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Blackwood Obsession

von Kate Dark (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Als der FBI-Agent Lucas undercover in seine Heimat Blackwood zurück muss, hätte er nie daran gedacht, dass ausgerechnet dort sein Herz auf die Probe gestellt wird. In Blackwood trifft er nicht nur auf Freunde, die keine mehr sind, sondern auch auf Sadie, die ihn einst tief verletzt hat. Sadie hingegen kann sich kaum mit Lucas befassen, denn sie kämpft gegen ihre eigenen Dämonen: Dinge verschwinden, Türen sind unverschlossen, nachts kommt jemand in ihr Haus.
Als Lucas und Sadie einander endlich wieder näherkommen, überschlagen sich die Ereignisse und jemand setzt alles daran, die beiden erneut zu trennen. Dabei geht er über Leichen, denn Sadie gehört nur einem – ihm allein.

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe Juni 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-796-7
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-806-3

Covergestaltung: Buchgewand
unter Verwendung von Motiven von
shutterstock.com: © Natallia Novik, © Dmitry Kostrov
depositphotos.com: © Ensupe
Lektorat: typo18

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

Prolog

 

Blackwoods Straßen lagen einsam und verlassen vor ihm. Die Laternen hatten ihren Dienst um Mitternacht eingestellt, und kein Mondlicht erleichterte die Sicht im Dunkeln. Ausgezeichnet. Keine neugierigen Nachbarn, die ihm dabei zusahen, wie er den Ort verließ. Es war Herbst, die Touristen und die meisten reichen Einheimischen wohnten lediglich im Sommer hier. Umso besser für ihn. Er wollte keineswegs auffallen und agierte immer im Hintergrund, beobachtete aus der Ferne und stellte sich vor, wie es wäre, sie endlich an seiner Seite zu haben.

Er bog nach links ab und verließ seinen Heimatort Blackwood in Richtung Norden. Nebelschwaden zogen über den Boden der abgeernteten Weizenfelder zu beiden Seiten der Allee. Er trat das Gaspedal durch und raste die in die Jahre gekommene Straße entlang.

Sein Ziel lag etwa zwei Stunden entfernt. Dort kannte ihn niemand. Vor ein paar Tagen hatte er die kleine Stadt ausgekundschaftet. Sie war die einzige in der Nähe, die ein Bordell hatte, und lag dazu in einem anderen Bundesstaat. Alle anderen Orte waren zu weit weg. Ansonsten blieb ihm nur der Straßenstrich. Doch die Frauen waren vorsichtig geworden. Er hatte Fehler begangen, die nicht rückgängig zu machen waren. Zum Glück war er aus dem Schaden klug geworden und veränderte nun jedes Mal sein Äußeres, suchte seltener die Frauen dieser Etablissements auf, achtete darauf, niemals dieselbe zu buchen.

Das war seine letzte Chance, seine Bedürfnisse zu stillen. Er musste sich zurückhalten. Sonst würde das Gleiche passieren wie vor zehn Jahren, und das konnte er nicht zulassen. Nicht, solange er sein Ziel nicht erreicht hatte. Aber diese Erfahrung … Seine Hände umfassten das Lenkrad fester. Er ermahnte sich zur Ruhe, seine Zeit würde kommen.

Er parkte den Wagen auf dem Parkplatz vor dem unscheinbaren grauen Betonklotz, in dem sich das Bordell befand. In den meisten Zimmern brannte Licht. Er betrat das Gebäude. Sofort hüllten ihn verschiedene Gerüche nach süßem Parfüm, aufdringlichem Schweiß und Alkohol ein. Dezente Musik quoll aus versteckten Lautsprechern. Überall saßen Männer mit Frauen auf ihren Schößen. Sein Herz raste. Er schluckte und wischte sich die feuchten Handflächen an der Hose ab. Er fühlte sich beobachtet und senkte den Kopf. Seine Schritte beschleunigten sich.

„Bist du frei?“, fragte er eine Schwarzhaarige mit großen Brüsten, als er im hinteren Teil angelangt war. Ihr kurviger Körper steckte in Lederklamotten. Sie machte auf ihn den Eindruck, als könnte sie Schmerzen ab – herablassender Blick, selbstbewusstes Auftreten. Und sie hatte wenig Ähnlichkeit mit dem eigentlichen Objekt seiner Begierde.

Sadie Snow.

Allein der Gedanke an sie ließ ihn hart werden wie Stahl. Aber er durfte sie nicht haben. Noch nicht.

Der abschätzende Blick der Hure glitt über ihn, und sie verzog die aufgespritzten roten Lippen zu einem aufgesetzten Lächeln. „Klar, komm mit.“

Zehn Minuten später stellte sich heraus, dass sie nicht so viel Schmerz aushielt, wie er angenommen hatte, denn ihr heiseres Stöhnen klang eher gequält als lustvoll. Es machte ihn unglaublich an. Das recht ansehnliche Gesicht konnte er nur zu Teilen sehen, weil er sie mit der Hand am Nacken auf die Matratze drückte, während er sie hart von hinten fickte. Sie war bewegungsunfähig, genau wie er es brauchte. Immer wieder klatschte seine andere Hand kraftvoll auf ihren Arsch, der bereits in den schönsten Rottönen schillerte. Er musste sich zügeln, durfte seine dunkle Seite nicht die Oberhand gewinnen lassen.

Es hatte wenig mit Lust zu tun, jedenfalls nicht für sie.

Der Befehl kam schnell und unerwartet: Drück zu!

Plötzlich lagen seine Hände um den schlanken Hals der Frau. Unter den Fingerspitzen spürte er ihren Kehlkopf. Er spürte die Wirbel, die den Übergang zwischen Hals und Rücken bildeten. Er spürte ihren Puls, der unnatürlich schnell zu schlagen schien. Sein Schwanz wurde noch härter in ihr.

Fester!

Sie gab gurgelnde Laute von sich, versuchte, sich von ihm zu lösen, während er weiterhin hart und schnell in sie stieß und seine Hände immer fester um ihren Hals legte. Seine Sicht verschwamm, und er schloss selig für einen winzigen Moment die Augen. Er bestand nur noch aus dem einen Gefühl, das seine Gier bestimmte. Er fühlte sich gut. Stark. Männlich. Es war, als würde jegliche Energie in seinem Körper freigesetzt werden. Adrenalin rauschte durch seine Adern. Wie hatte er dieses Gefühl vermisst!

„Keine Luft“, japste die Hure angestrengt und schlug mit den Armen um sich.

Ich hätte sie fesseln sollen.

Sie kratzte ihn am Arm. Ihre Kräfte ließen langsam nach. Die Euphorie fiel von ihm ab. Tief durchatmend zwang er sich, ruhiger zu werden. Langsam löste er jeden Finger einzeln von ihrem Hals, um das Gefühl weiter voll auszukosten. Ihn überkam Besitzerstolz, als er die roten Male sah.

Es war zwar weniger befriedigend für ihn, weil er es nicht zu Ende bringen konnte, aber dafür hatte er die Möglichkeit eines weiteren Besuchs. Vielleicht bereits morgen.

Nein, nicht so früh wieder. Das ist zu auffällig.

Er musste sich mäßigen und durfte es nicht übertreiben.

Wer sollte es bemerken?, fragte die höhnische Stimme in seinem Kopf. Du änderst ja jedes Mal deine Optik!

„Perverser Freak!“, kam es erstickt von der Matratze und holte ihn aus seinem inneren Monolog.

Er erstarrte, bevor er sich weiter bewegte. Der Drang zu töten drohte, ihn zu überfluten. Er schüttelte den Kopf, musste ihn freibekommen.

Ein letztes Mal stieß er in sie. Früher hätte er das Gefühl seines Höhepunkts genossen. Wie der Saft aus ihm herausschoss und das Kondom füllte. Doch heute? Er war gekommen, nur ohne Sperma. Das machte ihn wütend. Er zog das leere Kondom ab und steckte es in die Hosentasche. Es war Zeit zu gehen. Wieder fing sein Herz zu rasen an. Achtlos warf er ein paar Geldscheine auf das Bett und verließ, ihre Beleidigungen und Flüche ignorierend, das Zimmer.

Erst im Auto fand er wieder zu sich selbst. Seine Hände krampften sich ums Lenkrad. Die Fingernägel hinterließen dabei kleine Halbmonde in den Handflächen.

Kann nicht atmen.

Wie von selbst betätigte er den Schalter für das Autofenster. Kühle Oktoberluft schlug ihm ins Gesicht und brachte ihn halbwegs zur Besinnung.

„Schon besser“, murmelte er und schoss rückwärts aus der Parklücke.

Die Fahrt zurück nach Hause half ihm, wieder klare Gedanken zu fassen. Beinahe wäre er rückfällig geworden. Aber er hatte sich selbst besiegt. Er entspannte sich, schaltete das Radio ein und drosselte die Geschwindigkeit, während er an Sadie Snows Villa vorbeifuhr. Im Erdgeschoss flackerte das Licht eines Fernsehers, ansonsten war es dunkel. Er leckte sich die Lippen.

Bald!

Kapitel 1

 

Gerade mal Mitternacht. Sadie Snow brauchte schleunigst einen anständigen Drink und etwas Ablenkung, um nicht allein mit ihren Gedanken zu sein und dem ständigen Grübeln zu entkommen. Dafür kam in Blackwood nur ein Ort infrage.

Sadie ignorierte die Menschenschlange vor dem Black’s, ging direkt zum Eingang und nach einem knappen Nicken des Türstehers einfach hinein. Der Klub war der einzige, den Blackwood zu bieten hatte, demzufolge konnte er sich seine Gäste nach Belieben aussuchen. Es herrschte außerdem Kleiderordnung, Turnschuhe und schlabbrige Garderobe waren tabu. Sadie kannte den Besitzer und brauchte sich um solche belanglosen Dinge wie Eintritt oder Anstehen keine Gedanken zu machen. Es hatte eben alles seine Vorteile, wenn man in einem kleinen Ort aufwuchs und bei jedem bekannt war.

Schon im Flur bemerkte Sadie die Hitze, die ganzjährig im Black’s herrschte. Deshalb hatte sie sich wohlweislich für ein Kleid entschieden.

Rot und Schwarz waren die vorherrschenden Farben im Inneren des Klubs. Er wirkte düster, die dämmrige Beleuchtung verlieh ihm aber eine erotische Note. Hinter der schwarzen Bar, die nur durch kleine Spots auf dem Boden und der Decke bestrahlt wurde, trennten rote Seidenvorhänge den normalen Bereich von dem für die VIPs. Links neben der Bar befand sich die Tanzfläche und rechts einige Sitznischen, die um diese Uhrzeit gut besetzt waren. Die Einrichtung war schlicht gehalten und doch ziemlich hübsch. Ein echter Hingucker war die mit sprudelndem Wasser gefüllte Glaswand im VIP-Bereich.

Deacon Williams, der Besitzer und langjähriger Freund ihrer Eltern, kam mit einem breiten Lächeln auf Sadie zu. Behangen mit Goldketten um Hals und Handgelenke, hatte er große Ähnlichkeiten mit einem Bordellbesitzer. Sadie vermutete, dass er sein Haar blondierte, denn er war um die sechzig Jahre alt, vielleicht ein, zwei Jahre jünger und damit im Alter ihrer Eltern. So genau wusste sie das nicht. Der dunkle Anzug saß perfekt, höchstwahrscheinlich Armani oder Prada. Die obersten zwei Knöpfe des weißen Hemds waren offen und zeigten leicht verschwitzte gebräunte Haut. Alter hin oder her, zumindest kleidete er sich elegant, auch wenn sie nicht verstehen konnte, warum er bei den hohen Temperaturen nicht auf das Jackett verzichtete.

„Deacon, wie ich sehe, hast du die Einlasskontrollen entschärft.“ Sadie deutete mit dem Kinn auf eine kleine Gruppe, darunter Callie Frey, ihre Ex-Beste-Freundin und jetzige Erzfeindin. Die dürre Blondine stand inmitten ihrer speichelleckenden Freunde und genoss deren geheuchelte Aufmerksamkeit.

Deacon lachte heiser, das Ergebnis seiner täglichen Zigarettenration, legte die Hände auf Sadies Oberarme und küsste sie zur Begrüßung auf beide Wangen. Er hatte zu viel Aftershave aufgetragen, das ihr in der Nase kitzelte. „Darling, sie bringen viel Geld in die Kasse, und du weißt, davon kann man nie genug haben.“

Sie hob eine Augenbraue und stieß amüsiert Luft durch die Nase aus. „Als hättest du nicht genug davon. Wie geht es Noreen?“

Beim Namen seiner dritten Ehefrau begannen die blassblauen Augen zu leuchten. Noreen war mit vierundzwanzig nur knapp drei Jahre jünger als Sadie. „Wunderbar. Sie geht fast gar nicht mehr aus dem Haus, seit sie das Onlineshoppen für sich entdeckt hat. Nebenbei renoviert sie gerade unser Heim, brauchte dringend eine Beschäftigung, die Gute.“

Das konnte Sadie nachvollziehen. Sie selbst hatte in der Stadt ein kleines Geschäft mit Kleidung, die sie oftmals selbst nähte oder weltweit in edlen Boutiquen erstand und in Blackwood an die Reichen veräußerte. Es war ihr wichtig, Einzelstücke zu verkaufen und nichts, was in jedem dritten Laden an der Stange hing.

Zwar waren Sadies Eltern nicht begeistert davon, dass sie ein eigenes Geschäft betrieb und nicht für sie arbeitete, aber sie sahen ein, dass der Laden gut lief und Blackwood so etwas brauchte. Außerdem hatte Sadie ein glückliches Händchen für Aktien und investierte Teile ihres Gewinns. Sie kam für ihren Lebensunterhalt selbst auf, was ihren Eltern Respekt abverlangte.

Sadies Blick schweifte zu ihrer ehemaligen Freundin. Sie war anders als Callie, die lieber den ganzen Tag großzügig das Geld ihrer Eltern ausgab, als sich selbst die Finger schmutzig zu machen. Seit vielen Jahren waren die beiden Frauen miteinander zerstritten, obwohl Sadie nicht mehr genau wusste, warum sie sich eigentlich hassten. Immerhin waren sie gute Freundinnen gewesen. Doch von einem Tag auf den anderen hatte Callie sie ignoriert und Lügen verbreitet.

Ihre große Liebe und die beste Freundin hatten sie zeitgleich verlassen.

„Wo bist du mit deinen Gedanken?“ Deacon sah sie neugierig an. Er war wie ein altes Waschweib – ständig an Klatsch und Tratsch interessiert, den er wie eine Tageszeitung in Umlauf bringen konnte.

Mit einem Schulterzucken winkte Sadie ab. Sie war hier, um Spaß zu haben, nicht um sich den Abend verderben zu lassen. Nach so vielen Jahren konnte sie an der Situation nichts mehr ändern und wollte es gar nicht.

„Unwichtig“, antwortete sie. „Ich werde mal sehen, ob ich jemanden finde, der mir einen Cocktail spendiert.“

„Damit wirst du wohl keine Probleme haben, Darling“, erwiderte Deacon heiser lachend und verschwand in Richtung der Büroräume.

Sadies mahagonifarbenes, lockiges Haar hing ihr bis zur Mitte des Rückens. Sie besaß Kurven an den richtigen Stellen, war dennoch schlank, aber kein Size-Zero-Model. Sie aß für ihr Leben gern und würde niemals hungern, um einem Ideal zu entsprechen. Mit knapp fünf Fuß fünfundsiebzig gehörte sie nicht zu den kleinen Frauen und trug trotzdem gerne Schuhe mit hohen Absätzen, auch wenn sie damit größer als einige Männer war – die meisten von ihnen konnten es nicht leiden, zu einer Frau aufsehen zu müssen.

Sadie wusste, was sie wollte, und versuchte immer, ihre Ziele zu erreichen. Aus diesem Grund wurde sie von vielen Menschen als arrogant abgestempelt. Vielleicht stimmte das. Doch warum sollte sie sich selbst etwas verweigern, nur damit sich andere besser fühlten? Oder immer darauf achten, niemanden vor den Kopf zu stoßen? Sie hatte aufgehört, ständig Rücksicht auf andere zu nehmen. Wer hätte das erwartet, wo sie vor zehn Jahren sogar zu schüchtern gewesen war, um vor ihrer Schulklasse ein Referat zu halten.

„Was darf’s sein, Süße?“ Der Barkeeper beugte sich über den Tresen.

„Einen Tequila Sunrise bitte.“ Ihr favorisiertes Getränk, wenn sie im Black’s war.

„Der geht auf mich“, ertönte eine tiefe Stimme neben ihr. Oliver Frey gab dem Barkeeper Geld und reichte ihr das Getränk. Das dunkelblonde Haar verwuschelt, als wäre er stundenlang mit den Fingern hindurchgefahren – oder gerade erst aus dem Bett aufgestanden –, lächelte er sie verschmitzt an. „Aber nicht meiner Schwester verraten.“

„Terrorisiert sie immer noch alle in ihrem Umfeld?“, erkundigte sich Sadie scheinheilig und nippte an ihrem Getränk.

„Nur die, die es zulassen“, erwiderte Oliver lachend, dabei bildeten sich kleine Falten in seinen Augenwinkeln. Er umarmte sie herzlich und bestellte sich anschließend ein Bier. Früher, als Sadie und Callie noch Freundinnen gewesen waren, hatte sie viel Zeit bei den Freys verbracht und dadurch Oliver oft gesehen. Was hatte sie für ihn geschwärmt und sich kindlichen Fantasien über sie beide hingegeben. Aber irgendwie war alles anders gekommen.

„Wir sollten unbedingt mal miteinander ausgehen“, sagte er entschlossen.

„Soso, sollten wir das?“

Er war attraktiv, daran bestand kein Zweifel. Damals war Sadie zu jung für ihn gewesen, und jetzt kam es einfach nicht infrage. Sie wollte sich nicht wegen einer einmaligen Bettgeschichte mit seiner Schwester auseinandersetzen müssen. Außerdem war sein bester Freund ihr Ex, die grausame erste Liebe. Beide Männer wohnten seit zehn Jahren nicht mehr in Blackwood. Sporadisch statteten sie der Kleinstadt einen Besuch ab, was Sadie meistens zu verdrängen versuchte. Doch seit Kurzem war Oliver zurück, hatte ein Haus am Wasser gekauft und lebte wieder in seiner Heimatstadt.

Oliver lehnte sich zu ihr herüber, das langärmelige Shirt umspannte dabei seine muskulösen Oberarme. Der herbe Duft seines Aftershave umhüllte sie. „O ja, ganz sicher, Sadie.“

Ein Schauer rann über ihren Rücken. Ihr Name aus seinem Mund klang wie eine Versuchung. Gemischt mit dem sündigen Blick aus den braunen Augen begann sie, ernsthaft zu zweifeln, warum Oliver Frey tabu war.

„Was geht denn hier ab?“

Sadie blinzelte. Nützlich wie ein Eimer mit eiskaltem Wasser im Winter stand Callie neben ihnen, eine Hand in die schmale Taille gestützt. Abwartend sah sie von Oliver zu Sadie. Das lange blonde Haar hing glatt hinunter bis zum Ansatz ihrer kleinen Brüste.

„Nichts, was dich etwas angeht, Schwesterherz.“

Ihre grünen Augen blitzten angriffslustig. „Oh, das sehe ich anders. Wenn du etwas mit der da zu tun hast, geht es mich sehr wohl was an.“

„Fahr die Krallen ein, und zieh ab, Callie.“ Oliver zog die Augenbrauen zusammen und sah ernst zu seiner Schwester. Trotz des Zwielichts schien sich sein Blick gespenstisch zu verdunkeln.

Sadie stellte ihr leeres Glas auf die Theke. Dieses Getue der Geschwister wurde ihr zu blöd. Sie war da, um Spaß zu haben. Ganz bestimmt wollte sie sich nicht mit Callie anzicken. Das kam ohnehin viel öfter vor, als ihr lieb war. Mit den Worten „Viel Vergnügen noch“, verabschiedete sie sich von den beiden.

„Warte!“ Oliver hielt sie am Handgelenk fest, sah aber zu seiner Schwester. „Verschwinde endlich, Callie. Das geht dich nichts an.“

„Ist alles in Ordnung?“ Bereit einzugreifen, sah Deacon erst Sadie und dann die anderen an.

Das ist wie in einer schlechten Seifenoper, dachte Sadie genervt. Herausfordernd blickte sie zu Callie. „Ich weiß nicht – ist alles in Ordnung?“

„Das ist noch nicht vorbei“, zischte sie Oliver an und stolzierte davon.

„Danke“, sagte Sadie.

„Immer wieder gern.“ Deacon sah auffordernd zu Oliver, der nach wie vor ihr Handgelenk umschloss. Langsam hob er eine buschige Augenbraue. „Wären Sie so freundlich, die Hand zu entfernen?“

Auch wenn seine Worte nicht grob klangen, war der ernste Unterton nicht zu überhören. Es hatte bereits einige Männer gegeben, die Deacon unterschätzt hatten. Er mochte wie ein Sugardaddy aussehen, aber hinter dieser Fassade steckte ein harter Kerl. Die meisten Menschen wussten nicht, dass er in jungen Jahren geboxt hatte. Als seine kurze Karriere wegen einer Verletzung vorbei gewesen war, hatte er Teenager von der Straße trainiert, damit sie nicht auf die schiefe Bahn gerieten. Vor einer Weile hatte Deacon Sadie einmal anvertraut, dass seine Nase öfter gebrochen und gerichtet worden war, als er Finger hatte.

„Ist schon gut, Deacon. Danke für deine Hilfe.“ Sadie löste Olivers Hand.

Prüfend musterte der Klubbesitzer Oliver und tippte mit dem Zeigefinger an seinen rechten Augenwinkel, ehe er sich umdrehte und wieder zwischen den Menschen verschwand.

„Das bedeutet, er behält dich im Auge“, erklärte Sadie. Das hatte er schon ein paarmal bei den Gästen gemacht, die ihm gefährlich und suspekt erschienen. Doch die einzige Gefahr, die sie bei Oliver spürte, war, dass er ihrem Höschen zu nah kam. Es konnte nicht gut gehen, wenn sie etwas mit ihm anfing. Selbst wenn es nur eine einmalige Sache war.

„Gut zu wissen“, murmelte Oliver. Er schien gedanklich weit weg zu sein. Ob ihm die Auseinandersetzung mit Callie zu schaffen machte? Anders als die beiden hatte Sadie zu ihrer älteren Schwester keinen Kontakt. Selbst als Kinder hatten sie nicht viel Zeit miteinander verbracht. Ellen war immer das Vorzeigekind gewesen. Sogar heute noch achtete ihre Mutter sorgfältig darauf, Sadie ständig unter die Nase zu reiben, wie perfekt Ellen war. Das nervte ungemein und verstärkte das angespannte Verhältnis der Geschwister weiter.

„Also, wie willst du mir den Abend versüßen?“ Sadie stützte das Kinn in die Hand und lehnte sich zu ihm hinüber. Mhmm, er roch wirklich sehr gut.

Das Lächeln kehrte auf sein hübsches Gesicht zurück. „Mir würde da durchaus etwas einfallen.“

 

***

 

Es gab Momente, da fühlte es sich vollkommen falsch an, mit einem Mann mitzugehen. Es war die Art, wie derjenige Sadie berührte oder ansah, als wäre sie lediglich ein sexuelles Objekt – ein Stück Fleisch. Meistens waren das die Männer, die genauso wenig wollten, dass Sadie über Nacht blieb, wie sie nicht neben ihnen aufwachen wollte. Und dann gab es die Sorte Männer, die Frauen ein gutes Gefühl vermittelten. Sie hielten die Tür auf, rückten den Stuhl zurecht oder sahen sie einfach nur an, als wäre sie die einzige Frau auf Erden. Der absolute Hauptgewinn. Obwohl sich Sadie nichts aus solchen Dingen machte, musste sie feststellen, dass es angenehm war, von Oliver umgarnt zu werden. Auch wenn sie schon vor über einer Stunde beschlossen hatte, ihn zu begleiten, war es schön, wie viel Mühe er sich gab. Mit seinen Komplimenten und dem Lächeln hatte er sie überzeugen können und weichgekocht. Er brachte sie zum Lachen und sagte das Richtige. Das war mal eine nette Abwechslung.

Olivers großer Bungalow, der nur ein paar Minuten von ihrem Haus entfernt lag, war hübsch eingerichtet. Wenig Glas, dafür viel Holz, nicht zu vergessen die neuesten Spielereien auf dem Technikmarkt. Nichts anderes hatte sie von einem Mitglied der Frey-Familie erwartet.

Sie saßen, in eine weiche Fleecedecke gehüllt, auf der Terrasse, die direkt zum Strand führte, und tranken kühlen Weißwein. In einigen Stunden würde die Sonne über dem Ozean aufgehen.

Sadie mochte das Meer: das Rauschen des Wassers, den weichen Sand zwischen den Zehen. Hier fühlte sie sich geborgen. Dennoch würde sie das Meer sofort gegen Berge eintauschen. Die gaben ihr das Gefühl von Freiheit und Nachhausekommen. Berge riefen eine Sehnsucht in ihr hervor, wie es sonst nichts anderes vermochte. Sie schloss die Augen und seufzte leise.

Manchmal kotzte es sie an, Sadie Snow zu sein. Tochter aus gutem Hause. Reich. Das vermittelte den meisten Menschen ein vollkommen verzerrtes Bild. Viele wollten mit ihr aus den falschen Gründen befreundet sein. Sie dachten, dadurch würden sie selbst zu Reichtum gelangen oder in die richtigen Kreise aufsteigen. Einen Job im Snow-Imperium ergattern. Genauso war das mit den Männern. Diejenigen, die sie auf Anhieb erkannten, sahen nur das Geld und ihre Familie. Die anderen sahen nur ihr Gesicht und den Körper.

Nur einer hatte bisher sie selbst gesehen. Nicht das Aussehen, nicht das Geld. Einfach nur Sadie. Sie dachte oft an ihn. Was wohl aus ihm geworden war? Wie es ihm ging? Sie schalt sich dann eine Idiotin, weil er es nicht verdient hatte, dass sie auch nur eine Minute ihrer Zeit mit dem Gedanken an ihn verschwendete. Er hatte sie verletzt und enttäuscht, dass es sie auf ewig prägte. Manchmal glaubte sie, das junge Mädchen war mit ihm gegangen und zurückgeblieben war die verbitterte Sadie. Die, die keine Beziehung führen konnte, weil sie den Männern nicht vertraute. Weil der Schmerz selbst nach all den Jahren noch so tief saß.

Als kühle Lippen auf ihre trafen, riss sie überrascht die Augen auf und schnappte nach Luft.

„Zu früh?“, fragte Oliver gedämpft und nahm den Kopf ein Stück zurück, damit er sie ansehen konnte.

„Nein.“ Sadie legte die Arme um seinen Nacken und zog ihn wieder zu sich heran. Was als sinnlicher Kuss begann, wurde schnell drängender. Oliver hob sie auf die Arme und brachte sie in sein Zimmer, ohne die Lippen von ihr zu lösen. Etwas unbeholfen warf er sie aufs Bett, doch das störte sie nicht. Seine Hände wanderten zärtlich über ihren Körper. Von den Schenkeln bis zu den Brüsten und wieder zurück. Sadie zog ihm das Shirt aus der Hose, während er den Reißverschluss ihres Kleids öffnete. Kleidungsstücke fielen zu Boden und blieben dort als kleiner Haufen liegen.

„Verdammt, bist du schön“, flüsterte Oliver beinahe ehrfürchtig und küsste sich einen Weg von ihrem Schlüsselbein bis hinunter zu ihrem Bauchnabel. Seine Zunge hinterließ eine heiße Spur auf ihrer Haut. Sanft drückte er ihre Beine auseinander und küsste sich vom Nabel weiter südlich, bis er das Zentrum ihrer Lust gefunden hatte. Gekonnt tauchte seine Zunge zwischen ihre Lippen. Immer wieder biss er leicht in ihre Klitoris, um sie anschließend fest in den Mund zu saugen. Sadies Becken kam seiner geschickten Zunge entgegen. Wollte mehr von diesem Erlebnis, mehr von seinem Können. Ein Beben ging durch ihren Körper, als er seine Finger hinzunahm und in sie eindrang. Mal schnell und dann wieder langsam leckte er über ihre Spalte und erkundete ihr Innerstes. Mit den Händen hielt sie seinen Kopf zwischen ihren Beinen gefangen. Fuhr immer wieder mit den Fingern durch sein Haar, ehe sie diese ins Laken krallte und laut stöhnte. Kleine Sterne tanzten vor ihren Augen, als ihr Höhepunkt sie überrollte.

Oliver holte ein Kondom aus dem Nachttisch und legte es neben sich auf das Bett. Er überstürzte nichts, ließ sie in aller Ruhe wieder zu Atem kommen. Währenddessen schien er jeden Zoll ihres Körpers zu studieren.

Sadie richtete sich auf, nahm die Verpackung und riss sie auf, um das Kondom über seinen harten Penis zu streifen. Mit einer Hand auf seiner Brust drückte sie ihn aufs Bett und setzte sich auf ihn. Stück für Stück nahm sie ihn in sich auf, stöhnte ungehemmt, nachdem er vollständig in ihr war, und begann, sich auf und ab zu bewegen. Seine Hände wanderten über ihre vollen Brüste hinab zu ihrer Hüfte.

„Das ist der Wahnsinn“, keuchte er und richtete sich auf, damit sie auf Augenhöhe waren. Fest presste sich sein Mund auf ihren. Eine Hand umfing ihren Nacken, die andere lag auf ihrem Po. Sadie hatte das Gefühl zu zerfließen, überall schien Oliver zu sein. Ihr war vorher nicht aufgefallen, wie groß seine Hände waren. Er warf sie auf den Rücken und war sofort über ihr, drang mit einem schnellen Stoß in sie ein. Sein Rhythmus änderte sich von schnell zu langsam, von hart zu zärtlich.

„Hör nicht auf“, bettelte sie und bog sich ihm weiter entgegen. Sie mochte es schnell und hart.

Wieder baute sich in Sadie ein Orgasmus auf. Ihre Finger schlugen sich in seinen muskulösen Rücken, als sie kam und die Welt um sie herum zu einem Strudel aus Farben und Geräuschen verschwamm.

Schwer atmend lag Oliver auf ihr, das Gesicht in ihrer Halsbeuge vergraben. Es störte sie nicht, dass er sie beinahe erdrückte. Im Gegenteil. Es fühlte sich angenehm an, sein Gewicht auf ihrem Körper zu spüren.

Schade nur, dass es eine einmalige Sache zwischen ihnen bleiben würde.

Er richtete sich auf und blickte sie an. „Bist du okay?“

Was für eine merkwürdige Frage. Sie lächelte. „Mehr als okay.“

„Das ist schön“, murmelte er abwesend, zog sie an seine Brust und legte die Decke über sie beide. Das war jetzt sehr intim, und sie wusste nicht, ob sie das wollte. Nach dem Sex im selben Bett schlafen, war in Ordnung. Aber kuscheln? Wie ein Liebespaar? Normalerweise tat sie das nicht. Dennoch schlief sie schnell ein.

Ein Poltern vor der Tür weckte Sadie. Verschlafen öffnete sie die Augen. Oliver lag neben ihr, ein Arm um sie gelegt, und schien noch tief und fest zu schlafen. Zeit für sie zu gehen. Leise schlich sie aus dem Bett und suchte ihre Kleidung zusammen. Merkwürdigerweise verspürte sie Bedauern. Aber wenn sie mal einen One-Night-Stand hatte, machte sie das immer so. Warum also diese Gewissensbisse, als sie, fertig angezogen und bereit zum Aufbruch, die Schlafzimmertür hinter sich zuzog? Er war ein Mann wie jeder andere.

Sie schüttelte den Kopf, drehte sich um und stieß mit jemandem zusammen. Ihre Augen blickten direkt auf eine braun gebrannte, muskulöse Brust. Das Gesicht eines Drachens zierte die rechte Seite und zog sich bis weit über die Schulter. Ihr Blick glitt höher. Ein kräftiger, sehniger Hals, markantes Kinn, sinnlicher Mund, schöne Nase und blaue Augen, so kalt wie der Ozean im Winter.

„Lucas?“, hauchte Sadie entsetzt und erstarrte.

Kapitel 2

 

Lucas Valentine hatte zehn Jahre gebraucht, um zu sich selbst zu finden und der Mann zu werden, der er heute war. Es war ihm immer verhasst gewesen, mit seiner Familie verglichen und auf den Familiennamen reduziert zu werden – oder dass jeder automatisch annahm, er würde in das Geschäft seiner Eltern einsteigen und sinnlos mit Geld um sich werfen.

Von wegen!

Nichts lag ihm ferner, als tagein, tagaus Häuser zu bewerben und Grundstücke anzupreisen. Er brauchte Abenteuer und Action, keinen geregelten Job. Damals und genauso jetzt.

Lucas hatte schon immer den Rausch gebraucht, den das Adrenalin verursachte. In den vergangenen Jahren hatte er so ziemlich alles ausprobiert, was diesen auslöste. Fallschirmspringen aus sechstausendfünfhundert Fuß Höhe, Bungeejumping von einer Brücke, Wasserrafting, sogar ein Drachentattoo hatte er sich stechen lassen. Doch nichts ließ das Blut in seinen Adern wilder rauschen als der unvergleichliche Anblick von Sadie Snow. Ihr rotbraunes Haar, der verruchte Blick aus den grauen Augen, ihr sexy kurviger Körper, ihre gesamte Ausstrahlung. Sie war noch genauso schön, wie er sie in Erinnerung hatte. Verdammt!

Wann immer er in den letzten Jahren in Blackwood gewesen war, hatte er sie gesehen. Beim Einkaufen im Supermarkt, mit Freunden im Restaurant, wenn sie gerade mit dem Auto in ihre Straße fuhr oder bei Dates. Ganz besonders bei Scheißdates. Lucas hatte stets darauf geachtet, dass sie ihn nicht zu Gesicht bekam. Dieses Recht hatte sie verspielt, als sie ihm das Herz aus der Brust gerissen hatte und freudig darauf herumgetrampelt war. Und sein Herz, dieser kleine miese Verräter, hatte trotzdem jedes verdammte Mal einen Salto vollführt bei ihrem Anblick. Wie sehr er das hasste. Als er das erste Mal nach sechs Monaten wieder nach Hause gekommen war, hatte er sich noch eingeredet, dass es ein Quäntchen Restgefühl für sie war. Nach knapp zwei Jahren dachte er, dass es einfach nur an dem Wiedersehen nach so langer Zeit lag. Nach fünf und zehn Jahren war es jedoch amtlich: Er war ein Idiot. Ein Idiot, der nach wie vor in Sadie Snow verliebt war.

Es war leicht, sie zu vergessen, wenn er nach zwei Tagen wieder die Stadt verließ. Jetzt hingegen würde es deutlich schwieriger werden. Lucas konnte nicht mit Sicherheit sagen, wie lange er bleiben würde. Zumindest aber, bis er seinen Job erledigt hatte. Gott, er hoffte wirklich, dass es nicht zu viel Zeit in Anspruch nahm und er eher früher als später wieder abhauen konnte. Er wollte nicht in der Nähe von Sadie leben oder ihr jeden Tag über den Weg laufen. Womöglich mit ihrem neuen Lover.

Mist! Jetzt klang er auch noch wie ein waschechter Jammerlappen. Und das wegen eines Mädchens, das ihn garantiert längst vergessen hatte.

Bei seinem letzten Besuch in Blackwood hatte er zufällig Oliver getroffen. Gemeinsam hatten sie in Blackwoods einziger Kneipe bei einem Bier über die alten Zeiten geredet, und dabei war herausgekommen, dass Oliver hierher zurückkehren würde. Er war durch die Welt gereist, hatte da und dort gearbeitet und sehnte sich nun nach seiner Heimat. Oder um es mit Lucas’ Worten zu sagen: Oliver wollte sesshaft werden, eine Familie gründen und kleine Hosenscheißer in die Welt setzen. Das Übliche eben, wenn man ein bestimmtes Alter erreichte.

Lucas und Oliver waren zusammen zur Schule gegangen und hatten beide das schwere Los ihrer Familie zu tragen. Schnell war ihnen klar geworden, dass sie sich aufeinander verlassen konnten. Die anderen Schüler sahen nur ihre Namen und das Ansehen, das sich dahinter versteckte. Sie wollten ebenfalls zu den „coolen Kids“ gehören. Er war oft bei den Freys zu Hause gewesen. Er mochte Olivers Eltern, sie hatten keine allzu großen Erwartungen an ihre Sprösslinge gestellt und ließen ihnen alle Freiheiten. Etwas, dass es bei seinen Eltern niemals gegeben hätte. Da hieß es immer nur, man erwarte Großes von ihm, schließlich sei er ein Valentine. Ein Valentine ruhte sich nicht aus. Ein Valentine arbeitete hart. Ein Valentine konzentrierte sich auf die Schule, Arbeit, Karriere und nicht auf Mädchen, Hobbys oder andere Freizeitvergnügungen, die vom Wesentlichen ablenkten.

Lucas wusste nicht, wie oft er diese Sätze in seiner Kindheit gehört hatte. Der ständige Druck der Eltern hatte ihm schwer zugesetzt, weshalb er auch damals von seiner Familie hatte wegmüssen, um seinen eigenen Weg zu gehen – was er erfolgreich geschafft hatte.

Um von vorneherein sämtliche Streitereien zu vermeiden, hatte er sich gar nicht erst bei seinen Eltern für die Zeit seines Aufenthalts einquartiert, sondern direkt bei Oliver, der in einem Bungalow am Meer lebte. Das war viel unkomplizierter, außerdem wollte er schon immer mal in einer richtigen Männer-WG wohnen. Am Abend fettige Pizza essen, die Socken herumliegen lassen, Bier trinken und nur dann aufräumen, wenn es langsam an der Zeit war. Das war es, was er jetzt brauchte. Und Oliver war so herrlich bescheiden, dass das tatsächlich klappen konnte. Es war ja nur von kurzer Dauer, und dann würde er zurück nach Pittsburgh, Pennsylvania gehen.

„Vorausgesetzt, du vermasselst es nicht“, murrte Lucas, während er sich sein Zimmer bei Oliver einrichtete. Das Haus war für eine Person viel zu groß. Es hatte drei Bäder, kein normaler Mensch brauchte drei Bäder! Sechs riesige Zimmer, wovon Lucas jetzt eines bewohnte, eine große Küche, ein Wohnzimmer und eine Terrasse mit eigenem Zugang zum Strand.

Als es an der Tür klopfte, schob er hastig seine Waffe, eine Glock 17, unters Kopfkissen. Kein Grund, jemanden in Panik zu versetzen. Es brauchte niemand zu wissen, dass er eine Pistole bei sich trug. Oder dass er Supervisory Special Agent beim FBI und für einen Undercover-Einsatz nach Blackwood gekommen war. Lucas musste lächeln bei dem Gedanken daran, dass jemand einmal einen Ausbilder gefragt hatte, ob er einen Menschen töten durfte, wenn dieser wusste, dass er für das FBI arbeitete. Der Ausbilder hatte nur ungläubig den Kopf geschüttelt.

„Herein.“

Oliver steckte den Kopf ins Zimmer. „Ich will nachher ins Black’s, kommst du mit?“

„Besser nicht.“ Lucas räumte seine Reisetasche in den großen Kleiderschrank, um Oliver nicht ansehen zu müssen.

„Komm schon, das wird lustig. Callie wird auch da sein. Sie freut sich, dich endlich mal wiederzusehen. Außerdem gibt es dort garantiert ein paar hübsche Mädels, die uns den Abend und die Nacht verschönen können.“ Er wackelte anzüglich mit den Augenbrauen und verschränkte die Arme, während er sich an den Türrahmen lehnte.

Da das Black’s Sadies zweites Zuhause war, konnte er sich vorstellen, wie sein Abend aussehen würde. Entweder er würde ihr den gesamten Abend über ausweichen oder hinterherlaufen. Weder das eine noch das andere konnte er mit seinem Stolz vereinbaren.

„Lass gut sein“, winkte Lucas ab, „ein anderes Mal gerne. Ich habe Jess versprochen, auf ein Bier vorbeizukommen.“

„Soso“, lachte Oliver. „Du und die kleine Jessica Hartley?“

Lucas verdrehte die Augen und fuhr sich mit einer Hand durchs Haar. „Natürlich nicht. Sie ist nett, wir verstehen uns gut, aber mehr ist da nicht.“

„Und du stehst nicht auf Schwarzhaarige, richtig?“ Er stellte die Frage nebenher, aber Lucas hatte das unangenehme Gefühl, als würde Oliver ahnen, was der wahre Grund war. Sie waren beste Freunde. Natürlich hatte Oliver damals die Geschichte mit Sadie mitbekommen, doch konnte er wissen, dass Lucas immer noch Gefühle für sie hatte?

Also zog er einfach nur die Schultern hoch. „Ich leugne nicht, dass ich eine Schwäche für einen bestimmten Frauentyp habe. Das hindert mich allerdings nicht daran, mit Frauen auszugehen, die dem nicht entsprechen. Wie auch immer. Ich mag Jess, aber mehr ist da nicht.“

„Wie du meinst, Kumpel“, gab Oliver beim Hinausgehen lachend zurück, „wie du meinst.“

Manchmal war sein bester Freund ein echtes Arschloch.

 

***

 

Die Kneipe von Blackwood, die keinen Namen hatte und einfach Kneipe genannt wurde, war nicht übermäßig voll, was Lucas recht war. So brauchte er keine unangenehmen Gespräche zu führen und konnte sich Gedanken über das Thema machen, weswegen er eigentlich zurückgekehrt war.

Der Ripper, wie ihn die Presse fälschlicherweise nannte. Ein Mann, der Prostituierte erst schändete und dann ermordete. Der Kerl würgte seine Opfer – neben anderen unaussprechlichen Dingen – gerne. Doch das war Täterwissen und nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.

Lucas schüttelte den Kopf, setzte sich an die Bar und bestellte ein Bier. Die Medien machten seine Arbeit um einiges schwieriger. Indem sie diesem Psychopathen überhaupt einen Namen verpassten, ermutigten sie ihn zu weiteren Taten. Inzwischen gab es bereits fünf tote Frauen in zwei verschiedenen Bundesstaaten, sodass die zuständigen Sheriffs in den beiden Countys das FBI zur Unterstützung angefordert hatten.

Lucas’ Vorgesetzter, Special Agent in Charge Michael Donovan, hatte einen Vorteil darin gesehen, dass Lucas in Blackwood aufgewachsen war, was seine Arbeit vereinfachen würde. Also war er nach Blackwood geschickt worden, um den Mörder so schnell wie möglich zu fassen, während sein Dienstpartner vorerst den Morden in dem anderen Bundesstaat, nicht weit entfernt von Lucas, nachging.

Er hatte schon einige Fälle gehabt, die knifflig gewesen waren. Meistens dauerten seine Ermittlungen mehrere Wochen. Aber da gab es zumindest Anhaltspunkte. Die beiden Sheriffs dagegen hatten nichts vorzuweisen außer den Frauenleichen. Selbst die Frauen hatten nichts gemeinsam, bis auf ihren Job und die Art, wie sie starben – durch Strangulation. Sie hatten verschiedene Haut-, Augen- und Haarfarben. Weder Piercings noch Tätowierungen. Keine gemeinsamen Freunde oder Feinde.

Lucas rieb sich die Stirn, als vor ihm eine wedelnde Hand auftauchte und ihn aus seinen Grübeleien holte. „Wo bist du mit deinen Gedanken?“

„Hey, Jess.“ Er lächelte sie an. „Alles klar bei dir?“

„Das Gleiche wollte ich dich gerade fragen. Bei mir ist alles bestens. Erzähl mir mal lieber, warum du so verkniffen guckst.“ Sie neigte den Kopf, sodass ihre langes schwarzes Haar nach links fiel. Jessica Hartley war hübsch, daran gab es keinen Zweifel. Ihre Augen waren groß und hellblau, fast grau. Sie war schlank. Make-up war für sie ein Fremdwort. Jess war natürlich und ging auch mal in Jogginghosen nach draußen.

„Wie läuft das Studium?“, lenkte er vom Thema ab.

„Ganz gut. Obwohl ich mir sicher bin, dass Jura nicht das Richtige für mich ist. Diese vielen Gesetzestexte und Ausnahmefälle, die wiederum Ausnahmen haben.“ Sie stützte das Kinn in die Hand und lehnte sich zu ihm vor. „Ernsthaft, ich werde das Hauptfach wechseln. Das alles interessiert mich nicht die Bohne.“

Lucas lächelte. „Und was genau interessiert dich?“

Jess warf ihm ein geheimnisvolles Lächeln zu. „Im Moment interessiert mich nur, warum du hier bist und nicht im Black’s.“

„Fang du jetzt nicht auch noch damit an. Ich musste mich schon vor Oliver rechtfertigen. Ist es so schwer zu verstehen, dass ich lieber einen ruhigen Abend habe, als in einem überfüllten Klub zu sein? Außerdem habe ich dir versprochen, heute vorbeizukommen.“

Wieder schenkte sie ihm dieses geheimnisvolle Lächeln. „Okay.“

„Gut“, brummte er und schob ihr das leere Bierglas hin. „Ich nehme noch eins.“

Eine Weile beobachtete er Jess bei der Arbeit. Sie bedachte jeden Gast mit einem Lächeln, nannte ihn beim Namen und war freundlich. Es war erstaunlich, dass sie erst seit ungefähr zwei Jahren in Blackwood lebte und trotzdem bereits jeden kannte. Und das, wo sie nur zu den Semesterferien und manchmal an den Wochenenden hier war. Sie war gemeinsam mit ihrer Mutter hergezogen, die ein Restaurant leitete. Jess studierte zwar in der Nähe, lebte dennoch in einem Wohnheim, damit sie sich den Anfahrtsweg sparen konnte. Insgeheim fragte er sich, ob sie beide, wenn sie mehr Zeit miteinander verbringen würden, nicht sogar ein Paar werden konnten. Sie war ein nettes und kluges Mädchen, genau so jemanden brauchte er an seiner Seite.

Ein nettes Mädchen?

Sein Unterbewusstsein brach in schallendes Gelächter aus. Als würde ihn das auf Dauer zufriedenstellen. Es wäre am Anfang aufregend, doch dann würde es ihn langweilen. Unweigerlich kamen ihm graue Augen in den Sinn. Ähnlich den hellblauen von Jess, aber irgendwie sinnlicher. Sadie hatte schon immer diesen besonderen Ausdruck in den Augen gehabt. Einer, der besagte, dass sie genau bekommen würde, was sie wollte.

Bei seinen sexuellen Vorlieben war es ähnlich. Nette Mädchen waren nicht das, was er in seinem Bett wollte. Selbst wenn sie für eine kleine Abwechslung zwischendurch sorgten.

Er rieb sich die Schläfen und trank das Bier aus. Lucas wollte nicht ständig an sie denken, und dennoch kreisten seine Gedanken nur um Sadie. Es machte ihn rasend, wenn er daran dachte, dass sie in diesem Moment bei einem anderen sein konnte. Dass sie irgendeinem dahergelaufenen Kerl diesen besonderen Blick schenkte. Warum kam er nicht von ihr los?

In den vergangenen zehn Jahren hatte er sich immer wieder gefragt, weshalb sie ihn verlassen hatte. Sie waren glücklich gewesen, oder nicht? Hatte er etwas übersehen? Sicher war es nicht schön gewesen, dass sie ihre Beziehung geheim gehalten hatten. Aber Sadie war zu dem Zeitpunkt minderjährig gewesen, und Lucas hatte nichts riskieren wollen. Sie hätten nur noch ein paar Tage überstehen müssen, dann wäre ihre Beziehung ganz offiziell gewesen. Aber nein, sie war lieber sang- und klanglos aus seinem Leben verschwunden.

„Du brauchst eine Aufmunterung.“ Jess setzte sich neben ihn.

„Tatsächlich?“, fragte er amüsiert und drehte sich zu ihr. Sie hatte ihre Schürze abgelegt und trug jetzt ihre normale Kleidung – Jeans und Tanktop.

Sie nickte feierlich. „Hör zu“, meinte sie dann ernst. „Wir brauchen beide ein bisschen Ablenkung. Wie wäre es, wenn ich mit zu dir komme und wir uns ein wenig Spaß gönnen?“

„Jess…“ Meistens nannte er sie einfach nur Jess, wenn Lucas ernster wurde, nannte er sie bei ihrem vollen Namen – Jessica.

Ihr Zeigefinger auf seinen Lippen stoppte ihn. „Du musst nichts sagen, lass uns einfach für eine Weile die Geister verdrängen, die uns beschäftigen.“

Das Angebot klang verlockend, obwohl es falsch war. Lucas wollte Jessica nicht benutzen, um eine andere für den Moment zu vergessen. Sie war ihm eine gute Freundin geworden, er wollte nicht, dass der Sex das alles zerstörte.

„Es wird alles verändern.“

„Wird es nicht“, widersprach sie und hielt die Hand hoch. „Indianerehrenwort!“

Knutschend und ineinander verschlungen, stolperten sie ins Haus. Lucas hob Jess hoch, die ihre Beine um seine Hüfte legte. Er trug sie zu seinem Zimmer, während ein Arm um ihren Po lag und die andere Hand den Knopf ihrer Hose öffnete. Die Tür schlug hinter ihnen zu. Er warf sie aufs Bett, zog ihr die Hose aus und schob anschließend ihr Top hoch, damit er ihre Brüste küssen konnte, die gut in seinen Händen lagen. Langsam küsste er sich einen Weg nach oben und blickte in vor Leidenschaft verhangene Augen. Aber nicht in jene, in die er eigentlich blicken wollte. Es waren Jessicas, nicht Sadies.

„Scheiße“, brummte er und rollte von Jess hinunter. Verdammtes Blackwood. Diese Stadt weckte einfach nur unschöne Erinnerungen. Er legte den Arm über sein Gesicht und atmete tief durch. „Tut mir leid, aber ich kann das einfach nicht.“

„Schon gut.“

Ihr Ton war freundlich, wie immer. Sie wurde nie laut oder ausfallend. Er war ein Arschloch. Das alles hatte sie nicht verdient.

Eine Weile schwiegen sie und lauschten den Geräuschen aus Olivers Zimmer.

Plötzlich fing Jessica zu kichern an. „Wenigstens einer hat heute seinen Spaß. Sag mal, ist das okay, wenn ich über Nacht bleibe? Ich will jetzt nicht zu Fuß nach Hause gehen.“

„Sicher, du kannst das Bett haben, ich werde einfach im Wohnzimmer pennen.“

„Sei nicht albern“, sagte sie und schlug ihm leicht gegen den Arm. „Das Bett ist groß genug für uns beide.“

Lucas konnte nicht mehr schlafen. Da es ohnehin schon Morgen war, konnte er genauso gut aufstehen und eine Runde joggen. In seinem Beruf war es wichtig, fit zu bleiben.

Im Haus war es still, was das Zuschlagen der Schranktür umso lauter erscheinen ließ.

„Mist“, fluchte er leise und trank das Glas Wasser aus, das er sich aus der Küche geholt hatte. Er stellte es auf die Theke, ging zurück in den Flur und stieß gegen einen kleinen, weichen Frauenkörper.

Sadie stand vor ihm und hauchte seinen Namen.

Der Körperkontakt ließ ihn erbeben. Sofort raste sein Herz, und seine Sinne liefen auf Hochtouren. Ihr Duft. Ihre weiche Haut. Die weit aufgerissenen Augen. Ganz besonders diese funkelnden Augen!

„Schneeflöckchen?“, rutschte ihm ihr alter Spitzname heraus, was ihn unweigerlich wütend werden ließ. So hatte er sie genannt, als sie ein Paar gewesen waren.

Erst jetzt registrierte er, dass sie aus Olivers Zimmer gekommen war. Dass sie es gewesen war, die er in der Nacht gehört hatte. Und, was zum Teufel, hatte sie da überhaupt an? Dieser lächerliche Hauch von Nichts, ließ absolut gar nichts der Fantasie übrig. Wie auch, wenn alles zu sehen war? Jeder konnte ihren Busen begaffen, ihre kurvige Hüfte, den Hintern, die langen Beine. Eifersucht kochte in ihm hoch.

„Was machst du hier?“, fragte sie und verschränkte die Arme vor der Brust.

So wie sie ihn taxierte, fühlte er sich ihr vollkommen ausgeliefert. Nackt, obwohl er angezogen war. Tausend Emotionen wallten in ihm auf. Wut, Trauer, Eifersucht. All das prasselte auf ihn ein.

„Ich wohne hier.“ Er musterte sie demonstrativ von oben bis unten, kniff anschließend die Augen zusammen. „Die bessere Frage ist, was du hier machst.“

Zorn flammte in ihren Augen auf, den sie schnell hinter einem spöttischen Ton versteckte. „Ist das nicht offensichtlich? Ich trage die Kleider von gestern, meine Haare sind nicht gemacht …“ Verheißungsvoll ließ sie den Satz ausklingen und straffte die Schultern.

Dieses Spiel konnte er ebenfalls. Wieder wanderte sein Blick über ihren anbetungswürdigen Körper. „Du siehst …“, er musste sich unterbrechen, um den Gedanken nicht auszusprechen. Nach einem Räuspern sagte er: „Du siehst billig aus. Ist das Kleid nicht zu kurz für diese Jahreszeit, Schneeflöckchen? Und pass auf, dass deine Brüste nicht herausfallen. Die Menschen könnten noch denken, sie hätten es mit einer Hure zu tun, wenn sie dich ansehen.“

Geschockt blieb ihr Mund offen stehen.

Lucas warf ihr einen letzten, abfälligen Blick zu, ehe er sich umdrehte und den Flur entlangging.

Lucas hatte sie nicht beleidigen wollen, wirklich nicht, aber dass sie mit seinem besten Freund schlief, hatte ihn irrational handeln lassen. Genau wie die Eifersucht, die er immer unterdrückt hatte und dafür jetzt umso stärker in ihm brodelte.

Er spürte ihren stechenden Blick im Rücken, als würde sie ihn mit einem Messer traktieren. Wahrscheinlich sollte er schneller gehen, bevor sie tatsächlich auf die Idee kam, mit einem Messer auf ihn loszugehen.

„Also du und Sadie Snow?“, fragte Jessica vorsichtig, als er sein Zimmer betrat.

„Belauschst du gerne die Gespräche anderer?“, knurrte er wütend und zog sich eine lange Sporthose an.

„Nur wenn es sich nicht vermeiden lässt. Lass deine schlechte Laune nicht an mir aus. Schließlich kann ich nichts dafür, dass sie mit deinem besten Freund vögelt.“

„Jessica“, warnte er sie und zog ein Shirt aus dem Schrank. Sadie und Oliver. Wie hatte das passieren können? Sein Kiefer knackte. Wäre es auch dazu gekommen, wenn Lucas gestern mit ins Black’s gegangen wäre? Oder hätte er das verhindern können? Hätte Sadie die Nacht mit ihm anstatt mit seinem besten Freund verbracht?

Was, zur Hölle, dachte er da schon wieder?

„Möchtest du darüber reden?“, fragte Jess.

„Nein, ich gehe jetzt laufen, um mich abzureagieren. Wenn ich wiederkomme, bin ich hoffentlich entspannt genug, dass ich nicht mehr in Olivers Zimmer rennen will, um ihm die Tracht Prügel zu verpassen, die er verdient hat.“

Laut schlug die Haustür hinter ihm zu. Seine Ex-Freundin, die er immer noch liebte, und sein bester Freund, der das ganz genau wusste … Das musste er erst einmal verdauen.

Kapitel 3 – Rückblick

 

Sadies erstes Mal war die reinste Katastrophe gewesen. Sie war ein sechzehnjähriges, schüchternes Mädchen, das sich kaum traute, einem Jungen ins Gesicht zu sehen. Rick Johnson, ihr damaliger Freund, war neunzehn und hatte den Ruf eines Aufreißers. Was Sadie nicht bestätigen konnte. Er brachte ihr Blumen, hielt ihr die Türen auf und erwärmte ihr naives Herz mit schnulzigen Worten.

„Du bist das schönste Mädchen, das ich jemals gesehen habe“, lautete sein Standardspruch für sie. Und naiv, wie sie war, glaubte sie ihm und verliebte sich jedes Mal ein bisschen mehr in ihn. Sie ignorierte die Worte ihrer älteren Schwester, die mit Rick in einer Klasse war. Sadie hatte das, was andere Mädchen wollten – nämlich Rick. Und schließlich war Ellen nur eifersüchtig. So war es immer, oder etwa nicht?

Ebenso ignorierte Sadie die merkwürdigen Telefonate mit ihrem Freund, wenn sie ihn spätabends anrief und er Worte flüsterte, die nicht an sie gerichtet waren, und Kopfkissen raschelten.

„Wo bist du?“, fragte sie und zupfte an ihrer Decke herum.

„Im Bett, wo sollte ich um diese Uhrzeit sonst sein?“, antwortete er immer, und sie hörte das Lächeln in seiner Stimme.

Sie fasste all ihren Mut zusammen. „Meine Eltern verreisen übers Wochenende, und ich dachte, vielleicht möchtest du mich besuchen kommen.“ Die letzten Worte waren nur noch geflüstert.

„Sehr gerne, Süße.“ Er keuchte kurz. „Ich bin Freitagabend gegen sieben bei dir, in Ordnung? Ich muss jetzt aufhören, ich bin wahnsinnig müde.“

Wieder das Rascheln der Bettdecke. Bestimmt hatte er sich hingelegt.

„Okay, ich hab dich lieb“, verabschiedete sie sich. Die Leitung war tot. Hatte er ihre Worte noch gehört?

„Bist du dir sicher, dass du das willst?“, fragte Callie Frey, ihre beste Freundin, und zog eine Augenbraue in die Höhe. Sadie mochte Callie, sie kannten sich seit dem Kindergarten. Sie war schlank, hatte blondes Haar und grüne Augen. Mit einem älteren Bruder, der auch verdammt ansehnlich war. Und bei dessen Anblick Sadie jedes Mal errötete und schnell die Flucht ergriff.

„Ja, ich bin mir sicher. Er ist der Richtige“, beteuerte sie und nickte bekräftigend. Worauf sollte sie denn noch warten? Sie waren schon seit acht Wochen zusammen, er hatte ihre Eltern kennengelernt – die aufgrund des Altersunterschieds nicht begeistert waren – und Sadie mit Blumen überhäuft. Er machte ihr Komplimente, brachte sie pünktlich nach Hause. Er war alles, was Sadie von einem festen Freund verlangte.

„Ich weiß nicht“, erwiderte Callie langsam. „Er macht nicht unbedingt einen ehrlichen Eindruck. Und Becca Robbins meinte, ihre Cousine hätte ihn vor ein paar Tagen mit Fredericka Smith gesehen, wie sie im Kino rumgemacht hätten.“

Sadie schüttelte lachend den Kopf. „Solche Geschichten höre ich ständig, er würde hier und da mit anderen Mädchen zusammen sein. Jedes Mal, wenn ich ihn darauf anspreche, wird er fuchsteufelswild und sagt, er würde es hassen, dass alle versuchen, uns auseinanderzubringen.“

Callie schwieg lange. „Na gut“, erwiderte sie schließlich. „Wenn du mich brauchst, bin ich für dich da.“

Der Abend rückte immer näher, und Sadie war aufgeregt wie nie zuvor in ihrem Leben. Sie hatte gekocht. Nun ja, es gab Nudeln. Aber er war nicht zum Essen da. Sie hatte in ihrem Zimmer Rosenblätter verteilt, die CD eines Sängers eingelegt, der nur Liebeslieder sang. Sie war frisch gebadet, rasiert, trug ihre hübscheste Unterwäsche – weiße Spitze – und hatte ihr mahagonifarbenes Haar so lange gebürstet, bis es richtig glänzte und in perfekten Wellen über ihren Rücken fiel.

Alles in allem war sie bereit, endlich ihre Jungfräulichkeit zu verlieren. Der Abend war bis ins kleinste Detail durchgeplant, jetzt musste nur noch Rick auftauchen. Sieben Uhr kam und ging. Es wurde halb acht – acht Uhr. Hatte er einen Unfall gehabt und lag bewusstlos im Straßengraben oder gar im Krankenhaus?

Endlich ertönte das ersehnte Klingeln an der Tür.

Strahlend öffnete Sadie.

„Hey, Süße.“ Rick kam herein, gab ihr einen Kuss, bei dem sie seine Bierfahne schmeckte, und ließ seine Jacke auf den Boden fallen. Sofort fläzte er sich auf das große Ledersofa im Wohnbereich, schnappte sich die Fernbedienung und schaltete den Fernseher ein.

Unbehaglich trat sie von einem Fuß auf den anderen, ehe sie sich neben ihn setzte. Er roch anders. Süßlicher. Nicht unbedingt passend für einen Mann, aber gut, wenn ihm das gefiel. „Hast du Hunger? Ich habe gekocht.“

„Sorry, habe bei Mike gegessen.“ Er lächelte entschuldigend und küsste sie. Lange und intensiv. Anders als sonst. Sie klammerte sich an seine Schultern und genoss das Spiel ihrer Zungen.

„Wollen wir hochgehen?“, fragte sie zaghaft und spürte, wie sie unter seinem Blick errötete.

„Hier ist es perfekt.“

Er schob seine Hand unter ihr Kleid, unter ihr Höschen und führte einen Finger in sie ein. Sadie zuckte zusammen. Rick küsste sie und begann nebenbei, seine Hose zu öffnen. Mit einer Hand wohlgemerkt, als hätte er verdammt viel Übung darin. Die andere bewegte sich immer noch in ihr. Sadie wusste nicht genau, was sie fühlen sollte. Schmerz? Verwirrung? Lust war es jedenfalls nicht, so viel stand fest.

Das ist nur das Ungewohnte, ermahnte sie sich im Stillen, es wird gleich besser.

„Warte mal“, keuchte sie und rückte ein Stück von ihm ab. Er sah genervt aus. Wütend? „Können wir etwas langsamer machen bitte?“

Rick brummte etwas Zustimmendes, fuhr sich mit einer Hand durch die blonden Haare.

„Leg dich auf den Rücken“, wies er sie an. Aus seiner Brieftasche holte er ein Kondom, das er neben ihren Kopf legte.

„Hast du so etwas immer bei dir?“, fragte sie verunsichert und schielte auf die Verpackung.

„Ein Mann darf hoffen, Sadie. Und es ist immer besser, auf alles vorbereitet zu sein.“

Er beugte sich über sie. Seine Zunge drang ohne viel Aufsehen in ihren Mund. Eine Hand verschwand erneut in ihrem Höschen. Diesmal ließ er sich mehr Zeit. Umkreiste ihre Klitoris, bevor er mit einem Finger in sie eindrang. Nun, das war schon weniger schmerzhaft, aber weit davon entfernt, angenehm zu sein.

„Ich halte es nicht mehr länger aus“, sagte er stöhnend. „Du bist eng und heiß.“

Er zog ihr Höschen komplett herunter, bis es nur noch an einem Bein baumelte. Das hatte etwas Obszönes an sich und fühlte sich einfach falsch an. So schnell konnte Sadie gar nicht gucken, wie er das Kondom über sein Geschlecht gestülpt hatte und komplett auf ihr lag. Sie hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, dass sein Penis groß war und sie keinen Schimmer hatte, wie er in sie hineinpassen sollte.

„Es tut nur am Anfang weh“, versprach er und drang mit einem festen Stoß in sie ein, der ihr Tränen in die Augen trieb. Kurz verharrte er, bevor er anfing sich zu bewegen. Zuerst langsam und dann immer schneller, während Sadie nur an die stuckverzierte Decke starren konnte. So fühlte sich also Sex an. Wenn dies das tolle Erlebnis sein sollte, von dem alle Welt sprach, hatte sie kein Bedürfnis, das zu wiederholen.

Rick keuchte laut an ihrem Ohr. Grob umfassten seine Hände ihre Brüste, die er aus dem Kleid gezwängt hatte, ohne sich die Mühe zu machen, es ihr vorher auszuziehen.

Ständig wiederholte er, wie eng sie war und dass er gleich „so hart komme, wie schon lange nicht mehr“.

Was auch immer das zu bedeuten hatte.

„Mmh … ja … ja“, stöhnte er laut und verharrte anschließend reglos auf ihrem steifen Körper. Er schöpfte Atem und sah sie lächelnd an. Nicht verliebt oder tief berührt, sein Blick hatte etwas Triumphierendes. Etwas, das Sadie überhaupt nicht nachvollziehen konnte und sie verwirrte.

„Beim nächsten Mal wird es besser“, sagte er, streifte das Kondom ab, knotete es zusammen und steckte es in die Hosentasche.

„Ich hab einen Mülleimer“, meinte sie trocken.

Er grinste. „Wir wollen weder die Haushälterin noch deine Eltern auf den Plan rufen, oder?“

Damit hatte er nicht ganz unrecht. Nicht auszudenken, was ihre Eltern sagen würden. Bestimmt würden sie Rick anzeigen. Sie nickte also zustimmend. „Du bleibst noch, oder?“

„Süße, ich muss los. Bin mit Mike zum Footballspielen verabredet. Ich rufe dich an.“ Er beugte sich zu ihr hinunter, küsste sie knapp, und dann hörte sie die Tür ins Schloss fallen. Er hatte nicht mal gefragt, ob sie ihn begleiten wollte oder ob es ihr gut ging.

Sadie blinzelte. Einmal. Zweimal. Und schon liefen die Tränen an ihren Wangen hinunter. Was war heute Abend schiefgelaufen? Sie hatte das doch alles haargenau geplant. Das war nicht der Rick Johnson, den sie kannte und mochte. Er war anders. Ein Fremder.

Wie auf Autopilot stand sie auf, zuckte vor Schmerz zusammen und gleich darauf noch einmal, als sie das Blut auf der weißen Ledercouch entdeckte. Weitere Tränen liefen hinunter.

Sie holte einen feuchten Lappen aus der Küche, schrubbte das Blut wie eine Verrückte weg, heulte weiter und beschloss, zum Footballfeld zu gehen, um Rick … Ja, um was, Sadie Snow? Ihn zur Rede zu stellen? Den Sex zu wiederholen? Sich vor seinen Freunden zur Idiotin zu machen?

 

***

 

Das kleine Stadion von Blackwood lag eine halbe Stunde Fußmarsch von ihrem Zuhause entfernt. Sadie hatte zwar ein Auto in der Garage, aber noch keinen Führerschein. Nach wenigen Schritten schmerzten ihre Füße. Sie fror, obwohl es Sommer war. Es war bereits dunkel, und obgleich sie ihren Heimatort wie ihre Westentasche kannte, fühlte sie sich unbehaglich, so allein da draußen. Der Abend hätte vollkommen anders ablaufen sollen. Sie verstand es einfach nicht. Erneut stellte sie sich die Frage, was schiefgelaufen war. Lag es an ihr? Hatte er sich gelangweilt? Es war das erste Mal für sie gewesen, mit ein bisschen Übung konnte sie besser werden. Das würde sie Rick auch sagen. Er durfte sie nicht verlassen. Nicht deswegen.

Sadie sah schon den Eingang vom Stadion, der immer offen war, damit die Einwohner Blackwoods, hauptsächlich die männlichen, Football spielen konnten. Das war eine Maßnahme des Bürgermeisters, um die Jungs vom Blau- und die Mädchen vom Rotlicht fernzuhalten.

Lautes Gelächter ertönte, und sie zog sich in die tiefen Schatten der Bäume und Büsche zurück, als sie sich dem Lärm näherte.

Einige Teenager kamen heraus, darunter Fredericka Smith und Rick. Seine Hand lag auf ihrem Po, während er sie hinterm Ohr küsste. Sadie hielt sich den Mund zu. Ihr Magen rebellierte.

„Wenn ich nicht von der Wette gewusst hätte, wäre ich glatt eifersüchtig“, meinte Fredericka und strich sich das mausbraune Haar aus dem Gesicht. „Und sie hat nichts gemerkt?“

Einige lachten, während Rick antwortete: „Nein, Babe, du hättest ihren Gesichtsausdruck sehen sollen.“

Mike Miller, den Sadie immer nett gefunden hatte, sagte: „Es war ihr erstes Mal, und du hast weniger als eine Stunde gebraucht. Zu allem Überfluss hast du das Kondom mitgenommen. Was für ein Gesicht sollte sie denn deiner Meinung nach machen?“

Fredericka funkelte ihn böse an. „Hast du etwa Mitleid mit der Kleinen?“

Mike zuckte mit den Schultern. „Sie hat euch nie was getan, oder?“

„Sie stolziert herum und macht einen auf schüchtern“, entgegnete Fredericka, „ruht sich auf dem Geld ihrer Eltern aus und gibt damit an, was sie alles Schönes besitzt. Ich finde, sie hat es durchaus verdient, mal von ihrem hohen Ross runterzukommen.“

„Das habt ihr ja jetzt geschafft“, sagte Mike angewidert und schüttelte den Kopf.

„Hier, deine hundert Mäuse.“ Ein anderer Junge, den Sadie nicht kannte, drückte Rick Geld in die Hand. Und selbst wenn sie sich während des Gesprächs noch vorgelogen hatte, dass dies nicht wirklich passierte, wurde es ihr mit einem Mal klar.

Rick hatte sie entjungfert. Für Geld. Er war mit Fredericka zusammen und hatte Sadie nur ausgenutzt. Die Erkenntnis schmerzte, und ihr Herz drohte, aus der Brust zu springen. Sie kauerte sich zwischen den Büschen zusammen und presste sich weiterhin die Hand auf den Mund, um nicht laut zu schluchzen. Sie würde niemandem die Genugtuung gönnen, sie in diesem Zustand zu sehen.

„Komm, Babe“, schnurrte Rick gerade und nahm Frederickas Hand. „Nach diesem Jungfrauen-Fick brauche ich was Anständiges.“

Sie lachte gackernd, und die Gruppe löste sich auf.

Sadie ging zu der einzigen Person, der sie noch vertraute. Callie. Sie wählte mit dem Mobiltelefon ihre Nummer.

„Ich bin zu Hause, komm her“, sagte ihre beste Freundin ohne Umschweife. Als hätte sie es geahnt. Was wohl auch so war, denn hatte sie Sadie nicht gewarnt? War sie die Einzige, die blind in Bezug auf Rick gewesen war?

Callies Familie wohnte nur wenige Minuten vom Stadion entfernt. Sie hatten eine schöne Villa. Modern und doch passend für diese Kleinstadtidylle.

Die Tür öffnete sich, ohne dass Sadie klingeln musste, und in Erwartung von Callie warf sie sich blind vor Tränen und ohne nachzudenken in die Arme der Person.

„Das ist mal eine nette Art, Hallo zu sagen.“

Erschrocken fuhr Sadie zusammen und blickte in die blauen Augen von Lucas Valentine. Sie kannte ihn. Natürlich tat sie das! Wer nicht? Er war sexy – die Worte anderer Mädchen, nicht ihre. Jede wollte ihn haben, aber nur ein paar konnten behaupten, ihn tatsächlich gehabt zu haben. Allerdings gehörte sie zu der Sorte Mädchen, die ihn aus der Ferne anhimmelten und die er niemals bemerken würde. Er stand nicht auf unscheinbare Girlies, die rosa Kleidchen trugen und Teeniezeitschriften lasen. Die Liste seiner Eroberungen war der Beweis. Diese Mädchen hätten allesamt Models sein können.

Bei ihrem Anblick zog er die Augenbrauen zusammen. Garantiert sah sie fürchterlich aus. „Ist alles in Ordnung mit dir?“

Beinahe hätte sie die Frage bejaht, so sehr brachte es sie aus der Fassung, dass sie in Lucas’ Armen lag. Er roch gut. Sofort schämte sie sich für diesen Gedanken. „Nein, eigentlich nicht. Wo ist Callie?“

„Mit Oliver Eis holen. Sie meinte, das könntest du jetzt gebrauchen.“

Sie nickte und löste sich schüchtern aus seiner Umarmung. „Was machst du hier?“ Sie sah sich um, von den Freys keine Spur.

Lucas schloss die Tür hinter ihnen und verschränkte die Arme vor der breiten Brust. Er musterte sie von oben bis unten. Nach wie vor trug sie das knappe gelbe Kleid von heute Abend. Ihr Make-up war bestimmt verschmiert, die Augen rot und verquollen.

Als hätte er ihre Gedanken gehört, lächelte er sie beruhigend an. Und, zum Teufel noch eins, was war das für ein Lächeln! „Oliver und ich wollten auf eine Party, und dann kam dein Anruf. Callie brauchte daraufhin jemanden, der sie fährt, um das Eis zu kaufen.“

„Tut mir leid, dass ich euren Abend ruiniert habe. Ich bin übrigens Sadie Snow.“ Sie senkte den Kopf und schämte sich dafür, die Pläne der Jungs – nein, der Männer – durcheinandergebracht zu haben.

Sein Finger legte sich unter ihr Kinn, und sie sah ihm wieder in die Augen. „Es gibt keinen Grund sich zu entschuldigen, Schneeflöckchen.“

Schneeflöckchen? Das klang nett aus seinem Mund.

„Komm mit.“ Er nahm ihre Hand und führte sie ins Wohnzimmer. „Willst du mir schon mal erzählen, was passiert ist?“

„Nein“, rutschte es ihr entgeistert heraus. Sie entzog sich ihm und setzte sich auf das Sofa. Verlegen sah sie auf ihre Hände im Schoß. Was mochte er von ihr denken? Als wäre der Abend nicht schon schlimm genug für sie gewesen!

„Ich könnte raten.“ Er ließ sich neben sie fallen und legte den rechten Fußknöchel auf das linke Knie. Ein Arm ruhte hinter ihr auf der Lehne, der andere auf seinem Bein.

„Das ist dir überlassen.“

„Nun gut.“ Lucas schien nachzudenken. Plötzlich spürte sie eine Bewegung an ihrem Haar. Sie warf ihm einen irritierten Seitenblick zu. Er hob die Schultern und grinste entschuldigend. „Du hast schöne Haare. Und jetzt gerade hilft es mir beim Nachdenken. Ich nehme an, es hat mit einem Mann zu tun.“

Sadie nickte. Unfähig, einen Ton herauszubringen.

Seine Finger fuhren durch ihr Haar, massierten ihren Kopf. „Er hat dich verlassen?“

Erneutes Nicken, auch wenn es nicht direkt so war. Sie entspannte sich unter seiner Kopfmassage.

„Dann ist er ein Idiot.“ Wieder sah sie ihn an. Er lächelte. Ein Grübchen in der linken Wange. „Was guckst du so erschrocken, Schneeflöckchen? Glaub mir, er muss blind sein, wenn er dich einfach gehen lässt. Oder ein Vollpfosten.“

„Er hat mich für Geld entjungfert“, rutschte es ungefiltert aus ihr heraus. Schnell schlug sie sich die Hände vor den Mund, als könnte sie dadurch die Worte zurücknehmen. Ging es denn noch peinlicher?

Lucas knirschte hörbar mit den Zähnen. „Das ist nicht wahr. Sag, dass es nicht tatsächlich solche Arschlöcher bei uns in Blackwood gibt!“

„Doch.“

Sie erzählte ihm alles. Angefangen von Ricks Werben, den Nettigkeiten und den Gerüchten bis hin zum heutigen Abend, dem Blut, dem Sofa. Erst als sie es laut aussprach, merkte sie, wie dumm sie gewesen war. Sein Keuchen am Telefon – eindeutig ein Sexkeuchen –, die Gerüchte um ihn und Fredericka – eindeutig keine Gerüchte –, sein neuer süßer Duft – eindeutig ein Frauenparfüm. Wie hatte sie so naiv sein können?

„So etwas hast du nicht verdient. Niemand hat das.“ Er stand auf und hielt ihr die Hand hin. „Komm, Schneeflöckchen, ich bring dich nach Hause.“

„Ich bin wegen Callie da, weil ich mit ihr reden wollte“, gab sie verunsichert zurück und sah zu ihm auf. Er sah toll aus. Dunkles Haar, das an den Seiten kurz war und oben etwas länger. Blaue Augen, die einem direkt in die Seele schauen konnten. Er war mindestens über sechs Fuß groß, hatte breite Schultern, und unter seinem engen Pullover zeichneten sich Muskeln ab.

Mit der Hand fuhr er sich über den Nacken. „Stimmt.“

Er setzte sich wieder neben sie. Lange sah er sie an, beobachtete jede kleine Regung von ihr. Das war ihr unangenehm, sie mochte das nicht. „Okay, das ist verrückt.“

„Was meinst du?“

Die Gegenwart von Lucas brachte sie durcheinander. Sie fühlte sich auf der einen Seite wohl, andererseits kannte sie ihn nicht und konnte nicht glauben, dass sie ihm gerade erzählt hatte, wie sie dermaßen verarscht worden war.

Lucas nahm ihr Gesicht in die Hände. „Ich würde dir gerne zeigen, dass Sex auch anders sein kann. Sinnlicher. Leidenschaftlicher. Nicht grob und unbequem.“

Sadie blinzelte. „Du hast recht, das ist verrückt.“ Denn sie würde nie wieder Sex haben!

„Gib mir diese eine Chance“, verlangte er eindringlich.

„Aber … warum?“ Gehörte das zu Ricks Spiel? Sollte Lucas sie ebenfalls erniedrigen?

Er zögerte, schien seine Antwort abzuwägen. Das beruhigte Sadie nicht im Mindesten. Er leckte sich über die Lippen, lenkte ihre Aufmerksamkeit auf seinen Mund.

„Weil du etwas Falsches erlebt hast und viel zu unschuldig für solche beschissenen Spiele bist. Du sollst nicht denken, dass Sex immer so ist, schon gar nicht beim ersten Mal.“

 

***

 

Benommen saß Sadie in Lucas’ Auto. Ihr einziger Gedanke war, wie sie etwas Derartiges tun konnte. Mit einem Fremden. So viel Dummheit sollte bestraft werden.

Sie hielten vor ihrem Elternhaus, stiegen aus. Sadie schloss die Tür auf und zuckte beim Anblick der Ledercouch zusammen.

„Denk nicht daran“, flüsterte Lucas hinter ihr.

Sanft drehte er sie zu sich herum, nahm ihr Gesicht in die Hände und küsste sie. Hatte sie gedacht, Rick konnte gut küssen? Der war weit davon entfernt, ein guter Küsser zu sein. Behutsam strich Lucas mit der Zunge über ihre Lippen, bis sie diese öffnete. Er umspielte ihre Zunge mit seiner, neckte sie, focht einen Kampf aus, nur um wieder zärtlich zu sein.

„Wo ist dein Zimmer, Schneeflöckchen?“

Allmählich gewöhnte sie sich an den Namen. Es klang schön und ehrlich. Ein Name nur für sie! Kein Süße oder Kleines.

Sie unterbrach den Kuss, schluckte und führte ihn in den ersten Stock zu ihrem Zimmer.

Lucas öffnete die Tür. Sadie schaltete das Licht ein, stand verlegen neben ihm. Jetzt kamen ihr die verstreuten Blätter und die Kerzen albern und kindisch vor.

Wortlos ging er zu ihrer Kommode, entzündete ein Streichholz und steckte die Kerzen an.

„Du musst das nicht machen“, sagte sie und verschränkte die Finger.

Er lächelte sie an. Das Grübchen war wieder da. „Doch, muss ich. Denn das gehört dazu.“

Als alle Kerzen brannten, machte er die Deckenbeleuchtung aus. Das Zimmer war jetzt in ein freundliches gelbes Licht gehüllt. Schatten tanzten an den Wänden. Er setzte sich auf ihr Bett und sah sie aus dunklen Augen an, die Hand nach ihr ausgestreckt. „Komm her.“

Langsam ging sie auf ihn zu. Er verfolgte jeden ihrer Schritte, bis sie vor ihm stand. Zwischen seinen Beinen, um genau zu sein. Er sah zu ihr auf, nahm ihre Hände in seine und zog sie ruckartig aufs Bett. Erschrocken schrie sie auf. Er lachte leise. Es schien ihn keineswegs zu stören, dass sie auf ihm lag.

Er fing an, sie zu küssen. Ein Arm war um ihre Taille geschlungen, seine andere Hand lag an ihrem Hinterkopf. Sie schloss die Augen, genoss das Gefühl seines Körpers unter ihrem. Seine Hände. Seine Lippen.

So hätte es vor ein paar Stunden sein sollen – gefühlvoll und romantisch.

Gemeinsam mit ihr richtete er sich auf, sodass sie beide auf dem Bett knieten. Lucas öffnete ihren Reißverschluss am Rücken, bedächtig zog er ihr das Kleid aus und warf es auf den Fußboden. Nur in ihrer weißen Unterwäsche fühlte sie sich, nun ja – nackt. Aber auch verletzlich. Sie wollte sich bedecken, aber er schüttelte den Kopf.

„Du bist schön, Sadie, vergiss das niemals. Versteck deinen Körper nicht.“

Sanft legte er sie auf den Rücken, küsste sich von ihren Lippen über ihr Dekolleté bis zum Bauchnabel. Ungeduldig zupfte sie an seinem Pullover. Er grinste sie spitzbübisch an, zog ihn sich über den Kopf und enthüllte den attraktivsten Körper, den sie jemals gesehen hatte. Klar definierte Muskeln, starke Oberarme, wenig Brustbehaarung, dafür eine Spur dunklen Haars, die von seinem Bauchnabel in die Hose führte.

Lucas legte sich neben sie. Küsste ihren Hals, streichelte mit der Hand ihren Busen, ihre Rippen, die Kurve ihrer Hüfte. Es fühlte sich fantastisch an. Viel besser als mit Rick. Seine Hand fuhr tiefer zu ihrem Oberschenkel. Erst außen lang, dann innen. Als er an ihrem Höschen ankam, hielt er inne, öffnete die Augen und sah sie abwartend an. Langsam nickte sie. Sadie wollte das. Sie musste einfach spüren, wie es besser ging, die vergangenen Stunden und die Erinnerung an ihr erstes Mal dadurch auslöschen.

Lucas zog sie komplett aus und betrachtete sie von Neuem. „Du bist verflucht sexy, Schneeflöckchen.“ Seine Augen schimmerten dunkel, und er zog sich die Jeans samt Shorts herunter. Ängstlich sah sie Lucas an. Er küsste ihre Nasenspitze. „Keine Sorge. Hast du Kondome da?“

„Schublade.“ Mehr brachte sie nicht hervor.

Er beugte sich über sie zum Nachtschrank. Er roch unglaublich gut. Die Packung lag neben ihr, während Lucas sie erneut küsste und die Decke über sie ausbreitete.

Langsam, beinahe träge, wanderte seine Hand über ihren Busen. Er streichelte ihre Rundung, spielte mit ihrer harten Brustwarze, und schließlich küsste er erst die eine Brust ausgiebig, anschließend die andere. Sadie spürte, wie sie feucht wurde. Seine Hand wanderte tiefer. Mit dem Daumen drückte er gegen ihre Klitoris, sie stöhnte laut und schämte sich gleichzeitig für diesen Ton.

Seine Finger strichen über ihre feuchten Schamlippen, verteilten die Nässe, ehe er vorsichtig mit einem Finger in sie eindrang.

Sie stöhnten gleichzeitig. Sein Kuss wurde drängender, und seine beachtliche Erektion drückte gegen ihren Bauch. Mutig griff Sadie danach und bewegte ihre Hand.

Lucas stöhnte an ihrem Mund. „Deine Unschuld bringt mich um den Verstand.“

„Soll ich aufhören?“

„Auf keinen Fall.“ Er griff nach der Kondompackung und holte eines heraus. „Willst du?“

Sie biss sich auf die Lippe und nickte. Vorsichtig holte sie das glitschige Kondom aus der Packung.

Lucas nahm ihre Hand und führte sie zu seinem Penis. „Einfach drüberrollen.“ Er keuchte heiser, während sie das Kondom darüber zog.

Lucas legte sich auf ihren Körper, darauf bedacht, sie nicht sein gesamtes Gewicht spüren zu lassen. Vorsichtig führte er seinen Penis in sie ein. Sadie zuckte zusammen. Er stützte sich mit den Ellenbogen neben ihrem Kopf ab und küsste sie, während er sich langsam immer weiter in sie schob. Als er komplett in ihr war, ließ er ihr Zeit, sich an das Gefühl zu gewöhnen. „Geht es?“

„Ja“, hauchte sie und zog die Beine weiter an.

Er nahm das als Zeichen, dass er weitermachen konnte. Seine Hüften bewegten sich, während er aus ihr heraus- und wieder hineinglitt. Zunächst in einem normalen Tempo, dann etwas schneller.

Sadie streichelte über seinen Rücken, fasste in sein Haar und kam den Bewegungen automatisch entgegen.

Er legte seine Stirn an ihre. Die Augen offen und ehrlich auf sie gerichtet. „Tut mir leid, aber das wird gleich vorbei sein. Du fühlst dich einfach viel zu gut an und raubst mir mit deiner Unschuld den Verstand.“

Seine Hand drängte sich zwischen ihre Körper, er begann mit dem Daumen ihre Klitoris zu reiben. Sie stöhnte laut auf. Ihr wurde heiß. Sie spürte, wie sie sich um ihn herum zusammenzog. Ihre Finger krallten sich in seinen Rücken. Was war das denn jetzt?

„O Gott, Sadie“, stöhnte er, die Stirn an ihrer Schulter. Es folgten drei sanfte Stöße, bevor er sie leidenschaftlich küsste und sich langsam aus ihr zurückzog. Für den Moment war nur ihrer beider Atem zu hören. Lucas verknotete das Kondom und warf es zusammen mit der Verpackung in den Mülleimer.

Sie beobachtete fasziniert das Spiel seiner Rückenmuskeln, die roten Striemen, die sie hinterlassen hatte, und den knackigen Hintern. Als hätte er ihren Blick gespürt, drehte er sich um. Schnell hob sie den Kopf und sah in sein amüsiertes Gesicht.

„Jetzt brauchst du auch nicht mehr rot zu werden.“ Lucas kam wieder zu ihr, legte sich neben sie und zog sie an seine Brust. „Ist doch okay, wenn ich bleibe, oder?“

Kapitel 4

 

Noch heute, zehn Jahre später, fragte sich Sadie, wie sie so naiv gewesen sein konnte, direkt hintereinander auf zwei Arschlöcher hereinzufallen. Schlimm genug, dass einer ihr auf grobe Weise die Unschuld geraubt hatte, aber sich am selben Abend von dem nächsten vögeln und sich ein Jahr lang verarschen zu lassen, grenzte an Dummheit. Und genau deshalb hatte sie jegliche Art des Schmerzes verdient. Er ließ sie nicht vergessen.

Vielleicht war das der Grund, warum sie jetzt abgebrüht war und keine tiefen Gefühle mehr zulassen wollte. Wer konnte es ihr verübeln? Die ersten beiden Männer, die sie geliebt hatte, waren enttäuschend gewesen. Kein Wunder, dass sie nie wieder die Lust verspürt hatte sich zu verlieben.

Wochenlang hatte sie sich wie ein Trauerkloß verhalten und bitterlich geheult. Sie hatte die Welt verflucht – besonders Lucas fucking Valentine –, gleich darauf noch mehr geheult, weil allein der Gedanke an ihn ihr Herz wieder entzweigerissen hatte. Und dann, ganz plötzlich, hatte sie beschlossen, dass es genug war. Ein Blick in den Spiegel hatte gereicht, um der Trauer einen Tritt zu versetzen und wieder voll ins Leben zu starten. Nun ja, mit dem kleinen Unterschied, dass sie der Liebe abgeschworen und mit Callie keine beste Freundin mehr hatte. Denn kurz nachdem Lucas gegangen war, hatte Callie ihr ebenfalls den Rücken gekehrt.

Sadie saß auf ihrer Terrasse, in eine kuschelige Decke gehüllt, und starrte aufs Meer. Der Wind hatte aufgefrischt und wehte ihr die Haare ins Gesicht, während die blaugrauen Wellen am Strand mit dem feinen Sand kollidierten.

Grob wischte sie sich eine Träne von der Wange. Es war lächerlich, wegen irgendwelcher Worte von Lucas zu heulen. Als wäre er auch nur eine ihrer Tränen wert.

„Dachte ich mir, dass ich dich hier finde.“

Erschrocken fuhr Sadie in ihrem Sessel herum.

„Bleib ruhig“, lachte Liv Humphrey, ihre neue beste Freundin, und setzte sich in den Sessel neben Sadie. „Ich habe dich selten weinen sehen.“

Sadie zog die Schultern hoch, griff nach ihrem Weinglas und nahm einen großen Schluck. Eigentlich hatte sie keine Lust auf Gesellschaft. Sie wollte allein vor sich hin leiden, um in ein paar Stunden wieder stark zu sein und sich nichts anmerken zu lassen. Es sollte niemand wissen, dass sie nicht der emotionslose Roboter war, für den sie viele Menschen hielten.

„Außerdem habe ich dich noch nie um elf Uhr morgens trinken sehen.“ Sie hob eine blonde, schmale Augenbraue und betrachtete ihre Freundin eingehend.

Liv war das, was man eine natürliche Schönheit nannte. Schlank wie ein Model, weswegen Sadie sie gelegentlich für ihre Website fotografierte. Sie hatte einen blonden, kinnlangen Bob, der schon gestylt aussah, wenn sie das Bett verließ. Ihre braunen Augen funkelten meistens verschmitzt. Ihre Haut war rein und brauchte kein Make-up.

Die beiden waren seit vielen Jahren befreundet. Sadie war in der ersten Klasse von der Schaukel gefallen, Liv war eifersüchtig auf die Aufmerksamkeit gewesen und hatte sich vom Klettergerüst fallen lassen – um sich prompt den Arm zu brechen. Die beiden hatten zusammen bei der Schulärztin gesessen und waren Freundinnen geworden. Liv hatte die letzten beiden Highschooljahre in einem Internat verbracht, in dieser Zeit hatte sich Sadies Freundschaft mit Callie gefestigt. Deshalb hatte sie das Drama mit Lucas so gut wie nicht mitbekommen, sondern nur das, was Sadie ihr am Telefon erzählt hatte oder wenn sie mal für ein Wochenende zu Hause gewesen war und sie sich alle getroffen hatten.

„Lucas ist wieder da, und er hatte ein paar nette Worte für mich übrig.“ Erneut ein großer Schluck. „Erinnerst du dich an das blaue Kleid, das ich ursprünglich im Laden verkaufen wollte, mich dann aber nicht davon trennen konnte?“

Liv tippte mit den Fingern auf die Lehne. „Das du selbst genäht hast?“

„Ja, genau das. Er meinte, ich würde darin so billig aussehen wie eine Hure.“

„Charmant.“ Liv verschränkte abwartend die Arme. „Deshalb sitzt du also hier, betrinkst dich und heulst dir die Augen aus dem Kopf? Wegen eines Kerls?“

Sadie stieß hörbar Luft durch die Nase aus. „Ich weine mir nicht die Augen aus, Liv. Ich bin in Tränen aufgelöst, weil ich mich frage, warum ich dumm genug war, ein Jahr meines Lebens an ihn zu verschwenden.“

„Das ist viele Jahre her, warum trauerst du jetzt noch?“ Liv griff nach der Weinflasche und nahm einen großen Schluck daraus. „Ich dachte, du hättest längst damit abgeschlossen.“

„Dachte ich auch“, murmelte Sadie, ging aber nicht weiter darauf ein. Jetzt war nicht die richtige Zeit, um ihre Freundin darüber aufzuklären, dass Lucas’ Auftauchen alte Wunden aufgerissen hatte. Kurzerhand blendete sie ihre Freundin aus und starrte aufs Meer. Zehn Jahre waren vergangen. Warum war er wieder zurück? Wie lange blieb er? War er Single?

Liv seufzte genervt auf. „Na schön, du willst nicht darüber reden, das verstehe ich. Aber ich werde nicht zusehen, wie du Trübsal bläst wegen eines Typs, der dir vor ein paar Jahren das Herz gebrochen hat.“

„Du hast recht.“ Energisch warf Sadie die Decke von der Schulter und stand auf.

„Natürlich habe ich das, Schätzchen.“ Sie sah auf die Platinarmbanduhr an ihrem Handgelenk. „Ich muss jetzt zurück. Mike wundert sich bestimmt schon, warum ich nicht zu Hause bin.“

Sadie nickte. Obwohl Liv ihre beste Freundin war und sie sich bisher alles anvertraut hatten, mit Mike war Sadie einfach nicht warm geworden. Sie konnte sich das selbst nicht erklären, aber er war irgendwie … nicht der Richtige für Liv. Ihre Freundin brauchte eine Herausforderung im Leben und keinen weichgespülten Jasager, der selten eine eigene Meinung hatte.

„Du kommst klar?“, hakte Liv sanft nach.

„Ja, natürlich. Los, jetzt husch, husch, Weibchen, ab zu deinem Mann nach Hause. Ich werde mich mal wieder an meine gute alte Nähmaschine setzen.“

„Mach das. Ich brauche ein züchtiges Kleid für die Hochzeit von Mikes Cousine Rose in zwei Wochen.“

„Na, das fällt dir ja früh ein“, schimpfte Sadie. „Cousine Rose? Ist das die, die … korpulent ist?“ Das war noch milde ausgedrückt. Rose war mit ihren unter fünf Fuß ungefähr zweihundertzwanzig Pfund schwer.

„Nur, weil ich weiß, dass du unter Druck besser arbeitest. Ja, genau die. Ciao, ciao, Schätzchen.“ Sie warf ihr einen Luftkuss zu und stöckelte auf ihren Highheels davon.

Sonntags hielt Sadie ihr Geschäft meistens geschlossen. Die einzige Ausnahme bildete der Sommer. Viele der Einheimischen kamen zu dieser Jahreszeit zurück in ihre Häuser, und Touristen nisteten sich in überteuerten Hotels oder Bungalows ein, die zu vermieten waren.

Ansonsten war in Blackwood tote Hose. Jetzt, Anfang Oktober, fiel das Laub von den Bäumen, und die Innenstadt war so gut wie ausgestorben. Nur vereinzelt saßen Menschen in den Cafés. Viele Eigentumswohnungen im Zentrum standen bereits leer, weil es die Besitzer in wärmere Gefilde zog.

Sadie leerte den Briefkasten und öffnete ihr Geschäft. Wenn sie vorhatte zu schneidern, konnte sie auch den Laden offen lassen. Vielleicht gab es doch jemanden, der ein Teil kaufen würde. Obwohl sie nicht auf das Geld angewiesen war, fühlte es sich gut an, wenn sie etwas verkaufte. Besonders, wenn es sich um die Stücke handelte, die sie selbst angefertigt hatte.

Ihr Laden war übersichtlich, aber nicht zu klein. Da sie ausschließlich Einzelstücke im Angebot hatte, wurde jedes Exemplar exklusiv von einer Modepuppe mit den passenden Schuhen und der passenden Handtasche getragen, damit das Outfit perfekt war. Ungefähr zwanzig Puppen waren im Geschäft verteilt und präsentierten die Kleider. Hinter dem Verkaufstresen befand sich ein weiterer Raum, in dem ihre Nähmaschine stand, ein paar kaputte Puppen, von denen sie sich nicht trennen konnte, und die Stoffe, die sie verwendete. Viel mehr brauchte sie nicht.

Sadie hatte gerade den passenden Stoff gefunden – mitternachtsblaue Seide –, als das Glöckchen über der Tür bimmelte. Sie betrat den Verkaufsraum und atmete tief durch. Oliver stand da, die Hände in den Hosentaschen vergraben, und lächelte sie freundlich an. Das konnte sie jetzt gar nicht gebrauchen. Waren ihre Zeichen nicht deutlich genug gewesen? Hätte sie eine Botschaft hinterlassen sollen?

„Hey.“

„Hi, Oliver.“ Unangenehmes Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus. Sie räusperte sich. „Hör mal …“

„Hat es dir nicht gefallen?“, unterbrach er sie rasch.

„Doch, natürlich hat es das.“ Oje! Sie fuhr sich fahrig über die Stirn. „Aber ich konnte nicht bleiben. Ich musste nach Hause.“

Das klang wie eine fadenscheinige Ausrede. Bisher hatte sie sich nie dafür rechtfertigen müssen, dass sie gegangen war. Wie hatte das dermaßen aus den Fugen geraten können? Es sollte nur eine einmalige Sache sein. Und jetzt stand Oliver in ihrem Laden, sah sie mit diesem treudoofen Blick an, und ihr Herz schmerzte, weil sie ihm einfach nicht wehtun wollte. Obwohl es dafür wahrscheinlich schon zu spät war. Wie konnte sie dem Ganzen jetzt ein Ende bereiten, ohne dass es noch unangenehmer für sie beide wurde?

„Willst du heute Abend zum Essen kommen?“

Sie überlegte hin und her, und plötzlich hörte sie sich „sehr gerne“ sagen.

Er strahlte sie an, kam einen Schritt auf sie zu und einen weiteren, bis er dicht vor ihr stand. „Danke. Ich freue mich darauf und bin froh, dass das mit uns nicht vom Tisch ist.“

Sie lächelte gequält. Tja, nun, so hätte sie das nicht ausgedrückt, wollte ihm aber in diesem Moment nicht widersprechen. Das war ein Gespräch, das besser nicht in einem Verkaufsraum geführt wurde. Sie würde es heute Abend zur Sprache bringen, vorausgesetzt, sie waren allein und Sadie mutig genug. Sie würde zu Fuß gehen, dann konnte sie Wein trinken.

In vino veritas.

„Wird Lucas ebenfalls da sein, oder sind wir unter uns?“ Sie biss sich von innen auf die Wange. Die Frage war ihr einfach herausgerutscht.

Olivers Augenbrauen zogen sich zusammen. „Hättest du ein Problem damit, wenn er mit uns essen würde?“

„Es ist dein Haus und damit deine Entscheidung.“ Aber wie sollte sie auch nur einen Bissen herunterbekommen, wenn ihr Lucas Valentine gegenübersaß? Warum musste er zurückkommen und ihr stressfreies Leben kompliziert machen? Blöder Idiot. Und warum verschwendete sie so viele Gedanken an ihn, wenn Oliver – der liebenswert und süß war – direkt vor ihr stand und sie anhimmelte?

„Was ist zwischen euch vorgefallen?“, fragte er frei heraus.

Sadie verschränkte resignierend die Arme und sah an Oliver vorbei nach draußen. Der Himmel war grau, es würde bald zu regnen anfangen. „Nichts, worüber ich reden möchte.“

Nicht heute, nicht morgen – niemals!

Es ging Oliver nichts an. Was sollte sie ihm sagen? Dass sie ein Jahr lang hinter geschlossenen Türen für Lucas angeblich die tollste Frau gewesen war, auf der Straße jedoch ignoriert wurde? Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, wurde sie dann auch noch ohne Grund abserviert! Warum jetzt mit der Wahrheit herausrücken? Sie würde schweigen und Lucas sicher ebenfalls.

„Du wirst dich mir schon offenbaren“, meinte Oliver zuversichtlich. Seine Daumen streichelten über ihren Kiefer, die restlichen Finger lagen bedeutsam an ihrem Hals. Er zog ihr Gesicht zu sich und gab ihr einen leidenschaftlichen Kuss.

So schön seine Lippen auf ihren waren, Oliver ließ sie einfach nichts Inniges spüren. Es gab kein Kribbeln in ihrem Inneren oder ein Herzflattern. Sie schmolz nicht in seinen Armen dahin, und sie wollte auch nicht von ihm direkt auf dem Verkaufstresen genommen werden, wo jederzeit jemand hereinkommen und sie beim Sex überraschen konnte. So leid es ihr tat, er war nicht der Richtige für sie. Aber war es nicht immer so im Leben, dass man sich für den Falschen entschied, dass nur die bösen Jungs Kribbeln und Herzflattern verursachten? Die, die es nicht verdient hatten?

Sadie legte die Hände auf seine Brust und drückte ihn bestimmend weg. „Ich muss jetzt weiterarbeiten.“

Er fuhr sich durch die Haare, sein Atem ging schneller, seine Augen blickten sie lustvoll an. „Bis heute Abend. Schaffst du es bis sieben Uhr?“

„In Ordnung.“ Sie wandte sich von ihm ab und ging in den anderen Raum, damit sie sich dem Kleid widmen konnte. Als sie die Türglocke hörte, atmete sie erleichtert aus.

Sadie arbeitete wie besessen an Livs Kleid, obwohl sie keineswegs zu einhundert Prozent bei der Sache war. In was war sie da hineingeraten? Sie wollte nichts Ernstes. Nicht mit Oliver und nicht mit jemand anderem. Sie hatten eine Nacht miteinander verbracht, und das war’s. Normalerweise. Warum also hatte sie zugesagt, zu diesem Abendessen zu gehen? Tat sie es für Oliver? Um ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen? Einen Schlussstrich zu ziehen? Oder war ihre Absicht eine ganz andere? Hatte es überhaupt mit Oliver zu tun oder vielmehr mit seinem neuen Mitbewohner?

Sadie legte die Nadel zum Abstecken des Saums beiseite und stützte den Kopf in die Hände. Ein kleiner Schmerz bahnte sich hinter ihren Schläfen an. Sie grübelte zu viel. Es sollte nicht schwer sein, eine kleine Frage zu beantworten. Wollte sie Oliver zuliebe abends zu ihm gehen und hatte deshalb zugesagt, oder war sie masochistisch veranlagt und wollte Lucas sehen?

 

***

 

Sadie fühlte sich sexy in ihrem blutroten Kleid. Es hatte keinen großen Ausschnitt, dafür lag es eng an und ging ihr bis zu den Knien. Sie zog ihren Mantel über, schnappte sich die Handtasche sowie die Flasche Weißwein und verließ das Haus. Vorsorglich schloss sie die Tür ab. Eigentlich gab es in Blackwood keine Verbrechen, schon gar nicht Einbrüche, aber sicher war sicher. Ihr Vater sagte stets, man solle keine Risiken eingehen, wenn es um die eigene Sicherheit ging. Sadie seufzte. Ihr Vater, das war noch so eine Sache, die ihr Probleme bereitete. Aber das musste sie auf später vertagen.

Die zum Kleid passenden roten Highheels sahen zwar todschick aus, waren allerdings nicht dafür geeignet, um eine längere Strecke zu Fuß zu bewältigen. Bereits nach wenigen Schritten taten ihr die Füße weh, aber sie biss die Zähne zusammen und legte den restlichen Weg zurück.

Wer schön sein will, muss leiden.

Die kühle Abendbrise half ihr ein wenig, um nicht gänzlich den Verstand zu verlieren. Während ihrer Vorbereitung auf den Abend waren ihr zwei Dinge klar geworden: Erstens, die letzte Nacht war ein riesiger Fehler gewesen. Zweitens, sie war nicht über Lucas hinweg und musste sich gezwungenermaßen Gefühle für ihn eingestehen. Gefühle, die ausnahmsweise nicht ihre Wut unterstrichen, wenn es um diesen Mann ging.

Jetzt blieb nur die Frage, wie sie diesen Abend überstehen sollte. Fast wünschte sie sich, Lucas wäre nicht da. Dann könnte sie in Ruhe mit Oliver reden, das zwischen ihnen beenden und nach Hause gehen. Alles ganz einfach – easy peasy. Hin und wieder zurück in weniger als zwei Stunden. Sollte doch zu schaffen sein.

Allerdings hatte sie ein unbändiges Verlangen danach, in Lucas’ Nähe zu sein. Sie wollte seine Augen sehen, seinen ganz eigenen Geruch nach Ozean und Mann in sich aufnehmen und diesen atemberaubenden Körper anschmachten – heimlich, verstand sich. Schließlich brauchte er nicht zu wissen, welches Verlangen er nach wie vor in ihr auslöste. Elender Mistkerl!

Zunächst musste sie diese Wut loswerden. Denn ob sie es zugeben wollte oder nicht, seine harten Worte heute Morgen hatten sie verletzt. Sexy Körper hin oder her. Wenn sie nur wüsste, warum er sauer auf sie war. Schließlich war er es gewesen, der sie verlassen hatte. Der von einem Tag auf den anderen verschwunden war und sich kaum noch hatte blicken lassen. Lucas war ihr ausgewichen. Wann immer er nach Blackwood gekommen war, hatte er sich bemüht, ihr nicht zufällig über den Weg zu laufen. Und jedes Mal war es wie ein Stich ins Herz gewesen, weswegen Sadie ihre Date-Aktivitäten verdoppelt hatte.

Vor Olivers Tür atmete sie tief durch, zwang ihre Übelkeit zurück. Ihr Zeigefinger schwebte über dem Klingelknopf. Sie warf einen Blick in den Himmel.

„Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt für ein Zeichen“, murmelte sie. Natürlich geschah nichts.

Sie drückte auf die Klingel. Kurz danach wurde die Tür aufgerissen, und Sadie stolperte erschrocken zurück.

„Entschuldige“, meinte Oliver lächelnd, „ich habe dich kommen sehen und wollte dich nicht unnötig in der Kälte stehen lassen.“

„Okay“, meinte sie irritiert und betrat das Haus. In der vergangenen Nacht hatte sie nur kurz die Einrichtung gesehen. An den Wänden hingen abstrakte Kunstgemälde. Bunte Striche, Kreise, Dreiecke und Quadrate. Nicht unbedingt das, was sie sich an ihre Wand hängen würde. Sadie hatte eine Vorliebe für Landschaften, und das nicht als Zeichnung, sondern als Fotografien. Dabei konnte sie sich herrlich ihrer Fantasie hingeben und sich an fremde Orte wünschen.

Sie betrat hinter Oliver die Küche und blieb ruckartig stehen. Am Herd stand Lucas, zusammen mit Jessica Hartley, die erst vor knapp zwei Jahren nach Blackwood gezogen war. Keiner wusste so genau, woher sie und ihre Mutter das Geld hatten, um ein Haus direkt am Strand zu kaufen. Schließlich war Jessica Studentin und Aushilfe in der Kneipe, ihre Mutter leitete ein Restaurant. Bisher hatte Sadie nichts mit den Frauen zu tun gehabt.

Die beiden lachten gerade über etwas, verstummten jedoch, als sie Sadie erblickten. Lucas drehte sich sofort wieder weg, und Jessica kam lächelnd auf sie zu.

„Hey, ich bin Jessica.“ Die schwarzhaarige Frau hielt ihr die Hand hin, die Sadie zögernd ergriff.

Sie zwang sich zu einem Lächeln. Jetzt nicht durchdrehen. „Hallo, ich bin Sadie.“

Oliver hustete geräuschvoll. Sie warf einen kurzen Blick zu Lucas, der genervt die Augen verdrehte. Sofort wurde Sadie wieder wütend. Was war sein Problem?

„Sadie.“ Er nickte knapp und drehte sich erneut zu den Töpfen und Pfannen um.

„Lucas“, knurrte sie genauso ausdruckslos zurück.

Verlegen starrte Jessica sie an. Sadie hob eine Augenbraue und musterte ihr Gegenüber abschätzig. Sie war hübsch, das dunkle Haar passte perfekt zu den hellblauen Augen und der leicht gebräunten Haut. Ihr Körper war schlank und sportlicher Natur.

Da sie sich denken konnte, dass Jessica nicht nur aus Dekorationsgründen hier war – oder um zu servieren –, musste sie die bittere Galle der Eifersucht herunterschlucken. Schließlich wollte sie niemandem zeigen, dass sie noch Gefühle für Lucas hatte. Schon gar nicht Lucas selbst oder seiner Freundin.

„Ich habe Wein mitgebracht“, sagte sie an Oliver gewandt und wedelte idiotisch mit der Flasche herum. Und ich brauche jetzt ganz dringend einen sehr großen Schluck davon.

„Soll ich die kalt stellen? Ich habe noch eine im Kühlschrank.“

„Gerne, Oliver.“ Sadie lächelte ihn an und sah sich dann in der Küche um. Die Fronten der Schränke waren anthrazit, während die Korpusse und die Einlagen der offenen Schränke in einem knalligen Gelb gehalten waren. Die Arbeitsplatten bestanden aus dunklem Marmor. Es war geschmackvoll und gleichzeitig mutig. Kurz fragte sie sich, ob er das selbst eingerichtet oder ob sich ein Innenarchitekt darum gekümmert hatte. Oder Callie? Die Küchenzeile verlief über zwei Wände. In der Mitte des Raums standen ein Tisch für acht Personen und dazu passende Stühle.

Gedeckt war für sechs. Das soll doch kein peinlicher Pärchenabend werden?

Stirnrunzelnd drehte sie sich zu Oliver, der seinen Blick starr auf sie gerichtet hielt. Gerade wollte sie fragen, wer noch erwartet wurde, da klingelte es.

Oliver sah schuldbewusst aus, als er in Richtung Tür ging.

„Wein?“, fragte Jessica.

„Unbedingt“, antwortete Sadie erleichtert und ignorierte Lucas’ missbilligenden Blick.

Jessica schenkte ihr ein. Sadie hob die Augenbraue und wackelte mit dem Weinglas. Ihr Glas wurde weiter gefüllt.

Callie und Oliver betraten die Küche. Hinter ihnen erschien ein weiterer Gast. Genauso unwillkommen wie Callie.

„Das ist jawohl ein beschissener Scherz“, fluchte Sadie und sah Jessica an. „Am besten, du lässt die Flasche einfach bei mir stehen.“

Kapitel 5

 

„Wir müssen reden.“ Das wirre Haar und der träge Ausdruck auf Olivers Gesicht erzählten deutlich die Geschichte der vergangenen Nacht. Dazu die Kratzer, von denen Lucas damals auch genügend am Körper gehabt hatte, weil Sadie alles andere als zahm war, brachten ihn an den Rand des Wahnsinns.

„Wieso? Weil du dich mit meiner Sadie vergnügst?“ Na gut, dachte Lucas und wischte sich mit dem Shirt den Schweiß von der Stirn, vielleicht bin ich doch nicht so entspannt, wie ich angenommen habe.

Deiner Sadie?“, wiederholte Oliver selbstgefällig und stand von der Couch im Wohnzimmer auf. „Wenn ich mich recht erinnere, war sie vor zehn Jahren mal deine Sadie. Aber heute?“

Lucas atmete tief durch. Jetzt nicht ausrasten. „Dann formuliere ich es anders: Du vergnügst dich mit meiner Ex-Freundin? Echt jetzt? Gibt es keine andere, die du flachlegen kannst?“

„Natürlich gibt es die, aber ich will keine andere. Ich mag Sadie.“

Lucas stieß hörbar Luft aus und lehnte sich vor. Sie standen sich gegenüber, Nase an Nase. „Du kennst sie nicht einmal!“

Oliver wusste nichts über Sadie! Weder, was sie mochte, noch, was sie verabscheute. Lucas stand kurz davor zu explodieren. Wenn er sich jetzt nicht zusammenriss, würde er seinen besten Freund verprügeln.

„Du tust es?“ Oliver hob beschwichtigend die Hände. „Hör mal, dass mit euch ist zehn Jahre her, und wenn es dich stört, weil du sie nach wie vor liebst, beende ich das ohne Weiteres. Wenn es aber lediglich um dein Ego geht … Sorry, Alter, dann wirst du einfach damit klarkommen müssen.“

Sein Ego? War es das, was Lucas Sadie nicht vergessen ließ? War einfach nur sein Ego verletzt, weil sie ihn abserviert hatte? Ohne ein Wort des Abschieds, ohne die geringste Regung von ihr? Vielleicht brauchte er einen Abschluss. Am besten einen gewaltsamen.

„Weißt du was?“ Lucas lächelte und schlug seinem Kumpel auf die Schulter. Fester als notwendig. Oliver keuchte. „Viel Glück mit Sadie, du wirst es brauchen.“

Lucas ging ins Badezimmer. Nachdem er geduscht hatte, schloss er seine Zimmertür ab und zog unter dem Bett die Lederaktentasche mit den Unterlagen über seinen Fall hervor. Den Schlüssel für das Sicherheitsschloss entnahm er einer Socke, die in der Nachttischschublade lag.

Lucas breitete die Bilder der Frauenleichen auf dem Fußboden aus. Große Würgemale am Hals deuteten auf Männerhände hin. Leider hatte die Autopsie keine Spuren fremder DNA an den Körpern sicherstellen können, weder am Hals noch an intimeren Stellen, obwohl alle Opfer vorher Geschlechtsverkehr gehabt hatten. Der Mörder war vorsichtig und clever genug, um seine Spuren zu verwischen. Es gab nicht den kleinsten Hinweis auf einen Verdächtigen.

Er erinnerte sich, dass vor vielen Jahren schon einmal ein Mörder in der Nähe sein Unwesen getrieben hatte. Damals waren es drei Mädchen im Alter von siebzehn Jahren gewesen. Da er Blackwood kurze Zeit später verlassen hatte, hatte er die Mordserie nicht weiter verfolgt. Er zog sein Smartphone aus der Hosentasche und wählte eine Nummer.

„Donovan“, blaffte sein Vorgesetzter ins Telefon.

„SSA Valentine am Apparat. Ich brauche die Akten zu einer Mordserie vor ungefähr zehn Jahren im Umkreis von Blackwood. Dabei handelte es sich um minderjährige Mädchen, die stranguliert wurden.“

„Warum bemühen Sie nicht ViCLAS, Agent Valentine?“ Der Special Agent in Charge sprach vom Violent Crime Linkage Analysis System, einem Computerprogramm, das mögliche Serientaten verband.

„Das habe ich bereits, aber die Fälle sind offenbar noch nicht ins System eingepflegt worden.“

„Verstehe. Denken Sie, es gibt einen Zusammenhang?“

„Ich bin mir nicht sicher“, antwortete Lucas und starrte auf die Bilder. „Aber ich würde dennoch gerne einen Blick in die Obduktionsberichte werfen.“

„In Ordnung. Ich kümmere mich darum, dass Sie die Akten direkt aus dem Polizeiarchiv erhalten, und schicke sie per Kurier.“

„Vielen Dank, Sir.“

„Alles klar, Agent Valentine. Haben Sie irgendeine Spur?“

„Nein“, seufzte Lucas. „Ich werde meinen Radius erweitern und mich die Tage mal in den Bordellen im näheren Umkreis umsehen und die Angestellten befragen. Vielleicht ist denen etwas aufgefallen. Aber viel Hoffnung mache ich mir nicht. So sauber, wie der Mistkerl arbeitet, würde es mich wundern, wenn er ausgerechnet dort einen Fehler gemacht hat.“

„Wenn Sie Verstärkung brauchen, sehe ich, was ich tun kann.“ Damit verabschiedete sich sein Vorgesetzter und legte auf. Michael Donovan war nicht für Smalltalk zu haben und brachte sein Anliegen gerne sofort auf den Punkt. Besser als sein letzter Chef, der immer stundenlang um den heißen Brei geredet hatte und dann doch keine Entscheidung hatte treffen können.

Lucas sah auf die Uhr, verstaute seine Unterlagen in der Aktentasche und verschloss sie, ehe er sie wieder unters Bett schob. Sein Magen knurrte, und er hoffte, etwas im Kühlschrank zu finden, was nicht lange kochen musste.

Vorsichtig sah Oliver ihn an, als er die Küche betrat. „Hunger?“

Lucas brummte zustimmend und riss die Kühlschranktür auf.

„Auf dem Herd ist Pasta. Sogar noch warm.“

Er füllte sich das Essen auf den Teller und setzte sich zu Oliver. Es herrschte ein unangenehmes Schweigen zwischen ihnen. Lucas wusste nicht, warum er so gereizt reagierte. Er gönnte seinem besten Freund das Glück, selbst wenn es mit Sadie war. Und wenn die beiden Gefühle füreinander hatten, konnte er auch nichts daran ändern. Anscheinend war es einfach an der Zeit, das Thema „Sadie Snow“ ad acta zu legen und nach vorne zu schauen.

„Hast du heute Abend schon was vor?“, fragte Oliver, lehnte sich im Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Nein. Wieso, was hast du geplant?“ Die Pasta schmeckte vorzüglich, Oliver konnte also kochen. Gut zu wissen, dann gab es möglicherweise doch nicht nur Bier und Tiefkühlpizza.

Oliver kratzte sich verlegen am Kinn. „Sadie kommt zum Essen, und ich würde mich freuen, wenn du bleiben würdest. Du kannst ja auch Jess einladen“, fügte er hastig hinzu.

Lucas seufzte tief und ergeben. „Na schön.“

„Klasse. Und tu mir einen Gefallen, ja?“

Reicht es nicht, dass du mit Sadie schläfst? Was willst du denn jetzt noch, Brutus? „Was denn für einen?“, wollte Lucas wissen. Auf einmal schmeckte die Pasta fad, und er schob den Teller von sich weg.

„Sei nett zu Sadie. Ich möchte, dass sie sich wie zu Hause fühlt.“

Jess kam früher als erwartet. Zum Glück drehte sie ihm keinen Strick aus der letzten Nacht und benahm sich so normal wie sonst. Zu schade, dass sie jetzt das mit Sadie wusste.

„Dein bester Freund und deine Ex“, empörte sie sich erneut und schüttelte den Kopf. Sie lag auf seinem Bett und musterte ihn aufmerksam.

„Ja, Jess. Und egal wie oft du es wiederholst, es wird sich nichts daran ändern.“

„Sorry“, murmelte sie. „Gibt es nicht etwas wie einen Kodex unter euch Männern – geliebter Bruder geht vor dummes Luder?“

„Vorsicht“, warnte er.

Sie hob eine Augenbraue. „Und du bist dir sicher, dass du keine Gefühle mehr für sie hast? Denn normalerweise stört es einen Mann nicht, wenn man seine Ex ein Luder nennt. Mann, Sadie ist eine Legende. Ich habe so dermaßen viele Geschichten über sie gehört. Ob es sie stört, wenn ich sie darüber ausfrage?“

Das Klopfen an der Tür entband ihn von einer Antwort. Was für Geschichten? Legende? Bevor Jess heute Abend den Moderator spielte, musste er unbedingt in Erfahrung bringen, was genau sie damit meinte.

„Ich will nicht stören, aber seid ihr bald fertig?“, rief Oliver. „Es ist fast sieben, unsere Gäste kommen gleich. Vielleicht wollt ihr euch vorher noch frisch machen?“

„Was glaubt er denn, was wir hier treiben?“, wollte Jess wissen.

Lucas grinste sie vielsagend an.

„Oh!“

 

***

 

Lucas stieß hörbar Luft durch die Nase, als er Oliver an der Haustür auf und ab gehen sah. „Wie ein Hund, der auf sein Herrchen wartet, damit sie Gassi gehen“, spottete er.

Die Türklingel ertönte, und sein Herz schlug wild. Um einigermaßen beschäftigt zu wirken, stellte er sich an den Herd und öffnete die Deckel. Spargel, dazu eine helle Soße, und im Ofen brutzelte das Fleisch.

„Ganz ruhig“, flüsterte Jess und streichelte ihm über den Rücken. „Wenn alle Stricke reißen, darfst du mir die Kleider vom Leib zerren und sie eifersüchtig machen.“

Das brachte ihn zum Lachen. „Weil es letzte Nacht so gut funktioniert hat?“

Sie beide lachten und verstummten, als Sadie die Küche betrat. Ihm stockte der Atem. Sie sah atemberaubend schön aus. Rot war ohne jeden Zweifel ihre Farbe. Jesus, diese roten Riemchensandalen schickten Bilder durch seinen Kopf, die eindeutig nicht jugendfrei und in mehreren Bundesstaaten gesetzlich verboten waren.

Als sich Oliver geräuschvoll räusperte, bemerkte Lucas, dass ihn alle anstarrten. „Sadie.“

Er musste sich umdrehen, ansonsten hätte er für nichts garantieren können. Entweder hätte er das Zimmer fluchtartig verlassen oder sie über die Schulter geworfen und in sein Bett getragen. Wie sollte er diesen Abend überleben?

Als es erneut klingelte, wandte er sich ruckartig um.

Sadie ließ sich von Jess bewirten, als wäre sie heute Abend ihre persönliche Kellnerin. Er sah sie missbilligend an. So sehr er Sadie mochte, liebte oder was auch immer, sie sollte bloß nicht den Snob raushängen lassen.

„Das ist ja wohl ein beschissener Scherz“, fluchte Sadie und blickte zu Jess. „Am besten, du lässt die Flasche einfach bei mir stehen.“

Schlimm genug, dass Callie heute Abend ebenfalls eingeladen war, aber dann noch Rick Johnson, Sadies Loser-Ex, der sie belogen und betrogen hatte? Was, zum Teufel, stimmte nicht mit Oliver, diese Scheiße abzuziehen? Er kannte doch das Drama von damals.

Verlegenes Schweigen entstand.

Jess ging zu Callie und Rick und stellte sich vor.

„Die Kellnerin“, meinte Callie und nickte wissend. „Ich habe schon von dir gehört.“

„Ich bin Rick“, säuselte der schmierige Typ und musterte Jess. „Leider habe ich bisher nichts von dir gehört, bin aber gerne bereit, das nachzuholen.“

Sadie schnalzte mit der Zunge, was ihr zwei giftige Blicke einbrachte.

„Willst du etwas sagen?“, fauchte Callie.

„Callie“, mahnte Oliver und lächelte Sadie entschuldigend an. Die hob ihr Weinglas, zwinkerte Callie zu und trank einen großen Schluck.

„Willst du mich kurz aufklären?“, fragte Jess leise neben Lucas und beobachtete das Gespann.

„Lange Geschichte“, antwortete er. „Aber Rick ist Sadies Ex, und Callie war mal ihre beste Freundin.“

„Oha.“

„Du sagst es. Mach dich auf einen interessanten Abend gefasst, und lass dir eines gesagt sein: Wenn sich die beiden Mädels angiften, halt dich einfach raus, sonst bist du die nächste Zielscheibe.“

Während des Essens herrschte angespanntes Schweigen. Jessica und Lucas hatten Callie und Rick gegenüber Platz genommen. Sadie und Oliver hatten sich an den Stirnseiten niedergelassen. Irgendwie freute sich Lucas diebisch darüber, dass die beiden nicht nebeneinander saßen. Kein Fummeln unter dem Tisch und kein Geknutsche.

„Ich habe gehört, du hast einen eigenen Klamottenladen“, brach abermals Jess das Schweigen. Für einen Moment kam es Lucas so vor, als würden alle aufatmen, weil endlich jemand das Reden übernommen hatte.

„Genau, in der City.“ Sadie musterte Jess und stützte das Kinn in die Hand. „Komm doch mal vorbei. Ich glaube, ich habe genau das Richtige für dich.“

„Überteuerte Stangenware, die sich eine kleine Aushilfskellnerin niemals leisten könnte“, flüsterte Callie laut genug, dass es alle hören konnten.

Rick lachte gehässig. Dabei war selbst Lucas bekannt, dass Sadie keine Stangenware verkaufte.

„Achte nicht auf sie“, meinte Sadie. „Ich nähe viele der Kleider selbst. Manchmal kaufe ich sie auch ein. Die meisten sind Unikate.“ Sie warf Callie einen bedeutungsvollen Blick zu.

Jess stützte das Kinn in die Hand.

Lucas blickte abwechselnd zu den beiden Frauen und zog nachdenklich die Stirn kraus. „Und wovon ist das abhängig, was du ausstellst?“

„Zum einen, wie viele meiner Puppen ich selbst einkleiden kann. Zum anderen ist natürlich die Jahreszeit wichtig. Ich kann im Sommer keine Strickkleider verkaufen.“

Erstaunt bemerkte Lucas das aufgeregte Funkeln in Sadies Augen, als sie über ihr Geschäft zu sprechen begann. Es schien also mehr als ein Zeitvertreib zu sein. Das ließ sie für ihn nur noch schöner aussehen. Ob er jemals Sadie Snow vergessen würde? Leicht machte sie es ihm jedenfalls nicht.

„Als würde überhaupt jemand in diesem Schundladen etwas kaufen“, bemerkte Callie spitz und schob ihr Essen auf dem Teller herum.

„Was ist dein Problem?“, fragte Jess und sah ihr Gegenüber genervt an. „Es zwingt dich niemand, da zu sitzen und dem Gespräch zuzuhören.“

Lucas stöhnte innerlich. Warum konnte sie sich nicht einfach raushalten? Das hatte er ihr nicht zum Spaß geraten.

„Amen“, meinte Sadie und hob prostend ihr Glas.

„Das ist schon dein drittes“, bemerkte Oliver nachdenklich.

Wer bist du – die Alkoholpolizei?, dachte Lucas.

„Keine Sorge“, mischte sich Callie erneut ein. „Bis Sadie voll ist, dauert es eine Weile. Schließlich liegt das in der Familie, nicht wahr?“

Als sich Sadie versteifte, wurde Lucas mulmig zumute. Was bedeutete das? Hatte sie ein Alkoholproblem? Wenn ja, wieso unternahm Oliver nichts dagegen? Oder ihre Familie? Er würde das auf jeden Fall beobachten und zur Not selbst einschreiten, wenn niemand anderes es tat. Im nächsten Moment schüttelte er über sich selbst den Kopf. Wo war sein Vorsatz geblieben, sie so selten wie möglich zu sehen? Das war nicht mehr normal, wie sein Geisteszustand rapide abnahm, wenn es um diese Frau ging.

„Weißt du, Callie“, sagte Sadie seufzend und lächelte ein bisschen boshaft, während sie auf den vollen Teller Callies deutete. „Wer im Glashaus sitzt und so weiter, und so weiter.“

„Es reicht jetzt“, ging Oliver dazwischen. „Kannst du dich bitte zurückhalten, Callie? Sonst muss ich dich auffordern zu gehen. Ich wollte einen schönen Abend verbringen und kein Gezicke hören.“

„Du ziehst sie mir vor? Nach allem …?“

„Sei ruhig!“, zischte Oliver wütend und beugte sich zu seiner Schwester. Er flüsterte ihr etwas ins Ohr, was sie erblassen ließ. Schließlich presste sie die Lippen zusammen.

Lucas wollte zu gerne wissen, was Oliver gesagt hatte, um seine Schwester zum Schweigen zu bringen. Hatte er etwas gegen sie in der Hand? Was konnte das sein? Sein Ermittlerinstinkt war alarmiert. Er konnte die beiden ja mal durchleuchten lassen. Just for fun. Der Analyst seines Field Office würde garantiert etwas Interessantes ans Licht bringen.

„Seid ihr zwei zusammen?“ Lucas richtete seine Augen nun auf Rick, der Jess praktisch mit Blicken auszog.

„Und wenn das der Fall wäre?“, säuselte Jess. Kam nur ihm das so vor, oder war es auf einmal heißer in der Küche geworden?

„Du solltest vorsichtig sein, Rick“, ermahnte Oliver ihn. „Immerhin bist du mit meiner Schwester da.“

Sadie unterbrach das Ganze, indem sie fragte: „Jessica, wie sieht’s aus, hast du Lust, mal für mich zu modeln? Bisher hat das immer Liv, meine beste Freundin, gemacht, aber ich würde mich wirklich über Abwechslung freuen. Dein dunkler Teint würde perfekt zu einigen meiner Kleider passen.“

„Gerne.“ Jess strahlte sichtlich erfreut. Die beiden unterhielten sich weiter über Klamotten, und er konnte ein bisschen abschalten.

Auch wenn Lucas nicht angenommen hatte, dass Sadie in irgendeiner Art neidisch auf Jess reagieren würde, war er erstaunt über ihre Freundlichkeit. Er hatte nicht erwartet, dass sich die beiden auf Anhieb gut verstehen würden. Sollte ihn das nicht beruhigen? Warum nervte es ihn dann, dass Sadie gar nicht eifersüchtig reagierte? War er ihr dermaßen egal?

„Lucas, du bist so ruhig heute Abend“, unterbrach Callie seine Gedanken.

„Als würde ich sonst mehr erzählen“, erwiderte er mit einem Zwinkern und versuchte, die angespannte Atmosphäre ein wenig aufzulockern. Früher war er mit ihr immer gut klargekommen. Sie war eben die kleine Schwester seines besten Freundes gewesen. Er wusste, dass sie als junges Mädchen mal für ihn geschwärmt hatte, aber das hatte er mit einem Lächeln abgetan. Sie hatte nie sein Interesse geweckt, Sadie hingegen war ihm nicht erst aufgefallen, als sie sich ihm tränenüberströmt an die Brust geworfen hatte.

„Stimmt“, lachte Callie, „geredet haben wir nie viel, wenn wir zusammen waren. Wie lange ist das jetzt her? Ein bisschen mehr als zehn Jahre, oder?“

Was für ein Miststück, dachte Lucas und sah zu Sadie, die vollkommen starr auf ihrem Stuhl saß. Natürlich nahm sie jetzt an, er hätte sie betrogen. Was er nicht getan hatte! Sadie hatte ihn verlassen, und als er nach sechs Monaten kurz nach Hause gekommen war, hatte er einen schwachen Moment gehabt und mit Callie geschlafen. Es ärgerte ihn, dass sie andeutete, es wäre passiert, während er mit Sadie liiert gewesen war. Wie weit wollte Callie ihre Feindseligkeit treiben?

Er konnte seinen Blick nicht von Sadie abwenden, die mittlerweile wieder ihr ausdrucksloses Gesicht zur Schau stellte. Warum glaubte sie diese Lügen? Sie musste es eigentlich besser wissen. Nie hatte es einen Menschen gegeben, der ihn besser gekannt hatte als Sadie. Lucas hatte ihr alles anvertraut, jedes noch so kleine Geheimnis hatte sie ihm entlockt. Er wunderte sich, dass es sie überhaupt interessierte.

„Klär das auf“, zischte Jess neben ihm.

„Du hast mit meiner Schwester geschlafen?“, wollte Oliver ungläubig wissen und ballte die Hände zu Fäusten. Er sollte sich jetzt mal nicht so anstellen, immerhin hatte er Sex mit Sadie gehabt.

„Einmal“, gab Lucas zähneknirschend zu. Nicht unbedingt eine Glanzleistung, aber er konnte die Vergangenheit nicht ändern.

„Fürs Erste“, korrigierte Callie aufreizend lächelnd.

„Es wird keine Wiederholung geben“, stellte Lucas klar.

„Das ist meine kleine Schwester!“

„Ich bin erwachsen, Oliver. Reg dich ab. Ich schreibe dir auch nicht vor, mit wem du zu schlafen hast.“

„Wo ist Sadie?“, kam es verdutzt von Jess.

Lucas sah zu Sadies Platz, der leer war. „Ach Scheiße“, sagte er und rieb sich die Augen.

„Jemand sollte ihr nachgehen“, sagte Jess scharf und stieß ihn an.

„Ich gehe, immerhin ist sie meine Freundin“, brummte Oliver und stand auf.

„Aber ich habe etwas richtigzustellen“, konterte Lucas. Er erhob sich und verließ die Küche, bevor Oliver ihm zuvorkommen konnte. Im Flur griff er sich seine Jacke und eilte nach draußen. Was für eine Katastrophe! „Sadie, warte!“, rief er und rannte ihr hinterher. Tatsächlich blieb sie stehen und drehte sich zu ihm um. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und sah ihn abwartend an. „Wir waren nicht mehr zusammen“, sagte er. Auf ihren ratlosen Blick hin erklärte er: „Das mit Callie. Es war, nachdem wir uns getrennt haben.“ Falls man das so nennen will, dachte er düster.

„Du scheinst anzunehmen, dass mich das interessiert.“ Abwartend musterte sie ihn von oben bis unten. „Warum?“

Lucas öffnete den Mund und schloss ihn gleich darauf wieder. „Du sahst verletzt aus“, antwortete er schließlich, „und bist einfach gegangen.“

Sie verdrehte die Augen und lachte kalt. „Ich hatte einfach keine Lust mehr auf dieses kindische Theater. Der Abend war beschämend genug, ich brauche jetzt nicht noch mehr davon.“

„Dann lass mich dich wenigstens nach Hause bringen“, forderte er.

„Ich wohne nur ein paar Minuten entfernt – und das ist Blackwood. Wer sollte mir etwas antun? Alle kennen mich. Die Menschen würden es sich zweimal überlegen, mir zu schaden.“

Lucas seufzte, und ehe ihm klar wurde, was er tat, streichelte er schon über ihre Wange. Ganz sanft mit den Fingerspitzen. Er brauchte diese Berührung. Nachdenklich und ernst blickte er in ihr Gesicht. „Warum diese gespielte Überheblichkeit, Schneeflöckchen? Das hast du nicht nötig.“

Sadie trat einen Schritt zurück und entzog sich seiner Berührung. „Woher willst du wissen, dass es nur gespielt ist? Vielleicht bin das einfach ich. Das ist meine Natur, Lucas.“

„Nein“, widersprach er heftig, „so bist du nicht. Ich kenne dich.“

„Du kanntest das Mädchen, Lucas, aber das ist längst erwachsen geworden. Hör mal, ich brauche keinen Babysitter. Ich schaffe es allein nach Hause. Bleib du bei deiner Freundin. Sie wird sich fragen, wo du so lange steckst.“

Er ignorierte den Einwand über Jess. „Hier treibt sich ein Mörder herum. Ich will nicht morgen in der Zeitung lesen, dass du sein nächstes Opfer geworden bist, nur weil du nachts allein unterwegs warst.“

Ihre Miene wurde hart. Was hatte er denn jetzt wieder falsch gemacht? Er machte sich doch nur Sorgen um sie.

„Stimmt“, sagte sie boshaft. „Wie konnte ich vergessen, dass ich ja aussehe wie eine Hure! Da ist es nur verständlich, dass du dir Sorgen machst. Ich kann dir versichern, dass ich die paar Schritte auch ohne Bodyguard schaffe.“

Damit drehte sie sich um und ließ ihn stehen. Er verschränkte die Hände auf dem Hinterkopf und fluchte innerlich. Irgendwie hatte er geahnt, dass sie ihm noch einmal einen Strick daraus drehen würde, was er ihr an den Kopf geworfen hatte. Es war nicht gänzlich unverdient, und er ärgerte sich, dass er nicht den Mund gehalten hatte. Jetzt galt es, die Wogen zu glätten. Aber wie stellte er das an, wenn sie beide aneinander vorbeiredeten und alles falsch verstanden? Lucas brauchte einen Plan und vor allem Hilfe.

Kapitel 6

 

Seit einer Woche schlich er um Sadies Haus. Immer wenn es dunkel war und er mit den Schatten verschmelzen konnte. Es war reiner Zufall gewesen, dass er bei einem seiner nächtlichen Besuche die Terrassentür offen vorgefunden hatte. Er hatte sich ins Haus gestohlen und einen Abdruck von ihrem Schlüssel machen können. Jetzt konnte er jederzeit in ihr kleines Domizil gelangen. In ihr Leben eindringen. Ihr noch näher sein.

Seine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. Er hatte einen Plan ausgeklügelt, wie er Sadie Snow endlich für sich gewinnen konnte. Stück für Stück würde er ihr Leben auseinandernehmen, bis sie sich in seine Arme flüchtete. Er würde für sie da sein, wenn es kein anderer tat. Es war riskant und würde einige Zeit in Anspruch nehmen, aber wenn es so weit war, hatte er sie endlich für sich. Darauf wartete er seit vielen Jahren. Er spürte, dass der richtige Zeitpunkt bald kommen würde.

Vorsichtig betrat er das Haus. Sofort umhüllte ihn ihr femininer Duft. Er knurrte leise vor Verlangen und stieg die Stufen zu ihrem Schlafzimmer hoch. Er wusste genau, wo das Zimmer war, und steuerte es zielsicher an. Seine Hände wurden feucht. Gleich würde er sie sehen. Er schob die Tür auf und starrte das leere Bett an.

Wo, zum Teufel, war Sadie um diese Uhrzeit?

Unbändige Wut verschleierte seinen Blick und ließ ihn irrational handeln. Dieses kleine Miststück trieb sich wahrscheinlich schon wieder in fremden Betten herum. Sein Herz schlug schneller. Fluchtartig verließ er das Haus und vergaß dabei, die Haustür wieder abzuschließen.

Das würde sie ihm büßen. Zeit für einen kleinen Ausflug.

 

***

 

Sadie tanzte ausgelassen auf der Tanzfläche des Black’s. Seit einer Woche hatte sie weder Lucas noch Oliver gesehen. Und wenn, dann nur von Weitem, sodass sie rechtzeitig hatte Reißaus nehmen können. Es ging ihr ausgezeichnet, und sie war gut gelaunt wie lange nicht mehr. Es war manchmal ein wenig anstrengend, die Augen offen zu halten und früh genug zu fliehen, aber das nahm sie gerne in Kauf, wenn sie dafür ein emotional ruhigeres Leben führte. Sadie konnte endlich wieder sie selbst sein, ohne Rücksicht auf Verluste.

Starke Hände umfingen ihre Taille. Sie wurde an einen harten Körper gezogen, der sich zusammen mit ihr im gleichen Takt bewegte. Sie legte den Arm um den Hals des Mannes und kreiste mit den Hüften. Seine Hand wanderte langsam tiefer, schob sich vorwitzig unter den Saum ihres Kleids. Rutschte dann ein Stückchen höher.

Gänsehaut breitete sich auf ihrem Körper aus, lachend drehte sie sich um. „Willst du mich nicht erst mal auf einen Drink einladen, bevor du anfängst, mich mitten auf der Tanzfläche zu befummeln?“

Der Typ war nicht sonderlich groß, knapp sechs Fuß – wenn überhaupt – und dunkelhaarig, nicht schwarz wie Lucas, mit braunen Augen anstelle der stechend blauen. Seine Stimme war tief. „Klar, Süße. Was immer du willst.“

Süße. Innerlich stöhnte Sadie auf. Sie hasste diesen Spitznamen aus tiefstem Herzen. Das war absolut nichtssagend und ein gängiges Modewort.

Nicht jeder kann dich Schneeflöckchen nennen, denk mal drüber nach.

Er nahm ihre Hand und führte sie zur Bar. „Ein Bier und …“ Er sah sie auffordernd an.

„Tequila Sunrise.“ Sie setzte sich auf den einzig freien Barhocker an der Theke. Der jung aussehende Barmann war wieder da und nahm die Bestellung entgegen. Sie lächelte ihn an.

„Du hast die Lady gehört“, sagte der Tänzer arrogant an den Barmann gewandt und widmete sich dann Sadie. „Ich bin Zachary, aber meine Freunde nennen mich Zach.“

„Ich bin Sadie.“

„Ein schöner Name für eine schöne Frau“, brummte er und legte seine feuchte Hand auf ihren Oberschenkel. Es kostete sie all ihre Selbstbeherrschung, nicht das Gesicht zu verziehen. Liebe Güte, war der Kerl plump.

Zach war nicht halb so muskulös wie Lucas und für ihren Geschmack zu klein. Wobei es schwierig war, Lucas’ Größe zu übertreffen. Früher hatte sie es immer geliebt, sich an ihn zu lehnen. Sie hatte sich behütet gefühlt, als könnte er es mit der ganzen Welt aufnehmen, nur um sie zu beschützen.

Als hätte allein der Gedanke an ihn Lucas Valentine auf den Plan gerufen, erschien er am anderen Ende der Bar. Sein Blick war unverwandt auf sie gerichtet, und selbst aus dieser Entfernung war das Mahlen seines Kiefers unverkennbar. Jessica stand neben ihm, die dem Anschein nach beschwichtigend auf ihn einredete. Die beiden waren unzertrennlich. Es war ekelhaft. Konnten sie nicht woanders turteln und verliebt sein? Und wenn es ihn so sehr störte, dass sie hier war, konnte er ja wieder gehen. Diesmal würde sie nicht flüchten, sondern ihren Abend genießen. Demonstrativ drehte sie sich von ihm weg.

Selbst der zweite und dritte Drink halfen nicht, dem unangenehmen Gefühl zu entfliehen, dass Lucas sie beobachtete. Was sollte das? Er sollte sich lieber um seine Freundin kümmern, reichte doch, wenn er Sadie den Abend versaute. Jessica war bestimmt nicht begeistert, wenn seine Aufmerksamkeit ständig auf einer anderen Frau lag.

„Weißt du was?“, meinte Sadie und hüpfte vom Barhocker. „Ich habe Lust zu tanzen.“

„Was immer du willst, Babe.“

Jetzt verzog sie tatsächlich das Gesicht. Seine Spitznamen waren abscheulich. Ihr Kleid war vorne züchtig, hinten aber konnte jedermann ihren nackten Rücken bewundern – und feststellen, dass sie keinen BH trug. Manchmal musste frau einfach provozieren.

Auf der Tanzfläche legte sie die Arme um Zachs Hals. Sofort schob er ein Bein zwischen ihre Schenkel, legte eine Hand an ihre Hüfte, die andere auf ihren Po. Sadie schloss die Augen, versuchte, das plötzlich aufgetretene unerträgliche Gefühl des Unbehagens zu verdrängen und sich auf ihren Tanzpartner zu konzentrieren. Was für eine Weile gut funktionierte, bis sie das nächste Mal die Augen öffnete und am liebsten laut geflucht hätte. Neben Lucas stand nun auch Oliver, der ebenfalls mit zusammengekniffenen Augen zu Sadie sah. Hatte Lucas ihn angerufen? Steckte eine Absicht hinter ihrem Erscheinen? Zufall?

Wie sollte sie denn da einen lustigen Abend verbringen? Was bezweckten die beiden damit? Waren ihre Egos verletzt, weil Sadie die Männer eine Woche lang ignoriert hatte?

„Babe, willst du verschwinden?“ Zach zog sie dicht an sich heran. Seine Hände lagen einnehmend auf ihrem Hintern. Viel zu fordernd, als dass es angenehm gewesen wäre.

Sie wand sich ein bisschen in seinen Armen. „Lass mal, der Abend ist jung. Ich möchte nicht gehen.“ Sadie versuchte sich an einem Lächeln. In einem günstigen Moment würde sie die Flucht ergreifen. Zach war nicht wirklich das, was sie brauchte. Seine besitzergreifende Art störte sie. Dazu hatte er kein Recht.

„Du Schlampe“, fauchte er wütend. „Ich hab dir Drinks ausgegeben! Dafür könntest du dich ruhig erkenntlich zeigen.“ Seine Augenbrauen zogen sich zusammen, und er kam mit seinem Gesicht dem ihren unangenehm nah.

Sadie musterte ihn kühl, warf das Haar über ihre Schulter und drehte sich um. Das hatte sie nun wirklich nicht nötig. Bevor jetzt noch ein Wort das andere ergab, würde sie einfach gehen.

Grob packte Zach ihre Hand und zog sie zurück. Sie prallte gegen seinen Körper. Hätte er sie nicht im letzten Moment festgehalten, wäre sie gestürzt. „Was glaubst du denn, wer du bist, Schlampe? Du wirst mir jetzt geben, was ich will. Ich werfe dir nicht umsonst mein Geld in den Rachen.“ Er zog sie quer über die Tanzfläche und stieß dabei immer wieder andere Gäste an.

„Ich habe Nein gesagt, du ungehobelter Gorilla!“ Sie wehrte sich gegen seinen festen Griff und stemmte die Absätze ihrer Schuhe in den Parkettboden. Deacon würde ihr die Kratzer schon verzeihen. Apropos, wo war der eigentlich, wenn sie ihn mal brauchte? Sonst hatte er doch auch immer alles im Blick und war sofort zur Stelle.

„Sadie, ist alles in Ordnung?“ Lucas war plötzlich neben ihr und hatte die Arme vor der muskulösen Brust verschränkt. Er musterte Zach abschätzend.

„Wer bist du denn?“, knurrte der und ließ Sadie los, um sich vor Lucas aufzubauen.

Der hob amüsiert eine Augenbraue und starrte auf den kleineren Mann vor sich hinunter. Im direkten Vergleich schnitt Zach noch schlechter ab. Er war kleiner, weniger muskulös und nicht mal halb so sexy wie Lucas. Was war Jessica für ein Glückspilz. Sadies Mund wurde schmal. Diese Gedanken gehörten nicht hierher. Sie verabscheute Lucas.

Na und?, sagte das kleine Teufelchen auf ihrer Schulter und leckte sich verheißungsvoll die Lippen, deshalb ist er nicht weniger attraktiv.

„Gehen wir, Schneeflöckchen.“ Lucas dirigierte Sadie beschützend vor sich her, die Hände auf ihren Schultern. Im nächsten Moment stolperte er und stürzte fast auf sie.

Zach stand mit erhobenen Fäusten da, und ehe sich Sadie versah, verpasste er Lucas einen Fausthieb mitten ins Gesicht. Den nächsten Schlag wehrte Lucas ab, holte aus und traf Zach in den Magen. Dieser krümmte sich, was Lucas sofort ausnutzte. Er riss das Knie hoch und rammte es in Zachs Bauch.

Eine kleine Meute Schaulustiger hatte sich um sie versammelt. Zach blieb stöhnend am Boden liegen und hielt sich die schmerzende Stelle. Lucas richtete sich zu voller Größe auf und musterte Sadie von Kopf bis Fuß, um sich zu vergewissern, dass sie nichts abbekommen hatte.

Ihr Herz machte einen Satz, zögerlich ging sie einen Schritt auf Lucas zu. Sie wollte sich bedanken, doch stattdessen griff sie entschlossen nach seiner Hand und führte ihn in die Damentoilette des VIP-Bereichs, da dort immer weniger los war als im öffentlichen Teil des Klubs. „Komm mit. Du blutest.“

Der dunkle Marmorfußboden glänzte, als hätte ihn gerade erst jemand auf Hochglanz poliert. Die sechs weißen, nebeneinander liegenden runden Waschbecken an der rechten Wand waren auf einer dunklen Holzplatte aufgesetzt. Zwei weiße Orchideen standen links und rechts darauf. Zwischen den Becken lagen kleine weiße Handtücher. Ein Torbogen führte zu den Toilettenkabinen. Daneben befand sich ein Schränkchen, das aufgezogen werden konnte, um die benutzten Handtücher hineinzuwerfen.

„Raus“, forderte Sadie herrisch und funkelte die Mädchen, die vor dem Toilettenbereich anstanden, überheblich an. Kommentarlos gehorchten sie. Sadie dirigierte Lucas zu dem kleinen hüfthohen Schrank. „Setz dich.“

Sie nahm sich ein Handtuch, hielt es unter den kalten Wasserstrahl und drückte es anschließend gegen Lucas’ Mund. Er verzog keine Miene, musterte sie mit unergründlichem Blick.

„Das hättest du nicht machen müssen, trotzdem danke“, flüsterte Sadie und tupfte das Blut von seinen Lippen. Was, wenn er viel mehr abbekommen hätte? Wenn er ernsthaft verletzt worden wäre? Diese Schuld hätte sie nicht auf sich nehmen wollen.

„Bin ich gewohnt, ist schließlich nicht das erste Mal.“

Sie stand zwischen seinen Beinen und war fast auf Augenhöhe mit ihm. Die blauen Wirbel seiner Augen zogen sie in den Bann, was sie von der Frage ablenkte, warum es nicht das erste Mal für ihn war. Ihre linke Hand legte sich auf seine Schulter, spielte mit den Haaren in seinem Nacken. Die rechte drückte noch immer das Tuch gegen seine Lippen. Langsam ließ er seine Finger über die Rückseite ihrer Schenkel gleiten. Ihre Atmung beschleunigte sich. Mit der Zunge befeuchtete sie ihre Lippen, was Lucas’ Augen auf ihren Mund lenkte. Sadies Herz schlug schnell gegen ihre Brust. Sein Griff verstärkte sich, zog sie dichter zu sich heran, sodass kein Blatt Papier mehr zwischen sie passte. Ihre Gesichter näherten sich einander. Nur eine Handbreit trennte sie von einem Kuss. Sie konnte bereits seinen heißen Atem auf ihren Lippen spüren. Eine angenehme Gänsehaut breitete sich auf ihrem Körper aus. Sie lehnte sich etwas vor.

„Ist bei euch alles okay? Soll ich dich nach Hause bringen, Sadie?“ Olivers Stimme durchschnitt die erotisch aufgeladene Atmosphäre – und zerstörte sie.

Kurz dachte sie, Bedauern in Lucas’ Blick zu sehen, aber das war so schnell wieder verschwunden und sein Gesicht gänzlich ausdruckslos, dass sie sich das wohl nur eingebildet hatte. Es hätte nicht viel gefehlt und sie hätte ihn vernascht. Gleich hier, wo jeder sie sehen konnte. Gott, das wäre ihr völlig egal gewesen, wenn sie ihn endlich wieder zwischen ihren Schenkeln hätte spüren dürfen. Wenn er das unstillbare Verlangen in ihr gelindert hätte.

Sie drehte sich mit einem gezwungenen Lächeln um. „Schon gut, ich werde einfach Liv fragen, ob sie mitkommt. Die müsste noch irgendwo herumschwirren.“

„Die ist vor ungefähr zehn Minuten mit Mike nach Hause.“

„Wurdest du schlimm verletzt?“ Jessica stand in der Tür und musterte ihren Freund besorgt.

Die Antwort hörte Sadie nicht, denn sie brachte einen Sicherheitsabstand zwischen sich und Lucas. Sie warf das Handtuch in eines der Waschbecken, da er nach wie vor auf dem Schrank saß. Was war los? Sie hatte sich geschworen, die Finger von Lucas zu lassen. Außerdem ließ sie sich nicht auf gebundene Männer ein, das bedeutete nichts als Ärger, und sie wollte keine Beziehung zerstören. Schon gar nicht, wenn sie eine nette Freundin hatten wie Jessica. Sie musste dringend weg von Lucas, er warf ihren Gefühlshaushalt völlig durcheinander und ließ sie dumme Entscheidungen treffen. Sie fühlte sich beraubt, weil er sie nicht geküsst hatte, und das war von Grund auf falsch. Wären sie eine Minute länger allein gewesen, hätte sie sich nicht zurückgehalten.

Mit den Fingerspitzen berührte Sadie ihre Lippen. Gab sich kurz der Illusion hin, sie hätten sich doch geküsst. Resolut schüttelte sie den Kopf und sagte zu Oliver: „Ich hole nur meinen Mantel, dann können wir los.“ Sie drehte sich zu Lucas, starrte aber an seinem Kopf vorbei an die Wand. „Danke noch mal.“ Damit ließ sie die drei in der Damentoilette zurück und holte ihren Mantel von der Garderobe.

Die frische Luft vor der Tür half ihr dabei, wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Eine Woche war sie Lucas und Oliver erfolgreich aus dem Weg gegangen, und jetzt das. Erst rettete Lucas sie vor diesem Widerling, und nun brachte Oliver sie nach Hause. Eine günstigere Gelegenheit, um mit ihm reinen Tisch zu machen, würde sich ihr nicht bieten, und so konnte es schließlich nicht weitergehen. Vielleicht war das auf irgendeine verquere Art ein Zeichen.

„Es ist wirklich nett, dass du mich nach Hause bringst.“ Ein lockerer Gesprächsanfang, etwas Smalltalk. Besser als gleich mit der Tür ins Haus zu fallen.

„Kein Problem. Ich kann nicht verantworten, dass dir dieser Typ auflauert.“ Oliver lächelte, doch es erreichte seine Augen nicht.

Sadie blieb stehen und sah zu ihm auf. „Es tut mir leid, wie das mit uns gelaufen ist.“

Er sah sie erwartungsvoll an, was dieses Gespräch nicht einfacher machte.

„Ich bin nicht geschaffen für ernste Beziehungen. Ich habe gerne meinen Spaß, ohne die lästigen Verpflichtungen.“

„Wir könnten die Verpflichtungen weglassen“, erwiderte er, während sie langsam weitergingen.

Es brach ihr das Herz. Sie zog den Mantel fester um sich. „Und was dann, Oliver? Willst du jedes Mal mit ansehen müssen, wie ich mit einem anderen Mann tanze? Oder gemeinsam mit ihm verschwinde?“ Sie lächelte traurig und schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht, dass du das willst, und ich, ehrlich gesagt, auch nicht. Wir verstehen uns gut, sind auf einer Wellenlänge, aber wie Freunde, nicht wie Geliebte.“

„Liegt es an Lucas? Weil du noch Gefühle für ihn hast?“

Für einen Augenblick geriet sie ins Stocken. Es lag an Lucas, natürlich, allerdings nicht so, wie Oliver vermutete. „Er hat damit nichts zu tun.“

Er nickte entschlossen. „Dann werde ich nicht aufgeben.“

Sie waren vor Sadies Haus angekommen.

„Ich kann dich nicht davon abhalten, aber ich hoffe, du wirst nicht allzu enttäuscht sein, wenn deine Versuche nichts bringen werden.“ Sadie zog ihren Schlüssel aus der Manteltasche und steckte ihn ins Schloss, um die Tür zu öffnen. Nach einer halben Drehung war sie offen. Sie ließ den Schlüssel los und trat einen Schritt zurück.

„Was ist los?“ Oliver legte den Arm um sie und musterte sie besorgt. Seine Augen schimmerten dunkel im trüben Licht der Straßenlaterne.

„Ich dachte nur, ich hätte abgeschlossen.“ Sie rieb sich die Stirn. Hatte sie es tatsächlich vergessen? Sie war doch sonst so sorgfältig. Dafür hatte ihr Vater schließlich gesorgt. Immer wieder hatte er ihr eingetrichtert, stets die Tür zu verschließen, um das Gesindel draußen zu halten.

„Du wartest hier, während ich mich mal umsehe, in Ordnung?“

Sie lachte nervös und winkte ab. „Nein, nein, mach dir keine Umstände, bitte. Ich werde es einfach vergessen haben. Soll ja vorkommen.“

„Na schön, wie du meinst“, gab er keineswegs überzeugt zurück, ging aber nicht weiter darauf ein. „Gute Nacht, Sadie.“

„Gute Nacht, Oliver, und nochmals danke fürs Nachhausebringen.“ Sie gab ihm einen Kuss auf die Wange und schloss die Haustür hinter sich.

Auf den ersten Blick schien alles normal zu sein. Vorsichtig tastete sie sich Schritt für Schritt durchs Erdgeschoss. Nichts lag an anderer Stelle oder war verschwunden. Sie ging auf wackeligen Beinen und mit klopfendem Herzen nach oben. Alles war so, wie sie es verlassen hatte, obwohl sie hätte schwören können, dass sie die Tür zu ihrem Schlafzimmer nur einen kleinen Spalt offen gelassen hatte. Jedoch hatte sie auch angenommen, die Haustür abgeschlossen zu haben. Ein Einbrecher hätte ihre Sachen durchwühlt, also konnte sie getrost davon ausgehen, dass niemand eingebrochen war. Sie beruhigte sich.

Vielleicht war heute alles ein bisschen zu viel gewesen.

 

***

 

Das Knarzen einer Tür weckte Sadie aus dem Schlaf.

Was ist das?

Benommen von der Aufregung des Abends und dem vielen Alkohol blinzelte sie zu ihrem Wecker. Vier Uhr achtzehn.

Da! Schon wieder!

Jemand kam die Treppe hoch. Sadie rutschte tiefer in die Kissen und zog die Decke höher. Ihr blödes Smartphone lag unten auf dem Küchentresen. Also hatte sie nicht einmal die Möglichkeit, die Cops zu rufen. Sie sah vor der offenen Tür eine dunkle Silhouette. Den breiten Schultern und der Größe nach zu urteilen, anscheinend ein Mann.

Scheiße! Okay, ganz ruhig. Schließ die Augen und konzentrier dich. Vermeide es, die Augen zu bewegen, sonst sieht er, dass du wach bist.

Vollkommen starr lag sie im Bett. In der nächtlichen Stille schien alles andere schreiend laut zu sein. Die Schritte. Ihr Atem. Die Geräusche der Straße.

Ihr Herz raste, und das Blut rauschte in den Ohren. Adrenalin schoss durch ihren Körper. Der Kloß in ihrem Hals wuchs. Die Übelkeit nahm zu, und sie hatte das Gefühl, sich jeden Moment übergeben zu müssen.

Sadie vernahm kein Geräusch mehr. War er noch da? Wieder gegangen? Sie traute sich nicht, ihre Augen auch nur einen winzigen Spalt zu öffnen.

Atme weiterhin ruhig. Eins – einatmen, zwei – ausatmen. Eins, zwei. Eins, zwei.

Ihr kam der Zeitungsartikel in den Sinn. War das der Ripper in ihrem Haus? Aber was wollte er von ihr? Sie war keine Prostituierte – auch wenn viele Leute etwas anderes behaupteten. Ihr Körper klebte vor Schweiß. Die Fingernägel bohrten sich schmerzhaft in ihre feuchten Handflächen, damit sie weiterhin ruhig blieb.

Wenn ich das überlebe, werde ich mich ändern.

Aber zuerst … Eins, zwei. Eins, zwei.

War es normal, dass die Leute kurz vor ihrem Ableben Versprechen gaben, um verschont zu werden? Sadie wusste es nicht, aber in diesem Moment hätte sie Gott oder wem auch immer alles Mögliche versprochen!

Und noch etwas fiel ihr ein: Hatte sie sich doch nicht getäuscht und die Haustür war abgeschlossen gewesen? Kam etwa regelmäßig jemand ins Haus? Dieser Gedanke war erschreckend, dass ihr der Atem stockte. Sie verschluckte sich an ihrer Spucke und musste husten.

Er wird mich töten, und ich werde ganz allein in meinem Bett sterben.

Jetzt hörte Sadie ganz deutlich jemanden laut einatmen – als holte er erschrocken einmal tief Luft, um sie im Anschluss anzuhalten.

Sie gab keinen weiteren Laut von sich und hielt weiterhin die Augen geschlossen. Die Anspannung war nicht zu ertragen. Was sollte sie jetzt machen? Sadie hatte Herzrasen vor lauter Angst. Mit Macht hielt sie die aufsteigenden Tränen zurück.

O Gott, er streichelt meine Haare!

Die Hand glitt in ihre Locken. Federleicht fuhr er eine Strähne nach, rieb sie anscheinend versonnen zwischen den Fingern und legte sie anschließend seufzend zurück auf das Kopfkissen.

Die Übelkeit gewann beinahe die Oberhand, sie zwang sich, nicht aufzuspringen und sich zu übergeben. Es war ein Kampf. Schweiß lief ihr über den Rücken, ihr Nachthemd war klamm.

Starr vor Angst blieb sie reglos liegen.

Er hörte auf, sie zu streicheln. Die Geräusche wurden leiser, bis der letzte Atemzug verstummte und sie nichts mehr hörte.

Wurde gerade die Haustür geschlossen?

Sadie öffnete ihr rechtes Auge leicht. Erst war alles dunkel, dann gewöhnte sie sich an die Finsternis, und sie erkannte Umrisse. Aber die Silhouette des Mannes war nicht mehr da. Mutig öffnete sie das andere Auge. Ihr Zimmer war verlassen. Sofort richtete sie sich auf, sprang aus dem Bett und rannte ins angrenzende Bad, um sich zu übergeben. Sie hätte es keine Minute länger ausgehalten.

Tränen liefen ihr übers Gesicht, und sie schluchzte laut auf. Was wollte der Typ von ihr? Hatte er sich die ganze Zeit über in ihrem Haus versteckt gehalten? War es ein Einbrecher gewesen? Oder gar der Ripper, von dem die Medien seit geraumer Zeit berichteten?

Zurück im Schlafzimmer öffnete sie die Schublade ihres Nachttischs und holte die Taschenlampe heraus. Sie schaltete sie nicht an, behielt sie aber als Waffe in der Hand. Langsam schlich sie auf wackeligen Beinen die Treppe nach unten. Sie zitterte am ganzen Körper. Es war nichts Auffälliges zu sehen. Sie ging zur Haustür und schaute durch den Spion. Draußen war alles ruhig. Die Tür zur Terrasse war verschlossen. Der Schlüssel steckte von innen.

Wie war er in ihr Haus gekommen? Wieder drängte sich ihr die Frage auf, was er von ihr wollte. Er kam nicht einfach in ihr Haus, um sie zu beobachten und ihr Haar zu streicheln. Wie schräg war das denn?

Sie brach in irres Gelächter aus. Drehte sie jetzt durch?

Allmählich beruhigten sich zwar ihre Nerven wieder, an Schlaf war allerdings nicht mehr zu denken. Sie nahm sich die flauschige Decke vom Sofa und kuschelte sich darin ein.

Sie sollte die Cops verständigen. Aber was sollte sie ihnen erzählen? Es gab weder Spuren eines Einbruchs, noch hatte sie andere Beweise dafür, dass jemand in ihrem Haus gewesen war. Würde ihr die Polizei überhaupt glauben, bei solch schwammigen Auskünften? Außerdem hatte Sadie Alkohol getrunken, was sie nicht unbedingt glaubhafter erscheinen ließ.

Am liebsten hätte sie sich eine Flasche Wein aufgemacht, aber sie musste in den Laden und das Kleid für Liv fertig schneidern. Die Hochzeit von Mikes Cousine war schon nächstes Wochenende. Sadie konnte Liv anrufen. Allerdings wollte sie ihre Freundin nicht beunruhigen. Sadie wusste ja selbst nicht genau, was überhaupt los war.

Fürs Erste würde sie nichts unternehmen. Es war schließlich nichts passiert, und vielleicht hatte ihre Haushälterin den Schlüssel verloren. Sie würde Margot gleich nachher anrufen und fragen. Sadie hoffte inständig, dass diese gruselige Aktion so leicht zu erklären war. Jemand hatte den Schlüssel gefunden und war in ihr Haus eingedrungen.

Und falls nicht … Wer hätte etwas davon, ihr einen gewaltigen Schrecken einzujagen? Ihr fiel nur eine Person ein, der sie etwas Derartiges zutrauen würde: Callie. Würde sie tatsächlich so weit gehen und jemanden beauftragen, Sadie in Angst zu versetzen? Ausschließen konnte sie es leider nicht. Mittlerweile traute sie Callie alles Mögliche zu.

Wie sollte sie herausbekommen, ob Callie es tatsächlich gewesen war? Sadie konnte sie schlecht fragen. Und bei Oliver nachhaken, würde ebenfalls nichts bringen.

Oliver. Das war noch so ein Problem. Sie hoffte, dass er sich in nichts verrannte und auf jemand anderes konzentrierte. Was sollte sie denn noch machen und sagen, damit er merkte, dass von ihrer Seite keine tiefgehenden Gefühle für ihn vorhanden waren? Wenn er nicht aufgeben wollte, konnte sie nur hoffen, dass er auf Enttäuschungen stand. Denn niemals würde sie sich erneut auf ihn einlassen oder sich in ihn verlieben. Im Nachhinein betrachtet, war bereits das erste Mal ein Fehler gewesen. Es sorgte dafür, dass er und Callie sich stritten, und das wollte Sadie nicht. Sie wollte nicht dafür verantwortlich sein, wenn sich die beiden voneinander entfernten. Als sie noch mit Callie befreundet gewesen war, hatte sie ihre Freundin immer um das Verhältnis zu ihrem Bruder beneidet. Die zwei waren unzertrennlich gewesen, hatten ihre Geheimnisse miteinander geteilt, sich gegenseitig beschützt. Von so einer Geschwisterbeziehung konnte Sadie träumen.

Ihre ältere Schwester Ellen hatte immer nur tadelnde Worte für sie übrig. Wenn sie sich beim gemeinsamen Familienessen nicht an die Gurgel gingen, war das schon wie ein Friedensabkommen. Das waren auch die einzigen Anlässe, bei denen sich die Schwestern sahen. Ellen hatte mittlerweile eine eigene Familie. Trevor, ihr Ehemann, war irgendein Technikgenie und leitete eine Firma, und die kleine Mary war gerade mal anderthalb und nannte Sadie Sasa. Ellen arbeitete natürlich nicht. Sie betonte immer wieder, sie sei Hausfrau und Mutter, das sei erfüllend genug. Das konnte sich Sadie zwar nicht vorstellen, aber es war nicht ihr Leben. Wenn ihrer Schwester das reichte – bitte schön, jedem das Seine.

Allmählich ging die Sonne auf über Blackwood. Zeit, sich für die Arbeit fertig zu machen. Etwas Abwechslung würde Sadie guttun, und sie käme auf andere Gedanken. Hoffentlich.

Nur mühsam konnte sie sich auf den wenigen Verkehr auf den Straßen konzentrieren. Ihre Gedanken schweiften immer wieder ab, und sie war froh, als sie endlich ihren feuerroten Lexus LX parken konnte.

Ihr Geschäft war abgeschlossen. Vorder- und Hintertür. Das war schon einmal viel wert. Trotzdem sah sie sich ganz genau um. Zum Glück wusste sie bis ins kleinste Detail, wie ihre Materialien lagen und die Puppen standen. Alles war genauso, wie sie es hinterlassen hatte. Erst jetzt erlaubte sie es sich durchzuatmen. Sadie setzte sich an ihre Nähmaschine und arbeitete verbissen. Dabei kreisten ihre Gedanken um eine einzige Frage: Was sollte sie wegen des nächtlichen Besuchers unternehmen?

Kapitel 7

 

Was für ein beschissener Abend! Erst musste Lucas mit ansehen, wie Sadie in den Armen dieses Idioten einen Paarungstanz in aller Öffentlichkeit vollführte, und im Anschluss, wie sie mit Oliver verschwand. Dabei war es Lucas gewesen, der ihren hübschen Hintern gerettet und sie vor diesem Typen beschützt hatte. Da hätte sie ihm wenigstens den Hauch einer Chance geben können, sie nach Hause zu begleiten. Oder ihm den Kuss geben, den sie angedeutet hatte. Aber nein, dieses Privileg genoss nun Oliver – völlig ungerechtfertigt.

Die Situation auf der VIP-Toilette … Noch immer kribbelten seine Finger, wenn er an die sanfte Berührung ihrer Oberschenkel dachte. An ihren süßen Duft, als sie so dicht vor ihm gestanden hatte. Wären sie beide nur einen winzigen Augenblick länger allein geblieben, hätte er sie geküsst. Hätte gar nicht anders gekonnt, als voller Verlangen seine Lippen auf ihren sinnlichen Mund zu pressen. Doch Oliver musste ihm einen Strich durch die Rechnung machen und sich zwischen sie drängen. Lucas wurde nicht schlau aus Sadie und Oliver. Die beiden waren kein Paar, soviel wusste er. Nur, was genau lief zwischen ihnen? Freunde mit gewissen Vorzügen? Lucas hatte ihr das schlechte Gewissen angesehen. Konnte sie Gefühle für Oliver haben, die unerwidert blieben? Lucas schüttelte den Kopf. Das konnte er sich nicht vorstellen, dafür war Oliver zu vernarrt in sie. Für ein bisschen Spaß hätte er nicht die langjährige Freundschaft zu Lucas riskiert.

„Zieh nicht so ein Gesicht, du machst den Leuten Angst.“ Jess hob eine Augenbraue und gluckste. Wie immer amüsierte sie sich prächtig – auf seine Kosten.

„Und du, guck nicht so herablassend, sonst denken die Leute, sie hätten es mit Sadie zu tun“, maulte er. Es war erschreckend für ihn, wie ähnlich sich die beiden waren. Obwohl sie unterschiedlich auftraten, die eine selbstsicher, die andere zurückhaltend, hatten sie in vielerlei Hinsicht die gleiche Einstellung, einen ähnlichen Humor und verstanden sich auf Anhieb ausgesprochen gut. Das machte ihm Angst, da er unweigerlich das Opfer der beiden Frauen werden würde, sollte sich eine Freundschaft entwickeln. Verdammt, und dazu die Ähnlichkeit ihrer Augen. Anscheinend bevorzugte er tatsächlich eine bestimmte Sorte Frau.

„Wenn du dermaßen viel für sie übrig hast, warum sagst du ihr das nicht? Ich glaube, ihr ist nicht bewusst, dass du sie nach wie vor magst. Vielleicht würde sie dich anders behandeln.“ Sie stützte das Kinn in die Handfläche und sah ihn abwartend an.

„Wie deutlich soll ich denn noch werden? Ich habe mich für sie geprügelt!“ Lucas ballte die Hände zu Fäusten. Damit hatte er seinen Job riskiert, und wofür? Er hatte sich zur Witzfigur gemacht und nicht einmal einen „Dankeskuss“ bekommen! Dabei hatte er sich den ja nun wirklich verdient. Schließlich pochte seine Lippe nach wie vor.

„Das hat nichts zu bedeuten. Hättest du nicht nur Augen für sie gehabt, wäre dir aufgefallen, dass einige umstehende Männer bereit waren, ihr zur Hilfe zu eilen. Du warst einfach schneller.“ Jess klopfte mit den Fingern auf die Theke. „Wenn ich dir mal einen Tipp geben darf: Sei offen und sprich mit ihr.“

Lucas stieß geräuschvoll Luft durch die Nase und ignorierte ihre gut gemeinten Ratschläge. Er war ein Mann und kein verdammter Softie, der über Gefühle und dergleichen sprechen wollte. Schon gar nicht mit Sadie. Bestimmt würde sie ihn auslachen oder bei lebendigem Leib fressen. Es musste einen Grund gegeben haben, warum sie ihn damals verlassen hatte. Was sollte sich auf einmal geändert haben? Er war zu stolz, um nach Antworten zu verlangen oder wie ein Welpe hinter ihr herzulaufen. „Ich werde jetzt nach Hause fahren. Soll ich dich mitnehmen?“

Jess sah sich um und nickte betrübt. „Ja. Hier ist heute nichts mehr für mich zu holen. Ist dir aufgefallen, dass es keine anständigen Männer in Blackwood gibt? Wird Zeit, dass die Uni wieder anfängt. Habe ich dir schon mal von diesem einen heißen Gastdozenten erzählt? Der macht mich schwach.“

Während Jessica ihm jedes Detail berichtete, dachte er an Sadie – die eine Person, die ihn schwach machte, so sehr er sich dagegen wehrte. Ein paar Tage in ihrer Nähe und sofort fühlte er sich wie ein hormongesteuerter Teenager. Keine seiner Glanzleistungen.

Lucas setzte Jessica vor dem Haus ihrer Mutter ab und wartete, bis sie hineingegangen war. Langsam rollte sein Wagen, ein silberfarbener Dodge Durango der neuesten Generation, durch die verlassenen Straßen Blackwoods. Es war bereits vier Uhr morgens, niemand war mehr draußen unterwegs. Er würde es nicht laut aussprechen, aber er hatte Angst, nach Hause zu kommen. Festzustellen, dass Oliver noch immer bei Sadie war, stand nicht gerade weit oben auf seiner Wunschliste. Viel schlimmer war jedoch der Gedanke daran, was die beiden wohl in diesem Moment anstellten. Wie sich ihre Körper aneinanderschmiegten. Verschwitzte Leiber. Lustvolles Stöhnen. Er schüttelte sich und vertrieb die aufkommenden Bilder aus seinem Kopf.

Der unanständige Teil in ihm wollte durchaus den Körper von Sadie unbedeckt sehen. Die Kurven ihrer Hüfte. Die vollen Brüste. Die strammen Schenkel.

Plötzlich huschte ein Schatten am Rand seines Blickfelds durch ein Gebüsch. Lucas trat auf die Bremse, schaltete Motor und Licht aus. Ein Mann stockte zunächst, blickte erst angestrengt in seine Richtung, ehe er sich verstohlen zu den anderen Seiten umsah und schließlich über die Straße rannte. Dort versteckte er sich wieder zwischen den Büschen, bevor er durch die Vorgärten weiterschlich.

Das war äußerst verdächtig. Lucas hatte schon seine Dienstmarke in der Hand, als er innehielt. Das Licht der Laternen war schwach, aber war das nicht dieser Wichser Rick? Nur ein paar Häuser weiter wohnte Sadie. Was hatte er hier verloren? Zur Sicherheit würde er Ricks Personalien durch die FBI-Datenbanken jagen. Irgendetwas fand er gewiss. Und falls nicht, würde er seinen Analysten Fish auf ihn ansetzen. Der entdeckte unter Garantie etwas.

Fast zeitgleich mit Lucas und Oliver hatte damals auch Rick Blackwood verlassen. Seinerzeit hieß es, er würde ein Auslandssemester absolvieren. Sehr merkwürdig, denn Lucas konnte sich nicht daran erinnern, dass Rick überhaupt studiert hatte.

Nachdenklich legte Lucas die Marke zurück ins Handschuhfach. Wenn er Rick die jetzt zeigte und nachhakte, was er mitten in der Nacht da draußen machte, würden morgen alle wissen, dass Lucas fürs FBI arbeitete, und sein Job als verdeckter Ermittler wäre dahin. Außerdem hatte er kein Interesse daran, dass der Ripper – mittlerweile ging Lucas von einem Einheimischen aus – dadurch gewarnt werden könnte und sein Vorhaben einstellte oder sich auf eine andere Stadt konzentrierte. Denn wenn die Morde vor zehn Jahren und die heutigen miteinander verbunden waren, war der Täter durchaus in der Lage, das Morden für längere Zeit aufzugeben – falls er nicht im Gefängnis für eine andere Tat eingesessen hatte. Lucas musste mit Bedacht vorgehen.

Verdammt, er würde Rick, den Scheißkerl, gerne aus dem Verkehr ziehen. Schon in der Highschool hatte er diesen Typen gehasst. Ständig war er durch die Schule stolziert, als wäre er der König der Welt. Hatte die Schüler der jüngeren Jahrgänge schikaniert und jedem weiblichen Wesen nachgestellt, das nicht schnell genug hatte Reißaus nehmen können. Soweit sich Lucas erinnerte, hatte es damals einige Gespräche wegen Belästigung zwischen Rick, seinen Eltern und dem Direktor der Schule gegeben. Zu einer Anzeige war es hingegen nie gekommen. Ein Grund mehr, ihn sorgfältig zu überprüfen.

Lucas erinnerte sich, wie schockiert er gewesen war, als er von der Beziehung zwischen Rick und Sadie Snow gehört hatte. Was wollte so ein liebes Mädchen mit diesem Arschloch? Anfangs hatte er Sadie für hübsch, jedoch für unglaublich naiv gehalten. Ihre Schwester Ellen war bei Oliver, Rick und ihm in der Klasse gewesen und hatte selten ein gutes Wort für sie übrig gehabt. Was nicht viel heißen mochte, Ellen war ein Miststück. Damals wie heute. Als er aber das kleine zitternde Bündel in den Armen gehalten hatte, weil dieser elende Dreckskerl Sadie nur verarscht hatte, hatte das etwas tief in ihm bewegt. Er hatte sie vor dem Bösen beschützen und ihr beweisen wollen, dass nicht alle Männer schlecht waren. Es war kein Bestandteil des Plans gewesen sich zu verlieben. Oder diese eine Nacht auf ein Jahr auszudehnen. Dennoch war es passiert, und er bereute keinen einzigen Tag.

Lucas hatte noch genau Olivers Behauptung im Ohr, die Freundin seiner kleinen Schwester würde ständig rot werden, wenn sie ihn sah. Oliver fand sie zwar hübsch, aber zu jung und mädchenhaft mit ihren rosa Kleidchen. Da die meisten Mädels von Oliver als sexy und heiß bezeichnet wurden, musste Lucas unbedingt wissen, wer die Freundin von Callie war.

Sadie Snow war das hübscheste Mädchen gewesen, das er jemals gesehen hatte – mit Abstand. Sie hatte rotbraunes Haar und strahlend graue Augen. Obwohl sie erst siebzehn war, hatte sie eine hammermäßige Figur besessen. Zum damaligen Zeitpunkt hatte es viele Mädchen gegeben, mit denen Lucas rumgemacht hatte. Keines hatte es geschafft, länger als eine Nacht in seinem Bett zu bleiben. Bis Sadie aufgetaucht war.

Im Nachhinein wunderte es ihn, dass Oliver die Beziehung zwischen Lucas und Sadie hingenommen hatte. Damals war Oliver ein richtiger Hitzkopf gewesen, das ganze Gegenteil von heute. Wäre es umgekehrt gewesen, hätte Lucas ihm den Arsch versohlt und sich das Mädchen geholt.

Lucas schüttelte die Gedanken ab. Er musste sich um Rick kümmern. Der Typ führte irgendetwas im Schilde, und er musste unbedingt herausbekommen, was es war. Er stieg aus dem Auto und schlich hinter Rick her, darauf bedacht, dass er ihn nicht bemerkte. Immer wieder drehte sich Rick verstohlen um und beschleunigte seine Schritte. Sadies Haus lag nur noch wenige Yards entfernt. Wollte er tatsächlich zu ihr?

Das Smartphone in seiner Hosentasche klingelte. Lucas blieb stehen und zog es hervor. Sein Vorgesetzter. Leise fluchte er und eilte zum Auto zurück.

„Agent Valentine“, meldete er sich und stieg ein.

„Ich habe eben einen Anruf vom Sheriff’s Department bekommen. Es gibt eine weitere Leiche.“

„Scheiße. Wo?“ Nervös trommelte Lucas mit den Fingern aufs Lenkrad.

„Ein paar Meilen außerhalb von Blackwood. Anscheinend gibt es dort einen geheimen Straßenstrich. Wir müssen langsam zu einem Ergebnis kommen.“ Der harsche Tonfall im letzten Satz verhieß nichts Gutes. Entweder Lucas überführte bald jemanden, oder SAC Donovan würde ihn abziehen.

Als wäre das ein normaler Nullachtfünfzehn-Fall! Wenn es weit und breit keine Hinweise gab, konnte Lucas schlecht durch die Straßen ziehen und wahllos jemanden verhaften. Auch konnte er nicht rund um die Uhr den Straßenstrich und die Bordelle im Auge behalten. Sein Field Office war wegen einer groß angelegten Operation gegen ein Drogenkartell unterbesetzt, auf Verstärkung konnte er also ebenfalls nicht hoffen.

„Ich weiß, aber wie stellen Sie sich das vor? Es gibt keine Spuren an den Leichen, keine DNA, keine gemeinsamen Feinde oder Freunde. Ich brauche mehr Zeit und muss darauf hoffen, dass der Mörder einen Fehler macht, der ihn verrät.“

Schweigen am anderen Ende, ehe sein Chef brummte: „Fahren Sie erst mal zum Tatort und sehen Sie sich dort um. Ich schicke die Koordinaten auf Ihr Telefon. Morgen um neun kommt der Kurier mit den Unterlagen zu den alten Fällen, die Sie haben wollten.“ Das anschließende Tuten in der Leitung unterstrich die wachsende Ungeduld seines Vorgesetzten.

 

***

 

Lucas parkte den Wagen am Straßenrand und ging auf den hell beleuchteten Tatort zu. Er zeigte seine Dienstmarke, sofort hob einer der Cops das Absperrband hoch. Bevor Lucas zu der Frauenleiche ging, fragte er den Polizisten: „Wer hat sie gefunden?“

Der hagere Mann Ende fünfzig verschränkte die Arme. „Ein Tourist“, meinte er reserviert. „Wurde für eine Aussage aufs Revier gebracht.“

Die Frauenleiche lag auf dem Rücken im Dreck, einen Arm dicht am Körper, der andere leicht angewinkelt über dem blond gelockten Kopf. Die Beine waren gespreizt, der Lederminirock lieblos hochgeschoben. Aus einem jungen, beinahe kindlichen Gesicht blickten leblose braune Augen anklagend zu ihm auf, als wollten sie fragen: Warum hast du mich nicht retten können?

Lucas strich sich durchs Haar und ging in die Hocke. Am Hals waren die bekannten Würgemale zu sehen.

„Sie wurde erwürgt“, erklärte die Gerichtsmedizinerin überflüssigerweise.

„Wie lange ist sie schon tot?“

„Die Totenstarre ist noch nicht vollständig ausgeprägt.“ Sie deutete auf die Augenlider und Kaumuskeln. „Aus jetziger Sicht würde ich auf drei bis vier Stunden tippen.“

Lucas nickte und nahm die Einweghandschuhe entgegen, die ihm ein Polizist hinhielt. „Was ist das?“ Er deutete auf eine Stelle am Kopf, die Blutreste aufwies. Vorsichtig strich er die Haare beiseite, um die Wunde besser sehen zu können.

Die Gerichtsmedizinerin hockte sich neben die Leiche. „Genau kann ich es erst nach einer gründlichen Untersuchung sagen. Der Blessur nach zu urteilen, vermute ich aber, dass sie niedergeschlagen wurde – mit einem stumpfen Gegenstand, einem Stein möglicherweise.“

„Hatten die anderen Leichen ähnliche Verletzungen?“, hakte er nach, obwohl er die Antwort bereits kannte.

„Nein. Sie ist die erste. Die anderen wurden vergewaltigt und anschließend erwürgt.“

„Dann hat irgendetwas unseren Mörder verärgert. Er geht aggressiver vor.“ Lucas rieb sich mit dem Unterarm über die Stirn, stand auf und verließ den abgesperrten Bereich. Sich einmal im Kreis drehend, sah er sich um. Die kleine Nebenstraße war verlassen, es gab nicht einmal eine Laterne. Der Mörder musste also aus dieser Gegend stammen. Ein Fremder würde diesen abgelegenen Ort weder kennen noch finden. Selbst Lucas, der hier aufgewachsen war, hatte das Navi einschalten müssen, als er die Koordinaten erhalten hatte.

Er wartete, bis der letzte Cop den Tatort verlassen hatte, ehe er selbst nach Hause fuhr. Hoffentlich war sein Dienstpartner, der in einer anderen Region verdeckt ermittelte, erfolgreicher.

 

***

 

Das Haus war ruhig, als Lucas den Dodge parkte. Mittlerweile war es fast sieben Uhr morgens. Er war müde, gereizt und hoffte inständig, dass Oliver zu Hause war und nicht friedlich mit Sadie in einem Bett schlummerte.

Sachte öffnete er die Tür und steuerte sofort sein Zimmer an. Während er sich auszog und ins Bett legte, überkam ihn eine melancholische Stimmung. Wie gerne würde er jetzt mit jemandem darüber reden, was ihn belastete, sich an einen warmen Körper schmiegen und einen beruhigenden Duft einatmen. Für den Moment einfach all die Scheiße vergessen, die er ständig zu sehen bekam und derer er langsam überdrüssig wurde.

Sein ungemütliches Kissen war eindeutig kein Ersatz für einen weichen Frauenkörper. Er seufzte und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Er hatte viel in seinem Leben erreicht, war mit neunundzwanzig Jahren bereits Supervisory Special Agent des FBI. Wieso fiel es ihm so schwer, hinter die Fassade von Sadie zu blicken?

In der Anfangszeit ihrer Beziehung war sie zurückhaltend gewesen, geradezu ängstlich. Lucas hatte lange gebraucht, um sie davon zu überzeugen, dass er keine unehrenhaften Absichten hatte und sie aufrichtig mochte. An ihren Zweifeln war nur Rick schuld, der sie so schändlich behandelt hatte. Nachdem sie endlich so weit aufgetaut war und ihm vertraute, hatte er sich gleich noch ein Stück mehr in sie verliebt. Sie war aufgeschlossen und fröhlich gewesen. Sie kannte keine schlechte Laune, obwohl Lucas immer wieder verlangt hatte, die Beziehung geheim zu halten. Schließlich war sie minderjährig gewesen. Auf diese Art von Ärger hatte er verzichten wollen.

Je öfter er Sadie in der letzten Zeit beobachtet hatte, desto mehr fiel ihm auf, dass von der damaligen Fröhlichkeit nicht mehr viel übrig war. Ihm kam es so vor, als wäre da ständig ein Schatten, der sich über ihr Gesicht legte, wann immer sie sich unbeobachtet fühlte. Lucas konnte sich das nicht erklären. Was war in den letzten zehn Jahren mit ihr passiert? Es müsste ihr doch gut gehen. Ihr Geschäft lief reibungslos, was zweifelsohne auch an ihrem Talent im Umgang mit der Nähmaschine lag. Und an Männern mangelte es ihr ebenfalls nicht.

Sadie Snow war ein Rätsel, das er unbedingt lösen wollte.

Gleichzeitig fragte er sich, warum er sich diese Mühe machen sollte. Sie hatte ihn damals eiskalt abserviert. Es war eine Teenagerliebe gewesen, und man sollte meinen, dass mittlerweile genügend Zeit vergangen war, damit er einen Abschluss fand. Zwar hatte es nach ihr nie wieder eine Frau gegeben, bei der er sich so gut gefühlt hatte, aber das bedeute längst nicht, dass es nicht irgendwann eine schaffen konnte. Das würde er allerdings nie herausfinden, wenn er nicht endlich einen Schlussstrich unter seine Vergangenheit mit Sadie setzte.

Womit er wieder bei seinem anfänglichen Problem war. Wie sollte er das schaffen, wenn sie seit zehn Jahren immer wieder in seinem Kopf herumgeisterte?

Lucas wusste, dass einige der Frauen, die er gedatet hatte, durchaus Potenzial zu einer festen Freundin gehabt hätten. Lediglich seine ständigen Vergleiche hatten eine nach der anderen aus dem Rennen geworfen. Eine hatte es geschafft, länger an seiner Seite zu bleiben. Doch die hatte irgendwann genug davon gehabt, zwar die Frau in seinem Leben, in seinem Kopf aber nur die Nummer zwei zu sein. Er konnte es ihr nicht einmal verübeln. Wer wollte schon gerne als Ersatz für jemanden herhalten?

„Ach verdammt“, brummte er und stand wieder auf. Er duschte, zog sich an und traf im Wohnzimmer auf Oliver.

„Kaffee?“

„Warum nicht? Bist du schon lange wach?“, fragte Lucas scheinheilig, während er sich eine Tasse füllte. Vor Anspannung hielt er den Atem an.

„Erst seit ein paar Minuten. Ich habe geschlafen wie ein Toter.“

Lucas zuckte bei den Worten zusammen, was nicht unbemerkt blieb.

„Ist alles in Ordnung mit dir?“ Olivers Augenbrauen zogen sich zusammen, und er musterte seinen Freund.

„Ja“, winkte Lucas ab. „Bin nur noch nicht zum Schlafen gekommen.“

Oliver lächelte gehässig. „Hat dich Jessica nicht schlafen lassen? Habe gar nicht mitbekommen, wann du nach Hause gekommen bist. Sie scheint dich ziemlich auf Trab zu halten.“

„Was hast du immer mit Jess? Sie ist wie die kleine Schwester, die ich nie hatte. Also hör mal schön auf, uns ständig was zu unterstellen.“

„Beruhig dich“, lachte Oliver. Er neigte den Kopf. „Das hätte es nur für uns alle einfacher gemacht, wenn ihr zusammen wärt – oder wenigstens regelmäßig miteinander schlafen würdet.“

„Wie meinst du das?“ Lucas versteifte sich. Wollte sein Freund damit andeuten, dass er mit Sadie zusammen war? Er nahm einen Schluck aus seiner Tasse und verbrannte sich prompt den Mund. Leise fluchend stellte er den Kaffee weg.

Verlegen blickte sich Oliver um.

Das steigerte das ungute Gefühl in Lucas. „Nun sag schon“, verlangte er deshalb.

„Dein plötzliches Auftauchen hat Sadie verwirrt.“ Unnachgiebig sah er zu Lucas. „Tu mir bitte den Gefallen und halte dich von ihr fern.“

„Es ist nicht meine Absicht, sie zu verwirren“, begann Lucas vorsichtig, ehe er ebenso störrisch wie zuvor Oliver fortfuhr. „Du kannst eine Menge von mir verlangen. Doch ich werde Sadie nicht ignorieren, nur weil dir das besser in den Kram passt. Wenn sie dich liebt, ist es ja egal, ob wir uns regelmäßig sehen oder nicht.“

„Es wäre nicht für mich“, erwiderte Oliver erhitzt. „Es wäre für Sadie. Versetz dich mal in ihre Lage. Da hat sie Gefühle für jemanden, und plötzlich steht der Ex vor der Tür und …“

„Wie du sehr wohl weißt, hat sie mich damals verlassen!“, ging Lucas dazwischen. „Ich bezweifle stark, dass mein Auftauchen auf einmal ihre Liebe zu mir neu entfacht hat. Aber mal was anderes, wie lange geht das denn schon mit euch?“

Oliver presste die Lippen zusammen und fuhr sich durchs Haar. „Das ist alles Bullshit, Lucas! Du kannst nicht ohne ersichtliche Gründe nach Blackwood zurückkommen und unser aller Leben durcheinanderbringen.“

Tief durchatmen, ermahnte sich Lucas und musterte sein Gegenüber. Genauso, wie er es bei den Vernehmungen machte. Ohne jegliche Befangenheit und mit den Augen eines Special Agent. Als Erstes fielen ihm das Zittern der Hände und der starre Blick auf. Oliver war also wütend.

Wieso?

Wenn er sich seiner Sache so sicher war, brauchte er weder wütend sein noch Lucas darum bitten, sich von Sadie fernzuhalten. Was also bedeutete, dass sie keine Beziehung hatten und Sadie anscheinend nicht so viel für Oliver empfand, wie der es gerne gehabt hätte. Sein aufgebrachtes Benehmen unterstrich das. Warum sonst sollte er Lucas aus dem Weg haben wollen?

Die Männer musterten einander. Würde eine Frau es schaffen, ihre jahrelange Freundschaft zu entzweien? Wollte Lucas das? War Sadie es wert, seinen besten Freund in die Wüste zu schicken? Und wenn ja, für was würde er das aufs Spiel setzen? Für eine ungewisse Zukunft? Um womöglich wieder kommentarlos abserviert zu werden?

Schließlich seufzte Oliver und lächelte schief. „Ich habe überreagiert. Tut mir leid, Mann.“

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960877967
ISBN (Buch)
9783960878063
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v476815
Schlagworte
Dark Romance Romantik-Thrill-er Romantic-Thriller-Suspense Romantische Thriller Stalker Thriller Serienmörder

Autor

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    Kate Dark (Autor)

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Titel: Blackwood Obsession