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Das Licht der Vergangenheit

von Andie Krown (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Zwischen der Hexe Melanya und dem Ritter Kieran keimt eine zarte Liebe auf, nachdem die Heilerin den verwundeten Krieger mit Hilfe ihrer magischen Fähigkeiten rettet. Doch Kieran wehrt sich gegen die Gefühle, die die liebliche Hexe in ihm auslöst. Zutiefst verletzt und verzweifelt begeht Melanya eine schreckliche Tat, bei der sie sich zum ersten Mal der Macht der schwarzen Magie bedient. Kieran kann ihr dies niemals verzeihen und sinnt von nun an auf Rache. Nach seinem Tod wird er als Kriegerengel in die himmlische Armee von Erzengel Michael rekrutiert. Indes stellt sich schnell heraus, dass seine Seele von dem Wunsch nach Vergeltung vergiftet ist und er wird zu einem Gefolgsmann Luzifers … einem Gefallenen Engel

Auch nach siebenhundert Jahren ist Kieran noch besessen von seinem Wunsch nach Rache an der Hexe, die ihm sein Leben gestohlen hat. Da trifft er im New York der Gegenwart auf Melanyas wiedergeborene Seele. Eine junge Frau namens Melanie. Endlich scheint der Zeitpunkt für seine Vergeltung gekommen. Er unterschätzt jedoch die stärkste Kraft des Universums: die Liebe. Als Luzifer Interesse an der Frau mit dem magischen Erbe zeigt, kommt es zu einem erbitterten Kampf zwischen Himmel und Hölle ...

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe Juni 2019

Copyright © 2019 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-733-2
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-842-1

Covergestaltung: Annadel Hogen
unter Verwendung von Motiven von
© Just dance/shutterstock.com, ©grape_vein/stock.adobe.com © MoonBloom und © EdZbarzhyvetsky/depositphotos.com
Lektorat: Daniela Höhne

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

Prolog

Irland, Kerry 450 n.Chr., nachts auf einer Lichtung, tief verborgen in einem dichten Wald.

„Michael, ich rufe dich.“ Aufgeregt schritt Morrígan auf der Lichtung umher. Nun war die Zeit gekommen.

Seit tausenden Jahren wurde sie von den Menschen angebetet und gefürchtet. Sie war die Göttin des Krieges, der Schattenwelt und der Nacht, Hüterin der Zaubersprüche und Flüche. Der Erzengel musste ihr einfach Gehör schenken.

„Komm zu mir und höre mein Angebot.“ Reglos blieb sie stehen und lauschte in die Nacht; nur der Mond schien hell über ihr und tauchte die Lichtung in silbriges Licht. Nichts geschah. Morrígan war eine Meisterin der Strategie, der Taktik und des Pläneschmiedens und sie war es nicht gewohnt, um Hilfe zu bitten. Von nervöser Anspannung gepackt, lief sie weiter hin und her, denn obwohl sie noch immer viel Ansehen genoss, hatte sie ein Problem. Ihre Macht begann zu schwinden, sie konnte es deutlich fühlen, denn immer mehr Menschen wandten sich von ihr ab, verloren die Furcht vor ihr und huldigten ihr nur noch halbherzig. Sie weigerte sich, ein Relikt vergangener Tage zu werden und dafür benötigte sie Michaels Hilfe. Älter als die Zeit selbst, verfügte er über unvorstellbar großen Einfluss. Michael, der mit seiner hünenhaften Statur, dem blonden Haar und den intensiven blauen Augen selbst wie ein Gott des Nordens wirkte.

„Sei gegrüßt, Morrígan.“ Überrascht drehte sie sich zu ihm um. Michael war tatsächlich gekommen. Mit der für ihn so typischen distanzierten Arroganz, stand er da, die Arme vor seinem ledernen Brustharnisch verschränkt, wodurch er das Wappen der Lichtgarde, seiner Kriegerelite, dessen Vorsteher er war, verdeckte. Doch sie kannte das Symbol. Erhaben und stolz hob sich das Abbild Michaels silbern vor dem schwarzen Untergrund des Leders ab. Es zeigte den Moment, als er mit weit ausgebreiteten Flügeln und erhobenem Schwert Luzifer besiegte und diesen aus dem Himmel verbannte.

Sie starrte ihn an. Es war nicht sein Äußeres, das sie seit jeher faszinierte, vielmehr war es die kühle Aura aus Stärke, Autorität und einer gewissen Rücksichtslosigkeit, die ihn umgab, und ihn in ihren Träumen erscheinen ließ. Wann immer sie die Einsamkeit nicht mehr ertragen konnte, suchte sie sich einen menschlichen Krieger von ähnlicher Statur, wohnte ihm bei und stellte sich dabei den Erzengel vor. Schnell verscheuchte Morrígan diese nutzlosen Gedanken und verbarg ihre Gefühle hinter einer ausdruckslosen Miene.

„Michael“, wandte sie sich sachlich an ihn. „Ich danke dir für dein Kommen und möchte dir etwas vorschlagen, von dem wir beide profitieren können.“

Der Erzengel sah sie mit hochgezogener Braue an. „Sprich weiter“, forderte er mit brüskem Ton, aber Morrígan ließ sich nicht einschüchtern. „Ich schlage dir ein Bündnis zwischen uns vor.“

„Was lässt dich vermuten, dass ich daran Interesse haben könnte?“ Sein kühler, herablassender Tonfall ließ etwas in ihr brodeln, aber sie ignorierte es, zu wichtig war es, ruhig und gelassen zu bleiben.

„Noch immer bin ich es, zu der menschliche Krieger beten und Hinterbliebene für die Seelen ihrer Verstorbenen bitten.“

Ein Ausdruck von Interesse und Neugierde huschte über sein Gesicht, aber er hatte sich schnell wieder unter Kontrolle. „Selbst ernannte Gottheiten kommen und gehen schon seit Anbeginn der Zeit, aber eines haben sie alle gemeinsam.“ Er sah sie abweisend an. „So schnell wie sie erschienen sind, geraten sie auch wieder in Vergessenheit. Also sag mir: Was willst du wirklich?“

Morrígan überlegte. Nicht umsonst war sie die Königin der Strategie, so schritt sie zu ihm und legte ihre Hände auf seine verschränkten Unterarme. „Ein Bündnis mit mir wäre auch dir von Vorteil.“

Michael stand stocksteif da. „Wovon sprichst du?“

Morrígan nahm ihr Herz in die Hand und legte es ihm zu Füßen. „An deiner Seite könnte ich die Ewigkeit überdauern, und nicht bloß als eine Überlieferung in irgendwelchen Schriftrollen enden. Im Gegenzug bekämst du meine Krieger für deinen Kampf gegen Luzifer. Du weißt, dass ich die besten menschlichen Kämpfer, die auf dem Schlachtfeld gestorben sind, in meiner Schattenwelt bewahre.“

Michael nickte. „Das ist mir bewusst. Und ich weiß auch, dass du sie regelmäßig hervorholst, wenn es deinen Zwecken dienlich ist.“

Morrígan lächelte verschmitzt. „Natürlich mache ich das.“ In einer sanften Berührung ließ sie ihre Finger seine Unterarme entlang nach oben gleiten, strich zärtlich über seinen Bizeps und weiter hinauf zu den Muskeln seiner breiten Schultern. Sie wäre dazu bereit, viel dafür zu geben, seine starre Haltung zu durchbrechen. „Michael, nur zu gerne würde ich dir meine Krieger überlassen, denn ich wünsche mir diese Verbindung mit dir.“

Zu ihrer Überraschung legte er seine Arme um ihre Taille und zog sie enger an sich. Da wurde sie mutiger und berührte sein Gesicht, fuhr die Linie seines Wangenknochens entlang und strich ihm eine Haarsträhne aus der Stirn. Sie konnte ihr Glück kaum fassen, als er seinen Kopf hinabsenkte und reckte sich ihm entgegen, war sie doch ein ganzes Stück kleiner als er. Kurz bevor seine Lippen ihre berührten, hauchte sie ihr Geständnis. „Michael, du und ich gemeinsam, das ersehne ich mir schon so lange.“

Michael war gerade auf dem Weg zu einem Treffen seiner Lichtgarde gewesen, den vier Befehlshabern seiner himmlischen Armee und deren besten Kriegern, als Morrígans Ruf ihn erreicht hatte. Obwohl ihm menschliche Gefühle im Grunde nichts bedeuteten, hatte er doch so etwas wie Neugierde verspürt. Bereits des Öfteren hatte er auf einem menschlichen Schlachtfeld einen Blick auf sie geworfen. Eine blasse Schönheit, mit Haaren so schwarz und glänzend wie das Gefieder eines Raben, Augen so dunkel wie strahlender Onyx und blutroten Lippen. Sie wirkte aufregend und faszinierend, während ihr Antlitz zumeist ein geheimnisvolles Lächeln umspielte.

 

Eigentlich hatte Michael keine Zeit für dieses Treffen und sollte die Sache hier beschleunigen, doch er tat es nicht. Er war fasziniert von der dunklen Schönheit Morrígans und konnte den Blick nicht von ihr abwenden, denn ihre faszinierende Ausstrahlung, eine betörende Mischung aus verführerischem Charisma und scharfem Verstand, hielt seine Aufmerksamkeit gefangen.

Wie von selbst legten sich seine Lippen auf ihre und ihr Kuss war berauschend. Ihr Mund war so weich wie eine Feder und lud ihn geradezu ein, erobert zu werden. Als er mit der Zunge in sie eindrang, seufzte sie genüsslich und verlangend, schmiegte sich an ihn und drängte ihren aufregenden Körper an seinen. Ihre Hände krallten sich in seine Haare und zogen seinen Kopf besitzergreifend zu ihr hinab. Sie wollte mehr und er gab es ihr. Seine Arme hielten sie umfangen und seine Hände erkundeten ihre aufregenden Rundungen. Ein großer Teil von ihm wollte sie. Doch da war noch ein anderer, dessen Stimme er immer stärker wahrnahm. Was um Himmels willen tat er hier? Er war innerlich zerrissen und konnte in ihrer Nähe nicht klar denken. Schnell beendete er den Kuss und zog sich zurück. Er musste Abstand zwischen sie bringen.

„Michael“, hauchte sie. „Gib uns eine Chance.“ Mit weit aufgerissenen Augen sah sie ihn an, und er konnte Sehnsucht in ihrem Blick erkennen. Ein Begehren, das er nicht erfüllen konnte. Besser, er brachte das hier zu einem schnellen Ende, bevor sie ihn noch mehr verwirrte, er hatte bereits mehr Aufgaben und Pflichten, als er zählen konnte.

„Ich bin der mächtigste aller Erzengel und Stellvertreter des wahrhaft Höchsten. Ich kann mich nicht auf dich einlassen, selbst ernannte Göttin.“

Eisige Kälte trat in ihren Blick. „Ich habe Fähigkeiten, auf die du nicht verzichten solltest.“

„Was könntest du schon haben, das mich interessieren könnte?“ Geringschätzend blickte er auf sie hinab.

„Ich gewinne Schlachten. Immerhin bin ich die Göttin des Krieges, millionenfach angebetet.“

„Du bist nichts weiter als ein Irrglaube der Menschen. Der Höchste lässt es zu, weil du keinerlei Bedeutung hast. Noch ein paar Jahrhunderte und du wirst vergessen sein.“

Erbost sog sie die Luft ein. „Wie kannst du es wagen, so mit mir zu sprechen? Die Menschen folgen mir, obwohl ich eine Frau bin. Ich bin weder groß noch stark, dennoch habe ich mich durchgesetzt! Was glaubst du wohl, warum?“ Sie bohrte ihm den Zeigefinger in die Brust. „Ich rate dir, unterschätze mich nicht!“

Er packte ihre Hand und hielt sie wie in einem Schraubstock gefangen. „Du wagst es, mir zu drohen? Pass auf, denn du begibst dich auf einen gefährlichen Pfad, kleine, selbst ernannte Göttin.“

„Lass mich sofort los!“, fauchte sie. „Oder es wird dir noch leidtun!“

Michael lachte lautstark und hielt ihre Hand weiterhin fest. Morrígans Augen funkelten ihn voller Zorn an. „Deine Arroganz wird dir eines Tages zum Verhängnis werden. Möge es Jahrhunderte oder gar Jahrtausende dauern, doch sei gewiss, der Tag wird kommen. Und dann wird es mein Gesicht sein, in das du als Letztes blicken wirst!“

Michael lachte immer noch, führte er ihre Hand an seinen Mund und hauchte einen Kuss darauf. „Ich freu mich drauf, kleine Göttin.“

Michael war verschwunden und hatte Morrígan einfach stehen lassen. Ihre Hände hatte sie zu Fäusten geballt und die Nägel bohrten sich in ihr Fleisch. Sie hatte sich Michael geöffnet und hätte ihm ihr Herz geschenkt und wie hatte er es ihr gedankt? Mit Hohn und Spott!

„Egal, was du behauptest, ich bin eine Göttin!“, rief sie aufgebracht in die Dunkelheit. „Aber du bist nur der jämmerliche Diener des Höchsten!“

Die Nacht schritt voran, doch der bittere Geschmack der Enttäuschung blieb. Ihr Traum war geplatzt und ihre Hoffnung unwiederbringlich zu Grabe getragen. Plötzlich keimte ein Gedanke in ihr, der schnell zu einem gefinkelten Plan heranreifte. Sie fühlte, wie neue Energie sie durchströmte, und ihr ein gerissenes Lächeln auf die Lippen zauberte. Energisch straffte sie die Schultern. „Luzifer, höre mich an, ich habe dir ein Angebot zu machen.“

Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, stand er auch schon vor ihr. Sie musterte den Gefallenen Engel, den sie noch nie zuvor gesehen hatte. Er war eine kleinere, schmächtigere Version von Michael, doch es fehlte ihm an dessen natürlicher Autorität und kriegerischer Ausstrahlung. Auch seine Gesichtszüge waren weicher und weniger markant. Sie ließ sich nichts anmerken und bezwang den Schmerz in ihrer Brust, als sie an Michael dachte.

„Ich bin gespannt, was du zu sagen hast. Ich habe schon viel von dir gehört.“

„Was wäre es dir wert, wenn ich Michael dazu bringe, vor dir zu knien?“

Luzifer sah sie erstaunt an und brach dann in Gelächter aus. „Das schaffe nicht einmal ich. Wieso sollte es ausgerechnet dir gelingen?“

Morrígan ließ sich ihren Ärger nicht anmerken. „Das wie muss dich nicht interessieren. Ich frage dich nur, was du bereit wärst, dafür zu geben.“

Da verstummte Luzifer und sah sie so durchdringend an, als würde er ihre Gedanken lesen. „Du hast den Ruf, eine beispiellose Strategin zu sein. Wenn dir dieses Meisterwerk gelingen sollte, ernenne ich dich zu meiner rechten Hand und Stellvertreterin.“

Morrígan dachte nach und nickte schließlich. „Bist du bereit, dies vertraglich festzuhalten und mit einem Tropfen deines Blutes zu besiegeln?“

Luzifer willigte ein und folgte ihr zu einer angrenzenden Hütte, wo sie ihre Übereinkunft auf Pergament festhielten.

Teil 1 – Mittelalter

1

1293, in der Grafschaft Kerry, im Südwesten Irlands, in einem dichten Wald.

 

Endlich zurück in ihrem Häuschen mitten im Dickicht, ließ Melanya sich erschöpft auf die Bank sinken. Die Kälte fuhr ihr bis in die Knochen und ließ sie erzittern, denn die Feuerstelle war schon längst erloschen. Ich muss dringend ein neues Feuer entzünden, dachte sie und blieb trotzdem sitzen. Mittlerweile war es dunkel und sie fühlte sich müde, doch gleichzeitig unsagbar glücklich. Sie hatte es geschafft. Der kleine Junge würde gesund werden. Die letzten drei Tage und Nächte hatte sie gegen die Krankheit gekämpft und diesmal hatte sie gewonnen. Das Fieber war gesunken und der tiefe, bellende Husten klang bereits ab.

Melanya strich sich eine widerspenstige rotbraune Locke aus der Stirn, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatte. In den letzten Tagen war sie nur kurz zurückgekommen, um bestimmte Kräutertinkturen, Teemischungen oder Runen zu holen. Hier in diesem Teil Irlands hatte der Glaube an die heidnischen Götter noch immer Tradition. Und sie spürte nicht nur die Macht der Runenzauber, sie hatte auch das Wissen, sie anzuwenden.

Während andere Mädchen miteinander in der Sonne gespielt hatten, war sie von ihrer Großmutter in den Künsten der alten Magie und des Heilens unterrichtet worden. Diese Unterweisung hatte die genaue Kenntnis sämtlicher Kräuter und Pflanzen beinhaltet, denn manche dieser Gewächse hatten sowohl heilende als auch tödliche Wirkung und deren Ernte erforderte spezielle Rituale. Melanya kannte die Zubereitung von Salben, Tinkturen, Teemischungen und Essenzen. Damit unterschied sie sich von keiner kräuterkundigen Frau irgendwo anders im Land. Doch sie trug Magie in sich. Sie spürte sie zu jeder Stunde des Tages in sich vibrieren, manches Mal sanft und dann wieder machtvoll und stark. Durch ihre Großmutter, Eleonora, besaß sie auch das alte Wissen, jene Kenntnis um die Macht der alten Götter und deren Zauber. Ihre Großmutter hatte größten Wert darauf gelegt, dass sie die Magie der Runen beherrschte. Die gute ebenso wie die dunkle. Doch hatte sie Melanya stets davor gewarnt, die schwarzen Zauber anzuwenden. Halte dich stets fern von den dunklen Mächten!, hatte sie noch am Sterbebett verlangt und Melanya hatte sich immer daran gehalten.

Sie sah sich in ihrer Holzhütte um. Sie war klein, denn sie bestand nur aus einem Raum, doch wirkte sie gemütlich und sauber. An den Wänden waren zahlreiche Regale mit unzähligen Tiegeln und Fläschchen darauf befestigt. Überall hingen Büschel von Kräutern von den Deckenpfeilern, die dort vor sich hin trockneten und in dem kleinen Raum eine frische, herbe Mixtur aus Gerüchen verströmten. Alles hier erinnerte sie schmerzhaft an ihre Großmutter, die einzige Verwandte, die sie gehabt hatte. Vor zwei Jahren hatte auch sie Melanya verlassen und war auf die andere Seite gegangen. Seither lebte sie allein und führte das Vermächtnis fort.

Was sie mit ihren nur zweiundzwanzig Jahren zu einer alten Jungfer machte.

Die anderen Frauen in ihrem Alter waren längst verheiratet, hatten bereits mehrere Kinder geboren und die meisten dieser Kinder hatte sie, Melanya, selbst auf die Welt geholt. Sie hatte sie abgetrocknet, in eine Decke gehüllt und den Bruchteil einer Sekunde an sich gedrückt, bevor sie sie der Mutter übergeben hatte. Jedes Mal hatte sie dabei einen Stich in ihrem Herzen vernommen und die Leere in sich gespürt, denn sie würde niemals dieses Glück empfinden, hatten die Männer im Dorf doch leider Angst vor ihr. Sie befürchteten, dass sie sie für irgendwelche Vergehen mit einem Fluch belegen oder gar mit Impotenz bestrafen würde. Und Melanya hielt sich von ihnen fern, ahnte sie doch, wie schmal der Grat war, auf dem sie sich befand. Sie wusste, wie dankbar die Menschen, vor allem die Frauen im Dorf, für ihre Hilfe waren. Doch Garantie dafür, dass sie nicht irgendwann als Sündenbock für alles Mögliche würde herhalten müssen, gab es keine.

Sie seufzte resigniert und beschloss dann, dass das Hadern mit ihrer Einsamkeit nichts nutzte. Zumal es ohnehin nur einen einzigen Mann gab, dem ihr Herz gehörte. Der hatte aber leider noch nicht einmal Notiz von ihr genommen. Entweder wusste er nicht einmal, dass sie existierte, oder es war ihm schlichtweg egal. Melanya war sich nicht sicher, welche Möglichkeit sie trauriger stimmte.

Energisch schob sie die düsteren Gedanken fort und stand auf. Das Feuer im Kamin würde sich nicht von allein entfachen. Magie hin oder her, ohne Holz würde auch ihr Zauber nichts bringen. Die Suppe würde sich auch nicht von allein zubereiten und sie musste dringend etwas essen, um wieder zu Kräften zu kommen. Danach würde sie die aufgebrauchten Tinkturen gegen Fieber und Husten herstellen und ihre Vorräte auffüllen.

Sie holte Wasser aus dem Bach, der gleich hinter ihrer Hütte verlief und füllte es in zwei Töpfe über dem Feuer. Einer war für ihre Suppe, in dem anderen kochte sie das Wasser ab, damit sie es später für ihre Arzneien verwenden konnte. Sie machte sich daran, das Gemüse, das sie in ihrem kleinen Garten selbst gepflanzt hatte, kleinzuschneiden und warf alles in den Kessel über der Feuerstelle. Das würde für diesen Abend genügen müssen. Dann holte sie sich den schweren Mörser und bearbeitete die getrocknete Weidenrinde mit dem Stößel. Eine schweißtreibende Aufgabe, doch sie duldete keinen Aufschub, denn sie musste stets genügend ihrer speziellen, fiebersenkenden Rezeptur aus Weidenrinde und Mädesüß vorrätig haben. Also hieb sie weiter auf die Rinde ein, um sie in ein feines Pulver zu verwandeln, als ein lautes Klopfen sie unterbrach. Erschrocken ließ sie den Stößel fallen.

„Melanya! Seid Ihr da?“, rief eine Männerstimme und sie eilte zur Tür. Als sie öffnete, sah sie sich zwei Männern, die sie ängstlich anblickten, gegenüber.

„Was ist geschehen?“

„Wir wissen es nicht. Wir waren gerade auf dem Rückweg von der Jagd. Unsere Pferde waren in langsamem Schritt unterwegs und plötzlich fiel er einfach hinunter.“

„Ja. Wie ein Sack Kartoffeln ist er einfach so heruntergekippt“, pflichtete der andere ihm bei und deutete nach hinten auf einen reglosen Körper, der kopfüber über einem Pferd lag. Doch in der Dunkelheit konnte Melanya nicht erkennen, um wen es sich handelte.

„Bringt ihn herein und legt ihn auf das Bett neben dem Feuer“, wies sie die beiden an. Als sie den bewusstlosen Mann an ihr vorbeitrugen, erkannte sie sogleich dessen blonden Schopf und der Schreck ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. O ihr Götter! Bitte nicht er!

„Kieran! Könnt Ihr mich hören?“ Er schwitzte und sein Gesicht war leichenblass. Nur seine Wangen oberhalb des Barts waren ungesund gerötet und stachen neben der fahlen Haut umso stärker hervor. Panik ergriff von ihr Besitz, denn so sah jemand aus, der hohes Fieber hatte. Angsterfüllt befühlte sie seine Stirn und erschrak, denn er glühte förmlich. Die Furcht um ihn lähmte sie beinahe, doch sie wusste, sie musste funktionieren. Also schloss sie kurz die Augen und sammelte sich.

„Ist noch jemand erkrankt?“, wandte sie sich an die beiden aber die schüttelten nur den Kopf.

„Das ist gut“, murmelte Melanya vor sich hin, somit konnte sie eine Vergiftung über die Nahrung oder das Trinkwasser ausschließen.

„Ist euch sonst noch irgendetwas aufgefallen, ist er vielleicht die letzten Tage schon anders gewesen?“

„Ja, er ist beim Training besiegt worden“, überlegte der eine.

„Das ist ungewöhnlich“, erklärte der andere. „Außerdem habe ich gesehen, wie er sich mehrmals an den Schwertarm gegriffen hat.“

„Er hat auch mehr geschwitzt als sonst. Und sich hingesetzt.“

Melanya nickte. „Dann zieht ihm das Hemd aus. Aber vorsichtig!“

Als die beiden ihm den Stoff von der Schulter schälten, kam eine hässlich infizierte Wunde zum Vorschein. Das Fleisch war dick mit schmierigem, grünlichem Eiter belegt und die geschwollenen Ränder waren gerötet und klafften weit auseinander. Sie hörte, wie die Tür geöffnet wurde, gefolgt von würgenden Geräuschen. Schnell warf sie dem zweiten Mann einen strengen Blick zu, der ebenfalls recht fahl im Gesicht aussah.

„Haltet Ihr das aus?“, fragte sie ihn sicherheitshalber. „Ich kann Eure Hilfe gut gebrauchen.“

Er nickte, sprach jedoch kein Wort mehr. Nun gut, dachte sie. „Holt mir die Baumwolltücher aus der Truhe dort drüben.“ Sie deutete mit dem Kopf in den hinteren Bereich der Hütte. „Und dann bringt mir noch den Krug dort oben links auf dem Regal.“

Der Mann tat wie geheißen und brachte die Utensilien, während sie bereits neben Kieran kniete. Geschickt tastete sie den Bereich um die Wunde herum ab, um zu fühlen, wie weit die Schwellung als Zeichen der Infektion bereits fortgeschritten war. Sie erschrak innerlich, denn das Schlimmste, was in einer solchen Situation eintreffen konnte, war geschehen. Sie befühlte nochmals die Wunde, doch leider irrte sie sich nicht. Der Wundgrund fühlte sich eigenartig weich an, als würde sie auf Teig drücken. Dies war ein sicheres Zeichen für eine Eiteransammlung darunter. Sie vermutete, dass die krankmachenden Säfte bereits die Blutbahn erreicht hatten und genau das bereitete ihr die größte Sorge, musste sie dadurch um Kierans Leben bangen. Ihr Götter, warum war er nicht schon viel früher zu ihr gekommen? Was mit einem Kratzer begonnen hatte, hatte sich mittlerweile zu einer lebensgefährlichen Blutvergiftung entwickelt. Doch Melanya würde nicht eher ruhen, bis sie die Krankheit besiegt hatte! Sie schwor sich, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um ihn zu retten. War dies doch der Mann, den sie schon ihr gesamtes Leben lang liebte.

„Ich muss die Wunde aufschneiden“, sagte sie mehr zu sich selbst. Doch dann fiel ihr ein, dass noch jemand neben ihm stand. „Wenn Ihr Euch das nicht zutraut, dann geht besser jetzt. Sobald ich einmal begonnen habe, werde ich keine Zeit haben, mich um Euch zu kümmern.“

Er nickte. „Ich schaffe das.“

„Gut. Dann bringt mir jetzt die Tücher, diesen Krug dort und noch heißes Wasser.“ Sie deutete auf die Feuerstelle links von sich. Er tat wie geheißen und Melanya stand auf und ging zu dem Regal, auf dem eine Schatulle aus kostbarem, poliertem Holz stand. Sie öffnete sie und holte ein kurzes, scharf aussehendes Messer hervor. Schließlich kniete sie sich wieder neben Kieran und deutete ihrem Helfer, sich neben ihr zu platzieren.

Sie ließ etwas von der Flüssigkeit aus dem Krug über ihre Hände und die Klinge rinnen und tränkte mehrere kleine, viereckige Baumwolltücher damit. Sogleich stieg ihr der stechende Geruch von Essig in die Nase, den sie mit Salbei, Thymian, Rosmarin und Lavendel angesetzt hatte, damit die reinigende Wirkung durch die Kräuter noch verstärkt wurde. Dann strich sie damit über die Wunde und begann, sie erst einmal vom Gröbsten zu reinigen. Tuch um Tuch tränkte sie und sorgte sich umso mehr, als Kieran nicht das geringste Lebenszeichen von sich gab. Immer wieder überprüfte sie, ob er tatsächlich noch atmete. Viel lieber wäre ihr gewesen, er hätte geschrien und sich gewunden, musste diese Prozedur doch höllisch brennen. Doch diese Regungslosigkeit war es, die sie am meisten fürchtete.

Nachdem sie die oberflächliche Schicht Eiter abgewaschen hatte, konnte sie die Verletzung genauer inspizieren. Was sie über alle Maßen beunruhigte, war die Tiefe der Wunde. Denn sie drang weit in das Fleisch von Kierans Schultermuskel. Sie musste nicht nachfragen, sie wusste auch so, dass es sich um eine Verletzung durch ein Schwert handelte.

„Bereit?“, fragte sie ihren Helfer. „Seht am besten nicht hin.“ Dann wandte sie sich wieder ihrer Aufgabe zu und versuchte, alle anderen Gedanken auszublenden. Sie durfte nun nicht daran denken, was sie hier eigentlich tat und vor allem, bei wem. Sie konzentrierte sich einzig auf die Wunde, denn würde ihr Blick nun zu seinem Gesicht wandern, würden ihre Hände wie Espenlaub zittern. Hier lag der Mann, dem ihr Herz gehörte, ohne Bewusstsein und dem Tod näher als dem Leben. Doch sie durfte nicht an das volle Ausmaß denken und atmete mehrmals tief durch, als sie die Klinge an Kierans Fleisch setzte. Konzentriert schnitt sie und sofort triefte dickflüssiger und übelriechender Eiter heraus. Mit dem stumpfen Ende des Messers drang sie nun in die Wunde hinein und drehte es quer. Sie konnte dadurch die Wundhöhle offen halten und der Eiter ungehindert fließen.

„Reicht mir die getränkten Tücher“, forderte sie, als der Fluss verebbte. Vorsichtig stopfte sie die Tupfer in die Wundhöhle, um jeden Rest an Eiter herauszuholen. Sie hörte ihren Helfer erneut ächzen, doch kümmerte sie sich nicht darum, vielmehr erschreckte es sie, dass Kieran auch von dieser Prozedur nichts mitbekam. Seine Bewusstlosigkeit war tief; schnell schob sie den beängstigenden Gedanken beiseite und arbeitete konzentriert weiter. Zuletzt schnitt sie einen schmalen Streifen von einem frischen Tuch ab und legte ihn in die Wundhöhle hinein, wobei sie ein Stückchen herausragen ließ. Es würde dafür sorgen, dass die Wunde nicht sogleich zusammenwuchs und eventuell neu gebildeter Eiter abfließen konnte. Sie würde den Streifen bei jedem Verbandswechsel erneuern, bis die Wunde sauber wäre und zuheilen konnte.

„Wisst Ihr, wann er sich verletzt hat?“, fragte sie ihren Helfer, ohne ihre Tätigkeit zu unterbrechen.

Er verneinte und sie vermutete, dass Kieran schon länger damit herumgelaufen sein musste. Eine Blutvergiftung geschah nicht über Nacht. Warum hatte er sich nicht schon früher von ihr helfen lassen? Doch sie kannte die Antwort. Männer kamen nicht freiwillig zu ihr, schließlich hatten sie Angst vor ihren Hexenkräften. Frauen nahmen ihre Dienste aus Sorge um ihre Liebsten in Anspruch, somit waren zumindest die verheirateten Männer versorgt. Doch zu den Junggesellen wurde sie erst gerufen, wenn es schon beinahe zu spät war.

„Hornochse“, murmelte sie vor sich hin. „Stures, überhebliches Mannsbild.“

„Was habt Ihr gesagt?“

Melanya sah erschrocken auf. Sie hatte den zweiten Mann in ihrer Hütte doch glatt für einen Moment vergessen.

„Nichts. Bringt mir den dritten Tiegel von rechts im zweiten Regal von oben“, wies sie ihren Helfer an, ohne ihren Blick von Kieran abzuwenden. Das Tongefäß wurde ihr gereicht und sie öffnete es. Darin befand sich eine Paste, die sie nach einem uralten Rezept aus Honig, Wegerich und frischem Knoblauch, vermischt mit Essigwein und dem Saft einer Zwiebel, hergestellt hatte. Während der Zubereitung hatte sie unentwegt ein Gebet der alten Druiden gesungen.

Sie verteilte die Paste gleichmäßig auf der Wunde und befestigte einen Verband aus Baumwollstreifen darum. Dann stand sie auf und ging zum Tisch, dankte den Göttern, dass ihr Pflichtbewusstsein ihre Erschöpfung besiegt und sie zuvor die Weidenrinde zermahlen hatte. Sie gab etwas Pulver in einen Becher und fügte noch einige Blüten von Mädesüß hinzu. Darüber goss sie heißes Wasser und ging wieder zu Kieran.

„Holt mir frisches Wasser aus dem Bach“, bat sie ihren Helfer. Dieser tat wie aufgetragen und eilte zur Tür hinaus.

Melanya tauchte ein sauberes Tuch in den Tee und beträufelte damit Kierans Lippen. Ihr Herz war von Furcht umklammert, denn er zeigte keinerlei Reflexe, die Arznei abzulecken. Doch sie musste es schaffen, das Fieber zu senken.

„Helft mir, seine Hose auszuziehen“, befahl sie ihrem Helfer, der wieder zurückgekommen war. Er nickte und machte sich daran, Kieran zu entkleiden. Melanya redete einfach weiter, denn es beruhigte sie. „Er glüht. Ich muss versuchen, das Fieber zu senken. Also werde ich ihm Wadenwickel machen.“

„Das macht Eileen bei unserem Sohn auch immer.“

„Dann seid Ihr Finns Vater?“, schlussfolgerte sie, doch sie konnte sich nicht an seinen Namen erinnern.

Er nickte. „Ihr habt ihn auf die Welt geholt.“

Natürlich habe ich das, dachte sie. Wie all die anderen Kinder des Dorfes auch. „Ja. Und ich habe Eurer Frau gezeigt, wie sie die Wadenwickel machen soll.“

„Wenn jemand Kieran retten kann, dann seid Ihr es, Melanya.“

Sie nickte nur, was hätte sie auch sagen können? Dass der Mann, dem ihr Herz gehörte, hier bewusstlos vor ihr lag und sie keine Ahnung hatte, ob sie den Kampf um sein Leben gewinnen konnte? Ihr war zum Weinen zumute und sie war nur knapp davor, die Nerven zu verlieren. Doch dann blickte sie in Kierans Gesicht. Trotz seiner Sonnenbräune war er bleich und seine blonden Haare klebten verschwitzt an ihm. Von seiner selbstbewussten Stärke, die er sonst stets versprühte, war nichts mehr übrig. Sie kniete sich wieder neben ihn und strich ihm eine Haarsträhne aus der Stirn, legte ihre Hand an seine Wange und spürte zum ersten Mal, wie es sich anfühlte, als Frau und nicht als Heilerin den Mann zu berühren, den sie liebte.

Seine Augen waren geschlossen, doch sie wusste auch so, dass sie das schönste Blau hatten, das sie jemals gesehen hatte. Nicht stechend hell, sondern von einem tiefen, beinahe violetten Farbton, wie die Blüte einer Kornblume. Auch ohne dass er lächelte, kannte sie die Grübchen, die sich in seinem Gesicht bildeten, selbst wenn dieses Lächeln niemals ihr gegolten hatte. Panik stieg in ihr auf. Was, wenn sie es nicht schaffen würde, ihn zu retten? Was, wenn niemals wieder ein spitzbübisches Grinsen seine Züge erhellen würde? Doch sie ermahnte sich schnell zur Vernunft. Sie durfte sich nicht von ihren Gefühlen überwältigen lassen. Die Verantwortung für Kierans Leben lag nun in ihren Händen und sie durfte sich nicht von ihrer Angst lähmen lassen. Ihre Liebe zu ihm verlangte es, dass sie ihre Panik tief in sich vergrub und um sein Leben kämpfte. Und genau das würde sie tun. Sie würde nicht aufgeben! Niemals!

Sie holte ein weiteres Laken aus der Truhe und riss es in Bahnen. Dann nahm sie den Eimer mit dem frischen Wasser, tränkte den Stoff darin und träufelte ein wenig Essig darüber, danach wickelte sie den Stoff um Kierans Waden. Mit einem weiteren Tuch begann sie behutsam, seine glühende Haut zu waschen, um seinen Oberkörper zu kühlen. Sie war hochkonzentriert und arbeitete gewissenhaft. Nur um seine Scham lag züchtig die Decke.

„Kann ich noch etwas tun?“, holte sie die Stimme ihres Helfers aus der Konzentration. Sie schüttelte den Kopf, wandte jedoch den Blick nicht von Kieran ab. Kurz darauf hörte sie Schritte und eine Tür, die ins Schloss fiel. Dann herrschte Stille. Endlich, dachte sie, denn nun konnte sie das tun, wofür sie nur ungern Zeugen hatte.

Die alten Mächte um Hilfe bitten.

2

Obwohl sie nichts Böses tat, praktizierte sie diese Rituale immer nur, wenn sie allein war. Es war eine Sache, dass die Dorfbewohner wussten, dass sie die alten Riten beherrschte, doch es war eine ganz andere, dabei zu sein. Sie schätzten sie für ihr Wissen und ihre Hilfe, doch sie hatten auch großen Respekt vor den Zaubern, die Melanya beherrschte. Also praktizierte sie sie nur, wenn sie mit dem Kranken allein war.

Sie holte die benötigten Utensilien und reihte sie neben sich auf, entzündete eine kostbare Kerze aus Bienenwachs an dem Feuer im Kamin und stellte sie auf eine Truhe, die neben Kierans Lager stand. Mit geschlossenen Augen kniete sie sich erneut neben ihn und klärte ihre Gedanken, löste sich von allem Irdischen und stellte sich vor, wie die spirituelle Kraft der Götter sie durchströmte. Tatsächlich konnte sie an dieser Stelle stets fühlen, wie ihre Magie sich von dem ständigen zarten Vibrieren zu einem kraftvollen Prickeln steigerte. Ihre Großmutter hatte immer davon gesprochen, welch mächtiges Werkzeug Melanya einmal sein würde, doch sie hatte nie verstanden, was genau die Ältere damit gemeint hatte.

Dann öffnete sie die Augen und griff nach ihrem Dolch. Damit umschrieb sie einen Kreis in der Luft um Kierans Körper herum und rief die vier Elemente an, ihm Kraft zu schenken. Nun kam der Teil, an dem sie sich an die Götter wandte. Dana, die große Göttin Muttererde, aus deren Schoß alles Leben entstand, bat sie um genügend göttliche Energie, um die Krankheit zu besiegen. Sie wandte sich an Dagdu, den Gott des Todes und der Wiedergeburt und flehte ihn an, Kieran zu verschonen und ihn weiterhin unter den Lebenden verweilen zu lassen.

Dann wandte sie sich an Brigid und Bel, die Schützer der Heilkunst, bat um das Wissen und die Fähigkeiten, die sie brauchen würde, um Kieran auf seinem schweren Weg zur Genesung zu helfen.

Sie bat die Götter um Führung sowie Klarheit und griff in einen kleinen Lederbeutel. Drei Runen würde sie nacheinander herausholen, um den Verlauf von Kierans Zustand abschätzen zu können.

Krankheit und Schmerz lagen bereits in Runenform vor ihr. Erneut griff sie in den Beutel und zögerte lange, sich für einen Stein zu entscheiden, stand er doch für die mögliche Zukunft. Doch dann fühlte sie das bekannte Kribbeln in den Fingerspitzen, als sie den richtigen berührte. Sie zog ihn heraus und hielt ihn in ihrer Faust umschlossen, denn sie hatte Angst, draufzusehen. Langsam öffnete sie ihre Hand – und erschrak.

Nein!“ Es war das Symbol für den Tod. Auf ihrer blassen Haut brannte es sich förmlich ein, denn die Götter sprachen in deutlichen Zeichen. Krankheit, Schmerz und Tod. Das würde sie niemals zulassen! Und wenn es das Letzte wäre, was sie tun würde, sie würde es schaffen! Kieran würde leben und sie würde nicht eher ruhen, bis sie ihn ins Leben zurückgeholt hatte!

Sie schüttete den Inhalt des Beutels auf dem Boden vor sich aus und suchte nach drei bestimmten Runen. Als sie die Steine mit den eingeritzten Zeichen gefunden hatte, hob sie diese auf und reihte sie auf Kierans Brustkorb entlang des Brustbeins auf. Die erste stand für Kraft und Stärke. Die zweite für die Überwindung von Leid und die dritte für Heilung. Dann holte sie aus einer Truhe ein Amulett, es war rund und bestand aus vier ineinander verschlungenen Knoten. Sie standen für die Elemente als Zeichen der machtvollen Kräfte der Natur.

Sanft hob sie seinen Kopf an und legte es ihm um. Dann platzierte sie ihre flache Hand darauf und schloss die Augen. Sie brauchte weder das Buch, das von magischer Generation zu Generation weitergegeben wurde, noch die ergänzenden Anmerkungen ihrer Großmutter. Eleonora hatte dafür gesorgt, dass Melanya alle wichtigen Rituale und Sprüche auswendig beherrschte. Mit ruhiger, aber bestimmter Stimme sprach sie den uralten Zauber für Genesung.

„Ich rufe Euch, Ihr Mächte der Natur.

Erhöret mich, denn ich erflehe Eure Hilfe.

Durch die Kraft des Himmels

und das Licht der Sonne,

durch den Strahl des Mondes

und die Macht des Feuers,

durch die Eile des Blitzes

und die Schnelle des Windes,

durch die Tiefe der Meere

und die Festigkeit der Erde,

durch die Härte des Felsens

und die Macht der Götter,

wird der Träger dieses Amuletts genesen.“

Dann setzte sie sich auf ihre Fersen und besang mit glockenheller Stimme die heilenden Kräfte der Natur. In einer alten, längst vergessenen Sprache sang sie die Gebete des Rituals und ließ den Göttern keinen Zweifel an ihrer Absicht.

Zum Abschluss kamen die Opfergaben. Dem Element Erde opferte sie Kräuter ihres Vorrates, die sie in eine Schüssel gab. Dem Wasser opferte sie, indem sie einen Schluck Wein darüber schüttete. Der Luft gedachte sie, indem sie ein Büschel getrockneten Salbei vom Deckenbalken abschnitt und damit räucherte. Sie hatte dieses Kraut gewählt, damit sie gleichzeitig die Luft von der Krankheit reinigen konnte. Als Letztes erbrachte sie dem Element Feuer ein Opfer, indem sie das übrige Räucherwerk und den Inhalt der Schüssel in die Flammen des Kamins schüttete.

Erneut fühlte sie Kierans Stirn, noch immer war sie heiß. So machte sie sich gleich daran, die Wadenwickel zu wechseln, und wusch ihn erneut mit frischem, kühlem Wasser. Als sie damit fertig war, setzte sie sich auf die Bank neben dem Feuer und betrachtete ihn. Für den Moment konnte sie nicht mehr viel tun und den Verband würde sie erst in einigen Stunden erneuern.

Als ihr Magen knurrte, beschloss sie, einen Teller Suppe und ein Stück Brot zu essen, aber sie brachte kaum einen Bissen herunter. Mit reiner Willenskraft, um selbst bei Kräften zu bleiben, würgte sie Löffel für Löffel hinunter. Ihr Blick hing an dem reglosen Kieran. Ab und zu hatte sie sich erlaubt, von ihm zu träumen. In ihrer Fantasie waren auf einer Lichtung im Wald gewesen, umgeben von blühender Blütenpracht, dem fröhlichen Gesang der Vögel und dem sanften Plätschern des Baches und hatten sich geliebt. Sie wusste, was Mann und Frau miteinander verband, zumindest in der Theorie, denn sie hatte einmal ein Paar dabei beobachtet. Es war im Lichtschein in einer Nacht des vollen Mondes gewesen. Manche Kräuter mussten dem alten Wissen nach in dieser speziellen Stunde geschnitten werden und regelmäßig strich sie in diesen besonderen Nächten durch den Wald. Da hatte sie die beiden gesehen. An dem Ufer des Baches. Das silberne Licht des Mondes hatte ihr die im Liebesspiel verschlungenen Körper offenbart und ihr gezeigt, was es bedeutete, mit allen Sinnen zu lieben. Zum ersten Mal hatte sie die Liebe eines Mannes zu einer Frau gespürt. Sie hatte gesehen, wie ehrfürchtig er ihren Körper erkundet hatte und wie sehr ihr dies zu gefallen schien. Dann hatte er sich auf sie geschoben und sie hatte ihn zwischen ihren Schenkeln willkommen geheißen. Er hatte sie geliebt, stark, kraftvoll und leidenschaftlich. Der Akt hatte Melanya die Schamesröte auf die Wangen getrieben und gleichzeitig derartig fasziniert, dass sie nicht eine Sekunde lang hatte wegblicken können. Sie hatte das Verlangen in sich gespürt, das lustvolle Ziehen in ihrem Unterleib, das doch niemals befriedigt werden würde. Die ganze Zeit über hatte sie an Kieran gedacht und sich vorgestellt, wie er sie lieben würde.

Auch wenn sie die körperlichen Gefühle nicht nachempfinden konnte, wusste sie doch, wie es sich anfühlte, sein Herz an jemanden verloren zu haben. Wieder glitt ihr Blick zu Kieran. Sie konnte nicht widerstehen und ging zu ihm hinüber. Er hatte ein markantes Gesicht mit einer geraden Nase und einem ausgeprägten Kiefer, der durch den blonden Bart noch betont wurde. Seine schulterlangen, ebenfalls blonden Haare gaben ihm ein verwegenes, ungezähmtes Aussehen. Er war groß und breitschultrig, durch den jahrelangen Drill in der Kampfeskunst. Es gab kein überschüssiges Gramm Fett an seinem Körper und sie konnte nicht widerstehen, ihn zu berühren. Sanft strich sie ihm eine schweißnasse Haarsträhne aus der Stirn.

„Kieran, gib nicht auf. Du musst kämpfen!“

Zärtlich legte sie ihre Hand an seine kratzige Wange und sprach ihm weiterhin beruhigende Worte zu, die ihm in seinem Kampf gegen das Fieber Kraft spenden sollten.

Dann wusch sie ihn ein letztes Mal in dieser Nacht mit kühlem Wasser, wechselte seinen Verband und bereitete sich dann ein Lager am Fußboden direkt neben ihm. Sie holte Felle und Decken und schürte dann noch einmal das Feuer im Kamin, damit Kieran nicht fror. Dann legte sie sich in ihr provisorisches Bett. Sie wusste, sie würde nicht schlafen, denn sie musste über ihn wachen. Sie schloss die Augen und lauschte jedem einzelnen seiner Atemzüge.

3

Spät in der Nacht holte sie ein lautes Klopfen aus ihrer Konzentration. Sogleich stand sie auf und ging zur Tür, ahnte sie doch bereits, wer davorstand. Diesen Besucher durfte sie nicht warten lassen. Sie öffnete und erblickte den Earl höchstpersönlich, begleitet nur von Brian, seinem Sohn.

„Seid gegrüßt, Mylord.“ Sie hielt ihren Blick gesenkt und knickste vor ihm. Der Earl war ein aufrechter Mann, der sein Land mit strenger, aber gerechter Hand führte.

„Wie geht es ihm?“

Melanya deutete den beiden, einzutreten und führte sie an Kierans Krankenlager. „Er ist noch nicht wieder bei Bewusstsein.“

„Was genau fehlt ihm?“, fragte Brian.

„Er hat eine Wunde am rechten Arm und sie vergiftet ihn von innen.“

Die beiden nickten, jeder Krieger fürchtete solch eine Verletzung.

„Ich kann sie Euch zeigen.“ Der Earl nickte und Melanya kniete sich neben Kieran und wickelte die alten Stoffstreifen ab. Als sie die Wunde freilegte, zogen beide hinter ihr scharf die Luft ein. Gewissenhaft wusch sie die Reste der Paste mit ihrem speziellen Kräuteressig fort und wandte sich dann an ihre Besucher.

„Ihr seht, die schlechten Säfte sind weit in seinen Körper eingedrungen. Es wäre wichtig, dass er die Heilmittel zu sich nehmen würde, doch solange er nicht aufwacht, kann ich ihn nur von außen behandeln.“ Wieder strich sie die infizierte Stelle mit ihrer heilenden Paste ein und wickelte einen neuen Verband darum.

„Wird er es schaffen?“

Sie senkte den Blick. „Mylord, es ist noch zu früh, etwas Genaues zu sagen. Doch seid versichert, dass ich alles dafür tun werde, dass er lebt.“

„Melanya, ich bitte Euch, sprecht ehrlich zu mir. Wie steht es um ihn?“

Sie überlegte sich ihre Worte gut. „Im besten Falle besiegen wir die Infektion, er erwacht und kommt langsam wieder zu Kräften. Wobei eine solch schwere Verwundung eine langwierige Genesung bedeutet. Es wird ihm anfangs schwerfallen, ein Schwert überhaupt nur zu halten.“

„Und im schlechtesten Fall? Ich meine nicht … dass er stirbt … Ihr wisst schon.“

„Ich verstehe. Ihr meint einen Heilungsverlauf, in dem nicht alles glatt läuft. Es gibt eine Menge Komplikationen. Ihr wisst, dass die Krankheit von seiner Wunde ausgehend seinen ganzen Körper vergiftet.“

„Es war doch nur ein Kratzer“, stammelte Brian fassungslos.

Er tat Melanya unendlich leid. Auch er liebte Kieran, seinen Ziehbruder und es musste schrecklich für ihn sein, ihn hier so bewusstlos liegen zu sehen. Sie wollte ihm tröstend die Hand auf den Arm legen, doch sie verharrte mitten in der Bewegung, denn Brian erschrak. Also ließ sie ihre Hand wieder sinken und steckte sie in die Taschen ihres Kleides. Manches Mal vergaß sie, dass die Leute es nicht mochten, von ihr berührt zu werden. Sie hatten Angst vor ihren Kräften, auch wenn sie niemals jemandem Leid zufügen würde und ihre Magie ausschließlich nutzte, um zu heilen und Gutes zu bewirken.

Sie räusperte sich und wandte sich an den Earl. „Ich hoffe, dass die Krankheit nicht seine Organe befällt. Husten wäre zum Beispiel ein schlechtes Zeichen und auch das Fieber darf nicht zu hoch werden, sonst schadet es dem Inneren ebenfalls. Ich versuche, es so zu halten, dass es die schlechten Säfte verbrennt, doch keinen Schaden anrichtet.“

Der Earl wirkte nachdenklich. „Ich kam mit der Absicht hierher, Kieran auf die Burg zu holen, aber ich sehe ein, dass dies seinem Zustand nicht förderlich wäre. Seid Ihr bereit, ihn hier bei Euch zu pflegen?“

Melanya nickte. „Natürlich, Mylord.“

„Dann ist es abgemacht.“ Der Earl betrachtete sie eingehend. „Ich verstehe, dass Ihr Eure Kunst beherrscht, Melanya. Und ich bitte Euch, nichts unversucht zu lassen.“

Damit gab er ihr zu verstehen, was alle dachten. Dass sie eine Hexe war. „Mylord, Ihr müsst wissen, ich kann Leben und Tod nicht beeinflussen.“

„Und trotzdem seid Ihr Kierans letzte Hoffnung“, erwiderte er bestimmt und verließ zusammen mit seinem Sohn ihr Häuschen.

Melanya legte sich wieder auf ihr Lager am Boden neben Kieran und wachte erneut über seinen Schlaf. In den frühen Morgenstunden fing er an, sich unruhig umherzuwälzen und schmerzvoll aufzustöhnen, sogleich beugte sie sich über ihn und sah den gequälten Ausdruck, der seine Züge verunstaltete. Er warf sich ungestüm hin und her und Melanya fasste ihn sanft an den Schultern und drückte ihn zurück ins Strohlager. Dabei sprach sie besänftigend auf ihn ein, denn er musste sich beruhigen, damit der Verband sich nicht löste.

4

In Kierans fieberumwobenem Geist versuchten die finsteren Mächte, ihn ins Verderben zu stürzen. Der Teufel der Christen zerrte an seinem Arm und versuchte, Kieran in die Hölle zu verschleppen. Kaum hatte er es geschafft, sich loszureißen, schnappte Morrígan, die heidnische Göttin des Krieges, nach ihm, um ihn in die Nacht zu zerren. Er konnte ihre Raben sehen. Sie umkreisten ihn bereits. Das schrille Kreischen der Vögel schmerzte in seinen Ohren, und Morrígans bösartiges Kichern verschmolz mit den dunklen Verheißungen des Teufels zu einem bedrohlichen Missklang.

Doch da war noch etwas anderes. Etwas Reines und Helles in all der Finsternis, die ihn umgab. Eine glockenhelle Stimme. Sie sprach beruhigende Worte, die er zwar nicht verstehen konnte, die ihm jedoch Zuversicht schenkten. Es musste Rhiannon sein, die Göttin der Schönheit und der Liebe, die zu ihm sprach. Noch nie zuvor hatte er einen schöneren Klang vernommen. Er klammerte sich an sie wie ein Ertrinkender, denn diese Stimme bedeutete Licht.

„Kieran, Ihr müsst das trinken.“ Schnell hatte Melanya einen Tee aus Weidenrinde und Mädesüß gebrüht. Zum Glück war das Feuer im Kamin noch immer heiß genug und das Wasser im Messingtopf köchelte vor sich hin. Schnell hatte sie die zuvor zubereitete Kräutermischung mit der heißen Flüssigkeit übergossen. Er hatte einen Fiebertraum, das wusste sie, doch vielleicht gelang es ihr mit etwas Glück, zu ihm durchzudringen, sodass er etwas von dem fiebersenkenden Tee trinken konnte, der auch über eine schmerzstillende Wirkung verfügte. Sanft, aber bestimmt hob sie Kierans Kopf an und hielt ihn in ihrer Armbeuge. Sie redete sanft auf ihn ein, um ihn zu beruhigen und begann vorsichtig, seine Lippen mit der Flüssigkeit zu beträufeln. Den Göttern sei Dank, er leckte darüber. Stetig wiederholte sie das Vorgehen, bis er schließlich ruhiger wurde.

„Rhiannon“, flüsterte er, bevor er in tiefen Schlaf glitt.

Was fantasierte er da bloß? Warum träumte er von der Göttin des Waldes, der Tiere und der Jagd? Rhiannon stand auch für die Schönheit und die Liebe. Doch dann wurde ihr etwas anderes bewusst und versetzte ihr einen Stich im Herzen. Sogleich schimpfte sie sich eine dämliche Ziege, denn es war auch einfach ein Frauenname und Kieran war ein Mann, der den Freuden der körperlichen Liebe nicht abgeneigt war. Wann immer sie im Dorf war, hörte sie junge Frauen über ihn schwärmen. Der schmerzende Stachel der Eifersucht stieß jedes Mal unbarmherzig in ihr Herz, obwohl sie nicht das geringste Anrecht auf ihn hatte und niemals haben würde.

Kieran war im besten Mannesalter und wenn es ihr gelang, ihn zu heilen, würde er irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft heiraten und eine Familie gründen. Und sie, Melanya, würde dann helfen, sein Kind auf die Welt zu bringen. Sein Kind … dessen Mutter sie niemals sein würde. Dieses Wissen schmerzte mehr als alles andere. Und doch würde sie diesen Jungen oder dieses Mädchen von der ersten Sekunde an lieben. Sie würde mächtige Schutzzauber sprechen und stets über sie oder ihn wachen. Wenn auch aus der Ferne.

Sie atmete tief durch und verbannte energisch die trüben Gedanken. Kieran schlief. Mit der Hilfe der Götter würde der Tee seine Wirkung entfalten und ihm einige Stunden friedvollen Schlaf bescheren.

Sie stand auf, wischte sich die Hände an ihrem Kleid ab und blickte an sich hinab. Ihr Gewand hatte schon bessere Tage erlebt, immerhin hatte sie in den letzten drei Tagen keine Zeit gehabt, sich umzuziehen, hatte sie sich doch zuvor um den kranken Jungen gekümmert. Wann hatte sie zuletzt etwas Sauberes getragen? Oder geschlafen? Schnell verschwand sie hinters Haus und säuberte sich in dem kleinen Bach. Dann schlüpfte sie in ein frisches Gewand und wusch das andere aus, das sie anschließend zum Trocknen über den Ast eines Baumes hängte. Die Sonne würde später dafür sorgen, dass sie es wieder unbehelligt tragen konnte.

Kurz vergewisserte sie sich, dass Kieran ruhig schlief. Es nutze ihm nichts, wenn sie ängstlich an seinem Krankenbett saß. Obwohl der Gedanke, dass er sterben könnte, sie mehr ängstigte als alles andere, würde er davon nicht satt werden, also ging sie auf die Jagd nach einem Hasen oder einem Rebhuhn für ihn. Wenn er aufwachte, und einen anderen Gedanken ließ sie nicht zu, würde er Nahrung brauchen, die ihm Kraft spendete. Und sie würde dafür sorgen, dass er sie bekam. Sie konnte jagen, auch wenn sie selbst kein Fleisch aß. Sie ernährte sich von dem, was die Natur ihr freiwillig gab und baute Gemüse im Garten hinter ihrem Haus an. Das Getreide für das Brot, das sie backte, kaufte sie im Dorf. Sie verlangte von den Bewohnern nicht viel für ihre Heildienste, nur so viel, wie sie zum Leben brauchte. Immerhin konnte sie nicht alles selbst anbauen. Und sie brauchte auch immer wieder frische Laken für Verbände sowie Honig und Wein für ihre Rezepturen. Und dann gönnte sie sich auch ab und an eine Scheibe frisch gebackenen Brotes mit Honig. Für sie waren diese Momente der Himmel auf Erden. Doch dies musste nun warten. Sie schnappte sich ihren Bogen und einige Pfeile und huschte aus der Tür.

Eine Stunde später hatte sie ein Rebhuhn getötet. Nun saß sie hinter dem Haus und rupfte es. Zweimal hatte sich ihr bereits der Magen umgedreht. Zwar war sie es gewohnt, Blut zu sehen oder übel riechenden Eiter abzuwaschen, brannte Wunden aus und konnte sie auch nähen. Sie hatte schon tief im Fleisch steckende Pfeile wieder herausgezogen und auch sogar schon einmal ein Bein abgenommen. Doch noch nie hatte sie ein Tier ausgenommen, dessen Leben sie zuvor gewaltvoll beendet hatte. Es half allerdings nichts, sich darum zu drücken. Kieran würde das Fleisch später brauchen – sofern die Götter Gnade zeigten.

Als sie endlich mit dem Rebhuhn fertig war, spülte sie sich den Mund aus und putzte sich die Zähne mit einer Paste, die sie aus frischen Kräutern zubereitet hatte. Sie beschloss, eine Hälfte des Huhns für einen Eintopf zu verwenden und die andere zu pökeln und später zu trocknen. Kraftvoll schleppte sie frisches Wasser für die Suppe vom Bach zur Hütte und schürte erneut das Feuer im Kamin. Als sie die Zutaten und das Fleisch geschnitten hatte, warf sie alles in den Messingtopf und bereitete auch noch einen stärkenden Hirsebrei zu. Die ganze Zeit über sprach sie mit dem schlafenden Kieran. Sie wollte, dass er Bezug zum Hier und Jetzt hatte, denn sie hoffte, dies würde ihm helfen, im Diesseits zu verharren.

Es war bereits Mittag. Lächelnd kniete sie neben ihm und strich ihm liebevoll die Haare aus der Stirn. Er glühte nach wie vor. Ihr Götter, steht ihm bei!

5

Da war Feuer! Es war überall um ihn herum und er konnte fühlen, wie es mit gierigen Fängen nach ihm lechzte. Er wollte wegrennen, doch er konnte sich nicht bewegen. Panik ergriff von ihm Besitz. Es würde ihn kriegen und bei lebendigem Leib verbrennen. Er fühlte die Hitze bereits ganz nahe.

Doch da war noch etwas.

Ganz leise drang es zu ihm durch. Es war süß wie Honig und legte sich wie ein kühlender Balsam über das Feuer in ihm. Rhiannon sprach zu ihm. Sie musste es sein. Die Göttin der Schönheit redete mit ihm, mit ihrer hellen und klaren Stimme, gleich der eines Engels. Er verstand nicht genau, was sie sagte, doch er lauschte gebannt ihrem Klang. Sie war der Anker in der Dunkelheit und die Rettung vor dem Feuer. An sie klammerte er sich, um nicht in die Finsternis abzutauchen.

 

Mittlerweile war es Nachmittag und Melanya war unendlich müde. Sie hatte alle Arbeiten des Tages verrichtet und nun forderten die letzten vier durchwachten Nächte ihren Tribut. Sehnsüchtig blickte sie zu dem Lager am Boden neben Kieran und beschloss, sich kurz ein wenig auszuruhen.

Sie rollte sich, zu ihm gewandt, zusammen und spürte plötzlich seine Hand auf ihrer Hüfte. Diese war unbewusst aus dem Bett geglitten und hing nun herunter. Sanft griff sie danach und wollte sie wieder ordentlich in das Bett legen, als sich seine Finger besitzergreifend um ihre schlossen. Ein warmes Kribbeln durchfuhr ihren gesamten Körper und zugleich breitete sich eine himmlische Ruhe in ihr aus. Ein Gefühl, dass sie genau hier und jetzt sein wollte. Am hellen Tag, am Boden liegend, ihre Hand verschlungen mit Kierans. Sie schloss die Augen und genoss die Wärme seiner Berührung. Sogleich fiel sie in einen leichten Schlaf.

Einige Zeit später weckte sie die Kälte, die sich in ihren Knochen festgesetzt hatte. Sie musste einige Male blinzeln und stellte verwundert fest, dass ihre Finger noch immer miteinander verschränkt waren, trotzdem sollte sie aufstehen und das Feuer schüren. Schweren Herzens löste sie ihre Hand aus Kierans und strich ihm zärtlich übers Gesicht, betrachtete seine ausdruckslose Miene und ihr Blick fiel auf seinen Mund. Er hatte feste, männliche Lippen und sie konnte nicht länger widerstehen. Sie legte ihre Lippen auf seine. Zart wie eine Feder hauchte sie einen Kuss drauf.

„Rhiannon“, flüsterte er.

Wer ist diese verdammte Rhiannon? Ärgerlich schimpfte sie sich im Geiste eine dumme Gans. Er würde niemals der Ihre sein, also konnte sie auch gleich mit ihren Tagträumen aufhören. Bestimmt ging sie zu der Feuerstelle und legte einige Holzscheite nach. Da sie noch etwas Zeit hatte, bis der Mond hoch am Himmel stand, um das Ritual zum Anrufen der Götter zu wiederholen, sprach sie mit ihm und erzählte ihm von ihrer Kindheit. Wie viel sie ihrer Großmutter verdankte, aber auch, was sie durch deren strenge Unterweisung vermisst hatte, wie eine Freundin zu haben, mit der sie am Bach hätte spielen können. Sie erzählte ihm, dass sie in einem anderen Leben wahrscheinlich bereits verheiratet wäre und mindestens drei Kinder hätte.

„Doch das Leben ist nicht immer gut und gerecht. Wer weiß, vielleicht wäre mein Mann ein Säufer, oder sonst irgendein Tunichtgut? Oder vielleicht hätte er überhaupt keine Manneskraft?“, mutmaßte sie lachend.

 

Kieran hörte Rhiannons Lachen. Es klang lieblich und wunderschön, wenn auch mit einem wehmütigen Ton darin. Sie sprach immer so ernst und er freute sich, dass sie nun etwas fröhlicher war. Er wünschte sich, sie wäre es öfter. Kurz wunderte er sich, weshalb die Göttin der Liebe und Schönheit nicht unbeschwerter war. Dann umnebelte ihn erneut die Dunkelheit.

 

„Welche Frau kann von sich behaupten, unabhängig zu sein? Ich verdiene mein eigenes Geld und kein Mann kann mir Vorschriften machen. Abgesehen davon, dass sie sowieso Angst vor mir haben.“ Wieder lachte sie. „Wie dem auch sei. Was hältst du davon, wenn ich dich wasche? Ich denke, dann fühlst du dich ein wenig besser. Ich bin gleich wieder da. Ich gehe nur kurz zum Bach und hole frisches Wasser.“

Sie pflückte auch gleich ein wenig Minze, die am Wegesrand wuchs, sie würde seinen Körper noch zusätzlich kühlen. Mit zwei Eimern frischem Wasser kam sie zurück in die Hütte und bearbeitete schnell das Kraut mit dem Mörser. Dann warf sie es zusammen mit ihrer selbst gemachten Rosmarinseife ins Wasser und schnappte sich ein frisches Baumwolltuch.

„Ich denke, Rosmarin ist dir lieber als Veilchen.“ Sie kniete sich neben Kieran auf den Boden. Langsam deckte sie seinen Brustkorb ab. Sie hatte ihn schon ein paarmal mit nacktem Oberkörper gesehen. Wenn sie auf der Burg zu tun gehabt hatte, und es im Sommer unerträglich heiß gewesen war, trainierten die Männer im Burghof oftmals ohne Hemd. Allerdings hatte sie nie die Möglichkeit gehabt, ihn genauer zu mustern, geschweige denn, ihn zu berühren.

Zärtlich fuhr sie die zahlreichen alten Narben nach. Er hatte den Körper eines Kriegers. Seine gebräunte Haut spannte sich über seine Muskeln und ließ sein sonnengebleichtes Haar beinahe leuchten. Mit einem feuchten Tuch wusch sie ihm liebevoll das Gesicht, seinen Brustkorb und seine Arme. Dann deckte sie seinen Bauch ab, wobei sie züchtig darauf achtete, seine Scham bedeckt zu halten, und fuhr mit den Fingerspitzen die Berge und Täler seiner Bauchmuskeln nach.

Nachdem sie auch seine Beine gewaschen und seine Wadenwickel erneuert hatte, blieb sie ratlos vor ihm knien. Ihre Neugier brachte sie noch um den Verstand. Natürlich wusste sie um die Beschaffenheit des männlichen Körpers, wenn auch nur aus der Perspektive einer Heilerin. Sollte sie einen Blick riskieren? Überrascht stellte sie fest, dass sie den Zipfel der Decke bereits zwischen ihren Fingerspitzen hielt. Nein!, ermahnte sie sich selbst. Das kann ich doch nicht machen! Aber sie war so neugierig. Allerdings würde das eindeutig zu weit gehen! Oder etwa nicht? Ihr Gewissen rang mit ihrer Neugier. Und die Neugier siegte.

Langsam hob sie die Decke ein Stückchen an, nur so weit, bis sie darunterspähen konnte. Was sie sah, gefiel ihr. Alles an Kieran war groß … und eindrucksvoll. So auch dieser Teil seines Körpers, selbst in entspanntem Zustand. Er war einfach schön. Alles an Kieran war schön, aber auf eine aufregend männliche Art und Weise.

Schweren Herzens trennte sie sich von seinem Anblick und deckte ihn wieder zu. Dann legte sie ihr Ohr an seine Brust und lauschte seinem Herzschlag. Er war gleichmäßig und kraftvoll, wenn auch ein wenig zu schnell, was die Schuld des Fiebers war. Ihr fiel sein Geruch auf. Er duftete nach ihrer Rosmarinseife mit einem Hauch von Minze, doch auch nach Mann. Herb und anziehend. Tief sog sie seinen Geruch ein, nahm ihn in sich auf. Denn der Tag würde kommen, da würde er nur noch eine Erinnerung sein.

6

Kieran befand sich auf einer Lichtung im Wald. Um ihn herum herrschte nichts als Finsternis. Es war gespenstisch ruhig, nur der Ruf eines Raben drang zu ihm durch. Morrígans Rabe. Die Göttin des Krieges und der Schattenwelt verlangte nach ihm. So sehr er sich auch wehren wollte, er konnte sich nicht bewegen. Er war an einen alten, dicken Baum gefesselt. Wurzeln waren seine Ketten um Beine und Äste jene um seine Arme. Rote Flammen züngelten an ihm und der Rauch brannte in seiner Lunge, machte ihm das Atmen schwer. Da sah er die dunkle Göttin mit bleicher Haut und schwarzem Haar, gleich dem Gefieder eines Raben. Sie trat aus der Dunkelheit und kam langsam auf ihn zu. Auf eine unheimliche, dunkle Art war sie wunderschön, doch Kieran fröstelte es bei der Kälte, die in ihren Augen lag.

„Es ist Zeit, Krieger. Dein Licht wird schon bald erloschen sein und du wirst in die Welt der Schatten eintauchen.“ Ihre rauchige Stimme ließ sich ihm die Nackenhaare aufstellen.

„Sie wird noch ein Weilchen auf mich warten müssen!“

Morrígan lachte unbarmherzig. „Ach, ihr Menschen seid doch stets unterhaltsam.“ Sie streckte ihre Hand aus und fuhr mit ihren Fingerspitzen Kierans nackte Brust entlang, hinab zu seinem Bauch. Dort wo sie ihn berührte, zog sie eine Linie aus Feuer. Kieran stöhnte unter dem Schmerz, doch Morrígan sah ihn mit eisigem Blick an. Er konnte die langen, schwarzen Wimpern sehen, die ihre Augen einrahmten. Sie war makellos … Und furchteinflößend. Mit nur einem Fingerzeig zogen sich die Fesseln um seine Handgelenke enger und schnitten ihm ins Fleisch.

Dann fasste sie ihn unsanft im Nacken und zog seinen Kopf zu sich hinab. Sie leckte mit ihrer Zunge über seine Lippen und stieß sie ihm dann tief in seinen Mund. Mit übermenschlicher Kraft hielt sie ihn fest und küsste ihn. Es war ein machtbesessener Kuss, ohne Gefühl oder Leidenschaft.

„Wenn ich es dir befehle, wirst du mir gehorchen, Krieger.“ Wieder küsste sie ihn. „Es ist das letzte Mal, dass ich deine Widerworte dulde.“

 

Melanya pflegte Kieran unermüdlich, doch im Laufe des Nachmittags verschlechterte sich sein Zustand. Er begann, am ganzen Körper zu zittern und hustete sich die Seele aus dem Leib. Es war ein tiefsitzender, rasselnder Husten und seine Haut glühte im Fieber. Seine Wangen waren unnatürlich gerötet, während die Haut um Nase und Mund fahl und blass war. Egal, welchen Trank Melanya ihm auf die Lippen träufelte oder womit sie ihm die Brust einrieb, nichts zeigte Wirkung.

Genau vor dieser Entwicklung hatte sie sich so sehr gefürchtet. Doch sie gab nicht auf. Sie räucherte Salbei, um die Luft von der Krankheit zu reinigen, und Thymian, um den Schleim in seiner Lunge zu lösen. Denn bei jedem Atemzug war das Rasseln lauter zu hören. Sie hatte Angst! Pure, nackte Angst um Kierans Leben. Dabei wusste sie, dass sie nicht jeden retten konnte – doch bei Kieran musste es ihr gelingen!

Als der Mond am Himmel erschien, wiederholte sie das Ritual, um die Elemente und die Götter um Kraft und Genesung für Kieran zu bitten. Erneut griff sie zu den Runen, die ihr Auskunft über seinen Zustand geben sollten. Wieder zog sie die Steine für Krankheit, Schmerz und Tod.

Ihre Eingeweide krampften sich zusammen und eine eiserne Faust legte sich um ihr panisches Herz. Das durfte einfach nicht geschehen! Doch wie um sie eines Besseren zu belehren, wälzte Kieran sich gequält hin und her. Und obwohl sie ihn fest zugedeckt hatte, zitterte er noch immer. Sie wusste, dass das war kein gutes Zeichen war, da es bedeutete, dass das Fieber erneut anstieg. Was sollte sie tun? Wenn sie doch nur über die Kräfte verfügen würde, den Tod fernzuhalten. Plötzlich keimte ein Gedanke in ihr. Wenn sie den Tod nicht beeinflussen konnte, warum wandte sie sich dann nicht an jemanden, der diese Fähigkeit besaß? Erschrocken hielt sie mitten in der Bewegung inne. Was hatte sie da gerade gedacht? Sie schlug sich die Hände vors Gesicht. Sie durfte nicht einmal an solche Zauber denken! Doch die Idee, die in ihr keimte, wurde schnell zu einem Plan.

Sie kannte nur ein Wesen, das die Mächte des Todes überwinden konnte und sich unter Umständen auch dazu überreden ließ. Die Todesbotin höchstpersönlich. Morrígan … Göttin des Krieges, der Schattenwelt und der Nacht. Beschützerin der Priesterinnen und Hexen. Hüterin aller Zaubersprüche und Flüche.

Melanya hatte größten Respekt vor ihr. Sie galt zwar nicht als Verkörperung des Bösen wie der Teufel, sondern einfach als Teil des Ganzen. Tag und Nacht, Licht und Schatten, Leben und Tod. Alles war miteinander verbunden. Das eine so wichtig wie das andere. Ihre Großmutter hatte sie stets vor der großen Göttin gewarnt. Denn vielleicht war Morrígan zwar nicht böse, aber sie war auch nicht gerade berühmt für ihr Mitgefühl. Sie war gerissen und nutzte jede Gelegenheit zu ihrem Vorteil. Dazu verfolgte sie ihre eigenen Ziele und nahm sich das, was für sie nützlich war.

Melanya hatte es bisher immer vermieden, mit ihr in Kontakt zu treten, doch sie war die Einzige, die ihr einfiel, die dem Tod die Stirn bieten konnte. Es war ein gefährlicher Handel, auf den sie sich hier einließ, um Kieran zu retten, denn Morrígan würde etwas verlangen, so viel stand fest. Und wie weit war Melanya bereit, für Kierans Leben zu gehen? Ihr Entschluss stand fest und nun gab es kein Zurück mehr.

Sie holte einige Kerzen und Kräuter. Nach kurzer Meditation, um ihren Geist zu reinigen, verfiel sie in einen Gesang aus längst vergangenen Zeiten.

 

„Nun, Krieger. Es ist so weit.“ Erneut strich Morrígan über seinen Oberkörper. Die Berührung hinterließ ein widerliches Brennen auf seiner Haut. Kieran wollte ihr entgehen und wand sich in seinen Fesseln. Er wollte nicht sterben!

Da hörte er sie. Rhiannon. Er war sich sicher, dass sie es war. Endlich sang sie wieder. Er wandte den Kopf zur Seite, in die Richtung, aus der er sie vernahm, ihre Stimme war so klar, so weich und lieblich. Doch die Melodie war wehmütig, beinahe düster. Seine Göttin klang traurig und er fragte sich, weshalb. Angestrengt kniff er die Augen zusammen, denn er wollte sie sehen, aber er vernahm nur ihr Lied.

Auch Morrígan drehte sich zu der Stimme um und lachte ein unheimliches, kaltes Lachen. Seit Jahrhunderten wartete sie nun schon und vielleicht war dies ihre Gelegenheit.

Sie erkannte die Stimme der jungen Hexe, die sie, als Hüterin der Zaubersprüche und Flüche, schon deren ganzes Leben beobachtete und sie konnte ihre Neugier nicht leugnen.

Hoch konzentriert wiederholte Melanya immer wieder den Gesang zur Anrufung Morrígans. Sie gab nicht auf, denn irgendwann musste die Göttin doch reagieren. Das hoffte sie zumindest.

Sprich, junge Hexe! Was willst du von mir?, hörte Melanya plötzlich eine rauchige Stimme in ihrem Kopf. Ein unangenehmer Schauer rann ihr über den Rücken. So klang also die Göttin der Dunkelheit.

„Ich bitte Euch um Kierans Leben.“

Was bist du bereit, dafür zu geben?

Das war die Frage aller Fragen. Damit hatte Melanya bereits gerechnet. Sie betrachtete Kierans Gesicht und sah den Mann, den sie liebte. Da traf sie eine Entscheidung.

„Ich werde geben, was du verlangst.“

Die Göttin lachte und es klang wie zersplitterndes Glas in Melanyas Ohren. Du kleine Närrin! Bist du etwa wirklich bereit, deinen rechten Arm zu opfern oder dein Augenlicht?

Melanya schluckte schwer. War sie das? „Ja.“

Sei unbesorgt, junge Hexe. Ich habe weder Verwendung für deinen Arm noch für deine Augen … Doch für deine Kräfte. Ich spüre eine gewaltige Macht in dir … Deine Dienste sind es, die ich im Austausch gegen das Leben des Kriegers fordere! Nach deinem Tod wirst du auf ewig mir gehören!

Melanya fragte sich, ob sie eines natürlichen Todes sterben oder ob sie morgen früh im knietiefen Bach ertrinken würde. Sie war nicht naiv. „Ich habe hier noch einen Auftrag. Ich helfe den Menschen.“

Keine Sorge. Du wirst alt werden, unterbrach Morrígan sie. Die kurze Dauer eines Menschenlebens ist für mich bedeutungslos.

„Gut“, erwiderte Melanya. „Dann stimme ich zu.“

So sei es.

Sie spürte, wie pure Macht sie durchfloss. Es war ein unangenehmes, ja, beinahe schmerzhaftes, heißes Kribbeln, das durch sie hindurchfuhr. Vom Scheitel bis zur Sohle drang es in sie ein. Bis in die Fingerspitzen fühlte sie es, sodass sie sich die Handflächen an ihrem Kleid rieb.

Kaum hatte Morrígan die Worte ausgesprochen, verschwand die Göttin lachend aus ihrem Kopf. Melanya verspürte eine nie gekannte Kälte und sie zitterte am ganzen Körper. Schwerfällig erhob sie sich und schleppte sich zum Kamin. Sie schürte das Feuer und kauerte sich, in eine Decke gehüllt, daneben. Doch die Flammen vermochten sie nicht zu erwärmen. Die Eiseskälte saß in ihrem Innersten. Sie überlegte, einen Teller Suppe zu essen, doch schon alleine bei dem Gedanken daran wurde ihr speiübel.

Ihr Blick fiel erneut auf Kieran. Er hatte aufgehört, zu zittern und sein Atem klang ruhiger und weniger angestrengt. Der Handel war vollbracht. Morrígan hatte ihn aus ihren Fängen entlassen. Erschöpft, aber unglaublich erleichtert seufzte Melanya auf. Er würde leben! So friedlich wie er dort lag, sah es aus, als würde er einfach nur schlafen.

Sie ging zu ihm und befühlte mit ihren klammen Fingern seine Stirn. Er glühte noch. Es würde noch etwas dauern, bis das Fieber sank. Dann überprüfte sie den Verband und vergewisserte sich, dass er richtig saß. Seine Haut war so angenehm warm. Und ihr war so kalt! Kurz überlegte sie, dass sie ihn schließlich sowieso kühlen musste. Warum sollte sie sich nicht gleich dabei aufwärmen? Kurz entschlossen entledigte sie sich ihres Oberkleides und schlüpfte, nur in ihr Untergewand gehüllt, zu ihm unter die Decke.

 

Rhiannon war so angenehm kühl. Sie vermochte es, die Hitze der Flammen um ihn herum zu bändigen. Noch immer war er an den Baum gefesselt und noch immer konnte er nichts sehen, doch er spürte sie an seinem Körper. Sie hatte ihm zärtlich über die Stirn gestrichen und über seinen Arm und nun schmiegte sie sich an ihn. Wenn er sie doch nur sehen könnte! Er hatte keine Ahnung, warum er es nicht konnte. Doch er würde sich hüten, sich zu beschweren. Sie schmiegte ihren kühlen Körper an ihn und er merkte, dass das Züngeln des Feuers an seinen Beinen bereits nachließ. Das Brennen in seinem Inneren wurde weniger und die Kühle seiner Göttin legte sich wie Balsam um seinen in Flammen stehenden Körper. Auch wenn er nichts sehen konnte, war er in diesem Moment völlig glücklich damit, sie zu spüren. Er wandte ihr den Kopf zu und roch an ihrem Haar. Es verströmte einen lieblichen Duft nach Blumen. Er konnte jedoch nicht benennen, um welche es sich handelte, aber er sog ihn tief ein. Er beruhigte ihn, hüllte ihn ein.

Schnell kam der Wunsch, mehr von ihr zu erfahren. Er wollte sie fühlen, um sich ein Bild von ihr zu machen und so versuchte er, seinen Arm zu bewegen, und merkte, dass er zwar bleischwer war, jedoch nicht mehr gefesselt. Er legte seine Hand auf ihr Bein. Sie trug ein leichtes Gewand, schnell schob er seine Hand darunter und fuhr ihren Oberschenkel entlang. Ihre Haut fühlte sich an wie Seide, glatt, kühl und so unendlich zart. Genüsslich glitt er weiter hinauf zu der Rundung ihrer Hüfte und weiter zu ihrer schmalen Taille. Sie war zierlich und doch versprachen ihre Formen die pure, weibliche Sinnlichkeit. Allein die Berührung brachte ihn beinahe schon um den Verstand. Er war neugierig. War ihr Teint dunkel oder milchig weiß und würde sich strahlend hell von seiner Sonnenbräune abheben?

Er strich weiter hinauf. Er fühlte, wie schnell sich ihr Brustkorb hob und senkte. War seine Göttin etwa nervös? Oder erregt? Oder vielleicht beides? Nur ganz kurz berührte er die empfindliche Stelle seitlich an ihrer Brust und musste sich zwingen, sich nicht in ihre Weichheit zu vergraben.

Er zog die Hand unter ihrem Unterkleid hervor und betastete zärtlich ihr Haar. Sie hatte Locken. Weiche, zarte Wellen. Er liebte diese einladende Fülle. War sie blond oder brünett? Wie war wohl ihre Augenfarbe? Blau, so wie seine, ein seltenes Grün, oder ein warmes Braun, in dem er versinken konnte?

Er brannte darauf, es zu erfahren. Seine Lider waren ebenfalls bleischwer, doch er zwang sich, sie zu öffnen, damit er sie ansehen konnte. Dieser Gedanke trieb ihn an, das Unmögliche zu schaffen. Ganz langsam gelang es ihm, und er sah ein wunderschönes, herzförmiges Gesicht mit blasser Haut und Sommersprossen auf der Nase. Ihre lieblichen Züge wurden von warmen, rotbraunen Locken eingerahmt. Genauso hatte er sich die Göttin der Liebe und Schönheit immer vorgestellt. Sanfte, rehbraune Augen, die den stärksten Krieger betören konnten. Dann fiel sein Blick auf ihre Lippen. Von einem lieblichen Rotton waren sie für ihn leicht geöffnet. Sie luden ihn geradezu ein, sie zu küssen. Begierig legte er seine Lippen auf ihre und hörte ihr überraschtes Seufzen.

Schüchtern erwiderte sie seinen Kuss. Ihr Götter! Diese keusche Zurückhaltung trieb ihn an den Rand seiner Beherrschung.

Er musste dieses Ungetüm von Kleid loswerden, das sie trug. Er blickte sich um. Noch immer war er auf der Lichtung im dunklen Wald und zu seinen Füßen befand sich ein Teppich aus weichem Moos. Dort würde er sie betten. Dort würde er seiner Göttin huldigen und sie lieben.

Kieran hatte sie geküsst! Längst hatte eine lodernde Hitze die Kälte in ihr vertrieben. Er hatte sie angesehen. Doch an seinem Blick hatte sie erkannt, dass er meilenweit entfernt war, gefangen in einem Fiebertraum. Er hatte sie berührt! Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie die Hände eines Mannes auf ihrer Haut gespürt. Ihr Götter, wie gut sich das anfühlte!

Sie hatte ganz still dagelegen, damit er bloß nicht damit aufhörte. Als er sie angesehen hatte, konnte sie beinahe glauben, sie wäre die Erfüllung seiner Sehnsüchte. Und dann hatte er sie geküsst. Besitzergreifend und männlich. So oft hatte sie sich schon vorgestellt, dass Kieran sie küsste. Doch seine Lippen wahrhaftig auf ihren zu spüren, übertraf all ihre Träume. Es war um so vieles besser, als sie es jemals hätte vermuten können. Erneut küsste er sie und leckte verlockend mit seiner Zunge über ihre Lippen und es kam ihr vor, als würde er ein Feuer in ihrem Inneren entflammen.

Mit einer Kraft, die sie ihm in seinem Zustand nicht zugetraut hätte, legte er sich auf sie. Er schob ihr das Unterkleid über den Kopf und sie ließ es zu. Beinahe ehrfürchtig glitt sein Blick über ihren nackten Körper.

„Meine Göttin“, raunte er. „Ihr seid wunderschön!“ Dann senkte er seinen Kopf und küsste ihren Hals, wanderte hinab zu ihren Brüsten, langsam und genüsslich, als würde er ihren Körper verehren. Als seine Lippen sich um ihre Spitze schlossen, glaubte sie, in tausend Stücke zu zerspringen. Eine ungekannte Begierde ergriff von ihr Besitz und sie fasste intuitiv in seine Haare, um ihn noch näher zu sich heranzuziehen.

Kieran schmunzelte. Welche Leidenschaft doch in seiner kleinen, zierlichen Göttin steckte. Er war wie berauscht von ihr. Er wollte sie berühren, sie riechen und küssen. Er wollte jede einzelne Stelle ihres Körpers schmecken. Zärtlich strich er über ihr Brustbein hinab zu ihrem Bauch und mit seinen Lippen folgte er seinen Händen. Er küsste ihre weiche Haut und knabberte spielerisch an ihr, hörte sie keuchen und lächelte innerlich. Er hatte nur den einen Wunsch. Er wollte dieser Göttin eine unvergessliche Nacht schenken und er würde alles dafür tun, damit er sich als würdig erwies. Immerhin hatte sie ihn aus den Fängen der Finsternis befreit. Genau zum richtigen Zeitpunkt hatte er sie auf der Lichtung wahrgenommen. Sie war zu ihm gekommen, um ihn zu retten, und er würde sich als dankbar erweisen, indem er sich ihr darbot und ihrem Körper huldigte. Energie durchströmte ihn und machte ihn mit jeder Sekunde stärker. Er ließ seine Lippen immer weiter hinabwandern. Bis er endlich ihren süßen Nektar schmecken konnte.

„O ihr Götter!“ Melanya keuchte und krallte sich in Kierans Haaren fest. „Hört ja nicht auf damit!“ Sie merkte, dass er lachte, konnte das Vibrieren an ihrer intimsten Stelle spüren. Welche schamlosen Dinge stellte er nur mit ihr an? Niemals hätte sie so etwas für möglich gehalten! Er leckte und saugte und es schien ihm zu gefallen. Ihr Götter, wie unbeschreiblich gut sich das anfühlte! Sie spürte, wie aus dem Ziehen in ihrem Unterleib eine unerträgliche Spannung entstand und sich weiter in ihr aufbaute. Quälend und berauschend gleichermaßen.

Sie keuchte und stöhnte. Und als er sie zärtlich biss, schrie sie seinen Namen. Sie atmete schwer und war so glücklich wie noch nie zuvor in ihrem Leben, doch gleichzeitig wollte sie mehr. Sie wollte mehr von ihm, mit ihm. Einfach alles.

Sie wusste, was er vorhatte, als er sich über sie schob. Mit seinen Armen stützte er sich neben ihrem Kopf ab und seine Lenden lagen zwischen ihren geöffneten Schenkeln. Ein begieriger, getriebener Ausdruck lag in seinen blauen Augen, fast so als wäre er ein Jäger und sie seine Beute. Und sie hieß ihn zwischen ihren Beinen willkommen. Sie war noch jungfräulich, doch wem wenn nicht ihm würde sie ihre Unberührtheit schenken?

 

Er war dem Himmel so nah! Er wusste nicht, wie er sie nehmen sollte. Wie liebte man eine Göttin? Wild oder ehrerbietig? Sie war klein und zierlich unter ihm, doch ihre Leidenschaft riss ihn mit. Er brachte sich in Position und drang in sie ein. Kurz spürte er den Widerstand, mit dem er nicht gerechnet hatte, verharrte regungslos und starrte in ihr schönes Gesicht. Sie hatte aufgestöhnt und sich verkrampft. Weshalb war die Göttin der Liebe jungfräulich? Und warum schenkte sie sich ausgerechnet ihm? Verwirrt suchte er nach einer Antwort in ihren Augen, doch alles, was er sah, war Sehnsucht. Ureigener männlicher Stolz breitete sich in ihm aus, begleitet von einem urtümlichen Besitzdenken, dessen Intensität ihn überraschte.

„Kieran, mach weiter“, hörte er sie flüstern, doch er wollte ihr nicht wehtun, also bewegte er sich langsam in einem Rhythmus, der zärtlicher und behutsamer nicht hätte sein können. Sie sollte sich zunächst an ihn gewöhnen können. Er achtete auf jede ihrer Bewegungen, jedes Keuchen und jede Regung. Es gefiel ihm, wie sie auf ihn reagierte und er mochte es, wie sie sich an ihn klammerte. Hatte er je eine Frau intensiver erlebt? Hier ging es nicht darum, sich Befriedigung zu verschaffen. Nur sie war wichtig. Und seine Göttin liebte mit allen Sinnen. Sie war voller Leidenschaft und Hingabe, trotz ihrer Unerfahrenheit, passte sich instinktiv seinem Rhythmus an und schien wie für ihn gemacht zu sein. Es kam ihm vor, als hätte er sein ganzes Leben auf sie gewartet.

Er schmunzelte, als er merkte, dass sie nach mehr verlangte. Sie küsste seinen Hals und leckte mit ihrer verführerischen Zunge über seine Haut. Ihre Finger krallten sich in die Muskeln seines Rückens und ihr Becken trieb ihn zu einem schnelleren Tempo an. Rhiannon machte ihn beinahe wahnsinnig vor Lust und brachte ihn an den Rand der Beherrschung. Mit jedem Stöhnen von ihr wurde seine eigene Begierde unendlich größer. Mit jeder Berührung von ihr steigerte sie sein Verlangen ins Unermessliche.

Er stieß härter in sie, angetrieben von ihrem lustvollen Schreien. Da rief sie laut seinen Namen und er schwor sich, dass es immer nur sein Name sein würde, den sie im Moment der Ekstase rufen würde. Dieses Versprechen, zusammen mit dem Ausdruck der Verzückung auf ihrem schönen Gesicht, stieß ihn über die Klippe und er gab sich der Erlösung hin.

 

Schwer atmend löste Kieran sich von ihr und fiel erschöpft auf die freie Seite des Bettes. Schon vermisste Melanya sein Gewicht auf ihr, das sie tief in ihr Lager gedrückt hatte. Sie hörte ihn gleichmäßig schnaufen und wusste, dass er bereits wieder tief und fest in den Schlaf der Erschöpfung gesunken war. Sie riskierte einen Blick zur Seite und betrachtete sein markantes Gesicht. Zärtlich streichelte sie seine Wange und riss sich schließlich von ihm los, stand auf, zog sich an und flocht ihr Haar zu einem ordentlichen Zopf. Dann warf sie sich ihren dunklen Wollumhang über und griff nach ihrem Korb und einem Messer. In dieser Nacht war Vollmond und sie hatte zu tun.

Wehmütig stand sie an der Tür und sah noch einmal zu ihm. Sie war unerfahren, doch nicht dumm. Sie wusste, dass er in dieser Nacht nicht wirklich bei ihr gelegen hatte. Wo auch immer er in seiner Fieberfantasie gewesen war, wen auch immer er gesehen hatte, es war nicht sie gewesen. Wie zum Beweis murmelte er genau in dem Moment: „Rhiannon.“

Schon wieder diese Frau! Verärgert zog sie ihren Umhang fester um sich, trat durch die Tür und atmete tief die kühle Nachtluft ein. Die Kapuze ließ sie über dem Rücken hängen, denn sie wollte den Wind auf ihren erhitzten Wangen spüren. So fühlte sich also die körperliche Liebe an. Sie hätte sich die Intensität ihrer Empfindungen nie im Leben vorstellen können. Wie naiv sie doch gewesen war, zu glauben, sie könnte ohne sie leben. Und doch würde dies ihr Los sein. Niemals würde sie einen anderen Mann als Kieran lieben. Und es würde niemals einen anderen für sie geben als ihn. Die Erinnerung an diese Nacht würde sie auf ewig in ihrem Herzen tragen.

Mit sicheren Schritten folgte sie dem schmalen, beinahe zur Gänze zugewachsenen Pfad. Sie wusste genau, wohin sie gehen musste, um die Kräuter zu ernten. Schon bald kam sie an die Stelle, die ein umgefallener Baum markierte. Sie setzte sich drauf und starrte in die Nacht hinein. Im Mondlicht erkannte sie erstaunlich viel und doch nahm sie nichts bewusst wahr. Sie war überglücklich und zugleich unendlich traurig. Sie war sich auch sicher, dass er sich nicht an ihre gemeinsame Nacht würde erinnern können. Oder zumindest an die Tatsache, dass er sie mit ihr verbracht hatte. Sie bereute nichts, was sie getan hatte. Aber nun wusste sie, wie es sich anfühlte, mit Kieran verbunden zu sein. Wie sehr es ihr gefiel, sein Gewicht auf sich zu spüren, kannte den Geruch seiner Haut und den Klang seines Stöhnens. Wie sollte sie es schaffen, ihn fortan wieder nur aus der Ferne zu lieben?

Sie wusste keine Antwort auf ihre Frage und einmal mehr vermisste sie ihre Großmutter schmerzlich. Verblüfft sah sie eine Träne, die auf ihrer Hand gelandet war und im Mondlicht silbrig glänzend ihre Haut entlangrann, bis sie schließlich auf dem Boden landete. Nun gab es kein Halten mehr. Sie schlug sich die Hände vors Gesicht und ließ ihren Tränen freien Lauf, weinte bitterlich und schluchzte, bis sie keine Luft mehr bekam.

Sie wusste nicht, wie lange sie dort gesessen hatte, doch irgendwann versiegten ihre Tränen und sie starrte erneut in die Dunkelheit. Doch all dies nützte nichts. Sie musste ihre Vorräte aufstocken. Also stand sie auf und kniete sich auf den Boden an die Stelle, wo Mädesüß wuchs. Mit einem kleinen Gebet dankte sie der Natur für ihre Gaben und achtete sorgsam darauf, stets einen Teil der Pflanze zu belassen, damit diese erneut wachsen konnte. Dann ging sie hinüber zu der Weide und nahm sich ein Stück ihrer Rinde. Sie setzte ihren Weg noch eine Weile fort und als ihr Korb mit den verschiedensten Kräutern voll war, ging sie zurück zu ihrer Hütte.

7

Noch immer schlief Kieran tief und fest und Melanya legte sich auf ihr Lager am Boden und lauschte mit schwerem Herzen seinen gleichmäßigen Atemzügen. Irgendwann schlief sie schließlich ein und wälzte sie sich unruhig hin und her.

Als sie kurz vor Sonnenaufgang erwachte, fühlte sie sich gerädert und unendlich einsam. Sie beschloss, aufzustehen und das Feuer zu schüren. Wenn Kieran aufwachte, würde er hungrig sein. Dann schnappte sie sich ihre Veilchenseife, einen Lappen und die Kräuterpaste für die Zähne und ging zum Bach. Das kalte Wasser erweckte unsanft ihre Lebensgeister, genau das, was sie an diesem Morgen brauchte. Sie seifte sich ein und rieb mit dem Lappen so lange fest über ihre Haut, bis sie rosig war und sie das Gefühl hatte, einigermaßen wach zu sein. Dann wusch sie sich das Gesicht und putzte sich die Zähne.

Als sie zur Hütte zurückging, war die Sonne bereits aufgegangen. An der Tür zögerte sie. Sie scheute sich vor dem Moment, wenn Kieran aufwachen würde. Und nach ihrem Handel mit Morrígan sah sie keinen Grund, dass er noch länger schlafen würde. Also müsste sie sich bald dem Unausweichlichen stellen: Dass er sich nicht mehr an letzte Nacht erinnern würde. Oder zumindest nicht, mit wem er sie verbracht hatte.

Sie trat durch die Tür und sah Kieran, der mit nacktem Oberkörper an die Wand gelehnt im Bett saß. Interessiert, jedoch nicht erkennend, musterte er sie. Obwohl sie es geahnt hatte, schmerzte es in ihrem Herzen.

„Wo bin ich?“ Er klang verwirrt und seine Stimme war heiser.

Sie sah ihn an und konnte förmlich in ihren Fingerspitzen fühlen, wie seine Haut sich angefühlt hatte. Seine Haare hingen ihm wirr ins Gesicht und sie fand, er hatte nie besser ausgesehen. Ein schmerzliches Ziehen breitete sich in ihr aus. Noch betrachtete er sie interessiert, doch sobald er ihren Namen erfuhr, würde sich sein Ausdruck verändern. Er würde sich unwohl fühlen, würde sie unheimlich finden, genau wie alle anderen Männer. Und sie wusste nicht, ob sie es ertragen konnte, genau das in seinem Gesicht zu sehen.

„Ihr seid verwundet.“ Sie deutete auf seinen Arm. „Ihr seid in meinem Heim, damit ich Euch pflegen kann.“

„Ich glaube, ich kenne Euch.“

„Mein Name ist Melanya.“ Genau beobachtete sie sein Gesicht, doch der befürchtete Ausdruck erschien nicht.

„Die Heilerin“, sagte er bloß und sah sich um. „Ich habe mir Eure Hütte ganz anders vorgestellt.“

Herausfordernd reckte sie ihm ihr Kinn entgegen. „Mit Blut an den Wänden und toten Tieren, die von den Deckenbalken hängen?“

„Ja, so ähnlich“, gab er lächelnd zu. „Doch es ist gemütlich hier und heimelig.“ Er wollte sich weiter aufrichten, aber als er den verwundeten Arm belastete, zuckte er zusammen.

Melanya hatte es gesehen und ging zu einer Truhe. Sie kramte darin herum und holte schließlich ein viereckiges Tuch heraus, dessen zwei gegenüberliegenden Enden sie miteinander verknotete.

„Ihr solltet Euren Arm nicht bewegen. Hier ist eine Schlinge, in die Ihr ihn legen könnt.“

 

Kieran beobachtete sie. Sie näherte sich ihm vorsichtig wie ein scheues Reh und hielt ihm den Stoff hin. Sie war eine schöne Frau. Er dachte an seinen seltsamen Traum mit Rhiannon und stellte fest, wie ähnlich Melanya ihr sah. Er hatte bereits viel über sie und ihre Fähigkeiten gehört. Teils waren die Geschichten Loblieder über ihre Heilkunst gewesen, teils Schauermärchen über ihre angeblichen schwarzmagischen Zauberrituale. Er glaubte nicht an Magie. Weder an gute noch an böse und er vermutete, dass sie rein gar nichts mit der Impotenz vom alten Pete zu tun hatte. Vielmehr gab er dessen Bierkonsum die Schuld.

„Würdet Ihr mir helfen?“ Er stellte fest, wie erstaunt sie über seine Bitte war. Zögerlich kam sie zu ihm, fast als würde sie erwarten, dass er Angst vor ihr bekam, so blieb ganz ruhig sitzen und ließ sich die Schlinge von ihr umhängen. Mit sicheren Bewegungen platzierte sie seinen Arm darin.

„Ihr seid bestimmt hungrig“, stellte sie fest. „Ich habe einen Eintopf gemacht.“ Schüchtern sah sie ihn an. Und er fragte sich einmal mehr, wie diese winzige Frau eine furchteinflößende Hexe sein sollte.

„Ja, danke. Helft Ihr mir, aufzustehen?“

„Ich denke, es wäre besser, Ihr bleibt noch sitzen. Ich bringe Euch das Essen.“

„Nun, ich müsste wirklich dringend mal aufstehen, wenn Ihr versteht, was ich meine.“ Schon nahm er die Decke in die Hand und tat, als wollte er sich abdecken. Da färbten sich ihre Wangen rosig und er musste lachen. Schnell reichte sie ihm seine Hose und ein zögerliches Lächeln huschte über ihre Lippen, bevor sie sich scheu abwandte. Es machte sie wunderschön, wie er fand. Umständlich und halb im Liegen und nur mit einem Arm seine Hose anzog. Schließlich hatte er es geschafft und schmunzelte über ihre schüchterne Haltung.

„Ich bin bereit. Ihr könnt Euch wieder umdrehen.“

„Nun gut, dann stehen wir auf. Stützt Euch auf mich“, befahl sie ihm, doch er sah sie nur spöttisch an.

„Wenn ich das tue, dann landen wir beide auf dem Boden.“

„Euch wird nichts anderes übrig bleiben, wenn Ihr es bis zum Bach schaffen wollt.“ Der Blick, dem sie ihm zuwarf, duldete keinen Widerspruch.

Also gut, dachte er, wenn sie das so will … Immerhin war er wahrscheinlich doppelt so schwer wie diese kleine Person. Schnell stellte sie sich neben ihn an seine gesunde Seite.

„Legt Euren gesunden Arm um meine Schulter.“

Er tat wie geheißen, aber als er aufstand, wurde ihm sogleich schwindelig. Er musste sich tatsächlich auf sie stützen und stellte verwundert fest, dass sie nicht auf dem Boden gelandet waren. Sie war stärker, als sie aussah.

„Geht es?“ Sie musterte ihn besorgt. Immerhin brachte er ein Nicken zustande. Langsam setzten sie einen Fuß vor den anderen und er fühlte sich in etwa so kräftig wie ein Neugeborenes. Schon nach wenigen Metern stand ihm der Schweiß auf der Stirn und er atmete wie nach zwei Stunden Kampftraining. Was war er nur verweichlicht! In einem Tempo, in dem jede Schnecke sie überholen würde, schafften sie es tatsächlich bis zum Bach. Dort verließ sie ihn kurz, sodass er sich erleichtern konnte und brachte ihm dann ein Stück Seife und eine Paste für die Zähne. Sie schmeckte genauso wie die, die sie in der Burg verwendeten. Der Earl hatte ihm bereits, als er als Kind zu ihm gekommen war, eingetrichtert, sie zu benutzen. Jetzt wusste er auch, woher er sie hatte. Dann nahm er die Seife und schnupperte daran.

„Riecht gut. Stellt Ihr das alles selbst her?“

„Ja. Ich denke, Rosmarin ist Euch lieber? Sonst habe ich derzeit nur Veilchen.“

Er lachte. „Stimmt.“ Jetzt konnte er ihren Duft auch benennen: Sie roch nach Veilchen. So wie Rhiannon in seinem verrückten Traum. Wahrscheinlich hatte sein Geist da einiges durcheinandergebracht. Er war sich sicher, dass die Göttin ihn aus Morrígans Fängen gerettet hatte, doch er vermutete, dass seine Sinne ihm einen Streich gespielt hatten. Warum sonst sollte die Göttin aussehen wie Melanya und auch so riechen? Vielmehr glaubte er, dass er in seiner Bewusstlosigkeit ihren Duft wahrgenommen hatte und wahrscheinlich auch irgendwie durch ein Blinzeln ihr Gesicht. Es war ein verrückter Traum gewesen. Es hatte sich so real angefühlt. Er hätte schwören können, Rhiannon unter sich gespürt zu haben. Doch dazu war er körperlich schließlich gar nicht in der Lage gewesen.

Nachdem er seinen Oberkörper gewaschen hatte, aus Rücksicht auf sie hatte er es vorgezogen, seine Hose anzubehalten, machten sie sich gemeinsam auf den Rückweg. Als sie ihn auf dem Bett absetzte, hatte er das Gefühl, einen Tagesmarsch im Laufschritt zurückgelegt zu haben. Auch Melanya schnaufte, ohne sich zu beklagen hatte sie mehr als die Hälfte seines Gewichts getragen.

„Ich danke Euch. Alleine hätte ich es nicht geschafft.“ Er schüttelte den Kopf über sich selbst und wirkte zerknirscht.

„Es braucht Euch nicht unangenehm zu sein. Ihr seid tagelang bewusstlos gewesen und davor hat auch schon einige Zeit die Krankheit an Euch gezehrt. Ihr habt die letzten Tage auch nichts zu Euch genommen. Es ist normal, dass Ihr geschwächt seid.“ Sie lächelte ihn an. „Eure Kraft wird schon bald zurückkommen. Doch Ihr hättet Euch früher helfen lassen sollen.“

„Ich dachte, es wäre nur ein Kratzer.“

Typisch Mann. „Leider hat sich die Wunde entzündet und Eiter gebildet. Die schlechten Säfte haben Euch dann innerlich vergiftet.“

Er nickte. Jeder Krieger fürchtete sich vor so etwas. „Ich bin Euch zu tiefstem Dank verpflichtet, Heilerin.“

Sie reichte ihm eine Schale mit Eintopf und setzte sich auf die Bank neben dem Feuer. Er beobachtete sie, wie sie sich einen Brei aus dem anderen Messingtopf schöpfte.

„Mögt Ihr keinen Eintopf?“ Erstaunt musterte er sie, doch sie lächelte verlegen. „Doch, normalerweise schon. Ich esse nur kein Fleisch.“ Kritisch beäugte er seine Schale.

„Ihr braucht keine Angst zu haben, ich habe nicht vor, Euch zu vergiften.“

Innerlich schmunzelte er. Diese kleine Person, die rot anlief, kaum, dass sie ihn ansah, hatte dennoch Feuer. Doch es verwirrte ihn auch, wie schlecht sie anscheinend von sich dachte. Oder annahm, dass er es tat. Welche Erfahrungen hatte sie diesbezüglich gemacht? „Warum solltet Ihr mich vergiften wollen, wenn Ihr so viel Mühe aufwendet, um mich zu heilen?“ Er sah sie ruhig an. „Ich habe mich nur gewundert, warum hier Fleisch drin ist, wenn Ihr doch keines esst.“

„Männer brauchen Fleisch“, antwortete sie nur.

„Dann habt Ihr welches für mich gejagt?“

Herausfordernd sah sie ihn an. „Nur weil ich es sonst nicht mache, heißt es nicht, dass ich es nicht kann.“

„Gewiss“, pflichtete er ihr bei. „Und wer hat das Huhn ausgenommen?“

„Seht Ihr hier sonst noch jemanden?“

Er lächelte in sich hinein. Seine kleine Heilerin konnte richtig schnippisch sein. Anscheinend war ihr das Thema unangenehm. Er konnte sich auch vorstellen, warum. „Wie oft habt Ihr Euch denn übergeben?“, fragte er neckend und da lachte sie herzlich. „Zweimal.“

Er lachte ebenfalls und deutete mit dem Löffel in die Schale. „Ich danke Euch.“

„Gern geschehen.“ Sie hielt den Blick gesenkt. Weshalb konnte sie ihm nicht in die Augen sehen? Er wollte nicht, dass die Unterhaltung schon zu Ende war. Kieran mochte ihre Stimme. Sie berührte etwas in ihm.

„Ihr seht müde aus. Es tut mir leid, dass ich Euch solche Umstände mache.“

Sie sah ihn mit warmem Ausdruck im Blick an. „Das macht nichts. Ich tue es gerne.“ Sie deutete um sich. „Das ist es, was ich kann. Was ich bin.“

„Und trotzdem bin ich Euch zu Dank verpflichtet.“ Er fragte sich, weshalb ihre Antwort so traurig geklungen hatte, doch er vermutete, dass er nicht das Recht hatte, sie danach zu fragen, also löffelte er seinen Eintopf.

„Wenn Ihr fertig gegessen habt, würde ich mir gerne die Wunde ansehen und den Verband wechseln.“

Er nickte und reichte ihr die leere Schale.

„So schnell?“, fragte sie lachend. „Möchtet Ihr noch etwas?“ Er nickte und sie füllte sie ihm erneut. Als er auch diese aufgegessen hatte, ließ er sich matt zurück auf das Bett fallen. Melanya holte sich die Utensilien für den Verbandswechsel und kniete sich an seine Seite.

„Nun, da Ihr nicht mehr bewusstlos seid, wird das vermutlich ziemlich brennen.“ Er beobachtete sie, wie sie das Tuch in etwas tränkte, das verdächtig nach Essig roch. Er ahnte Schlimmes. Als sie es auf die Wunde legte, verzog er das Gesicht und presste die Lippen fest aufeinander.

„Ihr könnt ruhig weiteratmen“, brachte sie lachend hervor. „Es ist gleich vorbei.“

„Wenigstens habt Ihr mich vorgewarnt“, brachte er mühsam hervor.

„Es sieht schon viel besser aus. Der Eiter ist verschwunden und die Schwellung geht langsam zurück.“ Sie zeichnete mit ihrer Fingerspitze einen Kreis, der fast seinen gesamten Oberarm umfasste. „Seht Ihr, bis hier reichte die Entzündung.“

Er sah, wie sie nach einem Tiegel griff und eine Paste auf seiner Wunde verstrich. „Was ist das?“, fragte er neugierig. Doch kaum hatte er die Worte ausgesprochen, verschloss sich ihre Miene. Schnell fügte er hinzu: „Ich glaube nicht, dass Ihr mich vergiftet. Es riecht gut, ich bin nur neugierig.“

Sie lachte nicht, schmunzelte nicht einmal. Das war anscheinend wahrlich ein wunder Punkt. Ob sie jemals jemanden vergiftet hatte, dass sie so empfindlich reagierte? Aus Versehen vielleicht?

„Nachdem der Eiter weg ist, verwende ich nun eine Mischung aus Honig, Blutwurz, Kamille und etwas Johanniskrautöl.“

Fasziniert beobachtete er ihre routinierten Handgriffe. „Und was würdet Ihr drauf tun, wenn noch Eiter da wäre?“

„Ich habe eine ähnliche Paste verwendet. Ebenfalls basierend auf Honig, jedoch mit Spitz- und Breitwegerich und dem Saft von Knoblauch und Zwiebel.“

Er nickte. Sie wusste, wovon sie sprach und das beeindruckte ihn. „Wie lange habt Ihr gebraucht, um dieses Wissen zu erlangen?“

Sie schnaubte abfällig. „Mein ganzes Leben.“

Wieder besaß sie diesen wehmütigen Unterton. Sie war eine seltsame Frau. Bei der Behandlung seiner Wunde zeigte sie kein Zögern. Damit kannte sie sich aus. Der Anblick von Eiter und Blut schien ihr nichts auszumachen. Und der hatte schon so manch starken Mann in die Knie gezwungen. Doch kaum sah sie ihn an, errötete sie und verhielt sich wie ein scheues Reh. Er kam zu dem Schluss, dass sie anscheinend den Umgang mit Menschen nicht recht gewohnt war. Er wollte sie danach fragen, doch er musste sich vorsichtig heranpirschen. Wenn er sie sprechen hören wollte, dann musste er sie über ihren Beruf aushorchen.

„Habt Ihr oftmals Kranke zu versorgen?“

 

Melanya hielt seine Nähe kaum noch aus. Er verhielt sich wie ein Fremder, was er im Grunde auch war, aber nach der letzten Nacht konnte sie einfach nicht so tun, als wäre nie etwas zwischen ihnen geschehen. Sie sah ihm in seine wunderschönen, violettblauen Augen und schon war sie wieder gedanklich in der letzten Nacht. Er hatte Dinge mit ihr gemacht, unzüchtige Dinge – und sie hatte ihn gelassen. Natürlich hatte sie das! Doch nun wusste sie, wie sich seine Hände auf ihrer Haut anfühlten … und seine Lippen. Und sie hatte erlebt, wie sein Blick sich veränderte, wenn die Leidenschaft ihn packte. Sie schloss die Augen. Sie musste raus hier! Sie brauchte dringend frische Luft!

„Entschuldigt mich. Ich muss dringend … Ich habe … etwas zu tun“, stammelte sie und lief hastig zur Tür. Als sie hindurchgetreten war, schlug sie sie zu und lehnte sich schwer atmend dagegen.

Ganz ausgezeichnet, dachte sie ironisch. Sie hatte sich selbst aus ihrem Heim befördert und nun hatte sie keine Ahnung, was sie mit ihrer Zeit anstellen sollte. Wenn sie bei ihrer überstürzten Flucht wenigstens vorausschauend genug gewesen wäre, die schmutzige Wäsche mitzunehmen. Dann könnte sie sie nun im Bach waschen, doch sie lag nach wie vor drinnen. Also ging sie hinter die Hütte und sah sich ihr Gemüsebeet genauer an; nicht einmal auf das Unkraut war Verlass. Sie hatte es erst kürzlich entfernt und nun war nichts zu sehen als gepflegte braune Erde. Es war erst Vormittag, was im Namen der Götter sollte sie nun machen?

Erneut ließ sie ihren Blick umherschweifen. Irgendetwas musste es doch zu tun geben. Da sah sie das Dach. Richtig, einige Schindeln waren morsch und undicht. Sie musste sie auswechseln. Kurz entschlossen holte sie sich eine Leiter und kletterte hinauf.

 

Was macht sie da bloß?, fragte sich Kieran. Sie hatte fluchtartig die Hütte verlassen und nun hörte er sie hinter dem Haus herumhantieren. Ganz so, als würde sie einen schweren Gegenstand herumschleppen. Dann erklang ein lautes Krachen an der hinteren Wand und kurze Zeit später vernahm er ein Poltern auf dem Dach.

Sie wird doch nicht allen Ernstes dort oben herumklettern? … Doch genau das schien sie zu tun. Er seufzte ergeben und stand schwerfällig auf. Er war erst wenige Stunden wach und sie trieb ihn schon jetzt in den Wahnsinn! Wie konnte er als Mann zulassen, dass sie auf dem Dach herumhantierte? Also stützte er sich an der Wand ab und zog sich Schritt für Schritt zur Tür. Allerdings war das gar nicht so einfach, denn ihm wurde immer wieder schwindelig.

 

„O ihr verfluchten Götter! Das kann doch wohl nicht wahr sein!“, schimpfte sie aufgebracht. Kaum hatte sie die morschen Schindeln entfernt, hatte es begonnen zu regnen. Wobei Regen kein Ausdruck für den Sturzbach war, der nun aus dem Himmel strömte.

„Warum ausgerechnet jetzt?“ Gerade eben hatte noch die Sonne geschienen. Wie konnte das sein? Das war selbst für Irland kaum zu fassen. Ihre Laune war mittlerweile auf dem Tiefpunkt angelangt, denn nicht nur, dass sie die neuen Schindeln nicht befestigen konnte, weil sie nicht genug Kraft gehabt hatte und es somit in die Hütte hineinregnete, war das Dach nun auch noch so rutschig geworden, dass sie sich nicht vom Fleck traute. Sie hatte versucht, die Sintflut mittels Magie zu stoppen. Natürlich hatte sie das, aber leider hatte sie es nicht geschafft, den einfachen Zauber zu sprechen. Dafür hätte sie ihren Geist klären müssen, sich von Gedanken und Emotionen befreien, um die Kräfte der Natur zu besänftigen, aber ihre Gefühle waren derart in Aufruhr, dass sie meilenweit von der geistigen Verfassung entfernt war, um ihre Magie wirken zu lassen. Also hockte sie nun auf dem glitschigen Dach im Regen und versank in ihrer schlechten Laune.

„Genießt Ihr den Ausblick?“

Ärger stieg in ihr auf, denn Kieran versuchte nicht einmal, sich sein Grinsen zu verkneifen. „Ach, hört schon auf!“

Als sie sein herzliches Lachen hörte, wurde sie noch verdrießlicher.

„Warum kommt Ihr nicht herunter?“

„Lasst mich in Ruhe!“ Ärgerlich funkelte sie ihn an.

„Kommt schon. Ihr wollt ernsthaft im Regen auf dem Dach hocken?“

„Nein. Das will ich nicht!“

„Und warum kommt Ihr dann nicht runter?“

„Weil ich nicht kann“, antwortete sie, doch im Regen hatte er sie nicht verstanden. „Was sagt Ihr?“

Sie verdrehte genervt die Augen. „Ich kann nicht!“, rief sie aufgebracht. Da verschwand er aus ihrem Blickfeld und sie sah nur, wie die Leiter sich bewegte. Langsam sah sie seinen blonden Schopf über den Rand des Daches erscheinen.

„Euer Verband sollte nicht nass werden“, fauchte sie ihn an.

„Und Ihr solltet nicht auf dem Dach sitzen“, gab er unbeirrt zurück. „Kommt.“ Er reichte ihr seine gesunde Hand, doch um sie zu erfassen, hätte sie die Stelle loslassen müssen, an der sie sich festhielt und ein Stückchen nach unten rutschen. Mit ängstlichem Blick starrte sie ihn an und schüttelte ihren Kopf so heftig, dass Wasser aus ihren Locken spritzte. „Ich kann das nicht, Kieran.“

Er kletterte noch ein Stück weiter zu ihr und seine rettende Hand war nahe, sie müsste nur loslassen, dann könnte sie danach greifen, trotzdem rührte sie sich nicht und hockte weiterhin wie gelähmt vor Angst auf derselben Stelle.

„Du kannst das, Melanya. Gib mir deine Hand. Ich lass dich nicht fallen.“ Er sprach sie in der persönlichen, informellen Form an und in seinem Blick lagen Zuversicht und Wärme. Skeptisch deutete sie auf den Arm, den er ihr reichte und den anderen, der in der Schlinge steckte. „Wie wollt Ihr Euch festhalten?“

Er schmunzelte und sah sie beruhigend an. „Vertrau mir. Komm.“

Sie war nass und ihr war kalt und sie wollte nichts lieber, als von diesem verfluchten Dach herunterzukommen.

„Ich vertraue Euch ja, doch wie wollt Ihr Euch festhalten? Etwa mit dem verwundeten Arm?“

„Melanya, du redest zu viel. Ich verspreche, du kommst unversehrt hier runter.“

Sie sah in seine Augen. Er war sich so sicher, seine ganze Haltung strahlte Selbstbewusstsein und Kraft aus. Vertrauensvoll und ganz langsam öffnete sie ihre Finger und ließ die Schindel los. Kaum hatte sie den Arm angehoben, fasste er ihn auch schon und hielt ihre Hand mit seiner umfangen. Er sprach beruhigend auf sie ein, während sie Stückchen für Stückchen zu ihm hinüberrutschte. Als sie nahe genug bei der Leiter angekommen war, fasste er sie beschützend an der Taille und half ihr, auf die Sprossen zu klettern.

„Nun setze deinen rechten Fuß langsam auf den nächsten Querbalken. Keine Angst, ich hab dich.“

Eingeklemmt zwischen dem Holz und seinem Körper im Rücken fühlte sie sich fast sicher und gemeinsam schafften sie es, unversehrt vom Dach zu kommen.

„Vielen Dank“, stammelte sie verlegen, da er sie noch immer zwischen sich und der Leiter gefangen hielt. Doch Kierans Mund verzog sich zu einem sanften Lächeln. „Gern geschehen, Heilerin.“ Er lachte und gab ihr einen flüchtigen Kuss auf ihre Wange.

8

Im Haus stand er Melanya gegenüber, die ihn mit ungeduldigem und fragendem Blick ansah und auf das trockene Kleid in ihrer Hand deutete. „Wollt Ihr Euch nicht umdrehen?“

„Nein“, gab er grinsend zu. Melanya, deren Wangen durch die Aufregung gerötet waren und deren Haare an ihr klebten wie die eines nassen Schafs. Keine Sekunde lang wollte er den Blick von ihr abwenden, denn sie faszinierte ihn jeden Augenblick mehr.

„Wenn Ihr Euch nicht umdreht, dann säubere ich Eure Wunde mit dem selbstgebrannten, hochprozentigen Zeug vom alten Pete. Das brennt sicher mehr als Essig.“

Kieran lachte und hob abwehrend die gesunde Hand. „Ich wage es nicht, mich mit dir anzulegen, Heilerin“, erwiderte er grinsend und drehte sich schließlich zur Wand. Solange er den Stoff hinter sich rascheln hörte, hielt er den Blick zum Holz geheftet, erst als er sicher war, dass sie ihr trockenes Kleid trug, drehte er sich wieder zu ihr. Sie rubbelte sich ihre Haare trocken und die Feuchtigkeit hatte ihren Locken nicht gutgetan, denn sie standen wirr in alle Richtungen ab. Er schmunzelte und fand, sie sah hinreißend aus.

„Ach, hört schon auf, so zu grinsen“, fuhr sie ihn an. „Ich weiß selbst, wie meine Haare aussehen.“ Dann griff sie sich einen Kamm und setzte sich zum Trocknen ans Feuer. Er nahm neben ihr Platz und beobachtete fasziniert die roten Reflexe in ihrer Mähne, während sie sie bearbeitete.

 

Großartig!, dachte sie und ließ ihren Frust an ihren Haaren aus. Die ganze Aktion hatte nichts, wirklich gar nichts gebracht. Im Gegenteil! Nun saß sie gemeinsam mit Kieran am Feuer und ihre Locken sahen aus wie die eines nassen Köters. Solange es regnete, waren sie hier drinnen gefangen und zu allem Überfluss musste sie sich auch noch mit ihm unterhalten. Warum konnte er nicht einfach schlafen gehen?

„Seid Ihr gar nicht müde?“, versuchte sie, ihn in diese Richtung zu drängen.

„Nein.“

Ganz toll! „Vielleicht erschöpft?“

„Eigentlich fühle ich mich erstaunlich gut.“ Er sah sie freundlich an.

„Das ist … wunderbar.“ Angestrengt starrte sie die Wand neben ihm an.

„Hör mal, Melanya. Ich vermute, du bist nicht daran gewöhnt, Gäste zu haben?“

Sie sah ihn an. Worauf wollte er hinaus? „Nein. Normalerweise werde ich zu den Kranken geholt.“

Er nickte. „Ich kann mir vorstellen, wie ungewohnt diese Situation für dich ist und ich verspreche dir, sobald wie möglich zurück zur Burg zu gehen.“

Das war es, was dieser Hornochse ihr sagen wollte? Sie konnte es nicht fassen! Alles in ihr wollte ihn anschreien. Warum kannst du dich nicht an mich erinnern? … An uns? Am liebsten würde sie ihm irgendetwas an den Kopf werfen! „Ihr könnt gehen, wenn ich sage, dass Ihr so weit seid!“, fauchte sie und funkelte ihn wütend an.

Er sah sie an, als wäre ihr ein Bart gewachsen. „Ich wollte nur freundlich sein“, erwiderte er säuerlich. „Und dir so wenig wie möglich zur Last fallen.“

Oh, sie war so wütend! Auf ihn und genau so auch auf sich selbst! Die Emotionen tobten in ihr und rissen sie förmlich entzwei. Er hatte sie letzte Nacht geliebt! Und jetzt wusste er nichts mehr davon. Nun, sie war sich sehr wohl bewusst, dass es nicht wirklich sie gewesen war, bei der er gelegen hatte, doch sie hatte ihm ihre Unberührtheit geschenkt.

Wenn sie allerdings genau darüber nachdachte und ehrlich zu sich selbst war, war sie es, die ihn ausgenutzt hatte. Um diese Erfahrung zu machen und ihren sehnlichsten Wunsch, nämlich ihm nahe zu sein, zu erfüllen. Dieses Eingeständnis verbesserte ihre Laune nicht.

Wütend starrten sie sich an und sprachen kein Wort mehr miteinander. Die angespannte Atmosphäre war beinahe zum Greifen und erdrückte Melanya. Also bearbeitete sie weiter ihre Haare, die sich in Form von Knoten gegen sie verschworen hatten. Heftig fuhr sie mit dem Kamm hindurch, bis er entzweibrach. Fassungslos starrte sie darauf, bis sich Tränen in ihren Augen bildeten, die sie nicht fähig war, zurückhalten.

 

Kieran betrachtete ihr schönes Gesicht, in dem sich eine Flut an Emotionen zeigte. Wut, Ärger, aber auch Traurigkeit und Frustration spiegelten sich in ihren anmutigen Zügen wider. Er konnte die Tränen sehen, die sie sich bemühte, nicht zu vergießen. Sie wischte sich über die Augen und versuchte, zu verbergen, wie aufgelöst sie war. Wegen eines Kamms? Sie war ihm wahrlich ein Rätsel. Eben war sie noch voller Feuer gewesen und nun saß sie da wie ein Häufchen Elend, erfüllt von Traurigkeit. Die Bruchstücke lagen auf ihrem Schoß und sie starrte noch immer darauf. Sanft berührte er sie am Arm. „Melanya, es tut mir leid.“

Da blickte sie ihn mit tränennassen Augen an. „Was meinst du?“

Diese Frau war wahrlich kompliziert. Er hatte keine Ahnung, warum sie ihn angeschrien hatte. Und er hatte auch keinen blassen Schimmer, warum sie überhaupt aus der Hütte gerannt und auf das Dach geklettert war. Noch weniger wusste er, warum ihr der Bruch des einfachen Kamms anscheinend so zusetzte. Und er hatte absolut keine Ahnung, wofür er sich bei ihr entschuldigte. Trotzdem tat es ihm leid, zu sehen, wie traurig sie war. Bisher hatte er noch nie eine Frau getröstet und er wusste auch nicht, wie er das anstellen sollte.

„Es tut mir leid, dass du weinst. Es ist doch nur ein Kamm“, versuchte er, sie aufzubauen.

„Er gehörte meiner Mutter“, antwortete sie tonlos. Nun verstand er, denn er wusste, dass Melanya von ihrer Großmutter aufgezogen worden war, nachdem ihre Eltern gestorben waren. Die Geschichte kannte jeder, sowohl auf der Burg als auch im umliegenden Dorf, galten die Umstände doch als mysteriös. Kurz vor dem Unglück hatte es nämlich einen Streit zwischen der Großmutter und Melanyas Eltern gegeben. Dann waren sie verstorben und Eleonora hatte das kleine Mädchen zu sich genommen und begonnen, es zu unterweisen. Das alles hatte dazu beigetragen, dass jeder vor Eleonora Angst gehabt hatte, denn niemand konnte sagen, wie weit sie gehen würde, um ihren Willen durchzusetzen. Auch Melanya galt bereits als kleines Mädchen in den Augen der Dorfbewohner als sonderbar. Nicht zuletzt durch das Interesse, das ihre Großmutter an ihr zeigte. Es war kein Geheimnis, dass niemand seine Kinder mit ihr spielen lassen wollte und so waren die Menschen nicht unglücklich bezüglich des Umstands, dass Eleonora und Melanya sich nur selten im Dorf blicken ließen.

Er griff nach ihrer Hand und drückte sie aufmunternd. Doch da brach es aus ihr heraus wie ein Sturzbach, sie weinte hemmungslos und er zog sie unbeholfen an sich. Er wusste nicht, was er sonst mit ihr hätte tun sollen, also streichelte er ihr besänftigend über den Rücken. Sie klammerte sich an ihn und schluchzte herzzerreißend. Es war, als wäre ein Damm in ihr gebrochen und alles an Wut, die sich vorhin in ihr aufgestaut hatte, floss nun in Form von unglücklichen Tränen aus ihr heraus. Weshalb hatte sie ausgerechnet jetzt diesen Gefühlsausbruch? Wahrscheinlich war sie wirklich nicht an die Nähe von Menschen gewöhnt.

„Es ist alles gut. Hör auf, zu weinen.“ Solch tiefgründige Emotionen waren ihm unangenehm und normalerweise schob er sie lieber meilenweit von sich weg. Den Tod seiner eigenen Eltern hatte er stets erfolgreich verdrängt. So war nun einmal der Lauf der Welt und er konnte sich glücklich schätzen, dass der Earl ihn damals aufgenommen hatte. Mit Brian hatte er obendrein auch noch einen Bruder bekommen. Ihr Verhältnis könnte nicht enger sein, wären sie tatsächlich blutsverwandt. Nun, da dieser verheiratet und vor Kurzem Vater geworden war, war Kieran auch Teil dieser Familie. Und wenn Brian einmal Earl wurde, würde er sein Leben in dessen Dienste stellen.

Melanya schniefte und er konnte sehen, wie sehr sie sich bemühte, ihre Fassung wiederzuerlangen. Kieran blickte in ihre sanften Augen, in deren dichten Wimpern noch Tränen hingen. Sie wirkte so unendlich verletzlich, ihre Wangen waren feucht und ihre Nase gerötet, trotzdem hatte sie nie schöner ausgesehen. Langsam hob er seine Hand und strich ihr zärtlich über die Wange. Mit seinem Daumen wischte er die Nässe fort. Ihr Mund war leicht geöffnet und ihre Lippen gerötet. Er konnte seinen Blick nicht von ihr abwenden. Und er wollte es auch nicht.

Als er sich zu ihr beugte, sah sie ihn erwartungsvoll an. Dann legte er seine Lippen auf ihre und kaum berührte er sie, fuhr es durch ihn hindurch wie ein Blitz. Er hörte ihr sehnsüchtiges Seufzen und als sie ihren Mund öffnete und seiner Zunge Einlass gewährte, wusste er nicht, ob er jemals etwas Süßeres gekostet hatte. Obwohl er sie sinnlich und voller Hingabe küssen wollte, schaffte er es nicht, denn die Leidenschaft hatte ihn gepackt und er vergrub seine Finger in ihren Locken, zog sie noch enger an sich heran und drang tief in ihren Mund ein. Melanya stöhnte und erwiderte seine Liebkosungen rückhaltlos. Ihre Hände lagen auf seiner Brust und sie hatte die oberen Schnürungen seines Hemdes gelöst, strich nun sanft über seine Haut und entfachte damit ein Feuer in ihm, das ihn beinahe wahnsinnig vor Verlangen machte. Diese kleine, widersprüchliche Frau brachte ihn um den Verstand. Was hatte sie nur an sich, das ihn derart fesselte?

Ihr Mund war süß wie Honig und er konnte nicht aufhören, davon zu kosten. Wie hatte er jemals existieren können, ohne diese Frau zu küssen? Kurzerhand hob er sie hoch und ignorierte dabei den Schmerz in seinem Arm. Er setzte sie auf seinen Schoß und hielt sie fest umfangen. Genießerisch ließ er seine Lippen über die zarte Haut an ihrem Hals wandern, als er erneut ihr genießerisches Seufzen hörte und dieser leise, sinnliche Laut entfesselte etwas ureigen Männliches in ihm. Er wollte sie besitzen! Mit Haut und Haaren sollte sie ihm gehören.

Ein winziger Funken in seinem Gehirn zwang ihn, von ihr abzurücken, bevor er sie gleich hier nehmen würde. Gänzlich fremde Gedanken strömten plötzlich auf ihn ein. Melanya war weder irgendeine Magd noch die Tochter des Ziegenhirten, oder sonst irgendeine Dirne, die seine Bedürfnisse befriedigte. Sie war eine angesehene Heilerin und sie verdiente so viel mehr an Respekt. Er hatte nicht das Recht, sie einfach so zu nehmen.

Sie sah ihn aus riesengroßen Augen an und er hatte keine Ahnung, was er ihr sagen sollte. Seine eigene Verwirrung spiegelte sich in ihrem Blick wider.

„Melanya …“, begann er, doch dann riss ein lautes Klopfen sie aus der intimen Situation. Beide saßen da und starrten sich an, waren nicht fähig, diesen Moment zu unterbrechen. Erst als ein erneutes, dringlicheres Klopfen erklang, stand Melanya auf und öffnete. Draußen stand Brian, der auch umgehend eintrat.

„Sei gegrüßt, Bruder“, sagte Kieran und Brian sah ihn verwundert an.

„Du bist wach!“, stellte er erstaunt fest und dann starrte er abwechselnd von Kieran zu Melanya. Er schien zu ahnen, was sich soeben zwischen den beiden abgespielt hatte. Allerdings war das kein großes Kunststück. Es genügte ein Blick in Melanyas gerötetes Gesicht, um zu wissen, was vorgefallen war, auch wenn sie schüchtern den Blick gesenkt hielt.

„Ich … Ich lasse euch besser allein.“ Schnell schnappte sie sich die Wäsche und flüchtete nach draußen.

„Was ist hier los? Bist du verrückt geworden?“, schrie Brian.

„Jetzt halt mal die Luft an.“ Kieran hob beschwichtigend seinen gesunden Arm. „Was ist überhaupt in dich gefahren?“

„Das willst du wissen? Nun, ich sage es dir! Was hat sie mit dir gemacht?“

„Wovon sprichst du?“

Brian raufte sich frustriert die Haare. „Verstehst du nicht? Hier ist irgendein ganz finsterer Zauber am Werk!“

„Ach, hör schon auf mit deinen dämlichen Ammenmärchen!“ Brian war in dieser Hinsicht nicht besser als irgendein Waschweib. Kieran verdrehte die Augen und deutete in den Raum. „Sieh dich doch mal um. Sie ist eine Heilerin, weiter nichts.“

Doch sein Bruder kam einige Schritte näher und legte ihm die Hand auf die gesunde Schulter. „Ich warne dich, unterschätze die Hexe nicht!“

„Sie ist keine Hexe!“, erwiderte Kieran scharf.

„Natürlich ist sie eine!“

„Diese kleine Person soll eine fürchterliche, dunkle Zauberin sein?“ Kieran lachte. „Mach dich doch nicht lächerlich, Brian! Sie kann mir ja kaum in die Augen schauen, ohne rot anzulaufen.“

„Ach ja?“ Brians Gesicht verfärbte sich rot vor Ärger. „Wie erklärst du dir dann, dass du gestern noch dem Tod näher warst als dem Leben und heute sitzt du hier, bist offensichtlich bereits im Regen spazieren gewesen? Und“, er deutete auf Kierans Körper, „hast sogar noch genug Kraft für eine Frau?“

Kieran wollte etwas erwidern, doch darauf hatte er keine Antwort.

„Ich reite sofort zurück und hole dein Pferd und bis dahin halte dich von ihr fern!“

 

Melanya verharrte bewegungslos am Bach. Sie hatte jedes Wort der Unterhaltung gehört. Brian hielt sie für eine dunkle Hexe und Kieran nun wahrscheinlich ebenso. Vielleicht war sie tatsächlich eine nach dem Handel mit Morrígan. Die Magie war ihr ständiger Begleiter, war ein Prickeln in ihren Fingerspitzen und in den Vollmondnächten spürte sie die Kräfte der Natur besonders stark in sich. Sie hatte sich stets für eine Heilerin und Priesterin der alten Götter gehalten, doch vielleicht steckten wirklich die Mächte des Bösen in ihr. Wäre sie nur gut, hätte Morrígan sich dann überhaupt für sie interessiert? Verunsichert dachte sie an den Handel. Melanya war einzig und allein wichtig gewesen, dass Kieran lebte. Dafür hatte sie getan, was nötig gewesen war, aber er würde es nicht verstehen. Niemand würde das.

Als sie seine Schritte hinter sich hörte, schloss sie die Augen, denn sie wollte die Zweifel in seinem Blick nicht sehen und schon gar nicht das Unbehagen, das sie bei allen anderen auch stets wahrnahm.

Er fasste sie am Arm und drehte sie zu sich. „Melanya, sieh mich an.“ Doch sie tat es nicht. Sie sah zu Boden. Da berührte er ihr Kinn und zwang sie, zu ihm hochzublicken.

„Du hast Brians Vorwürfe gehört?“ Fragend sah er sie an, aber sie brachte nur ein Nicken zustande.

„Ist es wahr? War ich gestern dem Tod näher als dem Leben?“

„Ja“, hauchte sie. Er ließ sie los und fuhr sich durch die Haare. Es zerriss ihr das Herz, zu sehen, wie er sich von ihr abwandte. Mit den Händen zu Fäusten geballt, stand er da und starrte in den Wald. Er atmete schwer, fast als wäre er gerannt. Doch dann drehte er sich erneut zu ihr und seine Lippen waren zu einer schmalen Linie zusammengepresst.

„Wie ist das möglich?“

Sie blieb stumm. Was hätte sie ihm auch sagen sollen? Dass sie ihn aus Morrígans Fängen befreit hatte? Oder dass sie sich selbst in die Dienste der dunklen Göttin gestellt hatte? Das würde ihn sicherlich davon überzeugen, dass sie es wert war, geliebt zu werden.

„Erklär es mir!“, verlangte er bestimmt, aber wie sollte sie das tun?

„Das kann ich nicht“, erwiderte sie tonlos und senkte den Blick. Wie ein gefangenes Tier tigerte er auf und ab, sie konnte den Tumult der Gefühle deutlich in ihm spüren. Er raufte sich die Haare und drehte sich abrupt zu ihr um.

„Es war kein Traum. Morrígan hatte mich bereits geholt. Doch dann kamst du. Du warst es, die mich gerettet hat und nicht Rhiannon.“ Er fasste sie erneut am Kinn und zwang sie, ihn anzublicken. „Sieh mich gefälligst an, Melanya. Nur ein mächtiger Zauberer kann die Göttin der Nacht aufhalten. Und sie gibt kein Leben, ohne dass sie eines nimmt. Also frage ich dich zum letzten Mal: Was hast du getan?“

Ihre Antwort war nur ein leises Hauchen. „Was nötig war, damit du lebst.“

Ihre Worte erschütterten ihn, sie hatte diesen Ausdruck in den Blicken der Menschen so oft gesehen, dass sie wusste, sie irrte sich nicht.

„Ich habe Magie bisher immer für mystische Scharlatanerie gehalten“, sprach er mehr zu sich selbst, „aber was kann Morrígan sonst von ihrem Vorhaben abbringen?“ Die Verwirrung stand ihm ins Gesicht geschrieben, genauso wie Unbehagen und eine Spur Abscheu. Melanya konnte es kaum ertragen, zu sehen, wie er sich immer weiter von ihr entfernte. Obwohl sie nur ein Schritt voneinander trennte, strahlte seine starre Haltung eine unüberwindbare Distanz aus. Die Traurigkeit darüber würde sie erst später zulassen, nun gewann Wut die Oberhand.

„Ich habe dich geheilt, vergiss das nicht. Ich erwarte keinen Lohn aber wenigstens etwas Dankbarkeit.“

Kieran schnaubte abfällig. „Was du getan hast, war falsch, wider der Natur und schlichtweg abartig.“

Fassungslos starrte sie ihn an. „Wer bist du, dass du darüber urteilst? Magie ist so alt wie die Götter selbst und ich habe es satt, mich dafür zu schämen.“

„Dann bist du also wirklich eine Hexe.“

„Das bin ich und ich rate dir, hör auf Brians Worte, mich nicht zu unterschätzen. Vielleicht lasse ich dir Hörner wachsen oder –“

Mit finsterer Miene baute er sich vor ihr auf. „Wage es nicht, mir zu drohen. Ich habe keine Angst. Weder vor dir noch vor deiner widerwertigen Magie.“

„Dann bist du entweder mutig oder dämlich!“, fauchte sie aufgebracht. Das Vibrieren der Magie in ihr wuchs stetig an. Wind kam auf und wurde immer stärker, er fuhr ihr in die Haare, während Blätter um sie herum durch die Luft wirbelten. Kieran sah sie argwöhnisch an und fuhr zusammen, als ein lautes Donnergrollen über ihnen ertönte. Voller Unbehagen blickte er zuerst in den Himmel und dann wieder zu ihr.

„Was soll das?“, brüllte er in das Sausen des Sturms. „Zuerst rettest du mich vor dem Tod, nur um mich dann mit einem Blitz zu erschlagen?“

„Vielleicht solltest du schnell das Weite suchen, bevor ich es mir anders überlege und dich doch noch Morrígans Fängen überlasse.“

Wütend starrte er sie an. „Ganz wie du willst.“

 

Mit energischen Schritten stapfte er davon und ließ sie stehen. Da hörte er auch schon schnelles Hufgetrappel und sah Brian, der auf die Lichtung ritt. Kieran schnappte sich die Zügel seines Pferdes und stieg auf, folgte dem Pfad weg von Melanya, aber bevor er in den dichten Wald eintauchte, drehte er sich im Sattel noch einmal zu ihr um, er hätte es nicht verhindern können. Sie hatte sich von ihm abgewandt und hielt sich die Hände vor das Gesicht, ihre Schultern bebten verdächtig. Zu viele Gedanken strömten auf ihn ein, als dass er sie hätte ordnen können. Dankbarkeit, Unbehagen, Missfallen und Wut waren nur einige davon. Dazu noch Hunderte Fragen. Er drehte sich nach vorne und ritt stur geradeaus blickend den Weg entlang. Der Wind war verstummt und einem wolkenverhangenen, grauen Himmel gewichen. Die gesamte Strecke legten sie in einem trostlosen, kalten Nieselregen zurück, der Kierans Stimmung genau widerspiegelte und scheinbar auch Melanyas. Er war frustriert und aufgewühlt. Brian sah ihn ständig von der Seite an, als würde ihm gleich ein zweiter Kopf wachsen. Sein Bruder ging ihm auf die Nerven und kaum waren sie auf der Burg, eilte Kieran in sein Gemach und schloss sich ein. Er wollte Ruhe und Antworten! Doch der Sturm, der in ihm tobte, ließ beides nicht zu. Was hatte sie getan? Diese Frage stellte er sich unentwegt. Niemand konnte den Tod aufhalten!

Und doch war es ihr gelungen.

***

Noch lange stand Melanya im Regen, unfähig sich zu bewegen, als hätten sich ihre Beine in Wurzeln verwandelt. Kieran war längst fort und doch verstummten ihre Tränen nicht. Was hatte sie erwartet? Ewige Liebe und Zweisamkeit? Sie schnaubte abfällig, bevor eine neuerliche Flut an Tränen ihre Wangen hinablief. Tief drinnen wusste sie, dass sie sich gerade selbst bemitleidete, doch daran ändern konnte sie nichts. Sie weinte um alles, was sie nicht hatte und niemals haben würde, weinte wegen ihrer Liebe zu Kieran und seiner Abscheu vor dem, was sie war. Vielleicht hatte er recht und sie war eine Abartigkeit der Natur. Wenn sie doch nur eine ganz normale Frau sein könnte. Aber er war trotzdem unerreichbar für sie, selbst wenn er durch irgendeinen Zufall ihre Liebe erwidern würde, könnten sie doch niemals zusammen sein. Früher oder später würde der Earl eine Gemahlin für ihn auswählen und er würde sich aus Pflichtbewusstsein und Respekt vor seinem Ziehvater fügen. Sie war einfach eine dämliche Ziege, denn all das hatte sie gewusst.

Um Fassung ringend, atmete sie ein paarmal tief ein und aus. Dann schob sie sich die Ärmel nach oben und suchte sich etwas, dass sie erledigen konnte, irgendeine Arbeit, die sie von ihrer Enttäuschung und dem Schmerz in ihrem Herzen ablenken würde.

9

Wochenlang gönnte Melanya sich keine Pause, denn die Pflichten lenkten sie ab. Ihr Haus glänzte vor Sauberkeit, sämtliche Tinkturen waren zubereitet und die Vorräte aufgefüllt. Sie hatte Brot gebacken und es sogar geschafft, das Dach auszubessern, aber ihre Stimmung verbesserte sich nicht. Die Traurigkeit blieb stets ihr Begleiter. Wie der Himmel, der nach wie vor wolkenverhangen war und das Tageslicht in eintöniges Grau tauchte, war auch ihr Herz eine einzige trostlose Masse aus Wehmut und Sehnsucht. Genauso allgegenwärtig wie der Nieselregen, war auch die Einsamkeit ein Teil von ihr. Sie fühlte sich ungeliebt, allein und wertlos. Wann immer die trüben Gedanken sie zu überrollen drohten, suchte sie sich die nächste Aufgabe. So schleppte sie eimerweise Wasser zu ihrem Gemüsebeet, das sie zuvor vom Unkraut befreit, dessen Erde sie aufgelockert und Dünger darunter gemischt hatte. Sie wollte die frischen Keimlinge einsetzen, die sie aus Kräutern gezogen hatte wofür sie mehr Wasser benötigte, um die jungen Wurzeln ordentlich zu tränken. Links und rechts mit den schweren Eimern beladen, kletterte sie mehr als undamenhaft die kleine Böschung vom Bach hinauf und schaffte es, nicht das gesamte Wasser zu verschütten. Wann würde sie endlich lernen, dass es besser wäre, nur einen Eimer zu tragen und dafür lieber öfter zu gehen?

***

Kierans Wunde war beinahe zur Gänze verheilt und er führte bereits wieder ein leichtes Waffentraining aus. Oft dachte er über seine Genesung nach, aber es war nichts Ungewöhnliches geschehen, weder war irgendjemand auf unnatürliche Weise gestorben, noch waren irgendwelche Plagen über sie hereingebrochen. Nur er selbst war in einer sonderbaren Stimmung.

Er sprach kein unnötiges Wort, war ungehalten und übler Laune. Bereits Kleinigkeiten brachten ihn zur Weißglut und das kannte er normalerweise nicht von sich, war er doch jemand, der das Leben stets von seiner sonnigen Seite betrachtete. Ihm war aufgefallen, dass die Bewohner der Burg mittlerweile einen Bogen um ihn machten. Bei den Mahlzeiten in der Halle blieb er meistens allein, was ihm durchaus recht war. Sogar Brian hatte aufgehört, auf ihn einzureden, und beschränkte sich darauf, ihn zu beobachten.

Nachts konnte er nicht schlafen und am meisten ärgerte es ihn, dass er ständig an Melanya denken musste. War das Teil des Zaubers, den sie über ihn gesprochen hatte? Kaum schloss er die Augen, sah er sie vor sich. Ihre rötlichen Haare, ihre sanften, braunen Augen, ihre anmutigen Züge. Wie sie unter ihm lag und vor Leidenschaft stöhnte, fühlte ihre weiche Haut, als er über ihre Rundungen strich. Inzwischen war er sich ziemlich sicher, dass es kein Traum gewesen war und sie sich ihm tatsächlich hingegeben hatte. Doch sie war jungfräulich gewesen. Warum bei allen Göttern hatte sie ihn nicht aufgehalten? War das Teil der Hexerei gewesen und der Zauber hatte die Entweihung einer Jungfrau beinhaltet? Dass er nicht mit Gewissheit wusste, ob es wirklich geschehen war, machte ihn noch wahnsinnig!

Seither hatte er keine andere Frau mehr berührt und auch dieser Umstand zehrte an seinen Nerven, aber er hatte einfach kein Verlangen verspürt. Melanya war überall präsent. Ihr Geschmack war in seinem Mund, ihre lieblichen Lieder klangen unaufhörlich in seinen Ohren und ihr Bild begleitete ihn unentwegt in seinem Kopf. Bei jedem Regen – und in Irland regnete es oft – dachte er daran, wie verführerisch sie mit ihrer wilden Lockenpracht ausgesehen hatte. Er ertappte sich dabei, dass er Ausschau nach ihr hielt, doch er sah sie nie.

„Kieran? Wünscht Ihr noch etwas?“ Überrascht sah er von seinem Teller auf und hatte gar nicht mitbekommen, dass die Magd zu ihm getreten war. Er saß beim Frühstück in der großen Halle der Burg und starrte vor sich hin. Die erste Trainingseinheit des Tages lag bereits hinter ihm und normalerweise würde er das Mahl mit dem Appetit eines Bären hinunterschlingen und danach mit der niedlichen Magd hinter dem Stall verschwinden. Sie war eine von seinen Gespielinnen und schien nicht abgeneigt.

„Heute nicht“, brummte er in ihre Richtung, ohne ihrer gekränkten Miene Beachtung zu schenken. Diese lästigen Weibsbilder! Weshalb konnten sie ihn nicht einfach in Ruhe lassen? Er hatte keine Lust auf irgendwelche Frauen. Wieder drängte sich Melanya in seine Gedanken. Verfluchte Hexe! Wütend über sich selbst stand er so heftig auf, dass der Stuhl nach hinten kippte. Das musste aufhören! Sie musste damit aufhören, sich in seine Gedanken zu schleichen.

Schnell überquerte er den Burghof in Richtung der Ställe, wo er den Gruß des Stallmeisters nur brummend erwiderte. Mit routinierten Bewegungen hatte er in kürzester Zeit sein Pferd gesattelt und trieb es in schnellem Galopp in Richtung Wald.

Er war so wütend! Er würde von ihr verlangen, sich aus seinem Kopf fernzuhalten. Je schneller er ihr das befahl, desto besser, und welche Hexerei sie auch benutzt hatte, um ihn zu heilen, er wollte damit nichts zu tun haben!

Bei ihrer Hütte sprang er vom Pferd und brüllte ihren Namen. Wo zur Hölle war sie bloß? Da hörte er ein dumpfes Geräusch hinter dem Haus und ging mit forschen Schritten in Richtung der Quelle. Da entdeckte er sie.

Erschrocken sah sie ihn aus geweiteten Augen an. Sie stand in einer Lache aus Matsch, zwei leere Eimer am Boden neben ihr. Ihr Kleid war nass und ihr Zopf zerzaust. Ihre Wangen waren gerötet und sie hatte Erde an der Wange kleben. Abrupt blieb er stehen. Er fand sie wunderschön.

„Kieran“, hauchte sie atemlos und seine Entschlossenheit geriet ins Wanken. Sah so eine gefährliche Hexe aus? Doch er verdrängte den Gedanken sogleich wieder. Er war hier, damit sie ihn in Ruhe ließ und er seinen Seelenfrieden wiedererlangte.

„Was auch immer du tust, du wirst sofort damit aufhören!“

Verwirrt blickte sie um sich. „Ich verstehe nicht …“

„Ich warne dich, Melanya, treib es nicht zu weit!“

„Wovon sprichst du?“

Er hob drohend den Zeigefinger. „Ich verlange, dass du mit deiner Hexerei aufhörst! Such dir gefälligst ein anderes Opfer, das du in den Wahnsinn treiben kannst!“

Entrüstet schnappte sie nach Luft. „Kieran, … ich weiß nicht …“

„Lüg mich nicht an!“

„Aber ich gebe dir mein Wort, dass ich nichts von dem verstehe, was du sagst.“

„Dann werde ich es dir erklären. Seit du mich geheilt hast, bin ich nicht mehr derselbe. Und ich verlange von dir, dass du dich aus meinem Kopf raushältst!“

„Aber ich habe nichts zu schaffen mit deinem Kopf! Ich habe keine Ahnung, was du mir eigentlich vorwirfst, aber ich versichere dir, ich habe nichts damit zu tun!“

Drohend kam er ganz nahe und baute sich vor ihr auf. „Dann erkläre mir, wie du mich in jener Nacht geheilt hast.“

Sie setzte zu einer Antwort an und klappte den Mund dann wieder zu. „Ich …“

„Für wie töricht hältst du mich? Ich befehle dir: Halte dich gefälligst aus meinen Gedanken raus!“

„Du aufgeblasener Hornochse! Wie kannst du es wagen, so mit mir zu sprechen? Immerhin hast du es mir zu verdanken, dass du überhaupt noch hier stehst und dich aufspielen kannst wie ein wild gewordener Gockel!“ Wütend funkelte sie ihn an und musste dafür ihren Kopf in den Nacken legen, um zu ihm hochzusehen. Aus ihren Augen schossen förmlich Blitze und ihre Wangen waren erhitzt. In ihrem Zorn sah sie der Frau, die sich in Ekstase unter ihm wand, verdammt ähnlich. Sie war betörend, verführerisch und in ihrer Wut geradezu atemberaubend. Er ertappte sich dabei, dass er auf ihren Mund starrte, Verlangen durchströmte ihn und schoss direkt in seine Lenden. Vielleicht war dies die Lösung! Jene Nacht hatte sich in seine Gedanken eingebrannt. Wahrscheinlich hatte er sie bloß durch das Fieber so intensiv erlebt. Wenn er sie hier und jetzt nehmen würde, wäre sie mit Sicherheit nichts Besonderes. Nicht besser als jede andere Frau auch, mit der er sich die Zeit vertrieb. Dann würde sein Geist sich aus ihren Fängen befreien und er wäre wieder er selbst.

Energisch griff er in ihren Nacken und zog ihren Kopf zu sich heran. Hart presste er seine Lippen auf ihre. Melanya hämmerte mit ihren kleinen Fäusten gegen seine Brust. „Was fällt dir ein!“ Doch er ließ sie nicht los. Mit Armen wie Schraubstöcke presste er sie zornig an sich und eroberte ihren Mund. Besitzergreifend drang er mit seiner Zunge in sie ein.

Da biss sie ihn.

„Was … verflucht!“ Unsanft fasste er ihren Zopf und zog ihren Kopf weit nach hinten, sodass sie ihm in die Augen sehen musste. „Du kleines Biest. Du wirst mich nicht noch einmal beißen!“

„Dann lass mich los, du Wüstling!“

„Nein.“

Sie versuchte, sich ihm zu entwinden, doch sie hatte keine Chance. Tränen des Zorns und der Resignation brannten in ihren Augen.

„Dann hör mich wenigstens an … bitte.“ Er lockerte seinen Griff ein wenig. „Ich kenne das Gerede, Kieran. Ich weiß, was die Leute über mich sagen. Aber ich bin keine böse Hexe. Und obwohl ich dir nicht sagen kann, was in jener Nacht geschehen ist, gebe ich dir mein Wort, dass ich dir keinen Schaden zugefügt habe.“ Sie schniefte. „Bitte glaube mir, alles, was ich wollte, war, dass du lebst.“

Er sah sie lange an und erwiderte nichts. Konnte er ihr vertrauen? Noch immer lagen ihre Hände an seiner Brust. Ihre tränenfeuchten Augen flehten ihn an, ihr zu vertrauen. Und er wollte es so sehr. Er hob seine Hand und wischte ihr mit dem Daumen zärtlich die Feuchtigkeit von der Wange.

„Warum hast du dich mir hingegeben, Melanya? Du warst jungfräulich. Ich weiß, dass es kein Traum war.“ Zumindest war er sich fast sicher. Da schlug sie die Augen nieder und ihre Antwort war nur ein Flüstern. „Ich wollte wissen, wie es sich anfühlt.“

Kurz fragte er sich, warum sie dann nicht schon viel früher ihre Neugier befriedigt hatte, doch in ihrem Geständnis lag so viel Sehnsucht und bittere Süße, dass es sein Herz berührte.

„Mel“, war alles, was er sagte und diesmal senkte er seine Lippen behutsam auf ihre. Bereitwillig öffnete sie sich für ihn und hieß ihn willkommen. Tief sog er ihren Duft in seine Lungen und küsste sie mit entfachter Leidenschaft. Sie roch zart wie eine Frühlingsblume und gleichzeitig unwiderstehlich weiblich. Sanft legte sie ihre Arme um seinen Nacken, spielte mit seinen Haaren und schmiegte sich hingebungsvoll an ihn, als ihr ein kleiner genüsslicher Seufzer entfloh. Dieser sinnliche Laut drang wie Balsam in jede einzelne seiner Zellen vor und er fühlte sich wie berauscht von ihrer Süße. Verlangend rieb sie sich an ihm und brachte ihn so beinahe um den Verstand. Er hob sie hoch und sie schlang die Beine um seine Hüften, als er sie zur Rückwand der Hütte trug und sie gegen das Holz lehnte. Mit einer Hand hielt er sie fest, während er mit geübten Fingern der anderen die Schnürung vorn an ihrem Kleid öffnete. Kaum hatte er ihre wunderbaren Brüste von dem lästigen Stoff befreit, knetete er deren weiches Fleisch. Melanya stöhnte in seinen Mund und presste sich an ihn. Er wollte diese Frau! Er musste ihr nahe sein. In ihr sein! Kieran war wie besessen von diesem Gedanken.

Besessen

Dieses eine Wort ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. Der Stachel des Misstrauens drängte sich immer weiter in sein Bewusstsein. Warum hatte sie nicht schon viel früher ihre Neugier befriedigt? Weshalb hatte sie so lange gewartet? Mit ihren zweiundzwanzig Jahren war sie schließlich kein junges Mädchen mehr. Hatte sie etwa doch mittels Zauberei seine Gedanken beeinflusst und war ihre Jungfräulichkeit Teil dieses Rituals gewesen? Langsam löste er sich von ihren Lippen und ließ sie auf ihre Füße gleiten. Er hielt sie, bis sie festen Stand unter sich hatte und registrierte, wie sie ihn mit verwirrtem Ausdruck ansah. Ihre Lippen waren feucht und geschwollen von seinen Küssen und Verlangen lag in ihren Augen. Aber er musste es einfach wissen.

„Warum ich, Melanya? Warum hast du mich erwählt?“

 

Weil ich dich schon mein ganzes Leben lang liebe, du Hornochse! „Ich …“ Wie sollte sie ihm gestehen, dass es immer nur ihn für sie gegeben hatte? Sie merkte, wie er erneut wütend wurde. „Ich …“ Deutlich erkannte sie den Moment, in dem er sich von ihr abwandte, sah es in seinen Augen, noch bevor er es tatsächlich mit seinem Körper tat.

Als er sich schließlich wegdrehte, brach er ihr das Herz.

Sie beobachtete, wie er zu seinem Pferd ging und sich mit einer einzigen geschmeidigen Bewegung in den Sattel schwang. Nein! Bitte, geh nicht! Doch sein Pferd setzte sich bereits in Bewegung.

„Kieran! – Warte!“ Verzweiflung packte sie. Wenn er doch nur in ihr Herz blicken könnte! Sie nahm all ihren Mut zusammen. „Du willst wissen, warum ich dich auserwählt habe? Weil es immer nur dich gab. Ich liebe dich schon mein ganzes Leben!“, rief sie seinem Rücken zu. Er blieb stehen und verharrte. Weder ritt er weiter, noch kam er zurück. Es kam ihr unendlich lange vor bis er sich endlich im Sattel umdrehte, sodass sie sein Gesicht sehen konnte.

„Spar dir deine Lügen, Melanya und halte dich aus meinem Kopf raus!“ Dann trieb er sein Pferd zum Galopp und verschwand. Wie versteinert stand sie da und starrte ihm hinterher, sah ihm nach, wie er aus ihrem Leben verschwand und ihr Herz mit sich trug.

10

Also doch ein Zauber! Aus welchem anderen Grund konnte sie ihm keine Antwort auf seine Fragen geben? Erneut zürnte er sich selbst. Wie konnte er nur so töricht sein! Beinahe wäre er ihrem Liebreiz erneut erlegen.

Zurück in der Burg stapfte er auf den Trainingsplatz. Den erstbesten Kameraden, der in seine Richtung blickte, forderte er zum Kampf heraus, zog sein Schwert und hieb voller Frust und unbefriedigtem Verlangen auf ihn ein.

„Kieran! Bist du verrückt? Das ist ein Übungskampf!“ Brian zog ebenfalls sein Schwert und mischte sich ins Geschehen ein. Er schickte den schwächeren Ritter an den Rand und parierte Kierans zornige Schläge. Dieser hieb wie vom Teufel besessen auf ihn ein, bis sie schließlich beide schweißgebadet und völlig außer Atem die Arme auf die Knie stützten. Kaum war Kieran wieder einigermaßen bei Kräften, stürmte er in die Burg und herrschte die erstbeste Magd an, ihm Bier zu bringen.

„Bist du noch bei Sinnen? Was ist los mit dir?“ Brian musterte Kieran eindringlich.

„Lass mich in Ruhe!“

„Das werde ich ganz bestimmt nicht! Seit die Hexe dich in ihren Fingern gehabt hat, bist du nicht mehr du selbst!“

Brian schien auf eine Reaktion zu warten, doch Kieran schwieg. Vor seinem geistigen Auge sah er Melanya, die ihn mit Tränen in den Augen ansah und ihn anflehte, ihr zu glauben. Ich gebe dir mein Wort, dass ich dir keinen Schaden zugefügt habe. Bitte glaube mir, alles, was ich wollte, war, dass du lebst.

Bei den Göttern, er hätte ihr so gerne geglaubt! Sie hatte ihm nachgerufen, dass sie ihn liebte. Doch jemandem wie ihr konnte man einfach nicht trauen. Oder?

Brian gab endlich auf, leerte Kierans Krug mit einem Zug und verschwand mit einem lauten Schimpfen. Wieder brütete Kieran vor sich hin. Wütend und gereizt. Nicht einmal der Kampf vorhin hatte ihm die innere Ruhe und Ausgeglichenheit beschert, die er normalerweise immer nach körperlicher Ertüchtigung empfand.

Aufgrund seiner grimmigen Miene traute sich niemand, ihn anzusprechen und ihm war es nur recht so. Verfluchtes Weibsstück! Konnte sie ihn nicht einfach in Frieden lassen? Warum drängte sie sich in jeden seiner Gedanken?

Ich liebe dich schon mein ganzes Leben! Immer wieder hallte dieser Satz durch seinen Kopf. Konnte dies die Wahrheit sein? Dass er nicht wusste, ob sie ihn verhext hatte oder nicht, brachte ihn noch um den Verstand. Verärgert stand er auf und tigerte ruhelos umher. So konnte es nicht weitergehen! Er brauchte dringend eine Frau! Er musste sich davon überzeugen, dass das, was er mit Melanya erlebt hatte, nur ein Produkt seiner Fantasie gewesen war. Diese Intensität und Leidenschaft würde er mit jeder Frau haben können. Ganz egal, mit welcher, es war schließlich nichts Besonderes an Melanya. Er war ein Mann und sie eine Frau, nichts weiter. Zwei Körper, die sich in einem uralten Rhythmus bewegt hatten, mehr war da nicht gewesen. Doch wie perfekt sich ihre zarten Rundungen unter ihm angefühlt hatten. Verdammt! Ihr Nektar hatte wie die süßeste Ambrosia geschmeckt und der Gedanke an ihren berauschenden Duft brachte ihn auch jetzt noch um den Verstand. Der Moment, als er in sie eingedrungen war und bemerkt hatte, dass sie unberührt war, hatte sich in sein Gehirn eingebrannt und egal, wie sehr er es auch versuchte, er konnte ihn nicht verbannen.

Völlig frustriert raufte er sich die Haare.

Er könnte sofort eine Frau haben, willige Mägde gab es auf der Burg zur Genüge, aber er blieb sitzen und starrte brütend in seinen Krug. Was hielt ihn davon ab, zu einer von ihnen zu gehen und sich zu erleichtern? Nichts. Und trotzdem verharrte er wie angewachsen auf der Bank. Gegen Melanya mit ihrer Anmut kamen ihm alle anderen Frauen vor wie plumpe Tölpel. Verfluchte Hexe! Er ärgerte sich über sich selbst und sein Versagen, sie zu vergessen.

Er musste hier raus! Ungehalten eilte er aus der Burg und stürzte sich in die nächstbeste Aufgabe. Holz hacken war perfekt. Obwohl es erst Frühling war, würde der nächste Winter bestimmt kommen.

11

In den nächsten Wochen suchte er sich eine schweißtreibende Aufgabe nach der anderen. Er stapelte das Heu im Pferdestall, half auf den Feldern mit und absolvierte das tägliche Waffentraining mit einer Verbissenheit, die an Besessenheit grenzte. Als das Fest zur Sommersonnenwende nahte, stürzte er sich in die Vorbereitungen dafür. Er schleppte Holz für das große Freudenfeuer heran, das traditionell entzündet wurde, sobald es dunkel geworden war, brachte fässerweise Bier und Wein auf die große Wiese außerhalb der Burgmauern und ging mit Brian und einigen Männern unermüdlich auf die Jagd. Nur den Bereich des Waldes, in dem Melanya wohnte, mied er. Als sie eine Pause einlegten und die Pferde am Bach tränkten, setzte Brian sich neben ihn ans Ufer und reichte ihm den Wasserbeutel.

„Wirst du mir nun endlich verraten, was mit dir los ist?“

Unbeirrt fuhr Kieran fort, Steine ins Wasser zu werfen. „Wo soll ich da bloß anfangen?“

„Am besten bei deiner wundersamen Genesung.“

„Ach, hör schon auf. Du kannst Melanya nur nicht leiden, weil du Angst vor ihr hast.“

„Du etwa nicht?“

„Nein.“ Und das war sogar die Wahrheit zumindest teilweise. Er hatte keine Angst vor ihr, nur vor den Gefühlen, die sie in ihm weckte. Er redete sich selbst ein, dass sie aufgrund des Zaubers ständig in seinen Gedanken war, aber so wirklich sicher war er sich nicht, wenn er ganz ehrlich zu sich selbst war. Um Himmels willen, sie hatte sogar Morrígan aufhalten können. Wäre da ein Liebeszauber nicht geradezu lächerlich einfach für sie? Warum also konnte er sich gegen seine Gefühle wehren und teilte nicht schon längst Heim und Bett mit ihr?

„Sie hat sich um mich gekümmert, meine Wunde versorgt und selbst wenn sie Hexenkräfte besäße und sie dazu genutzt hätte, um mich zu heilen, was soll’s? Ich bin am Leben und mir ist kein zweiter Kopf gewachsen, also vergiss deine albernen Vorurteile.“

„Schon gut. Aber was ist dann in der Hütte geschehen? Kieran, sprich mit mir und sag mir, warum du seit Wochen so üble Laune hast.“

„Ich habe ihr beigewohnt.“

„Du hast was?“, rief Brian erschüttert. „Bist du noch bei Verstand?“

Kieran schnaubte verächtlich. „Offensichtlich nicht.“

„Wie ist es dazu gekommen?“

„Soll ich dir Nachhilfe geben?“

„Schwachkopf. Sag mir lieber, wie das passieren konnte.“

„Ich hatte einen Fiebertraum. Sie war die Göttin Rhiannon und ich habe sie genommen. Zunächst wusste ich nicht, ob es ein Produkt meiner Fantasie war oder Wirklichkeit.“

„Hat sie dich etwa verführt?“

„Nein. Und hör endlich auf, so schlecht von ihr zu denken. Sie war jungfräulich.“

„Im Ernst?“ Verblüfft starrte Brian ihn an und Kieran nickte.

„Warum hat sie es zugelassen?“

„Sie sagte, sie wollte einmal erleben, wie es sich anfühlt.“ Dass sie gesagt hatte, sie würde ihn lieben, ließ er aus. Er wollte sie nicht bloßstellen.

„Und wie war es?“

„Du erwartest nicht ernsthaft, dass ich dir darauf antworte, oder?“

„Eigentlich schon. Aber dann erzähle mir wenigstens, wie sie so ist, unsere unheimliche Heilerin.“

„Sie ist nicht unheimlich, sondern gefühlvoll und verletzlich und lässt sich von ihrem Bauchgefühl leiten. In Bezug auf ihre heilenden Fähigkeiten strahlt sie Selbstbewusstsein aus, doch als Frau ist sie schüchtern wie ein junges Reh.“ Kieran lächelte versonnen. „Sie ist umsorgend, einfühlsam und rücksichtsvoll. Doch ihre Stimmungen wechseln von empfindsam und wehmütig über rechthaberisch und streitlustig schneller als das irische Wetter im Herbst. Sie ist komplizierter als jeder andere Mensch, den ich kenne, aber gleichzeitig auch faszinierender.“

Brian starrte ihn lange an. „Verflucht, Kieran, du liebst sie.“

„Ich will sie nicht lieben. Niemanden!“ Kieran schmiss die restlichen Steine ins Wasser und sprang auf. „Mein Leben ist gut so, wie es ist. Und wenn dein Vater eines Tages beschließt, mir eine Braut zu suchen, dann werde ich sie heiraten. Ich werde sie als die Meine ehren und ihr ein guter Ehemann sein. Ich hoffe nur, dass der Earl mir eine Frau mit sanftem Gemüt sucht.“ Weshalb nur fühlten sich die Worte so falsch an, kaum, dass er sie ausgesprochen hatte?

„Was willst du denn mit so einer Frau anstellen? Du würdest dich binnen Wochen langweilen.“

„Und wenn schon. Ich wäre ihr trotzdem ein guter Gemahl.“

„Kann schon sein. Trotzdem sollte die Frau, um dich halten zu können, etwas mehr Feuer haben.“

Wie Melanya … Wütend über sich selbst stapfte er zu seinem Pferd und machte sich auf den Weg zurück zur Burg. So konnte es nicht weitergehen! Es musste ihm endlich gelingen, sie zu vergessen! An diesem Abend war das Fest der Sommersonnenwende. Er beschloss, in dieser Nacht das Kapitel Melanya abzuschließen und seine selbst gewählte Enthaltsamkeit zu beenden.

12

Heute würde sie ihn wiedersehen! Es war Sommersonnenwende und zum ersten Mal würde sie an den Feierlichkeiten teilnehmen. Schon immer hatte sie das tun wollen, doch ihre Großmutter hatte es stets verboten, aber sie hatte es sich nicht nehmen lassen, zumindest aus der Ferne zuzusehen.

Der längste Tag und die kürzeste Nacht standen für den Beginn des Sommers, den Sieg des Lichts gegen die Dunkelheit und der Wärme gegen die Kälte. Es war jene Zeit im Jahr, in der die Natur in ihrer höchsten Fülle stand. Man konnte die Blüten riechen, die Früchte schmecken und die unzähligen Farben bewundern. Alles wuchs und gedieh. Diese Jahreszeit war für die Menschen die leichteste im Jahr und deswegen dankte man mit diesen Feierlichkeiten der Göttin Muttererde.

Doch in diesem Jahr gab es noch eine weitere Besonderheit, die nur sehr selten aufeinandertraf. Es war Vollmond. Heute Nacht waren die Kräfte der Götter besonders stark spürbar. Bereits den ganzen Tag fühlte sie ihre Magie wie ein unangenehmes Prickeln in sich. Was normalerweise wie ein sanftes Kribbeln in ihren Fingerspitzen war, hatte sich heute zu einem dröhnenden Vibrieren gesteigert. Melanya war rastlos und hatte bereits versucht, einige Ventile für ihre Kräfte zu finden. So hatte sie einige Amulette mit Zauber für Fruchtbarkeit, eine gute Ernte und hohes Alter belegt, hatte ihre Arzneien mit Zaubersprüchen angereichert und gleich mehrmals meditiert, um ihren Geist zu klären. Doch die Magie war an diesem Abend so gegenwärtig, dass sie sich beinahe davor fürchtete, an dem Fest teilzunehmen. Die Dorfbewohner würden ihre Magie zwar nicht sehen können, aber die Aura, die sie umgab, als noch unheimlicher wahrnehmen als sonst. Deshalb blieb sie normalerweise den Feierlichkeiten im Dorf fern, beobachtete sie nur aus dem schützenden Dickicht des Waldes heraus, erfreute sich daran, das ausgelassene Lachen der Kinder zu hören und die lebensfrohe Freude der Leute zu beobachten. – Heute jedoch würde sie daran teilnehmen.

Sie stand in ihrer Hütte und wühlte in der Truhe herum, in der sie die Sachen ihrer Mutter aufbewahrte. Nach einigem Suchen zog sie ein Kleid aus einem dunkelblauen, fließenden Stoff hervor. Sie betrachtete es. Es war alt und entsprach nicht mehr der Mode, doch es würde gehen, außerdem war es das schönste Kleid, das sie besaß. Sie hängte es nach draußen, um es durchzulüften und machte sich dann daran, den Blumenkranz zu flechten, mit dem die Frauen an diesem Abend ihr Haar schmückten. Ihre Finger zitterten vor Aufregung, als sie die gelben, orangefarbenen und weißen Blüten ineinanderflocht. Denn nach nun mittlerweile sechs Wochen würde sie Kieran heute wiedersehen.

Als es Zeit war, sich anzukleiden, wusch sie sich im kalten Wasser des Bachs mit ihrer Veilchenseife und trocknete dann ihre Haare am Feuer. Anschließend rieb sie ein Duftöl, das sie ebenfalls aus Veilchen hergestellt hatte, in ihre Locken, um sie zum Glänzen zu bringen. Denn sie würde sie offen tragen. Dann zog sie das Kleid an. Es war schlicht, doch es saß wie angegossen. Es hatte einen runden Ausschnitt und eine tief sitzende Taille. Der leicht schimmernde Stoff schmiegte sich an ihre Kurven wie eine zweite Haut und der lange und weich fließende Rock umspielte ihre Füße. Das dunkle Mitternachtsblau brachte das Rot in ihren Haaren geradezu zum Strahlen. Zuletzt setzte sie noch den Blütenkranz auf und machte sich auf den Weg ins Dorf.

Die Feierlichkeiten waren in vollem Gange. Das Feuer war bereits entfacht worden und sie sah Männer und Frauen ausgelassen darum herumtanzen. Unsicher stand sie am Rande des Waldes und war sich plötzlich gar nicht mehr so sicher, ob sie den Mut hatte, sich unter die Feiernden zu mischen.

Nur zögerlich trat sie aus dem Schutz der Bäume und sogleich grüßten sie einige Frauen, denen sie bei der Niederkunft geholfen hatte. Doch dann blickte sie in die Menge und sah, dass die meisten ihrem Blick auswichen. Wieder einmal wurde ihr schmerzlich bewusst, dass dies nicht ihre Welt war. Sie gehörte nicht dazu und würde es niemals tun. Niemand bot ihr etwas zu trinken an und keiner lud sie ein, sich zu ihnen zu setzen.

Sie blickte sich um, auf der Suche nach Kieran und da sah sie ihn. Er stand etwas abseits des Feuers und schäkerte mit der Tochter des Ziegenhirten. Die Flammen zeichneten Licht und Schatten auf sein Gesicht und seine markanten Züge wirkten noch maskuliner und anziehender als gewöhnlich. Kein Wunder, dass das junge Mädchen ihn anschmachtet, dachte sie gekränkt. Der Rest der Welt verschwand um Melanya herum. Einzig ihr gebrochenes Herz nahm sie wahr. Kurzerhand drehte sie sich um und verschwand eilig in den Schutz der Bäume. Sie setzte sich auf einen alten Baumstamm und beobachtete Kieran aus der Ferne. Da nahm er die junge Frau an der Hand und führte sie mit sich fort. Nicht weit von sich entfernt, konnte sie die beiden zwischen den Bäumen erkennen. Er musste nicht einmal viel tun, um sie zu verführen, die Tochter des Ziegenhirten warf sich ihm förmlich an den Hals.

Melanya wurde wütend.

Sie wollte ihnen nicht zusehen und trotzdem konnte sie nicht anders. Wie gebannt starrte sie auf die beiden. Das Mädchen, wie hieß sie noch gleich? Melanya überlegte eine Weile. Endlich kam sie darauf. Brianna. Sie zog Kieran das Hemd über den Kopf und nestelte an seiner Hose herum. Die Dirne hat es aber eilig! Melanya hörte sein tiefes Lachen. Klar, dass ihm das gefällt! Wie gebannt starrte sie auf das Spiel seiner Rückenmuskeln, als er Brianna das Kleid auszog. Er machte sich nicht einmal die Mühe, seine Hose auszuziehen, schob sie einfach ein Stück nach unten. Dann hob er Brianna hoch und sie legte ihre Beine um seine Hüften. Miststück! Mit einem kraftvollen Stoß drang er in sie ein. Brianna stöhnte laut und Melanya keuchte ebenfalls. Sie würde alles dafür geben, jetzt an ihrer Stelle zu sein. Immer wieder stieß Kieran zu. Stark, rhythmisch und unnachgiebig.

Melanya vergaß beinahe zu atmen. Mit starrem Blick beäugte sie die Szene vor sich, während der Schmerz ihr Herz mit eiserner Faust umklammert hielt. Sie wusste, dass er niemals der Ihre sein würde. Doch auch noch Zeuge davon zu sein, hob die Qual ins Unermessliche. Warum nur konnte sie nicht einfach aufhören, ihn zu lieben? Weshalb durfte sie nicht glücklich sein? Würde sie für immer allein in ihrer Hütte sitzen und helfen, die Kinder anderer zur Welt zu bringen? Sie liebte Kieran, doch er würde ihre Gefühle niemals erwidern. Tränen der Verzweiflung schimmerten in Melanyas Augen. Sie hielt es kaum noch aus, ihn hier mit einer anderen Frau zu sehen, und doch konnte sie sich nicht abwenden. Sie focht einen Kampf mit sich aus, denn es tat so unendlich weh.

 

Das hier läuft alles falsch!, dachte Kieran. Er konnte Briannas grobschlächtige Züge nicht mehr ertragen, doch kaum schloss er seine Augen, sah er rötliche Haare und rehbraune Augen. Die Ziegenhirtin hingegen hatte schlechte Zähne und Mundgeruch. Ihr Gesicht verzog sich in ihrer Ekstase zu einer unansehnlichen Fratze. Auch ihr schrilles Geschrei konnte er kaum ertragen. Er mochte nicht, wie sie sich anfühlte und er konnte ihren Geruch nicht ausstehen. Mit einer schnellen Bewegung stellte er sie auf den Boden und drehte sie einfach herum, so musste er sie wenigstens nicht mehr ansehen. Dann drückte er ihren Rücken nach unten, sodass sie sich am Baum abstützen konnte und drang hart in sie.

Er musste das zu einem schnellen Ende bringen! Brianna schien es zu gefallen, wie hart er sie nahm. Wenigstens ihr, dachte er. Sie schrie und wand sich und kam gleich mehrmals. Da nahm er aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahr. Er drehte seinen Kopf in die Richtung, doch im Schatten des Waldes konnte er es nicht genau erkennen. Hatte er sich die Frau nur eingebildet, die eben davongelaufen war? Wurde er nun gänzlich verrückt? Doch es war Melanya gewesen, er war sich ganz sicher. Ihre rötlichen Haare würde er unter Tausenden erkennen. Er sah wieder zu der Frau vor ihm. Was tat er hier eigentlich? Das war alles nicht richtig. Er wollte sie überhaupt nicht. Es gab nur eine, die er wirklich wollte und das war Melanya.

Er zog sich aus Brianna zurück, schnürte sich die Hose zu und angelte nach seinem Hemd. Umständlich zog er es sich über den Kopf und stolperte in die Richtung, in der er Melanya gesehen hatte. Doch dort war sie nicht. Er drehte sich einmal im Kreis, nur war sie nirgends zu sehen. Er beschloss, zu ihrer Hütte zu laufen und hatte es auf einmal immer eiliger. In seinem Kopf war nur noch ein Gedanke. Er wollte zu ihr! Endlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Je schneller er durch den Wald lief, desto klarer wurde sein Geist. Brian hatte recht gehabt. Er liebte sie! Und er würde ihr seine Liebe beweisen, würde dafür sorgen, dass sie sich an jedem einzelnen Tag seiner Liebe bewusst war. Sie war die Herrin über sein Herz und je mehr er sich das eingestand, desto leichter fühlte er sich. Die schwermütige Last der letzten Wochen fiel von ihm ab und er war zum ersten Mal wirklich glücklich. Weshalb hatte er seine Gefühle so lange verleugnet? Seine Lunge brannte und seine Beine schmerzten, doch er lief weiter, immer schneller, um keine Sekunde ihres gemeinsamen Lebens zu vergeuden.

13

Blind vor Tränen stolperte sie den Pfad entlang, den sie schon tausendmal gegangen war, begleitet von Briannas ekstatischen Schreien in ihrem Kopf. Melanyas Geist quälte sie, denn er zeigte ihr unaufhörlich, wie Kieran sich immer wieder in der Ziegenhirtin versenkte. Melanya kannte den Wald besser als jeder andere. An einer zugewachsenen Stelle, die nicht als Abkürzung zu erkennen war, schlüpfte sie durch das Dickicht der Sträucher, Dornen verfingen sich in ihrem Kleid und zerrissen den schönen Stoff, doch es war ihr egal. Sie wollte nur nach Hause.

Kaum war sie zurück in ihrer Hütte, brach sie weinend auf dem Fußboden zusammen. Warum durfte sie kein Glück finden? Was hatte sie verbrochen, dass sie mit ihrer Magie bestraft wurde? Warum konnte sie nicht einfach eine normale Frau sein, die ihrem Liebsten eine gute Ehefrau war? Die ihn liebte und ihm viele Kinder gebar? Weshalb war sie immer nur diejenige, die den glücklichen Paaren dabei half, ihre Sprösslinge auf die Welt zu bringen?

 

 

„O ihr Götter, warum seid ihr so grausam? Was habe ich euch getan?“ Sie weinte und haderte mit ihrem Schicksal. Hatte sie nicht auch ein klein wenig Glück verdient? Immer wieder sah sie Kieran mit dieser anderen Frau vor sich. Die Bilder strömten unbarmherzig auf sie ein und sie wusste, dass die Ziegenhirtin heute nicht die Einzige sein würde, die ihm Freude spendete. Sobald das Bier in Strömen floss, fanden solche Feste stets eine eigene Dynamik. Kieran war ungebunden und im besten Mannesalter, was also hielt ihn auf? Wieder packte sie ein neuerlicher Weinkrampf. Sie hielt sich die Hände vor die Augen und konnte nicht aufhören, zu schluchzen.

Er wird niemals der Meine sein! Sie würde niemals eine normale Frau sein, niemals Kinder haben und einen Mann, der sie liebte. Sie würde für immer allein bleiben. Sie verfluchte ihre Magie als Sündenbock dafür, wie einsam und verloren sie sich fühlte.

Doch dann kam ihr eine Idee. Erschrocken über sich selbst sog sie die Luft ein, trotzdem stürzte sie zur Truhe ihrer Großmutter und durchwühlte deren alten Sachen wie von Sinnen. Achtlos warf sie Kleider und unwichtige Utensilien auf den Boden, kramte immer tiefer bis sie es schließlich fand. Eleonoras schwarzes Buch. Es beinhaltete das gesamte dunkle Wissen der alten Mächte. Sie hatte es Melanya gezeigt, ihr jedoch gleichzeitig den Schwur abgenommen, die Zauber niemals anzuwenden. Denn dabei handelte es sich nicht um harmlose, kleine Schutzzauber oder Sprüche für eine gute Reise oder Ernte. Hier standen auch keine banalen Liebeszauber mit Rosenblüten drin. Dies hier war die mächtigste, schwarze Magie. Nach einigem Blättern hatte Melanya gefunden, wonach sie gesucht hatte, einen mächtigen Bindezauber, der es dem Opfer unmöglich machte, sich dem zu entziehen, der ihn aussprach.

Hastig durchwühlte sie die Truhe weiter, bis sie eine schwarze Kerze, einen Blutstein, eine Kupferschale und einige getrocknete Zutaten gefunden hatte. Schließlich holte sie noch eines der Baumwolltücher, die als Kierans Verband gedient hatten und auf dem noch immer sein Blut klebte.

Unfähig, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen, entzündete sie die Kerze und gab den Blutstein zusammen mit dem Herz eines Salamanders und dem getrockneten Fleisch einer Viper in die Schale. Alles entsprechend dem Ritual in einer bestimmten Reihenfolge. Dann hielt sie ein Bündel Lavendel als Räucherwerk über die Flamme und legte es dann in die Schale zu den übrigen Zutaten. Sie griff nach ihrem Dolch und zerschnitt das Tuch, sodass der Stoff mit Kierans Blut ebenfalls in der Schale zum Liegen kam. Nun war der Zeitpunkt gekommen, an dem sie den finsteren Zauberspruch sprechen würde. Und er würde ein mächtiger Fluch sein. Denn in dieser Nacht war nicht nur die Sommersonnenwende, sondern es war auch Vollmond, wie das dröhnende Vibrieren in ihr bereits den ganzen Tag bewiesen hatte.

Ohne zu zögern, stach sie sich in den Finger und ließ ihr Blut in die Schale träufeln, während sie den Zauber laut vorlas. Kaum hatte sie geendet, breitete sich die unsichtbare Macht wie eine Druckwelle von ihr aus. Mit voller Wucht wurde Melanya nach hinten gegen die Wand geworfen und die Türen und Fenster flogen nach außen, als der Fluch sich seinen Weg nach draußen suchte.

„Ihr Götter, was habe ich getan?“ Bestürzt schlug Melanya sich die Hände vor ihr Gesicht. Was war nur in sie gefahren? Voller Entsetzen über sich selbst, blätterte sie in dem schwarzen Buch. Hier musste doch irgendwo ein Umkehrzauber zu finden sein! Schneller! Bevor der Zauber irgendeinen Schaden anrichten konnte!

 

Immer schneller lief Kieran durch den Wald, konnte es nicht erwarten, endlich bei ihr zu sein, würde Melanya an sich reißen und ihr seine Liebe gestehen. Es war das reinste und purste Gefühl, das er je erlebt hatte. Seine Liebe zu ihr war echt und unverfälscht. Er fühlte sich beflügelt und unbesiegbar. Seine Wahrnehmung war verschärft und er spürte weder Anstrengung noch Müdigkeit. Nun wusste er, was Krieger unbesiegbar machte. Die berauschende Macht der Liebe! Sollte er in diesem Zustand einem Feind gegenüberstehen, er würde ihn ohne jegliche Anstrengung einfach entzweireißen.

Da hörte er das Geräusch eines aufkommenden Sturms. Trotz des Mondlichts konnte er nur wenig erkennen. Alles geschah in Sekundenschnelle und plötzlich packte ihn eine unsichtbare Kraft, schleuderte ihn hoch durch die Luft und ließ ihn schließlich hart gegen einen Baum krachen. Mit Schmerzen im gesamten Körper fiel er zu Boden, wo er regungslos liegen blieb.

Irgendwann kam Kieran schwerfällig zu sich und fast sofort durchfuhr ein scharfer Schmerz seinen Kopf, der sich zu einem unnachgiebigen Hämmern ausbreitete. Kieran stöhnte, kniff die Augen zusammen und presste sich die Hände gegen die Schläfen, aber es nutzte nichts. Der Schmerz ließ nicht nach. Was war geschehen? Weshalb lag er auf dem Boden und wie war er überhaupt in den Wald gekommen? Er konnte sich nicht erinnern und rappelte sich schwerfällig auf, denn etwas drängte ihn noch weiter in das Dickicht hinein. Benommen setzte er einen Fuß vor den anderen und fühlte sich dabei, als wäre er betrunken. Durch den Schmerz war ihm speiübel und er sah verschwommen, alles um ihn herum war schwarz, als würde er durch einen Tunnel waten. Er brannte innerlich, als würde er in Flammen stehen. Je weiter er sich schleppte, desto dringender wurde das Verlangen, sein Ziel zu erreichen. Irgendein Ziel, er wusste nicht, welches. Doch je weiter er voranschritt, desto erträglicher wurden auch die Schmerzen.

Hinter einer Biegung sah er eine Hütte. Melanyas Heim. Er wusste nicht mehr, wann er zuletzt gegessen oder geschlafen hatte. Er hatte keine Ahnung, wie er hierhergekommen war. Alles, was er wusste, war, dass er genau an dem Ort war, an dem er sein musste.

 

Noch immer blätterte Melanya wild in dem Buch herum. Seiten flogen durcheinander und dann hatte sie endlich den Umkehrspruch gefunden. „O ihr Götter! Das darf doch wohl nicht wahr sein!“ Voller Verzweiflung las sie ihn noch einmal. Doch die Worte veränderten sich nicht. In der Nacht des neuen Mondes … Erst dann würde der Umkehrzauber seine Wirkung entfalten, und alle alten Flüche, die an einer Person lasteten, aufheben. Um Himmels willen! Das sind noch zwei Wochen! Ungläubig starrte sie auf die Handschrift ihrer Großmutter. Was sollte sie bloß tun?

Da wurde auch schon ihre Tür aufgestoßen und Kieran stand vor ihr. Groß, selbstbewusst und mit entschlossener Miene. Verunsichert starrte sie ihn an. Wusste er etwa, was sie getan hatte? Mit bedrohlichen Schritten kam er auf sie zu, sodass sie vor ihm zurückwich und sich hinter dem Tisch verschanzte. Doch natürlich konnte ein lächerliches Möbelstück Kieran nicht aufhalten. Er schritt weiter auf sie zu und sie wich vor ihm zurück, bis sie die Wand im Rücken spürte.

„Kieran?“ Ängstlich sah sie ihn an. „Was hast du vor?“

„Ich möchte, dass du eines niemals vergisst, Melanya!“ Er blickte sie an und seine blauen Augen glühten vor Intensität. „Du gehörst mir!“ Da packte er sie im Nacken, zog sie zu sich heran und küsste sie hart und unnachgiebig.

Ach du liebe Zeit! Melanya krallte sich an Kierans Hemd fest, denn sein Kuss raubte ihr den Boden unter den Füßen. War eine Frau jemals auf so berauschende Art und Weise geküsst worden? Sie konnte nicht mehr klar denken, denn seine Zunge drängte sich in ihren Mund und nahm ihr den Verstand. Eine leise Stimme der Vernunft meldete sich in ihr, dass seine Leidenschaft nicht echt war, doch sein Stöhnen trug sie sogleich wieder fort. Trotzdem, das war nicht richtig.

„Kieran, warte. Wir können nicht …“

„Gewiss, können wir.“ Unbeeindruckt küsste er sie weiter. Wie sollte sie auch nur einen klaren Gedanken fassen, wenn der Mann ihrer Träume sie in seinen Armen hielt und küsste, als gäbe es kein Morgen?

 

Genauso musste es sein! Seine Frau in seinen Armen! Alles fühlte sich auf einmal so richtig an. Das Hämmern in seinem Kopf war verschwunden und anstelle der Schwärze von vorhin war nun alles um ihn herum in warme, fröhliche Farben getaucht. Das Goldene Licht des Kaminfeuers zauberte kupferfarbene Reflexe in Melanyas Haar, dazu die sanfte Rötung ihrer Wangen und ihre einladenden rosigen Lippen. Bereitwillig erwiderte Melanya seine Leidenschaft. Sie stand auf ihren Zehenspitzen und schlang ihre Arme um seinen Nacken. Es ließ ihn schmunzeln, wie klein seine Frau war. Sie klammerte sich regelrecht an ihn und versank in seiner Umarmung. Dies war die Seine und er würde sie mit seinem Körper und auch mit seinem Leben beschützen. Immer und gegen jeden Feind! Er rückte ein Stückchen von ihr ab und sah sie eindringlich an.

„Sag es, Melanya! Sag, dass du die Meine bist!“ Mit ihren schönen Augen blickte sie ihn an. Gespannt wartete er auf ihre Antwort. Er hielt es kaum noch aus.

„Ich bin dein, Kieran“, hauchte sie. „Das war ich schon immer!“

Erleichterung durchströmte ihn. Er merkte erst jetzt, dass er die Luft angehalten hatte und fühlte sich, als könne er fliegen.

So also fühlte sich also die Liebe an.

Ab diesem Zeitpunkt würde er über sie wachen, würde jedes Unheil von diesem zarten Geschöpf fernhalten, koste es, was es wolle. Zärtlich strich er über ihre Wange. Sein Blick glitt von ihren Augen zu ihren Lippen, die für ihn leicht geöffnet waren. Da beugte er seinen Kopf erneut zu ihr hinab und legte seinen Mund auf ihren. Diesmal sanft und sinnlich, voller Ehrfurcht vor dieser wunderschönen Frau.

Doch scheinbar wollte sie es nicht langsam. Er schmunzelte, denn sie drängte sich an ihn und keuchte seinen Namen. Doch er ließ sich nicht beirren, zu kostbar war dieser Moment und er wollte ihn bis zuletzt auskosten. Zum ersten Mal würde er eine Frau wirklich lieben und sie nicht einfach nur für seine Lust benutzen. Er würde sie verwöhnen und jede Stelle ihres wunderbaren Körpers erkunden. Zum ersten Mal in seinem Leben war es ihm wichtig, ihr zu Gefallen zu sein.

Seine Lippen wanderten ihren Hals entlang und er atmete ihren betörenden Duft ein, sog ihn regelrecht in sich auf. Genießerisch leckte er über ihre wunderbar zarte Haut. Schließlich streifte er ihr das Kleid von der Schulter und küsste die entblößte Stelle.

„Kieran, bitte“, brachte sie keuchend hervor und er musste lächeln, wie wunderbar ungeduldig sie doch war. Er löste die Schnürung vorne an ihrem Kleid und entblößte die schönsten Brüste, die er jemals gesehen hatte. Ehrfürchtig strich er über die milchig weiße Haut und ihre aufgerichteten Spitzen verführten ihn geradezu, sie zu kosten. Und so tat er es.

„O ihr Götter!“, keuchte Melanya, zog ihm sein Hemd hinauf und er musste sein erotisches Spiel kurz unterbrechen, sodass sie es ihm über den Kopf streifen konnte. Er grinste sie frech an. Wie herrlich ungeduldig sie doch war.

„Du bist wundervoll, Melanya. Der Duft deiner Haut, deine Schönheit und deine Sinnlichkeit bringen mich um den Verstand.“

Sie hauchte einen Kuss auf seine Brust. „Dann liebe mich, Kieran.“ Das ließ er sich nicht zweimal sagen, streifte ihr Kleid über ihre Hüften hinab und hob sie hoch. Er trug sie zu ihrem Bett wo er sie sanft hineingleiten ließ und bedeckte ihren Körper mit seinem. Mit einer Hand abgestützt, widmete er seine Aufmerksamkeit erneut ihren wundervollen Brüsten und nahm sich vor, jede noch so kleine Stelle an ihrem Körper zu erkunden.

Melanya stöhnte und wand sich unter ihm. Es war berauschend, wie sie auf seine Liebkosungen reagierte. Seine Lippen wanderten weiter hinab zu ihrem Bauch und seine Hand streichelte die sanfte Haut ihrer Taille. Immer weiter glitt seine Zunge hinab und als er sich zwischen ihre Beine legte, spreizte sie sie für ihn. Nur für ihn!

Er sog ihren ureigenen Duft tief ein, der ihm sogleich die Sinne raubte. Sie roch nach purer Weiblichkeit, sündhaft und zugleich unglaublich süß. Wie der köstlichste Honig. Eine berauschende Mischung, die ihn süchtig machte. Er konnte nicht anders und kostete ihren Nektar. Kieran stöhnte an ihr köstlich feuchtes Fleisch, das nur darauf zu warten schien, von ihm liebkost zu werden.

Sie keuchte und bog sich ihm entgegen, immer wieder rief sie seinen Namen und spornte ihn damit an. Er leckte, saugte und biss sie und drang mit seiner Zunge tief in sie. Da krallte sie ihre Hände in seine Haare und zog ihn zu sich hinauf.

„Kieran, bitte … liebe mich!“

Er lachte. „Wie Ihr wünscht, Mylady.“ Schnell zog er sich die Hose aus und legte sich auf sie. Wieder spreizte sie ihre Beine für ihn und ureigenstes männliches Besitzdenken breitete sich in seiner Brust aus. Er war der Einzige, der sie berühren durfte und nur für ihn öffnete sie sich bereitwillig! Dann drang er in sie ein. Bei den Göttern, er war im Himmel! Sie war so eng und so feucht, ihre Hitze umschloss ihn unendlich weich und zugleich fordernd. Melanya passte sich seinem genießerischen Rhythmus an, doch schon bald stöhnte sie und ihre Finger krallten sich in seine Rückenmuskeln. Gab es etwas Berauschenderes auf der Welt, als von einer Frau begehrt zu werden? Doch er nahm all seine Willensstärke zusammen und ließ sich nicht beirren. Er wollte jeden einzelnen Moment bis zuletzt auskosten, zu schön war es, tief in ihr zu sein und sie zu lieben. Doch sie machte es ihm nicht gerade leicht, zog seinen Kopf zu sich hinab und küsste ihn voller Leidenschaft. Sie drang mit ihrer Zunge in seinen Mund und eroberte ihn, während ihre Hände zu seinem Hinterteil wanderten. Sie packte es und drückte ihn ganz tief in sich hinein.

„Melanya“, stöhnte er. „Du bringst mich um den Verstand!“ Er konnte nicht länger an sich halten und stieß mit seiner ganzen Länge immer wieder kraftvoll in sie. Melanyas erregtes Stöhnen spornte ihn noch mehr an. Sie schrie seinen Namen und er fühlte, wie sie unter ihm erbebte. Ihr Fleisch zog sich eng und pulsierend um ihn zusammen und er konnte sich nun ebenfalls nicht länger beherrschen. Noch ein paarmal drang er hart in sie ein, bevor auch er sich dem Höhepunkt hingab und sich tief in ihr ergoss.

Verschwitzt und völlig außer Atem lagen sie da, noch immer vereint. Um sie nicht zu erdrücken, wollte er sich aufrichten, doch Melanya hielt ihn fest.

„Bleib. Ich liebe es, dein Gewicht auf mir zu spüren.“

Er lachte, doch dann rollte er sich zur Seite und nahm sie mit sich, sodass sie auf ihm zum Liegen kam. „Du bist so winzig, Melanya, ich habe Angst, dir wehzutun.“

„Ich bin nicht winzig!“

„Verzeih, natürlich nicht.“ Er versuchte, ernst zu klingen, doch sein spitzbübisches Grinsen strafte ihn Lügen. Er griff nach der Decke und hüllte sie darin ein, damit sie nicht fror. Er hatte gut gewählt. Seine Frau war nicht nur liebreizend, sie war auch betörend schön. Gesegnet mit einer natürlichen Unschuld, die den Drang in ihm weckte, jegliches Unheil von ihr fernzuhalten.

 

Melanya fühlte sich eingehüllt wie in einen Kokon, ihr Blick ruhte auf Kierans Gesicht, das sie so sehr liebte und nun in aller Ruhe aus der Nähe betrachten konnte. Seine blonden Haare waren zerzaust und seine herrlich violettblauen Augen glühten noch vor Leidenschaft, während auf seinen sinnlichen Lippen, die so unerhörte Dinge mit ihr anstellten, ein träges Lächeln lag. Voller Zärtlichkeit strich sie ihm über seinen Bart, der sich so herrlich kratzig an ihrer Haut anfühlte und sie bettete ihren Kopf auf Kierans starke Brust. Ein glückliches Lächeln umspielte ihren Mund, und sie versuchte, jeglichen Gedanken der Vernunft zu verdrängen. Doch es gelang ihr nicht, denn sie wusste, Kierans Liebe war nicht echt und ihr Glück nur geborgt. In zwei Wochen, in der Nacht des neuen Mondes, würde sie den Zauber rückgängig machen und Kieran würde sie erneut meiden, wenn nicht sogar hassen für das, was sie getan hatte.

14

Am nächsten Morgen weckte er sie noch vor Sonnenaufgang mit einem zärtlichen Kuss.

„Guten Morgen, Liebste. Ich habe dir Frühstück gemacht.“

„Du hast was?“, murmelte sie verschlafen. Noch nie hatte jemand ihr Essen zubereitet, abgesehen von ihrer Großmutter, als sie noch ein kleines Kind gewesen war.

„Es ist noch sehr früh, aber sonst komm ich zu spät zum Training.“

Genüsslich streckte sie sich und setzte sich auf. „Natürlich. Ich komme mit dir, denn ich muss sowieso auf die Burg. Die Frau des Schmieds steht knapp vor der Niederkunft und ein paar Leute husten.“ Aus Erfahrung wusste sie, wie ihre Locken morgens aussahen und sie bemühte sich, sie mit ihren Fingern zu bändigen. Ungeduldig versuchte sie, die verhedderten Locken zu trennen. Kieran sah ihr belustigt zu und nahm dann hinter ihr Platz. „Lass mich das machen. Meine Kopfhaut tut mir alleine schon vom Zusehen weh.“ Behutsam entwirrte er ihre Mähne und Melanya flocht sie anschließend zu einem Zopf. Als sie fertig war und um das untere Ende ein Lederband gewickelt hatte, legte Kieran ihn nach vorn um ihre Schulter und küsste ihren freiliegenden Nacken.

„Ich bin süchtig nach dem Geruch deiner Haut. Eine Mischung aus Blumen … und dir.“ Er schmunzelte. „Und nach sinnlicher Liebe.“

Sie lief hochrot an und er rutschte etwas zur Seite, legte einen Finger unter ihr Kinn, sodass sie ihn ansehen konnte. Strahlend schöne blaue Augen sahen sie an, aus einem braungebrannten Gesicht, dessen Wangen sein Bart zierte und das von sonnengebleichten, blonden Haaren eingerahmt wurde. Dieser Mann war die wandelnde Versuchung. Zart legte er seine Lippen auf ihre und küsste sie woraufhin ihr ein genüssliches Seufzen entkam, aber er löste sich viel zu schnell wieder von ihr.

„Du möchtest dich sicherlich frisch machen. Wenn du zurück bist, wartet bereits dein Frühstück auf dich.“

„Wie? … Ja, natürlich.“ Verlegen räusperte sie sich. Wer dachte bei ihm schon an Essen? Doch sie rappelte sich hoch und schnappte sich ihre Seife und ein sauberes Tuch zum Abtrocknen. Dann schlüpfte sie aus der Tür und machte sich die paar Schritte auf zum Bach. Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie liebevoll geweckt worden … Von Kieran, der sich diesmal auch an ihre gemeinsame Nacht erinnern konnte. Sie war so glücklich. Ein strahlendes Lächeln erhellte ihr ganzes Gesicht. So fühlte es sich also an, wenn man geliebt wurde. Die Stimme in ihrem Kopf, die sie mahnte, sich lieber nicht daran zu gewöhnen, verdrängte sie mehr oder weniger erfolgreich.

Als sie in ihre Hütte trat, sah sie Kieran, der mit dem Rücken zu ihr an der Feuerstelle stand und sich die Schläfen rieb.

„Geht es dir gut?“, fragte sie ihn besorgt und trat zu ihm. Da schlang er die Arme um ihre Taille und zog sie eng

zu sich heran. „Jetzt ist alles wieder in Ordnung.“ Argwöhnisch betrachtete sie ihn und nahm sein Gesicht in ihre Hände. Niemals würde sie es sich verzeihen, wenn er ihretwegen Schmerzen hatte oder ihm sonst etwas zustoßen würde.

„Sieh mich nicht so an, mir geht es gut. Küss mich lieber.“ Lachend stellte Melanya sich auf ihre Zehenspitzen und bedeckte seine Lippen mit ihren, aber viel zu schnell schob er sie ein Stückchen von sich.

„Iss dein Frühstück und dann müssen wir los, sonst komm ich zu spät zum Training.“

„Kieran“, begann sie zögerlich. „Ich esse kein …“

„Ich weiß, du isst kein Fleisch. Ich habe dir Hirsebrei mit Honig zubereitet.“

„Du kannst das?“

Er lachte über ihren erstaunten Gesichtsausdruck. „Erzähle es ja nicht weiter!“

Nach der Mahlzeit machten sie sich gemeinsam auf den Weg zur Burg. Er trug ihren Korb mit all den Arzneien, die sie eventuell benötigen würde.

„Ich frage mich, warum ich mein Pferd nicht dabeihabe … Hast du eine Erklärung, warum ich gestern zu Fuß zu dir kam?“

Weil ich dich verzaubert habe und du keine Zeit gehabt hast, es zu holen. „Nein.“

Er kratzte sich am Kopf. „Seltsam.“

„Nun, gestern war Sommersonnenwende. Vielleicht hast du es deswegen im Stall gelassen?“

„Hm … Kann sein. Ich kann mich nicht erinnern.“

„Wahrscheinlich hast du zu tief in den Krug geschaut.“

Er lächelte schuldbewusst. „Klingt nach mir.“

Mögen die Götter mir beistehen! Jetzt musste sie ihn auch noch belügen. Schnell lenkte sie ihn mit Geschichten über die Dorfbewohner ab. Mehrmals lachte er lauthals.

Im Burghof angekommen, machte sie sich als Erstes auf den Weg zur Gemahlin des Schmieds und Kieran schlenderte zum Turnierplatz, wo er zusammen mit den anderen Rittern am täglichen Drill teilnahm. Aber wann immer sie ins Freie trat und zu Kieran hinübersah, hatte er sie bereits bemerkt und erwiderte ihren Blick mit einem unwiderstehlichen Grinsen. Es war so ganz anders als früher, wo Melanya den Stellenwert von Luft für ihn gehabt hatte. Nun war sie im siebten Himmel und meisterte beschwingt und leichtfüßig ihre Aufgaben. Die Sonne schien heller zu strahlen als sonst, das Blau des Himmels war intensiver und das Grün, das die sanften Hügel der irischen Landschaft bedeckte, satter.

Als Kieran am frühen Nachmittag auch den zweiten Teil des täglichen Kampftrainings absolviert hatte, begleitete er Melanya ins Dorf, wo sie sich um die Genesung einiger kranker Bauern kümmerte.

Auch die darauffolgenden Tage vergingen stets nach dem gleichen Muster, mit dem einzigen Unterschied, dass er sein Pferd geholt hatte und sie gemeinsam darauf ritten. Liefen sie sich im Burghof über den Weg, schenkte er ihr ein breites Lächeln, das ihr Herz zum Singen brachte. In den Nächten liebten sie sich mit ganzem Herzen und aus tiefster Seele.

Eines Abends saßen sie aneinandergeschmiegt vor dem Feuer und Kieran überreichte Melanya ein Geschenk. Es war ein kleiner Gegenstand, der in ein Tuch aus Leinen eingewickelt war.

„Ich habe es beim Tischler in Auftrag gegeben. Er hat länger dafür gebraucht, als gedacht und da habe ich ihm heute einen kleinen Besuch abgestattet.“

„Ich hoffe, du hast ihm keinen Schrecken eingejagt.“

Kieran grinste schelmisch. „Ich habe ihn nur ein wenig angespornt.“

Gespannt nahm sie die Überraschung an sich und Kieran lächelte, wie ungeduldig sie es auspackte. Als Melanya den Gegenstand erblickte, schossen ihr vor Rührung Tränen in die Augen.

„Oh, Kieran, er ist wunderschön!“ Zärtlich strich sie mit ihren Fingern über den Kamm, den er ihr geschenkt hatte. Jede einzelne Zinke war in liebevoller Handarbeit herausgearbeitet worden und der Steg war mit geschnitzten Blütenranken verziert.

„Er soll ein Ersatz für den deiner Mutter sein.“ Zärtlich strich er ihr die Tränen von der Wange. „Du sollst ab nun nur noch Tränen der Freude vergießen.“

Melanya war unendlich gerührt und über alle Maßen schuldbewusst. Sie verdiente diesen wundervollen Mann nicht. Immer wieder sah sie von dem Kamm zu ihm und konnte nicht aufhören, zu schluchzen. Die wenigen Erinnerungen, die sie an ihre Mutter hatte, strömten auf sie ein.

Kieran lachte sanft und tröstete sie, indem er ihr zärtliche Worte ins Ohr flüsterte und dabei ihren Rücken streichelte.

„Erzähl mir von deinen Eltern“, forderte er sie auf und sie tat es. Sie hatte nicht viele Erinnerungen an sie und es stimmte sie traurig, dass das wenige, was sie noch wusste, immer mehr verblasste. Dann berichtete sie ihm von ihrem Leben bei ihrer Großmutter. Wie unnachgiebig und streng Eleonora gewesen war, als sie Melanya unterrichtet hatte.

„Sie war furchteinflößend“, meinte Kieran.

Melanya lachte. „Ja, das war sie. Doch ich weiß, dass sie mich geliebt hat. Auf ihre Art und Weise war sie stets für mich da.“

„Soweit es ihr möglich war, meinst du.“

Melanya zuckte mit den Schultern. „Sie hat mich alles gelehrt, was ich wissen muss, um als unabhängige Frau zu überleben.“

„Ja. Das Leben hat sie hart gemacht. Weißt du, was geschehen ist, dass sie so wurde, wie sie war?“

„Nein. Sie hat nie über ihre Jugend gesprochen.“

Nachdem sie geendet hatte, hob er sie hoch und trug sie zum Bett.

 

„Möchtest du mir auch von deinen Eltern erzählen?“, fragte sie ihn vorsichtig.

Wollte er das? „Ich weiß nicht. Mit Gefühlen kann ich nicht so gut umgehen.“

Melanya schmunzelte. „Ich finde, du machst das sehr gut.“

Er lächelte und wusste plötzlich, dass er nur mit ihr seine intimsten Gedanken teilen wollte. Zum ersten Mal berichtete er von seinen Eltern, zunächst zögerlich, sprudelten irgendwann sämtliche Erinnerungen aus ihm heraus. Er sprach aus, was er beinahe zwanzig Jahre lang tief in seinem Innersten vergraben hatte. Gefühle waren tatsächlich normalerweise nichts für ihn, aber bei Melanya war das anders. Ihr konnte er alles sagen, was ihn bewegte, ohne dass er befürchten musste, zu verweichlichen. Im Gegenteil, sie machte ihn stärker, indem sie längst Verschüttetes hervorholte und ihm half, seine Gefühle besser zu verstehen.

„Ich bin dem Earl auf ewig dankbar. Er hat mich zu sich geholt und mir ein Heim gegeben, eine Erziehung und eine Aufgabe. Genauso gut hätte ich auch als kleiner Junge verhungern oder bestenfalls als Bettler enden können. Ich weiß, was für ein Glück ich hatte. Deswegen wäre es das Schlimmste für mich, ihn zu enttäuschen. Im Kampf zu versagen, oder ihn auf irgendeine andere Art zu demütigen, jagt mir eine Heidenangst ein.“

„Das verstehe ich. Doch diese Angst macht dich auch zu einem Getriebenen.“

Damit hatte sie wohl nicht ganz unrecht.

„Und sie ist auch unbegründet. Er liebt dich wie einen Sohn und hat nie einen Unterschied zwischen dir und Brian gemacht.“

„Meinst du?“

„Das ist kein Geheimnis. Jeder weiß das, nur du anscheinend nicht.“

„Anscheinend.“ Es tat gut, sich einmal alles von der Seele zu reden. Sie bestärkte ihn, erklärte ihm, dass seine Ängste ganz normal wären und er war mehr und mehr fasziniert von ihr. Sie war einerseits so verletzlich und andererseits der stärkste Mensch, den er jemals kennengelernt hatte. Sie konnte ihm Dinge erklären, die er alleine niemals durchschaut hätte und dann wiederum wirkte sie so hilflos und alleine, dass er nichts mehr wollte, als sie zu beschützen.

Er sprach die ganze Nacht mit ihr. Noch nie zuvor hatte er in so kurzer Zeit so viele Wörter verwendet. Irgendwann in den frühen Morgenstunden war sie eingeschlafen, noch immer an ihn gekuschelt. Im fahlen Licht der Dämmerung betrachtete er dieses wunderbare Geschöpf in seinen Armen und dachte noch lange über sie nach. Als es Zeit war, aufzustehen, fühlte er sich bestärkt, verstanden und geliebt. Das Vorhaben, das in den letzten Stunden in seinen Gedanken Gestalt angenommen hatte, ließ ihn voller Tatendrang in den Tag starten.

15

Wie die letzten dreizehn Tage auch, verrichteten sie gemeinsam ihr Tagewerk. Melanya begleitete Kieran zur Burg, wo er sein Training absolvierte und sie nach der Gemahlin des Schmieds sah. Es hatte sich mittlerweile herumgesprochen, dass sie jeden Tag hier war und so kamen immer mehr Leute, um sich von ihr behandeln zu lassen. Nicht nur jene, die in der Burg arbeiteten, sondern auch jene aus dem umliegenden Dorf. Es war ein offenes Geheimnis, dass sie die Frau an Kierans Seite war und ihre anfängliche Befürchtung, man würde sie verurteilen, hatte sich nicht bewahrheitet. Im Gegenteil. Die Menschen gingen nun sogar offener mit ihr um. Sie sprachen mehr mit ihr und es kamen auch immer mehr Männer mit ihren kleineren und größeren Wehwehchen zu ihr. Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sie sich dazugehörig. Doch dieses Glücksgefühl wurde überschattet von dem Wissen, dass Kieran sie am nächsten Tag entweder hassen oder im besten Falle einfach vergessen würde.

Denn morgen war es so weit.

Die Nacht des neuen Mondes. Morgen Nacht würde sie den Fluch rückgängig machen und dann hatte ihr altes, einsames Leben sie wieder. Sie wusste, wie falsch ihr Handeln gewesen war und die Schuldgefühle waren ihr ständiger Begleiter. Doch konnte sie sich nicht dazu bringen, es gänzlich zu bereuen. Zu schön war es gewesen, ihm nahe zu sein und geliebt zu werden. Seine Zuneigung und Liebe zu spüren, war alles, wovon sie jemals geträumt hatte, aber sie war sich dessen völlig bewusst, dass ein Leben in Einsamkeit, nur erhellt durch ihre Erinnerungen an diese zwei Wochen, ihre gerechte Strafe für ihr selbstsüchtiges Handeln sein würde. Doch noch war es nicht so weit. Sie hatte noch die ganze Nacht mit ihm und sie würde jede Sekunde davon genießen.

 

Kieran hatte Kopfschmerzen. Nie zuvor hatte er solch ein starkes Hämmern verspürt. Doch in den letzten zwei Wochen hatte er immer wieder darunter gelitten. Vor allem tagsüber in der Burg. Vielleicht sollte er sich einmal von Melanya untersuchen lassen. Doch kaum war er wieder in ihrer Nähe, verflüchtigte sich der Schmerz und er vergaß, sie darauf anzusprechen. Gleich würde er sie abholen und sie würden sich auf den Heimweg machen. Doch vorher musste er noch in die Küche und der Köchin etwas Brot und Käse abschwatzen. Melanya war naturverbunden, sie liebte es, das Gras zwischen ihren Fingern zu spüren, den Bach rauschen zu hören und die Sonne auf ihrem Gesicht zu fühlen. Sie war seine kleine Waldfee, die umgeben von Blumen und Vögeln förmlich aufblühte. Er würde sie mit einer Mahlzeit unter freiem Himmel überraschen.

Gemächlich ritten sie durch den Wald, sie saß vor ihm im Sattel und lehnte sich an ihn. Er liebte es, so mit ihr auf dem Pferd zu sitzen, denn so konnte er ihre Wärme an seiner Brust fühlen und wenn er nicht anders konnte, die sanfte Rundung ihrer Hüfte streicheln. An ihn gelehnt drehte sie ihren Kopf, sodass sie ihn ansehen konnte.

„Du weißt, wie sehr ich dich liebe.“

Er schmunzelte. „Ja, das weiß ich, mein Herz.“ Er sah es in ihren Augen. Voller Zärtlichkeit blickte sie ihn an. Er beugte sich vor und küsste sie zart auf die Lippen. Er wusste, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte. Er war zuvor in sein Gemach in der Burg gegangen und hatte eine der alten Truhen durchwühlt, auf der Suche nach etwas ganz Bestimmtem.

 

Melanya saß satt und zufrieden im Gras, ihren Kopf an Kierans Schulter gelehnt, blickten sie auf das rauschende Wasser im Bach. Er hatte sie zu dieser Lichtung geführt und sie mit einem leichten Abendmahl überrascht. Die letzten dreizehn Tage mit ihm waren mehr, als sie sich jemals erträumt hatte. Er bedeutete ihr alles, mehr als ihr eigenes Leben. Sie hatte geglaubt, ihn schon immer zu lieben, doch wie sie nun wusste, war es bloß eine Schwärmerei aus der Ferne gewesen. In den letzten zwei Wochen hatte sie ihn kennengelernt und erfahren, wie es sich anfühlte, wirklich zu lieben. Was es bedeutete, für jemanden alles zu geben, bereit zu sein, durchs Feuer zu gehen oder durch die Hölle.

Kieran war leidenschaftlich und doch unendlich zärtlich, aufmerksam, liebevoll und gleichzeitig stark und beschützend, wie ein Fels in der Brandung. Viel zu schnell hatte sie sich an das Zusammenleben mit ihm gewöhnt. Und es gefiel ihr viel zu gut, denn morgen war es so weit. Die Nacht des neuen Mondes. Morgen um Mitternacht würde sie den Zauber rückgängig machen.

Kieran hielt sie fest umfangen und es gab keinen Ort, an dem sie hätte lieber sein wollen als in seinen Armen. Doch plötzlich rückte er ein wenig von ihr weg und sah sie mit funkelnden Augen an. Er sagte kein Wort, doch er hielt ihren Blick gefangen. Er fasste nach ihren Händen und hielt sie mit seinen umfangen.

„Melanya, ich möchte jeden Augenblick deines Lebens mit dir verbringen, morgens mit dir aufstehen und abends neben dir einschlafen. Ich möchte meine Gedanken mit dir teilen und dafür sorgen, dass du stets Momente des Glücks erlebst.“ Er fuhr ihr zärtlich über die Wange und Melanyas Herz klopfte wild gegen ihre Brust.

„Werde meine Frau.“ Melanya vergaß zu atmen und Kieran fischte in seiner Hosentasche nach einem Ring, bereit, ihn ihr anzustecken. Doch er sah zu ihr und wartete auf ihre Antwort.

Melanya konnte kaum sprechen. Ihr Puls raste und Freude und Glück durchströmten sie wie der stärkste Wein.

„Ja“, hauchte sie erstickt und fühlte sich trunken vor Glück. Kieran sprang auf und hob sie in seine Arme, begeistert wirbelte er sie im Kreis, bevor er sie glückstrahlend wieder absetzte.

„Du hältst mein Herz in deinen Händen. Ich bitte dich, gib gut darauf acht.“ Melanya schluckte, aber da streifte ihr Kieran auch schon den Ring über. Es war ein Goldreif mit einem Rubin, der von Diamanten flankiert wurde. „Einst gehörte er meiner Mutter. Sie würde wollen, dass du ihn trägst.“

Das würde sie nicht!, schoss es Melanya durch den Kopf, doch sie bekämpfte die trüben Gedanken. Zu schnell würde die Wirklichkeit sie ohnehin einholen. Sie wollte die letzten Stunden genießen, in denen Kieran sie noch liebte und sie seinen Ring tragen durfte.

„Du bist die Herrin über mein Herz und schon bald wirst du auch meinen Namen tragen. Lady Melanya O’Riley: Wie klingt das?“

Bei seinen Worten keimte ein kleiner Funken Hoffnung in ihr auf. Vielleicht war morgen Nacht doch nicht alles zu Ende? Wäre es möglich, dass er sich eines Tages wirklich in sie verliebte? Auch ohne Zauber? Vielleicht gäbe es ja doch eine Zukunft für sie an seiner Seite? Doch sogleich überrollte sie eine Traurigkeit. Wem machte sie etwas vor? Er würde sie hassen. Im besten Falle nur ignorieren. Es war dumm und egoistisch von ihr gewesen, diesen Zauber auszusprechen und sie war es ihm schuldig, ihn morgen Nacht gehen zu lassen. Auch wenn das für sie ein Leben in Einsamkeit bedeutete, niemals würde sie jemanden so sehr lieben wie ihn. Wenn auch wieder nur aus der Ferne.

„Was hast du denn, Liebste?“ Er sah sie eindringlich an. Doch was sollte sie ihm sagen? Dass sie wusste, dass er übermorgen bereuen würde, ihr einen Heiratsantrag gemacht zu haben, oder sich im besten Falle gar nicht daran erinnern konnte?

„Nichts, Kieran. Du machst mich überglücklich und bin völlig überwältigt. Ich hätte nie gedacht, jemals zu heiraten.“

„Du hast keinen Grund, so wenig von dir selbst zu halten. Du bist das Beste in meinem Leben, Melanya. Du bist es, für die es sich lohnt, zu atmen, zu leben und zu kämpfen. Ich gebe dir nicht bloß meinen Namen. Ich gebe dir mein Schwert, mein Herz und meine Seele.“

Sie schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter. „Liebe mich, Kieran.“ … Ein letztes Mal

Und er tat es.

16

Mitten in der Nacht waren sie nach Hause geritten, doch bereits vor Sonnenaufgang wurden sie jäh geweckt. Laut hallte das Horn bis in den Wald hinein, ruckartig setzte Kieran sich auf und lauschte gespannt in die Nacht hinein. Ein Hornstoß kündigte die Ankunft einer hochrangigen Person mit friedlicher Absicht an. Ein zweiter bedeutete erhöhte Alarmbereitschaft, denn es näherte sich jemand unklarer Gesinnung.

Melanya und Kieran hielten beide die Luft an und warteten. Und tatsächlich ertönte ein dritter Laut. Die Botschaft war klar. Ein feindlicher Angriff.

„Verflucht!“ Kieran war bereits aus dem Bett gesprungen und in seine Hose geschlüpft. Hastig zog er sich sein Hemd über und drehte sich fahrig zu ihr um. „Ich möchte, dass du hierbleibst!“

„Aber es wird Verwundete geben! Sie brauchen mich!“

„Hör auf, mit mir zu diskutieren!“, herrschte er sie an. „Ich möchte dich nicht in der Nähe des Feindes wissen. Ist das klar?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, griff er nach seinem Schwert und stürzte zur Tür hinaus. Gleich darauf hörte sie das Hufgetrappel, als er in eiligem Galopp davonritt.

Kieran ritt so schnell sein Pferd konnte durch den Wald. Plötzlich fuhr ihm ein Schmerz durch den Kopf, der ihn beinahe aus dem Sattel hob. Er stieß die Luft aus. Was zum Teufel war das? Ein Hämmern hatte sich in seinem Kopf festgesetzt, das ihn würgen ließ. Je weiter er den Wald hinter sich ließ, desto schlimmer wurde es.

Als er im Burghof angekommen war, brannte bereits sein gesamter Körper. Er schluckte den bitteren Geschmack in seiner Kehle hinunter, hätte er Zeit gehabt, hätte er sich übergeben.

Das Kampfgeschehen hatte bereits begonnen. Der verfeindete Clan hatte einen guten Zeitpunkt zum Angriff gewählt, denn bis auf die Wachen, waren die Krieger aus dem Schlaf gerissen worden. Der Earl brüllte Befehle und Kieran zog sein Schwert und es kam ihm ungewohnt schwer vor. Er stürzte sich auf den ersten Feind, doch seine Bewegungen waren träge. War sein Kampfstil normalerweise von Beweglichkeit und Kraft geprägt, hatte er nun keines von beiden.

Er schüttelte den Kopf, doch er wurde diese Benommenheit einfach nicht los. Sein Körper schmerzte und sein Schwertarm gehorchte ihm nicht wie sonst. Er kämpfte, als wäre er betrunken. Was war nur los mit ihm? Er nahm alles nur verschwommen wahr und am Rande seines Blickfelds sah er lediglich Schwärze. Er kniff die Augen mehrmals zusammen und schüttelte seinen Kopf, was allerdings nur dazu führte, dass ihn eine neuerliche Welle aus Schmerz und Übelkeit durchfuhr, die jegliche Raffinesse im Kampf verhinderte. Er konnte sich nicht konzentrieren und seine Gedanken schweiften immer wieder ab. Wie es Melanya wohl erging? Hoffentlich war sie in der Hütte geblieben, wie er es ihr aufgetragen hatte.

Das Einzige, was ihm jetzt noch gegen die Feinde half, war sein jahrelanges Training. Die durch harten Drill verinnerlichte Abläufe aus Angriff und Verteidigung, würden reichen müssen, wenn er nicht in Bedrängnis geraten wollte.

Hoffentlich war sie in Sicherheit. Er sah sich kurz im Burghof um, um sicherzugehen, dass er sie nirgends entdecken konnte, während sie immer weiter in Bedrängnis gerieten.

Kieran bemerkte, dass Brian sich zu ihm durchkämpfte. „Alles in Ordnung mit dir?“ Kieran nickte bloß. Seite an Seite kämpften sie, so wie sie es stets taten. Doch Brian sah immer wieder besorgt zu seinem Stiefbruder. „Bist du betrunken?“

„Nein. Es geht schon“, keuchte Kieran. Dieser Kampf verlangte ihm alles ab. Gemeinsam mit Brian kämpfte er sich weiter durch zum Wohnturm, wo sie dem Earl und seinem Hauptmann zur Verstärkung kamen.

Der Earl kämpfte mit dem feindlichen Clanführer. Beide von gleichem Alter, Statur und Erfahrung, war es ein ausgeglichener Kampf.

„Mein alter Freund“, richtete O’Neill plötzlich das Wort an den Earl. „Ich sehe, es ist unentschieden.“ Er ging einen Schritt zurück und deutete in den Hof um sich. „Warum dieses ganze Blutvergießen? Ich schlage vor, Euer bester Mann gegen meinen!“

Jeder hatte seine Worte vernommen, denn der Lärm der Klingen und das Gebrüll waren verstummt. Alle blickten den Earl an und warteten auf eine Entscheidung.

„Nun gut“, rief er und die verfeindeten Lager wichen zu den einander gegenüberliegenden Mauern auseinander.

Der Earl rief Kieran und Brian zu sich. Sie waren gleich gut und Kieran wusste, was er zu tun hatte, denn Brian hatte Gemahlin und Kind. Kieran hatte seine Entscheidung bereits getroffen, aber Brian schien zu wissen, was er vorhatte und schüttelte den Kopf. Unbeeindruckt davon wandte Kieran sich an seinen Ziehvater.

„Mylord, erweist mir die Ehre, für Euch zu kämpfen.“

Der Earl nickte und legte ihm die Hand auf seine Schulter. „Du erfüllst mich mit Stolz, mein Sohn.“ Dann umarmte er ihn kurz und schlug ihm dabei kräftig auf den Rücken, was eine neuerliche Welle aus Schmerz durch Kierans Kopf sandte. Schließlich wandte er sich ab und ließ Brian und Kieran alleine.

Der Mann, der für ihn wie ein Bruder war, starrte ihn nun verärgert an. „Bist du verrückt geworden?“

„Nein.“ Er wusste, er tat das Richtige.

„Was ist los mit dir? Ich verstehe dich nicht!“ Brian schlug ihm gegen die Brust. „Du bist heute nicht du selbst. Sieh dich doch nur an. Du kriegst kaum Luft und schwitzt wie ein Schwein!“

„Ich werde ihn besiegen und die Burg halten.“

„An jedem anderen Tag würdest du das, aber heute kämpfst du wie ein Jüngling, der kaum kräftig genug ist, das Schwert zu halten.“

„Die Entscheidung ist gefallen“, erwiderte Kieran schroff.

„Ich weiß, warum du das tust und ich warne dich! Wenn das hier vorbei ist, dann prügle ich dich windelweich!“

Kieran lachte und umarmte seinen Bruder.

Wie die Tradition es verlangte, würden die Krieger ohne Rüstung und mit nacktem Oberkörper kämpfen. Kieran trug ohnehin nur das Hemd vom Vortag und keinerlei ledernen Schutz. Auch der Kontrahent schälte sich nun aus seiner Kleidung. Erlaubt war als Waffe nur ein Schwert, weder Schild, Messer oder Axt waren zulässig und gekämpft wurde bis zum Tod. Beide Kämpfer ergriffen ihre Klingen und schritten dann in die Mitte des Burghofs, wo sie sich abschätzig musterten.

Mit einem donnernden Schrei stürzte O’Neills Mann sich auf Kieran, der den Schlag gekonnt parierte und dann selbst angriff. Sein Kopf hämmerte und sein Körper brannte wie Feuer und er merkte, wie ihm die Kraft ausging. Schon jetzt. Sein Schwertarm war so schwer wie der eines alten Mannes und seine Beine waren so schwerfällig, als würde er durch kniehohen Morast waten. Er konzentrierte sich auf den nächsten Angriff, aber er stolperte. Nun ging sein Gegner zum Angriff über und Kieran mühte sich, sich hochzurappeln und gleichzeitig den Schlag abzuwehren. Unter dem lauten Klirren der aufeinandertreffenden Schwerter schaffte er es. Schweiß tropfte ihm von der Stirn und rann ihm in die Augen. Seine Kameraden feuerten ihn an und riefen ihm lautstark zu, er solle ihn fertigmachen. Er wusste, er würde nicht mehr lange durchhalten und musste es zu Ende bringen. Am besten schnell. Seine letzten Kräfte mobilisierend, stürzte er sich wie ein Berserker auf seinen Kontrahenten, bevor er gänzlich keine Kraft mehr haben würde, drängte ihn zurück und hieb auf ihn ein. In einem hohen Bogen schlug Kieran seinem Gegner das Schwert aus der Hand und dann lag der O’Neill vor ihm im Dreck. Dort, wo er hingehörte und Kieran schwankte atemlos.

Mit grimmiger Miene stand er über den Feind gebeugt und hielt ihm die Spitze seines Schwertes an die Brust. Er galt somit als besiegt. Die Schlacht war gewonnen und die Feinde würden sich geschlagen zurückziehen.

Kieran blickte zum Earl. Er wartete auf den Befehl. Würde er ihn verschonen müssen, oder konnte er die Sache zu Ende bringen? Ein leichtes Kopfnicken des Earls ließ Kieran finster grinsen. Er würde ihm den Todesstoß geben. Der Drecksack hatte es nicht anders verdient.

Die Spitze seines Schwertes zeigte noch immer auf die Brust des Besiegten und Kieran holte weit aus. Es brauchte Schwung, um die Rippen eines Mannes zu durchbrechen und ihm die Klinge in sein Herz zu stoßen. Da sah er aus dem Augenwinkel am Bein des Feindes etwas metallisch aufblitzen, aber er war zu langsam. Sein Verstand war in einen dichten Nebel gehüllt und seine Reflexe verzögert wie die eines Betrunkenen.

 

So schnell sie konnte, hatte Melanya ihre Arzneien, Verbände und Instrumente zusammengepackt und war durch den Wald zur Burg gelaufen. Es würde Verwundete geben und sie sollten nicht länger als nötig auf die Versorgung ihrer Verletzungen warten müssen. Schon aus weiter Ferne hatte sie das Klirren der Waffen gehört.

Gerade trat sie in den Burghof, da erblickte sie auch schon Kieran, der mit hoch erhobenem Schwert über dem am Boden liegenden verfeindeten Krieger stand. Kierans Kopf war zum Earl gewendet, der ihm mit einem Nicken zu verstehen gab, den Kampf zu beenden.

Nun lief alles verlangsamt ab. Melanya beobachtete, wie der O’Neill-Krieger einen Dolch aus seinem Stiefel zog und in vollem Bewusstsein, dass Kierans Schwert ihn durchbohren würde, setzte er sich auf und stieß Kieran das Messer mitten ins Herz.

„NEIN!“, schrie Melanya entsetzt.

Fassungslos starrte sie auf seine Brust, aus der sein Blut schwallartig hervorquoll. Voller Grauen blickte auch Kieran zu der Klinge, bevor er zu Boden fiel und neben dem anderen sterbenden Krieger zu liegen kam.

Sie lief los, um zu ihm zu gelangen, zwängte sich zwischen seinen Kameraden durch, die sich umgehend um ihn geschart hatten und kniete sich neben den Earl und Brian.

Schnell presste sie ihre Hände auf Kierans Wunde und sein Blut rann pulsierend über ihre Finger.

„Bleib bei mir!“, rief sie und Kieran stöhnte leise. „Sieh mich an! Du schaffst das!“, befahl sie und er öffnete schwerfällig die Lider. Seine blauen Augen hoben sich stark von seinem blassen Gesicht ab. Er bewegte seine Lippen, doch kam kein Ton heraus und mit letzter Kraft legte er seine Hand über Melanyas, die noch immer auf seiner Brust lag.

„Mel“, brachte er schließlich krächzend hervor und sie beugte sich nahe zu ihm hinab, strich ihm mit der freien Hand die Haare aus der Stirn. „Ich bin hier, mein Geliebter.“

„Vergib mir“, flüsterte er, kurz bevor das Licht in seinen Augen erlosch, als das Leben aus ihnen entwich.

„NEIN! Kieran!“, schrie sie voller Verzweiflung und legte ihre Hände an seine Wangen. Unentwegt rief sie seinen Namen und schluchzte herzzerreißend. Irgendwann bettete sie ihre Wange auf seiner Brust und weinte, bis sie keine Tränen mehr hatte und ihr Klagen in ein leises Wimmern überging.

17

Kieran starrte auf Melanya, die über seinem leblosen Körper verharrte und würde alles dafür geben, ihr Trauer und Verzweiflung zu nehmen. Er streckte seinen Arm aus, um sie zu berühren und bemerkte, dass er durchscheinend war.

„Was zum Teufel geht hier vor?“

„Du fragst den Falschen“, hörte er jemanden hinter sich sagen.

Kieran drehte sich um und sah einen Mann mit strahlend weißen Flügeln vor sich stehen. Wie konnte das sein?

„Träume ich?“, fragte er ratlos.

„Nicht ganz. Du bist gestorben.“

Kieran musterte den Fremden und versuchte, den Blick von dessen Flügeln abzuwenden. Der Mann trug einen silbernen Brustharnisch und hatte braune Haare, die an den Schläfen bereits ergraut waren. Es gab ihm ein erhabenes Auftreten, ganz so, als wäre er ein Earl. Auch seine gerade Haltung trug dazu bei.

„Wer seid Ihr?“, fragte Kieran.

„Mein Name ist Samuel. Ich bin Befehlshaber in Erzengel Michaels Armee.“

Kieran war sich sicher, doch zu träumen oder war er vielleicht betrunken?

„Du bist mitten aus dem Leben gerissen worden, doch bist du schon bereit für den Tod?“

Kieran brauchte nicht lange zu überlegen. „Nein. Das bin ich nicht. Ich wollte nicht sterben.“

Samuel nickte. „Dann willige ein, in der himmlischen Armee zu kämpfen, und du wirst als Engel des Herrn weiterexistieren.“

Nun, was hatte er zu verlieren? Also stimmte er zu.

„So soll es sein.“ Samuel deutete auf ein prachtvolles Schwert, das soeben völlig aus dem Nichts heraus in seiner Hand erschienen war. „Nimm es. Es gehört dir.“

Kieran griff nach der Waffe. Keine Klinge, die er jemals in der Hand gehabt hatte, war damit zu vergleichen, auch die seines Vaters nicht, mit der er gekämpft hatte, seit er genügend Kraft dafür aufbringen konnte.

Er betrachtete noch die Waffe, als er Samuels Hand auf seiner Schulter spürte. Da umgab ihn plötzlich ein gleißend helles Licht und ein Schmerz fuhr durch ihn hindurch, als würde er bei lebendigem Leibe verbrennen. Er stöhnte und fiel auf die Knie, aber dies war nicht der erste Eindruck, dem er diesem geflügelten Mistkerl liefern wollte. Immerhin hätte er ihn auch vorwarnen können. Mühsam und schwerfällig stemmte er sich hoch, bis er einigermaßen aufrecht stand.

„Ich sehe, ich habe gut gewählt“, war alles, was Samuel zu sagen hatte. Dann vernahm Kieran ein Prickeln an seinem Rücken. Er drehte den Kopf, sodass er über die Schulter sehen konnte und traute seinen Augen nicht. Es waren ihm Flügel gewachsen!

Plötzlich kam ein Sturm auf, den keiner der Menschen zu bemerken schien. Wie ein Wirbelsturm tobte der Wind um ihn herum und erneut explodierte ein Schmerz in seinem Kopf, der ihn zurück auf die Knie zwang. Kaum ebbte er etwas ab, packte ihn sogleich die nächste Schmerzattacke.

„Was tut Ihr da?“, stöhnte Kieran.

Doch Samuel schüttelte den Kopf. „Das bin nicht ich.“

Ruckartig wurde Kieran gepackt und hoch in die Luft gehoben. Immer höher und höher trug ihn eine unsichtbare Macht und es gab nichts, was er dagegen tun konnte. Völlig wehrlos wurde er durch die Lüfte gewirbelt. Er sah Samuel unter sich, der emotionslos zu ihm hinaufblickte und abwartend die Arme vor der Brust verschränkt hatte.

„Tut doch gefälligst etwas!“, schrie Kieran dem Engel zu. Doch der schüttelte nur stumm seinen Kopf.

Der Sturm endete, wie er begonnen hatte: plötzlich. Von einer Sekunde zur nächsten war die Luft um ihn herum ganz still. Kurz verharrte er in der Position zwischen Aufstieg und Fall. Er blickte nach unten und ihm wurde mulmig zumute. Er war durchscheinend und doch konnte er Schmerzen erleiden. Was würde mit ihm geschehen, wenn er zu Boden stürzte? Gleich würde er es wissen, denn er fiel in rasantem Tempo. Wie ein Stein raste er immer schneller und schneller dem Boden entgegen. Es kam ihm elend lange vor und sein Herz schlug wild vor Angst. Immer näher sah er den Burghof auf sich zukommen. Er konnte sogar schon die einzelnen Pflastersteine erkennen. Kieran schloss die Augen, kurz bevor er ungebremst zu Boden krachte. Der Lärm war ohrenbetäubend und ein Schmerz fuhr durch seinen Körper, der seine Zellen explodieren ließ. Hätte er noch Knochen gehabt, wären sie nun pulverisiert und sein Körper eine matschige Masse. Keuchend und ächzend versuchte er, sich schwerfällig hochzustemmen und schaffte es schließlich unter einiger Anstrengung immerhin auf die Knie.

„Ein mächtiger Fluch ist soeben von dir abgefallen.“

Kieran blickte ihn verständnislos an. „Der Sturm … wie konnte er mich packen?“

„Nur weil du für Menschen unsichtbar bist, heißt das nicht, dass du aus Luft bestehst. Engel sind Wesen voller himmlischer Energie und hoher Dichte.“

Kieran verstand kein Wort. Doch dann begann sein Gehirn zu arbeiten. „Ein Fluch sagst du.“ Er kannte nur eine Hexe. „Melanya hat mich mit einem Zauber belegt.“ Es war mehr eine Feststellung als eine Frage.

„Ja. Mit einem hochwirksamen Bindezauber, der der dunklen Seite der Magie entsprungen ist.“

„Was bedeutet das?“

„Sie hat dich an sich gebunden. Dafür gesorgt, dass du sie liebst und dich auf nichts anderes konzentrieren kannst. Das Opfer eines solchen Fluches muss in der Nähe der Person sein, die ihn ausgesprochen hat, die Alternativen sind schreckliche Kopfschmerzen. Solche Zauber sind dunkel und gefährlich, die reinste schwarze Magie. Nur die mächtigsten Hexen sind derer fähig.“

„Deshalb war ich heute nicht ich selbst.“

„Ja.“ Wieder war Samuel kein Mann vieler Worte.

„Und deshalb hat der O’Neill mich töten können.“

Samuel nickte und Kieran starrte fassungslos auf Melanya. „Warum hat sie das getan? Ich erinnere mich an den Moment, als der Fluch mich traf. Ich war auch dem Weg zu ihr, als eine Windböe mich traf und gegen einen Baum schleuderte. Alles, was wir danach erlebt haben, war nicht echt und sie hat es gewusst.“ Wut packte ihn. „Anstatt den Zauber rückgängig zu machen und mir die Wahrheit zu sagen, hat sie mich zum liebeskranken Tölpel gemacht, meinen falschen Heiratsantrag angenommen und sich den Ring meiner Mutter überstreifen lassen!“ Seine Wut verwandelte sich in rasenden Zorn und Samuel sah ihn besorgt an.

„Ich könnte eine Ausnahme machen und dich ein letztes Mal mit ihr sprechen lassen, wenn du das möchtest.“ Kieran überlegte fieberhaft und sein Blick fiel erneut auf Melanya, die zusammengekauert in einer Ecke saß und bitterlich weinte. Sein Herz blieb kalt. Hasserfüllt starrte er sie an. „Du verdammte Hexe hast mich verflucht!“

Er ging auf sie zu und hockte sich nahe vor sie. Obwohl sie ihn nicht sehen konnte, hob sie ihren Kopf und blickte ihm direkt in seine unsichtbaren Augen.

„Das wirst du mir büßen, Miststück!“ Dann wandte er sich an Samuel. „Kein Bedarf. Ich bin hier fertig.“

„Gut. Dann folge mir!“, forderte Samuel ihn auf.

18

Samuel führte ihn in eine andere Ebene. Die Dimension des Krieges, wie er sie nannte. Eine trostlose Weite, in der die Schlachten zwischen der himmlischen Armee und Luzifers Dämonen stattfanden. Kieran sah sich um. Niemand war hier und er sah nichts als Staub und Dreck, so würde also die Ewigkeit für ihn aussehen?

„Was soll ich zwischen den Schlachten machen?“, fragte er und Samuel lachte. „Du kannst dich frei bewegen. Viele der Soldaten sind auf der Erde, andere ziehen den Himmel vor. Wobei die meisten der ehemaligen Menschen lieber auf der Erde verweilen.“

Kieran tat so, als würde er verstehen und nickte. Daraufhin erklärte ihm Samuel den Unterschied zwischen rekrutierten Verstorbenen und der kleinen Riege der Engel der ersten Stunde, die von Gott zum Anbeginn der Zeit erschaffen worden waren. Diese bildeten sozusagen die Elite im Himmel. Samuel fasste ihn an der Schulter und zwang Kieran, ihn aufmerksam anzusehen. „Es gibt einige himmlische Gesetze, an die du dich halten wirst. Erstens: Erzengel Michael duldet keinen Ungehorsam. Zweitens: eine kleine Liebelei ab und an ist euch erlaubt. Der Himmel hat irgendwann eingesehen, dass er auf die, nennen wir sie, niederen Bedürfnisse der Rekrutierten, reagieren muss. Das bringt mich zu Punkt drei. Du darfst dich niemals einem Menschen offenbaren!“

Kieran verstand und somit diente er fortan in Michaels Armee.

 

Melanya war gebrochen. Sie wusste, sie allein trug die Schuld an Kierans Tod. Nur wegen ihr war er im entscheidenden Moment unaufmerksam gewesen und sie würde diese Last auf ewig mit sich tragen. Die Wochen und Monate vergingen. Doch nichts vermochte ihr die Trauer zu nehmen. Eines Nachts schlich sie sich zum Friedhof und besuchte sein Grab. Sie hatte ihn um Vergebung angefleht, doch sie wusste, dass es keine Entschuldigung für ihre Tat gab. Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, legte sich eine Eiseskälte über sie, fuhr in ihre Glieder und durchdrang sie, bis kein Fünkchen Wärme mehr in ihr war. Ihre Zähne klapperten und sie zitterte am ganzen Körper, während die Welt um sie herum stillzustehen schien. Kein Laut drang zu ihr durch, da war nur ein einziges Gefühl, das sie übermannte.

Purer Hass.

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960877332
ISBN (Buch)
9783960878421
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v488742
Schlagworte
Engel-dämonen-roman gefallene-r-engel urban-fantasy-roman-tasy dämonen-liebes-roman-e fantasy-liebe-s-roman-e Wiedergeburt Magie-Hexe-n-Heiler-in-Roman-e

Autor

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    Andie Krown (Autor)

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Titel: Das Licht der Vergangenheit