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Tod nach Regie

von Rhys Bowen (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Constable Evan Evans, der einzige Polizist in dem walisischen Dörfchen Llanfair, soll eine Expedition unterstützen, die einen deutschen Bomber aus dem Zweiten Weltkrieg bergen will. Das Vorhaben wird für eine Dokumentation aufgezeichnet und Evan versucht der Filmcrew zu assistieren.
Nach einigen unglücklichen Geschehnissen regen sich nicht nur die Dorfbewohner über die Filmemacher auf. Auch Evans Leben steht Kopf als er von der früheren Beziehung seiner Freundin Bronwen mit einem Mitglied der Filmcrew erfährt.
Die Spannungen verstärken sich – bis einer der Filmemacher verschwindet und schließlich tot aufgefunden wird. Da Evan nach und nach herausfindet, wie viele Feinde das Opfer eigentlich hatte, wird der Fall zunehmend komplizierter ... Doch wer hat ihn umgebracht und wieso?

Impressum

dp Verlag

Deutsche Erstausgabe Juni 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-695-3

Copyright © 2001 by Rhys Bowen. Alle Rechte vorbehalten.
Titel des englischen Originals: Evan Can Wait

Published by Arrangement with Janet Quin-Harkin.
c/o JANE ROTROSEN AGENCY LLC, 318 East 51st Street, NEW YORK, NY 10022 USA.

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.

Übersetzt von: Lennart Janson
Covergestaltung: Miss Ly Design
Korrektorat: Martin Spieß

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

Dieses Buch widme ich als liebevolle Großmutter meinen beiden neuesten Lesern Sam und Elizabeth.

Ich möchte dem Experten der Spurensicherung Mike Bowers für seine Hinweise zur Zersetzung von Leichen danken. Ich danke Susan Davies und Megan Owen, die in Nordwales meine Augen und Ohren sind. Und wie immer vielen Dank an meine Probeleser und erbarmungslose Kritiker – John, Clare, Jane und Tom.

Llanfair existiert mitsamt seinen Einwohnern nur in meiner Fantasie. Der Rest von Nordwales allerdings ist real, ebenso die Hintergrundgeschichten über den Zweiten Weltkrieg. Es ist wahr, dass ein deutscher Bomber dort spurlos verschwand und die Kunstschätze der National Gallery in einer Schiefermine versteckt wurden.

Kapitel 1

Ob ich mich an irgendetwas aus dieser Zeit erinnere? So klar, als wäre es gestern gewesen. Ich erinnere mich an den Tag, an dem sie mich zum ersten Mal bemerkte. Das war bei Johnny Morgans Abschiedsparty. Er war gerade den Royal Welch Fusiliers beigetreten und sollte nach Frankreich entsendet werden. Er schien sich in seiner Uniform für etwas Besseres zu halten. Und die jungen Frauen sahen das ähnlich. Sie drängten sich um ihn, gaben ihm ihre Adressen und versprachen, ihm zu schreiben. Dann kam sie ins Zimmer. Ich erkannte sie zuerst nicht. Dann sagte jemand: „Mwfanwy? Das ist nie im Leben Mwfanwy Davies.“

Und sie lachte und sagte: „Du hast recht. Ich bin nicht Mwfanwy Davies. Von heute an heiße ich Ginger, Schätzchen. Ginger, wie Ginger Rogers.“ Dabei legte sie einen ziemlich guten amerikanischen Akzent auf.

All die jungen Frauen drängten sich zu ihr. „Deine Mutter wird dich umbringen“, sagte Gwynneth Morgan.

„Das hat sie schon versucht, aber sie kann nicht viel dagegen tun, oder?“ Sie hob eine Hand zu ihrem platinblonden Haar. „Das kann ich wohl kaum rausbleichen. Sie wird warten müssen, bis es rauswächst. Und überhaupt, mir gefällt es und sie kann mir nicht sagen, was ich mit meinem eigenen Haar machen soll.“ Sie schob sich durch den Ring aus jungen Frauen und ging zur Bowle hinüber. „Wartet nur ab, bis ich es nach Hollywood schaffe, dann wird es ihr leidtun, nicht wahr?“

„Wie willst du denn nach Hollywood kommen?“, fragte einer der Jungen. „Ich glaube nicht, dass aus Blenau ein Zug dorthin fährt.“

Ein paar der anderen Kinder lachten, aber Ginger sah ihn kühl an. „Ich schaffe es schon“, sagte sie. „So oder so. Ich weiß noch nicht wie, aber ich werde es schaffen.“

Dann sah sie mich an. Sie hatte unglaublich klare, blaue Augen, die strahlten, wenn sie lächelte. „Trefor, Schatz, holst du mir eine Zigarette?“

Ich war zu jung zum Rauchen, aber ich rannte den ganzen Weg bis zum Laden an der Ecke und kaufte mit den letzten Resten meines Wochenlohns eine Schachtel Woodbines. Ich hatte gerade als Lehrling in der Mine angefangen und bekam nur ein paar Shillings die Woche. Ich habe nur genug fürs Kino und ein oder zwei Bier behalten. Der Rest ging direkt an meine Mutter.

Dann rannte ich den ganzen Weg vom Laden zurück. Bis ich wieder dort ankam, saß Mwfanwy mit Johnny Morgan auf dem Sofa, rauchte eine seiner Zigaretten und hatte mich völlig vergessen.

So lief es mit Ginger. Ich wusste, dass ich auf Abstand bleiben sollte, aber es war zu spät. Ich hatte mich längst in sie verliebt.

Trefor Thomas, Tonaufnahmen seiner Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg.

 

„Ist es das?“ Grantley Smith räkelte sich auf dem Rücksitz und streckte den Kopf zwischen den beiden Insassen auf den Vordersitzen hindurch, als der Land Rover langsamer wurde. Regen trommelte so heftig auf die Windschutzscheibe, dass die Scheibenwischer nicht damit fertig wurden, aber ihr verzweifeltes Wischen erlaubte kurze Blicke auf eine steile, schmale Straße, die von Cottages aus grauem Stein gesäumt war. Einige tropfnasse Schafe weideten am Ufer des Baches, als der Land Rover eine bucklige Steinbrücke überquerte. Es war früher Abend und das Licht schwand rasch, doch aus den Fenstern drangen keine einladenden Lichter. Tatsächlich wirkte das Dorf, als habe es zum Winter dicht gemacht.

„Das ist es“, sagte der Fahrer, ohne sich umzublicken. „Auf dem Schild stand ‚Llanfair‘.“

„Du scherzt“, spottete Grantley Smith mit einer Stimme, die schon mit der des jungen Larry Olivier verglichen worden war. Er wandte sich zu der jungen Frau neben ihm auf dem Rücksitz. „Du musst uns eine falsche Wegbeschreibung gegeben haben, Sandie. Ich dachte, ich hätte dir gesagt, die Beschreibung aus dem Internet auszudrucken. Das kann nicht richtig sein.“

„Ich habe einen Ausdruck, ganz ehrlich, Grantley“, sagte die junge Frau und sah ihn aus großen Augen mit flehendem Blick an. „Wir müssen richtig sein. Wir sind die ganze Zeit genau den Anweisungen gefolgt, während du geschlafen hast.“

„Wir müssen irgendwo falsch abgebogen sein“, beharrte Grantley. „Ich meine, ich weiß, dass wir ein Gefühl für den Ort bekommen sollen, weil wir hier oben drehen werden, aber das heißt nicht, dass ich mich nach einem gemeinsamen Bad mit den Schiefer-Kumpel vor dem Küchenfeuer sehne ...“

Falls er Gelächter erwartet hatte, wurde er enttäuscht. Die anderen Fahrzeuginsassen hatten sich im strömenden Regen von London aus am Steuer abgewechselt, während Grantley auf der Rückbank ausgestreckt geschlafen hatte.

„Wenn die Stelle hier oben ist, hat es keinen Sinn, irgendwo in der Nähe zu übernachten“, sagte der Fahrer mit abgehackter Stimme. Im Gegensatz zu Grantley, der dafür arbeitete, lebhaft und gepflegt auszusehen wie ein junger Lord Byron, wirkte Edward Ferrers mit seiner roten Farbe und kräftigen Statur wie eine übergroße Putte. „Die einzigen großen Hotels stehen an der Küste, und du willst doch nicht jeden Tag diesen Pass hier hochpendeln, oder? Ich muss vor Ort sein, um die Bergungs-Crew im Auge zu behalten. Ich will nicht, dass irgendetwas angefasst wird, wenn ich nicht dabei bin.“

„Edward und sein kostbares Flugzeug“, murmelte Grantley. „Keiner fasst mein Spielzeug an!“ Er holte eine Schachtel Gitanes heraus und füllte den Wagen mit beißendem, würzigem Rauch. Edward sah genervt nach hinten, als der Rauch zu ihm waberte.

„Mensch, Grantley, dann ist das hier oben eben nicht Beverly Hills“, sagte der Passagier auf dem Beifahrersitz in einem schleppenden Tonfall, der eine Herkunft von jenseits des Atlantiks verriet. „Ich glaube einfach nicht, dass du in einem dieser Hotels an der Küste eine bessere Unterkunft gesehen hättest.“ Er war ein älterer Mann, in kariertem Hemd, alter Jeans, Wildlederweste und einer ausgeblichenen Baskenmütze. Wenn er auf dem Rücken einen Aufdruck mit dem Wort „Filmregisseur“ getragen hätte, wäre sein Beruf dadurch nicht offensichtlicher geworden. „Die Unterkunft hier sollte in Ordnung sein.“

„Howard, wir wissen alle, dass du hier der Unerschütterliche bist.“ Grantley stützte seine Ellenbogen auf den Vordersitzen ab, sodass sein Gesicht sich jetzt zwischen ihnen befand. „Deine Definition von ganz in Ordnung entspricht einer Nacht in der afrikanischen Steppe, solange die Hyänen dir nicht die Zehen abkauen. Ein Häuschen mit fließendem Wasser fällt für dich wahrscheinlich schon unter Luxus.“

„Es wird in Ordnung sein, Grantley. Halt einfach die Klappe“, sagte Edward knapp. „Ich habe die Reservierung gemacht, und wenn es dir nicht gefällt, kannst du dir morgen etwas anderes suchen, okay?“

„Ruhig Blut, Edward“, sagte Grantley. „Wenn ihr zwei dieses Schmuckstück ausfindig gemacht habt, ist es ganz sicher perfekt. Ich frage mich nur: Wo zum Teufel ist es? Wir sind schon fast wieder aus dem Dorf raus.“ Er rutschte zum Seitenfenster hinüber und wischte mit der Hand einen Kreis in das Kondenswasser. „Es sieht nicht so aus, als würde ein vernünftiger Mensch hier ein Luxushotel hinstellen. Wartet ... da links ist irgendein Schild. Vor diesem großen, weißen Gebäude ...“

Das Schild schwang wild im Wind und sie brauchten eine Weile, um den roten Drachen darauf zu erkennen.

„Das ist nur der örtliche Pub“, sagte Edward.

„Gott sei Dank! Das Gebäude sah echt miserabel aus.“ Grantley seufzte tief und dramatisch. „Eigentlich sieht hier alles miserabel aus. Schaut euch die Läden dort an. R. Evans. G. Evans ... man muss offensichtlich Evans heißen, um hier zu leben, und was zum Teufel heißt ‚Cigydd‘?“

„Im Schaufenster liegt jede Menge Fleisch, Grantley. Ich glaube, das kannst sogar du herausbekommen“, murmelte Howard, aber Grantley fuhr fort: „Das hier ist verdammtes Ausland! Wessen verrückte Idee war es überhaupt, mitten im Winter nach Wales zu kommen?“

„Du warst begeistert, als ich dir davon erzählt habe“, sagte Edward. „Du warst derjenige, der meinte, das würde eine tolle Dokumentation abgeben.“

Howard legte eine Hand auf Edwards Arm. „Lass uns anhalten und jemanden fragen.“

Edward lachte. „Und wen? Der Ort pulsiert nicht gerade vor Leben.“

Wie aufs Stichwort öffnete sich eine Tür, ein Lichtschein fiel auf die Straße und ein junger Mann in Uniform erschien. Er trug einen marineblauen Regenmantel und als er den starken Regen bemerkte, blieb er im Eingang stehen und schlug den Kragen hoch, eher er auf die Straße hinaustrat.

Grantley lachte erfreut. „Unglaublich, sie haben an diesem gottverlassenen Ort sogar einen Polizisten. Lass ihn nicht entkommen, Edward“, sagte er, weil der Polizist offensichtlich drauf und dran war, loszurennen, um sich irgendwo unterzustellen. „Lasst uns beten, dass er Englisch spricht. Man spricht hier doch Englisch, oder, Edward?“

„Wir sind nicht in Kasachstan, Grantley, sondern in Wales“, sagte Edward. „Ich gehe davon aus, dass sie dich verstehen werden, wenn du ausreichend mit den Armen wedelst, wie du es üblicherweise in Frankreich tust.“

„Mein Französisch ist verdammt gut“, sagte Grantley. „Los, hol ihn ein.“

Sie stoppten neben dem Polizisten, der gehorsam anhielt. Der Regen hatte ihm sein dunkles Haar ins Gesicht gekleistert. Er war ein junger Mann, breitschultrig, mit einem knabenhaften Lächeln. „Kann ich Ihnen helfen, Gentlemen?“, fragte er. In seiner Stimme schwang nur ein Hauch des walisischen, trällernden Tonfalls mit.

„Wir suchen ein Hotel namens Everest Inn.“ Howard lehnte sich über Edward. „Es soll hier in der Gegend sein, aber wir müssen es wohl irgendwie verpasst haben.“

Der Polizist deutete nach links. „Es ist direkt die Straße rauf, hinter dem Dorf. Sie kommen zu großen, steinernen Torpfosten. Biegen Sie da ab und rechts sehen Sie es dann schon. Sie können es eigentlich gar nicht verfehlen.“

„Ist es gut? Ein anständiger Laden?“ Grantley lehnte sich vom Rücksitz nach vorne.

„Ich habe selbst noch nie dort übernachtet, wissen Sie, aber es ist sehr schick“, sagte der Constable. „Soweit ich weiß, hat es fünf Sterne.“

„Na dann, vielen Dank, Officer“, sagte Edward. „Wir halten Sie nicht länger auf. Sie werden ganz nass.“

„Oh, an so etwas sind wir hier gewöhnt, Sir“, sagte der Constable. „Es regnet recht viel.“

Er grinste ihnen freundlich zu und überquerte dann hinter dem Auto die Straße.

„Da habt ihr es. Die ganze Panik für nichts“, sagte Edward, als sie weiterfuhren.

„Panik? Wer war denn hier panisch? Es war nur eine aus Erschöpfung entstandene Sorge.“ Grantley sank wieder in seinen Sitz und zog erneut an seiner Zigarette.

„Das gefällt mir. Du hast die ganze Fahrt über geschlafen.“ Howard lachte trocken.

„Nun, aber wir können nicht alle deine Ausdauer haben, Howard“, sagte Grantley ruhig. „Dieses Durchhaltevermögen, das dir die nächtlichen Märsche durch den Dschungel eingebracht haben, während du Kolibakterien und Cholera trotztest und vermeiden musstest, dass Banden von Kindersoldaten dich mit Macheten zu Tode hacken.“

„Eines Tages gehst du noch zu weit, Grantley“, sagte Howard.

„Oh, das glaube ich nicht“, sagte Grantley. „Ich glaube nicht einen Augenblick daran.“ Er lehnte sich wieder vor und stützte sich auf ihre Schultern, während er durch die Windschutzscheibe blickte. „Schaut mal, da ist es!“

Rechts von ihnen ragte der Umriss eines großen Gebäudes im Regen auf, Lichter funkelten auf dem nassen Asphalt des Parkplatzes. „Ich hatte also offensichtlich recht. Ihr seid irgendwo falsch abgebogen. Wir sind in der verdammten Schweiz gelandet!“

Das Gebäude stellte sich als übergroßes Chalet aus Holz und Stein heraus, mitsamt geschnitzten Holzbalkonen, an denen Kästen mit spätblühenden Geranien prangten.

„Entweder die Schweiz oder Disneyland, da bin ich mir noch nicht sicher“, fuhr er fort und kicherte wie ein Schuljunge. „Es ist erfreulich monströs, oder? Wisst ihr, ich glaube, es wird doch ganz witzig.“

Howard Bauer und Edward Ferres wechselten einen kurzen Blick, den Grantley, der immer noch zur Fassade hinaufblickte, nicht bemerkte.

Kapitel 2

Constable Evan Evans bedauerte häufig, dass das einzige Fenster seiner kleinen Polizei-Nebenstelle auf die Berge blickte und nicht auf die Straße. Erstens konnte er von seinem Schreibtisch aus nicht sehen, was im Dorf vor sich ging – ein Versäumnis, das er bereits mehr als einmal seinen Vorgesetzten gemeldet hatte – und zweitens war es eine ständige Quelle der Ablenkung, zu seinen geliebten Bergen hinaufblicken zu können, wenn er wie heute in Papierkram versank.

Seine vierteljährliche Spesenabrechnung stand aus. Er wusste schon jetzt, dass er eine Rüge dafür erhalten würde, schon Mitte Oktober die Heizung anzustellen, aber seine Vorgesetzten unten in Caernarfon oder im Hauptquartier in Colwyn Bay hatten keine Ahnung, wie kalt es gut dreihundert Meter höher an der Flanke des Mount Snowdon werden konnte. Er blickte aus dem Fenster auf die Berghänge und seufzte. Es war ein strahlend blauer Tag nach fast einer ganzen Woche Regen. Neu entsprungene Bäche stürzten in hellen, parallelen Bändern die Steilhänge hinab. Auf den flacheren Hängen weiter unten leuchtete smaragdgrünes Gras, auf dem Regentropfen wie Diamanten funkelten. Die Schafe sahen aus, als würden sie für ein Bleichmittel werben. Selbst die Felswände leuchteten warm im sanften Novemberlicht.

Ein perfekter Tag zum Wandern oder Klettern, und er saß in seinem Büro fest. Es hatte das ganze Wochenende lang geregnet, sodass er drinnen eingesperrt gewesen war. Er hatte im Fernsehen Rugby geschaut und mit Bronwen Scrabble gespielt. Letzteres war keine schöne Erfahrung gewesen; sie war zu belesen, um ein fairer Gegner für ihn zu sein.

Kaum, dass Bronwen in seine Gedanken trat, glitt sein Blick zu den Mauern des zerstörten Cottages hinauf, das hoch oben über dem Dorf lag. Es hatte einem englischen Paar gehört, bis es von Brandstiftern angezündet worden war. War es ein vergeblicher Traum, zu glauben, dass er es vielleicht wiederaufbauen könnte, um endlich ein eigenes Haus zu haben? Er war sich sicher, dass die englischen Besitzer die Versicherungssumme eingestrichen hatten, und vermutlich nicht mehr zurückkommen würden. Sie wären bestimmt zufrieden damit, es für einen Spottpreis zu verkaufen, aber er bräuchte immer noch die Erlaubnis der Nationalpark-Verwaltung, um es wiederaufzubauen. Dort war man sehr streng, wenn es um Baugenehmigungen ging, aber einen Versuch war es wert. Er zeichnete den Umriss eines Cottages an den Rand seines Notizblockes – mit soliden Mauern und Rauch, der aus dem Schornstein aufstieg –, bis das Klingeln des Telefons ihn zusammenzucken ließ.

„Constable Evans?“ Eine Frauenstimme. „Police Constable Jones hier, aus dem Hauptquartier. Chief Inspector Meredith möchte Sie umgehend sehen.“

„Verdammt“, murmelte Evan beim Aufstehen. Es bedeutete nie etwas Gutes, wenn der Alte ihn umgehend sehen wollte. Als er in seinen Wagen stieg und durch Llanfair, den Pass hinunter und Richtung Caernarfon fuhr, versuchte er herauszubekommen, was er wohl dieses Mal falsch gemacht hatte. Ihm fiel allerdings nichts ein. Der Chief hatte sich bislang eigentlich nur beschwert, wenn er seine Nase in Mordermittlungen gesteckt hatte. Und selbst da konnte er keinen großen Aufstand machen, weil Evan elementar zur Aufklärung mehrerer Schwerverbrechen beigetragen hatte.

Es hatte Zeiten gegeben, dass seine Vorgesetzten ihm nahegelegt hatten, eine Versetzung zu den Zivilfahndern zu beantragen. Doch als er endlich den Sprung gewagt und seinen Antrag eingereicht hatte, war er abgelehnt worden. Oh, sie hatten es ihm sehr freundlich beigebracht. Es habe nichts mit seinen Fähigkeiten oder einem Mangel derselben zu tun, hatte man ihm gesagt. Aber aus Colwyn Bay sei die Anweisung gekommen, mehr weibliche Detectives einzustellen, ehe wieder Männer in Betracht gezogen würden.

Er bog mit seinem Wagen auf den Parkplatz der Polizeistation in Caernarfon ein und atmete tief durch. Er brachte das Ganze besser so schnell wie möglich hinter sich. Gerade als er sich der Tür näherte, trat ein schmächtiger Mann mit sandfarbenem Haar in einem beigefarbenen Regenmantel heraus.

„Hallo, Junge, schön Sie zu sehen“, rief Sergeant Watkins Evan entgegen. „Sagen Sie mir nicht, dass Sie schon wieder eine Leiche gefunden haben – ich habe mein ruhiges Leben der vergangenen Wochen genossen.“

Evan grinste. „Keine Leiche, Sarge. Mein Chief will mich sprechen.“

„Waren Sie wieder ein böser Junge, ja? Haben Sie bei der Spesenabrechnung geschwindelt?“

„Nicht, dass ich wüsste“, sagte Evan. „Ich gehe besser rein und finde es heraus. Die Spannung bringt mich um.“

„Und ich muss zu meiner spannenden Observierung bei Tesco’s zurück.“

Tesco’s? Plant jemand, Supermärkte zu überfallen?“

„Nichts so Glanzvolles. Jemand hat wiederholt Weihnachts-Pudding und Geschenkpapier mitgehen lassen – unverderbliche Sachen, die eine Woche später an Marktständen aufgetaucht sind. Wir glauben, dass es die hiesige Gang ist, aber sie stellen sich ganz gut an. Die Überwachungskameras haben sie noch nicht erwischt.“ Er rollte mit den Augen. „Manchmal glaube ich, das ruhige Leben ist überbewertet.“

Evan betrat das Gebäude und war überrascht von der angenehmen Wärme. Die Heizung lief hier auf jeden Fall, da konnten sie ihm doch kaum seinen kleinen Gasofen missgönnen.

Chief Inspector Meredith war ein dicker, rotgesichtiger Mann mit Hängebacken und hochgerollten Hemdsärmeln. Er sah auf, als Evan in sein Büro trat. „Ah, Evans. Guter Mann. Schön, dass Sie so schnell hergekommen sind.“ Er deutete auf einen Stuhl. „Setzen Sie sich.“

„Stimmt etwas nicht, Sir?“ Die Frage konnte Evan sich nicht verkneifen.

„Nichts dergleichen. Ich habe Sie hierher bestellt, weil ich einen kleinen Auftrag für Sie habe, streng geheim fürs Erste.“ Er lehnte sich vertraulich nach vorne, obwohl sie in dem Zimmer alleine waren. „Das Verteidigungsministerium hat mich um polizeiliche Unterstützung gebeten.“

„Oh, ist das so, Sir?“ Evans Gedanken rasten. Terroristen der IRA oder Libyer könnten just in diesem Moment über die Berge einsickern und er war gerufen worden, um bei ihrer Ergreifung zu helfen ...

„Soweit ich weiß, hat es etwas mit der Bergung eines deutschen Bombers aus dem Llyn Llydaw zu tun.“

„Ein deutscher Bomber, Sir?“ Evan war sich nicht sicher, ob er das richtig verstanden hatte. „Sie meinen ein Flugzeug?“

„Natürlich meine ich ein Flugzeug. Ein deutscher Bomber, der im Zweiten Weltkrieg in den See gestürzt ist. Wie ich hörte, versucht man, ihn zu bergen. Fragen Sie mich nicht, wie man nach all der Zeit darauf kommt. Ich vermute, es ist mal wieder eine verdammte Verschwendung von Steuergeldern. Oh, und eine Filmcrew wird die ganze Sache begleiten, die wollen natürlich nicht, dass ihnen Einheimische in die Quere kommen.“ Er hielt inne. „Ihre Aufgabe wird es sein, die Gaffer fernzuhalten, und dafür zu sorgen, dass bei der Crew alles glatt läuft. Verstanden?“

„Ja, Sir.“ Evan war ernüchtert. Auf einen Schlag vom Terroristenjäger zum Sicherheitsmann degradiert.

„Die Crew wohnt oben im Everest Inn“, fuhr der Chief Inspector fort. „Sie wünschen, dass Sie sich mit ihnen in Verbindung setzen.“

„Ich habe sie schon kennengelernt, Sir“, sagte Evan.

„Wie zum Teufel haben Sie das hinbekommen? Wie ich hörte, haben sie sich ohne großes Tamtam eingeschlichen. Der verdammte Buschfunk von Llanfair, nehme ich an.“

„Nein, reiner Zufall“, sagte Evan. „Sie hielten vor ein paar Tagen an, um mich nach dem Weg zu fragen. Sie sahen wie Leute vom Film aus. Einer trug sogar eine Baskenmütze.“

„Sehr aufmerksam, Constable.“ Der Chief Inspector lächelte Evan herablassend an. Evan erwiderte das Lächeln mit zusammengebissenen Zähnen.

Er stand auf. „Wäre das alles, Sir?“

„Ja, ich denke schon. Gehen Sie zu ihnen, stellen Sie sich vor und bieten Sie Ihre Unterstützung an, wenn sie von Nöten sein sollte. Ich sagte ihnen, dass Sie die Gegend wie Ihre Westentasche kennen. Sie sollten ihnen vielleicht den besten Weg zum See zeigen, sie haben schwere Ausrüstung zu transportieren.“

„Ich hoffe, dass sie gut in Form sind, Sir“, sagte Evan trocken. „Es ist ein recht steiler Aufstieg.“

„Ich denke, sie werden dort hochfahren – mit Land Rovers oder so. Es wird ja wohl irgendeine Strecke geben, über die man mit einem Fahrzeug hinaufkommt, oder?“

„Ich würde da nicht hochfahren wollen“, sagte Evan. „Aber ich schätze, es wäre möglich.“

Der Chief Inspector lächelte Evan an. „Geben Sie Ihr Bestes, Constable. Wir wollen keine Beschwerden hören. Ich hörte, das seien hochkarätige Leute, und Menschen vom Film können temperamentvoll sein.“

„Sehr wohl, Sir“, sagte Evan. „Werden Sie eine Vertretung schicken, die sich um das Dorf kümmert, wenn ich den ganzen Tag in den Bergen unterwegs bin?“

„Ich werde ab und zu einen Streifenwagen vorbeischicken“, sagte der Inspector. „Ich glaube kaum, dass es in Llanfair genug Verbrechen gibt, um dort oben eine zweite Vollzeitstelle zu rechtfertigen.“ Er blickte auf seine Unterlagen. „Ab mit Ihnen.“

Rausgeschickt – wie ein Schüler aus dem Büro des Direktors. „Sehr aufmerksam, Constable.“ Die Worte hallten durch seine Gedanken.

Er ging den Flur entlang und dachte nur daran, in sein Auto zu steigen und so schnell wie möglich nach Llanfair zurückzufahren.

„Sprechen Sie jetzt nicht mehr mit mir, Constable Evans?“

Evan drehte sich zu ihrer Stimme um. „Oh, hallo Glynis, oder sollte ich Detective Constable Davies sagen?“ Sie sah sogar anders aus. Ihr rotes Haar war zu einem glatten Bob geschnitten und sie trug einen sehr maskulinen, grauen Nadelstreifenanzug, der an ihr doch irgendwie weiblich wirkte. „Was machen Sie hier? Ich dachte, Sie wären noch zur Ausbildung im Hauptquartier.“

„Oh, das bin ich auch.“ Sie schenkte ihm ein fröhliches Lächeln. „Ich folge diese Woche Detective Inspector Johnson, und er hat einen Fall, den er mit unserem Detective Inspector Hughes besprechen möchte. Es ist schön, wieder in meinem alten Revier zu sein. Ich hoffe, dass man mich hier einsetzen wird, wenn ich die Ausbildung beendet habe.“

„Dann haben Sie Spaß?“, fragte er.

„Absolut.“ Ein weiteres, breites Lächeln. „Ich hatte die Sorge, dass man sich daran stören würde, dass ich eine Frau bin, aber bisher waren alle sehr hilfsbereit. Sie sind alle unglaublich nett zu mir.“

Vielleicht hat das etwas damit zu tun, dass du mit dem Neffen des Chief Constables ausgehst, dachte Evan.

„Nun, schön Sie wiederzusehen, Glynis“, fügte er hinzu. „Ich muss jetzt wieder an die Arbeit.“

„Dieser Detective-Kram macht wirklich Spaß, Evan“, rief sie ihm nach. „Sie sollten sich bewerben. Sie wären gut darin.“

Er hatte den Anstand, sich mit einem leichten Lächeln zu ihr zu wenden, als er die Tür öffnete. Ihre Worte hallten durch seinen Kopf, als er die Passstraße wieder hinauffuhr. Und sie hatte ihn Constable Evans genannt. Er dachte daran, dass er mal geglaubt hatte, sie würde auf ihn stehen. Er war verdammt noch mal zu naiv, das war sein Problem.

Es war nicht ihre Schuld, sagte er sich, als er ruhiger wurde. Sie war zu gut, um lange ein besseres Büromädchen zu bleiben. Sie war intelligent, oder nicht? Sie kam von der Universität und war clever im Umgang mit Computern. Sie würde vermutlich einen verdammt guten Detective abgeben. Und es war nicht ihre Schuld, dass sie umwerfend aussah.

Die Straße wurde steiler, als das Dorf Llanberis mit seinem langgezogenen, funkelnden See zu seiner Linken vorüberzog. Er kurbelte das Fenster herunter und kühle Bergluft strömte ihm entgegen. Sie roch nach dem frischen Grün wachsender Pflanzen. Ein Möwenschwarm ließ sich herabsinken, um auf dem See zu landen. Der Wind trug das entfernte Blöken der Schafe herüber.

Er hatte Bronwen, rief er sich ins Gedächtnis. Er war ein glücklicher Mann. Auch sie war schlau und gutaussehend. Was könnte ein Kerl mehr wollen? Er wusste die Antwort sofort – er wollte ihr mehr bieten können als nur ein bescheidener Streifenpolizist zu sein. Na ja, es hatte keinen Zweck, sich länger damit aufzuhalten. Er hatte seine Chancen bekommen, und er hatte sie abgelehnt. Er sorgte besser dafür, dass er seine Arbeit machte, und zwar verdammt gut.

Kapitel 3

Evan traf die Filmemacher alleine in der eichengetäfelten Bar des Everest Inn an. Sie saßen an einem Tisch in der Nähe des Feuers, das in einem riesigen, mit Flusssteinen verkleideten Kamin prasselte. Vor ihnen stand eine Teekanne und eine zur Hälfte geleerte Platte mit Teegebäck. Der Rest des Tisches war unter Zetteln und Karten begraben, und einem Aschenbecher voller Zigarettenstummel. Zwei junge Männer saßen in den beiden Sesseln am Feuer, einer dunkelhaarig, der andere blond. Evan erkannte den blonden, dicklichen als den Fahrer, der ihn nach dem Weg gefragt hatte. Er trug Jeans und Jeanshemd und schien sich zwischen den getäfelten Wänden und den Jagdtrophäen zu Hause zu fühlen.

In dem anderen Sessel saß ein schlanker, dunkelhaariger, junger Mann. Er lag ausgestreckt im Sessel und hatte ein Bein über eine Armlehne geworfen, während seine Hand mit einer Zigarette zwischen den Fingern an der Seite baumelte.

Sie waren exakte Gegensätze, fand Evan, Gestalten aus einem allegorischen, romantischen Gemälde von Gut und Böse; Kain und Abel; Tag und Nacht.

Der ältere Mann, der die Baskenmütze getragen hatte, saß aufrecht auf einem roten Lederstuhl, mit einem Notizblock in der einen und einem Glas Whisky in der anderen Hand. Evan sah jetzt, warum er die Baskenmütze trug. Dünne Strähnen waren über eine ausgeprägte, kahle Stelle gekämmt.

Das vierte Mitglied der Gruppe, das Evan zuvor nicht gesehen hatte, war eine blasse, schmale, junge Frau, die auf der Kante eines Stuhls mit gerader Rückenlehne saß. Ihre Hand ruhte mit einem Stift über einem Klemmbrett. Sie war zu dünn, dachte Evan, als er sie näher betrachtete. Nicht unattraktiv, aber definitiv zu dünn. Er machte sich nichts aus molligen Frauen, aber sie sah aus, als könnte eine starke Böe sie davontragen.

Sie alle blickten auf, als seine Schritte auf dem Boden aus Schieferplatten widerhallten.

„Oh, unser hilfsbereiter Polizist“, sagte der dunkelhaarige, junge Mann. Seine Stimme hatte einen gelangweilten Oberschicht-Tonfall. Er schenkte Evan ein charmantes Lächeln und deutete auf den Tisch. „Schnappen Sie sich einen Stuhl und bedienen Sie sich am Tee. Ich glaube, er hat noch nicht zu lange gezogen. Da sollte auch noch eine saubere Tasse sein, weil Howard schon beim Scotch angekommen ist. Ich bin übrigens Grantley Smith.“ Er streckte eine Hand aus. „Ich bin der Produzent von unserem kleinen Epos. Howard hier bedarf natürlich keiner Vorstellung. Weltberühmter, Oscar-prämierter Hollywood-Regisseur ...“

Er ließ die Worte in der Luft hängen. Evan nickte dem älteren Mann zu. „Ich fürchte, ich bin bei Filmen nicht auf dem Laufenden“, sagte er.

„Ich bezweifle ohnehin, dass Sie von mir gehört hätten“, sagte der ältere Mann. „Ich habe einen Oscar in der Kategorie Dokumentation bekommen.“

Das Herz der Dunkelheit. Über den Genozid in einem afrikanischen Bürgerkrieg. Sehr dramatische Geschichte. Er ist in unserem Metier hochangesehen, stimmt doch, oder, Howard?“ Grantley Smith schenkte ihm ein bewunderndes Lächeln.

Evan verspürte eine angespannte Stimmung. Er zog sich einen weiteren Stuhl mit gerader Lehne heran und setzte sich. „Sir, ich bin Constable Evans“, sagte er. „Mein Chief Inspector hat mir aufgetragen, Ihnen zu helfen. Wie ich hörte, planen Sie, einen Film über ein deutsches Flugzeug zu drehen?“

Der blonde Mann lehnte sich vor. „Tatsächlich ist es das oberste Ziel dieser Expedition, das Flugzeug zu bergen“, sagte er in einem Akzent, der ursprünglich aus Yorkshire stammen mochte, aber im Kontakt mit dem Süden geglättet worden war. „Ich bin übrigens Edward Ferrers.“

„Er ist unser erfahrener Expeditionsleiter – Enthusiast für die Flugzeuge des Zweiten Weltkrieges“, schaltete sich Grantley ein. „Manche Männer gehen Züge beobachten. Edward fängt bei alten Flugzeugen an zu sabbern. Chacun à son goût, schätze ich.“

Edward warf ihm kurz einen genervten Blick zu. „Ich leite die ganze Angelegenheit“, sagte er. „Es ist eine sehr heikle Unternehmung. Deshalb brauchen wir Sie in der Nähe, Constable – um sicherzugehen, dass sich niemand an der Ausrüstung zu schaffen macht oder uns generell in die Quere kommt.“

„Niemand verfolgt die Absicht, sich an deiner Ausrüstung zu vergreifen, Edward.“ Grantley Smith stieß seine Zigarette erbittert im Aschenbecher aus und zog eine neue aus der Schachtel. „Und bei dir klingt es, als wäre der Dreh völlig nebensächlich.“

„Na ja, ist er ja auch. Ich könnte das Flugzeug mit oder ohne euch bergen. Es ist bloß schön, wenn es fürs Museum dokumentiert wird. Und must du diese widerlichen Dinger rauchen, Grantley?“

„Verlang nicht, dass ich meine Gitanes aufgebe, Edward. Man hat ohnehin nicht viele Freuden im Leben, findest du nicht?“

Evan verspürte einen kalten Schauer. Er räusperte sich.

„Wie ich hörte, liegt das Flugzeug im Llyn Llydaw“, sagte er. „Das wissen Sie mit Sicherheit, ja? Ich bin schon hundertmal an dem See vorbeigekommen und habe darin nie irgendetwas gesehen, das wie ein Flugzeug aussieht.“

Edward Ferrers lächelte herablassend. „Es ist ein tiefer See, Constable. Man könnte das Flugzeug von der Oberfläche aus gar nicht sehen. Wir haben Unterwasserkameras hinuntergelassen und es im vergangenen Sommer gefunden. Vielleicht ist Ihnen unser Kamerateam aufgefallen.“

Evan erwiderte das Lächeln. „Nicht wirklich, Sir. Im Sommer sind hier alle möglichen, seltsamen Leute auf dem Berg – und die meisten von Ihnen haben Kameras dabei.“

Edward räusperte sich. „Das wäre schon eine etwas größere Kamera als die durchschnittliche Sony gewesen, und zum Glück konnten wir damit bestätigen, was ich vermutet hatte. Ich habe eine Historie der in Snowdonia abgestürzten Militärflugzeuge geschrieben. Wie Sie vermutlich wissen, sind hier im Krieg etliche Flugzeuge verschollen, sowohl Flieger von der Royal Air Force, als auch feindliche Bomber. Die Berge und die Wolken stellten sich als tödliche Kombination heraus. Diese spezielle Dornier-17 wird in den deutschen Aufzeichnungen als verschollen geführt. Wir wissen, dass sie am 11. Oktober 1940 an einem Bombardement beteiligt war. Sie wurde von Spitfires angegriffen und fing Feuer. Aber dann verschwand sie. Der Flugroute nach zu urteilen, die sie genommen haben musste, und unter Berücksichtigung der Tatsache, dass nie irgendwelche Wrackteile gefunden wurden, nahm ich an, dass sie in einen der tiefen Seen hier oben gerutscht sein musste. Schließlich haben wir sie aufgespürt, in mehreren hundert Metern Tiefe und fast vollständig intakt. Deshalb hoffen wir, sie in einem Stück bergen zu können, vielleicht sogar zusammen mit den Insassen.“

„Sie meinen, die Männer könnten noch immer darin sein?“

„Oh ja, ich hoffe es. Sie hatte eine dreiköpfige Crew. Ich hoffe, dass ihre Uniformen noch identifizierbar sind.“

„Ich finde das gruselig.“ Zum ersten Mal meldete sich die junge Frau zu Wort. Eine kultivierte, leise Stimme. „Ich will nicht dabei zusehen, wenn ihr die Leichen da rausangelt.“

„Du bist unbeschreiblich feinfühlig, Sandie, Liebes.“ Grantley lehnte sich zu ihr und tätschelte ihr Knie. Sie lächelte ihn schüchtern an.

„Es werden ohnehin keine Leichen sein“, fuhr Edward fort. „Sie werden mittlerweile Skelette sein. Wenn sie sich noch in ihren jeweiligen Sitzen befinden, können wir sie identifizieren.“

„Das könnte ein bewegender Moment sein, wenn der Bruder herkommt.“ Grantley wandte sich an Howard.

„Der Bruder?“, fragte Evan.

Grantley richtete sich leicht aus seiner liegenden Haltung auf. „Wir versuchen eine Geschichte aus dem echten Leben mit hineinzubringen“, sagte er. „Ein fünfzig Jahre altes Flugzeug, das aus den Tiefen heraufkommt, mag für einige Menschen wie Edward aufregend sein, aber die BBC wird den Film deshalb noch nicht kaufen. Als Edward wegen des Projektes zu mir kam, habe ich beschlossen, dass wir das Konzept ausweiten müssen, um es zu verkaufen. Ich nenne meine Dokumentation Wales im Krieg. Wir haben eine Frau ausfindig gemacht, die als junges Mädchen hierher evakuiert wurde, und wir holen Gerhart Eichner her, den Bruder des Flugzeugpiloten.“

Howard blickte von der Liste auf, die er studiert hatte. „Und dabei könnten Sie uns vielleicht helfen, Constable. Würden Sie sich für uns im Dorf umhören?“

„Tolle Idee, Howard“, schloss sich Grantley an. „Wir könnten ein paar der alten Klatschtanten dazu bringen, ihre Kriegserinnerungen mit uns zu teilen – ihr wisst schon: ‚Ich weiß noch, wie wir drei Tage für einen Kabeljaukopf anstehen mussten, den wir kochen konnten um damit eine zehnköpfige Familie satt zu bekommen, und wir waren dankbar‘, solche Sachen. Die Leute hören sich begierig die Strapazen anderer an, oder?“

„Ich lebe noch nicht sehr lange in dem Dorf.“ Evan zögerte. Üblicherweise war er mehr als gewillt, zu helfen – Bronwen beschrieb ihn als zu groß geratenen Pfadfinder –, aber er hatte sich noch nicht wirklich für diese Leute erwärmt. Er hatte das Gefühl, dass er schnell ihr Mädchen für alles werden konnte, wenn er nicht vorsichtig war. „Ich könnte mich für Sie umhören“, sagte er langsam. „Oder noch besser, warum kommen Sie nicht für einen Abend runter in den Pub? Einige der älteren Männer wie etwa Charlie Hopkins wissen alles, was man über die Menschen von hier wissen kann.“

„Ich glaube nicht, dass wir es allgemein bekanntmachen wollen, dass wir hier oben filmen.“ Grantley Smith senkte die Stimme. „Ich würde unsere Anwesenheit nur ungern im Pub verkünden. Tatsächlich wäre es mir viel lieber, wenn Sie sich diskret umhören und uns berichten, bei wem sich ein Interview lohnen könnte. Wenn alle davon wissen, latschen uns die Schaulustigen überall auf dem Set herum und ruinieren die Aufnahmen.“

„Ich glaube nicht, dass Sie vor den Einheimischen verbergen können, was Sie hier tun“, sagte Evan. „Im so einem Dorf kennt jeder jeden, und alles was passiert, macht die Runde.“

„Dann ist es Ihre Aufgabe, sie fernzuhalten, Constable“, sagte Grantley, immer noch mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen. „Zeit ist Geld, wenn es ums Filmen geht.“

„In dem Fall sollten wir nicht zu viel Film mit den Interviews von alten Klatschtanten und Lokalkolorit verschwenden, Grantley“, warnte Edward. „Es wird nur eine sechzigminütige Dokumentation, keine sechsteilige Serie.“

„Das ist doch eine gute Idee.“ Grantley wandte sich wieder an Howard. „Wir könnten es zu einem Sechsteiler machen, wenn wir ausreichend Material bekommen. Wales im Krieg – die Miniserie.“

„Wir haben schon Glück, wenn wir genug Material für die sechzig Minuten bekommen“, sagte Howard trocken. „Ich weiß nicht, wie sehr sich die Leute noch für die Vergangenheit interessieren. Wir brauchen aktuelles Zeug ...“

„Wie Kinder, die in Afrika in Stücke gehackt werden“, beendete Grantley den Satz für ihn. „Na ja, du kennst dich damit aus, nicht wahr, Howard?“

„Wann genau wollen Sie denn anfangen?“, fragte Evan, der sich mit den für ihn unverständlichen Schwingungen unwohl fühlte.

„Sofort“, sagte Edward. „Wir haben Bergungsausrüstung und Arbeiter an der Hand. Wenn wir morgen zum See hinaufgehen, können wir abschätzen, ob wir die Ausrüstung hochfahren können oder mit dem Hubschrauber einfliegen lassen müssen.“

Eine finanziell gut ausgestattete Expedition, dachte Evan. Wo kam das Geld her? Und welcher dieser Männer kontrollierte den Geldfluss?

Als er über die Passstraße vom Everest Inn herunterkam, und sich auf Höhe der beiden Kapellen befand, sah er, dass auf den beiden Anschlagtafeln neue Texte angebracht worden waren. Die Bethel-Kapelle zu seiner Linken hatte heute „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen“ als Spruch gewählt, Psalm 121. Die Beulah-Kapelle zu seiner Rechten hatte mit „Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge sollen erniedrigt werden“ geantwortet, Jesaja. So führten die Hochwürden Parry Davies und Powell-Jones höflich, aber ausdauernd Krieg.

Als er anhielt, um die Tafeln zu belächeln, öffnete sich die Seitentür der Beulah-Kapelle und eine Gruppe von Schulkindern kam herausgestürmt. Sie grinsten Evan im Vorbeirennen zu.

„Hallo, Mr. Evans. Suchen Sie Miss Price?“, rief Terry Jenkins ihm zu. „Sie kommt gleich raus, glaube ich.“

„Sie trägt heute so ein hübsches Kleid, Mr. Evans“, fügte die junge Megan Hopkins verschlagen hinzu. „Ich finde, sie sieht toll aus.“

Evan war sich sehr wohl bewusst, dass die Schülerinnen und Schüler versuchten, ihn mit ihrer Lehrerin zu verheiraten und fanden, dass er sich viel zu viel Zeit damit ließ. Manchmal glaubte er auch, dass er sich zu viel Zeit ließ. Aber er genoss die Dinge so, wie sie im Augenblick waren – die mütterliche Mrs. William kümmerte sich um seine Bedürfnisse, an den Wochenenden hatte er Freizeit, um wandern oder klettern zu gehen, und Bronwen wohnte gleich die Straße hinauf in einem kleinen Haus, das mit dem Schulgebäude zusammenhing.

Während Evan so dastand, trat Bronwen aus der Tür der Kapelle. Die steife Brise fing sich in den Strähnen ihres aschblonden Haares und wehte es wie einen Heiligenschein um ihr Gesicht. Sie trug wieder ihr blaues Jeanskleid – das so gut zu ihren Augen passte – und hatte ihren Rotkäppchen-Umhang darüber geworfen. Der Umhang wirbelte im Wind, als hätte er ein Eigenleben. Evan schloss sich nur zu gerne der Einschätzung an, dass sie sehr hübsch aussah.

„Hallo, was machst du hier?“, fragte er, als sie auf ihn zueilte. „Ich wusste nicht, dass du dich der gegnerischen Kapelle angeschlossen hast. Unterichtest du jetzt in der Sonntagsschule?“

„Nein, danke.“ Sie rümpfte die Nase. „Ich mag meine Sonntage als kinderfreie Zeit. Mrs. Powell-Jones hat mich genötigt, ihr dieses Jahr beim Krippenspiel zu helfen. Du weißt, wie schwer es ist, bei ihr nein zu sagen.“

Evan nickte. Das wusste er sehr wohl. „Wie läuft es bisher?“

„Wir hatten gerade unser erstes Treffen und schon jetzt gibt es große Probleme. Mrs. Powell-Jones besteht darauf, dass der Engel Gabriel männlich ist, und keiner meiner besten Jungs will freiwillig ein weißes Nachthemd tragen.“

Evan lachte. „Mrs. Powell-Jones hat natürlich die Regie.“

„Sie macht die Regie, die Kostüme, das Bühnenbild und vermutlich auch die Sandwiches für den anschließenden Tee. Ich bin nur da um das Klemmbrett zu halten und ‚Ja, Ma’am‘ zu sagen.“

„Klingt ganz wie die Leute, die ich oben im Everest Inn getroffen habe“, sagte Evan.

„Oh, die Filmcrew? Dann hatten die Kinder recht. Hier in der Gegend wird ein Film gedreht.“

„Wie zum Teufel haben sie das so schnell herausbekommen?“, fragte Evan. „Ich glaube wirklich, dass die Bewohner von Llanfair sich beim Secret Service verdingen könnten.“

„Glynis Rees’ Cousin arbeitet als Hotelpage im Everest Inn. Er hat ihre Taschen aufs Zimmer gebracht und Kameras und Filmrollen gesehen. Und der alte Mann trug eine Baskenmütze. Und sie fragten, wie weit es bis zum Llyn Llydaw sei. Werden sie einen neuen König-Artus-Epos drehen? Soll Excalibur nicht aus der Mitte des Llyn Llydaw gekommen sein?“

„Nichts derart Spannendes, fürchte ich. Sie drehen eine Dokumentation über ein Flugzeug aus dem Zweiten Weltkrieg, das aus dem See geborgen wird – aber erzähl das bitte nicht weiter. Sie wollen es geheim halten.“

„Na, damit haben sie hier tolle Aussichten.“ Bronwen lachte. „Jedes Kind im Dorf wird am Wochenende bei ihnen auftauchen und Hilfe anbieten.“

Evan runzelte die Stirn. „Mir wurde aufgetragen, Schaulustige fernzuhalten. Und ich freue mich nicht darauf, das kann ich dir sagen. Das scheint ein temperamentvoller Haufen zu sein.“

„Eine Schande, dass ich nicht mehr verheiratet bin“, sagte Bronwen.

Evan wirbelte herum und starrte sie an.

Sie lächelte. „So meinte ich das nicht. Es ist wundervoll, dass ich nicht mehr verheiratet bin. Was ich sagen wollte, ist, dass mein Ehemann im siebten Himmel gewesen wäre, wenn in der Nähe ein Flugzeug aus dem Zweiten Weltkrieg geborgen worden wäre. Er wäre da oben gewesen, und hätte ihnen freiwillig die Taschen getragen und Tee gemacht. Er war besessen von alten Flugzeugen, besonders von denen aus dem Zweiten Weltkrieg.“

Sie liefen gemeinsam die verwaiste Straße hinab. Der Wind blies ihnen kräftig ins Gesicht.

„Ganz schön langweilig“, sagte sie und erschauderte. „Ich kann nicht glauben, dass ich ihn je geheiratet habe.“

Sie gingen in unbehaglicher Stille weiter. Evan hatte Fragen, doch er stellte sie nicht. Sie hatten jetzt schon so lange Rücksicht auf ihre gegenseitige Privatsphäre genommen. Er wusste, dass sie ihm mehr sagen würde, wenn sie dafür bereit war.

„Wie auch immer, es war auf jeden Fall ein großartiger Tag“, sagte Evan. „Zu schade, dass es ein Wochentag ist. Das letzte Wochenende war so nass und düster.“

„Für dich war es nur düster, weil du zweimal beim Scrabble verloren hast.“ Sie warf ihm ein herausforderndes Lächeln zu.

„Reite nicht darauf herum. Ich bin mir meiner intellektuellen Unzulänglichkeiten bewusst.“

„Red keinen Quatsch. Ich musste in der Universität etliche langweilige Bücher lesen und habe mir reichlich unnützes Wissen angeeignet.“ Sie hatten das Tor zum Schulhof erreicht. Aus dem Schornstein des Schulgebäudes stieg Rauch auf. „Sollen wir am Wochenende etwas unternehmen, wenn dieses schöne Wetter anhält?“, fragte sie.

„Es ist nicht allzu wahrscheinlich, dass ich am Wochenende frei haben werde“, sagte Evan. „Ich vermute, die Filmcrew wird dann arbeiten, wenn das Wetter gut ist.“

„Das ist nicht fair“, sagte Bronwen. „Sie lassen dich ständig am Wochenende arbeiten.“

„Das geht allen Polizisten so. Wenn es Arbeit gibt, dann arbeiten wir. Detectives nehmen sich auch keinen freien Tag, wenn Sie in einem Mordfall ermitteln, oder?“

„Alte Flugzeuge im Auge zu behalten ist wohl kaum das Gleiche wie Mordverdächtige zu jagen“, sagte Bronwen. „Wie auch immer. An den Abenden hast du frei, oder? Vielleicht versuche ich mich an einem dieser französischen Rezepte, die ich gelernt habe.“

„Vielleicht könntest du es mir beibringen“, sagte Evan.

Sie wirkte überrascht.

„Ich muss lernen zu kochen, wenn ich irgendwann mal alleine leben möchte.“

„Na, das ist mal ein gutes Zeichen“, sagte sie.

„Ein Zeichen wofür?“, stocherte er.

„Dafür, dass du endlich erwachsen wirst“, erwiderte sie. Dann legte sie ihre Finger sanft auf seinem Arm ab. „Denkst du immer noch über das Cottage vom alten Rhodri nach?“

Er nickte. „Ich hatte noch nicht genug Zeit, um herauszufinden, welche Wege ich gehen müsste, um es zu erwerben. Ich kann mir vorstellen, dass diese Engländer es nur zu gerne verkaufen würden, aber es steht im Nationalpark, oder? Und alle Pläne zum Wiederaufbau müsste ich dann mit denen abklären. Und wie ich hörte, geht da nichts einfach. Aber trotzdem denke ich noch darüber nach.“

„Ich halte es für eine schöne Idee.“ Bronwen lächelte zu ihm herauf. „Und groß genug, wäre es, oder?“

Groß genug für zwei, dachte Evan, als er allein nach Hause ging. Hatte Bronwen das gemeint? Und Bronwen gefiel die Idee. Er war beeindruckt davon, wie glücklich ihn diese Tatsache machte. Natürlich plante er, eines Tages zu heiraten. Und er war sich ziemlich sicher, dass er den Rest seines Lebens mit Bronwen verbringen wollte. Na dann, auf geht’s, Junge, sagte er sich. Du kannst doch nicht dein Leben lang darunter leiden, kalte Füße bekommen zu haben.

Kapitel 4

Ein angenehmes Summen aus Unterhaltungen empfing Evan, als er an diesem Abend die schwere Eichentür zum Red Dragon öffnete. Ausnahmsweise konnte er sich nicht auf einen Abend mit Bier und angenehmer Gesellschaft freuen. Es würde nicht leicht werden, einen Mittelweg zwischen der Neugierde der Einheimischen über das neue Projekt und seiner Anweisung zu finden, alles geheim zu halten. Er ging davon aus, dass jeder Mann im Pub beinahe genauso viel über die kürzlich eingetroffenen Filmemacher wusste wie er und nur darauf wartete, ihn nach weiteren Einzelheiten auszuquetschen.

„Da ist er ja!“ Charlie Hopkins sah auf, während er ein volles Glas von der Bar hob. „Die junge Betsy fragt sich schon, was Sie aufgehalten hat, Evan bach. Sie fürchtet, dass Sie mit den ganzen Filmstars schon auf du und du sind!“

Betsy, die Barfrau, richtete ihre großen, blauen Augen auf ihn. Ihr Haar war in dieser Woche leuchtend rot und damit sah sie der Kleinen Waise Annie erschreckend ähnlich. Seit sie sie einmal beinahe von einem berühmten Opernsänger verführt worden war, der vorgeschlagen hatte, sie solle ihre Haare färben, experimentierte sie damit herum. In letzter Zeit schien sie sich auf Rottöne eingeschossen zuhaben.

„Ich wüsste nicht, warum Filmstars mir vorzuziehen sein sollten“, sagte Betsy, während sie Evans Blick hielt. „Ich habe von allem reichlich, und genau an den richtigen Stellen, nicht wahr, Evan bach?“

Evan war aufgefallen, dass Betsy etwas trug, was eigentlich ein sittsamer Pullover hätte sein können. Ein weißer, flauschiger Rollkragenpullover. Unglücklicherweise war er ihr etwa drei Nummern zu klein und betonte jede ihrer Kurven. Evan vermutete, dass sie zudem eine Art gefütterten BH trug. Er hatte ihre Brüste nicht ganz so groß in Erinnerung. Als sein Blick nach unten glitt, stellte er verdutzt fest, dass der Pullover keine zehn Zentimeter unterhalb ihrer Brüste endete und den Blick auf verlockende, glatte, weiße Haut freigab.

Er schluckte schwer. „Du siehst genauso gut aus wie ein Filmstar, Betsy“, sagte er.

„Seht ihr.“ Betsy lehnte sich zu der Gruppe von Männern an der Bar herüber. „Ich hab euch doch gesagt, dass er eigentlich auf mich steht, oder? Diese Bronwen Price mag eine recht nette Wanderbegleitung in den Bergen sein, aber schlussendlich gibt es nur eine Sache, die Männer glücklich macht, nicht wahr? Und das hat nichts mit Wandern zu tun!“

Während sie sprach, wich ihr Blick nicht aus seinem Gesicht. Der Raum kam ihm plötzlich sehr warm vor.

„Was dieser Mann hier jetzt gerade will, ist ein Pint Guinness, bitte, Betsy“, sagte er.

„Und manche von uns warten schon so lange auf ihre nächste Runde, dass wir verdursten“, beschwerte sich Eimer-Barry. „Ich verstehe nicht, warum du deine Zeit damit verschwendest, darauf zu warten, dass Evan nachgibt, wenn es hier doch viele gutaussehende, starke Kerle gibt, die wissen, wie man dir Vergnügen bereitet.“

Betsy wandte sich zu dem jungen Planierraupen-Fahrer. „Du kannst mich gerne einem von ihnen vorstellen, Barry“, sagte sie lieblich.

Die anderen Männer im Pub brachen in schallendes Gelächter aus.

„Du kannst sie nicht austricksen, Junge“, gluckste Charlie Hopkins. „Unsere Betsy ist gerissen, nicht wahr, Betsy fach?“

Barry stieg die Schamesröte ins Gesicht. „Wenn sie wüsste, was gut für sie ist, würde sie auf mein Angebot eingehen und glücklich werden“, sagte er. „In einem Kaff wie diesem hat ein Mädchen nicht allzu viel Auswahl, oder?“

Betsy strich sich mit der Hand durch ihre strahlend roten Locken. „Und wer sagt, dass ich beabsichtige, in einem Kaff wie diesem zu bleiben? Ich warte nur auf den richtigen Augenblick, verstehst du, darauf, dass das Schicksal mich an die Hand nimmt.“ Der Blick aus ihren großen, unschuldigen Augen richtete sich auf Evan. „Und wer weiß – vielleicht hat das Schicksal gerade an meine Tür geklopft.“

„Das war ich, der auf die Bar hämmert, weil ich ein neues Pint will“, knurrte Fleischer-Evans. „Hör auf, deine Zeit zu vertun und mach weiter, Betsy. Hier verdursten Männer.“

Betsy lächelte gelassen, als sie das Pint zapfte und das schäumende Glas vor dem Metzger abstellte. „Sie sollten meine Anwesenheit besser genießen, solange ich noch hier bin, Mr. Evans. Vielleicht muss ich das hier bald nicht mehr tun.“

„Warum, wohin gehst du denn?“, fragte Milchmann-Evans.

Betsy lächelte geheimnisvoll in Evans Richtung. „Ich hatte gehofft, dass Evan Evans mich den Regisseuren vorstellen würde. Sie brauchen bestimmt Statisten für ihren Film und vielleicht werde ich dabei entdeckt und gehe nach Hollywood.“

„Moment mal, Betsy“, sagte Evan eilig. „Du hast das falsch verstanden. Sie kommen nicht aus Hollywood ...“

„Das ist mir egal. Britische Filme sind genauso gut. Ich hätte nichts dagegen, neben Hugh Grant auf der Leinwand zu erscheinen – ich finde ihn einfach hinreißend. Und was ist mit Ieuan Griffith? Gegen eine Liebesszene mit ihm hätte ich auch nichts einzuwenden – und wir könnten sie sogar auf Walisisch spielen.“

„Betsy!“ Evan war lauter geworden, als er es beabsichtigt hatte. Plötzlich herrschte Stille im Pub. „Sie sind nicht hier, um einen Spielfilm zu drehen.“

„Wofür ist dann der ganze Kram?“, wollte Pumpen-Roberts wissen, der Besitzer der örtlichen Tankstelle. „Mrs. Rees aus Nummer dreiundzwanzig hat mir erzählt, dass ihr Neffe Johnny, der im Gasthof arbeitet, ihr Gepäck hochtragen musste. Er sagte, sie hätten lauter Schließkassetten mit Film und große Kameras dabeigehabt. Und sie haben ihm ein lausiges Trinkgeld von einem Pfund gegeben ...“

„Verdammte Ausländer“, murmelte Fleischer-Evans.

„Und Sie sprachen über Szenen und Drehs“, fuhr Pumpen-Roberts fort. „Wenn das nichts mit einem Filmdreh zu tun hat, was dann?“ Er lehnte sich über die Bar zu Betsy. „Ich wette, sie wollen es geheim halten, weil sie ein paar große Stars herbringen, die nicht belagert werden wollen.“

„Oh, ich hoffe, es ist Mel Gibson“, sagte Betsy. „Bei ihm läuft es mir heiß und kalt den Rücken hinunter. Er erinnert mich ein wenig an dich, Evan bach!“

„Oh ja. Der gleiche, großartige Körper, nicht wahr?“ Barry kicherte.

Evan lachte, um sein Unbehagen zu verbergen. „Manchmal sagst du die verrücktesten Dinge, Betsy.“

Die anderen Männer lachten ebenfalls. „Vielleicht könnten Sie anbieten, sein Double zu sein, Junge. Wenn er von der Spitze des Yr Wyddfa stürzen muss, könnten Sie das für ihn übernehmen.“

„Einen Moment.“ Evan hob die Hand. „Ihr liegt völlig falsch. Sie drehen wirklich keinen Spielfilm. Das sind nur ein paar Leute, die hergekommen sind, um ein altes, deutsches Flugzeug aus dem Llyn Llydaw zu ziehen, und sie werden das für irgendein Museum filmen. Das ist alles.“

„Mehr nicht?“, fragte Betsy, dann zeigte sich Enttäuschung auf ihrem Gesicht. „Dann kommen keine Hollywood-Stars?“

„Keine Stars. Nur ein altes Flugzeug.“

„Aus dem Llyn Llydaw, sagten Sie?“ Charlie Hopkins stellte sein Glas ab und war plötzlich hellwach.

„Ganz richtig. Ein deutscher Bomber aus dem Zweiten Weltkrieg.“

Charlie stieß ein erfreutes Glucksen aus. „Dann hatten wir die ganze Zeit recht. Das Flugzeug ist tatsächlich abgestürzt.“

„Sie wissen davon, Charlie?“

„Ja, natürlich. Mein Vater und ich haben es gesehen. Ich war damals noch ein junger Bursche, gerade mit der Schule fertig und als Lehrling in der Schiefermine angestellt. Wir lauschten eines Abends im Wohnzimmer dem Radio, als wir das Flugzeug hörten. Wir wussten gleich, dass es eines von ihren war ... na ja, damals wusste man das eben, nicht wahr? Wir rannten raus und sahen es das Tal heraufkommen, sehr niedrig über unseren Köpfen. Die Triebwerke klangen, als gäbe es Probleme. Mein alter Herr rollte die Ärmel hoch und sagte: ‚Die kommen besser nicht auf die Idee, hier zu landen, sonst kriegen sie’s mit mir zu tun.‘ Oh, wir haben gelacht; die Vorstellung, mein alter Herr würde es mit blanken Fäusten mit deutschen Soldaten aufnehmen. Wobei, wenn ich darüber nachdenke, er hätte es ihnen durchaus zeigen können. War fit wie ein Turnschuh, der Mann. Man hat bei der Arbeit in der Schiefermine ordentlich Muskeln aufgebaut, nicht wahr, Jungs?“

Mehrere Köpfe nickten.

„Ich wünschte, ich wäre dagewesen, um es diesen Deutschen zu zeigen“, murmelte Betsys Vater, Sam Edwards, von seinem üblichen Tisch in der Ecke aus, wo er mit seinem Whisky saß.

„Du hättest nicht mal gerade genug gucken können, um sie zu treffen, Sam“, kommentierte Charlie.

Betsys Vater nahm das freundlich hin. „Diese verdammten Deutschen. Nichts Gutes kam je für uns dabei heraus, seit wir uns mit ihnen angefreundet haben, oder? Wir haben uns dem verdammten gemeinsamen Markt angeschlossen, und was ist passiert? Die Schiefermine wurde geschlossen und wir haben unsere Arbeitsplätze verloren. Deutsche wollen keinen Schiefer auf ihren Dächern, was?“

„Ach, hör schon auf, solche dummen Sachen zu sagen, Tad. Du hast deine Arbeit nicht wegen der Deutschen verloren.“ Betsy wies ihn mit einer Handbewegung ab. „Erzähl weiter, Charlie. Was ist mit dem Flugzeug passiert? Ist es abgestürzt?“

„Nein, es ist weitergeflogen, bis es den Pass erreichte. Dann schwenkte es nach rechts weg. Wenn es nur weiter das Nant-Gwynant-Tal runtergeflogen wäre, wäre vermutlich alles gutgegangen. Es wäre auf die offene See hinausgelangt und hätte es wahrscheinlich bis zu einem französischen Flugfeld geschafft. Aber es drehte weiter ab, bis es den Berg ansteuerte. Die Wolken hingen tief, wisst ihr. Der Pilot wusste wahrscheinlich nicht, dass da ein verdammt großer Berg im Weg war. ‚Auf dem Kurs schafft er es nie über den Berg‘, sagte mein Vater. Na ja, das Flugzeug verschwand außer Sicht und wir hörten es knallen, wie ein Triebwerk, das stottert und ausfällt. Dann hörten wir nichts mehr. Keine Explosion, kein Feuer, gar nichts. Natürlich sind wir zur Polizeistation gerannt, um das der Royal Air Force zu melden, und sie schickten auch Suchtrupps raus, als es hell wurde, aber die haben nichts gefunden. Sie glaubten, wir hätten uns das ausgedacht. Aber wir hatten die ganze Zeit recht. Dann ist es also tief im Llyn Llydaw gelandet. Stell sich einer vor!“

Evan hatte Charlies lebhaftem Bericht mit wachsendem Interesse gelauscht. „Charlie, wie würde es Ihnen gefallen, diese Geschichte der Filmcrew zu erzählen? Genau so, wie Sie sie uns gerade erzählt haben. Sie wollen für ihren Film Kriegsgeschichten aus erster Hand haben.“

„Geschichten aus erster Hand, ja? Na, hör sich das einer an.“ Charlie wirkte zufrieden. „Sagen Sie den Gentlemen, dass ich gerne in ihrem Film mitspiele.“

Evan beschloss, dass es keinen Zweck mehr hatte, verschwiegen zu sein. „War noch jemand im Krieg hier im Dorf und hat vielleicht eine Geschichte zu erzählen?“, fragte er.

„Ich werde mal hören, woran sich meine Frau Mair noch erinnert“, sagte Charlie. „Sie war hier. Dann wäre da noch Schäfer-Owens, oben im Ty Gwyn. Er war zu der Zeit ein kleiner Junge.“

„Und da wäre natürlich auch noch Mrs. Powell-Jones.“ Fleischer-Evans senkte die Stimme und sah sich um, als erwartete er, dass sie ihn hören könnte, obwohl der Pastor und seine Frau niemals in den Pub kamen. „Sie lebte oben in dem großen Haus, nicht wahr? Ich glaube, bei ihnen wurden Evakuierte untergebracht.“

Harry, der Besitzer des Pubs, war zu ihnen gestoßen, um sich die Unterhaltung anzuhören. Er warf den Kopf zurück und lachte. „Sie wird nicht zugeben wollen, dass sie so alt ist. Sie erzählt überall herum, dass sie vierzig ist!“

„Sie ist sechzig, wenn nicht noch älter“, sagte Charlie Hopkins. „Ich erinnere mich noch daran, dass sie in der Kapelle in vorderster Reihe saß, als ich ein Junge war, und ziemliche Allüren hatte. Und sie hat uns Ärger gemacht, weil wir Kastanien von ihrem Baum geklaut haben.“

„Hat hier sonst noch jemand Evakuierte beherbergt?“, fragte Evan.

„Ich glaube, alle Landwirte“, sagte Charlie und nickte zur eigenen Bestätigung. „Es war eng in den Cottages. Bei uns schliefen immer zwei in einem Bett. Damals hatte man noch große Familien.“

„Na ja, man hatte auch sonst nichts zu tun, oder?“, klinkte Barry sich ein. „All die langen, dunklen Winter, ganz ohne Fernseher.“

„Sei still, Barry.“ Betsy streckte den Arm aus und schlug ihm auf die Hand. „Schade, dass Oma letztes Jahr gestorben ist. Sie hatte viele gute Geschichten zu erzählen, nicht wahr, Tad?“

„Ja, das hatte sie“, antwortete Betsys Vater. „Eine wundervolle Frau. Eine Heilige. Ich vermisse sie sehr.“ Er seufzte schwer und starrte auf sein leeres Glas hinab.

„Als sie noch lebte, hat er sie immer alte Hexe genannt, erinnerst du dich?“ Fleischer-Evans stieß Pumpen-Roberts in die Seite.

Betsy sah, wie sich ihr Vater langsam von seinem Stuhl erhob.

„Dann werden also nur alte Leute in diesem Film auftauchen, ja?“, fragte sie laut. „Also, ich finde das nicht gerecht.“

„Sie wollen nur ein paar Geschichten aus dem Leben einbringen, Betsy“, sagte Evan.

„Was ist mit den Leben junger Menschen? Die sind auch interessant, weißt du ... und junge Leute sind schöner anzuschauen.“

Evan kam plötzlich ein Gedanke. „Hey, was ist mit Mrs. Williams? Sie könnte auch ein paar gute Geschichten haben.“ Bislang hatte niemand seine Vermieterin erwähnt.

„Aber sie ist nicht von hier“, sagte Charlie Hopkins.

„Ist sie nicht?“ Mrs. Williams schien ein so fester Bestandteil von Llanfair zu sein, dass er sich das Dorf ohne sie gar nicht vorstellen konnte.

„Nein. Sie kam als Braut her, als sie nach dem Krieg Gwillum Williams heiratete. Er war im Krieg und wir alle dachten, er würde eine junge Frau aus der Gegend heiraten. Mairs Schwester Sioned war ganz vernarrt in ihn, doch dann tauchte er eines Tages mir ihr auf. Aber sie hat sich recht schnell eingefunden, brachte nicht allzu viele fremde Angewohnheiten mit.“

„Ich hatte keine Ahnung, dass sie von außerhalb stammt“, sagte Evan.

Charlie Hopkins kicherte. „Fragen Sie sie doch mal, Junge.“

„Und sag dem Regisseur, dass er junge und ansehnliche Leute in seinem Film braucht, wenn er damit Geld verdienen will“, fügte Betsy hinzu.

„Glaubt ihr, sie werden eine Planierraupe brauchen?“, wollte Eimer-Barry wissen. „Wie bekommen sie sonst ihr Zeug auf den Berg rauf?“

„Es klang, als hätten sie das alles schon geplant“, sagte Evan. „Sie sprachen davon, ihr Material mit dem Hubschrauber hinaufzubringen.“

„Mit einem Hubschrauber! Stell sich einer vor! Das möchte ich gerne sehen.“

„Einen Moment mal, Leute.“ Evan hielt eine Hand hoch. „Sie haben mich gebeten, euch zu sagen ... Sie wollen bei den Filmaufnahmen niemanden in der Nähe haben. Ich wurde angewiesen, Zuschauer fernzuhalten, also kooperiert bitte und macht mir meine Arbeit nicht zu schwer, okay?“

„Du musst dir wegen uns keine Sorgen machen, Evan bach“, sagte Betsy lieblich. „Als ob wir Probleme machen würden!“

Evan warf ihr einen Blick zu, aber sie zapfte gelassen ein weiteres Pint.

 

„Sind Sie das, Mr. Evans?“, rief Mrs. Williams, als er später am Abend die Tür aufschloss. Sie rief immer das Gleiche und er war stets versucht, spöttische Antworten zu geben.

„Ja, ich bin’s, Mrs. Williams“, rief er zurück.

„Sie sind aber früh aus dem Pub zurück, was? Möchten Sie eine Tasse Kakao? Ich mache gerade welchen“, rief sie ihm entgegen.

Evan ging zu ihr in die Küche. „Für mich keinen Kakao, danke. Ich habe für einen Abend genug getrunken.“

„Wie war es im Dragon? War viel los?“

„Recht viel“, sagte er. „Ich habe Sachen über Sie gehört.“

„Über mich? Man hat im Pub noch nie über mich getratscht. Escob Annwyl! Was haben sie erzählt?“

Evan lächelte. „Üble Nachrede, fürchte ich. Charlie Hopkins sagte, dass Sie nicht von hier seien.“

Mrs. Williams legte sich eine Hand auf ihren üppigen Busen. „Nicht von hier, ja? Sagen Sie dem Mann, dass nicht ein Tropfen fremdes Blut durch meine Adern fließt. Ich bin durch und durch Waliserin! Was in aller Welt ließ ihn das behaupten?“

„Vielleicht die Tatsache, dass Sie nicht aus Llanfair stammen.“

„Ah ... darum ging es ihm also!“ Sie brach in Gelächter aus. „Törichter, alter Narr. Das kommt noch aus der Zeit, als ich nach dem Krieg zum ersten Mal herkam. Die Freunde meines Gwillum hatten ihn damit aufgezogen, dass er eine Frau aus der Fremde geheiratet hätte.“

„Woher stammen Sie denn dann?“, fragte Evan.

„Blenau Ffestiniog“, sagte sie. „Dort bin ich geboren und aufgewachsen. Gwillum war zusammen mit meinem Bruder bei der Armee. Er war zu Besuch, als sie aus dem Wehrdienst entlassen wurden ... und bald gingen wir miteinander.“ Sie blickte verlegen zu Boden. „Mein Familie war der Meinung, dass es mir in Llanfair nicht gefallen würde. Sie dachten, ich würde ans Ende der Welt ziehen. Aber ich war hier ziemlich glücklich. Ich wünschte nur, dass meine Tochter nicht mit meiner Enkelin weggezogen wäre. Apropos meine Enkelin, sie erzählte mir von dieser Tanzveranstaltung im Pavillon von Rhyl. Sie würde so gerne hingehen, aber sie möchte natürlich die richtige Begleitung dafür haben. Also dachte ich, dass Sie vielleicht ...“

„Oh, es tut mir leid, Mrs. Williams“, sagte Evan, „aber Sie haben zweifellos davon gehört, dass wir eine Filmcrew hier haben. Ich wurde damit beauftragt, Tag und Nacht im Dienst zu sein, bis sie fertig sind. Ich musste meinem Chief feierlich versprechen, dass ihnen nichts geschieht, also sitze ich wohl für eine Weile hier fest.“

Mrs. Williams zischte empört. „Man lässt sie zu hart arbeiten, Mr. Evans“, sagte sie, aber dann leuchteten ihre Augen. „Dann ist es also wahr, was ich über den Filmdreh hier oben gehört habe?“

„Nur eine Dokumentation, Mrs. Williams. Sie werden ein altes, deutsches Flugzeug aus dem See ziehen und das Ganze filmen.“

„Oh, das ist alles? Dann verstehe ich nicht, was der ganze Wirbel soll.“

„Aber sie werden Leute interviewen, die Erinnerungen an den Krieg haben“, sagte Evan. „Ich weiß nicht, ob Sie dafür in Frage kommen, wo sie doch von so weit her stammen.“

Er stieg kichernd die Treppe hinauf. Bis Blenau Ffestiniog waren es keine fünfundzwanzig Kilometer.

Kapitel 5

Am nächsten Morgen führte Evan die Filmemacher zum See hinauf. Die Berggipfel verschwanden in den Wolken und als sie sich auf den Weg machten, wehte ein nebelartiger Regen den Pass herunter. Wohl kaum das richtige Wetter, um mit Land Rovers in die Berge zu fahren.

„Es wäre vielleicht besser, wenn wir vom Parkplatz aus laufen würden“, schlug Evan vor. „Es ist nur etwa ein Kilometer und nicht allzu steil.“

„Laufen? Bei diesem Wetter?“, rief Grantley. „Unsinn. Land Rover sind dafür gebaut, überall hinzukommen. Und wir müssen herausfinden, auf welchem Weg wir die Ausrüstung hochbringen können. Steigen Sie ein.“

Edward setzte sich auf den Fahrersitz und Howard nahm den Beifahrersitz. Sandie wurde aus Platzmangel zurückgelassen. Sie stand am Eingang des Gasthofes und starrte ihnen sehnsüchtig hinterher, wie ein Kind, das bei einem Spiel außen vor gelassen wurde.

„Sie wird an gebrochenem Herzen sterben, ehe du zurück bist, Grantley“, murmelte Edward.

„Das arme Ding. Kann ich was dafür, dass sie verrückt nach mir ist? Das geht allen so.“

„Du solltest sie nicht ermutigen, Grantley. Das ist nicht fair.“

Grantley lächelte. „Glaubst du, sie würde mir Tee kochen, Rückenmassagen geben und Überstunden machen, um Drehbücher abzutippen, wenn sie mich nicht vergöttern würde? Ich kann nichts dafür, dass ich unwiderstehlich bin, Edward. Du solltest das doch wissen.“

Er manövrierte seine langen Beine in den Rücksitz, wo Evan bereits Platz genommen hatte.

„Herrgott, hier drinnen ist es wie in einer Sardinendose. Ich glaube, wir müssen ein zweites Fahrzeug mieten, Edward“, lamentierte Grantley. „Es könnte notwendig werden, dass wir getrennte Wege gehen.“

„Die Stiftung hat uns einen Land Rover zur Verfügung gestellt“, sagte Edward, ohne ihn anzusehen. „Ich glaube, wir müssen vorerst damit auskommen. Wir müssen im Budget bleiben und die Bergungsausrüstung ist nicht billig.“ Er bog vom Parkplatz des Everest Inn auf die karge Passstraße ein. „Ich bin mir nicht sicher, was wir tun werden, wenn die Unternehmung länger als eine Woche dauert. Ich habe auch mein eigenes Geld da reingesteckt, denk dran.“

„Dann holen wir uns in Aussicht auf die großartige, zukünftige Dokumentation einen Kredit von der Bank“, sagte Grantley mit gereizter Stimme. „Sag ihnen, dass Howard Bauer Regie führt und BBC2 mehr oder weniger versprochen hat, den Film zu kaufen. Die Sache macht garantiert Gewinn, ich sage es euch.“

„Du hast besser recht, Grantley“, sagte Edward kühl. „Vor ein paar Wochen meintest du noch, BBC2 hätte ein Angebot gemacht. Dann war es ein Versprechen. Jetzt ist es fast ein Versprechen. Ich habe viel dafür riskiert, dass dieser verdammte Film erfolgreich wird.“

„Biegen Sie hier rechts ab.“ Evan tippte Edward Ferrers auf die Schulter.

„Hier?“ Edward klang bestürzt, während er auf den Berg blickte, der vor ihnen aufragte und in den Wolken verschwand. Ein Pfad, der gerade breit genug war, dass zwei Menschen nebeneinander gehen konnten, führte nach oben und verschwand hinter einem Kamm.

„Heiliger Strohsack“, murmelte Howard. „Willst du versuchen, da hochzufahren?“

„Wo ist das Problem, Howard?“, fragte Grantley. „Du bist doch der Furchtlose hier.“

„Hör auf damit, Grantley. Ich bin nicht lebensmüde.“

„Über diesen Pfad wurde früher Kupfer aus der alten Mine geholt“, sagte Evan.

„Siehst du, Howard. Eine vielbefahrene Straße“, sagte Grantley.

„Also eigentlich waren es Esel“, stellte Evan klar. „Man holte das Kupfer auf Eseln herunter.“

„Na, das ist ja sehr beruhigend“, murmelte Edward. „Ich kann nicht sehen, wohin wir fahren. Wir stecken bald mitten in der Wolke.“

Schlingernd und ruckelnd erklomm der Land Rover den Pfad. Evan war froh, dass der Nebel den steilen Abhang zu ihrer Linken verbarg. Sie erreichten ohne Zwischenfall den Kamm und holperten und rutschten einen kurzen Abhang bis zum Seeufer hinunter. Niemand sprach ein Wort, bis sie am Rande der schwarzen, regungslosen Wasserfläche hielten.

„Es ist hier drüben“, sagte Edward, als sie ausstiegen und ihre steifen Glieder streckten. „Genau unterhalb von diesem großen Felsen.“

„Ich glaube, die Ausrüstung muss mit dem Hubschrauber hergebracht werden, Edward“, sagte Grantley.

„So groß ist sie nicht“, sagte Edward. „Ich glaube, wir schaffen es damit über den Pfad.“

„Wie wollen Sie das Flugzeug denn anheben? Braucht man dafür nicht einen großen Kran?“, fragte Evan.

Edwards Gesicht erhellte sich. „Nein, das ist ja das Schöne daran. Wir probieren eine Technik aus, die schon bei anderen Bergungen in tiefem Wasser funktioniert hat. Taucher legen einen aufblasbaren Kragen um das Flugzeug und der wird dann mit Druckluft aufgepumpt. Wenn er mit Luft gefüllt ist, wird hoffentlich alles zur Wasseroberfläche schweben.“

„Das ist sehr gut“, stimmte Evan zu.

„Ja, nicht wahr?“ Edward strahlte immer noch. „Natürlich ist die Dornier-17 im Vergleich zu modernen Flugzeugen nicht besonders groß. Wir haben es hier nicht mit einem Jumbo-Jet zu tun. Sie sollte sich recht leicht anheben lassen.“

„Es sei denn, sie hängt unter einem Felsen oder steckt irgendwie im Schlamm fest“, sagte Grantley lieblich.

„Es wird funktionieren. Vertrau mir.“

„Das tue ich immer, Edward. Du vertraust mir bloß nicht immer.“

Evan blickte vom einen zum anderen. Er hatte diese Beziehung noch nicht durchschaut. Howard Bauer sollte der Regisseur sein und damit die Leitung des Projektes innehaben, trotzdem sprach er kaum ein Wort und wahrte Distanz zu den beiden anderen. Grantley Smith war der Produzent, aber anscheinend verfügte Edward über das Budget des Projektes. Warum ließen die beiden dann zu, dass Grantley sich wie ein Gott aufführte?

„Unter diesen Bedingungen können wir nicht drehen“, murmelte Howard. „Ihr betet besser dafür, dass sich die Wolken bald verziehen.“

„Es wird aufklaren“, sagte Edward.

„Edward, der ewige Optimist.“ Grantley stellte sich ans Ufer. Kalter Nebel wirbelte um seine Knie und trieb in Fetzen über die Wasseroberfläche. Abgesehen vom Seufzen des Windes im vertrockneten Farnkraut war kein Geräusch zu hören. Grantley bückte sich, hob einen Stein auf und warf ihn in den See. Das Platschen war unnatürlich laut. Perfekte, runde Kreise breiteten sich auf der schwarzen Oberfläche aus.

„Mein Gott, das sieht aus wie eine Szene aus einem Horrorfilm“, kommentierte Howard. „Hoffen wir mal, dass du nicht die Bestie geweckt hast, die im See haust, Grantley.“

„Gibt es ein Ungeheuer in diesem See, Constable?“, fragte Grantley lächelnd.

„Nicht, dass ich wüsste“, sagte Evan. „Aber es heißt, dass die Herrin vom See hier oben lebte und König Artus in eben diesem See Excalibur überreichte.“

„Grantley würde Excalibur ohne zu zögern annehmen, wenn es ihm angeboten würde. Er wollte schon immer König sein“, gluckste Edward.

„Ich weiß nicht, warum eine Herrin des Sees hier oben leben wollen würde. Ich habe noch nie einen trostloseren Ort gesehen.“ Grantley warf einen zweiten Stein in den See. „Hier oben lebt gar nichts. Das ist ein gottverlassener Ort.“

„Oh, wenn die Sonne rauskommt, ist es ganz nett“, sagte Evan. „Der See ist tiefblau und die Berge spiegeln sich darin. Wenn auf den Gipfeln Schnee liegt, sieht es besonders spektakulär aus.“

„Schnee?“ Grantley warf ihm einen entsetzten Blick zu. „Das fehlt uns gerade noch. Grantley Smith, verschollen in einer Schneewehe. Hundeschlitten eilen zu meiner Rettung.“

„Hör auf so pathetisch zu sein, Grantley, und lass uns an die Arbeit gehen. Wir müssen einen Ort finden, wo der Hubschrauber landen kann, und eine Stelle für den Generator.“

Sie gingen zusammen weg. Evan blieb neben Howard Bauer stehen. Der Amerikaner starrte gedankenverloren in das raue Tal hinaus. Seine Hände hatte er in den Taschen seines Anoraks vergraben. Die Baskenmütze saß tief in seinem Gesicht.

„Verdammt kalt, was?“, murmelte er.

„Sie sind wohl nicht an die Kälte gewöhnt, wenn Sie viel Zeit in Afrika verbracht haben“, sagte Evan mitfühlend.

„Ich war für einen einzigen, verdammten Film dort“, blaffte Howard, „aber es scheint, als würde man es mich nie vergessen lassen.“

Edward und Grantley kamen zurück.

„Sie ist definitiv hier hochgezogen, oder?“ Grantleys Stimme hallte von unsichtbaren Felsen wider. „Du solltest sie um der alten Zeiten willen besuchen.“

„Oh, ich weiß nicht ...“

„Du musst es tun. Ich brenne darauf, zu sehen, wie sie hier lebt, eins mit der Natur und mit einem Schaf als Haustier.“

„Du bist gemein, Grantley. Dann hat sie eben einen leichten Hang zur Natur.“

„Leicht? Ich wette, mittlerweile baut sie die Zutaten für ihr eigenes Brot an und spinnt ihre eigene Unterwäsche.“

„Wie auch immer, ich kenne ihre Adresse nicht, ich habe nur gehört, dass sie in einem Dorf in Snowdonia lebt.“

„Frag den Constable. Ich bin sicher, er kennt hier oben jeden. Ich werde ihn fragen.“ Grantley schritt durch das hohe Gras auf Evan und Howard zu. „Wir fragten uns, ob Sie eine junge Frau kennen, die vor Kurzem hergezogen ist. Sie heißt Bronwen Ferrers ...“

„Ich glaube, sie hat wieder ihren Mädchennamen angenommen“, unterbrach Edward. „Price. Bronwen Price.“

Evan starrte ihn ungläubig an. Er erinnerte sich daran, dass Bronwen ihm erzählt hatte, ihr Ex-Mann sei von alten Flugzeugen besessen gewesen. Aber er konnte nicht glauben, dass sie je mit diesem rosaroten, pummeligen, aufgeblasenen Schnösel verheiratet war.

Sag ihm, dass du den Namen nie gehört hast, flüsterte eine Stimme in seinem Kopf.

Er rang darum, ruhig und entspannt zu bleiben. „Ich kenne sie tatsächlich“, bekam er heraus. „Sie ist unsere Dorflehrerin.“ Und jetzt gehört sie mir, wollte er hinzufügen, tat es aber nicht.

„Lehrerin in einer Dorfschule. Auf charmante Weise schrullig.“ Grantley lächelte Edward an. „Siehst du, ich habe dir doch gesagt, dass mit der Frau etwas nicht stimmt, und du wolltest mir nicht glauben. Wir müssen zu ihr gehen und hallo sagen, Edward.“

„Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist.“

„Natürlich ist es das. Um für einen Abschluss zu sorgen, so heißt es heutzutage doch in jedem Selbsthilfebuch. Du musst sichergehen, dass sie dir nicht immer noch hinterherschmachtet.“

Evan spürte, wie sich seine Hand zur Faust ballte. „Wenn die Herren hier oben fertig sind, sollten wir vielleicht runterfahren, ehe der Nebel noch dichter wird“, sagte er. „Sie wollen doch nicht vom Pfad abkommen und dreihundert Meter tiefer landen, oder?“

„Ja, wir können hier oben wirklich nichts mehr tun, oder?“ Grantley Smith ging zum Land Rover hinüber. „Verdammter, gottverlassener Ort. Wenn ich schon einen Film über eine Bergung mache, hätte ich mir dafür ein Schatzschiff in der Karibik aussuchen sollen.“

„Ja, aber das hätte dir niemand finanziert, oder, Grantley?“, kommentierte Edward lieblich. „Und die Leute waren nur an dieser kleinen Unternehmung interessiert, weil du Howard ins Boot geholt hast ... und wie du das hinbekommen hast, ist mir ein Rätsel.“

„Für dich ist alles ein Rätsel, Edward.“ Grantley kletterte mit katzenhafter Anmut auf den Rücksitz des Land Rovers.

 

Sie fuhren schweigend und ohne Zwischenfall ins Dorf zurück.

„Leg los und nimm Kontakt zu deinen Ausrüstungsleuten auf, Edward“, sagte Grantley. „Vielleicht ist der Hubschrauber bei dem Zustand der Fahrspur die beste Lösung. Und in der Zwischenzeit“, er wandte sich an Evan, „hat es wenig Sinn hier herumzuhängen und nichts zu tun. Lassen Sie uns etwas Lokalkolorit einfangen, Constable. Wen haben Sie für unsere Interviews gefunden?“

„Oh, Entschuldigung, sprachen Sie mit mir?“ Evan versuchte noch immer die Tatsache zu verdauen, dass Bronwen mit Edward Ferrers verheiratet gewesen war. Und das war wirklich schwer zu verdauen.

„Ja, wir wollen Menschen interviewen, Constable. Lokalkolorit, Sie wissen schon. Urige Dorfbewohner, die Geschichten erzählen können.“

Evan versuchte, seine Abneigung gegenüber Grantley Smith nicht zu zeigen. „Wir könnten schauen, ob Charlie Hopkins zu Hause ist“, sagte er nach kurzem Überlegen. „Er ist mittlerweile halbpensioniert und hat eine gute Geschichte über Ihren Bomber parat.“

„Ausgezeichnet. Howard, ich schnappe mir die Kamera.“ Er eilte voraus, als sie vor dem Everest Inn zum Stehen kamen.

Howard Bauer wandte sich an Evan. „Jetzt gibt er auch noch den Kameramann. Er glaubt wohl, die ganze Sache alleine machen zu können. Morgen kommt meine ausgebildete Crew, aber er glaubt, er kann es besser.“

„Warum sagen Sie ihm nicht, dass er warten soll? Sie sind doch der Regisseur“, sagte Evan.

Howard warf ihm einen Blick zu, den er nicht zu deuten vermochte. „So einfach ist das nicht“, sagte er. „Man kann Grantley keine Regieanweisungen geben.“

Grantley stieß wieder zu ihnen und schwenkte triumphierend eine Videokamera. „Schlage zu, Macduff!“, rief er.

Howard zuckte zusammen. „Bringt es nicht Unglück, aus Macbeth zu zitieren?“

„Nur wenn man Schauspieler ist, Howard. Und ich bin aus meiner Zeit beim Theater herausgewachsen.“

Die Wolken lichteten sich, als sie bergab ins Dorf liefen. Breite Sonnenstrahlen brachen durch, trafen auf die Hänge und zogen weiter, als wären es riesige Suchscheinwerfer.

Sie waren gerade auf Höhe der Kapellen angekommen, als eine schrille Stimme rief: „Ich sagte hallo! Warten Sie einen Moment!“

Evan verlor alle Hoffnung, als er Mrs. Powell-Jones auf sie zustürmen sah. Sie trug erbsengrüne Tweedkleidung, Gummistiefel und eine Gärtnerschürze. Sie hielt eine große Gartenschere in der Hand.

„Ich nehme an, die Herren sind die Filmemacher, von denen wir schon so viel gehört haben“, sagte sie und wirkte recht aufgeregt. „Ich bin die Frau des Pastors, Powell-Jones mein Name, und wenn Sie irgendetwas über dieses Dorf in der Kriegszeit wissen wollen, müssen Sie nur zu mir kommen. Ich kann Ihnen alles sagen, was Sie wissen müssen. Sie sollten wissen, dass meiner Familie damals die Schiefermine gehörte. Das schöne, vornehm wirkende Haus dort hinter unserer Kapelle war unser Familiensitz ... und Mutter leitete von dort aus die Kriegsanstrengungen.“

Sie hielt inne und strahlte sie an. „Ich war damals natürlich noch ein kleines Kind, aber ich erinnere mich daran, wie Mutter damals alle Frauen im Dorf angeleitet hat, Schals für die Soldaten zu stricken. Sie organisierte Konzerte für die hiesige Air-Force-Basis und war die Quartiermeisterin für die hier untergebrachten Evakuierten – Mutter war eine großartige Organisatorin. Ich komme natürlich ganz nach ihr. Mein Mann sagt immer, er wüsste nicht, was er ohne mich tun würde.“

„Spaß haben, schätze ich“, hörte Evan Howard Bauer flüstern.

„Wie ich sehe, haben Sie eine Kamera dabei“, fuhr sie fort. „Wenn Sie ein kurzes Interview führen wollen, vielleicht bei Tee und selbstgemachter Marmelade, könnte ich Ihnen alles erzählen, was sie über dieses Dorf in der Zeit des Krieges wissen müssen.“

Evan genoss es, Howards und Grantleys Gesichter zu beobachten, während Mrs. Powell-Jones sich zu ihnen lehnte und dabei mit der Gartenschere herumfuchtelte. Ausnahmsweise war selbst Grantley mal sprachlos. „Sehr freundlich. Herzlichen Dank. Ich muss los. Dringender Termin“, murmelte er und eilte die Straße hinunter.

„Ich muss sagen, er ist ein recht unhöflicher, junger Mann“, sagte Mrs. Powell-Jones. „Das ist wohl das Temperament eines Künstlers. Dann rechne ich später mit Ihnen.“

„Mein Gott, was für eine furchtbare Frau“, flüsterte Howard Evan zu, als sie hinter Grantley her eilten. „Sie erinnert mich an meine Ex-Frau!“

Grantley war vor dem Schulhof zum Stehen gekommen, wo die Kinder gerade lautstark spielten.

„Sagen Sie mir nicht ... dass Edwards Ex-Verlobte an dieser Schule unterrichtet!“, rief er. „Wie unglaublich idyllisch. Lasst uns reingehen, und sie überraschen!“

„Sie kennen sie auch?“, fragte Evan.

„Natürlich. Wir waren alle zusammen in Cambridge. Eine große glückliche Familie“, sagte Grantley. „Oh, da ist sie ja! Meine Güte, sie ist mittlerweile wirklich auf der grünen, Ethno-Schiene. Hey, Bronwen, hier drüben. Rate mal, wer da ist.“

Evan beobachtete, sprachlos vor Qual, wie Bronwens Blick sich auf sie richtete, dann überquerte sie, gefolgt von faszinierten Kindern, den Schulhof. Sie trug ihren langen, roten Umhang und einen langen, gewebten Rock und sah damit wie eine Gestalt aus einem alten Märchen aus. Als sie näherkam, sah sie mit fragendem Blick von Evan zu den anderen, dann trat Wiedererkennen in ihren Gesichtsausdruck. „Grantley? Meine Güte, was tust du hier?“

„Ein altes Flugzeug filmen, meine Süße. Und du wirst nie erraten, wen wir als beratenden Experten dabeihaben.“

Die Farbe wich aus ihrem Gesicht. „Edward ist auch hier? Ich fragte mich das schon, als Evan sagte, ein Enthusiast für Flugzeuge des Zweiten Weltkriegs würde das Projekt organisieren.“

„Und er brennt darauf, dich zu sehen, meine Süße. Wir haben Zimmer oben in dem Chalet aus der Hölle. Warum kommst du später nicht auf ein paar Drinks zu uns rauf ... um der alten Zeiten willen?“

Bronwen zögerte und warf Evan einen flüchtigen Blick zu, ehe sie sagte: „Na gut. Warum nicht?“

„Gegen halb sechs? Bist du deine kleinen Schützlinge dann los?“

Sie nickte.

Eines der Kinder tippte ihr an den Arm. „Miss Price, soll ich für Sie die Glocke läuten? Die Pause ist vorbei.“

Bronwen reagiert, als wäre sie in Trance gewesen. „Was? Oh ja, Aled. Läute die Glocke. Danke.“

Sie scheuchte die Kinder zum Schulgebäude zurück, während Evan dastand und ihr nachsah.

 

Evan war gerade nach Hause gekommen und hatte die Uniform abgelegt, als Mrs. Williams an seiner Tür klopfte. „Miss Price wartet unten auf Sie, Mr. Evans. Ich habe Sie im Wohnzimmer Platz nehmen lassen.“

Evan zog sich einen Pullover über sein T-Shirt, schlüpfte in eine Kordhose und eilte die Treppe hinunter.

„Bist du bereit?“, fragte Bronwen. Evan fiel auf, dass sie sehr untypisch gekleidet war, in dunkler Hose, blauer Seidenbluse und mit einer grauen Strick-Stola um den Schultern. Sie hatte sogar ihren langen Zopf zusammengedreht und etwas Make-up aufgelegt.

„Bereit?“, fragte Evan.

„Wir haben versprochen, für ein paar Drinks ins Hotel hochzugehen.“

„Du willst, dass ich dich begleite?“ Evan versuchte den Anflug von Genugtuung zu verbergen.

„Natürlich will ich, dass du mich begleitest.“ Sie wirkte plötzlich verletzlich. „Wenn das für dich in Ordnung ist ... du willst doch nicht, dass ich mich allein in die Höhle des Löwen begebe, oder?“

„Ich begleite dich, wenn du das möchtest“, sagte er. „Ich dachte, du würdest dich vielleicht gerne allein mit ihnen unterhalten.“

„Um Gottes willen, nein.“ Sie zog eine Grimasse. „Ich will eigentlich gar nicht hingehen. Ich war nur zu überrascht um abzulehnen.“

„Wir müssen ja nicht lange bleiben“, sagte Evan.

Sie lächelte zu ihm herauf. „Nein. Nur lang genug, um ihnen zu zeigen, dass ich absolut glücklich und angekommen bin, und mein neues Leben genieße, dann muss ich sie nie mehr wiedersehen.“

Evan hielt ihr die Haustür auf. „Wird dir das schwerfallen?“, fragte er. „Ich hatte immer den Eindruck, es sei eine einvernehmliche Trennung gewesen ... weil ihr beide euch so sehr verändert habt.“

Es wurde bereits dunkel. Der Himmel war in silbernes Licht getaucht, durchzogen von marineblauen Wolkenbändern. Die Straßenlaternen warfen kleine Seen aus Licht auf den nassen Bürgersteig. Fleischer-Evans ließ die Jalousie hinter seinem Schaufenster herunter. „Noswaith dda!“, rief er, als sie vorübergingen.

Bronwen wartete, bis sie an der Metzgerei vorbei waren. „Ich habe dir nicht alle Einzelheiten erzählt“, sagte sie. „Hauptsächlich, weil ich mich selbst nicht der Wahrheit stellen wollte. Ich habe Edward nicht mehr gesehen, seit er mir sagte, dass er mich für jemand anderen verlässt.“

„Oh, verstehe.“

„Das war ein schwerer Schlag, wie du dir sicher vorstellen kannst“, sagte sie. „Deshalb bin ich hergekommen, in ein kleines Dorf, wo mich niemand kannte.“

„Ich bin froh, dass du das getan hast“, sagte Evan.

Sie streckte den Arm aus und nahm seine Hand. „Ich bin auch froh.“

Ein großes Feuer knisterte im mit Flusssteinen verzierten Kamin, als sie die Lobby des Everest Inn betraten. Eine Harfenistin spielte in der Ecke, und am Fenster saß ein älteres Ehepaar in Wanderkleidung beim Tee. Grantleys Gruppe saß bereits um das Feuer verteilt.

„Da ist sie ja.“ Grantley sprang auf, obwohl Edward sitzen blieb. „Und unser gewissenhafter Polizist eskortiert sie, für den Fall, dass sie unterwegs von Banditen überfallen wird. Ich muss schon sagen, die Polizei bietet hier oben einen wundervollen Service. Viel besser als die Metropolitan Police!“

Evan nahm Bronwens Arm, als sie die ausgedehnte Lobby durchquerten. Edward erhob sich. „Hallo Bronwen. Wie geht es dir?“

„Sehr gut, danke, Edward. Und selbst?“

„Oh, bestens, Dankeschön. Ich muss sagen, du siehst toll aus.“

„Danke.“

„Lass mich dir einen Stuhl holen.“ Er eilte los und zog einen Stuhl vom Nachbartisch heran.

„Evan wird auch einen brauchen“, sagte Bronwen.

„Schon in Ordnung. Ich kann mir selbst einen holen.“ Evan griff nach einem Stuhl, ehe irgendjemand reagieren konnte. Er setzte sich ein Stück hinter Bronwen.

„Sie müssen nicht warten, Constable“, sagte Grantley. „Wir sorgen dafür, dass sie sicher nach Hause kommt und nicht von Wölfen gefressen wird.“

„Evan begleitet mich“, sagte Bronwen gelassen. „Wir gehen überall gemeinsam hin.“

„Oh, ich verstehe.“ Edwards rosafarbenes Gesicht nahm einen noch intensiveren Farbton an. „Oh, natürlich.“

„Ich glaube, unseren Regisseur kennst du noch nicht, Howard Bauer“, sagte Grantley.

„Ich habe natürlich von Ihnen gehört.“ Bronwen tauschte ein Lächeln mit Howard. „Ihre Arbeit ist sehr beeindruckend.“

„Und meine Sekretärin, Sandie. Sandie, Bronwen ist eine alte Freundin aus unseren Tagen in Cambridge.“

„Oh, wie schön.“ Sandie lächelte schüchtern. „Ich habe viel über Ihre Zeit in Cambridge gehört. Es muss toll gewesen sein.“

„Das war es“, sagte Grantley. „Und wie. Wir waren Teil dieser radikalen Theatergruppe ... Erinnert ihr euch noch an das Stück, das wir beim Edinburgh Fringe aufgeführt haben?“

„Das war ein lächerliches Stück“, sagte Bronwen lachend. „Du hast mich dazu gebracht, den ganzen zweiten Akt lang mit dem Kopf in einem Vogelkäfig herumzurennen und die Worte des Großen Vorsitzenden Mao von mir zu geben.“

„Und das Publikum hat nicht verstanden, worum es ging.“ Edward lachte auch.

„Sie wussten nicht einmal, wann es zu Ende war und ob sie applaudieren sollten.“

„Wir hielten uns für ionesconischer als Ionesco selbst, oder?“, fragte Grantley mit erhobener Stimme.

Während der Laustärkepegel stieg und die Unterhaltung am Tisch immer flüssiger lief, saß Evan im Schatten hinter Bronwen und beobachtete alles mit Unbehagen. Das war eine neue Bronwen, die er noch nie zuvor erlebt hatte ... sie war geistreich und lebhaft, lachte viel und unterhielt sich über Dinge, die weit über seinen Horizont und seine Erfahrungen hinausgingen. Er hatte gehofft, dass sie mit Edward und ihm im selben Raum realisieren würde, was für eine gute Wahl sie getroffen hatte. Jetzt kam es ihm vor, als würde das exakte Gegenteil geschehen. Sie war wieder bei ihrer alten Clique, die alle auf ihrem intellektuellen Niveau waren, und ihr musste klar werden, wie viel ihr in ihrem ruhigen Dorfleben fehlte.

Kapitel 6

Tatsächlich habe ich mich auf den Krieg gefreut. Wissen Sie, ich war 1939 gerade vierzehn geworden. Das bedeutete, die Schule zu verlassen und genau wie mein Vater und all die anderen Männer in die Schiefermine zu gehen. Ich hatte keine Wahl. Wer in Blenau lebte, war ein Kumpel in der Schiefermine, es sei denn, man war Pastor ... wir hatten damals mehr als genug Kapellen, obwohl ich nicht weiß, wofür wir die alle brauchten. Jeder, der unten in der Schiefermine arbeitete, wusste bereits alles über die Hölle. In den Wintermonaten bekamen wir wochenlang kein Tageslicht zu Gesicht ... runter in die Mine, ehe die Sonne aufging, und abends wieder nach Hause, nachdem die Sonne längst untergegangen war. So etwas nagt an einem, besonders bei einem Kerl wie mir, der die frische Luft liebt. Als ich noch zur Schule ging, verbrachte ich jeden freien Moment mit Malkasten und Skizzenbuch draußen im Moor und malte alles, was ich sah. Mein Schuldirektor, Mr. Hughes, sagte mir, dass ich ein echtes Talent hätte. Er ermutigte mich und hat mir sogar einmal Farben gekauft. Gib dich nie mit billigen Farben zufrieden, Trefor, sagte er mir. Er sagte auch, dass er einem Kerl an einem Kunst-College in London einen Brief geschrieben hätte. Sie hätten mir ein Stipendium gegeben, sagte er. Aber natürlich hat man zu Hause nur gelacht, als ich davon erzählte. Was bringt einem die Kunst unten in der Mine ... unten in der Mine ist es zu dunkel, um irgendwelche Motive zu sehen, sagte mein Vater.

Ich hasste es dort unten vom ersten Tag an ... nun, es war für einen Vierzehnjährigen ziemlich furchteinflößend, das kann ich Ihnen sagen. Runter und immer weiter runter, hunderte Stufen hinab, fast völlig ohne Licht, und dann diese riesige Höhle, gesprenkelt mit kleinen Lichtpunkten, dort wo die Kumpel ihre Laternen aufgehängt hatten. Die langen Tage in der Dunkelheit, mit dem Echo der Hammerschläge und dem geisterhaften Stimmengewirr. Ja, das war wirklich wie die Hölle.

 

Die Kriegserklärung war im Sommer ’39. Der Sommer, in dem ich vierzehn wurde, die Schule verließ und runter in die Mine ging. Ein paar der älteren Jungs im Dorf sind gleich losgezogen um in den Militärdienst einzutreten. Ich fand, dass sie in ihren Uniformen ziemlich gut aussahen. Ich war natürlich zu jung und betete dafür, dass der Krieg andauerte, bis ich siebzehn wäre. Johnny Morgan wurde nach Frankreich entsandt. Ich hätte alles dafür gegeben, mit ihm tauschen zu können. Frankreich ... das Land der Maler. Ich hatte ihre Gemälde in den Büchern gesehen, die Mr. Hughes mir geliehen hatte.

Natürlich habe ich Johnny nicht mehr so sehr beneidet, als das Telegramm kam. Er hat nicht viel von Frankreich gesehen. Er fiel an den Stränden von Dünkirchen.

Danach hat es noch viele Momente gegeben, in denen ich mir wünschte, ich wäre es gewesen.

 

Am nächsten Morgen eilten die Bewohner von Llanfair aus ihren Häusern, als sie das Geräusch eines herannahenden Hubschraubers hörten. Er arbeitete sich langsam den Pass hinauf und unter ihm hing eine große Fracht, deren genaue Beschaffenheit nicht sofort auszumachen war.

„Die Armee macht wieder ihre Übungen“, rief Milchmann-Evans zu Fleischer-Evans hinüber.

„Nein. Das sind diese Fremden mit ihrem verdammten, deutschen Flugzeug. Bis die wieder weg sind, werden wir nicht einen Augenblick Frieden haben. Wart’s nur ab, die Hubschrauber werden Tag und Nacht den Pass rauf und runter jagen ...“ Seine letzten Worte gingen im Hämmern des Hubschrauberrotors unter. Er starrte zu den Bergen hinauf. „Ich glaube, ich werde mal da hochgehen, und denen sagen, was ich von ihnen halte. Das hier ist ein ruhiger Ort. Wir wollen hier nicht gestört werden.“

„Ausnahmsweise bin ich mal deiner Meinung“, stimmte Milchmann-Evans zu. „Ich habe nichts gegen die Touristen, aber Hubschrauber, die den ganzen Tag den Pass rauf und runter fliegen ... das ist zu viel.“

„Landwirt-Owens wird auch nicht erfreut sein, das kann ich garantieren. Dieses Ding wird seine Schafe verschrecken.“

„Und Mr. Howells Milchkühe werden vielleicht so beunruhigt sein, dass sie keine Milch mehr geben, und was wird dann aus mir?“

„Wir sollten eine offizielle Beschwerde einreichen und alle Dorfbewohner unterschreiben lassen“, sagte Fleischer-Evans. „Man hat uns nicht gefragt, ob wir eine Filmcrew hier oben haben wollen, oder?“

„Wir sollten zu Hochwürden Parry Davies gehen. Er weiß bestimmt, wie man eine offizielle Beschwerde einreicht.“

„Sicher, aber Hochwürde Powell-Jones wüsste es besser.“

„Sicher nicht!“

„Aber ganz bestimmt. Er ist der ältere Pastor, mit den besseren Predigten, und auch noch auf Walisisch.“

Einen Moment lang standen sie sich mit erhobenen Fäusten gegenüber. Dann lachte Milchmann-Evans.

„Oder die Pfarrersfrauen. Die sind noch besser. Niemand stellt sich Mrs. Powell-Jones in den Weg, oder?“

Fleischer-Evans musste ebenfalls lachen. „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen, nicht wahr? Sollen wir gleich jetzt hochgehen ... als Repräsentanten des Dorfes?“

„Da bin ich dabei, Gareth bach.“

Für einen kurzen Augenblick stimmten die beiden in völliger Harmonie überein. Sie schlossen sich anderen neugierigen Dorfbewohnern an, die dem Hubschrauber nacheilten.

Sie hatten die beiden Kapellen noch nicht erreicht, als ein mit Ausrüstung beladener Land Rover neben ihnen hielt.

„Wir sollen zu irgendeinem See rauf und einen eintreffenden Hubschrauber filmen.“ Ein junger Mann mit rotem Bart steckte den Kopf aus dem Autofenster und rief den beiden Evans zu. „Llyn Llydaw ... irgendeine Ahnung, wo das sein könnte?“

„Der Hubschrauber ist schon hier vorbeigekommen“, rief Milchmann-Evans zurück. „Hat die ganzen Schafe verschreckt und unsere Ruhe gestört.“

„Verdammt. Ich wusste doch, dass wir spät dran sind“, murmelte der Mann. „Wo geht es denn jetzt lang?“

Milchmann-Evans blickte zu der Menschenmenge, die sich jetzt den Pass hinaufbewegte. „Folgen Sie denen. Sie können es nicht verpassen.“

Der junge Mann murmelte noch mal „verdammt“, und fuhr mit brüllendem Motor weiter die Straße hinauf.

Oben am See starrte Evan derweil entmutigt über die trübe Wasserfläche während er die Szenen des vergangenen Abends wieder und wieder Revue passieren ließ. Bronwen hatte ihn beruhigt, als sie zusammen nach Hause gingen, aber Evan hatte das keinen Mut gemacht. Es war ein Schock gewesen, diese neue, geistreiche, lachende Bronwen zu sehen. Warum hatte sie nie zuvor erwähnt, dass sie in Cambridge gewesen war? Vielleicht, weil er nie gefragt hatte. Er wusste, dass sie an der Universität gewesen war, aber Cambridge ... also, da gingen nur die Klügsten hin, oder? Sollte es nur eine Frage der Zeit sein, bis sie sich entschloss, dass das Dorfleben ihr nichts mehr zu bieten hatte?

Während er so vor sich hin starrte, tauchte der Hubschrauber auf und setzte seine Fracht am Seeufer ab. Grantley filmte die Ankunft des Hubschraubers, etwas übellaunig, weil die Kameracrew nicht rechtzeitig aufgetaucht war. Howard stand neben ihm und sah schweigend zu.

Dann wurde Evans Blick plötzlich zum Pass gezogen, wo jetzt mehrere Köpfe auftauchten. Es schien, als käme die gesamte Bevölkerung von Llanfair, um den Hubschrauber zu sehen. Er kletterte den Abhang hinauf und fing die ersten Schaulustigen ab.

„Jungs, ich muss euch leider mitteilen, dass sie hier oben keine Zuschauer haben wollen“, sagte er.

„Was meinen Sie? Das ist doch ein öffentlicher Weg auf den Berg, oder nicht?“, wollte einer der jungen Männer wissen. „Sie können die Leute doch nicht von öffentlichen Wegen fernhalten.“

„Mir wurde aufgetragen, niemanden durchzulassen – Anweisung meines Chief Inspectors –, damit sie ohne Zwischenfälle ihre Aufnahmen machen können. Also seid brave Kerle und geht wieder nach Hause.“

Die beiden jungen Männer drehten zögerlich um, doch Evan bemerkte, dass weitere Schaulustige versuchten, sich zu beiden Seiten vorbeizuschleichen. Er rannte hin und her und kam sich dabei wie ein Hütehund vor.

„Ich hatte Sie doch darum gebeten, alle auf Abstand zu halten“, rief Grantley. „Grinsende Gesichter, die hinter Felsen auftauchen, haben mir gerade eine weitere Sequenz ruiniert.“

Die Kameracrew traf ein, holperte und wankte die Fahrspur entlang, und bald waren eine große Kamera und Beleuchtung am Ufer aufgestellt.

Grantley kam zu Evan herüber, der weitere Beschwerden erwartete.

„Jetzt läuft alles glatt, Constable. Ich kann Howard und der Crew die Regie überlassen. Ich möchte, dass Sie mich auf einen kleinen Ausflug begleiten. Wir nehmen den Wagen.“

Evan stieg neben ihm in den Land Rover und sie fuhren los. „In etwa einer Stunde trifft eine Frau aus Manchester ein“, offenbarte ihm Grantley. „Wir holen sie am Bahnhof in Bangor ab und bringen sie dann zu einem Gehöft namens Fron Heulog. Das soll hier irgendwo in der Nähe sein – wissen Sie, wo das ist?“

„Fron Heulog?“ Evan schälte den Namen aus Grantleys schrecklicher Betonung heraus und versuchte sich daran zu erinnern, welches Gehöft wie bezeichnet wurde. „Ich weiß, dass es einer der Höfe in der Gegend ist. Kennen Sie den Namen der Besitzer?“

„James“, sagte Grantley.

„Oh, dann weiß ich, welcher es ist. Ein altes Pärchen, ja? Ich glaube nicht, dass sie noch aktive Landwirte sind. Das Tal runter, Richtung Llanberis ... ein kleines, weißes Haus.“

„Fantastisch. Ich arrangiere ein rührseliges Wiedersehen.“ Grantley lächelte verschmitzt. „Die Frau war früher als Evakuierte bei ihnen und ich bringe sie zurück. Sie haben sich seit Ende des Krieges nicht mehr gesehen. Das dürfte großes Kino werden.“

 

Evan konnte sich nicht für Pauline Hardcastle erwärmen, als sie sie im Bahnhof von Bangor trafen. Sie hatte einen harten, verkniffenen Gesichtsausdruck und ihre kleinen, tiefliegenden Augen zuckten nervös umher.

„Ich bin mir nicht sicher, ob ich das tun möchte ... alte Erinnerungen wachrütteln“, sagte sie, „aber Sie meinen ja, dass es beiden Seiten guttun wird, also werde ich der Sache eine Chance geben. Leben sie beide noch? Ich dachte, sie hätten schon vor Jahren den Löffel abgegeben. Lebt ihr Sohn immer noch bei ihnen? Ein gemeiner, kleiner Lümmel war das.“

Evan blickte zu Grantley hinüber. Ihm stand noch immer ein Lächeln im Gesicht.

 

Die James' schauten schon beim Geräusch des herannahenden Wagens aus der Tür ihres Cottages. Zwei ältere Border Collies standen zu ihren Füßen und wedelten zaghaft mit den Schwänzen.

„Die liebe Güte, sieh mal einer an, Väterchen.“ Mrs. James trat mit ausgestreckten Armen vor. „Wenn das nicht unsere kleine Pauline aus dem Krieg ist, die nach all der Zeit zurückkommt, um uns zu besuchen.“

„Kleine Pauline“, murmelte der alte Mann.

Die ausgemergelte Frau stand da und ließ sich umarmen.

„Komm rein, um Gottes willen, und lass uns eine Tasse Tee trinken“, sagte Mrs. James in trällerndem Englisch. „Setz den Kessel auf, Väterchen.“

Sie führte sie in eine makellos geschrubbte Küche mit einer Anrichte samt Tellerbord und einer Sitzbank mit hoher Lehne. Der alte, schwarze Ofen stand unbenutzt in der Ecke, während Mr. James einen modernen Wasserkocher anschloss. An den Wänden befanden sich mehrere Heizkörper und die Küche war angenehm warm.

„Ein wenig anders, als beim letzten Mal, nicht wahr?“, fragte Mrs. James schüchtern. „Meine Güte, aber ich erinnere mich noch an die Zeit, als wäre es gestern gewesen. Was warst du nur für eine arme, kleine Maus, wie du so zitternd vor uns standest. Nichts als Haut und Knochen. Nicht ein Gramm überschüssiges Fleisch an dir. Deine Kleidung war zerlumpt und schmutzig, und ich glaube, du hattest seit Wochen nicht gebadet. Ich musste dich rausbringen und unter der Wasserpumpe abschrubben, damit du uns keine Flöhe ins Haus bringst.“

Evan bemerkte, dass Grantley filmte.

„Daran erinnere ich mich auch noch“, sagte Pauline. „Ich bin fast erfroren, als du mich bei der Pumpe abgeschrubbt hast. Das hat mir fast die Haut abgescheuert. Ich habe geweint, aber das hat dich nicht interessiert.“

„Oh, aber wir mussten das tun, Liebes“, fuhr Mrs. James mit ihrer sanften Stimme fort.

Pauline schaltete sich ein. „Ihr musstet das tun. Ihr habt mich wie Dreck behandelt, und das wisst ihr. Das nennt man Kindesmisshandlung. Wenn das heute passiert wäre, ständet ihr dafür vor Gericht, wie ihr mich behandelt habt.“

„Einen Moment mal“, unterbrach sie Mr. James. „Es ist nicht nötig, meine Frau anzuschreien. Wir haben etwas Gutes damit getan, dich aufzunehmen ...“

„Etwas Gutes?“ Pauline schrie jetzt. „Ihr wolltet doch nur eine Sklavin haben. Ihr habt mir kein Essen gegeben, wenn ich nicht gearbeitet habe ... wisst ihr das noch? Ich ging hungrig ins Bett, in einem Zimmer ohne Heizung. Ich habe mich jede Nacht in den Schlaf geweint.“

Sie wandte sich an Grantley. „So war es wirklich. Ich flehte sie an, mich nach Hause gehen zu lassen, aber sie wollten eine Sklavin für ihren Hof. Ich musste im Morgengrauen aufstehen und ihre verdammten Hühner füttern ... ich hatte Todesangst vor diesen Hühnern. Und ich musste Kartoffeln schälen und abwaschen. Ich war acht Jahre alt und ihr habt mich wie eine verdammte Sklavin behandelt. Und ihr habt mich mit einem Lederriemen geschlagen, wenn ich Widerworte gab, und ich musste jeden Sonntag in die dämliche Kapelle gehen.“

Es entstand eine Pause, in der das einzige Geräusch von der tickenden Uhr auf dem Kaminsims kam.

Pauline blickte von einem Gesicht ins nächste. „Ich habe all die Jahre darauf gewartet, euch das ins Gesicht sagen zu können, und es fühlt sich verdammt herrlich an!“ Sie stand auf. „Wir können jetzt gehen. Ich habe diesen Leuten nichts mehr zu sagen.“

Das Ehepaar James war fassungslos. „So war es gar nicht, Pauline, Liebes“, sagte Mrs. James. „Wir haben dich genauso behandelt wie unsere eigenen Kinder. Auf einem Bauernhof müssen alle hart arbeiten, sonst bleibt etwas liegen. Wir haben dir nur die leichtesten Aufgaben gegeben und du hast deshalb schon den Aufstand geprobt. Ich glaube, du musstest zu Hause nie auch nur einen Finger rühren, oder? Du konntest weder kochen noch nähen oder stopfen ...“

„Ich war erst acht, verdammt noch mal“, schrie Pauline. „Um Himmels willen, ich war ein kleines Kind! Ich war zum ersten Mal in meinem Leben von meiner Mutter getrennt. Und du hast zugelassen, dass er mich missbraucht.“

„Was meinst du damit?“, wollte Mr. James wissen.

„Du weißt genau, was ich meine, du schmieriger, alter Mann.“ Sie wandte sich an die Frau. „Er konnte seine Hände nicht von mir lassen und du hast weggesehen.“

Sie ging auf die Tür zu. „Ich habe alles gesagt. Es ist zu schmerzhaft, darüber zu sprechen. Lasst mich raus.“

Grantley hatte die ganze Zeit gefilmt. Er stand auf und folgte Pauline mit laufender Kamera aus dem Haus. Evan stand betreten da und war sich nicht sicher, was er dem alten Paar sagen konnte.

„So war es überhaupt nicht, Constable Evans“, sagte Mrs. James nach einer Weile. „Ich weiß nicht, wo sie diese Vorstellungen herhat, aber wir haben sie wie unsere eigenen Kinder behandelt. Warum sollte sie herkommen wollen, um solche Dinge zu sagen?“

„Das ist niederträchtig“, sagte Mr. James. „Jemand hat ihr diese Ideen in den Kopf gesetzt. Höchstwahrscheinlich einer dieser Therapeuten, von denen man liest.“ Er sah zu dem brodelnden Wasserkocher und schaltete ihn aus. „Sie wollen jetzt wohl keinen Tee mehr, schätze ich.“

„Es tut mir leid, Mr. James“, sagte Evan. „Ich bin mir sicher, Mr. Smith ging nicht davon aus, dass es so laufen würde, sonst hätte er das Wiedersehen zwischen Ihnen und Pauline nie vorgeschlagen.“

Grantley gab sich kleinlaut, bis sie Pauline wieder am Bahnhof abgesetzt hatten. Dann stieß er einen lauten Freudenschrei aus. „Was sagt man dazu, na? Großartiges Material. Damit werden alle gebannt auf die Leinwand starren, oder?“

Evan sah ihn an. „Sie wussten, dass sie solche Dinge sagen würde?“

„Mein lieber Junge, das war doch der Sinn des Ganzen. Ich habe die Fühler ausgestreckt, um Evakuierte zu finden, die in Nordwales schlechte Erfahrungen gemacht haben. Sie war die Einzige, die ins Bild passte.“

„Aber sie hat diese alten Leute wirklich durcheinandergebracht“, sagte Evan.

„Ich bin mir sicher, dass sie es verdient haben.“ Grantley lächelte noch immer. „Keine Sorge, Constable. Ich werde ihnen für ihre Mitarbeit an der Dokumentation einen Scheck schicken. Geld hat einen Zauber, der wilde Bestien besänftigen kann, nicht wahr?“

 

„Setzen Sie sich, Mr. Evans. Sie sehen völlig erschöpft aus“, sagte Mrs. Williams am Abend als Begrüßung. „Es ist wohl harte Arbeit, sich um eine Filmcrew zu kümmern, was?“

„Sie haben ja keine Ahnung, Mrs. Williams.“ Evan sank auf seinen Stuhl. „Ich musste mich mehr anstrengen, als jeder Hütehund, um die Menschen vom Set fernzuhalten, und dann musste ich eine wirklich unangenehme Begegnung zwischen den James oben in Fron Heulog und ihrer Evakuierten aus der Kriegszeit miterleben. Dann musste ich diesem unausstehlichen Widerling Grantley Smith zuhören, während er davon sprach, wie genial er sei und dass er mit diesem Film Preise gewinnen würde.“

„Essen Sie das, dann wird es Ihnen besser gehen.“ Mrs. Williams öffnete den Ofen und holte einen Teller heraus, mit drei Stücken Lammleber und mehreren Speckscheiben, alle unter gebratenen Zwiebeln und kräftiger, brauner Bratensoße begraben. Sie gab einen großzügigen Berg aus luftigem Kartoffelbrei dazu, dann noch Stangenbohnen und Blumenkohl in einer Soße mit Petersilie. In solchen Augenblicken wusste Evan, warum er so zögerlich war, wenn es darum ging auszuziehen und alleine zu leben.

Er hatte kaum den ersten Happen gegessen, als das Telefon klingelte.

„Wer mag das sein, so beim Abendessen zu stören?“, wollte Mrs. Williams zornig wissen. „Die Leute sind immer so rücksichtslos. Niemand denkt daran, dass Sie auch mal in Ruhe Ihr Abendessen genießen müssen ...“

Sie eilte zum Telefon. „Er isst gerade zu Abend“, hörte Evan sie sagen. „Oh, na gut. Ich hole ihn.“ Sie kam zurück in die Küche geeilt. „Es tut mir leid, Sie zu stören, Mr. Evans, aber es scheint etwas Fürchterliches im Everest Inn vor sich zu gehen. Major Anderson möchte sie auf der Stelle dort haben.“

Evan schnappte sich seine Jacke und rannte zur Haustür hinaus.

Als er das Everest Inn betrat, war alles ruhig, aber er sah eine angespannte Menschengruppe am Tisch beim Feuer sitzen. Hinter ihnen hielten der Hotelmanager – Major Anderson – und einer der Hotelangestellten einen zappelnden Mann fest.

„Die Polizei ist da. Hier drüben, Constable.“ Major Anderson winkte ihn heran. „Ich fürchte, wir hatten hier einen kleinen Tumult. Ich habe das Meiste davon selbst mitangesehen. Diese Person kam herein und schrie diese Herren an, dann packte er Mr. Smith an der Kehle. Erst mit zwei Männern konnten wir seine Hände von ihm losbekommen.“

Grantley wirkte blasser als üblich und lächelte matt. „Das war ein ziemlicher Schock, das kann ich Ihnen sagen“, sagte er, „und unglücklicherweise hatten wir keine Kamera parat. Das wäre großes Kino gewesen.“

„Großes Kino?“, fragte Sandie. „Grantley ... er hat Sie beinahe umgebracht!“

„Nun gut, Sir. Sie können Ihn jetzt loslassen“, sagte Evan und wandte sich dem Gefangenen zu, ein Mann mittleren Alters, mit wettergegerbtem Gesicht, einem alten Tweedsakko und den dicken Stiefeln eines Landwirtes. Er kam Evan irgendwie bekannt vor. Kaum, dass sie ihn losließen, holte er mit dem Arm aus und Evan erwartete schon fast, einen Schlag zu kassieren.

„Ganz langsam, Junge“, sagte er. „Was geht denn hier vor?“

„Sie sollten sich schämen“, sagte der Mann mit Gift in der Stimme. „Sie ganz besonders, Constable Evans, dafür dass Sie diese ... diese abscheuliche Kreatur in das Haus meiner Eltern gebracht haben. Wissen Sie, was das mit ihnen gemacht hat? Wir mussten den Arzt holen, weil mein Vater Herzprobleme hat. Was dachten Sie sich dabei, diese ... diese Pauline ... nach all der Zeit ins Haus meiner Eltern zu bringen? Wozu sollte das gut sein?“

„Dann müssen Sie wohl der Sohn der James sein?“, fragte Evan.

„Das bin ich. Und meine Eltern sind anständige, tüchtige Menschen. Sie haben sich jeden Tag ihres Lebens die Finger wundgearbeitet. Sie haben es nicht verdient, einer so unangenehmen Situation wie heute Morgen ausgesetzt zu werden. Er hat das Ganze eingefädelt, oder?“ Er trat wieder einen Schritt auf Grantley zu. Major Anderson streckte den Arm aus, um ihn zurückzuhalten. „Ganz langsam, Bursche“, sagte er. „Das wird Ihnen nicht helfen.“

„Wenn Sie nicht aufpassen, muss ich Sie wegen Ruhestörung anzeigen, Mr. James“, sagte Evan.

„Und was ist mit ihm? Hat er nicht auch die Ruhe gestört ... unsere Ruhe?“, brüllte der Mann. „Diese Pauline zurück in unser Haus zu bringen. Ich erinnere mich noch gut genug an sie. Ich war damals noch ein kleines Kind, aber ich erinnere mich deutlich. Sie war eine richtige, kleine Prinzessin, Constable. Sie jammerte die ganze Zeit, rührte keinen Finger, um zu helfen, und hat Essen gestohlen. Unsere Eltern behandelten sie so, wie sie uns andere auch behandelt haben. Und das ist ihr Lohn.“ Er wirbelte herum und wandte sich wieder Grantley zu. „Männer wie Sie ... Skandalreporter wie der Abschaum von den Boulevardblättern ... Sie verdienen nicht zu leben. Wenn ich Sie noch ein Mal in der Nähe meiner Eltern erwische, bringe ich Sie um, verstanden?“

 

„Was war denn los, Mr. Evans?“ Mrs. Williams empfing ihn, als er sehr viel später nach Hause zurückkehrte. „Nichts allzu Ernstes, hoffe ich.“

Mrs. Williams schüttelte ungläubig den Kopf, als Evan ihr erzählte, was passiert war. „Die James aus Fron Heulog? Ich kenne sie recht gut. Anständige, gottesfürchtige Kirchgänger, das sind sie. Es bringt nie etwas Gutes, die Vergangenheit wieder auszugraben, Mr. Evans.“

Sie holte eine deutlich trockenere, abgestandene Version seines Abendessens aus dem Ofen. „Ich habe es für Sie warmgehalten“, sagte sie.

Evan setzte sich, aber ihm war der Appetit vergangen. Mrs. Williams setzte sich ihm gegenüber, also war er gezwungen, deutlich mehr ausgetrocknete Leber zu essen, als er es sonst getan hätte, während er ab und zu anerkennende Geräusche von sich gab.

„Witzig, wenn wir schon von der Vergangenheit sprechen“, sagte sie. „Ich habe seit Jahren nicht an meine Jugend im Krieg gedacht, aber seit Sie mich gefragt haben, kommt alles nach und nach zurück. Jetzt sehe ich es so klar, als wäre es gestern gewesen. Oh, es war eine aufregende Zeit, Mr. Evans. Ich war noch ein junges Mädchen, gerade erst vom Kind zur Jugendlichen geworden, aber was hatten wir für einen Spaß.“

Ihr ganzes Gesicht erstrahlte und die Jahre schienen von ihr abzufallen.

„Spaß ... in Kriegszeiten?“, fragte Evan.

Ein verträumter Ausdruck trat auf ihr Gesicht. „Es gab da diesen Jungen, Trefor Thomas ... oh, er war einfach hinreißend. Gutaussehend, wie ein junger Clark Gable, und Trefor war auch noch talentiert. Ich habe nie jemanden getroffen, der Bilder malen konnte wie er. Er wollte Künstler werden, aber er musste natürlich runter in die Schiefermine, wie schon sein Vater. Das machte da oben jeder so. Alle Mädchen standen auf ihn, aber er hatte nur Augen für Ginger.“

„Ginger?“

„Das war nicht ihr echter Name, müssen Sie wissen. Sie war eine stinknormale Mwfanwy, aber sie nannte sich Ginger, nach Ginger Rogers. Sie war ganz verrückt nach Filmstars und Hollywood. Sie bleichte sich ihr Haar und türmte es auf ihrem Kopf auf, wie Ginger Rogers. Ihre alte Mam kochte vor Wut, aber sie konnte nicht viel dagegen tun, nicht wahr?“

Mrs. Williams gluckste. „Ich war jünger als die anderen ... nur eine Mitläuferin, aber ich war wohl froh, dazuzugehören. Später lernte ich dann Mr. Williams kennen und na ja ... das war es dann. Ich kam hierher und bin hiergeblieben.“

„Hat Trefor denn Ginger geheiratet?“, fragte Evan.

„Nein! Sie ist mit einem Amerikaner durchgebrannt ... einem G.I., der herkam, um sich zu erholen. Eines Nachts war sie auf und davon und hinterließ Trefor eine Nachricht, sie sei nach Hollywood gegangen. Der arme, alte Trefor. Das hat ihm das Herz gebrochen. Danach war er ein anderer. Er wurde verbittert und hat sich zurückgezogen. Ich hörte, er hätte geheiratet und einen Sohn bekommen, aber er bekam sein aufgewecktes, lebensfrohes Selbst nicht mehr zurück. Er hatte so große Hoffnungen, wissen Sie ... weil die National Gallery nach Blenau kam. Er dachte, er könnte mit den Gemälden helfen.“

Evan hatte höflich zugehört, während er aß, aber nicht wirklich aufgepasst. Plötzlich hielt er inne, mit einem Stück Leber auf der Gabel. „Die National Gallery? Das Kunstmuseum aus London, meinen Sie?“

„Ja. Sie haben im Krieg alle Gemälde abgehangen und sie in einer Schiefermine in Blenau verstaut. Wussten Sie das nicht?“

„Nein. Davon habe ich noch nie gehört.“

„Du meine Güte, ja. Sie brachten all die Bilder aus London in großen Lastwagen her. Trefor hatte gerade erst angefangen, in der Mine zu arbeiten. Er hoffte, dass sie ihm die Verwahrung der Gemälde überlassen würden, aber sie kamen natürlich alle in Holzkisten, nicht wahr? Jeder half dabei, die Baracken zu bauen, in denen sie gelagert wurden.“

„Baracken?“

„Ganz recht. Sie bauten Baracken in einer der Höhlen, sieben Stockwerke unter der Erde ... mit Zentralheizung und allem, damit die Bilder nicht beschädigt wurden. Ich glaube, wenn die Deutschen je hier einmarschiert wären, hätten sie nie die ganzen tollen Gemälde gefunden, die wir dort versteckt hatten. Dann wären sie heute vielleicht immer noch da.“

„Das ist sehr interessant“, sagte Evan. „Ich frage mich, ob die Filmcrew davon weiß. Lebt Trefor Thomas noch?“

„Soweit ich weiß, ja.“

„Ich finde, die sollten Sie für den Film Ihre Geschichte erzählen lassen“, sagte Evan. „Ich erwähne das morgen mal.“

„Ich? In einem Film? Escob Annwyl! Ist das denn die Möglichkeit?“ Mrs. Williams legte sich eine Hand auf ihren üppigen Busen, aber gleichzeitig sah sie zufrieden aus.

Kapitel 7

Als Evan am nächsten Morgen im Everest Inn eintraf, saß Edward allein bei einer Tasse Kaffee, Howard ging in einer ledernen Fliegerjacke mit Fellkragen auf und ab und von Grantley oder Sandie war nichts zu sehen. Evan wollte gerade fragen, wo sie waren, als Sandie die Treppe heruntergerannt kam, gefolgt von Grantley.

„Sandie, Liebes, sei doch vernünftig“, rief er ihr nach.

„Nenn mich nicht Liebes“, blaffte sie. „Ich hasse dich. Ich will dich nie mehr wiedersehen, in meinem ganzen Leben nicht. Das werde ich dir nie vergeben. Nie!“

„Sandie“, er holte sie am Empfangstresen ein.

„Würden Sie mir bitte ein Taxi rufen“, bat Sandie mit zitternder Stimme. „Ich reise ab.“

Grantley kam zu Edward herüber und packte ihn am Arm. „Sag doch was. Um Himmels willen, mach, dass sie bleibt. Sag ihr, dass das alles nur ein Witz war. Sag ihr, was du willst, lass sie bloß nicht gehen!“

„Sag du es ihr doch, Grantley.“ Edward schüttelte ihn ab.

Aber Sandie schien sich nicht überzeugen zu lassen. Ein Hotelpage brachte ihr Gepäck herunter und sie verschwand in einem Taxi.

„Da waren’s nur noch drei“, kommentierte Edward. „Ich weiß nicht, was diese Hysterie soll, aber meine Bergungsmannschaft wartet auf mich. Und wenn ihr die Sache filmen wollt, kommt ihr besser mit hoch zum See.“

Grantley stieg grollend in den Wagen. Howard summte vor sich hin, als hätte der Zwischenfall seine Laune verbessert. Evan setzte sich neben Grantley und fühlte sich sehr unbehaglich.

Am Seeufer war viel Betrieb. Eine schwimmende Plattform trieb nun über dem Flugzeug auf der Wasseroberfläche. Zwei Taucher waren an der Arbeit und ein weiterer Mann steuerte eine Roboter-Kamera. Ein großer Generator lief und Licht und Kamera waren vorbereitet.

„Besteht die Chance, dass sie es heute bergen werden?“, fragte Howard.

„Das ist wohl etwas zu optimistisch“, sagte Edward. „Die Taucher können in dieser Tiefe und bei den Temperaturen nicht lange arbeiten. Da unten ist es sehr trüb, musst du wissen. Ich hoffe trotzdem, dass wir es in ein paar Tagen schaffen.“

„Das ist die richtige Einstellung – der Optimist der Gruppe.“ Howard klopfte ihm auf den Rücken.

Die Kamera lief. Die Taucher gingen in die Tiefe. Plötzlich schrie Grantley: „Schnitt! Was zur Hölle ist das da drüben?“

Evan sah in die angedeutete Richtung. „Oh nein“, stöhnte er.

Betsy war gerade hinter einem großen Felsen hervorgekommen. Sie trug einen sehr knappen, violetten Bikini mit weißen Punkten, der kaum die interessanten Stellen ihres Körpers bedeckte. Die Männer sahen begeistert zu, während sie zum Ufer hinunterlief, ein großes Handtuch ausbreitete und sich darauflegte.

„Was zur Hölle tut sie hier?“, schrie Grantley. „Constable, ich sagte Ihnen doch, Sie sollen die Leute fernhalten! Machen Sie um Himmels willen Ihre Arbeit.“

Evan ging zu Betsy hinüber.

„Was machst du hier?“, wollte er wissen.

Sie lächelte zu ihm auf. „Ich sonne mich. Ich komme ständig hier rauf, um mich ungestört und mitten in der Natur zu sonnen.“

„Betsy, es ist Mitte November und ich habe dir gesagt, dass du wegbleiben sollst. Diese Herren sind sehr damit beschäftigt, ihren Film zu drehen.“

Betsy stand auf und mimte überzeugend eine überraschte Marilyn Monroe. „Oh, sie drehen hier oben einen Film? Das ist mir gar nicht aufgefallen. Oh, das tut mir so leid. Ich hoffe, ich habe nicht gestört.“

Die junge Kameracrew grinste. Der Mann, der die Roboter-Kamera bediente, achtete nicht auf seinen Bildschirm. Betsy blickte in Evans wütendes Gesicht. „Es tut mir leid, aber das war ja wohl einen Versuch wert, oder? Ein mürrischer Haufen ist das, oder? Na gut, ich gehe jetzt. Tschüss.“ Sie warf der Kamera einen Luftkuss zu.

„Entschuldigen Sie bitte“, murmelte Evan. „Sie sonnt sich gerne ... kommt dauernd hier hoch, sogar im Winter. Das kommt nicht wieder vor.“

Die Aufnahmen wurden fortgesetzt. Die ferngesteuerte Unterwasserkamera lieferte dramatische Aufnahmen des halb im Schlamm versunkenen Flugzeuges. Dann versteifte Grantley sich. „Oh nein, nicht schon wieder!“

Evan erwartete fast, dass Betsy wieder auftauchte, aber stattdessen kam ein einzelner Mann in Kniebundhose, Wanderstiefeln, mit einer Feder am Hut und einem Wanderstock in der Hand den Pfad herauf.

„Das ist nur ein Wanderer“, sagte Evan, „und das hier ist die Hauptroute zum Gipfel des Snowdon. Wir sollten einfach warten, bis er vorbei ist.“

„Bleibt wohl nichts anderes übrig“, blaffte Grantley. „Macht alle eine kurze Pause.“

Statt weiter dem Pfad zu folgen, schwenkte der Wanderer herum und kam auf sie zu.

„Sind Sie Mr. Grantley Smith?“, wollte er mit seinem schweren Akzent wissen. „Ich bin Gerhart Eichner. Haben Sie das Flugzeug meines Bruders gefunden?“

Grantley sprang mit ausgestreckter Hand vor. „Mein lieber Herr Eichner. Ich freue mich, dass Sie hier sind.“ Er wandte sich an die anderen. „Der Bruder des Piloten. Ich sagte euch ja, ich hätte ihn ausfindig gemacht. Kamera ab, Will. Das sollte eine gute, persönliche Geschichte werden. Mit Gefühl.“ Er geleitete den Deutschen zu dem Bildschirm. „Ja, wir haben das Flugzeug aufgespürt und sind gerade mit einer ferngesteuerten Kamera dran. Sehen Sie, dort auf dem Bildschirm? Das was da links hochsteht, ist der eine Flügel. Es wird nicht mehr lange dauern, bis wir es bergen.“

„Die Leiche meines Bruders ... ist sie noch im Flugzeug?“

„Das können wir noch nicht feststellen. Wir werden warten müssen, bis wir es hochholen.“

„Und was machen Sie mit dem Flugzeug, wenn Sie es bergen?“ In der Stimme des Deutschen lag jetzt eine gewisse Schärfe.

„Oh, das wird in ein neues Museum gebracht.“ Edward kam herübergesprungen wie ein übermütiger Welpe. „‚Krieg der Lüfte.‛ Es wird in einem Hangar einer unbenutzten Basis der Royal Air Force eingerichtet. Dieses Flugzeug wird das Herzstück der Ausstellung.“

„Nein!“ Der Deutsche stieß einen Schrei aus. „Das gefällt mir nicht. Dieses Flugzeug ist der Sarg meines Bruders. Er ist kein Herzstück von irgendwas.“

„Oh, keine Sorge ... Sie werden seine Überreste zur Bestattung mit nach Hause nehmen können, wenn Sie das wollen“, sagte Grantley. „Wenn wir im aktuellen Zustand noch auseinanderhalten können, wer wer ist.“

„Ich möchte, dass er in Frieden dort ruhen kann, wo er jetzt liegt. Er war ein schüchterner Mann. Er würde nicht Teil eines solchen Spektakels werden wollen.“

„Tut mir leid, alter Mann“, sagte Grantley. „Wir haben die Erlaubnis, dieses Flugzeug zu bergen, also bergen wir es.“

„Er ist mein Bruder. Ich verbiete es!“, schrie Herr Eichner.

„Ich fürchte, Sie können nichts tun, um uns aufzuhalten. Das Flugzeug ist Eigentum des Verteidigungsministeriums.“ Er klopfte dem Deutschen auf die Schulter. „Wenn Sie jetzt bitte gehen würden, wir sind sehr beschäftigt.“

Das Gesicht des Deutschen lief purpurrot an. Er drohte Grantley mit seinem Wanderstock. „Ich werde Sie aufhalten!“, schrie er. „Ich finde einen Weg, um Sie aufzuhalten. Sie haben nicht das Recht dazu!“

„Ich habe sehr wohl das Recht“, sagte Grantley. „Sie haben damals verloren, wissen Sie noch? Das ist Kriegsbeute!“ Er wandte sich dem Deutschen mit einem überheblichen Grinsen auf den Lippen zu. „Jetzt verschwinden Sie, sonst muss ich sie von Constable Evans entfernen lassen.“

„Ich komme wieder!“ Der Deutsche drohte erneut mit seinem Stock. „Ich finde einen Weg, um Sie aufzuhalten, garantiert!“

Er stapfte den Weg hinab.

„Unser Grantley hat schon ein Händchen für Menschen, nicht wahr?“, flüsterte Howard Evan zu. „Ein echter, kleiner Diplomat. Dem Himmel sei Dank, dass er nicht UN-Generalsekretär geworden ist, sonst hätten wir mittlerweile den Dritten Weltkrieg gehabt.“

„Das habe ich gehört“, sagte Grantley. Er wirkte belustigt. „Und natürlich wäre ich nie UN-Generalsekretär geworden. Mein Name ist zu gewöhnlich. Man muss schon Boutros Boutros Ghali oder Perez de Queyar heißen, um überhaupt in Betracht gezogen zu werden.“

Evan wurde plötzlich klar, dass er das genoss. Grantley war einer dieser Menschen, die von Auseinandersetzungen zehrten.

„Du hast recht“, schloss Howard sich an. „Sein Name ist zu gewöhnlich.“

Aus irgendeinem Grund warf Grantley ihm einen giftigen Blick zu. „Lasst uns mit dem Geplauder aufhören und endlich weiterarbeiten, ja?“

In diesem Augenblick setzte der Regen ein ... kein sanfter Nieselregen, sondern ein Wolkenbruch.

„Bislang war der heutige Tag nicht gerade brillant“, sagte Grantley, als sie in den Wagen stiegen und der Fahrspur ins Dorf hinab folgten. „Kann jemand irgendetwas sagen, um mich aufzuheitern? Ich stehe kurz vor einer Depression.“

„Du bist selbst schuld, Grantley“, sagte Edward, „du hast dich wie ein Trottel benommen.“

„Ich? Ich habe mich gegen die Invasion der Hunnen verteidigt.“ Er wandte sich zu Evan. „Unser ehrlicher Dorfpolizist kann doch bestimmt etwas sagen, um mich aufzuheitern. Sagen Sie mir, dass Sie eine großartige Kriegsgeschichte für uns ausgegraben haben, die unserem eintönigen Epos Leben einhauchen wird.“

Er war so offensichtlich sarkastisch und bevormundend, dass Evan versucht war, Mrs. Williams’ Geschichte gar nicht erst zu erwähnen. Doch dann beschloss er, dass die Geschichte einen gelungenen Streich abgeben würde.

„Ich habe da eine Frau, die ich Ihnen gerne vorstellen würde“ sagte er.

„Oh Gott, bitte sagen Sie, dass es nicht diese schreckliche Frau des Predigers ist!“, jammerte Grantley.

„Nein, sie stammt aus einem Dorf etwa fünfundzwanzig Kilometer von hier. Sie kann uns von jemandem erzählen, der im Krieg geholfen hat, die Gemälde der National Gallery in einer Schiefermine zu verstecken.“

„Die Gemälde der National Gallery? Ist das Ihr Ernst?“

„Oh.“ Jetzt war es an Evan zu lächeln. „Wussten Sie das nicht? Allesamt, sieben Stockwerke unter der Erde in einer Höhle, um sie zu schützen.“

Grantley rutschte auf seinem Sitz herum. „Was für eine unglaubliche Geschichte. Bringen Sie uns sofort zu ihr!“

Eine Stunde später saß Evan am Steuer des Land Rovers und fuhr Grantley Smith die gewundene Straße zur Schiefersiedlung Blenau Ffestiniog hinauf.

„Meine Güte, was für ein trostloser Ort“, rief Grantley, als die Siedlung vor ihnen in Sicht kam. Zwei Reihen grauer Cottages lagen umgeben von Abraumhalden aus Schiefer unter grauen Schiefersteinbrüchen. „Ich würde verrückt werden, wenn ich hier leben müsste.“ Er schwenkte dramatisch seine Zigarette und wirbelte Evan damit beißenden Rauch ins Gesicht.

„Lassen Sie das nicht die Einwohner hören. Sie halten das hier für den schönsten Ort der Welt.“ Evan grinste. „Sie sind hier sehr stolz auf ihren Chor und ihre Kapellen.“ Er wurde langsamer und bog auf die Hauptstraße ein. „Ich werde am Pub halten. Dort weiß man sicher, wo Trefor Thomas wohnt.“

Das Cottage stand außerhalb des Dorfes, am Rande eines kahlen Hochmoores. Ein schlanker, gutaussehender Mann um die Vierzig oder Fünfzig öffnete die Tür. „Kann ich Ihnen helfen?“, fragte er misstrauisch auf Walisisch.

„Ja, wir suchen Trefor Thomas. Sind wir hier richtig?“

Der Mann reagierte auf Evans Uniform. „Sind Sie. Ich bin sein Sohn, Tudur Thomas. Stimmt etwas nicht?“

„Nein, alles in Ordnung. Dieser Gentleman kommt aus England und dreht einen Film über Wales in der Kriegszeit. Wir hörten, dass ihr Vater in der Mine arbeitete, als dort all die Gemälde gelagert wurden. Mr. Smith würde ihn gerne interviewen.“

Grantleys Blick war von einem zum anderen gehuscht, während sie sich auf Walisisch unterhalten hatten. Er trat mit ausgestreckter Hand zwischen die Männer. „Grantley Smith“, sagte er. „Ich gehe davon aus, dass er Ihnen gesagt hat, dass wir einen Film drehen. Wir würden uns freuen, wenn ihr Vater dabei mitwirkt.“

„Oh, ich verstehe.“ Tudur Thomas warf einen Blick zurück ins Haus. „Sie kommen besser rein, dann sehen wir weiter. Ich bin mir nicht sicher, ob sie viel aus ihm herausbekommen werden.“ Er lehnte sich näher zu ihnen und senkte die Stimme. „Sein Verstand lässt nach. An manchen Tagen ist er ziemlich klar, an anderen Tagen erkennt er nicht einmal mich. Er hatte vergangenen Sommer einen Schlaganfall und ich kam hierher zurück, um für ihn zu sorgen. Physisch hat er sich ziemlich gut erholt ... er war schon immer stark wie ein Ochse. So wie all die alten Schiefer-Kumpel, nicht wahr? Aber sein Verstand hat Aussetzer. Deshalb bin ich hiergeblieben, damit er das Haus nicht anzündet.“

„Sind Sie seine einzige Verwandtschaft?“, fragte Evan.

Tudur nickte. „Meine Mutter starb, als ich noch jung war. Dad hat mich mehr oder weniger alleine großgezogen. Er war nie ein umgänglicher Mann ... ein Eremit, könnte man sagen. Aber er hat mich gut behandelt. Und ich möchte mich ihm gegenüber anständig verhalten. Ich habe mich von meiner Schule beurlauben lassen ... ich bin Kunstlehrer an einer Gesamtschule in Wrexham.“

„Sie treten in die Fußstapfen Ihres Vaters, wie?“ Evan lächelte ihn an. „Wir haben gehört, dass Ihr Vater auch Künstler war.“

„Ein sehr talentierter Künstler“, sagte Tudur Thomas. „Im Gegensatz zu mir. Er hat mir die Kunstakademie bezahlt, aber ich war leider nie besonders gut. Zum Lehrer hat’s gereicht. Kommen Sie rein, ich werde sehen, ob er wach ist.“

Tudur Thomas ging voraus. Evan und Grantley Smith folgten ihm und zogen die Köpfe ein, um durch den niedrigen Türrahmen in einen dunklen Eingangsbereich zu treten.

„Tad? Ble ryt ti?“, rief er. „Wir haben Besuch. Ein paar Gentlemen sind hier, um dich zu sehen.“ Es folgte ein rascher Wortwechsel auf Walisisch, zu leise, als dass Evan etwas hätte verstehen können.

„Kommen Sie rein. Er möchte Sie sehen.“ Tudur geleitete sie in ein düsteres, kaltes Wohnzimmer. Ein Kohlefeuer brannte im Kamin, aber es schien nicht viel Wärme abzugeben und der Raum blieb kühl und feucht.

Es war offensichtlich, dass Trefor Thomas einst der hübsche Mann gewesen war, für den Mrs. Williams geschwärmt hatte. Selbst mit siebzig hatte er einen weißen, gelockten Haarschopf und ein starkes, kantiges Gesicht. In mancher Hinsicht wirkte er wie eine größere, lebendigere Version seines Sohnes. Er starrte den Besuchern argwöhnisch entgegen.

„Sind Sie hier, um mich festzunehmen?“, fragte er mit einem Blick auf den Uniformkragen, der unter Evans Jacke zu sehen war.

„Warum, was haben Sie angestellt?“, fragte Evan gut gelaunt.

Der alte Mann warf seinem Sohn einen Blick zu. „Er weiß es, oder?“

Tudur lachte. „Oh, er redet davon, dass er mal bei Tesco’s einen Obst-Nuss-Riegel geklaut hat. Ich habe dafür gesorgt, dass er ihn zurücklegt.“

Er bedeutete ihnen, auf dem Sofa Platz zu nehmen.

„Ich mache uns eine Tasse Tee, ja, Tad?“, fragte Tudur auf Englisch. Er verschwand in die Küche. Evan sah sich in dem Zimmer um. Die Möbel waren abgenutzt und ausgeblichen, aber die Wände waren von Gemälden bedeckt. Da hingen mehrere billige Kopien von Meisterwerken und ein paar hiesige Landschaften. Evan nahm an, dass sie von Mr. Thomas dem Älteren stammten. Evan fand sie ziemlich gut.

Grantley lehnte sich vor. „Mr. Thomas. Wir haben eben in Llanfair mit Mrs. Williams gesprochen. Erinnern Sie sich an sie?“

Trefor Thomas schüttelte den Kopf.

„Sie war damals keine Williams. Sie hieß Gwynneth Morgan. Sie sagte, Sie hätten mit ihren Brüdern gespielt.“

Ein Lächeln der Erkenntnis breitete sich auf Trefors Gesicht aus. „Gwynneth Morgan? Sie war ein schmales, kleines Ding, nicht wahr? Ich frage mich, was aus ihr geworden ist.“

Evan stellte fest, dass Trefor Mrs. Williams schon lange nicht mehr gesehen haben konnte.

„Sie lebt in Llanfair, Mr. Thomas“, sagte er. „Sie hat Gwillum Williams geheiratet und hat jetzt eine Tochter und eine Enkelin.“

„Eine Enkelin? Die kleine Gwynneth Morgen? Nein!“ Er schüttelte ungläubig den Kopf.

Grantley stand auf und schaltete die Kamera ein. „Mr. Thomas, Mrs. Williams erzählte uns, dass sie halfen, die Barracken zu bauen, in denen im Krieg all die Gemälde gelagert wurden. Können Sie uns davon erzählen?“

„Gemälde?“ Mr. Thomas sah sich um. „Ich mag schöne Gemälde. Tat ich schon immer. Ich habe immer ein paar schöne dabehalten, um sie mir anzusehen. Ich habe hier ein paar der Besten, nicht wahr? Der lachende Kavalier ... eines meiner Lieblingsgemälde, und ein Constable und dieser Rembrandt. Ich hatte schon immer einen guten Kunstgeschmack. Mr. Hughes aus der Schule, er hat mich unterrichtet.“ Er deutete auf ein Gemälde über dem Kamin. „Diese alten Künstler wussten, wie man malt. Nicht dieses moderne Spritzen und Schmieren.“

„Nicht diese Gemälde, Mr. Thomas“, sagte Grantley geduldig. „Ich reden von den Gemälden, die im Krieg in die Schiefermine gebracht wurden.“

Ein besorgter Blick trat auf sein Gesicht. „Sie kamen alle verpackt hier an, nicht wahr? Ich hatte gehofft, mich darum kümmern zu dürfen, weil ich dort arbeitete, aber man hat uns keinen Blick darauf gegönnt.“ Sein Gesicht nahm einen verträumten Ausdruck an.

„Können Sie uns sagen, woran Sie sich aus dieser Zeit noch erinnern ... vom Bau der Barracken unten in der Mine?“

„Mit modernen Farben bekommt man so eine Hautfarbe nicht mehr hin“, sagte er und deutete auf den Rembrandt-Druck. „Ich weiß nicht, was sie damals benutzt haben, aber sie hatten andere Farben. Ich habe experimentiert, aber ...“

„Sie wollen nichts von deinen Gemälden hören, Dad.“ Tudur kehrte mit vier Tassen und einem Teller mit Schokofingern von Cadbury’s auf einem Tablett zurück.

„Ich war ziemlich gut, als ich noch jünger war, oder nicht, Sohn?“, fragte der alte Mann, während er ihnen große, raue Hände entgegenstreckte. „Aber ich habe seit vielen Jahren nicht mehr gemalt. Habe irgendwie das Interesse verloren. Man hat nicht viel zu malen, wenn man jeden Tag seines Lebens unten in einer Schiefermine verbringt.“ Er deutete an die Wand. „Das ist eines meiner Gemälde. Nicht schlecht für einen Amateur, oder? Auf jeden Fall besser, als das was dieser Trampel hinbekommt.“ Er sah zu seinem Sohn. „Ich habe für seine Akademie bezahlt, aber er hat kein Talent.“

Tudur stellte das Tablett auf einem niedrigen Tisch ab und reichte seinem Vater eine Tasse. „Sie wollen von dir hören, woran du dich noch aus Kriegszeiten erinnerst.“

„Das ist lange her“, sagte Trefor. „Damals war ich jung. Nicht so, wie Sie mich jetzt sehen. Stark. Gutaussehend. Alle Mädchen standen auf mich. Ich hätte jede haben können.“ Er kicherte, dann verblasste sein Lächeln. „Das ist lange her.“ Er schlürfte lautstark etwas Tee, dann nahm er sich vom Gebäck. Sie warteten geduldig, doch der Kopf sank ihm auf die Brust.

„Es ist nicht leicht“, entschuldigte sich Tudur. „Er kommt und geht. An manchen Tagen ist er sehr wach und gesprächig. An anderen Tagen ... na ja, so wie jetzt.“

„Ich mache Ihnen einen Vorschlag“, sagte Grantley. „Ich habe ein tragbares Aufnahmegerät dabei. Das könnte ich bei Ihrem Vater lassen, dann kann er hineinsprechen, wann immer ihm danach ist.“ Er holte den kleinen Kassettenrekorder aus seiner Tasche. „Was halten Sie davon, Mr. Thomas?“

„Was ist das?“ Trefor Thomas blickte argwöhnisch auf die kleine Maschine.

„Ein Aufnahmegerät“, sagte Grantley und hielt es ihm hin. „Sie müssen nicht mit uns sprechen. Warum nehmen Sie sich nicht die Zeit, um die Erinnerungen zurückkehren zu lassen? Wenn Sie dann bereit sind, drücken Sie den roten Knopf hier und sprechen in die Maschine. Alles, woran Sie sich noch aus der Kriegszeit erinnern, oder die Schiefermine betreffend, Geschichten darüber, dass man die Gemälde herbrachte ... alles was Ihnen einfällt und interessant sein könnte.“

„Was hältst du davon, Dad?“ Tudur nahm das Gerät entgegen. „Siehst du, du drückst einfach den roten Knopf und redest. Du kannst es mit in dein Zimmer nehmen. Das könnte Spaß machen, sich an die Zeit als Junge zurückzuerinnern, oder nicht?“

Der alte Mann nahm das Gerät, saß da und starrte es an. Dann legte er es ab und trank lautstark einen weiteren Schluck Tee.

Kapitel 8

Grantley Smith sprudelte vor Begeisterung, als sie wieder über die Hauptstraße fuhren.

„Wer weiß, was wir von ihm bekommen? Schreckliches Geschwafel, fürchte ich. Aber was soll’s. Ich schätze, die alte Mine ist hier irgendwo. Wir sollten nachfragen. Ich würde gerne den ehemaligen Minenleiter treffen, und andere Männer, die dort arbeiteten ... und vielleicht können wir Kontakt mit der National Gallery aufnehmen. Sie müssen das Ganze mit Kameras dokumentiert haben.“ Er wandte sich strahlend zu Evan um. „Das wird gut, Constable. Verdammt genial, dass Sie das aufgetan haben!“ Er nestelte an seinem Päckchen Gitanes herum. Evan seufzte, als er sich eine weitere Zigarette anzündete.

Sie verließen Blenau Ffestiniog gerade, als ein lauter Pfiff ertönte, und ein kleiner Zug vor ihnen die Straße kreuzte, eine zierliche, antike Dampflok zog eine Reihe aus winzigen Waggons. Grantley stieß einen Freudenschrei aus. „Ein Miniatur-Zug! Schauen Sie sich das an, Constable ... ein echter Miniatur-Zug.“

„Ganz recht“, sagte Evan. „Er hat früher Schiefer von der Mine runter in den Hafen von Porthmadog gebracht. Jetzt wurde er wieder ausgegraben um Touristen zu transportieren.“

„Wie toll. Wir müssen diesen Zug irgendwie in den Film reinbringen. Ich kann es kaum erwarten, ihn Edward und Howard zu zeigen!“

Evan verspürte beinahe so etwas wie Zuneigung. Grantleys Problem war, dass er nie erwachsen geworden war. Er saß neben Evan und hatte ein breites, zufriedenes Lächeln auf dem Gesicht. Dann, ohne Vorwarnung, fragte er: „Also, sagen Sie mal, Constable ... stimmt es, dass Sie die hübsche Bronwen vögeln?“

„Ich glaube, das geht Sie nichts an.“ Evan starrte weiter auf die Straße vor ihnen.

„Kein Grund, so abwehrend zu werden. Sie muss sehr zufrieden sein. Edward wurde den entsprechenden Erwartungen sicher nicht gerecht. Ein großer, strammer Polizist ist vermutlich genau das, was sie braucht.“

Evan fragte sich, wie er Grantley für kindisch gehalten haben konnte. Seine erste Einschätzung lag wohl näher an der Wahrheit. Grantley war ein Mann, der es genoss, andere zu provozieren.

„Sie wird heute mit uns im Everest Inn zu Abend essen“, fuhr Grantley fort. „Vielleicht wollen Sie sich ja anschließen.“

Evan wollte nicht zugeben, dass Bronwen diese Einladung zum Abendessen nicht erwähnt hatte. „Oh, nein, vielen Dank“, sagte er leichthin. „Sie haben bestimmt viel nachzuholen. Ich wäre dort nur überflüssig.“

„Wie Sie wünschen, nur ...“

Er spürte, dass Grantley genervt war, weil er nicht auf den Köder angesprungen war.

 

Als sie wieder in Llanfair eintrafen, wollte Grantley gleich wieder zum See hinaufgefahren werden. „Edward ist vermutlich in heller Aufregung, weil ich so lange weg war“, kommentierte er mit einem bösen Grinsen.

Die Annahme bestätigte sich, als Edward ihnen entgegeneilte. „Wo zur Hölle warst du? Hier oben war alles völlig absurd. Eine Planierraupe beladen mit Trunkenbolden war hier. Die rothaarige, junge Frau kam mit einem Imbiss für alle zurück und wollte dann nicht mehr gehen. Ich dachte, wir hätten einen Polizisten, der sich um diese Dinge kümmert, und nicht, um wegen einer deiner Launen durch die Gegend zu fahren!“

„Bleib locker“, sagte Grantley. „Warte ab, bis du hörst, was wir aufgetan haben. Wir haben nicht nur eine großartige Geschichte über die Schiefermine, mit Zeitzeugenbericht und einer versprochenen Tour durch die Mine; wir haben auch einen wundervollen Miniatur-Zug entdeckt. Morgen fahren wir alle von der Küste rauf in die Schiefersiedlung.“

„Und wie soll ein Miniatur-Zug, so süß und reizvoll er auch sein mag, in einen Film über die Bergung eines Flugzeuges passen?“, fragte Edward mit abgehackter Stimme.

„Da muss ich zustimmen, Grantley“, sagte Howard. „Wir haben unser Budget und wir drehen nur einen Sechzig-Minüter. Keinen Reisebericht über die Schönheit von Nordwales.“

„Wir finden einen Weg, um ihn reinzunehmen“, sagte Grantley ungeduldig. „Vielleicht in einem Intro, um den Rahmen abzustecken. Wie auch immer, wir fahren auf jeden Fall morgen damit. Dann können wir uns in der Schiefermine umsehen und ihr könnt euch selbst vergewissern, dass wir mit unserer Kriegsgeschichte einen absoluten Knüller aufgetan haben.“

Edward seufzte. „Ich kenne ihn zu gut. Er wird keine Ruhe geben, bis wir mit ihm in diesem verdammten Zug gefahren sind. Na gut, Grantley. Wir fahren morgen mit dem Zug. Zufrieden?“

„Danke, Edward. Gut. Wie ging der Dreh voran?“

Plötzlich war er wieder voll beim Geschäftlichen.

 

Ich bekam meine Chance, als die älteren Jungs alle einberufen wurden und fort waren. Dann gehörte ich unter den Jüngeren zur Spitzenauslese ... eineinhalb Köpfe größer als die anderen Fünfzehnjährigen und gut gebaut, selbst damals schon. Ginger mochte ihre Männer gut gebaut.

Ich erinnere mich noch an diesen Sommertag, an dem wir gemeinsam hoch ins Moor gingen. Es war heiß und sonnig und sie ließ mich mein T-Shirt ausziehen. „Meine Güte, du hast aber schöne Muskeln“, sagte sie und strich mit ihrer Hand über meinen Rücken, als wir zusammen auf einem Felsen saßen. Ich schmolz unter ihrer Berührung dahin. Ich war Feuer und Flamme, in meinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Zog sie mich auf? Wollte sie das ganze Programm? Ich wusste natürlich von ihrem Ruf. Sie hatte es schon mit mehreren Jungs aus dem Dorf getan. Ich hatte es noch nie getan, aber es wurde verdammt noch mal Zeit. Ich drehte mich zu ihr und wollte sie berühren, aber sie sprang auf einen flachen Felsen und hob ihren Rock an. „Wie wäre es damit, Tref?“ Sie begann zu singen: „Heaven ... I’m in heaven“, und sie tanzte, glitt über den flachen Felsen, wie wir es in Filmen gesehen hatten. Dann packte sie meine Hand und zog mich zu ihr nach oben. „Halt mich an der Taille fest, Tref. Genau so. Und jetzt legen wir los ... ‚when we’re out together dancing cheek to cheek.‛“ Ich wusste nicht mal, ob meine Füße noch den Boden berührten. Sie drehte mich herum, der Himmel und das Moor rauschten vorbei, während sie mich herumwirbelte, und irgendwie hielt ich mit ihrem irren Tanz mit, bis wir beide keuchend und lachend zu Boden gingen.

„Weißt du was, Trefor ... ich wette, du könntest auch in Hollywood Arbeit finden, mit diesem Körper.“ Sie packte mich an den Schultern. „Wir gehören nicht in dieses Loch, keiner von uns. Lass uns zusammen weglaufen.“

„Sei nicht dumm“, sagte ich. „Es ist Krieg. Wie willst du mitten im Krieg nach Hollywood kommen?“

„Der wird auch irgendwann vorbei sein.“

„Ja, aber ich werde sicher einberufen, ehe alles vorbei ist. Und was, wenn Hitler hier einmarschiert? Wie willst du dann nach Hollywood kommen?“

Sie strich sich mit den Fingern durch ihr blondes, lockiges Haar. „Ich habe das Gefühl, dass mein Aussehen den deutschen Offizieren gefallen wird.“

„Das würdest du nicht tun!“

„Ich tue, was nötig ist, Schätzchen. Was auch immer nötig ist, um dorthin zu kommen.“ Sie drückte meine Schultern. „Du musst daran glauben, dass gute Dinge passieren, Tref. Wir müssen dafür sorgen, dass sie passieren.“

„Wie?“, fragte ich nur. „Ich werde in zwei Jahren einberufen, und dann weiß ich nicht, ob ich jemals zurückkomme.“

„Red keinen Unsinn.“ Sie ließ meine Schultern los und schlang ihre Arme um sich.

„Ich rede keinen Unsinn. Schau dir an, was mit Johnny Morgan in Dünkirchen passiert ist. Und Will Jones’ Schiff hat einen Torpedo abbekommen. Im Krieg wird man nicht alt.“

„Dann müssen wir dafür sorgen, dass wir durchkommen“, sagte sie. „Wenn du einberufen wirst, zeig ihnen deine Zeichnungen. Du könntest als Künstler zur Armee gehen.“

„Jetzt redest du Unsinn.“

„Nein, tue ich nicht. Es gibt Zeitschriften und Poster von der Armee. Die muss auch jemand malen. Warum nicht du?“

Sie kuschelte sich an mich, ihr süßes, blondes Haar kitzelte meine Wange. „In dieser Welt muss man etwas riskieren, Trefor. Es gibt Menschen, die sich zurücklehnen und Dinge geschehen lassen, und diejenigen, die den Arm ausstrecken und sich nehmen, was sie begehren. Wir werden von hier verschwinden, du und ich, Tref. Wir gehen nach Hollywood und werden Stars.“

Ich legte vorsichtig meinen Arm um sie. „Das sind nur Träume, Ginger. Das wird nie passieren.“

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    Rhys Bowen (Autor)

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Titel: Tod nach Regie