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Doppelt verliebt hält besser

von Anne Gard (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Fannys Leben gleicht einem Chaos und die beiden Männer, die sich in ihr Herz schleichen, machen es nicht besser. Beide scheinen Volltreffer zu sein, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Doch was will Fanny eigentlich: Wünscht sie sich Geborgenheit, Wärme und Ruhe an der Seite des durchtrainierten Ricardo? Oder doch lieber das Bauchkribbeln und die heißblütige Leidenschaft in den Armen des geheimnisvollen Sergej? Wie soll sie sich da nur entscheiden ...
Fanny beschließt, sich auf beide einzulassen und den Augenblick zu genießen. So stolpert sie von einem Abenteuer ins nächste – von einem romantischen Wochenende mit Ricardo in eine exklusive, erotische Party mit Sergej. Doch für wen schlägt ihr Herz wirklich höher? Kann Fanny eine Entscheidung treffen oder wird sie beide Männer verlieren?

Impressum

dp Verlag

Überarbeitete Neuausgabe Juni 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-781-3
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-777-6

Copyright © August 2018, dp DIGITAL PUBLISHERS
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits August 2018 bei dp DIGITAL PUBLISHERS erschienenen Titels Zwei Volltreffer sind einer zu viel (ISBN: 978-3-96087-446-1).

Covergestaltung: ARTC.ore
unter Verwendung von Motiven von
shutterstock.com: © Phase4Studios, ©  wernermuellerschell, © Amma Shams
Lektorat: Astrid Rahlfs

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

Vorwort

Kennt ihr das auch? Kaum hat man morgens die Augen aufgeschlagen, muss man schon die erste Entscheidung treffen. In meinem Fall hieß das um 6:30 Uhr zwischen grünem Rock und brauner Hose wählen. Am Frühstückstisch sitzend, musste ich dann entscheiden, ob Müsli oder Marmeladenbrot, im Büro, ob Mail oder Telefonat, mittags ob kalorienarmer Salatteller oder kalorienreiche Lasagne. Die Lasagne schmeckte dann auch sehr lecker, bis zum letzten Bissen, und schon quälte mich die Frage, wie ich mich meiner überflüssigen Pfunde entledigen sollte. Mit Sport, was für mich mit Folter gleichzusetzen ist, oder mit der nicht ganz so anstrengenden Variante, einfach nur weniger zu essen. Zu Hause angekommen musste ich mich dann entscheiden, ob ich mir ein langes Telefonat mit meiner betagten Tante Ida antun wollte, leider längst überfällig, oder mich lieber an den PC setzen sollte, um endlich eine gute Zahnzusatzversicherung zu finden. Die Suche nach einer Zahnzusatzversicherung machte das Rennen, was zeigt, dass ich langweilige Versicherungsparagraphen spannender finde als ein Gespräch mit meiner schwerhörigen und schwerfälligen Tante, wofür ich mich auch sehr schäme. Na ja – zumindest ein bisschen. Nach der anstrengenden Recherchearbeit stand ich dann in der Schlange vor der Fleischertheke und überlegte, ob Pfeffersalami oder doch lieber die Landsalami … und stöhnte ungeniert. Immer diese Entscheidungen! Zudem meist keine spannenden, zumindest nicht in meinem Leben. Und da kam mir der Gedanke, wie es wäre, wenn ich eine ganz andere Entscheidung zu treffen hätte – nicht zwischen zwei unterschiedlichen Salami-Sorten, sondern zwischen zwei unterschiedlichen Männern. Und was, wenn mir das Leben mit diesen zwei Männern zugleich auch zwei Variationen meiner Zukunft anböte. Pfeffersalami oder Landsalami – geheimnisvoller Geschäftsmann mit dunkler, russischer Seele, welterfahren und gebildet, der mir ein Leben voller heißblütiger Leidenschaft und die Verlockungen des Neuen bieten könnte oder durchtrainierter, tätowierter Automechaniker, der trotz seines Auftretens kein Bad Boy wäre, sondern ein richtiger Good Boy. Und mittendrin Fanny Fritzmaier. Für wen würde sie sich wohl entscheiden? Für einen Mann, der sie einerseits verwöhnt, andererseits auch seine Masken fallen lässt und sie an Grenzen bringt, die sie womöglich nicht überschreiten sollte? Oder für einen Mann, der ihr ein behütetes, beschauliches Leben zu zweit bieten könnte – ein Mann für jeden Tag, für Geborgenheit, Wärme und Sonntagsspaziergänge im Park.

Und schon war die Idee zu "Doppelt verliebt hält besser" geboren und damit entstanden auch zwei sehr unterschiedliche Männerfiguren, die um Fannys Herz kämpfen.

Und nun die Frage an dich, meine liebe Leserin. Wie würdest du dich entscheiden? Good Boy oder Bad Boy? Geheimnisvoller Geschäftsmann oder geerdeter Automechaniker?

Ich wünsche dir viel Freude beim Lesen und vielleicht auch die eine oder andere Erkenntnis dank Fanny Fritzmaiers kleinem Selbstfindungstrip.

Eure Anne

Kapitel 1

Wärmflaschen, Nutellabrote und Gasexplosionen

Es ist Sonntagabend und ich habe es mir in meinem Wohnzimmer mit einem Glas Merlot, einer Tafel Schokolade und einer flauschigen Wärmflasche gemütlich gemacht. Die Wärmflasche steckt in einem schwarz-gelb gestreiften Tigerenten-Fell, ich in einer schlabbrigen Jogginghose, die an manchen Stellen schon ziemlich abgewetzt ist, und das letzte Stückchen Nougat-Schokolade in meinem Mund. Ich sitze vor meinem Laptop, während im Hintergrund Ed Sheeran von der perfekten Liebe singt (der Glückliche hat sie ganz offensichtlich schon gefunden) und der Herbstregen in sanftem Rhythmus an meine Fensterscheiben prasselt. Unermüdlich flackern, verteilt im ganzen Zimmer, eine Unmenge Teelichter vor sich hin, um für mildes Licht zu sorgen. Milde ist dringend nötig, da ich schon seit Tagen nicht mehr zum Aufräumen gekommen bin. Wie denn auch? Schließlich hänge ich ja die ganze Zeit vor diesem Laptop rum!

Miss Marple, meine viel zu dicke Katze, sitzt schwer auf meinem Schoß. Ich sollte sie baldmöglichst auf Diät setzen. Und mich auch gleich. Neugierig beobachtet sie mein Treiben mit der Maus. Die Süße hat ihren Spaß, ich dagegen leider nicht so sehr. Tapfer scrolle ich mich durch eine Million Profile einer Dating-Seite. Wahrscheinlich ist es gar keine Million, aber mittlerweile habe ich den Überblick wie auch jeglichen Durchblick verloren.

Meine Augen sind müde und mein Hintern ist schon ganz taub vom langen Sitzen. Wenn ich mich jetzt vom Stuhl erhebe, werden meine Beine aufgrund der mangelnden Durchblutung ganz sicher zusammensacken. Ich will auch nur noch ein paar Minuten online verbringen, danach muss ich dringend das Wohnzimmer aufräumen. Und die Küche leider auch noch. Dort herrscht das reinste Schlachtfeld! Erst dann geht es ab auf die Couch, einen romantischen Liebesfilm gucken. Rosamunde Pilcher wäre heute genau nach meinem Geschmack. Irgendetwas Leichtes schwebt mir vor, bloß keiner dieser düsteren, bluttriefenden Krimis von Jussi Adler-Olsen oder Hakan Nesser, die zurzeit abwechselnd und in Dauerschleife über die Mattscheibe flimmern. Nein, raue Küstenlandschaften in Cornwall und heiße Küsse im Cottage. Das wär’s jetzt.

Aber plötzlich öffnet sich ein Bild auf meinem Schirm, und von einer Sekunde auf die andere spüre ich in meinem Bauch wild herumflatternde Schmetterlinge. Wie damals, als ich mich auf dem Pausenhof der Klosterschule in den süßen Michi verliebt hatte.

Liebe auf den ersten Blick soll es ja bekanntlich geben, aber doch nicht für ein Profil in einer Singlebörse! Also komm erst mal wieder runter, Fanny!

Der Mann nennt sich Luxusausgabe. Unter Selbstzweifeln leidet er offensichtlich nicht. Aber gut, die Männer schießen gern mal übers Ziel hinaus, wenn sie sich für ein Pseudonym entscheiden. So sind sie nun mal …

„So ein männliches Selbstbewusstsein gefällt uns doch sogar, nicht wahr, Miss Marple?“, wende ich mich an meine Katze. Ich ernte zustimmendes Miauen. Das bilde ich mir zumindest ein.

Dieses Selbstbewusstsein spiegelt sich auch in seinen Bildern wider, in denen ich augenblicklich und mit einem lustvollen Stöhnen versinke, kaum erscheinen sie auf meinem Schirm. Tschuldigung, aber meine Dürrezeit dauert mittlerweile schon viel zu lange. Abgesehen davon, wer könnte Luxusausgabe schon wiederstehen? Er wirkt kraftvoll und vital. Seine Gesichtszüge strahlen Entschlossenheit und Willenskraft aus, wobei es die frechen Augen und das jungenhaft verschmitzte Lächeln sind, an denen ich hängenbleibe. Sie stehen im absoluten Kontrast zu seiner ansonsten sehr präsenten Männlichkeit. Aber es ist wohl genau diese Mischung aus Lausbub und ganzem Kerl, die mich fasziniert und in ihren Bann zieht.

Und erst diese Lippen! Nicht schmal, sondern voll und sinnlich. Beim ausgiebigen Betrachten derselben (auch die zufrieden vor sich hin schnurrende Miss Marple kann ihren Blick nicht abwenden) überkommt mich urplötzlich ein ungestümes Verlangen, sie zu küssen. Also die Lippen, nicht die Katze. Dieses Verlangen ist viel stärker als das, die Küche aufzuräumen. Verständlich, schließlich kann ich mich nicht mal im Entferntesten daran erinnern, wann ein Mann zuletzt auch nur in die Nähe meiner Lippen gekommen ist – abgesehen von meinem Zahnarzt. Und den will ich nicht küssen. Er mich wahrscheinlich auch nicht.

Und noch ein weiteres Verlangen überkommt mich.

Also Fanny, schäm dich! Dafür ist es noch viel zu früh! Die Kinder sind ja gerade erst ins Bett gegangen.

Ja, selbst ist die Frau! Das habe ich seit meiner Scheidung gelernt. Ob es sich um das Auswechseln der Glühbirnen handelt oder um die Befriedigung der weiblichen Bedürfnisse.

Da fällt mir ein, dass ich vergessen habe, neue Batterien zu kaufen. Dann nehme ich eben die aus der Fernbedienung. Im Leben muss man nun mal Prioritäten setzen. Mit anderen Worten: Sex oder Glotze. Wobei mir die Frage in den Kopf schießt, ob Sex alleine, also nur mit mir selbst, auch Sex ist. Wahrscheinlich nicht.

Ich nehme einen großen Schluck Rotwein, während ich zu einem Bild weiterklicke, das Luxusausgabe auf einem schweren Motorrad zeigt. Bedeutungsschwanger und mit einem geheimnisvollen, leicht ironischen Grinsen blickt er in die Ferne und strahlt dabei Verwegenheit und Erotik aus.

„Musst du bei seinem Anblick nicht auch an James Bond denken?“, frage ich Miss Marple. Sie hüllt sich in Schweigen. „Also ich schon!“

Und zwar an Sean Connery auf einem heißen Motorbike, kurz bevor er den Bösewicht zur Strecke bringt, eine kompliziert verdrahtete, alles vernichtende Megabombe entschärft und in letzter Sekunde die Briten vor der Ausrottung rettet. Das nenn’ ich mal Stress! Armer James. Klar, dass er auf einer Singlebörse ein bisschen Ablenkung von all den Anstrengungen seines Lebens suchen muss.

Nun, dieser Mann ist zwar doch nicht solch ein Adonis wie James Bond, trotzdem besitzt er eine sehr sinnliche Ausstrahlung. Hoffentlich liegt meine Empfänglichkeit seinen Reizen gegenüber nicht nur an der Wirkung des Rotweins. Die Flasche leert sich viel zu schnell.

Neugierig klicke ich mich von einem Foto zum nächsten. Auf manchen Bildern trägt Luxusausgabe einen Anzug, auf anderen ein Hemd mit schicker Hose, auch mal eine edle Jeans.

Ich stehe auf Männer, die sich gut kleiden.

Mit Turnschuhen, Karo- oder Mottohemd zum Date …

Von mir aus, Hauptsache nicht zu meinem!

Aber Lederslipper und ein Jackett oder auch ein Anzug, und schon schlägt mein Herz höher. Ich kann auch nichts dafür. Ist halt so.

„Was meinst du, Miss Marple, sollen wir mal lesen, was er in seinem Profil schreibt?“

Gelangweilt hüpft sie von meinem Schoß. Dann eben nicht … Ich dagegen richte mein ganzes Augenmerk auf Luxusausgabe. Die Fakten sind gefragt.

Er ist geschieden, 1,90 Meter groß, sportlich und Akademiker. Er geht gern ins Theater, mag Tiere und kann nicht kochen. Er fährt Rad und Ski. Er hat blaue Augen, pechschwarze Haare, spricht Französisch, Spanisch und Englisch. Er engagiert sich ehrenamtlich für benachteiligte Mitmenschen, und auch der Umweltschutz liegt ihm am Herzen …

So ist’s gut, Fanny! Konzentriere dich auf das Wesentliche!

Ich versuche so nüchtern wie möglich an das Profil heranzugehen, um nicht dauernd an James denken zu müssen. So ist das immer bei mir. Ein paar wohlformulierte Sätze, und schon mutiert mein Flirt zu meinem ganz persönlichen Superhelden, der nicht nur in cooler 007-Manier gefährliche Bomben entschärfen, sondern obendrein auch noch die Hungersnot in Afrika beseitigen, die Rodung des brasilianischen Urwalds stoppen und die Ermordung des russischen Ex-Doppelagenten Skripal aufklären wird. Wenn nicht heute, dann ganz sicher morgen. Oder übermorgen.

Aber nüchtern betrachtet – ganz ohne Rotwein, Bomben und Vernichtung des Brasilianischen Urwalds – dieser Mann könnte es wert sein, mich noch einmal ins Liebesabenteuer zu stürzen. Vorausgesetzt, er würde sich auch mit mir stürzen wollen. Das muss ich ja erst noch herausfinden.

Bestimmt steht er auf einen ganz anderen Typ Frau als ich es bin: schick oder hipp, selbstbewusst, erfolgreich, schön, intellektuell. Vielleicht auch reich und berühmt.

„Wobei man das bei den Männern ja nie so genau weiß“, seufze ich in mein Weinglas. „Oftmals reicht jung, blond und sexy auch schon aus.“

Ich dagegen bin … nun ja, nicht blond, sondern brünett und nicht mehr ganz so jung, sondern schon ein bisschen älter, genauer gesagt einundvierzig Jahre alt. Zudem Mutter zweier Kinder, Teilzeitkraft beim Finanzamt, wohnhaft in einem renovierungsbedürftigen Reihenhäuschen auf dem Lande, alter Golf in der Garage, Minus auf dem Bankkonto, leere rechte Seite im Doppelbett.

Sprich – auch nicht wirklich sexy. Tja, dumm gelaufen …

Mit Wehmut streiche ich Luxusausgabe von meiner A-Liste, denn ein Mann wie er hätte bestimmt kein Interesse an einer D-Frau wie mir. Und mit D meine ich keineswegs meine Körbchengröße, leider.

Nein, er hätte sicher kein Interesse an mir. Außer … außer er hat von all den reichen, berühmten und intellektuellen Superfrauen wie auch von all den blonden, vollbusigen jungen Sexbomben auf gut Deutsch gesagt ‚die Schnauze voll’. Ob das tatsächlich so ist, werde ich allerdings nie herausfinden, wenn ich nicht endlich in die Gänge komme.

Also tippe ich ein paar Zeilen in meinen PC. Bevor ich die Nachricht allerdings verschicken kann, überkommt mich aus dem Nichts heraus die pure Panik. Was, wenn er mich unattraktiv oder uninteressant findet und mir einen Korb gibt?

Oder wenn er mir gar nicht antwortet? Das wäre noch schlimmer als ein Korb: tagelang, vielleicht sogar wochenlang, auf eine Nachricht zu warten, die dann doch nie kommt!

„Fanny, halt die Klappe! Was hast du schon zu verlieren?“, schimpfe ich lautstark mit mir. „Du musst im Leben auch mal was wagen!“

Miss Marple wird auch schon ganz ungeduldig. Nicht wegen meines brach liegenden Liebeslebens, sondern weil sie noch eine Runde um die Häuser ziehen will. Die hat wenigstens noch ein Liebesleben!

Kurz entschlossen schicke ich Luxusausgabe doch eine Nachricht: Schade, dass du noch nicht über mein Profil gestolpert bist.

Zack! Kaum fünf Minuten später landet seine Antwort in meinem Postfach.

Hilfe! Ich habe eigentlich gar nicht mit einer Antwort gerechnet und schon bin ich überfordert! Nervös hüpfe ich vom Stuhl hoch. Erst mal ein Glas Wasser aus der Küche holen. Wie sich allerdings herausstellt, ist Wasser in so einer Situation nicht wirklich das Mittel der Wahl, denn mein Herz schlägt mir immer noch bis zum Hals. Aber wer A sagt, muss auch B sagen. Also setze ich mich wieder an den Laptop und drücke kurzentschlossen und mit festem Druck auf seine Mail, bevor ich es mir anders überlegen kann.

 

Ja, das ist tatsächlich schade, denn was ich in deinem Profil lese, gefällt mir! Ich würde dich gern so schnell wie möglich kennenlernen, da ich schon bald für längere Zeit in China und in den USA unterwegs sein werde. Hast du am Samstag schon etwas vor? Schick mir deine Telefonnummer, ich würde mich freuen, deine Stimme zu hören.

Lieben Gruß,

Sergej

Mann, der geht aber ran!

Aber Moment mal! China? USA?

Na prima! Kaum finde ich einen Mann, der mir so richtig gut gefällt, zieht es ihn auch schon in die Ferne. Liegt wohl an meinem Karma.

Ja, Sergej nimmt Reißaus, auch wenn seine Formulierung auf den ersten Blick höflich erscheint: Übersetzt heißt seine Mail trotzdem etwas ganz anderes, nämlich:

Ich würd’ dich wahnsinnig gern kennenlernen, aber mir ist gerade jetzt nach Auswandern zumute. Möglichst weit weg. Sayonara and see you later, alligator.

Nun gut, das war’s dann wohl. Ich verabschiede mich jetzt wohl besser, bevor er es tut und mein Selbstwertgefühl nicht nur in den Keller, sondern bis zum Erdkern sinkt.

Lieber Sergej, sorry, so schnell gebe ich meine Telefonnummer nicht raus. Schon gar nicht einem Mann, der eine Woche, einen Monat oder womöglich sogar bis zum Sankt Nimmerleinstag auf einem anderen oder sogar auf mehreren anderen Kontinenten weilen wird. Schließlich ist „eine längere Zeit“ ein ganz schön vager Begriff. Ich wünsche dir alles Gute und viel Glück bei deiner Suche.

Drei Minuten später folgt prompt die Erklärung:

Keine Sorge, ich bin nur geschäftlich in China und in den USA unterwegs und das auch nur für drei Wochen. Und ans Auswandern habe ich bisher noch nie gedacht. Wenn du mir bitte doch deine Telefonnummer anvertrauen magst …

Ach, was ziere ich mich so! Jane Austen, lass mal locker! Ich wusste von Anfang an, dass ich ihm meine Nummer geben würde. Er hat mich schon in der ersten Zeile seines Profils mit einem Zitat geködert.

Ich stehe auf Zitate.

Ich bin ein Wortfetischist.

Und ich stehe auf Oscar Wilde.

Männer können analysiert werden, Frauen nur angebetet.

Oh ja, ich würde mich gern anbeten lassen! Nur mal so zur Abwechslung.

Tja, so einfach ist es, an meine Telefonnummer ranzukommen.

Ganz Ü40-Teenie, der ich nun mal bin, überlege ich kurz, mein WhatsApp-Profilbild aufzumotzen, lasse es aber sein. Ich will ja um meiner selbst willen geliebt werden.

Kaum habe ich ihm meine Handynummer geschickt, kommt postwendend eine WhatsApp von ihm:

Liebes, ich muss früher fliegen. Ich fahre jetzt zum Flughafen. Rufe dich morgen an.

Dein Sergej

Mist! Hätte eben doch mein Profilbild auftunen sollen. Von wegen um meiner selbst willen geliebt werden! Pffft! Jetzt ist es zu spät.

Enttäuschung, hängende Schultern, Griff zum Weinglas.

Fanny, du hast’s verbockt. Mal ganz was Neues.

Ernüchtert fahre ich meinen Laptop runter.

Nun gut, dann halt kein Abenteuer mit James Bond …

Stattdessen wieder einsames Kuscheln im übergroßen Ehebett. Vorher muss ich mich aber noch auf die Suche nach Batterien machen ...

Im Flur schlurft müden Schrittes mein Jüngster mit halbgeschlossenen Augen auf mich zu.

„Peterle, was geisterst du denn noch hier rum?“

„Nutella-Brot …“, brummelt er mit letzter Kraft, als hätte er einen dreiwöchigen Kerkeraufenthalt samt Nulldiät und Skorbut hinter sich. Zudem bildet Peterle nie ganze Sätze. Aber zum Glück verstehe ich ihn auch ohne korrekte Grammatik. Ich mag gar nicht an die anstrengende Schulzeit denken, die vor uns liegt. Im Herbst beginnt für Peterle der Ernst des Lebens. Klein und blond gelockt steht er vor mir, und allein schon bei seinem Anblick könnte ich ihn niederschmusen. Gerade möchte ich ihn in meine Arme drücken, da lenkt mich ein Gedanke ab, den ich dringend in die Tat umsetzen muss.

Ich schleiche mich in Peterles Zimmer, während er sich das Nutella zentimeterdick aufs Brot schmiert, und entwende schamlos die Batterien aus seinem ferngesteuerten Lamborghini. Dann gehe ich zurück in die Küche, als sei nichts gewesen. Gemeinsam mümmeln wir ein Nutellabrot. Natürlich ist Peter jetzt viel zu müde, um sich die Zähne zu putzen, und ich bin viel zu müde, die Rolle der Vorzeigemama zu erfüllen und ihn zum Putzen zu zwingen. Also bringe ich ihn in sein Zimmer, decke ihn zu, schmatze ihm einen dicken Kuss auf seine nach Schoko riechende Backe und verkrümele mich schnellstens, bevor ihm auffällt, dass es ausgerechnet seine Lamborghini-Batterien sind, die meine Jogginghose ausbeulen.

Ich werfe noch einen Blick in Veronikas Schlafzimmer und drücke auch ihr einen dicken Knutscher auf die Backe.

„Igitt, Mama, is ja ekelig!“, verzieht sie angewidert das Gesicht und dreht sich demonstrativ weg. Teenies! Immer ist alles ekelig oder peinlich.

Als Letzte ist dann noch Miss Marple dran. Ich kraule ihr weiches Bäuchlein, dann beende ich den Tag mit einem Batteriewechsel.

In dieser Nacht schlafe ich unruhig. Ich träume von einem Date mit Luxusausgabe. Wir speisen beim Chinesen und sitzen an einem kleinen, romantischen Tisch. Gut sieht er aus, mein Sergej, genauso wie auf den Profilbildern. Stechend blaue Augen, schwarze Haare, streng nach hinten gegelt. Eigentlich mag ich kein Gel in Männerhaaren, aber zu Sergej passt dieses Styling. Es verleiht ihm ein aristokratisches Aussehen. Ja, vor mir sitzt ein Aristokrat und Gentleman, der auch noch genau das sagt, was ich hören will.

„Fanny, du bist die einzige Frau, mit der ich glücklich werden kann. Wo warst du mein ganzes Leben lang?“, fragt er mich schmachtenden Blickes.

Ich bebe und mit mir die Erde unter meinen Füßen. Aber leider ist der Auslöser nicht die Wucht unserer Liebe, sondern eine waschechte Naturkatastrophe. Erschrocken sieht Sergej mich an. Er lässt die Stäbchen fallen, springt von seinem Stuhl hoch wie von der Tarantel gestochen und rennt ohne ein Wort des Abschieds davon. Er sprintet durch das Restaurant, durch die Tür und auf die Straße. Er läuft, ohne einen einzigen Blick zurückzuwerfen. Er läuft und läuft und läuft, bis ich ihn aus den Augen verliere. Ich dagegen rühre mich keinen Zentimeter, schließlich wird Sergej jeden Moment zurückkommen, um mich zu retten. Aber nix Rettung, denn da werde ich auch schon von der herabstürzenden, mit asiatischen Ornamenten reich verzierten Decke erschlagen. Und mein Held? Der ist schon längst über alle Berge!

Am nächsten Morgen schlage ich die Titelseite der Tageszeitung auf …

Gasexplosion in chinesischer Kohlemine

Eine Gasexplosion in China kommt einem Erdbeben in einem chinesischen Restaurant ziemlich nahe, zumindest, was chinesische Katastrophen betrifft, und schon fällt mir mein Traum wieder ein. Sergejs Abfuhr hat mich wohl tiefer getroffen als erwartet. Und sollte er wider Erwarten doch noch Interesse zeigen, sagt mir dieser Traum, dass er nicht der Richtige für mich ist, wenn er schon bei dem ersten Erdbeben Reißaus nimmt.

Aber jetzt habe ich keine Zeit, über das ferne China nachzudenken. Meine Tochter erklärt mir gerade in hohen Schluchztönen („Schatz, bitte eine Oktave tiefer, meine Ohren!“) nie wieder ein Tier essen zu wollen („Schatz, in deinem Müsli ist aber gar kein Tier drin!“).

Zu dieser Krise muss Peterle natürlich auch seinen Senf dazugeben.

„Wenn Veronika Vegetarierin werden darf, dann will ich Fleischarier werden und nie mehr Gemüse essen, denn das ist ja sowas von Folter, und Folter verstößt ganz klar gegen die Menschenrechtsorganisation“, teilt er mir mit pathetischer Stimme mit und das sogar in ganzen Sätzen. Ich bin beeindruckt.

„Peterle, Folter verstößt nicht gegen die Menschenrechtsorganisation, sondern gegen die Menschenrechte, wenn Gemüse essen denn Folter wäre, was es aber nicht ist. Gemüse essen ist gesund. Aus, basta, Amen.“

Über manche Dinge darf eine Mutter nicht diskutieren. Was allerdings nur dazu führt, dass Peterle über die Qualen seiner unglücklichen Kindheit lamentiert, während Veronika sich immer noch lautstark ihrer unermesslichen Trauer um all die armen Küken, Schweinchen und Kälbchen hingibt. Tochter heult, Sohn redet ohne Punkt und Komma, und für den Bruchteil einer Sekunde, aber wirklich nur für den Bruchteil, sehne ich mich nach der herabstürzenden, mit asiatischen Ornamenten reich verzierten Decke aus meinem Traum zurück.

Aber meine Zeit ist noch nicht gekommen, leider, und so bleibt mir nichts anderes übrig, als die Herausforderungen eines Montagmorgens zu meistern. Schließlich muss ich rechtzeitig im Büro erscheinen, um von dort aus die deutsche Wirtschaft zugrunde zu richten.

Denn ich bin Buchhalterin beim Finanzamt. Und das mit einer Zahlenschwäche! Wie ich damit zu diesem Job gekommen bin? Keine Ahnung.

Ich hatte mich dort ursprünglich als Sekretärin beworben und erst nach der Einstellung erfahren, dass achtzig Prozent meiner Tätigkeiten buchhalterisch sein würden.

Nun werden einer Mutter, die zwei Drittel ihres Lebens Windeln gewechselt, diverse Kinderkrankheiten, wie auch diverse Kinderlaunen durchgestanden hat, die unzählige Nachmittage, oft auch Abende, vor verschlossenen Lehrer- und Arzttüren rumgesessen und ansonsten sehr viel Zeit damit verbracht hat, dank endlos vieler Fahrten mit dem Mama-Taxi einen beträchtlichen Beitrag zur Umweltverschmutzung zu leisten, nicht unbedingt eine große Palette an Traumjobs angeboten.

Zur Auswahl hatten dieser Job oder der im Seniorenstift „Zur immergrünen Wiese“ gestanden. Mit anderen Worten: wieder Windeln wechseln, nur dass diese Windeln, wie auch die Ärsche um einiges größer gewesen wären, als die meiner Kinder.

Ich musste also nur abwägen, welches Übel das größere war, und schon machte das Finanzamt das Rennen.

Wie auch immer – dieser Job ist anstrengend, und ich kann es mir nicht leisten, geistig derangiert im Büro zu sitzen. Besonders nicht heute, wo ein wichtiger Abschluss bevorsteht.

Also übe ich mich wieder mal in Diplomatie.

„Veronika, Schatz, such doch nach der Schule ein paar vegetarische Rezepte aus dem Internet raus, und am Abend zeigst du sie mir dann.“

Kaum habe ich ihr den Vorschlag unterbreitet, verstummt sie mit glücklich glänzenden Augen. Und auch ich bin glücklich, denn mein Vorschlag ist mit Aufwand verbunden, und wenn meine Tochter etwas scheut, dann ist es Aufwand. Tofu ade!

„Und Peterle, du musst dein Gemüse auch nicht ganz aufessen, nur ein bisschen. Einverstanden?“ Dass ich dieses ‚bisschen’ nach Gutdünken definieren werde, verschweige ich ihm natürlich …

Warum ich noch nicht für den deutschen Bundestag aufgestellt wurde, ist mir ein absolutes Rätsel.

Und so lasse ich zwei glückliche Kinder zurück, um im Bad letzte Hand anzulegen, wobei ich mir beim Blick in den Spiegel viele letzte Hände wünsche. Ich fordere die Kinder auf, endlich einen Gang zuzulegen, dann stecke ich hektisch Terminkalender, Faltencreme und Smartphone in meine große, ausgebeulte Handtasche. Aber Moment mal … das Smartphone blinkt!

Eine Nachricht von Luxusausgabe … huch, was fühle ich mich plötzlich jung und lebendig!

Jetzt nur nicht vor Freude durchdrehen! Vielleicht will er mir nur mitteilen, dass er sich nun doch entschlossen hat auszuwandern.

Ohne WhatsApp vollständig zu öffnen, kann ich leider nur die ersten Worte lesen: Guten Morgen, meine L …

Wüsste ich jetzt, dass er mich abservieren will, würde ich ihm gar nicht erst die Genugtuung geben, mich für seine Nachricht zu interessieren. Ich würde sie ungelesen bis zum Sankt Nimmerleinstag auf meinem Handy schmoren lassen.

Also beschließe ich, cool zu bleiben und erst in der Kaffeepause zu lesen, was er mir schon am frühen Morgen mitteilen wollte. Oder auf der Damentoilette. Da bin ich wenigstens ungestört. Es sei denn, Mechthild hat ihre ‚Sauerkraut und Ananas’-Diät immer noch nicht abgeschlossen. Dann doch lieber Kaffeeküche.

Vielleicht will er ja auch gar nicht auswandern, sondern ein Date ausmachen. Gleich für den Tag, an dem er aus den USA zurückgekehrt ist. Oh, how wonderful!

Freudig stecke ich das Handy in meine Tasche und schwebe höhenflugmäßig an meinen Kindern vorbei, mit den mild mahnenden Worten, sie müssten sich jetzt auf den Weg machen.

Meine Worte verhallen ungehört.

„Du blöde Kuh!“, kreischt Peterle in einer Tonlage, durch die ich befürchte, augenblicklich taub zu werden. Aber erstaunlicherweise kann ich ihn immer noch hören.

„Ich hab’ genau gesehen, dass du meine Gummibärchen abgeschleckt und dann wieder in die Tüte gesteckt hast.“

„Chill mal deine Nippel, du Parasit!“, keift meine Tochter zurück.

„Ich hab’ gar keine Nippel! DU hast Nippel! Mama, hast du gehört, was sie gesagt hat? Dass ich Nippel habe!“

„Du alte Petze! Immer gleich zu Mama rennen!“

Streiten sie schon wieder? Hört sich irgendwie danach an. Interessiert mich das? Nicht die Bohne! Schließlich befinde ich mich dank höhenflugmäßigen Schwebens außerhalb ihrer Reichweite. Was sich prompt als Irrtum erweist, als ich im depressiven Sturzflug wieder auf dem Boden der Tatsachen lande. Aber das liegt ausnahmsweise gar nicht mal an meinen Kindern, sondern an meinem Gedankenkarussell, das plötzlich wieder mächtig an Fahrt zugenommen hat. Was, wenn Sergej sich nur verabschieden und mir alles Gute für die Zukunft wünschen will?

Oh, how shitty!

Jetzt reiß dich zusammen, Fanny! Hör endlich mit dem bescheuerten Affenzirkus auf und lies seine Nachricht!

Nein, so zwischendrin will ich sie nicht lesen.

Wenn er mich nämlich doch um ein Date bittet und wir dann in Liebe zueinander entflammen, will ich diesen besonderen Moment in einem gebührenden Rahmen erleben.

Nun gut, das Klo auf dem Finanzamt ist alles andere als ein gebührender Rahmen. Und mittags kann ich mich auch nicht ungestört zurückziehen – da geht die ganze Abteilung immer und ohne Ausnahme geschlossen in die Kantine.

Dann eben erst am Abend. Bin nun mal eine vielbeschäftigte Karrierefrau, daran kann er sich schon mal gewöhnen.

Tja, was soll ich sagen – es wurde dann doch das Klo und ja, Mechthild hat weder abgenommen noch ihre Diät abgebrochen, und der Rahmen war somit auch alles andere als würdig. Und trotzdem werde ich diesen Moment nie vergessen.

Guten Morgen Liebes,

ich habe heute Nacht von dir geträumt. Hoffe, ich darf heute Abend deine Stimme hören.

Dein Sergej

Ich habe auch von Sergej geträumt, verschweige ihm aber sowohl das Erdbeben in China wie auch sein hasenfüßiges Verhalten. Schließlich träume ich gerade jetzt etwas ganz, ganz Wundervolles von ihm, während ich auf dem Klodeckel hinter verschlossener Kabinentür sitze, glücklich vor mich hin lächelnd.

Etwas ganz Wundervolles …

Sergej und ich genießen den Tag bei einem Picknick im Englischen Garten. Wir flanieren unter schattigen Bäumen umher und unterhalten uns. Er ist galant, ich bin witzig …

„So ein Mist!“, platzt Mechthild fluchend in meinen Traum. Gerade ist sie zur Damentoilette hereingestürzt. Ich ignoriere sie jetzt einfach … Sergej nimmt meine Hand und blickt mir tief in die Augen. Tief, tiefer, noch tiefer. In Erwartung dieses einen, ganz besonderen Moments, des Augenblicks des ersten Kusses, wage ich kaum zu atmen. Gleich wird mein Herz vor Glück stehenbleiben.

Eine leichte Brise weht durch mein Haar, Kirschblüten fallen auf uns herab, Sergej beugt sich zu mir hinunter, um mich leidenschaftlich, heiß und inniglich zu küssen …

„Fanny, ich hab’ kein Klopapier mehr! Fanny?!“

Ja, würdig ist was anderes.

Der Tag im Büro geht schnell vorüber, schließlich muss ich meine Arbeit in der Hälfte der Zeit erledigen, da ich die andere Hälfte in meinem Kopfkino verbringe.

Um vier Uhr hole ich Peterle vom Turnverein ab, schleppe ihn unter Androhung roher Gewalt zum Kieferorthopäden, dann weiter zu Aldi, was mir dank meines pädagogisch wertlosen Versprechens auf eine Schokoladen-Orgie besser gelingt, als der Gang zum Zahnarzt ohne Schoko-Orgie. Weiter geht’s zur Apotheke, bis ich mich um sechs Uhr an den heimischen Herd stellen darf, um das Abendessen zu kochen.

„Dinner is served“, rufe ich die Kinder an den Tisch. Hungrig spachteln sie das Abendessen, natürlich ohne Messer, manchmal auch ohne Gabel, während sich Ketchupflecken und allerlei Brösel mühelos über den ganzen Tisch verteilen und sie wild durcheinanderbrabbeln, ohne den anderen ausreden zu lassen oder auch mal höflich nach meinem Tag und meinem Befinden zu fragen. So ist das immer bei uns. Und auch wenn ich das Abendessen stets mit Dinner ist served einleite, wird uns die Queen niemals an ihren Tisch bitten – nicht in hundert Jahren, so ungebührlich wie sich meine Rotzlöffel aufführen.

„Wer hilft mir, die Spülmaschine einzuräumen?“

Weg sind sie, so schnell wie der Wind, aber man soll die Hoffnung bekanntlich ja nie aufgeben. Ich verbringe den Abend mit dem üblichen Hausfrauenkram, bis ich um 21 Uhr endlich mit allem fertig bin. Eigentlich bin ich jetzt, nach diesem langen Tag, viel zu erschöpft, um ein halbwegs intelligentes Gespräch zu führen. Obendrein fühle ich mich auch noch so seltsam flatterig, als bekäme mein Gehirn nicht genügend Sauerstoff, weswegen meine Gedanken ohne jegliche Struktur wild umherwirbeln.

Bei dem ganzen Durcheinander in meinem Kopf werde ich sicher keinen einzigen klaren Satz formulieren können.

Plötzlich zwitschert mein Handy. Sergej!

Er fragt, ob ich Zeit für das Telefonat habe. Keine Sekunde später klingelt schon mein Handy. Der hat es aber eilig!

Keine Ahnung, wie spät es gerade in den USA oder in China ist, aber offensichtlich schon sehr spät und Sergej muss schnell ins Bettchen oder ins Büro und time is money.

Kurz sammle ich mich, dann hauche ich ein freundliches, gleichzeitig hoffentlich verführerisches „Hello Sergej“ in den Hörer. Hätte ich doch nur einen kurzen Blick auf das Display geworfen …

„Sergej? Wer ist Sergej? Und wieso sprichst du auf einmal Englisch?“, fragt mich meine Mutter in schroffem Oberfeldwebel-Ton. „Und warum telefonierst du abends mit einem Sergej und ich weiß nichts davon?“

„Mama, du musst nicht immer alles wissen!“

„Müssen nicht, sollen schon!“

Ich habe meiner Mutter von der Dating-Seite erzählt. Da ich aber nicht lebensmüde bin, habe ich ihr wohlweislich verschwiegen, dass es auf dieser Plattform nicht immer nur um Liebe geht. Ich höre, wie sie tief Luft holt.

„Wer sonst soll mit deinen Kindern auf die Lösegeldforderung warten, wenn dich einer dieser Verrückten verschleppt?“ Meine Mutter, die Drama-Queen.

„Du wirst es als Erste erfahren, wenn mich endlich einer verschleppt – versprochen. Aber noch ist es nicht soweit. Und wird es auch nie sein, wenn du die Leitung nicht endlich freigibst.“

„Sich mit irgend so einem Fremden aus dem Internet zu treffen! Sowas Unverantwortliches! Noch dazu in deinem Alter! Da sollte man doch wirklich klüger sein, Kind. Ich verstehe dich nicht.“

„Aber Mama, das hatten wir doch schon alles. Wo sonst soll ich einen Mann kennenlernen? Und ich treffe mich ja auch nur, wenn ich Adresse, Autokennzeichen, Vorstrafenregister, Schuhgröße und Kinderkrankheiten kenne. Aber jetzt muss ich auflegen. Er wird gleich anrufen.“

„Vergiss nicht das Lebenszeichen!“

„Mamilein, ich sitze brav in meinem Wohnzimmer und werde nur ein bisschen telefonieren.“

„Dann telefonier schön. Und pass gut auf dich auf! Und denk an das Lebenszeichen.“

Mütter! Fluch und Segen zugleich. Seit meiner Scheidung ist meine Mutter wieder auf Halbachtstellung, schlimmer als zu meiner Teenagerzeit. Sie hat Angst, dass ich ohne Manfred die falschen Entscheidungen treffe, ohne Manfred mein Geld für die falschen Dinge ausgebe, dass jeder Mann der Falsche ist oder noch schlimmer, ein potenzieller Vergewaltiger.

Selbst mein 84-jähriger Nachbar ist eine Gefahr. Vor dem warnt sie mich mindestens drei Mal wöchentlich, vor allem, seitdem ich versehentlich die Leiter im Garten stehen ließ.

„Schatz, da kann man nachts ganz leicht in dein Fenster einsteigen, selbst der alte Herr Schmidl kann das noch.“

Ach, käme doch endlich einer zum Fensterln! Natürlich nicht mein 84-jähriger Nachbar … so verzweifelt bin ich nun auch wieder nicht. Obwohl …

Ts, nein, natürlich nicht!

Ich frage mich gerade, ob ein Mann mit vierundachtzig tatsächlich noch eine Gefahr sein könnte – so weit ist es mit mir dank meiner paranoiden Mutter schon gekommen –, da klingelt das Telefon.

Neuer Versuch.

„Hallo Sergej. Hier ist Fanny.“

Ich vernehme zunächst nur ein Rauschen in der Leitung.

Und dann höre ich ihn, und mir wird plötzlich ganz wohlig ums Herz. Er hat eine tiefe, melodische Stimme. Bei ihrem Klang fühle ich mich angenehm umschlungen, wie vom warmen Wasser eines duftenden Schaumbades, in das ich lustvoll eintauche.

„Süße, wie geht es dir?“

Süße? Ich mag keine Kosenamen, erst recht nicht diesen. Ich finde ihn sogar abwertend, so mädchenhaft zuckerig, als würde man mich nicht ernst nehmen oder sich nicht die Mühe machen wollen, sich meinen Namen zu merken. Aber als Sergej mich jetzt Süße nennt, geht trotz dieser späten Stunde die Sonne auf. Sie wärmt mein einsames Herz und meine kalten Füße und scheint in meinem Wohnzimmer bis zum letzten Wort unseres Gesprächs.

„Ich freue mich schon den ganzen Tag auf unsere Begegnung und auf deine Stimme.“ Sergej rollt das R, betont das U und spricht das CH hart aus. Ich entdecke einen leichten Akzent. Russisch, vielleicht auch Tschechisch. Sein Deutsch ist trotzdem mehr als perfekt.

„Ich hoffe, du hast ein bisschen Zeit für mich.“

Aus ein bisschen Zeit werden fünf Stunden. Und keine Minute ist langweilig, keine Minute ist von Schweigen oder Befangenheit erfüllt. Stattdessen habe ich sogar das Gefühl, diesen Mann bereits mein Leben lang zu kennen.

Sergej ist Inhaber einer Firma, die Waffensysteme produziert. China und USA sind seine größten Abnehmer.

„Alle paar Wochen fliege ich ins Ausland, um mit Kunden zu verhandeln und neue Aufträge an Land zu ziehen“, erklärt er mir.

Aufmerksam höre ich ihm zu, wie er über unbemannte Systeme, Synchronisationsmechanismen, Granatwerfer und Radaranlagen spricht. Obwohl ich nicht mal die Hälfte von all dem technischen Zeug verstehe, finde ich unser Gespräch sehr unterhaltsam, fast schon prickelnd.

„Als junger Mann hatte ich nur einen einzigen Wunsch – ich wollte weg von zu Hause, weg von der Enge und den Traditionen auf dem Dorf. Ich komme aus Tschetschenien. Na ja, eigentlich bin ich gebürtiger Russe, aber meine Eltern sind nach Tschetschenien ausgewandert, als ich noch ein kleines Baby war. Deswegen fühle ich mich Tschetschenien näher als meinem eigentlichen Vaterland.“

Nun kann ich auch den Akzent zuordnen.

„Mit 18 Jahren bin ich nach Spanien ausgewandert. Dann ging es weiter nach Frankreich. Dank einer deutschen Freundin konnte ich von dort aus nach München weiterreisen. Sie hat mir einen Job als Kellner auf dem Oktoberfest verschafft.

Aber immer nur Gelegenheitsjobs und wechselnde Freundinnen – irgendwann hatte ich das Vagabundenleben satt. Ich wollte ankommen und sesshaft werden, aber nicht mehr zurück nach Tschetschenien, erst recht nicht mehr zurück in die Armut. Ich wollte mehr im Leben erreichen.“

Ich sehe ihn vor mir. Einen jungen Mann, strotzend vor Kraft, Lebens- und Abenteuerlust.

„Und so habe ich mich in München an der Uni eingeschrieben.“ Sergej macht eine Pause. Ich höre, wie er sich eine Zigarette anzündet und genussvoll inhaliert. Eine Zigarillo, wie ich später erfahre.

„Ich habe meine Entscheidung, Wehrtechnik zu studieren, nie bereut, denn ich kann sehr gut davon leben. Als der Krieg ausbrach, bin ich dann zurück nach Tschetschenien gegangen, um für mein Heimatland zu kämpfen – nicht nur hinter dem Schreibtisch, sondern auch auf dem Schlachtfeld.“

Seine Stimmer verliert an Kraft, sie wird leise und traurig. „Ich habe den Krieg überlebt, viele meiner Freunde nicht. Aber der Krieg hat mir bewusst gemacht, wie sehr ich das Leben liebe. Und dieses Leben will ich jeden Tag aufs Neue feiern.“

Dank seiner Worte offenbart sich mir seine Lebensfreude, aber auch seine Willenskraft. Er ist ganz anders als all die Männer, die ich bisher kennengelernt habe, und ich frage mich, wie es wäre, mein Leben mit so einer starken Persönlichkeit zu teilen.

Abrupt und unerwartet beendet Sergej seine Erzählung.

„Erzähl mir mehr über dich, über deine Kinder. Wo wohnst du? Was machst du den ganzen lieben Tag lang, wenn du dich mal gerade nicht im Internet herumtreibst?“

Sein Lachen ertönt kehlig aus dem Hörer. Leider habe ich nicht so viel zu erzählen wie er, schließlich ist mein Leben um einiges bescheidener als seines. Trotzdem hört er mir aufmerksam zu. Alles an mir scheint ihn aufrichtig zu interessieren – die Kinder, meine geschiedene Ehe, meine Hobbys. Erstaunlicherweise aber nicht, womit ich meinen Lebensunterhalt verdiene. Zum Glück.

Natürlich gibt es ganz andere Jobs, auf die man nicht unbedingt stolz sein sollte (wobei ein anrüchiger Beruf ein bisschen Farbe in meinen doch sehr bescheidenen Lebenslauf bringen würde), aber mit Buchhalterin assoziieren meine Mitmenschen immer nur gähnende Langeweile. Und wer will schon langweilig sein?

Wir nähern uns an – Wort für Wort. Wir reden, diskutieren und flirten. Ich bin erstaunt, dass man sich so schnell mit einem Menschen anfreunden kann, dem man noch gar nicht persönlich begegnet ist. Zu später Stunde träumen wir dann sogar von einer gemeinsamen Reise.

„Eines Tages fliegst du mit mir nach Amerika“, verspricht mir Sergej. „Dann zeige ich dir L.A., New York und San Francisco. All diese wundervollen Orte, die mein Herz höherschlagen lassen.“

Ich giggele wie ein verliebtes Schulmädchen. Was für eine verlockende Vorstellung! Natürlich verschweige ich ihm, dass ich weder das Geld für so eine Reise, noch eine Nanny habe, die meine Kids hütet, während ich mit meinem Liebhaber durch die USA tingele. Jetzt ist die Zeit für Träume, nicht für Fakten.

Nach fünf Stunden versagt mir doch tatsächlich die Stimme, aber meine flatternden Gedanken sind endlich zur Ruhe gekommen. Liegt das an Sergej? An seiner Stimme, die mich betört, gleichzeitig aber auch beruhigt? Eine Stimme, die ich höre, selbst wenn er nicht mit mir spricht ...

Alles wird gut, Fanny. Alles wird gut.

Vielleicht liegt es aber auch an der Ablenkung, die er mir dank seiner spannenden Geschichten bietet. Oder ganz einfach nur an diesem fünfstündigen Telefonmarathon. Wie festgebacken liege ich mittlerweile auf der Couch.

Sergej ist immer noch nicht müde. Woher nimmt der Mann nur diese Energie? Aber schon in vier Stunden wird der Wecker mich erbarmungslos aus dem Schlaf klingeln, und mir bleibt keine andere Wahl, als seinen leidenschaftlichen Wortschwall zu unterbrechen.

„Ich könnte ewig mit dir telefonieren, Fanny. Mir ist, als ob wir uns schon ein Leben lang kennen. Ich glaube … ich verliebe mich gerade in dich.“

Mir wird ganz warm ums Herz, eine wohlige Wärme, die bis in meine kalten Hände und Füße ausstrahlt. Ich fühle mich geborgen, als wäre ich in eine flauschige Decke gehüllt. Ich kuschele mich tief in meine Kissen, um dieses einmalige Gefühl zu intensivieren.

Aber schon meldet sich wieder meine innere Stimme, die alte Nörgel-Tante: Fanny, was soll das Gequatsche? Ihr kennt euch doch noch gar nicht mal. Pass bloß auf! Der Kerl ist ein Womanizer!

Nein, ich bin mir sicher, einen Zauber zwischen uns beiden zu spüren. Ich glaube an die Macht großer Gefühle, und ich glaube an die wahre Liebe.

Aber ich will die Augen natürlich auch nicht vor der Realität verschließen. Sergej ist ein Charmeur. Er ist weit gereist und weltgewandt. Er hatte in seinem Leben, wie auch in seinem Bett, schon viele Frauen. Und er ist ein erfolgreicher Geschäftsmann. Er weiß, wie er Kunden für sich gewinnt. So wie er weiß, wie man eine Frau für sich gewinnt …

Nein, das will ich ihm nicht unterstellen. Trotzdem kommen mir solche Gedanken in den Sinn, wenn er sagt, er verliebe sich gerade in mich.

Dann ist der Moment des Abschieds gekommen. Sergej will nicht als Erster auflegen. Ich auch nicht. Als könne der Bann gebrochen werden und sich das, was sich zwischen uns abspielt, mit dem Beenden des Telefonats in Luft auflösen.

Ich warte noch Sergejs letztes Goodbye ab, dann lege ich auf. Ausnahmsweise will ich nicht das letzte Wort haben.

Da sitze ich nun auf der Couch und lächele verträumt vor mich hin. Dass ich mich noch mal so fühlen darf! Begehrt, beschwingt und irgendwie auch verliebt. Ist doch verrückt, oder? Natürlich sind mir die Gefahren eines virtuellen Flirts bewusst. In den Träumen bastelt man sich einen Mann zurecht, den es in der Realität nicht gibt. Klar, dass man sich dann auch in diesen Mann verliebt! Dazu sind Traummänner schließlich da. Ach, wie gern wäre ich wieder verliebt … so richtig bis über beide Ohren.

Dabei lag mein weiterer Lebensweg schon glasklar vor mir – ganz ohne irgendeinen Mann. Kinder großziehen, dann ab ins Kloster. Zu den evangelischen Diakonissen.

Nicht dass ich sonderlich gläubig wäre, aber ich habe vor einigen Jahren eine Reportage über eine evangelische Schwesternschaft gesehen und diese Diakonissen wirkten so zufrieden, heiter und positiv, und ich dachte mir – warum nicht? Warum nicht einer religiösen Gemeinschaft beitreten? Ich hätte wieder eine Aufgabe und eine Familie, wenn auch nicht im klassischen Sinn. Und bei den Diakonissen muss man nicht mal in der Ordenstracht rumrennen. Obwohl ich mich wahrscheinlich sogar freiwillig dafür entschieden hätte. Nie mehr zum Frisör, kein Schneiden und Färben und Föhnen mehr, keine ‚Bad Hair Days’ mit Selbstmordgedanken.

Geld gespart, Zeit gespart, Depression erspart! Und alles nur dank einer simplen Kutte.

Ich will mich gerade aufraffen, meinen Hintern von der Couch zu lösen, da zwitschert mein Handy.

Ich habe den Klang deiner Stimme in jeder Sekunde genossen. Begehre dich mehr, als du erahnst.

Wow! Welcher Mann schreibt denn so eine romantische WhatsApp nach einem fünf Stunden dauernden Telefonat?

Ich kann nicht aufhören, vor mich hinzuschmunzeln.

Das hier ist mein Happy Beginning, und ich genieße es in vollen Zügen.

Morgen, gleiche Zeit? Ich freue mich auf dich, Liebste, und wünsche dir sweet dreams.

Oh ja, ich freue mich auch auf ihn, und ich kann es kaum erwarten, so schnell wie möglich wieder seine Stimme zu hören, seine Nähe trotz der Entfernung zu spüren.

Kapitel 2

Vom Frauenheld zum treuen Monogamisten?

Den nächsten Tag überstehe ich nur dank viel Kaffee und Schokolade.

Zum Glück hält sich der Stress im Büro in Grenzen, und am Abend schaffe ich es sogar noch, ein paar Minuten meine Beine hochzulegen, bevor Sergej anruft.

Das Telefon klingelt und schwupp sind wir mittendrin in unserer Unterhaltung. Augenblicklich stellt sich die Vertrautheit unseres ersten Gesprächs wieder ein.

Ich rede, er redet. Und wie er redet! Von seiner Ehe, seinen Kindern, seinen Affären. Und vom Krieg.

„Ich habe gesehen, wie eine Bombe meinen besten Freund zerfetzte. Wie meine Kameraden im Kampf starben. Ich bin dem Tod oft begegnet, er hat sich mit voller Wucht auf mich gestürzt, und trotzdem hat er mich nicht bezwungen. Stattdessen habe ich ihn bezwungen und dem Bastard den Mittelfinger gezeigt!“

Deswegen sucht er wohl immer wieder das Abenteuer, beruflich, wie auch privat. Er setzt dem Kriegstrauma seine Lebenslust entgegen und vertreibt mit seiner kraftvollen Energie die bösen Geister der Vergangenheit.

Dann erzählt er von seiner Familie und vom Scheitern seiner Ehe.

„Ich habe Karina geliebt. Weil sie meine Ehefrau war und die Mutter meiner Kinder. Aber ich hatte dieses Verlangen in mir. Dieses wilde Tier, das Karina nicht befriedigen und auch nicht zähmen konnte. Ganz im Gegenteil – das Tier in mir machte ihr Angst. Ich wollte sie nicht verletzen und so stürzte ich mich in zahllose Affären. Ich bin nicht stolz darauf, aber mein Wesen konnte ich ja auch nicht so einfach verleugnen. Mittlerweile bin ich ruhiger geworden. Ich will nur noch auf mein Herz hören. Aber damals … damals hörte ich nur auf meinen Schwanz!“, lacht er laut in den Hörer. „Irgendwann fand ich eine Partnerin, die ebenfalls diesen unstillbaren Hunger nach körperlichem Vergnügen verspürte. Sie genoss es, eine weitere Frau oder einen weiteren Mann im Bett zu haben, und ich genoss ihre Leidenschaft, ihre Gier. Trotzdem war diese Beziehung nicht von langer Dauer. Also folgten andere Frauen, andere Arten von Affären.“

Ich habe schon genug gehört, aber Sergej will noch mehr erzählen – von einer Frau, mit der er sich nur in Swinger Clubs getroffen hat, von privaten Sex-Partys, von einem polygamen Verhältnis mit zwei Frauen und von einer Affäre mit einer devoten Frau, mit der er seine SM-Wünsche ausgelebt hat.

„Meine letzte Beziehung führte ich mit einer Nymphomanin. Sie war eine schöne und aufregende Frau. Ich hätte ihr beinahe mein Herz geschenkt, hätte sie mich durch ihre Wünsche nicht so tief verletzt, dass ich mich von ihr zurückziehen musste, um mich selbst zu schützen.“

Er redet unaufhaltsam und ich schweige. Was soll ich auch sagen? Ich bin geschockt. Von ihm und von der Welt da draußen!

„Einige dieser Frauen habe ich geliebt. Die meisten nicht, das muss ich zugeben“, erzählt er weiter.

Ich will all das gar nicht hören.

„Sie waren meine Gespielinnen, so wie auch ich nur ihr Erotikpartner war. Aber mein Herz war stets offen für die Liebe und ist es immer noch. Und jetzt habe ich nur noch einen Wunsch – mit einer einzigen Frau an meiner Seite ein neues Leben zu beginnen.“

Ich sollte mich darüber freuen, dass er die Vergangenheit hinter sich lassen möchte. Tue ich auch – irgendwie wenigstens. Nur fällt es mir aufgrund der Intensität des Gesprächs und der Härte seiner Erzählung schwer, seinen Worten der Reue Glauben zu schenken. Kann so ein Mann sich je ändern? Vom Frauenheld zum treuen Monogamisten? Und so fürchte ich mich schon jetzt vor dem Moment, in dem ich den Hörer auflegen und mit meinen Gedanken allein sein werde. Die Kriegsgeschichten werde ich nur schwer verarbeiten, und die Details seiner Affären werden mich quälen.

Warum eine polygame Beziehung? Warum Swinger Club? Warum eine Sub? Ich frage mich, ob ihn eine normale Frau je befriedigen könnte. Ob ich ihn befriedigen könnte.

Aber warum über all das nachdenken? Er hat gesagt, dieses Leben sei passé und die Zukunft gehöre nur uns beiden.

Darauf will ich bauen.

„Liebes, ich muss dir auch von den dunklen Seiten meines Lebens erzählen. Sie sind ein Teil von mir und ich will sie nicht vor dir verheimlichen. Ich vertraue dir.“

Und ich vertraue ihm. Das ist doch verrückt, oder? Wir schreiben uns erst seit ein paar Tagen! Wie kann ich da von Vertrauen sprechen? Von einer gemeinsamen Basis? Wir haben nur zweimal miteinander telefoniert und uns noch nicht mal persönlich getroffen, und trotzdem spüre ich diese ungeheure Anziehungskraft, der ich mich nicht widersetzen kann und will. Es ist, als ob eine höhere Macht uns zusammenführt.

Sowas wie Kismet. Plötzlich stutze ich.

Kismet oder … Sergej, der mein Tun und Denken lenkt, indem er mir all diese intimen Details anvertraut? Er führt mich auf diese Weise womöglich langsam an seine Wünsche heran. Er zeigt mir sein Vertrauen, damit auch ich ihm vertraue und mich ihm offenbare. Er weiß, wie ich ticke. Das wurde mir bewusst, als ich ihm etwas aus meiner Vergangenheit erzählte. Ich sagte: „Du kennst mich, das hätte ich nie getan.“ Und er antwortete: „Ja, Liebes, ich kenne dich.“

Und so ist es tatsächlich. Er hat mich als Mensch erkannt, als Frau.

Aber kenne ich ihn genauso gut? Seltsamerweise habe ich das Gefühl, dass ich nie an ihn herankommen werde. Dabei wünsche ich es mir von ganzem Herzen. Wie gern würde ich ihm die Qual der Erinnerung lindern. Die Gräuel des Krieges, das jahrelange Nebeneinander in einer unglücklichen Ehe, die Beziehung mit einer Nymphomanin, die er zwar geliebt hat, die ihn aber zum Voyeur degradierte und ihn zu ihrem Vergnügen den Schmerz des tatenlosen Zuschauens ertragen ließ. Wobei ich mir schon die Frage stelle, ob sie ihn diesen Schmerz ertragen ließ oder ob er ihn ertragen wollte, weil es ihn scharf machte, ihm einen Kick verschaffte. Oder hat ihn diese Frau gar zerstört? Hat sie ihn an Grenzen gebracht, die er neugierig überquerte, durch dessen Überschreitung es aber auch kein Zurück mehr gab? Gedanken über Gedanken.

Und beherrscht werden sie von einer einzigen Frage. Ist Sergej überhaupt noch zur Liebe fähig?

Nach drei Stunden Schlaf überlebe ich den nächsten Tag nur dank Kaffee und noch mehr Kaffee. Übermüdung samt gefühlsmäßigem Super-GAU im Kopf ist schon schlimm genug, noch schlimmer ist es aber, wenn einem ein langer Arbeitstag samt einer ganz besonderen Herausforderung bevorsteht: Vertragsinventur. Grauenvolle Arbeit, langatmig und langweilig.

Ich bin gerade dabei, eine Excel-Tabelle zu entschlüsseln, da schickt mir Sergej ein Bild von einer Einladung zu einer Vernissage. Mittlerweile ist er an die Ostküste weitergereist, nach New York.

Er schreibt:

Wie gern hätte ich dich jetzt an meiner Seite.

Wünschst du dir das nicht auch?

Hm …

Mit dem Mann meiner Träume eine exklusive Vernissage besuchen und rosarote Romantik im aufregenden New York erleben oder Würgegefühl verursachende, hieroglyphische Zahlenreihen in München durchackern. Klarer Fall, oder?

Mit Verachtung blicke ich auf die Excel-Tabelle. Vor mir eine Million Spalten, so viele, dass ich befürchte, meinen achtzigsten Geburtstag erreicht zu haben, bis ich endlich in der Letzten angekommen bin.

Tja, das Leben ist nun mal kein Ponyhof. Zumindest meines nicht. Und so sitze ich hier in einem verstaubten Büro im Finanzamt, anstatt mit meinem Geliebten durch eine New Yorker Galerie zu schlendern.

Wie gern hätte ich dich jetzt an meiner Seite …

Wie soll ich mich da noch auf meine Arbeit konzentrieren?

Am liebsten würde ich auf der Stelle Brille und Stift von mir werfen und ohne ein einziges Wort der Erklärung durch die Tür des Finanzamts marschieren, schnurstracks weiter bis zur HypoVereinsbank, wo ich ohne zu zögern und ohne schlechtes Gewissen die sofortige Herausgabe meines gesamten Sparbuchs verlangen würde.

And hurry up please!

Aber nix hurry up, stattdessen würde mir die Kassiererin mit mitleidigem Blick den aktuellen Kontostand meines Sparbuchs zeigen: 0,00 €.

Ach ja … jetzt fällt es mir wieder ein, hab’ gerade erst mein letztes Erspartes für die Reparatur des Heizungskessels ausgegeben.

Tja, was nun?

Nix Munich Airport, Direktflug nach New York, Endstation Happy End. Nein, stattdessen muss ich mich wieder mit dieser Liste beschäftigen, die irgendwann einmal im Kellerarchiv unter ‚Was eh keine alte Sau interessiert’ auf Nimmerwiedersehen verschwinden wird. Und wenn dann in ferner Zukunft Außerirdische unsere Überreste ausbuddeln, werden sie sich wundern, mit welch seltsamen und sinnlosen Dingen die Menschheit ihre Tage verbracht hat.

Jetzt reiß dich zusammen, Fanny! Ran an die Tabelle!

Niedergeschlagen setze ich meine Brille auf, glotze auf den PC, glotze auf das Handy.

Bild um Bild lässt mich Sergej an der Vernissage teilhaben.

Bild um Bild tut sich vor mir eine ganz andere Welt auf ...

Konzentrier dich, Fanny!

Gehaltsscheck! Verantwortung! Kinder!

Schweren Herzens lasse ich New York zurück und lande unsanft in München.

Wartungsvertrag, Telefonvertrag, Mietvertrag, Stromvertrag, Gasvertrag, Zeitungvertrag, Leasingvertrag, Handyvertrag, Reinigungsvertrag ...

PUPSVERTRAG, KACKVERTRAG, SCHEISSVERTRAG!!!

Brille und Kugelschreiber fliegen von mir. Ich bin kein Star, holt mich trotzdem hier raus! Haaalllllooo! Hört mich denn keiner?

Doch – meine Chefin, Frau Schloch. Mit Vornamen heißt sie Annabell. An ihrer Bürotür steht: A. Schloch. Mehr möchte ich dazu gar nicht sagen.

Frau A. Schloch hat Ohren wie eine Fledermaus, auch wenn dieser Körperteil ansonsten keine Ohren hat. Neugierig späht sie mit ihren funkelnden Augen durch die offene Tür ihres Büros. Schuldbewusst lächele ich ihr zu. Ich will sie nicht reizen, sonst will sie nachher noch mein Blut saugen. Das tun bestimmte Arten von Fledermäusen nicht nur in Vampirromanen, sondern tatsächlich. Also Brille wieder auf.

Die Fledermaus ist beruhigt und widmet sich wieder ihrem ach so wichtigen Telefonat.

Schnell ziehe ich das Handy aus dem Versteck unter dem Kontenrahmen hervor.

Mechthild steckt ihren Kopf durch die Tür. „Fanny, die Liste!“

„Jaja, ich weiß, ich arbeite dran.“

Werde daran arbeiten. Sobald ich Sergejs letzte Nachricht gelesen habe.

Er hat mir bereits an die zehn, fünfzehn Bilder geschickt.

Damit du bei mir bist. Ich sehne mich nach dir! Mit jeder Faser meines Körpers!

Es ist eigenartig, aber in jeder Fotografie suche und finde ich Parallelen zwischen uns beiden, in jeder sehe ich etwas, was uns verbindet. Ich habe das Gefühl, dass Sergej all diese Fotografien mit Bedacht ausgewählt hat.

Ganz besonders die erotischen. Um mich zu testen, mich zu verführen, mich in sein Reich zu locken, in eine Welt voller Geheimnisse, aber auch voller Erotik und Magie. Die Bilder sind die Vorboten dieser Welt, seiner Welt, in der ich mich nur allzu gern verlieren möchte. Eben weil es seine ist.

Jedes einzelne Bild erzählt mir eine Geschichte, die ich mühelos weiterfantasieren kann.

Manche wiederum erzählen mir mehr über Sergej, allein durch die Tatsache, dass er sie für mich ausgewählt hat.

Wie die Bilder der Kriegsschauplätze, deren Brutalität mich mit voller Wucht treffen. Die Gräuel des Krieges waren in Sergejs Leben allgegenwärtig. Er hat den Tod hautnah erlebt, Militäraktionen ungeahnter Härte, Blutvergießen, Verlust und Trauer.

Das nächste Bild, das ich öffne, gibt mir allerdings Rätsel auf.

Eine Frau sitzt mit Handschellen gefesselt und mit einem Seidenstrumpf über dem Kopf in einem leeren Raum auf einem Küchenstuhl.

Es klopf an meiner Bürotür. Mechthild, schon wieder!

Warum trägt sie einen Strumpf über dem Kopf? Nein, nicht Mechthild, sondern die Frau auf dem Bild. Mechthild winke ich nur weiter.

„In einer halben Stunde?“, fragt sie mich mit einem hoffnungsfrohen Blick. Ich nicke.

Warum ist die Frau auf dem Bild gefesselt? Ist sie eine Geisel? Oder eine Terroristin, die man gerade noch rechtzeitig vor ihrem geplanten Attentat geschnappt hat? Plötzlich läuft es mir kalt den Rücken hinunter.

Über dem Abbild der Frau – als hätte ich eine Vision oder einen Tagtraum – erkenne ich Sergejs Silhouette. Aber weder kann ich eine Kamera oder ein Handy, noch das Aufleuchten eines Blitzes entdecken. Nur die Umrisse dieser gespenstischen Gestalt, die sich im Glas des Bilderrahmens spiegelt. Als wäre Sergej ein Geist, der mehr und mehr in mein Leben tritt, dem ich mehr und mehr Macht über mich zugestehe. Bis er eines Tages die vollkommene Kontrolle über mich erlangen wird.

Ich habe das Gefühl, dass er mir diese Bilder schickt, um Anspruch auf mich zu erheben. Nicht damit ich Teil seines Lebens bin, sondern damit er Teil meines Lebens ist, damit er über mein Tun und Denken bestimmen kann, um so seine Allgegenwärtigkeit und seine Ansprüche an mich zu demonstrieren. Ich betrachte die Bilder. Ich denke über ihre Bedeutung nach, weil er mich dazu auffordert. Ich vernachlässige meine Arbeit, weil er auf meine Antwort wartet. Er handelt, ich reagiere.

Herrje, was ist nur los mit mir? Ich denke schon wieder viel zu viel nach! Das liegt an den Bildern. Sie machen mich noch ganz verrückt! Genauso wie diese Tabelle!

Sergej hat Sehnsucht nach mir, mehr nicht. Er will mich an seinem Leben teilhaben lassen. Ich grübele nur immer zu viel. Das sagt Luise auch. Luise ist meine beste Freundin.

Aber letztendlich will ich ja auch, dass Sergej in meinem Leben allgegenwärtig ist, dass er mir mit Inbrunst seine Liebe gesteht. Auf ein lustloses Nebeneinander kann ich verzichten. Ich will das volle Programm! Needles and Pins, Explosionen, Erdbeben und Tornados, Herzklopfen, Glücksgefühle und Sehnsucht. Das volle Programm. Aber nicht jetzt!

Jetzt muss ich mich auf meine Arbeit konzentrieren. Will ja die Nacht nicht im Büro verbringen. Alles wird gut werden, ganz bestimmt.

Kapitel 3

Spüren, riechen, küssen, schmecken …

Die Tage vergehen ohne Sergej, der trotz seiner Abwesenheit Teil meines Lebens ist.

„Luise, ich weiß nicht warum, aber dieser Mann ist in meinem Kopf wie noch kein anderer Mann je zuvor. Er fasziniert mich. Alles an ihm – seine Lebensgeschichte, seine Ansichten, seine Welterfahrenheit, seine Bilder, seine Stimme.“

Seine Stimme … ja, ich bin süchtig nach seinen Worten. Sie lassen mich durch den Tag schweben und die Herausforderungen des Alltags mit leichter Hand meistern.

Manchmal ist er lebensfroh und aufgekratzt. Manchmal spüre ich eine rätselhafte Melancholie, wenn mir seine unergründliche russische Seele begegnet. Aber ich fühle mich stets wohl und geborgen, wenn ich Sergejs Stimme höre, und unsere abendlichen Telefonate sind der absolute Höhepunkt meines Tages. Erstaunlicherweise hat aber der Klang seiner Stimme, sogar der Inhalt seiner Mails und WhatsApp-Nachrichten noch eine andere Wirkung auf mich. Sie erregen mich. Auf eine Art und Weise, von der ich gar nicht wusste, dass sie existiert.

Luise und ich hatten einen schönen Abend im Theater und sitzen im Taxi auf dem Weg von München nach Hause.

Luise ist meine beste Freundin. Kennengelernt haben wir uns, als sie mir meinen geliebten Michi ausgespannt hat. Ja, so gemein kann Luise sein. Nächtelang hatte ich wachgelegen, um mir furchtbare Todesarten auszudenken, die Luise erleiden sollte. Ein fetter Bus sollte sie plattfahren, auf Nimmerwiedersehen sollte sie im Treibsand versinken und die äußerst unappetitliche Beulenpest wünschte ich ihr selbstverständlich auch an den Hals. Hauptsache, es gäbe keine Rettung, nur eine Fahrt zur Hölle als Bestrafung für ihre hinterhältige Tat. Dort würde sie dann auch auf immer und ewig schmoren! Das war in der ersten Klasse.

Aber schon in der zweiten Klasse waren Luise und ich unzertrennlich. Nur dank ihrer Mutter. Luises Mutter backt die leckersten Kuchen und Torten, die ich je gegessen habe.

Als Luise ein paar Wochen nach dem schrecklichen Michi-Drama auf mich zumarschierte und mir ihre Brotzeitbox voll kugelrunder Schmalzgebäckteilchen wortlos unter die Nase hielt, sollte das eine Wiedergutmachung sein. Schmalzgebäck gegen Michis Liebe. Aber ich war unbestechlich, wenn es um Michi ging.

„Die Dinger kannst du dir sonst wo hinstecken!“, spuckte ich ihr wütend ins Gesicht und schubste sie so fest, dass ihr die Brotzeitbox aus der Hand fiel und sich die Schmalzkugeln in alle Himmelsrichtungen auf dem Boden verteilten …

Okay … habe ich nicht getan. Stattdessen stand ich schweigend vor ihr, viel zu schüchtern, um der damals schon selbstbewussten Luise die Meinung zu geigen. Aber auch diesen wortlosen Widerstand ließ Luise nicht erst gelten. Breitbeinig stand sie vor mir, hob ihre Augenbrauen und durchbohrte mich mit einem stechenden Blick als verschärfte Aufforderung, mir endlich eines dieser dicken Dinger in den Mund zu schieben. Luise besitzt auch heute noch eine natürliche Autorität, die keine Widerrede duldet. Obendrein, so muss ich gestehen, sah das Schmalzgebäck wirklich sehr verlockend aus. Da mir der Gedanke an mein aufgeweichtes Vollkorn-Gurken-Käsebrot nur einen Würgereiz anstatt eines Freudenschreis entlockte, beschloss ich, mein gebrochenes Herz zu ignorieren und hemmungslos dem Genuss dieses Gebäcks zu frönen. Beherzt griff ich zu und stopfte mir die größte, dickste Kugel, die ich finden konnte, in den Mund. Augenblicklich befand ich mich im siebten Schmalzgebäck-Himmel. Was ich Luise gegenüber natürlich niemals zugegeben hätte.

„Was isn des?“, nuschelte ich mit vollem Mund. So ein Gebäck habe ich bei unserem Bäcker noch nie gesehen.

„Nonnenfürzle“, schwäbelte Luise. Luise kommt aus dem Allgäu.

„Igitt!“, schrie ich. Wobei die Dinger überhaupt nicht nach Pups schmeckten. „Du verkackeierst mich jetzt, oder?“, fragte ich Luise ungläubig.

„Nein, die heißen wirklich so!“

„Warum?“, fragte ich entrüstet.

„Was weiß ich denn?!“, schoss Luise zurück. „Und es ist mir auch sowas von egal, ob Nonnen solche Dinger furzen!“

So begann mit dieser eigenwilligen Furz-Konversation unsere Freundschaft, die nicht nur dank der Kochkünste von Luises Mutter von Jahr zu Jahr inniger wurde.

Luise ist quasi meine bessere Hälfte. Sie weiß immer Rat, und sie behält in jeder noch so schwierigen Situation die Nerven. Sie ist lustig und loyal, und während der vielen Aufs und Abs meines Lebens hat sie stets zu mir gehalten. Wir gehen gern gemeinsam aus. Wie heute. Es war ein schöner Abend im Theater, aber jetzt freue ich mich auf mein Zuhause. Die Woche im Büro war stressig.

Luise sitzt vorne im Taxi, ich kuschele mich in den hinteren Sitz, als Sergejs Nachricht mit einem elektrisierenden Pling auf meinem Handy landet.

Begehre dich, will dich spüren, riechen, küssen, schmecken und zärtlich in meinen Armen halten.

Und schon rückt alles in weite Ferne. Die dunklen Häuser und Ortschaften entlang der Autobahn rauschen an mir vorbei, und die Unterhaltung zwischen Luise und dem Taxifahrer vernehme ich nur noch als leises Murmeln. Ich bin weit weg von allem, aber ganz nah bei mir, ganz nah bei Sergej. Ich rutsche tief in meinen Sitz, öffne unbeobachtet den Reißverschluss meiner Jeans und berühre mich dort, wo ich Sergej jetzt gerne gespürt hätte.

Für einen kurzen, aber erhebenden Moment gebe ich mich diesem Verlangen hin – still und heimlich.

Dann, von einer Sekunde auf die andere, ist der Zauber des Augenblicks verflogen.

Trotzdem habe ich eine schöne Erinnerung mehr – eine Erinnerung an einen Mann, dem ich noch nie begegnet bin. Dass ich allerdings so etwas wie gerade eben in einem Taxi tue, und es mich auch noch erregt … das sollte mir wohl zu denken geben. Tut es aber nicht. Herrje! Warum nicht? Luise wird Rat wissen. Luise kennt mich in- und auswendig.

„Ach Luise“, jammere ich auch schon drauflos, als ich auf die Kante meines Sitzes rutsche, damit sie mein Jammern auch wirklich hören kann. Dass somit auch der Taxifahrer jedes Wort mitbekommt, ist mir egal. Ich brauche Luises Beistand und opfere dafür nur allzu schnell meine Privatsphäre. Und meine Integrität. Zwar habe ich selbige schon an dem Tag geopfert, als ich mir Sergejs Lebensbeichte angehört habe, ohne ihn schnellstmöglich in die Wüste zu schicken, aber das weiß der Taxifahrer ja nicht. Er könnte mich also immer noch für ein unbescholtenes Mitglied der Gesellschaft halten. Was ich genau genommen ja auch bin, denn fürs Denken kann man nun mal keinen henken.

„Manipuliert Sergej mich, und ich checke es nicht mal?“, flüstere ich Luise zu.

„Ja“, flüstert Luise zurück.

Ihr Ja ignoriere ich jetzt ganz einfach mal …

„Er sagt, er will mir gegenüber ehrlich sein, und deswegen erzählt er mir von der Nymphomanin, der Polygamistin und von der Sub. Von der redet er sogar ganz besonders oft. Leider. Aber das mit der Ehrlichkeit nehme ich ihm nicht wirklich ab. Nein, ich glaube, er will mich nur in seine BDSM-Welt locken.“

„Genauso ist es!“

Was hat sie gesagt? Irgendwie rauscht es furchtbar laut hier drinnen.

„Ich entscheide mich ja auch immer öfter für Bilder, die Subs und Doms und Handschellen zeigen. Dabei weiß ich gar nicht mal, ob mir dieses ganze BDSM-Zeug überhaupt gefallen würde.“ Das stimmt ja auch.

Ich stutze. Warum bemühe ich mich dann überhaupt, Sergej zu gefallen? Warum will ich die Richtige für ihn sein, ohne zu hinterfragen, ob er auch der Richtige für mich ist? Ich weiß es nicht. Also muss Luise wieder herhalten.

„Warum tu ich das?“, frage ich sie.

„Ich habe keine Ahnung!“, beteuert Luise.

„Seit der ersten Klasse sind wir die besten Freundinnen und eins weiß ich genau – du bist ganz und gar keine Masochistin. Du bist ein Weichei! Das schlimmste Weichei, das ich kenne!“

„Ja, wohl wahr“, stimme ich ihr kleinlaut zu. Allein schon, wenn ich mir einen Zeh anstoße, jammere ich rum, als stünde ich kurz vor der Amputation des kompletten Beins.

„Aber vielleicht wäre ein Leben als Sergejs devote Gespielin tatsächlich meine Erfüllung, etwas, was mir bisher gefehlt hat. Mein ganz persönliches Glück!“, versuche ich Luise meinen Gedankengang zu erklären.

„Persönliches Glück?“, schimpft Luise. „Was redest du da für einen Unsinn? Du weißt nur allzu gut, dass diese Art von Spielchen meilenweit von der weichgespülten Shades of Grey-Romantik entfernt ist! Ich bitte dich, Fanny! Behalte deine Nerven und deinen klaren Blick! Du hast ihn ja noch nicht einmal getroffen, trotzdem glaubst du, er ist der Richtige für dich – und das nur wegen all der Mails und Telefonate, in denen er dich geschickt um den Finger wickelt. Er will dich nur ködern, Liebes, um dich dann für seine Sexspielchen zu missbrauchen! Mach endlich die Augen auf!“

„Ja, aber … vielleicht habe ich ja doch einen Hang zum Masochismus. Du zum Beispiel, Luise: Wenn du in ihn verliebt wärst, und er würde dann all diese Dinge von dir verlangen …“

„Ich würde ihn zum Teufel jagen, und das solltest du auch tun!“, vollendet Luise meinen Satz.

„Genau!“, entgegne ich ihr. „Weil dich SM gar nicht interessiert!“

„Fanny, das ist kein Spiel! Was, wenn er dich verletzt? So richtig verletzt! Also körperlich! Seelisch sowieso!“

Darauf fällt mir erst mal nichts ein, denn Luise hat ja recht. Sie trifft mit ihrer Einschätzung meistens ins Schwarze. Und so zweifele ich wieder einmal an Sergej, Luise zweifelt erst recht an ihm, aber dann … dann kommt wieder eine seiner Nachrichten, und meine Unsicherheit schwindet. Zumindest für den Augenblick.

Ich rutsche zurück auf meinen Sitz und öffne WhatsApp. Die mahnenden Worte sind vergessen, Luise ist vergessen und der Taxifahrer erst recht.

Liebste, ich kann dich spüren, trotz der Entfernung. Ich spüre, wie du sinnlich, erregt und voller Liebe auf mich wartest. Bald darf ich dich in meine Arme schließen, und dann werde ich dich nie mehr loslassen!

Begehre dich, küsse dich immer und immer wieder …

Oh ja, nichts wünsche ich mir mehr, als dass er mich nie mehr loslässt! Und so träume ich auf der Fahrt nach Hause von unserer gemeinsamen Zukunft – ohne einen Funken rationaler Zurückhaltung.

Als ich mich dann von Luise verabschiede, umarmt sie mich viel fester und auch viel länger als sonst.

„Du bist eine starke Frau, Fanny! Lass dir ja nichts anderes einreden!“

Ich liebe sie für diese Worte und für das Vertrauen, das sie in mich setzt. Ich würde mich auch gern als starke Frau sehen, aber daran muss ich wohl erst noch arbeiten.

Leider sind mein Vorsatz wie auch Luises Ratschläge schon bald vergessen. Das liegt an Sergej und an unseren täglichen Emails und Telefonaten. Ich fühle mich ihm von Tag zu Tag näher, und von Tag zu Tag schwinden meine Zweifel mehr und mehr. Ich bin überrascht über meine Gefühle für Sergej, über die Intensität unseres Austausches und über mein Vertrauen in ihn.

„Fanny, dass du dich einem Fremden gegenüber ohne jegliche Zurückhaltung öffnest – das ist absolut unvernünftig!“, ermahnt mich Luise.

Aber ich will ihm vertrauen, ich will unvernünftig sein!

Die Vernunft hat mich eh schon längst verlassen. Mein Denken kreist von morgens bis abends nur noch um diesen einen Mann.

Schon während ich zu früher Stunde durch die Wohnung haste, meinen Kopf in die Kinderzimmertür stecke und „Raus aus den Federn“ rufe, überlege ich, wie ich Sergej eine Freude machen könnte. Noch am Frühstückstisch sitzend, schicke ich ihm Passagen meiner Lieblingsbücher, in der Brotzeitpause dann Zitate meiner Lieblingsschriftsteller und in den späten Stunden des Abends romantische und erotische Fotografien, die ich im Netz finde.

Von Tag zu Tag offenbare ich mich ihm mehr und mehr. Die Grenzen schwinden, und die Distanz zwischen uns wird geringer. Wir nähern uns an, geistig wie auch sexuell. Wobei ich mich ihm stärker annähere als er sich mir, indem ich mich mit der dunklen Seite der Liebe beschäftige.

Während eines unserer Telefonate fragt mich Sergej, ob ich die Geschichte der O gelesen habe.

Habe ich nicht, aber ich weiß, wovon das Buch handelt. „Geht es da nicht um Sadomaso?“

„Nein Süße, es geht um viel mehr. Es ist eine erregende Liebesgeschichte voller Hingabe und Opferbereitschaft. Liebe und Leid gehören nun mal zusammen! Um das Schöne schätzen zu können, muss man auch das Schlechte erfahren haben.“

Danke, aber nein danke, ich will weder Leid noch Schmerz erfahren! Im Gegenteil: Mein Herz hungert danach, sich zu öffnen. Verletzbar sein zu dürfen, ohne verletzt zu werden. Ich bin nicht Ana aus Shades of Grey.

„Also SM ist ganz sicher nicht mein Ding“, antworte ich entrüstet. Leider genau in dem Moment, als meine Tochter das Wohnzimmer betritt.

Oh je! Hat sie gehört, worüber wir sprechen?

„Mama, ich muss dir dringend was sagen“, flüstert sie mir zu. Offensichtlich hat sie nichts von unserem Gespräch mitbekommen. Zum Glück.

„Schatz, jetzt nicht.“

„Na toll!“, schimpft sie los. „Stundenlang redest du mit irgend so einem Kerl aus dem Internet, aber für mich hast überhaupt keine Zeit mehr! Du kennst diesen Arsch doch nicht mal, und trotzdem ist er dir wichtiger als deine eigene Tochter!“, gibt Veronika in schriller Tonlage von sich. „Und wenn du jetzt auch noch mit diesem ganzen Peitschen-Scheiß anfängst, ziehe ich zu Oma! Definitiv!“

Ich versinke im Erdboden. Wie krieg’ ich das jetzt bloß wieder hin? Schnell beende ich das Telefonat und eile meiner Tochter hinterher, die sich bereits weinend auf ihr zerknülltes Bett geworfen hat.

Veronika weiß über das Single-Portal und über meine Dates Bescheid. Ich erzähle meiner Tochter immer, was ich tue oder mit wem ich mich treffe, wobei ich ihr natürlich nichts über Sergejs Affären und erst recht nichts über seine dunkle Seite erzählt habe.

 

„Schatzilein, es tut mir so leid.“ Sanft streichele ich ihr über die langen Haare.

Ach, mein kleines Mädchen. Fünfzehn Jahre ist sie letzten Monat geworden. Die Zeit vergeht viel zu schnell.

„Was wolltest du mir sagen?“

Sie ziert sich. „Keinen Bock mehr!“

Ich kitzle sie.

„Mama, du bist so ein Nervbatzn!“, versuchte sie sich gegen die aufkeimende Lachattacke zu wehren, was ihr natürlich nicht gelingt.

Letztendlich war es dann auch nichts Wichtiges, über das sie mit mir reden wollte. Wichtig ist nur, dass ich den Blick aufs Leben nicht verliere. Auf das wahre Leben außerhalb des Internets, fernab der Telefonate, der WhatsApp-Nachrichten und der Phantasien.

Der nächste Bürotag verläuft stressig. Frau A. Schloch hat schlechte Laune und obendrein habe ich einen Abgabetermin, den ich unbedingt einhalten muss. Wieder ist eine Excel-Tabelle auszufüllen, die ebenfalls im Kellerarchiv tief unter dem Finanzamt verschwinden wird. Aber zum Glück liegt dieser Tag nun hinter mir. Jetzt muss ich nur noch einkaufen.

Nur noch einkaufen?!!!

Als wäre einkaufen in meinem Zustand tatsächlich so einfach! Mein Kopf ist voll und meine Einkaufsliste offenbar auf Chinesisch geschrieben! Verloren stehe ich unter dem grellen Neonlicht des Discounters. Mein Blick hüpft zwischen den dicht befüllten Regalen und meiner langen Einkaufsliste hin und her (Wo verdammt noch mal sind denn die bescheuerten Erbsen und Karotten aus dem Angebot?), als mich plötzlich ein Reigen aus Bildern und Gedanken und Emotionen erfasst. Nur allzu gern halte ich inne und tauche hinab in die Welt meiner Phantasien.

Die Einkaufsliste gleitet zu Boden, die Menschen verstummen, und lösen sich samt Supermarkt im Nichts auf. Ich höre nichts, sehe nichts … nur Sergej, den Sergej aus meiner Fantasie. Kaum ist er in meinem Kopf, erfasst die Lust meinen Körper, und ich habe nur noch einen einzigen Wunsch – dass Sergej mich liebt und meine Sehnsucht und meine Gelüste stillen möge. Sekunden der Begegnung. Eine sanfte Berührung, ein leidenschaftlicher Kuss, der Hauch einer sinnlichen Verführung. Dann verebbt der Sturm, und zurück bleibt ein unbeschreibliches Gefühl des Glücks.

Ich giere danach, noch viele Empfindungen dieser Art erleben zu dürfen. Wobei ich mir Empfindungen wünsche, die aus der Wirklichkeit heraus entstehen, bei einem romantischen Date in einem schönen Restaurant oder in einer gemütlichen Bar – nicht dank meines Kopfkinos.

Gleichzeitig frage ich mich aber auch, ob meine Gefühle Bestand haben werden. In der Realität könnte alles schließlich ganz anders sein. Trotzdem will und kann ich nicht auf unseren Austausch verzichten. Sergejs Worte, ob geschrieben oder gesprochen, schenken mir eine wohltuende Wärme. Sie betören und erregen mich, sie beschützen, trösten und lieben mich mit jeder einzelnen Silbe. Dank seiner Worte nimmt er mich mit all seiner männlichen Kraft – fordernd und leidenschaftlich, dann wieder zärtlich und sanft. Und ich? Ich gebe mich ihm hin ... ergebe mich ... ohne Wenn und Aber.

Als noch am gleichen Abend ganz unvermittelt die Voicemail kommt, die ich mir so sehr gewünscht hatte, bin ich einfach nur glücklich. Jede seiner Nachrichten stillt meine Sehnsucht bis zur nächsten, wobei ich die letzte eines jeden Tages immer erst lese, wenn ich im Bett liege. So nehme ich Sergej mit in meine Träume. Dann ist er mir ganz nah.

Ich ziehe mich in mein Schlafzimmer zurück, kuschele mich in mein Bett und lege den Hörer an mein Ohr.

Sie war nicht mehr frei?

Ah! Gott sei Dank, sie war nicht mehr frei.

Aber sie fühlte sich leicht, Göttin auf der Wolke, Fisch im Wasser, verloren im Glück. Verloren, weil diese feinen Haare, diese Stricke, die René alle in seiner Hand hielt, das einzige Kraftnetz waren, durch das seither der Strom ihres Lebens floss ...

(Die Geschichte der O von Pauline Réage)

Das ist es doch, was ich mir wünsche … Göttin auf der Wolke zu sein, verloren im Glück. Dieses Buch muss ich haben!

„Warte mit dem Lesen, Liebes“, bittet mich Sergej. Ich werde Sergejs Wunsch respektieren, trotzdem muss ich das Buch so schnell wie möglich in meinen Händen halten. Ich will es betrachten und berühren. Besser heute als morgen. Zum Glück gibt es ja den Express-Service.

„Mama, ein Päckchen von Amazon“, freut sich Peterle. „Ich mach’s schon mal auf!“

„Nein!“, schreie ich panisch und stürze mich auf das arme Kerlchen, um ihm das Päckchen aus seinen kleinen, zarten Händen zu entreißen. Wie ein begossener Pudel schaut er drein, als hätte ich ihm gerade sein liebstes Spielzeug genommen. Ich schäme mich. Ich hatte mir doch vorgenommen, den Blick auf mein wahres Leben nicht zu verlieren und nicht immer nur an Sergej zu denken.

„Soll ich dir einen Kakao machen?“, versuche ich Peter zu trösten. Er liebt Kakao. Während Peterle glücklich am Strohhalm nuckelt, ziehe ich mich ins Schlafzimmer zurück. Hektisch und voller Ungeduld öffne ich das Päckchen wie ein Kind das heiß ersehnte Weihnachtsgeschenk. Und dann liegt das Buch in meinen Händen.

Die Geschichte der O.

Ich betrachte das Cover. Eine tief violette Rose ist darauf abgebildet. Auf den ersten Blick sehen die Blütenblätter wie weich fallender Seidenstoff aus. Erst auf den zweiten Blick erkenne ich die Rose.

Mit leichter Hand berühre ich den Einband. Er fühlt sich samtig an. Liebevoll streichen meine Finger über das Cover, ganz behutsam.

Wie ich mich aufs Lesen freue! Ich kann es kaum erwarten. Und wenn ich nur einen schnellen Blick riskiere? Ich könnte ein paar Zeilen lesen, vielleicht sogar den ersten Absatz. Aber ich entscheide mich dagegen. Ich will Sergej nicht belügen.

Kapitel 4

Ins Paradies

„Liebes, nur noch eine knappe Woche!“, empfange ich die nächste Voicemail von Sergej.

Ja, endlich werde ich Sergej kennenlernen. Tagtäglich male ich mir unser erstes Date in den rosarotesten Telenovela-Farben aus, die je über den Bildschirm geflackert sind.

Der Termin steht schon seit unserem ersten Telefonat fest, trotzdem reden wir nicht über das bevorstehende Date.

Für uns beide wird es nur einen Weg geben: den, der uns zueinander führt.

Sergej hat einen Tisch bei einem schicken Franzosen im Lehel reserviert.

Dort serviert man so exquisite Sachen wie „Risotto von Quinoa mit schwarzen Trüffeln aus dem Perigord und Nussbutter“ oder „Craquant de chocolat mit Mousse Pralinée“. Nachdem ich mir die Preise angesehen habe, ist mir allerdings klar geworden, dass ich mir weder die Nussbutter noch das Pralinchen leisten kann. Egal, bin schließlich eine feine Dame und esse wie ein Spatz. Bei den Preisen allerdings noch weniger als ein Spatz, seufz …

Sergej fragt in unserem nächsten Telefonat, wo er mich abholen kann.

„Und nimm dein Köfferchen mit. Wir übernachten in München. Im Bayerischen Hof.“

Stille.

Ich bin nicht prüde, aber ich will nicht schon im Vorfeld festlegen, wie unser erster gemeinsamer Abend enden soll. Schließlich besteht die klitzekleine Möglichkeit, dass ich Sergej doch nicht so anziehend finde, wie ich es mir in meinem Kopfkino all die Zeit vorgestellt habe. Vielleicht finde ich ihn ja sogar abstoßend! Vielleicht hat er furchtbaren Mundgeruch oder ekelhaften Achselschweiß. Oder er ist gar keine fünfzig Jahre alt, wie in seinem Profil beschrieben, sondern schon sechzig, sogar siebzig oder achtzig! Weshalb er dann auch nicht in einem schicken Mercedes, sondern in einem nicht ganz so schicken Rollator vorfahren wird. Oder – noch schlimmer, denn schlimmer geht immer – er hat furchtbaren Mundgeruch UND ekelhaften Achselschweiß UND die Fünfzig schon längst passiert, UND er benutzt einen Rollator! Bei meinem Glück …

„Sergej, lass uns den Abend nicht schon vorweg planen. Wenn es passiert, passiert es. Wir müssen nichts überstürzen.“

Schnell gegessen, schnell vergessen!

„Vertraust du mir nicht?“, fragt er entrüstet.

„Natürlich vertraue ich dir. Ich habe dir so viel über mich erzählt. Das hätte ich doch nicht getan, würde ich dir nicht vertrauen!“

Ja, ich vertraue ihm, auch wenn es nicht klug ist, einem vollkommen Fremden zu vertrauen. Aber trotz dieses Vertrauens kann ich nicht wissen, ob es in natura genauso funkt wie während unserer Telefonate. Diesen kleinen Zweifel verschweige ich ihm.

Auch Sergej schweigt.

„Beweise es mir!“, fordert er mich plötzlich und ganz unerwartet auf. „Beweise mir, wie sehr du mir vertraust. Es gibt da einen besonderen Ort. Wenn du mich dort mit verbundenen Augen erwartest, werde ich erkennen, wie tief deine Gefühle für mich sind.“

Das ist ja mal eine Herausforderung!

Nein, keine Herausforderung, wohl eher eine Erpressung! Ich soll mich also beweisen. An einem besonderen Ort? Hab’ ich in all den Gesprächen irgendetwas verpasst? Was, bitteschön, ist ein besonderer Ort?

Er antwortet nicht auf meine Frage. Stattdessen schickt er mir einen Link.

„Wenn du mich dort triffst, zu unserem ersten Rendezvous, allein und mit verbundenen Augen, dann beweist du mir deine Liebe und dein Vertrauen.“

Ich klicke auf den Link. Ein Fenster öffnet sich.

„Welcome to paradise“

Na ja, das hört sich doch gar nicht mal so schlecht an …

Vielleicht rennen wir da nackt und unschuldig rum wie Adam und Eva und mümmeln ein paar Äpfel.

Ich klicke auf ein Herzchen mit der Aufschrift „Hereinspaziert“.

Jessas! Äpfel werden wir dort ganz sicher nicht mümmeln!

Und mit einem Paradies hat diese Wohnung leider auch nichts zu tun. Zumindest nicht mit meiner Vorstellung vom Paradies.

Ich klicke mich durch die Bilder und sehe ein ganzes Sortiment von Equipment, das angeblich keinerlei Wünsche offenlässt.

Über diese Wünsche bin ich mir beim Betrachten der Ausstattung allerdings nicht immer so ganz im Klaren.

Dieses große Ding da, was soll das bitteschön sein?

Ahh! Jetzt verstehe ich. Uhhhhh! Jetzt verstehe ich!!

Aber sowas muss man ja auch nicht gleich übers Knie brechen.

Das Paradies ist also ein Fetisch Penthouse. So steht es zumindest auf der Homepage. Hab’ noch nie von einem Fetisch Penthouse gehört.

Spannend sind die Bilder allemal. Wie das des Schlafzimmers. Über dem großen Doppelbett ist ein Aufbau montiert – wie bei einem Himmelbett, nur ohne die Rüschenvorhänge. Stattdessen baumeln von den Pfosten und Querverstrebungen diverse Seile, Ketten und Handschellen herab. Das Wirrwarr erinnert mich an meinen Handarbeitsunterricht und meine leidlichen Versuche, mit zwei linken Händen aus zu vielen Wollfäden einen Schal zu stricken. Auch wenn das Hobby, das sich mir auf diesen Seiten offenbart, mit gemütlichen Strickabenden rein gar nichts zu tun hat.

Ich klicke weiter zur Büßerkammer. Sie ist dunkel und unheimlich. Wieder sind Ketten, Fesseln und Handschellen zu sehen und obendrein ganz viel Zeugs, das ich nicht identifizieren kann. Lernt man ja auch nicht unbedingt in der Schule ... Mathe, Hauswirtschaft, SM-Kunde …

Letztendlich ist die Homepage aber sehr lehrreich, wenn auch befremdlich. Zumindest bin ich wieder einen Schritt weiter, Sergej besser kennenzulernen.

Tja, dann wird das wohl nix werden mit dem kuscheligen Fernsehabend auf der Couch, Sergej mag’s etwas unkuscheliger. Unkuscheliger für mich, denn aufgrund all der Erzählungen über seine Vergangenheit kann ich mir nicht vorstellen, dass er der Typ ist, der sich gerne von einer Frau fesseln und bestrafen lässt.

Aber ich muss zugeben, die Wohnung ist sehr stylish. Wenn man die kleinen ‚Accessoires’ ausblendet, sieht sie wie ein modernes Luxusappartement aus – viel Leder, minimalistisch eingerichtet, alles in Weiß. Bis auf jene finstere Büßerkammer natürlich. Gar nicht so, wie ich mir eine SM-Wohnung vorgestellt hätte.

Das Appartement ist zumindest verkehrsgünstig in der Münchner Innenstadt gelegen, direkt an der U-Bahn-Station. Ich wollte schon immer wissen, wo sich das Paradies befindet. Jetzt weiß ich es: am Ende der Münchner Fußgängerzone. Man lernt eben nie aus.

Einkaufsmöglichkeiten gibt es laut Homepage direkt vor der Haustür. Auch im Rollenspiel als Sub oder Dom muss man sich ab und zu mal mit den alltäglichen Dingen des Lebens auseinandersetzen – den Hunger stillen oder ein Aspirin gegen Migräne einwerfen. Realität gegen Fantasie.

„Ich werde dich nicht anrühren, wenn du es nicht wünschst“, verspricht mir Sergej in der nächsten Voicemail. „Du kannst mir vertrauen, und das weißt du auch. Jetzt musst du nur noch deinen Kopf ausschalten und dein Herz sprechen lassen.“

Ja, wenn das so einfach wäre … mein Kopf lässt sich nun mal nicht so leicht ausschalten. Nicht einmal, wenn ich schlafe. Da ist er sogar ganz besonders aktiv und schenkt mir die lebhaftesten Albträume, in denen sich die Probleme des Tages in Monster der Nacht verwandeln. Die jagen mich dann, quälen mich oder wollen mich umbringen. Hätte ich etwas mehr Zeit, würde ich mich liebend gern von einem mild dreinredenden Psychiater analysieren lassen. Und könnte der Herr Doktor trotz geduldigen Zuhörens und weiser Ratschläge meine Probleme letzten Endes doch nicht lösen, so hätte ich zumindest für ein Stündchen meine Beine hochgelegt.

Beine hochlegen, was für ein herrlicher Gedanke!

Aber, wie gesagt, für einen Besuch beim Seelenklempner fehlt mir ganz einfach die Zeit. Erst recht, seitdem Sergej in mein Leben getreten ist. Obwohl ich gerade seinetwegen einen Psychiater an meiner Seite gebrauchen könnte.

Sergej reißt mich aus meinen Gedanken.

„Ich werde alles arrangieren. Allerdings möchte ich, dass du dich von Odette, der Dame des Hauses, einweisen lässt. Schließlich ist es das erste Mal, dass du ein SM-Appartement betrittst, nehme ich an.“

Odette. Eine Odette sieht bestimmt sehr sexy aus: schwarze Haare, rote Lippen. Sie trägt ihr volles Dekolleté hübsch arrangiert in einer tiefgeschnittenen, Busen hochpressenden Leder-Corsage.

Ja, genau so stelle ich sie mir vor. Wie soll ich mich bei so einer Konkurrenz begehrenswert fühlen?

Odette und Sergej kennen sich bereits. Geht ihr Kontakt über das Geschäftliche hinaus? Ich spüre, wie sich Eifersucht in mir breitmacht.

„Gib mir Bescheid, Liebes, dann frage ich an, ob ich für Samstag noch reservieren kann.“

Soll ich mich jetzt mit einer lahmen Ausrede rauswinden? Echt blöd, aber Tante Rosa ist zu Besuch, der Hund hat meinen Autoschlüssel gefressen, und obendrein habe ich keinen Babysitter für die Kinder, heute nicht und nie mehr, denn meine Mutter hat sich endlich ihren Traum erfüllt und ist nach Kanada ausgewandert und mein Ex sitzt leider im Knast. Lebenslänglich und auch darüber hinaus.

Nein, ich sollte ihn um ein richtiges, nach Möglichkeit romantisches Date bitten, so wie ich es mir an jedem einzelnen Tag, seit ich Sergej kenne, ausgemalt habe. Um jenes Essen beim Franzosen samt zaghaftem Händchenhalten und zärtlichen Küssen.

Oder sollte ich vielleicht doch besser auf meine innere Stimme hören, auch wenn mir ihr Tonfall überhaupt nicht gefällt? Du schickst ihn und diese Odette jetzt ganz schnell zum Teufel, kapiert?

Ach, Tante Rosa und innere Stimme, haltet doch endlich die Klappe! Ich will nicht mehr denken! Ich will loslassen und nicht mehr gegen den Strom schwimmen. Ich will wissen, was geschieht, wenn ich mich mit Sergej einlasse. Denn was immer auch passieren wird, ich bin sicher, es wird aufregend sein. Und so stimme ich dem Treffen zu.

Sergej schickt mir die Kontaktdaten. Ich soll mich am Samstagabend an der Wohnung einfinden.

„Odette wird sich dann um dich kümmern“, verspricht er.

Nun gibt es sicherlich eine Million Gedanken, die einem in so einem Moment durch den Kopf schießen. Zum Beispiel: Wie komme ich lebend aus dieser Sache raus? Sollte ich besser gleich die Polizei verständigen? Wie sehen die Sicherheitsvorkehrungen aus – Pfefferspray, Messer, Pistölchen?

Aber ich verdränge gekonnt solche unangenehmen Gedanken. Stattdessen denke ich über Dinge nach, die nicht weniger fundamental sind:

Was trägt man bei einem Rendezvous, das in einem Fetisch Penthouse stattfindet? Leder, Nieten und Halsband? Oder sexy, eng und kurz? Elegant und schwarz? Oder einfach nur nackte Haut? Und sollte ich mich für Leder und Halsband entscheiden, was mache ich dann mit meinem kleinen Schwarzen?

Als mir vor ein paar Tagen nach einer dreistündigen, deprimierenden Kleideranprobe klar wurde, dass mir der Inhalt meines Kleiderschranks nicht den erhofften Zutritt in das französische Restaurant verschaffen würde, habe ich mir ein Cocktailkleid geleistet. Zwar nur vom Versandhaus und nicht von einem namhaften Designer, aber sehr schick und für meine Zwecke absolut geeignet.

Das Kleid ist in der Taille eng und um die Hüften locker geschnitten. Es ist nicht wirklich auffällig, aber das Dekolleté ist einfach nur WOW! Nicht dank meiner Oberweite, leider, sondern wegen meines teuren Push-up-BHs, den ich mir ebenfalls für dieses Date geleistet habe.

Das Kleid will ich nicht zurückschicken. Ich will nicht auf das Erlebnis verzichten, es an diesem Abend anzuziehen. Schließlich habe ich mir schon eine Billion Mal vorgestellt, wie ich zu gegebener Zeit in Sergejs bewundernden Blicken baden werde. Ich hoffe zumindest, dass seine Blicke bewundernd sein werden. Also beschließe ich, dieses Kleid zu tragen, ob es zum Stil der Wohnung passt oder nicht.

Nächster Schritt zum perfekten Fetisch Penthouse-Outfit: Augenbinde aus Stoffresten schnippeln, um Sergejs Wunsch nach verbundenen Augen nachzukommen. Der Gedanke, vor ihm zu sitzen, ihn nicht zu sehen, sondern nur seine Stimme zu hören, seine Berührung zu spüren, erregt mich.

Die Stoffreste stammen aus der Zeit, als meine Kinder noch klein waren. Mit diesen Fetzen wurde Barbie neu eingekleidet oder der Teddybär verarztet.

Dementsprechend sehen die Stoffreste aus – entweder in quietschigen Barbie-Farben oder blutrot angemalt für den Teddybär-Notarzt-Einsatz. Obendrein auch noch zerschnitten, geklebt, getackert, wahlweise geknotet – also nicht wirklich für meine Zwecke geeignet. Schwarz und in einem Stück sollte die Augenbinde schon sein. Ich hätte noch eine schwarze Unterhose, die ich letztens aussortiert und noch nicht weggeworfen habe, aber irgendwie erscheint mir der Gedanke, die Unterhose nun obenrum statt untenrum zu tragen, nicht besonders prickelnd.

Also bleibt mir nichts anderes übrig, als in den Handarbeitsladen um die Ecke zu gehen, dort, wo auch meine dreiundachtzigjährige Nachbarin so gern vorbeischaut. Nur dass sie mit den Stoffresten, die es in diesem Lädchen gibt, sicherlich nicht ihrem heimlichen Fetisch frönt. Obwohl …

Nur noch eine knappe Woche.

Ich bin nicht aufgeregt – bin ich nie vor einem Date. Anfangs war das schon der Fall, aber irgendwann habe ich beschlossen, Dates nur noch zu genießen – egal wie sie verlaufen. Vielleicht finde ich zwar nicht meinen Traummann, dafür aber einen neuen Freund. Und finde ich weder Traummann noch Freund, bin ich wieder einen Schritt weiter, mehr über mich und meine Wünsche zu erfahren. Und sollte der Abend ein totaler Reinfall werden, hat sich wenigstens meine Anekdoten-Sammlung um eine neue interessante Geschichte erweitert.

Wirklich schlechte Dates hatte ich nie, da ich vor einem Treffen viel korrespondiere. Durch einen intensiven Austausch kann ich meinen Flirt-Partner besser einschätzen und mich so ein Stückchen weit vor unliebsamen Überraschungen schützen. Auch wenn ich schon lange kein Date mehr hatte.

Und der Blick in den Spiegel sagt mir, dass ich auch schon lange nicht mehr beim Frisör war. Das Grau am Ansatz wird immer grauer und die Drogerie-Tönung bringt schon lange nicht mehr den erwünschten Effekt.

Deswegen habe ich mir für diese Woche eine General-Überholung verordnet, inklusive Pediküre.

Die restliche Zeit zwischen Schönheitspflege, Arbeit und Kindern verbringe ich mit Tagträumen und mit googeln. Ich googele Sergej, ich googele Odette, ich googele BDSM, Fetisch und Kinky … ja, ich googele mich geradezu zu Tode, als gäbe es in meinem Leben nichts Wichtigeres zu tun. Ich könnte stattdessen ja auch im Rot-Kreuz-Laden aushelfen, mich in der Suppenküche nützlich machen, das Zimmer meines Jüngsten auf Vordermann bringen, den Keller ausmisten, meiner Mutter im Haushalt helfen oder meine Ablage erledigen … könnte, könnte, könnte!

„Fanny, du darfst auch mal egoistisch sein und an dein eigenes Vergnügen denken – auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, dass dieser Abend tatsächlich zu deinem Vergnügen sein wird!“

Luise findet Sergej immer noch nicht so toll wie ich.

„Du weißt, dass ich gegen dieses Treffen bin, aber ich verstehe natürlich, dass du dich nach etwas Abwechslung in deinem Leben sehnst. Du bist immer für deine Familie da, bei dir steht sie an erster Stelle, und wie oft höre ich, dass du gerade mal wieder was für deine Mutter erledigst. Du hast die Kinder, einen anstrengenden Beruf und kaum Freizeit. Also triff dich mit Sergej, wenn du glaubst, er könnte der Richtige sein. Ob er dann auch wirklich Mr. Right ist, kannst letztendlich nur du entscheiden“, redet mir Luise gut zu. Wir sitzen im Wohnzimmer und trinken ein Gläschen Wein.

Mitten in Luises Worte hinein zwitschert mein Handy.

Eine Nachricht von ihm!

Ein Schauer der Erregung durchläuft meinen Körper. Wie immer, wenn Sergej sich meldet. Mittlerweile achte ich aber darauf, dass ich meine neugewonnenen Prinzipien auch wirklich einhalte. In diesem Fall: Kinder, Familie und Freunde vor WhatsApp von Sergej. Also stelle ich das Handy auf lautlos und konzentriere mich wieder auf Luises Worte. Trotzdem spürt sie meine innere Unruhe. Sie hat stets eine feine Antenne für meine Stimmung.

„Ich geh’ mal schnell aufs Klo“, erklärt sie mir mit einem Augenzwinkern.

Kaum ist sie aus dem Wohnzimmer verschwunden, schaue ich auch schon bei WhatsApp rein.

Würdest du mir einen Wunsch erfüllen?, schreibt Sergej.

Ich würde ihm wohl jeden Wunsch erfüllen, so verliebt wie ich bereits bin.

Lass bis zu unserem Date deinen kleinen Fuhrpark in der Garage.

Übersetzt heißt das, ich solle meine Vibratoren in meinem Nachtkästchen lassen.

Single zu sein macht nicht immer Spaß, und so lautet meine Devise nicht selten genug „Selbst ist die Frau“.

Ich antworte Sergej, dass ich seinen Wunsch erfüllen werde.

Ob ich es tatsächlich durchhalten werde, tagtäglich von ihm zu träumen, ohne den Einsatz meiner kleinen Freunde, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen. Aber das muss ich ihm ja nicht unbedingt auf die Nase binden.

„Und?“, fragt Luise gespannt, als sie zurückkommt. „Freust dich schon auf das Date beim Franzosen?“

Ich hatte noch nicht die Gelegenheit, ihr von der SM-Wohnung zu berichten. Luise glaubt also noch an die Romantik, die ich an Sergejs Seite in einem exklusiven französischen Restaurant erleben werde.

„Also weißt du … äääh … unsere Pläne haben sich ein bisschen geändert. Weil … ja weil … Fetisch ist jetzt der neue Franzose. Deswegen. Also … der Franzose ist gestrichen.“

„Ich verstehe kein Wort, Fanny. Ihr geht also nicht zum Franzosen. Fetisch? Ist das ein neues Lokal?“

Ich schüttele den Kopf.

„Wo geht ihr dann hin?“

„In ein Appartement.“

„In sein Appartement? Ich dachte, er wohnt in einer Villa.“

„Ja, tut er auch. In dem Appartement, in dem wir den Abend verbringen werden, kann man ja auch gar nicht wohnen.“ Jetzt muss ich wohl oder übel mit der Wahrheit rausrücken. „Man kann es nur stundenweise mieten.“

Betroffenes Schweigen.

„Es ist ein SM-Appartement.“

Immer noch Schweigen im Walde.

„Wie – SM-Apartment?“, stockt Luise.

Wieder Schweigen, und dann, als würde endlich der Groschen fallen: „Spinnst du?!“

Jetzt will sie alles bis ins Detail wissen. Eigentlich sollte ich mich jetzt in Schweigen hüllen. Aber ein plötzlicher Mitteilungsdrang lockert meine Zunge, und ich erzähle viel mehr, als Luise verkraften kann. Ihre Augen werden immer größer, und es dauert, bis sie alles verarbeitet hat. Und dann kommt es auch schon, das Donnerwetter.

„Du wirst nicht zu diesem Date gehen!“, poltert sie drauflos. „Ich verbiete es dir! Der Kerl ist doch verrückt! Er wird dir irgendetwas Schreckliches antun und dich dann unter dem Rosenbeet seiner Villa verscharren!“

Sie sorgt sich nun mal um mich, und ich nehme ihr diese Reaktion nicht übel.

„Luise, Schatz, ich muss das machen! Ich muss herausfinden, ob ich genauso für Sergej empfinde, wenn ich ihm persönlich gegenübersitze.“

„Fanny, du kannst diesem Mann auch in einem Restaurant persönlich gegenübersitzen, dazu musst du dich mit ihm nicht in einem SM-Appartement treffen! Warum hast du mir das nicht schon früher gesagt? Der Kerl ist nichts für dich, ich hab’s gleich gewusst! Schon als du mir von dieser Nymphomanin, von der Sub und von all den anderen Frauen erzählt hast. Aber jetzt weiß ich es mit Bestimmtheit! Der ist nicht normal!“

„Ja, zum Glück ist er nicht normal“, pflichte ich ihr bei. „Auf normale Männer habe ich keine Lust mehr. Die sind so … na ja, so normal. Luise, wenn ich jetzt einen Rückzieher mache, verzichte ich vielleicht wegen ein paar läppischer Wenn und Abers auf das große Glück, zumindest aber auf ein Abenteuer. Ich will Sergej kennenlernen. Unbedingt!“

Plötzlich kommt Luise der rettende Einfall.

„Okay. Ich weiß, was wir machen. Ich verstehe zwar nicht, warum du dir das antun willst, aber gut – du wirst mir zu einer vereinbarten Zeit ein Lebenszeichen schicken, vielleicht um Mitternacht. Zur Sicherheit nimmst du auch gleich zwei Handys mit: deins und Peters altes Handy. Sollte Sergej dir dann dein Handy abnehmen, dann hast du immer noch das Notfallhandy. Am besten, du versteckst es auf der Toilette.“

Luise, die BKA-Agentin. Na ja, nicht ganz. Luise ist Grundschullehrerin, aber als Lehrerin kennt man eben alle Tricks.

Wir sind uns schnell einig. Luise zu widersprechen, würde ich auch gar nicht wagen (‚Fanny, setzen, 6!’).

Ich gebe ihr Peterles Nummer und die Anschrift des Appartements. Ich wundere mich, dass sie mich nicht verwanzen und an meinem Auto einen Peilsender anbringen will. Aber ihr Engagement wärmt mein Herz, und ich suhle mich regelrecht in ihrer Aufmerksamkeit.

Wir verabschieden uns mit dem guten Gefühl, ein weiteres Problem gemeinsam gelöst zu haben – wie schon so oft in der Vergangenheit. Auch wenn die bisherigen Probleme eher anderer Natur waren: wie man den Scheidungsanwalt finanziert oder wo man einen guten Kinderarzt findet. Und nicht ‚Wie komme ich wieder heil aus einem SM-Appartement heraus?’

Ich räume den Tisch ab und spüle die Weingläser, während Wolfgang Petrys Stimme aus dem Küchenradio ertönt.

‚Der Himmel brennt, die Engel fliehen’

Oh je! Ein Zeichen! Der Himmel, den ich mir erträumt habe, steht in Flammen, und ich soll fliehen. Wie die Engel. Tue ich aber nicht. Stattdessen warte ich geduldig, bis es zu spät für eine Absage ist.

Endlich ist es soweit! D-Day!

Geplant und vorbereitet wie der Sturm auf die Normandie, inklusive Zeitplan und Checkliste, Bahn-Ticket, Peterchens altem Handy, drei Taxinummern, genügend Geld (man kann ja nie wissen, wo man ausgesetzt wird) und Haarspray zum Stylen, wahlweise zur Selbstverteidigung. Sehr zu Luises Ärger habe ich auf das Pfefferspray verzichtet, weswegen sie mich dann genötigt hat, das Haarspray einzupacken. Im Notfall könne ich es anstelle von Pfefferspray verwenden. Brennt auch in den Augen und würde mir im Kampf ums nackte Überleben zumindest einen kleinen Vorsprung verschaffen. Ich sag’s ja, BKA-Agentin!

Ansonsten packe ich das übliche Survival Package für ein ganz normales Date ein. Bis auf die Augenbinde, die dafür auch nicht ganz so üblich ist.

Ein bisschen nervös bin ich nun doch. Aber nur, weil ich Angst habe, aus irgendeinem Grund nicht rechtzeitig aus dem Haus zu kommen. Könnte mir ja ein Bein brechen. Oder eins der Kinder bricht sich ein Bein. Oder meine Mutter. Oder der Blitz trifft mich. Oder ein Meteorit erschlägt mich. Oder der Himmel steht in Flammen! Schließlich hat Wolfgang Petry das mit dem brennenden Himmel ja schon prophezeit. Könnte alles passieren, und das sind ja auch nur ein paar der Katastrophenbeispiele.

Aber nichts dergleichen geschieht. Ich schaffe es sogar, meinen Zeitplan einzuhalten und die Haustür ohne jeglichen Zwischenfall hinter mir ins Schloss zu werfen.

Meine Mutter passt wieder einmal auf die Kinder auf. Was täte ich nur ohne meine Mutter? Gerade schaut sie mit ihren Enkelkindern ‚The Big Bang Theory’, während ihre Tochter auf den Weg in ein Fetisch-Appartement ist – mit der Deutschen Bahn. Die Bahn kommt. Ich hoffentlich auch.

Das Abteil ist voll. Die meisten Reisenden haben den Arbeitstag hinter sich und freuen sich auf den Feierabend. In meinem Cocktailkleid und den hochhackigen Schuhen wirke ich zwischen all den Fahrgästen in Alltagskleidung absolut deplatziert. Ich fühle mich, als wäre ich eine Statistin in einem Film. Als wäre das, was ich gerade erlebe und später vielleicht auch erleben werde, gar nicht Wirklichkeit. Ich spiele nur eine Rolle – in Shades of Grey oder ‚Eyes wide shut’. Und in dieser Rolle bin ich weit entfernt von Fanny Fritzmaier aus einem Vorort Münchens.

Plötzlich vermisse ich Fanny Fritzmaier. Ich vermisse den Sergej aus meiner Fantasie, und ich vermisse die Natürlichkeit unserer Begegnung. Unser Date ist nicht mehr als eine Inszenierung. Aber ist es nicht sogar das, was es reizvoll macht? Eine Aufführung nur für mich …

Ich nehme die S-Bahn zum Stachus.

Die Adresse ist leicht zu finden, was auch daran liegt, dass ich mir den Weg eine Million Mal über Google angeschaut und eingeprägt habe. Mein Orientierungssinn lässt mich nur allzu gerne im Stich.

Plötzlich stehe ich vor einem Wohnblock. Er sieht grau und spießig aus, ganz und gar nicht wie ein Haus, in dem man eine luxuriöse Dachterrassenwohnung vermuten würde. Der Putz bröckelt ab, die Farbe an den Fensterrahmen ist verblasst, im Vorgarten stehen klapprige Fahrräder und auf den Balkonen hängen volle Wäscheleinen.

Ratlos stehe ich auf dem Gehweg und überprüfe die Adresse, da öffnet sich die Haustür. Eine alte Frau in Leo-Leggings tritt heraus, einen dicken Dackel hinter sich herziehend.

„Wolfi, kumm! Weiter gäht’s!“ Sie wirft mir einen missbilligenden Blick zu, während sie ein verächtlich schnaubendes Geräusch von sich gibt. Verschämt blicke ich zu Boden. Bestimmt weiß sie, was ich heute Nacht in ihrem heimischen Wohnblock vorhabe. Ihrem Blick nach findet sie das nicht so toll wie ich.

Die Adresse ist korrekt. Ich rufe Odette an. Sie wohnt nur einen Block weiter und wird in ein paar Minuten hier sein.

Ich warte. Eine Fußgängerin kommt auf mich zu. Sie ist jung, hübsch und sexy und sieht wie eine Odette aus. Ohne mich eines Blickes zu würdigen, marschiert diese Odette, die ganz offensichtlich nicht meine Odette ist, an mir vorbei.

Ein Mann mittleren Alters kommt mir entgegen. Er hat eine Glatze und einen Bierbauch und sieht erst recht nicht wie eine Odette aus. Er wirft mir einen gelangweilten Blick zu. Nicht lüstern, nicht neugierig, nur gelangweilt. Und das, wo ich heute doch wirklich wie eine ‚femme fatale’ aussehe! Ts …

Plötzlich bringt eine ältere Radfahrerin im geblümten Oma-Kittelschurz ihr Klapprad vor mir zum Stehen. Sie ist vollkommen aus der Puste. Über dem Kittelschurz trägt sie eine dicke Daunenjacke, aus der sie einen Schlüsselbund herauszieht. Außer Atem erklärt sie mir verärgert, das Gulasch sei ihr gerade angebrannt, und sie möchte deswegen so schnell wie möglich wieder zurück in ihre Wohnung.

Ich sehe ihr kleines Apartment schon vor mir. Der Franzl, ihr Mann, sitzt am gedeckten Tisch und wartet ungeduldig auf sein Essen, weil die Gattin noch schnell zum Tante-Emma-Laden radeln musste, um Ersatz für das verbrannte Gulasch zu kaufen.

Aber weit gefehlt! Wenn der Franzl hier in diesem Haus ist, dann nicht, weil er auf sein Essen wartet. Das wird mir schlagartig bewusst, als die Frau mir die Hand reicht.

„I bin d’ Odette.“

Es braucht drei lange Sekunden, bis ich diese Tatsache verarbeitet habe und meine Sprache wiederfinde.

Während des Händeschüttelns kann ich Odette näher in Augenschein nehmen. Sie ist nur ein paar Jahre älter als ich. Sie wirkt bieder und humorlos, gar nicht wie die sexy Domina, die in meinem Kopf ihre Kunden und Sergej peitschenschwingend verführt, und sie ist weit entfernt von der Frau, auf die ich die letzten Tage so eifersüchtig war. Alle möglichen Fragen schießen mir durch den Kopf.

Hat Odette das Penthouse geerbt? Vielleicht sogar von ihrem Mann, dem Franzl, der, anstatt in der heimischen Küche auf sein Gulasch zu warten, schon längst drei Meter tief unter der Erde liegt? Oder ist das noch gar nicht der Fall, und dieses kleine Nebengewerbe wird von dem ansonsten gemütlich vor sich hinlebenden Paar nur zwecks Altersvorsorge betrieben? Irgendwie muss man die staatliche Rente ja aufpeppen …

Vielleicht aber leben Odette und Franzl zwei Leben: eins als Mutti und Vati, eins als Domina und Sklave.

Weiter komme ich nicht mit meinen Überlegungen. Mit einem tatkräftigen „Pack ma’s“, unterbricht Odette meine tiefschürfenden Gedanken und drängt mich in den Hausgang hinein.

Auf der Treppe begegnet uns ein Herr mittleren Alters. Er zieht seinen Hut und grüßt uns. Sein Blick ist keineswegs angewidert, sondern freundlich und höflich, ganz so, als würden in Odettes Penthouse nicht ständig sexhungrige Kunden ein- und ausgehen, sondern eine nette, kleine Familie samt ordentlicher Hausfrau wohnen, die montags das Treppenhaus putzt, mittwochs ins Mutter-Kind-Turnen geht und sonntags in die Kirche.

Oben angekommen, raubt mir der Blick über München den Atem. Ich sehe den Alten Peter, die Türme der Frauenkirche, sogar die Berge kann ich in der Ferne erkennen. Welch ein grandioser Ausblick!

Odette dagegen ist nicht sonderlich beeindruckt. Hektischen Schrittes marschiert sie den Flur entlang, um dann einen schweren Schlüsselbund aus ihrem Kittelschurz zu ziehen und eine geheimnisvolle Tür am Ende des Flurs zu öffnen. Odette, die Kerkermeisterin.

Ich bin gespannt, was mich erwartet. Hoffentlich ist die Wohnung nicht so, wie ich es aufgrund von Odettes Erscheinung befürchte – altbacken und schmuddelig, mit einem Hang zum Grotesken.

Als sie die Tür aufstößt, dieses Tor in eine andere Welt, halte ich die Luft an …

Bitte, lieber Gott, lass diesen Abend nicht in einem Fiasko enden …

Nein, kein Fiasko, denn was ich auf den ersten Blick im sanft gedimmten Licht erkenne, macht auf mich einen geschmackvollen und edlen Eindruck.

Ich würde mich gern in Ruhe umsehen, mich langsam akklimatisieren und dieses kleine Abenteuer gemächlich beginnen lassen, aber ruckzuck kommt Odette zur Sache, der verbrannte Topf will schließlich gesäubert und der Franzl beruhigt werden.

Mit schnellem Tempo wetzt sie durch das Appartement.

„Des do ist nachad die Stereo-Anlage. Super Sound und ganz nei. CDs hamma a da. Am liebsten mögen d’ Leut was Klassisches.“

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960877813
ISBN (Buch)
9783960877776
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v471396
Schlagworte
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Autor

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    Anne Gard (Autor)

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Titel: Doppelt verliebt hält besser