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Nell Sweeney und die Spur des Todes

von P. B. Ryan (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Boston, 1868: In düstere Armut hineingeboren, besitzt die junge Nell Sweeney kaum mehr als ihren Scharfsinn. Doch ihr Schicksal wandelt sich, als sie die Stelle als Gouvernante der unglaublich reichen Familie Hewitt antritt. Aber schnell begreift sie, dass unter einer vergoldeten Oberfläche auch hässliche Geheimnisse lauern können …
Als die Hewitts erfahren, dass ihr ältester Sohn William, früherer Militärarzt und schwarzes Schaf der Familie, gar nicht tot ist, währt die Freude nur kurz. Denn William sitzt im Gefängnis, weil er im Opium-Rausch einen Mann getötet hat. Von der Schuld seines Sohnes überzeugt, verbietet August Hewitt seiner Frau, Will zu helfen. In ihrer Verzweiflung bittet sie Nell, William zu entlasten. Dafür muss Nell erneut in die dunkle und heimtückische Unterwelt eintauchen, der sie entflohen war. Wird sie es schaffen, die Wahrheit aufzudecken bevor sich des Henkers Strick um William Hewitts Hals legt?

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe 2003
Überarbeitete Neuausgabe Juni 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-755-4
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-782-0

Copyright © 2003 by Patricia Burford Ryan
Titel des englischen Originals: Still Life with Murder

Veröffentlicht nach Vereinbarung mit Patricia Burford Ryan.

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.

© für die deutsche Übersetzung erschienen im CORA-Verlag in der Reihe HISTORICAL, 2007 by HarperCollins Germany GmbH, Hamburg.

Copyright © 2011, HarperCollins Germany GmbH
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits 2011 bei HarperCollins Germany GmbH erschienenen Titels Dunkel wie die Spur des Todes (ISBN: 419-7-46540-450-7).

Übersetzt von: HarperCollins Germany GmbH
Covergestaltung: Rose & Chili Design
Korrektorat: Katrin Gönnewig

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

 

 

 

 

Ein schlechtes Gewissen ist ein nagender Wurm,

der niemals endet.

Nicholas Ling, Politeuphuia (1597)

Prolog

September 1864
Cape Cod, Massachusetts 

„Das wird schlimm …“ Dr. Greaves sagte es so leise, dass Nell, die ihm im schwarzen Brougham der Hewitts gegenübersaß, ihn fast nicht gehört hätte. Mit ihrem Schal wischte sie über das beschlagene Kutschenfenster. Draußen peitschte der Wind die Bäume vor einem violetten Himmel, Regen schlug gegen die Scheibe. „Das Gewitter?“, fragte sie. „Oder …“ Ihr Blick fiel auf die Holzschatulle mit chirurgischen Instrumenten, die neben ihm lag, auf die Arzttasche zu seinen Füßen.

„Die Geburt“, sagte er. „Und das Gewitter.“ Im grellen Licht eines Blitzes schien ihr sein Gesicht auf einmal alt, was ihr bislang nie aufgefallen war, wenngleich er fast doppelt so viele Jahre zählte wie sie. Cyril Greaves war rank und schlank, das Haar kaum ergraut. Und dann waren da seine gütigen Augen, das freundliche Lächeln.

An diesem Abend lächelte er indes nicht.

„Es muss schlimm stehen, wenn sie jemanden nach East Falmouth geschickt haben, um mich hinzuzuziehen. Familien wie die Hewitts stellen ihren Zimmermädchen keine Ärzte. Hilfe wird erst im allerletzten Moment geholt, doch dann ist es meist zu spät.“

Schweigend blickte er hinaus, und sie tat es ihm nach. Ein gleißender Blitz fuhr vom finsteren Himmel herab, grollender Donner ließ die Kutsche erbeben. Wenn sie morgen nicht zu erschöpft war, wollte sie die sturmgepeitschte Landschaft im Bild festhalten. Auf Dr. Greaves' bestem Papier, mit kräftig hingetuschten Strichen – schwarz die Bäume, grau laviert der Himmel.

Brady, der Kutscher der Hewitts, hielt vor einem hohen schmiedeeisernen Tor, das von zwei Männern in langen Pelerinen geöffnet wurde. Am holzverschindelten Pförtnerhaus vorbei fuhren sie eine lange, gewundene Auffahrt hinauf, an deren Ende im Gewitterschein ein selbst aus der Ferne imposant wirkendes Haus zu erkennen war, mit einer Vielzahl kleiner Türme und steiler Giebeldächer.

„Das ist Falconwood“, sagte Dr. Greaves mit feinem Lächeln, als er ihren ungläubigen Blick bemerkte. „Die Familie verbringt jeden Sommer sechs Wochen hier, meist von Mitte Juli bis Ende August. Komisch eigentlich, dass sie nicht längst abgereist sind.“

Sechs Wochen? Dieses … Schloss für gerade mal sechs Wochen?“

„Die Hewitts nennen es ihr Sommer-Cottage. Es hat zwanzig Zimmer, die hinteren mit Blick auf die Waquoit Bay.“

Nell dachte an die armselige Behausung, in der sie aufgewachsen war, an die zwei winzigen Zimmer, die sie sich während der ersten elf Jahre ihres Lebens mit ihrer ganzen Familie hatte teilen müssen.

Ihre Gedanken mussten ihr anzusehen gewesen sein. „Nell“, meinte Dr. Greaves leise. „Gerade du solltest wissen, dass es im Leben nicht immer gerecht zugeht. Und doch machst du deinen Weg. Die meisten Menschen folgen der einmal festgelegten Bahn, wohin sie auch führen mag. Manche hingegen schlagen sich einen neuen Pfad durchs Dickicht des Lebens und gelangen so hinauf zu lichten Höhen. Du gehörst zu Letzteren.“

Das Hufgeklapper lenkte ihre Aufmerksamkeit zurück zum Haus, dem sie sich in weitem Bogen näherten. Wie das Pförtnerhäuschen war es mit silbrig grau verwitterten Holzschindeln verkleidet.

„Seit zwanzig Jahren verbringen die Hewitts den Sommer am Cape.“ Dr. Greaves suchte Arzttasche und Instrumentenkasten zusammen. „Wahrscheinlich mögen sie die ruhige Abgeschiedenheit, denn fashionabel ist die Gegend nicht gerade. Ihr Haus in Boston hingegen liegt an der Colonnade Row.“

„Colonnade Row?“

„Der eleganteste Abschnitt der Tremont Street, mit prächtigen Stadtvillen, die Falconwood wie ein Gartenhaus aussehen lassen.“ Dr. Greaves ging auf all ihre Fragen ein, ohne sich jemals über ihre Unwissenheit lustig zu machen. In den vier Jahren, die Nell schon bei ihm war, hatte sie mehr gelernt als in all der Zeit zuvor. „August Hewitt ist ein typischer Vertreter der Bostoner Oberschicht, vielleicht noch etwas bigotter als in diesen Kreisen üblich. Seine Frau ist Engländerin, sie haben mehrere Söhne, aber bis auf den jüngsten, den ich jeden Sonntag mit seinem Vater in der Kirche sehe, waren sie während der letzten Sommer nicht mehr mit von der Partie. Wahrscheinlich sind sie im Krieg.“

Die Kutsche hielt hinter dem Haus, vor einem Anbau mit gläserner Kuppel. Brady sprang vom Bock, spannte einen großen schwarzen Schirm auf und half Nell aus dem Brougham. „Ich lass Sie durch den Wintergarten rein“, rief er über das Prasseln des Regens hinweg. Sein breiter irischer Akzent war ihr schon vorhin aufgefallen. „Vor dem Haus ist alles überschwemmt. Hoppla – passen Sie auf, Miss, dass Sie nicht in die Pfütze treten.“

Mit einer Laterne ging er ihnen voraus in den dunkel daliegenden Wintergarten, in dem Nell exotische Pflanzen vermutet hätte, doch stattdessen sah sie …

Gemälde? Staunend folgte sie dem Kutscher zwischen den auf Staffeleien stehenden Leinwänden hindurch. Einige Seestücke zeigten die Waquoit Bay, ein oder zwei Stillleben waren zu erkennen, aber auf den meisten Bildern waren Porträts – keine formalen Porträts, sondern natürliche Darstellungen elegant gekleideter Menschen in opulentem Ambiente. Juwelen funkelten, Seide schimmerte, wenn diese erhabenen Geschöpfe im Licht von Bradys Laterne kurz Gestalt annahmen, ehe sie sich wieder im Dunkel verloren.

Am faszinierendsten fand Nell indes die Bildnisse dreier junger Männer, die immer wieder auftauchten, wahre Lichtgestalten mit ihrem goldblonden Haar, ihren strahlenden Gesichtern voll sorgloser Zuversicht, ihrer lässigen Eleganz. Zweifelsohne die Söhne des Hauses.

Auf einem Tisch lagen eine mit getrockneten Ölfarben verkrustete Palette und zerknäuelte Lappen, daneben stand ein Glas mit Pinseln. Skizzenblätter waren an die Querstrebe einer Staffelei geheftet. Ein schwacher Hauch von Leinöl und Terpentin hing in der Luft.

„Hier“, sagte Dr. Greaves zu Nell und zeigte auf eines der Bilder. „Den sehe ich öfter in der Kirche.“

„Aye, der junge Master Martin – ein ganz Frommer.“ Brady zwinkerte Nell zu, als er ihr durch eine hohe Kassettentür den Vortritt ließ. „Für einen Episkopalen.“

Nell zwinkerte zurück. Wenngleich sie nicht fand, dass sie besonders irisch aussah, hatte sie sich längst daran gewöhnt, von ihren alten Landsleuten stets erkannt zu werden.

„Ich soll Sie zu Mrs Mott bringen“, sagte Brady und führte sie in die große, nur spärlich beleuchtete Küche. „Das ist die Haushälterin.“ Er zog am Klingelzug und zeigte auf den hell erleuchteten Flur hinaus. „Sie haben Annie nach nebenan ins Zimmer der Köchin gebracht. Annie MacIntyre – die Kleine, die das Kind bekommt. Normalerweise schläft sie oben bei den anderen Mädchen, aber als es so weit war, dachte Mrs Hewitt wohl, dass sie hier unten mehr Ruhe hat.“

Wie aus dem Nichts tauchte eine ältere Frau auf, die so hart und farblos wirkte wie eine Bleistiftskizze. Sie hatte ein blasses, bebrilltes Gesicht, graues, straff zurückgebundenes Haar und hielt die bleichen, knochigen Hände vor dem Bauch verschränkt. Ein schweres Schlüsselbund hing am Gürtel ihres schmucklosen schwarzen Kleides.

„'n Abend, Mrs Mott“, brummte Brady. „Ich geh mal Pater Donnelly holen. Wenn ich Sie nachher zurückfahren soll, Doc, sagen Sie Bescheid.“

„Machen wir. Danke, Brady.“

„Hier entlang.“ Mrs Mott drehte sich um und führte sie den Flur hinab, an dessen Ende ein junges Mädchen auf einem Schemel hockte. Unter ihrer weißen Haube stahlen sich ein paar rote Strähnen hervor. Missmutig kaute sie an ihrem Daumennagel.

„Mary Agnes“, fuhr Mrs Mott sie an und blieb vor einer verschlossenen Tür stehen. „Solltest du nicht oben sein und die Betten aufdecken?“

„Mrs Bouchard will mich hier haben. Für alle Fälle.“

„Du unterstehst aber nicht Mrs Bouchard, sondern mir. Und hör gefälligst auf …“

„Oh Gott.“ Hinter der Tür erklang das Stöhnen einer Frau. Ihrer Stimme nach zu urteilen, war sie sehr jung. Die Stimme einer weiteren Frau ließ sich vernehmen, doch ihre Worte wurden von einem gellenden Schrei übertönt. Entsetzt wich Mrs Mott zurück. Mary Agnes starrte an die Decke und kaute weiter an ihrem Daumennagel.

Dr. Greaves klopfte. „Hier ist Cyril Greaves, der Arzt. Dürfte ich …“

Die Tür wurde aufgerissen. „Gott sei Dank.“ Eine kräftige Negerin mit rundem Gesicht und grauem, wie Raureif wirkendem Haar trat zur Seite, um sie hereinzulassen. „Ich bin Mrs Bouchard, Mrs Hewitts Krankenschwester. Sie hat mich um Hilfe gebeten.“

Falls der Doktor Nells Neugierde teilte, weshalb Mrs Hewitt eine Krankenschwester brauchte, so ließ er es sich nicht anmerken. Er dankte Mrs Bouchard und trat an das schmale Bett. Ehe Nell die Tür hinter ihnen schloss, sah sie Mrs Mott so lautlos wie ein Gespenst den Flur hinabhuschen.

Dr. Greaves beugte sich über die blonde junge Frau, die ihn mit weit aufgerissenen Augen ansah, und fühlte ihr die Stirn. „Und, wie läuft es, Annie?“

„N…nicht so gut“, keuchte sie. „Irgendwas stimmt da nicht.“

„Das Kleine liegt quer, Doktor“, sagte Mrs Bouchard. „Vor vierzehn Stunden haben die Wehen eingesetzt, aber es rührt sich nicht.“

Dr. Greaves zog sich den Rock aus und reichte ihn Nell, die ihn zusammen mit ihrer Haube und ihrem Umhang auf einen Stuhl in der Ecke des kleinen, sehr reinlichen Zimmers legte. Er krempelte sich die Ärmel hoch und deutete auf die Waschschüssel. „Ist das Wasser sauber?“, fragte er Mrs Bouchard.

„Ich habe es abgekocht.“

„Annie“, sagte er, während er sich die Hände einseifte und sie gründlich abspülte, „ich werde dich jetzt untersuchen, aber es tut nicht weh. Diese junge Dame“, er deutete auf Nell, die gerade dabei war, das Bettzeug von unten her aufzudecken, „ist meine Assistentin Nell Sweeney. Vermutlich seid ihr im gleichen Alter.“

„Lassen Sie mich raten.“ Lächelnd setzte Nell sich zu Annie auf das Bett. „Zwanzig?“

„Zweiundzwanzig.“

„Genau wie ich.“

Annie verzog das Gesicht und warf den Kopf zurück. „Nein …“, stöhnte sie.

„Sie schaffen das“, machte Nell ihr Mut, hielt ihre Hand und strich ihr das feuchte Haar aus der Stirn. „Bald ist es ausgestanden, und dann haben Sie ein schönes Baby, das …“

„Oh Gott“, schrie Annie heiser und zitterte am ganzen Leib, als die Wehe endlich nachließ. Sie schien mit ihren Kräften am Ende.

„Erzählen Sie mir von Ihrem Mann.“ Nell war der Ehering an Annies Hand aufgefallen, und die Erfahrung hatte sie gelehrt, nicht mehr Wo ist Ihr Mann? zu fragen, da er auf einem Schlachtfeld irgendwo in den Südstaaten gefallen sein könnte.

„Er … er …“ Annie schnappte nach Luft und starrte herunter auf Dr. Greaves, der vermutlich gerade die Untersuchung begann.

„Annie, schauen Sie mich an“, drängte Nell sanft. „Wie heißt er?“

„M…Michael. Aber …“ Annie schluckte schwer. „Aber alle nennen ihn Mac – von MacIntyre.“

„Er ist einer unserer Kutscher“, kam es von Mrs Bouchard, die einen Stapel sauberer Tücher auf die Kommode legte. „Oder vielmehr war, ehe er sich zur Armee gemeldet hat.“

„Elftes R… Regiment“, stieß Annie hervor.

„Hat im Mai bei Spotsylvania sein Bein verloren und liegt seitdem im Lazarett“, sagte Mrs Bouchard. „Aber nächsten Monat kommt er nach Hause, hat er geschrieben.“

Nell lächelte. „Dann sehen Sie ihn ja bald!“

Annie warf den Kopf auf dem Kissen hin und her. „Ich sterbe! Da stimmt was nicht.“

„Annie“, sagte Dr. Greaves ruhig. „Ich will ganz offen sein: Es gibt tatsächlich ein Problem. Aber keine Sorge, ich kann es beheben.“ Er winkte Nell herbei. „Sehen Sie sich das mal an, damit Sie bei einem ähnlichen Fall künftig Bescheid wissen. Hier, fällt Ihnen auf, wie weit sich ihr Unterleib in die Breite streckt?“

Er legte ihre Hände zu beiden Seiten an Annies sich unter dem Leinenhemd wölbenden Bauch.

„Spüren Sie das?“, fragte er. „Auf der einen Seite der Kopf, auf der anderen der Steiß, ungünstiger kann ein Kind bei der Geburt gar nicht liegen. Die Nabelschnur ist zudem vorgelagert.“ Er zog die Bettdecke wieder herab und wandte sich zu Mrs Bouchard um. „Wann ist die Fruchtblase geplatzt?“

„Im Morgengrauen, gleich bei den ersten Wehen.“

„Ich muss operieren, so schnell wie …“

„Operieren!“, rief Mrs Bouchard.

„Oh Gott“, stöhnte Annie. „Sie wollen es mir rausschneiden? Dann sterb ich wirklich!“

„Annie.“ Dr. Greaves sah sie ernst an. „Wenn du versuchst, es auf normalem Wege zur Welt zu bringen, wird die Gebärmutter reißen, und das würden weder du noch das Kind überleben. Ich nehme Chloroform. Du wirst während der Operation schlafen.“

„Aber …“ Mrs Bouchard warf ihm einen Blick zu, der keinen Zweifel daran ließ, dass sie ganz genau wusste, was mit Frauen passierte, bei denen ein Kaiserschnitt vorgenommen wurde.

„Ich war mit dieser Methode schon oft erfolgreich“, versicherte ihr Dr. Greaves. „Man muss die Gebärmutterwand nur ordentlich vernähen. Und wenn man sauber arbeitet, gibt es auch keine Infektionen. Haben Sie Erfahrung mit Operationen, Mrs Bouchard?“

Sie reckte das Kinn. „Mein Vater war Arzt, in New Orleans. Ich habe ihm bei Hunderten Eingriffen assistiert. Keine Sorge, ich falle schon nicht in Ohnmacht.“

„Gut. Dann werden Sie und Nell mir beide zur Hand gehen.“

„W…was heißt denn 'erfolgreich'?“, fragte Annie. „Es sterben doch immer noch welche dabei, oder?“

Dr. Greaves' Zögern war Antwort genug. „Es ist deine einzige Chance, Annie. Du bist jung und stark. Ich wüsste nicht, warum du es nicht schaffen solltest, und … das Kind schafft es meistens.“

„Tun Sie's“, flüsterte das Mädchen. „Aber erst muss ich noch mit …“ Sie jaulte vor Schmerz, als die nächste Wehe nahte. „Schicken Sie nach …“

Mrs Bouchard tätschelte ihr die Hand. „Pater Donnelly ist schon …“

„Mrs Hewitt. Ich muss mit M… Mrs Hew…“ Der Rest ging in einem markerschütternden Schrei unter.

Nell hielt ihr die Hände und redete beruhigend auf sie ein, bis die Schmerzen nachgelassen hatten. Dann meinte Mrs Bouchard: „Tut mir leid, Annie, aber ich kann Mrs Hewitt zu so später Stunde nicht stören. Wenn du ihr etwas mitteilen willst, sag es mir, und ich werde ihr …“

„Nein!“ Annie bebte am ganzen Leib. „Ich muss selbst mit ihr sprechen. Allein.“

„Kommt gar nicht infrage“, beschied Mrs Bouchard. „Nach allem, was die arme Frau in letzter Zeit durchmachen musste, hat es ihr gerade noch gefehlt, dass …“

„Sonst lasse ich mich nicht operieren.“

Die Krankenschwester seufzte schwer. „Annie …“

„Tun Sie ihr den Gefallen“, bat Dr. Greaves leise.

Mit rauschenden Röcken marschierte Mrs Bouchard hinaus.

„Wir werden in der Küche operieren“, sagte der Doktor zu Nell, „auf dem großen gekachelten Tisch. Versuchen Sie, jemanden aufzutreiben, der uns eine Trage improvisieren kann. Das Gas muss aufgedreht werden, und ein paar zusätzliche Lampen brauchen wir auch. Hier.“ Er reichte ihr eine eckige Flasche aus seiner Arzttasche. „Sie wissen, was zu tun ist. Lassen Sie sich von dem jungen Ding da draußen helfen.“

„Was ist das denn?“ Mary Agnes rümpfte die Nase. Von dem Tuch, mit dem sie den Tisch abwischen sollte, stieg ein beißender Geruch auf.

„Karbolsäure“, sagte Nell und schrubbte ein großes Tablett sauber, um nachher die chirurgischen Instrumente daraufzulegen. „Damit bekommt man den Tisch so sauber wie nur irgend möglich.“

„Wozu denn, wenn er sie aufschneidet? Dann wird doch sowieso alles wieder dreckig.“

„Der Doktor sagt, dass es hilft.“

„Sind Sie auch Krankenschwester, so wie Mrs Bouchard?“

„Nein, nicht wie Mrs Bouchard. Dr. Greaves hat mir zwar viel beigebracht, aber meistens begleite ich ihn nur bei Visiten, führe seine Bücher, putze und koche …“

„Hat er dafür keine Frau?“

„Seine Frau ist schon eine Weile krank.“ So hatte Dr. Greaves es ausgedrückt – eine Krankheit. Doch Nell wusste, dass die Bostoner „Klinik“, in der Charlotte die letzten acht Jahre zugebracht hatte, in Wahrheit eine, wenngleich fortschrittliche, Irrenanstalt war.

„Was zahlt er denn?“, wollte Mary Agnes wissen. „Oder gibt es nur Kost und Logis?“

„Kost und Logis“, antwortete Nell. „Aber dafür bringt er mir auch viel bei. Nicht nur Heilkunde, auch Geschichte, Musik und gutes Benehmen. Von ihm habe ich gelernt, richtige Bücher zu lesen und einen ordentlichen Brief zu schreiben, mit Zahlen umzugehen und …“

Mary Agnes räusperte sich und begann schneller zu schrubben. Sie fing Nells Blick auf und sah dann vielsagend zur Tür.

Nell drehte sich um. Eine Dame im Rollstuhl kam in die Küche gefahren. So etwas hatte sie bislang nur auf Bildern gesehen. Mrs Hewitt bewegte den gepolsterten Holzstuhl eigenhändig voran, wenngleich Mrs Bouchard hinter ihr ging und sie wohl hätte schieben können.

Obwohl sie im Rollstuhl saß, wirkte Viola Hewitt sehr groß. Sie hatte vornehme Züge und schwarzes, grau gesträhntes Haar, das ihr zu einem Zopf geflochten über die Schulter hing. Statt eines Morgenmantels trug sie über ihrem Nachthemd eine purpur- und goldfarbene Seidenrobe, die aussah wie die Gewänder der Frauen in Dr. Greaves' Buch mit den japanischen Holzschnitten. Kimonos hatte er sie genannt. Trotz ihres Alters und ihres Gebrechens war Mrs Hewitt eine ansehnliche Frau, geradezu beeindruckend, doch aus ihren Augen, dem Zug um ihren Mund, aus ihrer ganzen Haltung sprach eine Traurigkeit, die ihr wahre Schönheit absprach.

Mrs Hewitt bedachte Nell mit einem kurzen Blick, als sie, dicht gefolgt von Mrs Bouchard, durch die Küche zum hinteren Flur rollte. Die Räder des Rollstuhls ratterten über den Steinboden, zwei Stöcke mit beinernen Griffen und ein Nähbeutel hingen über der Lehne.

„Ich hatte sie mir ganz anders vorgestellt“, sagte Nell, sowie sie außer Hörweite waren. „Sind ihre Söhne nicht blond?“

„Die drei jüngeren.“ Mary Agnes lächelte versonnen. „So gut aussehende Männer. Wie Engel. Aber sie kommen nach Mr Hewitt. Der hatte früher ganz hellblondes Haar. Jetzt wird es langsam weiß, doch man sieht den Unterschied kaum.“

Nell musste an eines der Gemälde denken, die sie im Wintergarten gesehen hatte: das Bildnis eines sehr distinguierten älteren Herren, Hut und Handschuhe in der einen, den Spazierstock in der anderen Hand. Das Haar schimmernd wie poliertes Silber, die blauen Augen strahlend hell, die Haltung majestätisch und Ehrfurcht gebietend: August Hewitt.

Kurz darauf betraten Dr. Greaves und Mrs Bouchard die Küche. Mrs Hewitt hatte darauf bestanden, unter vier Augen mit Annie zu sprechen. Mary Agnes wurde losgeschickt, drei saubere Schürzen zu holen und so viele frisch gewaschene Tücher, wie sie nur tragen konnte. Nell machte sich daran, die Instrumente mit Karbolsäure zu reinigen: Skalpelle, Lanzettmesser, Wundspreizer, Arterienklemmen …

Vom Flur her drang ersticktes Schluchzen an ihr Ohr, das bei dem gegen die Scheiben prasselnden Regen und dem Zischen der Gaslampen kaum zu hören war. Zunächst dachte Nell an eine weitere Wehe, doch bald war offenkundig, dass Annie weinte.

„Was fällt diesem Mädchen ein, der armen Frau noch mehr Kummer zu bereiten?“, schimpfte Mrs Bouchard und breitete ein Laken über den Tisch. „In den letzten Wochen ist sie um Jahre gealtert.“

„Warum?“ Erst als sie Dr. Greaves' mahnenden Blick auf sich spürte, wurde Nell sich ihrer Taktlosigkeit bewusst. Sie stellte zu viele Fragen, das sagte er ihr immer wieder. Manchmal, so seine Ansicht, erfahre man mehr, wenn man einfach nur still zuhöre.

Mrs Bouchard schien sich glücklicherweise nicht daran zu stören. „Die Hewitts haben ihre beiden ältesten Söhne verloren – beide, binnen zwei Tagen. Im Februar wurden sie bei Olustee gefangen genommen und nach Georgia gebracht.“

„Sie meinen … nach Andersonville?“, fragte Dr. Greaves entsetzt. Sogar Nell, der wenig Zeit blieb, die Nachrichten zu verfolgen, hatte von dem berüchtigten Gefangenenlager der Konföderierten gehört. Es musste die Hölle auf Erden sein.

Mrs Bouchard nickte und betupfte sich mit dem Schürzenzipfel die Augen. „Letzten Monat sind sie gestorben, an der Ruhr, alle beide. Das muss man sich mal vorstellen! Herrgott, wie schrecklich, so elendiglich umzukommen.“

„Beide Söhne dienten im selben Regiment?“ Nell legte die desinfizierten Instrumente bereit. Wenn Dr. Greaves Fragen stellte, konnte sie das wohl auch.

„Ja. Sie hatten sich zur Berittenen Infanterie gemeldet – Will, der Ältere, allerdings als Feldarzt.“

„Er war Arzt?“ Dr. Greaves, der sich am Spülstein die Hände wusch, sah sich fragend um.

„Gerade mit dem Studium fertig, drüben in Schottland. Medizin an der Universität von Edinburgh.“

Mary Agnes kam mit einem schwankenden Stapel frischen Linnens zurück, obenauf drei Schürzen, von denen Mrs Bouchard zwei an Dr. Greaves und Nell verteilte und eine für sich behielt. „Seit sie die Nachricht erhielt, ist die arme Mrs Hewitt kaum noch wiederzuerkennen. Ich habe ihr gesagt, sie soll sich davon nicht unterkriegen lassen. Immerhin hat sie ja noch Harry und Martin – das sind die beiden jüngeren Söhne. Sie hatte gerade ein Porträt von den beiden angefangen, als das Kabel wegen Robbie und Will kam. Keinen Pinselstrich hat sie seitdem mehr gemacht.“

„Martin ist der Jüngste?“ Dr. Greaves streckte die Arme aus, damit Nell ihm in die Schürze helfen konnte. „Der, den man häufiger mal in der Kirche sieht?“

Mrs Bouchard nickte. „Er war Feuer und Flamme für den Krieg, wollte sich gleich nächsten Monat, wenn er achtzehn ist, melden, aber sein Vater hat es ihm verboten. Meinte, es würde seine Mutter umbringen, wenn sie noch einen Sohn verliert. Mr Hewitt hat ein paar Strippen gezogen und Martin in Harvard untergebracht, damit er zu Hause bleiben kann. Deshalb ist er auch schon wieder in Boston, um nicht so viel vom ersten Semester zu verpassen.“

„Und Harry?“, fragte Nell.

Mrs Bouchard strich das Laken auf dem Tisch glatt. „Oh, Master Harry wird in der Tuchfabrik seines Vaters oben in Charlestown gebraucht.“

Das klang, als hätte Harry Hewitt sich, wie so viele Söhne aus gutem Hause, dafür entschieden, den Krieg auszusitzen und lieber seine Nachbarn und Diener – oder eben seine Brüder – kämpfen zu lassen.

Aus dem Wintergarten waren Stimmen zu hören. Nell machte Pater Donnelly, ihrem beleibten und schon recht betagten Gemeindepfarrer, die Tür auf und nahm ihm seinen völlig durchnässten Mantel ab.

„Sie werden einen Moment warten müssen, Pater“, sagte Mrs Bouchard. „Mrs Hewitt und Annie haben …“

„Mrs Hewitt und Annie haben genug geredet“, entschied Dr. Greaves. „Wenn ich mit der Operation noch länger warte, ist es zu spät. Pater, meinen Sie, Sie könnten tun, was immer Sie zu tun haben, während wir Annie in die Küche transportieren?“

„Nun ja …“

„Gut. Mrs Bouchard, Sie helfen mir mit Annie … und Nell, Sie kümmern sich darum, dass hier alles bereit ist.“

Minuten später lag Annie auf dem Tisch und wurde, begleitet von Pater Donnellys leisem Gemurmel, für den Eingriff vorbereitet. Das arme Mädchen! Das Gesicht rot und geschwollen vom Weinen, zitterte sie trotz allen tröstenden Zuspruchs am ganzen Leib vor Furcht.

Nachdem er bis auf Nell und Mrs Bouchard alle aus der Küche verbannt hatte, sprach Dr. Greaves ein kurzes Gebet – ein protestantisches Gebet, aber Nell und Mrs Bouchard bekreuzigten sich dennoch. Dann befestigte er den Gummischlauch an der Chloroformflasche, und Nell legte die Narkosemaske mit frischer Gaze aus.

„Machen Sie jetzt die Augen zu, Annie“, wies Nell das Mädchen an, als sie ihm die Maske auf Mund und Nase setzte. „Wenn Sie aufwachen, wird Ihr Baby da sein.“

„Sie ist ein hübsches kleines Ding, nicht wahr?“

„Babys sind alle süß.“ Nell wiegte das Kind in den Armen und lächelte Viola Hewitt über den Küchentisch hinweg an.

Es war weit nach Mitternacht, und Nell hatte die Gaslampen heruntergedreht, sodass die Küche abermals in schummrigem Halbdunkel lag. Draußen tobte unvermindert der Sturm. Dr. Greaves und Mrs Bouchard wachten an Annies Bett wegen möglicher Komplikationen, und Mrs Hewitt war in der Küche geblieben, um ein Auge auf das Neugeborene zu haben, während Nell es badete und wickelte.

„Nicht alle sind so schön.“ Mrs Hewitt erwiderte Nells Lächeln. Während der letzten paar Stunden schien sich die Trauer, die sie wie Nebel umfangen hatte, verflüchtigt zu haben. „Sie ist ein richtig properes Baby, schauen Sie sich nur den perfekt geformten Kopf an. Meine Jungs dagegen sahen alle ein bisschen zerknautscht aus.“

„Das liegt am Kaiserschnitt, weil sie nicht durch den …“ Nell sah beiseite und tadelte sich stumm, derlei in höflicher Konversation erwähnt zu haben, insbesondere gegenüber jemandem wie Viola Hewitt. Was würde Dr. Greaves dazu sagen?

Mrs Hewitt lachte leise. „Keine Sorge, ich bin nicht so leicht zu schockieren, Miss Sweeney. Mr Hewitt ist der Ansicht, ich solle mehr Neigung zu Ohnmachten zeigen, doch ich fürchte, ich habe kein Talent dafür.“

Das Baby gähnte und lag dann wieder still und warm in Nells Armen. Wie sehr es doch immer wieder ihr Herz erfreute, ein Kind zu halten! Sachte blies sie über den feinen schwarzen Flaum, der dem Säugling trotz des Bades noch am Kopf klebte. „Hat der Vater dunkles Haar?“, fragte sie, weil sie an Annies blonde Locken denken musste.

Mrs Hewitt runzelte die Stirn. „Nein, Mac ist … aschblond, würde man wohl sagen. Aber Babys sind da ganz eigen. Martin hatte bei der Geburt auch schwarzes Haar, und jetzt ist er der blondeste von all meinen …“ Sie verstummte, vermutlich, weil ihr bewusst wurde, dass „all meine Söhne“ nur noch zwei umfasste.

„Mein Beileid zu Ihrem Verlust“, sagte Nell leise.

„Nun ja. Normalerweise sind wir zu dieser Zeit längst wieder in Boston, aber diesmal …“ Ihre Stimme brach. „Ich habe gesagt, es ginge nicht wegen Annie, weil sie in ihrem Zustand nicht reisen konnte. Aber das war es nicht. Ich konnte es nicht ertragen, in das Haus an der Colonnade Row zurückzukehren, wo meine Jungs …“

Das Baby regte sich in Nells Armen, schmatzte mit den Lippen, drehte den Kopf hin und her.

Gespannt sah Mrs Hewitt zu, wie Nell den kleinen Finger in die Tasse mit abgekochtem Zuckerwasser tunkte, mit dem sie den Säugling zu beschwichtigen versuchte. „Die Kleine hat Hunger. Ich hoffe, dass Annie sie bald stillen kann.“

„Ich auch.“ Nell ließ das Baby an ihrer Fingerspitze saugen. Im Eisschrank standen frische Milch und eine alte Nuckelflasche bereit, doch gäbe man sie dem Säugling jetzt, würde dies später das Stillen erschweren.

„Ich würde sie Ihnen ja abnehmen, aber dann fängt sie nur wieder zu schreien an. Bei Ihnen fühlt sie sich am wohlsten. Selten habe ich jemanden erlebt, der so liebevoll und geschickt mit einem Baby umzugehen weiß.“

Erfreut über das Lob, murmelte Nell ein leises Dankeschön. Sie sah hoch, als Dr. Greaves in die Küche kam. „Die frisch gebackene Mutter ist aufgewacht, und es geht ihr gut“, verkündete er lächelnd. „Am besten, Sie bringen ihr jetzt das Kind, damit wir sehen, ob sie es stillen kann. Und dann sollten wir Brady wegen der Rückfahrt Bescheid geben. Mrs Bouchard bleibt heute Nacht bei Annie, und ich werde morgen …“

„Sie wollen noch zurückfahren? Bei diesem Wetter?“ Mrs Hewitt schüttelte den Kopf. „Wir haben ein halbes Dutzend unbenutzte Gästezimmer, da sollten wir zwei erübrigen können. Ich lasse Ihnen Nachtwäsche bringen, und morgen nach dem Frühstück fährt Brady Sie dann nach Hause.“

Zu Nells Erleichterung nahm Dr. Greaves das Angebot an. Es wäre kein Vergnügen gewesen, mitten in der Nacht durch Wind und Wetter zu fahren.

Als sie ins Zimmer der Köchin trat, schob Mrs Bouchard der Wöchnerin gerade ein paar Kissen in den Rücken. „Schauen Sie mal, wen wir da haben.“ Nell setzte sich mit dem Baby auf die Bettkante. „Ein süßes kleines …“

„Ich will es nicht sehen“, stöhnte Annie und wandte den Kopf ab.

Fragend schaute Nell Mrs Bouchard an, die nicht erfreut, doch wenig überrascht schien. „Hör mal, Annie, jetzt stell dich nicht so an. Du bist ihre Mutter, und sie braucht …“

„Ich will sie nicht. Nehmt sie weg. Bitte.“

Mrs Bouchard zuckte resigniert die Schultern und nickte der verdutzten Nell zu, die ungläubig mit dem Kind das Zimmer verließ und leise die Tür hinter sich schloss. Als sie durch den Flur zurück zur Küche ging, hörte sie Mrs Hewitt sagen: „Vier Jahre? Und sind Sie zufrieden mit ihr?“

„Mehr als zufrieden“, erwiderte Dr. Greaves. „Nell arbeitet hart, und sie ist gescheit. Ihr entgeht nichts.“

Nell blieb stehen.

„Sie hat eine rasche Auffassungsgabe, eine gute Portion gesunden Menschenverstand und einen robusten Magen“, fuhr er fort. „Bei ihr muss ich mir keine Sorgen machen, dass sie beim Anblick einer unschönen Verletzung einfach umkippt.“

„Sie ist doch aus guter Familie?“, fragte Mrs Hewitt weiter.

Nell hielt den Atem an, als Dr. Greaves kurz zögerte. „Ihre Eltern sind aus Irland hergekommen, Ma'am, als Nell gerade mal ein Jahr alt war. Doch beide weilen nicht mehr unter uns – erst ging der Vater von ihnen, dann die Mutter, als Nell noch ein Kind war.“

Nell schluckte. Ihr Vater war tatsächlich von ihnen gegangen, allerdings nicht, um seinem Schöpfer gegenüberzutreten. Er hatte sich mit einem Schankmädchen aus dem Staub gemacht.

„Und andere Angehörige gibt es nicht?“

Nell machte sich darauf gefasst, dass er Duncan erwähnen würde.

„Sie hatte mehrere jüngere Geschwister – so hat sie auch gelernt, sich um Kinder zu kümmern. Die meisten wurden früh von Krankheiten dahingerafft – Cholera, Diphtherie –, nur ein Bruder hat das Erwachsenenalter erreicht. Sie vermutet, dass er noch am Leben ist, hat ihn jedoch seit Jahren nicht mehr gesehen. Sein Name ist James, aber sie nennt ihn Jamie.“

Nell atmete erleichtert auf.

Das nachfolgende Schweigen wurde von einem gedämpften Dong unterbrochen, als eine Uhr irgendwo im Haus die volle Stunde schlug.

„Sie scheint so …“ Mrs Hewitt hielt inne. „Ich habe ihr Dinge erzählt, die ich …“

„Ja“, sagte Dr. Greaves, und Nell konnte das Lächeln in seiner Stimme hören. „Ich weiß, was Sie meinen. Sie versteht es, Menschen für sich einzunehmen.“

„Wahrscheinlich kann Sie weder Latein noch Griechisch?“

Kurzes Zögern. „Nein, Ma'am. Aber sie ist recht versiert im Französischen.“

„Kenntnisse des Deutschen oder Italienischen?“

„Kaum. Aber sie liest alles, was ihr in die Finger kommt. Zudem hat sie eine sehr schöne Schrift und großes zeichnerisches Talent.“

„Kann ich davon ausgehen, dass sie einen guten Charakter und einen anständigen Lebenswandel vorzuweisen hat?“

„Sie hat mir nie Grund zur Beanstandung gegeben, Ma'am.“ Was die Frage nicht unbedingt beantwortete.

„Und diese kleine Narbe an ihrer linken Braue … Dürfte ich fragen …“

„Eine alte Verletzung, Ma'am. Ich habe sie eigenhändig genäht.“ Ebenso wie all die anderen Verletzungen, die längst nicht so offensichtlich waren. Ehe Mrs Hewitt ihn noch bitten konnte, seine recht ungefähre Antwort doch etwas näher auszuführen, meinte Dr. Greaves auch schon: „Dürfte ich fragen, woher Ihr Interesse rührt?“

„Ich dachte nur … Natürlich muss ich mich erst mit meinem Mann besprechen, und ich bin mir nicht sicher, ob er um diese Zeit noch auf ist. Sollten wir heute Nacht nichts mehr voneinander hören, dann vielleicht morgen, nach dem Frühstück?“

„Ganz wie Sie wünschen, Ma'am.“

Nell hörte die Räder des Rollstuhls über den Steinboden rattern. Sie wartete, bis das Geräusch verklungen war, dann erst betrat sie die Küche. Dr. Greaves stand reglos und hatte den Blick auf die Tür gerichtet, durch die Mrs Hewitt verschwunden war. Als er Nell hinter sich hörte, drehte er sich um. Er wirkte nachdenklich, gar ein wenig traurig.

„Was meinen Sie, was das gerade sollte?“, fragte Nell.

Er seufzte. „Haben wir gelauscht, Nell? Du überraschst mich immer wieder.“ Ehe sie noch erwidern konnte, dass er an ihrer Stelle wohl genau dasselbe getan hätte, meinte er: „Lass uns hier aufräumen. Es war eine lange Nacht.“

Als es zum zweiten Mal klopfte, schloss Nell hastig die Perlmutterknöpfe des seidenen Morgenrocks, den Mrs Hewitt für sie hatte bereitlegen lassen, und eilte zur Tür des Gästezimmers.

Gewiss wieder Mary Agnes, um mir noch irgendetwas zu bringen, dachte sie. Ein weiteres weiches Daunenkissen, parfümierte Seife, ein flauschiges Handtuch … Doch es war Viola Hewitt. Nicht in ihrem Rollstuhl, sondern auf zwei Gehstöcke gestützt stand sie vor der Tür. „Es ist schon furchtbar spät, aber ich sah Licht bei Ihnen, und da dachte ich … Dürfte ich …?“

„Ja, natürlich.“ Nell hielt ihr die Tür auf. Mrs Hewitt bewegte sich unsicher, indes mit bemerkenswerter Anmut. Unter dem leisen Rascheln ihres Seidenkimonos war ein metallisches Scharren zu hören.

„Beinschienen“, erklärte sie. „Mit ihnen komme ich die Treppe hinauf und hinunter, doch es ist eine Qual. Ich hoffe, das Zimmer gefällt Ihnen. Haben Sie alles, was Sie brauchen?“ Mit sichtlicher Mühe ging Mrs Hewitt umher, strich die Decke auf dem Bett zurecht, richtete den Spiegel, öffnete und schloss die Schublade des Ankleidetisches, arrangierte die Rosen in der bauchigen chinesischen Vase. In ihren Duft mischte sich ein Hauch von Zitronenöl. Im ganzen Zimmer roch es lieblich, exotisch und etwas alt und angestaubt. Für Nell roch es nach Reichtum.

Sie fragte sich, weshalb ihr solcher Luxus zuteilwurde. Die meisten Leute hätten sie an Mrs Hewitts Stelle oben bei den Dienstboten einquartiert.

„Erst war ich bei Dr. Greaves, aber er scheint nicht auf seinem Zimmer zu sein. Vielleicht sitzt er noch unten und erholt sich von den Strapazen des Abends. Ich habe ihm gezeigt, wo der Sherry steht.“ Mrs Hewitt lächelte und warf einen kurzen Blick auf die Tür zum Ankleidezimmer, die einen Spalt offen stand.

„Wie geht es dem Baby?“, fragte Nell. Mrs Hewitt hatte eine Wiege vom Dachboden holen und neben ihrem Bett aufstellen lassen.

„Schläft tief und fest, nachdem es nun satt ist. Ich bin froh, dass es die Flasche angenommen hat. Haben Sie die gezeichnet?“ Sie ließ sich auf dem Stuhl vor dem kleinen Schreibtisch nieder und nahm zwei Skizzen zur Hand, die Nell rasch auf das Papier geworfen hatte, von dem noch mehr in der Schublade lag – dickes cremeweißes Bütten, auf das nur ein einziges Wort geprägt war: Falconwood. Es waren eilig angefertigte Porträts, eins von dem Kind, das andere von Viola Hewitt.

„Es sind nur Skizzen.“ Nell spürte, wie ihr die Hitze ins Gesicht stieg, als Mrs Hewitt die Blätter aufmerksam betrachtete. „Wenn ich die Zeit finde, will ich ein paar Details …“

„Nein, lassen Sie es so. Es sind flüchtige Impressionen und als solche perfekt. Und alle Achtung, Sie haben mich gut getroffen … die Kleine ebenfalls … Und das alles aus dem Gedächtnis!“

„Mir bleibt selten Zeit, nach Modell zu malen, deshalb habe ich gelernt, mir das Wesentliche einzuprägen und es später zu Papier zu bringen. Es ist fast so, als hätte ich eine Fotografie davon in meinem Kopf.“

„Das ist eine Begabung.“ Noch immer in die Betrachtung der beiden Bildnisse versunken, meinte Mrs Hewitt: „Annie möchte das Kind nicht.“

„Ah“, sagte Nell etwas ratlos.

„Wissen Sie, warum?“

Nell zögerte, um nicht die falschen Worte zu wählen.

„Nur zu. Wie ich Ihnen bereits sagte, bin ich nicht so leicht zu schockieren“, ermunterte Mrs Hewitt sie.

„Weil ihr Mann nicht der Vater ist?“

Sehr bedächtig legte Mrs Hewitt die Blätter zurück. „Mac hat sich vor anderthalb Jahren bei den Boston Volunteers gemeldet und seitdem noch keinen Heimaturlaub bekommen. Ich habe dem Personal untersagt, darüber zu reden. Derlei Dinge sind …“ Nell rechnete damit, dass sie „unschicklich“ sagen würde, doch sie sagte: „… kompliziert. Leider leben wir in einer Welt, die uns glauben machen will, dass sie einfach wären.“

Wie wahr, dachte Nell, und doch kam ihr Mrs Hewitts Reaktion etwas befremdlich vor.

„Ich werde die Kleine adoptieren.“ Viola Hewitts Lächeln wurde zu einem vergnügten Grinsen, als sie Nells ungläubige Miene sah. „Da staunen Sie, was? Mrs Mott ist außer sich. Ebenso mein Mann, aber er tut mir den Gefallen, weil …“ Ihre Miene wurde schlagartig wieder ernst. „Nun ja, weil er weiß, dass es mich glücklich machen wird, wieder ein Kind im Haus zu haben. Noch dazu ein Mädchen! Ich habe mir immer eine Tochter gewünscht, aber am Ende hatte ich dann vier Söhne. Was keineswegs heißen soll, dass ich sie nicht alle von Herzen liebe, aber ein kleines Mädchen …“

„Ja, ich weiß, was Sie meinen.“ Dennoch war es … unerhört, dass eine Dame der Gesellschaft das uneheliche Kind eines Zimmermädchens adoptierte.

„Annie will nicht, dass ihr Mann oder ihre Familie von dem Kind erfahren. Wenn ich Grace nicht nehme, wird sie …“ Als sie Nells Verwunderung bemerkte, meinte Mrs Hewitt lächelnd: „Ich habe sie Grace genannt, nach meiner Mutter. Wenn ich sie nicht nehme, wird sie im Waisenhaus landen, oder schlimmer noch, in einem der schrecklichen Armenhäuser der Stadt. Ich war ehrenamtlich in solchen Einrichtungen tätig. Sie können sich nicht vorstellen …“

Ich wünschte, ich könnte es nicht, dachte Nell.

„Annie wird unseren Haushalt verlassen und jeglichen Anspruch auf das Kind abtreten. Unser Anwalt kümmert sich um die nötigen Papiere. Im Gegenzug will ich Mr Hewitt bitten, sie den Astors in New York zu empfehlen – natürlich ohne das Kind zu erwähnen. Das dürfte eine hervorragende Stellung für sie sein, und ich werde dafür sorgen, dass sie auch Mac einstellen. Einen zusätzlichen Kutscher können die Astors immer gebrauchen.“

„Wird ihr Mann sich nicht über die Narbe auf ihrem Bauch wundern?“

„Sie kann behaupten, ihr wäre der Blinddarm entfernt worden.“

Nell musste lächeln. „Sie haben alles gründlich durchdacht.“

„Gründlicher, als Sie ahnen.“ Mrs Hewitt nickte. „Nächste Woche fahren wir zurück nach Boston, mit der Kleinen und … Nell, ich möchte, dass Sie mit uns kommen.“

Nell verschlug es die Sprache. „Sie meinen … als Kindermädchen?“

„Genau genommen haben wir schon eines, Miss Edna Parrish, die einst mein Kindermädchen war, und dann das meiner Söhne. Sie wäre beleidigt, wenn ich sie nicht bäte, sich um Grace zu kümmern, aber sie ist nicht mehr die Jüngste und kann es unmöglich allein schaffen. Wenn meine Beine nicht so nutzlos wären, würde ich es ja selbst machen … Kinderlähmung, müssen Sie wissen. Habe ich mir in Europa eingefangen, kurz vor dem Krieg.“

„Das tut mir leid“, sagte Nell und meinte es auch so. Insgeheim faszinierte sie dieses mysteriöse Leiden, und sie hätte gern mehr darüber erfahren, doch es wäre unhöflich gewesen, danach zu fragen.

„Ich dachte mir, dass Sie Nurse Parrish zur Hand gehen, solange Grace klein ist. Später könnten sie dann Graces Gouvernante sein.“

Ich? Eine Gouvernante?“ Ein Kindermädchen konnte wohl aus einfachen Verhältnissen kommen, aber Nell wusste aus zahlreichen Gouvernantenromanen, dass deren Heldinnen, wenngleich meist in finanzieller Bedrängnis, fast immer aus Familien stammten, die gesellschaftlich nicht allzu weit unter denen ihrer Dienstherren standen. Und gebildet waren sie zudem. „Dafür bringe ich nicht die Voraussetzungen mit, Ma'am.“

„Ich denke doch“, widersprach Mrs Hewitt. „Sie sind intelligent, fleißig … und Sie lieben Kinder.“

„Aber Gouvernanten sind Lehrerinnen, und ich bin kaum zur Schule gegangen! Und ich … Ich komme nicht aus Ihrer Welt, Mrs Hewitt. Was weiß ich schon von dem Leben in Ihren Kreisen?“

„Sie sind klug und werden alles lernen. Bis Grace im entsprechenden Alter ist, bleibt Ihnen reichlich Zeit, Ihre Bildungslücken zu schließen. In vielen Fächern werden sowieso zusätzliche Lehrer hinzugezogen: Sprachen, Klavier, Tanzen … Eine gute Gouvernante ist vor allem Erzieherin und moralische Instanz, und ich bin mir sicher, dass Sie dieser Rolle hervorragend gerecht werden.“

Wenn sie wüsste. „Mrs Hewitt, ich …“ Wie sollte sie es nur sagen? „Sie scheinen sich Vorstellungen von mir zu machen, die …“

„Tugend ist nichts, das allein Damen von Stand vorbehalten wäre, Nell – wenngleich ich in meinen Kreisen mit dieser Ansicht ziemlich allein dastehe. Aber es stört mich nicht, als exzentrisch zu gelten. Wahrscheinlich bin ich es sogar. Außerdem rühme ich mich ohne falsche Bescheidenheit einer hervorragenden Menschenkenntnis, und tief in meinem Herzen bin ich mir ganz sicher, dass Sie genau die Richtige für Gracie sind.“

„Ich … ich weiß Ihr Vertrauen sehr zu schätzen, Mrs Hewitt, aber …“

„Waren Sie schon mal in Boston, Nell?“

„Nein, Ma'am.“

„Sie werden angenehm überrascht sein. Unser Haus liegt gleich gegenüber dem Common, einem herrlichen, weitläufigen Park. Sie werden ein eigenes Zimmer im zweiten Stock bewohnen, neben den Kinderzimmern. Ein eher bescheidenes Zimmer, aber hell und geräumig, und vom Fenster aus kann man den Common überblicken. Sie bekommen zehn Dollar die Woche und …“

„Zehn …“ Zehn Dollar die Woche? „Nur für mich?“

„Zu Ihrer freien Verfügung. Natürlich brauchen Sie auch eine angemessene Garderobe, aber darum wird meine Schneiderin sich kümmern – auf meine Kosten, versteht sich.“ Mrs Hewitt senkte den Blick und strich über ihren Kimono. „Mr Hewitt hat mich gebeten, die Frage des Glaubens anzusprechen. Wir sind Anglikaner, müssen Sie wissen – Episkopale nennen sie sich hierzulande. Mr Hewitt ist bei unserer Heirat von den Kongretionalisten übergetreten. Und Sie sind vermutlich …“

„Katholisch.“

„Ja, das dachte ich mir. Ich hatte selbst eine katholische Gouvernante, Mademoiselle D'Alencour, woran ich auch Mr Hewitt erinnert habe, als er … nun ja, gewisse Bedenken äußerte. Grace wird natürlich in unserem Glauben erzogen. Es steht Ihnen frei, mit den anderen Dienstboten, die Messe zu besuchen, aber sobald Grace alt genug für den Gottesdienst ist, wird sie uns in die King's Chapel begleiten. Und was die religiöse Erziehung anbelangt …“

„Sie möchten nicht, dass ich ihr papistische Flausen in den Kopf setze.“

„In allen anderen Belangen vertraue ich ganz auf Sie. Es steht Ihnen frei, sie so zu erziehen, wie Sie es für richtig halten. Ich werde Ihnen kaum Vorgaben machen. Ich erwarte nur, dass Sie sie mit derselben Liebe und Sorgfalt aufziehen, als wäre sie Ihr eigenes Kind. Und ich würde es vorziehen, wenn Sie unverheiratet blieben. Zumindest solange Gracie klein ist, damit Sie ihr Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit widmen können. Auch Ihr Lebenswandel und Ihr Ruf müssen selbstverständlich über jeden Tadel erhaben sein – schließlich sind Sie für die Erziehung eines jungen Mädchens verantwortlich. Aber ich gehe davon aus, dass Sie mich in dieser Hinsicht nicht enttäuschen werden. Könnten Sie sich das vorstellen?“

Ob sie sich das vorstellen konnte? Ein Baby, das sie in den Armen halten und herzen konnte, wann immer ihr danach war? Ein Kind, das fast wie ihr eigenes wäre, nachdem sie sich längst damit abgefunden hatte, dass sie wohl nie eines haben würde? „Ja“, sagte sie aufrichtig und musste daran denken, wie die kleine Grace sich in ihren Armen angefühlt hatte – so warm, so gut, so richtig. „Ja, ich … Oh ja, das wäre wunderbar!“

Mrs Hewitt griff nach ihrer Hand und drückte sie. „Dann werde ich gleich morgen früh mit Dr. Greaves sprechen.“

Nell nickte, doch sie wusste schon jetzt, dass Dr. Greaves ihr eine solche Gelegenheit nicht verwehren würde. Es würde ihm nicht gefallen, sie zu verlieren, aber er würde tun, was das Beste für sie war.

Mit Nells Hilfe erhob Mrs Hewitt sich und meinte, ehe sie hinausging: „Denken Sie bitte nicht schlecht von Annie. Sie liebt ihren Mann und war untröstlich, als er in den Krieg zog. Aber irgendwann beginnt man sich einsam zu fühlen und … sucht Trost, wo immer man ihn findet.“

„Ich weiß, was Sie meinen.“

Diese Bemerkung entlockte Mrs Hewitt ein nachsichtiges Lächeln. „Ach, was wissen Sie schon in Ihrer jugendlichen Unschuld? Eines Tages, wenn Grace alt genug ist, werden Sie vielleicht selbst heiraten und diese Dinge besser verstehen.“

Als Viola Hewitt gegangen war, ließ Nell die Stirn gegen die Tür sinken. Was wissen Sie schon in Ihrer jugendlichen Unschuld? In den Verhältnissen, in denen sie aufgewachsen war, währte Unschuld nicht lange. Man sah zu, dass man überlebte. Aber wie sollte jemand wie Viola Hewitt das wissen? Sie sah in Nell nur die junge Irin, ein katholisches Mädchen aus einfachen Verhältnissen, von tadelloser Tugend. Wenn sie die Stelle tatsächlich antrat, hatte sie einiges zu verbergen. Vor allem Duncan.

Es behagte Nell nicht, Geheimnisse vor einer Frau zu haben, die sie schon jetzt sehr mochte. Aber wenn es sein musste, würde sie es tun. Und wenn sie die Stelle annahm – und nichts wünschte sie sich sehnlicher –, musste es sein.

„Haben Sie das gehört?“, fragte sie leise und drehte sich um.

Die Tür des Ankleidezimmers öffnete sich, und heraus kam Dr. Greaves, das Haar zerzaust, die Hosenträger lose herabhängend, das Hemd offen. Nell war dabei gewesen, es ihm aufzuknöpfen, als es an der Tür geklopft hatte.

Schweigend sah er sie an, dann hob er sein Sherryglas und lächelte so wehmütig, dass ihr ganz schwer ums Herz wurde.

„Zu lichten Höhen“, sagte er.

1. Kapitel

Februar 1868
Boston 

Es war ein Wunder oder eine Tragödie – je nachdem, wie man die Sache betrachtete.

Als die Nachricht eintraf, befand Nell sich mit den Hewitts im Musikzimmer, wo Martin seinen Eltern ein geistliches Lied vorsang. Viola Hewitt begleitete ihn auf dem Steinway. Am Kamin saß August Hewitt in seinem Ohrensessel, die Brille auf der Nasenspitze, seinen Putnam's Monthly aufgeschlagen vor sich. Nichts Schöneres gab es für ihn, als den Sonntagnachmittag im Schoße der Familie zuzubringen.

Ahnenporträts hingen an den holzgetäfelten Wänden, sechs Generationen Hewitts, die es im Seehandel zu einem gewissen Wohlstand gebracht hatten. Den Ehrenplatz über dem Kamin nahm Mr Hewitts Vater ein, der das Familienunternehmen vorausschauend um eine Tuchfabrik erweitert hatte. Und August Hewitt selbst – von seiner Gattin in einem monumentalen Porträt verewigt – war es vergönnt gewesen, das Vermögen der Familie noch beträchtlich zu mehren, als er zu einem Zeitpunkt, da niemand ahnen konnte, dass es kurz darauf zu einem Krieg zwischen den Staaten kommen würde, mit der Unionsarmee einen Vertrag über die Lieferung von Uniformen abgeschlossen hatte.

Die kleine Grace, in ihrem apfelgrünen Lieblingskleid mit Trägerschürze, hatte es sich, kaum dass Nurse Parrish eingenickt war, auf Nells Schoß gemütlich gemacht, wo sie dann auch prompt eingeschlafen war. Ihre Haarschleife kitzelte Nell am Kinn, doch es störte sie nicht. Gracies schläfriger Atem, ihre beruhigende Wärme, der liebliche, reine Kindergeruch, all das erfüllte Nell mit einem friedlichen Wohlgefühl.

Durch die mit Samtportieren drapierten Fenster beiderseits des Kamins sah Nell den Schneeflocken zu, wie sie aus einem bleiernen Himmel herabschwebten, ihr Buch – Miss Ravenel's Conversion from Secession to Loyalty, der große Bürgerkriegsroman von Mr DeForest – lag vergessen neben ihr. Sie liebte es, wenn der Schnee sich wie eine weiß schimmernde Decke über die Stadt legte, so makellos und unberührt, als wolle er die Straßen von allem Schmutz und Unrat reinigen, der sich im Lauf der Jahre angesammelt hatte.

Bei ihrer Ankunft vor drei Jahren war Boston ein Schock für sie gewesen: so groß, so laut, ein geschäftiger Bienenstock, in dem sie sich nicht nur verloren, sondern geradezu unsichtbar fühlte. Wie sehr sie sich am Anfang nach der ländlichen Vertrautheit von Cape Cod zurückgesehnt hatte! Doch mit der Zeit hatte die Stadt ihre bedrohliche Fremdheit verloren und war ihr zu einem Zuhause geworden – ihrem Zuhause. Und so, wie sie sich in Boston eingelebt hatte, hatte sie sich auch bei den Hewitts eingelebt. Gracie war, wenn schon nicht ihr leibliches, so doch das Kind ihres Herzens, und Viola Hewitt gegenüber empfand sie eine tiefe Verbundenheit.

Dennoch kam es selten vor, dass Nell die Sonntagnachmittage im Kreis der Familie verbrachte, gab Viola ihr doch fast jedes Wochenende frei. An den Samstagen ging sie in die öffentliche Bibliothek oder in eines der städtischen Museen, am liebsten in das Naturkundemuseum. Sie kannte auch einige andere Gouvernanten aus der Colonnade Row, da ihre kleinen Schützlinge gemeinsam im Park spielten. Gelegentlich traf man sich samstags zum Lunch oder zum Tee, aber da Nell wenig mit diesen Frauen gemein hatte, wollten sich daraus keine echten Freundschaften entwickeln.

Sonntags stand sie bereits im Morgengrauen auf, um zur Frühmesse zu gehen, danach betreute sie Gracie, während die Hewitts und Nurse Parrish ihrerseits den Gottesdienst besuchten, und den Rest des Tages hatte sie wieder frei. Bei schönem Wetter machte sie einen langen Spaziergang – selbst im Winter, sofern die Sonne schien – oder setzte sich mit einem Buch in den Public Garden. Wenn das Wetter eher ungemütlich war, so wie heute, las oder zeichnete sie auf ihrem Zimmer. Dort wäre sie auch jetzt gewesen, hätte Viola nicht ausdrücklich auf ihrer Anwesenheit bestanden.

„Bei Ihnen benimmt Gracie sich besser als bei Nurse Parrish“, hatte sie gemeint. „Und Sie wissen ja, wie Mr Hewitt ist, wenn sie anfängt zu quengeln. Sie braucht nur einen Mucks zu machen, und schon schickt er sie nach oben. Aber ich möchte sie heute Nachmittag so gern bei mir haben. Und bei dem Wetter sind Sie doch sowieso im Haus. Bitte sagen Sie, dass Sie uns Gesellschaft leisten werden.“

Da sie Viola, die ihr so lieb geworden war wie eine Mutter, kaum etwas abschlagen konnte, hatte Nell eingewilligt. Als Gracie von Nurse Parrishs auf ihren Schoß gekrabbelt war, hatte Mr Hewitt die Kleine zwar kurz mit einem grimmigen Blick bedacht, schenkte ihr aber weiter keine Aufmerksamkeit – ebenso wenig wie ihrer Gouvernante.

Nell überlegte, wann sie und Mr Hewitt sich zuletzt im selben Zimmer aufgehalten hatten. Dass ihre Wege sich nur selten kreuzten, lag vor allem an seiner Abneigung gegen Kinder im Allgemeinen und gegen Gracie im Besonderen. Auf seine Veranlassung hin nahm das Mädchen alle Mahlzeiten – außer zu Ostern und an Weihnachten – mit Nell im Kinderzimmer ein. Wenn sie sich einmal zufällig im Haus begegneten, nickten sie einander kurz zu und gingen jeder ihrer Wege.

„Es ist … anders“, sagte Mr Hewitt, als Martin sein Lied zu Ende gesungen hatte. „Gar nicht schlecht, nur die Stelle mit Gottes unerschöpflicher Gnade, die er allen Menschenkindern zuteilwerden lässt, solltest du vielleicht noch einmal überarbeiten.“

Martin nickte so ernst und bedächtig, dass wohl jeder, der es nicht besser wusste, dies als Geste tiefen Respekts gedeutet hätte. Auf den ersten Blick wirkte Martin sehr jung, doch seine Augen ließen eine Reife erkennen, die seinen einundzwanzig Jahren weit voraus war.

Leise schloss seine Mutter das Klavier und vermied es, ihren Mann oder ihren jüngsten Sohn anzusehen.

In der nachfolgenden Stille wurde zweimal vernehmlich an die Haustür geklopft. Nell hörte den Butler gemessenen Schritts die marmorne Weite der Eingangshalle durchqueren, dann das leise Quietschen der Türangeln und gedämpfte Männerstimmen.

Da sein Sohn noch immer nichts erwiderte, fuhr Mr Hewitt fort: „Ich will damit nur sagen, dass 'alle Menschenkinder' so verstanden werden könnte, dass beispielsweise auch Juden und Chinesen gemeint seien, womit du dem Unitarismus bedenklich nahekämst.“

Wieder verging eine Weile, während der Martin seinen Vater in der ihm eigenen ernsten, eindringlichen Manier musterte. „Danke, Sir. Ich werde darüber nachdenken“, sagte er schließlich und ließ seinen Blick kaum merklich zu Nell schweifen.

Leises Klopfen lenkte die allgemeine Aufmerksamkeit zur Tür des Musikzimmers. Hodges brachte eine Visitenkarte auf dem silbernen Tablett. „Für Sie, Sir.“

Mr Hewitt winkte den betagten Butler herein und nahm die Karte an sich. „Leo Thorpe. Meintest du nicht eben, dass wir die Thorpes schon lange nicht mehr gesehen hätten, meine Liebe? Bringen Sie ihn herein, Hodges.“

So wie August Hewitt aus durchscheinend weißem Alabaster gemeißelt schien, wirkte sein alter Freund Leo Thorpe wie aus einem großen Klumpen rotem Ton geformt. Von rosigem Antlitz und stämmiger Statur, mit schneeweißem, stets gut geöltem Haar, pflegte er gewöhnlich mit einem herzhaften „Wie geht's uns, alter Junge?“ zu grüßen. Heute jedoch zeigte er sich etwas zurückhaltender.

„Ah“, sagte er und blieb zögernd an der Tür stehen, sichtlich verunsichert, fast die ganze Familie versammelt zu sehen. „Ich wusste nicht, dass …“

„Ich wollte sowieso gerade gehen.“ Martin gab ihm kurz die Hand, als er das Zimmer verließ. „Schön, Sie zu sehen, Sir.“

Die schlafende Kinderfrau tat Mr Thorpe mit einem flüchtigen Blick ab und richtete sein Augenmerk auf Nell. Wäre sie aufgestanden, würde sie Gracie geweckt haben, und so vertiefte sie sich einfach wieder in ihr Buch und tat, als bemerke sie nicht, was um sie her geschah. Mr Thorpe zögerte kurz, ehe er sich abwandte. Die Gouvernante mit ihrem schlafenden Schützling wurde zu einem unauffälligen Teil des Hintergrunds.

„Leo“, Viola Hewitt lächelte, „wir wunderten uns eben erst, wie lange es schon her ist, dass wir Sie und Eugenia zuletzt zu Besuch hatten.“

„Hmm? Oh, ja. Ja, allerdings.“

„Warum kommen Sie beide nicht am Samstag zum Dinner?“

„Ja. Ja, doch.“ Mr Thorpe wirkte zerstreut. „Ich, ähm … Das klingt hervorragend.“

„Alles in Ordnung, Thorpe?“, erkundigte sich Mr Hewitt. „Ich will nicht hoffen, dass die Gicht Sie wieder plagt. Hier, setzen Sie sich.“

Viola bot ihrem Gast Tee an – „Oder vielleicht etwas Stärkeres?“ –, doch er schüttelte den Kopf.

„Ich wünschte, ich wäre nur zum Plaudern gekommen, aber … Es geht um … nun ja, um Ihren Sohn.“ Thorpe fuhr über die Krempe seines Zylinders, der, mit seinen Handschuhen darin, auf seinem Knie ruhte. „Eigentlich hatte ich gehofft, unter vier Augen mit Ihnen reden zu können, Hewitt.“

Violas Lächeln war duldsam und zeugte von leidiger Erfahrung. „Sie können offen sprechen, Leo. Was hat Harry denn diesmal wieder angestellt?“ Als August Hewitts Anwalt und langjährigem Vertrauten war es Leo Thorpe wiederholt zugekommen, Harrys wüsteste Ausschweifungen unter den Teppich zu kehren. Seit letztem Jahr war Mr Thorpe zudem gewählter Vertreter des Bostoner Stadtrats und erfreute sich nun noch größeren Einflusses in allen gesellschaftlichen Belangen.

„Hoffentlich nicht schon wieder Scherereien wegen einer Frau“, meinte ihr Gatte.

„Es geht nicht um Harry.“ Mr Thorpe rieb sich verlegen den Nacken und ließ seine Gastgeberin wissen, dass er nun doch einen kleinen Whiskey zu schätzen wüsste.

Sie läutete danach. „Wollen Sie damit sagen, dass unser Martin …“

„Unsinn.“ Ihr Mann tat diese Möglichkeit mit einer knappen Geste ab.

„Nein, das könnte ich mir auch nicht vorstellen“, pflichtete der Stadtrat bei.

„Wir haben aber nur zwei Söhne, Thorpe“, klärte Mr Hewitt ihn auf. Seine Frau tastete nach der schlichten Türkiskette, die halb verborgen unter der hellen Spitze ihres Kragens lag. Ihre Lippen wurden schmal, ihre Miene ausdruckslos.

Thorpe blickte Hilfe suchend zur Tür, als hoffte er, dass die Getränke endlich kämen.

„Aber wer, wenn nicht Martin oder Harry …?“, beharrte Mr Hewitt.

„Gestern Abend wurde ein Mann verhaftet – in der Purchase Street in Fort Hill, vor einem Laden namens Flynn's. Es ist ein … nun, eine Art Logierhaus für Matrosen. Unter anderem.“ Sein Blick huschte kurz zu Viola. „Er hat seinen Namen als William Toussaint angegeben, weshalb …“

„Toussaint?“ Viola horchte auf. Ihre französische Aussprache übertraf die Mr Thorpes beträchtlich. Als ihr Mann sie fragend ansah, blickte sie beiseite.

„Ganz recht“, bestätigte Leo Thorpe. „Unter diesem Namen war er im Logierhaus eingetragen, aber heute früh beim Schichtwechsel hat ihn einer der Jungs auf der Wache erkannt – Johnston, ein Veterane.“ Thorpe holte tief Luft und musterte seine Gastgeber mit sichtlichem Unbehagen. „Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, auch für mich war es ein Schock. Der Mann, der letzte Nacht verhaftet wurde, ist William. Ihr Sohn William.“

Die Hewitts starrten ihn sprachlos an.

„Sieht so aus, als hätte Johnston ihn '53 schon einmal einkassiert“, erklärte Mr Thorpe, „damals, bei der großen Razzia im North End.“ Wieder ein kurzer Blick zu Viola. „In einem … einem Haus von zweifelhaftem Ruf. Daher kannte er ihn.“

Mr Hewitt räusperte sich. „Nun, das ist … fünfzehn Jahre her. Wie will er sich da an ihn …“

„Er erinnert sich noch ganz genau an die Razzia, weil es mit fast hundert Verhaftungen die größte Aktion war, die jemals durchgeführt wurde. Und an Ihren Sohn erinnert er sich … nun ja, weil er ein Hewitt ist.“

Viola starrte blicklos vor sich hin. Sie sah aus, als sei sie in Trance. „Will war über den Sommer nach Hause gekommen, und wir hatten uns noch nicht auf den Weg ans Cape gemacht. Es war der Tag vor seinem achtzehnten Geburtstag. Er war mit Robbie ausgegangen, und Ihr Jack war vermutlich auch mit von der Partie“, meinte sie zu Leo. „Aber gegen Mitternacht kam Robbie allein zurück …“

„Ausgeschlossen“, beschied Mr Hewitt. „Es muss sich um eine Verwechslung handeln. William ist tot.“

Dennis, einer der beiden feschen jungen, ganz in Blau livrierten Lakaien, brachte die Getränke und bot allen außer der Gouvernante etwas an. Wäre es Viola aufgefallen, hätte sie etwas gesagt, wie sie es immer tat, wenn Nell von den anderen Angestellten brüskiert wurde, doch diesmal war sie mit ihren Gedanken woanders.

Gouvernanten zogen sich, da sie eher als Familienmitglieder denn als Bedienstete behandelt wurden, leicht den Zorn des übrigen Personals zu. Die meisten Gouvernanten hatten indes einen privilegierten Hintergrund und daher zumindest oberflächlichen Respekt verdient. Nicht so Nell, die aus ebenso einfachen Verhältnissen stammte wie die Bedienten, welche sich ihr ebenbürtig, wenn nicht gar überlegen fühlten und ihr nicht verziehen, dass sie ihr dennoch zu Diensten sein mussten.

Thorpe nahm seinen Whiskey pur und trank ihn in zwei Schlucken aus. „Captain Baxter, dessen Abteilung für Fort Hill zuständig ist, hat heute Morgen nach mir geschickt – weil ich Ihr Anwalt bin und ein Freund der Familie. Ich war auf der Wache und habe ihn gesehen. August, es ist William.“

„Er lebt“, sagte Viola mit zitternder Stimme. „Ich kann es kaum glauben.“

„Und ich will es nicht glauben“, beharrte ihr Mann. „Wenn er lebt, warum taucht er erst jetzt auf? Warum hat er sich nie bei uns gemeldet? Und warum stand er auf der Liste der Toten von Andersonville? Da hieß es, er sei am 9. August 1864 an der Ruhr gestorben. Warum sollte das da so stehen, wenn es nicht die Wahrheit ist?“

„Das habe ich ihn auch gefragt“, sagte Thorpe. „Und ich wollte noch mehr von ihm wissen, aber er war nicht gerade mitteilsam, um es milde auszudrücken. Verzeihen Sie, wenn ich ausgerechnet jetzt darauf zu sprechen komme, aber waren Sie jemals in Andersonville und haben sein Grab …“

„Robbie hat ein eigenes Grab“, unterbrach ihn Mr Hewitt. „Was William anbelangt …“ Er sah kurz zu seiner Frau. „Es hieß, es habe an dem Tag sehr viele Todesfälle gegeben. Er sei in einem Massengrab beerdigt.“

„Schreckliche Sache“, murmelte Thorpe.

„Ich gehe davon aus, dass Sie diesen Burschen ausdrücklich gefragt haben, ob er wirklich William Hewitt ist.“

„Natürlich, schon aus rechtlichen Gründen. Er hat nicht geantwortet, aber ich wusste auch so, dass er es ist. Er ist doch Arzt, oder?“ Thorpe nahm einen länglichen, in ein Taschentuch gewickelten Gegenstand aus seiner Rocktasche. Als er das Tuch aufschlug, kam ein Messer zum Vorschein. Es hatte einen schmalen perlmutternen Griff mit einem feinen Sprung darin.

Viola rang nach Atem, als sie es sah. Die leicht gebogene Klinge war dunkel befleckt. Nell reckte den Hals, um einen besseren Blick zu erhaschen.

Thorpe drehte es hin und her. „Scheint mir eine Art Skalpell zu sein.“

„Ein Taschenskalpell“, sagte Nell.

Thorpe drehte sich verdutzt nach ihr um.

Sie tadelte sich, die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt zu haben, doch nun war es ohnehin zu spät, und so fuhr sie fort: „Taschenskalpelle sind schmaler als normale Skalpelle, haben meist gebogene Klingen, so wie dieses, und sie lassen sich zusammenklappen.“ Gracie regte sich in ihren Armen und murmelte verschlafen, beruhigte sich jedoch wieder, als Nell ihr sanft über den Rücken strich.

„Die Klinge sieht aus, als hätte sie schon einiges mitgemacht“, meinte Thorpe, „aber sie ist scharf geschliffen. Und hier steht 'Tiemann' eingeprägt.“

„Das ist der Hersteller“, sagte Viola. „Dieses Skalpell gehörte zu dem chirurgischen Taschenset, das ich Will zu Weihnachten geschenkt habe, als er das letzte Mal … Das war Weihnachten '63. Er und Robbie hatten zwei Wochen Urlaub, doch Will blieb nur zwei Tage. Am Weihnachtsabend, kurz vor dem Zubettgehen, sprach ich das letzte Mal mit ihm, und am nächsten Morgen war er fort. Seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört. Woher haben Sie das Messer?“

„Von dem Polizisten, der Ihren Sohn verhaftet hat. William …“ Thorpe wickelte das Skalpell sorgsam wieder ein, ehe er fortfuhr: „Es tut mir leid, Viola. William hat damit einem Mann die Kehle durchgeschnitten.“

Alles Blut wich ihr aus den Wangen. Ihr Mann lehnte sich zurück, nahm seine Brille ab und massierte sich die Nasenwurzel.

Der Stadtrat genehmigte sich noch einen Whiskey. „Ihr Sohn, oder vielmehr William Toussaint, ist des Mordes angeklagt. Er hat gestern Abend in einer Gasse hinter besagtem Logierhaus einen Matrosen der Handelsmarine getötet. Einen Burschen namens Ernest Tulley.“

„Nein“, sagte Viola sichtlich verstört. „Nein, das glaube ich nicht. Warum sollte er so etwas tun?“

„Das hat er uns nicht verraten, nicht mal nachdem die Jungs … nun ja, sagen wir, sie haben ihn die ganze Nacht verhört, aber er schweigt beharrlich. Vermutlich war er nicht nüchtern. Andere Matrosen haben ausgesagt, dass er dort war, um Opium zu rauchen. Im Flynn's gibt es ein Hinterzimmer …“

„Opium?“ Viola schüttelte den Kopf. „Will würde doch nie …“ Ihre sonst so angenehm tiefe Stimme klang schrill. „Um Gottes willen, er ist Arzt! August, sag du es ihm.“ Sie hieb mit den Fäusten auf die Lehnen ihres Rollstuhls. „Sag es ihm! Will würde niemals …“

„Viola …“ Ihr Mann erhob sich und trat zu ihr.

„Sag es ihm“, bat sie inständig und griff nach seinem Arm. „Bitte, August.“

Bestürzt verfolgte Nell das Geschehen. Niemals, nicht ein einziges Mal in den drei Jahren, die sie nun schon bei den Hewitts war, hatte sie Viola jemals die Fassung verlieren sehen.

„Viola, ich werde mich darum kümmern …“

„Es muss sich um ein schreckliches Missverständnis handeln“, sagte sie zu Thorpe und rang mühsam um Beherrschung. „Ich kenne Will. Er … war schon immer … temperamentvoll, aber er würde niemals jemanden töten. Er ist Arzt, Leo, er rettet Leben, bitte …“

Ihr Mann fasste sie bei den Schultern und schlug einen sanfteren Ton an. „Vertraust du mir, Viola?“

Du weißt, dass er das nicht getan hat, oder?“

„Du musst dich beruhigen, meine Liebe. Wenn man seinen Gefühlen Luft macht, verstärken sie sich nur noch. Ich werde mit Leo in die Bibliothek gehen und die Angelegenheit klären …“

„Nein. Nein! Bleib hier. Ich verhalte mich auch ganz ruhig. Ich …“

„Deine Konstitution würde es nicht verkraften, meine Liebe. Ich werde mich um alles kümmern, aber ich möchte dich bitten, zu niemandem davon zu sprechen – auch nicht zu Martin oder Harry.“

„Ich darf ihnen nicht erzählen, dass ihr Bruder lebt? Und des Mordes beschuldigt wird? Herrgott, August, früher oder später werden sie es sowieso erfahren.“

„Vertrau mir, Viola. Thorpe.“ Mr Hewitt bedeutete seinem Freund, ihm zu folgen, und die beiden Männer verließen das Zimmer.

„August!“, schrie Viola, als sie schon die Treppe am Ende der Halle hinaufgingen. „Was soll das heißen, du wirst dich 'um alles kümmern'? Was meinst du damit, August?“

„Mrs Hewitt …“, begann Nell.

„Ich muss nach oben.“ Viola griff sich die klappbaren Gehstöcke, die stets an der Lehne ihres Stuhls hingen. „Wo ist Mrs Bouchard?“

„Es ist Sonntag. Sie hat …“

„Dann helfen Sie mir.“ Energisch stemmte Viola die Stöcke auf den chinesischen Teppich. „Los, beeilen Sie sich!“

„Ma'am …“ Nell hob den Blick zur Decke, wo nun Schritte zu vernehmen waren. Die Bibliothek lag direkt über dem Musikzimmer.

„Sie haben recht. Bis ich oben bin … Sie werden gehen!“

„Ich? Man wird mich niemals …“

„Seien Sie leise und horchen Sie an der Tür.“

„Ich soll lauschen?“

„Und lassen Sie sich nicht erwischen. Seien Sie besonders vor Mrs Mott auf der Hut. Sie schleicht sich so unhörbar heran wie der Tod.“

„Mrs Hewitt, Ihr Mann wird mich auf der Stelle entlassen, wenn er mich erwischt.“ Er hatte Bediente schon aus geringerem Anlass hinausgeworfen.

„Das wird er nicht, wenn ich mich nur genügend aufrege. Sie wissen doch, wie unerträglich es ihm ist, mir Kummer zu bereiten. Bitte, Nell.“ Tränen standen Viola in den Augen. „Ich flehe Sie an. Ich habe solche Angst … Bitte.“ Sie zupfte ein spitzenbesetztes Taschentuch aus ihrem Ärmel, betupfte sich die Augen und streckte die Arme aus. „Ich nehme Gracie. Beeilen Sie sich!“

Gracie maunzte wie ein gereiztes Kätzchen, als Nell aufstand und sie zu Viola trug. „Nein …“, quengelte sie verschlafen, da sie wohl annahm, hinauf ins Kinderzimmer gebracht zu werden, um dort ihren Mittagsschlaf zu beenden. „Ich will Miseeney.“

„Miseeney muss jetzt gehen“, sagte Nell sanft, als sie die Kleine an ihre Adoptivmutter übergab. „Nana bleibt bei dir.“ Es war Violas Idee gewesen, dass Gracie sie „Nana“ nennen sollte, da sich gewiss gar zu viele Augenbrauen gehoben hätten, wenn ein kleines Kind eine Dame in fortgeschrittenem Alter „Mama“ nannte.

So leise wie möglich schlich Nell nach oben. Gedämpfte Stimmen waren zu vernehmen, als sie sich der Bibliothek näherte. Die Tür stand einen Spaltbreit offen. Im Schatten der Wand blieb sie stehen und bekreuzigte sich rasch. Bitte, St. Dismas, bitte, bitte, bitte, lass ihn jetzt nicht die Tür aufmachen und mich hier finden! Auch nach all den Jahren richtete Nell ihre Gebete noch immer an den Schutzheiligen der Diebe, und bislang war es nicht ihr Nachteil gewesen.

„Sie wissen, dass er dafür hängen kann?“, vergewisserte sich Leo Thorpe.

„Wurde er schon vor Gericht gestellt?“, fragte Mr Hewitt.

„Ja, aber er hat sich wenig kooperativ gezeigt. Seinen Anspruch auf rechtlichen Beistand hat er ausgeschlagen und keinen Versuch gemacht, sich selbst zu verteidigen. Das Gericht musste im Sinne des Angeklagten auf unschuldig plädieren. Um Freilassung auf Kaution hat er allerdings ersucht und soll ziemlich außer sich geraten sein, als ihm dies verwehrt wurde. Wie bei Kapitalverbrechen üblich wird er bis zum Prozess in Haft bleiben.“

Hewitt schnaubte verächtlich. „Was bildet sich der arrogante Kerl auch ein, ohne Anwalt auszukommen! Schadet ihm gar nicht.“

„Natürlich besteht die Möglichkeit … Mit Ihrem Rang und Namen ließe sich gewiss hinsichtlich der Kaution …“

„Ich werde ganz gewiss keinen Richter bestechen, nur damit der verdammte Bastard auf freien Fuß kommt und noch jemandem die Kehle durchschneiden kann.“

Es war das erste Mal, dass Nell in diesem Haus einen solchen Ton hörte. Sie war schockiert, hätte sie eine derartige Wortwahl vom stets auf Tugend und Moral bedachten August Hewitt doch niemals erwartet – selbst dann nicht, wenn keine Damen anwesend waren.

„Nun ja … ganz sicher, alter Junge? Immerhin ist er Ihr Sohn. Ich meine, ich kann ja verstehen, dass Sie ihm gerade nicht wohlgesonnen sind, aber wenn …“

„Kommt gar nicht infrage. Zum Teufel mit ihm“, sagte Hewitt aufgebracht. „Wie kann er sich unterstehen, seiner Mutter das anzutun? Drei Jahre zu verschwinden, ohne ein einziges Lebenszeichen, und dann das … Zum Teufel, er hat einen Mord begangen! Wäre er unschuldig, hätte er von Anfang an auf unschuldig plädiert. Und Opium? Nichts als Ärger mit ihm. Traurig, aber wahr: Ich wusste schon immer, dass es ein schlimmes Ende mit ihm nehmen würde.“

„Schlimm, wenn es ihnen schon in die Wiege gelegt wurde. Herzzerreißend.“

„Viola war viel zu nachsichtig, was ihn anbelangt. Verständlich, er ist ihr Erstgeborener, und Frauen können so sentimental sein.“

„Allerdings.“

„Hat er eine Adresse angegeben?“

Mr Thorpe seufzte. „Irgendein Hotel. Er scheint keinen festen Wohnsitz zu haben.“

„Nun, vielleicht nicht gerade hier in Boston, aber …“

„Nein, nirgends. Er hat offenbar ein Nomadenleben geführt.“

„Ein Hewitt als obdachloser Streuner. Wer hätte gedacht, dass ich das noch erleben müsste?“

„Hmm … ja, sieht ganz so aus.“ Thorpe räusperte sich. „Sagen Sie, Hewitt, stimmt es, dass Sie in diesem Kabinett einen hundert Jahre alten Cognac verwahren?“

„Ja, aber wenn Sie glauben, Sie dürften ihn probieren, haben Sie sich geschnitten. Das ist die letzte Flasche aus der Kiste, die mein Großvater 1794 von Hennessys erstem Import nach New York gekauft hat, und ich werde sie bis zur Geburt meines ersten Enkelkindes aufbewahren. Aber da drüben in der Karaffe ist ein netter alter Port – bedienen Sie sich.“

„Das würde ich gern.“

„Zigarre?“

„Famos!“

Es folgte längeres Schweigen, und Nell hielt gebannt den Atem an. Als Mr Hewitt wieder sprach, klang er ruhiger, fast bedächtig. „William hat von Anfang an Probleme gemacht, praktisch seit seiner Geburt. Ich rechne es Viola hoch an, wie souverän sie mit seinen jugendlichen Verfehlungen umgegangen ist, aber diesmal … Diesmal hat er es zu weit getrieben. Und ich werde nicht zulassen, dass sie wieder mit ihm konfrontiert wird. Seit sie in Europa erkrankt ist, steht es mit ihrer Gesundheit nicht zum Besten – und ich meine nicht nur ihre Beine. Sie ermüdet rasch, ist schnell erschöpft. Ich glaube nicht, dass sie die Belastung verkraften würde, William wieder in ihrem Leben zu haben. Zumal angesichts dessen, was aus ihm geworden ist.“

„Verdammt gute Zigarre“, murmelte Thorpe.

„Damit wir uns richtig verstehen, Thorpe: Ich will, dass William der Prozess gemacht wird und er seine gerechte Strafe bekommt – aber unter diesem angenommenen Namen, haben Sie verstanden? Wie war er noch mal? Irgendwas französisches.“

„Toussaint“, erwiderte Thorpe und sprach es noch immer falsch aus. „Aber wird ihn denn niemand erkennen und wissen, wer er ist?“

„Unwahrscheinlich. Gewiss erinnern Sie sich, dass William in England zur Schule gegangen und aufgewachsen ist. Er war nur während des Sommers hier, und den haben wir auf Cape Cod verbracht. Viola konnte ihn auch nie dazu überreden, sie auf Gesellschaften und Bälle zu begleiten, weshalb er in Boston kaum jemanden kennen dürfte. Die meiste Zeit hat er mit Robbie verbracht – und natürlich mit Ihrem Jack. Robbie und er waren unzertrennlich.“

„Allerdings. Oh, da fällt mir ein … Habe ich Ihnen schon erzählt, dass Orville Pratt und ich Jack als Juniorpartner in die Kanzlei nehmen wollen? Wir beabsichtigen, es offiziell zu machen, wenn wir auch Jacks Verlobung mit Cecilia Pratt bekannt geben – wahrscheinlich auf dem Frühlingsball der Pratts.“

„Vortrefflich! Jack ist ein anständiger junger Mann, genau wie Robbie es war – und das, obwohl William stets alles darangesetzt hat, den beiden ein schlechtes Vorbild zu sein. Außer Jack dürfte ihn in Boston keine Menschenseele erkennen. Aber was ist mit der Polizei? Die bereitet mir Sorgen. Wer könnte alles wissen, wer Toussaint wirklich ist?“

„Nun ja, Johnston natürlich, der sich noch von der Razzia vor fünfzehn Jahren her an ihn erinnert. Er hat es vermutlich ein, zwei Kollegen erzählt, unter anderem Captain Baxter, und als Baxter mich informierte, habe ich William sofort in eine Einzelzelle verlegen lassen und sogleich Anweisung gegeben, dass niemand sonst davon erfahren dürfe, ehe ich nicht mit Ihnen gesprochen hätte.“

„Wer Bescheid weiß, muss zum Schweigen gebracht werden. Meines Wissens gibt es bei der Bostoner Polizei niemanden, der nicht für den Preis eines Biers seine Großmutter verkaufen würde.“

Nell hörte Leo Thorpe abgrundtief seufzen.

„Bieten Sie ihnen, was immer es braucht, damit sie vergessen, wer William Toussaint wirklich ist“, sagte Mr Hewitt. „Und einen gewissen Ehrgeiz, ihn seiner gerechten Strafe zuzuführen, erwarte ich natürlich auch. Wenn er für schuldig befunden und verurteilt wird, könnte ein kleiner Bonus drin sein. Captain Baxter wird schon wissen, was zu tun ist. Und klären Sie die Sache schleunigst – ehe jemand zu reden anfängt.“

„Ich werde mich sofort darum kümmern. Sollte binnen einer Stunde erledigt sein.“

„Mein Name bleibt unerwähnt, Thorpe. Ebenso der Ihre. Weiter als Baxter geht es nicht.“

„Was ist mit der hübschen kleinen Gouvernante? Sie hat doch alles mit angehört.“

„Nell? Sie ist meiner Frau treu ergeben und wird den Mund halten, wenn ich ihr sage, dass es zu Violas Bestem ist – was ja auch stimmt, wenngleich Viola das nicht so sehen würde. Und was William anbelangt, will ich, dass er so rasch wie möglich aus der Arrestzelle auf der Wache verschwindet, damit er neugierigen Blicken entzogen ist.“

„Er wird morgen ins Gefängnis an der Charles Street verlegt und bis zum Prozessbeginn dortbleiben.“

„Gut. Am besten wäre es, wenn er da nicht mehr rauskommt.“ Nun war es an Mr Hewitt, tief zu seufzen. „Zum Teufel mit ihm.“

„Miss Sweeney?“

Nell fuhr herum. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. „Master Martin.“ Sie hatte ihn gar nicht kommen hören. Er stand an der Treppe und schien gerade nach unten gehen zu wollen. „Ich habe mir die Gemälde Ihrer Mutter angesehen“, sagte sie, als sie an ihm vorbei weiter den Korridor entlangschlenderte. Insgeheim betete sie, dass man sie in der Bibliothek nicht hörte.

„Außerordentlich, nicht wahr?“ Wenn er so lächelte wie jetzt, schien er keinen Tag älter als fünfzehn zu sein. „Ich sage ihr ja immer, sie soll sie unten aufhängen, wo Besucher sie zu Gesicht bekommen, aber das findet sie vulgär.“

Nell ließ den Blick über die Ahnenbildnisse schweifen, die die Wände des langen Gangs schmückten. „Was mich wundert, ist, dass keine von Ihrem Bruder William darunter sind.“

„Ich dachte, Sie wüssten weshalb.“ Martin schob die Hände in die Hosentaschen. „William war das schwarze Schaf der Familie.“

„Ja, so etwas hatte ich vermutet. Niemand redet je von ihm.“

„Vater mag seinen Namen nicht hören – selbst jetzt, wo er nicht mehr bei uns ist, was ich ehrlich gesagt nur schwer verstehen kann. Ich meine, schlimmer als Harry kann er kaum gewesen sein, und Harry schlägt doch immer über die Stränge – entweder er ist betrunken, verspielt sein Vermögen, oder es gibt Ärger mit seinen …“ Unangenehm berührt senkte Martin den Blick.

„Mit seinen reizenden Fabrikarbeiterinnen?“, kam es von Harry, der aus seinem Zimmer am Ende des Gangs aufgetaucht war. Wie immer war er tadellos herausgeputzt, nur im Gesicht zeigten sich noch Anzeichen der gestrigen Ausschweifungen, die Haut wirkte bleich und gedunsen, die Augen waren ein wenig verquollen. „Na los, Martin, sag es schon. Unsere reizende Miseeney ist da ganz wie Mutter – du weißt schon, nicht so leicht zu schockieren.“ Er ließ seinen Blick über Nells Kleid schweifen. „Und sieht sie nicht bezaubernd aus heute Morgen? Haben wir da etwa einen neuen Grauton?“ Er beugte sich näher zu Nell.

„Morgen?“, schnaubte Martin. „Es ist halb drei, Harry. Und ich bezweifle, dass Miss Sweeney deinem Spott etwas abgewinnen kann.“

„Miss Sweeney weiß, dass ich sie nur necken will – nicht wahr, Miss Sweeney? Oder glaubst du, du bist der Einzige, der mit ihr flirten darf? Ziemlich unfair.“

„Ich habe nicht … Wir haben nicht …“ Selbst im schwachen Licht des Korridors sah Nell Martins Ohren schamrot erglühen.

„Wenn er sich Freiheiten herausnimmt“, Harry zwinkerte Nell vertraulich zu, „sagen Sie mir Bescheid.“ Mit gesenkter Stimme fügte er hinzu: „Das will ich mir nämlich nicht entgehen lassen.“

Es war das erste Mal, dass sie Mrs Hewitt weinen sah. Und es war kein sanftes, leises Weinen, wie es sich für eine Dame schickte, sondern ein heftiges, heiseres Schluchzen, das Nell bis ins Mark erschütterte. „Es ist meine Schuld“, jammerte Viola in ihr Taschentuch. „Alles ist meine Schuld …“

„Aber nicht doch“, versuchte Nell sie zu beruhigen, ohne Gracie aus den Augen zu lassen, die im angrenzenden Boudoir damit beschäftigt war, Hutschachteln aus dem Schrank zu räumen. Violas Zofe Paola Gabrielli saß seelenruhig neben dem Kind und nähte einen Schleier an einen Hut aus violettem Samt. „Wie sollte das denn möglich sein?“

Viola schüttelte den Kopf. Ihre Tränen tropften auf den Brief, der vor ihr lag – ein Brief, der mit den Worten Lieber Will … begann. „Oh Gott, was für eine schreckliche Mutter ich bin!“

„Sie sind eine wunderbare Mutter.“

„Ach, was wissen Sie schon? Nichts, gar nichts. Und nun … nun wird Will … Sie werden ihn hängen. Und alles ist meine Schuld.“

Ihre Schuld? Hatte sie dem Mann vor dem Logierhaus die Kehle durchgeschnitten? Hatte sie Stadtrat Thorpe aufgetragen, dafür zu sorgen, dass „ihm der Prozess gemacht“ werden solle? Nell hatte eher den Eindruck, dass Viola ein ebenso schuldloses Opfer dieses Verbrechens war wie Ernest Tulley.

Trotz der zahlreichen Tränenflecken steckte sie den Brief in einen Umschlag, auf den sie mit ihrer violetten Tinte Dr. William Hewitt schrieb, jäh innehielt und dann den Brief wieder herausnahm. Sie warf den Umschlag ungeduldig fort und steckte den Brief in einen neuen, den sie an Dr. William Toussaint adressierte und mit ihrem violetten Siegel verschloss.

„Den bringen Sie Will.“

„Was?“, entfuhr es Nell, als ihre Dienstherrin ihr den Brief in die Hand drückte.

„Sie sind die Einzige, die es machen kann, Nell. August wird es nicht tun. Für ihn gehört Will nicht mehr zur Familie. Ihm ist es gleich, ob er hängt – Sie haben es mir ja selbst gesagt. Und kaum auszudenken, wenn ich Martin oder Harry mit in die Sache hineinziehe.“

„Mrs Hewitt, ich …“

„Erledigen Sie es noch heute Nachmittag. Wenn man ihn erst ins Gefängnis an der Charles Street verlegt hat, wird man Sie kaum noch zu ihm lassen. Derzeit befindet er sich auf der Polizeiwache Williams Court. Ich war schon einige Male dort, um den Häftlingen warme Decken und Bibeln zu bringen. Jede Arrestzelle hat einen kleinen Vorraum, Sie werden also ungestört mit ihm reden können.“

„Was, wenn Mr Hewitt mich gehen sieht? Oder Hitchens?“ Der treue Kammerdiener erstattete seinem Herrn über alles Bericht. August Hewitt würde sie auf der Stelle entlassen, wenn er herausfand, dass sie ihn hinterging. Nells größter Albtraum, der sie nicht selten schweißgebadet aus dem Schlaf schrecken ließ, war, dass sie sich eines Tages in ihrem alten Leben wiederfand, ohne Zuhause, ohne Familie … und ohne Gracie. Gracie zu verlieren war ihre größte Sorge. „Wird man sich nicht wundern, wenn ich ausgehe, nachdem ich beschlossen hatte, heute im Haus zu bleiben, da es so stark geschneit hat?“

„Wenn jemand fragt, sagen Sie einfach, Sie wollen den Boston Common im Schnee malen und ein paar Impressionen sammeln.“

Eine glaubhafte Lüge, wie Nell sich widerwillig eingestehen musste. Aber was, wenn sie nicht funktionierte? August Hewitt derart zu hintergehen war etwas anderes, als an der Tür zur Bibliothek zu lauschen. Und nie hatte sie ihn so wütend und so entschlossen erlebt. Wenn er herausfand, was sie getan hatte, würde er keine Gnade kennen. Da konnte auch Viola ihr nicht mehr helfen. Niemand widersetzte sich August Hewitt ungestraft.

Und die Aussicht, allein auf eine Polizeiwache zu gehen, erschien Nell auch nicht gerade verlockend. „Ich weiß nicht, ob ich das schaffe, Mrs Hewitt.“

Den Grund ihrer Besorgnis missdeutend, meinte Viola: „Nell, glauben Sie mir, Sie haben von Will nichts zu fürchten. Er wäre überhaupt nicht fähig, die Tat zu begehen, deren er beschuldigt wird. Und eher würde er sterben, als dass er eine Opiumpfeife an seine Lippen setzte. Er hält Opium für eine Geißel der Menschheit – das hat er mir selbst gesagt. Seiner Ansicht nach sollte das Gift hierzulande ebenso verboten werden wie in China. Nein, er ist ein guter Mensch. Und er ist Arzt. Niemals würde er … Ihnen etwas zuleide tun, sollte das Ihre Sorge sein, oder …“

„Nein, das ist es nicht. Ich habe nur … ich …“

„Ich muss herausfinden, was tatsächlich geschehen ist. Am liebsten würde ich selbst gehen, denn ich möchte Will so gerne in die Arme schließen. Wie lange habe ich davon geträumt, ihn wiederzusehen! Tatsächlich geträumt – und ich bin schluchzend aus diesen Träumen aufgewacht …“ Sie seufzte. „Aber ich muss an Will denken. Wenn ich ihn dort besuchen würde, wüsste jeder, wer er ist. Und wenn mein Mann herausfände, dass ich mich ihm widersetzt habe …“ Sie runzelte die Stirn. „Er darf auch nicht herausfinden, dass Sie dort waren. Nennen Sie einen falschen Namen. Tun Sie so, als kämen Sie im Dienste der Wohltätigkeit. Reden Sie allein mit Will, wenn es möglich ist. Sagen Sie ihm, ich würde dafür sorgen, dass er morgen auf Kaution freikommt.“

„Ohne dass Mr Hewitt es herausfindet?“

„Der Gatte einer meiner Bekannten ist Richter, Horace Bacon. Zufälligerweise weiß ich, dass seine Frau über ihre Verhältnisse lebt und Horace beträchtliche Schulden hat. Er wird mir meine Bitte nicht abschlagen, wenn sie von einem gut gefüllten Geldkouvert begleitet ist. Und wenn ich den Umschlag ganz besonders gut fülle, sollte es Ihnen sogar möglich sein, ihn zu überzeugen, das Verfahren zu beschleunigen und meinen Namen aus allen Unterlagen …“

Ich soll ihn überzeugen?“

„Aber natürlich, wer denn sonst? Sie sind die Einzige, die ich darum bitten kann, Nell.“ Viola überlegte kurz. „Um einen Anwalt sollte ich mich auch kümmern.“

„Wird das Gericht keinen Verteidiger bestellen?“

„Nein, wir brauchen unseren eigenen Mann – jemanden, der sehr gut und diskret ist und sich vor allem einverstanden erklärt, Mr Hewitt außen vor zu halten. Das dürfte nicht ganz einfach sein, da mein Mann nahezu jeden Anwalt in Boston kennt.“

„Aber ich kann jetzt nicht fort“, wandte Nell ein. „Wer passt denn auf Gracie auf?“ Die Kleine war sehr aufgeweckt und lebhaft, sodass man ihr viel hinterherrennen musste, wozu Viola außerstande war.

„Nurse Parrish wird bald von ihrem kleinen Nickerchen aufwachen. Und bis dahin kann Paola ein Auge auf sie haben. Bitte, bitte, Nell – ich flehe Sie an. Ich muss herausfinden, was sich gestern Abend zugetragen hat. Eher finde ich keine Ruhe.“ Abermals standen Viola Tränen in den Augen. „Sie sind die Einzige, der ich vertrauen kann, und ich bin sicher, dass Sie es schaffen werden. Sie sind klug und wissen, was Sie tun. Und Sie haben etwas an sich … Die Menschen sprechen auf Sie an. Männer sprechen auf Sie an. Sie werden keine Schwierigkeiten haben, zu Will vorgelassen zu werden.“

Nell presste sich die Hand gegen die Stirn. Ihr schwindelte angesichts ihres Dilemmas, doch hatte sie eine andere Wahl? Wäre Viola Hewitt nicht gewesen, würde sie noch immer in East Falmouth leben, Cyril Greaves zu Diensten sein und die abgelegten Kleider seiner Cousine tragen. Nicht, dass sie ihm deswegen Vorwürfe machte. Keineswegs. Sie hatte Dr. Greaves gemocht, sehr sogar. Er hatte ihr das Leben gerettet, wofür sie ihm immer dankbar sein würde. Aber sie war auch Viola Hewitt dankbar, die ihr eine neue Welt eröffnet und ihr Gracie geschenkt hatte, das einzige Kind, das sie jemals haben würde.

Mit leiser, tränenerstickter Stimme sagte Viola: „Wissen Sie eigentlich, wie glücklich Sie sich schätzen können?“

„Ob ich es weiß? Es ist jeden Morgen mein erster Gedanke und der letzte, bevor ich einschlafe.“

„Nein, das meinte ich nicht. Ich meine … Sie sind so viel freier als ich – freier als alle Frauen meiner Kreise. Wir Damen der Gesellschaft werden in einen Kokon aus Anstand und Etikette gehüllt, damit wir unserer Familie keine Schande bereiten. Und wenn Sie wüssten, auf wievielerlei Art man gegen die Erwartungen verstoßen kann! Eine Gouvernante hingegen … Wissen Sie eigentlich, welch ein Privileg es ist, sich so frei bewegen zu können wie Sie? Das gesellschaftliche Korsett behindert mich mehr als das Leiden, das mich an diesen elenden Stuhl fesselt. Sie hingegen stecken in keinem Kokon, der Ihre Freiheit einschränkt.“ Viola streckte die Hand aus und strich Nell über die Wange. „Sie sind frei – wie ein Schmetterling. Wie sehr ich Sie beneide.“

2. Kapitel

„Damenbesuch, Toussaint“, meldete der pockennarbige Wärter durch die Gitterstäbe der Arrestzelle.

„Ich kenne keine Damen.“ Die Stimme, die von drinnen antwortete – tief, dunkel, mit englischem Akzent und leicht gelangweilt –, passte so gar nicht hierher. Es war eine Stimme, wie man sie wohl in Opernlogen, im Ballsaal oder auf dem Polofeld hörte, nicht aber in dieser schmutzigen kleinen Zelle.

Nell konnte nicht viel von William Hewitt erkennen. Zum einen, weil sie sich fast in die äußerste Ecke des winzigen Besucherzimmers drängen musste, um darin Platz zu finden, zum anderen, weil nur die Tür der Zelle aus Gitterstäben bestand, die Wände hingegen solide gemauert waren. Lediglich zwei lange, mit hellbraunen Hosen bekleidete Beine, von denen das rechte mit dem Knöchel auf dem Knie des linken ruhte, befanden sich in Nells Blickfeld. Plötzlich tauchte eine Hand aus dem Dunkel auf, strich ein Streichholz an der Sohle des solide gefertigten schwarzen Schuhs an. Die Hand war schlank und feingliedrig – mit schmalen Chirurgenfingern, die ein Skalpell gewiss gut zu führen wussten.

„Sie heißt Miss Chapel“, sagte der Wärter, als er Nells schneenassen Mantel und ihren Schal an einen Wandhaken hängte. „Von der Gesellschaft zur Unterstützung der Straffälligen und Bedürftigen.“

Aus der Zelle drang Tabakrauch. „Es wird vermutlich wenig bringen, wenn ich an dieser Stelle darauf verweise, dass ich weder straffällig noch bedürftig bin.“

„Dann warte mal, bis sie deinen miesen kleinen …“, der Wärter räusperte sich, „… bis sie dich den Geschworenen vorführen. Am Strang sind alle gleich.“

Nell drückte sich die kratzige Wolldecke und die Bibel, die sie bei sich hatte, an die Brust. Es war ihr ein Gräuel, hier zu sein, in diesem finsteren Backsteinbau, umgeben von blau uniformierten Polizisten, die sie anstarrten, als wüssten sie genau, wer sie wirklich war, und dass sie hier überhaupt nichts verloren hatte. Es war ihr auch ein Gräuel gewesen, wie Gracie geweint und die Arme nach ihr ausgestreckt hatte, als sie gegangen war. Und der wahre Gräuel war, diesem Mann gegenübertreten zu müssen, der gestern Abend im Opiumrausch jemandem die Kehle durchgeschnitten hatte.

„Sie können ihm die Sachen gleich geben, Ma'am, aber erst muss ich sie mir angucken.“ Der Wärter streckte die Hand aus. „Erst die Decke, dann die Bibel.“ Er faltete Erstere auseinander und schüttelte sie aus, durchblätterte dann Letztere und gab ihr beides zurück.

„Wenn Sie beten wollen oder so, können Sie sich hier hinsetzen.“ Der Wärter schob eine schlichte Holzbank von der Wand vor die Zellentür. „Am besten, Sie halten ein bisschen Abstand. Wenn er frech wird und durch die Gitterstäbe grabscht oder Streichhölzer nach Ihnen wirft, rufen Sie mich – aber laut, sonst höre ich Sie da draußen nicht.“

Streichhölzer werfen? Mit Schrecken dachte Nell an ihre hinderliche Krinoline und die Zeitungsmeldungen, die davon berichteten, wie Frauen bei lebendigem Leib verbrannt waren, weil ihre Kleider Kerzen- oder Gasflammen gestreift und Feuer gefangen hatten.

„Die Decke nehme ich.“ In die übereinandergeschlagenen Beine kam Bewegung, die Pritsche quietschte. „Die Bibel können Sie behalten.“

Nell holte tief Luft und machte einen Schritt auf die Zelle zu, wahrte aber Abstand, wie der Wärter ihr geraten hatte.

Der Häftling hatte sich erhoben, stand lässig da, rauchte und wartete, dass sie in sein Blickfeld kam. Er war groß, sehr groß, mit gleichgültig blickenden Augen und schwarzem, zerzaustem Haar, das ihm in die Stirn fiel. Das linke Augenlid war blau geschwollen und verschorft. Auf der linken, vom Bartschatten dunklen Wange prangten zwei weitere Blutergüsse, und seine Unterlippe war aufgeplatzt. Sie haben ihn die ganze Nacht verhört.

Selbst unrasiert und unfrisiert, das Gesicht schlimm zugerichtet, konnte kein Zweifel daran bestehen, dass dieser Mann Viola Hewitts Sohn war. Es war nicht nur das dunkle Haar, die helle Haut oder der hohe Wuchs, sondern seine ganze Haltung, es waren die noblen, markanten Gesichtszüge.

Während er an seiner Zigarette zog und den Rauch langsam ausstieß, ließ er seinen Blick über sie gleiten, doch bei ihm fühlte es sich anders an als bei Harry. Bei Harry mischte sich in die dreiste Unverschämtheit immer noch ein Funken Begierde. Die Augen des Mannes, der sie nun musterte, ließen indes keinerlei verwerfliches Interesse erkennen. Er betrachtete sie so gleichgültig, als wäre sie eine im Schaufenster ausgestellte Schneiderpuppe.

Und so kam sie sich auch manchmal vor, denn Viola Hewitt fand große Freude daran, sie einzukleiden. Ich bin zu alt und gebrechlich für die neueste Mode, sagte sie gern zu Nell. Deshalb müssen Sie sie für mich tragen. Die Kleider, die sie bestellte, entsprachen stets der neuesten Pariser Mode, waren in Schnitt und Farbe aber diskret gehalten: keine Streifen oder Karos, keine Rüschen, Schleifen oder Rosetten, keine gefiederten Hüte. So trug Nell heute ein stahlgraues Kleid mit schmalem Prinzessrock und einen kleinen schwarzen Hut. Ihr einziger Schmuck war eine schlichte Kette mit goldenem Uhrmedaillon, die Viola ihr an ihrem ersten gemeinsamen Weihnachtsfest geschenkt hatte. Kürzlich erst hatte Viola wieder ihre „dezente Eleganz“ gelobt, doch Nell würde wahrscheinlich nie verstehen, warum reiche Leute derlei Tristesse elegant fanden.

Was William Hewitt anging, so mochte er gestern um diese Zeit noch als elegant durchgegangen sein, aber jetzt … Nicht nur, dass er in Hemdsärmeln war, sein Hemd war mit braunroten Flecken besudelt – ob von seinem Blut oder dem Ernest Tulleys, wollte sie gar nicht wissen. Kragen und Krawatte fehlten, was ihn wenig respektabel erscheinen ließ. Auch hatte Nell noch nie einen Mann seines Standes Zigaretten rauchen sehen, allerdings davon gehört, dass diese Sitte in gewissen Kreisen zunehmend Anklang fand.

Mit ausgestreckter Hand kam er auf sie zu.

Hastig wich sie zurück, ließ dabei die Bibel fallen und stieß die Bank um.

Durch die Gitterstäbe sah er sie an, ohne wirklich zu lächeln, doch in seinen Augen zeigte sich leise Belustigung. Dumme Gans!, schalt Nell sich, denn wer hätte besser als sie gewusst, dass man sich seine Angst nicht anmerken lassen durfte? Manche Männer hatten die raubtierhaften Triebe von Wölfen – wenn sie Schwäche witterten, war man erledigt. Sie musste aus der Übung sein, ja, das war es. Zu viel des guten Lebens unter zivilisierten Menschen.

Er zeigte auf die Decke in ihren Armen. „Ich wollte nur …“

„Natürlich. Ich … Hier.“ Sie schluckte ihre Furcht hinunter und kam gerade nah genug heran, um die Decke zwischen den Stäben durchzureichen. Dabei sah sie, dass seine offenen Manschetten braun verfärbt und steif waren, als starrten sie vor Dreck. Nur dass es kein Dreck war.

Er nahm die Decke und schüttelte sie auseinander, hängte sie sich um die Schultern und hüllte sich darin ein – seltsam, denn dank des Holzofens draußen auf dem Gang war es recht warm hier. „Guten Tag, Miss Chapel.“ Damit wandte er ihr den Rücken zu, und sie war entlassen.

Etwas ratlos hob sie die Bibel auf und meinte: „Ich … also eigentlich sollte ich …“

„Bitte seien Sie versichert, dass Sie nur Ihre Zeit verschwenden, wenn Sie für mich beten.“ Mit einem leichten Humpeln ging er zurück zu der Pritsche, auf der er gesessen hatte. Gegenüber hing eine weitere an der fensterlosen Wand. Die Matratzen waren durchgelegen und klumpig, die Bezüge mit Flecken besudelt, die man besser nicht genauer betrachtete. Kissen gab es keine, auch kein weiteres Mobiliar – nur einen leeren Nachttopf in einer Ecke und in der anderen einen Blechnapf mit Haferbrei, in dem schon etliche Zigarettenkippen steckten.

Er schnippte seine Zigarette in den Brei, ehe er sich schwerfällig hinsetzte und die Decke fest um sich zog. Dann lehnte er sich an die Wand, gähnte und schloss die Augen.

Nell nahm ihren ganzen Mut zusammen. „Ich bin nicht hier, um für Sie zu beten, Dr. Hewitt.“

Sollte ihm aufgefallen sein, dass sie seinen richtigen Namen benutzt hatte, so ließ er sich nichts anmerken.

„Ihre Mutter schickt mich.“

Er öffnete die Augen, sah sie aber nicht an.

„Es bricht ihr das Herz, dass …“

„Gehen Sie, Miss Chapel“, sagte er und schloss die Augen wieder.

„Eigentlich heiße ich Miss Sweeney.“

„Gehen Sie, Miss …“ Nun wandte er ihr den Kopf zu, und zum ersten Mal nahm sie Interesse in seinem Blick wahr. Natürlich, der irische Name. Erneut musterte er ihr schlichtes, elegantes Kleid, die Handschuhe, den Hut – und sah ihr zum ersten Mal tatsächlich ins Gesicht. „Wer sind Sie?“

„Ich heiße Nell Sweeney und arbeite für Ihre Mutter. Den falschen Namen habe ich angegeben, weil … nun, sie hat mich heimlich hergeschickt. Ihr Vater … will nicht, dass man erfährt, wer Sie wirklich sind.“

Es dauerte einen Moment, ehe die Erkenntnis dämmerte. „Er will William Toussaint in aller Stille verurteilt und gehängt sehen und sich damit ein für alle Mal des Problemkinds entledigen.“ Als Nell nichts erwiderte, lachte er leise, doch sein Blick war düster. „Und Sie arbeiten also für meine Mutter? Als was, Gesellschafterin? Oder sind Sie die neue Krankenschwester? Hat sie Mrs Bouchard endlich rausgeworfen, weil sie ihr als Einzige zu widersprechen wagte?“

„Nein, ich bin zwar auch zur Krankenschwester ausgebildet, aber das ist nicht meine Aufgabe – Mrs Bouchard ist noch da. Und obwohl ich manchmal das Gefühl habe, dass Ihre Mutter mich tatsächlich als ihre Gesellschafterin betrachtet, bin ich eigentlich die Gouvernante. Ihre Eltern haben mich eingestellt, damit ich Nurse Parrish bei der Betreuung des Kindes helfe, das sie adoptiert haben.“

„Adoptiert?“ Er setzte sich auf und starrte sie an. Sein bitteres Lachen endete in einem Hustenanfall. „Haben sie nicht schon genügend Söhne ruiniert?“, stieß er hervor und tastete nach etwas, das auf der Pritsche lag.

„Es ist ein Mädchen – Gracie. Sie ist drei.“

„Die Kleine kann einem leidtun.“ Dr. Hewitt zog eine fertig gerollte Zigarette aus einer kleinen Dose mit der Aufschrift „Bull Durham“ hervor und steckte sie sich zwischen die Lippen. „Ich meine, ich zweifle nicht an Ihren Fähigkeiten als Gouvernante“, setzte er hinzu, als er sie anzündete und sein Gesicht wachsbleich in der Flamme aufschien. Ein feiner Schweißfilm stand ihm auf Stirn und Wangen. „Denn obwohl Sie eben über die Bank gestolpert sind, machen Sie einen recht vernünftigen Eindruck. Aber ich bin der Ansicht, dass man sich ehrlich eingestehen muss, wenn man etwas nicht kann, und es dann sein lassen sollte – und wenn es jemals zwei Menschen gab, die hoffnungslos schlechte Eltern sind, dann wohl Viola und August Hewitt.“

Er wickelte sich wieder in die Decke ein, lehnte sich zurück an die Wand und hustete schwach, während er an seiner Zigarette zog.

„Sind Sie krank?“, fragte Nell.

„Nicht im eigentliche Sinne.“

„Meiner Erfahrung nach sind Ärzte schlecht beraten, wenn sie sich selbst eine Diagnose stellen.“

„Wäre ich noch Arzt, würde ich mir Ihren Rat sicherlich zu Herzen nehmen.“

„Sie praktizieren nicht mehr?“

„Herrgott, schauen Sie mich doch an!“

Irritiert von der Heftigkeit seiner Worte – und dem Fluchen, das ihre Ohren schon eine Weile nicht mehr gewohnt waren –, wandte Nell sich ab und stellte die Bank wieder auf. Sie setzte sich und strich ihre Röcke glatt, um ihre Hände irgendwie zu beschäftigen.

„Wie gesagt, Miss Sweeney: Man sollte sich eingestehen, wenn man etwas nicht kann, und es dann aufgeben. So ist es besser für alle Beteiligten.“

Sie fand es an der Zeit, das Gespräch wieder auf den eigentlichen Anlass ihres Besuchs zu bringen. „Ihre Mutter ist außer sich wegen Ihrer Verhaftung, Dr. Hewitt. Sie hat mich hergeschickt, weil … um herauszufinden, was gestern Abend tatsächlich geschehen ist.“

Gereizt sah er sie an. „Wenn ich den Männern, die mir das hier zugefügt haben“, er deutete auf sein Gesicht, „nichts gesagt habe, warum sollte ich es dann Ihnen sagen?“

„Ihrer Mutter zuliebe?“

Harsches Lachen löste einen weiteren Hustenanfall aus. „Tut mir leid, Miss Sweeney, da müssen Sie sich schon etwas Besseres einfallen lassen.“

Warum nur hat Mrs Hewitt niemand anderen auftreiben können, der das hier für sie erledigt?, dachte Nell und verlegte sich auf eine andere Taktik. „Sie will Ihnen einen Anwalt besorgen.“

„Selten dämliche Idee.“

„Wie bitte?“

Er gähnte wieder, hielt sich aber diesmal die Hand vor den Mund. Sie sah, dass die Zigarette zwischen seinen Fingern zitterte. „Warum des armen Burschen Zeit verschwenden?“

„Eine sehr nihilistische Einstellung, wenn man bedenkt, dass Ihr Leben auf dem Spiel steht.“

„Nihilistisch?“, wiederholte Dr. Hewitt und betrachtete sie mit belustigter Miene. „Wo zum Teufel schnappt jemand wie Sie solche Worte auf?“

Nell setzte sich kerzengerade auf und straffte die Schultern in gerechter Empörung. „Nicht nur Ärzte können lesen, Dr. Hewitt. Der deutsche Philosoph Heinrich Jacobi …“

„Ich kenne sein Werk – es stand auf dem Lehrplan, als ich in Oxford Philosophie studierte. Was mich wundert, ist, dass Sie ihn gelesen haben.“

„Der Arzt, bei dem ich zur Krankenschwester ausgebildet wurde, hat mich in verschiedenen Disziplinen unterwiesen.“

„Was Sie nicht sagen.“ Ehe Nell noch über seine Worte nachsinnen konnte, fuhr er fort: „Wie heißt der Bursche denn? Hier in der Stadt kenne ich die meisten Ärzte, zumindest dem Namen nach.“

„Er lebt auf Cape Cod, in der Nähe von Falconwood. Sein Name ist Cyril Greaves.“

„Kommen Sie von dort? Aus Waquoit?“

„Aus der Nähe – East Falmouth. Aber ich bin nicht hier, um über mich zu reden, Dr. Hewitt.“

„Und doch finde ich es ausgesprochen spannend, zumal Sie ganz unerwartete Dimensionen offenbaren. Mir war furchtbar langweilig hier drin. War er schon älter, Ihr Dr. Greaves oder …“

„Vierundvierzig, als ich die Stelle bei ihm aufgab.“

„Also nicht so alt. Und wie lange waren Sie bei ihm?“

„Vier Jahre, seit ich achtzehn war.“

„Und davor?“

Nell nahm die Bibel zur Hand und legte sie wie einen Talisman vor sich auf den Schoß. „Ich wüsste nicht …“

„Tun Sie mir den Gefallen. An diesem Ort dürstet einen nach Konversation.“ Nachdenklich zog er an seiner Zigarette. „Ich vermute, dass Sie auch Familie hatten. Eltern? Geschwister? Was hat Ihr Vater so gemacht?“

Die Frage war wohl eher, was er alles nicht gemacht hatte. „Er hat am Hafen gearbeitet … Fische ausnehmen, Schiffe entladen, solche Sachen.“

„Ein Tagelöhner also.“ Die Ärmsten der Armen, die jede sich bietende Arbeit für einen Hungerlohn annahmen.

„So ist es“, erwiderte Nell mit gespieltem Gleichmut.

„Ein hartes Leben, könnte ich mir vorstellen.“

„Sie können es sich vermutlich nicht vorstellen.“ Nell hatte das beunruhigende Gefühl, dass er ihr mit seinen Fragen ein Skalpell ans Hirn setzte, in ihre Gedanken vordrang, ihre Erinnerungen, zu ihrem wahren Selbst gelangte. Ein gefährliches Unterfangen, wenn man bedachte, was dabei zutage treten konnte. Zu viel stand auf dem Spiel, viel zu viel, als dass sie das hätte zulassen dürfen.

Und so sagte sie: „Lassen Sie es uns kurz machen. Ich hatte eine Familie. Es gibt sie nicht mehr. Die genauen Umstände sind für Sie nicht von Belang. Es tut mir leid, dass Sie sich hier langweilen müssen, aber es war Ihre Entscheidung, Ihr wunderbares Leben mit all seinen Privilegien leichtfertig wegzuwerfen, und ich wüsste nicht, warum ich Sie nun auf Kosten meiner Privatsphäre unterhalten sollte.“

Er steckte sich die Zigarette zwischen die Lippen und gab müden Applaus. „Welch leidenschaftliche Rede, Miss Sweeney. Haben Sie je erwogen, dass die Bühne Ihre wahre Berufung sein könnte?“

Pikiert sah sie beiseite.

„Nein? Nun, das überrascht mich nicht. Eine Schauspielerin muss ihre Seele entblößen – und manchmal nicht nur die.“ Sein Blick schweifte hinab zu den Spitzen ihrer schwarzen Lederstiefeletten, die unter dem Saum ihres grauen Rocks hervorsahen, und glitt dann wieder aufwärts. „Ich wüsste nicht, dass ich je einer zugeknöpfteren Frau als Ihnen begegnet wäre.“

„Müssen Sie immer wieder auf mich zu sprechen kommen?“

„Dabei kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass, würden Sie nur die obersten beiden Knöpfe Ihres Kleides öffnen, es die unglaublichsten Offenbarungen gäbe. Aber das ist das Letzte, das Sie wollen, nicht wahr? Sich offenbaren. Das macht Ihnen Angst.“

„Wie ich eben sagte“, fuhr Nell angestrengt fort, „will Ihre Mutter Ihnen einen Anwalt …“

„Gehen Sie.“ Er setzte sich auf, schnippte seine Zigarette in den Breinapf, wo sie zischend erlosch, und zog die Decke fester um sich. „Gehen Sie, wenn Sie nichts anderes zu sagen haben. Und richten Sie Lady Viola aus, Sie soll sich den Anwalt aus dem Kopf schlagen. Manch einer hat den Strang verdient.“

„Wenn er schuldig ist.“

„Richtig.“ Schweiß rann ihm von der Stirn in die Augen, er wischte ihn mit der Decke fort. „Keineswegs die Methode meiner Wahl. Ich habe einmal sechs Männer zugleich hängen sehen. Es hat ganze zehn Minuten gedauert, bis sie aufgehört haben zu zappeln. Bei einem war das Genick gebrochen, aber auch er zuckte noch. Schreckliche Art, aus dem Leben zu scheiden. Gegen ein Exekutionskommando hätte ich nichts einzuwenden – oder eine Spritze Morphium. Schnell, vergleichsweise schmerzlos …“

„Soll das heißen, dass Sie diesen Mann getötet haben?“

„Wie simpel ausgedrückt, Miss Sweeney. Ich hätte Sie für schlauer gehalten.“

„Ihre Mutter ist von Ihrer Unschuld überzeugt, Dr. Hewitt.“

„Warum nur, um Gottes willen?“

„Weil Sie ihr Sohn sind“, sagte Nell ruhig. „Weil sie Sie liebt. Warum sonst sollte sie mich hergeschickt haben?“

Er lachte bitter. „Weil sie es gewohnt ist, gute Werke zu tun – es hilft ihr über den Kummer hinweg, keine Seele zu haben. Diese Frau ist zu Mutterliebe gar nicht fähig. Sie glauben, meine Eltern zu kennen, Miss Sweeney, aber Sie haben keine Ahnung.“

Nell stand auf und holte Violas Brief aus der bestickten Tasche, die sie an ihrem Gürtel trug. „Sie bat mich, Ihnen dies zu geben“, sagte sie und reichte das Kuvert durch die Gitterstäbe.

„Immer noch die violette Tinte“, stellte Dr. Hewitt fest und betrachtete den Umschlag, rieb mit dem Daumen über das Siegel. „Sie hat schon immer etwas dick aufgetragen.“ Er zerknüllte den Brief und warf ihn in den Nachttopf.

Empört schnappte Nell nach Luft und packte die Gitterstäbe, die sie voneinander trennten. „Ihre Mutter hat geweint, als sie diese Zeilen schrieb.“ Ihre Stimme bebte vor Wut, und um Violas willen war sie selbst den Tränen nah. „Sie hat geschluchzt. Und Sie werfen …“ Sie schüttelte den Kopf, abgestoßen vom Anblick des achtlos zerknüllten Briefs. „Aber was will man von einem Mann erwarten, der seine Familie – seine Mutter – ohne ein Wort des Abschieds an Weihnachten verlässt, der sie noch dazu all die Jahre glauben lässt, er wäre tot. Sie haben keine Seele, Dr. Hewitt, und deswegen tun Sie mir leid, aber noch mehr verabscheue ich Sie, weil Sie einer Frau solchen Kummer bereiten, die Ihnen nichts weiter als die wahre, tief empfundene Liebe einer Mutter entgegenbringt. Vielleicht haben Sie den Strang ja wirklich verdient.“

Langsam erhob er sich von der Pritsche, ließ die Decke zu Boden gleiten und war mit einem raschen Schritt bei ihr. Nell widerstand der Versuchung zurückzuweichen, hielt die Hände um die Gitterstäbe geschlossen und erwiderte seinen Blick, ohne mit der Wimper zu zucken. Eine Weile stand er nur da und starrte sie an, mit seinem blutbesudelten Hemd, dem geschundenen Gesicht, mit wildem Blick und wütend gerecktem Kinn. Dann zückte er ein Streichholz, strich es am Gitter an und hielt die zischende Flamme vor ihr Gesicht.

„Sie sollten doch Abstand wahren“, sagte er leise.

3. Kapitel

Nell schlug das Herz bis zum Hals. Sie fragte sich, was sie tun sollte, wenn ihre Röcke in Flammen aufgingen. Doch sie wich weder zurück, noch wandte sie den Blick ab.

Und so war er es, der zuerst beiseitesah, das brennende Streichholz anschaute, dann wieder Nell. „Sie haben wirklich die Ruhe weg.“ Er drehte sich um und warf das Streichholz in den Nachttopf. Der Brief ging in Flammen auf. Nell ließ den Kopf sinken und schloss die Augen, als der Geruch nach verbranntem Papier ihr in die Nase stieg.

„Wir hatten zwei Wochen Urlaub“, sagte er ruhig, und von der Verbitterung, die zuvor in seinen Worten gelegen hatte, war nur noch wenig zu hören.

Als Nell wieder aufsah, stand er mit einer Schulter an das Gitter gelehnt, die Hände in den Hosentaschen, und schaute zu Boden.

„Robbie und ich waren an Heiligabend nach Hause gekommen. Ich hatte es geschafft, diesen und den darauffolgenden Tag ohne größere familiäre Dramen hinter mich zu bringen, doch am Morgen des dritten Tages wurde ich bei … nun, sagen wir einer Indiskretion ertappt. Keine große Sache, wirklich nicht – wenn nicht August Hewitt, dieser Ausbund an Moral, mich dessen überführt hätte.“

„Indiskretion?“

„Er kam an besagtem Morgen in mein Zimmer, um mich zu einer Jagdpartie zu wecken, und sah eine Damenunterhose neben meinem Bett auf dem Boden liegen.“

Kurz richtete er seinen Blick auf Nell – vermutlich, um sich zu vergewissern, ob er sie schockiert hatte. Vielleicht war genau das seine Absicht gewesen. Nell ließ sich nichts anmerken und wich noch immer nicht zurück, obwohl er ihr beunruhigend nah war, nur eine Handbreit entfernt. Nun sah sie ganz deutlich, wie sehr er fröstelte, obwohl er am ganzen Körper schwitzte.

„Dass ich die Unverfrorenheit besessen hatte, eine Frau ins Haus zu schmuggeln, war Grund genug für ihn, sich in eine seiner stillen, kalten Ragen hineinzusteigern. Allerdings tat er mir zu viel der Ehre, denn die fragliche Frau war in der Nacht lediglich die Dienstbotentreppe hinuntergehuscht. Aber wäre das zu seiner Kenntnis gelangt, hätte er die Arme umgehend auf die Straße gesetzt, und nachdem sie schon so leichtfertig gewesen war, sich mit jemandem wie mir einzulassen, hatte sie das nicht auch noch verdient.“

„Eines der Hausmädchen?“, fragte Nell.

„Ein Zimmermädchen – mein erstes und einziges, man mag es kaum glauben. Manche Männer haben ja ein Faible für weiße Rüschenschürzen, aber mich haben sie nie gereizt. Der Heilige Augustus hat sich allerdings aufgeführt, als wäre es meine hundertste Verfehlung dieser Art, und verwies mich unverzüglich des Hauses – natürlich nicht, ohne mich zuvor noch zu belehren, dass der gute Robbie so etwas niemals tun würde. Womit er recht hatte. Robbie war ein guter Sohn. Ein guter Mensch. Er war der Einzige von uns, der etwas taugte – abgesehen vielleicht von unserem kleinen Martin. Aus Robbie hätte etwas werden können. Harry hingegen …“, er schüttelte den Kopf. „Harry war mir immer ähnlich. Woran ich gewiss nicht unschuldig bin.“

„Wie meinen Sie das?“

Dr. Hewitt rieb sich das unrasierte Kinn und hielt den Blick gesenkt. „Wenn ich zu Besuch war, habe ich mich kaum je mit ihm abgegeben. Er war drei Jahre jünger als Robbie – und damit sechs Jahre jünger als ich –, weshalb es überhaupt nicht infrage kam, ihn auf unsere … Abendvergnügungen mitzunehmen, obwohl er immer darum bettelte. Außerdem erkannte ich mich selbst in ihm – wir, die wir zum lasterhaften Leben neigen, erkennen einander immer –, und was ich sah, gefiel mir nicht. Natürlich hätte ich ihm mit gutem Rat zur Seite stehen können, doch ich war leider zu sehr mit anderem beschäftigt, als dass ich ihm ein geeigneter Ratgeber hätte sein können. Und so kam er immer weiter vom rechten Weg ab, und ein Ende scheint nicht abzusehen.“

„Einen guten Ratgeber hat er anscheinend wirklich nicht“, bemerkte Nell, „aber dafür viele Retter – zu viele, wenn Sie mich fragen. Müsste er für seine Verfehlungen einstehen, würde er vielleicht lernen, von gewissen Sünden zu lassen.“

„Wie eine wahre Tochter Roms gesprochen.“

Sie schwieg indigniert.

„Ihre gerechte Empörung ist beeindruckend, Miss Sweeney, aber nehmen Sie es nicht persönlich – Religion bedeutet mir nichts.“ Leise Wehmut schlich sich in seine Miene. „Robbie war anders. Nicht so fromm wie Martin, aber gläubig. Noch in Andersonville hat er fast täglich gebetet. Und was hat es ihm genutzt? Gerade einmal fünfundzwanzig ist er geworden und auf eine Weise umgekommen, die …“ Seine Augen glänzten, er schüttelte den Kopf. „Manchmal denke ich, dass es vielleicht ein Segen war. Er wird immer so jung und gut bleiben, wie er war. Ihn wird diese leere, Gold patinierte Welt, in die wir hineingeboren wurden, nicht mehr ruinieren.“

Grimmig lächelnd fügte er hinzu: „Mich übrigens auch nicht. Ich hätte nach dem Krieg hier in Boston eine Praxis eröffnen sollen – am besten in Beacon Hill. Schade nur, dass ich noch ein paar Monate auf mein kleines Rendezvous mit dem Henker warten muss. Manche Dinge könnte man auch schneller hinter sich bringen.“

Er hob die Decke auf, wischte sich damit den Schweiß vom Gesicht und hängte sie sich wieder über die Schultern. Dann hinkte er zu seiner Pritsche zurück, verzog das Gesicht, als er sich mühsam setzte, und zündete sich mit zittrigen Händen eine weitere Zigarette an.

„Werden Sie zurechtkommen?“, fragte sie.

„Wie war noch mal Ihr Vorname? Nell?“

„Genau.“

„Eine Abkürzung von …?“

„Cornelia.“

Er nahm einen tiefen Zug und betrachtete sie durch den Rauch, der sein geschundenes Gesicht vor ihren Augen verschwimmen ließ. „Sie sollten jetzt gehen, Cornelia.“

Sie zog ihren Mantel an, knöpfte ihn zu, legte sich den grünen Wollschal um und nahm ihre Bibel. „Vielleicht komme ich morgen wieder.“

„Stecken Sie sich den Schal in den Mantel – es ist bitterkalt draußen. Und kommen Sie morgen nicht wieder. Sie würden mich sowieso nicht mehr antreffen. Ich soll in Kürze in die Schwarze Maria verfrachtet werden und …“

„Die was?“

„Eine schwarze, geschlossene Kutsche, mit der die Gefangenen von den Polizeiwachen ins Gefängnis an der Charles Street befördert werden. Und dort wird man Sie nicht zu mir lassen – Sie würden also nur Ihre Zeit verschwenden.“

„Ihre Mutter hat mich gebeten, Sie morgen hier herauszuholen. Sie hofft, bis dahin einen Richter überzeugen zu können, Sie auf Kaution freizulassen.“

„'Überzeugen' meint 'bestechen', vermute ich. Kann sie sich das von ihrem Kleidergeld leisten? Oder wie will sie sonst verhindern, dass der Heilige Augustus davon erfährt?“

„Ich bin beauftragt, ein paar Schmuckstücke für sie zu verpfänden.“

„Meine Mutter schickt Sie ins Pfandhaus?“ Sein ungläubiges Lachen erstickte in einem heiseren Husten.

„Nein, zur Pawner's Bank of Boston – einer äußerst reputierlichen Leihanstalt, bei der Damen ihren Schmuck und andere Wertgegenstände ganz legal und zu guten Konditionen zu Geld machen können.“

„Mein Gott, was die ehrenwerten Bürger Bostons sich mittlerweile so alles einfallen lassen“, bemerkte er trocken. „Nun ja, sie wird es verschmerzen können, und morgen dürfte ich wohl so weit sein, dass ich meine Freiheit kaum noch erwarten kann.“ Er betrachtete seine zitternde Hand, als er die Zigarette an die Lippen hob. „Aber sie soll jemand anderen schicken, nicht wieder Sie.“

„Es gibt niemand anderen.“

„Dann lassen Sie es bleiben. Ich habe mir das eingebrockt, nun muss ich es auch auslöffeln. Vous l'avez voulu, George Dandin.“

„Sie mögen sich das eingebrockt haben, Dr. Hewitt, aber ich würde Sie nicht unbedingt mit einem Feigling wie George Dandin vergleichen wollen.“

„Ah, Molière hat Ihr Dr. Greaves Ihnen also auch nahegebracht.“

„Ich habe ihn aus eigenem Antrieb gelesen.“

Überraschung flackerte in seinen Augen auf, was sie irritierenderweise mit Genugtuung erfüllte.

Als sie sich zum Gehen wandte, kam er noch einmal auf die Beine – eine Aufmerksamkeit, die sie nicht unbedingt erwartet hätte, zumal er eher wenig auf Etikette zu geben schien. Immerhin hatte er vor ihr geraucht! Mit einer galanten kleinen Verneigung sagte er: „Das war eine äußerst anregende Unterhaltung, Miss Sweeney. Schon allein um dieses Vergnügens willen war es wert, verhaftet zu werden.“

Ihr Gesicht glühte.

„Ich wollte Sie nicht in Verlegenheit bringen“, setzte er hinzu.

„Natürlich wollten Sie das.“

Da lächelte er, lächelte zum ersten Mal richtig, und schüttelte langsam den Kopf. Während er sich die Decke um den zitternden Leib zog, sagte er abermals, doch keineswegs unfreundlich: „Gehen Sie.“

Und als sie hinaus auf den Gang trat: „Miss Sweeney.“

Sie drehte sich um.

Nun lächelte er nicht mehr. „Kommen Sie nicht wieder.“

„Das ist sie, Detective“, raunte der Wärter einem dunkelhaarigen Schrank von Mann zu, als Nell den Gang entlangkam.

Der Detective drehte sich um und betrachtete sie mit dem scharfen Blick des erfahrenen Polizisten. Wie ein Bär wirkte er, mit seinen breiten Schultern und dem bulligen Schädel, doch am auffälligsten war die kräftige Kinnpartie, die aussah, als könne er damit Eisengitter durchbeißen. Seine Tweedjacke hatte er sich über die Schulter geworfen, mit seinem Hut klopfte er sich ungeduldig ans Bein. „Sie haben Toussaint besucht?“

„Richtig.“

„Ich bin Detective Cook, Colin Cook.“ Ganz schwach hörte man noch den irischen Zungenschlag derer heraus, die schon als Kinder nach Amerika gekommen waren, wahrscheinlich kurz vor der großen Hungersnot. „Ich bin für den Mordfall Tulley zuständig.“

Nell neigte kurz den Kopf als Erwiderung auf seine flüchtige Verbeugung. Sie war nicht wenig überrascht, einen irischen Detective anzutreffen, hatte die Polizei ihre Landsleute doch erst in den letzten Jahren – und dann auch nur widerwillig – in ihre Reihen aufgenommen. „Sehr erfreut, Detective.“

„Noch erfreuter können wir sein, wenn wir wissen, warum William Toussaint getan hat, was er letzte Nacht getan hat.“

„Wenn er es getan hat.“

Cook lächelte nachsichtig. „Wie lange stehen Sie denn schon in Diensten der Gesellschaft für … was war es noch gleich, Gefangene und …“

Nell drückte sich die Bibel an die Brust und überlegte angestrengt, was genau sie bei der Anmeldung eingetragen hatte.

„Gesellschaft zur Unterstützung der Straffälligen und Bedürftigen“, sagte der Wärter nach einem Blick auf ihre Registrierung.

„Schon eine Weile“, wich sie aus.

„Ihre Barmherzigkeit in allen Ehren, aber mir ist schleierhaft, warum Sie sich um einen kaltblütigen Mörder wie Toussaint bemühen wollen.“

„So sehr sind Sie von seiner Schuld überzeugt?“

„Wir wissen, dass die Mordwaffe ihm gehört. Zugegeben, das muss noch nichts heißen, aber er war draußen bei der Leiche, im Opiumrausch, und hat nicht mal versucht, seine Schuld abzustreiten. Wir wissen, dass er es war, er redet nur nicht.“

„Obwohl Sie gestern Nacht Ihr Möglichstes getan haben, um ihm ein Geständnis abzuringen.“

Cook hob beschwichtigend die Hände. „Das ging nicht auf meine Kappe, Miss … Chapel, nicht wahr?“

Sah er belustigt drein, oder bildete sie sich das nur ein? Sie nickte knapp.

„Ich habe ihm kein Haar gekrümmt. Nicht, dass ich nicht in Versuchung gewesen wäre, aber bei einem Hieb von mir wäre er k.o. gegangen, und dann hätten wir erst recht nichts aus ihm herausbekommen. Die Jungs von der Nachtschicht haben ihn sich vorgenommen. Und kann man es ihnen verübeln? Ein Geständnis hätte uns eine Menge Ärger erspart.“

„'Uns' meint also auch Sie.“

„Der Captain hat mir den Fall übertragen. Ich soll das Mordmotiv herausfinden.“

„Ich dachte, der Mord wäre durch den Opiumrausch erklärt.“

„Wenn Sie mich fragen, wird es darauf hinauslaufen. Wenn die Kerle was geraucht haben, sind sie nicht mehr zurechnungsfähig, da braucht es gar kein Motiv. Aber Befehl ist Befehl, also muss ich mir was einfallen lassen und ein, zwei Zeugen auftreiben. Das Problem ist nur, dass die meisten dieser Halunken, die sich im Flynn's rumtreiben, nicht mit der Polizei reden.“

Nell nickte verständnisvoll. Sie kannte solche Typen.

„Kein großes Problem eigentlich“, fuhr Cook fort. „Toussaint ist praktisch auf frischer Tat ertappt worden. Er wird hängen, auch wenn sich kein Motiv und keine Zeugen finden. Aber mein Captain will lieber auf Nummer sichergehen, also hat er mir die Ermittlungen übertragen. Weshalb ich jetzt auch mal wieder an die Arbeit gehen sollte. War nett, Ihre Bekanntschaft zu machen, Miss Chapel.“ Er setzte seinen Hut auf und gab dem Wachmann ein Zeichen, ihn auszutragen. „Ich bin in der Purchase Street 175 zu finden.“

Purchase Street? „Sie gehen zu Flynn's Logierhaus?“, fragte Nell. „Jetzt gleich?“

„Ganz richtig. Woher kennen Sie Flynn's?“

„Ich … ich glaube, Mr Toussaint hatte es erwähnt. Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich mitkomme?“

Cook sah sie an, als hätte sie den Verstand verloren. „Miss Chapel, vermutlich wissen Sie nicht, um welche Art von Lokalität es sich handelt. Es ist mehr als ein Logierhaus.“

„Eine Opiumhöhle zum Beispiel.“

„Und eine Spielhölle und ein Etablissement, in dem Umgang mit zweifelhaften Frauenzimmern gepflogen wird.“

„Ich bin nicht so leicht zu schockieren.“ Innerlich schüttelte Nell den Kopf und dachte bei sich, dass sie fast schon wie Viola Hewitt klang.

„Aber ich. Und die Vorstellung, eine Dame wie Sie an einen solchen Ort mitzunehmen … Nein, tut mir leid.“ Mit einer entschuldigenden Geste wandte er sich ab.

„Sie haben mich noch gar nicht nach meinem Besuch bei Mr Toussaint gefragt, Detective.“

Cook blieb stehen, ihr den breiten Rücken reglos zugewandt, ehe er sich langsam umdrehte. Mit gespanntem Schweigen sah er sie an, als wolle er sagen: „Ich höre.“

„Wir haben ein wenig geplaudert.“

„Worüber?“

„Alles Mögliche. Er ist ein sehr anregender Gesprächspartner.“

„Komisch, ich hatte heute Morgen einen ganz anderen Eindruck. Aber wäre ich ein Mädel mit grünen Augen, rosigen Wangen und einer Bibel in der Hand, wäre er vielleicht gesprächiger gewesen.“

Der Wärter kicherte.

„Hat er etwas erzählt, das für den Fall von Belang ist?“, wollte Cook wissen.

„Er hat einiges erzählt“, sagte sie. „Etwas frische Luft könnte meinem Gedächtnis auf die Sprünge helfen. Wenn ich Sie vielleicht zum Logierhaus begleiten könnte …“

Er seufzte schwer. „Warum?“

Sie hob die Schultern. „Aus Neugierde? Vielleicht ist es die einzige Gelegenheit für mich, einen solchen Ort zu besuchen.“ Die Wahrheit war, dass sie lieber zur Hölle gefahren wäre, als jemals wieder an einem solchen Ort zu verkehren. Nachdem sie alles darangesetzt hatte, dem Elend zu entkommen, verspürte sie keinerlei Bedürfnis, diesen Sumpf erneut zu betreten. Doch leider schien es ihre einzige Chance, an die Informationen zu kommen, um die Viola sie gebeten hatte. Ich muss herausfinden, was wirklich geschehen ist. Eher werde ich keine Ruhe finden.

„Neugierde“, schnaubte Cook. „Was glauben Sie, was wir hier machen? Geführte Touren für die besseren Kreise, damit die auch mal sehen, wie der Rest der Menschheit lebt? Damit Sie Ihren feinen Freunden erzählen können, dass Sie in einer echten Opiumhöhle gewesen sind?“

„Gibt es denn viele davon? Opiumhöhlen, meine ich.“

„In Boston meines Wissens vier – vier zu viel also. Und da ist nichts Aufregendes zu sehen, Miss Chapel. Sie verschwenden nur Ihre Zeit.“

„Aber nicht die Ihre, wenn mir unser Spaziergang die Erinnerung an meine Unterhaltung mit Mr Toussaint auffrischt.“

Grimmig knöpfte er seine Jacke zu. „Wehe, Sie können nicht mit mir Schritt halten. Ich bin ziemlich gut zu Fuß.“

„Ich auch.“

Das war sie wirklich, und doch musste sie praktisch neben ihm herrennen, um nicht zurückzufallen, als er entschlossen über den auf den Gehwegen festgetretenen Schnee marschierte. Sein Atem wehte wie der weiße Dampf einer Lokomotive hinter ihm her. Es schneite noch immer, leichte, feine Flocken, die vom frühen Abendhimmel herabschwebten. Kutschen waren nur wenige unterwegs, und auch die Zahl der Passanten nahm stetig ab, je weiter sie und der Detective ostwärts gingen. Bald waren sie mitten in Fort Hill, wo Nell sich bislang niemals hingewagt hatte. Unter einer Gaslaterne stand eine Frau, deren rot gepuderte Wangen und gewagte Kleidung wenig Zweifel daran ließen, welchem Gewerbe sie nachging. Vom Hafen zog brackiger Dunst herauf, der sich mit den Gerüchen von Fett, gekochtem Fleisch und Unrat zu einem Gestank vermengte, der in allen Armenvierteln gleich war.

Nell kam der Gedanke, dass man Colin Cook vielleicht gar nicht trotz, sondern weil er Ire war, zum Detective befördert hatte, wurde Fort Hill doch überwiegend von seinen Landsleuten bewohnt. Womit sie ihm seine sonstigen Fähigkeiten nicht absprechen wollte – sie hatte den Eindruck, dass sich unter dem bulligen Schädel ein sehr findiger Verstand verbarg.

„Dürfte ich Sie etwas fragen, Detective?“, erkundigte sie sich, als sie die Belmont Street überquerten und einem Pferdeschlitten auswichen, der Schnee zum Hafen hinunterkarrte.

„Solange Sie dabei nicht langsamer werden.“

„Sind Sie wirklich von William Toussaints Schuld überzeugt? Haben Sie keinerlei Zweifel?“

Cook sah sie kurz von der Seite an. „Jetzt, wo wir unter uns sind, können Sie ihn ruhig bei seinem richtigen Namen nennen.“

Aha.

„Ja, ich bin von William Hewitts Schuld überzeugt“, fuhr er fort. „Und nein, ich habe keinerlei Zweifel. Und da wir gerade bei richtigen Namen sind, würden Sie mir Ihren verraten?“

Ihr Herz raste, und nicht nur, weil sie so schnell gelaufen war.

„Sie konnten sich nicht mehr an den Namen der Gesellschaft erinnern, die Sie geschickt hat und die es meines Wissens auch gar nicht gibt. Und Chapel? Sie hätten sich ruhig etwas Glaubwürdigeres ausdenken können. O'Malley vielleicht. Oder Cassidy. Oder Quinn.“

Sie merkten es immer, die aus der alten Heimat.

„Sagen Sie mir wenigstens, wer Sie geschickt hat“, sagte Cook. „Thorpe? Oder der allmächtige August Hewitt höchstpersönlich?“

Nell musterte ihn mit verärgertem Blick. Captain Baxter hatte Mr Hewitts Bestechungsgeld mit den Männern teilen sollen, die über die wahre Identität des Beschuldigten Bescheid wussten – Detective Cook und dieser Johnston, vermutete sie –, aber er hätte für sich behalten sollen, woher das Geld stammte.

„Ich bin Detective“, fuhr Cook fort. „Es ist mein Job, Dinge herauszufinden. Und so schwer war das nicht. Baxter ist ein bisschen schwer von Begriff. Man braucht nur eine Frage zu stellen, den Mund zu halten, und schon fängt er an zu reden, weil er Stille nicht ertragen kann.“

Dieselbe Strategie, die er auf der Wache bei mir angewandt hat, erkannte Nell. Das lief nicht gut. Das lief ganz und gar nicht gut. Mr Hewitt würde sie hinauswerfen, wenn ihm zu Ohren kam, dass sie seinen Sohn besucht hatte, noch dazu auf Bitten seiner Frau. Von Detective Cook würde er es wohl kaum erfahren, bewegten sie sich doch in ganz unterschiedlichen Kreisen, aber wenn Detective Cook es Captain Baxter erzählte, und Captain Baxter wiederum Stadtrat Thorpe …

„Ich … ich fürchte, ich habe Mr Hewitt enttäuscht“, sagte sie vorsichtig.

„Also hat er Sie geschickt“, stellte Cook fest. „Will wohl ganz sichergehen, dass sein Sohn schuldig ist, ehe er in die Mühle des Gesetzes kommt, was?“

„Könnte man so sagen. Aber er wollte, dass meine wahren Absichten verborgen blieben, und nun haben Sie mich durchschaut. Wenn Sie vielleicht so gut sein könnten, Captain Baxter nichts davon …“

„Wozu die Geheimniskrämerei?“

„Ich glaube, Mr Hewitt möchte nicht, dass der Captain – oder auch Stadtrat Thorpe, der ein alter Freund der Familie ist – denkt, er würde die Arbeit der Polizei infrage stellen. Er will nur ganz sicher sein können, dass alles mit rechten Dingen zugeht.“

„Trotzdem komisch. Ich meine, es ist immerhin sein eigener Sohn, und selbst wenn er den Mord begangen hat, wundert es mich, dass Hewitt so scharf darauf ist, ihn hängen zu sehen. Bei mir ist das was anderes, ich mache nur meinen Job.“

„Ganz zu schweigen von den vierzig Silberdollar.“ Das war ihr einfach herausgerutscht, und Dr. Greaves würde sie jetzt fragen, was sie sich nur dabei gedacht hatte.

Cook blieb stehen, Nell ebenfalls. Mit grimmiger Miene sah er sie an, die Hände tief in den Jackentaschen vergraben, sein Atem weiß in der frostigen Dämmerung. „Judas war ein Freund Jesu, William Hewitt ist aber nicht mein Freund. Von Verrat kann keine Rede sein, Miss … Wie zum Teufel heißen Sie jetzt eigentlich?“

„Sweeney, Nell Sweeney.“

„Ich werde ihn zur Verantwortung ziehen, Miss Sweeney.“

„Weil es Ihr Job ist?“

„Genau.“

„Ein Job, für den Sie doppelt bezahlt werden: einmal von der Bostoner Polizei, und dann noch einmal von August Hewitt, mit der Aussicht auf einen Bonus, wenn sein Sohn verurteilt wird. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch“, fügte sie schnell hinzu, da ihr einfiel, dass sie auf Mr Hewitts Seite zu stehen vorgab. „Es wäre dumm von Ihnen, das Geld nicht anzunehmen. Nur fällt es mir schwer, Ihren selbstlosen Motiven Glauben zu schenken.“

„So, dann wollen wir doch mal sehen …“ Er packte sie beim Arm und steuerte auf einen schmalen Durchgang zwischen zwei Häusern zu.

„Was … was soll das?“

„Sie machen es einem wirklich nicht leicht, Miss Sweeney.“ Er stieß sie vor sich her durch die dunkle Gasse, die auf der einen Seite von einem alten Lagerhaus, auf der anderen von einem heruntergekommenen Wohngebäude gesäumt war. Von irgendwo kam lautes Hundegebell. „Ihnen muss man wirklich mal den Kopf zurechtrücken.“

„Lassen Sie mich los.“ Sie versuchte sich aus seinem eisernen Griff freizumachen und schalt sich für den Anflug von Panik in ihrer Stimme.

„Erst, wenn Sie sich das hier angeschaut haben.“ Er zeigte auf den Boden, wo im Schnee, kaum sichtbar in der Dämmerung, ein dunkler Fleck zu sehen war.

Nell verharrte reglos. Was zunächst wie ein Schatten gewirkt hatte, der auf den frisch gefallenen Schnee fiel, war tatsächlich ein rostbrauner Fleck, der sich immer weiter in den Schnee fraß.

„Blut, das von unten durchsickert“, sagte er.

4. Kapitel

„Nell schaute sich um. „Dann ist das hier …?“

„Flynn's Logierhaus.“ Cook deutete auf das dreigeschossige Haus mit den verwitterten Holzschindeln. Kisten und Feuerholz stapelten sich an der Wand, dazwischen der Unrat von Jahren. Aus schmutzigen Fensterscheiben schien Lampenlicht. Geschrei und Gelächter übertönten einen Augenblick das Gekläffe der Hunde. Jemand brüllte: „Du Schweinepriester!“

„Gestern, kurz nach Mitternacht“, sagte Cook, „ging Wachmann Danny Hooper am Hafen Streife. Er war ungefähr einen Block entfernt, als er eine Frau schreien hörte. In weniger als einer Minute war er hier, fand Ernest Tulley in einer Blutlache liegend vor und William Hewitt über ihn gebeugt, um ihm den Rest zu geben.“

„Sie meinen … mit dem Skalpell …?“

„Die unschönen Details erspare ich Ihnen.“ Cook nickte. „Aber ja, er war sehr gründlich zu Werke gegangen. An seinen Händen klebte Blut, sogar im Gesicht hatte er welches. Tulley war tot, aber noch nicht lange.“

Nell ging in die Hocke, um den Blutfleck zu begutachten, der sich am Boden der Gasse ausbreitete. Er war der einzige Hinweis auf die Ereignisse der vorigen Nacht, hatte der Schnee doch alle weiteren Spuren unter sich begraben. Nein, nicht alle, wie sie nun sah: An den Schindeln waren dunkle Schlieren zu erkennen. Offenbar hatte jemand versucht, Blut wegzuwischen, das an die Hauswand gespritzt war.

„Arterielle Blutung“, murmelte sie.

„Wenigstens spart man sich das Tapezieren, wenn man es draußen erledigt, jemandem die Kehle durchzusäbeln“, kam es von Cook.

„Durchzusäbeln?“, fragte Nell entgeistert. Sie hatte sich einen einzigen sauberen Schnitt vorgestellt, wie bei einem chirurgischen Eingriff.

„Schien nicht so glattgegangen zu sein.“

„Hat er denn wirklich gar nichts gesagt – Dr. Hewitt?“ Sie stand wieder auf und strich sich den Rock glatt.

„Doch, er bat um eine Zigarette“, meinte Cook lakonisch. „Ansonsten: Stillschweigen. Zu seinen Motiven kann ich nur feststellen, dass er eben Opium geraucht hatte – behauptet zumindest Flynn, Seamus Flynn, dem der Laden hier gehört. Wenn Hewitt sonst noch Gründe hatte, will er sie uns nicht mitteilen, was aber im Endeffekt auf dasselbe hinausläuft.“

„Und die Zeugen haben sich alle aus dem Staub gemacht?“

„Alle bis auf Flynn und seine Tochter. Sie war es, die letzte Nacht geschrien hat. Wollte nur mal kurz an die frische Luft und findet da einen Toten in seinem Blut liegen und den Mörder noch über ihm kauern. Das dürfte sie wieder munter gemacht haben. Ihr alter Herr war fast den ganzen Abend unten bei den Ratten.“ Er hielt inne, als er Nells fragenden Blick sah. „Hören Sie die Hunde? Kommen Sie mal mit.“

Cook winkte sie ums Haus herum und trat durch ein verrostetes Gatter in einen mit Gerümpel vollgestellten Hinterhof. Aus einem baufälligen Stall drang leises Wiehern, es roch nach Pferdemist und feuchtem Stroh. Das Gekläffe kam aus einem verschachtelten Bau aus altem Holz und kaputten Möbeln. Ein Zwinger aus Maschendraht schloss sich daran an, in dem Hunde gereizt auf und ab trabten und die Zähne fletschten.

„Flynn hält ein gutes Dutzend Terrier“, erläuterte Cook. „Blutrünstige kleine Biester. Samstagabend nimmt er sie runter in den Keller“, er zeigte auf die beiden Türen an der Rückseite des Hauses, von denen eine offen stand und den Blick freigab auf eine ausgetretene Kellertreppe, „und wirft sie in den Pferch mit den Ratten. Samstagabend ist Rattenrennen. Aus der ganzen Stadt kommen sie hierher in Seamus Flynns Keller, um darauf zu wetten, welcher Köter wie viele Ratten erledigt. Flossie hält seit letztem Jahr den Rekord: zwanzig Ratten in zwölf Sekunden.“

„Alle Achtung.“

„Pferde kann man bei ihm auch unterstellen.“ Cook deutete auf den Stall. „Damit und mit dem Opium und seinem Anteil am Wettgeschäft plus den drei Dollar die Woche für jedes belegte Bett und dazu das Geld von den … äh, den Frauen, die in seinem Etablissement ihrem Gewerbe nachgehen, kommt er ziemlich gut über die Runden.“

„Wenn Sie von dem Glücksspiel und der Prostitution wissen, warum verhaften Sie ihn dann nicht?“ Die Antwort lag so sehr auf der Hand, dass sie sie gleich selber gab. „Er schmiert Sie.“

„Nicht mich – mir traut man nicht über den Weg. Sagen wir mal so: Ich bekam Anweisung von oben, nicht so genau hinzugucken. Soll mir recht sein. Flynn will keinen Ärger, und er legt es auch nicht drauf an. Über den kleinen Zwischenfall gestern Nacht ist er nicht gerade begeistert. Schlecht fürs Geschäft, wenn hier überall Bullen rumschnüffeln – zumal bei der Kundschaft.“

„Hat er denn gestern Abend etwas gesehen?“

„Nicht viel. Wie ich schon sagte, er war fast die ganze Zeit unten bei den Ratten. Ein-, zweimal ist er nach oben, um Gong zu verkaufen und …“

„Gong?“

„Opium. Ein paar Kunden haben nur kurz was geraucht, aber William Hewitt war den ganzen Abend da. Kein Wunder eigentlich – er muss völlig dicht gewesen sein, um das zu tun, was er getan hat.“

„Sind Sie ganz sicher, dass er verurteilt wird?“

„Ich würde meine Dienstmarke drauf verwetten. Mir soll's recht sein, denn wer das getan hat, hat es nicht anders verdient. Und was das Geld angeht …“, kam er ihr zuvor, als sie vielsagend eine Braue hob. „Jetzt mal ganz ehrlich, Miss Sweeney, haben Sie noch nie etwas getan, was Sie nicht mal bei der Beichte zugeben würden, weil es die einzige Möglichkeit war, Ihr Leben ein bisschen erträglicher zu machen?“

Sie wandte den Blick ab und spürte die frostige Luft auf ihren Wangen brennen.

„Niemand ist ohne Schuld“, sagte er. „Ja, ich habe August Hewitts Geld angenommen, und ich nehme auch den Bonus, wenn sein Sohn verurteilt wird. Das hat aber keinen Einfluss auf meine Ermittlungen. Ich sehe es einem Mann an der Nasenspitze an, ob er schuldig ist oder nicht, und William Hewitt ist schuldig.“

„Aber er …“ Sie schüttelte den Kopf. „Irgendwie wirkt er nicht …“

„Soll man gar nicht glauben, wer alles so zum Mörder wird. Kann jedem passieren, wenn es nur einen guten Grund gibt, auch Ihnen oder mir. Wird dadurch natürlich nicht besser, so ein Vergehen, und deshalb gehört es bestraft.“

„Aber wenn Sie nur mit ihm geredet hätten …“

„Und wessen Schuld ist es wohl, dass ich das nicht getan habe? Außer seinem Namen wollte er uns ja nichts sagen – und nicht mal der hat gestimmt. Mit Ihnen hat er auch nur geredet, weil sein Vater so schlau war, ein hübsches junges Ding wie Sie zu schicken. Der kennt seinen Sohn, möchte ich meinen.“

Aus dem Haus drang Geschrei und Gegröle.

„Kommen Sie“, forderte er sie auf. „Wenn wir noch länger warten, sind die zu besoffen, um noch mit uns zu reden – oder vielmehr mit mir. Sie halten Ihre spitze Zunge schön im Zaum und überlassen das Fragen mir.“

Eine wacklige Holztreppe führte außen am Gebäude nach oben. Durch schmale Türen gelangte man in das erste und zweite Geschoss, ein Fenster im ersten Stock war zur Hälfte mit Holzbrettern vernagelt. Am Fuß der Treppe und auf den Stufen war der Schnee zertrampelt.

„Passen Sie auf, die Schwelle ist vereist“, warnte Cook, als er die blaue Tür öffnete, die auf der anderen Seite der Treppe neben der offenen Kellertür lag. Durch einen engen, vollgestellten Flur gelangten sie in eine Küche, in der es nach gebratenen Zwiebeln roch. Eine hochgewachsene Frau mit Schürze und Kopftuch stand am Herd. Sie drehte sich nicht nach ihnen um, als sie hereinkamen.

Cook stupste sie mit seinem Hut in den Rücken. „Guten Abend … Kathleen, nicht wahr?“

„Ganz richtig“, erwiderte die Frau und drehte sich noch immer nicht um. Anders als ihre Statur und ihre großen, kräftigen Hände erwarten ließen, sprach sie mit leiser, mädchenhafter Stimme. Ihr irischer Akzent war unüberhörbar.

„Wo steckt dein Dad heute Abend, Kathleen?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Vorhin hab ich ihn hochgehen sehen. Aber nicht runterkommen seitdem.“

„Heute Abend geht's ja ganz besonders munter zu“, bemerkte Cook. „Was steht an? Karten oder Würfeln?“

„Würfeln. Im Salon.“ Kathleen schaute kurz über die Schulter, und leises Interesse, vielleicht auch eine Spur Neid, schlich sich in ihren Blick, als sie Nells schicke Kleidung sah. Das Mädchen hatte ein hübsches Gesicht, an der linken Wange jedoch eine üble Schürfwunde, umgeben von einer Schwellung, die sich blauviolett von ihrer hellen Haut abhob. Die Verletzung konnte nicht älter als ein oder zwei Tage sein.

„Bleiben Sie hinter mir“, murmelte Cook, als er Nell durch einen langen, düsteren Gang voranging, dem ausgelassenen Treiben entgegen.

„Was ist mit dem Mädchen passiert?“, fragte sie flüsternd.

„Das habe ich sie gestern Abend auch gefragt. Sie behauptet, sie wär draußen auf dem Eis ausgerutscht, aber ich tippe mal auf ihren Vater. Der fackelt nicht lang.“

Rechts führte eine Treppe hinauf in den ersten Stock, links waren zwei Türen – Cook nahm die erste, durch die sie in eine trostlose kleine Stube gelangten, möbliert mit zwei zerschlissenen Sofas und einer abgewetzten Lederchaiselongue. In der Mitte des Zimmers lag eine Matratze auf dem Boden, darauf eine Decke. Die verblichene, mit Rosen bedruckte Tapete schälte sich von den Wänden.

„Das ist die berüchtigte Opiumhöhle“, erklärte er. „Habe Ihnen ja gleich gesagt, dass es da nicht viel zu sehen gibt. Vor neun oder zehn tut sich hier nichts.“

„Kalt ist es“, meinte Nell fröstelnd.

„Flynn lässt die Fenster immer einen Spalt offen, damit Luft reinkommt, sonst würde es im ganzen Haus nach dem Zeug stinken.“

An den beiden leicht geöffneten Fenstern hingen vergilbte Spitzengardinen, durch die Nell geradewegs hinaus auf die Gasse blicken konnte, in der der Mord geschehen war. Im Vorderzimmer wurden Würfel geschüttelt und auf den Tisch geknallt, gefolgt von Grölen und Johlen. Cook trat an die Verbindungstür und schob sie auf.

Stille senkte sich über den rauchverhangenen Raum, und die Gäste – ungefähr ein Dutzend Männer und eine Frau – schauten auf und musterten Nell und Detective Cook, die in der offenen Tür standen. Die meisten der Männer saßen um einen Spieltisch, auf dem Münzen und zerknitterte Geldscheine lagen. Überwiegend schienen es Logiergäste zu sein, schäbig gekleidete Matrosen, doch auch zwei Gentlemen auf der Suche nach leichter Unterhaltung gehörten zur Runde. Ein weiterer gut gekleideter junger Herr saß etwas abseits, die Frau – eindeutig ein billiges Flittchen – auf seinem Schoß und einen silbernen Flachmann in der Hand. Die Luft war zum Schneiden und stank nach Schweiß, Gin und billigem Tabak.

Cook zückte seine Dienstmarke. „Detective Colin Cook von der Bostoner Polizei. War jemand von euch gestern Abend draußen, als dem armen Burschen die Kehle durchgeschnitten wurde?“

Ein paar der Männer schüttelten den Kopf, doch die meisten schauten beiseite, grinsten höhnisch, drehten Zigaretten, ließen ihre Münzen kreisen. Ein Bär von Mann mit wild wucherndem schwarzem Haar und Bart beäugte Nell ungeniert, während er Whiskey aus der Flasche trank.

„Du da, Noonan.“ Cook zeigte auf den Seebär. „Wo warst du gestern um Mitternacht?“

„In der Kirche“, erwiderte Noonan, ohne den Blick von Nell zu wenden. „Hab den Herrn um einen bibelfesten Engel angefleht, um mich von meinen Sünden zu erlösen. Sieht so aus, als wären meine Gebete erhört worden.“

Als das Gelächter sich wieder gelegt hatte, sagte Cook: „Wir haben gestern Nacht einen Mann verhaftet – groß, dunkelhaarig. Nennt sich William Toussaint. Hat den ganzen Abend über Gong geraucht.“ Der Detective deutete zum Hinterzimmer. „Jemandem was aufgefallen?“

Vereinzeltes Achselzucken, hier und da ein Kopfschütteln, die meisten überhörten die Frage.

„Du bist neu hier, nicht wahr?“, fragte Cook die Frau auf dem Schoß des jungen Stutzers. Sie war ein dralles Geschöpf mit aschblondem, gelbstichigem Haar, erschlafftem Hals und welken Wangen, die auch der dick aufgetragene Puder nicht verbergen konnte. Das Mieder des viel zu engen grünen Satinkleides sah aus, als könne es dem Druck der darin untergebrachten üppigen Formen kaum noch standhalten, der schmuddelige Spitzenbesatz hing lose herab.

„Stimmt“, räumte die Frau ein. Ihr Blick war etwas unstet, als sie dem jungen Mann die Flasche zurückgab.

„Das ist Pearl, Mollys Freundin“, mischte einer der Männer sich ein und erbleichte, als Noonans vernichtender Blick ihn traf.

„Wo ist eigentlich Molly?“, fragte der Detective.

Keine Antwort.

„War sie gestern Abend nicht da?“ Vereinzeltes Schulterzucken, leises Raunen. An Nell gewandt, meinte Cook: „Molly arbeitet fast jeden Abend hier, kennt alle Stammgäste. Wenn viel Betrieb ist, kommen noch andere Mädchen, aber Molly gehört praktisch zum Personal. Also … Pearl, nicht wahr? Wo warst du gestern Abend?“

Die Prostituierte zögerte. Dann endlich: „Ich hab nix gesehen.“

„Ich weiß, dass ihr euch gern die dicken Fische schnappt. Toussaint macht den Eindruck, als wär bei ihm was zu holen. Erzähl mir nicht, dass du dich nicht an ihn rangemacht hättest.“

Noonan nahm einen tiefen Schluck und starrte die Hure über seine Flasche hinweg an.

Sie hielt seinem Blick einen Moment stand, dann presste sie die roten Lippen fest zusammen und sah Cook an. „Wüsste nicht, dass der mir aufgefallen wär.“

„Nein? Er hat sich aber den ganzen Abend da drin aufgehalten.“ Cook deutete zum Hinterzimmer.

„Ich war den ganzen Abend mit den Mädels draußen.“

„Dieser Bursche, der umgebracht worden ist, Ernest Tulley“, fragte Cook an die anderen gewandt, „war der gestern lange da?“

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960877554
ISBN (Buch)
9783960877820
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v471414
Schlagworte
spann-ung-end-e Detektiv-in-geschichte historisch-e-r Krimi-nal-roman Mord-Mörder-in Agatha Christie klassisch-Who-done-it Tod-es-mord-fall-tat-ort-opfer-ermittlung-en-kommissar amerika-nisch

Autor

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    P. B. Ryan (Autor)

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Titel: Nell Sweeney und die Spur des Todes