Lade Inhalt...

Mauerblümchen küssen besser

von Caitlyn Young (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Gundi Funzel trägt am liebsten Latzhosen mit Farbflecken. In ihnen könnte sie stundenlang im Garten sitzen und ihren Tagträumen nachhängen. Dass sie anders ist als die meisten jungen Frauen – und dazu noch unglücklich –, hat sie schon lange gemerkt.
Als ihre ehemals beste Freundin Anne bei einem Autounfall tödlich verunglückt, öffnet das Gundi die Augen. Sie darf ihr Leben nicht weiter vergeuden und möchte etwas aus sich machen, nur wie? Da kommt ihr die zündende Idee: In den sozialen Medien erschafft sie sich selbst neu, und zwar als Sarah Sparks, eine sowohl privat als auch beruflich erfolgreiche Frau. Doch als sie sich in der virtuellen Welt in den Maler Ray Colby verliebt und dieser sich mit ihr treffen möchte, wird die Sache kompliziert ...

Impressum

DP_Logo_bronze_150_px

Erstausgabe März 2019

Copyright © 2019, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 978-3-96087-488-1
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-739-4

Covergestaltung: rauschgold Coverdesign
unter Verwendung von Motiven von
© Baranovskaya/Shutterstock.com und © Banana Oil/Shutterstock.com
Lektorat: Marie Weißdorn

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Unser gesamtes Verlagsprogramm findest du hier

Website

Folge uns, um immer als Erster informiert zu sein

Newsletter

Facebook

Twitter

Buecherregal_bronze_207_px

Teil 1
Kapitel eins

Als Teenager glaubte ich, den Tiefpunkt meines Lebens bereits erreicht zu haben. Die Pubertät hinterließ Spuren: Mein Hintern wuchs in die Breite, mein Haar wurde widerspenstig und seine blonde Farbe wich einem Aschblond, das ich nicht ausstehen konnte. Zu allem Überfluss bekam ich an meinem fünfzehnten Geburtstag eine feste Zahnspange, die mich noch mehr entstellte.

Ich war zwar die Beste in der Klasse, aber das brachte mir nur den Ruf der Streberin ein. Zu den beliebten Mädchen blickte ich auf, als seien sie Göttinnen. Judith Bronner war so eine Göttin. Ihr langes, glänzendes Haar fiel über die Stuhllehne in der ersten Reihe, während ich mich in der hintersten versteckte. Sie trug schon mit dreizehn erdbeerfarbenen Lipgloss und die Mädchen scharten sich in den Pausen um sie, während die Jungs sie aus der Ferne sehnsüchtig beäugten. Sie sah aus wie ein Topmodel und sprach über Dinge, die jeden interessierten. Von meinen Büchern und meinem Meerschweinchen, das sonderbar knurrte, wenn ich ihm den Bauch kraulte, wollte keiner etwas wissen.

In den nächsten zehn Jahren musste ich mich allerdings damit abfinden, dass der Tiefpunkt meiner Pubertät zu einer Tiefgeraden wurde, die sich immer weiter in die Länge zog. Das Übel wurde mir schon mit meinem Namen in die Wiege gelegt. So statuierte ich in meiner Gymnasialzeit folgendes Grundrecht: Jeder sollte einen Namen haben, den sie oder er mögen kann. Man wird unweigerlich mit ihm verbunden, wird mit ihm gerufen, schreibt ihn auf das Deckblatt jeder Klassenarbeit und unterschreibt mit ihm. Jeder Mensch muss mit seinem Namen zufrieden sein, Punkt!

Wenn ich mich bei meiner Mutter beschwerte, sagte sie lediglich, es sei doch „nur ein Name“. Sie als Mara hatte leicht reden. Ohne mit der Wimper zu zucken hätte ich mit ihr getauscht, zur Not auch mit einer Ursula oder Uta, auch wenn ich Namen mit U schon immer doof fand. Die Geschichte, wie mein Vorname ausgesucht wurde, machte die Sache nicht besser. Hätte meine Mutter ein Idol mit dem Vornamen Gundi gehabt, hätte ich ihre Wahl womöglich nachvollziehen können. Alles, was einen ideellen Hintergrund hatte, berührte mein Herz. Doch schuld an meinem Vornamen waren nur ein Zufall und das Vornamenbuch aus der Bücherei, welches von Mamas kugelrundem Bauch rutschte. Als sie es am nächsten Morgen aufhob, fand sie es bei den Mädchennamen mit G aufgeschlagen. Ihr Blick fiel auf Gundi, denn neben dem G befand sich ein kleiner brauner Fleck, und sie beschloss kurzerhand, mich Gundi zu nennen.

Wenn meine Mutter meinen Erzeuger geheiratet und seinen Namen angenommen hätte, hätte mein verunglückter Vorname eventuell durch den angenehm klingenden Nachnamen Lenz ein wenig an Bedeutung verloren. Gundi Lenz klang nach einer Künstlerin, vielleicht einer Literaturkoryphäe, die ich liebend gern gewesen wäre. Doch nein! Als ich bei Wikipedia nachsah, was ich tat, sobald ich lesen konnte, fand ich schnell heraus, dass mein Nachname mit nichts Schönem assoziiert werden konnte. Er steht für eine Lampe, die nur spärliches Licht spendet. Als Adjektiv verwendet bedeutet er klein und daher schlecht zu benutzen, leicht zerbrechlich oder umständlich in der Handhabung. Manchmal denke ich, dass die Bedeutung meines Nachnamens ironischerweise meinen Charakter recht gut beschreibt.

Dass wir in Stuttgart wohnten, machte alles noch einen Deut schlimmer. Im Schwäbischen steht mein Nachname für eine alte hässliche Frau. Die ich eines Tages bestimmt sein würde, aber noch war es nicht so weit! Mit meinen fünfundzwanzig Jahren wäre ich gern eine junge, selbstbewusste Frau gewesen, die eine große Zukunft vor sich hat. Warum ich immer nach den Sternen greifen müsse, wollte meine Mutter oft wissen. Vielleicht, weil sie es nie getan hatte. Aber das sagte ich ihr natürlich nicht.

Genug um den heißen Brei herumgeredet. Darf ich mich vorstellen, mein Name ist Gundi Funzel. Ja, ihr habt richtig gelesen, so lautet mein verfluchter Name und es tut mir weh, ihn so auf dem Papier lesen zu müssen. Doch was hilft es, man muss zu den Tatsachen stehen. Bis zu einem gewissen Grad machte ich meinen Namen auch dafür verantwortlich, dass ich an meinem fünfundzwanzigsten Geburtstag noch Jungfrau war …

Es war wieder einmal ein Jahr vergangen und wir versammelten uns in der Wohnung meiner Eltern, um zusammen zu feiern. Mein Bruder Timo war aus Frankfurt angereist, wo er bei einer Unternehmensberatung Karriere machte und mit Zahlen jonglierte, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt. Ich hatte schon Probleme, die Maschenzahlen bei Strickmustern auf meine Größe umzurechnen.

„Zum Geburtstag viel Glück, zum Geburtstag viel Glück …“ Mamas krächzende Stimme schwankte in der Tonhöhe, sie hatte noch nie singen können. Mit einem breiten Lächeln stand sie am Kopfende des Wohnzimmertisches und sah mich liebevoll an. Seit sich mein Vater noch vor meiner Geburt aus dem Staub gemacht hatte, bekam ich von ihr die doppelte Portion Liebe. Ihre graue, mit Mehlflecken übersäte Schürze warf Falten über ihrem flachen Brustkorb.

Mein Stiefvater, der zu meiner Rechten saß und ungeduldig abwechselnd auf die Schwarzwälder Kirschtorte und den Käsekuchen blickte, stimmte in den Gesang ein. Sein sonorer Bass verriet, dass er jahrelang im Kirchenchor gesungen hatte. Seine Stimme war das Einzige, was ich an ihm mochte.

Mein Bruder Timo gab keinen Mucks von sich, sondern drückte auf seinem Handy herum. Er trug sein obligatorisches rotes Poloshirt, das auf jedem Foto von Familienfesten zu sehen war, und für einen Augenblick kam es mir vor, als sei ich wieder ein kleines Kind. Es gab Bilder von jedem meiner Geburtstage, auf denen die Lichter der Kerzen flackerten und meine Augen erwartungsvoll leuchteten. Schon damals trug ich am liebsten Latzhosen. Nun saß ich hier, im Wohnzimmer meiner Eltern, das sich in den letzten Jahrzehnten kaum verändert hatte, und war bereit, meine Kerzen auszupusten. Mama hatte die alten Rollläden heruntergelassen und stemmte die Hände in die schmalen Hüften, um den großen Augenblick zu erwarten. An der beigen Wand hinter ihr hing ein Bild von einem Clown, das ich in der fünften Klasse gemalt und mit dem ich einen Preis gewonnen hatte.

Ich sog die Luft, die nach Kraut roch, in meine Lungen ein. Dann blies ich mit all meiner Kraft, schaffte es aber nicht, alle Flammen gleichzeitig zu löschen. Immerhin zierten inzwischen fünfundzwanzig Kerzen den Kuchen. Eine bleierne Beklommenheit schlich sich in meine Brust. Während meine Familie applaudierte und mein Stiefvater Malte die Kirschtorte anschnitt, machten sich meine Gedanken, wie so oft und ohne, dass ich es wollte, auf Wanderschaft zu einem früheren Geburtstag.

Als ich dreizehn geworden war, hatte es am späten Nachmittag unerwartet bei uns geklingelt. Mama schickte mich zur Tür, weil sie gerade Blumenbeete befüllte und bis zu den Ellenbogen in Erde steckte. „Aber schau bitte erst durch das Loch, bevor du die Tür öffnest!“ Mama war so vorsichtig, als wohnten wir in einer kriminellen Großstadt.

Der Blick durch das Guckloch zeigte Annes verzerrtes Gesicht mit den riesenhaften, dunkelbraunen Augen und den buschigen Brauen. Sie wohnte seit drei Monaten mit ihrer Mutter in der Wohnung über uns und war das einzige Mädchen, das meine Nähe zu suchen schien.

„Du bist jetzt ein Teenager!“, rief sie mit ihrer Stimme, die wie das Klingeln winziger Glocken klang. Dabei lächelte sie und entblößte ihre Zähne. Sie waren verfärbt und schief, ihre Mutter hatte kein Geld für eine Zahnspange. „Darfst du heute Abend mit mir in die Disko gehen?“

Mama sagte sofort, ich könne mit, wenn ich versprach, um zweiundzwanzig Uhr eine Textnachricht zu schicken, damit mein Stiefvater mich abholen konnte. Aber sie wollte Malte, der gerade im Fitnessstudio war, vorher fragen. Also vertröstete ich Anne.

Ich hasste es, wenn mein Stiefvater Teil jeder Gleichung wurde. Mama und Malte waren seit zwanzig Jahren verheiratet. Mit einem enormen Kugelbauch gab Mama ihm auf dem Standesamt das Jawort, während ich mit einem weißen Ringkissen danebenstand. Malte roch schon damals nach vergammelten Äpfeln. Er sprach nie viel mit mir, als wisse er nicht, was man zu einem kleinen Mädchen sagen solle. Also waren wir seither wie Luft füreinander.

„Hier, Gundi!“ Mamas Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Sie reichte mir ein kleines Päckchen, das in für Grundschulkinder passendes Geschenkpapier eingewickelt war. „Das ist von Malte und mir.“

Malte lud bereits das dritte Stück Kuchen auf seinen Teller.

Das Geschenk war zu klein, um ein Buch zu sein, dabei hatte ich mir das neueste von Paul Auster gewünscht. Vorsichtig begann ich, den Klebefilm mit Rautenmuster zu lösen. Mama war beim Geschenkeeinpacken eine wahre Künstlerin. Es kam eine schwarze Plastikschachtel zum Vorschein, darin lag eine Kette mit einem Anhänger in der Form eines vierblättrigen Klees. Die Blätter waren grün mit buntem Glitzer.

„Wie schön, danke!“, rief ich und hob das Schmuckstück hoch.

„Seit wann trägst du Schmuck?“, wollte Timo wissen und runzelte die Stirn. Dann klaute er die größte Kirsche der Torte aus ihrem Bett aus Schlagsahne.

„Wir dachten, dass du daran vielleicht Gefallen finden könntest.“ Mama klang fast, als wolle sie sich für das Geschenk entschuldigen. Ich wusste sofort, dass Malte es ausgesucht hatte. Er war Gymnasiallehrer und eine seiner Kolleginnen arbeitete nebenberuflich als Schmuckdesignerin. Ich war mir sicher, dass ich dieses Ding niemals umlegen würde.

Mama schaufelte eine Schnitte des Käsekuchens auf meinen Teller, ohne mich zu fragen. Anschließend goss sie eine Runde Kaffee nach und versuchte erfolglos, ein Gespräch in Gang zu bringen. Aber es war, wie meistens, aussichtslos. Timo hatte mehr Interesse an seinem Handy als an einem geistigen Austausch mit seiner Familie, die er schon allzu gut kannte, und Malte hüllte sich in das für ihn typische Schweigen, bei dem er den Blick starr geradeaus richtete. Es sah aus, als würde er mit offenen Augen schlafen. Ich fragte mich, ob er dabei über etwas nachdachte. Mama sagte, er sei ein besonnener, ruhiger Mann. Für mich war er ein Rätsel.

Um die familientypische Stille zu überbrücken, spielten wir im Anschluss an den Geburtstagskaffee Mensch ärgere dich nicht. Timo würfelte eine Sechs nach der anderen und warf mich in jeder zweiten Runde raus. Er gewann, seit ich denken konnte. Wenn er Timo hätte schmeißen können, übersah Malte es mit Absicht. Mich verschonte er nie. Ich sei die Ältere, sagte er erbost, wenn ich mich traute zu protestieren. Ich müsse das wegstecken können.

Nichts konnte ich wegstecken. Ich sah im Fernsehen und in Mamas Klatschzeitschriften all die vermeintlich glücklichen, zusammengestückelten Familien mit Kindern von verschiedenen Partnern und dem obligatorischen eigenen Alibi-Kind, das wenig später auch unter der Trennung der Eltern würde leiden müssen. Ich litt immer noch unter der Tatsache, dass meine leiblichen Eltern es nicht geschafft hatten, zusammen zu bleiben. Nun war ich niemand, der in Selbstmitleid versank, aber ich wusste, dass meine Kindheit von der Familienkonstellation überschattet war. Die wenigen Augenblicke, in denen ich es kurzzeitig vergessen konnte, waren die gemeinsamen Stunden mit Anne. Deren Mutter an meinem fünfundzwanzigsten Geburtstag eine Schreckensnachricht überbrachte.

Wir saßen noch am Kaffeetisch, als es an der Tür klingelte. Ein kindlicher Gedanke ließ mich glauben, es könnte Anne sein, die mit mir ausgehen wollte, wie damals mit dreizehn. Doch sie studierte inzwischen in Berlin, es war unwahrscheinlich, dass sie hier sein würde.

Die Stimme ihrer Mutter war gedämpft und ihr Sprachfluss abgehackt. Ich spähte in den Flur und sah, dass meine Mutter sie hereinbat. Frau Kling war die kleinste Frau, die ich kannte, sie trug gern grün und sah aus wie ein Elf. An jenem Nachmittag glich sie einer in sich zusammengesackten Greisin.

„Das ist ja schrecklich“, hörte ich Mama sagen. „Komm doch rein und trink einen Tee.“ Frau Kling folgte der Einladung und Mama zog die Küchentür zu.

Malte und Timo schalteten den Fernseher ein. Es lief ein scheinbar wichtiges Fußballspiel. Mit einer bangen Vorahnung und weil mich die Übertragung nicht im Geringsten interessierte, begab ich mich in mein vertrautes Jugendzimmer. Am Fenster hingen immer noch dieselben Stoffvorhänge mit bunten Flecken, die ich mit acht Jahren ausgesucht hatte. Die linke Wand war mit meinen Kinderzeichnungen tapeziert und auf dem Regal über dem Bett hockten meine früheren Kuscheltiere und warfen mir sehnsüchtige Blicke zu. Wenn die Zeit stehen bleiben konnte, dann in dieser Wohnung.

Ich legte mich auf mein Jugendbett, sah an die fleckige Decke und verschränkte die Arme unter meinem Kopf. Draußen stimmte ein Vogel ein Lied an. In mir herrschten Stille und eine Dunkelheit, die mich in den letzten Jahren zu oft heimgesucht hatte. Ich war fünfundzwanzig Jahre alt! Als Kind hätte ich mich für eine alte Frau gehalten. Trotzdem fühlte es sich so an, als habe sich nicht viel in mir verändert. Am liebsten hätte ich meine Latzhose aus Jeansstoff wieder angezogen, um mit Anne in ihrem Garten zu schaukeln. Anne und ich konnten damals stundenlang schaukeln. Mama fragte manchmal vorsichtig, ob wir nicht zu alt dafür seien. Ich verneinte, denn für mich war es mehr als nur ein sinnloses Vor- und Zurückschwingen. Es waren die friedlichsten Augenblicke, die ich mir vorstellen konnte. Irgendwie erinnerte meine liebste Latzhose mich immer daran, auch wenn die jetzige mit Farbflecken gesprenkelt war. Ich liebte es, Wände und Möbel zu bestreichen. Die Kommode in meinem Zimmer, die meiner Oma gehört hatte, war zurzeit grün. Zuvor war sie weiß, gelb und gelb-weiß gepunktet gewesen. Den Pinsel in Farbe zu tränken und mit parallelen Zügen das Holz zu bemalen, brachte mir eine warme innere Ruhe. Malte beschwerte sich jedes Mal, die ganze Wohnung stinke nach Farbe, er würde Kopfschmerzen bekommen.

Wenn mir danach war, trug ich Latzhosen sogar zur Arbeit, auch wenn ich dadurch fragende Blicke erntete. Bunte Turnschuhe, ein weißes T-Shirt und eine Latzhose waren für mich das perfekte Outfit für jeden Tag.

 „Schatz!“ Mama klopfte an. „Darf ich hereinkommen?“ Sie schob langsam die Tür auf und richtete ihren traurigen Blick auf mich. Ihre Augen, die ein wenig gerötet waren, sagten oft mehr als Worte. Sie setzte sich neben mich auf die Bettkante, ich setzte mich auf und sie legte ihre Finger um meine Unterarme. Das tat sie immer, wenn sie mit mir reden wollte. Als wolle sie mich festhalten, damit ich bei unserem Wortwechsel nur ihr gehörte. Sie brauchte diese körperliche Nähe, um die geistige aufzubauen.

„Es ist etwas Furchtbares passiert.“ Wir sahen uns an. Mama schluckte. „Anne hatte einen Unfall.“

Sofort stellte ich mir meine ehemals beste Freundin vor, wie sie mit geschlossenen Augen im Krankenwagen lag.

„Wie geht es ihr?“, fragte ich nervös, immer noch in Mamas Umklammerung gefangen.

Meine Mutter senkte den Blick. Eine Träne tropfte lautlos auf mein Bett, weitere folgten. Sie malten ein Punktemuster auf die grüne Tagesdecke.

Anne war am Gymnasium nicht nur meine beste Freundin gewesen, sondern die erste und einzige, die ich in meinem Leben hatte, diejenige, in deren Gegenwart ich ganz ich selbst sein konnte. Sie hatte nie etwas an meinen Latzhosen auszusetzen gehabt.

Ich befreite meine Rechte aus Mamas Griff und fasste ihr ans Kinn, um ihren Kopf sanft anzuheben. Ihre Augen waren mit einem Netz aus roten Adern überzogen und liefen über vor Tränen. Sie begann zu schluchzen, ließ meinen anderen Unterarm los und fiel mir um den Hals. So, wie ich es schon unzählige Male getan hatte, um mich bei ihr auszuheulen. Mamas Brustkorb bebte vor Schmerz und sie hatte Mühe, sich zu sammeln. Ich drückte sie an mich. Erst als sie sich ein bisschen beruhigt hatte, erklang ihre gedämpfte Stimme neben meinem Hals: „Sie ist tot.“

Kapitel zwei

Wenn jemand geht, kommt die schmerzliche Erinnerung zurück. Ich dachte jede Sekunde an Anne. In der U-Bahn, wenn ich in die Innenstadt zur Arbeit fuhr, während ich mit gesenktem Kopf die Königstraße entlangging, und sogar während ich die Drogeriemarktprodukte der Kunden über den Scanner zog. Normalerweise hatte ich ein Buch in dem Regal unter der Kasse versteckt und zog es hervor, wenn keine Kunden da waren und ich mich unbeobachtet fühlte. Die dicke Dana an der Kasse gegenüber lackierte ständig ihre Fingernägel. Sie blickte nur auf, wenn jemand zahlen wollte, mich beachtete sie ohnehin nicht. Die Menschen sahen durch mich hindurch, als sei ich gar nicht anwesend. Aber das war ich gewohnt. Maltes Abweisung hatte mich abgehärtet.

„Hast du das Foto gesehen, das Lea bei All of Us gepostet hat?“, fragte eine junge Frau mit rauer Stimme. Sie stand mit einer anderen vor dem Regal mit Haarfärbemitteln und sprach sehr laut.

„Nein, noch nicht, aber ich schau nachher gleich mal nach.“

„Sie hat eine neue Frisur, sieht toll aus. Ich finde, sie sieht ein bisschen aus wie Gwyneth Paltrow.“

Wer war Gwyneth Paltrow? Ich vermutete, es müsse sich um eine Schauspielerin handeln. Wir sahen wenig fern. Unsere Fernbedienung war seit Monaten verschollen und jedes Mal, wenn Mama die Glotze abstaubte, murmelte sie, dass wir sie im Grunde genommen gar nicht mehr brauchten. Sie und ich können unsere Liebesfilme auch auf dem Tablet anschauen, Malte korrigierte abends lieber Mathearbeiten oder pflanzte sich mit seinem Laptop auf unser Cord-Sofa. Mama schrieb oft Emails. Sie war fasziniert von der Tatsache, dass ihre Worte binnen Sekunden einen Empfänger erreichen konnten. Unser Familien-Computer stand auf einem hellen Tischchen, das wir auf einem Flohmarkt erstanden hatten, in der hintersten Ecke des Wohnzimmers. Es war noch einer der dicken Computer, kein moderner Flachbildschirm.

„Und Amanda, die macht richtig Karriere!“, rief die Frau mit der Kettensägen-Stimme und warf eine Packung Färbemittel in ihren Einkaufswagen.

Ich wollte weghören, konnte aber nicht. Diese Frauen lebten in einer anderen Welt. In der, die zählte und in die ich nie einen Fuß setzen könnte. Als habe mir jemand Fesseln angelegt, die mich für immer und ewig in der dunklen Wohnung im Süden der Stadt festhielten. Ich liebte meine Mutter über alles und sie war die beste Mama, die ich mir vorstellen konnte, aber es war nicht die Norm, mit fünfundzwanzig noch mit ihr unter einem Dach zu leben. Ich war wie ein Elefant im Zoo, angekettet und mit begrenztem Aktionsradius. Er starrt auf die Menschen, die dort vor dem Gehege stehen, der wirklichen Welt angehören und ihn genauso anstarren. Der Unterschied war nur, dass ich nicht einmal angestarrt wurde. Höchstens, weil jemand den Kopf über meine nicht vorhandene Frisur schüttelte oder meine Stummelbeine bemerkte – sie hatten gestreikt, als der Rest meines Körpers in die Höhe geschossen war, und betonten meinen zu dicken Hintern. Es gab keine Hose, in der mein Hinterteil vorteilhaft aussah. Egal, wie viel Elastan in dem Stoff verarbeitet war, wo die Taschen saßen oder welche formende Unterwäsche ich ausprobierte. Denn ich las die Werbung in Mamas Zeitschriften, die sich unter dem Sofatisch stapelten, weil ich mich auf eine sonderbare Weise für diese andere Welt, in die ich nie hineingefunden hatte, interessierte. Schubweise versuchte ich, meine Optik ein wenig aufzubessern, aber jeder Versuch scheiterte binnen kürzester Zeit. Also holte ich meine Latzhose aus dem Schrank und pfiff auf all das, was ich niemals sein würde: hübsch, beliebt, erfolgreich und glücklich.

„Also hören Sie, ich stehe hier schon seit mindestens zehn Minuten!“ Die alte Dame, die mich aus wässrig blauen Augen anstarrte, stand direkt vor mir und sprach ein so breites Schwäbisch, wie meine Oma es einst getan hatte. In ihrem Blick brannte die Ungeduld.

Mir blieben zunächst wie immer alle Worte im Hals stecken. Ich räusperte mich und setzte mich ein bisschen aufrechter hin. Dana grinste zu mir herüber und zuckte die Schultern, während sie ihre Finger mit den frisch lackierten, knallroten Nägeln von sich spreizte.

„Tut mir leid“, murmelte ich und zog die Inkontinenzeinlagen über den Scanner.

„Werden Sie jetzt auch noch unverschämt?“ Die Dame beugte sich ein wenig nach vorne.

Ich hielt kurz inne, bevor ich nach dem Vollkornmüsli griff. Blickkontakt hatte ich schon als Kind gemieden, aber jetzt schien er unvermeidbar.

„Das werde ich Ihrem Vorgesetzten melden!“ Die Nasenflügel der Frau blähten sich vor Empörung auf, als mir klar wurde, dass sie der Ansicht war, ich habe mich über ihre Blasenschwäche lustig gemacht.

„Das … war wirklich nicht so gemeint.“ Ich senkte den Blick erneut auf den vertrauten Scanner, der rhythmisch piepste, während ich die Feinstrümpfe, den Tee und die Bio-Kekse auf die andere Seite schob. Danas Blick brannte auf meiner Stirn. Freute es sie, dass ich wieder einmal ins Fettnäpfchen getreten war?

Als ich das Bio-Schokoladenpulver eingescannt hatte, ruhte mein Blick zunächst auf dem Warentrennstäbchen. Dahinter lag eine Packung Kondome, mehr nicht.

„Geht es noch langsamer?“ Der hagere junge Mann, der hinter der alten Frau stand, strich sich mit einer Hand durch die Haartolle oberhalb seiner Stirn. Obwohl ich es nicht wollte, starrte ich ihn an. Seine hellen Augen, die mit einer feinen schwarzen Kajal-Linie umrandet waren, huschten unruhig hin und her. Ob seine Freundin im Bett auf ihn wartete?

„Junge Frau, auch wenn ich alt bin, habe ich einen Tagesplan. Dürfte ich jetzt bitte zahlen?“, fragte die alte Dame etwas ruhiger.

„Sie können auch bei mir zahlen!“, rief Dana plötzlich und winkte freundlich lächelnd. Der Mann schnappte seine Kondome vom Band, schüttelte den Kopf und drehte mir den Rücken zu.

„Das macht achtunddreißig Euro und zwanzig Cent.“ Meine eigene Stimme überraschte mich. Sie klang zaghaft, beinahe verängstigt. Meinen dankbaren Blick fing Dana nicht auf, da sie schon mit der nächsten Kundin beschäftigt war.

Die alte Frau holte ihre Geldbörse hervor und kruschtelte umständlich darin herum. Dabei schob sie ihr Kinn nach vorne und senkte den Kopf, als wolle sie in das Fach mit dem Kleingeld hineinschlüpfen. Schließlich leerte sie alle Münzen vor mir aus und ich suchte mir zwanzig Cent heraus.

„Sie sind bestimmt neu hier, nicht wahr?“ Sie musterte mich so eindringlich und wohlwollend, wie es zuletzt die Tante im Kindergarten getan hatte. „Ich wollte Sie vorhin nicht so zurechtweisen“, setzte sie hinzu und versuchte zu lächeln. „Manchmal werde ich etwas ungeduldig. Vielleicht, weil meine Zeit ausgeht.“ Sie zauberte zwei Jutebeutel aus ihrer Handtasche und packte ihre Einkäufe ein. Ich wusste nicht, was ich darauf erwidern sollte, alle Worte blieben mir im Hals stecken. Also schluckte ich. Der Kloß war hart und trocken, und es war derselbe Kloß, den ich seit meiner frühen Kindheit mit mir herumtrug. Gedankenversunken sah ich der Frau hinterher, wie sie mit ihren schmalen Schultern und dem krummen Rücken durch die automatische Tür ging, links und rechts beladen, mit ihrem gekräuselten, blau schimmernden Haar. Sie hatte so recht! Unsere Tage waren gezählt. Die Uhr tickte seit der Sekunde, in der wir das Licht der Welt erblickt hatten. Wer wollte da seine Zeit an der Kasse eines Drogeriemarktes vergeuden, nur weil die Kassiererin eine verträumte, langsame Person war?

Noch bevor ich Dana für ihre Hilfe danken konnte, legte der nächste Kunde eine Ladung Windeln und Baby-Feuchttücher auf mein Band. Typ Hausmann, aber sehr attraktiv. Mein Blick war flüchtig, aber darin geübt, innerhalb kürzester Zeit so viele Details wie möglich festzuhalten. Dieser Mann strahlte Ruhe und ein Selbstbewusstsein aus, um das ich ihn beneidete. Sein Dreitagebart war rötlich braun und seine Baskenmütze saß gekonnt schräg auf dem länglichen Kopf. Mit einem vorsichtigen Lächeln zog ich seine Waren über den Scanner. Er zahlte mit EC-Karte, und als ich sie entgegennahm, berührten sich unsere Finger. Wie ein elektrischer Blitz durchfuhr es mich für den Bruchteil eines Augenblicks. War das die Wirkung einer zärtlichen Berührung? Diese war unbeabsichtigt und bedeutungslos, das war mir wohl bewusst, aber mein Körper war in Alarmbereitschaft. Die einzige körperliche Nähe, an die ich mich erinnern konnte, waren die Zeiten, in denen ich im Schoß meiner Mutter saß, um mich von einem Sturz oder einer Enttäuschung zu erholen. Ihre Umarmung war warm und wohltuend, ihre Nähe ein Nest, in dem ich mich wohlfühlte. Malte hatte mich in meinem Leben kaum berührt. Als sei ich eine giftige Kröte, von der man einen Ausschlag bekommt.

„Danke“, rief ich Dana kurz darauf zu, als sie aufstand und in die Mittagspause verschwinden wollte.

„Wofür?“ Der Ausdruck in ihren Augen war verständnislos. „Der Kunde ist König.“

Ich presste die Lippen zusammen. So war das also. Es war kein Gefallen gewesen, sondern reine Pflichterfüllung dem Einkaufenden gegenüber. Wieder musste ich schlucken. Wieso hatte ich nur gedacht, Dana könnte daran interessiert sein, mir zuliebe etwas zu tun?

Der Nachmittag zog sich in die Länge. Ohne Dana räumte ich in den ruhigen Minuten etwa hundert Schachteln Haarfärbemittel, zwanzig verschiedene Zahnpasten und jede Menge Binden, die am Morgen geliefert worden waren, in die frisch abgestaubten Regale ein. Zwischendurch las ich, vor allem, weil der Wachhund Dana mir nicht gegenübersaß. In meinem Buch fanden sich die Liebenden schließlich, nachdem sie alle Hindernisse überwunden hatten, um ein gemeinsames Leben zu beginnen. Zugegeben, es war ein wenig kitschig, aber es tat gut, für dreihundert Seiten in eine Person zu schlüpfen, die mehr Glück im Leben hatte als ich.

Um Punkt zwanzig Uhr schloss ich meine Kasse, steckte das Buch in die Brusttasche meiner Latzhose, verabschiedete mich von Miri, einer drahtigen Angestellten mit knallrotem Haar, und machte mich auf den Weg zur Straßenbahnhaltestelle. Über der Stadt lag ein dumpfer Schleier, es würde bestimmt bald wieder Feinstaubalarm geben. Trotzdem atmete ich tief durch, als täte ich es das erste Mal an diesem Tag. Ein Meer aus Menschen hatte sich über die Königstraße ergossen und ein Straßenmusikant spielte eine sehnsüchtige Melodie auf seiner akustischen Gitarre. Ich zog ein paar Münzen aus meiner Hosentasche und ließ sie in seinen Filzhut fallen. Er nickte nur stumm und ließ seine Finger weiter über das glatte Griffbrett gleiten, so sehr war er in der Melodie versunken. Klassische Musik lag mir auch, sie lief oft im Hintergrund, wenn ich Möbel oder Wände bemalte. Meine Mutter sagte, ich sei verrückt, mein Zimmer jedes Jahr mehrmals umzugestalten. Auch wenn ich ihr versicherte, es mache mir Spaß. An einem kalten Herbstnachmittag im letzten Jahr hatte ich sogar vorgeschlagen, die gesamte Wohnung neu zu streichen. Es war eines jener Wochenenden, die Mama in der Küche verbrachte, um eines von Maltes Lieblingsgerichten zu kochen, während mein Stiefvater im Wachkoma auf der Wohnzimmercouch saß. Alles, was er gern aß, war aufwendig und sehr kompliziert zu kochen.

„Ich habe eine Idee“, sagte ich kaum hörbar und knetete meine feuchten Hände nervös vor meinem Bauch. Malte reagierte erst gar nicht, als habe er nicht gehört, dass ich ins Wohnzimmer gekommen war. Sein dichtes, braunes Haar saß perfekt geschnitten auf seinem Kopf, der im Verhältnis zu seinem Körper viel zu klein war. Mama fragte ihn immer, wo so viel Hirn in ihm Platz hätte, und dann lachte Malte nur verlegen und tätschelte sie am Hinterkopf. So, wie er mich am Tag meiner Abiturfeier tätschelte, nachdem ich mit meinem 1,1‑Durchschnitt eine Sonderbelobigung des Rektors erhalten hatte. „Mach was draus, Gundi“, hatte Malte gesagt und mir die Hand auf die Schulter gelegt, nur ganz kurz, aber mit viel Druck, als wolle er sicherstellen, dass ich seine Worte ernst nahm. Hatte ich sie ernst genommen?

An diesem Tag drehte sich Malte nicht einmal zu mir um. Wenn er mich nicht bemerken wollte, tat er es einfach nicht. Also räusperte ich mich und trat so in seine Nähe, dass er mich auch in seinem komatösen Zustand hätte sehen müssen. Immer noch keine Reaktion. Erst als Mama lächelnd aus der Küche trat, um zu verkünden, dass wir in einer Viertelstunde essen konnten, drehte Malte den Kopf ein wenig zur Seite.

„Ich habe eine Idee, Malte“, wiederholte ich. Immer, wenn ich den Mund aufmachte, taumelten die Worte aus ihm heraus, als haben sie noch nicht laufen gelernt.

Malte wandte seinen Körper in meine Richtung und verschränkte die Arme vor der Brust. Dabei steckte er seine Hände unter die Achseln und sah aus, als habe er sich selbst eine Zwangsjacke angelegt. „Ich höre!“

Wenn Malte sprach, verstummte meine Mutter. Als müssten alle den weisen Worten lauschen, die der Oberlehrer nun von sich geben würde. Wieder kämpfte ich gegen den Kloß in meinem Hals an.

„Neulich habe ich mit Mama gesprochen und vorgeschlagen, ich könnte die Wohnung neu streichen.“ Der Kloß wuchs unweigerlich. Dass Malte zunächst nicht reagierte, machte die Situation nicht einfacher. Ich wünschte mir nichts sehnlicher als einige ermunternde Worte meiner Mutter, aber sie stand nur da, in ihrer grauen Schürze und den Filzpantoffeln, als habe sie nichts zu melden. Die Uhr an der Wand tickte laut. Bald würde der Kuckuck aus ihr herausspringen.

„Ich bin dagegen“, sagte Malte schließlich und zog seine Zwangsjacke noch ein Stück enger. Mehr sagte er nicht. Ich kämpfe gegen die Tränen an und gegen dieses Gefühl, das an Hass grenzte und mich zu zerfressen drohte. Mit hängenden Schultern verkroch ich mich in mein Zimmer. Als meine Mutter mich zum Abendessen holen wollte, blieb ich stur. Nachdem sie die Küche aufgeräumt hatte, brachte sie mir einen Teller mit Braten und selbstgemachtem Kartoffelbrei aufs Zimmer.

„Er glaubt, dass es im Herbst ungünstig ist“, sagte Mama und legte eine Hand auf meinen Arm. „Man kann nicht gut lüften.“

Sie setzte sich neben mich aufs Bett, während ich mein Abendessen in mich hineinschaufelte, obwohl es wie immer köstlich schmeckte.

„Außerdem glaubt er nicht, dass ihr denselben Geschmack habt“, fuhr sie fort und sah mich mitleidig an.

„Es war nur ein Vorschlag“, sagte ich noch mit vollem Mund, zog meinen Arm zu mir und bereute es, jemals gefragt zu haben.

Kapitel drei

Meine Mutter war so dünn, dass ich mich manchmal fragte, wieso ihr Körper nicht auseinanderfiel wie die Männchen, die Anne und ich als Teenager so gern aus Zweigen in ihrem Garten zusammengebunden hatten. Wir nannten sie die „Zweiglinge“. Wenn wir Lust hatten, nähten wir Kleider aus bunten Stoffresten für sie oder holten uns Wolle aus dem Strickkorb meiner Mutter, um etwas für sie anzufertigen, was bestimmt nicht der neuesten Mode entsprach.

Wenn ich also meine Mutter betrachtete, dann war ich mir sicher, dass der Teil meiner Gene, der für meine Statur verantwortlich war, nicht von ihr stammte. Auch ihre Eltern waren schlank gewesen. Meine Großmutter väterlicherseits wohnte an der Ostsee. Leider ließ der Kontakt zu ihr immer mehr nach, und meine Mutter sagte oft mit Nachdruck, ich könne mich glücklich schätzen, sie überhaupt gekannt zu haben. Sie hielt nicht viel von Oma Linda, obwohl sie nichts dafür konnte, dass ihr Sohn meine Mutter sitzengelassen hatte. Oma Linda bemühte sich, mich kennenzulernen, vielleicht gerade weil ihr Sohn uns im Stich gelassen hatte.

Je älter ich wurde, desto mehr Fragen keimten in mir. Als ich fünfzehn war, sagte meine Mutter klipp und klar, mein Vater sei ein Schwein gewesen, sie könne es nicht mehr länger beschönigen. Sei einfach so abgehauen, weil in sein Leben kein Baby hineinpasste. Und auch keine Ehefrau. Daraus schloss ich, dass Mama ihn gern geheiratet hätte, aber ich stellte keine weiteren Fragen.

Die Vorstellung, dass mein Vater so ein schlechter Mensch war, wurde mit der Zeit immer schmerzhafter. Ich wusste, dass meine Mutter die falsche Person war, um die Wahrheit herauszufinden, aber ich hatte nicht den Mut, es selbst in die Hand zu nehmen. Das einzige Bindeglied zwischen meinem Vater und mir war meine Oma Linda. Sie kam zu Besuch, als ich meinen sechsten Geburtstag feierte, und schenkte mir eine wunderschöne, gebundene Ausgabe von Harry Potter, die einen Ehrenplatz ganz oben auf meinem Bücherregal erhielt, umgeben von den Plüschtieren meiner Kindheit. Sie sagte immer, sie würde auch gern zaubern können. Die Welt sei so ungerecht, dass ein wenig Zauberei nicht schaden könne.

Die Tage mit Oma Linda waren besonders, weil sie so selten waren, und als Malte und Mama kurz vor meinem zwölften Geburtstag ein einziges Mal zuließen, dass ich mit dem Zug an die Ostsee fuhr, erlebte ich ein langes Frühlingswochenende, das ich niemals vergessen würde. Barfuß liefen wir am Strand entlang, ließen die Wellen an unseren Knöcheln lecken und blickten gemeinsam auf das weite Wasser hinaus. Ohne viel reden zu müssen, fühlte ich mich mit Oma Linda verbunden. Wenn ich nach ihrem Sohn fragte, wurden ihre Gesichtszüge starr und sie musste lange nach Worten suchen, um etwas dazu sagen zu können. Sie wiederholte, dass sie es auch nicht verstehen könne. Er sei immer ein in sich zurückgezogener Mensch gewesen, und sie schäme sich so sehr für das, was er meiner Mutter und mir angetan habe.

„Wenn er nur wüsste, was für eine wunderbare Tochter er hat!“ Sie zog mich zu sich heran. Ihr Atem roch nach herbem Früchtetee und ihr fleischiger Arm erinnerte mich an den frisch aufgegangenen Hefeteig, den Mama stundenlang für ihre Hefezopf-Spezialität knetete. Weil ich Oma Linda so liebhatte, konnte ich ihr dafür nicht böse sein, dass sie mir ihre Fülle vererbt hatte. Auch sie hatte extrem kurze Beine und jene Oberarme, die beim Winken bedächtig schaukelten.

Keiner wusste, wie oft ich an Oma Linda dachte. Wenn ich in meiner Erinnerung mit ihr zusammen war, fühlte ich mich besser. Es war zu einer Gewohnheit geworden, dass ich stundenlang bäuchlings auf meinem Bett liegen konnte, um meinen Gedanken nachzuhängen. Mama klapperte in der Küche mit dem Geschirr. Malte war entweder im Fitnessstudio, korrigierte Mathearbeiten oder versank in jenem mysteriösen Zustand, den ich mit Wachkoma betitelt hatte. Mama war mir deswegen böse, weil sie es für respektlos hielt, so über meinen Stiefvater zu reden. Manchmal war sie zu korrekt, was wiederum perfekt zu Malte passte. Ich musste zugeben, dass sie auf ihre sonderbare Weise ein harmonisches Paar waren, wenn sie am Sonntagnachmittag zusammen am Kaffeetisch saßen und ihre unbenutzten Servietten sauber zusammenlegten, um sie bei der nächsten Gelegenheit wieder zu benutzen.

Allein zu sein, war für mich nicht gleichbedeutend mit Einsamkeit. Trotzdem gab es Tage, an denen es mich traurig machte, in meinem ehemaligen Jugendzimmer zu hocken, während das Leben draußen weiterlief.

Vielleicht wartete ich gerade deshalb an meinem dreizehnten Geburtstag so ungeduldig auf Maltes Rückkehr aus dem Fitnessstudio, um mit Anne ausgehen zu dürfen. Der Gedanke, mit einer neuen Freundin zu zweit für ein paar Stunden etwas zu unternehmen, erfüllte meinen Bauch mit einem erwartungsvollen Zittern. Als Malte nach Hause kam, stellte er seine Straßenschuhe parallel unter die Garderobe und begutachtete einen Riss in einer der Bodenfliesen, dessen Entstehung er eine Woche später mir in die Schuhe schieben würde. Auf Maltes T-Shirt zeichnete sich ein Schweißmuster ab, das ironischerweise so aussah, als habe er Engelsflügel. Die erste Stunde nach einer Trainingseinheit erschien er mir immer entspannter als sonst. Seine schmalen, meist zusammengepressten Lippen lagen sorgloser aufeinander und er ballte nicht die ihm typische Malte-Faust, die ich seit meiner Kindheit an ihm beobachtete, ob er nun am Esstisch saß, auf der Couch oder am Schreibtisch. Sobald eine seiner Hände frei war, ballte er sie zu jener Faust, die aber nie jemandem etwas zuleide tat.

„Darf ich mit Anne in die Disko gehen?“ Ich stand verschüchtert im Wohnzimmer und senkte den Blick auf meine gelben Filz-Hausschuhe. Malte war immer noch damit beschäftigt, seine Sporttasche auszuräumen und ignorierte mich auf die ihm gewohnte Weise. Ich wünschte mir, Mama könne ein Wort für mich einlegen, aber sie war in der Küche beschäftigt und ohnehin der Meinung, ich solle selbst fragen, schließlich sei ich kein kleines Mädchen mehr.

Eine halbe Ewigkeit später und schon auf dem Weg ins Badezimmer fragte Malte: „Wer ist Anne?“

„Eine neue Nachbarin.“ Der Kloß baute sich auf.

„Bist du nicht zu jung für die Diskothek?“

Ich zuckte mit den Schultern. Gab es ein Regelalter, ab welchem man in die Diskothek gehen durfte?

Zu meinem Erstaunen erschien Mama im Türrahmen. „Es ist eine Kinderdisko, ich habe Frau Kling gefragt.“

„Wer ist Frau Kling?“

„Annes Mutter.“ Mama trocknete sich die Hände an einem Geschirrtuch ab, das aus der Tasche ihrer Schürze hing. Ich warf ihr einen dankbaren Blick zu.

„Ich bin dagegen, dass Gundi mit einem fremden Mädchen ausgeht. Vielleicht lernt ihr euch erst ein wenig besser kennen“, murmelte Malte und verschwand im Badezimmer.

Während das Wasser zu rauschen begann, ging ich in mein Zimmer. Der Kloß war so groß, dass mir das Schlucken schwerfiel. Ich hatte gerade mein Buch aufgeschlagen, da klopfte meine Mutter zaghaft an meine Zimmertür und schob sie langsam auf, ohne meine Reaktion abzuwarten. Sie setzte sich ans Fußende meines Bettes und legte ihre Hand auf mein Bein.

„Du wirst bestimmt noch mit Anne in die Disko gehen“, sagte sie und versuchte ihr Lächeln, das mich als kleines Kind ermuntern konnte, mir jetzt aber falsch vorkam.

Ich zog meine Beine zu mir, setzte mich auf und stützte mein Kinn auf die Knie. Meine Augen brannten. Wieso musste Malte sich immer einmischen? Ich war auf ihn und auch auf meine Mutter wütend, weil sie nie den Mund aufmachte. „Wieso wehrst du dich nie?“

„Gegen Malte?“

„Ja, dagegen, dass er immer das letzte Wort haben muss. Wer ist er denn?“

„Er ist im Grunde genommen dein Vater. Und dein Haupt-Ernährer.“

Ich verdrehte die Augen, ich konnte es nicht mehr hören. „Er ist mein Stiefvater!“

Meine Mutter verengte die Augen zu schmalen Schlitzen. „Vielleicht solltest du fünfmal um den Häuserblock joggen, damit du ein bisschen zu dir kommst.“

Das sagte sie immer, wenn ich rebellierte. Sie verstand nicht, dass ich gerade dann ich selbst war, wenn ich aussprach, was in mir vorging. Ich atmete tief durch. „Wieso kannst du das nicht entscheiden, du bist meine Mutter!“

„Weil Malte hier auch ein Wörtchen mitzureden hat.“

„Ein Wörtchen? Er bestimmt hier alles!“

„Ich habe keine Lust, mit ihm zu streiten.“ Mama senkte den Blick, als habe sie ein Geständnis abgelegt.

„Findest du es in Ordnung, wenn ich mit Anne in die Disko gehe?“, fragte ich leise und begann, an meinen Fingernägeln zu kauen. Eine schlechte Angewohnheit, die ich seit meiner frühen Kindheit und trotz zahlreicher Arztbesuche nicht ablegen konnte.

„Ich hätte nichts dagegen.“ Mama erhob sich wie in Zeitlupe. Ihre schmale Gestalt entfernte sich in Richtung Tür. „Aber nicht heute Abend.“

Wenigstens wurde mir erlaubt, zu Anne in die Wohnung zu gehen, um ihr Bescheid zu geben. Ihr Zuhause war gleich geschnitten wie unsere Mietwohnung, nur waren die Wände frisch gestrichen und der Boden mit bunten Fransenteppichen ausgelegt. In Annes Zimmer hingen ihre selbstgezeichneten Bilder und in einem Käfig in der Zimmerecke drehte ein dicker, wuscheliger Hamster seine Runden in einem Rad. „Als renne er um sein Leben!“, rief Anne lachend und deutete auf ihr Haustier.

Wir saßen über eine Stunde in Annes Zimmer. Ihre Mutter brachte uns Vollkornbrotschnitten mit Käse und Salami und einen großen Teller mit geschältem und mundgerecht geschnittenem Gemüse. Anne erzählte mir, ihr Vater sei Pilot gewesen und ihre Mutter sei Hausfrau. Früher sei sie Stewardess gewesen, aber das viele Reisen sei anstrengend gewesen. Das konnte ich gut nachvollziehen, auch wenn ich noch nie weiter als zur Ostsee verreist war.

Der nächste Tag war ein Sonntag und Anne und ich verabredeten uns schon nach dem Frühstück. Sie rief bei uns an und Malte reichte mir wortlos den Hörer. Mama und Malte gingen in die Kirche. Ab und zu wurde mir nahegelegt mitzugehen, doch an jenem Sonntag hatte ich Glück.

„Komm mit, ich zeig dir was!“ Anne schwang einen großen Schlüssel, der an einer Kordel hing. Wir mussten nur ein wenig die steile Straße hochlaufen, da kamen wir an ein Gartentor aus vermoderten Brettern, in dessen Schloss der Schlüssel passte. „Als Mama mir den Garten gezeigt hat, war der Umzug für mich halb so wild!“ erzählte Anne begeistert, stieß das Tor auf und deutete auf die Kirsch- und Apfelbäume, die oberhalb eines grünen Hanges standen. „Wir mieten den Garten, weil Mama gern Obst und Gemüse anbaut und will, dass ich viel draußen spielen kann.“

Anne rannte los, um sich auf eine Hollywoodschaukel zu setzen, die hinter den Obstbäumen auf einem gepflasterten Terrassenstück neben einem Gartenhäuschen stand. Der Garten war riesengroß und sehr gepflegt. Wir tranken Limonade aus Gläsern mit Deckel und einem Loch für Trinkhalme, aßen eine ganze Tüte Chips und legten uns auf den Rücken, verschränkten die Hände unter dem Kopf und sahen allerlei Figuren, welche die Wolken in den Himmel zeichneten.

„Vielleicht werde ich auch einmal Pilotin.“ Anne setzte sich auf und wickelte sich eine ihrer langen, schwarzen Haarsträhnen um den Finger. Ich mochte sie vom ersten Augenblick an sehr gern und wusste in dem Moment, dass sie meine beste Freundin sein würde. „Was möchtest du mal machen?“

Ich zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung.“

„Ich finde es wichtig, dass man sich überlegt, was man mal machen will. Es gibt so viele Möglichkeiten!“ Anne sah wieder in die Ferne, wo ein Flugzeug seine Kondensstreifen ins Blau malte. „Vielleicht werde ich auch Künstlerin. Ich kann ziemlich gut zeichnen.“

„Das habe ich gesehen, die Bilder in deinem Zimmer sind toll!“

Wir lachten zusammen und holten uns noch eine Limonade.

Bevor wir zum Mittagessen nach Hause gingen, holte Anne einen Block und zwei Bleistifte aus dem Schuppen und reichte mir einen davon. „Lass uns aufschreiben, was wir uns im Leben wünschen. Wie wir uns unsere Zukunft vorstellen. Dann vergraben wir die Zettel wie einen Schatz.“ Anne begann schon, etwas auf das Papier zu kritzeln. „Und in zehn Jahren graben wir sie wieder aus!“

Die Idee gefiel mir, auch wenn ich lange Zeit dasaß und auf meinen Zettel starrte, während meine Freundin schon lange fertig war und ihr Geheimnis in die leere Chips-Tüte stopfte. Sie wartete geduldig, und als auch ich mein Papier faltete und zu ihrem legte, rollte sie die Tüte fest zusammen, klebte ein Stück Klebefilm um das Bündel und wir gruben mit zwei Schaufeln ein tiefes Loch am Rande der Buschreihe, die den Garten vom nächsten Grundstück trennte. Nachdem wir die letzte Ladung Erde auf unser geheimes Versteck geschüttet hatten, hob Anne ihre Hand in die Höhe. „Gib mir fünf!“

Als ich mit fünfundzwanzig Jahren auf meinem Bett lag und an jenen Vormittag mit Anne dachte, kam es mir so vor, als hätten wir damals all unsere Träume begraben.

Kapitel vier

Die letzte Woche vor den Pfingstferien hatte begonnen und ich starrte auf den großen Ferienplan der Drogeriemarktkette, in der ich nun schon seit fünf Jahren arbeitete. Nach dem Abitur war ich in ein Loch gefallen. Meine große Liebe, ein Junge aus meinem Jahrgang, der aber nicht einmal ansatzweise den Verdacht hatte, ich könnte mich für ihn interessieren, zog zum Studium nach Hamburg und Anne erzählte voller Begeisterung von ihren Plänen in Berlin. Sie wollte Architektin werden und war von einer Vorfreude erfüllt, auf die ich unweigerlich neidisch war. Ich stagnierte bei meiner Mutter und meinem Stiefvater im Wohnzimmer mit den dunklen Vorhängen und dem Perserteppich, auf dem ich Laufen gelernt hatte.

„Wenn du noch ein wenig Zeit brauchst, dann nimm sie dir“, sagte meine Mutter und streichelte mir über die Wange.

Manchmal, wenn ich gedankenversunken hinter der Kasse saß und das Parfüm der jungen Frauen roch, die wohlfrisiert und schick gekleidet ihre Einwegrasierer erstanden, dachte ich, dass selbst ein Hauptschulabschluss gereicht hätte, um hier zu hocken. Wozu das Spitzen-Abiturzeugnis, das zwischen Zeichnungen und alten Fotos in meiner Schreibtischschublade vergammelte?

Wieder betrachtete ich den Juni, den Juli und den August auf dem Ferienplan. Die meisten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hatten schon ihre Urlaubstage blockiert, viele hatten Familie und lange vor Anbruch des Jahres Reisen gebucht. Ich war immer die Letzte, die sich eintrug, weil ich mich nicht entscheiden konnte, wann ich mir freinehmen sollte. Malte und Mama würden zwei Wochen Urlaub haben, da wollte ich nicht unbedingt zu Hause sein. Es hatte sogar schon Jahre gegeben, in denen ich Urlaubstage hatte verfallen lassen, weil ich es versäumt hatte, sie herauszusuchen.

Ich zwang mich, eine Woche Urlaub einzureichen, nämlich im Spätsommer, wenn die Schule wieder in vollem Gang sein würde und ich meine Ruhe hätte, wozu auch immer. Verreisen war nicht meine Leidenschaft, ich hatte noch nicht einmal einen Fuß in ein Flugzeug gesetzt. Mir reichten die gedanklichen Reisen, auf die ich mich mit meinen Protagonisten aus meinen Büchern machte.

Als ich am Spätnachmittag nach Hause kam, dudelte leise ein Schlager aus dem Radio im Wohnzimmer. Es lief den ganzen Tag Mamas Lieblingssender. Er wurde morgens an- und abends wieder ausgeschaltet, egal ob meine Mutter zu Hause war oder nicht. „Die Melodien sind schön“, verteidigte sie sich, wenn ich die Augen verdrehte und Malte ihr nahelegte, den Sender doch einmal zu wechseln, nur probeweise. Es war aussichtslos. Als Hausfrau hatte Mama mehr Freizeit als Malte. Sie sagte, sie brauche die Hintergrundmusik beim Kochen, Putzen und Aufräumen.

Mama war bestimmt beim Einkaufen und Malte im Fitnessstudio. Wie immer. Ich holte einen Stapel Zeitschriften, die Mama monatelang aufhob, unter dem Sofatisch hervor und begann darin zu blättern. Neben Werbung für straffende Hautpflege, Parfüm, filigranen Schmuck und Make-Up lachten mich wunderhübsche Frauen, von denen ich die meisten nicht einordnen konnte, herausfordernd aus Fotos an. Doch da fiel mein Blick auf eine sehr attraktive Frau, die ein bezauberndes Lächeln hatte. Ihr blondes, glänzendes Haar war raffiniert geschnitten, es fiel ihr glatt und leicht über die Schultern nach vorne und umrahmte ihr Gesicht. Es war vorne ein wenig länger als an den Seiten. Wie lange der Stylist daran gearbeitet haben mochte? Da las ich unter dem Bild ihren Namen: Gwyneth Paltrow. Das war sie also! Ich mussten der Frau recht geben, an der Frisur stimmte alles. Nicht nur an der Frisur, sondern an der ganzen Frau.

Ich blätterte um. Mit ihr sollte ich mich nicht messen. Es gab Artikel mit Titeln wie „Sex am Arbeitsplatz“, „Die zehn schönsten Urlaubsziele“, „Hilfe, ich liebe meinen Chef!“, „Fit für den Sommer“ oder „Mode aus Italien“. Mit Sex kannte ich mich nicht aus, schon gar nicht am Arbeitsplatz, allein wollte ich nicht verreisen, mein Chef war ein Kotzbrocken, fit war ich nicht, egal in welcher Jahreszeit, und Mode war nicht mein Thema, auch wenn mir die Hosenanzüge dieser gertenschlanken Models, deren Kniescheiben wie Metallplatten unter der Haut hervorstachen, gefielen. Ich betrachtete meine eigenen Knie. Sie waren anders. Eingebettet in weiches Fleisch, vermutlich handelte es sich um Fett. Unsere Waage im Badezimmer konfrontierte mich jedes Mal mit der Tatsache, dass ich zu fünfunddreißig Prozent aus Fett bestand. Was keine schöne Vorstellung war, also wog ich mich nur etwa einmal im Monat. Voller Hoffnung stellte ich meine Füße auf die glatte Fläche, die erfühlen konnte, dass ich es war. Mein Name tauchte auf dem Display auf: Gundi. Wie ich diesen Namen verabscheute! Und jedes Mal ging die Kurve nach oben, stetig hinauf, ohne Rücksicht auf meine Gefühle und obwohl ich jeden Tag einen Spaziergang in den Weinbergen machte und dabei meinen Blick in das Tal schweifen ließ. Meine Heimatstadt Stuttgart, würde ich jemals aus ihr herauskommen? Oder waren wir unweigerlich miteinander verbunden? Gab es da draußen einen Mann, der auf mich wartete? Wenn Bekannte oder Verwandte den Partner fürs Leben fanden, sagte meine Mutter immer, während Malte befürwortend nickte: „Jeder Topf findet seinen Deckel“, und dann rührte sie ihre Suppe weiter, in der die Fleischstücke zwischen Klößen dahintrieben. Anschließend knallte sie mit Nachdruck den Deckel auf den Topf und lächelte.

Ich legte die Frauenzeitschriften beiseite, holte mir einen Müsliriegel aus der Küche, schlüpfte mit Socken in meine Wandersandalen, nahm meine Schlüssel aus dem Kästchen neben der Tür und machte mich auf den Weg. Die Idee war mir schon vor drei Tagen gekommen und sie ließ mich nicht los. Zuerst überlegte ich, ob ich Frau Kling fragen sollte, aber dann beschloss ich, dass das keine gute Idee war. Es war eine Sache zwischen Anne und mir, ein Geheimnis zwischen besten Freundinnen, das niemanden etwas anging. Es würde schon keiner etwas dagegen haben.

Ich folgte der Straße bergauf. Mein Herz schlug schon in meinem Hals und ich keuchte, obwohl ich erst wenige Schritte getan hatte. Manchmal nimmt man sich im Leben etwas fest vor, vergisst es dann aber wieder. Weil einen die Zeit einlullt. Weil man abgelenkt wird oder schlicht und einfach weil man Gundi Funzel heißt und so planlos durchs Leben geht, als gebe es ohnehin nur einen einzigen Weg.

Über das Holztor konnte ich nicht steigen, es war zu hoch, doch der Drahtzaun daneben war an manchen Stellen verbogen und etwas niedriger. Ich trat in eine Drahtmasche und versuchte, meinen Körper hochzustemmen, aber ich war zu schwer. Also doch die leicht kriminelle Variante. Ich holte die Beißzange aus der Tasche meiner Latzhose und murmelte: „Tut mir leid, Frau Kling.“ Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass niemand in der Nähe war, eröffnete ich mir ein Loch im Zaun, das groß genug war, um auch meinen Hintern hindurchzulassen. Nachdem ich erfolgreich auf der anderen Seite des Zauns gelandet war, bog ich den Draht wieder so hin, dass meine Eintrittspforte kaum noch erkennbar war.

Ich atmete tief durch. Die Kirschen hingen wie dunkle Blutstropfen zwischen den Zweigen. Ein sanfter Wind bewegte die Blätter der Obstbäume und ich blickte zu der Zweierschaukel hinüber, die am Rand des Gartens stand, die Füße des Gestells immer noch in Plastikwannen mit Beton eingearbeitet. Frau Kling mochte es nicht, wie die Vormieter die Schaukel aufgestellt hatten, aber sie wollte auch nichts daran ändern. Wahrscheinlich war sie froh, dass Anne und ich hier unser Paradies gefunden hatten. Nach dem Tod ihres Mannes und der neuen Arbeitsstelle war sie laut Anne nicht mehr dieselbe Frau. Der Ernst hatte sie heimgesucht, sagte sie immer. Anne, die den Großteil des Tages mit Lachen verbrachte. Anne, die in jedem noch so kleinen Ereignis etwas Großes sah und die daran glaubte, dass jeder Mensch im Kern gut war. Warum hatte ihr Wesen nicht auf mich abgefärbt?

Ich schritt bedächtig zu der langgestreckten Hecke, als handele es sich um eine heilige Stätte. Der Himmel war von grauen Wolken überzogen. Anne und ich hatten es versäumt, unsere Chips-Tüte mit den geheimen Zetteln über die Zukunft auszugraben. Anne hatte ein neues Leben in Berlin, kam selten zu Besuch und wenn wir uns über den Weg liefen, war es nicht mehr so wie früher. Sie trug hautenge Jeanshosen und Schuhe mit schwindelerregend hohen Absätzen, einen modischen Kurzhaarschnitt und jede Menge Schminke im Gesicht. Je länger sie nicht mehr in Stuttgart war, desto fremder wurde sie mir. Die Zeit ist wie Schnee, der Schicht um Schicht eine Decke über die Landschaft legt, sodass man sie irgendwann kaum noch erkennen kann. Der Frühling, der das Eis schmelzen lässt, kam für Anne und mich nie. Und jetzt war sie unter der Erde begraben.

Tränen drängten in meine Augen. Wenn ich traurig wurde, verzerrte sich mein Gesicht, ich hatte es einmal im Spiegel beobachtet. Zuerst verzogen sich meine Lippen, dann meine Mundwinkel. Meine Augen quollen über, meine Stirn wurde runzlig und mein ganzes Gesicht sah aus, als habe die Hand eines Riesen es zusammengequetscht, um all die Tränen aus ihm herauszudrücken, die ich nun für Anne weinte.

Mit zitternden Händen ging ich zu dem unverschlossenen Geräteschuppen und holte eine große Schaufel hervor. Wo genau hatten wir unseren Schatz verbuddelt? Ich wusste es nicht mehr. Also begann ich irgendwo zu graben, verzweifelt und voller Entschlusskraft. Als das Loch etwa einen halben Meter tief war, beugte ich mich nach vorne und benutzte meine Hände, suchte nach den Kanten einer Chips-Tüte, fand aber nichts außer Regenwürmern. Ich setzte mich auf den Hosenboden. Unter meinen Fingernägeln hatte sich ein Dreckrand aus Erde gesammelt, meine Hände waren rot und trocken. Was tat ich hier? Was hatte es für einen Sinn, nach den Zetteln zu suchen? Was ich selbst darauf geschrieben hatte, wusste ich noch ungefähr, doch was hatte meine Freundin sich gewünscht? War es in Erfüllung gegangen?

Mit einem neuen Anflug von Entschlossenheit suchte ich weiter. Der Graben, der sich an der Hecke entlang auftat, wurde immer länger. Hoffentlich würde mich keiner sehen und die Psychiatrie benachrichtigen.

Nach etwa einer Stunde legte ich erneut eine Pause ein. Ich holte mir eine Flasche Limonade aus dem Schuppen und trank in hastigen Schlucken. Der süße Saft rann meine Kehle hinunter, vorbei an dem Kloß, der mit jeder Minute, die ich die Tüte nicht fand, wuchs. Hatte jemand anders sie ausgegraben? Oder gar Anne? Hatte sie sich daran erinnert und mir nichts davon erzählt?

Auf dem Nachbargrundstück bellte ein Hund. Ich machte mich wieder an die Arbeit, immer mit der Angst im Nacken, es könne jemand auftauchen.

Kurz vor siebzehn Uhr, als ich gerade mit dem Gedanken spielte, den Graben zuzuschütten und nach Hause zu gehen, stieß meine Schaufel endlich auf etwas Silbernes. Vorsichtig befreite ich die glänzende Tüte von der Erde, als grübe ich eine Schatztruhe aus, die den Verlauf meiner Zukunft für immer verändern würde. Sie war es! Unsere Tüte! Der Klebefilm hatte sich zwar gelöst, aber ansonsten sah sie noch gut aus. Mit bebenden Fingern hob ich sie hoch und begann sie aufzurollen.

Die Zettel lagen auf meiner Handinnenfläche, nebeneinander und sauber gefaltet, als hätten Anne und ich sie erst gestern hier versteckt. Ich legte sie für einen Augenblick ins Gras, um meine Hände an meiner Latzhose abzuputzen. Dann entfaltete ich den ersten, von dem ich nicht wissen konnte, wem er gehört hatte, denn sie sahen identisch aus. Sachte und volle Ehrfurcht öffnete ich den ersten Zettel, der in meiner Handschrift geschrieben war. Ich schluckte und las.

Ich wünsche mir, dass ich glücklich werde. Dass ich einen netten Mann kennenlerne, mit dem ich Kinder haben werde, vielleicht sogar drei. Und dass mein Vater zu meiner Hochzeit kommt, damit ich ihm sagen kann, dass ich ihn sehr lieb habe.

Ich ließ die Hand mit dem Zettel sinken. Meine Kehle schnürte sich zu.

Hastig nahm ich Annes Zettel zur Hand. Mein Atem ging flach und mein Herz trommelte gegen meine Brust, als wolle es mich daran erinnern, dass ich noch am Leben war. Anne hatte keine Sätze formuliert, sondern nur Spiegelstriche gemacht.

Ich wünsche mir für meine Zukunft:

- Gesundheit

- Glück

- dass meine Mama wieder glücklich wird

- dass Gundi für immer meine beste Freundin bleibt

- und dass ich im Himmel meinen Papa wiedersehen kann

Heiße Tränen liefen über meine glühenden Wangen und ich ließ die Zettel aus meinen Händen gleiten. Sie fielen lautlos in das saftig grüne Gras und starrten mich an. Es war, als erwache jedes Wort zum Leben, um vor meinen Augen herumzutanzen, um mich wachzurütteln, um mir zu sagen, dass ich endlich anfangen sollte zu leben. Doch was war Glück? Wovon hing es ab? War es für jeden gleich? Und vor allem, wo konnte ich es finden?

Kapitel fünf

Meine Gefühle bohrten in mir, wie riesengroße Würmer, die meine Eingeweide zerfressen wollten. Das Schlimmste war, dass ich sie mit niemandem teilen konnte. Da ich nur an drei Tagen in der Woche in der Drogerie arbeitete, verbrachte ich viel Zeit in der Wohnung. Egal, was ich tat, nichts war wichtig genug, um mich davon abzulenken, dass ich versagt hatte. Nichts schien mehr eine Bedeutung zu haben, nicht einmal mehr die Debatte darüber, ob ich die Wohnung neu streichen durfte.

Annes Leben hatte ein jähes Ende gefunden. Keiner wusste, wann es für ihn so weit war, und trotzdem lebte man in den Tag hinein, als spiele es keine Rolle! In mir keimte die Gewissheit, dass jeder Augenblick von Bedeutung war, dass jeder Sonnenuntergang, den wir verpassten, eine schöne Erinnerung weniger war, die wir sammeln konnten, um irgendwann einmal auf ein erfülltes Leben zurückblicken zu können. Eines Nachts beschlich mich das dunkle Gefühl, dass ich gern mit Anne getauscht hätte. Dass sie es war, die ihr Leben hätte weiterführen sollen. Sie war in Berlin aufgeblüht, während ich hier in Stuttgart verwelkte wie eine Blume, die keiner goss. Ich konnte mir gut vorstellen, in einem kalten Sarg zu liegen, im Dunkel und in Ruhe, womöglich würde mein Kopf dann aufhören, mir all die Fragen zu stellen. Zu meiner Beerdigung würde vielleicht sogar ein adrett gekleideter Mann mit zu kurzen Beinen erscheinen, dem eine einzige Träne über die Wange rinnen würde. Gerrit Lenz würde bereuen, dass er seine Familie im Stich gelassen hatte. Er würde sich wünschen, die Zeit zurückdrehen zu können, so wie Mama und ich manchmal die Liebesfilme vier- oder fünfmal zurückspulten, um die schönsten Kuss-Szenen noch einmal anzuschauen. Es machte mir Angst, dass ich solche Gedanken hatte. Obwohl ich meinen Vater nicht kannte und nicht verstehen konnte, hegte ich Gefühle für ihn, die an Liebe grenzten. Das meiste, was ich über ihn wusste, stammte von Oma Linda, die vor fünf Jahren verstorben war. Malte hatte es nicht für nötig gehalten, dass wir zum Begräbnis an die Ostsee fuhren. „Man muss mit der Vergangenheit abschließen“, sagte er lediglich und verschwand im Schlafzimmer. Für ihn hieß das, dass man über unangenehme Themen einfach nicht sprach. Ich war überzeugt, dass man die Vergangenheit nur dann bewältigen konnte, wenn man sich mit ihr auseinandersetzte, aber mit der Zeit hatte ich die Widerworte aufgegeben.

Den meisten Schaden hatte Malte für mich an jenem Tag angerichtet, an dem ich angeblich den Riss in der Bodenfliese verursachte. Ich war am Abend zuvor einfach mit Anne abgehauen. Sie schwärmte mir von der Jugend-Disko vor, die in einer alten Fabrikhalle stattfand und auf der wir viel Spaß haben würden. Also steckte ich meinen Schlüssel in die Hosentasche und verließ die Wohnung, ohne ein Wort zu sagen. Auf meinem Schreibtisch ließ ich einen Zettel liegen, auf dem stand: Bin mit Anne unterwegs, keine Sorge!

Natürlich wusste ich, dass sich zumindest meine Mutter Sorgen machen würde, aber das musste ich in Kauf nehmen. Anne war überglücklich und etwas verwundert, dass ich auf einmal mitdurfte. Ich log mit hinter dem Rücken überkreuzten Fingern und lächelte ihrer Mutter zu, als sie uns viel Spaß wünschte.

Die Disko bestand aus einem einzigen, weitläufigen Raum, in dessen hinterem Teil sich eine Bar befand, an der ein Jugendlicher mit langen, blau gesträhnten Haaren alkoholfreie Cocktails mixte. Die Musik war so laut, dass sie in meiner Brust hämmerte. Anne begab sich sofort auf das Tanzparkett und bewegte sich gekonnt zu den mir fremden Rhythmen. Sie winkte mir zu, doch ich schüttelte nervös den Kopf. Stattdessen stellte ich mich an den Rand und lehnte mich gegen die kalte Mauer. Ab und zu stieg Kunstnebel auf und die Lichter flackerten wie bei einem Sommergewitter. Die Tanzfläche wurde immer voller. Ein besonders großgewachsener, hagerer Jugendlicher zuckte, als habe ihm jemand einen Elektroschock verpasst. Ein Mädchen, das ein langes, schwarzes Kleid trug, hatte die Augen geschlossen und wogte mit ihrem Körper hin und her, als gleite sie über Wellen.

Während ich zu begreifen versuchte, was an dieser Disko so gut war, musste ich an Tante Linda denken, vielleicht wegen der Lichtblitze und der Gedanken an Wellen. Ich sehnte mich danach, mit ihr zusammen an der Ostseeküste zu sein, nur sie und ich. In dieser Menschenmasse fühlte ich mich einsamer als je zuvor. Anne war von dem Meer aus Menschen verschluckt worden und kam erst viel später zu mir, um nach mir zu sehen. Als ich ihr erklärte, ich wolle nicht tanzen, zuckte sie mit den Schultern und verschwand wieder. Sie schien Freude daran zu haben, aber ich konnte mich nicht dazu überwinden. Also holte ich mir ein Glas Diät-Cola und lehnte mich wieder an die Steinmauer, um dem Treiben zuzusehen. Wieder begannen meine Gedanken mich fortzutragen. Es war sonderbar, ich konnte schon immer physisch und psychisch an zwei komplett unterschiedlichen Orten sein und es war für mich das Normalste auf der Welt!

Tante Linda nahm meine Hand, während unsere nackten Sohlen den weichen Sand unter sich spürten.

„Ich bin so froh, dass du zu Besuch gekommen bist!“ Sie legte einen Arm um mich. „Du bist ein wunderbares Mädchen.“

Bevor wir ihre Wohnung in einem Komplex aus rotem Backstein erreichten, öffnete der Himmel all seine Schleusen und ein warmer Sommerregen prasselte auf uns hernieder. Oma Linda lachte laut und wollte mir ihre rote Strickjacke über den Kopf legen, doch ich schob ihre Hand beiseite und rannte stattdessen am Strand entlang, um die Tropfen, die sanft auf mir landeten und zärtlich an mir herunterliefen, auf meiner Haut zu spüren. Es war einer jener magischen Augenblicke, die ich niemals vergessen würde, und die ich allesamt in meiner Erinnerung pflegte, damit sie niemals verblassten. Und wenn es wahr ist, dass vor dem Tod ein Film des Lebens mit den bedeutsamen Augenblicken vor dem geistigen Auge abläuft, dann wird es bei mir eine Sequenz geben, in der ich den zärtlichen Sommerregen zusammen mit meiner Großmutter genieße.

„Komm, wir gehen!“, riss Annes helle Stimme mich aus meiner Träumerei.

Ein Blick auf meine Armbanduhr verriet mir, dass es schon zehn Uhr war.

„Hat es dir nicht gefallen?“, wollte Anne wissen, während wir zur Bahn liefen. Neben einem Blumenbeet lagen schöne, rötliche Steine, von denen ich mir zwei in die weiten Taschen meiner Stoffhose stopfte, um sie später mit Acryl-Farbe zu bemalen. „Familie“ würde ich mit bunten Buchstaben auf den einen schreiben und „Funzel“ auf den anderen. Malte hieß natürlich nicht Funzel, sondern Möller. Mama hatte seinen Namen bei der Heirat aus mir unerklärlichen Gründen nicht angenommen. Manchmal redete ich mir ein, sie habe aus Solidarität mit mir so entschieden.

„Gundi?“ Anne blickte mich fragend an.

„Ich schätze, ich kann nicht tanzen“, antwortete ich und zuckte mit den Schultern.

„Das muss man nicht können!“ Anne lächelte mich an. „Ich mag die Kinderdisko, weil ich mich dort entspannen kann. Tanzen in der Disko ist nicht schwer, wir können es mal bei mir zu Hause zusammen üben.“

Ich erwiderte nichts. Vielleicht war das mein Problem, dass ich mich, wenn überhaupt, nur in meinen Gedanken entspannen konnte.

Schon als ich den Schlüssel im Schloss drehte, hörte ich Maltes entschlossene Schritte im Wohnzimmer. Als er mit hochrotem Kopf vor mir aufragte, kam mir der Gedanke, er könne mir eine Ohrfeige verpassen, doch er tat es nicht. Mama stand dicht hinter ihm, als wolle sie sich in seinem nicht vorhandenen Schatten verstecken.

„Wo warst du und wieso hast du nicht gesagt, dass du weggehst?“ Maltes Stimme war laut und kalt. Meine Mutter hatte ihre Schultern hochgezogen, wie immer, wenn sie nervös war.

„Wir haben uns solche Sorgen gemacht!“ Mama trat einen Schritt nach vorne und legte besänftigend eine Hand um Maltes Arm. „Frau Kling war nicht in der Wohnung, wir konnten nicht einmal sie fragen.“

„Ich war mit Anne in der Disko.“ Ich war erstaunt, wie fest meine Stimme klang.

„Das war nicht in Ordnung. Du hast eine Woche Zimmerarrest“, donnerte Malte und eine Ader an seiner Stirn schwoll ein wenig an, als wolle sie aus ihm herausplatzen. Dabei ballte er beide Hände zu harten Fäusten.

Plötzlich packte mich eine unbändige Wut, die sich seit dem Beginn der Pubertät ab und zu bei mir meldete. „Du hast mir hier nichts zu sagen!“, schrie ich ihm ins Gesicht.

Mutter erbleichte und ließ ihre Hand sinken. In ihren Augen las ich, dass sie Angst hatte. Ihr Lippen wollten Worte formen, doch sie starben, noch bevor sie ihren Mund verlassen konnten.

„Junges Fräulein“, setzte Malte an. „Diesen Ton möchte ich hier nicht hören!“

„Mir ist es langsam egal, was du willst oder nicht!“ Mein Gesicht wurde heiß, als brenne ein Feuer in meinem Kopf. „Ich habe endlich eine Freundin gefunden, und da stellst du mir keine Steine in den Weg!“ Ich steckte meine Hände in die Hosentaschen und umklammerte die Steine.

Malte schien zu überlegen. Er sagte nichts. Die Zeit stand still. Doch die Wanduhr tickte weiter. Noch war es nicht Zeit für den Kuckuck.

„Ich habe dir hier sehr wohl was zu sagen, junges Fräulein.“

Ich hasste es, wenn Malte mich so anredete, und das wusste er vermutlich ganz genau.

„Du bist nicht mein Vater!“, zischte ich und presste die Steine mit aller Kraft zusammen, um meinen Frust an ihnen auszulassen.

Meine Mutter seufzte verhalten.

„Wenn das mit der Disziplin nicht klappt, junges Fräulein, dann müssen wir uns was anderes überlegen. Deine Aufmüpfigkeit in letzter Zeit sorgt in der Familie für viel Stress.“

Was interessierte mich das? Ich hatte auch genug Stress. In der Schule wurde ich von den anderen Schülern nicht ernst genommen, im Sportunterricht war ich beim Dauerlauf diejenige, die nach zwei Runden in sich zusammensackte und ausgelacht wurde, und meine große Liebe würdigte mich nicht einmal eines Blickes.

„Vielleicht kannst du mit dem Stress einfach nicht gut umgehen“, platzte es aus mir heraus, ohne dass ich es gewollt hätte.

Maltes Blick war von Empörung erfüllt. Er sah mir genau ins Gesicht, aber nicht in die Augen, sondern auf meine Nasenwurzel, als könne er mit seinem Blick mein Hirn durchbohren und meine Aufmüpfigkeit aus ihm heraussezieren. Dann sagte er etwas, das er so bestimmt nicht sagen wollte. Er, Malte Möller, der ohnehin nicht gern sprach und all seine Worte so bedacht wählte, sagte einen einzigen Satz, der mein Hirn zum Überkochen brachte.

„Zum Glück bin ich nicht dein Vater.“

Mit diesen Worten drehte er mir den Rücken zu und ich hatte für den Bruchteil einer Sekunde das Bedürfnis, ihm einen der Steine an den Schädel zu werfen. Das Verlangen verschwand genauso schnell, wie es gekommen war, doch trotzdem zog ich meine Hand aus der Hosentasche, um den Stein mit aller Wucht auf den Fliesenboden zu donnern. Meine Mutter ging Malte hinterher und ich rannte in mein Zimmer, knallte die Tür zu und warf mich bäuchlings auf mein Bett, wo ich mein Deko-Kissen nass heulte.

An jenem Abend kam meine Mutter nicht mehr zu mir ins Zimmer, sondern blieb, nachdem ich Gute Nacht gesagt hatte, mit Malte auf dem Sofa sitzen. Sie hielten sich an der Hand und sahen fern, während ich wieder in mein Schlafzimmer schlich und mich betrogen fühlte.

Kapitel sechs

Am Tag von Annes Beerdigung war der Frühlingshimmel bedeckt. Die Wolken hingen in ihren vielen Grauschattierungen und grotesken Formen tief am Himmel, als wollten sie die Erde berühren. Die Wolkenmasse war eine Decke aus Blei. Als mein Wecker um acht Uhr klingelte, schmerzten meine Kiefergelenke und mein Magen fühlte sich an, als habe man ihn ausgepumpt. Timos Magen wurde einmal ausgepumpt, weil er sich als Kleinkind entschieden hatte, das Putzmittel in der bunten Verpackung zu kosten. Mama vergaß an dem Tag, mich aus dem Kindergarten abzuholen. Danach war ich eine Woche lang sauer auf Timo, der seit dem Tag, an dem er mit blassen Wangen aus dem Krankenhaus wiederkam, nie wieder bei irgendeinem Gesellschaftsspiel verlor.

Mama klopfte leise an die Tür. „Wir müssen um halb neun los, bist du schon wach?“

Müde setzte ich mich in meinem Bett auf, begutachtete meine Finger, deren fleischige Kuppen so unansehnlich waren, dass ich niemals Nagellack auftrug, und rief meiner Mutter zu, ich sei gleich fertig. Schnell sprenkelte ich mir ein wenig kaltes Wasser ins Gesicht, putzte meine Zähne, ohne vorher zu frühstücken, da ich seit Tagen keinen Appetit mehr hatte, und zog die Wäscheschublade meiner Kommode auf. Ich würde sie Blau, Grün und Türkis streichen und an die andere Wand stellen, beschloss ich. Diesmal würden es Streifen in unterschiedlicher Dicke werden, die auf den Schubladenfronten quer, auf der Kommode selbst jedoch senkrecht verlaufen würden. Es würde toll aussehen!

Mein Blick fiel auf die magere Auswahl an Unterhosen, es war Zeit für eine Ladung Wäsche. Zwar gefielen mir die Spitzen-BHs und Slips in der Werbung, aber an mir konnte ich sie mir nicht vorstellen. Am Vortag hatte ich mir für den Anlass eine schwarze, blickdichte Strumpfhose im Drogeriemarkt gekauft, die ich umständlich über meine plumpen Beine stülpte. Das Problem war altbekannt: Bei der Größe, die auf meinen Hintern passte, waren die Beine viel zu lang und ich wusste nicht, wohin ich die tausend Falten schieben sollte. Ich lagerte sie irgendwo zwischen Po-Ansatz und Kniekehle, verteilte sie so gut es ging, damit es sich nicht zu unangenehm anfühlte, und schlüpfte in meinen schwarzen Rock mit Elastikbund, den ich mir vor einigen Jahren für Feste gekauft hatte, zu denen ich aber nie ging. Mein Leben bot kaum Anlass für Feierlichkeiten. Heute fand eine Trauerfeier statt. Das Wort machte von vornherein keinen Sinn, es war ein Widerspruch in sich.

Das einzige Oberteil, das passend war, war ein Baumwoll-Stretch-Top mit Ärmeln, die kurz unter meine Ellenbogen reichten und meine teigigen Oberarme ein bisschen in Form brachten. Leider war der Ausschnitt so tief, dass die Spalte zwischen meinen Brüsten sehr zur Geltung kam. Also wickelte ich mir einen breiten schwarzen Chiffon-Schal so oft um den Hals, bis der Stoff nicht mehr allzu durchsichtig war.

„Bist du bereit?“, fragte Mama, als ich nach unten kam. Sie hatte sich geschminkt, doch ihr Mascara war ein wenig verschmiert und der rosarote Lippenstift zu aufdringlich. Malte konnte nicht mit, weil er eine wichtige Lehrerkonferenz hatte. In ihrem schwarzen Etuikleid wirkte meine Mutter noch filigraner als sonst.

„Dann wollen wir mal“, sagte sie, seufzte und legte mir einen Arm um die Schulter, als wir die Wohnung verließen, um zu Annes Beerdigung zu gehen.

Am Rand eines weitläufigen Friedhofs, neben einer hohen Steinmauer und zwischen mit Blumen geschmückten Gräbern trafen wir auf eine Menschenmenge, deren Größe mich erstaunte. Frau Kling, die zu ihrem schwarzen, bodenlangen Kleid, das anderen Frauen wahrscheinlich bis zu den Knien gereicht hätte, einen Hut mit breiter Krempe trug, umarmte meine Mutter und mich, während sie in Tränen ausbrach.

„Und dabei schlucke ich seit vorgestern Beruhigungsmittel“, flüsterte sie und drückte mich noch ein bisschen fester. „Danke, dass ihr gekommen seid.“

Frau Kling stellte uns einem gutaussehenden, jungen Mann vor, der mit versteinerter Miene in einer Schar junger Frauen stand, von denen die meisten auf der Frontseite einer Modezeitschrift hätten erscheinen können.

„Darf ich euch Henning vorstellen, er war Annes Verlobter.“

Dass Anne verlobt war, davon hatte ich gehört. Henning schüttelte uns die Hände und presste die Lippen zusammen.

„Unser aufrichtiges Beileid“, sagte meine Mutter für uns beide und machte die Runde. Ich folgte ihr, als sei ich ihr Schatten. Wir kannten außer einigen Nachbarn fast niemanden, die meisten Gäste mussten aus Berlin angereist sein.

Ohne die leiseste Ahnung, was ich sagen könnte, stellte ich mich in die hinterste Reihe neben Mama und beobachtete die Zeremonie. Annes Sarg wurde in das Erdloch gelassen, während der Pfarrer von der Liebe Gottes und vom ewigen Leben sprach. Es fiel mir schwer, mich auf seine Worte zu konzentrieren. In Gedanken saß ich mit Anne auf der Schaukel, bemalte mit ihr zusammen die Wand in ihrem Zimmer mit Fischen oder schlotze unser Lieblingseis beim Italiener, und mir wurde bewusst, dass ich die Anne, die hier begraben wurde, gar nicht mehr kannte. Machte es einen Unterschied? Der Kloß in meiner Kehle wuchs stetig und ich ließ die Tränen meine Wangen hinunterrollen. Was war nur los mit mir? Die minimalen Veränderungen, die ich seit meiner Jugend durchlaufen hatte, kamen mir unbedeutend vor. Ich trat auf der Stelle, als habe man mir eine Leine angelegt. Oder hatte ich sie mir selbst umgebunden, weil ich zu feige für das echte Leben war?

Die Trauergemeinde stimmte ein Lied an. Wenn Malte hier gewesen wäre, hätte er alle übertönt. Meine Lippen bewegten sich stumm, es drang kein Laut aus meiner Kehle. Als wir anschließend das Vaterunser beteten, senkte ich den Kopf, schloss die Augen und fragte mich, ob Anne nun bei ihrem Vater sein konnte.

Frau Kling, Henning, drei beste Freundinnen aus Berlin, meine Mutter und ich gingen zusammen zum Mittagessen in ein Restaurant, obwohl wir beide keine große Lust dazu hatten. Wir fühlten uns Frau Kling gegenüber verpflichtet, die zwar wortkarg war, aber Wert darauf zu legen schien, dass wir ihr Gesellschaft leisteten. Neben mir saß eine schlanke Rothaarige, deren Dekolleté glitzerte, als habe es jemand mit Goldstaub bestreut.

„Und du bist Gundi“, sagte sie und blickte mich aus ihren hellblauen Augen an. Sie hatte sinnliche Lippen. „Wir haben viel von dir gehört!“

Die beiden anderen Freundinnen stimmten ihr zu. Die eine trug ihr schwarz gefärbtes Haar so kurz, dass es aussah wie eine eng anliegende Fellmütze, und die andere hatte ähnlich große, tiefbraune Augen wie Anne sie einst gehabt hatte. Ihre Ohrringe hingen bis zu ihren Schultern. Alle drei waren schlank und sahen in ihren schwarzen Outfits elegant aus.

„Anne war so talentiert“, sagte die Frau mit der Fellmütze und seufzte gespielt laut. „Es ist so schrecklich.“

Keiner sagte etwas, während die Bedienung die Getränke brachte und stumm verteilte. Die drei Freundinnen tranken Wein, ich klammerte mich an meiner Spezi fest. Zwar hatte ich das Gefühl, etwas sagen zu müssen, aber es kam nichts aus mir heraus. Meine Mutter unterhielt sich im Flüsterton mit Frau Kling und legte ihr immer wieder die Hand auf den Unterarm. Henning, der sichtlich in sich gekehrt war, holte sein Handy aus der Hosentasche und begann auf den Bildschirm zu starren. Als er ihn entsperrte, erkannte ich, dass ein Bild von Anne darauf erschien.

„Was machst du beruflich?“ wollte die Frau mit den zu langen Ohrringen auf einmal wissen, nippte an ihrem Wein und bestrich eine Scheibe Brot mit Knoblauchbutter. Der Kloß sank eine Etage tiefer und ein neuer begann sich zu formen.

„Ich bin …“ Mir wurde bewusst, dass mich das schon lange niemand mehr gefragt hatte. „Ich arbeite in einer Drogerie.“ Als mich immer noch fragende Blicke trafen, fügte ich hinzu: „Ich bin Kassiererin.“

„Bist du nicht mit Anne aufs Gymnasium gegangen?“, wollte die Rothaarige wissen und drehte an einem Diamantring, der an ihrer linken Hand blitzte. Mir kam es so vor, als stieße sie die Pelzmützenfrau unter dem Tisch sanft mit ihrem Knie an.

„Doch, ja.“ Ich war mir nicht sicher, ob ich mich vor den Damen rechtfertigen musste, also sagte ich nichts weiter.

Ohne dass ich gefragt hätte, erzählten mir die drei von ihren ersten Erfahrungen im Beruf. Die Rothaarige arbeitete in einer Anwaltskanzlei in Berlin, die Ohrring-Frau war gerade dabei, ihr eigenes Mode-Label zu entwickeln und die Frau mit der sonderbaren Frisur war Fotografin. Während ich zuhörte, nickte ich nur. Irgendwann unterhielten sich die drei über Dinge, zu denen ich nicht einmal dann hätte etwas sagen können, wenn ich gewollt hätte. Es ging um Berlin, Urlaubspläne für den Sommer, einen Ex-Freund, der nun angeblich mit einer berühmten Sängerin liierte war, um die Vor- und Nachteile von Botox und irgendwann, als die drei endlich verstummt waren, weil unsere Hauptgerichte gekommen waren, lehnte sich die Rothaarige erneut zu mir hinüber und sagte: „Mein Name ist übrigens Miriam.“ Dann deutete sie auf die Fotografin. „Und das ist Nadine.“ Die Frau, die mich an Anne erinnerte, hieß Annabelle. Anschließend aß Miriam weiter und ich wusste, dass ich nach dem Essen schleunigst nach Hause musste, um meine Kommode zu streichen.

Auf dem Nachhauseweg versuchte Mama mich zu trösten. „Das Leben geht weiter“, sagte sie und zupfte einen Faden von ihrer Feinstrumpfhose.

„Für uns schon.“ Ich sah meine Mutter an. Sie war keine auffallend hübsche Frau, aber für ihr Alter sah sie sehr gut aus. Sie würde in zwei Jahren fünfzig werden! Unweigerlich schoss mir durch den Kopf, dass Mama eine Vergangenheit hatte, von der ich relativ wenig wusste. Aber machte nicht gerade unsere Erfahrung uns zu dem Menschen, der wir heute waren? Der Pfarrer hatte über Anne gesagt, sie sei eine sehr gewissenhafte, fröhliche Frau gewesen. Sie habe die Menschen zum Lachen gebracht und immer an das Gute in jedem geglaubt. Auch wenn ich in den letzten Jahren kaum noch Kontakt zu ihr gehabt hatte, vermisste ich Annes positive Art. Wenn ich im Sarg gelegen hätte, was hätte man über mich sagen können?

Mama tippte auf ihrem Handy herum, als haben wir nicht eben ein Gespräch über ein tiefgreifendes Thema begonnen. Bei ihr war es immer so: Man begann sich mit ihr zu unterhalten, und plötzlich war sie nicht mehr beim Thema. Oder war nur ich nicht normal? War ich diejenige, die alles bis auf den Grund ausschöpfen wollte? Was wussten die Menschen schon über mich? Es war sonderbar, dass ich so viel über mich hätte sagen können, es aber keinen anderen Menschen auf dieser Welt gab, der nur annähernd hätte beschreiben können, was in mir vorging. Was mich, Gundi Funzel, ausmachte. Das waren nicht meine kurzen Beine oder mein zu großer Hintern. Das waren nicht meine trotzigen Haare und meine Unfähigkeit, mich unter Fremden auszudrücken. Da war etwas anderes, ich konnte es ganz genau spüren, während ich mit Mama an der Haltestelle stand und auf die Bahn wartete. Das, woran sich die anderen Menschen nach meinem Tod erinnern würden.

Mein Blick fiel auf das Werbeplakat von All of Us am Bahnsteig gegenüber und ich erinnerte mich an das Gespräch zwischen den beiden Frauen im Drogeriemarkt. Diese Online-Plattform gab es erst seit etwa zwei Jahren, aber sie machte Facebook und Parship große Konkurrenz, weil sie eine Art Kreuzung der beiden war. Überall wurde All of Us beworben. Auf diesem Plakat scharte sich eine Gruppe adretter Frauen um einen Mann, und mir kam der Gedanke, dass es noch nicht zu spät war, mich zu zeigen. Vielleicht war das meine Chance! Eine anonyme Online-Plattform, auf der mich noch keiner kannte. Es wäre ein Neuanfang! Ich könnte mich so erschaffen, dass ich mich wohlfühlte. All das, was mich hemmte, könnte ich ablegen, um jemand zu werden, der ich gern sein wollte. Eine neue Gundi Funzel könnte das Licht dieser Welt erblicken und all das richtig machen, was die alte Gundi falsch gemacht hat.

Der Entschluss stand in dem Augenblick fest, in dem die Stadtbahn einfuhr und die Menschen aus ihr herausströmten. Es war Zeit für mein neues Ich.

Kapitel sieben

Mein Vorhaben war noch neblig. Abends lag ich stundenlang wach im Bett und zermarterte mir das Hirn. Warum war mein Leben so verlaufen? War letztendlich nur ich selbst dafür verantwortlich? Neben meinem Bett stapelten sich neben Bücherbergen Mamas Zeitschriften, in denen ich nach einer passenden Optik für mich suchte. In mir reifte eine neue Person, die ich gern sein wollte.

Mama begann fieberhaft, sich auf Maltes fünfzigsten Geburtstag vorzubereiten. Sie bestand darauf, die Feier aus finanziellen Gründen in unserer Wohnung abzuhalten, was bedeutete, dass sie sie auf Vordermann bringen musste. Immer noch träumte ich von meinem individuellen Anstrich der Wände, aber ich sprach das Thema nicht mehr an. Meine Mutter kam mit bunten Girlanden und Bastelkarton für Einladungskarten nach Hause, plante das Essen, die Gästeliste und die Musik. Ich fragte mich, wer die Gäste sein sollten. Soweit ich wusste, hatte Malte keine Freunde, meine Mutter schien seine einzige Ansprechpartnerin zu sein. Die Harmonie, in der die beiden lebten, war mir zuweilen unheimlich. Es hatte einen einzigen Anlass gegeben, an dem es stark zwischen den beiden gewittert hatte, einen einzigen Tag, an dem ich dachte, sie könnten sich tatsächlich eines Tages trennen. Einen Abend, an dem ich angespannt und mit Tränen in den Augen an meiner Zimmertür lauschte und die Wände bebten. Am meisten schmerzte es mich, dass alles meine Schuld war. Auch wenn ich Malte nicht mochte, konnte ich sehen, dass er meiner Mutter guttat und dass er ein positiver Teil ihres Lebens war. Ich wollte nicht, dass meine Mutter unglücklich wurde, schon gar nicht meinetwegen.

Es war am Wochenende nach meinem achtzehnten Geburtstag. Meine Volljährigkeit wurde zwar gefeiert, aber die „Fete“ war eher wie ein gellender Freudenschrei, den jemand mit der flachen Hand erstickt. Sie begann hoffnungsvoll, um jäh zu enden. Ich lud einige Klassenkameradinnen ein, eine Nachbarin, die ich nicht wirklich kannte, und natürlich Anne und ihre Mutter.

Anne hatte eine starke Erkältung mit Fieber, also stand nur Frau Kling mit einem Strauß Blumen vor der Tür und überreichte mir Annes Geschenk, ein Buch eines schwedischen Autors, das neu erschienen war und schon nach wenigen Wochen die Bestsellerlisten stürmte. Es ging um Liebe, aber eher um die realistische Variante. Die, in der sich die Liebenden zwar fanden, aber dann doch merkten, dass das, was sie voneinander dachten, nicht der Wirklichkeit entsprach, um dann wieder in ihr altes Leben und zu ihrer früheren Liebe zurückzukehren. Das klang für mich plausibel. Anne warf mir manchmal scherzhaft vor, ich sei überhaupt nicht romantisch, obwohl ich eine Frau sei. Auch mit achtzehn war mir nicht klar, wer ich eigentlich war und was bei meiner Entwicklung schiefgegangen war. Ich hockte mich am Samstagabend auf mein Bett, schleuderte die Stricksocken, die mir Mama zum Geburtstag gemacht hatte, in die Ecke und las das Buch von Anne noch am selben Wochenende aus.

Von meinen Klassenkameradinnen war keine einzige zu meiner Geburtstagsfeier gekommen. Vielleicht lag es an den Einladungen mit Luftballonaufklebern, die ich mit Mama gebastelt hatte und die eher zu einem Geburtstag im Kindergarten gepasst hätten. Erst Jahre später schoss mir dieser Gedanke durch den Kopf. Meine Mutter schlug vor, wir könnten eine Runde Mensch ärgere dich nicht spielen. Mein Blick verriet ihr sogleich, dass sie ihre Idee besser hätte für sich behalten sollen.

Am nächsten Sonntag saß ich also vor dem Abendessen in meinem Zimmer und zeichnete Pläne, wie ich den Raum, in dem ich seit achtzehn Jahren zu Hause war, umgestalten konnte. Dieselbe Farbe hatten meine vier Wände nie. Ich mochte es, wenn die Morgensonne die orangefarbene Wand am Kopfende meines Bettes zum Leuchten brachte. Einmal hatte ich den unteren Teil der Wand blau gestrichen, es sah beinahe aus wie das Meer und ließ mich an meine Oma Linda denken. Und an meinen Vater. Den meine Mutter nach dem Abendessen erwähnen musste, als wir gerade den Tisch abräumten.

„Jetzt, da Gundi volljährig ist …“ Mama hielt bedeutungsvoll inne und spannte eine Frischhaltefolie über den Käseteller, um ihn im Kühlschrank zu verstauen. „… Könnte sie doch ihren Vater besuchen.“

Stille. Keiner sagte ein Wort. Malte erwachte aus seiner Starre und blickte entgeistert zu Mama hinüber. Ich selbst wusste nichts mit der Aussage anzufangen, schließlich hatte meine Mutter selten ein Wort über meinen Erzeuger verloren. Mein Vater war ein Teil meiner Vergangenheit, den ich mich scheute zu beleuchten, weil ich ahnte, dass es mit Schmerzen verbunden sein würde. Meine Mutter sagte immer, man solle die Dinge, die einen runterziehen, verdrängen, um sich um das kümmern zu können, was einen glücklich macht.

„Es fiel mir neulich beim Bügeln ein.“ Mama begann den Geschirrspüler zu befüllen, als sei es das Normalste auf der Welt, solch ein Thema nebenher zu bereden. „Dass Gundis achtzehnter Geburtstag eine besondere Bedeutung haben sollte.“

Ich wollte etwas sagen, aber die Worte blieben mir im Hals stecken. Irgendwo hinter dem Kloß.

„Das ist nicht dein Ernst?“ Malte erhob sich langsam und trat zu meiner Mutter in die Küche. Sie hielt endlich bei ihrer Arbeit inne und sah abwechselnd Malte und mich an. Ihr Blick wanderte hin und her, als schaue sie bei einem Tennisspiel zu. „Habe ich etwas Falsches gesagt?“ Ihr Gesicht wurde bleich.

„Etwas Absurdes!“, sagte Malte laut und ein sonorer Bass drang in seiner Stimme durch, als wolle er einen Choral anstimmen. „Wie kannst du so etwas vorschlagen?“

„Ich gehe jetzt lieber“, sagte ich vorsichtig und verschwand in meinem Zimmer, weil mir die Situation unwirklich und lächerlich vorkam. Darüber hinaus hatte ich das Bedürfnis, allein zu sein, um mir klar zu machen, was meine Mutter da eben von sich gegeben hatte.

„Verdammt, wieso musst du jetzt mit dem Thema anfangen?“, rief Malte. Ich hatte ihn selten so fluchen gehört. Meine Mutter sagte, bei manchen Menschen brodele die Wut unter der Oberfläche, um dann zu einem oft überraschenden Zeitpunkt auszubrechen.

„Gundi hat noch nie einen leiblichen Vater gehabt. Warum soll sie ihn nach achtzehn Jahren plötzlich brauchen?“ Malte sprach so laut, dass ich gar nicht anders konnte, als mitzuhören. Doch da ich wusste, dass meine Mutter mit gedämpfter Stimme reden würde, stellte ich mich an meine Zimmertür und drückte meine Wange gegen das Holz.

„Ich dachte nur, dass sie das Recht hat, ihn kennenzulernen.“ Meine Mutter klang resigniert.

„Bin ich nicht gut genug, ist es das?“ Malte, dessen Temperament nie lange mit ihm durchging, war immer noch wütend, seine Stimme verriet, dass ihn das Thema in seinem Innersten berührte. Es ging nicht um mich, sondern um seine eigenen Gefühle. „Wir können uns trennen und du gehst zu ihm zurück. Wie wäre das?“

„Das habe ich damit nicht gesagt. Du warst immer ein guter Vater für Gundi.“

Stiefvater, dachte ich. Einer, der mich immer spüren ließ, dass Timo sein leiblicher Sohn war und ich nur das ungewollte Resultat einer Liebe, die nicht stark genug gewesen war. Sie war ertrunken, wie ein Kind, das nicht schwimmen kann, aber durch Unachtsamkeit ins Wasser gefallen ist. Durch mich wurde die Liebe zwischen Mara Funzel und Gerrit Lenz auf eine harte Probe gestellt, die sie nicht bestand. Wie war es, zu wissen, dass man eine leibliche Tochter hatte, der man noch nie in die Augen gesehen hatte?

Ich wusste nicht, wie sehr meine Mama und mein wirklicher Vater für ihre Liebe gekämpft hatten. Meine Mutter mied das Thema wie eine bittere Medizin, die man nur dann einnimmt, wenn es einem sehr schlecht geht. Als ich klein war, lenkte mich meine Mutter ab, indem sie den Fernseher anmachte. Die bunten Bilder hielten meine Aufmerksamkeit gefangen, während sie mir den Löffel mit dem Medikament in den Mund schob. Als ich an jenem Wochenende in meinem Zimmer stand und die heftige Diskussion zwischen Mara Funzel und Malte Möller belauschte, stellte ich mir zum ersten Mal die Frage, ob es gut war, sich im Leben von Unangenehmem abzulenken. Oder ob es mutiger war, sich dem zu stellen, was einen als Dämon in nächtlichen Träumen heimsuchte?

In jener Nacht träumte ich davon, dass mein Vater zu Besuch kam, um mir zur Volljährigkeit zu gratulieren. Da ich allein zu Hause war, ging ich an die Tür. Da stand er, in einer schicken Stoffhose und einem sauber gebügelten, weißen Hemd. Als habe er niemals etwas in seinem Leben falsch gemacht. In seiner Hand trug er einen Strauß Blumen. Er schlang die Arme um mich und als ich begann, meine Tränen in sein Hemd sickern zu lassen, durchflutete mich die sonderbare Gewissheit, dass ich meinem Vater niemals böse sein konnte.

Kapitel acht

„Seit wann liest du meine Zeitschriften?“, fragte meine Mutter zwei Tage nach meinem Entschluss, mich bei All of Us anzumelden, und lächelte mich an. In letzter Zeit hatten sich vermehrt Fältchen in ihren Augenwinkeln gebildet und die dünne Haut oberhalb ihrer Wangenknochen wirkte ein wenig aufgedunsen.

„Sehe ich meinem Vater ähnlich?“, stellte ich eine Gegenfrage.

Mama atmete geräuschvoll ein und wieder aus. „Heute ist kein Tag für dieses Thema, Gundi. Ich habe starke Kopfschmerzen.“

„Ich möchte nur wissen, wem ich meine Optik zu verdanken habe. Dir offensichtlich nicht“, sagte ich und verteilte die Zeitschriften ein wenig, damit sie unter den Tisch passten.

„Bist du unzufrieden mit deinem Äußeren?“

Das konnte nicht ihr Ernst sein! „Seit ich denken kann, ja.“ Meine Stirn zog sich zusammen, mein Gesicht begann sich zu zerknittern.

Meine Mutter ließ den Eimer stehen, lehnte den Wischer gegen die Wand, setzte sich auf das Sofa und klopfte links neben sich. „Mein linker, linker Platz ist leer …“

„Ich bin kein Kleinkind mehr!“, rief ich. Meine Stirn wurde heiß. „Wann fängst du an, mich wie eine Erwachsene zu behandeln?“

Der Körper meine Mutter erschlaffte. Wie die Luftmatratzen, wenn Anne und ich nach einer Zeltnacht in ihrem Garten die Luft aus ihnen herausgelassen hatten.

„Wenn du Streit suchst, dann geh bitte woanders hin.“ Mama lehnte sich zurück, als könne ihr Rückgrat sie nicht mehr aufrecht halten.

„Es tut mir leid“, sagte ich kleinlaut und setzte mich links neben sie, als würde das die Sache glattbügeln. Sie nahm meinen Arm und umfasste ihn auf die gewohnte Weise.

„Ich muss noch zum Einkaufen. Worauf hast du heute Abend Lust?“, wollte sie wissen und strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Malte geht mit Kollegen essen.“

So schnell war das Thema für meine Mutter beendet. Ich sagte, ich hätte keinen großen Appetit, entschuldigte mich, verkroch mich in meinem Zimmer und legte mich bäuchlings auf mein Jugendbett.

Denk nach, Gundi! Was hatten die Frauen gemeinsam, die ihren Platz in der Gesellschaft gefunden hatten? War es nur die Frisur? Ich riss ein Papier von einem Notizblock ab und starrte es an. Als mein Gehirn immer noch keine Signale senden wollte, holte ich einen Kugelschreiber aus der Schublade und begann zunächst Muster zu kritzeln. Das tat ich immer, wenn ich unruhig war und mich zum Nachdenken zwingen wollte … und dann fiel es mir ein. Beim Namen fing es an! Wie konnte mir das entgehen! Mit einem anderen Namen wäre es viel einfacher, mich auf All of Us neu zu erschaffen. Ich könnte die Frau sein, die ich niemals sein würde, könnte all die Attribute in mir vereinen, die eine Frau attraktiv machten. Ich würde hübsch, erfolgreich, interessant, selbstständig und somit glücklich sein!

Als ich hörte, dass die Wohnungstür ins Schloss fiel, ging ich ins Wohnzimmer, fuhr unseren Computer hoch, der eine Ewigkeit brauchte, als sei er ein alter Greis, und machte es mir mit einer Tasse Kakao in der Ecke bequem. Die Spätsommersonne schien durch das Fenster und wärmte meinen Rücken.

Es war nicht schwer, ein Benutzerprofil bei All of Us zu erstellen. Der Hintergrund sah genauso aus wie das Werbeplakat, das ich in der Unterführung gesehen hatte. Man musste nicht allzu viele Angaben machen, aber da ich eine E-Mail-Adresse brauchte, um mich einzuloggen, musste ich mir zunächst auf einer anderen Webseite eine neue Adresse für genau diesen Zweck erstellen. Da war mein neuer Name wie aus dem Nichts geboren. Zuweilen vollbrachte mein Hirn genau dann Höchstleistungen, wenn ich es am wenigsten erwartete. Aus dem flimmernden Bildschirm heraus sah mich mein neuer Name herausfordernd an. Er war der Grundstein für meine neue Existenz im Internet, die alles verändern würde. Gleichzeitig war es eine Probe, um zu sehen, ob es tatsächlich an meinen Unzulänglichkeiten lag, dass ich eine unzufriedene Einzelgängerin geworden war, die so viel Charme hatte wie ein Regenwurm.

Ich tippte meinen neuen Namen auch bei All of Us ein: Sarah Sparks. Sara mit h, weil es schöner aussah, und der Nachname sprühte nur so vor Tatendrang! Die Alliteration tat den Rest. Ich verband meinen Namen mit meiner neuen E-Mail-Adresse, um meinen Account aktivieren zu können, und mein neues Ich war geboren.

Zunächst suchte ich nach Judith Bronner und wurde nach wenigen Klicks fündig. Ihr Profil war sehr detailliert und ihre Beiträge zahlreich. Mit ihrem dunklen Lippenstift und dem stufig geschnittenen Haar sah sie auf ihrem Profilfoto älter aus als fünfundzwanzig. Sie war frisch verheiratet, arbeitete als Abteilungsleiterin in einer Bank in Frankfurt und hatte 578 Freunde. Ob online oder real, das konnte ich nicht erkennen. Wie konnte man so viele Freundschaften pflegen? Weil ich nun auch in die Sparte der „Göttinnen“ gehörte, sendete ich Judith sogleich und ohne Hemmungen eine Freundschaftsanfrage.

Es war schon nach siebzehn Uhr. Meine Mutter brauchte nie lange zum Einkaufen, denn der kleine Supermarkt lag nur wenige Straßen entfernt. Meistens rollte Mama ihren Einkaufswagen mit den wackeligen Rädern hinter sich her und erledigte ihre Einkäufe zu Fuß.

Mein Cursor war schon so positioniert, dass ich mich binnen Sekunden abmelden konnte. Aber meine Gedanken begannen, sich in immer größeren Kreisen zu bewegen. Sie umsponnen mich, so wie eine Spinne ihre Beute umwickelt. Sarah Sparks erfüllte meinen Kopf und immer wieder entführte ich den Cursor, um neue Einträge in meinem Online-Profil zu machen. Kurz bevor Mamas Schlüssel im Schloss raschelte, hatte die junge Frau Sarah Sparks Gestalt angenommen. Sie war fünfundzwanzig, ledig, als erfolgreiche Unternehmensberaterin in Heidelberg tätig, war angehende Schriftstellerin und unter ihrem Pseudonym im Internet unterwegs. Diesen Schlenker musste ich mir ausdenken, da ich Sorgen hatte, jemand könne herausfinden, dass es in Heidelberg keine Unternehmensberaterin unter dem Namen Sarah Sparks gab. So war ich in einen Schutzmantel gehüllt, der mir mehr Raum für meine fiktive Lebensgeschichte gab.

Als Mama ihren Wagen in den Flur rollte, war ich schon lange ausgeloggt. Mit einem unschuldigen Lächeln begrüßte ich sie.

„Wie ich sehe, bist du besser gelaunt!“ Mama begann, ihre Lebensmittel einzuräumen. „Das freut mich.“

„Ja, mir geht es gut“, log ich und beschloss, einen Spaziergang zu machen. Meine Mutter hatte nichts dagegen, wollte aber, dass ich spätestens um neunzehn Uhr zum Abendessen zurück war. „Kein Problem!“, rief ich über die Schulter und lief eilig das Treppenhaus hinunter.

Wenn ich beim Spazierengehen nachdenken wollte, besuchte ich immer den Rand des Talkessels, um aus der geschäftigen Innenstadt herauszukommen. Mit der Zahnradbahn fuhr ich bis zur Endhaltestelle und begann meinen gewohnten Fußmarsch durch das Wohngebiet bis zu den Weinbergen hinüber, von denen aus man einen wunderschönen Blick auf Stuttgart hatte. Meine neuen roten Turnschuhe, die ich mir zum Geburtstag gekauft hatte, drückten an den Fersen. Also verlangsamte ich meine Schritte ein wenig. Als ich feststellte, dass meine Haut an den Fersen bereits aufgescheuert war, zog ich die Schuhe aus, band die Schnürsenkel zusammen, hängte sie mir so um den Hals und stopfte meine Socken in die Brusttasche meiner Latzhose.

„Wir sind hier aber nicht am Strand!“, bemerkte eine schon halb verwelkte Dame, die ihren Dackel spazieren führte. Ich erwiderte nichts.

In meinem Kopf jagten sich unzählige Fragen um Sarah Sparks. Sollte ich all meine ehemaligen Klassenkameradinnen und -kameraden bei All of Us suchen, um zu sehen, was aus ihnen geworden war? Es hatte nie ein Jahrgangstreffen gegeben, zumindest hatte ich keine Einladung bekommen. Welches Profilbild sollte ich benutzen? Wem Freundschaftsanfragen schicken? Während ich nachdachte, ging ich den Weg in den Weinbergen hinunter. Die Sonne sank über meiner Heimatstadt und verteilte ein warmes, wohlwollendes Licht über dem von Gebäuden überfluteten Tal. Ich musste an Anne denken, mit der ich diesen Weg oft gegangen war, um auf dem Nachhauseweg noch ein Eis zu kaufen. Sie würde ein Teil meines neuen Lebens werden. Ihr zu Ehren würde Sarah Sparks eine Verbindung zu ihr haben. Ich würde Anne wieder lebendig machen, und das nicht nur für mich, sondern für die ganze Online-Welt, in der sowieso keiner mehr unterscheiden konnte, was der Wahrheit entsprach und was nicht. Ich würde Bilder unserer gemeinsamen Erlebnisse posten, als sei nichts geschehen. Als sei Anne noch am Leben.

Noch hatte ich keine Ahnung, wie groß und folgenschwer mein Lügengebilde werden würde.

Kapitel neun

Fieberhaft suchte ich nach der Modezeitschrift, in der ich diese dunkelhaarige Frau gesehen hatte, die ich nicht vergessen konnte. Links oben auf der Seite war sie gewesen, in einem weißen, fließenden Rock und einem Trägertop, das ihre wohlgeformten Brüste zur Geltung brachte.

„Du scheinst Gefallen an meinen Zeitschriften gefunden zu haben“, scherzte meine Mutter, während sie im Wohnzimmer abstaubte.

„Ich suche ein Foto“, sagte ich nur und blätterte weiter. Bis ich sie endlich fand! Als es so weit war, hatte meine Mutter schon jedes noch so kleine Staubkorn im Wohnzimmer beseitigt und war nun dabei, im Schlafzimmer Maltes Hosen zu bügeln, während im Radio die Schlager-Hitparade lief. Malte trug gern beige Hosen mit einer akkuraten Bügelfalte zum Unterricht.

Ich rollte das Magazin zusammen und hielt es hinter dem Rücken versteckt, während ich mich meiner Mutter näherte. Sie hatte die Lippen fest zusammengepresst und konzentrierte sich auf eine gerade Bügelfalte. Als ich ihr gegenüberstand, hielt sie inne und stellt das Bügeleisen ab. Würde ich eines Tages auch so dastehen und die Hosen meines Mannes bügeln?

„Bist du früher gern in die Disko gegangen?“, fragte ich meine Mutter. Sie blickte mich verwundert an.

„Nein, ich habe nie gern getanzt.“ Sie strich über den Stoff der Hose und lächelte mich an. „Vor allem nicht vor anderen Leuten.“

„Ich verstehe.“

„Gundi, hast du ein Problem, das du mit mir besprechen möchtest?“ Sie wollte meinen Arm ergreifen, aber ich trat einen Schritt zurück. Früher hatte ich alles mit meiner Mutter geteilt, was mich bewegte. Meine unbegründete Nervosität vor Klassenarbeiten oder meine Angst vor Arthur Gunz, der mich in der fünften Klasse auf dem Pausenhof umarmte, weil er dann ein paar Münzen von seinen Freunden bekam.

„Gundi!“ Meine Mutter trat hinter ihrem Bügelbrett hervor. Unter ihren Augen zeichneten sich dunkle Ringe ab. „Ich mache mir Sorgen.“

„Es ist alles in Ordnung“, log ich und zuckte mit den Schultern. „Ich versuche nur herauszufinden, ob ich so ganz anders bin als all die anderen jungen Frauen.“

„Du bist in Ordnung. So, wie du bist.“ Mama streichelte mir über die Wange. Ihre Finger waren dünn und kalt. „Du weißt doch, dass keiner aus seiner Haut schlüpfen kann.“ Mama zog ihre Hand zurück und bügelte weiter.

War es so? Diesen Spruch hatte ich schon mindestens tausendmal gehört, am öftesten in der Pubertät, als ich mich zunehmend unwohl fühlte und meine Mutter mich zu beruhigen versuchte. Wenn ich während eines Streites in die Luft ging und über Malte herzog, war diese Weisheit Mamas einziges Ass. War also jeder so, wie er nun einmal war? Waren wir für immer im Käfig unseres eigenen Wesens gefangen, ohne darauf Einfluss nehmen zu können?

Ich wandte Mama den Rücken zu und ging in mein Zimmer. Dort drehte ich den Schlüssel im Schloss, um in Sarah Sparks visuellen Geburtsstunde ganz für mich und ungestört sein zu können.

Ich holte eine Digitalkamera, die ich mir vor einigen Jahren gekauft hatte, um Fotos von meinen Möbeldesigns zu machen, aus meinem Schrank und machte einige Aufnahmen. Malte hatte mir damals gezeigt, wie ich die Fotos auf dem Computer herunterladen konnte. Das Foto der hübschen fremden Frau war zwar klein, aber mit etwas Geschick würde ich es als Profilbild verwenden können. Besonders das herzförmige Gesicht der Frau hatte es mir angetan. Die Bildunterkante würde direkt oberhalb ihres Dekolletés verlaufen, sodass man aufgrund ihres dünnen Halses und ihrer hervorstechenden Schlüsselbeine nur erahnen konnte, was für eine perfekte Figur sie hatte. Meine Finger wanderten in Richtung meiner Schlüsselbeine, die irgendwo unter meiner blassen Haut versteckt zwar fühlbar, aber nicht deutlich sichtbar waren. In Gedanken ging ich die Möglichkeiten durch, die sich Sarah Sparks im Internet eröffneten. Ich machte mehrere Bilder von der Frau mit dem Herzgesicht und suchte das beste aus. Mein Profilbild stand fest.

Anschließend blätterte ich in einem Reisemagazin, das Malte neulich nach Hause gebracht hatte, und suchte einen feinsandigen Strand auf den Seychellen aus, dessen Rand Palmen säumten. Das Wasser war türkisblau und der Himmel wolkenlos. Auch davon machte ich ein Foto.

In einer Restaurant-Werbung fand ich das Bild eines Gerichtes, das ich niemals bestellen würde. In einem goldgebackenen Brötchen lag eine Krabbe und schien mich aus ihren kleinen braun-schwarzen Stecknadelaugen anzusehen, daneben türmte sich angebratenes Gemüse. Auch dieses Foto würde ich verwenden können, denn Sarah Sparks war ein Gourmet.

So verbrachte ich Stunden damit, Aufnahmen von Dingen zu machen, die mir reizvoll erschienen. Anschließend las ich auf meinem Jungendbett den neuesten Roman von Paul Auster, den ich mir in der Bücherei ausgehliehen hatte.

Um Punkt Mitternacht klingelte mein Wecker. Meine Mutter ging gegen zweiundzwanzig Uhr ins Bett, man konnte beinahe die Uhr danach stellen. Malte saß noch eine Weile vor dem Fernseher, aber etwa eine Stunde später verschwand auch er im Schlafzimmer. Ich selbst lag oft schon um neun Uhr im Bett und las, bis das Buch auf meine Brust kippte und mein Bewusstsein allmählich in jenen sonderbaren Zustand zwischen Wachsein und Schlaf entglitt.

Barfuß schritt ich zu meiner Zimmertür, schob sie vorsichtig auf und spähte in den kurzen Flur, der zum Wohnzimmer führte. Alles war ruhig und dunkel, nur die Straßenlaterne warf ein fahles Licht auf den Laminatboden. Wie ein Einbrecher schlich ich mich ins Wohnzimmer, schaltete den Computer ein und wünschte mir, ich hätte einen eigenen. Bisher hatte ich nie den Nutzen eines eigenen Laptops gesehen. An jenem Abend dämmerte er mir das erste Mal.

In der Hoffnung, niemand würde die Seite von All of Us im Verlauf bemerken, meldete ich mich an, arbeitete mein Profilbild ein, schloss die Augen für einige Sekunden, um in Gedanken zu Sarah Sparks zu wandern, die wie kurz vor einer Zellteilung ein Auswuchs meiner eigenen Persönlichkeit sein sollte. Ein angereichertes Ich, eine Gundi mit Erweiterung, eine Gundi, die die Abzweigungen auf dem Lebensweg gesehen und nicht verpasst hatte. Und wenn sich Sarah eines Tages von mir abtrennen wollte oder wenn es gar automatisch geschehen sollte, dann gut! Ich hatte festgestellt, dass ich keine neue Person erschaffen, sondern mich selbst optimieren wollte. Es würde ein langer Prozess werden, schließlich konnte man einen Menschen nicht in wenigen Stunden erfinden.

Wisst ihr, was ich gerade mache?, schrieb ich öffentlich. Ich plane mit meiner besten Freundin Anne unseren nächsten Urlaub.

Ich postete das Foto des Strandes.

Zunächst versuchte ich, auf der Ebene anzuknüpfen, auf der sich die meisten bei All of Us zu bewegen schienen. Da ich bereits Freundschaftsanfragen erhalten und bestätigt hatte, konnte ich einige Profile von Menschen einsehen, von denen ich bisher nichts gewusst hatte. Nicht einmal ihre Existenz war mir bekannt gewesen. Viele Einträge drehten sich ums Essen. Eine Frau, die sehr ernährungsbewusst zu sein schien und sich Power-Food verschrieben hatte, postete so viele Fotos ihrer Gerichte, dass ich mir vorstellte, dass sie ihr Leben in der Küche verbrachte. Eine andere Frau ging häufig mit ihren Freundinnen aus und zeigte es stolz im Internet. Zwar verstand ich das Bedürfnis nicht, seine Essgewohnheiten mit der Welt zu teilen, aber ich postete mein Krabbenbrötchen und schrieb dazu: Seht mal, was ich gestern Abend gegessen habe! Das war vielleicht lecker!

Kaum war mein Foto gepostet, kam ein Daumen hoch von der Power-Food-Frau. Ich fühlte mich nicht wirklich besser als zuvor.

Also arbeitete ich an meinem Profil weiter. Bei Interessen setzte ich Haken hinter Lesen, klassische Musik und Kunst und da mir das alles zu sehr nach Gundi Funzel klang, rückte ich Sarah Sparks mit Reisen und Volleyball ein Stück näher, obwohl ich Volleyball im Schulsport gehasst hatte.

Augenfarbe braun, Haarfarbe dunkelbraun, Größe 1,76, Gewicht 60 kg. Ich ging aus meinen vier Wänden in der Stuttgarter Wohnung meiner Mutter und meines Stiefvaters hinaus in die weite Welt, in der mich noch keiner kannte und auch keiner eine Meinung von mir hatte. Es war ein Neuanfang!

Kapitel zehn

Jede Nacht verbrachte ich mindestens anderthalb Stunden auf All of Us, was zur Folge hatte, dass ich tagsüber so müde war, dass ich gegen fünfzehn Uhr im Sitzen hätte einschlafen können.

„Bist du krank?“, wollte die dicke Dana eines Tages wissen, als ich wieder einmal vornüber gebeugt in meinem Drogeriemarkt-Stuhl saß und die Buchstaben in meinem versteckten Buch zu verschwimmen begannen.

„Nein, mir geht es gut.“ Ich zog die Schultern nach hinten, auch wenn ich es nicht mochte, wenn mein T-Shirt auf meiner Brust spannte. Dana widmete sich wieder ihren Fingernägeln, die sie gelb lackierte.

In der Nacht vor Maltes Geburtstagsfeier postete ich ein Foto von einer Hand, die frisch von der Maniküre kam. Dabei handelte es sich natürlich nicht um meine, denn meine Finger waren unansehnlich, sondern um eine aus einer Werbung für French Manicure im Internet. Diese Hand war mit langen, schmalen Fingern gesegnet und von makelloser, glatter Haut überzogen. Meine inzwischen beste Online-Freundin, die sich selbst den Nickname Witty Wizard gegeben hatte, kommentierte alles, was ich postete, innerhalb weniger Stunden. Sie musste ein Alarmsystem haben, das sie sofort informierte, wenn Sarah Sparks bei All of Us aktiv war. Oder aber sie loggte sich niemals aus.

Was für schöne Hände, Sarah!, schrieb Witty Wizard und setzte drei Smileys dahinter. Solche Hände hätte ich auch gern!

Am liebsten hätte ich zurückgeschrieben: Ich auch! Aber das hätte den Sinn meiner Verwandlung nicht erfüllt. Immerhin schienen schöne Hände ein Anknüpfungspunkt für neue Freundschaften zu sein, von denen ich inzwischen 86 hatte, darunter sieben Männer. Man konnte sich über All of Us auch private Nachrichten senden, aber von dieser Funktion hatte ich noch keinen Gebrauch gemacht, schließlich wollte ich die Samen der Sarah Sparks so weit wie nur möglich streuen.

Ich stöberte in Witty Wizards Profil. Sie arbeitete bei einer Grafik-Design-Firma als Texterin und war seit drei Jahren mit einem Mann liiert, der meist mit einem Dreitagebart auf den Fotos auftauchte. Mit einem breiten Lächeln und einer Pranke, die er auf Witty Wizards Schulter gelegt hatte, die im bürgerlichen Leben Leonie Schneider hieß, denn ihr Name war in Klammern angegeben. Leonie war ein großer Harry Potter Fan, daher der Kosename. Ich ging davon aus, dass sie im echten Leben über keinerlei Zauberkräfte verfügte.

Gerade als ich eine Jugenderinnerung mit Anne posten wollte, hörte ich etwas, als reibe jemand mit der Hand über einen rauen Stoff. Es war mir vertraut! Wenn Malte mit seinen Hausschlappen über den Boden schlurfte, entstand genau dieses Geräusch. Schnell meldete ich mich ab und begann den Computer herunterzufahren. Noch bevor der Kloß in meinem Hals seine volle Größe erreichen konnte, stand Malte in der Wohnzimmertür und der Bildschirm leuchtete immer noch. Seine Augen waren zu Schlitzen zusammengezogen und er sah ungläubig in meine Richtung, als sei er sich nicht sicher, ob er träumte. Seine kurze Pyjamahose spannte über seinen muskulösen Oberschenkeln und sein Haar lag wie ein zerzaustes Vogelnest auf seinem kleinen Haupt.

„Gundi, was machst du da?“ Er trat einige Schritte nach vorne, blickte von mir auf den Computer und anschließend wieder in mein Gesicht. Musste ich mich vor ihm rechtfertigen?

„Ich schreibe eine Bewerbung“, log ich. „Aber es soll eine Überraschung für Mama werden“, fügte ich sogleich hinzu, um der nächtlichen Aktion Glaubwürdigkeit zu schenken.

Malte musterte mich eindringlich. „Es wird auch Zeit, dass du dir einen vernünftigen Job suchst.“

Kam ich so leicht davon? Malte drehte sich von mir weg und ging wieder in sein Schlafzimmer, als sei er nie wirklich wach gewesen und die Szene nur ein unwirklicher Traumfetzen. Rasch schaltete ich den Computer aus und ging in mein Zimmer, wo ich bis um halb fünf wach lag, weil ich über Maltes Satz nachdachte.

Mama ging am Morgen von Maltes Fünfzigstem zum Frisör, um sich die Haare färben und föhnen zu lassen. Den ganzen Freitag hatte sie damit verbracht, eine ohnehin schon makellos aufgeräumte und saubere Wohnung in Ordnung zu bringen und zu putzen und einige Telefonate zu erledigen, darunter die Kuchenbestellung beim besten Konditor der Stadt.

Im Wohnzimmer waren Stühle aufgestellt, wie ich es zuletzt im Kindergarten gesehen hatte, als wir im allmorgendlichen Stuhlkreis unsere Erlebnisse vom Vortag in der Runde geteilt hatten. Damals kam mir schon die Kindergartengruppe zu groß vor, und nun wagte ich mich als Sarah Sparks in die Welt hinaus. Der Unterschied war, dass keiner mich dabei anstarrte.

„Gundi, kannst du bitte dafür sorgen, dass heute Abend die Gläser der Gäste immer voll sind?“ Mama lief wie ein Ziehauf-Männchen zwischen Küche und Wohnzimmer hin und her. Ihr Haar wirkte ungewöhnlich hart, als habe man es zu einer Masse verklebt, die bei jedem Schritt unnatürlich wippte.

„Möchtest du dich nicht auch noch umziehen?“, fragte sie kurz darauf. Mama trug einen Jeansrock, der ihre dünnen, aber wohlgeformten Beine zur Geltung brachte. Auf alten Bildern kam mir meine Mutter attraktiv vor und ich konnte mir gut vorstellten, dass ein Gerrit sich in sie verlieben konnte. Nur der Oberkörper meiner Mutter wirkte mit der knochigen Brust kaum fraulich. Ich hätte gern ein wenig von meiner Brustmasse an sie abgegeben.

Es klingelte. Ich blickte auf die Uhr an der Wand, aus der der Kuckuck immer sprang, als habe er nichts Besseres zu tun. Ich wäre lieber weggeflogen als die Stunden zu zählen. Aber er war ja in seinem Häuschen eingesperrt. Noch war es zu früh für die Geladenen, auf der Einladung hatte ab achtzehn Uhr gestanden. Meine Mutter stürmte so schnell zur Wohnungstür, dass sie beinahe über den Rand des Teppichs im Vorraum stolperte.

„Timo, mein Schatz!“ Sie schlang die Arme überschwänglich um Timos Oberkörper, der im roten Poloshirt steckte und ein wenig an Umfang zugenommen hatte. Hinter ihm trat eine Frau durch die Tür, von der ich nicht einmal gewusst hatte. Sie trug eine auffallende Handtasche aus Krokodilleder und schwarze Stiefel mit Pfennigabsätzen, die bis zu ihren Knien reichten. Unter ihrer Bluse stachen zwei ungewöhnlich spitze Brüste hervor, deren Form ich einem schlecht sitzenden Büstenhalter zusprach. Ihr langes Haar hatte beinahe die Farbe meiner verhassten Vespermöhrchen von damals und ihre Lippen waren tiefrot geschminkt. Sie wurde mir als Amanda vorgestellt und schien es sich zum Ziel gesetzt zu haben, den Berührungskontakt zu meinem Bruder den ganzen Abend lang aufrecht zu erhalten. Egal, wo sich Timo befand, sie klebte an ihm. Entweder hielt sie seine Hand oder platzierte sie im Sitzen auf seinem Oberschenkel, legte ihren gebräunten Arm um seinen Körper oder lehnte ihren Kopf an seine Schulter. Mich würdigte sie kaum eines Blickes.

Kurz vor achtzehn Uhr ging ich in mein Zimmer, um meine Garderobe zu wechseln, auch wenn ich am liebsten meine Latzhose angelassen hätte. Ganz davon abgesehen, dass ich Malte zu Ehren nichts tun wollte, was mir unbehaglich war. In einer lose geschnittenen Stoffhose und einem gelben, weiten T-Shirt betrat ich den Raum. Die Einheit aus Timo und Amanda saß im Stuhlkreis, meine Mutter rührte in ihrem Fleischtopf und Malte rückte seine Krawatte zurecht.

Wenige Minuten später versammelte sich das gesamte Kollegium des Gymnasiums sowie der Kirchenchor in unserer Wohnung, deren Wände sich nach außen zu biegen begannen. Manche nahmen auf den Stühlen Platz, andere standen an die Wand gelehnt oder gingen auf den Balkon, viele pressten ihre Körper in die kleine Küche und das Stimmengewirr war stetig und unablässig wie das Summen einer Bienenschar. Es wurde sehr warm in unserer Wohnung, obwohl meine Mutter alle Fenster gekippt hatte. Der laue Spätsommer ließ nicht einmal eine erfrischende Brise in den Raum.

Ich stand in der Nähe der Küchentür und wunderte mich über die vielen Gäste. War Malte ein beliebter Mensch und nur mir gegenüber ein Ekel? Oder lag es an meiner Einstellung zu ihm? Verhielt es sich damit so wie mit den Farben, die jeder Mensch anders wahrnahm? Seit ich im Grundschulalter angefangen hatte zu malen, fragte ich mich, was es mit den vielen verschiedenen Farben auf sich hatte und wieso Farbfotos aussagekräftiger waren als ihre Vorfahren in Schwarz und Weiß. Irgendwann begann ich, den Farben Charaktereigenschaften zuzuschreiben und sie in einem interessanten Zusammenspiel bei meinen Zeichnungen und später beim Bemalen von Möbeln und Wänden einzusetzen. So war Orange für mich freundlich, Blau kalt, Grün hinterhältig, Rot voller Temperament und Gelb ein wenig zurückhaltend. Weiß und Schwarz, die, wenn man es genau nahm, gar keine Farben waren, dienten dazu, den Farbtönen ihre Schattierungen zu geben. Weiß machte sie offener und fröhlicher, während Schwarz sie drückender und trauriger machten.

Als ich merkte, wie unterschiedlich Menschen Farben kombinierten und auffassten, wurde mir klar, dass jeder seine eigene Sicht der Farben hatte. Nicht nur, dass er sie anders empfand, er sah sie auch anders, was nicht messbar war, weil wir uns nie in die Augen einer anderen Person hineinversetzen konnten. Und wenn man sie bat, das Rot einer Blume mit Farben zu malen, würde sie genau das Rot zusammenmischen, das sie sah. Es war ein Ding der Unmöglichkeit, mit den Augen eines anderen zu sehen. Ich trainierte meine Augen für die Farben dieser Welt und wusste bald, dass ich mehr Schattierungen sah als die meisten Menschen. Und so sah jeder den anderen Menschen auf seine subjektive Weise. Als ich mit vierzehn die Wände meines Schlafzimmers schwarz strich, war meine Mutter entsetzt und Malte ließ eine Firma kommen, die den Anstrich entfernte. Gundi Funzel liebte es, den Farben Schwarz beizumischen, doch Sarah Sparks würde sie lehren, ab und zu auch zu Weiß zu greifen.

„Sie sind also Gundi, ja?“ Ein Mann mit sehr wuscheligem Haar, dessen Sektglas ich soeben nachgefüllt hatte, prostete mir zu. Er mochte in Maltes Alter sein und trug ein dunkelblaues Hemd. Ich bejahte und wollte eine neue Flasche Sekt aus dem Kühlschrank holen, als er weitersprach: „Ich habe schon viel von Ihnen gehört!“

Ich schluckte und wollte lieber nicht wissen, was Malte über mich erzählte.

„Sie haben ein Glanzabitur gemacht, habe ich gehört“, fuhr der Wuschelkopf fort und nahm einen großen Schluck aus seinem Glas, sein spitzer Adamsapfel hüpfte. Es war erstaunlich, dass ich immer mit meinem Abitur in Verbindung gebracht wurde, als sei es das Letzte gewesen, was ich geleistet hatte.

„Und wo arbeiten Sie zurzeit?“ Der Mann trank sein Glas aus.

„In einem Drogeriemarkt.“

Daraufhin erwiderte er nichts, sondern erzwang ein zaghaftes Lächeln, bei dem seine Ohren sich ein wenig nach oben bewegten, als zöge sie jemand an unsichtbaren Schnüren.

„Entschuldigen Sie mich bitte“, stammelte ich und widmete mich wieder meinem Getränkedienst, den ich bis kurz nach Mitternacht gewissenhaft durchführte, bis die Gäste sich allmählich verabschiedeten. Auf dem Tisch lagen zahlreiche Umschläge, Geschenke und Weinflaschen um den Computer herum. Malte stand davor und bedankte sich für meine Hilfe. Dann trank er noch ein Bier mit Timo und Amanda, die ein wenig viel Wein abbekommen hatte und unkontrolliert kicherte, wann immer mein Bruder einen Witz zu machen versuchte. Lustig war er noch nie gewesen. Ich half meiner Mutter die Küche aufzuräumen und sagte allen Gute Nacht. Meinen Wecker stellte ich auf zwei Stunden später als gewohnt, bis dahin würden alle schlafen.

Um zwei Uhr schlich ich mich an den Computer, grub die Tastatur unter den Geschenken aus und loggte mich ein. Es gab einige Reaktionen auf Sarah Sparks’ geplanten Strandurlaub, den alle toll fanden, neueste Ernährungstipps von der Power-Food-Frau und zu jedem meiner Beiträge Likes von Witty Wizard. Ich war seit etwa einem Monat in der virtuellen Welt unterwegs und hatte trotzdem das Gefühl, dass ich niemanden kannte. Dass mich niemand kannte, war nicht verwunderlich, aber für einen Augenblick begann ich daran zu zweifeln, dass mein Vorhaben sinnvoll war. Ich hatte virtuelle Freunde, die das kommentierten, was ich vermeintlich erlebte und tat, aber was sagten all diese Dinge über mich oder Sarah aus?

Ich entschied mich also, noch persönlicher zu werden. In der Hoffnung, Anne würde es mir nicht übelnehmen, stellte ich ein altes Schulfoto von ihr auf meine Seite bei All of Us und schrieb darunter: Immer noch meine beste Freundin, meine liebe Anne. Anschließend teilte ich weitere Erinnerungsfotos von Anne und mir in meiner neuen, virtuellen Welt, in der alles möglich war. Dazu erzählte ich noch mehr Geschichten aus unserer Teenagerzeit. Dabei war ich stets auf der Hut, nur so persönlich zu schreiben, dass ich mir selbst nicht zu nahe trat. Trotzdem war die Entwicklung sonderbar: Ein Teil von mir schlüpfte in Sarah Sparks Hülle, ganz vorsichtig und stückchenweise, während meine intimsten Gedanken Gundi Funzels Privateigentum blieben. Annes Gegenwart auf meinem Online-Profil machte sie zwar nicht lebendig, aber immerhin standen meine Gefühle für sie dort schwarz auf weiß, auf einem flimmernden Bildschirm und für alle sichtbar, die sich für Sarah Sparks interessierten. Gleichzeitig war es das erste Mal, dass ich sie zum Ausdruck brachte, und ich wünschte mir, ich hätte es vor vielen, vielen Jahren schon getan. Nicht in der virtuellen Welt, sondern in der echten.

Gerade als ich mich ausloggen wollte, erschien eine kleine rote Eins auf dem Bildschirm. Eine persönliche Nachricht! Die erste, die ich bekam, und das um diese Uhrzeit! Ich klickte auf die Eins und las die wenigen Worte: Sie hat den Blick der Mona Lisa.

Ich klickte auf Annes Fotos und erkannte tatsächlich jenen Silberblick, der die Betrachter der Mona Lisa so verzauberte. Zwar hatte Anne im Gegensatz zur Mona Lisa Augenbrauen, aber die Anmerkung war berechtigt, sie musste auch einen Silberblick gehabt haben. Ich ging zu der persönlichen Nachricht zurück und antwortete: Das ist wahr! Danke, dass Sie mich darauf aufmerksam gemacht haben.

Der Schreiber tippte. Jetzt erst las ich seinen Namen: Ray Colby. Er klang englisch, doch er schrieb auf Deutsch. Du, bitte du!

Ich lächelte. Gut, dann danke ich dir, dass du es gemerkt hast!

Als nächstes schickte mir Ray Colby eine Freundschaftsanfrage. Bei all den Verknüpfungen, die ich bei All of Us erschaffen hatte, hatte ich schon lange den Überblick darüber verloren, wer über wen auf welche andere Person aufmerksam geworden war. Als ich Rays Anfrage annahm und auf sein Profil ging, sah ich, dass auch er mit Witty Wizard befreundet war. Er war achtundzwanzig Jahre alt, gab als Beruf Maler an und lebte in England. Als ich sein Profilbild vergrößerte, blickte ich in das ovale Gesicht eines sehr gutaussehenden Mannes mit vollem, dunklen Haar, das im Kontrast zu seinen tiefblauen Augen stand. Er lächelte mich mit schmalen Lippen an und hatte den Kopf leicht zur Seite gebeugt. Sein Hemdkragen war weiß und im Hintergrund konnte man Blätter erahnen.

Immer noch wach?, fragte Ray in einer persönlichen Nachricht.

Ja, noch, textete ich zurück.

Rays Antwort kam wenige Sekunden später: Ich kann nicht schlafen, bis mein Gemälde fertig ist. Aber ich weiß nicht, welche Farben ich benutzen soll.

Ich stellte mir vor, wie der junge Mann vor seiner Leinwand saß und nebenher mit mir chattete. Ein Kitzeln breitete sich in meinem Bauch aus.

Bis ich mir bewusst machte, dass er nicht mit mir, sondern mit Sarah Sparks kommunizierte. Also schrieb ich: Ich muss jetzt aber ins Bett. Habe morgen einen wichtigen Termin.

Alles klar, dann wünsch ich dir süße Träume!

Wie in Trance meldete ich mich ab und fuhr den Computer herunter. Ray Colby, was für ein schöner Name! Was für ein attraktiver Mann! Noch dazu ein Maler! Wo sonst hätte ich ihn kennenlernen können? Ich küsste den inzwischen dunklen Bildschirm, schob Maltes Geschenke wieder über die Tastatur und legte mich in mein Bett, in dem ich lange Zeit nicht in den Schlaf fand, weil ich mir überlegte, was Ray Colby malen mochte.

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960874881
ISBN (Buch)
9783960877394
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v468689
Schlagworte
Social-Media-Roman Instagram-Roman Chick-lit-liebe-s-roman new-adult-roman humor-volle-r-liebe-s-roman-e young-adult-liebe-s-roman-e new-adult-roman-ce

Autor

  • Caitlyn Young (Autor)

Teilen

Zurück

Titel: Mauerblümchen küssen besser