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Deine fremde Tochter

von Thomas Fitzner (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Eine junge Norwegerin verschwindet unter rätselhaften Umständen und wird nach erfolglosen Ermittlungen für tot erklärt. Zuvor hatten die schwerreichen Eltern eine astronomisch hohe Lebensversicherung auf ihre Tochter abgeschlossen. Deswegen wird Rita Kleefman auf den Fall angesetzt.
Die Ermittlungen führen nach Marokko, wo das Mädchen zum letzten Mal lebend gesehen wurde. Bald stößt Rita auf Ungereimtheiten in den offiziellen Berichten und wird mit den Abgründen eines Familiendramas konfrontiert. Die Detektivin befindet sich inmitten eines Geflechts aus Lügen und Intrigen, das ihr zum Verhängnis werden könnte …

 

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe Juli 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-810-0
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-847-6

Covergestaltung: Buchgewand
Lektorat: Birgit Förster

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

Für Agata Nalborczyk

 

Die Wahrheit zu wissen und davon zu sprechen ist gut. Aber besser ist, sie zu wissen und über Palmen zu sprechen.
(Arabisches Sprichwort)

1.

„Wir haben Fortschritte gemacht“, sagte Doktor Peer und mimte Anerkennung.

Rita Kleefman antwortete nicht. Eine Woche hatte sie gebraucht, um zu begreifen, dass ein Kurhotel nichts für sie war. Dabei erfüllte sie alle Voraussetzungen. Seit sie im Nahen Osten einen Versicherungsbetrug aufgeklärt und dabei gewaltbereite Versicherungsbetrüger verärgert hatte, zog sie ein Bein nach, mal auffälliger, mal weniger, jedenfalls war sie die perfekte Kurbedürftige. Auch wenn sie in den Spiegel blickte, sah sie Probleme, die nach einer Therapie schrien, doch für die gab es keine Kur.

„Wenn man Ihre Krankheitsgeschichte berücksichtigt, ist es ein Wunder, dass Sie überhaupt noch gehen können“, sagte Doktor Peer, den die meisten Patientinnen mit „lieber Doktor Peer“ ansprachen. Rita hingegen sagte nur „Doktor“. Die Illusion, er könne eine Sekunde mehr in sie investieren, als es seine Vertragspflicht verlangte, war schon am ersten Tag verflogen. Und Rita legte Wert auf Symmetrie in den Beziehungen.

„Übrig geblieben ist nur eine Steifheit im Hüft- und Kniegelenk.“

Rita nickte und mimte ihrerseits Interesse an dem, was der „Doktor“ sagte. „Nur.“

„Die Sie aber geschickt kompensieren.“

Ja, dachte Rita. Ich gehe einfach so selten wie möglich. Wenn das keine geschickte Kompensation eines doppelten Gelenksproblems war.

„Daran müssen wir arbeiten“, sagte Doktor Peer und erhob sich. Die Sprechstunde war beendet.

Rita fühlte sich einmal mehr überwältigt von den Banalitäten, die der Kurarzt auf sie abgeladen hatte. Sie arbeitete sich aus dem Sessel hoch und lächelte. „Herzlichen Dank, Doktor. Ich spüre es, mit Ihrer kompetenten Hilfe werde ich in zwei Wochen zur Gazelle.“

Doktor Peer starrte sie an. Wahrscheinlich dachte er darüber nach, ob Rita kokett wurde oder ihn gerade verarschte.

Manchmal zeigte der Kuraufenthalt Wirkung, und Rita fühlte sich besser. Dies war so ein Augenblick. Später kam ihr der absurde Gedanke, in der Hölle wäre ein Tor aufgegangen, als sie das Wort Gazelle aussprach. Wie anders war zu erklären, dass sie zwei Wochen später tatsächlich zur Gazelle wurde?

„Ich hätte es beinah vergessen“, sagte Doktor Peer mechanisch, während er sich verärgert abwandte. „Ihre Firma bittet um Rückruf.“

Genau damit begann es.

 

Ein Autobus, fünf Passagiere, eine Fernstraße an endlosen Waldrändern entlang, Tankstellen mit Blockhütten voller Souvenirs und Sandwiches. Eigentlich stünde mir ein Mietwagen zu, dachte Rita Kleefman. Oder ein Flugticket. Doch sie brauchte Zeit, um das Geschehen der letzten Tage in der Reihenfolge seiner Verwunderlichkeit zu ordnen. Die Reise mit dem Überlandbus gab ihr diese Zeit. Vorgestern das Kurhotel in Valkenburg aan de Geul, wo Deutsche und Holländer in trügerischer Harmonie ihre Körper- und Seelenwunden leckten, heute Norwegen, ein friedliches Dahinbrummen Richtung Trondheim, einem Kunden entgegen, einem verzweifelten Elternpaar, Tochter spurlos verschwunden, Tochter hoch versichert, ein Fall für die Versicherung. Kein typischer Fall, aber auch kein wirklich verwunderlicher. Nicht, wenn man die Begleitumstände dieser Reise zum Maßstab nahm.

Der Anruf, der Rita aus ihrem Einzelzimmer im Kurhotel nach Norwegen katapultiert hatte, war nicht von Anna Loeken gekommen.

Das war verwunderlich.

Anna Loeken, die Leiterin des Büros für Auslandsermittlungen von Safee Securities, die Vorgesetzte und alte Vertraute, war über Nacht von ihrem Chefsessel auf die Straße befördert worden.

Rita, die abgebrühte Ermittlerin, machte eine Entdeckung: Das Büroleben war gefährlicher als Ermittlungen „draußen“. Der kleinste Fehler wurde mit dem Leben bezahlt. Was tat Anna Loeken jetzt? Besäufnis im Lieblingspub, Affären zur Ablenkung, Rückkehr zur Scholle – da waren Kinder zu versorgen, mit Erklärungen zu beruhigen – oder Auflehnung wie im Film: Gefeuerte Ermittlungsleiterin macht sich auf eigene Faust daran, den wahren Schuldigen zu finden?

Die Frage, welchen Fehler Anna begangen hatte, war nebensächlich, wusste Rita. Dazu kannte sie ihre Firma zu gut. Viel bedeutsamer und auch verwunderlicher war der Umstand, dass der Anruf von Hanno de Mey gekommen war. Hanno de Mey, der heimliche Geliebte der ehemaligen Chefin, oder nunmehr womöglich ehemaliger Geliebter der ehemaligen Chefin ... wie vergänglich war doch alles: Ein Wimpernschlag und das gesamte Umfeld hat sich neu formiert, faszinierend wie der Kulissenwechsel im Theater, ein Wald verschwindet, ein Wohnzimmer senkt sich herab, keine drei Wortwechsel und das Publikum hat sich an die neuen Konstellationen gewöhnt.

Ob sich Rita an einen Leiter der Abteilung für Auslandsermittlungen gewöhnen konnte, der Hanno de Mey hieß, blieb hingegen fraglich. Das war mehr als ein Kulissenwechsel. Denn es bedeutete, dass der Intimfeind nun an den Hebeln der Macht saß.

Rita bemühte sich, auch das Positive zu sehen. Vielleicht, dachte sie, war Anna Loeken nun endlich von ihrer unverständlichen Liebe geheilt. „Wo ist Anna?“, hatte Rita gefragt, und Hanno hatte beiläufig erwidert: „Weiß ich nicht“, und es hatte geklungen, als ob er diesmal nicht gelogen hätte.

Exgeliebter, entschied Rita, nachdem sie an mehreren Seen vorbei, durch mehrere Wälder hindurch an dieser Frage gekaut hatte. Safee war zu einem Tollhaus geworden, Caligula hatte die Macht an sich gerissen, die Versicherung war drauf und dran, sich ins alte Rom zurückzumodernisieren. Königsmord, Orgien und Harfenspiel vor den brennenden Trümmern der Abteilung. Betrug als Leidenschaftsdelikt. Wie sollte man dagegen ankämpfen?

 

Der Bus hielt, und ein Norweger stieg zu. Norwegen ist so dünn besiedelt und so ruhig und friedlich, dass es einem Tumult gleichkommt, wenn ein einzelner Norweger in einen Bus steigt. In Indien prügeln sich fünftausend Menschen um fünfhundert Sitzplätze in einem Zug, quellen aus den Fenstern, bevölkern die Waggondächer, verstopfen die Gänge, klammern sich zwischen die Achsen und finden das normal. In Norwegen steigt ein Norweger in einen Bus, zahlt in Ruhe seinen Fahrschein, auch der Busfahrer ist ruhig, ernst, konzentriert, sie raunen einander im lieblichen norwegischen Singsang knappe Sätze zu, die häufig aus einem einzigen Wort bestehen, „Hallo“, „Jo“, „Zwölf“, „Danke“.

Rita nutzte die Busfahrt, um ihre Gedanken zu sortieren, um mit Blick auf mehrere Millionen norwegische Laub- und Nadelbäume Ordnung in ihr Gefühlsleben zu bringen. Die Kollegen würden ihre Spesenrechnung belächeln, und das war ein Grund mehr, auf die Konventionen zu pfeifen. Mietauto, Flugticket, nur weil die Firma ohnehin zahlte? Schwachsinn. Sobald der Mensch aus dem Spielalter heraus ist, bedeutet Autofahren Arbeit. Im Bus konnte sie mit Norwegen auf Tuchfühlung gehen, konnte gefahrlos ihren eigenen Gedanken nachhängen, bevor sie den Eltern einer versicherten, sehr hoch versicherten, und spurlos verschwundenen Tochter vor die Augen trat.

Sechs Norweger, mittlerweile, in einem Bus, Rita saß ganz hinten, sah nur sechs Rücken. Ein Pärchen, ab und zu schwenkten zwei Zöpfe herum, sie sagte etwas, er machte nur „Jo“, die anderen vier schwiegen und wandten nur dann die Köpfe, wenn der Bus stehen blieb und sich das Drama des Zusteigens eines Norwegers ankündigte oder das Spektakel des Aussteigens eines solchen. „Jo“, „Hallo“, „Zwölf“, „Danke“, „Jojo“.

Sie hatten wohl alle etwas in Ordnung zu bringen in ihren Köpfen, diese Passagiere, und nahmen sich Zeit dafür. Alle wirkten konzentriert, gedankenverloren. Vielleicht war dieses Volk deshalb so ausgeglichen. Alle suchten im Fernen Osten nach Techniken zur Förderung des Seelenfriedens, dabei war der norwegische Lebensstil pure Meditation. Angesichts dieser Entdeckung hatte Rita Mühe, sich auf die Verwunderlichkeiten ihres eigenen Daseins zu konzentrieren. Norwegen hypnotisierte sie. Kilometerweise grüner Tann, gelegentlich huschte ein Auto vorbei, links und rechts erhoben sich Hügel und Berge, und alle zwei- oder dreitausend Kilometer stand ein Holzhaus auf einer Wiese, alle zehntausend Kilometer spazierte ein Kind mit leuchtfarbenem Schulranzen am Straßenrand, alle hunderttausend Kilometer passierten sie so etwas wie eine Siedlung und alle drei, vier Lichtjahre so etwas wie eine Stadt mit zwölf, dreizehn Fußgängern darin, während das Ziel, die Großstadt Trondheim, in einem anderen Sonnensystem lag, ganz am Ende dieser tannenbestandenen, dramatisch friedlichen Galaxis namens Norwegen.

 

Gauklia hieß der Planet der Gundersons. Wieder staunte Rita. Es gab also Millionäre in Norwegen. Trotz des Ölreichtums waren sie jedoch keine Ölscheichs wie in anderen, trockeneren Ländern, wo sich der öffentliche Reichtum ganz unkompliziert in privaten verwandelte, sondern Unternehmer, Firmengründer, Firmensammler, und Leif Gunderson war einer von ihnen. „Du brauchst keine Details“, hatte de Mey ihr gesagt. „Du hörst ihnen einfach zu, dann kommst du zurück nach Amsterdam und kriegst die Akte.“ Rita hatte um ein „Briefing“ gefleht, sie wollte wenigstens wissen, a) wer die Leute sind und b) ein paar Details des Vertrags. Und de Mey hatte geantwortet: „A) Millionäre, b) Millionen, das sind alle Details, die du im Moment brauchst. Lass sie einfach reden. Sie sind verzweifelt und brauchen jemanden, der ihnen zuhört.“

Die seelsorgerische Komponente ihres Berufs. Versicherungsdetektivin und Landpfarrerin Rita Kleefman auf dem Weg zu einem verzweifelten Millionär. Die Spezialistin für anderer Menschen Probleme, die ihre eigenen unerledigten Schwierigkeiten mit sich herumschleppte wie dieses Bein, das sie seit ihrem größten Ermittlungserfolg nachzog.

Der Privatsekretär der Gundersons wunderte sich am Telefon über Ritas späte Ankunft, immerhin sei dies ein dringlicher Fall – dringlich also, dachte Rita, ein erstes, aufschlussreiches Detail. Danke, Hanno, für das exzellente Briefing, ich werde aussehen wie ein Idiot –, und die wertvolle Zeit mit einer Busreise zu verplempern sei nicht opportun, wozu gäbe es heutzutage Flugzeuge. Das war verwunderlich, denn wenn sie, die Versicherungsdetektivin, eingeschaltet wurde, bedeutete dies, dass die Suche nach dem Mädchen erfolglos geblieben war und sie, die Detektivin, nun lediglich zu untersuchen hatte, ob irgendein Grund bestand, die Versicherungssumme nicht auszubezahlen. Warum es dabei auf Tage oder Stunden ankam, konnte Rita sich nicht anders erklären als mit der empirisch erwiesenen Ungeduld von Millionären, die daran gewöhnt waren, dass für sie alles schnell erledigt wurde.

Ohne Rita nach eventuellen persönlichen Dispositionen zu fragen, kündigte der Privatsekretär der Gundersons an, dass morgen früh um 7 Uhr 30 ein dunkelblauer Audi vor der Hoteltür warten würde. „Bitte seien Sie pünktlich.“

Rita hängte grußlos auf und säuselte: „Du mich auch.“ Dann bat sie die Rezeption des Hotels in Trondheim um einen Weckruf, stellte zur Sicherheit auch ihren Reisewecker und legte sich ins Bett, ohne einen Spaziergang durch die verregnete Stadt unternommen zu haben, ohne Abendessen, ohne sich mit diesem unbekannten Territorium wirklich angefreundet zu haben und im Bewusstsein, dass ihre Spesenrechnung wieder ein Stück seltsamer wurde. Kein Abendessen in einem guten Restaurant? Gute Frau, Norwegen, Lachs, Wein, stinkteuer, und die Firma zahlt!

 

Präzise um sechs Uhr läutete das Telefon und eine weibliche Stimme, die klang wie frisch gebumst unter einem norwegischen Wasserfall, jodelte „Morn, Morn“ in den verregneten Tagesanbruch hinein und setzte die besten Wünsche für den Tagesverlauf hinzu.

Der Frühstücksraum bot Berge von Eierspeisen und Milchprodukten und Blick auf den Nidelva-Fluss, den der sanfte Regen mit einem Punktmuster überzog. Das ganze Hotel schien bereits versammelt, als Rita eintrat, fünf Minuten nach sieben, ihr blieben knappe 25 Minuten für einen Kaffee und ein winziges Glas Hotel-Orangensaft, der schmeckte, als sei er von spanischen Obsträubern gepresst und auf Schmugglerpfaden nach Norwegen gebracht worden. Die Gäste tuschelten wie bei einer Leichenaufbahrung, nur die Frühstückskellnerin strahlte, als machte das Leben in Trondheim einen Riesenspaß. Und obwohl Rita wiederholt die Uhrzeit kontrollierte – als einziger Schmuck im Frühstücksraum hing eine rechteckige Uhr, Modernität der Siebzigerjahre, und so riesig, als würden täglich Hotelgäste von Millionärssekretären zu Pünktlichkeit ermahnt –, verbummelte sie das Frühstück. Der Magen, ums Abendessen betrogen, forderte seine Rechte, und mitten in einem dicken Marmeladebrot erkannte Rita, dass es 7 Uhr 32 war.

Der dunkelblaue Audi wartete draußen im Regen, Warnblinker eingeschaltet, ein Chauffeur ohne Uniform am Steuer, runder Kerl mit schwarzem Haar und einer runden Glatze wie ein Heliport auf dem Schädel. Er sah auf die Uhr und musterte den Eingang mit einer Andeutung von Ungeduld in den Mundwinkeln. Er stieg nicht aus, er eilte nicht mit aufgespanntem Regenschirm zum Vordach, um die Detektivin – eben nur eine Detektivin, eine Dienstleisterin – durch den Regen zur Limousine zu geleiten, sondern blickte erneut auf seine Uhr, als ob er sich fragte, ob sie falsch ging, denn es konnte wohl kaum sein, dass ein von Gunderson Gerufener dermaßen verspätet aufkreuzte.

Ritas „Guten Morgen“ löste ein beidseitiges Mundwinkelzucken aus, was sie als Erwiderung ihres Grußes interpretierte. Der Audi brummte nobel, und die wimmernden Scheibenwischer waren der fröhlichste Aspekt der Fahrt durch Trondheim.

„Wie war der Flug?“, bellte der Chauffeur mit überraschend lauter Stimme, als sie nach zehn Minuten bei einer Ampel hielten. Er hatte ihr das späte Erscheinen vergeben. Er sprach mit ihr.

„Ich bin mit dem Bus gekommen“, erwiderte Rita und bereitete sich auf einen abfälligen Kommentar vor.

Doch da kam nur ein „Ah“. Weiter ging es ohne Konversation, durch die Außenbezirke von Trondheim, auf eine Überlandstraße, ein, zwei, drei Abzweigungen, Rita fühlte sich verloren.

„Meine Frau“, bellte der Chauffeur nach weiteren zehn Minuten und machte eine kreisförmige Geste mit seiner Rechten.

„Ja?“, fragte Rita.

„Besuch in Amsterdam“, schrie der Mann in überflüssiger Lautstärke, als sei er normalerweise mit Fahrzeugen unterwegs, die weit mehr Lärm machten als eine Audi-Limousine, möglicherweise mit Traktoren oder Rasenmähern. Er winkte mit der Rechten nach rückwärts. „Tulpen. Haus von Anne Frank. T-Shirts für meine Söhne. Kanäle. Tolle Stadt.“

Rita zuckte die Achseln und lehnte sich wieder zurück, allein gelassen mit der Frage, warum sie das Anne-Frank-Haus nie besucht hatte und ob sie Schuldgefühle entwickeln sollte, weil sie ihr Nazi-Hasser-Diplom noch nicht abgeholt, sondern ihre dahingehenden Gefühle ausschließlich privat betrieben hatte.

Im Verlauf der Fahrt, die rund eine Stunde dauerte, bellte der Mann noch dreimal fragmentarische Konversation à la Trondheim, abgehackte, nordische Geschwätzigkeit, doch Rita versank nahezu ungestört in der Umgebung. Es ging einen Fjord entlang, der um die halbe Welt zu führen schien, die Häuser wurden seltener, dann waren sie in einem Waldgebiet, schließlich endete der Asphalt, und der Audi bretterte über einen sorgsam mit einem Kieselkleid aufgedonnerten Güterweg tiefer in die Wildnis hinein, kilometerweit, bis sich der Wald öffnete und den Blick auf eine Wasserfläche freigab, eingerahmt von kilometerhohen Felsufern, eine Landzunge, ein paar Bäume darauf, eine riesige Villa aus Stein und Holz, davor parkten ein Luxus-Geländewagen, ein schmutziger Land Rover, ein quietschgelber Kleinwagen, ein Minibus und nun auch der Audi, weit weg von der eleganten Auffahrt zum eleganten Eingang.

Der Regen hatte nachgelassen. Der Chauffeur stellte den Motor ab und sagte: „Gauklia“, als erklärte das alles. Dienstboteneingang, dachte Rita, als der Mann sie vom Parkplatz zu einem Anbau führte. Kein Vordach.

Sie traten durch einen Gang ein, in dem Kisten herumstanden, leere Flaschen, ein paar volle Plastiksäcke, wahrscheinlich Müll, betriebiges Ambiente wie im Servicetrakt eines Hotels. Der Chauffeur führte sie in einen Raum mit ein paar Stoffsesseln, von einem kleinen Regal auf Kopfhöhe drohten Bildbände über Norwegen, ansonsten waren die Wände mit Familienfotos der Gundersons tapeziert, er ein blonder, hagerer Nordmann mit Polarforscherblick, sie eine blonde, hagere Fliegengewichtwalküre mit Ich-bin-Millionärsgattin-Gesicht, die Augen meist hinter riesigen Sonnenbrillen verborgen. Szenen aus einem Millionärsleben: die Gundersons beim Segeln, die Gundersons in Disney World, die Gundersons mit dem Privatflugzeug, die Gundersons beim Motorbootfahren, beim Angeln in Fjorden, beim Bummel durch unzählige Städte, an der Kapitänstafel eines Kreuzfahrers, bei der Königsaudienz in Oslo, Schnappschüsse aus dem Alltag. Rita fühlte sich wie ein Eindringling, ungebührlich nahe an den kleinen Geheimnissen dieser Familie, die aus winzigen Gesten, den Mienen ihrer Gesichter, der Häufigkeit bestimmter Abbildungen sprachen.

Die verschwundene Tochter war bald entdeckt, ein blondes, hübsches Mädchen, das widerwillig für die Kamera posierte, während hinter dem immer selben, widerborstigen Gesicht, der immer selben, sich vom hageren Mädchen zur hübschen Frau formenden Figur die ganze Welt vorüberzog, als seien die Bilder gestellt, in Wahrheit in einem Trondheimer Studio angefertigt, mit großen Tourismuspostern von China, USA, Israel, Chile als Hintergrund.

Rita hatte Zeit, das indiskrete Familienalbum zu studieren, denn die Gundersons ließen sie warten. Nach einer halben Stunde – auch den Sohn hatte sie identifiziert, ein Siegfried mit blondem Wuschelhaar, gut aussehend, mit einem breiten Grinsen stets wie ertappt in die Kamera blickend – machte die Neugier verhaltenem Ärger Platz. Weit davon entfernt, Vorzugsbehandlung zu erwarten, wäre sie doch gerne mit ein wenig Gastfreundlichkeit in Berührung gekommen.

Rita setzte sich und starrte die Gunderson-Collage aus der Ferne an, versuchte, aus der Anordnung der Fotos ein Muster zu lesen, ein Gefühl für das Leben dieser Familie zu entwickeln. Wer wo hing, war nie ganz Zufall. Hier das flotte Leben des Ehepaars Gunderson. Dort der verschmitzte Sohn. Da eine Zone mit viel Tochter. Eine Segler- und Anglerecke. Sohn und Tochter waren nur als Kinder gemeinsam abgebildet, ihre Wege hatten sich offenbar bald getrennt. Rita begann das Wer-mit-wem zu analysieren und machte eine weitere erstaunliche Entdeckung. Sie erhob sich und betrachtete eine Reihe von Fotos aus der Nähe. Dann setzte sie sich wieder und schüttelte den Kopf. Man muss nur lange genug hinsehen, dann beginnen Fotos zu sprechen, eine Geschichte zu erzählen. Hier, entdeckte Rita, erzählten alle Fotos, so unterschiedlich sie auch waren, immer dieselbe Geschichte über die Personen, die abgebildet waren.

Ein Mann trat ein, um die fünfzig, graues Haar, Buchhaltergesicht, also nicht Gunderson. „Mein Name ist Bugge“, sagte der Mann und streckte die Hand aus. Rita erkannte die Stimme: der Privatsekretär. „Verzeihen Sie, dass wir Sie warten ließen. Frau Gunderson hatte eine unerwartete Angelegenheit zu erledigen.“

Nach einer präzise dosierten Pause schüttelte Rita dem Privatsekretär die Hand, sagte nichts, blickte ihn nur aufmerksam an und unterdrückte ein Lächeln, das ihr die Gewohnheit auf die Lippen zwingen wollte. Zu viele Menschen blickten auch noch freundlich drein, wenn man sie misshandelte. Nicht sie. Nicht mehr.

„Es wird noch ein paar Minuten dauern“, sagte Bugge. „Hatten Sie eine angenehme Reise?“

Rita, erstaunt, dass der Bus diesmal keine Erwähnung fand, nickte. „Durchaus.“

Bugge versuchte sich in höflicher Konversation. „Das Anwesen heisst Gauklia“, erklärte er. „Das heißt ‚Eulenwald‘. Weil es eine Menge Eulen hier gibt.“

Rita blickte ihn unbewegt an und sagte: „Das ist ja hochinteressant.“

Bugge räusperte sich. Rita kam zu dem Schluss, dass er ihre Verärgerung wahrgenommen hatte.

„Frau Gunderson ist es sehr wichtig, Sie persönlich kennenzulernen“, sagte der Sekretär, wohl um das Selbstwertgefühl der Besucherin zu heben. „Die Affäre hat sie sehr mitgenommen.“

„Und Herr Gunderson?“

Bugge machte eine hilflose Handbewegung. „Es ist furchtbar. Der Mann ist nicht mehr er selbst. Seit das Mädchen verschwunden ist ... aber ich denke, das sollten Sie von Frau Gunderson erfahren.“

„Sie führt jetzt die Geschäfte?“

„Die Reederei, ja. Die anderen ...“, er vollführte mit beiden Händen einen Tanz, als ob Geschäfte überall in der Luft herumschwirrten, „Beteiligungen, internationale Gesellschaften und auch die Medienfirmen, das macht ein Aufsichtsrat.“

„Und Herr Gunderson?“

„Entsetzlich. Schrecklich. Aber das soll Ihnen Frau ...“

„Schon gut.“

Bugge erhob sich. „Möchten Sie ein Glas Milch?“

„Nein danke.“

„Vielleicht einen Tee?“

„Nein.“

Rita hustete in das beklommene Schweigen hinein.

Der Sekretär verharrte, sein Hinterteil über dem Sessel schwebend, die Hände dienstbeflissen Richtung Ausgang gestreckt. „Eine heiße Schokolade?“

Rita winkte ab und verschränkte die Arme. Der Sekretär setzte sich wieder.

Ein elektrisches Lärmgerät schnarrte. Bugge federte aus seinem Stuhl und hatte es sehr eilig, Rita durch einen weiteren Gang und ein Fernsehzimmer mit einer Wand aus mehreren Tausend akribisch geordneten Videokassetten Richtung Audienz zu scheuchen.

„Frau Gunderson ist sehr beschäftigt“, versicherte Bugge, öffnete eine weitere massive Holztür und winkte Rita hindurch wie ein Verkehrspolizist. „Der Frühstückssalon, bitte schön.“

2.

Verzehrte ein Mitglied der Familie Gunderson ein Frühstücksbrot, so geschah dies mit Panoramablick auf den Fjord. Riesige Fenster holten die grandiose Landschaft in den Frühstückssalon, während ebenso riesige, mehrfach gefaltete Holzläden mit eingebauten kleineren Fenstern, die ihrerseits von kleinen Läden verschlossen waren, an die Dunkelheit und Kälte des nordischen Winters erinnerten, wenn sich Gauklia wie eine Festung abriegelte, um dem Frost, dem Wind, der langen norwegischen Nacht zu trotzen.

Mit wenigen Änderungen konnte der Frühstückssalon einem Hotel mittlerer Größe als Restaurant dienen. Man musste nur die unzähligen Sofas, Sitzgruppen, Bücherregale und Schränke rausschmeißen und durch zwei Dutzend Tische, hundert Stühle und einen Flambierwagen ersetzen.

Gefrühstückt wurde erhöht, auf einer Art Galerie, wo sich ein Holztisch erstreckte, auf dem drei Paare Walzer tanzen konnten, ohne einander in die Quere zu kommen. In der Mitte dieses Mega-Tisches heischte eine blumenlose Vase nach Aufmerksamkeit, mit krampfhafter Eleganz, wie ein Athlet mit verrenktem Rücken, der Ausschau nach einem Arzt hält. Am wichtigeren Ende des Tisches, klar ausgewiesen durch eine Wand voller Hirschgeweihe und ausgestopfter Raubvögel, stand fern und verloren das Frühstücksgedeck der Millionärin Gunderson, eine Ansammlung silberblitzender Filigrankuppeln, -teller und -schüsseln, die wie das Modell einer Märchenstadt wirkte. Inmitten dieser von Ordnung und Gediegenheit geprägten Umgebung lagen die Reste eines Frühstücks. Niemand hatte abgeräumt. Die Millionärin hatte ihr Frühstück gerade erst beendet. Offenbar war also dieses Frühstück die „unerwartete Angelegenheit“ gewesen, mit der Frau Gunderson an diesem Morgen konfrontiert gewesen war. Ein kulinarischer Hinterhalt, ein unerwartetes Frühstücksei, begleitet von einem überraschenden Kaffee, dazu ein hinterrücks verabreichter Orangensaft.

Rita, von Bugge allein gelassen, hatte Mühe, die Millionärin in der Möbellandschaft unterhalb der Frühstücksgalerie zu orten, denn die Frau saß reglos auf einem der Ledersofas. Nur eine dünne Rauchsäule verriet sie, ausgesandt von einer Zigarette, die von einem aufgestützten Arm spitz in die Höhe stach. Frau Gunderson, Vorname noch immer unbekannt, hatte sich eine neue Frisur zurechtcoiffieren lassen, sie sah den Fotos des Familienalbumzimmers nur entfernt ähnlich, hatte einen ersten Schritt Richtung Löwenmähne getan, nicht ganz passend zum eckigen, strengen Gesicht, das sich nun der Detektivin zuwandte und eine federleicht amüsierte Neugierde ausdrückte: So sieht also eine Versicherungsdetektivin aus, war in ihrer Miene zu lesen. Nun, von irgendetwas muss der Pöbel ja leben.

Die Millionärin Gunderson war eine schöne Frau gewesen und wäre es immer noch, hätten sich zu den steilen Linien im Gesicht ein paar Lachfalten gesellt. Stattdessen ein vertikales Geflecht zwischen Stirn und Mundwinkeln, eingerahmt von dieser blonden Mähne, die eine nirgendwo sonst reflektierte Lebensfreude simulierte. Sie wirkte wie eine Leichenbestatterin mit Clownperücke. Aber man soll nicht ungerecht sein, dachte Rita. Diese Frau durchlebte den Albtraum jeder Mutter, das mochte die vertikalen Falten erklären, den strengen Mund, die offene Überheblichkeit. Arroganz war am Ende Schwäche. Frau Gunderson war schwach und durfte es nicht zeigen, denn der Ehegatte war vor ihr in Ohnmacht gefallen.

„Willkommen in Gauklia“, deklamierte sie mit überraschend tiefer Stimme, deren durchdringend britischer Akzent nach Aufzucht und Hege in imperialen Privatschulen roch. „Sie sind Rita Kleefman.“

Rita nickte und fand das Zusammentreffen mit einem Mal absurd. Weder konnte sie Fragen stellen, ohne ihre profunde Unkenntnis über den Fall zu offenbaren, noch hilfreiche Antworten geben. Sie wusste nicht einmal, ob sie nur hierhergeschickt worden war, um mit dem Kunden Kontakt aufzunehmen, oder ob sie die Ermittlungen führen sollte. Zu spät. Die meditative Busfahrt hatte nichts genutzt.

„Hatten Sie eine gute Reise?“

„Sehr gut, danke.“

„Sie sind mit dem Bus gekommen.“ Gunderson wandte und hob den Kopf in zwei sauber getrennten Bewegungen und fixierte Rita.

Die seufzte innerlich. Es ging wieder los. Der Bus.

„Richtig.“

Die Millionärin Gunderson ließ einen Augenblick verstreichen, musterte Rita noch immer mit erhobenem Kopf und sagte mit einer angesichts ihrer Worte nahezu komischen Ruhe: „Wir sind verzweifelt.“

„Verständlich.“

„Verständlich?“ Gunderson lächelte bitter. „Haben Sie Kinder?“

„Nein, ich habe keine Kinder.“ Ob leider oder Gott sei Dank, das wollte sie im ersten Austausch mit einer Fremden nicht einmal mit dem Tonfall suggerieren.

Gunderson nickte und sagte mit einer mikroskopischen Geste ihrer Zigarettenhand: „Nehmen Sie bitte Platz.“

Rita ließ sich auf einem Ledersofa nieder, dessen Knirschen die heilige Stille brach, und nahm ein Notizbuch aus ihrer Tasche.

„Ich mache mir keine Illusionen über Ihre Art Verständnis“, erklärte die Millionärin. „Eva ist für mich eine geliebte Tochter, für Sie ein Vertrag. Ihr Verschwinden ist für uns eine menschliche Katastrophe, für Sie eine finanzielle. Das Kind ist hoch versichert. Sehr hoch.“

Rita schluckte trocken, einigermaßen sicher, dass sie diese Art von Zurechtweisung nicht verdiente, doch unsicher darüber, was sie dagegen unternehmen wollte. Die Millionärin hatte im Prinzip recht: Für Rita unterschied sich das Verschwinden der Gunderson-Tochter vom Verschwinden Tausender anderer Töchter nur durch den Umstand, dass ein Versicherungsvertrag bestand, der die Detektivin aus ihrem Kuraufenthalt gerissen und direkt in dieses Millionärs-Frühstückszimmer katapultiert hatte. Sie brauchte lediglich die Zeitung aufzuschlagen und konnte täglich saftigere Tragödien zum Beweinen finden, nur hat niemand wirklich genügend Tränen dafür. Die reserviert man sich für persönliche Fälle. Eva Gunderson – ein erstes Detail: Die verschwundene Tochter hieß Eva – war kein persönlicher Fall. Rita hatte nie eine Tochter gehabt und nie eine verloren. Die Millionärsziege hatte recht. Sie hätte sich nur anders ausdrücken können, doch Frau Gunderson wirkte nicht empfänglich für Kritik an ihrer Art, sich auszudrücken. Auch das war verständlich. Sie war Millionärin, und sie war die Mutter eines verschwundenen Mädchens. Das verlieh gewisse Rechte.

„Wir haben selbstverständlich die zuständigen Behörden eingeschaltet, und wir haben selbstverständlich eine private Detektivkanzlei mit Nachforschungen beauftragt“, sagte Gunderson. „Das war Anfang Oktober letzten Jahres, ungefähr einen Monat nach ihrem letzten Lebenszeichen.“

„Einen Monat?“

„Eva befand sich auf einer Weltreise. Ansichtskarten brauchen zuweilen länger. Wir hofften, das Problem sei postalischer Natur, doch nach einem Monat begannen wir uns Sorgen zu machen.“ Gunderson warf Rita einen stahlblauen Blick zu. Mutterliebe in Ritterrüstung. „Wir geben selbstverständlich die Hoffnung nicht auf.“

Die Millionärin machte eine Pause und ließ ihren Blick mechanisch über die Landschaft schweifen, als amortisiere sie zwischendurch die Investition in die großen Fenster.

„Man sagte mir, Sie seien eine gute Detektivin.“

„Ach so? Wer hat das gesagt?“

Frau Gunderson wandte sich wieder Rita zu, die sich bewusst wurde, dass sie verkrampft auf der Sesselkante gesessen hatte, wie auf den Befehl zum Aufspringen wartend. Rita unternahm eine Anstrengung, sich zu entspannen, und lehnte sich zurück. Langsam bekam sie ein Gefühl dafür, woher der Wind wehte und wohin die Reise ging.

„Herr de Mey.“ Die Millionärin dämpfte ihre Zigarette in einem Kristallaschenbecher aus, der so groß war, dass man ihn nach geringfügigem Umschleifen als Linse für ein astronomisches Teleskop hätte verwenden können. „Er war so freundlich, uns die beste Ermittlerin zu empfehlen.“

Rita hob die Augenbrauen. In ihrem Kopf heulten simultan hundert Warnsirenen los. De Meys erster wichtiger Fall als Abteilungsleiter, und er empfahl seine Lieblingsfeindin Rita Kleefman als beste Ermittlerin?

„Wir haben Ihre Ferien unterbrochen, das tut mir leid“, sagte die Millionärin in einem Ton, als wäre es das Letzte, was ihr jemals leidtun würde. „Doch Sie verstehen die Dringlichkeit. Wurden Sie finanziell entschädigt?“

Rita wusste nicht recht, was sie antworten sollte. War tatsächlich Hanno de Mey der neue Abteilungsleiter oder war das Team für Auslandsermittlungen nun in den Händen der Millionärin Gunderson? Und sollte sie die Kundin darauf aufmerksam machen, dass sie nicht einen „Ferienaufenthalt“ abgebrochen hatte, sondern eine Kur, um die Narben zu behandeln, die ein beinahe tödlich verlaufener Ermittlungsjob hinterlassen hatte?

„Machen Sie sich keine Sorgen“, erwiderte Rita. „Administrative Details. Hier bin ich.“

„Sie werden“, sagte die Millionärin und erhob sich, trat an eines der Panoramafenster und musterte die Steilhänge des Fjords, „die Reise meiner Tochter nachvollziehen. Wir werden Ihnen sämtliche Ermittlungsergebnisse der privaten Detektivkanzlei aushändigen. Sie können Spesen machen, so viel Sie wollen. Sie erhalten eine Prämie in Höhe Ihres Jahresgehalts, wenn Sie das Schicksal meiner Tochter aufklären können. Steuerfrei, in einem Kuvert.“ Sie wandte sich kurz um und musterte Rita spöttisch. „Wenn Sie es denn wollen“, setzte Gunderson hinzu wie jemand, der wenig Verständnis für ehrliche Steuerzahler aufbrachte.

Rita antwortete nicht, Gunderson blickte wieder auf den Fjord hinaus. „Sie halten mich wöchentlich über den Fortgang der Ermittlungen auf dem Laufenden. Wichtige Ergebnisse derselben teilen Sie mir umgehend mit.“

Rita gab ihre Entspannungsübung auf. Kurz erwog sie, die Millionärin darüber aufzuklären, dass Kunden in Versicherungsfällen keine Anweisungen zu geben hatten, denn die Versicherung ermittelte eventuell ja auch gegen sie, verzichtete aber darauf. Rita würde schlichtweg tun, was sie für richtig hielt. Die Detektivin beschloss, das Thema zu wechseln.

„Erzählen Sie mir von Eva.“

Frau Gunderson zuckte die Achseln, als hielte sie das Thema für nicht sehr ausgiebig. „Was soll ich Ihnen denn erzählen?“

Deine Theorie, dachte Rita. Ist sie verschwunden oder ist sie ausgebüchst? Ist sie Opfer oder Täter?

„Wusste Eva über die Versicherung Bescheid?“

Frau Gunderson zuckte erneut die Achseln, belustigt fast. „Ist das für Ihre Arbeit von Bedeutung?“

„Ich will lediglich so viel wie möglich über Ihre Tochter wissen. Das hilft beim Ermitteln.“

Der ironische Nachsatz handelte Rita einen langen prüfenden Blick ihres Gegenübers ein. Gunderson beschloss jedoch, darüber hinwegzusehen, und erklärte: „Eva hatte keinen ausgeprägten Sinn für Verantwortung. Sie war unreif.“

War.

„Weshalb sprechen Sie in der Vergangenheit?“

„Sie kann sich geändert haben. Neun Monate. Das ist eine lange Zeit.“

Tochter verschwindet und reift. Eine interessante Theorie.

„Wie alt ist sie?“

„Zwanzig. Im vergangenen November geworden. Steht alles in Ihrem Dossier.“

Rita seufzte innerlich. Danke, Hanno, für das hervorragende Briefing.

„Und wie unreif?“

„Sehr.“

„Ich meine: Wie drückte sich das aus?“

„In allem. In ihren Plänen, ihrem Verhalten, ihren Finanzen. Glauben Sie nicht, wir hätten sie verwöhnt. Sie hatte ihr Taschengeld und gab immer zu viel aus.“

„Schulden?“

„Das weiß ich nicht. Mädchen in ihrem Alter erzählen ihren Eltern nicht alles.“

„Glauben Sie, dass Eva Schulden hatte?“

Gunderson zuckte wieder die Achseln. „Bis jetzt haben sich keine Gläubiger gemeldet. Aber es wäre ohnehin kein Grund, einfach zu verschwinden. Damit löst sie ja die Probleme nicht.“

„Haben Sie sich gut verstanden?“

„Eva und ich? Ja. Ja.“

Das doppelte Ja kreiste in Ritas Kopf, während Gunderson relativierte, mit einer leichten Handbewegung: „Es gibt natürlich immer Konflikte zwischen Mutter und Tochter. Das werden Sie verstehen. Wie war das zwischen Ihnen und Ihrer Mutter?“

„Genauso“, wich Rita aus.

„Sehen Sie“, sagte Gunderson. „Normal.“

„War sie eine Rebellin?“

„Eine Rebellin gegen die Vernunft, aber auch das ist in diesem Alter bis zu einem gewissen Grad normal.“

„War sie denn nichts Besonderes?“

„Natürlich war sie das.“ Jede Tochter ist besonders, sagte ihr Schweigen.

„In welcher Hinsicht?“

„Eva war besonders naiv. Sie glaubte Männern alles.“

„Hatte sie einen festen Freund?“

„Natürlich nicht. Mädchen wie Eva werfen sich nur problematischen Männern an den Hals. Zuerst erfinden sie den idealen Mann in ihrem Kopf und glauben, der Erstbeste, der Interesse zeigt, ist es schon. Und wenn sich herausstellt, dass er es doch nicht ist, erfinden sie Erklärungen dafür. Schuld hat immer etwas anderes. Also lassen sie sich demütigen, betrügen, lächerlich machen, sie lassen sich schlagen, ausnutzen, alles in der Hoffnung, der erfundene ideale Mann käme doch irgendwann zum Vorschein, man müsse nur Geduld haben und alles ertragen. Es ist wie ein Kreuzzug, wie die Suche nach dem Gral.“ Zug aus der Zigarette, langes Ausblasen. „Der natürlich nicht existiert.“

Gunderson war in Fahrt gekommen, ihr Gesicht hatte Farbe angenommen, der Fjord exisiterte nicht mehr, Eva hatte den Raum betreten, in ihrer ganzen Unvollkommenheit, das zickige Mädchen, das nicht auf den Rat ihrer Mutter hört und Freunde nach eigenem Gutdünken wählt, und nun ist Eva weg, es war ja abzusehen. Und plötzlich war da eine Theorie: die Suche nach dem Gral.

„Sie wissen, was mit den Narren passiert, die nach dem Gral suchen, als sei er etwas Materielles, versteckt in irgendeiner Höhle, die man nur finden muss, und schon ist alles gelöst. Den Gral muss man in sich selbst schaffen. Erst wenn man das verstanden hat, besteht Hoffnung.“

Gunderson ballte die Rechte zur Faust und schlug im Takt ihrer Worte auf die Armlehne des Sofas. „Die Suche nach dem Paradies. Die vollkommene Negation der Realität.“

Rita verstand, dass Gunderson in diesem Augenblick mit Eva sprach, mütterliche Strenge in der Stimme, das entnervte Timbre von Das-hab-ich-dir-schon-tausendmal-gesagt.

„Eine Träumerin?“, unterbrach Rita die Tirade.

Gunderson schien sich wieder daran zu erinnern, dass Rita vor ihr saß, nicht Eva, und ließ eine Freundlichkeit aufblitzen, die nach Komplizenschaft trachtete. „Sie sagen es. Eine Träumerin.“

„Wo ist sie verschwunden?“

Gunderson lächelte. „Im Land der Träume natürlich, was haben Sie erwartet?“

„Amerika? Die Vereinigten Staaten?“

„Unsinn.“ Die Millionärin lächelte geringschätzig, als hätte Rita einen Intelligenztest nicht bestanden. „Amerika ist das Land, das Träume zu einer Handelsware macht. Zu Geld. Amerika ist kein Land der Träume, Amerika ist das Land, in dem die Träume gnadenlos von der Realität getestet werden. Kein Land für Eva.“

„Wo wurde Eva zuletzt gesehen?“ Rita setzte mit weiter Geste ihren Kugelschreiber an, um der Millionärin eine konkrete Information zu entlocken.

„In Marokko.“

Rita klappte reflexhaft ihr Notizbuch zu. Das erste Rätsel des Falles war gelöst. Deshalb also hatte ihr Intimfeind sie als beste Ermittlerin angepriesen. Um sie nach Marokko zu schicken.

Nicht ihr Fall, herzlichen Dank.

„Wir werden wahrscheinlich einen Kollegen entsenden“, sagte sie. „Für solche Länder ist das besser. Einen Mann, meine ich.“

„Herr de Mey will Sie entsenden.“

Herr de Mey will. Herr de Mey überschätzt seine Befugnisse. Herr de Mey ist noch nicht lange im Amt. Auch er ist ein Träumer, Frau Gunderson. Auch er macht Geld damit. „Wir werden das diskutieren.“

„Ich verstehe nicht.“ Gunderson runzelte die Stirn. „Ist Herr de Mey nicht Ihr Vorgesetzter?“

„Oh, sicher“, erwiderte Rita, noch immer verblüfft darüber. „Ja, das ist er.“

„Er hat mir versichert, Sie seien die beste Ermittlerin für diesen Fall. Darum hat er Sie aus dem Urlaub geholt.“

Beim Wort „Urlaub“ zuckte Rita zusammen. Sie begann sich nun ernsthaft zu ärgern. Hanno musste von der Abmachung zwischen ihr und Anna Loeken wissen, aber vielleicht wusste er zu wenig über diesen Fall, wusste nicht, dass es um Marokko ging. Er wusste, dass sie in diesen Ländern nicht mehr arbeitete. Er wusste nicht, warum. Vielleicht sollte sie es ihm erzählen. Vielleicht war genau das Teil seines Spiels: Er setzte Rita mit diesem Auftrag unter Druck, damit sie endlich erzählte.

Mit Mühe fand die Detektivin nach Norwegen, nach Gauklia zurück. Sie zwang sich zur Ruhe. „Schön. Fahren wir fort. Wo in Marokko wurde Eva zum letzten Mal gesehen?“ Beinahe hätte sie hinzugefügt: lebend.

„Rabat, glaube ich.“ Gunderson zündete sich wieder eine Zigarette an. Als hätte sie von dem Gespräch momentan genug, langte sie nach einem elektrischen Schalter auf dem Tischchen neben ihr und drückte dreimal darauf, den Blick herausfordernd auf Rita gerichtet. Keine zehn Sekunden später ging die Tür auf und eine junge Frau mit einem leeren Tablett trat ein. Ohne die Millionärin zu beachten, ging sie zu der kleinen orientalischen Stadt aus silbernen Kuppeln und Tassen und Tellern und räumte ab.

„Wir haben Freunde in Rabat“, erklärte Gunderson. „Eine angesehene Familie. Geschäftspartner. Eva war angewiesen, sich in deren Schutz zu begeben. Marokko ist kein Land, das man als Frau allein bereisen sollte.“

Das Dienstmädchen, den Kopf wie ein Roboter reglos geradeaus gerichtet, nahm das volle Tablett auf und verließ grußlos den Frühstückssalon.

„Meinen Sie nicht auch, das Personal sollte Uniform tragen?“, sagte Gunderson, die Ritas Blick gefolgt war. „Das ist praktisch fürs Personal, die beschmutzen sich ihre Privatkleidung nicht, und unsere Gäste wissen sofort, wer zur Familie gehört und wer nicht. Sie hätten das Dienstmädchen für meine Tochter halten können. Oder meine Tochter, solange sie noch hier war, für ein Dienstmädchen. Uniformen vermeiden peinliche Situationen.“

Gunderson nahm einen Zug aus ihrer Zigarette und ließ Rita für einen Moment mit der Frage allein, warum das Personal in Gauklia keine Uniformen trug.

„Mein Mann“, erläuterte sie schließlich mit einer Geste, als sei das Erklärung genug. Nach einer Pause führte sie aus: „Allergisch gegen Uniformen. Von seinem Vater geerbt. Widerstandskämpfer. Zur falschen Zeit am falschen Ort. Telavag. Davon gehört? Egal. Ein Massaker. Eines von vielen, mit Glück überlebt, aber seine Freunde haben daran glauben müssen. Alle miteinander. Seither kann er keine Uniformen mehr sehen. Leif musste sich umziehen, sobald er vom Militärdienst nach Hause kam, und mittlerweile kann er Uniformen selbst nicht mehr ausstehen. Ein wenig lächerlich, denn ich frage Sie: Was hat ein adrettes Dienstmädchenkleid mit dem Feldgrau der Deutschen gemein? Oder dem Schwarz der SS?“

„Ich habe mich noch nie mit dieser Frage beschäftigt“, gestand Rita abwesend.

Verstehe, sagte Gundersons Achselzucken. „Mit Leif kann man darüber nicht diskutieren. Und sein Vater? Ein wunderbarer Mensch, bemerkenswert fit für sein Alter, schwimmt in den Fjorden herum, bis ihm Eisschollen den Weg versperren, klettert Berge hoch, läuft Ski, aufgeklärt, flexibel, aber wenn Sie das Thema Uniformen erwähnen, macht er sofort sein Widerstandskämpfergesicht“, sie schob das Kinn vor und entblößte die Zähne, „und Gnade Gott dem Deutschen, der dann in der Nähe ist.“

„In Rabat ...“, versuchte Rita anzuknüpfen.

„Dort haben sie Uniformen“, rief Gunderson mit plötzlichem Entzücken in der Stimme aus. „Mein Gott, ist das Personal schick gekleidet. Der Chauffeur weiß wie ein Admiral, der Gärtner beige wie ein Soldat, die Dienstmädchen in Rotweiß wie Stewardessen, einzig die Leibwächter tragen Zivil, aber das ...“, sie hob beide Hände mit einer anerkennenden Geste, „... tipptopp, maßgeschneidert. Abdelaziz duldet keine schlecht gekleideten Menschen in seiner Nähe.“

„Hat Abdelaziz Ihre Tochter kennengelernt?“

„Leider, muss ich sagen. Sie ist bestimmt in verschlissenen Jeans aufgetaucht, trotz meiner präzisen Anweisungen. Ich will gar nicht daran denken, welchen Eindruck sie hinterlassen hat. Waren Sie jemals in Rabat? Ein Traum. So etwas von elegant gibt es in Europa nicht mehr. Das Personal aufmerksam, dienstbereit. Bei uns laufen alle mit Revolutionsgesichtern herum und fassen jede Anweisung als Angriff auf ihre Menschenwürde auf. Dienen ist nicht mehr gefragt. Ich diene jeden Tag. Ich arbeite sechzehn Stunden täglich und beschwere mich bei niemandem.“

„Ihre Tochter ...“

„Genau dasselbe. Will sich selbstverwirklichen, möglichst rasch, möglichst ohne allzu große Mühe und möglichst auf Kosten anderer. Alles andere interessiert sie nicht.“

„Dieser Abdelaziz ...“

„Rahmani. Abdelaziz Rahmani. Eine sehr gute Familie. Beziehungen, so was glauben Sie gar nicht.“

„Er hat sich Ihrer Tochter angenommen?“

„Hat sich verliebt, um genau zu sein. Aber das war typisch Eva. Die glaubt, Marokkaner seien dunkel angemalte Europäer. Dann kommt sie an, mit ihren eng anliegenden Jeans, ihrem blonden Haar, und lächelt von Morgengrauen bis Abendrot, als ob fünfhundert Jahre sozialer Entwicklung mit ein paar erklärenden Worten überbrückbar wären, und zerstört mit ihrem verantwortungslosen Benehmen beinahe das Familienglück eines der angesehensten Männer von Marokko.“ Gunderson hob beide Arme in einer dramatischen Geste der Hilflosigkeit. „Und beschwert sich auch noch!“

Rita blieb der Mund offen stehen.

„Wir mussten uns bei ihm entschuldigen, und ich schwöre Ihnen: Das war nicht einfach. Kein aufgeklärter Europäer versteht das, aber ‚aufgeklärt‘ war schon immer ein Adjektiv, mit dem ich meine Probleme habe. Ein sogenannter aufgeklärter Europäer hätte dreitausend Arbeitsplätze – das sind dreitausend menschliche Existenzen, nur zur Erinnerung – in den Gully gejagt, nur damit sich eine kleine, dumme Europäerin weiterhin aufführen kann, als halte sie alle Marokkaner für Vollidioten.“

„Das hat sie getan?“, fragte Rita leise.

„Ich würde es so sagen“, bekräftigte die Millionärin und setzte ein „Absolut!“ hinzu. „Denken Sie nicht, es sei angenehm, von der eigenen Tochter vor die Wahl gestellt zu werden. Wir standen ja da wie Rabeneltern.“

„Was hätten marokkanische Eltern getan?“

„Die hätten ein so unbedarftes Ding wie Eva Gunderson gar nicht aus dem Haus gelassen. Aber das sind die feinen Unterschiede.“

„Können wir mit Rahmani sprechen?“

„Wer wir?“

„Die ermittelnde Person unserer Versicherung.“

„Verwenden Sie in Ihrer Branche den majestätischen Plural aus strategischen Gründen oder ist das ein Trick, um Ihr Selbstbewusstsein zu stärken?“

Nun wandte sich die Feindseligkeit der Millionärin gegen beide: Eva und Rita. Die Detektivin hatte plötzlich das Gefühl, mit der verschwundenen Tochter auf der Anklagebank zu sitzen. Und mit jedem Wort, das die strenge Mutter der Detektivin entgegenschleuderte, wuchs die Vertrautheit zwischen den beiden Angeklagten.

„Der Mann hat nichts zu verbergen“, beantwortete Gunderson die Frage, als Rita auf ihre Spitze nicht eingegangen war. „Sie werden sich wundern, welchen Stil der hat. Allerdings wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie bei erster Gelegenheit darauf hinweisen würden, dass Sie von der Versicherung geschickt wurden, nicht von uns.“

War das der wahre Grund, warum sich Gunderson solche Hoffnungen auf die Ermittlungen der Versicherung machte? Weil nun endlich Rahmani befragt werden konnte, ohne die Geschäftsbeziehungen zu trüben?

„Keine Sorge, ich werde auf diese Nuance hinweisen.“

„Sie werden selbstredend mit dem gebührenden Takt vorgehen. Abdelaziz Rahmani ist eine Person von Rang und Ansehen, und wer das nicht berücksichtigt, findet sich schneller auf der Straße wieder, als er ‚Kulturschock‘ sagen kann.“

Die Millionärin fixierte Rita mit kalten Augen. „Ich verabscheue Drohungen, doch wenn Sie durch Ihr Verhalten die Beziehungen zwischen Rahmani und meinen Firmen beschädigen, hat Safee eine Schadenersatzklage am Hals, dass Ihnen Hören und Sehen vergeht. Wenn es um Arbeitsplätze geht, werde ich zur Löwin.“

Irgendwie wirken sie komisch, Millionäre, die die rote Fahne schwenken, dachte Rita und fragte: „Wann haben Sie zum letzten Mal mit Ihrer Tochter gesprochen?“

Die Millionärin lächelte. „In der Nacht vom 29. auf den 30. August 1990, so gegen zwei Uhr morgens.“

„Wo befand sich Eva?“

„In einem Luxushotel in Rabat. Hyatt Regency. Sie hatte gerade Rahmanis Haus verlassen.“

„War sie verstört?“

„Verstört? Ich würde eher sagen hysterisch. Sie vertrat die Ansicht, eine Mutter würde ihre Tochter verteidigen, selbst wenn sie im Unrecht ist.“

„War es dramatisch?“

„Alles ist dramatisch, wenn es nicht nach Evas Vorstellungen läuft. Da brechen pausenlos Welten zusammen.“ Die Millionärin wandte sich wieder dem Fjord-Panorama zu, ihre Stimme wurde leise, brüchig. „Denken Sie nicht, ich fühlte mich nicht schuldig. Ich wusste, dass Eva ein wirklichkeitsfremdes, aufsässiges Mädchen war, aber ich dachte nie, dass sie das Haus unserer guten Freunde noch in derselben Nacht verlassen und alleine durch Marokko reisen würde. Man fragt sich immer, ob man die Situation nicht hätte besser bewältigen können.“

„Haben Sie Abdelaziz gebeten, nach Ihrer Tochter zu suchen?“

Gunderson ließ ein bitteres Auflachen hören. „Nach dieser Geschichte? Eher hätte ich mich vierteilen lassen. Nein. Ich dachte, Eva würde nach ein paar Tagen zur Vernunft kommen und die Rückreise antreten. Eva war noch nie wirklich allein gewesen. In jedem Land, das sie bereist hat, kümmerten sich Freunde unserer Familie um sie. Ich dachte nie, dass sie ausgerechnet in Marokko auf diesen Schutz verzichten würde. Ich unterschätzte ihren Mangel an Reife. In diesem Sinne bekenne ich mich schuldig.“

Sie wandte ihren Blick wieder Rita zu. „Aber das sind persönliche Gefühle, und die sind ausschließlich mein Problem. Für die Versicherung macht das keinen Unterschied. Sollten Sie Eva nicht finden, werden zwei Millionen Dollar Versicherungssumme fällig, egal, ob ich mich persönlich verantwortlich fühle oder nicht.“

Gunderson schickte ihren Worten einen warnenden Blick hinterher, als machte sie Rita persönlich haftbar. In einer Anwandlung von primitivem Trotz, den sie sich bewusst leistete wie andere den Nikotingenuss, zuckte die Detektivin die Achseln. Um die Geste zu überspielen, fragte sie rasch: „Wie wird der Rest der Familie mit Evas Verschwinden fertig?“

„Das ist eine sehr persönliche Frage. Aber sie gibt mir Gelegenheit zu einer notwendigen Klarstellung. Mein Gatte ist aufgrund der Ereignisse nicht mehr in der Lage, seine Verantwortlichkeiten als Familienoberhaupt und Geschäftsmann wahrzunehmen. Evas Bruder studiert in Oslo, und ich bin eisern entschlossen, diese unangenehme Affäre von ihm fernzuhalten, um ihm das Schicksal meines Gatten zu ersparen.“

Erbliche Nervenschwäche unter den männlichen Gundersons? Rita wollte nachstoßen, doch Gunderson hob die Hand. Geduld, sagte ihre Geste. Das Dickste kommt erst.

„Mein Gatte leidet unter einer gravierenden Depression. Ich schließe nicht aus, dass Rob ähnlich heftig reagieren könnte.“

„Und Eva ...?“, begann die Detektivin, die eine mögliche Erklärung für die Instabilität der Millionärstochter zu ahnen begann.

„Ist anders“, wischte Gunderson die Theorie vom Tisch, bevor sie noch Gestalt annehmen konnte. „Ganz anders. Wäre sie halb so empfindsam wie Rob, sie hätte sich in Marokko anders verhalten. Sie hätte sich in ihrem ganzen Leben anders verhalten. Empfindsame Menschen haben einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Einen hohen moralischen Anspruch an sich selbst und an andere.“ Gunderson drückte mit viel Kraft ihre Zigarette in dem monströsen Kristallaschenbecher aus. „Nichts, womit Eva gesegnet wäre.“

Aber finden soll ich sie doch?, richtete Rita eine stumme Frage an den Fjord, der sich an ein paar Sonnenstrahlen wärmte. Die Wolkendecke war aufgerissen, ein pulsierendes Stück blauer Himmel tanzte über Gauklia, und die Millionärin griff nach einer neuen Zigarette.

3.

Eva Gunderson war ein bildhübscher Fehlschlag von einem Menschen. Sie stand mit beiden Beinen fest in den Wolken und erwartete ernsthaft, dass sich die Welt ihren Vorstellungen angleichen würde, wenn sie, Eva, nur geduldig war. Aus dem Elternhaus strömte ein nie versiegender Fluss von Taschengeldern, um die Wartezeit zu finanzieren. Die Welt anschauen, meinen die Eltern – sagt Birte Gunderson, die mittlerweile ihren kleinen Vornamen vor Rita ausgebreitet hat wie ein Händler, der einen Bettvorleger als Orientteppich anpreist –, die Welt ansehen würde helfen, und mit der Welt waren zuerst die Fjords und Wälder rund um Trondheim gemeint, dann reichte diese Welt nicht mehr, und mehr Welt wurde Eva eingetrichtert, zunächst in homöopathischen Dosen – ein wenig Oslo, ein bisschen Island, ein Krümchen Dänemark –, dann Welt, sprich: Realität, in immer größeren Mengen, damit sie endlich einen Bezug entwickelt, mit dem Träumen aufhört: Ein Jahr in Frankreich. Ein Jahr in den Vereinigten Staaten. Ein Sommer in Israel. Ein Winter in Österreich. Eine Saison in Großbritannien. Doch – Birte schlägt die Hände über dem Kopf zusammen, eine seltene plebejische Geste in diesem Patrizier-Frühstückszimmer – alles wird stattdessen nur schlimmer, Träume – sagt Birte – werden Evas Religion, sie geht den Eltern verloren, als schlösse sie sich einer lebensfremden Sekte an, Eva Gunderson, eine wahre Gläubige, die Einzigen, denen sie nicht glaubte, sind die Einzigen, die ihr die Wahrheit sagen: Leif und Birte Gunderson, verzweifelte Eltern, in steter Erwartung schlechter Nachrichten von Eva, die immer schlechter werden und in die schlechteste Nachricht münden, dass es mittlerweile keine Nachrichten mehr gibt.

 

Das Gespräch mit Birte verlief wie eine Bergwanderung – mal ging es mühsam bergauf, wenn die Millionärin mauerte und jede Frage wie eine unverschämte Verletzung ihrer Intimsphäre behandelte, mal hurtig bergab, wenn Rita keine Fragen mehr zu stellen brauchte, weil Birte dahinsprudelte wie eine Quelle, eine Weisheit nach der anderen ausspuckte, freilich alles sehr subjektiv, sehr persönlich, und die nackte Information musste Rita aus diesem Gesprudel erst herausfiltern, denn Birte präzisierte ihr Bild von Eva, als ob sie sicherstellen wollte, dass Rita nicht auf den kühnen Gedanken kam, ein eigenes, ein anderes zu entwerfen.

Eine Mission zeichnete sich ab, die wesentlich mehr enthielt als das bloße Auffinden der verschwundenen – oder entschwundenen – Tochter. Wenn Rita sie dann gefunden hätte – und Birte ließ keinen Zweifel daran, dass sie etwas sehen wollte, wenn schon kein Geld, und redete dabei den Unterschied zwischen einer Versicherungsdetektivin und einem angeheuerten Privatermittler buchstäblich unter den Boden –, wenn Rita also Eva aufgestöbert hätte, dann wäre eine mütterliche Backpfeife zu verabreichen, in der sich Besorgnis und Wut mit einem Knall vereinten, mütterliche Energie unmittelbar in kinetische umgesetzt würde, die Fortsetzung der Liebe mit anderen Mitteln. „Geben Sie ihr eine Ohrfeige“, befahl Birte Gunderson auf einer der Bergab-Passagen des Gesprächs, wo es besonders hurtig dahinging. „Das Kind hat so viel kaputt gemacht und hat keine Ahnung.“

Die Anweisungen für die Zeit nach der Ohrfeige waren weniger klar. In ein Flugzeug setzen, zurückfliegen – Gundersons Fantasie eilte weit vor Ritas nüchterner Einschätzung der Lage. Falls das Kind noch am Leben war, dachte die Detektivin, war entweder mit einer Lösegeldforderung zu rechnen (unwahrscheinlich, die hätte bereits stattfinden müssen), oder die blonde, hübsche Norwegerin, die unverantwortliche Träumerin, hatte sich heimlich mit einem charmanten Nordafrikaner verheiratet und Rita käme keinen Meter über die Ohrfeige hinaus, zu der sie wahrscheinlich ohnehin keine Lust haben würde oder erst gar keine Gelegenheit.

Oder aber Eva war nicht mehr am Leben und Rita würde sich mit der Suche nach ihrer Leiche begnügen müssen, um den Fall abzuschließen. Dachte Rita, die eine wichtige Passage des Versicherungsvertrags noch nicht kannte.

Und schon ging es wieder bergauf, mühsam, als Rita die Möglichkeit eines freiwilligen Untertauchens andeutete. „Seien Sie nicht naiv“, schnappte die Millionärin, und Rita fühlte sich blitzartig auf eine Stufe gestellt mit der wirklichkeitsfremden, verlorenen Träumerin Eva. „Niemand kann ihr das bieten.“ Mit einer eleganten Handbewegung präsentierte Birte Gunderson das Luxusanwesen und den Fjord, wie ein Immobilienagent, der sein schönstes Stück anpreist.

„Kontobewegungen?“, schob Rita das Thema weiter bergauf.

„Das lesen Sie im Bericht.“

„Enthält der Bericht alle Kontoauszüge?“

„Die relevanten Daten.“

Die würden nur enthüllen, was Birte und ihre Privatschnüffler für relevant hielten, und der Erfolg war bekannt: sechs Monate ergebnisloser Suche. Die Gunderson-Mauer war wieder hochgezogen. Rita suchte geduldig nach Durchgängen.

„Sagen Sie mir, wann die letzte Kontobewegung stattgefunden hat.“

Rita ging es nicht um die Fakten, sie wollte Feeling. Was sagte die Millionärin, wenn es ums „Taschengeld“ ging? Verfügte Eva über unerschöpfliche Vorräte, transferiert auf ein anonymes Konto in der Schweiz oder in Österreich, jeder elterlichen und detektivischen Kontrolle entzogen? Oder wurde das Mädchen kurzgehalten, versuchte die Familie auch hier, die Träumerin mit einer unangenehmen Wahrheit vertraut zu machen? Nämlich dass Geld nicht auf Bäumen wuchs, dass man dafür arbeiten musste, dass Geld immer die Frucht einer Anstrengung war, dass es nicht genügte, Töchterlein zu sein, dass sogar ein Bankräuber mehr Anrecht auf Geld hatte, denn der riskierte wenigstens etwas.

Dann fragte sich Rita, inwieweit diese schmerzhafte Realität dem auf allen Fotos breit grinsenden Sohn und Bruder Rob unter die Studentennase gerieben wurde. Im Familienalbum schien Eva von der sogenannten Realität, oder von irgendeiner der zahlreich zur Verfügung stehenden Realitäten, deutlich tiefer beeindruckt als Rob. Sie wirkte skeptisch, zweifelnd, wie jemand auf der Suche. Er hingegen wirkte wie jemand, der schon mit seiner Geburt in der Realität angekommen war und sich dort sauwohl fühlte.

„Wie war die Reise organisiert?“, versuchte Rita, eine Hintertür zur Wahrheit der Gundersons zu öffnen.

„Organisiert?“, hustete Gunderson abschätzig. „Ein Blick auf die Weltkarte – worauf hätten wir denn Lust? – und los ging die Fahrt. Alles war stets eine Frage ihrer momentanen Wünsche. Der gute Leif musste buchstäblich hinter ihr herorganisieren. Wo bist du, kleine Maus? Brauchst du Geld?“ Birte imitierte das gluckenhafte Benehmen ihres Gatten, sein – das war wohl das Wort – Bemuttern. Rita hatte das Gefühl, auf eine erste, wichtige Wahrheit gestoßen zu sein, und fühlte sich ermuntert, um eine Unterredung mit Herrn Gunderson zu bitten.

„Ausgeschlossen“, erwiderte Birte und ihre Zigarette zeichnete eine quicke Barriere in die Luft. „Leif braucht Ruhe. Er muss auf andere Gedanken kommen. Im Übrigen finden Sie alle relevanten Daten im Bericht.“

„Es könnte ihm doch guttun, jemanden zu sehen, der sich auf die Suche nach seiner Tochter macht“, sagte Rita und verfluchte sich im selben Augenblick für die leichtfertige Zusage zwischen den Zeilen. „Denken Sie nicht?“

„Nein“, blockte die Millionärin und fügte keine Erklärung hinzu. Niemand hatte von ihr Erklärungen zu verlangen, sagten ihr Schweigen und ihr Blick.

„Darf ich ihm wenigstens Guten Tag sagen?“, beharrte Rita. „Ihn kennenlernen. Ohne Fragen.“

Birte zuckte die Achseln. „Ich habe nichts dagegen. Erwähnen Sie mit keinem Wort Eva, denn Leif ist zwar ein gebrochener Mann, aber geistig hellwach. Er glaubt nicht mehr daran, seine Tochter lebend wiederzusehen. Sie werden also Guten Tag sagen und sich einen Eindruck vom Ausmaß der Tragödie machen, für die Eva verantwortlich ist.“

Rita nickte. Die Tochter würde wohl vor ein Gericht gezerrt, sollte sie unvermutet doch noch auftauchen. Klägerin: Birte Gunderson. Schadenersatz für erlittene seelische Qualen würde eingefordert, Millionenhöhe – Millionärsschmerzen waren teuer –, ein Leben lang würde das enterbte Kind Leifs väterliche Depression und Birtes mütterlichen Zorn abarbeiten.

Birte erhob sich und ging voran durch einen Korridor, drückte ihre Zigarette an einem der strategisch positionierten Standaschenbecher aus, Rita folgsam hinterher. Sie gelangten in einen dunklen Bereich des Hauses, und als Birte eine Tür öffnete, ohne anzuklopfen, flutete kein Licht in den Gang, stattdessen erkannte Rita einen kleinen Raum, beinahe ein Kämmerchen, in dessen geschlossenen Vorhängen das Tageslicht stecken blieb. Eine rötliche Dunkelheit offenbarte eine Mischung aus Arbeits- und Wohnzimmer mit einem Schreibtisch, Wänden voller Bücherregalen, einem Aktenschrank, einem klobigen Safe und drei Fauteuils rund um einen winzigen Tisch.

„Leif“, schnitt Birtes Stimme durch die verdunkelte Stille des Raumes, und Rita erkannte eine reglose Gestalt in einem der Fauteuils, beide Arme auf den Armlehnen, der Kopf kerzengerade auf dem Hals, eine Brille lag auf dem winzigen Tisch, kein Buch, keine Zeitschrift, nur das rötliche, baumwollene Halbdunkel, darin, wie Leuchtwürmer verstreut, die roten Stand-by-Lichter elektronischer Apparate. „Leif, wir haben eine Besucherin, sie will dir Guten Tag sagen.“

Rita räusperte sich und sagte beklommen: „Guten Tag, Herr Gunderson.“

„Geben Sie ihm die Hand“, befahl Birte.

Rita näherte sich dem Sessel und streckte ihre Hand aus. Langsam hob sich die Rechte des alten Mannes und schloss sich mit überraschender Kraft um die Hand der Detektivin. Ein schmales Gesicht blickte sie an, nicht unfreundlich, bitter vielleicht, verhärmt wahrscheinlich, das Licht reichte nicht aus, um es wirklich zu erkennen. Sie hörte Leif mit leiser Stimme antworten: „Guten Tag, guten Tag.“ Sein Kopf nickte, zwei Augen waren starr auf sie gerichtet.

Rita wollte ihre Hand zurückziehen, doch der Alte hielt sie mit eisernem Griff umklammert. Die Detektivin wollte sich Hilfe suchend nach Birte umwenden, da flüsterte der Alte: „Finden Sie meine Tochter. Finden Sie Eva.“

„Frau Kleefman ist in Eile“, detonierte Birtes Stimme wie eine Granate im Raum.

„Finden Sie Eva“, wiederholte der alte Mann und legte nun auch seine Linke auf Ritas Hand. „Sie schaffen das.“

 

Birte sprach kein Wort, als sie Rita durch den dunklen Gang zurück ins Dämmerlicht führte und von dort an den Ausgang, den Hauptausgang diesmal, quer durch eine Vorhalle mit kristallklaren Fjordgewässern und saftigem Tann in wuchtig gerahmtem Öl, eine Garderobe aus Wurzelholz, ein Spiegel wie in Kasernen, um vor dem Ausgang den richtigen Sitz der Krawatte, die präzise Neigung des Kopfschmuckes, die horizontale Ausrichtung der Orden überprüfen zu können, und Rita erkannte, dass Birte Uniformen nicht nur für nützlich hielt, sondern wahrscheinlich liebte. Abwesend drückte die Millionärin wieder einen Klingelknopf und streckte ohne hinzusehen ihren Arm aus, um Asche von ihrer Zigarette in einen schmiedeeisernen Standaschenbecher flocken zu lassen. Vermutlich hatte Birte einen Lageplan aller Aschenbecher im Kopf und vermochte das Haus mit einer glimmenden Zigarette in absoluter Dunkelheit zu durchschreiten, ohne dass ein einziges Ascheflöckchen den Parkettboden und die wuscheligen Ziegenfellteppiche versengte. Birtes Blick war für die wichtigen Dinge im Leben reserviert, und dieser Blick war nun mit geradezu sanfter Nachdenklichkeit auf Rita gerichtet.

„Wissen Sie, Frau Kleefman“, sagte Birte, „Es kümmert mich ganz offen gestanden – und Sie verzeihen bitte schön den harten Ausdruck – einen Scheißdreck (I give a shit), was Sie persönlich von mir halten. Doch als jemand, der eine sehr wichtige Aufgabe zu erfüllen hat, verdienen Sie sich allen Respekt der Welt. Ganz offenbar ist in diesem Haus nicht jeder mit meiner Handhabung dieser Affäre einverstanden, und das schließt Leute ein, die hier nur ihren Job zu erledigen haben, die hier nur ihr Geld verdienen und die Klappe halten sollen. Aber das tun sie natürlich nicht. Das ewige Dilemma mit dem Hauspersonal. Man hat kein Privatleben mehr. Irgendjemand hat gegen meine spezifische Anweisung Leif von Ihrer Ankunft und Ihrer Mission erzählt. Ich hatte meine Gründe, diese Information von ihm fernzuhalten. Ich stehe in täglichem telefonischem Kontakt mit einem der besten Psychiater Oslos, und das Einzige, was ich versuche, ist ...“

Birte machte ein verkniffenes Gesicht, Rita wartete mehr neugierig als betroffen auf eine Fortsetzung ihrer Erklärung – oder war es eine Ansprache, eine Rechtfertigung? –, doch als die Detektivin verstand, dass Birte weinte, war der beinahe zärtliche Augenblick schon verstrichen. Die Millionärin hatte weder die Hände vors Gesicht genommen, um ihre Tränen zu verbergen, noch ihren Blick von Rita gewandt. Sie stand da, die Zigarette achtlos in der herabhängenden Rechten, die Linke neben der Sprechanlage an die Wand gestützt, und weinte.

„Manchmal weiß man nicht mehr, was richtig und was falsch ist“, schluchzte sie. „Die Fachleute sagen eines, der Instinkt sagt etwas anderes, dann geben dir Freunde Ratschläge, und am Ende kommt noch das eigene Hauspersonal daher, Idioten, die mit Mühe eine Einkaufsliste lesen können, und geben ungefragt ihren Senf dazu. Man kommt sich vor wie der Hauptdarsteller einer Seifenoper, nur dass die verdammte Show dein eigenes Leben ist, und in der Küche, in den Gängen, im Garten draußen diskutiert das Publikum die Episoden. Es ist so furchtbar.“

Das Drama der Reichen. Hastig wischte sich Birte die Tränen ab, die über ihre Wangen geströmt waren, und wandte sich exakt in dem Moment um, als Bugge in die Vorhalle trat. Ein exaktes Uhrwerk, dieser Landsitz, und die Frau, die den Rhythmus vorgab, hatte nichts Weinerliches mehr an sich, als sie dem Privatsekretär mitteilte, Knut würde Frau Kleefman zurück ins Hotel bringen, mit dem Land Rover, denn sie bräuchte den Audi jetzt selbst, Gunnar solle sich bereit machen.

Mitten in diese Traurigkeit hinein, deren Zeugin Rita wurde, machte Birte Gunderson auf eine Klausel des Versicherungsvertrages aufmerksam, der die Versicherung zu äußerster Diskretion verpflichtete. „Wir wollen nicht zur Zielschreibe von Erpressern und Hochstaplern werden“, erklärte sie. „Das dürfte auch im Sinne Ihrer Ermittlungen sein.“

Zum Abschied entschuldigte sich die Millionärin. Für den verspäteten Empfang, für ihre schlechte Laune, für die Szene mit Leif, für die Szene im Eingang, für gewisse politisch inkorrekte Bemerkungen über das Hauspersonal, für die Unterbrechung des „Urlaubs“, für alle Unannehmlichkeiten, die sie verursacht hatte und die dieser Fall noch verursachen würde, um alles bat die Millionärin um Verzeihung, wenn Rita nur die dumme, kleine Eva auftreiben könnte. Und Rita erwiderte, sie würde ihr Bestes geben, und fragte sich, warum sie schon wieder zusagte, denn im tiefsten Inneren feilte sie seit ihrer Ankunft in Gauklia an einem Mega-Pack von Argumenten, die sie Hanno de Mey zum Auftakt ihres Vorgesetzten-Untergebenen-Verhältnisses auf den Schreibtisch knallen wollte und die nur einen Zweck hatten: Rita den Ausflug nach Marokko zu ersparen.

 

Gauklia verschwand in der Staubwolke des schmutzigen Land Rovers, an dessen Steuer der von Birte als Fahrer eingeteilte Gunnar saß, ein unangemessen fröhlicher Dreißiger, vom Typ her eine sehr norwegische Mischung aus Stadtmensch und Rustico, Brille und Strickpullover, amüsiertes, nahezu intellektuelles Grinsen und klobige Waldschuhe, aus denen waldfarbene Wollsocken quollen. Während der ganzen Fahrt tat er, als könnte er sich nur mit Mühe davon abhalten, alle Geheimnisse der Familie Gunderson zu verraten, doch Rita erkannte bald, dass es nur seine Art war, sich interessant zu machen, vielleicht zu flirten. Als sei die Detektivin ohnehin eine Eingeweihte, stieß er die Namen der Familienmitglieder hervor und schüttelte dazu lachend den Kopf. „Diese Eva!“, rief er aus. „Diese Eva!“ Und nicht einmal Ritas bohrendster Zuhörerblick konnte Gunnar Konkreteres entlocken, nicht bei „Dieser Rob!“, nicht bei „Diese Birte!“, nicht bei „Dieser Leif!“, wo er sich nur das alberne Wortspiel „Such is Leif!“ erlaubte und kilometerweit dazu lachte.

Sie waren bereits in Trondheim, die ersten mehrstöckigen Gebäude stülpten der Natur bereits den Zementcharme der Urbanität über, als Gunnar doch ein wenig konkreter wurde, und sein theatralisch ängstlicher Blick verriet den Verrat als eingeplant. „Eva ist eine Zuckerpuppe“, sagte er leise, „und Rob ...“, er schaltete einen Gang runter und ließ den Motor aufheulen, „ein Riesenarschloch.“

Aber das hatte Rita bereits von den Wänden Gauklias abgelesen.

4.

Hanno de Mey tat sein Bestes, sich seinen Triumph nicht anmerken zu lassen, doch wie so oft war das Beste, das er zu bieten hatte, nicht gut genug, sobald Rita Kleefman den Raum betrat. Ein Grund mehr, sie nach Marokko zu schicken.

„Ich bin mir absolut bewusst“, sagte Hanno und zündete sich eine Zigarre an, vermutlich die zweite oder dritte in seinem Leben, weil er nun ein Recht auf dieses Machtsymbol hatte, „dass zwischen dir und Frau Loeken ...“, Frau Loeken, spricht man so über die ehemalige Abteilungsleiterin und Geliebte?, „... ein Abkommen bestand. Keine Mafia und kein Knoblauch. Gebranntes Kind, sagte mir Anna.“

Warum auf einmal wieder Anna?

„Ich könnte jetzt ein paar originelle Argumente hervorholen, semantische, du weißt schon.“

Rita legte den Kopf schräg, womit sie Hanno einlud, seine originellen semantischen Argumente denn doch hervorzuholen.

„In Marokko gibt es keine Mafia. Königreich, totale Kontrolle. Und wenn du ein wenig die einschlägige Kochliteratur studierst ...“, Hannos zuckende Mundwinkel verrieten, dass er sich nun ernsthaft amüsant fand, „... dann wird dir bald klar, dass Knoblauch keine vorrangige Zutat der marokkanischen Küche ist.“

Hanno suchte nach einem Zettel, er hatte tatsächlich Nachforschungen angestellt. Rita legte den Kopf in die andere Richtung schräg und versuchte, ihren bockigen Gesichtsausdruck zu wahren. Bald hatte sie Hanno dort, wo sie ihn haben wollte.

„Couscous, Tajine, Harira“, las Hanno ab, mit einer Lesebrille, die auf seiner Nase balancierte. Zigarre, Lesebrille – alles neu, fehlte nur noch die lässig auf den Konferenztisch geworfene Golfausrüstung. Hanno räusperte sich trocken, reiner Effekt. „Gewürze: Muskat, Zimt, Nelken, Ingwer, Safran ...“, er sah Rita mit vorgetäuschtem Bedauern an, „... nirgendwo Knoblauch. Streng betrachtet fällt Marokko also nicht in die Rita-Kleefman-Ausschlusszone.“

„Das war der semantische, originelle Teil“, sagte Rita.

„Der unsemantische, unoriginelle Teil“, sagte Hanno, die Strenge des Abteilungsleiters in der Stimme, „ist rasch abgehandelt. Niemand, absolut niemand hat in diesem Büro ein ähnliches Privileg genossen. Die Fälle werden zugeteilt, du allein hast sie dir jahrelang aussuchen können. Wenngleich ich mir vorstellen kann, dass Frau Loeken“ – nun wieder Frau Loeken – „ihre Gründe hatte, dir ein solches Privileg zuzugestehen, würde ich das gerne nachvollziehen und neu beurteilen. Am Ende muss das jetzt ich verantworten, gegenüber denen da oben und gegenüber den eigenen Mitarbeitern. Du weißt, wie das ist mit unerklärlichen Privilegien. Plötzlich tauchen dumme Gerüchte auf ...“

„Dass wir etwas miteinander haben oder so“, ergänzte Rita.

„So weit muss das gar nicht gehen“, erwiderte Hanno todernst und hatte momentan den Faden verloren.

„Der unoriginelle Teil“, half Rita weiter.

„Ach ja.“ Hanno ließ sich in die Lehne seines Abteilungsleitersessels zurücksinken und betrachtete seine Zigarre, runzelte die Stirn und sagte: „Jetzt bist du dran. Erzähl mir deine Geschichte. Libanon vor zwölf Jahren, so viel weiß ich. Du bist den Knoblauchbrüdern in eine Falle gegangen. Passiert jedem mal. Glückling haben sie letzte Woche beinahe von der Autobahn abgedrängt. Untersucht einen Versicherungsbetrug in Spanien. Immobilien. Berufsrisiko, wenn du mich fragst. Aber überzeug mich. Es gibt immer Sonderfälle.“

„Wovon soll ich dich überzeugen?“

Hanno lächelte. „Stell dich nicht an, Rita. Wir wissen beide Bescheid. Was Anna macht, weiß ich nicht, die findet bestimmt einen Posten. Du könntest eine private Agentur aufmachen, ‚Glasauge und Partner‘.“

„Warum soll ich eine private Agentur aufmachen?“

„Lilly Schroeder hat das gemacht. Allerdings glücklos. Sie verkauft jetzt Hotdogs im Oosterpark. Frag sie, was sie falsch gemacht hat, bevor du loslegst. Oder probier’s in einer anderen Branche. Werbetexte. Buchhandel.“

Rita runzelte die Stirn und neigte ihren Kopf wieder in die andere Richtung. „Ich komme und komme nicht dahinter, worauf du hinauswillst.“

„Ritalein“, seufzte Hanno und paffte an seiner Zigarre. „Warum machst du es mir so schwer? Aber gut. Du willst deine Geschichte für dich behalten, fein, jeder hat Anspruch auf sein Privatleben. Nur hat diese Firma Anspruch auf deine Dienstleistungen, solange sie dir jeden Monat ein respektables Gehalt aufs Konto schiebt. Im Klartext: kein Marokko, kein Gehalt. ‚Glasauge und Partner‘ oder Hotdogs im Oosterpark. Du hast die Wahl.“

„Jetzt bin ich wirklich verwirrt“, sagte Rita. „Habe ich den Eindruck erweckt, ich wollte nicht nach Marokko?“

Hanno blickte sie starr an. „Was hast du sonst gemeint mit deinem Gequatsche von der ‚Basis für meinen Auftrag‘? Worüber wolltest du mit mir so dringend reden?“

„Ich will die Spielregeln wissen, Hanno. Nicht die des Lebens, die kenne ich.“

„Spielregeln?“

Hanno erkannte, dass Rita ihn aufs Glatteis geführt hatte. Sein Pulver war verschossen, der komplette Vorrat, abgefeuert auf eine Fata Morgana. Wer konnte auch ahnen, dass sie sich widerstandslos nach Marokko schicken lassen würde? Die Zigarre lag unbeachtet im Aschenbecher, die rauchenden Trümmer seiner Triumphsäule.

 

Die teuflische Idee, ohne Widerrede nach Marokko zu gehen, war Rita beim Start vom Flughafen Oslo gekommen. Als die Triebwerke das Flugzeug anschoben, gingen ihr Betrachtungen zum Thema „Kraft“ durch den Kopf. Hanno de Mey war in diesem Moment der Stärkere, und je eher sie das akzeptierte und sich darauf einstellte, umso weniger würde sie ihre Kräfte in sinnlosen Scharmützeln vergeuden. Im Krieg gegen Hanno de Mey musste sie auf einen Augenblick der Schwäche warten und bis dahin mit der weißen Fahne wedeln, auch wenn das ihren Stolz verletzte. Hanno de Mey sah sich am Ausgangspunkt einer glänzenden Karriere und würde sich absichern wie ein Siedlertreck beim Marsch durch Indianerterritorium. Vor allem zu Beginn. Ein schlechter Augenblick, mit ihm zu streiten.

Der zweite Grund für ihren Sinneswandel war Eva Gunderson. Rita spürte nach ihrer Begegnung mit der Millionärin ein ehrliches Bedürfnis, das Mädchen kennenzulernen.

Die Idee hingegen, Hanno de Mey den Eindruck zu vermitteln, sie sträube sich gegen den Auftrag, kam ihr bei der Landung in Amsterdam. Sie stellte sich vor, was wohl passieren würde, wenn der Jet vor dem Ende der Landebahn nicht rechtzeitig zum Stehen kam. Keine Katastrophe, vermutlich, aber peinlich für den Piloten. Wie wär’s mit einer kleinen Bruchlandung, Hanno? Nur so zur Einstimmung.

 

Hanno wirkte, als machte ihm das Gespräch auf einmal keinen Spaß mehr. Misstrauisch senkte er die Augenbrauen.

„Du hast mich nach Norwegen geschickt“, erklärte Rita betont sachlich. „Wichtiger Kunde. Chefsache. Gibt es gar keine Spielregeln?“

Hanno zuckte die Achseln. „Nicht dass ich wüsste.“

„Und warum hat man diesen Fall der bearbeitenden Person weggenommen? Wer war eigentlich die bearbeitende Person?“

Dem neuen Abteilungsleiter kam die neue Behaglichkeit – Ledersofa, eigenes Büro, eigene Sekretärin, drei Telefone – endgültig abhanden. An diesem wundervollen Schreibtisch waren Fragen zu beantworten. Unangenehme Fragen. Umso unangenehmer, wenn man die Antworten entweder nicht kannte oder nicht geben wollte. Es wurde Zeit, dass Rita nach Marokko kam. Dort gehen sie mit Fragestellern anders um. Dort hat man noch Respekt, wo man Respekt haben muss. Jan Smit wartet auf dich, mit einem Flugticket, zweiter Stock, dritte Türe links, aber du kennst den Weg, bist ihn oft genug gegangen. Erinnerst du dich an Mexiko? Miese Tricks. Und jetzt diese Fragen. Du änderst dich nie, Rita, und deshalb kommst du nicht von der Stelle.

„Wie kommst du darauf, dass vor dir jemand diesen Fall bearbeitet hat?“

Rita zuckte die Achseln und hob die Akte, einen blauen Ordner mit einem Deckblatt, über den sich, umzingelt von liebevoller Computergrafik, der Name Eva Gunderson erstreckte. „Ich kann lesen.“

„Toll. Und?“

„Du kennst die Akte, nehme ich an.“ Rita wedelte mit dem Ordner in der Luft. „Das ist der Inhalt unseres Gesprächs. Du willst mich formal auf den Fall ansetzen. Mich einweisen. Mich erleuchten.“

„Spar dir das Gewäsch, Rita. Hier geht es um prinzipielle Fragen, nicht um Details.“

„Dann würde mich prinzipiell interessieren, warum ich mit solcher Eile aus dem Kuraufenthalt geholt worden bin, obwohl der Fall schon seit drei Wochen unser Fall ist.“

„Den restlichen Kuraufenthalt kannst du nachholen, wenn dich das interessiert. Die Tage bleiben dir erhalten. Ich habe mit Steen gesprochen.“

Urlaubsregelungen, die Lieblingsmaterie des Abteilungsleiters. Da kannte er sich aus. Rita überlegte, ob sie weiter auf seinem Selbstwertgefühl herumtrampeln sollte, und entschied sich dagegen. „Machen wir’s kurz“, seufzte sie. „Dein neuer Vize weiß Bescheid?“

„Worüber?“

„Über die Details. Wenn der Fall jemandem weggenommen worden ist, gab es Gründe. Die würde ich gerne kennen, bevor ich mich in die Nesseln setze.“ Und mit einer theatralisch-ängstlichen Geste fügte sie hinzu: „Ich will ja nicht im Oosterpark landen.“

„So beflissen? So respektvoll?“

„Nur neugierig, Hanno“, sagte Rita und erhob sich. „Ich will nur Bescheid wissen. Du kennst mich. Ich gebe keine Ruhe, bis ich Bescheid weiß. Der Fall gehört mir?“

„Wenn du mich darum anflehst ...“ Er machte eine elegante Handbewegung. Caligula setzte seine Truppen in Marsch. Komm mit reichlich Beute zurück und wirble keinen Staub auf.

 

Früher nannte man sie „die Füchsin“. Bis sie einer Meute bissiger Hunde vor die Mäuler lief, vor zwölf Jahren im Libanon. Rita schüttelte entzückt den Kopf: Anna Loeken hatte dichtgehalten. Sie war die Einzige, die ihre Geschichte im Detail kannte, und das Geheimnis hatte Annas Liebesaffäre mit Hanno de Mey unbeschadet überstanden. Anna war in Wahrheit immer ihre Freundin gewesen, nie seine.

Aus der Füchsin Rita war seit dem Libanon Oma Chatterley geworden, eine alleinstehende, in ihrem fraulichen Privatleben chronisch erfolglose Veteranin der Abteilung zur Betrugsbekämpfung, der James-Bond-Sektion von Safee Securities, einer internationalen Versicherungsgesellschaft, die auf riskante Operationen spezialisiert war. Die Sektion hatte sich in den Jahren vor der Monolithenaffäre in Mexiko zu einer wahren Cabaretnummer entwickelt. Seit Mexiko ging es wieder bergauf, dank Rita, die von einigen nun wieder „Füchsin“ genannt wurde. Einigen wenigen.

Die Trägerin dieses stolzen Nom de Guerre machte es nicht mehr stolz. Es war, als sei plötzlich ein Spitzname aus der Grundschule wieder aufgetaucht. Erinnerte sie an die Zeit, bevor sie endgültig erwachsen wurde, dank einer Meute bissiger Hunde. Das Ende der Sorglosigkeit ist das Ende der Jugend, und ihr Neubeginn ist der Beginn der Altersweisheit. Dazwischen ist man erwachsen und werktätig und Freiwild für Neurosen. Manche waren nie jung, manche werden nie alt und weise. Manche sind zeit ihres Lebens erwachsen. Arme Schweine.

Die Abteilung für Auslandsermittlungen – das war wohl ihr Dilemma – hatte nie die ideale Mischung aus Jungen, Erwachsenen und weisen Alten erreicht. Als Rita eintrat, war sie ein Haufen wilder Kids, intelligent, neugierig bis über die Halskrause, idealistisch, sorglos und schamlos erfolgreich, Rita, „die Füchsin“, an ihrer Spitze. Eine Magenkrankheit des alten Alten und die frivolen Spesenexzesse einiger wilder Idioten der Abteilung machten dem Höhenrausch ein Ende. Plötzlich bestand der Laden nur noch aus Erwachsenen, und jahrelang hatte die Abteilung keinen anderen Erfolg aufzuweisen als ihre blendend korrekt ausgefüllten Spesenrechnungen und zu Tode bürokratisierten Ermittlungsaktionen, deren Scheitern jeweils in akribisch verfasste, luxuriös gebundene Abschlussberichte mündete. Die ganze Abteilung tippte von morgens bis abends Berichte, die Boten pendelten unermüdlich zwischen der Kopieranstalt und dem Hauptquartier, der „Burg“, wie der altbürgerliche Bau von seinen Insassen je nach Laune stolz oder abschätzig genannt wurde. Nicht einmal die brillante Anna Loeken hatte dem bürokratischen Eifer der Ermittler Einhalt bieten und deren Energien in andere Tätigkeiten – zum Beispiel Ermitteln – lenken können.

Bis Mexiko. Ritas Erfolg in Mexiko war der Urknall einer neuen Ära, und Hanno de Mey war diesem Urknall nahe genug gewesen, um sich – aus reiner Blödheit natürlich – dabei den Hintern zu versengen und, schon weniger blöde, die Wunden daheim als Kriegsverletzungen zu präsentieren. Nun kassierte er die Belohnung für sein jahrelanges Hegen der richtigen Kontakte, sein Bemühen um Image. Und Rita, die am versengten Hintern des Kriegshelden ihren Anteil hatte, wie Hanno sehr wohl ahnte, doch nie beweisen konnte, war wieder in die Vergessenheit abgetaucht.

Freilich: Genau dort fühlte sie sich wohl.

 

„Herzlichen Glückwunsch“, sagte Rita beim Eintreten.

„Ich habe sehr wenig Zeit“, sagte Rembrandt, ohne von seiner Arbeit aufzublicken. Er hatte ein junges Gesicht unter grauem Haar, sein Schreibtisch war voller Akten, auf einem Computerbildschirm flimmerten hundert kleine Symbole, von denen vermutlich jedes eine unbearbeitete Akte darstellte. Hans Rembrandt war neu bei Safee, Hanno hatte ihm noch zu Annas Zeiten den Weg frei gemacht, und hartnäckig hielt sich das Gerücht, Rembrandts bildhübsche Frau sei der wahre Grund dafür gewesen. Die Vergangenheit des neuen Vize-Abteilungsleiters war ein Geheimnis, doch das störte Rita nicht, sie hatte ja auch ihres.

„Gleichfalls“, erwiderte Rita und hob den blauen Ordner mit dem liebevoll dekorierten Deckblatt in die Höhe. Das kunstvolle Ausschmücken der Deckblätter mithilfe eines neuen Grafikprogramms gehörte zu den aktuellen Lieblingsbeschäftigungen der Abteilung. Dutzende Überstunden gingen auf das Konto dieses visuellen Booms, sogar Zwischenblätter wurden nun, je nach Charakter des Verfassers, mit lustigen Figuren, originellen Motiven oder ästhetischen Rahmen versehen. Die Abteilung verwandelte sich langsam in ein Grafikstudio, die Ermittler entdeckten ihre künstlerische Berufung, die Papierkörbe füllten sich mit Probedrucken. Image war alles. Ein professionell und originell gestaltetes Deckblatt ließ die kümmerlichste Akte in neuem Licht erstrahlen, sagten die einen. Andere, und Rita gehörte zu dieser unterdrückten Minderheit, neigten zu der Ansicht, ein Übermaß an Verpackung wecke Zweifel daran, ob auch dem Inhalt die gebührende Aufmerksamkeit geschenkt worden war.

Doch momentan kämpfte sie um die Aufmerksamkeit des in Akten ersaufenden Neuankömmlings und „Aufsteigers der Woche“ Hans Rembrandt, der sich am Applaus für seine Beförderung nicht recht erfreuen konnte.

„Kannst du mir ein bisschen Hintergrund geben?“

„Eva Gunderson“, las Rembrandt widerwillig das prächtige Akten-Deckblatt. „Da ist es wohl an mir, zu gratulieren. Jackpot. Bull’s Eye. Der wichtigste Fall. Du bist hiemit zum Star der Abteilung befördert worden.“

„Ist das der ganze Background?“

„Was willst du noch?“

„Mich setzen zum Beispiel.“

Rembrandt machte eine Geste mit seinem Kopf. Auf dem einzigen Besucherstuhl türmte sich ein Berg alter Akten. Rita legte ihren blauen Ordner ab und räumte den Stuhl frei. „Wohin damit?“

„Zünde es an. Irgendwohin, egal, ich kenne mich sowieso nicht mehr aus.“

„Warum stellt ihr nicht Frederick Loos wieder ein? Ein Archivar könnte dir eine Menge Arbeit abnehmen. Das macht er sicher gern.“

„Wir hatten einen Archivar? Fantastische Idee.“ Rembrandt machte sich mit ernstem Gesicht eine Notiz auf einem seiner vielen bunten Post-it-Blöcke.

„Ich brauche deinen Rat“, sagte Rita und wies auf den Ordner.

Der Vize wandte sich wieder seinem Papierhaufen zu. „Meinen Rat? Kauf keine Teppiche und preise den König.“ Er schwang zu seinem Computer herum und ließ den Cursor in Suchkreisen über den Bildschirm flitzen.

Rita seufzte laut. „Jeder will heute witzig sein. Zum Kotzen.“

„Hanno war witzig? Mein Mitgefühl.“

Rita pochte auf den Ordner. „Rembrandt, bit-te!“

Der Vize hielt inne und wandte sich nun ganz der entnervten Rita zu. „Du verschwendest deine Zeit und, nebenbei gesagt, meine. Eva Gunderson war Chefsache, von Beginn an.“

„Willst du damit sagen, die Akte hat die ganze Zeit bei Hanno gelegen und plötzlich kam er auf die Idee, mich mitten in meinem Kuraufenthalt anzurufen und nach Norwegen zu schicken?“

„Im Gegensatz zu dem, was das Volk murmelt“, sagte Rembrandt, „bin ich nicht der Lordschlüsselbewahrer für die zahlreichen Mysterien des Chefbüros. Ich bin seit zwei Monaten hier und war gerade dabei, mich in meinen ersten Fall einzuarbeiten. Der, ich schwöre es feierlich, nicht der Fall Gunderson war. Plötzlich dringt eine Hand aus den göttlichen Wolken, fasst mich am Kragen und lässt mich über einer Aktendeponie wieder fallen. Seither komme ich mir vor wie ein Grubenarbeiter. Aber das wird sich legen. Hanno verspricht es mir seit meinem ersten Tag als Vize. Nur: Ich weiß absolut nichts über den Fall Gunderson.“

Rita streckte ihm den Ordner hin. „Willst du es lesen?“

Rembrandt lächelte. „Neiner als nein, altes Mädchen. Aber du könntest mir einen großen Gefallen tun und ein Resümee schreiben. Angeblich soll ich über alle Fälle Bescheid wissen. Sagt der Chef.“

„Wo ist Anna?“

„Verschwunden. Hoffentlich ist nicht auch sie bei uns versichert, sonst können wir eine eigene Abteilung für vermisste Frauen aufmachen.“

„Im Ernst, Rembrandt!“

„Im Ernst, Rita. Keine Abschiedsfeier, keine goldene Uhr. Eines Abends ging die Tür auf und sie schüttelte denen, die um diese Zeit noch im Büro waren, das Pfötchen. Ziemlich hastig. Keine Tränen, aber sie stand sichtlich unter Dampf.“

„Du warst hier?“

Rembrandt machte eine ungeduldige Geste. „Blöde Frage, natürlich war ich hier. ‚Überstunden‘ ist mein Künstlername.“

„Sie hat keine Post hinterlassen? Nichts für mich?“

„Dein Vertrauen in meine Allwissenheit ehrt mich, Rita.“ Rembrandt klang gereizt, er wollte sie loswerden und weiter in seiner Aktengrube baggern.

„Schon gut“, sagte sie.

„Du hast doch ihre Telefonnummer.“

Rita nickte.

„Na also. Ruf sie an.“

Das hatte sie getan. Keine Spur von ihrer alten Chefin und Freundin.

„Danke, Rembrandt. Ich lade dich bei Gelegenheit auf einen Kaffee ein. Wenn du Lust hast.“

Der Vize blickte Rita erstaunt an. „Warum will plötzlich jeder mit mir Kaffeetrinken gehen? Versprichst du dir Vorteile davon? Vergiss es. Ich bin Hanno de Meys Peitsche, sein Henker, sein Exekutor.“ Er zeigte ihr die Faust.

„Danke, Rembrandt.“ Rita erhob sich und zeigte ihm zum Abschied den Mittelfinger.

„Raus!“ schrie er. „An die Arbeit!“

5.

In der spanischen Hafenstadt Algeciras kommen sie alle zusammen. Marokkanische Gastarbeiter mit ihren Familien aus ganz Europa, in klappernden Gebrauchtlimousinen, überladen mit Nachwuchs und Geschenken für die Zurückgebliebenen. Der Brauch will es so, seit Urzeiten versorgen die reichen Familienmitglieder die armen mit, verschaffen jene mit guten Posten ihren Cousins, Neffen und der gesamten Schwiegerschaft ungeachtet ihrer Eignung oder Nichteignung Jobs – Patentrezept für den permanenten Zusammenhalt der Familie und den permanenten ökonomischen Zusammenbruch des Landes, alles eine Frage der Prioritäten, wozu haben wir die Entwicklungshilfe? Daneben europäische Erlebnisurlauber, aus Ländern, wo weder die Vetternwirtschaft noch die Familien so richtig funktionieren (wozu haben wir Psychiater?) – wer kann es ihnen verübeln, dass sie dem Charme der Dritten Welt erliegen, solange ihnen westliche Kaufkraft die Schattenseiten vom Leibe hält? Sie reisen in blitzblanken Geländewagen, die Ausrüstung eine Verheißung romantischer Abenteuer – Schaufeln, Wasserkanister, Furtschnorchel –, und in den Mienen ist neben freudiger Erwartung nervöse Anspannung zu lesen, weil man so viele Geschichten gehört hat über das Land, dessen Küste am Horizont sichtbar ist, nur zweieinhalb Fährenstunden von Algeciras und dem stur britischen Felsen von Gibraltar entfernt.

Am Rande dieser merkwürdigen Ansammlung, dieser bunten Invasionsarmee aus Erster und Dritter Welt, die sich vor dem Schlund der Fähre südhungrig zu einer Kolonne formiert, betrachten das Gebrodel mit der Geduld des urbanen Fußgängers spanische Tagesausflügler, Routiniers also, die nur ein wenig in Tanger herumschlendern wollen, denn Marokko, der ferne Planet, das exotische Tollhaus, das geheimnisvolle Königreich, ist die Alternative zu Wochenendvergnügen wie Museum, Rummelplatz und Kino.

Dann die Gruppen der Rucksackreisenden, im Gesicht der Stress durchwachter Nächte in Bahnhöfen, Zügen, Autobussen, die Angst um das mitgeschleppte Geld, die mitgeschleppte Habe, ihre Köpfe randvoll mit klugen Ratschlägen kluger Bücher, wie man Marokko überlebt, ohne von Haschischhändlern in eine Falle, von Teppichhändlern in einen ruinösen Kauf, von betrügerischen „Guides“ in die Labyrinthe der Souks, von einem marokkanischen Bakterium in ein Dritte-Welt-Spital, von einem charmanten Beau in eine Sozialversicherungsehe gelockt zu werden.

Abenteuer, wohin man blickt. Und gleich zum Auftakt Tanger, die ehemalige Hehler-Hauptstadt des Mittelmeers, Metropole des Drogenhandels, Waffenhandels, Mädchenhandels, ehemalige Metropole, versichern die Reisebücher heute, nur die Haschischhändler sind den arglosen Touristen noch immer auf den Fersen, der Rif will seine Produkte loswerden.

Eva Gunderson überwand diese erste wichtige Hürde des Marokko-Urlaubers mühelos. Das Tagebuch ihrer Reisegefährtin – eine Kopie ist Beilage 7 der Akte Eva Gunderson – berichtet von einer Überfahrt ohne Zwischenfälle und einem Aufenthalt in Tanger ohne nennenswerte Zwischenfälle.

Doch wie vollständig ist das Tagebuch wiedergegeben, und wer hat entschieden, was nennenswert ist? War es Julia Amundson, die Jugendfreundin, Tochter eines Trondheimer Anwalts, Jusstudentin und Reisegefährtin auf jener ersten Etappe, die so wenig Nennenswertes aufzuweisen hatte? Oder waren es die Detektive der Osloer „Kanzlei Nordli für diskrete Ermittlungen“?

 

Zwei Tage vorher, Granada, ein Mittelklassehotel.

Rita erwacht gegen drei Uhr nachts und versucht zum sanften Flap-Flap des Deckenventilators in ihren Erinnerungen einen der Widerhaken zu erkennen, die ihr das Weiterdenken erschweren. Sie wälzt sich aus dem Bett, tappt im Dämmerlicht, das die Straßenlaternen durch die Fensterläden werfen, quer durchs Zimmer, knipst die Schreibtischlampe an und durchblättert erneut die dreimal schon gelesenene Akte Eva Gunderson (deren hübsches Deckblatt sie in Madrid-Barajas einem Papierkorb zur Aufbewahrung anvertraut hat, um nicht ständig an die merkwürdigen Prioritäten ihrer Abteilung erinnert zu werden).

„Auf dem Schiff betrachteten wir lange den Felsen von Gibraltar. Es war das letzte Stück Europa, meine Augen klammerten sich daran fest. Adios Zivilisation, adios saubere Klos. Nur Eva konnte es nicht erwarten, in Marokko anzukommen“, schreibt Julia, die den Enthusiasmus ihrer Reisegefährtin offenbar nicht teilt. „Für Eva ist Marokko nicht Marokko. Für sie ist Marokko Afrika, ein anderer Kontinent.“

Viele Marokkaner wären damit einverstanden, ebenso viele beleidigt. Marokko würde ja gerne Mitglied der Europäischen Gemeinschaft werden, über Geografie lässt sich neuerdings wieder diskutieren. „Auf dem Schiff lernten wir einen Marokkaner kennen. Er war sehr müde, aber dennoch sehr freundlich. Er hatte bis drei Uhr nachts in einem Restaurant auf dem Felsen gearbeitet.“ Felsen bezog sich wohl auf Gibraltar. „Er machte sich Sorgen um uns. Wir sollten mit niemandem sprechen, uns von niemandem zu irgendetwas überreden lassen. Eva fragt, ob wir uns im Zimmer einschließen sollen. Mahmoud, so heißt der nette Mann, sagt, wir sollen um Himmels willen vorsichtig sein, in Tanger laufen eine Menge Banditen herum, die es auf Touristen abgesehen haben. Er bietet sich an, uns ein Hotelzimmer in einer sicheren Gegend zu besorgen. Eva und ich ziehen uns zur Beratung zurück. Draußen ist es heiß, aber wir haben Sonnenhüte dabei und es geht auch ein frischer Wind.“

Klassischer Auftakt einer Reise: Freundlicher Einheimischer bietet seine Hilfe an. So beginnen die Probleme, sagt der Reiseführer. So beginnt das Desaster der siegesgewohnten Detektivin im Libanon. Doch Eva sagt: Kein Problem, vertrauen wir ihm.

Hat sie nicht recht, die gestrenge Birte? War das nicht genau jene Eva, die sie beschrieben hat: vertrauensselig, idealistisch, naiv, ein wenig dumm fast?

„Wir diskutierten lange“, schreibt Julia Amundson laut Beilage 7 der Akte Eva Gunderson, englische Übersetzung einer norwegischen Tagebuch-Abschrift, „Dann sagte sie, wir könnten Mahmoud vertrauen. Ich frage mich, wo sie trotz allem diese Sicherheit hernimmt. Ganz wohl war mir nicht bei der Sache.“

Rita überfliegt die Zeilen vor und nach dieser Textstelle. Das Tagebuch beginnt mit dem Abflug der beiden Freundinnen von Oslo nach Madrid, die erste Eintragung stammt vom 2. August 1990, Abflughalle Oslo, Bestandsaufnahme. Danach drei Tage Madrid und eine Woche Granada.

Rita kann es nicht finden. Sie macht sich eine Notiz in ein eigenes Heft, das sie mit einem großen Fragezeichen versehen hat. Sie hat es vorn und hinten zu füllen begonnen. Der von vorn begonnene Teil ist schlicht „Marokko“ betitelt, der hintere „Norwegen“. Und dort schreibt sie in Großbuchstaben „TROTZ ALLEM“, zieht einen Pfeil und kritzelt an dessen Ende: Tagebuch Julia Amundson, Eintragung 18. August, Abklärung.

Rita lehnt sich zurück. Nirgendwo ein Hinweis, worauf sich dieses „trotz allem“ bezieht. Eine stilistische Unreinheit der ungeübten Tagebuchschreiberin? Nicht bei einer Jusstudentin im fünften Semester.

 

„Im Hafen von Tanger stürzten sich Hunderte Marokkaner auf die Touristen. Die Arbeitslosen der gesamten Stadt schienen sich versammelt zu haben, ihre letzte Hoffnung auf einen Tageslohn war ein reicher Tourist. Doch wir folgten Mahmoud und man ließ uns in Ruhe. Er brachte uns im Taxi zu einem wunderschönen Hotel und lehnte ab, als wir für die Fahrt bezahlen wollten. Eva und ich waren ein wenig besorgt. Wir hatten uns solche Mühe gegeben, nicht reich auszusehen. Hatte Mahmoud uns durchschaut? Er befahl uns, nein, riet uns, im Hotel zu bleiben, bis er zurückkäme. Er sagte, er wolle nur rasch seine Familie grüßen. Ich dachte: Was tut er in Wirklichkeit?“

Der alte Zauber von Tanger wirkt noch immer, denkt Rita. Doch die Zeiten des Mädchenhandels sind vorbei und die „Affäre Mahmoud“ entpuppt sich als nennenswerter Glücks-, nicht Zwischenfall.

„Später erfuhren wir, dass er seine Familie seit drei Monaten nicht mehr gesehen hatte. Das Hotel ist verrückt, ein Traum aus Tausendundeiner Nacht. Im Speisesaal ist ein luxuriöses Büfett aufgebaut, alles ist wunderschön dekoriert, aber wir sehen keinen einzigen Gast. An der Rezeption fragen wir nach den Preisen und vermuten zunächst, dass wir beim Umrechnen einen Fehler machen. Es ist billiger als das mittelmäßige Hotel in Algeciras, wo wir die letzte Nacht in Spanien verbracht haben.“

„Wir lassen unsere Rucksäcke aufs Zimmer bringen, setzen uns auf die Terrasse und genießen den Blick auf die Meerenge von Gibraltar. Wir reden. Gott sei Dank taucht Mahmoud auf und bietet uns eine Rundfahrt durch Tanger an. Er hat seine kleine Tochter mitgebracht. Sie sieht aus wie eine winzige Puppe und heißt Fatima. Sie starrt uns die ganze Zeit mit riesigen, dunklen Augen an. Vor dem Hotel steht ein verbeultes Taxi, der Fahrer ist Mahmouds Freund. Er sieht aus wie ein Haschischverkäufer aus dem Krimi: schlecht rasiert, Zahnlücken, ungekämmt, und Deo benutzt er offensichtlich auch nicht. Wir machen gleich mal die Fenster auf, obwohl es staubt wie verrückt. Eva flüstert mir zu, dass uns die beiden zum Schluss eine gesalzene Rechnung präsentieren werden. Einen ganzen Nachmittag im Taxi – ich stelle mir vor, was das in Oslo kostet.“

Endlich kommt sie den kleinen Widerhaken auf die Spur. Warum sind die dunkelsten Momente – es ist mittlerweile halb vier Uhr morgens – oft ihre hellsten? Rita zieht einen roten Filzstift aus ihrer Reisetasche und markiert die Worte „Gott sei Dank“. Dann notiert sie sie in ihrer Liste für Norwegen. Warum Gott sei Dank? War das „Gerede“ auf dem Balkon mit Blick auf die Meerenge von Gibraltar so schrecklich? Und warum hegt Julia Amundson zuerst den Verdacht, Mahmoud arrangiere in Wahrheit einen infamen Hinterhalt, statt seine Familie zu besuchen, und ruft dann „Gott sei Dank!“ in ihrem Tagebuch, wenn derselbe hochverdächtige Mahmoud im Hotel auftaucht, um seine Opfer abzuholen?

Keine Hinweise in der folgenden Reiseschilderung. Die beiden Marokkaner sind „vollkommen verblüfft“ über das gepflegte Französisch der beiden Norwegerinnen. Eine populäre Sprache am Polarkreis? In Millionärszirkeln vielleicht, denkt Rita. Und der Zufall will es, dass Mahmouds Freund, der Taxifahrer, zuerst das Millionärsviertel ansteuert, wo saudische Prinzen und Prinzessinnen ihre Ferienpaläste unterhalten, weil Marokko einer der wenigen Staaten der Welt ist, wo man nicht vor Langeweile stirbt und als Millionär trotzdem komfortabel und sicher leben kann, Hassan II. sei Dank, und eine Moschee ist auch immer in der Nähe.

Zurück geht es ins Gewimmel der Altstadt. Die beiden Norwegerinnen sind fasziniert von den „intensiven Blicken der Marokkaner“. Aber intensiv angeblickt zu werden, gehört für Ausländer dazu, und Ausländerinnen sind der intensivste Intensivblickfang überhaupt. Wer kann es den Marokkanern verdenken: Unabhängige Mädchen, deren uneheliche Beglückung nicht direkt dolchschwingende Verwandte auf den Plan ruft, sind eine Seltenheit in Nordafrika. Man muss nehmen, was sich eben bietet. Wie in so vielem, helfen auch hier westliche Importe den Einwohnern des Drittweltlandes aus einer Situation der Unterversorgung. Leider kann die marokkanische Weiblichkeit nicht am Genuss der Importe teilhaben, dafür sorgen die Wächter der Moral, devot und dolchschwingend – was tut man nicht alles, um Klischees gerecht zu werden?

Mahmoud und sein Freund, der Taxifahrer, lehnen jede Entlohnung entrüstet ab. Auch die Einladung in ein Restaurant zum gemeinsamen Abendessen fruchtet nicht, Mahmoud will nach Hause, die Frau wartet mit vollen Töpfen, man erinnert sich: seit zwei Monaten, er will sie nicht warten lassen.

Glückstrunken – all diese lächerlichen Geschichten über marokkanische Touristenfallen! – betreten die beiden Freundinnen das Hotel und bemerken eine seltsame Verwandlung:

„Das Luxusbüfett, die Dekoration, alles verschwunden. Wir fragten den Rezeptionisten, wo das Abendessen serviert werde, und er drückte uns mit vertraulichem Zwinkern eine Karte in die Hand. Es war die Karte eines Restaurants in der Altstadt. Wir protestierten und bestanden darauf, im Hotel zu essen. ‚Kein Restaurant‘, sagte der Mann. Wir verstanden nichts mehr. ‚Aber das Büfett!‘, schrien wir. ‚Für den Film‘, sagte er. ‚Nicht für die Gäste.‘ Das Restaurant hingegen, das er uns empfahl, sei gut, noch niemand habe sich beklagt.“

„Wir fühlten uns echt idiotisch. Wir waren einer Dekoration für Dreharbeiten zu einem Film auf den Leim gegangen und mussten nun feststellen, dass der vorher für so billig erachtete Übernachtungspreis durchaus der gebotenen Kategorie entsprach.“

„Als wir unser Zimmer betraten, entzauberte sich das Hotel endgültig. Die Betten rochen komisch und ich versprühte die Hälfte meines Duftwasservorrates an diesem ersten Abend in Marokko. Das Bad war dreckig. Keine Seife, nur zwei kleine Handtücher, und das Klopapier war so rau und schäbig, dass ich mich fragte, wer so was aushält.“

Die Marokkaner, dachte Rita. Tag für Tag. Abgehärtete Ärsche, ganz unböse gedacht. Vorbei der Traum, Ankunft in der Wirklichkeit. Abendessen im empfohlenen Restaurant – ein schwerer Fehler. Die gefürchtete Touristenfalle hat zugeschnappt und am folgenden Tag müssen die beiden blonden Prinzessinnen Imodium-Tabletten aus Evas Weltreise-Vorrat schlucken. Den ersten Bummel durch die Altstadt mit ihrem berüchtigtsten aller berüchtigten Plätze, dem Petit Socco, überstehen sie hingegen unversehrt. Keine Frage: eine Menge Anmache, Pfiffe, haufenweise „Studenten, die ihr Englisch praktizieren wollen“, Heerscharen von „Reiseführern“, das eine oder andere diskrete Haschisch-Angebot, aber kein wirklich „nennenswerter Zwischenfall“. Am Abend des zweiten Tages ruft Eva zu Hause an. Und an diesem Punkt bricht die Schilderung des Tanger-Aufenthaltes ab. Am 20. August sitzen die beiden bereits im Zug nach Meknès und Fès.

Rita liest die Eintragungen zum folgenden 19. August mehrmals. Und fragt sich: Wo zum Teufel habt ihr den Abend verbracht? Und warum Meknès, Fès? Wartet nicht Abdelaziz in Rabat auf den blonden Import aus Europa?

Und warum erwähnt Julia Amundson mit keinem Wort jenen Abu Ahmed, der in Beilage 9 – Ermittlungsberichte der marokkanischen Polizei – Erwähnung findet? Ein Mann, der am 19. und 20. August mehrmals das Hotel aufsucht und nach den beiden Mädchen fragt. War das nicht nennenswert oder waren so viele Marokkaner hinter den beiden Prinzessinnen her, dass sich Julia die Aufzählung ersparte?

 

Rita lernt auf ihrer Überfahrt keinen freundlichen Mahmoud kennen. Dafür übergibt sich neben ihr ein Kleinkind, das Schiff rollt und schlingert, die Strömungen der Straße von Gibraltar spielen ihr grausames Spiel nicht allein mit marokkanischen Wetbacks, die das Meer in rostigen Kähnen oder verschlissenen Schlauchbooten überqueren, um den Anschluss Marokkos an die Europäische Gemeinschaft auf individuellem Wege vorwegzunehmen, und dabei oft, in Sichtweite des gelobten, gehassten Kontinents, ihren letzten Atemzug tun.

Die Ankunft in Tanger. Kein freundlicher Mahmoud, der das Empfangskomitee in Schach hält. Zu wenige Mahmouds für die vielen Hundert Europäer. Kofferträger zerren verbissen am Gepäck der Ankommenden, Schreiber nehmen verdatterten Touristen die Reisepässe aus der Hand, arrogante Zöllner knallen wütend Stempel in die Papiere, ein einsames freundliches Lächeln aus dem Schalterfenster der Touristeninformation zieht das Heer der verwirrten Ankömmlinge magisch an.

Ein Taxifahrer schnappt Ritas Tasche, wuselt voran und murmelt dabei „No problem, no problem“. Rita kann seit dem letzten Mal, als man ihr in diesen Breitengraden von morgens bis abends „No problem“ versicherte, nicht mehr wirklich schnell gehen, weil man ab einem bestimmten Alter vierzehn Knochenbrüche nicht mehr so leicht wegsteckt. Kurz quillt Panik hoch, als sie den Mann aus den Augen verliert, doch der Taxifahrer ist zwar aufdringlich, aber kein Dieb – er will nur sicherstellen, dass seine Fuhre nicht aus Marokkanern besteht.

Dafür wird er von seinen Kollegen auch hinreichend beschimpft, doch der Taxifahrer wuchtet Ritas Tasche in den Kofferraum und öffnet ihr unter dem wütenden Gebell, im rasenden Getümmel aus Ratlosen, Verwirrten, Verlorenen, Verstörten, Eingeschüchterten und Ratgebern, Verwirrern, Verlierern, Verstörern und Einschüchterern mit höflicher Geste die Tür, und keine zwei Minuten später sind sie durch ein Nadelöhr voller Gehupe und Staub und streng blickender Polizisten aus dem Hafenareal in den Stadtverkehr gelangt, einer Welt aus Hupen, Staubwolken und kreativ ausgelegten Verkehrsregeln.

 

Das Hotel „Cinq Etoiles“ hatte trotz seines Namens nur noch drei Sterne, und auch diese Kategorisierung war ein Akt der Großzügigkeit, aber es war das Hotel, in dem die beiden norwegischen Prinzessinnen einen kurzen Nachmittag aus Tausendundeiner Nacht erlebten, bevor die Filmcrew die Dekoration abräumte und die Sterne vom Himmel fielen, bis nur noch drei übrig waren. Es hatte bessere Zeiten gesehen, darin lag sein Charme. Rita hatte reserviert, doch selbst jetzt, im Hochsommer und zur Hauptreisezeit, verirrte sich kaum jemand in den charmanten Bau außerhalb der Altstadt, der mehr wie ein privater Sommerpalast wirkte, dessen Besitzer schon lange nicht mehr nach dem Rechten gesehen hatte und dessen Personal sich zwischenzeitlich mit der Unterbringung verirrter Touristen vergnügte.

In der Tat schien der ganze Hotelbetrieb auf Hobby-Basis zu funktionieren. Der Rezeptionist suchte trotz der gähnenden Leere des Etablissements mit großer Hingabe in allen auffindbaren Listen nach Ritas Namen, und am Ende stellte sich heraus, dass sie wohl die ominöse „Madeleine Ritamann“ war, für die ein besonders schönes Zimmer mit Meerblick bereitstand, leider noch nicht fertig, denn das Zimmermädchen hatte noch keine Lust verspürt, seinem gelegentlichen Steckenpferd „Bettwäschewechseln“ nachzugehen.

Rita – irgendwie froh, dass sie nicht unter touristischem Leistungsdruck stand und deshalb nicht zum raschen Aufbruch Richtung Altstadt gezwungen war – versicherte dem sehr freundlichen Rezeptionisten, es spiele absolut keine Rolle und ob er sich auf einen Tee einladen lasse, sie habe ein paar Fragen, nein, sie sei nicht zum Vergnügen hier, nein, sie sei keine Polizistin.

Non, non, Madame“, erwiderte der Mann, ein klein gewachsener Schnauzbartträger, der mit viel, viel Würde über den Rezeptionstresen spähte und gelegentlich unerklärliche Gesten vollführte, als grüßte er hohe Gäste, obwohl weit und breit niemand zu sehen war. „Ich lade ein, nur bitte ich Sie um ein wenig Geduld, denn die Arbeit hat Vorrang, Sie verstehen, on est professionnel ici, Inshallah.“

 

Mit großem Brimborium schaufelte er seine vier, fünf Listen durch und verbrachte dann eine halbe Stunde damit, ein Zimmermädchen aufzutreiben, damit Madame Ritamanns Zimmer endlich zum Einzug bereitstand. Am Ende seines Arbeitsanfalls sandte er mit sehr streng ausgestrecktem Zeigefinger einen Jungen los, um Tee zu bringen. Leider sei ihnen momentan das Gas ausgegangen, darum könne man kein Wasser wärmen, und offenes Feuer sei viel zu gefährlich bei all dem alten Holz, „on est responsable ici, Inshallah“, aber ein Café nicht weit von hier mache den besten marokkanischen Tee Nordafrikas, und nur das Beste sei gut genug für die Gäste des „Cinq Etoiles“.

Bald kam der Junge angerannt, atemlos, auf einem Blechtablett zwei Gläser voller Minzblätter, zwischen denen Zuckerkristalle im Tee schwammen wie Schwärme mikroskopischer Fische in einem Aquarium. Der Rezepetionist eilte aus seinem Verschlag heraus und wies auf ein plüschiges Möbelensemble, aus dem durch faustgroße Löcher der Schaumstoff auf einen zerfransten Teppich flockte. „Bitte sehr“, lud er Rita ein, sich zu setzen. Mit eleganter Geste servierte er das Teeglas, weniger elegant machte er dem Jungen klar, dass Tee und Trinkgeld später bezahlt würden, er solle sich gefälligst aus dem Staub machen und nicht blöde herumstehen und gaffen.

„Mein Name ist Ali-Auguste“, stellte sich der Mann vor und wirbelte den Blechlöffel mit der Geschwindigkeit eines Elektroquirls in seinem Teeglas herum. „Und ich heiße Sie im Namen der Direktion des Hauses und des marokkanischen Volkes herzlich willkommen.“

„Das ist sehr freundlich.“

Ali-Auguste hielt seinen tropfenden Löffel, an dem Fetzen der verquirlten Minzblätter klebten, in die Höhe. „On est poli ici, Inshallah.“

Rita nahm vorsichtig einen Schluck. Eine Mischung aus Klebrig-süß und Grasbitter machte ihrem Gaumen klar, dass Europa weit hinter ihr lag.

„Darf ich fragen, wie lange Sie schon in diesem Haus arbeiten?“

„Zwanzig Jahre“, erwiderte Ali-Auguste, ohne nachzudenken. Dann dachte er doch nach, machte eine unbestimmte Geste und korrigierte sich: „Oder zehn.“

„Sie waren im vergangenen Jahr hier?“

„Ich bin immer hier. Keinen Urlaub, nie. On est serieux ici, Inshallah. Nur im Winter machen wir fünf Wochen zu, dann besuche ich meine Familie in Casablanca.“

„Ihre Familie lebt in Casablanca?“

„Eine Frau, drei Kinder.“ Eine flache Hand deutete Körpergrößen an. „Mohammad, neun Jahre. Aischa, sieben. Und Yahia.“ Die Hand fuhr fast bis zum Boden runter, und seine Stimme ging in einen verzückten Singsang über: „Eineinhalb Jährchen.“

Ali-Auguste lächelte verträumt und erklärte: „Das Hotel gehört einem Verwandten meiner Frau.“ Kurze Konzentration, seine Zeigefinger malten ein Familiendiagramm in die Luft. „Schwager einer Schwägerin.“ Dann fühlte er sich verpflichtet, nach Ritas Familie zu fragen.

„Kein Ehemann, keine Kinder. Leider“, Rita zuckte die Achseln, verlegen, weil ein Leben ohne Familie für einen Ali-Auguste undenkbar war, auch ein wenig verwundert über das hinzugefügte „Leider“.

„Man nimmt sich Zeit heutzutage“, räumte der Rezeptionist ein, voller Verständnis für alle Verrücktheiten, mit denen sich Europäer unglücklich machen. „Sie werden sicher einen Haufen Kinder kriegen. Die Medizin macht ja rasende Fortschritte.“

Rita wechselte rasch das Thema. „Können Sie sich an zwei junge Mädchen erinnern, vergangenes Jahr, im August?“

„Junge Mädchen?“ Ali-Auguste mimte derart scharfes Nachdenken, dass offensichtlich war: Er konnte sich ganz genau an die beiden blonden Prinzessinnen erinnern.

„Zwei Tage“, half Rita weiter, um den Schein zu wahren. „Aus Norwegen. Eva und Julia.“

„Eva und Julia.“ Ali-Auguste nickte langsam, und ein Lächeln kroch auf seine verkniffenen Züge. „Im Sommer, sagen Sie? Merkwürdig, nach denen hat man schon einmal gefragt.“

Die Schlapphüte von der „Kanzlei Nordli“, dachte Rita. Die diskreten Ermittler.

„Nur zwei Tage“, bestätigte der Rezeptionist und wies einladend auf das Gästebuch, das auf dem Rezeptionstisch vor sich hin staubte.

„Später vielleicht“, winkte Rita ab. „Können Sie sich daran erinnern, was die beiden während ihres Aufenthaltes gemacht haben?“

Nun winkte Ali-Auguste ab. „Geredet. Die ganze Zeit. Ich habe noch nie zwei Menschen gesehen, die so viel geredet haben. Blablablih-blablabluh-blablablah.“ Seine beiden Hände tanzten wie Schnäbel vor Ritas Augen.

„Waren sie viel unterwegs?“

„Nur zwei Tage.“

„Gewiss. Und wo?“

„Tourismus“, sagte der Rezeptionist. „Was jeder sich ansieht.“

„Am ersten Abend gingen sie in ein Restaurant“, zitierte Rita Julia Amundsons Tagebuch.

„Le Coq du Rif“, sagte Ali-Auguste und legte die Fingerspitzen zusammen. „Su-perbe. Wenn Sie ein gutes Restaurant suchen ...“

„Das ist sehr freundlich.“ Es erinnert Rita daran, dass sie keine Durchfalltabletten mitgenommen hatte. „Können Sie sich an einen Mann namens Abu Ahmed erinnern?“

„Nicht sehr genau.“ Der Rezeptionist langte nach seinem Teeglas und nahm einen Schluck. Dann quirlte er heftig. Er wirkte plötzlich verlegen.

Rita fragte unbeirrt weiter: „Können Sie sich daran erinnern, wann er das erste Mal hier aufgetaucht ist?“

„Nein.“

„Er war mehrmals hier, nicht wahr? Haben Sie ihn gesehen? Können Sie ihn beschreiben?“

„Mademoiselle“, Ali-Auguste legte bedächtig die Fingerspitzen beider Hände zusammen. „Ich würde dieser Figur nicht allzu viel Aufmerksamkeit schenken. Er war nur irgendein Kerl, der die beiden Damen kennenlernen wollte. Wir haben ihn abgewimmelt. On est loyal ici, Inshallah.“

„Sie haben die beiden nie mit Abu Ahmed zusammen gesehen?“

„Nie.“

Rita nickte. Das würde erklären, warum Abu Ahmed in Julia Amundsons Tagebuch fehlte. Doch irgendwo musste er die Mädchen gesehen haben. Rita beschloss, das Thema nicht weiter auszureizen. Ali-Auguste wirkte kooperativ, am besten ließ sie ihn reden, worüber er wollte. Irgendwann würde Abu Ahmed in seinem Redefluss wieder auftauchen.

„Können Sie sich daran erinnern, wo die beiden den Abend des zweiten Tages verbracht haben?“ Jener Abend, der im Tagebuch der Julia Amundson fehlte.

Ali-Auguste fuhr sich durchs Haar. „Hier“, sagte er. „Glaube ich. Ja, in der Tat. Die beiden blieben im Hotel. Sie hatten sich ein paar Kleinigkeiten zum Essen gekauft.“

„Sie blieben auf ihrem Zimmer?“

„Uff, meine verehrte Mademoiselle Ritamann, das ist so lange her. Aber ich sage Ihnen ganz offen, woran ich mich erinnern kann. Lassen Sie mich erklären: Wir Angestellten haben einen kleinen Raum für uns, mit einem Fernseher und einer kleinen Teeküche, die nur heute, bedauerlicherweise, aufgrund der Verspätung der Anlieferung der Gasflaschen ... um es kurz zu machen, Mademoiselle, wir versammeln uns am Abend vor dem Fernseher und sehen ein wenig fern, trinken Tee und plaudern, vier oder fünf Leute, und wenn wir Gäste sympathisch finden, laden wir sie dazu ein und servieren ihnen ein wenig Tee, nur, bedauerlicherweise, dieses dumme Gas heute ...“

„Die beiden Mädchen haben den Abend mit Ihnen verbracht.“

„Jetzt“, Ali-Auguste richtete sich steif auf, „muss ich eines klarstellen, Mademoiselle: Dies ist ein sauberes Hotel, und wir sind anständige Leute.“

„Ich hätte nie etwas anderes vermutet.“

Der Rezeptionist machte eine abwehrende Geste. „Man muss sehr, sehr vorsichtig sein. Ich erzähle Ihnen das alles, weil ich Ihnen vertraue. Sie sind eine anständige Frau, auch wenn Sie keine Familie haben, bitte, man lässt sich heutzutage Zeit, vor allem in Europa, wo Frauen zuerst noch schnell Karriere machen und Konzernchef oder Verteidigungsminister werden wollen, bevor sie ihrer biologischen Bestimmung nachgehen ...“

„Wollen Sie mir die Details einvertrauen?“, fragte Rita.

„Unser Koch hat einen Wagen.“

„Koch? Sie haben also doch ein Restaurant?“

„Momentan nicht. Er ist der Frühstückskoch. Bruno der Berber. Verheiratet, zwei Kinder, treu wie ich-weiß-nicht-wer. Ein hochanständiger Mann. Bitte haben Sie keine Zweifel daran.“

„Nicht im Traum.“

„Darf ich Sie etwas sehr Persönliches fragen, Mademoiselle Ritamann?“

„Vertrauen gegen Vertrauen.“

„Warum wollen Sie das alles wissen? Sind Sie ...?“ Seine beiden Zeigefinger fuhren parallel hin und her.

„Ich bin Detektivin. Eines der beiden Mädchen ist verschwunden.“

Ali-Auguste stemmte die Fäuste in seine Hüften und machte ein empörtes Gesicht. „In Marokko?“

„Das ist zu klären. Vermutlich ja.“

„Aber nicht hier in Tanger!?“

„Vermutlich nein.“

Ali-Auguste fiel sichtbar ein Stein vom Herzen. Er hielt sich die Brust wie ein Operntenor beim Bühnentod und flüsterte: „Mademoiselle, Sie haben mir einen Schrecken eingejagt. Furchtbar genug, dass Eva verschwunden ist ...“

Rita blieb der Mund offen stehen.

Der Rezeptionist blieb ruhig, er fühlte sich nicht ertappt. „Es war Eva, habe ich recht?“, sagte er mit traurigem Lächeln.

„Woher wissen Sie das?“

„Wissen?“ Er hob beide Hände. „Ich weiß gar nichts. Ich habe nur geraten.“

„Das interessiert mich jetzt, Monsieur Ali-Auguste. Wie haben Sie das erraten?“

„Mademoiselle.“ Ali-Auguste legte den Zeigefinger an sein rechtes Auge. „On n’est pas aveugle ici, Inshallah.

Dass die Marokkaner nicht blind waren, blieb die einzige Erklärung, die Rita dem quirligen Rezeptionisten zu entlocken vermochte. Vielleicht hatte Eva unglücklich gewirkt, verloren, instabil. Oder schlichtweg unvorsichtig. Eine weitere Bestätigung der Birte-Thesen?

Ganz am Ende des Gesprächs, als sich Ali-Auguste bereits erhoben hatte und mit routinierter Geste das über dem Schlüsselkasten hängende, riesige Porträt von Hassan II. abstaubte und dessen präzise horizontale und vertikale Ausrichtung mehrmals aus der Ferne und Nähe überprüfte, während ein herbeigeklingelter Bellboy fortgeschrittenen Alters mit skeptischer Miene Ritas Reisetasche umkreiste, als wirkte die bissig, gab sich der Rezeptionist einen Ruck und vertraute der Mademoiselle ein kleines Geheimnis an: Lalla Jamila.

6.

Nirgendwo im Bericht der diskreten Ermittler Nordlis war von Lalla Jamila die Rede. Ein unwichtiges Detail vielleicht, und möglicherweise war es deshalb durch das diskrete Ermittlersieb gerieselt. Doch Rita hatte eine Schwäche für unwichtige Details. Vor allem, wenn sie in den Akten einer erfolglosen Ermittlung auftauchten.

Bruno der Berber machte ein ziemlich erschrockenes Gesicht, als Rita ihr Wissen offenbarte. Dann warf er Ali-Auguste einen Blick zu, der, wenn Blicke töten könnten, genau das getan hätte.

Rita gelangte zu dem Schluss, dass Nordlis diskrete Ermittler nie von dem unwichtigen Detail erfahren hatten. Sie versuchte sich die Szene vorzustellen: Ankunft zweier freundlicher Norweger – Jörg Brenner und Ragnar Rippenkroeger, die Unterzeichner der Ermittlungsprotokolle vor Ort. Wieder wundert sich Ali-Auguste darüber, wie viel diese angeblich so wortkargen Nordländer reden. Über alles wollen sie Bescheid wissen. Der Herr auf dem Foto? „Sa Majesté“, antwortet ihnen Ali-Auguste mit leicht indigniertem Schnauzbart-Zurechtstreichen. „Hassan Deux, Sohn von Mohammed Cinq, König von Marokko und Kommandeur der Gläubigen. Was kann ich für Sie tun, meine Herren?“

Bemerkungen über das herrliche Hotel, Blicke in jeden Blumentopf – die Blumen sind längst vertrocknet, dafür häufen sich in den Töpfen Brunos Zigarrettenstümpfe, einmal jährlich wird entleert –, Ali-Auguste meint schon, da sei wieder ein Filmteam am Kundschaften. „Unser Hotel wird häufig als Kulisse benutzt“, erklärt ihr der Rezeptionist und schildert, wie Monsieur Brenner und Monsieur Rippenkroeger alles wissen wollen, um dann endlich – die Pässe sind eingereicht, die ausführlichen Anmeldeformulare ausgefüllt, nach Rashid, dem widerborstigen Uralt-Bellboy, war schon dreimal geklingelt worden – zum Thema zu kommen, nach langen Umwegen über die Wetterlage, Fußball, das beste Restaurant (Le Coq du Rif, keine Frage) und die Situation im Tourismus. Monsieur Rippenkroeger nimmt Ali-Auguste zur Seite und bittet ihn um vertrauliche Auskünfte. Dabei kramt der Norweger mit dem kantigen Ermittlerkinn ein Bündel Dollarscheine aus der Tasche und knistert vor den Augen und Ohren des Rezeptionisten ein wenig damit herum.

Alle rund um Ali-Auguste und Rita lauschen amüsiert, niemand hört auf den Nachrichtensprecher, der wie jeden Abend zuallererst das Tagesprogramm des Königs verlesen muss und wer dem Monarchen heute wieder wozu gratuliert hat. Bellboy Rashid grinst verschmitzt, Fatima, das Zimmermädchen, hat vor Lachen schon einen Schluckauf, nur Bruno der Berber bemüht sich um eine grimmige Miene, er hat Ali-Auguste die Indiskretion noch nicht verziehen. So sitzen sie im Fernsehzimmer der Angestellten des „Cinq Etoiles“ um Ehrengast Rita herum, jemand hat einen Elektrokocher gebracht, also wird Tee gemacht, Kekse werden herumgereicht und Ali-Auguste kramt die Details jenes Ermittlerbesuchs hervor.

„Das ist gefährlich, dachte ich.“ Ali-Augustes Stimme war leise geworden. „Ein Mann mit einem Bündel Dollar kann eine Menge kaufen. Er kann sich Informationen beschaffen, aber er kann auch unangenehm werden. Ich dachte nur: Aufpassen, um Himmels willen nicht zu viel sagen. Ich hätte denen niemals von Lalla Jamila erzählt.“

„Das will ich hoffen“, knurrte Bruno der Berber. Er war ein junger, dunkler Kerl mit tief liegenden Augenbrauen und ernstem Blick. Er schien niemandem recht zu trauen. Wenn er fallweise Ausnahmen machte, kam es einer Preisverleihung gleich.

Ob Rita prämiert würde, stand noch nicht fest. Hie und da beäugte er sie, während Ali-Auguste das Thema Lalla Jamila sorgfältig aussparte. Bruno der Berber sollte selbst entscheiden.

 

Lalla Jamila war, der Legende zufolge, eine Jungfrau mit sieben Brüdern. Als sie keine Jungfrau mehr sein wollte, wurde sie von ihren Brüdern auf landesübliche Art bestraft: mit dem Tod. Die sieben Brüder, die ohne Schwester, auf die aufzupassen wäre, nicht mehr so recht wussten, was tun, bewachen seither Tanger. Eine schöne Legende für eine Stadt, die sich bis vor Kurzem rühmte, das größte Bordell der Welt zu besitzen.

Lalla Jamila ist nur noch ein Fels in der Brandung, eine versteinerte Jungfrau, der wundersames Wirken nachgesagt wurde. Marokkanische Frauen und Jungfrauen pilgern an den Strand, um einen direkten Draht zu den Kräften des Schicksals herzustellen. Sie beten um Entjungferung, sie beten um die große Liebe, sie beten um Nachwuchs, sie beten um ihr Leben. Lalla Jamila hat allen Frauen mit Problemen etwas zu bieten. Die Frauen zünden Kerzen an und bieten Opfergaben dar, von einem Fläschchen Orangenwasser bis zur Monatsbinde, getränkt mit Menstrusationsblut und Hoffnung.

Eva Gunderson gab an jenem Abend keine Ruhe, bis Bruno der Berber zu später Stunde seinen rostigen Peugeot anwarf und mit ihr zu Lalla Jamila an den Strand fuhr. Nur die beiden, ganz allein.

 

Auch marokkanische Polizisten hatten sich nach den beiden Mädchen erkundigt, allerdings ohne jemals zu verraten, wozu diese Nachforschungen dienten. Fünf Männer in Zivil, die auf Gegenfragen mit brüsker Zurückweisung reagierten. Niemand fiel gerne der marokkanischen Polizei in die Hände, am allerwenigsten Marokkaner. Man gab also höflich Auskunft und machte um das Thema Lalla Jamila einen weiten Bogen. Auch als die Polizisten auf ihre zwanglose Art begannen, das Hotel auf den Kopf zu stellen, standen Ali-Auguste und seine Leute brav daneben und antworteten nach bestem Wissen und Gewissen, im Sinne von: Wir wollen keine Probleme mit der Polizei, also kein Wort über Lalla Jamila.

Das Grinsen verschwand aus den Gesichtern rund um Rita, und als Ali-Auguste zu jener Stelle kam, als der Chefinspektor in der Lobby das schief hängende Bild von Hassan II. bemerkte – „Wir hatten dahinter ein Stromkabel verlegt, Mademoiselle, und niemandem war aufgefallen, dass Sa Majesté nicht mehr vertikal hing“ –, hielt die Belegschaft den Atem an. Der Inspektor betrachtete das Bild einige Minuten lang und fragte dann leise, ob denn jemand in diesem Hause die Strafe für Majestätsbeleidigung kenne, während der alte Rashid schnaufend und ungeschickt versuchte, das Gemälde gerade zu hängen, aber da war dieses verdammte Stromkabel, schlecht isoliert überdies, und des Inspektors scharfer Blick, der sich in Ali-Augustes Augen bohrte, flackerte nur einmal kurz zur Seite, als etwas aufblitzte und Rashid mit einem Schrei – er war an den nackten Teil des Kabels geraten – vom Stuhl stürzte.

„Wir mussten dem Inspektor etwas bieten, so viel war klar“, erinnerte sich Ali-Auguste mit Gram. „Die Kasse war leer, der Chef wie üblich in Casablanca, die Verantwortung lastete einmal mehr auf meinen Schultern. Also erfanden wir einen Mann, der den beiden Mädchen nachgestellt hatte: Abu Ahmed.“

Details prasselten auf den Inspektor ein, dessen strenger Zeigefinger einen Assistenten zum Mitschreiben aufforderte. Die Fantasie der Angestellten entzündete sich, jeder wollte Ali-Auguste und dem Hotel aus der Patsche helfen, und am Ende konnte der Inspektor zwischen vier oder fünf Abu Ahmeds auswählen, die zu Fuß, mit dem Fahrrad, mit dem Moped und mit Autos verschiedener Marken und Farben das Hotel aufgesucht und nach zwei blonden Norwegerinnen gefragt und sogar Geld für einen Kontakt geboten hatten.

Der Chefinspektor war zufrieden, er hatte Material für seinen Bericht, und das laute Gezanke des Personals über die widersprüchlichen Versionen von Abu Ahmed bewies nur, dass das Volk zu blöde war, um sich einigermaßen genau an einen Vorgang zu erinnern, der nur wenige Monate zurücklag. Großzügig blickte der Gesetzeshüter über die Majestäts-Schräglage hinweg, „aber das wird repariert, ich schicke morgen jemanden zur Kontrolle vorbei, compris?“

 

„Vermutlich“, fügte Ali-Auguste mit schuldbewusster Miene hinzu, „haben die Polizisten später einen Abu Ahmed gefunden und so lange befragt, bis er gestand. Tanger ist groß, die Polizei hartnäckig. Wir beten jeden Tag für den armen Teufel.“ Rashid, Bruno der Berber und Fatima nickten ernst.

Es war also ein Tauschhandel gewesen. Abu Ahmed gegen Lalla Jamila. Nun hatte Bruno der Berber das Wort. Doch der zierte sich noch, obwohl Rita mittlerweile genug wusste, um die gesamte Belegschaft des „Cinq Etoiles“ auf unbestimmte Zeit in den Kerkerzellen der marokkanischen Polizei verschwinden zu lassen. In deren Augen würde der nächtliche Geheimausflug zum Auftakt eines raffinierten Planes, um die Norwegerin später in eine Falle zu locken und der unterversorgten Männerwelt Nordafrikas zuzuführen. Eine zweifelhafte Gestalt unter den Hotelgästen würde reichen, um die Verbindung herzustellen. Bruno hatte Gründe zu zaudern. Aufmunternde Blicke aus der Runde. Alle kannten sie Brunos Geschichte, und aus einem Grund, der wohl mehr atmosphärisch als logisch war, hatten sie alle das Gefühl, man könne dieser Fremden aus Holland trauen. „Allez-hop!“ sagte Ali-Auguste. „Mademoiselle Ritamann gehört zur Familie.“

„Sie wird Berichte schreiben“, sträubte sich Bruno. „Dafür wird sie bezahlt. Und was dann?“

Rita fühlte sich in ihrer Entscheidung, ohne Notizblock und Kugelschreiber zu erscheinen, bestätigt. Sie wusste: Die Leute reden freier, wenn niemand mitschreibt. Sie würde später ein Gedächtnisprotokoll anfertigen, wie so oft. Und manches auch aussparen, nur für den Fall, dass ihre Notizen in falsche Hände gerieten. Ihre Informationsquellen waren ihr heilig, und das schienen dieselben zu spüren. „Ich schreibe, worüber ich schreiben will“, konnte Rita deshalb sagen, ohne sich verstellen zu müssen. „Lalla Jamila bleibt unter uns, wenn das die Bedingung ist.“

„Das ist die Bedingung.“

„Einverstanden.“

Allez-hop!“ rief Ali-Auguste erneut, fröhlich wie ein Zirkusdirektor, der seine Hauptattraktion in die Manege rief.

Bruno räusperte sich und die Umsitzenden machten mit respektvollem Schweigen Platz für seine Worte.

„Wir erzählten den beiden Mädchen von Lalla Jamila“, sagte Bruno, ohne Rita anzublicken. „Fatima war dabei. Stimmt’s, Fatima?“

Waha“, bestätigte die. „Wir alle waren dabei.“

Bruno rückte auf seinem Sessel herum, als müsste er seine Antennen ausrichten, um diese Szene aus der Vergangenheit heraufzubeschwören.

„Die Ernste der beiden war plötzlich wie verhext. ‚Ich will Lalla Jamila sehen. Ich muss Lalla Jamila sehen. Bring mich zu Lalla Jamila. Ich zahle jeden Preis‘. Die andere wollte nicht mitkommen. Es war spät, beinahe Mitternacht. Ich bot an, beide am nächsten Tag zu Lalla Jamila zu bringen, doch da wollten sie mit dem Zug nach Fes reisen und würden keine Zeit dafür haben. Julia sagte: ‚Ich stelle nicht nur wegen eines blöden Felsens den Reiseplan auf den Kopf.‘ Sie hielt das Ganze für einen Scherz. Aber die Ernste ...“

La petite Eve“, half der Rezeptionist.

„... Eva ließ nicht locker. Also erklärte ich mich bereit, sie hinzufahren. Julia wollte sie davon abbringen, und Ali-Auguste warnte mich vor den Straßensperren. Aber ich kenne die Polizeikontrollen und ich kenne die Nebenstraßen. Also fuhren wir los.“

„Hatte Eva getrunken?“, fragte Rita.

Bruno schnitt mit der flachen Hand durch die Luft. „Eva trank nicht.“

Schweigen. Alle warteten darauf, dass Bruno fortfuhr. Düstere Erwartung lag in der Luft.

Bruno atmete tief ein, zuckte die Achseln und sagte: „Dann kamen wir an. Um diese Uhrzeit waren natürlich keine betenden Frauen dort. Ich sagte Eva, wir sollten nicht lange bleiben. Manchmal treiben sich dort seltsame Leute herum. Aber es war Sonntagabend und wir sahen nur einige Liebespaare. Eva wirkte wie hypnotisiert. Der Felsen lag vor uns, und sie zog sich die Schuhe aus und ging zum Strand. Ich blieb beim Wagen und beobachtete die Umgebung. Mir war nicht wohl.“

„Und ist etwas passiert?“, fragte Rita.

„Na ja. Ein Typ hat zu schreien begonnen.“

„Zu schreien?“

Bruno winkte ab. „Ein Verrückter.“

„Erzähl es ihr“, sagte Ali-Auguste. „Erzähl ihr alle Details. Es macht keinen Unterschied mehr.“

Bruno nickte und sagte: „Aisha Quandisha.“

 

Auch diese Szene war unschwer vorstellbar. Gegen Mitternacht taucht an einem Strand bei Tanger die blasse Eva Gunderson mit ihren langen blonden Haaren auf und jagt einem abergläubischen Marokkaner den Schrecken seines Lebens ein. Wie eine Fee musste sie gewirkt haben, und Bruno der Berber bestand darauf, dass Eva dieser Zwischenfall keine Angst machen konnte, vielleicht, weil sie dem Frühstückskoch mit seinen ernsten, ehrlichen Augen vertraute, der an seinem Wagen lehnte und auf die Fee wartete. Beim ersten Schrei „Aisha Quandisha!“ rannte er los. Und kam zu spät, natürlich, denn alles ging viel zu rasch.

Wen wollte es überraschen, dass der Ort des Zaubers alle möglichen Hexereien zur Verwirklichung einlud? Nur dass Aisha Quandisha keine gesteinigte Liebessünderin war, die nun als magischer Fels die Gebete ihrer Leidensgenossinnen an die Kräfte des Schicksals weiterleitete, sondern das gefährlichste Luder der gesamten nordafrikanischen Zaubergalerie, ein Geist, der zuweilen als bildhübsches Mädchen, zuweilen als krumme Greisin auftauchte. Und der Mann, der nicht rechtzeitig das einzig Richtige tat, um den Fluch abzuwenden, nämlich vor ihr ein Messer in den Boden zu rammen, wurde seines Liebeslebens nie mehr froh.

Ganz ohne Schrecksekunde für Eva war die Szene schwer vorstellbar: Eine Gestalt löst sich aus dem Dunkel, kommt näher, zwei Augen blitzen weiß auf, ein Mann, der mit zitterndem Mund zu schreien beginnt, und plötzlich wird in seiner Hand ein Messer sichtbar. Es muss Eva wie ein Wunder erscheinen, dass die kalte Klinge nicht ihre Kehle aufschlitzt oder in ihren Leib dringt, sondern vor ihr im Sand steckt, während sich der Schreihals mit lauten Rufen und Beschwörungsformeln davonmacht.

„Ich wäre zu spät gekommen“, gestand Bruno, der diesen Umstand noch nicht überwunden hatte. „Wenn er es auf sie abgesehen hätte – Zack!“ Er führte die Hand an seiner Kehle vorbei und blickte Rita mit großen Augen an, in denen noch immer Verwunderung zu lesen war. „Da stand sie, vollkommen ruhig. Ich dachte zuerst, sie sei starr vor Angst. Aber sie lächelte mich nur an und sagte: ‚Es hat nicht sein wollen‘. Dann nahm sie mich an der Hand und führte mich zum Wagen zurück.“ Bruno lachte nervös. „Mademoiselle, wer am ganzen Leib gezittert hat, war ich.“

 

Im Wagen hat Eva ihrem verstörten Beschützer erklärt, warum sie keinen Augenblick Angst hatte. Stundenlang saßen sie in Brunos Peugeot, erst in den frühen Morgenstunden kehrten sie zurück, und im Fernsehzimmer der Angestellten des „Cinq Etoiles“ erhob sich Bruno der Berber von seinem Sitz, so abrupt, dass er fast die Teekanne umstieß, und deklamierte: „Ich schwöre beim Propheten, wir haben nur geredet. Ich habe Eva nicht ein einziges Mal berührt. Und ich muss Sie um Verständnis bitte, Mademoiselle, dass ich Ihnen über den Inhalt unseres Gesprächs keine Auskunft geben kann. Ich habe es Eva versprochen.“

„Wir glauben dir auch im Sitzen“, versicherte Ali-Auguste augenzwinkernd.

„Eva ist verschwunden“, sagte Rita. „Ich suche nach ihr. Können Sie sich vorstellen, was passiert ist?“

Bruno, der sich wieder gesetzt hatte, dachte nach und schüttelte den Kopf.

„Ich will Ihnen keine Vertraulichkeiten entlocken“, sagte Rita. „Ich will herausfinden, was mit ihr geschehen ist. Ich will sie finden. Das ist alles.“

„Es erfüllt mich mit großer Traurigkeit, dass Mademoiselle Eva in Schwierigkeiten geraten ist“, erklärte Bruno förmlich.

„Überrascht es Sie?“

„Nicht wirklich.“

Rita seufzte und erhob sich zum Gehen. „Ich darf also weiterraten.“

Bruno zuckte die Achseln. „Es tut mir sehr leid. Ich habe mein Wort gegeben.“ Er legte die Rechte auf seine Brust und verbeugte sich.

„Denken Sie nicht, Sie könnten Eva helfen, indem Sie mir helfen?“

„Schwer. Ich konnte ihr nicht mal am Strand helfen, als ein Kerl mit einem Messer auf sie losging.“

„Was meinen Sie? Werde ich sie finden?“ Rita lächelte den ernsten Bruno aufmunternd an. „Worauf wetten Sie?“

Bruno hob in einer resignierenden Geste die Arme. „Allah wird entscheiden.“

 

„Nehmen Sie ihm sein Misstrauen nicht übel“, sagte Ali-Auguste, als er Rita zu ihrem Zimmer begleitete. „Hier entlang, Mademoiselle.“

„Misstrauen? Der Kerl hat mir sein Herz ausgeschüttet, soweit es seine Ehre erlaubte.“

„Bruno hatte schon einmal Probleme mit der Polizei. Was geschehen ist, kann sehr schwerwiegend sein. Stellen Sie sich vor, das Mädchen wird in der Nähe von Tanger tot aufgefunden. Er wäre der Hauptverdächtige. Und er muss an seine Familie denken. Ein Prozess würde sie ruinieren. Freisprüche kommen teuer in Marokko. Da ist es ganz egal, ob man schuldig ist oder nicht.“

„Ich verstehe.“ Sie waren an ihre Zimmertür gelangt. Rita wandte sich um und lächelte dem müden Ali-Auguste zu, dessen Gesicht von einem freundlichen Lächeln und gleichzeitigem Gähnen zerknautscht wurde. „Lassen Sie mich eine Frage stellen, die mir seit meiner Ankunft nicht aus dem Kopf geht: Warum vertrauen Sie mir?“

„Mademoiselle.“ Ali-Auguste legte seinen Zeigefinger ans rechte Auge. „On n’est pas aveugle ici, Inshallah.

7.

Tanger barg keine Geheimnisse mehr, Eva Gunderson hatte sie alle mitgenommen. Zurück blieb eine Mischung aus Marokko und angeschwemmten Mediterranern, ein strategisches Städtchen, Eingang Afrikas, Sprungschanze nach Europa, Wachmann des Mittelmeers, jedoch kein Triumphbogen mehr, nur noch Hintertür. Und Haschisch und die Geister der Beat-Generation, angelsächsische Grauhaarhippies, die, mit einem Fuß im nicht allzu afrikanischen Tanger und mit dem Kopf ganz woanders, dem Sinn des Lebens hinterherschrieben und -kifften, ohne jemals dort anzukommen, wo sie geografisch schon waren: Marokko ist kein Fall für halbe Gemüter.

Rita ließ sich von Bruno dem Berber mit Schauergeschichten einnebeln und lernte eine Stadt kennen, die den beiden Norwegerinnen den Abschied leicht gemacht haben musste: Das theatralische „Willkommen in Marokko“ war von subtiler Drohung durchsetzt, hier rieb sich Afrika direkt an Europa, zu viel wollte man voneinander, zu wenig hatte Tanger, anders als die Königsstädte mit ihrem Märchenflair, zu bieten. Lediglich Autobusse, Züge, Flugzeuge und Schiffe, die in alle Richtungen davonstoben, und eine Menge drittklassiger Hotels, in denen man sich bis zum Davonstieben verbarrikadieren konnte.

Das Ruchlose hat freilich auch seine Reize, und nichts ist exotischer als der Ort einer Ankunft. Rita liebte den Souk, die zu formschönen Hügeln modellierten Gewürze, duftende Marslandschaften, und das gestenreiche Theaterstück, das jedem Kaufhandel zwischen zwei Marokkanern vorausging. Sie konnte auch dem modernen Tanger etwas abgewinnen, elegante Geschäfte unter bröckelnden Arkaden, Schaufensterbummler auf brüchigen Gehsteigen, nirgendwo, mit Ausnahme der Millionärsvillen und Saudi-Prinzen-Paläste, schienen die Erbauer die richtige Mischung aus Zement, Sand und Wasser erwischt zu haben, überall waren rostige Armierungsdrähte sichtbar, überall schien sich korrodierendes Meersalz in die Mauern geschlichen zu haben, doch die Eleganz hinter den staubigen Schaufenstern und die Arroganz der sich westlich gebärdenden Verkäuferinnen waren unübertrefflich. Hier wurden Europa und Amerika aufs Trefflichste parodiert und die Kabarettisten bekamen es selbst gar nicht mit – war das vielleicht ein Gradmesser für Unterentwicklung?

Bruno war Ritas Schutzengel, sie spürte dasselbe Vertrauen, das auch Eva Gunderson gespürt haben musste, doch es war nicht genug, um die Szene am Strand zu erklären. War die Norwegerin nach Afrika gekommen, um hier einen romantischen Tod zu sterben, etwas, womit man den Grabstein würdig dekorieren konnte: geboren Trondheim 1970, gestorben Tanger 1990? Oder war sie von zu Hause davongerannt, um in der Ferne ungestört rebellieren zu können? Diese Vorstellung hatte etwas Lächerliches und Erschreckendes zugleich. Klar war Rita nur geworden, dass mit Eva Gunderson kein nichtssagendes Allerweltsmädchen verschwunden war, sondern eine junge Frau, die Spuren hinterlassen hatte bei ihren Begegnungen. Für diese Erkenntnis hatte Bruno der Berber Kopf und Kragen riskiert. Eine magere Ausbeute, vielleicht, doch Rita wusste nun wenigstens, wo sie nicht zu suchen brauchte.

Das Tagebuch der Julia Amundson war Ritas Reiseführer an jenem Tag nach ihrer Ankunft, und mit Bruno dem Berber hatte sie ihren Mahmoud gefunden. Auch er lehnte stolz jede Bezahlung ab, doch wenigstens akzeptierte er, dass der schnaufende, um jeden Kilometer kämpfende Peugeot auf ihre – auf Safees – Kosten mit Sprit gefüllt wurde.

 

Rembrandt wirkte nicht überrascht, nur ein wenig überarbeitet. „Hanno hat mich zum Operationsdirektor ernannt“, berichtete er ohne jeden Stolz in der Stimme, machte aber eine Pause, als ob er trotzdem Applaus erwartete.

„Jeder hat seine Probleme“, erwiderte Rita gefühllos und kam, um Rembrandts Loyalität nicht auf eine allzu frühe Probe zu stellen, ohne Umschweife zum Thema: „Meines heißt Norwegen.“

„Norwegen ein Problem?“, staunte Rembrandt. „Das klingt böse. Wein dich aus, Mädchen. Dafür ist ein Operationsdirektor da.“

Rita streckte sich auf ihrem Bett aus und betrachtete den Mittelmeerhimmel durch ein Fenster, auf dem ein Angriff mit Putzlappen und chemischer Brühe ein weißliches Kurvenmuster hinterlassen hatte. Der altmodische Telefonhörer in ihrer Hand war schwer wie eine Hantel. „Niemand weint“, erwiderte sie. „Ich will nur vermeiden, dass die Buchhaltung weint, wenn sie meine Reisespesen sieht.“

„Du kaufst also doch Teppiche. Rita, ich habe dich gewarnt!“

„Ich dachte, ich könnte von Casablanca direkt nach Norwegen fliegen.“

„Warum Casablanca?“

„Dort wurde Eva zum letzten Mal gesehen.“

„Und warum Norwegen?“

„Abklärungen.“

Rita hörte Rembrandts Gekritzel auf einem seiner Post-it-Blöcke. „Notiert, Mädchen“, sagte er. „Ich hole das Okay ein und sage dir beim nächsten Mal Bescheid. Gib mir nur eine wirklich gute Begründung für Norwegen.“

„Eine wirklich gute Begründung?“ Rita zuckte die Achseln. „Begründung wie immer: Ich will mit ein paar Leuten reden.“

„Sehr gut“, höhnte der frischbestellte Operationsdirektor. „Das wird überzeugen. Lass mich notieren: Rita-will-mit-Leuten-reden.“

„Was ist los mit euch? Habe ich jemals in Disneyworld recherchiert?“

„Vorsicht“, warnte Rembrandt. „Heikles Thema.“

Trotz ihrer Verärgerung konnte sich die Detektivin ein Grinsen nicht verbeißen. Rembrandt war erst seit zwei Monaten dabei, doch offensichtlich bereits über die prachtvollsten Geschichten der Abteilung aufgeklärt. Hanno de Meys Trip nach Florida und seine Verrechnung eines Disney-World-Besuchs als Ermittlungsspesen gehörten zu den Kronjuwelen der Safee-Episoden-Schatztruhe.

„Vergnüge dich in Marokko, gib mir einen guten Grund für Norwegen und ich verspreche dir eine positive Antwort“, beschwichtigte Rembrandt. „Der Chef möchte mehr Kontrolle und ich bin verantwortlich.“

„Vielleicht hilft die Millionärin“, sagte Rita. „Sie hat mir persönlich grünes Licht gegeben, so viel Spesen zu machen, wie ich will.“

„Die Versicherungsnehmerin hat dir ...?“ Rembrandt lachte verblüfft. „Seit wann beteiligen sich unsere Kunden an den Ermittlungsspesen?“

„Seit Neuestem. Frag Hanno, er steht mit ihr in Kontakt. Möglicherweise besteht ein Abkommen.“

Rembrandt schnalzte mit der Zunge. „Interessant. Ich werde ihn fragen. Wann bekomme ich mein Resümee?“

„Wenn der Fall abgeschlossen ist. Mit einem frischen Lichtbild von Eva, hoffe ich.“

„Das hoffen wir alle. Viel Glück und nimm dich vor den Teppichhändlern in Acht.“

Rita legte auf und blätterte in ihrem Notizblock. Sie verspürte Lust auf eine offizielle Version des Falls. Auf eine marokkanische Version. Sie verbrachte die nächsten zwei Stunden damit, einem gewissen Inspektor Abdellah Yezaa nachzutelefonieren, der offenbar in einem der wichtigeren Büros des Sûreté-Hauptquartiers in der Hauptstadt Rabat Hof hielt, denn sie musste einer weiblichen und drei männlichen Stimmen unterschiedlicher Freundlichkeit ihr Anliegen schildern, bis ein rauchiges Männertimbre nach einem kurzen Pingpong aus Fragen und Gegenfragen gestand – als sei dies ein Staatsgeheimnis –, dass der genannte Abdellah Yezaa höchstselbst am Apparat war.

„Wir haben Sie in Casablanca erwartet“, sagte Abdellah mit leisem Vorwurf in der Stimme. „Was tun Sie in Tanger?“

„Ermitteln“, erklärte Rita und biss sich auf die Lippen, während sie einer Antwort harrte.

„Sie sollten das mit uns koordinieren, Madame Kleefman“, erklärte der offenbar hochgestellte Gesetzeshüter nicht sehr überraschend. „Aber das ist ein Angebot, keine Warnung. Alleinreisende Frauen haben es schwer in diesem Land. Wir würden es vorziehen, wenn Sie Ihre Ermittlungen unter unserem Schutz vornehmen würden. Wobei ich gleich hinzufüge, dass diese sogenannten Ermittlungen nur inoffizieller Natur sein können. Für uns sind Sie eine Touristin, die Fragen stellt. Aber das ist kein Problem. Wollen wir uns treffen?“

„Mit Vergnügen. Wann, wo?“

„Ihre Wahl, Madame. Wo sind Sie morgen?“

„In Meknès. Ich fahre mit dem Zug. Später werde ich nach Rabat kommen, wir könnten uns auch dort sehen.“

Eine ewige Weile verstrich. Abdellah machte entweder Notizen oder extrem kunstvolle Strichmännchen, wobei er leise ins Telefon grunzte, vermutlich ohne Absicht. „Später? Wann später?“

„Ein paar Tage.“

„Ich würde es vorziehen, Sie in Meknès zu treffen. Wahrscheinlich kommen Sie am Abend dort an. Gehen wir doch gemeinsam essen. In welchem Hotel steigen Sie ab?“

„Maison d’Orphée.“

„Kommt mir bekannt vor.“ Abdellah grunzte wieder ein Weilchen, dann rief er: „Waha!“, und sie hörte eine Hand auf einen Tisch knallen. „Natürlich, jetzt verstehe ich. Sie rekonstruieren die Reise von Mademoiselle Eve!“ Der Inspektor kicherte rauchig ins Telefon und sagte: „Wie Sie meinen, Madame, wie Sie meinen. Großartig ist die Bude nicht, und Zettelchen hat Mademoiselle Eve auch keine hinterlassen. Wir haben alles abgesucht. Aber Sie sind vermutlich eine Anhängerin der Psychomethode.“

„Pardon?“

„Sie wollen Eva kennenlernen und am Ende Ihrer Reise stehen Sie in Casablanca auf dem Marktplatz und fahren Ihre Antennen aus, um das Kind zu orten. Oder haben Sie ein Pendel dabei? Egal. Verzweifelte Eltern versuchen eben alles.“

 

Ein sonniger Morgen, ein letztes „Vorhang auf“ des täglichen Theaterstücks, das Tanger heißt. Ali-Auguste überschüttet Rita mit guten Wünschen für die Reise, für die Suche, für ihr ganzes Leben. Fatima winkt mit ihrem Staubwedel aus einem Fenster im ersten Stock, die Holländerin sieht sie zum ersten Mal mit einem Arbeitsgerät. Bruno der Berber wuchtet Ritas Tasche in den Kofferraum seines Peugeots, während Bellboy Rashid um Tringeld bettelt, indem er mit winselndem Singsang abwechselnd Allah und Rita beschwört und dabei die eine Hand aufhält und mit der anderen an Ritas Ärmel zerrt.

Noch einmal betreten die Schauspieler für Rita die Bühne. Alte Männer in pyjamaartigen Djellabas schnaufen die Rue de la Plage hinauf. Sandalen auf schmutzigen Gehsteigen, zehnjährige Orangenverkäufer und ihre Väter mit Schlägergesichtern, Beamte in teuren Anzügen, das Schielen auf ihren Prozentsatz hinter eleganten Sonnenbrillen verbergend, und buckelige Schuhputzer, die anklagend mit ihren Bürsten auf die staubigen Imitate italienischer Nobelmarken zeigen. Mädchen mit Jeans und mit Schleier, ihr Blick sucht die Menge nach möglichen Gatten ab. Und natürlich die Händler, phlegmatisch wie Muränen in ihren Höhlen, ab und zu schnappen sie sich einen Kunden und flößen ihm Tee ein, dann feilschen sie, perfekte Schauspieler, die Marokkaner, Schmierenkomödianten, die Touristen, man macht ihnen die Freude – Soyez bienvenu au Maroc – und haut sie doppelt übers Ohr, für jedes Theater wird schließlich Eintritt verlangt, und wen schmerzt es schon?

Bruno der Berber steuerte seinen von der Meeresluft zerfressenen Peugeot vorsichtig um die größeren Schlaglöcher herum – Place de France, Rue du Portugal, Avenue d’Espagne –, die alten Kolonialmächte waren nur noch Straßen und Plätze, auf denen man nach Belieben herumtrat, obwohl ihnen Tanger weit mehr als seinen schlechten Ruf zu danken hat.

„Warum haben Sie nie geheiratet, Madame?“, fragte Bruno. Er spielte die sympathische „Mademoiselle“-Heuchelei von Ali-Auguste nicht mit, er hatte sein Herz ausgeschüttet und ein Anrecht auf ihre Geheimnisse.

Rita hatte sich die Frage selbst oft genug gestellt, allerdings zu spät. Für Leute wie Bruno den Berber hatte sie freilich eine Antwort bereit. „Kein Talent fürs Privatleben.“ Das traf es vermutlich auch.

„Braucht man dazu Talent?“

„Bei uns schon.“

„Ich glaube, Sie werden Eva finden.“

„Ach ja?“ Rita betrachtete ihn amüsiert, den jungen Mann mit den tief liegenden Augenbrauen, dem stets ernsten Blick, den ehrlichen Augen und dem plakativen Misstrauen, hinter dem sich eine allzu noble Seele verbarg. „Wie kommen Sie darauf?“

„Sie sind eine Frau mit Problemen, Madame“, erklärte Bruno. „Eva ist eine Frau mit Problemen.“ Für einen Augenblick ließ er das Lenkrad los und rieb beide Zeigefinger aneinander. „Waha!

Problem gelöst. Der Peugeot bretterte in ein Schlagloch.

 

Da saß sie, eingezwängt auf ihrem reservierten Platz, und erwiderte den Abschiedsgruß des Berbers, während sich der Zug unter dramatischer Anstrengung aus dem Bahnhof herausarbeitete, mit großem Gebimmel, ein Kompromiss zwischen norwegischem Bus und indischer Eisenbahn, kein einziger freier Platz, aber auch keine Passagiere, die sich an Achsen klammerten oder auf dem Waggondach Tunnels, Brücken und querenden Stromleitungen entgegenbangten.

Rita rieb sich den Schlaf aus den Augen, es war noch früh am Morgen, es war, in der Tat, derselbe Zug, den neun Monate zuvor Eva Gunderson und Julia Amundson genommen hatten. Linker Hand der Strand, Fußball spielende Halbwüchsige und spazierende Mädchen, die sich sehr genau überlegen mussten, wie viel Bein der Öffentlichkeit zumutbar war. Dahinter im Dunst der Felsen von Gibraltar wie ein letzter Gruß Europas.

„Wir fanden ein Abteil, in dem nur Frauen saßen“, schrieb Julia Amundson in ihr Reisetagebuch. „In den anderen Abteilen saß unvermeidlich zumindest ein Marokkaner, der die Luft mit einer billigen Zigarette verpestete. Die Rauchverbotstafeln galten wahrscheinlich nur für Europäer. Wir tauschten den Qualm der Männlichkeit gegen das subtile Parfüm reisender Marokkanerinnen, die ganz offensichtlich an all den Parfümläden im Souk vorbeigelatscht waren, ohne ein einziges Fläschchen zu kaufen.“

Die Obsession der Trondheimer Anwaltstochter mit den Düften Nordafrikas ließ keinen Platz für Evas nächtlichen Ausflug zu Lalla Jamila. Eine spätere Stelle im Text ließ vermuten, dass den beiden Mädchen ganz plötzlich der Gesprächsstoff ausgegangen war, denn „Eva starrte aus dem Fenster und ich las einen Roman, den ich in einem nach tausend ewigen Ladenhütern stinkenden Buchladen in Tanger erstanden hatte. La Civilisation, ma Mère! Mütter, das ewige Thema. Doch bis Meknès sprach Eva kein einziges Wort und als wir in den Bahnhof einfuhren, fehlten mir nur noch drei Seiten. Eine Mutter und Marokkos Kampf um die Unabhängigkeit. Ich machte einen Witz darüber, doch Eva war heute definitiv nicht zum Lachen aufgelegt.“

Bruno der Berber hatte entweder unsagbares Glück gehabt oder jemand hatte seine schützende Hand über ihn gehalten. Wären er und sein nächtlicher Ausflug mit Eva in Julias Tagebuch erwähnt worden, wäre die Nebelwand namens Abu Ahmed vollkommen wirkungslos geblieben und Bruno der Berber hätte mit dem herben Charme eines marokkanischen Polizeiinspektors Bekanntschaft gemacht – Suche nach einer verschwundenen Ausländerin, der Ruf des Reiselandes Marokko steht auf dem Spiel, nach Bruno dem Berber hingegen kräht kein Hahn. Ungünstige Aussichten.

Mehrere Möglichkeiten boten sich an: Julia selbst hatte in weiser Voraussicht eine frisierte Version ihres Tagebuchs herausgerückt. Oder die Kanzlei Nordli für diskrete Ermittlungen war tatsächlich diskreter vorgegangen, als man es ihr zutrauen konnte.

Oder, viel banaler noch, das Dossier war bereits eine Art Resümee. Am Ende ist jedes Dossier eine unvollständige Darstellung der Realität, überall wird gesiebt, sortiert, gewertet, verworfen.

Tatsache blieb, dass Julia Amundsons Reisetagebuch zensiert worden war. Tatsache blieb, dass nirgendwo in den Ermittlungsprotokollen der Herren Rippenkroeger und Brenner die nämliche Episode aufschien.

Von ihren Reisegenossen argwöhnisch beobachtet, blätterte Rita weiter in dem blauen Ordner und gelangte zu Beilage 5 der Akte Eva Gunderson: Aussage der Julia Amundson „im freundschaftlichen Gespräch mit Privatermittler Ragnar Rippenkroeger im Beisein des Vaters der Befragten, des Rechtsanwaltes Asulf Amundson“. Wann und wo haben Sie Eva Gunderson zum letzten Mal gesehen?

Antwort: 27. August 1990, Flughafen Mohammed V. in Casablanca.

Was waren die letzten Worte der Eva Gunderson?

Antwort: „Mach dir keine Sorgen.“

Zu diesem Zeitpunkt befand sich Eva Gunderson bereits unter dem Schutz der Familie des hoch angesehenen Abdelaziz in Rabat. Julia Amundson hatte zusammen mit Eva eine Nacht in der luxuriösen Villa des marokkanischen Geschäftsmanns verbracht und kehrte nach Norwegen zurück, um ihre Studien fortzusetzen, während Eva ihre Weltreise fortsetzen wollte. Warum sich Sorgen machen?

Frage Rippenkroeger: Hat Ihnen Eva Amundson irgendeinen Hinweis auf ihre künftigen Absichten gegeben – Reiseroute, Orte, die sie kennenlernen wollte, Menschen, die sie treffen wollte?

Rita erinnerte sich an die Fotos in Gauklia und konnte sich das nicht ganz verträumte, nicht ganz bittere Lächeln der Millionärstochter vorstellen, als sie ihrer Freundin mit einer knappen Geste bodenwärts mitteilte: „Süden, Julia. Immer Richtung Süden.“

8.

Meknès erwies sich als ein Ort voller Überraschungen. Die erste erwartete sie am Bahnhof, hieß Brahim und fuhr sie in einem Sûreté-Dienstwagen mit Chauffeur zum „Maison d’Orphée“, wo die Angestellten dermaßen nervös wurden, dass dem Rezeptionisten, einem Jungchen mit Wuschelkopf und schrägem Nicken, mehrmals der Kugelschreiber aus der Hand fiel.

Im Wagen hatte Rita scherzhaft gefragt, ob sie nun verhaftet sei, und Brahim hatte sehr ernst geantwortet, dass kein Haftbefehl vorliege, aber er könne ja noch mal in der Zentrale nachfragen. Bis dahin könne sie sich complètement frei bewegen, er sei nur zu ihrem Schutz und Transport abgestellt, aber wenn sie sich allein ins Getümmel stürzen wolle, sei ihm das complètement egal, nur solle sie sich nachher nicht beschweren, wenn sie dabei ebenfalls verschwinde.

Brahim war ein Kompakt-Kleiderschrank, er wirkte von Kopf bis Fuß rechteckig, vor allem Brustkorb, Stirn und die beiden haarigen Hände, deren rechte bei jedem „complètement“ wie ein schlampiger Soldatengruß ans rechte Ohr ging. Sie fragte ihn nach seiner Funktion und er erklärte knapp: Verbrecher fangen, lang lebe der König. Rita kam zu dem Schluss, dass Brahim Humor hatte, wenn auch knorrigen, und dass sein Wagen in der Stadt bekannt war, denn die anderen Autofahrer wichen ihm mit einer fein ausgewogenen Mischung aus Respekt und Panik aus.

Das „Maison d’Orphée“ war ein kleines Hotel im neuen Teil der Stadt. Drei abgestorbene Bäume vor der Fassade stimmten den Gast auf die Freuden des Interieurs ein. In der winzigen Lobby, in der ein ehemals roter Teppich seine letzten Fasern von sich gab, schmirgelte gerade ein Zimmermädchen mit zwei Dosen Pif-Paf-Kakerlakenkiller die Treppe hoch, als Rita mit ihrem Begleiter eintrat und dem Rezeptionisten beim Anblick von Brahim zum ersten Mal der Kugelschreiber aus der Hand fiel. Wir kennen einander, raunte Brahim der Holländerin eine überflüssige Erklärung zu und schüttelte dem dünnen Jüngling mit seiner Quadratpranke die Hand und dabei den ganzen Jüngling. Dann schnippte er mit dem Finger und sagte: „Zimmer.“ Und zu Rita: „Die Formalitäten erledige ich für Sie.“ Seine offene Hand verlangte nach ihrem Reisepass. „Um acht Uhr hole ich Sie ab. Inspektor Yezaa freut sich auf die Ehre, mit Ihnen zu Abend zu essen.“

Rita dankte und musterte das vergilbte Porträt des Königs, das die wichtigste Wand der Lobby schmückte. Hing es wirklich gerade?

 

Die Hotelrechnung in Tanger hatte in Rita eine vollkommen irrationale Sparsamkeit geweckt. Sie beschimpfte sich selbst, nannte sich eine dumme Kuh, eine Idiotin, eine Gans. Andere, sagte sie sich, denken über so etwas nicht einmal nach. Und du?

Rita unternahm einen Spaziergang durch den modern überbauten Stadthügel von Meknès, ihr Blick schlug eine hastige Brücke zum alten Teil, ebenfalls auf einem Hügel, getrennt durch ein Tal, eine gewundene Straße und eine unglaublich idyllische, ja surrealistische Szene: Da hockte ein Bauernhaus zwischen den beiden Stadtteilen und der Bauer bestellte das Land, als existierte Meknès nur als Fata Morgana irgendwo am Horizont.

Nach einigem Fragen gelangte sie zu einer „Teleboutique“. Nicht die Angst vor Abhörwanzen trieb sie zu diesem öffentlichen Telefonschuppen, sondern die Hotelrechnung des „Cinq Etoiles“ in Tanger. Händeringend hatte ihr Ali-Auguste erklärt, dass jene exorbitante Summe, die das Doppelte ihrer Übernachtungskosten ausmachte, auf die beiden Telefonate zurückzuführen sei. Telefonieren im Hotelzimmer sei eben teuer in Marokko, doch er sei davon ausgegangen, dass die Firma bezahle, nicht Mademoiselle Ritamann, sonst hätte er sie gewarnt.

Von wo aus hatte die Millionärstochter Eva Gunderson ihre Telefonate geführt? Wie viel Geld hatte sie tatsächlich zur Verfügung gehabt?

Rembrandt war ausnahmsweise nicht im Büro, also zog Rita eine Warteschleife durch den neuen Teil der Stadt, wagte sich in ein Café voller Männer, schlürfte ihren Minztee unter dem Bombardement neugieriger Blicke und suchte dann die Teleboutique erneut auf. Eine fette, junge Frau, die den Job offenbar nur angenommen hatte, um stundenlang mit einer Freundin telefonieren zu können, wies ihr mit achtloser Geste eine Kabine zu.

Dort erlebte Rita die zweite Überraschung an diesem sonnigen Tag in der Königsstadt Meknès.

„Schlechte Neuigkeiten“, meldete sich Rembrandt. „Norwegen ist negativ.“

„Das ist wohl ein Witz.“

„Mädchen, im Dienst mache ich keine Witze. Und glaube mir, ich habe dein Anliegen mit Nachdruck vertreten, obwohl ich offen gestanden selbst nicht verstehe, was du in Oslo willst. Das Kind wurde in Casablanca zum letzten Mal gesehen, wenn ich mich recht erinnere.“

Rita schluckte trocken. „Kannst du mir das ein wenig genauer erklären?“

„Mit morbidem Vergnügen, Rita. Der Chef hat mir drei Gründe für seine Ablehnung genannt. Erstens steht ihm Paris wegen der Ausgabenpolitik auf den Zehen. Deshalb hat er strikte Kostenkontrolle verfügt. Er verlangt eine klare Begründung und vor allem: Entscheiden kann nicht mehr der Ermittler vor Ort, sondern nur mehr die Zentrale. Bist du noch dran?“

„Ich bin dran. Nur zu, du kannst alles abladen.“

„Zweitens: Norwegen ist abgedeckt, wir haben das gesamte Material, und es macht keinen Sinn, nur zum Wiederkäuen eine 4.000-Kilometer-Flugreise anzutreten und teuren norwegischen Lachs gegen billiges, nahrhaftes, marokkanisches Couscous einzutauschen.“

„Was für ein sagenhafter Blödsinn.“

„Drittens: Du sollst deine Energien auf die Suche konzentrieren. Solange du keine konkreten Hinweise darauf vorlegen kannst, dass Eva Gunderson sich aus obskuren Gründen nach Oslo geflüchtet hat und dort als U-Boot ein merkwürdiges Dasein fristet, hast du gefälligst ihrer Spur zu folgen. Aber jetzt kommt die gute Nachricht.“

„Ich bin auf alles gefasst, Rembrandt.“

„Solange du dem Kind konkret auf der Spur bist, darfst du Spesen machen, als wären wir eine saudiarabische Prinzenfamilie. Denn mit unserer Kundin existiert tatsächlich ein finanzielles Abkommen. Sollten wir die Prämie nach einem Jahr auszahlen müssen, dürfen wir die Ermittlungsspesen abziehen. Hanno verwahrt in seinem Panzerschrank eine notarielle Niederschrift über diesen Deal.“

„Bist du fertig? Darf ich jetzt meine Fragen stellen?“

Rembrandt lachte laut. „Hanno hat recht: Du ermittelst gegen alles und jeden.“

„Ich will nur verstehen“, erwiderte Rita gereizt. Diese Anspielung auf eine Komplizenschaft zwischen Hanno und Rembrandt gefiel ihr nicht. Weil ihr, eigentlich, Rembrandt gefiel. „Wie rechtfertigt Hanno meine Reise nach Trondheim? All der teure norwegische Lachs, von dem ich im Übrigen kein Gramm gekostet habe, nur um mit Mutter Gunderson ein Gespräch zu führen, das weder aufschlussreich noch angenehm war?!“

„Auch das hat Madame Gunderson bezahlt. Indirekt. Du weißt schon: der Deal. Wird nachher von der Prämie abgezogen.“

„Sehe ich Gespenster oder hat sich Madame Gunderson ein Vetorecht auf meine Reiseroute erwirkt?“

Rembrandt räuperte sich unbehaglich. „Das ist eine allzu radikale Sichtweise, glaubst du nicht? Ich meine: Das Veto für deinen Trip nach Norwegen kommt eigentlich aus Paris.“

„Aber auch nur indirekt, weil sich unser oberster Spesensparer profilieren möchte. Das Problem dabei ist: Die Versicherungssumme wird uns weit mehr kosten.“

„Zweifelsohne, Rita. Aber wenn du die Karten auf den Tisch legst und Hanno sieht, dass du in Norwegen tatsächlich neue Erkenntnisse gewinnen kannst ...“

Das war es. Rita sah den Zweck dieser neuen Direktiven glasklar vor ihren Augen: Hanno zwang sie, die Karten auf den Tisch zu legen. Er zwang sie, Rechenschaft abzulegen. Es war die logische Rache für Mexiko, wo Rita ihren damaligen Co-Ermittler Hanno de Mey gnadenlos im Unklaren gelassen hatte. Damit hatte er es umso schwerer gehabt, an ihrem Erfolg mitzunaschen.

Doch Rita hielt sich nicht lange mit Jammern auf. De Mey war stärker, und dass er es auskosten würde, war abzusehen gewesen. Sie musste aus der Situation das Beste machen. Und wenn sie es recht bedachte, hatte sich noch jedes Mal eine Gelegenheit geboten, Hannos Schlägen auszuweichen.

„Das mit den Karten ...“, sagte Rita gedankenverloren. „Rembrandt, du bist ein Genie, auf deine Art.“

„Herzlichen Dank. Was gibt es sonst aus Marokko zu berichten?“

„Nichts. Ich treffe heute den verantwortlichen Polizeiinspektor. Zum Wiederkäuen. Die Reise war angenehm, aber die Telefonrechnungen in den Hotels ...“ Rita stockte.

„Kein Problem für eine saudi-arabische Prinzenfamilie“, bemerkte der Vize vergnügt.

„Richtig. Sag, lieber, guter Freund, könntest du mir in aller Heimlichkeit einen Gefallen tun?“

Rembrandt seufzte. „Ich gehe davon aus, dass jetzt gleich das Wort Norwegen fällt.“

„Es muss unter uns bleiben.“

„Gefährliches Spiel, Rita. Du stellst meine Loyalität auf die Probe.“

„Gefährlicher, Rembrandt: deinen Charakter.“

Kurze Stille. Dann Rembrandt, leise: „Das war hart.“

„Ein Operationsdirektor muss so was aushalten. Ich hätte gerne eine Telefonnummer. Die kannst du problemlos herausfinden. Julia Amundson, Tochter eines Rechtsanwaltes namens Asulf Amundson in Trondheim. Studiert Rechtswissenschaften in Oslo. Ich brauche die private Telefonnummer in Trondheim und, wenn das möglich ist, die Nummer ihrer Absteige in Oslo. Nur solltest du diskret vorgehen. Ich will keinen Staub aufwirbeln. Ich will nicht den Deal zwischen Safee und dem Haus Gunderson gefährden. Verstehst du?“

„Ich bin mir nicht ganz sicher. Deutest du zwischen den Zeilen an, dass du gegen die Familie Gunderson ermittelst?“

„Nichts liegt mir ferner. Ich habe nur ein Problem mit dem Dossier. Das ist ein dermaßen gründlich und subjektiv vorsortierter Haufen von Informationen, dass ich gerne an die Quellen gegangen wäre.“

„Na schön. Für eine Ermittlung gegen die Gundersons musst du nämlich knallharte Indizien auf den Tisch legen.“

„Das kannst du vergessen, es gibt kein einziges. Hast du Angst, ich könnte Amok laufen?“

„Mädchen, wäre es das erste Mal, dass du dich in eine Idee verrennst, die sich nachher als Humbug herausstellt?“

„Rembrandt, ich weiß nicht, was sie dir über mich erzählt haben. Und ich will dich nicht belehren oder einen Werbespot über Rita Kleefman abspielen. Aber es wäre das erste Mal, dass ich nicht allen Unklarheiten nachgehe, die bei mir einen mentalen Juckreiz auslösen. Das hat nichts mit Logik zu tun. Es ist ...“

„Weibliche Intuition.“

„Du kannst es von mir aus Geisteskrankheit oder neurotische Neugierde nennen, aber meinen Ermittlungen hat es bis jetzt nicht geschadet. Mach dir keine Sorgen, ich will nur diskret nachhaken. Immerhin war die junge Dame Evas Reisegefährtin bis wenige Tage vor deren Verschwinden. Das Dossier enthält ein Reisetagebuch, und da wittere ich Gesprächsstoff. Ach ja, noch was.“

Noch was? Rita, ich bitte dich.“

„Nur ein praktischer Hinweis: Ich vermute, der gute Asulf ist der persönliche Rechtsanwalt der Millionärsfamilie. Wir wollen also wirklich, wirklich diskret vorgehen, damit nicht plötzlich dumme Gerüchte in Umlauf geraten.“

„Wie zum Beispiel welches?“

„Zum Beispiel das Gerücht, ich würde gegen die Familie Gunderson ermitteln. Das wäre schlecht für die Geschäfte, schlecht fürs Prestige ...“

„Jetzt verstehe ich“, rief Rembrandt aus. „Deshalb ist die Gunderson so zickig!“

... und schlecht für die Ermittlungen, dachte Rita.

9.

Abdellah Yezaa hatte den grünlich blassen Teint eines dunkelhäutigen Menschen, der jahrzehntelang nicht an die Sonne gekommen war. Seine Lippen waren afrikanisch. Meist presste er sie zusammen, damit man seine schlechten, gelben Zähne nicht sah, zwischen denen goldener Ersatz funkelte. Er war stark und athletisch gebaut, und trotzdem hatte sein Gang etwas Invalides. Zog er tatsächlich ein Bein nach? Auch er? Rita wollte ihm nicht nachstarren, als er aufstand und das Lokal durchquerte, um ein paar Worte mit Brahim zu wechseln, doch da war etwas Asymmetrisches in seiner Art, sich fortzubewegen, das sie faszinierte.

Er trug einen Anzug, der vornehmer wirkte als Yezaa selbst. Die Krawatte war mit einigem Geschmack ausgesucht, hing jedoch unwillig an seinem Kragen. Yezaas Rechte tastete oft nach dem Krawattenknopf. Prüfte er nach, ob sein Stecknadel-Mikrofon noch am rechten Platz war? Doch die Geste hatte nichts Kontrollierendes, eher etwas Unbehagliches.

Yezaa hatte sie im Restaurant erwartet. Zwei Tische weiter nahm Brahim Platz und vertrieb sich die Zeit mit dem Besitzer des Lokals, der sehr erpicht darauf schien, den Mann von der Sûreté bei Laune zu halten. Immer wieder schoss er aus der Küche heraus und sein grinsendes, leuchtend rotes Gesicht tanzte um Brahims Tisch wie ein Halloween-Lampion. Zu Yezaas Tisch kam er nur einmal, überschüttete ihn und Rita mit einem Schwall gutturaler Höflichkeiten und zündete mit weiten Gesten zwei Kerzen an.

Rita war überrascht von Yezaas Wahl. Es war kein Luxusrestaurant und nicht einmal volkstümlich, dafür mit verblüffendem Dekor ausgestattet: Mannsgroße Karikaturen im Stil der Jahrhundertwende bedeckten die Wände, grotesk verzerrte Fratzen starrten den Gästen auf die Teller. Gegen die Straße hin stand der Raum offen wie eine Garage, nur einige Topfpflanzen markierten die Linie, wo der Gehsteig aufhörte und der Speiseplatz begann.

Nach ihrem Telefongespräch mit dem marokkanischen Ermittlungsleiter erwartete sich Rita zumindest milden Spott – da kam sie angebraust, die holländische Versicherungsdetektivin, und wollte erreichen, was weder der diskreten Nordli-Kanzlei noch dem mächtigen marokkanischen Sicherheitsapparat in vielen Monaten gelungen war. Sie legte sich eine kühle Verteidigungslinie zurecht: Es ging um Geld, es war eine formale Geschichte. Sie hoffte nicht wirklich, die Millionärstochter zu finden, sie wollte nur ihren Job erledigen. Ein bürokratischer Vorgang. Die übliche Tour: Unterschätzt zu werden war ihr Schutz, ihre Tarnung.

Dabei vergaß Rita eine wichtige Maxime: Wer sich zu sehr an ein Schema klammert, gerät früher oder später in eine Situation, in der es nicht funktioniert. Und wichtiger noch: Bei manchen Menschen funktionieren Schemata überhaupt nicht. Im Gegenteil, sie verraten.

Als Yezaa die erwartete Frage stellte, wie die Holländerin all die vorhergehenden Ermittler beschämen wollte, tat er das auf eine Art, als sei der Spott nur vorgeschoben, unvermeidlich quasi, eine formale Verteidigung der Berufsehre. Doch was verbarg sich dahinter? Rita, geschult in der Annahme des schlimmsten Falles, war verwirrt.

Yezaa zündete sich eine Zigarette an. Im Aschenbecher lag ein halbes Dutzend zerdrückter Stummel, er hatte entweder sehr lange gewartet oder in kurzer Zeit sehr viel geraucht. Oder ein vorhergehendes Rendezvous?

„Wie wird man bei Ihnen Detektiv?“, war die merkwürdige zweite Frage, und Rita registrierte, wie Yezaa freundlich lächelte und die Lippen eisern zusammengepresst hielt, um ihr den Anblick seiner dentalen Ruinenlandschaft zu ersparen.

„Verschlungene Wege“, gab Rita eine defensive Antwort, weil sie die Frage als persönlich missverstand. Obwohl sie es auf Geringschätzung anlegte, ging ihr der Erfolg solcher Bemühungen auf die Nerven.

„Ich meine: Gibt es bei Ihnen Schulen dafür? Oder kommen Ihre Leute von der Polizei?“

„Ein paar“, log Rita, weil es logisch klang. Nur arbeitete bei Safee kein einziger ehemaliger Polizist. Nicht dass sie wüsste. Rembrandt vielleicht. Interessanter Gedanke, sie würde ihn fragen.

„Sie wirken nachdenklich“, sagte Yezaa. „Ich versichere Ihnen, dass meine Frage auf pure professionelle Neugier zurückzuführen ist.“

Rita lauschte dem geschliffenen Französisch seiner marokkanischen Reibeisenstimme mit einigem Vergnügen. „Es gibt in unseren Ländern“, erklärte sie bewusst förmlich, „noch einige Berufe, die keiner Ausbildungsregelung unterliegen. Jeder darf sich Journalist nennen. Oder Geistheiler. Oder Versicherungsdetektiv. Das sind Funktionen, keine Studientitel.“

„Aber ich nehme an, Sie studieren ein wenig Theorie und besuchen gelegentlich Fortbildungskurse.“

Bei Safee?, dachte Rita und sie spürte, wie sich ihr Mund zu einem hämischen Grinsen verzog.

„Wenn es die Arbeit erlaubt, meine ich“, setzte Yezaa hinzu, mildes Verständnis in seinen Augen. „Sie haben viel Arbeit, nehme ich an.“

„Es gibt Fernkurse für Detektive“, klärte sie den Polizisten auf. „Häufig organisiert von Leuten, die in ihrem Beruf keinen Erfolg hatten und deshalb auf andere Weise ihr Geld verdienen müssen.“ Rita suchte nach einem Satz, mit dem sie den Gesetzeshüter verstören konnte, und fügte mit kokettem Tonfall hinzu: „Wir gehören einer sehr anarchistischen Profession an, Monsieur Yezaa.“

„Ich stelle keinesfalls Ihre Qualifikation infrage“, sagte Yezaa, ohne die erwünschte Verstörung zu zeigen, drückte seine Zigarette aus und fingerte in seinem Sakko nach dem Päckchen. „Ich bin nur neugierig. Vergangenes Jahr besuchte ich einen Kurs in Quantico. Fortgeschrittenes Ermittlungswesen. Am Ende hatte ich das Gefühl, als hätte ich dort in zwei Wochen mehr gelernt als während meiner gesamten Ausbildung in Marokko.“ Yezaa lächelte wieder mit geschlossenem Mund und ließ die Zigarette mit seinen Gesten kreisen. „Das ist natürlich blanker Unsinn. Nur ein subjektiver Eindruck, wenn man mit ungewohnten Methoden konfrontiert wird. Aber ich liebe es, dazuzulernen. Das FBI funktioniert wie eine Wissenschaft, hier in Marokko dagegen setzen wir mehr auf Intuition, auf natürlichen Instinkt. Ich dachte, auch Sie hätten vielleicht eine interessante Methode auf Lager, die ich noch nicht kenne.“

„Wie die Psychomethode.“

Yezaas Gesicht verzog sich zu einer Grimasse. „Das war ein unangebrachter Scherz meinerseits. Ist mir herausgerutscht. Da hat sich mein Ärger entladen.“

„Ärger worüber?“

„Über mich selbst. Darüber, dass wir Mademoiselle Eva Gunderson nicht gefunden haben. Auf dem Marktplatz der Altstadt von Casablanca endet die Spur. Monatelange Nachforschungen, ein paar angebliche Sichtungen, aber nichts Substanzielles. Verraten Sie mir doch, Madame Kleefman: Wie wollen Sie vorgehen? Das interessiert mich wirklich.“

„Ich will vor allem meinen Papierkram erledigen“, hielt sich Rita stur an die beschlossene Marschroute, bemerkte aber sofort, dass ihre Antwort zu platt ausgefallen war.

„Papierkram? Sie sind Bürokratin?“ Endlich wirkte Yezaa verstört. „Sie wollen das Mädchen also gar nicht wirklich suchen?“

„Natürlich will ich das Mädchen suchen, das ist Teil meines Auftrags.“ Rita hob die Hände. „Aber nicht mit der Psychomethode.“ Und als Yezaa stumm blieb, setzte sie hinzu: „Enttäuscht?“ Und fragte sich, warum sie mit dem braven Mann derart zynisch und defensiv umging. Vielleicht, weil sie ihn nicht auf den ersten Blick durchschaute. Vielleicht, weil sie sich dagegen wehrte, ihn sympathisch zu finden. Vielleicht, weil auch er – vielleicht – hinkte. Und dann war ja immer noch zu klären, ob er wirklich der brave Mann war, den er hier so gekonnt mimte.

Yezaa runzelte die Stirn und sagte: „Ich kenne Leute, die sich sehr ernsthaft damit beschäftigen. Es gibt natürlich eine Grauzone, wo das Ganze in Parapsychologie umschlägt – frag den Toten, wer ihn ermordet hat, und solchen Nonsens. Aber darüber spreche ich nicht. Ich spreche von Profilerstellung, zum Beispiel.“

„Quantico“, sagte Rita, um zu beweisen, dass sie zumindest oberflächlich wusste, wovon Yezaa sprach.

„Genau“, sagte der. „Und ich habe mich gefragt, ob wir im Fall der veschwundenen Mademoiselle nicht umgekehrt vorgehen sollten. Statt Täterprofil ein Opferprofil.“

„Sie sprechen immer von Täter“, sagte Rita und versuchte eine elegante Geste, als hätte sie Yezaa ertappt.

„Falsch“, sagte Yezaa und drückte zur Bekräftigung und viel zu früh seine Zigarette im Aschenbecher aus. „Ich spreche von Opfer.“

„Das setzt ein Verbrechen voraus.“

„Wieder falsch“, sagte Yezaa und seine Stimme nahm Härte an, wie die eines Lehrers. „Auch Unfälle erzeugen Opfer. Manche werden unter gewissen Umständen sogar zum Opfer ihrer selbst.“

Rita stieg das Blut ins Gesicht. Sie spürte, dass ihre Methode nicht funktionierte, obwohl sie plangemäß jeden Anschein von Kompetenz in den ersten Minuten ihres Gesprächs verspielt hatte. Ihr wurde klar, dass sie einem intelligenten und gebildeten Mann gegenübersaß, der komischerweise Polizist war und offenbar nicht die geringste Lust hatte, seinen Triumph über die Detektivin aus dem reichen und wohlorganisierten Norden auszukosten. Sie spürte nur seine Enttäuschung, und das schmerzte sie wesentlich mehr. Entweder war sie das Opfer einer meisterhaften Finte oder sie war drauf und dran, einen möglichen Verbündeten zu verlieren. Rita erkannte, dass sie im Spiel bleiben musste, um das herauszufinden. Obwohl er vielleicht genau damit spekulierte. Obwohl vielleicht genau das sein Spiel war.

„Wollen wir essen?“, fragte Yezaa mit einem halbherzigen und vollkommen appetitlosen Lächeln. Rita hatte den Eindruck, dass er nur das Thema wechseln wollte.

 

Sie studierten schweigend ihre Speisekarten. Rita ging mechanisch die Namen der Gerichte durch, ohne wirklich zu lesen. Sie wurde das Gefühl nicht los, dass sie etwas gutzumachen hatte, doch war ihr schleierhaft, wie sie das anstellen wollte. Der Mann konnte sie mit einem Hinweis auf den offiziellen Ermittlungsbericht der marokkanischen Sûreté abspeisen – Beilage 2 der Akte Eva Gunderson –, ohne dass ihm dafür irgendetwas vorzuwerfen war. Schließlich wollte sie ja „nur ihren Papierkram erledigen“. Was für ein idiotischer Patzer! Wenn Yezaa ihrer Suche minimal nützlich werden konnte, musste sie sein Vertrauen erringen.

Doch warum hatte er so viel Interesse daran gezeigt, sie persönlich kennenzulernen? Weil er sich ein interessantes europäisches Mädchen erwartet hatte? Warum legte er permanent Köder aus? Warum wirkte er so unglaublich glaubwürdig?

Doch das Schattenbild von Abdellah Yezaa, das in ihrem Hirn herumspukte, weigerte sich, Konturen anzunehmen. Er saß vor ihr, den Blick in die Speisekarte vertieft, und tat nichts, um den verwirrenden ersten Eindruck, den er bei Rita hinterlassen hatte, zu klären.

„Wollen Sie mir etwas empfehlen?“, fragte Rita, ohne von der Speisekarte aufzublicken.

Yezaa legte seine Karte auf den Tisch und wartete, bis er sich der Aufmerksamkeit seiner störrischen Dinnergesellin sicher war.

„Sie werden sich vielleicht gefragt haben, warum ich Sie in dieses einfache Restaurant gebeten habe“, sagte er mit schüchterner Geste, als hätte sie sich gerade beschwert. „Und die Erklärung ist einfach: Besser als hier isst man vielleicht im Königspalast von Rabat, aber nirgendwo in Meknès.“

„Wundervoll“, sagte Rita kühl.

Yezaa hob die Augenbrauen. „Wollen Sie wissen, warum das so ist?“

Ich habe ihn wieder enttäuscht, dachte Rita. Keine Neugier, kein Kombinationsvermögen, nur ein blödes „wundervoll“, um die Bemühungen des Polizisten zu Small Talk zu degradieren. Dabei hatte der Mann eine Geschichte zu erzählen. Die war ihm möglicherweise deshalb so wichtig, weil er nicht mehr über Eva Gunderson sprechen wollte.

Rita erklärte die Runde für verloren und ermunterte Yezaa, seine Geschichte über das Lokal zu erzählen.

„Wissen Sie, was ‚Dada‘ bedeutet?“

„Vater“, riet sie. „Oder so etwas Ähnliches.“ Sofort verfluchte sich Rita für ihre schnelle und wahrscheinlich vollkommen danebenliegende Antwort.

„Dada“, erwiderte Yezaa, Ritas Antwort gnädig ignorierend, „ist die Bezeichnung für schwarze Sklavinnen, die in reichen Familien für Kinder und Küche verantwortlich waren.“

Der Marokkaner legte eine Pause ein für eine Zwischenfrage, einen Kommentar oder was auch immer. Rita sah sich plötzlich als Objekt einer Charakterprüfung, dabei hatte sie genau das Gegenteil vorgehabt. Sie schwieg beharrlich und wartete darauf, dass Yezaa fortfuhr.

„König Moulay Ismail hat sie zu Tausenden ins Land gebracht, aus dem Sudan. Die Männer wurden Militärsklaven, die Frauen – die Dadas – wurden Köchinnen und Konkubinen. In beiden Bereichen waren die Dadas äußerst erfolgreich.“

Yezaas Blick wanderte für einen Moment zu dem unvermeidlichen Porträt von König Hassan II., dann zwinkerte er Rita zu. Sie verstand nicht. Sie verstand überhaupt nichts mehr. Ein Zeichen? Wo zum Teufel hatte sie ihre Auffassungsgabe gelassen an diesem verdammten Abend in Meknès? Sie hatte die Dumme nur spielen wollen.

„Die Dadas sind die besten Köchinnen Marokkos. Nur in den privaten Häusern natürlich, denn außerhalb – in den Restaurants und Palästen – kochen immer die Männer. Bis auf wenige Ausnahmen.“ Er pochte mit dem Zeigefinger auf die Tischplatte. „Dieses Lokal ist eine. Hier kocht eine authentische Dada. Das finden Sie fast nirgendwo in Marokko.“

„Eine Sklavin?“

„Eine schwarze Frau, die von den sudanesischen Sklaven des Moulay Ismail abstammt. Die Sklaverei ist natürlich abgeschafft. Offiziell, meine ich.“

Während Rita erstaunt über Yezaas letzten Satz nachgrübelte, fingerte er an seiner Speisekarte herum und räusperte sich.

„Ich hätte“, sagte er leise, „kein Problem damit, wenn eine Frau einen Job besser erledigen würde als ein Mann.“

„Wie zum Beispiel Kochen“, verschoss sich ein Pfeil aus Ritas feministischem Giftköcher ganz von selbst.

„Oder eine verschwundene Frau zu finden“, fügte Yezaa unbeirrt hinzu. „Ich war ein wenig überrascht, als diese beiden Norweger ankamen. Wie hießen Sie noch ...?“

„Brenner und Rippenkroeger.“

„Genau. Haben Sie die beiden kennengelernt?“ Yezaas Gesicht hatte sich aufgehellt, er schien zu schmunzeln.

„Nein.“

„Ah. Kuriose Typen. Aber jedenfalls Männer. Die ganze Zeit schon habe ich darauf gewartet, dass mal eine Frau hier auftaucht und der Sache nachgeht. Dieselbe Kultur, dasselbe Geschlecht – ich dachte, für die Erstellung eines Opferprofils wäre das ideal.“

„Haben Sie keine Frauen bei der marokkanischen Polizei?“

„Wir sind ein sehr traditionelles Land, Mademoiselle, auch im negativen Sinn. Die Modernität hat uns noch nicht überzeugt. Und wir haben Frauen bei der Polizei, nur reichen die nicht ganz an Miss Marple heran.“

„Vielleicht sollten Sie es mit einer dieser fabelhaften Dadas probieren. Haben die nicht übersinnliche Fähigkeiten?“

„Möglich“, quittierte Yezaa ihren matten Scherz ohne Lächeln. Dann fuhr er fort, als spräche er mehr mit sich selbst: „Das Problem ist die Kultur, die Abstammung. Wer sollte eine Eva Gunderson besser verstehen als eine Frau aus ihrer eigenen Kultur?“

Er fuhr hoch wie aus einem Traum und ließ seine Linke auf den Tisch fallen, während die Rechte samt Zigarette in die Höhe ging. „Aber ich will Sie nicht länger mit meinem Faible für neue Methoden langweilen. Die Kollegen in Rabat werfen mir vor, ich wäre seit diesem Kurs in Quantico nicht mehr ganz richtig im Kopf. Ich kann schon keine Coca-Cola mehr trinken, ohne mich schuldig und unangemessen verwestlicht zu fühlen. Ich beneide Sie, Madame, Sie können so westlich sein, wie Sie wollen, und niemand wirft Ihnen Verrat vor. Aber genug der Klagelieder – worauf hätte Ihr Gaumen Lust?“

„Wenn ich jetzt Couscous sage, klingt das wahnsinnig banal, oder?“

„Das hängt davon ab, ob Sie Couscous sagen, weil Ihnen der Sinn tatsächlich nach Couscous steht, oder weil Sie die anderen Speisen nicht kennen.“

„Ich fühle mich wie ein kompletter Idiot.“

Yezaa blickte sie an, als wollte er sagen: Da kann ich Ihnen nicht helfen, Madame, und sagte dann, als hätte er den gleichen Eindruck: „Es ist nicht einfach, in einem fremden Land als Detektiv zu arbeiten.“

Rita verspürte einen Stich im Magen. Du gehst zu weit, Couscousfresser, und ich habe von Marokko die Nase voll, bevor ich noch richtig angekommen bin.

„Es ist schon schwierig genug im eigenen Land“, setzte Yezaa beschwichtigend hinzu, als habe er Ritas Gedanken gelesen. „Unser Versagen in diesem Fall liegt mir schwer im Magen. Ich brauche eine Dada-Köchin, sonst kriege ich nichts runter.“ Er lächelte Rita an und kurz öffneten sich seine Lippen, gaben den Blick frei auf ein furchtbares Schlachtfeld, wo Karies und Fäulnis Triumphe feierten. „Das ist der wahre Grund, warum ich mit Ihnen hier speisen wollte: Ich brauche meine Dada-Köchin.“

 

Rita ließ sich auf etwas moderat Exotisches ein, „Bastilla“, ein runder Kuchen mit Taubenfleischfüllung, Mandelpastete und Zuckerglasierung. „Eine Spezialität aus Fès, aber niemand macht eine so gute Bastilla wie unsere Dada hier“, versicherte Yezaa, der eine simple Harira schlürfte, mit geschlossenen Zahnreihen, wie Rita zu bemerken glaubte, als ob die dickflüssige Gemüsesuppe durch die dentalen Lücken ihren Weg fände und als ob dies Teil des Vergnügens wäre. Sie bemerkte die kontrollierenden Blicke ihres Gegenübers. Offenbar versuchte Yezaa abzuschätzen, ob er zu laut war. Irgendwann sagte er „Pardon, Madame“ und stellte seine Speisetechnik um. Er hatte ihre verstohlenen Seitenblicke bemerkt.

„Sind Sie jemals diesem Abu Ahmed aus Tanger auf die Spur gekommen?“, fragte Rita, um ihre Verlegenheit zu überspielen. Yezaa wirkte auf einmal verletzlich. In seinen Essgewohnheiten war etwas Animalisches, Gieriges, überlagert von einer mühsam aufrechterhaltenen Selbstkontrolle und einer nicht dazu passenden Eleganz. Ein Sohn armer Eltern, aufgewachsen in einem elenden Dorf? Doch woher kam dann sein geschliffenes Französisch, woher diese natürliche Selbstsicherheit?

Yezaa verschluckte sich fast. Er fuhr sich mit einer Papierserviette über den Mund, seine Zunge fuhr reinigend innen herum, und erst als das letzte Gemüsepartikel in der Speiseröhre verschwunden war, erwiderte der Polizist: „Denken Sie, Abu Ahmed sei wichtig?“

„Ich weiß es nicht.“ Rita zuckte die Achseln. „Was denken Sie?“

Auch er zuckte die Achseln, seine Stirn lag plötzlich in nachdenklichen Falten. So saß er da und dachte über die Wichtigkeit des Abu Ahmed nach, von dem nur Rita wusste, dass er in Wahrheit die Schöpfung einer nervösen Hotelequipe war.

„Tanger“, sagte Yezaa dann und hielt den linken Zeigefinger weit nach links, „und Casablanca“. Die Rechte fuhr nach rechts. Er maß die Distanz zwischen beiden Zeigefingern und schüttelte den Kopf. „Ich sehe keinen Zusammenhang. Sehen Sie einen?“

„Ich sehe keine Bedeutung in geografischen Entfernungen“, sagte Rita. „Ein Mann, der offenbar hinter den beiden Mädchen her war – das klingt doch interessant.“

„Warum sind Sie dann nicht in Tanger geblieben?“, fragte Yezaa rasch. „Warum sind Sie dem nicht nachgegangen?“

Rita spürte die aggressive Intelligenz des Verhörspezialisten. Eine harmlose Frage und Sekunden später stand sie in einer Sackgasse und wusste sich nur mit einer verlegenen Geste zu helfen und einer wenig überzeugenden Antwort: „Vielleicht tu ich das noch.“

Yezaa blickte sie prüfend an. „Sie haben den Bericht gelesen. Was denken Sie über Abu Ahmed? Ist er eine Reise nach Tanger wirklich wert?“

„Ich weiß es nicht“, erwiderte Rita. „Ich habe noch nicht genügend Informationen, um eine Theorie zu begründen.“

„Arbeiten Sie nur mit Informationen oder auch mit Intuition?“

„Meine Intuition sagt mir, dass Abu Ahmed nur einer von vielen Marokkanern war, die sich für die beiden Norwegerinnen interessiert haben.“

„Dem stimme ich zu“, sagte Yezaa nickend. „Meine Kollegen in Tanger haben Abu Ahmed gefunden. Sie haben ihn überprüft und verhört. Er war harmlos. Keine Mädchenleichen im Keller, keine blonden Haare in seinem Bett.“

Rita blieb der Mund offen stehen. Ali-Auguste hatte recht gehabt: Die marokkanische Polizei fand sogar Leute, die gar nicht existierten.

„Jetzt“, rief Yezaa aus und zeigte vergnügt auf ihre verblüffte Miene, „zeigen Sie Ihr wahres Gesicht. Wie schmeckt Ihre Bastilla?“

„Verrückt“, erwiderte sie leise.

„Da steckt Wahrheit drin.“ Yezaa zeigte auf den halb gegessenen Taubenkuchen. „Sie werden das bestätigt finden: Die echte, marokkanische Küche lockt die Wahrheit aus ihrem Schlupfwinkel. Sie versetzt den Gast in eine Trance des Wohlgefühls, des Vertrauens. Die Schutzmechanismen fallen langsam von ihm ab, er merkt es gar nicht. Und plötzlich“, er hob die gespreizten Hände wie ein Zauberkünstler bei einem Trick, „gibt es keine Geheimnisse mehr.“

Endlich hast auch du dich in eine Sackgasse geredet, dachte Rita und sagte: „So also entlocken Sie Ihren Häftlingen Geständnisse! Ein himmlisches Couscous, eine köstliche Bastilla, und schon plaudert Abu Ahmed. Ich nehme an, Sie haben in Quantico über diese Verhörmethode berichtet.“

Yezaa schüttelte lachend den Kopf, doch seine Heiterkeit wirkte aufgesetzt. „Inshallah, schön wär’s. Doch wir verhören ohne Bastilla. Nein, ich spreche nicht von Verhören. Ich spreche von Begegnungen wie der unseren. Glauben Sie, dieser Abu Ahmed existiert tatsächlich?“

„Sie sagten mir gerade, Ihre Kollegen hätten ihn gefunden.“

„Meine Kollegen“, er senkte die Stimme und blickte ihr direkt in die Augen. „Ils sont des idiots.“

Yezaas Miene hatte sich versteinert. Rita saß wie angewurzelt, fühlte Nervosität wie bei der entscheidenden Frage eines Examens.

„Was wollen Sie mir sagen?“

„Ich will sagen, dass die spezifischen Methoden der marokkanischen Polizei bei Kriminalfällen nicht immer zum korrekten Ergebnis führen, selbst wenn ein Geständnis vorliegt.“

„Das klingt nicht sehr loyal.“

„Oh, wir sind loyal. Alle. Es gibt nur einen Gott, Allah, nur einen Propheten, Mohammed, und nur einen König, dessen direkte Abstammung vom Propheten ein Faktum ist.“ Yezaas lebhafte Diktion nahm das Einschläfernde eines Leierkastens an. „Wer das anzweifelt, wandert direkt ins Zuchthaus. Nein, Madame, wir sind loyal. Hassan II. kann auf uns zählen. Er ist unser Vater, unser Architekt, unser höchster Priester. Und unser Polizeidirektor. Doch sprechen wir über Eva Gunderson – dies ist ein Abendessen auf Kosten des Königs, wir sollten uns auf unsere Arbeit konzentrieren.“

„Sagen Sie“, Rita faltete die Hände über den Resten ihrer Bastilla, „wie viele 20-Millimeter-Geschosse verträgt eine Boeing 727, ohne abzustürzen?“

Yezaa verzog das Gesicht. Rita hatte das Gefühl, als sei es im ganzen Lokal stiller geworden.

Der Marokkaner räusperte sich, den Blick auf Rita gerichtet, ob prüfend oder warnend, sie konnte es nicht sagen, sie hatte noch immer kein Gefühl für ihr Gegenüber entwickelt. Ihr war, als sparte Yezaa den eigentlichen Kern seiner Botschaft ständig aus. Als führte ihr Gespräch immer wieder auf einen neuen Pfad, dessen Ende und wahren Zweck sie nie zu sehen bekam. Es tat gut, selbst mal einen neuen Pfad zu wählen.

Nach einer Weile sagte Yezaa mit leiser, anerkennender Stimme: „Touché.“ Punkt für Rita. Und setzte betont beiläufig hinzu: „Aber um Ihre Frage zu beantworten: Das kommt ganz darauf an, wer in dieser Boeing 727 sitzt.“

„Dachte ich mir.“

„Das ist fast zwanzig Jahre her, Madame Kleefman. In zwei Jahrzehnten hat sich eine Menge getan.“

„Bestimmt. War auch nur eine Frage.“

„Reden wir über Eva Gunderson?“

Rita nickte. „Reden wir über Mademoiselle Eve, Monsieur Yezaa.“

10.

Es war wie ein Waffenstillstand. Beide hatten festgestellt, dass sie mit ihrem hartnäckigen Sondieren aus sicherer Deckung nicht weiterkamen, dass sie damit in Wahrheit mehr über sich selbst verrieten als über den anderen erfuhren. Also sprachen sie über Eva Gunderson.

Yezaa, der sich mit mühsam kontrolliertem Heißhunger über eine Tagine hermachte, ließ seine Ermittlungen Revue passieren, wie sie schon im Bericht standen, doch mit Zwischentönen, für die Rita dankbar war.

„Das Kind“, erklärte er – und bezog sich ab dann auf Eva Gunderson nur noch als l’enfant, das Kind –, „kommt mit ihrer Freundin in Tanger an. Ein Tag und zwei Nächte Tourismus, die Spur Abu Ahmed führt kerzengerade ins Nichts, sowohl was die Ermittlungen als auch was die analytischen Fähigkeiten meines energischen Kollegen in Tanger betrifft, ich bitte vielmals um Verzeihung und ganz unter uns. Nächster Stopp Meknès. Zwei Tage, davon ein Tag Ausflug zu den römischen Ruinen von Volubilis und zur Pilgerstadt Moulay Idris. Keine Zettelchen, keine Liebschaften, nichts. Dann stürzen sich die beiden nordischen Sirenen in das Labyrinth von Fès. Dort werden sie angemacht wie tausend andere Touristen und Touristinnen vor ihnen. Waren Sie schon in Fès? In Marokko? Nun, diese illegalen Führer sind ein Problem. Und dann haben Sie es mit einer Menge Charmeure zu tun, die es bewusst darauf anlegen ... Sie wissen schon: Beinharte Sexualmoral, die Fantasie entzündet sich am Mangel, und dann kommt eine Ausländerin und zeigt mehr Bein, als der arme Kerl in seinem ganzen Leben jemals gesehen hat. Wir erhalten jährlich Dutzende Anrufe von europäischen Eltern, die in Panik geraten, weil ihr Küken im Begriff ist, einen Marokkaner zu heiraten. Meine Landsleute gehen aufs Ganze in solchen Fragen. Der Ring der Familie schließt sich um das neue Pärchen wie mit eisernen Ketten, und das Küken ist glücklich, denn sie sind überwältigend charmant, die Marokkaner.“ Er machte eine wegwerfende Geste, als hätte das alles nichts mit ihm zu tun. „Sagt man.“

Yezaa verarbeitete einen Mundvoll Tagine und spülte Cabernet Président hinterher.

„Brenner und Rippenkroeger haben in Fès mit einem marokkanischen Privatdetektiv zusammengearbeitet. Das wussten Sie nicht, wie? Sein Name ist Youssef Amoun.“

Rita machte große Augen. Davon stand kein Wort im Bericht.

„Wollen Sie die Adresse?“

„Bitte.“

Yezaa kramte eine Visitenkarte aus einem von losen Zetteln und Visitenkarten überquellenden Notizheft, das von einem dünngespannten Gummiring zusammengehalten wurde.

„Warum Fès?“, fragte Rita. „Warum nicht Rabat oder Casablanca?“

„Das haben mir die Herren nicht gesagt. Vermutlich erschien ihnen die Atmosphäre in Fès bedrohlicher als anderswo. Tatsächlich haben wir in Fès und in Marrakesch mehr Probleme mit verschwundenen Ausländern als irgendwo sonst, aber das hängt unter anderem damit zusammen, dass wir dort auch mehr ausländische Besucher haben als irgendwo sonst. Agadir ausgenommen, aber das ist eine Sicherheitszone. Disneyland auf Afrikanisch. Und dann gibt’s noch den Rif, heiße Gegend, aber dort fahren nur wenige hin.“

„Warum verschwinden Ausländer?“

„Meist Mädchen, die sich mit einem marokkanischen Typen einlassen oder in eine Situation geraten, die eskaliert. Sexuell meine ich. Der Typ oder die Typen können ihren Saft nicht halten und sehen sich dann vor der Wahl, das Mädchen verschwinden zu lassen oder Bekanntschaft mit unseren Verhörzellen zu machen.“

„Wo keine Bastilla gereicht wird.“

Exactement. Dafür andere Spezialitäten, und die sind nicht weniger berühmt.“ Yezaa blickte sie an. War das Selbstanklage oder Drohung? Wieder ein kurzer Moment des Sondierens – sondierte auch er? –, dann kehrten sie zu Eva Gunderson zurück, zum „Kind“.

„In anderen Fällen sind Ausländer in unsichere Regionen gereist und dort in Schwierigkeiten geraten. Und dabei umgekommen.“

„Wo gibt es schwierige Regionen?“

„Teile unseres Grenzgebietes zu Algerien. Die Sahrawi-Regionen im Süden. Teile des erwähnten Rifs. Und das eine oder andere Tal im Atlasgebirge. Unsere Gendarmen weisen die Ausländer bei Straßenkontrollen selbstverständlich auf diese Gefahren hin. Manche Gebiete sind für Fremde ohnehin gesperrt, aber es gibt Narren, die Schleichwege nehmen, und nicht wenige davon haben in den Tod geführt. Und dann sind Ausländer in Drogengeschäfte verwickelt, in den Menschenschmuggel und in andere illegale Geschäfte. Manchmal riskieren sie zu viel oder sie zerstreiten sich mit ihren marokkanischen Partnern. Voilà, deshalb verschwinden bei uns die Ausländer.“

„Denken Sie, Eva Gunderson ist tot?“

„Nein, ich denke, sie lebt noch.“

Rita spielte mit ihrer Serviette und machte eine Pause, um ihre Erregung zu verbergen. „Warum denken Sie das?“

„Weil ich es hoffe“, sagte Yezaa, ohne aufzublicken. Er zerteilte das zarte Fleisch seiner Tagine und türmte kunstvoll eine Portion auf seiner Gabel auf.

Rita beschloss, diesen Pfad nicht weiterzuverfolgen, obwohl sie spürte, dass Wunschdenken allein einem intelligenten Ermittler wie Yezaa nicht genügte, um eine solche Vermutung laut auszusprechen. Er würde seine Beweggründe unauffällig in die Konversation einflechten, so weit kannte sie ihn schon.

„Die beiden Kinder lassen sich also in Fès belästigen wie alle anderen auch und haben dabei mehr oder weniger Spaß. Wie viele allein oder zu zweit Reisende schließen sie sich kurz mit anderen Touristen zusammen. Gregory Fox und Michael Shilling, zwei britische Studenten. Brenner und Rippenkroeger haben mit beiden gesprochen, jedoch keinen nützlichen Hinweis erhalten. Die Jungs waren offenbar sauber.“

Rita nickte. Beilage 4 des Ermittlungsberichts.

„Was denken Sie über die beiden Briten?“, fragte sie.

„Ich denke, die Norwegerinnen waren nie in Gefahr, von den Jungs belästigt zu werden. Wenn Sie wissen, was ich meine.“

„Ist das nicht ein seltsames Grüppchen – Eva, Julia und die beiden Engländer?“

„Madame“, sagte Yezaa ohne Lächeln, „für uns sind alle Ausländer seltsam. Und es wird Ihnen bei Ihren bestimmt sehr gründlichen Recherchen über unser Land und seine Geschichte nicht entgangen sein, dass Marokko seltsame Zeitgenossen aus nördlichen Ländern immer schon angezogen hat wie das Licht die Fliegen. Fragen Sie bitte nicht, woran das genau liegt, aber es wäre wohl eine Ermittlung wert, das zu ergründen.“ Er hob beide Hände. „Nicht meine Abteilung, quand même.“

Yezaa grub mit seiner Gabel die Tagine um und nahm einen Bissen. Seine Rechte zitterte leicht. Rita betrachtete die Karikaturen an den Wänden, während der Polizist hastig kaute.

„Von Fès“, setzt er dann fort, „reisen die beiden mit dem Bus nach Rabat. Dort begeben sich die Mädchen in den Schutz der Familie des eherenwerten Abdelaziz Rahmani, möge ihm der Prophet noch viele Jahre gewogen sein, ihm und seinen Geschäften.“

Wieder dieser merkwürdige Unterton.

„Nach zwei Tagen und tausendundeiner Nacht in der prächtigen Villa des ehrenwerten Abdelaziz Rahmani tritt Julia Amundson die Rückreise an. Das Kind ist allein. Madame, darf ich Ihnen eine Frage stellen?“

Rita nickte.

„Welche Reisepläne hatte Eva Gunderson? Wo wollte das Kind hinfahren, -fliegen oder -schwimmen? Ich stellte den Herren Brenner und Rippenkroeger dieselbe Frage, doch die taten, als ob das ein norwegisches Staatsgeheimnis wäre.“

„Vermutlich wussten sie es selbst nicht.“

„Wissen Sie es, Madame?“

„Süden.“ Rita erinnerte sich an die Abschiedsszene, geschildert von Julia Amundson im „freundlichen Gespräch“ mit den Leuten von Nordli. „Das war alles, was sie ihrer Freundin anvertraute.“

„Das Kind hatte doch nicht im Ernst vor, nach Mauretanien weiterzureisen?“

„Was wäre daran so schlimm?“

„Madame, vor einem Jahr hatten wir noch Krieg im Süden. Zwischen hier und Mauretanien befindet sich das Territorium der Westsahara, das selbstverständlich zu Marokko gehört, wie der König richtig feststellt, nur gibt es da unten ein paar Beduinen, die dem König nicht zuhören wollen, und deshalb haben wir zweihunderttausend Soldaten hinuntergeschickt, um den Worten des Königs Respekt zu verschaffen. Nur“, Yezaa holte Luft, er klang erregt, „was hätte das Kind dort unten verloren? Gar nichts. Irgendwann wäre es in den Kontrollposten der Sperrzone hängen geblieben. Wo liegt also dieser Süden, den das Kind bereisen wollte? Schwarzafrika? Kanarische Inseln? Südamerika? Oder war das ein Süden in ihr selbst, den sie finden wollte?“ Er legte die Rechte auf sein Herz.

Rita hob überrascht die Augenbrauen. Auf alles war sie vorbereitet gewesen, nur nicht auf einen Tiefschürfer wie Yezaa.

„Die Polisario ...“, warf sie ein.

„Lassen wir das Thema beiseite, es führt nirgendwohin“, winkte der Marokkaner brüsk ab. „Gehen wir systematisch vor. Am 29. August 1990 kommt es offenbar zu einem ‚Missverständnis‘ im Haus Rahmani und das Kind beschließt, Marokko von nun an auf eigene Faust zu erkunden.“

„Dieses ‚Missverständnis‘“, imitierte Rita Yezaas Intonation, doch der entzieht ihr mit einer schneidenden Handbewegung das Wort: „Wir kommen noch dazu, Madame. Lassen Sie uns den Weg des Kindes nachvollziehen. Es büchst also aus und verbringt die Nacht standesgemäß im Fünf-Sterne-Hotel Hyatt Regency. Dann besteigt es am 30. August den ersten Pendelzug nach Casablanca. Dafür gibt es Zeugen. Danach quartiert sich das Kind für drei Nächte in der Jugendherberge von Casablanca ein.“

Yezaa machte eine Pause und studierte Ritas Reaktion. Doch sie zeigte keine Regung.

„Haben Sie jemals in einer Jugendherberge in Marokko logiert?“

Rita schüttelte den Kopf.

„Ein Erlebnis. Kalte Duschen, raue Decken, bis zu zwanzig Personen in einem Raum und hygienische Verhältnisse, die sich deutlich von denen des Hyatt Regency unterscheiden. Höchst merkwürdig also für eine Millionärstochter. Hatte sie Geldprobleme? Wohl kaum. Am 31. August, einem Freitag – die Banken sind geöffnet, weil Marokko nach dem muselmanischen Kalender nur betet, aber nach dem christlichen Geschäfte macht –, hebt sie bei der Banque du Maroc 5.000 Dirham ab. Davon könnte sie ein Jahr leben, bliebe sie in der Jugendherberge. Doch das tut sie nicht. Am 2. September packt sie ihre Sachen und reist ab. Wohin?“

Rita öffnete den Mund, doch Yezaa, der sich wieder seiner Tagine widmete, als müsste er für die kommende Etappe des Gesprächs Energie tanken, hob abwehrend die Hand. Rita sah ihm schweigend beim Essen zu. Yezaa verschlang hastig den Rest der Tagine, Ritas Blick war ihm egal.

„Logischerweise ergeben sich die beiden folgenden Möglichkeiten. Eins: Sie hat Casablanca nie verlassen. Zwei: Sie ist abgereist. Möglichkeit eins ist unwahrscheinlich, nahezu undenkbar, denn wir haben die Stadt förmlich auf den Kopf gestellt und ich sehe mir seit acht Monaten jede Leiche an, deren Beschreibung auch nur entfernt auf das Kind passt und Spuren eines Gewaltverbrechens aufweist. Pardon, das ist nicht das richtige Thema beim Essen.“

Rita zuckte die Achseln. „Das ist ein Arbeitsessen. Weiter.“

„Wir nehmen also an, das Kind ist abgereist. Süden, sagt die kleine Eva Gunderson. Immer Süden ...“

„Das sind ihre exakten Worte. Woher wissen Sie das?“

Yezaa stockte.

„Hatten Sie Einsicht in die Gesprächsprotokolle der Kanzlei Nordli?“ Rita begann mit einem Zahnstocher zu spielen.

„Nein“, erwiderte Yezaa. „Ich habe Brenner und Rippenkroeger darum gebeten, doch sie lehnten ab. Ich bekam nur zu sehen, was sie für notwendig hielten.“

„Woher kennen Sie dann den exakten Wortlaut?“

„Von Rahmani“, erwiderte Yezaa mechanisch. „Möge ihm der Prophet ...“

„Rahmani durfte nicht belästigt werden.“ Rita hielt den Zahnstocher in die Flamme einer Kerze. „Er war nicht involviert.“

„Wir durften ihn sehr wohl befragen.“

„Davon steht nichts in Ihren Protokollen.“

„Eine bedauerliche Unterlassung.“

„Merkwürdig, bei einem so wichtigen Zeugen wie Rahmani.“

„Ist das jetzt eine Vertrauenskrise?“, fragte Yezaa und klang zynisch.

Rita zuckte die Achseln. „Warum sagen Sie nicht offen, dass Brenner und Rippenkroeger ihre Papiere unvorsichtigerweise im Hotelzimmer liegen ließen?”

„Und was hätte ich davon, außer Probleme?“

„Sie haben recht. Eine Vertrauenskrise.“ Sie lächelte ihm aufmunternd zu. „Begleiten wir Eva Gunderson weiter auf ihrem Weg in den Süden.“

Yezaa biss sich versonnen auf die Unterlippe und sagte dann nicht mehr ganz so forsch: „Zwei Wege führen in den Süden. Die Küste entlang: El Jadida, Safi, Essaouira, Agadir. Oder landeinwärts: Marrakesch.“

„Ihr Tipp?“

„Marrakesch. El Jadida und Safi sind für Besucher weniger interessant. Marrakesch ist ein Pflichtstopp für jeden Touristen und liegt nur eine halbe Tagesreise entfernt.“

„Nur: Dort haben Sie Eva nicht gefunden.“

„Richtig.“ Yezaa faltete die Hände und folgte Ritas Blick. „Ist etwas?“

„Wohin ist Ihr Kollege verschwunden?“

Yezaa hob die Schultern. „Brahim ist Polizist, Madame. Vermutlich hat man ihn gerufen. Doch bleiben wir bei unserer kleinen Norwegerin. Darf ich Ihnen meine Theorie präsentieren?“

„Ich bitte darum.“

„Was immer zwischen dem 29. August und dem 2. September geschehen ist – ich bin davon überzeugt, dass es den Schlüssel zu ihrem Verschwinden darstellt. Sie verbringt die Nacht vom 29. auf den 30. August in einem Fünfsternehotel. Dann nimmt sie einen Pendlerzug und quartiert sich in einer miserablen, dreckigen Jugendherberge in der Altstadt von Casablanca ein, während ihr die Banknoten buchstäblich aus dem Koffer quellen. Das ist nicht normal.“

„Und was, glauben Sie, ist passiert?“

„Das ist ja das Verteufelte an diesem Fall: Ich habe nicht einmal eine Vermutung oder eine Intuition. Wir haben natürlich das Personal der Jugendherberge gegrillt, tagelang ... und höflich, Madame, höflich, ich war selbst dabei. Resultat: null. Das Kind verhielt sich still, ging keine Beziehungen ein, gab keine Notsignale, die Leute nannten sie am Ende nur ‚die schweigende Schönheit‘. Und damit komme ich zu einem wichtigen Punkt. Was zwischen dem 29. August und dem 2. September passiert ist“, Yezaa lehnte sich nach vorn und legte die Rechte wieder auf seine Brust, „ist wahrscheinlich in ihr passiert. In ihrem Kopf, in ihrer Seele, in ihrem Herzen. Irgendetwas hat Klick gemacht und plötzlich war sie eine andere.“

„Geisteskrankheit?“

„Das würde mich überraschen. Solche Fälle enden früher oder später in einer Klinik oder auf der Polizeistation. Oder in der Leichenhalle.“

Sie schwiegen beide, bis Rita sagte: „Und?“

„Nichts und. Weiter bin ich nicht gekommen. Weiter ist niemand gekommen, auch nicht die Herren Brenner und Rippenkroeger.“

„Halten Sie einen Zusammenhang zwischen dem ‚Missverständnis‘ im Hause Rahmani und diesem Klick für möglich?“

Yezaa runzelte die Stirn. „Auslösend vielleicht. Aber nicht ursächlich. Das war ein so gewaltiges Klick, dass ein paar Nächte in der Villa Rahmani nicht ausreichen, um es zu erklären. Was immer es mit diesem ‚Missverständnis‘ auf sich hatte.“

„Kommen wir auf Ihre Befragung Rahmanis zurück. Was hat er Ihnen noch so alles erzählt?“

„Es war eine sehr kurze Audienz und die Auskünfte waren spärlich. Sie werden vermutlich mehr Glück haben.“

„Ach ja?“

„Sie kommen von der Familie.“

„Ich komme von der Versicherung, Monsieur Yezaa.“

„Ist das nicht dasselbe?“

Rita antwortete nicht. Dann hob sie fragend den Finger.

„Madame?“

„Sagen Sie mir nur eines, Monsieur Yezaa. Warum sind Sie so versessen darauf, diesen Fall zu lösen?“

Yezaas Zunge fuhr über seine ruinösen Zahnreihen.

Rita stieß nach: „Wäre das nicht peinlich für Sie, wenn ich Erfolg hätte?“

„Möglicherweise.“

„Erklären Sie mir Ihre Motive, Herr Inspektor.“

Yezaa warf lachend den Kopf zurück. „Fantastisch! Sie wollen ein Motiv! Wollen Sie auch ein Alibi?“

„Ein Motiv reicht völlig.“

D’accord. Das ist schnell erklärt. Wie Sie richtig vermuten, Madame, hätte Ihr Erfolg böse Folgen für mich. Mein Vorgesetzter wird mit seinem Golfschläger auf meinen Schädel eindreschen und mich einen unfähigen Wicht nennen. Bleibt der Fall hingegen ungelöst ... Sehen Sie, dieses Verschwinden von Ausländern kaufkräftiger Nationalität ist nicht gut für unser Image als Urlaubsland. Die Polizei setzt deshalb ihre besten Leute darauf an. Hat man Erfolg, bleibt man dabei. Versagen führt zu Versetzung. Andere Abteilung. Ich würde gerne weiter nach kaufkräftigen Ausländern suchen. Ich will nicht versetzt werden.“

„Versetzt wohin?“

Yezaa blickte sie lange an. „Andere Fälle, Madame.“ Dann erklärte er lebhaft: „Und vor dem Golfschläger habe ich keine Angst. Dafür habe ich mir eine Taktik zurechtgelegt. Die besteht darin, Sie nach Kräften zu unterstützen.“

„Ich bin begeistert. Aber was gewinnen Sie dabei?“

„Wenn Sie das Kind tatsächlich finden, kann ich meinem Chef glaubhaft vorgaukeln, der Erfolg gehe in Wahrheit auf mein Konto.“

„Das war nun wirklich schockierend ehrlich. Übrigens ist Brahim wieder da.“ Sie zeigte auf den viereckigen Inspektor, der sich neuerlich an seinen Tisch gesetzt hatte. Vor ihm lag ein Paket. „War er einkaufen?“

Yezaa zuckte die Achseln. Er wirkte unglücklich.

„Unser Abendessen ist also beendet“, sagte Rita fröhlich. „Nun, da alles erledigt ist.“

Yezaa seufzte. Rita zügelte ihre Hochstimmung, sie wollte nicht hämisch wirken. Dank Brahim war der Abend doch noch ein Erfolg geworden.

„Darf ich Sie kontaktieren, wenn ich nach Rabat komme?“, fragte sie.

„Ich bitte darum, Madame“, erwiderte Yezaa lahm. Seine Hand fuhr an den Krawattenknopf. „Vielleicht nach Ihrem Treffen mit Rahmani.“

„Einverstanden.“

Sie erhoben sich. Yezaas Blick wanderte zwischen Brahim und Rita hin und her. Dann gab er sich einen Ruck und sagte mit aufgesetztem Lächeln: „Wir bringen Sie ins Hotel, Madame.“

Der Chauffeur des zivilen Polizeiwagens hatte die ganze Zeit im Fahrzeug gewartet. Mit der Linken vertrieb er renitente Verkehrsteilnehmer, die ihm unterwegs nicht sofort Platz machten. Brahim saß auf dem Beifahrersitz, das Paket auf seinem Schoß, während hinten Rita und Yezaa einander anschwiegen.

„Sie wollen morgen vielleicht nach Volubilis“, sagte Brahim, als sich Rita vor dem Maison d’Orphée verabschiedete. „Sie können gerne ohne meinen Schutz dorthin fahren. Nehmen Sie einfach ein Taxi, 30 Dirham, keinen Groschen mehr. Und wenn der Taxifahrer Sie übers Ohr hauen will, erwähnen Sie meinen Namen. Sagen Sie einfach, Brahim ist ein guter Freund von Ihnen. Brahim von der Sûreté.“

Brahim schenkte Rita zum Abschied sein erstes Lächeln. Es war, wie erwartet, complètement rechteckig.

 

Als Rita das Hotel betrat, befahl Brahim dem Chauffeur loszufahren.

„Du bist ein Trottel“, zischte Yezaa von hinten. „Mon Dieu, quelle connerie!“

„Hat sie was gemerkt?“

„Natürlich hat sie was gemerkt. Sie ist nicht halb so blöd, wie du glaubst. Ich habe dagestanden wie der letzte Idiot.“

„Tut mir leid, Abdellah.“

„Warum hast du mir das Paket nicht gleich vor ihren Augen überreicht? Scheißpaket! Das nächste Mal lässt du es im Kofferraum.“

D’accord, Abdellah.“

„War die Akte wenigstens komplett?“

„Nein, Abdellah.“

Yezaa sank müde in seinen Sitz zurück. Natürlich nicht. Madame hatte den Besuch erwartet. Sie war auch nicht halb so blöd, wie er gedacht hatte.

 

Am Ende des Tages verlangte der Taxifahrer zweihundert Dirham, nicht dreißig. Als Rita ihre „Freundschaft mit Brahim“ erwähnte, rief ihr der Mann mit bitterem Grinsen einen Abschiedsgruß zu, der mehr wie eine Verwünschung klang, und ließ die Holländerin in einer Staubwolke zurück, ohne auch nur Trinkgeld angenommen zu haben.

Für Rita war der Besuch von Volubilis und Moulay Idris ebenfalls ein verlorener Tag. Bei flimmernder Hitze spazierte sie durch die römische Ruinenstadt, wo ein Wächter mit lächerlicher Schirmmütze die Besucher mit Beschimpfungen und Steinwürfen zwang, auf den schlecht markierten offiziellen Wegen zu bleiben. Ihre Gedanken waren bei Abdellah Yezaa. Sie konnte nichts Bedrohliches an ihm finden und fürchtete ihn deshalb. Warum legte er es darauf an, ihr Vertrauen zu gewinnen? Nur um den Fall endlich doch zu lösen?

Die Einladung zum Abendessen hatte offenbar dazu gedient, in Ruhe ihr Hotelzimmer zu durchsuchen und ihre Unterlagen zu kopieren, doch es störte sie nicht sonderlich, das war normale Polizeiarbeit in einem Land wie Marokko. Als Brahim mit dem Paket, das die Kopien enthielt, im Restaurant auftauchte, hätte sie fast laut gelacht. Und als sie später die Akte durchblätterte, bemerkte sie, dass Brahim sich zuweilen geirrt und die Kopien statt der Originale zurückgelassen hatte. Nur gut, dass nicht alle marokkanischen Polizisten vom FBI trainiert waren. Yezaas offene Zerknirschung hatte sie eigentümlich berührt. Er hatte nichts von der schmierigen Arroganz und Brutalität gezeigt, die sie erwartet hatte. Irgendwie passte er nicht in den Apparat.

Natürlich hatte sie die Akte vorher bereinigt, zu offensichtlich war das polizeiliche Arrangement gewesen. In ihrer Tasche im Restaurant lagen jene Passagen aus dem Bericht der Kanzlei Nordli, die dazu geeignet waren, das Verhältnis zwischen Nordlis Kunden und Marokko nachhaltig zu trüben. Denn Brenner und Rippenkroeger hatten aus ihrer Verwunderung über die zahlreichen unskandinavischen Aspekte der marokkanischen Polizeiarbeit keinen Hehl gemacht.

11.

Rita kam dem Schicksal der norwegischen Millionärstochter am unwahrscheinlichsten aller Orte auf die Spur: Fès.

Anderswo sind es die Touristen, die sich auf eine Stadt stürzen. In Fès stürzt sich die Stadt auf die Touristen. Dass Rita keine Touristin war, half ihr in keiner Sekunde, Fès stürzte sich auch auf sie. Binnen weniger Stunden hatte sie genug: Halbwüchsige tanzten um sie herum, imitierten ihr Humpeln, lauerten auf das kleinste Zeichen von Unsicherheit. Junge Männer mit Sonnenbrillen boten sich als Führer durch das Labyrinth der Medina an, zuerst höflich, dann bestimmt, und wenn auch das nichts nützte, ging das Werben in wüste Beschimpfung über. Rita tauchte aus der Medina im modernen Fès wieder auf wie ihr eigenes Gespenst. In ihrem Kopf hallten Angebote und Drohungen wider, die Stadt schien sich ausschließlich um sie zu drehen, auf sie zu blicken, doch sie wusste, dass jeder Besucher dasselbe empfand.

„Eva machte es nichts aus, doch ich war nach einem Vormittag in der Altstadt den Tränen nahe. Ein junger Mann drückte mir einfach ein Kätzchen in die Hand, und was ich als zärtliche Geste missverstand, war in Wahrheit eine schäbige Methode, uns Geld abzupressen. Er weigerte sich, das Tier zurückzunehmen, und verlangte Bezahlung. Ich wagte nicht, es auf den Boden zu setzen, denn mehrere Köter beobachteten die Szene und der junge Mann machte mir klar, was geschehen würde, sollte ich das Kätzchen laufen lassen. Das Tier in meiner Hand wimmerte zum Herzerweichen. Ich hätte den Kerl am liebsten umgebracht. Plötzlich nahm mir Eva das Kätzchen aus der Hand, setzte es auf eine hohe Mauer und zog mich fort. Hinter uns ging ein Tumult los: Der Kerl schrie Eva obszöne Beleidigungen nach, die Köter bellten und sprangen an der Mauer hoch, um nach dem Kätzchen zu schnappen. Das ist also Fès. Wo ist der Zauber? Wo ist die Magie? Nichts als Beleidigungen und Dreck und der Gestank der Färbereien.“

Arme Julia Amundson, sie war nicht dafür geschaffen, jene Teile Nordafrikas kennenzulernen, die außerhalb der Club Meds lagen. Eva hingegen strahlte in den wenigen Zeilen, die ihr seit Tanger in Julias Tagebuch gewidmet waren, eine ruhige Bestimmtheit aus. Eva war es, die auf jede kleine Krise mit einem entschlossenen Akt reagierte, noch während Julia Amundson ihre empfindliche Nase in die Luft hielt und damit einen weiteren Schritt in Richtung ewiger olfaktorischer Feindschaft mit dem Orient tat. Sie stanken nach Urin, die Färbereien, gewiss, aber hübscher als chemiestrotzende Fabrikanlagen waren sie immer noch.

Nach einem guten Mittagessen schöpfte Rita wieder Mut, beschloss jedoch, ihren Reiseführer persönlich auszusuchen. Youssef Amoun klang verschlafen, dann sehr, sehr wach, als sie den Grund ihres Hierseins und ihr Anliegen erklärte.

Rita hatte gerade Zeit, sich frisch zu machen, als der Privatdetektiv buchstäblich mit rauchendem Schuhwerk beim Hotel eintraf. Er trug einen merkwürdig geschnittenen Straßenanzug – weder westlicher Chic noch arabisches Flair, irgendwie hatte es der Schneider verstanden, die schlechtesten Attribute beider Welten in diesem Kleidungsstück zu vereinen. Offenbar hatte Amoun auch eine Blitzrasur hinter sich, denn sein Kinn sah aus, als wäre er unterwegs in einen Messerkampf geraten, und eine Wolke süßlicher Aftershave-Dünste hatte den komischen Effekt, Fliegen anzuziehen.

So stand er vor ihr, schwitzend, dünstend und mit der Linken die Fliegen verscheuchend, die sich ständig auf seinen Kragen setzen wollten, während seine Rechte Ritas Hand auf eine Weise knetete, als versuchte er mit ihr Geheimzeichen auszutauschen. Die Holländerin machte ihren Vorurteilen mit einem politisch korrekten Willensakt den Garaus und erwiderte sein breites Lächeln.

„Ich möchte Ihnen gleich zu Beginn ein Geständnis machen“, sagte Amoun, als sie im Garten des Hotels saßen, er mit einer Coca-Cola, Rita mit marokkanischem Minztee. Die afrikanische Sonne brannte unbarmherzig auf einen Rasen, der sichtlich Heimweh nach England hatte, und im Swimmingpool des Hotels warteten die Algen auf die längst fällige Chlor-Attacke. Der Privatdetektiv hob den Zeigefinger. „Ich war mit der Art, wie die Ermittlungen geführt wurden, nie einverstanden.“

„Die der Polizei?“

„Gott behüte. Ich weiß nicht, was die Polizei getan hat. Die Polizei ist bestimmt nicht unfähig, aber die Leute haben ihre Beschränkungen. Ganz im Vertrauen“, er beugte sich zu ihr und senkte die Stimme, „Zu politisch. Zu korrupt.“ Er wippte wieder in seinen Stuhl zurück. „Non, Madame, ich beziehe mich auf die beiden Herren, die vor ein paar Monaten hier auftauchten und meine Dienste in Anspruch nahmen.“

Amoun sah Rita nie direkt in die Augen, sondern sprach wie ein Bühnenschauspieler zu einem imaginären Publikum. Erst jeweils am Ende seiner Darlegungen wandte sich sein Blick der Holländerin zu, mit gerecktem Kinn, als studierte er kritisch, ob Rita die Bedeutung seiner Worte voll erfasste. Er senkte erneut die Stimme.

„Wissen Sie, Madame: Um in diesem Teil der Welt zu recherchieren, muss man sich auskennen.“

„Gilt das nicht für jeden Teil der Welt?“

„Mehr oder weniger. Doch die westliche Kultur ist durchlässiger, transparenter. Einem Marokkaner fällt es bestimmt leichter, sich in Norwegen einzuleben, als einem Norweger in Marokko.“

„Guter Punkt“, gestand Rita. „Woran liegt das?“

„Sie sind eine offene Gesellschaft, die aus dem Geheimnis eine Sünde gemacht hat. Wir sind eine geschlossene Gesellschaft und haben aus dem Geheimnis eine Kunst gemacht.“ Amoun schloss die Augen und lächelte versonnen.

„Sie sind ja ein Philosoph.“

„Nebenbei“, winkte der Detektiv ab. „Ich arbeite viel für westliche Kunden und lege größten Wert auf gegenseitiges Verständnis.“ Und Amoun hielt einen langen Diskurs über kulturelle Unterschiede und zufriedene westliche Kunden. Ein Kellner brachte eine zweite Flasche Coca-Cola und einen zweiten Tee.

„Die Herren aus Norwegen haben Sie also engagiert“, zerrte Rita den Philosophen-Detektiv wieder zum Thema zurück.

„Nur für Fès. Ich leiste also hervorragende Arbeit, man zahlt mich aus, kein weiteres Wort. Madame, ich habe die Herren mit Hinweisen versorgt, mit Ratschlägen, Kontakten – das Resultat ist bekannt. Ein Jammer. Wissen Sie, was ich denke? Ich war zu großzügig. Ich habe die beiden derart mit Informationen aufgeladen, dass sie glaubten, den Job auch ohne mich erledigen zu können. Die Herren aus Norwegen wollten ganz einfach den Ruhm nicht teilen. Voilà, das ist es, was ich den Herren aus Norwegen zu sagen habe. Hätte mir die Arbeit die Zeit gelassen, ich hätte auf eigene Rechnung nach dem Mädchen gesucht. Aber Sie wissen, wie das ist, wenn man ein gut gehendes Büro hat. Man kann seine Kunden nicht einfach im Stich lassen.“

Blick auf Rita, Kinn hoch, Schluck aus dem Glas, die Linke verscheucht ein Geschwader Fliegen, das am Kragen des Detektivs Markttag feiert, die Finger der Rechten beginnen auf die Tischplatte zu trommeln, der Blick nimmt Schärfe an und wandert wieder ins Uferlose.

„Wenn Sie wollen, Madame, kann ich Ihnen zu einem erfolgreichen Abschluss dieses Falles verhelfen. Wir könnten auch gerne über eine weitergehende Zusammenarbeit zwischen Ihrer Firma und meinem Büro sprechen. Doch alles zu seiner Zeit.“

„Haben Sie konkrete Hinweise?“

Amoun räusperte sich und schlug die Beine übereinander. Rita sah, dass sich die Sohle von einem seiner Schuhe zu lösen begann.

„Natürlich, haufenweise. Und ich wette meine international gültige Lizenz, dass nicht allen nachgegangen wurde.“

„Warum sollten Brenner und Rippenkroeger Hinweisen nicht nachgehen?“

„Das waren ihre Namen. Brenner und Rippenkroeger. Das klingt schon so inkompetent, finden Sie nicht? Aber um Ihre Frage zu beantworten, Madame: Weil sich die beiden in Marokko nicht auskennen. Weil sie als unkundige Ausländer die Glaubwürdigkeit und Implikationen eines Hinweises nicht korrekt einschätzen können.“

Rita gestand sich widerwillig ein, dass der Mann zwar eine Menge heiße Luft von sich gab, in manchen Punkten jedoch voll ins Schwarze traf.

„Nennen Sie mir ein Beispiel“, sagte sie.

Amoun lächelte. „Wenn wir uns besser kennen, Madame. Zuvor würde ich Ihnen gerne Fès zeigen.“

„Ich würde gerne die Ergebnisse Ihrer Ermittlungen erfahren.“

„Das ist praktisch dasselbe. Wir wandeln auf den Spuren der beiden Damen. Ich habe ihren Aufenthalt in Fès Meter für Meter rekonstruiert.“

„Merkwürdig, im Bericht der Kanzlei Nordli steht davon kein Wort.“

„Dafür, Madame, gibt es einen Ausdruck.“ Amoun richtete sich auf, seine Hände klammerten sich würdig an den Aufschlag. „Mangel an Professionalität. Voilà. Aber mein Gefühl sagt mir, dass Sie aus anderem Holz geschnitzt sind.“

 

Youssef Amoun tat sein Bestes, um Rita in den Wahnsinn zu treiben. Wann immer sie drauf und dran war, ihn als Großmaul abzuqualifizieren, und sich einen Vorwand für einen frühen Abschied zurechtlegte, stellte er mit ein, zwei sehr gescheiten Sätzen ihr Urteil infrage. Er tat, als steckten so viele Asse in seinem Ärmel, dass er kaum noch den Arm bewegen konnte. Rita durchschaute den Bluff, wusste aber nicht, ob es lediglich geschäftsfördernde Übertreibung oder blanke Lüge war. Seine viel gepriesenen Hinweise freilich, denen Brenner und Rippenkroeger nicht nachgegangen waren, schwebten den ganzen Nachmittag vor Ritas Augen wie eine Fata Morgana. Wann immer die Konversation einem konkreten Punkt zusteuerte, löste sie sich plötzlich in Luft auf.

Wesentlich konkreter wurde der Privatdetektiv, wenn er über seine norwegischen Kollegen herzog, während sie gemeinsam durch Fès spazierten, „auf den Spuren der beiden Damen“. Auf seine plumpe Art, um Ritas Vertrauen zu buhlen, machte er aus Brenner und Rippenkroeger zwei Clowns, die nicht recht wussten, wie sie sich in Marokko verhalten sollten. Offenbar hatten die Norweger gelesen, dass man hier nie direkt zur Sache kam, sondern erst ein wenig Small Talk machte. Also machten sie Small Talk, auf die norwegisch-systematische Art, immer nach dem Schema Wetter-Familie-Beruf. „Madame“, erklärte Amoun, „über das Wetter spricht man nur in Ländern, wo es sich täglich ändert. Aber die beiden kamen jeden Tag in mein Büro und bestanden darauf, über den blauen Himmel zu reden, den wir seit zwei Monaten hatten. Sie fragten mich ständig, wann es meiner Ansicht nach regnen würde, und ich antwortete jedesmal: Nur Allah weiß das.“

Am Abend lud Amoun die Holländerin in ein luxuriöses Restaurant ein, das deutlich über seinen finanziellen Möglichkeiten lag. Von seinem treuen Fliegenschwarm umschwirrt, blätterte er am Ende einen riesigen Haufen Dirham-Noten auf ein silbernes Tablett und versuchte so zu tun, als sei das für ihn kein Vermögen. Rita hatte vergebens darum gerungen, den Abend auf ihre Spesenrechnung zu setzen, und Amoun nutzte den Moment, um die bereits mehrfach erwähnten „Perspektiven einer permanenten Zusammenarbeit zwischen meinem Büro und Safee Securities“ zu erörtern. Rita sollte ihrer Firma den Deal schmackhaft machen. Ihr Nachteil sollte es nicht sein. „Wenn Sie wissen, was ich meine.“ Amoun rückte näher und ließ die Augenbrauen tanzen. Die Holländerin, durchdrungen von Schuldgefühlen, weil sich der gute Mann einen langen Nachmittag um sie bemüht hatte und nun womöglich Schulden machte, nur um sie zu beeindrucken, und leicht benebelt von dem betörenden Cabernet Président, kratzte ihre letzten Reste detektivischen Verstandes zusammen und erwiderte: „Wenn Sie mir endlich ein paar nützliche Hinweise für den Fall Eva Gunderson verraten, habe ich in Amsterdam ein gutes Argument in der Hand, um Ihr Anlegen zu vertreten, mein sehr geschätzter Kollege Amoun.“

„Es wäre nicht fair, meine Kompetenz ausschließlich an diesem Fall zu messen“, protestierte er. „Die Norweger haben mir kaum Gelegenheit gegeben, mein Potenzial zu entfalten. Außerdem sind seither Monate vergangen.“

„Woran soll ich Ihre Kompetenz dann messen?“

Amoun blickte sie lange an und schnurrte: „Gehorchen Sie Ihrem Gefühl, Madame.“

Rita begann zu kichern. „Verzeihung, das muss der Wein sein.“

Amoun lachte höflich mit. „Im Ernst, Madame. Seien Sie nicht so mathematisch. Ihr Europäer seid immer so mathematisch.“

Rita spürte, dass ihr ein hysterischer Lachanfall den Hals hochkletterte, und vergrub ihr Gesicht in den Händen.

Amoun grinste verlegen. „Was ist los mit Ihnen? Was habe ich gesagt?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nichts, nichts.“

„Madame, ich fürchte, Sie nehmen mich nicht ernst.“

Das Gesicht in ihren Händen, lauschte Rita einer unbehaglichen Stille. Als Amoun wieder sprach, hatte sich sein Tonfall definitiv geändert.

„Denken Sie, ich bin ein miserabler kleiner Detektiv, der nur das große Wort führt?“

Rita blickte auf. „Ich bitte Sie um Verzeihung“, sagte sie rasch. „Es war ein wundervoller Abend, und ich habe wohl ein bisschen zu viel getrunken. Der Wein ist wirklich hervorragend.“

Auch er hatte getrunken, seine schwere Zunge gab dem Pathos den Klang eines lebenslangen Scheiterns, ein trauriger Fall von Alkoholfahne auf Halbmast.

„Sagen Sie mir offen, wie Sie über mich denken“, verlangte Amoun. Sein Gesicht hatte sich versteinert, jede Höflichkeit war aus seiner Stimme gewichen, gerechter Zorn begann die Trunkenheit aus seinen Worten zu scheuchen. „Raus mit der Sprache!“

„Ich kenne Sie zu wenig“, wich Rita aus. Nur keine Szene jetzt. „Und ich habe Sie nur gefragt, wann Sie mir die angekündigten Hinweise geben wollen.“ Dann fügte sie, um ihn milde zu stimmen, hinzu: „Dafür erhalten Sie selbstverständlich ein Honorar.“

Schutzgeld, damit du mich in Ruhe nach Hause gehen lässt.

Amoun schien zu überlegen. „Je ne veux pas mon honoraire“, deklamierte er dann. „Je veux mon honneur. Ich will meine Ehre, Madame.“

Und ich will meine Hinweise, dachte Rita.

Amoun schien zu einem Entschluss gekommen zu sein. „In Marokko“, erklärte er, „misst man die Qualitäten eines Mannes an seiner Familie. Kommen Sie aus einer guten Familie, bedeutet das, Sie haben eine gute Erziehung genossen, haben einen guten Charakter und verfügen über gute Beziehungen. Wären das Qualitäten, die einen Detektiv in Marokko auszeichnen sollten?“

„Bestimmt.“

„Beziehungen sind das Allerwichtigste hier“, sagte Amoun. „Sie können der cleverste Detektiv der Welt sein – wenn Ihnen niemand die Türen öffnet, nützt das gar nichts. Und ich habe Beziehungen. Ich werde es Ihnen beweisen. Madame“ – es klang wie eine Kriegerklärung an die Mächte der Finsternis, jene Mächte, die seine Ehre bedrohten – , „darf ich Sie einladen, meine Familie kennenzulernen?“

„Das ist sehr freundlich.“

Ein Zeigefinger stach herrisch in ihre Richtung. „Morgen Abend. Ich hole Sie vom Hotel ab.“

„Könnten wir uns vorher treffen? Es gibt noch einiges zu besprechen.“

Amoun winkte ab. „Ich habe Kunden zu betreuen, Madame. Wir können alles Nötige am Abend besprechen.“

Rita nickte. Verdammter Kicheranfall.

 

Im Hotel fand sie eine Nachricht von Rembrandt, zwei Telefonnummern ohne Kommentar, Vorwahl 47, also Norwegen. Das konnte nur Julia Amundson sein, ihr Elternhaus in Trondheim und ihre Studienwohnung in Oslo. Am folgenden Morgen zog sich Rita nach dem Frühstück auf ihr Zimmer zurück – zum Teufel mit der Telefonrechnung –, machte es sich auf ihrem Bett bequem und wählte die erste Nummer.

Das Klackern des Wählmechanismus war gerade verklungen, da meldete sich eine schüchterne Stimme. „Amundson.“

„Ich würde gerne mit Julia Amundson sprechen.“

„Am Apparat.“

Bingo, dachte Rita.

„Wer spricht?“

„Mein Name ist Rita Kleefman. Ich arbeite für eine Versicherung und rufe aus Marokko an.“ Rita schluckte. „Es geht um Ihre Freundin Eva.“

Ein Augenblick Stille. Dann: „Hat man sie schon gefunden?“

Rita schüttelte ungläubig den Kopf. Schon?

„Nein, wir suchen sie noch.“

„Was wollen Sie von mir wissen?“

„Julia, Sie haben den Herren von der Kanzlei Nordli Ihr Reisetagebuch gegeben. Ich habe eine Kopie davon. Hoffentlich ist Ihnen das nicht unangenehm.“

„Das ist in Ordnung.“

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960878100
ISBN (Buch)
9783960878476
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v491593
Schlagworte
Marokko Norwegen Verschwinden Polizei-staat Familie-n-geheim-nis Intrige Detektiv-in

Autor

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    Thomas Fitzner (Autor)

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Titel: Deine fremde Tochter