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Café de Flore und die Sehnsucht nach Liebe

von Astrid Korten (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Die junge Lilly bricht nach Paris auf, um die Liebe zu finden – den Kopf voller Träume und das Herz voller Sehnsucht. Und tatsächlich, im legendären Café de Flore begegnet ihr der attraktive Monsieur Inconnu, der sie mit seinem geheimnisvollen Charme bezaubert. Doch es ist nicht alles so, wie es scheint …

Zwei Jahre später erhält Chloé kurz vor ihrer Hochzeit ein geheimnisvolles Paket voller Briefe. Sie stammen alle von ihrer jüngeren Schwester Lilly und erzählen eine mitreißende Geschichte von Sehnsüchten, Wünschen und Familiengeheimnissen, die Chloés Leben völlig durcheinander bringen.

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe Juni 2019

Copyright © 2019 dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-844-5
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-845-2

Copyright © 2016, Montlake Romance Verlag
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits 2016 bei Montlake Romance Verlag erschienenen Titels Die verlorenen Zeilen der Liebe.

Covergestaltung: Torsten Sohrmann
unter Verwendung von Motiven von
© Paladin12/shutterstock.com, © Kritsana Maimeetook/shutterstock.com, © DenisProduction.com/shutterstock.com, und © RossHelen/shutterstock.com,
Korrektorat: Katrin Gönnewig

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

Liebe

 

„Liebe verändert alles, genau wie der Tod.“

Khalil Gibran

 

„Ich möchte das Rauschende, Volle, Erregende der Farbe geben, das Mächtige.“

Paula Modersohn-Becker

Prolog

Gegenwart-Oktober 1983

 

Chloé würde in Kürze heiraten. Vielleicht hatte sie deshalb entschieden, sich von den Briefen ihrer Schwester Lilly für immer zu trennen. Vielleicht hatte sie auch deshalb ihre Dachterrasse wieder in einen Garten verwandelt, wie zu Lillys Zeiten. An der Mauer rankten sich ein Weinstock und Kletterrosen empor, es gab Geranien, nach roten, violetten und rosafarbenen Blüten gruppiert, Vergissmeinnicht und Freesien, Stiefmütterchen und betörend duftenden Jasmin.

Die Handwerker hatten den Giebel abgedichtet. Im Dachgeschoss bestand nicht länger die Gefahr, dass einem Mörtelbrocken auf den Kopf fielen. Die Wände waren weiß gekalkt worden, wobei die Männer darauf geachtet hatten, Lillys Rebenbordüren nicht zu übermalen. Doch in der Nacht zuvor hatte Chloé ein Loch in den Verputz gebohrt, darin Lillys gebündelte Briefe versteckt, sie mit Mörtel bedeckt und das Weintraubenmuster neu übermalt.

Irgendwann würde dieses Haus einen neuen Besitzer haben. Wenn dann mit der Zeit der Verputz abbröckelte, würde der Eigentürmer die gebündelten Briefe finden: vergilbt, mit weißen Farbklecksen, verlorene Zeilen, Zeugnisse einer großen Liebe.

Chloé stellte sich vor, wie diese Person beim Lesen der Briefe von Emotionen übermannt wurde. Staunen, Kopfschütteln, Lachen, Weinen, Liebe, Hass, Verachtung, Trauer, Entsetzen, Wut, gewürzt mit der Angst, Lillys letztem Begleiter eines Tages selbst begegnen zu müssen.

Lilly … Ihre süße kleine Schwester, immer auf der Suche nach dem großen Glück und stets Stift und Papier zur Hand, weil sie das Allgemeingut, wie sie ihre verlorene Liebe genannt hatte, mit einer akuten Sehnsucht nach geschriebenen Worten kompensierte. Lilly brauchte keine Schokolade und kein Leberwurstbrot, keinen Trost der Betrübten, kein Herumirren in der Wohnung oder durch die dunkle Nacht, keinen grauen Nebel und kein eisiges Herz, um den Winter zu füttern. Lilly war Lilly, niemals durcheinander, leer oder ohne Ziel.

Doch dann war Monsieur Inconnu, wie Lilly den Mann in ihren Briefen nannte, in Lillys Leben getreten und auch Chloés eigene Welt hatte sich seitdem schlagartig geändert. Sie konnte endlich loslassen, weil ihre Schwester glücklich war. Das hatte sie immer geglaubt, bis neulich Lillys blassblaue Briefe eintrafen – zwei Jahre nach ihrem Tod.

Lilly hatte Monsieur Inconnu vor mehr als zwei Jahren im Pariser Café de Flore kennengelernt und dort hatte er ihr auch Adieu gesagt. Lilly hatte sich damals oft gefragt, wie es zu dem Ende ihrer Beziehung mit Monsieur Inconnu gekommen war. Chloé wusste nur, dass ihre Schwester seine Antwort schon vor dem Treffen gekannt hatte. Sie war kühl und kurz gewesen: Es ist vorbei!

Ach, Lilly … Wie kalt und unbarmherzig er doch gewesen war, dachte Chloé. Wie sehr muss er dich damals verletzt haben.

Immerfort waren seine Worte daraufhin im Rhythmus von Lillys Alltag wiedergekehrt. Und die Beklemmung, die Chloé seitdem verspürte, weil sie glaubte, ihre Schwester könnte eine Dummheit begehen, hatte ihr damals die Kehle zugeschnürt. Schon einmal hatte sie ein eigenes zerbrechliches Glück verlassen, um sich um Lilly zu kümmern. Chloé war stets darauf konzentriert, auf Lilly zu achten, um nicht in deren Tränenpfützen zu treten.

Sie hatte Monsieur Inconnu seinerzeit nie kennengelernt, wusste kaum etwas über ihn. Dass Lilly nach seinem „Nein“ aus Not und Trennungsschmerz angefangen hatte, Gedichte zu verfassen und ihr noch häufiger zu schreiben begann, erklärte ihr Verhalten nicht. Auch erklärte es Lillys überstürzte Abreise aus Paris in die Provence nicht. Aber Lilly hatte kein Mitleid gesucht. Ihr Herz hatte weiterhin nur für Monsieur Inconnu geschlagen, radikal, schonungslos, immer präzise, der Liebe verpflichtet.

Auf den Leinwänden entstanden mit einem Mal finstere Motive: Dunkle Höllengestalten lösten die fröhlichen Weingötter ab. Die Farbe Blau, die für Lillys äußersten Ausdruck der Sensibilität stand, mündete in Schwarz - eine Farbe, die ihre Schwester verabscheute, weil sie wie das Meer den Tod gab.

„Chloé, er ist Glück, er überwältigt mich. Ich weiß immer, wie es um mich steht, was mit mir geschieht. Dieses Wissen bedeutet, in jeder Sekunde an dem vergangenen Glück teilzuhaben, das mir bis ans äußere Ende folgt“, hatte Lilly am Telefon gesagt. „Dieses Eckchen Bewusstsein ist Voraussetzung für mein Überleben. Ist das nicht auch Glück? Meine Zeilen an dich geben doch dem Erlebten eine Stimme. Es bedeutet Zeugenschaft über mich und mein Leben, es ermöglicht mir, in die Vergangenheit einzudringen, seine Zuneigung, seine Liebe, seine Freundschaft und seine Lüge noch einmal zu durchleben. Nur in dieser Bewegung kann ich verkraften, was er mir angetan hat.“

Chloé sah das gequälte Gesicht ihrer Schwester vor sich, ganz nah an ihrem, mit Tränen in den Augen. „Er hat mich geliebt. Eine solche Liebe hört nicht einfach auf. Ich glaube ihm kein Wort. Nach meiner Rückkehr aus der Provence werde ich mich noch einmal mit ihm treffen.“

Immer wieder kamen Chloé Lillys letzte Worte vor ihrer Abreise in die Provence in den Sinn. In Gedanken hatte sie ihre Schwester damals zum Bahnhof Gare du Nord gebracht und innig umarmt, ihr Gesicht hatte dabei langsam eine Wegstrecke aus Tränen, Lachen und Licht zurückgelegt. Und sie waren plötzlich wieder eine Einheit gewesen.

„Seine Liebe ist wie der Duft der Blumen auf unserer Dachterrasse, Chloé. Durch diesen Mann betrat ich das Reich der Liebe, und bin jetzt lebendiger denn je.“

In der Realität – am Telefon – hatte sie jedoch wütend geantwortet: „Aber wohin wird diese Liebe dich führen? Verdammt, Lilly, er hat die Beziehung beendet!“

Chloé wünschte sich heute sehnlichst, die Szene würde von vorn beginnen, sie könnte die Uhr zurückdrehen und den Satz ungeschehen machen. Nichts begann noch einmal von vorn und sie klammerte sich stattdessen an Lillys Worte der Zuneigung, an ihre Zeilen, ihre Briefe, an ihre gemeinsame Kindheit und das Erwachsenwerden an die letzten Tage und Wochen, die sie vor Lillys Abreise nach Paris miteinander verbracht hatten.

Lilly … Chloé seufzte und betrat die Dachterrasse. Sie würde alles geben, um jetzt bei Lilly zu sein. Weil sie dann, in diesem Moment, ihre zarte Hand halten, ihr ins Gesicht blicken, ihre Stimme hören und sie um Verzeihung bitten könnte. Lillys Briefe waren immer wie eine Berührung gewesen, hatten ihr gemeinsames Lachen und Geflüster ersetzt. Sie erinnerte sich auch an die kleinen Zettel, die Lilly ihr als Siebenjährige in den Schulranzen gesteckt hatte. Ihre Handschrift war oft verwaschen und ihre Worte nicht besonders deutlich gewesen, bis die Sonne die Schrift erreichte und das Papier nach Mandarinen duften ließ. Worte, die sie glücklich gemacht hatten. Die letzten Briefe ihrer Schwester hatten Chloé schier verzweifeln lassen. Um ein Leben zu erschüttern, gab es kaum etwas Besseres als der Tod eines geliebten Menschen, hatte ihr Vater immer behauptet und Chloé hatte das bis dahin immer geglaubt. Welch ein Irrtum.

Ihr erster Gedanke war, die Zeilen ihren Eltern zu zeigen, mit ihnen über Lilly zu sprechen und den Kummer zu teilen, den sie hervorriefen. Aber hätte ihre Schwester das gewollt? Wem wäre damit gedient, wenn sie Lillys Geheimnis nach all den Jahren lüftete? Sie würde die geliebten Menschen um sie herum ins Unglück stürzen. Davon war sie überzeugt.

Lillys Briefe, ein Zeugnis ihrer Tage in Paris, lagen nun wohlbehütet hinter dem Mörtel und dort sollten sie auch bleiben – für immer. Ihr blieben immerhin noch Lillys Bilder.

Es gab Menschen, die dachten, sie würden sterben, wenn die zweite Hälfte ihrer Seele verschwand. Aber Chloé hatte schon immer gewusst, dass man dieses Glück nicht für sich buchen konnte. Ihr Vater hatte ihrer Mutter nie zugeflüstert, man könne aus Liebe sterben.

Teil I

Zwei Jahre zuvor

„Ich hatte Träume, welche stets bei mir geblieben sind und meine Ansichten für immer verändert haben. Sie durchdrangen mich und änderten die Farbe meines Verstandes.“

Frei nach Emily Brontë

Kapitel 1

 

Lilly war zwar fest entschlossen, an der Universität Sorbonne einige Semester Kunstgeschichte und Literatur zu studieren, doch noch mehr freute sie sich darauf, die quirlige Lebendigkeit der Stadt der Liebe kennenzulernen. Die Sorbonne bot unter dem Titel „Gründungsmythen Europas in Literatur und Malerei“ eine Seminarreihe an und ihr Vater hatte eines Tages den Entschluss gefasst, seiner jüngsten Tochter das Studium zu ermöglichen. Wo ihre Mutter an diesem Tag war, wusste sie nicht, auch nicht, was sie tat. Sie hatten nie darüber gesprochen.

An alles andere erinnerte sich Lilly: Ihr Vater hatte stolz in seiner Stammkneipe von den Plänen seiner Tochter erzählt und schließlich auch ihre Mutter überzeugt. Er war der Meinung, dass die Sonne in Lillys Zeilen und Bildern die Seele wärmte und an unbeschwerte Stunden denken ließ.

„In Paris wird man Lillys Talent fördern, denn unsere Tochter hat die Gabe, durch ihre geschriebenen Worte das Herz für die Liebe zu erwärmen und in ihren Bildern dem Licht des Augenblicks und der Farbe eine besondere Bedeutung zu geben“, hatte er seine Entscheidung begründet. „Sie ist eine begabte Schriftstellerin und eine fantastische Malerin. Erkennst du das denn nicht, Magda?“

Ihre Mutter hatte sie daraufhin bis vor ihrer Abreise abweisend und streng behandelt wie in den Jahren zuvor. Vielleicht hätte sie selbst gern einige Semester in Paris studiert. Vielleicht war sie eifersüchtig und fand es ungerecht, dass ihr in der Jugend der Wunsch verwehrt geblieben war, in Paris zu studieren oder dort die Liebe zu kosten. Vielleicht hatte ihre Mutter mal mit dem Teufel paktiert und Gott hatte ihr deshalb einiges vorenthalten.

„Mama, die Liebe ist doch die schönste Sache der Welt. Man bleibt die ganze Nacht wach oder steht früh um vier auf, um entlang der Seine zu spazieren“, hatte Lilly eines Tages in der Küche gesagt, während sie ihrer Mutter beim Abwaschen half.

Ihre Mutter hielt ihre Hände ins heiße Wasser, den Rücken bequem über das Becken gebeugt. Ihre Blicke begegneten sich zuerst im Glas des Küchenfensters. Lilly wandte sich nicht verlegen ab, sondern hielt den Blick fest, als hätte sich über dem Kopf ihrer Mutter eine Art Sprechblase gebildet, in der sie ihre Gedanken lesen konnte.

Lilly zog die Stirn ein wenig in Falten, und ihre Mutter, der es nicht behagte, dass Lilly ihr mit ihren dunklen Augen so ungeschützt ins Gehirn schauen konnte, schenkte ihrer Tochter ein kurzes Lächeln.

„Wenn Gott nicht bereit ist“, fuhr Lilly fort, „mich in dieser Stadt auch mit der Liebe bekanntzumachen, soll er mich eben sterben lassen, auf welche Weise auch immer.“

Ihre Mutter tippte sich an die Stirn. „Du weißt nicht, was du da sagst, Kind.“

Kind? Verdammt, sie war erwachsen. Sie grinste. „Doch. Aber …“

Ihre Mutter runzelte die Stirn. „Aber was, Lilly?“

„Papa hat immer gesagt, dass deine Maschine, in der dein Gott es sich gemütlich gemacht hat, manchmal zu altmodisch tickt.“

Eisige Stille.

Lilly sah ihrer Mutter in die Augen, die einen eigenartigen Glanz bekamen. Auch ihr Lächeln war erloschen.

Ihre Mutter tauchte ihre Hand in das Spülbecken. Unversehens klatschte sie Lilly den nassen Lappen an den Kopf. Sekunden später traf Lilly die flache Hand und sie spürte den Schmerz auf ihrem Gesicht. „Wie kannst du es wagen! Geh mir aus den Augen! Verschwinde.“

Das Wasser tropfte über ihre Schultern und in den Ausschnitt ihrer Bluse. Lilly zuckte mit den schmalen Schultern, kicherte und täuschte Gleichgültigkeit vor.

In der Nacht hatte damals der Blick ihrer Mutter sie aber nicht einschlafen lassen. Sie hatte sich seitdem häufiger gefragt, was wohl der wahre Grund für die heftige Ohrfeige gewesen sein mochte und ob ihre Gedanken tatsächlich eine große Sünde wären. Chloé war jedenfalls ebenso dieser Meinung. Es gäbe doch wichtigere Dinge als die Liebe, behauptete sie. Aber diese anderen Dinge konnten Lilly gestohlen bleiben.

Vor ihrer Abreise hatte sie noch feurige Liebesgedichte an ihren imaginären Monsieur Inconnu geschrieben, die nicht frei von frechen Andeutungen gewesen waren. Eines Tages hatte ihre Mutter beim Aufräumen die erotischen Zeilen an ‚den Unbekannten‘ unter der Matratze entdeckt, ihrem Vater gezeigt und einen Streit entfacht. Nach Ansicht ihrer Mutter besudelte sie mit Worten wie ‚Knospen‘ oder ‚Vulva‘ nicht nur sich, sondern den Ruf der ganzen Familie.

Während ihre Mutter sie den ganzen Tag verflucht hatte, hatte ihr Vater nur gelächelt.

„Wir müssen loslassen, Magda. Lilly kann in Paris bei meiner Schwester Berthe wohnen. Sie vermietet doch ihre Appartements an Studenten aus gut situiertem Elternhaus. In Paris kennt zudem niemand ihre Geschichte. Aber hier in der Provence …“ Er blickte dabei über den Brillenrand, sah den stillen Protest in den Augen seiner Frau. „… Und Chloé sollte auch endlich ein eigenes Leben führen können“, fuhr er fort. „Sie hat sich schon zu lange um Lilly gekümmert. Die ‚ältere Schwester‘ ist nicht zwingend eine Berufsbezeichnung und …“

Ihrer Mutter war die Röte ins Gesicht gestiegen. „Moment mal“, unterbrach sie. „Das scheint ja dann beschlossene Sache zu sein. Ich … ich weiß auch nicht. Berthe ist eine Tratschbase. Schon deshalb behagt mir der Gedanke nicht sonderlich.“

„Berthe hat all die Jahre geschwiegen und sie wird sich auch jetzt nicht zu dieser alten Geschichte äußern.“

„Schon gut. Ich bin nur verunsichert. Lilly allein in Paris. Ich muss dir auch noch etwas gestehen. Ich habe Lilly neulich geohrfeigt und konnte ihr nicht sagen, dass es mir leid tut.“

„Ach, Magda, lass los. Du musst sie endlich loslassen“, hatte ihr Vater geantwortet und ihre Mutter dabei zärtlich umarmt. „Lilly geht es doch gut.“

„Bist du dir da sicher, Benedikt?“

„Absolut.“

Ihr Vater hatte auch Chloé einen Vortrag gehalten. Der Punkt war, dass ihre Schwester es immer als notwendig angesehen hatte, die große Beschützerin zu sein – einen Job, für den sie sich wohl als geeignet hielt. Chloé war immer für sie da gewesen, hatte sie vor vielen Jahren in eine Welt zurückgeholt, der sie als fünfjähriges Kind entrissen worden war. Sie selbst hatte an diesen Abschnitt ihres Lebens kaum noch Erinnerungen. Sie wusste nur, dass es Chloé gewesen war, die sie als erstes Familienmitglied an der Haustür stürmisch begrüßt und in die Arme genommen hatte.

Chloé hatte seitdem beschlossen, dass ein wesentlicher Bestandteil ihres Lebens sein würde, auf ihre kleine Schwester aufzupassen. Es hatte Chloé getröstet, die damals überlegene, reife große Schwester zu spielen, die das eigensinnige, unbedachte kleine Mädchen maßregelte, vermutete Lilly. Sie ahnte, was Chloé ihretwegen hatte durchmachen müssen, nachdem sie immer wieder davongelaufen war oder sich auf dem Spielplatz nach einem sinnlosen Geplänkel von Chloé losgerissen hatte. Einmal war sie nach dem stundenlangen Umherirren auf einer Bank eingeschlafen, wo die Polizei sie auffand und wieder nach Hause brachte.

Chloé hatte ihr als Kind das Versprechen abgenommen, nie wieder so etwas Verrücktes zu tun, wie davonzulaufen, und Lilly hatte ihr Wort gehalten. Die Erinnerung an diese Zeit hatte sie jedoch verloren, sie existierte nicht, und die unmittelbare Zeit danach hatte sich im Laufe der Jahre ebenfalls verflüchtigt. Auch wurde der Vorfall, wie ihr Vater ihr Verschwinden einmal genannt hatte, von der Familie mit keinem Wort mehr erwähnt. Ob das die Geschichte war, über die Berthe nicht sprechen sollte? Lilly hatte da so ihre Zweifel. Wenn sie in Paris war, würde sie der Sache auf den Grund gehen.

„Man spricht nicht über Gott, wenn der Teufel neben ihm steht“, hatte ihre Mutter einst auf ein Hinterfragen geantwortet. Mehr kam nicht. Von niemandem.

Eine Frage, drei ausweichende Antworten ihrer Familie und dieses kleine Lächeln ihrer Mutter, ganz sie selbst. Ja, so war ihre Mutter.

„Lilly geht nach Paris, an die Sorbonne“, hatte ihr Vater eines Tages gesagt. „Das Kind hat Talent. Ende der Nörgelei, Magda. Ende der Diskussion!“

Lilly erinnerte sich an den Blick ihrer Mutter: die Augen geöffnet, so als hätten sie sich verausgabt, glasig, als sei das Leben aus ihnen erloschen. Keine Antworten. Kein Lächeln.

Am Tag ihrer Abreise waren die Nerven mit Lilly durchgegangen, vielleicht, weil sie in der Nacht schlecht geschlafen hatte, und fast wären sie alle im Streit auseinandergegangen. Sie war früh aufgestanden, hatte gefrühstückt, sich angezogen und war gegen acht Uhr reisefertig. Sie schaute nur noch einmal in ihrem Zimmer nach, ob sie nichts Wichtiges vergessen oder übersehen hatte mitzunehmen. Immerhin würde Lilly über zwei Jahre in Paris bleiben, vielleicht sogar für immer. Wer wusste das schon. Aber dann hatten ihre Eltern den Abschied hinausgezögert. Ihr Vater stand stumm da und schaute sich um, als prüfte er, ob alle Dinge an ihrem Platz waren, oder als müsste er sich einprägen, was wo stand oder lag, wie das so war bei den letzten Blicken zurück. Dann hatte er sie angesehen und Tränen in den Augen gehabt, als wäre es ein Abschied für immer.

„Mama! Ich reise ab. Das Taxi wartet“, hatte sie gerufen.

„Ich bin noch nicht fertig, Lilly!“

„Konntest du dich nicht vorher umziehen, Mama?“, nörgelte Chloé.

„Vorher?“, rief ihre Mutter. „Du bist ja gut, Chloé. Vorher habe ich Lillys Koffer gepackt, während du dich vor dem Spiegel bewundert hast. Und …“

„Apropos im Spiegel bewundern, Mama“, fiel Lilly ihrer Mutter ins Wort.

„Das reicht, Lilly“, mischte sich ihr Vater ein, der nicht mehr um seine Fassung rang. „Mama hat das Recht, ihre Tochter zum Abschied beeindrucken zu wollen.“

Lilly zuckte die Schultern. „Kein Grund, sich wie eine Transe anzuziehen.“

„Wie eine Transe? Vielen Dank, mein Kind.“

Lilly ging auf ihre Schwester Chloé zu und schenkte ihr einen Blick voller Zärtlichkeit und ein Lächeln, aber keine Umarmung. Sie küsste niemanden, nicht Chloé, nicht Papa, nicht einmal ihre eigene Mutter.

An der Haustür hielt ihre Mutter sie einen Moment zurück. „Du denkst, dass ich dich nicht liebe, dich nicht verstehe, Lilly. Du hast recht. Ich verstehe dich nicht. Aber ich liebe dich.“ Sie hob ihren Zeigefinger und tippte Lilly an die Stirn. „Das kannst du dir aufschreiben für einen deiner zukünftigen Romane! Wie alt bist du jetzt?“

„Das weißt du doch, Mama. Ich bin einundzwanzig.“

Und wieder kein Lächeln, kein Nicken, kein Verständnis.

„Hör zu, Lilly. Tue einfach das, was du zu tun hast. Ich sag dir das nur für die Zukunft. An die musst du denken. Ich bedaure die Zeit, die wir beide in den vergangenen Jahren verloren haben, die ich verloren habe. Du denkst genau wie dein Vater. Ihr seid euch sehr ähnlich.“

„Was redest du denn da, Magda? Halt den Mund!“, sagte ihr Vater in einem barschen Ton.

Lilly sah das Entsetzen im Gesicht ihres Vaters. Sie verstand das alles nicht. Ihre Mutter sagte immer „dein Vater“ und ihr Vater tat das Gleiche, wenn er von Mama sprach, dann sagte er „deine Mutter“. Das war nicht fair. So versuchten sie, sich aus der Affäre zu ziehen, indem sie taten, als wäre sie diejenige, die für alles verantwortlich war. Das nächste Mal würde sie besser auf eine plötzliche Gefühlsduselei ihrer Mutter vorbereitet sein. Sie eilte zum wartenden Taxi, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Kapitel 2

 

Ruhig und schmal war sie, die Rue Vernet. Sie verlief nahe dem Triumphbogen, parallel zu den Pariser ‚Champs‘, den Champs-Élysées, innerhalb des legendären ‚Goldenen Dreiecks‘. Das historische achtstöckige Gebäude von Berthe Blancart fügte sich mit architektonischem Feingefühl in die faszinierende Straße ein.

Lilly wusste, dass ihrer Tante das Gebäude vor vielen Jahren neben einer großzügigen monatlichen Apanage nach ihrer Scheidung von ihrem Exmann Émile zugesprochen worden war. Seitdem bewohnte sie im obersten Stockwerk eine lichtdurchflutete 250-m²-Wohnung mit einem atemberaubenden Ausblick auf Paris.

Lilly mochte Tante Berthe auf Anhieb. Auf ihr Klingeln öffnete eine ältere Dame von mittelgroßer, zierlicher Gestalt die verglaste Eingangstür. Obgleich sie mittlerweile siebzig Jahre alt und Lilly sie seit zehn Jahren nicht mehr gesehen hatte, erkannte sie ihre Tante sofort.

Berthe musste einst eine vollendete Schönheit gewesen sein. Ihre lebhaften, großen, braunen Augen, ihre langen Wimpern, ihr Blick, sanft und bescheiden. Das dunkle Haar war von Silberfäden durchzogen und kurz geschnitten.

„Herzlich willkommen, Lilly. Wie sehr ich mich darüber freue, dass du dich durchsetzen konntest, ma chérie.“

Ihre Tante umarmte sie und drückte sie fest an sich. „Deine Mutter hat bestimmt getobt wie ein Berserker.“

„Stimmt, Tante Berthe.“

„Nenn mich bloß nicht Tante. Ich bin doch keine alte Frau. Berthe reicht vollkommen.“

Berthe nahm ihre Hand und musterte sie von oben bis unten. „Du bist ja eine echte Schönheit geworden, Lilly. Lhomme de Paris wird dir zu Füßen liegen. Aber komm erst einmal herein.“ Sie lächelte. „Ach was, nicht nur ein Mann, alle Männer werden dich umschwärmen wie eine Motte das Licht. Du wirst in das Apartment La chambre du grain im sechsten Stockwerk einziehen, Lilly.“

Traubenzimmer?“

„Unsere Appartements haben alle einen Namen. Die Wohnung wird dir gefallen, mein Kind. Sie ist nur für Familienmitglieder und allerbeste Freunde bestimmt, weil mich dort alles an Émile erinnert, den ich sehr geliebt habe.“

„Wer ist Émile?“

„Mein verstorbener Ex-Mann. Er war ein leidenschaftlicher Winzer und hat mir dieses Haus hinterlassen. Im Appartement hängen an den Wänden deshalb auch die schönsten Fotografien und Aquarelle von unserem Weingut, La perle du soleil‘ in Vaison-la-Romaine.“ Beatrice seufzte selig. „Wenn du dich eingelebt hast, mein Kind, dann werde ich dir einige wundervolle Weine hochbringen lassen. Wir stoßen heute Abend auf deine Ankunft an!“

„Am ersten Abend beschwipst in Paris? Das gefällt mir!“

Wenig später bezog Lilly das sonnendurchflutete Apartment in der sechsten Etage. Grün-, Blau- und Violett-Töne dominierten, weshalb es den Namen Traubenzimmer erhalten hatte. Das Wohnzimmer war mit hell gehaltenen Möbeln und floralen Textilien möbliert. Eine Ledercouch und zwei Stoffsessel schimmerten in dezentem Violettblau, die Flügeltüren in Weiß lackiert. Das riesige Badezimmer und die praktische Einbauküche waren sehr modern und erst kurz vor ihrer Ankunft fertiggestellt. Der Rosenduft, den der Duftspender Lampe Berger verströmte, konnte den Geruch von frischer Farbe nicht gänzlich vertreiben. An der langen weißen Theke standen zwei Barhocker, mit weißem Leder bezogen. An den Wänden hingen zarte Aquarelle. Berthes Ehemann Émile hatte den einmaligen Zauber und das besondere Licht der Provence mit Pinsel und Farbe auf seinen Bildern eingefangen. Sie bestachen nicht nur durch idyllische Motive. Vielmehr entführten die Aquarelle den Betrachter in die Provence. Sie machten Lust auf einen Spaziergang durch die von der Sonne liebkosten Weinberge oder die farbintensive Landschaft.

Pariser Flair stellte sich ein beim Öffnen der Fenster, beim Blick über die Dächer, stets unterlegt mit dem entfernten Summen der Stadt. Sie ließ den Blick weiter hinauf wandern, auf die schmiedeeisernen Balkongitter, die Stuckfassaden, die Balustraden, die ausgefahrenen Markisen, auf die Terrassen mit den Geranien und die Wäsche, die zum Trocknen an den Leinen hing und dachte: Was für ein idyllischer Ort und das im Herzen von Paris.

Die Appartements in den darunterliegenden Stockwerken hatte ihre Tante an Studenten vermietet, deren Eltern sich eine Mixtur aus französischem Charme des beginnenden 20. Jahrhunderts mit modernem Interieur leisten konnten.

Berthe hatte das Gebäude vor vielen Jahren akribisch restaurieren lassen. So war es ein Genuss, das Frühstück unter der Jugendstil-Glaskuppel in ihrem Salon einzunehmen, zu dem Berthe die Bewohner des Hauses jeden Sonntag einlud. Hinter dem Gebäude lag ein kleiner, aber prächtiger Park.

Lilly ließ – nachdem sie die Koffer ausgepackt und ein Bad genommen hatte - ihren Blick über den Garten schweifen: Die perfekt gepflegten Wege, Steinstufen aus rötlichem Granit, verbanden die einzelnen Kunstobjekte des Gartens, Rosen- und Lavendelbeete und eine alte Eiche miteinander. Weiter hinten arbeitete ein älterer Mann mit einem Strohhut auf dem Kopf, der Lilly spontan an Vincent van Gogh erinnerte. Über seinem Kopf flatterten bunte Schmetterlinge hin und her, als würden sie ihm Anweisungen geben.

Das muss Jérôme sein, dachte sie, der den Garten und das Haus in Ordnung hielt. Er hörte kurz mit dem Rechen des Laubs auf, als er sie auf der Terrasse entdeckte, winkte ihr zu und rief: „Bonjour, Mademoiselle Lilly.“

Sie hob die Hand und erwiderte seinen Gruß. „Bonjour, Monsieur Jérôme.“

Wenige Tage nach ihrer Ankunft stand sie am Morgen schon um sechs Uhr auf, ging ins Badezimmer und fegte mit einem Schwung den Inhalt des Medikamentenschränkchens in den Abfalleimer. Bewusst erleben, lautete ab sofort ihre Devise. Ich brauche keine Medikamente gegen gelegentlich auftretende Verstimmungen. Die rosafarbenen Pillen umnebelten nur ihr Hirn. Sie fühlte sich klar und frisch wie ein sprudelnder Wasserfall. Paris – die Stadt der Liebe - brachte sie dazu, sich wirklich gut zu fühlen. Und dieses Haus. Und Berthe. Wozu also Happy-Pillen?

Gegen zehn Uhr betrat sie in einem sackartigen Mantel, Petticoat und hochhackigen Schnürschuhen zum ersten Mal das Pariser Café de Flore. Das im Quartier Saint-Germain-des-Prés gelegene Café befand sich an der Ecke des Boulevards Saint-Germain 172 und existierte seit 1887. Seinen Namen verdankte das Café einer Skulptur der Göttin Flora, die auf der anderen Straßenseite stand. Intellektuelle wie Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir sowie Künstler wie Alberto Giacometti oder Pablo Picasso waren dort regelmäßige Gäste gewesen. Jedes Jahr wurde dort im November der Literaturpreis ‚Prix de Flore‘ verliehen.

Das Café de Flore kannte keine Sperrstunde, wie sie von Fee erfahren hatte. Sie schmunzelte bei dem Gedanken an ihre neue Freundin. Sie hatte Berthes temperamentvolle Tochter, die eigentlich Felicitas hieß und aus der zweiten Ehe ihrer Tante mit einem spanischen Investmentbanker stammte, bei Berthes Sonntagmorgen-Frühstück kennengelernt.

Fee bewohnte im vierten Stockwerk das skurrile Apartment Quest-ce que cest que cela?, das sie mit Was zum Teufel ist das denn?, übersetzte. Fee studierte Archäologie und Kunstgeschichte an der Sorbonne. Von ihr erfuhr Lilly auch, dass Künstler im Café de Flore für wenig Geld einen Tisch für die ganze Nacht besetzen konnten. Wenn sie einschliefen, durften die Kellner sie nicht wecken. Es gab aufgrund von Meinungsverschiedenheiten oder übermäßigem Alkoholkonsum häufig Streit unter den Studenten und Künstlern, aber die Polizei scherte sich dort nicht um Prügeleien. Das Café de Flore war in Lillys Augen der ideale Ort, sich um einen Studentenjob als Kellnerin zu bewerben und ihren 22. Geburtstag zu feiern.

Sie bekam den Job und war so glücklich, dass sie am liebsten die ganze Welt umarmt hätte. Sie fühlte sich wie ein Schmetterling, der bald seinen Kokon verlassen sollte.

Kapitel 3

 

Armand Declerque warf lächelnd einen letzten Blick auf den Vertrag. Dann legte er die Mappe beiseite und lehnte sich auf dem Rücksitz seiner Limousine zurück. Er hatte vor einer halben Stunde den Auftrag erhalten, den prunkvollen Palast einer arabischen Prinzenfamilie auszustatten, der mit seinen in allen Schattierungen der Wüste schimmernden Fassaden an die großen Gebäude des ‚Alten Orient‘ erinnerte. Das Anwesen sollte nun eine ebenso wertvolle Innenausstattung erhalten.

Als sein Autotelefon Signale von sich gab, sah er auf das Display, das den Namen seines Geschäftspartners und Freundes Tom Becker anzeigte.

„Hallo, Tom.“

„Ist der Vertrag unter Dach und Fach?“

Armand grinste und zwinkerte seinem Chauffeur zu, der ihn im Rückspiegel ansah.

„Sie waren sehr angetan von deinen Entwürfen, Tom. Die Verträge sind unterschrieben.“

„Das ist fantastisch. Für welche Motive haben sie sich denn entschieden?“

„Auf den Etagen werden die Bildfragmente entstehen, die die historische Bedeutung des Emirats und einiger Länder der Welt zeigen, mit denen die Fürstenfamilie gute Geschäftsverbindungen unterhält.“ Er lächelte. „Wir werden ein kleines Vermögen mit dem Auftrag verdienen.“

„Großartig. Und was machst du jetzt? Feiern?“

„Das habe ich vor. Im Moment hält mich nur ein Stau auf dem Boulevard St. Germain davon ab.“

„Wo soll's denn hingehen?“

Verdammt, dachte Armand. Wie er solche Fragen hasste. „Café de Flore. Und weil du es so genau wissen willst: Es wird mal wieder Zeit, die Fronten zu wechseln“, schnaubte er in das Autotelefon.

Das überraschte Auflachen seines Freundes am anderen Ende der Leitung zerrte an Armands Nerven. Tom konnte es einfach nicht lassen, sich in sein Leben einzumischen.

„Warum so gereizt? Du hast doch eine große Auswahl. Nimm dir doch eine aus deinem riesigen Fanclub und schlepp sie in deine Beischlafhöhle.“

Der flapsige Ratschlag seines besten Freundes wäre vielleicht ganz nützlich gewesen, wenn Armand den Frauen in seinem Leben hätte trauen können. Aber leider war dem nicht so, wie die Vergangenheit nur allzu oft gezeigt hatte.

Obwohl verheiratet, war er nicht mehr bereit, für die Ehe und seine Frau Jo einzustehen. Ihre Ahnungslosigkeit und ihre gewohnte liebenswürdige Art raubten ihm den Atem, stumpften ihn ab. Es war ein Fehler gewesen, seine Jugendliebe zu heiraten. Dennoch waren ihm der Frieden ihrer Seele und ihre Ruhe wichtig. Er würde Jo niemals verlassen, denn er wusste, dass sie ihn liebte. Sein Zuhause sollte ein Ruhepol bleiben, den er für den Rückzug von einer Amour fou oder einem anstrengenden Arbeitstag brauchte. Doch beim Abendessen erschauderte er mitten im Gespräch manchmal beim Gedanken an seinen Betrug und vergaß, auf das zu achten, was um ihn herum gesprochen wurde. Dann dachte er an die Frauen, mit denen er seine Frau betrog. Den Gedanken verwarf er aber immer ebenso schnell, wie er gekommen war. Er gehörte nun mal zu der Sorte Mann, die im Leben aber und abermals die Blüten der Lust pflückte, und konnte kaum einer schönen Frau widerstehen.

„Vielleicht investierst du zur Abwechslung mal ein wenig Gefühl“, fuhr Tom fort. „Ich …“

„Und riskieren, dass alles den Bach runtergeht?“, fiel er Tom ins Wort. „Du müsstest mich eigentlich besser kennen. Etwas so Wichtiges wie eine Amour fou sollte nicht durch Gefühle verkompliziert werden.“

Armand seufzte. Seine aktuelle Geliebte Claire stellte neuerdings Forderungen. Sie begnügte sich nicht mehr mit zwei Schäferstündchen pro Woche. Sie sehnte sich nach einem gemeinsamen Urlaub, einem gemeinsamen Wochenende, einer gemeinsamen Zukunft, einer rechtlich bindenden Vereinbarung. Eine grausige Vorstellung.

„Ein paar von den Frauen“, fuhr Tom fort, „mit denen du gelegentlich hier aufkreuzt, würden sicher nur zu gerne mit dir, einem Mann mit etlichen Millionen auf dem Konto, ein lockeres Verhältnis besiegeln wollen. Du genießt nicht nur den Ruf eines skrupellosen Herzensbrechers, sondern auch den eines spendablen Liebhabers.“

Armand schmunzelte. Daran habe ich aber auch verdammt hart gearbeitet. „Ich wünsche mir etwas Unkompliziertes, eine Frau, die sich auf mich und meinen Terminkalender einlässt. Dafür werde ich sie fürstlich verwöhnen.“

„Du wünschst dir eine Frau mit Ausstrahlung, mit Selbstbewusstsein, eine, die deinen Jagdtrieb auslöst, die unabhängig ist und nicht klammert, die erfolgreich ist, allerdings nicht erfolgreicher als du. Wie wärs mit einer Bordsteinschwalbe. Ist einfacher und billiger. Oder du rufst eine Dating-Agentur an. Mit Profis hat man keine Probleme. Die Mädels dort haben andere Zielvorstellungen.“

Armand seufzte. „Klingt romantisch, aber ist dennoch Blödsinn. Irgendwann machen sie alle Probleme. Und wo ist dann der Unterschied?“

„Anscheinend sind aber die Dienste solcher Agenturen gefragt.“

Armand lachte und verschluckte sich prompt. „Ach … Kann es sein, dass mein bester Freund diese Dienste schon einmal in Anspruch genommen hat?“

„Quatsch. Aber mit einem Profi ist es einfacher. Weiß Jo eigentlich von deinen Eskapaden, Armand?“

„Keine Ahnung. Wenn sie etwas weiß, lässt sie es sich nicht anmerken. Ich möchte aus dieser Ehe aussteigen, aber ich möchte Jo nicht verletzen. Diese Ehe war von Anfang an ein Fehler.“

„Das habe ich kommen sehen. Jo hat etwas Besseres als dich verdient.“

An einer Ampelkreuzung, einer Straßenecke vom Café de Flore, gab es einen gewaltigen Rückstau.

Verdammt. Wie er solche Gespräche hasste! „Ich muss Schluss machen.“

„Ich hoffe, du weißt, was du tust.“

Er hatte förmlich Toms missbilligenden Gesichtsausdruck vor Augen. „Ich weiß, wie man erfolgreich Geschäfte macht.“

„Ja, richtig. Die Misserfolge hebst du dir für deine Beziehungen auf. Also …“

„Fahr zur Hölle, Tom!“, sagte er und beendete das Gespräch. Er ließ das Telefon in die Jackentasche gleiten, lehnte sich zurück und dachte an Claire, die er später treffen wollte.

Claire. Schön, blond und eigentlich schon auf der Abschussliste, weil sie Wert darauf legte, die Einzige zu sein. Der Gedanke, sie hinters Licht zu führen, behagte ihm nicht. Er war vielleicht ein Mistkerl, aber niemals grausam. Sicher gab es Frauen, die anderer Meinung waren – die Klatschblätter bezeichneten ihn gelegentlich als selbstverliebten Womanizer. Die Realität war aber nur eine launische Schlampe. Er sehnte sich nach einer Frau, mit der er sein Leben verbringen wollte.

Kapitel 4

 

Durch einen rasanten Spurwechsel schaffte es sein Fahrer schließlich bei Gelb über die Ampel und brachte den Wagen am Boulevard Saint-Germain 172 vor dem blau-weißen Café zum Stehen.

Armand stieg aus. Ohne die Menschen auf dem Bürgersteig zu beachten, ging er zur Eingangstür und betrat das Café de Flore. Der köstliche Duft frisch gemahlener Kaffeebohnen stieg ihm sofort in die Nase.

An der Bar rannte ihn eine junge Frau fast um. „Hey, Armand. Du hast dich gar nicht verändert. Wie ist das möglich? Ein Vertrag mit dem Teufel?“

„Tut mir leid, aber ich kenne Sie nicht.“

„Ach, jetzt komm schon, du alter Schwerenöter. Ich bin es, Sofia.“

Sofia! Natürlich. Nach dem Gespräch mit Tom war die New Yorkerin die Letzte, der er heute in die Arme laufen wollte. Ihre kurze Affäre war daran gescheitert, dass Sofia ihm, wie sein Freund Tom, immer wieder gute Ratschläge in Sachen Verhalten erteilt hatte. „Sofia, ich glaubs nicht. Was machst du in Paris?“

Sie zeigte auf einen Tisch, ergriff seine Hand und führte ihn durchs Café. „Komm, Armand, setz dich zu uns! Leute, ich möchte euch meinen alten Freund vorstellen. Er ist unwiderstehlich. Aber nicht, weil er euch gleich einen überteuerten Drink spendieren wird“, rief sie und klopfte ihm auf die Schulter. „Das ist Armand, der mich vor sechs Jahren in die Wüste geschickt hat, weil …“

Ein Gelächter brach aus. „Oh … Oh …“

Er legte den Arm um Sofia. „Du siehst noch immer fantastisch aus, Sofia. Aber was soll ich jetzt mit dir machen?“

„Keine Ahnung. Dir wird schon was einfallen, Armand.“

„Gib mir deine Telefonnummer, dann gehen wir mal essen.“ Er gab dem Barkeeper ein Zeichen. „Ben, eine Runde für Sofia und ihre Freunde. Das geht auf mich.“

„Geht in Ordnung, Armand.“

Er zwinkerte Ben zu. „Und Ben, halte dich lieber zurück. Sofia liebt es, Männern wie uns gute Ratschläge in Sachen Liebe zu geben.“

„Schon gut, Armand“, erwiderte der Barkeeper und widmete sich wieder den Drinks.

Wenig später setzte Armand sich an seinen Stammplatz, Tisch drei, auf dem die aktuelle Ausgabe der Zeitung ‚Le Figaro‘ für ihn bereitlag. Er kramte den Vertrag aus seiner Aktentasche und überflog ihn noch einmal. Wenig später wurde ihm eine Tasse Kaffee hingestellt. Armand nickte nur, schaute nicht hoch. Er war vertieft in seine Zeitung.

Plötzlich spürte er einen bohrenden Blick. Neugierig hob er den Kopf. Mit einem Mal wurde es still um ihn, selbst das Stimmengewirr verstummte. Eine Märchengestalt? Das samtbraune Augenpaar, das ihn musterte, verengte sich reflexartig. Ein Blick streifte sein Gesicht, seine Hände, dann sprang er zu ihm zurück.

„Gehört ein ‚merci‘ nicht zu Ihrem Sprachschatz?“, fragte die junge Frau.

Sieben Worte. Sieben Worte in einer Stimmlage, die ihn sprachlos machte. Die Bedeutung drang leicht verzögert zu ihm durch.

„Wie bitte?“

Er wollte sich ohrfeigen. Das war das Dümmste, was er je zu einer Frau gesagt hatte. Sie hatte ihn mit ihrer Stimme und einigen Worten in einen Schuljungen verwandelt.

Sie lächelte. Perfekte Zähne blitzten auf. Ihre kecke, mit Sommersprossen übersäte Nase sah über den verlockenden, pinkfarbenen Lippen fast zu unschuldig aus.

Sag etwas!

Als sie sich wortlos umdrehte, vermisste er sie sofort.

Irgendetwas veranlasste ihn, auf der Stelle die Zeitung beiseitezulegen und das Café zu verlassen. Claire wartet auf dich, dachte er, aber er wusste, dass sein überstürzter Aufbruch nichts mit Claire zu tun hatte. Die Stimme einer jungen Frau hatte ihn völlig aus der Bahn geworfen, als hätte sich ein Vorhang geöffnet.

In meinen Träumen,

dem Tag entflohen,

sehe ich sie,

sehe unsere Kinder,

die wir nicht haben.

Spüre mein Verlangen.

Sehne mich.

Liebe.

Zärtlichkeit.

Verlangen.

Ich höre Musik,

fühle.

Geborgenheit.

Nähe.

Meine Seele, die sie berührt.

Und ich weiß,

wie einsam ich bin,

ohne sie.

Tiefe Finsternis,

und dennoch,

zu sehen ein Licht,

Zukunft …

Wieso dachte er gerade in diesem Moment an das Gedicht seiner Mutter? Die junge Frau löschte mit einem Lächeln seine Anspannung. Dieses Lächeln ohne jede Angst war es, was ihn schon einmal zuvor im Café de Flore veranlasst hatte, den Kopf nach ihr umzudrehen. Und so war er ihrem Blick begegnet, der vom anderen Ende des Cafés aus geradewegs auf seine Augen gerichtet war, so als galt er einzig und allein ihm.

Im Wagen fiel ihm ein, dass er sich nicht nach ihrem Namen erkundigt hatte.

Ein Fehler.

Ein dummer Fehler.

Kapitel 5

 

Im Café de Flore herrschte ein ohrenbetäubender Geräuschpegel – klappernde Teller und Besteck, eine zischende Kaffeemaschine, Eiswürfel, die zerstoßen wurden. An den Tischen und der Theke hatten sich Studenten zusammengefunden, die heftig diskutierten.

Lilly lief zwischen Küche und Theke, zwischen Tischen mit dem voll beladenen Tablett hin und her. Sie hielt ihr Gleichgewicht, „keine Glas- oder Porzellanscherben“, lautete ihr Motto, was ihr auch gelang.

Vielleicht lag es daran, dass sie endlich gut schlief oder an der Musik im Café, die jede Bewegung stimmig machte. Jedenfalls schien es seit ihrer Abreise so, dass sie morgens am richtigen Ort aufwachte. Vor ihr lag eine unberührte Zeit und niemand würde sie verlangsamen oder beschleunigen.

An den Tagen mit dem starken Pariser Nebel strömten die Leute ins Café und sie gestatteten ihr keine Atempause. Doch Lilly zog sie den ruhigen Tagen bei Weitem vor. In jenen Tagen war sie glücklich, obwohl sie noch immer nicht die Liebe kennengelernt hatte. Sie war glücklich über all die Dinge, die Paris ihr bot, auch wenn niemand sie in der Nacht liebevoll an sich zog und ihren Körper mit heißen Küssen bedeckte. Jedes Mal sagte sie sich, wie seltsam es doch mit der Liebe war und dass ausgerechnet die wichtigste Sache der Welt sich nicht herbeizwingen ließ.

„Lilly! Tisch drei! Beeil dich, er möchte, dass du ihn bedienst.“

Sie wendete den Kopf. Sie kannte den Mann, der dort saß, und sah sein Lächeln, das sie verwirrte – ein Lächeln, das sie aufforderte, unverzüglich an den Tisch zu eilen, um seine Bestellung aufzunehmen, ein Lächeln, das sie vor wenigen Tagen schon einmal bemerkt hatte.

Vorsicht, Lilly!

Sie nahm den Bestellblock aus der Schürze. „Etwas zu essen vielleicht?“

„Sie haben einen Akzent. Kommen Sie aus Deutschland? Wie ist Ihr Name?“

„Ach. Haben Sie Ihre Sprache wiedergefunden? Mein Name ist Lilly. Was darf es denn sein?“

„Essen Sie mit mir zu Abend, Lilly!“

Diese Augen. Blau wie eine ‚Muscat bleu‘-Traube.

Sie lehnte sein Angebot freundlich ab. „Ich darf mich während meiner Dienststunden nicht zu den Gästen setzen, Monsieur ?“

Er lächelte. „Armand Declerque. Ich habe alle Zeit dieser Welt, bin nicht hungrig und würde Sie später gerne in ein anderes Lokal einladen, in ein besseres als dieses.“

Lilly wurde verlegen, Armands Charme ließ sie nicht gleichgültig. In diesem Teil der Stadt war Eleganz ebenso rar wie in ihrem Leben. Er musterte sie mit seinen blauen Augen, aber sie wandte den Blick ab.

„Das ist wirklich sehr freundlich von Ihnen“, murmelte sie. „Aber ich kann jetzt nicht.“ Sie zeigte auf eine junge Frau, die soeben völlig außer Atem das Café betrat.

„Ich gehe heute Abend mit einer Freundin zum Essen. Ein anderes Mal vielleicht“, sagte sie leise und ging auf ihre Freundin zu.

„Ich bin spät dran, entschuldige, Lilly, aber ich hatte heute einen Tag voller Wahnsinn“, sagte Fee und kletterte auf einen der Barhocker. „Ich habe meine Arbeit über Dante vermasselt. Pierce Brosnan war sauer, weil ich die Homosexualität des Dichters nicht gewürdigt habe. Woher soll ich denn wissen, dass der schwul war?“ Sie schüttelte ihr langes, braunes Haar. „Ein Hundewetter da draußen!“

Lilly beugte sich zu ihrer Freundin. „Wer ist Pierce Brosnan?“

„Na, mein Dozent, der sieht wie dieses Sahneschnittchen von Schauspieler aus. Du hättest mal sein Statement über das weibliche Begehren hören sollen. Der Typ ist bestimmt auch schwul.“

„Bitte, sprich leiser, Fee.“

Fee sah sich um. „Wer soll uns denn hier zuhören? Diese Grünschnabelstudenten? Weißt du, weibliches Begehren wird unterschätzt. Frauen suchen Abwechslung und finden Wege, sich diese zu verschaffen. Typisch männliches Sexualverhalten kann man in vier Worten zusammenfassen: Er kam – und ging. ‚Frauen dagegen rücken beim zweiten Date mit dem Möbelwagen an‘, behauptet mein Dozent Hornochse. Angeblich witzeln Männer am Stammtisch über dieses Zeug. Der ewig lüsterne Mann trifft auf die vom Brautkleid träumende Frau, die ihre Sexualität lediglich einsetzt, um ihn an sich zu binden.“

„So was gibt der von sich?“, fragte Lilly erstaunt. „Vielleicht weil solche Klischees ja auch lange von der Wissenschaft gestützt wurden.“

Fee nickte. „Vermutlich. Wer menschliches Sexualverhalten interpretiert, zieht die Evolutionsbiologie zurate. Für weibliche Säugetiere können ein paar Minuten Paarung erhebliche Langzeitfolgen haben: Schwangerschaft, Stillzeit, Aufzucht der Jungen. Das Männchen dagegen geht seiner Wege und sucht weitere Gelegenheiten. Ich habe dem Hohlkopf widersprochen und seine Thesen infrage gestellt. Daraufhin lädt er mich zum Essen ein? Hallo?“

„Komm jetzt mal runter, Fee! Schau dir lieber mal den Mann in der Nische an Tisch drei an! Sieht er nicht umwerfend aus?“

„Der mit der dunklen Lederjacke? Hab schon gesehen Lass die Finger davon! Such dir lieber ein Abenteuer mit einem Wuschelkopf in ausgelatschten Turnschuhtretern.“

„Oh … gleich die ganz großen Worte der Warnung“, flüsterte Lilly enttäuscht. Du gehst mit Pierce Brosnan essen und ich soll mich mit einem Grünschnabelturnschuh vergnügen?

„Lilly, ich habe Mama versprochen, auf dich aufzupassen. Dein letztes Abenteuer hat dich beinahe das Leben gekostet.“

„Quark. Das Leben gekostet.“ Sie schnaubte verächtlich. „Ich hatte einen Kreislaufzusammenbruch. Wenn ich da an deine letzte Eroberung denke …“

Fee grinste. „Sie war aber auch so süß.“

„Sie war achtzehn, Fee!“

„Ja, ich weiß. In ihren Augen war ich eine fünfundzwanzigjährige alte Schachtel. Egal. Heute sind die Mädels schon mit Sechzehn erwachsen. Schau dich an. Da kommt so ein Typ mittleren Alters, der neben Lebenserfahrung auch Schotter in der Tasche hat, und du flippst aus. Wenn ich dir diesmal das Schlimmste ersparen könnte, wäre mir das sehr lieb. Beim Anblick dieses spießigen Schlipsträgers kriege ich Pickel.“

„Ich verstehe nicht, warum du das sagst, Fee.“

„Weil diese Sorte Mann die schlimmste ist. Und ihr beide? Lehrer und Novizin, sage ich da nur!“

„Welche Sorte?“

„Typen wie diese! Der schaut schon so abgeklärt, so äh finster verheiratet.“

„Finster verheiratet? Na und? Es ist besser, gelegentlich betrogen zu werden, als niemandem mehr zu vertrauen.“

„O Lilly ? Wo hast du das denn schon wieder her?“

„Mach den Mund zu, Fee. Ich glaube, du irrst dich. Auf mich macht er einen unheimlich netten Eindruck.“

Fee lachte laut auf. „Wie ein Krokodil vor einem Schweinefilet!“

„Warum dieses schnelle Urteil, Fee?“ Die tiefe Stimme von Armand traf Fees Nacken und sie fuhr zusammen.

Fee rollte mit den Augen. „Der Weg zum Herzen eines Mannes geht nicht durch den Magen. Das wäre viel zu hoch gezielt! Weibliche Wesen passen auf, mit wem sie sich einlassen, männliche neigen zur Promiskuität. Wie im Tierreich so auch im menschlichen Leben.“

Er lachte laut auf. „Glauben Sie, dass Frauen zurückhaltend und bindungsorientiert sind, Männer hingegen stets paarungswillig? Hinter der Fassade konventioneller Rollenmuster sind Frauen nicht treuer als Männer. Dies gilt nicht nur für menschliche Wesen. Langzeitbeobachtungen an Affen brachten ans Licht, dass auch im Tierreich die Weibchen aktiv nach sexueller Abwechslung suchen.“

„Pah! Affen! Bei den Männern erkennt man ja auch, woher sie kommen: aus dem Affenstall!“

„Fee!“, rief Lilly empört.

„Was denn?“ Fee sah wieder zu Armand. „Beim Gehirnscan der Erregung zeigt sich die verstärkte Sauerstoffzufuhr zuerst im Kleinhirn, das hauptsächlich für die Koordination von Sinneserfahrungen und Bewegungen zuständig ist. Der Mann sieht einen hübschen Po oder einen Busen und schon denkt er an das ‚ins Körbchen gehen‘. Die weibliche Sexualität reagiert kaum auf optische Reize, behaupten weniger kluge Köpfe.“

„Diese weit verbreitete Überzeugung konnte mittlerweile einwandfrei widerlegt werden. Frauen sprechen sogar auf eine größere Vielfalt von Erotikfilmen an als Männer. Frauen leiden unter schwindendem sexuellem Verlangen und wünschen sich mehr Lust“, konterte Armand.

„Und weil Sie so schlau sind, stehen Sie jetzt hier?“ Fee sprang vom Barhocker. „Ich warte draußen auf dich, Lilly“, erwiderte sie und verließ das Café.

Armand runzelte die Stirn.

„Verstehe“, entgegnete er. „Sie mag mich nicht.“

„Fee übertreibt manchmal und außerdem hat sie es nicht so mit Männern.“

„Schlechte Erfahrung oder ?“

Lilly schmunzelte. „Exakt. Sie liebt Frauen.“

Er holte eine kleine Digitalkamera aus seiner Jackentasche, stellte sie auf die Theke und drückte auf den Selbstauslöser. Dann forderte er Lilly auf, sich neben ihn zu stellen, damit beide im Bild wären.

„Sie haben doch nichts dagegen?“, sagte Armand. „Wir benehmen uns jetzt wie zwei Touristen. Schließlich werden wir zu einem späteren Zeitpunkt die Stadt besichtigen.“

Lilly lächelte geheimnisvoll. „Ich gebe Ihnen meine Telefonnummer und dann sehen wir weiter.“

Armand grinste. „Sie sehen mich sprachlos vor Ihnen stehen, Lilly.“

Mit der festen Absicht, sich zu verabschieden, sah sie ihn noch lange an, außerstande, etwas zu sagen. Schmetterlinge flatterten wie wild in ihrem Bauch: blau wie die Unendlichkeit des Horizonts, rot wie die Liebe, wie das Feuer, grün, damit der Rhythmus ihres Herzschlages nicht aus den Fugen geriet, und gelb wie das Licht der Sonne.

Lilly war fasziniert von den Augen, die sie fixierten. Dieser Mann war für sie mehr als nur ein erotisches Symbol. Sie wollte sprechen, brachte aber kein Wort heraus. Schweigend erforschte sie die Züge seines markanten Gesichts, das so verwirrend fremd war. Und sie wusste, sie war verloren.

In dieser Nacht schrieb sie ihre ersten Zeilen an Chloé.

Kapitel 6

Liebste Chloé,

es gibt ihn, Schwesterherz, es gibt ihn und ich bin ihm vor einigen Tagen im Café de Flore begegnet. Ich dachte, dass mein ‚Monsieur Inconnu‘ nur auf dem Papier existiert und in meinen Träumen, aber das stimmt nicht. Es gibt ihn, Chloé, und ich habe es immer geahnt. Nein, ich habe es gewusst!

Jetzt spüre ich die zarte Frühlingsbrise und sehe ein kleines Mädchen, das in einem großen Garten herumhüpft. Gerüche beherrschten schon immer meine Sinne. Im Frühling sind es das feuchte Gras, das Streicheln von dem sprießenden Laub der Bäume, die ersten Veilchen, die lilafarbenen Anemonen, weißer Galanthus, Maiglöckchen. Ich erinnere mich an das sprudelnde Wasser aus unserem Bach, an die Berührung der feuchten Erde, als ich mit meinen kurzen Beinen über die feuchte Erde zum Elternhaus rannte, wo du auf mich gewartet hast.

Etwas an Monsieur Inconnu hat mich von der ersten Sekunde an gefesselt. Mir gefiel die Art, wie er mich angesprochen hat. Nicht beim ersten Mal, da hat er sich wie ein Tölpel benommen und sich nicht einmal für den Kaffee bedankt, den ich ihm gebracht habe.

Aber mich faszinierten sein kantiges Gesicht, sein rätselhafter Blick und beim zweiten Mal die Art und Weise, wie er sein Begehren zum Ausdruck brachte. Die Studenten, die im Café ihre endlosen Debatten führen, in der die Meinung der „hochkarätigen“ Intellektuellen gefragt ist, langweilen mich zu Tode. Ihre Sprache ist einfach nur gewöhnlich. Er ist anders und er weckt in mir eine Erinnerung, aber sie ist noch verschwommen.

Monsieur Inconnu kommt regelmäßig ins Café de Flore. Der Besitzer und Barkeeper Jacques weiß nur wenig über sein Privatleben, aber es kursieren alle möglichen Geschichten über ihn. Er sei ein Junggeselle, der in einem alten Haus voller Schmetterlinge wohnt. Von jemand anderem hat Jacques gehört, dass er verheiratet und steinreich sei. Jacques mag ihn, die Studenten auch, denn er ist sehr spendabel und lädt sie oft zu einer Lokalrunde ein.

Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr es mich erleichtert, dir diese Zeilen zu schreiben, Chloé. Was ich noch über Monsieur Inconnu sagen kann, ist, dass er den Preis für menschliche Wärme wahrscheinlich nicht erhalten wird. Ja, Chloé, ich weiß es. Wir wissen es. Ich habe etwas Besseres verdient, wenn die Liebe etwas ist, was sich verdienen lässt.

Ich habe ihm meine Telefonnummer gegeben und er wird mich anrufen. Da bin ich mir sicher.

In Liebe.

Deine Lilly

Lilly legte den Stift beiseite, kuschelte sich wenig später unter ihre Bettdecke.

In dieser Nacht träumte sie von einem Vogel, der einer Voliere entkommen war und sie umkreiste. Sie wachte am nächsten Morgen mit leichten Kopfschmerzen auf. Nach einer heißen Dusche öffnete sie die Terrassentüren. Die Sonne strahlte bereits am Himmel auf und sandte glitzernde Lichtfinger auf die in der Ferne fließende Seine. Lilly beschirmte ihre Augen mit der Hand und blickte über die Dächer von Paris hinweg.

Dann drehte sie sich um. Beim Anblick der Staffelei huschte ein Lächeln über ihre Lippen. Sekunden später tanzte ihr Pinsel über die Leinwand und fing den Pariser Himmel in blauen Schattierungen ein. Ihr erstes Bild entstand.

Kapitel 7

 

In der Nacht klingelte Armands Telefon.

„Eine Freundin meiner Frau fährt morgen nach Paris. Soll ich ihr deine Telefonnummer geben?“

Armand schaute auf seine Armbanduhr. „Tom, hast du getrunken? Es ist schon nach Mitternacht.“

„Und du, mein Freund, bist noch im Büro!“

„Ja! Also, was gibts?“

„Soll ich ihr nun deine Telefonnummer geben?“

Er seufzte. „Nein. Ich habe neulich eine junge Studentin im Café de Flore kennengelernt, fand sie umwerfend und plane den Sex mit ihr.“

„Aha. Du Glückspilz. Ich schmelze ja nur in meiner Ehe drei Mal pro Woche dahin. Du kannst von Glück sagen, dass ich nicht mehr zur Verfügung stehe.“

„Kein Mensch würde dich ansehen, Tom.“

Er hörte Tom laut lachen. „Du hast es wirklich vor, oder? Du willst eine Schülerin treffen?“

„Sie ist eine volljährige Studentin. Was ist denn heute mit dir los? Traust du mir nicht? Ich habe sie angelächelt und sie ist rot geworden. Also warum sollte ich mich ihr nicht nähern.“

„Warum sollte ich“, äffte Tom ihn nach.

Armand grinste, drückte die rote Taste und beendete das Telefonat.

In der Nacht träumte er von Lilly.

Eine Woche später traf er Lilly im Café de Flore zum dritten Mal. Sie saß an einem Bistrotisch und blickte gedankenverloren aus dem Fenster. Zwei Tische weiter setzte er sich ihr gegenüber und wartete.

Er hatte sie nicht angerufen, sich nicht mit ihr zum Essen oder zum Spaziergang verabredet, wie er es versprochen hatte. Irgendetwas hatte ihn davon abgehalten. Er dachte an die Wahrnehmung, als er sie zum ersten Mal bemerkt hatte. Es war ihre zarte Hand und der pudrige Geruch, den sie verströmte: der Geruch einer jungen Frau. Der Duft ging von ihrem Hals aus, wo das Leben pulsierte und auf den geröteten Wangen flackerte.

Sie ist nicht wie die anderen Frauen ihres Alters, dachte er. Einzig dieser dunkelblaue Rock mit den weißen Punkten, den sie trug, darunter ein Petticoat, dessen Spitzen den Rock säumten, versetzte ihn in Panik. Wer trägt denn heute noch einen Petticoat?

Armand warf einen Blick auf ihren Nacken. Aus ihrem Haarknoten hatten sich kleine Strähnen gelöst. Er schmunzelte innerlich. Sie kam ihm vor wie eine junge Frau mit einem Petticoat, entsprungen aus einem Pariser Werbeplakat der Fünfzigerjahre, ein Mädchen auf dem Rücksitz eines Skooters, die Hände fest um die Taille ihres Freundes geschlungen, ein Mädchen, klar, frisch und lebendig. Keine durchtriebene Studentin, die er sonst im Café de Flore antraf. Vielleicht war das der Grund, warum er zögerte, sie näher kennenzulernen. Sie verkörperte Reinheit, Unschuld.

Sie musste gespürt haben, dass er sie anstarrte, denn ein zärtliches Lächeln erhellte augenblicklich ihr Gesicht.

„Hallo! Da sind Sie ja! Gehts gut?“, rief sie mit einem strahlenden Lächeln, das ihn beim Gehen gewiss hätte straucheln lassen.

Er antwortete nicht, starrte sie an, suchte nach Worten, nach einer harmlosen Frage, doch ihm fiel nichts ein. Sie warf ihm einen Blick zu, als stünden sie beide am Beginn einer Liebesbeziehung.

„Leiden Sie an einer Kehlkopfentzündung oder hat es Ihnen mal wieder wie neulich die Sprache verschlagen?“

Armand wurde mit jeder Sekunde nervöser. Ein Gefühl der Panik erfasste ihn. Er seufzte. Was hat sie für Erwartungen? Waren sie unrealistisch? Wenn er jetzt diesen sehnsuchtsvollen Blick erwidern würde, hätte das im Laufe der Zeit eine Enttäuschung zur Folge, denn er kannte sich viel zu gut. Er bevorzugte unkomplizierte Beziehungen, bei denen Sex mehr Gewicht hatte, als eine aus der Verliebtheit heraus entstandene Partnerschaft.

Er nickte höflich, vermied ein Kommunikationsklima und lehnte sich ein wenig zurück, nur wenige Sekunden, um Lilly besser betrachten zu können. Ihre Freude schlug durch sein Schweigen in Traurigkeit um. Er sah den Regen, der in ihren Kopf drang, das Herz, das in ihrer Brust zersprang, las die Enttäuschung auf ihrem Gesicht. Oder entsprang seine Beobachtung seiner überbordenden Fantasie?

Sobald eine Frau sein Interesse erregte, malte er sich aus, wie es wohl mit ihr sein könnte. Stattdessen starrte er jetzt auf den Bistrotisch, um nicht in diese Augen blicken zu müssen. Er glaubte, Lillys unausgesprochene Fragen zu hören: Warum sprichst du nicht mit mir? oder Erzähl mir von dir!

Ein Geräusch riss ihn aus seiner Gedankenwelt. Stuhlbeine schabten über den Holzboden. Er blickte auf, direkt in Lillys Gesicht.

„Au… Auf Wiedersehen“, stammelte sie. „Sie … sind ein unhöflicher Mensch, ein Flegel mit schlechten Manieren. Für Sie gibt es eine erstklassige Therapie: acht Wochen strikte Bettruhe.“ Dann warf sie den Kopf in den Nacken und verließ erhobenen Hauptes das Café de Flore.

Armand beobachtete durch das Fenster, wie sie im Laufschritt die Straße überquerte, und blickte ihr nach, bis sie verschwand.

Flegel. Sie hatte das Wort Flegel in den Mund genommen. Ihn als Flegel zu bezeichnen, käme aus Lillys Mund schon fast einer Liebeserklärung gleich.

Er war nicht fähig, sich von der Stelle zu rühren, denn Lilly hatte sich noch einmal nach ihm umgedreht und er glaubte, Tränen in ihren Augen gesehen zu haben. Tränen … wie der Regen, der soeben draußen aus den Wolken floss.

Durch ihren Anblick fühlte er sich jäh zurückversetzt in vergangene Zeiten und verspürte einen Gefühlsaufruhr wie ein Teenager. Was ist bloß los mit mir? Diese junge Frau irritierte ihn.

Schließlich verließ er auch das Café. Er hätte gern noch einen Spaziergang gemacht, doch der Regen trieb ihn in sein Apartment, wo seine Freundin Claire und heißer Sex auf ihn warteten. Während er die hölzernen Flügel des Fahrstuhls zuzog, fragte er sich, wie oft im Leben er diesen Knopf zum dritten Stockwerk noch drücken würde. Er fragte sich, wie viele Male der Spiegel einen attraktiven Mittdreißiger wie aus einer Gucci-Werbung reflektieren würde, ihm, dem erfolgreichen Geschäftsmann, der seinen besten Freunden mit der Stringenz des Grotesken immer wieder zusetzte. Schockierend fanden seine Freunde auch seine Auffassung von Liebe. Worte wie ‚die Ausschüttung von endorphinen Opiaten‘ und ‚ein Samenerguss‘ verärgerten sie immer wieder. Sie behaupteten, dass er ‚die Liebe‘ noch nicht kennengelernt habe.

Wahrscheinlich hatten sie recht. Er war kaum in der Lage, einem anderen Menschen eine starke Zuneigung entgegenzubringen und erwartete daher auch keine Erwiderung. Er reduzierte die Liebe auf eine Reaktion des menschlichen Gehirns, das auch für Triebe zuständig war. Dabei spielten für ihn nur die Botenstoffe eine Rolle, die Euphorie, die Aufregung, die rauschartigen Glücksgefühle und die erhöhte sexuelle Lust in ihm hervorriefen. Er hatte sich noch nie – wie so mancher Freund – zu irrationalen Handlungen hinreißen lassen oder eine Hemmschwelle abgebaut. Spätestens nach zwei Monaten beendete sein Gehirn diesen sensorischen ‚Rauschzustand‘. Dennoch fragte er sich immer wieder aufs Neue, ob es die Liebe tatsächlich gäbe und wo er sie finden könnte.

Sein Körper schrie förmlich nach Lilly. Nein, da war mehr. Auch sein Herz stolperte vor Glück, wenn er an sie dachte.

Kapitel 8

Liebste Chloé,

wie gern wollte ich nach unserem Kennenlernen mehr über Monsieur Inconnu und sein Privatleben erfahren, das Haus oder die Wohnung sehen, in dem er wohnt, die Bücher in seinem Wohnzimmer anfassen, hören, wie er seine Freizeit verbringt. Aber meine Träume zerplatzten wie eine Seifenblase.

Ich habe Monsieur Inconnu heute im Café wiedergesehen, aber er hat mich überhaupt nicht beachtet, hat mich auf unverschämte Weise ignoriert. Ich habe ihn kennengelernt und gleichzeitig wieder verloren.

Bitte versteh mich nicht falsch, Chloé. Es geht mir nicht um meine verletzte Eitelkeit, es geht um die Vorstellung einer verletzenden Einsamkeit - um die Schönheit eines intimen und zeitlosen, jenseits aller moralischen Wertungen erfüllten Augenblicks, der mir durch sein Verhalten verwehrt wurde.

Ich mochte seine Ausstrahlung, Chloé. Aber er legte ein Verhalten an den Tag, woraus ich schließe, dass er die Macht der Einsamkeit besitzt, die Einsamkeit der Macht. Dennoch ist es mir gleichgültig, woher er kommt, was er mit mir macht und die Qual, die seine Ignoranz in mir auslöst. Denn seit unserer ersten Begegnung fühle ich mich unsterblich.

Ich wäre heute so gerne an seinen Tisch gegangen und hätte ihm gesagt: „Wirf den Ballast eines Toten ab!“

Ich sehe jetzt dein erstauntes Gesicht vor mir, Chloé, sehe, wie du deine Hände über den Kopf zusammenschlägst und sagst: „Hör endlich auf, die Seelenretterin zu spielen. Er verkörpert einen dieser Männer, die nicht gut für dich sind!“

Vermutlich liegst du da richtig. Aber Schwesterherz, ich habe in die Augen eines einsamen Mannes gesehen und war von der Echtheit seiner Gefühle gefangen. Nur eine Sekunde lang. Aber dann hat Monsieur Inconnu nur belanglose Worte gesprochen, die ihm wohl als Treppe der Distanz dienten angesichts meiner Lebendigkeit.

Ach Chloé, das Echte ist nicht notwendigerweise wahr. Hier liegt die Wahrheit in den lächelnden Augen eines Mannes, der für mich Zuhause verkörpert, ein Gefühl, das er an unserem ersten Treffen in mir hervorgerufen hat. Ich hätte so gerne die Maxime vergessen, die unsere Eltern uns für eine Situation wie diese mit auf den Weg gegeben haben, und wäre auf ihn zugegangen. Denn ich habe sie gefühlt, die Leidenschaft, die Farbe der Liebe, meine Schamlosigkeit. Ich wäre gerne aus Kampfeslust leichtfertig gewesen. Vor allem seinetwegen. Um die erotische Taufe, die er mit anderen vollzieht, ein für alle Mal abzuschaffen, wäre ich selbst im Morgengrauen, nach einem langen Spaziergang durch die Nacht, mit ihm ins Bett gegangen, damit sich meine Welt verändert. Stattdessen fühle ich mich traurig und bin unzufrieden.

Viele möchten mit mir ins Bett. Ich schlaf’ aber nicht mit Kommilitonen, die keine knisternde Erotik entfachen können, auch nicht, wenn ein Student mich für Sex bezahlen würde. Die bezahlte Liebe steht hier hoch im Kurs. Hatte ich dir das schon geschrieben? Aber es schickt sich vor allem nicht für die wirklich freien Frauen wie mich, irgendeine arme Kreatur dafür zu bezahlen, dass er mich befriedigt. Die Befriedigung muss von Zuneigung begleitet sein. Ich vermute, dass die Sexualität von Monsieur Inconnu ein animalischer Trieb ist, der sowohl Männern wie Frauen eigen ist. Die Studenten im Café de Flore verdrängen alle Anwandlungen von Besitzdenken oder Eifersucht, machen mentale Anstrengungen, um die weiblichen Studenten als gleichwertig anzusehen. Sie nehmen jede Frau.

Ich möchte aber die Wollust und nicht die ständig wiederholte Monotonie eines melancholischen und stummen Geschlechtsaktes. Ich möchte, dass Monsieur Inconnu mich bei der Hand nimmt und verführt, fern jeglichen Lärms. Wir werden Liebesworte wechseln, keine rationale Intelligenz. Ich möchte, dass er mir die Kleider vom Leib reißt. Ich möchte eine Nacht voller Geheimnisse, das Kichern der Verliebten und Geständnisse. Ich möchte die Einzigartigkeit eines Blickes sein, eine heftige Seele, die seine Welt berührt und verwirrt. Doch wer versteht mich schon, wer versteht schon, was ich brauche. Nur du, Chloé. Dir konnte ich schon immer sagen, wie gerne ich eine enthemmte Verführerin wäre. Nicht eine graue Maus in einem Petticoat. Aber im Moment ist mein Liebesleben glücklos.

Bin ich zu ungeduldig, Chloé?

Als Monsieur Inconnu mich heute ansah, hatte ich das Gefühl, er reißt mir die Brust auf und saugt das Blut aus meinem Herzen. Ich glaube, er besitzt die Fähigkeit, mir die Gabe des Vertrauens zu nehmen, die ich aus meiner Kindheit nach Paris mitgebracht habe. Er wird mich auch nicht an einer Liebe wachsen lassen. Mit ihm an meiner Seite könnte ich traurig werden und an nichts mehr glauben.

Ich habe keine Vergleiche, die Idee der freien Liebe kenne ich nur aus Romanen und Worten, wie die Forderung nach einem Gefühl, all das ist mir fremd. Von diesen Dingen zu reden oder darüber nachzudenken, scheint mir zudem absurd. Ich möchte Monsieur Inconnu einfach nur so gern wiedersehen. Glaubst du, dass er einen dieser Männer verkörpert, die nicht gut für mich sind?

Angesichts der Melancholie, die ich im Moment empfinde, spüre ich, dass etwas mit mir geschieht. Vielleicht genieße ich deshalb den rauschenden Geschmack dieser dritten Begegnung mit Monsieur Inconnu.

Ich möchte ihm so gerne schreiben, doch ich weiß nicht, wo er wohnt.

In Liebe.

Deine Lilly

Kapitel 9

 

Seit sie in Paris war, suchte Lilly die Psychologin Conny Demain auf. Sie litt zwar weder unter Gedächtnisstörungen noch unter sonstigen Psychosen, aber ihre Familie hatte seit dieser Sache mit dem Feuer auf eine psychologische Betreuung bestanden. In jenem Sommer vor vielen Jahren hatte sie das Gartenhaus ihrer Mutter angezündet. Und auf die Frage, warum sie das denn nun getan hätte, hatte sie mit leiser gepresster Stimme geantwortet: „Aus Angst. Weil das Brummen da drin so komisch ist, weil hier alles so komisch brummt.“

Wie so oft in der darauffolgenden Zeit hatte Lilly selbst ihr Handeln nicht verstanden und schämte sich zutiefst. Ihre Familie auch nicht und deshalb hatten sie sie in regelmäßigen Abständen zu einer Psychologin geschickt.

„Du bist zum ersten Mal von deiner Familie getrennt, Lilly. Die Seele braucht ein wenig Unterstützung, wenn jemandem Flügel wachsen“, hatte ihre Mutter behauptet. „Also, nur unter dieser Bedingung darfst du in Paris studieren. Da sind dein Vater und ich uns ausnahmsweise mal einig.“ Sie hatte zugestimmt und war froh darüber, dem Käfig Mutter endlich zu entkommen zu können.

Dr. Conny Demain war eine echte Überraschung für Lilly. Die Psychoanalytikerin hatte Berthe nach dem Tod von Émile eine Zeitlang betreut und genoss in Paris einen hervorragenden Ruf. Nicht zuletzt gehörte sie auch zu Berthes engstem Freundeskreis und besaß seit vielen Jahren das Vertrauen ihrer Tante. Berthe hatte es Dr. Demain zu verdanken, dass auf dem Tod ihres Mannes wieder eine Zeit des Glücks folgte, das Glück, das ihr die Freundschaft mit Dr. Demain schenkte, in der der seelische Schmerz, den Berthe eine Zeitlang nach der Beerdigung gespürt hatte, sich verflüchtigte. All das hatte Berthe ihr anvertraut und ihr deshalb die Psychologin empfohlen.

Zu ihrem Erstaunen machte es Lilly Spaß, wöchentlich eine halbe Stunde mit der genialen Analytikerin zu plaudern. Dr. Demain tat ihr gut. Sie konnte mit ihr über ihre Probleme im Umgang mit ihrer Mutter sprechen, über ihre entfachte Lust, das Leben in vollen Zügen auszukosten, über Armand und ihre Sehnsucht nach Sex mit ihm, über ihre Träume und ihre Ängste. Nach einer Plauderstunde mit Conny Demain fühlte sie sich immer klar und frisch wie ein sprudelnder Wasserfall.

Lilly seufzte selig. Warum hatte sie heute nur dieses wunderbare Gefühl, ihr Leben könnte eine Überraschung für sie bereithalten? Lag es an ihrer kreativen Inspiration und ihrer Begeisterung für ihr Studium? An diesem Tölpel Armand lag es gewiss nicht. Sie musste unbedingt Dr. Demain von dem Vorfall im Café de Flor erzählen.

Als sie die Garage betrat, in der ihr Fahrrad stand, wehte ihr von der Treppe der Duft von süßem Wein und Lavendelblüten entgegen, den die Klimaanlage verströmte und der sie an ihren Traum erinnerte. Sie glaubte fast, Armands Flüstern zu hören, und schloss für einen Moment die Augen. Ich liebe Dich … Wieder dachte sie an ihren Traum und seine Liebkosung darin, und allein das war die Erinnerung an diesen Traum wert – dieses Gefühl und die süße, verschwommene Erlösung danach.

Träume … Einmal hatte sie Dr. Demain gefragt, ob sie dieses süße Gefühl kenne, ob sie wisse, was sie meinte. Die Psychologin hatte ihr einen wundervollen, verständnisvollen Blick geschenkt.

Conny Demain Diese fünfzigjährige, sanfte Frau verstand sie vollkommen.

Conny Demains von einer hohen Hecke abgeschirmte Villa, in der auch die Praxisräume untergebracht waren, befand sich am oberen Ende der Champs Elysees.

Als Conny die Klingel hörte, legte sie ihren Stift beiseite und ging zur Sprechanlage. „Ja?“

Die Antwort folgte fast augenblicklich, hell und melodisch. „Ich bins, Lilly. Hallo, Dr. Demain.“

Conny hörte an Lillys Tonfall, dass ihre Lieblingspatientin in Hochstimmung war. Das mochte sie an Lilly. Die junge Studentin war so anders als die meisten ihrer Patientinnen. Immer gutgelaunt und nur ganz selten traurig.

„Pünktlich auf die Minute“, sprach sie in das Metallgitter und drückte den Türöffner für die Eingangstür.

Conny konzentrierte sich gedankenverloren auf die vertrauten Geräusche. Ihre Schritte auf den steinernen Treppenstufen, auf das leise Klack–Klack–Klack, das lauter und lauter wurde, bis plötzlich nichts mehr zu hören war. Sie lächelte. Mit jedem ihrer Schritte klopfte ihr Herz ein wenig schneller, als würde sie ihren Liebhaber erwarten. Wenn Berthe das wüsste … Sie öffnete die Tür und eine entspannt lächelnde Lilly trat ein.

„Hallo, Dr. Demain. Ich muss Ihnen unbedingt etwas erzählen“, sagte sie.

„Dann kommen Sie herein, Lilly.“ Conny gewahrte einen Hauch von Lillys Parfüm und machte eine einladende Geste.

Lilly hing ihre Blousonjacke an die Garderobe. „Mir ist etwas Seltsames passiert.“

„Es muss etwas Schönes gewesen sein. Sie sehen zufrieden aus“, sagte Conny und schloss die Tür hinter sich. „Und irgendwie erholt.“

Lilly folgte ihr in das Sprechzimmer. „Was man von Ihnen nicht gerade behaupten kann. Sie sollten mehr vor die Tür gehen, Dr. Demain. Sie sind so blass. Waren Sie krank?“

„Die Grippe hatte mich erwischt. Aber es ist alles bestens.“

Das Sprechzimmer war indirekt beleuchtet. Vor den Fenstern hingen seidene Vorhänge. Neutrale Farben dominierten. Die Wände waren in einem satten Cremeton gehalten, die Möbel bezogen mit beigefarbenem Leinen. Zarte Landschaftsaquarelle und eine eingerahmte Promotionsurkunde schmückten die Wände sowie einige internationale Auszeichnungen. Links neben der Couch leuchtete eine kleine Lichtinsel mit ihren funkelnden Farben.

„Lilly, möchten Sie sich nicht erst einmal setzen. Dort stehen drei Stühle oder darf es heute mal die Couch sein?“

„Keine Couch. Ich nehme den Stuhl, denn …“ Lilly setzte sich und schlug die Beine übereinander. „Denn mein Tag war großartig.“

„Sie sagten, Ihnen sei etwas Seltsames passiert?“

„Richtig. Es geschah, als ich heute auf mein Fahrrad stieg. Es war doch ein ganz gewöhnlicher Tag. Alles war wie immer. Ich dachte an nichts Besonderes, nur an die Uni, an eine Prüfung, an Termine und was ich als Erstes erledigen müsste, als ich plötzlich glaubte, die Stimme eines Mannes zu hören.“

Conny nahm hinter ihrem Schreibtisch Platz. „Was sagte er?“

Ich liebe dich, Lilly. Es war die Stimme des Mannes, von dem ich in den vergangenen Nächten geträumt habe.“

Lillys Augen strahlten förmlich vor Begeisterung.

Conny beugte sich näher zu ihr. „Was haben Sie dann gemacht, Lilly?“

„Ich blieb stehen. Ich weiß nicht mehr, ob ich mich tatsächlich umdrehte oder nicht, aber ich sah – nein, ich sah ihn nicht, ich spürte ihn irgendwie … Es hat keinen Sinn, ich kann es nicht genau beschreiben, aber ich hatte dieses ungeheuer starke Gefühl – nein, mehr als das, ich wusste es.“

„Und was wussten Sie?“, hakte Conny nach.

„Dass ich eines Tages diesen Mann treffen werde. Es war übrigens ein erotischer Traum.“

Conny lachte. „Aha. Was haben Sie denn dabei empfunden?“

„Glücksgefühle. So etwas kannte ich bis dato nicht. Ich bildete mir sogar ein, dass der Mann während der Fahrt neben mir radelte und irgendwann sagte: Liebe ist ein wundervolles Gefühl, Lilly …

Conny stand auf und schaltete die Wandleuchte ein. Sofort wurde der Raum von zarten Farben überflutet. Das Rot vermischte sich mit dem Blau und dem Orangeton. Sie sah ihre Patientin an. „Haben Sie darauf reagiert, Lilly?“

„Nein. Es klickte in meinem Kopf, und alles war wieder beim Alten. Ich dachte, das kann nicht passiert sein. Ich habe eine blühende Fantasie.“ Lilly brach in schallendes Gelächter aus. „Sorry, es klingt so verrückt.“

„Wissen Sie, Lilly, manchmal sitze ich in einem Café an der Theke, doch ich achte nicht auf die Menschen und den Lärm um mich herum. Ich trinke meinen Kaffee aus, diesen lauwarmen letzten Schluck in der Tasse, dann greife ich nach einer Zeitschrift, die auf dem Tresen vor mir liegt, und erlebe Ähnliches. Ich blicke in den Spiegel hinter dem Tresen und sehe eine schöne Frau, die mir ihre Liebe gesteht. Das Ganze fällt allgemein wohl unter den Begriff Tagträume. Sie sind die Verkörperung unserer Wünsche.“

„Hm … Sie wollen mir sagen, dass wir alle unsere Sehnsüchte haben?“, fragte Lilly schelmisch. „Sie auch?“

„Sicher.“

„In meinem Traum zeigte der Fremde mir auch eine Art Zufluchtsort.“

Conny machte sich eine Notiz. Dann blickte sie auf. „Das hat natürlich einen tieferen Sinn. Sie sind eine kreative Persönlichkeit, Lilly. Menschen wie Sie haben eine wesentlich intensivere Sinneswahrnehmung als andere – selbst im Traum. Alles, was Sie dann sehen, hören, fühlen, sogar das, was Sie riechen, könnte Ihnen durchaus real erscheinen. Kein Grund der Besorgnis. Es ist ein starkes Zeichen.“

Lilly hob erstaunt die Augenbrauen. „Wofür?“

„Für den legitimen Wunsch nach Liebe, Zärtlichkeit und Zuneigung, Lilly“, antwortete Conny und spürte gleichzeitig eine taube Verzückung, die durch ihr Inneres glitt. „Der Zufluchtsort symbolisiert den Schutz und ist aber auch ein Zeichen Ihrer inneren Abwehr. Sie vertrauen der Liebe nicht.“

„Hm …“ Lilly überlegte kurz und wich der Frage aus. „Das Musée dOrsay zeigt derzeit eine Ausstellung über erlesene Schmuckstücke der Liebe. Ich habe sie mir schon angesehen. Die Gonzaga-Kamee hat es mir sehr angetan. Sie steht für den Inbegriff der Liebe.“

„Gut möglich. Und Sie möchten sich die Ausstellung mit mir gemeinsam ansehen?“

„Das wäre schön, Dr. Demain“, sagte sie leise und blickte einen Moment zur Seite. „In wenigen Tagen gibt es eine kleine private Führung für geladene Gäste. Tante Berthe hatte da wohl die Finger drin. Sie kennt den Kurator. Ich habe zwei Karten. Was sagen Sie?“

„Warum nicht. Ich bin aus dem Häuschen … Lilly?“

Lilly sah sie entrückt an. „Entschuldigen Sie bitte, Dr. Demain. Ich war mit meinen Gedanken woanders.“

„Bei den Männern, Lilly? Wir müssen noch über Männer sprechen.“

„Hm … Ich genieße die Männer.“

„Genuss ist keine Intimität“, konterte Dr. Demain.

„Und Intimität ist nicht unbedingt ein Genuss“,

Conny machte sich eine Notiz und sah Lilly direkt in die Augen. „Und woher wissen Sie das?“

Lilly schmunzelte. „Tja …“, sagte sie leise und sah verträumt zur Seite. „Ich weiß es eben.“

„Sind Sie schon mal auf den Gedanken gekommen, dass Sie ein Vertrauensproblem haben, Lilly?“

„Oh …? Ich vertraue mir vorbehaltlos, Dr. Demain“, antwortete Lilly und betrachtete ihre manikürten Fingernägel.

„Ja … Aber können andere Ihnen vertrauen?“

„Meinen Sie damit die Allgemeinheit?“

„Ich meine Männer, Lilly.“

Lilly überlegte einen Moment. „Ja. Ein Mann könnte mir vertrauen.“

Conny hob eine Augenbraue. „Könnte? Unter welch ungewöhnlichen Zuständen würden Sie das zulassen, Lilly?“

„Ein Mann könnte mir vertrauen, solange seine Interessen den meinen nicht allzu sehr zuwiderlaufen.“

Conny grinste. „Und hinsichtlich der Allgemeinheit? Falls deren Interessen den Ihren allzu sehr zuwiderlaufen würden?“

Wieder schmunzelte Lilly. „Hm …“

„Okay, Lilly. Sie weichen mir aus. Unsere Stunde ist außerdem um und in Gedanken haben Sie sich schon aus diesem Raum entfernt. Ich möchte, dass wir bei der nächsten Sitzung über Männer sprechen“, sagte Conny. „Ich glaube, Sie verheimlichen mir etwas. Vielleicht eine neue Liebe?“

Stille.

Lillys Brust hob und senkte sich langsam und gleichmäßig. „Sie sind eine kluge Frau, Dr. Demain. Danke für Ihr Verständnis.“

Ein letzter Versuch, dachte Conny. „Immerhin sitzen Sie auf dem Stuhl des Glücks, Lilly.“

Lilly sprang lächelnd auf. „Das soll ein Stuhl des Glücks sein? Dann lassen Sie das Ding mal aufpolstern, Dr. Demain.“

Ohne Connys Antwort abzuwarten, fiel die Tür Sekunden später hinter Lilly ins Schloss.

Conny Demain stand am Fenster und blickte Lilly hinterher, als sie rasch auf ihr Fahrrad sprang und davonbrauste. Schmunzelnd setzte sie sich an ihren Schreibtisch und schaltete das Diktiergerät ein.

„Heute ist Donnerstag, der 19. Mai 1983, achtzehn Uhr. Lilly …“

Conny hielt einen Moment inne. Lilly war ein sinnlicher Mensch und allen schönen Dingen des Lebens zugetan. Eine Künstlerin. In ihren Bildern und ihren Texten spürte man das Rauschen der Brandung, die Wirbelstürme, die Kraft der Sonne, die Geborgenheit, die Wärme, das Lachen, und man schmeckte den Honig der Liebe. Conny wusste das, nur Lilly selbst schien nicht die leiseste Ahnung von den großen Begabungen zu haben, die in ihr schlummerten. Das machte sie zu einer bezaubernden jungen Frau.

Während der Sitzung hatte sie das Bedürfnis verspürt, Lilly in den Arm zu nehmen, ihr übers Haar zu streicheln. Sie mochte Berthes Nichte. Aber sie hatte sich auch gefragt, warum ihre Eltern ihre Tochter in Wahrheit zu ihr geschickt hatten? Gewiss nicht wegen einer Jugendsünde.

Was hatte Lilly vorhin gesagt? „Eine andere Sache brennt mir unter den Fingernägeln, Dr. Demain.“

Conny fragte sich, was das wohl für eine Sache sein konnte.

Kapitel 10

 

Lilly war auf der Hollywoodschaukel eingeschlafen und wachte mit Kopfschmerzen auf, als die Morgendämmerung bereits einsetzte. Sie öffnete die Augen und ließ ihren Blick über den Garten schweifen, über den die aufgehende Sonne ihr fahles Licht ergoss. Sie bestaunte eine Weile den prächtigen Park mit seinen perfekt gepflegten Wegen, die mit zarten Rosenblättern überzogen waren und mit denen der Sommerwind spielte.

Sie erhob sich und sog die frische Morgenluft tief ein und schloss dann rasch die Tür. Dann ging sie eilig über die Veranda ins Haus, das friedlich zu schlummern schien, lief durch die große Halle und die Treppe hinauf. Lilly mochte das lichtdurchflutete Haus ihrer Tante. Berthe hatte es nach dem Tod von Émile vollständig restauriert und geschmackvoll eingerichtet. Überall standen seltene Skulpturen. An den Wänden hingen wertvolle Gemälde. Ihr Lieblingsbild war der Klatschmohn von Georgia oKeeffe. Beim Betreten der Eingangshalle erkannte man sofort in Berthe die Kunstkennerin. Edle Hölzer rundeten das Ganze ab.

Im vierten Stock blieb sie an Fees Wohnungstür stehen. Ob sie mal nach ihr sehen sollte? Vor drei Tagen hatten Fee und sie aus unterschiedlichen Gründen am Abend zu tief ins Glas geschaut. Fee hatte ihr die Ohren vollgejammert über eine Ex-Freundin, die es nicht wert war, ihren Namen jemals wieder in den Mund zu nehmen und die sie samt ihren Fantasy-Romanen nach einem heftigen Streit vor die Tür gesetzt hatte.

„Auf eine Frau, die behauptet, sie würde sich nur für Politik interessieren, wenn Drachen im Spiel wären, kann ich verzichten“, hatte Fee Lilly erklärt. „Als wäre ich der Drache in meinen eigenen vier Wänden.“

Lilly hatte den Part einer fürsorglichen Freundin übernommen, weil Tränen geflossen waren und auch der Alkohol ihre Wut nicht eindämmen konnte.

„Hör mal, Fee“, tröstete Lilly sie. „Du hast etwas Besseres verdient als diesen Fantasy-Freak.“

Fee stieß einen Seufzer aus.

Lilly schubste sie an. „Sei froh, dass du sie los bist. Sie ist eine Irre, deren Hirn nur leeres, dämliches Catwoman-Geschwafel produziert.“

Fee hob erstaunt die Augenbrauen. „Das sind ja ganz neue Töne aus dem Mund meiner sonst so sanften Freundin.“ Lilly spürte Fees prüfenden Blick. „Hast du eventuell einen Kracher kennengelernt?“

Lilly schüttelte den Kopf.

„Ach, meine süße Lilly, du mit deinem Hang, die Dinge des Lebens von einem amourösen Stern beleuchten zu lassen. Das draußen …“ Fee zeigte auf das Fenster. „… Da draußen wartet gewiss jemand auf dich!“

„Zurzeit stehen meine Sterne nicht günstig, Fee.“

„Ach was.“

„Mein Mond besteht aber neuerdings aus Käse, Fee, und auf der Rückseite schläft Amor seinen Rausch aus.“ Plötzlich kamen die Tränen. „Warum lerne ich immer nur solche blöden Männer kennen?“, hatte sie schluchzend gesagt.

„Wie neulich im Café de Flore dieses Krokodil? Diese Frage kann ich dir beantworten, Süße. Weil du in die Liebe verliebt bist und weniger in das Objekt Mann. Das macht blind, Lilly“, hatte Fee geantwortet und den nächsten Weinkrampf für ihre Worte geerntet …

Aus dem Badezimmer ertönte gedämpftes Gemurmel, das deutlicher wurde, je näher Lilly sich der Treppe zum Schlafzimmer näherte. Sie ging einige Stufen hinauf und lauschte.

„Meine Telefonnummer hast du?“, säuselte eine weibliche Stimme.

Ein Räuspern. „Du weißt, dass ich

„Nichts Verbindliches, ich weiß, ich weiß. Das hast du mir unmissverständlich klargemacht.“

Im nächsten Moment ertönte ein verdächtiges Schmatzgeräusch.

Lilly war sich ziemlich sicher, dass ihre Freundin da gerade jemanden knutschte. Ehe sie sich versah, wurde die Badezimmertür geöffnet und ein blonder Rauschgoldengel in roten Wildlederstiefeln und mit einem Glas in der Hand stürmte an ihr vorbei.

„Hey, ich bin Karo. Wie gehts? Wo kann ich das Glas abstellen?“ Dem selig verträumten Lächeln, den geröteten Wangen und den zerzausten Haaren nach zu urteilen, war Blondie bis eben noch mit etwas ganz anderem beschäftigt gewesen.

Du meine Güte, Fee. Und du gibst mir gute Ratschläge.

„In der Küche, wo sonst!“

Der kirschrote Mund gab etwas wie ein „Oh“ von sich und drückte Lilly das Glas in die Hand. Dann öffnete sie die Haustür und huschte ins Treppenhaus.

„Hey, Lilly, guten Morgen. Ich habe eine geschlagene Viertelstunde versucht, sie aus der Wohnung zu bekommen, ohne wie eine Arschfrau dazustehen“, rief Fee ihr aus der halb geöffneten Badezimmertür zu. „Aber sie hat den Wink mit dem Zaunpfahl einfach nicht verstanden.“

Lilly ging die Treppe hinauf und stieß die Badezimmertür auf. „Sie weiß nicht, wo man ein Wasserglas abstellt. Befürchtest du nicht, dass dein IQ schrumpft bei dem Umgang?“

Sie musterte ihre Freundin, die vor dem Spiegel stand. Dieser Anblick würde wohl jedem Mann gefallen: ein straffer Körper, wohlgeformte Hüften, feste Brüste, eine sonnengebräunte Haut. Warme, braune Augen, und langes schwarz gelocktes Haar. Aber Fee stand nicht auf Männer, behauptete sie stets, obwohl Lilly das bezweifelte. Sie glaubte, dass eine gleichgeschlechtliche Beziehung zu Fees Experimentierfreude gehörte. Berthe war ebenfalls dieser Meinung, aber die tolerierte das Verhalten ihrer Tochter. Bei Berthe war jeder willkommen.

„Du hast mich gestern Nacht gegen zwei Uhr aufgeweckt, und wolltest mir den Mond zeigen. Da warst du allein. Wo hast du denn Blondie so spät noch aufgetrieben?“

„Escort-Service“, antwortete Fee lässig. „Sie war doch ganz nett. Mach den Mund zu, Lilly, es zieht.“

Lilly rollte mit den Augen. „Aber … Echt jetzt?“

Ihre Antwort ging im Surren des Föns unter.

Kapitel 11

 

Claire war noch nicht eingetroffen. Armand hängte den Mantel an die Garderobe, ging ins Wohnzimmer, öffnete die Tür zur Terrasse und stützte sich auf die Brüstung.

Ein Apartment mit einer Terrasse war im heutigen Paris ein Luxus, trotzdem betrat er sie so gut wie nie, wenn er hier war. Warum heute? Weil die Regentropfen ihm wie Lillys Tränen vorkamen? Weil er in Gedanken bei diesem Geschöpf war, das ihn an einen kleinen verirrten Vogel in Gestalt einer Audrey Hepburn erinnerte? Sein Blick schweifte über die Dächer und er spürte eine Leichtigkeit, die ihm bis heute fremd gewesen war. Auch die Kuppel der Sacre-Coeur strahlte heller. Es hörte auf zu regnen. Die Sonne wärmte sein Gesicht. Eine Weile schloss er die Augen, dann ging er hinein und setzte sich auf einen Stuhl an den sinnlos großen Esszimmertisch. Fünf Stühle waren leer. Wozu braucht man sechs Stühle, wenn die Wohnung von nur zwei Personen genutzt wird? Er kam nur hierher, um den Genuss des Fleisches zu kosten, und dazu brauchte er im Grunde nur ein Bett.

Der Catering-Service hatte ein kaltes Buffet und dazu, wie üblich, gekühlten Champagner und Weißwein hingestellt. Die Wanduhr zeigte fünf Uhr. Der Tag war so schnell vergangen wie seit Jahren nicht mehr. Für gewöhnlich sah er in der Zeit, die er auf Frauen wartete, wichtige Unterlagen durch, damit er nicht ins Minutenzählen verfiel, und trank so langsam wie möglich Champagner oder Weißwein. Diesmal hingegen trank er hastig und es gefiel ihm, dass er seine eigenen Gesetze brechen konnte. Lächelnd leerte er sein Weinglas und nahm sich vor, sich in Zukunft gelegentlich selbst zu überraschen.

Es klingelte an der Tür. Zum ersten Mal seit Langem ließ er es klingeln. Sonst öffnete er immer schnell, diesmal aber fragte er sich nur, wie lange Claire wohl im Hausflur warten würde. Er tat es. Er wartete – doch letzten Endes öffnete er die Tür.

„Claire, da bist du ja. Ich habe dich gar nicht kommen hören.“ Er küsste sie auf die Wangen.

„Hey. Ich habe dich übrigens heute in der Stadt gesehen. Du hast dich mit zwei Frauen unterhalten und meine Rufe nicht gehört. Was hast du den beiden Frauen ins Ohr geflüstert? Sie kamen mir so vergnügt vor.“

„Ich war nett zu ihnen. Jetzt fühlen sie sich wohl“, erwiderte er.

Claire spielte die Empörte. „Die eine war mindestens achtzig.“

Er lachte. „Das war der Grund, weswegen ich mit ihr geflirtet habe. Ich habe ihr den Tag versüßt.“

„Natürlich. Ich verstehe. Du hast eine soziale Ader. Und was war mit der anderen? Was war mit ihr?“, erkundigte sie sich.

„Blind!“

„Blind? Sie war blind?“

Er zwinkerte. „Blind vor Liebe.“

„Weil du sie angesprochen hast?“

Armand grinste. „Weswegen denn sonst?“

Claire stupste ihn in die Seite. „Kein bisschen eingebildet, was! Komm, lass uns heute mal mit einem Boot über die Seine fahren und die Sterne über Paris bestaunen. Wie die Touristen.“

„Nein.“

„Nein? Was denn, Armand? Oder hast du womöglich einen Kater von gestern?“

„Nein.“ Sein Tonfall ließ Claire aufhorchen.

„Nein? Ach komm, die Seine ist heute so schön.“ Sie nahm seine Hand und führte ihn ans Fenster. „Sieh mal, sie glitzert wie tausend Diamanten. Es ist so ein schöner Nachmittag. Es macht sicher Spaß.“

„Nein. Ich mach mit dir Schluss.“

„Oh, netter Scherz. Sag mir das im Boot.“

„Nein“, erwiderte er leise.

„Was ist mit dir?“ Claire sah ihn entsetzt an. „Du meinst es ernst?“

Er verzog die Lippen leicht. „Es hat nichts mit dir zu tun.“

„Ach wirklich? Weißt du, ich frage mich schon die ganze Zeit, was neuerdings mit dir los ist.“

Er musterte sie ruhig. „Mit mir …? Vergiss es.“

„Du kannst dir die Antwort auch sparen.“ Claire warf ihm einen zornigen Blick zu. „Ich dachte, dass wir glücklich sind?“

Er hob die Augenbrauen. „Glücklich? Ich habe nie vorgegeben, jemand zu sein, der ich nicht bin.“

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960878445
ISBN (Buch)
9783960878452
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v486660
Schlagworte
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Autor

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    Astrid Korten (Autor)

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Titel: Café de Flore und die Sehnsucht nach Liebe