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Das Erbe von Lorraine

von Jana Engels (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Gleich zwei Katastrophen muss Isabelle an einem Tag verkraften: Zuerst beendet ihr Freund ohne Vorwarnung die vierjährige Beziehung und dann zieht die Bank auch noch die Kreditzusage für ihren beruflichen Lebenstraum, ein eigenes Café, zurück. Isabelle steht vor einem Scherbenhaufen. Da erreicht sie ein mysteriöser Brief von einer französischen Anwaltskanzlei, der eigentlich an ihre Mutter gerichtet ist. Es geht um eine dringende Familienangelegenheit – dabei haben die beiden gar keine Verwandtschaft in Frankreich. Weil Isabelle aber gerade Abwechslung gebrauchen kann, macht sie sich mit einer Vollmacht für ihre kranke Mutter auf den Weg nach Lothringen. Der Weg führt sie auf den wunderschönen Landsitz der Familie Gelloncourt de Lorraine. Dort angekommen erfährt sie nicht nur brisante Details über ihre Herkunft und das tragische Schicksal ihrer Mutter, sondern gerät auch ständig mit Paul aneinander. Er macht keinen Hehl daraus, dass ihm Isabelles Auftauchen ein Dorn im Auge ist. Doch dann kommt alles anders …

Impressum

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Erstausgabe Juni 2019

Copyright © 2019, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-495-9
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-773-8

Covergestaltung: Rose & Chili Design
unter Verwendung von Motiven von
© diego_torres/pixabay.com, © Leitner, © smk88, © davidschrader/depositphotos.com und © LightField Studios/shutterstock.com
Lektorat: Nadine Buranaseda

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

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Kapitel 1 – Dunkle Wolken

„Der Rest ist für Sie“, sagte der attraktive Mann um die vierzig mit einem spitzbübischen Lächeln, als Isabelle die Rechnung brachte und er ihr einen Fünfzigeuroschein in die Hand drückte.

Sie stockte, und in ihrem Kopf ratterte es. Hatte sie richtig verstanden, was er gesagt hatte? Sie hielt den Schein unschlüssig in der Hand. „Aber das ist doch viel zu viel. Sie hatten ja nur zwei Kaffee, oder wollen Sie den Laden gleich kaufen?“, versuchte sie, den überaus spendablen Gast mit ihrer sanften Stimme auf sein offenkundiges Missgeschick hinzuweisen.

„Zwei Kaffee im schönsten Sonnenschein und eine sehr nette Begegnung mit Ihnen. Zu viel oder zu wenig, wer will das entscheiden? Gutes Personal ist sowieso unbezahlbar. Nehmen Sie’s ruhig.“

Isabelle bedankte sich mit einem ehrlichen Lächeln. Das großzügige Trinkgeld konnte sie nur zu gut gebrauchen, und als sie zum nächsten Tisch ging, um die Bestellung aufzunehmen, fragte sie sich, ob der Typ tatsächlich gerade mit ihr geflirtet hatte. Ich weiß gar nicht mehr, wie flirten geht, ging es ihr durch den Kopf. Ich bin jetzt so lange mit Sascha zusammen, da hat sich schon der Alltag eingestellt.

„Drei Kaffee und für jeden ein Stück Erdbeersahne“, lautete die Bestellung der herausgeputzten älteren Damen und holte Isabelle aus ihren Gedanken.

„Aber gern, die Damen“, bestätigte sie und verließ die beiden mit federnden Schritten. Dieser Tag machte ihr so richtig Spaß. Ein Blick auf die Uhr verriet das Ende der Schicht in zwei Stunden, und so wie der Himmel aussah, blieb die Sonne eine Weile. Genug Zeit also, sich später mit Sascha am Rhein zu treffen und das großartige Wetter zu genießen. Herrlich! Isabelle zog ihr Handy aus der Tasche, und während sie darauf wartete, dass Sergio die Bestellung fertig machte, tippte sie eine Nachricht an Sascha.

„Was grinst du dein Telefon so an, Isa?“, fragte Sergio neugierig und stellte den Kuchen auf den Tresen.

„Ich will mich nach der Arbeit mit Sascha treffen“, erwiderte sie und steckte das Handy ein.

„Immer noch dieser Hampelmann? Mädchen, du bist die reinste Verschwendung für so einen“, stellte Sergio kopfschüttelnd fest und seufzte. „Was würde ich darum geben, vierzig Jahre jünger zu sein. Isa, glaub mir, wir wären ein gutes Team. Du hättest mit mir einen tollen Kerl, und wir würden den Laden zusammen schmeißen. Dann kämst du auch nicht auf so dumme Ideen, dein eigenes Café aufzumachen.“

Isabelle sah in die wachen braunen Augen ihres Chefs. „Du bist ein toller Kerl, und wir schmeißen den Laden gerade echt gut zusammen, zumindest, wenn du mich jetzt Kaffee und Kuchen rausbringen lässt.“

„Ja, aber nicht mehr lange, ich weiß gar nicht, was ich ohne dich tun soll“, rief ihr Sergio nach.

Isabelle spürte seinen Blick in ihrem Rücken, als sie durch die Tür wieder hinaus in die kräftige Julisonne auf die Terrasse trat. Von wegen dumme Ideen, dachte sie, während sie die Gäste bediente. Das ist das Größte überhaupt, schon bald werde ich meine eigene Chefin in meinem eigenen kleinen gemütlichen Café sein. Nichts gegen Sergio, aber irgendwann muss auch mal Schluss sein. Ich kann und will beruflich endlich auf eigenen Füßen stehen. Wofür habe ich mich sonst so abgerackert?

„Zahlen, bitte“, rief einer der beiden älteren Männer, die es sich im Schatten bequem gemacht und fast zwei Stunden gebraucht hatten, ihr Wasser auszutrinken.

„Bin sofort bei Ihnen“, rief Isabelle mit strahlendem Lächeln zurück und brachte wenige Minuten später die Rechnung. „Schönen Tag, die Herren, kommen Sie bald wieder“, verabschiedete sie sich und fügte in Gedanken hinzu: Oder gehen Sie ein paar Schritte weiter in die Allendestraße. Da eröffnet nämlich demnächst ein schnuckeliges kleines Café. Mein Café, und ich würde mich riesig freuen, wenn sie Ihre Kinder, Enkel, Urenkel und Ururenkel mitbringen.

Mit verträumtem Blick bediente sie weiter und trug gerade das Tablett mit den sechs großen Milchshakes für die Teenieclique, als ihr Handy in der Jeans vibrierte. Sascha bestätigte ihre spätere Verabredung kurz und bündig mit einem Daumenhoch. Der Blick auf die Uhr verriet Isabelle den nahenden Feierabend. Vergnügt stellte sie fest, dass alle Gäste versorgt waren und zufrieden bei Kaffee, Kuchen oder Eis saßen. Also beschloss sie, sich ein paar Minuten zu Sergio an den Tresen zu setzen und die Beine ein wenig baumeln zu lassen.

„Machst du mir einen Espresso?“, fragte sie und grinste ihn verschmitzt an.

„Kommt sofort, du kannst bei mir so viel Espresso haben, wie du willst. Musst nur dableiben.“ Sergio lächelte sie an, aber Isabelle wusste, dass es ihm schwerfiel, sich mit dem Gedanken anzufreunden, sie gehen zu lassen. Dass sie ihm Konkurrenz machen würde, befürchtete er nicht, darüber hatten sie ausgiebig miteinander geredet. Aber er hatte große Sorge, dass er keinen guten Ersatz für sie finden würde.

Sie lehnte sich etwas zu ihm hinüber, als wolle sie ein Geheimnis weitergeben, und fragte sanft: „Du willst dich nicht wirklich zwischen mich und meinen Lebenstraum stellen?“

„Selbstverständlich nicht“, antwortete Sergio väterlich. „Ich wünsche dir viel Erfolg, du hast hart gearbeitet und verdienst es. Und nur für den Fall, dass du doch baden gehst, ist hier immer eine Stelle für dich frei. Aber bis es so weit ist, lass mich wenigstens angemessen darüber jammern, dass ich meine beste Servicekraft, das Herz meines Cafés, in Kürze verlieren werde“, fügte er hinzu und wischte sich gespielt eine Träne aus dem Augenwinkel.

„Du hast ja noch Natalie“, tröstete Isabelle ihn. „Apropos, die müsste gleich da sein und mich ablösen. Dann geht es ab, die restliche Sonne genießen.“

„Ich weiß, mit deinem Hanswurst“, gab Sergio zähneknirschend zurück. Er hatte ihr gegenüber nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er Sascha nicht leiden konnte und die Ernsthaftigkeit der Beziehung infrage stellte. Dass sie etwas wesentlich Besseres als ihn verdiene, hatte Sergio nicht nur einmal erwähnt. Auch Sascha hatte diese Abneigung zu spüren bekommen und schon nach wenigen Begegnungen mit Sergio darauf verzichtet, Isabelle von der Arbeit abzuholen. Anfangs hatte sie sich darüber geärgert und gedacht, damit würde er noch Öl in Sergios Feuer gießen, aber sie hatte sich mittlerweile daran gewöhnt und es akzeptiert.

Isabelle nippte an ihrem Espresso und blickte Sergio eine Weile schweigend an. Dann konnte sie nicht umhin, ein paar Worte zu Saschas Verteidigung zu sagen. „Ich kann deinen Groll nicht verstehen. Er ist ein guter Kerl, und ich kann mich nicht beklagen. Wir treffen uns, wenn es möglich ist, und ansonsten lässt er mir den Freiraum, den ich brauche. Er beschwert sich nicht, wenn ich mal wieder rund um die Uhr arbeite. Er drängt mich zu nichts, und es ist kein Problem für ihn, dass wir nicht zusammenwohnen. Er weiß nur zu gut, dass ich mich um meine Mutter kümmern muss.“ Sie versuchte, das Augenrollen ihres Gegenübers zu ignorieren, aber so ganz wollte es nicht gelingen, also setzte Isabelle nach: „Was kann er denn bitte tun, um in deiner Gunst zu stehen? Das ist wahrscheinlich gar nicht möglich.“

„Isa, frag mich nicht, wenn du die Antwort nicht hören willst. Mädchen, du bist zu gut für ihn. Du bist fleißig, fürsorglich, ehrgeizig und manchmal leider auch ein bisschen naiv. Dieser Kerl meint es nicht ernst mit dir – und du merkst es nicht einmal.“

Ihre Finger spannten sich an und hielten den Griff der kleinen Tasse fester als nötig. So nett, wie Sergio war, musste er sich dennoch nicht ständig in ihre Angelegenheiten einmischen. Naiv? Sie so zu nennen, war einfach eine Frechheit. Er hatte ganz klar eine Grenze überschritten. Auf ein Streitgespräch wollte sich Isabelle zwar nicht einlassen, doch sie war verärgert und wollte wenigstens die Tatsachen zurechtrücken. „Ich bin nicht naiv. Ich weiß nicht, wie du darauf kommst. Sascha und ich sind glücklich miteinander, das ist wohl die Hauptsache. Und wahrscheinlich könnte er mir die Sterne vom Himmel holen und du würdest ihn nach wie vor nicht leiden.“ Sie wartete gespannt auf Sergios Erwiderung, aber er ließ sich Zeit und verärgerte sie damit noch mehr. Sie sah ihn eindringlich an.

„Macht er es denn?“, fragte Sergio schließlich und begann wie beiläufig, ein paar Gläser zu polieren.

„Macht er was?“

„Ob er dir die Sterne vom Himmel holt.“

„Was soll das denn jetzt? Du weißt, dass das nur eine Metapher war.“

„Ja, weiß ich. Aber was macht er dann? Unterstützt er dich, deine Zukunftspläne, dein Café? Hilft er dir bei der Versorgung deiner Mutter, pflegt er dich, wenn du krank bist, oder ist er immer nur da, wenn alles in Butter ist und ihr zusammen etwas unternehmen könnt? Ihr seht euch ein paarmal in der Woche. Weißt du, mit wem oder womit er seine Zeit ohne dich verbringt, wenn du mit deinen Plänen beschäftigt bist? So wie ich das sehe, bist du eine Powerfrau, die ihr Leben durchgeplant und im Griff hat, nur in Sachen Menschenkenntnis und Beziehung hast du echt Nachholbedarf.“

Isabelle runzelte die Stirn, der Verlauf des Gesprächs gefiel ihr ganz und gar nicht. Sie hatte nicht die geringste Lust, sich den schönen Nachmittag verderben zu lassen oder mit Sergio zu streiten. Sie trank den letzten Schluck des mittlerweile erkalteten Espressos aus und sah ihren Chef versöhnlich an. „Lass gut sein, Sascha und ich kommen schon klar. Ich weiß deinen Rat zu schätzen, aber mein Liebesleben und an wen ich mich verschwende, ist meine Sache, okay? Da kommt übrigens Natalie.“

Sergio griff über den Tresen und nahm ihre Hand. „Schon gut, ist wohl gerade ein wenig mit mir durchgegangen. Du hast ja recht. Es ist deine Sache und geht mich nichts an. Wie wäre es mit einer Versöhnung?“, fragte er und zwinkerte ihr charmant wie immer zu. Dann schob er einen von Isabelles Lieblingscookies auf einem Unterteller über den Tresen.

„Den heb ich mir auf für später auf“, gab sie zurück und musste schmunzeln. Sergio konnte sie einfach nicht böse sein. Er war zwar ihr Chef, aber eben auch ein guter Freund, ein Vertrauter, und wenn sie ehrlich war, hatte sie davon nicht mehr viele. Isabelle sprang vom Hocker und wandte sich an Natalie, die gerade an den Tresen getreten war und sich eine Schürze umband. „Hi, ich dreh noch eine Runde, dann kannst du übernehmen.“

Natalie war fast einen Kopf kleiner als Isabelle und auf jeden Fall beruflich vergleichsweise unorganisiert. Zumindest empfand Isabelle das so, wenn sie nicht umhinkam, ihre Kollegin wieder einmal auf Kleidung und Frisur anzusprechen. Während Isabelle nicht aus dem Haus ging, ohne ihr langes blondes Haar in einen ordentlichen Franzosenzopf gebracht zu haben und ohne dass die Kleidung nicht akkurat saß, schaffte es Natalie manchmal erst nach einer halben Stunde Arbeit, ihr zerzaustes Haar wenigstens notdürftig zusammenzubinden. Ihre Kleidung war sauber, doch Natalie pflegte hartnäckig ihren eigenen Stil, der irgendwo zwischen chaotisch und punkig angesiedelt war. Sergio nahm es gelassen und bat Isabelle, nachsichtig zu sein. Denn Natalie war erst zweiundzwanzig, mitten im Studium und trotz ihrer auffälligen Kleidung leicht in Verlegenheit zu bringen.

„Ach, ist schon gut, ich mach das schon“, antwortete diese nun und sah Isabelle schuldbewusst aus ihren Rehaugen an. „Tut mir leid, dass ich schon wieder zu spät bin“, setzte sie hinzu, und Isabelle spürte, dass sie zwar die Angesprochene war, die Entschuldigung aber eigentlich an Sergio adressiert war.

„Mir egal, meine Damen“, warf der dazwischen „aber eine von euch sollte sich jetzt um unsere Gäste kümmern.“

Natalie zögerte nicht, und Isabelle sah sie flink wie ein Wiesel mit frisch zusammengezwirbeltem, wippendem Pferdeschwanz durch die Tür verschwinden. „Damit ist die Sache wohl klar“, stellte sie fest und band die Schürze ab „Ich bin fertig für heute und werde mich jetzt mit meinem Freund treffen, damit er mir sämtliche Sterne vom Himmel holen kann, wenn ich ihn darum bitte.“ Sie lächelte und ging.

Keine Viertelstunde später saß sie auf ihrem Fahrrad und radelte zum Rheinufer. Sonne und Fahrtwind vereinten sich zu einem angenehmen Gefühl auf der Haut, und Isabelle fuhr mit allen Sinnen genießend zum Treffpunkt. Die Promenade war gut besucht, und ihr Blick glitt suchend über die Jogger, Familien mit Kindern und Fußballspieler. Es dauerte eine Weile, bis sie Sascha endlich entdeckte. Das lag zum einen daran, dass er, ihr den Rücken zugewandt, auf einer der Bänke saß, und zum anderen daran, dass er rauchte und sie ihn nur als Nichtraucher kannte. Den Mann mit der Zigarette hatte sie im Zuge der Späherei umgehend als unnötiges Informationsaufkommen ad acta gelegt.

Was soll denn der Unsinn, wieso raucht er? Isabelle hielt an und stieg ab. Sichtlich irritiert schob sie das Rad zu ihrem Freund hinüber. „Hi“, begrüßte sie ihn und holte ihn aus seinen Gedanken. „Kannst du mir sagen, was du da machst?“ Sie stellte das Fahrrad ab und fragte weiter, ohne eine Antwort abzuwarten. „Ist irgendetwas passiert?“ Sie konnte ihre Verwunderung und ihre Neugier kaum zurückhalten. Der Blick, mit dem er sie ansah, ließ Argwohn in ihr aufsteigen. Irgendetwas war faul, das spürte sie.

„Sieht man doch. Ich rauche eine Zigarette.“ Saschas Antwort fiel kurz aus.

Der recht kühle Ton nährte ihre Vermutung und kränkte Isabelle, aber ihr war nicht nach Streit. Also trat sie dichter heran und nahm den Helm ab, bevor sie die Unterhaltung in beschwichtigendem Ton fortsetzte. „Das sehe ich und wundere mich, weil du das normalerweise nicht machst.“ Sie setzte sich neben ihn auf die Bank und fächelte mit der Hand den Qualm weg, der ihr unangenehm in den Augen brannte. Auf einen Begrüßungskuss verzichtete sie freiwillig. Sowohl Rauch als auch seine Laune hatten ihr bereits die Stimmung verdorben. „Nun sag schon, gibt es einen Grund? Ich meine, es muss irgendetwas passiert sein. Hoffentlich nichts Schlimmes!“, drängte sie weiter, und bereits während die Worte ihren Mund verließen, beschlich sie ein seltsames Gefühl. Sascha war in weiter Ferne. Er saß neben ihr, doch sie spürte, dass es plötzlich ein unüberwindbares Hindernis zwischen ihnen beiden gab. Es fühlte sich an, als hätte er eine unsichtbare Mauer errichtet, mit der er sie auf Distanz hielt. Aber warum er das tun sollte, wollte ihr einfach nicht in den Kopf.

„Wir müssen reden“, unterbrach er barsch ihre Gedanken und wich weiterhin ihrem Blick aus. Mit zusammengekniffenen Augen beobachtete er Interesse vortäuschend ein vorbeifahrendes Frachtschiff.

Norwegen, registrierte Isabelle, als sie seinem Blick folgte. Sie drehte sich ihrem Freund zu, legte den Arm auf die Lehne und wartete darauf, dass Sascha weitersprach. Was, um alles in der Welt, ist denn nur los, dass er hier so eine Show abzieht? Ist jemand krank oder vielleicht sogar gestorben? Oder habe ich etwas getan, das ihn gekränkt hat?

„Worüber denn?“, fragte sie besorgt, und dass er sie nicht ansah, verletzte sie sehr. Sie fühlte sich so schrecklich ausgeschlossen. Nach einer gefühlten Ewigkeit beugte er sich nach vorne, drückte die Zigarette auf dem Boden aus. Er stützte sich mit den Ellenbogen auf die Knie und starrte weiter auf den Fluss. Meine Güte, warum siehst du mich nicht an? Sprich, verdammt noch mal! Lass mich nicht länger warten! Einundzwanzig, zweiundzwanzig …, begann sie, innerlich zu zählen, inständig bemüht, ihre Ungeduld niederzuzwingen.

Mit einem Ruck, von einem Moment auf den anderen, drehte sich Sascha zu ihr um und erklärte, ohne mit der Wimper zu zucken: „Ich mach Schluss mit dir. Wir können uns nicht weiter treffen, ich habe mich verliebt und jetzt eine ernste Beziehung.“ Er lehnte sich zurück und starrte stumm aufs Wasser. Dieser Überraschungsangriff verfehlte seine Wirkung nicht.

Wie vom Donner gerührt saß Isabelle auf der Bank und versuchte, das Gehörte zu verarbeiten. Der Boden unter ihren Füßen bebte, in ihren Ohren rauschte es, und sie hatte das Gefühl, sie müsse jeden Moment von der Bank sacken. „Was redest du da? Wie meinst du das?“, fragte sie mit brüchiger Stimme. Obwohl an der Bedeutung seiner Worte nichts missverständlich war, konnte sie es einfach nicht begreifen. Wie konnte er so etwas sagen? Was hatte sie getan beziehungsweise nicht getan, dass er ihr solch eine Gemeinheit antat, sie einfach so abservierte, nachdem sie bereits vier Jahre zusammen gewesen waren? „Hast du getrunken? War vielleicht irgendetwas in der Zigarette?“, forschte sie vorsichtig nach, sich an einen Strohhalm klammernd.

„Du kannst doch nicht ernsthaft behaupten, dass das jetzt eine Überraschung für dich ist“, erwiderte Sascha. „Wir beide haben niemals eine richtige Beziehung geführt. Ein schöner Zeitvertreib war das, mehr nicht.“ Der entschlossene und sachliche Ton schmerzte zutiefst. „Wir hatten unsere Zeit, eine schöne Zeit“, für einen kurzen Moment sprach er ein wenig sanfter, „aber jetzt wird es mit Lena ernst, und da muss und will ich die Affäre mit dir beenden.“

Isabelle stockte der Atem. In ihrem Kopf herrschte Chaos, sie war unfähig, zu sprechen, so dick war der Kloß in ihrem Hals und so schwer der Kampf, ihre Tränen zurückzuhalten. Affäre! Hast du sie noch alle! Hin- und hergerissen zwischen Demütigung und Enttäuschung, Verletzung und Wut fragte sie sich, ob jetzt der richtige Moment war, ihm eine zu scheuern. Schon verkrampften sich ihre Hände, aber sie hielt sich erfolgreich zurück. Die Blöße wollte sie sich nicht geben. Wortlos saß sie neben ihm auf der Bank, wartete, hoffte, er würde irgendetwas hinzufügen, so eine lange Zeit konnte schließlich niemand einfach so wegwerfen. Aber sie wurde nur ein weiteres Mal enttäuscht.

Offenbar war er durch mit ihr, den letzten vier Jahren und allem, was Isabelle etwas bedeutet hatte. Sie saß reglos da und sah ihn eine Weile voller Verachtung an, beobachtete, wie er sich eine zweite Zigarette anzündete. „Du bist ein Arsch“, entfuhr es ihr. „Und ein Idiot! Du hast mich all die Zeit belogen und betrogen! Ist dir eigentlich klar, was du mir damit angetan hast? Das ist armselig!“ Sie biss sich auf die Unterlippe, wollte kein Wort mehr verlieren, sie fühlte sich sowieso schon wie die Verliererin des Jahrhunderts.

Alles, was er darauf erwiderte, war: „Ich weiß.“

Das war zu viel. Wutentbrannt hieb sie ihre Faust auf die Rückenlehne der Bank, und im selben Augenblick brachen die ersten Tränen hervor. Wie eine Warnung ertönte zeitgleich das Nebelhorn eines anderen vorbeifahrenden Frachters und unterbrach Isabelles verbalen Angriff, bevor die erste Beschimpfung in Worte gefasst war. Der Idiot hat deine Aufregung nicht verdient. Reiß dich bloß zusammen, zeig ihm nicht, wie du dich fühlst, feuerte sie sich in Gedanken an, kniff die Augen zusammen und biss sich erneut auf die Lippe. Sie schmeckte Blut. Gut so, lobte sie sich anschließend, aber es war natürlich nur ein schwacher Trost, und er hielt auch nur für einen kurzen Augenblick. An der Situation hatte sich nichts geändert. Sie stand immer noch vor den Trümmerhaufen ihrer Beziehung und kämpfte mit dem Überraschungseffekt. „Und was wird jetzt?“, fragte sie rat- und fassungslos.

Er machte sich nicht einmal die Mühe, Empathie zu heucheln. „Du schaffst das schon. Mach’s gut“, sagte er zum Abschied, stand auf und ließ Isabelle wie ein Häufchen Elend sitzen.

Sie blieb mit verschränkten Armen und angezogenen Beinen auf der Bank zurück, sah ihm nach, aber den Gefallen, sich noch einmal umzudrehen oder gar zurückzukommen, tat er ihr nicht.

„Scheiße“, flüsterte Isabelle, als Sascha schließlich aus ihrem Blickfeld verschwunden war. Nun ließ sie ihren Tränen vollends freien Lauf. Wie kann er mir so was antun? Wie konnte ich mich nur so in ihm täuschen? Affäre? Von wegen! Und Sergio hat mal wieder recht gehabt. Verdammt, warum habe ich das nicht gesehen? Bin ich in Sachen Beziehung denn so vollkommen unfähig? Ich habe Menschenkenntnis, oder nicht? Soll er doch dieser … dieser ominösen Lena die Sterne vom Himmel holen, ich will gar keine und vor allem nicht von ihm.

„Boah, ich könnte ihn …!“, zischte sie, trat energisch mit beiden Füßen von der Bank auf und stieß wütend einen Kiesel fort. Sie traf eine Joggerin am Fuß, die die Aktion, ohne ihren Lauf zu unterbrechen, mit einem erbosten „Pass doch auf, du blöde Kuh!“ quittierte.

„Sorry“, rief Isabelle und spürte Schamesröte im Gesicht. Mit beiden Händen wischte sie sich über die tränennassen Wangen. Sie hatte die ganze Zeit geweint. Dieser Moment brachte ihr die Wahrnehmung für den Rest ihres Körpers wieder. Ein Zittern durchlief ihren Körper. Isabelle rieb sich über die nackten Unterarme und beschloss, sich lieber auf den Heimweg zu machen. Hier länger herumzustehen und zu heulen, bringt mich nicht weiter. Leer und ruhig war es mittlerweile auf den Wiesen geworden. Weder lachende Kinder noch grölende Fußballspieler waren zu hören. Dicke Wolken hatten sich in den letzten Minuten vor die Sonne geschoben und damit für allgemeinen Aufbruch gesorgt. Der auffrischende Wind schob sich frech unter ihre dünne Sommerbluse, und als zwei fette Regentropen auf ihrer Hose landeten, entschied sie, dass es auch höchste Zeit für sie war, nach Hause zu fahren.

Das Wetter zeigte sich ebenso wenig nachsichtig mit ihr wie Sascha. Vollkommen durchnässt und fröstelnd brachte sie ihr Fahrrad in den Abstellraum und machte sich auf den Weg in die Wohnung im dritten Stock. Schlüssel und Handy legte sie auf die Flurkommode und bemerkte erst jetzt, dass sie drei Anrufe verpasst hatte. Sascha?, schoss es ihr in einem Anflug naiver Hoffnung durch den Kopf, und gleichzeitig zog sich ihr Magen unangenehm zusammen. Hastig drückte sie auf die Tasten, um nachzusehen, und schnell wandelte sich die Anspannung in Ernüchterung. Selbstverständlich ruft er mich nicht an!, rief sich Isabelle verärgert zur Raison. Das Display zeigte lediglich drei entgangene Anrufe von ihrer Frau Mama an.

„Isabelle“, rief ihre Mutter auch schon aus dem angrenzenden Wohnzimmer. „Ist alles okay? Ich habe dich nicht erreicht.“

„Ja, alles okay.“ Sie steckte den nassen Kopf durch die halb geöffnete Tür und setzte hinzu: „Ich bin voll in den Regen geraten. Muss erst mal duschen und was Trockenes anziehen, dann komm ich, ja?“

„Ich wollte doch nur …“, hörte sie ihre Mutter noch sagen, tat aber, als hätte sie nichts gehört, und verdrückte sich ins Badezimmer.

Wenigstens für ein paar Minuten wollte sie sich ihrer Traurigkeit hingeben, bevor sie die Aufgaben des Alltags wieder einholten. Mit zitternden Fingern entkleidete sich Isabelle, drehte die Dusche auf und stieg unter den wärmenden Wasserstrahl. Unzählige Tränen vermischten sich damit, als sie in hemmungsloses Schluchzen verfiel, bis es ihr schließlich ein wenig besser ging. Schau nach vorn und konzentriere dich auf deine Zukunft! Für dein Café bist du allein verantwortlich, dafür brauchst du Sascha nicht. Der Rest findet sich, motivierte sie sich mit aller Kraft, während sie ihr Spiegelbild betrachtete. Eine attraktive junge und ehrgeizige Frau stand ihr gegenüber. Sergio hat vollkommen recht. Sascha hat mich nicht verdient, und ich habe eine großartige Zukunft als meine eigene Chefin vor mir. Ja, es ist hart, aber darüber darf ich jetzt nicht nachdenken. Ich muss mich jetzt auf meine Karriere konzentrieren. Sie flocht die nassen Haare ordentlich zusammen, zog die Schultern nach hinten und atmete durch. Es würde schon, denn es musste ja werden.

„So, jetzt bin ich aufgewärmt und einigermaßen trocken.“ Isabelle umarmte ihre Mutter, die im Sessel saß. Dann machte sie sich geschäftig daran, aufzuräumen, und versuchte dabei so unauffällig wie möglich, den Blickkontakt zu vermeiden. Mathilde Mechant hatte nämlich ein gutes Gespür für die Gemütslagen ihrer Tochter, und wenn jetzt das Gespräch auf Sascha kam, fürchtete Isabelle, die Beherrschung zu verlieren und im schlimmsten Fall erneut Rotz und Wasser zu heulen. Nein danke, sie hatte genug geheult für heute und keine Lust, weitere Gedanken an diesen Lügner zu verschwenden. „Was wolltest du denn vorhin von mir?“, fragte sie in lockerem Ton, während sie den kleinen Esstisch im Wohnzimmer für zwei Personen deckte.

„Ach, meine Tabletten sind alle. Ich hatte gehofft, dass du mir eine neue Packung aus der Apotheke mitbringen kannst. Heute tut mir wirklich alles weh, und ich habe Sorge, dass ich nachher wieder nicht schlafen kann.“

„Ist schon gut, die Adler-Apotheke hat ja immer lange auf. Ich mache nach dem Abendessen einen ausgedehnten Spaziergang und hole dir welche.“ Die frische Luft wird mir guttun, und wenn ich draußen bin, kommt Mama nicht auf die Idee, mir Fragen zu stellen, die ich im Moment nicht beantworten will, fügte sie in Gedanken hinzu.

Isabelle ging zurück in die Küche und strich ihr im Vorbeigehen liebevoll über den Arm.

„Sag mal, wir haben ja gar nichts Vernünftiges zu essen mehr im Haus“, rief sie und zuckte gleich darauf erschrocken zusammen, weil ihr die Küchenschranktür aus der Hand rutschte und lärmend zuknallte. Das Geräusch ging ihr durch Mark und Bein. „Weißt du was, Mama, ich hole uns was vom Imbiss und bringe auf einem Weg gleich deine Tabletten mit. Du wirst dich dann leider ein Weilchen gedulden müssen, darfst dir dafür aber etwas wünschen.“ Isabelle trat an den Sessel, auf dem ihre Mutter saß, und schlang die Arme um sie. Sie spürte die warme, weiche Wange auf der ihrigen und dachte daran, dass ihre Mutter sie niemals hintergehen würde. Zwischen ihnen war die Familie noch etwas wert, sie bestand ja auch nur aus Mutter und Tochter. Vielleicht ist es ganz gut so und sollte für immer so bleiben.

„Weißt du, was wir schon lange nicht mehr gegessen haben?“, fragte Mathilde, und der sehnsüchtige Ton in ihrer Stimme war nicht zu überhören.

„Na, schieß los.“

„Döner!“, Mathilde sprach das Wort aus wie ein kleines Wunder.

„Ja, du hast recht“, erwiderte Isabelle und dachte sich nur, dass sie ihrer Mutter so einen bescheidenen Wunsch niemals abschlagen würde. Für einen kurzen Moment konnte sie sogar lächeln. „Ist gebongt.“

„Mit allem Drum und Dran“, hörte Isabelle die aufgeregte Stimme ihrer Mutter aus dem Wohnzimmer, als sie bereits im Flur stand und in ihre nassen Schuhe stieg.

Auf der Straße sog sie die angenehm frische Luft nach dem Regen ein und machte sich auf den Weg. Doch so sehr sie sich um Ablenkung bemühte, ihre Gedanken kreisten immer wieder um Sascha. Wie, um alles in der Welt, konnte mir nur entgehen, dass er mich betrügt? Dass er eine andere hat? Lena Wieauchimmer! Wie kommt er noch dazu darauf, unsere Beziehung als Affäre zu bezeichnen? Vier Jahre sind einiges, mir fielen eine Menge Bezeichnungen dafür ein, aber Affäre?

Isabelle besorgte die Tabletten und das Abendessen. Keine halbe Stunde später stand sie schon wieder im Treppenhaus und holte die Post aus dem Briefkasten. Zwei Briefe und Werbung. Einer für ihre Mutter, aus Frankreich, und einer von der Bank an sie selbst gerichtet. Endlich!, schoss es ihr durch den Kopf, und sie drückte das Kuvert erleichtert gegen die Brust. Nun, ein kleines Zeichen des Himmels, dass nicht alles schlecht war. Auf die Bestätigung der Auszahlung ihres Geschäftsdarlehens hatte sie schon seit ein paar Tagen sehnsüchtig gewartet. Sie eilte in freudiger Aufregung die Treppen hinauf und rief schon von der Tür aus: „Essen ist da, Post auch! Sag mal, kennst du jemanden in Frankreich?“

Mathilde hatte sich bereits an den Esstisch gesetzt und sah ihre Tochter mit verwundertem Blick an. „Frankreich? Nicht dass ich wüsste. Wie kommst du darauf?“

Isabelle übergab den Brief an ihre Mutter. „Der ist für dich gekommen, vielleicht jemand, der ins Ausland gezogen ist?“

„Ach, keine Ahnung. Ich kenn ja hier schon kaum jemanden. Lass uns erst mal essen. Ich habe Hunger bis unter die Arme. Um die Post kümmere ich mich später. Die läuft uns nicht weg.“

„Na gut, dann lege ich meinen Brief auch zur Seite, ich weiß ja sowieso, was drinsteht“, entschied Isabelle und befreite das Essen aus der Zellophantüte.

„Ach, ja?“, fragte Mathilde neugierig, widmete jedoch dem Päckchen in Alufolie mindestens genauso viel Aufmerksamkeit.

„Ja, das ist die Bestätigung des Kredits für das Café. Die Bank hatte das Schreiben schon für letzte Woche zugesagt. Ich bin so erleichtert. Jetzt kann es endlich losgehen, und ich bin meine eigene Chefin. Kaum zu fassen, oder?“ Isabelles Augen leuchteten verträumt, in Gedanken durchquerte sie das Café in der Allendestraße und bediente ihre großen und kleinen, jungen und alten Gäste. Vor ihrem inneren Auge sah sie die lange To-do-Liste. Es war so viel zu erledigen, aber das würde warten müssen. Heute wollte sie sich nur noch entspannen und zeitig schlafen gehen.

Mutter und Tochter aßen gemeinsam, dann öffnete Isabelle den Brief der Bank. Zuerst überflog sie ihn nur, dann las sie ihn ein zweites Mal, genauer, und ihre Miene verfinsterte sich zunehmend. „Nein, das darf nicht wahr sein!“, entfuhr es ihr.

In blankem Entsetzen überflog sie die Zeilen ein drittes und viertes Mal. Sie konnte nicht glauben, was sie da las. … vertragsgemäß … Neubewertung des Risikos … ziehen wir unsere vorläufige Zusage zurück … weitere Erläuterungen erfolgen nicht … Einspruch möglich … Erfolg nicht in Aussicht gestellt

 „Das darf alles nicht wahr sein“, wiederholte Isabelle. „Wie ist denn das möglich? Sie hatten es mir doch fest zugesagt.“ Fassungslos ließ sie den Brief auf den Tisch sinken und lehnte sich geschlagen zurück.

„Was ist denn los, mein Schatz?“, fragte Mathilde fürsorglich und legte die Hand mitfühlend auf den Arm ihrer Tochter.

Über Isabelles Gesicht liefen erneut Tränen. Sie starrte auf den Brief in ihren Händen und brauchte lange, bis sie ihrer Mutter antworten konnte. „Das ist der schlimmste Tag meines Lebens“, brachte sie schließlich mit tränenerstickter Stimme hervor. „Hier, lies“, forderte sie ihre Mutter auf und schob das Papier unwirsch über den Tisch.

Mathilde nahm es und begann, zu lesen. „Ich fürchte, ich verstehe diesen ganzen Finanzkram nicht. Erklär es mir. Heißt das, dass du noch ein bisschen auf den Kredit warten musst? Wollen die, dass du einen neuen Antrag stellst?“

Mit einer verächtlichen Handbewegung wischte sich Isabelle die Tränen aus dem Gesicht und antwortete trotzig: „Ja, bis zum Sankt Nimmerleinstag werden sie mich warten lassen, ich bekomme den Kredit nämlich überhaupt nicht.“

Mathilde machte große Augen und hakte weiter nach. „Aber sie hatten dir das Geld längst zugesagt. Du hast mir erzählt, dass du nur noch auf die schriftliche Bestätigung warten musst, und dann kannst du die Papiere für das neue Lokal abholen.“

Isabelle schniefte. „Ja, haben sie, und jetzt haben sie es sich aus wer weiß welchen Gründen anders überlegt, und ich naive Gans gehe leer aus. Ich kann mir das nicht erklären, Mama. Ich weiß nur, dass ich jetzt gar nichts mehr weiß. Alles, was ich mir vorgenommen habe, wofür ich gearbeitet habe, geht plötzlich den Bach runter.“

Mathilde lehnte sich ächzend zum Beistelltisch hinüber und zog mit den Fingerspitzen eine Packung Taschentücher heran. Die eine Hand ruhte immer noch auf dem Arm ihrer Tochter, mit der anderen legte sie das Päckchen auf den Brief. „Ich weiß, dass du ein schlaues Mädchen bist. Mein schlaues Mädchen. Vielleicht handelt es sich um einen Irrtum. Da stand doch irgendetwas von Widerspruch drin. Wie wäre es, wenn du erst mal eine Nacht drüber schläfst? Und morgen überlegst du dir einen ordentlichen Antwortbrief. Ich kenne dich, meine Süße, so einfach lässt du dich nicht ausbremsen, und Aufgeben ist erst recht nicht deine Stärke.“ Ihre Worte sollten aufmunternd klingen, erreichten aber das völlige Gegenteil.

„Ach, Mama. Ich bin überhaupt nicht schlau. Ich bin die Dummheit in Person, und nach dem heutigen Nachmittag hätte ich niemals gedacht, dass dieser Tag noch schrecklicher werden könnte. Im Moment läuft einfach alles schief! Am liebsten würde ich für eine Weile verschwinden. Abhauen und meine Ruhe haben.“

„Um Gottes willen, Kind, was ist denn passiert?“

Isabelles Blick verlor sich in der Wohnung, während sie sich sammelte und nach Worten suchte. „Sascha hat heute mit mir Schluss gemacht. Nach vier Jahren ist ihm eingefallen, dass ich für ihn nicht mehr als eine Affäre war. Er hat eine andere, eine Lena, die er heiraten will, und nun wird ihm plötzlich klar, dass ich in seine neuen Zukunftspläne gar nicht reinpasse. Ich verstehe nicht, warum er mir das antut, und vor allem verstehe ich nicht, wie ich so blind sein konnte.“ Sie weinte bitterlich.

Mühsam und unter Ächzen stand Mathilde auf, stellte sich, mit der einen Hand auf dem Esstisch abstützend, vor ihre Tochter und legte die andere Hand beschützend auf deren Schulter.

Dankbar und zerbrechlich wie ein kleines Mädchen lehnte Isabelle den Kopf gegen den Bauch ihrer Mutter und weinte sich aus. „Es ist alles so schrecklich, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll, die Scherben zusammenzukehren.“

Eine Weile stand Mathilde so bei ihrer Tochter, aber dann löste sie sich. „Entschuldige, mein Schatz. Ich muss mich wieder setzen. Meine Schmerzen machen mir heute besonders zu schaffen und wollen keine Rücksicht auf außergewöhnliche Situationen nehmen.“

„Was soll ich denn jetzt tun, Mama?“, fragte Isabelle, erwartete jedoch keine Antwort, sondern sprach weiter. „Mein Lebenstraum ist zerplatzt wie eine Seifenblase. Wenn ich den Kredit nicht bekomme, kann ich nächste Woche nicht unterschreiben, und dann unterschreibt jemand anderes. Das Café kann ich vergessen. Ich bin achtundzwanzig Jahre alt, Single, weil ich eine Beziehung nicht von einer plumpen Bettgeschichte unterscheiden kann, und arbeite als Bedienung in einer Eisdiele. Was stimmt nicht mit mir, dass ich weder kapiert habe, dass Sascha mich die ganze Zeit nur verarscht hat, noch dass ich nicht verstehe, was bei der Bank schiefgelaufen ist? Möglicherweise hat Sergio recht“, beendete sie ihre Rede.

„Womit soll er recht haben, was meinst du?“

Mit gesenktem Blick erwiderte Isabelle: „Er hat gesagt, ich sei naiv.“

„Hat er das? Also, hör mal, du bist eine herzensgute Frau und vertraust den Menschen. Du bist klug, hübsch und vermutest nicht hinter jeder Freundlichkeit eine Schweinerei. Bewahr dir diese Unvoreingenommenheit. Die bewundere ich an dir, das hat nichts mit Naivität zu tun. Du kannst dich sehr wohl behaupten. Allein, wie du dich durch dein Studium geschlagen hast und wie du dich trotzdem um mich, um uns kümmerst, das macht dir so schnell keiner nach. Du hast das Zeug zu einem eigenen Café, du bist eine gute Geschäftsfrau, glaub mir. Das mit dem Kredit hätte mit Sicherheit auch jedem anderen angehenden Unternehmer passieren können. Wir hören doch immer wieder in den Nachrichten, dass die Banken nicht wissen, was sie tun, und unlautere Geschäfte machen. Wenn die glauben, du seist ein Risiko, dann sind sie nur ein Haufen Trottel. Dann haben sie wirklich keine Ahnung von dem, was sie tun, und werden über kurz oder lang mit Berichten über dumme Verlustgeschäfte Schlagzeilen machen. Du schläfst ein paar Nächte drüber, suchst dir eine andere Bank, und anschließend siehst du dich ganz in Ruhe nach einem neuen Lokal um. Sieh es als Wink des Schicksals, nicht als Tiefschlag. Vielleicht ist es einfach nicht das Richtige für dich gewesen. Genauso wie Sascha. Dass er dich so verletzt hat, ist unverzeihlich. Du hast ihm vertraut, und er hat dich auf schäbige Weise hintergangen. Ich weiß, dass du das gerade nicht hören willst, aber es ist mit Sicherheit besser, dass ihr getrennte Wege geht.“

Isabelle hob den Blick und sah ihre Mutter eindringlich an. „Im Grunde habe ich schon kapiert, dass er ein Vollidiot ist, doch es tut nun einmal fürchterlich weh, und zwei solcher Rückschläge an einem Tag sind einfach zu viel.“

„Vor solchen Rückschlägen kann sich niemand schützen. Dinge passieren eben, und wie wir damit umgehen, zeigt unsere Stärken und Schwächen.“ Mathilde lehnte sich stöhnend zurück und schaute ihre Tochter aufmunternd an.

„Ich habe für heute genug von meinen Schwächen“, beendete die jetzt das Thema und machte sich daran, den Tisch abzuräumen. Dabei ließ sie sich ausgesprochen viel Zeit. Wie in Trance ließ sie warmes Wasser über die beiden Teller laufen, um sie abzuspülen. Mit langsamen, gleichmäßigen Kreisen bewegte sie das Geschirrtuch über beide Seiten und stellte das Geschirr gedankenversunken in den Schrank.

Zurück im Wohnzimmer fand sie ihre Mutter bereits wieder in ihrem angestammten Sessel. Die meiste Zeit des Tages verbrachte sie hier. Draußen war es inzwischen dunkel geworden, und Mathilde hatte die Stehlampe neben sich eingeschaltet.

„Ich denke, ich gehe gleich ins Bett, ich bin total erledigt und brauche Schlaf“, kündigte Isabelle erschöpft an, als sie die Küchentür hinter sich schloss. „Du schaust bestimmt noch einen Film im Fernsehen. Soll ich dir noch was bringen, brauchst du etwas?“, wollte sie wissen und blickte ihre Mutter fragend an.

„Macht es dir etwas aus, mir den mysteriösen Brief aus Frankreich rüberzureichen? Nach so viel Aufregung an einem Abend kann der nun auch nicht mehr viel anrichten. Vielleicht ist es zur Abwechslung mal eine gute Neuigkeit.“

Isabelle gab ihrer Mutter den Umschlag und sah zu, wie diese ihn aufmerksam von beiden Seiten betrachtete. Absender und Adresse waren fein säuberlich in blauer Tinte geschrieben.

„Der ist von Antoine Lemaire aus Metz in Frankreich. Ich weiß weder, wo Metz in Frankreich liegt, noch kenne ich jemanden, der so heißt.“

„Dann mach ihn auf, sonst erfährst du nie, was drinsteht“, motivierte Isabelle ihre Mutter und reichte ihr den Brieföffner. Das ordentliche Öffnen der Post gehörte zu den Dingen, auf die ihre Mutter immer besonderen Wert gelegt hatte, seit Isabelle denken konnte. Ein Briefkuvert wurde niemals einfach mit den Fingern aufgerissen und lieblos zerfleddert. Der Umschlag war ein Teil des Schriftstücks und wurde ebenso sorgfältig wie der Brief selbst behandelt, zumindest so lange, bis sie entschieden hatte, ob er von Bedeutung war oder nicht.

Während es sich Isabelle auf der Couch bequem machte und geduldig wartete, studierte Mathilde den Inhalt des Briefs mit höchster Aufmerksamkeit. Nach einer Weile legte sie ihn auf den Couchtisch, vor die Nase ihrer Tochter, und so konnte Isabelle einen ersten Blick darauf werfen. Die saubere Handschrift auf dem Umschlag hatte sie vermuten lassen, dass Antoine Lemaire eine Privatperson sein müsse. Nun aber, da ihr Blick auf dem Briefpapier ruhte und sie die Details des besonders auffälligen Briefkopfs betrachtete, wurde sie eines Besseren belehrt. Vorbei war es mit der Müdigkeit, mit dem Wunsch, sich ins Bett zu verkriechen. Ihre Neugier war geweckt, denn das Schreiben war von einer französischen Rechtsanwaltskanzlei. Dieser unbekannte Antoine Lemaire war demzufolge ein niedergelassener Jurist.

„Soll ich lesen, oder sagst du mir, worum es darin geht?“, fragte sie.

„Wie du magst“, antwortete Mathilde. „Ich weiß gerade nicht so genau, was ich davon halten soll. Angeblich geht es um eine Erbschaft. Eine sensible Familienangelegenheit, und er schreibt, dass es unbedingt erforderlich sei, dass ich zur Regelung nach Frankreich reisen muss. Ich kenne niemanden in Frankreich, das kann nur eine Verwechslung oder, schlimmer noch, ein Betrugsversuch sein.“

„Darf ich ihn lesen?“ Isabelle griff nach dem Briefbogen, wartete jedoch, bis sie das zustimmende Nicken ihrer Mutter erhielt. Das Briefpapier war dick und schwer. Es fühlte sich richtig gut an. Für einen Moment blitzte der Gedanke in ihrem Kopf auf, dass sie solches Papier auch für ihre Geschäftskorrespondenz nutzen könnte. Sie schüttelte die Idee sofort wieder ab, um sich auf den Inhalt zu konzentrieren. Nachdem sie den Brief ebenfalls aufmerksam gelesen hatte und ihn zurück in den Umschlag stecken wollte, fand sie darin ein weiteres Blatt, vielmehr eine Karte. Sie zog sie aus dem Kuvert heraus und stellte erstaunt fest: „Mama, wenn das wirklich ein Betrüger ist, dann macht er sich in der Tat außerordentlich viel Mühe. Das sieht doch ein Blinder mit ’nem Krückstock, dass bei uns nichts zu holen ist. Aber schau mal hier, das ist ein Erste-Klasse-Bahnticket von Köln nach Metz.“ Sie reichte ihrer Mutter die Fahrkarte und sprach weiter. „Vielleicht stimmt es wirklich und du hast etwas geerbt. Vielleicht sogar ein kleines Vermögen? Das wäre eine Sensation.“

Mathilde schien sich nicht zu Spekulationen hinreißen lassen zu wollen. „Zeig mal her.“ Unruhig drehte und wendete sie die Zugfahrkarte in den Händen, dann brach es ungewohnt emotional aus ihr hervor. „Außer dir hat es niemals irgendwen interessiert, wie es mir ging oder was aus mir wurde. Ich habe mich mehr schlecht als recht allein durchs Leben geschlagen. Glaub mir, ich habe genug Lehrgeld gezahlt. Waisenkind, kein Schulabschluss, immer krank, mit achtzehn schon schwanger und dann auch noch sitzen gelassen worden. Es gibt keine Familie. Das ist einer der Gründe, warum das Geld für uns zwei vorne und hinten nicht gereicht hat. Schau mich an. Ich bin erst sechsundvierzig Jahre alt, unheilbar krank und unfähig, mich allein zu versorgen. Ich habe Schmerzen, und wenn ich dich nicht hätte, wer weiß, was bereits aus mir geworden wäre? Glaubst du denn, ich merke nicht, dass ich dir auf der Tasche liege? Aber es gibt niemanden. Wie soll ich denn glauben, dass aus heiterem Himmel eine große Erbschaft auf mich wartet? Warum sollte mich jemand, der mich überhaupt nicht kennt, mit viel Geld nach seinem Ableben bedenken? Viel eher bleibt die Frage, warum dieser Jemand gewartet hat, bis ihn das Zeitliche gesegnet hat.“ Sie machte eine Pause und rang nach Atem. Als sie sich beruhigt hatte, fuhr sie leise fort, und es schwang ein wenig Enttäuschung in ihrer Stimme mit. „Und nun soll ich einfach so nach Frankreich fahren, mit der Bahn? Ich kann an schlechten Tagen nicht einmal den Müll nach unten bringen. Die Schmerzen sind eine fürchterliche Beeinträchtigung. Wie soll ich es dann bewerkstelligen, so einfach nach Frankreich fahren und mir diese geheimnisvolle, sensible Angelegenheit anhören? Fahrkarte hin oder her, es ist gar nicht möglich.“ Sie sah ihre Tochter aus müden Augen an.

„Wir könnten zusammen fahren“, schlug Isabelle vor, sie wollte wirklich wissen, was es mit diesem Brief auf sich hatte, und war außerdem froh über diese nicht alltägliche Ablenkung. „Ein Ticket haben wir, das andere könnte ich besorgen. Wir setzen dich in den Rollstuhl, und schon geht es los. Schau mal, die Fahrt ist für nächste Woche Mittwoch gebucht.“

Mathilde schüttelte den Kopf. „Auf keinen Fall, nein. Es ist lieb, dass du dir Gedanken machst. Aber das alles ist nichts weiter als Unsinn. Da erlaubt sich jemand einen schlechten Scherz mit mir. Abgesehen von den Anstrengungen der Reise, das würde eine regelrechte Tortur sein. Ich weiß nicht, was uns in Metz erwartet. Dort einfach so hinzufahren, Gefahr zu laufen, ausgeraubt zu werden, oder noch Schlimmeres, das wäre naiv. Ich glaube nicht, dass irgendetwas von dem, was in dem Brief steht, wahr ist. Und wenn es wahr ist, bezweifle ich, dass ich wissen möchte, was mir dieser Rechtsverdreher da erzählen will. Ich bin ein Waisenkind, ein Findelkind, niemand weiß irgendetwas, und nun kommt da irgendein Anwalt? Das glaubst du doch selbst nicht.“

Isabelle sah ihre Mutter an. So aufgebracht hatte sie sie selten erlebt. Allerdings wirkte Mathilde eher verletzt und verunsichert. Die Vorstellung, dass es möglicherweise Verwandte gab, die sie all die Jahre ignoriert hatten, machte ihr augenscheinlich zu schaffen.

„Vielleicht sollten wir es für heute gut sein lassen. Du wolltest eh schon lange im Bett sein“, brach Mathilde die Unterhaltung mürrisch ab.

Isabelle nickte und gähnte. Jetzt spürte sie wieder die Erschöpfung und wollte sich nur noch unter ihre Decke kuscheln. „Du hast recht. Ganz schön viel Aufregung für einen Tag. Lass uns schlafen gehen, und dann überlegen wir morgen in Ruhe, was du tun kannst.“

Lange wälzte sich Isabelle in ihrem Bett hin und her. So müde, wie sie war, konnte sie dennoch nicht einschlafen. Zu viele Gedanken fuhren Achterbahn in ihrem Kopf. Hatte sie ein Thema erfolgreich beiseitegeschoben, fand ein anderes erfolgreich zurück in ihre Gedanken. Sascha, dieser Mistkerl, wie konnte ich nur so dämlich sein und ganze vier Jahre nicht merken, dass er mich nur verarscht hat? Wie konnte er das nur so lange durchziehen? Mehr als erbärmlich ist das, und viel schlimmer noch ist, dass Sergio recht gehabt hat. Er hat es mir prophezeit, und ich habe ihm nicht geglaubt. Ich war so blind. Was Sergio wohl dazu sagt, dass der Deal geplatzt ist? Wird er sich freuen? Bestimmt. Aber er weiß, dass ich nicht ewig bei ihm als Angestellte arbeiten kann und will. Wenn Mama tatsächlich nächste Woche nach Frankreich fährt, werde ich sie begleiten. Dann muss ich Urlaub bei Sergio einreichen. Ziemlich kurzfristig, aber er hat sicher Verständnis dafür. Ob ich ihm überhaupt von alledem erzählen soll?

Endlich schlief sie ein, doch sie träumte wild. Von Sascha und einer unbekannten Frau mit dunklen Haaren. Sie trug ein weißes Kleid und saß mit ihm im leeren Café in der Allendestraße, während Isabelle selbst ebenfalls dort war und händeringend versuchte, sich für die passenden Stühle zu entscheiden. Immer wieder musste sie Plätzchen nachreichen, weil es Sascha und seine Neue in kürzester Zeit schafften, alles leer zu futtern, dann stand sie plötzlich draußen auf der Straße. Die neuen Stühle waren im Café, aber Isabelle konnte die Tür nicht öffnen. Sie war verschlossen. Verzweifelt suchte sie den Schlüssel und konnte ihn nicht finden.

Als Isabelle am Morgen erwachte, fühlte sie sich wie gerädert. Kopf und Nacken schmerzten, sie wollte im Bett bleiben und drehte sich kurzentschlossen noch einmal um. Aber der Versuch, wieder einzuschlafen, misslang. Das Gedankenkarussell hatte sogleich wieder Fahrt aufgenommen und quälte sie erneut. Dann muss ich wohl, dachte Isabelle und setzte sich auf. Sie ließ den Blick durchs Zimmer wandern. Ist das zu fassen, ich bin achtundzwanzig Jahre alt und wohne in meinem Kinderzimmer! Hätte mir ja klar sein müssen, dass das auf Dauer nicht gut gehen kann. Weder mit Sascha noch mit einem anderen Mann. Die Dinge lagen allerdings anders, als sie schienen. Ja, obwohl sie in ihrem Kinderzimmer wohnte, bildeten Isabelle und ihre Mutter eher eine Wohngemeinschaft. Ihre finanziell mehr als prekäre Situation und die körperlichen Beeinträchtigungen ihrer Mutter lieferten ausreichend Argumente für dieses Arrangement. Isabelle unterstützte sie so gut sie konnte, und eine kleine Wohnung war unbestritten günstiger als zwei.

Isabelle musste wieder an den Brief denken. Das potenzielle Erbe. Eine kleine Finanzspritze konnte ihnen beiden guttun und zumindest für ein paar Monate die Geldnot lindern. Ach, das wäre zu schön, um wahr zu sein. Wären sie beide nur ein Hauch bessergestellt, würde die Bank vielleicht die Risikobewertung noch einmal korrigieren. Ob es sich Mathilde in der Nacht anders überlegt hatte? Isabelle rechnete nicht damit, so verbittert wie gestern hatte sie sie selten gesehen. Wobei ein kostenloser Ausflug durchaus nicht zu verachten war. Im Gegensatz zu den meisten anderen Familien waren sie und ihre Mama nie zusammen verreist. Dass Mathilde jemals über die Stadtgrenzen von Köln hinausgekommen war, wagte Isabelle ernsthaft zu bezweifeln. Frankreich wäre bestimmt eine schöne Abwechslung für uns. Ich jedenfalls könnte gut eine vertragen.

Isabelle sah auf ihr Handy, es war kurz vor halb neun. Was sollte sie mit diesem Tag anfangen? Einfach im Bett bleiben? Zu Sergio brauchte sie nicht, sie hatte frei, und wie sie sich selbst eingestand, hatte sie überhaupt keine Lust, ihn zu sehen. Sergio war nicht nur ihr Chef, sondern auch ihr einziger guter Freund. Ihm vertraute sie, aber die Genugtuung, dass er in Bezug auf Sascha recht gehabt hatte, wollte sie ihm nicht gönnen. Er würde ihr früh genug damit auf die Nerven fallen. Die Speisekartenentwürfe für das neue Lokal brauchte sie jetzt nicht mehr mit Nachdruck zu erstellen, die Auswahl des Interieurs und alles Weiteren war in unerreichbare Ferne gerückt. Plötzlich hatte Isabelle alle Zeit der Welt und beschloss, diesem Umstand etwas Positives abzugewinnen. Sie wollte ausgiebig mit ihrer Mutter frühstücken und dabei noch einmal mit ihr über einen möglichen Kurztrip sprechen. Was sollte schon schiefgehen, wenn sie zusammen unterwegs waren? Ein Tapetenwechsel hatte noch nie geschadet, und etwas Geld hatte sie sich für unvorhergesehene Ausgaben zur Seite gelegt. Die Idee nahm bereits Form und Gestalt in Isabelles Vorstellung an und erfreute sich von Minute zu Minute weiterer Beliebtheit.

Mathilde saß bereits in ihrem Sessel und versuchte, ein Kreuzworträtsel zu lösen, da trat Isabelle unternehmungslustig ins Wohnzimmer. „Guten Morgen, hast du Lust auf ein ausgiebiges Frühstück? Ich habe heute Zeit und hole uns was vom Bäcker, wenn du magst.“

Mathilde sah lächelnd zu ihr auf. „Gern, ich hatte bisher nur ein Glas Wasser. Dann machen wir es uns gemütlich. Mir ist da in der Nacht etwas eingefallen, zu dem Brief, du weißt schon. Ich möchte gern mit dir darüber reden.“

Isabelle zog sich die Turnschuhe über. „Jetzt machst du mich aber neugierig. Ich bin gleich zurück, lauf nicht weg“, zog sie ihre Mutter liebevoll auf. Eilig griff sie Schlüssel und Geld, dann eilte sie auch schon aus der Wohnung und sprang die Treppenstufen hinunter. Dieser Tag musste einfach gut werden.

Als sie zurückkehrte, hatte Mathilde bereits Teller und Tassen auf den Tisch geräumt und die Kaffeemaschine angestellt.

„Oh, hier riecht es ja gut“, rief Isabelle aus dem Flur. Lässig trat sie auf die hinteren Sohlen ihrer Schuhe, um sie abzustreifen. Das Schlüsselbund klapperte, als sie es in die Glasschale auf der Kommode legte. Dann begab sie sich ins Wohnzimmer und stellte die Papiertüte auf den Tisch. „Du warst ja schon total fleißig“, stellte sie anerkennend fest und umarmte ihre Mutter, die bereits am Tisch Platz genommen hatte. „Ich hole Kaffee, dann können wir essen. Heute Morgen im Bett habe ich noch gedacht, dass ich keinen Bissen runterbekommen würde, aber nun habe ich richtig Appetit. Schau mal rein, was ich uns mitgebracht habe.“

Mathilde öffnete die Tüte und lachte zurückhaltend. „Ach, du“, sagte sie nur und zog ein Croissant hervor.

„Ich dachte, ein bisschen französisches Flair würde dir die Entscheidung erleichtern. Stell dir nur vor, wir beide könnten zusammen nach Frankreich reisen. Mit der Bahn sollte das kein Problem sein. Wer weiß, wann sich so eine Gelegenheit noch einmal bietet? In jedem Fall sollten wir versuchen, ein paar Erkundigungen einzuholen. Ich habe heute nichts weiter vor. Ich schnapp mir mein Tablet, und wir machen einen Recherchetag. Na, was sagst du dazu?“

Eine Weile saßen sie sich schweigend gegenüber, ließen sich Croissants und Kaffee schmecken.

„Lecker“, schloss Mathilde ihr Frühstück und schob mit dem Zeigefinger die Krümel auf ihrem Teller zusammen. „Ich wollte das Thema ebenfalls mit dir besprechen. Die halbe Nacht habe ich wach gelegen und darüber nachgedacht, was es mit dieser merkwürdigen, sensiblen Erbschaftsangelegenheit auf sich haben könnte. Das Wort ‚sensibel‘ stört mich übrigens bei dem ganzen Kram am meisten. Worauf ich aber hinauswill, ist, dass es ja noch nicht einmal gesagt ist, ob es eine gute Erbschaft ist. Was ist, wenn es sich um Schulden oder sogar Haustiere handelt? Vielleicht erbe ich einen alten, stinkenden und sabbernden Hund. Was soll ich denn damit anfangen?“

Isabelle lachte auf. „Das glaubst du doch selbst nicht!“

„Dinge gibt’s, die gibt’s gar nicht“, fuhr Mathilde fort. „Im Grunde will ich dir nur sagen, dass ich keine Ahnung habe, was es mit dieser ganzen Angelegenheit auf sich hat, und dass ich das alles mehr als fragwürdig finde. Wir haben es meiner Meinung nach mit einer Verwechslung oder einem schlechten Scherz zu tun. Und ich bin nicht so fit und unabhängig, dass ich ohne Probleme eine Reise ins Ungewisse antreten kann.“ Sie sprach ruhig und wohlüberlegt. „Als ich den Brief vorhin noch einmal gelesen habe, stand da etwas, dass ich gestern gar nicht bemerkt habe, und das wiederum käme vielleicht doch infrage, diese Entscheidung liegt aber bei dir.“

Isabelle war ganz Ohr.

„Es steht mir frei, mittels entsprechender Vollmacht einen geeigneten Vertreter an meiner statt nach Metz fahren zu lassen.Was hältst du davon, wenn du allein fahren würdest? Traust du dir das zu? Das Ticket ist ja hier. Du musst für dich allein nicht viele Sachen zusammenpacken und kannst dich, wenn du magst, auf den Weg machen. So kommst du wenigstens raus und auf andere Gedanken. Ich sehe doch, dass du die Möglichkeit dieser Reise gern wahrnehmen würdest.“

Isabelle war von den Socken. Die Idee ihrer Mutter, sie als Vertreterin zu schicken, begeisterte sie, aber gleichzeitig dachte sie daran, dass Mathilde dann allein zurückbliebe. „Du hast ja Vorstellungen. Was ist, wenn du Hilfe benötigst?“

Mathilde machte eine abwiegelnde Handbewegung. „Für einen Tag? Kleines, ich bin zwar nicht mobil, aber bettlägerig bin ich längst nicht. Ich kriege meine Tage auch rum, wenn du arbeiten gehst. Wenn du ehrlich bist, verwöhnst du mich mit deinem Rundum-sorglos-Paket mehr als nötig. Ich schaffe das schon eine Zeit lang ohne dich.“ Es schien tatsächlich, als habe sie sich bereits einen Plan zurechtgelegt, der aber weniger darauf aus war, diesen undurchsichtigen Anwalt mit seinem seltsamen Brief zu treffen, sondern vielmehr ihrer Tochter eine Auszeit zu verschaffen. „Lass uns einmal in der Theorie durchgehen, was du bräuchtest und wie wir das Ganze organisieren können. Oder hast du gar keine Lust mehr auf Frankreich?“, trieb sie das Thema voran.

„Doch“, gab Isabelle zu. „Von mir aus gehen wir es mal durch. Vielleicht packt dich dabei ja selbst das Reisefieber, Mama. Dann fahren wir doch zusammen.“ Sie räumte den Tisch ab und holte ihr Tablet.

 

Kapitel 2 – Regine

Mit übergeschlagenen Beinen und leicht nach vorne gebeugtem Oberkörper wartete Isabelle bereits eine Viertelstunde auf der Bank an Gleis sieben. Abwechselnd beobachtete sie die Reisenden, sah auf die Anzeigetafel. Die blaue Sporttasche, in die sie vorsichtshalber Sachen für fünf Tage gepackt hatte, stand neben ihr. Sie hatte den linken Arm durch die Riemen gezogen und auf ihrem Knie abgelegt. In der Rechten hielt sie einen großen Pappbecher mit etwas, das sich zwar Latte Macchiato nannte, aber nicht ansatzweise so schmeckte. Sie war nervös und wippte mit dem Fuß auf und ab. Nur noch wenige Minuten, bis der Zug einfuhr, und dann konnte die Reise ins Ungewisse beginnen. Sie war nach den unschönen Aufregungen der letzten Tage gern bereit, der Bitte ihrer Mutter nachzukommen, in Vertretung nach Frankreich zu reisen. Sie fühlte sich merkwürdig fremd, ohne dass Gefühl weiter beschreiben zu können. Sie kam sich ein bisschen vor wie im Film, wie eine Agentin, auf dem Weg zu einem fremden Ort, wo sie einen Unbekannten treffen und weitere Informationen erhalten sollte. Abenteuerlustig und gespannt, umschrieb ihre momentane Gefühlslage wohl am ehesten. Nichtsdestoweniger hatte sie zwei Dosen Pfefferspray in der Handtasche. Die Abenteuerlust hatte sie zwar gepackt, aber lebensmüde war Isabelle nicht. Schon vor zwei Tagen war sie im Kölner Hauptbahnhof gewesen und hatte sich am Fahrkartenschalter sowohl Echtheit als auch Gültigkeit des Tickets bestätigen lassen. Sie hatte sich ebenfalls die Reiseroute mit Zwischenhalten und Umsteigeinformationen ausdrucken lassen und sich vorab über die Rückreisemöglichkeiten informiert.

„Haben Sie gesehen, dass es sich bei diesem Ticket bereits um eine Hin- und Rückfahrtkarte handelt?“, hatte die Dame am Schalter gefragt und Isabelle damit in Überraschung versetzt. „Hier unten steht es, das Rückfahrtdatum ist frei wählbar.“

„Immer das Kleingedruckte“, hatte Isabelle erwidert und sich insgeheim gefreut, dass sie die Ausgaben für die Rückfahrt sparte. Sie wollte vertrauen, die Zeichen für die Echtheit des Briefs standen gut. Eine blecherne Durchsage ertönte und kündigte die Einfahrt des Zugs an. Nun sollte es also tatsächlich losgehen. Auf nach Frankreich! Sie leerte den Becher, ließ ihn mit bewusster Geste in den Mülleimer neben der Bank plumpsen und wollte in diesem Augenblick so viel mehr loslassen, als nur das bisschen Pappe. Sie hatte nicht vor, die großen Enttäuschungen der letzten Woche weiter mit sich herumzutragen. Ich will weder Sascha noch dem Café hinterhertrauern, und ein Tapetenwechsel wird mir dabei helfen, zu vergessen und mich neu zu orientieren.

Quietschend hielt der Eurocity Einfahrt in den Bahnhof, wenige Minuten später betrat Isabelle ihr Abteil in der ersten Klasse. Knapp viereinhalb Stunden würde sie nun unterwegs sein, wenn es keine unplanmäßigen Aufenthalte gab. Sie verstaute ihre Sachen und versuchte, eine bequeme Sitzposition einzunehmen. Es war gar nicht so einfach. Nun war sie doch nervös, und obwohl sie ihr Tablet ganz enthusiastisch mit einigen Büchern, die sie schon längst hatte lesen wollen, ausgestattet hatte, um sich die Zeit zu vertreiben, war ihr augenblicklich überhaupt nicht nach Lesen. Stattdessen stellte sie den Wecker ihres Handys ein, damit er sie rechtzeitig daran erinnerte, in Koblenz umzusteigen. Sicher ist sicher. Sie fühlte sich zwar nicht müde, es trieb sie aber die Sorge, einzuschlafen und den Bahnhof zu verpassen. Das wäre mehr als unangenehm. Beim nächsten Blick aus dem Fenster beobachtete sie bereits, wie der Bahnsteig langsam an ihr vorbeizog. Nun war sie unterwegs, lehnte sich zurück und ließ ihren Gedanken freien Lauf.

„Ich spreche doch gar kein Französisch“, hatte sie den Vorschlag ihrer Mutter im ersten Moment abgewehrt. „Mit dem wenigen, das ich noch aus der Schule weiß, mache ich mich lächerlich.“

Aber Mathilde hatte dieses Argument nicht gelten lassen. „Wie du siehst, hat dieser Antoine Lemaire seinen Brief auf Deutsch verfasst. Du wirst dich also ohne Weiteres gut mit ihm unterhalten können. Außerdem kannst du ausgezeichnet Englisch, und damit kommt man immer durch.“

Isabelle hatte geseufzt. „Ausgerechnet Englisch, ich habe mal gehört, dass die Franzosen gar nicht so erpicht darauf sind, Englisch zu sprechen, und gern mal so tun, als verständen sie nichts.“

„Das sind alles Vorurteile, seit wann gibst du etwas darauf?“, hatte Mathilde abgewiegelt. „Außerdem bist du eine kluge Frau. Du kannst in den nächsten Tagen bestimmt noch ein wenig lernen.“

Da hatte Isabelle herzhaft lachen müssen. „Das ist nicht dein Ernst, Mama!“

Aber Mathilde hatte keine Miene verzogen. Sie meinte es offenbar genauso, wie sie es gesagt hatte. Nachdem sie die Kanzlei erfolgreich mit Google gefunden hatten, nur einen Firmeneintrag, keine Website, hatten die beiden versucht, dort jemanden telefonisch zu erreichen. Fehlanzeige. Weder ein Anrufbeantworter noch eine Assistentin hatten das Gespräch entgegengenommen. Das war ihnen schon merkwürdig vorgekommen und hatte für einige Mutmaßungen und Spekulationen gesorgt.

„Vielleicht muss er dein neues sabberndes Haustier gerade ausführen“, hatte Isabelle gesagt, und in diesem Augenblick, da sie sich daran erinnerte, überkam sie erneut ein breites Grinsen.

Mathilde hatte sich beim Gedanken an solch eine Art Erbschaft keineswegs glücklich gezeigt und ihre Tochter mit hochgezogenen Augenbrauen angesehen. Ihr Blick hatte gesagt: Wage es nicht, mir einen sabbernden Hund mitzubringen!

In Koblenz hatte Isabelle genügend Zeit für einen Aufenthalt in der Bahnhofshalle. Dort ließ sie sich zum Kauf einer Käsestange und einer Tüte Lakritzschnecken verleiten und vertrat sich ein wenig die Beine. Dann ging es weiter nach Luxembourg. In der luxemburgischen Hauptstadt war der geplante Aufenthalt kürzer, zusätzlich hatte der Zug Verspätung, sodass sie sich sputen musste, um den Anschluss nach Metz nicht zu verpassen. Mit geröteten Wangen und Schweißperlen auf der Stirn sank sie auf ihren Sitzplatz. Obwohl Isabelle sportliche Betätigung gewohnt war, hatte ihr dieser Sprint mit Reisetasche ein wenig zugesetzt. Die große Wasserflasche in der Tasche hatte sie vor wenigen Augenblicken verflucht, nun trank sie dankbar daraus und fühlte sich schnell besser. Hinzu kam, dass der Zug klimatisiert war.

Der Anwalt hatte in seinem Brief geschrieben, dass für den Transfer vom Bahnhof in Metz bis zur Kanzlei gesorgt sei, ebenfalls war ihre beziehungsweise Mathildes angemessene Unterbringung organisiert. Ich bin wirklich gespannt, was und wer mich heute erwartet. Wie sie mich wohl erkennen werden? Hoffentlich halten sie kein Schild mit der Aufschrift Mathilde hoch. Was ist, wenn mich überhaupt niemand abholt? Wie lange gehört es sich, dort zu warten? Unruhig rang Isabelle die Hände, zog dann die Handtasche auf ihren Schoß und versicherte sich, dass das Pfefferspray nach wie vor griffbereit war. Nur die Ruhe, du schaffst das schon. Schau dir lieber die beeindruckende Landschaft an, versuchte sie, sich zu beruhigen. Und in der Tat hatten die imposanten dunkelgrünen Hügel, die sich rund um die Mosel mit ihren Ausläufern erhoben und sich immer mal wieder zeigten, eine besänftigende Wirkung auf sie. Diese weite Landschaft war mit der Großstadt nicht zu vergleichen. Unfassbar, wie viele alte Burgen und Schlösser hier zu finden sind. Ob es heute ein Reinfall wird oder nicht, allein diese Aussicht ist bemerkenswert, und bevor ich zurückkehre, werde ich mindestens einen ausgedehnten Spaziergang durch die Natur machen.

In der kurzen Vorbereitungszeit hatte sich Isabelle ein paar Hotels herausgesucht. Es war zwar eine Fahrt ins Blaue, aber sie hatte sich nicht dazu durchringen können, ganz ohne Plan loszufahren. Auf die Aussagen im Brief wollte sie sich nicht komplett verlassen. Metz hatte mehr als genug Unterkünfte. Selbst wenn alle Stricke rissen, brauchte sie keine Angst zu haben, die Nacht ohne Obdach in der Stadt verbringen zu müssen. Drei Hotels hatte sie in die engere Wahl genommen. Sie hatten gute Bewertungen und Preise, die sie sich für ein oder zwei Tage leisten konnte.

Nervös sah sie auf die Uhr. Schon bald würde der Zug sein Ziel erreicht haben. Wie zur Bestätigung ertönte die Zugdurchsage, und auch wenn sie den ersten Teil nicht vollständig verstand, klang der letzte Teil deutlich nach Metz-Ville. Sie stand auf, nahm ihr Gepäck und stellte sich zu der kleinen Traube Mitreisender vor den Ausstieg. Langsam hielt der Zug Einfahrt in den langen Bahnhof. Da es ihr an Orientierung fehlte, ließ sich Isabelle von den anderen Menschen leiten. Die müssen ja wissen, wo es hier hinausgeht, sagte sie sich und hatte nicht unrecht. Nur wenige Minuten später stand sie bereits auf dem Bahnhofsvorplatz und blinzelte in die angenehm warme Nachmittagssonne. Mit der Hand beschattete sie ihre Augen und sah sich prüfend um. Das außergewöhnliche Sandsteingebäude des Bahnhofs mit seinem gewaltigen Uhrenturm reflektierte das Sonnenlicht. Das helle Licht blendete, doch sie betrachtete das Bauwerk mit Interesse, denn es kam unter dem azurblauen Himmel besonders zur Geltung. Bereits während der Fahrt war Isabelle die häufige Verwendung dieses hellen Steins zum Bau von Häusern und Burgen aufgefallen. Der beeindruckte sie auch jetzt. Robust und zugleich hoffnungslos romantisch wirkte die Architektur auf sie. Urlaubsstimmung machte sich breit.

Erneut sah sie sich auf dem Vorplatz um. Auf der großen Freifläche war es mittlerweile leerer geworden, und nun erblickte sie eine schwarze Limousine. Für einen Moment fühlte es sich an, als setzte ihr Herzschlag aus. Eine Limousine, in Schwarz? Hast du nicht schon als kleines Kind gelernt, nicht zu Fremden ins Auto zu steigen, ging es Isabelle plötzlich durch den Kopf. Reichlich spät, sich jetzt darüber Gedanken zu machen, 007, sagte sie sich und hoffte inständig, dass alles mit rechten Dingen zugehen würde. Die Autotür öffnete sich, und ein älterer Herr in schwarzem Anzug stieg aus. Er setzte eine Schirmmütze auf sein weißes Haar und schritt mit aufrechter, eleganter Körperhaltung auf Isabelle zu. Die Finger der einen Hand umschlossen die Riemen der Reisetasche mit festem Griff, die andere steckte bereits in der Handtasche, bereit, sich zu verteidigen. Ihr Herzschlag wurde immer schneller, während sie den Mann, der langsam auf sie zuging, nicht aus den Augen ließ und sich überlegte, ob es irgendeinen Sinn ergeben würde, sich das Kennzeichen des Wagens zu merken. Sie könnte eine Textnachricht an ihre Mutter schicken, um ein mögliches Verbrechen schneller aufklären lassen zu können. Wenn ich tot bin, gibt es wenigstens gleich eine Spur. Wie angewurzelt stand Isabelle vor dem Bahnhofsgebäude und wartete, bis der Herr, der augenscheinlich Chauffeur war, zu ihr aufgeschlossen hatte.

„Madame Mechant“, eröffnete er und verbeugte sich dezent, „mein Name ist Didier, und ich begrüße Sie herzlich in Metz.“ Er machte einen höflichen und ungefährlichen Eindruck auf Isabelle, aber waren es nicht genau diejenigen Menschen, die einem Sicherheit vorgaukelten und dann zuschlugen? Sie zauderte. „Darf ich Ihnen das Gepäck abnehmen und Sie zum Wagen begleiten? Wir können dann umgehend fahren, Monsieur Lemaire erwartet Sie bereits in seiner Kanzlei.“

Dass der Mann Deutsch sprach, irritierte Isabelle weniger als die vornehme Art, mit der er sich ihrer annahm. Trotzdem sah sie sich genötigt, in irgendeiner Form zu antworten, und fragte deshalb gerade heraus: „Sie sprechen Deutsch?“

„Naturellement, aber natürlich. Wir sind schließlich in Lothringen“, erklärte der Fremde mit einem nachsichtigen Lächeln, als hätte sie es wissen müssen.

Isabelle sah ihn prüfend an. Und dafür habe ich Vokabeln gelernt? „Die Tasche brauchen Sie nicht zu nehmen, so schwer ist die nicht“, erwiderte sie bestimmt, lächelte diesen Didier aber freundlich an und gab sich einen Ruck. Angst flößte ihr der Fremde nicht ein, vielmehr befürchtete sie jetzt, dass er sich beim Tragen ihres Gepäcks eine Verletzung zuziehen könnte.

Didier geleitete sie zum Fahrzeug und öffnete die Tür, damit Isabelle einsteigen und auf der Rückbank Platz nehmen konnte. Sie sah sich um und dachte nur: Hoffentlich ist es nicht das Letzte, was ich in meinem Leben sehe. Dann klappte die Wagentür mit einem dumpfen Geräusch zu.

Es war bereits kurz vor vier, als Didier die Limousine routiniert durch die Innenstadt lenkte und sich durch nichts aus der Ruhe bringen ließ. Sein freundliches Wesen wirkte mit der Zeit beruhigend auf Isabelle, und so dauerte es nicht lange, bis sie ihre antrainierte Servicefreundlichkeit an den Tag legte und in Plauderlaune geriet.

„Wo fahren wir denn hin?“, fragte sie und sah neugierig aus dem Fenster.

„Monsieur Lemaire hat ein Büro in der Stadt, dort möchte er Sie gern begrüßen“, gab Didier bereitwillig Auskunft.

„Wird es lange dauern, bis wir da sind?“, fragte Isabelle weiter.

„Nach derzeitiger Verkehrslage schätze ich, circa acht Minuten. Benötigen Sie etwas? Ist Ihnen nicht gut?“ Didier klang ernsthaft besorgt.

„Nein, nein. Alles in Ordnung“, beschwichtigte sie ihn. „Ich bin nur schon eine Weile unterwegs und etwas müde. Abgesehen davon, weiß ich immer noch nicht, was mich erwartet. Meine Neugier wächst von Minute zu Minute.“

Didier steuerte den Wagen in die Tiefgarage eines alten, noblen Gebäudes. Wunderschön und bestimmt ganz schön teuer, ging es Isabelle durch den Kopf. Für eine Begegnung in feiner Gesellschaft trug sie nicht die passende Kleidung. Didier parkte die Limousine direkt am Eingang zu den Büros, zog eine Plastikkarte aus der Tasche und hielt sie vor einen kleinen weißen Kasten neben der Tür. Ein helles Piepen ertönte, und die elektronische Glasschiebetür öffnete sich mit einem leisen Surren.

„Bitte, nach Ihnen“, gab er Isabelle den Vortritt und bedeutete ihr mit einer dezenten Armbewegung, einzutreten.

Eine angenehm kühle Brise schlug ihr entgegen, nicht zu viel, sie fror nicht, es war gerade richtig. Isabelle versuchte, unbemerkt den Stoff ihrer Bluse am Rücken zu lüften. Sie liebte den Sommer, aber so verschwitzt fühlte sie sich nicht gerade wohl in ihrer Haut. In ihrer bequemen Jeans und der Sommerbluse kam sie sich plötzlich recht fehl am Platz vor. Egal, da musste sie oder der Anwalt jetzt wohl durch. Sie sah an sich hinunter und rechtfertigte sich damit, dass er wohl nicht mit Abendgarderobe rechnen konnte, wenn sie nach fast fünf Stunden Anreise direkt vom Bahnhof zu ihm kam.

Aufmerksam sah sich Isabelle im Eingangsbereich um. Die flachen Stoffschuhe standen auf einem sauberen roten Teppich. Durch die dünnen Sohlen konnte sie spüren, wie weich er war.

„Wenn Sie nichts dagegen haben, rufe ich den Lift“, fuhr Didier fort und drückte bereits den Knopf.

Wieder ließ ihr Didier den Vortritt. Im Fahrstuhl lief leise Musik, die Innenwände waren verspiegelt, davor war ein Handlauf aus Messing angebracht. Isabelles Finger umschlossen das Metall, dann blickte sie in den Spiegel. Einige feine Strähnen hatten sich zwar aus ihrem Zopf gelöst, ansonsten machte sie jedoch einen ganz passablen Eindruck. Viel mehr ist unter diesen Umständen nicht zu erwarten, beschloss sie. Bei ihrem nächsten Gedanken stockte ihr allerdings der Atem. Es gab da etwas, worüber sie keinen Augenblick nachgedacht hatte und was auch ihre Mutter nicht mit einem Satz in Erwägung gezogen hatte. Was, wenn ich gar nicht allein eingeladen bin? Dann trete ich im Vergleich zu allen anderen womöglich als der letzte Schlunz auf! Was für eine Blamage!

Fast unmerklich hatte der Fahrstuhl angehalten, gleich darauf öffnete sich die Tür. Sie waren im dritten Stockwerk angekommen, und hier war der Boden ebenfalls mit dickem Teppich ausgelegt. Didier zückte erneut seine Karte, hielt sie vor das Lesegerät neben einer schweren, verzierten Holztür und wartete, bis es piepte. Cabinet d’avocat – Antoine Lemaire – Rechtsanwalt las Isabelle, bevor sie mit bangem Gefühl eintrat. Durch einen breiten Flur gelangte sie in ein großes Arbeitszimmer mit schweren dunklen Möbeln.

Hinter einem riesigen Schreibtisch, der den Mittelpunkt des Raums bildete, erhob sich ein elegant gekleideter Herr, wesentlich älter als der Chauffeur, und trat Isabelle langsam entgegen. „Bonjour, Madame, et bienvenue. Herzlich willkommen. Ich bin Antoine Lemaire, Initiator dieses Unterfangens, und freue mich, Sie bei mir zu begrüßen.“ Er bedachte sie mit einem sanften Händedruck und zeigte auf Didier. „Meinen Assistenten kennen Sie bereits. Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Anreise. Möchten Sie sich etwas erfrischen, bevor wir beginnen? Didier zeigt Ihnen gern die Gästetoilette.“

Isabelle nickte und nahm das Angebot dankend an. Der Anwalt war auf den ersten Blick ein angenehmer Gastgeber. Antoine Lemaire war mindestens zwanzig Jahre älter als Didier und wirkte keineswegs gefährlich auf sie. Er war wirklich alt, und sie stellte sich die Frage, warum dieser Herr, dem es offenbar finanziell nicht schlecht gehen konnte, in diesem hohen Alter noch arbeitete.

„Folgen Sie mir, Madame“, vernahm sie Didiers Stimme. „Möchten Sie mir Ihr Gepäck nun anvertrauen? Ich stelle es hier ab.“

„Gern“, gab sich Isabelle nun einverstanden und überließ Didier die Reisetasche. Von ihrer Handtasche trennte sie sich selbstverständlich nicht.

„Nehmen Sie Platz“, bat Antoine Lemaire freundlich, als sie wieder in seinem Büro stand.

Vor dem Fenster waren zwei wunderschöne smaragdgrüne Lehnsessel platziert, dazwischen befand sich ein Beistelltischchen. Didier arrangierte gerade frisches Wasser in einer Karaffe und ein paar Kanapees darauf. Beide setzten sich, und Didier schloss die Tür. Jetzt waren sie allein.

„Nun, Mademoiselle“, eröffnete er das Gespräch, „Sie sind ganz offensichtlich nicht Mathilde Mechant. Erlauben Sie mir die Frage, wen Mathilde in Vertretung geschickt hat und warum sie meiner Einladung nicht selbst gefolgt ist?“ Er sprach ruhig und in sehr gutem Deutsch zu ihr und hatte eine starke, sehr beruhigende Ausstrahlung.

„Mein Name ist Isabelle Mechant, ich bin Mathilde Mechants Tochter. Sie hat mich gebeten, ihre Vertretung zu übernehmen“, antwortete sie.

Ein freudig überraschtes Lächeln zeigte sich im faltigen, vom Alter gezeichneten Gesicht des Mannes. „Es freut mich außerordentlich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Isabelle. Darf ich fragen, wie es Ihrer Mutter geht und warum sie nicht selbst angereist ist?“

„Dürfen Sie. Um ihre Gesundheit steht es nicht gut. Im Moment macht ihr das Rheuma schwer zu schaffen. Sie hatte Befürchtungen, dass dies alles zu viel für sie sein könnte. Außerdem konnte sie bisher keinen Zusammenhang zwischen sich und dem Erbanliegen feststellen. Ich möchte es einmal so formulieren: Sie hat etwas Sorge, dass sich diese eigenartige Angelegenheit nicht zu unserem Vorteil entwickeln könnte. “

Der Anwalt hörte aufmerksam zu. „Ich verstehe. Es ist für Sie jedoch in Ordnung, sich dieser Sache anzunehmen?“, wollte er wissen.

„Ich weiß es noch nicht. Bis jetzt kann ich zumindest nicht klagen“, erwiderte Isabelle nüchtern. „Ich bin gespannt, zu erfahren, worum es eigentlich geht. Dann erst kann ich mir eine eigene Meinung bilden.“

Zustimmendes Nicken seitens Lemaire. „Da haben Sie vollkommen recht, Isabelle. Wir sollten zur Tat schreiten. Es muss aber alles seine Richtigkeit haben, deshalb möchte ich Sie höflich bitten, sich auszuweisen und mir die Vollmacht Ihrer Mutter zu überreichen.“

Nun wurde es also ernst. Angespannt öffnete Isabelle ihre Handtasche, zog Mathildes Brief und ihr Portemonnaie heraus. Sie reichte die notwendigen Papiere an den Anwalt weiter, der zufrieden nickte und sich aufmerksam damit befasste.

„Ach, verzeihen Sie, wie unhöflich von mir!“, unterbrach Monsieur Lemaire plötzlich. „Nehmen Sie sich ruhig Wasser und etwas zu essen. Sie hatten eine lange Reise. Bestimmt sind Sie durstig und hungrig.“ Er beugte sich langsam über die Armlehne seines Sessels und legte die Unterlagen mit einer schwungvollen Bewegung auf seinem Schreibtisch ab. Dann wandte er sich ihr wieder zu, goss eines der Gläser halbvoll und reichte es an sie weiter. „Wissen Sie, Isabelle, ich bin froh, dass alles geklappt hat, ich war mir nicht sicher, ob ich mit meinem Brief und der Übersendung eines Zugtickets die richtige Variante gewählt habe. Es ist Ihnen wohl merkwürdig vorgekommen, und ich muss gestehen, mit Recht.“

Isabelle nickte bestätigend, während sie einen Schluck trank.

„Wie ich in meinem Brief bereits geschrieben habe, handelt es sich um eine spezielle Erbschaftsangelegenheit Ihrer Mutter.“

Isabelle nahm sich ein Kanapee und biss herzhaft hinein. Seit ihrer Ankunft in der Kanzlei war sie größtenteils damit beschäftigt gewesen, die vielen neuen Eindrücke zu verarbeiten. Nun endlich ergriff sie die Chance und stellte diese eine, wirklich wichtige Frage, die sowohl ihr als auch Mathilde von Anfang an auf den Lippen gebrannt hatte. „Monsieur Lemaire, meine Mutter ist in einem Waisenhaus aufgewachsen“, sagte sie kauend. „Sie kam den Unterlagen zufolge als neugeborenes Findelkind dort an. Ihre Eltern sind angeblich niemandem bekannt. Sie war ihr ganzes Leben lang ohne Familie. Wie soll es unter diesen Umständen möglich sein, dass sie in eine Erbschaftsangelegenheit verwickelt ist? Sie selbst sagt, dass sie niemanden in Frankreich kennt und niemals hier gewesen ist. Das passt doch gar nicht zusammen. Wie kann das sein? Und warum erst jetzt?“

Der alte Herr warf ihr einen mitfühlenden Blick zu und ließ einige Sekunden verstreichen, bevor er Isabelles recht emotional hervorgebrachte Frage beantwortete. „Ich verstehe Ihre Gedanken gut, und glauben Sie mir, ich würde Ihnen gern umfassend Auskunft erteilen. Leider sind mir im Moment die Hände gebunden. Ich darf Sie zum jetzigen Zeitpunkt nur eingeschränkt informieren und bin auf Ihr Verständnis angewiesen.“ Er nahm das Glas, um einen Schluck zu trinken, dabei bemerkte Isabelle, dass ihm die Hand zitterte. Alter oder Nervosität? „Mademoiselle, ich mache Ihnen folgenden Vorschlag: Sie hören sich in Ruhe an, was ich Ihnen in meiner Funktion als bestellter Testamentsvollstrecker mitzuteilen habe. Sie nehmen sich Zeit, in Ruhe über die Angelegenheit nachzudenken, und besprechen sich gern im Anschluss mit Ihrer Mutter. Anschließend teilen Sie mir verbindlich mit, wie Sie sich entschieden haben. Einverstanden?“

„Was bleibt mir anderes übrig?“, gab sich Isabelle mit einem Lächeln geschlagen. Sie gönnte sich ein weiteres Häppchen und lehnte sich im Sessel zurück.

Auch der Anwalt nahm nun eine bequeme Position ein. Es dauerte eine Weile, bis er fortfuhr. Er suchte offenbar nach den geeigneten Worten. „Es handelt sich vornehmlich um ein Haus. Wobei die Immobilie selbst nicht zum Nachlass gehört. Mathildes Erbe besteht zunächst einmal darin, ein Häuschen für eine unbestimmte Zeit zu bewohnen. Es ist ein abgelegenes Nebengebäude auf dem Anwesen der nicht unvermögenden, alteingesessenen Familie Gelloncourt de Lorraine, welches den Namen La Résidence verteDie grüne Residenz trägt. Sämtliches Inventar steht der Erbin beziehungsweise der von ihr benannten Stellvertreterin während ihres Aufenthalts zur Verfügung. Außerdem wird es eine wöchentliche Auszahlung von zweihundertfünfzig Euro zur Bestreitung des täglichen Bedarfs geben. Miete beziehungsweise andere laufende Kosten für das zu bewohnende Haus fallen in der Zeit nicht an.“ Antoine Lemaire machte eine Pause. Sein Vortrag schien ihn angestrengt zu haben. Außerdem glaubte Isabelle, er wolle ihr Zeit geben, das Gehörte zu verstehen und bei Bedarf Fragen zu stellen.

Die eine, ganz offensichtliche, formulierte sie sofort. „Ich verstehe Sie richtig, dass ich in einem Haus wohnen soll, das mir nicht gehört?“ Lemaire nickte. „Sie meinen so etwas wie ein Ferienhaus, das ich aber nicht bezahlen muss, sondern im Gegenzug Geld dafür bekomme, dass ich darin wohne?“ Er nickte wieder. „Was ist mit dem Haus? Wohnt dort noch jemand anderes?“

Dieses Mal verneinte der Anwalt. „Ich kann Ihnen versichern, dass dieses Haus in einwandfreiem baulichen und zeitgemäßen Zustand ist und dass niemand anderes darin wohnt. Sie würden das Objekt allein beziehen.“

Allerhand Schreckensszenarien spielten sich in ihrer Vorstellung ab. Ist jemand darin ermordet worden, spukt es etwa? Hat ein Verbrechen darin stattgefunden? Warum soll mich jemand dafür bezahlen, in einem Haus zu wohnen?

Als hätte Monsieur Lemaire ihre Gedanken gelesen, setzte er hinzu: „Alles hat juristisch seine Ordnung. Sie begeben sich nicht in kriminelle Kreise, falls Sie dies befürchten, Mademoiselle.“

Isabelle beugte sich nach vorne und fragte so ernst sie konnte: „Aus welchem Grund sollte jemand meine Mutter oder mir anbieten, in einem Haus mietfrei zu wohnen und zusätzlich noch Geld dafür zu bezahlen? Das kann nicht mit rechten Dingen zugehen. Warum sollten wir uns auf so etwas einlassen? Was ist der tiefere Sinn dahinter?“

Der Anwalt ließ einige Sekunden verstreichen. „Ich verstehe Ihre Sicht und kann all die Fragen nachvollziehen“, erklärte er dann. „Im Moment darf ich allerdings keine detaillierte Auskunft geben. Ich kann Ihnen aber bei meinem Leben und meiner Berufsehre versichern, dass all dies zwar außergewöhnlich, rechtlich jedoch einwandfrei abgesichert und moralisch absolut zu vertreten ist.“

Isabelle sah den Alten mit zusammengekniffenen Augen an. Er wirkte nicht böse, aber immerhin handelte es sich um einen Anwalt, einen Rechtsverdreher, wie man sie im Volksmund auch nennt. Bereits zu Beginn hatte er gesagt, dass sie ihm vertrauen müsse. Das war reichlich Vorschuss, den er da einforderte. Sie überlegte eine Weile und vergewisserte sich dann: „Ich kann in Vertretung für meine Mutter also entscheiden, ob wir vorübergehend in dem Haus wohnen wollen?“

„Nicht ganz“, führte der Anwalt detaillierter aus. „Sie können entscheiden, ob eine von Ihnen beiden, Mathilde oder Sie in Vertretung, dort wohnen wird.“

„Und Sie versichern, dass es rechtlich einwandfrei und ungefährlich ist?“

Lemaire bestätigte erneut. „Juristisch sowie moralisch absolut in Ordnung, ungefährlich, es entstehen keine Folgekosten, ein Taschengeld in Höhe von zweihundertfünfzig Euro pro Woche wird Ihnen an jedem Montag in bar ausgezahlt.“

Isabelle schluckte bei dem Wort „Taschengeld“.

„Ich freue mich sehr, wenn Sie mir vertrauen. Sie teilen mir die Entscheidung im Namen von Mathilde mit, da Sie in Vertretung hier sind. Selbstverständlich dürfen Sie vorab Rücksprache mit Ihrer Mutter halten. Diese Angelegenheit ist von nicht alltäglicher Natur, und Ihre Wahl muss zum einen wohlüberlegt sein und zum anderen organisiert werden, nehme ich an.“ Der Anwalt schilderte alles recht sachlich und verständnisvoll.

Isabelle hatte nicht das Gefühl, dass er sie unter Druck setzen wollte. Die Neugier, den Grund für diese Heimlichtuerei zu erfahren, wuchs jedoch von Sekunde zu Sekunde. „Bis wann muss ich mich entscheiden?“, erbat sie weiter Auskunft.

„Es wäre wünschenswert, wenn Sie sich zeitnah entscheiden könnten. Was sich schlicht damit begründet, dass ich nicht mehr der Jüngste bin, wie sich unschwer verheimlichen lässt. Ewig leben werde ich nicht, doch diese Aufgabe liegt mir so sehr am Herzen, dass ich bestrebt bin, sie vor meinem Ableben erfolgreich abzuschließen. Sie dürfen das Objekt natürlich vorab besichtigen. Sie bekommen also nur die halbe Katze im Sack, wenn ich das so salopp formulieren darf. Ich hatte an Folgendes gedacht und hoffe, Sie damit nicht zu sehr zu überfallen: Im Anschluss an unser Kennenlernen fahren wir zusammen ins Hotel. Dort ist bereits ein schönes Zimmer für Sie gebucht. Nach dem Check-in haben Sie etwas Zeit für sich, und etwas später fahren wir nach Gelloncourt und besichtigen das besagte Häuschen. So weit ist es nicht, maximal eine halbe Stunde Fahrt mit dem Auto. Anschließend möchte ich Sie zum Abendessen ausführen, wenn es Ihnen genehm ist, und es steht Ihnen jederzeit frei, abzureisen oder zu bleiben. Machen Sie sich keine Sorgen hinsichtlich des Hotelzimmers, es ist alles arrangiert. Auf wie viele Tage haben Sie sich eingerichtet?“, wollte Antoine Lemaire nun wissen.

„Ach, so auf zwei bis drei“, antwortete Isabelle. „Ab wann soll das Haus denn genutzt werden?“

„Bestenfalls ab morgen, andernfalls sobald das Erbe angetreten wird. Mir käme es natürlich entgegen, wenn Sie es einrichten könnten, gleich hierzubleiben. Sind Sie beruflich flexibel?“

Isabelle atmete schwer aus. Gesetzt den Fall, sie würde sich darauf einlassen, wer kümmerte sich dann um ihre Mutter? Würde Sergio ihr für unbestimmte Zeit Urlaub geben? Sie musste mehr wissen, die beiden würden sie mit jeder Menge Fragen löchern, wenn sie mit halbgaren Vorschlägen ankam. „Das müsste ich alles besprechen. Aber bitte sagen Sie mir noch, worin besteht der Sinn des Ganzen? Der erschließt sich mir in keiner Weise. Wie lange soll das Haus bewohnt werden und vor allem, wer hinterlässt dieses eigenartige Erbe?“

Lemaire machte ein erleichtertes und zugleich geheimnisvolles Gesicht. Es war Isabelle, als habe er während der gesamten Unterhaltung nur darauf gewartet, dass sie endlich diese Frage stellte. „Der Sinn des Ganzen besteht darin, die Wahrheit zu finden. Es ist sozusagen ein Rätsel, dessen Lösung es ist, die Wahrheit über Sie, Ihre Mutter und meine kürzlich verstorbene Mandantin, Regine Mechant, zu finden. Regine Mechant ist Ihre Großmutter.“

 

Kapitel 3 – Gelloncourt

Isabelle fühlte sich wie vor den Kopf gestoßen. „Ich hatte die ganze Zeit eine Großmutter in Frankreich? Warum hat sie keinen Kontakt mit meiner Mutter aufgenommen? Gibt es etwa noch mehr Verwandtschaft? Wie ist das möglich, dass Sie so etwas wissen, wenn doch keine Informationen darüber in allen anderen Unterlagen verzeichnet sind?“

Der Anwalt stand auf und bot Isabelle zuvorkommend den Arm an. „Ich verstehe, dass Sie aufgewühlt sind, und hatte mir gedacht, dass es möglicherweise einfacher sei, Ihnen das Haus und die Umgebung zu zeigen und dabei einen Teil Ihrer Fragen zu beantworten, eben in dem Rahmen, der mir möglich ist“, führte er ruhig aus und setzte nach einer kurzen Pause hinzu: „Vorausgesetzt, Sie möchten das überhaupt. Einige Fragen werde ich Ihnen trotz alledem nicht beantworten können. Mir sind zum Teil durch Regine die Hände gebunden, das heißt, dass ich verschiedenen Schweigepflichten unterliege. Allerdings darf ich Ihnen mitteilen, dass Regine Mechant zwar den Großteil ihres Lebens in Gelloncourt und in der Résidence Verte verbracht hat, nicht aber aus der Linie der Familie Gelloncourt de Lorraine abstammt. Sie arbeitete lange Zeit als Hausmädchen dort und lebte in dem besagten Haus. Sie hatte lebenslanges Wohnrecht.“

Isabelle hatte das Gefühl, dass sie den Boden unter den Füßen verlor. Wenn dies alles stimmte, wie sollte sie das ihrer Mutter beibringen? „Monsieur Lemaire, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Das, was Sie erzählen, klingt so unwirklich und mysteriös. Mir geht so vieles durch den Kopf, ich weiß überhaupt nicht, was ich davon halten soll.“

Lemaire ließ Isabelles Arm los und ging zu seinem Schreibtisch. Während er Mathildes Vollmacht einschloss und Isabelle den Ausweis zurückgab, sprach er weiter. Er wirkte melancholisch, fast betroffen. „Der Nachlass Ihrer Großmutter ist tatsächlich ein ausgesprochen besonderer Fall, der letzte, den ich überhaupt betreue. Im Grunde bin ich schon lange in Pension. Nehmen Sie sich die Zeit, die Sie brauchen. Jetzt erwarte ich gar keine Entscheidung von Ihnen. Das wäre mehr als vermessen.“

 „Ich denke, das Beste ist, meine Mutter anzurufen und ihr die ganze Angelegenheit so schonend wie möglich beizubringen. Wenn sie erfährt, worum es sich handelt, wird sie sicher eigene Wünsche haben. Möglicherweise kommt für sie dann doch eine Reise infrage.“ Am liebsten hätte Isabelle ihre Mutter bereits am Telefon gehabt. Unruhe machte sich in ihr breit.

„Didier bringt Sie jetzt erst einmal ins Hotel. Dort können Sie in Ruhe telefonieren. Um halb acht hole ich Sie ab, wir fahren gemeinsam zur Résidence und gehen anschließend zu Abend essen.“ Er reichte Isabelle eine Visitenkarte. „Hier, nehmen Sie die, Sie können mich jederzeit anrufen.“

Isabelle gab sich vorerst einverstanden und folgte Didier, der bereits vor dem Arbeitszimmer auf sie wartete.

 

Das Hotel, das Antoine Lemaire für seinen Gast ausgewählt hatte, stand aufgrund der gehobenen Preisklasse nicht auf Isabelles Liste. Die Dame am Empfang wusste bereits Bescheid und reichte die vorbereiteten Unterlagen über den Tresen. Schlüsselkarte, Hotelinformationen und ein Begrüßungsschreiben des Hauses auf Deutsch an Isabelle Mechant, nicht, wie ursprünglich gedacht, an Mathilde. Er legt sich bei aller Geheimniskrämerei ordentlich ins Zeug, dachte Isabelle, als sie ihren Namen las.

„Au revoir, Mademoiselle! Um halb acht werde ich Sie in der Lobby erwarten“, verabschiedete sich Didier.

Noch während Isabelle auf den Fahrstuhl wartete, zückte sie das Handy und rief ihre Mutter an.

„Ja?“, meldete sich die vertraute Stimme am Telefon.

„Hallo, Mama, ich bin es“, begrüßte sie ihre Mutter.

„Schön, dass du dich meldest. Ich habe schon den ganzen Tag an dich gedacht. Bist du gut angekommen?“

„Ja, bin ich“, antwortete Isabelle brav. „Bei dir alles okay?“, wollte sie wissen, während sie den Hotelflur entlanglief und ihr Zimmer suchte.

„Wo bist du denn jetzt?“

„In einem Hotel, Monsieur Lemaire hat ein Zimmer für mich gebucht. Ist schick hier. Das Hotel ist teurer als die, die ich mir rausgesucht hatte.“ Sie fand das Zimmer und trat ein.

„Dann stimmt es also, was in diesem Brief steht?“

Isabelle zog sich die Schuhe aus, stellte die Tasche auf einen der Sessel und inspizierte das Zimmer. „Ja. Es ist kurios, aber es scheint zu stimmen“, erwiderte sie zurückhaltend, warf nebenbei einen Blick ins Badezimmer und war auch damit äußerst zufrieden.

„Also hast du dich schon mit diesem Anwalt getroffen?“, fragte Mathilde weiter.

Isabelle konnte die Anspannung in der Stimme ihrer Mutter hören. „Ja, habe ich, und was er da erzählt hat, kann ich kaum glauben. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich dir davon am Telefon berichten soll. Ich kann ihn gut verstehen, dass er lieber von Angesicht zu Angesicht sprechen wollte. Vielleicht ist es doch besser, wenn du herkommst und die Angelegenheit selbst regelst.“ Sie ärgerte sich, dass sie so herumdruckste und nicht mit der Sprache herausrückte. Aber wie sollte sie die Neuigkeit am besten verkünden?

Mathildes Antwort fiel hingegen gelassen aus. „Wir haben darüber gesprochen, dass ich dir freie Hand lasse. Ich möchte keine Reise unternehmen. In meinen vier Wänden fühle ich mich zurzeit ganz wohl. Wer weiß, wie sich eine solche Strapaze auf meine Gesundheit auswirkt? Nun erzähl schon.“

Zögernd begann sie. „Du erbst wirklich etwas, aber es ist ein bisschen merkwürdig. Es ist nichts Greifbares. Der Anwalt hat gesagt, dass er im Moment nicht viel dazu sagen kann. Aber später erfahren wir mehr, wenn wir erklären, das Erbe anzutreten.“ Isabelle wartete einen Moment, bevor sie weitersprach. Sie setzte sich aufs Bett und lauschte ins Telefon, doch ihre Mutter schwieg. „Es handelt sich um ein Haus, aber das Haus selbst ist nicht das Erbe, sondern nur der Aufenthalt für unbestimmte Zeit darin, wenn ich ihn richtig verstanden habe. Es gibt sogar Verpflegungsgeld. Taschengeld hat er gesagt. Stell dir vor, zweihundertfünfzig Euro pro Woche, tausend im Monat.“ Sie machte eine weitere Pause.

„Das klingt ja mehr als unseriös. Wo befindet sich das Haus denn?“, wollte Mathilde wissen.

„Ich weiß es nicht genau. Auf irgendeinem Anwesen, den Namen habe ich schon wieder vergessen. Der Anwalt will es mir gleich zeigen. Aber da ist noch etwas anderes, und ich weiß gar nicht so richtig, wie ich es dir sagen soll.“ Isabelle spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Sie stand auf und lief unruhig im Zimmer auf und ab, während sie nach Worten suchte.

„Nun spann mich nicht auf die Folter“, hörte sie die Stimme ihrer Mutter. „Sag, was es ist, so schlimm kann es nun auch wieder nicht sein, du weißt es schließlich schon und lebst immer noch.“

Nervös griff sich Isabelle in das blonde Haar und verunstaltete dabei ihre Frisur. Dann sprach sie so ruhig sie konnte. „Der Anwalt hat mir gesagt, wer vorher in dem Haus gewohnt hat und wer zu beerben ist.“ Wie sollte sie es nur erklären, wo sie das Ganze selbst kaum glaubte?

„Und, wer ist es?“

„Er sagt, dass es deine Mutter ist.“ Mathilde schwieg. Es war totenstill in der Leitung. „Mama, bist du noch dran?“, wollte Isabelle nach einer Weile wissen.

„Ja.“ Diese Nachricht hatte ihr offensichtlich die Sprache verschlagen.

„Er hat mir versichert, dass es sich definitiv um deine Mutter handelt, aber auch, dass er im Moment nicht mehr sagen darf. Und es gibt ein Rätsel zu lösen. Das klingt alles so komisch, dass ich gar nicht weiß, ob man es glauben kann.“ Mittlerweile war Isabelle vor den großen Fenstern stehen geblieben und sah hinaus. Die Aussicht war fantastisch. Obwohl sie mitten in der Stadt war, konnte sie die saftig grünen Hügel betrachten, die sich hinter den Häusern erhoben.

„Wie hieß sie denn, meine Mutter?“, wollte Mathilde unvermittelt wissen.

„Regine Mechant“, erwiderte Isabelle mechanisch und fuhr dann fort: „Ich weiß nicht, was ich machen soll. Der Anwalt hätte gern, dass ich mich gleich morgen im Haus einquartiere. Willst du doch herkommen, oder soll ich erst nach Hause fahren und wir fahren später noch einmal gemeinsam her? Was denkst du, Mama?“

Mathilde schien die Ruhe selbst zu sein und behandelte das Thema ganz sachlich, fast emotionslos. „Ich möchte nicht nach Frankreich reisen. Wenn es sich wirklich um meine Mutter handelt, ist sie jetzt leider tot, und ich habe sowieso nichts davon. Was ist mit dir, könntest du dir vorstellen, noch einige Zeit dortzubleiben, oder drängt dich jemand, nach Hause zu kommen?“

„Das ist eine gute Frage, Mama, das ist mir ebenfalls schon durch den Kopf gegangen, und in erster Linie habe ich da an dich gedacht.“ Isabelle dachte an Sascha und war froh, dass sie dem definitiv nicht über den Weg laufen würde, wenn sie hierbliebe. „Ich müsste mich auch mit Sergio absprechen, immerhin müsste er mir Urlaub genehmigen und im Café auf mich verzichten.“

„Was möchtest du denn, Isabelle? Kannst und willst du eine Weile bleiben?“

Isabelle wusste nicht, was sie wollte. Die Neugier trieb sie an, die Angst vor der Ungewissheit und dem Fremden hielt sie zurück. Gern hätte sie sich diese Entscheidung abnehmen lassen. „Vielleicht. Was ist mit dir? Wie kommst du zurecht, wenn ich nicht einkaufe oder die Wäsche mache?“

Mathilde wiegelte ab. „Ich komme schon klar, heute ging es schon viel besser, und im Haus gibt es ja noch Frau Schramm. Es ist für mich kein Problem, wenn ich unsere Nachbarin anspreche und um ein wenig Hilfe bitte, falls es nötig ist. Du wirst schließlich nicht ewig wegbleiben.“

Dass ihre Mutter so distanziert mit den neuen Informationen umging, konnte Isabelle nicht nachvollziehen. Aber es bestärkte sie auch in dem Gedanken, dass sie ihren Aufenthalt tatsächlich verlängern könnte. „Ewig nicht, aber wie lange es dauern wird, hat der Anwalt bisher nicht gesagt“, erwiderte sie, und es klang, als spräche sie eher zu sich als zu Mathilde. „Ich muss gleich mal mit Sergio telefonieren. Mal sehen, was er dazu sagt, wenn ich für ein paar Tage ausfalle. Wenn ich wirklich hierbleibe, werde ich ihn bitten, ob er mal bei dir vorbeischauen kann, falls es länger dauert“, fasste sie ihre Gedanken zusammen.

„Nur die Ruhe. Willst du dir das Haus nicht erst einmal ansehen, bevor du seine Terminplanung durcheinanderbringst?“, fragte Mathilde, und das Misstrauen in ihrer Stimme war nicht zu überhören. Sie traute dem Braten nicht.

„Ja, du hast recht. Ich will schnell unter die Dusche springen, bevor wir dorthin fahren. Außerdem will Monsieur Lemaire anschließend mit mir essen gehen. Ich habe überhaupt keine Ahnung, was heute noch alles auf mich zukommt. Ich melde mich einfach morgen noch mal und berichte dir, okay?“

„Ja, ist okay, pass auf dich auf. Und, Isabelle, du hast die freie Entscheidung. Hör auf dein Gefühl, und wenn es dir sagt, dass es reicht, dann komm nach Hause!“

Frisch geduscht und eingekleidet traf Isabelle wenig später in der Lobby des Hotels ein. Sie trug nun eine schwarze Stoffhose und eine dunkelgrüne Baumwollbluse, die während der Reise in der Tasche ein paar unschöne Falten bekommen hatte. Darüber hatte sie einen beigefarbenen leichten Cardigan geworfen. Eine Vorsichtsmaßnahme, denn die Luft hatte sich bereits leicht abgekühlt. Im Moment empfand sie die Temperatur durchaus als angenehm, aber wer wusste schon, wie sich das Wetter im Laufe des Abends entwickeln würde? Sie wollte die Jacke im Wagen lassen, falls sie nicht gebraucht wurde.

Obwohl Isabelle einige Minuten zu früh erschien, warteten Didier und der Rechtsanwalt bereits auf sie. Hinter Kübeln mit großen Palmen, auf überdimensionalen gelben Ledersesseln, entdeckte Isabelle die beiden unter einer ebenfalls riesigen Kandinsky-Reproduktion. Mit ernsten Gesichtern in ein Gespräch vertieft, saßen sie dort. Auch Didier hatte sich umgezogen. Er trug nun legere Kleidung, ein helles, kurzärmeliges Hemd, neben ihm lag ein dünnes graues Jackett auf der Lehne. Er sah nun gar nicht mehr aus wie ein Chauffeur. Auf dem Tisch standen bereits drei Gläser Wasser. Beide Männer erhoben sich, als Isabelle herantrat, warteten, bis sie ebenfalls auf einem der Sessel Platz genommen hatte, und setzten sich wieder.

„Hallo, Isabelle, ich darf Sie doch so nennen, nicht wahr?“, begann der Anwalt in seiner ruhigen freundlichen Art. „Wenn es Ihnen recht ist, nennen Sie mich gern Antoine. Ich war so frei, auch ein Wasser für Sie zu bestellen.“

„Vielen Dank“, erwiderte Isabelle höflich und hätte zu gern gewusst, worüber die beiden gesprochen hatten, bevor sie dazu gestoßen war.

Als hätte der Anwalt bereits zum zweiten Mal ihre Gedanken gelesen, beantwortete er die ungestellte Frage. „Wir sprachen gerade über die Familie Gelloncourt de Lorraine, der ja das Anwesen gehört, auf dem sich das besagte Haus befindet. Die Herrschaften werden nicht besonders erfreut sein über unsere Anwesenheit. Vielmehr wird zumindest teilweise eine ausgesprochene Feindseligkeit zu erwarten sein. Dies jedoch nur zu Ihrer Information, falls uns jemand von den Gelloncourts über den Weg laufen sollte. Aber ich greife schon wieder weit voraus. Haben Sie Mathilde erreicht und mit ihr gesprochen? Sind Sie bereit, mit uns dorthin zu fahren?“ Antoine machte eine Pause und wartete.

„Ja, ich habe mit meiner Mutter gesprochen, und sie ist genauso überrascht wie ich von der Neuigkeit. Allerdings besteht sie darauf, nicht herzureisen, sie hat Angst, dass es zu beschwerlich werden könnte. Sie möchte lieber in Köln, in ihrer gewohnten Umgebung bleiben und hat mir noch einmal ausdrücklich freie Hand in all meinen Entscheidungen gegeben. Ich denke, wenn Regine Mechant noch am Leben wäre, hätte sie sich möglicherweise anders entschieden.“ Isabelle blickte in zwei verständnisvolle Gesichter.

„Da mögen Sie recht haben, Isabelle. Umso mehr freue ich mich, dass Sie bleiben und mit uns nach Gelloncourt fahren wollen. Ist es nicht so?“

„Das hatte ich vor, Antoine. Jetzt erzählen Sie, wir werden feindselig empfangen werden. Was stimmt denn nun? Wohnt noch jemand dort oder nicht, ist alles rechtmäßig?“

Erneut bekräftigte der Anwalt seine Aussage und entschuldigte sich dafür, Isabelle verunsichert zu haben. Ob sie das Haus nach wie vor sehen wolle? Nickend bekundete Isabelle ihre Zustimmung, schränkte jedoch ein, dass sie sich die endgültige Entscheidung offenlassen wollte. Zuerst wollte sie sich einen Überblick verschaffen und anschließend ihre persönlichen Angelegenheiten ordnen.

Die Fahrt nach Gelloncourt dauerte etwa zwanzig Minuten. Antoine und Isabelle hatten auf der Rückbank der Limousine Platz genommen. Die malerische Landschaft zeigte immer mehr von ihrer abendlichen Schönheit, je weiter sie sich vom Zentrum entfernten.

Antoine verlor sich in verliebter Schwärmerei. „Das ist unser wunderschönes Lothringen. Sehen Sie, nur ein paar Minuten braucht es, um aus der Stadt in diese herrlich grüne Natur einzutauchen. Wir befinden uns hier im Moseleinzugsgebiet. Die einzelnen Ausläufer dieses imposanten Flusses, die Berge der angrenzenden Vogesen und die dichten Wälder werden Ihnen auf Ihrer Reise nicht verborgen geblieben sein. Die Natur, die Menschen und der Moselwein bilden die perfekte Mischung. Ich kenne keine andere Gegend auf Erden, in der ich lieber wäre.“

„Und die Menschen?“, unterbrach Isabelle argwöhnisch. „Hatten Sie vorhin nicht erwähnt, dass die Familie Gelloncourt über meine Anwesenheit nicht begeistert sein würde? Wenn ich mich recht erinnere, haben Sie das Wort ‚feindselig‘ verwendet.“

„Allerdings, das habe ich“, gab Antoine zu. „Es handelt sich jedoch um eine ganz besondere Situation und die Verquickung unterschiedlicher Interessen. Die Gelloncourts de Lorraine sehen auf eine lange Familientradition zurück. Wie der Name bereits verrät, sind sie tief mit der Region Lothringen verbunden. Wir treffen da auf alteingesessenen Adel, dessen Vorfahren an der historischen Entwicklung der Region nicht unbeteiligt waren. Aber das nur am Rande, es ist schon lange her. Lassen wir dies einmal außen vor, so fällt ein wunderbares Licht auf meine Landsleute.“

Isabelle drängte nicht weiter. „Bisher kann und will ich Ihnen nicht widersprechen, allerdings habe ich auch noch nicht so viele von Ihren Landsleuten kennengelernt. Sagen Sie, Didier hat bei unserem ersten Treffen heute Nachmittag erwähnt, dass in Lothringen alle Deutsch sprechen. Können Sie mir das genauer erklären, vor allem, warum dann sämtliche Hinweis- und Reklameschilder auf Französisch beschriftet sind?“

Antoine schmunzelte und fragte nach vorne zum Fahrersitz. „Du hast erzählt, dass hier alle Deutsch sprechen?“

„Nicht ganz, ich habe nur begründet, warum ich Deutsch spreche“, kam Didiers Antwort postwendend zurück.

„Alors“, begann Antoine Lemaire. „Lothringen hat bewegte Zeiten hinter sich. Schon durch viele Jahrhunderte hindurch gab es Gebietskämpfe und Kriege, alte Könige gingen, neue Könige kamen. In der etwas jüngeren Vergangenheit gehörte Lothringen zeitweilig zum Deutschen Reich. Lange war Deutsch die Amtssprache. Viele ältere Menschen sprechen natürlich noch Deutsch, meistens aber Dialekt. Wer sich ein bisschen mehr bemüht hat, spricht gutes Hochdeutsch, was letztendlich für Geschäftsbeziehungen jeglicher Art durchaus hilfreich ist. In den Schulen kann man Deutsch nach wie vor als erste Fremdsprache wählen. Aber heutzutage wird viel weniger Deutsch gesprochen, vor allem die jungen Menschen verstehen es kaum. Dass Sie hier sind, Mademoiselle, erfreut mich auch unter diesem Gesichtspunkt besonders. So kommen wir in die Lage, die eingerosteten Vokabeln aufzupolieren.“

„Dass Sie etwas aufpolieren müssen, ist mir aber nicht aufgefallen“, stellte Isabelle fest.

Antoine dankte es umgehend. „Merci beaucoup, Mademoiselle.“

Sie fuhren nun nicht mehr auf der Schnellstraße. Didier folgte einer schmalen, gewundenen Landstraße. Links und rechts erhoben sich kräftige Bäume. Es war erst kurz nach acht, doch das schwache Licht der Abenddämmerung hatte es schwer, durch die Baumkronen zu gelangen, und so erschien die Umgebung innerhalb kürzester Zeit in tiefstem Grau. Hin und wieder tauchten dichte Nebelbänke auf.

Ein beklemmendes Gefühl beschlich Isabelle. Sie fühlte sich für einen Augenblick wie in einem schlechten Horrorfilm. Alle Zuschauer wissen, dass es total bescheuert ist, in die Hütte im dunklen Wald zu gehen, und die junge blonde Frau, dumm wie sie ist, macht es trotzdem.

„Wir sind gleich da“, verkündete Antoine, nachdem das Auto in einen schmalen, unbefestigten Waldweg abgebogen war. Zwischen den Baumstämmen zogen Nebelschwaden hindurch.

Isabelles Herz klopfte in nervöser Erwartung auf das, was geschehen würde. „Wissen die Gelloncourts denn, dass wir kommen?“, flüsterte sie.

„Wie man’s nimmt. Ich habe den Herrschaften ein offizielles Schreiben übersandt. Natürlich habe ich nicht die genaue Uhrzeit unserer Ankunft festgehalten. Dennoch habe ich alle notwendigen Fakten übermittelt. Ebenfalls habe ich darauf verwiesen, dass meine Person die juristische Vertretung und volle Verantwortung übernimmt und damit – Ihr Einverständnis vorausgesetzt, Isabelle – als alleiniger Ansprechpartner in Rechtsfragen fungieren wird.“

„Das klingt ja alles interessant, aber was mache ich, wenn ich hier draußen allein bin? Wie feindselig sind die Gelloncourts?“

„Machen Sie sich keine Sorgen, mein Kind, es wird Ihnen nichts geschehen. Das ist eine juristische Angelegenheit und wird auf diese Weise gelöst werden. Ich bitte Sie nochmals inständig, mir Ihr Vertrauen zu schenken, Ihre Großmutter hat es auch getan. Sie sind auf der sicheren Seite, und bei Bedarf verweisen Sie einfach an mich. Sie haben meine Karte und können mich jederzeit erreichen, wenn Sie unsicher sind. Vergessen Sie nicht, dass das Erbe Ihrer Großmutter ein Auftrag ist. Sie sollen die Wahrheit herauszufinden.“

Der Wagen hielt, aber Isabelle sah nicht hinaus. In Inneren des Fahrzeugs war es nun so dunkel, dass sie das Gesicht des Anwalts nur noch schemenhaft erkennen konnte. „Die Wahrheit worüber denn?“, versuchte sie erneut, an weitere Informationen zu gelangen.

Doch der Anwalt blockte ab. „So leid es mir tut, ich darf wirklich nicht mehr sagen. Ich selbst habe mich zum Stillschweigen verpflichtet.“

Ratlos ließ sich Isabelle gegen die Rückenlehne fallen und fasste grob die Eindrücke ihres Tages zusammen. „Ich bin also an einem Ort, den ich nicht kenne und an dem man mich nicht haben will. Hier soll ich die Wahrheit über meine verstorbene Großmutter herausfinden, von der weder ich noch meine Mutter bis heute wussten. Dafür muss ich mutterseelenallein in einem Haus, tief im Wald, in aller Abgeschiedenheit wohnen und ein Rätsel lösen? Wobei ich das Rätsel selbst erst herausfinden muss?“ Auf eine Bestätigung wartend starrte sie in seine Richtung.

„So ungefähr kann man es formulieren“, bestätigte Antoine und legte die Hand väterlich auf Isabelles.

„Wissen Sie, wie sich das anhört?“, fragte sie etwas forscher als gewollt. „Völlig abgefahren. Als hätte jemand zu viel Moselwein getrunken.“

Der Anwalt zog die Hand zurück und sprach jetzt sehr leise, fast kraftlos. „Ich gebe Ihnen recht. Es klingt vollkommen verrückt, und ich werde bestimmt nicht versuchen, Sie zu irgendetwas zu überreden, was Sie nicht wollen. Die Entscheidung, wie Sie mit dieser Erbschaft umgehen, liegt ganz bei Ihnen. Vielleicht hilft es, wenn wir erst einmal aussteigen und Sie sich umsehen.“ Er zeigte durch das Fenster.

Gut, dass ich die Jacke eingepackt habe, dachte Isabelle, als sie aus dem Auto stieg und ihr die feuchte, kalte Luft entgegenschlug. Der Unterschied zum sonnigen Nachmittag in der Stadt hätte kaum größer sein können. Fröstelnd folgte sie Antoine. Didier wartete im Wagen. Durch die dünnen Sohlen ihrer Schuhe drückte sich der steinige Boden. Es war fast, als liefe sie barfuß. Bis auf einige Meter führte Antoine sie an das Haus heran. Wie so viele andere Häuser hier war es aus hellem Sandstein gebaut. Hübsch sah es aus, soweit Isabelle das in der Dunkelheit beurteilen konnte. Sie standen auf einer Lichtung mitten im Wald. Um das Haus war ein kleiner Garten angelegt und mit einem Holzzaun eingefasst worden. Eine Holzeingangstür zierte die Front, links und rechts davon jeweils ein Fenster, die Läden waren verschlossen.

„Kommen Sie, wir gehen einmal außen herum. Heute dürfen Sie noch nicht hinein. Aber was sagen Sie, so auf den ersten Blick? Ist es nicht bezaubernd?“ Antoine pries es an, als wolle er einen Kaufvertrag unter Dach und Fach bringen. Er hätte auch gut Makler werden können.

„Hat was, soweit ich das im Moment sagen kann“, gab Isabelle zu. Als sie die Rückseite erreichten, entdeckte sie ein Metallgebilde im Garten. Auf den zweiten Blick erkannte sie, dass es sich dabei um eine Schwengelpumpe handelte. „Gibt es hier keinen Wasseranschluss?“, fragte sie erschrocken.

„Doch, doch“, beruhigte Antoine sie. „Das Haus hat alles, was Sie benötigen. Wasser, Strom, Küche, Badezimmer. Ihre Großmutter hat schließlich über vierzig Jahre darin gelebt. Alles in diesem Haus gehörte Regine und ab morgen Ihnen, sofern Sie es möchten.“

Sie blieb stehen, sah sich aufmerksam um. Wie still es war. Ganz ungewohnt und überhaupt kein Vergleich zum Leben in der Großstadt. „Finde ich denn in diesem Haus auch die Antworten auf Regines Rätsel?“, blieb Isabelle hartnäckig. Sie wollte unbedingt mehr Informationen, um eine vernünftige Entscheidung treffen zu können.

„Zum Teil“, antwortete Antoine und sorgte damit für einen Pluspunkt auf Isabelles gedanklicher Pro-und-Kontra-Liste.

Sie nahmen das letzte Stück Weg um das kleine Grundstück herum schweigend. Isabelle wickelte sich fester in die Strickjacke ein und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Sie haben nun alles gesehen und erfahren, was ich Ihnen zu diesem Zeitpunkt mitteilen durfte. Wenn Sie erlauben, fahren wir nun zurück nach Metz, und wir führen Sie in ein gutes Restaurant mit wunderbarem Moselwein aus. Alles Weitere besprechen wir dann später.“

„Wenn ich Sie richtig verstanden habe, dürfen Sie mir später mehr Informationen geben? Wann?“

Antoine reichte ihr den Arm, um sie zurück zum Wagen zu geleiten. „Frage eins: Ja, davon gehe ich fest aus. Frage zwei: Das hängt ganz von Ihnen ab, Mademoiselle Isabelle.“

Die Rückfahrt von Gelloncourt nach Metz verlief schweigsam. Isabelle starte aus dem Fenster und hing ihren Gedanken nach. Was soll ich nur von alledem halten, und wie soll ich mich entscheiden? Bin ich neugierig? Ja. Könnte ich ein paar Tage bleiben? Bestimmt. Kann das alles denn tatsächlich mit rechten Dingen zugehen? Ich weiß es nicht. Und warum geschieht das alles erst jetzt? Als ich klein war, habe ich mir immer eine Oma gewünscht. Vielleicht hat Mama recht. Nun ist diese Regine Mechant tot. Wie kann sie dann noch Teil unseres Lebens werden?

 

Kapitel 4 – Großmutters Haus

Es war erst kurz nach sechs, als Isabelle in ihrem Bett erwachte und die Morgensonne schon voller Tatendrang in alle Ecken des Hotelzimmers kroch. Wohlig reckte und streckte sich Isabelle in den weißen Laken und genoss die Aufregung, die in jede einzelne Faser ihres Körpers drang. Ja hatte sie gesagt. Ja, sie wollte die Erbschaft antreten und das Geheimnis ihrer Großmutter lüften. Egal, was es war. Sie wollte nicht irgendwann in ihrem Leben zurückblicken und sich fragen: Was wäre wenn gewesen? Bereits im Restaurant beim Essen hatte sie die Entscheidung gefällt und sich den beiden Herren wenig später mitgeteilt. Der Rest des Abends hielt sich nun wie die Erinnerung an einen schönen Traum in ihrem Kopf. Der Wein, den Antoine ausgesucht hatte, war in der Tat köstlich gewesen. Ein bisschen zu süffig vielleicht, aber Kopfschmerzen habe ich nicht. Mit einem zufriedenen Lächeln schwang sich Isabelle aus dem Bett.

Ein weiterer ereignisreicher Tag wartete auf sie, aber es blieb genug Zeit für eine ausgiebige Dusche, ein entspanntes Frühstück im Hotel und um die anstehenden Telefonate mit Sergio und ihrer Mutter zu erledigen. Um zehn wollte Didier sie abholen und in die Kanzlei fahren, damit dort die notwendigen Formalitäten erledigt werden konnten. Im direkten Anschluss ging es dann, sofern alles nach Plan verlief, nach Gelloncourt ins Haus ihrer Großmutter.

Der Schrecken der Familie Gelloncourt hatte über Nacht etwas von seiner Wirkung verloren. Nicht zuletzt, da Antoine ihr im Laufe des Abends mehrfach versichert hatte, sich um jede noch so kleine Unannehmlichkeit zu kümmern, sie solle nur immer direkt an seine Kanzlei verweisen. Und dass auch nur drei Mitglieder der Familie in der Résidence wohnten, von denen lediglich zwei regelmäßig das Haus verließen, ließ die Chance einer unangenehmen Zusammenkunft fast auf null sinken.

„Keine Sorge, mein Name ist dort hinlänglich bekannt. Ich habe bereits viele Jahrzehnte als Anwalt auf dem Buckel und immer wieder mit ihnen zu tun gehabt. Es gibt einige Verhaltensregeln auf dem Anwesen und in den anliegenden Ländereien, juristischer Standard, mit dem sich alle Wald- und Landbesitzer absichern, wenn das Gelände für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Nichts Dramatisches, das besprechen wir morgen, und der Rest ergibt sich von selbst“, hatte Antoine geschnattert und versucht, die letzten Zweifel zu zerstreuen.

Im gemütlichen Speisesaal des Hotels herrschte morgendlicher Betrieb. Ein junger Mann notierte die Zimmernummer und geleitete Isabelle an einen Fenstertisch. Von hier aus ließ sich gut beobachten, wie sich die Mosel behäbig durch die alte Stadt bewegte. Ein paar Vögel flatterten an der Ufermauer auf und ab. Über eine Brücke mit Rundbögen schob sich der Stadtverkehr in Form von Bussen, Kleinwagen und Fahrrädern. Der Tag begann, und die Stadt kam in Bewegung. Schön sah es aus. Isabelle bestellte das Frühstück, das umgehend serviert wurde. Bei herrlicher Aussicht genoss sie wenig später Croissants mit Marmelade und eine große Schale Café au Lait. Sie fühlte sich wie im Paradies. Wäre ich noch mit Sascha zusammen, nein, nicht mit ihm, zog sie den Gedanken zurück. Wäre ich überhaupt mit jemandem zusammen und wir könnten solch ein Frühstück gemeinsam genießen, wäre der Morgen perfekt.

Sowohl Antoine als auch Didier zeigten sich beim Zusammentreffen in der Kanzlei an diesem Tag in hervorragender Stimmung. Am Vorabend hatte Isabelle einiges über die beiden erfahren. Zum Beispiel, dass Didier viele Jahre als Assistent in der Kanzlei Lemaire angestellt gewesen war, nunmehr aber längst im Ruhestand war. In den vielen Jahren der vertrauensvollen Zusammenarbeit war jedoch eine tiefe, bis heute andauernde Freundschaft zwischen den Männern entstanden.

„Entschuldigen Sie bitte diese Maskerade, Isabelle“, erklärte er sich noch einmal mit Nachdruck. „Wir wollten sichergehen, dass Ihre Mutter, die wir ja zunächst erwartet hatten, die Seriosität der Angelegenheit anerkennt. Seien Sie ehrlich, auf Sie hat die Uniform gehörig Eindruck gemacht, nicht wahr?“ Er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

„In der Tat“, gab Isabelle zu und lächelte ebenfalls.

„Ich werde Ihnen während Ihrer Anwesenheit als Fahrdienst zur Verfügung stehen, Mademoiselle Isabelle. Hier ist meine Telefonnummer.“ Didier übergab ihr ein blaues Kärtchen mit seiner Handynummer. „Scheuen Sie sich nicht, mich anzurufen, wenn es um Besorgungen jeglicher Art geht. Ich zeige Ihnen gern die anliegenden Ortschaften und Einkaufsmöglichkeiten. Sobald Sie sich im Haus eingerichtet und sich einen Überblick über die notwendigen Einkäufe verschafft haben, rufen Sie mich an.“ Er schien sich bereits vollkommen auf einen Nachmittagsfahrdienst eingestellt zu haben.

„Aber Sie können doch nicht jedes Mal von Metz nach Gelloncourt fahren, wenn mir einfällt, dass ich etwas benötige“, stellte Isabelle mit leichter Entrüstung in der Stimme fest.

„Zum einen ist die Strecke überschaubar, und zum anderen glaube ich, dass Sie meine Dienste nicht überstrapazieren werden. Dafür haben Sie genügend Anstand mitgebracht.“

Isabelle wusste nicht, wie sie diese Aussage bewerten sollte, und erwiderte vorsichtshalber gar nichts.

„Übrigens gibt es hervorragende und gut beschilderte Wanderwege, die Sie von Ort zu Ort führen.“ Didier lächelte und setzte hinzu: „Auf Französisch.“

„Apropos Besorgungen“, brachte sich Antoine in das Gespräch ein. „Sie benötigen selbstverständlich etwas Geld, damit Sie sich mit allem, was notwendig ist, versorgen können. Festgelegt ist, dass ich Ihnen in jeder Woche zweihundertfünfzig Euro auszahle. Hiervon sollen Sie alle anfallenden Ausgaben bestreiten. Kleidung, Lebensmittel und was auch immer Sie zu benötigen glauben. Etwaige Nebenkosten für Ihren Aufenthalt im Haus fallen nicht an. Das erwähnte ich bereits, oder nicht? Ich rechne die Woche gewöhnlich von Montag bis Sonntag, heute haben wir Donnerstag. Der Einfachheit halber zahle ich Ihnen heute das Geld für die erste Woche aus, also zweihundertfünfzig. Das dürfte Sie gut über den Einstand bringen. Am Montag kommen Sie wieder zu mir in die Kanzlei und holen sich das Budget für die zweite Woche ab, noch einmal zweihundertfünfzig. Bitte einmal den Empfang der ersten Auszahlung quittieren.“ Er schob einen gelben Zettel und einen Kugelschreiber über den Tisch. Während Isabelle unterschrieb, zählte er den Betrag in Scheinen auf den Tisch. „Et voilá!“ Er verstaute alle Unterlagen in seinem Schreibtisch und schloss ihn ab. „Wenn nun nichts mehr zu besprechen ist, dürft ihr zwei euch auf den Weg nach Gelloncourt machen, und wir beide“, dabei nahm er Isabelles Hände zwischen die seinen, „sehen uns planmäßig am Montag wieder.“ Mit einem aufmunternden Blick verabschiedete er sich.

„Vielen Dank, Antoine. Ich bin immer noch total überwältigt und fühle mich wie in einer anderen Welt. Es scheint alles so unwirklich, so realitätsfern. Mir fehlt es an der passenden Beschreibung für das, was in mir vorgeht. Mit Entsetzen habe ich vorhin festgestellt, dass ich nicht einmal nachgefragt habe, wie Regine gestorben ist und wo sie beerdigt wurde.“

„Grämen Sie sich nicht, Isabelle, sie schlief friedlich ein. Wenn Sie sich gedulden können, nehmen wir uns in den nächsten Tagen die Zeit für einen Besuch der Grabstätte. Einverstanden?“

Isabelle nickte, und damit war sie endgültig aus der Kanzlei entlassen.

Die zweite Fahrt nach Gelloncourt fühlte sich zwar anders, aber nicht weniger aufregend an als die erste. In der Hand hielt Isabelle das kleine Schlüsselbund. Vier Schlüssel befanden sich daran. Sie werde schon herausfinden, welcher Schlüssel in welches Schloss gehöre, hatte Antoine überzeugt festgestellt. Nun fuhr Didier sie erneut zum Haus ihrer Großmutter. Das Haus meiner Großmutter. Es wäre mit Sicherheit eine tolle Kindheitserinnerung gewesen, in den Sommerferien hierhergekommen zu sein und ein paar Wochen bei der Oma in Lothringen verbracht zu haben. In Gedanken erbaute sich Isabelle ein Luftschloss, eine Fantasiekindheit mit Apfelkuchen, Vorlesegeschichten und einer Großmutter, die sie zu jeder Zeit fest in die Arme schließen konnte.

„Begleiten Sie mich rein?“, fragte Isabelle, als der Wagen langsam den Waldweg entlangrollte.

„Nein, Mademoiselle, ich muss Sie enttäuschen. Aber keine Sorge, Sie schaffen das schon. Kommen Sie erst einmal an, und heute Nachmittag hole ich Sie zum Einkaufen ab.“ Didier hielt an, ließ den Motor laufen, während er ausstieg, um Isabelle die Tür aufzuhalten. Dann verabschiedete er sich mit „À plus – bis später!“ und fuhr langsam davon.

Unschlüssig stand Isabelle vor dem Haus mitten im Wald. Erst bei Tageslicht konnte sie richtig erkennen, wie wunderschön und gepflegt der Garten und das Gebäude waren. Die Fensterläden und die Tür waren grün gestrichen und bildeten einen hübschen Kontrast zu den hellen Steinen. Unter dem Spitzdach befand sich ein kleiner Boden. Ein rundes Fensterchen ließ darauf schließen. Die Tageshitze, die sich am Morgen in der Stadt schon angekündigt hatte, war hier kaum zu spüren. Die Luft war mild und roch angenehm nach Wald.

„Willst du ewig hier draußen rumstehen, oder traust du dich rein?“, sprach Isabelle mit sich selbst und ging langsam auf das halbhohe Gartentürchen zu. Wie der ganze Zaun bestand es aus gepflegten, weiß lackierten Holzlatten. Als sie sich hinabbeugte und die Klinke nach unten drückte, fand sie die Tür verschlossen vor. Wer macht denn so was?, fragte sie sich und schüttelte verständnislos den Kopf. Das Türchen reichte ihr nur knapp über die Knie, und es wäre ein Leichtes gewesen, darüber hinwegzusteigen. „Dann wollen wir mal“, flüsterte sie und zog das Schlüsselbund aus der Tasche. „Welcher von euch könnte es sein?“ Sie hatte das Bund in ihre linke Hand gelegt, um die Schlüssel zu betrachten und den richtigen herauszusuchen. „Versuchen wir es mit dir!“, entschied sie sich für einen dunklen in mittlerer Größe. Sie steckte ihn ins Schloss und, voilá, ohne Widerstand ließ er sich herumdrehen. „Dieses war der erste Streich, und der zweite folgt sogleich.“

Sie ging auf die Eingangstür zu, steckte den großen Schlüssel ins Schloss und drehte ihn ebenso leicht um. Mit klopfendem Herzen schob sie die Tür auf und sah in das dunkle Innere des Hauses. Als sie eintrat, schlug ihr kalte Luft entgegen. Ein wenig muffig roch es, wahrscheinlich weil die Fenster die ganze Zeit geschlossen gewesen waren. Zu ihrer Rechten neben der Tür fand sie einen Schalter und knipste das Licht an. Behutsam stellte sie die Tasche auf den Boden und bewegte sich leichtfüßig wie eine Katze durch den Raum. Sie ging von einem Fenster zum anderen, um es zu öffnen. Als Luft und Tageslicht hereindrangen, löste sich etwas von ihrer inneren Spannung. Sie schaltete das elektrische Licht wieder aus und ließ das Innere des Hauses auf sich wirken.

Merkwürdig fühlte es sich für Isabelle an, fast so, als betrete sie unerlaubtes Terrain, als ignorierte sie die Privatsphäre dieser Regine. Die Privatsphäre ihrer Großmutter. Dass sie sich hier drinnen umsehen, alles auf den Kopf stellen und auf Geheimnissuche begeben sollte, war Isabelle in diesem Augenblick unvorstellbar. Ein kleiner Tisch, darauf eine karierte Tischdecke und eine leere Vase, fand sich in der Mitte des Zimmers, ein einziger Stuhl stand daneben. Vorsichtig zog sie ihn hervor und setzte sich. Während frische Luft durch Tür und Fenster drang, saß sie einfach nur stumm da. Hübsch war es hier. Nicht übertrieben, sondern zweckmäßig und geschmackvoll eingerichtet. Die Möbel waren alt, vorrangig aus dunklem Holz, vielleicht sogar handgearbeitet. Regine Mechants Wohnstil war altmodisch, aber dennoch sehr schön, und er passte zu diesem Haus.

Isabelle erhob sich, um die Haustür zu schließen und sich weiter umzusehen. Zwei weitere Türen führten in den hinteren Teil des kleinen Hauses, eine ins Badezimmer, das einfach, etwas neuer als der Rest des Hauses und ausgesprochen sauber war. Auch dort öffnete sie das Fenster und die Läden. Die andere Tür gehörte zum Schlafzimmer. Viel Platz bot das Zimmer nicht, dennoch fanden sich hier ein einfaches Bett aus dunklem Holz mit dicken, verzierten Bettpfosten. Außerdem ein Nachtschrank, ein Kleiderschrank und eine wunderschöne große Holztruhe mit beeindruckenden Metallbeschlägen.

Wieder öffnete Isabelle das Fenster und sah sich genauer um. Das erste Zimmer war eine Wohnküche. Dort hatte Regine wohl die meiste Zeit verbracht. Dass es nur einen Stuhl gab, erfüllte Isabelle spontan mit Traurigkeit. In dieser Abgeschiedenheit auf Dauer allein zu leben, konnte sie sich wahrlich nicht vorstellen. Was mag Regine nur für ein Mensch gewesen sein? Warum hat sie hier draußen allein gelebt? Vielleicht hat es etwas mit dem Geheimnis zu tun, das ich jetzt herausfinden soll. Vielleicht ist ein Leben in Abgeschiedenheit notwendig gewesen, um dieses Geheimnis zu wahren. Nun, sie hatte sich auf diese Schnitzeljagd eingelassen, sie würde es schon herausbekommen. Isabelle sah ihrer Aufgabe positiv entgegen.

Nacheinander durchstöberte sie die Schränke über und unter der Spüle. Es befanden sich wenige Teller, Tassen und Gläser darin, insgesamt gab die Küche nicht einmal ein Viertel des Inventars der Kölner Wohnung her, aber es schien Regine gereicht zu haben. Ein elektrischer Herd war vorhanden, genauso wie ein Kühlschrank, der sogar eingeschaltet war und innen mit penibler Sauberkeit bestach. Das Haus wurde doch auf den Kopf gestellt und durchgeputzt, bevor ich ankam. Hat etwa jemand nach dem Geheimnis gesucht und es vielleicht sogar schon gefunden? Ich habe ja nichts gegen eine saubere Bleibe, aber das ist seltsam. Vielleicht wirkt deshalb alles so fremd auf mich. Das Haus könnte irgendeines sein, nichts lässt auf Regine schließen. Und wenn jemand vor mir hier war, wie kam er dann herein? Gibt es einen weiteren Schlüssel?

Plötzlich überlief Isabelle ein Schauer. Sie sah sich um und konnte kein einziges Foto an den Wänden entdecken. Das Haus sah aus wie ein Museum. Hektisch lief sie zum nächsten Schrank und öffnete erwartungsvoll die Tür. Als sie hineinblickte, musste sie trotz aller Aufregung lachen, denn darin befand sich tatsächlich ein Fernseher. Sogar ein neueres Modell mit Flachbildschirm. Isabelle schaltete ihn ein und tippte auf der Fernbedienung herum. „Ich werd verrückt, Kabelfernsehen!“ Sie schaltete das Gerät ab, schloss die Schranktür und dann auch alle Fenster.

Als Nächstes durchforstete sie den Kleiderschrank im Schlafzimmer. Darin hingen und lagen fein säuberlich aufgereiht Kleider, Jacken, Schürzen, Pullover, Blusen, Strümpfe und Wäsche. Das gleiche unangenehme Gefühl der Grenzverletzung, das sie bereits beim Öffnen der Haustür überkommen hatte, beschlich Isabelle erneut. Was soll ich mit der Wäsche einer mir völlig fremden alten Frau anfangen? Ich werde große Müllsäcke auf die Einkaufsliste setzen und alles für die Kleidersammlung zusammenpacken.

Auf dem Nachtschrank stand ein Wecker mit Gold verziertem Holzgehäuse. In die Schublade war ein Schloss eingearbeitet. Darin steckte ein kleiner Metallschlüssel, aber sie war nicht verschlossen. Isabelle zog daran und fand eine Bibel in Ledereinband, sie sah völlig unbenutzt aus. Ist das ein schlechter Scherz? Sie nahm das Buch heraus und öffnete den Einband. Das Exemplar war von neunzehnhundertzweiundsiebzig. Gedankenversunken setzte sie sich auf das Bett. Kissen und Bettdecke, beides mit Daunen gefüllt, waren mit frisch gestärktem Leinenbettzeug bezogen. Das Haus war definitiv auf ihre oder die Ankunft ihrer Mutter vorbereitet worden. Plötzlich sprang Isabelle auf. Schlagartig war ihr klar geworden, dass sie wohl in diesem Bett schlafen sollte. „Never ever!“, entfuhr es ihr.

Wie von der Tarantel gestochen verließ sie das Schlafzimmer und durchsuchte das Wohnzimmer nach Stift und Papier. Sie fand ein Etui mit Füller und Tintenpatronen sowie mehrere dicke Briefbögen. Nichts was sich für einen spontanen Einkaufszettel eignete, also setzte sich Isabelle hin, zückte ihr Handy, um die Liste einzutippen. Eine Matratze, Kopfkissen und Decke, Bettzeug, Müllsäcke und … Sie stockte, war das überhaupt im Rahmen ihres Budgets? Dann muss ich eben günstig einkaufen. Didier hat gesagt, dass er weiß, wo die richtigen Geschäfte sind. Hoffentlich bewahrheitet es sich. Ein paar Lebensmittel brauche ich auch noch, da bin ich ja eher pleite, als ich gucken kann. Na ja, bis Montag wird es wohl reichen.

Isabelle suchte Didiers Telefonnummer in ihrer Hosentasche, tippte sie ein und drückte auf speichern. Als sie ihn anrufen wollte, stellte sie fest, dass sie keinen Empfang hatte. „Worauf habe ich mich da nur eingelassen?“, schimpfte sie vor sich hin.

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960874959
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v476817
Schlagworte
Liebe-s-roma-c-e humor-voll-e-r-Frauen-roman-e romantische komödie frankreich roman-e familien-geheimnis-se-roman urlaub-s-roman-e familien-saga

Autor

  • Jana Engels (Autor)

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Titel: Das Erbe von Lorraine