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Tödliche Schuld

von Caroline de Vries (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Als die Hamburger Reporterin Katharina Iswestja beruflich in ihre alte ukrainische Heimat Kiew zurückkehrt, wird diese Recherchereise zur tödlichen Falle. Katharina, die seit Jahren keinen Kontakt mehr mit ihrem verhassten Vater hat, wird von dessen Vergangenheit eingeholt und gerät dadurch in Gefahr.
Ihr Vater, der Journalist Grigorij Iswestja, riskierte früher das Leben seiner Familie mit seinen Recherchen gegen korrupte Politiker und Oligarchen und brachte Katharina so um eine sichere Kindheit. Doch bald wird die Reporterin merken, dass es Ideale gibt, für die man alles aufs Spiel setzen muss ...

Impressum

dp Verlag

Überarbeitete Neuausgabe Juli 2019

Copyright © 2021 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-836-0
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96443-224-7

Covergestaltung: Buchgewand

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Vorwort

In diesem Buch geht es um eine Schuld, die nie verjährt. Es geht auch um Verrat und Mut. Und um die Liebe eines Vaters zu seiner Tochter. Ein wichtiges Thema, welches im Hintergrund immer mitschwingt ist: Der Wert von gutem Journalismus. Ich bin selbst Journalistin. Und ich bin beunruhigt über das schlechte Image der Medien. Ich bin beunruhigt über das falsche Verständnis davon, was eigentlich guter Journalismus bedeutet und was er wert ist. Die Aufgabe von Journalisten ist, ihr Publikum objektiv mit nachprüfbaren Fakten zu informieren, so dass sich die Menschen eine eigene Meinung bilden und entsprechend handeln können. In vielen Ländern, auch in Europa, werden immer mehr kritische Journalisten unter Druck gesetzt – in Polen und in Ungarn beispielsweise. In vielen Ländern weltweit riskieren Journalisten ihr Leben für das Wohlergehen anderer Menschen, weil sie für Werte einstehen wie Demokratie und Menschenrechte. Regierungen, die kein Interesse an freien Medien haben, lassen ihre Kritiker ermorden, bringen sie ins Gefängnis oder bedrohen ihre Familien. Dieses Buch ist den mutigen, unbestechlichen Journalisten gewidmet. 

 

 

 

Was, wenn ich in die Zukunft hätte sehen können?

Wäre ich nach Kiew gefahren?

Vermutlich nicht.

Aber ginge es mir dann jetzt besser?

Vielleicht … nicht.

Für meinen Vater war es gut.

Glaube ich.

Ich kann ihn ja nicht mehr fragen.

Prolog

Igor Wolkow 

Kiew, September 2003

Igor Wolkow stand abseits der Abendgesellschaft. Der Staatsanwalt ließ seinen müden Blick über die anderen Gäste schweifen. Eine dunkelhaarige Frau sandte ein perlendes Lachen in Richtung mehrerer Männer, die sich bewundernd um sie scharten. Rote Seide liebkoste den reizenden Schwung ihrer Hüften.

Ihre Aufmerksamkeit galt einzig einem älteren Mann, dessen Smoking sich über einen gut genährten Bauch spannte. Seine kurzen Finger kneteten eine Cohiba. Die dünnen grauen Haare klebten ihm am Kopf, wulstige Lippen und dicke Tränensäcke verunstalteten sein Gesicht.

Eine zweite Nutte hängte sich an seinen Arm. Ihr langes blondes Haar wogte über einem tiefen Rückenausschnitt. Der Alte beachtete keine von beiden.

Igor Wolkow fühlte sich unwohl. Dabei fügte er sich äußerlich perfekt in die Szene. Sein schwarzer Smoking war maßgeschneidert. Die seidenweiße Fliege saß millimetergenau. Doch Wolkow fühlte sich fremd, obwohl jeder hier ihn kannte und mancher sicherlich gern etwas mit ihm besprochen hätte.

Er verachtete diese Menschen, hielt sie für unkultiviert und moralisch verkommen. Sie wählten sich ihre Gesprächspartner unter dem Aspekt der Verwertbarkeit aus. Sie missbrauchten eine wunderschöne Ausstellung, ein hinreißendes Konzert, eine bewegende Lesung, um Kontakte für dreckige Geschäfte zu knüpfen und um sich gegenseitig übers Ohr zu hauen. Sie fühlten sich der Boheme der Ukraine zugehörig, nur weil sie einem Dichter zuhörten. Sie halten sich für die Elite Kiews, dachte er. Dabei sind sie der Abschaum.

Auch er gehörte dazu, das war ihm bewusst. Wolkow hatte sich einst selbst dazu entschieden. Die Jahre, die schlaflosen Nächte, in denen er bereute, dass er sich vor vielen Jahren hatte kaufen lassen, erschienen ihm wie eine Ewigkeit. Er hatte einen Vertrag geschlossen, den man nicht rückgängig machen konnte – niemals. Wolkow hatte sich lange eingeredet, dass er es damals nicht hatte ahnen können. Doch das war eine Lüge.

Wie lange muss man Verantwortung für die Vergangenheit übernehmen, fragte er sich jetzt. Wann hatte man seine Schuld abgegolten?

Wolkow betrachtete Andropow, den jungen ukrainischen Autor, der soeben aus seinem neuen Buch vorgelesen hatte. Er sah aus, als fühle er sich ebenso wenig an diesem Ort zu Hause wie Wolkow Andropow hatte warme braune Augen und dunkles welliges Haar, das sich um sein noch unverbrauchtes Gesicht legte. Sein kariertes Hemd hing halb aus seinen verwaschenen Jeans. Die geputzten Schuhe zeigten, dass er sich immerhin Mühe gegeben hatte, ordentlich auszusehen.

Sein Buch handelte von der Liebe; der Sorte Liebe in Zeiten von Umbruch, Unsicherheit und Armut. Es waren Lebensumstände, die die Frauen hier nicht mehr kannten, seit sie sich mit Schönheit, Sex, Silikon und Lügen in die Welt der Reichen eingekauft hatten. Jetzt lagen sie dem Autor zu Füßen, himmelten ihn an und berührten ihn wie zufällig, während sie mit ihm sprachen.

Andropow hätte sich jede beliebige aussuchen können, aber wahrscheinlich verachtete er sie alle. Die Auswahl wurde ohnehin eingeschränkt durch die Begleiter einiger Damen, die wie zufällig zu dem Gespräch stießen, den Arm um ihren Besitz legten und dem Autor scheinbar freundlich zuprosteten. In Wirklichkeit war es eine Drohung.

Wolkow war allein gekommen. Das war ein weiterer Grund, warum er solche Veranstaltungen hasste: Er spürte seine innere Einsamkeit umso deutlicher, wenn er unter Paaren war. Es gehörte sich einfach, dass Männer seiner Kategorie in Begleitung auftauchten. Eine schöne Frau war – wie ein großes Auto oder eine prachtvolle Villa – ein Zeichen von Erfolg. Gelegentlich nahm er sich eine Geliebte. Manchmal war es gar nicht mal so schlecht. Aber nie von Dauer. Keine war wie Diana.

In diesem Moment erblickte Wolkow Victor Abramow. Ein Schrecken durchzuckte ihn wie ein kalter Blitz, obwohl er erwartet hatte, Victor hier zu sehen. Seit mehr als zehn Jahren gingen sie einander aus dem Weg, obwohl sie häufig auf dieselben Veranstaltungen eingeladen wurden. Sie beobachteten sich dann gegenseitig verstohlen, aber niemand würde annehmen, dass sie einander kannten.

Wolkow hatte sich an diesen Zustand gewöhnt, doch jetzt hatten sich die Umstände geändert und er wusste, dass ein Gespräch mit Abramow unausweichlich war. Abramow aus seinem Blickfeld verbannend, wandte er sich der Jazzband zu, die gerade ihre Instrumente aufstellte, und versuchte Zeit zum Nachdenken zu gewinnen. Der Saxophonist blies ein paar schräge Töne, dann zog er das Mundstück ab, nahm das Holzplättchen heraus und ersetzte es durch ein neues.

Wolkow machte sich klar, dass er jetzt sofort mit Abramow sprechen musste. Seit er verkündet hatte, im kommenden Jahr für den Vorsitz der oppositionellen „Partei der Einigkeit“ zu kandidieren und sein Amt als Staatsanwalt ruhen zu lassen, falls er gewählt würde, waren beide offiziell Kontrahenten. Abramow hatte fast zeitgleich bekannt gegeben, dass er die „Partei der Gerechtigkeit“ anführen wolle, die derzeit die Regierung und den Präsidenten stellte. Wolkow hatte sich bislang aus der Tagespolitik herausgehalten. Doch mit seiner Kandidatur hatte er sich jetzt auch gegen Präsident Karkow positioniert – ein gefährlicher Schritt, dessen Folgen er durchaus einkalkuliert und in Kauf genommen hatte.

„Igor! Was für eine Freude, dich zu sehen.“

Wolkow fuhr herum und sah in die blassblauen Augen Abramows, in denen von Freude keine Spur zu finden war. Sie musterten sich gegenseitig. Abramow wirkte wie ein gut genährter, zufriedener Vampir, den das Blut seiner Opfer von innen her zum Leuchten brachte. Das Leben jenseits von Legalität und Moral schien ihm gut zu tun. Wolkow hingegen hatte die ständige Auseinandersetzung mit Korruption, Menschenverachtung und Rohheit jegliche Leichtigkeit genommen.

„Oh, selbst an Mr Perfect haben die Spuren der Zeit genagt“, sagte Abramow bösartig. „Oder sind deine Haare erst nach Dianas Tod ergraut?“

Es verletzt ihn noch, dachte Wolkow  Eine der wenigen menschlichen Regungen, zu denen dieser Teufel fähig ist. „Lass meine Frau aus dem Spiel“, sagte er mit scharfer Stimme und blickte auf Abramows Hand. „Ich sehe, du trägst noch immer den Ring, den sie dir geschenkt hat …“ Wolkow achte eine Pause. „… bevor sie dich verließ.“

„Sie ließ mich deinetwegen sitzen“, stellte Abramow ungerührt fest und drehte mit seinen kräftigen Fingern an dem goldenen Ring, in den ein winziger roter Stein eingelassen war. „Einer von vielen Gründen, dich zu hassen. Ich bin ein sentimentaler und sensibler Mensch. Ich vergesse die erste Liebe meines Lebens nicht.“ Er trat ganz nah an Wolkow heran und zog leicht an dessen Ärmel. „Pass gut auf dich auf, Herr Staatsanwalt. Du warst in den letzten Jahren nicht gerade zimperlich, wenn es darum ging, das, was ich mir mühsam und redlich erarbeitet habe, zu beschädigen.“

Wolkow trat einen Schritt zurück und wischte über die Stelle, die Abramow berührt hatte. „Ich vertrete das Gesetz. Es ist deine freie Entscheidung, dagegen zu verstoßen. Und meine Pflicht, dein kriminelles Verhalten zu bestrafen.“

Abramow hob sein Champagnerglas. „Was für ein angenehmes Leben wir doch führen, nicht wahr? Wir alle beide. Wir profitieren vom selben System.“

„Das System ist zutiefst verdorben, Victor.“

„Du hast eine gespaltene Persönlichkeit!“ Abramow lachte verächtlich. „Du spielst Mister Moralisch und hast genug Dreck am Stecken, um für Jahre in den Knast zu wandern. Und wenn du dich weiter mit deinen Unterstützern anlegst, könnte das noch eine milde Strafe sein.“

Eine dunkelhäutige Frau mit Katzenaugen kam auf Abramow zu und hängte sich an seinen Arm. „Victor, bitte stelle mich Andropow vor. Seine Texte beschreiben genau meine Gefühle.“

Abramow schüttelte sie ab wie eine lästige Fliege. „Hol dir was zu trinken, du störst.“

Sie warf ihm einen beleidigten Blick zu und stöckelte mit wiegenden Hüften davon. Abramow wandte sich in ihre Richtung, betrachtete ihren runden Po und zog bedauernd die Luft ein. Dann trat er dichter an Wolkow heran. „Weißt du, was mich seit Jahren verfolgt?“, fragte er leise. “Was mir den Schlaf raubt, wenn ich nachts allein bin – was zugegeben selten vorkommt.“

Wolkow betrachtete sein Gegenüber scheinbar ungerührt.

„Es ist Folgendes“, fuhr Abramow fort. „Du machst mir das Leben schwer, aber du vernichtest mich nicht. Dabei könntest du es doch, oder?“

Wolkow war erstaunt über Abramows Worte, denn er hätte dasselbe zu ihm sagen können. Er selbst hielt manchmal in der Hektik des Alltags inne, in der die schnell zu erledigenden Aufgaben alles andere in den Hintergrund drängten. Dann brach die Erkenntnis über ihn herein, wie zerbrechlich sein Wohlstand, sein Leben und seine Unberührbarkeit als Staatsanwalt waren. Zerbrechlich wie dünnes Glas, das ein bestimmter Mensch mit einer gezielten Information in Scherben schmettern könnte. Dieser Mensch war Abramow. Wolkow gab sich keine Blöße. „Deine Gedanken sind wirklich ungemein interessant“, sagte er daher. „Zweifelsohne sind sie von großer Tiefe und Weisheit.“

„Dummes Zeug!“ Abramow machte eine abwehrende Bewegung. „Es ist nur …“ Er zögerte und seinen Augen wanderten unruhig an Wolkow vorbei über die Menge. „Ich gebe ungern zu, dass mich das beschäftigt. Aber ich habe entschieden, dass ich Klarheit möchte. Jetzt, wo wir auch noch politische Gegner werden. Es ist doch so: Du besitzt etwas, womit du mir schaden kannst – ich frage mich, wann du zuschlägst. Und ich frage mich auch, was ich dir anbieten kann, damit du es nicht tust.“

„Was meinst du damit?“, fragte Wolkow ruhig. Ihn überrumpelte die Wendung des Gesprächs, aber er wollte sich nichts anmerken lassen. Sie standen erstarrt voreinander, wie zwei Wölfe, nicht wissend, ob und wann der andere angreifen würde.

„Es hat mit der Präsidentenwahl 1994 zu tun“, sagte Abramow nach einer kleinen Pause lauernd. „Du erinnerst dich bestimmt. Ich habe da möglicherweise einen dummen Fehler begangen, der mir jetzt zum Verhängnis werden könnte.“

„Ich verstehe nicht … Du hast doch etwas gegen mich in der Hand!“, sagte Wolkow. Er war eigentlich ein kühl kalkulierender Mensch. Doch dieser Satz war ihm herausgerutscht. Zu lange hatten die Bilder der Vergangenheit in ihm gewuchert, zu lange hatte der Druck des Gewissens auf ihm gelastet. Zu lange hatte er mit keinem Menschen seine abgründigsten Erinnerungen teilen können. Er ahnte sofort, dass er seine kurze Emotionalität bald bereuen würde.

Abramows Augen wurden groß. „Ich verstehe … interessante Wendung!“ Er biss sich auf die Lippen und blickte versonnen durch Wolkow hindurch. „Sagt dir der Name Grigorij Iswestja etwas?“, fragte er dann.

Iswestja. Natürlich. Wolkows Gedanken kreisten oft um den Journalisten, der damals in die Ereignisse verwickelt gewesen war. Allerdings hatte Iswestja die Geschichte nie veröffentlicht. „Ja“, sagte Wolkow. „Ich erinnere mich an ihn.“

Abramow trat noch dichter an Wolkow heran, so dass dieser dessen Champagnerfahne riechen konnte. „Hat er dir gesagt, dass ich im Besitz von etwas sei, das dir schaden könnte?“

Wolkow sah ihn schweigend an.

„Mir sagte er jedenfalls, er hätte es dir gegeben“, Abramow lachte bitter. „Es sieht so aus, als hätte er uns beide hereingelegt.“

Sie sahen sich an, für einen kurzen Moment in derselben Erkenntnis vereint.

Er zählt die Jahre, genau wie ich, dachte Wolkow. Er hat die ganze Zeit auf meinen Schlag gewartet, wie ich auf den seinen. Und Iswestja kann uns beide jederzeit fertig machen.

Die Männer wandten sich wortlos voneinander ab. Sie hatten sich nichts mehr zu sagen. Und sie hatten beide etwas zu erledigen. Etwas, das sie zu noch erbitterteren Feinden machen würde.

Katharina Iswestja

Hamburg, Mai 2004

 „Sie dürfen nach Kiew fahren.“

Ich hörte die Worte, aber sie ergaben für mich keinen Sinn. Ich war zu neu in der Redaktion, um Aufträge im Ausland zu bekommen. Und ich würde auf keinen Fall hinfahren. Alles, nur nicht Kiew.

Mark Bauer saß hinter dem massigen Schreibtisch wie ein Buddha in seinem dicken Ledersessel. Er drehte ihn nach links und nach rechts, nur sein Kopf blieb immer mir zugewandt. Seine behaarten Finger spielten mit einem Montblanc.

Irgendetwas stimmte nicht. Ich war sicher, dass Mark Bauer mich sofort wieder vergessen hatte, nachdem er mir vor zwei Monaten zu meiner befristeten Anstellung bei der Look! gratuliert hatte.

Trotz der Befristung war es für mich eine große Chance gewesen. Die Look! war der Versuch des Verlages, ein jüngeres, hippes Lesepublikum zu gewinnen. Bisher hatte er nur Hochglanzzeitschriften im Sortiment, die sich an beruflich etablierte Leser richteten, die gerne gute Reportagen lasen und dazu schöne Fotos sehen wollten. Feinsinnige Leser, die Anregungen zum exotischen Kochen, fantasievollen Gärtnern und exklusiven Möblieren suchten.

Das Geschäft war lange wie von selbst gelaufen. Doch die guten Zeiten waren vorbei. Die Look! sollte neue Maßstäbe setzen. Sie setzte anspruchsvolle Themen lockerer um als die etablierten Blätter, mit zahllosen Fotos und Grafiken. Alles in gehobenem Edelfeder-Stil, der aus politischen Veranstaltungen Events und aus langweiligen Menschen Medienstars machte. Weil die Look! extrem erfolgreich war, standen Prominente und Politiker für Interviews Schlange.

Für mich bedeutete die Look! den Einstieg in eine interessante Form des Journalismus. Ich hatte gerade meinen Magister in Geschichte abgeschlossen und wollte einfach nur schreiben. Während des Studiums hatte ich bereits für Hamburger Lokalzeitungen gearbeitet.

Als ich gerade begann, mich für Volontariate zu bewerben, kam eines Morgens der Anruf – überraschend wie ein Lotto-Gewinn: Irgendein wichtiger Mensch im Verlag hatte Reportagen von mir gelesen. Ob ich Lust hätte, bei dem neuen Magazin mitzuarbeiten. Sie suchten junge Leute mit Talent.

In Wirklichkeit wollten sie, wie viele andere Redaktionen, Migranten einstellen, um weltoffen zu wirken und neue Leserschichten zu erschließen. Ich sagte ihnen nicht, dass ich auf ihr Pseudo-Multi-Kulti pfiff. Ich wollte den Job.

Die ersten Wochen bei der Look! erschienen mir wie ein schöner Traum. Ich war von Mümmelmannsberg, einem Hochhaus-Ghetto am Stadtrand Hamburgs, zusammen mit meiner besten Freundin Auma in das Szene-Viertel Ottensen gezogen. Wir hatten beide unseren ersten richtigen Job nach dem Studium. Wir fühlten uns erwachsen und unabhängig. Wir richteten uns ein: Mit Ikea-Möbeln und von Auma restaurierten Flohmarkt-Antiquitäten. Sie war Kunsthistorikerin und hatte sich auf Möbel spezialisiert. Wir luden unsere Freunde zu Selbstgekochtem ein und diskutierten die ganze Nacht. Na ja, Freunde oder gute Bekannte. Eigentlich war Auma die einzige, auf die ich mich verließ.

Ich lebte jetzt mein eigenes Leben. Genau das, was ich mir gewünscht hatte. Doch auf diesen schönen bunten Traum fiel das erste Mal ein Schatten, als ich vor Mark Bauer, dem Ressortleiter Ausland, stand, der mich nie sonderlich beachtet hatte und keinen Anlass hatte, mich mit solch einem Auftrag zu ehren. Normalerweise hätte ich mich gefreut.

Kiew. Wieso wollte Bauer mich ausgerechnet nach Kiew schicken, in die Stadt, die ich für immer vergessen wollte?

 

Der ukrainische Sommer ist heiß. Wir machen eine Sonntagsautofahrt ins Ausgehviertel am Dnjepr – Vater, Mutter und ich. Ich bin fünf Jahre alt. Wir singen zusammen und ich bin glücklich, weil wir uns ausnahmsweise wie eine normale Familie verhalten. Wir fahren die abschüssige Kopfsteinpflasterstraße auf den Fluss zu.

Auf einmal schreit Vater: „Scheiße!“, und er beginnt, hektisch auf die Bremse zu treten. Doch der Wagen wird immer schneller. Vater reißt mich über den Sitz nach vorne, er kugelt dabei fast meinen Arm aus. Er öffnet die Tür und lässt sich herausfallen, mich hinter sich herziehend. Ich schramme hart an der Türeinfassung entlang, dann knallt mein Kopf aufs Pflaster. Mutter springt aus der Beifahrertür und wird weggeschleudert. Sie bleibt bewegungslos liegen.

Wir rennen hin, mein Kopf blutet aus einer Platzwunde, das Blut läuft in mein linkes Auge. Mein Knie schmerzt. Aber ich kann dem Schmerz keine Aufmerksamkeit schenken, denn eine Gewissheit raubt mir die Sinne: Mutter ist tot. Ich beuge mich über sie, aber Vater reißt mich zur Seite und dreht sie vorsichtig um, doch sie schlägt nach ihm und ich sehe, dass sie weint, ihr ganzer Körper zuckt. „Sie werden uns alle umbringen!“, schreit sie plötzlich und setzt sich auf. „Umbringen!“

Menschen nähern sich. Ich will wieder zu ihr. Aber Vater umklammert meinen Arm. Ich sehe zu, wie meine Mutter wie eine Wahnsinnige schreit und unser Auto im Fluss versinkt. Dann sitzen Mutter und ich in einem Taxi. Ich habe Angst. Eine Arztpraxis. Der Doktor näht meine Kopfwunde.

Später an diesem Tag, zu Haus, weint und schreit Mutter wieder, Vater versucht vergeblich, sie zu beruhigen. „Denk an Katharina“, sagt er immer wieder leise.

„Du bist es, der nie an sie denkt“, zischt Mutter.

Tante Lisa steht auf einmal vor der Tür. Sie nimmt mich mit.

 

Ich weiß nicht, ob Bauer bemerkte, dass ich in Gedanken woanders war. Ich war eigentlich geübt darin, diese Angriffe aus meiner Vergangenheit zu verbergen. Aber wieso bekam ausgerechnet ich dieses Angebot? Einfache Redakteure hatten hier den Status eines Aldi-Laptops: Sie mussten funktionieren, sonst nichts. Und jetzt wollte mich Bauer auf eine Auslandsreise in die Ukraine schicken? Irgendetwas stimmte nicht.

Meine stutenbissigen Kolleginnen hatten mir in der ersten Sekunde meiner ersten Arbeitsstunde die Rangordnung erklärt. Damit ich wusste, dass mein Platz ganz unten war. Karrieresprünge kamen nicht ohne Grund. Ich war noch keine bewährte Mitarbeiterin. Und auch noch keine Edelfeder. Blieb nur eine Erklärung: Sexfantasien.

Mark Bauer war der Typ dafür. Ein beutelförmiger Gnom mittleren Alters. Schweißperlen auf der Glatze. Brille. Abgekaute Fingernägel. Verheiratet. Kinder. Midlife-Crisis. Aber Führungsperson in einer Szene-Zeitschrift. Ein Gutverdiener. Einer, der wegen seiner Position interessant sein könnte – für eine gewisse Sorte von Frauen. Nicht für mich.

„Warum ich?“

„Sie sind die Einzige in der Redaktion, die Russisch kann.“

„Ukrainisch …“, sagte ich genervt.

„Ist doch dasselbe.“

Ich verzichtete darauf, seinen Horizont zu erweitern. „Ich fühle mich sehr geehrt. Aber ich kann den Auftrag nicht annehmen.“

„Andere reißen sich um Auslandsreisen und Sie lehnen ab? Warum?“

Das werde ich dir sicher nicht unter die Nase binden, dachte ich. „Ich wollte nur wissen, was ich den anderen sagen soll, wenn sie mich fragen“, sagte ich stattdessen. „Auslandsreisen sind begehrt. Es könnte böses Blut geben. Sie werden sagen, dass ich mit Ihnen ins Bett gegangen bin.“

„Aber nicht doch.“ Er lachte meckernd und fuhr sich mit den Fingern durchs Resthaar.

„Trotzdem, warum gerade ich?“

„Sie schreiben gut. Und sie kommen aus Kiew. Sie sind Ukrainerin. Ihnen vertrauen die Menschen! Ich will eine Reisereportage. Ein bisschen Kultur, ein bisschen Luxus aus der Welt der Superreichen – alles, was unsere Leser neugierig macht. Bald sind dort Wahlen. Das ist ein guter Anlass, mal in Richtung Ukraine zu schauen. Aber die Politik sollen Sie nur am Rande erwähnen.“

„Ich kenne niemanden in Kiew. Ich habe vor elf Jahren das Land verlassen.“

„Ihr Vater war doch ein bekannter Journalist dort. Da müssten Sie doch ganz leicht alte Kontakte reaktivieren können.“

„Woher wissen Sie von meinem Vater?“

Er zögerte. „So was spricht sich eben herum.“

Ich hatte keinem in der Redaktion davon erzählt. Ich sprach nie von meinem Vater. Ich versuchte, nicht einmal an ihn zu denken.

 

Unsere Flucht aus der Ukraine liegt schon viele Monate zurück. Meine Mutter liegt auf dem Sofa in unserer Wohnung in Hamburg und liest Schöner Wohnen. Sie liebt Zeitschriften, mit deren Hilfe sie sich in glanzvolle Apartments träumen kann. Besser als unser kleines „Loch in einem miesen Viertel“, wie sie unser Heim mit seinen niedrigen Decken und der billigen Küchenzeile nennt. Der Blick aus unserem Fenster fällt nur auf die anderen weißgrauen Hochhäuser. Es klingelt an der Wohnungstür.

„Mach auf“, sagt Mutter.

Ich lege das Mathebuch weg und laufe widerwillig zur Tür. Durch den Spion kann ich nichts erkennen. Ich öffne. Zwei dunkle Wintermäntel versperren mir die Sicht, ich schaue hoch in fremde Gesichter. „Mama“, rufe ich ängstlich.

„Wer ist es denn?“ fragt sie.

Die Männer schieben mich zur Seite und gehen langsam Richtung Wohnzimmer.

„Wer sind Sie?“, schreit Mutter mit einer seltsam schrillen Stimme und springt auf. „Freunde“, sagt der eine auf Ukrainisch und lächelt auf eine Weise, die mein Blut gefrieren lässt. „Wir wollen Sie nur daran erinnern, dass wir gut auf Sie und Ihre Tochter aufpassen. Wir haben Sie immer im Blick.“ Sie drehen sich um und gehen langsam an mir vorbei zurück in den Hausflur. Sorgsam schließen sie die Wohnungstür hinter sich.

Mutter bekommt einen Weinkrampf.

„Wer war das?“ frage ich und wage nicht, mich ihr zu nähern. Ich fühle mich so allein. Wie immer.

„Besser du weißt es gar nicht“, schluchzt sie.

Ich bin vierzehn.

 

Bauers Telefon riss mich aus meinen Erinnerungen. Der Klingelton hatte die Melodie von Krieg der Sterne. Bauer ging ans Telefon, lauschte kurz und grinste.

„Hähähä … Ja, bin gerade dabei. Ja, läuft gut …“ Er verbeugte sich, als könne sein Gesprächspartner ihn sehen. „Bis später.“ Zufrieden legte er auf.

„Wie gesagt: Ich möchte nicht fahren“, sagte ich.

Sein Lächeln gefror.

„Ich habe wichtige Gründe, die dagegen sprechen“, ergänzte ich.

„Das müssen Sie selbst wissen. Bestimmt können Sie es sich leisten, so unflexibel zu sein.“

„Darf ich bis morgen darüber nachdenken?“

„Ja“, sagte er kalt. „Aber überlegen Sie gut!“

Auf dem Weg zurück ins Großraumbüro wurde mir klar, dass alle es schon wussten. Derartige Neuigkeiten verbreiteten sich immer blitzschnell in den Raucherecken und vor den Schminkspiegeln in den Toilettenräumen. Und ich ahnte auch schon, was sie dachten.

Ich war die aufgebrezelte Ukrainerin ohne Volontariat, die ihre Karriere in der Waagerechten vorantrieb. Schließlich hatte ich ja auch schon ein kleines Techtelmechtel mit Piet Iburg, dem Chefreporter, hinter mir.

Vitja Shkaraban

Kiew, Mai 1993

 Die Strahlen der Morgensonne ließen die Staubkörner im Büro des Präsidentschaftskandidaten tanzen. Vitja bewegte sich sehr vorsichtig, aber das Aufwirbeln der mikroskopisch feinen Partikel konnte er nicht verhindern. Er lag rücklings unter dem Schreibtisch und befestigte ein kleines Funkmikrofon. Dann kroch er unter dem massiven Holzmöbelstück hervor und stand auf.

Er seufzte tief und ließ seinen Blick durch den großen Raum schweifen. Er bewegte sich geschmeidig auf das Fenster zu, stellte sich seitlich, so dass er von außen nicht gesehen werden konnte, und blickte hinaus. Niemand war zu dieser frühen Morgenstunde unterwegs. Vitja ging hinüber zur Tür und legte sein Ohr an die rote Lederpolsterung. Dann öffnete er sie vorsichtig und lugte in den Vorraum. Auch hier war keine Menschenseele zu sehen.

Vitja schloss die Tür und ging auf die Regalwand zu. Dort hob er eine lederne Umhängetasche vom Boden auf, hängte sie sich über die Schulter und wandte sich wieder dem deckenhohen Bücherregal zu. Eine Holzleiter lehnte daran, die mit Hilfe einer Schiene vor dem Regal hin- und hergeschoben werden konnte. Vitja wusste, dass sein Boss Karkow die gebundenen Bücher mit den goldenen, braunen und schwarzen Rücken im Hinblick auf seine Präsidentschaftskandidatur ausgesucht hatte.

In der Ukraine standen die ersten freien Wahlen vor der Tür und das Regal war eine gute Hintergrunddekoration für Interviews, besonders mit den westlichen Medien. Ein belesener Präsident eines Ostblockstaates verhieß Moral und Stabilität. Karkow hoffte, dass westliche Geschäftsleute und Politiker aus Europa und den USA auf die Industriellen in der Ukraine Druck ausüben würden, damit diese dafür sorgten, dass er gewählt wurde.

Vitja erklomm die Leiter und zog ein Buch aus einer der mittleren Reihen. Er legte es in seine Umhängetasche und entnahm ihr ein identisches Buch. Dieses war allerdings entkernt; anstelle der Seiten verbargen die Buchdeckel eine Videokamera. Ganz unten im Buchrücken befand sich ein kleines Loch, an einer Stelle, wo vorher ein schwarzer Kreis im Einband gewesen war. Jetzt lugte das Objektiv durch die Öffnung. Man würde es nur erkennen, wenn man ganz genau hinsah.

Vitja hatte genug Zeit gehabt, ein geeignetes Buch auszuwählen, denn er hielt sich regelmäßig in Karkows Büro auf. Er war der Leibwächter des Politikers. Aber er traute seinem launischen Arbeitgeber nicht. Wenn er dessen Gunst verlor, wäre Vitja in Lebensgefahr – dafür wusste er zu viel von Karkows schmutzigen Machenschaften. Darum hatte er sich von einem weiteren mächtigen Mann kaufen lassen, in dessen Auftrag er jetzt die Überwachungskamera installierte.

Vitja schaltete die Kamera ein und stellte das neue Buch an den Platz des alten. Angst, dass der Präsidentschaftskandidat es herausnehmen würde, um es zu lesen, hatte er nicht. Karkow las nichts außer Zeitungen. Vitja verließ den Raum genau so leise, wie er gekommen war. Er ahnte nicht, dass seine Tat die Zukunft der Ukraine verändern sollte und dass Menschen seinetwegen sterben würden.

Katharina Iswestja

Hamburg, Mai 2004

 Ich wälzte mich in meinem Bett hin und her. Es war die Chance, mir einen Namen zu machen. Jede meiner Kolleginnen würde an meiner Stelle mit stolzgeschwellter Brust herumlaufen. Niemand würde verstehen, dass ich so etwas ablehnte. Und mir war klar: Wenn ich nicht fuhr, war ich unten durch. Ich war sicher, dass Bauer Widerspruch nicht duldete. Er würde bei Chefredakteuren anderer Zeitungen herumerzählen, dass ich unfähig sei. Oder ein Flittchen. Die Welt der Führungsjournalisten war klein, man traf sich bei Empfängen, Preisverleihungen, Bestechungsessen in angesagten Restaurants oder beim Pinkeln.

Bei dem Gedanken, in die Ukraine fahren zu müssen, schnürte sich mir der Hals zu. Ich stand aus meinem zerwühlten Bett auf und wankte in unsere heimelige Küche, um mir einen Kakao zu machen. Benommen schaute ich in den Topf, in dem die Milch aufkochte. Die Bilder meiner Kindheit in Kiew überfielen mich immer noch. Hinterrücks am Tag und immer wieder nachts in meinen Albträumen.

Ich hatte oft versucht Auma zu erklären, wie mein ganzes Leben von diesem diffusen Angstgefühl überschattet war, das sich jetzt mit der Perspektive der Reise verdichtete, wie ein Wirbel, der mich ohne Halt in die Tiefe zog. Wie immer, wenn ich müde war, wenn wichtige Entscheidungen anstanden, wenn meine Sicherheit ins Wanken geriet. Wenn für mich die Endlichkeit, die Unkontrollierbarkeit meiner Existenz glasklar spürbar wurde. Wenn ich die Wahrheit deutlich fühlte, die für jeden Menschen galt: Das nichts sicher ist, dass jederzeit alles zusammenbrechen kann und dass jeder von uns im entscheidenden Moment allein ist. Ein freier Fall ins unbekannte Nichts. Niemand der einen halten kann. Weil die anderen auch im freien Fall sind. Immer.

Auma entgegnete immer gelassen, das sei eben das Leben. Da man es nicht ändern könne, sei es vergebens, darüber nachzudenken. Besser solle ich mein Glück genießen, solange es da sei. „Beruhige dich, Kleines. Du lebst in Deutschland. Hier passiert dir nichts. Hier bist du gegen alles versichert!“ Ich überlegte, Auma aufzuwecken, aber sie würde meine Bedenken nicht verstehen. Sie würde sagen: „Hey, nutze deine Chance, wer kriegt denn so eine Möglichkeit? Die Vergangenheit liegt hinter dir.“

Die Milch kochte über und riss mich aus meinen Gedanken. Ich setzte mich an den Küchentisch. Während ich den Kakao mechanisch umrührte, versuchte ich, logisch zu denken. Die Bilder von damals erschienen mir so gegenwärtig. Waren die Menschen jetzt noch dort, die uns bedroht hatten? Würden sie mich wiedererkennen? Oder war ich einfach nur überängstlich, traumatisiert? Ich war damals noch ein Kind gewesen. Und die Männer hatten nach meinem Vater gesucht – ich hatte nichts damit zu tun.

Ich ließ Auma in Ruhe und kroch zurück in mein Bett. Irgendwann schlief ich ein, und als ich erwachte, schien die Sonne auf mein Gesicht und der Schlaf hatte die Gespenster der Nacht vertrieben. Ich fühlte mich stark und klar im Kopf. Die Vergangenheit lag lang genug zurück. Sie durfte mir nicht im Weg stehen. Bestimmt war Gras über die Sache gewachsen. Was immer mein Vater dort verbrochen hatte, ich sollte neugierig auf Kiew sein. Außerdem würde ich für eine bekannte deutsche Zeitung unterwegs sein – das würde mir Schutz geben. Ich war fünfundzwanzig und ein Leben voller Abenteuer lag vor mir.

 

Beruhigt stand ich auf, duschte, kochte zwei Milchkaffees, stellte sie auf ein Tablett und weckte Auma auf. Wir saßen beide in ihrem Bett, sie ans Kopfende gelehnt, mit ihren kurzen geflochtenen Zöpfen, die gerade wie die Stacheln eines Igels zu allen Seiten abstanden, ich am Fußende, fertig angezogen und geschminkt. Ich erzählte ihr von meiner bevorstehenden Reise.

„Wenn du das gut hinkriegst, ist das dein Durchbruch“, sagte sie begeistert und wischte sich Milchschaum von den Lippen. „Du wirst Auslandskorrespondentin!“

„Ich weiß nicht, ob ich fahren soll. Ich habe etwas Angst. Glaubst du, dass jemand noch dort ist, der mich erkennt? Der sich an mir rächt, wegen meines Vaters?“

„Hm, ich weiß nicht“, sagte Auma nachdenklich. „Das ist doch alles ewig her!“

Ich nahm einen Schluck Kaffee und versuchte Worte für das zu finden, was mich ängstigte. „Ich weiß nicht einmal, worum es damals ging. Meine Mutter hat es mir nie erzählt. Und meinen Vater kann ich nicht fragen.“

Auma wusste, dass ich seit elf Jahren keinen Kontakt zu ihm hatte. Erst, weil meine Mutter es nicht wollte, dann legte ich selbst keinen Wert mehr darauf, weil ich immer wütender darüber wurde, dass er sich nie um mich bemüht hatte. Ich sah, dass andere Väter sich nach der Trennung um ihre Kinder kümmerten. Ich dagegen wusste nicht einmal, wo er lebte. Er war abgetaucht.

„Sprich mit deiner Mutter!“

„Niemals. Sie würde ausrasten, wenn sie erfährt, dass ich nach Kiew fahre. Sie hat so viele Jahre in Angst gelebt – gerade hat sie das Gefühl, dass die Vergangenheit hinter ihr liegt.“ Es gab außerdem ein Alter, von dem an man seine Eltern nicht mehr informierte, wenn man Risiken einging, dachte ich. Damit sie sich keine Sorgen machten. Und nicht nervten. Selbst wenn sie recht hatten.

Auma sah mich an. „Natürlich kann es sein, dass in der Ukraine noch jemand ist, der sich an deinen Vater erinnert. Wahrscheinlich ist die Sache von früher aber heute für niemanden mehr relevant. Ich glaub nicht, dass es gefährlich ist.“

Ich fuhr in den Verlag und ging direkt zu Bauers Büro.

„Ich fahre“, sagte ich, bevor ich es mir anders überlegen konnte.

Zufrieden lehnte Bauer sich in seinem Schwingsessel zurück. „Warum nicht gleich so?“ Seine Stimme war butterweich. „Sie sind ab jetzt freigestellt – für die Recherche. Lesen Sie ein bisschen über die Geschichte Kiews, über die politische Situation, nehmen Sie Kontakt zum Tourismusministerium auf.“

 

Ein paar Tage später saß ich in meinem Zimmer am Computer, in Wollsocken, Jogginghose und Strickjacke – der typischen Hamburger Verregneter-Frühlings-Mode. Auf meinem alten Holzschreibtisch lagen aktuelle Zeitungsartikel und ein Reiseführer über die Ukraine. Neben mir stand eine dicke Teekanne auf einem Stövchen und ich hielt eine mich wärmende St.-Pauli-Tasse in den Händen.

Inzwischen hatte ich viel über meine alte Heimat gelesen, und ich schämte mich, dass ich mich so lange von Informationen über die Ereignisse in der Ukraine ferngehalten hatte. Ein Neoliberalismus schien nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion das Leben aller Menschen in der Ukraine zu dominieren. Immenser Reichtum der Oligarchen stand direkt neben bitterer Armut des größeren Teils der Bevölkerung. Einige wenige badeten buchstäblich in Champagner und besaßen prachtvolle Villen an den schönsten Orten der Welt, zu denen sie über das Wochenende in Privatjets flogen. Andere, insbesondere alte Menschen, standen kurz vorm Verhungern und Erfrieren und lebten von der Hand in den Mund, von der Unterstützung durch Verwandte und den mageren Erträgen ihrer Gärtchen.

Ich informierte mich über die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen. In der Ukraine stritten sich Politiker, Geschäftsleute und Privatpersonen darüber, ob man sich am Westen, also an Europa, oder am Osten, also an Russland, orientieren sollte, wobei es, wenn man den Kommentatoren der deutschen Zeitungen glauben konnte, im Grunde nur um die Aufteilung der ukrainischen Reichtümer ging. Die Kandidaten versuchten, wie immer, mit irgendeinem Programm an die Macht zu kommen, um sich dann in die eigene Tasche zu wirtschaften, ob nun mit Bindung an den Westen oder an den Osten.

Niemand dachte offenbar daran, Wahlversprechen einzulösen. Die meisten Politiker waren Marionetten der Oligarchen – milliardenschweren Industriellen. Wenn die Politiker nicht ohnehin selbst Milliardäre waren.

Denn eine Präsidentschaftskandidatur oder aussichtsreiche Listenplätze für das Parlament erreichte man nur mit guten Kontakten oder gegen Bares. Offiziell wollten alle gegen diese Korruption vorgehen, inoffiziell ging nichts ohne Bestechung. Medikamente, Schulzeugnisse, ein medizinischer Abschluss, Baugenehmigungen – Lehrer, Behördenmitarbeiter und Ärzte hielten alle die Hand auf. Journalisten, die Skandale aufdeckten, lebten immer noch gefährlich. Manch ein kritischer Reporter verschwand spurlos.

Und auch Politiker mussten sich vor ihren Gegnern fürchten. 1994 war sogar eine Präsidentschaftskandidatin direkt vor einer Wahl ums Leben gekommen. Offiziell hieß es, sie habe einen Unfall gehabt, doch Kommentatoren westlicher Zeitungen gingen von einem Mord aus.

Ich verlor ein wenig den Mut, als mir klar wurde, dass die Ukraine immer noch weit von einem Rechtsstaat entfernt war. Dieser Umstand war mir natürlich nicht komplett unbekannt gewesen, aber ich hatte aus gutem Grund beim Zeitunglesen immer einen Bogen um Informationen aus meiner alten Heimat gemacht.

Meiner Mutter würde ich nichts von der Reise erzählen. Ich war sicher, sie würde es als Verrat an ihrer Fürsorglichkeit ansehen, nachdem sie mich Jahre lang von allem, was mit der Ukraine zu tun hatte, ferngehalten hatte. Aus Angst um unser Leben hatte sie nach unserer Flucht den Kontakt zu meinem Vater abgebrochen. „Ich weiß nicht, wo Papa ist“, hatte sie mir immer wieder erklärt, als ich kleiner war. „Er hat etwas Böses getan. Darum darf er nicht bei uns sein.“

Alexander Karkow

Kiew, Juni 1993

 Der Präsidentschaftskandidat Alexander Karkow machte sich Sorgen um seine Chancen bei der Wahl. Seine Konkurrentin Tatjana Setschenka war charismatisch. Sie galt als scharfsinnig, mutig und schlagfertig. Sie war jung, groß, schlank und blond. Wie es die ukrainischen Männer mochten. Setschenka war einflussreich. Sie besaß Fernsehsender und Zeitungsverlage, die nur Positives über sie berichteten und die Wähler beeinflussten. Und sie war eine Frau – das würde ihr die Stimmen der Wählerinnen einbringen.

Karkow fiel niemandem auf, wenn er durch die Straßen Kiews ging. Er war klein, hatte mittelbraunes Haar, ein weiches Gesicht und überhaupt kein Charisma. Er hatte einen teuren Redenschreiber engagiert, aber wenn er vor einer Menschenmenge sprach, fingen die Zuhörer trotzdem jedes Mal an, sich miteinander zu unterhalten.

Seine hervorstechendste Eigenschaft war der Wille zur Macht, denn für ihn bedeutete Macht Geld. Und Geld bedeutete ein Leben im Luxus und die schönsten Frauen zu seinen Füßen. So schön wie seine Konkurrentin, Tatjana Setschenka. Gern stellte er sich vor, dass sie es sein würde, die ihm auf Knien zu Diensten war, die um seine Zuneigung und seine Begierde bettelte.

Karkows einzige Chance auf den Sieg waren die Oligarchen, die in der Sowjetzeit Einfluss gewonnen hatten und jetzt in den Jahren des Umbruchs ihre Kontakte nutzten, um wertvolle Fabriken und Betriebe spottbillig aufzukaufen. Wie Setschenka übten sie durch ihre Sender oder Zeitungen großen politischen Einfluss aus. Manche gingen selbst in die Politik und änderten Gesetze zu ihren Gunsten, andere benutzten wie Karkow Strohmänner.

Einige der Oligarchen fürchteten, von Setschenka wirtschaftlich vernichtet zu werden, sobald sie Präsidentin sein würde. Sie würde keine gleichrangigen Geschäftsleute neben sich dulden.

Karkow dagegen war bereit, seine zukünftige Macht für andere einzusetzen. Seine Unterstützer würden ihn als Präsidenten im Rampenlicht stehen lassen, während sie im Hintergrund die Fäden zogen und ungehindert ihren kriminellen Machenschaften nachgingen. Darum würden sie ihre Angestellten unter Druck setzen, damit sie ihn wählten, sie würden die Journalisten in ihren Einflussgebieten zwingen, positiv über ihn zu schreiben und seine Konkurrentin zu ignorieren.

Und dennoch – das alles würde nicht zum Sieg reichen, denn Russland hatte sich auf die Seite Setschenkas gestellt. Die alte Schutzmacht hatte großen Einfluss auf die immer noch wirtschaftlich eng verbundene ehemalige Sowjetrepublik. Der Außenhandel der Ukraine war auf das große Nachbarland ausgerichtet, hinzu kamen die Lieferungen billigen russischen Gases, das den Menschen durch die harten Winter half. Viele Menschen in der Ukraine hatten außerdem russische Wurzeln, und eine große Zahl sehnte sich nach der vermeintlichen Sicherheit der Sowjetzeit zurück.

Doch Karkow hatte noch ein Ass im Ärmel: Er spürte Hoffnung, weil er Victor Abramow auf seiner Seite wusste. Der saß ihm gerade an dem kleinen runden Tisch mit Mosaikmuster gegenüber und betrachtete seinen Glenmorangie. Mit kreisförmigen Bewegungen seiner Hand erzeugte er einen langsamen Strudel in der orangegoldenen Flüssigkeit, die Eiswürfel klirrten.

Abramow war ungewöhnlich groß und muskulös. Er hatte ein kantiges Gesicht und Falten, die eher von einem herrischen Blick durch schmale Augenlider, als vom Lachen herrührten. Aber auch Abramow blickte mit Sorge in die Zukunft. Der Ostblock löste sich langsam aber sicher auf. Die ehemaligen sowjetischen Teilrepubliken hatten sich abgespalten und zur Gemeinschaft Unabhängiger Staaten – der GUS – zusammengeschlossen. Keiner wusste, wie stabil das Staatengebilde war und wie lange die unionsinternen Absatzmärkte bestehen blieben. Abramow sah den Wert seiner maroden Kohleminen schwinden und hatte daher ein Auge auf die Zeitungen und Fernsehstationen von Tatjana Setschenka geworfen, um ein weiteres wirtschaftliches Standbein zu gewinnen.

Karkow schenkte sich Whisky nach. Er hatte Abramow in sein Büro in der Parteizentrale eingeladen. Es war ein sehr großes Büro mit Holzvertäfelung und Kassettendecke. Abramow bemerkte amüsiert, dass die mächtigen, kantigen Möbel in einem skurrilen Gegensatz zu dem konturlosen Kandidaten mit dem schwammigen Gesicht standen. Er wartete geduldig ab. Ohne Zweifel würde Karkow ihm einen Deal vorschlagen. Es war nur eine Frage der Zeit – und des Timings.

Karkow und er hatten zum Aufwärmen ein wenig über ihre Kunstsammlungen geplaudert, über die Launen der Frauen und über gemeinsame Bekannte. Und darüber, dass die Zeiten für gute Geschäfte unsicherer wurden. Jetzt war eine Pause eingetreten, in der beide sinnierten.

„Wenn Setschenka Präsidentin wird, sind wir beide weg vom Fenster“, eröffnete Karkow den entscheidenden Teil des Gesprächs.

„Sie muss ja nicht Präsidentin werden“, antwortete sein Gegenüber. „Es könnte ja … sagen wir mal … etwas dazwischenkommen.“

Sie prosteten einander zu.

„Wer sie ausschaltet, legt sich mit Russland an. Und das bedeutet sicher einen unangenehmen Tod“, prophezeite Karkow.

Abramow beugte sich vor, so als hätte er in diesem Moment einen guten Einfall, obwohl er sich den Plan schon vorher zurechtgelegt hatte, denn ihm war klar gewesen, worüber Karkow mit ihm sprechen wollte. „Du hast doch genug Günstlinge, die dir mal wieder ihre Loyalität beweisen könnten. Die finanzielle Unterstützung für dieses schöne Projekt übernehme ich.“

„Das hoffe ich.“ Karkow lachte laut. „Guter Plan. Lassen wir jemand anderen die Drecksarbeit machen. Ich werde dich auf dem Laufenden halten. Eine Frage noch: Wenn du ihre Sender besäßest, würdest du mich dann unterstützen?“

„Wenn ich sie besäße, würde ich den unterstützen, der sie mir besorgt hat.“

Klirrend stießen ihre Gläser zusammen, als sie einander zuprosteten.

Der begabte Zögling

Kiew, ein paar Tage später im Juni 1993

 „Sie sind ein talentierter Mann.“ Karkow setzte sich und lud den jüngeren Mann mit einer großzügigen Geste ein, dasselbe zu tun. Der nahm nur zögernd Platz.

Er hatte lockiges schwarzes Haar und markante Gesichtszüge. Seine Nase war zu groß, als dass er als schön hätte durchgehen können, aber eine angeborene Eleganz verlieh dem Anzug von der Stange, den er trug, das Flair eines maßgeschneiderten Designerstücks, und seine Bewegungen waren so lässig und selbstbewusst, dass Karkow dagegen unbeholfen wirkte.

„Wenn ich Präsident bin, könnte ich etwas für Sie tun.“ Karkow eröffnete das Gespräch direkt mit seinem Anliegen.

Sein Gast schüttelte sich unwillkürlich. „In der Ukraine werden keine Geschenke verteilt. Was wollen Sie als Gegenleistung?“

Karkow versuchte freundlich zu blicken, aber seine Augen blitzten wütend.

Warum sind kleine Männer nur immer so aggressiv?, dachte der Jüngere müde. Er war es gewohnt, dass andere Männer mit ihm konkurrieren wollten, besonders, wenn schöne Frauen zugegen waren. Wie alte Löwen, die einen Nebenbuhler beseitigen wollten, bevor er zu stark wurde. Er wusste, dass er nicht auf den ersten Blick attraktiv war, aber er hatte diese Melancholie in seinen Augen, die Frauen das Herz brach, und das innere Feuer, das sie mitriss.

Karkow räusperte sich. „Sie sind für hohe Positionen wie geschaffen. Sie sind smart. Sie haben in Ostdeutschland studiert. Sie haben einen Sinn für Demokratie, sind also Idealist. Das könnte uns nutzen, sobald wir uns einmal der EU und ihren Gesetzen annähern müssen.“

„Welche hohe Position könnte ich Ihrer Meinung nach denn erlangen?“, fragte sein Gegenüber misstrauisch.

„Einen Posten, der ihnen viele Einkünfte beschert.“

„So.“ Der talentierte junge Mann nahm einen Schluck Wasser aus dem Glas, das die Sekretärin auf einem kleinen Tisch mit duftendem Obstkorb – gefüllt mit Äpfeln, Orangen, Ananas und Bananen – abgestellt hatte. Seine Mutter hatte noch nie eine Ananas gegessen. Eine Wespe saß auf der Frucht.

„Natürlich geht nichts ohne eine kleine Gefälligkeit.“

„Natürlich.“ Der Gast stellte das Glas ab und sah Karkow an.

Dieser räusperte sich. „Wie Sie wissen, hat meine Familie Sie immer gefördert, seit Ihre außerordentliche Begabung deutlich wurde.“

„Meine Eltern hatten kein Geld, um die Lehrer und Professoren zu bestechen. Im Westen wäre ich mit Stipendien überhäuft worden“, sagte der Zögling kühl.

„Richtig.“ Karkow lehnte sich zurück und betrachtete den jungen Mann wie eine Ameise, die er mit Hilfe eines Stöckchens in Richtung Abgrund lenkte. „Vermutlich schwärmen Sie deshalb vom Westen. Aber wissen Sie, auch hier kann man alle Freiheiten genießen, wenn man die richtigen Leute kennt. Ich mache Ihnen ein Angebot. Wenn Sie es gehört haben, können Sie es annehmen und ein sehr gutes Leben haben – oder …“ Karkow führte den Satz nicht zu Ende.

Der junge Mann schwieg. Gedankenverloren verfolgte sein Blick die Wespe, die vor dem Bücherregal herumschwirrte, nach oben trudelte und in einem kleinen runden Loch in einem Buchrücken verschwand. Komisch, dachte er, irgendetwas stimmt da nicht.

Jetzt gerade aber hatte er ein anderes Problem. Er zwang sich, über eine kluge Reaktion auf Karkows Andeutungen nachzudenken. Er wog er seine Chancen ab. Er würde sterben, wenn er Karkows Angebot nicht annahm. Er würde einen Autounfall haben oder irgendwo herunterstürzen.

Seine Seele war bereits vor Jahren verspielt worden, als seine Eltern sich darauf einließen, seine Eliteschulen von Karkows Familie bezahlen zu lassen. Er, der charismatische Hochbegabte: Menschenmaterial, das man zu seinen eigenen Zwecken formen konnte. Er blickte dem zukünftigen Präsidenten fest in die Augen. „Ich höre.“

Der Kandidat beugte sich nach vorn und packte den jungen Mann am Arm. „Es ist sehr wichtig, dass ich die Wahl gewinne. Es hängen viele Schicksale von meinem Sieg ab. Setschenka will alle Öffnungsbestrebungen Richtung Westen unterbinden. Sie will, dass die Ukraine bei Russland bleibt. Das wird einen Bürgerkrieg in unserem Land provozieren, die Menschen der Westukraine, die nichts mehr von Russland wissen wollen, gegen die der Ostukraine – Bruder gegen Bruder und Vater gegen Sohn.“

Rührend, dachte der Gast. Du bist ja so besorgt um die Menschen. Aber noch besorgter bist du um deine Kontakte und um die Vertriebswege für deine krummen Geschäfte. Die wird sie dir nämlich wegnehmen.

„Ich dagegen werde unser schönes Land zwischen Europa und Russland stehen lassen, als starkes, unabhängiges Land“, fuhr Karkow fort. „Ich habe gute Verbindungen zu allen Seiten. Ich werde von den Beziehungen zu beiden Seiten das Beste nehmen – für unser Volk.“ Der zukünftige Präsident ließ den Arm seines Gegenübers los, nahm einen Apfel und biss hinein. Die Wespe war wieder aus dem Loch gekrochen und umschwirrte die Frucht in der Hand des Kandidaten.

„Was soll ich tun?“

„Deine Loyalität beweisen.“

„Ich bin Ihnen gegenüber loyal.“ Der junge Mann blieb beim distanzierten ,Sieʼ.

„Du hast da diverse alte Freunde, mein Junge. Karatekämpfer, Söldner und Wilderer. Wildern ist strafbar. Ich könnte sie verhaften lassen.“

Der Gast lehnte sich weit im Sessel zurück. Seine Hände umkrampften die Lehnen, so dass die Adern hervortraten. Die Wespe setzte sich auf den Apfel.

„Die Freunde, die wie eine Mauer um dich herumstehen, obwohl du sie nicht bezahlen kannst.“

„Ja, weil ich auch ein guter Freund bin“, sagte der Gast. Er hoffte, dass der Kandidat die Wespe beim nächsten Bissen verschlucken würde.

Aber der bemerkte das Insekt, nahm eine Zeitung, schlug es weg und biss dann genau die Stelle ab, an der es vorher gesessen hatte. „Deine Freunde fahren alte rostige Autos“, sagte er kauend, während er das am Boden zappelnde Tier zertrat. „Sie haben eine triste Zukunft vor sich. Irgendwann werden ihre Zähne schlecht und sie können sich keinen Zahnarzt leisten. Irgendwann fallen die Zähne aus und sie stinken aus dem Mund und können nur noch Brei essen. Glaubst du nicht, sie würden alles tun, um ein besseres Leben zu haben? Ein Haus, um eine Familie zu gründen, Geld, um die Lehrer ihrer Kinder zu bestechen, und die Ärzte, damit sie den Kindern die richtigen Medikamente geben und keine giftigen Fälschungen? Geld für ihre alten Eltern, damit diese nicht im Winter erfrieren und verhungern? Das Leben ist hart hier. Und es kann noch härter werden, wenn man die falschen Freunde hat, die zu stolz oder zu edel oder zu dumm sind, sich und ihnen Vorteile zu verschaffen.“ Karkow nahm die Ananas und hielt sie dem jungen Mann hin. „Du könntest ihnen zu einem guten Leben verhelfen, dafür, dass sie dich immer beschützt haben, als mein Vater dich in die große Welt eingeführt hat. Als er dich anderen vorgezogen hat, die dich jetzt hassen. In dieser Welt braucht man gut bezahlte Bodyguards und mächtige Freunde mit Beziehungen. Wer das nicht hat, muss wirklich gute Freunde haben und gut für sie sorgen.“

„Was muss ich tun?“

„Setschenka muss verschwinden. Egal wie. Wir werden deine Spur verwischen und es so aussehen lassen, als stecke jemand anders dahinter. Dich brauche ich später noch als Saubermann, so nützt du mir mehr.“

„Und nur wir beide wissen davon?“, fragte der Gast.

„Nur wir beide. Wir werden sehr gute Freunde sein. Und Geschäftspartner.“

Katharina Iswestja

Kiew, Montag, 3. Mai 2004

 Ich sah aus dem kleinen Fenster des Flugzeugs hinunter auf Kiew. In mir spürte ich ein Durcheinander von Gefühlen. Neugier gemischt mit Furcht. Wilde Freude und Stolz, weil ich als Journalistin in die Heimat zurückkam, die sich für mich jedoch wie ein unbekanntes Land anfühlte. Ich freute mich darauf, in den Straßen Kiews herumzulaufen, und fragte mich, ob ich etwas wiedererkennen würde. Doch wie immer, wenn ich unbeschwerte Glücksgefühle empfand, schoss sofort wie ein Dämpfer die alte Angst durch mich hindurch. Ich versuchte mich zusammenzureißen und sah wieder aus dem Fenster.

Unter mir breiteten sich graue Rechtecke wie ein Geschwür kilometerweit um die Stadt herum aus. Sozialistische Plattenbauten. Ich stellte mir vor, dass irgendwo dort Tante Lisa und ihre Tochter, meine Cousine Anna, etwas ganz Alltägliches machten: Gemüse einkaufen oder Wäsche aufhängen. Sie waren die beiden einzigen Menschen, die ich hier kannte.

Ich hatte auch mal da unten gewohnt. Ich dachte an mein Zimmer. Aus dem Fenster hatte ich damals über eine schmutzige Straße hinweg in eine Nachbarwohnung sehen können. Es gab keine Bäume wie in Hamburg, nur Schuttberge und ein paar rostige Autos. Mein Stoff-Eisbär fiel mir wieder ein. Ich musste ihn bei unserer Flucht zurücklassen. Jetzt auf einmal fehlte er mir wieder. Für einen Moment fühlte ich den Schmerz des Mädchens von damals.

Wir schwebten über prächtige Villen mit großen Gärten und glitzernden Pools und über den Dnjepr, der sich breit und glänzend durch die Stadt schlängelte. Hin und wieder blitzte ein Kirchturm golden auf. Ich lehnte mich in meinem Flugzeugsitz zurück und schloss die Augen. Ich fragte mich, ob ich Plätze wiedererkennen und Gefühle aus meiner Kindheit erinnern würde.

 

Kiews Flughafen sah aus wie die meisten Flughäfen. Viel Glas, viel Stahl. Ich schob mich in einer kleinen Menschengruppe auf den Mann an der Passkontrolle zu. Er trug eine graue Uniform und hatte glanzlose, staubfarbene Haare. Er nahm meinen ukrainischen Pass in seine knotigen, gelben Finger.

„Katharina Iswestja. Waren Sie schon einmal in der Ukraine?“

„Ich bin hier geboren.“

„Wie lange bleiben Sie?“

„Drei Tage.“

Er drehte meinen Pass hin und her, nahm ein großes Buch und fuhr mit dem Finger eine Liste entlang. „Warten Sie dort.“

Er zeigte zu einer offenen Tür, die in einen muffigen Raum führte. An der hinteren Wand standen orangefarbene Schalenstühle aus Plastik. Die anderen Reisenden wurden durchgelassen. Einer nach dem anderen schob sich an der Tür vorbei und aus meinem Blickfeld heraus. Ein einzelner Mann mit Laptoptasche. Eine Gruppe älterer Menschen in Windjacken und Gesundheitsschuhen, mit Brustbeutel fürs Geld und einem Rucksack auf dem Rücken. Die typisch praktisch angezogenen Deutschen. Ein junges Paar, Hand in Hand, er trug einen wuscheligen Zopf, sie hatte ein buntes Tuch um den Kopf gebunden. Ich beneidete die Frau, weil jemand ihre Hand hielt, und war beunruhigt, weil ich als Einzige nicht einfach durchgewunken worden war. Als alle verschwunden waren, saß ich immer noch da, ganz allein, meinen Pass mit der Hand umklammernd.

Eine Stunde später hatte mir noch immer niemand gesagt, warum ich warten musste. Einmal stand ich auf, um den Beamten, der im Nebenraum saß, zu fragen, was los sei, aber er antwortete barsch auf Ukrainisch, ich solle mich wieder hinsetzen. Dann kamen neue Gruppen von Reisenden an der Tür vorbei, einige schauten mich im Vorübergehen an.

So ist es also, wenn man warten muss, ohne zu wissen, warum, dachte ich. Wenn man sich ausgeliefert fühlt, hilflos, wie eine Figur von Kafka.

Ich war eingereist wie alle anderen auch. Ich hatte ein gültiges Visum und ein Schreiben des ukrainischen Tourismusministeriums. Ich befand mich aber auch in jenem Land, in dem mein Vater vor mehr als zehn Jahren möglicherweise von seinen Feinden erwischt worden war – und ich hatte nie erfahren, was mit ihm geschehen war. Ich fragte mich, was meine Mutter mir verschwiegen hatte, und bereute jetzt, sie vor der Reise nicht gefragt zu haben. Ich erinnerte mich, wie ich mit Mutter damals in das Auto gestiegen war, das uns auf den Weg nach Deutschland brachte.

 

Es ist stockdunkel in dieser Septembernacht. Ich habe Angst, denn ich bin sonst nie so spät auf, und ich spüre, dass Mutter angespannt und zugleich wütend ist. Mein Vater ist seit Tagen verschwunden, und dieses Mal scheint es noch bedrohlicher als sonst zu sein, denn niemand will mit mir darüber reden. Mutter versucht mir vorzumachen, dass wir in den Urlaub fahren. Ein fremder großer Mann sitzt am Steuer. Wir schlüpfen auf die Rückbank. Der Mann grüßt nicht und fährt mit quietschenden Reifen los. Mutter krallt ihre Finger in meinen Arm. Ihre Hand zittert. Sie weint. Meine Angst wird immer größer.

 

Ich stand auf und ging hin und her, um meine Anspannung abzubauen. Ich stemmte mich auf den schmucklosen Holztisch auf der anderen Seite des Raumes und ließ die Beine baumeln. Ich sprang herunter und ging wieder auf und ab. Es half.

Ich sagte mir: Ich muss bestimmt warten, weil ich ein deutsches Journalistenvisum habe und in Deutschland wohne, obwohl ich einen ukrainischen Pass besitze. Das müssen sie überprüfen. Das ist normal.

Ich setzte mich wieder auf den orangenen Plastikstuhl. Ich sah mich selbst, wie ich in diesem Raum saß, im kurzen Rock mit hochhackigen Stiefeln, neben mir mein silberner Rimowa-Koffer, den ich vor der Reise gekauft hatte. Das war die Realität und in der Realität musste man eben manchmal warten. Was sollte mir schon passieren?

Endlich kam der Grenzbeamte wieder und setzte sich an den Tisch. Er winkte mich heran und ich nahm auf dem Stuhl ihm gegenüber Platz. Er rückte näher, so dass sich fast unsere Knie berührten, und schob sein Gesicht an meines heran.

„Katharina Iswestja. Sie haben einen berühmten Vater. Ich erinnere mich an ihn.“ Der Tisch wackelte, als er seine Ellenbogen aufstützte. Er seufzte und sah mich regungslos an.

Ich fragte mich, auf welche Weise er sich an meinen Vater erinnerte. Als Helden? Als Feind? Als Idioten? Und woher wusste er überhaupt, dass Grigorij Iswestja mein Vater war? Eigentlich wunderte es mich nicht, nachdem er sich offenbar eine Stunde lang mit mir befasst hatte. Es machte mir Angst, doch jetzt konnte ich nicht mehr zurück.

Er sah schlecht ernährt aus, seine Haut war fahl und die paar Zähne, die er noch hatte, waren gelb und grau. Dazwischen klafften Lücken. Ich wusste von Leuten aus Deutschland, die sich in der Ukraine die Zähne machen ließen, weil es hier so billig war. Ich fragte mich, was er aß. Nur Suppe?

Ich lächelte trotz meiner Angst. Normalerweise waren ältere Männer nett zu mir. Mir wurde oft gesagt, wie attraktiv ich sei. Aber dieser hier war wohl immun.

„Ich hoffe, Sie machen hier keinen Ärger“, brummte er und verschwand noch einmal.

Ich wartete in dem kahlen Raum, die Klimaanlage surrte und die Kälte, die von dem feuchten Boden durch meine Stiefelsohlen hoch bis in meine Gedanken stieg, ließ mich frösteln. Dann, nach sehr langer Zeit, kam er wieder, sah mich lange und unbewegt an und gab mir dann den Pass zurück.

„Danke.“

Mit einem kurzen knappen Kopfnicken wies er mich Richtung Ausgang. Es war wie ein Rausschmiss.

 

Ich zog, erleichtert und frei, meinen Koffer durch die Ankunftshalle und trat in die stechende Sonne hinaus. Um mich herum war nichts als grauer Beton.

Neben der Flughafentür stand ein Mann mit einem schwarzen Zopf. Ich ging an ihm vorbei. Ich weiß nicht, warum er mir auffiel. Er stand einfach so lässig an die Wand gelehnt da und rauchte. Vielleicht war es die Art, auf die er mich nicht ansah.

In Hamburg hätte ich ihn als Türsteher auf dem Kiez eingeordnet. Sehr groß, trainiert, ganz in Schwarz, massive Ausstrahlung. Etwa in meinem Alter. Der Typ trug Lederjacke und Jeans. Bestimmt hatte er irgendwo eine Pistole versteckt. So einen könnte ich hier brauchen. Er könnte mir finstere Typen, wie er selbst einer war, vom Hals halten. Und er könnte mir den Weg zeigen, denn meine ehemalige Heimatstadt war mir fremd. Ich stieg in ein Taxi – allein.

„Hotel Ukraina“, sagte ich auf Ukrainisch zu dem Fahrer, dem eine qualmende, besonders übelriechende Zigarette im Mundwinkel hing.

Das Taxi war ein klappriger Lada. Die Rückbank aus Plastik war durchgesessen und der Türgriff abgebrochen. Aus der Rücklehne des Fahrers quoll Schaumstoff. Es roch nach kaltem und frisch produziertem Qualm. Über dem Kopf des Fahrers schwebte eine bläuliche Wolke.

Wir fuhren an den bröckelnden, grauen Plattenbauten vorbei, die den äußeren Ring Kiews bildeten. Kilometerlang erstreckten sich die Siedlungen und erinnerten mich an die schmuddeligen, weiß gekachelten Hochhäuser Mümmelmannsbergs, des Viertels, in dem ich aufgewachsen war.

Doch bei uns hatte es wenigstens umzäunte Rasenflächen vor dem Haus gegeben, die den Bewohnern vorgaukelten, dass sie etwas Gemeinschaftsgrund besäßen, auf dem sie grillen konnten – wenn auch von allen Nachbarn beobachtet. Hier bestand der Vorgarten aus einem Stück bloßer, trockener Erde voller Steinhaufen und Zigarettenschachteln. Ein Windstoß wirbelte Staub auf, Papier und Pappkartons flogen gegen bespuckte, bekritzelte Wände. Zu Hause in Hamburg hatten die Menschen nicht so fahle Gesichter wie hier. Als hätte das Grau der Armut und der Hoffnungslosigkeit sie durchdrungen, als bedecke eine Staubschicht ihre Körper und ihre Seelen.

Der Taxifahrer bremste vor einer roten Ampel. Der Motor röhrte bollernd weiter und versetzte das Auto in rumpelnde Schwingungen. An der Bushaltestelle neben uns blätterte die blaue Farbe vom Wartehäuschen ab und gab den Blick auf rostiges Metall frei.

Unter dem Dach stand ein blickloser Mann. Mit abfallenden Schultern hing er in einem schlecht sitzenden Anzug. Daneben trat ein jüngerer in seinen Jeans breitbeinig auf der Stelle hin und her, behaarte Schultern und Arme wuchsen aus seinem Muskelshirt. Eine alte Frau mit Kopftuch und langem dunklen Rock hockte vor einem Korb voll mit Äpfeln. Zwei junge Mädchen mit engen Jeans und bauchfreien Oberteilen balancierten auf Stilettos, ihr langes Haar fiel ihnen bis auf den Po, der Pony bildete eine schnurgerade Linie über den dunkel umrandeten Augen. Ein junger, schmächtiger Typ mit schlaffem Rücken starrte sie an, während er mit gelben Fingern eine Zigarette drehte. Die Mädchen kicherten.

Beim Anfahren schaukelte die kleine bunte, am Spiegel hängende Ikone. Der Taxifahrer rauchte wirklich ein beißendes Kraut.

„Was für Leute wohnen in dieser Gegend?“, fragte ich ihn.

„Ich zum Beispiel“, sagte er. „Ich bin hier geboren, ich habe hier immer gelebt und ich werde hier sterben.“

„Leben Sie gerne hier?“

„Natürlich. Kiew ist wunderschön. Die Kirchen, die Strände am Fluss, die Sonnenblumenfelder draußen auf dem Land. Im Viertel lebt meine Familie, hier sind meine Freunde, man kennt sich, jeder hilft jedem. Es ist meine Heimat.“

Ich schwieg und dachte darüber nach, wie sehr ich meine eigenen Erlebnisse als Schablone über das legte, was ich sah. Ich sah die Menschen und sie taten mir leid, weil sie arm und ungesund aussahen. Der Taxifahrer sah in demselben Bild Heimat und Familie. Es sollte einer guten Journalistin nicht passieren, eigene Vorstellungen als Wahrheit zu betrachten. Ich wollte versuchen, keine Vorurteile mehr zu haben und alles offen anzunehmen. So gut es ging.

Ein Polizeiwagen schob sich vor uns und drängte das Taxi an die Seite. Der Taxifahrer drehte sich zu mir um: „Haben Sie fünfzig Euro?“

„Wozu?“

Im Rückspiegel fixierten mich seine Augen, die durch die dicken Gläser seiner mit Pflaster zusammengeflickten Brille stark vergrößert wurden. „Wollen Sie die nächsten Stunden auf dem Polizeirevier verbringen?“

„Wieso? Ich habe nichts getan.“

„Sicher?“

Man war nie sicher. Ich gab dem Fahrer vierzig Euro, weil ich zu stolz war, mir etwas vorschreiben zu lassen, und er reichte sie an den Polizisten weiter, der an unser Auto herangetreten war. Er warf einen interessierten Blick auf mich und legte grüßend die Hand an die Mütze.

„Was sollte das denn?“, fragte ich den Fahrer.

„Sie sind aus dem Ausland und haben Geld, und die Polizisten sind von hier und können von ihrem Gehalt nicht leben.“

„Klar“, sagte ich. Ich fragte mich, ob es nicht sogar eine Art gerechte Zwangsumverteilung war – vom reichen Touristen auf die arme Bevölkerung.

„Nehmen Sie sich vor der Polizei in Acht“, sagte er. „Sie vertreten nicht das Gesetz, das in den Büchern steht.“

Das Taxi bog in eine breite Straße ein. Die grauen Häuser ragten auf beiden Seiten bedrohlich in den Himmel. Doch dann gab eine Lücke zwischen den Häusern den Blick auf einen Hügel frei: Er war vollgebaut mit alten, mächtigen Villen, die von ebenso alten, mächtigen Kastanienüberragt wurden. Wir bogen in eine mehrspurige Einkaufsstraße ein.

„Chreschatik“, sagte der Fahrer.

Ein kleiner Stau hatte sich gebildet, und ich hatte Zeit, die Eindrücke zu beiden Seiten in mir aufzunehmen. Schaufenster von Dior, Gucci und Ferré zogen an mir vorbei. Die Tatsache, dass alle diese Firmen hier Wurzeln schlugen wie wuchernde Pflanzen, die überall dort wachsen, wo sie etwas aussaugen können, beruhigte mich. Es erweckte in mir den Eindruck, dass hier dieselben Regeln galten wie überall auf der Welt. Es konnte nicht mehr dasselbe Land sein, aus dem ich hatte fliehen müssen. Es war die Welt, die ich kannte. Hier drehte sich auch alles ums Shoppen, um Schuhe, Taschen und Klamotten. Hier würde ich recherchieren und die Menschen portraitieren – ich würde herausfinden, wo sie einkauften, essen gingen, feierten und lebten.

Die Gehwege vor den Geschäften waren sehr breit und boten genügend Platz für fliegende Händler. Eine Frau stand neben einer riesigen gelben Tonne, die waagerecht auf einem Brett mit vier Rädern lag. Sie ließ Flüssigkeit aus einem Hahn in Becher laufen.

„Was verkauft die Frau?“, fragte ich den Fahrer.

„Kwas.“

Kwas, der Brottrunk. Ich hatte ihn beinahe vergessen.

Ich sah eine runzlige, alte Frau, die den Passanten drei mickrige weiße Nelken entgegenstreckte. Sie trug einen schwarzen Rock und ein buntes Schultertuch. Eine andere hielt einen einzelnen Fisch hoch. Am Schwanz.

„Diese alten Frauen …“, sagte ich.

„Die Renten reichen nicht mal für den Grundbedarf“, sagte der Fahrer. „Die Kinder müssen ihre Eltern durchfüttern. Wer arm ist, arbeitet immer weiter – so wie ich.“

Gut gekleidete Menschen eilten vorbei, manche mit Handys am Ohr oder miteinander sprechend, halbwüchsige Jungs mit Lederschultaschen rempelten sich an und Teenager-Mädchen bestaunten die Auslagen der Schaufenster.

Wie zwei parallel existierende Welten, die sich nicht berühren, dachte ich, während sich das Taxi durch den Stau schob.

Die Businessleute sahen genauso aus wie jene, die in Filmen in New York über die Bordsteine rannten, von einem Termin zum nächsten hastend. Oder in irgendeiner anderen Großstadt, die an den internationalen Hype angeschlossen war. Die Händler dagegen hätten aus dem vorigen Jahrhundert in unsere Zeit geworfen sein können.

 

Wir erreichten den Majdan, den Platz der Unabhängigkeit. Das Hotel Ukraina ragte hoch über uns auf, ein großer sandfarbener Klotz, der sich drohend über den Platz beugte. Über ihm rasten kleine weiße Wolken über den blauen Himmel.

Ich hatte das Hotel gewählt, weil meine Cousine Anna hier arbeitete. Ich hatte ihr und meiner Tante nicht von meiner Reise erzählt, aber ich wollte hier Kontakt mit Anna aufnehmen. Für mich war es beruhigend, jemanden aus der Familie in der Nähe zu wissen, für den Fall, dass etwas Unangenehmes passierte.

Das Ukraina gehörte zu den besseren Mittelklassehotels und besaß den typischen einschüchternden sowjetischen Charme. Ein kantiger, vierzehn Stockwerke hoher Bau. Die Eingangstür mit ihrem rissigen, braunen Holz hätte gut zu einer etwas heruntergekommenen deutschen Jugendherberge gepasst, doch dann lief ich in der großen Eingangshalle über abgetretene rote Teppiche und Marmorboden, als Zeugen einer glorreicheren Vergangenheit.

Auf der rechten Seite saßen hinter einem Tresen zwei Empfangsdamen mit rötlich gefärbten Haaren wie zwei Sphinxen. Sie nahmen mir den Pass ab und begannen, langsam meinen Namen in ihr Empfangsheft abzumalen. Ich blickte mich um. An der Wand standen zwei Bankautomaten. In einem Kiosk hockte ein gelangweilt dreinblickender Mann hinter seiner Auslage: Wasser, Zeitschriften und Kekse, dazu kitschige Souvenirs. Neben den Fahrstühlen hinten in der Halle träumten zwei müde Polizisten mit Schiebermütze in einem hölzernen Kasten vor sich hin. Nach etwa einer Viertelstunde bekam ich meinen Pass zurück.

„Dreizehnter Stock, den Zimmerschlüssel bekommen Sie oben“, sagte die eine Rothaarige unfreundlich und wandte mir dann den Rücken zu. Ich sah, wie sie sich zu ihrer Tasche bückte und eine Nagelfeile herauszog.

Ich zog meinen Koffer hinüber zu den Aufzügen. Während ich wartete, versuchte ich die Polizisten nicht zu beachten, die mich unverhohlen anstarrten. Vermutlich bot ihre Tätigkeit wenig Aufregung, da war jeder Mensch eine willkommene Abwechslung. Ich lächelte sie freundlich an, als ich in den Fahrstuhl stieg und einer von ihnen nickte kaum merklich, ohne den Mund zu verziehen.

Im dreizehnten Stock saß eine ältere Dame hinter einer Art Tresen. Sie trug einen Turm blonder auftoupierter Haare, und unter ihrer gestreiften Bluse türmte sich ein riesiger Busen, von dem der Ausschnitt beträchtliche Anteile freilegte.

„Bei mir bekommen Sie den Schlüssel, und Sie geben ihn hier auch wieder ab, wenn Sie gehen“, sagte die Frau freundlich. „Ich putze Ihr Zimmer und Sie zahlen hier bei Abreise die Telefonrechnung.“

Bestimmt kontrollierte sie schon seit Sowjetzeiten, wer sich mit wem auf den Zimmern traf. Von ihrem Platz aus konnte sie schließlich alle vier Aufzüge überblicken. Vielleicht waren die Zeiten nicht besser geworden, nur anders.

Der Blick aus meinem Fenster erwies sich als atemberaubend. Mein Zimmer lag nach vorne hinaus, und wie von einem hohen Berg hinunter konnte ich über die ganze Innenstadt sehen. Direkt unter mir lag der Majdan. Um ihn herum standen in einem turmhohen Halbrund Bauten aus sowjetischer Zeit. Dunkle, mächtige, graue mit schmalen Fenstern. Wenn man unten auf dem Platz stand, fühlte man sich klein, während die Gebäude sich drohend um einen herum erhoben. Von hier oben jedoch hatte ich das Gefühl, die Stadt zu beherrschen – ich fühlte mich stolz und frei.

Weiter hinten leuchteten goldene Kirchenkuppeln in der Sonne. Dort sah ich auch riesige Jugendstilhäuser, gelb, blau und rosa gestrichen. Es war bunter als die Stadt aus meiner Kindheitserinnerung. Und ganz anders als die grauen Vorstädte.

Im Hintergrund funkelte der Dnjepr, der breite Strom, der Kiew mit dem Rest des Landes verband und der Stadt ihren Zauber verlieh. Vater hatte immer von ihm geschwärmt. Er und Mutter hatten sich auf einer Insel im Fluss kennengelernt.

 

Wir drei, Mutter, Vater und ich, liegen im weißen Sand am Fluss, versteckt hinter Büschen, und lassen uns in der Sonne trocknen. Vater lässt Mutter Sand in den Nacken rieseln, sie kichert glücklich, neben unserer Decke steht ein Korb mit belegten Broten, Saft, Wasser und einer Wodkaflasche.

 

Mein Hotelzimmer gefiel mir. Das Bad war besser als ich befürchtet hatte. Es besaß sogar eine Wanne und falsche goldene Wasserhähne. Früher hatten hier Parteimitglieder gewohnt, damals hieß es noch Hotel Moskau.

Es wurde dunkel und ich beschloss, gleich ins Bett zu gehen. Die Matratze war elastisch und die gestärkte Bettwäsche duftete nach Lavendel. Dennoch konnte ich nicht schlafen. Ich war zu aufgewühlt von den vielen Eindrücken. Von unten dröhnte der Lärm der Straße. Quietschende Bremsen, aufheulende Motoren. Der Geruch von Benzin und schwerem Parfüm lag in der Luft, und von irgendwoher schwebte leise Musik durch mein Fenster hinein.

Bislang hatte ich Piet seit der Trennung nicht vermisst. Jetzt, hier in Kiew, in der dunklen Nacht, hätte ich ihn mit seiner Lebenserfahrung gern an meiner Seite gehabt. Zugleich war ich verwirrt über diesen wenig emanzipierten Wunsch nach einem Beschützer, den ich bislang nie so deutlich verspürt hatte.

Ich stand auf und sah aus dem Fenster. Unten auf den Hotelvorplatz stand ein Typ und rauchte. Es war zwei Uhr nachts. Er sah von weitem aus wie der schwarzgekleidete Mann vom Flughafen. Vielleicht waren lange Pferdeschwänze aber auch gerade Mode bei den Kiewern. Oder war er es doch? Ich ging zu meinem noch nicht ausgepackten Koffer und zog eine lange Wolljacke heraus, die ich eng um meinen Körper schlang. Das lange Warten an der Passkontrolle am Flughafen hatte mich anscheinend nervös gemacht.

 

Durst zwang mich hinaus in den Flur, wo ich die Etagendame fragen wollte, wo es etwas zu trinken gab. Ihr Tresen war leer, doch aus einer halboffenen Tür nahe der Treppe kamen Licht und Stimmen. Ich näherte mich und lugte durch den Spalt. Sie hockte in ihrem kleinen Zimmer auf einer Pritsche mit geblümter Decke und rauchte. Der Fernseher tauchte den Raum in ein flackerndes Licht, das ständig die Farbe wechselte.

„Entschuldigen Sie die Störung“, sagte ich. „Gibt es hier irgendwo etwas zu trinken?“

„Man kann nachts keine Getränke kaufen“, antwortete sie freundlich und klopfte einladend neben sich aufs Bett, stand schwerfällig auf, holte eine Tasse mit Kiew-Motiv aus einem Regal, ließ Tee aus einem Samowar hineinplätschern und hielt mir die dampfende Tasse hin. „Danke, das ist sehr nett von Ihnen“, sagte ich.

„Ach, es ist so langweilig allein“, sagte sie abwinkend. Wir stießen mit den Tassen an.

„Maja.“

„Katharina.“

„Woher kannst du so gut Ukrainisch?“, fragte sie.

„Ich bin Ukrainerin.“

„Du hast aber einen ausländischen Akzent.“

„Ich lebe in Deutschland.“

Maja seufzte sehnsüchtig. „Ich würde einiges geben, um in Deutschland zu leben.“ „Die Männer sollen dort viel netter sein. Und nicht so viel trinken.“

Ich wollte nichts Falsches sagen. Ich wusste, dass ich es in Deutschland mittlerweile gut hatte. Aber ich wollte auch keinen Neid schüren und nicht besserwisserisch wirken. „Es ist nicht so einfach, wie man denkt“, sagte ich. „Sie mögen dort keine Fremden. Nur Fremde, denen man das Fremdsein nicht ansieht. Die so sind wie sie.“

„Sind wir anders?“, fragte Maja erstaunt.

„Gute Frage“, antwortete ich.

Wir schwiegen und guckten ein bisschen fern. Ein Oligarch aus dem Osten wurde portraitiert. Immer wieder fiel der Name Abramow. Er besuchte einen Kindergarten und nahm nacheinander ein paar kleine Jungs und Mädchen auf den Arm und schäkerte mit ihnen. Doch seine Augen waren kalt. Abramow. Der Name löste etwas in mir aus. Etwas Unangenehmes.

„Wer ist das?“, fragte ich.

„Das ist einer von den ganz Reichen“, sagte Maja. „Der Sender gehört ihm. Darum erzählen sie auch nur Gutes über ihn. Er leitet die ,Partei der Gerechtigkeit‘ in Donezk und im Donbass gehören ihm die Kohleminen. Darum müssen ihn alle wählen. Er will Präsident werden.“

„Und, stimmt es denn alles, was die Berichte Gutes über ihn sagen?“, fragte ich.

„Woher soll ich das wissen.“ Maja seufzte. „Ist doch sowieso egal, wir kleinen Leute müssen sehen, dass wir durchkommen. Die da oben machen sich ein schönes Leben.“

Ich fragte Maja nach meiner Cousine Anna. Sie arbeitete im sechsten Stock, momentan tagsüber. Wir saßen noch etwas herum und sahen schweigend fern. Dann bedankte ich mich und ging zurück in mein Zimmer.

Tatjana Setschenka

Kiew, Juli 1993

 Tatjana Setschenka war eine mutige Frau. Sonst hätte sie es kaum gewagt, für das Präsidentenamt zu kandidieren. Sie stellte sich damit gegen ein funktionierendes System von Seilschaften und Korruption, welches ihr Gegenkandidat fortführen wollte. Sie nutzte dieselben Methoden, wollte aber ihre eigene Klientel versorgen. Sie war es gewohnt, ihren Willen zu bekommen, und hatte alle Möglichkeiten dazu.

Tatjana Setschenka war in Dnjepropetrowsk aufgewachsen, einer graubraunen Großstadt mit harten Wintern und heißen Sommern. Die Menschen dort waren stolz, ihr karges Leben zu meistern. Wer es hier schaffte, egal mit welchen Mitteln, wurde bewundert, nicht beneidet.

Tatjanas Vater hatte eine Gruppe einflussreicher Zeitungen im Osten des Landes geleitet. Als sich die Sowjetunion auflöste, war es nur eine Frage der guten Verbindungen, sich weitere Sahnestücke für wenig Geld unter den Nagel zu reißen.

Ihr Vater hatte immer dafür gesorgt, dass über die Mächtigen – Bürgermeister, Gouverneure und Funktionäre – gut berichtet wurde, und ignorierte die Morddrohungen derer, die er auf Anweisung seiner „Freunde“ in den Berichten fertigmachen ließ. Kritische Journalisten aus dem Westen behaupteten, seine Zeitungen würden manipuliert. Dass es keine Pressefreiheit gäbe. Ihr Vater sagte immer: „Wir können schreiben, was wir wollen. Wir müssen nur wissen, worüber wir nicht schreiben sollten.“

Daher war es im Interesse aller gewesen, die etwas zu sagen hatten, dass er nach der Auflösung der Sowjetunion die Kontrolle über seine Medien behielt. Tatjanas Vater verschwand dennoch eines Tages ohne sich zu verabschieden mit einem afrikanischen Fotomodell an die Côte d’Azur und kümmerte sich fortan einen Dreck um seine einzige Tochter. Tatjana übernahm die Zeitungen, obwohl sie eigentlich noch zu jung war, um die Verantwortung zu übernehmen und die zahllosen Bedrohungen und Erpressungsversuche ihrer Gegner auszuhalten.

Ihre Mutter nahm sich einen jungen spanischen Geliebten und zog nach Zypern, während Tatjana mit zusammengebissenen Zähnen das kleine Königreich ihres Vaters zum größten Medienimperium der Ukraine ausbaute. Selbstverständlich war das nicht ohne Verluste einhergegangen. Aber mit den richtigen Verbindungen – und Setschenkas Verbindungen reichten schnell bis in den Kreml – hatte sie ein leichtes Spiel gehabt.

Wollte beispielsweise der Besitzer der kleinen Zeitung in Lemberg sein Lebenswerk nicht loslassen, bekam er Besuch von Tatjanas Leuten. Zunächst wurde ihm ein so großzügiges Angebot gemacht, dass es dumm gewesen wäre, es auszuschlagen. Ging er darauf nicht ein, brannte vielleicht eines Nachts sein Gartenhaus ab. Oder seine Yacht. Dann kam vielleicht sein Leibwächter auf mysteriöse Art ums Leben. Oder jemand rammte das Auto, in dem seine Frau und Kinder saßen. Schließlich sah er dann ein, dass es besser war, zu verkaufen. Selbstverständlich zu einem weitaus geringeren Preis als zu Beginn.

In Extremfällen musste ein renitenter Herausgeber auch mal mit seinem Leben bezahlen. Aber das kam selten vor. „Schließlich sind wir hier schon fast in Europa, da ist man nett zu seinen Gegnern“, pflegte sie mit ihren Vertrauten zu scherzen, die ebenso skrupellos waren wie sie selbst. Natürlich sprach sich herum, dass es besser war, Setschenkas erstes Angebot anzunehmen. Im günstigsten Fall konnte man sogar Chefredakteur werden. Das war zwar nur eine Pro-forma-Position, denn in Wirklichkeit bestimmte Setschenka, was geschrieben wurde. Aber wenn Delegierte der OSZE oder anderer internationaler Organisationen die Ukraine besuchten und sich über die Pressefreiheit informierten, dann beschworen Tatjanas Vasallen die schöne neue, freie Welt und ließen sich gern zu Fortbildungen im Ausland einladen. Sie hatten nicht die Absicht, etwas zu lernen, aber sie nahmen gern die finanzielle Förderung an.

Die ganz jungen Redakteure waren manchmal tatsächlich enthusiastisch, aber nach einiger Zeit, wenn man sie mit Geld und Frauen ruhiggestellt hatte, waren auch sie leicht zu händeln. Redakteurinnen waren etwas komplizierter, sie waren oft nicht bestechlich, man musste sie einschüchtern oder hinauswerfen.

Setschenka hatte ihr Imperium mit Bedacht aufgebaut. Jetzt war sie so einflussreich und beliebt, dass sie an die Präsidentschaftskandidatur denken konnte. Besonders im Osten der Ukraine berichteten Zeitungen und Fernsehen über ihre Wohltaten: Setschenka informiert sich in einer Schule über den Unterricht. Sie kniet neben einer süßen Schülerin und fragt sie interessiert, ob das Schulessen schmeckt. Setschenka liest in einem Altersheim den Bewohnern Gedichte vor. Setschenka hält bei einer Frauenorganisation eine flammende Rede über Demokratie. Setschenka von schwarzgesichtigen Kohlekumpeln umringt – in einem dunklen Chanel-Kostüm, damit es keine Flecken gibt –, sie hat keine Berührungsängste. Sie werde Kindergärten für deren Nachwuchs bauen, in denen die Kleinen Obst und Gemüse und Spielzeug bekommen – wenn sie erst einmal Präsidentin ist.

Für die Intellektuellen organisierte sie Kunstausstellungen, förderte bedürftige Maler und ließ die besten Schauspieler und Opernsänger der Welt in die grauen Städte am östlichen Ende der Ukraine fliegen.

Setschenka war im besten Alter und von kühler Attraktivität. Sie hatte lange gerade Beine und große klare Augen. Und einen gut aussehenden Mann, der hinter ihr stand. Ihre beiden Töchter Basha und Dunka waren neun und sieben, blond, süß und frech. Sie waren die Kennedys des Ostens. Sie hatte alle Chancen, bald die mächtigste Frau des Landes zu werden. Dass sie Angst hatte, würde sie nie zugeben.

 

Seit einiger Zeit hatte sie das Gefühl, dass jemand ihr folgte. Das erste Mal schrillte in ihrem Unterbewusstsein eine Alarmglocke, als sie aus ihrem Fitnessclub in der Innenstadt kam. Natürlich hatte sie auch einen eigenen Fitnessraum, aber sie trat gern als gesundheitsbewusste Frau in der Öffentlichkeit auf. Ihr lag daran, dass die anderen Mitglieder ihrer Gesellschaftsklasse glaubten, dass sie in jeder Hinsicht perfekt war. Genauso zielgerichtet und rücksichtslos, wie sie die Erweiterung ihres Imperiums vorantrieb, arbeitete sie an der Architektur ihres Körpers. Jedes überflüssige Gramm Fett wurde eliminiert, die Konturen bis zur Perfektion modelliert. Nur vor sich selbst gab sie zu, dass sie es auch wegen ihres Mannes tat. Sie war zehn Jahre älter als er und hätte es nicht ertragen, wenn er sie nicht mehr begehrt hätte. Nicht, dass sie ihn liebte. Aber wenn die Ehe jemals zerbrach, dann wollte sie die Entscheidung dazu treffen.

Natürlich war ihr Leibwächter Karl dabei, als sie aus dem Club trat. Der fremde Mann, dessen Anblick sie beunruhigte, stand auf der Straßenseite gegenüber in einem Hauseingang. Er rauchte und drehte ihr halb den Rücken zu. Er zog sein Handy heraus und sprach hinein. Der Fremde war sehr breit, beinahe dicklich. Sein schwarzes, lockiges Haar war für sein Alter – etwa dreißig Jahre – schon sehr dünn.

Irgendetwas stimmte nicht. Die Angst überfiel sie unvermittelt. Normalerweise lenkte sie sich von unangenehmen Gefühlen ab, indem sie über Dinge nachdachte, die sie unbedingt erledigen musste. Blick nach vorn, Probleme lösen, das war ihre Devise. Gefühle, gar Angst, so meinte sie, seien etwas für Verlierer. Niemand, der wichtige Aufgaben zu erledigen hatte, konnte sich Emotionen leisten.

Aber dieses Mal war die Angst zu mächtig. Es war, als ob die Luft voller kalter Nadeln sei, die auf ihren Körper einstachen. Sie wurde wütend. Sie hätte gern gewusst, warum die Tatsache, dass ein fetter Kerl, der in irgendeinem Hauseingang herumlungerte, diese beschissenen Gefühle in ihr auslöste. Vielleicht wartete er nur auf seine hässliche Freundin, die er ins Kino ausführen wollte. Aber sie hatte in letzter Zeit mehrere auffällig unauffällig herumstehende Männer gesehen. Und als der Dicke sein Handy herausgezogen hatte, hatte er sie angesehen und sofort wieder weggeschaut, als er ihren Blick auffing.

Sie stieg ohne äußerliche Regung hinten zu Karl in den BMW, den ihr Chauffeur vorgefahren hatte, und sah sich nicht noch einmal nach dem Mann um, als das Gefährt losbrauste.

Als sie an diesem Abend im Bett neben Ernesto lag, hatte sie das Gefühl, als könne niemand sie beschützen. Sie spürte, dass sie allein mit der Gefahr war. Es würde niemanden interessieren, ob sie sterben würde, auch Ernesto nicht, der warm und ruhig atmend neben ihr lag und von seinem Luxusleben träumte. Er liebte sie so wenig wie sie ihn, das spürte sie. Ihre Einsamkeit machte sie auf einmal traurig. Sie hätte Ernesto gern geweckt, nur um mit irgendjemandem zu sprechen.

 

Es war nicht derselbe Mann, der einen Tag später vor dem Konferenzzentrum herumstand. Dieser hier war groß und grobknochig und hatte schwarzes Haar, das wie Draht nach oben abstand. Er trug einen Parka und hatte die Hände in den Taschen vergraben. Er war ebenfalls um die dreißig. Dieser Mann stand ganz sicher nicht einfach so herum. Vor diesem monumentalen Gebäude, in dem sich die Führer der Regierungspartei gerade zu Gesprächen über den Umgang mit den USA trafen, stand niemand einfach so herum. Außerdem war er offenbar vom Land, denn sein Gesicht war ledrig – wahrscheinlich von der heißen ukrainischen Sommersonne und den bitterkalten Wintern. Solche Menschen hatten kein Geld und keine Zeit für Sightseeing.

Tatjana wusste nicht, ob der Mann wegen ihr da stand, aber sie wies ihren Leibwächter Karl an, sich neben ihn zu stellen, während sie hineinging. Das sollte ihn einschüchtern. Als sie wenig später durch die Jalousien schaute, die ihre Genossen mitsamt ihren schmutzigen Absprachen vor neugierigen Blicken verbargen, war der andere Mann verschwunden, nur ihr Leibwächter stand stoisch da. Sie fragte sich, worüber er wohl nachdachte und ob er ihr wohl so treu ergeben war, wie sie es erhoffte.

Katharina Iswestja

Kiew, 4. Mai 2004

 Der Inhalt meines Koffers lag auf dem Bett. Ich hatte alle Kostüme, Hosen und Blusen durchprobiert. Wo ich recherchieren wollte, verkehrten Menschen, die so reich waren, dass sie gar nicht wussten, wie viel Geld sie besaßen. Ich hatte bislang nie mit ihrer Welt zu tun gehabt. Ich ging davon aus, dass ich sie nicht sympathisch finden würde, aber ich wollte von ihnen nicht schief angesehen werden und hatte daher nicht vor, unangenehm aufzufallen.

Eigentlich wusste ich die ganze Zeit, dass ich das schlichte, aber elegante Kostüm in hellgrau anziehen würde, dazu hohe hellbraune Stiefel und den leichten grünen Mantel, der farblich zu meinen Augen passte. Meine Lieblingsklamotten. Wenn man an Orte ging, an denen man sich unsicher fühlte, musste man das tragen, was einem vertraut war. Ich drehte mich zufrieden vor dem Spiegel.

Als kleines Mädchen hatte ich mir geschworen, ein besseres Leben als meine Mutter zu führen. Ich wollte nicht immer als die Ukrainerin gelten, die im Ausland nur geduldet ist. Ich wollte Anerkennung. Ich wollte immer die Klassenbeste sein. Als ich älter wurde, fragte ich mich manchmal, ob ich das wirklich alles selbst anstrebte, oder ob meine Mutter mich dazu getrieben hatte.

Ich war ihre ganze Hoffnung, ihre Lebensaufgabe. Sie steckte alles Geld in meine Ausbildung und saß abends stundenlang mit mir bei den Hausaufgaben. Sie bestand darauf, dass ich Deutsch paukte, bis ich besser war als meine Klassenkameraden. Sie lehrte mich stark zu sein, anstatt einzuknicken und aufzugeben. Ich musste sogar Karate lernen.

„Das Leben ist hart“, sagte sie immer, „du musst auf allen Ebenen besser sein als die anderen.“

Es war nicht so, dass ich meine Mutter nicht mochte. Ich bewunderte ihre Stärke, mit der sie uns nach unserer Flucht ein gutes Zuhause geschaffen hatte. Aber es galt immer, das Gesicht zu wahren. Es galt immer, perfekter zu sein als die anderen. Schwach sein gehörte nicht zu ihrem Repertoire. Sie gab alles für mich und trotzdem empfand ich keine Wärme für sie. Ich würde immer zu ihr stehen, wie sie zu mir gestanden hatte. Aber ich hätte lieber eine Mutter wie Aumas Mutter Grace gehabt. Sie stammte aus Kenia, war mollig und warmherzig. Sie stellte keine Ansprüche und nahm einen einfach in den Arm. Wahrscheinlich war Auma deshalb auch so entspannt. Grace war auch alleinerziehend – wie meine Mutter. Aber sie hatte eine riesige afrikanische Gemeinschaft, die ihr Halt gab.

Meine Kindheit spielte jetzt keine Rolle mehr, denn mit meinem Beruf war ich sehr zufrieden, auch wenn ich ihn gegen den Willen meiner Mutter ergriffen hatte. Mir ging es weniger um materielle Sicherheit als um Erfüllung. Und gegen den Willen meiner Mutter war ich jetzt in Kiew.

 

Ich nahm die Treppe hinunter zum sechsten Stock. Dort saß eine junge Frau in Uniform. „Hey, bist du Anna?“, fragte ich auf Ukrainisch.

„Ja“, sagte sie erstaunt.

Ich streckte ihr die Hand hin. „Ich bin Katharina. Deine Cousine!“

Ihre Augen leuchteten auf. „Katharina! Was machst du denn hier?“

„Anna! Wie schön, dich zu sehen! Ich arbeite hier!“

„Du bist zurück in Kiew?“

„Nein, ich bin doch Journalistin, ich mache nur eine Reportage hier – über das Luxusleben in Kiew.“

„Luxusleben … davon wüsste ich aber!“ Anna schüttelte den Kopf. “Aber warum hast du nicht Bescheid gesagt, dass du kommst? Warum wohnst du nicht bei uns? Wir haben dich ewig nicht gesehen, immer nur dieses Telefonieren und Fotos austauschen!“ Sie stand auf und nahm mich in die Arme. „Du siehst toll aus. So schick!“ Sie runzelte die Stirn und blickte deprimiert an sich herunter. „Leider muss ich diese Uniform tragen.“

Sie trug ein taubenblaues Kostüm aus dickem Stoff, der aussah, als ob man in ihm schwitzte und dann schlecht roch. Anna strahlte mich trotzdem an. Sie hätte meine Schwester sein können, bloß dass sie blonde Haare hatte und ich braune.

„Ich bin sozusagen heimlich hier. Meine Mutter – du weißt, dass sie Angst hat, nach allem was passiert ist.“

„Ja, ich weiß! Aber ich bin ganz aufgeregt, dass du hier bist. Ich kann es gar nicht glauben. Ich freu mich so! Wir reden so oft von euch und wir vermissen euch.“

Mir wurde warm ums Herz. Ich mochte Anna auf den ersten Blick.

„Wie lange bleibst du?“, fragte sie. „Wir müssen unbedingt zusammen essen. Du musst uns alles erzählen! Komm uns besuchen, wir kochen für dich.“

„Ja, sehr gern. Wohnst du noch bei Lisa?“

Ihre Miene verdüsterte sich. „Ich kann mir noch keine eigene Wohnung leisten. Erst wenn Pjotr sein Studium beendet hat. Aber das dauert und dauert.“

„Dein Freund?“

„Mein Mann!“

„Wow!“

„Und du, bist du verheiratet?“

„Ach, gleich so eine schwierige Frage. Nein, bin ich nicht.“

„Warum nicht? Du bist so hübsch!“

„In Deutschland heiratet man nicht so schnell. Abgesehen davon, wüsste ich auch nicht, wen.“

Eine Frau kam die Treppe hoch und sah Anna missbilligend an.

„Das ist meine Cousine Katharina aus Deutschland“, sagte Anna.

Das Gesicht der Frau hellte sich auf. „Ach so, Familie, wie schön! Aber Anna muss jetzt leider ein Zimmer fertigmachen.“

„Ich will sie nicht von der Arbeit abhalten“, sagte ich schnell.

Anna winkte mir zu.

„Komm unbedingt nachher noch mal vorbei!“

 

Nachdem ich eine Weile vergeblich auf einen Fahrstuhl gewartet hatte, stieg ich die restlichen Treppen hinunter. Das Restaurant lag im zweiten Stock. Ein dunkler Raum, vor dessen Panoramafenstern schwere braune Gardinen jede Aussicht versperrten. Ich musste einen Zettel mit meiner Zimmernummer vorzeigen, der mir das Recht zum Betreten des riesigen Saales gab. Eine dicke, unfreundliche Kellnerin zeigte auf einen Platz, der für mich bestimmt war. An dem Tisch saßen schon zwei Geschäftsleute, die sich auf Russisch unterhielten. Viele Tische waren noch völlig frei, aber das Ordnungsprinzip schien zu sein, dass einer erst voll sein musste, bevor der nächste freigegeben wurde.

Vor jedem Gast stand ein Teller mit fetter Wurst und fettem Käse, ein Glas Saft und zwei Scheiben schmutziggrauen Brotes. Dazu schenkten strenge Kellnerinnen, die aussahen als hießen sie Olga, einen wässrigen Aufguss-Kaffee ein. Eine Kellnerin rauschte an mir vorbei, in der Hand zwei Teller. Auf dem einen lag etwas, das wie ein missratenes Omelette aussah, wenn auch viel dicker. An manchen Stellen glibberte noch rohes Eiweiß. Auf dem anderen Teller lag eine Getreidemasse mit gekochtem Fleisch, das in einer wässrigen Sauce schwamm. Mir fiel die Buchweizengrütze aus meiner Kindheit ein. Ich mochte sie schon damals nicht.

Dies hier gehörte definitiv nicht zu den Orten, die ich laut Auftrag besuchen sollte – meine Leser würden sicher nicht anfangen, sehnsüchtig zu träumen, wenn sie von dieser Restaurantszene lesen würden. Ich hatte schon zu Hause eine Liste mit Geschäften, Restaurants und Clubs erstellt, in denen nach meinen Recherchen die High Society Kiews einkaufte oder sich amüsierte. Mein Ressortleiter Mark Bauer hatte sie zufrieden abgenickt und sich eine Kopie gemacht – ich hatte nicht erwartet, dass er so eine Buchhalternatur hatte.

 

Ich beschloss auf mein Frühstück zu verzichten und mich an die Arbeit zu machen. Ich wanderte durch die riesige Empfangshalle des Hotels, vorbei an den rothaarigen Sphinxen, durch die schäbige Holztür auf die große Aussichtsplattform, die schön hätte sein können, weil sie sich über dem Majdan erhob. Allerdings standen hier nur ein paar schäbige Tische mit Plastikstühlen und viele Autos. Dahinter erhob sich eine riesige runde Kuppel aus Glas – das Dach eines mehrstöckigen Einkaufszentrums, das neben dem Majdan errichtet worden war. Ich lief an der Kuppel entlang, bis ich eine Tür fand, nahm die Treppe hinunter zur Ebene des Majdan und trat hinaus. Vor dem Einkaufszentrum erstreckte sich ein großer runder Platz mit Treppen an den Seiten – wie ein Amphitheater. Zwischen dem Platz und dem Majdan lag eine mehrspurige Straße.

Die sicherste Methode, auf die andere Seite zu gelangen, war, eine dunkle Unterführung zu durchqueren, aus der laute Musik dröhnte. Ich stieg die schmutzigen Treppen hinunter. Der Lärm kam aus den Kofferradios wild aussehender Typen, die Zigaretten verkauften. Dennoch erschien die Atmosphäre nicht bedrohlich, denn hier standen auch alte Mütterchen mit Kopftuch herum, die Blumen und ebenfalls Zigaretten anboten. Außerdem bewegte sich ein beständiger Strom von Menschen in beide Richtungen.

Auf der anderen Seite beherrschte eine riesige weiße Säule den Majdan, die von einer goldenen Figur gekrönt wurde. Dahinter befand sich ein weißer Torbogen. Auf Steinbänken saßen ein paar junge, hübsche Mädchen, die wohl auf junge, hübsche Typen warteten. Alte Männer und Frauen unterhielten sich, manche warfen den Tauben Brotkrumen zu. Ich sah mehrere Obdachlose, die in Mülleimern wühlten. In den hohen Gebäuden um den Platz waren den Schildern zufolge Ämter, Hotels und ein McDonaldʼs untergebracht. Ich setzte mich vor ein Hotel, das mit seiner Espressomaschine warb – offenbar eine Besonderheit hier in Kiew –, und trank meinen ersten Kiewer Latte Macchiato.

Dann lief ich hinüber zu Kiews Haupteinkaufsstraße. Die gesamte Chreschatik war mit Boutiquen gesäumt. Ich hielt mich nicht für konsumorientiert, aber ich liebte schöne Kleidung, und der Blick in die Auslagen konnte schon einen schweren Kaufrausch auslösen. Die Schaufensterpuppen trugen deutlich reizvollere Kleidung als ihre Kolleginnen in Deutschland. Die Mode war komplett anders. Viele Rüschen, viele Nieten. Tiefe Ausschnitte, kurze Röcke und Shorts. Es gefiel mir. Leider führte der eingesparte Stoff nicht zu niedrigeren Preisen.

Ich zwang mich, nach dem Pelzgeschäft Ausschau zu halten, dessen Namen ich mir notiert hatte. Das Glas der Tür war mit goldenen Schnörkeln verziert. Als ich sie aufschob, spielte die Türklingel eine Melodie von Tschaikowski. Drinnen hingen zu beiden Seiten Kaskaden von Pelzen. In der Mitte baumelten lange Mäntel an hohen Holzrondellen, manche drehten sich, angetrieben von der langfingrigen Hand irgendeiner Schönheit. Ich dachte daran, dass in Deutschland niemand mehr mit einem Pelz herumlaufen konnte, ohne schräg angeschaut zu werden. Hier in der Ukraine waren Pelze offenbar politisch korrekt.

Ich schlenderte die Reihen entlang und steckte meine Nase in Felle, die ich von meinem Gehalt nicht im Leben hätte bezahlen können. Nerze und Zobel aus Russland. Braune, weiße, goldene, schwarze und blaue. Manche rochen nach dem Parfüm einer Frau, die sie anprobiert hatte. Ich beobachtete zwei schöne, junge Kundinnen, die achtlos Mäntel auf einen Haufen warfen. Ein Berg, dessen Wert eine Durchschnittsfamilie in Deutschland bis zur Rente hätte ernähren können. Ein großer kantiger Mann zahlte anstandslos mit seiner Kreditkarte.

Ich nahm einen Mantel vom Bügel, um ihn anzuprobieren. Ich hatte das Gefühl, etwas Verbotenes zu tun, weil ich mir den Pelz nicht leisten konnte und zu arm war, um diesen Luxustempel betreten zu dürfen. Ich sah mich verstohlen um, aber niemand beachtete mich.

In einem großen Spiegel mit Goldrand sah ich mich an: eine junge Frau mit grünen Augen. Mein Haar hatte fast dieselbe Farbe wie der rostbraune Nerzmantel, den ich trug. Ich sah jetzt aus wie eine Kiewerin – als sei ich nie weg gewesen.

Mir war auf der Straße aufgefallen, wie gepflegt die meisten Frauen wirkten. Viele waren sehr groß und schlank und trugen hüftlange blond, braun oder rot getönte Haare. Vor dem goldenen Spiegel stehend wurde mir klar, warum der Grenzer gar nicht auf meine jugendliche Attraktivität reagiert hatte. Ich sah hier ganz durchschnittlich aus. Ich erblickte im Hintergrund des Spiegels die Straße. Menschen hasteten vorbei. Doch eine Figur bewegte sich nicht, dunkel und groß.

Ich drehte mich so schnell um, wie es unauffällig möglich war. Nichts. Ich hatte mich geirrt. Es musste ein Baum gewesen sein. Ich drehte mich zurück, zog den Nerz aus, hängte ihn mit einem politisch unkorrekten Gefühl des Bedauerns zurück und drehte mich schnell noch einmal um. Draußen stand der große Mann mit dem Zopf, den ich auf dem Flughafen gesehen hatte. Er glitt aus meinem Blickfeld. Langsam näherte ich mich der Scheibe. Doch da war niemand mehr.

Schnell zog ich mich in den hintersten Winkel des Ladens zurück und huschte in eine der Umkleidekabinen. Ich zog den Vorhang hinter mir zu und setzte mich auf den samtbezogenen Hocker. Meine Beine zitterten.

Er verfolgte mich! Er musste auch in der Nacht vor dem Hotel gestanden haben. Dieser Typ beschattete mich, vom Flughafen bis zum Hotel und jetzt in die Läden. Wieso folgte er mir? War er ein Frauenhändler? Hatte ihn der Grenzer benachrichtigt, dass ich eine alleinreisende Frau war? Oder hatte es doch etwas mit mir zu tun, mit meinem Beruf? War ich verdächtig, weil ich eine Ukrainerin war, die in Deutschland als Journalistin arbeitete? War doch mein Vater der Grund?

Ich sah mich in dem riesigen Spiegel an. Ich war nicht mehr die schöne, stolze Ukrainerin, sondern eine blasse, panische Frau, die am falschen Ort war. Sie war komplett allein in einer Stadt, in der sie nichts zu suchen hatte. Ehrgeiz hatte sie hierhergetrieben. Sie sollte besser in ihre langweilige Hamburger Redaktion zurückkehren und belanglose Promi-Meldungen schreiben und nicht in einer Stadt herumschnüffeln, die sie nichts mehr anging.

Ich fühlte mich wie in den Angstträumen, die von meiner Kindheit und von Verfolgung handelten. Zu ungewohnt war diese Umgebung, um real zu sein, und zu absurd die Tatsache, dass jemand mich verfolgte. Es wäre schön, wenn ich gleich in meiner kleinen vertrauten Hamburger Wohnung aufwache würde.

Ich schaute mir selbst in die zu stark geschminkten Augen und versuchte, klar zu denken. Ich war allein in Kiew. Aber ich war ja nicht allein auf der Welt. Ich rief Auma an. Zum Glück war sie zu Hause. Ich kam gleich zur Sache.

„Auma, ich glaube, jemand verfolgt mich.“

Auma schwieg. Dann fragte sie: „Wo bist du denn gerade?“

„In einer Umkleidekabine, in einem Pelzgeschäft.“

„Ach so.“ Auma wunderte sich selten über etwas. „Aber wie kommst du darauf, dass dich jemand verfolgt?“

So schnell es ging erklärte ich ihr, was passiert war.

„Hm“, sagte Auma. „Eigentlich gibt es keinen Grund, dich zu verfolgen … außer wegen der Sache mit deinem Vater. Und das ist nicht besonders wahrscheinlich, oder? Du bist eine ganz normale Journalistin mit Visum.“

„Ja, und? Was soll ich tun?“

„Die Frage ist erst mal, ob du dir das nicht einbildest. Und wenn es doch stimmt, warum verfolgt er dich?“

„Vielleicht überwacht die Regierung zur Vorsicht ausländische Journalisten? Vielleicht habe ich daher so lange bei dem Grenzschützer gesessen? Bis der Typ mit dem Zopf zum Flughafen gekommen ist, um mir zu folgen?“

„Schon möglich.“

„Was ist, wenn es doch wegen meines Vaters ist?“, fragte ich.

„Ganz sicher weiß man das natürlich nicht.“

„Ich habe ja gar keine Ahnung, in was er hier verstrickt war.“

Wir schwiegen beide. Es tröstete mich, dass Auma mit mir nachdachte. Fast als säßen wir zusammen am Küchentisch und würden gleich über meine Ängste lachen. Ich war nicht allein und wurde ruhiger.

„Auf der anderen Seite“, machte ich mir selbst Mut, „was genau soll mir passieren, selbst wenn mir jemand folgt? Soll er mich entführen? Wozu der Aufwand? Warum sollte jemand Geld und Zeit in mich investieren? Es gibt doch nur Ärger, wenn jemand eine deutsche Journalistin bedroht. Diplomatische Verwicklungen und so weiter.“

„Du solltest auf jeden Fall die Deutsche Botschaft kontaktieren, damit jemand Offizielles weiß, dass du da bist und du dich verfolgt fühlst“, sagte Auma. „Damit jemand die diplomatischen Verwicklungen anstoßen kann. Soll ich deinen Chef anrufen?“

„Nein, bloß nicht! Er denkt dann, dass ich nichts hinkriege.“

„Soll ich deiner Mutter Bescheid sagen?“

Kurz wünschte ich mir, dass sie mir Rat gäbe. Aber dann entschied ich mich dagegen. Ich war doch kein kleines Kind mehr! „Nein, lieber nicht. Ich gehe zur Botschaft, das ist doch eine gute Idee.“

„Von hier aus kann ich dann nichts weiter tun. Aber ruf mich jeden Tag an, damit ich weiß, dass nichts passiert ist.“

„Danke, dass du da bist!“

„Pass auf dich auf!“

„Versprochen.“

„Leg du zuerst auf.“

„Nein, du!“

Wir drückten uns beide gleichzeitig weg.

 

Ich schloss die Augen und atmete dreimal ganz langsam ein und aus. Dann verließ ich die Umkleidekabine und ging wieder zum Schaufenster. Ich stellte mich etwas seitlich hin und spähte hinaus. Ich sah ihn, er stand mit dem Rücken zum Laden an einen Baum gelehnt und rauchte schon wieder. Ab und zu drehte er den Kopf in Richtung Eingang. Aber das Gespräch mit Auma und der Gedanke, dass ich die Hilfe der Deutschen Botschaft in Anspruch nehmen konnte, hatten mich etwas gelassener gemacht. Das Große, Unkontrollierbare, Unheimliche war auf die reale Größe des Mannes geschrumpft.

Eine der Verkäuferinnen wurde misstrauisch. Sie kam zu mir und fragte, ob sie mir helfen könne.

„Ich warte nur auf meinen Mann, er holt das Auto“, sagte ich lächelnd und versuchte einen Blick aufzusetzen, der sagte: Ich bin eine Kundin. Du musst dich freundlich benehmen, egal was ich mache.

Offenbar funktionierte der Blick, sie lächelte strahlend und sagte: „Natürlich!“

 

Wenig später verließ ich den Laden. Die erste Station meiner Recherche war definitiv nicht so verlaufen, wie ich es mir gewünscht hatte. Auf der Chreschatik war kein Verfolger zu sehen. Nur shoppende Menschen und Müßiggänger, wie jene, die vor einem amerikanischen Café in der Sonne saßen und sich unterhielten, unter ihnen auch ein paar Geschäftsleute mit Zeitungen und Handys. Die Normalität, die die Szene ausstrahlte, zog mich an. Ich ging in das Café und setzte mich mit dem Gesicht zur Straße.

Ich war noch immer aufgewühlt und hoffte, dass ein Kaffee mich erden würde. Ich sah mich um. Am Nebentisch versuchte ein etwas schmächtiger Typ mit Glatze eine deutlich attraktivere Frau auf sich aufmerksam zu machen. Als mein Espresso vor mir stand, saß er bereits ungefragt an ihrem Tisch. Als meine Tasse leer war, hatte sie ihn abserviert und er verschwand.

Auf dem Stadtplan sah ich, dass die Deutsche Botschaft nicht weit entfernt lag. Ich winkte dem Kellner und zahlte. Als ich das Café verließ, konnte ich keinen Verfolger mehr entdecken. Auf dem Weg zur Botschaft lag noch ein Lederwarengeschäft, das auf meiner Liste stand und ich beschloss, es trotz meiner inneren Unruhe anzuschauen. Meine journalistische Arbeit würde mir helfen, mich sicherer zu fühlen, hoffte ich.

Taschen, Gürtel, Schuhe und Accessoires waren sparsam auf dunklen, klobigen Teakwürfeln dekoriert. An den Wänden standen einige wenige hohe Regale aus demselben Tropenholz, dazwischen hohe rahmenlose Spiegel. Das Leder verströmte einen schwindelerregenden Geruch. Nagellackkrallen griffen zielstrebig nach Taschen mit Schnallen und Fransen. Absätze klackten auf Marmor.

Einige Frauen in eleganten Kostümen und mit Hochsteckfrisuren waren allein hier. Andere wurden von einem Gatten oder Geliebten begleitet. In Deutschland sahen Durchschnitts-Ehefrauen schwerreicher Männer oft eher spießig aus. Sie sollten acht Kinder bekommen und großziehen, und waren für langweilige Geschäftsessen zuständig. Die Frauen hier sahen alle aus wie typische Geliebte: rassig, sexy, unkompliziert und sehr materialistisch. Unauffällig schlenderte ich durch den Laden und machte den Ehering-Test. Die meisten Männer trugen einen. Oder etwas, das so aussah.

Ein Mann mit Nussknacker-Gesichtszügen kam herein. Eine markante Erscheinung, mindestens zwei Meter groß. Er trug einen Tweed-Mantel, der so schlicht und dennoch elegant aussah, dass er sehr viel Geld gekostet haben musste. Es war der Mann, der mir schon im Pelzladen aufgefallen war, mit seinen zwei Begleiterinnen, die mich an Windhunde erinnerten: groß, langbeinig, mit zarten Knochen und schwingenden Haaren.

Als ich eine schwarze Gucci-Tasche vom Regal nahm und an ihr roch, stand der Typ auf einmal neben mir und sagte in perfektem Englisch: „Sie sind nicht von hier, nicht wahr?“

„Warum geht Sie das etwas an?“, fragte ich betont kühl. In Wirklichkeit schüchterte er mich ein, weil er kaltblütig wirkte.

Er sah auf mich herab, sein frostblauer Blick schweifte langsam wie ein eisiger Wasserstrahl über meine Haare, krallte sich kurz in meinen Augen fest, machte eine anzügliche Pause in Brusthöhe, fuhr schnell hinunter bis zu meinen Beinen, um dann wieder zu meinen Augen zurückzukehren.

Und dann erkannte ich ihn: „Sie sind Victor Abramow. Ich habe gestern im Fernsehen einen Bericht über Sie gesehen.“

„Sie sind eine aufmerksame Frau. Und offenbar sprechen Sie Ukrainisch, wenn Sie den Bericht verstehen konnten. Was machen Sie hier?“

„Ich mache eine Reportage über das Leben in Kiew.“

„Journalistin also. Liegt das etwa in der Familie? Wir haben hier gern Journalisten, die über die Vorzüge unseres schönen Landes berichten.“ Er betonte das Wort Vorzüge. „Ich kann Sie mit interessanten Menschen in Verbindung bringen.“ Er lachte, aber seine Augen blieben hart.

Er wusste also, wer ich war. Ich wollte mir aber keine Blöße geben.

„Mein Terminkalender ist leider schon voll und ich reise übermorgen wieder zurück. Aber ich danke Ihnen für Ihr freundliches Angebot!“ Ich drehte mich weg und ging auf einen Kleiderständer mit Lederjacken zu. Ich begann eine nach der anderen mit zitternden Fingern hervorzuziehen und blickte mich dabei möglichst unauffällig nach Abramow um.

Er sprach leise mit seinen beiden Gespielinnen. Sie sahen mich mit leicht gesenkten Köpfen aus dunkel umrandeten Gepardenaugen an. Wenig später verließen alle drei den Laden.

Jetzt hatte ich richtig Angst. Die Verfolgung von dem dunklen Typen war schon beängstigend genug gewesen. Aber dass Abramow mich gezielt ansprach, war zu viel. Seine Frage nach meiner Familie interpretierte ich als Drohung. Was sollte ich tun? Mein Programm durchziehen oder abreisen? Mir war danach, abzubrechen und nach Hause zu fahren. Aber was sollte ich Bauer erzählen? Dass mich ein Typ verfolgte?

„Woran haben Sie es gemerkt?“, würde er fragen.

„Ich habe ihn dreimal gesehen.“

„Das kommt vor in einer Stadt.“

„Und da war noch ein Oligarch, der hat mich angesprochen.“

„Herzlichen Glückwunsch, sicher haben Sie ihn interviewt? Ach nein? Dann haben Sie wohl Ihren Beruf verfehlt.“

Ich musste einfach weitermachen. Es gab keinen vernünftigen Grund, aufzuhören. Ich stand immer noch bei den Ledertaschen, mit dem Rücken zum Geschäft. Ich schloss kurz die Augen, atmete tief durch und drehte mich dann um.

Eine Verkäuferin beobachtete mich. Sie trug ihre orange gefärbten Haare zu einer Kastenfrisur geschnitten, und der linealgerade Pony fiel ihr bis über die Augen. Unter der engen apricotfarbenen Satinbluse trug sie einen schwarzen Push-up-BH, dessen Spitzenbordüre deutlich sichtbar war. Ich ging entschlossen auf sie zu und fragte, ob ich sie interviewen dürfe.

Sie war stolz, für eine ausländische Zeitschrift befragt zu werden. Ich sollte schreiben, dass sie gern in Deutschland arbeiten würde und dafür auch Deutsch lernen würde. Deutsche Männer fände sie besonders attraktiv. Sie erzählte mir ein paar Anekdoten aus ihrem Arbeitsleben, selbstverständlich ohne Namen, weil die Kundschaft sich natürlich auf ihre Diskretion verlassen könne. Manche Oligarchen würden den ganzen Laden für mehrere Stunden mieten, damit ihre Frauen sich in aller Ruhe umsehen konnten. Die kauften dann manchmal Dutzende Taschen, und Anuschka, die Verkäuferin, fragte sich dann neidvoll, wann sie die alle tragen wollten. Ich fragte sie, ob nicht auch mal ein Mann für sie unter den Kunden sein könnte. Da kicherte sie. „Wer weiß?“

Freundlich verabschiedeten wir uns. Draußen sah ich mich um, niemand war zu sehen.

Während ich zwischen den Fußgängern durch die flirrende Frühlingshitze ging, nahm ich mir vor, vorsichtig zu sein. Solange ich mich unauffällig verhielt und einfach meinen Job machte, der schließlich vom Tourismusministerium genehmigt worden war, konnte eigentlich nichts passieren.

Das Zentralkaufhaus – ZUM genannt – lag wie ein dicker grauer Klotz ein paar Meter weiter an einer Straßenecke der Chreschatik. Eine breite Treppe führte in das wuchtige Gebäude hinein. Hinter der offenstehenden Eingangstür stellte ich mich in eine Ecke, wartete einen Moment und guckte dann noch einmal hinaus. Von Verfolgern keine Spur.

 

Seltsam, wie unser Denken funktioniert. Wenn ich intensiv über ein Problem grübelte, kam ich oft zu keiner Lösung. Aber dann, wenn ich an etwas ganz anderes dachte, stieg auf einmal ein Bild oder ein Satz auf, weil das Gehirn in einem entlegenen Winkel selbständig weiterrechnete wie ein Computer.

Nachdem ich die grauen Steinstufen zur ersten Etage erklommen hatte, wusste ich auf einmal, woher ich Abramows Namen noch kannte: aus Gesprächen meiner Eltern vor vielen Jahren. Ich hatte natürlich nichts mitbekommen sollen, weshalb sie miteinander nur über kritische Themen sprachen, wenn ich nicht im Raum war, aber oft lauschte ich an der Tür, wenn sie stritten. Vieles verstand ich inhaltlich oder akustisch nicht. Aber im Zusammenhang mit Abramow war auf einmal ein Satz meiner Mutter so klar in meinem Gedächtnis erschienen, als hätte ich ihn gerade erst gehört. Er hallte nach wie ein Pistolenschuss: „Er wird uns alle umbringen lassen.“

Ich eilte die geschwungenen Steinstufen im feucht-muffigen Treppenhaus hinauf. Ich wollte in die Verkaufsräume, um zwischen den Menschenmassen verschwinden zu können. Auf wie viele Arten konnte man einen Menschen unauffällig töten? Mir fiel eine Begebenheit ein, bei der ein bulgarischer Dissident in England mit einer vergifteten Schirmspitze ermordet worden war. Ich rannte weiter nach oben.

Im ersten Stock führte eine Schwingtür in die Damenabteilung. Regale quollen über vor Pullovern und Blusen. Ich drängte mich an Kundinnen vorbei, die Kleiderständer drehten oder Slips und T-Shirts aus Grabbelkisten zerrten. Ich wollte möglichst weit vom Eingang weg und landete schließlich in einer ruhigen Ecke mit teurer Kleidung. Ohne genau hinzusehen raffte ich ein paar Klamotten zusammen und verschwand hinter dem Vorhang einer kleinen Umkleidekabine.

Umkleidekabinen scheinen meine Zuflucht zu werden, dachte ich bitter. Ich fing mechanisch an, die Blusen und Blazer anzusehen, die ich mir geschnappt hatte, und klärte dabei meine Gedanken. Der Schwarzhaarige und Abramow, die immer wieder da auftauchten, wo ich gerade war – das war garantiert kein Zufall. Zwischen dem Schwarzhaarigen und mir gab es keine mir bekannte Verbindung. Aber Abramow hatte mich auf eine Art angesprochen, die deutlich machte, dass er wusste, wer ich war. Und er wollte, dass ich es wusste.

Abramow war ein mächtiger, reicher Mann. Viele der Oligarchen hier waren auf kriminelle Weise an ihre Reichtümer gekommen. War das die Verbindung zu mir? Hatte mein Vater etwas über ihn gewusst? Wollte er sich an mir rächen? Vielleicht war der Schwarzhaarige sein Angestellter, der mich beschatten sollte. Oder war ich einfach nur verrückt und überspannt? Spielte mir die Erinnerung an Gespräche meiner Eltern über Abramow einen Streich?

Ich versuchte mich zu erinnern, worüber sie damals genau gesprochen hatten, aber es fiel mir nicht ein. Ich überlegte kurz, meine Mutter anzurufen, aber sie würde Fragen stellen und in Panik geraten. Das wollte ich ihr möglichst ersparen. Ich würde sie nur im Notfall kontaktieren.

Ich nahm mir vor, so bald wie möglich im Internet über Abramow zu recherchieren. Ich nahm meinen Schreibblock und machte ein paar Notizen. Schnelle Schritte näherten sich der Kabine und jemand riss den Vorhang auf. Erschrocken sprang ich auf, doch es war nur eine Verkäuferin.

„Was soll das?“, fragte ich empört.

„Sie sind schon sehr lange in der Kabine. Bitte öffnen Sie Ihre Tasche“, sagte sie streng.

Ich hielt ihr meine Handtasche hin. „Sie ist zu klein um etwas darin zu verstecken“, verteidigte ich mich.

Die Verkäuferin verschränkte die Arme und sah mich missbilligend an.

Besser, ich kaufe etwas, bevor ich Ärger bekomme und auffalle, dachte ich und griff eine moosgrüne Armani-Jacke aus dem Kleiderstapel. Sie war heruntergesetzt. Ich zog sie an und betrachtete mich im Spiegel. Sie passte und stand mir sogar sehr gut.

 

Karl Savin

Kiew, August 1993

 Karl stand in der heißen Sonne und dachte nach. Er hatte schon so oft vor irgendwelchen Gebäuden gestanden und irgendwelche Leute bewacht, dass er sich nicht mehr nach dem Sinn fragte. Karl war Söldner. Er arbeitete für den, der ihn bezahlte. Jetzt eben für Tatjana Setschenka, diese kalte berechnende Frau, die ihm gar nicht so unähnlich war.

Er war nach der Schule in Deutschland in die Fremdenlegion geflüchtet. Die Jesuitenmönche in dem Internat, in das ihn seine an Besitz reichen, aber an Gefühlen armen Eltern abgeschoben hatten, hatten sich redliche Mühe gegeben, ihren Zöglingen Religion und Moral einzutrichtern. Aber Karl hatte nie den Geist, der hinter all dem stecken sollte, gespürt. Er glaubte, dass Menschen sich nur aus Angst vor der Sterblichkeit einer Religion zuwandten. Er glaubte, dass die Welt einfach nur das war, was er sehen konnte: Ein Zusammenspiel von Elementarteilchen, die die Gestalt von Menschen, Tieren, Pflanzen und Dingen angenommen hatten. Die Menschen versuchten verzweifelt, ihrer Existenz einen höheren Sinn zu verleihen, indem sie an die Existenz von etwas Größerem glaubten. Darum erfanden sie die Religion mit Regeln, deren Befolgen ihnen garantieren sollte, dass sie auf ewig in den Himmel kamen.

Klar sehende Menschen, fand Karl, scherten sich nicht darum. Sie rafften auf der Erde rücksichtslos alles zusammen, was sie bekamen, und lebten im Diesseits so glücklich, wie man als Mensch eben leben konnte. Ob es ein Jenseits gab, in dem gute Taten belohnt wurden, würde sich dann später herausstellen.

Karl wählte den Lebensweg, der am besten zu ihm passte. Er formte aus seinem Körper und seinem Geist eine gefährliche Waffe und wurde Söldner. So konnte er seine Muskelkraft, sein schnelles Reaktionsvermögen und seine hohe Intelligenz am gewinnbringendsten einsetzen. Aber auch am risikoreichsten. Er war über dem Kongo zusammen mit ein paar hundert Kollegen abgesprungen und hatte unschuldige Afrikaner getötet, um französische Konzerne vor der Enteignung zu retten. Er hatte bei Einsätzen in Südamerika seinen Arsch an vorderster Front hingehalten, und mit seinen Söldnerkollegen hinter den Kulissen emotionslos die politischen Folgen verfolgt – die Taschen voller Geld, aber ohne Ruhm.

Mittlerweile war er zu alt für ein Leben als Kriegssöldner. Aber das störte ihn nicht, denn er verdiente gutes Geld als Leibwächter. Geld, das er für junge Frauen ausgab, die schön und interessant waren und die keine Fragen stellten. Frauen, die keine Ansprüche hatten, außer großzügig eingeladen zu werden. Frauen, die ihn verlassen würden, sobald ihnen jemand mehr Geld, mehr Macht, mehr Potenz bot. Frauen, die seine Gefühle nicht berührten. Frauen, die berechnend waren – genauso wie er.

Die Einzige, die jemals eine Emotion in ihm ausgelöst hatte, war seine derzeitige Arbeitgeberin. Doch auch das hatte er unter Kontrolle. Gerade hatte Karl ein interessantes Angebot erhalten. Er ließ seinen käuflichen Körper von der Sonne wärmen und dachte darüber nach.

Katharina Iswestja

Kiew, 4. Mai 2004

 Mit einer weißen Plastiktüte, auf der ein großer roter Stern prangte, trat ich hinaus in die Sommerhitze. Ich bog in die Seitenstraße ein, die am ZUM entlangführte. Ich wollte zu Fuß zur Deutschen Botschaft laufen und auf dem Weg dorthin noch in einem Restaurant Station machen, das ebenfalls auf meiner Liste stand. Ich brauchte etwas Ruhe zum Nachdenken.

Ein Schatten verschwand hinter dem Vorsprung einer der verschnörkelten Häuser im Stalin-Zuckerbäckerstil auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Ohne mir etwas anmerken zu lassen, ging ich mit klopfendem Herzen weiter.

Dann blieb ich abrupt stehen und drehte mich um. Der schwarze Typ war auf meine Straßenseite gewechselt und ging einige Meter hinter mir. Er lief an mir vorbei, ohne mich zu beachten. Ich folgte ihm und wartete darauf, dass er sich umdrehte. Aber er ging immer weiter und verschwand dann im Eingang zu einer U-Bahn-Station. Ich blieb vor der Treppe stehen, zog meinen Stadtplan heraus und gab vor, in ihm zu lesen. Er tauchte nicht wieder auf, weder auf meiner Straßenseite, noch auf der gegenüberliegenden. Nach einiger Zeit winkte ich ein Taxi herbei und nannte dem Fahrer die Adresse des Restaurants. Ich sah die ganze Zeit aus dem Rückfenster, doch kein anderes Taxi verfolgte uns.

Das Café Europa war einer der Lunch-Treffpunkte der Kiewer Geschäfts- und Shoppingwelt und lag an der vierspurigen Straße, an der sich auch die Oper und weiter nördlich die Deutsche Botschaft befanden. Bevor ich eintrat, zog ich meine neue Jacke aus der ZUM-Tüte und hängte sie über meine Umhängetasche, die Tüte knüllte ich hinein.

Ein großer Raum erstreckte sich vor mir. Links neben dem Eingang befand sich ein langer, blank geputzter Glastresen. In der Auslage sah ich lecker aussehende Sandwiches, die mit Wurst, Emmentaler, Mozzarella, Thunfisch und Ei beladen waren. Daneben lockten kleine hellgrün, rosa und himmelblau glasierte Törtchen.

Ich setzte mich an einen kleinen runden Tisch und sah mich um. Das Restaurant war voll besetzt. Viele der Gäste sahen aus, als arbeiteten sie für internationale Institutionen oder Firmen. Einige hatten Papiere dabei oder beugten sich gemeinsam über einen Computer, besprachen etwas und kauten nebenbei ihre Sandwiches.

Die Wände des Restaurants waren fast komplett mit Reproduktionen berühmter Impressionisten bedeckt: Landschaften mit Kornfeldern, Teiche voller Seerosen, Frauen mit bunten Sonnenschirmen. Dazwischen hingen rechteckige Spiegel mit schmalen Goldrändern. Am Nebentisch hockte ein grobschlächtiger, rotgesichtiger Kerl, der sich von seiner etwas fade aussehenden Freundin die Weinkarte vorlesen ließ. Sie übersetzte sie ins Deutsche – mit starkem ukrainischem Akzent. Ihr Deutsch war nicht schlecht. Ich konnte das Gespräch problemlos verfolgen, denn beide sprachen sehr laut. Mich hatten die Menschen in Deutschland auch immer fast angeschrien, als ich klein war und noch schlecht Deutsch gesprochen hatte, als ob ich sie dann besser verstehen könnte.

Das Paar bestellte und dann fragte die Frau ihn, ob er einen Kühlschrank besäße.

„Natürlich“, sagte er erstaunt, „das ist doch normal.“

Sie fing an von ihrer ukrainischen Familie zu erzählen. Sie beschrieb mit etwas unbeholfenen Worten die Verzückung ihrer Großmutter, die in einem kleinen Dorf lebte und gerade ihren ersten Kühlschrank bekommen hatte.

Die Speisekarte war klein und handgeschrieben und die Preise astronomisch. Ich bestellte bei der schwarz-weiß gekleideten Kellnerin einen Teller Borschtsch. An einem Tisch am Fenster saßen zwei Blondinen und eine Brünette, die erkennbar auf Männerfang waren. Eine der Blonden hatte einen knallengen roten Lederanzug an, der den obersten Teil der Po-Ritze und die Spalte zwischen den Brüsten freiließ. Die Brüste der Frau sahen so prall aus, dass es mich nicht gewundert hätte, wenn eine von ihnen gleich herausgesprungen wäre.

Die Kellnerin stellte die Rote-Beete-Suppe vor mich hin. In der Mitte schwamm verlockend ein weißer Klecks Sahne. Die Suppe wärmte mich von innen. Zusammen mit der vertrauten Atmosphäre, die die vielen westlich aussehenden Gäste erzeugten, entspannte ich mich etwas. Zugleich wünschte ich mir, zu einer dieser kleinen, so sicher wirkenden Gruppen zu gehören.

Ich legte den Löffel weg, zog meinen Block hervor und machte mir Notizen. Ich hatte mir überlegt, die bittere Armut vieler Menschen in den Text einzustreuen, so gut es eben ging. Die Armen, die in den Mülleimern nach Essbarem wühlten oder Habseligkeiten am Straßenrand anboten, bildeten einen starken Kontrast zu den extrem reichen Menschen, die extrem viel Geld für ein extrem luxuriöses Leben ausgaben. Die Scham der Armen und die schamlose Gier der Reichen. Die schäbigen Vorstädte und die protzigen Villen. Aber auch die morbide Schönheit mancher Gebäude gehörte zum Bild Kiews: die Vergangenheit, repräsentiert durch die alten Kirchen, die große Herzlichkeit von Maja, die mich in der Nacht zum Tee einlud, und Annas Freude mich zu sehen.

Während ich meine Beobachtungen auf dem Papier festhielt, stieg wie ein wärmendes Gefühl die Erkenntnis in mir auf, dass ich meine Arbeit hier Kiew mochte und auch die Stadt selbst wunderschön fand – trotz meiner unheimlichen Verfolger. Meine persönlichen Ängste erschienen mir nicht mehr so bedeutend, verglichen mit den großen und grundsätzlichen Fragen, die hier ausgefochten wurden.

Im Umbruch der Ukraine lagen Chancen und Gefahren. Hier konnte ich das Leben spüren, anders als in Deutschland, wo alles wie selbstverständlich in Watte gepackt war, wo es für alles eine Versicherung gab und wo man sogar als Arbeitsloser ein Dach über dem Kopf, einen Kühlschrank und einen Fernseher hatte. Das tägliche Handeln und Verhandeln schien für die Menschen hier viel mehr Bedeutung für das Überleben zu haben.

Ich beobachtete die Geschäftsleute um mich herum, die ihre legalen, mittelständischen Geschäfte oder ihre illegalen großen Waffen-, Frauen- oder Sonst-was-Deals bei einem deftigen Mittagessen klärten. Sie sahen aus, wie in jeder anderen Großstadt der Welt. Wenn man jemanden hierher beamen würde und ihm nicht verraten würde, wo er war, könnte er allenfalls an den kyrillischen Buchstaben erkennen, dass er sich in Osteuropa befand.

Zwei Tische von mir entfernt hatte sich ein Farbiger hingesetzt. Ganz allein. Er las Zeitung und hatte ein Glas Weißwein vor sich stehen, dessen Stiel er ab und zu gedankenverloren zwischen den Fingern drehte. Mir wurde ganz heiß. Ich kannte ihn.

Mein Exfreund Michael saß hier in Kiew im selben Restaurant wie ich! Schnell drehte ich mich weg. Wir waren schon lange keine Freunde mehr. Ich war mit ihm ein paar Monate zusammen gewesen, als er ein Semester in Hamburg studiert hatte. Damals war er viel schmaler gewesen und hatte eine wilde Jimi-Hendrix-Frisur gehabt. Er trug Jeans, T-Shirts und Turnschuhe, auf denen revolutionäre Parolen standen. Er hätte mich verächtlich ausgelacht, wenn ich ihm vorausgesagt hätte, dass er einmal so aussehen würde wie jetzt: wie ein echter Kapitalist.

Er, der Afroamerikaner, schwärmte damals für die ehemaligen oder noch aktiven afrikanischen und südamerikanischen Unabhängigkeitsbewegungen und für Che Guevara, und hasste sein eigenes Land, das sich in die Weltpolitik einmischte. Wir waren beide euphorisch und dachten, dass wir die Welt besser verstanden als unsere Professoren. Allerdings war ich viel konservativer als er, ich kam aus einem armen osteuropäischen Land und einem mittellosen Haushalt. Mir war materielle Sicherheit wichtig. Und er wollte mich bekehren.

Wir hatten uns so viel zu sagen, dass wir Tag und Nacht redeten. Wir hatten eine unglaublich romantische Zeit. An den verlängerten Wochenenden campten wir an der Ostsee unter einem unendlich erscheinenden Sternenhimmel. Wir waren nur ein winziges Staubkorn im Weltall und zugleich in unserer Liebe der Mittelpunkt des Universums. Wir lagen eng aneinander gekuschelt im Zelt und lauschten auf den Wind und die Wellen. Wir waren unzertrennlich.

Zu Beginn galten wir als Traumpaar. Er war für mich der perfekte Mann und der erste, der mich wirklich ernsthaft interessierte. Bis ich herausfand, dass er in den USA eine feste Freundin hatte und auch noch mit einer Schwedin und einer Französin intensiv korrespondierte. Ich sagte ihm meine Meinung. Danach waren wir Feinde.

Die Menschen, die man am besten kennt, können einen am tiefsten kränken. Trotz allem dachte ich ab und zu an ihn und verfolgte mit Hilfe des Internets seinen Werdegang. Natürlich wusste ich, dass er in Kiew war. Aber ich hatte nicht damit gerechnet, ihn zu sehen. Mein Herz klopfte. Ich überlegte, ihn anzusprechen.

Doch dann sah ich aus dem Augenwinkel, dass andere Männer kamen und sich zu ihm setzten. Sie sprachen lautes Englisch mit amerikanischem Akzent. Michael lachte mit ihnen. Ich rückte meinen Stuhl ein wenig weiter, so dass ich ihn heimlich in einem der Spiegel betrachten konnte. Er machte jetzt einen selbstbewussten Eindruck, bewegte sich mit lässiger Eleganz, und doch meinte ich zu spüren, dass er nicht richtig zu den anderen gehörte. Vielleicht, weil ich ihm unterstellte, dass er noch immer wie früher war.

Er sah auf eine etwas zu perfekte Weise gut aus. Wie ein Designer-Zimmer in Schöner Wohnen: keine benutzten Gläser, keine herumliegenden Zeitungen; also schön anzusehen, aber irgendetwas fehlte, etwas, dass es zu etwas Einzigartigem, Persönlichem machte. Er war gepflegt bis hin zu den manikürten Fingernägeln seiner unglaublich langen Finger, die leise auf den Tisch trommelten. In Kiew war er bestimmt ein Exot. Ich hatte hier noch keinen einzigen Farbigen gesehen.

Ich würde bald aufbrechen müssen und er würde mich sehen. Wie er wohl reagieren würde? Ich stand auf und ging in Richtung der Toiletten – ich wollte im Spiegel überprüfen, wie ich aussah, falls es zu einem Gespräch kam. Michael bemerkte mich nicht. Ich kam an einem Fenster vorbei und sah hinaus. Eine Gestalt in schwarzer Lederjacke stand breitbeinig unter einem Baum. Rauchend. Sein Gesicht lag im Schatten und war nicht zu erkennen. Als er an seiner Zigarette zog, beleuchtete die Glut das Profil des schwarzen Mannes mit Zopf.

Ich ging rasch weiter. Zu schnell und auffällig offenbar, denn viele Gäste hoben den Kopf und sahen mir nach. Auch Michaels Blick traf mich kurz, wie ein blitzender Stern, der sich bei meinem Anblick verdunkelte.

Ich hastete in die Damentoilette und beugte mich keuchend über das Waschbecken. Meine Beine zitterten. Die Bilder der beiden Männer wirbelten in meinem Kopf durcheinander. Beide groß und dunkel: Der eine Verfolger in schwarzer Montur, der wie ein unaufhaltsamer Panzer hinter mir her war, und Michael, wie eine Erscheinung aus der Vergangenheit. Spätestens jetzt war wohl klar, dass es kein Zufall sein konnte, dass mein Verfolger überall dort auftauchte, wo ich war. Im Zusammenspiel mit meiner Begegnung mit Abramow gab es für mich keinen Zweifel mehr: Ich war in Gefahr.

„Verwandle deine Angst, Verwirrtheit und Wut in Ruhe, Klarheit und Kraft“, hatte mein Karatelehrer immer gesagt. „Sonst kannst du nicht gewinnen.“

Was also konnte ich tun? Ich musste auf jeden Fall zur Botschaft. Ich hatte Angst, meinem Verfolger draußen allein zu begegnen. Ich fragte mich, ob Michael mir helfen würde, wenn ich ihn darum bat. Wahrscheinlich legte er wenig Wert darauf, dass ich ihn ansprach.

Ich fragte mich, mit was für Menschen er hier saß, wie seine Arbeit hier aussah. Ich wusste, dass die USA Interesse an der Ukraine hatten. Nicht wegen der Menschen hier oder der Kultur, sondern aus strategischen Gründen. Gaspipelines führten durch das Land und es lag direkt neben Russland. Ein guter Platz, um ein paar Raketen aufzustellen. Oder um eine Nachschubbasis für irgendeinen Krieg einzurichten.

Ich spürte, dass ich mich trotz allem weniger allein fühlte, weil Michael hier war. Auch wenn wir uns so gestritten hatten, dass eigentlich kein Kontakt mehr möglich war. Eigentlich. Denn ich hatte keine Wahl.

Ich klatschte mir kaltes Wasser ins Gesicht und trocknete mich mit einem der weichen weißen Baumwollhandtücher ab, die in einem Korb neben dem Becken lagen. Dann zog ich meinen Kajal nach und kämmte mich. Ich sah in den weißumrandeten Spiegel, der die Form eines Schwanes hatte. Luxus geht nicht immer einher mit gutem Geschmack, dachte ich vage und verließ den Raum. Ich würde Michael ansprechen. Ich brauchte ihn. Ich brauchte so viele Leute auf meiner Seite wie möglich. Wahrscheinlich ließ Abramow mich beschatten, und es hatte vermutlich mit meinem Vater zu tun, über dessen Vergangenheit ich nichts wusste.

Michael war schon aufgestanden, als ich zurückkam, und stand an der Theke. Er ließ sich gerade ein hellblaues Törtchen einpacken. Er blickte mich ohne zu lächeln an, als ich mich neben ihn stellte. Er zeigte keine Regung. Wahrscheinlich hatte er Angst, dass ich ihm vor seinen Kollegen eine Szene machte, wie früher. Schließlich hatte er offensichtlich Karriere gemacht und einiges zu verlieren.

Er wirkte immer noch sehr anziehend auf mich. Sein schmaler Mund war fein geschnitten. Ich wusste noch genau, wie verliebt diese schwarzen Augen mich angesehen hatten, und spürte kurz und schmerzhaft den Verlust.

„Michael, erkennst du mich nicht?“ Ich sprach Englisch.

„Bitte sprich Ukrainisch oder Russisch mit mir“, sagte er auf Ukrainisch. „Meine Kollegen müssen das Gespräch ja nicht unbedingt verstehen. Und mach jetzt bitte keine Szene.“

„Sie arbeiten hier und sprechen die Sprache nicht?“, fragte ich, ebenfalls auf Ukrainisch.

„Korrekt“, sagte er und sah mich kalt an.

„Tut mir leid, dass ich dich belästige“, ich lächelte – für die anderen. „Ich glaube, jemand verfolgt mich.“

„Wie bitte? Wieso sollte das jemand tun?“, fragte er genervt.

„Es könnte mit meinem Vater zu tun haben“, antwortete ich ungeduldig. Wieso half er mir nicht einfach? „Kann ich mit dir hinausgehen?“, fragte ich dann. „So, als ob du zu mir gehörst?“ Mein Herz begann zu klopfen.

„Gibt es niemanden, den du anrufen kannst?“, fragte er abweisend.

„Nein, ich bin allein hier.“ Ich kam mir idiotisch vor.

„Mutig, ganz allein hierher zu kommen.“

„Ich bin Journalistin“, sagte ich und fragte mich, ob ihn das überhaupt interessierte. „Ich arbeite ein paar Tage hier, ganz normal und harmlos.“

„Du bringst mich in eine unangenehme Situation. Ich arbeite hier für eine Hilfsorganisation. Ich will nicht in irgendetwas reingezogen werden.“

Er hatte recht. Er war mir nichts schuldig. Wir kannten uns eigentlich längst nicht mehr. „Dankeschön. Für deine Hilfe und deinen Mut! Du hast dich gar nicht verändert. Schade eigentlich. Hab ein schönes Leben, Arschloch.“ Arschloch sagte ich auf Englisch.

Ich drehte mich abrupt um und ging Richtung Toiletten davon, aber Michael kam hinter mir her und fasste mich am Arm.

„Warte. Ich nehme dich mit raus.“ Er presste die Worte zwischen seinen Zähnen hervor. Seine Augen funkelten böse. „Und dann verschwindest du wieder aus meinem Leben, kapiert?“

Ich riss mich los und drehte mich weg. Mir stiegen Tränen in die Augen, so verletzt fühlte ich mich, so im Stich gelassen. Er hatte nicht verdient, zu wissen, dass er so etwas in mir auslösen konnte. Ich rannte zum Toilettenraum, knallte die Tür hinter mir zu und schloss ab. Hoffentlich dachten die anderen, dass er mal wieder Ärger mit Frauen hatte. Das geschähe ihm recht.

Die Toilettenkabine hatte ein Fenster zum Innenhof. Ich sah hinaus. Es war sehr eng und der Hof war dunkel und voller Autos. Vielleicht wartete hier noch ein Komplize. Hier im Hof würde mich niemand hören. Vor meinen Augen lief wie ein Film eine Szene ab, in der ich festgehalten, erwürgt und mit einem Auto weggebracht würde, zu einem namenlosen See, in dem ich versenkt würde. Vergessen, nie gefunden, ohne Spuren zu hinterlassen.

Während ich mich durch das enge Fenster in den Hinterhof schob, weinte ich. Ich konnte es nicht stoppen. Vor allem, weil ich eigentlich zu stolz war, um Hilfe zu bitten, wenn sie nicht freiwillig kam. Ich landete auf einem Steinstapel zwischen parkenden Autos und schrammte mir die Knie auf. Ich riss mich zusammen und sah mich um. Auf der anderen Seite des Hofes war ein Torbogen, an dem Menschen vorbeiliefen. Ich humpelte so schnell ich konnte über die freie Fläche. Ich erwartete jederzeit einen heißen Atem im Nacken zu spüren, eine Stimme zu hören, die mir ins Ohr zischte, ich solle stehen bleiben, und einen Arm, der sich um meinen Hals legte und mich zurück in die Dunkelheit riss. Doch das alles geschah nur in meiner Fantasie.

Im Torbogen hielt ich an und sah mich nach Atem ringend um. Der Hof war leer. Nur ein paar verrostete Autos, ein großer Steinhaufen und herumliegender Müll. Ich wischte mir mit einem Taschentuch über die Augen, falls mein Make-up verlaufen sein sollte – ich wollte nicht auffallen – und putzte mir die Nase. Dann trat ich in die Helligkeit des Nachmittags. Niemand beachtete mich. Aber in diesem aufgelösten Zustand mochte ich nicht zur Botschaft gehen. Ich winkte ein Taxi heran und ließ mich zum Hotel bringen.

 

Auf meinem Bett stand ein Paket.

Tatjana Setschenka

Kiew, August 1993

 Tatjana Setschenka liebte es, in ihrem Geländewagen über die Straßen zu brettern, vor allem, weil sie das Gefühl genoss, so einen starken Motor zu beherrschen. Sie bestand stets darauf, selbst zu fahren, wenn sie allein mit Karl unterwegs war. So behielt sie wenigstens etwas in der Hand. Ansonsten war sie, wenn es ums Überleben ging, völlig seinen Fähigkeiten ausgeliefert. Es gab mehr Menschen, die ihr nach dem Leben trachteten, als sie sich vorstellen mochte.

Tatjana hatte sich abgewöhnt zu spekulieren, was er von ihr hielt. Sie würde es ohnehin nie herausfinden. Er sprach nie von persönlichen Dingen und schon gar nicht über seine Motive, diesen Job auszuüben. Sie fühlte sich behütet in seiner Gegenwart und das genügte ihr.

Irgendwann war ihr klar geworden, dass sie es genoss, von Karl beschützt zu werden. Karl war wie eine Wand in ihrem Rücken, an die sie sich jederzeit anlehnen konnte, und wie die zwei starken Arme ihres Vaters, bei dem sie sich immer geborgen gefühlt hatte – bis sie als Erwachsene seinen verkommenen, egoistischen Charakter erkannte. Karl war der einzige Mann in ihrem Umfeld, dem sie sich nicht überlegen fühlte. Tatjana war in allen zwischenmenschlichen Beziehungen, die sie hatte, die Starke, die Überlegene. Sie war intelligenter, kräftiger und mutiger als die meisten Menschen, die sie kannte. Das machte sie einsam, auch, weil sie alle um sich herum für Idioten hielt. Bei Karl war sie zwar der Boss, hielt sich aber penibel an seine Anweisungen.

Eines Tages hatte sie begonnen, ihm alles zu erzählen, was sie bewegte. Sie ging davon aus, dass es ihn nicht interessierte. Ihr war es egal, ob er ihr zuhörte oder nicht, schließlich bezahlte sie ihn hoch genug. Er war begehrenswert und sie wunderte sich nicht darüber, dass so viele junge schöne Frauen hinter ihm her waren. Er war schon auf den ersten Blick eine mächtige Erscheinung. Das Besondere an ihm aber war die ruhige Präsenz, die er ausstrahlte. Neben ihm spürte sie immer eine mitreißende Energie. Als sei er ein Kraftzentrum. Er hatte lange kräftige Finger und an seinen dunkel behaarten Armen traten die Adern und Sehnen hervor. Wenn er einen Raum betrat, übersah er sofort die Lage. Er registrierte, wie viele Leute anwesend waren, wer eine Waffe hatte und ob jemand gerade schnell den Raum verlassen hatte. Er war wie einer dieser Top-Agenten in den Hollywoodfilmen, die jede Situation im Griff hatten. Bei denen man sich sicher fühlte.

Tatjana war zutiefst überzeugt, dass jede Frau, und sei sie noch so emanzipiert, einen Mann suchte, der ihr überlegen war. Sei es nun körperlich oder intellektuell. Am besten beides. In Wirklichkeit wollten alle einen Beschützer. Sie stellte sich manchmal vor, während sie mit Ernesto, dem verwöhnten Weichei, schlief, dass es Karl war, in dessen Armen sie lag. Das erregte sie sehr. Doch das würde sie ihn nie wissen lassen.

Sie waren unterwegs zur Datscha. Ernesto und die Kinder warteten dort auf sie. Er bereitete in Tatjanas Namen ein Gartenfest für die Dorfbewohner vor – eine Wahlkampfveranstaltung, mit der Tatjana zeigen wollte, dass selbst die Menschen im kleinsten Dorf ihr etwas bedeuteten.

Tatjana und Karl fuhren über eine holprige Landstraße. Holprig war kein Ausdruck. Tatjana umkurvte dreißig Zentimeter tiefe Schlaglöcher, ohne den Fuß vom Gaspedal zu nehmen. Karl saß stoisch neben ihr – er war ihren Fahrstil gewöhnt.

Draußen flirrte die Sommerhitze. Tatjana trug ein sehr dünnes Kleid, durch das sich ihre festen Brustwarzen abzeichneten. Sie hatte den Bauch eingezogen, obwohl nichts an ihm auszusetzen war. Auf einmal ärgerte sie sich, dass sie all die Mühen im Fitnessstudio auf sich nahm und dennoch nicht mit diesem Testosteronklotz neben sich einfach in einen Feldweg einbiegen und ihm die Klamotten vom Leib reißen konnte. Sie spürte die Erregung, die sich in ihrem Körper ausbreitete. Als ob jede Faser ihres muskulösen Körpers sich nach einer entspannenden Explosion sehnte. Als ob jede Zelle wie ein Magnet nach rechts auf Karl zustrebte. Sie öffnete ein Seitenfenster und ließ die heiße Sommerluft herein, um sich abzureagieren. Es half nichts. Vielleicht war es der Wahlkampfstress. Oder die Todesangst, die seit neuestem ihr Begleiter war.

Sie sah zu Karl hinüber und drosselte die Geschwindigkeit. Karl sah aus dem Fenster. Er hatte seine Lederjacke auf seinen Schoß gelegt und hielt sie locker mit den Händen fest. Tatjana nahm die rechte Hand vom Steuer, griff hinüber und zog die Jacke beiseite. Sie sah seine Erektion. Dann ließ sie ihren Blick schnell über seinen Körper gleiten, über sein leicht geöffnetes weißes Hemd, das ein Stück behaarte Brust enthüllte, über den kräftigen Hals mit dem hervorstehenden Adamsapfel und über das markante Kinn hoch zu seinen Augen. Er erwiderte ihren Blick und ließ seine Augen langsam hinunter zu ihren Brüsten wandern.

Tatjana riss das Steuer herum, der Wagen schoss durch kniehohes Getreide, sie gab Gas, das Gefährt jagte mit heulendem Motor über das Feld, beschrieb eine Kurve und kam hinter einem Baum, der inmitten einiger niedriger Büsche stand, zum Stehen. Sie stellte den Motor ab, stieg aus dem Auto und ging um den Wagen herum. Sie spürte den heißen Wind auf ihrer Haut, der ihr Kleid durchdrang und zwischen ihren Schenkeln umherwirbelte. Sie zog im Gehen ihren Slip aus und ließ ihn fallen, dann öffnete sie die Tür des Beifahrersitzes. Sie nahm Karl an der Hand und zog ihn zu sich.

„Los, fick mich!“, sagte sie. Sie lächelte über diesen Satz, den sie tausendmal gedacht aber noch nie gesagt hatte.

Karl zögerte nicht.

Und dann erlebte Tatjana das, was sie als Reinform des Sex, ohne Vorbehalte, als vollkommene Ekstase bezeichnet hätte, wenn sie noch die Gelegenheit gehabt hätte, mit jemandem darüber zu reden. Es war reines Gefühl. Ihr Körper verselbstständigte sich. Als Karl in sie eindrang, bekam sie fast sofort einen Orgasmus – seit Jahren hatte sie sich diesen Moment vorgestellt.

Danach lag Tatjana vollkommen entspannt da. Sie fühlte sich wie die erste Frau der Welt, die wahrhaftigen Sex gehabt hatte. Sie spürte die Baumwurzeln, hörte das Rauschen der Blätter im leichten Wind, sie roch die Erde und das Gras unter sich. Sie schmeckte Blut auf ihren Lippen. Sie musste sich gebissen haben. Sie verspürte ein ungewohntes Glückgefühl und eine innere Wärme, als ihr klar wurde, dass sie Karl liebte.

Tatjana bemerkte den Stich erst, als es zu spät war. Karl kniete über ihr, sein Hemd hing offen herab, seine Brust war schweißnass und sogar von dem schmalen Haarstreifen, der sich von seinem Nabel zur Scham herunterzog, lief der Schweiß. Er hatte ihr eine Spritze in den Arm gestoßen und drückte jetzt den Bolzen langsam herunter. Er sah auf die Nadel, nicht in ihre Augen.

„Au! Was soll das?“, fragte sie empört, sprang auf und hielt sich die schmerzende Stelle. Sie lief rückwärts, bis sie gegen den Baum stieß.

Karl kniete noch an derselben Stelle, ließ den Arm mit der Spritze herabhängen und sah sie an. Seine Haare waren zerzaust. „Du bist eine der wenigen Frauen, die ich hätte lieben können“, sagte er. „Unter anderen Umständen.“ Dann stand er langsam auf, ließ die Spitze fallen und knöpfte sein Hemd zu, ohne den Blick von ihr abzuwenden.

Tatjana spürte ihre Füße nicht mehr. Dann versagten ihr die Beine. Sie sank in sich zusammen. Ihre Arme wurden taub, dann die Hände. Sie lag zusammengekrümmt auf dem Boden, konnte nichts mehr bewegen, nicht einmal mehr sprechen. Nur noch sehen und denken. Eine Gefangene in ihrem Körper, der eben noch so lebendig gewesen war.

Karl ging ein paar Schritte zu der Stelle, an der sie ihren Slip achtlos fallen gelassen hatte. Er hob ihn auf, ging zu ihr herüber und zog ihn ihr an. Dann hob er sie hoch, trug sie zum Auto, setzte sie auf den Beifahrersitz und schnallte sie an. Er ließ den Sitz etwas nach hinten sinken, damit sie nicht umkippte. Sie konnte nur geradeaus schauen. Sie hörte, wie er neben ihr einstieg und den Motor anließ, dann fuhr er zurück auf die Straße.

Sie legten einige Kilometer zurück. Tatjana war bewegungsunfähig, nur durch den Sicherheitsgurt gehalten. Ihre Gedanken wirbelten durcheinander. Was wollte Karl? Karl ihr Liebhaber, ihr Beschützer. Innerhalb weniger Augenblicke war er ein Fremder geworden. Er entführt mich, dachte Tatjana. Er gehört zur Gegenseite. Er wird mich aus dem Verkehr ziehen. Er hat mich gelähmt und wird mich an irgendeinen abgelegenen Ort bringen, bis die Wahlen vorbei sind. Sie schloss die Augen und gab sich ihrem Schicksal hin.

Doch etwas gab ihr keine Ruhe, eine Gewissheit, die in ihr bohrte. Sie wurde nicht entführt. Wozu auch? Sie konnte ja nicht nach der Wahl einfach wieder auftauchen: „Hallo da bin ich, macht nichts, dass Karkow gewonnen hat“. Jemand wollte sie beseitigen, für immer. Karl würde sie irgendwo hinfahren, wo ihr Mörder wartete. Sie musste mit ihm reden. Angestrengt versuchte sie einen Weg zu finden, wie sie mit ihm kommunizieren konnte.

Sie würde ihm Geld bieten. Bestimmt hatte jemand ihn bestochen. Er war käuflich, das hatte er immer wieder zugegeben. Sie würde ihm mehr Geld bieten, sobald die Lähmung nachließ.

Ihr Gehirn gab Armen und Beinen den Befehl, sich zu bewegen, aber so sehr sie ihren Willen anstrengte, ihr Körper reagierte nicht. Sie wollte ihren Mund bewegen, doch kein Ton kam heraus, ihr Flehen, ihre Überredungskünste, ihre rhetorische Brillanz waren nichts mehr wert. Verzweifelt suchte sie einen Ausweg, während die graue Straße an ihren Augen vorbeiflog.

„Ich musste dich vögeln.“

Karls Stimme wirkte auf Tatjana wie ein Donnerhall, der bei einem Gewitter die lähmende Stille eines heißen Sommertags durchbrach.

„Wie viele Male hast du diese engen Kleider getragen, an deinen Beinen herumgestrichen, deine Hände wie zufällig über deine Brüste wandern lassen, wie oft deine Lippen geleckt, wenn du mich angesehen hast?“

Tatjana erinnerte sich genau.

Er schwieg eine Weile. „Was weißt du eigentlich über mich?“ Mit harter Hand drehte er ihr Gesicht in seine Richtung und blickte in ihre Augen. Er sah, dass sie nichts wusste. Er drehte ihren Kopf zurück. „Hast du jemals nach mir gefragt?“, hörte sie seine bittere Stimme. „Wir sind aus demselben Holz geschnitzt. Ich hätte dein Freund werden können, aber du hast mich immer nur wie deinen Besitz behandelt. Nur auf Freunde kann man sich verlassen. Menschen, die man kauft, gehen wieder, sobald jemand anderes besser zahlt.“ Karl bremste.

Tatjana sah einen Fluss. Es gab keinen Komplizen für die Drecksarbeit. Karl würde es selbst tun.

 

Karl ließ den Motor laufen, stieg aus, ging um das Auto herum, zog sie heraus und trug sie zur Fahrerseite. Sie schrie und flehte innerlich. Sie spürte, wie sehr sie ihn liebte. Die Enttäuschung tat so weh!

Doch er setzte sie ohne zu zögern auf den Fahrersitz, schnallte den Gurt fest um sie und legte den Gang ein. Er warf die Tür zu, während der Wagen losrollte – direkt auf die Böschung zu. Tatjana sah Getreidehalme, die vom Auto weggebogen wurden, dann sah sie das Ufer näher kommen. Sie konnte sich nicht rühren. Der Wagen rollte über die Kante und kippte vornüber. Das Wasser klatschte gegen die Frontscheibe. Dann spritzte es durch beide Seitenfenster herein, die Karl einen Spalt breit offen gelassen hatte. Tatjana sah, wie das Wasser an der Scheibe hinunter Richtung Boden lief und rasend schnell anstieg. Sie fühlte nicht mehr, wie es ihren Körper mehr und mehr umschloss, doch sie sah, dass es ihrem Gesicht immer näher kam, und ihr schließlich bis über die Augen stieg. Jetzt erkannte sie nur noch schemenhaft kleine Luftbläschen und ihre Haare, die im Wasser wogten. Sie ahnte, dass ihre gefühllosen Lungen keine Luft mehr bekamen und dass der Druck auf ihren Körper anstieg.

In den verbleibenden Minuten schossen dumpfe Gedanken unzusammenhängend durch ihren Kopf. Karl hatte sie nicht geküsst, nur gebissen. Sie sah ihre Töchter als Erwachsene. Würden sie sich an sie erinnern? Wer würde sie trösten, wenn ihre Mutter nicht zurückkommen würde? Ihr Herz zog sich bei dem Gedanken zusammen, dass niemand ihre Kinder jemals so lieben würde wie sie. Sie konnte nicht einmal schreien oder weinen, um ihrem Gefühl Ausdruck zu verleihen. Sie starb bewegungslos. Sie dachte keine Sekunde an die vielen Menschen, denen sie ähnliche Qualen bereitet hatte.

 

Karl schlenderte zur Straße zurück, wo ein Ferrari auf ihn wartete. Karl stieg ein und nickte dem hageren Mann zu, der ihn einige Tage zuvor vor dem Konferenzzentrum angesprochen hatte.

„Hast du die Telefonnummer in ihren Kalender geschrieben?“

„Klar.“ Karl war blass.

„Warum hast du sie gevögelt?“

„Halt die Klappe.“

Katharina Iswestja

Kiew, 4. Mai 2004

 Das Paket auf meinem Bett war in goldenes Papier gewickelt. Es trug den geschwungenen schwarzen Schriftzug des Lederwarengeschäftes, dessen Taschen für mich zu teuer gewesen waren. Die riesige schwarz-goldene Schleife auf dem Paket schien mich zu verspotten. Sie wirkte beklemmend wie ein grausamer Clown und nährte mit ihren Rundungen aus Samt die Angst, die mir über den Rücken kroch. Mein kleiner Rückzugsraum, mein künstlicher, selbstgesponnener Kokon in diesem Hotel, war eine Illusion. Das Zimmer war so offen wie eine Bahnhofshalle, in die jeder einfach hineinkommen und wieder hinausgehen konnte.

Ich ahnte, von wem das Paket kam. Mein Bett, auf das ich mich eigentlich gefreut hatte – ich wollte schlafen, entspannen, vergessen – war Feindesland. Ich trat ans Fenster. Ich konnte es im Rücken spüren. Es war garantiert von Abramow und weniger Geschenk als Drohung. Vielleicht war ein Gürtel drin – mit einer vergifteten Schnalle. Oder eine Tasche, in der eine Nadel auf meine unvorsichtige Hand wartete. Oder Gas. Oder ein Sprengsatz.

Ich schaute auf den Majdan, der in der Nachmittagssonne lag. Überall liefen leicht bekleidete sorglose Menschen herum, saßen auf Bänken, hielten ein Schwätzchen. Ich hätte in diesem Moment gern mein Leben als Journalistin mit dem ganz normalen Alltag eines Menschen dort unten getauscht.

Ich drehte mich um und näherte mich dem Paket. Wie durch einen Zwang zog ich an dem Geschenkband und ließ es auf den Boden fallen. Das Papier fiel auseinander und legte einen schwarzen Karton frei. Kurz dachte ich, es könnte doch eine Bombe enthalten, aber dann verwarf ich den Gedanken wieder. Das wäre ein viel zu auffälliger Weg, mich loszuwerden. Mit zitternden Händen hob ich den Deckel an.

 

In dem Karton lag die Tasche, die mir so gut gefallen hatte. Sie duftete herb nach Leder – und nach einem schweren Parfum. Ich klappte die Tasche vorsichtig auf. Sie war mit schwarzem, glänzendem Stoff ausgekleidet und hatte viele kleine und große Fächer. Sie war perfekt, aber nicht protzig. Wäre es ein normales Geschenk gewesen, hätte ich mich gefreut. Jetzt betrachtete ich sie mit einer Mischung aus Abscheu, Angst und Verlangen. Ich zog eine kleine handgeschriebene Karte aus dem Karton.

 

Auf ein friedliches Miteinander.

V. A.

 

Abramow. Die Schrift war klar und kräftig. Wie von einem, der sich vor niemandem beugen musste.

Erschöpft ließ ich mich aufs Bett fallen. Mein Herz klopfte. Ich steckte in einem Film, dessen Drehbuch ich nicht kannte. Abramow und ein Unbekannter verfolgten und bedrohten mich – hinter einer freundlichen Maske. Was hatte Mutter immer gesagt? In der Ukraine ist jeder Tag, den du überlebst, ein Geschenk.

 

Ich duschte, zog mir Jeans und T-Shirt an und ging hinaus zu Maja, die, ihre Ellenbogen auf den dunkelbraunen Holztresen gestützt, dösend auf den braun gemusterten Teppich im Hotelflur starrte.

„Maja, war heute jemand in meinem Zimmer?“

„Ja, ich“, sagte sie irritiert. „Ich habe geputzt. Ist irgendetwas nicht in Ordnung?“

„Doch schon, aber – hast du da ein Paket gesehen?“

„Ja, auf deinem Bett, wieso?“

„Wer hat es dort hingestellt?“

Maja richtete sich auf und runzelte die Stirn. „Ich hab es runtergenommen, das Bett gemacht und es dann wieder raufgestellt.“

„Aber wie ist es in mein Zimmer gekommen?“

Sie hob die Schultern. „Keine Ahnung.“

Ich stellte mir vor, wie jemand – vielleicht der Mann mit dem Zopf – leise durch den dunklen, muffigen Flur über den Teppich schlich, sich kurz umsah, mit einem Werkzeug meine Zimmertür öffnete, hineinging und das Paket abstellte. Hatte er auch meine Sachen durchsucht?

Ich beugte mich zu Maja hinunter. „Es ist von Abramow.“

Majas Augen wurden groß. „Abramow? Der aus dem Fernsehen? Der Politiker? Wieso schenkt der dir was?“

„Ich weiß es nicht. Es ist mir unheimlich!“

„Hör zu, ich weiß von nichts. Und ich will auch nichts damit zu tun haben.“

Mein Handy klingelte. Ich kannte die Nummer des Anrufers nicht. Ich zögerte zu lange. Das Klingeln brach ab.

Maja wich meinem Blick aus.

„Danke trotzdem“, sagte ich und ging zurück in mein Zimmer.

Ich stellte das Paket unter mein Bett, legte mich hin und starrte an die Decke. Abramow hatte mir scheinbar freundlich zugelächelt, so dass ich seine perfekten schneeweißen Zähne hatte sehen können. Er war ein gefährliches und unberechenbares Raubtier, das seine Zähne bleckte und mich anknurrte.

Ich hatte Angst. Nicht diese unbestimmte Angst, die man verspürt, wenn man durch einen dunklen Wald geht. Ich hatte begründete Angst. Angst, die der Realität entsprang, weil jemand mich verfolgte, weil jemand mir auf eine großkotzige Art eine Tasche schenkte. Das hier war kein Film, den ich auf dem Sofa anschaute, den ich unterbrechen konnte, indem ich die Stopptaste drückte und mir dann einen Tee in der Küche kochte, froh, die Spannung nicht länger aushalten zu müssen.

 

Ich sah auf meinen Wecker. Es war 16 Uhr. Zu Hause stand der Wecker auf meinem Nachttisch und ich sah ihn morgens immer als Erstes. Sehnsüchtig drehte ich mich auf die Seite und versuchte mir vorzustellen, dass ich in meiner Wohnung lag und gleich in den Verlag zu meinen supercoolen Kollegen fahren würde, die sich für den Nabel der Welt hielten. Ihre Alltagsprobleme und Gedanken erschienen mir in diesem Moment beneidenswert banal. Was für ein Glück Menschen hatten, bei denen alles einfach nur normal ablief. Das merkte man leider immer erst, wenn es nicht mehr so war.

Am liebsten hätte ich mir die Decke über den Kopf gezogen und darauf gewartet, dass irgendjemand meine Probleme löste. Ich überlegte, ob ich einfach meine Koffer packen und nach Hause fliegen sollte. Der Gedanke erschien mir sehr verlockend, aber ich würde mich im Verlag lächerlich machen. Mit den zwei Läden und einem Restaurant konnte ich keinen Artikel zusammenzaubern. Ich hatte noch nichts von Kiew gesehen. Mir blieb nichts anderes übrig, als weiterzumachen. Ich beschloss, sofort die Deutsche Botschaft aufzusuchen – ich wollte, dass jemand mit politischem Einfluss wusste, dass ich hier war, nur zur Sicherheit. Und dass mir dieser jemand erklärte, wie die Dinge hier funktionierten.

 

Mein Verfolger wartete vor dem Hotel auf mich – direkt vor der Tür. Er stand da, die Beine wie am Boden festgewachsen, und sah mich an. Er versuchte nicht einmal, unauffällig zu wirken. Auf einmal packte mich Wut, die aus der Verzweiflung erwuchs. Vielleicht konnte ich die Dinge besser kontrollieren, wenn ich den Stier bei den Hörnern packte. Vielleicht musste ich einfach mit ihm reden, damit er mich als Mensch ansah und nicht als Zielobjekt, das er verfolgen und bei Bedarf töten konnte. Ich ging auf ihn zu und blieb direkt vor ihm stehen.

Er schaute mich ungerührt an. Er hatte ein grünes und ein braunes Auge, seine Wangen hatten einen dunklen Schimmer. Er war nicht wirklich gutaussehend – die Nase war wohl schon einmal gebrochen worden, seine Ohren standen etwas ab – doch sein Aussehen hatte etwas sehr Markantes. Er war auf eine animalische Weise sexy. Kurz fragte ich mich, ob ich versuchen sollte, ihn um den Finger zu wickeln. Aber hier war keine Unbekümmertheit angebracht. Das hier war bestimmt kein Spiel. Ich war unsicher. Es gab keine verlässlichen mir bekannten Regeln.

Ich schaute ihn so kühl wie möglich an. „Wer auch immer Sie sind: Bitte hören Sie auf, mir nachzuspionieren.“ Ich versuchte überlegen und selbstsicher zu wirken.

„Ich weiß nicht, wovon Sie reden“, sagt er gelassen und sah durch mich hindurch.

„Wissen Sie was?“ Mir ging die Wut durch. Wie konnte er nur so dreist lügen? „Ich fahre jetzt zur Deutschen Botschaft. Sie können mit meinem Taxi mitfahren. Dann sparen Sie die Spesen. Bestimmt haben Sie wenig Geld, sonst würden Sie nicht diesen Drecksjob machen.“

„Danke für diese Information.“ Er sah auf seine Uhr. Es war eine Rolex. Sie sah echt aus. „Leider habe ich keine Zeit, Sie zu begleiten.“

Er drehte sich weg und richtete seinen Blick wieder auf den Eingang des Hotels.

Grigorij Iswestja

Kiew, September 1993

 Grigorij Iswestja saß an seinem Schreibtisch in der Redaktion. Vor ihm stand ein überquellender Aschenbecher, eine qualmende Kippe hing halb geraucht über den Rand. Hin und wieder tauchte Grigorij einen Lappen in kaltes Wasser und hielt ihn an seine Stirn. Er wusste nicht, was ihm mehr weh tat: Die Nachwirkungen des Wodkas vom Vorabend oder die Beule an seinem Kopf, die ihm zwei Typen mit einer Zaunlatte verpasst hatten, bevor sie ihn gründlich zu Boden getreten und dabei so ziemlich jede Stelle seines Körpers erwischt hatten.

Vielleicht tut mir weniger mein Körper als das Leben insgesamt weh, dachte er. Irina hatte ihm am Telefon mal wieder eine Szene gemacht, als er ihr davon erzählt hatte. Er hatte viel später angerufen als versprochen. Grigorij vereinbarte immer eine feste Uhrzeit mit ihr. Wenn sein Anruf sich um mehr als eine halbe Stunde verspätete und er nach einer weiteren halben Stunde auch nicht zu Hause oder in der Redaktion aufgetaucht war, musste Irina seine Kollegen alarmieren. Wie oft hatten sie diese Prozedur schon durchlaufen – doch bislang war er jedes Mal irgendwann wieder zurückgekommen.

Irina war völlig am Ende und doch hielt sie zu ihm. Wenngleich sie ab und zu Nervenzusammenbrüche bekam. Es tat ihm leid, aber er wollte es nicht ändern. Es war ihm einfach wichtig, die Missstände in Politik und Wirtschaft aufzudecken.

Es tat ihm auch leid, dass er Irina nicht das bieten konnte, was sie erhofft hatte, als sie geheiratet hatten. Sie hatten die ganze Zeit in derselben schäbigen Wohnung in einem schlechten Viertel gelebt. Sie hatten immer noch die alte beige Wohnzimmergarnitur, die sie von seinem Onkel geerbt hatten und die nur ein Übergang hatte sein sollen, und sie waren nie im Urlaub gewesen. Irina verstand ihn nicht. Grigorij hatte das Gefühl, dass sie ihn nicht mehr liebte. Aber er liebte sie und noch mehr seine Tochter Katharina.

Das alte schwarze Telefon gab ein schepperndes Geräusch von sich. Die Zeitung hatte kein Geld für eine neue Telefonanlage oder moderne Computer. Der Verlag verkaufte nur wenige Exemplare. Die Händler, die das Blatt verkauften, erhielten oft ungebetenen Besuch. Danach war häufig die Einrichtung zertrümmert. Die meisten weigerten sich inzwischen, die Pravda in ihren Auslagen zu platzieren. Die mutigeren verkauften sie unter der Hand.

Außerdem überzogen die Menschen, über die kritisch berichtet wurde, das Blatt regelmäßig mit teuren Prozessen. Reich wurde man hier also nicht, aber es hatte wenigstens einen Sinn. Die Journalisten hier verkauften nicht ihre Seele, wie jene bei den staatlichen oder privatisierten Medien – sie waren Idealisten, kämpften für eine bessere Gesellschaft.

Grigorij nahm den Hörer ab. „Ja.“

„Iswestja?“, fragte eine atemlose Stimme.

„Ja“, brummte Grigorij.

„Kommen Sie heute Abend um acht vor die Sophienkathedrale, zum Toreingang. Stellen Sie sich mit dem Gesicht zur rechten Wand. Ich werde Ihnen etwas Interessantes geben.“

„Ja, wahrscheinlich ein Messer in den Rücken. Wieso sollte ich das tun?“

Der Mann am anderen Ende zögerte, er schien zu verstehen. „Natürlich. Sie haben recht. Ich möchte nur sichergehen, dass Sie es bekommen und niemand anderes.“ Er räusperte sich. „Sie sollen wissen, dass ich Sie verehre. Obwohl ich für die andere Seite arbeite. Sie bleiben vor dem Toreingang stehen. Wenn ein Mann herauskommt, gehen Sie hinein und nehmen das Paket, das links an der Wand liegt.“

„Nochmal: Warum sollte ich das tun? Es könnte eine Falle sein.“

„Ja. Oder die Geschichte Ihres Lebens. Die Geschichte, die die Ukraine verändern wird. Es geht um Tatjana Setschenka. Überlegen Sie es sich gut. Auch ich gehe ein Risiko ein. Und ich werde auf jeden Fall da sein.“

„Es war also Mord.“

Das unsichtbare Gegenüber schwieg und legte auf.

Grigorij überlegte eine Packung Zigaretten und eine halbe Flasche Wodka lang. Dann rief er seinen Freund und Kollegen Mandelow an.

„Ich habe heute Abend ein Treffen wegen unserer Geschichte. Im Turm der Sophienkathedrale. Kannst du mir Rückendeckung geben?“

Katharina Iswestja

Kiew, 4. Mai 2004, spätnachmittags

 „Sie hätten sich anmelden müssen.“

Der Wärter in dem Glaskasten in der Eingangshalle der Botschaft legte genervt seine Zeitschrift beiseite. Men’s Health.

„Außerdem sind Sie keine Deutsche.“

„Ich lebe seit elf Jahren in Deutschland, ich habe in Deutschland mein Abitur gemacht, ich habe in Deutschland studiert, mit einem deutschen Stipendium. Ich bin Journalistin bei einer deutschen Zeitschrift und ich habe Probleme.“

„Wegen Ihrer Funktion als Mitarbeiterin einer deutschen Zeitschrift?“

„Ich denke schon.“

„Mal sehen, was ich tun kann.“ Er seufzte und tippte mit abgespreiztem kleinem Finger eine Nummer in den Telefonapparat. „Eine Dame für den Presseattaché.“

Pause.

„Nein, nicht angemeldet.“

Pause.

„Ja, es ist 17 Uhr.“

Er trommelte mit seinen Fingern auf dem Telefon herum.

„Ja, Journalistin. Moment.“

Wir sahen beide auf seinen kleinen Finger, an dem ein silberner Ring steckte und hoben gleichzeitig den Blick.

„Welche Redaktion?“, fragte er.

Look!

Er drehte sich weg. „Look!

Pause.

„Kenn ich auch nicht. Ja, ist gut.“

Er legte auf und drehte sich mir wieder zu. „Sie haben Glück.“

 

Ich musste den Inhalt meiner Tasche ausleeren und aus meiner Wasserflasche trinken, um zu beweisen, dass kein Sprengstoff darin war. Weil ich nicht in die Luft flog, durfte ich die Eingangshalle betreten, wo mich der Presseattaché abholte. Er sah aus wie ein etwa 35-jähriges Keanu-Reeves-Double.

Sein Büro lag im ersten Stock. Es war sehr nüchtern eingerichtet. In den weißen Regalen standen Sachbücher, an der Wand neben mir hingen ein Kalender mit ukrainischen Kirchen und ein Jahresüberblick, in den er seine Urlaube mit grünen Kringeln markiert hatte. Er wies mit der Hand auf einen weißen Lederschwingstuhl und setzte sich selbst hinter seinen aufgeräumten Schreibtisch. Ich rutschte unsicher auf meinem Stuhl hin und her und fand mein Problem auf einmal lächerlich und darüber hinaus auch schwer zu beschreiben.

Ich beschloss, einfach die Wahrheit zu sagen. Ich schilderte mein Problem so kurz wie möglich und erwähnte, dass ich die Tochter von Grigorij Iswestja sei. Denn das war ja wohl eine plausible Erklärung für eine mögliche Bedrohung. Keanu Reeves sah mich verständnisvoll an und ich fühlte mich das erste Mal in Kiew wirklich sicher. Schließlich war ich in der Botschaft auf deutschem Terrain, in einem Stück Heimat. Jemand hörte mir zu, jemand, der mir bestimmt helfen konnte. Ich ließ mich tiefer in den bequemen Stuhl sinken. Keanu Reeves stand auf, holte eine Flasche Wasser aus einer Kiste, füllte zwei Gläser und stellte eines vor mich hin.

„Ich lebe sehr gern in Kiew“, hob er an. „Die meisten Menschen sind sehr nett und die Ukraine hat eine sehr interessante Geschichte und Kultur. Auch das Essen wird immer besser“, sagte er und grinste.

Ich war nicht sicher, ob er mit mir über meine Ängste sprechen wollte. „Ich finde Kiew auch schön und die Ukraine war einmal meine Heimat“, entgegnete ich deshalb. „Vielleicht übertreibe ich mit meiner Besorgnis?“

„Ich muss Ihnen leider sagen, dass es nicht sehr klug war, herzukommen“, sagte er ernst. „Natürlich haben sich die Zeiten geändert, vieles hat sich zum Besseren gewendet. Aber viele Leute von damals sitzen noch immer an den Schaltstellen der Macht. Ich kenne natürlich den Fall ihres Vaters. Die Beschäftigung mit wichtigen Persönlichkeiten gehört in meinem Beruf zur Vorbereitung auf die Tätigkeit hier dazu. Er hat ziemlich abrupt das Land verlassen müssen. Alle haben vermutet, dass er von mächtigen Leuten unter Druck gesetzt wurde, weil er etwas Wichtiges aufgedeckt hatte. Ich kann mir vorstellen, dass es Leute gibt, die immer noch ein Hühnchen mit ihm rupfen wollen.“ Er hielt inne und verlor sich in Gedanken. „Was hat er Ihnen erzählt?“, fragte er dann, jetzt neugierig nach vorn gebeugt.

Also doch. Es war, wie es schien, eine größere Geschichte. „Gar nichts. Ich habe ihn seitdem nicht mehr gesprochen. Meine Mutter hat nach unserer überstürzten Abreise nach Deutschland den Kontakt abgebrochen.“

„Das wiederum war wahrscheinlich klug. Nicht selten werden auch die Familien von unliebsamen Journalisten bedroht.“

Ich weiß das nur zu gut, dachte ich. Aber hier war weder Zeit noch der richtige Ort, um darüber zu sprechen.

Er sah mich interessiert an.

„Sie sind auch Journalistin geworden …“

„Ich schreibe nichts Politisches. Von derartigen Verwicklungen habe ich für das Leben genug“, sagte ich bitter.

Unverwandt blickte er mich an.

Mir wurde klar, dass ich ihn attraktiv fand, verbot mir jedoch, weiter darüber nachzudenken, weil mir klar war, dass dieses Begehren an meiner Einsamkeit und meiner Angst lag. Ich wünschte mir einen Beschützer – dort saß einer.

„Wissen Sie denn etwas darüber, was mein Vater aufgedeckt haben könnte?“, fragte ich, um die Stille zu durchbrechen.

„Darüber haben schon viele spekuliert, nicht nur ich. Manche vermuten, dass es etwas mit den damaligen Präsidentschaftswahlen zu tun gehabt haben könnte. Es ging nicht alles mit rechten Dingen zu. Tatjana Setschenka, die Konkurrentin von Karkow, der dann später Präsident wurde und es übrigens heute noch ist, hatte damals einen Unfall auf dem Weg zu ihrer Datscha. Das Auto mit ihrer Leiche wurde in einem Fluss gefunden. Man fand keine Spuren von Fremdeinwirkung.“

„Sie war ganz allein unterwegs?“

„Sie war sehr eigensinnig und soll angeblich heimlich losgefahren sein. Sie habe ihre Leibwächter ausgetrickst. Einen von ihnen schickte sie in eine Autowerkstatt, um ihren Ferrari abzuholen. Als er zurückkam, war sie schon weg. Er folgte ihr, aber er kam zu spät.“

Er dachte nach und schenkte mir Wasser nach. „Es gab das Gerücht, dass Ihr Vater, Grigorij Iswestja, für den Tod von Tatjana Setschenka verantwortlich war. Dass er sie erpresst hat. Sie soll sich deshalb das Leben genommen haben. Aber ich glaube, dass dieses Gerücht gezielt gestreut wurde. Sie war eine harte Frau, die sich gewehrt hätte, und Ihr Vater nicht der Typ für Erpressungen. Ich glaube, er hat herausgefunden, wer sie ermordet hat. Das würde ich aber niemals öffentlich äußern.“

„Was war mein Vater denn für ein Typ?“

„Seltsam, dass ich ausgerechnet Ihnen das erzählen soll.“

„Ich habe ihn nur als Kind und Jugendliche gekannt. Aber er hat vieles vor mir geheim gehalten. Offenbar den wesentlichen Teil seines Lebens. Er war fast nie da. Meine Mutter hat mir kaum etwas über ihn erzählt. Ich glaube, sie wollte mich schützen. Ich weiß nichts über diesen Fall.“

„Darüber wurde auch in den Medien nicht besonders viel ausgebreitet. Hier herrschte Zensur. Und natürlich hatte die Sache einen Beigeschmack für Karkow, der spielend leicht über den Ersatzkandidaten siegte. Gegen Setschenka hätte er die Wahl wahrscheinlich verloren.“

„Und? Was war mein Vater nun für ein Typ?“

Keanu Reeves lehnte sich zurück. „Leute, die ihn kannten, haben mir erzählt, dass er ziemlich mutig war. Ein aufbrausender, lebenslustiger Mensch, der mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg hielt. Die, die ihn kannten, mochten ihn. Seine Feinde fürchteten ihn.“

„Das klingt ja nach einem richtigen Helden“, sagte ich spöttisch, obwohl mir nicht nach Spott zumute war. Ich war verwirrt. Die Beschreibung entsprach nicht dem Bild, das ich von meinem Vater gewonnen hatte.

Keanu schwieg.

„Glauben Sie, dass ich aufpassen muss, nur weil ich seine Tochter bin?“, fragte ich.

„Ich kann Ihnen nur eines raten: Benehmen Sie sich unauffällig und schreiben Sie, wie schön man hier einkaufen kann und wie luxuriös die Hotels sind. Und seien Sie nett zu Ihrem Verfolger. Ich glaube nicht, dass Sie in großer Gefahr sind. Das Risiko, dass jemand einginge, wenn er Ihnen etwas antäte, wäre viel zu hoch. Es gäbe ziemlichen Ärger und Aufruhr. Zu viel Aufmerksamkeit. Und die Zeiten haben sich geändert. Heute können selbst die Oligarchen nicht mehr hemmungslos tun, was sie wollen … hoffe ich zumindest“, sagte er nach einer kurzen Pause. „Geben Sie einfach keinen Anlass dafür, dass der Preis sich lohnt. Oder noch besser: Reisen Sie bald ab.“

„Ich fahre übermorgen.“

„Seien Sie vorsichtig und melden Sie sich sofort, wenn Sie in Schwierigkeiten sind.“

Als ich auf die Straße trat, klingelte mein Handy. Es war meine Cousine Anna. „Ich habe dich im Hotel heute Nachmittag verpasst. Wir wollen dich heute einladen. Passt es dir so um acht?“

Ich sagte zu, froh, den Abend nicht allein verbringen zu müssen.

 

Ich ging die vierspurige Straße hinunter Richtung Chreschatik. Ich fühlte mich durch das Gespräch etwas sicherer – zumindest bis zu dem Zeitpunkt, als ich in die breite Einkaufsstraße einbog. Ich hatte wohl unterbewusst gehofft, dass sich die Dinge von selbst zurechtrücken würden, nachdem ich mit jemandem aus der Botschaft gesprochen hatte. Ich hätte es besser wissen müssen.

Der Mann mit dem Zopf war wieder da. Er lief völlig ungeniert hinter mir her, ohne sich zu verstecken. Aber etwas hatte sich doch verändert. Der Besuch in der Botschaft hatte mir Kraft gegeben. Schließlich hatte Keanu Reeves mir bestätigt, dass mir niemand etwas antun würde, solange ich keine kritischen Themen antastete.

Rechts von mir führte eine kleine Kopfsteinpflasterstraße durch einen turmhohen, verzierten Bogen in eine kleine Passage, die von Jugendstilgebäuden gesäumt war. Ich durchschritt das Tor. Nach hundert Metern lockte auf der linken Seite eine kleine Konditorei. Die Fenster waren mit weißen, verschnörkelten Zuckerbäckerbuchstaben bemalt, und ein altes Emaille-Schild lud in deutscher Sprache ein, hereinzukommen.

Ich verschwand schnell durch die Tür. Ein Glöckchen bimmelte. In der Auslage drängten sich hinter blank geputztem Glas Kuchen und Pralinen. Puderzucker bedeckte die Zwischenräume wie feiner Schnee. Ich setzte mich an einen Tisch und wartete, dass mein Verfolger sich in Luft auflöste. Der wartete auf der anderen Straßenseite auf Godot und sah sich währenddessen ein Schaufenster an. Ich bestellte einen Schokoladenkuchen, auf den ich eigentlich keinen Appetit hatte, und einen Cappuccino.

Ich nahm eine Zeitung aus dem Ständer und versuchte mir vorzustellen, ich sei in einem österreichischen Kaffeehaus, doch es wollte sich keine Behaglichkeit einstellen. Ich starrte auf die Buchstaben, nahm aber keine Informationen auf. Ich musste etwas unternehmen. So konnte es nicht ewig weitergehen. Ich stand auf, ging hinaus und überquerte die Straße. Natürlich sah er mich im Spiegelbild des Schaufensters kommen, aber er blickte stoisch weiter auf die Auslage: Damenschuhe. Ich stellte mich neben ihn.

„Jetzt weiß ich, was los ist!“, sagte ich auf Ukrainisch. „Sie tragen heimlich Frauenkleidung und wollen meine Schuhe stehlen!“

Er drehte sich zu mir um und blickte mich ungerührt an.

„Sie haben gesagt, Sie folgen mir nicht“, sagte ich und fixierte ihn. „Dann ist es also Zufall, dass Sie hier stehen?“

„Kiew ist viel kleiner, als man denkt“, sagte er trocken, aber etwas blitzte in seinen Augen auf. Er hat Humor, schoss es durch meinen Kopf. Oder meine überreizten Nerven gingen so langsam mit mir durch.

„Wissen Sie was? Wir sind ja schon so etwas wie Freunde. Füreinander bestimmt, quasi. Unsere Schicksale sind verwoben, weil wir uns immer zufällig an denselben Orten aufhalten, ohne uns zu kennen. Ich lade Sie zu einem Kaffee ein, wie man ihn in Europa trinkt. Da kommen Kriminelle wie Sie sowieso nie hin.“

Er grinste. Er sah überhaupt nicht gemein aus.

„Sie wissen, dass Kriminelle – wie ich Ihrer Meinung einer bin – da alles aufkaufen, oder? Vielleicht gehört Ihre Stammkneipe schon längst uns.“

 

Er spielte mit dem Henkel seiner Kaffeetasse und wir mussten aussehen wie ein Paar, das beim Shoppen eine Pause machte. Seit mindestens zehn Minuten saßen wir gemeinsam schweigend am Tisch, nachdem er seinen Cappuccino bestellt hatte. Immer wieder fochten unsere Augen einen Kampf aus, mal senkte er, mal ich den Blick zuerst.

Ich gab mir einen Ruck.

„Mein Name ist Katharina Iswestja.“

„Ich weiß“, sagte er.

Etwas veränderte sich in mir. Meine Furcht, die ich gerade beinahe verloren hatte, erhob sich von Neuem. „Ich lebe seit elf Jahren in Deutschland. Mein Vater war ein Dissident, der das Land verlassen musste. Ich bin Journalistin und hasse Politik. Ich schreibe über Mode und Hotels. Brauchen Sie einen Stift zum Mitschreiben?“

„Langweilig. Das weiß ich alles schon.“

Mein Körper fühlte sich an wie schockgefroren. Ruhig bleiben, dachte ich, Kontrolle behalten.

Er hielt die Tasse mit seinen Fingern umschlungen. Er hatte kräftige, lange Finger und trug einen ziselierten Silberring am Daumen. Ich hielt normalerweise Männer mit schönen Händen für intelligent und sensibel.

„Wer sind Sie? Arbeiten Sie für die Regierung?“

„Ich heiße Boris.“

„Warum folgen Sie mir?“

„Was soll ich dazu sagen?“

„Zum Beispiel, wer Sie bezahlt.“

Boris nahm den kleinen Keks, der auf einem Extrateller zum Cappuccino gereicht worden war, betrachtete ihn intensiv und steckte ihn sich in den Mund. Er nahm sich die Zeit, ihn gründlich zu zerkauen. Als der Keks vollkommen pulverisiert sein musste, schluckte er und sagte: „Kein Kommentar.“

Eine dicke Touristin starrte mich vom Nachbartisch aus an. Sie hatte einen englischsprachigen Reisführer von Kiew in der Hand und neben ihr standen mehrere Einkaufstüten mit dem roten Stern. Ich starrte zurück, nahm währenddessen meinen Keks, kaute dreimal und schluckte ihn hinunter. Die Touristin schaute schnell wieder in ihr Buch. Boris zog eine Augenbraue hoch.

„Arbeiten sie für Abramow?“, fragte ich beiläufig.

„Abramow?“ Borisʼ Gesichtszüge entglitten. Nur kurz. Aber ich hatte es gesehen. „Welcher Abramow?“

„Der Oligarch. Den alle kennen. Sie auch. Und für den viele arbeiten“, entgegnete ich. „Sagen Sie mir, ob Sie für ihn arbeiten.“

„Sie brauchen keine Angst zu haben“, sagte er ruhig.

Wir blickten einander an. Ich beschloss, meinem Instinkt zu folgen. Ich glaubte ihm.

Ich nahm mein Portemonnaie aus der Tasche, zog einen Schein heraus und stand auf. „Sie können mir gern folgen. Es wird sich allerdings als sehr langweilig herausstellen. Wie auch immer, ich muss jetzt gehen“, sagte ich, legte das Geld auf den Tisch und ließ ihn allein sitzen.

Katharina Iswestja

Kiew, 5. Mai 2004, abends

 Ich begab mich erneut in das Einkaufszentrum unter dem Majdan. Unten an der Rolltreppe hielt mir ein schmutziger Kerl seinen Bauchladen mit Zigaretten entgegen. Ich umkurvte ihn und ging auf die gläsernen Schwingtüren zu, die in das Einkaufszentrum hinein führten. Hier stießen die Aufenthaltsorte der Armen und der Reichen direkt aufeinander. Was für eine Diskrepanz zwischen dem Dreck, dem Uringeruch und den feuchten Wänden vor der Tür und der Wunderwelt drinnen. Ein wolkenweißer Himmel für Power-Shopper. Der Fußboden blendete mich vor lauter Sauberkeit. Meine Füße betraten weißen Marmor, die Wände waren hell gekachelt. Auf zwei Etagen reihten sich Boutiquen, Delikatessläden, Buchhandlungen und Fresstempel aneinander. Rolltreppen transportierten Menschen, Kinderwagen und Einkaufstüten hinauf und hinunter.

Ich schlenderte an den Auslagen vorbei. Ich konnte den kleinen Bummel genießen, denn ich fühlte mich besser. Mein Verfolger – Boris – erschien mir nicht mehr so bedrohlich und ich würde ohnehin morgen Abend abreisen. Bis dahin würde ich nichts tun, was mir schaden könnte. Ich würde meine Tante besuchen und einige Touristenattraktionen besichtigen und noch ein Interview im Tourismusministerium sowie mit einem Fremdenführer führen.

Ich betrat einen Laden, aus dem Duft nach Schokolade und Kaffee drang und kaufte teuren Filterkaffee und Pralinen für meine Tante. Nach einigem Zögern erstand ich noch einen Porzellanfilter. Die meisten Ukrainer tranken schließlich Aufguss-Kaffee, und ich war nicht sicher, ob Tante Lisa ohne Filter etwas mit meinem Geschenk anfangen konnte. In einem Buchladen fand ich einen Bildband über Deutschland auf Ukrainisch.

Ich nahm ein Taxi und nannte dem Fahrer die Adresse, die meine Cousine mir gegeben hatte. Es war jetzt mehr als ein Pflichtbesuch. Ich wollte Tante Lisa nach meinem Vater fragen. Der Besuch in der Botschaft hatte mein Interesse geweckt. Ich wollte mehr über seine mir unbekannte Seite wissen, die offenbar viele Menschen beeindruckt hatte.

Tante Lisa und Anna wohnten am Stadtrand von Kiew, in einem Viertel, das aus kleineren Plattenbauten bestand. Vor dem Haus lag eine stellenweise kahle Rasenfläche. Die Haustür schloss nicht richtig. Ich fand den Namen Iswestja und drückte die Klingel. Ich betrat das Treppenhaus und stieg eine Treppe hinauf. Die Wände im Treppenhaus blätterten ab, sie waren feucht und schimmlig. Beladen mit den Geschenken kam ich vor einer weißen Holztür zum Stehen, in deren Mitte ein Spion eingelassen war. Die Klingel schepperte etwas.

Eine Frau, die mir ähnlich sah, öffnete. Sie trug einen langen dunklen Rock und eine gemusterte Bluse.

„Katharinchen“, seufzte sie und schloss mich in die Arme. Dann schob sie mich ein Stück von sich weg und musterte mich von oben bis unten. „Wie schön, dich zu sehen! Willkommen in Kiew. Du bist erwachsen geworden. Eine richtige Frau! Und du siehst aus wie dein Vater, mein geliebter Bruder, der mir immer schlaflose Nächte voller Sorge bereitet. Dieselben hohen Wangenknochen, dieselben Augen. Ach, was rede ich mir den Mund fusselig. Komm erst mal rein.“

Sie zog mich an der Hand in die Wohnung und ging vor mir her in ein kleines Wohnzimmer. Es war sehr sauber und aufgeräumt. Bunt gemusterte Teppiche lagen auf dem Boden, ein großer dunkler Holztisch mit vier Stühlen stand in der Mitte. Auf dem Tisch standen drei weiße Suppenteller auf flachen Esstellern, daneben aufgerollte weiße Stoffservietten in silbernen Ringen und silberne Löffel, Gabeln und Messer.

An einer Wand befand sich ein großes Bücherregal. Ich sah alte gebundene Bücher, manche schon richtig speckig, andere gepflegt mit gold-braunem Einband. Auf anderen Brettern standen zerlesene Taschenbücher. Vor den Büchern lehnten an manchen Stellen Bilderrahmen mit Fotos. Ein Foto von mir und meinen Eltern war darunter. Ich musste etwa sechs Jahre alt sein. Ich erinnerte mich dunkel: Wir waren auf einer Hochzeit eingeladen und ich trug stolz meine weißen Kniestrümpfe und schwarze Lackschuhe. Meine Eltern sahen jung und glücklich aus. Ein anderes Bild zeigte Tante Lisa und ihren Mann Anton, Arm in Arm. Er hatte sie verlassen, als Anna noch klein war, Lisa hatte ihren Mädchennamen wieder angenommen. Es war ein steifes, gestelltes Foto, Anton mit schwarzem Hut, Lisa mit buntem Kopftuch. Sie starrten unsicher in die Kamera.

Anna kam herein. Sie trug eine große Schüssel mit Blumenmuster. Unter dem Deckel ragte der Stiel eines Suppenlöffels hervor. Sie stellte die Schüssel ab und umarmte mich.

„Hey, Katharina. Leider hat Pjotr keine Zeit. Ich hätte ihn dir gern vorgestellt.“

„Setz dich und iss erst einmal!“ Tante Lisa schob mich auf einen der Stühle.

Anna füllte meinen Teller mit Borschtsch. Während wir die rote Suppe mit dem weißen Sahneklecks löffelten – sie schmeckte tausendmal besser als in dem Restaurant – schaute Tante Lisa mich immer wieder an und wiederholte mehrmals, wie groß und wie schön ich geworden sei. Dann musste ich von Zuhause erzählen.

„Ich schreib natürlich regelmäßig mit deiner Mutter, aber dass du hier bist und uns erzählen kannst, was es Neues gibt, ist viel schöner“, sagte sie gerührt. „Natürlich berichtet Irina viel von dir. Von dir selbst haben wir seit deinem Auszug von zu Hause gar nichts mehr gehört.“

Ich löffelte schweigend meine Suppe. Schweigend, weil mir klar wurde, dass ich die beiden über meinem aufregenden Leben vorübergehend vergessen hatte,– und dass für sie Nachrichten von uns ein wichtiger Bestandteil ihres Alltags war – Familie zählte hier so viel.

„Es tut mir leid, dass ich mich nicht gemeldet habe“, sagte ich dann. „Mein neues Leben ist so voll und turbulent, mit neuem Job und dem Einrichten unserer ersten Wohnung.“

Lisa und Anna waren nicht böse und fragten mich neugierig über das Leben in einer WG aus.

Anna sammelte die Suppenteller ein, ging hinaus und kam mit einer Holzplatte voll getrockneter Tomaten, Schafskäse, Peperoni und Brot wieder. Tante Lisa holte von einer braunen Anrichte ein Brett, auf dem rote Basilikumblätter, Petersilie und Koriander lagen. Während wir aßen, erzählte Tante Lisa von ihrem Alltag. Sie sagte es nicht explizit, aber ich hörte heraus, dass sie sehr arm waren. Noch ärmer, als wir es zu Beginn in Deutschland gewesen waren.

Doch Tante Lisa klagte nicht, sondern beschrieb die Lage relativ sachlich. Man war nicht so allein in der Armut, wie man es in Deutschland sein konnte. Viele waren in derselben Situation und man half sich gegenseitig. Meine Cousine unterstützte Tante Lisa. Ich merkte, dass beide gern mehr Verwandte in Kiew gehabt hätten. Je größer die Familie, desto mehr Halt hatte man eben.

Ich schenkte ihr den Bildband von Deutschland. Tante Lisa sah sich die Bilder durch die braune Halbbrille, die sie aufgesetzt hatte, genau an.

„Deutschland ist wirklich schön“, sagte sie. „Ich habe mir immer gewünscht, einmal dort hinzufahren. Ich sehe gern Berichte im Fernsehen über eure neue Heimat. Dann kann ich mir immer vorstellen, wie ihr lebt. Wie mein Bruder lebt. Die Häuser sind besser in Schuss. Und die Landschaft gefällt mir, mit den Hügeln, und hier – die schönen Dörfer mit den Fachwerkhäusern. Aber nicht ganz so schön wie unsere Felder und Berge.“

Ich versuchte ihr klar zu machen, dass zwar vieles besser sei, jedenfalls in wirtschaftlicher Hinsicht, aber nicht unbedingt einfacher. „Von hier aus sieht man nur die Tatsache, dass wir mehr Geld haben und dass man bei uns alles kaufen kann. Das ist wirklich besser als hier. Aber es macht nicht automatisch glücklich.“

„Aber ihr beiden habt es jetzt besser in Deutschland, schau wie ich lebe. Und ich habe Mathematik studiert. Ich verhungere trotzdem fast“, sagte Lisa leise.

Anna mischte sich ein.

„Ich wäre glücklich, wenn Pjotr und ich uns eine Wohnung leisten könnten. Und wenn ich Geld zum Studieren hätte. Man muss hier reich sein, um studieren zu können, denn man muss die Lehrer und die Professoren bestechen.“

Ich hätte die Diskussion am liebsten abgebrochen. Wir waren uns einig: das Leben in Deutschland war einfacher, besser, gesünder. Es ist nicht leicht, aus der komfortableren Situation heraus zu argumentieren, ohne zu lügen und ohne überheblich zu wirken.

„Bei uns gibt es mehr soziale Kälte“, sagte ich. „Wer nicht mithalten kann, ist sehr einsam.“ Die beiden schauten mich wortlos an.

Ich atmete tief ein. „Ich habe Glück gehabt“, sagte ich. „Ich lebe in Deutschland und es geht mir gut. Bei uns muss niemand verhungern. Es ist nicht fair. Es ist eine Lotterie, in welchem Land man geboren wird, wo man hingerät. Das hat nichts mit Leistung zu tun und nichts mit dem Wert des Menschen.“

Die Spannung löste sich. „Genau“, sagte Tante Lisa. „Und ich freue mich, dass du es geschafft hast. Und Anna wird es auch schaffen, denn auch hier wird die politische Situation und damit unser Leben eines Tages besser sein. Und wenn Anna ein einfacheres Leben hat als ich, dann bin auch ich glücklich.“

Sie stand auf und verschwand mit den Tellern in der Küche. Ich wollte aufstehen und ihr helfen, doch Anna hielt mich zurück. „Nein, du bist unser Gast“, sagte sie.

„Ich helfe gern.“

Anna lächelte. „Ich weiß. Wir sind eine Familie.“

Lisa kam mit einem Tablett zurück. Darauf standen drei Tassen, eine Teekanne und ein Teller voller selbstgebackener Kekse und Zuckerzeug. Sie schenkte den dunklen, duftenden Tee ein und hielt mir den Keksteller hin.

„Die sehen wirklich lecker aus“, sagte ich. “Eigentlich versuche ich immer Kalorien zu sparen. Aber ich mache mal eine Ausnahme.“

Wir lächelten uns an und tranken schweigend unseren Tee.

Dann beugte Tante Lisa sich unvermittelt vor und fragte: „Sag mal, Katharina, warum hast du keinen Kontakt zu deinem Vater?“

Die Frage kam ja nun wirklich nicht überraschend, aber ich hatte keine Antwort parat. Natürlich hätte ich, wie jeder Mensch, gern eine heile Familie gehabt. Aber mit meinem Vater verband ich nur Erinnerungen voller Angst – die wenigen Glücksmomente konnten das nicht aufwiegen. Ich glaubte, dass es für mich einfacher war, möglichst wenig über meinen Vater nachzudenken, es schmerzte und führte zu nichts.

„Wieso fragst du?“, fragte ich deshalb nur.

„Wir schreiben uns und telefonieren. Er ist schließlich mein Bruder. Er spricht nicht über seine Situation. Eigentlich weiß ich fast nichts über ihn – wahrscheinlich, weil er immer noch gefährliche Themen recherchiert. Und weil er nicht über seinen Schmerz sprechen möchte. Aber ich weiß natürlich, dass ihr keinen Kontakt habt. Und ich mache mir Sorgen. Er ist ganz allein.“

Ich rührte in meinem Tee. „Mutter hat ihm nicht verziehen, in was für eine Situation er uns gebracht hat, das weißt du doch“, sagte ich. „Seit wir ihn verlassen haben, kenne ich ihn einfach nicht mehr. Er ist ein Fremder für mich.“

„Lern ihn kennen.“ Tante Lisa sah mich über den Rand ihrer Halbbrille hinweg an.

„Ich habe keine guten Erinnerungen an ihn“, sagte ich trotzig.

„Er ist ein guter Mensch.“ Sie hielt kurz inne. „Mit Schwächen.“

„Er hat getrunken“, sagte ich hart. „Und zwar nicht zu knapp.“

„Hat er dich geschlagen?“, fragte Lisa.

„Nein. Natürlich nicht.“

Natürlich ist das hier nicht. Nicht wenige Männer trinken und werden dann brutal. Dein Vater ist kein schlechter Mensch. Er ist sehr mutig und opfert sich als Journalist für andere. Er kämpft für ein höheres Ziel. Das ist sehr ehrenvoll, weil nicht jeder sein Leben ohne Grund für andere aufs Spiel setzt.“

Ein altes, bekanntes Gefühl tauchte in mir auf. Ich erinnerte mich, dass Vater immer sagte, sein Handeln sei notwendig. Unsere Angst um ihn, die Attentate auf uns, das alles schienen aus seiner Sicht unvermeidbare Folgen zu sein, Kollateralschäden, Naturgesetzen gleich, die man nicht ändern konnte. Meine Gefühle als Kind, meine Angst und Wut erschienen mir damals immer schlecht, egoistisch und unmoralisch, weil sie sein gutes Handeln in Frage stellten. Aus meiner heutigen Sicht fand ich das sehr unfair von ihm. Weil ich gelitten hatte, weil ich als Kind nicht erkennen konnte, dass mir Unrecht geschah, und weil ich im Gegenzug keinen Schutz und keine Einfühlsamkeit von ihm bekam. Aber ich wollte nicht mit Lisa streiten.

„Bitte, lass uns nicht darüber reden“, sagte ich. „Ich freu mich so, euch zu sehen.“

Anna nahm meine Hand und drückte sie.

Lisa blieb stumm. Sie blickte auf den Tisch und sah traurig aus. Dann stand sie auf und kam mit einer Flasche und drei Gläsern zurück.

„Willst du einen Wodka?“

Ich hielt ihr mein Glas hin und sie schenkte mir ein.

Lisa rückte ihren Stuhl an meine Seite und legte den Arm um mich. Ich bemerkte, dass ihre Hand alt aussah, obwohl sie erst etwa fünfundfünfzig war. „Kindchen, ich weiß nicht, was dein Vater verbrochen hat, dass er untertauchen musste. Er hat es niemandem erzählt, nicht einmal deiner Mutter. Das hatte sicher einen Grund. Wahrscheinlich wollte er euch beschützen. Und er hat in Kauf genommen, euch deswegen zu verlieren. Egal, was er jetzt macht, du solltest wissen, dass er für uns, die die Verhältnisse hier kritisch sehen, ein Held war und immer noch ist. Es war immer lebensgefährlich, sich mit den Mächtigen anzulegen, aber er hat es getan.“ Gedankenverloren starrte sie vor sich hin, und ich stellte mir vor, wie vor ihren Augen die Bilder der Vergangenheit erschienen. „Grigorij war schon immer ein schwieriger Mensch. Wie unter Zwang musste er Ungerechtigkeiten benennen und ändern. Er hatte schon in der Schule ständig Ärger mit den Lehrern, und unsere Eltern hatten alle Hände voll damit zu tun, dass er überhaupt einen Abschluss bekam. Die Mädchen liebten ihn, er war schon als Jugendlicher ein Held. Vielleicht hat er irgendwann die Bodenhaftung verloren, seine Aufgabe zu wichtig genommen. Vielleicht hatte er das Gefühl, dass nur er allein die Welt verbessern konnte. Aber heißt das, dass er ein böser Mensch war? Er hat nie für sich gekämpft, immer für andere. Wie sähe die Welt heute aus, ohne Menschen wie ihn?“

Wir schwiegen und ich nahm noch einen Schluck Wodka. Und noch einen. Wenn er nicht mein Vater wäre, würde ich ihn vielleicht bewundern, dachte ich. Die Betroffenen, die unter den Verhältnissen litten, wünschten sich immer, dass andere sich die Hände schmutzig machten. Aber Lisa hatte recht, einer musste es tun.

„Er wollte unbedingt die Wahrheit aufdecken.“ Lisa sah mich an. „Deine Mutter hat immer gesagt, dass er aufhören soll, dass er an dich denken soll und an sie. Dass sie einfach nur in Frieden leben möchte. Aber er wollte immer, dass die Gerechtigkeit siegt. Er war der Meinung, dass es Dinge gibt, die größer sind als das Leben einzelner, dass es Dinge gibt, für die es sich lohnt, sein Leben aufs Spiel zu setzen. Vielleicht auch eures. Er hat euch nicht gefragt, das kann man ihm bestimmt vorwerfen. Aber die Leser seiner Zeitung glaubten ihm. Sie wollten die richtige Version der Geschichte ihres Landes gedruckt sehen. Das, was sie instinktiv spürten, das, was sie in ihrem Alltag erlebten. Sie wollten, dass jemand Zeugnis ablegte. Sie wollten wissen, warum es ihnen nicht gut ging, obwohl die offizielle Propaganda behauptete, dass sie in einem Paradies lebten, in dem gerechtesten Land der Welt. Sie glaubten nicht dem Gerede der Parteibonzen, denen es gut ging, denn jeder konnte an seinem eigenen Alltag sehen, dass es den meisten schlecht ging. Warum wohl wollten denn alle weg in den Westen?“ Ihre Hände fuhren auf dem Tisch hin und her und schoben ihre Serviette zu Boden, ohne dass sie es merkte.

„Grigorij arbeitete an einer großen Geschichte. Er war angespannt. Er rauchte und trank noch mehr als sonst. Auf einmal war er dann verschwunden. Wir hörten nur von einem Kollegen, dass er geschnappt worden sei. Das war kurz vor den Wahlen. Und dann hörten wir, dass er auch in Deutschland war. Ich dachte damals, er sei bei euch.“

Wir schwiegen. Ich ließ Bilder von früher vor meinem inneren Auge vorüberziehen. Hier in Kiew war das leichter als in Hamburg. Die Bilder waren schärfer, gefüllt mit mehr Details. Als ob durch mein Umfeld alles näher an mich herangerückt war.

 

Ich sitze hinter der Wohnzimmertür und höre, wie meine Eltern sich anbrüllen. Immer wieder fällt der Name Mandelow, der Name eines seiner Kollegen. Ich halte mir die Ohren zu und schließe die Augen, bis es wieder ruhig ist. Ich betrete das Wohnzimmer und vergewissere mich, dass sie noch da sind.

Ein anderer Tag. Ein Tag wie so viele. Vater ist nicht da und Mutter geht unruhig in der Wohnung auf und ab. Sie nimmt einen Lappen und beginnt den Schrank abzuwischen. Sie lässt den Lappen fallen, greift zum Telefonhörer, wartet, redet leise, weint. Ich darf die Wohnung nicht verlassen und fühle mich eingesperrt in meinem kleinen Zimmer. Ich liege auf meinem Bett und starre an die Decke, von der an einer Stelle der Putz abbröckelt. Niemand erklärt mir, was los ist. Ich schlafe ein, meinen Eisbären im Arm, und werde davon geweckt, dass es an der Tür hämmert. Vater steht da. Mutter umarmt ihn nicht, sie schreit ihn an.

Ich mache Hausaufgaben. Es klingelt an der Tür, ich renne hin und öffne. Vater, Blut läuft ihm über die Stirn in die Augen, ich schreie wie am Spieß, Mutter kommt angerannt, schleift mich am Arm in mein Zimmer, schließt die Tür ab und wieder brüllt sie ihn an.

Und dann kommt der Tag, an dem das Telefon wieder einmal klingelt. Ich nehme den Hörer ab. Es ist Mandelow – Vaters Kollege. Mit seltsamer Stimme fragt er nach Mutter und ich reiche das Telefon an sie weiter. Sie ist erst ganz still, dann schreit sie ihn an. Ich erinnere mich noch genau an den Satz: „Ihr Idioten zerstört unser Leben. Was soll ich nur tun? Ich bin so allein.“

Vater taucht nicht wieder auf. Wenige Tage später muss ich meine Lieblingssachen in einen kleinen Koffer packen. Das sind eine braune Strumpfhose mit passendem Rock und eine rote Strickjacke. Und mein Kuschelhase und der Riesen-Eisbär, den Vater mir gekauft hatte, als er mal wieder tagelang verschwunden gewesen war. Obwohl ich schon vierzehn bin, schlafe ich jede Nacht mit den Kuscheltieren in meinem Arm. Ich muss den Koffer ziemlich zuquetschen, damit er hinein passt. Dann kommt Mutter hereingerannt und zerrt den Eisbären wieder heraus. Sie stopft stattdessen mehrere Slips und T-Shirts hinein. Ich protestiere, aber der Eisbär darf nicht mit, als wir mitten in der Nacht in ein Auto steigen. Ein fremder Mann sitzt am Steuer. Wir fahren stundenlang durch die Dunkelheit, auf kleinen, rumpeligen Straßen. Ich weine um den Eisbären. Und weil niemand mir sagt, wohin wir fahren und wo mein Vater ist. Ich schlafe ein. Einmal, als ich aufwache, halten wir. Ich sehe, dass der Mann seinen Arm um Mutters Schultern gelegt hat. Sie küssen sich. Ich kneife die Augen zu. Wir fahren weiter. Das Rumpeln des Wagens lullt mich wieder ein. Irgendwann, der Morgen dämmert schon, hält das Auto vor einem kleinen Bahnhof und wir steigen in den Zug um. Dass er uns nach Deutschland bringt, weiß ich damals noch nicht.

 

Ich wachte aus meinen Gedanken auf. Lisa saß zusammengesunken da und spielte mit der Serviette, die sie wieder aufgehoben hatte.

„Lisa, wer hat uns damals außer Landes gefahren?“

Lisa schreckte hoch.

„Das war jemand, der auf einmal auftauchte. Er sagte, der Anwalt deines Vaters habe ihn geschickt. Ich glaube, er hieß Karl. Ein schöner, kräftiger junger Mann, schwarzhaarig.“ Sie lachte genießerisch und erinnerte sich wohl an eine Zeit, in der sie noch zu flirten wagte. „Er war sehr geheimnisvoll, ich hatte das Gefühl, dass er mehr wusste, als er uns erzählte.“

„Ich würde ihn sehr gern finden. Ich will mehr über meine Vergangenheit erfahren“, sagte ich.

„Frag deinen Vater“, antwortete sie.

Sie schenkte Wodka nach und es war mir recht. Mir war danach, mich zu betrinken. Wir saßen jetzt schweigend, jede hing ihren Gedanken nach. Ab und an sagte jemand etwas Belangloses. Es waren zu viele Erinnerungen geweckt worden – mehr als wir empfinden konnten oder wollten.

Als ich mich später von Tante Lisa verabschiedete, nahm ich sie fest in den Arm. „Schön, dass wir uns wieder kennenlernen!“ sagte ich.

„Ja!“, sagte sie. Sie hatte Tränen in den Augen.

Grigorij Iswestja

Kiew, August 1993

 Er ging schon um sieben zu dem großen Platz vor der Kathedrale. Etwa hundert Meter vom Turm entfernt setzte er sich in den Schatten des Gebäudes, in dem die Staatsanwaltschaft untergebracht war. Er zog ein Fernglas aus seiner Tasche und ärgerte sich, dass er nicht rauchen durfte, weil das Glimmen der Zigarette ihn verraten hätte. Er wartete.

Fünf Minuten vor acht tauchte ein Mann auf, der zielstrebig im Dunkel des Torbogens der Kathedrale verschwand. Grigorij zoomte ihn heran und erkannte Vitja, einen von Abramows Leuten.

Abramow gehörte zu den Männern, die von ihm und seinen Kollegen genau beobachtet wurden, obwohl sie ihm vermutlich nie etwas Kriminelles nachweisen würden können. Abramow war zu mächtig und zu gerissen. Man sollte sich eigentlich nicht mit ihm anlegen, aber das stachelte Grigorij und seinen Kollegen und besten Freund Mandelow nur noch mehr an. Sie waren sich sicher, dass Abramow ein Verbrecher war. Der Gedanke, dass so ein Mensch ungestraft davonkam, machte sie rasend.

Abramow gehörte zum engen Umfeld Karkows, der nach dem mysteriösen Unfall von Setschenka garantiert der nächste Präsident werden würde. Karkow und Abramow gehörten beide zu der Sorte Mensch, die keine Angriffsfläche boten und an denen jede gerechte Strafe abglitt.

 

Vor einiger Zeit hatte Grigorij mit Karkow bei einem Empfang geplaudert. Bei ihnen hatten auch einige Vertreter der ausländischen Presse gestanden, die schon im Vorfeld der Wahlen hier recherchierten. Grigorij hatte gefragt, was Karkow denn als Erstes machen wolle, falls er Präsident werde.

„Ich würde die Qualität des Journalismus steigern. Hier werden zu viele Unwahrheiten verbreitet, die den Ruf unseres Landes schädigen.“ Karkow hielt ein Glas mit Whisky in seiner fleischigen Hand. Seine wässrigen Augen fixierten Grigorij. „Ich liebe Ihren Schreibstil. Ich würde Sie gern als Chefredakteur der Nowija Ukraina sehen.“

Die Nowija Ukraina hatte Tatjana Setschenka gehört.

„Wissen Sie, ich liebe meine Zeitung. Da kann ich schreiben, was ich will“, hatte Grigorij geantwortet. „Ich nehme an, ihr Freund Abramow wird Informationsminister?“

„Sie kennen sich ja bestens aus“, sagte Karkow lächelnd und starrte ihn einen Moment länger an, als es höflich gewesen wäre.

Ein deutscher Journalist, der, wie Grigorij wusste, in Kiew arbeitete, wandte sich Karkow zu. „Wird es mit Ihnen als Präsident weniger Überwachung der ausländischen Journalisten geben?“

„Aber selbstverständlich. Fragen Sie Iswestja.“ Er prostete Grigorij zu. „Habe ich Ihnen jemals eine Antwort verweigert?“

Grigorij lächelte gequält. „Man muss nur die richtigen Fragen stellen, sagen wir hier in der Ukraine, dann bekommt man keinen Ärger.“

 

Das alles schoss Grigorij durch den Kopf, als er Vitja dabei beobachtete, wie er in dem dunklen Torbogen verschwand. Grigorij betrachtete den hellblauen, mit weißem Stuck verzierten Turm, durch den man in den Innenhof der Kathedrale gelangte. Vermutlich hatte jeder Tourist, der jemals in Kiew gewesen war, ihn fotografiert.

Grigorij erhob sich langsam und ging im Schatten auf den Turm zu. Etwa einhundert Meter von ihm entfernt blieb er stehen. Bei ihm löste das prächtige Bauwerk normalerweise Ehrfurcht vor der jahrhundertealten Geschichte dieser Mauern aus, die Kriege, Krönungen, Geburten, Hochzeiten und Tod gesehen hatten. Jetzt aber empfand er eine hohe Anspannung und vor allem Angst. Angst, die tiefer ging als die nützliche Vorsicht, die man beim Überqueren einer Straße spürte. Es war, als stünde er ganz allein in einem stockdunklen Raum und ahne die Existenz eines fremden, todbringenden Wesens, welches er nicht sehen konnte.

Paradoxerweise genoss er zugleich die Gefahr – das Gefühl, ganz dicht an der Grenze zwischen Leben und Tod zu sein, wo er seine Lebendigkeit so intensiv empfand, wie das Brennen der Sonne auf der Haut, wenn man aus dem kalten Schatten trat. Grigorij achtete darauf, im Dunkeln zu bleiben.

Vitja, der jetzt seine Mütze tief in die Stirn geschoben hatte, trat aus dem Durchgang heraus und ging schnell an ihm vorbei, ohne ihn zu sehen. Grigorij sah ihm nach, bis Vitja etwa zweihundert Meter entfernt stehen blieb und dann schnell in einem Schatten verschwand.

Grigorij drückte sich an Hauswänden entlang auf den Turm zu und achtete darauf, dass er kein sicheres Ziel für einen Schuss abgab. In dem Torbogen war die Luft kühl und feucht. Einen Moment lang fühlte Grigorij sich im Schatten der alten Gemäuer sicher, so als sei seine Existenz nur ein kleines Detail ihrer Geschichte.

Direkt an der Wand lag ein kleines Paket. Grigorij fragte sich, ob es einen Sprengsatz enthielt. Er hatte schon genug Anschläge auf sein Leben erlebt. Seine Feinde gehörten nicht zu denen, die lange fackelten. Sie achteten das Leben eines Einzelnen nicht, sondern beseitigten emotionslos jeden, der sich ihnen und ihren Profitbestrebungen in den Weg zu stellen wagte.

Grigorij holte einen Pflasterstein aus seinem Rucksack, den er vorausschauend unterwegs an einer Baustelle aufgehoben hatte, und warf ihn seitlich gegen das Paket. Es ging nicht in die Luft. Grigorij näherte sich vorsichtig und hob es in einem schnellen Entschluss auf. Es war flach wie ein Buch, in eine Zeitung eingewickelt und steckte in einer Plastiktüte. Grigorij schob es unter seine Jacke und lugte auf den großen Platz hinaus. Er war fast leer.

Grigorij beobachtete, wie Vitja weit hinten über den riesigen Platz eilte, während er zugleich im Schatten der hohen Häuser eine Bewegung hinter Vitjas Rücken wahrnahm. Eine Gruppe dunkler Gestalten löste sich aus dem schwarzen Hintergrund und schob sich langsam und unerbittlich von hinten auf Vitja zu. Grigorij wollte ihn warnen, aber Vitja hatte wohl selbst etwas gehört.

Er drehte den Kopf, ohne langsamer zu werden und begann dann, um sein Leben zu rennen.

Die Verfolger beschleunigten ihre Schritte. Vitja verschwand weit hinten in der Rejtarska, einer schmalen Seitenstraße, und die Gruppe folgte ihm. Grigorij war so gebannt, dass er fast zu spät bemerkte, dass sich auch dem Turm, in dessen Schatten er noch stand, Gestalten näherten. Wo war nur Mandelow, der ihm Rückendeckung versprochen hatte und der ihm in solchen Situationen mit einem Wagen für gewöhnlich die schnelle Flucht ermöglichte.

Es gab nur eine Richtung, in die er fliehen konnte. Das Gitter, das abends den Innenhof der Klosteranlage verschloss, war etwa drei Meter hoch. Er umfasste die Stangen und zog sich nach oben. Die Hände griffen immer höher, und er spürte, dass seine Arme bald die Kraft verlassen würde. Mit einem letzten Ruck zog er sich hoch und packte den oberen Rand des Gitters. Er schwang ein Bein hinüber, stemmte sich hoch und ließ sich auf der anderen Seite fallen.

Er rannte über den Rasen nach links, ohne die ehrwürdige Sophienkathedrale und ihre dreizehn goldenen Kuppeln eines Blickes zu würdigen. Trotz der Anspannung waren seine Gedanken klar: Er musste das Paket sicher verstecken, sie durften es nicht bei ihm finden, falls sie ihn schnappten.

Er blieb mit klopfendem Herzen stehen. Seine Verfolger konnten jeden Moment auftauchen. Hastig sah er sich um. Die Klostermauern waren brüchig. Sie bestanden aus harten flachen Steinen, die aufeinandergeschichtet waren. Überall bröckelte der Mörtel heraus. Er rannte über den Rasen auf eine der Mauern zu und rüttelte an ein paar Steinen. Einer gab nach, dann noch einer, bis ein Loch entstand, das gerade groß genug war. Grigorij stopfte das Paket in die Lücke und verschloss sie wieder mit den Steinen. So musste es gehen. Er rannte weiter, bis zu einem zweiten Toreingang. Er erklomm das Tor nach einigen Anläufen, sprang auf der anderen Seite hinab und verschwand im Gewirr der Kopfsteinpflastergassen.

Katharina Iswestja

Kiew, 5. Mai 2004

 Helles Licht drang durch einen Spalt zwischen den Gardinen und schien direkt auf mein Gesicht. Ich wehrte mich dagegen, aufzuwachen, denn ich spürte dumpf, dass jede Zelle meines Gehirns voll Wodka war. Wenn ich die Augen öffnete, würden sie explodieren. Ich ließ meine Lider geschlossen und fiel in einen Dämmerzustand, der durchdrungen war von unangenehmen Gedanken.

 

Als ich sechzehn war, fand ich auf der Suche nach einer Schere im Schreibtisch meiner Mutter zufällig Briefe meines Vaters. Ich hatte Scheu, sie zu öffnen, aber ich sah am Stempel, dass einige jüngeren Datums waren. Ein Foto rutschte heraus. Schwarzweiß. Unsere Familie in Kiew. Mein Vater. Etwas kleiner als meine Mutter, offene, helle Augen, eher interessant als schön aussehend, dichtes schwarzes Haar, dandyhaft gekleidet, ein weißer Schal locker um den Hals geworfen. Lachend hatte er den Arm um meine Mutter gelegt. Sie guckte fröhlich, war eng an ihn geschmiegt. Eine schöne Frau mit langen, kräftigen Haaren. Das Foto musste aufgenommen worden sein, als ich etwa drei Jahre alt war. Ich trug ein kariertes Kleid und eine passende Mütze. Eine glückliche, gut situierte junge Familie.

Ich fragte meine Mutter nach den Briefen.

„Vergiss ihn endlich“, sagte sie wütend. „Sein Ehrgeiz hat uns fast das Leben gekostet. Er ist ein egoistischer, rücksichtsloser Mensch.“

Als ich die Briefe dann doch heimlich lesen wollte, waren sie verschwunden, aber meine Neugier war geweckt. Ich wollte wissen, was mein Vater getan hatte.

Ich erwog damals, Tante Lisa zu fragen. Ich wusste nicht, warum meine Mutter ihrer Schwägerin weiterhin schrieb. Vielleicht hatte sie Sehnsucht nach einer Familie, denn Lisa und deren Tochter Anna waren unsere einzigen Verwandten. Meine Mutter war Waise.

Doch auch gegenüber Lisa erwähnte sie meinen Vater nie und fragte auch nicht nach ihm. Lisa akzeptierte das. Eine Zeit lang recherchierte ich – eher halbherzig – im Internet. Dort tauchte der Name meines Vaters nur selten auf. Grigorij Iswestja. Der Journalist, der aus der Ukraine fliehen musste, nachdem er offenbar auf eine brisante Geschichte gestoßen war. Aber niemand wusste, was wirklich dahinter steckte. Die meisten ukrainischen Zeitungen unterstellten ihm, dass er kriminell und korrupt gewesen sei. Autoren westlicher Zeitungen stellten dagegen einen Zusammenhang mit den damaligen Präsidentschaftswahlen her. Sie spekulierten, dass er das Land hatte verlassen müssen, weil er etwas aufgedeckt hatte, was bestimmten Personen ungelegen gekommen wäre. Ich fand eine ganze Reihe derartiger Artikel. Aber dann hörten sie abrupt auf, so waren die Medien eben: Sobald eine neue Sensation auftauchte, war die alte vergessen.

Ich tat nichts weiter, um mehr von ihm zu erfahren. Es war einfacher für mich, nicht über ihn nachzudenken. Ich hatte mich daran gewöhnt, dass er nicht da war.

Eines Tages, es war der Tag meines Abiturs und Auma und ich verglichen gerade unsere Noten, stand er vor meiner Schule.

„Katharina“, hörte ich eine vertraute Stimme sagen.

Ich drehte mich um und da stand er.

„Katharina, mein Kind“, sagte er und sah mich an. Seine Stimme klang löchrig. Löchrig wie eine ukrainische Dorfstraße.

Ich erkannte ihn sofort. Ich trat unwillkürlich einen Schritt auf ihn zu. Wir sahen einander an. Seine Augen wurden feucht. Eine Szene aus meiner Kindheit kam mir in den Sinn.

 

Mein Vater und ich sitzen auf einer Bank, in einem Park, hoch über dem Dnjepr. Er hat seinen Arm um mich gelegt und ich kuschle mich an ihn. Ich bin lieber mit ihm zusammen, als mit meiner Mutter, die immer herumschreit.

„Ist sie nicht schön, unsere Heimatstadt?“, fragt er.

 

Auma trat neben mich. „Wer ist das?“, fragte sie misstrauisch.

„Keine Ahnung“, sagte ich und ließ ihn stehen.

„Katharina!“, rief er noch einmal. Ich drehte mich nicht um.

Ein bleiernes Gefühl stieg damals in mir hoch, es kam langsam, tief aus dem Bauch und blieb in meiner Kehle stecken. Es nahm mir die Luft zum Atmen und ich schluckte es wieder hinunter, zusammen mit meinen Tränen. Für immer. Ich war jung und nicht bereit zurück zu schauen, in eine Vergangenheit, die ich nicht zu verantworten hatte.

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960878360
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v491203
Schlagworte
Spannen-de-r Thriller Polit-Thriller Ukraine Düster-e Athmosphäre Mord-Auftrag Recherche-Reise Journalis-tin-mus

Autor

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    Caroline de Vries (Autor)

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Titel: Tödliche Schuld