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Tod eines Tenors

von Rhys Bowen (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Als der Chor des walisischen Dörfchens Llanfair Unterstützung für den Sängerwettstreit benötigt, ist nicht nur Constable Evan Evans zur Stelle, sondern auch der gastierende Star-Tenor Ifor Llewellyn. Damit schnellt das Medien-Interesse in ungekannte Höhe und immer mehr Fremde besuchen das verschlafene Dorf.
Schon bald sind die kauzigen Dorfbewohner die Starallüren, Schürzenjägerei und Streitigkeiten des berühmten Sängers leid. Aber dass der prominente Mann am Abend vor dem großen Wettbewerb tot vor seinem Kamin liegt, kann in Llanfair keiner gewollt haben – oder etwa doch?

 

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe März 1999
Überarbeitete Neuausgabe Mai 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-693-9

Copyright © März 1999 by Rhys Bowen im Selfpublishing, veröffentlicht nach Absprache mit Janet Quin-Harkin c/o JANE ROTROSEN AGENCY LLC, 318 East 51st Street, NEW YORK, NY 10022 USA
Titel des englischen Originals: Evanly Choirs

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.

Die Rechte an der deutschen Übersetzung von Barbara Häusler liegen beim btb Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House.

Copyright © November 2003, Wilhelm Goldmann Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits November 2003 bei Wilhelm Goldmann Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München erschienenen Titels Tod eines Tenors (ISBN: 978-3-44273-164-0).

Übersetzt von: Barbara Häusler
Covergestaltung: Miss Ly Design
unter Verwendung eines Motivs von
shutterstock.com: © Andrew Roland
Korrektorat: Lennart Janson

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Widmung

Für meine Wanderfreunde, die auch meine Modeberater und Reisegefährten sind, kulinarische Experten und vor allem Therapeuten. Was würde ich ohne euch tun?
Und erneut ein herzliches Dankeschön an John, Claire, Jane und Tom für Kritik und Inspiration.

DER EISTEDDFOD

Der Eisteddfod hat in Wales eine Tradition, die bis ins Mittelalter zurückreicht, als jeder Hof noch seinen eigenen Barden hatte. Der Wettbewerb um den Titel eines Ober- oder Meisterbarden steht auch heute noch im Mittelpunkt aller Eisteddfodau. Er beginnt mit einem spektakulären Umzug der Barden in fließenden, weißen und grünen Gewändern, der von Trompetenstößen angekündigt und von Blumenmädchen angeführt wird. Dann tragen die Barden die in einer strengen, traditionellen Form geschriebenen Gedichte vor.

Darüber hinaus ist der Eisteddfod auch ein Musikfestival mit Harfen-, Tanz- und Gesangswettbewerben. An ihnen nehmen auch die berühmten Cor Meibion teil, jene walisischen Männerchöre, die es auch heute noch in vielen Dörfern gibt. Am Rande der Hauptwettbewerbe werden walisische Kunsthandwerksprodukte angeboten und man genießt regionale Speisen und Getränke.

Der Eisteddfodau umfasst den großen National Eisteddfod, der abwechselnd in Nord- und Südwales stattfindet, und die kleineren regionalen und örtlichen Festivals, welche Kultur und Tradition in jedem Winkel von Wales lebendig halten.

1. KAPITEL

Dabei war sie auch ohne die Risiken einer ungewohnten Straße nervös genug. Was tue ich hier eigentlich? Es war ihr so einfach erschienen, als sie auf dem Londoner Flughafen gelandet war und den Wagen gemietet hatte. Er würde glücklich sein, sie zu sehen, und alles würde gut werden. Jetzt war sie sich dessen nicht mehr so sicher.

Die Gipfel der Berge waren in Wolken gehüllt, die sich hin und wieder teilten und atemberaubende Blicke auf Felsvorsprünge freigaben, mit Wasserfällen wie schimmernde Faltenwürfe, und auf hochgelegene grüne Weiden, von denen sich Schafe als kleine, weiße Punkte abhoben. Durch das offene Autofenster konnte sie das Geräusch fließenden Wassers hören und das entfernte Blöken der Schafe. Die Luft roch grün und frisch. Für jemanden, der in einem vornehmen Londoner Vorort aufgewachsen war, eine völlig unvertraute Landschaft. Sie sah sich ehrfürchtig um. Was konnte ihn bewogen haben, hierherkommen zu wollen?

Gerade als die Straße von den Wolken verschluckt zu werden schien, kam ein Dorf in Sicht. Sie verlangsamte ihre Fahrt und fuhr im Schritttempo die einzige Straße hinauf. Es war ein einfaches, kleines Dorf, zwei Reihen weißgetünchter Cottages aus Stein, einige Läden, eine Zapfsäule und ein freundlich wirkender Pub, dessen Schild mit der Aufschrift Red Dragon im Wind schaukelte. Sie hielt an und klappte ihre Straßenkarte auf. Das konnte nicht der richtige Ort sein. Sie las die Schilder einer Ladenzeile: R. EVANS, MOLKEREIPRODUKTE, G. EVANS, CIGYDD – in schmaleren Buchstaben stand in Klammern der Zusatz »Metzger« – und T. HARRIS, GEMISCHTWARENLADEN, dahinter in kleinerer Schrift POSTNEBENSTELLE, LLANFAIR.

Sie war also doch richtig. Sie wusste, dass Llanfair ein ziemlich verbreiteter walisischer Dorfname war, genau wie St. Mary. Auf über ein Dutzend solcher Llanfairs war sie gestoßen, als sie die Landkarte von Wales durchforstet hatte. Aber nur ein einziges Llanfair lag in der Nähe des Passes neben dem Mount Snowdon, dem höchsten Berg von Wales. Das musste es also sein.

Die junge Frau schüttelte ungläubig den Kopf. Dies war so gar nicht nach seinem Geschmack. Sie konnte ihn sich einfach nicht in einem dieser kleinen Cottages vorstellen. Schließlich war er eine Fünf-Sterne-Persönlichkeit: Nizza, Portofino, Beverly Hills – das waren die Orte, an denen sie erwartet hatte, ihn zu finden. Vielleicht hatte die Zeitung etwas falsch verstanden? Das tat die Presse doch oft.

Sie fuhr weiter die Straße hinauf, an der wegen der Sommerferien verwaisten Schule vorbei, und erreichte zwei Kapellen, die einander an der engen Straße gegenüberlagen. Sie glichen sich wie ein Ei dem anderen – beide waren graue, fast schmucklose Schieferbauten mit zwei hohen, schmalen Fenstern. Eine Tafel an der Kapelle links von ihr verkündete: BETHEL-KAPELLE, HOCHWÜRDEN PARRY DAVIES. An der rechten stand: BEULAH-KAPELLE, HOCHWÜRDEN POWELL-JONES.

Hier wird offenbar viel gebetet, amüsierte sich die junge Frau. Dabei sah das Dorf kaum so aus, als könne es eine Kapelle füllen. An den Tafeln hingen auch biblische Texte. Bei der Bethel-Kapelle stand: »Wer hat, dem wird gegeben«, während der Text an der Beulah-Kapelle mahnte: »Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.« Sie musste lächeln und stellte fest, dass sie in letzter Zeit nicht oft gelächelt hatte. Ihr Gesicht fühlte sich ganz steif an.

Die beiden Kapellen waren fast die letzten Gebäude des Dorfs, und sie hielt den Wagen an. Neben der Bethel-Kapelle stand lediglich ein einfaches Steinhaus, auf dem ausgedehnten Grundstück hinter der Beulah-Kapelle war dagegen ein viel größeres Haus gebaut worden. Es hatte Giebel, war in Schwarzweiß gehalten und mit Unmengen viktorianischer Zierelemente versehen. Die junge Frau betrachtete es zweifelnd, dann streifte ihr Blick weiter zum Pass hoch, wo Straße und Wolken zusammentrafen. Auf einem Hang thronte ein riesiges, prunkvolles Gebäude, eine Art überdimensioniertes Schweizer Chalet mit geschnitzten Holzbalkonen und Geranienkästen vor den Fenstern. Dieser Anblick – wie das Gebäude so plötzlich auf einem kargen, walisischen Hügel aus den Wolken auftauchte – einen Augenblick war sie nicht sicher, ob sie Halluzinationen habe. Unwillkürlich musste sie an Walt Disneys Fantasiewelten denken. Ein adrettes Holzschild neben der Straße verhieß: WILLKOMMEN. EVEREST RESTAURANT, FITNESS-CLUB. RÄUMLICHKEITEN FÜR SPA.

Der Hotelparkplatz stand voller Luxuswagen. Ja, das war schon eher ein Ort nach seinem Geschmack, auch wenn ihm der aufgesetzte Chalet-Touch nicht gefallen hätte. Aber sie war sicher, dass er ein Haus gemietet hatte und nicht in einem Hotel wohnte. Deshalb musste es das schwarzweiße, viktorianische Haus hinter der rechten Kapelle sein.

Sie stellte den Motor ab und stieg aus. Stille. Obwohl es eigentlich nicht wirklich still war hier oben. Sie konnte das Seufzen des Windes hören, der durch die Gräser strich, und das leise Murmeln eines Baches. Noch immer blökten irgendwo da oben in den Wolken die Schafe, aber es gab keine vertrauten Geräusche: weder den Verkehrslärm, noch das Gehupe oder die heulenden Sirenen, die das Leben in großen Städten begleiten. Sie fühlte sich sehr weit weg von zu Hause.

Sie atmete tief durch und strich über ihre zerknitterte, schwarze Bluse. Dann öffnete sie das Gartentor und ging über die kiesbedeckte Zufahrt zur Haustür. Ihr wurde von einer großen, hageren Frau geöffnet, die eine unvorteilhafte, erbsengrüne Strickjacke und einen Tweedrock trug. Die Frau musterte den modischen Schnitt ihrer Kleidung und den beunruhigend schwarzen Ponyhaarschnitt, der das blasse, elfenhafte Gesicht mit den großen, blauen Augen umrahmte. Gefärbt. Die Frau hatte ihr Urteil schnell gefällt und rümpfte die Nase, um ihre Missbilligung zu zeigen.

»Ja? Kann ich Ihnen helfen?« Die Stimme hatte nur eine Spur des walisischen Tonfalls.

Das Mädchen starrte sie ungläubig an. »Ich ... ich bin nicht sicher«, stammelte sie. »Ich weiß nicht, ob ich hier richtig bin.« Ihre flachen Londoner Vorort-Vokale waren auch durch eine teure Erziehung nicht vollständig ausgerottet worden.

Die Frau verschränkte die Arme über der erbsengrünen Strickjacke. »Wenn Sie Bed & Breakfast suchen, wir nehmen keine Touristen«, sagte sie. »Und wenn Sie zu meinem Mann wollen ...«, sie machte eine Pause, als sie die Reaktion auf dem Gesicht des Mädchens sah, »tut mir Leid, er ist im Moment sehr beschäftigt. Er arbeitet an seiner Sonntagspredigt.«

»Predigt?« Dem Mädchen wurde klar, dass sie wie ein Papagei klang.

»Er nimmt seine Predigten sehr ernst«, fuhr die Frau fort. »Er predigt nämlich auf Walisisch und auf Englisch, müssen Sie wissen. Das ist geradezu eine rhetorische Meisterleistung, auch wenn dieser Parry Davies von gegenüber meint, dass er den Titel des Barden verdient.«

Das Mädchen starrte sie mit offenem Mund verständnislos an. Die Frau hätte auch vom Mars kommen oder Chinesisch sprechen können.

»Entschuldigen Sie«, sagte sie, den Rückzug antretend. »Ich muss mich geirrt haben. Ich suche nach einem Freund, aber er ist offensichtlich nicht hier. Bitte entschuldigen Sie die Störung.«

»Ich könnte nachsehen, ob mein Mann einen Moment Zeit für Sie erübrigen kann«, sagte die Frau einlenkend. »Er würde es nicht gutheißen, dass ich jemanden wegschicke, der seine Hilfe braucht. Er nimmt seine christlichen Pflichten sehr ernst.«

»Ihr Mann ist der Pfarrer?«, fragte das Mädchen.

»Natürlich ist er der Pfarrer. Was dachten Sie denn, wer er ist? Hochwürden Powell-Jones. Ich bin Mrs. Powell-Jones. Vielleicht kann ich Ihnen helfen? Ich bin bekannt für mein Taktgefühl und Beratungsgeschick ...«

Unvermittelt begann das Mädchen zu lachen. »Hochwürden Powell-Jones? Das ist Ihr Haus? Entschuldigung. Ich habe mich wirklich geirrt. Ich muss gehen.«

Sie floh den lorbeergesäumten Weg hinunter, schnell zurück zu ihrem Zufluchtsort, dem Auto. Gerade als sie ihre Hand auf die Gartentür legte, trat ein junger Mann zwischen den Büschen hervor und versperrte ihr den Weg.

»Was machst du hier?«, fragte er.

Sie schüttelte trotzig den Kopf. »Das ist ein freies Land. Ich kann gehen, wohin ich will.«

Er griff nach ihrem Arm. »Sei kein Dummkopf, Christine. Verstehst du denn nicht – es ist aus. Vorbei. Du bist Geschichte, Süße.«

»Lass mich los!« Sie versuchte sich zu befreien.

»Geh nach London zurück, Chrissy, bitte, bevor du einen kompletten Narren aus dir machst und am Ende jemand verletzt ist.«

»Ich sagte, lass mich los!« Ihre Stimme war gefährlich laut geworden. »Lass mich. Ich bin erwachsen, Justin. Ich kann selbst auf mich aufpassen.«

Sie entwand sich seinem Griff. »Hau ab, Justin!« Sie schrie nun. »Ich werde nicht einfach nach Hause fahren und vergessen, dass es passiert ist. So leicht wirst du mich nicht los!«

Sie stieß ihn zurück, schlug die Autotür zu, startete den Wagen und fuhr mit quietschenden Reifen davon. Der junge Mann sah ihr hinterher, dann schlug er wütend gegen den Torpfosten, bevor er quer durch den Garten lief und wieder in der Hecke verschwand.

Mrs. Powell-Jones hatte die Szene von ihrem Wohnzimmerfenster aus beobachtet.

»Edward!«, rief sie, ihre Stimme hallte durch das Haus. »Edward! Hier geht etwas sehr Seltsames vor sich.«

Hochwürden Powell-Jones’ Kopf erschien in der Tür seines Arbeitszimmers. »Was ist denn, meine Liebe? Ich bin wirklich sehr beschäftigt. Ich komme gerade zum aufregenden Teil über das ewige Höllenfeuer und die Sünden des Fleisches.«

»Edward, es ist wichtig, andernfalls hätte ich nicht im Traum daran gedacht, dich beim Predigtschreiben zu stören. Gerade ist ein junger Mann durch unsere Hecke gekommen, und außerdem hatten wir merkwürdigen Besuch von einer jungen Frau, ich hatte den Eindruck, sie wollte dich sehen, aber dann hat sie ihre Meinung geändert.« Sie funkelte ihn wütend an, wie nur Mrs. Powell-Jones jemanden anfunkeln konnte. Es war allgemein bekannt, dass Pfadfinder und Sonntagsschüler unter ihrem schonungslosen Blick schon unzählbare Sünden gebeichtet hatten. »Edward«, sagte sie mit eisiger Sanftmut, »gibt es irgendetwas, worüber du mit mir sprechen möchtest?«

»Sprechen, meine Liebe? Worüber denn?«

»Über das Thema deiner Predigt, Edward. Die ›Sünden des Fleisches‹.«

Edward Powell-Jones wirkte verwirrt. »Ich kann dir, glaube ich, nicht ganz folgen, meine Liebe.«

»Dann lass es mich erklären. Ich habe mich bloß gefragt, warum ein junges Mädchen dich unbedingt sehen will und unbedingt von mir wissen will, ob ich deine Frau bin. Und ich habe mich gefragt, was bei dieser christlichen Jugendkonferenz in Bangor vor sich gegangen ist, auf der du letzten Monat warst.«

»Du willst doch nicht andeuten ...«, Edward Powell-Jones brach in schockiertes Gelächter aus, »... dass ausgerechnet ich ...«

»Es passiert den besten Männern, Edward. Der Teufel liegt auf der Lauer, auch in der Brust eines Heiligen, und du bist immer noch ein attraktiver Mann.«

Edward, ein grauhaariger, schmächtiger Mann in den Fünfzigern, der niemals auch nur annähernd das gewesen war, was junge Mädchen sexy nennen, errötete verlegen. »Ich versichere dir, meine Liebe, dass es immer nur eine Frau in meinem Leben gegeben hat – und geben wird.«

»Und was wollte sie dann?«, fragte Mrs. Powell-Jones aufgebracht.

»Keine Ahnung.«

»Und da ist noch dieser aufgebrachte, junge Mann, der über unseren Rasen läuft, als ob der Garten ihm gehört.«

Edward Powell-Jones’ Gesichtsausdruck ließ keinen Zweifel daran, dass ihm gerade ein neuer und beunruhigender Gedanke in den Sinn gekommen war. »Was ist?«, fragte sie. »Du weißt etwas.«

»Mir ist gerade eingefallen, dass es etwas mit diesem Makler aus Caernarfon zu tun haben könnte.«

»Was für ein Makler?«

»Der mich mit der Idee belästigt, das Haus den Sommer über zu vermieten.«

»Der was tut?«

»Ich bin sicher, dass ich es dir gesagt habe. Er hat in dieser Woche mehrmals angerufen, während du bei deiner Mutter warst.«

»Nein, Edward, du hast mir nichts davon erzählt«, stellte Mrs. Powell-Jones ruhig und mit eisiger Stimme fest.

»Nein? Ich dachte ...« Edward Powell-Jones war nun eindeutig nervös. Eisige Ruhe war schlimmer, als wenn seine Frau tobte. »Mein Gedächtnis lässt mich derzeit wohl ein wenig im Stich. Aber ich nehme an, dass ich dachte, die Sache sei nicht der Rede wert ...«

»Was genau wollte der Makler von dir, Edward?«

»Er sagte, ein Kunde von ihm wolle den Sommer über unbedingt dieses Haus mieten.«

»Dieses Haus?«

Edward Powell-Jones zuckte mit den Achseln. »Offenbar suchte der Kunde ein großes Haus mit Privatsphäre in der Gegend von Llanfair, und dieses hier war das einzige, das in Frage kam. Ich glaube, er war bereit, ziemlich viel Geld dafür zu zahlen.«

»Der hat Nerven!«, rief Mrs. Powell-Jones.

»Das finde ich allerdings auch, meine Liebe. Taucht hier unaufgefordert auf und erwartet tatsächlich, dass wir uns fügen, nur weil er uns Geld vor die Füße wirft. Dem habe ich aber die Meinung gesagt! Guter Mann, habe ich zu ihm gesagt, ich bin Pfarrer der wichtigsten Kapelle in Llanfair. Meine Herde braucht mich, und ich habe nicht die Absicht, irgendwo anders hinzugehen. Außerdem habe ich ihm gesagt, dass Geld für uns keine Rolle spielt.«

»Andererseits, Edward ...«, meinte Mrs. Powell-Jones nachdenklich, »vielleicht sollten wir das Ganze nicht sofort von der Hand weisen. Du hast möglicherweise etwas übereilt gehandelt.«

»Inwiefern, meine Liebe?«

»Die Sache könnte die Antwort auf meine Gebete sein.«

»Deine Gebete? Du hast dafür gebetet, dass wir das Haus vermieten?«

Mrs. Powell-Jones seufzte angesichts so viel Einfältigkeit. »Für Mama, Edward. Ich habe für Mama gebetet.« Sie ließ sich auf der Armlehne des verblichenen Baumwollsofas nieder. »Du erinnerst dich, dass der Arzt sagte, sie brauche ein neues Hüftgelenk. Sie hat es immer wieder hinausgeschoben, und jetzt kann die Arme kaum noch herumhumpeln. Ich habe ihr nicht angeboten, sie zu pflegen, weil mein Platz bei dir und der Herde ist. Und jetzt, verstehst du, hat sich wie von selbst eine Lösung ergeben. Mama könnte ihre Hüfte operieren lassen, und ich könnte mich um sie kümmern.«

»Und was ist mit mir? Es gibt kein Zimmer für mich bei deiner Mutter, und überhaupt, ich werde meine Kapelle nicht den Sommer über schließen, damit Parry Davies meine Gemeinde in die Finger bekommt.«

»Natürlich nicht, Liebster. Wir werden irgendwo im Dorf eine Unterkunft für dich finden. Viele Dorfbewohner nehmen doch Gäste auf. Ich werde schon etwas Passendes finden, mach dir keine Sorgen.« Befriedigt sah sie sich im Zimmer um. »Das hätte zu keinem besseren Zeitpunkt kommen können. Es ist wirklich ein Geschenk des Himmels. Und denk doch mal daran, was wir mit dem Geld alles machen könnten ...«

Edwards Gesicht hellte sich auf. »Die Orgel müsste schon seit einiger Zeit repariert werden. Es ist sehr lästig, wenn die Pedale bei Cwm Rhondda immer hängenbleiben.«

»Ach was, die Orgel. Wir brauchen eine neue Sitzgruppe für dieses Zimmer.« Mrs. Powell-Jones’ Stimme hob sich beängstigend. Sie stand auf und deutete auf die abgenutzte Armlehne, auf der sie gesessen hatte. »Sieh doch mal, Edward. Ich habe mich manchmal schon geschämt, wenn wir hier kirchliche Versammlungen abhalten mussten. Die Spiralfedern kommen ja schon fast durch die Polster. Und schließlich haben die Davies’ drüben dieses Monstrum von Naugahyde – das ist zwar nur aus Kunstleder und für einen Pfarrerhaushalt reichlich unpassend, aber fast neu.«

»Ja, wir könnten über eine neue Sitzgarnitur nachdenken«, sagte Edward Powell-Jones mit einem Seufzer. »Wenn du wirklich davon überzeugt bist, dass das die beste Verwendung für das Geld ist.«

»Das bin ich, Edward, wirklich. Und jetzt geh und ruf diesen Makler an. Sag ihm, wir hätten unsere Meinung geändert und könnten bis Ende der Woche hier raus sein.«

Die junge Frau verlangsamte ihre Fahrt, als sie oben am Pass an eine Kreuzung kam. Eine Straße führte hinunter nach Beddgelert und zur Küste, die andere nach Betwys-y-Coed. Sie hielt an, unentschlossen, welche Richtung sie einschlagen sollte. Tränen traten ihr in die Augen, ihr Blick verschwamm. Sie hatte nicht die geringste Vorstellung, was sie nun tun sollte.

2. KAPITEL

Constable Evan Evans trat aus der Polizeiwache von Llanfair, blieb kurz stehen und atmete die klare, frische Luft ein. Heute konnte man den salzigen Geruch des Meeres riechen. Er schaute zu den rasenden Wolken hinauf. Hoffentlich waren das keine Vorboten eines Sturms, ausgerechnet jetzt zum Wochenende. Er freute sich wirklich auf den Tag mit Bronwen.

Seine Freundschaft mit der jungen Lehrerin hatte sich vertieft, und im Dorf wurde bereits wild spekuliert, obwohl sie gerade einmal eine Hand voll Verabredungen miteinander gehabt hatten. Evan hielt jegliche Gedanken an Hochzeitsglocken strikt von sich fern.

Sie hatten für den nächsten Tag eine lange Bergtour geplant – wenn das Wetter mitmachte. Schließlich war es nicht die Art von Gelände, das man gerne bei Regen in Angriff nahm, denn es war stellenweise sumpfig und so hoch gelegen, dass es meist in den Wolken lag. Aber wenn der Wind weiterhin so heftig blies, würde er all diese bedrohlichen Wolken vertreiben.

Er schaute auf seine Armbanduhr. Mrs. Williams, seine Vermieterin, wartete sicher schon mit dem Mittagessen auf ihn und würde erbost sein, wenn er es kalt werden ließe. Es war Freitag, das hieß wahrscheinlich Fisch.

Mrs. Williams war in der Gestaltung ihres Speiseplans sehr berechenbar. Er hoffte, es würde gegrillten Hering geben. Zu dieser Jahreszeit gab es wunderbar frische Heringe, und Mrs. Williams bereitete sie perfekt zu: außen schön knusprig, innen saftig und manchmal sogar mit einem noch weichen, rohen Kern. Mrs. Williams war eine wundervolle Köchin und schien der Auffassung zu sein, Evan würde verhungern, wenn er nicht drei üppige warme Mahlzeiten am Tag bekäme – und natürlich Tee, wenn er denn einmal zum Tee daheim war.

Er verschloss die Stationstür und machte sich auf den Weg zu Mrs. Williams’ Cottage, die Vorfreude ließ ihm schon das Wasser im Mund zusammenlaufen.

»Bore da, Gesetz-Evans«, rief Pumpen-Roberts von der Werkstatt nebenan herüber.

»Bore da, wie läuft das Geschäft?«, fragte Evan.

»Kann nicht jammern. Viele Touristen unterwegs in dieser Jahreszeit. Natürlich kennen wir alle eine Person, die trotzdem klagt, stimmt’s?« Er lachte und deutete auf den Metzgerladen gegenüber. »Fleischer-Evans würde eine verdammte Mauer um das Dorf ziehen, wenn er dürfte ... und nur Leute durchlassen, die Walisisch sprechen. Du hättest ihn heute früh schimpfen und toben hören sollen, nur weil ein paar junge Kerle hereinkamen und ihn ausfragten, wer hier so alles wohnt.«

Evan lächelte. Er kannte die feste Überzeugung von Fleischer-Evans nur allzu gut, wonach Fremde in Wales nichts zu suchen hatten.

In diesem Moment vernahm er von weiter oben an der Dorfstraße laute Stimmen. Er hörte interessiert hin. Englisch, nicht Walisisch, wahrscheinlich Touristen. Die Stimme einer Frau hatte sich zu einem Schrei gesteigert. Evan zögerte, dann lief er die Straße hinauf. Ein junges Mädchen versuchte, sich aus dem Griff eines jungen Mannes zu befreien.

»Hey!«, rief Evan, aber in diesem Augenblick riss sich das Mädchen los, rannte zu einem kastanienbraunen Vauxhall Vectra und fuhr mit quietschenden Reifen davon. Der junge Mann schrie ihr noch etwas nach, ging dann wieder in den Vorgarten zurück und verschwand in den Büschen. Ehekrach oder etwas Ernsteres?, fragte sich Evan. Und erst jetzt bemerkte er überrascht, dass der Vorgarten zum Haus der Powell-Jones’ gehörte.

»Was war denn da los?«, fragte Pumpen-Roberts, als Evan die Straße wieder herunterkam.

Evan zuckte mit den Achseln. »Das werden wir wohl nie erfahren. Sie sind beide gegangen, als ich kam. Und ich glaube auch nicht, dass mich das was angeht, mal abgesehen von der Geschwindigkeitsübertretung. Aber zu Fuß kann ich sie wohl schlecht verfolgen.«

»Sie sollten dir einen Streifenwagen geben«, meinte Pumpen-Roberts. »Ich hätte da einen hübschen, gebrauchten Ford Granada, wenn du sie dafür interessieren kannst.«

Evan kicherte. »Es ist schon schwer genug, ihnen neue Büroklammern abzuschwatzen. Und außerdem besteht der Zweck meines Einsatzes ja darin, meine Kontrollgänge zu Fuß zu machen.«

»Und ein Auge auf all die schlimmen Verbrechen in Llanfair zu haben«, lachte Pumpen-Roberts. »Schaffst du das, Evan bach?«, fragte er, obwohl »kleiner Evan« kaum die treffende Beschreibung für einen einsachtzig großen, kräftigen Mann war, der Berge bestieg und Rugby spielte.

Evan lächelte, grüßte und ging weiter. Er wusste, dass diese Einschätzung von den meisten Dorfbewohnern geteilt wurde – er hatte einen gemütlichen Job mit wenig Arbeit. Gleichzeitig wusste er, dass sie froh waren, ihn hier zu haben.

»Sind Sie’s, Mr. Evans?«, tönte Mrs. Williams’ hohe Stimme aus der Küche. Immer dieselbe Begrüßung, obwohl sie wusste, dass er der Einzige war, der einen Schlüssel hatte. Wie gewöhnlich war er versucht zu antworten, nein, ein Massenmörder.

»Ja, ich bin’s, Mrs. Williams.«

»Diolch am hynny! Gott sei Dank!« Geschäftig kam sie den dunklen Flur entlang und strich sich die Schürze glatt.

»Ist etwas nicht in Ordnung?«, fragte Evan.

»Nur dass ich befürchtete, Sie würden erst nach Hause kommen, wenn Ihr Dinner völlig ausgetrocknet ist.« Mrs. Williams war Anhängerin der alten Tradition der Arbeiterklasse und nannte das Mittagessen Dinner und das Abendessen Supper. »Ich habe Ihnen eine schöne Fischpastete gemacht«, fügte sie hinzu.

Fischpastete – das war etwas, woran er nicht gedacht hatte. Nicht gerade eine ihrer gängigen Spezialitäten. Eigentlich konnte er sich nicht daran erinnern, überhaupt schon einmal Fischpastete bei ihr gegessen zu haben.

»Ich musste heute Fischpastete machen«, sagte sie, wo sie schon einmal beim Erklären war. »Fischer-Jones hatte nicht einen einzigen anständigen Hering. Und nicht eine Makrele, wegen des schweren Seegangs neulich.« Sie drehte sich um und hastete Richtung Küche, Evan folgte ihr. »Dafür ist meiner Meinung nach dieser El Niño verantwortlich«, erklärte sie über die Schulter hinweg, während sie den Backofen öffnete. »Die Amerikaner sind an allem schuld.«

»El Niño? Ist das nicht ein Naturphänomen?«

Mrs. Williams schnaubte. »Sie haben es mit ihren Atombomben ausgelöst, oder etwa nicht? Wir haben jedenfalls nichts von El Niños im Pazifik gehört, bevor die Amerikaner dort mit ihren Atombombentests angefangen haben.«

Evan schwieg klugerweise. Er bereitete sich innerlich auf die Fischpastete vor und fragte sich, wie er sie höflich ablehnen könnte. Er hatte dieses Gericht noch nie sonderlich gemocht, es erinnerte ihn an das Essen in der Schule. Dort war Fischpastete eine undefinierbare Masse aus wässrigen Kartoffeln mit schwachem Fischgeschmack gewesen. Er hatte niemals irgendwelchen Fisch darin gefunden, obwohl es welchen gegeben haben musste, denn die Pastete enthielt stets ein oder zwei Gräten.

Während er sich diesen trostlosen Gedanken hingab, beugte sich Mrs. Williams zum Ofen und zog eine Pastete heraus, die von einer knusprigen Schicht mit Käse überbackener Kartoffeln bedeckt war. Sie duftete wirklich appetitlich. Mrs. Williams lud ihm eine tüchtige Portion auf den Teller. »Essen Sie, es wird Ihnen guttun«, sagte sie stolz.

Vorsichtig untersuchte Evan die Pastete mit seiner Gabel. Die untere Hälfte bestand aus festen, weißen Fischstückchen in einer cremigen Sauce, dann folgten eine Lage hart gekochter Eier und die Kartoffelschicht, unten weich und oben knusprig. Gekrönt war das Ganze von einer Käsekruste. Ein Bissen genügte, um festzustellen, dass die Pastete genauso köstlich schmeckte wie sie aussah.

»Sehr gut«, sagte er überrascht.

Mrs. Williams nickte zufrieden. »Das nenne ich ein Essen für einen Mann«, sagte sie. »Gutes, gesundes Essen, damit er was auf die Rippen kriegt.« Und lud ihm nun grüne Stangenbohnen und Kürbisgemüse auf den Teller.

Evan klagte innerlich, dass noch mehr Fleisch auf den Rippen das Letzte war, was er gebrauchen konnte. Mrs. Williams’ wohlmeinende Fürsorge begann sich bereits um seine Taille herum abzuzeichnen.

Er hatte erst einige Bissen gegessen, als es an der Haustür klopfte.

»Wer kann das sein?«, fragte Mrs. Williams ärgerlich. Evan überlegte, ob sie hellseherische Fähigkeiten von ihm erwartete oder die Frage nur rhetorisch gemeint war.

»Soll ich nachschauen?« Er stand auf, nur um sofort wieder auf seinen Stuhl gedrückt zu werden.

»Sie essen zu Ende. Ich gehe«, sagte sie bestimmt.

»Er ist in der Küche«, hörte er sie sagen, »aber er hat gerade erst angefangen zu essen.«

Dann ging die Küchentür auf und Charlie Hopkins kam herein. Er war einer der älteren Männer im Dorf, mager, untersetzt und mit schütterem Haar. Er trug stets Stiefel, die ihm ein wenig zu groß zu sein schienen – eine Reminiszenz an die Tage, als er in der Schiefermine gearbeitet hatte. Man hätte ihn für gebrechlich halten können, aber Evan hatte ihn schon Berge hinaufsteigen sehen, als mache er einen Nachmittagsspaziergang im Park.

»Entschuldige, dass ich dich beim Essen störe, Evan bach«, sagte er.

»Macht nichts, Charlie. Setz dich und iss mit. Wie du siehst, hat Mrs. Williams wie üblich für ein ganzes Regiment gekocht.«

»Oh, nein danke. Ich kann nicht bleiben. Ich muss noch was in Llandudno abliefern«, antwortete Charlie. Er hatte ein kleines Transportunternehmen. »Ich bin amtlich hier.«

Evan sah ihn an, seine Gabel blieb in der Luft hängen. »Amtlich?« Charlie war Kirchendiener in der Bethel-Kapelle, andere Ämter gab es hier nicht.

»Ach wirklich? Habt ihr ein Problem mit dem Chor, Charlie?«

Charlie nickte. »Ein ziemlich großes sogar, wenn du mich fragst. Mit den Baritonen.«

»Brauchst du meinen Rat oder polizeiliche Unterstützung?«

»Sogar dringende Unterstützung. Wir brauchen einen weiteren Bariton«, sagte Charlie unumwunden. »Nächsten Monat ist doch Eisteddfod, und wir klingen schrecklich. Deshalb hat mich Austin-Mostyn gebeten, mit dir zu reden.«

Mostyn Phillips war der Chorleiter und außerdem Musiklehrer an der Gesamtschule von Caernarfon. Er fuhr einen alten Austin Mini, daher der Spitzname.

»Ich verstehe nicht ganz, warum du zu mir kommst, Charlie ...«

»Wir haben gehört, dass du eine gute Stimme hast.«

»Ich? Eine gute Stimme? Wer hat das behauptet?« Evan lachte.

»Mrs. Williams«, antwortete Charlie, ihren Blick suchend. »Sie hat dich in der Badewanne singen gehört.«

»Ich habe Sie wirklich nicht belauscht, Mr. Evans«, sagte Mrs. Williams entschuldigend, die an der Tür stand und zuhörte. »Ich konnte es einfach nicht verhindern. Und Sie singen so wunderschön.«

»Ich höre mich vielleicht in einem gekachelten Raum oder nach einem Rugbyspiel ganz nett an.« Evan stieß ein verlegenes Lachen aus. »Aber ich habe noch nie in meinem Leben wirklich sauber gesungen – jedenfalls nicht mehr nach meiner Zeit im Kinderchor.«

»Du kannst gar nicht schlechter sein als wir«, sagte Charlie. »Erbärmlich, das ist es, Evan bach, und bis zum regionalen Eisteddfod in Harlech ist’s nur noch einen knappen Monat. Kannst du nicht kommen und uns helfen?«

»Ich glaube wirklich nicht, dass ich eine große Hilfe wäre, Charlie. Ich kann nicht mal Noten lesen.«

»Das brauchst du auch gar nicht. Austin-Mostyn wird dir die Lieder schon einbläuen. Er ist ein richtiger Pedant – nimmt seine Sache sehr ernst. Erwartet von uns, dass wir so gut wie der verdammte Walisische Opernchor sind.« Er grinste Evan an und entblößte dabei einige Zahnlücken. »Sag doch wenigstens, dass du heute Abend zur Probe kommst. Ich habe es versprochen. Hinterher lade ich dich auch im Dragon auf ein Bier ein.«

Evan seufzte. »Na gut, ich hatte heute Abend ohnehin noch nichts vor ...«

Charlie kicherte. »Keine heiße Verabredung mit der Lehrerin?«

»Ach hör doch auf, Charlie! Bronwen und ich sind ...«

»Nur gute Freunde, ich weiß. Das erzählen auch die Politiker dem Daily Mirror, wenn sie in der Karibik mit einer hübschen Französin erwischt werden.« Er klopfte Evan auf die Schulter. »Du solltest die kleine Bar-Betsy ausführen. Mit der könntest du mehr anstellen, als Vögel zu beobachten.«

»Das bezweifle ich nicht«, sagte Evan trocken. Er war die ständigen Kuppelversuche der Dorfbewohner allmählich leid.

»Bar-Betsy?«, fragte Mrs. Williams von der Tür her. »Die ist nicht die Richtige für ihn. Mr. Evans ist ein ernsthafter und kultivierter, junger Mann. Sie wollen doch nicht, dass er ein Mädchen ausführt, das viel zu kurze Röcke und tiefe Ausschnitte trägt. Was er braucht, ist eine gebildete, junge Frau, die kochen kann. Unsere Sharon zum Beispiel ...«

»Du liebe Güte! Muss das jetzt sein?«, unterbrach Charlie, Evan gnädig davor bewahrend, noch mehr über Mrs. Williams’ korpulente Enkelin hören zu müssen.

»Ich gehe jetzt besser auch«, sagte Evans mit einem Blick auf die Küchenuhr über der alten, walisischen Anrichte.

»Kommst du nun heute Abend?« Charlie verharrte in der Küchentür.

»Ich werde da sein«, antwortete Evan, »aber ich verspreche nichts.«

3. KAPITEL

»Ich bin Ihnen sehr dankbar, Constable Evans.« Mostyn Phillips schüttelte Evan die Hand, nachdem sie aus dem Gemeindesaal getreten waren. Es war schon fast dunkel, und als sie die Abkürzung zum Red Dragon einschlugen, zeichnete sich der Gipfel des Mount Snowdon schwarz gegen einen silberfarbenen Himmel ab.

»Ich hoffe, Sie haben sich entschieden, unser kleines Projekt zu unterstützen«, fuhr Mostyn fort. »Wie Sie gesehen oder besser gehört haben, könnten wir eine zusätzliche Stimme wirklich gebrauchen.«

Evan dachte, dass der bescheidene Beitrag seiner nicht ganz melodiesicheren Stimme aus dem Cor Meibion von Llanfair wohl kaum ein preiswürdiges Ensemble machen würde, aber er sagte nichts. Mostyn Phillips, der seine Aufgabe so ernst nahm und mit einem Chor aus lauter alternden Stimmen konfrontiert war, tat ihm leid. Die meisten Sänger waren ungefähr au dem gleichen Jahrgang wie Charlie Hopkins – alles ehemalige Arbeiter der Schiefermine, die das Chorsingen fast als Notwendigkeit für ihr Leben in Llanfair betrachteten. Es gab derzeit nur ein paar junge Männer im Dorf, und für diese Teenager – Enkel und Neffen, die einfach mitgeschleppt wurden – war der Chor eher ein Witz.

»Zu seinen Hochzeiten war das mal ein richtig guter Chor«, redete Mostyn weiter, Evans Gedanken aussprechend. »Als die Schiefermine noch in Betrieb war, war jeder Mann hier in der Gegend stolz darauf mitzusingen. Hat Charlie Ihnen die Pokale gezeigt, die wir damals gewonnen haben? Ja, das war was – sogar den National Eisteddfod haben wir einmal gewonnen, nicht nur kleine hier in der Gegend.«

Evan sah Mostyn Phillips an. Er war ein eleganter, kleiner Mann mit einem gepflegten Schnäuzer. Seine Kleidung war stets förmlich, Blazer und Streifenkrawatte oder Tweedsakko und Halstuch. Sein Aufzug und sein Auftreten erweckten den Eindruck, als sei er in einer Zeitschleife hängengeblieben. Nie konnte er vergessen, dass er auch Lehrer war. Es musste ein ständiges Ärgernis für ihn sein, eine undisziplinierte Gruppe von Männern vor sich zu haben, denen man nicht mit Nachsitzen drohen durfte.

»Manchmal frage ich mich«, fuhr Mostyn fort, »ob es wirklich richtig war, uns wieder beim Eisteddfod anzumelden. Mein Ruf hängt davon ab. Ich bin nämlich bekannt für die Qualität meiner Chöre, Mr. Evans.«

»Dann sollten Sie vielleicht noch einmal darüber nachdenken«, sagte Evan. »Ich bezweifle sehr, dass Sie uns in einem Monat in Form bringen können.«

»Aber der Wettbewerb tut den Männern gut. Er gibt ihnen ein Ziel, und wir sind auch nur in der Kategorie kleine Chöre mit unter hundert Stimmen gemeldet.« Vertraulich beugte er sich zu Evan. »Ich hoffe, die Jury mit meiner Musikauswahl zu verblüffen.«

Evan schwieg auch dazu. Was verstand er schon von Musik? Von den Liedern, die heute Abend gesungen worden waren, hatte er kein einziges gekannt. Keines der alten Lieblingsstücke war darunter gewesen, wie Men of Harlech oder Sosban Fach, die man so schön schmettern konnte. Schien alles eher modernes und irgendwie seltsames Zeug gewesen zu sein.

Sie erreichten den Red Dragon gleichzeitig mit zwei Frauen, und Mostyn sprang vor, um ihnen die Tür aufzuhalten.

»Nach Ihnen, die Damen«, sagte er mit einer Verbeugung und brachte die beiden rundlichen Dorfmatronen zum Kichern.

»Diolch ynfawr, vielen Dank«, nuschelten sie.

»Schön zu wissen, dass die Kavaliere der alten Schule noch nicht völlig ausgestorben sind, was, Sioned?«, rief eine der beiden mit einem Blick zurück auf Mostyn.

»Halten Sie uns auch die Tür auf, Austin-Mostyn?« Pumpen-Roberts stieß Charlie Hopkins in die Rippen, während sie durch die offene Tür gingen. »Schön, dass die Kavaliere der alten Schule noch nicht völlig ausgestorben sind, was, Charlie?«

Mostyn errötete und lachte pflichtschuldig, um zu zeigen, dass er den Witz verstanden hatte.

»Nein, Constable Evans. Ich werde trotzdem weitermachen«, nahm er den Faden wieder auf, während sie den Männern nach drinnen folgten. »Ich bin Optimist. Ich glaube an ein Wunder.«

»Ich befürchte, Wunder geschehen nicht allzu oft, Mr. Phillips«, antwortete Evan.

»Na, sieh mal einer an, da ist er ja!« Betsys hohe, klare Stimme durchschnitt das Stimmengemurmel im überfüllten Pub. Ihr Gesicht hellte sich auf, als Evan unter dem großen Eichenbalken am Eingang erschien und sich einen Weg durch die Menge bahnte. »Charlie hat mir gerade gesagt, dass er dir ein Bier ausgibt, um deinen Choreintritt zu feiern.« Sie strahlte Evan an, zog ihr T-Shirt glatt und damit zugleich ihren Ausschnitt noch etwas tiefer. Als Evan den Tresen erreichte, registrierte er erfreut, dass das neongrüne Top gut zehn Zentimeter über ihrem Nabel endete und ein hübsches Stück nackter Haut über ihrer weißen Rüschenschürze freigab.

»Ich habe nicht gesagt, dass ich eintrete«, erläuterte Evan, während er sich zwischen Charlie und Fleischer-Evans drängte. »Ich habe lediglich versprochen vorbeizukommen und mir die Sache mal anzusehen. Das habe ich. Und jetzt hätte ich gerne das versprochene Bier ...«

Die anderen Männer wussten, dass er einen Witz machte, aber Mostyn Phillips sah ihn entsetzt an. »Oh, aber Constable Evans, Sie können uns jetzt nicht im Stich lassen! Wir brauchen Sie, guter Mann. Wir schaffen es nicht ohne Sie.«

»Du wirst noch ein Star, Evan«, sagte Betsy, ihre Augen lächelten ihn an, während sie ihm ein fast überlaufendes Glas reichte. »Ich wusste immer, dass du verborgene Fähigkeiten haben musst, es braucht nur die richtige Person, die sie aus dir herauslockt.« Sie sah ihn so unverwandt an, dass er einen großen Schluck Bier trinken musste.

Warum konnte er Betsy nicht einfach sagen, dass er nicht interessiert war, dann würde sie vielleicht endlich mit diesem peinlichen Unsinn aufhören. Er fragte sich, ob er tief in seinem Inneren vielleicht gar nicht wollte, dass sie damit aufhörte.

»Na, Evan, hast du gehört, dass morgen am Kai von Caernarfon ein Musikfest stattfindet?« Betsy tat so, als wären sie alleine, als stünde nicht der Rest von Llanfair um sie herum. »Mit Musikbands und Tanz und allem.«

»Die Hälfte meiner Schüler spielt in diesen Bands«, erklärte Mostyn. »Da versuche ich, ihnen die Liebe zu richtiger Musik beizubringen, und was wollen sie? Heavy Metal, was immer das ist.«

Betsy lachte. »Heavy Metal? Das gibt es schon seit Jahren, Mr. Phillips. Finden Sie sich damit ab! Sie sollten zu dem Musikfest gehen und herausfinden, was die jungen Leute heute mögen. Ich denke, ich werde hingehen. Mein Vetter Eddie spielt in einer der Bands. Sie nennt sich The Groovin’ Druids. Sie sind ziemlich gut.« Ihr Blick wechselte zu Evan. »Was ist, kommst du mit, Evan? Erinnerst du dich, dass ich versprochen hatte, dir die neuesten Tanzschritte beizubringen? Bis jetzt hast du ja nicht mal die Macarena gelernt.«

»Du verschwendest deine Zeit, liebe Betsy«, sagte Charlie Hopkins, während Evan sich noch immer eine Antwort zurechtlegte. »Er ist morgen mit Bücher-Bronwen unterwegs.«

»Die schon wieder? Sicher wieder blödes Vögelbeobachten«, murmelte Betsy und stellte nicht gerade sanft ein Glas vor einem anderen Gast ab. »Scheint mir ja eine richtige Stimmungskanone zu sein.« Sie ignorierte Evan und lehnte sich näher zu Charlie hinüber. »Wenn er sich mal mit mir verabreden würde, Mr. Hopkins, würde ich ihm zeigen, dass es aufregendere Dinge im Leben gibt, als Vögel zu beobachten. Er würde für die blöden Vögel weder Zeit noch Energie haben, wenn er mit mir zusammen wäre.«

Diese Äußerung wurde mit lautem Gelächter quittiert. Evan war froh, dass es im Pub so dunkel war. Es war ihm immer peinlich, dass er so schnell errötete – seine helle keltische Haut, vermutete er. Mit einem großen Schluck trank er aus.

»Ich gebe nicht auf, weißt du«, sagte Betsy, nahm sein Glas und füllte es unaufgefordert noch einmal. »Ich bring dich schon noch dazu, mit mir tanzen zu gehen, Evan Evans. Und wenn du erst mit mir zusammen bist, wirst du staunen. Es wird dich umhauen.«

»Auf den Fußboden vermutlich, wenn ich über meine eigenen Beine stolpere«, sagte Evan und grinste Charlie an.

Ein kalter Luftzug kam von der Tür und alle drehten sich um.

»Es ist y Parch, der Pfarrer«, murmelte Charlie und stieß Evan in die Rippen. »Ab jetzt sollten wir lieber aufpassen, was wir sagen. ’N Abend, Hochwürden«, rief er, als die Menge sich teilte, um Hochwürden Parry Davies, den weltlicheren der beiden Pfarrer, zum Tresen durchzulassen.

»Einen guten Abend allerseits.« Hochwürden Parry Davies nickte den Umstehenden freundlich zu. »Ein Glas von Ihrem Besten bitte, meine Liebe. Ich habe heute einen Durst, dass ich den Llyn Llydaw austrinken könnte.«

»Sie haben wohl Ihre Predigt für Sonntag geübt, was Hochwürden?«, fragte Fleischer-Evans. Es war allgemein bekannt, dass er Stammgast in der anderen Kapelle war und deren Pfarrer, Mr. Powell-Jones, für Davies weit überlegen hielt. »Wann fangen Sie denn an, auf Walisisch zu predigen? Ist Ihnen unsere Muttersprache nicht gut genug?«

»Ich muss mich um alle kümmern, Gareth«, sagte Hochwürden Parry Davies noch immer freundlich lächelnd. »Und nicht jedermann spricht Ihre Muttersprache so gut wie Sie und ich.« Er sah sich stolz um. »Tatsächlich habe ich gerade einige der schönsten walisischen Sätze rezitiert, die je geschrieben wurden. Für den Bardenwettstreit beim Eisteddfod, wissen Sie. In diesem Jahr trage ich ein Gedicht vor, das auf der Geschichte von Lady Rhiannon im Mabinogion beruht.«

»Im was?«, flüsterte der junge Eimer-Barry, der örtliche Bulldozerfahrer, fast unhörbar.

»Im Mabinogion«, zischte Fleischer-Evans zurück. »Eins der ältesten Bücher der Welt und außerdem voller Geschichten über walisische Helden. Was bringen sie euch heutzutage in der Schule eigentlich bei?«

Der Pfarrer nickte. »Ja, die Geschichte ist großartig! Diese Dramatik, dieses Pathos, als man ihren kleinen Sohn raubt und sie ihn verzweifelt sucht. Im Publikum wird kein Auge trocken bleiben, das kann ich Ihnen versichern.«

»Werden Sie etwa Zwiebeln mitbringen, Hochwürden?«, witzelte Eimer-Barry in Richtung seiner Freunde.

»Halt den Mund, Eimer-Barry«, sagte Betsy mit Nachdruck. »Du würdest Kultur nicht erkennen, wenn sie auf dich draufspringen und dich beißen würde. Ich finde, unser Hochwürden ist wunderbar. Er wird uns alle Ehre machen.«

»Ihr Vertrauen in mich ist sehr berührend, meine Liebe«, sagte Hochwürden Parry Davies. »Ich muss gestehen, dass ich berechtigte Hoffnung habe, in diesem Jahr Oberbarde zu werden.«

»Schön für Sie, Hochwürden«, sagte Charlie Hopkins. »Aber was ist mit Mr. Powell-Jones? Ist er nicht auch beim Eisteddfod gemeldet?«

»Mein Kollege denkt nicht daran, sich an etwas so Weltlichem wie der Vortragskunst zu beteiligen.«

»Was?«, fragte Eimer-Barry.

»Er hält es für eine Sünde, bei Wettbewerben mitzumachen«, stellte Fleischer-Evans klar.

»Nur, weil er nicht gut genug ist«, murmelte Milchmann-Evans, allerdings laut genug, dass Fleischer-Evans ihn hören konnte.

»Was hast du gesagt?«, knurrte er. »Du redest mal wieder ausgemachten Blödsinn, wie immer. Hochwürden Powell-Jones hat die schönste Stimme diesseits des Berges. Das ist meine Meinung, und jeder kann sie hören.«

»Das bestreite ich gar nicht«, versicherte Hochwürden Parry Davies eilig. »Er hat eine schöne Stimme. Fast so gut wie meine.«

Er erntete allgemeines Gelächter.

»Außerdem weiß ich ja noch nicht mal, ob er während des Eisteddfod überhaupt hier ist«, fuhr er fort.

Augenblicklich wurde es still im Raum.

»Nicht hier ist? Wohin will er denn?«, fragte Fleischer-Evans.

»Haben Sie nicht gehört?« Der Pastor blickte von Gesicht zu Gesicht. »Er vermietet den Sommer über sein Haus. Seine Frau geht runter nach Barmouth, um ihre Mutter zu pflegen.«

Es gab gedämpfte Begeisterungsrufe und irgendwer hinten im Raum murmelte: »Gott sei Dank«.

»Er vermietet sein Haus?« Pub-Harry tauchte neben Betsy auf und trocktnete sich die Hände an seiner Schürze ab. »Die Powell-Jones’ ziehen den Sommer über aus? Wo haben Sie das denn her?«

»Unsere Putzfrau, Elen, ist mit deren Putzfrau Gladys befreundet. Elen hat es also aus erster Hand, sozusagen. Sie berichtete, er habe heute Nachmittag am Telefon alles arrangiert, und dann hat er Gladys gefragt, ob sie am Wochenende kommen, beim Packen helfen und noch einmal ordentlich sauber machen könne. Gladys sagte, er habe ihr dafür fünfzig Pfund extra geboten.«

»Fünfzig Pfund? Das passt aber gar nicht zu ihm«, rief Betsy. »Gewöhnlich ist er ein alter Geizkragen.« Sie sah, dass Pub-Harry die Stirn runzelte. »Das weiß doch jeder im Dorf. Auf der letzten Kirmes am Kokosnuss-Wurfstand, den ich betreut habe, hat er sich nur einen einzigen Versuch geleistet.«

»Du hättest die Kusskabine übernehmen sollen«, sagte Eimer-Barry. »Da hättest du mehr Erfolg gehabt.«

»Dich hätte ich jedenfalls nicht rangelassen, nicht mal für hundert Pfund«, gab Betsy schnell zurück.

»Haltet doch mal eine Minute die Klappe«, unterbrach Fleischer-Evans. »Hat Gladys gesagt, wer das Haus den Sommer über mietet? Ich kann mir nicht vorstellen, dass Mrs. Powell-Jones Fremde in ihr Haus lässt. Das sieht ihr überhaupt nicht ähnlich.«

»Keine Ahnung«, gestand Hochwürden Parry Davies, »aber ich habe den Eindruck, es ist jemand Bedeutendes.«

»Ich weiß, wer es ist«, tönte eine Stimme aus der Menge. Die Köpfe drehten sich dem jungen Trefor Dawson zu, einem Neuankömmling, der im Everest Inn Reparaturarbeiten machte. »Jedenfalls glaube ich, dass ich es weiß«, fügte er hinzu, sich durchaus bewusst, dass er im Zentrum der Aufmerksamkeit stand.

»Na los, spuck’s schon aus, Mann«, verlangte Charlie Hopkins.

»Mein Vetter arbeitet bei Jenkins & Jenkins – Sie wissen doch, diese Luxusmakler in Caernarfon.« Einige Leute nickten. »Also, Sie erraten nie, wer sie beauftragt hat, ein Haus in Llanfair zu finden.« Befriedigt schaute er sich um. »Ifor Llewellyn.«

»Ifor Llewellyn?«, fragte Mostyn Phillips.

»DER Ifor Llewellyn?«, kreischte Betsy. »Der berühmte Opernsänger?«

Für einen Augenblick waren die Bewohner von Llanfair sprachlos. Dann sprach Milchmann-Evans aus, was alle dachten. »Warum, um Himmels willen, sollte er den Sommer von allen Orten dieser Welt ausgerechnet in Llanfair verbringen wollen?«

»Was stimmt denn nicht mit Llanfair?«, fragte Fleischer-Evans. »Ist es etwa nicht schön genug? Ruhig und friedlich und ohne all diese verdammten Touristen?«

»Schon, aber ...«, hob Milchmann-Evans an, »es ist nichts Besonderes, oder? Ich meine, wenn ich berühmt wäre, würde ich meinen Sommer in Nizza oder Monte Carlo oder Kalifornien verbringen, aber nicht in Llanfair.«

»Gerade jemand wie Ifor Llewellyn«, ergänzte Eimer-Barry. »Wenn es stimmt, was in den Zeitungen steht, würde man ihn eher auf der Jacht eines Filmstars vermuten.«

»Vielleicht braucht er ja für eine befreundete Dame ein kleines Liebesnest in Llanfair«, kicherte Charlie Hopkins. »Vielleicht für diese Italienerin, Carla Soundso.«

»Ich weiß nicht, wie der das macht«, sagte Eimer-Barry.

»Was macht?«, fragte Betsy.

»Wie er zu all diesen tollen Frauen kommt. Ich meine, er ist nicht mehr allzu jung und ziemlich, na ja, beleibt, oder?«

»Ich finde ihn unglaublich begehrenswert«, erklärte Betsy »Kräftig gebaute Männer haben etwas, das ich sehr spannend finde.« Ihr Blick wanderte unverfroren wieder zu Evan. Der hoffte, dass er nicht langsam auch so gewichtig aussah wie Ifor Llewellyn.

»Liebesnest in Llanfair!« Eimer-Barry schüttelte den Kopf. »Das glaube ich irgendwie nicht.«

»Nein, er bringt seine Familie mit, hat Gladys gesagt«, warf der Pastor ein.

»Vielleicht hatte er genug von Nizza und Monte Carlo«, meinte Fleischer-Evans. »Jedenfalls ist er von hier, ein Gwynned-Mann. Er kommt zurück zu seinen Wurzeln.«

»Stimmt das?«, fragte Evan. »Ifor Llewellyn kommt aus dieser Gegend?«

Einige Köpfe nickten bestätigend. »Er lebte doch als kleiner Junge eine Zeit lang in Llanfair, nicht wahr?«

»Das war, als seine Mutter Dienstmädchen im großen Haus war«, gab Charlie Hopkins Auskunft.

»Das große Haus?«, fragte Evan nach. »Sie meinen das von Powell-Jones?«

»Es gehörte damals der Familie von Mrs. Powell-Jones, den Lloyds. Ihnen gehörte die Schiefermine. Wir nannten sie Patsy Lloyd«, lachte Charlie. »Ich erinnere mich noch ziemlich gut an sie. Sie war ein hochnäsiges, kleines Ding, schon damals. Sie haben sie auf ein Internat nach England geschickt, und von dort kam sie noch hochnäsiger zurück. Dann hat die Schiefermine geschlossen, und irgendwann erbte sie das Haus.«

»Sehr praktisch für Mr. Powell-Jones, direkt neben seiner Kapelle«, krähte Milchmann-Evans.

»Warum glaubst du, hat er die Kapelle bekommen, du Dummkopf?«, schnauzte Fleischer-Evans zurück. »Er hat sie bekommen, weil sie auf Grund und Boden ihrer Familie stand.«

»Und Ifor Llewellyns Mutter war dort Dienstmädchen?«, fragte Betsy. Sie lehnte sich weiter vor, über den Tresen, bis ihr Ausschnitt einen derart gefährlichen Einblick in ihr Dekolleté bot, dass sämtliche Männer vorübergehend das Trinken vergaßen. »Kein Wunder, dass er zurückkommt und es mietet. Wetten, dass Mrs. Powell-Jones ihn ordentlich nach ihrer Pfeife hat tanzen lassen? Wahrscheinlich musste er sich vor ihr verbeugen.«

»Er hat ziemlich viel Geld geboten, habe ich gehört«, sagte Hochwürden Parry Davies.

»Es muss sehr viel Geld gewesen sein, damit sie ihr Haus dem Sohn ihres ehemaligen Dienstmädchens überlässt«, kommentierte Charlie Hopkins. »Das ist ja mal ganz was Neues.«

»Ich finde, es ist eine große Ehre für Llanfair«, verkündete Fleischer-Evans prahlerisch, »so lange bloß keine verdammten Touristen kommen, um einen Blick auf ihn zu ergattern.«

»Wenn wir ihn nur dazu bringen könnten, beim Eisteddfod in unserem Chor mitzumachen«, witzelte Charlie.

»Grundgütiger Himmel, ja!« ... »Das hat ihm sicher gerade noch gefehlt – kleine Abwechslung zur Scala.« ... »Glaubst du, dass er gut genug für uns ist?« Der niedrige Schankraum war erfüllt von spöttischen Bemerkungen und lautem Gelächter.

»Warum fragst du ihn nicht einfach, Charlie«, schlug Pub-Harry grinsend vor. »Schließlich hast du ja auch schon den Constable davon überzeugt, bei uns einzusteigen.«

Mostyn Phillips räusperte sich. »Ich kenne Ifor Llewellyn ziemlich gut. Wir hatten zur gleichen Zeit ein Stipendium an der Königlichen Musikschule.«

»Tatsächlich?« Plötzlich stand Mostyn im Mittelpunkt des Interesses.

»Sie kennen Ifor Llewellyn wirklich?«, fragte Betsy mit vor Bewunderung aufgerissenen Augen.

»Wir haben uns in unserem ersten Jahr in London eine Wohnung geteilt«, erzählte Mostyn. »Ich ... äh ... kannte auch die Frau, mit der er heute verheiratet ist. Ich habe sie nämlich einander vorgestellt.«

»Er ist also fast ein Familienmitglied, was, Jungs?« Eimer-Barry schlug Mostyn so kräftig auf die Schulter, dass dieser ins Taumeln geriet. »Wie toll für dich, Austin-Mostyn.«

»Also wirst du es sein, der ihn für uns fragt«, bestimmte Fleischer-Evans nachdrücklich.

Mostyn wand sich vor Verlegenheit. »Seid doch vernünftig, Leute. Ich kann doch nicht einen der berühmtesten Tenöre der Welt bitten, im Cor Meibion von Llanfair mitzusingen.«

»Wieso denn nicht«, beharrte Fleischer-Evans. »Es wäre nichts als ein kleiner Gefallen für einen alten Freund.«

»Vielleicht könntest du ihn bitten, einige Solos zu singen – uns quasi zu übertönen«, schlug Milchmann-Evans vor. »Das würde die Jury sicherlich aufhorchen lassen und auf uns aufmerksam machen, oder?«

»Wenn du ihn wirklich so gut kennst, wie du behauptest«, ergänzte Eimer-Barry.

Evan legte Mostyn die Hand auf die Schulter. »Sie haben vor ein paar Minuten um ein Wunder gebeten. Ich würde sagen, hier ist es.«

4. KAPITEL

»Ich weiß nicht, ob es besonders klug von uns war, sich an einem solchen Tag für diese Route zu entscheiden«, sagte Evan zu Bronwen, während er ihr über einen Zaun half. »Es scheint, als ob wir die meiste Zeit in den Wolken gehen müssten.«

Bronwen nahm seine Hand und stieg gewandt hinüber. Sie trug heute eine Khakihose statt ihren üblichen langen Röcken, und eine blaugrüne Jacke verlieh ihren für gewöhnlich blauen Augen einen grünlichen Schimmer. Das blonde Haar war in einem dicken Zopf nach hinten geflochten, aber ein paar vorwitzige Strähnen wirbelten im Wind um ihr Gesicht. Sie lächelte Evan an.

»Ich mag es, durch die Wolken zu laufen. Ich mag dieses unwirkliche Gefühl, in einer Zauberwelt zu sein, weit weg von der wirklichen Welt dort unten.«

Sie waren stetig in den Nebel aufgestiegen, bis sie ein Hochmoor mit federndem Torf- und Heidekrautboden erreicht hatten. Jetzt flatterte ein Paar Moorschneehühner vor ihnen auf, und aus der Höhe im Nebel kam ein klagender Schrei, wie der Ruf eines erschrockenen Kindes, das aus einem Albtraum erwacht. Er wurde von unsichtbaren Felsen als Echo zurückgeworfen, und es war so unheimlich, dass sie für eine Sekunde beunruhigt erstarrten, bevor sie wie aus einem Munde sagten: »Raben«.

Sie lachten und gingen weiter, aber der gespenstische Schrei verfolgte sie. Evan hatte eine Gänsehaut.

»Wie wär’s, sollen wir unser Mittagessen unten am Ufer des Llyn Crafnant essen?«, fragte er. »Die Sonne könnte rauskommen.«

»Klingt wunderbar«, antwortete Bronwen.

Von einem hoch gelegenen Pass suchten sie sich einen Abstieg, vorsichtig über glitschige Steine kletternd. Plötzlich sahen sie den See, dessen Oberfläche im Licht der Sonne, die den Nebel allmählich auflöste, zu dampfen schien.

»Perfekt«, sagte Evan. »Wie werden blauen Himmel haben, bis wir unten am Wasser sind – und auf dem Rückweg eine grandiose Sicht auf den Snowdon.«

Sie hielten einander an den Händen, während sie über moosbewachsene Steine hinabstiegen. Plötzlich blieb Bronwen stehen. »Oh«, sagte sie enttäuscht. »Wir werden nicht alleine sein. Schau, auf der anderen Seite steht ein Auto.«

»Ein Auto?« Evan sah in die Richtung, in die sie deutete. Weit unter ihnen, am Steilufer des Sees, parkte eine kastanienbraune Limousine. Hinter dem Wagen stand eine Gestalt, die mit dem Halbschatten der Bäume verschmolz. Es schien ein junger Mann in Jeans und Lederjacke zu sein. »Wie um alles in der Welt hat er den Wagen hier hochgebracht?«, fragte Evan.

»Es gibt doch den Forstweg von Trefriw herauf.«

»Ich hätte aber nicht geglaubt, dass er befahrbar ist, vor allem nach dem regnerischen Frühjahr, das wir hatten. Er muss furchtbar holprig sein. Außerdem dachte ich, der Weg sei für Autos gesperrt.«

»Was tun manche Leute nicht alles, um sich vor dem Laufen zu drücken«, sagte Bronwen verächtlich. »Sie wollen die Aussicht und die Einsamkeit genießen, aber sie wollen es auch bequem haben.«

»Das ist ja komisch«, sagte Evan auf den Wagen starrend. »Sieht genauso aus wie das Auto, das ich gestern gesehen habe. Seltene Farbe, oder?« Er runzelte die Stirn, dann zuckte er mit den Achseln. »Egal. Lass sie ihren Tag genießen, wir genießen unseren, ja, Bronwen? Ist ja Platz genug für uns alle.«

Der Weg führte sie durch ein noch immer nebelverhangenes Waldstück mit alten Weißdornhecken und Eichen. Es war vollkommen still. Ihre Schritte machten auf dem dicken, feuchten Blätterteppich so gut wie kein Geräusch. Über ihnen krächzte erneut ein Rabe, das Echo seines klagenden Schreis war unnatürlich laut. Dann führte der Pfad aus dem Wald und schlängelte sich in Serpentinen hinunter zum Seeufer.

»Wir brauchen uns um den Wagen nicht mehr zu kümmern«, sagte Bronwen plötzlich. »Er ist weg.«

»Das ging ja schnell«, erwiderte Evan.

»Wahrscheinlich einer dieser Touristen, die ankommen, ein Foto von den Kindern vor der Seekulisse schießen und dann gleich wieder weiterfahren.«

Evan wollte gerade weitergehen, als er Luftblasen aus dem See aufsteigen sah. Dann konnte er auch deutlich die Umrisse eines Wagens erkennen.

»Er ist im Wasser!«, schrie er. »Der Wagen ist ins Wasser gefahren! Oh mein Gott! Wir werden niemals rechtzeitig dort sein.«

Er raste wie ein Verrückter den Pfad hinunter, mit den Armen rudernd, um in den gefährlich engen Kurven nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Er hörte Bronwen rufen: »Sei vorsichtig, Evan! Du wirst hinfallen!« Aber er konnte nicht langsamer laufen. Das Bild des untergegangenen Autos blendete alles andere aus. Im Rennen begann er, seine Jacke auszuziehen. Wo war das nächste Cottage? Seit dem Bauernhof über Capel Curig waren sie an nichts vorbeigekommen. Von wo sollte man am besten Hilfe holen – über den gleichen Weg zurück, den sie gekommen waren, oder den Forstweg hinunter nach Trefriw? Das mussten aber gut drei Kilometer oder mehr sein.

Ich komme zu spät! Die Worte hallten durch seinen Kopf, und das Blut pochte ihm in den Schläfen. Er dachte weder an den Boden unter seinen Füßen, noch an den steilen Abhang zum See hinunter. Es schien ewig zu dauern. Er rannte wie in Zeitlupe, wie er manchmal auch in seinen Träumen rannte, auf der Flucht vor Verfolgern oder wilden Tieren.

Endlich erreichte er das Ufer. Der See hatte wenig Wasser, und er schlitterte über freiliegenden Schiefer, um den Rand des Sees zu kommen. Noch immer stiegen Luftblasen auf und markierten den Punkt, an dem das Auto ins Wasser gefahren war, aber bisher hatte niemand Anstalten gemacht, herauszukommen. Um wie viele Leute würde er sich kümmern müssen? Warum waren sie nicht aus dem Wagen gesprungen, als er sich in Bewegung gesetzt hatte?

Mühsam befreite er sich aus seinen Stiefeln und sprang in den See. Das eiskalte Wasser nahm ihm den Atem. Er holte tief Luft und tauchte in die grüne Dunkelheit ein. Das Wasser war klar, und er konnte, während er unentwegt weiter tauchte, deutlich die Umrisse des Wagens unter sich sehen. Die Ränder des Sees fielen steil in die Tiefe. Wenn er die Tür nicht bald erreichte, würde es zu tief für ihn werden. Er tauchte auf, holte noch mehr Luft und schoss erneut hinunter. Endlich hielt er den Türgriff in der Hand. Bitte, lass nicht abgeschlossen sein, betete er. Er zerrte am Griff und versuchte, die Tür aufzuziehen, doch die Kraft des Wassers verhinderte es. Im Wageninneren konnte er auf dem Fahrersitz eine zusammengesunkene Gestalt erkennen. Er stemmte sich mit den Füßen gegen den Türrahmen und zog noch einmal mit aller Kraft. Durch den Spalt, den er die Tür öffnen konnte, drang Wasser ein. Seine Lunge platzte fast, und das Wasser dröhnte in seinen Ohren, aber er kämpfte weiter darum, den Druck auszugleichen.

Nachdem genügend Wasser ins Innere geflossen war, spürte er schließlich, dass die Tür nachgab. Am Jackenärmel zog er die Gestalt heraus und ruderte kräftig mit den Beinen, um vom Wagen wegzukommen. Er fühlte den Körper hinter sich hertreiben, während er sich zur Oberfläche hoch kämpfte.

Bronwen stand da, seine Jacke umklammert, ihr Gesicht war weiß und voller Angst.

»Hilf mir ... dahin ...«, setzte Evan an, aber Bronwen watete bereits durch das seichte Wasser und packte die Person am anderen Arm.

»Ist sie tot?«, fragte sie.

»Ich weiß nicht.« Er rang noch immer nach Atem. »Ertrunken kann sie nicht sein. Es war kein Wasser im Wagen.«

Sie legten den schlaffen Körper ins Gras. Das von pechrabenschwarzem Haar eingerahmte Gesicht sah erschreckend weiß aus.

»Wir müssen sie wiederbeleben«, sagte Bronwen. Evan suchte nach dem Puls und fand ihn. »Sie lebt«, stellte er fest.

Das Mädchen regte sich und stöhnte. Dann öffnete sie die Augen und blickte ihre Retter überrascht an. »Wo bin ich? Was ist geschehen?« Sie bewegte sich vorsichtig. »Ich bin ja ganz nass.«

»Sie haben ein Bad genommen«, erklärte Evan. »Ihr Auto ist in den See gefahren.«

»Den See?« Sie versuchte sich aufzusetzen und sah sich verwirrt um. »Oh, ja, jetzt erinnere ich mich. Ich habe am Ufer geparkt. Ich muss eingeschlafen sein.«

Evan kniete sich neben sie und sah sie forschend an. »Eingeschlafen? Und wie ist das Auto ins Wasser gekommen?«

»Ich weiß nicht.« Ihre Stimme klang jung und verängstigt. »Vielleicht hat die Handbremse nicht richtig gehalten. Vielleicht bin ich mit den Beinen drangekommen, während ich schlief.«

»Und was ist mit dem Mann, der bei Ihnen war?«, erkundigte sich Bronwen und ließ sich neben den beiden nieder.

»Mann? Bei mir? Es gab nur mich. Ich war ganz alleine«, sagte das Mädchen bestimmt.

»Aber ich habe einen Mann gesehen, du doch auch, Bronwen, oder?«

»Ich glaube schon. Hinter dem Auto war ein Mann, dort am Waldrand.«

Die junge Frau sah sie verständnislos an. »Ich habe keine Ahnung«, sagte sie. »Ich habe niemanden gesehen.«

»Und was machen wir jetzt?«, fragte Bronwen.

»Wir bringen sie runter ins Krankenhaus, zur Untersuchung.«

Die junge Frau bemühte sich aufzustehen. »Krankenhaus? Ich will in kein Krankenhaus. Mir geht’s bestens – nur ein bisschen mitgenommen, das ist alles.«

»Sie lagen bewusstlos in einem Auto auf dem Grund des Sees. Das ist nicht bestens«, erwiderte Evan.

»Ich sagte Ihnen doch, ich muss eingeschlafen sein, aber jetzt geht’s mir gut. Ehrlich. Und ich möchte in kein Krankenhaus – bitte.«

Evan zuckte mit den Achseln und half ihr auf. »Wir können Sie schlecht zwingen«, sagte er. »Aber wie bringen wir Sie zurück? Am einfachsten wäre es, einen Krankenwagen zu holen.«

»Ich sagte doch, ich bin okay.« Ihre Stimme hatte jetzt einen scharfen Ton. »Ich kann den Weg zurückgehen, den ich hochgefahren bin. Und dann kann ich den Bus nehmen.«

»Sie werden nicht alleine zurückgehen«, sagte Evan. »Sie werden es aber auch nicht bis zu meinem Wagen schaffen, es ist eine ziemliche Kletterei.« Er sah auf ihre schwarzen Lacksandalen und dann zu Bronwen.

Bronwen stand auf. »Ich gehe und hole dein Auto, Evan«, sagte sie. »Es wird nicht lange dauern.«

»Ich weiß nicht, ob ich hier mit einem fremden Mann allein bleiben will«, wandte die junge Frau ein.

»Er ist Polizist«, sagte Bronwen. »Sehr zuverlässig. Und bisher noch nie dadurch aufgefallen, dass er junge Frauen belästigt.« Sie warf Evan einen schnellen Seitenblick zu, dann hob sie seine Jacke auf. »Hier, zieh deine Jacke an. Sie kann meine Regenjacke haben. Ich beeile mich.« Dann machte sie sich auf den Weg, den steilen Serpentinenpfad hinauf.

»Danke«, sagte die junge Frau, als Evan ihr in den Anorak half.

»Wie heißen Sie?«, fragte er.

»Christine.« Sie fühlte sich unbehaglich unter seinem Blick und sah weg.

»Ich habe Sie schon mal gesehen«, sagte Evan. »Sie waren gestern in Llanfair. Sie haben jemanden angeschrien. Und sind schnell weggefahren.«

»Na und?« Sie sah ihn trotzig an. »Ich habe ja wohl kein Gesetz gebrochen,oder?«

»Sie waren vermutlich zu schnell«, sagte Evan, »aber das werde ich kaum beweisen können. Die Sache interessiert mich nur. Sie haben Streit mit Ihrem Freund, und dann fährt Ihr Auto in einen ziemlich abgelegenen See.«

»Er ist nicht mein Freund«, korrigierte sie nachdrücklich. »Worauf wollen Sie überhaupt hinaus?«

»Ich frage mich, ob die Handbremse wirklich kaputt war«, erwiderte Evan. »Wenn nicht, fallen mir zwei Möglichkeiten ein: Entweder haben Sie sie gelöst oder er. Selbstmordversuch oder versuchter Mord. Keins von beiden klingt besonders nett, oder?«

Die junge Frau erschauderte. »Ich sage Ihnen doch, ich war allein, und ich weiß nicht, was passiert ist. Ich wachte auf und sah Sie beide auf mich heruntersehen. Das ist alles, woran ich mich erinnern kann.«

Sie zog ihre Knie enger an sich. Jetzt zitterte sie.

»Auf die Gefahr hin, wie mein eigener Großvater zu klingen«, hob Evan an, »nichts ist es wert, sich deshalb umzubringen. Sie haben im Augenblick vielleicht ein gebrochenes Herz, aber glauben Sie mir, das werden Sie überwinden.«

Sie sah ihn verächtlich an. »Was wissen Sie denn eigentlich? Was können Sie denn überhaupt wissen?«

»Lediglich, dass man nur ein Leben hat, das viel zu wertvoll ist, um es einfach wegzuwerfen«, antwortete Evan. Er reichte ihr die Hand. »Kommen Sie, gehen wir zur Straße runter, um Bronwen zu treffen. Es ist sinnlos, hier herumzusitzen und zu frieren.«

»Was geschieht, wenn wir zurück sind?«, fragte die junge Frau und bewegte sich in ihren aufgequollenen Schuhen vorsichtig vorwärts. »Mit dem Auto, meine ich.«

»Ich fahre Sie nach Llanfair, dort können Sie eine Meldung bei der Polizei machen.«

»Meldung? Moment mal, ich habe nichts getan.«

»Auf dem Grund des Sees liegt ein mehrere tausend Pfund teurer Wagen. Ich könnte mir vorstellen, dass irgendjemand dafür dafür eine Erklärung verlangt.«

»Die können doch nicht erwarten, dass ich das zahle, wenn es ein Unfall war, nicht wahr?« Sie klang unglaublich kindlich. »Glauben Sie, dass man ihn herausholen kann?«

»Ich denke, genau dafür haben Sie eine Versicherung«, antwortete Evan. »Aber man wird wissen wollen, warum Sie einen Forstweg hochgefahren sind.«

»Ich habe mich verfahren«, sagte das Mädchen. »Ich bin falsch abgebogen, und dann konnte ich, bis ich zum See kam, keinen Platz zum Wenden finden.« Sie klang, als legte sie sich gerade eine Aussage zurecht.

Sie gingen eine Weile schweigend weiter. »Müssen wir denn nach Llanfair zurück? Ich würde lieber nicht dorthin gehen«, sagte sie.

»Sie können die Meldung vermutlich bei jeder beliebigen Polizeistation machen. Wo haben Sie den Wagen geliehen?«

»Heathrow.«

»Und wo wohnen Sie?«

»Eigentlich nirgendwo. Letzte Nacht habe ich im Auto geschlafen.«

»Aber wo leben Sie?«

»Ich habe bisher keinen festen Wohnort.«

»Und Ihre Eltern?«

»Die leben in Surrey. Machen Sie sich keine Sorgen, ich kriege das schon geregelt. London ist prima. Ich kenne dort Leute.«

»Ich bringe Sie nach Bangor runter«, sagte Evan. »Wir besorgen Ihnen ein paar trockene Sachen, dann können Sie Ihre Meldung machen, und dann setzen wir Sie in einen Zug zurück nach London.«

»Ich habe überhaupt kein Geld«, sagte das Mädchen. »Meine Geldbörse liegt noch im Auto.«

»Ich leihe Ihnen das Fahrgeld. Sie können es mir zurückschicken.«

»Ich weiß gar nicht, warum Sie so nett sind«, sagte sie plötzlich.

»Das ist mein Beruf«, antwortete Evan. »Und Sie sollten lieber dankbar dafür sein, dass ich es war, der Sie gefunden hat. Sie hätten leicht in der Psychiatrie landen können – für eine gründliche, medizinische Untersuchung. Das macht man nämlich bei Selbstmordversuchen so. Aber ich entscheide im Zweifelsfall zu Ihren Gunsten. Nennen wir es einen Unfall, aber nur, wenn Sie versprechen, nie wieder eine derartige Dummheit zu machen.«

5. KAPITEL

»Glaubst du, du hast das Richtige getan?«, fragte Bronwen auf der Rückfahrt nach Llanfair, nachdem sie das Mädchen in den Zug nach London gesetzt hatten.

»Sie gehen zu lassen, meinst du?« Evan zuckte mit den Achseln.

»Du glaubst nicht wirklich, dass es ein Unfall war, oder?«

»Nicht einen Augenblick, aber ich sehe nicht, was es ihr hätte helfen sollen, sie in ein Krankenhaus zu bringen. Höchstwahrscheinlich ist sie eine leicht erregbare, junge Frau, die von ihrem Freund verlassen wurde und einfach überreagiert hat. Morgen wird sie sich schon anders fühlen.«

»Möglicherweise deckt sie ihn auch«, sagte Bronwen. »Ich bin sicher, dass ich einen Mann hinter dem Wagen gesehen habe.«

»Ich auch«, bestätigte Evan. »Deshalb frage ich mich ja, ob es ein Selbstmordversuch war. Was meinst du, hatte er eine Möglichkeit, an der Bremse herumzuhantieren? Und warum war sie bewusstlos, als wir sie fanden? So fest schläft man doch nicht, dass man nicht bemerkt, wenn man mit seinem Auto in einen See rollt, oder?«

»Du meinst, dass er sie aus dem Weg räumen wollte«, fragte Bronwen und strich sich besorgt die Haare aus dem Gesicht.

»Aber warum sollte sie dann leugnen, dass er da war? Sie muss doch den gleichen Verdacht gehabt haben.«

»Weil sie ihn liebt, du Dummkopf«, erklärte Bronwen. »Frauen tun die lächerlichsten Dinge, wenn sie verliebt sind.«

Evan sah sie lange an. Dann sagte er: »Wir haben nicht mal unser Picknick gemacht.«

»Nicht so schlimm. Dafür haben wir unsere gute Tat für diesen Monat getan.«

»Ich finde, wir sollten als Entschädigung irgendwo essen gehen«, schlug Evan vor.

Bronwens Gesicht hellte sich auf. »Das wäre wunderbar. Aber zuerst müssen wir nach Hause und uns umziehen. Du bist immer noch feucht, und ich habe meine Wanderklamotten an.«

»Dem Fischimbiss unten an den Docks ist die Kleidung egal«, sagte Evan beiläufig, und beobachtete belustigt, wie ihr Gesicht sich verdüsterte. Dann legte er ihr den Arm um die Schulter und zog sie an sich. »Natürlich gehen wir nach Hause uns umziehen. Und danach, denke ich, wäre ein italienisches Restaurant nicht übel, was meinst du?«

Bronwen strahlte, während sie den Pass Richtung Llanfair hinauffuhren.

Evan blieb mitten in seinem Zimmer plötzlich wie angewurzelt stehen. Ein seltsames, weißes Nachthemd lag auf seinem Bett ausgebreitet.

»Was um alles ...«, setzte er an.

Augenblicklich tauchte Mrs. Williams hinter ihm auf. »Ach, da sind Sie ja, Mr. Evans. Es tut mir ja so Leid. Ich hatte gehofft, Sie wären früher zurück. Er bestand darauf, Sie zu sehen, oder besser: sie.«

»Wer bestand darauf, Mrs. Williams?«

Sie sah schnell über ihre Schulter und zischte: »Die Powell-Jones. Er zieht hier ein, solange seine Frau ihre Mutter pflegt. Und Mrs. Powell-Jones bestand darauf, dass ihr Mann dieses Zimmer bekommt, weil das nach hinten raus klamm ist und er allergisch gegen Feuchtigkeit und Schimmel ist.« Hilflos breitete sie die Arme aus. »Ich wollte Ihre Sachen nicht anrühren. Sie wollte alles ausräumen, aber das habe ich nicht zugelassen. Ich hoffe, Sie verstehen das, es ist nur für eine kurze Zeit.«

»Ist schon gut, Mrs. Williams«, sagte Evan, obwohl er sich nicht allzu glücklich bei dem Gedanken fühlte, in einen Raum umzuziehen, der offenbar mit Schimmel überzogen war. Aber er kannte die Wirkung, die Mrs. Powell-Jones auf Leute haben konnte. Sie hatte die gleiche Wirkung auf ihn: Es war schwer, ihr gegenüber nein zu sagen.

»Oh mein Gott, diolch am hynny, mir fällt ein Stein vom Herzen«, seufzte Mrs. Williams und legte erleichtert eine Hand auf ihren üppigen Busen. »Ich habe mich schrecklich aufgeregt, weil ich mir Sorgen machte, wie Sie es wohl aufnehmen würden. Ich sagte ihr, Sie hätten Vorrechte, aber sie wollte einfach nicht zuhören.«

»Wo sind die beiden jetzt?« Evan blickte zur Tür.

»Legen letzte Hand in ihrem Haus an, bevor die neuen Leute morgen einziehen. Anschließend kommt der Pator zum Abendessen hierher zurück.«

»Ich bin nicht da«, sagte Evan. »Ich führe Bronwen zum Essen aus.«

»Wie nett!« Mrs. Williams’ Gesicht leuchtete auf. »Ich freue mich, das zu hören. Sie ist ein reizendes, junges Mädchen – vielleicht ein bisschen zu ernst für meinen Geschmack. Zu viel Vogelbeobachtung und nicht genug Tanz, aber man kann schließlich nicht alles haben. Unsere Sharon ist natürlich eine zauberhafte, kleine Tänzerin ... so leichtfüßig ... Sie haben sie noch nie tanzen sehen, Mr. Evans, nicht wahr?«

»Ich bringe mal eben meine Sachen ins andere Zimmer, Mrs. Williams«, sagte er schnell.

Am Sonntagmorgen erwachte Evan in der ungewohnten Düsternis des Hinterzimmers und schnupperte. Sonntagmorgen bedeutete Sonntagsfrühstück, seine Lieblingsmahlzeit in der Woche. Er sah auf die Armbanduhr. Gewöhnlich stiegen um diese Zeit aus der Küche köstliche Düfte von Würstchen und gebratenem Speck zu seinem Zimmer herauf. Vielleicht hatte Mrs. Williams zum ersten Mal in ihrem Leben verschlafen, oder Hochwürden PoweIl-Jones wollte sein Frühstück später – was nicht sehr wahrscheinlich war, schließlich musste er um zehn Uhr seinen Gottesdienst halten.

Die Badezimmertür war verschlossen. Evan seufzte, zog Cordhosen und einen Pullover an und ging hinunter.

»Bereit für Ihr Frühstück, Mr Evans?«, fragte Mrs. Williams.

»Ist es schon fertig? Ich habe gar keine köstlichen Bratendüfte gerochen.« Evan setzte sich mit erwartungsvollem Lächeln. Das Lächeln schwand, als Mrs. Williams ihm eine Schüssel vorsetzte, deren Inhalt aussah wie zerhäckselte Zweige, überzogen von einer breiigen, braunen Masse.

»Was ist das, Mrs. Williams?«, fragte Evan.

Mrs. Williams schaute zur Tür. »Was sie für ihn bestellt hat. Kleie mit pürierten Pflaumen.«

»Das mag ja alles sehr schön für ihn sein, Mrs. Williams, aber was ist mit mir?«, wollte Evan wissen, dessen Gutmütigkeit allmählich an ihre Grenzen gelangte. »Ich möchte mein gewohntes Sonntagsfrühstück.«

Nervös nestelte Mrs. Williams an ihrer Schürze herum. »Nun, sehen Sie, das ist es ja. Das ist das Problem. Der Hochwürden kann gebratene Speisen nicht ausstehen. Seine Frau sagte, der Geruch dreht ihm den Magen um, vor allem, bevor er predigen muss. Und wir wollen uns doch dem Dienst an Gott nicht in den Weg stellen, nicht wahr, Mr. Evans?«

»Und wie lange hat er vor zu bleiben?«, fragte Evan düster.

Mrs. Williams zuckte mit den Achseln. »Das haben sie nicht gesagt. Solange das Haus vermietet ist, nehme ich an. Ich war die Einzige, die noch Platz hatte, es ist schließlich Hochsaison.«

Evan dachte, dass es wohl kaum an der Anzahl von Touristen in Llanfair lag, dass andere Vermieterinnen die Powell-Jones’ abgewiesen hatten. Er seufzte. »Ich möchte etwas Toast, Mrs. Williams.«

Er stieg gerade wieder die Treppe hinauf, als ein markerschütternder Schrei aus seinem früheren Schlafzimmer ertönte. »Hilf mir, oder ich sterbe!«, hallte es durch das Treppenhaus. Evan rannte die letzten Stufen hoch und stürmte ins Zimmer. Hochwürden Powell-Jones stand in langer Unterhose und weißem Unterhemd am Fußende seines Bettes. Entsetzt starrte er den hereinplatzenden Evan an.

»Was bilden Sie sich ein, junger Mann?«, fragte er.

»Ich habe Sie um Hilfe schreien gehört.« Evan sah verwirrt aus.

»Ich mache nur Stimmübungen für meine Predigt«, sagte der Pastor trocken. »Man muss die Stimme aufwärmen, wissen Sie. Ich habe gerade eine Stelle aus Lay of Olwen rezitiert, das ich beim Bardenwettbewerb des Eisteddfod vorzutragen plane.«

»Ich wusste gar nicht, dass Sie auch teilnehmen, Hochwürden«, sagte Evan. »Ich wusste zwar, dass der andere Pfarrer sich für einen Barden hält ...«

»Genau. Er hält sich dafür. Spielt sich auf«, erwiderte Hochwürden Powell-Jones. »Ich dachte mir, es sei an der Zeit, ihm mal zu zeigen, wie ein wahrer Redner klingt. Meine Frau hat mich davon überzeugt, am Wettbewerb teilzunehmen, und ich habe in den kommenden Wochen noch genügend Zeit zum Proben.«

»Großartig«, murmelte Evan vor sich hin, als er die Stufen hinuntertrottete. Ihm stand ein wenig verlockender Sommer voller Feuchtigkeit, pürierter Pflaumen und bardischer Vortragskunst bevor.

Später am Tag machte Evan seinen üblichen Gang durchs Dorf. Er liebte es, nach dem Rechten zu sehen, sogar an seinen freien Tagen. Er fand Bronwen im Garten des Schulhauses, wo sie arbeitete. Zu seinem Erstaunen lachte sie, als er ihr von seinem Kummer berichtete.

»Vielleicht sind einige Wochen pürierter Pflaumen genau das, was du brauchst«, kicherte sie. »Wird dich wieder in Form bringen.«

»Das ist nicht komisch, Bron. Du solltest mal versuchen, da zu leben«, entgegnete Evan.

»Du könntest jederzeit ausziehen.« Bronwen riss Unkraut zwischen den Stachelbeerreihen aus.

Evan sah sie überrascht an. »Und wohin? Jeder weiß, dass Mrs. Williams die beste Vermieterin im Dorf ist.«

»Du könntest versuchen, alleine zu wohnen.« Sie sah ihn mit einem großen Löwenzahn in der Hand an. »Jeder tut das zu einem gewissen Zeitpunkt, weißt du. Es heißt das Nest verlassen.«

»Ja, aber was ist mit all den Annehmlichkeiten – meine Mahlzeiten, die gewaschene und gebügelte Wäsche? Das müsste ich alles aufgeben, wenn ich alleine lebe.«

Bronwen prustete. »Was für eine Art Ehemann willst du eigentlich irgendwann einmal abgeben, wenn du nicht mal deine eigenen Hemden waschen kannst?«

»Machen das nicht für gewöhnlich Frauen?«, fragte Evan.

»Mit dieser Einstellung, prophezeie ich dir, wirst du es schwer haben, eine Frau zu finden.« Bronwen nahm die Schüssel mit den Stachelbeeren und ging langsam zum Haus zurück.

»Warte, Bron, ich hab doch nur Spaß gemacht«, rief er. Dann seufzte er und ging weiter. Frauen waren schwer zu verstehen.

Irgendwann am späten Sonntagabend bog ein großer, schwarzer Wagen in die Einfahrt der Powell-Jones’. Gewöhnlich saßen die Einwohner von Llanfair um neun Uhr abends bei zugezogenen Vorhängen zu Hause, vor allem an Sonntagen, wenn der Pub offiziell geschlossen war. Deshalb sah oder hörte niemand, wie die Neuankömmlinge eintrafen. Aber am frühen Montag war die Nachricht wie ein Lauffeuer durchs Dorf gegangen: Der berühmte Mann war angekommen!

Als Evan um neun Uhr an seiner Dienststelle ankam, war das Erste, was er sah, ein Polizeiauto.

Ein Kopf schob sich aus dem Autofenster, als Evan näher kam. »Bin ich froh, dass Sie endlich auftauchen. Ich lechze nach einer Tasse Tee«, sagte der Insasse. Evan erkannte Jim Abbott aus dem Polizeipräsidium – nicht gerade sein Lieblingskollege. Aus irgendeinem Grund musste Abbott immer Witze über das Leben unter Schafen reißen.

»Was machen Sie denn hier?«, fragte Evan und versuchte freundlich zu klingen.

»Sie werden mich jetzt öfter sehen«, antwortete Jim Abbott. »Ich bin in geheimer Mission hier. Sie wissen es wahrscheinlich nicht, aber es hält sich eine Berühmtheit in Ihrem Dorf auf.«

»Nicht wissen?« Evan schnaubte spöttisch. »Das ganze Dorf weiß es schon seit Freitag. Er ist letzte Nacht angekommen.«

»Tatsächlich?« Jim Abbott schien beeindruckt. »Mir hat man gesagt, er habe nicht gewollt, dass irgendwer von seinem Kommen erfährt.«

»In einem Dorf kann man nichts geheim halten«, erwiderte Evan.

»Jedenfalls schicken sie Extrastreifen, um ein Auge auf ihn zu haben und die Presse in den Griff zu bekommen«, erklärte Jim Abbott. »Er macht sich Sorgen, es könne Probleme mit den Paparazzi geben. Er will Ruhe und Frieden.«

»Warum hat man darüber nicht mit mir gesprochen?«, fragte Evan und versuchte, seinen Ärger zu verbergen.

»Tja«, Jim Abbott machte eine Kunstpause, »ich denke, sie wollten für diese Sache jemanden mit Erfahrung. Ich meine, ich bin sicher, dass Sie ein durch und durch guter Kerl sind, aber sich um entlaufene Katzen zu kümmern ist doch irgendwie was anderes, oder?« Er grinste Evan an. Er hatte ein schönes Lächeln und zu allem Überfluss tadellos weiße Zähne. Evan hatte noch nie jemandem getraut, der perfekte Zähne hatte.

»Sie haben so etwas also schon oft gemacht, unten in Caernarfon, ja?«, fragte er freundlich. »Ich kann mir schon vorstellen, dass dort täglich Berühmtheiten durchkommen.«

Der Sarkasmus perlte an Jim Abbott ab. »Ich habe Aufsichtsdienste bei den Rugbyspielen gemacht«, sagte er. »Und letztes Jahr hatten wir ein Rockkonzert.«

Evan sagte nichts. Er spürte, dass er einen Punkt gemacht hatte. Jim Abbott sah das offensichtlich ebenso. »Der Chef wollte einfach einen weiteren Mann auf der Bildfläche haben, der Verstärkung anfordern kann, falls es zu Massenaufläufen kommt, das ist alles.«

»Was macht der denn da?«, fragte Abbott. »Er liest doch nicht etwa die Post?«

Evan betrachtete den schlaksigen Postboten, der einfach weiterlas und sich nicht im Geringsten um ihre Anwesenheit scherte. »Das tut er immer«, erwiderte er grinsend. »Er ist harmlos, und es scheint auch keinen zu stören.«

»Ihr habt ja wirklich eine Menge Bekloppte hier oben«, meinte Abbott. »Aber nun seien Sie ein netter Kerl und machen Sie mir eine Tasse Tee.«

Ifor Llewellyn ließ sich den ganzen Tag über nicht blicken, nur eine kräftige Stimme, die Tonleitern sang, bestätigte, dass er wirklich da war.

Auch Paparazzi-Horden tauchten nicht auf. Zu Evans Vergnügen musste Jim Abbott den Tag mit dem Lösen von Kreuzworträtsen und Teetrinken verbringen. Als er ging, brummte er irgendetwas davon, dass er nicht einsehe, wozu sie ihn hier oben eigentlich bräuchten. Evan habe ein Telefon und könne innerhalb von fünfzehn Minuten Verstärkung bekommen.

An diesem Abend ging Evan in den Red Dragon, schon bald, nachdem der Pub aufgemacht hatte.

»Sie sind früh heute, Mr. Evans«, begrüßte ihn Pub-Harry. »Wohl durstig, was?«

»Ich würde zu einem Bier nicht nein sagen, aber eigentlich möchte ich etwas essen.«

Harry zuckte bedauernd mit den Achseln. »Sie wissen doch, ich habe nur ganz gewöhnliche Sachen – Fleischpasteten, Würstchen, Fischstäbchen und so.«

»Wunderbar«, sagte Evan. »Eine Fleischpastete, Würstchen und ein paar Kartoffeln fände ich prima.«

»Geht es Mrs. Williams nicht gut?«, fragte Harry.

»Ich bin derjenige, dem es nicht gut geht«, erwiderte Evan. »Der gute alte Powell-Jones ist bei uns eingezogen und bestimmt jetzt die Mahlzeiten. Heute Morgen war es Müsli mit Pflaumen, heute Abend soll es gedämpften Fisch und Spinat geben. Er ist allergisch gegen Gebratenes, und will abends kein Gebäck und keine Stärke essen – schlecht für seine Verdauung. Und ich muss das mitmachen – er hat Mrs. Williams davon überzeugt, dass das für uns alle sehr gesund sei.«

Harry rollte die Augen. »Keine Sorge, Mr. Evans. Wir lassen Sie schon nicht verhungern«, sagte er. »Betsy, Liebes!«, rief er. »Ich habe deinen Schwarm hier sitzen, und er ist kurz vorm Verhungern. Mach ihm doch ein paar Würstchen und stell eine Fleischpastete in die Mikrowelle.«

Eine halbe Stunde später, der Pub begann sich allmählich zu füllen, war Evan bedeutend glücklicher.

»Das muss man sich mal vorstellen, sie will ihn glatt verhungern lassen«, sagte Betsy und sah ihn mit ihren blauen Augen durchdringend an. »Du kannst jederzeit herkommen, Evan bach, ich kümmere mich schon um dich. Ich weiß genau, was du willst ...«

Sie brach plötzlich ab und sah zur Tür. Ihr Gesicht nahm den Ausdruck einer Heiligen an, die gerade eine Vision hat.

»Er ist es«, flüsterte sie Evan zu.

Alle Köpfe im Pub drehten sich in die Richtung, in die sie starrte. Ifor Llewellyns beachtliche Erscheinung füllte den gesamten Türrahmen. Er war ein Riese von einem Mann, nicht dick, eher kräftig, und beeindruckte darüberhinaus durch einen schwarzen, lockigen Bart und ebensolche, schulterlangen Haare. Er wirkte wie einer der biblischen Riesen – Samson oder Goliath.

»Noswaith dda, gyfeillion«, sagte er. »Guten Abend, Freunde.« Er strahlte. Die Menge teilte sich, um ihn zum Tresen durchzulassen. »Ydych chi ’n siarad Cymraegyma? Sprechen hier alle noch Walisisch?«

»Oh, natürlich«, antwortete Betsy, ihn noch immer ehrfürchtig anstarrend. »Fast alle hier in der Gegend.«

»Mein Walisisch ist ein bisschen eingerostet, aber ich gebe mir Mühe«, sagte Ifor Llewellyn. »Sie müssen Geduld mit mir haben, wenn ich zu viel vergessen haben sollte.«

»Aber nein, Sie klingen einfach wunderbar«, sagte Betsy.

Er klang wirklich wunderbar, dachte Evan. Seine Sprechstimme hatte das gleiche volle Timbre, das auch seinen Gesang so einzigartig machte.

»Und wer sind Sie, junge Dame?«, fragte Ifor.

»Ich bin Betsy Edwards ... Sir. Ich ... arbeite hier.« Betsy hatte es plötzlich die Sprache verschlagen.

»Nennen Sie mich nicht Sir, noch bin ich nicht zum Ritter geschlagen«, kicherte Ifor. »Sie warten damit, bis ich in Rente gehe, Miss Betsy.« Er reichte ihr die Hand über den Tresen. »Betsy. Ein sehr schöner Name für eine sehr schöne Person. Aber sagen Sie, warum färben Sie Ihr Haar in diesem Ton?«

»Meine Haare, Sir ... ich meine, Mr. Llewellyn«, stammelte Betsy »Ich färbe sie nicht richtig, ich helle sie nur auf, wissen Sie, mit blonden Strähnchen ...«

»Ihr Frauen!«, sagte Ifor kopfschüttelnd. »Wenn ihr nur endlich einsehen würdet, dass Brünette viel verführerischer sind als Blondinen. Die italienischen Mädchen mit ihren dunklen Haaren ... sie strahlen Sexappeal aus, anders als die blassen, langweiligen englischen und walisischen Mädchen. In brünett wären Sie einfach hinreißend, Betsy.«

»Wirklich, Sir?« Betsy war das erste Mal, seit Evan sie kannte, sprachlos. Sie fasste sich an ihre fliegenden, blonden Locken.

»Absolut hinreißend«, bestätigte Ifor. Er hielt immer noch ihre Hand. »Ich hoffe, Sie werden sich in diesem Sommer gut um mich kümmern, Betsy. Ich verlasse mich auf Sie. Sie könnten mich ja gelegentlich ein bisschen herumführen, und vielleicht brauche ich auch ein paar Nachhilfestunden in Walisisch.«

»Das würde ich gerne machen. Alles. Jederzeit«, sagte Betsy mit vor Freude und Verwirrung gerötetem Gesicht.

Was für ein Schmeichler, dachte Evan. Kein Wunder, dass er in ganz Europa Herzen gebrochen hatte.

Ifor drehte sich zu den Männern in der Bar um. »Sie ahnen gar nicht, wie gut es tut, wieder hier und unter Freunden zu sein«, sagte er. »Als mein Arzt mir sagte, ich müsse es mal etwas ruhiger angehen und mich ausruhen, kam mir sofort dieser Ort in den Sinn. Lass uns nach Hause gehen, sagte ich zu Margaret, meiner Frau. Also bin ich nach Hause gekommen, und es fühlt sich wunderbar an.«

Er hörte auf zu reden und sah sich um, fast als erwartete er Applaus. Stattdessen sah er nickende Köpfe und lächelnde Gesichter.

»Wir fühlen uns geehrt, dass Sie hier sind, Ifor«, sagte Fleischer-Evans. »Es ist eine große Ehre für Llanfair.«

»Oh, nun übertreiben Sie nicht«, entgegnete Ifor. »Ich will mich nicht hervortun, sondern mich einfügen. Behandeln Sie mich als Nachbarn, wie alle anderen auch. Laden Sie mich zum Darts ein oder was Sie sonst so tun. Das würde mir gefallen.« Er wandte seine gefühlvollen, dunklen Augen wieder Betsy zu. »Die erste Bitte, die ich an Sie habe, ist ein doppelter Whiskey – Jameson Irish Whiskey, wenn Sie den haben. Ohne Eis. Und dann bringen Sie diesen Herren hier, was sie gerne trinken möchten. Die erste Runde geht auf mich.«

Die Menge stimmte begeistert zu. Betsy und Harry begannen, Biere zu zapfen. Ifor nahm sein Glas. »Iachydda. Prost!«, rief er und trank es in einem Zug aus.

»So, Sie sind also hier, um sich ein bisschen auszuruhen, Mr. Llewellyn?«, fragte Pumpen-Roberts.

»Nennen Sie mich Ifor, ich gebe nichts auf Förmlichkeiten. Ja, ich bin auf ärztliche Anweisung hier. Ich verstecke mich nicht vor der Mafia oder irgendeinem Ehemann, was immer der Daily Mirror auch geschrieben haben mag.« Sein lautes Lachen erfüllte den Raum. »Aber ich bin nicht der Typ, der gerne untätig herumsitzt«, fuhr er fort und sah verschwörerisch in die Runde.« Deshalb habe ich beschlossen, meine Memoiren zu schreiben. Macht doch keinen Sinn, damit zu warten, bis ich alt bin, mich an nichts mehr erinnere und das Beste vergessen habe. Ich will alles aufschreiben, solange ich noch einigermaßen lebendig im Kopf bin.«

»Ich wette, Sie haben ein paar interessante Geschichten zu erzählen, Ifor«, bemerkte Pub-Harry.

»Geschichten, die Ihnen die Haare zu Berge stehen lassen würden«, erwiderte Ifor mit einem verschwörerischen Zwinkern. »Wenn ich alles aufschreibe, was ich erlebt habe, werden das drei Bände, und meine Leser werden Eisbeutel brauchen, um sich wieder abzukühlen.« Wieder lachte er laut auf. »Ich werde wahrscheinlich genügend Prozesse an den Hals kriegen, um den Rest meines Lebens damit zuzubringen. Nicht, dass man mir etwas anhaben könnte – alles, was ich erzählen werde, ist wahr, so ärgerlich das für manche Leute auch sein mag.« Er winkte Betsy mit seinem leeren Glas. »Noch einen Jameson bitte, meine Schöne.«

Auch der dritte und vierte Jameson hatten keinerlei unangenehme Auswirkungen, Ifor wurde lediglich von Minute zu Minute leutseliger. »So liebe Freunde, erzählt doch mal, was ihr hier so Vergnügliches treibt«, verlangte er zu wissen und legte Fleischer-Evans einen seiner gewaltigen Arme um die Schultern. »Ist es Cricket in diesem Jahr? Ich darf mich nämlich als einen ziemlich schnellen Werfer bezeichnen.«

»Unser Cricket-Team hat sich aufgelöst«, antwortete Fleischer-Evans. »Gibt nicht mehr genügend junge Männer.«

»Ich erinnere mich. Als ich ein kleiner Junge war, hatte Llanfair ein hervorragendes Cricket-Team«, sagte Ifor. »Und eine Fußball- und eine Rugbymannschaft. All diese Männer arbeiteten in der Schiefermine. Sie waren ziemlich fit, oder? Und der Cor Meibion – was für ein Chor! Er hat mich zum Singen gebracht. Ich wollte klingen wie sie. Erzählen Sie mir nicht, der Chor sei ebenfalls am Ende?«

»Oh, nein, den Chor gibt es noch«, erwiderte Fleischer-Evans. »Er ist nicht mehr das, was er mal war. Austin-Mostyn tut ja sein Bestes, aber ...«

»Austin-Mostyn?«, fragte Ifor amüsiert.

»So nennen wir unseren Chorleiter, Mostyn Phillips ...«

»Mostyn Phillips?«, rief Ifor laut aus. »Ist er immer noch gut in Form? Ich kenne ihn. Wir haben zusammen in London studiert – der versponnene Mostyn Phillips, es gibt ihn also immer noch. Ich muss ihn besuchen.«

»Er wollte Sie anrufen«, sagte Fleischer-Evans. »Wir wollten, dass er Sie fragt ...« Er stockte. »Einfach mal sehen, ob Sie ...«

»Was wollte er mich fragen?«

Es entstand verlegene Unruhe.

»Ob Sie Zeit hätten, uns im Chor auszuhelfen«, beendete Fleischer-Evans die allgemeine Anspannung. »Der Eisteddfod steht vor der Tür, und der Chor braucht wirklich Hilfe.«

»Es wird einen Eisteddfod gehen?« Ifors Gesicht erhellte sich erneut. Sein Mienenspiel war irgendwie gigantisch, als stünde er auf der Bühne der Scala und nicht mitten in einem Pub. »Das ist ja eine wunderbare Neuigkeit. Ich wollte unbedingt zu einem Eisteddfod, während ich hier bin. Meinen ersten Gesangswettbewerb habe ich auf dem kleinen Eisteddfod unten in Criccieth gewonnen. Ist es der?«

»Nein, es ist der regionale in Harlech«, informierte Hochwürden Parry Davies. »Der zweitwichtigste nach dem nationalen Eisteddfod.«

»Wunderbar«, nickte Ifor. »Wann probt der Chor? Ich werde da sein.«

Fleischer-Evans schlug Ifor auf den breiten Rücken. »Das ist ein großer Tag für Llanfair, gut, dass Sie hier sind, Ifor bach«, sagte er. »Jetzt geht’s aufwärts, das weiß ich.«

6. KAPITEL

»Noswaith dda, guten Abend allerseits.« Mostyn Phillips kam geschäftig durch die Tür des Gemeindesaals, einen Stapel Noten in der Hand. Seine normalerweise tadellose Frisur war vom Wind ganz zerzaust. »Entschuldigung, dass ich euch habe warten lassen. Ich bin noch einmal die Schlussauswahl durchgegangen und musste kopieren.«

Er stellte die Blätter auf einen Notenständer. »Und ich habe mir das noch einmal gründlich durch den Kopf gehen lassen. Tut mir Leid, aber ich kann mich wirklich nicht auf meine frühere Freundschaft berufen und einen Sänger von Ifor Llewellyns Format bitten, in unserem Chor mitzusingen. Dazu hätte ich nicht die Stirn. Ich meine, zu glauben, ein weltberühmter Mann würde jemals ...«

»Würde jemals was, Mostyn?«, ertönte eine laute Stimme von der Tür her.

Mostyn klappte der Unterkiefer herunter. »Ifor, bist du das wirklich?«

»In Fleisch und Blut, alter Freund«, antwortete Ifor, mit kraftvollen Schritten durch den Saal schreitend. Die morschen Bodendielen knarrten besorgniserregend. »In Fleisch und Blut, und wie du siehst, eine Menge Fleisch.« Er umarmte Mostyn heftig und brachte dabei den Notenständer zu Fall. »Hier bin ich, um meinen Beitrag zu leisten.«

»Ifor, ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich bin überwältigt.«

Mostyn kniete sich hin und begann, die verstreuten Notenblätter aufzulesen. »Ich weiß nicht, wie ich dir danken kann. Wie Constable Evans sagte: Es ist wirklich ein Wunder.«

»Nun komm schon«, sagte Ifor. »Mach kein Theater. An die Arbeit. Zeig mir doch mal, was wir beim Eisteddfod singen sollen.«

Mostyn sortierte die Noten auf dem Ständer. Er war sichtlich aufgeregt. »Also gut, hör zu, hiermit wollen wir anfangen.«

Er nickte Miss Jones am Klavier zu und hob seinen Taktstock. Ifor saß bis zum Ende des Stücks bewegungslos da.

»Und was sollte das sein?«, fragte er.

»Eine Motette von Byrd. Zu Ehren der Musik.«

»Eine Motette von Byrd?«, brach es aus Ifor heraus. »Mit Verlaub – das klang eher wie ein Schwarm schnatternder Vögel. Oder wie der Mädchenchor aus Luton. Noch nie in meinem Leben habe ich so trostlose Musik gehört. Du solltest mit einem zündenden Stück anfangen, damit das Publikum aufhorcht. Etwas wie Men of Harlech

Mostyns Gesicht war feuerrot geworden. Sein kleiner Schnurrbart zuckte nervös. »Wir können ja schlecht mit Men of Harlech anfangen, wo wir doch in Harlech singen und die Hälfte des Publikums Männer aus Harlech sein werden, oder? Damit würden wir uns keine Freunde machen. Außerdem singt jeder Chor solche Lieder. Wenn wir Eindruck machen wollen, müssen wir was anderes bringen.«

»Quatsch«, dröhnte Ifor. »Gib dem Publikum etwas, das es kennt und liebt – All Through the Night oder Land of My Fathers oder sogar etwas aus einem Musical. Oklahoma! ...«

»Oklahoma!« Mostyn war entsetzt.

»Zu altmodisch, vielleicht hast du Recht. Dann eben was aus Les Miserables.« Er hob an: »Do you hear the people sing, singing a song of angry men.« Seine gewaltige Stimme erfüllte den Raum, und alle Chormitglieder nickten im Takt.

»So geht das«, sagte er. »So was sollte ein Chor singen, nicht diesen verweichlichten Unsinn. Ihr heißt ja schließlich nicht Chor der höheren Töchter. Lass die Männer wie Männer klingen! Ich glaube, ich habe die Partitur von Lohengrin dabei. Den Chor der Ambosse könnten sie schaffen. Oder vielleicht den Soldaten-Chor aus Faust?«

»Alle singen den Soldaten-Chor«, presste Mostyn mühsam hervor. »Aber dafür sind wir viel zu wenige, das gibt einfach kein richtig volles Klangbild. Deshalb habe ich ja nach etwas anderem gesucht.«

»Ja, aber doch nicht so ein unmännliches Gejammer«, sagte Ifor, noch immer liebenswürdig lächelnd. Evan hatte den Eindruck, es gefiel ihm, Mostyn aufzuziehen. »Du hast es immer noch nicht kapiert, was, alter Junge? Erinnerst du dich an deine Aufführung mittelalterlicher Lautenmusik am College? Das halbe Publikum ist eingeschlafen und sogar der Professor ist in seinem Sessel eingenickt!« Er lachte laut und klatschte sich auf die Schenkel. »Diesen ganzen Blödsinn kannst du vergessen. Du hast jetzt ein volles Klangbild, du hast mich!« Er drehte sich zum Chor um. »Kennt ihr Jungs zufällig die Melodie von Land of My Fathers

Am Ende des Abends musste Evan zugeben, dass sie sich schon viel besser anhörten – obwohl sie jetzt eigentlich nicht mehr als eine Art Hintergrundgesang für Ifor waren. Aber das klang in jedem Fall besser, als alles andere davor. Und immerhin wurden auf diese Weise die falschsingenden Baritone übertönt. Doch dann bemerkte er, dass Mostyn hastig seine Sachen zusammenpackte und nach draußen zu seinem Wagen eilte, ohne auf die anderen zu warten. Er wollte gerade einsteigen, als Ifor neben ihn trat. »Das ist also dein Auto, Mostyn bach?« Seine Stimme kam als Echo von den Hügeln zurück. »Das ist der Austin? Wie wird er angetrieben – mit einem Uhrwerk oder hat er Pedale?«

Mostyn fuhr einfach los. »Du meine Güte«, murmelte Ifor den Männern zu, die um ihn herumstanden. »Ich glaube, ich habe ihn verärgert. Er war schon immer schnell beleidigt. Leider war es auch schon immer ziemlich einfach, den guten Mostyn aufzuziehen. Er nimmt sich einfach zu ernst. Stellt euch mal vor, ich würde wegen jeder schlechten Kritik sofort eingeschnappt wegfahren! Ich sage: Mach was, lass dich dafür beschimpfen und lach dich tot darüber!« Er legte dem Nächstbesten den Arm um die Schultern. »Also los, Jungs, wer kommt mit, was trinken?«

Man war sich einig, dass Ifor ein Segen war, genau im richtigen Moment aufgetaucht, um den Eisteddfod zu retten. Evan war sich dessen nicht so sicher. Er beobachtete Mostyn, der während ihrer Proben immer schmallippiger und nervöser wurde, wenn sie Land of My Fathers schmetterten oder Ifor das Trinkerlied aus La Traviata sang und der Chor dazu summte.

Wie Evan fragten sich auch andere Bewohner von Llanfair, ob es wirklich so großartig war, dass Ifor jetzt hier lebte.

»Jetzt hören Sie sich das an, Constable Evans«, sagte Gladys, die Putzfrau der Powell-Jones’, als sie aus dem Lebensmittelladen kam und Evan traf. »Versuchen Sie mal Staub zu wischen, mit dieser Stimme im Nebenzimmer.«

Ifors gewaltige, Tonleitern übende Tenorstimme schallte durch das schmale Tal.

»Er singt ständig, Mr. Evans. Morgens, mittags, abends«, klagte Gladys kopfschüttelnd. »Und ich dachte, er sei hier, um seine Stimme zu schonen. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie es sich anhört, wenn er sie nicht schont.«

Evan grinste. »Manche Leute zahlen Hunderte von Pfund und stehen die ganze Nacht Schlange, um ihn singen zu hören, Gladys. Die würden Sie um Ihr Glück beneiden, dass Sie ihn umsonst zu hören kriegen.«

»Die können meinen Job jederzeit haben«, sagte Gladys. »Ich denke darüber nach, Mrs. Powell-Jones zu schreiben und zu kündigen. Der Pfarrer und Mrs. Powell-Jones machen keinen Ärger – nun, sie kann pingelig sein und schafft es jedes Mal, irgendein Fleckchen zu finden, das ich nicht abgestaubt habe. Aber sie lassen mich in Ruhe meine Arbeit machen. Doch diese Leute haben überhaupt keine Zeitvorstellung. Sie stehen erst um elf Uhr auf, wollen ins Bad, wenn ich es gerade putze, und ihr Mittagessen wünschen sie um drei Uhr nachmittags. Ich sage Ihnen, Mr. Evans, ich bin völlig durcheinander wegen denen.«

»Es ist ja nicht für ewig, Gladys«, erwiderte Evan. »Und ich nehme doch an, dass man Sie gut bezahlt?«

Gladys lächelte geheimnisvoll. »Ohne das Geld wäre ich schon am ersten Tag gegangen«, sagte sie. »Allein die Sprache, Mr. Evans. Die beiden benutzen Ausdrücke, die ich noch nie im Leben gehört habe – nicht mal im Fernsehen, und das wird doch jeden Tag schlimmer. Und dann das Streiten! Sie schreien und streiten die ganze Zeit – eigentlich bin ich froh, dass ich die Schimpfwörter nicht immer verstehe, die sie sich gegenseitig an den Kopf werfen.«

Evan wusste bereits Bescheid über die Streitereien. Wie jeder in Llanfair. Wenn die Llewellyns aneinandergerieten, was meistens nachts der Fall war, hörte das ganze Dorf mit. In Llanfair war man an Lärm nach neun Uhr abends nicht gewöhnt, und beim ersten Streit der Llewellyns hatten die Nachbarn sofort Evan alarmiert.

»Es klingt, als würden die sich da drüben umbringen«, hatte Mrs. Hopkins, Charlies Frau und nächste Nachbarin der Powell-Jones’, atemlos berichtet.

Evan zog sich rasch an und rannte hoch zum Haus der Powell-Jones’. Auf dem Weg dorthin sah er überall Leute in Morgenmänteln und Pantoffeln vor ihren Häusern stehen. Er konnte den Krach schon hören, lange bevor das Haus in Sicht kam – darunter eine Frauenstimme, ebenso laut wie Ifors. Dann das Geräusch zersplitternden Geschirrs, dann ein Schlag und ein Schrei.

Evan donnerte gegen die Eingangstür. »Sofort aufmachen, Polizei«, schrie er.

Nach einigen Minuten öffnete Ifor in einem chinesischen Seidenmorgenmantel die Tür. »Probleme, Officer?«, fragte er. Er lallte ein wenig, was darauf schließen ließ, dass er wieder einmal dem Jameson zugesprochen hatte.

»Ich habe einen Anruf erhalten, dass hier ein Fall von häuslicher Gewalt vorliegt«, sagte Evan.

»Häusliche Gewalt?« Ifor legte den Kopf in den Nacken und lachte. »Hörst du das, meine Liebe? Man glaubt, dass bei uns ein Fall von häuslicher Gewalt vorliegt.«

Mrs. Llewellyn tauchte hinter Ifor auf. Evan hatte erwartet, dass sie grün und blau war, aber sie wirkte gelassen und elegant in ihrer türkisfarbenen Satinrobe, hatte Nachtcreme im Gesicht und einen Turban um ihr Haar gewickelt. »Wir hatten lediglich eine kleine Meinungsverschiedenheit, Officer«, sagte sie. »Nichts Ernstes. Wir neigen gelegentlich dazu, ein wenig laut zu werden. Danke für Ihre Sorge.«

»Aber ich hörte das Geräusch von Schlägen«, entgegnete Evan. »Und etwas wurde zertrümmert.«

Ifor lachte erneut. »Meine Frau wirft gern mit Dingen um sich, wenn sie wütend ist«, sagte er. »Zwei von Powell-Jones’ Tellern sind nun leider nicht mehr, was heißt, dass ich vermutlich neue werde kaufen müssen. Und als ich ihrem Wurf geschickt ausgewichen bin und gelacht habe, hat sie mich gehauen.«

Mrs. Llewellyn wirkte leicht beschämt. »Es war nur ein Klaps, Officer. Das mache ich immer. Es ist unmöglich, jemanden von Ifors Größe dadurch ernsthaft zu verletzen.«

»Fühlte sich an, als sei eine Fliege auf mir gelandet«, sagte Ifor und nahm seine Frau in den Arm. »Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, worüber wir gestritten haben, du, Liebling?«

»Ich nehme an, ich werde mich später daran erinnern«, sagte sie kühl. »Danke, dass Sie vorbeigekommen sind, Officer.«

»Bitte versuchen Sie künftig, nach neun etwas leiser zu sein«, mahnte Evan. »Die Leute hier gehen früh schlafen.«

»Das ist es ja gerade«, sagte Mrs. Llewellyn mit einem bitteren Lachen. »Gottverlassenes Nest. Ich kann einfach nicht verstehen, dass irgendwer hierher zurück will, der einmal die Chance hatte wegzukommen. Als ich Colwyn Bay verließ, habe ich mir geschworen, nie wieder zurückzugehen.«

»Meiner Frau geht die keltische Seele ab, Constable Evans«, sagte Ifor. »Danke noch mal, dass Sie so schnell gekommen sind. Wenn sie mich hätte umbringen wollen, hätten Sie mir das Leben gerettet.«

Bestimmt begleitete er Evan zur Tür.

Die nächtlichen Streitereien hörten zwar nicht auf, aber die Dorfbewohner gewöhnten sich allmählich daran. Meist stritten die beiden, wenn Ifor den Abend über mal wieder im Red Dragon gewesen war, was oft vorkam. Auch Evan verbrachte mehr Zeit denn je im Red Dragon. Mrs. Williams’ Haus war kein Hafen der Ruhe und Sicherheit mehr – dort gab es jetzt nur noch gedämpfte und pürierte Mahlzeiten, gefolgt von Hochwürden Powell-Jones’ lauten Deklamationen oder Vorträgen über die Übel der modernen Welt, wenn Evan gerade versuchte, die Fernsehnachrichten zu schauen.

»Wohnen Sie jetzt hier, junger Mann?«, fragte ihn der andere Pfarrer, Hochwürden Parry Davies, als er auf sein abendliches Bier vorbeikam. »Sie scheinen allmählich zum Inventar zu gehören.«

Evan seufzte. »Ich würde sofort hier einziehen, wenn man ein Zimmer für mich hätte. Ich halte es bei Mrs. Williams einfach nicht mehr aus. Den ganzen Abend über rezitiert er in seinem Schlafzimmer – dieses ganze Wehe-mir-Zeug.«

»Powell-Jones rezitiert? Wieso das?«

»Er nimmt am Eisteddfod teil, haben Sie das noch nicht gehört?«, fragte Evan.

»Am Eisteddfod? Ich glaube es nicht!«, röhrte Parry Davies. »Das macht er nur, weil er weiß, dass ich den Titel des gekrönten Barden anstrebe. Na, dann mal viel Glück! Er ist ein Anfänger und hat keine Chance, vor allem nicht mit dieser mickrigen Stimme.«

»Wer hat eine mickrige Stimme?«, dröhnte Ifor beim Eintreten. »Ihr redet doch nicht über mich?« Sein tiefes Lachen erfüllte den Raum und brachte die Gläser zum Klirren.

»Ich freu mich schon schrecklich darauf, Sie singen zu hören Mr. Llewellyn«, sagte Betsy und goss ihm seinen Whiskey ein. »Ich bin schon gespannt auf den Eisteddfod. Man erzählt, Sie singen ein Solo.«

»Sie sollten mich in der Oper singen hören«, sagte Ifor. »Wenn ich mit dem Chor singe, kann ich meine Stimme ja gar nicht voll ausreizen. Ich würde alles übertönen. Womöglich würde ich sogar das Zelt zum Einsturz bringen.«

»Ich habe noch nie eine richtige Oper gesehen«, sagte Betsy sehnsüchtig. »Es soll sehr romantisch sein.«

»Sehr«, bestätigte Ifor. »Es geht immer um eine unmögliche Liebe, und das Liebespaar stirbt in inniger Umarmung. So will ich auch sterben – in den Armen eines wunderschönen Mädchens. Aber natürlich nicht, bevor ich neunundachtzig bin.« Er hatte Betsys Hand genommen und spielte mit ihren Fingern, während er sprach. Nachdem er geendet hatte, führte er ihre Hand sanft an seine Lippen.

»Für mein Leben gern würde ich Sie in der Oper singen hören«, sagte Betsy. Ihre Wangen waren gerötet und sie klang aufgeregt. »Ich wette, alle Frauen im Publikum werden schluchzen, wenn Sie sterben.«

Ifor lächelte. »Wenn Sie sehr lieb sind, nehme ich Sie schon bald mal in eine Oper mit. Ich habe den Spielplan für das Festival in Cardiff. Wir könnten einen Tag runterfahren.«

»Sie würden mich in eine Oper nach Cardiff mitnehmen? Das fände ich großartig, Mr. Llewellyn.«

»Nennen Sie mich Ifor«, sagte er, noch immer mit ihren Fingern spielend. »Ich habe das Gefühl, dass wir beide sehr gute Freunde werden.«

Evan schlief nicht gut in dieser Nacht. Trotz ihres Schäkerns und ihrer unzüchtigen Kleidung, war sie letztlich ein naives Kind. Wie konnte sie so leicht auf Ifor hereinfallen? Evan wusste, dass es ihn eigentlich nichts anging, aber er konnte nicht einfach dastehen und zusehen, wie sie sich zum Narren machte. Und er konnte den Gedanken nicht ertragen, dass Ifor sie betatschte.

Am nächsten Morgen fing er sie auf ihrem Weg zur Arbeit ab.

»Betsy, wir müssen uns mal unterhalten.«

»Ja, worum geht es?« Betsy sah ihn erwartungsvoll an.

»Um Ifor Llewellyn. Ich möchte nicht, dass du mit ihm nach Cardiff fährst.«

»Er nimmt mich nur in die Oper mit«, sagte Betsy. »Das ist doch sehr nett von ihm.«

»Betsy, wach auf! Ifor gehört nicht zu der Sorte Mann, die junge Frauen ohne Hintergedanken in die Oper mitnehmen. Das solltest du wissen.«

»Und wenn er Hintergedanken hätte?« Betsy funkelte ihn kampfeslustig an. »Ich bin ein großes Mädchen, nur damit du’s weißt. Und zufällig finde ich ihn sehr attraktiv, und es ist sehr schmeichelhaft, dass er mich offenbar ebenfalls anziehend findet.«

»Und zufällig ist er auch verheiratet und hakt Frauen ab wie andere ihre Einkaufsliste«, explodierte Evan.

Augenblicklich verzog sich Betsys Gesicht zu einem breiten Grinsen. »Ich hab’s!«, rief sie. »Du bist eifersüchtig, Evan Evans. Endlich ist es raus! Du warst bisher nur zu schüchtern, mich zu fragen. Hast behauptet, dass du deine Zeit lieber mit dieser langweiligen Bronwen verbringst. Oh, ihr Männer seid ja so komisch!« Sie strich sich durch die blonden Locken. »Ich sag dir was: Wenn du auch nur das geringste Interesse an mir zeigst, gehe ich nicht mit Ifor nach Cardiff. Also was ist?«

Evans Gedanken überschlugen sich. Bronwen würde sicher verstehen, dass er es nur tat, um Betsys Ehre zu retten. Bronwen war eine sensible, nette, einfühlsame Person. Sie würde nicht wollen, dass Betsy mit Ifor nach Cardiff fuhr, deshalb würde sie auch verstehen, dass er nur seine Pflicht tat.

»Also, Evan Evans«, sagte Betsy. »Lädst du mich nun ein oder nicht? Führst du mich Samstagabend aus, oder soll ich Mr. Llewellyn fragen, ob er mit mir nach Cardiff fährt?«

Evan atmete tief durch. »Na schön, Betsy«, sagte er. »Wir gehen am Samstagabend aus.«

7. KAPITEL

»Versteh doch, ich hatte keine andere Wahl, Bron«, sagte Evan.

Sie stand da, eine Hand am Schultor, und sah ihn eindringlich an. Er stellte sich vor, dass sie diesen Blick geübt hatte – für ihre Schüler, wenn sie wieder einmal mit fadenscheinigen Begründungen gestanden, ihre Hausaufgaben nicht gemacht zu haben. »Ich verstehe«, sagte sie. Wahrscheinlich sagte sie das Gleiche zu ihren Schülern.

»Was hättest du denn gemacht?«, fragte er.

»Oh, ich bin sicher, dass du ein sehr großes Opfer bringst«, erwiderte sie. »Nicht jeder Mann würde einen aufregenden Abend im Pub gegen einen langweiligen Nachtclub-Besuch mit einer halb nackten Betsy eintauschen. Vielleicht verleiht man dir eine Medaille.«

»Immerhin erzähle ich dir davon«, sagte Evan. »Immerhin bitte ich dich um deine Meinung.«

»Auf die kommt es doch nicht an, oder?« Bronwens Stimme war noch immer aufreizend ruhig. »Wir beide sind einfach nur Freunde, nicht wahr? Das erzählst du doch jedem.«

Evan rang um Selbstbeherrschung. Er hatte erwartet, dass Bronwen vernünftig sein würde. Er jedenfalls hatte es versucht. Aber Vernunft funktionierte nicht. »Bronwen, du musst wissen, dass ich überhaupt keine Lust habe, mit Betsy tanzen zu gehen. Aber ich konnte sie doch nicht mit diesem walisischen Don Juan nach Cardiff fahren lassen, oder? Es schien die einfachste Lösung für alles zu sein, und ich sagte mir, dass eine sensible, einfühlsame Person wie du das verstehen würde.«

Bronwen schwang das Tor hin und her und sah ihn schließlich mit einem schwachen Lächeln an. »Ich verstehe schon. Und ich glaube nicht wirklich, dass dich ein einziger Abend mit Betsy verführen wird, aber du kennst das Gerede hier. Vermutlich wird ihr Vater bei dir auf der Matte stehen und mit vorgehaltenem Gewehr verlangen, dass du sie heiratest.«

»Vielleicht wäre das die beste Lösung.«

»Eine Zwangsheirat mit Betsy?«

»Nein«, jetzt musste Evan lächeln. »Ich meine für die Sache mit Ifor. Wenn ich es schaffen würde, mir den alten Sam Edwards zu schnappen, und er nüchtern genug wäre, mir zuzuhören, könnte er Ifor heimsuchen und ihm mit seiner alten Schrotflinte etwas Gottesfurcht einbläuen.«

»Ich dachte immer, Polizisten sollten das Erschießen von Leuten nicht als Problemlösung empfehlen.« Bronwen hatte sich entspannt. Sie hielt sich nicht mehr am Tor fest.

»Sam Edwards hat mit dieser alten Flinte noch nie etwas getroffen, sonst hätte ich den Vorschlag nicht gemacht.«

»Nun gut, jetzt ist es ohnehin zu spät«, sagte Bronwen.

»Jedenfalls habe ich es geschafft, das Treffen auf nach dem Eisteddfod zu verschieben«, sagte Evan. »Wir proben bis zu unserem Auftritt jetzt täglich.«

»Wie kommt ihr voran? Klingt ganz gut, was ich so höre.«

»Was du hörst, ist Ifor. Er singt, und wir anderen bewegen die Lippen«, erklärte Evan grinsend.

»Wann tretet ihr auf?«

»Samstagabend. Wir fahren Freitagabend nach Harlech, um im Zelt zu proben und ein Gefühl für die Größe des Raums zu bekommen.«

»Ich komme am Samstag vorbei«, sagte Bronwen. »Ich habe ein paar Schülern versprochen, sie mitzunehmen und die Volkstänze anzusehen. Vielleicht hören wir uns noch euren Chor an, wenn es nicht zu spät wird.«

»Das würde ich mir an deiner Stelle sparen«, sagte Evan. Er merkte, dass es das Letzte was, was er wollte, dass Bronwen ihn singen hörte.

»Warum denn?«, fragte Bronwen enttäuscht. »Möchtest du nicht, dass ich dich singen höre?«

»Wir sind nicht besonders gut, Bron. Ehrlich gesagt bin ich froh, wenn alles vorbei ist«, bekannte Evan. »Die Stimmung bei den Proben wird immer ungemütlicher.«

»Inwiefern?«

Evan seufzte. »Mostyn Phillips nimmt die Sache ziemlich ernst. Ifor dagegen hält das Ganze für einen großartigen Witz. Ich fürchte, wir steuern auf einen Riesenkrach zu.«

Kurz nachdem Evan an diesem Abend aus dem Pub nach Hause gekommen war und lesend in seinem Zimmer saß, klingelte das Telefon. Es war Mrs. Hopkins, Charlies Frau. »Es ist wieder mal so weit, Mr. Evans«, sagte sie schwer atmend. »Diesmal schreien sie auch draußen herum. Ich will mich ja nicht beschweren, aber es ist nach neun.«

»Machen Sie sich keine Sorgen, Mrs. Hopkins, ich sehe nach, was los ist«, sagte Evan. »Danke für den Anruf.«

Er schlüpfte in seine Uniformjacke und lief die Straße hoch. Er konnte ihr Geschrei hören, aber die Kapelle versperrte ihm die Sicht auf die Streitenden. Evan bemerkte sofort, dass es diesmal nicht einfach ein Ehekrach war. Beide Stimmen waren Männerstimmen.

»Ich warne Sie!« Die Stimme klang eindeutig weder Englisch noch Walisisch.

»Glauben Sie, ich hätte Angst vor Ihren Drohungen?« Das war Ifors laute Stimme. »Gehen Sie nach Haus und machen Sie, was Sie wollen! Ich brenne auf einen guten Kampf. Zu gerne würde ich Sie vor Gericht sehen – die beste Werbung, die ich je hatte!«

Bevor Evan die Kapelle erreichte, hörte er etwas, das in der klaren Nachtluft wie ein Schuss klang. Klopfenden Herzens stellte er fest, dass es nur eine schlagende Autotür gewesen war. Ein Motor heulte auf, und ein langer, flacher Wagen raste davon. Evan konnte erkennen, dass er ein ausländisches Nummernschild hatte. Als er die Einfahrt der Powell-Jones’ erreichte, war Ifor Llewellyn ins Haus zurückgegangen und alles war ruhig. Evan zögerte einen Moment und fragte sich, ob er an die Haustür klopfen sollte, entschied dann aber, dass ihn das, worum immer es hier gegangen war, nichts anging.

Am nächsten Tag erschien Ifor nicht zur Probe.

»Oh, das ist aber schade«, sagte Mostyn, als der Chor bereitstand. »Er weiß doch, wie wichtig es ist, dass die Probe pünktlich beginnen kann. Das macht er mit Absicht, um mich zu ärgern. Na gut, wir fangen ohne ihn an.«

Er nickte Mrs. Jones am Klavier zu. Sie arbeiteten sich durch ihr Programm, aber Ifor tauchte immer noch nicht auf. Evan sang besorgt vor sich hin und war kurz davor, freiwillig nach ihm zu suchen, als Ifor zielstrebig hereinkam. »Was sollte denn das gewesen sein?«, polterte er los. Seine Sprache verriet, dass er dem Red Dragon einen Besuch abgestattet hatte. »Das klang wie eine Horde quiekender Mäuse in einer sehr großen Kirche. Gebt der Sache doch ein bisschen mehr Seele, Herrgottnochmal! Lasst es krachen!«

»Du bist sehr spät, Ifor«, sagte Mostyn mit schneidender Stimme. »Ein erbärmliches Vorbild.«

Ifor grinste. »Nun, ich hatte gerade sehr interessanten Besuch«, sagte er und sah sich erwartungsvoll um. »Ihr erratet nie, wer da war – die Jungs vom Chor aus Blaenau Ffestiniog! Sie haben mich gefragt, ob ich bei ihnen mitmache. Ist ein sehr guter Chor, wie ich höre. Erstklassig. Sie hoffen, die Goldmedaille zu gewinnen, und mit mir würden sie das garantiert schaffen, oder?«

Alle Farbe war aus Mostyns Gesicht gewichen. »Du denkst doch nicht im Ernst daran, gerade jetzt auszusteigen und zur Konkurrenz zu wechseln?«

»Schrei nicht so, Mostyn. Das ist nicht damenhaft«, sagte Ifor, immer noch grinsend. »Ich habe keinen Vertrag bei dir unterschrieben. Ich mache das hier aus reiner Menschenfreundlichkeit, und offen gesagt, habe ich inzwischen Bedenken. Schließlich habe ich einen Ruf zu verlieren. Ich will nicht, dass Ifor Llewellyn vor dem Publikum wie ein kompletter Idiot dasteht, verstehst du?«

»Das ist genau das verräterische Verhalten, das ich von dir erwartet habe«, schrie Mostyn. »Ich weiß nicht, warum ich jemals geglaubt habe, du hättest dich geändert. Du warst schon immer eine falsche Schlange. Nein, du lässt uns jetzt nicht im Stich. Generalprobe im Zelt, morgen, auf die Minute sieben Uhr, und ich erwarte, dass du pünktlich bist!«

Er stieß Ifor beiseite, stürmte hinaus und knallte die Tür hinter sich zu. Ifor sah in die verblüfften Gesichter und zuckte mit den Achseln. »Ich sollte es wirklich nicht tun, aber es ist zu verlockend«, sagte er. »Er bittet mich schließlich darum.«

»Wahnsinn!«, rief der junge Billy Hopkins, Charlies Enkel, als er aus dem Kleinbus kletterte und zum ersten Mal das Eisteddfod-Gelände sah. Evan teilte das Urteil. Auf dem Gelände, das normalerweise mehrere Sportplätze beherbergte, standen jetzt drei riesige Festzelte, das mittlere hatte die Ausmaße eines Zirkuszelts. Flankiert wurden sie von weiteren Zelten unterschiedlicher Größe, und an den Rändern waren Hunderte kleiner Buden aufgebaut, die alles Mögliche feilboten, von keltischem Schmuck bis zu kandierten Äpfeln. Überall herrschte geschäftiges Treiben. Zeltschnüre wurden gespannt und Holzgerüste zusammengebaut. Leute, beladen mit Spinnrädern, Blumengirlanden, Stoffballen, Bühnenrequisiten und Kisten voller Papierbecher, liefen umher. Ein junges Mädchen umklammerte wankend eine Harfe, die ebenso groß war wie sie selbst. Autos und Transporter rollten vorsichtig über das Gelände, und scheuchten Fußgänger hupend aus dem Weg. Es sah aus, als bereite sich eine Armee auf die Belagerung vor. Gekrönt war die Szenerie von der Fahne mit dem Roten Drachen von Wales, die auf dem höchsten Zeltpfosten wehte, und die Türme des Harlech Castle zeichneten sich scharf vor einem schwarzen Himmel ab.

»Ich habe nicht gewusst, dass es ... so ist «, murmelte Billy Hopkins Evan zu, der sich gerade aus der alten Karre von Pumpen-Roberts befreit hatte. »Ich meine, das hat schon was, oder?«

»Wo ist Austin-Mostyn?«, fragte Pumpen-Roberts und sah sich um.

»Er ist mit ein paar Schülern direkt von seiner Schule aus hergefahren«, antwortete Fleischer-Evans. »Sie sollten am Knabensopran-Wettbewerb teilnehmen, er hat gesagt, wir treffen uns hier.«

»Knabensopran, dafür hätten Sie sich auch melden können, Evan bach«, kicherte Charlie.

»Und wo ist Ifor?« Diesmal senkte Pumpen-Roberts die Stimme.

»Frag nicht«, brummte Feuerwehr-Barry. »Hoffen wir einfach, dass er bis sieben Uhr auftaucht, andernfalls werden wir nicht das Geringste von ihm hören.«

Mostyn kam geschäftig zu ihnen herüber. Er hielt seinen Taktstock umklammert und versuchte wichtig auszusehen. »Ah, hier seid ihr. Ich habe mich bereits umgesehen und weiß jetzt, in welchem Zelt wir singen werden. Lasst uns rübergehen, aber dass wir uns ja nicht verlieren. Man hat mir gesagt, dass der Zeitplan genau eingehalten wird.« Seine Worte überschlugen sich förmlich. Er marschierte zügig los, sodass der Rest des Chors laufen musste, um mitzuhalten.

»Seht mal, die vielen Übertragungswagen«, bemerkte Billy Hopkins, als sie vor dem größten Zelt zum Stehen kamen. »Glaubt ihr, dass meine Mom mich zu Hause sehen kann?«

»Es könnte sogar in der BBC kommen«, sagte Mostyn stolz. »Wo doch so ein berühmter Mann bei uns mitsingt.«

»Und wo ist er?« Milchmann-Evans sah sich nervös um.

»Er sagte, er kommt in seinem eigenen Wagen«, sagte Mostyn. »Verständlich. Du kannst nicht erwarten, dass eine Berühmtheit an Fahrgemeinschaften teilnimmt.«

Die Chormitglieder grinsten. Im Zelt ging derweil ein anderer Cor Meibion noch einmal sein Programm durch. Die Melodie von Men of Harlech wetteiferte mit Hörnerklängen und dem Gehämmer auf den Baugerüsten.

Mostyn warf einen prüfenden Blick auf seine Armbanduhr. »Ich hoffe, die wissen, dass sie die Bühne um sieben räumen müssen«, sagte er. »Unsere Probenzeit ist von sieben bis halb acht, und um Punkt sieben gehe ich da rein. Ich habe nicht vor, etwas von unserer Zeit zu opfern. Wollen wir hoffen, dass Ifor bald auftaucht.«

Als sie das große Zelt betraten, beendete der Chor seine Probe und kletterte von der Bühne. »Der Chor aus Ffestiniog«, bemerkte Mostyn mit einem verächtlichen Schnauben. »Wie ich sehe, konnten sie Ifor bis jetzt nicht überzeugen, bei ihnen mitzumachen.«

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    Rhys Bowen (Autor)

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Titel: Tod eines Tenors