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Mord à la Carte

von Rhys Bowen (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Als in dem walisischen Dörfchen Llanfair ein französisches Restaurant eröffnet, ruft das sowohl Begeisterung wie Verärgerung hervor. Die glamouröse Besitzerin, Madame Yvette, versucht die Dorfbewohner für sich einzunehmen und alles scheint sich gut zu entwickeln – bis eine Reihe von Feuern Llanfair erschüttert. Eines Nachts brennt das Restaurant bis auf die Grundmauern nieder und in den Trümmern findet sich … eine Leiche.
Constable Evan Evans verfolgt eine Spur von Hinweisen, die ihn über Südengland bis nach Frankreich führt und am Ende zu dem Schluss, dass in Llanfair ein gefährlicher Mörder sein Unwesen treibt.

 

Impressum

dp Verlag

Deutsche Erstausgabe Mai 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-694-6

Copyright © 2000 by by Rhys Bowen
Titel des englischen Originals: Evan and Elle

Veröffentlicht nach Absprache mit Janet Quin-Harkin c/o JANE ROTROSEN AGENCY LLC, 318 East 51st Street, NEW YORK, NY 10022 USA.

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.

Übersetzt von: Lennart Janson
Covergestaltung: Miss Ly Design
shutterstock.com: © AlexLB, © liu yu shan, © Steve Heap

Korrektorat: Martin Spieß

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

Kapitel 1

Hochwürden Tomos Parry Davies, Pastor der Bethel-Kapelle im Dorf Llanfair, sang laut vor sich hin, während er die Passstraße von Caernarfon hinauffuhr. Der Himmel lachte heute auf ihn herab! Was für ein Glücksfall, dass er die Reklame für eine Auktion von öffentlichen Überschüssen entdeckt hatte. Dieser Kleinbus war die Antwort auf seine Gebete – natürlich hatte er einen hohen Kilometerstand und war in deprimierendem Behördengrau lackiert, aber er hatte Platz für fünfzehn Passagiere und entsprach exakt seinen Bedürfnissen.

Er war sich schon lange bewusst, dass seine Gemeinde dahinschwand. Man interessierte sich dieser Tage nur wenig für Religion und fürchtete das Höllenfeuer nicht, von dem er so eloquent predigte. In ganz Wales wurden Kapellen aufgegeben und in Schönheitssalons, Werkstätten oder noch schlimmer: New-Age-Heilzentren verwandelt. Tomos Parry Davies erschauderte.

Die Ebenezer-Kapelle, von Llanfair aus nur ein paar Kilometer die Passstraße hinunter, war im vergangenen Jahr aufgegeben worden. Tomos fürchtete um die Seelen seiner ehemaligen Herde. Wenn man nur eine Möglichkeit finden könnte, sie nach Llanfair hinauf zu bringen ... aber viele ältere Gemeindemitglieder konnten nicht selbst fahren und sonntags fuhren auch keine Busse. Da war ihm die Idee mit dem Kleinbus gekommen. Um es in nicht-christliche Worte zu fassen: Wenn der Prophet nicht zum Berg kommen kann, musste der Berg eben zum Propheten kommen. Außer seiner Frau hatte er niemandem davon erzählt, abgesehen von Pumpen-Roberts von der Tankstelle, der immer auf dem Laufenden war, was den Verkauf von Gebrauchtwagen anging – dann hatte er gewacht, gewartete und gebetet. Und jetzt waren seine Gebete erhört worden!

Er schloss die Augen und stellte sich die vielen neuen Kirchgänger vor, die sich aus seinem Bus in die Bethel-Kapelle ergießen würden, während sein Rivale, Hochwürden Powell-Jones von der Beulah-Kapelle auf der anderen Straßenseite, nur ungläubig zuschauen könnte. Ein zufriedenes Lächeln breitete sich auf seinem rundlichen, in die Jahre gekommenen Gesicht aus. Und er war auch noch so günstig gewesen. Ein echter Glücksfall – oder eher Gottes Werk. Der Herr wusste, welche Kapelle Er gedeihen sehen wollte!

Und das war nur der Anfang, sagte sich Hochwürden Parry Davies. Eine größere Gemeinde würde auch mehr Geld einbringen. Dann könnte er den Ölofen in der Ecke durch eine richtige Zentralheizung ersetzen, und vielleicht auch die Soundanlage erneuern, um jüngere Menschen anzusprechen. Er könnte Diashows oder Filmvorführungen benutzen, um seine Predigt aufzuwerten. Er würde den Glauben im großen Stil nach Llanfair zurückbringen.

Er fuhr durch Llanberis hindurch und manövrierte dabei vorsichtig um die letzten Feriengäste herum, die über die Straße eilten, um die Bergbahn zum Yr Wyddfa zu erwischen, den die Engländer stur Mount Snowdon nannten. Gleich hinter Llanberis stieg die Straße steil an. Er trat aufs Gas und vernahm das befriedigende Brüllen des kraftvollen Motors. Den schwarzen Qualm, der hinter ihm in der klaren Bergluft hing, ignorierte er lieber.

Das Dorf Nant Peris zog verschwommen an ihm vorbei. Er wusste, dass er auf fünfzig hätte abbremsen sollen, aber er war von der Kraft seines neuen Gefährts so begeistert, dass er nicht langsamer werden konnte. Außerdem war der nächste Polizist Constable Evans oben in Llanfair. Hier war niemand, der ihm einen Strafzettel verpassen konnte.

Er passierte die letzten, verstreuten Häuser, ehe die Passstraße schmaler wurde und wieder gen Llanfair anstieg. Er drehte den Kopf um einen Blick auf die verlassene Kapelle zu werfen, deren Gemeinde er jeden Sonntag abholen wollte. Sie bot einen traurigen Anblick, mit den zugenagelten Fenstern und der verbarrikadierten Tür. Er war schon fast daran vorüber, als er bemerkte, dass dort etwas vor sich ging. Er bremste und legte die schwere Gangschaltung begleitet von Knirschen und Klirren unter einiger Anstrengung in den Rückwärtsgang. Der Lastwagen eines Bauunternehmers parkte vor der Tür und zwei Männer trugen eine Marmorplatte hinein.

Die Wut stieg Tomos ins Gesicht. Welchen üblen Streich spielte ihm der Herr da? Die Kapelle wurde wiedereröffnet, als er gerade seine Ersparnisse für den neuen Bus ausgegeben hatte! War sein schöner Plan jetzt zum Scheitern verurteilt?

Dann bemerkte er das Schild über dem gewölbten Eingang:

 

CHEZ YVETTE. RESTAURANT FRANÇAIS.
Erstklassige, französische Küche.

 

Darüber hing ein Banner mit der Aufschrift: Morgen große Eröffnung! Tomos spürte, dass sein Blutdruck bis zum Siedepunkt hinaufschoss.

Ein Gotteshaus – oder das, was bis vor Kurzem noch ein Gotteshaus gewesen war – wurde zu einem Restaurant umgebaut! Und nicht nur irgendein Restaurant, ein französisches Restaurant. Chez Yvette. Selbst der Name klang eindeutig frevlerisch.

Tomos Parry Davies trat aufs Gas und fuhr mit brüllendem Motor den Pass hinauf, um diese entsetzliche Neuigkeit zu verbreiten.

Kapitel 2

Constable Evans von der Polizei Nordwales kam den steilen Bergpfad herab. Es war ein frischer Herbstabend. Der Snowdon und die umgebenden Gipfel zeichneten sich schon als schwarze Silhouetten vor dem klaren, rosaroten Himmel ab. Die letzten Schwalben schossen über seinen Kopf hinweg, bereit in den Süden zu fliegen. Unter ihm lag das Dorf Llanfair eingerahmt von Herbstnebel. Evan hielt inne und atmete zufrieden den Geruch der Holzfeuer ein  – ganz anders als der Gestank der Kohlefeuer, den er noch aus den Cottages seiner frühen Kindheit kannte. Es war ein beißender Geruch gewesen, der sich in der Nase festsetze und ihn jeden Winter mit einer Bronchitis ins Bett schickte. Jetzt hatten die meisten Cottages Heizkörper und der Kamin samt Holzfeuer war zum Statussymbol geworden.

Es war ein weiterer herrlicher Tag gewesen – der jüngste eines anhaltenden Altweibersommers, den manche schon als Dürre bezeichneten. Natürlich gingen in Nordwales bereits eine Woche ohne Regen als Dürre durch. Evan konnte den Windbrand in seinem Gesicht spüren, die Folge eines langen Klettertages auf dem Glyder Fawr, dem Gipfel auf der dem Snowdon gegenüberliegenden Seite des Tals. Seine schmerzenden Muskeln erinnerten ihn daran, dass er nicht mehr die Kondition zum Klettern hatte. Seine Arbeit als Dorfpolizist in Llanfair konnte man nicht gerade als anstrengend bezeichnen, aber es fiel ihm schwer, zur ständig anfallenden Freiwilligenarbeit nein zu sagen.

Und dann war da natürlich auch noch Bronwen. Die junge Lehrerin der Dorfschule teilte seine Liebe zur freien Natur und erwartete, die Wochenenden mit ihm zu verbringen. Nicht, dass er etwas dagegen einzuwenden hätte, seine Freizeit mit Bronwen zu verbringen, aber das bedeutete, dass er seit einer Weile nicht mehr ernsthaft Klettern war, und er vermisste es.

Das Bein seiner Cordhose strich durch vertrocknendes Farnkraut, als er weiter abstieg. Zu seiner Rechten unterbrach das dunkle Rechteck einer Schonung von Rotfichten den gleichmäßigen Schwung der Bergweiden. Evan sah sie voller Abneigung an. Noch ein Schandfleck in der Landschaft, wie das Everest Inn, dachte Evan. Niemand fragte die Einheimischen, ehe die Leute herkamen und ihre Weihnachtsbäume pflanzten!

In Llanfair gingen die Lichter an. Er sollte sich besser beeilen, wenn er vor der Dunkelheit zurück sein wollte. Dezente Scheinwerfer umrissen bereits die riesigen Konturen des Everest Inn, das wie ein übergroßes Schweizer Chalet oben am Pass stand. Wie alle anderen Dorfbewohner fand er, dass es an einer walisischen Bergflanke völlig fehl am Platz wirkte.

Das Dorf selbst bestand aus verstreuten und bis auf den Red Dragon schlecht beleuchteten Cottages. Pub-Harry hatte in diesem Sommer in einen Scheinwerfer investiert, jetzt, da mehr Touristen nach Llanfair kamen. Nicht jedem gefiel das hell erleuchtete Schild des Pubs. Die beiden Pfarrer der Bethel-Kapelle und der Beulah-Kapelle, sonst Todfeinde, hatten sich zusammengeschlossen, um diese schamlose Propaganda für den Dämon Alkohol anzuprangern – besonders, wenn es an Sonntagen beleuchtet war. Fleischer-Evans war noch einen Schritt weitergegangen und hatte eine offizielle Beschwerde eingereicht, weil das Lichtöffentliches Ärgernis erregen würde und direkt in sein Schlafzimmer schien. In Llanfair machte der Scherz die Runde, dass Fleischer-Evans bloßden Schock nicht ertragen könne, Mrs. Fleischer-Evans mit Gesichtscreme und Lockenwicklern zu sehen. Aber sonst hatte sich niemand beschwert. Tatsächlich war man sogar der Meinung, dass das zusätzliche Licht auf der Dorfstraße schon lange überfällig war.

Schafe stoben auseinander, als Evan sich ihnen näherte, und ihr Blöken hallte durchs ganze Tal. Jetzt, da die Sonne untergegangen war, blies ein kalter Wind vom Atlantik herüber. Er fuhr seufzend durchs Gras, ließdie trockenen Farne rascheln und heulte über die Klippen. Plötzlich hatte Evan das Gefühl, eine Spannung würde sich in die friedliche Szenerie drängen. Mit seinen geschulten Sinnen war er sich fast sicher, beobachtet zu werden. Er hielt an und sah sich um.

Er hörte das Plätschern des Baches, der hier in der Nähe entsprang, und das entfernte Dröhnen eines Autos, das die Passstraße heraufkam. Rechts von ihm zeichnete sich die dunkle Silhouette eines verfallenen Schafstalls ab. Er blickte angestrengt in die Richtung und redete sich ein, er habe eine flüchtige Bewegung gesehen. Er hatte seine Taschenlampe im Rucksack, doch er wollte jetzt nicht anhalten, um sie herauszuholen – nicht, während im Red Dragon ein Pint Bier auf ihn wartete. Wenn hier oben am Berg jemand Unterschlupf suchte, war es wahrscheinlich nur ein vorbeiziehender Landstreicher oder ein balzendes Pärchen aus dem Dorf, was die Anspannung und Wachsamkeit erklären würde, die er spürte.

Er war erst ein paar Schritte gegangen, als er hinter sich auf dem Pfad die Schritte schwerer Stiefel vernahm. Er wirbelte herum.

Noswaith dda. Guten Abend, Constable Evans“, rief eine tiefe Stimme.

„Ach, Sie sind’s, Mr. Owens.“ Evan stießein erleichtertes Seufzen aus, während der Landwirt zu ihm aufschloss. „Sie sind spät unterwegs. Stimmt etwas nicht?“

„Nein, alles in Ordnung. Ich wollte nur einen Blick auf Rhodris Cottage werfen – um sicherzugehen, dass diese Engländer dieses Mal das Tor geschlossen haben, damit sie meinen Schafen nicht vorwerfen können, ihre verdammten Blumen zu fressen!“

„Dann sind sie weg?“, fragte Evan und blickte zum gedrungenen Umriss des Cottages des Schäfers hinüber, das oberhalb des Dorfes lag.

„Meine Frau sah sie heute Nachmittag abreisen. Auf Nimmerwiedersehen, sage ich da.“ Evan sah ihn überrascht an. Mr. Owens war sonst der sanftmütigste Mensch im Dorf.

„Wir haben nur Ärger, seit sie dieses Haus gekauft haben.“ Er trat näher an Evan heran. „Ich werfe dem alten Rhodri nicht vor, dass er zu seiner Tochter gezogen ist ... er wird alt, der arme Kerl. Aber er hatte kein Recht, sein Cottage an Außenstehende zu verkaufen, oder?“

„Ich habe gehört, dass sie ihm einen sehr guten Preis gezahlt haben“, sagte Evan. „Und niemand aus dem Dorf war interessiert.“

„Na ja, niemand aus dem Dorf war blöd genug, all sein Geld in das alte Cottage eines Schäfers zu stecken, was? Sie sollten es jetzt mal sehen, Mr. Evans. Meine Frau geht dort hinauf, um für sie zu putzen, und sie sagt, dass sie dort sämtlichen Komfort haben, sogar ein Badezimmer mit einem dieser französischen Bidet-Dinger. Das muss ein Vermögen gekostet haben, allerdings hatten die Engländer ja schon immer mehr Geld als Verstand.“

Evan grinste. „Aber Besucher sind doch trotzdem gut fürs Geschäft, oder nicht, Mr. Owens?“

„Wären sie, wenn sie irgendwas aus der Gegend kaufen würden. Meine Frau sagt, sie kommen jedes Wochenende mit Kühlboxen voller Lebensmittel her. Sie glauben wahrscheinlich, dass die guten, walisischen Erzeugnisse sie vergiften könnten.“ Sein keuchendes Lachen entlarvte ihn als langjährigen Raucher und endete in rasselndem Husten. „Ich weißnicht recht, warum sie herkommen. Sie scheinen uns nicht wirklich zu mögen.“

„Viele Engländer kaufen Cottages in Wales“, sagte Evan. „Sie wollen übers Wochenende der Stadt entfliehen und ich kann es ihnen nicht verübeln. Ich konnte es nicht erwarten, aus Swansea abzuhauen, kaum dass ich dort hingezogen war.“

„Wissen Sie Mr. Evans, ich habe nichts gegen Engländer“, sagte der Landwirt und lehnte sich vertraulich zu ihm. „Der alte Colonel Arbuthnot, der immer bei uns Urlaub machte, war das Salz der Erde, oder nicht? Aber er war auch von der alten Schule ... er hatte Manieren. Ich mag es einfach nicht, wenn sie herkommen und sich so hochnäsig benehmen, als wären sie die Gutsherren und wir die Bauern.“

„Benehmen sich diese Leute so?“, fragte Evan. „Ich kann nicht behaupten, dass ich viel von ihnen zu Gesicht bekommen habe, abgesehen von ihrem Jaguar.“

„Der garantiert zu schnell fuhr“, kommentierte Mr. Owens. „Er hat neulich beinahe meine Hündin angefahren. Sie ist nicht an Autos gewöhnt. Dieser Engländer kam wie ein Verrückter die Zufahrt raufgebrettert und im selben Moment entscheidet sich meine Hündin, einem Schaf nachzujagen, das sich von der Herde entfernt hatte. Er hat sie fast überfahren, und mir dann gesagt, dass ich besser auf sie aufpassen müsse, statt sich zu entschuldigen. Solche Leute sind das, Mr. Evans. Benehmen sich, als würde ihnen das ganze Land gehören.“

„Zum Glück sind sie nur am Wochenende hier, was, Mr. Owens?“, fragte Evan. „Und ich gehe nicht davon aus, dass wir noch viel von ihnen zu Gesicht bekommen werden, wenn es kälter wird.“

„Nun, aber es scheint dieses Jahr einen langen Sommer zu geben, nicht wahr, Mr. Evans?“ Mr. Owens sprach mit stolzerfüllter Stimme, als wäre er höchstpersönlich für das Wetter verantwortlich. „Ich hab Heu für den ganzen Winter eingelagert, und das kann ich in den meisten Jahren nicht behaupten.“ Er betrachtete das Seil, das von Evans Rucksack baumelte. „Sie waren heute klettern, wie ich sehe.“

„In der Tat. Oben am Glyder Fawr.“

„Da gibt es gute Kletterstellen ... sehr anspruchsvolle Felsen.“

„Ein wenig zu anspruchsvoll“, gestand Evan. „An einem Punkt dachte ich, ich würde feststecken. Ich fürchte, ich bin aus der Übung. Ich glaubte schon, die Bergrettung rufen zu müssen.“

Owens klopfte ihm auf die Schulter. „Sie brauchen ein Pint im Dragon.“

„Genau das habe ich auch gedacht“, sagte Evan mit einem Lächeln. „Ein Pint Robinson’s wäre genau richtig. Sind Sie auch auf dem Weg dorthin?“

Der Landwirt blickte zu den Lichtern seines Gehöfts, das direkt oberhalb der Häuser von Llanfair lag. „Mrs. Owens erwartet mich leider, und sie mag es nicht, wenn das Abendessen im Ofen austrocknet.“ Sein Gesicht strahlte. „Aber es ist Sonntag, oder? Wir essen sonntags immer kalt! Und sie wird nicht genau wissen, wie lange ich brauche um hoch zum Cottage und wieder zurück zu kommen, oder?“

Als die Stimmen erstarben, trat eine Gestalt aus dem verfallenen Schafsstall und sah sich um. Das wäre beinahe ins Auge gegangen, fast hätte ihn der Dorfpolizist entdeckt. Die gute Sache war ... er wusste jetzt, wo der Dorfpolizist steckte. Er würde gewiss im Pub bleiben, bis es zu spät war.

Er spürte das Blut in seinen Schläfen pochen, als das Adrenalin durch seinen Körper rauschte. Er folgte dem Pfad über die Weide bis zum Tor des Cottage. Eine Bewegung in der Hecke zu seiner Linken ließihn zusammenzucken, ehe er ein altes Schaf ausmachte, das in die Dunkelheit davontrottete. Offensichtlich in der Hoffnung, wieder an diese Blumen ranzukommen, dachte er grinsend. Nun, dafür war es jetzt zu spät. Wenn er fertig war, würde es keine Blumen mehr geben.

Das Gartentor quietschte, als er es öffnete. Er näherte sich über den vor Kurzem mit Steinplatten ausgelegten Pfad zur Tür. Dann hielt er inne und setzte seinen Rucksack ab. Der Kanister machte ein lautes Geräusch, als er ihn auf der Stufe abstellte und sein Herzschlag setzte kurz aus. Beruhige dich, sagte er sich. Hier ist niemand im Umkreis von mehreren Kilometern. Du hast alle Zeit der Welt.

Er nahm die Lappen aus seinem Rucksack und legte sie neben den Pfad, um sie zu durchtränken. Dann warf er sie einen nach dem anderen durch den Briefschlitz.

Danach ging er zur Rückseite des Hauses. Die Fenster waren alle verschlossen, aber es war nicht schwer, eine Scheibe zu zerschmettern, um mehr Benzin hineinzugießen.

Dann goss er den restlichen Inhalt des Kanisters über die Kletterpflanze an der Vorderseite des Hauses und die Büsche unter den Fenstern. Es würde seine Zeit brauchen, in so einem alten Steincottage einen vernünftigen Brand zu entfachen.

Schließlich holte er eine Zündschnur hervor. Es war eine, wie man sie auch in den alten Schieferminen benutzte – extra langsam brennend, um den Kumpels genug Zeit zu geben, an die Oberfläche zurückzukehren. Bis die Zündschnur vom Briefschlitz bis zu den Lappen am Boden abgebrannt war, würde er weit weg sein.

Er befestigte die Zündschnur im offenen Briefschlitz, dann zündete er sie mit vor Aufregung zitternden Fingern an. Es gab ein leichtes Zischen, wie ein Ausatmen, und das Ende der Zündschnur glühte rot. Er stopfte den leeren Kanister und anderen verräterischen Kram in seinen Rucksack und eilte den Pfad hinunter. Am Tor hielt er inne und holte ein Stück Papier aus seiner Tasche. Die Nachricht bestand aus Worten, die er aus einer Zeitung ausgeschnitten hatte. Sie lautete:

GEHT ZURÜCK NACH HAUSE. IHR SEID HIER UNERWÜNSCHT.

Er fand einen Nagel, der aus dem Tor herausragte und hängte die Botschaft daran. Als er zurückblickte, glomm die Zündschnur wie ein rotes Auge in der Dunkelheit. Dann floh er den Berg hinunter.

Kapitel 3

Die Bar des Red Dragon war voll, als Evan die schwere Eichentür aufstießund sich unter dem Balken hinwegduckte, um einzutreten. Ein Feuer brannte im großen Kamin an der gegenüberliegenden Wand. Die Luft war schwer vor Zigarettenrauch.

„Sieh mal einer an ... da ist er ja endlich!“ Eine hohe Stimme hob sich über das Gemurmel im Pub. Das Gesicht von Betsy der Barfrau erhellte sich, als sie Evan entdeckte. „Noswaith dda, Evan bach!“

Köpfe wandten sich ihnen zu.

„Wir haben uns schon gefragt, wo Sie stecken, Evan bach“, rief Charlie Hopkins. „Das sieht Ihnen gar nicht ähnlich, die Öffnung der Bar zu verpassen. Betsy war schon drauf und dran einen Suchtrupp loszuschicken ...“

„War ich gar nicht!“, sagte Betsy mit geröteten Wangen. Evan war überrascht, Betsys Haar an diesem Abend in einem dunklen, kräftigen Rotbraun zu sehen. Seit sie sich beinahe von einem berühmten Opernsänger hatte verführen lassen, der dunkelhaarige Frauen bevorzugte, experimentierte sie mit ihrer Haarfarbe. Sie trug ein Trägertop aus Velours mit Leoparden-Druck und einem tiefen Ausschnitt. Das Ergebnis war gelinde gesagt verwirrend.

„Ich weiß sehr wohl, dass Evan Evans allein auf sich aufpassen kann“, fuhr Betsy fort und warf ihm ein herausforderndes Lächeln zu. „Ich meine, er hat die Statur dafür, oder nicht?“

„Es sei denn, er wird eines Tages von dir in die Enge getrieben“, sagte Charlie Hopkins und sein magerer Körper zitterte vor stiller Freude, während er die Vorderzähne entblößte. „Ich würde gerne sehen, wie er sich da herauskämpft!“

Betsy zog ihr Trägertop glatt, wodurch sich der Ausschnitt in beinahe nicht mehr jugendfreie Tiefen hinabzog. „Wenn ich Evan Evans allein erwische, wird er keinen Grund zum Kämpfen haben!“, verkündete sie der versammelten Menge. „Und wir werden auch nicht mit Vogelbeobachtungen beschäftigt sein ... es sei denn, ich entscheide mich für diese Tattoos, über die ich schon länger nachdenke.“

Gelächter hallte von der niedrigen Decke zurück. Evan zeigte ein gutmütiges Grinsen und beschloss, dass er nichts sagen konnte, was Betsy nicht als Zuspruch auffassen würde.

„Was darf’s denn heute Abend sein, Evan bach? Dein übliches Guiness?“

„Ich denke, ich werde mich heute Abend dem Herrn Schäfer-Owens anschließen und ein Robinson’s trinken“, sagte Evan. „Ich habe mir einen mächtigen Durst erarbeitet.“

Betsys Hände zapften geschickt zwei Pints Robinson’s Bitter mit perfekten Schaumkronen. „Hier, trink die aus und dann kannst du uns erzählen, wo du warst.“

„Ich habe dir schon gesagt, dass er heute Klettern war“, sagte Pumpen-Roberts. „Ich habe ihn auf dem Weg zum Glyder Fawr gesehen.“

Es gab nichts, was dem Buschfunk von Llanfair entging.

„Ich hörte, dass Bronwen Price ein Lehrertreffen an der Universität in Bangor hatte“, sagte Milchmann-Evans mit einem wissenden Zwinkern.

„Die verdammte Bronwen Price!“, murmelte Betsy und stellte unsanft ein Pint ab. Evan lockerte seinen Kragen. Hier drinnen war es heute Abend wirklich warm.

„Die kleine Betsy hat Ihre Ankunft sehnlichst erwartet, Evan“, sagte Charlie Hopkins, „damit Sie sie in dieses neue französische Restaurant einladen können.“

Betsy schenkte Evan ein herausforderndes Lächeln. „Ich würde einen Abend mit Evan Evans nicht ausschlagen, aber ich stehe nicht auf französische Restaurants, danke. Die servieren Schnecken und Froschschenkel, oder? Und kleine Vögel, an denen noch der Kopf dran ist ...“

Aus der Menge kamen gemischte Reaktionen von Abscheu und Gelächter.

„Wirklich“, beharrte sie. „Ich habe im Fernsehen mal eine Reisesendung gesehen.“

„Einen Moment mal ... von welchem französischen Restaurant sprechen wir?“, unterbrach Evan.

„Das neue, das in der alten Kapelle oberhalb von Nant Peris eröffnet“, sagte Charlie Hopkins. „Hochwürden Parry Davies hat es heute Nachmittag entdeckt, nicht wahr, Hochwürden?“

„Das habe ich in der Tat, Mr. Hopkins. Es brachte mein Blut zum Kochen, sehen zu müssen, dass ein Gotteshaus in einen Sündenpfuhl verwandelt wird.“ Die Stimme kam von einem Tisch in einer abgedunkelten Ecke. Anders als sein Amtskollege der Beulah-Kapelle lag ein gelegentlicher Besuch im Pub nicht unter der Würde von Hochwürden Parry Davies – damit meine Gemeinde weiß, dass ich auch ein Mensch bin, war seine Erklärung dafür. Tatsächlich nahm er häufig die Hintertür der Kapelle und den Pfad hinter den Häusern, um am Sonntagabend mit anderen männlichen Gemeindemitgliedern zum Red Dragon zu gelangen.

„Es ist ein Restaurant, Hochwürden“, stellte Milchmann-Evans klar, „kein Bordell.“

„Woher willst du das wissen, Junge?“, kicherte Eimer-Barry, der junge Planierraupen-Fahrer. „Vielleicht ist das nur Fassade. Ich denke, ich werde das besser persönlich überprüfen. Chez Yvette, der Klang gefällt mir ... ich wette, sie ist ’ne heiße Braut. Trägt bestimmt ein schwarzes Spitzenkorsett ... französische Frauen kleiden sich so, wisst ihr.“

„Und woher willst du das wissen, Eimer-Barry?“ Betsys Stimme klang beleidigt.

„Ich hab Erfahrung.“

„Du warst noch nie weiter südlich als Birmingham“, sagte Betsy triumphierend.

„Ich hätte nichts dagegen, dich in einem schwarzen Korsett zu sehen, Betsy.“ Barry grinste sie an.

„Und ich hätte nichts dagegen, im Lotto zu gewinnen. Die Chancen stehen ungefähr gleich, würde ich sagen.“

Evan lachte zusammen mit den anderen Männern. Er hatte Betsys Schlagfertigkeit schon immer bewundert.

„Also ich gehe nicht mal in die Nähe irgendeines französischen Restaurants“, sagte Fleischer-Evans laut. „Hier gibt es schon genug Fremde. Pflanzen dämliche Tannen und verschandeln die Hügel, kaufen all unsere Cottages ... Wenn ich das Sagen hätte ...“

„Du würdest eine verdammte Mauer um Llanfair ziehen und Besucher einen walisischen Pass vorweisen lassen, ehe sie eingelassen werden“, kicherte Milchmann-Evans und erntete allgemeines Gelächter.

„Das würde ich tatsächlich“, stimmte Fleischer-Evans zu. „Dasselbe noch mal bitte, Betsy-Maus.“

Betsy füllte das Pint-Glas wieder auf. „Erzählen Sie Evan Evans von Ihrem Bus, Reverend“, sagte sie. „Er hat sich einen riesigen Bus gekauft ...“

„Um die Leute aus dem Tal hier hoch zu holen“, sagte der Pastor. „Ich habe mir um diese armen Menschen Sorgen gemacht, die im vergangenen Jahr keine Kapelle hatten und keine Möglichkeit, sonntags hier rauf zu kommen, weil der Bus nicht fährt. Der Kleinbus war die Antwort auf meine Gebete.“

„Sie bitten besser den Landwirt Owens hier, Ihr Fahrer zu sein“, sagte Eimer-Barry. „Er ist gut darin, Schafe zusammenzutreiben. Vielleich leiht er Ihnen seine Hunde.“

„Wo wir gerade von Hunden sprechen, wie geht es Ihrer Hündin, Mr. Owens?“, fragte Pumpen-Roberts. „Ist sie in Ordnung?“

„Zum Glück, ja“, sagte Mr. Owens.

„Warum, was ist ihr passiert?“, fragte Betsy, lehnte sich über die Bar und dehnte ihren Ausschnitt damit weit genug, um ihre Gäste vom Trinken abzuhalten.

„Dieser Engländer hätte sie beinahe überfahren, oder?“, fragte Pumpen-Roberts. „Und das war nicht mal auf der Straße, sondern auf der Zufahrt zum Cottage.“

„Und er besaß auch noch die Frechheit, mir zu sagen, ich solle sie unter Kontrolle halten“, sagte Mr. Owens. „Auf meinem eigenen Land!“

„Ich wusste, dassÄrger auf uns zukommt, als Rhodri sein Cottage an Außenstehende verkaufte“, sagte Fleischer-Evans wütend. „Ich hab’s euch gesagt, oder nicht? Da kommt nichts Gutes bei rum, wenn man Fremde in die Gemeinde lässt. Es ist ja nicht so, als würden sie die hiesigen Läden unterstützen, oder? Sie war, glaube ich, nur ein Mal in meinem Laden und war dann so dreist, mich zu fragen, ob ich Englisch sprechen würde, während sie mit den Armen herumwedelte, als würde sie sich mit einem Idioten unterhalten.“

„Vielleicht dachte sie, du wärst der Bruder von Briefträger-Evans“, kicherte der Milchmann. „Vielleicht dachte sie, dass Beschränktheit in der Familie liegt.“

Fleischer-Evans stellte mit einem Knall sein Glas ab. „Wenn irgendjemand mit diesem Bekloppten verwandt ist, dann du!“

Evan hatte an der Bar gestanden und sein Bier geleert, zu erschöpft und entspannt, um sich dieser Unterhaltung anzuschließen. Jetzt trat er zwischen die beiden Männer, als Fleischer-Evans gerade seine Fäuste erhob.

„Ganz ruhig, Gareth bach. Danken Sie dran, ich bin auch ein Evans“, sagte er gutgelaunt.

Fleischer-Evans ließ die Fäuste sinken. „Ich hätte nur gerne gewusst, dass Rhodris Cottage zum Verkauf steht. Dann hätte ich es selbst gekauft.“

„Um oben in den Bergen zu leben? Red doch keinen Quatsch, Junge.“

„Wenn es die Fremden davon abhält, sich hier einzukaufen!“

„Dafür ist es jetzt ohnehin zu spät“, sagte Owens der Landwirt. „Sie haben viel Geld in das Haus gesteckt und haben es sicher nicht eilig, wieder zu verschwinden.“

„Es sei denn, jemand bringt sie dazu“, murmelte Fleischer-Evans.

„Na ja, sie sind jetzt für eine Weile fort“, fügte Owens der Landwirt hinzu. „Und sie werden nicht so häufig herkommen, wenn das Wetter schlechter wird. Ein paar ordentliche Regengüsse und die Zufahrt wird zu einem rauschenden Bach. Dann will ich sehen, wie er seinen Jaguar da hochbekommt!“

„Ich verstehe nicht, was der ganze Wirbel soll“, sagte Betsy. „Sie stören uns nicht. Sie waren nicht ein Mal hier.“

„Da habt ihr’s, das sage ich doch die ganze Zeit“, sagte Fleischer-Evans triumphierend.

Alle blickten auf, als die Eingangstür plötzlich aufgestoßen wurde. Ein junger Mann kam herein, er hatte sandfarbenes, zerzaustes Haar und seine mit Sommersprossen übersäten Wangen glühten vom Wind.

„Na, wenn das nicht der junge Bryn ist“, rief Charlie Hopkins. Er wandte sich den anderen Männern zu. „Ihr kennt doch den Jungen meiner Tochter, oder? Er ist gerade der Feuerwehr beigetreten. Ich habe ihm gesagt, dass wir ihn jetzt Sirenen-Bryn nennen müssen.“

„Wo brennt’s denn, Junge?“, rief Eimer-Barry und kicherte lautstark.

„Steh da nicht so rum. Komm her und gönn dir ein Pint“, setzte Charlie an und hob den Arm, um seinem Enkel auf den Rücken zu klopfen.

Der junge Mann schüttelte ihn ab. „Nicht jetzt, Taid. Ich brauche ein Telefon. Ich muss sofort die Feuerwache anrufen. Es brennt oben auf dem Berg!“

Kapitel 4

Der Pub leerte sich schlagartig und die Gäste drängten in ihren polierten Sonntagsschuhen den steilen Bergpfad hinauf.

„Das ist Rhodris Cottage!“, brüllte Fleischer-Evans. „Um was wetten wir, dass diese verdammten Engländer das Gas angelassen haben?“

Die Flammen verzehrten das Cottage bereits, schossen aus geborstenen Fenstern und durch das teilweise eingebrochene Dach. Funken stoben in die klare Nachtluft.

„Was für ein Anblick. Das ist besser als die Guy-Fawkes-Nacht!“, rief Eimer-Barry.

„Hoffentlich ist die Feuerwehr bald hier, sonst geht der ganze Berg in Flammen auf.“ Owens der Landwirt blickte nervös zu seinen Schafen auf den Weiden hinauf.

„Also gut, niemand geht zu nah ran“, überschrie Evan das Brüllen der Flammen und die aufgeregten Rufe der Männer. „Haltet die Zufahrt frei, damit das Feuerwehrauto hier hochkommt. Kommt schon. Bewegt euch bitte.“ Er führte die Gaffer auf eine Seite.

„Sollten wir nicht anfangen zu löschen, Mr. Evans?“, fragte Owens der Landwirt. „Ich habe Schaufeln im Haus ...“

Evan zögerte. Es bestand die akute Gefahr, dass der ganze Hang in Flammen aufgehen konnte, aber er wollte unerfahrene Leute nicht einer solchen Gefahr aussetzen.

„Lasst mich mal machen.“ Bryn drängelte sich an Evan vorbei. „Keine Sorge. Ich bin für so etwas ausgebildet, Constable Evans.“ Auf halbem Weg über den Pfad zum Haus rief er. „Constable Evans, sie haben hier einen Wasserhahn mit Schlauch. Jetzt müssen wir nur hoffen, dass sie das Wasser nicht abgedreht haben.“

Ein schwacher Wasserstrahl kam aus dem Schlauch. Evan glaubte nicht, dass man damit auch nur das Geringste gegen das Flammeninferno ein paar Meter weiter ausrichten könnte, aber Bryn stand da und wässerte gleichmäßig den Boden um das Cottage, bis der Klang von Sirenen den Pass heraufhallte. Dann schlingerte das Feuerwehrauto die Zufahrt hinauf, gefolgt von einem Tankwagen, dessen mächtige Schläuche den Brand bald gelöscht hatten.

„Immerhin hat es sich nicht ausgebreitet.“ Ein grauhaariger Feuerwehrmann kam zu Evan herüber, als die Männer ihre Schläuche von dem zerstörten Cottage wegzogen. „Danke, dass Sie die Schaulustigen zurückgehalten haben.“ Er streckte eine Hand aus. „Geraint Jones. Ich bin der Kopf dieser Meute. Sie müssen Constable Evans sein.“

„Ganz richtig.“ Evan schüttelte die ihm angebotene Hand. „Wir hatten Glück, dass Sie so schnell hier waren. Und wir hatten Glück, dass der junge Bryn hier oben zufällig seine Großmutter besuchte. Er hat verhindert, dass sich das Feuer ausbreitet, bis Sie hier ankamen.“

Captain Jones nickte. „Er ist ein guter Junge. Etwas zu eifrig, aber ich schätze, ich war in seinem Alter auch so.“ Er tippte Evan auf den Arm. „Ich kann mir vorstellen, dass Sie Ihre Jungs von dieser Sache unterrichten wollen, oder? Das war definitiv ein verdächtiges Feuer.“

„Glauben Sie, dass es absichtlich gelegt wurde?“

Der Feuerwehrmann sog Luft zwischen seinen Zähnen hindurch. „Als wir eintrafen, stand das ganze Haus schon in Flammen, also kann ich Ihnen nicht sagen, wo das Feuer ausgebrochen ist, aber aus Erfahrung weiß ich ... es braucht schon einiges, damit eines dieser alten Cottages so brennt. Steinmauern, Steinböden, da breitet sich ein Feuer nicht ohne eine gewisse Mithilfe aus. Ich würde eine Meldung machen, nur um Ihren Hintern abzusichern.“

„Danke, werde ich machen“, sagte Evan.

„Und ich würde die Leute von dem Haus fernhalten, bis Ihre Brandermittler bei Tageslicht einen Blick darauf werfen konnten. Sie wären erstaunt, wenn Sie wüssten, was manche als Souvenirs wegschleppen.“

„Danke. Dann werde ich für den Abend alles absperren“, sagte Evan. „Ich rufe besser im Hauptquartier an, um zu hören, ob sie über Nacht jemanden als Wache raufschicken wollen.“

„Ich lasse noch ein paar meiner Männer hier oben, sie müssen vielleicht noch einige heiße Stellen ablöschen. Wir wollen ja nicht, dass der Hang in Flammen aufgeht, sobald der Wind auffrischt, nicht wahr?“

„Ich werde diese Leute nach Hause schicken.“ Evan bewegte sich auf die Menge zu, sie beobachteten noch immer fasziniert das Geschehen. „Hört mal zu. Die Show ist vorbei. Geht nach Hause. Und ich will niemanden in der Nähe sehen, bis wir hier oben fertig sind.“

Er war ein wenigüberrascht von der Kraft seiner Stimme, und weil sie widerspruchslos den Heimweg antraten.

„Kommt schon, Jungs. Der Red Dragon hat noch geöffnet“, rief Charlie Hopkins. „Wo ist der kleine Bryn? Ich will ihm jetzt sein Pint ausgeben.“

Evan beobachtete, wie der alte Mann den Hügel hinabstieg, den Arm um die Schultern seines Enkels gelegt.

Als die Menge sich auflöste, erhob sich der Schrei einer Frau über die gemurmelten Unterhaltungen: „Er ist nicht hier! Oh Gott ... wo ist er?“

Evan bahnte sich einen Weg durch die Menge und erblickte eine verzweifelte Frau, die sich in blankem Entsetzen umsah. Er erkannte sie als Eigentümerin des Cottage neben Bronwens Schule. Sie hieß Ellie Jenkins und arbeitete als Zimmermädchen im Everest Inn.

„Was ist los, Mrs. Jenkins?“ Er fasste sie am Arm.

„Mein Terry. Haben Sie ihn gesehen? Er ist nicht da.“ Sie brachte die Worte fast nicht über die Lippen.

„Der kleine Terry? Nein, ich habe ihn nicht gesehen.“

„Er muss hier oben sein.“ Ihr Blick zuckte nervös umher, während sie sprach. „Wo könnte er sonst sein?“

Evan legte ihr eine Hand auf den Arm, um sie zu bremsen. „Alles wird gut, Mrs. Jenkins. Kleine Jungs machen ständig Dummheiten, das wissen Sie. Jetzt atmen sie tief durch ... wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?“

Ihr Atmen bestand aus zitternden Seufzern. „Ich dachte, er wäre im Bett. Dann hörte ich die Feuerwehrautos vorbeifahren und war überrascht, dass er nicht aufstand um zu sehen, was los ist. Er ist ganz verrückt nach Feuerwehrautos. Da bemerkte ich, dass sein Bett leer war. Ich war mir sicher, dass er hier heraufgekommen sein musste und ...“

Evan versuchte, sie beruhigend anzulächeln. „Ich bin mir sicher, dass wir ihn finden werden, Mrs. Jenkins. Keine Sorge. Kommen Sie. Ich helfe Ihnen beim Suchen.“

Die Menschenmenge strömte jetzt den Berg hinab. Evan hielt alle kleinen Jungs an, die er sah, und fragte sie nach Terry Jenkins, aber niemand schien ihn bemerkt zu haben.

„Ich weiß nicht, was ich mit ihm machen soll, Mr. Evans“, seufzte Mrs. Jenkins, als sie zu dem Feuerwehrauto neben der schwelenden Ruine hinaufgingen. „Er ist so ungestüm, seit sein Vater uns im Stich gelassen hat. Ich kann ihn nicht mehr zur Vernunft bringen. Alles, was gefährlich ist ... das gefällt ihm. Feuer, Explosionen, Bomben. All diese Actionfilme im Fernsehen und Menschen, die in die Luft gejagt werden. Ich weiß nicht, was ich mit ihm machen soll ...“

„Einen Moment“, unterbrach Evan. Er hatte gehört, wie einer der Feuerwehrleute schrie: „Aus dem Weg, Junge, sonst verletzt du dich noch.“

Evan erblickte eine kleine Gestalt, die zwischen den großen Gestalten mit dem Schlauch umher flitzte.

„Terry?“, rief er.

Der Junge sah auf.

„Terry Jenkins, komm sofort hierher!“ Die Stimme seiner Mutter verdrängte jedes andere Geräusch.

Evan ging zu dem Jungen hinüber, der einen roten Anorak über seinem Schlafanzug trug. „Komm mit Terry. Deine Mutter hat nach dir gesucht.“

Terry blickte zu Evan hinauf und wischte sich mit einer rußverschmierten Hand übers Gesicht. „Jetzt kann ich mich auf was gefasst machen, oder, Constable Evans?“ Er grinste. „Aber das war es wert. Haben Sie gesehen, wie das Wasser aus diesem Schlauch kam? Das war toll. Und diese Flammen ... die müssen hundert Meter in den Himmel geschossen sein! Ich will eines Tages auch Feuerwehrmann werden und solche Feuer löschen.“

„Terry Jenkins, du bringst mich noch ins Grab.“ Seine Mutter trat vor und packte ihn am Arm. „Warum schleichst du dich nachts raus? Du hättest bei lebendigem Leib verbrennen können!“

„Ach, Mum.“ Terry sah beschämt aus. „Ich musste mir doch das Feuer ansehen, und ich wusste, dass du mich nicht gehen lassen würdest. Du hättest es sehen müssen ... das Dach ist eingestürzte und die Flammen haben wusch gemacht! Es war atemberaubend!“

„Ich weiß nicht, was ich mit dir machen soll“, wiederholte Mrs. Jenkins. „Wenn doch nur dein Papa hier wäre ...“

„Ja, ist er aber nicht, oder?“, sagte Terry wütend. „Ihm ist egal, was ich mache.“

Dann riss er sich los und rannte vor ihr die Zufahrt hinunter. Evan sah ihr nach und hatte Mitleid mit der Frau. Terry kam gerade in dieses schwierige Alter und er war schon von Anfang an kein einfaches Kind gewesen. Evan hatte ihn vor ein paar Wochen bei dem Versuch erwischt, Schokoriegel aus dem Automaten an der Tankstelle von Pumpen-Roberts zu klauen. Er schien nicht zu glauben, irgendetwas falsch gemacht zu haben – nur die schlimmsten Verbrecher hatten diese Eigenschaft.

Evan stellte sicher, dass die letzten Nachzügler mit ihm vom Berg herunterkamen. Er war auf dem Weg zur Polizeistation, um telefonisch seinen Bericht abzugeben, als er Bronwen die Dorfstraße hinabrennen sah, ihr langer, roter Umhang wehte wie Flügel hinter ihr her.

„Evan, geht es dir gut?“, rief sie. „Ich habe gerade von dem Feuer gehört.“

„Alles bestens“, sagte er und lächelte, als sie näherkam. „Das Cottage vom alten Rhodri ist abgebrannt. Keine Verletzten. Die Feuerwehr beendet gerade ihre Arbeit.“

„Ich weiß nicht, was mit dir ist“, sagte sie und stand dabei so nah, dass sie zu ihm hochschauen musste. „Ich kann dich nicht einen Tag alleine lassen, ohne dass hinter meinem Rücken ein großes Drama passiert.“

„Dann lässt du mich besser nicht mehr allein, oder?“, neckte Evan. Er streckte die Hand aus und streichelte ihre Wange, obwohl er sich bewusst war, dass diese Tat am nächsten Morgen schon im ganzen Dorf die Runde gemacht haben würde. „Du machst dir zu viele Sorgen. Und ich habe dir schon oft genug gesagt, dass die Arbeit eines Polizisten nicht nur aus Biertrinken und Kegeln besteht, nicht wahr?“

Bronwen nickte. „Du hast recht. Ich bin schon besorgt zur Welt gekommen. Ich bin froh, dass niemand verletzt wurde. Weiß man schon, wie es ausgebrochen ist?“

Evan schüttelte den Kopf. „Die Engländer waren schon Stunden zuvor abgereist und alles war verschlossen. Wir müssen uns das bei Tageslicht anschauen.“

Bronwen schlang ihre Arme um ihn, während sie zu den Scheinwerfern des Feuerwehrautos am Hang hinaufblickte. „Das gefällt mir nicht, Evan.“

„Was gefällt dir nicht?“

„Dass gerade dieses Cottage abgebrannt ist ... das erst vor Kurzem von Außenstehenden gekauft wurde. Ich hoffe nicht, dass es hier jetzt so losgeht.“

Kapitel 5

„Also sind Sie schon wieder an einer Sache dran“, rief Sergeant Watkins, als er am nächsten Morgen aus seinem Polizeiauto stieg. „Sie sind ein verdammtes Ärgernis, das wissen Sie, oder?“

„Hallo, Sarge.“ Evan lächelte, als er die ausgestreckte Hand des Sergeants schüttelte. „Die Feuerwehr hat mir gesagt, dass sie den Brand als verdächtig einstufen, also musste ich Meldung machen. Es tut mir leid, dass Sie deshalb hier raufkommen mussten.“

„Das sollte es auch“, sagte Watkins, aber er lächelte ein wenig. „Ich hatte ein wunderbares, entspanntes Wochenende mit der Familie. Ich gehe zur Arbeit, erpicht darauf, am Montagmorgen weiterzumachen, und was erzählt mir Detective Inspector Hughes? Er sagt: ‚Watkins, ich ziehe Sie von dem Fall ab.‘“

„Was für ein Fall ist das?“, fragte Evan.

„Bloß das Interessanteste, was hier in der Gegend für eine lange Zeit passieren wird. Erinnern Sie sich an diese Yacht, die mit einem verdammt großen Loch im Rumpf vor Abersoch gefunden wurde? Nun, der Besitzer wurde ermittelt und sie scheint Teil einer Flotte zu sein, die benutzt wird, um über Irland Drogen vom Festland einzuführen. Davor kamen sie hauptsächlich über Holyhead, aber die Abteilung aus Anglesey hat dort zusätzliche Überwachung eingerichtet. Also scheinen sie es jetzt übers Festland zu versuchen.“

„Abersoch?“, grübelte Evan. „Das wäre ideal, oder? Auf der Llyn-Halbinsel gibt es zu dieser Jahreszeit nicht viele Touristen.“

„Ideal, wie Sie sagen. Ich hätte vielleicht bei einer richtig großen, internationalen Drogenrazzia dabei sein können. Aber was passiert stattdessen? Der Detective Inspector meint: ‚Ich schicke Sie nach Llanfair, Watkins, weil Sie mit dem Revier da oben vertraut sind.‘Also werde ich geschickt um ein Cottage zu überprüfen, das vergangene Nacht abgebrannt ist, wahrscheinlich weil der Besitzer Pommes frittiert und gleichzeitig ferngesehen hat.“

„Die Besitzer waren nicht hier, Sarge“, sagte Evan. „Das Cottage wurde erst kürzlich an Engländer verkauft.“

„Oh, Tatsache?“ Watkins’ Gesichtsausdruck wurde ernst. „Das gefällt mir nicht. Das gefällt mir ganz und gar nicht. Sagen Sie mir nicht, dass das schon wieder losgeht.“

„Aber hier oben ist schon lange kein Feriencottage mehr abgebrannt, oder?“, fragte Evan. „Zumindest nicht, seit ich hier bin.“

„Nein, tatsächlich nicht, aber das heißt nicht, dass es nicht wieder losgehen könnte. Wir haben gehört, dass eine neue Gruppe in der Gegend operiert. Sie nennen sich Meibion Gwynedd – die Söhne von Gwynedd – und sie sind ziemlich radikal. Sie werden nicht aufhören, ehe sie die vollständige Unabhängigkeit von Wales erreichen.“

„Das ist ganz schön bescheuert“, rief Evan. „Walisische Unabhängigkeit? Glauben die wirklich, dass wir ohne Unterstützung aus England existieren könnten?“

Watkins schüttelte den Kopf. „Ich gehe nicht davon aus, dass sie das so weit durchdacht haben. Die meisten Extremisten wollen das Beste aus beiden Welten, oder? Unabhängigkeit für Wales, aber vollen Schutz von Großbritannien.“

„Haben wir denn irgendwelche Namen?“

„Wir haben mehrere ihrer Mitteilungsblätter in die Hände bekommen und wissen jetzt, dass sie Treffen in einer Kapelle in Bangor abgehalten haben. Ich würde sagen, dass das wirklich Extremisten sind – die Art Menschen, die Cottages niederbrennen würden, um etwas zu beweisen.“

Evan legte die Stirn in Falten. „Dann muss ihnen jemand hier oben von den Engländern erzählt haben, die kürzlich eingezogen sind ...“

Watkins nahm diesen Gedanken auf: „Was bedeutet, dass jemand hier oben irgendwie mit der Gruppe zu tun hat?“

Evan versuchte, nicht an Fleischer-Evans zu denken, aber er kam nicht umhin. Er erinnerte sich daran, dass der Metzger gemurmelt hatte: „Es sei denn, jemand bringt sie dazu.“ Er war so extrem nationalistisch und auch hitzköpfig ... genau so, wie man sein musste, um von einer radikalen Extremistengruppe wie den Meibion Gwynedd angelockt zu werden. „Das ist auf jeden Fall eine Möglichkeit“, sagte er.

„Vielleicht ist das etwas, was Sie heimlich untersuchen könnten“, sagte Watkins. „Ich weiß, wie es in einem Dorf läuft. Jeder kennt jeden, oder?“

Evan blickte zur Metzgerei hinüber. „Aber Sie kommen besser mit und werfen selbst einen Blick auf die Sache, ehe wir vorschnelle Schlüsse ziehen. Wie Sie sagten, wir könnten feststellen, dass jemand eine brennende Zigarette in den Müll geworfen hat, dann wären all die Sorgen umsonst.“ Während er sprach, kam ihm ein Gedanke. „Was ich noch sagen wollte, Sarge, ich kam nicht lange vor dem Brand an dem Cottage vorbei.“

„Und? Haben Sie jemanden gesehen?“

„Nur Owens, den Landwirt. Er kam von dem Cottage und schloss sich mir an.“

„Owens der Landwirt, wie? Ist er für radikale Tendenzen bekannt?“

Evan lachte. „Im Gegenteil. Er folgt dem Motto ‚leben und leben lassen‘, wobei ...“ Wobei er eindeutig klargestellt hatte, was er davon hielt, dass Engländer das Cottage gekauft hatten, dachte Evan. Und er hatte zugegeben, dort gewesen zu sein ... Evan erinnerte sich an die plötzliche Anspannung und Wachsamkeit, die er verspürt hatte. Er schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht, dass es Owens der Landwirt gewesen sein kann, aber ich werde mit ihm sprechen, wenn Sie wollen. Vielleicht hat er etwas Interessantes beobachtet.“

Die beiden Männer machten sich auf den Weg den Hügel hinauf. Der Morgennebel lag wie Schafswolle im Tal, doch als sie aufstiegen, sahen sie bald den blauen Himmel und hörten den Ruf einiger Lerchen.

„Mensch, an dieses Wetter könnte ich mich gewöhnen“, sagte Watkins mit einem Seufzen. „Es heißt doch, dass sich das Weltklima verändert. Vielleicht wird Wales die nächste Riviera.“

„Erzählen Sie das nicht Fleischer-Evans“, lachte Evan, dann entglitt ihm sein Lächeln, als er sah, wie Watkins ihn anstarrte. „Sie glauben doch nicht, dass er etwas hiermit zu tun hat, oder? Nicht dieses Mal, Sarge ... es ist einfach unmöglich. Er war mit uns im Pub, als Alarm geschlagen wurde.“

„Es gibt Mittel, um einen Brand zu verzögern, wie Sie wissen. Ein guter Brandstifter kann meilenweit entfernt sein, ehe das Feuer ausbricht.“

„Ich bin mir einfach sicher, dass er es nicht war“, sagte Evan. „Er war so wie immer ... laut, angriffslustig, aber ganz und gar nicht nervös.“

„Vielleicht lässt er sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen.“

„Sie wissen, dass das nicht stimmt. Denken Sie an seinen Ausbruch, als wir ihn damals zum Verhör geschleift haben.“

„Aber er könnte der Hinweisgeber gewesen sein, das müssen Sie sich doch eingestehen.“

„Ja, zugegeben“, sagte Evan. „Er ist ein Kerl, der den Meibion Gwynedd beitreten wollen könnte. Er weiß vielleicht etwas. Ich werde versuchen, ihm ein paar diskrete Fragen zu stellen.“

Sie hatten die geschwärzten Überreste des Cottages erreicht. Nur die vier Außenmauern standen noch, die grauen Steine lagen unter einer Rußschicht verborgen. Innerhalb der Mauern konnten sie die Form eines Ofens und einer Badewanne ausmachen, aber alles andere war eine schwarze, durchnässte Sauerei.

„Verdammt noch mal“, murmelte Watkins. „Da haben sie wirklich ganze Arbeit geleistet, was? Es ist nicht mehr viel übrig.“ Sie drehten mit vorsichtigen Schritten eine Runde um das Cottage. „Aber ich würde schon fast darauf wetten, dass es Brandstiftung war. Schauen Sie mal, wie der Boden hier geschwärzt ist. Das muss von irgendeiner brennbaren Flüssigkeit stammen.“ Er sah zu Evan auf. „Es hat wohl niemand an Bildmaterial gedacht, oder?“

„Bildmaterial?“

„Ja. Fotos, oder Videos. Das würde beides helfen. Es ist erwiesen, dass Brandstifter gerne ihre Arbeit beobachten, wissen Sie? Es wäre schön gewesen, eine Aufzeichnung der Menge zu sehen, nur für den Fall, dass es wieder passiert.“

„Ich glaube, ich kann Ihnen sagen, wer hier war“, sagte Evan. „Auf jeden Fall niemand, der nicht zum Dorf gehört.“

„Das ist einen Gedanken wert“, sagte Watkins.

Ein flatternder, weißer Fetzen zwischen plattgetretenem Farnkraut fiel Evan ins Auge. Er ging hing, um ihn zu untersuchen, und stellte fest, dass es sich um ein Stück Papier handelte, an den Rändern versengt.

„Hey, schauen Sie sich das an, Sergeant“, rief er. „Ich denke, das wird Ihre Theorie wohl bestätigen.“ Er kam zurück, trug den Papierfetzen vorsichtig zwischen zwei Fingern und reichte ihn dem Sergeant. Watkins las die Aufschrift und sah hoch. „‚Ihr seid hier unerwünscht‘?“ Er seufzte schwer. „Sie wissen, was das bedeutet, oder? Wir dürfen Peter Potter und seinen Wunderhund Champ erleben.“

„Wie bitte, Sarge?“ Evan grinste.

„Oh, das Lächeln wird Ihnen vergehen, wenn er hier ist, Junge. Er ist unser neuer Brandermittler ... noch dazu beim Scotland Yard ausgebildet.“

„Die Polizei von Nordwales hat einen englischen Brandermittler importiert?“ Evan war beeindruckt.

„Nicht ganz. Seine Frau hat hier oben in einem Nobelhotel in Llandudno eine Stelle gefunden, also hat er um eine Versetzung gebeten. Es ist Zufall, dass er Brandermittler mit eigenem Spürhund ist. Er scheint seinen eigenen Hund ausgebildet zu haben, deshalb ist der auch mitgekommen.“

„Na, das sind doch gute Neuigkeiten, oder?“

„Wenn Sie gerne Leute wie Peter Potter um sich haben. Er ist ein verdammter Besserwisser. Ich bin ihm erst einmal begegnet, aber er war kurz davor mir den Kopf zu tätscheln und zu sagen: ‚Geh spielen, Junge.‘“

„Er wird es schon lernen“, sagte Evan.

Watkins blickte durch eines der ehemaligen Fenster. Glasscherben waren geschmolzen und über den Stein geflossen, dort hingen sie jetzt wie erstarrte Tränen. „Ich glaube, wir machen hier besser nichts mehr. Ich will mir nicht vorwerfen lassen, Spuren verwischt zu haben.“ Er hielt inne und starrte gedankenverloren vor sich hin. „Es ist sicher, dass niemand hier drin war, ja?“

„Die Bewohner sind Stunden vor dem Brand nach Hause gefahren“, sagte Evan. „Außerdem ist es kein großes Haus. Jeder hätte hinausgelangen und Alarm schlagen können, ehe sich das Feuer ausbreitet.“

„Es sei denn die Person war betäubt, betrunken oder aus anderen Gründen bewusstlos.“

Evan blickte durch das andere Fenster hinein. „Aber man würde doch eine Leiche sehen, oder?“

„Nicht wenn das Feuer heiß genug war. Was, glauben Sie, passiert in einem Krematorium? Asche zu Asche, Staub zu Staub.“

„Und das Feuer war auf jeden Fall sehr heiß.“

„Hat man die Besitzer schon kontaktiert?“

„Ich nicht. Ich habe gestern Abend einen Bericht abgegeben und ihre Namen und Adressen weitergeleitet. Abgesehen davon bin ich nur ...“

„Ich weiß ... ein bescheidener Dorfpolizist. Das habe ich schon mal gehört.“ Watkins wandte sich ab und starrte den Hang hinab. „Aber wenn Sie meinen Rat hören wollen, genau diese Rolle sollten Sie spielen, wenn Sie mit Peter Potter und seinem Wunderhund zu tun haben.“

Sobald Sergeant Watkins gegangen war, suchte Evan Landwirt Owens auf. Er passte ihn ab, als er auf seinem Motorrad von einer der oberen Weiden herunterkam, einen Hund auf jeder Seite. Er schüttelte langsam den Kopf. Nein, er könne sich nicht erinnern, am vergangenen Abend irgendetwas Ungewöhnliches gesehen zu haben ...

„Zu schade, dass ich meine Hunde nicht dabei hatte. Die hätten sofort gemerkt, wenn etwas nicht gestimmt hätte. Sie sind schlauer als Menschen, nicht wahr, Mädels?“

Zwei schwarz-weiße Köpfe blickten zum ihm hinauf und die Schwänze wedelten wild. „Wer auch immer Rhodris Cottage niederbrennen wollte, hat ganze Arbeit geleistet“, kommentierte er. „Von ihren Antiquitäten oder ihrem französischen Bad ist nicht mehr viel übrig.“

„Haben Sie irgendeine Ahnung, wer so etwas tun würde?“, fragte Evan vorsichtig.

„Offensichtlich jemand, der mit den Bewohnern ein Hühnchen zu rupfen hatte, oder? Ganz schön boshaft, wenn Sie mich fragen.“

Evan wies nicht darauf hin, dass Owens selbst noch ein Hühnchen mit den Engländern zu rupfen hatte ... sie hatten beinahe seinen Hund getötet. Aber er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass der freundliche Landwirt umherzog und Häuser anzündete.

Sein nächster Besuch sollte dem Metzger gelten, obwohl Evan sich nicht darauf freute. Fleischer-Evans war bekannt für sein hitziges Gemüt und seine Streitlust. Evan würde besonders umsichtig sein müssen, um irgendetwas aus ihm herauszubekommen.

Bore da, Gesetz-Evans“, begrüßte ihn der Metzger, während er mit einem mörderisch aussehenden Messer eine Lammleber in Scheiben schnitt. „Ich nehme an, das ist kein Höflichkeitsbesuch.“

„Nein, ist es nicht, Gareth. Schauen Sie mal, ich weiß, dass Sie eine starke Meinung über Außenstehende haben, deshalb ...“

„Deshalb glauben Sie, dass ich gestern Abend den Berg hinauf gesprintet bin und das Cottage angezündet habe? Sind Sie verdammt noch mal verrückt geworden?“

„Ich habe nicht angedeutet, dass Sie es waren, Gareth. Sie waren im Pub, als ich dort eintraf, also können Sie wohl kaum oben am Berg gewesen sein, um Feuer zu legen, oder? Aber es ist möglich, dass Sie die Leute kennen, die damit zu tun haben ...“

Das Gesicht des Metzgers lief vor Wut rot an. „Und selbst wenn, glauben Sie, ich würde sie Ihnen ausliefern?“

„Keineswegs“, sagte Evan. „Aber ich wünschte, sie würden mir sagen, wenn Sie irgendetwas wüssten. Vielleicht ist eine dieser Personen zu weit gegangen. Im nächsten Cottage, das derjenige anzündet, liegt vielleicht noch ein schlafendes Kind. Denken Sie mal darüber nach, ja?“

Fleischer-Evans wandte sich wieder dem Zerteilen der Leber zu. „Na dann, danke für den Vortrag, Gesetz-Evans. Wenn ich irgendwelchen Brandstiftern begegne, werde ich es Sie wissen lassen, in Ordnung?“

Evan ging auf die Tür zu, dann wandte er sich um. „Ein Brandermittler ist auf dem Weg. Wenn ich Sie wäre, würde ich mit meiner Meinung eine Weile hinterm Berg halten.“

„Ich kann nicht vorgeben, es würde mir leidtun, dass dieses Haus abgebrannt ist. Auf Nimmerwiedersehen sage ich dazu, Constable Evans“, rief ihm der Metzger nach.

Alles in allem war das eine ziemlich erfolglose Befragung. Aber das ist auch nicht meine Aufgabe, sagte Evans sich. Ich soll mich mit den Einheimischen gut verstehen. Die Befragungen werde ich der Kriminalpolizei überlassen.

Er blickte auf seine Armbanduhr und sah, dass es schon fast zwei Uhr war. Mrs. Williams musste sein Mittagessen bereits fertig haben und sich aufregen, dass es ungenießbar wurde. Er ging zur Station zurück, um seine Nachrichten abzuhören, dann eilte er die Straße hinunter zum Haus seiner Vermieterin. Es war eine Doppelhaushälfte, gegenüber der stufenartig angelegten Reihe von Cottages, und deshalb fühlte Mrs. Williams sich überlegen. Es verfügte sogar über einen kleinen Vorgarten, mit Rosenstock und zu dieser Jahreszeit Chrysanthemen.

„Sind Sie’s, Mr. Evans?“ Die hohe Stimme begrüßte ihn wie jedes Mal, wenn er die Tür aufschloss.

„Ja, ich bin’s, Mrs. Williams. Entschuldigen Sie die Verspätung. Ich wurde aufgehalten.“

„Oh, na ja. Da kann man nichts machen. Das Leben eines Polizisten ist nicht einfach, was?“ Sie schwirrte beim Sprechen zum Herd hinüber und holte mit derselben überschwänglichen Geste eine Steingut-Kasserolle heraus, mit der ein Zauberer sein Kaninchen aus dem Hut ziehen würde. „Zum Glück habe ich Ihr Lieblingsessen gemacht.“ – sie zögerte einen Augenblick, während Evan zu erraten versuchte, was wohl heute sein angebliches Lieblingsgericht war – „Lamm Cawl.“

Sie nahm den Deckel von der Kasserolle, darin blubberte der traditionelle, walisische Lammeintopf. Karotten, Steckrüben und große, saftige Lammstücke lagen in dunkelbrauner Bratensoße, die nach Kräutern duftete. Sie griff noch einmal in den Ofen und holte eine riesige Ofenkartoffel hervor.

„Essen Sie das, dann wird es Ihnen besser gehen“, sagte sie und legte sie auf seinen Teller.

Evan setzte sich und das Wasser lief ihm im Mund zusammen.

„Sie machen tollen Lamm Cawl, Mrs. Williams“, sagte er.

„Ich bin eine ganz annehmbare Köchin, da pflichte ich Ihnen bei, Mr. Evans“, stimmte sie bescheiden zu. „Allerdings ist es einfaches Essen. Nichts Besonderes. Deshalb denke ich darüber nach, diesen Kurs zu machen.“

„Ein Kurs?“

„Ja, in der Post war ein Schreiben von diesem neuen, französischen Restaurant. Es scheint, als würde Madame Yvette Kochkurse anbieten. Charlie Hopkins’ Frau will, dass ich den Kurs mit ihr mache, also habe ich zugestimmt.“

„Sie werden französische Küche lernen?“ Evan sah erstaunt auf.

Mrs. Williams lief rot an. „Ich wüsste gerne, wie man ausgefallenere Sachen kocht. Unsere Sharon hat diesen Kochkurs gemacht ... erinnern Sie sich? Ich habe Ihnen davon erzählt. Und jetzt ist sie eine ganz wunderbare Köchin. Sie wird eines Tages eine wundervolle Ehefrau abgeben.“ Sie blickte wehmütig zu Evan. Unglücklicherweise hatte Evan ihre Enkelin kennengelernt ... eine dicke, junge Frau, die zum Kichern neigte.

„Da bin ich mir sicher, Mrs. Williams“, sagte er und machte sich eilig über seine Portion Eintopf her.

Er hatte erst ein paar Löffel gegessen, als es an der Haustür klopfte.

„Wer mag das nur sein?“ Mrs. Williams war in ihren Reaktionen absolut vorhersehbar. „Bleiben Sie sitzen, ich gehe.“

Evan hörte, wie sie die Haustür öffnete. „Es tut mir leid, er isst gerade zu Mittag“, hörte Evan sie auf Englisch sagen.

„Na, dann sagen Sie ihm, er soll sein Mittagessen unterbrechen und weiterarbeiten“, bellte eine Stimme. „Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit.“

Evan legte seine Gabel ab und ging zur Haustür. Der Mann draußen war in den Dreißigern, hatte dunkles Haar und eine kurze Frisur, wie sie Fußballspieler bevorzugten. Er trug einen zu großen, marineblauen Pullover und ausgeblichene, blaue Jeans. Evan hielt ihn für einen Wanderer oder Kletterer. „Hallo. Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Sie können sich sputen und mich zu diesem abgebrannten Cottage bringen, Bursche.“ Der Mann bellte die Worte mit dem bezeichnenden Akzent der Grafschaften um London.

„Oh, Sie müssen Peter Potter sein“, sagte Evan. Er streckte dem Neuankömmling seine Hand entgegen.

„Sergeant Potter für Sie, Junge. Ich schätze, Sie haben sich angewöhnt, lange Mittagspausen zu machen, wenn Sie keiner im Auge behält.“

„Tatsächlich bin ich erst seit zehn Minuten außer Dienst“, sagte Evan, „Und oft genug habe ich gar keine Mittagspause und auch kein freies Wochenende, wenn etwas Wichtiges vor sich geht.“

„Etwas Wichtiges, hier oben?“ Peter Potter kicherte. „Wie im Gras verschwundene Autoschlüssel, meinen Sie?“

„Wir hatten unseren Anteil an Verbrechen“, sagte Evan, entschlossen, sich nicht von diesem Mann ärgern zu lassen, „und jetzt sieht es so aus, als hätten wir ein Weiteres.“

„Oh, dann sind Sie also der Brandermittler, wie?“

„Nein, aber ich habe die Nachricht gefunden, auf der ‚Geht zurück nach Hause‘ stand.“ Evan deutete auf die Zufahrt. „Da geht’s hoch.“

Statt ihm zu folgen, ging der Sergeant zu einem geparkten Wagen zurück. Er öffnete den Kofferraum und ein großer Deutscher Schäferhund sprang heraus.

„Oh, Champ der Wunderhund!“, rief Evan. Er streckte eine Hand aus, als der Hund mit wedelndem Schwanz einen Schritt vortrat.

„Sein Name ist Rex“, sagte Sergeant Potter kühl. „Komm wieder her“, knurrte er den Hund an. „Du weißt, wie du dich benehmen sollst, wenn du im Dienst bist! Und Sie haben kein Recht, ihn auch noch zu ermutigen.“ Er starrte Evan wütend an. „Offensichtlich ist die Disziplin hier oben sehr lasch.“

„Es tut mir leid, aber wir kommen nicht häufig dazu, mit Hunden zu arbeiten“, sagte Evan. „Dafür besteht wirklich kein Bedarf ... nicht bei ein paar verlorenen Autoschlüsseln.“ Er lief besonders zügig die Zufahrt hinauf. Zu seiner Freude schnaufte Sergeant Potter mit hochrotem Gesicht, als er an der Ruine zu Evan aufschloss.

„Bleiben Sie ja zurück, Constable. Versauen Sie mir nicht meine Beweise“, sagte er. „Hier, halten Sie die Taschen für mich und geben Sie sie mir, wenn ich danach frage, keine Sekunde früher.“

„Natürlich, Sergeant“, sagte Evan und widerstand dem Drang, zu salutieren.

Sergeant Potter und sein Hund hatten gerade die Türöffnung erreicht, als sie innehielten. „Na, hallo. Das sieht aus wie der alte Trick mit den Lappen durch den Briefschlitz“, sagte er mit Genugtuung.

„Woher wissen Sie das?“ Evan war wider Willen beeindruckt. Sergeant Potter warf ihm ein herablassendes Lächeln zu. „Wenn man das schon so lange macht wie ich, Junge ... es ist eine der bevorzugten Methoden. Wenn das Feuer irgendwo anders ausgebrochen wäre, wäre die Haustür vermutlich versengt, aber nicht völlig verbrannt.“

Der Hund schnüffelte aufgeregt am Boden.

„Sehen Sie? Rex kann Spuren der brennbaren Flüssigkeit riechen, die verwendet wurde. Er hat einen großartigen Geruchssinn ... er könnte einen Fingerhut voll mit Brandbeschleuniger in einem Haus so groß wie der Buckingham Palace aufspüren.“

Sie machten sich auf den Weg zur Rückseite des Cottages, Rex schnüffelte und Sergeant Potter bückte sich, um Proben zu nehmen, die er dann in Plastiktüten an Evan weiterreichte. „Er hat ganze Arbeit geleistet, das muss ich sagen.“ Er blickte zu Evan zurück. „Haben Sie denn schon Aussagen von möglichen Zeugen?“

„Nein, Sir. Das hat man mir nicht aufgetragen“, sagte Evan.

„Initiative, Mann! Zeigen Sie verdammt noch mal Initiative!“, bellte Potter. „Sie wollen doch eines Tages befördert werden, oder nicht? Man will doch nicht sein ganzes Leben an so einem gottverlassenen Ort verbringen.“

Evan blickte sehnsüchtig zu den Gipfeln hinauf, die sich messerscharf vor dem glasklaren Herbsthimmel abzeichneten.

Die Berge waren einer der Reize dieses gottverlassenen Ortes. Er wünschte sich, jetzt dort oben sein zu können. „Gehen Sie alle Einheimischen befragen. Jemand muss etwas gesehen haben. In solch kleinen Dörfern bekommt man immer mit, was die anderen so treiben. Und finden Sie auch heraus, wer in letzter Zeit Benzin in Kanistern gekauft hat!“

„Es wäre nicht schwer, hier heraufzukommen, ohne gesehen zu werden“, sagte Evan. „Der Brandstifter hätte nicht zwingend im Dorf losgehen müssen.“

„Aber er schleppt einen verdammten Kanister mit Benzin, Mann. Wie weit will er damit klettern? Es sei denn, er ist hier raufgefahren?“

„Das ist nicht möglich“, sagte Evan. Potter sah ihn mit scharfem Blick an. „Ich war kurz vor dem Brand selbst hier oben am Berg. Ein Fahrzeug hätte ich gesehen.“

„Na ja, stellen Sie trotzdem Ihre Fragen.“ Potter schnipste für den Hund – und vermutlich auch für Evan – mit den Fingern, damit sie ihm folgten. „Ich würde es selbst tun, aber ich finde mich noch nicht in der verdammten Sprache zurecht. Ich muss Unterricht nehmen, hat man jemals so etwas Lächerliches gehört? Anscheinend wird das heutzutage verlangt.“

Evan lächelte in sich hinein, als er sich vorstellte, dass irgendein armer Tropf Peter Potter Walisisch beibringen musste.

„Nun ja, ich schätze Sie werden eines Tages mit den Eingeborenen kommunizieren müssen“, sagte Evan. „Zeichensprache reicht nicht immer aus, oder?“

„Zu viel verdammter Nationalismus, wenn Sie mich fragen“, sagte Potter. „Das führt nur zu Problemen ... wie dieser dämlichen Geste hier.“ Er deutete auf das Cottage. „Mit etwas Glück wird irgendeine Gruppe die Verantwortung dafür übernehmen und uns damit die Arbeit abnehmen.“ Er machte sich auf den Weg die Zufahrt hinab. „Kommen Sie, stehen Sie da nicht so herum“, rief er Evan zu.

Evan empfand plötzlich mehr Sympathie für die walisischen Nationalisten (und für Champ den Wunderhund).

Kapitel 6

Obwohl er das Gefühl hatte, dass es vergebliche Mühe war, machte Evan pflichtbewusst die Runde und sammelte Aussagen der Dorfbewohner. Er stellte außerdem eine Liste aller Einheimischen zusammen, die im Red Dragon gewesen waren. Niemand hatte vor dem Feuer irgendetwas Ungewöhnliches gesehen. Es erinnerte sich nicht einmal jemand an einen Fremden im Dorf, oder an ein fremdes Auto. Außerdem wies Pumpen-Roberts darauf hin, dass alle ansässigen Landwirte und die Hälfte der jungen Männer Motorräder besaßen und ihr Benzin immer in Kanistern kauften. Die andere Hälfte besaß Rasenmäher oder Randschneider, oder brauchte Kanister mit Paraffin für ihre Ölöfen.

Evan stellte gerade einen Bericht zusammen, in dem selbst Sergeant Potter keinen Fehler finden würde, als die Tür zur Polizeistation aufging und ein weiterer Fremder eintrat.

Evan öffnete den Mund um zu sagen: „Was kann ich für Sie tun?“, aber ehe er die Worte herausbekam, verlangte der Mann zu wissen: „Sind Sie hier der diensthabende Beamte? Wer hat hier das Sagen?“

„Ja, und Sie stehen vor ihm“, sagte Evan und versuchte es mit einem freundlichen Lächeln. „Ich bin der Beamte, der hier stationiert ist. Dies ist nur eine Nebenstelle der Polizei.“

„Siehst du, ich wusste, dass es keinen Zweck haben würde“, sagte der Mann zu einer Frau, die hinter ihm eingetreten war. Evan erkannte sie. Er hatte sie schon mehrfach auf der Dorfstraße gesehen.

„Sie sind das Paar aus dem Cottage, oder?“ Evan stand auf. „Es tut mir sehr leid ...“

„Ja, aber haben Sie die Schweine schon erwischt?“

„Es sind nicht einmal vierundzwanzig Stunden vergangen, Sir. Wir haben die Ermittlungen aufgenommen.“

„Das glaube ich gern.“ Die Bemerkung triefte vor Sarkasmus. „Ich wette, Sie führen im Stillen alle einen kleinen Siegestanz auf, weil Sie uns los sind. Man hat mich gewarnt, als ich sagte, dass ich ein Cottage in Wales kaufen würde. Ihr werdet dort nicht willkommen sein ... das hat man mir gesagt. Ich sagte ihnen, dass ich einen Dreck darauf gebe, ob ich willkommen bin oder nicht. Aber ich hätte nie gedacht, dass es so weit kommen würde!“

„Wilde, das sind sie“, fügte die Frau hinzu. Gehässigkeit verzerrte das Gesicht unter dem perfekten Make-up. „Nichts als Rohlinge und Wilde. Zu schade, dass man die Prügelstrafe abgeschafft hat. Ein paar kräftige Stockschläge mit der Birkenrute ... das hätten sie verdient.“

„Ein Brandermittler hat sich den Tatort angesehen, Madam ...“

„Und was unternehmen Sie deswegen, Constable? Es sieht nicht so aus, als hätten wir hier eine besonders hohe Priorität.“ Die Frau funkelte ihn an. „Warum sind Sie nicht da draußen und suchen nach dem Verbrecher?“

„Madam, tatsächlich war ich ...“, setzte Evan an, aber der Mann schlug mit seiner Faust auf Evans Schreibtisch und lehnte sich vor um ihm wütend in die Augen zu starren. „Ich will, dass etwas getan wird, Constable! Bekommen Sie den Hintern hoch und finden Sie die Täter! Dafür bezahle ich meine Steuern.“

Er ging auf die Tür zu. „Wir werden Ihre Vorgesetzten aufsuchen, um eine offizielle Beschwerde einzureichen. Vielleicht wird ja dann etwas unternommen!“

Sie stürmten hinaus. Evan hörte den Jaguar aufheulen und davonfahren. Er seufzte und strich sich mit den Fingern durchs Haar. Das war genug für einen Tag. Er schloss die Polizeistation ab und ging die Dorfstraße hinauf. Kinder rannten vorüber und Schulranzen hüpften auf ihren Rücken. Einer der Jungen rief ihm zu: „Hallo, Constable Evans! Sut wyt ti? Haben wir morgen Abend Rugby-Training?“

Evan antwortete ihm und sah zu, wie sie vorbeirannten, sorgenfrei, jetzt da die Schule für heute vorüber war. Er wünschte sich, dass das Erwachsenenleben auch so einfach sein könnte.

Die Erkenntnis, dass die Schule vorbei war, ließ ihn schnelleren Schrittes die Steigung hinauflaufen. Die Dorfschule war das letzte Gebäude vor den beiden Kapellen. Als er näherkam, bemerkte er, dass Hochwürden Powell-Jones einen neuen Text an der Tafel vor der Beulah-Kapelle anbrachte. Er lautete: „Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.“ Evan grinste und blickte erwartungsvoll zur Tafel auf der anderen Straßenseite. Hochwürden Parry Davies hatte als Wochenbotschaft ausgewählt: „Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, dass mein Haus voll werde.“

Offensichtlich hatte Hochwürden Powell-Jones von dem Bus erfahren!

Das Schulhaus unterteilte sich in Klassenzimmer und Lehrerwohnung. Rauch stieg aus Bronwens Schornstein auf. Die letzten Stockrosen blühten noch vor ihrem Fenster und alles wirkte gemütlich und einladend. Aber ehe er halb über den Schulhof war, ging die Tür auf und Bronwen kam heraus. Sie stutzte, als sie Evan erblickte.

„Hallo, warst du zu mir unterwegs? Gibt es ein Problem?“

„Jetzt nicht mehr.“ Evan stand da und sah sie an, genoss, wie der Wind ihr sonnenbeschienene Strähnen ins Gesicht blies, und wie sich Fältchen um ihre Augen bildeten, als sie lächelte. „Ich hatte einen miesen Tag, Bron. Ich brauche eine Pause um bei Verstand zu bleiben.“

Ihre Gesichtszüge entglitten ihr. „Also, ich wollte eigentlich gerade aufbrechen. Ich will den Fünf-Uhr-Bus runter nach Caernarfon erwischen. Ich melde mich für den französischen Kochkurs an und meiner Küche fehlen wichtige Gerätschaften.“

„Dann wirst du auch bei dem französischen Kochkurs mitmachen?“ Evan grinste. „So wie Mrs. Williams.“

„Und das halbe Dorf, wie es scheint“, sagte Bronwen. „Es ist eine einmalige Gelegenheit, sich von jemandem unterrichtet zu lassen, der an der Kochschule Cordon Bleu in Paris gelernt hat ... und auch noch so günstig.“

„Ich frage mich, warum sie hergekommen ist, wenn sie so hochqualifiziert ist, wie sie behauptet.“

Bronwen zuckte mit den Schultern. „Man könnte auf jeden Fall sagen, dass unsere Restaurants eine Aufwertung vertragen könnten ... das nächste französische Restaurant das ich kenne ist in Manchester. Tatsächlich gibt es zwischen hier und Llanberis nur das Gegin Fawr Café ... und deren Expertise geht nicht über Bohnen auf Toast hinaus. Ich denke, Madame Yvette könnte sich hier gut schlagen.“

„Bist du ihr schon begegnet?“, fragte Evan.

Bronwen lächelte. „Nein, aber laut Terry Jenkins ist sie ‚unheimlich sexy‘. Wir hatten heute Morgen eine ausführliche Diskussion über die Franzosen und ihre seltsamen Gepflogenheiten, wie das Essen von Schnecken. Eine sehr kreative Erdkunde-Stunde!“

„Terry Jenkins? Wann hat er sie denn zu Gesicht bekommen?“

„Er ist absichtlich mit dem Fahrrad hinuntergefahren, um sie zu beobachten.“ Sie schüttelte mit einem verzweifelten Lächeln den Kopf. „Es gibt nicht viel, was dem kleinen Terry entgeht.“

„Wie ist er sonst? Etwas schwierig?“

„Das kannst du laut sagen. Aber ich mag ihn. Er hat Mumm.“

„Seine Mutter steht kurz davor aufzugeben. Er macht sie fertig, seit sein Vater abgehauen ist. Ich habe ihn erwischt, als er versuchte, bei dem Brand den Feuerwehrleuten mit ihrem Schlauch zu helfen.“

„Klingt ganz nach ihm. Aber es könnte schlimmer sein. Immerhin lässt er seine Wut raus.“

„Vielleicht sollte ich das auch tun“, sagte Evan. „Ich musste heute die unausstehlichsten Leute ertragen und nur danebenstehen und höflich bleiben. Ich hätte mich viel besser gefühlt, wenn ich meine Wut auch ein wenig hätte rauslassen können ...“

„Vielleicht wäre es dir besser gegangen, das dann aber hinter Gittern.“ Sie lächelte ihm zu. „Hör mal, wenn es wichtig ist, gehe ich nicht nach Caernarfon. Das kann warten.“

„Sei nicht albern“, sagte Evan. „Ich will deinem Kochkurs nicht im Weg stehen. Außerdem geht es mir schon besser. Komm, ich bringe dich zur Bushaltestelle.“

„Gibt es Probleme mit dem abgebrannten Cottage?“, fragte Bronwen, als sie den Schulhof überquerten und Evan ihr das Tor aufhielt.

Evan nickte. „Die Besitzer waren hier und haben mich angeschrien, weil ich den Täter noch nicht gefunden habe, und unser neuer Brandermittler behandelt mich, als wäre ich der Dorftrottel.“ Er zuckte mit den Schultern. „Das gehört alles zur Arbeit als Staatsdiener dazu, nehme ich an. Nichts, was ein Pint im Dragon nicht beheben würde.“

„Vielleicht schließe ich mich dir später dort an, wenn ich aus Caernarfon zurückkomme. Vielleicht zeige ich dir sogar meinen neuen Schneebesen, wenn du brav bist.“ Sie hielt seinen Blick.

„Ich kann es kaum erwarten.“ Evan grinste. „Vielleicht sollten wir dieses neue französische Restaurant am Wochenende selbst mal ausprobieren?“

„Das wäre schön.“ Bronwens Gesicht erhellte sich. „Dann kannst du mir sagen, welche Gerichte dir schmecken, und ich werde lernen, wie man sie zubereitet.“

„Das höre ich gern ... eine Frau, die kocht, um ihren Mann zufriedenzustellen.“ Er wich lachend aus, als sie mit ihrem Einkaufskorb nach ihm schlug.

Der Bus brauste ihnen entgegen und stieß dabei schwarzen Qualm aus. Bronwen trat vor und streckte den Arm aus, um ihn anzuhalten. Er kam mit quietschenden Bremsen zum Stehen. Sie sprang behände an Bord und der Bus brauste weiter. Als Evan ihm hinterher blickte, tauchte Bronwens Gesicht an einem Fenster auf. Sie winkte und warf ihm einen Luftkuss zu. Er winkte zurück und ging dann den Hang hinab. Plötzlich war die Welt wieder in Ordnung.

Am nächsten Tag rief Sergeant Watkins an um mitzuteilen, dass die Tests Benzinrückstände nachgewiesen hätten. Außerdem gäbe es auf der Nachricht Fingerabdrücke, die sie jetzt mit bekannten Extremisten abglichen. Er glaubte, den Fall bald abschließen zu können, was gut war, weil die englischen Besitzer im Hauptquartier einen Aufstand gemacht hatten.

Evan seufzte erleichtert. Der Fall schien jetzt außerhalb seiner Zuständigkeit zu liegen und er konnte sich wieder seinen üblichen Aufgaben widmen. Die Erste davon war ein Anruf von Mrs. Powell-Jones, der Frau des Pastors, die sich über einen großen, grauen Bus beschwerte, der an der Straße parkte und ein Verkehrshindernis darstelle. Evan ging davon aus, dass das nicht das letzte Mal wäre, dass er von diesem Bus hörte. Er war gerade zurückgekehrt, nachdem er die Wogen geglättet hatte, als es leicht an seiner Tür klopfte und eine Frau eintrat.

„Ist ’ier die Polizeistation, oui?“, fragte sie mit nervös umherhuschendem Blick.

Evan stand auf. „Ganz richtig. Wie kann ich Ihnen helfen?“

Sie breitete die Hände in einer sehr kontinentaleuropäischen Geste aus. „Isch bin mir nischt sischer. Vielleischt ist es nur ein Scherz, isch weiß nischt ...“

Sie griff in ihre große, schwarze, offene Handtasche und holte einen Umschlag heraus.

Evan zog einen Stuhl zurück. „Bitte. Setzen Sie sich. Ich bin Constable Evans.“

„Yvette Bouchard“, sagte sie und schenkte ihm ein leichtes Lächeln, als sie sich setzte.

Evan hatte schon vermutet, dass sie die berühmte Madame Yvette sein könnte. „Sie haben das Restaurant eröffnet. Wie läuft es bisher?“

„Das werden wir noch sehen, nischt wahr?“ Sie hatte eine tiefe, raue Stimme und sah genau so aus, wie Evan sich die Besitzerin eines französischen Restaurants vorstellte. Sie war vermutlich Ende dreißig, mit einer leichten Hakennase und vollen, sinnlichen Lippen. Ihre tiefdunklen Augen wirkten ob ihres Lidstrichs noch dunkler, und ihr dickes, schwarzes Haar türmte sich in einer altmodischen Hochsteckfrisur auf ihrem Kopf. Sie trug eine schwarze, hochgeschlossene Bluse und einen Schal um den Hals, dazu einen breiten Gürtel, der ihre schmale Taille umklammerte und ihren üppigen Busen betonte. Als sie sich setzte, überschlug sie die Beine, wodurch schwarze Strümpfe zum Vorschein kamen.

Terry Jenkins hatte mit seinem ersten Eindruck ganz richtig gelegen, dachte Evan.

„Also, was kann ich für Sie tun, Madame Yvette?“, fragte er.

„’Ier.“ Sie reichte ihm den Umschlag. „Den ’abe isch ’eute Morgen bekommen.“

Evan zog behutsam den Brief heraus. Er war mit einem dicken, roten Textmarker und in Großbuchstaben geschrieben:

GEH ZURÜCK NACH HAUSE. DU BIST HIER UNERWÜNSCHT.
VERSCHWINDE, BEVOR ES ZU SPÄT IST.

Evan untersuchte den Umschlag. „Interessant. Keine Briefmarke.“

„Isch ’abe ihn mit dem Rest der Post auf meiner Fußmatte gefunden“, sagte sie. „Isch weiß nischt, was ich davon ’alten soll. Ist es ein Scherz oder nischt?“

„Möglicherweise nicht“, sagte Evan. „Ich fürchte, es gibt hier einige fremdenfeindliche Tendenzen. Anfang der Woche ist ein Cottage abgebrannt. Daher müssen wir das ernstnehmen.“

„Aber wer würde ver’indern wollen, dass man gutes Essen in sein Dorf bringt?“, wollte Yvette wissen. „Vor mir gab es nischts. Über’aupt kein Restaurant. Des’alb bin isch ’ier. Keine Konkurrenz.“

Evan nickte. „Ich bin ganz dafür, keine Sorge. Es sind nur ein paar Extremisten, die so denken. Die einheimischen Frauen freuen sich sehr auf Ihre Kochkurse.“

Yvette strahlte. Ihr gesamtes Gesicht erwachte zum Leben, als sie lächelte, und ließ sie deutlich jünger wirken – nicht viel älter als er selbst, fand Evan. „Isch weiß alles über gute PR, wie man ’ier sagt. Isch möschte misch mit den Ein’eimischen anfreunden. Isch will ihnen zeigen, dass französische Küche nischt nur aus exotischen Dingen besteht ... keine escargots. Wenn sie das Lamm und den Fisch probieren, so wie isch es zubereite, werden sie nie wieder etwas Anderes kochen wollen. Und sie werden ihre Männer mitbringen, um in meinem Restaurant zu essen.“

„Gute Idee“, stimmte Evan zu. „Ich habe schon vor, am Samstag selbst vorbeizukommen.“

Sie taxierte ihn. „Bringen Sie Ihre Frau mit?“

„Nein, ich bin nicht verheiratet.“

Ehe er das klarstellen konnte und das Wort „Freundin“ herausbekam, leuchteten die Augen von Madame Yvette bereits. „Ah, dann kämpfen die Damen ’ier noch um Sie, wie?“

„Nein, nicht wirklich, sie ...“ Evan brachte den Satz nicht zu Ende. Er spürte, wie er rot anlief und verfluchte seine helle, keltische Haut.

„Seien Sie nischt schüschtern. Sie sind ein schöner Mann. Sie sollten stolz sein, dass Frauen Sie bewundern.“

Evan räusperte sich. „Ja, nun. Was diesen Brief angeht, Madame Yvette. Ich glaube, ich sollte ihn der Kriminalpolizei vorlegen. Sie werden ihn mit anderen Nachrichten vergleichen wollen, die gefunden wurden. Und in der Zwischenzeit halten Sie die Augen offen und rufen mich an, wenn etwas Verdächtiges passiert ...“

Ihre dunklen Augen öffneten sich weiter. „Was zum Beispiel?“

„Ein Fremder, der in der Nähe herumlungert. Weitere Drohungen. Jemand, der grob zu Ihnen ist. Ein feindseliger Nachbar zum Beispiel.“

Mon dieu! Glauben Sie wirklisch, dass isch in Gefahr bin?“ Sie legte sich in einer dramatischen Geste die Hand auf die Brust.

„Nein, glaube ich nicht, aber Sie sollten kein Risiko eingehen, bis die Detectives den Brief überprüft haben. Wie gesagt, ich bin in der Nähe. Rufen Sie mich an, wenn Sie besorgt sind.“

„Danke. Sie sind très gentil, wie wir sagen würden“, sagte sie. „Spreschen Sie vielleischt Französisch?“

„Ich hatte es als Schulfach, aber seitdem gab es kaum Gelegenheiten, es zu sprechen. Ich kann wahrscheinlich noch ein paar Verben konjugieren.“

„Ah ...“ Sie schenkte ihm ein langes Lächeln. „Man kann nie wissen, wann man mal ... Verben konjugieren muss. Isch muss jetzt ge’en. Isch freue mich darauf, Sie im Chez Yvette bedienen zu dürfen. Au revoir, Monsieur Evans.“

Evan begleitete sie zur Tür. Puh, dachte er. So eine Frau wird hier in der Gegend einige Wellen schlagen.

Am Samstagabend geleitete Evan Bronwen zu seiner alten Klapperkiste.

„Ich bin mir nicht sicher, ob ich dir Madame Yvette vorstellen soll“, sagte Bronwen. „Sie ist sehr ... Französisch.“

„Ich weiß. Ich habe sie schon kennengelernt.“

„Ach ja? Wann?“

„Sie kam in die Station. Jemand hat ihr einen Drohbrief geschrieben, in dem es heißt, sie solle nach Hause zurückgehen.“

Bronwen runzelte die Stirn. „Wie der beim Cottage?“

„Ähnlich.“

„Wie furchtbar. Ich hoffe, dass so etwas nicht zur Gewohnheit wird.“

„Ich glaube, es sind nur ein paar Extremisten, vielleicht nur ein Kerl, aber wahrscheinlich nicht. Auf beiden Nachrichten sind Fingerabdrücke. Leider stimmen sie nicht überein, und sie wurden auch nicht mit derselben Methode verfasst. Eine bestand aus Worten, die aus der Zeitung ausgeschnitten wurden, die andere wurde in Großbuchstaben geschrieben.“

„Also sieht es so aus, als wäre eine ganze Gruppe involviert?“

„Möglicherweise. Menschen, die Drohbriefe schreiben, bleiben üblicherweise bei derselben Methode. Was nahelegt, dass es nicht nur eine Person war.“

„Es sei denn, derjenige konnte dieses Mal nicht alle benötigten Worte in der Zeitung finden“, schlug Bronwen vor.

Evan öffnete ihr die Autotür und sie stieg ein. „Also, was hältst du von Madame Yvette?“, fragte sie.

Evan stieg auf der anderen Seite ein. „Ich stimme Terry zu. Sehr sexy. Ich glaube sogar, dass ich mich auch in einem dieser Kurse einschreiben sollte, nur damit ich sie beobachten kann, wenn sie sich über einen heißen Herd beugt. Aua!“, fügte er hinzu, als Bronwen ihn schlug.

„Wir hatten heute unsere erste Stunde“, sagte sie. „Es war faszinierend. Ich werde das Rezept ausprobieren, das sie uns beigebracht hat, und wenn es dem Original nahe genug kommt, koche ich es für dich. Tatsächlich wäre es vielleicht gar keine schlechte Idee, wenn du auch einen Kochkurs machst. Du musst eines Tages allein leben können.“

„Ich weiß nicht warum“, sagte er. „Ich dachte immer, dass es dafür Frauen gibt ... nein, schlag mich nicht beim Fahren!“

Er fuhr rückwärts auf den Parkplatz vor der Beulah-Kapelle, damit er wenden konnte. Plötzlich fluchte er leise und trat auf die Bremse. „Verdammter, kleiner Schwachkopf“, rief er, als er anhielt und die Fahrertür aufstieß.

„Was ist denn?“, fragte Bronwen.

Evan war schon halb aus dem Auto gestiegen. „Der kleine Terry. Ich habe ihn fast rückwärts überfahren. Er hat schon geschrien. Was hast du dir nur dabei gedacht, Terry, so nah an mir vorbeizufahren? Du hast doch gesehen, dass ich zurücksetze.“

„Ich habe Sie gesucht“, rief Terry. Seine Stimme war hoch und schrill. „Es brennt wieder!“

„Wo?“

„Da oben ... das Everest Inn.“

„Noch ein Feuer, Bron“, rief Evan, als Bronwen aus dem Auto ausstieg. „Ruf bitte schnell die Feuerwehr, ja?“

Ein flackerndes Leuchten umgab das riesige Chalet, als Evan den Berg hinaufrannte. Als er an Charlie Hopkins’ Cottage vorbeikam, tauchte der junge Bryn auf, gefolgt von seinem Großvater.

„Noch ein Feuer, Mr. Evans!“, rief er. „Meine Großmutter ruft die Feuerwehr. Keine Sorge. Wir haben es bald gelöscht!“

Am nächsten Morgen stieß Sergeant Watkins auf dem Parkplatz des Everest Inn zu Evan.

„Ich bin überrascht, dass Peter Potter Sie herkommen lässt, ehe er sich den Tatort selbst angesehen hat“, sagte Evan.

„Es ist sein freier Tag.“ Watkins kicherte. „Wir haben bei ihm angerufen, aber er ist nicht zu Hause. Ist vermutlich übers Wochenende nach England zurück. Sie sind bestimmt froh, mich an seiner Stelle zu sehen, oder?“

„Das können Sie laut sagen“, murmelte Evan.

„Hat er Ihnen die Hölle heiß gemacht? Keine Sorge, beim Rest von uns gewinnt er auch keinen Beliebtheitswettbewerb, aber ich hörte, er ist was Besonderes, wenn es um Brandstiftung geht.“

Sie überquerten gemeinsam den Parkplatz.

„Es sieht so aus, als wäre dieses Mal nicht viel passiert“, sagte Watkins.

„Zum Glück ist nur der Vorratsschuppen an der Rückseite abgebrannt. Es hätte schlimmer kommen können.“

„Irgendeine Nachricht dieses Mal?“, fragte Watkins.

„Wir haben bislang nichts gefunden.“

„Also könnte es ein Unfall gewesen sein“, kommentierte Watkins und machte einen vorsichtigen Schritt über die Trümmer. „Puh“, fügte er hinzu und deutete auf einen Haufen versengter Kanister. „Paraffin. Zum Glück konnten sie es löschen, ehe das alles Feuer gefangen hat.“

Evan blickte nachdenklich auf die riesige Fassade eines Schweizer Chalets, hinter der sich das Everest Inn befand. „Wissen Sie, was ich mich immer wieder frage, Sarge ... warum hier?“

„Weil der Gasthof voller reicher Ausländer ist?“

„Warum geht man dann nicht aufs Ganze und versucht es niederzubrennen?“, fragte Evan. „Warum nimmt man dieses lächerliche, kleine Nebengebäude, wo man keinen richtigen Schaden anrichtet?“

„Vielleicht haben sie kalte Füße bekommen, als es darum ging, etwas so Großes wie den Gasthof anzuzünden“, sagte Watkins und blickte grimmig auf das Gebäude. „Oder vielleicht wussten sie, dass diese entflammbaren Materialien dort lagerten, und hofften, dass alles in die Luft gehen und brennende Flüssigkeit über diese schönen Autos verteilen würde.“

„Das ergibt für mich keinen Sinn“, sagte Evan. „Warum zündet man nicht einige der Autos an, wenn die das Ziel waren? Bisher hat noch niemand die Verantwortungübernommen. Es hat nicht viel Sinn, Gebäude niederzubrennen, wenn niemand weiß, wer es tut.“

Watkins nickte. „Da haben Sie nicht ganz Unrecht. Wir sind dabei, die Fingerabdrücke abzugleichen, aber bislang hatten wir kein Glück. Ich hoffe, wir schnappen sie, ehe es weitere Fälle gibt.“

„Dann glauben Sie, dass es wieder Brandstiftung ist?“

Watkins bückte sich und hob etwas mit seinem Taschentuch auf. „Das sieht nach der gleichen Zündschnur aus, die auch beim Cottage verwendet wurde. Ich gehe mal davon aus, dass es derselbe Kerl war.“

Als Evan und Watkins die Straße vom Gasthof herunterkamen, stand Hochwürden Parry Davies auf der Kanzel und richtete das Wort an seine frisch akquirierte Herde.

„Meine lieben Freunde“, dröhnte seine Stimme durch die offenen Fenster, „ein großes Unheil ist über uns gekommen, ein Unheil, das dem zehnten Gebot spottet ... das heidnische Fremde, das glaubt, den Tag des Herrn besudeln zu können. Ich spreche von dem neuen Haus der Sünde unten am Pass ... das französische Restaurant. Als ich heute mit einer Busladung neuer Kirchgänger herauffuhr, was glaubt ihr, sah ich da? Ich sah, dass das Restaurant geöffnet hatte .... geöffnet, heute am Sonntag! Meine lieben Freunde, ich, euer Pastor, warne euch, diesem Haus der Sünde fernzubleiben. Jeder Ort, an dem am Feiertag Handel getrieben wird, ist ein Ort des Teufels, und jeder, der ihn besucht, fordert Hölle und Verdammnis heraus.“

Auf der anderen Straßenseite kam Hochwürden Powell-Jones nicht umhin, das mit anzuhören. „Eitelkeit!“, dröhnte es seiner eigenen Gemeinde entgegen. „Eitelkeit ist des Teufels Werkzeug! Es gibt jene unter uns, die danach streben, sich zu verbessern, ihre eigene Position im Leben zu verbessern ... die Geld für kostspielige Busse verschwenden um ihre Gemeinde aufzublähen. Und warum? Nicht um mehr Seelen zur Erlösung zu führen, sondern um das Ergebnis der Kollekte zu verbessern!“

Sobald sein Gottesdienst vorbei war, eilte er hinaus zu seiner Tafel und brachte einen neuen Text an: „Ehe du den Splitter im Auge deines Nachbarn kritisierst, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge!“

„Sehr passend, Edward“, kommentierte Mrs. Powell-Jones und starrte wütend zu dem Kleinbus auf der anderen Straßenseite. „Wenn das nicht im Keim erstickt wird, holt die Parry Davies mit dem Bus noch mehr Mitglieder für ihren Frauen-Gebetskreis und dann wird sie nicht mehr zu bremsen sein!“

Kapitel 7

Am Montagmorgen erhielt Evan einen kurzen Besuch von Sergeant Potter, der auf dem Rückweg von der Inspektion des Tatortes war.

„Sieht ganz so aus, als hätten wir es hier mit einem Serienbrandstifter zu tun“, sagte er. „Der gleiche Modus Operandi ... der gleiche Brandbeschleuniger, durch ein zerschlagenes Fenster hineingeworfen, dieselbe Art Zündschnur.“

„Aber dieses Mal wurde keine Nachricht gefunden“, betonte Evan.

„Noch nicht. Sie könnte aus Versehen verbrannt sein.“ Er stand da und starrte durch die offene Tür nach draußen, dann wandte er sich plötzlich zu Evan um. „Also, wer ist es?“, wollte der Sergeant wissen. „Kommen Sie, Mann, Sie müssen doch eine Ahnung haben. Wir sind in einem Dorf. Jeder kennt jeden, oder nicht?“

„Wollen Sie damit sagen, dass jemand aus dem Dorf verantwortlich sein muss?“, fragte Evan.

„Das erscheint doch logisch, oder nicht?“, bellte Potter. „Zwei Feuer in einer Woche, beide in der Gegend um Llanfair. Weshalb ich mich frage: Warum hier? Es ist nicht gerade eine Touristenhochburg, oder? Ich meine, wen kümmert’s, wenn Llanfair abfackelt? Daher muss es ein Einheimischer sein. Und die Zündschnüre ... wie ich hörte, arbeiteten alle Männer hier im Schiefersteinbruch, ehe er schloss. Sie alle hätten Zugang zu solchen Zündschnüren, oder? Ziehen Sie die Daumenschrauben an, Constable. Finden Sie heraus, wer vielleicht ein paar Zündschnüre im Haus hat. Nehmen Sie Aussagen von jedem Einzelnen im Ort auf und überprüfen Sie, wer für die halbe Stunde vor Ausbruch des Feuers ein Alibi hat. Ich will diesen Kerl schnappen, ehe er noch mehr Schaden anrichten kann.“

Er wartete nicht auf Evans Antwort und stolzierte wieder hinaus.

Evan tat wie ihm geheißen und drehte erneut eine Runde durchs Dorf, aber ohne offensichtlichen Erfolg. Niemand gab zu, alte Zündschnüre im Haus zu haben. Im Fernsehen war ein Spiel der Europa-Liga übertragen worden, Real Madrid gegen Manchester United, und das hatte viele Männer vom Pub ferngehalten. Fleischer-Evans blieb mürrisch und unbehilflich. Und er hatte ein unumstößliches Alibi für das zweite Feuer. Er sagte, er sei bei einem Treffen des Darts-Vereins in Caernarfon gewesen. Evan notierte Namen und Adresse des Vereins; es könnte sich lohnen, das zu überprüfen.

Evan traf mit großem Appetit und ebenso großen Erwartungen zum Mittagessen im Haus von Mrs. Williams ein. Gestern hatte es Lammkeule gegeben, was bedeutete, dass es heute Shepherd’s Pie geben würde, und Mrs. Williams machte erstklassigen Shepherd’s Pie.

Mrs. Williams’ Gesicht wirkte gerötet und nervös, als sie den Ofen öffnete. „Hier“, sagte sie. „Ich hoffe, es schmeckt Ihnen!“

Dann setzte sie ihm einen Teller vor. Darauf waren drei Kleckse aus Essen angerichtet, jeder ungefähr so groß, wie eine alte Halfcrown-Münze.

„Äh ... was ist das?“, fragte Evan vorsichtig.

„Das ist französische Küche“, sagte sie mit einem Hauch von Stolz in der Stimme. „Wir haben das im Kochkurs gelernt. Das ist Lamm Noisette“ – sie deutete auf das braune Häppchen – „das ist Lauch-Püree, und das da Kartoffel-Püree mit Knoblauch.“

„Mhh ... schmeckt bestimmt lecker“, sagte Evan. Es war auch sehr lecker, aber er brauchte nur sechs Bissen um den Teller zu leeren.

„Das ... war nicht sehr viel, was?“, sagte er, als er Messer und Gabel zusammenlegte.

„Das ist die französische Art“, sagte Mrs. Williams. „Gerade genug, um die Geschmacksknospen anzuregen, sagt Madame Yvette. Wenn man in Frankreich satt werden will, isst man Brot ... und natürlich sagte sie, dass wir dazu Rotwein trinken müssten, aber das geht mir zu weit.“

Evan seufzte und griff nach dem Brot.

Bei seinem nächsten Besuch im Red Dragon wurde ihm klar, dass er nicht als Einziger auf eine Hungerdiät gesetzt worden war.

Betsy hatte eine neue Tafel an die Wand über der Bar gehängt. Unter der Überschrift „Red Dragon Bistro“ stand dort: „Tagesangebot: Soufflé von Lauch und Gruyère.“

„Was zum Teufel ist ein Soufflé?“, wollte ein alter Landwirt wissen. Er sprach es wie „Muffel“ aus.

„Es heißt su-flee“, sagte Betsy, „und ich habe es im Kochkurs gelernt.“

„Dieser verdammte Kochkurs“, knurrte einer der Männer. „Ihr solltet sehen, was mir meine Frau gestern Abend vorgesetzt hat. Zerstampfter Mist mit Knoblauch, das gab es. Ich sagte ihr, wenn ich noch mal sowas bekomme, würde ich sie zu ihrer Mutter zurückschicken.“

„Keine Sorge, diese Madame Yvette wird nicht lange durchhalten“, sagte Fleischer-Evans.

„Oh, warum nicht?“ Evan spitzte die Ohren.

Fleischer-Evans wirkte nervös. „Das ist doch klar, oder nicht? Niemand hier in der Gegend will solches Essen haben. Und habt ihr gehört, was sie dafür verlangt? Für das, was bei ihr ein Salatblatt und ein paar Frühlingszwiebeln kosten, kann man eine ganze Portion Fish and Chips bekommen. Nein, sie ist bis Weihnachten von hier verschwunden, lasst euch das gesagt sein.“

„Sie kämen doch nicht auf die Idee, ihr bei ihrer Entscheidung zu helfen, oder, Gareth?“, fragte Evan leise.

„Was soll das heißen?“

„Jemand hat ihr einen Drohbrief geschickt.“

„Also, ich war das nicht. Wahrscheinlich eher Mr. Parry Davies, wenn Sie mich fragen. Ich hörte, seine Predigt über sie schlug ein wie eine Bombe. Er hat sie als Schlange und Schlimmeres bezeichnet.“

Evan beschloss, dass es vielleicht eine gute Idee wäre, am nächsten Morgen vom Pastor eine Schriftprobe einzuholen ... und auch vom Metzger.

Am nächsten Tag sammelte Evan Schriftproben von den meisten Dorfbewohnern. Fleischer-Evans beschwerte sich, während er seine abgab, die ganze Zeit darüber, dass die Polizei wie üblich auf dem Holzweg sei. Hochwürden Parry Davies seufzte und gab ein gutes Bild eines christlichen Märtyrers ab. Seine Frau beschwerte sich lauter als ihr Ehemann und der Metzger zusammen, und Mrs. Powell-Jones weigerte sich schlichtweg und drohte damit, ihren Abgeordneten und den Commissioner wegen übler Nachrede zu kontaktieren.

Evan schickte die Proben pflichtgemäß zum Hauptquartier hinunter. Er wartete gespannt, bekam aber keine Rückmeldung. Erst am nächsten Morgen tauchte Sergeant Watkins auf, als Evan sich gerade eine Tasse Tee machte.

„Lassen Sie es wieder langsam angehen? Sergeant Potter würde das missfallen.“ Watkins steckte seinen Kopf zur Eingangstür der Station herein.

„Oh, guten Morgen, Sarge. Wie läuft die Befragung?“

Watkins seufzte. „Die führt nirgendwohin, wenn Sie mich fragen.“ Er kam in Evans Büro und zog sich einen Stuhl heran. „Ich kann nicht behaupten, dass das im Hauptquartier gerade oberste Priorität hat. Detective Inspector Hughes redet nur von Operation Armada, wie er es nennt.“

„Operation Armada?“

Watkins zog eine Grimasse. „Der Drogenring. Alle Schiffe versenken. Rule Britannia, Sie wissen schon ...“

Evan grinste. „Also arbeiten nur Sie und Peter Potter an dem Fall. Ich würde ja helfen, wenn ich dürfte.“

„Ich wünschte mir verdammt noch mal, dass sie es dürften.“ Watkins ließ sich auf den Stuhl sinken. „Sagen Sie mir ganz ehrlich, Evans, haben Sie wirklich keinen Verdacht bei diesen Bränden? Ich meine, normalerweise liefern Sie den Anstoß, der uns auf die richtige Spur bringt. Wir haben getan was wir konnten ... von jedem bekannten, walisischen Extremisten Fingerabdrücke genommen ... von jedem, der nationalistische Briefe an die Zeitung geschrieben hat, jedem der wie ihr Metzger hier oben zu einem Verein gehört. Aber keiner der Abdrücke passt zu einer der beiden Nachrichten.“

Er seufzte und lehnte sich zurück. „Ich sage Ihnen eins ... der verdammte Peter Potter steht mir bis hier. Er hängt uns die ganze Zeit im Nacken und bezeichnet uns als inkompetente Provinzler und Schlimmeres. Anscheinend hat er solche Fälle normalerweise in einem Tag aufgeklärt. Er sagt, bei beiden Bränden wurde dieselbe Vorgehensweise verwendet, beide Male war es ziemlich effizient und professionell. Es war jemand, der ein paar Dinge darüber weiß, wie man ein Feuer legt. Aber die Abdrücke passen zu niemandem, der dafür bekannt wäre, Cottages anzuzünden. Also ist es ein neuer Täter und ich habe keinen blassen Schimmer, wie ich ihn aufspüren soll. Ich glaube, wir müssen einen Spion bei dieser Extremistengruppe einschleusen – diesen Söhnen von Gwynedd. Ich habe mich gefragt ...“

„Schauen Sie nicht mich an, Sarge“, sagte Evan schnell.

„Nein, Sie nicht. Natürlich kennt Sie jeder. Ich dachte an Ihren Metzger. Er wäre nützlich, wenn Sie ihn überzeugen könnten, seinen Teil zu Recht und Gesetz beizutragen.“

Evan kicherte. „Die Polizei hat ihn vor nicht allzu langer Zeit unter großem Protest ins Gefängnis geschleift ... glauben Sie wirklich, er würde helfen wollen?“

„Sie verstehen sich mit den Einheimischen. Wir dachten, dass Sie ihn vielleicht überzeugen könnten.“

„Ich glaube, da besteht nicht die geringste Hoffnung“, sagte Evan. „Tatsächlich vermute ich, dass er mehr weiß als er zugibt. Aber wenn Sie wollen, schlage ich es ihm vor.“

„Was ich wirklich will ist, dass Sie diesen verdammten Fall für uns aufklären, damit ich wieder zur Operation Armada zurück kann und ausnahmsweise mal etwas Spannendes erlebe.“

„Es wurde noch niemand erwischt?“

„Nein ... sie halten sich bedeckt, warten vermutlich darauf, dass wir unser Interesse verlieren oder die Männer abziehen. Aber es ist nur eine Frage der Zeit. Wir glauben, dass sie mit mehreren kleinen Booten gleichzeitig verschiedene Häfen anlaufen werden – in dem Glauben, dass die Polizei nicht überall sein kann.“

„Womit sie recht hätten“, stimmte Evan zu.

„Die Kriminellen von heute werden viel zu schlau“, knurrte Watkins. „Sehen Sie, was Sie erreichen können, Junge. Sonst werde ich Sie als Potters Vollzeit-Assistenten empfehlen müssen.“

Als er gegangen war, schloss Evan ab und lief langsam und tief in Gedanken versunken die Straße hinauf. Watkins verlangte das Unmögliche. Fleischer-Evans würde niemals mit der Polizei zusammenarbeiten, um walisische Extremisten festzunehmen. Und er hatte auch selbst keine kluge Idee. Madame Yvette hatte sich noch nicht wegen neuer Probleme gemeldet. Und mit seinem Dienst im Dorf hatte er kaum genug Reichweite, um Terroristen aufzuspüren ... Er war gereizt und fühlte sich machtlos. Er brauchte etwas Glück. Wenn hier ein Serienbrandstifter am Werk war, war es nur eine Frage der Zeit, bis er wieder zuschlug, und vielleicht waren aller guten Dinge drei. Irgendwann würde der Brandstifter einen Fehler machen oder einen verwertbaren Hinweis zurücklassen.

Am Abend machte Evan sich gerade bettfertig, als es an seiner Schlafzimmertür klopfte.

„Mr. Evans? Sind Sie da drin?“, fragte Mrs. Williams, obwohl sie vor einer halben Stunde gesehen hatte, wie er die Treppe hinaufgegangen war. „Ein Anruf für Sie – sie sagt, es sei dringend.“

Evan schnappte sich seinen Morgenmantel und rannte die Treppe hinunter.

„Ist dort Constable Evans?“ Die Stimme klang angespannt und atemlos. „Es tut mir so leid, Sie zu schtören, aber es kam noch ein Brief ... isch ’abe ihn vor ein paar Minuten gefunden. Und isch fürschte, dass der Mann noch immer vor meinem ’Aus ist.“

„Lassen Sie die Tür abgeschlossen und halten Sie nach mir Ausschau“, sagte Evan. „Ich bin in ein paar Minuten unten.“

Er stieg wieder in seine Kleider, schnappte sich seine Taschenlampe und fuhr so schnell wie er sich traute den Pass hinunter. Seine Scheinwerfer schnitten wirre Bögen durch die Dunkelheit, als er um die Kurven fuhr. Er parkte den Wagen und schaltete die Taschenlampe an. Sie lag schwer und, in Abwesenheit einer Waffe, beruhigend in seiner Hand, als er ausstieg.

Er hatte gerade eine Runde um das Gebäude beendet, als er jemanden hinter sich spürte. Er drehte sich um und sah Madame Yvette in ihrer Tür stehen. Sie trug einen Morgenmantel aus weißem Satin, mit einem Zierstreifen aus Federn am Hals, dazu passende Pantoffeln.

„Oh, Sie sind ’ier. Vielen Dank. Isch ’abe solsche Angst, dass dieser Mann noch immer ’ier sein könnte und misch beobachtet.“

„Keine Sorge, ich habe die Umgebung überprüft. Wenn jemand hier war, ist er jetzt weg.“ Er folgte ihr ins Restaurant. Was einst eine Kapelle gewesen war, enthielt jetzt sechs Tische mit rot-weiß karierten Tischdecken. An den Fenstern hingen Vorhänge und an den Wänden impressionistische Drucke. Evan nickte anerkennend.

„Sie sagten, Sie hätten den Brief gerade erst bekommen?“

„Isch fand ihn, als isch überprüfen wollte, ob die Türen zur Nacht abgeschlossen sind, und habe Sie gleisch angerufen. Er war noch nischt da, als isch noch geöffnet ’atte, sonst ’ätten meine Gäste ihn gesehen.“

Evans Blick schweifte über die Tische, die mit poliertem Silber und weißen Leinenservietten gedeckt waren. Er wusste nicht, wie hier viele Leute Platz finden sollten. Es schien, als könnte Madame Yvette seine Gedanken lesen.

„Isch fange klein an“, sagte sie. „Nur sechs Tische. So kann isch ohne Hilfe arbeiten, bis es in Schwung kommt. Und isch wohne auch hier ... oben, wo die alte Empore war. Es ist eng, aber, wie würden Sie sagen“ – sie spreizte ihre Hände zu einer sehr französischen Geste – „rescht gemütlisch für einen allein, non?“

Sie durchquerte das Restaurant und schob eine Schwingtür zur Küche auf. Glänzende Töpfe und Pfannen hingen über dem großen Herd. Zöpfe aus Knoblauch und Zwiebeln hingen neben Kräuterbündeln über einem zentralen Holztisch. „’Ier entlang, bitte“, sagte sie und wandte sich nach links. Dort gab es am anderen Ende des Raumes eine Tür und daneben an der Wand führte eine Holztreppe nach oben. Ihre Pantoffeln klapperten auf den blanken Brettern. Evan erhaschte einen verlockenden Blick auf ein nacktes Bein, als sie ihren Morgenmantel anhob.

Der Wohnbereich oben bestand aus einem einzelnen, ziemlich großen Raum, wie ein Loft, direkt über der Küche. In der Nähe der Treppe standen ein kleines Sofa, ein Sessel und ein Couchtisch, und ein Fernseher auf einem Schrank in der Ecke. An der gegenüberliegenden Wand stand ein ungemachtes Bett. Verschiedene Kleidungsstücke waren darüber verstreut, darunter ein schwarzer Spitzen-BH.

„Bitte. Setzen Sie sisch. Wo Sie wollen.“

Evan ließ sich hastig an dem Ende des Sofas nieder, das der Treppe am nächsten war, mit dem Rücken zu dem schwarzen Spitzenstoff. „Jetzt zu dem Brief, Madame“, setzte er an.

„Möschten Sie vielleischt ein Glas Wein?“ Madame Yvette durchquerte den Raum.

„Nicht, solange ich im Dienst bin, danke.“

„Nischt mal einen Cognac?“ Sie öffnete den Eckschrank unter dem Fernseher. „Isch denke, isch werde mir einen genehmigen, wenn es Ihnen nischts ausmacht. Um die Nerven zu beruhigen.“

Sie goss bernsteinfarbene Flüssigkeit in ein Brandy-Glas und setzte sich dann auf die andere Sofalehne. Sie trank einen Schluck, seufzte und stellte das Glas vor sich auf dem Couchtisch ab, ehe sie nach einem Päckchen Gauloises griff. „Zigarette?“

„Nein, danke, ich rauche nicht.“

„Sehr vernünftig. Eine schmutzige Angewohn’eit. Isch sollte auf’ören, aber es scheint mir nischt zu gelingen.“

Sie zündete die Zigarette an und nahm einen tiefen Zug. Evan war sich nicht sicher, hatte aber das Gefühl, dass sie den Rauch absichtlich in seine Richtung blies.

„Zeigen Sie mir den Brief, den Sie bekommen haben“, sagte Evan. „Ist er so wie der letzte?“

Sie zog ihn aus der Tasche ihres Morgenmantels. „’Ier ist er.“

Evan faltete ihn auseinander. Auch dieser Brief bestand aus Druckbuchstaben, die mit einem schwarzen Filzstift geschrieben waren. Da stand nur: GEH NACH HAUSE, SONST PASSIERT WAS.

„Kurz und bündig.“ Evan sah auf und bemerkte, dass sie ihn beobachtete. „Es wird interessant sein, zu sehen, ob die Abdrücke übereinstimmen.“

„Abdrücke?“

„Fingerabdrücke. Auf dem letzten Brief gab es einige deutliche Fingerabdrücke. Ich nehme an, dass diese Nachricht von derselben Person kam.“

Sie zuckte mit den Schultern. „Wer weiß? Vielleischt wollen sie misch alle loswerden. Isch dachte, es wäre ein guter Ort. Meine Freundin machte ’ier Urlaub und sagte: ‚Yvette, in Nordwales gibt es keine französischen Restaurants. Warum eröffnest du nischt eins dort oben?‘ Aber jetzt bin isch mir nischt mehr so sischer. So etwas ’abe ich nischt erwartet.“

„Das sind nur ein paar Extremisten“, sagte Evan. „Und die Waliser brauchen eine Weile, um Neuankömmlinge zu akzeptieren – besonders, wenn sie aus dem Ausland kommen. Aber wir essen gerne. Wenn Sie uns gutes Essen servieren, werden Sie die Leute für sich gewinnen.“

„Das hatte isch ge’offt“, sagte sie. „Isch musste dort ein ’Aus kaufen, wo die Grundstücke nischt so teuer sind.“

„Sind Sie direkt aus Frankreich hergezogen? Hatten Sie dort ein Restaurant?“

„Nein, isch ’atte mal ein Restaurant mit meinem Mann an der Küste von Sussex, aber wir ’atten nischts als Pech. Mein Mann starb und isch war eine Weile im Kranken’aus. Isch brachte es nischt übers ’Erz dort unten neu anzufangen.“

Evan nickte mitfühlend. „Das tut mir leid“, sagte er. „Sie vermissen Ihren Ehemann bestimmt.“

„Mein Mann? Pah! Er war ein, wie sagt man – ein Mistkerl. Ein Monster!“, sagte sie boshaft. „Es war der glücklischste Tag meines Lebens, als isch ihm entkam.“ Sie hielt inne, griff nach dem Brandy und trank einen Schluck. „Isch meine, als er starb.“ Sie ließ sich neben ihn auf das Sofa gleiten. „Jetzt bin isch ganz allein“, sagte sie. „Es ist nischt leischt für eine Frau, allein zu sein.“

„Nein, das kann ich mir vorstellen.“ Er fühlte sich langsam unbehaglich. Das Sofa war für zwei Personen ziemlich klein.

„Vielleischt erwarte isch zu viel“, fuhr sie fort, während das Brandy-Glas unterhalb ihrer Lippe verharrte. „Isch dachte, isch würde Erfolg ’aben, weil isch kochen kann. Und es ging auch gut los ... die Zeitung kam, wollte ein Interview und Fotos mit mir machen. Die Leute von Taste of Wales waren letztes Wochenende ’ier. Kennen Sie Taste of Wales?“

„Die vergeben Preise für gute Küche, oder?“

„Sie sagten, sie würden misch für das beste, neue Restaurant nominieren – pas mal, non? Für sie ’abe isch walisisches Essen gekocht. Mein Lammkarree mit Rosmarin und Lauch-Püree. Sie waren beeindruckt, das konnte isch sehen ...“ Ihre Augen hatten geleuchtet, während sie erzählte, aber jetzt entglitt ihr das Lächeln. „Aber jetzt das! Was bringt es, den Preis zu gewinnen, wenn man misch ’ier nischt ’aben will?“

„Ich bin mir sicher, dass die meisten Leute Sie gern hier haben“, sagte Evan.

„Glauben Sie?“ Sie stellte das Glas ab, doch die Zigarette ruhte noch immer zwischen den Fingern ihrer linken Hand. „Isch bin froh, dass misch jemand ’ier ’aben möschte.“

Er spürte, wie der Seidenstoff ihres Morgenmantels über seine Hand strich, was ihn dazu veranlasste aufzustehen. „Ich sollte besser gehen. Wir können vor morgen früh nicht mehr viel tun.“

„Glauben Sie nischt?“

Evan räusperte sich und fuhr fort: „Ich schätze, Sergeant Watkins oder einer der Detectives wird morgen mit Ihnen über den Brief sprechen wollen, und sie werden versuchen, die Fingerabdrücke abzugleichen.“

Sie streckte den Arm aus und legte ihre Hand sanft auf seinen Arm. „Gehen Sie nischt“, sagte sie leise. „Isch will ’eute Nacht nischt alleine sein.“

Evan hatte eine Ahnung, was sie damit andeuten wollte, aber nur für den Fall sagte er mit professioneller Distanz: „Ich kann verstehen, dass Sie nach diesen Geschehnissen etwas nervös sind. Ich könnte im Hauptquartier anrufen und fragen, ob sie eine Beamtin raufschicken können, die bei Ihnen bleibt.“

Ihre dunklen Augen blitzten belustigt auf. „Ihr Engländer ... toujours le ‚Gentleman‘, n’est-ce pas? Isch möschte keinen weiblischen Constable, um mir Gesellschaft zu leisten ...“

„Ich bin kein Engländer. Ich bin ein Cymro ... ein Waliser“, sagte Evan. „Und ich fürchte, wir sind noch zurückhaltender.“

„Aber unter der Oberfläsche brennt dasselbe Feuer, denke isch.“ Sie überschlug die Beine und berührte mit einer nackten Zehenspitze sein Bein.

„Ich sollte wirklich gehen“, sagte er. Der Raum erschien ihm plötzlich unangenehm warm.

Er versuchte aufzustehen, aber ihre Hand presste seinen Arm herunter. „Warum leugnen Sie, dass Sie gerne ’eute Nacht ’ier bei mir bleiben würden? Isch kann in Ihrem Blick sehen, dass Sie misch begehren – und was ist falsch daran? Sie sind ein gesunder, junger Mann und isch ... isch bin eine erfahrene Frau. Und wir sind beide allein und ungebunden. Es würde sisch lohnen, das versischere isch Ihnen.“

„Ich bin mir sicher, das würde es ...“ Evan schaffte es, sich aus ihrem Griff zu befreien. „Aber ich bin wirklich nicht die Art Kerl, um ... Ich lasse mich nicht ein auf zwanglosen ... ich meine, auf diese Art mit einer jungen Frau zu verkehren.“

Sie lachte über seine Verlegenheit – ein tiefes, kehliges Lachen. Als sie sich auf dem Sofa zurücklehnte, war Evan sich ziemlich sicher, dass sie unter dem Morgenmantel nackt war. Verschwinde von hier, jetzt ... er konnte hören, wie die warnende Stimme durch seinen Kopf hallte.

„Sind Sie mit diesem Mädschen verlobt?“

„Nein ... so weit sind wir noch nicht gekommen.“

„In Frankreisch ’ält man es für de rigueur ... unerlässlisch, dass ein Mann eine Frau und eine Geliebte ’at, und vielleischt auch noch eine Freundin. Außerdem ... wer wird schon davon erfahren, wenn Sie ’eute Nacht ’ier bleiben?“

Evan lachte mit zittriger Stimme. „Jeder. Sie kennen Nordwales noch nicht. Es werden bereits alle wissen, dass ich hierhergerufen wurde. Sie werden alle die genaue Zeit meiner Rückkehr kennen.“

„Also ist es das, was Ihnen Sorgen macht?“ Sie stand ebenfalls auf und kam auf ihn zu. „Ihr guter, aufreschter Ruf bei den Bürgern? Dann muss es ja nischt die ganze Nacht sein, wenn es das ist, was Sie wollen. Tatsäschlisch glaube isch, dass wir ganz schnell sein könnten, wenn Sie wollen, und niemand würde je etwas davon erfahren ...“

„Ich würde es wissen“, sagte Evan. „Und es wäre wirklich nicht fair gegenüber der Frau, mit der ich zusammen bin, oder?“

„Dann ist sie eine glücklische Frau.“ Madame Yvette legte ihm ihre Hände auf die Schultern. „Sie stellt Sie ’offentlisch zufrieden?“ Ohne Vorwarnung hob sie die Hand an sein Gesicht, zog ihn zu sich und presste ihre Lippen fest auf seine. Dann ließ sie ihn wieder los. „Wenn Sie je Ihre Meinung ändern, wissen Sie, wo Sie misch finden. Dann werde isch Ihnen den Unterschied zwischen einem Mädschen und einer Frau zeigen.“

Sie klopfte ihm neckisch auf die Wange. Er hatte keine Erinnerung daran, wie er die Treppen hinunter und raus zu seinem Wagen gelangt war.

Kapitel 8

Am Ende der Woche war die Ermittlung anscheinend keinen Schritt weitergekommen. Oder wenn doch, hatte sich niemand die Mühe gemacht, Evan davon zu unterrichten. Er fühlte sich einsam in der Llanfairer Nebenstelle, ohne etwas zu tun, abgesehen davon Hochwürden Parry Davies zu warnen, dass Mrs. Powell-Jones sich beschwert hatte, sein Bus würde wieder die Straße blockieren. Evan konnte nur vermuten, dass keine Abdrücke identifiziert worden und keine weiteren Brände ausgebrochen waren. Er rief sich ins Gedächtnis, dass die anderen beiden allerdings an Wochenenden passiert waren. An diesem Wochenende würde er auf der Hut sein.

Am Samstagmorgen versammelten sich die Frauen von Llanfair wieder in Madame Yvettes Küche. Yvette sah sich in der Gruppe um.

„Wie isch sehe, sind dieses Mal weniger Damen ’ier. ’Aben sie vielleischt zu tun?“

„Ihre Ehemänner erlauben nicht, dass sie kommen“, sagte Betsy unverblümt.

Yvette war sofort hellwach. „Es gefällt ihnen nischt, dass isch ’ier bin? Weil isch eine Ausländerin bin?“

„Nein, damit hat das nichts zu tun“, sagte Betsy. „Ihnen hat das französische Essen nicht geschmeckt.“

„Das Essen ’at nischt geschmeckt?“ Yvette legte eine Hand auf ihre Brust. „Das war das gleische Püree vom Lauch, das isch den Testern von Taste of Wales serviert ’abe, und sie meinten, es sei magnifique.“

„Ich denke, sie sind einfach nicht daran gewöhnt“, sagt Bronwen behutsam.

„Und es war nicht genug“, fügte Mair Hopkins hinzu. „Mein Charlie musste sich noch ein paar Brote mit Käse und Essiggurken machen, als er aufgegessen hatte, was ich für ihn gekocht hatte.“

„Ah. Es reischt nischt? Je comprends. Wie auch immer, ’eute machen wir das klassische Bœuf Bourguignon und Éclairs ... das wird garantiert alle Männer zufriedenstellen.“

Sie machten sich daran Gemüse zu hacken und Rindfleisch zu würfeln.

„Das ist genau wie Lamm Cawl, nur mit Rind“, flüsterte Mrs. Williams Mair Hopkins zu. „Ich weiß nicht, was all der Wirbel soll.“

„Dann nehmen wir den Rotwein“, sagte Madame Yvette und hob die Flasche hoch. „Vorzugsweise ein Bordeaux, aber jeder andere Rotwein, den Sie im ’Aus ’aben, ist ebenso gut.“

Mrs. Williams sah entsetzt aus. „Wir sind fromme Menschen! Wir haben keinen Wein im Haus!“

Madame Yvette lächelte. „Vielleischt würden sisch die Männer nischt beschweren, wenn sie ein Glas Wein zu ihrem Essen bekämen.“ Dann verblasste ihr Lächeln und sie wirkte nachdenklich. „Wenn Sie sagen, dass die Männer es verbieten, ’at mir vielleischt einer dieser Männer den Drohbrief geschrieben.“

Die Frauen blickten von ihrer Arbeit auf.

„Isch nehme an, Sie ’aben ge’ört, dass es in dem Brief ’eist, isch soll nach ’Ause gehen.“

„Nein! Meine Güte, das ist wirklich furchtbar“, rief Mrs. Williams. „Da steckt besser niemand aus Llanfair dahinter, sonst werde ich demjenigen gehörig den Marsch blasen!“

„Wer würde denn so etwas tun?“, fragte Mair Hopkins.

„Es gibt Leute in der Gegend, die sie loswerden wollen, weil sie eine Fremde ist“, sagte Betsy. „Ich könnte ein paar aufzählen.“

„Ich denke, dass Constable Evans sie schon überprüft, Betsy“, sagte Bronwen schnell.

„Na, du musst es ja wissen, was?“, entgegnete Betsy. „Er bringt dich zweifellos auf den neuesten Stand zu seinen Fällen, wenn ihr ... Vögel beobachtet.“

Yvette lächelte vor sich hin, während sie Gemüse schnitt. „Dieser Constable Evans war sehr ’ilfsbereit zu mir. So nett ...“

„So ist er, Evan der Pfadfinder“, murmelte Bronwen.

„Und er ist ein ’übscher Mann, n’est-ce pas? Er braucht eine Frau, die ihn glücklisch macht.“

„Das sage ich ihm auch immer wieder“, sagte Mrs. Williams. „‚Sie sollten langsam darüber nachdenken, sesshaft zu werden‘, sage ich ihm. Meine Enkelin Sharon ist eine wunderbare Köchin und Hausfrau, und auch noch eine tolle Tänzerin. Sie ist so leichtfüßig ...“

„Ich denke, Evan kann selbst entscheiden, wann der richtige Zeitpunkt für ihn ist, Mrs. Williams“, sagte Bronwen ruhig.

„Eines Tages wird er zur Vernunft kommen“, sagte Betsy. „Er wird aufwachen und wissen, was ihm die ganze Zeit entgangen ist.“

„Oh, du glaubst, ihm würde etwas entgehen?“ Das Messer sauste in Bronwens Hand auf und ab und Karottenscheiben flogen umher.

„Das ist doch offensichtlich, oder nicht? Ich meine, Vogelbeobachtung ist für einen Pfadfinder ganz nett ...“

„Nicht jeder will seine Nächte auf Raves verbringen, Betsy. Manche Menschen werden erwachsen“, sagte Bronwen. Weitere Karottenscheiben flogen durch die Gegend.

Yvette kicherte aus tiefster Kehle. „Ihr Englän... Entschuldigung, Waliserinnen. Ihr ’abt solsche Angst über Sex zu spreschen. Ein Mann und eine Frau, die einander begehren. Was könnte natürlischer sein? Warum sollte man so tun, als würde das nischt vorkommen? Ihr Constable Evans war so ’umorvoll, als er neulisch Abend bei mir war ...“

„Was?“ Bronwen und Betsy hörten gleichzeitig auf zu hacken.

Yvette fuhr fort, Fleischwürfel in Mehl zu wälzen. „Er war neulisch Abend ’ier ... wussten Sie das nischt? Wir ’aben uns gut verstanden. Wie ihr Waliser es ’öflisch ausdrücken würdet ... eine nette Unter’altung, n’est-ca pas?“ Sie lachte wieder ihr kehliges Lachen. „Jetzt kennt er, glaube isch, den Unterschied zwischen einem Mädschen und einer Frau.“

„Evan würde nie ...“, hob Bronwen an.

„Isch musste ihn um ein Uhr ’inauswerfen“, sagte Yvette. Sie warf einige Fleischwürfel in eine heiße Pfanne. „Das ist das Ge’eimnis dieses Gerischtes. Man muss sie so ’eißmachen, dass es zischt.“

„Er war nicht zu Hause, als ich gegen Mittarnacht eingeschlafen bin“, flüsterte Mrs. Williams Mair Hopkins zu. Bronwen schnitt weiter Gemüse, als hätte sie das nicht gehört, aber ihre Wangen liefen rot an.

 

***

 

Am selben Nachmittag schlenderte Evan die Dorfstraße hinauf, um Bronwen zu besuchen. Er lächelte erwartungsvoll vor sich hin – ein freies Wochenende und gutes Wetter. Vielleicht würden sie morgen wandern gehen oder auf einem Hügel über dem Dorf picknicken ...

Bronwen öffnete ihre Haustür. „Oh, du bist’s, Evan.“ Sie bat ihn nicht gleich herein, sondern versperrte ihm mit ihren Armen den Weg.

„Hallo, Bron. Wir haben noch keine Pläne fürs Wochenende gemacht.“

„Haben wir nicht?“

Irgendetwas stimmte nicht, aber er war nicht sicher, was. „Ich habe dich immer noch nicht zum Abendessen in das französische Restaurant ausgeführt, ich weiß. Glaub nicht, ich hätte es vergessen. Aber ich sollte heute und morgen wohl hier in der Nähe bleiben. Die anderen Brände brachen beide am Wochenende aus. Dieses Mal halte ich die Augen offen. Aber vielleicht hättest du ja Lust, zu zeigen, was du im Kochkurs gelernt hast?“

„Was ich gelernt habe?“ Sie sah ihn entschlossen an. Dann warf sie ihr Haar zurück. „Es tut mir leid, Evan, aber ich bin am Wochenende beschäftigt. Ich habe mich schon mit ein paar Leuten verabredet, die ich letzte Woche bei der Konferenz kennengelernt habe.“

„Heute Abend?“ Evans Gesichtszüge entglitten ihm.

„Wir wollten zusammen zu Abend essen und morgen etwas unternehmen. Sie waren unterhaltsam und es ist an der Zeit, dass ich mich ein wenig unters Volk mische. Ich habe mich selbst eingegraben, abgeschottet hier in diesem Dorf.“

„Oh, ich dachte, es gefällt dir hier.“

„Oh, ich mag das Unterrichten. Sozial hat es allerdings nicht viel zu bieten, findest du nicht? Wenn du mich jetzt entschuldigen würdest – ich muss mich umziehen ...“

Sie wandte sich ab und wollte die Tür schließen.

„Bronwen, habe ich etwas falsch gemacht?“, fragte er.

„Das dürftest du besser wissen als ich, nicht wahr?“

„Was meinst du?“, wollte er wissen.

„Ich muss mich wirklich fertig machen. Meine Freunde erwarten mich.“

Sie schloss die Tür und ließ ihn draußen stehen. Evan schüttelte den Kopf, als er ging. Was sollte das? Er würde die Frauen nie verstehen, selbst wenn er tausend Jahre lebte. Er war offensichtlich aus irgendeinem Grund in Ungnade gefallen und jetzt lag es an ihm, herauszufinden warum. Ihm kam der Gedanke, dass Sex ohne Verpflichtungen, wie ihn Madame Yvette angeboten hatte, vielleicht doch gar keine so schlechte Idee war.

Das Wochenende wurde nicht viel besser, nachdem Mrs. Williams ihm ein paar Rindfleisch-Brocken und einige Perlzwiebeln serviert hatte, in einer Soße, die nach nichts schmeckte, weil sie sich geweigert hatte, Wein zu kaufen. Evan trieb sich vor dem Pub herum und beobachtete die Straße, aber nirgends brach ein Feuer aus. Das Schlimmste war, dass Bronwen das ganze Wochenende über weg war. Evan fragte sich erstmals, ob die anderen Lehrer, die sie kennengelernt hatte, ausschließlich Frauen waren.

Am Montag legte Evan seine Nachmittagsstreife durch das Dorf so, dass sie mit dem Ende des Schultages zusammenfiel. Bronwen stand am Tor und unterhielt sich mit einer Mutter, als er sich näherte. Sie sah auf, bemerkte ihn, runzelte die Stirn und widmete sich wieder ihrer Unterhaltung. Evan blieb in der Nähe, bis die Frau ihr Kind an die Hand nahm und ging.

„Na, wie war dein Wochenende?“, fragte er.

„Sehr schön, danke der Nachfrage. Wir planen, so etwas häufiger zu machen“, sagte Bronwen. „Ist mal was anderes, in anregender Gesellschaft zu sein.“

„Mir ist aufgefallen, dass wir gar keinen Termin ausgemacht haben, um in das französische Restaurant zu gehen, oder?“, bohrte Evan.

„Seltsamerweise habe ich genug von französischem Essen“, sagte Bronwen. „Wenn du mich jetzt entschuldigen würdest ...“ Sie eilte davon, um einen Streit zu schlichten.

Evan ging noch niedergeschlagener und verwirrter nach Hause.

An diesem Abend wedelte Fleischer-Evans im Pub mit einer Montagsausgabe der Daily Post, mit einem halbseitigen Artikel über das Chez Yvette und einem Foto von Yvette vor ihrem Herd, auf dem sie es schaffte, sinnlich und aufreizend auszusehen, während sie in einem großen Topf herumrührte. Am Ende des Artikels wies eine Notiz darauf hin, dass das Chez Yvette vom Taste-of-Wales-Komitee für die Auszeichnung als „Bestes neues Restaurant“ nominiert wurde.

„Schaut euch das an!“ Fleischer-Evans warf die Zeitung auf den Tisch, als er an diesem Abend in den Pub kam. „Nominiert von Taste of Wales! Wie kann ein verdammtes französisches Restaurant als der Geschmack von Wales durchgehen – das würde ich gerne mal wissen.“

„Sie verwendet klassische walisische Zutaten, sagte sie“, kommentierte Betsy und zapfte dem Metzger ein Pint Robinson’s, ohne darum gebeten worden zu sein. „Trink das, dann geht es dir besser.“

Eimer-Barry blickte dem Metzger über die Schulter. „Seht ihr, was habe ich euch gesagt? Sie ist ein heißes Teil, oder? Hübsche Titten hat sie ...“

„Ich bitte dich“, unterbrach Betsy ihn. „Das hier ist ein anständiges Etablissement. So etwas wollen wir hier nicht hören.“ Sie stellte ein Glas so unsanft ab, dass Bierschaum auf die Bar spritzte. „Tatsächlich will ich nichts mehr über diese Frau hören oder darüber, wie sexy sie ist. Die macht nur Probleme, wenn ihr mich fragt.“

Evan trank sein Pint und war zu sehr in seiner eigenen Niedergeschlagenheit versunken, um sich für die Unterhaltung zu interessieren. Jetzt blickte er neugierig zu Betsy. Betsy fuhr sonst nicht so schnell aus der Haut. Üblicherweise tauschte sie lieber schlüpfrige Bemerkungen mit den Gästen aus. Irgendetwas an Madame Yvette hatte sie verärgert. Er hörte den Nachhall von Bronwens ungewöhnlich scharfer Entgegnung: „Ich habe genug von französischem Essen.“

Madame Yvette – sie musste der Grund für Bronwens seltsames Verhalten sein. Der örtliche Buschfunk musste wieder ganze Arbeit geleistet haben und sie wusste, dass er Yvette am späten Abend besucht hatte. Er war so dämlich. Er hätte Bronwen selbst davon erzählen sollen, bevor die Klatschtanten das erledigen konnten.

Er stellte sein Glas ab und schlüpfte aus dem Pub.

„Wohin ist Gesetz-Evans denn so eilig verschwunden?“, hörte er jemanden hinter sich rufen. „Sagt nicht, dass wieder ein Feuer ausgebrochen ist.“

„Er lechzt vermutlich eher nach dem Geschmack von Wales“, erwiderte Betsy.

Ein starker Wind blies Evan ins Gesicht, als er die Straße hinaufrannte.

Bronwen kam in Flanell-Morgenmantel und Hüttenschuhen an die Tür. „Was ist los?“, fragte sie und ihr Blick huschte nervös umher. „Wieder ein Notfall?“

„Es ist ein Notfall, wenn du wütend auf mich bist, ohne dass ich weiß, was ich getan habe.“

Sie zuckte mit den Schultern. „Wenn du nicht weißt, was du getan hast, kann ich dir nicht helfen.“

„Bronwen ... hat das irgendetwas damit zu tun, dass ich letzte Woche spät abends bei Madame Yvette war?“

Ihr Gesicht zuckte, doch sie warf trotzig ihren Kopf zurück. „Was du in deiner Freizeit machst, geht mich nichts an.“

„Bronwen.“ Er erhob die Stimme. „Ich wurde dorthin gerufen. Sie hatte einen Drohbrief erhalten und war ganz aufgebracht.“

„Rausgerufen, um elf Uhr, ich verstehe, und du bist nicht nach Hause gekommen, ehe sie dich um ein Uhr rausgeworfen hat?“

„Mich rausgeworfen? Wer hat dir das denn erzählt?“

„Sie.“

Evan spürte, wie sich Hitze unter dem Kragen seiner Uniform anstaute. „So eine Frechheit! Mich rausgeworfen? Sie bat mich zu bleiben, weil sie so verängstigt und aufgebracht sei.“

„Das sieht dir ähnlich. Du warst also wie immer der Pfadfinder und bist geblieben um sie zu trösten?“

„Ja, bin ich ... bis ich gemerkt habe, was sie wirklich von mir wollte. Dann habe ich höflich, aber schleunigst den Rückzug angetreten.“

Autor

  • Rhys Bowen (Autor)

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Titel: Mord à la Carte