselt haben.“

„Warum?“

„Weil es sicher nicht mein Geld ist.“

„Und wenn doch, dann lädst du uns heute Abend hoffentlich auf einen Drink ein! Übrigens sind wir vorbeigekommen, weil Annika wissen wollte, ob du was von Yan gehört hast. Er könnte vielleicht rausfinden, wo sich ihr Freund als Letztes aufgehalten hat, deswegen ist es ihr sehr wichtig.“

Bei dem Stichwort „Freund“ rollten schlagartig dicke Tränen aus Annikas Augen, ein ganzer Sturzbach innerhalb weniger Sekunden. Julius wusste nicht, wie er reagieren sollte. Weinende Frauen hatten ihn schon immer überfordert, auch wenn Annika ihm wirklich leidtat.

„Du hast sicher von den beiden Mädchen gehört, die als vermisst gelten?“, fuhr Nina fort, während sie Annika tröstend über den Arm strich. „Jetzt ist scheinbar noch ein weiterer Backpacker verschwunden. Zuletzt wurde er in Bangkok gesehen. Seit vier Tagen fehlt jede Spur von ihm.“

„Ein alleinreisender junger Typ!“, rief Annika mit plötzlich sehr deutlicher Stimme. „So wie er!“

„Ist was passiert?“

Emily hatte das Zimmer betreten. Im Gegensatz zu Julius schien sie sofort zu wissen, was Annika brauchte, und nahm sie in den Arm. Erneut schilderte Nina die Geschichte vom verschwundenen Backpacker.

„Sie haben es in den Nachrichten gebracht.“

„Was ist, wenn ein Kidnapper dahintersteckt? Oder ein …“, Annikas Tonlage wurde höher, „oder ein Serienkiller?“

Kurzes Schweigen machte sich breit, bevor im nächsten Moment jeder von ihnen versuchte, es durch beschwichtigende Floskeln wieder zu vertreiben. Sie klangen hohl, da niemand von ihnen wusste, was passiert war. Annika wurde trotzdem ein klein wenig ruhiger.

„Ein seltsamer Tag“, meinte Julius, mehr zu sich selbst.

Emilys Blick fiel auf den Turnbeutel. „Ist da das Geld drin?“

„Vierzigtausend Baht. Und ich hab keine Ahnung, wo die herkommen.“ Er erzählte, wie ihm der Rezeptionist den Beutel überreicht und einen schönen Tag gewünscht hatte. „Ich wüsste nicht, wer mir so viel Geld schicken sollte. Und warum auch?“

„Dann versteck es mal lieber vor deinen Zimmernachbarn, bis du weißt, was los ist. Die würden das Geld sicher spätestens Ende der Woche auf der Full-Moon-Party versaufen.“

„Diese Woche ist die Full-Moon-Party?“ Annikas Tonlage hatte sich wieder normalisiert.

„Ja, in vier Tagen.“

Der Tränenstrom stoppte so plötzlich, als wäre er auf Annikas überhitzten, sommersprossigen Wangen verdampft. „Ist das diese Party auf der Insel?“

„Auf Ko Phangan, ja.“

Sie wurde nachdenklich, ihr Blick verschwamm und sie putzte sich die Nase. Dann, völlig unerwartet, huschte ein feines Lächeln über ihr Gesicht. „Andi hat mir mal davon erzählt. Er hat gesagt, dass er da hingehen will.“ Sie sah jeden von ihnen einzeln an, als wollte sie sichergehen, dass sie ihr folgen konnten. In all ihrer Aufregung schien sie vergessen zu haben, wenige Sekunden zuvor noch der festen Überzeugung gewesen zu sein, Andi sei einem Psychopathen zum Opfer gefallen. Ihr Lächeln verstärkte sich. „Ja, vielleicht – vielleicht ist ja wirklich nur sein Handy kaputtgegangen, so wie ihr gesagt habt. Aber dort, auf dieser Party, könnte ich ihn finden …“

Julius glaubte, es sei der falsche Moment, um zu erwähnen, dass auf diesen Partys bis zu dreißigtausend Menschen zusammenkommen. Annika hatte bereits ihr Handy hervorgeholt.

„Ende der Woche, sagst du?“

„Am Donnerstag.“

„Heute ist Sonntag. Es gibt bestimmt noch Flüge …“ Annika setzte sich auf Julius’ Matratze und fuhr fieberhaft mit ihren beiden Daumen über ihr Display. „Vierundneunzig Euro hin und zurück, wenn wir Mittwoch hinfliegen und Mittwoch in einer Woche wieder zurückkommen.“

„Du willst echt auf die Schnelle nach Ko Phangan fliegen?“

„Ko Samui. Dort ist der Flughafen. Und dann mit der Fähre nach Ko Phangan. Das ist nicht weit und wir würden mittwochs schon früh auf Samui landen. Das heißt, wir könnten am selben Tag noch weiter nach Ko Phangan. Donnerstags dann tagsüber die Insel erkunden und abends auf die Full-Moon-Party. Hier gibt’s noch ein paar freie Betten in einem gemischten Zwölfer-Schlafsaal …“

„Gemischter Zwölfer-Schlafsaal während der Full-Moon-Party?“, kam es von Nina. „Na, viel Spaß.“

„Wahrscheinlich schläft man ja eh nicht viel, oder?", entgegnete Annika. "Na ja und danach könnte man weiterschauen. Theoretisch könnte man auch noch nach Ko Tao, das ist nicht weit mit der Fähre. Das ist das Taucherparadies Thailands. Ich kann euch auch Geld leihen, also wegen eurer Kreditkarten mein ich. Ich geh ja davon aus, dass wir noch länger zusammenbleiben werden, oder?“

„Hört sich eigentlich nicht schlecht an“, meinte Emily. „Was sagt ihr dazu?“

Julius zuckte mit den Schultern. „Ich hab immer noch nichts von Yan gehört. Bisher hat er sich noch nicht gemeldet und ich hab nur seine Mailbox erreicht.“

„Bis Mittwoch weißt du bestimmt Bescheid", erwiderte Emily. "Wenn Yan einfach so abhaut, dann braucht er sich nicht zu wundern, wenn du ohne ihn weiterplanst.“

„Also ich finde das Schwachsinn“, sagte Nina. „Das ist doch total kurzfristig und dann nur für eine Woche … Wenn man schon mal dorthin fliegt, sollte man ja auch ein bisschen Zeit haben.“

„Aber die Full-Moon-Party ist nun mal diesen Donnerstag!“, rief Annika. „Und danach erst wieder in einem Monat. Kommt schon, das wird bestimmt super! Julius, du feierst doch so gerne, dachte ich?“

„Wieso fliegst du nicht alleine?“, fragte Nina.

„Weil … Ich hab Angst. Am Ende geht was schief und ich finde Andi doch nicht, oder … Und ich hasse fliegen. Ach, kann nicht wenigstens einer von euch mitkommen? Die Inseln sollen super sein, das steht in jedem Reiseführer.“

„Ich komme mit“, sagte Emily.

„Na gut, überredet“, meinte Julius. „Ich komm auch mit.“

Annika strahlte. „Und du, Nina?“

Diese runzelte die Stirn, als sei sie nicht zufrieden mit der Situation. „Ihr wollt das wirklich machen?“

Ihre Augen waren auf Julius gerichtet, als sie die Frage stellte.

„Aber ihr kommt sicher wieder hierher zurück?“ Sie schaute sich der Reihe nach um. „Gut, also dann denke ich, dass ich lieber noch eine Weile in Bangkok bleibe. Mir gefällt’s hier. Und ich hab noch meinen Yogakurs. Aber ich kann mich ja bei euch melden, falls Yan zurückkommt.“

Julius zeigte auf den Turnbeutel: „Und was machen wir damit? Aufteilen? Ich glaube, es könnte an der Sicherheitskontrolle etwas komisch rüberkommen, wenn ich mit einem Turnbeutel voller Bargeld einchecken will“, meinte er.

"Du wolltest doch noch mal an der Rezeption nachfragen, ob es sich nicht doch um eine Verwechslung handelt, oder?", fragte Emily.

"Ja, ich geh gleich mal runter. Ich bin mir sicher, dass es eine Verwechslung ist."

Doch er irrte sich.

 

***

 

„No, it’s not a mistake. Someone gave me this bag and told me, to give it to Mr. …“ Der Rezeptionist runzelte die bronzefarbene, pickelige Stirn. Wie jeden Tag trug er ein faltenfreies Hemd mit Kragen und langen Ärmeln, die ihn vermutlich nur deshalb nicht störten, weil er direkt unter dem Deckenventilator stand. Er hatte einige Mühe mit Julius’ Namen und brauchte mehrere tapfere Anläufe, bis er „Julius Hohenstädt“ wie „Jules Own-Steak“ aussprach. Er lächelte zufrieden.

Nina kicherte, was den Thai zu verunsichern schien. Sein Lächeln verschwand.

„And who gave you the bag?“, fragte Julius. Er hielt den Turnbeutel in die Höhe, ohne zu verraten, welch kostbarer Inhalt sich darin befand.

Der Thai, nun mit ernster Miene, gab sich alle Mühe, den nächsten Namen in einem Rutsch aufzusagen: „Mr. Bustum.“

„Bustum?“, hakte Julius nach.

„Not easy, your names. Not a Thai name.“ Die Miene des Rezeptionisten verfinsterte sich weiter.

„No worries“, sagte Julius betont höflich, aber ohne seine Ungeduld verstecken zu können. „But are you sure that it was a Mr. Bustum?“

„No, don’t know.“ Der Thai schien nicht gewillt, sich weiterhin von fremden Ausländern vorführen zu lassen.

„Please, it is very important to us!“, meinte Emily.

Der Thai ignorierte sie.

Julius drehte sich zu Emily, die links neben ihm stand, und warf ihr einen fragenden Blick zu. Als sie lediglich mit den Schultern zuckte, wandte er sich dem Turnbeutel zu. Er öffnete ihn so, dass der Rezeptionist den Inhalt nicht sehen konnte.

„Was machst du da?“, fragte Emily.

Julius antwortete nicht, sondern zog eine 50-Baht-Note hervor.

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960877301
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v465947
Schlagworte
Coming-of-age-Roman Young-Adult-Roman-Bücher Entwicklungsroman Thailand-Urlaub-s-roman-e Trauer-und-Tod-Roman Jugend-Thriller Reisen-und-Abenteuer

Autor

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    Lilian Kaufmann (Autor)

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Titel: Sommerkinder