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Die gefallene Stadt

von Emily Dunwood (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Die 17-jährige Java führt ein sicheres Leben in einer Stadt in der Zukunft. Hyalopolis ist so hoch gebaut, dass die unteren Stockwerke der gigantischen Gebäude kein Licht mehr erreicht. Die Menschen in dieser Stadt sind gläsern: Sie lassen jeden ihrer Schritte digital aufzeichnen, machen jedes Wort öffentlich und leben durch diese Transparenz ein behütetes und sicheres Leben.
Java hingegen will ihre digitale Identität hinter sich lassen. Nach einem schrecklichen Ereignis ist sie mittellos und geächtet. Daher flüchtet sie nach Deep City, die dunkle, anonyme Parallelwelt am Grund von Hyalopolis. Dort gibt ihr die scheinbar zufällige Begegnung mit einem Fremden Hoffnungen auf ein anderes Leben ...

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe Juni 2019

Copyright © 2019 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-735-6
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-821-6

Covergestaltung: Vivien Summer
Lektorat: Daniela Höhne

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

Kapitel 1

Ist die Hochbahn zu dieser Zeit sonst auch so voll? Oder bin ich einfach in den falschen Wagon gestiegen? Jedenfalls habe ich das miese Gefühl, die Luft meines Sitznachbarn zu atmen, bevor der etwas davon hat. Muss meine Knie fest geschlossen halten, damit sie nicht an der schwitzigen Haut eines anderen kleben bleiben.

Gerade jetzt, gerade in dieser Nacht hätte ich mir eine unbesetzte Bahn gewünscht, oder einfach mehr Luft zum Atmen. Nicht das Gefühl, den Typen neben mir gleich abzuschlecken, wenn ich den Kopf zur Seite drehe, um auf der Anzeige nach den Stationen zu sehen.

Stocksteif und bewegungslos verharre ich auf meinem Sitz, die Hände fest auf meine Oberschenkel gedrückt, und starre geradeaus. Auf der mir gegenüberliegenden Seite sitzen die anderen Menschen Schulter an Schulter und werfen ihre zwei Schatten gegen das spiegelnde Fensterglas: Den Schatten ihres Körpers, der mit schemenhaften Silhouetten die Scheibe verdunkelt und den, den der Chip in ihrem Kopf wirft; ihren richtigen Schatten, der sie so viel besser abbildet. Ihre Timeline.

In der Hochbahn, zeigt jede von ihnen an. Manchmal ist diese Offensichtlichkeit der Timelines fast schon ein bisschen unerträglich. Darunter Bilder, Verlinkungen, Aktionsfelder der letzten Minuten und Stunden; alles, was der Chip aufgesaugt hat, jeden Satz, jeden Schritt, eine endlose Chronik von: Spricht mit … Arbeitet an … Fühlt sich … gut, müde, gestresst, motiviert … Ich müsste nur ein paar Minuten länger daran hängenbleiben und ich wüsste alles über ihren Tag. Doch ich entschärfe meine Sicht, lasse die Szenerie zu einem unruhigen Lichterbrei verschwimmen. In Nächten wie diesen sind Gelächter, Gespräche, schöne Momente, die kleinen Erfolge und geistreichen Momente von fremden Menschen kaum auszuhalten.

Ich lasse meinen Kopf gegen die Fensterscheibe hinter mir sinken und blinzele. Meine verdammten Fingerspitzen vibrieren, als wären sie die Hochbahn selbst.

Spitze Finger in meinem Haar.

Ich presse die Zähne aufeinander. Knirsche. Atme flach und hart, hoffend, dass mein Sitznachbar es nicht hört. Genug, dass mein Puls über meine Timeline zuckt wie ein Up-Tempo-Song.

Spitze, sanfte Finger.

Ich pfeife Luft durch die Zähne, einen zittrigen Schwall angestauter, angehaltener Luft.

Warum tue ich mir das an?

»Nächste Station: Apple Square«, säuselt es glockenklar aus den unsichtbaren Lautsprechern über unseren Köpfen. Das bisher noch abgedunkelte Licht im Wagon flammt hell auf und frisst alle natürlichen Schatten. Wir rauschen in den nächsten Bahnhof ein. In den Bahnhof. Ich kratze mit den Fingernägeln so unauffällig wie möglich über den glatten Stoff, der meine Beine bedeckt, in der Hoffnung, darin ein Ventil zu finden. In mir staut sich Hitze. Gedankenhitze.

Der Geruch nach Parfüm.

Hier ist sie ausgestiegen. Genau hier, genau eine Station zu früh. Ich drehe den Kopf zur Seite und lasse meinen Blick unruhig über den Bahnsteig gehen. Plötzlich kann ich ihre Anwesenheit fast spüren. Physisch. Kann ihre Schritte auf dem dämpfenden Boden hören. Kann ihren Schweiß riechen, der sich mit dem subtil-zitronigen Aroma der Klimaanlage mischt.

Nervös warte ich darauf, dass sich die Türen wieder schließen, als drei letzte Fahrgäste mit langen Schritten in den Wagon steigen. Sie bleiben im Stehabteil stehen – und trotzdem wird der Wagon schlagartig enger. Ihr Auftreten macht aus drei Leuten zwanzig und ihre Stimmen, die sich ganz natürlich zwischen die elektronischen Ansagen mischen, füllen plötzlich auch im gedämpften Tonfall den ganzen Hochbahnwagen. Ich presse meinen Hinterkopf noch fester gegen die Glasscheibe, so fest, dass es wehtut. Warum bin ich hier? Warum tue ich mir das an? Es wird nichts verbessern, wird mich nicht vom ganzen Müll in meinem Kopf befreien. Und ich hatte vergessen, dass ich solchen Menschen jederzeit über den Weg laufen kann.

Paradiser.

Es sind zwei Frauen und ein Mann, vielleicht zwei, drei Jahre älter als ich. Große helle Uhren kleben an ihren Handgelenken wie gewonnene Pokale. Ihre Hemden sind weißer als das Licht der Hochbahn und ihre Zähne noch mehr. Jede ihrer Bewegungen ist wohlüberlegt, natürlich und spontan, eine Choreographie immerwährender Coolness.

Dabei geht es nicht um eine Bewegung, um ein Lachen, oder eine Uhr. Es geht nicht um einen Abend, es geht um viele. Es geht um ihre Timelines. Sie sind die eigentlichen Pokale.

Ich kann mich nur schwer davon abhalten, zu scrollen. Es wäre nur eine Augenbewegung, oder ein Fingerzeig, aber ich bin schon labil genug in diesem Moment.

Ihre Blicke schweifen durch den Gang, in dem ich sitze und scrollen fast unbemerkt durch die Timelines aller Anwesenden. Ganz leicht nur zucken ihre Pupillen. An meiner Timeline sind sie ebenso schnell vorbei wie an jeder anderen. Doch ich bin mir sicher, hätte man ihre gut kontrollierten Gesichter in Zeitlupe versetzt, hätten sie sich verzogen.

Jetzt wissen auch sie es.

Ich blicke an mir hinab auf den blauen Stoff meines Jumpsuits. In ein, zwei oder drei Monaten wird der Schnitt aus der Mode sein, irgendwo ein Fleck sitzen … Und ich werde mit einem Schlag sehr weit von diesen Menschen entfernt sein – nach jahrelangen Bemühungen, mich ihnen anzunähern. Da hatte ich schon meinen Platz zwischen den Sternen und nun blicke ich wieder zu ihnen hinauf. Rakete abgestürzt.

Ich kneife die Augen zusammen und zwinge mich, mein Gesicht abzuwenden. Es ist ohnehin nur noch eine Station. Ich wünschte, ich könnte wenigstens aus dem Fenster sehen, doch die Scheiben spiegeln stark und mich muss ich gerade noch weniger begaffen, als die Timelines fremder Leute.

Die Sekunden vergehen zäh.

»Nächste Station: Eden Park.« Endlich fährt die Hochbahn unter leisem, rasselndem Bremsen in den nächsten Bahnhof ein.

Kurz bevor ich aussteige, fällt mein Blick noch in den Spalt zwischen Hochbahn und Bahnsteig, in dem sich die unvorstellbare Tiefe unserer Stadt auftut. Ein Mann neben mir lässt ein Kaugummipapier hineinfallen und mein Blick bleibt daran haften, wie es sich in die Dunkelheit hinabschraubt und irgendwann einfach verschluckt wird. Es muss ein weiter Weg nach dort unten gewesen sein. Ein langer Fall … Ich wünschte, ich könnte verstehen, warum sie genau das gewählt hat. Und ich wünschte, ich müsste mich jetzt nicht fragen, warum.

Der Eden-Park-Bahnhof spuckt mich auf einen schmalen Übergang aus, der, begrenzt von einem knapp brusthohen Geländer, an einer Hausfassade entlangläuft. Ich lasse mich von dem kleinen Strom der Menschen mitziehen, die wie ich über die nächste Brücke in die Fahrstuhlhallen wollen und klebe dabei mit dem Blick an der gläsernen Fassade zu meiner Rechten. Die Büroräume dahinter sind hell erleuchtet und geben in ihrer Gleichförmigkeit den Effekt zweier sich gegenüberliegender Spiegel. Ein Büroraum, dahinter noch einer und noch einer, alle verbunden durch eine Wand aus Glas. Nur die unterschiedlichen Menschen, die darin arbeiten, heben den Spiegeleffekt auf. Nicht, dass ich sie ums Arbeiten beneide, aber ihr Leben sieht wenigstens geregelt aus, wenn sie ihre Zahlenkolonnen und Computeranweisungen in ihre Schreibtische hämmern.

Der Knoten in meinen Eingeweiden, der da seit Tagen sitzt wie ein schmerzhafter Emotionstumor, zieht sich noch ein bisschen fester zusammen. Ich wende den Blick ab.

Der Übergang leitet mich weiter auf eine größere Brücke, auf der sich der Menschenstrom verteilt. Ich lege kurz den Kopf in den Nacken und blicke in den Himmel, der viel zu hell ist für Sterne. Nur die Lichter von Hyalopolis scheinen sich darin zu spiegeln und wenn ich die Augen zusammenkneife, scheint die ganze Stadt im Nachtblau des Himmels zu verschwimmen. Darunter fahren die stromlinienförmigen Hochbahnen auf zwanzig Ebenen durch die erleuchteten Häuserschluchten; verwischen in ihrer Geschwindigkeit zu einem langen, chromfarbenen Pinselstrich, der Schleifen um die niemals endenden Wolkenkratzer malt. Dazwischen spannen sich gläserne Brücken und Gänge wie Spinnenweben, tragen die Menschen als kleine helle Punkte über die verschiedenen Ebenen der Stadt.

Ich sauge einen Schwall süßlicher Luft in meine Lungen, schmecke die Stadt auf meiner Zunge. Ihren feinen, schönen, künstlichen Geschmack. Ein kräftiger Wind bläst über die Brücke, über meine Haut und in meine Kleidung. Fröstelnd vergrabe ich die Hände in den Taschen und beschleunige meinen Schritt, vorbei an den anderen Menschen, die in meinem Sichtfeld zu Silhouetten verschwimmen, begleitet vom sanften Klappern meiner High Heels.

Ihre Finger gleiten durch mein Haar. Ihre Fingerspitzen kitzeln auf meiner Kopfhaut, ihre leise Stimme in meinen Ohren. Wenn sie einen Knoten findet, zieht sie daran bis er sich löst …

Mein Herz hämmert gegen meine Brust, als ich die Fahrstuhlhalle erreiche. Wie ein gehetztes Tier laufe ich zwischen den hohen Marmorsäulen hindurch, mit unruhig hin- und herspringendem Blick.

Nummer zwölf, Nummer achtzehn, Nummer siebenundzwanzig.

Die öffentlichen Fahrstühle er Stadt sehen alle gleich aus. Nur die verchromte Nummer weist sie aus.

Nummer dreiundsechzig. Nummer …

Die Parfümflasche zerschellt auf dem Boden. Winzige Splitter fliegen durch die Luft, bilden ihr eigenes Sonnensystem.

Nummer siebzig. Da ist er.

Mit glühendem Gesicht und zittrigen Fingern erreiche ich den Fahrstuhl. Ihren Fahrstuhl. Es dauert ewig, bis sich endlich die Türen öffnen. Durch meinen bisher so mühsam kontrollierten Körper geht ein Ruck und ich stolpere ins Innere. Drücke unkontrolliert, fast panisch, alle Knöpfe, bis sich die Türen endlich schließen und ich allein bin.

Der Fahrstuhl beginnt die Stockwerke abzuzählen. 463, 462, 461 …

Es dauert etwa sechs oder sieben Minuten, bis man die unteren Ebenen der Stadt erreicht, selbst mit den öffentlichen Hochgeschwindigkeitsfahrstühlen.

Derweil stehe ich dumm in der Mitte, übergossen von viel zu hellem Licht. Die verspiegelten Wände, eingerahmt in glänzende Stromlinienornamente, beglücken mich mit meinem geradezu bemitleidenswerten Spiegelbild und meiner noch bemitleidenswerteren Timeline. Ich bin froh, dass ich sie gerade spiegelverkehrt sehe. Mir ist zum Kotzen zumute und meine Timeline ist das große Stück Kuchen, das man während seiner Magen-Darm-Grippe nicht sehen will.

Endlich geht ein leichter Ruck durch den ganzen Raum, kaum spürbar, doch ungemein erleichternd. Ein helles Pling begleitet die aufleuchtende Zahl: 50. Stock. Der tiefste Punkt, den man mit einem öffentlichen Fahrstuhl erreichen kann. Die Stockwerke darunter sind nicht mehr zugänglich.

»Die Fahrt endet hier«, plärrt es aus den Lautsprechern. »Bitte verlassen Sie die Kabine. Die Fahrt endet hier. Bitte …«

Ich sehe in den Spiegel, wo sich ein seltenes Schauspiel ereignet. Meine Timeline beginnt zu flackern wie ein alter Fernsehbildschirm. Suchend kreiselt der Empfang, die Aktualisierungen halten inne. Und dann verschwindet sie einfach. Sie hat den Empfang verloren und sich nun von selbst in den Ruhezustand versetzt.

Ich bin allein. Wirklich allein. Analog allein.

Tief atme ich aus. Verharre noch ein paar Sekunden und lasse mich dann gegen eine der verspiegelten Wände sinken, rutsche daran zu Boden und verschränke die Knöchel. Entschärfe meinen Blick. Blinzelnd sehe ich in mein verschwimmendes Spiegel-Ich, dessen platinblonde Haare mit dem gleißenden Fahrstuhllicht verschmelzen.

»Es ist ein langer Weg nach unten, Java. Ich weiß nicht, ob du ihn allein gehen möchtest.«

Ein Ruck geht durch meinen Körper. Ein Lidschlag später fluten Tränen meine brennenden Augen. Ich zittere, bebe. Der Weinkrampf schüttelt mich wie ein Orkan, bricht in hohen Wellen über mir zusammen. Wasser rinnt aus meinen Augen, Rotz aus meiner Nase. Dicke Tropfen färben das Blau meines Jumpsuits dunkel. Ich ziehe die Beine an die Brust, umklammere meine Knie und presse mein Gesicht in meine offenen Handflächen.

»Scheiße!«, schreie ich, dass meine Stimmbänder weh tun. »Scheiße. Warum?« Heiße, salzige Tränen tropfen in meinen Mund, während der Knoten in meinem Bauch mit jedem Schrei noch einmal explodiert. »Warum hast du das gemacht?« Ich schlage mit den Fäusten gegen die Wand, krümme mich. »Warum?«

Ich schreie sie an. Immer und immer wieder, weil ein Teil von mir wohl glaubt, dass sie das hören kann. Hier ganz unten. In der Tiefe, in die sie sich gestürzt hat.

»Was wird jetzt aus mir?«, presse ich unter heftigen Schluchzern hervor. »Sag es mir!« Meine Stimme erstirbt, ich ringe nach Luft. Was ist aus meinem verdammten Leben geworden? Was wird daraus, wenn sie nicht mehr da ist? Sich einfach verpisst hat? Wir wussten doch beide, wie das funktioniert. Wir wussten beide, dass sie immer der einzige Strohhalm war, an dem ich mich festklammern konnte.

Irgendwann werden meine Schluchzer leiser. Hyperventilierend und erschöpft sitze ich da und starre wieder mit aufgeweichten Augen mein Spiegelbild an. Wirres Haar, aufgedunsenes Gesicht. Ein bemitleidenswerter Anblick.

Die Fahrstuhltür beginnt, sich zu schließen, doch ich hebe den Arm und schlage hinter mir kräftig auf den Knopf, der sie offenhält.

Eine Weile lang bleibe ich apathisch so sitzen. Das Licht schmerzt in meinen Augen.

Dann reißt mich ein unerwartetes Geräusch aus meiner Zurückgezogenheit. Schritte. Schritte, die laut an den Wänden der dämmrigen Fahrstuhlhalle widerhallen.

Schnell drehe ich meinen Kopf zur Seite und blicke durch die geöffnete Tür. Die Halle dahinter scheint leer. Nichts als abgetretene Böden und aufplatzender Putz. Mattes Licht fällt über den Boden und überzieht ihn mit einem gelbgräulichen Schleier.

Ich richte mich langsam auf, kneife die Augen zusammen und gebe dem Fahrstuhl gleichzeitig die Anweisung, mich wieder nach oben zu bringen. Doch kaum, dass sich die Türen ein Stück geschlossen haben, öffnen sie sich auch schon wieder. Jemand muss von außen den anderen Knopf drücken.

Ich bekomme Panik. So weit unten lebt nur noch menschlicher Unrat, sonst verirrt sich niemand hierher. Wieder drücke ich auf den Knopf und versuche damit, die Tür dazu zu bringen, sich endlich zu schließen. Doch es ist das gleiche Spiel. Kurz schließt sie sich, dann gleitet sie wieder auf.

Angespannt starre ich nach draußen ins matte Licht, horche auf die Schritte, aber sie sind verklungen. Und weiterhin sieht es so aus, als wäre die Fahrstuhlhalle leer. Bis plötzlich ein langer Schatten über den Boden fällt. Ich zucke zusammen. Da ist tatsächlich jemand.

Ein leises Räuspern.

Ich bin bewegungslos. Wie zur Statue erstarrt, blicke ich auf den unförmigen Schatten, der sich vor der Tür bewegt. Dem Schatten folgt eine Person, die so plötzlich in der Tür steht, dass ich zusammenfahre und instinktiv ein paar Schritte ins Innere der Kabine zurückweiche.

Ein junger Mann. Tief hängt ihm sein Hut ins Gesicht, ein langer Mantel verhüllt seine Silhouette. Für den Moment steht er genauso regungslos da wie ich. Er blinzelt. Ich blinzele. Ich kann seinen Atem hören. Laut und rasselnd geht er, wie der eines Asthmatikers nach einem langen Lauf.

Mein Herz schlägt dumpf und schnell, ich weiche noch ein Stück zurück. Fast berührt mein Rücken die Wand. Wer ist das? Ein Verrückter? Ein Krimineller? Ein Mörder, der darauf gewartet hat, dass jemand sich hierher verirrt?

Seine Schuhe glänzen und unter seinem dunklen Mantel blitzt das helle Grün einer Seidenkrawatte. Ein Obdachloser ist er nicht.

Sekunden lang passiert gar nichts, außer dass er mich mustert. Immer wieder gleitet sein Blick auf und ab, seine Mundwinkel zucken dabei und seine Stirn zieht Falten, als würde er etwas arg infrage stellen. Besonders lange bleibt er an dem einzelnen Handschuh hängen, den ich an der rechten Hand trage.

»Du bist hier«, sagt er dann plötzlich. Ich weiß nicht, ob das eine Frage, oder eine Feststellung ist. Soll ich antworten?

Er runzelt noch einmal die Stirn, eine seiner Fußspitzen zuckt nervös.

»Ohne Maske«, sagt er. Seine Stimme ist rau. Mitgenommen. Wie mit grobem Schleifpapier abgerieben. »Und so viel jünger, als …« Die Fußspitze tappt unruhig auf und ab, jedes Mal mit einem lauten Klacken. Ich weiß nicht, was ich mit seinen Worten anfangen soll. Ich bin mir sicher, ich bin diesem Mann in meinem ganzen Leben noch kein einziges Mal begegnet. Diese Stimme hätte ich nicht so einfach vergessen.

»Aber du bist da«, fügt er hinzu. »Das … Das ist gut.« Er scheint sich an seiner eigenen Stimme zu verschlucken, räuspert sich, atmet hektisch ein und aus.

»Wir haben darüber nachgedacht und wir vertrauen dir. Unser Deal steht also.«

Ich starre ihn noch einen Augenblick lang an, da geht es mir auf. Er verwechselt mich. Anscheinend hat er hier jemanden erwartet und nun hält er ausgerechnet mich für diese Person. Ich will schon abwinken, doch er redet einfach weiter.

»Unser Deal steht«, wiederholt er und macht eine dramatische Pause. »Du hilfst uns, aus dieser … Sache rauszukommen und dafür bekommst du eine neue Timeline. Nach deinen Wünschen. Wie verlangt.«

Was hat er da gerade gesagt? Neue Timeline? Das kann er nicht ernst meinen! Das ist nicht möglich. Doch sein Gesicht ist ganz ernst, nicht verwirrt, nicht fanatisch. Er meint es so. Aber ich dachte immer, das wären nur Gerüchte, Geschichten …

Ich brauche einen Moment, um mich zu sammeln. Dann macht es Klick. Ich weiß nicht, wie genau er das gemeint hat. Ich weiß nicht, in was für eine Situation ich gerade hineingestolpert bin. Aber ich habe genau eine Chance es herauszufinden.

»Gut«, sage ich und verschränke die Arme vor der Brust. Man muss mir ansehen, wie bitter ich geflennt habe, aber darauf kann ich jetzt keine Rücksicht nehmen. »Der Deal steht.«

»Dann … dann ist gut«, sagt der Mann und streicht sich nervös den Mantel glatt. Sein Blick geht hin und her, einmal dreht er blitzschnell den Kopf nach hinten, als erwarte er jemanden hinter sich. »Dann ist gut«, wiederholt er noch einmal, scheinbar mehr für sich selbst und bläst laut Luft durch seine Zähne.

Kurz herrscht Schweigen zwischen uns und ich drehe und wende Möglichkeiten von Fragen, Möglichkeiten von Antworten. Möglichkeiten, wie ich herausfinden kann, wie er das gemeint hat, was er sagte.

»Ihr haltet euch auch an die Abmachung?«, frage ich. »Dass es auch klappt, meine ich.«

Er sieht mich einen Moment lang mit geweiteten Augen an.

»Natürlich«, antwortet er dann. »Du weißt, er ist gut. Er ist der Beste in diesem … Geschäft. Wenn man das so sagen kann.«

Wer ist gut?, frage ich mich. Doch das kann ich nicht fragen.

»Aber das mach mit ihm aus«, fährt er fort. »Ich kann … ich will damit nichts weiter zu tun haben. Will nur …« Schon wieder scheint er sich an seiner eigenen Spucke zu verschlucken und seine Worte weichen unausgesprochen einem lauten, unkontrollierten Husten.

Ich weiß nicht, was ich mit diesem Menschen anfangen soll. Was ich von ihm denken soll. Oder dieser Situation.

Dafür bekommst du eine neue Timeline. Das könnte alles verändern.

Endlich fängt er sich wieder. Streicht bedächtig seinen Mantel glatt, wie im Versuch, ein Stück verlorene Würde wiederherzustellen.

»Wo?«, frage ich, was wohl erst einmal die wichtigste Frage ist. Ich muss herausfinden, ob Wahrheit in dem steckt, was er sagt.

»Ja, also …« Er beginnt in seiner Manteltasche herumzuwühlen, fingert darin herum, bis er einen dünnen Filzschreiber hervorholt. Wie wild kritzelt er damit auf seiner Handfläche herum. Fest drückt er das Ding in seine Haut, als wolle er die Farbe hineintätowieren. Als er fertig ist, steckt er den Stift wieder ein und kommt dann plötzlich so schnell auf mich zu, dass ich nicht mehr die Möglichkeit habe, auszuweichen. Noch bevor ich realisieren kann, was er vorhat, packt er auch schon meinen Arm, zieht meine Hand zu sich heran und umschließt sie fest mit seiner eigenen. Wie eine Schraubzwinge drückt er meine Finger zusammen, bohrt fast seine Nägel in meine Haut. Ich schnappe nach Luft, will meine Hand reflexartig wegziehen, doch er hält sie eisern umklammert, sodass seine eisige Handfläche sekundenlang an meiner klebt. Ich sehe ihm kurz in die Augen, in blank glänzende, weit geöffnete Augen mit riesigen, starrenden Pupillen. In einen hektischen Blick, der mir Eiseskälte durch den Körper jagt.

Dann lässt er plötzlich los. Wie eine gespannte Feder schnellt meine Hand zurück, prallt gegen meine Brust und ich umklammere sie, wie ein Kind, sein wiedergefundenes Spielzeug. Laut geht unser Atem. Seiner und meiner. Und ich kneife die Augen zusammen, weiche seinem Blick aus, dem ich nicht noch einmal so begegnen möchte.

Er zieht die Nase hoch, richtet seinen Hut und entfernt sich wieder um ein paar Schritte.

Ich werfe einen Blick auf meine Hand, die sich warm und feucht und zerquetscht anfühlt. Als ich sehe, was sein fester Griff auf meiner Handfläche hinterlassen hat, verstehe ich seine unheimliche Aktion. Ziemlich schief, blass und etwas verwischt stehen Zahlen und eine kurze Zeile auf meiner Haut. Ein Abdruck des Filzschreibers, mit dem er zuvor seine Hand bemalt hat.

21:00 Uhr.

036783.

Mad Casino – Mad Hatter’s Street.

Eine Uhrzeit, eine Adresse; was ich mit der Zahlenkolonne anfangen soll, weiß ich nicht. Kann ich ihn das fragen? Vermutlich nicht.

Der Fremde zuckt, beinahe entschuldigend, mit den Schultern und wischt seine flache Hand am Mantel ab.

»Wo«, stellt er fest und tippt sich an seinen Hut. »Und bitte … wir haben nicht mehr viel Zeit. Es muss alles schnell gehen, ich meine … wirklich, wirklich schnell.« Er leckt sich einmal kurz über seine Lippen. »Ist das machbar?«

Ich habe nicht die leiseste Ahnung, worum es geht. Ob es überhaupt um etwas geht, oder ob ich nur Futter für die Illusionen und Hirngespinste eines Verrückten bin. Trotzdem nicke ich mit Selbstverständlichkeit. Der junge Mann schiebt seinen Hut zurück und wischt sich mit dem Handrücken über die Stirn, auf der winzige Schweißperlen glänzen. Fast unmerklich schüttelt er den Kopf, als würde er mir nicht glauben.

Ich sehe noch einmal hinab auf meine Handfläche.

»Mad Casino«, sage ich und nicke ihm zu.

Er antwortet nicht. Hat seinen Blick längst von mir abgewandt und blickt aus leeren, fahrigen Augen. Dann tippt er schweigend an seine Hutkrempe, nickt leicht und verlässt meinen Fahrstuhl. Ich schiebe einen Fuß zwischen die Türen, damit sie sich nicht schließen und sehe ihm nach. Er geht zügigen, fast gehetzten Schrittes durch die Halle, wartet kurz, bis der nächste Fahrstuhl eintrifft und steigt ein. Er blickt kurz auf seine Hand, in der ich von Weitem die Ziffern schimmern sehe. Dann drückt er mehrere Knöpfe. Als sich die Türen schließen, steht er wieder in der Mitte der Kabine und verschränkt die Arme vor der Brust. Legt den Kopf ein wenig in den Nacken und lässt helles Licht unter seine breite Hutkrempe. Sein Blick trifft meinen. Blutunterlaufene Augen, eisiger Schauer. Die Tür schließt sich. Ich höre das leise Rattern, als der Fahrstuhl sich in Bewegung setzt. Und zum zweiten Mal in den letzten Minuten geschieht etwas, das ich nicht für möglich gehalten hätte: Der kleine Bildschirm über dem Fahrstuhl, der die Stockwerke anzeigt, die die Kabine passiert, beginnt zu zählen. Aber nicht aufwärts. Sie zählt abwärts. 49, 48, 47 … Ich starre auf die Zahlen, bis sich meine eigene Tür langsam schließt. Wie hat er das gemacht? Die Fahrstühle fahren für den normalen Nutzer nicht weiter als bis zum 50. Stockwerk. Darunter kommt nichts mehr. Nichts mehr als leere, verdreckte, unbewohnte Stadt, die vermutlich nicht einmal mehr von Wartungsarbeitern betreten wird.

Es schüttelt mich und ich brauche ein paar Sekunden, um mich wieder zu fangen. Was habe ich da gerade gesehen? Was ist gerade passiert? Ich schüttele einmal den Kopf, weiß noch nicht, was ich damit anfangen soll, oder ob ich gleich aus einem wirren Traum aufschrecke.

Meine verheulten Augen brennen wie Chlorreiniger und die Haut darum spannt von meinen getrockneten Tränen. Meine Situation – dieser exakte Moment eigentlich – hätte keine seltsamere Wendung nehmen können.

Nun setzt sich auch mein Fahrstuhl wieder in Bewegung und ich fahre aufwärts.

Ich starre auf die blasse Farbe in meiner Handfläche. Soll ich wirklich zu dieser Adresse gehen? Ich habe das Gefühl, nicht anders zu können.

Dann bekommst du eine neue Timeline.

Timelines lassen sich nicht verändern, nicht erneuern, das ist fast eine Art Naturgesetz unserer Zeit. Eine Timeline ist wie ein weiteres Organ, untrennbar, fast lebensnotwendig, mit dem Menschen verbunden, zu dem sie gehört.

Doch nun ist sie tot und ich bin verloren und würde nichts lieber tun, als mein altes Ich abzustreifen, zu vergessen, neu anzufangen. Eine neue Timeline, ein neues Leben.

Ich weiß nicht, womit ich es hier zu tun habe. Aber ich bin verzweifelt genug, um nach jedem Strohhalm zu greifen. Jedem Hirngespinst nachzugehen.

Ich weiß, es ist ein Fehler. Denn ich glaube, was ich in den Augen dieses Mannes gesehen habe, bevor die Türen des Fahrstuhls sich schlossen, war nackte Todesangst.

Bewusstlos

Metallischer Geschmack. Das Erste, was ich für einen kurzen Moment spüre; und schon wieder das Letzte.

Eine zähe, dickflüssige Masse, die mich umschlossen hält. Schwere, bleierne Dunkelheit.

Metallischer Geschmack, ein Klirren zwischen meinen Ohren.

Luft.

Ich schnappe nach Luft, richte meinen Oberkörper auf, öffne die Augen. Ein stechender Schmerz fährt in meinen Schädel, ich schlage mir reflexartig die Hände vors Gesicht und wiege meinen Brustkorb vor und zurück, vor und zurück – und warte. Ich warte auf … Bilder, Namen, Orte, Geräusche. Auf irgendetwas. Auf Erinnerungen.

Mein Name ist … ist …

Da ist nichts. Da kommt nichts. Kein dumpfes Pochen in den Windungen meines Gehirns, keine aufblitzenden Lichter und keine Stimmen zwischen meinen Ohren. Da ist nichts als grässlicher Schmerz. Und in meinem Schock muss ich feststellen, dass nicht nur in meinem Kopf nichts ist, sondern auch auf ihm. Mit beiden Händen fahre ich über meine Schädeldecke und finde nur blanke, eiskalte Haut. Ertaste knapp über den Schläfen harten, pulsierenden Schorf. Alles schmerzt unter meinen Berührungen, brennt und sticht und hämmert. Ich bin mir ganz sicher, dass das nicht richtig ist. Das ist ganz und gar nicht richtig, ich bin mir sicher, dass da mehr sein sollte als nur Haut. Da sollten Haare sein. Das weiß ich. Aber sonst … Bilder fluten meinen Kopf, Bilder von Häusern, Bilder von Händen und Füßen. Von Straßen und Regentropfen und Telefonhörern. Das Wissen, wie die Welt funktioniert. Ich weiß, was ein Spiegel ist, sehe ihn vor mir, nur mein Spiegelbild daraus ist verschwunden.

Wer bin ich? Wo bin ich?

Mir ist schlecht.

Die Augen zu öffnen, ist ein weiterer Kraftakt. Und es dauert ewig, meinen Blick zu schärfen. Ich fühle mich hilflos wie mit einer alten, analogen Kamera vor den Augen, bei der ich die Schärfe nicht finde, egal in welche Richtung ich das Objektiv drehe.

Verschwommene Umrisse.

Ich friere. Langsam kehren meine Sinne zu mir zurück. Aber keine Erinnerungen. Als meine Augen sich endlich an Licht gewöhnt haben, scanne ich blinzelnd meine Umgebung.

Ein Badezimmer. Hell gekachelt und mit einer Armatur, die meinen Kopf geschmacklos schreien lässt. Von der Decke hängt eine einzelne Glühbirne, nackt und kahl, als hätte ihr jemand die Haut abgezogen. Sie blutet ihr flackerndes Licht in großen Tropfen aus, die zu Boden fallen und sich in langen, unregelmäßigen Schlieren zwischen den Kacheln ausbreiten.

Ich selbst sitze in einer Badewanne, oder so etwas in der Art. Schmutzig und mit abgeplatzten Stellen, die Keramik schmerzt in meinem Rücken. Ich versuche, mich mühsam aufzurichten und auch wenn mir das gelingt, endet die Aktion in einem schmerzhaften Würgereiz, der brennende Säure in meinen Rachen treibt. Ich schlucke ihn wieder herunter und stütze mich, mit wankenden Knien, am Badewannenrand ab. Schnappe nach Luft.

Wo bin ich? Wie bin ich hierhergekommen? Und da ist eine Frage, die mir sehr große Angst macht: Wer bin ich?

Mein Blick wandert über den schwindelerregend weit entfernten Kachelboden auf zittrige Hände, die versuchen, meinen Körper auf der Wanne abzustützen.

Ich zähle meine Finger zweimal, auch wenn sie immer wieder verschwimmen. Den kleinen Finger der linken Hand muss jemand abgebrochen haben, jedenfalls sieht es so aus. Der Teil bis zum ersten Gelenk fehlt, abgebrochen wie ein Streichholz.

Und da ist noch etwas: Eine Zahl. Quer über meinen blassen Handrücken geschrieben, groß und fast so kantig wie ich mich fühle.

354

Ich weiß nichts damit anzufangen. Ich weiß mit überhaupt nichts etwas anzufangen.

Kapitel 2

Es dämmert noch nicht, als ich mich auf den Weg nach Hause mache. Erst als ich das Haus erreiche, wird die Stadt von einer fahlen Sonnenlichtglasur überzogen. Mir ist schweinekalt, mein Kopf hämmert und ich sehne mich nach der Wärme meiner Wohnung. Der beginnende Herbst kühlt die Nächte runter auf Kühlschranktemperatur.

Den ganzen Weg habe ich über die Begegnung im Fahrstuhl nachgedacht. Habe in der Hochbahn die Adresse gesucht, die auf meiner Hand steht. Es gibt keine Mad Hatter’s Street hier oben und es hätte mich auch gewundert. Nur, wenn sie hier oben nicht ist … wenn sie wirklich unten ist – was ist dann dort unten?

Neue Timeline. Die Worte prallen zwischen meinen Schädelwänden hin und her wie ein gefangenes Echo. Mein gesunder Menschenverstand sagt mir, dass ich dort unten wahrscheinlich einer ziemlich heiklen Situation entkommen bin. Dass ich diese Sache wohl lieber vergessen sollte. Mit dem Daumen reibe ich über die blassen Zahlen und Buchstaben auf meiner Haut. Manchmal wird gesunder Menschenverstand wahrscheinlich überbewertet …

Ich laufe einige Schritte an der hellgläsernen Fassade meines Wohnblocks vorbei, biege dann ab, drücke die schwere Tür auf und laufe die wenigen Treppenstufen hinab in den Eingangsbereich meiner Wohnungseinrichtung. Auf der Tür leuchtet Tag und Nacht: Jugendeinrichtung Vanderlife – Digitales Erziehungs- und Wohnprojekt. Gesponsert durch Vanderdam Inc.

Weißes Licht flammt aus dem Nirgendwo auf und lässt den kargen Flur erstrahlen.

Hier bin ich jetzt wieder. Obwohl ich so kurz davor war, dem zu entkommen. Ich muss wieder an die Paradiser denken, die ich in der Bahn gesehen habe; an ihre entspannten Gesichter, die keinen Schmerz zu kennen scheinen und keine Steine in ihrem Weg. Und mir ist schon wieder zum Heulen zumute. Doch ich reiße mich zusammen. Diese eine Nacht habe ich mir einen Aussetzer erlaubt, das wird nicht noch einmal vorkommen. Ich muss meine Timeline ja nicht schmutziger machen, als sie es schon ist.

Ich zögere noch, bevor ich aufschließe. Aber die Standpauke hinauszuzögern, macht es auch nicht besser. Die Tür springt auf und ich würde mir am liebsten sofort die Ohren zuhalten.

»Hallo, Java.« Ihre Stimme klingt unerbittlich. »Es ist halb fünf Uhr morgens. Du solltest in deinem Bett liegen.«

Gequält schließe ich die Augen.

»Ich weiß«, sage ich, während ich im Gehen meine Schuhe abstreife und barfuß über den kühlen Flurboden weiter in Richtung Küche laufe.

»Und warum hältst du dich dann nicht daran?«

Ich wünschte, ich könnte mich einfach in meinem Zimmer einschließen und ihr so entfliehen, doch sie ist in dieser Wohnung überall. Kein Entkommen.

»Ich bin siebzehn Jahre alt …«, sage ich gedehnt und kenne die Antwort bereits.

»Das heißt nicht, dass du nach zwölf Uhr nachts außer Haus sein darfst.«

»Mmh.« Ich lasse mir ein Glas Wasser einlaufen, setze mich damit an den Küchentisch und werfe eine zischende Kopfschmerztablette hinein. Mit halb geöffneten Augen beobachte ich, wie sie sich in weißen Schlieren langsam auflöst.

»Hast du noch irgendwas zu sagen?«, fragt sie mich.

»Nein«, würde ich gern patzig zurückgeben, »habe ich nicht.« Aber eine Software lässt sich nicht provozieren. Statt sich zu ärgern, würde sie mein Fehlverhalten einfach dem Jugendamt melden, das sich dann wieder genötigt fühlt, hier vorbeizuschauen. Damit möchte ich mich nicht auch noch herumschlagen.

»Tut mir leid. Jetzt bin ich da«, sage ich also schwach und nippe an der bitteren, halb aufgelösten Brühe.

Echte Mütter können sicher eine Plage sein, aber wenigstens steckt echtes Leben in ihnen, Emotionen, die man auslösen kann. Die künstliche Intelligenz, die meinen Alltag zu begleiten versucht, wird hingegen immer unbeeindruckt bleiben, immer besonnen reagieren.

»Ich habe das Gefühl, dass es dir nicht gut geht, Java. Willst du darüber reden?« Wahnsinnig gut erkannt, Spürnase.

Ich drehe mein Glas hin und her, dann streife ich den einzelnen Handschuh ab, den ich immer noch trage. Bewege ein paarmal prüfend meine Finger. Die Phantomschmerzen sind wieder da, seit ich erfahren habe, dass sie tot ist. Vorsichtig berühre ich das Stück meines kleinen Fingers, an das sich eigentlich noch ein weiteres Fingerglied anschließen sollte, und zucke sofort zusammen. Verdammt. Es ist so bescheuert. Wo nichts mehr ist, da sollte auch kein Schmerz mehr sein. Gilt auch für die Sache mit ihr.

»Ich mache mir Sorgen um dich, Java«, sagt meine KI-Erzieherin in sanftem Tonfall. Ihre Stimme ist auf eine ganz ekelhafte Art lauwarm. Sie haben ihr eine echte Stimme gegeben, eine echte, warme Frauenstimme. Sie soll wohl die Illusion einer ruhigen, mütterlichen Person erzeugen. Aber es ist die Art, wie sie im Raum klingt. Dass sie aus allen Richtungen kommt und niemals greifbar wird. Das kühlt sie ab.

»Ich bin müde, ich gehe jetzt schlafen«, sage ich, stehe auf und kippe den restlichen Inhalt des Glases runter. Klirrend landet es in der Spüle, ich verlasse die Küche und gehe in mein Zimmer.

Dort lege ich mich noch angezogen auf mein Bett, schließe die Augen und lasse eine angenehme Dunkelheit in meinen Kopf, die meine brennenden Netzhäute kühlt.

»Du sollst vorher Zähneputzen!«, schallt es aus den Wänden, doch ich ignoriere es. Gegen das Innere meines Schädels hämmern die Gedanken und ich bin mir sicher, dass sie der Auslöser für die Kopfschmerzen sind. Mein Kopf ist ein vollgesogener Schwamm, vollgesogen mit emotionalem Ballast, mit Fragen, mit Kram, den ich gerne auswringen würde.

Eine neue Timeline …

Mit einem Ruck richte ich mich wieder auf und setze mich im Schneidersitz auf mein Bett. An der Glaswand gegenüber lasse ich meine Timeline aufleuchten. Eine halbe Zitronenscheibe, das Logo meines Anbieters, verblasst im Hintergrund und macht Platz für mein ganzes Leben, aufgesplittet in tausende Aktionen, Links, Interessen … Die Größeren, Wichtigeren sind hervorgehoben, andere treten in den Hintergrund. Alles, was ich in meinem Leben getan habe, in einer Chronik und wenn man will, auch auf einen Blick. Von ungefähr meinem fünften Lebensjahr an, als ich die Timeline bekommen habe, bis jetzt. Und es wird immer so weiter gehen.

Ich schlucke schwer. Dann wische ich die Timeline mit einem Blick beiseite und zögere einen Augenblick.

»News«, sage ich dann leise und im selben Moment erscheint die Bilder- und Videoflut einer Nachrichtenseite. Ihr Gesicht ist das Erste, was ich sehe.

Suizid noch immer ungeklärt.

Es sind zwei Wochen vergangen, seit sich eine junge Frau vom Gebäude der Hummingbird Timelines Cooperations in die Tiefe gestürzt hat … Noch immer sind die Gründe für ihren Freitod unbekannt … Sie war fester Teil der kulturellen Lebens in Hyalopolis …

Immer noch dasselbe. Immer noch ist sie der Skandal.

Ihr bewegtes Foto tritt im Halbhologramm ein Stück aus dem Glas hervor, blinzelt mit der immer gleichen Bewegung auf mich herab.

Vista.

Blasses Lachen, leichtes Blinzeln und dann der forschende Blick, der mir ins Mark geht. Genauso war es immer.

Tausend kleine Splitter. Sie wird sie nie wieder zusammensetzen können.

Sekundenlang starre ich das Bild einfach nur an und es verquirlt einen schwer verträglichen Emotionsbrei in meinem Inneren. Als meine Augen leicht zu brennen beginnen, blinzele ich schnell und schlage die Augen nieder.

»Schläfst du immer noch nicht?«, schallt es plötzlich durch den Raum und reißt mich aus dem Moment.

»Ich würde ja, würdest du mich lassen«, zische ich. Ich würde mich gern mit jemandem streiten in diesem Moment, aber sie ist nicht auf Streit programmiert. Nichts was ich sage, wird eine andere Reaktion in ihr auslösen als sanfte Strenge. Mit den Jahren habe ich mich an diese Art der Einsamkeit gewöhnt, bei der man ständig mit jemandem spricht und dennoch vollkommen allein ist.

Mit einem resignierten Seufzen wische ich den Bildschirm fort, lasse mich auf den Rücken fallen und starre an die Decke. Neue Timeline, geht es mir noch einmal durch den Kopf. Ein neues Leben anfangen. Ein Leben ohne meinen Erziehungs-Big-Brother und mit perfekter Timeline. Sein wie die Paradiser aus der Hochbahn. Dann wäre ich jemand, auch ohne sie. Könnte das wirklich sein?

»Ich sage das nicht gern, aber dein Verhalten in letzter Zeit wird Konsequenzen haben, Java!«

Ich verziehe das Gesicht.

»Gute Nacht«, sage ich frustriert und meine eigene Stimme vibriert durch meinen Brustkorb.

Das Telefon schrillt. Es schrillt durch meine Träume, bis ich verschwitzt aufschrecke und ein paar Sekunden brauche, bis ich überhaupt realisiert habe, wo ich bin.

»Warum hast du nicht abgehoben?«

Ich blinzele in die unangenehme Helligkeit, die durch die Fenster fällt. Wann legt dieser Idiot endlich auf?

Stöhnend drehe ich mich auf den Bauch und drücke das Gesicht in die Laken. Das Telefon schrillt. Kneife die Augen fest zusammen. Aussichtslos. Jetzt ist an Schlaf nicht mehr zu denken. Mein Rhythmus ist seit Jahren so zerschossen, dass ich mich schon fast daran gewöhnt habe.

Das Telefon klingelt und klingelt. Das Geräusch treibt Schweiß auf meine Haut. Aber ich denke überhaupt nicht dran abzuheben. Irgendwann gibt es endlich Ruhe.

Die Wange ins Kissen gedrückt, starre ich mit unscharfem Blick ins Zimmer.

Mir fällt meine Hand auf, die weit von mir gestreckt über der Bettkante baumelt. Die verschwommenen, schwarzen Flecken auf meiner Haut. Da ist die Erinnerung wieder voll da.

Heute. 21:00 Uhr. Mad Hatter’s Street. Ich habe keine Ahnung, was mich erwartet.

Ich gebe mir einen Ruck und schwinge meine bleischweren Beine aus dem Bett. Mein Kopf schmerzt noch immer, als hätte ich zu viel getrunken. Ich habe zu viel gedacht, deshalb. Das ist viel schlimmer, als zu viel zu trinken.

Ich reiße mich zusammen und gehe, schwankend vom Gedankenkater, durchs Zimmer in Richtung Bad.

Währenddessen warte ich auf ein Guten Morgen meiner Erzieherin, oder ein paar wütende Worte, weil ich nicht ans Telefon gegangen bin. Doch sie schweigt. Ich wünsche mir, sie wäre beleidigt wegen gestern. Aber wahrscheinlich lädt sie einfach ein Update.

Der Blick in den Spiegel ist zum Fürchten. Meine völlig zerstörte Frisur und das zerknautschte Gesicht, in das sich sämtliche Bettfalten gepresst haben, beachte ich trotzdem nur kurz. Spritze mir ein bisschen Wasser ins Gesicht und schrubbe an meinen Zähnen herum.

Am Spiegel wacht meine Timeline auf, die während der vier Stunden, die man mich hat schlafen lassen, im Ruhezustand ihre Updates geladen hat. Ihr hat das wohl gereicht, ihr Ton ist frisch und monochrom wie immer. Im hellen Balken, der meine letzte Aktion wiedergibt, leuchtet ein kleiner Mond.

Ich wende mich von der Timeline ab und sehe mir stattdessen in die eigenen Augen. Um das dunkle Graublau meiner Iris hat sich ein schwammiger Schleier geplatzter Äderchen gebildet. Es fühlt sich so an, als hätte man meine Augäpfel über Nacht in Seife gebadet. Man sollte Kontaktlinsen rausnehmen, bevor man einschläft, das gilt auch für DigiLenses. Ich zwinkere ein paarmal mit schweren, klebrigen Lidern, entferne dann die Linsen und schmeiße die trockenen Dinger in den Müll. Sie kommen mir irgendwie schmutzig vor nach dieser Nacht und ich kann mich auch nicht überwinden, ein frisches Paar einzusetzen.

Für einen Moment ist meine Welt analog. Und fühlt sich seltsam verlangsamt an. Statt pulsierendem Informationsüberfluss spiegeln sich nur Lichtreflexionen auf den gläsernen Badezimmerflächen. Ein paar Sekunden lang genieße ich diese visuelle Stille, dann suche ich in der Schublade unter dem Waschbecken nach meinen DigiGlasses, dem Brillenäquivalent zu den Kontaktlinsen und erwecke die bunte, digitale Welt um mich herum wieder zum Leben.

Ich schlurfe in die Küche und zuerst zum Kühlschrank, der mich sofort registriert. Ungefragt zeigt er mir etwa dreißig Lebensmittel an, die ich meiner aktuellen Blutzusammensetzung nach essen sollte. Nichts von dem, was er mir vorschlägt, habe ich da.

Kurz horche ich in die untypische Stille, warte auf einen Kommentar, oder ein verspätetes: »Guten Morgen, Java.«

Doch sie schweigt noch immer.

Eine Stunde später klingelt es plötzlich an meiner Tür. Klingeln ist dafür allerdings kein Ausdruck. Es handelt sich eher um ein Attentat – ein Attentat auf meine Türglocke, die wahrscheinlich in den nächsten Augenblicken explodiert. Mehrere Sekunden lang vergewaltigt jemand den Sensor vor meiner Tür und versetzt die Wohnung damit in ein ohrenbetäubendes Bimmeln, das mich vom Surfen in der Webciety aufschreckt wie ein Feueralarm.

Ich weiß genau wer dieser jemand ist. Ich hätte es ahnen müssen, als der Computer nichts mehr gesagt hat. Er hat mein Fehlverhalten von letzter Nacht dem Jugendamt gemeldet.

Mein Schädel pocht.

»Ich hab’s gehört!«, rufe ich durch die Wohnung.

Mit zusammengekniffenen Augenbrauen stürme ich zur Tür und versuche, ein einigermaßen entspanntes Gesicht aufzusetzen, bevor ich sie öffne.

Da steht sie.

»Java! Du weilst also noch unter den Lebenden.«

Ich hasse ihre billigen, fliederfarbenen Blusen, die ihr nicht stehen. Ich hasse die Art, wie sie auf ihren Schuhen herumwackelt. Ich hasse den Blick, mit dem sie durch meine Küche schielt, während sie gleichzeitig versucht, mir in die Augen zu sehen.

»Ich denke, du kannst dir vorstellen, warum ich hier bin?«

Sie sitzt an meinem Küchentisch, die Ellenbogen aufgestellt und starrt mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. Ich muss mich zurückhalten, um sie nicht zu packen und aus der Wohnung zu schleifen, bevor sie noch einmal den Mund aufmachen kann. Nur macht sich das leider nicht gut auf der Timeline. Stattdessen stelle ich ihr also mit einem vielleicht etwas zu falschen Lächeln ein Glas Wasser vor die Nase und setze mich ihr gegenüber an den Küchentisch.

»Ich weiß, ich habe in letzter Zeit ein paar Fehler gemacht. Wird nicht wieder vorkommen«, sage ich und setze ein beschwichtigendes Lächeln auf. Ein kleiner Teil von mir hofft, sie innerhalb der nächsten fünf Minuten loszuwerden.

Frau Arlas Brauen wandern noch ein Stück höher.

»Wir machen uns Sorgen um dich!«, sagt sie dann und verzieht dabei die sorgfältig nachgezogenen Lippen.

Wir? Wer sind wir? Sie und ein Computer? Sie und die anderen Behördenfuzzis? Ich bezweifle es.

»Niemand muss sich Sorgen machen, mir geht es bestens«, erwidere ich und nippe an meinem eigenen Wasserglas. Sie soll bitte einfach wieder gehen. Ihr Besuch ist so nutzlos, dass es fast schon wehtut.

»Laut der Meldung, die das Erziehungsprogramm vor ein paar Stunden gesendet hat, warst du gestern die ganze Nacht nicht zu Hause. Bist erst um halb fünf zurückgekommen. Heute Morgen gehst du nicht ans Telefon, als ich dich anrufe. Du sollst unter ziemlichen Stimmungsschwankungen gelitten haben in der letzten Zeit. Und wenn ich mir deine Timeline so ansehe … Ich finde, das ist ein Grund zur Sorge.«

Ich presse meine Lippen aufeinander.

»Mir geht es bestens«, wiederhole ich.

Frau Arla seufzt leise und streicht sich das dunkle Haar glatt, das sie in imposanten Locken hochgesteckt trägt.

»Wird es nicht langsam Zeit, erwachsen zu werden?«, fragt sie. »Bald bist du volljährig. Du musst Verantwortung für dich selbst übernehmen.« Verantwortung für mich selbst … Was glaubt sie denn, was ich mache?

Ich nicke und lächele breit.

Sie verdreht leicht die Augen und streicht über den Glastisch, um einen Bildschirm zu erzeugen.

»Hast du noch Kontakt zu Schulkameraden?« Ich bemühe mich, nicht die Augen zu verdrehen. Ein Blick in meine Timeline würde genügen, um das herauszufinden.

»Manchmal«, antworte ich und das ist ziemlich beschönigt.

Sie tippt auf dem Tisch herum und ich beobachte, wie sich ihre flinken Finger bewegen. Noch während sie schreibt und ohne aufzusehen, fragt sie weiter.

»Du bist seit einem halben Jahr mit der Schule fertig«, sagt sie. »Hast du mit den Bewerbungen angefangen? Vielleicht nach einer Universität geschaut?« Universität? Ich war auf einer billigen Charter School, mit mittelmäßigen Noten. Habe keine vorzeigbare Timeline. Ich weiß nicht, was sie sich für Illusionen macht, aber mich wird keine einzige Uni nehmen.

»Oder weißt du mittlerweile, wie es sonst weitergehen soll?«

In mir zieht sich wieder dieser grässliche Knoten zusammen. Ich wusste es. Ganz genau. Und alles hätte so verdammt perfekt sein können.

»Ich habe einen Job«, gebe ich zurück und nippe wieder an meinem Glas. Einen Job im Burgerladen …

Frau Arla seufzt wieder, diesmal tiefer und länger. Ihre schlecht gemachten Fingernägel trommeln auf dem Tisch herum.

»Dein Job wird dir keine eigene Wohnung finanzieren«, sagt sie dann und ihre Stimme ist merklich dunkler geworden. »Und auch nicht den Rest deines Lebens. In ein paar Monaten wirst du achtzehn Jahre alt, dann kannst du nicht mehr hier wohnen. Dann musst du dein Leben selbstständig führen. Ohne uns.«

Sie weiß es nicht, denn ich lasse es mir nicht anmerken, doch ihre Worte lösen eine Angst in mir aus, die ich seit zwei Wochen erfolgreich verdränge. Heiß und brennend kriecht sie aus meinem Bauch hoch in meine Kehle.

»Ich finde schon etwas«, sage ich, lehne mich in meinem Stuhl zurück. Widerstehe dem Drang, die Arme um meinen Körper zu schlingen und bleibe bei meinem künstlichen Lächeln.

Frau Arla schweigt für eine anstrengend lange Zeit. Ich kratze mit den Fingern auf dem Stoff meiner Hose herum, um mich zu beruhigen. Hoffe, dass ihr nichts mehr einfällt und sie endlich geht.

»Java, erinnerst du dich an das Gespräch, das wir vor ein paar Jahren hatten? Als du mir gesagt hast, dass du hier rauskommen wirst? Aufsteigen wirst? Dass du ganz oben ankommen willst?«

Ich zucke nur mit den Schultern und kann nicht glauben, dass ich ihr damals noch solche Sachen gesagt habe. Mit welcher Naivität ich diesen Menschen vertraut habe. Geglaubt habe, dass man das einfach so schaffen könnte.

»Hab ich ja noch Zeit zu«, sage ich schließlich, als sie nicht aufhört, mich anzustarren wie ein verhungernder Informationsgeier, der unbedingt etwas in seine Akte tippen muss. Doch sie tippt nicht. Sie schweigt. Ihr Blick wirkt unruhig.

»Hat dein Verhalten in letzter Zeit mit dem … Ereignis vor zwei Wochen zu tun?«, fragt sie plötzlich.

Augenblicklich verkrampfe ich mich auf meinem Stuhl, verziehe das Gesicht. Dieses Mal kann ich es nicht verhindern.

»Nein!«, antworte ich und weiß im selben Moment, dass es zu harsch klingt.

Frau Arla zieht beide Augenbrauen hoch und schürzt ihre Lippen.

»Auf deiner Timeline ist das eine … schwierige Zeit«, sagt sie.

»Nein«, erwidere ich noch einmal und beginne heftig, auf meiner Wange zu kauen. Sie soll einfach gehen und mich endlich in Ruhe lassen.

Sie betrachtet mich mit einem langen, forschenden Blick.

»Ich weiß, es ist schwer … Vielleicht würde es dir helfen, mit einer Psychologin zu sprechen. Damit du ein paar Dinge verarbeiten kannst.« Das wäre das Letzte, was ich will.

»Ich werde … Ich muss mit niemandem sprechen«, sage ich forsch.

»Ich glaube aber, dass es dir helfen -«

»Ich spreche mit niemandem!« Ist das jetzt deutlich genug?

Frau Arla seufzt wieder, doch anscheinend hat sie verstanden.

»Dann eben nicht«, sagt sie und klingt dabei fast wie ein bockiges Kind. Sie schüttelt leicht den Kopf. »Wir haben dir so viel durchgehen lassen, Java. So viel …« Ihre Stimme klingt abwesend.

Ich kaue weiter auf meiner Wange herum.

»Ich habe in letzter Zeit wieder ein bisschen Scheiße gebaut, ist mir schon klar«, sage ich. »Wird nicht wieder vorkommen.« Ich mache eine kurze Pause und unterdrücke den Drang, meine Schläfen zu massieren. Mein Kopf schmerzt und ich will, dass sie endlich geht. »Was muss ich machen?«

Da lacht sie plötzlich leise auf, als hätte ich einen Witz gemacht.

»Ich werde keine Strafen mehr verhängen, Java, damit ist jetzt Schluss. Ich möchte, dass du verstehst, wo du mittlerweile stehst. Und dass du verantwortlich für dein eigenes Leben bist. Hast du immer noch dieselben Ziele wie damals?«

Ich schweige sie an.

»Wenn ja, solltest du anfangen, danach zu handeln.« Ich hasse solche Sprüche.

»Mein Leben ist ja noch nicht vorbei«, sage ich schließlich leise, hauptsächlich, um das Gespräch in Richtung Ende zu drängen. »Ich kriege das schon alles auf die Reihe, machen Sie sich mal keine Sorgen.«

In ihr Gesicht schiebt sich ein Ausdruck von Erschöpfung und Resignation. Für diesen Moment schweigt sie tatsächlich.

»Alles, was fällt, zerbricht. Ist das nicht so?«

Ich blicke auf die Tischplatte, kaue auf meiner Wange herum und lasse mir nicht anmerken, was in mir vorgeht.

Sie seufzt, ganz leise, aber so, dass ich es trotzdem höre. Dann steht sie langsam auf und stützt dabei theatralisch die Hände auf der Tischplatte auf, als hätte unser Gespräch sie mit fünfzig Kilo schwerem Ballast beladen.

»Denk darüber nach«, sagt sie und sieht mich prüfend dabei an. Meine Antwort kommt leicht verzögert.

»Mache ich.«

Ich begleite sie zur Tür.

»Auf Wiedersehen«, sage ich betont höflich und lächele breit.

Sie beachtet mich noch mit einem langen Blick, zieht die Augenbrauen hoch, wie sie das immer macht, dann seufzt sie leise.

»Auf Wiedersehen.«

Als ich die Tür schließe, sinke ich mit der Stirn dagegen. Presse meine Haut fest gegen das kühle Holz und kneife die Augen zusammen. Die Gedanken trommeln durch meinen Kopf, bringen ihn zum Pochen und pulsieren.

Ich hasse dieses Leben. Ich hasse diese Wohnung, ich hasse diese Menschen, ich hasse die Computer-Erzieherin. Ich hasse die Ebene, auf der ich lebe, ich hasse meinen Job. Doch das Schlimmste ist, dass ich weiß, dass ich mein zukünftiges Leben noch mehr hassen werde. Ich habe keine Chance, jemals auf den oberen Ebenen der Stadt anzukommen, jemals jemand zu sein. Ich werde nur weiter fallen.

Fallen. Das Glas zersplittert, als es fällt. Zerberstet in tausend winzige Stücke, die sich explosionsartig zu allen Seiten ausbreiten.

Scharf sauge ich Luft durch meine Zähne und sehe auf meine Hand.

21:00 Uhr, Mad Hatter’s Street.

Keine Zweifel mehr. Man hat mir dieses Spiel angeboten. Ich werde es spielen.

Und wenn ich dabei draufgehe.

Namenlos

Es gibt hier einen Spiegel. Ich sehe ihn aus dem Augenwinkel, zu weit oben und ein bisschen schief angebracht. Dreck und Lippenstift kleben an seiner, von Rissen und Sprüngen durchzogenen Oberfläche. Ich habe Angst hineinzublicken, wirklich schreckliche Angst. Aber ich hoffe sehr, mich dann zu erinnern. Zu wissen … wer ich bin und warum ich hier bin.

Noch immer ist mir speiübel und ich habe nicht das Gefühl, dass das bald vorbei sein wird. Ebenso wie die Kopfschmerzen, die unter meiner Schädeldecke mit Meißel, Hammer und Kettensäge arbeiten. Angesichts dieser Qualen kommt mir die Badewanne sehr verlockend vor. Eine schöne, harte Kante, gegen die ich meinen Kopf donnern könnte, so sehr schmerzt es. Aber zuerst der Spiegel. Das zuerst.

Es sind nur wenige Schritte durch den Raum, aber bei jedem drohe ich umzukippen. Oder mich zu übergeben. Oder vielleicht beides gleichzeitig. Habe ich auch das Laufen verlernt? Wenn das so ist, hoffentlich auch das Reihern, denn ich will nicht, dass es hier auch nach Kotze stinkt. Neben all den anderen seltsamen Gerüchen, die langsam meine Schleimhäute erreichen, jetzt wo meine Sinne langsam wieder zu sich kommen.

Und dann blicke ich in den Spiegel. Sehe ein namenloses Mädchen mit aufgesprungenen Lippen, verquollenen Augen und einer blanken, frisch rasierten Glatze, die die Sicht auf verkrustete Nähte entblößt. Sie ziehen sich seitlich an ihrem Kopf entlang, ein Farbspektrum von Purpurrot bis Grünblau. Fäden stehen ausgefranst daraus hervor, die Haut darum ist blutverfärbt.

Mir wird schwindelig.

Ich kann nicht glauben, dass das ich sein soll. Ich. Schlage mir dir Hände ins Gesicht, ziehe an meinen Wangen, ziehe an meinen rissigen Lippen, dass es weh tut. Greife nach den Narben, zucke zurück vor glühendem Schmerz.

Ich erinnere mich nicht.

Meine Knie geben noch im selben Moment unter mir nach und ich falle unsanft zu Boden. Ein stechender Schmerz schießt durch meine Knie und für einen Moment bleibt mir alle Luft weg. Vielleicht fangen deshalb die Tränen an zu laufen. Denn ich habe nicht das Gefühl, dass ich jemand ist, der viel weint. Oder viel geweint hat.

Kapitel 3

Den Rest des Tages höre ich das Ticken der Uhr: Auf meinem Bett liegend, während ich unkonzentriert durchs Netz surfe. Beim Essen meiner Fertigsuppe. Beim Zähneputzen. Im Halbschlaf auf dem Sofa. Sie zählt die Sekunden runter.

Währenddessen male ich mir aus, was mich dort unten erwartet. Unten. Ich habe nie zuvor darüber nachgedacht, was dort sein könnte und eigentlich kann ich es mir auch nicht vorstellen.

Die Uhr tickt weiter und ich warte.

Um Punkt halb acht springe ich auf wie eine Irre, reiße Schlüssel, Mantel, Schal und ein Paar Handschuhe an mich und verlasse beinahe fluchtartig das Haus.

Derselbe Weg wie letzte Nacht: Zwanzig Stationen bis Eden Park und dann zügig zur Fahrstuhlhalle.

Um diese Zeit sind dort keine Nachtschwärmer, sondern Trauben von Menschen, die von der Arbeit zurückkehren. Die Fahrstühle spucken sie in regelmäßigen Zeitabständen aus wie kleine Insektenschwärme, die auseinanderstieben und sich in der schwirrenden Masse verteilen. Ich dränge mich zwischen ihnen hindurch, bekomme Aktenkoffer an die Beine und Ellenbogen in die Rippen, bis ich endlich einen der Fahrstühle erreiche. Mit mir drängen sich zehn weitere Personen in die Kabine.

Dann geht es abwärts.

Ich mustere die Menschen, die mit mir hier stehen und frage mich, ob einer von ihnen ahnt, was ich vorhabe. Doch sie interessieren sich nicht für mich. Ihre Augen wandern ruhelos über Bildschirme, die nur sie mit ihren DigiLenses sehen können.

Bei jedem Stockwerk gibt es ein leises Pling. Ich zähle mit. 354, 353 … Menschen steigen aus, Menschen steigen ein.

57, 56 … Die letzten fünf Etagen fahre ich ganz allein. Hier unten will schon niemand mehr leben.

Dann kommt der Fahrstuhl zum Stehen. Das letzte, auf normalem Weg erreichbare, Stockwerk. Jetzt wird sich zeigen, was weiter unten liegt. Meine Finger kribbeln und mein Herz schlägt schnell. Zittrig sehe ich auf die Zahlen auf meiner Hand, die ich mir längst eingeprägt habe. Sekundenlang lasse ich meine Hand über den Knöpfen des Fahrstuhls schweben und meine Finger zucken nach den Zahlen, ohne sie zu berühren. Der Moment scheint ewig zu währen, wie der Augenblick vor dem Absprung vom Fünfmeterturm. Der Moment, in dem man sich überwindet. Bevor man sich fallen lässt. Bevor es abwärts geht.

Ich schließe die Augen und beiße mir auf die Unterlippe. Und Absprung.

Mit blitzschnellen Fingern gebe ich alle Zahlen auf einmal ein und ziehe meine Hand dann zurück wie von einer heißen Herdplatte.

Warte. Regungslos, mit angespannten Gliedern und angespannten Nerven. Zunächst passiert nichts, Stille füllt die Kabine und weicht meine Knie zu Wackelpudding auf. Dann knarzt es. Und noch einmal. Ein lautes Quietschen unter meinen Füßen. Plötzlich gibt es einen heftigen Ruck, der mich beinahe umwirft und die Kabine setzt sich wieder in Bewegung. Ich stolpere einen Schritt rückwärts gegen die Fahrstuhlwand und starre auf den Bildschirm über der Fahrstuhlsteuerung. Dort leuchten die Etagen. 49 … 48 …

Ein elektrisierendes Gefühl schießt durch meinen Körper bis in meine Zehenspitzen. Es hat funktioniert! Ich bin auf dem Weg nach unten. Habe die Gesetze der Fahrstühle dieser Stadt außer Kraft gesetzt. Ein ganzer Schwall kribbelnder Genugtuung ergießt sich in meinem Körper und ich kann nicht anders, als das breite Grinsen auf meinem Gesicht zuzulassen. Ich habe überhaupt keine Ahnung, was gleich passiert, oder ob ich jemals wieder hochfahren werde. Vielleicht werde ich abgeknallt, sobald ich unten ankomme. Aber ich muss sagen: Todesangst fühlt sich verdammt gut an.

Ein weiterer heftiger Ruck geht durch die Kabine, als der Fahrstuhl zum Stehen kommt.

Etage 0. Der Erdboden. Das Fahrstuhllicht flackert ein wenig. Mein eigener Atem klingt schnell und laut durch den kleinen Raum und mein eigener Herzschlag hallt in meinen Ohren wider. Scheiße, ist das cool! Ich grinse wie eine Bekloppte und gleichzeitig mache ich mir vor Angst fast in die Hose. Ich weiß nicht, was ich von der ganzen Sache halten soll.

Die Türen reißen auf, wie der Vorhang einer riesigen Bühnenshow. Meine Hände suchen hinter mir Halt an der Wand, doch meine Fingerkuppen gleiten an der glatten Oberfläche ab, als hätte man sie eingeölt.

Mit weit geöffneten Augen starre ich aus den Türen auf das, was erst nur Schwarz ist und sich dann, als meine Augen sich an den Lichtunterschied gewöhnt haben, als Fahrstuhlhalle abzeichnet.

Sie ist wesentlich kleiner als die Halle, aus der ich gekommen bin, und nur matt erleuchtet. Ein paar schlichte Säulen stützen die hohe Decke und werfen lange, ebenmäßige Schatten über den Boden. Nach all dem Trara, ein fast enttäuschender Anblick.

Ich horche nach menschlichen Geräuschen und habe das Gefühl, am Ende der Halle Schritte zu hören. Doch ich bin mir nicht sicher.

Langsam stoße ich mich von der Wand ab und mache ein paar vorsichtige Schritte aus der Tür. Ich überlege noch, sie mir vorsichtshalber geöffnet zu lassen, doch die Kabine schließt sich bereits. Zu spät. Jetzt bin ich hier unten, jetzt gibt es kein Zurück.

Noch ein paar Schritte weiter. Es stinkt ziemlich. Verpestet nach einer ganzen Fusion von ungesunden Ausdünstungen. Die Luft bildet einen unangenehmen Film in meinem Rachen, der sich auch durch ein Räuspern nicht beseitigen lässt. Reflexartig drücke ich mir meinen Ärmel gegen die Nase.

Die Halle ist leer und verlassen, nur die Oberlichter brummen leise vor sich hin. Sie sieht typisch aus, wie eine kleinere Version derer, die ich jeden Tag zu Gesicht bekomme. Ähnlicher Zuschnitt, ähnliche Aufmachung, nur altmodischer. Als hätte man einen dieser Orte aus der Stadt, die nun über mir liegt, in eine Zeitmaschine gesteckt und viele Jahrzehnte in die Vergangenheit transportiert. Nach damals, als die Füße der Menschen noch den Boden berührten.

Trotzdem sieht sie nicht verfallen aus. Es liegt kein Müll herum, keine Glasscherben, keine leeren Flaschen. Nicht einmal Staub.

Plötzlich erklingt das vertraute Pling hinter mir. Ich höre einen ratternden Fahrstuhl zum Stehen kommen und schaue über die Schulter, sehe, wie sich eine Fahrstuhltür öffnet. Gleißendes Licht strömt aus der Kabine, treibt Tränen in meine an die Dunkelheit gewöhnten Augen und verwischt meinen Blick auf die dunkel gekleidete Gestalt, die hastig aus den Türen gelaufen kommt. Ich friere in meiner Position ein, den Arm noch immer übers Gesicht gelegt, den Körper nach hinten verdreht. Blinzele die Tränen fort und schärfe damit einen unheimlichen Anblick.

Die Gestalt, die aus dem Fahrstuhl steigt, trägt eine Gasmaske. Vollständig verhüllt sie ihr Gesicht, nimmt jede Information über ihre Identität und natürlich fehlt auch ihr Timelineschatten. Er existiert hier unten nicht. Ihr tiefer Atem rauscht laut durch die Halle.

Als die Gestalt mich erreicht, ziehe ich reflexartig den Kopf ein, kneife die Augen zusammen. Mein Herz schnellt gegen meinen Brustkorb und fast erwarte ich, dass sie gleich eine Pistole zieht. Doch wenn dieses zweifelhafte Individuum überhaupt Notiz von mir genommen hat, dann habe ich es nicht bemerkt. Ohne auch nur den maskierten Kopf zu drehen, geht die Person an mir vorbei und verlässt, begleitet vom dumpfen Klacken ihrer hart besohlten Anzugschuhe, die Halle.

Ich starre ihr nach, wie sie im dünnen Licht der geöffneten Tür wieder zur Silhouette verkommt und schließlich verschwindet, als hätte ich sie mir nur eingebildet. Verrückt. Diese Gasmaske vor allem …

Es dauert einen Moment bis ich mich wieder gefangen habe und realisiere, dass ich hier nicht einfach stehen bleiben kann. Es wird Zeit mich um meinen Verbleib zu kümmern. Ich muss diese Adresse finden und mich um diesen ominösen Deal kümmern, wegen dem ich hier bin. Herausfinden, worum es bei dieser Geschichte geht.

Ich hole tief Luft und muss davon heftig husten. Die Luft hier ist widerlich. Vielleicht sollte ich mir auch so ein gruseliges Gasmaskending anschaffen.

Bevor ich loslaufe kann, kommt noch ein Fahrstuhl an. Wieder wird eine Person in die Halle gespuckt, die nicht zögert und langbeinig durch das Gebäude sprintet. Keine Gasmaske, doch auch diesem Mann kann ich nicht ins Gesicht sehen. Ein Hut wirft einen dunklen Schatten über sein Gesicht und seine venezianische Maske. Erneut werde ich kaum beachtet, sein Blick streift mich nur ganz kurz. Hastig stößt er die Türen auf und verlässt die Halle. Ich ergreife den Moment und folge ihm, indem ich durch den Spalt der zufallenden Tür schlüpfe.

Noch bevor ich mich überhaupt orientieren kann, werde ich heftig von einer Person angerempelt, die mich kurz aus dunklen Maskenaugen ansieht und dann ohne ein Wort weitereilt. Ehe ich ihr nachsehen kann, ist sie schon wieder verschwunden. Lichter flimmern vor meinen Augen. Ich muss einer anderen Person ausweichen, drehe mich einmal im Kreis, brauche ein, zwei, drei Sekunden, um meine Umgebung zu erfassen. Oben. Unten. Links. Rechts. Gebäude. Fenster. Eine Straße. Ich stehe auf einer Straße. Eine Straße, in deren neblige Dunkelheit tausend bunte Lichter tropfen. Und tausend verschiedene Geräusche. Dunkel gekleidete Silhouetten verschmelzen mit dem Lichtspektakel, das sich über dem aufgebrochenen Asphalt ergießt, eilen in alle Richtungen an mir vorbei. Ich erhasche Blicke auf ihre Masken, ihre tief sitzenden Hüte, ihre wehenden Mäntel.

Noch einmal drehe ich mich im Kreis. Blicke kurz aufwärts, wo sich die Häuser in die flirrende Dunkelheit hinaufwinden. Mir wird schwindelig. Der schmutzige Asphalt unter meinen Füßen beginnt sich zu drehen, Lichter und Eindrücke fluten meine Wahrnehmung. Alles flimmert. Die Menschen, die Schilder, die Hauswände, die gasigen Nebelschwaden, die durch die Luft wabern.

Was ist das für ein Ort? Er entspricht keiner meiner Vorstellungen.

Ich drehe mich noch einmal und versuche, die flimmernden Eindrücke zu ordnen. Die Straße wirkt wie eine surreale Ladenpassage. Riesige Leuchtschilder aus Neonröhren und flackernden Lampen hängen an Türen, Wänden, Fenstern. Gespiegelt werden die Lichter von großen, abgedunkelten Schaufenstern, hinter denen sich Schatten bewegen. Dieser Ort ist gleichzeitig so hell wie die Werbeplakate von Surface City bei Nacht und so dunkel, wie die ominöse Gestalt mit Gasmaske, die irgendwo hier verschwunden sein muss.

Jetzt habe ich die Person verloren, mit der ich eben die Fahrstuhlhalle verlassen habe. Als ich wieder von jemandem angerempelt werde, beginne ich zu laufen. Ich weiß nicht, wohin, folge einfach blind jemand anderem, der gerade aus der Halle gestürmt kommt und nach rechts läuft. Ich muss schnell gehen um mit der Person mithalten zu können und die gasige Luft brennt in meinen Lungen.

Die Straße saugt mich auf wie eine hungrige Stechmücke und ich lasse mich über ihren schmutzigen Asphalt ziehen, während tausende von Eindrücken auf mich niederprasseln, wie große, schwere Regentropfen.

Mehrmals verliere ich den Mann, dem ich hinterherrenne, fast aus den Augen, wenn mein Blick in andere Richtungen gezogen wird.

Ich muss mich konzentrieren, darauf, diese Adresse zu finden.

Mad Casino – Mad Hatter’s Street.

Jetzt wo ich laufe und beginne, die Eindrücke irgendwie zu verarbeiten, fange ich an zu realisieren, wie verloren ich bin. Ich habe keine Ahnung, wie ich zu dieser Adresse kommen soll. Ich bin mir noch nicht einmal sicher, wo genau ich hier gelandet bin. Nur der Straße nachzurennen, bringt vermutlich gar nichts und laut meiner Uhr ist es bereits halb neun.

Ich verlangsame meinen Schritt. Was jetzt? Jemanden fragen? Wenn ich mir die Menschen ansehe, die an mir vorbeieilen, habe ich nicht das Gefühl, von irgendjemandem eine Antwort zu bekommen. Keinem von ihnen kann ich ins Gesicht sehen, alle sind von Masken, Tüchern, Hüten, Brillen verhüllt. Und sie wirken wie irreale, gesichtslose Traumfiguren.

Ich komme mir ganz nackt vor. Bin ich hier die Einzige, die keine Maske trägt? Ich fühle mich wie in einem Traum, in dem man plötzlich splitternackt inmitten einer Menschenmenge steht. Verunsichert ziehe ich meinen Schal hoch bis kurz unter meine Augen.

Für einen kurzen Moment sehe ich mich scheitern. Panik kriecht in meine Kehle, Panik, dass ich jetzt schon aufgeben muss. Dass mein Spiel nicht funktioniert. Dass ich einfach zurückgehen muss und …

Doch die Lösung meines Problems kommt mir im nächsten Moment in rücksichtsloser Geschwindigkeit entgegengebraust. Taxi leuchtet in hellgelben Buchstaben auf dem Dach des dunklen Fahrzeuges, das an mir vorbei in Richtung der Fahrstuhlhalle fährt. Ich folge meinem Instinkt, mache auf dem Absatz kehrt und beginne zu rennen. Der Asphalt ist überhaupt nicht für High Heels gemacht, mehrfach knicke ich um, doch ich würde mir eher die Füße brechen, als stehen zu bleiben. Bevor ich den Wagen aus den Augen verlieren kann, beginne ich heftig zu winken. Schwinge meine Arme hin und her, während ich versuche, beim Weiterrennen nicht zu stolpern.

Ich glaube schon, es nicht mehr zu schaffen, sehe den Wagen schon davonfahren, ohne überhaupt Notiz von meiner Existenz zu nehmen, da bleibt er plötzlich stehen. Die Reifen quietschen und das Geräusch vermischt sich auf unheimliche Weise mit den anderen Geräuschen der Straße, zu einer Symphonie eines Traumes.

Erleichtert hole ich den Wagen ein und reiße ohne zu zögern die Tür zum Rücksitz auf.

»Mad Hatter’s Street«, sage ich ins Auto hinein und zucke zusammen, als sich der Fahrer zu mir umdreht. Auch er trägt eine Maske. Die Augen hinter den Schlitzen wandern ein paarmal auf und ab, dann nickt er mir zu.

Mit einem seltsamen, unguten Kribbeln im Magen steige ich ins Taxi und quetsche mich in den Sitz. Im Rückspiegel kann ich die seltsame Maske des Fahrers sehen.

»Mad Hatter’s Street«, wiederholt er. Durch die Maske klingt seine Stimme dunkel und gedämpft. Das Auto macht im selben Moment einen Satz nach vorn und braust in der gleichen Geschwindigkeit los, wie es vorhin auf mich zugerast kam. Auf den Ledersitzen flackern die Lichter, die von der Straße durch die Fenster scheinen.

Die Fahrt dauert etwa fünfzehn Minuten und der Fahrer schweigt während der gesamten Zeit. Ich versuche, mich auf den Weg zu konzentrieren, die Richtungen einzuprägen in die wir abbiegen, doch die Straßen rauschen so schnell und so hell an mir vorbei, dass ich nichts so richtig erfassen kann. Ich habe das Gefühl, wir fahren durch ein Labyrinth. Ein surreales, gespenstisches Traumlabyrinth und ich weiß, dass ich von hier nie allein zurückfinden würde. Ich habe mir unten als zwielichtige Fahrstuhlkontrollhalle vorgestellt. Oder als staubigen Bunker zwischen völlig verfallenen Häusern. Nur niemals das. Hier scheint es eine ganze, zweite Welt zu geben. Eine zweite Stadt unter der Stadt. Wie konnte das mein Leben lang an mir vorbeigehen? Und wer sind die Menschen, denen ich hier unten begegne?

Als der Wagen ruckartig zum Stehen kommt, werde ich unsanft nach vorn geschleudert.

»Zehn fünfzig«, sagt der Mann hinter seiner Maske, ohne sich zu mir umzudrehen.

Ich werfe einen kurzen Blick aus dem Seitenfenster. Auf der düsteren Straße, auf der wir stehen, leuchten nur vereinzelt ein paar Lichter.

In meiner Jackentasche suche ich ein paar Münzen zusammen, die ich dem Mann in die Hand klimpern lasse.

»Stimmt so.«

Er blickt erst auf die Münzen in seiner Hand, dann auf mich und wieder zurück. Sehe ich Verwunderung hinter diesen Sehschlitzen?

»Nein, das wären dann fünfzehn fünfzig«, sagt er. Nun bin ich verwundert, allerdings kann ich mich damit nicht aufhalten. Und ich will raus aus diesem Wagen. Ich gebe ihm die restlichen Münzen, die er anstarrt wie seltene Insekten, die gerade in seiner Hand gelandet sind.

»Auf Wiedersehen«, sage ich eilig und steige aus dem Auto. Kaum habe ich die Tür zugeschlagen, fährt er auch schon davon. Ich sehe dem Auto noch einen Moment lang nach und wie seine Scheinwerfer lange Lichtstreifen durch die Dunkelheit ziehen.

Dann sehe ich mich um. Das Mad Casino habe ich schnell gefunden, es befindet sich nur ein paar Eingänge weiter. Eine schmale Treppe führt hinab zu einer Tür, über welcher der Schriftzug leuchtet, der es ausweist.

Zögerlich blicke ich nach rechts und links. Keine Menschenseele zu sehen. Mir dürfte in meinem Leben noch kein zwielichtigerer Ort begegnet sein. Dieses Schild, diese Treppe und der leichte Nebel, der sich auf ihr gesammelt hat … Es widerstrebt mir, hinunter zu gehen.

Ein Windstoß fährt durch die Straße und plötzlich spüre ich Regentropfen auf meiner Haut. Schnell werden sie stärker und tupfen die Straße dunkelgrau.

Deal. Neue Timeline. Ich ignoriere meine Instinkte, gebe mir einen Ruck und laufe die Treppe hinab.

Höre ich da Musik?

Vor der Tür hebe ich kurz die Faust und denke darüber nach zu klopfen. Komme mir ziemlich bescheuert vor und lasse es. Stattdessen drücke ich mich einfach gegen die Tür und sie schwingt leicht nach innen auf.

Dahinter ist es hell.

Ahnungslos

Ich lege mich flach auf den Boden, in der Hoffnung, er könne meine Schmerzen aufsaugen. Spreize Arme und Beine von meinem geschundenen Körper und atme die Kälte des Bodens. Sie kriecht in meine Nerven, zieht sich an ihnen hoch, bis sie mich fast vollständig erfasst hat.

Immer noch laufen mir die Tränen über das Gesicht, spülen mir die brennenden Augäpfel aus dem Schädel. Ich glaube zu hören, wie sie auf den Fliesenboden tropfen.

Klong. Klong. Klong.

Wie winzige Perlen aus Blei.

Klong. Klong. Klong.

Und ich habe wieder das Bedürfnis, mich zu übergeben. Oder einfach zu sterben.

Plötzlich – ein Geräusch. Wie ein Schlüssel, der seine Arbeit macht. Ich zucke innerlich zusammen und wäre sicher aufgesprungen, doch meine Muskeln sind kalt und erschlafft.

Die Tür wird geöffnet. Sie befindet sich hinter mir und ich kann sie nicht sehen, nur die Schritte hören, die plötzlich den Raum erfüllen.

Ich höre auf zu atmen. Nun bin ich tatsächlich fast wie tot.

Die Schritte kommen näher.

Ich frage mich nicht einmal, was jetzt passiert, was mit mir passiert. Bleibe einfach liegen, in meiner falschen Totenstarre, mit starren Augen und starrem Körper.

Und ein Gesicht taucht über mir auf. Es ist ein weiches, schönes Gesicht.

»Oh, Puppengesicht.« Ein feines Kratzen zieht sich durch die Stimme, gerade so, dass man es nicht überhören kann. »Puppengesicht, Puppengesicht.« Er kann nicht mich meinen. Mein Gesicht ist ein Minenfeld.

Die Person beugt sich langsam zu mir herunter, eine liebevolle Hand nach mir ausgestreckt. Ihr Körper wirft einen Schatten auf mich und verdunkelt mein eingeschränktes Sichtfeld. Ich fühle mich fast geborgen, auch wenn mein Herz angstvoll gegen meine Rippen klopft.

Poch. Poch. Es schmerzt. Ich glaube, jemand hat meinen Brustkorb – und jeden anderen Teil meines Körpers – in tausend kleine Einzelteile zersprengt, und falsch wieder zusammengesetzt.

Die Finger berühren mein Gesicht und sie sind wie ein Stromschlag. Wecken meine Sinne wieder auf und ziehen mit einem Ruck alle Kälte und alle Starre aus meinem Körper. Nur nicht den Schmerz.

Ich schreie. Einen hohen, lauten, langen Schrei, der meine Schmerzen herausschreien will, der mich wieder in tausend Teile explodieren lassen will.

»Schhh.« Trotz des Kratzens in seiner Stimme, klingt er zärtlich. Lange, stumpfe Fingernägel fahren in beruhigenden Bewegungen über meine Haut. »Ich weiß, dass es wehtut.« Er schüttelt sanft den Kopf und sieht mich mit einer Mischung aus Mitleid und Trauer an. »Was haben sie nur mit dir gemacht?« Beugt sich dann plötzlich zu mir runter, packt mich und reißt mich zu sich in die Höhe. Von der plötzlichen Erschütterung erschlafft, fällt mein Kopf an seine Brust wie ein Baby. Glatter Stoff drückt sich an mein Gesicht.

»Schhh«, höre ich immer wieder. Und noch einmal: »Schhh …« Es sind Töne, die mich auf einer unterbewussten Frequenz tatsächlich beruhigen. Für ein paar Sekunden verschaffen sie mir eine Art Trost und die Hoffnung, dass der Schmerz wieder verschwindet.

Wir bewegen uns durch den Raum und verlassen ihn schließlich. Ich weiß nicht, wohin wir gehen.

Licht. Dunkel. Licht. Dunkel. Ich sehe nur noch die verschiedenen Schattierungen und irgendwann höre ich ein leises Pling. Es kommt mir so bekannt, so bedeutsam vor. Aber ich kann dem Gedanken nicht folgen, im übermächtigen Pulsieren des Schmerzes löst er sich einfach auf.

Fahrstuhl, sagt mir mein auseinandergefallenes Gedächtnis, ohne dass ich es verarbeiten kann. Fahrstuhl.

Und wir fahren.

Aufwärts.

Kapitel 4

Ich kneife die Augen gegen das grelle Licht zusammen und halte mir die flache Hand vors Gesicht. Mein eingeschränkter Blick tastet über den Raum. Verschwommen, überstrahlt. Die Konturen verblassen in überwältigender Helligkeit und die Punkte vor meinen Augen wollen nicht aufhören, zu tanzen.

Mir wird schon wieder schwindelig. Auch nach Sekunden scheinen sich meine Augen nicht an das Licht gewöhnen zu können. Brennende Tränen kämpfen sich ihren Weg zwischen meine zu Schlitzen zusammengekniffenen Lider. Ich wische sie hastig fort und versuche mir schnell darüber klar zu werden, in welche Situation ich hier gestolpert bin.

Die Augen so weit geöffnet wie möglich, verschaffe ich mir einen Überblick über das, was vor mir liegt: Ein mittelgroßer Raum. Tische. Pokertische. Maskierte Menschen ducken sich hinter ihre Karten und die Stapel von bunten Chips, die auf den Tischen immer weiter wachsen. Am anderen Ende des Raumes eine Bar, an der dunkle Gestalten kauern.

Die Szenerie begleitet schwere, elegische Musik mit einem Bass, der klingt, als läge er im Sterben. Sie schallt aus einer Ecke mit großer Musikanlage im Stil eines überdimensionalen Plattenspielers.

Ich blicke hastig nach rechts, nach links, zucke schon in der nächsten Sekunde erschrocken zusammen, weil mich nur zwei Meter von einem maskierten Riesen trennen. Er hält die Arme vor der Brust verschränkt und blickt düster über das schwarze Halstuch hinweg, das den Rest seines Gesichts verhüllt. Für den Bruchteil bin ich beinahe ungläubig erstarrt.

Vorsichtig nicke ich ihm zu. Er nickt zurück.

Für einige Sekunden verharre ich in meiner Position, unschlüssig über meine nächsten Schritte. Wartet man hier auf mich? Erkennt man mich überhaupt? Oder muss ich einen der Anwesenden erkennen?

Ich lasse meinen Blick über die anwesenden Personen gleiten, suche nach dem Mann aus dem Fahrstuhl. Scheitere. Entweder ich erkenne ihn zwischen den ganzen maskierten Gestalten nicht, oder er ist nicht hier. Andererseits könnte hier jeder auf mich warten, er hatte von wir gesprochen.

Der Blick des Türstehers wird währenddessen beunruhigend ungeduldig. Zeit, in Bewegung zu kommen.

Also steuere ich auf die Bar zu. Ein rauchender Typ mit samtiger Vogelmaske steht dahinter und bläst bunte Kringel in die Luft.

»Was zu trinken, die Dame?«, fragt er gedämpft unter seiner Maske. Eigentlich habe ich keine Wahl, ich kann nicht weiter hier herumstehen wie ein verlorenes Kind auf dem Spielplatz.

Ich nicke. Ich werde nicht gefragt, was ich will. Nur zwei Sekunden später halte ich ein dickwandiges Glas in der Hand.

»Bezahl ich später«, sage ich entschuldigend und bekomme nur ein Schulterzucken zurück.

Ich schwenke den Alkohol hin und her. Erinnere mich wieder daran, warum ich nichts mehr anrühren wollte. Der Geruch brennt in meiner Nase und mir wird allein davon schlecht. Schlimme Vergangenheit …

Trotzdem führe ich das Glas kurz an die Lippen. Alibimäßig.

»Willst du spielen?« Eine Stimme von links.

Ich zucke zusammen. Mein Kopf schießt in die entsprechende Richtung und habe plötzlich einen Beutel Pokerchips vor meinem Gesicht. Eine Frau sieht mich mit schräg gelegtem Kopf an.

»Kein Geld«, sage ich hastig und deute dabei auf meine Jackentaschen.

»Kein Geld?« Ihre Stimme ist verwundert. »Hier?«

»Ich bin nur auf der Suche nach jemandem«, sage ich und füge mit einem Seitenblick auf die umliegenden Tische hinzu: »Nach jemandem, der … der mir etwas schuldet.«

Sofort weicht die Frau einen Schritt vor mir zurück, die Augen hinter ihrer Maske fallen in dunkle Schatten.

»Damit kann ich dir nicht helfen«, sagt sie schnell, als hätten ihr meine Worte Angst eingejagt. Sie wendet sich ab, dreht sich fast ruckartig um und verschwindet in eine andere Ecke des Raumes.

Langsam wird die Situation unangenehm. Der Türsteher hat mich ziemlich genau im Blick und sieht nicht so aus, als würde er mich weitere zwei Minuten hier dulden. Und ich stehe hier wie ein alleingelassenes Kleinkind. Dabei muss das hier irgendwie funktionieren.

Ich sehe nervös nach meiner Uhr. Sie zeigt fünf Minuten nach neun.

Als ich schon die nächste Person in meine Richtung kommen sehe, beginne ich mich panisch nach einer schattigen Ecke umzusehen, in die ich mich möglichst unauffällig verziehen kann. Und verharre stattdessen. Jemand beobachtet mich.

Ein junges Mädchen ist aus dem Nichts in meinem Blickfeld aufgetaucht, lehnt mit der Hüfte gegen einen Spieltisch und sieht in meine Richtung.

Eigentlich könnte sie überall hinsehen. Eine verspiegelte Maske verdeckt ihre Augen, lässt ihr Gesicht in glitzernden Lichtreflexionen verschwinden. Aber ich spüre, dass sie mich ansieht. Es ist das physische Gefühl eines Blickes, dieses merkwürdiges Kribbeln, das meine Haut reizt. Erkennt sie mich?

In diesem Moment erschüttert ein lautes Klirren den angespannten Moment. Ich mache einen erschrockenen Satz zur Seite, verdrehe den Kopf nach der Geräuschquelle. Dem Barmann ist ein Glas runtergefallen. Nur ein Glas …

Atmen.

Mein Herz rast.

Er flucht etwas Unverständliches und bückt sich nach den Scherben, die bis vor den Tisch geflogen, überall auf dem Boden verteilt liegen.

Scherben.

Tausende Scherben bilden ihr eigenes Sonnensystem.

»Wenn du gehst … wenn du wirklich gehst.«

Ich ergreife die Flucht. Mit schnellen Schritten, den Fokus auf der Tür, segele ich durch die Spielhölle am Türsteher vorbei und nur Sekunden später stehe ich wieder draußen. In dieser seltsamen Zwischenwelt aus Licht und Schatten, in der es weder richtig hell, noch richtig dunkel ist.

Ich sauge die schmutzige Luft in meine Lungen, kneife die Augen zusammen und schüttele den Fetzen fort, den mein Gehirn mir zugeworfen hat.

Scheiße, Scheiße, Scheiße.

Das Glas mit dem Drink halte ich noch in der Hand, ohne es überhaupt angerührt zu haben. Die Flüssigkeit schwappt vom Schwung meiner Schritte noch hin und her.

Ich muss die Kontrolle behalten, ich habe keine Ahnung was hier unten abgeht.

Frustriert reibe ich mir die Schläfen, kneife die Augen zusammen und versuche, die metaphorischen Zahnräder in meinem Kopf zum Laufen zu kriegen. Die Welt hier unten hat mich seltsam betäubt. Zu viele neue Eindrücke. In manchen Momenten scheine ich vollkommen zu realisieren, wo ich bin. Was für eine Entdeckung ich gemacht habe. Und dann ist das Gefühl wieder verschwunden und mein Denken nicht mehr so klar. Dabei muss mir jetzt etwas einfallen, oder das Spiel ist an diesem Punkt zu Ende.

In meinen Gedanken nehme ich den Schatten, der sich über die Treppe zu mir nach oben bewegt, nur ganz am Rande wahr. Da werde ich auch schon jäh am Arm gepackt und zur Seite gerissen. Sämtlicher Alkohol im Glas ergießt sich über meinem Arm und nur einen Lidschlag später habe ich harte Steine im Rücken und scharfe Fingernägel an der Kehle.

Geistesgegenwärtig versuche ich, mich loszureißen, doch mein Arm klemmt fest zwischen drahtigen, schmalen Fingern. Rauer Stein reibt an meiner Wange. Ich schnappe nach Luft. Verdrehe die Augen, um einen Blick auf meinen Angreifer zu erhaschen, doch da ist nur ein Schatten und ein heftiger Schlag gegen meine Wange.

Vor meinen Augen gibt es eine Explosion. Das Glas rutscht mir aus den Händen, ich höre es auf dem Boden zerplatzen. Ich werde kurz losgelassen, taumele vorwärts, dann wieder rückwärts. Die Wand fängt meinen Fall wieder auf. Ein weiterer Schlag.

Für die nächsten Sekunden bin ich blind. Schmerzen zucken durch mein Gesicht, Blitze tanzen vor meinen Augen. Bevor ich mich neu orientieren kann, werde ich an den Schultern gepackt und an der Wand fixiert. Rauchgeruch weht mir in die Nase, zusammen mit schnellem, heißem Atem.

»Du hattest es versprochen!«, zischt man mir ins Ohr. Ich bin unfähig, irgendetwas zu erwidern, noch zu überrumpelt, um einen klaren Gedanken zu fassen. Aber mir wird klar, wen ich vor mir habe. Die Raucherin, die mich angestarrt hat.

»Du hattest es versprochen und jetzt verschwindest du einfach wieder. Spazierst hier rein, ohne deine Maske, als würde ich dich so nicht erkennen.«

»Ich …« Für einen Moment habe ich vergessen, warum ich überhaupt hier bin. Wer ich bin und wer ich sein soll.

»Ist dir die Sache etwa doch zu heikel geworden?« Die angespannten Kiefermuskeln meiner Angreiferin zucken und vibrieren, während sie mich mit ihren Augen fixiert. »Oder willst du doch nur mit uns spielen? Warten sie schon da draußen? Warten sie schon auf dein Kommando?«

Ihre langen Nägel graben sich in meine Schultern und ihr Körper bebt, so sehr steht er unter Spannung.

»Was …« Ich versuche mich zu sammeln.

»Ich kenne Menschen wie dich«, faucht sie, bevor ich etwas sagen kann. »In eurer Welt zählen die Dinge nicht so. Da ist ein einzelner Mensch nichts wert, Hauptsache, man zieht sein Ding durch. Ist doch so, oder nicht?«

In meinen Augenwinkeln sehe ich noch immer Sterne tanzen, meine Wange glüht. Nur langsam beginnen sich die Zahnräder in meinem Kopf wieder zu bewegen. Quietschend. Rumpelnd.

Sie hat mich erkannt.

Ihre Nägel schneiden noch immer schmerzhaft in meine Schulterblätter und ihre Lippen zucken, als könnte sie es kaum abwarten, noch einmal zuzuschlagen.

»Ich bin es!«, rufe ich aus, weil es das Erste ist, was mir einfällt. Die Wörter ungetrennt und zwischen zusammengebissenen Zähnen hervorgestoßen.

»Oh, vielen Dank für die Info«, erwidert das Mädchen. Sie klingt wie jemand, der sein halbes Leben in einem Schornstein verbracht hat. »Ist mir aufgefallen, als du dich aus dem Staub machen wolltest.« Endlich lässt sie von meinen Schultern ab und stößt mich von sich. »Ich glaub’s nicht, verdammte Scheiße. Ich wusste es! Ich wusste es einfach!«

Ich schlucke heftig und denke. Denke, denke, denke. »Ich wollte nicht -«

Sie lässt mich nicht einmal ausreden. »Glückwunsch zu deinem schauspielerischen Talent. Du musst herausragend gewesen sein. Auf Knien angekrochen kommen. Bettelnd. Ha!« Sie verschluckt sich an ihren eigenen Worten. »Aber ich wusste, dass es kein Zurück gibt. Glass kann nicht einfach irgendeinen Deal machen und uns damit aus der Scheiße ziehen.«

Mein Gehirn kommt endlich in die Gänge.

»Der Deal steht!«, falle ich ihr ins Wort. »Deswegen bin ich hier. Ich war auf der Suche nach … euch.«

Sie bleibt ruckartig stehen und ich kann spüren, wie sie mich durch die spiegelnde Oberfläche ihrer Maske hindurch anstarrt. Kann sie hektisch ein und ausatmen hören.

»Hätte ich abhauen wollen, wäre ich längst nicht mehr hier«, sage ich und lege so viel Selbstbewusstsein und Sicherheit in meine Stimme wie möglich. »Das kannst du mir jetzt glauben oder nicht.« Ich schlucke heftig, lasse mir all ihre Worte durch den Kopf gehen. »Aber ich denke, wir haben beide keine andere Wahl.«

Sie presst die Lippen aufeinander. Sekundenlang herrscht angespanntes Schweigen.

»Das will ich hoffen«, zischt sie schließlich unter zusammengebissenen Zähnen. »Zu deiner eigenen Gesundheit, will ich das wirklich für dich hoffen.«

Ich betrachte sie mit knirschenden Zähnen. Hat das gerade wirklich geklappt? Hat sie mir das wirklich abgekauft?

Ich neige fragend den Kopf, woraufhin sie leicht die Nase rümpft und die Lippen verzieht. Sie mustert mich von Kopf bis Fuß und scheint noch über irgendwas mit sich selbst zu debattieren. Dann gibt sie sich anscheinend einen Ruck, kommt hastig wieder auf mich zu, packt mich mit ihren Schraubzwingenfingern und zerrt mich mit sich. Ich habe kaum Zeit zu reagieren.

Wir peilen die Tür an. Bevor sie sie öffnet, rückt sie noch einmal ihre Maske zurecht und stößt uns dann beide in das gleißend helle Licht. Mittlerweile spielt noch ein Saxophon zu den Rhythmen, die gegen die Wände trommeln.

Der Türsteher missachtet uns mit stoisch ruhiger Miene, wir laufen die paar Stufen in den Raum hinab und sie schaut kurz über die Schulter, um mich anzusehen.

»Lust auf ein Spiel?«, fragt sie mit bissigem Unterton, während wir wieder in die schwermütige Atmosphäre der Spielhölle eintauchen. Und schon im nächsten Moment werde ich durch den Raum an einen der Pokertische gezogen. Drei Spieler sitzen daran, eine Frau und zwei Männer. Einer, der mir den Rücken zukehrt, legt gerade seine Karten ab. Ich kann das Blatt nicht sehen, doch seine Gegner stöhnen leise auf. Er greift mit langen Armen einmal quer über den Tisch und lässt einen Stapel Chips in seinem Schoß verschwinden.

Die Raucherin, die mittlerweile gnädigerweise meine Hand losgelassen hat, tritt unsanft gegen seinen Stuhl.

»Bist du jetzt fertig?«, zischt sie unter zusammengebissenen Zähnen.

Ich kann die Blicke seiner Mitspieler auf mir spüren, die sich plötzlich hastig und wortlos erheben und vom Tisch verschwinden, als hätte ihnen etwas Angst eingejagt. Der verbleibende junge Mann jedoch ignoriert ihren Tritt und lehnt sich gelassen zurück.

»Ganz ruhig, Pin.« Seine Stimme ist tief, wie der sterbende Bass. »Keine Hektik. Ich bin hier. Wir haben Zeit, entspann dich.«

Pin, wie meine Angreiferin also heißt, flucht etwas Unverständliches.

»Du kannst mich mal, Q«, giftet sie dann. »Du vergnügst dich und lässt mich alles allein machen.« Mit ihren Worten schwingt ein leichter Akzent. Zu stark betonte Vokale, leicht zischend in der Aussprache. Doch ich kann es nicht gleich richtig zuordnen.

Der junge Mann seufzt leise und beginnt mit geübten Bewegungen, seinen Kartenstapel neu zu mischen.

»Dreh dich wenigstens um!«, zischt sie und ich merke, wie vielsagend sie dabei klingen will. Mit verzerrter Miene tritt sie noch einmal gegen seinen Stuhl. »Und setz dieses grässliche Ding ab, es sieht scheiße aus!« Sie versucht ihm die Zeitungsjungenmütze vom Kopf zu reißen, die lange Schatten über seinen Nacken wirft, doch er greift schnell an seine Kopfbedeckung und dreht sich nun ruckartig zu uns um, ein Blitzen in den dunklen Augen.

»Also …« Die Worte ersterben noch im selben Moment auf seiner Zunge. Das Blitzen verschwindet und weicht überrascht geweiteten Augen.

»Ist sie das?«, fragt er. Seine Stimme wird sanft gedämpft von einem dünnen Schal, den er bis über die Nase hochgezogen hat. Nur seine Augen kann ich erkennen, die an mir hoch und runter wandern. Er hebt die Brauen.

»Offensichtlich, ja.« Pin schnaubt. »Hat zwar ihre hübsche Maske nicht auf, aber ihre Hand hat sie nicht versteckt.«

Ich blicke kurz an mir runter, denke zuerst, sie meint die schwarzen Buchstaben, die langsam auf meiner Hand verblassen. Doch sie deutet auf die andere. Die Hand, an der eine Fingerkuppe fehlt. Daran hat sie mich erkannt? An meiner alten Verletzung? Das wäre schon ein gruseliger Zufall …

Sie starrt mich an, ich spüre es durch die Maske hindurch.

»Ich musste mich ja zu erkennen geben«, sage ich verteidigend. Sei überzeugend!, rauscht es durch meinen Kopf.

»Und warum bist du dann abgehauen?«

»Ich bin nicht ab-«

»Wenn du uns nur deinen Leuten ausliefern willst, sag es uns gleich. Dann können wir uns noch mal frisch machen, bevor wir uns in ihre Arme werfen. Vielleicht ein bisschen Parfum auflegen …« Sie versucht sarkastisch zu klingen, aber ihre Stimme schwankt ein bisschen zu sehr.

Q hört ihr überhaupt nicht zu.

»Sie ist tatsächlich hier«, sagt er mit geweitetem, gedankenverlorenem Blick und scheint Pins Zweifel dabei anscheinend völlig zu ignorieren.

»Schön, dass das auch zu dir langsam durchdringt«, knurrt Pin. Saugt Luft durch die Zähne ein. »Ich weiß ja, du nimmst die Dinge nicht so genau. Aber könntest du dich nicht einmal auf das Wesentliche konzentrieren?«

»Das Wesentliche?« Um seine Augen kräuseln sich kleine Lachfältchen.

»Dein Leben zum Beispiel«, zischt Pin mit zusammengezogenen Brauen, die fast hinter der gigantischen Maske verschwinden.

»Mein Leben …« Er klingt belustigt.

»Ich habe für drei Minuten den Raum verlassen«, fährt Pin fort. »Hättest du dich nicht für drei Minuten konzentrieren können? Bei dem, um was es hier geht?«

»Hat doch alles geklappt«, sagt Q und schon wieder kräuseln sich seine Lachfältchen. Ich wüsste gern, wie das Grinsen unter seinem Halstuch aussieht.

»Es hat alles geklappt?«, fragt sie entgeistert. Ihre Augenbrauen heben sich über Ränder ihrer Maske.

Er zuckt mit den Schultern und lehnt sich in seinem Stuhl zurück.

»Ich hätte nicht gedacht, dass sie überhaupt hier auftaucht«, sagt er, als könnte ich ihn nicht hören. »Von daher können wir wohl schon von einem Erfolg sprechen.«

»Du denkst noch mit, ja? Erfolg? Sie ist hier und weiß jetzt, dass wir auch hier sind. Super. Sie ist fast wieder abgehauen. Weiß du, was das bedeuten könnte?«

»Wenn mich meine blutunterlaufenden Augen nicht täuschen, ist sie aber noch hier. Jetzt. Wie vereinbart«, sagt Q. »Weißt du, was das bedeutet?« Auch er hebt die Augenbrauen, doch Pin erwidert nichts. Sie verschränkt nur die Arme vor der schmalen Brust. »Als Glass von einer Lösung gefaselt hat, dachte ich, er halluziniert«, sagt Q. »Ich meine, man hofft ja auf Wunder, aber in diesem Fall … Und jetzt ist sie wirklich hier.« Pin erwidert nichts. Während einiger Sekunden des Schweigens, lasse ich meinen Blick zwischen den beiden hin- und herwandern und die Situation auf mich wirken. Spule alles Gesagte, alles Gesehene wie auf einem Tonband noch einmal ab. Das sollen die Leute sein, die Timelines verändern? Hier unten, an einem Ort, an dem es keine Timelines gibt, dafür anscheinend die ultimative Paranoia? Ein Mädchen, das kaum älter sein kann als ich und ein junger Mann, dessen halbes Gesicht schon so ungesund aussieht, dass es mich nicht wundern würde, wenn er einfach vom Stuhl kippen würde? Für ein paar Sekunden fährt mein Gehirn seinen Überlebensmodus runter und macht Platz für die absolute Absurdität dieser Situation.

Pin durchbohrt mich durch ihre Maske mit ihren Blicken. Ihre vollen Lippen zucken ein wenig, als würde sich auf ihnen ihr Kampf mit sich selbst austragen, den sie innerlich wohl gerade ausficht.

»Setzt euch endlich hin. Ihr fallt auf«, sagt Q, ohne aufzuhören, mich anzusehen und nickt leicht in Richtung der anderen Tische. Wir fallen tatsächlich auf, ein paar Leute starren bereits zu uns herüber.

Ich ziehe einen Stuhl zu mir heran und setze mich. Pin verzieht gequält das Gesicht und setzt sich ebenfalls.

»Beschissener Haufen Verrückter«, murmelt sie. »Manchmal wundert es mich bei keinem von euch, dass ihr auf der Liste steht.«

Q prustet leicht in sein Halstuch.

»Vergiss nicht, dass du auch auf der Liste stehst, Liebes«, erwidert er.

Liste?

»Wenn sie uns alle ausgeliefert hat, muss ich wenigstens niemanden von euch mehr wiedersehen«, sagt sie mit einem Blick in meine Richtung.

»Ich liefere niemanden aus«, antworte ich. »Ich bin wegen des Deals hier und wegen nichts anderem. Ich halte mich daran.«

Mein Gehirn arbeitet derweil heftig an einer Strategie, wie ich überzeugend bleiben kann, bis ich zumindest weiß, ob ich hier bekommen kann, was ich will. Und eigentlich sollte ich gut in diesem Scheiß sein. Ich habe nicht lange genug unter Menschen verbracht, denen man sein halbes Leben vorspielen und es auch noch auf der Timeline wie auf einer Käseplatte präsentieren muss.

»Du willst uns sagen, dass du wirklich hier bist, um uns zu helfen?«, fragt Q.

»Sie kann uns doch viel erzählen«, schiebt Pin dazwischen. »Hier um uns zu helfen … Witzig!«

Ich wechsele meinen Blick zwischen den beiden hin und her.

»Ihr formuliert das falsch«, sage ich dann. »Wir haben einen Deal. Nur deshalb bin ich hier. Ich verfolge nicht die Absicht, irgendjemanden auszuliefern, wenn ihr euren Part einhaltet.«

»Unser Part?«, fragt Pin und verzieht die Lippen. »Also ich werde einen Scheiß tun! Das ist wohl eher Glass’ Part.«

Diesen Namen hat sie eben schon einmal benutzt. Ist das überhaupt ein Name? Glass?

»Das ist mir egal«, sage ich trocken und lehne mich in meinem Stuhl zurück als wäre es das wirklich. »Hauptsache, es passiert etwas.«

Wer auch immer dieser Glass ist, ich hoffe, er macht einen besseren Eindruck als diese zwei bizarren Gestalten.

»Glass … Glass …«, sagt Q und seufzt tief. »Wollte der nicht längst hier sein?«

Pin verzieht nur das Gesicht. Angespanntes Schweigen fällt über unsere seltsame, kleine Zusammenkunft.

»Worum geht es bei der Liste?«, fragt Pin dann plötzlich und ihre Frage trifft mich so unerwartet, dass mir die Sprache wegbleibt. Doch Q kommt mir ohnehin mit einer Antwort zuvor.

»Das weißt du doch selbst, Pin. Sagst du nicht immer, du wüsstest ganz genau, warum wir alle auf der Liste stehen?«

Von welcher Liste reden sie da?

»Natürlich. Jeder kann sich denken, worum es bei der Liste geht, Q«, sagt sie. »Jeder einzelne von uns kann sich seinen Teil denken. Aber bisher hatten wir immer nur Vermutungen«, sagt sie. »Aber sie muss wirklich wissen, was hinter der ganzen Sache steckt. Oder etwa nicht?«

Ihre Blicke scheinen mich zu durchbohren, kalter Schweiß setzt sich auf meine Haut. Drehe alles bisher Gehörte in meinem Kopf hin und her, suche nach Zusammenhängen.

»Ich will Antworten«, zischt Pin, als ich nicht reagiere.

»Ich bin nicht für Antworten hier«, sage ich ausweichend. »Sondern um zu tun, was ihr von mir verlangt. Für meinen Part des Deals.« Ich versuche, das Gespräch in eine nützliche Richtung zu lenken, doch vergeblich.

Q seufzt nur, löst die Hände hinter seinem Kopf und verschränkt sie wieder vor der Brust. Seine Stimme klingt plötzlich ein ganzes Stück ernster.

»Glaubst du wirklich, dass du von einer Person wie ihr eine einfache Antwort erwarten kannst?«

»Ich kann in dieser Drecksstadt überhaupt nichts erwarten«, erwidert Pin. »Aber im Gegensatz zu dir nehme ich diese Sache ernst.«

»Es wird dir auch nicht helfen, die Zusammenhänge zu verstehen. Wir sind hier gefangen, wir haben keine Macht über die Situation. Entspann dich Pin, genieß, was du noch hast.«

»Ich werde überhaupt nichts akzeptieren! Ich will wissen, um was es geht. Was mich erwartet.« Ihre Stimme ist weinerlich geworden und die Röte in ihrem schmalen Gesicht verstärkt sich noch.

Sie wendet sich wieder an mich. »Es ist … wirklich wichtig. Sag mir, was du weißt! Sag mir endlich, was wirklich gespielt wird, sonst …«

Ich presse die Lippen aufeinander. Schweige. Wechsele nur einen langen wortlosen Blick mit Pins verzweifelter Miene und den Augen, die ich hinter dieser Maske erahne.

»Du weißt es!«, spuckt Pin mir ins Gesicht. »Du weißt es ganz genau. Sag es mir! Sag mir …«

»Komm runter, Pin«, fällt Q ihr ins Wort. Sein Tonfall ist beinahe gelangweilt.

Pins Lippen beginnen zu zittern. »Keine Ahnung, was du für Drogen in dich reinschaufelst, um runterzukommen, Q. Aber es ist nur ein paar Stunden her, dass …« Sie ringt nach Luft. »Er ist tot! Kriegst du das in einen Kopf? Tot! Hier unten sterben Menschen«, knurrt sie atemlos. »Sie. Sterben. Und es wird nicht einfach aufhören. Nicht einfach so. Wenn sie nicht funktioniert, sind wir geliefert.«

Meine Gedanken erstarren. Hier unten sterben Menschen.

Er ist tot. Tot. Das hat einen so unangenehmen Widerhall, hoch und schrill und …

Zum ersten Mal wird ihre Paranoia irgendwie greifbar. Und dieser Ort bekommt einen ganz neuen Beigeschmack. Die Erinnerung an den Mann im Fahrstuhl, seine Augen, die Angst in seinem Blick, wird wieder lebendig.

»Beruhig dich endlich!«, sagt Q. »Verlier nicht schon wieder die Nerven.« Pin zieht mit zusammengekniffenen Augen den Kopf in ihren hohen Stehkragen zurück. »Sie werden dich auch noch drankriegen, Q«, zischt sie durch zusammengebissene Zähne.

Q antwortet nicht.

Mein Blick wandert unruhig zwischen den beiden hin und her.

Zwei Irre, ein Deal, eine Verwechslung, irgendeine Liste. Tote.

Tote.

»Also, was ist der Plan?«, fragt Pin in das angespannte Schweigen. Ein paar klamme Sekunden lang hängt diese Frage bleischwer im Raum und ich habe das ungute Gefühl, sie nicht unbeantwortet lassen zu können. Wahrscheinlich sollte ich an diesem Punkt besser verschwinden. Ich habe kein Fundament, auf dem ich eine Geschichte aufbauen kann. Kein richtiges Brett, auf dem ich dieses Spiel spielen kann.

Ich zögere.

Pin öffnet schon den Mund, will anscheinend protestieren und wendet dann plötzlich den Blick von uns ab. Bleibt an etwas hängen, das hinter mir liegt. Ich drehe mich sofort um und blicke in die Richtung, in die auch sie sieht.

Jemand hat das Kasino betreten. Regenwasser tropft aus seinem vollgesogenen Mantel und von der Krempe seines Huts. Er nimmt ihn ab, fährt sich durch das nasse Haar und überstreckt seinen Nacken, sodass das Deckenlicht über seinem Gesicht schmilzt wie flüssiger Käse. Dann lässt er seinen Kopf wieder nach vorn fallen, zieht sein Gesicht aus dem gleißenden Lichtschleier und schaut durch den Raum. Schaut zu mir. Ein langer, forscher Blick, der mir trotz der Entfernung einen Schauer über den Rücken jagt.

»Da ist er«, höre ich Pin sagen. »Endlich.«

Die Gestalt setzt ihren Hut wieder auf und läuft mit federnden Schritten die Treppe hinab ins Kasino. Für einen Moment übertönt das Quietschen seiner nassen Sohlen die plärrende Musik.

»Endlich«, zischt Pin, als er unseren Tisch erreicht hat. »Wir haben ewig gewartet.«

Doch er ignoriert Pins Worte, begrüßt niemanden, nimmt auch nicht Platz, sondern sieht mich schweigend an. Sekundenlang. Mit zuckenden Mundwinkeln und angespanntem Gesicht.

Er ist eine drahtige Gestalt, hochaufgeschossen und schmalgesichtig, mit hohen Wangenknochen und ungleich sitzenden, blassen Augen. Die markanten Lippen stehen ein paar Millimeter zu weit aus seinem Gesicht.

Er hat nicht die Art Gesicht, für die man in Surface City sterben würde, aber die Art Gesicht, an der ich unweigerlich hängen bleibe.

In seinen Augen bildet sich ein Schleier verschiedenster Emotionen ab und ich kann keine davon zuordnen. Nur zurücksehen, gefangen von seinem Blick und unwissend, wie ich die Situation auflösen soll. Ist das Überraschung in seinen Augen? Zweifel? Erkennt er, dass ich nicht die bin, für die mich hier anscheinend jeder hält. Für einen Moment kommt es mir fast so vor.

Dann zerreißt er die Spannung.

»Da bist du also«, sagt er. Ein feiner Wassertropfen löst sich aus einer Haarsträhne und rollt über seine Schläfe, über seine Wange, über sein Kinn …

Er blinzelt.

Ich blinzele.

»Ja … da bin ich«, erwidere ich eine Spur zu leise.

Er nimmt wieder den Hut ab und fährt sich noch einmal durch das feuchte Haar. Es saß wohl einmal in einer Frisur, jetzt hängen ihm die nassen, dunkelblonden Strähnen in die Stirn.

Im Gegensatz zu allen anderen, die ich bisher gesehen habe, ist sein Gesicht nicht verhüllt. Kein hoher Kragen, der seine Züge mit Schatten überspielt. Keine Maske. Kein Tuch. Keine Handschuhe. Nur der lange, vollgesogene Mantel, den er nun abstreift und achtlos über den stoffbezogenen Tisch wirft.

Er sieht noch einmal durch den Raum, dann zu mir und setzt sich schließlich auf einen der freien Stühle.

»Hatten wir nicht einundzwanzig Uhr verabredet?«, fragt Pin und verschränkt wieder die Arme.

»Pin dachte schon, die Liste hätte dich verschlungen«, sagt Q mit einem leisen Lachen, das sein Tuch zum Kräuseln bringt.

Der junge Mann verzieht kurz das Gesicht und ich weiß nicht, ob er belustigt oder genervt ist. Als Q ihm ein Glas Alkohol rüberschiebt, das bisher neben ihm stand, winkt er nur wortlos ab.

»Ich hatte noch Sachen zu erledigen«, sagt er kühl.

»Es ist schön zu hören, wo du deine Prioritäten setzt«, erwidert Pin.

Glass lehnt sich wortlos zurück, lässt seinen ernsten Blick nachdenklich in die Ferne schweifen.

Ein angespanntes, unangenehmes Schweigen fällt über uns und ich zähle plötzlich die Sekunden. Beobachte den jungen Mann, wie sein Gesicht in der Überblendung der Deckenbeleuchtung zergeht. Beobachte Q und Pin, die ihn anstarren.

»Er weiß es noch nicht, Pin«, sagt Q plötzlich.

Glass’ Blick erwacht sofort wieder zum Leben.

»Ich weiß was noch nicht?«, fragt er, ohne jemanden anzusehen. Eine nervöse Erregung durchzieht seine Stimme, die den kühlen Unterton bricht.

Die beiden wechseln einen langen, unruhigen Blick. Dann greift Pin nach ihrem Glas und nimmt einen tiefen Schluck.

»Dein Plan hat nicht funktioniert, Glass. Du warst zu langsam.« Sie macht eine kurze Pause und der Drink in ihrem Glas zittert fast so sehr wie ihre Stimme. »Er ist tot.«

Kaum hat sie das ausgesprochen, weiß ich genau, dass es um den Mann im Fahrstuhl geht. Dass ich tatsächlich Todesangst in seinem Blick gesehen habe.

Glass weiß es auch. Es dauert keine Sekunde, bis sichtbar wird, dass auch er das realisiert hat und das, obwohl sein Gesicht keine Regung zeigt. Die geschwungenen Lippen bleiben ruhig geschlossen; kein mahlender Kiefer; kein Zucken seiner Pupillen. Doch in seinen Augen kann ich verfolgen, wie ein Feuerwerk explodiert; es fliegt durch seine Augen, in einer Farbenvielfalt von Emotionen. Es sind nur zwei Lidschläge. Ein, zwei Lidschläge, dann ist das Feuerwerk in seinen Augen wieder verpufft.

»Ich habe mein Versprechen eingehalten«, sagt er dann ohne ein Zittern in der Stimme. Sie ist tief und kühl, nicht so brummend wie die von Q, sondern klar. »Mehr konnte ich nicht tun.«

»Aber es muss jetzt etwas passieren«, quält Pin weinerlich hervor. Sie langt über den Tisch nach dem Drink, der unbeachtet neben Glass steht. »Jetzt sofort.« Setzt ihn sich an die Lippen und kippt sich das Zeug in einem Zug hinter die Binde. Mit verzogenem Gesicht wischt sie sich über die Lippen. »Wann ist das alles endlich vorbei, Glass?«

Glass Augen wandern wieder zu mir. Wir tauschen lange Blicke. Blinzeln. Einmal. Zweimal. Seine Augen wandern an mir auf und ab.

Ob er die Gedankenzahnräder sehen kann, die hinter meiner Stirn rattern?

»Heute«, antwortet er schließlich auf Pins Frage und mein Herz setzt für eine Sekunde aus.

Farblos

Seit Stunden höre ich im Hintergrund das Ticken der Uhr. Es fällt von den Zeigern und prallt dann von Wänden und Böden ab, in jeder Sekunde aufs Neue. Ich zähle nicht mit, aber ich weiß trotzdem, wie viel Zeit vergangen ist.

Nur wo ich bin, das weiß ich nicht genau. Und auch nicht wer ich bin, man hat es mir nicht gesagt.

Ich halte meine Augen geschlossen, weil es mir zu hell ist in diesem Raum. Zu weiß. Mit geschlossenen Lidern schließe ich die Milchglaswände und weißen Laken aus, die mich umgeben und hülle mich selbst in die Farbe meines pulsierenden Blutes.

Meine anderen Sinne kann ich leider nicht abstellen. Den bitteren Zimmerpflanzengeruch, das bleierne Ticken der Uhr. Der widerlich süßliche Geschmack auf meiner Zunge.

In einem geistig umnachteten Moment habe ich daran gedacht zu schlafen, einfach alles hinter mir zu lassen, doch ich verbiete es mir. Ich muss darauf warten, dass etwas passiert. Ich muss mich erinnern.

Ein feines Glöckchen klingelt. Es ist nur ein leiser Ton, aber er wird durch meine Ohren in mein Gehirn getrieben, wie ein Pfahl.

Ich höre, wie eine Tür geöffnet wird. Weiche Schritte. Und wieder taucht das Gesicht über mir auf.

Dieses Mal nehme ich es bewusster wahr. Ein junger Mann. Schön. Er hat zarte Gesichtszüge, sehr symmetrisch. Weiche, rosafarbene Lippen. Veilchenblaue Augen.

Ich zittere.

Er kommt mit weichen Schritten auf mich zu und setzt sich zu mir an die Bettkante. Es federt ein bisschen und ich spüre die Verlagerung der Matratze in allen Knochen.

»Bald wird es dir besser gehen«, sagt er und lässt seine Fingerspitzen einen Moment lang über meiner Wange schweben, als wolle er sie berühren. Doch stattdessen greift er nach meiner Hand.

Er sieht mich sehr lange an, als würde er etwas suchen. Ich weiß nur nicht was.

Diese Lippen, diese Nase, diese weiche Haut … Ich lasse seine Züge auf mich wirken, lasse den Anblick auf mich einprasseln. Kratzt da das warme Gefühl einer Erinnerung an meinen Schädelwänden? Ich kneife die Augen zusammen. Aber nein, da ist nichts. Ich kenne ihn nicht.

»Wer?«, bringe ich schließlich hervor. Er lächelt sanft und fast ein bisschen mitleidig, aber ich kann in seinen schönen Zügen nicht gut lesen. Sie sind wie eine Maske.

Meinte ich ihn mit der Frage, oder mich? Ich habe es schon wieder vergessen.

»Linux«, antwortet er und blinzelt mit den langen Wimpern. Sie werfen feine Schatten über seine Wangen.

Kapitel 5

Ich verlasse das Kasino gemeinsam mit Glass. Die anderen beiden Gestalten bleiben in der Spielhölle zurück.

Es hat aufgehört zu regnen und die vielen Lichter reflektieren auf der spiegelglatten Nässe der Straße. Er scheint den Dunst weggespült zu haben, der bisher in den Straßen hing. Nun ist die Sicht beinahe klar und ich kann den flimmernden Straßenzug hinuntersehen.

Wir schweigen. Keine Fragen, keine Erklärungen. Keine Möglichkeit herauszufinden, was mich erwartet. Wir gehen schnell und zügig und ich habe ein wenig Mühe, mit seinen langen Schritten mitzuhalten.

Ein unangenehmes Gefühl breitet sich in meinem Magen aus, auch wenn ich eisern versuche, es zu ignorieren. Streife ihn mit hektischen Seitenblicken, versuche ihm irgendeine Art von beruhigender Reaktion zu entlocken, doch er vergräbt die Hände in den Manteltaschen und sein Gesicht im Schatten des Hutes.

Ich kaue nervös auf der Innenseite meiner Wange, debattiere innerlich.

Bisher hat alles erschreckend gut geklappt. Sie kaufen mir mein Spiel ab, niemand scheint Zweifel zu haben, dass ich die bin, für die mich alle halten. Anscheinend habe ich eine echte Doppelgängerin, wo auch immer sie ist. Und sie scheinen auch keine andere Wahl zu haben, als mir zu vertrauen.

Trotzdem fühlt es sich an, als würde ich direkt ins offene Messer laufen.

»Was ist mit deiner berühmten Maske passiert?« Mit dieser Frage löst Glass plötzlich die Stille und reißt mich aus meinen Gedanken.

Ich zucke zusammen. Hatte eigentlich erwartet, dass er weiter schweigt. Er sieht aus wie jemand, der schweigt.

»Du trägst auch keine«, erwidere ich ausweichend.

Glass leckt sich über die markanten Lippen und sieht geradeaus. Im Gegenlicht der seitlich liegenden Schaufenster tritt sein Profil hervor.

»Richtig«, sagt er gedehnt.

Ich grabe panisch nach Fragen, die das Gespräch nicht gleich wieder absterben lassen, drehe und wende meine Möglichkeiten.

»Warum hast du ihnen nicht gesagt, was wir vorhaben?«, frage ich schließlich, in der Hoffnung, das Gespräch damit in die richtige Richtung zu lenken.

»Ich möchte sie da raushalten«, antwortet Glass. »Nicht, dass das mein Recht wäre, es betrifft sie genauso sehr wie mich. Aber ich will die Sache nicht komplizierter machen, als sie ist.«

Schweigen. Mir fällt nicht schnell genug eine neue Frage ein und die Stille klingelt in meinen Ohren.

Wir biegen schließlich in eine kleinere, schmalere Seitenstraße ab, in der sich kaum noch Lichter, sondern nur noch dunkle Fenster übereinander stapeln. Ich folge ihm, trotz unguten Kribbelns in meinem Magen.

Ein ganzes Stück laufen wir in die Gasse hinein und ich folge ihm, immer ein kleines bisschen auf Abstand, weil ich mit seinem langen Schritt nicht mithalten kann.

Ich lasse meinen Blick auf seinen Rücken geheftet, bis uns plötzlich etwas den Weg versperrt. Und ich muss dreimal hingucken, bis ich erkenne was es ist: ein Motorrad. Mattschwarz, tief liegende, gebogene Karosserie, messinggoldene Besätze, weit abstehende Räder.

Als Glass darauf zugeht, springt die große Lampe an, die ein Stück vor dem Lenker befestigt ist und wirft einen langen, gelbgoldenen Schein durch die Dunkelheit.

Meine Augen weiten sich. Außer Hochbahnen, elektrischen Rädern und winzigen Drohnentaxis sind in der Stadt keine Fahrzeuge erlaubt. Ein solches Gefährt habe ich noch nie gesehen.

»Deep Citys wenige Vorteile«, sagt Glass, als er meinen Blick bemerkt und im dunklen Licht schleicht sich zum ersten Mal, seit ich ihm begegnet bin, ein sehr blasses Lächeln auf seine Lippen.

»Deep City«, wiederholt mein Gehirn, ohne es richtig zu merken, weil mein Blick noch an der Maschine klebt.

Er wischt das Lächeln sofort wieder vom Gesicht und nickt kühl in die Richtung des Motorrads. Eine Aufforderung aufzusteigen.

Meine Brust beginnt zu kribbeln. Wie war das? Gesunder Menschenverstand wird völlig überbewertet? Ich setze mich schon in Bewegung, als er plötzlich einen Schritt auf mich zu macht und abwehrend die Hand hebt.

»Warte«, sagt er. Seine Stimme hallt halblaut durch die Gasse, prallt an den Häuserwänden ab und wird sofort wieder zurückgeworfen. Seine Lippen zucken ein paarmal, bevor er den Mund öffnet, um etwas zu sagen. »Eins möchte ich noch sagen, bevor wir losfahren.« Sein Blick flackert. »Ich werde dich nicht fragen, was dich zu deiner Entscheidung bewogen hat, Cullinan. Was dich zu diesem Anruf gebracht hat, oder dazu, mir diesen Deal anzubieten. Deine Motive interessieren mich nicht und ich möchte auch keine Erklärungen. Aber ich hoffe wirklich, dass du weißt, dass es hier um mehr geht, als um dich und mich, deine Timeline und eine Software.« Er verzieht die Lippen. »Dieser Deal ist mir sehr ernst. Ich habe etwas wiedergutzumachen und ich werde alles Nötige dafür tun. Ich brauche dich dazu.« Seine Stimme ist dunkel. »Ich vertraue dir nicht. Aber für mich geht es hier um alles. Und ich habe keine andere Wahl.«

Er beendet seinen plötzlichen Wortschwall, räuspert sich leise und streicht sich den Mantel glatt. Sein Blick weicht meinem aus.

»Solange du mir versprichst, dass die Sache mit meiner Timeline so einwandfrei funktioniert, wie versprochen, musst du dir keine Sorgen machen«, erwidere ich und beobachte dabei genau seinen Gesichtsausdruck. Er kneift die Augen zusammen und spannt die Lippen, als hätte irgendein Gedanke ihn gestochen, doch er nickt mit vor der Brust verschränkten Armen.

»Wenn ich dir etwas versprechen kann, dann das«, sagt er kühl. Damit schwingt er sich auf seine Maschine.

»Steig auf!«

Ich zögere noch ein paar Sekunden, kann mich aus irgendeinem Grund plötzlich nicht mehr überwinden. Im Moment meines Innehaltens treffen sich unsere Blicke und ich habe das plötzliche Gefühl, einen vertrauten Blick zu sehen. Einen vertrauten Blick mit lange aufgestauten, alten Emotionen. Da ist eine große Distanz, fast eine Art von Verachtung zum einen und etwas noch etwas anderes …

Er wendet sich ab.

»Du brauchst einen Hut«, sagt er nachdenklich.

Als er den Blickwechsel zerreißt, steige ich endlich auf. Er nimmt sich den Hut vom Kopf, klemmt ihn zwischen seine linke Hand und das Lenkrad. Der Motor springt an und vibriert durch meinen Körper. Glass wartet noch einen Moment, bis ich meine Hände in den Stoff seines Mantels gekrallt habe und gibt dann Gas. Das Motorrad macht einen Satz und schießt in die Seitenstraße wie ein scheuendes Pferd. Ich ziehe reflexartig meine Beine an, aus Angst, meine Schenkel könnten die rauen Hauswände streifen.

Die scharfe Rechtskurve, als wir die Gasse verlassen, drückt mich zur Seite, der Fahrtwind treibt mir Tränen in die Augen. Ich grabe meine Hände noch tiefer in Glass’ Mantel und schon rauschen die Lichter der Straßen an mir vorbei, verzerren sich zu eigenartigen Gebilden aus Farbe, Hauswänden und Geschwindigkeit. Dieses Mal trennt mich keine Taxischeibe davon. Feine Tropfen, die die Räder von der nassen Straße aufwirbeln, fliegen mir in die Augen. Lichter ins Gesicht.

Deep City.

Alles ging so schnell, ich weiß nicht, was ich bis hierhin überhaupt realisiert habe.

Wo bin ich hier gelandet?

Mit halb geschlossenen Augen lege ich den Kopf in den Nacken und sehe aufwärts. Der Fahrtwind pustet mir die Haare aus der Stirn und macht mir den Blick auf unendliche Höhen und die unendliche Dunkelheit der Wolkenkratzer frei. Der Gedanke an das, was dort oben liegt, kommt mir plötzlich sehr unwirklich vor.

Ich kann nicht sagen, wie viel Zeit vergangen ist, als Glass wieder in eine winzige Seitenstraße einbiegt und sein Gefährt zum Stehen bringt. Der Motor verstummt mit einem leisen Brummen und ich steige wackelig ab. Trete fast in eine überdimensionale Pfütze, kann mich gerade noch abfangen und tänzele peinlich unelegant über den unebenen Asphalt.

Ich traue mich kaum, auf meine Schuhe zu sehen. Sie waren teuer, sie waren eines meiner letzten Geschenke und es fühlt sich nicht so an, als würden sie meinen Ausflug überleben.

Glass geht derweil an mir vorbei, im gleichen Tempo, wie vor der Fahrt. Keine Aufforderung mitzukommen, kein weiterer Blick. Ich schließe zügig zu ihm auf und laufe neben ihm her, muss dabei aussehen wie ein Idiot.

»Wir nehmen die Subway für den restlichen Weg«, sagt er, den Blick geradeaus gerichtet. »Mit dem Motorrad kann ich dort nicht aufkreuzen. Außerdem würde ich dem Wiki gerne noch einen Besuch abstatten, wenn das in Ordnung ist.« Er greift derweil in die Brusttasche seines Mantels und zieht eine flache Zigarettenschachtel heraus. Allerdings keine Tabakzigaretten, wie Pin sie im Kasino geraucht hat, sondern die typischen falschen Paradiser-Zigaretten, die nichts für dich tun, außer schön auszusehen. Mit einer schnellen Handbewegung steckt er sich eine an. Zieht daran und bläst hellblauen Dampf in die Luft, der in der Dunkelheit phosphoresziert und sich schon mit dem nächsten Windstoß in der Luft verliert. »Ich muss noch etwas sehen«, sagt er, wohl mehr zu sich selbst als zu mir. »In Ordnung?«, fragt er und wirft mir einen kurzen, prüfenden Seitenblick zu.

Das Wiki … Was auch immer das ist.

»In Ordnung«, sage ich abwesend. Bin kurz gefangen vom bunten Qualm, der sich im aufsteigenden Dunst verliert.

Süßlicher Fruchtgeruch weht in meine Richtung.

Pulsierende Gedanken.

Ich ziehe an meiner Zigarette, puste den duftenden Qualm in die Luft. Strecke meine nackten Beine auf dem Sofa aus und lege den Kopf in den Nacken. Sehe zu, wie der Qualm in der Umgebung verschwindet.

Fühle mich weit entfernt von der Welt und weit entfernt von allem.

Sie beobachtet mich und ich beobachte den Zigarettenqualm. Wie die schimmernden Farben durch die Luft wabern …

»Du hast dich wieder gefangen, was?«, fragt Glass unerwartet und weht den Gedankenfetzen fort.

Ich habe keine Ahnung, was er mit dieser Frage meint.

»Hmmm, ja«, meine ich ausweichend.

Glass lacht ein sehr leises Lachen. »Die große Cullinan«, murmelt er, sodass ich es kaum verstehen kann. Bläst wieder ein bisschen Qualm in die Luft und schiebt die freie Hand in seine Tasche.

Arglos

»Sie haben keine gute Arbeit gemacht«, sagt er ruhig, während seine Finger über meine nackte Kopfhaut fahren. Sie sind weich und fast unnatürlich kühl, betäuben das quälende Brennen und Pulsieren, das an meiner Kopfhaut reißt. Ich beobachte ihn im Spiegel. Seinen glatten Gesichtsausdruck, die Makellosigkeit.

Er salbt mir die suppenden Nähte ein, zweimal täglich, mit schmerzhafter Genauigkeit. Ich zähle die Tage nicht, sie ziehen einfach an mir vorbei, in ihrer ganzen langen, hellen, schmerzhaften Langsamkeit.

»Wer sind Sie?«, frage ich leise. Ich versuche mich noch immer an meine eigene Stimme zu erinnern.

Er sieht mir in die Augen. Blinzelt.

»Erinnerst du dich nicht?«, fragt er und seine Fingerspitzen folgen einer der Nähte. Der Berührung folgt ein brennendes Kribbeln, stechend und schmerzhaft. Ich verziehe das Gesicht, kneife die Augen zusammen.

»Nein«, flüstere ich. »Ich erinnere mich nicht. Ich …«

Sein Gesicht verdunkelt sich. Es ist nur ein kurzes Zucken, eine kurze Abweichung, eine winzige Augenbewegung, dann wird sein Gesicht wieder ganz glatt.

»Was ist los?«, frage ich leise. Linux’ Hände verharren bewegungslos auf meinem Hinterkopf.

»Du musst dich erinnern«, sagt er. »Du musst dich daran erinnern, was passiert ist. Wer du bist.«

»Ich erinnere mich nicht«, krächze ich heiser. »Ich …«

Mein Blick wandert von Linux’ makellosen Zügen zu meinen eigenen, meiner verfärbten Kopfhaut, den aufgesprungenen Lippen … Ich weiß nicht, wer das ist. Ich weiß nicht …

Unkontrollierbare Emotionen brechen sich Bahn, quälen sich plötzlich meinen Körper hinauf, irgendwo aus einem sehr tiefliegenden Kern, bluten in alle Richtungen aus, in meine Adern, meine Muskeln, meine brennenden Augen. Überschwemmen meine Pupillen.

Mein zerschossenes Gesicht verzerrt sich vor meinen Augen.

»Ich kann mich nicht erinnern«, schluchze ich. »Du musst es mir sagen, du musst …«

»Schhh.« Mit dem Handrücken streicht mir Linux über die Wange. »Schhh, Puppengesicht. Du brauchst noch ein bisschen Zeit.«

Kapitel 6

Die Straße, auf die wir ausgespuckt werden, kommt mir erstaunlich bekannt vor. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es sich um die Main Road handelt, von der ich auch gekommen bin.

Hier dominieren grelle Lichter und explosive Farben über das dumpfe Regengrau der Straßen und ein derart beißender Dunst, dass mir die Lunge brennt. Ich versuche, meinen Atem flach zu halten.

Glass schweigt. Die Lichter der Straße flackern über sein Gesicht, schlagen harte Schatten auf sein Profil.

Er wirkt auf eine bizarre Art weltvergessen, mit seinem blanken, nachdenklichen Gesicht im Strom der maskierten Menschen, die an uns vorbeiziehen. Den Blick geradeaus und weit in die Ferne gerichtet, während neben ihm all diese bizarren Schaufenster blinken. Wie die einzig lebendige Person in der surrealen Kulisse.

Wir folgen der Straße eine Weile, bis sie plötzlich zu enden scheint und stattdessen auf ein würfelförmiges Gebäude zuläuft, das sich schwarz und glänzend in den Straßenzug duckt und das gleißend-bunte Licht der umliegenden Gebäude einfach verschluckt. Ein unheimlicher Anblick.

Die Menschen schwärmen wie Insekten darauf zu, verschwinden darin, surren darin, bilden kleine Trauben um die Eingänge. Und auch wir werden schließlich von der absorbierenden Dunkelheit des Würfels aufgesogen und einfach verschluckt.

Das Wiki.

Drinnen ist es taghell. Rauschende Ventilatoren verteilen stickige Luft, das Licht flackert. Die Menschen drängen sich, dicht an dicht, erzeugen eine beklemmende Hitze, die Schwindel in mir auslöst und eine ungewohnte Klaustrophobie.

Fast verliere ich Glass in den ersten Momenten, der keine Rücksicht auf mich nimmt und sich flink durch die Menge schiebt. Ich versuche, ihm zu folgen.

Erfasse dabei fast rauschhaft und in kurzen Blickfetzen meine Umgebung. Einzelne Menschen, einzelne Masken. Habe manche Details scharf im Fokus, andere ziehen verschwommen nach.

Das Innere des Würfels kleiden große holographische Projektionen aus, die über alle Wände flackern, aus dem Boden ragen, mitten im Raum hängen. Zeigen blasse, monochrome Bilder und Schriftzüge. Ich erhasche Zigarettenschachteln und Stadtkarten, Barinterieur, Masken und Revolver. Kasinochips und halbnackte Frauen. Fetzen geschwungener Werbeslogans.

Ich muss die Tränen aus meinen überreizten Augen blinzeln, die meine Umgebung in Unschärfe tauchen.

Als Glass plötzlich stehen bleibt, bin ich noch so gefangen von meiner Umgebung, dass ich es erst nicht bemerke. Allerdings beachtet er mich auch nicht. Er hat die Hände in die Hosentaschen geschoben und steht starr und angespannt mitten in der surrenden Menge, beide Füße fest auf dem Boden, und sieht nach vorn auf ein unbestimmtes Ziel. Er scheint auf etwas zu warten. Das rastlose Gewusel um mich herum treibt mir den Schweiß ins Gesicht. Werfe immer wieder Blicke auf Glass, der neben mir erstarrt ist und folge dann dem nächsten Detail.

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (Buch)
9783960878216
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v489117
Schlagworte
Dystopie-Jugend-Roman-e dystopische Romane Fantasy-Liebe-s-roman-e Sci-ence-Fi-ction-Roman-e Science-Fiction-Bücher Dystopie Liebesroman-e Fantasy für Jugendliche

Autor

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    Emily Dunwood (Autor)

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Titel: Die gefallene Stadt