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Lord Everhams Spiel um die Liebe

von Katherine Collins (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Lord Everham liebt Herausforderungen. Und die schwarzgewandete, geheimnisvolle Lady mit der Maske stellt eine ganz besonders verlockende Herausforderung dar. Lady Molly Batton fürchtet vor allem eins: ein Leben in Armut. Nach dem Tod ihres Gatten ist ihre einzige Chance auf ein Einkommen das Bordell, das er ihr vererbt hat. Als mysteriöse Madame Noir führt sie mit Geschick das beste Etablissement der Stadt. Ihr Gesicht hält sie stets hinter einer Maske verborgen – denn wie sonst könnte sie in der vornehmen Gesellschaft ihren ehrbaren Ruf bewahren? Als der attraktive Lord dem Geheimnis ihrer Identität immer näher kommt, beginnt für Madame Noir ein gefährliches Spiel mit dem Feuer …

Impressum

dp Verlag

Überarbeitete Neuausgabe Mai 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-467-6
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-468-3

Covergestaltung: Rose & Chili Design
unter Verwendung von Motiven von:
Periodimages.com: © Mary Chronis, VJ Dunraven Productions
Despositphotos.com: © FairytaleDesign
Lektorat: Astrid Rahlfs

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

Prolog

Ein letzter Tritt

London, Shoreditch, Winter 1822

Lady Molly Batton, verwitwete Gattin eines stets klammen Baronets, sah sich um.

Alles, was Gene Batton ihr und ihrer gemeinsamen Tochter Aubrey neben einem schäbigen Stadthaus in einer gerade noch respektablen Gegend hinterlassen hatte, war dieses Gebäude. Ein weiteres Haus, aber sicherlich kein respektables.

Die Gassen zu beiden Seiten waren voller Unrat. Es stank bestialisch und obwohl das Haus an sich zu schlafen schien, war es drum herum einfach nur laut. Kutschen ratterten über den Backstein der Straße, Kutscher schrien einander wüste Beschimpfungen und den Tieren harsche Befehle zu. Peitschen klatschten, Pferde wieherten schrill und übertönten die freizügigen Frauen, die sich nur ein paar Schritte weiter lautstark anboten.

„Mein Gott“, wisperte Molly und zweifelte einmal mehr an ihrem Verstand. Dieses Haus war sicherlich nicht der Weg aus ihrem finanziellen Desaster.

„Oh Molly“, flüsterte Enola, deren hübsche braune Augen mit ähnlicher Niedergeschlagenheit auf dem schäbigen Grundstück lagen wie Mollys eigene. Enolas Nägel bohrten sich in Mollys fadenscheinigen Umhang. „Was glaubst du, was das für ein Haus ist?“

Molly hatte eine schlimme Befürchtung, wollte diese aber ihrer jungen Schwägerin nicht mitteilen. Enola beugte sich vor, die Augen sensationslustig geweitet und gleichsam gebannt wie abgestoßen.

Das arme Kind, befand Molly, so unbedarft und rein, dass ihr nicht einmal der Hauch eines unfeinen Gedankens kam. Sie selbst ahnte, dass hier keinesfalls der richtige Ort war, um aus der Mietskutsche zu steigen. Obwohl ihr ein kalter Schauer über den Rücken jagte und sie eindringlich warnte, richtete sie sich den Hut und klappte die dicke Spitze hinunter, die ihr Gesicht verbergen sollte. Zumindest dazu taugte die teure neue Trauerausstattung, sie bliebe gewissermaßen inkognito.

„Ich werde hineingehen, Enola, du bleibst bitte in der Droschke.“ Molly unterdrückte ein abgrundtiefes Seufzen. Sie mochte sich nicht mit diesem Problem beschäftigen, das sie weder voll erfassen konnte noch wollte. Leider bliebe ihr keine Wahl. Es gab nicht viele Erklärungen dafür, dass jemand ein zweites Haus besaß und jene, die ihr sogleich in den Sinn kam, war wenig schmeichelhaft. Allerdings sollte es sie auch nicht wundern, dass Gene eine Geliebte unterhielt. Der Vertrauensbruch berührte Molly nicht einmal. Es war ihr nur zu recht, dass sich ihr Gatte anders orientierte und sie hätte sich gewünscht, er hätte sie ganz aus seinem Bett entlassen. Ein anderer Faktor an dieser Geschichte machte sie jedoch wütend: Das wenige Geld, das ihnen sein kleines Gut in den Hampshires einbrachte, für Vergnügungen hinauszuwerfen, war schlicht selbstbezogen und unverantwortlich gewesen. Leider entsprach dies Genes Charakter nur zu genau.

Molly stieg aus und hüllte sich enger in ihren Umhang, den Kopf hielt sie zusätzlich gesenkt, auch wenn sie nicht zu erwarten brauchte, an einem derart unrespektablen Ort bekannten Gesichtern zu begegnen. Das Haus besaß keine Stufen und so stand sie nach wenigen Schritten bereits direkt vor der heruntergekommenen Tür.

Der Klopfer landete nach einer zögerlichen Berührung laut klirrend vor ihren Füßen. Mit einem kleinen Aufschrei sprang sie zurück und legte sich die Hand auf das laut pochende Herz. So ein Unglück!

Sie erwartete, sogleich einem wütenden Knecht oder zumindest der Dame des Hauses gegenüberzustehen, so fraglich deren gesellschaftliche Position auch war. Aber nichts rührte sich. Molly bückte sich zögerlich nach dem Klopfer und schlug ihn gegen die Tür. Eine Reaktion blieb auch weiterhin aus. Sich umsehend, haderte sie mit der Situation. Sie konnte doch nicht einfach eintreten, schließlich gehörte es sich, auf Einlass zu warten!

Nach qualvoll langen Augenblicken der Unentschlossenheit klopfte sie erneut. Der eiserne Ball, der in die Fassung des Gargoyle-Gesichtes gehörte, fühlte sich in Mollys Hand ebenso schwer an wie die Last, die bereits auf ihren Schultern ruhte. Noch ein letzter Anlauf, denn so wenig sie sich mit dieser Sache – der Geliebten und der Tatsache, dass hier ihr weniges Geld verschwand – abfinden konnte, so dringlich war es, die Situation baldig zu klären. Denn das eine, was sie nicht hatte, war Geld, was sie verschenken konnte.

Bestärkt durch die pressende Notwendigkeit schlug sie kräftig gegen die Pforte. Endlich tat sich etwas und Molly streckte die Schultern. Ein heruntergekommener Bursche öffnete die Tür.

Molly starrte ihn an, er starrte zurück. Er war halbwüchsig, vielleicht vierzehn Jahre alt, dünn und schlaksig und stand sicherlich vor Dreck. Molly zwang sich, sich vorzustellen. „Ich bin Lady Batton. Meinem Gemahl gehörte dieses Haus und ich bin gekommen, um es in Augenschein zu nehmen.“

Die braunen Augen des Knaben weiteten sich erschrocken. „Oh, My… My…“

„Bitte führe mich zu der zuständigen … Person hier.“ Sie erwartete eine Haushälterin oder etwas in der Art, schließlich würde ein solches Haus wohl keinen Butler haben. Sie seufzte bei dem Gedanken. Sie hatten auch keinen und ihre Haushälterin war gleichsam ihre Köchin und ihr Hausmädchen. „Also?“ Sie hob eine Braue, die wohl unter ihrem Schleier nicht auszumachen war.

„Ja, Mildy.“

„Mylady“, korrigierte Molly, trat ein und sah sich sogleich nervös um. Sie stand vor einer engen Garderobe in einem mehr als dunklen Flur. Der Gang war lang und wurde hinter der Ecke breiter. Eine Treppe führte in das obere Stockwerk und von dort drang etwas Licht zu ihr durch. Die Tapeten waren in einem fürchterlichen Zustand, der Teppich nicht minder. Keine Frage, Genes Geliebte hatte nicht besser gehaust als seine Gattin. Diese Tatsache beruhigte sie jedoch nicht. Noch immer glühte ob seiner beständigen Abwesenheit, seiner Trunksucht und verschwenderischer Unbedachtheit unbändiger Ärger in ihr. Und dies waren nur die schlimmsten Untugenden, derentwegen er sicherlich nicht besonders vermisst werden würde.

Sie presste die Lippen aufeinander und wagte sich tiefer in den Flur. Immerhin galt dies alles nun als ihr Eigentum, mochte auch eine andere Person in ihm leben.

Tatsächlich befand sich hinter dem Mauervorsprung ein breiter Flur. Molly sah zurück, irritiert über den Sichtschutz. Dabei glitt ihr Blick über ein skandalöses Gemälde. Eine halb entblößte Frau saß auf einem nicht minder nackten Mann. Rittlings. Molly riss schnell die Augen von dem Bild los und entdeckte dabei weitere. Und eine Tür. Schnell steuerte sie darauf zu und schlüpfte eilig hindurch. Vor ihr lag ein großer Raum mit vielen Tischen und noch mehr Stühlen. Es stank und Rauch schwängerte die staubige Luft. Molly hustete und zog sich schnell wieder zurück. Was war das hier nur für ein Ort!

„Madame?“

Mit einem Schrei fuhr sie herum. Ein knochiger, alter Mann in halbwegs anständigem Aufzug machte einen Diener vor ihr. „Grayston, Madame. Darf ich Sie bitten, mich in die Küche zu begleiten?“

„Küche?“, quiekte sie entsetzt.

„Es gibt leider keinen anderen Ort, an dem es halbwegs respektabel wäre …“

Mollys Entschlossenheit sank und sie schlang die Arme um sich. Ein ganzes Haus und der respektabelste Ort war die Küche? Wollte sie wissen, wo sie hier gelandet war?

„Also gut“, flüsterte sie. „Bitte weisen Sie mir den Weg.“

Grayston übernahm die Führung und in der niedrigen Küche, die ebenfalls dringendst der Aufmerksamkeit einiger fleißiger Hände bedurfte, gab er einem jungen Mädchen Anweisung, Tee aufzusetzen.

Dann wendete er sich Molly zu. Seine von grauen langen Haaren durchzogenen Brauen zogen sich bei einer schnellen Musterung unter besseren Lichtverhältnissen zu. Er räusperte sich und deutete mit einer behandschuhten Hand auf den einzigen Stuhl im Raum, der an einem schmalen Tisch stand. „Bitte Madame, nehmen Sie Platz.“

Molly sank mit zittrigen Knien auf den Stuhl. Der zweite Rundumblick machte den schmalen, dreckigen Raum noch unerquicklicher und gab Molly auch einen Hinweis auf den fauligen Geruch, der in der Luft lag. Essensreste waren schlicht in die Ecke gekippt worden und zogen bereits Tiere an, die sich auch auf den Arbeitsplatten niederließen. Molly drehte es den Magen um und sie entschied, den Tee oder irgendetwas sonst nicht anzurühren, was man ihr hier anbieten mochte. Sie umfasste ihre zittrigen Finger und legte sie mitsamt ihres Retiküls und dem schweren Eisenklopfer, von dem sie nicht wusste, ob sie ihn dem alten Mann einfach überreichen sollte, auf ihrem Schoss ab. „Mr Grayston, ich bin …“, hob sie weniger fest an, als es ihr lieb gewesen wäre.

„Die Besitzerin dieses Etablissements“, unterbrach er sie mit einem schnellen Blick auf das Mädchen. Wohl ein Hinweis, vor der Bediensteten nicht offen zu sprechen. Molly entließ den Atem. Zum einen gehörte es sich nicht, eine Dame zu unterbrechen, dennoch waren gewisse Informationen besser geheim zu halten. Zum anderen waren seine Worte ebenso verstörend wie seine rüde Unterbrechung.

„Etablissement?“, fragte sie mit zittriger Stimme. Das klang nicht gut. Es war nicht gut, das bezeugte die Miene ihres Gegenübers. Seine Lippen pressten sich zusammen und seine buschigen Brauen hoben sich über seiner Nasenwurzel. Hatte er Mitleid mit ihr?

Molly überkam es eisig über ihren ohnehin frierenden Leib und sie wagte es nicht, ihre Frage zu formulieren.

„Mädchen!“, trieb Grayston, der noch immer in respektablen Abstand zu Molly stand, die Magd an, die bereits die Tassen mit heißem Wasser ausspülte und sie aufgeschreckt schnell auf dem Tisch platzierte. „Wir können den Tee selbst abseihen. Sieh zu, dass du Ordnung in den Salon bekommst.“

Das Mädchen verschwand schnell, trotzdem wartete Grayston noch einen langen Moment, bevor er seine Augen auf sie richtete. Sie musste sich dennoch weiter in Geduld üben, denn der Mann, der offenkundig jahrelange Erfahrung als Butler vorzuweisen hatte, räusperte sich bedrückt.

„Mylady, erlauben Sie mir, mich zu Ihnen zu setzen.“

Molly nickte lediglich, um nicht noch mehr Zeit zu vergeuden, die sie dem wartenden Droschkenkutscher später entlohnen müsste.

„Mylady, Sie befinden sich in einem Freudenhaus.“ Er sah ihr an, dass sie damit nichts anfangen konnte und führte deswegen vorsichtig aus: „Ein Ort, an dem Herren ihre Gelüste ausleben. Jene, die ihre Gattinnen ihnen verwehren.“

Molly klappte vor Schreck der Mund auf. Im Nest einer Geliebten zu landen, war bereits verstörend, sich an einem Ort zu befinden, an dem es noch skandalöser zuging, raubte ihr beinahe die Fassung. Ihre Finger in ihrem Schoß zitterten so stark, dass die mit Holzperlen beschwerten Bänder ihres Täschchens an den eisernen Türklopfer schlugen, den sie noch immer in der Hand hielt.

Grayston seihte den Tee ab und schob ihr eine Tasse in die kalten Finger. „Mylady, ich riete Ihnen in anderen Umständen dazu, das Haus abzustoßen. Allerdings fänden Sie derzeit keinen Käufer und Sie brächten damit einige von den hier Lebenden in arge Bedrängnis.“ Seine buschigen Brauen zogen sich zusammen. „Wir sind nicht in der Lage, die Erträge, die Ihr Gatte von uns verlangte, abzuführen.“

Molly starrte ihn noch immer entsetzt an.

„Aber Mylady, wenn Sie mich anhören wollen, so denke ich, dass wir eine für beide Seiten einträgliche Einigung finden werden.“ Er räusperte sich. „Ich bitte Sie, obwohl mir bewusst ist, wie vernichtend Ihre Erkenntnis sein muss. Für eine Frau in Ihrer Stellung.“ Er befeuchtete sich die spröden Lippen. „Aber mit etwas Zeit werden wir auch die Summe aufbringen können, die der Herr von uns verlangte.“ Er griff nach ihrer Hand. „Ich bitte Sie, uns eine Chance zu geben. Viele von uns haben nur dieses Haus und können nirgendwo sonst hin.“

Molly zog schnell die Hand zurück und torkelte auf die Füße. Ihr Herz pochte wild in ihrer Brust und ebenso tanzten ihre Gedanken einen Ringelreihen, wobei sie sich nicht an die Schrittfolge hielten.

Grayston hob flehentlich die Hände. „Verzeihen Sie mir, Mylady, ich hätte Sie nicht berühren dürfen, ich habe die Kontrolle verloren.“

Molly ballte die Hände zu Fäusten. All ihre Instinkte rieten ihr zur Flucht und doch kämpfte ein kleiner Teil in ihr darum, ihm Gehör zu schenken. Jenem, der die Ausweglosigkeit ihrer Situation und ihren Ernst erfasst hatte, kaum dass Gene das Zeitliche gesegnet hatte und sie das erste Gespräch mit ihrem Nachlassverwalter geführt hatte.

„Wir haben hier zwanzig Mädchen und fünf Männer, die keinen anderen Unterschlupf haben“, beschwor Grayston sie eindringlich, wobei er ebenfalls auf die Füße kam. „Bitte! Wir brauchen diese Chance.“

Fünfundzwanzig Personen mehr, die sie bedenken sollte? Sie hatte bereits die Verpflichtung, für das Wohl von sechs Personen zu sorgen: das der Haushälterin, des Mädchens, des Knechtes, der Schwägerin Enola und natürlich für das ihrer Tochter und für ihr eigenes. Es kostete bereits all ihre Kraft, wie sollte sie auch nur eine einzige Seele mehr verkraften?

Molly floh, stolperte die Stufen zum Flur hinauf und lief fast gegen den Mauervorsprung. Sie riss die Tür auf und stürzte weiter.

„Milburn Cresscent!“, schrie sie dem Kutscher ihre Adresse zu und kletterte selbst in die Droschke. Sie zitterte am ganzen Leib. Ihre Finger schlossen sich fest um den Klopfer und machten sie damit auf diesen aufmerksam. Sie ließ ihn fallen und rutschte von ihm fort. Gene! Oh, du verdammter Mistkerl! Selbst im Tode fand er einen Weg, sie zu drangsalieren.

Kapitel 1

Madame Noir

London, Club Noir, Frühling 1826

Molly spazierte durch den Salon und nickte einigen Stammgästen zur Begrüßung zu.

„Madame“, rief Lord Spencer gewohnt nuschelnd und schwenkte seine Karten, so dass jeder sie sehen konnte. „Kommen Sie! Seien Sie meine Göttin!“

Molly folgte dem Ruf. Für einige Stunden am Abend ließ sie sich sehen, sprach mit ihren Gästen und hielt auch schon mal ihre Hand, wenn sie sich um Kopf und Kragen spielten. Es war notwendig, denn von den Gewinnen lebten sie.

Spencer schlang den Arm um ihre Taille und zog sie an sich. „Madame! Schenkt mir etwas Glück!“

„Mylord“, tadelte sie fest, wobei sie sich direkt von dem massigen Leib des Earl of Spencer fortdrückte. „Sie sollten sich bei Ihrem Benehmen nicht wundern, dass Ihnen Fortuna nicht hold ist.“

Spencer ließ sie los, murmelte sogar eine Entschuldigung, obwohl sein Blick noch immer in ihrem Dekolleté zu verschwinden schien. Molly setzte sich neben ihn auf einen Hocker und lächelte ihn an, so gut es ihr möglich war. Auch vier Jahre in diesem Gewerbe hatten sie keine Gelassenheit gelehrt oder halfen sonst dabei, die Aufdringlichkeiten ihrer Gäste zu ertragen. „Nun Mylord, wie lange versuchen Sie bereits, dem Glück auf die Spur zu kommen?“

„Zu lang“, murrte der Earl. „Viel zu lang!“ Er warf eine Karte ab, von der selbst Molly wusste, dass es die Falsche war. Sie seufzte im Stillen. Spencer und Männer wie er waren der Grund, warum sie sich jeden Tag eine ausreichende Mahlzeit leisten konnte.

„Madame“, murmelte jemand in ihrem Rücken. Der Schauer, der sogleich über ihren Körper huschte, verriet ihn bereits, auch wenn seine Stimme im Tumult des Salons fast unterging. Dennoch sah Molly über die Schulter zurück und schenkte ihm ein überraschtes Lächeln. Der Duke of Wakefield hielt ihr die Hand entgegen. Er führte ihre, die sie ihm nur widerwillig überließ, an die Lippen zu einem formalen Handkuss. Nun, wenn man es genau besah, wäre ein dermaßen inniger Handkuss ein haushoher Skandal in jedem noblen Salon.

Er zwinkerte mit seiner ureigenen Nonchalance, die erneut einen Fluchtreflex in ihr auslöste, den sie mühsam niederrang. „Sie sehen bezaubernd aus.“

Ein solches Kompliment käme ihr nicht über die Lippen, besonders dann nicht, wenn es auf Wakefield gemünzt wäre. Zwar bestach der Duke mit einem tadellosen Auftreten und er konnte nicht nur Charme für sich verbuchen, sondern auch ein Aussehen, das so mancher Dame weiche Knie bereitete. Er war ein großer Mann, überragte nicht wenige seiner Standesgenossen und besaß dazu eine Haltung, die einem Gehorsam abtrotzte. Sein markantes Kinn verriet seine Selbstsicherheit, ebenso wie seine dunklen Augen. Sein Haar war so schwarz wie seine Seele, da hegte sie keinerlei Zweifel.

Molly hob das Kinn, behielt das starre Lächeln bei, sparte sich den Knicks, der ohnehin zu viel über ihre Herkunft verriete und bezwang ihre Aufregung. „So, Euer Gnaden?“

„So geheimnisvoll wie eh und je“, murmelte er und machte Anstalten, ihre Finger erneut an die Lippen ziehen zu wollen.

Sie lachte gespielt geschmeichelt auf und entzog sie ihm eilig. „Wist, Euer Gnaden? Ich sehe, es ist noch ein Platz frei.“ Sie deutete durch den Raum zu dem Tisch, an dem das Kartenspiel gespielt wurde, wobei sie hoffte, er möge das Angebot annehmen. „Wen soll ich zu Ihnen schicken?“ Jeder Gentleman hatte seine eigene Vorstellung davon, welches der Mädchen die persönliche Glücksbotin war und manche wechselten gern. Der Duke of Wakefield gehörte zu den Herren, die leider Gefallen daran fanden, Molly zu bedrängen, ganz gleich, wie standhaft sie Avancen abwies.

„Wie wäre es, Madame, wenn Sie mir heute Abend Gesellschaft leisteten?“

Molly verbiss sich ein Seufzen.

„Ich war zuerst!“, mischte sich Spencer ein und stolperte auf die Füße, um seinen Arm erneut um Mollys Mitte zu schlingen. Er zog sie an sich. Aus dem Augenwinkel bemerkte sie Grayston, der einem der Lakaien einen Wink gab, ihr zu Hilfe zu eilen, was ihre Panik sogleich linderte.

„Mylord, Sie vergessen sich erneut“, mahnte sie leise, um das Beben in ihrer Stimme zu verdecken. „Entlassen Sie mich.“

Spencer presste sie nur fester an seinen Körper. „Madame“, wisperte er. „So seid mir gefällig und ich verspreche …“

Jarred, der bulligste ihrer Lakaien, räusperte sich vernehmlich in ihrem Rücken.

„Entlassen Sie mich oder Sie finden sich auf der Straße wieder, Lord Spencer.“ Keine harmlose Drohung, denn sie anzufassen führte zum Ausschluss. Hörte Spencer nicht auf, sie zu belästigen, bekam er Hausverbot, so lautete eine der Hausregeln.

Spencers Griff lockerte sich schlagartig. Molly entwand sich ihm, streckte die Schultern durch und mühte sich zur Härte. Sie maß ihn verärgert. Der Earl bestach weder durch Schick, noch durch Manieren, seine Knollennase war durch übermäßigen Alkoholgenuss gerötet, seine blauen Augen durch dunkle Tränensäcke kaum mehr ansehnlich zu nennen. Sein blondes Haar brauchte dringend die Aufmerksamkeit eines Kammerdieners, was ebenso auf seine Kleidung zutraf. Mit einem genaueren Blick konnte man mühelos ausmachen, was er über den Tag zu sich genommen hatte. Selbst Gene hatte sich um mehr Sorgfalt bezüglich seines Aussehens bemüht.

„Nun, Spencer, es scheint mir, Sie haben den Abend über Gebühr genossen.“ Sie deutete auf Jarred. „Man wird Sie hinausbegleiten. Dies ist Ihre letzte Warnung, haben Sie mich verstanden?“

Spencers Miene stürmte und er machte einen einschüchternden Schritt auf sie zu.

„Spencer“, mahnte Wakefield in ihrem Rücken. „Sie haben Madame gehört.“

Der Lord hob den Blick, aber Molly blieb angespannt, bis Spencer tatsächlich klein beigab und sich mit einer wackligen Verbeugung entschuldigte. Jarred folgte ihm, als er durch den Salon schwankte und Molly entließ den angehaltenen Atem. Momente wie diese erschütterten sie noch immer bis ins Mark. Allerdings war kaum ein Aufeinandertreffen, das sich auf den Club Noir bezog, in irgendeiner Weise angenehm zu nennen.

„Nun, Madame, da Sie Ihrer Verpflichtung für den Abend entronnen sind …“ Wakefield bot ihr den Arm an. „Leisten Sie mir doch Gesellschaft.“

Sie hatte keinen Augenblick angenommen, auch seiner Gesellschaft ledig zu werden, also stählte sie sich. „Gern, Euer Gnaden, solange Ihnen bewusst ist, dass die Hausregeln auch für Sie gelten.“ Molly hängte sich bei ihm ein und ließ sich durch den Raum führen.

„Everham, mach Platz für Madame Noir.“

Angesprochener Gentleman erhob sich von dem Zweisitzer, auf dem er gesessen hatte, und drehte sich. Seine dunklen Augen glitten schnell über sie, bevor er den Kopf neigte. „Madame Noir.“

Molly blinzelte. Es war nicht unüblich, dass ihr neue Gentlemen vorgestellt wurden, die auf eine Aufnahme in den Club hofften, doch gewöhnlich wurde sie vorgewarnt. Ihre Finger wurden klamm, während ihr Herz einen Satz machte und lospolterte. Der Blick dieser tiefbraunen Augen lag beunruhigend fest auf ihr. Sie schluckte, was ihre Nervosität nicht wie sonst eindämmte, und zwang sich dennoch zu einer Begrüßung.

„Lord Everham.“ Wieder sparte sie sich den Knicks, bei dem sie ohnehin nur ins Straucheln geraten würde, und begnügte sich mit einem leichten Neigen ihres Kinns.

„Schwarz.“

Wakefield schob sie weiter und Molly nahm mit seiner Hilfe Platz. Sie sah auf, erleichtert, sowohl der Berührung des Dukes ledig zu sein, als auch endlich ihre Fassade wieder errichten zu können. „Schwarz, Lord Everham?“

Wieder glitten die Augen des Lords über sie hinweg, als wolle er sich seiner Einschätzung erneut versichern. Ärgerlicherweise bewirkte er genau denselben Effekt wie zuvor.

Molly verkrampfte die Finger im Schoß, als auch ihr Magen einen Schlinger machte. Dieser Mann war gefährlich.

„Noir.“

Wenn er etwas Bestimmtes zum Ausdruck bringen wollte, sollte er genauer werden, denn weder schätzte Molly es, bei einem Gespräch nach dem Sinn zu suchen, noch wäre sie derzeit dazu in der Lage.

„Verzeihen Sie ihm, Madame, es ist sein erster Aufenthalt im Club Noir und auch sonst ist er andere Gesellschaft gewohnt.“ Wakefield lachte auf, wodurch Molly ein eisiger Schauer über den Leib lief und sie sich zwingen musste, nicht von ihm fortzurutschen und das Weite zu suchen. Er winkte einem Lakai zu. „Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?“

Molly nahm an, alles andere wäre geschäftsschädigend, denn neben den Einkünften aus den Spieltischen wurden sowohl die Getränke wie auch die Zusatzleistungen durch die Mädchen extra abgerechnet. „Gern, Euer Gnaden.“

Der Duke bestellte Champagner für sie und Brandy für die Herren.

„Ihr erster Besuch“, nahm Molly den Faden wieder auf. „Wie schön. Verdanke ich es Ihnen, Wakefield?“

Der Duke nahm ihre Hand auf, wobei er ungeniert in ihren Schoß griff. „Stets zu Diensten, Madame.“

„Sie bürgen für ihn?“ Sie zog die Finger zurück, dankbar, dass die Getränke gebracht wurden. Wakefield gehörte zu den Herren, die fortwährend versuchten, ihr näherzukommen. Zwar blieb er innerhalb der gesteckten Grenzen, aber sie spürte, dass seine Zurückhaltung nur gespielt war. Er war ein Mann, der sich auch nahm, was ihm nicht geboten wurde, weshalb Molly stets darauf achtete, nicht allein in seine Gesellschaft zu geraten, auch wenn er zu den Männern zählte, die den Club in seiner jetzigen Ausstattung erst möglich gemacht hatten, indem sie in den Club Noir investierten.

„Selbstredend.“ Wakefield prostete ihr zu, wobei sein Blick dermaßen heiß auf ihr lag, dass sie das Glas gern in einem Zug geleert hätte. „Everham ist vertrauenswürdig, dafür bürge ich.“

Molly nippte an ihrem Apfelmost, den man ihr, ihrer Anweisung entsprechend, anstelle des Champagners gegeben hatte. „Sehr schön“, krächzte sie. „Willkommen im Club Noir, Lord Everham.“ Sie lächelte ihn an, auch wenn sie kaum mehr erwarten konnte, endlich aufstehen zu können. Seine dunklen Augen hielten ihren Blick fest, hinderten sie daran, ihr Vorhaben einer schnellen Verabschiedung durchzubringen und vertrieben fast die Erinnerung daran, warum sie hatte gehen wollen. Sein Haar war tiefschwarz und rahmte sein kantiges Gesicht in einem Schnitt ein, der arg an Beau Brummel erinnerte. Fransen seines Haares lockten sich in Stirn und an den Seiten. Es wirkte etwas fehl am Platz, schließlich galt Brummel als verspielt und romantisch. Lord Everham machte nicht den Eindruck, die Art Mann zu sein, der mit dem Kopf in den Wolken schwebte und Zeilen rezitierte.

Molly schluckte. Es war völlig gleich, was für eine Art Mann Lord Everham sein mochte, von Belang war, dass er ihr hier keinen Ärger machte. Molly zwang sich, den Blick zu senken und sich auf das Geschäft zu konzentrieren.

„Nun, Wakefield, Sie weisen Everham in unsere Regeln ein, nicht wahr?“

„Natürlich, Madame. Sagen Sie nicht, Sie lassen uns schon allein!“ Wakefield suchte wieder ihre Hand, die sie in weiser Voraussicht nicht in ihren Schoß gelegt hatte, sondern neben sich auf die Chaiselongue.

Schnell sah sie zur Uhr, die auf dem Kaminsims für alle gut sichtbar platziert worden war, um die vornehmen Herren an ihre Verpflichtungen zu erinnern. Und ihr einen Anhaltspunkt zu geben, wie lange sie noch in den unteren Räumen zu bleiben gedachte. An diesem Abend schlug der Zeiger zu ihren Gunsten. Mit einem leichten Seufzen gönnte sie ihm eine weitere Minute. „Aber nein. Sagen Sie, wie ist die Debatte verlaufen, von der Sie sprachen?“

„Politik?“ Everham klang belustigt. Sein Ton wurde dabei tiefer und schickte ein kleines Kribbeln über ihren Leib, der sie verwirrte. „Wakefield, du verblüffst mich immer wieder!“ Er lachte auf, ein rauer, dunkler Klang, der sie bannte. Gefährlich fürwahr.

„Ich warnte dich, dass der Club anders ist. Die Mädchen hübscher.“ Er führte ihre Hand an seine Lippen. „Und kultivierter.“

„Ah, Euer Gnaden, Sie vergessen das Maßgebliche.“

„Nein, ich glaube, das ist die Quintessenz“, widersprach der Duke. „Also Madame, tatsächlich wurde die Entscheidung aufs Neue vertagt.“

Molly seufzte, wobei sie unauffällig ihre Hand befreite. „Natürlich. Nun, die Frage der Sklaverei hat das Parlament Dekaden lang beschäftigt, wieso sollte es bei landwirtschaftlichen Fragen schneller entscheiden?“

„Warum geht man in ein Bordell, um über Politik zu diskutieren?“ In Everhams Frage klang eine Spur Verachtung mit, was Molly direkt einen Schlag versetzte. Zwar waren ihr die gesellschaftlichen Normen nur zu bewusst, aber sie mochte sich in ihren eigenen Wänden dennoch nicht so geringschätzen lassen.

„Wir sind ein Club, Lord Everham, kein Bordell. Euer Gnaden, mir scheint, Sie haben Ihre Aufgabe noch nicht erfüllt. Entschuldigen Sie mich bitte.“ Sie erhob sich schnell, um Wakefields Widerspruch zuvorzukommen. Die Männer erhoben sich ebenfalls und der Duke streckte die Hand aus. Molly blieb schneller und wich aus. „Euer Gnaden, Mylord.“

 

Trent Redington, 5. Earl of Everham, sah ihr nach und schüttelte für sich den Kopf. Madame Noir. Passend, denn sie trug, anders als die anderen Mädchen, schwarz. Von Kopf, dem schwarzen Haar, der Pfauenfeder, der Maske, die ihr Gesicht verdeckte, über das eng anliegende, tief ausgeschnittene Kleid, bis zu den schwarzen Pantoffeln an den Füßen.

„Noir.“

Wakefield bedeutete ihm Platz zunehmen. „Fragst du dich, ob sie tatsächlich so dunkel ist, wie sie behauptet?“

Trent schnaubte und warf seinem Cousin einen Blick zu, den er wohl verstand.

„Politik, Wakefield? Ich kann mir beileibe nicht vorstellen, dass dich der Drang zur politischen Diskussion herführt.“ Trent lehnte sich in die Kissen zurück. Schon der erste Schritt hinein in dieses Freudenhaus hatte ihn verwundert. Nicht die Tatsache, dass sein Cousin solche Orte aufsuchte oder ihn gar ebenfalls dazu animieren wollte, es war mehr das Ambiente. Direkt an der Tür wurde man aufgehalten, als befände man sich in einem angesehenen Herrenclub. Trent wäre um ein Haar bereits bei der Anmeldung gescheitert, da er kein Mitglied war und auch kein Gesuch eingereicht hatte. Wakefield hatte ihn hereinschmuggeln können, aber nur unter erheblichen Kosten. Nach dem hell beleuchteten Vestibül, das mit einem Mauervorsprung abgegrenzt wurde, so dass man von dort kaum erkennen konnte, was einen erwartete, kam man in eine kleine Halle. Die Wände waren mit Seidentapeten verziert, was Trent direkt irritiert hatte. Auch sonst gab es an der Ausstattung nichts zu mäkeln. Der Teppich war vielleicht nicht neu, aber gut erhalten für die ständige Beanspruchung durch dutzende Füße, die Sitzgelegenheiten bequem, soweit er es von der Chaiselongue, auf der er saß, beurteilen konnte, und der Alkohol exquisit.

„Nein, selbstredend nicht“, nahm Wakefield das Gespräch wieder auf, wobei dessen Augen die Puffdame nicht einen Moment verließen. Trent folgte dem Blick. Madame Noir stoppte an der Bar und sprach mit Lord Kilbridge. Sie legte dem Marquess die Hand auf den Arm und lachte auf. Dabei beugte sie den Kopf zurück und offenbarte ihren schwanengleichen Hals.

„Madame Noir interessiert mich.“

„Natürlich“, murmelte Trent wenig überrascht. Sein Cousin war nun wirklich kein Kostverächter und Madame Noir war sicherlich einige Bemühungen wert. Sie hatte eine Aura, die zur Ausstattung des Etablissements passte, aber nicht zu dem, was hier angeboten wurde. Trent musterte die Frau in Schwarz. Es gab etwas an ihr, das tatsächlich fesselte. Ihre Haltung war erstklassig, ihr Leib schlank und wohlgerundet, was durch die gegenwärtige Mode hervorragend zu beurteilen war. Ihr Dekolleté sorgte für dumme Gedanken und sie so unbefangen lachen zu sehen, ließ die Frage aufkommen, wie es wäre, ihr näherzukommen.

„Aber für dich findet sich hier sicherlich auch etwas.“

„Wie meinen?“, murmelte er, den Blick immer noch auf Madame gerichtet. Er konnte seinem Cousin nicht folgen, wollte sich aber nicht gleich eine Blöße geben.

„Es gibt hier einige Schönheiten und natürlich Spieltische.“

„Hm.“ Trent nahm die Augen von der schwarzen Frau und ließ sie schweifen. Es gab gut ein Dutzend Mädchen, die sich im Salon verteilten. Auf den ersten Blick war jede nett anzusehen und sicherlich brauchbar, um seine Lust zu befriedigen, allerdings fehlte es ihnen an dem gewissen Etwas. Auch die Spieltische übten keinen Reiz auf ihn aus, auch wenn sie sonst gut besucht waren.

„Es gibt nette Räume und einige an ungewöhnlichen Möglichkeiten, sich zu vergnügen. Schau dich um. Ach, vielleicht sollte ich dir erst die Hausregeln näherbringen.“ Wakefield zwinkerte ihm über den Rand seines Brandyglases zu.

„Hausregeln?“, griff Trent belustigt auf. Sollte er nun darüber belehrt werden, nicht Haus und Hof zu verspielen, keines der Mädchen mit nach Hause zu nehmen oder abzuwerben und das Interieur nicht zu beschädigen?

„Oh ja. Wer sich nicht an sie hält, wird gebeten, das Haus zu verlassen – und nicht wiederzukommen.“ Wakefield stellte das Glas ab und lehnte sich zurück. „Lady Noir wird nicht angefasst, ein Nein ist ein Nein und es wird nur verspielt, was die Tasche hergibt.“

Trent starrte ihn an. „Ich fürchte, ich kann nicht folgen, Wakefield. Ein Nein ist ein Nein?“

„Wenn eines der Mädchen dich auffordert, sie in Ruhe zu lassen, solltest du besser auf sie hören.“

Trent schüttelte den Kopf. „Wie bitte?“

Wakefield deutete auf den Lakai, der mit Getränken an ihr vorbeikam. „Die sind nicht zimperlich. Wirst du erwischt, einem der Mädchen – tja, wie soll ich es sagen – gegen ihren Willen zu nahezukommen, dann befördern die dich hinaus.“

Trent schüttelte den Kopf. „Wie ungewöhnlich.“

„Wenn du deine Gespielin verprügeln möchtest, bist du hier falsch. Alles andere ist mit Zustimmung der Mädchen erlaubt.“ Wakefield seufzte und verfolgte Madame mit den Augen.

„Und du wartest noch auf die Zustimmung, ja?“ Auch Trent beobachtete Madame Noir. Sie verabschiedete sich von Kilbridge und wanderte weiter. Jeder Schritt wirkte wie ein fließendes Gleiten, wobei kaum eine Falte an ihrem Kleid in Bewegung geriet. Unglaubliche Eleganz für diese Umgebung.

„Sie ist interessant, Everham, und vielseitig.“

„Sagtest du nicht, eine der Regeln wäre …“

Wakefield lachte auf und riss sich vom betörenden Anblick der Lebedame los. „Ja. Finger weg von Madame Noir.“

„Deine Regel oder eine Hausregel?“ Trent leerte sein Glas wobei er sich fragte, warum es für ihn von Belang sein sollte. Schließlich gedachte er nicht, den amourösen Angeboten des Hauses nachzugehen.

„Hausregel und zu meinem Bedauern eine, die sehr scharf überwacht wird.“ Wakefield seufzte und schlug Trent aufs Knie. „Also, Handkuss ja, Po tätscheln nein.“ Er stand auf. „Schau dich um. Mach dir eine schöne Nacht!“

Trent hob verabschiedend die Hand. Sein Blick glitt durch den Raum. Es war ein dunkler Raum, viel schwarze Spitze und roter Samt, aber die gut positionierten Lüster machten den Salon gleichsam anheimelnd. Besonders die Bar in der vorderen Ecke war gut ausgeleuchtet. Über jedem Tisch hing ein Lichtspender. Die Mädchen waren allesamt zumindest bekleidet zu nennen, auch wenn sie deutlich mehr Bein und Brust zeigten, als Frauen es auf der Straße taten. Allerdings kannte er Bordelle, da waren die Mädchen deutlich nackter. Seine Augen blieben wieder an Madame Noir hängen. Sie war die Einzige im Raum, deren Röcke bis auf den Boden fielen. Sie war auch die Einzige, die eine Maske trug und deren Gesicht dadurch nicht zu erkennen war. Außer ihren lebendigen Augen und einem energischen Kinn mit weichen Lippen darüber.

Trent konnte Wakefield verstehen. Sie war eine anziehende Frau. Eine geheimnisvolle Frau und offenkundig äußerst begehrt. Sie wich Lord Chesterfields haschenden Händen aus. Madame strebte zur Tür, gab dem Lakai davor einen Wink und verschwand. Die Tür schloss sich hinter ihr und damit auch vor Chesterfield. Und blieb zu, obwohl dieser lautstark verlangte, durchgelassen zu werden. Interessant.

London, Shoreditch, zwei Nächte später

„Ah, Lord Everham, wie geht es Ihnen?“

Trent drehte sich zu Madame Noir um, überrascht, dass sie ihn ansprach. „Madame Noir“, grüßte er und sah an ihr herab. Wieder war sie ganz in Schwarz gekleidet, verführerisch, aber nicht aufdringlich. Sie lächelte ihn an. Ihre Lippen süß gebogen. Sie war der Grund, warum er wiedergekommen war. Sie allein, denn ihr Anblick hatte ihn in so manchen Momenten beschäftigt.

Sie hob eine Braue, die nicht pechschwarz war wie ihr Haar. „Nun, genießen Sie Ihren Aufenthalt.“ Sie wendete sich ab und Trent fing schnell ihre Hand ein.

„Verzeihung Madame, ich war unhöflich.“ Er hob ihre Finger an die Lippen. Ihre Handschuhe reichten bis über die Ellenbogen und waren selbstredend schwarz. Darüber gab es einen Streifen milchig weißer Haut, bevor die Spitze ihres Kleides ihre Oberarme verdeckte. Über ihren Schultern lag eine Spitzenstola, die unter der Brust mit einer Brosche zusammengefasst war. „Sie sehen hinreißend aus.“

„Danke, Lord Everham.“ Sie zögerte merklich. Weil er ihre Hand noch hielt?

„Das hielt mich einen Augenblick gefangen.“

Sie legte den Kopf leicht zur Seite und befreite ihre Finger. „So? Nun, dann sollte ich Ihnen besser keine Gesellschaft am Kartentisch leisten, nicht wahr? Ich möchte keinesfalls, dass mir nachgesagt wird, zu Gunsten des Hauses zu agieren.“

Ein Scherz. Trent grinste und drückte ihre Finger. „Darf ich Ihnen etwas zu trinken bestellen?“

Noch immer zögerte sie, lächelte aber weiterhin. Trent runzelte die Stirn, denn er meinte einen starren Zug um ihre Lippen ausmachen zu können.

„Vielleicht ein andermal. Ich habe leider noch einige Dinge zu erledigen.“

Madame Noir umrundete ihn und Trent griff nach ihrem Ellenbogen. „Madame …“

Er spürte, wie sie starr wurde, sah, wie sich ihre Augen weiteten und sie einen schnellen Luftzug inhalierte. Sie sah über die Schulter zurück, die Lider gesenkt, wodurch ihre leuchtenden Augen verborgen wurden. „Lassen Sie mich los!“ Leise, aber bestimmt. „Augenblicklich!“

„Gehen Sie nicht“, bat er, ihren Ellenbogen freigebend. „Bitte. Ein paar Minuten bloß.“

Ihr Kinn hob sich.

„Bitte.“

Langsam wendete sie sich um. „Seine Gnaden war wohl nicht deutlich genug, als er Ihnen unsere Regeln aufzählte.“ Sie legte ihre Hand flach auf die Theke, die andere war in ihrem Kleid vergraben und bebte leicht. „Also noch einmal deutlich: Hier wird kein Mädchen ohne seine Einwilligung angefasst.“

Trent sah ihr geradewegs in die hellen Augen. Sie strahlten von innen heraus. Wieder hob sich diese viel zu helle Braue.

„Gab ich Ihnen die Erlaubnis, mich zu berühren?“

„Nein. Es tut mir leid.“ Er hielt ihren Blick fest. „Es kommt nicht wieder vor.“

Ihre Lider senkten sich, ihr Kinn folgte. „Das hoffe ich.“

„Darf ich Ihnen einen Champagner bestellen?“

Sie atmete tief durch. Ihr Mund verkniff sich für einen klitzekleinen Moment, bevor sich ihre Haltung lockerte. „Ja, gern.“

Trent orderte einen Champagner und deutete zu einer freien Sitzgelegenheit. „Mögen Sie sich setzen?“

„Lord Everham, mehr als ein paar Minuten kann ich Ihnen nicht widmen.“ Sie lächelte dem Burschen hinter dem Tresen wesentlich zugeneigter zu als ihm und nippte an ihrem Champagner. „Nun, haben Sie Gefallen an unserem Club gefunden?“ Sie warf ihm einen abwägenden Blick zu. „Was genau interessiert Sie?“

Trent setzte sein Glas an und nahm einen hastigen Schluck, einen zusätzlichen Moment, sich seine Antwort zu überlegen. Offensiv oder passiv? Er wusste, dass Wakefield bereits einige Monate regelmäßig im Club Noir verkehrte und wenn er Madame Noir noch nicht dort hatte, wo er sie haben wollte, nutzte er nicht den richtigen Weg. Er ließ das Glas sinken und zuckte die Achseln. „Es ist mein zweiter Besuch, Madame Noir, ich bin mir noch nicht im Klaren, ob der Club nach meinem Geschmack ist oder nicht.“

Ihre feine Braue hob sich und mit ihr ein Mundwinkel. „So? Nun, vielleicht sollten Sie sich in Ruhe umsehen.“

„Vermutlich. Vielleicht hülfe eine Führung.“

Ihr zweiter Mundwinkel gesellte sich zum Ersten. „Eine Führung? Fein.“ Sie winkte und eine kleine Brünette tauchte schnell neben ihm auf. „Lord Everham, dies ist Milly. Milly, Liebes, Lord Everham ist neu bei uns. Sei doch so gut und führe ihn durch das Haus.“

„Madame, Ihre Begleitung wäre mir lieber“, mischte Trent sich schnell ein, schließlich wäre es ihm nicht recht, seinen kleinen Sieg bereits genommen zu bekommen. Einige Minuten hatte sie ihm zugestanden, die wollte er auch einfordern.

„So leid es mir tut, Lord Everham, aber dafür reicht meine Zeit nicht aus.“

„Etappenweise“, schlug er schnell vor. „Zeigen Sie mir eine Kleinigkeit an jedem Abend, den ich hier verbringe.“

Sie zögerte. Ihre Lider senkten sich, ebenfalls ihr Blick und ihre Lippen öffneten sich zu einem Hauch.

„Was ist nötig, damit Sie mir diesen Wunsch erfüllen?“

„Sie verbringen den Abend hier? Die Nacht?“ Sie schlug die Lider zu einem atemberaubenden Blick auf. Da war keine Zurückhaltung mehr, keine Schutzwand, die sie voneinander trennte. Das in diesem Augenblick war die wahre Frau hinter der Maske der Madame Noir. Ein Feuerstoß schoss in seine Lenden und lenkte seine Zunge.

„Ja, ich verbringe die Nacht hier.“ Mit ihr, wenn es nach ihm ginge. „Was immer es kostet.“

Sie lächelte Milly an, legte die Hand auf ihre Schulter. Ihr Daumen rieb über das bare Fleisch. „Ich bringe ihn dir in fünf Minuten zurück, versprochen.“

„Wie wäre es mit einem Glas Champagner, während du wartest?“, bot Trent schnell an und bemerkte sogleich Madame Noirs Zufriedenheit.

„Oh, wie zuvorkommend, M´Lord“, flötete Milly. Ihre Finger glitten über seinen Arm. „Ich warte dann.“ Sie befeuchtete sich lasziv die Lippen und schenkte ihm einen Blick, den er sich von Madame erhoffte: offen und bereitwillig.

„Schön.“ Trent hob die Hand und hielt sie Madame Noir entgegen. Aber sie ignorierte die Geste. Sie drehte sich von ihm fort.

„Folgen Sie mir, Lord Everham.“ Ihr fast volles Glas ließ sie stehen. „Ich nehme an, den Salon kennen Sie bereits?“ Sie sah mit einem mokierten Lächeln zu ihm zurück, das ihn durchaus neckte. „Dann zeige ich Ihnen unseren chinesischen Salon – so er frei ist.“

Der Lakai an der Tür öffnete ihr und ein Wink bedeutete ihm, Trent könne ihr folgen. Sie umrundeten die Treppe und Madame Noir streckte die Hand nach der Klinke aus. Trent kam ihr schnell zuvor. Sicherlich schätzte sie neben Großzügigkeit auch gute Manieren.

„Darf ich?“ Er schob die zweiflügelige Tür auf und stand in einem roten Palast.

„Voilà, der chinesische Salon.“ Sie trat neben ihm ein und ging tiefer in den Raum. „Wenn Sie einige interessante Stunden hier verbringen möchten, wenden Sie sich an Grayston.“

Trent sah sich um. Auf den ersten Blick war es lediglich ein Raum, der im asiatischen Stil eingerichtet war.

„Wir bieten hier anregende Massagen an.“ Ihr Grinsen war anregend genug. „Sie sollten es ausprobieren. Ich habe nur Gutes darüber gehört.“

„Gern. Wann haben Sie Zeit dafür?“

Sie lachte auf und wendete ihm den Rücken zu. Ihre Hand glitt über die erhöhte Lehne eines mit einem Tuch bedeckten Stuhls. „Annie, Gerry und Fi bieten ihre Dienste auf diesem Gebiet an.“

„Hm.“ Langsam wanderte er durch den Raum. Es gab eine Liege, die ebenfalls mit einem Tuch bedeckt war. Vor dem Kamin stand ein Kessel, der mit Wasser gefüllt war. Handtücher lagen bereit. Fläschchen und Phiolen bevölkerten kleine Tischchen. Er hob eines auf und entkorkte es. Der Duft nach Flieder stieg ihm in die Nase.

„Sprechen Sie Grayston an, Lord Everham.“

Trent stellte das Fläschchen ab. „Das werde ich, Madame Noir. Ich muss gestehen, Sie haben mich neugierig gemacht.“

„Ich denke, Ihnen wird unser Angebot zusagen, Lord Everham. Wir haben hier viele interessante Variationen. Sprechen Sie die Mädchen an.“ Sie deutete zur Tür. „Ich müsste mich nun verabschieden.“

Trent durchquerte den Raum, um sie an der Tür abzufangen. „Madame?“ Er stoppte sie, indem er ihre Hand ergriff. „Was werden Sie nun tun?“

Sie entzog ihm ihre Finger. „Meine Gäste begrüßen, wie jeden Abend. Begleiten Sie mich doch zurück in den großen Salon.“

„Madame?“ Er versperrte ihr den Weg und Madame Noir erstarrte erschrocken. Ihre Augen huschten hinter ihn und sie verlor etwas ihrer Steifheit.

„Lord Everham, ich muss darauf bestehen, dass Sie mich nun meine Aufgabe erfüllen lassen.“ Sie lächelte, aber ihre Bitte war fest und bestimmt.

„Madame, ich wollte mich lediglich über den Umfang Ihrer Aufgaben erkundigen.“ Dass er sie damit ängstige, hatte er weder beabsichtigt noch erwartet.

„Und ich habe Ihnen gesagt, ich müsse meine Gäste begrüßen.“ Sie hob ihr Kinn. „Was ich nun gerne täte!“

Trent hatte keine Wahl, also trat er zurück und deutete in den Flur. „Bitte, Madame. Es lag nicht in meiner Absicht, Sie von ihrer Verpflichtung fernzuhalten.“

„Bitte, Lord Everham“, überging sie seine Entschuldigung. „Hier entlang.“

London, Club Noir, am nächsten Morgen

Molly ging ihre Einnahmen durch. Einer der wenigen Beschäftigungen rund um den Club Noir, die sie mit Freuden ausführte. Es war ein guter Abend gewesen, eine gute Woche. Sie hatten gute Gewinne einfahren können und es hatte auch verhältnismäßig wenig Ärger gegeben.

Es klopfte und Grayston trat in ihr Zimmer. „Madame“, murmelte er. „Misty hat ein Problem.“ Er räusperte sich und Molly schwante Böses.

Hatte sie sich nicht gerade noch über den ausgebliebenen Ärger gefreut? Sie seufzte schwer und bedeutete Grayston, die Tür zu schließen.

„Welcher Art ist das Problem, Grayston?“

Er räusperte sich wieder und nahm Farbe an.

Molly seufzte erneut. Auch nach vier Jahren war es ein Thema, das sie beide vor Scham vergehen ließ.

„Sie scheint in anderen Umständen.“

Molly stockte der Atem. Das war ein ernstes Dilemma. „Ich dachte“, hauchte sie, „die Mädchen nutzen Vorkehrungen.“

„Es ist nur eine Vermutung“, murmelte Grayston, wobei er ihrem Blick auswich.

Molly senkte ihren auf die Rechnungstabellen. „Ich möchte mit ihr reden.“

„Madame, Sie sollten …“

„Etwas ist schiefgegangen und ich möchte wissen, was. Oh, verflixt!“ Welche Tragödie. Sie legte ihre Feder zur Seite und stand auf, um Grayston zu folgen.

Die Zimmer der Mädchen befanden sich unter dem Dach. Sie waren eng und dunkel, aber immerhin hatte jedes der Mädchen ein eigenes und damit einen Ort zur Ungestörtheit. Molly klopfte an Mistys Tür. Man konnte verzweifeltes Schluchzen dahinter vernehmen. Ivy öffnete mit verweinten Augen, die sie sogleich aufriss.

„Madame!“

„Guten Tag, Ivy. Ich möchte mit Misty sprechen.“

Ivy machte Platz. Misty lag in den Armen eines weiteren leichten Mädchens, Fi.

„Misty?“

„Es ist ein Unglück“, versetzte Fi düster. „Aber es passiert.“

„Dann ist es sicher?“ Molly setzte sich zu den Mädchen auf die Bettkante. Fi zuckte die Achseln. „Sicher ist es, wenn es rauskommt.“

Misty brach in lautes Wehklagen aus. Molly griff nach ihrer Hand, um sie versichernd zu drücken. „Schickt mich nicht weg, Madame! Wo soll ich denn hin? Was soll denn aus mir werden?“

„Was können wir tun?“, krächzte Molly, Zahlen im Kopf. Misty war eines ihrer begehrtesten Mädchen. Wenn sie ausfiele, gäbe es erhebliche finanzielle Verluste. Dazu kamen die zusätzlichen Ausgaben für ihre Versorgung. Dann das Kind. Was sollten sie mit einem Säugling in einem Bordell anfangen? Molly schwirrte der Kopf.

„Was getan werden muss“, murrte Ivy und tätschelte Misty die Schulter. „Madame, die Hebamme wird eine Bezahlung erwarten.“

Molly sackte das Herz ab. Zusätzliche Kosten. „In Ordnung. Sie soll bei mir vorsprechen.“

Sie schluckte schwer, schließlich hatte sie gehofft, in diesem Jahr endlich etwas Geld zurücklegen zu können. Endlich Aubreys Mitgift anlegen zu können und sie womöglich endlich auf eine Schule schicken zu können. Sie schloss die Augen.

„Madame?“, sprach Grayston sie an. „Es ist üblich in dem Gewerbe, die Mädchen fortzuschicken.“ Wie wenig ihm die Aussicht gefiel, war ihm deutlich anzuhören. „Ich bitte Sie jedoch, es nicht zu tun.“

„Was genau ist schiefgegangen?“, fragte Molly ablenkend. „Ich dachte, es werden Vorkehrungen getroffen. Ich dachte, nach Lizzy wäre jeder von euch klar …“ Sie schüttelte den Kopf. Lizzy hatte ihre Schwangerschaft vor zwei Jahren verheimlicht und war bei einem Treppensturz ums Leben gekommen, mit dem sie das Kind hatte vertreiben wollen.

„Ich habe es gemacht“, beschwor Misty schluchzend. „Jeden Abend! Nach jedem Mal!“

„Du musst es falsch gemacht haben.“ Das war doch die einzige Erklärung, die Molly einfallen mochte. Zugegeben, sie hatte keinerlei Erfahrung darin, den Samen eines Mannes daran zu hindern, sich festzusetzen und war damit durchaus zufrieden. Sie konnte tatsächlich nicht einschätzen, ob die Prozedur nun schwierig durchzuführen und zu Fehlern führen konnte oder nicht.

„Madame, man kann nicht viel falsch machen“, wandte Ivy ein. „Man nimmt ein Schwämmchen, taucht es in Essig und führt es ein. Nach dem Akt wäscht man sich ausgiebig. Jede von uns erneuert ihr Amulett einmal in der Dekade und wir trinken den Tee.“ Sie zuckte die Achseln.

Molly starrte Ivy an. „Mehr kann man nicht tun?“

„Sie könnten Schafdarm zur Verfügung stellen, aber die meisten feinen Herren verzichten lieber darauf.“ Ivy tat es mit einem Schulterzucken ab und wendete sich der jungen Kollegin zu, die herzzerreißend schluchzte.

„Schafdarm?“, murmelte Molly verwirrt, sie konnte sich beileibe nicht vorstellen, was sie mit dem Tiergedärm anfangen sollten.

Grayston räusperte sich in der Tür. „Zum Überziehen, Madame. Ich denke, so genau möchten Sie es nicht wissen.“

Überziehen. Molly schüttelte den Kopf. Nein, sie wollte es wohl nicht so genau wissen.

„Also, Grayston, schicken Sie einen der Burschen zur Hebamme.“ Sie seufzte laut. „Misty, beruhige dich bitte. Wir werden einen Weg finden, wie wir das Problem aus der Welt schaffen.“ Sie drückte die kalten Finger des Mädchens. „Ruh dich aus. Ivy und Fi müssen aber ihren Aufgaben nachgehen und können dir keinen weiteren Trost spenden.“

„Bitte, Madame, schicken Sie mich nur nicht fort“, flehte Misty verzweifelt, wobei sie sich wieder an Molly klammerte.

„Vorerst nicht“, versicherte Molly und zog sich erschlagen zurück. Das war nicht nur ein kleines Problem und sie hatte keine Vorstellung davon, wie sie es lösen sollte. Nichts in ihrer Erziehung hatte sie auf solche Dinge vorbereitet und sie wünschte erneut, sie müsste sich nicht mit den Schattenseiten des Lebens auseinandersetzen. Ein zutiefst müßiger Wunsch, schließlich hatten sie die mehr oder weniger durchdachten Entscheidungen in ihrem Leben genau an diesen Ort geführt. Es hätte alles anders sein können, aber daran zu denken, ließe nur ihren Magen sich umstülpen. Besser, sie beschäftigte sich mit dem Hier und Jetzt.

„Grayston, wie oft kommt so etwas vor?“

„Madame, es ist der Lauf der Dinge.“

Sie stockte. „Aber es ist das erste Mal, dass Sie mich involvieren!“

„So ist es, Madame. Bisher entschieden sich die Mädchen selbst dafür, wie sie es handhaben wollen. Sie gingen oder beendeten es beizeiten. Lizzy fiel unglücklich, aber es ist ein gängiges Mittel, um die Frucht abzutöten.“

Molly lehnte sich gegen die blanke Holzwand. „Die Frucht? Das Baby? Mein Gott!“ Sie starrte ihn an. Grauen lähmte sie.

„Ein Mädchen kann sich schlecht anbieten, wenn ein Säugling an ihrer Brust hängt.“

Molly schloss die Augen, Aubrey im Sinn. Ihr kleines Mädchen, das sie selbst hatte stillen müssen, weil sie sich keine Amme leisten konnten. Man konnte nicht mehr viel tun, wenn man sich um so ein kleines Wesen kümmerte. Schon gar nicht, Männern zu Willen sein. Nicht einmal einem, geschweige denn ein Pensum, wie es Misty erfüllte.

Es war mehr als ein Desaster!

Kapitel 2

Club Noir

London, Club Noir, am Abend

Trent entdeckte Madame Noir auf Anhieb. Sie stand an der Bar, nippte an einem Glas Champagner und lächelte Lord Kilbridge zu. Ihr Blick schweifte ab und huschte durch den Raum, obwohl sie mit dem Marquess sprach. Wartete sie auf jemanden? Eifersucht spülte durch seine Adern und flammte auf, als ihre Augen über ihn hinweghuschten. Und wurde sogleich von süßer Freude hinfortgewischt, als sie zurückglitten und bei ihm hängen blieben. Für einen Moment, in dem die Zeit stehenblieb. Er war es, der genötigt war, den Kontakt zu brechen. Eines der Mädchen bat, er möge sie vorbeilassen und als er wieder aufsah, war Madames Interesse verpufft. Oder nicht? Sie stellte ihr Glas fort und verabschiedete sich knapp von Kilbridge. Ihr Weg führte sie jedoch nicht direkt zu ihm, sondern an ihm vorbei. Sie folgte dem Mädchen, das an ihm hatte vorbeikommen wollen und fing es ab.

„Misty!“

Das Mädchen riss die Augen auf und verlor an Farbe. „Madame?“, wisperte sie verängstigt.

„Komm mit!“

„Madame“, quiekte das Mädchen. „Ich bitte Sie, ich kann …“

„Nicht hier!“ Madame Noir zog sie mit sich, an ihm vorbei, und aus dem Salon. Trent folgte ihnen neugierig.

„Was tust du hier unten, Misty?“, fragte Madame und verschwand unter dem Treppenbogen. Trent folgte schnell.

„Ich kann arbeiten, Madame“, versicherte Misty schrill. „Es geht mir gut. Bitte, ich kann meine Aufgaben erfüllen!“

„Misty, ich weiß, wie man sich fühlt, wenn man in dieser Konstitution ist. Du musst doch völlig erschöpft sein. Geh ins Bett und ruh dich aus.“ Madame sprach leise und sanft, obwohl der Befehl deutlich durchklang.

„Bitte Madame, ich fühle mich gut. Ich kann arbeiten“, flehte das käufliche Mädchen weiter. Madame seufzte tief. „Bitte, Madame!“

„Fein, aber ich bestehe darauf, dass du dich schonst.“

Misty fiel Madame um den Hals. „Danke, Madame! Ich danke Ihnen!“

„Misty.“ Madame schob das Mädchen an den Oberarmen von sich. „Versprich mir, dich zurückzuziehen, wenn du dich unwohl fühlst.“

„Ja, Madame. Ich habe Lord Bender und Lord Morsley gesehen, sie sind sehr fürsorgliche Herren.“ Misty kicherte und kam im nächsten Augenblick tanzend an ihm vorbei. Madame wandte sich um, um ihr nachzusehen und fing seinen Blick auf. Sie nickte ihm zu, wobei sich ihre Lippen kurzweilig verkniffen.

„Lord Everham. Haben Sie sich verlaufen?“ Es klang sehr nach einem Tadel.

„Ich war auf dem Weg nach draußen.“ Zum Abort, was natürlich eine Lüge war. Madame hob das Kinn.

„Oh, da möchte ich Sie nicht aufhalten.“ Sie deutete zur Hintertür.

„So dringend ist es nicht, Madame, und da wir so unverhofft aufeinandertrafen …“ Er verengte die Augen, weil sie tief einatmete. Seine Gesellschaft war ihr offenbar einmal mehr nicht genehm.

„Nun, Lord Everham, da wir so günstig aufeinandertrafen, warum sehen wir uns nicht den nächsten Raum an?“ Sie deutete auf die Tür gegenüber des chinesischen Salons. „Unser französisches Boudoir.“

Trent beeilte sich, die Tür für sie zu öffnen und beobachtete ihr verstecktes Mienenspiel. Sie wich seinem Blick aus, schluckte und schloss die zittrigen Lippen. Bei einer Lady hätte er es als deutliches Interesse gewertet. Bei einer Lebedame konnte es Belustigung sein, aber auch Abneigung. Anders als die Mädchen, die sich in diesem Haus tummelten, war Madame weder kokett, noch in einer anderen Art frivol. Und damit völlig anders, als man es von einer Kupplerin erwartete.

Sie trat tiefer in den Raum und drehte sich, um das Interieur zu präsentieren.

Trent sah sich um. Er könnte sehr gut in einem vornehmen Salon stehen, bei all dem Tand. Kopien von Louis XIV. Stühlchen standen herum, ein kleiner Mops kläffte und auf dem Beistelltischen standen edle Porzellantässchen herum.

„Ich traue mich nicht zu fragen, was hier angeboten wird, Madame.“

Sie lachte auf und der Klang durchdrang jede Faser seines Leibes. Trent konnte sie nicht aus den Augen lassen. Das Gefühl, das der Klang ihres Lachens in ihm auslöste, war unfassbar und sicherlich überaus dumm. Er sollte sich weder zu ihr hingezogen fühlen, noch sich wünschen, sie stets zum Lachen bringen zu können, um in diesem warmen Schauer zu baden, der soeben durch seinen Körper floss.

„Dann frage ich besser nicht, was in Ihrem Kopf herumschwirrt“, neckte sie ihn. In ihrem Blick lag eine ungewohnte Nachsicht, fast schon Zartheit, die perfekt zu ihr passte. Genau wie der Raum. Trents Atem stockte. Das französische Boudoir war eine Replik eines privaten Salons, wie ihn vornehme Damen gewöhnlich bewohnten. Hier wurde im familiären Kreis Tee serviert, Fremde hatten keinen Zutritt. Ging es hier darum? Eine Art vornehmen Hauch zu erwirken, damit sich die Herren wie zu Hause fühlten?

Madame Noir drehte sich von ihm fort, wobei ihr Blick seinen hielt, bis sie ihm letztendlich den Rücken zuwendete.

„Solange Ihre Fantasie beflügelt wird, haben wir alles richtig gemacht.“ Sie schritt zum Fenster und kontrollierte, ob es verschlossen war.

„Ich denke, es ist besser, wenn meine Fantasie hier nicht weiter beflügelt wird“, murmelte er, da er bereits auf sicherlich unsinnige Gedanken kam, aber sie verstand ihn wohl. Für einen Augenblick sahen sie sich an und die Distanz zwischen ihnen schwand. Es mochte nur in seinem Kopf sein, aber die Wirkung war dieselbe. Die Vorstellung, sie an sich zu pressen, ihren nackten, schneeweißen Leib, und sie auf dem verrückt schmalen Ottomanen zu nehmen, sorgte für unangenehme Enge in seinem Hosenschritt.

„Sie sollten sich um Gitty bemühen“, schlug Madame vor, wodurch sie ihn aus seiner erotischen Vorstellung riss. „Sie ist sehr gefragt für diese spezielle Form.“ Sie sah schnell an ihm herab, biss sich auf die Lippe, als sie über seine Mitte huschte und wendete sich dann demonstrativ ab. „Nun, ich möchte Sie nicht länger daran hindern, sich zu erleichtern.“

Klartext: Sie wollte ihn schon wieder loswerden und dies, nachdem er schier für sie entbrannt war. „Madame.“ Sie blieb in sicherem Abstand vor ihm stehen und seufzte schwer.

„Lord Everham, jedes der Mädchen nimmt sich überaus gerne Ihrer an. Ich habe zu tun und kann mich nicht länger Ihnen allein widmen.“ Ihre süßen Lippen pressten sich ungehalten zusammen, auch wenn ihre Stimme freundlich blieb.

„Was genau ist Gittys spezielle Form?“, spielte er auf Zeit, schließlich hatten Bitten sie bisher nie dazu gebracht, ihm tatsächlich mehr Zeit zu schenken.

Ihre Lippen entspannten sich. „Finden Sie es heraus. Ich schicke sie zu Ihnen.“

„Ich habe wohl keine Chance, dass Sie mir zeigen, um was es geht, oder?“

Sie sah an der Tür zu ihm zurück. „Nein, Lord Everham. Ich stehe nicht zur Verfügung. Ihnen nicht, aber auch sonst niemandem.“ Sie wollte sich abwenden.

„Warum nicht?“

Sie stockte. „Es mag Ihnen seltsam erscheinen, Lord Everham, besonders an einem Ort wie diesem, aber nicht jede Frau ist käuflich.“ Damit war die Angelegenheit für Madame erledigt.

Trent sah ihr nach. Es war für einen solchen Ort tatsächlich eine merkwürdige Äußerung. Nachdem die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen war, drehte Trent sich dem Raum zu, um sich seines ersten Eindrucks noch einmal zu versichern. Es blieb, dass jedes Detail ebenso aus dem Salon seiner Mutter stammen konnte. Selbst die Platzdeckchen auf den Lehnen der Sessel erinnerten ihn an die Handarbeit seiner werten Frau Mama.

Ein merkwürdiger Gedanke, ausgerechnet in einem Bordell mit einer Hure in diesem Umfeld intim zu werden. Natürlich fiel ihm auf, dass die Vorstellung, mit Madame Noir die Chaiselongue für ein Intermezzo zu nutzen, weitaus weniger ungewöhnlich gewirkt hatte.

Noch in Gedanken versunken, bemerkte er nicht gleich, dass er nicht mehr allein war. Finger krabbelten sacht über seinen Arm und fingen seine Aufmerksamkeit ein. Im ersten Moment floss seine Libido über. Heißes Blut schoss in seine Männlichkeit, weil er daran glaubte, Madame sei zurückgekehrt und habe sich eines anderen besonnen.

Er drehte sich, um mit ihr über ihre Worte zu sprechen, schließlich ging es ihm nicht um ihre Käuflichkeit, sondern um ihre Gunst. Er war bereit, sie für ihr Entgegenkommen zu entlohnen, so sie es wünschte, wollte sie aber nicht als Liebesdienerin, sondern als Geliebte.

Trent bemerkte den Fehler umgehend. Das Mädchen, Gitty, so vermutete er stark, schließlich hatte Madame Noir sie empfohlen, sah mit deutlichem Verlangen zu ihm auf, wie er es sicherlich nicht so bald in Madames Augen sehen würde.

„Das ist ein Missverständnis. Gitty, richtig?“

„Madame schickt mich, M´Lord.“ Sie drückte ihm einen Kuss auf das Kinn, während ihre Hände bereits abrutschten. Sie schindete keine Zeit, wusste genau, wie man einen Mann anfassen musste und ihn schnell entkleiden konnte.

Trent hatte Mühe, Gitty davon zu überzeugen, ihre Dienste nicht zu benötigen.

„Sie werden es nicht bereuen, M´Lord“, behauptete sie, an seinem Hosenstall nestelnd. „Es tut auch gar nicht weh!“ Sie kicherte und ging vor ihm auf die Knie. „Und es ist ein Geschenk von Madame.“ Gitty zog die Kordeln aus den Ösen und klappte den Latz herunter.

„Ein Geschenk?“

Gitty zwinkerte zu ihm auf. „Oh ja! Geht aufs Haus.“ Sie wühlte in seinem Hemd nach seinem besten Stück, das bei dem Gedanken an Madame Noir tatsächlich direkt wieder anschwoll.

„Holla!“ Gitty ließ ihre Hand an ihm abgleiten und befeuchtete sich die Lippen. Sie verschwendete keine Zeit, umschloss ihn direkt und sog an der empfindlichen Spitze seiner Männlichkeit. Trent biss die Zähne zusammen, um ein Stöhnen zu unterdrücken. Immerhin war Gitty schwarzhaarig und bei der Perspektive war es nicht schwer, sich auf die Liebkosung einzulassen. Er ließ nach wenigen Minuten die Lider zufallen, um sich ganz auf seine Vorstellung zu konzentrieren. Madames volle Lippen, wie sie sich zu einem Lächeln verzogen. An ihm. Um ihn herum. Ihre Finger rieben seine Hoden aneinander, sanft und unglaublich anregend. Trent wob seine in ihr Haar, um ihre Bewegung zu führen. Sie züngelte an seiner Eichel entlang, sog an ihr und schob ihn tief in ihren Rachen. Ein fester Druck an seinem Schaft und Trent verlor die Kontrolle. Er kam und riss die Lieder auf. Der Abklatsch eines französischen Salons begrüßte ihn spöttisch in seinem Pomp. Gitty sah zu ihm auf. Ihre Zunge glitt verführerisch, genüsslich über ihre Lippen. „Hm.“

Trent schluckte.

„M´Lord?“, wisperte sie mit einem Blick, der sicherlich so einige um den Verstand brachte und mit sich hadern ließ, dass das Pulver bereits verschossen war. Auf ihn hatte es eher eine ernüchternde Wirkung.

„Madame hat recht. Du verstehst dein Handwerk.“ Er räusperte sich und fischte nach einer Münze. Sicherlich hatte Madame Noir ihn mit ihrer Großzügigkeit lediglich von sich ablenken wollen. Er war darauf eingegangen, ohne ihren Hintergedanken in Betracht gezogen zu haben. Sie wollte, dass er sich vergnügte, aber gleichsam sollten seine Sinne und Gedanken ebenfalls abgelenkt werden.

„Aber es war doch ein Geschenk.“

„Wenn Madame mir ein Geschenk machen möchte, sollte sie es selbst tun.“ Trent wendete sich ab, mit den Schnüren seiner Breeches beschäftigt. Nun, augenscheinlich beschäftigt, denn eigentlich wunderte er sich über seinen Ärger. Er sollte zufrieden sein. Er hatte es genossen, so schnell es auch vorbei gewesen war. Was also brachte ihn auf?

„Brauchen Sie noch etwas, M´Lord?“, fragte Gitty, sich die grinsenden Lippen abwischend. „Soll ich Sie zurück in den Salon geleiten?“

Er schüttelte den Kopf. „Ich muss kurz ins Freie.“

Trent brauchte etwas frische Luft. Allerdings war frischim Hinterhof durchaus ein Problem. Der Abort stand nah am Haus und viel mehr Platz gab es auch nicht. Trent lehnte an der Wand und sah in den sternenbesetzten Himmel. Madame Noir geisterte in seinen Gedanken herum und sorgte damit für eine unangenehme Spannung in der Leiste. Nicht jede Frau war käuflich. Demnach versuchte er es besser gar nicht erst über die Verhandlung eines horrenden Preises. Es gab nur einen anderen Weg, eine Frau ins Bett zu bekommen, zumindest mochte ihm sonst keiner einfallen. Allerdings war es fraglich, ob sich eine Madame Noir tatsächlich verliebte. Und wie sich eine Frau verliebte, die von Geld nicht angezogen wurde. Aber vielleicht lag er da auch falsch. Nur weil sie sich nicht als käuflich erachtete, hieß es nicht, dass Vermögenswerte für sie nicht attraktiv waren, also Putz in Form von erlesenen Kleidungsstücken und Schmuck, sowie Blumen und Pralinen. Wohlgesetzte Worte nicht zu vergessen. Sie klang durch ihre wohlakzentuierten Worte gebildet, vielleicht sollte er es mit Poesie versuchen?

Er verdrehte die Augen und stieß sich von der Wand ab, um die Gunst der Stunde zu nutzen. Wo er schon einmal am Austritt stand, konnte er das Geschäft auch erledigen.

Er stockte, sich die Hose schließend, und dabei an der Fassade aufsehend. Licht fiel auf den Hof, erleuchtet durch die unzähligen Fenster der Rückfront. An einem stand ein schwarzer Schatten und schob die Gardinen zu. Madame? Sie verschwand hinter dicken Stoffbahnen und trat ans nächste Fenster. Es war offen und Trent konnte beobachten, wie sie in die Hocke ging und etwas aufhob. Ein Schatten fiel über sie und ein kleiner, erschreckter Schrei wurde abgewürgt. Trent machte einen Schritt vor, starrte gebannt das Fenster an. Ein Kopf erschien, eine Faust, die herabsauste. Mein Gott!

Trent stürmte zum Haus. An der Treppe wurde er von einem Burschen aufgehalten. Ohne Begleitung könne er nicht hinauf.

„Madame Noir wird angegriffen!“ Er räumte den Burschen aus dem Weg und stürzte weiter. Es musste das Zimmer zur Rückfront sein, also durchquerte er den ersten Stock und riss die Tür auf. Der Kamin flackerte wild und gab der Szenerie einen grausigen Anstrich.

Unter dem Fenster hielt ein bulliger Mann Madame Noir am Boden fest. Ihr Kleid war eingerissen und zeigte mehr Haut als üblich. Wie viel mehr wurde erst deutlich, als Trent ihn von ihr herunterriss. Er schlug nach ihm und erkannte ihn, als er am Boden lag.

„Was zum Teufel fällt Ihnen ein, Spencer?“, spie er. Der Standesgenosse wischte sich den Mund ab.

„Verschwinden Sie, Everham, das geht Sie nichts an!“

Der Raum füllte sich. Grayston und einer der Lakaien stürmten hinzu.

„Raus hier, alle miteinander“, brüllte Spencer. „Madame und ich haben Geschäfte zu erledigen!“

„Ein Nein ist ein Nein“, hielt Trent dagegen. „Und ich kann mir nicht vorstellen, dass Madame wünscht, geschlagen zu werden.“

Der Lakai griff nach Spencers Arm, der sich sogleich wieder befreite. „Fass mich nicht an! Was Madame und ich tun, geht niemanden etwas an!“

Trent schätzte, dass Grayston und der Lakai in der Lage waren, Spencer zu bändigen und wendete sich von ihm ab. Madame Noir stöhnte leise. Er ging vor ihr in die Knie und schlüpfte aus seinem Justaucorps, um es über ihre Blöße zu legen. Dann berührte er ihre geschundene Wange und sie stöhnte erneut, schmerzerfüllt und lauter als zuvor. Ihre Wimpern flatterten und hoben sich langsam.

Trent wischte ihr Blut von der Lippe, wobei er betont vorsichtig vorging, um ihr keine Schmerzen zu bereiten. Trotzdem schlug sie seine Hand weg und versuchte eilig fortzurutschen. In der Folge schrie sie auf und verlor den Halt. Die Rechte umklammerte sie mit der Linken und ihre Lippen pressten sich blutleer aufeinander. Das floss dafür woanders.

„Verdammt!“, zischte Trent und fischte sein Taschentuch aus seinem Justaucorps. Er griff nach ihren Händen und zupfte ihren Handschuh ab.

„Wir brauchen hier einen Doktor“, gab er Anweisung. „Und mehr Tücher.“

Ihr Handschuh versteckte eine blutige Handfläche und einen ebenso besudelten Ring. Trent starrte ihn einen Moment verblüfft an. Damit hatte er nicht gerechnet. Niemals wäre ihm in den Sinn gekommen, dass Madame verheiratet sein könnte. Welcher Mann duldete schon, dass sein Weib in einem solchen Haus arbeitete und sei es nur, um die Gäste zu begrüßen.

Sie versuchte nicht einmal seine Hände fortzuschlagen, als Trent sie umschlang und aufhob. Er sah sich um. Neben der Tür stand ein Schreibtisch vor dem Kamin. Die Fensterfront endete bei einem Paravent und daneben verbarg ein Vorhang etwas. Trent strebte darauf zu. Tatsächlich versteckte sich ein Bett hinter dem Brokat, auf dem er sie vorsichtig absetzte.

Grayston räusperte sich hinter ihm. „Mylord, haben Sie Dank, aber wir übernehmen Madames Pflege nun.“

Auch Madame Noir zog sich eilig von ihm zurück. „Danke, Lord Everham.“ Ihre Stimme war ungewohnt zittrig und Tränen standen in ihren Augen. Ihr Blick begegnete dem seinen kaum, so sehr er sich darum auch bemühte.

„Spencer hat sie geschlagen“, murmelte Trent, wobei er die Hand an ihre Wange legte und sie sanft streichelte. Sie drehte das Gesicht weg. „Ihr Auge …“

„Madame, soll ich nach Dr. Norris schicken?“

Trent ließ die Hand fallen, als sie aufschreckte.

„Nein! Es ist nicht nötig. Es sind nur Blessuren.“ Sie rutschte weiter zurück, wobei sie achtsam die verletzte Hand im Schoß geschützt hielt. Sein Taschentuch war bereits durchgeblutet.

„Blessuren?“ Trent folgte ihr tiefer ins Bett, um ihre Finger aufzuheben. „Das ist ein tiefer Schnitt, Madame!“

Sie schluckte und zog die Finger zurück. „Gehen Sie bitte, Lord Everham.“

„Ihre Verletzung muss versorgt werden“, beharrte Trent verbissen. „Grayston, schicken Sie nach Dr. Norris.“

„Grayston, wenn Jarred Lord Spencer vor die Tür gesetzt hat, dann soll er sich Lord Everhams annehmen.“

Trent schnaubte. „Madame, so vergelten Sie mir mein Eingreifen?“

„Gehen Sie bitte!“ Ihre großen blauen Augen funkelten durch ihre Tränen und machten es schier unmöglich, ihrer Bitte zu entsprechen. Trent presste die Lippen aufeinander. Er wollte bleiben, sich versichern, dass sie versorgt wurde und bald gewohnt selbstsicher auf den Füßen stünde. Er wollte keine Tränen in ihnen sehen, keine Trauer oder Leid.

„Lord …“, hob sie zittrig an. Ihre Lider senkten sich und sie begann zu zittern „… Everham.“

Sie war am Ende ihrer Kräfte.

„Fein“, unterbrach er sie schnell, um sie nicht unnötig weiter zu strapazieren. Trent rutschte aus dem Bett. An der Tür blieb er noch einmal stehen und sah zu ihr zurück. Sie hielt die verletzte Hand an die Brust gedrückt, ihr Blut netzte sein Justaucorps und den Kopf hatte sie an die Kopflehne des Bettes gelehnt.

„Madame, Sie sollten Dr. Norris …“, begann Grayston.

„Sie wissen, dass wir uns keine weiteren Kosten leisten können“, murmelte sie.

„Es sind Ausgaben, die nötig sind, Madame“, insistierte er, aber Madame schüttelte den Kopf.

„Ich übernehme die Kosten.“

„Nein“, schlug sie keuchend aus. Sie war bereits recht fahl im Gesicht und es stand zu befürchten, dass ein Disput ihr den Rest gab, also nickte er ihr zu.

„Geruhen Sie wohl.“ Trent verließ das Zimmer und forderte den Lakai, der zuvor Spencer hinausgebracht hatte dazu auf, nach Dr. Norris zu schicken. Eine Traube Mädchen drückte sich am Kopf der Treppe herum, sie gafften und tuschelten aufgeregt miteinander und die ersten vornehmen Herren steckten ihre Köpfe aus dem Salon.

„Ihr solltet euch um eure Aufgaben kümmern, sicher wird Madame es nicht schätzen, wenn ihr sie vernachlässigt.“

Die Mädchen stoben davon und Trent konnte nur noch warten.

London, Club Noir, am nächsten Abend

Trent blieb in der Tür stehen und sah sich um. Madame Noir befand sich nicht im Salon, aber das hatte er eigentlich auch nicht erwartet. Er war nur in den Club gekommen, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Statt Madame Noir befand sich eine andere auffällige Dame an der Bar und sprach mit Lord Kilbridge. Der Marquess schien es nicht merkwürdig zu finden, statt mit Madame Noir mit einer Frau in Rot zu tändeln. Trent trat abgelenkt zur Bar und traf auf einen alten Bekannten.

„Pemberly?“

Pemberlys sonst so sanften Augen legten sich aufgebracht auf ihn. „Everham“, knirschte er zur Begrüßung. Seine hellen Brauen stießen über seiner Nasenwurzel zusammen und sein gesamtes Antlitz war arg gerötet. Keine Frage, der Standesgenosse kochte vor Ärger.

„Was tust du denn hier?“ Trent sah an Pemberly herab und bemerkte die geballten Fäuste. „Ich dachte, deine Braut hält dich beschäftigt.“

Die Aufmerksamkeit des Standesgenossen driftete ab und seine Augen legten sich auf die Frau in Rot. „Ja“, knirschte er. „Enolas Schwägerin ist bei uns und ich dachte, ich nutze die Gelegenheit.“

Trent folgte seinem Blick. „Das ist nicht Madame Noir.“

„Rouge“, korrigierte Pemberly bissig. „Und du kommst besser nicht auf dumme Ideen!“

„Madame Rouge?“ Trent schnaubte belustigt. Ein böser Blick ließ sein Grinsen abgleiten.

„Oh“, machte er und lenkte schnell ab. „Ich habe sie hier noch nie gesehen.“

„Teilhaberin“, murrte Pemberly und zuckte die Achseln. „Keine Ahnung, wie sie ihre Aufgaben einteilen.“

Trent fand, dass er schon eine ganze Menge wusste. „Dann ist Madame Noir heute nicht hier?“

„Nein. Entschuldige mich.“ Pemberly ließ ihn stehen und gesellte sich zu Madame Rouge. Sie trug eine rote Maske und ihre braunen Augen legten sich verstimmt auf Pemberly.

„Mylord, wenn Sie sich nicht an die Regel halten mögen, muss ich Sie leider vor die Tür setzen.“ Sie tippte Pemberly vertraulich auf die Brust und ließ ihn stehen. Pemberly sah ihr nach wie ein verletzter Grizzly. Trent kam um die Theke herum und stellte sich in Pemberlys Blickfeld.

„Dein Interesse ist nicht zu übersehen, alter Freund. Es ist nicht ganz in deinem Sinne, oder?“ Er fing Pemberlys Blick ein. „Oder?“

„Nein“, grummelte er, aber es fiel ihm schwer, Madame Rouge nicht mehr nachzusehen.

„Schön. Wie wäre es mit einem Brandy?“ Trent bestellte ihnen Getränke und schob ein Glas zu seinem alten Schulfreund, der sich gehetzt umsah.

„Komm. Dort in der Ecke hat man den ganzen Salon im Blick.“ Und Pemberlys Starren fiel womöglich nicht ganz so auf. „Also, nach deiner Hochzeit habe ich dich nicht mehr gesehen.“

„Honeymoon.“

„Ein ganzes Jahr?“ Trent nippte an seinem Brandy. „Und kaum bist du wieder in der Stadt …“ Er folgte Pemberlys Blick. Madame Rouge lehnte am Whisttisch und beschwor die Spieler, auf ihr Glück zu vertrauen.

„Wegen Enolas Schwägerin“, grummelte Pemberly. „Ich wäre auf dem Land geblieben.“

„Also familiäre Schwierigkeiten? Dann wundert es mich nicht mehr, dich hier anzutreffen.“ Obwohl die permanente Verfolgung der Hausdame etwas seltsam anmutete. „Pemberly?“

„Hm? Oh nein, Molly ist ein Schatz.“ Er überdachte seine Worte. „Zumeist. Aber auch eine Löwin, wenn es um ihr Baby geht.“ Er zuckte die Achseln. „Die Kleine Aubrey soll bald auf ein Internat und Molly dreht deswegen durch.“ Wieder schweifte sein Blick durch den Salon. „Sie besteht darauf, sie wegzuschicken und gleichsam will sie die Kleine nicht gehen lassen. Versteh einer das Weibsvolk!“

Trent lachte auf. „Versuch es gar nicht erst.“

Pemberly stimmte zu. „Wie sieht es bei dir aus? Noch immer keine Ambitionen, an den Altar zu treten?“

Trent zuckte die Achseln. „Sieht derzeit nicht danach aus.“

„Vielleicht solltest du dich häufiger in passender Gesellschaft aufhalten und nicht in zwielichtigen Clubs.“ Pemberly grinste schief. „Natürlich nur, wenn du an einer Verehelichung interessiert bist. Für oberflächliche Vergnügungen bist du hier genau richtig.“

Trent setzte das Glas ab, aus dem er hatte trinken wollen. Pemberly grinste noch immer und von seiner vorherigen Anspannung war nichts mehr zu spüren. Trent sah sich um. Madame Rouge hatte den Spielsalon verlassen.

London, Pemberly House, am frühen Morgen

Molly wanderte ungeduldig durch den Salon. Das Haus lag bereits in tiefer Ruhe und es gab eigentlich keinen Grund, aufzubleiben. Enola war nicht allein im Club, ihr Gatte beaufsichtigte sie und doch machte es Molly nervös. Sie war immer nervös gewesen, wenn Enola die Schicht übernahm. Endlich hörte sie Stimmen im Flur und huschte hinaus. Molly seufzte erleichtert.

„Molly!“

„Wie war es?“ Sie hielt sich den Morgenmantel mit der unverletzten Hand an der Brust zu. „Gab es Ärger?“

„Nein, Molly“, flötete Enola und nahm sie in den Arm. „Es war so aufregend!“

„Nie wieder“, grummelte Pemberly und durchbohrte erst Enola und dann Molly mit brennendem Blick. „Finde eine andere Lösung, Enola wird nicht noch eine Nacht als Madame Rouge auftreten.“

„Pemberly!“ Enola legte den Arm um Molly und schob sie vor. „Schau doch, wie sie aussieht!“

Pemberlys Blick wanderte über Mollys Gesicht, aber es machte ihn nur entschlossener. „Ich will nicht, dass du so aussiehst, Enola! Ich möchte nicht, dass man dich angreift!“

„Oh Pemberly“, flötete Enola und hielt ihm die Hand hin. „Du bist doch bei mir. Und es ist sicher, nicht wahr Molly?“

„Wäre es sicher, wäre Molly nicht überfallen worden.“ Er zog Enola zu sich und schlang den Arm um ihre Mitte. „Bitte, Enola, ich möchte mich nicht streiten. Es ist zu gefährlich.“ Er drückte einen Kuss auf ihre Schläfe. „Es muss einen anderen Weg geben“, beschied er fest und sah Molly dabei in die Augen. Molly seufzte.

„Wir sollten zu Bett gehen und am Morgen darüber sprechen. Einverstanden?“ Sie versuchte zu lächeln, aber ihre Lippe brannte direkt, als wäre sie erneut aufgeplatzt. Sie hob die Hand und sah sich bestätigt. Blut netzte ihre Finger.

„Oh Molly!“ Enola drehte sich zu ihrem Gatten um und sah verärgert zu ihm auf. „Sieh doch! Sie kann unmöglich morgen Abend in den Club gehen.“

London, Club Noir, am nächsten Abend

Molly nippte an ihrem Apfelmost. Ihre Lippe brannte und ihr Auge war noch nicht abgeschwollen, weshalb sie nicht sonderlich gut sah. Pemberly war hart geblieben und hatte Enola strikt verboten, ihre Schicht zu übernehmen.

„Es ist eine Schande“, versicherte Lord Kilbridge und tätschelte Mollys Hand. „Sie sollten hart durchgreifen!“

Molly versuchte zu lächeln, ohne dass es schmerzte. „Das werden wir, Lord Kilbridge.“

„Und doch war es nett, mal wieder mit Madame Rouge zu plaudern.“

„Sie hat es auch außerordentlich genossen, Lord Kilbridge.“

Der alte Marquess schnaufte zufrieden. „Sie fehlt mir, Madame. Sie nahm sich immer Zeit. Verzeihen Sie, Madame, aber Sie sind stets kurz angebunden.“

Molly legte ihre Hand auf seine. „Es ist sicherer. Sie sehen ja, was passiert, wenn man keinen Abstand wahrt.“

„Madame.“

Molly fuhr ein Schauer über den Leib und sie zog die Hände zurück. Sie sah auf, in Everhams dunkle Augen. „Ah, Lord Everham, Sie beehren uns wieder?“

Sein Blick glitt über ihr Gesicht und es war, als trüge sie keine Maske, nichts, was sie versteckte. Es schüchterte sie ein und doch flatterte etwas in ihrem Magen, das von süßer Aufregung kündete. Sie war ihm zutiefst dankbar für ihre Rettung, auch wenn er sich unerhört beharrlich in ihre Belange mischte.

„Ich habe Sie nicht hier erwartet, Madame, und Sie sollten auch nicht hier sein.“

Molly lachte auf und bereute es. Ihre Hand fuhr an ihren Mund und berührte vorsichtig ihre Lippe. Dennoch blieb eine Spur Belustigung. Er führte sich auf wie Pemberly, nein, schlimmer noch, aber an Gene versuchte sie seit Jahren nicht mehr zu denken.

„Sie sollten sich ausruhen.“

Molly sah strafend auf. „Das werde ich, Lord Everham, vielen Dank für Ihren guten Rat.“

Seine Lippen wellten sich amüsiert. „Wie ich sehe, sind Sie bereits versorgt.“ Er deutete auf ihren Kelch. „Wie bedauerlich.“

„Nun, hier gibt es genügend Mädchen, die sich über Ihre Großzügigkeit freuen würden.“ Sie lächelte vorsichtig. „Ihnen hat Gitty doch gefallen.“

„Darüber denke ich nach, nachdem Sie mir ein weiteres Zimmer gezeigt haben. Oder zwei? Ich hatte nicht die Gelegenheit, mit Madame Rouge zu sprechen.“

Molly senkte den Blick auf ihre Finger. Ihr kleiner Trick mit Gitty war aufgegangen und doch bestand er auf ihre Begleitung. Zwar schmeichelte es ihr in gewisser Weise, schließlich war er ein aufmerksamer und fürsorglicher Galan, aber sie durfte nicht vergessen, was er im Schilde führte. Ihn gelüstete es nach der verbotenen Frucht, wie allen Männern.

Allein aus diesem Grund sollte sie ihm schnell die Vorstellung nehmen, je mehr von ihr erhaschen zu können als Worte.

„Fein, Lord Everham. Dann lassen Sie uns sehen, was ich Ihnen heute zeigen kann.“ Sie schob ihr Champagnerglas von sich, das wie üblich nur mit Most gefüllt war. Und drehte sich noch einmal zu Lord Kilbridge um. Der war jedoch bereits im Gespräch mit Fi. „Waren wir schon im Keller?“

„Nein, Madame.“

Molly gab Jarred einen Wink und er öffnete die Tür für sie, dann verließ er seinen Posten und folgte ihnen. Everham sah sich zu ihm um.

„Sie sind sicher bei mir, Madame, Sie brauchen sich nicht zu fürchten.“

Das hatte Spencer auch beständig behauptet. Dass er sie verehrte und sie lediglich glücklich machen wollte. Bemerkenswerterweise hatte Gene etwas ganz Ähnliches gesagt, als er vor all den Jahren um sie warb. Molly rief sich zur Ordnung, weder die Erinnerung an Spencer, noch die an Gene waren dazu angedacht, ihre Contenance zu wahren und ihre Aufgabe mit einem Mindestmaß an freundlicher Offenheit zu erfüllen.

„Jarred wird uns begleiten, Lord Everham“, beschied sie und führte ihn um die Treppe herum. Er eilte vor, um ihr wie stets die Tür aufzuhalten.

„Jarred.“ Der bullige Lakai entflammte die Petroleumleuchte und hob sie hoch, um ihnen den Weg zu weisen. Langsam stieg sie die Stufen hinab, wobei ihre Hand über den Handlauf schwebte.

„Madame, was genau befindet sich im Keller?“, erkundigte sich Everham in ihrem Rücken. Sie meinte, eine Spur Beunruhigung aus seiner Stimme heraushören zu können, was ihre Nervosität linderte, mit einem Mann allein ein Zimmer betreten zu müssen.

„Oh, seien Sie versichert, Sie haben nichts zu befürchten.“

Everham lachte leise. Es war ein zu beruhigender Klang und wickelte sie sogleich in einen Mantel aus Vertrauen.

Jarred entzündete die Lüster, die den Keller beleuchteten, und zog sich dann zurück.

„Willkommen in der Hölle.“ Molly wich zur Seite aus, auch wenn sie wesentlich kleiner war als ihre Begleitung und ihm sicher nicht den Blick verstellt hatte.

Everham trat über die Schwelle und drehte sich im Kreis. „Gott im Himmel“, murmelte er tatsächlich verunsichert. Es gab ihr das Gefühl von Macht und damit genügend Selbstbewusstsein, um ihn zu necken.

„Damit wir uns nicht falsch verstehen, Lord Everham, keines der Mädchen wird hier angebunden, geschlagen oder in den Käfig gesteckt.“ Sie behielt ihn im Auge, wartete auf seine Reaktion, in der Hoffnung, keinen Missmut zu entdecken.

Everham fuhr sich durchs Haar und schüttelte den Kopf. „Madame, soll das bedeuten, dass Herren hier … festgehalten und geschlagen werden?“

Molly grinste und es machte ihr absolut nichts aus, dass es wehtat. Sie hatte wahrlich nicht oft die Oberhand bei einem Gespräch mit einem Mann und es tat einfach gut, sich tatsächlich nicht fürchten zu müssen. „Ja. Verbrüht, verbrannt, ausgepeitscht, geschlagen und an allen Körperteilen gequetscht. Hört sich interessant an, nicht wahr?“

Everham starrte sie an. „Oh, bitte sagen Sie mir nicht, dass es die Behandlung ist, die man von Ihnen bekäme!“

Molly lachte auf und drehte ihm den Rücken zu. Er hatte es offenbar noch nicht verstanden, jedoch hatte der Gedanke, einem Mann so wehzutun, wie sie es von ihnen gewohnt war, durchaus einen Reiz.

Sie trat an die Wand, an der Eisenösen befestigt waren. Auf dem Tisch daneben lagen einige Utensilien bereit. Peitschen, Holzschlägel, Schnüre, Klemmen und solche Dinge. Ihre Finger glitten über den Griff einer neunschwänzigen Peitsche.

„Nein.“ So verführerisch der Gedanke tatsächlich war. „Ich begrüße lediglich unsere Gäste. Aber ich kann Maud zu Ihnen schicken.“ Sie wendete sich ihm zu. „Ich kann nicht versprechen, dass sie sanft sein wird.“

Everham brach in Lachen aus. Er hielt sich den Bauch und sah sie an. „Danke Madame, aber ich denke, auf die Erfahrung verzichte ich lieber.“ Sein Kopf legte sich leicht zur Seite. „Es sei denn, Sie können sich dazu durchringen, es selbst zu tun.“

Molly nahm die Peitsche auf und wog sie in der Hand. Sie umfasste den Griff und schlug sich testend auf die Hand. „Au!“ Dabei vergaß sie völlig, dass der Schnitt der Glasscherbe, nach der sie sich unmittelbar vor Spencers Übergriff gebückt hatte, noch nicht verheilt war.

Everham eilte zu ihr und nahm ihr die Peitsche ab. „Ich habe es mir anders überlegt, Madame. Selbst wenn Sie es anböten, lehnte ich ab.“ Er schüttelte den Kopf und warf die Peitsche zu den anderen Accessoires. „Ich bin kein Freund von Gewalttätigkeiten.“ Er nahm ihre Hand auf, sein Daumen rieb dabei sanft über die Innenfläche und er sah auf sie herab, bevor er sie an den Mund hob. Everham hauchte einen Kuss auf ihre Wunde, ohne sie tatsächlich zu berühren.

„Sollten Sie nicht im Bett sein, Madame?“

Molly hielt den Atem an. Er stand so nah vor ihr, dass sie die Schlieren in seinen Augen ausmachen konnte und sie meinte sogar, dass sein Atem über ihre Wange strich.

„Sollten Sie sich nicht von Ihren Verletzungen erholen?“ Er hob den Blick, wo er mit ihrem verschmolz. Sein Halt um ihre Finger wurde etwas fester und Ärger schlich sich in seine kantige Miene. Seine Lippen verzogen sich zu einem kargen Strich, während seine Augen sich gefährlich verengten. „Schickt er sie her? Liegt ihm so wenig an Ihrem Wohl, dass er sie selbst verletzt an diesen Ort schickt?“

Molly schwirrte der Kopf. Sie musste irgendwann irgendetwas überhört haben, einen bedeutenden Teil ihrer Konversation, denn sie konnte ihm beim besten Willen nicht folgen. Er?

„Hat ihm Spencers Übergriff nicht die Augen geöffnet?“

„Ich kann Ihnen nicht folgen, Lord Everham“, murmelte sie zittrig und versuchte, ihre Hand zurückzuziehen, aber er hielt sie fest.

„Ich habe Ihren Ring gesehen“, offenbarte er, wobei sein heißer Atem tatsächlich über ihre Wange flog.

Erschrocken entriss sie ihm ihre Hand und wich mit hart pochendem Herzen zurück. War es von Bedeutung, dass er mehr von ihrem wahren Leben wusste als andere? Mehr als er sollte? Verheiratet zu sein oder gar Witwe, war nun wirklich kein Alleinstellungsmerkmal, sondern in vielen gesellschaftlichen Schichten die Regel. Dennoch blieb die Beunruhigung bestehen. Molly stieß bei ihrem Rückzug gegen den Tisch und stützte sich ab, obwohl dabei ein gemeiner Stich durch ihren verwundeten Arm schoss.

„Madame, Sie sind hier nicht sicher, das wird Ihrem Gatten doch bewusst sein. Es ist unverantwortlich …“

Molly brach den Blickkontakt. Es ging nicht an, dass er sich beständig in ihre Belange mischte und unter eben jener Voraussetzung, die er annahm, war es doppelt fragwürdig. Was fiel ihm ein, die mögliche Entscheidung ihres Gatten anzuzweifeln?

„Lord Everham, das geht Sie nichts an.“

Er klappte den Mund zu. Ein Muskel an seiner Wange zuckte, weil er den Kiefer fest zusammenpresste.

„Sie brauchen das Geld“, mutmaßte er dräuend. „Deswegen. Deswegen kommen Sie auch her, wenn Sie kaum dazu in der Lage sind.“ Er kam wieder näher, trat fast auf ihren Rocksaum und hob die Hand. Seine Knöchel glitten sacht über ihre Wange und hoben dann ihr Kinn an. „Madame, ich helfe Ihnen aus.“

Sie sah zu ihm auf. Der Ernst in seiner Miene war beängstigend. Molly schluckte, unsicher, wie sie ihn zugleich beruhigen wie auch ablenken konnte. Sie konnte schwerlich über die Absichten eines Gatten diskutieren, der nicht mehr existent war und die Wahrheit zu offenbaren, war schier undenkbar. Sie erschauerte allein bei dem Gedanken daran.

„Was benötigen Sie, um über die Runden zu kommen, ohne hier sein zu müssen?“, wisperte er. Die Eindringlichkeit in seiner Miene machte sie sprachlos. Für einen wahnwitzigen Augenblick malte sie sich aus, auf ihn einzugehen, dann wies sie sich zur Ordnung. Niemals!

„Mylord.“ Molly nahm seine Hand von ihrem Gesicht und ließ sie fallen. „Für kein Geld der Welt.“ Sie wich zur Seite aus, um an ihm vorbeizukommen.

„Madame?! Warten Sie.“ Er fischte nach ihrer verletzten Hand, aber er blieb so sacht, dass es nicht von Bedeutung war.

„Lord Everham, es gibt hier sechzehn Mädchen, die sich liebend gern Ihrer annähmen. Richten Sie ihr Augenmerk bitte auf sie.“

„Sie missverstehen mich, Madame“, beharrte er und hielt sie zurück. „Ich erwarte keine Gegenleistung. Keine, wie sie Ihnen in den Sinn kommt.“ Er entließ ihre Finger und hob die Hände. „Es geht mir lediglich um Ihr Wohl, Madame.“

„Lord Everham, wir wissen beide, dass dem nicht so ist. Grayston wird Ihnen Ihre Auslage erstatten. Gute Nacht.“ Molly wendete sich ab.

„Madame, ich erwarte nicht mehr von Ihnen, als hin und wieder einige Minuten Ihrer kostbaren Zeit.“

Er stand noch immer an der Wand mit den Ösen, während Molly bereits den ersten Fuß auf die Stufen setzte.

„Mehr werden Sie von mir auch nicht bekommen, Mylord. Es wäre mir lieb, vergäßen Sie dies nicht wieder.“

„Madame, ich sorgte mich lediglich um Ihr Wohlbefinden!“

Seit Jahren sorgte sich niemand mehr um sie. Die Feststellung riss ihr beinahe den Boden unter den Füßen fort. Ihre Mutter kam ihr in den Sinn und deren Stolz über Mollys Entwicklung, zumindest bis zu jenem verhängnisvollen Tag. Die Schwester, die sie stets verulkt hatte und der Bruder, von dem das höchste Lob jenes gewesen war, dass er ihr den Kopf getätschelt hatte. Der Vater hingegen …

Molly streckte die Hand nach der Wand aus und sie senkte den Kopf, um ihre Gemütsverfassung zu verbergen. Tränen brannten in ihren Augen. Ihre Familie sorgte sich nicht mehr um sie und Everham? Es wäre dumm, es ihm zu glauben. Die Männer, die herkamen, sorgten sich nicht um das Wohl von käuflichen Frauen. Nicht einmal um das ihrer eigenen Ehefrauen, Schwestern und Töchter.

„Mein Wohlbefinden geht Sie nichts an, Lord Everham.“

Er war hinter ihr, sie spürte es, noch bevor sich seine Hand um ihre Taille legte.

„Madame?“ Sein Atem kroch über ihre Haut und sie zog die Schulter hoch. „Sie werden doch nicht das Bewusstsein verlieren?“

Sie atmete zittrig ein. Eine berechtigte Frage, fühlte sie sich doch tatsächlich recht wacklig auf den Füßen.

„Kommen Sie, ich helfe Ihnen hoch.“ Er schlang den Arm um ihre Mitte und stützte sie. „Sie sollten sich setzen“, raunte er und zog sie zur Tür des chinesischen Salons.

„Er ist besetzt“, keuchte sie. „Der orientalische.“ Sie deutete auf die Tür neben dem französischen Salon. Er hatte den Vorteil, dass einer der Lakaien, die sich im Flur aufhielten, sie sicherlich sehen würde.

Everham führte sie zum orientalischen Salon und dort zum nächstgelegenen Diwan. Molly setzte sich, die Finger an die Stirn legend. Lichter blitzten vor ihren Augen auf. Everham drängte sie zurück, aber sie bemerkte es kaum, abgelenkt von dem anschwellenden Ton in ihren Ohren. Sie schloss die Lider und bekam sie nicht wieder auf.

Molly blinzelte. Finger streichelten sacht ihre Wange. Sie lag. Sie hörte jemanden atmen, ganz nah bei ihr. Gene? Ihr Herz stockte vor Schreck.

„Hier ist der Tee, Lord Everham.“

Molly runzelte die Stirn. Everham? Und blinzelte erneut. Nicht Gene beugte sich über sie, obwohl er ebenso dunkelhaarig und braunäugig gewesen war.

„Madame?“, murmelte er sanft. „Ich habe um Tee gebeten. Der sollte Ihre Lebensgeister wieder beflügeln.“ Er schob die Hand unter ihren Rücken und hob sie an, um sie aufzusetzen. Dann übernahm er den Tee von Grayston. „Hier.“

Ihre Finger zitterten, als sie das Porzellan entgegennahm. „Haben Sie Dank, Mylord“, murmelte sie automatisch und hob die Tasse an den Mund. Es war der gute Tee, den sie für ihre Gäste vorrätig hatten, das schmeckte sie sofort. Sie spürte seinen Blick auf sich, war aber nicht in der Lage, ihm zu begegnen.

„Mylord“, sprach Grayston Everham nach einem dezenten Räuspern an. „Madame sollte sich nun zurückziehen.“

„Ja“, murmelte Everham abwesend. „Das sollte sie.“

Molly ließ die Tasse sinken. „Dies ist übrigens der orientalische Salon“, krächzte sie. „Sie sollten bleiben und sich von Jasmin und Nara verwöhnen lassen.“

Schnell stellte sie die Tasse fort und stand auf. Sie bereute es, erfasste sie doch umgehend ein Schwindel. „Ich bin mir sicher, Lord Everham, dass Sie es genießen werden.“ Sie streckte die Hand nach Grayston aus, der sie eilig ergriff.

„Sehr wohl, Madame“, murmelte der, während er ihr den dringend benötigten Halt gab.

„Und was erwartet mich hier, Madame?“, rief Everham ihr nach.

„Lassen Sie sich überraschen“, gab sie zurück. „Grayston?“

„Natürlich, Madame.“

Sie ließ sich herausführen und in ihr Zimmer bringen. Den Rest der Nacht verschlief sie in wohliger Zufriedenheit.

Kapitel 3

Ein Kuss in Ehren

London, Club Noir, Frühsommer 1826

Trent folgte Madame Noir mit den Augen. Knapp eine Woche nach dem Angriff schien sie wieder ganz die Alte zu sein. Selbstsicher und auf Abstand bedacht. Das war in Ordnung, bekam er doch in jeder Nacht seine fünf Minuten absoluter Aufmerksamkeit. Noch. Sicherlich gab es nicht mehr allzu viele Zimmer, die er noch nicht gesehen hatte und wie sollte er dann seine Zeit einfordern?

Madame Noir löste sich von Lord Bender mit einem Tippen auf seinen Arm. Sie lächelte ihn an und neigte den Kopf. Eine elegante Geste, die so typisch für sie war. Eine, die hier völlig fehl am Platz war und eher in den Salon eines vornehmen Hauses gehörte.

Sie begrüßte die Gäste. Er hatte sich nicht viel dabei gedacht, aber es wurde langsam offensichtlich, dass es genau das war, was sie verriet. Die vornehme Art war nicht gespielt, sie war echt. Eingebläut von Kindheitsbeinen an. Trent spürte seine Anspannung, die augenblicklich da war, wenn er daran dachte.

Madame Noir gehörte nicht in diese Umgebung, sollte nicht hier sein und doch schickte ihr verfluchter Gatte sie her, damit sie sein Auskommen sicherte. Ungeachtet der Folgen.

Madame Noir stoppte am nächsten Spieltisch und brachte einige aufmunternde Worte an. Trent bestellte ein Glas Champagner und fing sie ab.

„Ah, Lord Everham.“ Sie nickte ihm zu, wobei er meinte, dass ihre Augen aufleuchteten, und nahm das Glas entgegen. „Sie beehren uns wahrlich jeden Abend.“

Auch ihr Tonfall besaß eine gewisse Wärme, die ihn beruhigte. Es war offenkundig eine gute Nacht und damit eine, in der er auf einige zusätzliche Minuten und neckende Worte hoffen durfte.

„Nur an Abenden, an denen Sie anwesend sein werden.“

Sie wussten beide, dass es also jeden Abend bedeutete.

Madame hob eine Braue, ihre Lippen kräuselten sich, obwohl sie sich ein deutliches Grinsen verbat. Sie war durchschaubar und gar nicht so geheimnisvoll wie er zunächst angenommen hatte. Alles machte Sinn, wenn man das Puzzle zusammensetzte. Ihre Erziehung hatte ihr eingetrichtert, wie sie mit Gentlemen umgehen musste, ganz gleich in welcher Umgebung sie sich befand. Ihr Gatte mochte sie für seine Zwecke einsetzen, aber er konnte ihr nicht nehmen, was sie ausmachte: ihre Eleganz, ihr Feingefühl und ihre Zurückhaltung, für die Trent sie bewunderte. Sie war eine starke Frau, keine Frage, und das war etwas, was ihm imponierte.

„Hm“, machte sie. „Was soll ich mit Ihnen anfangen, Mylord?“ Ihr Glas senkte sich und auch die Finger ihrer anderen Hand legten sich leicht um das zerbrechliche Gefäß.

„Nun, ich bin firm in Politik, Botanik, einigen Wissenschaften … ich denke, wir finden ein Thema, das uns beide beschäftigt hält.“

Sie lachte auf, wobei ihre Augen funkelten. „Sie haben sich scheinbar bereits Gedanken gemacht, wie Sie mich bei Laune halten wollen.“ Sie schüttelte den Kopf und ein sanfter Tadel wich der Belustigung. „Vielleicht sollten Sie nicht mehr kommen, sondern Ihresgleichen besuchen.“

„Weil ich Gesprächsthemen vorschlage, die unabhängig von unserer Umgebung sind?“ Er fischte nach ihrer freien Hand, um sie an die Lippen zu ziehen und sie dann auf seinem Arm zu platzieren. Um tatsächlich ungestört mit ihr zu sein, eignete sich ein kleiner Rundgang stets am besten.

„Weil sie zwar die Nacht hier verbringen, aber keines der Mädchen in Anspruch nehmen, Lord Everham. Ich muss nicht erwähnen, dass die Spieltische Sie ebenfalls nicht halten.“

„So ist es.“ Trent seufzte theatralisch. „Es ist tatsächlich die Neugierde, die mich hertreibt.“

„So?“ Sie glaubte ihm kein Wort, wie ihre funkelnden Augen verrieten. Und ihr Lächeln.

Ihr weiches, sanftes Lächeln, das ihm unglaubliche Zurückhaltung abverlangte, denn obwohl er wusste, dass ihr Gatte sie daheim erwartete, sehnte er sich nach ihr.

„Was dieses Haus noch alles versteckt hält!“

Wieder lachte sie. „Fein. Kommen Sie, ich offenbare Ihnen ein weiteres Geheimnis.“ Sie nippte an ihrem Champagner und stockte. Ein fast erschrockener Ausdruck huschte über ihre feinen Züge, die zwar weitgehend von ihrer Maske verdeckt wurden, aber genug sehen ließen, um ihre Mimik zu deuten. Ihre Zunge glitt über ihre Lippen. „Champagner.“ Ihre Stimme bebte und sie schluckte schwer, wobei sich ihr Blick auf ihn richtete.

„Wie immer.“

Sie fing sich, zwängte ein Lächeln auf ihre Lippen und tat es mit einem eleganten Winken ihrer freien Hand ab. „Ja. Ja, natürlich.“

„Und wie immer nehmen Sie nur einen kleinen Schluck.“

Ertappt senkte sie die Lider. Er drückte ihre Finger, die er zunächst einfangen musste. Es gab einige Dinge, hinter die er noch nicht gekommen war oder für die eine Bestätigung noch ausstand. Ihr Trinkverhalten war eines. Natürlich ließ sich vermuten, dass Angebote auf einen Drink angenommen wurden, um den Ausschank anzukurbeln und sie stets nur einen kleinen Schluck nahm, um einen klaren Kopf zu behalten.

Aus dem Augenwinkel bemerkte Trent, dass Lord Hammond Madames Aufmerksamkeit erhaschen wollte und lenkte ihren Spaziergang daher schnell um. Besser sie verließen den Salon, bevor jemand weniger Rücksichtsvolles die Dame des Hauses für sich beanspruchte.

„Also, was werden Sie mir heute zeigen?“

Sie hob das Glas erneut an die Lippen. Er hatte noch nie gesehen, dass sie tatsächlich zwei Mal an einem Glas nippte.

„Es ist schon recht spät, ich kann nicht mit Sicherheit sagen, welche Räume nicht belegt sind.“ Sie zuckte die Achseln. „Kommen Sie.“

Trent führte sie hinaus und die Stufen hinauf. Dort sah sie sich um. Ihr konzentrierter Blick glitt über die Türen in diesem Stockwerk.

„Hm.“

„Alles belegt?“, mutmaßte er, sie im Auge behaltend.

Sie nippte an ihrem Glas, während ihre Augen erneut von Tür zu Tür flogen. „Ich kann Ihnen das Dampfbad zeigen, allerdings war es in Benutzung.“

„Ein Dampfbad?“ Er fing ihren Blick auf.

„Ja.“ Ein Grinsen huschte über ihre Lippen. „Kommen Sie, Everham.“ Sie ergriff seine Hand und zog ihn mit sich, um die Stufen herum. Trotz der Handschuhe verspürte er einen kleinen Schlag. Noch nie hatte sie ihn von sich aus berührt und es sprach deutlich dafür, dass sie sich für ihn erwärmte.

Das vorderste Zimmer beinhaltete eine große Badewanne und einen großen Ofen. Schwaden standen in der Luft und netzten sogleich sein Gesicht. Madame Noir ließ ihn los und strebte zu den Fenstern, um sie aufzureißen. Die Sicht klärte sich langsam. Sie leerte ihr Glas und stellte es auf einem Tablett ab, dann bückte sie sich fahrig nach einigen am Boden liegenden Badetüchern und brachte sie mit zurück zur Tür.

„Es wurde noch nicht aufgeräumt“, erklärte sie peinlich berührt. Ihre Wangen hatten Farbe angenommen, wie er trotz des recht dichten Schleiers sehen konnte. Sie wich seinem Blick aus und stopfte die Tücher in einen Korb.

„Ein Bad?“, versucht er die Stimmung wieder zu lockern. „Bitte klären Sie mich auf, Madame. Was erwartet einen hier?“

„Ein Bad.“ Sie kicherte und erstickte es mit ihren Fingern. Ihr Blick flog zu ihm. Eine Note Verwirrung lag in ihm.

„Ich nehme an, man wird gewaschen? Von einem oder mehreren leicht bekleideten Damen?“

„Ah, Mylord, Sie scheinen es erfasst zu haben.“ Sie hob den Blick. „Aber da ist wohl mehr.“

„Mehr?“, griff er auf, schlicht fasziniert von dem Funkeln ihrer klaren blauen Augen. Er wollte definitiv mehr. Mehr von ihr.

„Ein Dampfbad. Viele unserer Gäste nutzen es zum Ausklang einer langen Nacht. Wasser mit Duftessenzen wird verdampft und man sitzt hier und …“ Sie biss sich auf die Lippe und senkte die Lider. „Es heißt, es sei sehr anregend.“ Ihr Kopf neigte sich, als sie flatternd die Lider niederschlug. Ihre Finger tanzten nervös vor ihrem Bauch, als könnten sie sich nicht entscheiden, welche Lage ihnen genehm war.

„Vielleicht sollten Sie es versuchen?“

„Und wer ist meine weibliche Begleitung?“ Trent trat auf sie zu und hob ihr Kinn an. Ihre schüchterne Verwirrtheit war so erquickend, dass er sie einfach berühren musste. Sein Daumen glitt sacht über ihre Unterlippe.

„Jedes Mädchen.“

„Hm“, raunte er. Keines der Mädchen interessierte ihn und das wusste sie sehr genau. „Nur waschen, oder?“

„Ja“, hauchte sie. „Und … Wasserspiele.“

„Wasserspiele?“ Er beugte sich vor, angezogen von ihren leisen Worten. Seine Lippen streiften ihre und setzten ihn in Brand. Sie hielt den Atem an. Ihre Finger ruhten auf seinen Oberarmen und ihre Lippen waren leicht geöffnet, als baten sie um mehr.

Trent stockte. Das sollte er nicht tun, so sehr er es auch wollte. Er wollte, dass sie ihm vertraute, er wollte, dass sie sich für ihn entschied und trotz ihrer Fortschritte war es hierfür viel zu früh. Seine Lippen legten sich dennoch zu einem sanften Kuss auf ihre. Sie schmeckte nach prickelndem Champagner. Ihr Seufzen beruhigte ihn. Solange er kein Nein hörte, sollte alles in Ordnung sein.

Trent vertiefte seinen Kuss, legte dabei sacht den Arm um die kleine, sonst so flüchtige Frau. Er strich ihr eine feuchte Strähne aus der Stirn und ihre Lider hoben sich, um ihm in die Augen zu schauen.

Atemberaubend! Ihr Gatte war ein Narr. Trent verschmolz ihre Lippen erneut miteinander, küsste sie, bis süßes Feuer ihn verschlang. Ihr Busen drückte sich gegen seine Brust und er ließ von ihrem Mund ab, um kleinen Küssen eine Spur über ihren Hals zu bahnen. Sie war exquisit!

Trent umfasst ihren Busen, drückte leicht zu, bis ihr der Atem stockte und stöhnte in ihr Dekolleté. Sein Gesicht verbarg sich in der feuchten Spalte der weichen Halbkugeln, was ihn seine Zurückhaltung kostete. Ihre weiche, warme Haut zu spüren, war noch berauschender als es ihre schüchternen Küsse waren. Er schob sie zurück, bis sie die gekachelte Wand stoppte und lehnte sich gegen sie.

„Wie heißt du?“, wisperte er an ihrem Ohr. Er war des Versteckspiels überdrüssig. Er wollte wissen, wer ihn schier um den Verstand brachte. Mit einem Lächeln. Er raffte ihren Rock, schob seinen Schenkel zwischen ihre, um ihr noch näher zu sein, ihre verborgene, intime Haut zu spüren. Er stöhnte an ihrem Mund, an seinem Sehnen verzweifelnd. Er musste wissen, wie sie hieß. Er wollte schlicht nicht an Madame Noir denken, an die Kupplerin in einem Bordell. Er wollte ihr anderes Ich. Ihr eigentliches Wesen ergründen, samt der Nähe, die damit einherging.

Er schob die Hand in ihren Schoß, suchte nach der Öffnung in ihrer Unterwäsche und fand süße Hitze. Er rieb an ihr, verschluckte ihr Schnaufen, während sie die Finger in seinem Haar vergrub und ihn an sich drückte. Es war richtig. Er und sie, ganz gleich, wessen Namen sie trug und doch ließ es ihn nicht los. Sein Daumen suchte den kleinen Knopf, der sich in jedem weiblichen Schoß versteckte, mochte er auch häufig unbeachtet bleiben. Er wollte mehr von dieser Frau als eine schnelle Vereinigung. Er wollte ihre Lust entfachen, wollte, dass sie ihn ebenso begehrte wie er sie. Ihr Keuchen bestätigte ihn nur noch, als er begann, ihre Weiblichkeit zu erkunden und sanft über ihr intimes Fleisch rieb. Sie schob ihr Becken vor, ermöglichte ihm damit, tiefer in ihre weiblichen Geheimnisse vorzudringen. Mit den Fingern zunächst, die er sanft in ihre feuchte Höhle schob, um anschließend vorsichtig hineinzustoßen. Es kostete ihn den letzten Rest an Zurückhaltung.

Mit überschäumendem Verlangen brach er seine Werbung ab. Trent hob ihr Knie an, legte ihr Bein um sich und presste sich an ihren Schoß.

„Wie heißt du?“, keuchte er, sich die Breeches öffnend. „Sag es mir. Ich möchte nicht mit Madame Noir zusammen sein.“

Es war, als hätte er sie mit diesen unbedeutenden Worten herausgerissen. Ihre Finger bohrten sich in seinen Arm und ihre Augen weiteten sich. Ein kleiner Schrei entwich ihren Lippen. „Nein!“

Trent starrte sie verwirrt an, sicher, sich verhört zu haben. Ihre Hände stießen gegen seine Brust.

„Aufhören!“ Atemlos und damit nicht sonderlich laut, aber es hallte in seinen Ohren wider. Sie schlug gegen seine Schulter. „Loslassen!“ Ihre Augen waren riesig und er verstand nicht, was er in ihnen las.

„Nein, es ist gut“, murmelte Trent, hin- und hergerissen zwischen seinem brennenden Verlangen und der Vernunft. Er fing ihre Hände ein, die ihn malträtierten und suchte nach den passenden Worten, um sie zu beruhigen. „Schon gut.“

Sie schrie erneut, dieses Mal wesentlich lauter. Trent starrte in ihre weit aufgerissenen Augen, ohne zu verstehen, was sie so in Panik versetzte. Er entließ ihre Handgelenke, um ihren Mund zuzuhalten, schließlich wäre es fatal, von einem der Burschen oder Grayston in so einer Lage erwischt zu werden. Man verwiese ihn umgehend des Hauses, ließe ihn nicht erklären, was sich zugetragen hatte.

„Scht“, raunte er nahe an ihrem Ohr. „Sag mir, wie du heißt, bitte.“ Wenn er ihren Namen kannte, war es bedeutend leichter, sie um Hilfe zu bitten, um Nachsicht. Er durfte nicht hinausgeworfen werden, aber ohne ihre Zustimmung sah er da keine Chance, sich herauszureden.

Sie schlug ihn und kreischte um Hilfe. Tränen und schiere Panik verfestigten sich nicht nur in ihren Augen, auch ihre Stimmlage sprach Bände. Sie war völlig außer sich.

„Scht“, bat Trent und ließ locker. „Bitte, hör mich an.“

Madame Noir stieß ihn von sich, wobei sie strauchelte und seine zur Hilfe gereichte Hand fortschlug.

„Warte.“ Er hob die Hände, aber sie ignorierte ihn und lief los.

„Madame!“ Trent folgte und erwischte sie, als sie die Tür aufreißen wollte. Er drückte sie wieder zu. „Warte.“

Sie heulte auf, warf sich gegen ihn, um auf ihn einzuschlagen und schrie ihn an, sie nicht anzurühren.

„Ich tue dir nicht weh, bitte beruhige dich!“

Aber es war zu spät. Vom Flur her wurde er aufgefordert, die Tür freizugeben und ein schwerer Körper warf sich dagegen. Der ganze Rahmen zitterte unter der Wucht. Madame Noir riss sich erneut von ihm los und wich vor ihm zurück.

„Ich tue dir nicht weh“, beschwor Trent erneut. „Bitte.“ Sie stolperte über ein Tuch und fiel. Trent fluchte und gab seine Position an der Tür auf, um zu ihr zu eilen. „Hast du dich verletzt?“ Er beugte sich über sie. Nässe krabbelte in sein Hosenbein und seine Finger berührten seidiges Haar. Dann wurde er auch schon umgerissen und landete in voller Länge auf den nassen Fliesen. Er drehte den Kopf, um Madame anzusehen. Sie rutschte mit schmerzverzerrter Miene von ihm fort.

„Bitte, du …“ Er versuchte, den Arm nach ihr auszustrecken, aber Jarred fing ihn direkt ein. „Verdammt, lass mich los“, schnarrte Trent und riss an Jarreds Umklammerung. Frei bekam er sich dadurch nicht. Ein Knie drückte sich in seinen Rücken und presste ihn bewegungslos zu Boden. Madame Noir ließ sich aufhelfen und zuckte zusammen.

„Warte“, beschwor er sie erneut. „Sag ihnen, dass es anders ist.“

Er hatte sie nicht angegriffen, das musste sie sagen. Er hatte kein Nein ignoriert. Sie hatten sich geküsst, alles war, wie es sein sollte!

„Sag es ihnen“, keuchte er, als er sie aus den Augen verlor. „Madame!“

„Raus mit ihm“, krächzte sie tonlos. „Er hat Hausverbot.“

Das konnte sie doch nicht ernst meinen!

London, Straße von St Pauls, am nächsten Tag

Molly strich sich die Tränen aus den Augen. Ihre Gedanken wollten sich nicht von den Geschehnissen der letzten Nacht losreißen. Von Everham und seinen heißen Küssen, die sie beinahe in den Abgrund gerissen hätten. Es hatte wahrlich nicht viel gefehlt, und sie hätte von sich nicht mehr als Dame reden können. Sie erschauerte unangenehm, denn tief in ihrem Inneren bedauerte sie es, ihn vor die Tür gesetzt zu haben. Natürlich war es der einzige Weg, um ihre Tugend zu wahren und nur dies hatte Vorrang.

Sie war auf dem Weg zur Kirche und musste jeden Moment die Kutsche wechseln. Sie hatte keine Zeit, ihren Gedanken nachzuhängen.

Ihr Gefährt stoppte und Molly rutschte schnell über die Bank, um auszusteigen. Sie tauchte in dem belebten Platz unter. Verbarg sich in einer Gasse und drehte ihren Mantel auf links. Anstelle des zuvor schwarzen, hüllte sie sich nun in einen dunkelgrünen. Auch ihren Hut krempelte sie schnell um und ließ den lichten Schleier herab. Dann überquerte sie humpelnd den Platz zur anderen Seite und stieg in Pemberlys Kutsche ein.

„Du bist spät“, tadelte er, wobei er sie musterte. Enola rutschte über die Bank und nahm sie in den Arm.

„Ist Aubrey bereits in der Kirche?“

„Ja“, grummelte Pemberly und schlug gegen die Rückwand. „Hoffentlich kommen wir noch pünktlich.“

„Es tut mir leid“, murmelte Molly, wobei sie achtsam ihren Rock glatt strich. „Ich erlag einem Missgeschick.“ Besser sie verheimlichte, dass es sich eigentlich um einen neuerlichen Übergriff gehandelt hatte. Sie verscheuchte den Gedanken, der ihr ohnehin nur Tränen in die Augen trieb. Everham hatte sie fein genarrt. Letztlich sollte es sie nicht wundern, dass auch er nur auf einen schwachen, unachtsamen Moment gewartet hatte, um seine Ziele zu verfolgen.

„Oh je“, griff Enola auf und drückte ihre Finger. „Ich hoffe, es ist nichts Ernstes!“

„Ich habe mir wohl den Knöchel verdreht.“ Sie zog die Hand zurück. „Ich freue mich schon so darauf, Aubrey zu sehen.“

„Du verhätschelst sie, Molly.“ Pemberly seufzte gedehnt. „Erst gestern wollte sie ausreißen, um wieder mit dir zusammenzuleben.“

„Ich sehe sie so selten.“ Weil der Aufwand einfach zu groß war. Der Kutschwechsel diente als Verschleierung, ebenso das Ändern ihrer Aufmachung. Sie wollte keinesfalls, dass man Madame Noir mit Pemberly, Enola und Aubrey in Verbindung brachte.

„Zieh bei uns ein“, bot Pemberly an. „Lass Grayston die Verwaltung übernehmen.“

Molly zuckte zusammen und senkte den Blick. Als Bürde. Sie sollte erneut jemandes Bürde sein. Sie schluckte die Bitterkeit hinunter.

„Das ist freundlich von dir, Pemberly. Sehr freundlich.“

„Aber?“, griff Enola sanft auf. Sie hob eine Locke auf und steckte sie Molly unter den Hut. „Du bist uns keine Last.“

„Keinesfalls“, brummelte Pemberly. „Du könntest endlich deinen Platz in der Gesellschaft wieder einnehmen.“

Sie erschauerte unangenehm und zog die Schultern hoch.

„Du bist sechsundzwanzig, jung genug, um eventuell noch einem Gentleman ein Eheversprechen abzuringen.“

„Oh, das wäre doch herrlich“, flötete Enola und schlang den Arm um sie. „Jemandem, der dich aufrichtig liebt!“

Molly legte die Arme um sich. „Nein. Das halte ich für ausgeschlossen.“ Zu ihrer immensen Erleichterung rollte die Kutsche vor der Kirche aus und sie musste sich keine weiteren Bemerkungen über Eheschließungen anhören.

 

Trent war spät dran. Gewöhnlich sparte er sich den sonntäglichen Kirchgang, aber an diesem Wochenende hatte er das Gefühl, göttlichen Beistand zu benötigen. In der letzten Nacht war er hochkant aus dem Club Noir geflogen. Mit der Weisung, sich nicht wieder blicken zu lassen. Ein unhaltbarer Zustand! Er bog um die Ecke. Eine Kutsche hielt vor der Kirche, das Wappen war verdeckt, weshalb Trent ihr keiner Bedeutung zumaß. Erst als er sie umrundete, erkannte er den Eigner des Gefährts.

„Pemberly?“

Der Earl sah auf, während er einer Dame beim Aussteigen behilflich war. Sie trug einen tiefgrünen, fein gesäumten Mantel und einen großen Hut mit Schleier.

„Ah, Everham! Was tust du denn hier?“

Trent deutete zur Kirche. „Buße. Lady Pemberly.“ Er verbeugte sich knapp vor der Dame, die in einen schwankenden Knicks versank und etwas murmelte, was sein Name sein konnte. Pemberly stützte sie und korrigierte ihn: „Lady Batton, die Schwägerin meiner werten Gattin. Wärst du so gut?“ Pemberly schob die Lady zu ihm und Trent ergriff automatisch ihre Hand, um sie auf seinem Arm abzulegen. Trotz ihres Widerstandes. Pemberly half einer weiteren Lady aus seiner Kutsche. „Enola, Liebes, erinnerst du dich noch an Everham?“

Lady Pemberly lächelte ihm freundlich zu und reichte ihm ihre Hand zur Begrüßung. „Leider nein, Mylord. Es waren so viele fremde Gesichter, dass ich kaum jemanden im Gedächtnis behielt.“

Lady Batton entwich seiner Seite und harkte sich bei Pemberly ein. Er lauschte gebannt ihren leisen Worten. „Aber natürlich, meine Liebe.“ Er tätschelte ihre Hand. „Everham, mach dich nützlich und geleite meine Gattin hinein, Lady Batton ist recht fremdenscheu.“

Trent runzelte die Stirn und ließ seinen Blick schnell an besagter Lady herabgleiten.

„Natürlich. Lady Pemberly, es wäre mir ein Vergnügen.“ Die brünette Lady legte ihm die Hand auf den Arm und sah vergnügt zu ihm auf.

„Pemberly übertreibt, wissen Sie“, vertraute sie ihm an. „Molly ist nur etwas zu vorsichtig.“ Sie seufzte. „Nun, Vorsicht ist besser als Nachsicht, nicht wahr?“

Trent führte Lady Pemberly die Stufen hinauf und öffnete das Tor. Er ließ Pemberly und Lady Batton den Vortritt und bemerkte, dass die Dame humpelte.

„Was führt dich her?“, fragte Pemberly, als sie den Vorraum betraten. „Wakefield?“

„Bin ich so durchschaubar?“ Er schüttelte den Kopf. „Ja. Wakefield und die Hoffnung auf etwas göttlichen Beistand.“

„So?“ Lady Pemberly strahlte ihn an. „Sie suchen göttlichen Beistand? Wobei bloß?“ Sie zwinkerte, als durchschaue sie ihn bereits nach wenigen Augenblicken seiner Gesellschaft.

„Ich befinde mich in einer verzwickten Situation, Mylady.“ Von der er ihr sicherlich nicht berichten wollte, aber Pemberly mochte eine ebenso gute Hilfe sein wie sein Cousin. Schließlich schien er Madame Rouge zugeneigt zu sein. Das war jedoch ein Thema, das er besser nicht anschnitt, solange sie sich in weiblicher Gesellschaft und überdies in einem Gotteshaus befanden.

„Soll ich fragen, in welche Schwierigkeiten du dich nun wieder gebracht hast?“, schnaubte Pemberly belustigt und warf ihm einen spöttischen Blick zu.

In ernste, allerdings wollte er nun nicht damit herausrücken. „Meinst du, du kannst dich deinen Verpflichtungen später entledigen?“

„Oh! Sie wollen mir doch nicht meinen Ehemann abspenstig machen, Mylord.“ Lady Pemberly grinste unbefangen zu ihm auf. „Wo ich seine Gesellschaft doch so unermesslich genieße.“

„Keinesfalls“, versicherte Trent schnell. „Ich hoffte lediglich, er könne mir bei einem kleinen Missverständnis aus der Patsche helfen. Nichts Zeitaufwendiges.“ So hoffte er zumindest.

Pemberly schob seine stumme Begleitung in eine Sitzreihe. Ein kleines Mädchen sah auf. Ihre klaren blauen Augen funkelten auf und erleuchteten ihr schmales, blasses Gesicht.

„Mama!“, rief sie und riss sich von ihrer Aufsichtsperson los. Lady Batton schloss sie in die Arme und flüsterte ihr etwas zu. Trent starrte das Mädchen an. Sie war strahlend blond. Nicht schwarzhaarig, mahnte er sich, aber dennoch … Das Mädchen sah zu ihm, oder wohl eher zu ihrer Tante Enola, denn sie lächelte. Madame Noirs Lächeln.

„Setz dich, Aubrey“, murmelte Lady Batton und schob das Mädchen zurück an die Seite der dunkel gekleideten Bediensteten.

„Oh, Mama!“ Sie hängte sich sogleich wieder an Lady Battons Arm. „Bleibst du? Oh bitte!“

„Ja“, beruhigte sie die Kleine leise. „Bis zum Abend.“ Aubrey kuschelte sich in die Seite der Lady. Lady Pemberly löste sich von Trent und nahm neben der Schwägerin Platz.

„Also, suchst du Wakefield? Oder setzt du dich zu uns?“

Der Hut Lady Battons bewegte sich. Lauschte sie?

„Ich bleibe“, murmelte Trent. Es war wahnwitzig. Lady Batton war mit Sicherheit nicht Madame Noir. Pemberly ließe es niemals zu, dass so etwas seinen Namen beschmutzte. Ausgeschlossen und doch bannte ihn jede Bewegung Lady Battons. Wenn sie nur etwas lauter spräche! Aber sie murmelte selbst während des Gesangs, während der Fürbitte und als sie sich vom Pfarrer persönlich verabschiedete.

„Wolltest du deinen Cousin nicht sprechen?“, erkundigte Pemberly sich auf dem Weg hinaus. „Ich glaube, er ist auf dem kurzen Weg raus.“

„Schon gut. Ich denke, ich lade mich bei euch zum Tee ein.“

Pemberly lachte auf. „Knapp bei Kasse?“

„Nur frei von Gesellschaft“, widersprach er dem angedeuteten Affront.

Lady Batton half ihrer Tochter, in die Kutsche zu klettern. Trent trat schnell vor und hielt ihr die Hand hin, um ihr seinerseits zu helfen. Sie zögerte, bevor sie die Finger nach ihm ausstreckte.

„Mylady.“

„Danke, Mylord“, murmelte sie und zog die Hand zurück, sobald es möglich war.

Pemberly betrachtete ihn nachdenklich. „Begleitest du uns?“ Er half seiner Gattin in den Wagen und deutete in den Innenraum.

„Gern.“

Er nahm Lady Batton gegenüber Platz, in der Hoffnung, einmal einen Blick in ihr Gesicht werfen zu können. Die breite Krempe ihres Hutes machte das aber schwierig. Allerdings ließen sich ihre Lippen ganz gut ausmachen, wenn sie mit ihrer Tochter sprach und dazu den Kopf seitlich neigte. Volle Lippen mit sinnlichem Schwung und einem Lächeln … Trent schluckte. Molly.

„Everham?“

Trent schreckte auf und riss die Augen von ihr los. „Bitte? Entschuldige, ich war in Gedanken.“

„Hm“, machte Pemberly und sah selbst zu Molly. „Dir ist wohl nicht nach politischer Diskussion.“

„Nein. Nicht am Sonntag.“ Oder einem anderen Tag, an dem er Madame Noir gesellig gegenüber saß. Molly. Seine Mundwinkel hoben sich und mit ihnen seine Laune. „Oder in Gesellschaft so reizender Ladies.“ Er grinste.

Lady Pemberly kicherte und berührte den Ellenbogen ihrer Schwägerin.

„Vielen Dank, Lord Everham. Molly, du musst wissen, seine Lordschaft war Gast auf unserer Hochzeit und ich vergaß ihn restlos! Aber er hat mir mein Versäumnis verziehen. Zuvorkommend, nicht wahr?“

Trent wartete angespannt. Sähe sie auf? Ihr Hut bewegte sich, aber die Krempe verhinderte immer noch einen Blick in ihr Gesicht. Er verfluchte das Ding innerlich.

„Ja, wie zuvorkommend.“

Hielt sie ihre Stimme absichtlich so gesenkt?

„Waren Sie auch anwesend, Mylady?“

Sie nickte.

„Ich auch!“

„Aubrey“, flüsterte Lady Batton. „Eine junge Dame ist niemals vorlaut. Und sie mischt sich nicht ungefragt in eine Unterhaltung ein.“

„Ich bin wohl derselben Verfehlung schuldig wie die junge Lady Pemberly“, stellte Trent fest. Aubrey warf ihm einen Blick zu und er fuhr fort. „Da ich mich nicht an Miss Aubrey erinnern kann und sicherlich warst du die hübscheste Dame der Gesellschaft.“

„Nein, das war Tante Enola!“ Aubrey grinste ihn an.

„Oh danke, Schätzchen“, flötete Lady Pemberly. „Hörst du? Sie ist so wohlerzogen.“

„Aubrey“, warnte Molly leise. „Misch dich bitte nicht in Gespräche Erwachsener.“

„Verzeihen Sie, Lady Batton, ich hätte um Ihre Erlaubnis ersuchen müssen …“ Trent stockte, weil es nur zu wahr war. Er hätte sich vorher versichern müssen, dass ihr seine Annäherung genehm war und es nicht voraussetzen dürfen – geteilte Küsse hin oder her. „… mit Ihrer Tochter zu sprechen.“

Sie neigte lediglich ihr Haupt.

Die Kutsche hielt vor Pemberlys Stadthaus. Der Schlag wurde geöffnet und das Ehepaar stieg aus. Trent folgte und wartete auf seine Chance. Leider blieb ihr Hut im Weg und sie erlaubte ihm nicht, ihre Hand länger festzuhalten. Sie entzog sich ihm und hob die kleine Lady aus dem Gefährt.

„Komm, mein Schatz“, murmelte sie. „Ich habe mich die ganze Woche auf dich gefreut.“

Sie humpelte neben ihrer Tochter die Stufen hinauf und Trent bleib nichts übrig, als zu folgen. In der Halle legte sie ihren Hut ab und ein Schwall blonden Haares kam zum Vorschein. Trent gaffte sie an. Blond! Er musste völlig falschliegen.

Der Lakai nahm ihr auch den Mantel ab und sie richtete sich vor dem Spiegel mit geübten Griffen das Haar.

Pemberly stieß ihn an. „Brandy?“

„Tee.“

„Brandy. Komm mit“, beschied er fest und verstellte ihm die Sicht. Ihm blieb kaum etwas übrig, als stattzugeben.

„Pemberly?“, rief Lady Pemberly ihnen nach. „Leistet ihr uns denn keine Gesellschaft?“ Sie trippelte auf sie zu und hängte sich an den Arm ihres Gatten. „Molly benötigt doch dringend etwas Abwechslung.“

Trent folgte ihrem Blick zurück zur Treppe, die Lady Batton langsam emporschritt.

„Sie müssen wissen, Lord Everham, dass sie sich ganz in ihre Trauer vergräbt und kaum einmal das Haus verlässt.“ Lady Pemberly zog am Arm ihres Gatten. „Komm! Sie braucht dringend Unterhaltung.“

Pemberly grummelte etwas. „Wir kommen nach, Liebes. Gib uns ein paar Minuten.“

Sie seufzte, stellte sich auf die Zehenspitzen und drückte Pemberly einen Kuss auf die Wange. „Lass uns nicht zu lange warten“, mahnte sie mit einem Lächeln zu ihm. „Lord Everham.“

Trent nickte ihr zu. Sie folgte ihrer Schwägerin unter dem wachsamen Auge ihres Gatten die Treppe hinauf. Pemberly räusperte sich.

„Molly ist tatsächlich keine Gesellschaft gewohnt.“

„Außer der ihres Gatten vermutlich.“ Trent zuckte die Achseln. „Ich bemühe mich, ein angenehmer Gesellschafter zu sein.“

„Sie ist zurückhaltend. Sie wird nicht mit dir sprechen wollen.“

Trent zuckte erneut die Achseln. „Ein paar Worte werde ich ihr sicherlich entlocken können.“

„Verlass dich nicht drauf“, murrte Pemberly und schlug ihm auf die Schulter. „Dann Tee, wie du es wünschst!“

Lady Batton nippte an ihrem Heißgetränk. Ihr Ehering funkelte an ihrem Finger und als sie aufsah, traf ihn ein Blick aus ihren klaren blauen Augen. Ein Schauer ließ ihn stocken und Pemberly erreichte die Damen somit zuerst.

„Ah! Sieh mal, Molly, die Herren gesellen sich zu uns.“

Lady Batton stellte ihre Tasse auf ihrem Unterteller ab. „Wie nett“, murmelte sie. „Aubrey, setz dich zu mir.“ Dafür rückte sie auf ihrem Sofa ein Stück zur Seite. Das Mädchen wechselte schnell seinen Platz und sah ihm neugierig entgegen.

Trent nahm auf dem frei gewordenen Sessel Platz.

„Tee, Lord Everham?“

„Bitte, Lady Pemberly. Zwei Löffel Zucker. Vielen Dank.“ Mit der Tasse in der Hand sah er in die Runde. Die Kleine starrte ihn neugierig an, Lady Batton ignorierte ihn und Lady Pemberly strahlte abwechselnd ihn und ihren Gatten an.

„Lord Everham, sagen Sie, gibt es eine Lady Everham?“ Lady Pemberly schaffte es, die Frage völlig unbeschwert zu äußern und ihr Gatte schnaufte in seinen Tee.

„Enola!“ Lady Batton starrte die Schwägerin alles andere als amüsiert an. „Verzeihen Sie Lady Pemberly, Mylord.“ Einen Moment sah sie ihn direkt an. Blonde Locken umrahmten ihr schmales Gesicht, ihre Augen funkelten und ihre weichen Lippen thronten über einem energischen Kinn. „So manches Mal schießt sie über das Ziel hinaus.“

„Ich fühle mich nicht angegriffen, Lady Batton. Und nein, Lady Pemberly, die derzeitige Lady Everham ist meine Mutter.“

Lady Batton hob ihre Tasse an die Lippen und senkte den Blick.

„Haben Sie die Notwendigkeit noch nicht erkannt oder haben Sie die passende Dame noch nicht kennengelernt?“, erkundigte sich Lady Pemberly dreist und sah dabei aus, als erkundigte sie sich nach dem Wetter. Lady Battons Porzellan schlug aufeinander.

„Enola!“, wisperte sie als deutliche Rüge.

„Was ist eine Notwendigkeit?“, fragte die Kleine neugierig und starrte ihn dabei immer noch fasziniert an.

„Eine Notwendigkeit ist etwas, was getan werden muss, gleich, ob es einem gefällt“, erklärte Lady Batton und stellte ihre Tasse ab. „Verzeihen Sie, Lord Everham, aber ich muss meine Tochter nach oben bringen. Guten Tag.“

Trent stand schnell auf. Sie war fast so groß wie er selbst und damit etwa so groß wie Madame Noir. Sie wich zurück, knickste schnell und wies das Mädchen an, es ebenfalls zu tun.

„Molly“, wandte Lady Pemberly ein. „Aubrey ist doch sehr manierlich. Lass uns doch den Tee genießen.“

Lady Batton schob Aubrey vor sich her und schüttelte den Kopf. „Entschuldigt uns.“ Sie humpelte hinaus.

„Lady Batton ist verletzt“, stellte Trent fest, während er sich wieder setzte. „Ein Missgeschick?“

„Oh, Molly ist … tollpatschig.“ Lady Pemberly lächelte ihren Gatten an.

„Ihr Gatte ist nicht in der Stadt?“ Ein Schuss ins Blaue, es war genauso gut möglich, dass Lord Batton Kirchgänge verabscheute.

„Oh. Oh nein, mein Bruder ist von uns gegangen. Gott hab ihn selig.“ Die Lady senkte zum ersten Mal seit ihrer Bekanntschaft den Blick.

Ein Fettnäpfchen, nur gut, dass Lady Batton den Raum bereits verlassen hatte. „Mein Beileid, Mylady.“

„Danke, Lord Everham. Es ist nun bald fünf Jahre her. Es ist nur schade, dass Molly es sich so zu Herzen nimmt.“ Lady Pemberly seufzte schwer. „Nun, Lord Everham, haben Sie Geschwister?“

„Ich habe einen Haufen Schwestern, Mylady.“

„Enola, Liebes“, grummelte Pemberly. Seine Augen lagen mit ebensolcher Verehrung auf seiner Gattin, wie vor einer Woche auf Madame Rouge. Trent ordnete seine Gedanken.

„Verzeihung Everham, Enolas Neugierde geht so manches Mal mit ihr durch.“

Kapitel 4

Lord Everhams Einsatz

London, Club Noir, drei Tage darauf

Molly verglich ihre Aufzeichnungen mit den Rechnungen. Sie hörte Stimmen aus dem Salon und Stöhnen aus dem Nachbarraum und schob die Papiere von sich. Ihr Kopf dröhnte. Sie hatte ihre Runde abgebrochen, weil sie den Lärm nicht ertrug. Sie rieb sich über die Schläfen. Es brachte wohl nichts, die Papiere zu prüfen, während sie kaum zwei Zahlen addieren konnte. Es klopfte und Molly seufzte gedehnt.

„Ja bitte?“

„Madame, Lord Everham bittet erneut um ein Gespräch.“

Sie drehte sich zu Grayston und schüttelte den Kopf. Es war nun die dritte Nacht in Folge, dass er Grayston mit seiner Bitte belästigte. Und sie. „Nein.“

„In dem Fall soll ich Ihnen dieses Schreiben übergeben und darauf hinweisen, dass er auf eine Antwort wartet.“ Grayston hielt ihr ein Billet entgegen. Sie schloss die Lider. Warum hörte er denn nicht auf? Es gab unzählige Clubs. Unzählige Frauen, die er sich kaufen konnte, warum musste er es auf sie abgesehen haben?

Warum konnte er nicht einfach akzeptieren, dass sie kein Interesse daran hatte, einem Mann zu Willen zu sein, ganz gleich, wie zuvorkommend er sich gab oder wie angenehm seine Gesellschaft auch scheinen mochte.

Sie nahm das Billet entgegen. Es trug sein Wappen, wies aber keinen Adressaten auf. Sie brach das Siegel und faltete das Pergament auseinander, wobei ihre Finger bereits bebten. Etwas an ihm versetzte sie in Unruhe, ganz gleich, wann und wie sie aufeinandertrafen.

Bitte verzeih mir.

Ihr erster Impuls war, ihm stattzugeben, der zweite das Papier zu zerknüllen und es ins Feuer zu werfen. Stattdessen nahm sie die Feder auf und tunkte sie in die Tinte.

Nein.

„Bitte, Grayston. Bringen Sie Lord Everham meine Nachricht.“ Sie klappte die Seite zu. „Ich lege mich etwas hin. Mein Kopf bringt mich um.“

„Soll ich Fi um etwas Fliederöl zur Linderung bitten?“

Molly zögerte. „Ja, bitte.“

Er schloss vorsichtig die Tür und Molly legte das Gesicht in ihre Handflächen. Sie verließ den Club nicht, bevor der letzte Gast gegangen war, selbst wenn sie sich nicht mehr unten blicken ließ. Es klopfte erneut und Molly bat wieder, man möge eintreten. Grayston räusperte sich.

„Madame. Ich habe hier noch eine Nachricht.“

Molly seufzte verzweifelt.

„Lord Everham wartet erneut auf Antwort.“

„Natürlich.“ Sie nahm das versiegelte Schreiben an, drehte es milde verwundert und öffnete auch dieses Billet. Eine Adresse prangte einsam auf der Seite: ihre Adresse am Milburn Cresscent. Molly starrte das Papier an. Die Schrift verwackelte, weil sie zu zittern begann. Neben ihrem Kopf, der ohnehin bereits schwirrte, geriet nun auch noch ihr Magen in Aufruhr und sie bekam Schwierigkeiten zu atmen.

„Madame?“

Sie sah zu Grayston. „Bitten Sie ihn herauf.“ Ihre Stimme kratzte schrecklich in ihrem Hals und es war sicher nicht zu überhören, wie verstört sie war.

Grayston nickte zögerlich, bevor er erneut leise die Tür schloss. Trotzdem zuckte sie zusammen. Sie ließ die Hand sinken und starrte wieder auf die Adresse.

„Madame? Lord Everham.“

Molly stand auf, wobei sie sich schnell den Schleier richtete, auch wenn ihre wahre Identität bereits aufgedeckt war. Das Pergament knitterte in ihren Fingern. Everham sah ihr völlig gelassen entgegen. Er hatte, was er wollte: Einlass und ihre völlige Aufmerksamkeit.

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960874676
ISBN (Buch)
9783960874683
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v477480
Schlagworte
regeny-liebesroman-e liebe-s-frauen-romantik-romance-roman historisch-e-liebesroman-e lord-marquis-viscount-lady verführ-er-ung Britis-c-h-yorkshire-england historic-al-romance

Autor

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    Katherine Collins (Autor)

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Titel: Lord Everhams Spiel um die Liebe