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Versuchung in den Highlands

von Lois Greiman (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Haydan McGowan ist bekannt als der gefährlichste Krieger in der Garde des Königs. Er hat den Eid geleistet, allen Lastern fernzubleiben. Und Catriona verkörpert alles, was Haydan scheut. Doch warum fühlt er sich zu der sinnlich-schönen Frau derart hingezogen? So sehr er sich bemüht, er kann Catrionas Reizen nicht lange widerstehen. Und das, obwohl er sicher ist, dass sie genau wie er ein Geheimnis hütet.

Die wilde Catriona ist auf einer verzweifelten Mission. Und der Mann, der ihr im Weg steht, ist ein gefährlich attraktives Hindernis. Doch Verführung ist ihr Spiel und Haydan scheint keine Herausforderung zu sein – bis eine unverhoffte Leidenschaft zwischen dem ernsten Krieger und der betörenden Schönen entflammt. Beide bewahren ein Geheimnis, von dem der Andere nichts erfahren darf. Dabei haben sie so viel mehr zu verlieren, wenn sie ihre Gefühle füreinander verbergen …

Impressum

dp Verlag

Deutsche Erstausgabe Juni 2019

Copyright © 2019 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-633-5

Copyright © 2000 by Lois Greiman im Selfpublishing
Titel des englischen Originals: Highland Hawk

Veröffentlicht nach Vereinbarung mit Lois Greiman
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.

Übersetzt von: Martin Spieß
Covergestaltung: Rose & Chili Design
Korrektorat: Lennart Janson

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

 

 

 

Für Tara, die alles ist, was ich von meinen Heldinnen erwarte – und so viel mehr. Als ich von einer Tochter träumte, habe ich mir nie jemand so Perfektes wie dich vorgestellt.

 

 

 

 

„Wenn man schon das Nest verlassen muss, ist es besser, mit dem Falken aufzusteigen als mit den Gänsen zu watscheln.“

Roderic der Schelm

 

Kapitel 1

Im Jahr unseres Herrn 1524

Die Lanze zeigte direkt auf Catrionas Herz.

„Runter mit der Kapuze, sofort“, befahl der Soldat. Er war jung, rothaarig und saß aufrecht im Sattel.

Catriona schob den dunklen Stoff vorsichtig und mit zittriger Hand zurück. Das Sonnenlicht, das von Westen her schien, fiel direkt in ihre Augen und sie konnte die unmittelbare Reaktion des Soldaten nicht sehen. Aber sie hörte, wie er Luft holte, und die Lanze schwankte einen Moment vor ihrer Brust, ehe er sie wieder festhielt.

„Ihr seid …“, begann er und hielt dann inne. „Zigeunerin.“ Er sprach das Wort wie eine Anklage aus, seine Stimme so steif wie die Waffe, die er mit so jugendlichem Eifer hielt.

„Aye, guter Herr. Das bin ich.“

„Wohin seid Ihr unterwegs und wie viele seid Ihr?“

Catriona packte die Zügel fester und betete aus der Tiefe ihrer Seele. Sie konnte es sich kaum leisten, jetzt umkehren zu müssen. Lachlans Leben hing davon ab, dass sie Erfolg hatte.

„Ihr werdet zum Schloss des Königs reisen“, hatte Blackheart gesagt. „Und dort werdet Ihr tun, worum man Euch bittet.“

„Wir reisen zum Schloss, anlässlich der Festivitäten des Königs. Und es gibt nur uns zwei, die Ihr hier seht, und noch jemanden, der im Wagen schläft.“

„Mann oder Frau?“

„Eine Frau, guter Herr.“

„Ist sie …“ Der Soldat zögerte einen Moment und lehnte sich näher, als wolle er ergründen, ob seine Augen ihn täuschten. „Ist sie wie Ihr?“

Oben auf dem Käfig aus Weidenruten, der an der Seite des Wagens hing, zankten sich zwei Grünfinken und flatterten dann in die nahegelegenen Baumkronen davon.

„Wie ich?“ Catriona wusste, was er sah – eine dunkelhäutige Frau mit Katzenaugen, die die Eigenschaften von tausend fremden Stämmen in ihren Zügen trug.

„Ist sie …“, setzte er an, aber ein Geräusch hinter ihm warnte ihn, dass sich jemand näherte. Er richtete seinen Rücken steif auf und verhärtete seinen entschiedenen, finsteren Blick. „Sagt ihr, dass sie rauskommen soll, sodass wir sie sehen können“, befahl er.

Catriona zuckte innerlich zusammen. Mit Diplomatie und Glück konnte sie die Stimmung des Soldaten vielleicht erweichen. Aber Marta von den Bairds hatte ihre Liebe zur Schläue schon lange überlebt.

„Sie ist erschöpft und braucht ihre Ruhe“, sagte Catriona und wand sich vorsichtig.

Der Jüngling hinter der Lanze blickte finster, aber unsicher drein, dann ließ er seinen Blick nach hinten schnellen und seinen Ausdruck wieder hart werden. „Ihr werdet sie herauskommen lassen oder die Konsequenzen tragen“, sagte er, aber genau in diesem Moment wurde sein Pferd zur Seite gedrängt.

„Ach, um Gottes willen, weg mit Eurer Waffe, Galloway.“ Der Mann, der gesprochen hatte, war vielleicht ein Dutzend Jahre älter als der andere und blickte ihn finster an, ehe er ihr seinen Blick zuwandte. „Jetzt verstehe ich, warum der Bursche sich zum Narren gemacht hat.“ Er lächelte, lange, als ob dieser Ausdruck allein viel erreichen könnte. Er hatte dunkle Haare, war trainiert und gutaussehend, und er wäre der letzte Mensch auf der Welt gewesen, den es überrascht hätte, wenn das laut ausgesprochen würde. So viel wusste Catriona sofort. „Ihr seid also Zigeuner“, sagte er.

„Roma“, korrigierte Rory von seinem Platz auf dem schmalen Sitz des Wagens aus. Seine Stimme klang prägnant, und wie der junge Mann namens Galloway brachte auch er Verachtung zustande. Es war kein Gefühl, das Catriona billigte – nicht, wenn sie von zwanzig gut bewaffneten und berittenen Soldaten umzingelt war.

„Ich und mein Cousin sind eingeladen worden, bei den Festivitäten anlässlich des Geburtstags des Königs zu unterhalten“, sagte sie und beeilte sich, die Aufmerksamkeit von Rorys hochmütigem Gebaren abzulenken.

„Seid Ihr das in der Tat?“, fragte der düster aussehende Mann und neigte seinen Kopf, als wäre er beeindruckt.

„Lieutenant Brims“, begann Galloway. „Sie sind Zigeuner, und als solche …“ Er hielt inne, lehnte sich näher zu seinem Vorgesetzten und senkte dabei die Stimme. Aber in Wahrheit gab es keinen Grund, seine Worte hören zu müssen, schließlich war das alles schon früher gesagt worden.

Der ältere Mann richtete sich mit einem Grinsen auf, ohne seinen Blick von Catriona abzuwenden. „Ich glaube, die Wachen des Königs kommen mit ein paar Zigeunern in unserer Mitte zurecht.“

„Seid Ihr sicher, Sir?“, fragte ein anderer, während er sein Ross näher drängte. Auch er sah düster aus, aber sein Gesicht war schmal, mit schmalen Lippen. „Es sieht so aus, als müsse man sich etwas um dieses Mädel kümmern.“

„Bietet Ihr Euren Beistand an, Wickfield?“, fragte Brims und lächelte Catriona immer noch an.

„Das tue ich“, sagte der andere, und seine Augen leuchteten in der untergehenden Sonne.

„Sehr großzügig von Euch. Aber ich sehe keinen Grund, weshalb Ihr hierbleiben müsstet“, sagte der Offizier. „Ihr könnt mit den anderen auf Euren Posten zurückkehren.“

„Sir–“, wand Galloway ein, aber Wickfield unterbrach ihn, indem er ihm kameradschaftlich eine Hand auf die Schulter legte.

„Keine Sorge, Bursche“, sagte er. „Ich bin sicher, der gute Lieutenant weiß, was er tut.“

Galloway zögerte einen Moment, aber schließlich wand er sich den Männern hinter sich zu und befahl der Truppe, sich zu entfernen.

Das nachlassende Hufgetrappel klang dumpf in der stillen Abendluft. Celandine verscheuchte mit ihrer flachsblonden Mähne die Mücken, und von hinten hörte Cat, wie Bay mit den Pferden der Soldaten anbändelte.

„Ihr seid also Unterhalter?“, fragte der Lieutenant und lehnte sich auf den hohen Sattelknopf, während er auf sie herabstarrte. „Was tut Ihr?“

„Wir sind so etwas wie Akrobaten“, sagte Catriona. „Vielleicht erinnert Ihr Euch an uns, von vor ein paar Jahren.“

„Das war gewiss, ehe ich im Dienste des Königs stand“, sagte Brims und trieb sein Ross näher. „Denn gewiss hätte ich euresgleichen nicht vergessen.“

Catriona lächelte. Vor langer Zeit hatte sie gelernt, dass es ihre beste Verteidigung war, ein Lächeln parat zu haben, wenn die Vorteile von Flucht und Kampf nicht auf ihrer Seite waren. Und da ihr Zugpferd müde war und ihr Wallach nicht die Sorte Pferd, die Brims Reittier hätte abhängen können, stellte sie sicher, dass ihr Lächeln wirkungsvoll war. „Ich fühle mich fürwahr geschmeichelt, gütiger Herr“, sagte sie und blickte sittsam auf ihre Hände. „Aber ich bin sicher, dass ein Mann Eures Ranges dringlichere Angelegenheiten hat, die seine Aufmerksamkeit erfordern.“

„Dringlicher?“, fragte er und lachte. „Das bezweifle ich. Aber sagt mir, süßes Mädel, wie nenne ich Euch?“

Er war jetzt unangenehm nah. Nah genug, dass sie die Hitze seines Pferdes an ihrem Bein spürte.

„Man nennt mich Catriona.“

„Ein guter, schöner Name, aber einer, den ich noch nicht zuvor gehört habe. Er macht mich neugierig auf seine Herkunft. Vielleicht könnten wir in den Wäldern dort drüben einen Spaziergang machen und darüber reden.“ Er lehnte sich von seinem Sattel herunter, um mit der Rückseite seiner behandschuhten Finger ihre Wange zu streicheln.

Sie achtete darauf, nicht zurückzuweichen, obwohl sie Rorys Eifersucht auf ihrer anderen Seite wie eine greifbare Kraft spüren konnte. „Das täte ich wahrlich sehr gern“, sagte sie. „Aber ich fürchte, wir müssen schnell weiter Richtung Schloss.“

„Wieso die Eile, kleine Cat?“

„Der König hat verlangt, dass wir kommen.“ Das war nur zum Teil eine Lüge. „Es scheint unklug, ihn warten zu lassen.“

„Gewiss richtig“, sagte Brims. „Aber der König ist jung und mit den Vorbereitungen der Festivitäten beschäftigt. Ich bin sicher, dass ihm einige Minuten Verspätung nicht auffallen werden. Begleitet mich“, befahl er und streckte eine Hand nach ihr aus.

Aber in diesem Augenblick schwang die winzige Tür hinter ihr auf.

„Und was ist mit mir?“, krächzte eine Stimme so melodiös wie ein quietschendes Wagenrad. „Ich habe einen hübschen Namen. Würdet Ihr nicht gerne über den reden?“

Der Lieutenant fuhr unabsichtlich zurück, während sein Blick auf das Gesicht fiel, das von der schmalen Tür umrahmt wurde. Catriona wusste, was er sehen würde – Augen so schwarz wie Kohle in einem zahnlosen Gesicht, das aussah wie ein verdorrter Apfel.

„Sprecht“, befahl die alte Frau. „Oder hat meine Schönheit Euch verzaubert?“

Der Lieutenant starrte sie einen Moment lang an, dann lachte er. „Ich bin in der Tat recht verdutzt. Und wie ist wohl Euer Name?“

„Mein Name ist Geht Uns Zum Teufel Nochmal Aus Dem Weg Ehe Ich Einen Zauber–“

„Großmutter!“, unterbrach Cat schnell. „Dieser Gentleman sorgt lediglich dafür, dass wir sicher zum Schloss gelangen. Es wäre besser, wenn du dich ausruhtest, bis wir dort ankommen.“

„Aye“, sagte der Lieutenant, aber seine heitere Laune schien getrübt und sein Blick wand sich nicht von der Türöffnung ab. „Zieht Euch zurück, Alte. Eure Enkelin wird nur eine kurze Weile fort sein, es sei denn–“

„Sie wird gar nicht weggehen!“, stellte Rory klar und sprang auf, seinen Dolch bereits in der Hand.

Hinter ihm blitzte eine Bewegung auf. Etwas hob und senkte sich, und plötzlich fiel Rory wie eine Lumpenpuppe über den Sitz.

Von der anderen Seite des Wagens lächelte der schmalgesichtige Soldat herüber, während sein Ross auf der Stelle tänzelte.

„Schon so bald zurück, Wickfield?“, fragte Brims trocken.

„Ich sagte Euch, dass man sich etwas um sie kümmern müsse, Sir.“

„Und jetzt denkt Ihr ans Teilen, nehme ich an.“

Der Soldat zuckte mit den Schultern und grinste sie weiterhin an. „Wenn es ein Bankett gibt …“

„Nun gut“, sagte Brims und streckte eine Hand nach ihr aus.

Catriona trat rasch beiseite, aber Rorys lascher Körper verhinderte ihren Rückzug. „Ich entschuldige mich für meine Eile, edle Herren“, sagte sie. „Aber wahrlich, der König erwartet meine unmittelbare Ankunft. Ich wage es nicht, ihn zu enttäuschen.“

„Ihr solltet nicht wagen, mich zu enttäuschen“, warnte Brims, streckte sich und packte ihren Ärmel.

Die Zeit für Schläue war vergangen.

Catriona schlug die Zügel auf den Rücken der Stute und rief einen Befehl.

Der Cob sprang vorwärts und brachte den Wagen in Bewegung.

Catriona wurde nach hinten gerissen, aber der Griff des Hauptmanns löste sich und plötzlich war sie frei und flog die Straße hinunter aufs Schloss zu. Ihr Herz donnerte wie die wilden Hufschläge der Stute.

Hinter ihr bellten und fluchten die beiden Männer. Neben ihr rutschte Rory mit jedem Stoß näher an das wirbelnde Wagenrad heran.

„Flieg!“, rief sie der Stute zu, fuhr zur Seite herum und packte Rorys Kragen. Sie zog beim nächsten Stoß und riss ihn zu sich. Er prallte gegen ihre Beine, warf sie beinahe um, aber sie behielt das Gleichgewicht, packte die Zügel mit beiden Händen und drängte das Ross voran.

Die Stute war flink und mutig, aber Müdigkeit und ihre Last waren gegen sie. Catriona sah, wie Brims Ross sich langsam vorwärtsbewegte und seine Hände in Sicht kamen. Sie rief erneut, aber das Rennen war bereits verloren. Sie suchte verzweifelt nach einem Ausweg.

Etwas streifte ihre Schulter und sie drehte sich zur Seite, bereit für den Kampf, aber sie sah lediglich einen geschwärzten Kessel mit langem Griff. Sie riss ihn ihrer Großmutter aus den Händen, ließ die Zügel fallen, sicherte sie mit einem Fuß und machte sich bereit.

Eine weitere Sekunde … Eine noch … Brims’ Kopf war beinahe in Sicht – fast da. Cat wartete einen weiteren Augenblick, dann holte sie aus.

Heiße, pochende Panik durchfuhr Catriona, aber ihr Schlag klang richtig. Der Kessel donnerte wie eine Keule gegen Brims’ Stirn. Sein Kopf kippte nach hinten und sein Körper folgte. Er glitt von seinem Ross und war außer Sicht.

„Cat!“, kreischte die Großmutter.

Catriona drehte sich nach rechts, den Topf bereit für den nächsten Angreifer, aber in diesem Augenblick riss der Mann namens Wickfield sie von den Füßen. Der Topf schlug gegen die Seite des Wagens und betäubte ihre Finger, ehe er ihr aus der Hand fiel.

Sie wurde über den Sattel gerissen und die Kraft der hohen Geschwindigkeit presste ihr die Luft aus den Lungen. Unter den galoppierenden Hufen des Rosses verschwamm der Boden. Catrionas Beine hingen auf einer Seite des Pferdes und sie kämpfte um Halt, hielt sich mit einer Hand im Hemd ihres Angreifers fest, mit der anderen in der Mähne.

„Das nenne ich ein gutes Mädel“, knirschte Wickfield, seinen Arm fest um ihre Taille geschlossen. „Es ist am besten, zu wissen, wann Ihr besiegt seid.“

Sie konnte das Messer an ihrer Taille nicht erreichen. Konnte nicht … Plötzlich bemerkte Catriona, dass ihre Finger um einen Zügel geschlossen waren. Instinktiv zog sie daran.

Sie hatte nur einen Moment, nur einen winzigen Augenblick, ehe das Pferd strauchelte, aber sie war bereit. Während Wickfield darum rang, die Zügel zu richten – in der Sekunde, in der ihm bewusst wurde, dass sie fallen würden – riss sie ihre Beine unter sich und stieß sich vom Rücken des Pferds ab.

Sie prallte hart auf die Erde und überschlug sich, und als sie sich erhob, sah sie, dass das Pferd das Gleiche getan hatte, Wickfield aber nicht. Stattdessen lag er da, hielt sich den rechten Oberschenkel, fluchte und schwor mit abgehackt klingender Stimme Rache.

In diesem Augenblick hörte sie das Hufgetrappel. Sie drehte sich zu dem Lärm um, während ihr das Herz bis zum Halse schlug. Pferde donnerten heran und ein Dutzend uniformierter Männer war einen Moment später bei ihr. Der nächststehende Reiter warf sich von seinem stahlgrauen Pferd.

Soldaten! Und sie hatte zwei von ihnen verletzt!

Catriona wich zitternd einen Schritt zurück, während der Soldat näherkam. Von der Sonne hinter ihm erleuchtet, erhob er sich über ihr wie eine Burgmauer. Es gab gegen ihn und seine Männer keine Hoffnung. Es sei denn … Wickfields Pferd stand noch immer hinter ihr, und es schien unverletzt. Wenn sie es so weit schaffen könnte, hätte sie vielleicht eine Chance das Schloss zu erreichen und sich James’ Gnade zu unterwerfen.

Aber sie musste sich geschickt anstellen.

„Bitte, guter Herr …“ Sie musste das Zittern in ihrer Stimme nicht vortäuschen. Fürwahr, ihre Knie drohten einzuknicken. „Ich hatte nichts Böses im Sinn. Ich bin lediglich ein armes, unschuldiges, reisendes Mädel–“

Er streckte eine Hand nach ihr aus und sie reagierte ganz und gar nicht wie ein armes, unschuldiges Mädel, sondern wie eine Akrobatin, die seit ihrer Kindheit trainiert worden war. Ihre Ferse traf sein Gesicht, als sie sich rückwärts überschlug, und sein Kopf knickte zur Seite weg. Sie erhob sich mit einem Ruck, aber da schloss sich bereits mit unlösbarem Griff eine Hand um ihren Arm. Sie wurde auf ihn zu gerissen, sodass sie von Angesicht zu Angesicht standen, nur wenige Zoll voneinander entfernt. Enttäuschung und Wut kochten in ihr, dann spuckte sie ihn an, wie eine Katze am Ende ihrer List.

Der Speichel traf ihn direkt auf seine Wange. Sie fühlte, wie er sich anspannte, spürte seinen Zorn.

Und dann nickte er.

„Catriona“, sagte er.

„Hawk?“ Sie hauchte seinen Namen, sicher, dass sie sich irrte. „Sir Hawk?“

„Aye.“ Seine riesige Hand, die ihren Oberarm gepackt hatte, lockerte sich, aber der Muskel in seinem Kiefer tat es nicht. Kurz vor seinem linken Ohr begann eine Schwellung hervorzutreten, wie ihr auffiel. „Galloway hat mich informiert, dass da ein Mädel vom fahrenden Volk sei, das vielleicht mit Lieutenant Brims aneinandergeraten könnte. Also kam ich um …“ Er blickte zur Seite, sah den Mann am Boden und die reiterlosen Pferde. „Sie zu retten.“ Er seufzte und seine Haltung wurde etwas weniger angespannt. „Ich habe Euch nicht erwartet, Catriona. Mein Fehler, wie ich sehe.“

„Nay, ich hatte nicht vor zu–“

„Sir Hawk!“ Brims stolperte heran, seine Stimme atemlos und kratzend, seine Nase violett und geschwollen inmitten seiner sonst so attraktiven Züge. „Es ist nicht so wie es scheint. Ich sah diese Truppe Richtung Schloss reisen. Wissend, dass sie Zigeuner sind, fürchtete ich, dass sie dem König übelwollten. Deswegen setzte ich sie fest.“

Sir Hawk ließ Catrionas Arm los und blieb einen Moment lang absolut regungslos stehen. „Und Eure Männer?“, fragte er ruhig.

„Was?“

„Der Rest Eurer Männer – wo sind sie, Sir Brims? Wissend, dass Ihr es mit wilden Zigeunern zu tun habt, habt Ihre Eure Männer da nicht in der Nähe gehabt, damit das Mädel Euch nicht überwältigt?“

„Ich …“ Sir Brims hielt einen Augenblick inne, um seinem gestürzten Kameraden einen Blick zuzuwerfen, aber Wickfield starrte nur mit aschfahlem Gesicht vor sich hin, während er sein verletztes Bein hielt. „Ich sah, dass es nur wenige waren, also dachte ich, es sei sicher, meine Männer auf ihre Posten zurückzuschicken.“

Stille.

„Aber?“

„Was?“

„Aber was ist passiert?“

Sir Hawk hatte sich kaum verändert, seit Catriona ihn vor beinahe zwei Jahren das letzte Mal gesehen hatte. Kantiger Kiefer. Bogenförmige Nase. Vielleicht etwas mehr Silber in seinem Haar. Eine neue Narbe zog sich schräg über sein Kinn, aber seine Stimme war dieselbe: tief und gleichmäßig, als ob er jedes Wort sorgfältig abwägte, ehe es ausgesprochen wurde. „Was lief schief, Sir Brims? Ich würde meinen, Ihr wäret in der Lage, ein Mädel zum Schloss zu geleiten, ohne dass Wickfield sich ein Bein und Ihr Euch die eigene Nase brecht.“

„Gebrochen!“, krächzte er, bedeckte sie mit einer Hand, während er mit der anderen sein Schwert packte. „Verdammte–“

Catriona sah nicht einmal, wie Sir Hawk sich bewegte. Es schien beinahe, als hätte sich das blaue Wams des Lieutenants aus freien Stücken in Hawks Fingern verwickelt. Als ob es Brims wäre, der seine Brust ganz nah an Hawks Faust heranpresste.

„Ich bin zu alt, um an solch wilden Zurschaustellungen von Zorn Gefallen zu finden“, sagte Hawk sanft. „Deshalb warne ich Euch jetzt. Nicht nur bin ich Lady Catriona persönlich Dank schuldig, sie ist außerdem eine Freundin Seiner Majestät King James, also eine Freundin von Schottland. Versteht Ihr mich?“

„Aye. Aye, Sir Hawk.“

„Gut. Dann lasst uns fortfahren.“ Hawk lockerte seine Finger und ließ das Wams des Lieutenants aus der Hand gleiten. „Was ist hier passiert?“

Brims räusperte sich, erlaubte sich einen flüchtigen Blick in Catrionas Richtung und sprach deutlich: „Ich habe die anderen nach Blackburn geschickt, wie ich sagte, aber ich wollte nicht, dass die Lady allein reist. Deshalb–“

„Allein?“, fragte Hawk und blickte sie an.

„Nicht ganz allein“, sagte sie rasch und wünschte sich, dass sein Blick sie nicht so durchbohren würde. „Großmutter und Rory sind bei mir.“

„Was ist mit den anderen?“

Sie weigerte sich, ihren Blick abzuwenden, obwohl es schwer war. „Sie hatten nicht die Absicht, die lange Reise in den Norden zu unternehmen, und haben sich stattdessen mit der Familie zusammengetan.“

„Auch der junge Lachlan?“

„Aye.“

„Ich hätte nicht gedacht–“

„Sir Hawk“, unterbrach Brims, ungeduldig und offensichtlich unter Schmerzen. „Ich fürchte, wir haben die Stoßrichtung der Unterhaltung verloren.“

Hawk drehte sich langsam wieder zu seinem Lieutenant um, sein Ausdruck unergründlich. „Und was ist die Stoßrichtung, Brims?“

„Ich habe lediglich angeboten, die Lady nach Blackburn zu begleiten, mehr nicht.“

Hawk wandte ihr wieder seine Aufmerksamkeit zu. Ihre Blicke trafen sich.

Die Erinnerung erschütternder Furcht überschwemmte Catriona. Aber mit ihr kam das Wissen, dass sie hier die Außenseiterin war. Sie konnte es sich kaum leisten, Ärger in den Reihen zu verursachen. Dennoch, wenn sie keine Gerechtigkeit bekommen konnte, würde sie wenigstens die Wahrheit sagen. „Das war es nicht, was er angeboten hat“, sagte sie sanft.

„Verlogene–“, krächzte Brims, aber Hawk unterbrach ihn mit erhobener Hand.

„Ihr werdet nach Blackburn zurückkehren, den fälligen Lohn abholen und schnellstens verschwinden.“

Seine Stimme war tief und ausgeglichen.

„Aber–“

„Und wenn Euer Kopf nicht die Absicht hat, von Eurem Körper getrennt zu werden …“ Hawk beobachtete den Lieutenant mit dem Blick silberner, todernster Augen. „Werdet Ihr fort sein, ehe ich dort eintreffe.“

Einen Moment lang dachte Catriona, dass Brims dagegenhalten würde, aber er straffte sich und wandte sich ab.

Keine Menschenseele sprach. Irgendwo abseits stöhnte ein Mann, aber ob es Wickfield war oder Rory, der wieder zu Bewusstsein kam, konnte Catriona nicht sagen.

„Ich schulde Euch viel, Sir Hawk“, sagte sie sanft.

Er beobachtete sie mit unerschütterlicher Entschlossenheit. „Erinnert Euch daran“, sagte er, „wenn Ihr Blackburn Castle erreicht.“

Cat waren unsittliche Angebote nicht fremd. Sie war eine Roma, sie war jung und sie besaß eine Anziehung auf Männer, die sie nicht erklären konnte, die sie aber vor langer Zeit akzeptiert hatte. Sie hatte schon in zartem Alter gelernt, wie sie Männer entmutigte, ohne ihre eigenen Aussichten zu verschlechtern. Wie man sie beiseiteschob, während man ihnen im selben Atemzug schmeichelte. Aber dieser Mann war nichts als distanziert und respektvoll gewesen, seit dem Tag, an dem sie sich kennengelernt hatten: Als sie vor so langer Zeit nach Blackburn Castle geeilt war, um ihm von der Notlage seiner geliebten Nichte zu berichten. Hatte der Falke sich seitdem verändert? War er geworden wie so viele andere auch?

„Erhofft Ihr Euch etwas von mir, Sir Hawk?“, fragte sie, ihre Stimme vorsichtig und ausgeglichen.

„Aye.“ Er nickte einmal, langsam. „Ich würde Euch bitten, keinen Krieg anzuzetteln, solange Ihr in unserem kleinen Schloss seid“, sagte er und drehte sich auf dem Absatz um. Nein, er hatte sich nicht verändert. Sein Plaid blähte sich und legte sich um seine sehnigen Oberschenkel, als er davonschritt – ein stiller, Kilt tragender Bär inmitten kläffender Schoßhunde.

„Sir Hawk“, sagte sie und nahm all ihren Mut zusammen. „Darf ich um einen Gefallen bitten?“

Er drehte sich wieder um, seine Brauen tief über seine mond- und nebelfarbenen Augen gesenkt. „Schließt der ein, dass sich noch mehr meiner Männer etwas brechen und Blut verlieren?“

Wut durchfuhr sie Funken sprühend. Sie hatte nicht darum gebeten, ein unsittliches Angebot zu erhalten oder umworben zu werden. „Nur wenn die Männer sich als so vermessen herausstellen wie die bisherigen.“

Etwas in seinen Augen veränderte sich beinahe unmerklich – ein Funke Humor, vielleicht, obwohl seine Lippen unbeweglich und ernst blieben.

„Es heißt, dass ein hübsches Gesicht jeden Mann zum Narren machen kann, Mädel.“

„Dann ist es schwerlich meine Schuld, nicht wahr? Denn es ist das Gesicht, das mir gegeben ward.“ Sie fühlte sich plötzlich unbeschreiblich ermattet, viel älter als ihre zweiundzwanzig Jahre. „In Wahrheit hat es mir viel mehr Ärger gebracht als Freude.“

„Fürwahr?“ Er lächelte jetzt, obwohl der Ausdruck ironisch war und flüchtig, als er sich dürftig verbeugte. „Dann muss ich tun, was ich kann, um die Last Eurer Schönheit leichter zu machen, Lady Cat. In welcher Angelegenheit kann ich Euch beistehen?“

Kapitel 2

Catriona machte einen Schritt in die große Halle hinein. Ihr Herz trommelte in ihrer Brust und ihre Muskeln fühlten sich straff an, wie Messingdrähte, die zu fest auf eine Cister gespannt waren. Aber diese Empfindungen waren nichts Neues, lediglich verstärkt durch die Dringlichkeit dieser spontanen Darbietung.

„Ich kann das nicht tun“, hatte sie gesagt, aber Blackheart hatte nur gelacht. „Die Prinzessin Cat ist sich ihrer selbst nicht sicher? Gewiss nicht. Nay, Ihr werdet mir den jungen König bringen, und wenn Ihr es tut … Nun, die Wiedervereinigung mit Eurem kleinen Bruder wird recht anrührend sein, da bin ich sicher.“

Ein junger Edelmann zu ihrer Rechten bemerkte sie und wandte sich von seiner Unterhaltung mit einer blassen, jungen Frau in Rosa ab. Sein Mund stand offen, aber seine Worte waren verstummt. Das Trinkhorn glitt ihm aus den Fingern und fiel lärmend zu Boden. Um ihn herum wandten sich Köpfe in ihre Richtung. Die Gespräche in der Halle wurden zu Flüstern, dann herrschte Stille. In diesem Augenblick setzte die Musik einer Laute ein, sanft zuerst, dann ging sie auf wie ein musikalischer Mond. Als käme sie aus dem Nichts, erklang die Musik um sie herum.

Sie machte einen weiteren Schritt vorwärts, balancierte auf den Ballen ihrer bloßen Füße. Ein Schritt und noch einer. Weitere Köpfe drehten sich zu ihr um. Ein Weg öffnete sich vor ihr. Sie wirbelte einmal herum, dann noch einmal. Ihr Rock, gemacht aus Stoff so leicht wie Luft und so leuchtend wie Stechpalmenbeeren, wirbelte mit ihr, blähte sich vor dem dunklen, umgeschlagenen Stoff, den sie darunter trug. Sie streckte ihre Arme über den Kopf, tanzte einen Moment lang, dann bog sie ihren Körper vor und stellte sich einen Augenblick auf die Hände, ehe sie wieder auf die Füße fand. Ihr flatternder Rock beschrieb einen durchgängigen Bogen durch die Luft, und als sie landete – voilà – hatte sie einen Kelch in der Hand. Einen Kelch gefüllt mit Wein, und kein Tropfen war verschüttet.

Sie reichte ihn dem nächsten Edelmann und tanzte weiter. Ein Schritt, dann zwei. Aus dem Augenwinkel sah sie das erhöhte Podium in dem riesigen Raum.

Der Rhythmus der Musik jagte dahin. Nicht weit entfernt gab es einen freien Platz zwischen zwei Männern, die auf einer bankartigen Sitzfläche an einem Tisch saßen. Sie sprang leichtfertig in diese Öffnung, ihre Füße klatschten leicht auf das glatte, abgenutzte Holz, als sie sich wieder und wieder drehte.

Im Nu war sie auf dem Tisch. Platten, Salzfässchen, Kelche und Essen drängten sich auf der hölzernen Fläche. Aber es war kein großes Kunststück für sie, das Durcheinander zu meiden, auf der Oberfläche entlang zu tanzen, eine Tarte hochzuheben, mit einem Salto vom Tisch hinunterzuspringen und das Dessert dem nächsten Zuschauer anzubieten. Kein großes Kunststück, umherzuwirbeln, zu tanzen und zu verzaubern, ehe sie zu Füßen des Stuhls des Königs in einem Haufen hauchdünnen Stoffs zusammenfiel.

Die Musik setzte aus. Die Halle war still wie ein Mausoleum. Sie setzte sich langsam auf, hob ihre Arme über ihren Kopf und öffnete sich wie eine Blume der Sonne. Und mit ihrer Bewegung kamen die Vögel, flogen mit zierlichen, gelbgrünen Flügeln vor ihr auf.

Sie beobachtete, wie der König sein sommersprossiges Gesicht zur Decke hob, sah, wie er vor Entzücken kicherte, ehe er sich schließlich zu ihr zurückwandte.

„Lady Cat.“ Seine Stimme war seit ihrem letzten Besuch etwas tiefer geworden, aber die Glätte seiner Wangen zeigte noch die Züge eines Knaben. „Ihr seid zurückgekehrt.“

„Aye.“ Sie erhob sich unter lärmendem Applaus, verbeugte sich tief und lächelte. „Sagte ich nicht, dass ich das würde?“

„Aye. Aber es ist ewig her, und noch länger.“

Sie lachte. „Vielleicht für einen Knaben, aber gewiss nicht für einen König“, sagte sie sanft.

„Bin ich nicht zuerst ein Mensch, und dann ein König?“

„Aye. Das seid Ihr, Eure Majestät“, sagte sie. „Und ein junger Mann, wie ich sehe. Ihr seid doppelt so groß wie bei unserem letzten Zusammentreffen.“

„Ich bin fast zwölf Jahre alt.“ Da war Begeisterung in seiner Stimme. „Mein Geburtstag rückt näher.“

„Tut er das?“ Sie hielt den Atem an und wartete auf seine nächsten Worte.

„Aye. Es wird viel zu Feiern geben. Ihr müsst kommen.“

Sie konnte spüren, wie ihr Herz in trommelnder Erleichterung gegen ihre Rippen klopfte. „Aber, Eure Majestät, ich–“

„Nay, Ihr müsst!“, sagte er. „Ich bestehe darauf. Ihr werdet bei den Festivitäten auftreten.“

Danke dir, Gott. „Ein einfaches Roma-Mädel bei einem solch überschwänglichen Fest? Was wird Euer Rat sagen?“

„Sie werden sagen …“ Er blickte finster drein und warf einen verschmitzten Seitenblick zu Lord Tremayne, seinem ältesten und unnachgiebigsten Berater. „Diese Zigeuner sind der Teufel in Menschengestalt und müssen aus unserer Mitte verbannt werden.“

„Werden sie?“

„Aye. Und ich werde sagen …“ Er hob sein Kinn und wedelte leichtfertig mit der Hand.

„Akzeptiert meine Freunde oder verliert Eure Köpfe.“

„Könnt Ihr das sagen?“, fragte sie und stellte sicher, dass ihre Stimme angemessen ehrfürchtig klang.

Er zuckte mit den Achseln und lehnte sich näher, um zu flüstern. „Oh, aye, ich kann das sagen, aber bisher sind mir noch keine Köpfe entgegengekommen.“

Sie lachte. „Es ist gut, Euch wiederzusehen, Eure Majestät.“

„Sagt, dass Ihr an meinem Geburtstag auftreten werdet.“

„Sonst werde ich meinen Kopf einbüßen?“

Neben ihr schritt Sir Hawk heran und verbeugte sich leicht.

„Warum habt Ihr mir nicht gesagt, dass sie gekommen ist?“, fragte James.

„Vielleicht wusste ich es nicht“, sagte Hawk, aber der König spottete.

„Eine Made könnte dieses Schloss nicht betreten, ohne dass Ihr es wisst. Genauso wenig kann ich atmen ohne Eure Erlaubnis.“

Hawk neigte den Kopf. Die schwarze Feder seiner tiefgrünen Haube wippte. „Ich versuche lediglich Euch zu beschützen, Eure Majestät.“

„Dann würde ich vorschlagen, dass Ihr mich über unsere Gäste informiert“, sagte eine Stimme an Cats Ellenbogen.

Sie drehte sich um. Lord Tremayne sah nicht anders aus als bei ihrem letzten Treffen. Er war ein Mann von unbestimmtem Alter, mit Wangenknochen, die so scharfkantig waren, dass man sich daran schneiden konnte. Er starrte sie mit blassen, wässrigen Augen an und schürzte die Lippen, die mit der ausgetrockneten Farbe seines Gesichts verschmolzen.

„Es ist eine Freude, Euch wiederzusehen, mein Lord“, log sie.

Er hob eine einzelne Braue. „Erklärungen, Sir Hawk“, sagte er, ohne seine Aufmerksamkeit von ihr abzuwenden.

„Catriona von den Bairds ist eine Freundin vom Clan der MacGowans und eine Freundin des Throns“, sagte Hawk, und seine tiefe Stimme drang nicht über die kleine Gruppe an Zuhörern hinaus.

„Aber ich habe nicht gestattet, dass sie hier anwesend sein darf“, sagte Tremayne. „Deshalb–“

„Wer ist diese Person?“, fragte ein anderer Edelmann, der sich mithilfe seiner Ellenbogen nach vorne drängte. Er war eine gute Hand breit kleiner als Tremayne, obwohl sein erhöhter Körperumfang ihn wesentlich kleiner aussehen ließ. Er rang darum, etwas aus einem Beutel zu befreien, den er an der Seite trug. „Und warum ist sie hier?“, fragte er und kämpfte immer noch mit dem aufsässigen Beutel.

„Meine Vergebung, guter Herr“, sagte Catriona und verbeugte sich behutsam. „Die Schuld für meine unhöfliche Unterbrechung liegt ganz allein bei mir.“

„Es ist …“, begann der Mann, aber just in diesem Moment vermochte er es, seine Drahtbrille heraus zu angeln. Hinter dem gewölbten Glas weiteten sich seine Augen, ehe er blinzelte wie eine geblendete Eule. „Wer ist sie?“, fragte er erneut, aber die Frage war jetzt ein gehauchtes Flüstern.

„Sie ist Catriona vom Clan der Bairds, Eure Gnaden. Manche nennen sie Prinzessin Cat. Das ist nur ein Höflichkeitstitel, denn ihre Herkunft ist bescheiden, es sei denn, Ihr glaubt den wilden Geschichten über Ihre Vorfahren.“ Hawks Stimme war so trocken wie Pergament. „Und Lord Tremayne hat natürlich recht; es hätte ihr nicht erlaubt sein sollen, die königliche Versammlung zu stören. Fort mit Euch“, sagte er und wandte sich dramatisch an Cat.

„Gewiss scherzt Ihr“, hielt ein Edelmann dagegen, der sich durch das Gedränge schob.

Gekleidet in einer senfgelben Kniehose und einem geschlitzten, karmesinroten Wams war er der Inbegriff höflicher Vornehmheit. „Wir können das Mädel schwerlich vor die Tür setzen. Es ist praktisch mitten in der Nacht. Sie braucht einen Platz zum Schlafen.“ Er griff nach ihrer Hand, verbeugte sich sanft über ihren Knöcheln und schenkte ihnen einen verweilenden Kuss. Wo der Herzog untersetzt war und langsam kahl wurde, war dieser Mann schmal und veredelt, mit hübschen Zügen und perfekten Zähnen. „Marquis de la Faire“, stellte er sich vor. „Aber Ihr dürft mich Boswell den Schönen nennen.“

„Ich sagte nicht, dass wir sie vor die Tür setzen“, beharrte der kurzsichtige Herzog. „Ich habe lediglich gemeint …“ Einen Moment lang bemühte er sich um Worte und vielleicht auch darum, Luft zu bekommen, dann sagte er: „Schließlich wollen wir nicht, dass man den König für lieblos hält.“

„Aber was ist mit seiner Sicherheit?“, fragte Hawk.

„Sicherheit!“, spottete der korpulente Mann und wandte seinen Blick mit einem schwerfälligen Seufzen wieder zu Catriona. „Welch Unheil kann ein winziges Mädel schon anrichten? Und solch ein …“ Er hielt inne, während er sie genauer betrachtete – ihr Gesicht, ihr Mieder, eng verschnürt, damit alles an seinem Platz blieb, ihre Taille und dann hinab zu ihren Händen, die sie unter ihren geschlitzten rot-schwarzen Ärmeln verschlungen hielt. „Solch ein zierliches Ding noch dazu.“

Sie hatte sich gerade vom Tisch in ihre Mitte hinein katapultiert. „Zierlich“ schien keine passende Beschreibung zu sein, aber Catriona gehörte nicht zu jenen, die dagegenhielten, wenn die Dinge sich zu ihren Gunsten entwickelten.

„Aye“, sagte Sir Hawk, und sein trockener Tonfall unterstellte, dass er weder Wickfields Stöhnen, noch die violette Nase seines Lieutenants vergessen hatte. „Sie ist wahrlich ein zierliches Mädel.“

„Ihre Gestalt ist vollkommen“, sagte de la Faire.

Sie lächelte und versuchte, die Versammlung von Lords und Ladies zu erfassen, die näher drängten, um eine bessere Aussicht zu haben.

„Wäre mir die Herzlichkeit auf Blackburn Castle bewusst gewesen, wäre ich eher gekommen“, sagte sie.

„Ihr seid noch nie in unserem schönen Schloss gewesen?“, fragte de la Faire.

„Vor langer Zeit“, sagte sie. „Und da auch nur für einen kurzen Besuch.“

„Dann muss ich Euch herumführen“, sagte der Franzose.

„Ich kenne das Schloss so gut wie jeder andere“, behauptete der bebrillte Herzog. „Deshalb–“

„So sehr ich Eure großzügigen Angebote zu schätzen weiß“, unterbrach Catriona. „Es war eine lange und beschwerliche Reise. Wahrlich, ich wünsche mir nichts mehr als ein Bett und–“

„Ich habe ein Bett“, flötete ein junger Edelmann mit schiefen Vorderzähnen und einem ebenso schiefen Grinsen.

„Und Abgeschiedenheit“, schloss Catriona. Sie ignorierte die niedergeschlagenen Gesichtsausdrücke der sie umgebenden Männer und wandte sich zum König um. „Eure Majestät, ich danke Euch für Eure freundliche Audienz.“

Er erhob sich mit der schwungvollen Energie der Jugend aus seinem Stuhl. „Sagt mir, dass Ihr bleibt und an meinem Geburtstag auftretet.“

Sie wandte ihren Blick zu Tremayne und seinem kurzsichtigen Gegenüber. „Ich habe nicht die Absicht, unter Euren treuen Beratern Groll zu verursachen.“

„Nay, nay“, summte Lord Augenglas. „Es ist ein königliches Ersuchen. Was können wir tun, als ihm zu entsprechen?“

Tremayne sagte nichts.

„Dann stimme ich bereitwillig zu“, sagte Cat.

„Ich habe mich in der Reitkunst geübt, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben“, sagte James.

Einen Moment lang fragte sie sich, was er meinte, aber dann erinnerte sie sich an ihre gemeinsame Zeit – an das ernste Bemühen des jungen Königs, während er versuchte, ein paar der einfacheren Tricks zu lernen, die sie ihm gezeigt hatte.

„Das müsst Ihr vorführen, wenn wir das nächste Mal reiten.“ Sie machte einen Knicks. „Meinen Dank, Eure Hoheit“, sagte sie und wandte sich ab.

„Dann werde ich Euch gewiss wiedersehen“, sagte der Herzog, der ihr hinterher wankte.

Ehrlich gesagt hing das davon ab, ob er seine Brille zur Hand hatte.

„Darf ich Eure Gemächer sehen?“, fragte der Franzose, während andere ihn von hinten bedrängten.

„Sir Hawk hat mir versprochen, mich zu geleiten“, sagte sie und warf dem riesigen Soldaten einen Blick zu.

Er hob ob ihrer Lüge leicht eine Augenbraue, trat aber mit einer Verbeugung vor.

„Vergesst mich nicht, wenn ihr eine Führung wünscht“, sagte de la Faire.

„Wie könnte ich?“, fragte sie und schob ihre Hand in Sir Hawks Armbeuge.

Unter ihren Fingern erwachten Muskeln zum Leben, die von Zeit und Kampf veredelt worden waren, als er sie durch die dicht gedrängte Menge führte.

„Beklagt Ihr wieder den traurigen Umstand Eurer Schönheit?“, fragte er leise, ohne zu ihr herabzublicken, während er die schwere Tür zur Halle öffnete.

Sie lächelte und nickte einem jungen Edelmann zu, der ein Knie anwinkelte und sich vor ihr verbeugte. „Ich habe lediglich gesagt, dass sie mir mehr Ärger bringt als Freude“, erinnerte sie ihn. „Ich habe nicht gesagt, dass ich zu stolz sei, sie einzusetzen.“

„Dann verwendet sie zu Eurem größten Vorteil, Mädel“, sagte er, „denn die Festivitäten des Königs beginnen in weniger als zwei Wochen. Und ich bezweifle, dass Tremayne Eure viel beklagte Schönheit danach noch dulden wird.“

„Vierzehn Tage!“ Die Worte blieben ihr im Halse stecken.

„Aye.“ Er warf ihr einen schneidenden Blick zu. „Stimmt etwas nicht?“

„Nay. Es ist nur so, dass es so viel zu planen gibt, wenn ich eine so große Versammlung unterhalten soll. Kostüme, Tricks …“

„Eure Darbietung heute Abend war recht eindrucksvoll.“

Sie konnte nicht sagen, ob er sich auf ihre Akrobatik oder ihre Unterhaltung danach bezog, aber seine nächste Aussage beantwortete ihre unausgesprochene Frage.

„Die Catriona, an die ich mich erinnere, war nicht so hinterhältig.“

„Damals war ich jünger.“ Viel jünger. Fürwahr, sie fühlte sich so alt wie die sich windenden Steinstufen, die sie hinaufstiegen. „Hat es etwas so Entsetzliches, bei der Feier eines Königs auftreten zu wollen?“

„Ganz und gar nicht. Aber Ihr hättet einfach fragen können.“

„Wen? Euch oder Lord Tremayne?“

Er erkannte ihren Standpunkt mit einem einfachen Nicken an. „Ihr habt Glück, dass der Herzog von Ramhurst nicht gänzlich blind ist, sonst hätte Eure List durchaus fehlschlagen können.“

Sie lachte, als sie die Tür der Gemächer erreichten, die ihr zur Verfügung gestellt worden waren. „Es ist gut, wenn ich meine manipulativen Muskeln von Zeit zu Zeit trainiere.“

„Ich fürchte, ich verstehe nicht.“

„Das liegt daran, dass Ihr kein Unterhalter seid.“

„Stimmt. Ich bin nichts als ein–“, setzte er an, dann drehte er sich überrascht um, als ein Paar Grünfinken die Treppen hinauf und auf sie zu flatterten. Sie huschten auf ihre Schulter zu und setzten sich, aber sie öffnete die Tür und scheuchte sie hinein. „Was sagtet Ihr?“

„Ich sagte, dass ich nur ein ängstlicher, alter Krieger bin.“

„Falsche Bescheidenheit, Sir Hawk?“, fragte sie.

„Schmerzliche Bescheidenheit“, gab er zurück.

„Ich glaube, Ihr unterschätzt Euch“, sagte sie und sah durch ihre Wimpern zu ihm auf.

„Und ich glaube, Ihr solltet jüngeres Wild suchen, an dem Ihr Eure Jagdfähigkeiten verfeinern könnt.“

Sie lachte laut und zog ihre Finger von seinem Arm. Ihre Knöchel streiften seine Brust, und einen Augenblick lang dachte sie beinahe, sie habe ihn scharf einatmen gehört. „Ich glaube, Ihr würdet einen guten Unterhalter abgeben, Sir Hawk. In Wahrheit ist die Fähigkeit, sein Publikum einschätzen zu können, eine wichtige Eigenschaft. Es scheint, Ihr würdet Euch in dieser Hinsicht gut schlagen; und Ihr würdet mit Eurem erbitterten, finsteren Blick recht verwegen aussehen. Vielleicht ein ausladender Umhang, um das dramatische Schauspiel zu verstärken. Aber …“ Sie zuckte mit den Achseln. „Mistress Hawk könnte daran Anstoß nehmen.“

Er sagte nichts.

Sie räusperte sich und beäugte ihn misstrauisch. „Vielleicht kennt Ihr die Regeln dieses Spiels nicht“, sagte sie. „Ich frage, und das recht subtil, wenn ich das hinzufügen darf, ob Ihr verheiratet seid.“

„Marcele ist vor etwa fünfzehn Jahren gestorben.“

„Oh.“ Unvermittelt fühlte sie sich sehr närrisch und ziemlich unreif. „Meine Vergebung.“

Die Stille breitete sich auf unbehagliche Weise aus.

„Es war eine arrangierte Heirat zwischen ihrer Familie und Lord Beaumont.“

„Einem Franzosen?“

„Er war einige Jahre lang mein Lehnsherr.“

„Und Ihr habt ihn mit Euren Fähigkeiten und Eurer Ergebenheit beeindruckt.“

Er leugnete es nicht. „Ich hätte mich weigern sollen. Sie war …“, begann er, dann hielt er inne.

„Was?“

„Zerbrechlich“, sagte er. „Sie starb, während sie mein Kind im Leib trug.“

„Also habt Ihr keine Kinder … abgesehen vom König, natürlich.“

„Mit solcherlei Reden könntet Ihr dafür sorgen, dass ich den Kopf verliere, Mädel“, warnte er trocken.

„Ich meinte lediglich, dass vermutlich nicht viele Wachen eine solche Nähe zum jungen James teilen.“

„Der Weg eines alten Soldaten, seine Jugend zurückzuerobern, schätze ich.“

„Wie alt?“

Er hob leicht amüsiert seine Brauen. „Ich hoffe, das Zimmer ist zu Eurer Zufriedenheit, Lady Cat.“

„Ihr habt keine Absicht, mir zu antworten?“

„Recht scharfsinnig für einen Säugling, der gerade aus den Windeln heraus ist.“

Sie starrten einander einen Moment lang schweigend an. Eine seltsame Art atemloser Spannung stahl sich über sie. Sie ließ ihren Blick sinken.

„Mein Dank, dass Ihr mich vor Lord Tremayne gerettet habt. Es scheint, als habe er nichts für mich übrig“, sagte sie schließlich.

„Gerettet?“ Sein Ausdruck bekam etwas leicht Überraschtes. „Ich hatte gehofft, Euch von Blackburn zu vertreiben, ehe Ihr noch mehr Schwierigkeiten macht. Unglücklicherweise fand der Herzog von Ramhurst seine Brille zu schnell.“

Sie wusste, dass es weise wäre, das seltsam lustvolle Kribbeln zu ignorieren, das sein aus dem Stand gemachtes Kompliment verursacht hatte. „Was beweist, dass alles so passiert, wie es passieren soll“, sagte sie.

„Oder dass Alter nicht vor Torheit schützt.“

„Wie alt?“, fragte sie erneut.

„Der Herzog? Zu alt für Euch“, sagte er.

„Und Ihr?“

„Er ist entschieden zu alt für mich.“

Sie lächelte, dann wurde sie ernsthaft. „Noch einmal meinen Dank, Sir Hawk.“

„Meine Schuld ist zu lange unbeglichen gewesen“, erinnerte er sie.

„Das stimmt nicht.“ Sie blickte zum nahegelegenen Fenster und erinnerte sich an das erste Mal, als sie ihn getroffen hatte. „Es war leicht, nach Blackburn zu eilen und Euch mitzuteilen, dass Rachel und ihr Liam in Schwierigkeiten geraten waren. So viel habe ich ihnen mindestens geschuldet. Liam hat mir einiges an Fingerfertigkeit beigebracht und Rachel … Rachel war eine Heilige; und eine Freundin, als ich eine Freundin brauchte.“

„Und sie ist auf ewig meine Verwandte“, sagte er und beobachtete sie immer noch. „Ich stehe in der Schuld ihrer Mutter, Lady Fiona.“

„Wahrlich?“, fragte sie fasziniert. „Der große Falke der Highlands. Es scheint nicht möglich, dass Ihr irgendjemandem etwas schuldet.“

Er neigte den Kopf. Er hatte kein schönes Gesicht, aber es war massiv und männlich, gemeißelt von Zeit und Charakter, mit einer Furche auf beiden Seiten seines Mundes wie verlängerte Grübchen und einer schiefen Nase, die eine bewegte Vergangenheit nahelegte. „Es war eine Zeit, in der ich sogar jünger war als Ihr, kleine Cat.“

„Nay!“, sagte sie und vermochte es, überrascht zu klingen.

„Aye. Lange vor Anbeginn der Zeit natürlich.“

„Ah. Also sagt mir, was Rachels Mutter vor Anbeginn der Zeit für Euch getan hat.“

„Bloß mein Leben gerettet.“

Der gewölbte Flur um sie herum lag in Stille.

„Erzählt mir davon“, sagte sie sanft.

„Ich dachte, Ihr wärt recht erschöpft.“

„Erzählt es mir.“

Er zuckte mit den Achseln und lehnte sich mit einer muskulösen Schulter an die Wand. Seine Bewegung hatte etwas zwanglos Kräftiges, verwoben mit einer ungewöhnlichen, unbewussten Anmut. „Meine Halbschwester nahm mich auf, als ich klein und kränklich war und niemanden hatte, der sich um mich kümmerte. Es war ihre Schwägerin, Lady Fiona, die mich gesund pflegte.“

Sie warf einen Blick auf den Muskel, der unter den Ärmeln seines rostbraunen Wamses anschwoll, dann ließ sie ihren Blick über die Masse seiner Brust zu seinen undurchdringlichen Augen gleiten. „Ihr scherzt.“

„Es gibt jene, die sagen, dass Lady Fiona einen Frosch in einen Prinzen verwandeln könne. Was, wenn man darüber nachdenkt, das Wunder, das sie an mir vollbracht hat, etwas weniger wundersam erscheinen lässt.“

„Also hat Rachel die Heilkunde von ihrer Mutter geerbt.“

„Aye.“

„Und sie ist Eure Verwandte.“

„Tatsächlich ist sie die Tochter des Bruders des Ehemannes meiner Halbschwester.“

„Fast schon Zwillinge.“

Seine Augen lächelten. „Nahe genug, schätze ich, dass sie keinen Wunsch verspürten, mich sterben zu lassen. In Wahrheit bestanden sie darauf, dass ich lebe. Ungeachtet der Tatsache, was meine Lungen davon hielten.“

Es war schwer, ihn sich als Kind vorzustellen, denn er schien die Verkörperung von Männlichkeit zu sein. Während sie ihn anstarrte, stellte sie sich den Knaben vor, der er gewesen war – dunkles Haar, ein düsterer Ausdruck, ein flüchtiger Schatten dessen, was er werden würde. Lachlan nicht unähnlich – brennendes Potenzial in einem winzig kleinen Rahmen. Aber daran würde sie jetzt nicht denken. „Wer sind ‚sie‘?“, fragte sie.

Er hielt einen Augenblick inne, dann richtete er sich auf. „Stimmt irgendetwas nicht, Mädel?“

„Nay.“ Sie ließ ihr Lächeln heller strahlen. „Nichts. Es ist nur … schwer sich Euch als etwas anderes als einen Fels vorzustellen.“

Sein Blick wich nicht aus ihrem Gesicht. „Hat Rory sich erholt?“

„Aye. Kopfschmerzen, nichts Schlimmeres.“

„Und Euer Lachlan. Ist er gesund und munter?“

„Oh, aye. Wenn er noch etwas munterer wäre, müsste ich ihn an das fahrende Volk verkaufen.“

Sie lachte.

„Der junge James wäre froh gewesen, ihn zu sehen.“

„Es war traurig, ihn zurückzulassen. Er ist so gescheit und lästig wie eh, aber ich fürchtete, dass Blackburn nicht genug Vorräte hätte, um seinen Appetit zu stillen. Er isst so viel wie Bear.“

„Also ist auch der Bär zurückgeblieben?“

„Aye. Sie streiten sich wahrscheinlich gerade um Heringspastete.“ Ihre Kehle schnürte sich zu, verstopft von Schrecken und Tränen. Wenn Bear doch nur bei Lachlan gewesen wäre, als Blackhearts Männer ihn im Wald getroffen hatten, würde ihr Bruder vielleicht noch bei ihr sein.

Sie drängte die Furcht beiseite. Jetzt war nicht die Zeit für hilflose Gefühle. Jetzt war die Zeit zu handeln, zu planen, klar zu denken und kühne Taten zu vollbringen. Aber weder dachte sie klar, noch war sie kühn. Sie war verängstigt, verloren und überfordert, aber sie wagte nicht, es zu zeigen – also kämpfte sie sich voran und versuchte, Hawks Aufmerksamkeit abzulenken. „Just ehe ich ihn verließ, gab er mir ein Rätsel auf“, sagte sie. „Wer ist grau bei der Geburt, schön zur Reife und rabenschwarz am Lebensabend?“

Hawk dachte einen Moment nach, sein Blick unerschütterlich. „Der Tag“, schlussfolgerte er. „Dunkel am Morgen. Schön zur Mittagsstunde. Und schwarz in der Nacht.“

„Ein Krieger und ein Gelehrter“, sagte sie.

„Ein zerbrechliches, kleines Kind, das nichts zu tun hat, als den Schelm mit Rätseln zu plagen.“

„Den Schelm?“

„Der Ehemann der Flamme.“

„Die Flamme?“

„Meine Halbschwester.“

„Sie klingen recht faszinierend.“

„Ein lästiger Haufen, entschlossen, die Highlands heimzusuchen.“

Und er verehrte sie. Das war so offensichtlich wie seine stille Stärke.

„Die Heilige Lady, Dugald der Drache, Liam der Ire, Roderic der Schelm, Fiona die Heilerin …“ Er zuckte mit den Schultern.

„Sagt mir, Sir Hawk, gibt es irgendjemanden in Eurer Familie mit einem gewöhnlichen Namen? Einen Arthur oder Malcom vielleicht?“

„Mein christlicher Name ist Haydan.“

Sie nickte. „Haydan der Falke der Highlands“, sinnierte sie. Irgendwie schien das richtig. Aber würde der Falke ihr Verderben sein?

Kapitel 3

„Wir werden erfahren, wenn Ihr es jemandem verratet. Wir werden es wissen“, flüsterte Blackheart seidig. „Und dann wird der Junge auf eine Art und Weise leiden, die Ihr Euch nicht vorstellen könnt.“

Wie sollte er es erfahren? Wie? Wer war er? Sie nannte ihn Blackheart, aber sie kannte ihn nicht. Wusste nicht mal, ob sie ihn vor ihrer einen, schrecklichen Audienz bei ihm schon einmal getroffen hatte. Aber er war ein Feigling. So viel wusste sie, denn er hatte einen unschuldigen Jungen gefangen genommen und seine Forderungen gestellt, ohne ihr zu erlauben, einmal sein Gesicht zu sehen. Er könnte in diesem Augenblick in Blackburn sein und sie aus der Nähe beobachten.

Die große Halle von Blackburn war erfüllt von Lärm – dem Lachen von Kindern, der Musik eines Psalteriums und hundert Stimmen, die alle gleichzeitig sprachen.

Catriona suchte den hohen Raum ab, während sie ihre Großmutter durch das Gedränge zu einem leeren Platz an einem auf Böcken stehenden Tisch führte. Um sie herum schlenderten Lords, Ladys und Soldaten sowie Diener und Hunde.

Sowans, der schottische Brei aus Hafer und Gerste, dampfte in Töpfen, stand dicht an dicht mit runden Laiben feinen Weißbrots, gebratenem Wildbret und einem Dutzend anderer, verlockender Delikatessen. Ale wurde weitaus bereitwilliger serviert als Milch. Met und Bier flossen reichlich.

Marta setzte sich ächzend auf einen Platz und blickte einen Diener finster an, bis er ihr eine hölzerne Schale und eine beinahe flache Schöpfkelle anbot. Dann war sie damit beschäftigt, Honig in ihren Haferbrei zu rühren und ihr Frühstück zu essen, während Catriona ihren ledernen Krug füllte.

„Erlaubt mir.“

Catriona blickte auf und sah, wie de la Faire ihr mit einem Lächeln das Ale aus der Hand nahm.

„Guten Morgen“, sagte er. „Ich nehme an, Ihr habt gut geschlafen in unserem hübschen Schloss.“

„Aye.“ Das war eine glatte Lüge. Sie hatte kaum geschlafen. „Sehr gut.“

„Und was ist mit Euch, Großmutter?“, fragte er und wandte sein vollkommenes Lächeln mit der Selbstsicherheit der Privilegierten, die zufällig auch anmutig waren, Marta zu.

„Ich bin alt“, murmelte sie und blickte ihn aus ihren Augen, die finsterer waren als die Hölle, wütend an.

„Ihr scherzt.“ Er ließ sein Lächeln noch heller strahlen. „Ihr seht keinen Tag älter aus als–“

„Ich bin älter als die Warzen am Arsch Eures Vaters“, sagte sie. „Und ich habe keine Zeit für Eure–“

„Auch sie hat gut schlafen“, unterbrach Catriona rasch.

„Meines Vaters–“ Er hielt inne. „Woher wusstet Ihr, dass er Warzen hat?“

„Wie ist Euer Name?“, fragte Marta, während sie ihren festen Blick auf den Franzosen gerichtet hielt.

De la Faire blinzelte stutzig, versuchte aber sein Gleichgewicht wiederzuerlangen. „Ich bin der Marquis de la Faire aus Marseille.“

„Wenn Ihr aus Marseille seid, was tut Ihr dann hier?“

Er lachte, aber es klang nervös, als er seinen Blick zu Cat gleiten ließ. „Mein Vater hat mir aufgetragen, den König um einen Gefallen zu bitten.“

„Warum fragt Ihr dann nicht und verschwindet wieder?“

Er scharrte mit seinen Pantoffeln auf dem Boden. Sie liefen spitz zu, rot auf der einen Seite, weiß auf der anderen. Aber es war der Rest seiner Tracht, der wahrlich atemberaubend war: Eine sonnenblumengelbe Kniehose; ein rotes, großzügig geschlitztes Wams; und eine perlenbesetzte Schamkapsel von der Größe einer Melone. Falls Cat irgendwelche Schwierigkeiten hätte, wachzuwerden, würde es mit diesem Ensemble klappen.

„Ich bin anlässlich des Geburtstags des Königs gekommen“, sagte der Franzose, der dann etwas beschämt aussah. „Vater sagte, es wäre weise, Geschenke mitzubringen.“

„Hmpf“, grunzte Marta.

Catriona beobachtete sie atemlos. Aber als die alte Frau aufsah, war ihr Blick unbestimmt. Sie zuckte mit den Achseln und schüttelte erschöpft den Kopf. Cat wandte sich ab und blickte durch den überfüllten Raum, aber es gab so viele unbekannte Gesichter, zu viele Ungewissheiten. Plötzlich konnte sie nicht länger stillsitzen. Sie erhob sich ruhelos.

„Prinzessin Catriona, es ist gut, Euch wiederzusehen“, sagte der bebrillte Herzog vom vergangenen Abend.

„Catriona.“ Ein weiterer Mann betrat die Runde. „Welch ungewöhnlicher Name. Meine Ehefrau heißt Catlina. Wir sind mit unserer Roberta hier“, sagte er und warf einem blassen Mädchen in Rosa einen Blick zu, das gerade kühn genug war, den Blick vom Tisch zu heben. „Sie wird sich mit Lord Drummond verloben.“

„Ich habe Euren Auftritt gestern Abend genossen“, sagte ein anderer. „Ich muss sagen, ich habe dergleichen noch nicht gesehen.“

„Es war großartig.“

Von allen Seiten drängten Männer heran.

„Ich habe einst das Porträt einer indischen Prinzessin gesehen. Ihr habt eine verblüffende–“

„Ich kann bei all dem Lärm nicht denken“, krächzte Marta. „Bursche!“ Sie ließ ihren teuflisch finsteren Blick zu den Soldaten am Nebentisch schnellen. „Sag ihnen, dass sie still sein sollen.“

Catriona spürte mehr, als dass sie es sah, wie Haydan sich näherte. Obwohl die Höflichkeit verlangte, dass sie ihre Aufmerksamkeit dem Mann zuwandte, der gerade mit ihr sprach, drehte sie sich um, um Hawk zu beobachten. Für einen Mann solcher Größe bewegte er sich mit der leichtfertigen Heimlichkeit eines Jägers.

„Es ist einige Zeit her, dass ich Bursche genannt wurde“, sagte er, sein Blick ruhte auf Martas Verdorrtem-Apfel-Gesicht.

„Alle Dinge sind jung, wenn man sie mit etwas vergleicht. Die Eiche ist nur ein Säugling im Vergleich zur Sonne“, sagte Marta und blickte zu ihm herauf.

Sein Ausdruck veränderte sich nur leicht – obwohl Catriona nicht hätte sagen können, wie. Falten in seinen Augenwinkeln vielleicht.

„Edle Herren“, sagte er und richtete sein Wort an die Schar, die sich näher drängte. „Ich glaube, die Witwe Baird braucht etwas Platz.“

Keine Menschenseele rührte sich.

Haydans linke Augenbraue hob sich um den Bruchteil eines Zolls.

„Monsieur de la Faire“, sagte er und blickte den farbenfrohen Lord an. „Habt Ihr der Lady heute früh nicht eine Führung versprochen?“

Nay, dachte Cat.

„Das habe ich in der Tat“, sagte der Franzose, nahm ihre Hand und legte sie nachdrücklich in seine Armbeuge. „Es wäre mir das größte Vergnügen.“

Er drehte sich um und Cat konnte wenig tun, als sich mit ihm zu drehen. So ließen sie die Menge hinter sich, die sich mürrisch und verärgert zerstreute. Catriona erlaubte sich nur einen einzigen bösen Blick über die Schulter Richtung Hawk, aber der brachte ihr wenig Genugtuung, weil er seine Aufmerksamkeit schon wieder Marta zugewandt hatte.

„So sagt mir, Prinzessin Cat, wovon seid ihr die Prinzessin, abgesehen von meinem Herzen?“, fragte der Franzose und lehnte sich näher.

Catriona blickte verstohlen nach rechts. Zwei Männer standen neben der großen Flügeltür der Halle und beobachteten sie. Sie sah, wie sie ihre Köpfe zusammensteckten und horchte aufmerksam, während sie sprachen. Sie hörte nicht darauf, was sie sagten, sondern auf den Klang ihrer Stimmen, ihren Tonfall. Aber da war nichts Vertrautes. Nichts schnurrend Seidiges. Keine Anspielungen auf irgendeinen Mann.

„Lady?“

„Verzeihung?“

„Wovon seid ihr die Prinzessin … abgesehen von meinem Herzen?“

Es klang das zweite Mal nicht ganz so romantisch, offensichtlich nicht einmal für den Franzosen selbst, denn er zuckte leicht zusammen, als er es sagte.

„Oh. Nichts.“ Im Flur außerhalb der großen Halle sprachen drei Männer und eine elegante Lady miteinander. Cat beobachtete sie, bis sie vorübergingen.

„Ihr seid die Prinzessin von nichts?“

„Es ist lediglich ein Titel, den ich verwende, um die Menge anzulocken.“

Er starrte sie aus zu großer Nähe an. „Das kann ich schwerlich glauben.“

„Und wieso das, guter Herr?“ Der Flur öffnete sich zu beiden Seiten. Sie prägte sich ein, wie sich die Decke über ihnen wölbte und wo sich die nächste Tür befand.

„Mit Eurem Gebaren und Eurer … nun …“ Er lehnte sich noch näher, vielleicht, weil er dachte, dass ihr noch nicht aufgefallen war, wie unfassbar gerade seine Zähne waren. „Ich glaubte, der erste Anblick Eures Gesichts würde den Tod des armen Herzogs von Ramhurst bedeuten.“

„Sagt Ihr, ich sei hübsch?“, fragte sie.

Er warf seinen Kopf zurück, lachte und drückte sich dann wieder nah an sie. Sein Arm schlug gegen ihre Brust. „Ich werde einige Zeit brauchen, um mich an Eure Offenheit zu gewöhnen“, sagte er. „Aber aye, ich sage, dass Ihr bar jeder Beschreibung atemberaubend seid. Magisch. Augen wie eine schläfrige Wildkatze. Haare wie …“ Er suchte mit einer wedelnden Bewegung seiner blassen Hand nach Worten. „Wie Sternenlicht und Mondschein und vergoldete Mitternacht, alle miteinander vermengt.“ Er berührte eine eigensinnige Strähne des lockigen, widerspenstigen Haars, das ihr bis über die Schultern fiel. „Nie zuvor habe ich dergleichen gesehen. Es ist bezaubernd vor Eurer seidenen Haut.“ Er grinste über seine eigene Poesie. „Ihr könntet als königlich durchgehen.“

Eine gewölbte, eisenbeschlagene Tür war in die Steinmauer zu ihrer Linken eingelassen. „Ihr haltet meine Züge also für ein direktes Ergebnis meines königlichen Erbes? Und falls meine Eltern ein wandernder Barde und eine Korbflechterin gewesen sind, wäre ich hässlich wie ein flohgeplagter Hund?“

Er lachte. „Ich gestehe, dass ich Schwierigkeiten habe, mir vorzustellen, dass die Tochter eines Barden und einer Flechterin so bezaubernd ist wie Ihr.“

„Dann ist Eure Vorstellungskraft etwas kurzsichtig, Sir“, sagte sie. „Denn genau das waren meine Eltern.“

„Ihr scherzt.“

„Das tue ich nicht.“

„Dann muss Eure Mutter eine blendende Korbflechterin gewesen sein, wenn sie eine Tochter geboren hat, die so außergewöhnlich ist wie–“

„Was befindet sich hinter dieser Tür?“, fragte sie.

Er blickte auf, war abgelenkt. „Die Witwe Charmain weilt dort. Seit dem Tod ihres Ehemannes ist sie so viel …“ Er hielt inne und grinste zweideutig. „Unterhaltsamer.“

„Oh. Und diese dort?“

„Sir Guy. Wo kommen Eure Leute ursprünglich her?“

„Es heißt, dass meine Familie aus einem Ort namens Khandia stammt, den sie vor vielen Jahren in einer Zeit des Aufruhrs verließen.“

„Aufruhr?“

„Es scheint, die Bauern waren des Verhungerns überdrüssig und stürzten die königliche Familie.“

„Deswegen also sind sie geflohen?“, hauchte er ehrfürchtig.

„Aye“, sagte sie. „Um dem Verhungern zu entgehen.“

Er lachte. „Oder um den Bauern zu entgehen.“

„Vielleicht sieht jedes Mädel in Khandia so aus wie ich.“

„Dann ist Khandias Verlust mein Gewinn“, sagte er und bedeckte ihre Hand mit seiner.

Sie zog die Hand weg und zeigte auf die Schnörkel über einer besonders breiten Tür. „Welch prachtvolle Verzierungen. Was liegt dahinter?“

„Kommt und seht.“

Sie folgte ihm hinein und holte Luft. „Welch Herrlichkeit“, sagte sie und starrte die Decke an, die mit Putten, Engeln und Pferden mit wallenden Mähnen bemalt war.

„Aye. Es ist herrlich“, sagte der Marquis. „Aber wenn man königlich ist …“ Er zuckte mit den Achseln und grinste sie an. „James IV. entspannt sich oft hier. Aber königliche Gäste sind ebenso willkommen.“

„Es ist ein wohltuender Ort“, sagte sie und ging zu einem Fenster, um hinauszuschauen. Unter ihr hieß ein kleiner Garten die Ankunft des Frühlings willkommen.

„Meine Gemächer sind wohltuend“, raunte er ihr ins Ohr.

Sie drehte sich unvermittelt um und stellte fest, dass er ihr praktisch auf der Schulter saß.

„Meine Gemächer sind nicht ansatzweise so groß wie die in Marseille, aber sie sind trotzdem recht hübsch. Dort träume ich nachts von Euch.“

„Monsieur“, sagte sie, und bemühte sich, zugleich scheltend und kokett zu klingen, obwohl sie ihn in Wahrheit von Raum zu Raum zerren und Beschreibungen der Bewohner vom ihm verlangen wollte. „Wir haben uns gerade erst kennengelernt.“

„Aye. Aber dieses Kennenlernen hat tausend Träume in Gang gesetzt.“

Sie wandte sich ab und hoffte, dass sie Anmut verströmte, nicht Ungeduld. „Diese Tür dort drüben–“

„Kommt in meine Gemächer. Wir haben Zeit, ehe die Jagd beginnt.“

„Was?“

„Kommt mit mir“, flüsterte er, so nahe, dass sie ihn abschütteln wollte wie einen allzu anhänglichen Hund. „Wir haben noch etwas Zeit vor der königlichen Jagd.“

„Ich fürchte, ich bin immer noch zu müde, um an irgendeiner Jagd teilzunehmen.“

„Das passt perfekt. Ihr könnt Euch in meinen Gemächern ausruhen. Ich teile mir den Raum mit zwei anderen, aber sie werden ganz sicher draußen sein. Wir werden Zeit und Platz haben.“

„Zeit wofür?“, fragte sie und sah ihm direkt in die Augen.

Einen Moment lang schien er sprachlos zu sein, dann sagte er: „Ich denke, das wisst ihr, Prinzessin.“

„Aber ich wüsste es sicher, wenn Ihr es mir sagtet.“

„Ich bin kein armer Mann. Ich könnte Euch viel bieten.“

„Im Austausch wofür?“

Er streckte er eine Hand aus und streichelte ihr Haar. Seine Finger streiften ihren Arm, ehe er eine schwere Strähne an seine Lippen hob. „Eure Gesellschaft“, murmelte er.

„Ihr habt meine Gesellschaft bereits, Monsieur“, sagte sie und zog an der übermütigen Strähne, die um seine Finger gewickelt war, aber er weigerte sich, sie freizugeben. „Warum gebt Ihr mir nicht jetzt eine Belohnung, die Ihr für angemessen haltet, und wir können getrennte Wege gehen?“

Er starrte sie einen Moment lang aus schierer Überraschung an, dann lachte er. „Ich bin solch trefflichen Scharfsinn nicht gewöhnt.“

„Und das ist der Unterschied zwischen uns“, sagte Cat. „Ihr nennt es Scharfsinn, ich nenne es Ehrlichkeit. Aber ich bin Roma, Wanderin von Natur aus und gezwungen dazu. Ich habe keine Zeit für Scharfsinn.“ Es sei denn, er diente irgendwie ihrer Sache.

„Dann werde ich offen sein“, sagte er und wurde auf dramatische Weise ernst. „Ich will Euch in meinem Bett.“ Er zog sie an der mehrfarbigen Strähne ihres Haars näher. „Fürwahr, ich wollte Euch seit dem Moment, in dem ich Euch das erste Mal sah.“

„Der nur wenige kurze Stunden zurückliegt.“

„Das spielt keine Rolle. Ihr seid in meinem Blut.“

„Dann habt Ihr Glück“, sagte sie und schaffte es, ihre Strähnen aus seinem Griff zu befreien und dabei nur ein paar Haare zu verlieren. „Denn auf diese Weise wird ein Teil von mir in Eurem Bett sein, auch wenn der Rest von mir es nicht sein wird.“

„Ihr sagtet, Ihr seid zu erschöpft für die Jagd“, sagte er. „Aber ich sehe, dass das nicht stimmt. Ihr seid lediglich etwas anderem auf der Fährte. Aber das kümmert mich nicht. Tatsächlich–“ Er streckte rasch eine Hand aus und ergriff wieder ihren Arm. „Ich nehme sämtliche Mühen in Kauf, um Euch zu haben.“

Sie lächelte, obwohl der Ausdruck ebenso strapaziert war wie ihre Geduld. „Von mir aus könnt Ihr gehen und–“

„Prinzessin Cat.“ Ein Mann näherte sich von ihrer Linken.

Sie drehte sich mit einem finsteren Blick um, auf dem winzigen Platz zwischen dem Franzosen und der Wand – es fühlte sich etwa so an wie zwischen Hammer und Amboss zu sein. Aber es war gut gewesen, dass sie unterbrochen worden war, denn es schien, als habe sie am Ende die unberechenbare Zunge ihrer Großmutter geerbt.

„Wir sind uns noch nicht begegnet“, sagte der Mann, der gerade eintrat. Er verbeugte sich mit der Anmut eines kleinen Mannes. De la Faire bewegte sich um den Bruchteil eines Zolls fort, so als wolle er eine bessere Aussicht auf den Eindringling haben. „Ich bin Lord Samuel vom Clan der MacKinnons.“ Sein Gesicht war rund, sein Haar so leuchtend wie Kupfer.

„Ich habe nicht die Absicht, Euch zu stören, wenn Ihr anderweitig beschäftigt seid.“

„Nay, ganz und gar nicht“, sagte sie, froh um die Möglichkeit, dem Franzosen zu entkommen und sich an der Wand entlang zum nächsten Fenster zu schlängeln. „Monsieur de la Faire war so freundlich, mich im Schloss herumzuführen.“

„Es ist recht eindrucksvoll, nicht wahr?“

„Aye.“

MacKinnon lächelte verlegen, seine Zähne blitzten hinter seinem kurzgeschnittenen Bart auf. „Ich werde Euch nicht aufhalten“, sagte er. „Ich hatte lediglich die Absicht zu sagen, wie sehr ich Eure Darbietung am vergangenen Abend genossen habe.“

„Habt Dank, mein Lord.“

„Ihr erinnertet mich an meine Töchter, als sie noch winzig kleine Mädchen waren.“

„Ich bin nicht so klein, mein Lord.“

„Nay. Doch von Leben und Kraft erfüllt.“

„Wie geht es Euren Töchtern?“, fragte de la Faire.

„Es geht ihnen gut. Fürwahr, gut.“

„Und Eurer Frau?“

Ein Schatten überflog MacKinnons Stirn. „Aisla ist vor ein paar Monaten gestorben.“

„Das tut mir sehr leid“, sagte der Franzose. „Das wusste ich nicht. Eine Krankheit?“

Ein Augenblick gespannter Stille dehnte sich zwischen den beiden Männern aus.

„Ein Unfall. Ihr Pferd warf sie eines Abends auf ihrem Heimweg ab.“

„Von wo aus kehrte sie nach Hause zurück?“, fragte de la Faire. Aber MacKinnon hatte sich bereits zu Cat gewandt.

„Ich bitte noch einmal um Vergebung dafür, Euch gestört zu haben, Prinzessin.“

„Ich bin nicht wirklich eine Prinzessin“, sagte sie.

„Der Titel passt. Erlaubt Ihr mir, Euch zurück in die Halle zu geleiten? Oder vielleicht in Eure Gemächer?“

Vom Regen in die Traufe, dachte sie. Aber die Traufe sah nicht ganz so nass aus wie der Regen.

„Catriona.“

Sie hob ihren Blick zur Türöffnung und sah, wie Rory auf sie zuschritt.

„Großmutter braucht dich.“

„Großmutter?“ Ihr Herz schlug wild. „Geht es ihr gut?“

„Du kommst besser“, sagte er, aber sie eilte bereits zur Tür, ihren Rock mit einer Hand gerafft.

Rory schritt neben ihr in den Flur hinein und den langen Korridor hinunter.

„Was ist passiert? Ist sie in der großen Halle?“

„Nay. Sie ist in deinen Gemächern. Ich habe ihr dorthin geholfen, als ich sah, dass du nicht in der Nähe warst.“

„Ist es ihr Herz? Bekommt sie gut Luft?“

„Es ist wahrscheinlich Sorge um dich. Wo bist du gewesen?“

„Ich habe das Schloss ausgekundschaftet.“

„Es sah nicht so aus, als wäre das alles, was du ausgekundschaftet hast.“

Sie warf ihm einen Seitenblick zu, während sie die Steinstufen hinab trottete. „Ich habe keine Zeit für deine Eifersucht, Rory.“

„Aber du hast Zeit für den Franzosen und den Laird mit dem runden Gesicht?“, fragte er, aber sie war bereits an der Tür zu ihren Gemächern.

Die Tür öffnete sich knarrend unter Cats zitternden Fingern, dann eilte sie durch den Raum. Marta lag auf der Seite, eine ihrer knorrigen Hände wie ein Kissen unter ihrem gekräuselten Haar. „Großmutter!“ Cat fiel augenblicklich auf die Knie. „Großmutter, was plagt dich?“

Die dunklen, uralten Augen öffneten sich. „Stimmt etwas nicht?“, fragte sie und machte Anstalten sich aufzusetzen.

„Nay. Leg dich hin. Geht es dir besser?“

„Besser?“ Sie sah ihre Enkelin verdutzt und finster an, dann Rory, der angespannt und ungerührt in der Türöffnung verharrte. „Ich bin so alt wie Erde und ich sehne mich nach einem friedlichen Nickerchen in meinem Wagen. Und doch geht es mir so gut wie es mir gehen kann“, sagte sie. Sie wandte ihren Blick wieder Catriona zu und ihr Ausdruck wurde mild. „Aber was ist mit dir? Hast du irgendetwas herausgefunden?“

„Nay, Großmutter“, sagte sie und weigerte sich, Rorys doppeltes Spiel anzuerkennen. Eine Ewigkeit schon war er der Eifersüchtige. Die Wahrheit aber war, dass ihr dieses Recht zugestanden hätte. „Ich habe nichts herausgefunden, abgesehen vielleicht von …“ Sie strich Marta das weiße, sich kräuselnde Haar aus der Stirn. „Vielleicht habe ich herausgefunden, was mir in dieser Welt am teuersten ist.“

Die wie Glasperlen leuchtenden Augen funkelten. „Es hat wenig Sinn, wegen einer zerzausten, alten Hexe wie mir rührselig zu werden, Kind.“

„Ich könnte es nicht ertragen, dich zu verlieren.“

Marta bedeckte Cats Hände mit ihren eigenen. Ihre Finger fühlten sich an ihrer Haut trocken und sanft an. „Alles wird gut, Täubchen.“

Tränen drohten und Schwäche überflutete Catriona. „Bist du sicher?“, fragte sie flüsternd.

„Aye.“ Die alte Frau nickte ruckartig. „Ich spüre es in meiner Seele. Und wenn man so alt ist wie ich, wagt Gott es nicht, einen irrezuführen. Sorge dich nicht, Mädel. Wir werden den Jungen zurückbekommen.“

Kapitel 4

Catriona versuchte sich auszuruhen, aber Tageslicht und Schrecken verschworen sich gegen sie. Und so wartete sie auf die Jagd, versuchte ihre Gedanken zu beruhigen, versuchte die strudelnden Sorgen zu beherrschen, die sie zu überfluten drohten.

Es war weit nach Mittag, als sie hörte, wie sich im Hof Reiter versammelten. Pferde wieherten leise und mit Eisen beschlagene Hufe stampften auf die Pflastersteine. Catriona stand aus dem Bett auf und warf einen Blick aus dem Fenster. Es war eine ansehnliche Gruppe von Jägern. Gewiss würde das Schloss beinahe leer sein. Sie achtete darauf, Marta nicht zu wecken, als sie die Truhe öffnete, in der sich ihre Gewänder befanden. Sie zog ein einfaches Kostüm heraus und legte es an, es war ebenso wenig kunstvoll wie die Gewänder der Diener des Königs. Es war diese Tatsache, die ihr die Hoffnung gab, unerkannt zu bleiben.

Vom Hof her hörte sie raues Gelächter. Sie setzte eine gräuliche Perücke auf und schritt zum Fenster. Sie waren immer noch da, also ging sie auf und ab, ihre bloßen Füße auf dem abgenutzten Boden lautlos, bis sie schließlich hörte, wie sich die Reiter entfernten.

„Eure betörenden Reize werden Euch hier nicht helfen, Prinzessin Cat. Denn wenn Ihr irgendjemandem von Eurer Notlage erzählt, werden wir es erfahren. Fürwahr, es könnte einer von uns sein, dem Ihr mit Euren Geheimnissen vertraut. Der Hof Schottlands ist voller Intrigen. Und wir werden Euch beobachten.“ Blackheart hatte gelacht, ein wallendes, rauchiges Geräusch, aber dann hatte er den Gegenstand fallen lassen, mit dem er während der gesamten Unterhaltung herumgespielt hatte. Einen Moment lang hatte er im Schein des Feuers geleuchtet, aber sie konnte nicht sehen, was es war – nicht einmal, als er sich vorbeugte, um ihn wieder aufzuheben.

Am nächsten Tag war sie zu der Stelle zurückgeschlichen und hatte in der weichen Erde den Abdruck eines Medaillons gefunden. Ihre Hände hatten gezittert, als sie den Umriss auf ein zerfetztes Stück Pergament gezeichnet hatte.

Sie musste dieses Medaillon finden, denn es war dieses Medaillon, das ihr Blackhearts wahre Identität verraten würde.

Einen Augenblick später eilte sie den Flur hinunter, das Stück Pergament im Beutel verstaut, der neben dem einfachen Knochendolch an ihrem Gürtel hing. Eine Dienstmagd, die einen Eimer trug, ging mit einem Nicken an ihr vorüber.

Catriona nickte zurück.

Das Schloss war riesig, aber sie hatte eine gewisse Vorstellung von seinem Aufbau, und ihre Pläne waren simpel: das Medaillon finden; Blackheart finden. Vielleicht trug er es um den Hals, aber sie konnte sich nicht erlauben, untätig zu warten, bis sie die Gelegenheit bekäme, es zu erblicken. Sie musste danach suchen.

Es wäre weise, zuerst die Zimmer der Männer zu durchsuchen, die auf die Jagd gegangen waren, aber sie hatte keine Möglichkeit zu ergründen, welche Zimmer das waren. Also würde sie an einer Ecke des Schlosses beginnen, jedes Zimmer durchsuchen und in Gedanken abhaken, bis sie gefunden hatte, wonach sie suchte.

Ein weiterer Diener ging mit einem Brett und einem Kelch vorüber.

Catriona neigte den Kopf und eilte weiter. Nervös und unsicher blickte sie von einer Seite auf die andere. Dann, als sie niemanden sah, trat sie an die nächste Tür heran und klopfte leise. Niemand öffnete. Nach einem weiteren verstohlenen Blick nach links ging sie hinein. Es war eine schmale Kammer. Ohne den Vorteil eines Fensters war es ziemlich dunkel. Nichtsdestotrotz schloss sie die Tür und konnte ausmachen, dass eine Pritsche den größten Teil des Raumes einnahm. Zwei Truhen wetteiferten um Platz, eine aus Leder und eine aus Holz. Sie durchsuchte die lederne zuerst, da sie kleiner und es wahrscheinlicher war, dass sich darin die wertvollsten Gegenstände befinden würden. Aber sie wurde enttäuscht.

Die hölzerne Truhe war nicht besser, gefüllt mit nichts als einem Tuch und Kleidern. Die gesamte Suche dauerte nur einige Sekunden. Sie richtete sich rasch auf und sah sich im Zimmer um. Es gab hier wenig, das ihr helfen würde. Aber …

Sie eilte zum Bett, ergriff ein Kissen und hetzte zur Tür zurück. Sie öffnete und schloss sich geräuschvoll. Aber der Flur war leer, und jetzt trug sie eine Art Last, hatte einen Grund die Gänge entlang zu eilen.

Catriona tat so, als habe sie eine dringende Aufgabe, und schritt voran, bis sie zum Ende des Flurs kam.

Die Kammer dort war größer als die erste, prahlte mit einem hohen, schmalen Fenster und einem ziemlich großen Bett. Ihre Suche war schnell und gründlich.

Das nächste Zimmer war abgeschlossen. Das war ein Hindernis, das sie nicht in Betracht gezogen hatte. Sie musste hineingelangen.

Andererseits schien das Medaillon nicht so unbezahlbar, dass man es wegschließen musste. Blackheart hatte damit herumgefummelt als sei es etwas, das er gewöhnlich bei sich trug. Natürlich konnte das bedeuten, dass es unter seiner Tunika steckte. Aber sie konnte schwerlich umhergehen und jeden Gast fragen, ob er ein Medaillon mit sechs Edelsteinen und aufwendiger Knüpfarbeit besaß. Also würde sie das verschlossene Zimmer im Gedächtnis behalten und darüber nachdenken, wie sie seinen Schutz durchdringen könnte.

Einen Moment später klopfte sie an eine andere Tür und schlüpfte dann geräuschlos hinein.

Das Zimmer war dunkel. Sie hielt inne und ließ ihren Augen Zeit, sich anzupassen. Es schien, als sei sie auf der Suche nach einem einigermaßen wohlhabenden Mann. Also würde er wahrscheinlich eines der größeren Zimmer bewohnen. Dennoch, sie konnte es sich nicht leisten–

Eine Gestalt erhob sich aus dem Schatten.

Catriona rang nach Luft und wich ruckartig zurück.

„Vergebt mir! Ich–“

Der Schatten wurde zu einem Mann in einer dunklen Robe, der auf sie zu stolperte.

„Vergebt mir!“, keuchte sie erneut, drehte sich weg, riss die Tür auf und taumelte in den Flur.

Eine matronenhafte Frau blieb wie angewurzelt stehen, ihr Kinn zurückgezogen, hinein in die Falten ihres Halses.

„Heiliger Jesus, Mädel, was tust du?“, fragte sie.

„Ich …“ Catriona suchte verzweifelt nach einer Erklärung. „Lord de la Faire sagte, er bräuchte ein Kissen.“

„De la Faire!“ Die Matrone sah sie misstrauisch an. „Was tust du dann in der Kammer des heiligen Mannes?“

„Heiliger Mann?“

„Aye. Er ist Blackburns persönlicher Heiliger. Es heißt, dass er schon so lange hier ist wie das Schloss selbst. Er ist taub wie ein Stein.“ Sie blickte erneut mürrisch drein. „Bist du neu hier?“

„Aye. Aye.“ Catriona kämpfte noch immer darum, zu Atem zu kommen und ihren Verstand zu schärfen. „Ich wurde gebeten zu kommen und auszuhelfen, wegen des Fests und so.“

„Nun, brauchen tun wir dich“, sagte die andere. „Aber du darfst deine Zeit nicht mit Kissen und Ähnlichem verschwenden. Nicht wenn … Ah …“ Sie nickte mit einem gescheiten Ausdruck, als habe sie gerade etwas durchschaut, was die meisten nicht durchschauen würden. „Lord de la Faire! Ist er der Bursche, der sich für einen ziemlichen Frauenheld hält?“

„Aye, ich glaube, das ist er.“

„Aha, und du bist ein hübsches Mädchen, das auf sein Geheiß ein Kissen bringt. Komm mit. Du kannst mich Mildred nennen. Und wie ist dein Name?“

Catriona blickte noch einmal verzweifelt zu der Tür. „Mary“, sagte sie. Es war der erste Name, der ihr in den Sinn kam. Sie hieß ihn bereitwillig willkommen. „Mary of Kilchurn.“

„Kilchurn?“, fragte die ältere Frau, in ihrer Stimme lag Überraschung, als sie ihre neue Schutzbefohlene den Flur hinuntertrieb.

Es war offensichtlich zu spät für Cat, um ihren Heimatort zu ändern. „Aye.“

„Kennst du vielleicht Duana?“

„Eine … kräftige Maid mit dunklem Haar und einem Muttermal ungefähr hier auf der Wange?“, fragte sie atemlos.

„Nay, nay“, sagte die andere und wedelte ungeduldig mit der Hand, während sie den Flur hinuntereilte. „Duana ist so schlank wie ein Schilfrohr und hat feines, blondes Haar.“

„Ich fürchte, dann kenne ich sie nicht“, murmelte Cat und blickte hinter sich. „Aber sie klingt wie eine hübsche Maid. Wessen Zimmer ist das?“, fragte sie und zeigte nervös auf die Tür, die sie vor einigen Minuten verschlossen vorgefunden hatte.

Die Matrone schüttelte den Kopf. „Ich kann sie nicht alle auseinanderhalten. Aber ich glaube, sein Name ist Drummond. Aber diese Duana, die ist ganz und gar nicht hübsch. Hat Zähne wie die eines schreienden Esels. Es ist eine Schande zu sehen, welchen Prinzen sie geheiratet hat. Kennst du vielleicht ihren Shay?“

„Ich–“

„Ach, aber wie solltest du, wenn du Duana nicht kennst. Sie gönnt ihrem Mann nicht einen Moment des Friedens. Sie ist so wie Sophie.“ Sie wedelte überschwänglich mit den Armen und schüttelte den Kopf.

Ein Flur zweigte zu ihrer Linken ab. Catriona trat rasch hinein, während die andere Frau weiterging.

„Ihr Mann muss alles für sie tun oder er kann was erleben. Tatsächlich ist es keine Woche her, da hatte er ein Pint oder zwei, und sie–“

Im Flur um die Ecke hörte Catriona, wie die Stimme der Matrone innehielt. Catriona tauchte in den nächstgelegenen Raum und presste ihren Rücken an die Tür. Sie atmete schwer und betete, dass ihre gesprächige Freundin nicht von der Sorte war, die auf sie Jagd machen würde.

„Mary?“ Die Stimme aus dem Flur kam näher, Schritte folgten. „Mary?“ Es war einen Moment lang still, dann sagte sie: „Wohin zum Teufel ist das Mädel verschwunden?“ Ein kleines Keuchen. „Sollte de la Faire ein Kissen bringen, fürwahr. War wahrscheinlich der Plan des Schwachkopfs. Sicher ist er kein unansehnlicher Mann.“ Ihr Schritte wandten sich ab. „Wenn ich drüber nachdenke, ich würde zu einem bisschen Zeit mit ihm auch nicht nein sagen.“ Sie kicherte. „Was würde Sophie dazu sagen? Denkt immer, sie hat den einzigen …“

Die Stimme verschwand.

Catriona atmete geräuschvoll aus und erschlaffte in der Dunkelheit, aber genau in diesem Moment hörte sie jemanden draußen im Flur kichern. An ihrer Seite spürte sie, wie die Türklinke sich bewegte und sie sprang fort, als wäre die Klinke lebendig geworden. Sie ließ das Kissen fallen, raffte ihre Röcke, schoss wild durch das Zimmer, sprang aufs Bett und tauchte auf der anderen Seite auf den Boden.

Die Tür öffnete sich mit einem Ächzen.

Mon Dieu“, seufzte eine Frau. „So ungeduldig.“

„Fayette.“ Das schwere Atmen eines Mannes kratzte durch den Raum. „Ich konnte keinen Augenblick länger warten.“

„Wahrlich?“

„Aye. Es gibt keine andere wie Euch. Ihr seid die Versuchung selbst. Ich kann nicht länger widerstehen.“

Lieber Gott, sie näherten sich dem Bett. Cat duckte sich tiefer, erpicht darauf, unters Bett zu kriechen. Aber es bedurfte keines großen Verstandes, um festzustellen, dass da nicht genügend Platz war.

„Ihr müsst nicht länger widerstehen.“

„Wie ich mich danach gesehnt habe, allein mit Euch zu sein. Euch zu berühren. Euch zu lieben.“

Cat konnte bereits das Rascheln und Kratzen von Stoff hören.

„Liebt mich jetzt.“

Mehr raschelnder Stoff, dann der kratzige Atem des Mannes. „Ihr seid so hübsch. Zu hübsch, um wie eine billige Mahlzeit hindurch zu eilen. Ich muss mir Zeit nehmen. Euch wie ein wohlschmeckendes Mahl auskosten.“

Nay, dachte Cat verzweifelt.

„Wohlschmeckend.“ Fayette krächzte das Wort und sog die Luft scharf zwischen ihren Zähnen ein. „Ich habe faszinierende Dinge von Euch gehört. Jetzt frage ich mich – sind sie wahr?“

„Ihr werdet mich in einigen Augenblicken kennenlernen, meine Süße. Aber zuerst will ich jeden Zoll von Euch kennenlernen. Euren Hals, so wohlgeformt wie der eines Schwans …“

Das Stöhnen der Frau wurde unterstrichen vom unverwechselbaren Geräusch von Fingernägeln auf Kleidung.

„Eure Schultern … sanft wie ein Lämmchen.“

„Poesie und große Eier“, stöhnte sie.

„Brüste.“ Er flüsterte das Wort wie ein ehrfurchtsvolles Gebet. „Wie zwei Rehe.“

„Nehmt mich, Matthew. Wie ein Reh auf der Lichtung.“

„So süß.“

Hinter dem Bett zusammengekauert wie ein ausgepeitschter Köter hörte Catriona seine Küsse und Fayettes hitziges Stöhnen.

„So voll, wie ein Kelch süßen Weines.“

„Kostet meinen Wein“, krächzte sie.

„Einen Schluck.“ Es gab eine Pause, das vollkommene Fehlen von Geräuschen, und dann ertönte ein Stöhnen hoffnungslosen Verlangens. „Nur ein Schluck, süßes Mädel. Denn es gibt noch so viel mehr. Ich habe nicht die Absicht, mir den Appetit zu verderben.“

„Verdammt sei Euer Appetit!“

Er kicherte. „Geduld ist eine Tugend.“

„Geduld sei– oh!“ Das Wort klang schrill und schneidend. „Macht das noch mal.“

„Aber es gibt mehr. Jede vollkommene Rippe verlangt einen Kuss. Jede …“ Er hielt inne und tat offenbar, was er vorgeschlagen hatte. „Jede winzige Mulde verlangt meine Aufmerksamkeit.“

„Aye.“

„Euer Nabel. Euer Bauch.“

Fayette stöhnte erneut und Cat spürte knapp über ihrem Kopf, wie sich die Matratze bewegte, als sich jemand hineindrückte.

„Eure Hüften.“

Das Geräusch eines zu Boden gleitenden Kleids schien jedes bisschen Luft im Zimmer zu verschlingen.

„Eure Beine.“

Die Seile, auf denen die Matratze ruhte, stöhnten, als Fayette sich auf ihr niederließ.

„Zum Teufel mit meinen Beinen“, sagte sie. „Küsst mich dort.“

Es gab einen Moment andächtiger Stille, dann sagte er: „Heilige Mutter Gottes!“

„Küsst mich.“

„Aye“, sagte er mit einer so kehligen Stimme, dass sie kaum zu hören war.

Das Bett und die Frau stöhnten gemeinsam. „Aye. Dort.“

Die Seile ächzten erneut und begannen einen Rhythmus.

„Zieht Eure Kleider aus. Ich will Euch spüren“, krächzte sie.

„Schamlose Schlange.“

„Aye“, stimmte sie zu.

Stoff raschelte. Matthew stöhnte.

„Es gibt nichts, das so wundersam ist wie eine schamlose Schla–“ Seine Worte setzten unvermittelt aus.

„Leona hatte recht“, seufzte sie. „Sie passen kaum in meine Hände. Ihr seid wie ein Ochse.“

„Ich bin Euer Lasttier“, krächzte er.

„Dann nehmt mich wie ein Tier.“

„Kommt her“, knurrte er.

„Wie Ihr wünscht, Tierchen.“

Catriona rutschte rückwärts auf das Kopfende des Bettes zu.

„Dreht Euch um.“

„Ich will sie an mir spüren.“

„Haltet Euch am Gestell fest.“

Das Bett ächzte fürchterlich, als sie es tat.

An die Wand zurückgewichen wartete Catriona voller Schrecken, aber die Augen der Frau waren vor Ekstase geschlossen. Ihre blassen, prallen Brüste waren entblößt und hingen nach vorn, als sie sich vorlehnte, um sich am Gestell festzuhalten.

„Nehmt mich“, stöhnte sie.

„Aye“, knurrte er und stieß vorwärts.

Fayette keuchte. Ihr Augen klappten auf. Ihr Blick traf Catriona.

Sie schrie, wich ruckartig zurück und rang mit den Laken.

Cat sprang auf die Füße.

„Was im Namen Gottes?“, krächzte Matthew.

Catriona war für einen Moment gelähmt und starrte ihn an. Seine Kniehose war fort und sein Penis, lang, schmal und rosa, zeigte aus einer Masse roten Haars heraus direkt auf sie.

Fayette kreischte erneut. Das Geräusch veranlasste Cat dazu, sich zu bewegen, sie schoss vom Boden herauf aufs Bett. Einen Augenblick lang taumelte sie im tiefen Bezug der Strohmatzatze, fand aber ihr Gleichgewicht und warf sich auf die Tür zu.

Sie scharrte wie wild an der Klinke. Einen verzweifelten Moment lang weigerte sich die Tür, sich zu öffnen, aber dann flog sie auf wie ein geflügelter Engel. Sie rauschte in den Flur, sprengte ohne nachzudenken nach rechts und schlitterte unbändig um die nächste Ecke.

Ein Schwert rauschte an ihrem Gesicht vorbei. Sie schrie und blieb ruckartig stehen. Eine Stimme krächzte ein Schimpfwort und dann packten Hände so hart wie Stein ihre Schultern.

„Guter Gott, Mädel, was ist dein–“ Die Worte brachen ab. Cat spähte nach oben, atmete immer noch schwer, als sie in die geweiteten Augen von Sir Hawks finster dreinblickendem Gesicht starrte. „Catriona? Was zum Teufel tut Ihr? Ich habe Euch beinahe enthauptet.“

„Ich war nur …“ Sie versuchte, ihr Herz zu beruhigen, aber in Gedanken stellte sie sich einen nackten Mann vor, der ihr hinterher stürmte, und das Einzige, was sie erkennen würde, wäre sein Gemächt. „Ich, äh …“

Hawk starrte sie weiter an, seine Brauen tief über seine silber-blauen Augen gesenkt.

„Wer ist es?“, fragte er mit tiefer Stimme.

„Was, wer?“ In ihrem verwirrten Verstand hallte noch immer Fayettes heisere, lustgetränkte Stimme. „Wer was?“

„Wer macht Euch Schwierigkeiten?“

„Niemand.“ Das Wort kam zu schnell heraus und klang etwas schrill.

Hawk senkte seine Brauen etwas tiefer, dann schritt er an ihr vorüber, um den Korridor hinunterzusehen.

Anscheinend stürmte ihnen kein nackter Mann entgegen, mit dem Schwert aus der Scheide gezogen, sozusagen, denn Hawk kam zurück und sah genauso ratlos aus wie zuvor. „Kommt mit“, sagte er, seine Stimme schroff, während er seine eigene Waffe wegsteckte.

„Ich sage Euch, es hat keine Schwierigkeiten gegeben, die–“

Er unterbrach sie mit dem Winken einer vierschrötigen Hand.

„Ich bin anderer Ansicht, Mädel. Ich halte es stets für ein Problem, die Freunde des Königs zu verwunden.“

„Verwunden?“, fragte sie verwirrt.

„Eure Schläfe“, sagte er, nahm ihre Hand in seine und führte sie weg.

„Meine …“ Sie legte sich die Hand an den Haaransatz und spürte zu ihrer vollkommenen Überraschung ein warmes, klebriges Rinnsal. Sie hielt sich ihre Finger vor die Augen und sah, dass es Blut war. „Wie–“

„Ich glaube, ich habe noch nie eine Frau so schnell rennen sehen“, sagte er und schritt einen Korridor nach dem anderen hinunter. „Und ich frage mich, warum.“

Es gab wenig, das sie ihm hätte sagen können. Schließlich gab es keine logische Erklärung dafür, warum sie sich in den Privatgemächern eines anderen verstecken sollte. „Es ist nichts“, sagte sie und übte ein Schulterzucken. „Ich habe ein Geräusch gehört und bekam Angst.“

„Angst?“ Er wandte sich ihr zu, sein Ausdruck zweifelnd. „Lady Catriona, ich habe gesehen, wie Ihr mit Männern gekämpft habt, die für den Krieg ausgebildet und durch die Schlacht vervollkommnet wurden. Selbst da hattet Ihr keine Angst. Hier.“ Er öffnete eine Tür bedeutete ihr einzutreten.

Sie blickte sich um, während sie eintrat. „Was ist das für ein Ort?“

„Die Krankenstube. Heiler!“, rief er und blickte sich um. „Heiler!“ Aber das Zimmer war leer, abgesehen von Körben und Flaschen, die sich auf Boden und Tisch drängten.

„Ihr habt keinen Grund zur Sorge“, sagte Cat und betastete den Kratzer, der an ihrem Haaransatz begann und sich zwei Finger breit nach hinten erstreckte. „Es ist nichts.“

„Es könnte eitern“, gab Hawk zurück. „Setzt Euch.“

„Ihr seid also ein Fachmann?“, fragte sie im Bestreben nach Unbeschwertheit – oder wenigstens Normalität.

„Auf eine Art.“ Er wies auf einen nahegelegenen Holzschemel.

Sie setzte sich und beobachtete ihn, während er die Flaschen nach einer bestimmten absuchte und sie fand. Er entkorkte sie und roch am Inhalt.

„Ihr habt hier also einige Zeit verbracht, Sir Hawk?“, fragte sie. Es war nicht das erste Mal, dass ihr die Narbe neben seinem linken Auge auffiel. Sie war schmal, nicht mehr als eine blasse Linie, die zu seinem Kinn hinunterführte. Sie ließ ihn lediglich etwas gefährlicher aussehen als zuvor, aber es musste eine Zeit gegeben haben, da die Gefahr bestanden hatte, dass er sein Augenlicht verlor. „War es Euer Auge, das Euch hergebracht hat?“

„Nay, war es nicht.“

„Wie habt Ihr diese Narbe bekommen?“

„Es gab eine Meinungsverschiedenheit“, sagte er lediglich. Wenn er versuchte, ihr Interesse abzulenken, stellte er sich jämmerlich an. Aber wenn er versuchte, sie neugierig zu machen … „Und was ist mit Euch, Mädel? Wie kamt Ihr zu der Narbe an Eurer Kehle?“

Sie berührte mit dem Zeigefinger den winzigen Makel, den er angesprochen hatte. „Das ist eine Narbe von meiner Geburt, glaube ich. Ich habe nicht so viele Meinungsverschiedenheiten gehabt wie Ihr.“

Er hob eine Braue, als ob er ihre Worte anzweifelte, aber zu höflich war es auszusprechen.

Er schüttete etwas von der gewählten Flüssigkeit auf ein Stück Stoff, das er in einem Lederkorb gefunden hatte, und ragte über ihr auf. „Wovor seid Ihr weggelaufen?“

„Das sagte ich Euch“, sagte sie und sah von ihrer schutzlosen Position aus zu ihm hinauf. Er schwebte über ihr, riesig wie ein Schlachtross. „Ich hatte Angst, das ist alles. Ich habe ein Geräusch gehört und ging los, um es zu untersuchen.“

„Und Ihr fandet …“

Sie räusperte sich und blinzelte. „Was?“

Sein finsterer Blick wurde intensiver. „Was habt Ihr gefunden?“

„Nichts, um das Ihr Euch kümmern müsst.“

„Das sehe ich anders“, bestritt er und hielt ihr Kinn mit einer dieser vierschrötigen Hände fest, während er ihre Wunde abtupfte.

Seine Finger fühlten sich warm und seltsam beschützend an. Falls er die Wahrheit über ihren Auftrag herausfand …

Sie zuckte beim Gedanken daran zusammen.

„Vergebt mir.“ Er zog den Stoff weg, aber seine Finger blieben auf ihrem Kiefer, hielten ihn, als wäre sie ein winziges Mädel. „Ich fürchte, Sanftheit ist nicht meine beste Eigenschaft.“

Er lag falsch, dachte sie voller Überraschung. Güte schien genauso ein Teil von ihm zu sein wie die tiefe Klangfarbe seiner Stimme, trotz seines einschüchternden, finsteren Blicks und seiner Größe. Seine Statur war unterstrichen von seinem heimischen Highland-Gewand: ein grünblaues Plaid, hohe Lederstiefel und eine einfache, safrangelbe Tunika, die in seinen Tartan gesteckt war. Die Ärmel waren hochgekrempelt und entblößten die dunkle Haut seiner Arme. Seine Handgelenke waren flach und breit. Sie waren von schwarzen Haaren übersät und sahen straff aus vor Sehnen und Knochen. Weiter oben ließen Muskeln, die unter dem blassen Stoff verschwanden, seine Arme anschwellen. Und noch weiter oben sahen seine Schultern unter dem einfachen Gewand unmöglich breit aus. An diesem Mann gab es nichts Kleines. Alles an ihm schien überlebensgroß. Die Breite seiner sonnengebräunten Kehle, die Rundung seines Schenkels, als er sich versehentlich gegen ihren schob. Falls Matthew behangen war wie ein Ochse, müsste Hawk …

Catriona unterbrach den Gedanken mit dem Aufflackern heißen Unbehagens. Ihre erschütternde Erfahrung in dem unbekannten Schlafgemach war furchteinflößend gewesen und nichts anderes. Gewiss war sie nicht erregend. Dennoch fühlte sie sich seltsam atemlos und empfindlich, als ob jede von Hawks Bewegungen eine Art primitiver Tanz war. Wie er seinen Arm beugte, sein Knie anwinkelte, wie die Sehnen in seinem Hals sich zu einem Tal formten, wenn er sich auf eine bestimmte Weise bewegte, und wie dieses Tal auf den sich erhebenden Hügel seiner Brust zeigte.

Er zog seine Hand von ihrem Kiefer und sie ließ ihren Blick darauf schnellen.

Eine Narbe zog sich durch die beiden Knöchel, die dem Daumen am nächsten waren.

Sie räusperte sich. „Ein weiterer Grund dafür, dass Ihr die Krankenstube kennt?“, fragte sie und tat ihr Bestes, um ihre überhitzten Gedanken von Orten abzulenken, die unter Yards von Tartanwolle verborgen waren.

Es war einen Moment lang still. Sie konnte seinen Blick auf ihrem Gesicht spüren, und schließlich, als die Stille atemlos wurde, hob sie den Blick um ihn anzusehen. Dennoch konnte sie immer noch nicht seine Gedanken lesen. Sie konnte nicht einmal sagen, ob er sie finster anblickte.

„Sir Hawk?“ Sie sprach seinen Namen sanft.

„Was?“ Er schien erschrocken vom Klang ihrer Stimme, als wären seine Gedanken weit weg gewesen.

Sie war auf einer Mission hier, erinnerte sie sich selbst. Nichts anderes. Und ungeachtet von der Kraft seines Arms oder der Sanftheit seiner Hand kannte sie ihn nicht gut. Fürwahr, er selbst konnte Blackheart sein. Also bewahrte sie besser Ruhe, sonst verlöre sie ihren Kopf. „Ich habe nach der Narbe auf Eurer Hand gefragt.“

Er drehte sie abgelenkt um und starrte sie an. „Das ist nichts. Mädel–“ Er streckte seine Hand erneut aus, als wolle er ihr Kinn wieder hochheben, wich in der letzten Sekunde aber zurück. „Ich würde gerne wissen, was Euch Angst gemacht hat.“

Tausend mögliche Lügen flogen durch ihren Verstand. Aber sein Blick war so ruhig wie der des Falken, nach dem er benannt war. Und eine Lüge schien nicht weise zu sein.

Die Narbe neben seinem Auge senkte sich herab. „Belästigt Euch jemand?“

Sie erinnerte sich an Fayettes Stöhnen, an Matthews heisere Poesie. Die Erinnerungen würden sie einige Zeit belästigen – wenn auch vielleicht auf unsittliche Weise. Denn wenngleich sie hätte angewidert sein müssen, hatte sich ihre Haut errötet angefühlt, waren ihre Sinne überreizt vom Klang ihrer heiseren Stimmen.

„Gewiss könnt Ihr sehen, Sir Hawk“, setzte sie an und versuchte, das schwere Gefühl im Abgrund ihres Wesens zu ignorieren, „dass diese Angelegenheit nichts ist, das ich zu besprechen beabsichtige.“

„Es ist meine Aufgabe, den König zu bewachen“, sagte er. „Und das kann ich nicht tun, wenn ich über die Vorkommnisse im Schloss nicht informiert bin.“

„Müsst Ihr alles wissen, was in Blackburn vor sich geht?“

„Das bevorzuge ich.“

„Jede heimliche … Vereinigung?“

Einen Moment lang schien er sprachlos, dann sagte er: „Ihr ward Zeugin–“

„Aye.“ Sie unterbrach ihn, ehe er die peinliche Wahrheit aussprechen konnte.

„Oh.“

Sie räusperte sich und versuchte, den Blick irgendwohin abzuwenden, aber es gab nichts zu sehen außer ihm. „Oh, fürwahr.“

Seine Gegenwart schien den gesamten Raum zu erfüllen, und sie sah, dass ihm so unwohl war wie ihr. Er hob eine Hand und rieb sich die Brust, so als lindere er den Schmerz einer halb vergessenen Wunde, und als ihr Blick dorthin fiel, erkannte sie, dass sie tatsächlich das Ende einer weißlichen Narbe sehen konnte, die direkt auf sein Herz zeigte.

„Blackburn Castle ist …“ Er hielt inne. „Es ist weit entfernt von einem Kloster. Ich versuche, den jungen James von solchen Dingen fernzuhalten, aber das ist schwer.“

„Sprecht Ihr von Eurem eigenen Verhalten oder dem der anderen?“

Die Frage fiel in die Hitze des Raumes wie Zunder auf eine Flamme.

„Ich bin der Hauptmann der Wache des Königs“, sagte er. „Mein Posten hält mich ziemlich auf Trab.“

„Die beiden, die ich sah, schienen auch auf Trab zu sein.“

Sein Blick war tödlich ruhig und seine Brauen gesenkt, aber seine Lippen zuckten leicht.

„Erkundigt Ihr Euch nach meinen fleischlichen Erfahrungen, Mädel?“

Nein. Vielleicht. Ja. Guter Gott, was stimmte nicht mit ihr? Der Raum schien seltsam luftleer, ihre Blicke waren verbunden.

„Passt auf, an wem Ihr Eure Schäkereien verfeinert, Mädel“, sagte er, seine Stimme ein mitternächtliches Grollen in dem trüben Zimmer.

„Seid Ihr so gefährlich?“

„Nay. Ich bin so alt. Mein Herz könnte unfähig sein, die Anstrengung zu ertragen.“

Er sah so hart aus wie eine mächtige Eiche, so faszinierend wie ein sich windender Pfad. Sie lachte beinahe bei seiner Beschreibung von sich selbst, aber das Geräusch wollte ihre Kehle nicht recht verlassen.

„Nicht so alt, denke ich“, murmelte sie.

Er streckte eine Hand aus und strich mit der Rückseite seiner Finger über ihre Wange, sehr langsam, als versuche er, sich selbst aufzuhalten. Ein Dutzend ungewollte Emotionen überfluteten sie – Verlangen und Hoffnung und viele andere, die sie nicht einmal benennen konnte. Sie schloss ihre Augen angesichts der süßen Berührung seiner Liebkosung, aber genau in dieser Sekunde hörte sie ein raschelndes Geräusch aus der Türöffnung.

Hawk riss seine Hand weg, dann drehte er sich ruckartig zu dem Geräusch um. „Heiler.“ Seine Stimme schien ungerechtfertigt erleichtert zu klingen. „Das Mädel ist verwundet worden. Ich überlasse sie Eurer Fürsorge.“ Ohne ein weiteres Wort ließ er das Stück Stoff auf den Tisch fallen und schritt aus dem Raum heraus.

Kapitel 5

Haydan ging in der Enge seines Schlafgemachs auf und ab. Es war ein kleiner Raum, gemütlich, aber bescheiden. Vor langer Zeit war ihm ein eleganteres Quartier angeboten worden, aber er hatte festgestellt, dass er sich dort nicht entspannen konnte – denn je größer die Entfernung zum König war, umso mehr vergrößerte sich seine Nervosität.

Jetzt wohnte er weniger als fünfzig Fuß von der Tür zu James’ Schlafgemach entfernt, und doch fühlte er sich so angespannt wie eine wilde Berbereitaube. Aber wieso? Alles war gut. Freilich, der König plante, seinen elften Geburtstag zu feiern, und freilich, das Schloss und die Außenlangen versanken mehr und mehr in Gästen. Dennoch gab es keinen Grund für irgendwelche großen Sorgen – denn obwohl James der Alleinherrscher Schottlands war, war sein Titel nur ein Titel auf dem Papier. Er hatte keine wirkliche Macht. Der französische Herzog von Albany regierte Schottland, und obgleich sowohl sein Interesse und seine Beteiligung an schottischer Politik schwanden, hielt er immer noch die Zügel des Landes. Also war es sein Leben, das am meisten in Gefahr war.

Es stimmte, dass es immer jene geben würde, die dem Thron Schaden zufügen wollten, aber Hawks Männer waren für jede Möglichkeit gewappnet. Sie waren ergeben, gut ausgebildet und gut bewaffnet.

Aber dieser Gedanke beflügelte eine ungewollte Erinnerung – die Erinnerung an ein schlankes Mädel vom fahrenden Volk, die die Annäherungsversuche eines Mannes abgewehrt hatte, dem Haydan damit vertraut hatte, das schwache Geschlecht zu beschützen, nicht ihm zu schaden. Ein Mann, der Haydans eigener Soldat gewesen war.

Verdammt! Er ging wieder auf und ab. Obwohl Brims neu in Blackburns Verteidigung gewesen war, war er mit besten Empfehlungen gekommen. Haydan hatte gedacht, dass er über solchen erbärmlichen Taten stehen würde. Ein Bild von Catriona bewegte sich durch seine Gedanken. Jeder Mann könnte in ihrer Nähe kurzzeitig wahnsinnig werden. Es war nicht die Tatsache, dass sie wunderschön war; vielleicht war sie nicht einmal besonders hübsch. Sie war einfach … bezaubernd. Und doch war er nicht sicher, was es war, das sie so faszinierend machte. Vielleicht waren es ihre Augen. Weit auseinanderstehend und leicht geneigt schienen sie mit jeder launenhaften Stimmung ihre Farbe zu wechseln. Aber nay, es waren nicht einfach ihre Augen. Sie war es. Sie war unheimlich, überirdisch. Dafür war an dem Abend in der großen Halle der Beweis erbracht worden. Denn als sie eintrat, schien jeden anwesenden Mann der gesunde Menschenverstand verlassen zu haben. Sie waren gewillt, sich zu Narren zu machen, nur um einen Augenblick an ihrer Seite zu verbringen, das Licht ihres Lächelns auf ihren Gesichtern zu spüren, das süße Flüstern ihrer Stimme zu hören.

Und er? Haydan biss die Zähne zusammen. Er war mitten unter ihnen. Freilich, er war in der Lage gewesen, sich von ihr fernzuhalten, während andere sich näher drängten, aber er konnte nicht anders, als von jedem Augenblick ihrer Aufmerksamkeit begeistert zu sein oder erzürnt über jedes geistlose Kompliment der allgegenwärtigen, posierenden Verehrer.

Er ging wieder auf und ab. Warum war sie hergekommen? Um aufzutreten, hatte sie gesagt. Aber es gab Dinge, die sie ihm nicht erzählte. Ein Mann wurde nicht der Hauptmann der Wache des Königs, ohne eine Art sechsten Sinn zu entwickeln.

Aber wieso hielt sie die Wahrheit zurück? Sie war nicht von unehrlicher Art, und er hatte ihr nie einen Grund gegeben, ihm zu misstrauen. Fürwahr, seit dem ersten Mal, als er sie vor Jahren getroffen hatte, waren sie gut miteinander ausgekommen. Sie war ein Mädel von nur achtzehn Jahren gewesen, als sie das erste Mal nach Blackburn Castle gekommen war. Selbst damals hatte Haydan eine undefinierbare Anziehung verspürt, aber Erfahrung und seine eigene Abneigung dagegen, sich selbst zu ernst zu nehmen, hatten ihn gewarnt, dass er wie jeder andere atmende Mann lediglich entzückt gewesen war von ihrer überirdischen Sinnlichkeit. Also hatte er acht darauf gegeben, sich nicht wie ein Narr zu benehmen. Hatte acht darauf gegeben, dass er so tat, als denke er von ihr genauso wie von seiner eigenen ausgelassenen Nichte – recht lästig, aber von der anständigen Sorte.

Dennoch konnte er sich an jeden Moment erinnern, den er mit ihr verbracht hatte. Er war ein Narr gewesen, sie in die Krankenstube zu bringen, denn jetzt hatte er noch mehr Erinnerungen: das Gefühl ihrer Haut unter seinen Fingern, das Leuchten ihrer Augen – so pulsierend, so lebendig. Sie war nicht wie andere Mädchen – weder schüchtern, noch albern, aber–

Aber was? Er ging wieder auf und ab. Sie war ein Kind, nur etwas älter als die Hälfte seiner Jahre. Allein der Gedanke an ihr unbedeutendes Alter ließ sein Knie der Jahre wegen, die er hinter sich gebracht hatte, knacken. Er verzog das Gesicht, während er ging, und schwelgte im Schmerz. Denn mit dem Schmerz kam die Wirklichkeit. Und die Wirklichkeit war, dass er ein alter Mann war – und ein Mann des Königs, der geschworen hatte, zu schützen und zu dienen, und niemanden über seinen obersten Herrn zu stellen.

Und genau das würde er tun. Haydan wandte sich zur Tür, riss sie auf und betrat den Flur. Nach einem Dutzend Schritten hatte er James’ Zimmer erreicht. Ein Wandleuchter brannte auf jeder Seite der eisenbeschlagenen Doppeltür. Und unter jedem Licht stand ein Soldat in dunkler Kniehose und blauem Wams mit dem Rücken zur Wand, bereit und aufmerksam.

„Galloway“, sagte Haydan und nickte der näheren Wache zu. Er war ein junger Mann aus bescheidenen Verhältnissen, zu jung für einen solchen Posten, würden manche sagen. Aber er war es gewesen, der Catrionas Ärger mit Brims gemeldet hatte, obwohl er unfähig gewesen war, sein Misstrauen gegenüber dem fahrenden Volk zu verschleiern. „Ist alles in Ordnung?“

„Aye!“, bellte Galloway mit Haltung, die so steif und aufrecht war, dass sie schien wie in einer Esse ausgearbeitet. „Alles ruhig, Sir Hawk!“

Haydan sah ihn für sein übereifriges Gebaren mit schiefem Blick an, aber Galloway wandte seinen Blick nicht einmal zur Seite, um den Ausdruck mitzubekommen.

„Nichts zu melden, Cockerel?“, fragte Hawk die andere Wache.

„Nay, Sir“, stimmte er zu und hob lediglich eine dunkle Braue ob des wilden Enthusiasmus’ des anderen. „Ihr könnt versichert sein, dass der junge Galloway hier selbst den Eintritt eines Flohs ins Zimmer gemeldet hätte.“

Haydan unterdrückte ein Grinsen. Vieles sprach für junges Blut.

Alles war, wie es sein sollte. Und doch konnte Haydan nicht das Verlangen unterdrücken, selbst nach dem Knaben zu sehen. Mit einem Nicken zu den Wachen, betrat er geräuschlos das Zimmer, sorgsam darauf bedacht, keinen Laut zu verursachen. Schließlich war der König beinahe ein Mann und wollte nicht länger verhätschelt und beobachtet werden. Fürwahr, er ärgerte sich manchmal über die Beschränkung, die König zu sein mit sich brachte. Als Hauptmann der Wache wusste Haydan das, und doch stellte er fest, dass er sich nach der Zeit sehnte, als der Knabe noch nicht zu groß war, um auf seinen Schultern zu reiten oder bei einer langen Tagesreise in seinen Armen einzuschlafen.

Es gab jene in Blackburn, die begierig waren zu sagen, dass es einer Wache nicht zustand, so in das Leben des Königs verstrickt zu sein.

Haydan wünschte lediglich, dass er widersprechen könnte. Aber als er sich dem großen, scharlachrot behangenen Bett näherte, spürte er das vertraute Ziehen in seinem Herzen. Eine einzelne Kerze warf Licht in den Raum. Unter den Decken schlief der junge James friedlich.

Haydan beobachtete ihn in Stille, erinnerte sich an ihn als winziger Knabe, ein pummeliges, hübsches Kind mit einem schelmischen Grinsen und Haar, das so hell leuchtete wie ein Highland-Plaid. Der Klang seines Lachens, der Ausdruck von Bewunderung auf seinen einfachen Zügen, wenn Haydan ihm das eine oder andere beibrachte – wie man gekonnt zum Gegenschlag ausholte, Kimme und Pfeil oder wie man einem ruhenden Jagdfalken die Haube aufsetzte.

Diese Tage schwanden jetzt so rasch dahin. Allein der Gedanke daran ließ ihn sich so alt fühlen wie die Steine unter seinen Füßen.

Nahe der Tür hörte er das Scharren einer Wache. Haydan wandte sich fast schuldbewusst vom Bett ab und schritt zurück durch die Türöffnung.

„Sir Hawk“, sagte Galloway, hielt sein Gesicht nach vorne gewandt und bewegte nur die Augen, als Haydan neben ihn trat. „Stimmt etwas nicht?“

„Nay, alles ist gut“, sagte Hawk und wandte sich ab.

„Sir Hawk?“

„Aye“, sagte er und warf der lanzengeraden Wache einen Blick zu.

„Ich möchte Euch für diesen Posten danken.“

„Ihr habt mir bereits dreimal gedankt.“

Die Haltung des Burschen versteifte sich noch etwas mehr, obwohl Haydan nicht gedacht hatte, dass das möglich wäre. „Ich werde Euch nicht enttäuschen, Sir.“

„Ich bin sicher, das werdet Ihr nicht“, stimmte Haydan zu, begierig zu verschwinden.

„Und Sir?“

„Aye.“

„Meine Vergebung für den Vorfall vor den Toren.“

„Den Vorfall?“

„Mit Lieutenant Brims und Wickfield. Ich wusste nicht, dass Ihr Euch mit dem Mädel angefreundet habt.“ Seine Stirn legte sich in Falten. „Ich hätte sie sicher nach Blackburn eskortieren sollen, obgleich sie vom fahrenden Volk ist.“

Haydan kniff seine Augen zusammen. „Mögt Ihr das fahrende Volk nicht, Galloway?“

Der junge Mann schluckte so schwer, dass man die Auf- und Ab-Bewegung seines Adamsapfels sehen konnte. „Es ist schwer sie nicht zu mögen, jetzt wo ich gesehen habe–“

Die andere Wache gab geflüsterte Erheiterung von sich.

Galloway hielt augenblicklich inne.

Haydan wandte seinen Blick zu dem Soldaten, der von allen, die ihn kannten, Cockerel genannt wurde. Vielleicht war es der breite, gefiederte Hut, den er trug, wenn er nicht im Dienst war. Oder vielleicht war es schlicht sein Gebaren, das ihm den Namen „Hähnchen“ eingebracht hatte.

„Amüsiert Euch etwas, Cockerel?“

„Nay, Sir Hawk. Gewiss nicht.“

„Warum lächelt Ihr dann?“

„Ich musste lediglich an das Zigeunermädel denken, Sir.“ Er hielt inne, und das übermütige Grinsen hob sich etwa um einen Viertelzoll. „Sie ist ziemlich … hübsch. Nicht wahr?“

Haydan vertiefte seinen wütenden Blick. „Ist mir nicht aufgefallen.“

„Wahrlich? Dann lasst mich Euch sagen, Sir: Lady Catriona ist ohne Zweifel–“

„Nicht für Euresgleichen.“

„Was?“

„Ihr werdet sie nicht anrühren“, sagte Haydan. „Versteht Ihr mich?“

Obwohl Cockerel sich bemühte, seine Überraschung zu verbergen, war er sein Grinsen betreffend nicht so umsichtig. „Ich glaube, das tue ich, Sir“, sagte er.

Haydan blickte einen Moment lang finster drein. „Das ist gut.“ Er drehte sich unvermittelt um und verfluchte den Schmerz in seinem Knie und seine eigene, mahlende Torheit.

Er ging einige Zeit durch das endlose Labyrinth der Flure, aber das Schloss schien ohne Luft, ohne Freiheit, ohne Frieden. Schließlich schritt er zum Wall und hoffte, dass der Wind die modernden Sorgen aus seinen Gedanken fortblasen würde.

Es waren närrische Sorgen. Schließlich …

Er blieb stehen, weil er plötzlich ein leises, kratzendes Geräusch gehört hatte.

Es war wahrscheinlich nicht mehr als eine Ratte, die nach etwas zu essen suchte, aber seine Nerven waren bereits gereizt gewesen und nun waren sie gespannt wie eine schussbereite Armbrust. Er bog geräuschlos in einen dunklen Flur ein, folgte seinen Instinkten und hoffte, dass er in die richtige Richtung ging. Hoffte–

Dort! Ein Schatten direkt voraus, der vor einer Tür schwebte. Hawk hielt inne, bereit in eine versteckte Mauernische zurückzuweichen. Aber es war bereits zu spät. Der Schatten wandte sich zu ihm um, das Gesicht blass in der Dunkelheit.

„Wer da?“, fragte er.

Es gab ein überraschtes Quietschen und plötzlich drehte sich der Schatten wie ein scheues Hengstfohlen weg und floh.

„Halt!“, forderte Hawk. Aber der andere verschwand bereits in der Düsternis.

Haydan setzte sich in Bewegung, strengte sich an, in der Dunkelheit zu sehen, während er donnernd folgte.

Fort! Er war fort! Zu beiden Seiten öffneten sich Flure. Hawk blickte in beide Richtungen. Dort!

Er schoss los, stürzte seiner Beute hinterher wie ein Hund und verringerte die Entfernung zwischen ihnen. Die Treppe! Er sah, wie sich der Schatten umdrehte, sah wie er die Steinstufen hinaufstürzte, aber Haydans Schritte waren länger. Er sprang hinterher, nahm mehrere Stufen auf einmal. Er war jetzt nah. So nah. Er streckte eine Hand aus, um den Eindringling zu sich zurückzuziehen, aber seine Finger streiften die Tunika nur. Es gab einen heiseren Schrei des Entsetzens. Seine Beute sprang die letzte Treppe hinauf und um eine Ecke.

Haydan sprang ihm nach, bereit ihn zu Boden zu ziehen. Aber auf dem Wall war niemand. Er flog zu den Zinnen und blickte hinunter. Der Burghof war hundert Fuß unter ihm. War der Schurke gesprungen? Aber nein, das hätte er nicht überlebt!

Er versteckte sich zwischen zwei Zinnen. Es ging nicht anders!

Haydan stürzte weiter, spähte in jede Lücke der steinernen Zinnen. Aber da war nichts. Niemand. Er war verschwunden – wie Rauch, wie Magie, wie eine wilde Ausgeburt seiner Fantasie.

Als Haydan sich am nächsten Morgen im Bett aufsetzte, stöhnte sein Kopf eine Beschwerde. Sein Knie schmerzte, als er seine Beine auf den Boden schwang. Er hatte den Großteil der Nacht damit verbracht, auf und ab zu gehen. Nach seiner enttäuschenden Verfolgungsjagd war er in die Gemächer des Königs zurückgekehrt. Aber ein rascher Blick hatte ihn versichert, dass alles gut war. Er war dann zurückgeeilt an den Punkt, an dem er seine Beute zuerst gesehen hatte, und hatte ohne zu Klopfen die Tür aufgeschoben.

Ein verschlafenes „Was zum Teufel tut Ihr hier?“ war ihm vom Bett aus entgegengeschleudert worden. Es war offensichtlich, dass es hier keinen Ärger gab.

Nach etwa einer halben Stunde ziellosen Umherwanderns war Haydan schließlich in sein eigenes Zimmer zurückgekehrt. Aber der Schlaf war eine launische Geliebte und weigerte sich, bei ihm zu liegen. Also war er bis in die frühen Morgenstunden auf und ab gegangen, bis ihn die Müdigkeit schließlich hinabgezogen hatte.

Er gürtete sich sein Plaid um und ließ die Klinge seines Sgian dubh, seiner schwarzen Klinge, in seinen Stiefel gleiten, sodass nur der Griff aus Geweih zu sehen war. Diese einfachen Rituale sorgten dafür, dass er sich besser fühlte, und einige Minuten später saß er in der großen Halle, versuchte sich auf sein Frühstück zu konzentrieren und das Grüppchen von Männern zu ignorieren, die sich nahe der Ecke des lauten Raumes herumtrieben. Er wusste, warum sie sich dort zusammengefunden hatten; wusste, dass hinter ihnen das Mädel namens Catriona verborgen war. Aber es würde ihn nicht kümmern. Falls er letzte Nacht irgendetwas gelernt hatte, entweder von seiner Zeit in der Krankenstube oder von seiner Zeit auf der Jagd, dann, dass er alt wurde.

Bei allen Heiligen! Er fühlte sich, als sei er hundert Meilen gerannt, als habe er einen Drachen bekämpft, mit nichts als einem Gebet und dem stumpfen Ende eines Wachtelknochens. In Wirklichkeit aber hatte er nicht viel mehr getan, als ein paar Treppen hinaufzurennen. Und seine Beute zu verlieren.

Brennende Enttäuschung durchfuhr ihn. Wer war es gewesen und welches Unheil hatte er geplant? Haydan wäre willens gewesen, zu glauben, dass er nichts Böses im Sinn hatte, wenn der Bursche angehalten und seine Taten erklärt hätte, aber seine Flucht hatte ihn verurteilt.

Bursche! Das Wort war ungebeten zu ihm gekommen. Es war ein Bursche an der Tür gewesen. Haydan war sich dessen plötzlich sicher, denn der Junge hatte sich mit Schnelligkeit und Geschick bewegt, und obwohl die Dunkelheit das verfälscht haben mochte, hatte die Gestalt nicht sehr groß gewirkt.

Haydan blickte sich mit erneuerter Aufmerksamkeit in der Halle um. Unter den Dienern gab es viele Jugendliche. Nahe der Vordertür beispielsweise gab es einen Jungen von der etwa richtigen Größe, aber … nay. Er war ein winziges bisschen zu klein.

Die Tochter von Küchen-Elsie erschien. Sie war ein hübsches Mädel von etwa vierzehn Jahren, pummelig und … Konnte sein Verdächtiger ein Mädchen sein?

Haydan verzog beim Gedanken daran das Gesicht. Er war kein eitler Mann, aber er hatte nicht den Wunsch, zu glauben, dass er von einem pummeligen Mädchen abgehängt worden war, das gerade zur Frau wurde.

Ah, dort. Ein weiterer Bursche, in der Nähe der Traube von Männern, die entschlossen waren, Narren aus sich zu machen. Haydan beobachtete, wie der Junge Wein und Ale anbot und sich zwischen den langen Tischen bewegte. Er war ein graziler Junge – und schnell. Gekleidet in eine braune, leicht fleckige Kniehose und eine zu große Tunika, machte er seine Aufgabe gründlich. Sein Kopf war von einer grauen Mütze bedeckt, die über die eine Seite seines Gesichts hing, aber Haydan war ziemlich sicher, dass er Saras Junge war. Ein guter Bursche, wenn auch ein bisschen ausgelassen.

Der Junge drehte sich etwas und gestattete Haydan, ihm schräg ins Gesicht zu blicken. Ale spritzte über den Rand von Haydans Krug und sein Fluch war laut genug, dass seine Tischgenossen sich mit fragendem Gesichtsausdruck zu ihm umdrehten.

Verdammt noch mal – der Bursche hatte es schon wieder getan.

 

„Ich sage Euch“, sagte Catriona und lachte über den letzten Scherz. „Ich habe keinen Anspruch auf einen Thron, weder hier noch anderswo.“

„Aber seid Ihr je in Eure Heimat zurückgekehrt?“, fragte der schmächtige Mann mit den schiefen Zähnen und dem widerspenstigen Haar. Er sah irgendwie vertraut aus, aber als er sich als Arthur Douglas, Earl of Harrowhead, vorgestellt hatte, hatte sie den Namen nicht erkannt. Er hatte die jungenhafte Angewohnheit, seinen linken Arm an seiner Seite zu halten, als wäre er schüchtern. Die Umstehenden nannten ihn Lord Weinfass, aber er schien es ihnen nicht nachzutragen, vielleicht wegen der überwältigenden Menge Ale, die er bereits getrunken hatte, oder vielleicht wegen seines entwaffnenden und bescheidenen Temperaments.

„Nay. Ich hatte nie die Möglichkeit, nach Khandia zurückzukehren“, sagte sie.

„Was die Erklärung ist“, sagte ein anderer. „Wenn sie Euer Gesicht sähen, würden sie Euch gewiss zum Thron scheuchen.“

„Wenn sie nach ihrem ersten Anblick noch bei Bewusstsein wären“, sagte Weinfass, und die anderen um ihn herum lachten.

Beinahe ein Dutzend Männer umgab sie. Sie kannte einige Namen. MacKinnon mit dem runden, bärtigen Gesicht. De la Faire mit den perfekten Zähnen. Lord Drummond, ein düsterer, gutaussehender Mann, der neben dem blassen Mädchen namens Roberta saß und der von jedem von ihr geflüsterten Wort vereinnahmt schien. Er war es, der seine Tür verschlossen hielt, wenn Mildred recht gehabt hatte.

Konnte einer von ihnen diese böse Frist gesetzt haben?

„Witwe Charmain“, sagte jemand. „Ihr seht ausgeruht aus.“

„Mir wurde gesagt, dass es keinen Ort gibt, an dem man sich so gut … ausruhen kann wie auf Blackburn.“

Catriona hielt den Atem an. Da war etwas an dem geschnurrten Klang von „ausruhen“, das eine Erinnerung wachrief.

Fayette!

Cat ließ ihren Blick zu der Frau schnellen, aber obwohl die Lady sich umwandte, um Catriona anzusehen, war da weder Wiedererkennen noch Schrecken in ihren Augen, sondern eher die Andeutung einer Emotion, die Cat nicht ganz lesen konnte.

„Lady“, sagte ein Bursche, der neben ihrem Ellenbogen mit einem Krug auftauchte. „Darf ich Euch etwas Ale anbieten?“

„Nay, ich fürchte, ich …“, setzte Cat an, aber in diesem Augenblick traf ihr Blick auf die schelmischen, grünen Augen des Burschen. „Eure M–“, begann sie, aber er hob unauffällig einen Finger an den Mund und bedeutete ihr zu schweigen.

„Kein Ale?“, fragte er und seine Lippen verbogen sich zu einem spitzbübischen Grinsen. „Aber es ist ein hervorragendes Gebräu.“

„Wenn … wenn Ihr es empfehlt“, sagte sie und stand da wie gelähmt, angesichts des gekrönten Königs von Schottland in schmutzigen Reithosen und einer herabhängenden Haube.

Er lehnte sich näher um einzuschenken. Seine Mütze baumelte tiefer und drohte in ihrem ungewollten Ale zu ertrinken. „Ihr habt mir einen Ausritt versprochen“, flüsterte er.

„Aye“, stimmte sie knapp zu und riss ihren Blick aus seinem Gesicht.

„Prinzessin Cat“, summte De la Faire nahe ihrem Ellenbogen. „Ich habe Euch bei der Jagd gestern vermisst.“

Sie drehte sich zum Sprecher und fragte sich voll sprachloser Ehrfurcht, ob niemand anderes den Knaben erkannt hatte. „Ich war recht müde“, erklärte sie schlicht und überflog die Gesichter, die sie umgaben. Niemand starrte den König voll schockiertem Entsetzen an. „Ich fürchte, ich habe den Nachmittag im Bett verbracht.“

„Ein Bild zum Sinnieren“, murmelte jemand.

Es gab Gekicher.

„In die Stallungen“, sagte James sanft. „Sofort.“

Sie nickte. Er schlüpfte davon.

„Entschuldigt mich, edle Herren“, sagte sie und erhob sich. „Ich muss mich um meine Großmutter kümmern.“

„Ich hatte gehofft, Ihr würdet heute vielleicht mit mir ausreiten“, sagte jemand, aber sie entschuldigte sich und eilte davon.

Sobald sie die große Halle verlassen hatte, wandte sie sich nach links und versuchte, jeden zu meiden, der sie aufhalten könnte. Aber gerade, als sie dabei war zu entkommen, drehte sich ein Priester in einer schwarzen Robe zu ihr um.

„Catriona von den Bairds“, sagte er. Sein Haar war rot, seine Stimme sanft, seine Hände jeweils im Ärmel des anderen Arms verborgen. „Ich hatte gehofft, Euch kennenzulernen.“

„Oh, Pater, ich …“ Sie blickte den Flur hinunter, durch den sie selbst jetzt noch zu entkommen hoffte. „Ich fürchte, ich habe keine Zeit. Ich habe eine Nachricht erhalten, dass meine Großmutter sich unwohl fühlt.“

Er setzte einen besorgten Gesichtsausdruck auf. „Vielleicht sollte ich Euch begleiten.“

„Nay!“, sagte Cat schnell und suchte verzweifelt nach einer Ausrede. „Nay, Pater“, sagte sie. „Wenn ich einen Priester in Großmutters Zimmer brächte, dächte sie vielleicht, dass Ihr kämt, um ihr die Letzte Ölung zu geben, nicht Eure guten Wünsche.“

Er lächelte, ein warmer Ausdruck in seinem gütigen Gesicht. „Nun gut, aber bitte, Mädel, zögert nicht, zu mir zu kommen, wenn Ihr irgendeine Not verspürt.“

„Habt Dank“, sagte sie, eilte davon und versuchte, nicht zu ungeduldig zu wirken.

Sie nahm einen umständlichen Weg zu den Stallungen, blickte immer wieder rasch über ihre Schulter. Ihr Herz donnerte wie ein Rennpferd. Es war nicht der rechte Moment! Es hatte keinen Sinn, jetzt reiten zu gehen.

„Ihr werdet ihn zu uns bringen. Allein und unbewaffnet.“

Nicht jetzt. Noch nicht. Das wäre ihr letzter Ausweg, ihr Schlussakt, wenn alles andere gescheitert war. Wenn Sie Blackhearts wahre Identität nicht ermitteln konnte. Wenn sie ihn nicht aufhalten konnte. Es war zu früh, und doch stand es ihr nicht zu, sich dem König zu verweigern. Sie brauchte seine Freundschaft, benötigte sein Vertrauen, oder alles wäre verloren.

Die Tür zu den Stallungen öffnete sich unter ihrer Hand mit einem Quietschen. Aus einer Box mit schweren Balken zu ihrer Rechten blickte ein Stallbursche zu ihr herüber und starrte sie an, bis sie weitergeeilt war. „Hallo“, rief sie sanft.

Keine Antwort.

„Eure Majestät?“, flüsterte sie.

„Hier.“ Die Stimme kam von oben.

Sie blickte gerade hoch, als James die ledergebundenen Sprossen einer schrägen Leiter hinunter hastete. Vereinzelte Strohhalme regneten bei seinem Abstieg herab.

„Wir müssen uns beeilen“, flüsterte er, dann blickte er über seine Schulter in Richtung der Box, in der der Stallbursche war. „Die meisten Reiter sind beim Frühstück. Wir haben nicht viel Zeit.“

„Zeit wofür?“, fragte sie. Ihr Herz hämmerte noch immer in der zu engen Brust.

„Unsere Flucht.“

„Flucht!“

„Psst. Wir haben wenig Zeit, ehe jemand feststellt, dass ich nicht in meinen Gemächern bin.“

„Ihr habt vor, alleine auszureiten?“

„Nicht allein. Mit Euch.“

„Mit mir?“ Ihr Magen verdrehte sich zu einem festen Knoten. „Wahrlich, Eure Majestät, ich halte das für keinen guten Einfall. Was wenn–“

„Psst“, warnte er erneut, packte ihre Hand und zog sie in die nächste Box. Sie trat hinein. Er blickte nervös an ihr vorüber, während er die schwere Tür zuzog.

„Ich habe Courtier gesattelt. Sir Hawk hat mir beigebracht, wie–“

„Das war ein Fehler.“

James rang nach Luft und drehte sich zu der Stimme um. Catrionas Herz zog sich zusammen, als sie dasselbe tat.

„Hawk!“ Der Name klang, ausgesprochen von dem zerzausten, finster dreinblickenden Burschen, wie ein Tadel.

„Aye.“ Hawk stieß sich von der Wand ab, an der er gelehnt hatte. „Ich bin es. Habt ihr jemand anderen erwartet?“

„Ich habe niemanden erwartet!“, fauchte James, sein Mund verzog sich und seine Stirn legte sich in Falten. „Woher wusstet Ihr es?“

„Ich habe Euch in der Halle erspäht und Eure Absichten erraten. Als ich sah, dass Courtier gesattelt war, haben sich meine Vermutungen bestätigt.“

„Nun, es macht keinen Unterschied“, sagte James. „Ich werde heute keine Wachen mitnehmen.“

Die Stallungen fielen in Stille.

„Ihr haltet also so wenig von Schottland?“ Die Stimme von Sir Hawk war tief und leise.

„Das hat nichts mit Schottland zu tun!“

„Ihr seid Schottland, Bursche. Was Euch widerfährt, widerfährt dem Land.“

Der finstere Blick des Jungen vertiefte sich, aber er ließ den Kopf sinken und blickte auf seine dreckigen, übergroßen Schuhe. „Ich wollt nur etwas Zeit allein.“

Hawk trat näher. „Mit einer Begleitung“, erinnerte er.

„Aye“, gab James widerwillig zu.

„Ich schätze, es ist nur ein Zufall, dass sie wunderschön ist.“

Die Worte waren nicht mehr als ein Murmeln, aber Catriona hörte sie.

Der Junge errötete, aber ein Grinsen hob einen Winkel seines schelmischen Munds. Er drehte sich schüchtern zu ihr um, dann ließ er seinen Blick wegschnellen.

„Ich stehe an der Schwelle zum Mannesalter“, erinnerte er Hawk leise. „Ihr selbst habt das gesagt.“

„Aye, das tut Ihr. Aber ich will, dass Ihr über die Schwelle tretet und in diesem Raum hundert Mal zwanzig Tage lebt, ehe Ihr etwas so Unüberlegtes tut wie dies“, murmelte Hawk.

„Dreißig Mal!“

Hawk legte dem Burschen einen Arm um die Schulter und schob ihn aus der Box. „Wie lange wäre das?“, fragte er.

„Eine lange Zeit!“

„Wie lang?“

„Wisst Ihr es nicht?“

„Vielleicht tue ich das nicht.“

„Warum sollte ich es dann?“

„Weil Ihr der König seid.“

„Dann will ich nicht König sein.“

Sie standen in dem breiten Gang der Stallungen, James sah mit wütendem Blick herauf, Hawk sah hinab, als sie ihre Kräfte maßen.

„Dann sollt Ihr es nicht sein“, sagte Hawk mit der leichtesten Andeutung eines französischen Akzents. „Denn heute werdet Ihr nur Jock sein, der Sohn eines Kaufmanns, der mir bei der Erfüllung meiner Pflichten hilft.“

Die Kinnlade des Jungen klappte herunter. „Jock? Der Sohn eines Kaufmanns?“ Seine Stimme klang beeindruckt.

„Aye, Jock“, sagte Hawk. „Wer dachtest du, bist du? Der König von England? Jetzt ist Schluss mit dem Trödeln, Bursche. Hol das Pferd der Lady und beeil dich, oder du bekommst eine Abreibung, die du so bald nicht vergisst.“

„Aye.“ Er verneigte sich bejahend und versuchte ernst zu sein, aber sein Grinsen drohte durchzubrechen. „Aye“, sagte er erneut, drehte sich auf seinen schmutzigen Schuhen um und donnerte den festgetretenen Boden des Gangs hinunter.

Kapitel 6

Sie ritten alle nebeneinander die ausgetretene Straße hinunter. Hinter ihnen lagen die Tore von Blackburn. Vor ihnen lag die Freiheit.

James blickte zu Haydan auf seinem riesigen, grauen Hengst hinauf. Der Junge hatte viele königliche Rösser, aber Courtier, mit seiner feinen Samtdecke und dem sanft dahingleitenden Gang, war mit den anderen zurückgeblieben. Stattdessen ritt der König auf einem abgewrackten, flohgeplagten Rotschimmel mit rundlichem Kopf, einer Decke aus geflochtenem Stroh und einem ausgetrockneten Sattel. Kein Schmuck verzierte seine Kleider und nichts an seinem Aufzug verriet seinen Stand. Seine einfache Haube hüpfte von hier nach da und bedeckte zu jeder Zeit die Hälfte seines Gesichts, aber nie hatte ein Junge glücklicher ausgesehen.

„Wohin gehen wir heute …“ Er hielt inne. „Onkel … Harry?“

Hawk sah ihn mit verbittertem Blick an, war aber gewillt seine Rolle in dem Spiel zu übernehmen, das er angestoßen hatte. „Ich muss mit Baron von Isthill sprechen“, sagte er. „Über einige Gewürze, die er braucht.“

„Oh.“ Das Grinsen war jetzt Catriona zugewandt. „Und Ihr, Mistress …“ Er hielt inne und suchte nach einem Namen.

„Catherine“, bot sie an.

„Mistress Catherine“, sagte er und lächelte ob ihrer raschen Antwort breit. „Habt Ihr eigene Pläne oder kommt Ihr lediglich mit, um Euren Gatten zu begleiten?“

Sie öffnete den Mund, um zu widersprechen, aber ein Blick auf Hawk ließ sie ihre Meinung ändern. Denn in seinem Ausdruck sah sie seine Bereitschaft in die Hölle und zurück zu gehen, um dem Jungen diesen Augenblick ungezügelten Glücks zu bescheren.

Sie wandte den Blick zum König zurück. „Ich brauche einen Ballen Leinen für ein neues Kleid“, sagte sie, und die Rolle fiel ihre leicht. „Ich hatte überlegt, mein altes aus Wolle zu flicken, aber der König kommt, weißt du.“

„Fürwahr?“ Er grinste.

„Fürwahr“, sagte sie und lehnte sich näher. „Und ich habe nicht die Absicht, ihn zu erzürnen. Er ist oberflächlich wie das Grab eines armen Mannes und könnte sehr wohl an meiner schäbigen Erscheinung Anstoß nehmen.“

Einen Moment lang starrte James sie an, dann warf er seinen Kopf zurück und lachte. Der Ton des Tages war angegeben. Alberne Rätsel, befreiendes Lachen und närrische Gedichte erfüllten den Morgen, und falls James das Gefolge von Wachen bemerkte, das eine Viertelmeile hinter ihnen folgte, erwähnte er es nicht.

Kurz vor Mittag erreichten sie ein Dorf, in dem sie sich den Markt anschauten. Hungrig und aufgeregt beäugte James einen Karren voll fetter Hammelpastete, aber Hawk stieß ihn weg.

„Ich bitte dich nicht, nur zwei Mal am Tag zu essen, wie es viele tun, Bursche“, sagte er und legte ihm einen Arm um die Schulter. „Aber dein Onkel kann sich für derlei Dinge weder die Zeit noch das Geld leisten. Hier.“ Er stieß ihn auf einen anderen Stand zu und forderte den Jungen auf, etwas aus einem Angebot von Klötzen stinkenden Käses auszuwählen.

Später, als das Dorf weit hinter ihnen lag, ließen sie ihre Pferde auf einem üppig grünen Hügel anhalten und breiteten ihre Mahlzeit vor sich aus. Sie aßen nur Käse, Brot und eine Flasche süßen Weins, aber das Wetter war schön und das Gelächter reichlich.

Eine halbe Meile entfernt hielt ein Dutzend Wachen an, aber keiner der drei sprach mit ihnen.

„Euer Vater war also auch ein Kaufmann, Tante?“, fragte James und schlürfte den Wein direkt aus der Flasche.

„Aye.“ Catriona blickte herüber zu der Stelle am Hang, an der ihr struppiger, rotbrauner Wallach graste. Sie hatte ihn losgebunden, weil er nicht von der Sorte war, die sich von den anderen entfernte. Er war ein kräftiges Tier und gut ausgebildet, aber er war nicht ergebener als ein Brocken Sandstein. Wenn die anderen Pferde aufbrechen würden, wäre er fort wie ein abgeschossener Pfeil. Aber das Trio Pferde war für den Augenblick zufrieden damit, das saftige Gras zu plündern.

Es war ein schöner Frühlingstag, mit ein paar vereinzelten, aufgebauschten Wolken, die lediglich drohten, die Fantasie anzuregen, wenn man sie zu lange ansah. Hawk hatte seinen graukarierten Umhang ausgezogen, der nun ausgebreitet auf dem Gras lag, sodass sie darauf essen konnten.

„Aye, Vater war eine Art Kaufmann“, sagte Catriona, „aber er war mehr.“

„Mehr?“ James stellte die Flasche beiseite, um ein weiteres Stück Brot abzureißen. Es war dunkel, körnig und etwas trocken, ganz und gar nicht wie die feinen, weißen Laibe, die in Blackburns gewaltigen Steinöfen gebacken wurden. Er blickte es einen Moment lang finster an, dann legte er es zur Seite.

„Aye“ sagte Cat. „Er war ein Spion.“

„Nay.“

„Aye. Er war ein Spion und vereitelte ein böses Komplott gegen den König.“

„Unseren König?“, fragte James, als wäre er vom bloßen Gedanken an die Mitglieder des Königshauses begeistert.

„Selbstverständlich unseren König“, sagte sie.

„Aber Ihr sagtet, der König sei oberflächlich und unbedeutend“, erinnerte sie James mit geneigtem Kopf.

Sie dachte einen Moment lang nach, dann sagte sie: „Ich sagte lediglich oberflächlich, Bursche. Ich glaube, unbedeutend ist deine eigene Zuschreibung.“

Hawk lachte. „Vorsicht, Jock“, sagte er und benutzte diesen faszinierenden Hauch von Französisch. „Nicht, dass du mehr preisgibst als du willst.“

James sah ihn mit der Andeutung eines gequälten Lächelns an, dann wandte er sich Cat zu. „Wenn Ihr sagt, der König sei oberflächlich, warum sollte Euer Vater dann für ihn spionieren? Gewiss war es gefährlich. Warum sein Leben für einen oberflächlichen Mann riskieren?“

Catriona grinste. „Lass mich dir eine schreckliche Wahrheit verkünden, Neffe“, sagte sie und lehnte sich näher, als wäre sie kurz davor ein verbotenes Geheimnis auszusprechen. „Alle Männer sind oberflächlich.“

James wich zurück, sah unsicher und etwas verärgert aus. „Alle Männer?“

„Und was ist mit Frauen?“, fragte Hawk.

Catriona wandte ihm ihren Blick zu. Sein Ausdruck war nicht zu lesen, aber da war etwas in seinen eisblauen Augen. Schalk vielleicht.

Er lag auf der Seite, auf einen Ellenbogen gestützt. Ein riesiger Schenkel war angewinkelt, das Knie Richtung Himmel, während der andere flach neben seinem Schwert auf dem Umhang lag. Wie er da lag, erinnerte er sie an einen riesigen Wolfshund. Kräftig, ja. Beschützerisch, ja. Aber gänzlich zahm? Niemals. Und selbst wenn er es war, war es nicht sie, die er zu beschützen verpflichtet war. Nay, es war der Junge, der neben ihnen saß. Es war der Junge, für den er freudig sein Leben geben würde – für den er freudig töten würde, wenn es vonnöten war.

Sie vertrieb den Gedanken und beruhigte ihre Nerven. Alles würde gut werden. Großmutter hatte es ihr versprochen, und Großmutter sah Dinge, die andere nicht sahen.

„Sind Frauen nicht oberflächlich?“, fragte James und bot ihr einen sicheren Hafen, in dem sie mit ihren wilden Gedanken vor Anker gehen konnte.

„Aye.“ Sie nickte, erst in Richtung des Jungen, dann zu Hawk. „Ich hätte sagen sollen, dass alle Menschen oberflächlich sind – zuweilen. Selbst Durril, schätze ich.“

„Durril?“, fragte James.

„Er war der tapferste Mann in der ganzen Welt.“ Sie sagte es so, als hätte er es sicher wissen müssen.

„Tapferer als ich, Onkel Harry?“ James wandte Hawk einen unverschämten Ausdruck zu.

Sie blickte noch einmal zu Hawk. Es war närrisch, denn er hatte etwas an sich, das Schwäche in ihr heraufbeschwor. Vielleicht war es seine Haltung, wachsam und selbstsicher. Oder vielleicht war es seine bloße, körperliche Kraft. Selbst jetzt ließ der Gedanke an letzte Nacht sie zittern, weil sie beinahe erwischt worden wäre. Sie war bereit gewesen, noch einen weiteren Raum zu durchsuchen, als er sie gestellt hatte. Wie ein großer, grauer Raubvogel war er den Flur hinunter gefegt. Alles, was sie tun konnte, war die Treppen hinauf und auf den Wall zu fliehen. Dann, als sie nirgendwo anders hinkonnte, war sie über die Kante geglitten und hatte an ihren Fingern gehangen bis er vorüber war.

Es war kein leichtes Unterfangen gewesen. Ja, am helllichten Tag, bei trockenem Stein und ruhigem Geist, wäre es nicht so schwer gewesen, schließlich hatte sie ihr gesamtes Leben für derartige Tätigkeiten trainiert. Aber so wie es sich darstellte, war alles, was sie tun konnte, bis er weitergegangen war, sich festzuhalten und dann die Treppe wieder hinunterzuschleichen.

„Ich weiß nicht, ob er mutiger war als dein Onkel“, sagte Catriona und wandte ihren Blick ab. „Das musst du selbst beurteilen.“

„Dann erzählt mir von ihm“, befahl James.

Sie hob eine Braue. „Ich weiß nicht, ob mir dein Ton gefällt, junger Jock. Ich glaube, dein Onkel hat mit der Rute gespart und dir so erlaubt zu vergessen, wo dein Platz ist.“

Seine Brauen senkten sich einen Moment, aber bald sprach er und stellte klar, dass er nicht gewillt war, das Spiel aufzugeben, selbst nicht für seinen beachtlichen Stolz. „Ich flehe Euch an, Mistress Catherine“, sagte er, sein Tonfall der Inbegriff von Reue. „Erzählt mir von diesem Durril.“

„Nun gut“, sagte sie, zog ihre Knie unters Kinn und begann mit der Geschichte.

„Vor langer Zeit und weit entfernt kam ein Kind auf die Welt. Seine Eltern waren jung und arm, aber sie waren nicht mittellos, denn sie besaßen Gaben.“

„Gaben?“

„Aye.“ Sie lächelte, erinnerte sich an den Feuerschein auf dem Gesicht ihrer Großmutter, als sie die Geschichte an sie weitergegeben hatte. „Aye, sie beherrschten die Magie.“ Sie flüsterte das Wort voller Ehrfurcht und neigte ihre Hände mit den Handflächen nach oben gen Himmel. „Wunder in ihren Fingerspitzen. Flügel an ihren Füßen.“

„Sie waren Unterhalter“, folgerte James leichtfertig.

Sie schüttelte den Kopf, sah ihn aber nicht direkt an. „Nicht bloß Unterhalter. Waldgeister. Feen. Sie waren so frei wie der Wind, so wild wie die Falken. Alles, was sie taten, war Magie. Alles, was sie sagten, war Musik. Und so reisten sie durch das Land, traten auf und bildeten ihren Sohn in ihren Künsten aus. Er war ein hübscher Junge, dieser Durril. Blitzschnell, strahlend wie der Sonnenaufgang und die Freude im Leben seiner Eltern. Aber als die Jahre vergingen, wurden die Zeiten härter. Die Pest plagte das Land. Der Winter kam mit voller Härte und Kälte. Und doch hatten sie keine Wahl, als von Dorf zu Dorf zu wandern, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Aber eines Tages, während sie reisten, zog plötzlich ein heftiger Wind von Norden auf. Sie konnten keinen Unterschlupf finden. Es begann zu schneien und der Schnee blies ihnen mit beißender Kälte in die Gesichter. Ihr Zugpferd stolperte im Schneegestöber und Durrils Vater war gezwungen, dem Tier weiterzuhelfen. In diesem Augenblick kamen die Wölfe.“

Sie hielt inne. Es schien, als könne sie die Szenerie vor ihrem geistigen Auge sehen, als hätte sie es selbst erlebt, als hätte sie die Furcht in ihrer Seele gespürt.

„Seit der Pest waren die Wölfe unerschrocken und zahlreich geworden. Sie umringten den kleinen Wagen, knurrten und schnappten zu, ihre Fänge leuchteten im kalten Licht des Abends. Ihr Angriff war grausam. Durrils Vater versuchte sie abzuwehren, aber es hatte keinen Zweck. Es waren zu viele. Im Wagen hörte seine Frau seine Schreie. Sie war zerrissen vor Kummer. Sie musste bei ihrem Sohn bleiben; sie musste ihn retten. Aber sie konnte ihren Ehemann nicht im Stich lassen. Und so warf sie sich in den Kampf, wie eine Wildkatze, die ihr Männchen beschützt.“

Die ganze Welt schien still zu sein, als ob der Kampf beendet und endlich Frieden eingezogen wäre.

„Haben sie überlebt?“, fragte James mit gedämpfter Stimme.

„Nay.“ Sie schüttelte den Kopf. „Das haben sie nicht. Aber das Pferd, verängstigt von den knurrenden Tieren an seinen Haxen, befreite sich schließlich mit einem Ruck und trug den jungen Durril fort. Nach Tagen des Herumwanderns, kam der Junge in ein Dorf. Er war beinahe erfroren und er hungerte, aber er überlebte, denn er besaß–“

„Die Magie“, flüsterte James.

Catriona beobachtete den andächtigen Ausdruck des Jungen. „Aye. Er besaß die Magie. Und je größer er wurde, umso größer wurde die Magie in ihm, bis seine Gabe sogar noch größer war als die seiner Eltern. Er war so schnell wie eine Natter und so stark wie ein Ross. Die ganze Welt bewunderte ihn. Tatsächlich konnte keine Frau seiner Anziehungskraft widerstehen, denn er war so gutaussehend wie kühn. Und so heiratete er die wunderschönste Frau im ganzen Land. Ihr Name war Beti. Sie hatte die Stimme einer Walddrossel, die Anmut eines Rehs und wenn sie lächelte, fing die Welt vor Freude zu singen an. Sie lebten von ihrem Verstand und ihren Fähigkeiten. Sie waren frei wie die wilden Hügel, gingen, wohin sie wollten, wann sie es wollten. Sie waren überglücklich zusammen, und bald gebar Beti ein Kind, eine Tochter, die so anmutig war wie ihre Mutter. Sie nannten sie Martuska. Durrils Freude kannte keine Grenzen. Das Leben war gut. Sie sehnten sich nach nichts. Aber der Winter kam erneut, und wieder fand Durril sich in der Kälte, der Wind blies ihm hart entgegen. Sie waren allein zwischen Dörfern und der Himmel war erfüllt von wirbelndem Schnee. In dem winzigen Wagen kauerten seine Frau und seine Tochter dicht beieinander. Furcht lag auf ihm wie eine Decke aus Eis, denn er erinnerte sich an den schrecklichen Tod seiner Eltern.“

Sie hielt einen Moment inne, dann fuhr sie fort, ihre Stimme war gedämpft. „Und dann geschah es. Die Wölfe kamen.“

Sie hörte, wie der König scharf einatmete.

„Aber sie waren nicht seinetwegen gekommen. Nay.“ Sie schüttelte den Kopf, erinnerte sich an die Geschichte. „Sie folgten einem Jungen. Durril hört das Heulen des Rudels sogar, ehe er den Jungen sah. Aber bald donnerte ein Ross in Sicht. Der Reiter war ein schäbig aussehender Bursche, seine Augen weit vor Furcht, sein Gesicht totenblass. Unter ihm sackte das Pferd in sich zusammen und wieherte voller Panik. Ein Wolf sprang aus dem Rudel. Er war groß wie ein Bär und sprang direkt auf den Jungen zu. Das Pferd wich verzweifelt zurück. Der Bursche versuchte sich festzuhalten, versuchte sein Pferd Richtung Sicherheit zu lenken, aber es gab keine Hoffnung, und er fiel. Der riesige Wolf sprang herbei. Durril sah das alles und in seinem Herzen spürte er eine Furcht, die so groß war, dass sie ihn zu verschlingen drohte. Und doch, trotz der Tatsache, dass sich seine Familie nur wenige Zoll entfernt vor Furcht zusammenkauerte, konnte er den Bettlerjungen nicht im Stich lassen. Er packte seinen Stab, sprang vom Wagen und stürmte auf den Leitwolf zu“, sagte Catriona und ballte die Hände zu Fäusten, als hielte sie selbst den Stab. „Der Kampf dauerte lang und war blutig. Blut spritzte durch die Luft und färbte den Schnee so rot wie einen Sonnenuntergang, aber es konnte nur auf eine Weise enden.“

James beobachtete sie, ohne zu blinzeln, ohne Fragen zu stellen. Sir Hawks Blick war ernst.

„Er ließ seine Familie im Stich und gab sein Leben für einen namenlosen Bettler?“, flüsterte James.

Catriona holte tief Luft. „Er war bereit, ebendas zu tun“, sagte sie. „Aye, er war gewillt. Aber wie ich sagte, er war so stark wie ein Ross und so flink wie eine Natter. Er tötete den Leitwolf.“

„Mit nichts als seinem Stab?“

„Sein Stab war zerbrochen“, sagte Cat. „Er hatte jetzt nichts als seine bloßen Hände. Und doch besiegte er den Wolf. Und als die anderen Tiere das sahen …“ Sie schüttelte den Kopf und zuckte mit den Schultern. „Vielleicht flößte ihnen das Respekt ein. Vielleicht war es Furcht. Aber sie wandten sich um und flohen.“

„Durril überlebte?“, fragte James mit Ehrfurcht in der Stimme.

„Aye, er überlebte. Und wie es sich traf, war der Bursche, den er rettete, ganz und gar kein mittelloses Straßenkind, sondern Endorai, der gekrönte Prinz von Khandia. Und so war Durril zweifach gesegnet – aber er war für alle Zeit von einer Narbe gezeichnet. Und bis heute heißt es, dass jedes Kind, das in seiner Linie geboren wird, das Zeichen des Wolfs an seinem Hals trägt.“ Sie hob den Kopf und berührte ihren Halsansatz.

James’ Augen folgten ihrem Finger und als sie ihre Hand wegzog, bewegte sich sein Blick zu dem kleinen Muttermal an der linken Seite ihres Halses.

Er sprach nicht, obwohl seine Augen viele Fragen stellten, bis er schließlich nicht länger still sein konnte.

„Dann ist es alles wahr? Er hat den Leitwolf getötet und die anderen verjagt?“

Catriona zuckte mit den Schultern. „Es ist eine gute Geschichte, oft erzählt. Es liegt nicht an mir zu entscheiden, ob sie wahr ist oder nicht.“

James beobachtete sie einen Moment lang schweigend.

„Und was ist mit der Wunde auf Eurer Stirn, Lady Cat? Wie habt Ihr die bekommen?“

„Oh.“ Nervosität schwoll in ihr heran, als sie sich an heiseres Stöhnen und schmutzige Poesie erinnerte, an ihre panische Flucht hinein in Haydans Arme. „Ich fürchte, das ist nicht so magisch, und traurigerweise lebensnah.“

„Erzählt mir davon“, beharrte der König.

„James“, sagte Hawk mit tiefer und leiser Stimme. „Ein Edelmann muss einer Lady stets einige Geheimnisse lassen.“

„Aber ich sorge mich um ihre Sicherheit“, sagte James. „Vielleicht ist sie in Blackburn in Gefahr.“

„Keine Gefahr“, versicherte Cat ihm rasch. „Euer Palast ist wie ein Zuhause für mich.“

„Wie seid Ihr dann verwundet worden?“

„Das ist nichts, über das man sich sorgen muss“, versicherte ihm Cat.

James blickte finster drein. „Es scheint, Ihr beschützt die falsche Person, Sir Hawk.“

„Was?“ Haydans Ausdruck war so stechend wie der des Vogels, nach dem er benannt war.

James erhob sich auf die Füße, als Hawk es tat. Der große Krieger überragte ihn, aber der Junge sah in sein Gesicht empor und erklärte ohne Unterbrechung.

„Es scheint mir, dass es Eure Pflicht ist, die Lady zu beschützen.“

„Mein König“, polterte Hawk, seine Brauen tief über einem stürmischen Blick gesenkt. „Es seid Ihr und kein anderer, den–“

„Ist es nicht Eure Pflicht, zu tun, worum ich Euch bitte?“

„Es ist meine Pflicht, dafür zu sorgen, dass Ihr in Sicherheit seid und–“

„Sicher!“, lachte James. „Schaut auf den kleinen Hügel dort.“

Hawk drehte sich weg, um hinter sie zu blicken. „Aye?“

„Was seht Ihr?“

„Ein Dutzend Soldaten des Königs.“

James grinste. „Ich schätze, sie reisen nur zufällig in dieselbe Richtung wie wir?“

Haydans finsterer Blick vertiefte sich.

„Die Wahrheit ist, Sir Hawk: Wenn Ihr fünfzig Fuß von mir entfernt seid, bin ich gewiss in Sicherheit. Es liegt in Eurem Blut, sicherzustellen, dass dem so ist. Also–“

„Eure Majestät“, knurrte Hawk.

„Also“, fuhr der König entschlossener fort, „gibt es keinen Grund, warum Ihr nicht auf die Lady aufpassen könntet.“ Er drehte sich um.

„James“, sagte Hawk, schritt näher, aber der Junge winkte bereits mit einem Arm den Soldaten auf dem Hügel zu.

Augenblicklich gab es aufgeregte Bewegung und eine Minute später war das kleine Picknick von Männern auf Pferden umringt.

„Ihr braucht uns, Eure Majestät?“, fragte der Anführer der Wache.

„Aye“, sagte James und grinste beinahe. „Ich brauche Geleit. Sir Hawk hat andere Pflichten.“

„Eure Majestät!“, sagte Hawk, seine Stimme klang steif.

„Lady Cat.“ James verbeugte sich vor ihr, ein königlicher, halbwüchsiger Junge in schäbiger Kleidung. „Ich überlasse Euch der Fürsorge des Falken, denn …“ Er nahm ihre Hand, hob sie an seine Lippen und streifte einen galanten Kuss darauf. „Ich könnte es nicht ertragen, wenn Durrils Linie mit Euch endete.“

Catriona öffnete ihren Mund um zu widersprechen, aber seine Wachen umgaben ihn bereits, und einen Moment später waren sie fort.

Kapitel 7

Catriona packte Bays Zügel fester. Neben ihr blickte Hawk finster dem sich entfernenden König hinterher. Sie brauchte einen Augenblick, ehe sie ihre Stimme fand.

„Meine Vergebung.“

Es kam keine Antwort.

„Sir Hawk?“

„Was?“ Er drehte sich unvermittelt um, als wäre er überrascht, sie hier vorzufinden.

Einen Moment lang war sie versucht, zurückzuweichen, denn in seinen Augen lagen hundert unbestimmbare Gefühle, von leuchtendem Zorn bis hin zu einer so tiefempfundenen Liebe, dass es beinahe schmerzte sie anzusehen.

„Ich sagte, dass es mir leidtut. Es war nicht meine Absicht, dass das passiert.“

„Was war Eure Intention?“ Seine Stimme polterte, sein finsterer Blick war tief und einschüchternd.

Sie straffte ihre Schultern mit einiger Anstrengung. „Ich habe lediglich beabsichtigt, ihn zu unterhalten.“

„Mit Geschichten davon, wie frei andere sind? Dass sie hingehen können, wohin sie wollen, wann es ihnen beliebt.“

„Ich habe nie–“

„Sicher wisst Ihr, wie sehr er sich über seine Einschränkungen ärgert. Der Junge nähert sich rasch dem Mannesalter, und er ist begierig, freie Hand zu haben. Wieso ihn ermutigen, aufzubegehren?“

„Ich habe nichts dergleichen getan“, log sie.

„Habt Ihr nicht? Was dachtet Ihr, würde geschehen? Ihr kommt hereingerauscht wie eine Frühlingsbrise, hübsch wie eine Blüte, frei wie ein Pieper.“

„Also ist es meine Schuld, dass ich nicht königlich bin, und keine königlichen Einschränkungen habe.“

„Das habe ich nicht gesagt“, sagte er, seine Stimme voller Enttäuschung.

„Dann ist es meine Schuld, dass ich wunderschön bin?“, blaffte sie.

Hawk war einen Moment lang still, dann kicherte er. „Aye“, sagte er, und rieb sich die alte Wunde auf seiner Brust. „Aye, das ist Eure Schuld. Steigt auf, Mädel.“

„Ist das ein Befehl, Sir Hawk?“

„Aye.“

„Und ich dachte, Ihr hättet gerade gesagt, ich sei frei wie ein Pieper.“

„Ach, nun, sogar die Pieper nehmen Befehle vom Falken entgegen.“

„Tun sie das?“, fragte sie und achtete darauf, dass ihre Stimme gemäßigt klang.

„Aye“, sagte er. „Wenn der König mir befiehlt, sie zu beschützen.“

„Ich werde mich nicht beschützen lassen.“

Er zuckte mit den Achseln. „Das war nicht meine Idee.“

„Ihr hört nicht zu.“ Panik griff nach ihr. Dieser massige Highlander durfte ihr nicht im Nacken sitzen. Es gab Dinge, die zu tun waren. Dinge, bei denen es um Leben und Tod ging. „Ihr versteht nicht“, sagte sie. „Ich kann mich nicht einschränken lassen. Ich bin Rom–“

„Mädel!“ Er unterbrach sie mit tiefer Stimme und finsterem Blick. „Ich bin kein junger Mann. Fürwahr, ich bin zu festgefahren in meinen Gewohnheiten, um meinen Posten zu verlassen, und zu altersschwach, um begeistert zu sein, eine junge Frau zu beschützen, die Männer dazu veranlasst … eine junge Lady, wie Ihr es seid.“

Sie blickte finster drein. „Was soll das heißen? Wie ich es bin?“

„Es heißt, dass Ihr mehr Ärger macht als der König, Mädchen.“

„Das bezweifle ich.“

„Es ist wahr“, sagte er und zog den Sattelgurt ihres Pferdes fester. „Der Junge mag mit Männern zu tun haben, die ihn umbringen, entführen oder beeinflussen wollen, aber noch nie zuvor …“ Er hielt inne, während er ihren Steigbügel wieder an seinen Platz zurücklegte. „Nie zuvor hat es eine Schar frohlockender Verehrer gegeben, die ihn in ihre Betten zu nötigen versuchen.“

„Ist das Eure Sorge?“, fragte sie.

„Eine davon“, sagte er und wandte sich ihr zu. Seine Brust war so breit wie der Schild eines Wikingers.

„Dann lasst mich Euch beruhigen, denn anders als der König kämpfe ich diesen Kampf schon solange ich mich erinnern kann.“

Es gab einen Moment der Stille, dann fragte er: „Erfolgreich?“

„Was?“ Überraschung trieb ihr die Luft aus der Lunge. Kümmerte ihn das?

Er starrte sie für den Bruchteil eines Augenblicks an, dann wandte er sich rasch ab. „Es ist nichts“, sagte er.

Sie beobachtete ihn, ohne zu blinzeln. „Es war in der Tat etwas. Was habt Ihr gesagt?“

Er packte die Zügel seines eigenen Pferds und weigerte sich, sich zu ihr umzudrehen. Stattdessen fummelte er an seinem Sattelgurt herum und stieg dann in den Sattel.

„Könnte es sein, dass Ihr Euch nach meiner Tugendhaftigkeit erkundigt?“, fragte sie, kaum in der Lage, die Frage heraus zu zwingen, während sie auf ihren Wallach stieg und sich beeilte, zu ihm aufzuholen. „Sir Hawk–“

„Ich würde es gerne wissen!“, sagte er unvermittelt. „Damit ich vorbereitet bin.“

„Vorbereitet?“

„Ich mag keine Überraschungen“, sagte er schließlich. „Beschütze ich Euch vor allen, die sich Euch nähern, oder gibt es manche, die Ihr willkommen heißt?“

„Manche? Fragt Ihr jetzt, ob ich eine Dirne bin?“

„Hört zu, Mädel“, sagte er, seine Stimme sehr tief vor unerklärlicher Anspannung. „Ich habe nicht um diese Aufgabe gebeten, aber ich werde sie ausführen, wenn sie mir aufgenötigt wird. Aber Ihr wart es, die sagte, dass Ihr nicht einzuschränken wärt. Ich habe nicht die Absicht, Euch die Freiheit zu nehmen. Und deshalb frage ich.“

„Ihr müsst mich weder beschützen, noch Euch um mich sorgen. Ich werde Euch keinen Ärger bereiten.“

Er schnaubte und packte mit seinen großen Händen die Zügel fester. „Mädel“, sagte er, seine Stimme tief, während er Richtung Schloss ritt, „Ihr bedeutet Ärger.“

 

Die Stimmung in der großen Halle war zum Abendessen besonders ausgelassen, aber Hawk saß allein, schwieg, trank sein Met und nährte seine schlechte Laune. Wie zur Hölle war er in diesen Schlamassel geraten?

Er hätte den Jungen niemals zusammen mit einer Roma zum Reiten mitnehmen sollen. Sie war zu … Zu was? Ohne seinen Hals zu recken, um an der Gruppe von Männern vorbeizusehen, die sie wieder umgab, konnte er sich an jedes Detail des Mädels vom fahrenden Volk erinnern – wie ihre Augen mit ihrer Stimmung die Farbe zu verändern schienen, wie sich ihre Lippen etwas bogen, wenn sie tief in Gedanken versunken war, wie jede Bewegung wie Poesie schien, die–

Er schob sein Brett und sein Messer voll dröhnender Enttäuschung von sich und trank einen weiteren tiefen Zug Met. Er war verdammt noch mal zu alt für Sehnsucht.

„Sir Hawk.“

Haydan sah auf, aber der Anblick seines Besuchers tat nichts, um seine Stimmung zu verbessern. „Lord Tremayne“, sagte er als Begrüßung und blickte wieder ins Nichts.

„Darf ich fragen, was Ihr tut?“, fragte Tremayne.

Seine Stimme hatte diesen adlig-selbstgerechten Tonfall, der stets imstande war, Haydan nervös zu machen. Aber jetzt war wahrscheinlich nicht der richtige Augenblick, ihm das zu sagen.

„Ich trinke Met“, sagte Haydan und blickte in die Tiefe des Hornkrugs, als mochten alle Geheimnisse der Welt dort verborgen liegen. „Es ist kein schlechtes Gebräu.“

„Ich bin recht erleichtert zu erfahren, dass Ihr mit dem Getränk zufrieden seid.“

„Habt Dank“, sagte Haydan, ohne den Sarkasmus in der Stimme des anderen zu würdigen. Tremayne würde seine Anwesenheit gleich erklären. Es schien wenig Grund zu geben, das Unvermeidliche zu beschleunigen.

„Vielleicht sollten wir einen anderen anheuern, um Euch als Hauptmann des Königs zu ersetzen, sodass Ihr mehr Zeit habt, Euch Eurem Met zu widmen.“

Haydan sah langsam auf. „Und vielleicht sollte ich James davon erzählen, wie Ihr vor einigen Jahren den Tod meiner Nichte plantet. Die MacGowans waren recht verärgert.“

Gegen alle Wahrscheinlichkeit vermochte Tremayne es, sich noch mehr zu versteifen. „Wie Ihr Euch erinnert, unterrichteten mich meine Spione davon, dass sie ein Komplott zur Ermordung Seiner Majestät plante.“

Es war beinahe fünf Jahre her, seit Shona MacGowan einen falschen König ins Schloss eingeschleust und James verkleidet unter ihre Fittiche genommen hatte. Sie hatte ihn tatsächlich vor der Person gerettet, die wirklich ein Komplott gegen den Thron geschmiedet hatte.

„Die MacGowans sind ein wilder Haufen“, fügte Tremayne hinzu. „Und Eure Shona war Seiner Majestät zu nah. Ich konnte das Leben des Königs betreffend kein Risiko eingehen.“

„Ich werde sicherstellen, ihm auch das mitzuteilen“, sagte Hawk und wollte aufstehen. Aber Tremaynes Hand lag bereits auf seiner Schulter und drückte ihn wieder hinunter.

„Es spielt jetzt keine Rolle.“

Haydan hob eine Braue, während er sich wieder auf die Bank niederließ. „Ich würde sagen, es spielt für Shonas Ehemann eine Rolle.“

„Dugald und ich sind zu einer Übereinkunft gekommen.“

Hawk tat nichts, um sein Kichern zurückzuhalten, obwohl er sicher war, dass er das versucht hätte, wenn er irgendeine Art von Diplomat gewesen wäre. „Eine Übereinkunft“, sagte er und nahm einen weiteren Schluck. „Mit anderen Worten: Er hat gesagt, dass er Euch an Euren Eingeweiden aufhängen würde, wenn Ihr auch nur einen bösen Gedanken über Shona denkt?“

Tremaynes saurer Gesichtsausdruck sagte deutlich, dass er richtig geraten hatte, aber Haydan hatte genug Feingefühl, um sein Grinsen dieses Mal hinter seinem Krug zu verbergen. Es war einige Jahre her, dass seine Nichte in solch grässlicher Gefahr gewesen war – einige Jahre, seit der junge James die Freiheit des Bauernstands genossen hatte. Shona lebte jetzt sicher auf der Isle Fois mit ihrem übermäßig beschützerischen Ehemann und einem eigenen Kind. Und auch der junge James war sicher, wenngleich auch unruhig.

„Wieso bewacht Ihr den König nicht?“, zischte Tremayne.

Haydan unterdrückte ein Seufzen und blickte zu dem mageren Aasfresser herauf, den er beinahe schon wieder vergessen hatte.

„Der junge James braucht etwas Raum zum Wachsen“, sagte Haydan. Er hätte sagen sollen, dass er den König bewachte. Dass es von seiner Position in der Halle aus recht leicht war, sowohl ein Auge auf James, als auch auf das Mädel vom fahrenden Volk zu haben. Aber vielleicht war er etwas zu alt und zu verschroben, um sich allzu sehr um Tremaynes Seelenfrieden zu sorgen.

„Das ist es, worum ich mich sorge“, sagte Tremayne. „Ob der König überhaupt die Gelegenheit hat zu wachsen. Das ist tatsächlich Euer einziger Lebenszweck.“

„Ist er das? Und ich dachte stets, dass unser Herrgott den Zweck jedes Mannes bestimmen würde. Oder habt Ihr jetzt die Rolle des Allmächtigen eingenommen, Tremayne?“

Der dürre Lord richtete sich zu seiner vollen, beachtlichen Größe auf. „Ich hörte von Eurem Ausflug mit dem König und dem … Zigeunermädchen.“ Er sprach die Worte mit eigenartig zusammengedrückten Nasenlöchern.

„Dann wisst Ihr, dass der König mir befohlen hat, das Mädel zu beschützen und nicht ihn“, mutmaßte Haydan.

„Der König trifft solche Entscheidungen nicht“, sagte Tremayne durch zusammengebissene Zähne. „Es ist Aufgabe des Rats, das zu entscheiden. Und der Rat hat vor langer Zeit – gegen meine Empfehlung – entschieden, dass Ihr derjenige sein sollt, der sich um seine Sicherheit kümmert.“

„James hat gebeten, dass ich–“

„Es kümmert mich nicht, worum er gebeten hat. Er ist jung und ungestüm und versteht nicht, welcher Schmerz Schottland befiele, wenn ihm ein Leid geschähe.“ Haydan fragte sich einen Moment lang, ob der schmale Lord in Tränen ausbrechen würde. Tremayne war wahrscheinlich schon zu lange an der Seite des Königs. „Ihr sollt ihn beschützen, und kein anderer. Und–“

„Wie Ihr wünscht.“

Tremaynes Worte setzten ruckartig aus, dann fragte er: „Was sagt Ihr?“

„Ich bin sicher, Ihr wisst, was am besten ist“, sagte Haydan und neigte seinen Kopf leicht. „Ich werde augenblicklich wieder den König beschützen – von hier aus.“

„Ihr werdet an seiner Seite sein, solange Ihr nichts Besseres anzufangen habt mit Eurer–“

„Ich habe keine Absicht, James mit der Nachricht Eures Komplotts gegen Shona zu belästigen“, warnte Haydan sanft. „Er liebt sie wie eine Verwandte, wisst Ihr. Und wie ich hinzufügen darf“, sagte er und lehnte sich Tremaynes zusammengekniffenem Gesicht zu, „er empfindet in etwa dasselbe für das Mädel namens Catriona.“ Er blickte zu der jungen Frau herüber. Der Mob um sie herum teilte sich etwas und gewährte ihm einen Blick auf ihre überirdischen Reize. „Sie haben Ähnlichkeiten, findet Ihr nicht?“

„Sie ist eine Dirne“, zischte Tremayne. „Genau wie–“

Das Tafelmesser fiel Haydan leicht in die Hand. Und es fühlte sich richtig an; wie sich ein Federkiel in der Hand eines Gelehrten anfühlen mochte. Und genauso leicht zeigte es auf Tremayne.

„Ich schlage vor, dass Ihr auf Eurem gegenwärtigen Kurs nicht weitergeht, mein Lord“, murmelte Haydan. „Denn es heißt, dass ein Mann, der mit Spott auf eine gute Frau hinabsieht, gar kein Mann ist.“ Er überflog den Bereich direkt unterhalb der Messerspitze, ehe er nach oben in Tremaynes blasses Gesicht blickte. „Führt mich nicht so sehr in Versuchung, dass Ihr genau das erlebt.“

Tremayne verzog seine Lippen zu zwei holprigen Linien. „Der Rat wird hiervon erfahren.“

„Ich werde dafür sorgen, dass er das tut“, sagte Haydan, und damit drehte Tremayne sich um und stolzierte davon.

Haydan seufzte, trank einen weiteren Schluck und ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. Die Situation hatte sich kaum verändert. James spielte eine Partie Ringo mit dem jüngsten Sohn von Küchen-Elsie, und Catriona war nach wie vor von Idioten umgeben. Aber … Hawk zählte Köpfe. Sie mochte einen oder zwei Idioten losgeworden sein. Ja, de la Faire mit seinen hübschen Beißerchen war fort. Und das war eine gute Sache, denn er war etwas begeisterter gewesen, als gut für ihn war. Hawk hätte in Betracht gezogen, ihn zu entmutigen, wenn er nicht davon ausgegangen wäre, dass die anderen es freudig an seiner Statt übernommen hätten.

De la Faire musste sich entweder einen Rausch angetrunken haben und von der Meute niedergetrampelt worden sein oder er hatte es aus der Halle herausgeschafft, ehe er sich erleichterte. So oder so, nach der Menge Ale zu urteilen, die er getrunken hatte, schien seine Blase das Beeindruckendste an ihm zu sein.

 

Wenigstens war de la Faire fort, dachte Catriona. Sein Weggang hatte ihr die Möglichkeit verschafft, die anderen aufmerksamer zu studieren, auf den Rhythmus ihrer Stimmen zu horchen, nach diesen unheimlichen Hinweisen zu suchen, die die Haut frösteln ließen. Aber sie hörte sie nicht – nicht in de la Faires Tonfall abgehackter Wichtigkeit oder MacKinnons sanftem irischen Akzent, und nicht in hundert anderen Stimmen, die um sie herum hallten, während Lord Douglas Weinfass eine Geschichte über einen Krieger, einen Gelehrten, sich selbst und eine anmutige Schankmaid erzählte.

Sie wandte ihren Blick von seinen angeregten Zügen ab und ein Paar ruhiger Augen erfasste sie.

Lord Drummond nahm sie mit halb geschlossenen Lidern und unnachgiebigem Blick unter die Lupe, dann hob er seinen Kelch mit einer Art unausgesprochenem Trinkspruch in ihre Richtung. Cat ließ ihren Blick seitwärts gleiten, aber seine zukünftige Verlobte, die junge Roberta, und ihre überfürsorglichen Eltern waren nirgends zu sehen. Mit ihrem Weggang schien sich Drummonds charmante Aufmerksamkeit eine neues Ziel gesucht zu haben. Cats Herz schlug einen wilden Rhythmus in ihrer Brust, während ihr Blick den Tisch hinuntereilte. Könnte er Blackheart sein? Könnte er derjenige sein, den sie zu finden gekommen war?

„Ihr werdet uns nicht erkennen“, hatte er gesagt. „Und doch sind wir vielleicht in jeder Menschenmenge. Und es wird uns die ganze Zeit ein Vergnügen sein, zu wissen, dass von den zahllosen Narren, die Euch anschmachten, wir diejenigen sind, die Eure Zügel halten. Wir sind es, die Euch zu jeder Zeit in unser Bett führen mögen. Und Ihr würdet kommen, denn Ihr seid nicht zu gut für uns, nicht wahr, Prinzessin Cat?“

Catriona drehte sich der Magen um. Könnte er der Übeltäter sein? Könnte er so grausam sein? Sie konnte es nicht sagen. Fürwahr, sie konnte nicht mehr denken. Müdigkeit lastete auf ihr wie eine durchweichte Decke, umhüllte ihre Gedanken, trübte ihren Verstand. Heute Nacht musste sie erneut das Schloss durchsuchen, aber zuerst musste sie schlafen.

Die Geschichte von Lord Weinfass kam zu einem Ende. Überall um sie herum lachten und nickten die Zuhörer.

„Also habt Ihr die Bewunderung der Maid gewonnen, ohne etwas dafür zu tun“, sagte jemand.

„Aye“, stimmte Weinfass zu und trank einen weiteren Schluck Bier aus seinem Zinnkrug.

„Und war sie den Ärger wert?“, fragte ein anderer.

„Das war sie in der Tat. Sie war die stärkste Frau, die ich je kennengelernt habe.“ Anzügliches Gekicher folgte seinen Worten, aber er blickte die Zuhörer mit bescheidenem Grinsen an. „Nachdem ich zusammen mit den anderen beiden Kerlen ohnmächtig geworden war, war sie es, die mich in meine Gemächer getragen und meinen schlaffen Körper aufs Bett geworfen hat, damit ich meinen Rausch ausschlafe.“

Catriona stand mitten im Gelächter auf, bewegte sich langsam und erwiderte keine Blicke, in der Hoffnung, dass man sie nicht bemerken würde.

Sie ließen sie ohne große Schwierigkeiten passieren. Vielleicht sorgte ihre allgegenwärtige Anwesenheit dafür, dass sie ihre Anziehungskraft auf sie verlor, dachte sie, als sie die große Halle verließ.

„Verlässt du deine verliebten Verehrer so bald?“

„Rory!“ Sie drehte sich mit einem Ruck zum Flur zu ihrer Rechten um. „Was tust du hier?“

„Ich warte auf dich. Schließlich …“ Er nahm ihren Ellenbogen mit einer Hand und führte sie in Richtung ihres Zimmers. „Bist du meine Verlobte.“

„Du hast getrunken.“

Er kicherte. „Aye. Angesichts deiner andauernden Beschäftigung mit Blackburns Edelleuten blieb mir wenig anderes zu tun, als mich mit Blackburns feinem Ale anzufreunden.“

„Und über Großmutters Wohlergehen zu lügen.“ Enttäuschung und Ermüdung brannten in ihrem Magen wie Säure.

Rory knirschte mit den Zähnen und packte ihren Arm fester. „Es ist nicht richtig, dass du dich in Gefahr begibst, dass du dich diesen gefiederputzenden Narren und ihren schmutzigen Geschichten aussetzt. Ich werde den Schurken für dich finden“, flüsterte er. „Ich werde deinen Bruder zurückbringen. Das ist meine Aufgabe. Ich bin dein Verlobter.“

Catriona hielt ihn fest und brachte ihn so zum Stehen. „Ich leugne nicht, dass ich deine Hilfe brauche, Rory. Und fürwahr werde ich mich immer und ewig daran erinnern, dass du es warst, der mir geholfen hat. Aber ich bin nicht länger deine Verlobte.“

„Catriona“, flüsterte er, während er ihr sanft mit den Fingern über die Wange strich. „Wir sind ein und dieselbe Person, du und ich. Freiheit liegt uns im Blut. Wer sonst könnte dich verstehen? Diese blassgesichtigen Edelleute? Nay. Wir sind Roma. Wir sind alles, was von der Linie übrig ist, die–“

„Glaubst du das wirklich?“, krächzte sie. „Das ist nicht wahr!“ Ihre Stimme bebte von der Kraft ihrer Gefühle. „Lachlan ist gesund, es geht ihm gut und er … er wird zu uns zurückkehren.“

„Cat.“ Rory streckte eine Hand nach ihr aus, aber sie wich aus seiner Reichweite.

„Er wird zurückkehren!“

„Du hast recht“, murmelte er schließlich. „Wir müssen zuerst an Lachlan denken.“

„Aye.“ Sie schluckte, aber ihre Kehle war zugeschnürt und ihr Kopf schmerzte. „Jetzt muss ich zu Großmutter“, sagte sie und wandte sich zum Gehen.

„Wenn du im Schloss geblieben wärst, wüsstest du, dass sie nicht in deinen feinen Gemächern ist. Sie hat ihr Bett im Wagen vermisst und sagte, sie brauche Luft um sich zu ‚spüren‘. Sie schläft im Wagen, direkt hinter der Brücke.“

„Ist sie dort in Sicherheit?“

„Kümmert dich das?“

Die Müdigkeit setzte ihr schrecklich zu. „Bitte, Rory–“

„Ich habe mich vergewissert, dass sie in Sicherheit und zufrieden war, ehe ich sie alleingelassen habe“, sagte er scharf, dann atmete er aus und nahm ihre Hand zwischen seine eigenen Hände. „Und du, Catriona? Bist du in Sicherheit?“

„Aye.“ Sie starrte auf ihre verschlungenen Hände hinab. Es war seltsam. Es hatte eine Zeit gegeben, da hatte es sich so richtig, so natürlich, so unausweichlich angefühlt. „Ich bin in Sicherheit, Rory, aber ich muss mich nun zur Nacht verabschieden.“

„Wieso?“ Er drückte sich an sie, die Stirn in Falten. „Es ist nicht richtig, dass du hier alleine bleibst. Du solltest dich zu Großmutter gesellen. Sie–“

„Ich kann nicht.“

„Dann lass mich hereinkommen. Ich werde auf dem Boden schlafen.“

„Nay.“ Sie zog ihre Hand aus seinem Griff.

„Es ist, weil ich dich im Stich gelassen habe, nicht wahr?“ Er knirschte mit den Zähnen. „Ich hätte sie ihn nicht ergreifen lassen dürfen. Ich hätte sterben müssen beim Versuch, ihn zu verteidigen.“

„Wenn du dich nur daran erinnern könntest, wie sie aussahen. Dich erinnern–“

„Aber ich kann nicht!“, krächzte er. „Da war das Seil um meinen Hals, die flüsternde Stimme hinter mir, die forderte, dass du den Bastard in dieser Nacht treffen solltest. Und dann war alles schwarz. Aber ich mache es wieder gut, Catriona. Lass mich heute Nacht bei dir bleiben.“

„Nay. Bitte kümmere dich um Großmutter“, sagte sie und drehte sich schnell um.

Er ließ sie mit leichtem Widerstand gehen und sie betrat rasch ihr Zimmer. Dort war es auf eine Art tröstlich. Abgeschieden und still, abgesehen von einem einzelnen Zwitschern aus dem Weidenkäfig, der neben der Tür stand. Ein kleiner Fink hatte sich auf dem Käfig niedergelassen, während der andere darin schlief.

Cat nahm eine Kerze aus einem Wandleuchter, entzündete sie an der im Flur und stellte sie wieder an ihren Platz.

Goldenes, sanftes Licht schwächte die Schatten.

Catriona schloss die Tür, lehnte sich dagegen und seufzte. Alles schien friedlich, abgesehen von ihr selbst. Aber sie sollte sich nicht so verzweifelt fühlen. Immerhin hatte Hawk nicht das Bedürfnis verspürt, ihr zu folgen. Entweder hatte Lord Tremayne ihn davon überzeugt, sie sich selbst und ihren eigenen Verteidigungsfähigkeiten zu überlassen, oder er hatte sich schlicht geweigert, den Befehlen des Königs zu folgen. Lehnte er sie so sehr ab?, fragte sie sich, unterbrach diese unruhigen Gedanken aber mit einem einfachen Tadel.

Sie hatte keine Zeit für derartige närrische Sorgen. Es spielte kaum eine Rolle, ob der massige Highlander sie schätze oder hasste. Das war das geringste ihrer Probleme. Wenn er die Wahrheit herausfand …

Sie unterbrach den Gedanken augenblicklich, denn falls er von den wahren Gründen für ihre Anwesenheit auf Blackburn erfuhr, wären die Auswirkungen unvorstellbar.

Sie drehte sich eilig zu der Truhe neben der Tür um, öffnete sie, zog ein einfaches schwarzes Unterhemd heraus und warf es über den offenstehenden Deckel der hölzernen Truhe. Sie löste ihren Gürtel, ließ ihren Beutel und den Dolch von ihrer Hüfte gleiten und auf den Boden fallen, dann legte sie die Hände an ihre Schnüre.

Der Tag war lang und ermüdend gewesen. Die Nacht versprach, nicht anders zu werden, aber jetzt würde sie sich ausruhen bis im Schloss Ruhe einkehrte.

Ihr Kleid glitt an ihren Beinen hinab und auf den Boden. Ihre Unterwäsche folgte. Sie ließ ihre Schultern kreisen und trat aus der zerknitterten Wäsche. Die Nachtluft fühlte sich sanft an auf ihrer Haut, wie die Liebkosung eines Geliebten.

Aber sie hatte keinen Geliebten. Selbst jetzt, da ihr Verstand mit Tausend anderen Einzelheiten beschäftigt sein sollte, konnte sie nicht anders, als sich an die Intensität von Hawks Blick zu erinnern, als er sie darüber ausgefragt hatte. Sie hätte ihm sagen sollen, dass sie keine Liebhaber hatte, aber Stolz war so wankelmütig wie der Wind und konnte in jede Richtung blasen. Er hatte sie lästig genannt, und sie verspürte kein Verlangen, seine Ansicht mit Geschichten von ihrer Unschuld zu bestätigen oder ihr zu widersprechen, wenn schon seine bloße Nähe sie verwirrte und angenehm erregte. Wenn seine Stimme auf dieselbe Art krächzte wie die von Fayettes Partner. Aber wo Matthew rosa und schmal war, wäre er dunkel und kräftig. Catrionas Nippel zogen sich beim Gedanken daran zusammen, kräuselten sich in der kühlen Nachtluft und warfen sie zurück in die Wirklichkeit.

Was zum Teufel stimmte nicht mit ihr?, fragte sie sich und drehte sich wütend und enttäuscht zum Bett um.

Ein Schatten erhob sich vom Boden auf der anderen Seite der Matratze. „Also“, sagte eine Stimme. „Ihr seid endlich angekommen.“

Kapitel 8

„Lord de la Faire!“, keuchte Catriona.

„Aye.“ Er warf ihr einen lüsternen Blick zu, dann ließ er ihn nachlässig zu ihren Nippeln hinabgleiten. „Wie ich sehe, seid Ihr für mich bereit, Prinzessin.“

Catriona wich einen Schritt zurück, schnappte sich ihr dunkles Unterhemd von der Kante der Truhe und riss es vor sich.

„Nay.“ Er stolperte einen oder zwei Schritte vorwärts, brachte aber nicht mehr zustande. „Bedeckt Euch nicht. Ich habe eine Ewigkeit hier gewartet.“

„Gewartet?“, hielt sie ihn hin und blickte auf der Suche nach irgendeiner Waffe rasch nach rechts. Aber das Messer, das sie mit zum Essen genommen hatte, war mit ihrem abgelegten Kleid zu Boden gefallen.

„Aye. Ich wusste, dass ihr Euch irgendwann von der Menge losreißen würdet. Also wartete ich hier auf Eurem Bett.“ Er wedelte mit der Hand wild in Richtung der Matratze, um die er gerade herumzugehen vermocht hatte.

Sie schüttelte den Kopf. „Ich habe Euch nicht gesehen.“

„Nun, um die Wahrheit zu sagen, ich bin auf den Boden gerutscht.“ Er grinste. „Ihr besitzt eine wilde Pritsche, Prinzessin Cat.“

„Aye.“ Sie reagierte auf seine unsinnigen Worte mit einem Nicken. „Es ist in der Tat ein niederträchtiges Bett. Vielleicht geht Ihr besser und sucht Euer eigenes auf.“

Er kicherte. „Eine wilde Pritsche für eine wilde Maid, denke ich. Aber ich glaube, ich bin der Aufgabe gewachsen, sie beide zu zähmen.“

Er trat vor. Catriona wich zurück.

Sie hatte zuvor mit trunkenen Männern zu tun gehabt, und während sie oft desorientiert und unbeholfen waren, waren sie außerdem traurigerweise gefeit vor gesundem Menschenverstand.

„Mein Lord de la Faire“, setzte sie an und hielt noch immer das Unterhemd vor sich. „Ihr solltet nicht hier sein.“

„Ihr habt recht. Ich sollte in dem Bett dort sein. Ich bin sicher, dass wir es gemeinsam bekämpfen und unterwerfen können“, sagte er und grinste schief über seinen eigenen brillanten Witz.

„Die Wahrheit ist, Sir, dass ich eine Freundin des Königs bin.“

Nichts als ein ausdrucksloses Gesicht.

„Er ist eine Art Beschützer, und ich würde nichts tun, das ihm Kummer beschert.“

„Ah, nun, ich werde nichts sagen, wenn Ihr nichts sagt“, sagte er und stolperte vorwärts.

Catriona blickte zur Seite. Sie konnte sich selbstverständlich an der Wand entlang schieben und zu fliehen versuchen. Aber es hatte wenig Sinn ihn zwischen sich und die Tür zu manövrieren.

Also hatte sie keine Wahl. Sie musste in den Flur hinauseilen und hoffen, dass sie die Möglichkeit hatte, das Kleidungsstück über ihren Kopf zu zerren, ehe sie jemand sah. Ein weiterer winziger Schritt rückwärts und sie legte ihre Finger sanft auf die Türklinke.

„Aber ungeachtet der Tatsache, ob ich es James sage oder nicht, wird er es gewiss herausfinden“, sagte sie und gab der Vernunft eine letzte Chance. „Und er wird wütend sein.“

Augenscheinlich vermochten diese Worte es, bis in den benebelten Verstand des Franzosen vorzudringen, denn er hielt einen Moment inne und sah sie aus trüben Augen an. „Also Ihr …“ Er blieb kurz stehen und grinste. „Also legt Ihr den Burschen flach?“

Seine Anschuldigung machte sie fassungslos.

„Nay“, krächzte sie, aber in diesem Augenblick sprang de la Faire vor.

Seine Finger verhakten sich in ihrem Unterhemd und er riss es ihr aus der Hand.

Sie wirbelte herum und sprang auf die Tür zu, aber er packte sie bei der Hüfte. Sie strampelte verzweifelt und versuchte sich den Weg freizukämpfen.

„Ganz ruhig. Ganz ruhig, kleine Wildkatze“, zischte de la Faire. Seine Arme legten sich fest um ihre Taille, seine Hüften pressten sich ihr ins Gesäß. „Keine Sorge.“ Er drückte ihr einen Kuss auf den Hals, aber ihr Haar war im Weg. „Ich habe nicht die Absicht Eure Stellung beim König zu ruinieren. In Wahrheit gefällt mir die Vorstellung, mich dort aufzuhalten, wo Seine Majestät gewesen ist. Und es wird Euch guttun, Euch daran zu erinnern, wie es ist, mit einem ausgewachsenen Mann zusammen zu sein.“ Mit diesen Worten rieb er sein Glied an ihrem Gesäß. Sie versteifte sich. „Spürt Ihr das?“, summte er. „Er ist so groß wie ein Holzscheit. Mir wurde befohlen, mich von den Hengsten fernzuhalten, damit sie sich nicht minderwertig fühlen.“ Er lachte über seinen Witz. „Kommt jetzt, Mädel“, flüsterte er und schaffte es dieses Mal, ihr einen Kuss auf den Hals zu drücken. „Lasst uns das wilde Bett dort drüben zähmen.“

Catriona schloss fest die Augen, zwang ihre Muskeln, sich zu entspannen, und ihren Magen, sich zu beruhigen. „Seid Ihr sicher, dass James es nicht herausfindet? Er ist so jung und empfindlich.“

De la Faire kicherte. „Ich bin sicher, dass er von meinen Fähigkeiten gehört hat“, sagte er. „Gewiss wird er Eure Schwäche verstehen.“

„Ich hoffe nur, dass Ihr recht habt“, sagte sie, ließ ihre Knie hochschnellen und ihre Füße mit aller Kraft gegen die Tür donnern.

De la Faire schlitterte heftig rückwärts und landete auf seinem Hinterteil. Sie landete auf seinem Bauch.

Die Luft rauschte hörbar aus seiner Lunge, und sie krabbelte auf allen vieren davon.

Aber er war bereits wieder hinter ihr her. Seine Finger streiften ihren Knöchel. Sie kreischte vor berstendem Schrecken, trat ihm gegen den Kiefer und stürzte vorwärts. Sie konnte die Tür nicht erreichen, und sie wusste es. Sie krabbelte zu ihrem Kleid, tauchte ihre Hand darunter, fand das Messer und wirbelte zu ihm herum.

Er knallte gegen sie, drängte ihren Rücken an die Wand und trieb ihr mit dem Gewicht seines Körpers die Luft aus der Lunge.

„Mein Gott, ich liebe Euer Feuer“, krächzte er. „Euretwegen fühle ich mich wie ein riesiges Schlachtross, das man zum Kampf ruft.“

„De la Faire“, sagte sie. Sie rang nach Luft und hob ihre Hand nur leicht. Sie zitterte wie ein Schilfrohr im Wind, aber ihre Stimme war ruhig. „Wenn Ihr mich nicht loslasst, seht Ihr bald wie ein gestutzter Esel aus, nicht wie ein Streitross.“

Er kicherte. „Ich–“, begann er, aber in diesem Augenblick spürte er, wie sich ihm die Spitze einer Klinge ins Gemächt drückte. Seine Augenbrauen hoben sich und seine zarten Lippen öffneten sich erstaunt. „Ihr habt ein Messer?“

„Aye.“ Sie sagte das Wort durch zusammengebissene Zähne hindurch und beruhigte ihre Hand. „Und–“

Die Tür flog auf.

Catriona ließ ihren Kopf zur Seite schnellen und starrte in die eisigen Augen von Sir Hawk.

Einen Moment lang schien die gesamte Welt zu schweigen, dann sagte er: „Catriona“, und nickte leicht, während er seinen Blick zu dem Messer hinabgleiten ließ, das sie in der Hand hielt. „Ich bin gekommen, um mich zu vergewissern, dass Ihr in Sicherheit seid, ehe ich meine Pritsche aufsuche.“ Sein Blick bewegte sich wieder aufwärts und blieb auf ihrem Gesicht ruhen. Die harte Anspannung seines Körpers löste sich ein wenig. „Aber ich hörte ein Geräusch und dachte, dass Ihr vielleicht Beistand braucht.“ Es entstand eine Pause von etlichen Herzschlägen, dann: „Ich wusste nicht, dass Ihr jemanden unterhaltet.“

Sie zitterte, entweder vor Wut oder Furcht. Sie war nicht sicher, was es war, aber die Klinge vibrierte an de la Faires Gemächt. „Ihr mögt das unterhaltsam finden, Sir Hawk. Ich nicht.“

„Wahrlich?“ Hawk starrte sie an, sein Ausdruck unergründlich. „Wollt Ihr damit sagen, dass Ihr am Ende doch in Schwierigkeiten geraten seid?“

Sie brachte nicht einmal ein Nicken zustande.

„Also ist de la Faire ungebeten hier?“ Hawks Stimme war noch tiefer geworden.

„Aye.“

„Dann …“ Hawk drehte sich beinahe mit Bedauern zu dem jungen Lord um, der den berüchtigten Hauptmann der Wache des Königs mit geweiteten Augen regungslos anstarrte. „Ihr solltet Euch auf Schmerz vorbereiten, mein Lord.“

„Das war nicht meine Idee. Ich dachte, dies sei mein Zimmer. Die Maid kam herein und zog sich aus“, faselte de la Faire. „Ich habe ihr gesagt, dass ich nicht die Absicht habe, bei ihr zu liegen. Aber sie packte ein Messer und bestand darauf–“

Hawk hob eine Hand. Die Geste sah friedlich aus, aber etwas in seinen Augen war es nicht. „Ich fürchte, ich muss Euch aufhalten, ehe Ihr Euch noch weiter entehrt.“ Er packte mit einer Faust das Wams des Franzosen in dessen Nacken und donnerte den Kopf des Marquis gegen die nächste Wand.

Einen Moment lang war de la Faire absolutes Erstaunen ins Gesicht geschrieben, dann fiel sein Kopf wie ein durchnässter Lappen auf seine Brust, seine Beine gaben nach und er sackte zu Boden.

Catriona starrte den Körper sprachlos und erstaunt an. „Ist er tot?“

„Nay“, antwortete Haydan. „Narren sterben nicht so leicht, selbst wenn sie von Stand sind.“

Im Raum wurde es still. Catriona hob ihren Blick nervös zu Haydans. „Ich hatte nicht vor, Euch Schwierigkeiten zu machen.“

Sie beobachtete, wie die Narbe an seinem Auge leicht zuckte. Beobachtete, wie seine Brust breiter wurde und seine Schultern sich ein wenig senkten, so als bemühe er sich, sich zu entspannen.

„Man kann keine Wildkatze mit an den Tisch bringen und dann erwarten, dass sie nicht beißt. Seid Ihr in Ordnung?“

„Aye. Es geht mir gut.“

„Ihr zittert“, sagte er, nahm den Umhang von seinen Schultern und legte ihn ihr um die Schultern. Er fiel in tiefen Falten bis zu ihren Knöcheln. Seine Finger streiften ihre Kehle, als er den Umhang unter ihrem Kinn zusammenzog. „Seid Ihr verletzt?“

„Nay.“

„Verängstigt?“

„Nay, ich …“, setzte sie an, stellte aber plötzlich fest, dass das Messer in ihrem unsicheren Griff zitterte. „Ich … nur …“ Sie fand keine Worte, und plötzlich lagen seine Hände auf ihren, warm und stark an ihren kalten Fingern. Er zog die Klinge aus ihrem Griff und warf sie in ihre Truhe. „Kommt“, sagte er.

Sie versuchte ihm zu folgen, aber ihre Beine weigerten sich, ihr zu gehorchen. Er drehte sich zu ihr um und hob sie in seine Arme. Er wiegte sie vor seiner Brust, trug sie zum Bett, hielt nur wenige Zoll vor ihrer Matratze an und sah in ihr Gesicht hinab. Einen Moment lang dachte sie, er würde sie auf die Pritsche legen, aber sie zitterte erneut und so drehte er sich um und setzte sich, mit ihr in seinem Schoß und seine Arme fest um sie gelegt.

Stille erfüllte den Raum. Unter ihr fühlten sich seine Schenkel so fest und groß an wie Eichenäste. An ihrer Schulter spürte sie das Heben und Senken seiner massiven Brust und in ihrem Rücken lag sein Arm, fest und breit. Seine Stärke umgab sie genauso wie sein Umhang es tat, hielt sie fest, beschützte sie. Und zum ersten Mal, seit sie sich erinnern konnte, fühlte sie sich, als könne sie zu kämpfen aufhören, sich entspannen und einen anderen ihre Kämpfe ausfechten lassen.

Das war eine Schwäche, das wusste sie, eine Schwäche, der sie nicht nachgeben sollte. Aber es fühlte sich so gut an, es war so leicht, in seine Stärke und seine Güte hinabzusinken. Und für einen Moment wünschte sie sich, dass es ewig dauern möge – dass sie nicht war, wer sie war, dass sie nicht nach Blackburn gekommen war, um sein Leben zu ruinieren und womöglich ihr eigenes zu verlieren.

Catriona schloss fest die Augen. Ihre Kehle fühlte sich eng an und ihre Brust schmerzte undefinierbar. Ein winziges Wimmern des Selbstmitleids kroch herauf. Seine Arme strafften sich, und obwohl die Veränderung beinahe unmerklich war, erkannte sie die Bewegung als Mitleid.

Sie räusperte sich und richtete sich etwas auf. „Es tut mir leid.“

Es dauerte einen Augenblick, bis er antwortete. „Von all den Leuten an diesem Ort, glaube ich, solltet Ihr die Letzte sein, die sich entschuldigen muss.“ Sein sanftes Grollen ließ sie sich klein fühlen und seltsam umsorgt.

Sie versuchte die Gefühle mit jeder Waffe in ihrem Arsenal zu bekämpfen. „Oh?“ Das Wort, das eigentlich leichtfertig klingen sollte, war gerade eben so hörbar. „Und wer sollte der Erste sein?“

Wieder Stille, so tief wie die Nacht vor ihrem Fenster.

„Ich.“

Seine Antwort erschreckte sie, und sie wandte sich um, um ihm in die Augen zu starren, aber er sah nicht zu ihr. Stattdessen blieb sein Blick auf die Wand vor ihm gerichtet.

„Ihr?“, fragte sie. Aus solch unmittelbarer Nähe, konnte sie nicht anders als zu bemerken, dass seine Augen geschlitzt waren wie die eines Jagdfalken und dass die Narbe an seinem Kiefer zuckte. „Ihr wart derjenige, der mich gerettet hat.“

„Euch gerettet!“ Die Worte waren kaum mehr als ein Knurren und obwohl sie mehr erwartete, sprach er nicht weiter.

„Aye“, sagte sie sanft. „Das wart Ihr.“

Er fuhr plötzlich zu ihr herum, während sich jede Sehne und jeder Muskel vor größer werdenden Gefühlen angespannte. Seine Augen funkelten vor silbernem Licht und einer seiner Mundwinkel zuckte. „Ich bin eine Wache“, sagte er lapidar. Sie starrte ihn lediglich an, wartete darauf, dass er weitersprach. „Ich bin eine Wache“, wiederholte er, „von Natur aus ebenso wie meiner Befehle wegen.“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich verstehe nicht, Eure–“

„Was habe ich hier Gutes getan, abgesehen davon, dafür zu sorgen, dass Ihr ihn nicht tötet?“ Er warf einen wütenden Blick auf die schlaffe Gestalt am Boden. In seiner Schläfe pulsierte sein Herzschlag, direkt unterhalb seines dunklen Haars. „Wahrlich“, knurrte er, „ich glaube nicht, dass ich der Welt einen großen Gefallen getan habe.“

„Dann war es nur ein Gefallen für mich“, flüsterte sie, hob eine Hand und legte ihm die Finger an die Wange. Die Stoppeln eines einen Tag alten Bartes fühlten sich an ihrer Haut rau an, und darunter spannten sich die Muskeln in seiner Wange an. „Habt Dank“, flüsterte sie, und weil das Gefühl sie so schwächte wie starker Wein, lehnte sie sich vor und küsste ihn. Nicht leidenschaftlich, nicht direkt auf die Lippen, sondern sanft, behutsam auf einen Mundwinkel, während sich ihre Brust vertraut gegen die harte Wand seiner Brust presste.

Er fühlte sich so ruhig und massiv an wie Blackburn selbst.

„Es scheint, dass ich wieder in Eurer Schuld stehe“, sagte sie.

Unter ihren Fingern zuckte ein Muskel in seiner Wange. Seine Nasenlöcher blähten sich.

„Nay. Ihr schuldet mir nichts. Nun, es ist wohl am besten, wenn ich den Abfall entferne, ehe er wach wird“, sagte er, verlagerte sein Gewicht und schob sie etwas zur Seite.

Sein Umhang, ungebunden und frei, rutschte zur Seite und glitt ihr heimtückisch von der Schulter.

Catriona drehte sich herum, um ihn zurückzuziehen, aber seine Hand war bereits dort. Ihre Finger trafen sich mit einer Erschütterung von Gefühlen so heiß wie Feuer. Sie atmete scharf ein, während ihre Hände gemeinsam über ihre Schulter wanderten. Seine Finger berührten die winzige Mulde an ihrem Halsansatz. Ihre Blicke trafen und vereinten sich, und plötzlich schien es nichts mehr zu geben, das zwischen ihrem und seinem Körper Wache hielt. Sie fühlte sich heiß, lebendig und nackt, umgeben von der Wärme seines Kokons.

„Catriona“, krächzte er.

„Aye?“, flüsterte sie.

„In Wahrheit“, sagte er leise, „bin ich es, der in Eurer Schuld steht.“

„Oh?“ Sie konnte das einzelne Wort kaum hinaus zwingen, denn die Hitze seines Körpers schien durch ihre Schenkel direkt in ihre Seele zu sickern.

„Aye. Es war meine Pflicht, Euch zu beschützen, und ich habe versagt.“

Sie versuchte weiter zu atmen, weiter zu denken. Verlangen war ihr nicht neu. Solange sie sich erinnern konnte, hatten Männer sie gewollt. Aber zum ersten Mal verspürte sie es selbst, und es überraschte sie, dass sie in zweiundzwanzig Jahren nie die Begierde dieser Männer verstanden hatte; bis zu diesem Augenblick.

Sie versuchte, die Gefühle abzuschütteln, denn sie hatte keinen Platz für sie, keine Zeit.

„Ihr habt schwerlich versagt“, sagte sie und versuchte, zwanglos zu klingen. „Schlafend auf dem Boden kann er wenig Schaden anrichten.“

„Wenn ich wachsam gewesen wäre, hätte er nicht in Eure Gemächer eindringen können.“ Der Muskel in seinem Kiefer tanzte erneut. „Ein winziges Mädel wie Ihr …“ Er hielt einen Moment inne, ließ seinen hitzigen Blick ihren Körper hinabgleiten, dann atmete er scharf ein und fuhr fort. „Ihr hättet nie in eine solche Lage geraten dürfen.“

Sie war keine kleine Frau. Nay, sie war groß und stark und allein aus ärgster Notwendigkeit unabhängig. Aber in seinen Armen fühlte sie sich zerbrechlich, feminin und angebetet.

„Welche Lage wäre das?“, fragte sie sanft.

„Diese Lage.“ Sein Blick überflog sie. „Nackt und …“ Er zog ihr seinen Umhang fester um die Schultern, während die Sekunden verstrichen. „Das nächste Mal werde ich nicht so nachlässig sein“, sagte er mit düsterer Stimme.

„Ihr werdet mir nicht erlauben, mich zu entkleiden?“, fragte sie.

Sein Blick schnellte zu ihrem. Sie starrten sich aus nur wenigen Zoll Entfernung an, keiner atmete.

„Das ist nicht zum Spaßen, Mädel“, sagte er.

Aber die Versuchung, ebendas zu tun, war sehr stark. Denn ungeachtet seines gefühllosen Tonfalls und seines felsenfesten Blicks fühlte es sich an, als habe er sie gern. Als ob nach der langen Reihe an Männern, die ihr nachgejagt waren, einer gekommen war, der sie mochte, und nicht bloß den Reiz ihres Körpers. „Es geht mir gut, Sir Hawk. Der Mann war betrunken und nicht besonders gescheit. Und ich verteidige mich schon seit vielen Jahren.“

„Viele Jahre!“ Er knurrte die Worte, dann kniff er die Augen zusammen und beruhigte seine Stimme wieder. „Mein Plaid ist älter als Ihr und–“

Sein Umhang rutschte wieder weg. Er packte ihn, fing ihn gerade rechtzeitig auf, ehe er unter anrüchige Bereiche fallen konnte.

„Und warum zur Hölle will dieses verdammte Ding nicht dableiben, wo es ist?“, fauchte er und packte ihn grob unterhalb ihres Kinns.

Sie konnte nicht anders, als zu lachen.

„Gibt es einen Scherz, in den Ihr mich einweihen wollt?“, fragte er, seine Stimme so tief wie die Nacht.

„Nay.“

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960876335
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v470860
Schlagworte
Highland-er-Liebe-s-Roman-e Historische-r-Liebe-s-Roman-e-tik Schott-land-historisch-e-r-Roman Geheimnisse Highland-Saga Leidenschaftlich-e-liebe-s-roman-e

Autor

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    Lois Greiman (Autor)

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Titel: Versuchung in den Highlands