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Mein Wunsch bist du

von Juli Summer (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Lilli hat nie an der Entscheidung gezweifelt ihren Sohn Emil mithilfe einer anonymen Samenspende bekommen zu haben und zieht diesen seit sechs Jahren alleine groß. Emils wachsendes Interesse an seinem Vater bringt sie nun zum Nachdenken. Doch selbst wenn Lilli wollte – wie soll sie den namenlosen Mann, der ihrem Leben einen Sinn gab, finden? Verzweifelt greift sie nach jedem Strohhalm. Und tatsächlich, durch die unerwartete Hilfe des Journalisten Patrick treffen Lilli und Emil wirklich auf Hannes – Emils Vater. Obwohl Lilli sich dagegen sträubt, spürt sie eine unbestreitbare Anziehung zwischen ihnen. Doch diese Liebe darf nicht sein, denn Hannes ist verlobt und auch Lilli hat ein Geheimnis, das ihre kleine Familie bedroht.

Impressum

dp Verlag

Überarbeitete Neuausgabe Juni 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-787-5
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96443-239-1

Copyright © 21.10.2016, Selfpublishing
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits 21.10.2016 bei Selfpublishing erschienenen Titels Herzenswünsche (ISBN: 978-3-74129-190-6).

Covergestaltung: Grit Bomhauer
Korrektorat: Daniela Pusch

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

1

„Sieh dir das an.“ Lilli Tauber hielt ihrer Freundin Miriam einen blauen Zettel vor die Nase.

„Was ist das?“

„Lies einfach.“

Miriam griff nach dem bemalten Papier und drehte es um. Ihre Stirn legte sich in Falten.

„Was hältst du davon?“, wollte Lilli ungeduldig wissen.

„Meinst du, das war seine Idee?“

„Keine Ahnung, aber ich denke schon.“

Lilli nahm den Zettel wieder an sich. Stumm las sie ihn noch einmal. Ihr Sohn Emil hatte ihn vor ein paar Tagen aus dem Kindergarten mit nach Hause gebracht. Es war ein Wunschzettel für seinen Geburtstag. Er hatte ihn seiner Mutter stolz überreicht. Seine Augen hatten hoffnungsvoll geleuchtet. In dem Moment war Lilli überzeugt gewesen, ihm jeglichen Wunsch zu erfüllen. Bis sie gelesen hatte, was auf dem Zettel stand. Eine der Erzieherinnen hatte oben die Worte: Mein 5. Geburtstag, was ich mir wünsche, notiert. Darunter stand nur ein einziges Wort in kindlicher Handschrift: PAPA.

„Was hast du jetzt vor?“

„Ich muss mir überlegen, wie ich meinem Sohn schonend beibringe, dass er nie erfahren wird, wer sein Vater ist. Wie erklärt man das einem Fünfjährigen?“

Lilli nippte an ihrer Cola und sah hinaus in den Garten. Emil und Anton, der Sohn von Miriam, spielten im Baumhaus Cowboy und erschossen unsichtbare Eindringlinge. Die beiden trennten vom Alter her zwei Jahre, aber da sich Miriam und Lilli sehr nahestanden, waren sie fast wie Geschwister aufgewachsen.

Die beiden Frauen hatten sich vor elf Jahren zufällig im Fitnessstudio kennengelernt. Die Chemie hatte vom ersten Augenblick an gestimmt. Während der Sport irgendwann wieder in den Hintergrund gerückt war, hatte sich ihre Freundschaft weiter gefestigt. Heute konnte sich Lilli ein Leben ohne ihre Freundin nicht mehr vorstellen. Sie waren wie ein altes Ehepaar, und in guten und schlechten Zeiten füreinander da. Die schlechten hatten sie zum Glück schon eine Weile hinter sich gelassen.

Vielleicht fiel es Lilli deshalb so schwer, über die Zeit damals nachzudenken. Emils Existenz und das Fehlen eines Mannes an ihrer Seite war für sie so selbstverständlich geworden, dass sie sich keine Gedanken darüber machte, wie sich ihr Sohn fühlte. Sie waren ein Team und ihr Gefühl sagte ihr, sie brauchten niemanden sonst in ihrem Leben. Aber war das Emil gegenüber fair? Das alles waren ihre Worte, nicht seine. Andererseits war er fünf und verstand vieles noch nicht. Sie war seine Mutter, sie wollte ihn schützen und dazu gehörte, dass sie Entscheidungen traf.

„Und wenn du es einfach versuchst?“

„Was?“ Lilli hatte nicht zugehört.

„Na, ihn suchen.“

Miri hatte den Blick ebenfalls den Jungs zugewandt. Jetzt sah sie ihre Freundin an.

„Meinst du das ernst? Kein erhobener Zeigefinger? Kein, ich habe damals schon gezweifelt, ob es eine gute Idee ist?“

„Ja, ich hatte meine Zweifel. Trotzdem habe ich dich immer unterstützt. Niemand von uns konnte in die Zukunft sehen.“

„Nein, du hast recht. Ich will auf deine Meinung auch gar nicht verzichten.“ Sie legte sogar Wert darauf. Und wenn man die Wahrheit hören wollte, musste man nun mal auch mit Gegenwind rechnen. Für jemanden wie Miri, der Mann und Kind förmlich in den Schoß gelegt worden waren, war es nicht leicht gewesen, sich in Lillis Situation hineinzuversetzen. Markus war ihre Jugendliebe. Gemeinsam hatten sie sich ein Reihenhaus gekauft. Irgendwann kam der Wunsch nach einem Kind und Miri wurde schwanger. Nichts davon ähnelte auch nur annähernd Lillis Leben. Sich damit abzufinden, war Lilli nicht leichtgefallen. Ihr Plan geriet deshalb nicht nur einmal ins Wanken. Aber der Wunsch nach dem Muttersein war größer gewesen als alle Zweifel zusammen.

„Aber wie soll das gehen? Ich habe mich für einen anonymen Spender entschieden. Warum sollte ich ihn suchen, wenn er gar nicht gefunden werden will?“

„Vielleicht sieht er es heute anders und freut sich.“

Lilli schlug die Beine übereinander und lehnte sich auf dem Stuhl zurück. „Nein, darüber will ich nicht nachdenken. Emil ist in der Hinsicht sehr sensibel.“

„Kannst du es ihm verdenken? Er ist ein Junge, er braucht eine Vaterfigur. Deine letzte Beziehung ist ewig her.“

„Genau deshalb, weil ich nicht will, dass er wieder verletzt wird. Er hat Ralf vergöttert und der hat nichts Besseres zu tun, als sich zu verpissen. Nein, die Kerle können mir alle gestohlen bleiben. Und als Aushilfspapa macht sich dein Markus hervorragend.“

„Mag sein, aber denk mal drüber nach. Wir leben im digitalen Zeitalter, und dank der vielen sozialen Netzwerke findet man doch so gut wie jeden.“

Lilli seufzte und stand auf, um den Tisch abzuräumen. Im nächsten Moment begann ihr Sichtfeld zu flimmern. Halt suchend griff sie nach der Stuhllehne.

„Alles klar?“

„Ja, mir war nur schwindelig.“

„Bei der Hitze kein Wunder.“

Später am Tag saß sie erschöpft auf der Couch. Emil war am Ende völlig überdreht gewesen. Nur mit Mühe hatte sie ihn dazu bewegen können, sich ins Bett zu legen. Dreimal war er wieder im Wohnzimmer aufgetaucht, bis der Schlaf ihn übermannt hatte.

Lilli dachte an das Gespräch vom Nachmittag. Natürlich war es schön gewesen, Ralf bei sich zu haben, seine Unterstützung zu genießen. Aber sie konnte Emil bei keinem Mann die Garantie geben, dass er diesmal für immer blieb. Sie fand die Vorstellung furchtbar, dass er zu jemandem eine Beziehung aufbaute und dieser dann eines Tages wieder verschwand. Wie könnte sie ihrem Kind so ein Auf und Ab antun, wenn es sie selbst emotional runterzog? Trotzdem ging ihr Emils Wunsch nicht aus dem Kopf.

Damals hatten zwei Möglichkeiten zur Auswahl gestanden. Ein offener Spender willigte ein, seine Daten auf Nachfrage herauszugeben. Ein Spenderkind hatte so die Möglichkeit, sobald es das achtzehnte Lebensjahr vollendet hatte, seinen leiblichen Vater kennenzulernen. Bei einer anonymen Spende war genau das nicht möglich. Weder Mutter noch Kind hatten ein Recht auf Informationen über den Spender.

Lange hatte sich Lilli darüber Gedanken gemacht. Gab sie ihrem Kind diese Möglichkeit? Aber was geschah, wenn sich der Typ als totaler Versager herausstellte? War es da nicht besser, nie etwas über ihn zu erfahren, als eine große Enttäuschung verkraften zu müssen?

Sie konnte nicht in die Zukunft schauen und nicht wissen, wie Emil einmal darüber denken, und ob er ihr vielleicht Vorwürfe machen würde. Lilli hatte eine Entscheidung treffen müssen, auch wenn sie sich später möglicherweise als falsch herausstellte. Also hatte sie ihrem Instinkt vertraut und sich für den anonymen Spender entschieden. Das Einzige, was sie je über ihn wissen würde, waren seine Hautfarbe, Größe und Gewicht, Augenfarbe, Haarfarbe und sein Beruf. Er war technischer Zeichner. Das klang im ersten Moment nicht sehr aufregend. Im zweiten eigentlich auch nicht, aber solide und bodenständig und setzte einen gewissen IQ voraus.

Ihre Mutter hatte schon damals all ihre Bedenken geäußert. Nach der ersten Freude über ein Enkelkind kam der Schock. Weil es für Lilli die perfekte Lösung gewesen war, ohne Partner ein Kind zu bekommen, hatte sie ihren Eltern ohne Hemmungen erzählt, wie es zu der Schwangerschaft gekommen war. Allerdings hatte sie dabei vergessen, dass eine andere Generation vor ihr stand und ihre Eltern schon ein Leben lang in einem kleinen Dorf auf dem Land wohnten. Dort wusste der eine, was der andere zum Abendbrot gegessen hatte. Dort war es auch wichtig, was die Leute von einem hielten. Und wer wollte schon, dass über die eigene Familie geredet wurde? Lillis Eltern gehörten nicht dazu. Diese Erfahrung musste sie bereits in jungen Jahren machen. Umso erstaunter war sie, als sie ihr das Angebot machten, zu ihnen ziehen zu können.

Das Ehepaar Tauber besaß ein eigenes Haus mit großem Garten. Die Wohnung im oberen Stockwerk war nicht riesig, aber sie bot genügend Platz für Lilli und ihren Sohn Emil. Durch die Unterstützung der Eltern konnte sie auf einen teuren Krippenplatz verzichten, und Emil durfte wesentlich behüteter aufwachsen als in der Stadt. Trotzdem haderte sie lange mit sich. Ging das Für und Wider durch. Wollte sie in erneute Abhängigkeit ihrer Eltern rutschen? Konnte sie es nicht auch allein schaffen? Sie hatte Miri an ihrer Seite. Es wäre zu schaffen gewesen. Doch welche Differenzen auch immer zwischen Lilli und ihren Eltern standen, sie blieben ihre Eltern. Deshalb nahm sie sich fest vor, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Ihnen eine Chance zu geben. Eine Chance auf ein vertrauensvolles Miteinander. Eine Chance, als Familie unter einem Dach zu leben.

Wie ihre Eltern wohl reagierten, wenn sie eine Suche nach Emils Vater starten würde?

In dieser Nacht schlief Lilli schlecht und wachte mit heftigen Kopfschmerzen auf. Das Gespräch mit Miri ließ sie zusätzlich nicht in Ruhe. Da zurzeit Kindergartenferien waren, blieb Emil bei seiner Oma, während sie einkaufen fuhr. In zwei Tagen war Emils großer Tag, er wurde fünf. Lilli konnte es kaum glauben. Sie hatten vor, mit der Familie zu feiern. Außerdem waren Miri und Markus mit Anton und Alma und Janosch mit Luca eingeladen. Ihre beiden besten Freundinnen mit ihren Familien. Zufälle hatten dazu geführt, dass sich ihre Wege vor einigen Jahren kreuzten. Erst war es der von Miri gewesen und später, wozu private Autoverkäufe doch alles gut waren, der von Alma.

Damals fanden sie es sehr lustig, dass alle drei Jungs zur Welt gebracht hatten. Heute war es ein Segen. Nicht nur, weil sie zu klein gewordene Kleidung weiterreichen konnten. Die drei waren richtig gute Freunde geworden, obwohl oft der eine mehr Flausen im Kopf hatte als der andere.

Lilli konzentrierte sich wieder auf die Einkaufsliste in ihrer Hand und sauste zielstrebig durch die Gänge.

Da der Wetterdienst weiterhin nur Sonnenschein vorhergesagt hatte, begann sie den Garten mit Luftballons, Lampions und Luftschlangen zu dekorieren. Natürlich alles in Rot, Blau, Gelb und Schwarz. Emil stand gerade total auf Capt'n Sharky. Lilli war glücklich, wenn sie ihm eine Freude bereiten konnte, und seine leuchtenden Kinderaugen erwärmten ihr Herz. Wenn sich dann noch seine kleinen Arme kräftig um ihren Hals schlangen, war sie jedes Mal entsetzt, dass es Emil beinahe nicht gegeben hätte.

2

Sie war damals fünfunddreißig, als sie sich eingestehen musste, dass das Leben einem nicht immer das schenkte, was man sich wünschte. Sie hatte schon sehr früh gewusst, dass sie Mutter werden wollte. Und wie viele andere hatte sie eine genaue Vorstellung davon gehabt. Vom perfekten Mann, der perfekten Hochzeit und der perfekten kleinen Familie. Als der Wunsch in ihr keimte, war sie jung, hatte alle Zeit der Welt. Aber die Zeit blieb nicht stehen und wartete darauf, dass sich Träume erfüllten. Sie tickte weiter, unaufhaltsam und manchmal schneller als einem lieb war. Mit fünfunddreißig hatte sie die Suche nach dem perfekten Partner und dem Vater ihrer Kinder aufgegeben. Vielleicht gab es ihn irgendwo dort draußen, aber sie wollte nicht mehr warten. Sonst war ihre Zeit abgelaufen, denn das Verfallsdatum der biologischen Uhr rückte unaufhaltsam näher.

Der Wunsch nach einem Baby wuchs. Es war ein schleichender Prozess. Wie ein Samenkorn, das der Wind herangetragen hatte. Es blieb hängen, keimte langsam und wurde zu einem Baum mit tiefen Wurzeln, der unerschütterlich jedem Widerstand trotzte.

Sie erinnerte sich, wie sie Abend für Abend damit zubrachte, sich zu überlegen, welche Möglichkeiten des Kinderkriegens in Betracht kamen. Denn nur, weil der Partner fehlte, hieß das natürlich noch lange nicht, dass man als Frau seinen Kinderwunsch nicht in Erfüllung gehen lassen konnte.

Ihre Gedanken führten sie damals zur Möglichkeit eines One-Night-Stands. Der Vorteil: Das Kind würde auf natürlichem Weg gezeugt. Nachteil: Ein einziger One-Night-Stand würde sicher nicht reichen. Also hätte sie sich durch einige Betten schlafen müssen, um das Ziel zu erreichen. Am Ende wäre eine Geschlechtskrankheit wahrscheinlicher gewesen, als ein positiver Schwangerschaftstest. Einen schwulen besten Freund, das Allheilmittel in so ziemlich jeder amerikanischen Soap, gab es nicht.

Am Ende blieb nur eine einzige vernünftige Lösung: eine künstliche Befruchtung. Tagelang saß sie am Computer. Googelte sich durch das Internet. Presseberichte, Fachartikel, Erfahrungen von Betroffenen, Forum über Forum.

In einer Fruchtbarkeitsklinik in Dänemark sollte ihr Traum wahr werden. Voller Euphorie und Enthusiasmus ließ sie die Untersuchungen über sich ergehen. Ihr wurde bewusst, wie wenig schwanger zu werden mit Liebe und Spaß, sondern viel mehr mit Biologie, Medizin und einer immensen Portion Glück zu tun hatte. Der erste Versuch blieb erfolglos. Auch wenn sie damit hatte rechnen müssen, traf es sie tief. Aber diese Erfahrung hielt sie nicht davon ab, ihr Ziel weiter zu verfolgen. Doch das zweite Mal misslang ebenfalls. Erste Zweifel, den richtigen Weg gewählt zu haben, kamen auf. Sie benötigte Bedenkzeit, haderte mit sich, quälte sich mit negativen Gedanken und entschied sich am Ende dennoch für einen dritten Anlauf.

Zum Glück, denn das Ergebnis winkte ihr gerade von seinem Baumhaus aus zu.

Der Kindergeburtstag war ein voller Erfolg, und dank zahlreicher Geschenke hatte Emil seinen eigentlichen Wunsch mit keinem Wort mehr erwähnt. Inzwischen war wieder Kindergarten, Lilli arbeitete, und alles ging seinen gewohnten Gang. Na ja, fast alles. Denn auch wenn Emil den Gedanken an seinen Vater fürs Erste beiseite geschoben hatte, war das Thema noch lange nicht aus der Welt. Es würde wiederkommen, und irgendwann würde ihn kein Spielzeug der Welt mehr ablenken können. Und weil sie wollte, dass ihr Sohn glücklich war, wollte sie später zumindest sagen können: Ich habe es versucht.

Außerdem hatte sich Lilli über eine entscheidende Sache bis vor Kurzem noch gar keine Gedanken gemacht. Was war, wenn ihr etwas zustieß? Ja, sie war jung und ihr blieb auf diesem Planeten noch eine Menge Zeit. Aber was, wenn nicht? Es wäre egoistisch, Emil allein zurückzulassen, obwohl irgendwo auf dieser Welt sein Vater lebte. Ihr blieb also keine Wahl, als mit der Suche zu beginnen.

„… und Sie können wirklich keine Ausnahme machen?“

„Frau Tauber, wie ich Ihnen bereits sagte, ist es uns nicht erlaubt. Sie haben damals Ihre Entscheidung getroffen, und wir müssen die Interessen unserer Kunden wahren. Glauben Sie mir, Sie sind nicht die Einzige, die mit diesem Wunsch an uns herantritt. Es tut mir leid.“

Lilli legte auf und starrte an die Wand ihr gegenüber. Wäre auch zu einfach gewesen. Was jetzt? Egal, was geschah, sie glaubte, es war besser, ihre Eltern im Vorfeld über ihren Plan zu informieren.

Die beiden saßen in ihrem kleinen Wintergarten. Entgegen dem Wetterbericht waren die vergangenen Tage ziemlich verregnet gewesen, und in den Nächten fielen die Temperaturen auf unter zehn Grad. Für Mitte August gab es durchaus wünschenswerteres Wetter. Aber hier, hinter den großen Glasfenstern, war es mollig warm. Ihre Mutter saß in ihrem Schaukelstuhl und las ein Buch, während sich ihr Vater einem Sudoku-Rätsel widmete. Einen Moment stand Lilli nur still dort und betrachtete ihre Eltern. Beide waren Ende sechzig, Achim Tauber wurde in zwei Jahren siebzig, seine Frau Christa das Jahr darauf. Bisher hatte Lilli die Gegenwart ihrer Eltern als natürlich angesehen, aber in den vergangenen Wochen hatte sie viel über das Leben nachgedacht, und dass man nichts als selbstverständlich hinnehmen sollte. Natürlich waren sie in einem Alter, das heutzutage kein Grund mehr war, um in Panik auszubrechen. Sie konnten noch viele schöne gemeinsame Jahre vor sich haben. Ihnen ging es gut, sie wirkten zufrieden. Lilli hoffte sehr, dass das noch für eine sehr lange Zeit so blieb.

„Darf ich euch kurz sprechen?“

Die beiden sahen auf, und über Christas Gesicht glitt ein Lächeln. Sie legte ihr Buch zur Seite und setzte die Lesebrille ab. „Immer, das weißt du doch. Setz dich, mein Schatz.“

„Ich habe nachgedacht. Über Emil, vielmehr über seinen Vater.“ Lilli sah die beiden dabei nicht an und blieb an einem der Fenster stehen. „Ich will versuchen, ihn ausfindig zu machen.“ Jetzt drehte sie sich doch um.

Nun hatte sie auch die Aufmerksamkeit ihres Vaters. Man sah es den Gesichtern ihrer Eltern an, dass sie damit nicht gerechnet hatten. Sie kannten Lillis bisherige Einstellung zu dem Thema. Nie hatte sie den Eindruck hinterlassen, einmal anders darüber zu denken. „Hier geht es nicht um eine Kurzschlussreaktion, also versucht nicht, es mir wieder auszureden. Ich wollte euch lediglich vorwarnen. Zwei Dinge haben mich dazu bewogen, meine Meinung zu ändern.“ Lilli zog den blauen Wunschzettel von Emil aus der Gesäßtasche und hielt ihn ihrer Mutter hin. Nachdem auch ihr Vater ihn gelesen hatte, setzte sie sich zu ihnen. „Es gibt da noch etwas, das ihr wissen solltet.“ Und dann vertraute sie ihnen ein kleines Geheimnis an, von dem außer Lilli selbst bisher niemand wusste und auch nicht wissen sollte. Einzig ihre Eltern hatten ein Recht, davon zu erfahren.

Am Ende des Gesprächs war Mutter Christa zwar weiterhin nicht überzeugt von dem Vorhaben ihrer Tochter, aber sie würden ihr nicht im Weg stehen. Es war nicht darum gegangen, sich ihren Segen einzuholen. Den brauchte Lilli nicht.

„Ich hab hier was gefunden. Es nennt sich Family Tree-DNA.“ Lilli klickte auf die Überschrift und las den erscheinenden Text quer. „Ach, ich weiß nicht.“

„Zeig mal her.“ Miri nahm ihr den Laptop ab und legte ihn sich auf den Schoß.

Alma stand von ihrem Sessel auf und lehnte sich hinter Miri auf die Sofalehne. „Einen Versuch ist es wert“, meinte sie, nachdem ihr Blick ebenfalls über die Internetseite geflogen war.

„Der Meinung bin ich auch. Ehrlich, was hast du zu verlieren?“ Miri sah Lilli entschlossen an.

„Es ist reine Zeitverschwendung. Ihr werdet schon sehen.“

„Ein bisschen mehr Optimismus bitte.“ Miri boxte ihrer pessimistischen Freundin in die Seite.

„Genau, du tust es doch für Emil“, meinte Alma aufmunternd.

„Ihr seid gnadenlos“, gab sich Lilli geschlagen.

Es war Freitagabend. Ihr Abend. Mit DVD, Schokolade und einer dezenten Portion Alkohol. Im Gegensatz zum sportlichen Termin im Fitnessstudio schafften sie diesen jede zweite Woche ohne größere Schwierigkeiten.

Alma kam hinter dem Sofa vor und setzte sich neben Lilli. Miri, auf der anderen Seite, legte den Laptop zurück auf den Tisch. Im nächsten Moment umarmten die beiden Lilli. Ein Freundinnen-Sandwich sozusagen. Sie schloss die Augen und dankte wem auch immer da oben herzlich für diese Frauen in ihrem Leben.

Bis auf die dunkle Haarfarbe konnten sie optisch unterschiedlicher nicht sein. Auch im Charakter gab es deutliche Differenzen. Vielleicht war es genau diese Mischung, die sie zusammenschweißte.

Miri war etwas größer als Lilli, also gut einen Meter fünfundsiebzig. Sie hatte sehr kurzes Haar und dazu tolle große, blaue Augen. Ihre Figur beschrieb sie selbst als eine typische Birnenform. Was am Hintern zu viel war, hatte sie vorne herum zu wenig. Doch auch wenn in ihren Augen die Proportionen nicht sinnvoll verteilt waren, ihr Herz saß am rechten Fleck. Sie war ein absolut ehrlicher Mensch. Das durfte jeder hören, auch wenn man es manchmal lieber nicht hören wollte. Aus der Ruhe brachte sie zudem so schnell nichts.

Mit der Ruhe hatte Alma dafür so ihre Probleme. Sie war nur knapp einen Meter fünfundfünfzig groß, machte das aber durch ihre Ausstrahlung wieder wett. Ihre Mama war gebürtige Spanierin und hatte ihrer Tochter fantastische schwarze Haare und den bronzefarbenen Teint eines Südländers vererbt. Sie war energiegeladen, und trotzdem auf ihre Weise schüchtern. Eine heiße Kombination. Von ihrer Figur mal ganz zu schweigen, eindeutig keine Birne.

Tja, und Lilli? Sie war wohl von allem ein bisschen. Sie gab es in ruhig und besonnen, genauso wie in temperamentvoll und fluchend. Bei ihr war hinten und vorne ziemlich ähnlich verteilt. Eher eine gerade gewachsene Banane, wenn man beim Obst bleiben wollte. Nur die Hülle war nicht mehr ganz so fest, wie sie es gerne gehabt hätte.

Vierzehn Tage später, an ihrem üblichen Freitagabend, gab es nur ein Gesprächsthema.

„Ich wusste, das wird nichts. Warum sollte sich der Typ da registrieren, wenn er doch anonym bleiben will?“

„Du unterstellst ihm, dass er seine Meinung nicht ändern darf. Emil ist fünf. Das ist im Prinzip eine kleine Ewigkeit. Menschen ändern sich.“ Miri sah sie mit durchdringendem Blick an.

Lilli schwenkte den Wein im Glas hin und her und beobachtete, wie das Licht der Deckenlampe darin reflektierte. „Es spielt keine Rolle, welcher Meinung er heute ist. Registriert ist er jedenfalls nicht.“ Resigniert klammerte sie die Arme um ihre angewinkelten Beine. „Dabei wollte ich Emil doch nur seinen einzigen Wunsch erfüllen, bevor …“ Sie stockte abrupt.

„Bevor was?“, fragten Miri und Alma wie aus einem Mund.

„Bevor er alt genug ist, um mir Vorwürfe zu machen.“ Lilli räusperte sich. „Ich brauche noch mehr Wein.“

In der Küche überfiel sie ein Schwindel. Schnell setzte sie sich.

„Geht`s dir gut?“

Sie hatte nicht bemerkt, dass Miri hinter ihr hergekommen war und sah erschrocken auf.

„Keine Ahnung. Vielleicht habe ich mehr Hoffnung in die Sache hineingesetzt, als ich zugeben will. Ich konnte die letzten beiden Wochen an nichts anderes mehr denken. Es verfolgt mich bis in meine Träume.“

„Hast du deswegen so abgenommen?“ Miri sah ihre Freundin kritisch und ein wenig besorgt an.

„Das Ganze schlägt mir eben auf den Magen.“

„Warum ist es dir plötzlich so wichtig? Du hast immer eine andere Meinung dazu vertreten, und jetzt reibst du dich dafür auf. Glaubst du wirklich, dein Sohn könnte dich hassen, wenn du ihm keinen Vater präsentieren kannst?“

Lilli stand auf, um ihr auf Augenhöhe gegenübertreten zu können. „Stellst du meine Entscheidungen infrage?“

„Nein.“

„Klingt aber so. Außerdem warst du diejenige, die eben noch darauf hingewiesen hat, dass Menschen ihre Meinung ändern dürfen.“

„Es spricht nichts dagegen, und ich verstehe, dass Emils Wunsch dich verunsichert. Aber als du mir davon erzählt hast, und das ist noch nicht lange her, warst du nicht begeistert von der Idee, ihn zu suchen.“

„Stimmt, und ich bin es immer noch nicht. Aber es geht nicht um mich. Es geht um Emil. Und weil du meine Freundin bist, solltest du hinter mir stehen, auch wenn ich alle fünf Minuten meine Meinung ändere.“

„Ich stehe hinter dir und das weißt du. Wenn ich deine Freundin bin, darf ich aber auch sagen, was ich denke.“

„Davon konnte ich dich noch nie abhalten.“

„Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern.“

Der Schwindel kam wieder. „Tut mir leid, ich will nicht streiten.“

„Prima, ich nämlich auch nicht.“

Sie drückten sich und gingen zurück zu Alma ins Wohnzimmer. Diese saß mit nachdenklichem Blick auf der Couch.

„Es ist vielleicht nicht der passende Zeitpunkt, aber ich wollte euch gern als Erste einweihen.“ Alma räusperte sich. „Also, ich bin wieder schwanger.“

Endlich mal tolle Neuigkeiten. Der kleine Streit, und auch die Suche nach dem Besitzer des Siegerspermiums, waren sofort Nebensache. Nicht nur Lilli hatte ihre Probleme, auch an den anderen war das Leben in den vergangenen Jahren nicht spurlos vorübergegangen.

Almas Sohn Luca war ein knappes halbes Jahr älter als Emil. Für Alma und ihren Mann Janosch hatte immer festgestanden, dass sie weitere Kinder wollten. Es dauerte auch nicht lange, da war sie erneut schwanger. Leider verlor sie das Baby innerhalb der ersten drei Monate. Auch das nächste durfte sie nicht behalten. Ihr ging es in dieser Zeit ziemlich schlecht. Deshalb entschieden die beiden, zu warten. Tatsächlich hatte Lilli, auch wenn sie es sich für die beiden wünschte, nicht mehr mit einem guten Ende gerechnet.

„Die ersten drei Monate sind um. Diesmal sieht es gut aus. Ich will mich nicht zu früh freuen, aber ich bin optimistisch, dass alles gut geht.“

„Na klar geht es das. Du wirst sehen. Ratzfatz haltet ihr euren kleinen Engel im Arm.“ Lilli nahm Alma in den Arm.

„Das sehe ich genauso“, pflichtete Miri ihr bei.

Außer Freude war in ihrem Gesicht nichts zu erkennen. Auch sie hätte gern ein zweites Kind bekommen. Doch die Baufirma ihres Mannes Markus war eine Weile ziemlich schlecht gelaufen. Er musste zwar keine Insolvenz anmelden, aber natürlich wirkte es sich finanziell aus. Um ihr Häuschen behalten zu können, fing Miriam wieder an zu arbeiten, eine Zeit lang sogar Vollzeit. Sie hätten das Haus verkaufen können, aber das kam für sie nicht infrage. Ein zweites Kind war deshalb nicht möglich. Inzwischen ging es ihnen wieder gut, aber Miri war einundvierzig. Und nach der Geschichte mit Alma, die die Freundinnen hautnah miterlebt hatten, wollte sie das Risiko einer späten Schwangerschaft nicht eingehen. Lilli glaubte, sie genoss es auch, dass Anton mit seinen sieben Jahren bereits eine gewisse Selbständigkeit erlangt hatte, was ihr und Markus zu mehr Zweisamkeit verhalf. Manchmal meinte man, sie wären frisch verliebt. Sie waren eine Inspiration für jeden Zweifler.

Später lag Lilli allein in ihrem Bett. Aufgrund des Alkohols verzichtete sie auf die eigentlich notwendige Tablette. Sie wusste, dass deshalb wahrscheinlich die Kopfschmerzen kommen würden, aber das war immer noch besser als unerwünschte Nebenwirkungen. Trotzdem legte sie die Tablette für den Notfall auf den Nachttisch und stellte ein Glas Wasser dazu.

Bevor sie ins Bett gegangen war, hatte sie einen Blick in das Zimmer ihres Sohnes geworfen. Er lag völlig verdreht zwischen seiner Decke, aber er sah so friedlich aus, dass sie ihn nicht hatte berühren wollen. Nie hätte sie geglaubt, zu solch intensiven Gefühlen fähig zu sein, aber Mutterliebe war überwältigend.

„Ich werde deinen Vater finden“, flüsterte sie in die Dunkelheit hinein. „Ich verspreche es dir.“

Was blieb, war die Frage nach dem Wie. Wie fand man einen Menschen, der unsichtbar war? Diese DNA-Datenbank war eine Sackgasse gewesen. Doch egal wohin sie schaute, nirgends sah sie einen Weg, der sie ihrem Ziel näherbrachte.

„Hoppla. Nicht so stürmisch.“ Es war Montag. Lilli war dabei, nach einem freien Vormittag, Emil abzuholen.

„Entschuldigung, ich war nicht bei der Sache. Oje, hab ich Sie getroffen?“

Ein hochgewachsener junger Mann stand erschrocken vor ihr. Fast hätte er ihr die Eingangstür zum Kindergarten vor die Nase geschlagen. Zum Glück schien Lillis Reaktionszeit auch mit Anfang Vierzig noch relativ schnell zu sein.

„Nichts passiert.“

„Gott sei Dank.“ Einen Moment sah er sie prüfend an. Ob er sich vergewissern wollte, dass sich nicht doch gerade eine Beule auf ihrer Stirn bildete oder Blut aus der Nase tropfte?

Er hielt Lilli die Tür auf. Der entstehende Luftzug blies warmen Wind über sie hinweg. Lächelnd ging sie an ihm vorbei. „Danke.“ Jetzt war sie diejenige, die ihn musterte. Sie benötigte einen Moment, um ihn zuzuordnen, aber dann fiel es ihr wieder ein. Die dunklen Augen, die weichen Züge seines Gesichts. „Ach, hallo. Fast hätte ich Sie nicht erkannt. Lietz, richtig? Beim letzten Mal war Ihr Gesicht ziemlich zugewachsen.“ Schmunzelnd erinnerte sie sich. Man könnte meinen, er wäre der persönliche Pressesprecher des Kindergartens. Immer dann, wenn es etwas gab, was interessant genug war, um in der Zeitung zu landen, tauchte er auf.

„Patrick Lietz, richtig. Sie erinnern sich.“ Die Erkenntnis schien ihn zu erfreuen. „Ja, da ging es um die Weihnachtsaufführung, die Sie mit den Kindern auf die Beine gestellt haben. Tolle Sache. Naja, und der Bart war irgendwie nichts für mich.“

„Stimmt, wir hatten eine Menge Spaß.“ Kurz dachte Lilli an vergangenen Winter. Ein paar Mütter, sie eingeschlossen, hatten geholfen, ein kleines Weihnachtsmärchen auf die Beine zu stellen. Es wurde dann in der Kita und in zwei Seniorenheimen aufgeführt. „Unglaublich, dass schon wieder bald ein Jahr um ist. Was führt Sie denn dieses Mal hierher?“

„Ich besuche die ersten drei Gewinner der Spendenaktion, die von der Sparkasse ausgerichtet worden ist.“

„Richtig, habe ich schon gar nicht mehr dran gedacht.“ Lilli hob die Hand zum Gruß und wollte weiter.

„Ach, ich habe die Leiterin vorhin gar nicht gefragt. Gibt es dieses Jahr eine neue Aufführung?“

„Nein, der Kindergarten organisiert einen Flohmarkt.“

„Sie haben nicht zufällig nähere Informationen darüber?“

„Ich bekomme die Dinge auch nur am Rande mit.“

„Ein paar Infos sind besser als gar keine.“

Hartnäckig war er. Lilli überlegte einen Moment. „Okay, ich hole nur eben meinen Sohn, dann können wir kurz reden.“

„Perfekt. Ich warte hier.“

Er ließ die Tür los. Diese glitt geräuschlos zu. Mit leuchtenden Augen und einem offenen Lächeln blickte er Lilli durch die Glasscheibe hindurch an. Hübscher Bursche, dachte sie im Stillen. Da wünscht man sich glatt noch einmal zwanzig zu sein.

Emil war so vertieft in das Spielen mit der Eisenbahn, dass er seine Mutter nicht wahrnahm. Selbst als sie sich zu ihm hockte und liebevoll über den Rücken streichelte, sah er nicht auf.

„Emil, deine Mama ist da“, rief eines der Kinder und zeigte mit dem Finger auf Lilli.

„Hey Schatz, na los, du kannst morgen weiterspielen.“

Jetzt erst wandte er ihr den Kopf zu. Seine blauen Augen strahlten sie an. Trotzdem ließ er es sich nicht nehmen, den Zug in den Bahnhof zu fahren. Dann sprang er auf und rannte ohne ein weiteres Wort zu der kleinen Garderobe im Flur.

„Du kannst draußen noch ein wenig rutschen. Mama muss sich kurz unterhalten.“

„Mit wem?“

„Komm mit, dann zeig ich ihn dir.“

Anstandslos schlüpfte Emil in seine Sandalen. Lilli graute es vor der kalten Jahreszeit, wenn die Kinder wieder in dicke Jacken, Schal und Mütze gestopft werden mussten.

Draußen auf dem Kindergartengelände hatte sich Patrick auf einer Bank niedergelassen. Seine langen Beine ausgestreckt und mit geschlossenen Augen der Sonne zugewendet. Der Kies knirschte unter ihren Füßen, als sie näherkamen. Durch das plötzliche Geräusch aufgeschreckt, richtete Patrick sich auf und räusperte sich beschämt.

„Haben Sie Angst, ich verpetze Sie bei Ihrem Chef, weil Sie während Ihrer Arbeitszeit ein Nickerchen machen?“, fragte Lilli amüsiert.

„Eigentlich nicht. Ich hab nur gar nicht mitbekommen, dass ich weggedöst bin.“

„Meine Augen fallen auch immer zu. Ich will das nicht, aber es klappt nie“, kommentierte Emil die kurze Unterhaltung.

Patrick lachte. „Siehst du, mir geht es genauso. Die Augen machen, was sie wollen.“

Emil nickte begeistert. Dass ein Erwachsener die gleichen Probleme hatte wie er, gefiel ihm.

„Ich bin Patrick, und du?“

„Emil.“

„Gehst du gern in den Kindergarten?“

„Ja.“

„Ich fand es auch immer toll. Am liebsten habe ich mit den Treckern gespielt.“

„Ich habe ganz viele zu Hause. Willst du sie mal sehen?“

Lilli lächelte amüsiert. Emil war eigentlich kein Kind, dass sich Fremden gegenüber sofort öffnete. Vor allem Männern gegenüber war er eher scheu. Worüber sie im Grunde sehr froh war. Es mochte daran liegen, dass ihm die Erfahrung fehlte, weil ihm der Umgang weniger vertraut war. Vielleicht war es auch einfach eine allgemeine Skepsis. Egal was sein Verhalten am Ende auslöste, schaden konnte es nicht.

In diesem Fall spürte er wahrscheinlich Lillis entspannte Haltung Patrick gegenüber. Sie erinnerte sich, dass sie ihn schon bei der ersten Begegnung als sehr sympathisch empfunden hatte. In ihrem Kopf bildete sich ein Gedanke, den sie aber schnell wieder verwarf. Stattdessen erinnerte sie ihn an die Fragen, die er ihr stellen wollte. Emil lief indessen zur Rutsche, als er merkte, dass das Gesprächsthema wechselte.

Patrick holte Kugelschreiber und Notizblock, auf dem schon einiges notiert worden war, aus seiner Umhängetasche. Nach gut zehn Minuten stopfte er die Sachen zurück in die Tasche und lehnte sich zufrieden zurück.

„Ihnen gefällt Ihr Job, stimmt`s?“ Lilli lehnte sich ebenfalls an. Genoss die Sonne, die durch die Blätter der großen Kastanie hindurchschien und deren Strahlen die Nasenspitze kitzelten.

„Ja, tut er. Und er passt zu mir. Ich bin von Natur aus neugierig.“

„Recherchieren Sie auch noch für andere Dinge? Oder sind Kindergärten inzwischen Ihr Spezialgebiet?“

„Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen. Aber nein, ich mache alles Mögliche. Mal sehen, wo der Weg mich hinführt.“

„Darf ich fragen, wie alt Sie sind?“

„Fünfundzwanzig.“

„Oh, dann sind Sie genauso alt wie …, egal. Nicht so wichtig. Aber schön, dass der Job Ihnen Freude bereitet.“

Zwei weitere Kinder rannten kreischend zu Emil an die Rutsche, während die dazugehörigen Mütter in einigem Abstand von Lilli und Patrick stehen blieben und sich unterhielten. Sie kontrollierte die Zeit auf ihrer Armbanduhr und richtete sich auf. „Ich muss langsam los.“

„Ich sollte mich auch auf die Socken machen.“ Träge erhob sich Patrick. „Und danke nochmal, dass Sie sich für mich Zeit genommen haben.“

„Sehr gern. Jederzeit wieder.“ Sie reichte ihm zum Abschied die Hand. Ein Gedanke, der wie eine Seifenblase an die Oberfläche trieb, ploppte auf. Lilli öffnete den Mund, nur um ihn wieder zu schließen. Nein, das war albern. Sie verrannte sich.

„Ist noch was?“, fragte Patrick, der ihr Zögern mitbekommen hatte.

„Nein, nichts. Bin gespannt auf den fertigen Bericht.“

„Ich kann Ihnen vorab einen Auszug schicken, wenn Sie wollen.“

„Nicht nötig. Aber haben Sie ein Kärtchen oder so für mich? Falls es mal wieder etwas zu berichten gibt?“

„Klar, gute Idee.“ Er kramte in seiner Tasche, die er sich inzwischen umgehängt hatte. „Hier, bitte. Jederzeit.“

Sie rief Emil, und zu dritt gingen sie zum Parkplatz. Während Lilli ihren Sohn anschnallte, startete Patrick bereits den Wagen. Als sie aus den Tiefen des Autos wieder hervorkroch und die Tür zuwarf, fuhr er hupend an ihr vorbei. Wirklich ein sympathisches Kerlchen, ging es ihr durch den Kopf. Gleichzeitig drängte der lästige Gedanke erneut in den Vordergrund. Er würde sie nicht loslassen. Sie kannte sich selbst zu gut. Heute Abend musste sie sich unbedingt Miris Meinung dazu anhören.

„Die Idee ist brillant. Sie könnte glatt von mir stammen.“

„Bist du sicher? Ich kenn ihn aber doch überhaupt nicht.“ Nachdenklich spielte Lilli mit einer Haarsträhne.

„Ich schätze, wenn du mit deiner Suche wirklich erfolgreich sein möchtest, musst du dich einem Fremden anvertrauen. Außerdem, ganz so fremd ist er dir doch nicht.“

„Ach, ich weiß nicht. Vielleicht ist das alles doch totaler Blödsinn.“

„Wenn du es für solchen Blödsinn halten würdest, hättest du mich nicht angerufen.“ Es raschelte kurz in der Leitung, dann sprach Miri mit vollem Mund weiter. „Du traust dich nur nicht.“

„Ich lass es mir noch mal in Ruhe durch den Kopf gehen.“

„Na bitte. Ich bin da, wenn du mich brauchst. Oh, Markus kommt nach Hause.“

„Jetzt erst?“

„Frag nicht.“ Miri klang plötzlich ziemlich angefressen.

„Okay, du weißt, wo du mich findest.“

„Dito.“

Lilli legte auf und kräuselte die Nase. Das war gerade wirklich merkwürdig. Ob zwischen Miriam und ihrem Mann alles in Ordnung war? Sollte sie als beste Freundin nicht wissen, wenn dem nicht so war? Gesagt hatte Miri kein Wort. Sie wirkte in letzter Zeit öfter etwas fahrig, aber dem hatte Lilli bisher keine weitere Bedeutung zugemessen. Also gleich zwei Dinge, um die sie sich kümmern sollte.

Da sie bei Miri an diesem Abend nichts mehr ausrichten konnte und sie zudem ihre Bedenken lieber Auge in Auge ansprechen mochte, blieb nur, die zweite Sache in Angriff zu nehmen.

Lilli zog das kleine Kärtchen aus dem Geldbeutel, das sie von Patrick, dem Journalisten, bekommen hatte. Ob die Idee wirklich so brillant war, wie Miri meinte? Lilli blieb skeptisch. Und doch war es ein Strohhalm, an den sie sich klammerte. Vielleicht der einzige Weg, der nicht gleich in einer Sackgasse enden würde.

Zwanzig Minuten später war sie soweit zufrieden mit dem Text, dass sie die E-Mail im Prinzip nur noch abschicken musste. Ihre Finger schwebten über der Enter-Taste. Sie hatte nicht alles preisgegeben, sich auf die notwendigen Informationen beschränkt. Und doch fühlte sie sich, als hätte sie sich vor Patrick entblößt. War es vernünftig, einen so jungen Menschen damit zu beauftragen? Machte sie sich mit Ihrer Frage am Ende womöglich lächerlich? Oder würde er der Mensch sein, der Emils Vater fand? Ihr war klar, sie würde es nicht erfahren, wenn sie es nicht wenigstens versuchte. Doch mit jeder Sekunde des Zögerns sank ihr Mut und entfernten sich die Finger von der entscheidenden Taste.

„Lilli? Kann ich kurz reinkommen?“

„Himmel, Papa, hast du mich erschreckt.“

„Tut mir leid, aber du hast auf mein Klopfen nicht reagiert.“

„Ich war abgelenkt. Oh Mist.“ Lillis Blick war von ihrem Vater zurück auf den Bildschirm gewandert. Vor lauter Schreck musste sie doch auf Enter gekommen sein. Der Text war verschwunden. Nein, er war noch da. Unter gesendete Nachrichten. Verdammt.

„Alles okay? Du bist ganz blass.“ Ihr Vater sah Lilli besorgt an.

„Ja, mir geht`s bestens.“

„Dann bin ich beruhigt. Ach so, weshalb ich hier bin. Den Kleber, den du mir letztes Mal gegeben hast. Du hast nicht zufällig noch eine Flasche davon da?“

„Was treibst du denn damit? Ist eine deiner Modelleisenbahnen aus den Gleisen gesprungen?“

„So schlimm ist es zum Glück nicht.“

Lachend schüttelte Lilli den Kopf und stand auf. „Warte, ich hol dir eine Tube.“

Als ihr Vater gegangen war, um sich seiner Leidenschaft zu widmen, starrte sie minutenlang auf die Mail, die das digitale Postfach verlassen hatte. Dieser Patrick Lietz würde sie für übergeschnappt halten, dass sie ihn mit dieser Angelegenheit behelligte.

Bei Tagesanbruch, im Licht eines neuen Morgens, sah Lilli die Sache mit der E-Mail kein Stück entspannter. Sie hatte gehofft, dass mit dem Verschwinden der Dunkelheit auch die Gedankenflut abebbte. Dass der Tag sie klarer sehen ließ und die Panik mit sich fortnahm. Aber nein, nichts davon war der Fall. Im Minutentakt kontrollierte sie das Handy auf eingegangene Mails. Bisher war alles ruhig. Beruhigend wirkte der Umstand jedoch nicht auf sie.

So plätscherte der Morgen dahin. Je mehr Zeit verging, desto größer war die Hoffnung, dass Patrick ihre Worte vielleicht gar nicht bekommen hatte. Als sie nach Arbeitsende in die Hauseinfahrt bog, war sie schon fast fest davon überzeugt. Noch nicht ganz ausgestiegen, hörte sie jemanden ihren Namen rufen.

„Ja, die bin ich. Wer will das wissen?“ Lilli drehte sich um und blinzelte etwas unbeholfen in die Sonne.

„Schumann, von der Presse. Wie ich erfahren habe, können Sie unsere Hilfe gebrauchen.“

„Könnte ich das? Wer hat Ihnen das denn gesagt?“

„Spielt das eine Rolle?“

„Nein, eigentlich nicht. Denn ich brauche keine Hilfe.“

Herr Schumann von der Presse grinste selbstgefällig und entblößte dabei zwei Reihen nikotingetränkter Zähne. Wenn er Lilli nicht vorher schon aufgrund seines sensationsgierigen Blickes und seiner Seitenscheitel-Gelfrisur unsympathisch gewesen wäre, spätestens jetzt hätte er alle Trümpfe, ihn unausstehlich zu finden, ausgespielt.

„Sind Sie sicher?“

„Ganz sicher. Sie entschuldigen mich.“ Sie schob sich an ihm vorbei und versuchte sich nicht anmerken zu lassen, dass sie am liebsten fluchtartig im Haus verschwunden wäre.

„Wenn Sie es sich anders überlegen …“

„Tue ich nicht, ganz bestimmt nicht“, unterbrach sie ihn unsanft. Eilig schloss Lilli die Eingangstür hinter sich. „Bäh, widerlicher Kerl.“

„Wer?“

„Herrje, Papa. Ist das dein neustes Hobby? Tochter erschrecken?“ Mit der Hand fasste sie sich an ihr pochendes Herz. Doch schlug es nicht nur wegen ihres Vaters so schnell. Die Begegnung hatte sie aufgewühlt. Dieser schmierige Typ konnte die Informationen nur von Patrick haben. Hatte sie es doch gewusst, es war eine scheiß Idee. „Der Typ da draußen ist von der Presse. Er ist wegen Emil hier. Vielmehr wegen seines Vaters.“ Lilli erklärte die Situation kurz auf.

„Warum redest du nicht mit ihm? Vielleicht kann er wirklich helfen. Man soll doch die Menschen nicht nach ihrer Optik beurteilen.“ Herr Tauber spähte durch das Fenster der Küche, in die sie sich zurückgezogen hatten.

„Bei ihm passen Optik und Charakter durchaus zusammen, glaub mir. Da benötige ich keinen zweiten Blick. Auf die Art von Aufmerksamkeit kann ich verzichten.“ Mit den Fingern fuhr sie über das Muster der abwaschbaren Tischdecke.

„Macht es denn nicht Sinn, dass es mehr Leute mitbekommen?“

„Ich denke nicht, dass es einen Sinn macht. Dieser Typ könnte überall leben.“

„Aber die Klinik sagte dir doch, dass er Deutscher ist.“

„Ja, schon, aber das heißt doch nichts.“

Diese Information hatte Lilli seit einigen Tagen. Sie hatte sich durchgerungen, die Klinik ein weiteres Mal anzurufen und ihnen geschildert, warum es ihr wichtig war. Auf diese Weise hatte sie immerhin seine Nationalität eingeschränkt. Was nicht bedeutete, dass er genauso gut in einem anderen Land leben konnte. Immerhin hatte er in Dänemark gespendet. Die Gründe dafür konnten viele sein.

„Okay, ich gehe jetzt hoch. Wenn er euch belästigt, erschießt ihn.“

Lillis Vater drückte ihr lachend einen Kuss auf die Stirn. Frustriert stampfte sie die Treppe hoch. Das war ja alles mal so richtig schön in die Hose gegangen. Sie fragte sich bloß, auf wen sie wütender war? Auf sich, wegen dieser irrsinnigen Aktion, oder auf Patrick, weil er ihr einen seiner schmierigen Kollegen auf den Hals gehetzt hatte.

Kaum hatte sie sich auf der Couch niedergelassen, klingelte das Telefon. Seufzend stand sie wieder auf.

„Tauber?“

„Hallo, hier ist Patrick Lietz. Ich rufe an wegen der E-Mail, die ich von Ihnen bekommen habe.“

„Soll das ein Witz sein?“

„Ehm, nein. Die war doch von Ihnen, oder nicht?“, fragte er verunsichert.

„Ja, und das war ein großer Fehler. Ich dachte, man könnte Ihnen vertrauen. Ich hätte nicht so blauäugig sein sollen.“

„Ich verstehe nicht.“

„Wenn meine Bitte Ihnen die Mühe nicht wert ist, hätte eine einfache Absage gereicht. Aber mir einen Kollegen vorbeizuschicken, der zudem ein Widerling in Person ist ...“

„Ich habe nichts dergleichen getan. Ehrlich nicht. Ich rufe an, um mit Ihnen ein Treffen auszumachen.“

„Der Zug ist abgefahren. Ich habe meine Lektion gelernt.“ Wütend beendete Lilli das Gespräch.

Nur langsam normalisierte sich ihr Puls. Das reichte. Sie hakte die Sache endgültig ab. So sehr sie es sich für Emil wünschte, glaubte sie nicht, dass sein Vater den ganzen Aufwand wert war. Sie kannten ihn nicht und würden ihn auch nicht kennenlernen. Basta.

Um kurz nach halb drei verließ Lilli das Haus, um Emil aus dem Kindergarten abzuholen. In dem Augenblick hielt ein Auto am Straßenrand, der Motor verstummte. Unsicher kam Patrick auf sie zu. Lilli beachtete ihn nicht weiter, stieg ins Auto und knallte ihm die Tür vor der Nase zu.

„Es tut mir leid.“ Gedämpft drang seine Stimme in das Innere des Wagens.

Sie drehte den Zündschlüssel um.

„Geben Sie mir fünf Minuten.“

„Ich habe keine Zeit“, sagte sie laut und schaute aus dem Fenster. Lilli traf ein betrübter Blick. Ach, verdammt. Sie war einundvierzig. Nicht das richtige Alter, um die eingeschnappte Leberwurst zu spielen. Sie zog den Schlüssel wieder ab und stieg seufzend aus.

„Danke.“

„Ich muss Emil holen. Sie können mich von mir aus begleiten. Dann gehen wir zu Fuß.“

„Gern.“ Herrn Journalist schienen die Worte zu fehlen. Aber nur kurz. „Ich wusste vorhin wirklich nicht, wovon Sie gesprochen haben. Allerdings gibt es nur einen Kollegen, auf den die Beschreibung zutrifft. Der Typ ist ein Idiot. Er muss irgendwie an Ihre Nachricht gekommen sein.“

„Ich wollte sie eigentlich nicht mal abschicken. Ist echt super gelaufen.“ Genervt von der Entwicklung, die diese Geschichte genommen hatte, trat Lilli gegen einen Stein.

„Ich würde mit solchen Informationen niemals schlampig umgehen. Das mag sich für Sie, in Anbetracht der Tatsache, nicht recht glaubhaft anhören, aber es ist so. Sie können mir vertrauen.“ Mit beiden Händen in den Hosentaschen schlenderte Patrick neben ihr her.

„Möglicherweise, aber ich habe es mir anders überlegt. Ich brauche Sie nicht.“

„Bitte, ich kann Ihnen helfen. Zumindest dabei, den Stein ins Rollen zu bringen.“ Er griff nach Lillis Arm und zwang sie zum Stehenbleiben.

„Patrick, bitte. Lassen Sie es gut sein.“

Sie ging weiter. Seine Hand rutschte von ihrem Arm. Ohne weitere Argumente vorzubringen, folgte er Lilli bis zum Eingang des Kindergartens.

„Ich kann es Ihnen nicht versprechen, aber ich habe einige gute Kontakte. Sie wissen doch, wie das läuft. Der eine kennt den, der andere den. Der schuldet wieder einem anderen noch einen Gefallen. Wie gesagt, versprechen kann ich nichts, aber Sie könnten sich die Idee ja mal anhören.“

„Sie lassen nicht locker, oder?“

Er zuckte mit den Schultern und grinste zaghaft.

„Und was springt für Sie dabei raus? Oder tun Sie das aus reiner Nächstenliebe?“ Lilli hielt die geöffnete Tür fest.

„Ich darf Ihre Geschichte bringen.“

„Erhoffen Sie sich durch mich einen Karriereschub?“

„Schlechte Werbung wäre es für meine Person sicher nicht. Obwohl ich gern über Kindergärten berichte.“

Sie antwortete nicht. Verdrehte stattdessen die Augen.

„Also vertrauen Sie mir?“

Hatte sie eine Wahl, wenn sie ihr Ziel erreichen wollte? Ihr lief die Zeit davon. Die Tür fiel zu. Im Flur drehte sie sich noch einmal um. Patrick beobachtete Lilli aufmerksam. Als er ihr Nicken wahrnahm, wurde aus seinem zaghaften Grinsen ein breites Lächeln.

Er saß wieder auf der Bank, als sie mit Emil im Schlepptau aus dem Kindergarten kam. Während Emil aus der Tür schoss und sofort das Karussell für sich beanspruchte, setzte sich Lilli ebenfalls auf die Bank. Das Holz war warm. Trotzdem schlang sie die Arme um den Brustkorb. Ihr war unbehaglich zumute.

„Okay, hier kommt mein Vorschlag“, begann Patrick, ohne Lilli dabei anzusehen. „Ich habe recherchiert. Die meisten Suchen nach anonymen Samenspendern laufen ins Leere. In der Regel scheitert es an der Rechtslage. Zwar gibt es in Deutschland inzwischen einen Präzedenzfall, aber bei Ihnen handelt es sich A nicht um das suchende Kind, und B müssen wir uns auf das dänische Recht konzentrieren. Aber ich gehe davon aus, das wissen Sie längst.“

Lilli nickte.

„Gut, trotzdem gibt es den ein oder anderen Bericht von Betroffenen. Zum Beispiel den einer jungen Frau, die sich ans Fernsehen gewandt hat, um auf diese Weise nach ihrem biologischen Vater zu suchen.“

„Ich werde mich ganz sicher vor keine Kamera stellen.“ Schockiert sah sie Patrick an.

Beruhigend lächelte er. „Das habe ich auch nicht verlangt. Bei meiner Idee müssen Sie Ihre Identität nicht preisgeben. Wir beide verfassen einen Bericht. Dort steht drin, was Sie über den Spender wissen und eben, dass Sie auf der Suche nach ihm sind. Ich versuche dann den Artikel durch meine Kontakte in so vielen Zeitungen wie möglich zu platzieren.“ Mit hochgezogenen Augenbrauen blickte er zu Lilli rüber. „Das mag nicht der perfekte Plan sein, aber einen Versuch ist es allemal wert.“

„Ich weiß nicht.“ Ihre Unsicherheit ließ sich nicht abschütteln.

„Na kommen Sie, geben Sie sich einen Ruck. Sie tun es doch für Ihren Sohn.“

Letztendlich waren das die Schlüsselworte, um von Lilli ein Okay zu bekommen. Also hatte sie zusammen mit Patrick einen Artikel verfasst. Zwei Tage später war er in der regionalen Zeitung und auch in einigen anderen über ganz Deutschland verteilt erschienen.

3

Die Tage verstrichen. Von Patrick hörte und sah Lilli nichts. Sie spürte die Enttäuschung, auch wenn sie sich fest vorgenommen hatte, keine allzu große Hoffnung in sich aufkommen zu lassen.

„Ist er eigentlich süß?“

Vor wenigen Sekunden hatte sie Miri von ihrer letzten Begegnung mit Patrick erzählt.

„Er ist fünfundzwanzig. Ich bin fast doppelt so alt.“

„Na und? So was Junges und Unschuldiges kann aufregend sein.“

„O Miri, bitte. Ich bin dafür echt nicht der Typ.“

„Langweiler.“

„Halt die Klappe und konzentrier dich.“

Sie lachten beide und versuchten, die Bewegungen der Aerobic Trainerin nachzumachen. Wenn wir uns nicht bald ein bisschen Mühe geben, sind wir nicht mal ansatzweise verschwitzt beim Rausgehen, dachte Lilli grinsend.

In der Umkleide kramte sie als Erstes das Handy aus der Tasche. Normalerweise blieb zu Hause alles ruhig, aber Emil brütete irgendwas aus. Er war heute schon den ganzen Tag ruhig und anhänglich gewesen. Meist ein eindeutiges Zeichen, dass er krank wurde. Tatsächlich war ein Anruf in Abwesenheit eingegangen, aber nicht von ihren Eltern. Patrick hatte versucht, sie zu erreichen. Lillis Herz rutschte bis in ihre Schuhsohlen. Sie musste sich setzen.

„Hey, ist dir wieder schwindelig? Damit solltest du echt mal zum Arzt gehen.“ Miri war sofort an ihrer Seite.

„Nein, es ist nur …“ Sie konnte es kaum laut aussprechen. „Es wird ein Anruf des Journalisten angezeigt.“

Jetzt setzte sich auch Miri. „Los, ruf ihn zurück.“

„Nicht hier.“

Sie beeilten sich mit dem Umziehen. Nun war Lilli froh, nicht zu sehr geschwitzt zu haben. Draußen vor dem Fitnesscenter wählte sie Patricks Nummer. Er nahm gleich nach dem zweiten Freizeichen ab.

„Hallo, Sie haben angerufen.“ Lillis Stimme zitterte.

„Ja, ich habe die Daten. Treffen wir uns gleich bei Ihnen?“

„Sofort?“ Panisch schaute sie zu Miri. Die nickte euphorisch. „Okay, ich bin nicht zu Hause. Sagen wir, in einer halben Stunde?“

„Gut, ich bin da.“

Sie legten auf, und Lilli konnte kaum glauben, dass er es tatsächlich geschafft hatte. In einer halben Stunde würde sie wissen, wie der Vater ihres Sohnes hieß und wo er wohnte. Fassungslos hielt sie sich beide Hände vor den Mund.

„Der Typ ist gut“, war Miris einziger Kommentar. „Darf ich dabei sein?“

„Du musst sogar.“

„Perfekt.“

„Willst du Markus nicht Bescheid geben?“ Sie musterte Miri aufmerksam.

„Ja, mach ich gleich von unterwegs.“ Sicher sollte es locker klingen, aber in ihren Worten schwang eine ordentliche Portion Anspannung mit.

„Miri, du musst nichts sagen, wenn du nicht willst, aber …“

„Jetzt kümmern wir uns erst mal um dich“, wich sie aus. Aus ihrem Blick sprach eine stumme Entschuldigung.

Sie fuhren, jeder in seinem Auto, zu Lilli nach Hause. Patricks Wagen parkte bereits vor der Tür. Als er sie kommen sah, stieg er aus.

„Der ist nicht nur süß, der ist ja eine richtige Sahneschnitte. Ich würde an deiner Stelle von ihm naschen“, flüsterte Miri ihrer Freundin in einem günstigen Moment zu.

Lilli schüttelte nur mit dem Kopf, ging auf Patrick zu und begrüßte ihn nervös. Dann machte sie ihn mit Miri bekannt. Im Haus wurde sie von ihrer Mutter abgefangen. Auch ihr stellte sie Patrick vor. Misstrauisch beäugte diese ihn. Frau Tauber wirkte fast ein wenig geschockt. Da es aber keinen Sinn ergab, verwarf Lilli den Gedanken wieder.

„Kann ich dich kurz sprechen?“ Frau Tauber lächelte die anderen beiden höflich an.

„Geht schon vor, ich bin gleich bei euch.“

„Es gab einen Anruf für dich.“ Lillis Mutter wartete, bis Miriam und Patrick außer Hörweite waren.

„Das war Patrick. Ich hab ihn zurückgerufen.“

„Nein, ich rede von deinem Arzt, bzw. von der Sprechstundenhilfe. Du weißt, ich schnüffele nicht in deinem Leben herum. Ich habe dir nur einen Korb gebügelte Wäsche oben hingestellt. Der Anrufbeantworter ist angesprungen. Sie hat einen versäumten Termin erwähnt“, gab sie sich besorgt.

„Mir geht`s gut. Ich mache einfach einen neuen Termin mit ihm aus. Es gibt im Moment Wichtigeres.“

„Wichtiger als deine Gesundheit?“

„Jetzt nicht, Mama. Patrick hat Emils Vater gefunden. Das ist wichtig.“

Frau Tauber kannte ihre Tochter und wusste, dass jedes weitere Argument an ihr abprallen würde. Deshalb lächelte sie nur mit zusammengepressten Lippen und ließ Lilli allein im Flur zurück.

„Was für ein Arzt?“ Miri stand in der Wohnungstür und machte ein fragendes Gesicht.

„Hat man dir als Kind nicht beigebracht, dass man nicht lauschen soll?“

„Ist es wegen des Schwindels? Warst du doch beim Arzt? Was hat er gesagt?“

„Nichts, es ist nichts. Nur der Stress.“

„Warum dann ein zweiter Termin?“

„Weil er wissen wollte, ob es mit den Medikamenten besser geworden ist. Können wir jetzt bitte das Thema wechseln?“, fragte Lilli genervt und schob sich an ihr vorbei in die Wohnung.

Auch Patrick hatte die Unterhaltung mitbekommen und wirkte nachdenklich. Sie ging auch an ihm vorbei, setzte sich an den großen Esstisch und wartete, bis die beiden sich zu ihr gesellt hatten.

„Was soll ich sagen? Wir hatten tatsächlich Erfolg mit unserer Aktion“, begann Patrick das Gespräch und holte einen Zettel hervor, den er Lilli zuschob. „Die Chancen waren nicht riesig, aber – nichts ist unmöglich. Man muss eben nur daran glauben.“

Lillis Puls schnellte in die Höhe, als sie das so belanglos aussehende Stück Papier an sich nahm. Sie wagte nicht, einen Blick darauf zu werfen. Neugierig nahm Miri es ihr aus der Hand.

„Hannes Kofler“, las sie laut vor. „Geboren am zwölften Juni sechsundsiebzig. Der ist sogar zwei Jahre jünger als du. Sieh einer an. Den Ort kenn ich aber nicht.“

Patrick klärte uns auf. „Er ist es auf jeden Fall. Sie müssen sich also keine Sorgen machen, dass Sie den Falschen kontaktieren.“

„Wie können wir uns da sicher sein?“ Lilli wartete noch auf den Moment, in dem die Freude über den Erfolg die Skepsis in ihr verdrängte.

„Die Person, die sich auf eine unserer Anzeigen hin gemeldet hat, ist ein Freund von diesem Hannes Kofler.“ Patrick zögerte kurz, und Lilli ahnte, dass es einen Haken gab. „Nachdem er die Anzeige entdeckt hatte, hat er sie Hannes gezeigt. Der war wohl nicht so begeistert von der Idee, uns zu kontaktieren. Dass ich die Adresse trotzdem habe, geht auf das Konto von dem Freund Ihres Gesuchten. Ich denke, dass sollten Sie wissen.“

„Also weiß Emils Vater nicht, dass wir die Daten haben?“, hakte Miri nach.

„Nein, ich denke nicht.“ Patrick schüttelte entschuldigend den Kopf.

In diesem Moment spülte Lilli gedanklich jeglichen Anflug von Freude und Hoffnung das Klo hinunter.

„Und Lilli, was wirst du jetzt tun? Versuchst du dein Glück trotzdem? Schreib ihm doch und leg gleich ein Bild von Emil bei.“

Miris Worte drangen wie durch Watte an sie heran. Plötzlich hatte sie einen Namen, eine Adresse. Die Anonymität war Vergangenheit. Emils Vater war zu einer realen Person geworden. Sie war so kurz davor, ihr Ziel tatsächlich zu erreichen. Doch das Einzige, was sie hörte, waren Patricks Worte. Der war wohl nicht so begeistert von der Idee, uns zu kontaktieren.

Bei diesen Aussichten war es doch reine Selbstfolter, allein mit dem Gedanken zu spielen, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Natürlich konnte sie nicht mit Bestimmtheit sagen, dass er auch dann noch abblockte, wenn sie ihm ihre Beweggründe schilderte. Ach, es war zum Verrücktwerden. Zu viele Ängste, zu viele Fragen. Was, wenn er seinen Sohn nicht kennenlernen wollte? Wenn er ihr vorwarf, seine Wünsche nicht zu respektieren? Wenn sie alles nur schlimmer machte? Sie musste allein sein, sie brauchte Zeit zum Nachdenken.

„Könntet ihr bitte gehen? Ich muss das erst mal verdauen.“

„Okay, na klar. Wir hauen ab. Melde dich bei mir, ja?“ Miri drückte Lilli fest an sich und wartete auf Patrick, der unschlüssig vom Tisch aufgestanden war.

„Danke vielmals. Ich weiß das wirklich zu schätzen. Geben Sie mir ein paar Tage. Ich rufe Sie an, dann reden wir in Ruhe.“

„Ich würde mich freuen.“ Er streckte seine Hand aus, und Lilli ergriff sie. Einen Moment zu lange hielten sie einander fest. Erst als sie sich räusperte, schien er aus seinen Gedanken zu erwachen. Mit schnellen Schritten war er die Treppe unten. Miri warf ihr einen vielsagenden Blick zu und ging hinter ihm her.

Lilli schloss die Tür, setzte sich wieder an den Tisch und nahm den Zettel in die Hand. Wort für Wort las sie die Informationen, auf die sie so lange hingefiebert hatte, bis sie vor ihren Augen verschwammen.

Sie schlief schlecht in dieser Nacht. Als sie gegen halb fünf am Morgen endgültig keinen Schlaf mehr fand, stand Lilli auf und begann mit einem Brief, der das Leben von Emil und ihr grundlegend verändern könnte.

Der Gang zum Briefkasten war wie der Gang zum Henker. Eine Weile stand sie davor und betrachtete den Briefschlitz, als könne er ihr die Entscheidung abnehmen. Obwohl sie eigentlich die Antwort längst kannte. Genau deshalb landete der Brief im dunklen Schlund des gelben Kastens.

Vielleicht würde dieser Hannes alles andere als begeistert sein. Nur vielleicht würde er sich melden. Aber es blieb immerhin ein Vielleicht. Denn vielleicht war er zu Kompromissen bereit, und Lilli konnte Emil zumindest ein Foto überreichen. Die Zeit würde es zeigen.

Eigentlich mochte sie das sanfte Anklopfen des Herbstes, wenn der Spätsommer sich seinem Ende neigte und die Stoppelfelder im Glanz der Sonne golden schimmerten. Wenn die Bäume ihr buntes Laubkleid trugen. Die Kraniche sich in den Süden verabschiedeten. Die kurzen Sommersachen rückten wieder nach hinten in den Schrank. Pullover nahmen ihren Platz ein. Man kam langsam zur Ruhe, genoss die Abende auf der Couch, wenn sich die Dunkelheit früh über den Ort legte. Ja, eigentlich. Diesmal erinnerte Lilli dieser Wechsel der Jahreszeiten daran, dass ihr die Zeit wie trockener Sand durch die Finger rann. Sie konnte nur hoffen, dass Emils Vater eine schnelle Entscheidung traf.

Am nächsten Morgen, es war Samstag, klingelte das Telefon. Nichts Besonderes, es klingelte häufiger, aber sie stand unter Strom. Gleich beim zweiten Klingeln nahm sie ab.

„Lilli Tauber?“

„Hallo, hier ist Patrick Lietz.“

„Oh, hallo.“

„Ich weiß, Sie sagten, Sie melden sich. Aber der Journalist in mir ist neugierig.“

„Schon gut. Haben Sie schon gefrühstückt?“

„Ehm, nein.“

„Prima, kommen Sie doch einfach jetzt gleich vorbei. Natürlich nur, wenn Sie nichts anderes vorhaben.“

„Ich habe nichts anderes vor. Sind Sie sicher?“

„Ja, Sie würden mir sogar einen Gefallen tun.“

„Okay, dann bis gleich.“

Lilli wusste nicht genau, wieso sie ihm dieses Angebot gemacht hatte. Sie kannte ihn nicht. Er war fünfzehn Jahre jünger, und das Einzige, was ihn interessierte, war ihre Geschichte. Nicht, dass er sie interessierte. Nicht sexuell, Lilli konnte es nicht beschreiben. Sie mochte ihn irgendwie. Naja, und sie könnte wirklich eine Ablenkung gebrauchen. Außerdem hatte sie ihm eine Story versprochen. Irgendwann sollte sie ihm Details liefern. Warum nicht bei einem gemütlichen Frühstück?

Also deckte sie an diesem Morgen den Tisch für drei Personen und wartete auf seine Ankunft. Als es an der Tür schellte, rannte Emil an ihr vorbei und drückte auf den Summer.

„Hey, mein Freund. Ich habe dir doch beigebracht, vorher zu fragen.“

Emil sah seine Mutter unschuldig aus seinen blauen Augen an. Die er übrigens nicht von ihr hatte, denn die waren eindeutig braun. Genau wie ihre Haare, die er schon eher von ihr haben könnte.

„Aber wir kriegen doch Besuch.“

„Richtig, aber das heißt nicht, dass nicht jemand anderes vor der Tür stehen kann.“

Emil dachte über die Erklärung nach, wurde aber von den Schritten auf der Treppe abgelenkt. Im Gegensatz zu ihm, konnte Lilli nicht sehen, wer dort gleich auftauchte. Sie ging davon aus, dass es Patrick war und kein windiger Versicherungsvertreter. Emils Gesicht hellte sich auf. Begeistert streckte er die Arme nach etwas aus. Kurz darauf tauchte eine Hand auf, die einen Spielzeugtraktor hochhielt. Dann erschien der Rest von Patrick in der Tür.

„Mama, Mama, guck mal. Der ist cool.“

„Hast du dich bedankt?“

„Ja, hat er.“

Lilli wollte erwidern, dass sie nichts gehört hatte, bekam aber mit, wie Patrick ihrem Sohn zuzwinkerte.

„Das wäre nicht nötig gewesen“, meinte sie später, als sie allein waren und Emil mit seinem Geschenk im Kinderzimmer verschwunden war.

„Ich weiß, aber ich wollte es gern. Ich habe doch gesagt, ich stand früher selbst auf die Dinger.“

„Sind Sie auch auf dem Land aufgewachsen?“ Bei der Frage musterte er Lilli ernst. „Sie müssen nicht antworten, wenn Sie nicht wollen“, hing sie deshalb an.

„Ich bin viel umgezogen. Mein Vater war bei der Bundeswehr. Ich habe mich für alle möglichen Maschinen interessiert.“ Wieder beobachtete er sie genau, als wartete er auf eine Reaktion. „Was ist mit Ihnen? Leben Sie schon immer hier?“

„Ja, also ich bin hier geboren und aufgewachsen. Bevor Emil zur Welt kam, habe ich ein paar Jahre in der Stadt gewohnt. Mit Kind gefällt es mir auf dem Land aber besser.“

„Sie würden alles für Ihren Sohn tun, richtig?“ Sein Ton war bitter. Vielleicht war er nicht so behütet aufgewachsen.

„Ja, würde ich. Ich liebe ihn.“

„Haben Sie seinen Vater kontaktiert?“

„Ich habe ihm gestern einen Brief geschickt. Jetzt wird sich zeigen, was geschieht.“ Lilli stand auf. „Noch Kaffee?“

„Gern.“

Nachdem sie ihnen nachgeschenkt hatte, setzte sie sich wieder zu ihm an den Tisch. „Ich nehme an, Sie möchten jetzt gern hören, wie es überhaupt zu der künstlichen Befruchtung gekommen ist.“

„Wenn Sie nichts dagegen haben, mich ein wenig einzuweihen? Sie müssen nicht ins Detail gehen. Das wird in meinem Artikel keine tragende Rolle spielen.“

Lilli nickte zufrieden und überlegte, wo sie beginnen sollte. Ihre Gedanken schweiften in die Vergangenheit.

Sie spürte wieder dieses merkwürdige Gefühl, dass sie damals beschlichen hatte. Es war eine Sache, solch eine Reise zu planen, aber eine ganz andere, sie auch auszuführen. Und obwohl sie sich bewusst dafür entschieden hatte, allein zu fahren, hatte sie sich plötzlich einsam gefühlt. Einsam in einer Stadt, von deren Existenz sie zuvor nicht einmal gewusst hatte. Doch sie besann sich darauf, warum sie dort gewesen war. Lilli hatte ein Ziel gehabt und war noch nie so nah daran gewesen, es zu erreichen. Sie hatte sich vorgestellt, wie es sein würde, ein Baby in sich zu tragen. Ein Baby, das die Leere in ihr ausfüllen und die Schuldgefühle vertreiben würde.

Trotz der Jahre, die dazwischen lagen, sah sie das Behandlungszimmer der Klinik deutlich vor sich. Die Gesichter, die ihr aufmunternd zulächelten. Die Arzthelferin, die das kleine Silbertablett mit der Spritze bereithielt.

„Wie hast du dich dabei gefühlt?“, wollte Patrick wissen.

„In meinem Gebärmutterhals befanden sich Spermien eines mir völlig fremden Mannes. Erst nach zwei Wochen konnte mir ein Test darüber Auskunft geben, ob es geklappt hatte. Es war merkwürdig und irgendwie unwirklich.“

„Und Dänemark, weil?“

„Es in Deutschland nicht möglich ist, als alleinstehende Frau auf diesem Weg schwanger zu werden. Dänemark war eine erreichbare Alternative.“

Da die Stadt, in der die Klinik stand, am Meer lag, konnte Lilli die freie Zeit damals am Strand verbringen. Die Gedanken schweifen lassen. Den Sand unter ihren Füßen zu spüren und die salzige Meeresluft zu schnuppern hatte damals eine beruhigende Wirkung auf sie gehabt.

Lilli schloss die Augen. Sie lag wieder am Strand in Dänemark auf der Decke. Vergrub die nackten Zehen im Sand. Hinter sich hörte sie das sanfte Rascheln des Windes, wenn er durch die Baumkronen wehte. Über sich das Kreischen der Vögel. Vor sich das Rauschen der Brandung. Und wenn sie ganz genau hinhörte, in sich drin, das vorsichtige Vibrieren des Glücks.

„Und eine erfolgreiche“, ergänzte Patrick ihren Satz.

„Ja.“ Sie lächelte glücklich. Die Chancen, dass eine künstliche Befruchtung funktionierte, lagen im Schnitt bei fünfzehn Prozent. Nach drei Versuchen hatte sie ihren persönlichen Jackpot geknackt. „Kann ich Ihnen noch irgendwas anderes zu trinken anbieten?“

„Nein, danke. Ich habe Ihre Zeit genug in Anspruch genommen.“

„Sie können gern noch bleiben. Emil würde Ihnen sicher gern seine Sammlung zeigen. Gehen Sie ruhig, ich räume nur schnell den Tisch ab.“

Aus der Küche hörte Lilli, wie er an Emils Tür klopfte, hörte das Gemurmel der beiden. Sie konnte nicht nachvollziehen, woher sie dieses Vertrauen in Patrick nahm. Sonst ließ sie so schnell niemanden mit ihrem Sohn allein, den sie kaum kannte. Sie stellte sich in die geöffnete Zimmertür und sah den beiden zu. Emils Augen glänzten vor Stolz, aber auch vor Anerkennung, weil Patrick so ziemlich jedes Traktorenmodell mit Namen benennen konnte. Nach einer weiteren Stunde verabschiedete er sich und versprach Emil, in der nächsten Woche wieder vorbeizuschauen. Vom Fenster aus blickte Lilli ihm nach, wie er in sein Auto stieg und davonfuhr. Er löste ein Gefühl in ihr aus, dass sie lange verdrängt hatte, sehr lange. Warum sie ausgerechnet bei ihm so empfand, war ihr nicht klar, aber es passte zu der Lebenssituation, in der sie sich gerade befand.

Viel Zeit, um darüber nachzudenken, blieb ihr allerdings nicht. Denn schon zwei Tage später erhielt sie einen Anruf, mit dem sie so schnell nicht gerechnet hatte.

„Hallo, ich heiße Hannes Kofler. Sie haben mir vor drei Tagen einen Brief geschrieben.“

„Ich … hallo … o Mann. Tut mir leid, ich dachte nur … ich meine, ich wusste nicht …“ Lilli brach ab und atmete tief durch. „Ich habe so schnell nicht mit Ihnen gerechnet, wenn überhaupt.“

„Wie sind Sie an meine Daten gekommen?“ Sein Ton war kühl. Lilli überfiel eine dumpfe Vorahnung.

„Also, ich …“ Verdammt Lilli, jetzt stottere hier nicht so herum. „Mir hat ein befreundeter Journalist geholfen, Anzeigen zu schalten. Ein Freund von Ihnen hat sich daraufhin bei der Zeitung gemeldet.“

„Nico“, hörte sie ihn leise fluchen. „Was wollen Sie? Glauben Sie, ich zahle für den Jungen Unterhalt?“

Bei jedem seiner Worte wog ihr Herz schwerer in ihrer Brust. Ihre Stimme war heiser, als sie antwortete. „Ich will Ihr Geld nicht. Meine Beweggründe habe ich Ihnen in dem Brief geschildert. Wenn Sie kein Interesse haben, ist das Ihr gutes Recht. Ich danke Ihnen für Ihren Anruf.“

Lilli wartete auf eine Erwiderung seinerseits, aber die Leitung wurde unterbrochen. Er hatte einfach aufgelegt. Ihre Befürchtungen waren wahr geworden. Er hatte kein Interesse an Emil. Weil sie es sich von der Seele reden musste, wählte sie sofort Miris Nummer.

„Hallo du, was gibt`s? Hast du Neuigkeiten?“

„Ja, aber schlechte. Ich hatte diesen Hannes eben am Telefon. Er ist ziemlich sauer und war der Meinung, ich mache das nur, weil ich Geld von ihm will.“

„Blödmann.“

„Naja, irgendwie kann ich es ihm nicht verdenken. Ist ja naheliegend, es geht immer um Geld.“

„Aber in deinem Brief stand doch davon nichts, oder?“

„Natürlich nicht. Was soll`s. Ich habe es versucht.“

„Du klingst aber nicht nach, was soll`s. Dafür warst du zum Schluss viel zu besessen davon, den Typen aufzuspüren.“

„Was ich geschafft habe oder vielmehr Patrick. Das ändert aber nichts an dem Ergebnis.“

„Erzählst du Emil jetzt die Wahrheit?“

„Auf kindgerechte Weise, ja. Ich kann ihm schließlich nicht sagen, dass sein Vater keinen Bock auf ihn hat.“

Die beiden verabschiedeten sich voneinander und legten auf. Lilli ging in das Zimmer ihres Sohnes und betrachtete sein vom Schlaf entspanntes und friedliches Gesicht. So egal, wie sie am Telefon getan hatte, war es ihr ganz und gar nicht. Aber sie kämpfte gegen die Panik an, die in ihr brodelte, wie ein aktiver Vulkan kurz vor dem Ausbruch.

Anfangs war es nur der Wunsch eines fünfjährigen Kindes gewesen, doch die Situation hatte sich grundlegend verändert. Lilli hatte all ihre Hoffnung in diesen Mann gesetzt. Emil sollte sich auch von ihm geliebt fühlen, falls sie …

Das Telefon klingelte erneut. Schnell schloss sie die Kinderzimmertür, spurtete zurück ins Wohnzimmer und nahm das Gespräch entgegen.

„Ja?“, fragte sie außer Atem.

„Lilli Tauber?“

„Ja, am Apparat.“

„Hier ist noch mal Hannes Kofler. Unser Gespräch vorhin wurde unterbrochen.“

Ja, von dir du Blödmann. Was wollte er denn noch? „Was wollen Sie?“

„Darf ich ihn sehen?“

Die Frage klang beiläufig, eher wie: „Hat es Ihnen geschmeckt?“ Was sollte sie davon halten? Erst unterstellte er ihr, dass sie nur sein Geld wollte und jetzt das? Er schien zu spüren, dass sie Zweifel hatte.

„Ich entschuldige mich für meinen Ton von vorhin. Ihr Brief war ein ziemlicher Schock. Ich meine, ich wusste immer, dass die Möglichkeit besteht, dass mein Sperma verwendet wurde. Ich habe nur nie damit gerechnet, dass ich jemals davon erfahren werde. Plötzlich bin ich Vater, das kann einen schon mal kurzfristig umhauen. Ich hatte nicht vor, Sie so anzugehen. Also, darf ich ihn sehen?“

Diesmal klang seine Frage fast ein wenig ängstlich. „Deswegen habe ich Ihnen geschrieben. Aber Emil sollte es nicht gleich erfahren. Es könnte ihn umhauen, wie Sie so schön sagten.“ Hibbelig spielte Lilli mit den Strähnen ihrer Haare. „Wann passt es Ihnen denn?“

Sie vereinbarten einen Termin für das Wochenende. Lilli gab ihm die Adresse von einem Hotel in der Nähe. Er sollte sich melden, wenn er dort angekommen war. Danach sagte sie ihm, wo sie sich treffen würden. Sie musste sich einen neutralen Ort überlegen, an dem sie aber auch nicht gleich die Aufmerksamkeit auf sich zogen.

Lilli beendete ein weiteres Gespräch an diesem Abend. Dann nahm sie das Handy in die Hand und tippte eine Nachricht an Patrick. Er sollte wissen, dass seine Story noch kein Ende gefunden hatte. Vielleicht begann sie gerade erst.

4

Als Treffpunkt hatte Lilli den Spielplatz ein paar Orte weiter ausgewählt. Er lag etwas abseits am Rande eines Wohngebietes und grenzte an einen Nadelwald. Sie war mit Emil oft dort und noch nie war sie auf bekannte Gesichter gestoßen. Zudem war es fast Ende September, der Himmel war wolkenüberzogen, und der Wind trieb kühle Ostluft vor sich her.

Sie packte Emil in seine Matschhose und holte die Fleecejacke aus dem Schrank. Auch Lilli zog sich die warme Steppjacke an und wickelte sich einen Loop um den Hals. Dann machten sie sich auf den Weg. Hannes hatte ihr bei ihrem Telefonat seine Handynummer gegeben. So hatte sie der Wegbeschreibung ein Foto beifügen können.

Bei ihrer Ankunft lag der Spielplatz verlassen vor ihnen. Emil war begeistert, weil er so alle Spielgeräte für sich allein hatte. Lilli hoffte, dass es dabei blieb.

Mit jeder Minute, die verging, stieg ihre Nervosität. Sie saß auf einer der Holzbänke. Das mitgebrachte Wasser und die Snacks hatte sie auf dem Tisch ausgebreitet. Ihre Finger spielten mit dem Verschluss der Flasche. Jedes Mal, wenn sie ein Auto näherkommen hörte, erstarrte sie. Die letzten beiden waren vorbeigefahren, aber diesmal hielt es an und der Fahrer parkte direkt hinter ihrem.

Durch das dünne Gestrüpp der Sträucher sah sie einen einzelnen Mann aussteigen und wusste, dass er es war. Einen Moment blieb er unschlüssig neben seinem Wagen stehen. Sein Blick verweilte auf Emil, der auf dem Spielplatz herumtollte. Zögerlich kam er näher.

Lilli stand auf und wartete. Sein Blick ging zwischen ihr und Emil hin und her, als überlege er noch, ob er bei ihnen richtig war. Neugierig musterte sie ihn. Er wirkte sportlich, soweit sie das durch die dicken Sachen, die er trug, beurteilen konnte. Seine Beine steckten in ausgeblichenen Jeans, seine Füße in schwarzen Nike Turnschuhen. Oben herum trug er einen grauen Strickpulli mit Kapuze. Seine Haare schimmerten in einem dunklen Blond. Sicher waren seine Augen so blau wie die seines Sohnes.

Als er vor Lilli zum Stehen kam, seine Augen waren eindeutig blau, war er einen guten Kopf größer als sie. Also war er mindestens einen Meter fünfundachtzig, eher sogar einsneunzig. Ob Emil später auch einmal so ein Riese sein würde? Ihr Blick wanderte hinüber zu ihm. Er hatte Hannes noch nicht bemerkt.

„Lilli?“

„Ja, und Sie sind Hannes?“ Lilli streckte ihm die Hand entgegen. „Freut mich.“

Hannes ergriff ihre Hand. Sein Händedruck wirkte selbstbewusst, warm und kraftvoll. War er wirklich so locker wie er den Eindruck erweckte?

Sie setzte sich wieder, und Hannes nahm auf der Bank gegenüber von ihr Platz. Sein Blick huschte immer wieder suchend zu Emil.

„Soll ich ihn herrufen?“

„Wenn es Ihnen nichts ausmacht?“

„Deshalb sind wir hier, oder?“ Das Lächeln, das Hannes ihr schenkte, war sympathisch, konnte aber auch seine Aufregung nicht länger verbergen. „Ich würde Sie gerne zuerst als einen alten Schulfreund vorstellen, wenn das für Sie okay ist?“

„Die Entscheidung überlasse ich Ihnen.“

„Hey mein Schatz, kommst du mal?“, rief Lilli über den Spielplatz.

Emil sah zu ihnen herüber, rannte über die Hängebrücke und schoss die Rutsche herunter, bevor er zu ihnen lief.

„Hannes wollte dir kurz Hallo sagen.“

„Hallo Emil.“

„Hi.“

Die beiden schüttelten sich die Hände.

„Wer bist du?“, wollte Emil wissen.

Hannes schaute zu Lilli. „Ein alter Schulfreund deiner Mutter. Ich habe dir auch was mitgebracht. Ich hoffe, es gefällt dir.“

Erst jetzt bemerkte Lilli die Tüte in seiner Hand, die er an Emil weiterreichte. Mit vor Spannung geweiteten Augen entfernte Emil das Papier. Als er erkannte, was darunter zum Vorschein kam, wurden sie noch größer. Begeistert hielt er ein Forscherset für Kinder in die Höhe.

„Ich dachte, Jungs in deinem Alter brauchen so was.“

„Danke, das ist supertoll. Da ist sogar `ne Lupe dabei.“ Emil kam aus dem Staunen gar nicht mehr raus.

„Komm, ich helfe dir beim Aufmachen.“

Die beiden machten sich über den Inhalt her. Für Lilli war kaum festzustellen, wer begeisterter davon war.

„Gibt es auch ein Taschenmesser?“, wollte Emil jetzt wissen.

„Nein, ich denke nicht.“

„Schade.“ Ihr Sohn zog einen Schmollmund.

„Wenn deine Mama es erlaubt, bring ich dir beim nächsten Mal eins mit.“

„Kommst du denn wieder?“

„Würde ich sehr gern.“

„Mama, darf er?“

Emil ging es eher um das Taschenmesser als um Hannes, aber Lilli war gerührt, dass die beiden sofort einen Draht zueinander gefunden hatten. Die vier Männeraugen, die auf ihre Antwort warteten, leuchteten glücklich.

„Ja, wenn er das möchte, darf er uns gern wieder besuchen.“

„Cool, dann kommst du zu uns nach Hause, okay? Wir können in Omas Garten nach Würmern suchen.“ Er strahlte Hannes an.

„Abgemacht.“

„Jetzt geh noch ein bisschen spielen. Wir fahren bald.“

Emil legte die neuen Sachen behutsam auf den Tisch und flitzte wieder zur Rutsche.

„Sie wissen, wie man Jungs in dem Alter glücklich macht. Haben Sie eigene Kinder?“

„Nein, keine.“

„Dann haben Sie Ihre Meinung also geändert. Ich meine, dass ich nur Ihr Geld will.“ Wieder nahm sie die Wasserflasche in die Hand und drehte den Verschluss auf und zu.

„Wie gesagt, ich war überrumpelt, und das war mein erster Gedanke. Außerdem war ich angefressen, weil mir mein bester Freund in den Rücken gefallen ist.“

„Sicher hat er es nur gut gemeint.“

„Hat er ganz sicher. Er kennt mich und weiß, wie stur ich sein kann. Deshalb habe ich dann auch Ihren Brief noch einmal in Ruhe durchgelesen, und er klang ehrlich. Außerdem war ich am Ende neugierig auf Emil.“

„Ob er Ihnen ähnlich sieht?“

„Ja, zum Beispiel.“

„Warum haben Sie das damals getan? Ihren Samen gespendet.“ Durch diese Frage fiel Lilli zwar sozusagen mit der Tür ins Haus. Aber sie waren beide nicht hier, um Belanglosigkeiten auszutauschen. Vielmehr hatten sie beide Fragen, die ihnen auf der Seele brannten und die beantwortet werden wollten. Warum also um den heißen Brei herumreden?

Hannes überlegte. Ihm schien die Wahrheit unbehaglich zu sein. „Ich hatte eine Wette verloren. Zumindest fing alles damit an.“

Ungläubig starrte sie ihn an. Mit der Antwort hatte sie beim besten Willen nicht gerechnet. Emil existierte aufgrund einer Wette? Lilli traf ein schuldbewusster Blick. Ihr Schweigen nahm er als Aufforderung, die ganze Geschichte zu erzählen.

„Ich war damals dreißig und mit Freunden in Dänemark im Urlaub. Es floss viel Alkohol. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie wir überhaupt auf dieses Thema gekommen sind und worum wir gewettet hatten. Ich weiß nur, dass wir zwei Tage später vor dieser Samenbank standen. Ich musste an dem Tag nur Blut und eine Probe abgeben. Sie sagten mir, es würde ein halbes Jahr dauern, bis geklärt wäre, ob ich als Spender infrage käme. Eine Ewigkeit, um einen Rückzieher zu machen. Als das halbe Jahr um war und ich die Nachricht bekam, dass alle Untersuchungen positiv waren, fand ich die Idee plötzlich gar nicht mehr so abwegig. Warum nicht anderen dabei helfen, ein Kind zu bekommen? Für mich war der Gedanke an eigene Kinder meilenweit entfernt. Eigentlich existierte er nicht mal. Also fuhr ich wieder nach Dänemark. Das ist jetzt fast acht Jahre her.“ Einen Moment war es still. „Warum haben Sie sich künstlich befruchten lassen?“

Lilli zögerte, aber ihm stand diese Frage genauso zu wie die, die sie gestellt hatte. „Ich habe nie den richtigen Mann gefunden, mit dem ich Kinder haben möchte, aber ich wollte unbedingt ein Kind. Ich war damals fünfunddreißig und hatte somit nicht mehr ewig Zeit. Deshalb entschied ich mich für diesen Weg.“

Wieder herrschte Stille, die nur durch das Vogelgezwitscher in den Bäumen um sie herum durchbrochen wurde. Sie hatten für heute beide genug Informationen gesammelt, die verdaut werden wollten. Lilli rief Emil, dessen Wangen vom Toben rot glühten, und packte die Sachen zusammen. Hannes hatte nichts dagegen, weitere Fragen auf den morgigen Tag zu verschieben. Sie fragte ihn, ob er Lust hatte, mit ihnen in den Tierpark zu fahren, und das hatte er. Lilli versprach, ihn um zehn am Hotel abzuholen.

„Also dann, bis morgen.“ Hannes hob die Hand zum Gruß.

„Bis morgen.“ Lilli stieg in ihr Auto und schaute zu, wie Hannes davonfuhr.

Sie ließ ebenfalls den Motor an und die Uhrzeit sprang ihr entgegen. Überrascht stellte Lilli fest, dass über zwei Stunden vergangen waren. Und noch etwas stellte sie fest. Sie freute sich auf den morgigen Tag. Viel wusste sie zwar nicht über Hannes, aber der erste Eindruck war mehr als positiv gewesen. Sie war guter Dinge, dass er auch weiterhin Interesse an Emil zeigen würde.

In dieser Nacht wachte Lilli mit starken Kopfschmerzen auf. Obwohl sie vor dem Schlafengehen ihre Tablette genommen hatte und auch jetzt schnell eine schluckte, hielt sie es kaum aus. Stöhnend wälzte sie sich im Bett hin und her. Drückte dabei das Gesicht ins Kopfkissen, um das Geräusch zu dämpfen und Emil nicht zu wecken. Als der Schmerz nach weiteren zwanzig Minuten endlich nachließ, war sie völlig erschöpft, fand aber nicht wieder in den Schlaf. Sobald sie jedoch aufzustehen versuchte, begann es vor ihren Augen zu flimmern. Also blieb sie liegen und spürte mit einer tiefen Hilflosigkeit wie der Puls sich erhöhte, hörte das wilde Pochen ihres Herzens und konnte die aufkommende Panik diesmal nicht abschütteln. Sie nahm Lillis Körper in Besitz und verursachte ein unkontrolliertes Zucken der Muskeln in ihren Beinen. Lilli konzentrierte sich auf ihre Atmung. Versuchte sich an tiefen und ruhigen Atemzügen. Trotzdem war es ein langer Kampf. Doch irgendwann war auch diese Attacke überstanden. Es dämmerte bereits, als ihr die Augen endlich zufielen und der Schlaf sie von ihren Gedanken befreite.

„Mama, aufwachen. Wir wollen doch in den Tierpark.“

Schlaftrunken blinzelte Lilli auf den Radiowecker auf ihrem Nachttisch. Halb neun.

„Gib mir noch `ne halbe Stunde, mein Schatz. Wir holen Hannes erst um zehn ab, das ist noch eine Weile hin.“

Doch selbst um zehn war sie noch wie ferngesteuert. Hannes wartete bereits vor dem Hotel. Lilli bat ihn ohne eine nähere Erklärung, das Steuer zu übernehmen. Besorgt betrachtete er sie.

„Sie sehen furchtbar aus, wenn ich das sagen darf.“

„Mama hatte wieder Kopfweh“, plapperte Emil unbekümmert dazwischen.

Sie wischte die Bemerkung mit einer Handbewegung von sich. „Halb so schlimm. Hat mich nur ein paar Stunden Schlaf gekostet. Von mir aus kann es losgehen.“

Hannes hakte nicht weiter nach und Lilli war ihm dankbar dafür. Schließlich sollte es ein schöner Tag werden.

Im Tierpark schlenderten sie nebeneinander her, während Emil von einem Gehege zum nächsten rannte. Mit kindlicher Begeisterung begutachtete er Waschbären, Mader und Füchse. Ehrfürchtig sah er auf die riesigen Braunbären hinab, die man von einer Holzbrücke aus beobachten konnte. Hannes unterbrach sein Gespräch mit Lilli immer wieder, um Emil auf ein anderes Tier aufmerksam zu machen. Oder er las ihm die Hinweistafeln vor, die an den Zäunen angebracht waren. Sie fütterten das frei herumlaufende Rotwild mit gekauftem Futter und lachten, als eins der Weibchen Hannes von hinten anstupste, um an die Tüte in seiner Jackentasche zu gelangen.

Das Wetter war milder als am Tag zuvor. Hannes und Lilli setzten sich für eine Weile auf eine der aufgestellten Holzbänke, damit Emil sich auf dem dortigen Spielplatz vergnügen konnte.

„Wie geht es jetzt weiter?“, fragte Hannes in ihre Gedanken hinein.

„Ich weiß nicht. Wenn Sie möchten, dass er erfährt, wer sein Vater ist, sollte er Sie besser kennenlernen.“

„Ich muss darüber nachdenken. Meine private Situation ist kompliziert.“

Lilli wartete, aber er redete nicht weiter und klärte sie nicht auf. „Fahren Sie heim und denken Sie darüber nach, was genau Sie wollen oder eben nicht wollen. Sie sollten sich nur sicher sein.“

„Das ist mir klar.“

Auf dem Heimweg übernahm Lilli das Steuer wieder. Hannes unterhielt sich angeregt mit Emil. Ob er spürte, dass dieser fremde Mann besonders war? Fühlte man solch eine Verbindung unbewusst? In Lillis Kopf formte sich ein Gedanke, aber sie bekam ihn nicht zu fassen. Dann wurde sie abgelenkt und er war verschwunden.

„Hier Kumpel, ich habe noch was für dich.“ Vor dem Hotel schnallte Hannes sich ab und drehte sich zu Emil um. „Sei aber vorsichtig.“

Ein kleiner, länglicher Gegenstand kam zum Vorschein. Lilli brauchte einen Moment, um ihn als Taschenmesser zu erkennen. Sie verdrehte schmunzelnd die Augen, während Emils Mund vor Staunen offenstand.

„Klasse, Mama hätte mir das nie gekauft.“

„Keine Dummheiten, sonst ist es auch gleich wieder verschwunden“, warnte sie ihn.

Hannes verabschiedete sich mit dem Versprechen, sich auf jeden Fall zu melden.

Lilli steckte Emil früh ins Bett und legte sich selbst auch kurz danach hin. Ihr innerer Akku war komplett leer. Gegen Morgen kamen die Kopfschmerzen wieder. Deshalb bat sie ihre Mutter, Emil in den Kindergarten zu bringen. Frau Tauber sagte nichts, aber ihr Blick sprach Bände. Lilli war bewusst, dass sie ihr viel zumutete. Es war auch für ihre Eltern eine schwierige Zeit, trotzdem war es ihr Leben.

Das Telefon lag neben ihrem Bett. Zwar glaubte sie nicht, dass Hannes sofort anrufen würde, aber sie wollte die Möglichkeit nicht gänzlich außer Acht lassen. Lilli ließ die vergangenen beiden Tage Revue passieren. Hannes hatte einen sympathischen Eindruck hinterlassen. Allerdings hatte sie nicht viel aus ihm herausbekommen. Im Gegenzug hatte er zu ihrer Person auch sehr wenige Fragen gestellt. Sein Hauptinteresse galt Emil. Was natürlich Sinn und Zweck der Sache war. Trotzdem hätte sie gern mehr über ihn erfahren. Alle Informationen, die er ihr gegeben hatte, waren eher unpersönlicher Natur. Er hatte erzählt, wo er herkam, über seinen Job berichtet und dass er Volleyball spielte. Wenn er weiterhin Kontakt zu Emil wollte, würde er vielleicht auftauen und mehr von sich preisgeben.

Das Handy, das ebenfalls neben dem Bett lag, klingelte.

„Hallo, ich bin es, Patrick. Wie war Ihr Wochenende?“

„Ganz gut, würde ich sagen.“

„Würden Sie mir davon erzählen?“

„Sie hängen sich ja ziemlich rein.“

„Ich bin zu aufdringlich. Sorry, das wollte ich nicht.“

„Kein Grund, sich zu entschuldigen.“ Lilli musste ein wenig lachen. „Ich frage mich nur manchmal, warum Sie ausgerechnet mir helfen?“

„Sie haben mich gefragt. Nein, mal ehrlich. Eigentlich geht es mir auch mehr um Emil als um Sie. Es ist wichtig, seine Wurzeln zu kennen. Was Sie alle am Ende daraus machen, steht auf einem anderen Blatt. Ich wünsche ihm nur, dass er nie das Gefühl haben wird, unvollständig zu sein.“

„Sie hören sich an, als wüssten Sie, worüber Sie reden.“

„Sagen wir mal, ich hatte mit solchen Dingen schon zu tun.“

„Okay, verstehe.“ Um es zu verstehen, war die Antwort vielleicht etwas zu schwammig, aber Lilli wollte nicht weiter nachbohren. „Wie sieht es aus? Können Sie gegen elf hier sein? Dann stehe ich Ihnen Rede und Antwort.“

„Sind Sie zu Hause?“

„Ja, bin ich. Ich arbeite erst ab Dienstag.“

„Okay, prima. Ich bin um elf bei Ihnen.“

Als es Zeit wurde, sich ein wenig frisch zu machen, kletterte sie aus dem Bett. Das Flimmern vor den Augen begleitete sie bis ins Badezimmer. Lilli stützte sich auf dem Rand des Waschbeckens ab und starrte in den Spiegel. Mein Gott Lilli, wenn du so weitermachst, siehst du bald aus wie fünfzig. Sie riss sich los, spritze sich Wasser ins Gesicht und zog sich langsam an.

Doch der Schwindel und das Dröhnen im Kopf wollten an diesem Vormittag nicht verschwinden. Sie balancierte das Tablettenpäckchen in der offenen Handfläche.

Später saß sie auf der Couch und blickte ins Leere. Das Schellen der Türklingel drang aus weiter Ferne an sie heran. Ihr Körper gehorchte ihr nicht. Sie wollte aufstehen, ihr Unterbewusstsein wusste, dass es sich um Patrick handelte, der zu ihr wollte, weil sie sich verabredet hatten. Lilli schloss die Augen, kämpfte gegen das dumpfe Gefühl im Kopf. Als es an der Tür klopfte, schaffte sie es endlich, sich von der Couch zu erheben. Schwerfällig, fast mechanisch setzte sie einen Fuß vor den anderen. Ihr Sichtfeld war eingeschränkt, als hätte jemand einen Schleier darüber gehangen und an den Seiten Vorhänge zugezogen. Die Tür ging auf, bevor Lilli sie erreichen konnte. Patrick trat ein, gefolgt von Miri. Im Nebel nahm sie ihre erschrockenen Gesichter wahr. Sie wollte sie beruhigen, doch schon einen Wimpernschlag später gaben ihre Beine nach und die Welt um sie herum versank in Dunkelheit.

5

Lilli kam zu sich. Das Gewicht ihres Körpers drückte tonnenschwer. Selbst durch die geschlossenen Lider empfand sie das Licht dahinter als viel zu grell. Schatten tanzten vor ihren Augen und das Gemurmel war ein undurchdringliches Chaos.

Ihre Augenlider flatterten wie Schmetterlingsflügel, als sie versuchte, sie zu öffnen. Nicht mehr ganz so unangenehm drang das Licht durch den winzigen Spalt zwischen ihren Wimpern. Sie gab sich Mühe, die Augen offen zu halten. Die Welt dahinter war verschwommen. Lilli erkannte den Ort nicht, an dem sie sich befand. Plötzlich tauchte ein Kopf über ihr auf. Vor Schreck zuckte sie zusammen.

„Sie ist wach“, freute sich eine Stimme.

Ein zweiter Kopf erschien. „Hallo Maus, was machst du denn für Sachen?“ Miris Kopf verschwand wieder. „Ich sag der Schwester Bescheid und hole ihre Mutter.“

Sie hörte eine Tür auf und zu gehen, dann war es wieder still. Langsam drehte Lilli den Kopf. Patrick saß auf einem Stuhl neben dem Bett.

„Tut mir leid.“ Ihre Stimme hörte sich an wie ein Reibeisen. „Ich schätze, ich habe dein Interview versaut“, entschuldigte sie sich bei ihm.

„Das holen wir nach.“ Er wirkte verärgert. „Oder auch nicht, wenn du dein Leben weiterhin so leichtfertig aufs Spiel setzt.“

Erstaunt sah sie zu, wie er mit viel zu viel Schwung seinen Stuhl nach hinten schob und ohne ein weiteres Wort den Raum verließ. An der Tür stieß er fast mit Miri zusammen, die Lillis Mutter im Schlepptau hatte.

Lilli leckte sich über die Lippen, um sie zu befeuchten, bevor sie zu sprechen begann. „Was hat er denn auf einmal?“

„Der ist schon die ganze Zeit so drauf. Wollte nicht von deiner Seite weichen. Ich würde sagen, der Kleine steht auf dich.“

Von Frau Tauber kam ein missbilligender Laut. Lilli wollte sich dazu äußern, als erneut die Tür aufging. Eine füllige Krankenschwester mit streng zurückgebundenem Pferdeschwanz, sie erinnerte Lilli an Berta aus Two and a half men, stapfte herein, gefolgt von einem Mann in weißem Kittel, bei dem es sich höchstwahrscheinlich um den Arzt handelte.

„Hallo Frau Tauber. Wie ich sehe, sind Sie wach. Das freut mich.“

Während er sich einen Stuhl heranzog, krallte sich Berta Lillis Arm und maß den Blutdruck.

„Sie wissen, warum Sie hier sind?“

Lillis Blick wanderte zu ihrer Freundin.

„Deine Mutter war so nett, mich aufzuklären“, bestätigte Miri ihren Verdacht.

Seufzend wandte sie sich wieder dem Arzt zu. „Ich würde sagen, ich habe was im Kopf, was da nicht hingehört.“

„Nett formuliert, nur so einfach ist das nicht. Wir haben uns die Unterlagen Ihres Arztes zuschicken lassen. Es handelt sich um einen gutartigen Tumor, genauer gesagt um ein Meningeom.“

„Ich weiß.“

„Prima, dann wissen Sie auch, dass er bereits einen gewissen Platz in Ihrem Kopf einnimmt, sonst hätten sich die Symptome nicht verstärkt.“

„Das ist mir bewusst.“

„Sie sollten die OP nicht auf die lange Bank schieben. Er wird nicht von allein wieder verschwinden.“

„Das ist mir ebenfalls klar.“ Lilli wusste auch, dass sie sich wie ein bockiges, kleines Kind anhörte. Aber sie war ja nicht blöd. Sie hatte ihren Arzt schon beim ersten Mal verstanden. „Bin ich deswegen umgekippt?“, fragte sie dennoch.

„Nein, Sie haben es mit der Medikamenteneinnahme etwas übertrieben. Die Dosierung ist nicht umsonst begrenzt.“ Klugscheißer. „Ich stelle Ihnen bei der Entlassung ein neues Rezept aus. Mit einer höheren Dosierung, aber wie gesagt, lassen Sie sich endlich operieren.“

„Wann kann ich hier raus?“

„Lilli.“ Empört erhob ihre Mutter die Stimme.

„Ich würde Sie gerne noch eine Nacht zur Beobachtung hierbehalten.“

„Und wenn ich nicht will?“

Berta sah ihren Chef neugierig an.

„Unterschreiben Sie mir, dass Sie auf eigene Gefahr das Krankenhaus verlassen.“

„Hervorragend, bereiten Sie alles dafür vor.“

„Lilli.“ Nun mischte sich Miri mit einem entsetzten Gesichtsausdruck ein.

„Ich werde nicht bleiben, und ihr könnt mich nicht zwingen.“

„Ich werde alles veranlassen. Viel Glück für Sie.“

„Danke.“

Damit verschwanden Doktor Klugscheißer und Berta. Nachdem die Tür hinter ihnen zugefallen war, sprang Miri auf und lief wie ein aufgescheuchtes Huhn hin und her.

„Setz dich wieder. Du machst mich wahnsinnig.“ Lilli stand auf und zog sich die Schuhe an. Netterweise hatte man ihr in ihrem bewusstlosen Zustand kein Krankenhausnachthemd angezogen.

„Findest du das in irgendeiner Weise witzig?“ Miris Stimme war schrill. Sie klang hysterisch. Nein, sie war es. Ihr Gesichtsausdruck war eindeutig. „Hier geht es um dein Leben, und du tust so, als müsste eine Warze entfernt werden.“ Sie setzte sich auf den Rand des Bettes und sackte in sich zusammen.

Lillis Mutter schwieg, sie hatte diese Phase der Wut bereits hinter sich. Trotzdem entgingen Lilli die harten, angespannten Gesichtszüge nicht. Natürlich war sie Miris Meinung. Immerhin ging es um das Leben ihrer Tochter. Lilli verstand die beiden, aber sie hatte etwas zu erledigen, und dass musste abgeschlossen sein, bevor sie einer Operation zustimmte. Natürlich belastete es sie. Sie lebte mit dem Gedanken an den Tumor jeden Tag. Manchmal, gerade tagsüber, rückte er in den Hintergrund. Wenn sie sich fit fühlte und nichts darauf hindeutete, dass in ihrem Kopf dieses Ding wuchs. Doch dann waren da plötzlich wieder diese furchtbaren Kopfschmerzen, die sie daran erinnerten, was mit ihr los war. Sie wusste auch, dass noch mehr kommen konnte. Sehstörungen, epileptische Anfälle, Übelkeit, Erbrechen, all das konnten Symptome sein. Aber sie waren nichts im Gegensatz dazu, was sie erwartete, wenn die OP schiefging. Niemand konnte ihr versprechen, dass bei dem Eingriff nicht aus Versehen intaktes Gewebe zerstört wird. Darüber machte sich niemand Gedanken. Sie alle sahen nur den Tumor, der wieder aus ihr raus musste. Niemand sah das Risiko, das sie dabei einging. Würden sie immer noch so reden, wenn sie wüssten, dass Lilli als hilfloses sabberndes Elend aufwachen konnte? Wenn sie wieder aufwachte. Die Wahrscheinlichkeit mochte gering sein, aber sie existierte, und das reichte, um sie zögern zu lassen.

„Genau, es geht um mein Leben. Ihr habt alle gut reden. Euer Schädel wird nicht aufgebohrt. Es mag ein gutartiger Tumor sein, aber er sitzt in meinem scheiß Kopf. Hört sich alles ganz easy an, was der liebe Onkel Doktor da erzählt. Aber was, wenn die OP schiefgeht? Glaub mir, ich finde das alles ganz und gar nicht witzig.“

„Wann hattest du vor, es mir zu erzählen?“ Ihre Stimme war nur noch ein Flüstern. Es hörte sich nicht an wie ein Vorwurf. Nein, vielmehr klang es enttäuscht. Lilli konnte es ihr nicht verübeln.

„Das wollte ich schon längst, glaub mir. Aber die ersten Tage waren so … so unwirklich. Ich konnte nicht glauben, dass mir dieser Mist passiert. Und es laut aussprechen ist immer noch die reinste Folter.“ Der Kloß im Hals schwoll an. Ihr fiel das Schlucken schwer, aber sie wollte nicht heulen. Sie wollte stark sein, sich nicht unterkriegen lassen. „Ich habe auf den richtigen Moment gewartet. Dummerweise kam mir das hier“, in einer Geste breitete Lilli die Arme aus, die das Krankenhaus umschreiben sollte, „zuvor. Es tut mir leid. Ich wollte dich nicht ins offene Messer rennen lassen. Du hättest es mit als Erste wissen müssen.“

„Ich versteh dich ja und bin dir nicht böse. Ich kann mir kaum vorstellen, was für ein Schock das gewesen sein muss. Jetzt weiß ich es und bin für dich da. Egal, ob du reden willst, ich dir Emil abnehmen soll oder du einfach ein bisschen Ablenkung und Normalität benötigst.“

„Danke, du bist die Beste.“ Lilli beugte sich vor und gab Miri einen dicken Kuss auf die Wange. Dann fiel ihr wieder ein, dass ihre Freundin vor wenigen Stunden mit Patrick in ihrer Wohnung aufgetaucht war. „Was wolltest du heute Morgen eigentlich bei mir?“

„Im Ernst? Ich war neugierig, was denn sonst?“

„Klar, was denn sonst.“ Lilli lachte. „Dann lasst uns fahren und ich erzähle dir alles bei einem Kaffee.“

„Mama!“ Emil kam freudig auf Lilli zugesprungen.

„Hi, mein Schatz. Mami ist wieder da.“

„Bleibst du jetzt bei mir?“

„Natürlich bleibe ich bei dir. Alles ist gut. Na komm, wir gehen mit Miri nach oben.“

Mit dem besorgten Blick ihres Vaters und dem vorwurfsvollen Blick ihrer Mama im Rücken, folgte sie den anderen beiden die Treppe hoch. Oben angekommen nahm Emil die zwei Frauen so in Beschlag, dass sie keine Chance hatten, über den eigentlichen Grund von Miris Besuch zu reden. In einer freien Sekunde kontrolliere Lilli Telefon und Handy, fand aber keine neuen Nachrichten. Sie wusste, dass sie Hannes Zeit geben musste, trotzdem machte sein Schweigen sie wütend.

Nachdem Miri sich verabschiedet hatte, um Anton aus der Nachmittagsbetreuung zu holen, spielte Lilli kurz mit dem Gedanken, Hannes einfach anzurufen. Aber eben nur kurz. Stattdessen wählte sie die Nummer von Patrick. Sein Abgang vorhin aus dem Krankenhaus hatte sie nachdenklich gemacht.

„Hier ist die Mailbox von Patrick Lietz, bitte hinterlassen Sie eine Nachricht.“

„Hallo Patrick, hier ist Lilli. Ich wollte mich nur melden und sagen, dass ich wieder zu Hause bin. Also dann …“

Sie erinnerte sich an Miris Worte. Der Kleine steht auf dich, hatte sie gesagt. Lilli glaubte nicht daran. Ihr Gefühl sagte ihr, dass seine Besorgnis einen anderen Grund hatte. Nur welchen?

Weder Hannes noch Patrick ließen an diesem Tag von sich hören. Dafür bekam Lilli einen besorgten Anruf von Alma. Sie war die vergangenen zwei Wochen mit Janosch und Luca im Urlaub gewesen. Dummerweise hatte sie sich zuerst bei Miri zurückgemeldet. Eine halbe Stunde unterhielten die Freundinnen sich. Während Alma Lilli davon überzeugen wollte, wie wichtig eine schnelle OP war, versuchte diese ihr klar zu machen, warum sie warten wollte. Tatsächlich konnte sie Alma für sich gewinnen, und am Ende des Gesprächs hatte Lilli ihre erste und vielleicht einzige Verbündete.

Am nächsten Morgen rief Patrick zurück. Lilli merkte, wie zurückhaltend er plötzlich war. Hatte sie ihn mit ihrer Diagnose so verschreckt? Sie konnte ihn überzeugen, sich mit ihr zu treffen. Mit einer Tüte frischer Brötchen tauchte er eine Stunde später bei ihr auf.

„Schön, dass du gekommen bist.“

„Danke für die Einladung“, antwortete er höflich.

Lilli ging vor ihm her in die Küche. Auf dem kleinen Tisch hatte sie bereits den Kühlschrankinhalt ausgebreitet. Käse, Schinken, Tomaten, frischgekochte Eier, Marmelade und Nutella. Keine riesige Auswahl, aber dafür von allem reichlich.

„Setz dich. Magst du Kaffee?“

„Gerne.“

Während sie den durchgelaufenen Kaffee in die Henkeltassen und den Rest in eine Thermoskanne umfüllte, überlegte sie fieberhaft, wie sie ein Gespräch in Gang bringen könnte.

„Wir sind ja vorgestern nicht mehr dazu gekommen. Soll ich dir von dem Treffen mit Hannes erzählen?“

„Ja, machen Sie das. Aber lassen Sie uns erst essen, dann kann ich in Ruhe mitschreiben.“

„Na klar, essen wir.“ Die Stille erfüllte den gesamten Raum. Sie war zum Schneiden dick.

„Du warst gestern sehr aufgebracht.“ Seine Reaktion vom Vortag beschäftigte sie weiterhin.

„Es kommt nicht jeden Tag vor, dass vor meinen Augen jemand zusammenbricht, weil er einen Hirntumor hat, den er seinem Umfeld verschweigt.“

„Ich hatte meine Gründe.“

„Sicher hattest du die.“ Jetzt war auch er wieder ins Du gewechselt. Schon zuvor war es ihm zweimal herausgerutscht. Immer dann, wenn er emotional an eine Sache heranging.

„Ich muss mich vor niemandem für mein Verhalten rechtfertigen. Schon gar nicht vor dir. Wir kennen uns kaum.“ Lillis Hand umklammerte den Griff des Messers, sodass die Knöchel weiß hervortraten.

„Richtig, wir kennen uns kaum.“ Seine Stimme war kalt wie Eis.

„Hör zu, Patrick. Ich weiß nicht, was du dir vielleicht erhoffst. Ich bin fünfzehn Jahre älter als du. Also ich meine, du und ich, das wird nichts …“ Sein Lachen ließ sie zusammenzucken.

„Glaubst du, ich will was von dir? Keine Sorge, die Gefahr besteht nun wirklich nicht.“

Seine deutlichen Worte trieben ihr die Röte ins Gesicht, machten sie aber auch wütend. „Tut mir leid, aber ich konnte ja nicht ahnen, dass die Vorstellung für dich so abwegig ist.“

„Du hast ja keine Ahnung.“

„Nein, scheinbar habe ich die nicht.“

Patrick schaute Lilli an, und sein Blick wurde sanfter, als er merkte, dass seine Worte sie verletzt hatten. „Du bist `ne tolle Frau Lilli. Unter anderen Umständen würde ich mich wahrscheinlich zu dir hingezogen fühlen.“ Er lächelte traurig. „Das alles ist kompliziert.“

„Oh, mit kompliziert kenne ich mich aus.“

„Das glaube ich dir aufs Wort.“ Er stach mit der Gabel in die Tomate auf seinem Teller und steckte sie sich in den Mund. „Ich will nicht streiten. Du musst dich vor mir auch nicht rechtfertigen. Ich möchte nur gern verstehen, warum du so handelst.“

Gemeinsam räumten sie den Tisch ab und zogen ins Wohnzimmer um. Aus seiner Tasche, die er bei seiner Ankunft im Flur abgestellt hatte, holte Patrick Block und Stift. Er suchte sich eine gemütliche Position auf der Couch und blickte Lilli abwartend an. Sie begann zu erzählen, von Hannes` erstem Anruf, von seinen Vorwürfen und dem plötzlich folgenden Wunsch, seinen Sohn zu sehen. Von dem Nachmittag auf dem Spielplatz und dem Tag im Tierpark. Seinem Versprechen sich zu melden, egal wie er sich entscheiden würde.

„Seit wann weißt du von deiner Erkrankung?“

„Interessiert das den Journalisten oder dich?“

„Beide.“

Also erzählte sie ihm auch diesen Teil der Geschichte. Dass sie erst der Tumor dazu bewogen hatte, Emils Vater ausfindig zu machen. Dass sie vorher der Meinung gewesen war, Emil zu schützen, wenn sie diese Anonymität bewahrte. Dass sie aber plötzlich angreifbar war. Was vorher so weit entfernt gewesen war, stand mit einem Mal vor der Tür. Lilli musste sich mit dem Gedanken auseinandersetzen, dass Emil ohne sie aufwachsen könnte. Sie konnte sich nicht vorstellen, diese Welt zu verlassen und Emil seinen Vater weiterhin vorzuenthalten. „Er hat ein Recht zu erfahren, woher er kommt. Er hat ein Recht auf beide Elternteile“, beendete sie ihren Monolog.

„Wie wirst du reagieren, wenn Hannes keinen weiteren Kontakt möchte?“

„Keine Ahnung. Ich schätze, ich werde enttäuscht sein. Andererseits kann ich ihm keine Vorwürfe machen. Er wollte nie wissen, wer sein Kind ist.“

„Wie denkst du darüber?“ Patrick knabberte an der Spitze seines Kugelschreibers.

„Ich denke, dass kein Kind es verdient hat, dass sich Mutter oder Vater von ihm abwenden.“

„Ist das schon immer deine Meinung?“ Sein Blick bohrte sich in Lilli hinein.

„Ich weiß nicht, ja, vielleicht. Bewusst sicher erst seit Emil auf der Welt ist.“

„Ich gehe davon aus, er ist dein erstes Kind?“

Lillis Puls erhöhte sich schlagartig bei dieser Frage. Sie wich seinem durchdringenden Blick aus. Wusste er mehr als er preisgab? Bis auf seine Augen wirkte sein Gesicht völlig neutral. Himmel, sie sah schon Gespenster, wo es keine gab. Trotzdem stand sie auf und ignorierte seine letzte Frage. „Apropos Emil, ich muss ihn bald aus der Kita holen und sollte vorher das Essen kochen. Ich denke, für heute hast du genug Informationen bekommen, die du verwenden kannst.“

„Natürlich, verstehe.“ Einen Moment wirkte er enttäuscht, dann hellte sich sein Gesicht wieder auf. „Darf ich mitkommen? Emil holen, meine ich.“

„Mmh, ja, warum nicht. Er freut sich bestimmt.“

Also kochte sie für drei. Anschließend holten sie Emil und aßen gemeinsam. Von der angespannten Stimmung während des vorangegangenen Gesprächs war nichts mehr zu spüren.

„Wenn du willst, leg dich hin. Ruh dich ein wenig. Wir spielen in deinem Zimmer, oder Kumpel?“

Emil nickte begeistert. Lilli zögerte einen Moment bei Patricks Vorschlag.

„Du musst dir keine Sorgen machen“, erriet er sofort ihre Gedanken.

„Na gut. Ein bisschen Ruhe wäre wirklich nicht schlecht.“ Die neuen Medikamente machten sie schläfrig.

Es dauerte auch nicht lange, da fielen ihr die Augen zu. Es war fast dunkel, als Lilli sie wieder öffnete. Sie brauchte einen Moment, um sich zu sammeln, und war unsicher auf den Beinen, als sie ins Wohnzimmer ging. Der Fernseher lief. Patrick saß neben Emil auf der Couch und bemerkte sie als Erster.

„Hey, ausgeschlafen?“

„Wie spät ist es denn?“

„Gleich sieben.“

„O Mann.“ Lilli lächelte entschuldigend. „Du hättest nicht bleiben müssen. Meine Eltern sind sicher unten.“

„Schon gut, habe ich gern gemacht. Wir hatten Spaß. Darf er überhaupt?“, er zeigte auf das Fernsehgerät. „Er meinte, ja.“

„Das ist okay. Nach dem Sandmännchen ist aber Schluss, junger Mann.“ Sie wuschelte Emil, der wie gebannt auf den Bildschirm starrte, durch sein dunkles Haar.

„Danke dir.“

„Gern geschehen. Wie geht`s dir?“

„Gut und vor allem ausgeschlafen. Wahrscheinlich geistere ich jetzt die halbe Nacht durch die Wohnung.“

Patrick drückte sich aus dem Sofa hoch und griff nach seiner Tasche. „Wenn du willst, komme ich morgen wieder.“

„Du hast doch sicher Besseres zu tun, als Babysitter für einen Fünfjährigen zu spielen?“

„Nein, eigentlich nicht.“

Zum ersten Mal grinste er wie ein kleiner Junge und man sah ihm seine fünfundzwanzig an. Die meiste Zeit wirkte er so ernst.

„Wenn du unbedingt willst, von mir aus. Emil? Soll Patrick morgen noch mal mit dir spielen?“

„Echt? Auf jeden Fall.“

„So schnell macht man euch Männer glücklich. Immer wieder faszinierend.“

„Wir sind simpel gestrickt, weißt du doch. Gute Nacht, Lilli.“

„Gute Nacht, komm gut heim.“

„Mach ich.“ Patrick war schon halb die Treppe unten, als er stehen blieb und sich zu ihr umdrehte. „Kennst du eigentlich die Geschichte von den zwei Wölfen?“

„Nie gehört.“

„Da sind zwei Wölfe, die ständig miteinander kämpfen. Der eine Wolf ist die Dunkelheit und Verzweiflung. Der andere ist das Licht und die Hoffnung. Welcher Wolf gewinnt wohl?“

„Keine Ahnung?“

„Der Wolf, den du fütterst.“

„Nette Geschichte.“

„Es ist nicht nur eine Geschichte. Es handelt sich um eine Weisheit der Indianer. Und die Jungs haben recht. Man hat immer eine Wahl. Du musst nur den richtigen Wolf füttern.“

Ohne auf Lillis Antwort zu warten, sprang er die letzten Stufen hinunter und verschwand nach draußen. Sie hörte, wie der Motor seines Autos ansprang und der Lichtkegel seiner Scheinwerfer über das Fenster huschte. Noch immer wurde sie aus ihm nicht wirklich schlau, aber sie hatte ihn ins Herz geschlossen. Ihr war durchaus bewusst, dass er sie daran erinnerte, was sie vor langer Zeit verloren hatte. Ihr war auch klar, dass er das Loch in ihr nicht füllen konnte, und dass sie kein Recht hatte, ihn zu einem Ersatz zu machen. Trotzdem ließ sie zu, dass er ihr guttat in dieser komplizierten Phase ihres Lebens.

6

„Hallo, ich bin es, Hannes.“

„Oh, hallo.“

Lilli putzte gerade die Fenster, bevor das schlechte Wetter endgültig Einzug hielt, als das Telefon klingelte. Beim Abheben hatte sie nicht auf die angezeigte Nummer geachtet und war überrascht, Hannes` Stimme zu hören. Irgendwie hatte sie mit ihm nicht mehr gerechnet. Jeden Tag der vergangenen Woche hatte sie das Telefon angestarrt, als könnte es ihr verraten, wann er sich endlich meldete. Nun spürte sie, wie die Handflächen beim Warten auf seine Antwort feucht wurden.

„Tut mir leid, dass ich Sie so lange hab warten lassen. Die Woche war ziemlich chaotisch. Meine Entscheidung hatte ich eigentlich schon gefällt, als ich am Sonntag zurückgefahren bin.“

Zum ersten Mal achtete Lilli bewusst auf den Klang seiner Stimme. Sie war angenehm tief. Es war eine dieser Stimmen, hinter der man einen attraktiven Mann vermutete, wenn man noch kein Gesicht dazu gesehen hatte. In seinem Fall traf es sogar zu. Vielleicht hätte sie sich auf der Straße sogar nach ihm umgedreht, um einen zweiten Blick zu riskieren. Nicht, dass sie etwas für ihn empfand, aber es gefiel ihr, ihn ausgewählt zu haben.

„Okay, bringen wir es hinter uns.“

„Das klingt, als rechnen Sie mit einem Nein.“

„Ich wollte mir keine Hoffnungen machen, wo es eventuell keine gibt.“

„Dann werde ich Sie jetzt wohl überraschen, wenn ich sage, dass ich sehr gern weiteren Kontakt haben möchte. Emil ist ein toller Junge. Ich würde gern mehr über ihn erfahren.“ Stille. „Sind Sie noch dran?“

„Was? Ja, ja, bin ich. Wow, das ist toll. Ich, ja, ich schätze, ich bin überrascht.“

Das Lachen am anderen Ende der Leitung war sympathisch und zauberte ihr ebenfalls ein Lächeln ins Gesicht. Lilli entspannte sich, ging mit dem Hörer am Ohr ins Bad, warf dort den Putzlappen ins Waschbecken und lümmelte sich in den alten, ausgewetzten Ohrensessel.

„Wie haben Sie sich das Kennenlernen denn vorgestellt? Sie wohnen ja nicht eben um die Ecke.“ Gespannt drehte sie sich eine Locke um den Finger.

„Ich bin in nächster Zeit terminlich sehr eingespannt. Ich dachte mir, wir beide telefonieren ein wenig miteinander und Sie erzählen mir ein bisschen. Vielleicht haben Sie auch ältere Fotos, die Sie mir schicken können. Wenn es nicht zu viel verlangt ist, wäre ich gern dabei, wenn Sie ihm von mir erzählen.“

„Das lässt sich einrichten.“

„Prima. Jetzt am Wochenende bin ich allerdings unterwegs. Darf ich Sie Montagabend anrufen? So gegen neun?“

„Ja, sehr gern.“

„Wunderbar, wir hören Montag wieder voneinander.“

„Ja, bis dann. Ach, und Hannes, ich danke Ihnen. Das bedeutet mir sehr viel.“

„Schon okay, ich freu mich.“

Lilli blieb mit angewinkelten Beinen im Sessel sitzen, und grinste still vor sich hin, als hätte sie zu viel vom Putzmittel eingeatmet.

Auch Samstag und Sonntag war sie bester Laune. Selbst der Tumor machte keine Beschwerden, als würde er sich mit ihr freuen und ihr eine Auszeit gönnen. Obwohl sie Fenster geputzt hatte, schien weiterhin die Sonne. Die Temperaturen kletterten auf über zwanzig Grad. Spontan lud Lilli all ihre Lieben zum Grillen ein.

Emil und sie fuhren, nachdem sie alle informiert hatte, zum Einkaufen. Mit dicken Tüten voller Steaks, Würstchen und leckerer Spieße, zwei Köpfen Salat, Soßen, Pommes, Baguettestangen und allem, was sonst noch benötigt wurde, traten sie den Heimweg an. Auf halbem Weg mussten sie jedoch umdrehen, weil Lilli die Getränke vergessen hatte. Emil fand die darauf folgenden, halbwegs kindgerechten Flüche seiner Mutter zum Totlachen.

Lillis Vater kümmerte sich netterweise darum, die Grillkohle zum Glühen zu bringen. Lilli selbst dekorierte die Gartentische und schleppte mit ihrer Mutter Geschirr und Gläser hinaus.

Pünktlich um vier erschienen die Ersten. Schnell war der Garten mit heiteren Menschen gefüllt, die unbeschwert diesen Tag genossen. Die Männer standen mit einer Flasche Bier in der Hand am Grill. Die Frauen saßen in der Hängeschaukel und sahen den Kindern beim Spielen zu. Fast erwartete man, dass ein paar stimmgewaltige, farbige Frauen auftauchten und Oh happy day sangen.

Lilli ertappte sich dabei, wie sie sich vorstellte, Hannes wäre anwesend. Ihr erster Eindruck, wenn man dem ersten Telefonat keine Beachtung schenkte, sagte ihr, dass er gut zu diesem kleinen Trüppchen dazu passen würde. Als ein großgewachsener Mann hinter ihrer Mutter in der Verandatür auftauchte, glaubte sie schon, er sei es wirklich. Beim zweiten Hinsehen erkannte sie Patrick. Miri hatte ihn ebenfalls entdeckt.

„Hast du ihn auch eingeladen?“

„Nein, keine Ahnung, was er will.“ Lilli stand auf und ging auf ihn zu. „Hallo, was machst du denn hier?“

„Keine Angst, ich bin gleich wieder weg. Ich wollte dir eigentlich nur kurz meinen Text dalassen, damit du ihn lesen kannst. Ist schließlich deine Geschichte. Wenn ich gewusst hätte, dass du feierst, wäre ich nicht gekommen. Ich hätte ihn ja auch mailen können.“

„Nein, ich freue mich.“ Sie blickte auf ihre Gäste. „Das war eine spontane Idee. Bleib doch, wenn du magst. Essen haben wir reichlich, da dürfen sogar noch ein paar mehr kommen.“

Unsicher blickte Patrick sich um. „Ich weiß nicht.“ Kein Wunder, alle Augenpaare waren auf ihn gerichtet. Ihre Freunde waren nicht gerade das, was man diskret nennen konnte.

„Nein, ich denke, ich gehe lieber.“

„Aber bitte nicht, weil du glaubst, ich wollte dich nicht dabeihaben. Ich habe nicht gefragt, weil ich der Meinung war, du hast sicher keine Lust mit Leuten den Samstagnachmittag zu verbringen, die deine Eltern sein könnten.“

Wieder huschte bei ihren Worten ein bitterer Zug über sein Gesicht. Bei einem Teenager würde sie die wechselhafte Stimmung aufs Alter schieben, aber bei Patrick wusste sie nicht, was sie auslöste. Sie wollte ihn zum Bleiben überreden, aber Emil kam ihr zuvor.

„Patrick, du bist auch da. Komm, ich zeig dir, was wir gebaut haben.“

Er packte ihn am Arm, sodass Widerstand zwecklos war, und zog ihn energisch von Lilli weg. Ihr Mund bildete stumm das Wort Danke. Schmunzelnd legte sie die von ihm mitgebrachten Unterlagen zur Seite und ging wieder zu Miri und Alma, die ihn lüstern begutachteten.

„Hey ihr zwei, nicht sabbern.“ Lilli wartete, bis die Hängeschaukel nach vorn kam und hüpfte schnell hinauf.

„Wieso, gehört er jetzt dir?“

„Nein, er steht eindeutig nicht auf ältere Frauen.“

„Sag nur, du hast ihn angemacht?“ Miris Neugier war erwacht.

Lilli boxte sie in die Rippen, damit sie leiser war, und erzählte ihnen von dem Vormittag mit Patrick und wie sehr sie sich blamiert hatte.

Miri prustete los und kriegte sich gar nicht mehr ein vor Lachen. Dummerweise war ihr Gekicher ansteckend, und bald hielten sich alle drei lachend die Bäuche.

„Er steht aber doch hoffentlich nicht auf kleine Jungs?“

„Das ist nicht witzig“, meinte Alma entsetzt, nachdem sie sich wieder beruhigt hatten.

Sie widmeten sich anderen Themen, bis Markus verkündete, dass das Essen fertig war. Schnell holte Lilli noch einen Stuhl, Teller und Besteck herbei. Als alle saßen, stellte sie ihnen Patrick kurz vor. So viel Aufmerksamkeit war ihm sichtlich unangenehm. Wahrscheinlich war er es nicht gewohnt, denn in seinem Job waren es die anderen, die die Aufmerksamkeit auf sich zogen.

Doch Lillis Freunde waren gütig und bombardierten ihn nicht mit Fragen. Markus und Janosch integrierten ihn stattdessen in ihr Gespräch über irgendeinen SUV, der neu auf dem Automarkt gekommen war. Patrick taute schnell auf und hatte seine ganz eigene Meinung zu dem Thema, die er gern mit den beiden teilte.

Die Mädels halfen Lilli, den Tisch abzuräumen und die Essensreste erst in Kunststoffbehältern und dann im Kühlschrank zu verstauen. An der Front der Kühlschranktür pinnten verschiedene Fotos und Notizen. Miri stand davor und ließ ihrer Neugier mal wieder freien Lauf.

„Hat sich da eigentlich was ergeben?“ Sie tippte mit dem Finger auf den Zettel mit Hannes` Handynummer.

„Was meinst du, warum ich so gut gelaunt bin?“

„Weil du so tolle Freunde hast?“

„Deshalb auch, selbstverständlich.“ Lilli warf ihr eine Kusshand zu und brachte beide auf den neuesten Stand.

„Gleich zwei neue Männer in deinem Leben. Hoffentlich kann deine Mutter Hannes besser leiden als Patrick. Wobei der ja eh wieder verschwindet, wenn er seine Story hat.“

„Wie meinst du das?“ Irritiert drehte Lilli sich zu ihr um.

„Deine Mutter sieht ihn den ganzen Tag schon so merkwürdig an. Ist euch das nicht aufgefallen? Sie beäugt ihn wie einen Außerirdischen. Wenn du mich fragst, mag sie ihn nicht.“

Weil sie in Lillis Gegenwart noch keinerlei Andeutungen in dieser Richtung gemacht hatte, konnte sie dazu nichts sagen. Allerdings wusste sie auch, dass ihr die Meinung ihrer Mutter wichtig war, aber sie immer ihre eigenen Entscheidungen treffen würde. Den Fehler hatte sie einmal begangen und bereute ihn bis heute.

Sie gingen zu den anderen und spielten alle gemeinsam eine Runde Boccia im Gras. Gegen sechs war die Sonne jedoch verschwunden. Es wurde kühl. Kurz darauf herrschte Aufbruchsstimmung. Lilli blickte ihnen hinterher, wie sie in ihre Autos stiegen und davonfuhren. Zum ersten Mal an diesem Tag dachte sie daran, dass solche Tage im schlimmsten Fall in Zukunft ohne sie stattfanden. Sie schluckte den Kloß im Hals herunter und wandte sich ab. Nein, nicht jetzt. Der Tag war zu schön gewesen, um ihn mit solch negativen Gedanken enden zu lassen.

Auch der Sonntag wurde schön. Emil und Lilli unternahmen eine lange Radtour, kehrten in einer Eisdiele ein und machten Rast auf dem Spielplatz am Waldrand. Hannes schlüpfte in ihre Gedanken. Sie freute sich darauf, am morgigen Abend mit ihm zu telefonieren.

Montagabend um Punkt neun lag das Handy vor ihr auf dem Couchtisch. Lilli wartete so sehr auf das Klingeln, dass sie erschrak, als es tatsächlich ertönte.

„Da bin ich.“

„Das ist schön“, gab sie zu.

„Wie war euer Wochenende?“ Ein Bellen drang durch die Leitung.

„Warte bitte einen Augenblick. Ich muss das Fenster schließen.“ Verschiedene Geräusche waren zu hören. „So, tut mir leid, der Nachbarshund. Oh Mist, jetzt habe ich dich einfach ohne zu fragen geduzt. Ist das für dich okay?“

„Von mir aus gern.“

„Schön, also nochmal. Wie war euer Wochenende?“

Lilli erzählte vom Grillfest und der schönen Radtour mit Emil.

„Kann er gut Fahrradfahren?“

Wieder erzählte sie, bis er eine weitere Frage stellte, auf die sie einging. So ging es die nächste Stunde weiter. Er war begeistert, erstaunt, amüsiert und schockiert. Je nachdem, was er zu hören bekam. Der Zeiger der Uhr rückte stetig näher zur Elf. Immer öfter gähnte Lilli zwischen den Geschichten. Sie verabredeten sich für den morgigen Abend zur gleichen Uhrzeit. Am Ende gab Hannes ihr noch seine Emailadresse, damit sie ihm Fotos von Emil schicken konnte.

Glücklich über ein gelungenes Wochenende und einen perfekten Start in die neue Woche schlief Lilli ein. Erst am frühen Morgen erinnerten ihre Kopfschmerzen sie daran, dass eben nicht alles so perfekt war, wie es sich die vergangenen Tage angefühlt hatte.

Bald war wieder Wochenende. Jeden Tag hatte sie mit Hannes telefoniert. Und so wie er Stück für Stück mehr über seinen Sohn erfuhr, lernten auch er und Lilli sich besser kennen. Mit jedem Gespräch wuchs die Vertrautheit zwischen ihnen und das Bewusstsein, ein gemeinsames Kind in die Welt gesetzt zu haben. Während die ersten Telefonate sich ausschließlich um Emil drehten, war ihr Sohn aber schon bald auch der Einstieg in eine sehr lange und angenehme Unterhaltung über Dinge, die ihnen im Alltag begegneten, die sie zum Lachen oder auch zum Nachdenken brachten. Automatisch gab Lilli dadurch immer mehr von sich preis. Sie musste aufpassen, dass sie nicht zu viel erzählte. Denn eins hatte sie sich geschworen: Hannes sollte nichts von ihrer Krankheit erfahren. Sobald sie das tat, würde sie im Fokus stehen. Sie wollte aber, dass er sich voll und ganz darauf konzentrierte, seinen Sohn kennenzulernen. Hannes sollte seine Vatergefühle entdecken, ohne den Druck zu verspüren, eine Verantwortung übernehmen zu müssen, falls Lilli nach der OP nicht mehr die sein würde, die sie jetzt war. Wenn sie noch war.

Außerdem tat es ihr gut, mit jemandem zu reden, der von nichts wusste. Die anderen sahen sie ständig mit diesem besorgten Blick an. Obwohl Lilli ihn genau aus diesem Grund aufgesucht hatte, war Hannes derjenige, der sie vergessen ließ. Den ganzen Tag freute sie sich auf seinen Anruf. Das Klingeln des Telefons war wie ein Geschenk. Zwar war die Verpackung immer dieselbe, aber der Inhalt bot jedes Mal eine neue Überraschung. Sie ertrug den Gedanken kaum, zwei Tage nichts von ihm zu hören. Leider sah das Wetter dieses Mal auch nicht danach aus, als würde es ihr das Warten mit Sonnenschein versüßen.

Dafür hatte sie am Samstag plötzlich eine ganz andere Idee. Lilli suchte nach einem alten Notizbuch, das irgendwann einmal in die hinteren Ecken ihrer Kommode verfrachtet worden war und nun endlich seine Bestimmung fand. Nachdem sie Emil ins Bett gebracht hatte, machte sie es sich im Ohrensessel bequem und begann mit dem ersten Tagebucheintrag. Schon nach den ersten Zeilen spürte sie, wie gut es tat, sich das Erlebte von der Seele zu schreiben. Sie hörte erst auf, als ihr die Augen zufielen und das Buch mit einem Peng auf dem Parkett landete.

Am Sonntag packte sie Badesachen zusammen und fuhr mit Emil ins Hallenbad. Ein Mädchen aus Emils Kindergartengruppe war mit ihrer Mutter ebenfalls dort. Die beiden tobten mit ihren Schwimmflügeln im knietiefen Wasser. Als die Mutter Lilli fragte, ob sie Emil auch für den Schwimmkurs angemeldet hatte, musste sie verneinen, gab aber keine weitere Erklärung ab. Wie sollte sie auch sagen, dass es ihr bald nicht mehr möglich sein würde, ihn dorthin zu begleiten? Ihre Eltern wollte sie mit der Fahrerei über den Winter nicht belasten.

Eine Stunde später holte sie Emil aus dem Wasser. Anschließend gingen sie traditionell in das ans Schwimmbad angeschlossene Bistro und aßen Pommes.

Schon im Auto auf dem Weg nach Hause fielen Emil die Augen zu. Lilli hatte keine Mühe, ihn zu überreden, sich direkt hinzulegen. Es war nicht mal Sieben, und ihr winkte ein langer, gemütlicher Abend. Sie packte die Tasche noch schnell aus und hing die Sachen im Bad zum Trocknen auf.

Mit einer Wolldecke und einem Glas lieblichem Weißwein kuschelte sie sich in ihren Lieblingssessel. Buch und Stift griffbereit. Mühelos füllten sich die Zeilen. Die Übelkeit kam aus dem Nichts. Wie ein Tornado in ihrem Inneren, wirbelte sie durch Lilli hindurch, gewann schnell an Kraft und riss alles mit sich. Ihr Magen krampfte sich zusammen. Halb fallend, halb stolpernd, taumelte sie ins Badezimmer und rettete sich über die Toilette. In Wellen brach ihr der Schweiß aus. Lilli würgte, bis sie völlig erschöpft war. Kraftlos lehnte sie an der Wand und drückte die Wangen gegen die kalten Fliesen. Das war neu gewesen und hoffentlich einmalig. Auf wackligen Beinen und immer wieder an der Wand abstützend, löschte sie die Lichter im Haus und legte sich ins Bett. Die Haare klebten ihr an der Stirn, aber das war ihr egal. Sie war nicht in der Lage, jetzt zu duschen.

Am Morgen waren ihre Beine schwer und der Magen wund. Insgesamt fühlte sie sich aber besser als gedacht. Zum Glück handelte es sich um ihren freien Tag. Die Ruhe tat ihr gut. Lilli wollte sich nicht abermals krankmelden müssen. Am Mittag traf sie sich wie verabredet mit Alma und Miri in einem Café. Niemand sagte etwas, also schien sie ganz passabel auszusehen.

„Die Karten für heute Abend habe ich gestern für uns reserviert. Wir müssen sie eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn abholen. Ich würde sagen, das übernehme ich, dann müsst ihr beide euch nicht stressen.“

Lilli schluckte. Den Kinoabend hatte sie völlig verdrängt. Ihr Blick glitt zu Miriam. Wenn diese Wind davon bekam, fühlte sie ihr den Puls. Seit Wochen fieberten sie darauf hin. Immerhin sprachen sie von Jason Momoa. Da musste Hannes einen Abend auf sie verzichten. Lilli überlegte, ob sie ihm eine Nachricht schreiben sollte, entschied sich aber dafür, ihn nachher einfach vor ihrer verabredeten Zeit anzurufen. Wenn sie ihn nicht erreichen sollte, konnte sie ihm immer noch eine Nachricht schicken. Aber Nachrichten hatten stets eine unpersönliche Note. Sie wollte nicht, dass er sie falsch interpretierte.

Emil war bei Lillis Eltern, während sie duschte und sich fürs Kino fertig machte. Nachdem sie fertig geschminkt war und die Handtasche griffbereit an die Türklinke gehängt hatte, nahm sie das Handy in die Hand. In den Kontakten suchte sie nach Hannes. Bevor Lilli auf die grüne Taste drückte, wurde ihr bewusst, dass es das erste Mal war, dass sie sich bei ihm meldete. Von Beginn an hatte Hannes diesen Part übernommen. Es war wie ein stilles Abkommen zwischen ihnen, und es zeigte ihr, dass es ihm ernst war. Mit klopfendem Herzen lauschte sie dem Freizeichen und wartete.

„Mattis?“ Am anderen Ende erklang eine Frauenstimme.

„Oh, ich …, da bin ich wohl falsch gelandet.“ Nein, das konnte nicht sein. Seine Nummer war eingespeichert. Es war die Nummer, die erschien, wenn Hannes anrief. Lilli wurde unsicher.

„Das ist die Nummer von Hannes Kofler. Wollten Sie ihn sprechen? Wer sind Sie noch gleich?“, bestätigte die Frauenstimme im nächsten Moment Lillis Gedanken.

„Hier ist Lilli“, antwortete sie und hätte sich im gleichen Moment in den Hintern treten können.

„Lilli? Ich kenne keine Lilli.“ Der Ton wurde schärfer.

Sie machte einen Rückzieher. „Tut mir leid, ich habe mich verwählt.“

Bevor weitere Worte auf sie abgefeuert werden konnten, legte Lilli auf. Ihr Atem ging schnell, und ihre Hand zitterte, als sie das Handy auf dem Tisch ablegte.

Was war das denn?, fragte sie sich irritiert. Obwohl die richtige Frage wohl wäre: Wer war das denn? Hannes hatte nie von einer Frau oder Freundin erzählt. Und Lilli hatte in dieser Richtung bisher keine Fragen gestellt. Alles was er preisgegeben hatte, hatte offen und ehrlich geklungen. Nur um diesen Teil seines Lebens hatte er wohl einen Bogen gemacht. Was grundsätzlich kein Problem war. Sie standen erst am Anfang ihres Kennenlernens. Er war nicht verpflichtet, ihr seinen aktuellen Beziehungsstatus mitzuteilen. Doch was, wenn Absicht dahintersteckte? Was bedeutete das für sie, beziehungsweise für Emil? Was verschwieg er ihr möglicherweise noch?

Lilli wurde durch das Telefonat vor Augen geführt, wie furchtbar wenig sie über den Mann wusste, den sie Emil als seinen Vater vorstellen wollte. Ihre Euphorie wurde merklich gedämpft. War sie zu naiv? Machte sie sich selbst etwas vor? War sie so blind, nur weil sie diesem einen Wunsch hinterherjagte?

Ihr Blick ging zur Uhr an ihrem Handgelenk. Sie musste los. Vielleicht war Jason Momoa in der Lage, sie auf andere Gedanken zu bringen. Seine Chancen standen ganz gut.

Im Kino waren alle Plätze besetzt. Lilli war als Letzte der drei Freundinnen eingetrudelt. Im Eiltempo besorgte sie sich die obligatorische Tüte Popcorn und eine Cola. Gemeinsam nahmen sie ihre Plätze in der hintersten Reihe ein.

Lilli freute sich auf den Film. Fand es wunderbar, mit den Mädels den Abend zu verbringen und mal nicht allein zu Hause zu sein. Hannes rückte in den Hintergrund. Sie ließ ihn dort. Zumindest bis ihr Handy das erste Mal still vibrierte.

„Emil?“, fragte Alma neben ihr.

„Nein, Hannes“, flüsterte Lilli, nachdem sie nachgesehen hatte. „Der kann warten.“

„Die erste Ehekrise?“, meldete sich Miri zu Wort und grinst frech.

„Er hat vielleicht jetzt eine“, grummelte Lilli.

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960877875
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v471408
Schlagworte
Familie Sehn-sucht Kind-er-wunsch-wünsch-e Verlust romant-isch-e Liebe-s-roman-geschichte Vater Suche

Autor

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    Juli Summer (Autor)

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Titel: Mein Wunsch bist du