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Erhebe dich

von Thomas Kowa (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Impressum

dp Verlag

Überarbeitete Neuausgabe Mai 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-667-0
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-770-7
Hörbuch-ISBN: 978-8-72614-654-7

Copyright © 2017, dp DIGITAL PUBLISHERS
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits 2017 bei dp DIGITAL PUBLISHERS erschienenen Titels Reaktor – Der unsichtbare Mörder (ISBN: 978-3-96087-136-1).

Covergestaltung: rauschgold Coverdesign
unter Verwendung von Motiven von
shutterstock.com: © posteriori
Lektorat: Daniela Höhne

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Fakten und Fiktion

Es gibt tatsächlich ein Land, in dem man so clever war, ein Atomkraftwerk nur 1300 Meter unterhalb einer Staumauer zu bauen. Diese Staumauer wurde im 1. Weltkrieg unter erschwerten Bedingungen gebaut, sie besteht aus Stampfbeton und ist nach aktuellen Erkenntnissen nicht ausreichend erdbebenfest, genau wie das darunterliegende Atomkraftwerk. Das Wasserwerk samt Staudamm ist nur durch eine einfache Tür gesichert und nachts unbemannt.

Dieses Atomkraftwerk liegt nicht – wie uns unsere Vorurteile vielleicht gerne suggerieren würden – in Osteuropa oder China, sondern in der Schweiz.

Die Swissair Maschine SR 330 ist 1970 tatsächlich nach einem Bombenattentat abgestürzt, keine 300 Meter entfernt vom Schweizer Atomforschungsreaktor Würenlingen und 900 Meter neben dem AKW Beznau. Die im Buch geschilderten Begleitumstände entsprechen dem letzten Stand der inzwischen eingestellten Ermittlungen.

Der Verkauf der Atomkraftwerke in der Schweiz wurde zwar bisher – im Gegensatz zu diesem Buch – nicht realisiert, der Anbieter Alpiq wollte jedoch seine Atomkraftwerke erst an den französischen und dann an den Schweizer Staat verschenken, beide lehnten dankend ab.

Die Wirkungsweise des im Buch beschriebenen ANC-Sprengstoffs ist authentisch. Ich habe lediglich auf ein paar entscheidende Details in der Handhabung verzichtet, um keine Blaupause für einen möglichen Anschlag zu liefern. Denn die Grundstoffe dieses Sprengstoffs sind in jedem Baumarkt erhältlich.

An der Transmutation von Atommüll wird seit Jahrzehnten geforscht, allerdings ohne verwertbares Ergebnis. Wahrscheinlich verhält es sich damit wie mit der Kernfusion, von der behauptet man auch schon seit fünfzig Jahren, diese werde in dreißig Jahren serienreif sein.

1

Das war ein guter Ort zum Sterben. Wenn er sich jetzt hinsetzte, würde er nie wieder aufstehen. Chris Bernasconi ging trotzdem auf die Holzbank zu.

Sein Körper schmerzte, als würde er von innen zerfressen, in seinem Kopf hämmerte es wie in einem aktiven Bergwerk.

Chris Bernasconi atmete tief aus und setzte sich. Er spürte das warme Holz der Bank und blickte auf den endlos erscheinenden Baikalsee. Das Wasser funkelte in der Sonne. Es roch nach Fisch und Meer, auch wenn Letzteres im Grunde nicht sein konnte.

Aber in diesem Land war ohnehin alles anders, als er erwartet hatte.

Die meisten Klischees über Russland stimmten nicht, das galt erst recht für Sibirien. So brannte auf seiner von Ekzemen übersäten Haut die Sonne und statt von Schneeflocken wurde er von Schnaken umschwärmt.

Sie stachen ihn gleich zu mehreren, doch Chris Bernasconi wehrte sich nicht. Es war sinnlos, die Schnaken zu töten, wahrscheinlich würden sie es ohnehin nicht überleben, wenn sie von seinem Blut tranken.

Außerdem hatte er keine Kraft mehr, sie zu verjagen.

Er hatte einen der größten Umweltskandale der Neuzeit aufgedeckt, doch das war nichts gegen das, was noch kommen würde.

Die Menschheit musste gewarnt werden.

Was, wenn es Darius nicht schaffen würde?

Wenn sie ihn vorher abfingen?

Gemeinsam hatten sie jahrzehntelang für höhere Sicherheitsvorkehrungen gekämpft, für funktionierende Notfalllösungen, für echte Alternativen.

Doch für sich selbst hatten sie darauf verzichtet.

Mit zittrigen Händen nahm Chris Bernasconi ein Blatt Papier und einen Kugelschreiber aus seiner Hemdtasche. Er atmete schwer, jede Bewegung schmerzte, sogar das Anknipsen des Kugelschreibers.

Es ging um die Wahrheit.

Er wusste, die Menschen wollten die Wahrheit gar nicht hören, sondern das, was gut klang, was in ihr Weltbild passte.

So wie die Legende, dass die Amerikaner für die Mondlandung Millionen Dollar für die Entwicklung eines Kugelschreibers ausgegeben hatten, der in der Schwerelosigkeit schreiben konnte, während die Russen einfach Bleistifte verwendet hatten.

Die Geschichte klang gut, fußte auf bekannten Vorurteilen und war massenhaft verbreitet worden. Doch sie war von vorn bis hinten erfunden. Fake News.

Willkommen im postfaktischen Zeitalter.

Die Menschen glaubten nur das, was sie glauben wollten.

Und was sie nicht sahen, das gab es nicht.

Obwohl es die größte Gefahr von allen war.

Doch er musste die Menschen warnen, selbst wenn es nur ein Teil von ihnen verstehen würde.

Unter Schmerzen strich Chris Bernasconi das Papier glatt, setzte zu schreiben an und spürte wieder dieses wahnsinnige Hämmern unter seiner Schädeldecke.

Ein Tropfen Blut fiel auf die Spitze des Kugelschreibers und benetzte das Papier darunter. Chris Bernasconi fasste sich an die Nasenflügel, betrachtete seine blutverschmierte Hand und schloss für einen kurzen Moment die Augen. Konzentrier dich!

Der Kugelschreiber versagte, ließ ihn die Worte ins Leere schreiben.

Er drehte das Papier um, drückte den Kugelschreiber fester, doch er schrieb immer noch nicht.

Das Blut tropfte weiter.

Chris Bernasconi wollte aufstehen, aber seine Beine gehorchten ihm nicht mehr. Er sackte zur Seite, riss noch einmal die Augen auf, doch als er auf dem harten Boden aufschlug, bemerkte er es schon nicht mehr.

2

Mia Adam hing am Kühlturm eines Atomkraftwerks auf hundertzwanzig Metern Höhe und fragte sich, warum von allen Aktivistinnen ausgerechnet sie nicht mit einem Polizeieinsatz gerechnet hatte.

Weil sie ausnahmsweise auf der anderen Seite stand? Weil Tim sie mit seinem Charme überredet hatte, bei der Aktion dabei zu sein, da er drei Mitstreiter ersetzen musste?

Also hatte sie mitgemacht, obwohl sie Polizistin war.

„Ohne dich muss ich die Aktion abblasen“, hatte er erklärt und hinzugefügt, dass sich die Polizei die letzten Male immer zurückgehalten habe. „2014 haben wir mit über hundert Aktivisten das AKW Beznau geentert, sind am Reaktorgebäude hochgeklettert und niemand hat uns daran gehindert.“ Er hatte ihr versprochen, dass niemand erfahren würde, wer diese kleine, junge, hübsche Aktivistin mit dem rothaarigen Bubikopf war.

Das Wörtchen hübsch hatte den Ausschlag gegeben und sie verfluchte sich dafür.

Dieser Sommermorgen wäre ideal für ein entspanntes Picknick im Grünen gewesen, doch stattdessen war sie schon um vier Uhr morgens aufgestanden, vom Treffpunkt nach Däniken gefahren worden und hing jetzt am Kühlturm, ausgestellt wie ein Orang-Utan-Weibchen im Zoo. Neben Mia prangte ihr Plakat, mit der wenig diplomatischen Aufschrift: Atomkraft ist scheiße, in Japan gibt’s Beweise.

Unten am Kühlturm standen ein paar Sicherheitsleute des Kraftwerks und Dutzende Polizisten.

Die Polizei war eben nie dort, wo man sie brauchte.

Und gerade jetzt konnte Mia die Kollegen überhaupt nicht brauchen.

Einer der Polizisten schrie etwas in ein Megafon, aber sie verstand kein Wort.

Sie blickte zu den anderen Aktivisten, Ratlosigkeit stand in ihren Gesichtern. Dann gab Tim das Signal zum Abseilen.

Sie schaute ihn voller Unverständnis an, doch er schien entschlossen, aufzugeben.

Aber Mia war nicht hier, um aufzugeben, sie war hier, um zu kämpfen. Wenn sie festgenommen wurde und Bundespolizeichef Graf das mitbekam, dann konnte sie ihre Marke abgeben.

Und wie sollte Graf es nicht mitbekommen, wenn die Polizisten sie verhafteten?

Tim seilte sich ein paar Meter ab und alle anderen folgten ihm.

Bis auf Mia.

„Was ist?“, rief er und blickte nach oben zu ihr. „Wir müssen runter!“

„Warum?“, entgegnete sie und kannte doch die Antwort schon.

„Wir haben keine Chance.“ Er deutete auf die Polizisten unter ihnen. „Außerdem ist unser Ziel erreicht. Wenn sie uns festnehmen, kommen wir bestimmt in die Tagesschau.“

Alles, nur das nicht, dachte Mia und hielt sich weiter am Seil fest.

3

Montage hatten etwas Bedrückendes an sich, aber der erste Tag nach dem Urlaub war noch viel deprimierender. Fiel beides zusammen, fühlte sich der Morgen wie eine kleine Katastrophe an. Das Lebenswerte trat in den Hintergrund und der Zwang in den Vordergrund.

Als Erik Lindberg nach dem Aufstehen in den Spiegel schaute, sah er nicht – wie die Kolleginnen immer meinten – Jude Law mit Anfang dreißig, sondern einen übermüdeten Kommissar mit Ringen unter den Augen.

Als er später einen der dunkelblauen Anzüge anlegte, die er normalerweise auf der Arbeit trug, kam dieser ihm zentnerschwer vor. Klar war es schön, Kolleginnen wie Mia Adam und Katharina Zach wiederzusehen, auf andere wiederum hätte Erik Lindberg noch jahrelang verzichten können.

Zu letzteren zählte sein Vorgesetzter, Bundespolizeichef Beat Graf.

Lindberg fuhr zur Arbeit und war keine fünf Minuten anwesend, da zitierte Graf den Kommissar schon zu sich.

Kurz darauf saß Lindberg auf diesen unbequemen Besucherstühlen in Grafs Büro und sah dem Bundespolizeichef zu, wie der sich einen Espresso aus seiner persönlichen Kaffeemaschine eingoss. Natürlich, ohne Lindberg einen anzubieten.

„Während Ihrer Abwesenheit hat sich einiges getan.“ Graf strich sich über die polierte Glatze und fragte nicht mal anstandshalber, wie denn Lindbergs Urlaub verlaufen war.

„Gibt es einen neuen Fall?“, fragte Lindberg, obwohl er sich sicher war, dass er davon aus der Presse erfahren hätte.

Graf schüttelte den Kopf. „Ich hatte Kontakt mit den Kollegen vom Landeskriminalamt in Berlin.“ Er legte eine genüssliche Pause ein, nippte an seinem Espresso – und in dem Moment wurde Lindberg klar, dass es heute nicht bei einer kleinen Katastrophe bleiben würde.

„Ich hab mich schon immer gewundert, wie Sie diesen Wohlers so schnell wieder fassen konnten, nachdem er aus dem Gefängnis entflohen war.“ Graf blickte Lindberg überheblich an.

„Das war ein mehrfacher Mörder“, erwiderte Lindberg. „Meine Freundin lag wegen ihm monatelang im Koma, erst jetzt, während meines Urlaubs, konnte sie auf eine Aufwachstation verlegt werden, sie muss jedes Wort einzeln lernen, sie kann noch nicht wieder laufen …“

„Rache war noch nie ein guter Ratgeber“, unterbrach ihn Graf.

„Ich habe mich nicht gerächt“, sagte Lindberg. „Ich habe Wohlers nur dorthin gebracht, wo er hingehört: ins Gefängnis.“

„Genaugenommen hat das die Kollegin Adam erledigt.“ Graf runzelte die Stirn. „Wo steckt die eigentlich?“

„Ich habe keine Ahnung“, antwortete Lindberg und auch wenn er hoffte, dass das Thema Berlin damit erledigt war, ahnte er, dass der Bundespolizeichef ihm diesen Gefallen nicht tun würde.

„Zum Dienstbeginn um acht Uhr war niemand in ihrem gemeinsamen Büro.“ Graf schüttelte ungehalten den Kopf.

„Wenn wir einen Fall haben, arbeiten wir dafür am Wochenende oder nachts.“

„Oder Sie fliegen mal eben nach Berlin.“

Lindberg schluckte.

„Den Kollegen dort ist aufgefallen, dass der Schlüssel zur Asservatenkammer fehlt. Also haben die eine Inventur der Beweismittel gemacht und dabei festgestellt, dass ein Sudoku-Heft des besagten Herrn Wohlers ausgetauscht wurde.“

Lindberg schloss die Augen, doch er spürte förmlich, wie Grafs Blicke ihn durchbohrten.

„Jedenfalls stammt das Sudoku-Heft, welches in der Asservatenkammer lag, aus dem letzten Jahr, Wohlers hingegen ist viel früher festgenommen worden. Also kann es sich nicht um das Heft handeln, welches konfisziert worden ist.“ Er grinste herablassend. „Es sei denn, Wohlers hat eine Zeitmaschine erfunden.“

Lindberg schluckte noch mal. Er hatte das Heft bei seinem Besuch in Berlin entwendet, weil Wohlers es nach seinem Gefängnisausbruch von ihm erpressen wollte. Also musste das Heft ein Geheimnis in sich tragen. Zusammen mit seinem Freund Gehirnklitschko hatte Lindberg schließlich herausgefunden, dass in den Sudoku-Zahlen die Kontonummer für ein Schweizer Nummernkonto verschlüsselt war, auf dem die Beute aus vorherigen Raubzügen von Wohlers lagerte. Daraufhin hatte er Wohlers in der Bank eine Falle gestellt. Dieser hatte sie leider gewittert, war am Ende aber mit Mias Hilfe festgenommen worden.

Soweit perfekte Polizeiarbeit, auf die man hätte stolz sein können, wäre da nicht das illegal entwendete Beweismittel gewesen.

„Was Sie vielleicht nicht wussten“, sagte Graf und trank mit Genießermiene seinen Kaffee aus. „In der Asservatenkammer in Berlin gibt es neuerdings eine Überwachungskamera.“

Lindberg blickte seinen Vorgesetzten mit großen Augen an. Er wusste, wie sich unbedarfte Verdächtige verhielten, und hatte gerade jeden derer Fehler begangen. Das musste selbst Graf auffallen.

„Wir haben jetzt zwei Möglichkeiten“, sagte Graf. „Ich kündige Sie fristlos …“ Er machte eine Pause und ließ den Satz wirken.

Fassungslos schaute Lindberg ihn an. Du mieser, dreckiger Bastard.

4

Darius Rebarski knöpfte sein Holzfällerhemd auf und sah mit Erschrecken, dass die krebsroten Ekzeme und die eitrigen Entzündungen wieder aufgeblüht waren. Sein Kopf fühlte sich an, als sei darin ein Staudamm gebrochen und er konnte sich kaum auf den Beinen halten. Angesichts der Umstände war das mehr als verständlich. Doch warum hatte er sich erst besser gefühlt und jetzt dieser Rückschlag?

Vorsichtig richtete er sich auf, nahm das Gummi aus seiner Jeans, strich sich die Haare glatt und band sie zu einem Pferdeschwanz. Er blickte auf seine Armbanduhr. Er musste die Zeit nutzen, die ihm blieb. Man weiß nie, wann es zu Ende geht.

Manchmal fragte er sich, wie sein Leben verlaufen wäre, hätte er Chris damals in Berlin nicht kennengelernt. Glücklicher? Vielleicht, aber Lämmer waren nur deshalb glücklich, weil sie nicht wussten, dass sie bald auf die Schlachtbank geführt wurden.

Chris. Ein Schweizer, der in Berlin Physik studierte. Das gab es selten. In London, New York oder Boston, dort studierte man Physik, wenn man über das nötige Kleingeld verfügte und Karriere machen wollte. Aber nicht in Berlin. Doch Chris hatte nicht Karriere machen wollen. Er hatte etwas lernen wollen. Fürs Leben.

Was für eine abgedroschene Phrase. Und doch stimmte sie. Wo gab es noch einen Lehrstuhl für Physik, der wirklich unabhängig war? Der nicht von einem Energiekonzern, einem Anlagenbauer oder einem Elektronikmulti gesponsert wurde? Wo der Lehrplan nicht von den Ehemaligen bestimmt wurde, die Karriere gemacht hatten?

Auf dem Papier waren alle unabhängig, aber auf dem Papier ließ sich auch das Restrisiko gegen Null rechnen. „Es ist immer eine Frage der Rundung“, pflegte ihr Professor zu sagen, wenn man ihn fragte, wie groß die Risiken wirklich waren.

Ja, man konnte alles abrunden, selbst die größten Werte. Man musste nur noch Größere finden und die beiden in ein Verhältnis zueinander bringen.

Was sie allerdings entdeckt hatten, ließ sich nicht mit irgendwelchen Rundungen beseitigen. Es waren keine hypothetischen Berechnungen, es waren Fakten.

Niemand würde diese Beweise je beseitigen können. Er musste nur dafür sorgen, dass man sie fand.

Es klang so einfach und doch war es unglaublich schwer.

Darius Rebarski nahm eine Literflasche Wasser, die noch zu einem Drittel gefüllt war, leerte sie und hatte immer noch Durst. Er schleppte sich ins Bad, stolperte dabei, hielt sich am Waschbecken fest und setzte sich dann auf die Schüssel. Es kamen nur ein paar Tropfen. Es brannte.

Doch das war nun wirklich sein geringstes Problem. Er schmiss sich eine Handvoll Wasser ins Gesicht, fuhr sich durch den zerzausten Bart und blickte in den Spiegel. Seine Augen waren rot wie Streichholzköpfe. Und ebenso schmal. Das Licht im Bad schmerzte. Vielleicht sollte er sich eine Sonnenbrille besorgen? Das letzte Mal hatte er eine in den Achtzigern getragen. Klar, wer hatte das damals nicht?

Hatte man sich damals abschirmen wollen, von dem was um einen herum geschah? Bhopal, die Challenger-Katastrophe, Tschernobyl, Sandoz, Rammstein, die Exxon Valdez. Die Aufzählung ließ sich beliebig fortsetzen. Er war in den Achtzigern als Spätaussiedler aus Polen nach Deutschland gekommen und hatte gedacht, jetzt würde alles besser.

Doch dann war eine Katastrophe nach der nächsten geschehen. Er war noch ein Kind gewesen und hatte trotzdem alles hautnah mitbekommen. Vielleicht genau aus diesem Grund. Waren seine Eltern nicht schon viel zu abgestumpft gewesen? Er hatte damals viele Fragen gehabt, doch Antworten hatte es keine gegeben. Beschwichtigungen ja, aber keine Antworten.

Darius Rebarski nahm sich ein schwarzes Tuch, band es über seine Haare wie ein Pirat und steckte sich eine Selbstgedrehte an. Er nahm einen Zug und hustete. Sein Atem rasselte, als habe man ihn in Ketten gelegt. Er hätte schon lange mit dem Rauchen aufhören sollen.

Doch jetzt war es auch egal.

Er öffnete seine Sporttasche, versicherte sich zweimal, dass die Fotokamera und der Chip gut darin verpackt waren und schloss sie wieder. Er hatte es aus Sibirien hierher geschafft, jetzt musste er nur noch zum Treffpunkt. Ohne sich noch einmal umzublicken, nahm er den Hotelschlüssel und verließ das Zimmer.

Rebarski reichte dem Portier den Schlüssel, zahlte in bar, kaufte sich am Kiosk nebenan zwei Flaschen Wasser und stieg in das erstbeste Taxi. Erschöpft ließ er sich auf die Rückbank fallen. Er spürte, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb.

5

Polizeichef Graf nippte noch mal an seinem Espresso und warf Lindberg dann ein selbstgefälliges Grinsen zu. „Ich werde Sie also fristlos entlassen“, wiederholte er. „Oder, Möglichkeit zwei, Sie erledigen einen Spezialauftrag für mich.“

„Einen Spezialauftrag?“ Lindberg wiederholte die Worte betont langsam, damit seine Gedanken mitkamen. „Ist das etwas Illegales?“

„Etwas politisch Brisantes“, antwortete Graf, ohne die Frage wirklich zu beantworten.

„Also illegal.“

„Ich würde eher sagen, es ist riskant. Wenn Sie Ihre Tarnung verlieren, sind Sie Ihren Job los. Und nicht weil ich Sie dann rausschmeiße, sondern weil es jemand anders tut.“

„Das sind ja tolle Aussichten.“

„Ich weiß, dass Sie ein relativ guter Mann sind.“ Graf schaffte es, selbst einem Lob noch eine Portion Gift mitzugeben.

Der Polizeichef holte einen Brief sowie ein ausgefülltes und unterschriebenes Formular aus seinem Schreibtisch und hielt Lindberg beides vor die Nase. „Ich habe eine Antwort an das LKA Berlin aufgesetzt, in dem ich erkläre, der Herr Kommissar Lindberg sei in meinem Auftrag in Berlin gewesen, weil wir Hinweise auf Wohlers Aufenthalt in der Schweiz hatten und der Antrag zur Beweismitteleinsicht sei bei den Kollegen in Berlin wohl verloren gegangen, genauso wie das originale Sudoku-Heft.“ Graf klang so großkotzig-generös wie ein Adeliger, der gerade seine soziale Ader entdeckt hat. „Sie haben Glück im Unglück, dass ich an einer Sache dran bin, bei der ich jemanden wie Sie brauchen kann.“ Er legte beide Papiere wieder auf seinen Schreibtisch. „Davon gibt es nur diese Originale, unterschrieben von mir. Haben Sie den Spezialauftrag in zwei Wochen abgeschlossen, können Sie diese Unterlagen nach Berlin schicken. Falls nicht, sind Sie gefeuert.“

Graf will mich echt erpressen. „Was ist das für ein Spezialauftrag?“

„Das sage ich Ihnen erst, wenn Sie den Auftrag annehmen.“

„Und in der Zwischenzeit vernichten Sie das Schreiben und können sich an nichts mehr erinnern …“

„Sehen Sie, deswegen sind Sie Kommissar und kein Streifenpolizist.“ Graf grinste. „Wir legen beide Papiere in ein Bankschließfach, das nur mit zwei verschiedenen Schlüsseln geöffnet werden kann. Einen Schlüssel bekommen Sie, einen ich.“

Ist er ein verdammter Geheimagent, oder was? Der hat anscheinend nur darauf gewartet, dass ich einen Fehler mache. „Und worum geht es jetzt?“

„Das kann ich Ihnen erst sagen, wenn Sie mir versprochen haben, mitzumachen.“ Graf lächelte entschuldigend. „Ich würde das ja gerne schriftlich fixieren, aber das würde mich im Fall der Fälle leider auch belasten, also vertraue ich ausnahmsweise auf Ihr Wort.“

„Und wenn ich Ihren Auftrag ablehne?“

„Dann werde ich Sie entlassen. Und dafür sorgen, dass Sie nie wieder als Polizist arbeiten.“

Lindberg schüttelte den Kopf. „Das ist Erpressung.“

„Erpressung ist ein unschönes Wort“, entgegnete Graf. „Ich gebe Ihnen eine zweite Chance, sehen Sie das mal so.“

Lindberg rieb sich die Stirn. Das Schweizer Kündigungsschutzgesetz war löchriger als Emmentaler Käse. Genaugenommen bestand es nur aus Löchern, denn jeder konnte jederzeit gekündigt werden, außer während einer Schwangerschaft, Krankheit oder dem Wehrdienst. Zwar galt das nicht für fristlose Kündigungen, aber was spielte das schon für eine Rolle? Außerdem hatte Graf als Bundespolizeichef weitreichende Beziehungen. Er konnte es ihm tatsächlich unmöglich machen, wieder eine Stelle als Kommissar zu finden. „Wie lange habe ich Bedenkzeit?“, fragte Lindberg.

„Gar nicht.“ Graf zuckte nicht mal mit der Wimper. „Wenn Sie das Büro verlassen, habe ich entweder Ihre Zusage oder Sie sind gefeuert.“

„Dann gehe ich.“ Lindberg stand auf.

Graf blickte überrascht auf. Zum ersten Mal wirkte er verunsichert. „Das ist nicht Ihr Ernst?“

„Nehmen wir mal an, ich erledige den Auftrag. Woher weiß ich, dass Sie mich danach nicht immer noch in der Hand haben, weil Sie mich zu etwas Illegalem gezwungen haben?“

„Ich zwinge Sie zu gar nichts“, sagte Graf.

Lindberg ging zur Tür.

„Sie … Sie müssen nur so ermitteln, wie Sie es sonst auch tun“, erklärte Graf. „Und Sie wissen genauso gut wie ich, dass Sie sich dabei nicht immer an die Gesetze halten.“

„Weil es der Gerechtigkeit dient.“ Lindberg war stehen geblieben, drehte sich wieder zu Graf. „Und weil ich damit niemandem schade. Außer dem Täter.“

„Das gilt in diesem Fall genauso.“

„Und was ist das Ziel der Ermittlung?“

„Sie sollen mir Beweise beschaffen, damit ich jemanden vor Gericht bringen kann.“

„Warum engagieren Sie keinen Privatdetektiv?“

„Ich habe Ihnen genug erzählt.“

„Und wenn es diese Beweise nicht gibt?“

„Es gibt sie. Punkt.“ Graf blickte Lindberg ernst an. „Wenn es schiefgeht, wird es auch meinen Kopf kosten.“

Na endlich mal was Positives. Lindberg atmete tief aus und ging langsam zurück zu Grafs Schreibtisch.

„Ich wusste doch, dass ich mich auf Sie verlassen kann.“ Graf lächelte. Das Lächeln des Teufels, der kurz davor stand, eine Seele zu kaufen.

Lindberg setzte sich. „Wir gehen direkt von hier zur Bank.“

Graf nickte und steckte beide Schreiben in einen frankierten und an das Berliner LKA adressierten Umschlag. „Aber vergessen Sie nicht, Sie haben nur zwei Wochen. Danach wird das Schließfach aufgelöst und der Inhalt von der Bank vernichtet.“

Lindberg seufzte, wollte etwas antworten, doch im nächsten Moment klingelte sein Handy. Es war die Leiterin der Spurensicherung Katharina Zach. Halb aus Fluchtreflex, halb aus Interesse nahm er das Gespräch an.

„Bist du wieder aus dem Urlaub zurück?“

Lindberg brummelte ein Ja.

„Ich kann deine Begeisterung durchs Telefon spüren“, entgegnete sie. „Demnach wirst du dich freuen zu hören, dass wir einen Todesfall im rechtsmedizinischen Institut haben.“

„Im rechtsmedizinischen Institut? Ist Molet endgültig durchgedreht?“

„Le ’Obbydiktator erfreut sich immer noch bester Gesundheit“, entgegnete Katharina. „Und der Todesfall hat sich auch nicht dort ereignet, sondern in Sibirien. Aber die Leiche wurde jetzt überstellt, in zwei Stunden beginnt die Obduktion. Ich dachte, du willst vielleicht dabei sein.“

Lindberg blickte Graf an. „Ich muss noch etwas erledigen, aber das sollte zu schaffen sein.“

„Gut“, entgegnete Katharina. „Sei ausnahmsweise mal pünktlich. Molet hat nämlich etwas von besonderen Sicherheitsvorkehrungen erzählt.“

6

Mia Adam saß am Fuß des Kühlturms, die Hände hinter dem Rücken mit einem Kabelbinder zusammengebunden. Anscheinend waren den Polizisten die Handschellen ausgegangen, oder man machte das hier im Aargau so.

Mia sagte kein Wort, starrte nur den Betonboden an, als könne der ihr helfen. Sie hatte sich nicht abgeseilt, also waren zwei Polizisten zu ihr hinaufgekommen und hatten sie wie einen reifen Apfel gepflückt.

„Aufstehen!“, rief einer der Polizisten, doch sie reagierte nicht. Erst als alle schon aufgestanden waren, ließ Mia sich von einem Polizisten aufhelfen.

Sie liefen an der Umzäunung des Kraftwerks entlang in Richtung Eingangstor und Mia konnte schon von Weitem den Übertragungswagen des Schweizer Fernsehens erkennen. Sie unterdrückte einen Fluch, dann erst sah sie, wie Tim strahlte.

Auf der anderen Seite des Metallzaunes standen ein paar Dorfbewohner und grinsten höhnisch, einer brummelte etwas, das klang wie: Das geschieht denen recht.

So kurz vor der Volksabstimmung über die Zukunft der Atomkraft in der Schweiz war die Meinung im Land in zwei unvereinbare Lager gespalten.

Die Schweizer AKWs waren allesamt in die Jahre gekommen. Bei der Abstimmung ging es darum, ob man die Kraftwerke nach fünfundvierzig Jahren abschaltete oder weiterlaufen ließ, mit einer unbefristeten Betriebsbewilligung.

Die es weltweit in keinem einzigen Land für ein Atomkraftwerk gab.

In zwei Wochen würde es sich entscheiden. Alles war offen, denn Mia wusste, man war gerne autark in der Schweiz. Nur schienen dabei aus ihrer Sicht einige zu vergessen, dass man Uran importieren musste, Wind, Wasser und Sonne aber nicht.

Fünfundvierzig war zwar ein gutes Alter, aber nicht für ein Atomkraftwerk.

In Basel, Bern, Genf und Zürich war die Meinung eindeutig, doch befand Mia sich in keinem dieser Städte, sondern in der Nähe des Örtchens Däniken, auf dessen Gemarkung das Atomkraftwerk Gösgen stand.

In solchen Orten herrschte eine gewisse Bunkermentalität. Die Einwohner, die das AKW als Gefahr betrachteten, waren schon lange weggezogen.

Und so hoffte man in Däniken – und in den umliegenden Ortschaften -, dass sich die Bevölkerung für den Weiterbetrieb entschied. Denn man wusste, dass eine Entscheidung gegen die Atomkraft langfristig den Tod der Gemeinden um das Kraftwerk herum bedeuten würde. Ohne das AKW gab es dort keine Arbeit. Und ohne Arbeit gab es keinen Lohn. Und ohne Lohn niemanden, der in den lokalen Geschäften einkaufen würde. Außer ein paar Rentnern. Glorreiche Konsumentenzukunft sah anders aus. All das machte Aktionen in solchen Orten so heikel. Für beide Gruppen ging es um ihre Art zu leben.

Für einen bulligen Kerl mit Glatze, Bomberjacke und Springerstiefeln schien es jedoch um etwas anderes zu gehen. Er streckte den rechten Arm aus. „Landesverräter!“, brüllte er in Richtung der Aktivisten.

Mia trug auch Springerstiefel, aber ihre politische Einstellung hätte nicht gegensätzlicher sein können.

Sie fand es ohnehin absurd, dass es in der Schweiz Nazis gab, schließlich hatte aus ihrer Sicht Hitler nur deshalb die Eidgenossenschaft nicht eingenommen, weil sie ihm neutral nützlicher schien, denn als Protektorat. Doch Köpfe, die auf einfache Lösungen programmiert waren, würden das ohnehin nicht verstehen, also ignorierte Mia den Skinhead.

Er jedoch schien an Mia Gefallen zu finden, stellte sich direkt an den Zaun. „Hey, Rotschopf!“, rief er. „Du brauchst mal einen echten Schweizer Mann, damit du auf andere Gedanken kommst!“ Er steckte seine Zunge durch den Zaun und bewegte sie provozierend hin und her.

Mia tat so, als würde sie ihn ignorieren, doch als sie auf seiner Höhe war, holte sie mit dem rechten Fuß aus und traf so zielsicher, wie sie es im Judo-Training nie geschafft hatte.

Die Glatze krümmte sich vor Schmerzen, Blut lief aus seinem Mund.

Einer der Polizisten riss Mia vom Zaun weg, die Glatze sank theatralisch auf den Boden und brummelte irgendetwas Unverständliches in seinen Hohlkörper hinein.

Dann erst erblickte Mia den Fotografen. Ein Kamerablitz knallte ihr in die Augen. Und Mia wusste, das würde kein gutes Ende nehmen.

7

„Was hätten Sie eigentlich gemacht, wenn ich nicht in Berlin gewesen wäre?“, fragte Lindberg, während er mit Graf per Lift in die Tiefgarage der Bundespolizei fuhr.

„Glauben Sie wirklich, Sie haben so wenig Fehler?“ Der Bundespolizeichef grinste. „Ich hätte immer etwas gefunden.“

Lindberg schenkte sich eine Antwort. Vielleicht hatte Graf mit seiner Behauptung ja recht. „Also, worum geht es?“

„Ich erkläre es Ihnen während der Fahrt.“ Graf stieg in seinen neuen Jaguar. „Toller Schlitten, oder?“ Seine Augen funkelten vor Stolz.

„Ich steh nicht so auf Autos.“

„Ihre Kollegin schon.“

Wie meint er das jetzt? Hat er Mia genauso in der Hand?

Graf schaltete sein Handy aus. „Machen Sie das bitte auch“, sagte er. „Falls wir geortet werden.“

Lindberg blickte ihn irritiert an, tat aber, was Graf befohlen hatte. Der Polizeichef gab Gas und fuhr auf die Hauptstraße. „Ist Ihnen am Bundesanwalt in letzter Zeit etwas aufgefallen?“

„Sie meinen Schiller?“

„Genau. Der Giftzwerg.“

Lindberg war überrascht, dass der Bundespolizeichef Schillers Spitznamen kannte. Vielleicht war er aber auch zu offensichtlich, denn jeder von Schillers hundertneunundfünfzig Zentimetern bestand aus ausgehärteter, giftiger Galle. Zumindest sah er so aus. Blass, drahtig und mit einer Frisur, die selbst Kojak stolz gemacht hätte. „Was ist mit ihm?“, fragte Lindberg.

„Sie sollen ihn beschatten.“

„Beschatten?“ Lindberg warf Graf einen fragenden Blick zu. „Und wie soll ich das machen, jetzt, wo wir einen neuen Fall haben?“

„Für das Timing kann ich nichts.“ Graf räusperte sich. „Außerdem gibt es Abkürzungen zum Glück.“

„Wie meinen Sie das?“

„Wie ich gehört habe, ist kein Türschloss vor Ihnen sicher.“

Lindberg blickte aus dem Seitenfenster, die Sonne schien, doch seine Laune entsprach eher tausend Tagen Regenwetter. „Sie wollen, dass ich bei Schiller einbreche? Beim Bundesanwalt?“

„Wie Sie zu den Beweisen kommen, bleibt Ihnen überlassen.“

Lindberg beugte sich näher zu Graf. „Und was soll ich beweisen?“

„Das erzähle ich Ihnen, nachdem wir im Tresorraum waren.“

Graf parkte den Wagen auf dem Kundenparkplatz der Bank Privé. Mein Chef muss ja einiges beiseitegelegt haben, wenn er hier ein Konto hat.

Graf klingelte an der verschlossenen Außentür der Bank. „Das Reden überlassen Sie mir.“

Die beiden wurden hineingebeten, doch die Freundlichkeit des Bankangestellten bezog sich ausschließlich auf Graf. „Wir würden gerne das reservierte Schließfach eröffnen“, sagte der Bundespolizeichef.

Der Bankangestellte warf Lindberg einen blasierten Blick zu. „Können Sie sich legitimieren?“

Lindberg schob seinen Ausweis über den Tresen.

Der Angestellte kopierte den Ausweis, ging an ein Terminal und gab ein paar Daten ein. „Zugriff erhalten die Herren Lindberg oder Graf, nur innerhalb der nächsten vierzehn Tage und nur nach vorheriger Ausweiskontrolle sowie mittels beider Schlüssel“, sagt er schließlich und führte sie in einen Tresorraum im Keller. Er deutete auf ein Schließfach. „Nach vierzehn Tagen wird das Fach aufgelöst und der Inhalt vernichtet.“ Er blickte Graf an. „Möchten Sie jetzt etwas deponieren?“

Der Polizeichef nickte.

Der Angestellte ging zu dem Schließfach, nahm erst den einen Schlüssel, steckte ihn hinein und drehte ihn nach links. Dann nahm er den anderen und tat dasselbe.

Das Schließfach öffnete sich. Es war keine zehn Zentimeter hoch und nur zwanzig Zentimeter tief sowie breit. Graf holte den frankierten Umschlag aus seiner Jacketttasche und legte ihn in das Fach. Der Bankangestellte drückte die kleine Tür zu, drehte die beiden Schlüssel wieder zurück und zog sie ab. Dann gab er einen Schlüssel Graf und einen Lindberg.

Wieder oben im Foyer wurden sie von dem Bankangestellten verabschiedet. Es grenzte an ein Wunder, dass der Mann sich durchringen konnte, Lindberg die Hand zu geben.

Auf dem Weg zum Jaguar schwieg Graf.

„Warum ich?“, fragte Lindberg schließlich.

Graf grinste. „Man muss eben die Opportunitäten nutzen, die sich einem bieten.“

„Was genau für Beweise wollen Sie gegen Schiller?“

Graf stieg in den Wagen und ließ den Motor an. „Sie müssen wissen, dass Herr Schiller und ich nicht das beste Verhältnis haben.“

Du willst seinen Job. Und mich dafür benutzen. „Das ist kein Grund, ihn überwachen zu lassen.“

„Nein, das ist es nicht.“ Graf strich sich über die Glatze. „Ich habe aber den Verdacht, dass Schiller eine minderjährige Freundin hat.“

„So etwas muss nicht illegal sein.“

„Wenn es sich um eine Schutzbefohlene handelt, ist es das. Oder wenn sie gezwungen wird.“

„Und wie soll ich das Verhältnis beweisen?“

„Da er mit ihr nicht einfach in ein Hotelzimmer spazieren kann, treffen sie sich anscheinend bei ihm zu Hause.“

„Schiller ist doch verheiratet“, entgegnete Lindberg. „Und hat er nicht sogar eine minderjährige Tochter?“

„Seine Tochter ist siebzehn, ist gemeinsam mit der Mutter vor vier Wochen ausgezogen, die Scheidung ist aber noch nicht eingereicht.“

Lindberg musterte Graf. „Sie wollen Schiller also loswerden, weil er Sex mit einer Minderjährigen hat?“

„Dafür würde ich wohl kaum meine Karriere riskieren“, entgegnete Graf. „Ich will, dass er mir Informationen liefert, um die Hintermänner dranzubekommen.“

„Hintermänner für was?“

„Es ist besser, wenn Sie nicht alles wissen.“

„Mir könnte bei der Überwachung aber etwas auffallen.“

„Schiller ist kein Anfänger.“

„Immerhin geht er nach Ihren Informationen mit einer Minderjährigen ins Bett.“

„Manche haben viele Schwachstellen.“ Graf lächelte Lindberg an. Es war klar, wen er damit meinte. „Schiller hat nur eine einzige. Wir bekommen ihn so, oder wir bekommen ihn gar nicht.“

„Als Bundesanwalt steht Schiller unter Personenschutz“, entgegnete Lindberg. „Wie soll ich ihn da unauffällig überwachen? Und wieso empfängt er die Minderjährige daheim? Wo es jeder Personenschützer mitbekommt?“

„Wenn er seine Dates hat, schickt er die Personenschützer anscheinend vorher weg.“ Graf grinste. „Das kam denen merkwürdig vor, daher stammt der Tipp auch aus diesen Kreisen.“

„Und warum überwachen ihn dann diese Kreise nicht gleich selbst und liefern den Beweis?“

Graf bog in die Tiefgarage der Bundespolizei und parkte seinen Jaguar. Dann erst blickte er Lindberg an und zuckte mit den Schultern. „Da wollte niemand das Risiko eingehen.“

Klar, die konnte man ja auch nicht erpressen. Lindberg rieb sich die Stirn. „Ich beweise, dass Schiller Sex mit einer Minderjährigen hat, wir gehen zur Bank und ich bekomme den Umschlag mit meiner Entlastung für das LKA in Berlin?“

„Exakt.“

„Keine Nebenabreden?“

Graf stieg aus dem Jaguar. „Nur absolute Verschwiegenheit. Niemand darf je von unserem kleinen Arrangement erfahren.“

„Das gilt auch für Sie?“ Lindberg stellte sich vor den Polizeichef.

„Selbstverständlich.“ Graf lächelte, klopfte Lindberg auf die Schulter und ging an ihm vorbei. „Ich muss auf ein Meeting. Ich erwarte morgen früh einen Bericht von Ihnen, alles klar?“

„Zu dem Todesfall im rechtsmedizinischen Institut oder zu dem Spezialauftrag?“

Graf rieb sich die Hände. „Natürlich zu beidem.“ Dann ließ er Lindberg einfach stehen.

8

Sie nahm die Pistole aus der Jackentasche, entsicherte sie und hielt sie im Anschlag. Dann erst schob sie die Zugangskarte in den Leser an ihrer Hotelzimmertür und drehte den Türknauf herum. Es hatte lange gebraucht, bis sie den Portier überzeugt hatte, dass sie ihren Ausweis verloren hatte. Die Leute werden immer paranoider. Vor Harmlosem haben sie Angst und gleichzeitig verdrängen sie ihre gefährlichsten Gewohnheiten.

Doch sie hatte ihren Charme spielen lassen und ihm sogar noch eine zweite Zugangskarte für das Zimmer abgelächelt, die sie am vereinbarten Ort deponiert hatte. Mit einem Ruck öffnete sie die Tür, lauschte kurz in das Zimmer und huschte hinein. Sie schloss die Tür hinter sich, die Vorhänge, überprüfte Bad sowie Schränke und stöpselte das Telefon aus. Schließlich setzte sie sich auf das Bett, Erschöpfung stand in ihren Augen. Sie hasste es, tagsüber im Dunkeln sitzen zu müssen, aber falls jemand sie entdeckte, war alles vorbei.

Schon öfter hatte sie sich gewünscht, nicht so attraktiv auszusehen. Die Leute sahen ihre kleine Statur und ihr puppenhaftes Gesicht und glaubten nicht, dass sie auch über ein gut funktionierendes Hirn verfügte. Die schwarzgefärbten Haare machten alles noch schlimmer. Sie standen ihr viel zu gut. Aber was sollte sie tun? Mit einem roten Irokesenschnitt war man nicht wirklich unauffällig oder mit kurzrasierten Haaren. Selbst ihr Augenbrauenpiercing hatte sie entfernt. Wenigstens hatte sie kleine Brüste. Und mit einem Jeansoverall konnte man einiges an ihrer schlanken Figur kaschieren. Das manche Frauen so was freiwillig trugen?

Dennoch hatte sie den Eindruck, immer noch zu sehr aufzufallen. Vielleicht lag es daran, dass sie noch nie gut im Verstecken gewesen war. Das Suchen hatte ihr schon immer mehr gelegen. Jetzt aber ging es einzig und allein darum, nicht gefunden zu werden. Wie lange würde sie das noch aushalten?

Sie schaltete den Fernseher ein und stellte den Ton leise. In den Nachrichten lief das Übliche: Palästina-Konflikt; Amis, die sich unter dem Vorwand der Militärhilfe in die Politik anderer Länder einmischten und damit alles schlimmer machten, irgendeine Promihochzeit. Von Chris oder Darius war immer noch nicht die Rede. War das ein gutes Zeichen oder ein schlechtes?

Im Bad legte sie die Pistole auf eine Ablage, zog sich aus und stellte sich unter die Dusche. Das warme Wasser perlte an ihr ab wie an einer Schutzhaut. Sie atmete tief durch.

Es half nichts. Sie wurde das Gefühl nicht los, dass jemand ihr folgte.

Seit drei Tagen fühlte sie sich beobachtet. Kein Wunder, nach dem was geschehen war. Und nach dem, was noch geschehen würde. Bestimmt wäre es anders gelaufen, wenn ich Chris und Darius begleitet hätte! Warum hatten die beiden es unbedingt allein durchziehen müssen? Männer!

Sie stellte die Dusche ab, rieb sich mit dem Tuch trocken und legte den Jeansoverall an, den sie heute Mittag in einem Secondhandladen gekauft hatte. Sie nahm ihr Portemonnaie und zählte das Geld. Zweihundertfünfzig Franken, das war alles, was ihr geblieben war. Wenigstens hatte sie das Hotel schon bezahlt. Spätestens übermorgen musste sie einen Weg finden, an neues Geld heranzukommen.

Andere gingen dafür zum Geldautomaten, doch dann wussten die Bullen sofort, wo sie sich befand. Und wie sie aussah. Die Überwachungskameras an den Automaten ließen sich nicht austricksen.

Wenn sie einen Vorteil hatte, war es ihre Anonymität. Den würde sie sich nicht nehmen lassen. Nicht für Geld.

Sie schaltete den Fernseher aus und legte sich aufs Bett. Einmal wieder ohne Angst schlafen können. Sich einfach fallen lassen. An nichts denken. Und von nichts überrascht werden. Nur daliegen und schlafen. Keine Träume. Jedenfalls keine Albträume.

Sie schaute auf die Uhr. Es war früher Nachmittag, ihre produktivste Zeit, jedenfalls war das früher so gewesen, bevor der Arzt ihr diese Medikamente verschrieben hatte. Er hatte ihr eingebläut, die Dinger regelmäßig zu nehmen, hatte sie sogar überredet, einen Alarm an ihrer Armbanduhr zu aktivieren, der sie an die Einnahme erinnerte. Immer wenn das Teil piepte, wurde ihr Widerwillen dagegen größer. Weil sie dann nicht sie selbst war? Jedenfalls nicht in allen Ausprägungen?

Doch noch jedes Mal hatte sie die Medikamente genommen.

Sie seufzte.

Momentan blieb ihr nichts anderes übrig, als sich hier zu verstecken. Wenn sie wenigstens in Chris’ Wohnung könnte! Aber es war zu gefährlich.

Noch.

So sehr sie den Drang spürte, etwas zu tun, wusste sie, sie musste noch warten.

Sie öffnete die Nachttischschublade, fand eine Bibel und blätterte ziellos darin herum. Plötzlich hielt sie inne. Auf dem Flur waren Schritte zu hören. Nein, keine tiefen, bedrohlichen, auch keine unachtsamen eines Hotelgastes, sondern leise schleichende Schritte. Sie kamen näher und stoppten kurz vor ihrer Zimmertür.

Verdammt! Sie hatte die Pistole im Bad liegen lassen! Bis sie dort war, konnte es schon zu spät sein. Außerdem würde die Person vor der Tür hören, wenn sie ins Bad rannte.

Sie horchte in die Stille, dachte schon, sie habe sich getäuscht, als sie plötzlich aufschreckte. Der Türknauf ihrer Zimmertür drehte sich.

9

Als Erik Lindberg das frisch eingeweihte rechtsmedizinische Institut betrat, blieb er, obwohl er in Eile war, kurz stehen und blickte sich staunend um. Der Neubau wirkte hell und freundlich, fast wie ein modernes Kunstmuseum. Zu seiner Überraschung roch es dezent nach Flieder, wahrscheinlich irgendein Raumparfüm. Doch schon nach den ersten paar Metern stellte Lindberg fest, dass er wie immer in der Rechtsmedizin dieses unangenehme Bauchgrimmen verspürte.

Also lag es nicht am Gebäude, nicht an den Gerüchen, sondern an Dr. Molet.

›Le ’Obbydiktator‹, der führende Pathologe der Schweiz. So bezeichnete er sich jedenfalls selbst und es wagte niemand, ihm zu widersprechen.

Allerdings gab es seit einiger Zeit im rechtsmedizinischen Institut einen Mitarbeiter, der brisante Details der Obduktionen an die Presse verriet und damit auch Molets Autorität untergrub. Bisher hatte der Pathologe dem ratlos zugesehen, daher hatte Lindberg sich im Urlaub einen Plan überlegt, wie man den Maulwurf enttarnen konnte.

Der Kommissar war überzeugt, dass der Plan gelingen würde, doch ob Molet ihn überhaupt hören wollte, das wusste er nicht.

Lindberg hastete in den Umkleideraum, natürlich war er mal wieder zu spät. Aber er hatte erst noch ein Versteck für den Tresorschlüssel suchen müssen und dann war er aus Gewohnheit zur alten Rechtsmedizin gefahren, die inzwischen leer stand.

In der Umkleidekabine vor den Obduktionsräumen legte er den üblichen Einweg-Schutzkörperanzug an, samt Schuhüberzug und Haarnetz. Ohne das brauchte man Molet gar nicht erst gegenüberzutreten. Lindberg ignorierte die Warnhinweise an der Tür, anscheinend wollte man hier jetzt alles ganz genau nach Vorschrift machen und ging in den Raum.

Vor einem Stahltisch standen Molet, Katharina Zach und zwei Assistenten, die er nicht kannte. Alle vier trugen nicht die üblichen Overalls, sondern irgendwelche gelben Ganzkörperanzüge, bei denen sogar der Kopf eingeschlossen war. Waren die Dinger auch neu?

Molet erblickte ihn, ließ das Skalpell fallen und rannte auf Lindberg zu. Er schrie ihm etwas entgegen und trotz des Ganzkörperanzugs verstand Lindberg jedes Wort. „’Auen Sie sofort ab!“

„Was?“

Im nächsten Moment packte Katharina Zach den Kommissar und schob ihn aus dem Obduktionsraum in die Umkleide. Dort zog sie die Kopfmaske ihres Ganzkörperanzugs aus. „Sag mal bist du bescheuert?“

„Du hast mich doch hierherbestellt!“

„Ja, aber da wusste ich nicht, das wir nur vier Strahlenschutzanzüge haben.“

„Was?“

„Meinst du die Warnhinweise hängen da zum Spaß?“ Sie zeigte auf die Tür, mit den Magnetschildern, die Lindberg ignoriert hatte. „Außerdem habe ich dir doch per SMS Bescheid gegeben!“

Lindberg nahm sein Diensthandy. „Mist, ist immer noch ausgeschaltet.“

„Warum das denn?“

Lindberg biss sich auf die Lippe. „Dummheit“, antwortete er schließlich. „Was ist mit dem Leichnam? Irgendein Giftstoff? Schon wieder Anthrax?“

„Schlimmer“, sagte Katharina Zach. „Wenn ich den Messwerten glauben kann, die ich vorhin ermittelt habe, wurde Chris Bernasconi so massiv radioaktiv verstrahlt, dass Molet ihn als Atommüll behandeln und ins Endlager schicken müsste. Wenn wir denn eins hätten.“

10

„Sie haben also keinen Ausweis bei sich und weigern sich, Ihre Personalien anzugeben?“ Der Polizist erhob sich von seinem abgenutzten Schreibtisch in seinem abgenutzten Büro und stellte sich vor Mia.

Sie nickte nicht einmal.

„Verstehen Sie mich überhaupt?“

Mia blickte die Wand an. Dorfpolizisten! So doof war sie ganz sicher nicht, als Antwort auf diese Frage mit dem Kopf zu schütteln.

„Also noch mal, wie heißen Sie?“

Mia antwortete nicht, wie schon die ganze Zeit, nachdem man sie vom Kühlturm gezerrt hatte.

Denn jedes Wort, das sie sagen würde, gäbe etwas über sie preis. Das war zwar nicht gerade ein großartiger Plan, aber etwas Besseres fiel ihr momentan nicht ein.

Der Dorfpolizist trat einen Schritt näher an Mia heran. „Ich kann auch Ihre Kollegen fragen, irgendwie werden Sie sich ja mit denen verständigt haben, oder?“

Mia seufzte. „Ich Maryan Kochilowanski.“

„Was?“

„Ich … schreibe … auf.“ Mia ruckelte an dem Kabelbinder an ihren Händen, damit der Polizist sie aufschnitt.

Er grinste. „Sie halten sich wohl für besonders clever?“

Normalerweise hätte Mia genickt, aber heute fand sie keinen Grund dafür.

„Dann sag ich Ihnen mal, was ich glaube. Diese junge, rothaarige Frau, die dem Nazi vorhin die Zunge poliert hat, weil sie jedes Wort von ihm verstanden hat, kann wahrscheinlich besser Deutsch, als sie vorgibt, oder?“ Der Polizist zeigte mit dem Finger auf sie. „Wahrscheinlich sind Sie eine verwöhnte Bankkauffrau, wollten mal mutig sein und jetzt haben Sie Angst vor den Konsequenzen, stimmt’s?“

Mia nickte, obwohl es nicht stimmte.

Er lächelte zufrieden. „Helfen Sie mir, dann helfe ich Ihnen.“

Mia legte ihren unterwürfigsten Blick auf, so dass sie sich fast vorkam wie eine Hündin, die um Futter bettelte. „Können Sie mich nicht einfach laufen lassen? Ich habe doch niemandem etwas getan.“

Das Lächeln des Polizisten verschwand so schnell wie es gekommen war. „Meine Kollegen mussten extra wegen Ihnen auf den Kühlturm klettern! Das ist eine bewusste Gefährdung der Staatsgewalt!“

Du weißt gar nicht, was Gefahr ist, dachte Mia, doch sie lächelte nur unschuldig und nannte ihm einen Fantasienamen und eine Fantasieadresse.

Während er beides überprüfte, petzte Mia die Beine zusammen. „Ich müsste mal aufs Klo“, sagte sie. „Oben auf dem Kühlturm konnte ich ja schlecht. Einfach laufen lassen, hätte ihre Kollegen ja noch mehr in Gefahr gebracht.“

Er seufzte und rief eine Polizistin.

Mist, dachte Mia. Die kommt bestimmt mit auf die Toilette. Frauen bei der Polizei sind echt das Letzte!

Die Polizistin führte Mia auf die Frauentoilette. Mia huschte in eine Kabine. „Und wie soll ich mir die Hose runterziehen?“ Sie ruckelte mit verbundenen Händen hinter ihrem Rücken. „Und wie den Po putzen?“

Die Polizistin zog genervt einen Mundwinkel nach oben, doch dann holte sie eine Schere heraus, bückte sich und schnitt Mia den Kabelbinder durch.

Im nächsten Moment packte Mia den Kopf der Polizistin, knallte ihn gegen die Kabinentür und rannte so schnell sie konnte auf die Toilettentür zu.

Die Polizistin rief etwas, doch Mia drückte schon die Klinke herunter, riss die Tür auf und starrte direkt auf den Brustkorb dieses verdammten Dorfpolizisten.

Offensichtlich hatte er hinter der Tür auf sie gewartet, drehte ihr die Arme auf den Rücken und legte ihr mit großem Vergnügen ein paar Handschellen an.

11

Erik Lindberg stand vor Mia Adams Wohnungstür und klingelte zum dritten Mal. Als niemand reagierte, nahm er das Handy, rief sie an, doch er erreichte nur die Mailbox. Er hatte schon vor einer halben Stunde darauf gesprochen, also legte er auf.

Zuvor war sie weder an ihr privates Handy gegangen, noch an ihr dienstliches, noch an ihr Festnetztelefon, sie hatte nicht auf SMS und WhatsApp reagiert und jetzt auch nicht auf das Klopfen an ihrer Haustür. „Mia!“, rief er.

Stille.

Was, wenn sie in Ohnmacht gefallen war? Hilflos daheim auf dem Fußboden lag? Er biss sich auf die Lippe und holte seine Lockpicks heraus, schmale Metallstäbe, mit deren speziell geformten Enden man fast jedes Schloss aufbekam. Lindberg war schon einige Jahre Mitglied bei den Sportsfreunden der Sperrtechnik. Bei den Vereinstreffen demonstrierten Lockpicker, wie sie selbst modernste Sicherheitsschlösser knackten, ohne diese zu zerstören. Und zwar innerhalb von Sekunden.

So schnell war Lindberg zwar nicht, aber bisher hatte er noch jede Tür öffnen können.

Er führte den sogenannten Spanner in das Schloss ein, um die darin befindlichen Stifte einem leichten Druck auszusetzen. Mit der anderen Hand nahm er einen schmalen Pick, dessen Ende perfekt geformt war, um die Stifte im Schloss einzeln herunterzudrücken und bearbeitete jeden einzelnen Stift, bis er gesetzt war. Es dauerte keine Minute, dann klickte das Schloss und Lindberg schob die Tür auf.

Er schlich in die Wohnung, die überraschend hell und freundlich eingerichtet war. Er kam sich vor wie ein Einbrecher und blickte nur kurz in jedes Zimmer.

Mia war nicht da.

Er wollte gerade gehen, als sein Blick auf den Wohnzimmertisch fiel, auf dem ein Briefumschlag lag. Darauf prangte ein gelbes Logo mit drei konzentrisch angeordneten schmalen Halbkreisen, in deren Mitte eine Kugel ruhte. Darunter kein Text, kein Absender, der Brief war an Mia adressiert. Lindberg rieb sich die Stirn. Das Ganze sah nach einer Geheimorganisation aus.

Er zuckte mit den Schultern, verließ die Wohnung, das Haus und stieg in den Dienstwagen, einen Tesla. Bundespolizeichef Graf stand eben auf schnelle Autos, doch noch mehr stand er darauf, sich als moderner Macher profilieren zu können.

Lindberg zwang sich, wieder an den Fall zu denken. Noch in der Rechtsmedizin hatte ihm Katharina Zach – nachdem sie sich wieder beruhigt hatte – die bisher bekannten Fakten zu dem Toten mitgeteilt: Er hieß Chris Bernasconi und war vor acht Tagen von seiner Mutter als vermisst gemeldet worden. Sie hatte den Verdacht auf eine Entführung geäußert, weswegen die Bundespolizei ermittelt hatte. Es gab zwar keine Lösegeldforderung, aber Chris Bernasconi stammte aus einer vermögenden Familie und hatte angeblich vor seinem Verschwinden gesagt, dass er sich bedroht fühle. Doch zwei Tage später war Bernasconis Vater in die Bundespolizei gestürmt und hatte die Vermisstenmeldung zurückgenommen. Und nun war Chris Bernasconi in Sibirien aufgetaucht, dort massiv verstrahlt worden und nach ersten Erkenntnissen daran gestorben.

Mehr hatten die lokalen Behörden nicht mitzuteilen gehabt, die Ermittlungen zur Ursache der Verstrahlung seien ergebnislos gewesen, der Mann erst aufgefunden worden, als er schon verstorben war.

Also hatte man den Leichnam per Bleisarg in die Schweiz überführt und die Bundespolizei hatte die Ermittlungen wieder aufgenommen.

Das Bemerkenswerteste an dem Fall war jedoch das familiäre Umfeld des Opfers. Der Vater von Chris Bernasconi war Ernesto Bernasconi, Geschäftsführer von SWISS SUSTAIN ENERGY, jener Firma, die vor Kurzem alle Schweizer Atomkraftwerke von den kantonalen Energieerzeugern übernommen hatte, samt allen Entsorgungskosten. Ein politisch hoch umstrittener Deal, der nur möglich gewesen war, weil SWISS SUSTAIN ENERGY eine neue Endlagertechnologie entwickelt hatte, die angeblich alle Entsorgungsprobleme lösen sollte.

Und jetzt war sein Sohn tot und verstrahlt in Sibirien gefunden worden.

Lindberg war sich sicher, dass Mia mehr über SWISS SUSTAIN ENERGY wusste, als er je im Internet herausfinden konnte.

Er blickte noch mal durch die Seitenscheibe des Teslas auf Mias Wohnung und gab dann Gas. Lindberg fuhr in Richtung Autobahn und eine knappe Stunde später in Baden im Kanton Aargau von dieser wieder herunter. Der Aargau war der Atomkanton der Schweiz, also war es nicht weiter verwunderlich, dass Bernasconi hier residierte.

Oder eben doch, wenn man Atomkraftwerke für potenzielle Zeitbomben hielt.

Lindberg parkte den Wagen vor einer kubistischen Villa aus Sichtbeton, stieg aus und wurde am Eingangstor von einem Mitarbeiter eines lokalen Security-Unternehmens aufgefordert, sich auszuweisen. „Ich habe einen Termin“, Lindberg zeigte seine Polizeimarke. Der Security-Mitarbeiter schaute in einer Liste nach und nickte.

„Hat Ihr Auftraggeber Angst vor Anschlägen?“, fragte Lindberg.

Der Mann zuckte mit den Schultern, ihm schien es egal, wen oder was er bewachte, Hauptsache er wurde dafür bezahlt. Ein anderer Kollege führte Lindberg in ein Büro, an dem ein Mann um die sechzig hinter einem Schreibtisch saß. Graue Haare, hohe Stirn, randlose Brille, dunkler Anzug. Ernesto Bernasconi. Der Manager erhob sich und reichte Lindberg die Hand.

„Mein herzliches Beileid“, sagte Lindberg. „Wann wurden Sie über den Tod Ihres Sohnes informiert?“

„Vor zwei Tagen, die Botschaft hat uns angerufen.“

Lindberg setzte sich auf den Besuchersessel. „Was können Sie uns über Ihren Sohn erzählen, wie war er so?“

Bernasconi räusperte sich. „Er war sehr eigenwillig. Und er lebte ja schon länger nicht mehr daheim.“

Lindberg lupfte eine Augenbraue. Kein Wort über Trauer, den Schmerz, den Verlust. Bernasconi schien wie ein typischer Manager, der immer nur nach vorn blickte, selbst wenn er verbrannte Erde hinterließ.

Oder genau deshalb.

„Warum haben Sie die Vermisstenanzeige zurückgezogen?“

„Wir hatten Hinweise, dass sich Chris auf einem Selbstfindungstrip in Asien befindet.“

„Hinweise?“

Bernasconi kaute auf seiner Lippe herum. „Er hatte eine Postkarte geschickt.“

„Kann ich die mal sehen?“

„Ich … ich weiß nicht, ob wir die noch haben.“

„Ihre Frau hatte angegeben, Chris vor zehn Tagen das letzte Mal gesehen zu haben, hier in der Schweiz, drei Tage später hat sie ihn vermisst gemeldet und zwei Tage später haben Sie also diese Postkarte bekommen, richtig?“

Bernasconi nickte vorsichtig.

„Ganz schön schnell für eine Postkarte aus Asien, oder?“

Bernasconi petzte seine Lippen zusammen. Und Lindberg wartete. Für Menschen, die glaubten, sich rechtfertigen zu müssen, war Stille der größte Feind.

„Chris war häufiger verschwunden“, sagte Bernasconi schließlich. „Ich dachte, das wäre wieder so eine Phase und wollte das nicht überbewerten.“

„Ihre Frau hatte von einer möglichen Entführung gesprochen. Vor Ihrem Haus stehen Security-Mitarbeiter. Und Sie wollten das nicht überbewerten?“

Bernasconi seufzte. „Chris und ich hatten erhebliche Differenzen, ich wollte nicht, dass diese in die Öffentlichkeit getragen werden.“

Tja, das hat wohl nicht geklappt, dachte Lindberg, doch er wollte Bernasconi nicht noch zusätzlich reizen. „Was für Differenzen hatten Sie denn?“

Bernasconi rieb sich die Stirn. „Möchten Sie einen Kaffee?“

„Nein, danke.“ Lindberg lächelte unverbindlich.

Bernasconi blickte ausweichend aus dem Fenster. „Es war politischer Natur.“ Er atmete tief aus. „Wie Sie vielleicht wissen, bin ich der Geschäftsführer von SWISS SUSTAIN ENERGY und er war in der Antiatomkraftbewegung engagiert.“

„Dann hätte er doch froh sein müssen, dass Sie die Endlagerfrage gelöst haben“, sagte Lindberg.

„Wir hatten eine ideologische Auseinandersetzung“, antwortete Bernasconi. „Da ging es nicht um einzelne Erfolge.“

„Ist Ihre Technologie denn ein Erfolg?“

Bernasconi nickte und lächelte fast. Bei dem Thema schien er sich deutlich wohler zu fühlen als bei Fragen zu seinem Sohn. „Wir wandeln die radioaktiven Stoffe mittels Transmutation zu ungefährlichen Materialien um. Diese strahlen nur noch wenige Jahrzehnte statt einer Million Jahre.“

„Und das funktioniert einfach so?“

„Man hat weltweit seit über fünfzig Jahren daran geforscht. Vorstufe dieser Technologie war beispielsweise der Schnelle Brüter, bei dem man allerdings den Atommüll weiter angereichert hat, bis Plutonium entstanden ist. Wir machen im Prinzip das Gegenteil. Wir entziehen dem Atommüll die Radioaktivität.“

„Und das ist sicher?“

Bernasconi nickte. „Es gibt ja keine Kernspaltung, nur eine Umwandlung.“

Lindberg hatte inzwischen herausgefunden, dass die kantonalen Energieversorger heilfroh gewesen waren, ihre Atomkraftwerke loszuwerden. Denn die Strompreise waren aufgrund des Erfolgs der erneuerbaren Energien eingebrochen und so waren Atomkraftwerke nicht mehr profitabel zu betreiben. Jedenfalls wenn man keine Abstriche bei der Sicherheit machen wollte und die Entsorgungskosten berücksichtigte.

„Obwohl weltweit seit mehr als siebzig Jahren fleißig Strom aus der Kernspaltung gewonnen wird, gibt es noch kein Endlager für den dabei entstehenden Atommüll“, erklärte Bernasconi. „Das ist ungefähr so, als würde man mit einem Flugzeug starten, für das es nirgendwo auf der Welt eine Landebahn gibt.“ Bernasconi blickte strahlend auf. „Und wir bauen diese Landebahn. Sie nennt sich Transmutation.“

„Das klingt nach einer technisch ziemlich komplexen Lösung“, sagte Lindberg. „Wird das nicht viel zu teuer?“

Bernasconi schüttelte den Kopf. „Nach den bisherigen Berechnungen sind 8,5 Milliarden Schweizer Franken für die Entsorgung unseres Atommülls vorgesehen.“ Bernasconi wog den Kopf hin und her. „Unter uns: Ein viel zu geringer Ansatz, wenn man berücksichtigt, dass das Endlager eine Million Jahre lang dichthalten soll.“ Er hob den Zeigefinger. „Mit der Transmutation werden wir das für einen Bruchteil des Geldes bewerkstelligen können und in einem Bruchteil der Zeit. So dass die Generation, die den Atommüll verursacht hat, ihn auch beseitigt.“

„Und weswegen war Ihr Sohn nun gegen diese Idee? Sie klingt doch auf den ersten Blick vernünftig.“

„Vernunft war nicht unbedingt seine stärkste Eigenschaft, eher Emotionalität.“ Bernasconi zuckte mit den Schultern. „Das hatte er wohl von seiner Mutter.“

„Ist sie auch hier?“

„Sie ist zu ihren Eltern gefahren, die Trauer hat sie ziemlich mitgenommen.“

Lindberg sparte sich die Frage, ob es bei Bernasconi auch so war. „Gehen wir mal davon aus, dass Ihr Sohn sich nicht absichtlich so stark verstrahlt hat“, sagte er. „Wer könnte ihn dann umgebracht haben?“

„Wenn Sie meine ehrliche Meinung hören wollen, dann niemand“, antwortete Bernasconi und sein Gesichtsausdruck wirkte hart und starr. „Ich glaube eher, Chris wollte einen Skandal bei der anstehenden Volksabstimmung provozieren.“

„Durch seinen Tod?“

Bernasconi schüttelte den Kopf. „Ich nehme an, er wollte sich nur geringfügig verstrahlen. In der Schweiz ging das allerdings nicht, also hat sich in Gefahr begeben und bei der Dosis verschätzt.“

„Und was hätte das bringen sollen?“, fragte Lindberg. „Das provoziert doch in der Schweiz keinen Skandal, wenn sich jemand in Sibirien verstrahlt.“

„Das hätte ja auch niemand wissen sollen“, sagte Bernasconi. „Nein, er wollte sich die Strahlung abholen und dann in ein Atomkraftwerk marschieren, so wie die Aktivisten, die heute Morgen in Gösgen festgenommen wurden. Und dann hätte er behauptet, er hat sich dort verstrahlt.“ Bernasconi hob den Finger. „Niemand hätte uns geglaubt. Und bis wir bewiesen hätten, das wir nicht der Verursacher waren, wäre die Abstimmung schon verloren gewesen.“

12

Yvonne Lemere rannte ins Bad, griff nach der Pistole auf der Ablage, doch sie entglitt ihr. Hastig hob sie die Waffe auf und versteckte sich hinter der Badezimmertür. Hatte sich die Tür geöffnet?

Sie hörte jemanden atmen.

Plötzlich piepste ihre Armbanduhr. Der verdammte Alarm für diese verdammten Pillen! Geistesgegenwärtig nahm sie die Waffe in beide Hände und stieß die Badtür auf.

„Yvonne?“, fragte jemand.

Jetzt erst erkannte sie ihn. Er stand neben der Zimmertür und hob die Hände. „Darius?“ Sie senkte die Waffe. „Wie siehst du denn aus?“

„Wie der Tod.“ Darius ließ sich erschöpft auf das Bett fallen, in seinen Händen die Zimmerkarte, die sie wie vereinbart im Blumengesteck auf dem Flur deponiert hatte. „Warum bist du so überrascht? Du wusstest doch, dass ich komme?“

Yvonne Lemere schüttelte den Kopf. „Seit einer Woche habe ich nichts mehr von euch gehört.“ Sie entsicherte die Waffe und schob sie in ihre Jeans. „Ich wusste weder, ob ihr noch lebt, noch was geschehen ist. Und jetzt tauchst du ohne Vorwarnung hier auf.“ Sie musterte ihn kurz, wendete dann verstört ihren Blick ab. „Was ist denn mit dir passiert?“

Er antwortete nicht. Darius war schon immer mager gewesen, aber jetzt traten seine Adern so sehr hervor, dass sie direkt zwischen Knochen und Haut zu liegen schienen. Sein Gesicht und seine Hände waren fleckig und mit roten Ekzemen übersät.

Yvonne Lemere studierte nicht Medizin sondern Physik, aber sie wusste trotzdem, wonach das aussah. Darius wusste es anscheinend auch, jedenfalls blickte er sie aus hoffnungslosen Augen an.

„Wo ist Chris?“, fragte sie.

Darius legte den Kopf zurück und schloss die Augen. „Kannst du mir ein Glas Wasser bringen?“, fragte er.

Yvonne Lemere ging ins Bad, nahm einen Plastikbecher aus der Schutzfolie, füllte ihn mit Wasser und brachte ihn Darius. Erst dann merkte sie, wie sie zitterte.

Er leerte den Becher mit einem Schluck. „Mehr“, röchelte er trocken und hustete.

Sie füllte wieder den Becher und stellte sich neben das Bett. Darius streckte den Arm aus, doch sie ignorierte ihn. „Was ist mit Chris?“

Darius hustete erneut. „Gib mir das Wasser. Dann erzähle ich dir, was ich weiß.“

Yvonne Lemere atmete tief aus. Das Hotelzimmer war der Treffpunkt für den Fall, dass alles schiefgelaufen war. Und jetzt war Darius hier. Allein.

„Bitte“, sagte er.

Sie reichte ihm das Wasser.

Er trank es in wenigen Schlucken, verschluckte sich und hustete. „Ich befürchte … er … er hat es nicht geschafft.“

„Woher willst du das wissen?“ Sie blickte ihm direkt in die blutunterlaufenen Augen. Chris war immer stärker gewesen als die anderen. Vor allen Dingen stärker als du!

„Ihn hat es noch mehr erwischt“, sagte Darius. „Daher … haben wir uns getrennt … damit es wenigstens einer schafft.“ Darius nahm das Tuch ab, das er über den Haaren trug und wischte sich damit den Schweiß von der Stirn.

„Du hast ihn zurückgelassen?“ Yvonne wurde schwindelig. Ihr rechtes Knie knickte ein und sie musste sich am Bett abstützen.

„Was hätte ich denn tun sollen?“ Er blickte an ihr vorbei an die Wand. „Sonst wäre alles umsonst gewesen!“

„Du hättest ihn in ein Krankenhaus bringen können!“

„Uns hilft kein Krankenhaus mehr.“ Er öffnete sein Hemd und zeigte auf die Ekzeme. „Glaubst du ehrlich, die hätten mich wieder gehen lassen, so wie ich aussehe?“

„Also bist du abgehauen.“ Yvonne wischte sich eine Träne aus dem Auge. „Du bist ein verdammter Feigling!“

„Ich bin vielleicht nicht so perfekt wie ihr.“ Darius richtete sich auf. „Aber ich war nie ein Feigling!“ Er atmete schwer. „Ich habe schon gegen die Atombonzen gekämpft und mein Leben riskiert, da habt ihr noch die Bravo gelesen und Doktor Sommer gefragt, wenn ihr nicht mehr weiterwusstet.“

Sie wollte widersprechen, doch er redete einfach weiter. „Außerdem gibt es noch eine viel größere Sache“, sagte er. „Und die ist verdammt noch mal wichtiger als eure scheiß Liebe! Das wird uns alle umbringen!“

Seine Worte trafen sie so sehr, dass sie heulend auf dem Bett zusammenbrach.

Es konnte keinen Zweifel mehr geben. Chris war für seinen Kampf in den Tod gegangen. Aber seine Liebe zu ihr war nicht stark genug, um ihretwillen zu überleben.

„Meinst du, es kann sein, dass er durchgekommen ist?“, fragte sie schließlich. „Dass er überlebt hat?“

Darius antwortete nicht.

Flehend blickte sie ihn an. Sag was!

Dann erst sah sie, wie er auf dem Bett lag, die Arme ausgebreitet, den Kopf zur Seite gesunken, die Hände verkrampft, als wolle er die Schmerzen aus ihnen herauspressen. Und doch wirkte er leblos.

„Darius!“, rief sie und rüttelte an seinem Oberkörper.

Er bewegte sich nicht mehr.

13

Erik Lindberg stand vor der Tür zu Paulas Zimmer in der Rehaklinik, hielt die Klinke schon in der Hand, doch er zögerte.

Die letzten zwei Wochen hatte er jeden Tag stundenlang mit ihr Sprechen geübt und die Bewegungen trainiert, welche die Physiotherapeutin ihr empfohlen hatte. Jetzt war sie zum ersten Mal wieder tagsüber allein gewesen.

Er fürchtete sich immer noch davor, die Tür zu ihrem Zimmer zu öffnen. Er konnte einfach nicht vergessen, wie regungslos sie jedes Mal dagelegen hatte. Damals, als die Ärzte sie noch aufgegeben hatten. Jetzt hingegen redeten sie davon, dass Paula möglicherweise irgendwann wieder laufen konnte.

Nur hatte Paula dabei noch keine Fortschritte gemacht und je klarer ihr Geist wurde, umso mehr frustrierte sie das.

Lindberg musste noch einmal an den Fall mit dem Verstrahlten denken. Vorhin hatte er dem Bundespolizeichef von den Ermittlungen berichtet und dem war nichts Besseres eingefallen, als eine sofortige Nachrichtensperre zu verhängen. Als ob die Realität davon ungeschehen würde.

Graf hatte noch einmal nach Mia gefragt, doch Lindberg hatte ihm immer noch keine Antwort geben können.

Inzwischen war Abend geworden und jetzt stand er hier unentschlossen vor der Tür, obwohl Paula sicher schon auf ihn wartete.

Lindberg atmete tief durch und drückte die Klinke hinunter.

Paula erblickte ihn, versuchte ein Lächeln, doch es gelang ihr nicht. „Du …“, sagte sie und es klang hart, wie jedes Wort von ihr, seit sie wieder sprechen gelernt hatte. „… bist …“, presste sie heraus und musste schon wieder Luft holen.

Da war er schon bei ihr am Bett.

„Spät“, schloss sie den Satz.

So schnell die Welt sich draußen drehte, so langsam verging die Zeit in diesem Zimmer.

„Ich weiß“, sagte er. „Aber wir haben einen neuen Fall.“

Sie blickte ihn fragend an, das ging schneller als reden.

„Aber jetzt bin ich ja hier.“ Er gab ihr einen Kuss. „Wie geht es dir?“

Sie seufzte, was auch eine Antwort war.

„Ich habe dir ein Video von Dr. Watson mitgebracht.“ Er nahm sein Smartphone heraus und zeigte Paula eine Aufnahme ihres Katers beim Fressen. „Er vermisst dich.“

„Er … vermisst …“ Sie schloss langsam die Augen. „… die … alte … Paula.“

„Die wird es wieder geben“, sagte Lindberg. „Vor sechs Monaten hatten dich die Ärzte aufgegeben und jetzt liegst du hier und redest mit mir!“

„Aber … ich“, Paula öffnete wieder ihre Augen. Jedes Wort schien ihr wehzutun. „… kann … mich … nicht … bewegen.“

„Kannst du“, sagte Lindberg. „Sonst könntest du nicht reden. Du darfst nicht aufgeben.“

Sie blickte ihn starr an, vielleicht versuchte sie auch ein Nicken, doch dann atmete sie nur tief aus.

„Sollen wir die Übungen machen?“, fragte Lindberg.

Er erkannte in ihren Augen ein ›Nein‹, doch da sie es nicht aussprach und er nicht wollte, dass sie resignierte, begann er, ihr Bett hochzustellen und langsam ihr rechtes Bein anzuheben.

Sie ließ es geschehen.

Es gab gute Tage und schlechte. Und das war einer zum Vergessen.

Er zwang sich trotzdem, alle Übungen mit ihr zu machen. Als er fertig war, gab er ihr einen Kuss und stand auf.

„Du … gehst … schon?“, fragte Paula.

„Ich muss noch eine Observation machen.“

Er sah an ihrem Blick, dass sie nicht vergessen hatte, wer Observationen im Regelfall durchführte. Jedenfalls nicht die Bundespolizei. „Eine Anordnung von Graf“, erklärte er.

„Und … morgen?“

„Komme ich nach der Arbeit.“ Er legte seine Hand in die ihre, sie blickte ihn traurig an. „Du … musst das … nicht … tun.“ Wasser sammelte sich in ihren Augen.

„Doch, ich muss“, antwortete er, wischte ihr die Tränen aus den Augen, gab ihr noch einmal einen Kuss und ging.

Er war müde und erschöpft. Und Paula war es ebenso.

Lindberg fand, er war kein rachsüchtiger Mensch, aber er befürchtete, irgendwann würde er sich Graf gegenüber nicht mehr beherrschen können.

Vor dem Eingang der Rehaklinik fiel sein Blick auf eine Zeitungsbox der Image am Abend. Erst wollte er sie wie immer ignorieren, doch dann musste er an die Nachrichtensperre denken und nahm doch eine Zeitung. Schweizer in Sibirien verstrahlt!, stand auf der Titelseite und Lindberg wusste sofort, was das bedeutete.

14

Ernesto Bernasconi hatte sich schon dreimal verleugnen lassen. Er war nicht ins Büro gegangen, sondern arbeitete von daheim aus. Doch er wusste, irgendwann musste er sich der Realität stellen.

Schließlich war er der CEO und wurde dafür bezahlt, den Überblick zu haben und die Richtung vorzugeben. Vor allem in Krisensituationen wie diesen.

Der Tod von Chris hatte etwas in ihm verändert. War das Trauer? Wie Trauer aussah, das konnte man jeden Tag im Fernsehen sehen, doch wie fühlte sie sich an, wenn man sich selbst als gefühlskalt bezeichnete?

Wenn der eigene Sohn zum Feind geworden war?

Doch was nützten all die Gefühle? Sein Sohn war tot, seine Frau zu ihrer Mutter geflüchtet.

Und Finanzchef Hunziker, den er extra eingestellt hatte, weil der ein harter Kerl war, machte ihm nun selbst Feuer unter dem Hintern. Hunziker sagte zwar, er habe selbstverständlich Verständnis für Bernasconis Trauer, aber es seien nun mal Entscheidungen zu treffen, die keinen Aufschub duldeten.

Wahrscheinlich war der Kerl genauso emotionsarm wie er selbst. Anfangs hatten sie ja auch perfekt zusammengearbeitet, als es noch keine Probleme gegeben hatte.

Tagelang hatte Bernasconi nach einer Lösung gesucht. Und jetzt war es soweit. Er blickte auf die goldene Standuhr in seinem Arbeitszimmer. In nicht mal zwei Stunden war Mitternacht. Es würde hart werden, aber unter Druck war er nun mal am besten.

Bernasconi nahm sein Handy und wählte die Privatnummer von Finanzchef Hunziker.

„Hallo, Ernesto“, begrüßte ihn Hunziker mit einem Fragen in der Stimme. „Bist du so spät noch am Arbeiten?“

„Du hast doch gesagt, es ist dringend. Ich musste vorher meine Familienangelegenheiten klären.“

„Dir geht es soweit gut?“

Was für eine Frage, drei Tage nach dem Tod des Sohnes. „Ja“, antwortete Bernasconi. „Also, was gibt es?“

„Ich habe seit vorgestern die Quartalszahlen auf dem Tisch.“ Hunziker räusperte sich. „Wie du weißt, müssen wir sie morgen veröffentlichen. Der Juni war eine einzige Katastrophe. Nur Sonnentage, wir hatten so viel Strom im Netz, dass wir teilweise dafür zahlen mussten, um unseren loszubekommen.“

Bernasconi seufzte, genau das hatte er befürchtet. Was Hunziker da schilderte, war in der Vergangenheit schon ein paarmal eingetreten. Weil die Spannung in den Stromnetzen immer konstant bleiben musste und alle europäischen Länder inklusive der Schweiz das Netz gemeinsam betrieben, durfte man nur so viel einspeisen, wie auch verbraucht wurde. Produzierte man mehr, sanken automatisch die Preise. Denn Speichermöglichkeiten für Strom gab es kaum und wenn, dann waren sie teuer. Liefen die Solarkollektoren oder Windränder auf Hochtouren, dann gab es auf dem Strommarkt manchmal ein so großes Überangebot, dass man dafür bezahlen musste, den Strom loszuwerden.

Natürlich hätte man das Kraftwerk auch abschalten können, aber ein Atomkraftwerk brauchte nun mal ein paar Tage, bis es am Netz war oder wieder heruntergefahren. Die Kritiker meinten, das sei das Problem der Kraftwerke, diese seien zu unflexibel für heutige Zeiten.

Bernasconi wusste, dass sie nicht ganz Unrecht hatten, im Grunde hatte er dem Staat mit der Übernahme der Atomkraftwerke einen riesigen Gefallen getan. Also mussten die jetzt eine Gegenleistung erbringen, damit er nicht zu Grunde ging.

„Bist du noch in der Leitung?“, fragte Hunziker.

Bernasconi sparte sich die Antwort. „Was bedeutet das für unser Quartalsergebnis?“

„Wir haben hundertzwölf Millionen Miese gemacht. Mit den üblichen Bilanztricks kann ich das auf gut achtzig Millionen reduzieren, aber erstens müssen wir irgendwann Farbe bekennen und zweitens frisst uns der Verlust allmählich das Eigenkapital auf.“

Bernasconi schluckte, Hunziker sprach von einem möglichen Konkurs. „Wie lange können wir noch durchhalten?“

„Unsere liquiden Mittel reichen noch maximal drei Monate.“

„Und wenn wir die Zahlungen für den Entsorgungsfonds stoppen?“

„Wir sind gesetzlich dazu verpflichtet.“

„Gesetze kann man ändern.“ Bernasconis Stimme hob sich. „Warum sollen wir in diesen verdammten Fonds einzahlen, wenn das Problem der Endlagerung gelöst ist?“

„Ist es das denn?“, fragte Hunziker.

„Willst du jetzt das Grundprinzip unseres Geschäfts infrage stellen?“

„Ich stelle gar nichts infrage“, entgegnete Hunziker. „Aber die staatliche Seite wird einer Sistierung der Zahlungen nur zustimmen, wenn wir einen Entsorgungsnachweis erbracht haben.“

„Seit siebzig Jahren gibt es Atomkraftwerke und weltweit kein einziges Endlager, da werden sich die Herren Politiker doch noch ein wenig gedulden können, oder?“

„Und wenn sie es nicht tun?“

„Natürlich tun sie es“, entgegnete Bernasconi. „Sonst gehen wir pleite, sie sind daran schuld und haben das Problem mit den Atomkraftwerken wieder selbst an der Backe. Plus all die schönen Exportchancen mit der Transmutationstechnologie sind dahin. Warum sollten sie dem also nicht zustimmen?“ Bernasconi ballte seine Hände zu einer Faust. „Du stellst die Zahlungen für den Entsorgungsfonds ein und wir lassen den Posten auch nicht mehr als offene Forderung in unseren Bilanzen auftauchen. Dann schreiben wir doch ganz sicher einen Gewinn, oder?“

„Ich kann die Forderungen nicht einfach verschwinden lassen, das ist bilanztechnisch nicht erlaubt.“

„Machen wir dann einen Gewinn oder nicht?“, fragte Bernasconi noch einmal.

Hunziker stammelte ein leises Ja in die Leitung und damit war es entschieden.

15

Kurz nach 22 Uhr stieg Lindberg in sein Auto auf dem Parkplatz der Rehaklinik. Am liebsten wäre er sofort ins Bett gefallen. Es würde noch eine Weile warten müssen.

Er legte die Zeitung auf den Beifahrersitz. Offensichtlich hatte der Maulwurf in der Rechtsmedizin erneut geplaudert. Graf war sicher nicht erfreut, doch das war momentan Lindbergs kleinstes Problem.

Er überlegte, mit seinem Auto zu Schiller zu fahren, aber sein altersschwacher Volvo war zu auffällig. In Bern angekommen, nahm Lindberg ein Taxi, ließ sich in die Nähe von Schillers Adresse fahren und stieg ein paar Nebenstraßen vorher aus.

Bis der Taxifahrer nicht mehr zu sehen war, ging Lindberg in die falsche Richtung. Dann drehte er um und lief zu der kleinen Allee, in der Schiller wohnte. Der Bundesanwalt residierte inmitten des Botschafterviertels der Hauptstadt, in der sich eine Villa an die nächste reihte.

Die Allee lag im Dunkel der beginnenden Nacht. Kaum ein Auto parkte in der Straße, Lindberg war der einzige Passant.

Offensichtlich hatte Schiller die Personenschützer nach Hause geschickt.

Bekam der Bundesanwalt heute also noch Besuch? Von einer minderjährigen Sexgespielin, wie Graf behauptete?

Selbst wenn Schiller abgelenkt sein sollte, war es riskant, jemanden zu überwachen, der einen persönlich kannte. Auf die Schnelle hatte Lindberg nichts Besseres gefunden als eine Baseballkappe der Young Boys Bern, um von seinem Gesicht abzulenken. Warum gab es von einem Fußballclub eigentlich Baseballkappen? Das musste er nicht verstehen. Er hasste diese Dinger und zog sie nur im äußersten Notfall an. Aber was war ein Notfall, wenn nicht die Überwachung des Bundesanwaltes? Lindberg setzte die Kappe auf und schob sie tief ins Gesicht.

Lindberg näherte sich Schillers Villa von der Rückseite. Diese war von einer zwei Meter hohen Hecke umgeben, mit einem Zaun dahinter. Daran waren zwei Überwachungskameras montiert, ausgerichtet auf den Hintereingang des Hauses und den Garten.

Er lief zur Vorderseite, auch hier war das Anwesen von einer hohen Hecke samt Zaun umgeben, lediglich durch das vergitterte Eingangstor konnte Lindberg einen Blick auf das Anwesen werfen. Ein zweistöckiges Haus in Weiß, mit gepflegtem Vorgarten. Das Gebäude schien aus der Gründerzeit zu stammen, das schmiedeeiserne Portal samt Glasdach war heutzutage unbezahlbar.

Wenigstens für Lindberg.

Im Haus brannte kein Licht. An der Klingel am Eingangstor standen nur zwei Namen. Bettina und Kurt Schiller. Wusste Schillers Frau von seinen Vorlieben und hatte deswegen die Scheidung eingereicht?

Oder war alles nur eine Falle?

Merkwürdigerweise sah er auf der Vorderseite keine Kameras. Er blieb kurz stehen und musterte den Schließzylinder des Eingangstors. Anerkennend hob er die Augenbraue, das war ein Sicherheitsschloss der neuesten Generation. Bei der Haustür würde es kaum anders aussehen. Der Bundesanwalt wusste, wie schlecht die Welt war.

Lindberg wollte gerade weitergehen, als ein Lichtkegel von hinten auf ihn zukam. Im Augenwinkel erkannte er ein Auto, welches mit hoher Geschwindigkeit in seine Richtung fuhr. Auf den zweiten Blick sah er, dass es nicht irgendein Auto war, sondern Bundesanwalt Schillers schwarzer Mercedes.

Der Lichtkegel erfasste Lindberg. Obwohl er dem Wagen wieder den Rücken zuwandte, musste er sich zwingen, nicht wegzulaufen. Langsam ging Lindberg weiter. Dann erst bemerkte er, dass Schillers Garage links vor ihm lag. Der Bundesanwalt würde direkt an ihm vorbeifahren und Lindberg musste den Fußweg vor dessen Augen überqueren. Spätestens dann würde Schiller ihn erkennen.

Lindberg widerstand der Versuchung, seine Baseballkappe tiefer ins Gesicht zu ziehen. Alles, was auch nur im Ansatz nach Fluchttrieb aussah, würde dem Bundesanwalt auffallen. Schiller war zwar ein miesepetriger Giftzwerg, aber er war auch ein Profi. In dem Moment fiel Lindberg ein, dass er sich nicht einmal eine Ausrede überlegt hatte, falls Schiller ihn erkannte.

Lindberg griff in seine Jackentasche, holte sein Handy heraus, schaute kurz auf das Display und blieb stehen. Er hielt es an sein Ohr, als sei er angerufen worden und sprach in das Telefon. Jeden Tag beobachte er Menschen, die zum Telefonieren stehen blieben, als seien sie nicht in der Lage, gleichzeitig zu gehen und zu sprechen. Meistens waren das genau die Leute, die bedenkenlos telefonierend mit dem Auto fuhren.

Lindberg stand immer noch auf der Stelle und drehte sich zur Seite, damit Schiller sein Gesicht nicht sehen konnte. Am Rand seines Sichtfelds erkannte er, dass der Mercedes an ihm vorbeifuhr und ein paar Meter vor ihm in die Garageneinfahrt einbog. Neben Schiller saß eine blonde Frau, kaum größer als der Bundesanwalt. Sie beugte sich zu ihm, Lindberg konnte ihr Gesicht sehen. Sie war jung, zweifellos zu jung, um Schillers Frau zu sein. Sie war sicher kein Kind mehr, aber heutzutage wurden ja selbst Sechzehnjährige als Supermodels gehandelt.

Das Garagentor schloss sich.

Sie könnte seine Tochter sein.

Was, wenn sie es ist?

Lindberg ging auf die andere Straßenseite, stellte sich hinter einen Baum und beobachtete das Haus.

Nach einer Weile wurde im Erdgeschoss das Licht angeschaltet, der Lage nach zu urteilen im Wohnzimmer. Lindberg schlich ein paar Meter näher an die Villa heran, das Eingangstor immer im Blick. Durch die Vorhänge vor den Fenstern war nicht viel zu erkennen. Jemand Kleines, Schmales ohne Haare, also Schiller, kam an das Fenster und ließ die Rollläden hinunter. Einen nach dem anderen, dann war das Wohnzimmer von außen nicht mehr einsehbar.

Falls die beiden sich dort vergnügten, musste Lindberg nur über das Eingangstor klettern, die außen liegenden Rollläden einen Spalt weit aufschieben und durch die Vorhänge filmen, was er sah. Und später die Identität der Frau feststellen. Ein Kinderspiel.

Falls Schiller ihn jedoch beim Eindringen in den Garten erwischte, oder den Garten entgegen des ersten Anscheins per Kameras oder mittels Alarmanlage überwachte, dann war Lindberg seinen Job los.

Und nicht nur das.

Kurzentschlossen schlich er zum Eingangstor. Auf dem gut zwei Meter hohen Tor thronte ein metallener Zackenkranz, dünne Kabel führten zu einigen der Zacken. Da Schiller sicher keine Lichterketten an seinem Tor installiert hatte, handelte es sich wahrscheinlich um eine Alarmanlage.

Der Weg über das Tor war Lindberg also versperrt. Er vergewisserte sich noch einmal, dass ihn niemand beobachtete und holte die Lockpicks heraus. Das würde nicht so schnell wie bei Mia gehen, denn er hatte noch nie ein Sicherheitsschloss aus dieser Serie geknackt.

Lindberg führte den Spanner in das Schloss ein, dann den Lockpick und belastete den ersten Schlüsselstift, bis der Widerstand nachgab und drückte ihn runter. Während er mit der einen Hand den Stift gesetzt hielt, also wie durch einen Schlüsselbart heruntergeschoben, verstärkte er den Druck auf den zweiten Schlüsselstift.

Aus dem Haus drang kein Geräusch, nicht mal ein Stöhnen, das ihn beruhigt hätte. Er merkte, wie sich Schweißperlen auf seiner Stirn bildeten, doch er konnte die Hand jetzt nicht lösen, um sie wegzuwischen.

Er setzte den dritten Stift, dann den vierten und schließlich löste sich der erste wieder und er musste von vorn beginnen. Auch den zweiten Versuch brach er ab, weil er beim vorletzten Stift zu zittern begonnen hatte. Er hielt kurz inne, nahm sich vor, es nur noch einmal zu versuchen und dann zu verschwinden.

Er atmete tief aus, setzte den Spanner erneut an und war schließlich selbst überrascht, als er alle Stifte gesetzt hatte und das Tor nachgab. Er schob es vorsichtig auf, entfernte seine Picks, schlüpfte durch den Spalt und hastete die paar Meter zur hölzernen Haustür. Er warf einen Blick auf das Schloss. Und noch einen. Das Modell war so neu, er kannte es nicht einmal. Egal, vielleicht musste er sich gar nicht darum kümmern.

Lindberg schlich zur Hauswand, huschte unter zwei Wohnzimmerfenstern hindurch und blieb unter dem dritten in der Hocke. Von der Straße aus war er zwar immer noch zu sehen, aber nur, wenn jemand durch das Gittertor in den Vorgarten hineinblickte. Langsam schob Lindberg den Rollladen ein Stückchen auseinander, so dass er durch den Spalt in die Wohnung blicken konnte.

Durch den dünnen Vorhang hindurch erkannte er eine Couch, zwei Sessel, einen riesigen Fernseher und schließlich Schiller. Er stand an der Bar, zwei leere Gläser in der Hand. Jetzt erst sah Lindberg die Frau. Seine Augen weiteten sich. Mädchen wäre wohl richtiger. Sie war zwar sehr weiblich, fast nuttig gekleidet, aber maximal fünfzehn Jahre alt. Lindberg griff in seine Jackentasche.

Er nahm sein Handy, stellte es auf die Kamerafunktion und hielt das Teil an die Scheibe. Auf dem Display sah er nichts als den weißen Wohnzimmervorhang. Das Handy fokussierte wie ein Besoffener. Schiller ging derweil auf den Sessel zu, in dem das Mädchen saß, in der einen Hand ein Glas mit Whisky, in der anderen etwas Gelbes wie Fanta. Der Bundesanwalt reichte dem Mädchen das gelbe Getränk, doch noch bevor sie anstießen, schaute er zum Fenster. Direkt in Lindbergs Richtung. Dann rief Schiller irgendetwas.

Jetzt kam es auf jede Sekunde an. Lindberg ließ den Rollladen los und rannte über den Rasen des Vorgartens zum Tor.

16

Wie eine Diebin in der Nacht schlich Yvonne Lemere aus dem Hotel. Sie war ja auch eine, oder wollte zumindest wieder eine werden.

Als sie sich außerhalb der Sichtweite des Portiers befand, rannte sie los. Ziellos und doch wusste sie genau, was sie wollte. Obwohl es mitten in der Nacht war, spürte sie die stickig warme Luft der Stadt mit jedem Atemzug.

Nach zwei Minuten verlangsamte sie das Tempo. Der alte Golf interessierte sie. War das nicht jenes Modell, das auch ihre Eltern gefahren hatten?

Das Auto parkte in einer Nebenstraße unter einer Pappel. Es trug ein Sankt Gallener Kennzeichen, gehörte also wahrscheinlich keinem Anwohner. Das war besser so. Es würde ohnehin schwer genug, schließlich hatte sie schon länger kein Auto mehr gestohlen.

Wie beiläufig ging Yvonne Lemere zu dem Golf, überzeugte sich, dass niemand aus einem der angrenzenden Häuser sie beobachtete und stellte sich neben die Pappel. Der Baum bot Sichtschutz und stand trotzdem nah genug an der Fahrertür.

Yvonne zückte mit der Linken den vorher zurechtgebogenen metallenen Kleiderbügel und stieß ihn in den Spalt zwischen Fahrertür und Karosserie. Sie schob den Kleiderbügeldraht abwärts bis sie an den Druckknopf des Türverschlusses kam. Mit der vorher gebogenen Rundung des Drahts griff sie nach dem unteren Ende des Knopfes und versuchte ihn hochzuziehen.

Das war theoretisch ganz einfach, denn der Türknopf wurde nach oben hin ein wenig breiter. Millionen von Autos waren so schon gestohlen worden. Inzwischen funktionierte das zwar nur noch bei Modellen aus dem letzten Jahrhundert, aber es funktionierte. Jedenfalls in der Theorie.

Verdammt! Schon zum zweiten Mal rutschte sie mit dem Draht ab. Sie war total aus der Übung. Nach vier weiteren Versuchen hielt sie inne. Kam da jemand um die Ecke?

Sie sah einen älteren Mann im Schein der Straßenlaterne. Er war nur noch zwanzig Meter von ihr entfernt und ging auf sie zu. Noch schien er nichts bemerkt zu haben, aber sie konnte kaum unauffällig neben dem Auto stehen bleiben, wenn ein Draht herausschaute.

Der alte Mann kam näher. Er blickte in ihre Richtung, dann wieder auf den Gehweg. Hoffentlich war er nicht der Besitzer des Autos.

Hastig hakte Yvonne Lemere die Drahtschlaufe erneut im unteren Teil des Türknopfes ein und zog daran. Der Knopf schoss nach oben und sie seufzte erleichtert. Der alte Mann war nur noch drei oder vier Meter von ihr entfernt. Sie öffnete die Tür, setzte sich auf den Fahrersitz und legte ihre Hand auf die Pistole in ihrer Jeans.

Im Augenwinkel sah sie den Mann an sich vorbeilaufen, er blickte durch das Fenster und lächelte. Sie tat so, als suche sie etwas im Handschuhfach und lächelte zurück. Als er weit genug entfernt war, löste sie mit ein paar Handgriffen die Lenkradkonsole, fand die beiden Kabel, die sie benötigte und schloss sie kurz.

Nagelnd sprang der Motor an. Lemere klemmte die Konsole wieder ein und gab Gas. Zum Glück verfügte das Modell nicht über eine Wegfahrsperre. Das war nur etwas für Profis.

Sie war nie einer gewesen. Höchstens ein mittelmäßiger Amateur und das schon ihr ganzes Leben lang. Stets hatte es Intelligentere, Beliebtere und Redegewandtere gegeben als sie. Und bald auch Ehrlichere.

So war sie schnell zur Außenseiterin geworden. Sie hatte schon immer kämpfen müssen. Um faire Behandlung, um ihren Willen, aber auch um Aufmerksamkeit und Liebe. Und um die Umwelt. Vielleicht war Kämpfen das Einzige, was sie wirklich gut konnte.

Doch momentan kämpfte sie nicht, sie floh. Wenigstens hatte sie jetzt ein Auto. Sie parkte den Wagen direkt vor dem Hoteleingang und ließ den Motor laufen. Sie hasste Leute, die das taten, aber sie hatte keine andere Wahl. Es würde so schon schwer genug werden.

Sie huschte am Portier vorbei und forderte den Lift an. Als er nicht sofort kam, rannte sie einfach die Treppe hoch zu ihrem Zimmer. Sie schloss die Tür auf, bemerkte, dass sie überhaupt nicht mehr darauf achtete, ob ihr jemand folgte und drehte sich um.

Sie war allein.

Aus dem Zimmer hörte sie Geräusche.

Sie hastete in den Raum. Sofort fiel ihr Blick auf das Bett.

Er lag nicht mehr darin.

„Darius?“, rief sie.

Als Antwort hörte sie ein schwaches Stöhnen aus dem Bad.

Sie riss die Badezimmertür auf, wollte hineinstürmen, doch Darius fiel ihr entgegen. Darius war fast einen Kopf größer als sie und nur mit Mühe konnte sie ihn halten. War er nicht über eins achtzig? Sie war gerade mal eins fünfundsechzig und das noch geschummelt.

„Darius, wir müssen los!“, rief sie.

Er antwortete nicht, tat keinen Schritt, lehnte sich nur an sie. Yvonne legte seinen Arm um ihre Schulter und versuchte Darius aus dem Bad zu zerren. „Es wird alles gut“, flüsterte sie. „Es wird alles gut“, wiederholte sie immer wieder. Aber sie wusste, dass es nicht stimmte.

Und Darius wusste es auch.

Zentimeter für Zentimeter quälten sie sich voran, es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis sie den Aufzug erreicht hatten. Sie fühlte sich, als müsse sie einen Schlafwandler führen, dessen Träume ihn überall hin trieben, nur nicht in die Richtung, in die sie wollte.

Dann erst fiel ihr ein, dass sie das Wichtigste vergessen hatte. Sie setzte Darius auf eine Holzbank im Flur. Sein Oberkörper glitt sofort zur Seite, hinab auf die Bank. Immerhin blieb Darius sitzen.

Yvonne rannte zurück ins Zimmer, nahm die Sporttasche, die Darius gehörte und hängte sie sich über die Schulter. Dann zerrte sie Darius wieder von der Bank nach oben und schleppte ihn in den Lift.

Zwei Minuten später hatten sie es endlich in die Lobby geschafft. Der Portier schaute sie an, als würde sie einen Leichnam transportieren. „Wir checken aus.“ Yvonne streckte ihm die Chipkarte des Hotelzimmers entgegen.

Statt ihr mit Darius zu helfen, nahm der Portier die Karte entgegen und ließ die Rechnung aus dem Drucker. Yvonne ging einfach weiter. Sie brauchte keine Rechnung und hatte schon beim Einchecken in bar bezahlt.

„Geht es dem Herrn nicht gut?“, hörte sie von hinten.

„Nein, alles bestens“, antwortete sie. „Er ist müde, kommt direkt aus Australien, Jetlag.“ Ihre Schulter schmerzte. Darius war viel zu schwer für sie. Doch sie musste weiter. Sie durfte jetzt nicht aufgeben.

Sie schleppte Darius zu der Treppe vor dem Hoteleingang, nahm die erste Stufe, doch er stolperte und riss sie mit sich. Darius rutschte ihr aus den Händen und fiel aufs Trottoir.

Sie beugte sich zu ihm hinab. Er atmete stockend, doch er blutete nicht. So schwer wie er war, würde sie ihn niemals aufheben können.

Jetzt endlich kam der Portier herbeigeeilt. Sein Mund stand offen, als habe er noch nie jemanden stolpern sehen.

„Können Sie mir vielleicht helfen, ihn zum Auto zu bringen?“, fragte Yvonne, bevor der Portier eine dumme Frage stellen konnte.

„Selbstverständlich“, antwortete der Mann und tat, was er vorher nicht selbstverständlich gefunden hatte. Gemeinsam hoben sie Darius vom Boden auf und schleppten ihn in Richtung Auto.

Darius bewegte sich nur noch widerwillig. Er stöhnte auf, wenn sie ihn dort anpackten, wo ein Ekzem wucherte. Schließlich schafften sie es zum Wagen und verfrachteten ihn auf den Beifahrersitz.

Yvonne bedankte sich bei dem Portier und gab Gas. Im Rückspiegel sah sie, wie der Mann abweisend seine Hände betrachtete, als habe er sie sich furchtbar dreckig gemacht.

Es stimmte ausnahmsweise.

Nur diesen Schmutz würde er nicht abwaschen können.

17

In weiser Voraussicht hatte Lindberg das Eingangstor vor Schillers Haus nur angelehnt. Er hastete hindurch, verschwand hinter der Hecke, hörte, wie die Tür des Hauses sich öffnete und Schiller ihm irgendetwas hinterherrief. Der Bundesanwalt hatte ihn entdeckt. Fragte sich nur, ob er ihn auch erkannt hatte.

Lindberg rannte die Straße entlang, bog die nächste rechts ab, dann wieder links, rechts, links. Hastig blickte er sich um. Schiller schien ihm nicht zu folgen, jedenfalls nicht zu Fuß. Wahrscheinlicher war ohnehin, dass dieser seine Personenschützer oder direkt die Kollegen informierte.

Lindberg rannte weiter bis zur Hauptstraße und verlangsamte sein Tempo. Es war Montagabend, kurz nach Mitternacht, die Straßen leer wie bei einem Fußball-WM-Finale. Ein paar Bars hatten noch geöffnet, aber es konnte riskant sein, dort hineinzugehen. Wenn nur die Stammgäste darin saßen, erinnerten sich diese viel zu gut, wann jemand Fremdes die Kneipe betreten hatte. Ihm blieb nichts weiter übrig, als in Richtung Innenstadt zu gehen und auf ein Taxi zu hoffen.

Zwei Minuten später fuhr ein Streifenwagen an ihm vorbei, legte plötzlich den Rückwärtsgang ein und blieb neben ihm stehen. Ein älterer Polizist stieg aus dem Wagen. „Personenkontrolle“, sagte er. „Was machen Sie hier um die Uhrzeit?“

„Ich mache mir Gedanken zu einem Mordfall.“ Lindberg merkte, wie der Kollege sich ein wenig versteifte. „Das geht am besten an der frischen Luft“, fügte er schnell hinzu.

„Mordfall?“, wiederholte der Kollege, doch da hatte Lindberg schon seinen Ausweis gezückt.

Der Polizist lächelte erleichtert. „Wir suchen einen Flüchtenden. Ist Ihnen jemand aufgefallen?“

Lindberg schüttelte den Kopf. „Ich hab unterwegs niemanden gesehen. Ist ja ziemlich ausgestorben hier. Wie sieht der Mann denn aus?“

„Dunkle Haare, schlank, zwischen eins achtzig und eins neunzig.“

Lindberg schluckte. Die Beschreibung passte genau auf ihn. „Und was hat er getan?“

„Hat wohl versucht, beim Bundesanwalt einzubrechen.“

„Was? Das kann ja nur ein Anfänger gewesen sein.“ Lindberg lächelte. „Wenn er sich so ein Ziel aussucht.“ Er spürte den Lockpick in seiner Jacketttasche. Wenn sie mich abtasten und das Einbruchswerkzeug finden, bin ich geliefert.

„Wahrscheinlich irgendein Ausländer“, sagte der Polizist.

Lindberg hätte ihm gerne gesagt, dass der Täter in dem Fall Schweizer Staatsbürger sei, aber er verzichtete darauf. Unterbrich niemals einen Feind, wenn er einen Fehler begeht. Das hatte schon Churchill gewusst. „Dann noch viel Glück bei der Suche“, sagte er, als sei er derjenige, der die Personenkontrolle beenden könnte.

Die Kollegen nickten und bedankten sich.

Lindberg ging weiter, Sorgenfalten in seinem Gesicht. Schiller hatte der Polizei offensichtlich erzählt, man habe ihn ausrauben wollen. Das hieß noch lange nicht, dass er das selbst glaubte. Vielleicht ahnte der Bundesanwalt, dass er überwacht werden sollte und war von jetzt an vorsichtiger. Möglicherwiese würde er eine Weile auf die Treffen mit der Minderjährigen verzichten. Wenn er sich nur zwei Wochen zurückhielt war es das gewesen mit Lindbergs Karriere als Polizist.

Nach ein paar Metern klingelte Lindbergs Privathandy.

Er befürchtete erst, es sei die Rehaklinik mit schlechten Nachrichten, doch nach einem Blick auf das Display nahm er das Gespräch erleichtert an.

„Hier ist Mia“, sagte die Anruferin. „Ich bin im Gefängnis.“

„Machst du um die Uhrzeit einen Besuch?“

Noch bevor sie antwortete, verriet ihm ihr kurzes Schweigen, dass dem nicht so war.

18

Als das nächste Mal Erik Lindbergs Privathandy klingelte, fühlte er sich, als sei er vor fünf Minuten ins Bett gegangen. Er hatte Mia gestern Abend aus der Untersuchungshaft abgeholt und sich von ihr erzählen lassen, was geschehen war. Dann hatten sie bei ein paar Bier überlegt, wie sie Graf dazu bringen konnten, Mia nicht zu feuern.

Ihm war nicht viel eingefallen und so war es bis jetzt am Morgen geblieben.

Weil Lindberg glaubte, es sei Mia, nahm er das Gespräch an, ohne auf das Display zu schauen.

„Spreche ich mit Kommissar Lindberg?“, fragte eine Anruferin.

Lindberg bejahte.

„Ich bin die Assistentin von Jack Wintersee“, sagte die Frau. „Er würde Sie gerne sprechen. Hätten Sie einen Moment Zeit?“

Dunkel erinnerte sich Lindberg, den Namen schon einmal gehört zu haben und stimmte zu.

„Da habe ich also den Kommissar in der Leitung, der das Remexan zu Fall gebracht hat“, sagte ein Mann mit einer einnehmenden Stimme und leichtem, amerikanischem Akzent. „Es freut mich, dass Sie Zeit für ein Gespräch haben.“

„Worum geht es denn?“, fragte Lindberg und rieb sich den Schlaf aus den Augen.

„Vielleicht erlauben Sie mir, dass ich mich vorstelle“, sagte der Anrufer. „So bekannt bin ich ja noch nicht. Ich bin Jack Wintersee, Amerikaner mit Schweizerischen Wurzeln und lebe in Bern und Boston. Meine Firma ECOINVEST ist der größte Kapitalgeber für umweltfreundliche Energieerzeugung weltweit.“ Er räusperte sich. „Und ich hätte da einen Job für Sie. Ich kann Männer wie Sie gut gebrauchen, die verantwortungsvoll sind, mutig, und die – wie wir Amerikaner sagen – die Extra-Meile gehen.“

„Einen Job?“, fragte Lindberg. Das waren ihm zu viele Zufälle auf einmal. Er stand auf Grafs Abschussliste, sie ermittelten in einem radioaktiv verstrahlten Fall und jetzt kam auch noch ein Ökoinvestor und bot ihm einen neuen Job an.

„Sie wären der Chef meiner persönlichen Security.“

„Und wie kommen Sie ausgerechnet auf mich?“, fragte Lindberg. „So bekannt bin ich nämlich auch nicht.“

„Nachdem das Remexan vom Markt zurückgezogen wurde, hat man selbst in den USA darüber berichtet, wer die Ermittlungen geleitet hat“, sagte er. „Ich gebe zu, danach hatte ich Ihren Namen vergessen, bis ich letzte Woche auf der Party des amerikanischen Botschafters in Bern ein nettes Gespräch mit Bundesanwalt Schiller hatte.“

Lindberg schluckte.

„Der Bundesanwalt ist sicher niemand, der ungefragt ein Lob ausspricht, aber in Ihrem Fall hat er das getan.“

Der Giftzwerg? Unmöglich.

„Er meinte, Sie seien zwar sehr unkonventionell, aber er könne nicht verhehlen, dass Sie bisher alle Fälle gelöst haben. Und dann hat er mir von Ihrer Freundin erzählt.“

Lindberg starrte sein Handy an. Was weiß dieser Wintersee noch alles über mich?

„In den USA gibt es ganz hervorragende Behandlungsmöglichkeiten für Reha-Patientinnen.“

„Und weswegen brauchen Sie einen neuen Sicherheitschef?“

„Ich erwarte in nächster Zeit einige Unruhen in meinem Geschäftsverlauf.“ Wintersee seufzte. „Wir legen uns mit mächtigen Industrien an, denen es gar nicht passt, das wir so massiv in umweltfreundliche Energien investieren.“

„Wen meinen Sie?“

„Die Atomindustrie wird mit allen Mitteln versuchen, unseren Erfolg zu verhindern“, antwortete Wintersee. „Kurz und gut, ich bin bedroht worden und hätte Sie gerne an meiner Seite.“ Er räusperte sich. „Sie könnten herausfinden, wer uns bedroht und die Bedrohung abwehren. Ich glaube, darin sind Sie ziemlich gut, oder?“

„Und dann, wenn der Job erledigt ist?“

„Bleibt genug zu tun. Bei mir hat sich noch nie ein Mitarbeiter gelangweilt. Was meinen Sie?“

„Das kommt ziemlich überraschend“, antwortete Lindberg.

„Sie müssen sich ja auch nicht sofort entscheiden.“ Wintersee klang charismatisch, ja freundlich. „Was halten Sie davon, wenn wir uns erst mal kennenlernen? Meine Jacht liegt gerade vor Saint-Tropez und mein Privatjet könnte Sie heute Abend abholen. Ich gebe eine kleine Party und würde mich freuen, wenn Sie mein Gast wären.“

„Wir arbeiten gerade an einem ziemlich intensiven Fall …“

„Mein Jet bringt Sie natürlich rechtzeitig zu Dienstbeginn wieder nach Bern“, entgegnete Wintersee. „Oder wann immer Sie möchten, falls Sie nicht auf der Jacht übernachten wollen.“ Er ließ Lindberg gar nicht erst zu Wort kommen. „Sie würden deutlich besser als bisher verdienen und die Behandlungskosten für Ihre Freundin in der besten Privatklinik Kaliforniens würde ich natürlich übernehmen.“ Er lachte verlegen. „Das mag generös klingen, aber ich hänge an meinem Leben und das ist mir einiges wert, wenn ich den besten Mann bekommen kann.“

„Ich muss das mit meiner Frau besprechen“, sagte Lindberg.

„Natürlich müssen Sie das, also warum nicht gleich mit meinem konkreten Angebot? Kann ich heute Abend mit Ihnen rechnen?“

„Ich melde mich per SMS.“

„Sehr gut, dann bis heute Abend.“

Lindberg legte auf und zwickte sich, um sicherzugehen, dass er nicht geträumt hatte.

19

Gegen neun Uhr klopfte Mia an Grafs Bürotür. Sie fühlte sich wie ein Auto nach dem Besuch in der Schrottpresse und wollte gar nicht erst wissen, wie es nach dem Gespräch mit dem Bundespolizeichef sein würde.

Sie trat in das Zimmer. Graf telefonierte gerade, wortlos und mit vor Ärger funkelnden Augen bat er sie, sich zu setzen.

„Das war der Bundesanwalt“, sagte er schließlich. „Er hat mir vorgeworfen, dass ich meine Mitarbeiter nicht im Griff habe.“

Mia senkte schuldbewusst ihren Blick.

Graf deutete mit dem Finger auf sie. „Was verdammt noch mal hatten Sie auf dem Kühlturm zu suchen?“

„Ich bin gegen Atomkraft.“ Sie schaute ihm direkt in die Augen. „Es ist mein gutes Recht, dagegen zu demonstrieren. Ich bin nicht als Polizistin aufgetreten, sondern als Bürgerin.“

„Sie sind unerlaubt in das Kraftwerk eingedrungen, das ist ein Gesetzesverstoß!“

„Ziviler Ungehorsam wird zur Pflicht, wenn der Staat den Boden des Rechts verlassen hat. Das hat schon Mahatma Gandhi gesagt.“

„Hier hat aber niemand außer Ihnen den Boden des Rechts verlassen“, entgegnete Graf. „Außerdem sind Sie Bundespolizistin und keine Anarchistin, oder?“ Er schüttelte den Kopf. „Ich hab immer geahnt, dass es ein Fehler war, auf Lindberg zu hören und Sie einzustellen.“

Mia hatte sich eigentlich vorgenommen, ruhig zu bleiben, aber wenn jemand sie verbal angriff, dann konnte sie einfach nicht anders, als sich zu wehren. „Ich habe für diesen Job immer alles gegeben“, sagte sie. „Aber nur weil ich Polizistin bin, heißt das nicht, dass ich mein Gewissen ablege, wenn ich eine Uniform trage.“

Graf deutete auf einen gelben Anstecker auf Mias Jeansjacke mit der Aufschrift: Atomkraft, nein danke! „Was soll dieser Button? Haben Sie den extra angezogen, um mich zu provozieren?“

Mia schluckte. Verdammt, den hab ich glatt vergessen.

Der Bundespolizeichef erhob sich. „Sie wissen schon, dass eine politische Meinungsäußerung auf der Arbeit untersagt ist?“

„Das ist keine Meinungsäußerung, das ist ein Zeichen für Intelligenz.“

Grafs Zornader auf seiner Stirn pochte, als habe Mia gerade kochendes Wasser in sein Hirn geschüttet. „Sie nehmen diesen Button jetzt sofort ab!“

Mia ballte unter dem Tisch die Fäuste, doch merkwürdigerweise beruhigte sie das ein wenig. War es das wirklich wert, wegen eines Accessoires auf Konfrontation zu gehen? Schließlich waren sie hier nicht bei Germany’s Next Topmodel. Sie biss sich auf die Lippe und schaffte es tatsächlich, den Anstecker zu lösen und Graf nicht an den Kopf zu werfen, sondern in ihre Tasche zu stecken.

Graf nickte zufrieden, so als habe er gerade ein Machtspielchen gewonnen. „Der Bundesanwalt hat gefordert, dass ich Sie mit sofortiger Wirkung entlasse.“ Er machte eine kurze Pause. „Und ich hätte große Lust, seinem Wunsch nachzukommen.“ Er deutete auf die Tür in Richtung ihres Büros. „Und das gilt auch für Ihren Kollegen Lindberg.“

„Was hat denn Erik damit zu tun?“

Graf schaute aus dem Fenster, schien etwas abzuwägen, dann musterte er sie. „Lindberg ist genauso undiszipliniert wie Sie. Für den gelten auch nur die Regeln, die er selbst aufgestellt hat.“

„Aber er hat bisher noch jeden Fall gelöst.“

„Das ist auch der einzige Grund, warum Sie beide noch hier arbeiten“, entgegnete Graf. „Mit Betonung auf: noch.“ Er hob den Zeigefinger. „Sie bekommen eine Abmahnung und wenn Sie noch einmal im Dienst politisch in Erscheinung treten, oder gegen die Gesetze verstoßen, werde ich keine Sekunde zögern, Sie zu feuern, ist das klar?“

Mia nickte, obwohl sie am liebsten wieder protestiert hätte. Doch sie war viel zu überrascht, dass Graf sie nicht entlassen hatte. „Kann ich dann gehen?“, fragte sie nur.

Er winkte ab.

Mia stand auf und obwohl sie sich so sehr gewünscht hatte, ihren Job behalten zu können, spürte sie keine Erleichterung. Irgendetwas plante der Bundespolizeichef. Doch sie hatte keine Ahnung, was es war.

20

Sofort nach dem Telefonat mit Wintersee hatte Lindberg über den Investor im Internet recherchiert, doch außer einem wohlwollenden Bericht in einer Wirtschaftszeitung und den üblichen Floskeln zum Thema Nachhaltigkeit hatte er nicht viel gefunden. Er nahm sein Privathandy und wählte eine Nummer, die er immer noch auswendig kannte.

Es klingelte eine Weile, dann endlich wurde das Gespräch angenommen.

„Lass mich raten, du brauchst Hilfe“, flüsterte seine ehemalige Kollegin Carla Frey zur Begrüßung. „Ich hoffe jedenfalls, dass du meine Hilfe benötigst, sonst wäre ich nicht ans Telefon gegangen, mitten in der Nacht.“

„Mitten in der Nacht?“

„Bin gerade im Urlaub in Australien. Was man eben als Rentnerin tut, wenn es einem langweilig ist. Und bei dir?“ Er erzählte ihr von dem Jobangebot Wintersees und dem aktuellen Fall. „Kanntest du nicht mal dieses Genie bei den Wirtschaftsstrafsachen?“, fragte er schließlich.

„Rosenfeld“, sagte sie. „Der wusste schon, dass die Finanzkrise kommt, da glaubten alle noch, dass es immer so weitergeht. Und jetzt möchtest du, dass er Wintersees Firma unauffällig durchleuchtet?“ Sie flüsterte immer noch. „Damit du ruhigen Gewissens den Job wechseln kannst?“

„Ich glaube einfach nicht an Zufälle“, antwortete Lindberg.

„Du hörst wieder von mir“, antwortete sie. „Jetzt muss ich leider auflegen, liege in einer Jugendherberge in einem Achterzimmer ganz oben, daher kann ich nicht raus auf den Flur. Und ich möchte die freizeitgestressten Backpacker in meinem Zimmer nicht wecken.“

Lindberg musste lachen, so kannte er Carla. Sie war schon immer ihren eigenen Weg gegangen, ohne Rücksicht auf Konventionen, aber mit dem Blick auf andere Menschen. Er verabschiedete sich, legte auf und fuhr zur Bundespolizei.

Als Lindberg ins Büro kam, saß Mia nicht an ihrem Platz. Er biss sich auf die Lippe und ging in Katharina Zachs Labor. Sie hockte vor ihrem Computer und betrachtete irgendwelche Verlaufskurven. „Was ist gestern bei der Obduktion von Chris Bernasconi noch rausgekommen?“, fragte er.

„Dass unser Herr Superermittler keine Regeln befolgt.“

Lindberg zuckte mit den Schultern. „Das wussten wir doch schon vorher.“ Er grinste schuldbewusst. „Aber ich hätte da als Widergutmachung so eine Idee, die dem Maulwurf bei Molet das Genick brechen wird.“

Er erzählte ihr davon, doch Katharina nickte nur und wechselte schließlich das Thema. „Der Tod von Chris Bernasconi ist infolge von massiver Strahlenbelastung eingetreten, keine Gewalteinwirkung.“ Sie zeigte auf eine Skala auf ihrem Monitor. „Er hat eine Dosis von mindestens sechstausend Millisievert abbekommen. Er muss mit radioaktiven Stoffen mit einer Aktivität von mehreren Millionen Becquerel in Kontakt gewesen sein.“

Lindberg rieb sich die Stirn. „Ich verstehe nur spanische Bahnhöfe in böhmischen Dörfern.“

„Was?“, fragte Katharina Zach.

„Kannst du mir erklären, was das heißt?“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich hab nicht Physik studiert und es auch nicht vor.“

„In Becquerel misst man, wie viel radioaktive Strahlung eine Substanz abgibt.“ Katharina zeigte wieder auf ihre Tabelle. „Während man in Sievert die Wirksamkeit der Strahlung auf den menschlichen Körper angibt. Früher nannte man die Einheit rem. Die kennst du vielleicht noch.“

Lindberg nickte. „Da hab ich schon mal was von gehört.“ Die Tür zum Labor öffnete sich und Mia trat hinein. Sie sah müde und aufgewühlt aus. „Und?“, fragte Lindberg.

„Nur eine Abmahnung“, antwortete sie, doch erleichtert wirkte sie nicht.

„Was ist denn passiert?“ Katharina blickte beide überrascht an.

„Unsere Kollegin klettert neuerdings auf AKW-Kühltürmen rum“, erklärte Lindberg. „Das wäre ja noch nachzuvollziehen, aber sie hat sich dabei festnehmen lassen.“

Katharina nickte anerkennend, doch es schien eher ironisch gemeint. „Dann hör am besten gleich zu, es geht nämlich gerade um Radioaktivität. Ich gebe deinem Kollegen grad eine Grundschulung. Also, die natürliche Strahlung, der jeder ausgesetzt ist, beträgt ungefähr zwei Millisievert im Jahr.“ Sie schob sich eine schwarze Haarsträhne aus dem Gesicht. „Bekommt man die Dosis aber auf einmal ab, kann das schon zu einer leichten Strahlenkrankheit führen.“

„Und was haben die sechstausend Millisievert, die Bernasconi abbekommen hat, für Auswirkungen?“ Lindberg blickte sie fragend an.

„Stell dir vor, du wärst sechs Stunden ununterbrochen am Reaktor in Fukushima im Einsatz gewesen.“ Katharina Zach hob den Zeigefinger. „Und zwar direkt nachdem die Kernschmelze begonnen hat. Dann wärst du in etwa so viel Strahlung ausgesetzt gewesen.“

„Von den Arbeitern ist doch keiner gestorben, oder?“, fragte Lindberg.

Katharina Zach zuckte mit den Schultern. „Angeblich haben die jeweils nur eine halbe Stunde am Reaktor gearbeitet.“

Mia, die bisher nur interessiert zugehört hatte, schüttelte den Kopf. „Glaubst du das ernsthaft? Und meinst du, wir würden erfahren, wenn da jemand stirbt?“, fragte sie. „Das waren Wanderarbeiter, Ungelernte, angeblich sogar Illegale. Das Thema wird von den Japanern totgeschwiegen.“ In ihren Augen lag Bitterkeit. „Der amerikanische Flugzeugträger Ronald Reagan wurde direkt nach dem GAU zu einem Hilfseinsatz in die Region abkommandiert, unter der Besatzung gab es nicht einmal achtzehn Monate später über fünfzig Krebsfälle.“

Katharina Zach nickte anerkennend. „Da ist ja jemand sehr gut informiert. Wie auch immer, wer in Summe mehr als sechstausend Millisievert abbekommt, ist spätestens nach zwei Wochen tot. So wie Bernasconi.“

„Kennen wir die Strahlenquelle?“, fragte Lindberg.

„Nein.“ Katharina Zach schüttelte den Kopf. „Aber einen GAU wie in Tschernobyl oder Fukushima können wir wohl ausschließen.“

„Wieso das denn?“ Mia verschränkte ihre Arme. „Was ist, wenn der vertuscht worden ist?“

Katharina schüttelte erneut den Kopf. „Bernasconi wurde am Baikalsee gefunden, der liegt fast zweitausend Kilometer vom nächsten Kernkraftwerk entfernt. Und so einfach kann man das nicht vertuschen.“

„Doch das geht so einfach“, widersprach Mia. „Nenn mir einen großen Störfall, dessen Ausmaß nicht anfangs vertuscht wurde.“

Katharina Zach blickte sie fragend an.

„Harrisburg, Tschernobyl, Fukushima, Kyschtum. Überall wurde gelogen“, erklärte Mia. „Und von den kleinen Störfällen will ich gar nicht erst reden.“

„Kyschtum?“, fragte Lindberg. „Das kenne ich gar nicht.“

Sie lächelte triumphierend. „Kyschtum liegt im Ural. Der Unfall hat sich 1957 ereignet, aber er wurde erst 1989 von den sowjetischen Behörden zugegeben. Vermutlich wurde bei diesem Unfall genauso viel Radioaktivität freigesetzt wie in Tschernobyl.“

„Okay, ein Punkt für dich, aber das war im Kalten Krieg“, entgegnete Katharina Zach. „Heute gibt es weltweit überall Messstationen. Wegen mir kann man einen Störfall ein paar Tage vertuschen, aber nicht so lange.“

„Wissen wir, wann Bernasconi verstrahlt wurde?“, fragte Lindberg.

„Wahrscheinlich vor ein oder zwei Wochen, die Strahlenkrankheit war sehr weit fortgeschritten.“ Katharina Zach deutete auf eine rotgefärbte Skala auf ihrem Monitor. „Wobei das schwer zu sagen ist, weil unsere russischen Kollegen den Leichnam vermutlich dekontaminiert haben und die Strahlung mit der Zeit verfällt.“ Sie rieb sich den Nacken. „Außerdem liegt nicht jeden Tag bei uns eine radioaktive Leiche auf dem Seziertisch. Molet hat keine Ahnung, wie er die wieder loswerden soll.“

„Das heißt, man kann Bernasconi nicht mal beerdigen?“

„Genau das muss Molet jetzt mit der Atomaufsicht klären.“ Sie runzelte die Stirn. „Ich hab keine Ahnung ob es da Grenzwerte gibt.“

Lindberg musste schlucken. „Habe ich mich eigentlich verstrahlt?“, fragte er. „Schließlich hab ich ohne Schutzanzug direkt neben der Leiche gestanden.“

Katharina Zach zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung, gib mir einfach Bescheid, wenn dir die Haare ausfallen.“

Lindberg riss die Augen auf. „Was?“

„Deine Dosis dürfte ziemlich gering sein.“ Katharina Zach lächelte. „Ich hab dich ja gleich rausgeschmissen.“

Lindberg rieb sich erleichtert über die Stirn. „Also, lass mich noch mal zusammenfassen. Chris Bernasconi wurde in Sibirien vor ein oder zwei Wochen massiv radioaktiv kontaminiert, aber es gab keinen GAU und auch keinen Störfall größeren Ausmaßes. Wie hat sich Bernasconi dann verstrahlt?“

Katharina Zach atmete tief aus. „Keine Ahnung. Ich liefere nur die Fakten. Den Rest müsst ihr herausfinden.“

21

Markus Wenning fluchte. Er konnte den passenden Flansch für die defekte Pumpe einfach nicht finden. Kein Wunder, die Pumpe war mehrere Jahrzehnte alt und die Ersatzteile hatten sie nach und nach aufgebraucht.

Wenning war zwar kein Kraftwerksmitarbeiter der ersten Stunde, aber er arbeitete hier schon so lange, dass er zu seinem vierzigsten Dienstjubiläum im Scherz eine Inventarnummer verpasst bekommen hatte. Einerseits ehrte ihn das, anderseits deutete er es als versteckten Angriff auf seine Anpassungsfähigkeit.

Aber er verfügte nun mal über die meiste Erfahrung und so lautete sein Standardsatz, wenn jemand mit einer Neuerung kam: Da haben wir uns schon vor zwanzig Jahren aus guten Gründen dagegen entschieden.

Obwohl er nur Schlosser war, kam er sich manchmal vor wie ein Historiker, denn die predigten auch ständig, dass sich die Geschichte wiederholte, aber niemand zog eine Lehre daraus.

Damals, vor zehn Jahren, als der Lieferant des Pumpenflanschs angekündigt hatte, das Geschäft aufzugeben, hatte Wenning die Beschaffung der Ersatzteile dringend angemahnt. Mit Verweis auf die Kosten und die bisherigen Ausfallraten wurden seine Einwände ignoriert. Dass die Ausfallraten höher wurden, je älter das Material war, hatte man genauso ignoriert. Und ebenso, das nicht jedes Ersatzteil, welches laut ihrem ach so modernen und flexiblen Computersystem an Lager war, auch nach Jahren noch an seinem Platz lag.

So wie eben der Pumpenflansch, den er nun schon seit drei Stunden suchte. Das Teil bestand aus massivem Stahl und wog fast zweihundert Kilo. Also konnte es sich schlecht in Luft aufgelöst haben. Wenn hier etwas gestohlen wurde, dann transportables wie Werkzeug oder Druckerpatronen, aber keine Ersatzteile dieser Größe. Und falls jemand Stahl klauen wollte, dann würde er sich eher an den Ausstellungsstücken im Freien vor ihrem kleinen Museum bedienen.

Wenning hatte inzwischen die gesamte Lagerhalle abgesucht und lief nun fluchend zurück in das Hauptgebäude.

Und wenn er jeden Raum des Kraftwerks auf den Kopf stellen musste, er würde nicht ruhen, bis er diesen verdammten Flansch endlich gefunden hatte!

Er wusste, dass einige im Kraftwerk drei Kreuze machen würden, wenn er ging, aber hatte noch fünf Jahre vor sich und die wollte er ordentlich zu Ende bringen. Jeder Fehler, den man in diesem Job machte, konnte zu einer Störung führen. Manche waren einfach zu beheben, bei anderen vermochte das Kraftwerk zeitweise keinen Strom mehr zu produzieren und ja, es gab auch solche, die unweigerlich in einer Katastrophe endeten.

Doch dieses Szenario wollten einige Kollegen und noch mehr Chefs nicht wahrhaben. Seit die Strompreise in den Keller gegangen waren, schien die Führungsebene nur noch an den Kosten interessiert zu sein. Klar, davon hing ja auch ihr Bonus ab, nicht davon, dass das Kraftwerk ohne Störung lief.

Doch Kosten, das waren neben dem Material nun mal die Mitarbeiter. Wenning befürchtete, dass er die nächste Sparrunde nicht überlebte. In seinem Alter war es schwer, wieder einen Job zu finden, selbst in der reichen Schweiz in der angeblich Vollbeschäftigung herrschte. Alles, was er gespart hatte, war vor zehn Jahren für die Scheidung draufgegangen und sein Lohn reichte neben dem Unterhalt für seine Exfrau kaum zum Leben.

Und für sein Hobby, wie er seine regelmäßigen Besuche in der Spielhalle nannte.

Doch irgendwie musste er ja abschalten. Außerdem lehrte die Spielhalle ihn jeden Tag, dass auch das Unwahrscheinlichste passieren konnte, jederzeit.

Das wiederrum hatte sehr viel mit seinem Job zu tun.

Wenning öffnete die Tür zum Hauptgebäude und lief in die Büros. Andere hätten für die Suche einen Übersichtsplan benötigt, doch er kannte jeden Raum des Kraftwerks.

Die Büros inspizierte er nur der Vollständigkeit halber, schließlich wäre ihm ein so großes Teil vorher schon aufgefallen. Trotzdem erfasste er jeden Raum in einer Kladde und machte einen Strich in der Spalte für Auffälligkeiten. Immerhin hatte er zuvor schon einen Schraubenschlüssel gefunden, zwei Kugellager und eine Menge Müll, den man weggesperrt, statt entsorgt hatte.

Das stand jetzt alles auf seinem Transportwagen, auf den er in weiser Voraussicht eine Mülltonne gestellt hatte.

Als Nächstes kamen jene Räume und Gänge in den drei Kellergeschossen an die Reihe. Dort befanden sich die ehemaligen Hohlräume des Staudamms, die zum großen Teil leer standen und nur vereinzelt elektrische Anlagen beheimateten. Er blickte auf die Uhr. Noch eine Stunde bis Feierabend, vielleicht schaffte er es bis dahin. Falls nicht, würde er morgen gleich zu Beginn des Frühdienstes weitermachen.

Wenning ließ den Transportwagen im Maschinenhaus zurück und stieg die Treppe hinab in den ersten Kellergang, in dem sich die Niederspannungsanlage befand. Wenning lief hier häufiger entlang, doch er schaute trotzdem in jede Einbuchtung.

Er fand nichts.

Im zweiten Kellergang mit der Hochspannungsanlage bot sich dasselbe Bild, also ging er hinunter in das dritte Kellergeschoss, in welcher der Pumpenkanal beheimatet war. Er ging weiter durch die Fundamentkammer des Staudamms, in der in einigen Becken Grundwasser stand, welches sie von Zeit zu Zeit abpumpen mussten. Hinter diesem Gang befanden sich weitere Leerräume, in die man etwas erst zwischenlagern und anschließend perfekt vergessen konnte.

Schließlich kam er an einen kleinen abgesperrten Raum, der früher als Zwischenlager gedient hatte, nun aber leer stand. Obwohl das Schloss bestimmt schon Jahre nicht mehr benutzt worden war, ließ der Schlüssel sich bemerkenswert leicht drehen.

Wenning nahm seine Taschenlampe und leuchtete in das ehemalige Zwischenlager. Überrascht pfiff er durch die Zähne. Im flackernden Licht seiner Lampe erkannte er mehrere hundert rechteckige Päckchen, sorgfältig gestapelt, in grauer Plastikfolie eingeschweißt.

Die Päckchen waren fast so groß wie eine Packung Kopierpapier, an einem Ende konnte er Kabelanschlüsse entdecken. Er wollte gerade eines dieser Pakete in die Hand nehmen, als sein Blick auf eine kleine Überwachungskamera fiel, an der ein rotes Licht leuchtete. Er ging näher an die Kamera heran und blickte direkt hinein.

Michael Wenning ahnte sofort, dass er etwas Bedeutendem auf der Spur war, aber er ahnte nicht, dass er soeben sein Todesurteil unterschrieben hatte.

22

„Wir müssen die Ursache der Verstrahlung bei diesem Toten so schnell wie möglich ermitteln!“ Bundespolizeichef Graf blickte Lindberg fordernd an. „Jetzt wo die Presse darüber berichtet, besteht die Gefahr, dass Schiller die politische Dimension des Falles nutzt, um mich abzusägen.“

„Das wäre nicht das Schlechteste“, hätte Lindberg in einer ehrlichen Welt geantwortet, aber so war sie nun einmal nicht. Er überlegte, ob er etwas vom gestrigen Abend erzählen sollte, aber dann schwieg er einfach.

„Ihnen ist das offensichtlich egal“, bemerkte Graf. „Aber wenn ich untergehe, nehme ich Sie mit.“

„Das werde ich auch nicht anders halten.“ Lindberg warf Graf einen kalten Blick zu.

„Schon gut.“ Graf winkte ab. „Streit bringt uns nicht weiter.“ Er räusperte sich. „Ich glaube, Schiller ahnt, dass ich über ihn Bescheid weiß. Wir müssen also schnell sein. Haben Sie etwas mit dem versuchten Einbruch bei ihm zu tun?“

„Halten Sie mich für einen Anfänger?“ Lindberg stand auf. „Sonst noch was?“ Er hasste es, wenn Graf ihm das Gefühl gab, dass er ihn in der Hand hatte. Es reichte, dass es so war. Das brauchte der Kerl nicht auch noch zu zelebrieren.

„Sie nehmen das doch hoffentlich ernst?“, fragte Graf.

Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie ernst ich das nehme, dachte Lindberg, doch er nickte nur und ließ Graf in dessen Büro sitzen.

Lindberg schloss die Bürotür ab, setzte sich wieder an seinen Schreibtisch und öffnete die Schublade. Zum Glück war Mia unterwegs, sie wollte mehr über die Aktivistengruppe herausfinden, der Chris Bernasconi angehört hatte. Er mochte sie, arbeitete gern mit ihr zusammen, aber es war besser, wenn sie nichts von dem wusste, was er vorhatte.

Er nahm zwei stecknadelkopfgroße Videokameras aus der Schublade, die er sich in der Mittagspause bei einem befreundeten Privatdetektiv besorgt hatte. Die Kameras waren nichts anderes als die drahtlose, miniaturisierte Variante einer Webcam, wie man sie heutzutage in jedem Laptop fand. Sogar ein Mikrofon war darin eingebaut. Der Ton klang zwar nicht sonderlich brillant, aber das war immerhin dann von Vorteil, falls Schiller unter der Dusche singen sollte.

Lindberg konfigurierte die Videokameras mit seinem Laptop. Sobald er sie aktivierte, würden sie ihre Aufnahmen zu dem Computer senden und dort gespeichert werden. Jetzt musste Lindberg die Wanzen nur noch dorthin bringen, wo Schiller sich vergnügte.

Lindberg nahm die Kameras, schnappte sich seinen Laptop und verließ das Büro.

Am späten Nachmittag stieg er in der Nähe von Schillers Wohnung aus einem Bus. Viele Bürger glaubten, dass Diebe immer in der Nacht kamen, doch tatsächlich fanden die meisten Einbrüche tagsüber statt. Denn erstens waren die Bewohner dann nicht daheim und zweitens fiel man weniger auf, wenn man sich beispielsweise als Handwerker tarnte. Das war nachts nun mal nicht möglich.

Auf dem Weg zu Schillers Wohnung achtete Lindberg auf jedes Auto. Es war keines der Zivilfahrzeuge darunter. Doch das musste nichts heißen, manche der Personenschützer kamen im privaten Wagen zum Dienst.

Lindberg fühlte sich beschissen. Kein Wunder, es war völlig wahnsinnig, was er vorhatte.

Doch ihm war kein besserer Plan eingefallen.

Er kam in Schillers Straße und ging direkt auf das Haus des Bundesanwalts zu. Vorbei an den hohen Hecken lief er zum Gittertor. Ein kurzer Blick reichte, um zu erkennen, dass auf der Vorderseite des Hauses kein Licht brannte, doch was hieß das tagsüber schon? Wenn Schiller daheim war, lagen sicher auch die Personenschützer irgendwo auf der Lauer.

Lindberg drückte seine negativen Gedanken weg und lief zum Garagentor. Mit einem schnellen Handgriff holte er seine Lockpicks heraus, drehte sich um, fand, er sei unbeobachtet und schob die Picks in das Schlüsselloch.

Das Garagenschloss war nicht mehr als eine Aufwärmübung. Keine Minute später stand Lindberg in der fensterlosen Garage, schloss das Tor hinter sich und schaltete das Licht ein. Erleichtert atmete er durch. Schillers Auto stand nicht da, also schien er tatsächlich unterwegs zu sein. Aber was war mit seiner Frau und der siebzehnjährigen Tochter? Wohnten sie wirklich nicht mehr hier?

An der hinteren Garagenwand entdeckte Lindberg eine Feuerschutztür, die ins Haus zu führen schien. Lindberg ging zur Tür und betrachtete das Schloss. Verdammt! Es war dasselbe Modell, welches er gestern an der Eingangstür gesehen hatte. Er hatte dazu ein wenig im Internet recherchiert. Das Schloss war brandneu und laut Hersteller nicht zu überwinden.

Seine Freunde vom Lockpicking-Club waren da anderer Meinung.

Lindberg holte sein Werkzeug heraus und setzte die Pins des Schlosses einen nach dem anderen. Bis zum siebten Pin klappte das gut, aber den letzten konnte er einfach nicht anbringen. Lindberg zog den Pick und den Spanner heraus und begann von Neuem. Der zweite Versuch scheiterte an derselben Stelle. Genau wie der dritte. Auch beim nächsten kam er bis zum siebten Pin, doch dieses Mal verstärkte er den Druck mit dem Spanner, schlug leicht auf den Pick und endlich öffnete sich die Tür. Lindberg löschte das Licht und schaltete seine Taschenlampe an.

Er leuchtete die Wände entlang. Er hatte heute Vormittag herausgefunden, dass Schiller eine Alarmanlage besaß, die direkt mit der Polizei verbunden war. Manchmal war es von Vorteil, wenn man direkt an der Quelle saß. Lindberg kannte sogar das Modell, welches Schiller installiert hatte.

Doch das war es auch schon an guten Nachrichten.

Denn erstens blieben ihm nur wenige Sekunden, die Alarmanlage zu finden und zu deaktivieren. Und zweitens hatte Lindberg keine Ahnung, welchen vierstelligen Code Schiller zum Deaktivieren der Alarmanlage gewählt hatte. Es gab exakt zehntausend verschiedene Kombinationen. So viel zum wahnsinnigen Teil seines Unterfangens.

23

Hastig lief Michael Wenning den schmalen Weg entlang in Richtung zentraler Leitstand, der in einem anderen Gebäude, dreihundert Meter entfernt vom Kraftwerk, lag. Auch das war eine Sparmaßnahme, so dass man die Mitarbeiter im Kraftwerk selbst aufs Nötigste reduzieren konnte. Denn jede Pumpe, jeder Generator, ja die gesamte Elektrik konnte vom zentralen Leitstand aus ferngesteuert werden, ohne dass jemand vor Ort noch eingreifen musste.

Wenning hatte sich diese in Folie eingeschweißten Päckchen in dem ehemaligen Zwischenlager genauer anschaut und hegte einen Verdacht.

Einen Verdacht, der so ungeheuerlich war, dass er ihn kaum auszusprechen wagte.

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960876670
ISBN (Buch)
9783960877707
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v468710
Schlagworte
Ermittl-er Kommissar radio-aktiv-e Energie-n Strahl-ung-en Atom-kraft-werk Erpress-ung-er Terror-is-t-mus Umwelt-aktiv-is-t-mus

Autor

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    Thomas Kowa (Autor)

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Titel: Erhebe dich