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Mord im Sinn

von Rhy Bowen (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Als eine glamouröse Amerikanerin im beschaulichen walisischen Dorf Llanfair auftaucht und von faszinierenden spirituellen Kräften spricht, ist Bar-Dame Betsy Edwards begeistert. Sofort nimmt sie eine Stelle im neu eröffneten New-Age-Center Sacred Grove an. Natürlich denken alle anderen Dorfbewohner – inklusive Constable Evan Evans –, dass Betsy den Verstand verloren hat. Die Bar-Dame hingegen kann es kaum erwarten, ihren sechsten Sinn zu entdecken und ist nur wenig überrascht, als in ihren Träumen Hinweise zum mysteriösen Verschwinden des Leiters vom Sacred Grove auftauchen. Evans hat das New-Age-Center schon länger im Blick und als Betsy Detektiv spielt, wird Evan bewusst, dass in diesem Fall nichts so ist, wie es scheint ...

Impressum

dp Verlag

Deutsche Erstausgabe Juli 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-696-0

Copyright © 2002 by Rhys Bowen. Alle Rechte vorbehalten.
Titel des englischen Originals: Evans to Betsy

Published by Arrangement with Janet Quin-Harkin.
c/o JANE ROTROSEN AGENCY LLC, 318 East 51st Street, NEW YORK, NY 10022 USA.

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.

Übersetzt von: Lennart Janson
Covergestaltung: Miss Ly Design
unter Verwendung von Motiven von
© 1000 Word/shutterstock und © Eriks Z/shutterstock.com.

Korrektorat: Martin Spieß

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

Dieses Buch widme ich meinen zahlreichen Freunden in der Krimi-Community, mit besonderem Dank für die Unterstützung und den Zuspruch, und gewissen Damen, die dafür bekannt sind, viel Tee zu trinken, anrüchige Witze zu erzählen, lilafarbene Dinge zu tragen und toll umarmen zu können.

Und ich danke wie immer John, Clare und Jane – meiner wundervollen, familiären Kritikergruppe.

 

Das eindrucksvolle Anwesen namens Portmerion, Inspiration für den Sacred Grove in diesem Buch, war in seinem langen Leben schon einiges, vom Privathaus über das Set für den BBC-Kult-Klassiker The Prisoner bis zu einem legendären Hotel. Doch es war nie ein New-Age-Zentrum oder ein druidischer Tempel und wird es wohl auch nie sein.

Das Buch Der Weg des Druiden existiert nur in meiner Fantasie. Die darin enthaltenen Informationen sind aus verschiedenen Büchern und von Webseiten über die druidische Religion zusammengetragen und wurden durch Rhiannons eigene Lehren kreativ ergänzt. Daher erhebt es keinen Anspruch auf Korrektheit.

 

Wir sind eins mit der dunklen Erde.

Wir sind eins mit der Mutter

Mit Eiche und Eibe

Mit tiefen Seen und Quellen

Mit rauschenden Bächen und Klippen

Mit Wiesen und Wäldern

Mit Himmel und Sonne

Mit Hirsch und Adler

Mit Delfin und Wal

Mit den kreuchenden Wesen in der Dunkelheit.

Die Lebenskraft des Universums durchströmt uns alle.

Awen, Lebenskraft, Essenz, Seele,

Awen durchströmt uns.

Wir sind eins mit dem Universum.

 

Rhiannon, Der Weg des Druiden

Kapitel 1

„Llanfair.“ Der Fahrer las das ramponierte Schild am Rande der Straße laut vor. „Ich fand, an diesem Ort könnten wir anfangen.“ Er schaltete runter und der Jaguar bremste unter missmutigem Brummen. Ein Dorf kam in Sicht – kaum mehr als eine Ansammlung von Cottages, die sich an die steilen, grünen Wände des Gebirgspasses schmiegten.

Die Frau auf dem Beifahrersitz lehnte sich vor, um durch die Windschutzscheibe zu blicken. Es war nicht leicht, ihr genaues Alter abzuschätzen – das lange, glatte Haar und das fehlende Make-up ließen sie zusammen mit der Jeans und dem T-Shirt wie eine Teenagerin aussehen. Aber bei näherer Betrachtung musste sie schon über dreißig sein. Sie beobachtete die grauen Stein-Cottages, die Schafe auf den hohen Hängen, den Gebirgsbach, der über Felsen tanzte und unter der alten Steinbrücke hindurchfloss. „Es ist einen Versuch wert“, sagte sie. „Ist auf jeden Fall abgelegen genug. Kein Supermarkt, kein Videoverleih und keine Satellitenschüsseln auf den Dächern. Und es gibt einen echten Dorfpub, in dem sich die fröhlichen Einheimischen treffen.“

Der Jaguar wurde noch langsamer und schlich auf das quadratische, schwarz-weiße Fachwerkhaus zu. Ein pendelndes Schild an der Fassade verkündete, dass es sich um den Red Dragon handelte. „Ich sehe nicht allzu viele fröhliche Einheimische“, sagte er. „Dieser Ort wirkt verlassen. Wo sind denn alle?“

„Vielleicht ist das hier die walisische Version von Brigadoon. Sie kommen nur alle hundert Jahre raus.“ Sie lachte. „Oh, Moment mal. Da ist jemand.“ Eine junge Frau mit wilden, blonden Locken war aus dem Pub getreten. Sie machte sich hoffnungsvoll daran, die Tische im Freien abzuwischen, obwohl der Himmel bedeckt war und Regen versprach. Ein lauter Ruf von der anderen Straßenseite ließ sie aufschauen. Dort gab es eine Ladenreihe direkt gegenüber des Pubs. G. Evans, Cyggyd (das Wort „Metzger“ stand in sehr kleinen Lettern darunter), R. Evans, Milchprodukte, und dann, um das Evans-Monopol zu verhindern, T. Harris, Gemischtwarenladen (und Postnebenstelle).

Ein dicker Mann mit rotem Gesicht und blutbespritzter Schürze war aus der Metzgerei getreten und rief jetzt etwas, wobei er ein Fleischerbeil schwang. Die beiden Insassen des Wagens sahen sich verunsichert an, während er weiter mit dem Fleischerbeil wedelte und schrie.

„Fröhliche Einheimische?“ Er kicherte nervös.

Die junge Frau schien diese Tirade nicht zu beeindrucken. Sie warf ihre blonde Mähne zurück, rief ebenfalls etwas und der Metzer brach in lautes Gelächter aus. Er winkte ihr gutgelaunt mit dem Fleischerbeil und ging in seinen Laden zurück. Die junge Frau blickte zu dem Jaguar, dann wischte sie halbherzig den letzten Tisch ab und kehrte in den Pub zurück.

„Was zur Hölle hatte das zu bedeuten?“, fragte die Frau in dem Wagen. „War das Walisisch?“

„Ich glaube nicht, dass es Russisch war, Schatz. Wir sind mitten in Wales.“

„Aber mir war nicht klar, dass die Leute tatsächlich Walisisch sprechen! Ich dachte, das wäre eine dieser alten Sprachen, die man in Berkeley studiert. Du hättest mich warnen können. Dann hätte ich einen Intensivkurs belegen können. Das macht alles nur noch komplizierter.“

Er streckte die Hand aus und tätschelte ihr Knie. „Es wird alles gut. Sie alle sprechen auch Englisch, weißt du? Warum springst du nicht aus dem Auto und erkundest mal die Lage?“

„Willst du, dass ich mit einem Fleischerbeil zerhackt werde? Glaubst du, hier oben in den Bergen sind sie alle gewalttätig? Ich kann mir vorstellen, dass es hier viel Inzucht gibt.“

„Es gibt nur eine Möglichkeit, um das herauszufinden.“ Er grinste, während er ihr einen sanften Schubs gab. „Und es war deine Idee, weißt du noch?“

„Unsere Idee. Wir haben das gemeinsam geplant.“

Er sah sie für einen langen Augenblick an. „Ich habe dich vermisst, Emmy.“

„Ich dich auch. Ich hätte nicht gedacht, dass es so lange dauern würde. Ich bin verdammt eifersüchtig, weißt du?“

„Das musst du nicht sein.“

Ein älterer Mann in Leinenmütze und Tweedsakko kam schnellen Schrittes die Straße herunter und verschwand im Pub. Einige Frauen kamen vorbei, mit Einkaufskörben an den Armen und ins Gespräch vertieft. Sie trugen die britische Uniform für ungewisses Wetter: Plastikregenmäntel und ein Kopftuch über der grauen Dauerwelle. Sie hielten inne, um dem Wagen einen interessierten Blick zuzuwerfen, ehe sie sich an der Bushaltestelle niederließen.

„Ich sollte hier verschwinden“, sagte der Mann. „Man sollte mich nicht bemerken. Es gibt ein großes Hotel oben am Pass – du kannst es nicht verfehlen. Es sieht aus wie ein verdammt großes Schweizer Chalet – fürchterlich hässlich. Ich werde da oben auf dich warten, in Ordnung?“

„Alles klar. Gib mir etwa eine Stunde.“ Sie öffnete die Autotür und wurde von einer frischen, steifen Brise begrüßt. „Meine Güte, hier oben ist es eiskalt. Ich werde mir Thermounterwäsche kaufen müssen, wenn wir uns entschließen, dass dies der richtige Ort ist.“

„Fang im Pub an“, schlug er vor. „Immerhin wissen wir, dass dort jemand ist.“

Sie nickte. „Gute Idee. Ich könnte einen Drink vertragen.“ Ein Lächeln machte sich auf ihrem schmalen, ernsten Gesicht breit. „Drück mir die Daumen.“

„Viel Glück“, sagte er. „Das ist eine verrückte Idee, Emmy. Hoffentlich klappt es auch.“

Kapitel 2

Das große Auto fuhr die Straße hinauf. Emmy schob sich das lange, dunkle Haar aus dem Gesicht, als sie die schwere Eichentür öffnete, und betrat den Red Dragon.

Sie kam in einen warmen und einladenden Raum. Eine lange, polierte Eichenbar zog sich beinahe über die ganze Länge der einen Wand, und der Deckenbalken aus demselben Holz war mit Hufeisen verziert. Ein Feuer brannte in dem riesigen Kamin am anderen Ende des Raumes. Die junge Frau mit dem wilden, blonden Haar stand hinter der Bar und unterhielt sich mit dem alten Mann und einigen jüngeren Männern in schlammbespritzten Arbeitsoveralls. Das leise Gemurmel der walisischen Unterhaltung erstarb in dem Moment, als sie die Fremde bemerkten.

„Kann ich Ihnen helfen, Miss?“, fragte die junge Frau in trällerndem Englisch.

Emmy gesellte sich zu den Männern an der Bar. „Sicher. Welches Bier trinkt man hier in der Gegend?“

„Das wäre wohl Robinson’s“, antwortete die junge Frau. „Aber manche bevorzugen Guinness oder Brains, auch wenn das aus Südwales kommt. Ich weiß gar nicht, warum wir das auf Lager haben.“

„Dünn wie Wasser“, murmelte der alte Mann.

„Na gut. Dann nehme ich ein halbes Pint Robinson’s.“

Die Barfrau blickte zu den Männern. Sie schien sich eindeutig unbehaglich zu fühlen. „Es tut mir leid, aber Damen trinken üblicherweise in der Lounge, wenn es Ihnen nichts ausmacht. Gehen Sie einfach durch, dann bringe ich Ihnen Ihre Bestellung.“

„Na gut.“ Emmy gelang ein Lächeln. Dies war nicht der richtige Zeitpunkt, um Wellen zu schlagen. „Könnten Sie mir bitte den Weg zur Lounge weisen?“

„Gleich hinter diesem Durchgang dort.“

Emmy ging durch den offenen, bogenförmigen Durchgang und fand sich in einem deutlich kühleren Raum mit einigen polierten Holztischen und gepolsterten Ledersesseln wieder. Auch in diesem Raum gab es einen Kamin, aber es brannte kein Feuer. An einer Wand erstreckte sich eine lange Eichenbar. Emmy stellte amüsiert fest, dass es die Rückseite der Bar war, an der auch die Männer standen. Die junge Frau hatte sich umgedreht, um sie anzusehen.

„Dann haben Sie den Weg gefunden?“

„Ist das eine Art Gesetz in Wales?“, fragte Emmy. „Die Frauen in einem Schankraum und die Männer im anderen, meine ich.“

„Oh, nein“, sagte die Barfrau. „Nicht wirklich ein Gesetz. Aber es war schon immer so, nicht wahr? Und die Männer haben das Gefühl, sich nicht anständig unterhalten zu können, wenn Damen zugegen sind. Sie könnten unangemessene Ausdrücke verwenden oder mal einen Witz erzählen wollen.“

Emmy lächelte über diese seltsame Eigenart. „Dann sitzen die Damen alleine hier drüben und tauschen Strickmuster aus?“

„Um die Wahrheit zu sagen, die Damen kommen nicht oft allein in den Pub. Und wenn sie mit ihren Männern da sind, naja, dann setzen sie sich zusammen in die Lounge.“ Sie wandte sich dem älteren Mann zu, der an der Bar lehnte. „Nicht wahr, Charlie? Ich sagte, dass Frauen nicht oft alleine in den Pub kommen.“

„Sie kommen generell nicht oft her“, gab Charlie zurück, „weil sie üblicherweise zuhause sein müssen, um unser Abendessen zuzubereiten, während wir hier sind. Abgesehen davon schmeckt Bier den wenigsten Frauen. Meine Mair sagt, sie würde lieber Medizin trinken.“

Die Barfrau hatte erfolgreich das halbe Pint gezapft und stellte es vor Emmy ab. „Das wäre dann ein Pfund bitte, Miss.“

Emmy zog die Münze heraus und legte sie auf den Tresen. „Danke. Na dann, cheers. Wie sagt man ‚cheers‘ auf Walisisch?“

„Iyched da“, sagte Charlie und die anderen Männer im Chor.

„Yacky dah?“ Emmy versuchte es, aber sie stolperte über die Aussprache und brachte sie alle zum Lachen.

„Wir sollten sie nicht alleine in der kalten Lounge lassen“, bot einer der jüngeren Männer an. „Es schadet doch nichts, wenn sie herkommt und mit uns trinkt.“

Emmy bemerkte die hervortretenden Muskeln unter seinem abgetragenen T-Shirt und dem unordentlichen, dunklen Haar. Nicht schlecht, dachte sie. Dieser Auftrag könnte einige unerwartete Vorteile mit sich bringen.

„Harry würde das nicht gefallen“, sagte die Barfrau bestimmt. „Und abgesehen davon würde sie die Ausdrücke, die du manchmal verwendest, nicht hören wollen, Eimer-Barry – bei dem, was du manchmal von dir gibst, würde sie rot werden.“

„Ich? Wann habe ich je etwas gesagt, das dich erröten lassen würde, Betsy fach?“

„Na ja, ich bin das gewöhnt, nicht wahr? Ich muss dich dauernd ertragen.“

Sie wandte sich mit einem entschuldigenden Lächeln wieder Emmy zu. „Achten Sie nicht auf ihn, Miss.“

„Wie haben Sie ihn genannt?“, fragte Emmy fasziniert.

„Eimer-Barry, weil er eine Planierraupe fährt, mit dieser großen Schaufel vorne dran.“

„Eimer-Barry. Das gefällt mir.“

Die Männer lehnten jetzt alle an der Bar und beobachteten Emmy intensiv, während sie einen großen Schluck von ihrem Bier trank. Sie war versucht, das Glas in einem Zug zu leeren, so wie sie es im College gelernt hatte, aber es war wichtig, dass sie das richtige Bild von sich zeichnete. Sie trank einen Schluck, setzte das Glas ab und lächelte sie an. „Das ist gut“, sagte sie. „Lecker und vollmundig.“

„Dann mögen Sie Bier, ja?“, fragte Barry. „Trinkt man in Amerika Bier? Sie kommen doch aus Amerika, oder?“

„Genau. Pennsylvania. Und wir trinken dort gerne Bier, obwohl Sie es vermutlich für zu schwach und zu kalt halten würden.“

„Das ist sehr blasses Zeug und sprudelt wie Limonade. Ich habe mal eins getrunken. Bud – nicht wahr?“

Barry wandte sich an seinen Kumpel, der zustimmend nickte.

„Machen Sie hier Urlaub, Miss?“, fragte Charlie.

Emmy stellte amüsiert fest, dass es offensichtlich in Ordnung war, wenn die Männer sich durch die Bar mit ihr unterhielten – ganz wie das Gitter in einem Kloster, fand sie. „Eigentlich bin ich hier, um zu forschen“, sagte sie. „Ich studiere an der University of Pennsylvania und mache dort meinen Doktor in Psychologie. Und meine Doktorarbeit befasst sich mit übersinnlichen Fähigkeiten.“

„Abgefahren!“ Die Barfrau warf den Männern einen beeindruckten Blick zu.

Emmy hatte lange genug an dieser Rede gearbeitet, sodass ihr die Worte jetzt leicht von den Lippen kamen. Er wäre sehr zufrieden mit dem bisherigen Verlauf. „Ich bin hier, weil die Kelten für ihre übersinnlichen Fähigkeiten bekannt waren.“

„Wie aus Teeblättern zu lesen, meinen Sie sowas?“ Die Barfrau lehnte sich erwartungsvoll vor.

„Ja, sowas in der Art. Die Zukunft voraussehen, prophetische Träume, Gefahren spüren – die alten Druiden besaßen angeblich alle diese Fähigkeiten.“

„Zu schade, dass meine alte Nain vor ein paar Jahren verstorben ist“, sagte die Barfrau.

„Meinten Sie neun?“ Emmy war verwirrt. Sie wusste, dass die Neun in der keltischen Mythologie eine bedeutende Zahl darstellte, aber ...

Nain – oh, Verzeihung, ich meinte meine Großmutter. Nain ist die walisische Bezeichnung. Ich komme manchmal durcheinander.“

„Dann war Ihre Großmutter eine Hellseherin?“

„Oh, das war sie in der Tat, nicht wahr, Charlie?“ Betsy wandte sich dem älteren Mann zu. „Einige Male hat sie sogar den Derin Corff gesehen. Oder war es die Cannwyll Corff?“

„Was ist das?“ Emmy holte ihr Notizbuch heraus und kritzelte etwas hinein.

„Also, der Derin Corff ist der Totenvogel und die Cannwyll Corff ist die Totenkerze. Sie sind eigentlich dasselbe – man sieht sie, wenn jemandes Tod bevorsteht.“

„Faszinierend“, sagte Emmy. „Und Ihre Großmutter hat sie gesehen?“

„Oh ja, hat sie. Ich erinnere mich noch daran, wie ich eines Abends spät nach Hause kam, und sie zu uns sagte: ‚Huw Lloyd wird die Nacht nicht überstehen. Der Derin Corff saß auf dem Dach seines Schuppens.‘“

„Das war vermutlich nur der alte Hahn der Lloyds“, kommentierte Eimer-Barry und kicherte.

„Sei leise, Barry“, sagte Betsy und schlug ihm auf die Hand. „Was es auch immer war, sie behielt recht. Am Morgen war Huw von uns gegangen. Und das Ding, das sie auf dem Dach gesehen hatte, war auch fort.“ Sie erschauderte. „Ich bekomme noch immer eine Gänsehaut, wenn ich daran denke. Und sie verstand sich darauf, aus Teeblättern zu lesen. So war meine Nain.“

„Hat sie dir auch gesagt, dass du diesen Samstag mit einem gutaussehenden Kerl aus dem Dorf ausgehen wirst?“, fragte Barry und lehnte sich über den Tresen, bis sein Gesicht dicht vor ihrem war.

„Ja, aber Constable Evans hat mich noch nicht gefragt“, entgegnete Betsy lässig. „Obwohl ich ausreichend Andeutungen gemacht habe.“

Der ältere Mann kicherte. „Sie ist dir ebenbürtig, Junge.“

„Und sie verschwendet ihre Zeit damit, Evan Evans hinterher zu schmachten“, gab Barry mit einem Schnauben zurück.

„Warum soll das Zeitverschwendung sein?“ Betsy sah ihn herausfordernd an.

„Das weißt du ganz genau. Du hast zugelassen, dass Bronwen Price sich ihn angelt, oder nicht? Jetzt musst du ihn erst von ihr loseisen.“

„Das werden wir ja sehen, nicht wahr?“ Betsy zog ihren engen Pullover glatt. „Eines Tages bekomme ich meine Chance, und dann werde ich ihm zeigen, was er die ganze Zeit verpasst hat – selbst wenn ich dafür erst die verdammte Bronwen Price vom Berg stoßen muss!“

Die Männer lachten und Betsy fiel mit ein. Dann erinnerte sie sich daran, dass Emmy auf der anderen Seite der Bar stand und drehte sich wieder zu ihr. „Entschuldigen Sie, Miss. Machen Sie sich nichts daraus. Sie necken mich dauernd, weil ich mein Herz an unseren Dorfpolizisten verloren habe.“

„Daran ist doch nichts verkehrt“, sagte Emmy. „Erzählen Sie mir bitte von den hellseherischen Fähigkeiten Ihrer Großmutter, Betsy. So heißen Sie doch, oder?“

„Ganz recht, Miss. Betsy Edwards.“

„Hallo Betsy, ich bin Emmy.“ Sie streckte ihre Hand aus und Betsy ergriff sie unbeholfen. „Also, erzählen Sie von Ihrer Großmutter.“

„Na ja, sie war im ganzen Dorf bekannt dafür, das Zweite Gesicht zu haben, nicht wahr, Charlie?“

„War sie“, stimmte Charlie zu. „Wenn sie davon träumte, dass etwas geschehen würde, dann geschah es auch.“

„Fantastisch.“ Emmy strahlte sie an. „Sie haben nicht zufällig ihre Begabung geerbt?“

„Ich?“ Betsy lief rot an. „Oh nein, ich glaube nicht. Obwohl ...“

„Ja?“

„Ich weiß manchmal, dass das Telefon klingeln wird, kurz bevor jemand anruft. Solche Dinge.“

„Da haben wir’s. Sie haben vermutlich auch hellseherische Talente, aber Sie haben noch nie versucht, sie zu benutzen.“

„Ihre ‚Talente‘.“ Eimer Barry stieß seinen Kumpel an.

„Halt die Klappe, Barry“, sagte Betsy. „Wir führen hier eine ernste Unterhaltung. Sie glauben also, dass ich das Zweite Gesicht von meiner Großmutter geerbt haben könnte?“

„Es bleibt häufig in der Familie“, sagte Emmy. „Wird in der weiblichen Linie vererbt. Sie sind nicht zufällig ein siebtes Kind, oder?“

„Nein, ich bin Einzelkind. Und meine Mutter war ebenfalls Einzelkind.“

„Perfekt“, sagte Emmy. „Das ist die beste Voraussetzung: Einzige Tochter einer einzigen Tochter. Besser könnte es nicht sein.“

„Glauben Sie das wirklich?“, stammelte Betsy. „Meine Güte, aber das wäre ja toll, nicht wahr? Stellen Sie sich mal vor, dass ich wirklich in die Zukunft blicken könnte!“

„Du könntest deinen Vater wissen lassen, welches Pferd im Halb-drei-Rennen in Doncaster gewinnen wird.“ Barry stieß seinem stillen Kumpan erneut in die Seite.

„Wenn man solche Fähigkeiten hat, dann muss man damit Gutes tun“, sagte Betsy feierlich. „Nicht bei Pferdewetten gewinnen.“

Emmy blätterte in ihrem Notizbuch herum. „Lassen Sie mich bitte Ihren Namen und Ihre Telefonnummer notieren, ja? Ich würde mich gerne mit Ihnen treffen, um ein paar Versuche zu machen, wenn Sie dazu bereit wären.“

„Versuche?“ Betsy blickte besorgt zu Charlie.

„Wir müssen hellseherische Fähigkeiten unter kontrollierten Bedingungen testen ...“

„Ich gehe dafür nicht ins Krankenhaus“, sagte Betsy.

„Oh, nichts in der Art.“ Emmy lächelte. „Ich werde in einem Haus namens Sacred Grove arbeiten. Kennen Sie das?“

„Kann ich nicht behaupten“, sagte Betsy. „Ist das in Wales?“

„Das große Anwesen an der Küste bei Porthmadog, nicht wahr?“, warf Charlie ein.

„Das war mal das private Anwesen eines verrückten, englischen Lords. Tiggy oder so, hieß er nicht so?“, fragte Barry.

„Er hieß Bland-Tyghe“, sagte Charlie, „und man spricht es ‚tai‘, du ignoranter Trottel.“

Barry grinste. „Die sind doch alle verrückt, nicht wahr? Ist der alte Mann nicht immer in seinem Pyjama durchs Dorf gelaufen und hat Gedichte rezitiert?“

„Ich dachte, ich hätte gelesen, dass seine Tochter das Anwesen in eine Art Klinik oder Sanatorium umgewandelt hat“, sagte Charlie.

„Vermutlich eher eine Klapsmühle“, kommentierte Barry. „Pass bloß auf, Betsy. Wenn sie dich dort aufnehmen, lassen sie dich vielleicht nie wieder gehen.“

„Ich gehe sicher nicht in ein Irrenhaus“, sagte Betsy ängstlich.

„Nein, Sie verstehen das ganz falsch“, unterbrach Emmy hastig. „Es ist ein New-Age-Zentrum.“

„Ein New-Age-Zentrum?“, fragte Charlie. „Sowas wie ein Altersheim, meinen Sie?“

„New Age“, wiederholte Emmy. Diese Leute waren einfach perfekt. Völlig ahnungslos. „Die machen alle möglichen, tollen Dinge – alternative Medizin, hellseherische Forschung. Solche Sachen. Ich war noch nicht dort, aber ich stehe in Kontakt mit ihnen und es klingt, als hätten sie dort großartige Einrichtungen und tolles Personal.“ Sie lächelte Betsy hoffnungsvoll an. „Ich bin gerade erst hier angekommen. Ich muss mich erst einleben, aber dann können Sie und ich uns vielleicht mal dort unten umschauen. Dann sehen wir, ob Sie da gerne mitmachen würden, in Ordnung?“

„Na gut“, sagte Betsy. „Ich habe nichts dagegen, mir das mal anzusehen.“

„Ich mache mich besser auf den Weg“, sagte Emmy. „Ich habe viel zu tun. Ich muss noch in den anderen Dörfern nach Menschen mit hellseherischen Fähigkeiten suchen, und ich muss eine Unterkunft finden. Das Hotel ist zu teuer. Sie wissen nicht zufällig, ob es hier ein gutes Bed-and-Breakfast gibt, das nicht so schweineteuer ist?“

„Hier oben gibt es nicht viel Tourismus“, sagte Charlie. „Oben, wo die Farm der Morgans war, gibt es Ferien-Cottages, aber die sind auch nicht billig, wie ich hörte.“

„Ich hätte lieber irgendwo ein Zimmer, und jemanden, der mir Frühstück macht“, sagte Emmy. „Ich werde vermutlich ziemlich viel arbeiten.“

„Es gibt ein Zimmer, das frei wird“, sagte Betsy plötzlich. Sie warf den Männern einen aufgeregten Blick zu. „Ist doch so, oder? Wenn Evan Evans in dieses Cottage zieht, wird Mrs. Williams ein Zimmer frei haben.“

„Hat er wirklich beschlossen auszuziehen?“, fragte Charlie. „Ich weiß, dass er darüber nachdenkt, aber vielleicht entscheidet er sich im letzten Moment um, wenn ihm klar wird, wie gut Mrs. Williams für ihn gesorgt hat.“

„Wenn er sagt, dass er es tut, dann tut er es auch“, sagte Betsy entschlossen. „Wie auch immer, wir fragen ihn, wenn er das nächste Mal herkommt.“

„Großartig“, sagte Emmy. „Ich habe ja Ihre Telefonnummer, dann werde ich anrufen und mich erkundigen. Das wäre so praktisch, wenn ich ein Zimmer in Llanfair bekommen könnte.“ Sie sprach es Lan-fair aus.

„Es heißt Chlan-veyer“, sagte Betsy. „So sprechen wir das aus. Aber keine Sorge“, fügte sie hinzu. „Kein Fremder bekommt das richtig hin.“

Chlan-veyer“, wiederholte Emmy. „Beim nächsten Mal mache ich es richtig. Sie müssen mich auf dem Laufenden halten, Betsy.“

„In Ordnung, Miss.“

„Nennen Sie mich Emmy.“ Sie schenkte ihr ein warmes Lächeln. „Ich melde mich, Betsy.“

Sie war gerade durch den Türbogen in den Hauptraum der Bar getreten, als die Tür aufging und der Metzger hereinkam, jetzt ohne seine blutige Schürze. Er sah sich im Raum um und sein Blick fixierte Emmy. Als er einen walisischen Wortschwall ausstieß, trat Emmy hastig zur Seite. Sie hatte den fleischerbeilschwingenden Irren ganz vergessen, der ein Leben in diesem Dorf zur Gefahr machte.

Betsy antwortete ihm auf Walisisch und er entspannte sich, während er sich der Bar näherte.

„Entschuldigen Sie, Miss“, sagte Betsy, „aber Fleischer-Evans ist heute Morgen nicht in bester Stimmung. Er hat auf Manchester United gewettet, aber Liverpool hat gewonnen, wie ich gesagt habe.“

„Ein Fußballspiel?“ Emmy konnte sich das Lächeln nicht verkneifen.

„Mr. Evans findet, dass der Schiedsrichter unfair gepfiffen hat. Er hat dem besten Spieler von Manchester eine rote Karte gegeben, obwohl es gar kein Foul war“, sagte Betsy. „Aber jetzt wird er bezahlen, wie der Gentleman, der er ist.“

Fleischer-Evans lächelte verlegen. „Es bricht mir das Herz, ansehen zu müssen, wie ein hochklassiges Team wie Manchester United von einem Haufen Flegeln wie Liverpool geschlagen wird, das ist alles. Na ja, da kann man jetzt nichts machen, nicht wahr? Also machst du mir besser ein Pint Robinson’s, Betsy fach.“

Emmy schlüpfte aus dem Pub, während Betsy das Bier einschenkte. Sie eilte die Dorfstraße hinauf, an den beiden Reihen identischer Cottages vorbei, jedes mit einer Haustür in leuchtenden Farben, einem glänzenden Messing-Briefkasten und einer blitzblanken, weißen Türschwelle. Einige hatten Blumenkästen mit Frühlingsblumen an den Fenstern – gelbe Narzissen und blaue Hyazinthen als Farbspritzer vor dem grauen Stein. Alles sehr ordentlich, heiter und idyllisch hier, dachte sie. Völlig abgeschnitten von der echten Welt. Er würde ganz schön lachen, wenn sie ihm erzählte, dass sie noch nie etwas von New Age gehört hatten!

Sie kam an einem Schulhof vorbei, das Schulgebäude lag dahinter. Durch ein offenes Fenster hörte sie junge Stimmen im Chor Dinge aufsagen. Es klang verdächtig nach dem kleinen Einmaleins, wobei es natürlich auf Walisisch war. Nach der Schule kamen die beiden letzten Gebäude des Dorfes – zwei Kapellen. Sie standen einander zu beiden Seiten der Straße gegenüber, Spiegelbilder aus solidem, grauem Stein. Vor beiden standen Anschlagtafeln, die verkündeten, dass es sich um die Bethel-Kapelle und die Beulah-Kapelle handelte. Auf jeder Tafel stand ein Bibeltext. Auf der einen hieß es: „Wer da bittet, der empfängt“, während auf der anderen stand: „Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr!, in das Himmelreich kommen.“

Emmy lächelte vor sich hin und ging weiter. Hier oben in der tiefsten Provinz war man wirklich ahnungslos. Vermutlich hatten sie noch nicht einmal realisiert, dass sich die beiden Passagen aus der Bibel widersprachen.

Das Hotel, von dem er ihr erzählt hatte, dominierte den Pass. Es war, wie er gesagt hatte, ein riesiges, abscheuliches Chalet im Zuckerbäckerstil mit Geranien in den Blumenkästen – an einem kahlen, walisischen Hang völlig fehl am Platz. Auf dem für sich stehenden Steinschild waren in goldenen Lettern die Worte Everest Inn eingemeißelt. Der Parkplatz dahinter war mit teuren Autos übersät, sodass der Jaguar gar nicht auffiel. Sie näherte sich dem Wagen und stieg ein.

Er sah erwartungsvoll auf. „Und?“

Sie strich sich das Haar zurück und ein breites Lächeln zog sich über ihr Gesicht. „Wir sind auf eine Goldader gestoßen. Sie ist einfach perfekt.“

Kapitel 3

Auszug aus Der Weg des Druiden, von Rhiannon

 

Wer sind die Druiden?

Für viele Außenstehende beschwört das Wort Druide das Bild eines bärtigen Herren in weißer Robe herauf, der an Mittsommernacht in Stonehenge ein Opfer darbietet. Dieses Bild spiegelt allerdings nicht die Wahrheit wider. Stonehenge wurde erbaut, lange bevor die ersten Kelten den Fuß auf britannischen Boden setzten, und es gab schon immer druidische Priesterinnen und Priester. Auch wenn Druiden geopfert haben, so waren sie nicht blutdürstig.

Wer waren die Druiden dann? Im goldenen Zeitalter der keltischen Spiritualität waren sie eine priesterliche Herrscherklasse, berieten Kriegsherren und sagten die Zukunft voraus. Sie waren die Hüter der Rituale, aber weit mehr als Priester. Sie waren verantwortlich für Politik, Opferrituale, Prophezeiungen und die Kontrolle der übernatürlichen Welt. Sie waren Lehrer und die Herren der mündlichen Überlieferung. Sie waren Philosophen, Schamanen, Mediziner und Richter. Sie wurden gefürchtet und verehrt.

Julius Caesar schrieb über sie: „Sie haben das Recht, ein Urteil zu fällen und über Lohn und Strafe zu entscheiden.“

Aus alten Schriften wissen wir, dass sie eine zwanzigjährige Ausbildung durchliefen, ehe sie vollständig als Priester anerkannt wurden.

Es gab drei Untergruppen von Druiden:

Barden fungierten als Poeten, Sänger, Musiker, Ahnenforscher und Historiker;

Ovaten waren Wahrsager und deuteten die Omen;

Druiden nannte man die Priester und Richter.

 

Caesar schrieb außerdem: „Sie wissen viel über die Sterne und die Bewegung am Himmel, über das Wesen der Dinge sowie die Mächte und die Gewalt der unsterblichen Götter, und diese Dinge lehren sie ihre Schüler.“

Auf viele Weisen ähnelten sie den hinduistischen Brahmanen und den chaldäischen Astronomen von Babylon. Damals wie heute waren sie die Brücke zwischen zwei Welten – der sichtbaren und der unsichtbaren.

„Bitte weinen Sie nicht, Mrs. Williams.“ Constable Evan Evans streckte unbeholfen eine Hand aus und tätschelte die breite Schulter seiner Vermieterin. Mit dieser Geste schluchzte die üppig gebaute Frau nur noch lauter in ihr Taschentuch.

„Es fühlt sich an, als würde ich meinen Sohn verlieren“, sagte sie. „Sie waren der Sohn, den ich nie hatte.“

„Ich ziehe ja nicht weit weg. Bloß auf die andere Straßenseite, nicht wahr? Und Sie können mich jeden Tag besuchen. Vielleicht komme ich sogar auf einen Tee vorbei, dann können wir uns unterhalten.“

„Aber es wird nicht dasselbe sein.“

„Kommen Sie schon.“

Er legte ihr zögerlich den Arm um die Schulter, so weit, wie er kam. „Es wurde doch Zeit, dass ich ausziehe, oder? Ich kann mich nicht mein ganzes Leben lang von Ihnen verwöhnen lassen. Ich muss lernen, auf eigenen Beinen zu stehen.“

Mrs. Williams unternahm große Anstrengungen, um sich zusammenzureißen. Ein schweres, zitterndes Seufzen fuhr durch ihren Körper. „Ich schätze schon“, sagte sie. „Ich wusste, dass es eines Tages passieren musste.“

„Glauben Sie mir, ich bin auch nicht gerade begeistert“, sagte Evan. Er bückte sich um eine Pappkiste mit seinen Besitztümern vom Boden aufzuheben. „Selbst zu kochen, nachdem ich über ein Jahr lang Ihr gutes Essen gegessen habe – daran werde ich mich erst gewöhnen müssen. In einem Monat bin ich vermutlich nur noch ein Strich in der Landschaft.“

„Sie können jederzeit zum Abendessen herkommen, wenn Sie wollen. Das wissen Sie“, sagte Mrs. Williams.

„Ich weiß.“ Er lächelte sie liebevoll an. „Aber das ist nicht das Ziel, nicht wahr? Bronwen wird keine Verpflichtungen eingehen, ehe ich nicht erlebt habe, wie es ist, allein zu leben.“ Er hob die Kiste auf seine Schulter und ging die Treppe hinab. „Sie hat natürlich völlig recht damit. Ich bin von der Küche meiner Mutter zu Ihrer Küche gewechselt. Ich habe noch nie richtig allein gelebt. Wie soll ich eines Tages Ehemann und Vater sein, wenn ich mich nicht einmal um mich selbst kümmern kann?“

„Dann haben Sie sich also entschieden? Sie denken darüber nach, Bronwen Price zu heiraten und eine Familie zu gründen?“ Mrs. William hatte ihre Tränen vergessen. Sie eilte hinter ihm die Treppe hinunter. „Wir wissen natürlich alle, dass sie ihr den Hof machen, aber ...“

„Ich denke darüber nach“, sagte er. „Ich bin immer hin dreißig geworden, nicht wahr? Es wird Zeit, eine Familie zu gründen.“

„Sie hätten es schlechter treffen können, schätze ich“, sagte Mrs. Williams widerwillig.

„Schlechter? Ich glaube nicht, dass ich es hätte besser treffen können. Sie ist eine wundervolle Frau, oder nicht?“

„Das werde ich nicht bestreiten. Ein freundliches Mädchen. Und gescheit. Aber ein wenig zu ernst, wenn Sie mich fragen. Ein Mann braucht etwas Spaß in seinem Alltag. Muss ab und zu tanzen gehen. Sich nach einem harten Arbeitstag etwas gehen lassen.“

„Wollen Sie sagen, dass ich mich lieber mit Betsy treffen sollte?“ Er wusste genau, worauf sie anspielte. Sie hatte dieselbe, nicht allzu subtile Andeutung in regelmäßigen Abständen gemacht, seit er eingezogen war.

„Betsy Edwards? Bar-Betsy? Escob annwyl! Das will ich ganz und gar nicht sagen. Betsy ist zu flatterhaft, um eine vernünftige Ehefrau abzugeben. Sie brauchen eine gute Hausfrau, die gleichzeitig weiß, wie man Spaß hat.“

Sie griff an Evan vorbei und öffnete ihm die Haustür. Ein kalter Windstoß blätterte das Buch oben in der Kiste auf. „Na ja, ich weiß, dass Sie unsere Sharon nicht ausführen wollten, während Sie bei mir lebten. Das kann ich verstehen. Ein junger Mann braucht etwas Privatsphäre in seinem Liebesleben. Man kann nicht turteln, wenn die Großmutter des Mädchens alles begleitet. Aber jetzt werden Sie allein leben, warum führen Sie sie nicht aus – mit meinem Segen? Dann werden Sie schon sehen – eine wunderbare Köchin ist Sharon mittlerweile, und eine großartige Tänzerin.“

Evan war froh, dass er seiner Vermieterin den Rücken zugewandt hatte, sodass sie nicht sah, wie er ungewollt zusammenzuckte. Sharon, Mrs. Williams Enkelin, kicherte wie ein Schulmädchen, über alles, was er sagte. Und sie war zu enthusiastisch, ständig in seiner Nähe, und sie betatschte ihn ununterbrochen. Es war, als müsste man einen Bernhardinerwelpen abwehren.

„Ich bin mir sicher, dass sie eines Tages einen Mann sehr glücklich machen wird, Mrs. Williams“, sagte er, „aber Sie kennen mich. Ich bin ein ruhiger Kerl. Ich mache mir nicht viel aus Tanz und solchen Dingen. Bronwen passt sehr gut zu mir, vielen Dank.“

Er trat in den stürmischen Tag hinaus und hielt die Dinge oben auf dem Stapel fest, die der Wind an sich zu reißen drohte. Es sollte eigentlich Frühling sein, dachte er betrübt, und doch war die Spitze des Mount Snowdon seit der vergangenen Nacht wieder mit Schnee bedeckt. Er blickte den Berg hinauf, während er die Straße überquerte, aber der Gipfel war unter einer schweren Decke aus dunklen Wolken verborgen. Auf der anderen Straßenseite zog sich eine lange Reihe grauer Steincottages die Steigung hinauf, typisch für ein Bergarbeiterdorf. Evan stellte die Kiste vor der Tür der Nummer 28 ab. Das Einzige, was das Haus von der Nummer 26 und der 30 unterschied, war die rote Haustür. Solche absonderlichen Farbtupfer waren im ländlichen Wales verpönt. Die letzte Bewohnerin, eine Witwe namens Mrs. Howells, war wegen ihrer roten Haustür immer für flatterhaft gehalten worden. Sie hatte in ihren fünfzehn Jahren hier ansonsten keine Symptome von Exhibitionismus gezeigt, aber die einheimischen Frauen fanden es noch immer angemessen, von ihr als „Mrs. Howells aus Nummer achtundzwanzig, ihr wisst schon, die Flatterhafte mit der roten Tür“ zu sprechen.

Jetzt war sie zu ihrer Tochter gezogen, ausgerechnet nach Cardiff – ein weiteres Zeichen dafür, dass ihr Urteilsvermögen beeinträchtigt war. Evan hatte über die örtliche Gerüchteküche davon gehört, dass das Cottage frei werden würde, und hatte sich sofort gemeldet, um dort einzuziehen. Nicht, dass es viel Konkurrenz gegeben hätte. Die Bevölkerung von Llanfair wurde, wie in den meisten walisischen Dörfern, älter und schrumpfte. Seit die Schieferminen geschlossen waren, gab es keine Arbeit und für junge Leute keine Perspektive, außer als Bedienung oder Zimmermädchen in einem der nahen Hotels zu arbeiten.

Er steckte den Schlüssel ins Schloss, drehte ihn und drückte die Tür auf. Er nahm die Kiste und trat ein. Das feuchtkalte Gefühl eines leeren Hauses wurde ihm deutlich bewusst. Es war ganz anders als der warme, freundliche Flur von Mrs. Williams, zu dem er sehnsüchtig über die Straße hinweg zurückblickte. Er fragte sich, wie lange es dauern würde, bis er aus dem Haus ein Zuhause gemacht hatte. Bislang hatte er nur ein paar Pfannen, etwas nicht zusammenpassendes Porzellangeschirr, das er Bronwen zu verdanken hatte, einen Vinyl-Tisch, zwei Stühle aus dem Discount-Baumarkt in Bangor und ein Einzelbett. Kaum ein vielversprechender Start.

Evan trug die Kiste ins hintere Zimmer, das ihm als Wohn- und Esszimmer dienen würde, und stellte sie auf den Boden. Das braune, zerschlissene Linoleum ließ den Raum noch kälter und trister wirken. Ein Teppich würde eine seiner ersten Anschaffungen werden. Vielleicht würde er am Nachmittag nach Bangor oder Llandudno hinunterfahren, um eine schnelle Runde durch die Trödelläden zu drehen. Mit seinem Lohn als Police Constable konnte er es sich nicht leisten, all die Möbel, die er sich wünschte, auf einmal zu kaufen. Er rief sich in Erinnerung, dass es nur eine Übergangslösung war. Mit etwas Glück würde die Erlaubnis für den Wiederaufbau des alten Cottages des Schäfers im Nationalpark über dem Dorf durchgehen. Das war sein großer Traum, und er wartete seit Monaten geduldig, ohne auch nur ein Wort von den Nationalpark-Leuten gehört zu haben. Wenn er mit dem Bau seines eigenen Cottages fertig war, würde er es so einrichten können, wie er es sich wünschte – er korrigierte sich – so wie Bronwen es sich wünschte. Sie hatte schon ihre Bereitschaft signalisiert, dort zu leben, obwohl sie mit keinem Wort eine Hochzeit erwähnt hatte. Allerdings hatte er das auch nicht getan. Das Thema war noch immer ein Loch im Eis, das sie vorsichtig auf Schlittschuhen umkreisten.

Er wünschte sich, dass Bronwen da wäre, um ihm zu helfen. Aber sein Department bemühte gerade ein Sparprogramm und teilte ihn jedes zweite Wochenende zur Arbeit ein. Das hatte dazu geführt, dass er seinen Umzug an einem Dienstag erledigte, während Bronwen den Unterricht in der Dorfschule leitete. Evan packte eine Lampe aus und sah sich im Zimmer nach einem Ort dafür um. Dann stellte er sie, aus Ermangelung einer besseren Möglichkeit, auf den Kaminsims. Er wollte gerade wieder zu Mrs. Williams zurückkehren, als die Haustür aufging und Bronwen hereinstürmte.

„Bist ja noch nicht weit gekommen, was?“ Sie stand in der Tür und sah sich missbilligend um. Sie trug einen marineblauen Fischerpullover, der ihre Augen beinahe in derselben Farbe leuchten ließ, und ihre Wangen waren vom Wind gerötet. Strähnen aus aschblondem Haar waren ihrem langen Zopf entkommen und über ihr Gesicht geweht.

„Was machst du denn hier?“, fragte Evan und sein Gesicht erhellte sich. „Du hast doch nicht etwa deine Schüler alleingelassen, um mich zu besuchen, oder?“

Bronwen grinste. „Es ist gerade Mittagspause und ich habe zwei Mütter, die sich heute freiwillig um das Essen kümmern. Da dachte ich, ich komme kurz vorbei und schaue, wie du vorankommst.“ Sie schob die Haarsträhnen zurück und inspizierte das Zimmer. „Oh je. Ich hatte es nicht so trostlos in Erinnerung.“

„Das liegt daran, dass es bei deinem letzten Besuch noch mit Mrs. Howells Möbeln vollgestellt war. Und dieser Boden war unter einem Teppich versteckt“, sagte Evan. „Ich glaube, ein Teppich sollte eine meiner ersten Anschaffungen sein, was meinst du? Außerdem Töpfe und Pfannen, Stühle und Tische, ein Kleiderschrank, Kommoden – oh, und Nahrungsmittel.“

„Dann hat man dir eine Lohnerhöhung gegeben, ja?“

„Ich dachte, ich fahre heute Nachmittag nach Bangor runter, und sehe mich in den Second-Hand-Läden um. Das ist meine einzige Möglichkeit, um dieses Haus einzurichten.“

Bronwen nickte. „Und du solltest nicht viel Geld für Dinge ausgeben, die eines Tages nicht in das Cottage passen.“

„Wenn ich je die Genehmigung bekomme.“ Evan seufzte. „Da sitzt ein alter Kauz in der Verwaltung, der meint, dass alles, was zum Nationalpark gehört, der Wildnis überlassen werden sollte.“

Bronwen kam zu ihm und legte ihm die Arme um den Hals. „Sie wird durchgehen. Hab Geduld. Und in der Zwischenzeit sammelst du wertvolle Erfahrungen in Überlebenstechniken.“

„Bei dir klingt das, als würde ich zu Fuß die Antarktis durchqueren.“ Evan kicherte. „Bei meinen Kochkünsten werde ich natürlich recht bald verhungern.“

„Hör doch auf!“ Bronwen ließ ihn los und verpasste ihm eine spielerische Ohrfeige. „Du weißt ganz genau, dass du die Hälfte der Zeit bei mir essen wirst, und Mrs. Williams wird jeden Tag mit einer gebackenen Kleinigkeit vorbeischauen, nur um sicherzugehen ...“

„Sie hat mir schon angeboten, dass ich zum Abendessen kommen kann, wann immer ich möchte“, sagte Evan. „Aber ich werde stark bleiben und der Versuchung widerstehen. Und Essen zum Mitnehmen oder Tiefkühlkost kommen auch nicht in Frage. Ich habe das Kochbuch, das du mir zu Weihnachten geschenkt hast, und ich werde kochen lernen. Du wirst schon sehen.“

„Ich bin sehr stolz auf dich“, sagte sie. „Ich erwarte meine Einladung zum Abendessen ins ...“

Sie wurde von Evans Piepser unterbrochen. Er nahm ihn von seinem Gürtel und zog eine Grimasse. „Ach nein, das hat mir noch gefehlt. Das Hauptquartier will mich am Telefon sprechen.“

„Das ist nicht fair“, sagte Bronwen wütend. „Erst nehmen sie dir die Hälfte deiner Wochenenden und geben dir stattdessen zwei nutzlose freie Wochentage, und dann rufen sie dich auch noch an deinem freien Tag an.“

„Ich bin Polizist, Bron“, sagte er. „Das gehört zum Beruf. Wenn es irgendwo einen Notfall gibt, sind freie Tage egal.“

„Aber ich bekomme dich kaum noch zu sehen“, sagte sie. „Ich bin die ganze Woche damit beschäftigt, Aufsätze zu benoten, und du arbeitest das ganze Wochenende. Die wunderschöne Wanderung über den Glyder Fach musste ich ganz allein machen.“

„Dafür gäbe es eine Lösung“, sagte Evan und legte einen Arm um sie. „Ich könnte den Versuch beenden, dieses Haus wohnlich zu machen, und stattdessen bei dir einziehen.“

„Oh ja, das würde bei den Einheimischen gut ankommen, nicht wahr?“ Bronwen lachte. „Stell dir nur vor, was das für eine Vorlage für die Sonntagspredigten der beiden Pastoren wäre. Abgesehen davon“, sie streckte die Hand aus und streichelte seine Wange, „tun wir das hier mit einem Ziel, nicht wahr?“ Sie gab ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange. „Ich muss gehen“, sagte sie. „Wenn ich nicht zurückkomme, werden die Kinder wild.“

Evan folgte ihr nach draußen und beobachtete, wie sie die Straße hinaufrannte, ehe er sich den Hügel hinab zu seiner kleinen Polizeinebenstelle begab.

„Oh, Constable Evans. Gut, dass wir Sie erreicht haben“, Megan, die Leiterin der Zentrale, ging ans Telefon. „Tut mir leid, Sie an Ihrem freien Tag zu stören, aber der Chief Inspector will mit Ihnen sprechen, und morgen früh ist er auf dem Weg zu einer Konferenz in Birmingham. Es geht alles um diese geplante Neuorganisation. Er hat eine Lösung gefunden, um Sie in eine ... sagen wir mal aufstrebendere Situation zu bringen.“

„Ist er jetzt da und kann mit mir sprechen?“

„Er hätte gern, dass Sie runterkommen um persönlich mit ihm zu sprechen. Ist das in Ordnung? Ich weiß, dass es Ihr freier Tag ist, aber ...“

„Ich bin in einer halben Stunde da“, sagte Evan.

Er legte auf und ging hinaus zu seiner alten Klapperkiste. Der Wagen sprang beim dritten Versuch an. Dorfpolizisten bekamen kein Polizeiauto. Bei Bedarf, wurde eine Streife aus Caernarfon als Unterstützung geschickt, deshalb nahm er seinen eigenen Wagen – der jetzt schon seit vielen Jahren seiner war. „Aufstrebend“ – was konnte das bedeuten? Und sie hatte dabei auch noch so mysteriös geklungen. Wusste sie mehr als er ... ging es vielleicht um eine Beförderung? Würde er endlich zu den Zivilfahndern wechseln? Er trat aufs Gas und der Motor protestierte heulend, als er vom Parkplatz herunterfuhr.

 

„Ah, Evans. Guter Mann.“ Das war Chief Inspector Merediths gängige Begrüßung, es sei denn, man hatte etwas falsch gemacht, dann hieß es nur: „Ah, Evans“, ohne das „guter Mann“. So wusste er schon mal, dass er keinen Ärger bekommen würde.

„Freut mich, dass Sie so schnell hergekommen sind.“ Auch das war Teil der gängigen Begrüßung. „Setzen Sie sich.“

Der Chief Inspector hatte wie üblich die Hemdsärmel hochgekrempelt und Evan fiel auf, dass der Raum angenehm warm war. Das Sparprogramm betraf offensichtlich nicht die Heizung.

„Wie läuft es denn oben in Llanfair?“ Der Chief Inspector sprach den Namen seltsam aus, unfähig seine Zunge zu dem doppelten „L“ zu bewegen, wie alle, die nicht Walisisch sprachen. Er stammte aus Nordwales, aber aus der Küstenstadt Llandudno, wo man sich schon immer für bessergestellt hielt, und wo Walisisch zu sprechen eine Seltenheit war.

„Oh, in etwa so wie immer, Sir.“ Evan ließ sich auf dem harten, hölzernen Besucherstuhl nieder und wünschte sich, der Chief Inspector würde sich das Geplauder sparen und zum Punkt kommen. Die Spannung brachte ihn fast um.

„Schon eine ganze Weile keine Leiche mehr, was? Sie müssen sich langweilen.“ Er lachte – vornehm und leise. Evan lächelte und war so weise, nichts dazu zu sagen. Er wusste, dass sein scheinbares Geschick für die Lösung von Mordfällen bei den hohen Tieren nicht immer gut angekommen war. Tatsächlich fragte er sich sogar, ob diese Erfolgsbilanz verhindert hatte, dass er für die Ausbildung zum Detective ausgewählt wurde.

„Ich nehme an, zu dieser Jahreszeit ist es da oben in Llanfair ziemlich ruhig, nicht wahr? Noch gibt es keine Touristen, die sich verlaufen, irgendwo feststecken oder ihre Schlüssel verlieren.“

„Ganz recht, Sir.“

Der Chief Inspector lehnte sich in seinem Stuhl nach vorne. „Hören Sie, Evans. Sie wissen vermutlich, dass wir aus Colwyn Bay die Anweisung bekommen haben, die Ausgaben unserer Departments deutlich zu senken. Einer der Vorschläge war natürlich, die kleinen Nebenstationen zu schließen und unser Personal im Hauptquartier zusammenzuziehen.“

„Ich dachte, das hätte man früher schon versucht, Sir, bevor ich herkam. Ich dachte, man hätte festgestellt, dass ein Beamter vor Ort Verbrecher abschreckt.“ (Als ob das nicht längst jedem, der zumindest ein wenig Verstand besaß, klar geworden wäre, dachte er.)

„Richtig, aber die Bevölkerung in den Dörfern geht stetig zurück, nicht wahr? In einigen Jahren wird es dort nur noch Touristen geben – wie eine Nachahmung von Walt Disney, von dem Wales, wie es einmal existierte. Frühstückspensionen, Kunsthandwerks-Läden, auf alt getrimmte Schmieden – solche Sachen.“

„Noch lange nicht“, sagte Evan. „Wir müssen in Llanfair mehrere hundert Einwohner haben, und wir sind eines der kleineren Dörfer.“ Er sah den Chief Inspector direkt an. In seinem Magen braute sich ein flaues Gefühl zusammen. Er war voller Erwartung hergeeilt und hatte von den Möglichkeiten geträumt. Ihm gefiel die Richtung nicht, die das Gespräch eingeschlagen hatte. „Sie denken doch nicht darüber nach, die Station in Llanfair zu schließen, oder?“

„Nicht im Augenblick. Allerdings kann ich es mir nicht leisten, Beamte dort einzusetzen, wo sie nicht permanent gebraucht werden. Ich weiß, dass es Phasen gibt, in denen Sie da oben sehr beschäftigt sind. Ich weiß, dass es sogar einige größere Vorfälle gab, seit sie unserer Truppe beigetreten sind, und Ihre Präsenz war höchst ...“ Evan dachte, er würde „dienlich“ sagen, aber stattdessen fuhr er fort: „... wertvoll für eine schnelle Aufklärung. Andererseits“, er nahm ein Betriebsbuch in die Hand, „gibt es Tage, an denen Sie kaum mehr zu tun scheinen, als Anrufe entgegenzunehmen und Tee zu kochen.“

„Ganz so schlimm ist es nicht, Sir“, sagte Evan. „Ich hole meinen Papierkram nach, wenn es nichts zu tun gibt. Und ich kann mir vorstellen, dass es auch hier unten Tage gibt, an denen Sie sich nicht die Hacken ablaufen.“

Der Chief Inspector bekam ein Lächeln hin. Evan hielt die Spannung nicht länger aus. „Also, was planen Sie für mich?“, platzte er heraus.

„Ihr Territorium zu erweitern“, sagte Chief Inspector Meredith. „Im Augenblick sind Sie auf einen Bereich beschränkt, den Sie zu Fuß abdecken können. Ich weiß, dass Sie gut klettern können und Sie waren in der Lage, an Unfallorte in den Bergen zu gelangen, aber die Reaktionszeit ist entsprechend langsam. Wir werden Ihnen die Arbeit erleichtern, indem wir Ihnen ein Motorrad zur Verfügung stellen.“

„Ein Motorrad?“ Evan hätte kaum überraschter oder enttäuschter sein können. „Ich bin noch nie Motorrad gefahren, Sir.“

„Kein Problem. Es wird natürlich eine Ausbildung geben. Und damit können wir rechtfertigen, die Nebenstation in Llanfair in Betrieb zu halten. Sie werden in der Lage sein, von Llanberis auf der einen, bis Beddgelert auf der anderen Seite Streife zu fahren, und auch auf den häufig genutzten Bergwegen. Heutzutage hat jeder ein Handy dabei. Wenn wir einen Anruf von einem Wanderer oder einem Kletterer in Not erhalten, können Sie gleich dort hinaufsausen.“ Er strahlte, als hätte er Evan ein wundervolles Geschenk gemacht.

„Also ... ähm ... wann bekomme ich dieses ... Motorrad?“, fragte Evan. Er versuchte, die Gefühle aus seiner Stimme herauszuhalten. Er hatte sich nie ein Motorrad gewünscht, selbst als seine Jugendfreunde ihre Eltern angefleht hatten, ihnen eins zu kaufen. Sie hatten auf ihn immer kalt und ungemütlich gewirkt. Er sah keine Notwendigkeit dafür, den Regen ins Gesicht zu bekommen, wenn er auch geschützt in seinem Auto sitzen konnte. Jetzt stellte er sich vor, wie er bei Regen und Sturm den Berg hinauffuhr, um nach festsitzenden Touristen zu suchen. Das war keine angenehme Aussicht.

„Es steht schon in der Werkstatt und wird gewartet“, sagte der Chief Inspector. „Mit Ihnen werden fünf Constables solche mobilen Einheiten bilden, deshalb müssen wir Zeit dafür finden, jedem von Ihnen Trainingsstunden zuzuteilen. Sehen Sie sich den Gesamtplan in der Zentrale an und schauen Sie, wo Sie Ihre Trainingseinheit unterbringen können. Wir wollen das so schnell wie möglich über die Bühne bringen, damit Sie unterwegs sein können, ehe die Touristenmassen kommen.“

Evan stand auf. „War das dann alles, Sir?“

Der Chief Inspector reckte sich, lehnte sich in seinem Stuhl zurück, streckte die Arme aus und ließ seine Knöchel knacken. „Ja, das dürfte alles sein. Dann auf mit Ihnen. Und keine Wheelies, wenn wir gerade nicht hinschauen!“ Er kicherte erneut.

Evan ging auf die Tür zu, drehte sich aber noch mal um. „Wegen meines Ersuchens, Sir. Meiner Versetzung zu den Zivilfahndern. Irgendeine Ahnung, welche Chancen ich habe?“

„Im Augenblick gar keine, fürchte ich, mit den ganzen Spareinschränkungen“, sagte Chief Inspector Meredith. „Auch die Zivilfahnder müssen sich auf das Allernotwendigste beschränken, so wie wir. Und ich habe es auch nicht eilig damit, einen guten Mann abzugeben.“

Evan trat in den Flur hinaus und steuerte auf die Eingangstür zu. Ihm war nicht einmal danach, auf einen Tee und ein nettes Gespräch in der Cafeteria vorbeizuschauen. Megan, das fröhliche Zugpferd der Zentrale, streckte den Kopf aus dem Fenster, als er vorbeiging. „Waren Sie beim Chief? Hat Ihnen mein kleiner Scherz gefallen? Aufstrebend, verstehen Sie?“

„Sehr witzig“, sagte Evan und schob die Schwingtür auf.

Kapitel 4

Regen hatte eingesetzt, der feine, nebelartige, walisische Regen, bei dem die Einheimischen von einem „regnerischen Tag“ sprachen. Man bemerkte ihn kaum, fand Evan, aber er durchnässte einen genauso schnell wie ein schwerer Schauer. Er machte sich nicht einmal die Mühe, seinen Kragen hochzuschlagen um ihn abzuhalten. Es passte zu seiner Stimmung. Megans Lachen hallte noch immer durch seine Gedanken.

Er schwenkte von seinem Auto weg und lief stattdessen über den Parkplatz bis zum Werkstatt-Schuppen, wo die neuen Motorräder warten würden. Er könnte es doch gleich hinter sich bringen und einen Blick riskieren. Er verstand nicht, warum er Motorrädern gegenüber derart negative Gefühle hatte. Er hatte nie eines besessen. Auch keiner seiner Jugendfreunde hatte je eins gehabt. Warum war er sich dann so sicher, dass er es hassen würde, eines zu fahren? Es war nicht der kalte Regen in seinem Gesicht, der ihm Sorgen machte. Jeder, der in den walisischen Bergen aufgewachsen war, war kalten Regen im Gesicht gewohnt. Er hatte zahlreiche Erfahrungen damit gesammelt, während er auf Schulbusse gewartet oder Rugby gespielt hatte. Und das Wetter machte ihm auch nichts aus, wenn er Klettern oder Wandern ging. Es musste um mehr als das gehen ... Evan zermarterte sich das Hirn. Er war nie ein Raser gewesen, aber hohe Geschwindigkeiten hatten ihm auch nie nennenswerte Sorgen bereitet. Ein Bild trat in seine Gedanken, von einem Motorrad, das sich in einem schier unmöglichen Winkel in eine Kurve lehnte. Wann hatte er das gesehen ...

Dann erinnerte er sich plötzlich. Er hatte mit seinen Eltern auf der Isle of Man Ferien gemacht und sie hatten sich das Rennen des Motorrad-Grand-Prix angesehen, das dort jedes Jahr abgehalten wurde. Evan konnte damals nicht älter als fünf oder sechs gewesen sein. Er erinnerte sich daran, wie er auf den Zaun geklettert war, um etwas sehen zu können. Die Motorräder waren mit heulenden Motoren vorbeigeschossen, so schnell, dass sie nur aus verschwommenen, leuchtenden Farben zu bestehen schienen. Er konnte es kaum erwarten, zu seinem eigenen Zweirad zurückzukehren und so zu tun, als wäre es ein Motorrad. Dann war es geschehen – eines der Motorräder fuhr zu schnell in die Kurve. Es lehnte sich in einem unmöglichen Winkel zur Seite, der Kopf des Fahrers war nur Zentimeter über dem Asphalt. Es hatte geregnet und die Fahrbahn war glatt. Plötzlich lag das Motorrad auf der Seite und rutschte in die anderen Motorräder. Das furchtbare Knirschen von Metall war zu hören, dann schoss ein großer Feuerball in die Luft. Evan glaubte nicht, dass tatsächlich jemand zu Tode gekommen war, aber das Bild war ihm noch immer klar und deutlich in Erinnerung. Er hörte seine Mutter sagen: „Versprich mir, dass du nie eines dieser schrecklichen Dinger fahren wirst. Versprich es mir.“ Und er hatte es ihr versprochen.

Sie ließ ihn ähnliche Versprechen abgeben, zu allem Möglichen, das ihr Angst machte, und rang auch seinem Vater ähnliche Versprechen ab. Aber es hatte nichts gebracht. Sein Vater hatte wieder und wieder versprochen, vorsichtig zu sein, und doch war er eines nachts in einem Kugelhagel gestorben, weil er versucht hatte, ein Drogengeschäft zu verhindern.

Evan hoffte, dass seine Mutter den Vorfall beim Grand Prix vergessen hatte, aber er glaubte nicht daran. Er würde daran denken müssen, das Motorrad bei ihren wöchentlichen Telefonaten nicht zu erwähnen.

Seine neue Maschine stand mit vier anderen in der Werkstatt, neben einem zerlegten Streifenwagen. Sie sah nicht ansatzweise so groß oder eindrucksvoll aus, wie Evan befürchtet hatte. Es war ein leichtes Gerät mit breiten, genoppten Reifen. Er stieß einen erleichterten Seufzer aus.

Ein Kopf kam unter dem Streifenwagen hervor, und Dai, der Mechaniker, tauchte unter dem Wagen auf. „Hallo, Constable. Evans, nicht wahr? Dann sind Sie wegen Ihres Bikes da?“

„Heute bin ich nur hier, um es mir mal anzusehen. Ich soll mich zur Übungsstunde melden, ehe ich es fahren darf.“

„Oh, da ist nichts dabei“, sagte Dai und grinste. „Als ich zehn war, hätte ich dieses Bike schon fahren können. Es fährt nicht schnell, selbst wenn man es darauf anlegt. Ist eigentlich fürs Gelände gemacht, wie die der Landwirte hier in der Gegend, die ihre Schafe zusammentreiben müssen. Sehen Sie die breiten Reifen? Damit können Sie bis auf den Gipfel des Snowdon fahren, wenn Ihnen danach sein sollte. Sind Sie je eins gefahren?“ Evan schüttelte den Kopf. „Na dann los. Springen Sie rauf und bekommen Sie ein Gefühl dafür. Ich erkläre Ihnen die grundlegende Bedienung. Danach ist wirklich nichts dabei. Sie könnten eine Runde drehen, wenn Sie wollen.“

Evan stieg auf das Bike. Es war klein und kompakt, eher ein Pony als ein Rennpferd. „Hier startet man es“, sagte Dai, „und das Gas ist da am Lenker. Na los, versuchen Sie’s.“

Als die Maschine stotternd zum Leben erwachte, bemerkte Evan die beiden Gestalten am Eingang der Werkstatt.

„Schauen Sie sich das mal an, Glynis“, sagte Sergeant Watkins und grinste seine Partnerin an. „Der König der Straße. Sagen Sie mir nicht, dass die Hell’s Angels in den Fuhrpark eingefallen sind.“

„Hören Sie schon auf, Sarge.“ Evan lächelte, stellte eilig den Motor ab und stieg vom Bike. „Haben Sie schon gehört, dass mir eines dieser Dinger zugewiesen wurde?“

„Ich habe sowas vernommen, ja“, sagte Sergeant Watkins. „Eigentlich keine schlechte Idee. Sie werden viel schneller reagieren können, wenn irgendeine dämliche Engländerin ihre Tasche einen Hang hinabwirft, was, Junge?“

„Ich finde, das sieht nach Spaß aus.“ Glynis Davies, die junge Detective Constable, schenkte ihm ihr umwerfendes Lächeln.

Es macht nicht so viel Spaß wie deine Stelle, dachte Evan. Die Stelle, auf die ich mich beworben habe, die du aber bekommen hast. Er versuchte, den Gedanken zu verdrängen. Er wusste, dass sie nicht dafür verantwortlich war, die Beförderung vor ihm erhalten zu haben. Sie war schlau und fähig; und eine Frau, zu einer Zeit, in der sie angewiesen waren, mehr weibliche Detectives einzustellen. Aber es machte ihm noch immer zu schaffen.

„Dürfen Sie darauf jemanden mitnehmen?“, fragte sie.

„Ich habe noch keine Ahnung, was ich tun darf. Ich habe erst vor ein paar Minuten davon gehört.“

„Falls ja, bin ich die Erste, die Sie mitnehmen müssen“, sagte sie. Dann blickte sie zu Sergeant Watkins. „Haben Sie die andere Neuigkeit auch schon gehört?“ Evan meinte, einen warnenden Blick bei Watkins zu erkennen, aber sie verstummte nicht. „Unser Chief geht vorzeitig in Ruhestand.“

„Der Detective Chief Inspector?“

„Ganz genau. Und raten Sie mal, wer seinen Platz einnehmen wird.“

„Doch nicht Detective Inspector Hughes?“ Evan klang ungläubig. „Das ist nicht Ihr Ernst. Der Mann könnte nicht einmal ein Spiegelei aufspüren, selbst wenn es direkt auf seinem Toast liegt.“

„Er kennt die richtigen Leute“, sagte Watkins, „und er war die einzige Wahl, sonst hätten sie jemanden aus Colwyn Bay rüberschicken müssen.“

Evan nickte. Warum sollte er sich darum sorgen? Es war nicht so, als hätten die Veränderungen im Machtgefüge der Zivilfahnder Auswirkungen auf ihn.

„Dann fehlt also ein Detective Inspector, ja?“, fragte er.

Watkins Gesicht lief knallrot an. Es war das erste Mal, dass Evan ihn erröten sah.

„Sergeant Watkins wird zur Ausbildung geschickt“, sagte Glynis stolz. „Er ist an der Reihe für die Beförderung zum Detective Inspector.“

„Das ist großartig, Sarge“, sagte Evan und schüttelte ihm die Hand. „Glückwunsch.“

„Warten wir ab, was wirklich passiert, ja?“, murmelte Watkins. „Mit all diesen Sparmaßnahmen werden sie vermutlich beschließen, dass sie sich meine Beförderung nicht leisten können.“ Er wandte sich an Dai, den Mechaniker. „Deshalb sind wir hier unten. Auch wegen einer Sparmaßname. Sie reanimieren alte Fahrzeuge, die schon vor Jahren auf der Schrotthalde hätten landen sollen, und uns wurde diese Schönheit hier zugeteilt. Ich schätze, der Wagen fährt erst mal nirgendwo hin, oder, Dai?“

„Das können Sie laut sagen, Sergeant“, sagte Dai. „Eine richtige Schrottkarre, wenn Sie mich fragen. Es wird ein Vermögen kosten, neue Teile zu bekommen, um sie wieder auf die Straße zu bringen. Und Sie sollten mal den Rost in der Karosserie sehen. Sie haben Glück, wenn der Wagen beim Fahren nicht in seine Einzelteile zerfällt.“

„Na, vielen Dank. Sehr ermutigend“, sagte Watkins. „Sieht so aus, als müssten wir doch Evans bitten, uns hinten auf seinem Motorrad mitzunehmen.“

„Da haben Sie leider Pech. Ich fahre damit nirgendwo hin. Ich muss mich erst für meine Übungsstunden eintragen.“

„Übungsstunden?“ Watkins kicherte. „Was will man da machen – Ihnen für den Anfang Stützräder geben? Selbst unsere Tiffany könnte das Teil fahren. Sie hätten sie neulich auf der Go-Kart-Strecke in Rhyl sehen müssen. Sie ist eine echte, kleine Raserin. Ich bin froh, dass sie erst mit achtzehn ihren Führerschein machen kann!“ Er legte Evan eine Hand auf die Schulter. „Dann können wir auch in der Cafeteria eine Tasse Tee trinken. Kommen Sie mit, Junge?“

„Alles klar, warum nicht?“ Evan verließ die Werkstatt mit ihnen und überquerte den nassen Parkplatz.

„Sollte heute nicht Ihr freier Tag sein?“, fragte Glynis. „Ich wollte eigentlich hochfahren und Sie besuchen, aber dann habe ich auf den Dienstplan geschaut, und gesehen, dass Sie frei haben.“

„Sollte ich eigentlich auch, aber der Chief Inspector hat mich herbestellt, um mir persönlich die frohe Botschaft zu überbringen.“

„Frohe Botschaft?“, fragte Glynis unschuldig.

„Die Sache mit dem Motorrad.“

„Es scheint, dass Sie nicht allzu begeistert sind“, kommentierte Watkins.

„Ich dachte, dass es vielleicht eine bessere Nachricht wäre“, sagte Evan.

Watkins nickte. „Die kommt schon noch.“

„Warum wollten Sie mich denn besuchen, Glynis?“, fragte Evan und steuerte die Unterhaltung damit in sicherere Gewässer.

„Sie kennen sich doch mit Jugendherbergen und sowas aus, oder?“, sagte sie. „Ich dachte, Sie könnten mir helfen. Ich muss in allen Jugendherbergen in der Nähe Zettel aufhängen. Wir versuchen, eine vermisste junge Frau aufzuspüren.“

„Die in einer Jugendherberge übernachtet hat?“

Glynis schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung. Sie ist eine amerikanische College-Studentin, die irgendeinen Kurs an der Oxford University belegt hat. Der Kurs endete vor Weihnachten. Sie hatte ihre Eltern angerufen, und gesagt, dass sie hier noch etwas herumreisen wolle, ehe sie nach Hause zurückkehrt. Sie hat versprochen, bis Ostern zu Hause zu sein, zu der Zeit beginnt da drüben das Frühlingssemester an der Uni. Ihre Eltern haben seit Februar nichts mehr von ihr gehört und Ostern ist sie nicht aufgetaucht. Sie sind natürlich krank vor Sorge, und sie sind hergekommen, um nach ihr zu suchen.“

„Was lässt sie glauben, dass sie hier in der Gegend war?“

„Ihre letzte Postkarte wurde in Wales abgeschickt. Das ist alles, was wir haben.“

„Ich verstehe.“ Evan runzelte die Stirn. „Eine schwere Aufgabe. Sie könnte überall sein. Ich vermute, dass auch andere Polizeikräfte beteiligt sind?“

Glynis nickte. „Die Polizei in Oxford natürlich, und auch die Metropolitan Police. Sie war über die Weihnachtsferien in der Wohnung einer Freundin in London untergekommen.“

„Ich hänge die Vermisstenanzeigen gerne für Sie in den Jugendherbergen aus“, sagte Evan. „War sie denn gerne draußen? Ist sie vielleicht zum Klettern oder Wandern hergekommen?“

„Nein, war sie nicht. Das ist das Seltsame“, sagte Glynis. „Sehr still, fleißig, im sozialen Umgang befangen, spielte Geige. Aber sie hatte einen tollen Humor. In der letzten Postkarte an ihre Eltern hieß es: ‚Bin in Wales. Habe ein Date mit einem Druiden.‘“

„Und das ist alles, was Sie haben?“

Glynis nickte. „Nicht viel, was?“

„Und wenn sie seit Weihnachten umherstreift, könnte sie mittlerweile längst anderswo sein. Wir brauchen schon viel Glück, um in einer Jugendherberge jemanden zu finden, der sich an sie erinnert. Diese jungen Leute streifen einen Monat lang hier herum und dann verschwinden die meisten wieder.“

„Und genau das hat Rebecca auch getan – sie ist verschwunden“, sagte Glynis. „Sie ist nie in der Wohnung ihrer Freundin aufgetaucht, um ihre restlichen Sachen abzuholen.“

„Das klingt nicht gut, nicht wahr?“, fragte Evan. „Ist ein Bild von ihr auf den Vermisstenanzeigen?“

„Ja, aber kein gutes. Ich hoffe, ein Besseres zu bekommen, wenn wir die Eltern treffen. Sie sollten in ein paar Tagen hier sein, gerade arbeiten sie sich aus dem Norden von Wales nach Süden, sie lassen nichts unversucht.“

„Die armen Leute“, sagte Evan. „Das muss das Schlimmste sein, was einem passieren kann – nicht Bescheid zu wissen. Menschen können mit schlechten Nachrichten umgehen, solange sie die Wahrheit erfahren.“

Glynis nickte. „Sie haben recht. Ich werde Mr. und Mrs. Riesen zu Ihnen raufbringen, wenn sie herkommen. Sie sagen immer das Richtige.“

„Alles klar.“ Evan lächelte. Sie war eine nette, junge Frau. Wenn sie nicht mit dem Neffen des Chief Constables ausgehen würde, und er nicht Bronwen in seinem Leben hätte, könnte er vielleicht ... er brach den Gedanken ab, als sie die Eingangstür zur Polizeistation erreichten. „Mir ist gerade etwas eingefallen“, sagte er. „Ich sollte besser nicht noch auf einen Tee mit reinkommen. Ich ziehe heute um. Ich habe noch haufenweise Dinge zu erledigen und ich wollte mich in den Trödelläden umsehen, ehe die zumachen. Ich muss das Haus irgendwie einrichten.“

„Dann haben Sie es endlich geschafft?“ Watkins grinste. „Sie haben sich abgenabelt und sind bei Ihrer Vermieterin ausgezogen. Nun, gut für Sie, Junge. Jetzt werden Sie herausfinden, wie das Leben wirklich ist. Das heißt Bohnen auf Toast und die Hemden selbst waschen, wie der Rest von uns.“

„Ich möchte Sie wissen lassen, dass ich gedenke, ein Gourmet-Koch zu werden“, sagte Evan. Er versuchte, nicht zu lächeln, als Watkins Glynis anstieß. „Nein, im Ernst. Ich habe ein ausgefallenes Kochbuch, das Bronwen mir geschenkt hat, und ich werde mir selbst beibringen, anständig zu kochen.“

„Dann erwarten wir eine Einladung zum Abendessen, nicht wahr, Glynis?“, sagte Watkins.

„Absolut.“ Glynis Davies begegnete seinem Blick mit ihren großen, braunen Augen.

Mit ein wenig Bedauern sah er ihnen hinterher, als sie zur Cafeteria gingen. Er musste zugeben, dass er sie trotz allem noch faszinierend fand.

Kapitel 5

Einige Tage später verließ Evan Caernarfon auf seinem neuen Motorrad. Er hatte den Übungskurs bestanden, bei dem er um Hütchen herumfahren musste, ohne sie umzustoßen, und er wusste, wie man losfuhr und anhielt. Er war bereit, ein Motorradpolizist zu werden. Er grinste bei diesem Begriff und stellte sich vor, an einer Hochgeschwindigkeits-Verfolgungsjagd beteiligt zu sein, wie sie scheinbar immer in Städten wie Los Angeles vorkamen. Das Einzige, was er in Llanfair je mit hoher Geschwindigkeit verfolgen würde, waren Schafe, die sich auf die Straße verirrt hatten.

Er ließ die letzten bewohnten Gebiete hinter sich und gab Gas, während das Motorrad die Passstraße erklomm. Der Motor gab ein befriedigendes Brüllen von sich. Er erreichte die erste Zickzackkurve. Er musste sich in die Kurve lehnen, aber es kam ihm beinahe unmöglich vor. Er spürte, wie die Schwerkraft an ihm zog, lehnte sich zur Seite und lächelte, als das Motorrad die Kurve nahm. Sehr befriedigend. Vielleicht würde die Sache doch gar nicht so schlecht werden. Er konnte es kaum erwarten, das Motorrad im Gelände auszuprobieren, aber nach dem tagelangen Dauerregen sollte er die Hänge besser erst etwas trocknen lassen.

Llanfair tauchte vor ihm auf, schmiegte sich zwischen grüne Hänge. Es war später Nachmittag und das Dorf badete im starken, schräg einfallenden Sonnenlicht, das die grauen Steine der Cottages rosarot leuchten ließ. Der Bach, der aus den Bergen kam, trat beinahe übers Ufer, unterquerte mit donnerndem Rauschen die Steinbrücke und warf Tropfen in die Luft, die in der Sonne tanzten. Nach dem Regen sah die Welt immer am besten aus. Ganz frisch und neu. Genau der richtige Abend für eine stramme Wanderung. Stattdessen musste er das Wohnzimmer fertigstreichen. Evan seufzte. Er hatte einen farbenfrohen, fröhlichen Teppich für das Wohnzimmer gefunden, aber der reichte nicht aus, um die düstere, klamme Stimmung zu vertreiben, die selbst mit einem Kaminfeuer nicht besser wurde. Die braunen Tapeten an den Wänden hatten nicht geholfen, also hatte er sich in einem Anfall von Enthusiasmus am ersten Abend daran gemacht, sie abzureißen. Sie hatten sich zu seiner Zufriedenheit in Streifen lösen lassen und jetzt blieben nur noch die kahlen Wände. Also hatte er damit angefangen, den ganzen Raum in strahlendem Weiß zu streichen. Nach den ersten Wänden war ihm aufgefallen, dass das ganze Cottage seit einem halben Jahrhundert keine Farbe mehr gesehen hatte. Alles andere sah im Vergleich schäbig und schmutzig aus. Die Decke brauchte auch einen Anstrich, und nach dem Wohnzimmer auch der Flur, die Küche, die Treppe ... er hatte sich auf ein großes Projekt eingelassen. Zum ersten Mal konnte er Sergeant Watkins’ ständige Beschwerden darüber verstehen, dass er die Wochenenden mit Heimwerker-Projekten verbringen musste.

Er fühlte sich von dieser Aussicht entmutigt, als er auf den Hof der Polizeistation einbog. Er wollte gerade absteigen, als er einen Schrei hörte und jemand mit wedelnden Armen über die Straße gerannt kam.

„Constable Evans!“

Es war der junge Terry Jenkins, der Dorfrabauke, der in einen von Evans früheren Fällen verwickelt gewesen war. Sein Gesicht strahlte vor Begeisterung. „Ist das Ihr Bike? Ist es neu?“ Er streichelte liebevoll den verchromten Lenker, als wäre das Motorrad ein lebendiges Wesen. „Schafft es 160 Sachen?“

Evan lachte. „Nicht ansatzweise, Terry. Es ist nicht dafür gemacht, schnell zu fahren. Ich habe es nur, um besser in meinem Revier herumzukommen.“

„Ich wette, es fährt ziemlich schnell, wenn man es drauf anlegt. Und mit den Reifen könnte man Motor Cross fahren – Sie wissen doch, wie die über die Hügel fliegen – wusch – hoch durch die Luft!“

„Das ist ein Polizeimotorrad, Terry“, sagte Evan, dankbar, dass er seine nichtexistenten Motor-Cross-Talente nicht vorführen musste. „Ich werde damit keine Stunts fahren.“

„Schade.“ Terrys Lächeln verschwand. „Aber Sie müssen trotzdem schnell fahren, wenn Sie einen Ganoven jagen, oder? Wie diesen Kerl in dem roten Sportwagen damals.“

„Ich glaube nicht, dass so etwas in nächster Zeit noch einmal in dieser Gegend passieren wird.“ Evan legte dem Jungen eine Hand auf die Schulter. „Komm, hilf mir das Bike unterzustellen, für den Fall, dass es regnet.“

Nachdem der enttäuschte Terry nach Hause gegangen war, betrat Evan die Nummer 28. Es fühlte sich noch immer kalt und wenig einladend an, und er dachte sehnsüchtig an den Essensduft, der ihn immer beim Öffnen von Mrs. Williams’ Haustür empfangen hatte. Wenn er jetzt Essenduft haben wollte, würde er ihn selbst produzieren müssen. Und nach den Ergebnissen seiner Bemühungen vom Vorabend, war er sich nicht sicher, ob er etwas Essbares produzieren könnte. Er hatte sich an einer Rindfleisch-Nieren-Pastete versucht, aber das Steak und die Niere waren zu nicht identifizierbaren Happen zusammengeschrumpft, und die Kruste der Pastete war nur mit Hammer und Meißel zu öffnen. Vielleicht war er zu ehrgeizig, beschloss er. Vielleicht sollte er bei Ei und Pommes bleiben, bis er sich in der Küche auskannte.

Er holte ein paar Eier heraus und machte sich daran, einen ganzen Berg von Kartoffeln zu schälen. Es würde eine Weile dauern, sie kleinzuschneiden, also erhitzte er einen Brocken Schmalz in einer Pfanne. Dann fiel ihm ein, dass er zuerst den Kamin im Wohnzimmer anmachen sollte, wenn er es zum Essen gemütlich haben wollte. Er ging rüber, steckte Zeitungspapier an und fachte die Flamme an. Das Papier qualmte fröhlich vor sich hin und füllte den ganzen Raum mit Brandgeruch. Er sorgte dafür, dass es richtig brannte, ehe er es auf die Kohlen legte. Als er in die Küche zurückkehrte, erkannte er, woher der Brandgeruch kam. Rauch quoll aus der Pfanne und als er nähertrat, schlug eine große Flamme in die Höhe. Evan schnappte sich einen Deckel und schaffte es, ihn auf die Pfanne zu werfen.

„Puh, das war knapp“, murmelte er und wischte sich mit einer verrußten Hand das Haar aus dem Gesicht. „Rauchmelder“, schrieb er auf die wachsende Liste am Kühlschrank.

Er bewunderte erneut Mrs. Williams, die scheinbar ohne Anstrengung ein ganzes Mahl produzierte. Es schien sinnlos, mit neuem Fett von vorne anzufangen, und die Lust auf Pommes war ihm ohnehin vergangen. Dann eben Rührei. Es war essbar, wenn auch ein wenig gummiartig, aber er war noch immer ausgehungert. Keine der Dosen in der Speisekammer weckten seinen Appetit. Es blieb ihm nichts übrig, als sich die Niederlage einzugestehen, und auf Würstchen oder Fleischpastete in den Pub hinüberzugehen. Außerdem musste er diesem Gestank entkommen.

Nachdem er sichergestellt hatte, dass das Feuer, das jetzt kraftlos im Kamin glomm, nicht das Haus niederbrennen würde, zog er seinen Regenmantel an und ging über die Straße zum Red Dragon. Innen war es warm und einladend wie immer, das große Feuer leuchtete hinter dem Kaminrost und die Luft war schwer von Rauch und Gesprächen. Evan schob sich zur Bar durch. Statt Betsys freundlichem Lächeln stach der kahle Kopf von Pub-Harry hinter der Bar hervor.

„Was bekommen Sie?“, wollte er wissen.

„Ihnen auch einen guten Abend, Harry bach.“ Evan suchte unter den Männern an der Bar nach einer Erklärung dafür, was hier nicht stimmte. „Ich hätte gerne mein übliches Guinness und etwas zu essen, wenn das nicht zu viel Mühe macht.“

„Es macht zu viel Mühe“, sagte Harry. „Guinness können Sie haben. Essen gibt es heute Abend nicht.“

„Warum, was ist passiert? Wo ist Betsy?“

„Sagen Sie mir das“, blaffte Harry, während er Evans Pint Guinness zapfte. „Sie sollte um fünf mit ihrer Schicht beginnen, nicht wahr? Wo zum Teufel ist sie?“

„Das sieht ihr gar nicht ähnlich, sich zu verspäten“, sagte Evan. „Haben Sie bei ihr angerufen?“

„Ja, und niemand geht dran. Ihr Vater sagt, sie sei heute Morgen mit irgendeiner Frau verschwunden.“

„Eine Frau?“

„Ich weiß mit wem.“ Fleischer-Evans stellte sein leeres Glas ab und bedeutete, dass er noch ein Pint wollte. „Diese Fremde, die neulich hier war.“

„Eine Engländerin, meinst du?“

„Nein, Amerikanerin, das hat zumindest Betsy gesagt. Sie ist zum Studieren hier.“

Evan spitzte die Ohren. „Eine amerikanisches Mädchen, das zum Studieren hier ist? Sie hieß nicht zufällig Rebecca, oder?“

„Woher soll ich das wissen?“, fragte Fleischer-Evans. „Und ich würde sie nicht als Mädchen bezeichnen. Ein Hammel im Lammfell, wenn Sie mich fragen.“

„Und was hat Betsy mit ihr zu tun?“, fragte Harry, während er geübt das Pint nachfüllte und es wieder vor dem Metzger abstellte.

„Ich bin mir nicht sicher. Ich kam erst gegen Ende dazu. Sie redete viel Unsinn darüber, dass Betsy besondere Kräfte und das zweite Gesicht habe.“

„Das Mädchen war schon immer etwas hohl im Kopf“, kommentierte Harry. „Sie würde alles glauben, was man ihr sagt.“

„Ich hoffe nur, dass ihr nichts passiert ist.“ Evan sah sich besorgt um. „Wo soll diese Amerikanerin studieren? In Bangor?“

Fleischer-Evans zuckte mit den Schultern. „Fragen Sie Eimer-Barry. Er war da. Er weiß es vielleicht.“

Mehrere Köpfe drehten sich zu Barry, der sich in der Ecke beim Feuer mit seinen Freunden unterhielt. „Hey, Barry, Junge“, rief Fleischer-Evans. „Du warst doch dabei, oder? Als diese Amerikanerin in den Pub kam und mit Betsy gesprochen hat.“

Barry verließ seine Ecke und kam zur Bar herüber. „War ich“, sagte er. „Sie war richtig gescheit, mit allen möglichen Abschlüssen. Und dazu noch ein ziemlicher Hingucker – etwas dürr, aber wenn sie ein wenig zulegt, wäre sie in Ordnung. Ich wette, sie gehört zu der Sorte Menschen, die nur Nüsse und Reis essen.“

„Was glauben Sie, wo Betsy mit ihr hingegangen sein könnte?“

„Dieses Haus, wo sie studieren wollte. Sie wissen schon, dieses Anwesen an der Küste, erbaut von dem verrückten Lord Tiggy. Wie heißt es jetzt? Ah, genau. Sacred Grove. So hat sie es genannt. Ihren Worten nach sind die jetzigen Besitzer noch verrückter als der alte Lord – sie wollte herausfinden, ob Betsy das zweite Gesicht hat.“

„Du meinst solche Sachen wie in Teeblättern zu lesen?“, fragte Harry.

„Ich denke schon. Auf jeden Fall ging es um Hellseherei. Diese Frau erzählte Betsy, dass die Kelten diese Fähigkeit besaßen, und sie meinte, dass Betsy sie vielleicht noch immer besitzt, weil ihre alte Nain den Derin Corff sehen konnte.“

Harry gluckste laut. „Also, das ist eine der dümmsten Geschichten, die ich je gehört habe. Und Betsy hat ihr geglaubt, ja? Sieht ihr ähnlich. Aber sie weiß nicht mehr über die Zukunft als die Hühner in meinem Garten, und das sind die dümmsten Kreaturen auf Gottes Erde. Wenn sie in die Zukunft sehen könnte, hätte sie mir geholfen, beim Grand National aufs richtige Pferd zu setzen, oder nicht? Dann hätte ich meine zehn Pfund nicht verloren.“

Und sie hätte vorausgesehen, dass der alte Colonel Arbuthnot ermordet werden würde, als er in dieser Nacht den Pub verließ, dachte Evan. Wenn es je einen richtigen Moment für das zweite Gesicht gegeben hätte, das wäre er gewesen. Betsy war so erpicht darauf, bemerkt zu werden, dass sie alles sagen oder tun würde.

„Ich merke, dass du nicht das zweite Gesicht der Kelten hast, Harry“, sagte Eimer-Barry und ließ sein Glas auf die Bar knallen, „sonst hättest du vorausgesehen, dass ich hier verdurste und auf ein neues Bier warte.“

Harry öffnete den Mund, um zu antworten, als die Tür aufging und Betsy hereintrat, ihre blonden Locken waren vom Wind zerzaust, aber ihre Augen leuchteten triumphierend.

„Tut mir leid, dass ich zu spät bin, Harry“, sagte sie und schob sich durch die Männer, um die Bar zu erreichen, „aber du sollst wissen, dass du möglicherweise mit einer echten Hellseherin sprichst.“

„Aber deine hellseherischen Fähigkeiten haben dir nicht gesagt, dass du zu spät kommen würdest? Hast du nicht die negativen Schwingungen in der Luft gespürt, weil ich mich so über dich geärgert habe?“

Betsy warf ihm ein umwerfendes Lächeln zu, während sie den aufklappbaren Teil der Bar öffnete und im Gehen ihren Mantel auszog. „Ich dachte, du würdest es verstehen, nur dieses eine Mal. Es ist ein ganz besonderer Tag in meinem Leben, Harry. Du würdest nicht glauben, was ich heute alles gesehen habe. Da unten ist es wie in einer anderen Welt.“

„Du wurdest von Außerirdischen entführt?“ Barry lehnte sich auf die Bar und grinste sie an.

„Du hast keine Ahnung, Eimer-Barry“, sagte Betsy. „Wenn du gesehen hättest, was ich heute sehen durfte, wären dir glatt die Augen aus dem Kopf gefallen. Es ist wie eine andere Welt.“

„Na dann los, sag mir, was ich denke, wenn du wirklich übersinnliche Fähigkeiten hast“, stichelte Barry.

„Wenn man sich auf deine Aura verlassen kann, dann sind es Gedanken, die ein Gentleman nicht haben sollte, wie üblich“, sagte Betsy.

„Meine Aura? Was für eine Aura?“

„Emmy sagt, dass wir alle von einer Aura umgeben sind“, sagte Betsy. „Und wir Hellseher können lernen, sie zu sehen. Jeder ist umgeben von wunderschönem, bunten Licht. Manche haben goldene Auren, manche rosarote, manche malvenfarbene – und du, Eimer-Barry, hast eine schmutzig braune Aura.“

„Ich habe noch nie solchen Mist gehört“, sagte Harry. „Wo in aller Welt warst du, dass man dir den Kopf mit solchen Ideen gefüllt hat?“

„Das ist kein Mist. Du kannst es nicht verstehen, du bist kein Hellseher, so wie ich“, sagte Betsy. „Der Sacred Grove ist voller Menschen, die Auren sehen und mit Kristallen heilen können und die Bäume anbeten – alle möglichen wundervollen Dinge. Es ist ein verblüffender Ort. Es ist wie ein wundervolles Dorf, das man im Fernsehen sehen würde, ganz anders als irgendein Ort in Wales. Teiche, Springbrunnen und Heilquellen, und jeder Gast hat sein eigenes kleines Haus. Wie in einer anderen Welt.“

„Das hast du schon ungefähr zehnmal gesagt. Also hör auf zu quatschen und fang an zu arbeiten. Diese Herren hier verdursten und der arme Constable Evans wird hungrig nach Hause gehen, weil du nicht da warst, um Pasteten in den Ofen zu stellen.“

Betsy wandte ihm entsetzt ihre blauen, puppenhaften Augen zu. „Du hast nichts zu Abend gegessen? Armer Kerl. Ich wusste, dass es eine schlechte Idee für dich ist, irgendwo einzuziehen, ohne eine Frau, die für dich sorgt.“

„Betsy, ich bin absolut in der Lage ...“, hob Evan an, sich sehr wohl bewusst, dass viele Blicke auf ihm ruhten. „Ich hatte einfach noch keine Zeit dafür, meine Küche vernünftig auszustatten.“

„Ohne seine Auflaufformen bekommt er nichts hin!“ Fleischer-Evans stieß Charlie Hopkins an, der gerade hereingekommen war. „Wir erwarten alle, zum Abendessen eingeladen zu werden, sobald Sie ein Gourmet-Koch geworden sind, das wissen Sie.“

„Ich weiß nicht, warum alle glauben, dass mein Junggesellenleben zum Scheitern verurteilt ist“, sagte Evan. „Ich kann mit den meisten Situationen sehr gut allein umgehen, wie ihr wisst.“

„Betsy sehnt sich einfach danach, dass du auch mit ihr so gekonnt umgehst, nicht wahr, Betsy fach?“, fragte Charlie Hopkins und sein Körper zitterte von seinem unterdrückten Lachen.

„Ich wüsste schon, wie ich mit ihm umzugehen habe, soviel ist sicher“, antwortete Betsy. „Und ich fange damit an, ihm vernünftiges Essen vorzusetzen.“ Sie schenkte Evan ein aufmunterndes Lächeln. „Halt noch einen Moment aus, dann stelle ich eine Fleischpastete in die Mikrowelle. Denkst du, das wird dir reichen?“

„Sehr nett. Danke.“

„Ich gebe ihm eine Woche“, sagte Charlie Hopkins zu Milchmann-Evans, der gerade an die Bar gekommen war. „Dann wohnt er wieder bei Mrs. Williams.“

„Oh, aber das kann er nicht!“, rief Betsy.

„Warum nicht?“

„Weil sie sein Zimmer schon vermietet hat.“

Sofort war alles still. Es geschah nicht oft, dass etwas in Llanfair passierte, ohne dass sich die Neuigkeit binnen Sekunden verbreitete.

„Sie hat sein Zimmer vermietet?“, fragte Milchmann-Evans. „Zu dieser Jahreszeit gibt es doch bestimmt keine Touristen.“

„Nicht an eine Touristin“, sagte Betsy. „An meine Freundin Emmy. Ihr wisst schon, die Dame von der Universität in Amerika, von der ich euch erzählt habe. Sie brauchte eine günstige Unterkunft, weil sie eine Weile hierbleibt und ihre Forschungen macht. Sie will herausfinden, wie viele Menschen keltischer Abstammung noch ASW haben. Das bedeutet außersinnliche Wahrnehmung, falls du das nicht wusstest, Eimer-Barry“, fügte sie triumphierend hinzu. „Ich bin ihre erste Testperson, und wisst ihr was? Sie hat mich einen ihrer Tests machen lassen, und mein Ergebnis war wahnsinnig gut.“

„Die ist völlig durchgeknallt, wenn ihr mich fragt“, flüsterte Harry.

„Deshalb muss ich für weitere Tests wieder dorthin. Ich habe heute den Besitzer des Anwesens kennengelernt, und er wird mich persönlich testen.“

„Bland-Tiggy oder wie er heißt? Ich dachte, der alte Lord wäre schon lange tot und das Haus gehört jetzt seiner Tochter.“

„Man spricht es Bland-Tai, nicht Tiggy. Ihr seid so ignorant“, war Betsys vernichtendes Urteil. „Und das Anwesen gehört immer noch Lady Annabel Bland-Tyghe, aber sie hat einen Amerikaner namens Randy geheiratet. Er ist da drüben ein sehr berühmter Hellseher und wird das Haus genauso berühmt machen. Ich habe ihn heute kennengelernt. Oh, er war einfach wundervoll. Wie ein Filmstar – langes, blondes Haar bis knapp über die Schultern ...“

„Ein Kerl?“, fragte Barry. „Mit langem, blondem Haar?“

„Ganz genau.“

„Kling für mich wie ein richtiges Weichei.“ Barry suchte unter den umstehenden Männern nach Zustimmung.

„Oh, ganz und gar nicht. Er sieht so scharf aus – genau wie die Männer, die man auf dem Einband von Liebesromanen sieht – ihr wisst schon, Waschbrettbauch, offenes Hemd. Zu schade, dass er mit einer alten Frau wie ihr verheiratet ist. Er wird mich morgen testen.“

„Moment mal“, sagte Harry. „Was soll das alles, wegen morgen? Morgen ist Samstag. Da brauche ich dich den ganzen Tag hier.“

„Oh, aber Harry ...“ Betsy wandte ihm ihre großen Augen mit flehendem Blick zu.

„Du kannst nicht abhauen, wann immer dir danach ist. Du hast hier Arbeit zu erledigen, junge Dame, und Samstag ist nicht dein freier Tag.“

„Nicht einmal dieses eine Mal, wo es so wichtig ist?“

„Nein, nicht einmal dieses eine Mal. Sag deinen Hellseher-Freunden, dass sie warten können, bis du am Montag deinen freien Tag hast. Und wenn sie tatsächlich verdammte Hellseher sind, wissen sie ohnehin schon, dass am Montag dein freier Tag ist! Und ehe du jetzt schmollst, geh die leeren Gläser abräumen. Ich habe bald keine mehr für den Ausschank.“

„Alter Spielverderber“, murmelte Betsy, als sie sich an den Männern an der Bar vorbeidrängte.

Sie kam gerade mit einem vollen Tablett an der Eingangstür vorbei, als die aufging und eine Frau hereinkam. Betsy blickte auf und schrie erfreut auf. „Emmy! Du bist hier. Wie schön, dich zu sehen! Hört mal her!“ Sie hob ihre Stimme. „Das ist Emmy, ich habe euch von ihr erzählt. Sie ist gerade bei Mrs. Williams eingezogen.“

Die Frau lächelte schüchtern und schob sich den dunklen Vorhang aus Haaren aus dem Gesicht. „Mensch, was ich gerade für ein Abendessen bekommen hab!“, sagte sie. „Kann diese Frau kochen oder kann sie kochen? Ich schulde dir was, Betsy, weil du mir diese Unterkunft besorgt hast. Diese Lammkoteletts heute Abend – meine Güte, ich bin froh, dass ich keine Vegetarierin mehr bin. Ich bin im siebten Himmel!“

Evan schluckte schwer, als verstörende Bilder von Mrs. Williams’ Lammkoteletts vor seinem inneren Auge tanzten – außen schön braun und in der Mitte noch rosa genug, vermutlich begleitet von luftigem Kartoffelbrei und Blumenkohl in Petersiliensoße. Ihm fiel auf, dass Betsy ihm noch nicht seine aufgewärmte Fleischpastete gebracht hatte.

„Komm rein, Emmy, und lern alle kennen“, sagte Betsy und bahnte ihr mit dem Tablett einen Weg durch die Menge.

„Ich war mich nicht sicher, ob ich herkommen sollte, da Frauen im Pub nicht wirklich willkommen sind.“

„Nicht wirklich willkommen – wer behauptet das?“, wollte Harry wissen. „Natürlich sind Frauen willkommen. Wir haben eine angenehme Lounge, in der gemütliche Sessel und Tische bereitstehen. Führ sie nach hinten durch, Betsy.“

„Oh, steck sie nicht allein da rein“, sagte Betsy. „Heute Abend ist es da schrecklich kalt und ungemütlich, und sie wäre die Einzige. Wir müssen dafür sorgen, dass sie sich im Dorf willkommen fühlt.“

„Regeln sind Regeln“, sagte Harry auf Walisisch, „und die brechen wir nicht für Fremde.“

„Du bist heute wirklich ein alter Griesgram“, sagte Betsy, ebenfalls auf Walisisch.

„Nur weil ich mir die Füße wundlaufen musste, da meine angestellte Aushilfe nicht pünktlich aufgetaucht ist“, sagte Harry.

„Dann komm mit in die Damen-Lounge, Emmy“, sagte Betsy auf Englisch. „Ich fürchte, Harry hier ist ein Pedant, was seine Regeln angeht.“

„Ist in Ordnung. Ich find das das angenehm altmodisch“, sagte Emmy. „Es ist schön zu wissen, dass es noch Teile der Welt gibt, wo Traditionen wichtig sind.“ Sie näherte sich der Bar von der Lounge-Seite, lehnte sich darauf und blickte in ein Meer aus Männergesichtern, die sie alle anschauten. „Dann hat Betsy Ihnen die Neuigkeit schon erzählt? Sind Sie nicht aufgeregt, eine echte Hellseherin in Ihrer Mitte zu haben?“

„Echte Hellseherin, von wegen!“, sagte Harry und stellte Emmy unsanft ein Pint hin. „Wenn sie eine echte Hellseherin ist, bin ich der Duke of Edinburgh.“

„Nein, ich bin mir sicher, dass wir da an etwas dran sind“, sagte Emmy. „Natürlich hat sie noch nicht gelernt, ihre übersinnlichen Fähigkeiten zu nutzen, aber das ist in Ordnung. Ich kann kaum erwarten, dass sie morgen den Direktor kennenlernt. In den Staaten ist er ein berühmter Hellseher. Jeder, der etwas auf sich hält, zieht ihn zu Rate, müssen Sie wissen. Er hatte sogar seine eigene Fernsehsendung.“

„Kein Wunder, so gut wie er aussieht“, sagte Betsy, duckte sich in den Barbereich und tauchte in der Nähe von Emmy wieder auf. „Ich sagte, dass er aussieht wie ein Filmstar, nicht wahr?“

„Er ist einer der bekanntesten Hellseher der Welt“, fuhr Emmy fort. „Ich bin so froh, dass er eingewilligt hat, mir bei meiner Forschung zu helfen. Er ist wirklich begeistert von der Idee, Einheimische mit ungenutzten Kräften zu finden. Es wird ihn umhauen, wenn er Betsy morgen trifft und die ganze ungenutzte Energie spürt, die aus ihr hervorbricht.“

„Ich kann ihn morgen nicht treffen“, sagte Betsy mit stockender Stimme.

„Sag mir nicht, dass du den Schwanz einziehst, Betsy.“

„Nein, aber Harry gibt mir keinen freien Tag. Er macht es mir schwer.“

„Sie hat Arbeit zu erledigen und die kommt zuerst“, sagte Harry. „Sie hat verdammtes Glück, hier in der Gegend überhaupt eine Stelle gefunden zu haben. Die meisten jungen Menschen müssen wegziehen, nicht wahr?“

Die Amerikanerin berührte Betsy am Arm und lehnte sich zu ihr. „Hör mal, Betsy. Wenn das ein Problem ist, habe ich vielleicht einen Ausweg. Ich weiß zufällig, dass sie im Sacred Grove zusätzliche Aushilfen einstellen wollen, um für den Sommer vorbereitet zu sein. Wenn du möchtest, könnte ich mit den Besitzern sprechen, und schauen, ob du dort eine Stelle finden könntest. Dann wärst du gleich vor Ort, um weitere Tests zu machen und dir helfen zu lassen, deine versteckten Talente hervorzubringen.“

Betsys Augen leuchteten. „Ich? Du glaubst, sie würden mich dort einstellen?“

„Natürlich. Die Einrichtung ist für den Sommer bereits ausgebucht und sie brauchen die gleiche Belegschaft wie ein Fünfsternehotel. Und du hast bereits im Gastgewerbe gearbeitet, also hast du einen Vorsprung. Lass mich morgen früh mit den Besitzern sprechen, dann sehen wir, was sie sagen.“

„Hörst du das, Evan?“ Betsy drehte sich zu ihm um. „Hast du gehört, was Emmy gerade gesagt hat? Sie glaubt, sie könne mir eine Stelle in der Einrichtung besorgen, wo man mich testen wird. Stell dir vor – ich unter all den Heilern und Priesterinnen und so weiter. Warte nur ab, wie stark meine übersinnlichen Fähigkeiten werden, wenn ich von all diesen guten Schwingungen umgeben bin.“

„Du denkst doch nicht wirklich darüber nach, Harry zu verlassen und da unten bei den Fremden zu arbeiten, oder?“ Fleischer-Evans hatte die Unterhaltung ebenfalls mitbekommen.

„Warum nicht? Alter Griesgram“, sagte Betsy. „Kannst du dir nicht vorstellen, dass ich dringend etwas Besseres als das hier finden will? Ich habe Träume und Ansprüche, wie du weißt. Wenn sie mich nehmen, bin ich morgen früh hier weg, ob es Harry gefällt oder nicht!“

Kapitel 6

Auszug aus Der Weg des Druiden, von Rhiannon

 

Die Geschichte der druidischen Religion

Die druidische Religion reicht zurück bis in die Nebel der Vorzeit. Es ist nicht bekannt, ob die Kelten die druidische Religion mitbrachten, als sie von ihrer Heimat am Schwarzen Meer her einwanderten um einen Großteil Europas zu bevölkern und zu dominieren, oder ob sich die Religion unter den Westkelten entwickelte – ansässig in Großbritannien und Nordfrankreich. In diesen Gegenden wurden handfeste Beweise für Druiden gefunden – geschnitzte Götterstatuen, Steine mit Zauberformeln als Inschrift, die Halsreife der Priester und rituelle Objekte, die in Brunnen oder Seen platziert wurden.

In Wales und Irland ist ihre Präsenz am stärksten spürbar.

Auf jeden Fall wissen wir, dass die druidische Religion auf den britischen Inseln florierte, als 55 vor Christus die römischen Armeen unter Julius Caesar einfielen.

Es wäre engstirnig, von der druidischen Religion als einem Relikt der Vergangenheit zu sprechen, das jüngst wiederbelebt wurde. In Irland und Wales, unter den wahren Kelten, ist die druidische Religion nie ausgestorben. Sie wurde unterdrückt, christianisiert, aber sie schlummert noch immer in jeder keltischen Psyche.

Die druidische Religion hat unter dem gelitten, was man heute als schlechte Publicity bezeichnen würde. Die einzigen erhaltenen historischen Berichte über den druidischen Kult stammen aus römischen Quellen: Dem Eroberer, der seine Eroberung rechtfertigt. Julius Caesar, Plinius der Jüngere und andere namhafte Römer beschreiben die Druiden als unzivilisierte Barbaren, die zu unaussprechlichen Opferritualen neigen, Gefangene foltern und in Eichenhainen mysteriöse und entsetzliche Zeremonien abhalten. Dieselben Römer vergaßen zu erwähnen, dass gefangengenommene Britannier, darunter viele Druiden oder Anhänger der druidischen Religion, nach Rom verschifft wurden, um in den Arenen im Kampf gegen Gladiatoren oder Löwen für Unterhaltung zu sorgen.

Tacitus schrieb: „Die Gräber, die Monas barbarischem Aberglauben geweiht waren, zerstörte er. Denn es war ihre Religion, die Altäre mit dem Blut der Gefangenen zu tränken und in menschlichen Eingeweiden nach dem Rat ihrer Gottheiten zu suchen.“

Die wenigen Fakten, die wir aus diesen römischen Verzerrungen zusammentragen können, sagen uns, dass die Druiden in der Tat vortreffliche Feinde waren. Als die Römer die Insel Mon erreichten (die von den Engländern Anglesey genannt wird), standen sie einer Horde blau bemalter Kelten gegenüber, Frauen und Männer, die ihre Waffen schwangen und so wild heulten, dass sie die mächtige römische Armee entmutigten und die Soldaten sich nicht dazu bewegen ließen, die Meerenge zu überqueren, um in die Schlacht zu ziehen. Als Verstärkungen eintrafen und die Kelten hoffnungslos in der Unterzahl waren, rückten die Römer schließlich vor und es entbrannte eine erbitterte Schlacht, ehe die keltische Armee vernichtet wurde.

Wales wurde zur römischen Provinz. Das Christentum kam im vierten Jahrhundert. Die druidische Religion wurde unterdrückt, aber nie vollständig ausgelöscht. Die christlichen Missionare waren schlau und pflegten die wichtigsten druidischen Feste in das Kirchenjahr ein, sodass die Wintersonnenwende mit ihren Kränzen aus Ilex und Efeu, dem verbrennen großer Stämme und dem Fest zur Erhellung des kürzesten Tages zu Weihnachten wurde.

Beltane, mit dem Entzünden der neuen Feuer, den blühenden Zweigen und der Feier zum Frühlingserwachen floss in das Osterfest ein. Und Samhain, dieser mystischste aller Tage, am 31. Oktober, wenn die Tür zwischen dieser Welt und der Anderswelt geöffnet ist, sodass Geister sich frei hin und her bewegen können, ist heute das Kinderfest Halloween.

Evan öffnete die Augen und blinzelte in ein weißes Licht. Für ein oder zwei Sekunden raste sein Herzschlag. Er setzte sich auf und fragte sich, was ihm passiert war. Dann realisierte er, dass es nur die Sonne war, die durch sein noch vorhangloses Schlafzimmerfenster hereinfiel. Es war der erste sonnige Tag seit seinem Einzug und ihm war nicht klar gewesen, dass das Fenster nach Osten ging und so die Morgensonne direkt hereinscheinen konnte. Die Kraft der Sonnenstrahlen musste bedeuten, dass es bereits recht spät war. Er tastete auf dem Umzugskarton, der ihm im Augenblick als Nachttisch diente, nach seiner Armbanduhr. Viertel nach acht. Er schlief selten so lange. Mrs. Williams hatte dafür gesorgt, dass er nicht verschlief, und der verlockende Geruch von bratendem Speck hatte ausgereicht, um ihn zu wecken. Dann fiel ihm ein, dass Samstag war. Am Wochenende hätte Mrs. Williams ihm ein vollständiges, walisisches Frühstück vorgesetzt – Speck, Würstchen, Toast – das volle Programm! Evan ließ seine Füße auf das kalte Linoleum sinken und seufzte.

Immerhin war es zur Abwechslung mal ein sonniger Samstag. Vielleicht hätte Bronwen Lust zu wandern, oder sie könnten zur Lleyn-Halbinsel hinunterfahren und Vögel beobachten. Der Frühling war die beste Saison für Seevögel. Dann fiel ihm etwas Anderes ein. Er hatte an diesem Wochenende Dienst. Er nahm ein lauwarmes Bad – weil er noch nicht gelernt hatte, wie man den Boiler dazu überredete, für mehr als ein paar Minuten heißes Wasser zu produzieren -, rasierte sich und machte sich Tee und Toast. Der Herd hatte immerhin ein funktionierendes Grillelement. Als er den Toast zu seinem Vinyl-Tisch trug, hörte er ein Geräusch – das knallende Geräusch eines beschleunigenden Motorrads. Evan sprang auf und eilte nach draußen. Er hatte doch bestimmt den angebauten Schuppen abgeschlossen, wo er das Motorrad unterstellte, oder? Und bestimmt konnte es niemand ohne Schlüssel starten. Er stellte sich vor, was Detective Chief Inspector Meredith sagen würde, wenn er melden müsste, dass sein Bike nach einem Tag gestohlen worden war. Er kam gerade rechtzeitig nach draußen, um eine schlaksige Gestalt zu sehen, die mit einer großen Tasche auf dem Rücken auf dem Motorrad den Berg hinuntereierte. Evan sah entsetzt zu, während das Motorrad schneller wurde, bis der Mann schrie und absprang, kurz bevor das Motorrad in den Torpfosten des Red Dragon raste und mit noch immer heulendem Motor umfiel.

Evan eilte zu dem Mann, um ihm aufzuhelfen. Es war Briefträger-Evans, der große Postsack hing noch immer über seiner Schulter. „Du Vollidiot!“, schrie Evan. „Was hast du dir dabei gedacht?“

Briefträger-Evans kam strauchelnd auf die Füße und klopfte sich ab. „Ist das Bike im Eimer?“, fragte er. „Ich hoffe es, verdammt noch mal.“

„Du hoffst, dass mein Motorrad kaputt ist? Bist du verrückt geworden, Mann?“

„Ich habe ihnen gesagt, dass ich nicht damit umgehen kann, nicht wahr?“, fuhr Briefträger-Evans fort. Seine großen, schwermütigen Augen starrten auf das liegende Motorrad. „Ich habe es ihnen immer wieder gesagt. ‚Ich bin nicht gut mit mechanischen Dingen‘, habe ich immer wieder gesagt, aber sie haben nicht auf mich gehört. ‚Anweisung vom Oberpostmeister‘ – das haben sie mir gesagt. ‚Postboten in ländlichen Gebieten müssen motorisiert werden.‘“

Evan erfasste langsam, was der Briefträger sagen wollte. „Einen Moment – heißt das, das ist dein Motorrad?“

„Nicht meins. Nein, wirklich nicht. Es gehört der Poststelle, nicht wahr? Und die heißen das willkommen. Sie sagen, dass ich nicht produktiv genug bin, wenn ich nur in diesem Dorf die Post austrage. Das mache ich jetzt seit zwölf Jahren, nicht wahr? Ich bin nicht einen Tag wegen Krankheit ausgefallen und sie sind trotzdem nicht zufrieden. Und sie meinen, ich sollte auch die Post an all die Höfe ausliefern – und bis rüber zur Curig-Kapelle. So eine Frechheit.“

Evan ging ein paar Schritte, hob das Motorrad auf und stellte den Motor aus. „Du hast Glück gehabt“, sagte er. „Es scheint trotz allem unbeschadet zu sein. Du hättest großen Ärger bekommen, wenn du ihr Motorrad zerstört hättest, oder?“

„Glauben Sie, sie hätten mich gefeuert?“ Seine Dachshund-Augen fixierten Evan. „Sie würden mich doch nicht feuern, oder?“

„Das könnten sie“, sagte Evan. „Du wirst dich einfach an das Ding gewöhnen müssen. Ich habe auch eines bekommen, und ich bin davon auch nicht begeistert.“

„Ah, aber Ihnen wird es helfen, die Gauner zu fangen, oder?“ Er grinste wie ein Zehnjähriger. „Ich sage Ihnen was – ich werde lernen, mein Motorrad besser zu fahren, und dann fahren wir irgendwann ein Rennen.“

„Du fährst für den Anfang besser bergauf.“ Evan half ihm in den Sattel und rückte seinen Postsack zurecht. „Dann wirst du nicht so schnell.“

„Or gore, plisman“, sagte Briefträger-Evans. „Alles klar. Wenn Sie das sagen. Ich glaube, ich fahre zuerst zum Hotel rauf. Die bekommen immer viele Briefe mit interessanten, ausländischen Briefmarken. Heute ist einer aus Amerika dabei. Der ist von dem Freund dieser jungen Frau. Er sagt, er kommt her, um sie zu besuchen. Da wird sie überrascht sein, was?“

„Dilwyn – wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du die Briefe nicht lesen darfst?“, fragte Evan.

„Das schadet doch niemandem. Nicht, wenn es nur Postkarten sind.“ Briefträger-Evans klang verletzt. „Jeder darf Postkarten lesen, sonst würden sie doch in Umschlägen stecken, wie Briefe.“

Evan wandte sich zum Heimgehen, dann bremste er sich. „Ich hatte gerade eine Idee“, sagte er und berührte den Briefträger an der Schulter. „Wie würde es dir gefallen, der Polizei auszuhelfen? Wenn du irgendwelche Briefe für eine junge Frau namens Rebecca Riesen auslieferst, kommst du dann zu mir und sagst mir Bescheid?“

„Ist sie eine Ganovin auf der Flucht?“ Briefträger-Evans’ langes, schwermütiges Gesicht erhellte sich.

„Nein, sie ist eine vermisste, amerikanische Studentin. Ich war in allen Jugendherbergen, um zu sehen, ob sie dort wohnt. Bisher hatte ich kein Glück.“

„Rebecca Riesen. Geht in Ordnung“, sagte Briefträger-Evans gewichtig. „Ich mache mich dann auf den Weg.“ Damit fuhr er los, den Hügel hinauf. Das Motorrad schlingerte noch immer unter seiner schweren Last.

Evan kehrte zu kaltem Tee und kaltem Toast zurück, dann schloss er die Polizeistation auf. Sein Motorrad war noch dort, wo er es am Abend zuvor zurückgelassen hatte, und er kicherte ob der Begegnung mit Briefträger-Evans. Wenn nur alle Postboten ihre Briefe lesen würden, so wie Dilwyn Evans, hätten sie die vermisste junge Frau mittlerweile vielleicht schon aufgespürt und auch noch ein paar Verbrechen aufgeklärt!

Als er aus dem Anbau kam, fuhr ein weißer Ford Fiesta vorbei, bremste ab und hupte Evan an. Betsy kurbelte das Fenster runter und streckte den Kopf heraus. „Weißt du was, Evan – ich habe die Stelle! Emmy hat heute Morgen dort angerufen und sie sagten, sie könnten mich sofort gebrauchen, deshalb fährt Emmy mich jetzt runter. Stell dir vor, ich arbeite zwischen berühmten Menschen und Swimmingpools!“

„Hast du Harry Bescheid gesagt?“, fragte Evan sie. „Es ist nicht richtig, ihn so im Stich zu lassen, oder?“

Betsys Gesichtszüge entglitten ihr. „Ich hätte es nicht getan, wenn er nicht so ein mürrischer, alter Teufel gewesen wäre“, sagte sie. „Er hat die ganze Zeit nie etwas getan, um mich zu loben oder zu ermutigen. Und dabei bringe ich ihm die Kundschaft. Sehen wir mal, wie voll die Bar noch ist, wenn man dort kein schönes Mädchen mehr angaffen kann.“

„Es gefällt mir trotzdem nicht, Betsy. Und ich finde, das bist auch nicht du.“

„Ich muss etwas in meinem Leben verändern, oder nicht? Du hast mir doch gesagt, ich solle meine Träume leben, weißt du noch? Und jetzt bietet sich mir eine echte Gelegenheit. Wenn meine Kräfte so stark sind, wie Emmy glaubt, werde ich eines Tages vielleicht eine richtige Hellseherin, wie Randy, dann werden die Leute mir im Fernsehen zuschauen.“ Sie lehnte sich aus dem Fenster, während das Auto wieder Fahrt aufnahm. „Drück mir die Daumen, Evan.“

Evan sah zu, wie ihre weiße Hand eine wellenförmige Bewegung beschrieb, während der Wagen über die Passstraße verschwand. Arme Betsy, immer träumt sie von großen Dingen. Er drückte ihr wirklich die Daumen. Er hoffte, dass dies der Durchbruch sein würde, den sie sich wünschte, aber er hatte kein gutes Gefühl bei diesem Sacred Grove. Nicht, dass er etwas darüber wüsste, aber er war geneigt zu glauben, dass diese sogenannten Geistheiler und Hellseher auf reinem Unsinn beruhten. Natürlich waren naive Menschen wie Betsy leicht zu beeindrucken. Sie war so begeistert davon, umgeben zu sein von – er hielt inne, als er sich an ihre Worte erinnerte – „Priesterinnen“, hatte sie gesagt. Hatte die junge Amerikanerin nicht etwas von einem Date mit einem Druiden geschrieben? Dann erinnerte er sich, dass Druiden ihren Kult in heiligen Hainen abgehalten hatten: Sacred Grove – heiliger Hain.

Er betrat das Haus und rief im Hauptquartier an.

„Constable Davies, Evans hier, aus Llanfair.“ Halte das Gespräch besser auf einer professionellen Ebene. „Gibt es die vermisste Frau betreffend schon irgendwelche Entwicklungen?“

„Oh, hallo Evan. Nein, noch gar nichts. Danke, dass Sie für mich die Vermisstenanzeigen in den Jugendherbergen verteilt haben. Es fühlt sich schrecklich an, dass ihre Eltern herkommen und ich ihnen nichts Positives berichten kann.“

„Hören Sie zu, Glynis, mir kam da ein Gedanke“, sagte er. „Was wissen Sie über dieses neue Heilzentrum in der Nähe von Porthmadog?“

„Oh, ja, ich habe davon gehört. Soll sehr nobel sein, nicht wahr? Fünf-Sterne-Wertung für das Lesen der Aura?“ Sie kicherte.

„Es nennt sich Sacred Grove“, sagte Evan. „Und eine Person aus unserem Dorf, die gerade dort war, sprach von Priesterinnen.“

„Priesterinnen?“

„Ja. Deshalb habe ich mich gefragt, ob das ein Ort sein könnte, an dem wir Druiden finden.“

„Höchst interessant. Denken Sie, Sie könnten dort hingehen und das für mich überprüfen? Sergeant Watkins hat dieses Wochenende seine Fortbildung angefangen, deshalb wurde all seine Arbeit auf mir abgeladen. Es gab schon wieder Hehlerei auf dem Flohmarkt, ich soll das observieren.“

„Ich fahre gerne für Sie dort runter. Man sagte mir, ich solle Fahrpraxis auf meinem neuen Motorrad bekommen.“

„Sie brauchen eine Ausrede, um mit Ihrem neuen Spielzeug zu spielen.“ Glynis lachte, dann fing sie sich, als hätte sie eine Grenze überschritten. „Aber im Ernst, ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie hinfahren und sich dort umsehen würden. Haben Sie noch eine von den Vermisstenanzeigen?“

„Ich habe eine hier in der Station aufgehängt“, sagte er.

„Großartig! Die könnten sie herumzeigen, und fragen, ob jemand sie gesehen hat.“

„Alles klar. Das werde ich tun.“

„Danke. Ich schulde Ihnen ein Pint.“

Evan legte auf. Es war schwer, Glynis nicht zu mögen. Immerhin hatte er eine Ausrede, diesen Sacred Grove selbst zu untersuchen und dabei Betsy im Auge zu behalten.

Kapitel 7

Der Himmel hatte das dunkle Blau angenommen, das man nur nach einem Regenschauer sah. Der Wind war auf gewisse Weise sanft, mit einem Hauch Blumenduft, der darauf hindeutete, dass der Sommer nicht mehr allzu weit entfernt war. Der Wind fühlte sich auf Evans Gesicht gut an, während er den Nantgwynant-Pass hinunterfuhr. Unter ihm funkelte der Llyn Gwynant in der Morgensonne. Am Straßenrand blühten Primeln und die Weiden waren voller ausgelassener Lämmer, die sprangen und tanzten, als würden ihre Gliedmaßen keine Knochen enthalten.

Evan zwang sich, wieder auf die Straße zu blicken, als er sich der ersten Haarnadelkurve näherte. Er wusste nur zu gut, wie leicht es war, diese Kurven als Fahrer falsch einzuschätzen. Er hatte gesehen, was dann geschah. Das Motorrad, das sich auf der Fahrt von Caernarfon nach Llanfair hinauf bestens verhalten hatte, fühlte sich jetzt an, als wolle es in dem starken Gefälle mit ihm davonrasen. Er versuchte, zu bremsen und sich daran zu erinnern, sich in jede einzelne Kurve zu legen. Als er endlich über die Steinbrücke nach Beddgelert hineinfuhr, schwitzte Evan vor lauter Konzentration. Die malerische Ortschaft war für die ersten Frühlingstouristen geschmückt – mit Frühlingsblumen bepflanzte Wannen und Schubkarren verliehen dem Dorf eine festliche Atmosphäre. Ein Reisebus parkte vor dem Goat Inn und die Touristen waren bereits unterwegs, um Gelerts Grab oder einen ersten Kaffee zu finden.

Er ließ das Dorf hinter sich. Beim düsteren Aberglaslyn Pass wurde die Straße schmaler. Das Tosen des Flusses zu seiner Linken hallte von den hohen Felswänden wider, die das Sonnenlicht aussperrten und dem Ort eine frostige und gespenstische Stimmung verliehen. Selbst im Auto war ihm dieser Ort gespenstisch vorgekommen. Jetzt war er mehr denn je froh, als er in die grünen Felder vor Porthmadog hinausfuhr. Er umfuhr die Stadt und überquerte den Meeresarm über den schmalen Damm, den man „The Cob“ nannte. Zu seiner Rechen begleitete ihn die kleine Dampflok, die in die Berge hinauffuhr, bis zu den alten Schieferminen in Blenau Ffestiniog.

Auf der anderen Seite des Meeresarms wand sich die Straße durch einen unregelmäßigen Eichenwald und stieg dann wieder an. Nach fast zwei Kilometern erreichte er eindrucksvolle Torpfosten, die jeweils in einem steinernen Löwen endeten, mit der Pranke auf einem schildförmigen Wappen. Neben der Einfahrt stand ein freistehendes Schild aus dem hiesigen Granit, auf dem zu lesen war: THE SACRED GROVE, ZENTRUM FÜR HEILKUNST UND KELTISCHE SPIRITUALITÄT. Als er durch das Tor und damit in den Schatten fuhr, wurde der Wind auf seinem Gesicht kälter. Er fuhr über die Spitze eines kleinen Hügels und dann bot sich ihm ein völlig unerwarteter Anblick: Ein im italienischen Stil mit blauweißen Mosaik-Kacheln verzierter Glockenturm erhob sich aus dem grünen Wald. Und dahinter funkelte der Ozean. Er nahm eine Kurve und stellte fest, dass die Straße vor ihm von einem Sicherheitstor versperrt wurde. Er sah sich um und entdeckte dann an der linken Seite des Tors eine Gegensprechanlage. Er drückte den Knopf.

„Ja?“, bellte eine männliche Stimme. „Kann ich Ihnen helfen?“

„Ich bin Constable Evans, Polizei Nordwales, in dienstlicher Angelegenheit hier.“

„Einen Augenblick, bitte.“

Es folgte eine lange Pause. Dann öffnete sich langsam das Tor. Sobald Evan hindurchgefahren war, fiel es mit einem lauten Klirren wieder ins Schloss. Er konnte zwischen den Bäumen die Dächer einiger Gebäude ausmachen. Er erreichte eine Kabine mit Glasfront und ein Mann in Wachuniform öffnete ein Schiebefenster. „Lassen Sie Ihr Motorrad bitte hier, ja? Weiter drinnen sind keine Fahrzeuge erlaubt. Das stört ihre Konzentration.“ Er musterte Evan von oben bis unten. „Polizei Nordwales, ja? Wen wollen Sie sprechen?“

„Ich bin hier um Fragen zu einer vermissten Person zu stellen“, sagte Evan. „Vielleicht sollte ich bei den Besitzern anfangen.“

„Ich werde durchrufen, damit man Sie runter begleitet.“

„Schon gut. Ich denke, ich finde selbst den Weg“, sagte Evan.

Der Mann starrte ihn unfreundlich an, während er den Hörer aufnahm. „In einer Minute kommt jemand“, sagte er. „Warten Sie bitte hier.“

Evan wartete. Ihm fiel auf, dass sich mehrere Monitore in der Kabine befanden und dass der Mann Sicherheitskameras durchging. Reichlich Sicherheitsmaßnahmen für eine Einrichtung, die ein Ort der Heilung und der Ruhe sein soll, dachte er. Er sah auf, als er hörte, wie sich auf dem Kies Schritte näherten. Ein schmaler, junger Mann in einem großen, dunklen Pullover und einer schmutzigen Kordhose kam in Sicht. Er war schmächtig und bewegte sich mit der ungeschickten, schlaksigen Gangart von jemandem, der noch nicht in seinen Körper hineingewachsen war. Als er näherkam, bemerkte Evan, dass auf seinem Pullover das Logo des Sacred Grove prangte – eine alte Eiche, deren Wurzeln sich rund um den Baum in einen keltischen Knoten verschlangen.

„Hallo“, sagte er. „K-kann ich Ihnen helfen?“ Er blickte Evan schüchtern durch seine Drahtgestellbrille an.

Evan stellte überrascht fest, dass die Aussprache nicht der der einheimischen Waliser entsprach, sondern einen kürzlichen Aufenthalt an einer englischen Privatschule verriet.

„Polizei Nordwales. Ich würde gerne mit den Besitzern sprechen“, sagte Evan.

„Ich glaube, Sie sind hier falsch. Wir haben keinerlei ‚Vorfälle‘ – wie Sie sagen würden – gemeldet, und ich glaube auch nicht, dass wir irgendwelche K-Kriminellen auf dem Grundstück haben.“ Evan spürte Unsicherheit hinter dem Geplänkel. Er vermutete, dass der Junge eigentlich schüchtern war, sich aber die Arroganz der Oberschicht zu eigen machte, wenn er mit Autoritäten zu tun hatte.

„Es geht um eine vermisste Person.“

„Hier wird niemand vermisst.“ Der junge Mann grinste. „Beim Frühstück waren a-alle anwesend, das kann ich Ihnen versichern.“ Evan bekam das Gefühl, dass der Junge vielleicht hergeschickt wurde, um ausweichende Antworten zu geben. „Die Person könnte vor ein paar Monaten hier gewohnt haben. Wenn Sie mich jetzt einfach zu den Besitzern bringen würden.“

„Na gut. Hier entlang, bitte. Ich glaube, Annabel ist in ihrem Arbeitszimmer.“

„Und Sie sind?“, frage Evan.

„Ich bin Michael. Allgemeiner Handlanger.“

Er ging schnellen Schrittes voran. Evan stellte erstaunt fest, dass er eine schmale Pflasterstraße hinabging, die zu beiden Seiten von rosaroten und weißen, mit Stuck verzierten Cottages, gekachelten Säulengängen, alten Torbögen und Befestigungsanlagen gesäumt war. Es war, als wäre er in eine Mischung aus der italienischen Riviera, dem mittelalterlichen Deutschland und Disneyland teleportiert worden.

„Mein lieber Schwan!“, rief er, als die Pflasterstraße oberhalb von spiegelnden Seen und Rasenflächen herauskam. Reihen griechischer Säulen säumten den Pfad. Die Rasenflächen waren von Statuen umgeben, die Seen verziert mit dahinjagenden, mythischen Bestien.

„Ja, das zieht einem beim ersten Mal ganz schön die Schuhe aus, was?“, fragte Michael. „Der alte Mann, der das hier gebaut hat, war ziemlich durchgeknallt. Aber auf eine liebenswürdige Art. Er hat um sich herum diesen Traum erschaffen und immer noch daran gearbeitet, als er plötzlich verstarb.“

„Es gehört jetzt seiner Tochter, oder?“, fragte Evan. „Wäre das Lady Annabel?“

„Ihr und ihrem Ehemann“, entgegnete Michael knapp. „Sie sind Teilhaber.“

Evan nahm seinen Ton auf. „Ihr Ehemann?“

„Hier dritter Ehemann. Der amerikanische Wunderknabe. Randy Wunderlich.“

„Wunderlich?“ Evan warf ihm einen belustigten Blick zu. „Er fragte sich, ob der Junge ihn auf den Arm nahm.

Michael erwiderte das Grinsen. „Er heißt wirklich Wunderlich. Ist das nicht praktisch? Ich wette, er fing als einfacher Smith an. Randy Wunderlich, weltberühmter Hellseher und beinahe jung genug, um ihr Sohn zu sein. Sie hat ihn im vergangenen Jahr geheiratet.“

Er eilte einige Stufen hinauf, an einer mittelalterlichen Kirche vorbei und unter einem weiteren Torbogen hindurch. Evan fand sich vor einem ganz anderen Gebäude wieder, mit der schlichten Eleganz der georgianischen Ära, und nicht nachgebaut. Dies war offensichtlich das ursprüngliche Herrenhaus, um das herum dieses Fantasieland erbaut worden war. Michael führte ihn durch mehrere elegante Doppeltüren. „Das ist unser Hauptgebäude, mit Büros und Verwaltung. Die Gäste wohnen in den Cottages, wenn es denn welche gibt.“

Evan warf ihm einen Blick zu. „Ich dachte, die Einrichtung wäre völlig ausgebucht.“

„Noch nicht“, sagte Michael. „Das kalte, düstere Wetter ermutigt nicht zu Meditationen und zum Tanz im Morgentau. Wir hoffen, dass es im Sommer besser läuft.“

Sie befanden sich in einer gefliesten Eingangshalle mit einem Kronleuchter über einer geschwungenen Treppe aus dunklem Holz. „Warten Sie bitte hier“, sagte Michael. „Ich sehe mal, ob Annabel Besucher empfängt. Was sagten Sie noch, wie Ihr Name war?“

„Das habe ich Ihnen nicht gesagt“, sagte Evan, „aber ich bin Constable Evans.“

„Alles klar. B-bin sofort wieder da.“ Der Junge verschwand in einem Flur, dann kehrte er fast augenblicklich zurück. „Sie empfängt Sie jetzt.“

Es war, als würde er zu einer königlichen Audienz gebeten. Lady Annabel saß hinter einem großen Schreibtisch. Sie hatte gelesen, legte ihre Lesebrille aber hastig ab, als Evan hereingeführt wurde. „Danke, Schätzchen“, sagte sie zu Michael. „Jetzt geh bitte und sieh nach, ob diese Idioten das verstopfte Klo in Nummer achtzehn freibekommen haben.“

„Du gibst mir nur die spaßigen Aufgaben.“ Michael wischte sich das Haar aus der Stirn, als er ging.

„Nun, Constable. Wie genau kann ich Ihnen helfen?“ Ihre Stimme klang tief und schrecklich vornehm. Lady Annabel musste zu ihrer Zeit eine ziemliche Schönheit gewesen sein, aber die jugendlichen Kurven waren dem Fett gewichen. Ihr kräftiges, kastanienbraunes Haar war tadellos frisiert und um ihr dickes Gesicht mit einem zusätzlichen Kinn oder zwei angeordnet. Ihre molligen Hände waren geschmückt von etlichen Ringen und um den Hals trug sie einen fließenden, geblümten Seidenschal. Alles an ihr sprach von einem aus der Form geratenen, verwöhnten, reichen Mädchen.

„Tut mir leid, Sie zu belästigen, Ma’am.“ Sagte man heute noch „Ihre Ladyschaft“? Das klang doch sehr feudal. „Uns wurde eine junge Frau als vermisst gemeldet, deshalb suchen wir in allen in Frage kommenden Einrichtungen in der Gegend. Sie ist eine amerikanische College-Studentin, und es wäre möglich, dass sie zu Frühlingsbeginn hierherkam.“

Lady Annabels Augen funkelten belustigt. „Eine College-Studentin? Ich halte es nicht für sehr wahrscheinlich, dass sie hier wohnte. Wir sind für unsere Exklusivität bekannt, und das bedeutet hohe Preise. Die meisten unserer Gäste sind berühmt oder alt, oder beides. Für einen jungen Menschen gäbe es hier nicht viel zu tun.“

„Vielleicht könnte ich einen Blick in Ihr Gästebuch werfen“, sagte Evan. „Nur um sicherzugehen.“

„Natürlich. Begleiten Sie mich zur Anmeldung.“ Sie führte ihn auf die andere Seite des Gebäudes, wo es Foyer wie im Hotel gab, inklusive Rezeptionstisch. „Zeigen Sie dem Herrn bitte die Gästelisten des ganzen Jahrs, Eirlys“, sagte sie zu der jungen Frau am Computer. „Sie müssen doch nicht bis ins vergangene Jahr zurück, oder?“

Evan schüttelte den Kopf. Die junge Frau reichte ihm eine Rollkartei. „Wie ist der Name? Sie sind alphabetisch geordnet.“

„Riesen. Rebecca Riesen“, sagte er. „Und sie war vermutlich im Februar hier, oder später.“

„Im Februar war es hier nicht gerade ausgebucht“, sagte die junge Frau und erntete ein Stirnrunzeln von Annabel. Sie half Evan dabei, die Karten durchzublättern. „Riesen ist hier nicht verzeichnet. Tut mir leid.“

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie sich unter einem anderen Namen angemeldet hätte“, sagte Evan. „Falls sie natürlich mit jemandem zusammen hier war – ein Kerl – dann hätten sie vielleicht zusammen unter seinem Namen eingecheckt.“

„Ich erinnere mich nicht an junge Paare ...“, setzte Annabel an.

„Aber seinen Namen kennen Sie nicht?“, fragte die junge Frau. Sie schenkte ihm ein schüchternes, aufmunterndes Lächeln.

„Arbeiten Sie immer am Empfangstresen?“, fragte Evan. Sie nickte. „Dann sind Sie diejenige, die die Gäste aufnimmt?“

„Üblicherweise.“

Evan holte die Vermisstenanzeige heraus. „Das ist die junge Frau, nach der wir suchen.“

Sie betrachtet das Bild. „Ich habe sie hier nicht aufgenommen. Daran würde ich mich erinnern.“

„Entschuldigen Sie die Umstände“, sagte Evan. „Ich habe mir schon gedacht, dass es weit hergeholt wäre. Wir wissen nicht einmal, in welchen Teil von Wales sie gereist ist. Sie hat in einer Postkarte an ihre Eltern bloß etwas über Druiden geschrieben.“

„Druiden?“ Annabels Stimme wurde schärfer.

„Mir ist aufgefallen, dass hier keltische Spiritualität erwähnt wird, deshalb dachte ich, dass ich hier vielleicht ...“ Er blickte Eirlys hoffungsvoll an.

„Wir haben eine einheimische Priesterin“, sagte Annabel, ehe Eirlys antworten konnte. „Sie leitet für unsere Gäste Meditationen und geführte Fantasiereisen.“

„Und was ist mit druidischen Zeremonien? Die auch?“

„Zu gewissen Zeitpunkten im Jahr veranstaltet sie Feste, ja.“

„Sind bei irgendwelchen dieser ... Feste ... Außenstehende zugelassen?“

„Bei manchen Anlässen. Sie hofft auf eine große Versammlung zur Mittsommernacht, und der Maifeiertag gehört auch dazu, glaube ich. Und sie hält auch außerhalb unserer Gemeinschaft Zeremonien ab.“

„Kann ich mich dann bitte einmal mit ihr unterhalten?“

„Natürlich. Ich bringe Sie zu ihr.“

„Ist schon in Ordnung. Ich möchte Sie nicht von Ihrer Arbeit abhalten. Weisen Sie mir einfach den Weg. Ich bin mir sicher, dass ich mich zurechtfinde.“

„Ich wollte ohnehin in diese Richtung. Ich versuche, meinen Ehemann ausfindig zu machen. Er will keinen Piepser tragen, weil er behauptet, der würde die Schwingungen stören, die er empfängt, aber das hilft uns anderen wenig, die wir keine übersinnlichen Fähigkeiten besitzen.“

Sie eilte durch die Drehtür und überließ es Evan, ihr zu folgen. Diesmal nahmen sie einen gepflasterten Nebenweg, an einem sehr modern aussehenden Gebäude mit Glasfassade vorbei. „Das Heilbad“, sagte Annabel. „Wir bieten hier ein vollständiges Wellnessprogramm an. Ein Masseur ist vierundzwanzig Stunden am Tag verfügbar, sowie Experten in jeder erdenklichen Form des Handauflegens. Unser Ziel ist es sowohl Körper als auch Geist zur Ruhe zu bringen.“

Es muss ein Vermögen kosten, diese Einrichtung zu unterhalten, dachte Evan. All diese Experten, die bezahlt, und Gebäude die unterhalten werden wollen. „Nutzen denn viele Leute die Gelegenheit, hier Körper und Geist beruhigen zu lassen?“, fragte er.

Wieder ein kurzes, genervtes Stirnrunzeln. „Wir haben im vergangenen Jahr eröffnet. Es dauert eine Weile, sich einen Ruf aufzubauen, und natürlich zielen wir nur auf die exklusivsten Gäste ab. Aber das Geschäft läuft an. Jetzt, da dieser verdammte Regen aufgehört hat.“ Sie stiegen eine elegante Treppe mit geschwungenen Stufen hinab. Neben ihnen verlief ein gemeißeltes Steingeländer – ein weiterer Teil des alten Anwesens, vermutete er. Vor ihnen tat sich ein freier Blick auf einen funkelnden Meeresarm auf. Jenseits davon lagen sanfte, grüne Hügel. Unter ihnen, am Ende der Treppe, war eine Gruppe von befremdlichen Häusern um einen gelben Sandstrand angeordnet. Ein großer Swimmingpool war teilweise in den Strand hineingebaut worden.

„Es ist auf jeden Fall ein reizender Ort“, sagte er.

Sie nickte anerkennend. „Ich bin sehr stolz darauf. Ich würde alles tun, um das Anwesen zu behalten.“

„Es hält Sie auf jeden Fall fit, all diese Treppen rauf- und runterzugehen.“

Während er das sagte, wurde ihm klar, dass das eine ziemlich taktlose Bemerkung war, angesichts von Annabels üppigen Kurven, aber sie lächelte und schien sich nicht angegriffen zu fühlen.

„Ich komme tatsächlich nicht oft hier herunter. Dies ist der Bereich für Geistheilung und Meditation. Geistheiler sind sehr empfindlich, wenn es um Störungen geht.“

Evan blinzelte, als er ein seltsames Objekt zwischen den Gebäuden bemerkte, durch das reflektierte Sonnenlicht war es gleißend hell.

„Was ist das?“, fragte er.

„Das ist unsere Pyramide. Ein Anker für starke Heilenergien.“

Jetzt konnte Evan erkennen, was es war. Tatsächlich, eine Pyramide, etwa so groß wie ein kleines Zimmer. Sie bestand vollständig aus getriebenem Kupfer und war mit keltischen Knoten verziert.

„Kupfer ist ein wunderbarer Leiter“, sagte Annabel.

„Halten Sie darin irgendwelche Zeremonien ab?“, fragte Evan. Die Pyramide war recht klein, selbst für eine Kapelle.

„Oh, nein. Man braucht keine Zeremonie in einer Pyramide. Man ist einfach in der Pyramide.“

Da Evan noch immer verwirrt aussah, fuhr sie fort: „Man sitzt da und lässt sich von der Kristallenergie heilen.“

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    Rhy Bowen (Autor)

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Titel: Mord im Sinn