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Der Ursprung der Ewigkeit

von Dee Voight (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Als Alice Watson in das abgelegene Städtchen Owls Head zurückkehrt, wird sie sofort mit ihrer Vergangenheit konfrontiert, die sie auf die Spur eines langgehüteten Geheimnisses führt. Dabei ist das verschlafene Dorf der einzige Ort, an dem sie Liebe und Geborgenheit erfahren hat. Alles scheint mit dem Schicksal ihrer großen Liebe Stan zu tun zu haben, die sie vor vielen Jahren auf unerklärliche Weise verloren hat. Und auch Alice selbst hat etwas zu verbergen …
Als sie erkennt, dass ihr zurückgezogenes Leben nicht so sicher ist wie sie glaubt, muss sie sich ihrer Vergangenheit stellen. Wer ist sie wirklich? Und kennt sie die ganze Wahrheit über ihre große Liebe?

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe Juli 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-719-6
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-724-0

Covergestaltung: Miss Ly Design
unter Verwendung von Motiven von
© f11photo/shutterstock.com und © Swisty242/shutterstock.com

Lektorat: Birgit Förster

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

Tote und Verletzte nach Feuer im Atelier – Brandstiftung?

Von Magnus Garcia

In der Nacht zum Donnerstag ereignete sich in der Bleecker Street in Soho, in dem Wohngebäude Ecke Sullivan Street, ein Großbrand. Das Feuer brach gegen neun Uhr am Abend auf der sechsten Etage des siebenstöckigen Hauses aus. 13 Personen kamen ums Leben, weitere wurden teils schwer verletzt und mussten in den umliegenden Krankenhäusern behandelt werden. Das FDNY war mit 70 Kräften vor Ort und konnte ein Übergreifen der Flammen auf benachbarte Gebäude verhindern. Das betroffene Stockwerk brannte in der Folge vollständig aus.

Zunächst war das Feuer aus bisher ungeklärten Gründen im Atelier einer New Yorker Künstlerin während einer Vernissage ausgebrochen. Unbestätigten Informationen zufolge kam es zwischen der Gastgeberin und einer Gruppe Gäste zum Streit. Zeugen berichten im Vorfeld des Brandes von einer angespannten Atmosphäre und Handgreiflichkeiten.

Die Polizei hat die Ermittlungen aufgenommen, um dem Verdacht der Brandstiftung nachzugehen. Die Bergung der Leichen wurde am Mittag abgeschlossen. Die Identifizierung der Toten hält an. Ob sich die Künstlerin selbst unter den Opfern befindet, ist bis zum jetzigen Zeitpunkt unklar. Von den Beteiligten des Streits fehlt bisher ebenfalls jede Spur. Die Polizei bittet weitere Zeugen des Vorfalls um Mithilfe.

 

- Artikelauszug »Daily News«, vom 25. März 1960

Kapitel 1

Owls Head, Maine

Gegenwart

Jemand war im Haus.

Von unten aus der Diele drangen sie hinauf: klopfende Schritte.

Eins, zwei, drei – stopp.

Ein Schuhsohlenpaar wendete schlitternd auf dem Parkettboden. Der Eindringling änderte seine Richtung. Weshalb? Um einen Blick in die großzügigen, aber leeren Räume zu werfen? Kahles Wohnzimmer links, verlassenes Esszimmer rechts, dahinter die Küche mit diesem besonderen Ausblick in den Garten.

Begannen gerade die letzten Minuten ihres Lebens?

Alice erstarrte mitten in der Bewegung. Mit dem Bilderrahmen in ihren Händen sendete sie ihre Sinne aus und prüfte die zerstörte Stille auf eine mögliche Bedrohung. Es ist zu früh, versuchte sie sich zu beruhigen. Doch es half nichts, ihr Körper reagierte auf seine eigene, von ihrem Verstand abgekoppelte Weise. Das Zittern erschwerte den Griff ihrer Hände, in ihr tobte ihr Puls in der Lunge. Es war nicht vernünftig, anzunehmen, dass alles in Ordnung war. Niemand verirrte sich einfach so hier herauf. Es gab keine Nachbarn, nur halb befestigte Pisten, umwegiges Waldgebiet. Und natürlich die Steilküste, die das Grundstück im Osten – zum Meer hin – abrupt unterbrach, als wäre dieses Stück Erde irgendwann einmal vom Rest der Welt abgetrennt und wieder neu zusammengesetzt worden. Wenn es kein neugieriger Nachbar sein konnte, der sich dem neuen Eigentümer vorstellen wollte, wer war es dann?

Er ist es nicht, er kann es nicht sein! Sie ermahnte sich erneut zur Ruhe und setzte den Bilderrahmen in die Wandhalterung zurück. Ihre Hände berührten sich schweißnass, und das lag nicht nur an dem heißen Sommerwetter, da war sie sich sicher. Das Kreischen einer Möwe drang durch das halb geöffnete Fenster neben ihr. Sie ließ sich davon ablenken und sah den aufgewirbelten Staub, der von der Auffahrt an der Fassade aufstieg. Vorsichtig, damit keine knarrende Holzbohle ihre Position verraten konnte, trat sie an das Glas, um durch den Schmutzschleier der vergangenen Jahre ohne Pflege hindurchzusehen.

»Miss Watson?«

Sie zog den Kopf zurück, als müsste sie befürchten, dass der Eindringling direkt hinter ihr stand. Doch die Stimme – fremd und unerwartet jung – war ein ganzes Stockwerk von ihr getrennt. Sie hörte sich selbst aufatmen. Nein, das klang keinesfalls bedrohlich.

»Ma’am, sind Sie da? Ich bringe Ihre Lieferung.«

Einer Ahnung folgend richtete sie den Blick abermals hinaus zur Auffahrt. Und dort, im Schatten des Kirschbaumes, fand sie den Transporter mit der Aufschrift Hannaford Supermarkets. Wie oft hatte sie kontrolliert, dass der Fahrer erst zum Abend kommen würde? Während sie ihren Spaziergang im Wald absolvierte? Er sollte die bereits bezahlte Ware einfach vor die Tür stellen. Das hier war nicht der Plan!

Die Anspannung wich endgültig. Sie durchquerte das Zimmer, diesmal ohne Rücksicht auf das Knarren unter ihren Füßen, und lehnte sich im Verbindungsflur sachte über das Treppengeländer, warf einen Blick in den Eingangsbereich.

»Ja«, rief sie hinunter. »Stellen Sie die Tüten vor die Tür, danke.«

»Alice Watson?«

Das Gesicht unten am Treppenpfosten tauchte schneller auf, als sie sich zurückziehen konnte. Sie verdrehte die Augen: Das war dumm.

»Sind Sie sicher? Dann stehen sie aber direkt in der Sonne, wollen Sie das wirklich?«, sagte er und zeigte mit schwenkender Tüte durch die geöffnete Haustür. Ein grellweißer Lichtwinkel zeichnete sich auf dem Boden ab. Mit der nächsten Bewegung wurde die braune Tüte von ihm auf der untersten Treppenstufe abgestellt. »Wissen Sie was? – Ich bringe Ihnen den Rest noch schnell!«

»Das ist nicht nötig!«

Doch da war er bereits durch die Tür hinausgelaufen. Kurz überlegte sie, ob sie sich einfach zurückziehen sollte und darauf warten, dass er verschwand. Es sprach allerdings auch nichts dagegen, die Treppe hinunterzugehen, sich die Tüte zu schnappen und in die Küche zu gehen. Er hatte sie gesehen und nichts Seltsames daran gefunden. Ein kurzes Gespräch wäre sicher in Ordnung. Das Letzte war so lange her, dass sie sich kaum mehr erinnerte. Es könnten nicht mehr als ein paar Belanglosigkeiten sein, Small Talk, aber die Stille hier im Haus – mit all den Erinnerungen – drohte sie zu ersticken.

Sie folgte ihrem inneren Drang und setzte ihre Schritte über die Treppenstufen. Jede Einzelne hatte ihren eigenen, vertrauten Klang.

Kaum dass sie die Küche erreicht hatte und sich abermals von den leeren Regalen und Schränken überzeugen konnte, traf der Lieferbote wieder mit ihr zusammen. Er platzierte zwei weitere Tüten auf der Mittelkonsole, dann blickte er sich um. Sah, was auch sie sah: sauber geputzte marmorierte Arbeitsflächen. Dazu der sperrige Unterschrank, der zur Spüle gehörte und sich mit seinem rustikalen, dunklen Holz von den anderen Schränken in weißer Hochglanzoptik abhob, aber perfekt zur Vitrine an der gegenüberliegenden Wand passte. Eine Einrichtung, wie das Haus selbst: eigensinnig, detailreich, besonders.

Wenn sie jetzt die Augen schließen und sich ganz auf ihren Geruchssinn fokussieren würde, könnte sie eine fruchtige Bolognese riechen. Sie waren beide niemals begnadete Köche gewesen, aber dieses Gericht nach seinem Rezept war die lebhafteste Erinnerung an diesen Raum.

»Sagen Sie es nicht meinem Chef, okay?«

Sie ließ die Bolognese aus ihren Gedanken verschwinden. »Wie bitte?«

»Ich wollte nichts klauen, echt nicht«, sagte er und wich ihrem Blick zur Betonung seiner Unschuld aus. »Ich habe geklingelt, aber der Strom ist aus, glaub ich.«

»Schon in Ordnung.«

Allzu schnell erleichtert, als hätte er insgeheim mit einer solchen Reaktion gerechnet, widmete er sich erneut der Inspektion des Raumes.

»Ich wusste gar nicht, dass das Haus verkauft wurde. Sieht so aus, als würden Sie gerade erst einziehen.«

Sie antwortete nicht, was ihn nicht weiter zu stören schien. Er plauderte munter weiter.

»Es stand lange leer. Ich bin übrigens Brady.«

Sie blickte auf die dargebotene Hand. In den Sekunden, die vergingen, ehe Brady, der Botenjunge, begriff, dass seine Geste nicht erwidert wurde, entschied er sich, mit einem verlegenen Lachen zu reagieren.

»Jedenfalls ist es schön, dass es jetzt wieder aufgemöbelt wird. Obwohl ...«

Sie schob einen Karton mit dem Fuß zur Seite, um den Durchgang zum Flur freizuräumen. »Obwohl was?«

Er kniff das Gesicht zusammen, schien abzuwägen.

»Nein, das wäre nicht fair ...«

»Fair?«

»Ich will Ihnen keine Angst machen.«

Sie hob erneut die Augenbrauen. Er knickte ein.

»Ich weiß nicht, was Ihr Makler Ihnen erzählt hat, aber das Haus hat ... eine Geschichte

Sie lehnte sich gegen die Küchenzeile in ihrem Rücken und verschränkte die Arme.

»Ach ja?«

»Hier bei uns passiert nicht viel Aufregendes. Aber daran erinnert sich jeder.«

»Sie machen es aber spannend ...«

»John Adams, der Kerl aus den Nachrichten, sagt Ihnen der Name etwas?«

Sie räusperte sich, ehe sie tonlos antwortete:

»Wer kennt den Namen nicht?«

»Der war hier. Kurz bevor sie ihn gefasst haben. In unserem kleinen Küstenkaff, in diesem Häuschen, stand vielleicht sogar genau hier, wo wir gerade stehen. Ist das nicht verrückt?«

Obwohl sie bis eben nicht den Wunsch verspürt hatte, diese Geschichte erzählt zu bekommen, war sie jetzt doch neugierig geworden – auf seinen Blickwinkel. Sie witterte, dass es ihm unter den Nägeln brannte, seine Erzählung fortzusetzen, und dass er nur auf ein Signal von ihr wartete. Also sagte sie: »Was hat er hier gewollt?«

»Da gehen die Meinungen auseinander.«

Sie verstand, was sie von ihm bekommen würde: den üblichen Kleinstadt-Tratsch. Sie verschränkte die Arme und wartete darauf, dass er weitersprach.

»Die einen sagen, dass er sich hier verstecken wollte. Hinter ihm war ja so ziemlich alles her, was eine Polizeimarke trug. Die anderen glauben, dass es etwas mit dem alten Hausbesitzer zu tun hatte. Einige glauben, dass der ein Aussteiger aus Adams Sekte war und dass es um Rache ging. Absolut krank! Wikipedia sagt, dass 600 Leute damals draufgegangen sind. Massenselbstmord.« Er schüttelte ungläubig den Kopf. »Alle hier bekommen immer noch eine Gänsehaut, wenn man nur den Namen erwähnt.«

Sie wollte zu dem zurück, was er nur kurz angerissen hatte. Also sagte sie in unverfänglichem Ton:

»Und der Vorbesitzer dieses Hauses ...«

»Er ist hier gestorben.« Brady hob den Arm und deutete mit dem Zeigefinger durch die Fensterscheibe, hinaus in den Garten. Das Grundstück endete abrupt dort, wo sich die Wellen des Atlantiks weiter unten gemächlich an den Strand schoben. »Er soll gestürzt sein. 50 Meter in die Tiefe – das überlebt keiner. Sie sollten da wirklich einen Zaun bauen – ist lebensgefährlich.«

»Aber es war kein Unfall?«

»Das haben sie nie aufgeklärt. Gefunden haben sie ihn auch nicht. Aber es ist wohl kein Zufall, dass dieser Killer zur gleichen Zeit hier war.«

Sie senkte abermals den Blick. »Wohl kaum, ja.«

»Manche vermuten, dass es etwas mit der Frau zu tun hat.«

Sie räusperte sich, bevor sie fragte:

»Welche Frau?«

Sie erntete ein weiteres Lächeln. Er hatte wohl Spaß daran, ihr die Gruselgeschichten seines Heimatstädtchens zu erzählen.

»Also er hat hier nicht allein gewohnt, da gab es noch diese Frau, aber die hat nie jemand zu Gesicht bekommen. Ich meine, hier oben ist es echt abgeschieden.«

»Im Haus wurde also eine Frau versteckt?«

»Sehen Sie, das ist wieder eine dieser Geschichten. Einige sagen, dass sie psychisch nicht ganz in Ordnung war und dass sie hier oben am besten aufgehoben war. Andere behaupten, sie sei entstellt gewesen und dass sie sich deswegen ins Haus zurückgezogen hat.« Er zuckte mit der Schulter. »Was auch immer davon stimmt – sie soll auch ’ne recht gute Malerin gewesen sein. Aber keine Ahnung, ich hab nie ein Bild von ihr gesehen, ist nicht so mein Ding«, schloss er mit einem Lächeln. »Es gibt Leute in der Stadt, die behaupten, dass Adams ihretwegen hier war.«

Sie ließ ihn durch die Küche umherwandern und sagte nichts, als er seine Erkundungstour fortsetzte, indem er durch die offene Flügeltür ins Esszimmer trat. Sie folgte ihm und fand ihn, wie er gerade dabei war, den Wintergarten zu betreten.

»Klingt ein bisschen nach Alfred Hitchcock, was?«, sagte er und sondierte die breite Fensterfront vor ihm. »Meine Mom arbeitet im Souvenirshop. Ich hatte mir immer vorgestellt, wie sie etwas vom ›Horrorhaus‹ oben am Kliff mit ins Sortiment aufnimmt.«

Sie betrachtete seine Rückenansicht: groß und dünn, an der Grenze zur Schmächtigkeit. Seine Schultern hingen arglos herab, seine ganze Körpersprache deutete vor allem auf eines hin: neugieriges Interesse.

Ja, sie wusste, worauf er hinauswollte.

»Als Touristenattraktion?«

Er lachte zur Bestätigung. »Klar, wieso nicht? Meine Schwester hasst mich dafür.«

»Wieso?«

Er drehte sich um und grinste sie keck an.

»Googeln Sie bei Gelegenheit mal ›Owls Head‹ und ›Schulbus‹.«

Ohne ihre Erlaubnis betrat er den Wintergarten. Sie folgte ihm zwei Schritte später. Fasziniert wanderte sein Blick über die Unordnung, die sie hinterlassen hatte: Im rechten Winkel des Raumes, in der die Sitzecke aus Korbmöbeln untergebracht war, stapelte sich ein Sammelsurium aus Schüsseln, Tellern und halb vollen Gläsern. Die Couch war ein ungemachtes Bett; ein Arrangement aus achtlos zusammengeworfenen Kissen und Decken. Auf einem der Sessel, die zur Korbgarnitur gehörten, stand ein Umzugskarton – genau wie in den restlichen Räumen.

»Hier ist also Ihre Kommandozentrale«, kommentierte er das Durcheinander und richtete seinen Blick hinaus in den Garten: satte Farben, die sich der Junisonne entgegenstreckten, weiter hinten das tiefe Blau des Ozeans. »Wow«, hörte sie ihn staunen, als sie sich hinter ihn stellte und ihre Schulter an den Türrahmen lehnte. »Das nenne ich mal ’ne Aussicht.«

Als er sich sattgesehen hatte, drehte er den Kopf, um in eine bisher noch nicht inspizierte Ecke zu schauen. Sie sah nicht viel von ihm, sein Erstaunen entging ihr aber nicht, als er ihren Arbeitsplatz erblickte.

»Oh, Sie malen ja auch!«, sagte er schneller, als seine Synapsen arbeiteten. Zwei zuvor unabhängige Gedanken verbanden sich zu einem gemeinsamen. Allerdings erst nach der Hälfte seines nächsten Satzes: »Das ist ja ... verrückt.«

Sie beobachtete, wie etwas an der Art, wie er sie anschaute, dabei war, sich zu verändern. Ihr waren die verstohlenen Blicke nicht entgangen, die er ihr zugeworfen hatte, wenn er glaubte, sie würde es nicht sehen. Sie hatte sein Sondieren als das entlarvt, was es war: die Frage, ob sie schon zu alt für ihn war. Wie viele Jahre sah er zwischen ihnen? Fünf, eher zehn? Junge Leute neigten dazu, andere Personen älter, als sie eigentlich waren, einzuschätzen. Er konnte freilich nicht ahnen, dass selbst eine weniger schmeichelhafte Deutung nicht der Wahrheit entsprach. Alles, was ihm blieb, war, sich auf das zu verlassen, was er sah: ihr Gesicht, das sie selbst wegen der zirkelrunden Augen, der kurzen Nase und der gleichmäßig fülligen Lippen schon immer als ein wenig puppenhaft empfunden hatte. Ein langer, schlanker Hals, der stets mit der gleichen Kette geschmückt war. Der zierliche Körper, an dem man ausladende Rundungen vergeblich suchte und doch eine harmonierende Symmetrie fand (seinen Augen nach vor allem in der oberen Hälfte). Ihre Arbeitsklamotten: ein ausgewaschenes Top mit weißen und schwarzen Farbklecksen, die sich an den nackten Armen weiter fortsetzten; dazu Jeans, moderne zwei Nummern zu groß. Ein Look ihrem Alter entsprechend. Eine Erscheinung, die zu dem passte, was fremde Augen sahen, die die Wahrheit nicht kannten. Aber jetzt war der Ausdruck der verborgenen Begierde auf seinem Antlitz weitestgehend verschwunden. Er wirkte beunruhigt und unangenehm nervös. Er versuchte, sich seine Verunsicherung nicht anmerken zu lassen, doch das misslang ihm, und ihre stumme Miene mit dem angedeuteten Lächeln half nicht, ihm seine Unruhe zu nehmen. Er drehte sich um und verschwendete keinen Gedanken mehr an die beeindruckende Aussicht oder an seine Neugier. Nein, so nahm sie sachte amüsiert zur Kenntnis, mit einem Mal schien er es sehr eilig zu haben.

»Also, tja ... Ich glaub, ich muss dann weiter ...«

»Danke fürs Reintragen.«

»Gern geschehen. Einen schönen Tag und viel ... nun ja ...«

»Nun ja.«

Sie ließ ihn passieren und folgte seinen eiligen Schritten in gemächlichem Tempo. Er war bereits an der Tür, als sie den Esstisch erreichte. Außerhalb ihres Sichtfeldes flog die Haustür ins Schloss.

Alice atmete tief durch. Sie zog den Zopf über ihre Schulter und ließ ihre Finger durch das Haar gleiten – ein kläglicher Versuch, ihre eigene Unruhe abzuleiten. Sie war wieder allein in diesem großen, leeren Haus.

Nachdem sie alle Einkäufe verstaut hatte, widmete sie sich dem herumstehenden Geschirr, das sich seit Tagen angesammelt hatte. Die Reste von Tee und Kaffee würden ihr einige Mühe bereiten, und es gab keinen Grund, die lästige Arbeit länger aufzuschieben. Als ihre Hände in das kalte Spülwasser tauchten und ihr Blick in den Garten fiel, überkam sie eine bleierne Schwere. Wieso war sie hierher zurückgekommen? Ausgerechnet hier? Es war nicht mehr dasselbe, ohne ihn. Alles in und um das Haus herum erinnerte sie an ihn und daran, wie es einmal gewesen war. Doch es fühlte sich nicht real an. Hier zu stehen, so zu tun, als hätte es die vergangenen 20 Jahre nicht gegeben, war falsch. Für wen zur Hölle spülte sie das Geschirr? Es würde nie wieder von ihr benutzt werden. Was für ein Unsinn! Stan ... Es ist alles meine Schuld. Der Porzellanteller rutschte ihr beim Herausheben aus der Hand und zerschellte mit lautem Klirren auf dem Küchenboden. Hunderte Scherben verteilten sich in der Küche. Sie nahm einen Besen und beseitigte das Missgeschick.

Den vierten Kaffee des Tages hatte sie, wie die drei davor, aufgrund des fehlenden Stromes kalt gepresst. Jetzt, am Nachmittag, stand die Sonne tief und die Hitze klebte unbarmherzig unter dem Dach. Sie hatte alle Fenster und auch die Verandatür geöffnet, trotzdem blieb es in den Räumen unerbittlich heiß und schwül. Die Wärme nahm ihr den letzten Funken Motivation, um an dem unvollständigen Bild zu arbeiten, also ließ sie die Leinwand unbeachtet. Sie stellte die Tasse auf den Fenstersims ab. Ohne Vorwarnung kam es über sie, die Erinnerung an die eine unabdingbare Aufgabe, die ihr noch bevorstand und von der Brady, der Botenjunge, sie abgehalten hatte: der Safe, das Testament. Noch einmal deine Schrift lesen, noch einmal deine Stimme dabei hören ... Der Gedanke daran raubte ihr für einen Moment die Luft. Sie verließ das Haus – wollte sich bewegen, um der Enge in ihrer Brust zu entkommen. Im Garten empfing sie der Duft von Lavendel und Wildblumen. Sie sog die Geräusche ihrer Umgebung auf, ließ sich vom Ruf eines Kuckucks und dem Konzert eines Froschorchesters vereinnahmen, um den Erinnerungen zu entfliehen, die sich in ihrem Kopf zu entfalten drohten. Daran, was war und was noch kommen würde. Bald ist es vorbei. Es ist eine Erlösung.

Alice öffnete die Augen, schwenkte den Blick durch den Garten, sah das nahe Meer, die verwilderte Wiese, den fremden Mann auf ihrer Einfahrt.

Im Reflex zuckte ihr Arm in die Höhe, ihre Finger griffen nach der Kette an ihrem Hals. Sie war versucht zu blinzeln, in der Hoffnung auf eine optische Täuschung, aber insgeheim wusste sie längst, dass sie sich ihn nicht eingebildet hatte. Während sich ihr Puls langsam abreagierte, arbeiten ihre Augen daran, den ungebetenen Gast zu mustern: Alter und Kleidungsstil sagten ihr, dass sie keinen Kampf zu befürchten hatte. Trotzdem versteiften sich ihre Muskeln, als würde gleich die Hölle losbrechen. Aber er stand weiterhin einfach nur da, die Hände in den Taschen seines beigefarbenen Sakkos vergraben, den Blick auf sie gerichtet, jedoch ohne Hinweis darauf, was in ihm vorging. Ein leichter Wind brachte das zurückgekämmte Grau hinter seiner hohen Stirn strähnchenweise in Unordnung. Ansonsten bewegte sich nichts. Das galt sowohl für ihn als auch für sie.

Rückzug!

Sie hörte auf ihre innere Stimme, machte auf dem Absatz kehrt und lief ins Haus zurück. Die Verandatür schlug wuchtig in ihre Fassung. Das laute Echo ließ sie zusammenzucken. Am Türblatt sank sie ein und kämpfte gegen das unangenehme Prickeln unter ihrer Haut an, als sich die kleinen Härchen darauf aufstellten und sie mit winzigen Nadelstichen traktierten, um auf eine kommende Bedrohung aufmerksam zu machen. Sie dachte über Flucht nach. Aber wohin? Und ihn überwältigen? Nein. Keine Kämpfe mehr!

Wenn Adams ihn geschickt hatte, war jedes Flehen um Gnade oder der Versuch, Zeit zu verhandeln, umsonst. Als ob dieser Teufel sich mit Menschen umgab, die in der Lage waren, so etwas wie Mitgefühl zu empfinden. Alles, was sie tun konnte, war, erhobenen Hauptes ihrem Schicksal entgegenzugehen. Dieses finale Wiedersehen würde sie nicht winselnd absolvieren.

Sie erreichte die Pforte, straffte sich und öffnete die Tür. Was sie dahinter fand, überraschte sie dann doch: Die Auffahrt war leer, und von ihrem Besucher war keine Spur auszumachen. Am Treppenende wartete ein Paket darauf, von ihr entdeckt zu werden.

Sie starrte es an, als sei es ein fremdes Artefakt; etwas, von dem sie nicht wusste, was damit anzufangen war. Zaghaft, wie ein Sprengmeister sich einer Bombe näherte, setzte sie ihre Schritte auf die unterste Stufe hinab. Es handelte sich um einen zugeschnürten, unversehrten Karton, in dem ein Paar Sneakers ausreichend Platz gefunden hätte. Ein nagelneues Paket, keine Marke, kein Adressaufkleber. Sie hob es an und drehte den Quader in ihrer Hand. Auf der Frontseite war mit schwarzem Filzstift eine Ein-Wort-Notiz vermerkt: »INGA«. Sie las noch einmal, prüfte, ob sie sich nicht getäuscht hatte. Aber es gab keinen Zweifel: Irgendwie war es dem Fremden gelungen, sie ausfindig zu machen. Und als wäre das allein nicht schon beunruhigend genug, hatte er Informationen über gewisse Vorgänge in ihrem Leben, von denen niemand etwas wissen sollte.

Ihre Selbstbeherrschung hielt bis zur Schwelle zum Esszimmer. Dort riss sie den Deckel vom Karton und prüfte den Inhalt.

Fotos?

Ihre Finger wühlten sich durch das Sammelsurium aus Fotografien, akkurat in Schutzhüllen verpackt und ohne erkennbare Ordnung. Das Oberste nahm sie heraus und schaute auf die Szene, die es abbildete: ein Flughafen, eine Gruppe Leute, und am unteren Rand verkündete eine eingravierte Bildunterschrift: INGA, Honduras. Das Foto flog zurück in den Karton. Am Esstisch angekommen ließ sie das Paket auf die polierte Oberfläche fallen, sodass der Inhalt in eine neue Unordnung gestürzt wurde. Sie stemmte beide Hände gegen die Tischkante und ließ den Kopf zwischen die Schultern sinken. Es erübrigte sich, die anderen Bilder anzusehen: Sie kannte sie bereits; sie wusste um die Zeiten und die Anlässe, zu denen die Fotos entstanden waren. Nicht zuletzt, weil sie selbst abgebildet war – auf jedem Einzelnen.

Alice zog sich einen Stuhl heran und ließ sich darauf sinken. Hatte sie wirklich so naiv sein können? Hatte sie sich niemals gefragt, ob ihr unredliches Dasein tatsächlich unentdeckt blieb? Und war nicht genau das immer ihre Angst gewesen? Entdeckt zu werden? Aufzufliegen? Sie rätselte über die Botschaft. Warum diese Fotos, ausgerechnet jetzt? Ein unangenehmes Kribbeln setzte sich in ihrem Nacken fest. Werde ich verfolgt? Sie rieb die Stelle, die weiterhin Signale des Unwohlseins aussendete. Zum dritten Mal am heutigen Tag hatten sich die kleinen Härchen auf ihrer Haut aufgestellt, erinnerten sie erneut daran, dass es einen wirklichen Schutz vor der Welt da draußen nicht gab.

Es waren fünfundzwanzig Bilder, die als fotografisches Mosaik vor ihr ausgebreitet lagen. Ein Zeitstrahl ihrer eigenen Geschichte. Es war nicht zu leugnen, dass der Mann im beigen Sakko wusste, wo sie zu finden war. INGA, natürlich: die einzige Gelegenheit, bei der sie in die Bredouille geraten war, sich in eine offizielle Liste eintragen zu müssen. Ein Bild in der Mitte zog ihre Aufmerksamkeit an: Ein munter dreinschauendes Trio blinzelte in die Kamera. Ihr letzter gemeinsamer Einsatz – ein Abschied, dem ein Neuanfang gefolgt war. Alter Freund, hätte es doch nur einen Weg gegeben, dir zu erklären, was so unbegreiflich blieb, sinnierte sie, als sie das Konterfei ihres einstigen Weggefährten betrachtete. Sie hatte ihn immer bewundert, für seine Courage und die Selbstlosigkeit, mit der er sich seiner selbst gestellten Aufgabe gewidmet hatte. Sie dachte an die Auszeichnungen und Würdigungen, die ihm in den späteren Jahren zuteilgeworden waren. Etwas, das er nie erwartet, aber sich mehr als verdient hatte. Und an der anderen Seite: Stan. Alice fuhr mit der Fingerspitze über seine Abbildung und gestattete der Traurigkeit, sich zu dem Gefühl der tiefen Dankbarkeit dazuzugesellen. Wie nah doch Freud und Leid beieinanderlagen: dieser ganz besondere Mensch und gleichzeitig der wundeste Punkt in ihrem Herzen. Wie jung er auf dem Foto war, wie hoffnungsvoll er seinen Blick gen Zukunft gerichtet hatte. Wie schrecklich ungerecht sein Ende war ...

Sie zupfte das Bild als ein Teil vom Puzzle ihres Lebens vom Tisch, bemerkte erst jetzt, dass auf seinem Rücken ein Stück Papier klebte. Sie wendete das Foto und fand den blauen Klebezettel, der mit einer handschriftlichen Notiz versehen war:

 

»Einst halfen Sie unzähligen Menschen, jetzt möchte ich Ihnen helfen. Ich kenne Ihre Geschichte und auch die von Stanley Houseman. Sie müssen sie erfahren! Ich werde ab zehn Uhr am Abend am Leuchtturm auf Sie warten.

Bitte trauen Sie sich.«

Hilfe? Jemand wollte ihr helfen? Helfen wobei?

Was für ein großzügiges Angebot, dachte sie und gab einen zischenden Laut von sich. Sie zog die Haftnotiz vom Foto und hämmerte es mit der flachen Hand auf den Mahagonitisch.

Ich habe Frieden gefunden, verdammt!

Doch eine andere Stimme in ihr kannte die Wahrheit: Du hast Angst.

Sie wusste selbst, wer sie war. Vor allem wusste sie, was sie war. Alice funkelte die Haftnotiz an, als könnte sie ihr eine weitere, noch verborgene Nachricht entlocken. Das, was es erforderte, dieser Einladung nachzukommen, war für sie in ihrem desolaten Zustand nicht aufzufinden. Mut? Wie mutig konnte schon jemand sein, der nur darauf wartete, dass sein Mörder über die Türschwelle trat, um den letzten Streich zu vollführen? Hoffnung? – Sie verschwand gemeinsam mit dem Mann, den sie liebte. Was also blieb noch übrig?

Ihr Fingernagel zeichnete bleibende Kerben in das blaue Papier, sie unterstrich die Handschrift darauf, kreuzte sie durch, kreiste sie ein. Unter dem Druck ihrer zupackenden Faust verschwanden die geschriebenen Worte in einem Papierknoten, avancierten zum Wurfgeschoss und flogen als Ausdruck ihrer Entschlossenheit gegen die Esszimmervitrine.

Ich bin fertig mit Geschichten!

Kapitel 2

Im Gebiet des Nigerdeltas, Nigeria/Afrika

49 Jahre zuvor

Zwei Tage war sie durch den Dschungel gelaufen. Sie hatte geschwitzt, bis ihr der Schweiß in die Stiefel gelaufen war. Hatte sich von den messerscharfen Blättern des Urwaldgrüns traktieren lassen und ein ums andere Mal anhängliche, tierische Urwaldbewohner abwehren müssen, um ihrem Ziel näher zu kommen: John Adams. Schritt für Schritt, den Blick starr auf die Kompassnadel und mit den Gedanken bei dem Dolch in ihrem Rucksack, kam sie ihrem Ziel näher. Doch ehe sie sich genügend an die fremde Flora und Fauna gewöhnt hatte, war sie bereits auf die erste Hürde getroffen. Ein Trupp Söldner hatte ihr den Weg versperrt. Ein kurzer Kampf, ein geschicktes Ablenkungsmanöver ihrer Gegner und einen unbedachten Schritt nach hinten später, war die Erkenntnis bitter: Alles umsonst.

Sie erwachte im Inneren einer Blechtrommel. Ein Geräusch wie herunterfallende Kisten begleitete ihr Aufwachen, während sie fühlte, dass sie ohne eigene Anstrengung bewegt wurde. Ein grobes Schaukeln setzte ein. Wie ein Kieselstein war ihr Körper den Fliehkräften ausgesetzt, die sie durch die fensterlose Zentrifuge schleuderten. Sie versuchte Halt zu finden, doch es gab nichts, in das sich ihre Finger hätten krallen können. Die Abwesenheit von Helligkeit erschwerte ihr zudem die Orientierung. Sie war umzingelt von Metallwänden – das sagten ihr ihre Hände, die sie ausstreckte, um die Begrenzung auszuloten. Unter ihr brummte ein Motor, der sie immer weiter in eine unbekannte Richtung trug.

Ich fahre?

Der Gedanke erschloss sich ihr gerade, als das Fahrzeug – dessen blinder Passagier sie war – mit einem letzten Ruck zum Stehen kam. Sofort gab sie Spannung in ihre durchgeschüttelten Gliedmaßen und kam in einen halbwegs abwehrbereiten Hockstand. An den Linien der Vorderwand gab eindringendes Licht ihr die Ahnung, dass sich dort der Ausgang aus ihrem Gefängnis befand. Alice hob die Hände schützend vor ihr Gesicht, machte sich auf einen Kampf gefasst. Die Türen der Ladefläche öffneten sich und Tageslicht blendete sie.

»Was zum …?!«

Eine von Irritation gekennzeichnete Bariton-Stimme, die die gleiche Sprachfarbe wie sie verwendete, drang ins Innere hinein. Wie ein eingesperrtes Tier, das sich seinem Jäger stellen musste, zwang sie sich dazu, zur Öffnung zu schauen. Da war ein Schatten, der den Großteil des Tageslichts abschirmte. Die Arme hielt er von sich gestreckt, wohl um ein Zufallen der Türen zu verhindern. Die Sonne stand ihm im Rücken, verbarg sein Gesicht und gab nicht mehr als Umrisse einer eindrucksvollen Statur preis.

Einem Angriff, das verstand sie sofort, hätte sie nicht allzu viel entgegenzusetzen. Trotzdem ballte sie ihre Hände zu Fäusten und hob sie ihm entgegen.

Die Art, wie er seine Arme vorsichtig vom Rahmen löste und sie vor sich streckte, erinnerte Alice an einen erfahrenen Dompteur, der einen Neuzugang begrüßte.

»Du kannst die Hände runternehmen«, hörte sie ihn beschwichtigend sagen. »Dir passiert nichts, versprochen.«

Was galt das Versprechen eines Fremden? Erst recht hier, im Feindesgebiet?

Sie entließ etwas Spannung aus ihren Fäusten, um Gelegenheit für eine Frage zu schaffen.

»Wo bin ich?«

Er hatte sich keinen Zentimeter gerührt. Es gefiel ihr nicht, dass er alles von ihr sah, während ihr nur eine erstarrte Silhouette blieb.

»Im Lager von INGA.«

»Wer ist INGA?«

Er drehte sich etwas herum, ergänzte seine Erscheinung mit dem Profil eines Gesichtes. Stirn, Nase, Lippen, Kinn: klar definierte Konturen, die der Wechsel von hell und dunkel, in dem er stand, besonders betonte.

»Wenn du aussteigst, zeig ich es dir.«

Sein Angebot kam ohne Unterton daher, sie beschloss, es anzunehmen. Im Kriechgang bewegte sie sich auf die Tür zu – zögernd, weil sie abwarten wollte, ob er ihr Platz machte. Er trat einen Schritt zur Seite und gab die Öffnung für sie frei. Seine Hand, die wohl ihren Ausstieg erleichtern sollte, ignorierte sie. Sie sprang, und ihre Stiefel landeten auf getrockneter Erde, deren erste Schicht staubig aufwirbelte. Hinter dem Nebel baute sich eine geschäftige Kulisse auf, die von ihren Augen erfasst werden wollte: Steril wirkende Zelte mit weißem Bespann, die in einer geraden Linie zueinander aufgestellt waren. Im Gegensatz dazu schien alles Lebende in Bewegung zu sein: Männer, Frauen, Kinder vermischten sich zu einem einheitlichen Kaleidoskop, das von den bunten Gewändern, die sie trugen, bestimmt wurde.

Leute. Sehr viele davon. Sie musste sich zwingen, sie nicht zu zählen. Ein einziger Blick genügte, um sie wissen zu lassen, dass sie nicht hier sein sollte.

»International Network for Global Aid: INGA«, fuhr er schließlich fort.

Bis eben war sie noch damit beschäftigt gewesen, sich auszumalen, was alles passieren könnte, wenn sie nicht auf der Stelle zusah, dass sie von hier wegkam. Aber der Stimme neben ihr gelang es, sie von ihren Gedanken abzulenken. Sie sah auf: Was der Schatten bisher verborgen hatte, war ihr nun, im Licht, in aller Direktheit zugewandt: ein waches Paar Augen, deren tiefblaues Zentrum mit suchendem Blick auf ihr Gesicht gerichtet war. Vielleicht eine Antwort auf seine erste, unvollendete Frage, mit der er ihr Momente zuvor begegnet war. Abgesehen davon fügte sich sein sehender Mittelpunkt harmonisch in den Rest von ihm ein: kurzes Haar, das selbst in der Sonne tiefschwarz blieb, aber an den Übergängen eine leichte Wellenneigung verriet. Es war offenbar kürzlich geschnitten worden – darauf deutete der weiße Rand am Haaransatz hin. Ansonsten wies seine Haut einen goldigen Schimmer auf, ein Anzeichen dafür, dass sie daran gewöhnt war, der Sonne ausgesetzt zu sein.

»Vertriebene aus ihren Dörfern«, setzte er erneut an und schirmte mit seiner Hand die gleißende Helligkeit ab. »Hier erhalten sie Trinkwasser, Lebensmittel und medizinische Hilfe. Das Allernötigste also.« Dann zwinkerte er. »Hast du dich im Dschungel verlaufen? Bist du deshalb vom Hang gestürzt?«

Sie erinnerte sich wieder: an das Gefühl zu fallen, die scharfen Felskanten, die Hilflosigkeit. Vor allem aber an das Gefühl, wie von Messern in tausend Teile geschnitten zu werden, während sie in die todbringende Tiefe fiel.

»Ich habe etwas gesucht.«

Er nickte und hob die Mundwinkel.

»Dir ist klar, dass du mit diesen Verletzungen nicht hättest überleben können?«

Alice parierte seinen Blick ohne Regung.

»Ja.«

Entgegen ihrer Erwartung zuckte er nur kurz die Schultern.

»Komm, ich bringe dich zu unserer Einsatzzentrale.«

»Nein.« Ihr Ton musste ihn zweifelsfrei überrascht haben. Etwas sanfter fügte sie hinzu: »Ich kann nicht. Es ist besser, wenn ich jetzt gehe.«

Sie erntete ein Stirnrunzeln.

»Hast du mal ... an dir herabgesehen?«

Hatte sie nicht. Sie hatte nicht einen Moment damit vergeudet, sich darüber Gedanken zu machen, wie sie aussah. Womöglich hätte sie das tun sollen. Immerhin war sie gute hundert Meter in die Tiefe gestürzt. Und tatsächlich: Als sie ihren Blick senkte, verstand sie. Sie hatte sich informiert, ehe sie einen Fuß in den Dschungel gesetzt hatte. Hochgeschlossene Kleidung und festes Schuhwerk – trotz der Witterung. Für ihr Vorhaben hatte sie ein Hemd gewählt, das ihr genügend Bewegungsfreiheit bot, und eine passende, elastische Hose, dazu Stiefel, die sie wie eine zweite Haut geschnürt hatte. Viel, so erkannte sie, war davon nicht übrig geblieben. Die Ärmel des Leinenhemdes waren wie durch die Hand eines Samurais bis auf die Höhe ihrer Ellenbogen aufgeschlitzt, nur zwei einsame Knöpfe hielten das Nötigste ihres Oberkörpers verdeckt. Ihre Hose war an den Knien aufgerissen, als wäre sie in das Mahlwerk einer Mühle geraten. Getrocknetes Blut und Erdkruste waren als eine Art bizarres Blumenmuster in den Stoff gepresst. Ihre Erscheinung als miserabel zu bezeichnen wäre noch geschmeichelt gewesen.

»Lass uns dir mal was zum Anziehen besorgen«, sagte er, dann schraubte er sein schattenspendendes Kreuz vor sie. »Wir stehen hier nur im Weg«, ergänzte er.

Einem alten Muster folgend, provozierte sein diktierter Kurs Widerstand in ihr. Doch wie er so vor ihr stand, darauf wartend, dass sie seinem vernünftigen Vorschlag folgte, bot er ihr keinerlei Angriffsflächen. Ihr war bewusst, dass sie für die meisten auf den ersten Blick wie ein schutzbedürftiges Rehkitz wirkte. Die Art, wie er sie ansah, war aber anders. Sondierend irgendwie, als ahnte er schon längst, dass etwas mit ihr nicht in Ordnung war. Gut, sie war ihm allerdings auch nur in Fetzen bekleidet und ohne Vorwarnung vor die Füße gefallen. Unter diesen Umständen konnte sie kaum erwarten, dass er ihr vorbehaltlos begegnete. Da sie für ihn eine lebende Tote war, war ein gewisses Maß an Skepsis wohl angebracht.

Sie schloss zu ihm auf. Eine direkte Reaktion darauf konnte sie bei ihm nicht feststellen.

»Zu welchen Streitkräften gehört ihr?«, fragte sie.

»Zu gar keinen. INGA ist eine rein private Organisation.«

»So? Jemand sponsort euch also?«

Er schlug einen Pfad ein, der ruhiger gelegen war und etwas von der Lautstärke der Gespräche und den Geräuschen der Geschäftigkeit nahm.

»Sozusagen«, erklärte er und deutete ihr, dass der Weg sie auf eine Anhöhe führen würde. Auf deren Spitze erkannte Alice ein einzelnes Zelt, das dort oben thronte und in seiner Funktion an einen Wachturm erinnerte. »Neutralität ist der Türöffner: Nur deshalb erlaubt man uns, hier zu sein. Politischer Wille ist angesichts der Lage fehl am Platz: Hier geht’s ums nackte Überleben.«

Es hatte nur weniger Schritte bedurft, um die Menge aus Jung und Alt hinter sich zu lassen. Der einfache Trampelpfad gehörte ihnen ganz allein. Sie reckte den Hals, war neugierig darauf, welcher Stimmung er war. Er wirkte ernst.

»Was hier passiert, ist das Ergebnis davon, wenn man einem Einzelnen zu viel Macht gibt. Die Separatisten scharren sich um einen Anführer, der ihnen Unabhängigkeit und einen eigenen Staat verspricht. Dafür löschen sie ganze Dörfer aus. Aber letztlich geht es nur um die Vorherrschaft über das Öl am Delta. Und darum, verfeindete Clans loszuwerden.«

»Und was genau macht ihr hier?«

»Das politische Patt führt dazu, dass sich niemand um die Zivilisten kümmert. Das Gebiet hier ist ein Pulverfass: Jede staatliche Einmischung droht an der Lunte zu zündeln. Es bewegt sich nichts, aber die Leute hier können nicht weg oder noch länger warten: Sie sterben. Durch den Krieg, Hunger, Durst oder durch die Minen. Wir sind eine Gruppe von Ärzten, Ingenieuren und Experten vom Katastrophenschutz. Ein Mann namens Bastien Koltès hat diese Initiative ins Leben gerufen und Freiwillige für diesen Einsatz gesucht.«

»Was davon bist du?«

»Von Medizin habe ich keine Ahnung, von Katastrophen schon mehr«, sagte er und warf ihr mit einem Lächeln im Mundwinkel einen kurzen Blick zu. »Ich kümmere mich um die Minen, liefere Päckchen aus und passe ein bisschen auf Bastien auf.« Ohne Vorwarnung blieb er stehen und baute sich vor ihr auf, seine Hand schnellte hervor. »Ich hab mich noch nicht vorgestellt: Ich bin Stan.«

Sie betrachtete den Schmutz an der Innenfläche seiner Hand. Ohne sie berührt zu haben wusste sie, dass sie sich rau und fest zugleich anfühlen würde.

»Äh..liz. Alice.«

Sein Lachen erbebte im Stakkato.

»Ist es dir gerade erst wieder eingefallen?«, fragte er und grinste breit. »Na ja, nach so einem Sturz kann schon mal was durcheinandergeraten, was, Äh-liz?«

Wann hatte sie zuletzt jemandem ihren Namen genannt? Ihren wirklichen Namen? Und hätte sie das besser nicht tun sollen?

Zu spät.

»Also: Was treibt dich hierher? Keine gute Gegend für eine einsame Seele«, sagte er und setzte wieder in einen gemächlichen Gang ein. »CIA, MI6 ... KGB?« Er hob eine Braue.

»Ich bin gelernte Einzelgängerin.«

»Okay«, er zog das Wort unnötig in die Länge. »Also kein geheimes CIA-Experiment.«

»Bitte?«

»Deine Verletzungen.« Er führte sie an einer Einbiegung vorbei, sie sah den geschlossenen Zelteingang am Ende des Weges. »Kein Mensch überlebt einen solchen Sturz«, setzte er noch nach.

»Was hast du gesehen?«

Wieder dieser sondierende Blick.

»Ich war gerade auf dem Weg zu unserem zweiten Lager, da hab ich die aufgeschreckten Vögel am Hang bemerkt. Dort hab ich dich dann gefunden. Du sahst so aus, als hättest du ein paar Felsstücke abbekommen. Zuerst glaubte ich, du wärst tot, aber du hast geatmet.« Er sah zu Boden. »Ich hab trotzdem nicht daran geglaubt, dich lebend ins Lager zu bringen.«

»Das war nicht nötig.«

»Ja, weißt du, eigentlich lasse ich schwerverletzte Frauen immer hilflos im Dschungel herumliegen. Ich weiß auch nicht, was in mich gefahren ist, ich muss wohl zu viel Sonne abbekommen haben.«

Sie funkelte ihn düster an. »Ich habe keine Hilfe benötigt.«

»Ja, ganz offensichtlich«, antwortete er und hielt ihrem Blick stand.

Sie war sich nicht sicher, ob seine Bemerkung ernst gemeint war, doch sie spürte sein zunehmendes Misstrauen, das mindestens genauso stark war wie seine Neugier.

Sie entschied, das Beste aus der misslichen Lage zu machen. »Dieser Anführer, von dem du gesprochen hast ...«

»Die Einheimischen nennen ihn ›Eze‹«, unterbrach er sie. »Er hält sich irgendwo im Süden versteckt und lässt sich von seinen Bluthunden bewachen. Kaum jemand hat ihn je zu Gesicht bekommen. Das Gerücht geht um, dass es sich um einen Weißen handelt.« Er drehte sich erneut zu ihr. »Aber das weißt du sicherlich.«

Vorsicht!, warnte ihr innerer General sie und befahl eine neue Strategie: Ignorieren.

»Geht es etwas genauer, also das mit dem Standort?«

Seine Augen – sie suchten weiter nach dem, was sie so beharrlich verbergen wollte.

»Ich bin mir sicher, dass dahinter eine interessante Geschichte steckt«, sagte er und klang fast schon verträumt dabei.

Vor dem Zelteingang blieben sie beide in stummer Absprache stehen.

»Sagen wir, du und ich arbeiten im selben Geschäft: Tyrannenjagd«, sagte sie, überzeugt davon, das letzte Wort errungen zu haben.

Dann zog sein Arm den Vorhang zur Seite und gab den Blick ins Innere des Zeltes frei. Auf das, was sie sah, war sie nicht vorbereitet: Sie versuchte sie zu zählen, doch jedes Mal, wenn sie damit beginnen wollte, lenkte sie das Leiden und Entsetzen in den Gesichtern derer ab, die sie erblickte. Die Betten waren voll belegt: Mit Männern auf der linken Seite und Frauen – durch ein langes weißes Laken getrennt – auf der rechten Seite. Sie war weder auf fehlende Gliedmaßen noch auf den Geruch von Schweiß, Blut und Erbrochenem vorbereitet. Auch nicht auf den leeren Blick in den Augen der Verletzten und auf ihre offenen Münder – ahnend, dass ihre Körper schlicht zu schwach waren, um ihren Schmerzen Ausdruck zu verleihen. Auf nichts davon, was dieser groteske Anblick ihr darbot: erbarmungsloses, ungefiltertes Leiden.

Neben ihr trat Stan ins Zelt hinein. Sein scharfes Aftershave war mit einem Mal eine Wohltat für ihre Nase.

»Nein«, hörte sie ihn ernst, aber beherrscht sagen. »Unser Business ist, glaube ich, ein anderes.«

 

Der Abend brach ohne Abkühlung über das Camp herein. Sie hatte sich eine abgelegene Stelle am Dorfrand gesucht und brütete unruhig über die Ereignisse des zurückliegenden Tages. Sie war nicht dumm und wusste genau, was es bedeutete, hier, mitten im Kriegsgebiet, zu sein. Doch sie hatte gehofft, dass ihr Aufenthalt sich auf das Wesentliche beschränken würde und dass sie allenfalls ein oder zwei Tage bleiben müsste. Bestenfalls im Schutze des Dschungels. Auf direktem Wege zu ihrem Zielobjekt. Der außerplanmäßige Halt im Dorf – irgendwo tief im Nigeriadelta – ließ ihr Zeit, über ihre Planung nachzudenken.

Zu viel Zeit, zu viele Gedanken.

Ihre zuvor wilde Entschlossenheit bekam beim Anblick der Verletzten zarte Risse. Grausam waren sie zugerichtet – manche halb aufgeschlitzt, andere so verstümmelt, dass sie kaum mehr als Menschen zu erkennen waren. Doch das wirklich Entsetzliche an diesem Konflikt offenbarte sich ihr erst, nachdem sie ihren Streifzug zurück ins Dorf fortgesetzt hatten. Erst da wurde ihr bewusst, welch unerträgliches Leid selbst die Unversehrten erdulden mussten. Die Blockade, die die Separatisten provozierten, führte dazu, dass keine Güter in die Dörfer des Deltas geliefert werden konnten. Keine Nahrungsmittel, kein sauberes Wasser, keine Medikamente. Und das Wenige, das zur Verfügung stand, wurde während der ständigen Angriffe von den verschiedenen Söldnergruppen geraubt. Die Lebensgrundlage Tausender Menschen war zerstört. In Strömen trafen sie hier ein: ausgemergelt, traumatisiert und völlig erschöpft. Sie alle hatten Mütter und Väter verloren, Brüder und Schwestern, Söhne und Töchter. Am schlimmsten war das Leid der Kinder. In ihren Augen war das hoffnungsvolle und unschuldige Strahlen verschwunden. Jetzt waren ihre Blicke so leer wie ihre Mägen, in denen sich Gase bildeten, die ihre hungernden Leiber ballonartig anschwellen ließen.

Wie konnte sie nicht darüber nachdenken?

Ein Schatten erhob sich vor ihr, er bedeckte das Notizbuch in ihrer Hand.

»Du malst?«

Alice hob den Blick von ihrer Bleistiftskizze und schaute in ein Paar wachsamer blauer Augen.

»Nein. Schon länger nicht mehr«, erklärte sie und klappte das Buch zu, um es neben sich auf den Stein zu legen.

Stans Gesicht, in dem sich Ruhe und Geduld spiegelten, war mit Schweiß bedeckt. In der Hand trug er eine Schüssel, die mit einer Art Haferbrei gefüllt war. In seinem ungepflegten Bart befand sich der Staub von getaner Arbeit. Sie versuchte sein Alter zu schätzen und fand in seiner Miene beides gleichermaßen: Jugend und Erfahrung. Irgendwie glaubte sie Verzicht und Entbehrungen zu erkennen. Womöglich war er jünger, und das Leben hatte sein Jungsein überschrieben. Mitte dreißig, legte sie sich fest.

»Was verschlägt einen Typen wie dich hierher?«

Er grinste verkniffen, ließ sich lange Zeit für seine Antwort.

»Korea, denke ich.«

»Das Land oder der Krieg?«

»Beides. Ich war in der Armee – Air Force.« Er lächelte, doch es wirkte unfrei. »Ich bin in New York aufgewachsen, Hell's Kitchen – keine einfache Gegend. Die Gesetze dort sind ziemlich simpel: Entweder du hast nichts und wirst auch nie etwas haben oder du schaust dir von ein paar Jungs ab, wie du an Geld kommen kannst, verstehst du?«

Tatsächlich, New York.

»Was ist passiert? Bist du in die falschen Kreise geraten?«

Stan verschränkte die Arme vor der Brust und verlagerte sein Gewicht auf die Seite. »Dazu kam es nicht. Ich wurde rechtzeitig volljährig und bin direkt zur Army gegangen.«

Er stand nahe genug, dass sie mehr von ihm wahrnehmen konnte als das, was ihre Augen aus der Distanz sahen: Das kakifarbene Hemd hatte er über die Ellenbogen geschlagen, in den Härchen seiner Arme hingen Staub und getrocknete Erdpartikel, seine Fingernägel aber waren sauber. Dann war da sein Geruch nach Rasierwasser und Motoröl. Seine ganze Aura versprühte eine gewisse Autorität. Es war nicht unangenehm. Ganz und gar nicht.

»Und, hat Korea alles besser gemacht?«

Wenn er so lächelte wie jetzt gerade, wirkte er glaubhaft weise.

»Nicht ein bisschen«, erwiderte er im Plauderton.

»Du hast die Army verlassen?«

Er nickte.

»Aber das Schlachtfeld bleibt«, er tippte gegen seine Stirn. »Hier drin.«

»Aha, und was soll dann das hier für dich sein? Irgendeine verdrehte Art von Traumabewältigung?«

Ihre harsche Art rüttelte nicht an seiner Geduld.

»Als Soldat bist du die ausführende Hand irgendwelcher politischer Entscheidungen. Du nimmst dein Gewehr oder deine Granate oder was auch immer und beginnst fremde Leute umzubringen. Und dann kommst du nach Hause, dein Präsident hängt dir ein paar Orden an die Uniform, klopft dir auf die Schulter und schickt dich im gleichen Atemzug in das nächste Kriegsgebiet. Dort tötest du dann wieder irgendwelche Männer, die vielleicht auch schon ein paar Orden an der Brust hängen haben. Und so geht das immer weiter.«

»Oh, ich verstehe«, sagte sie kühl. »Du hast die Jobbeschreibung nicht richtig gelesen.«

Gnädig blickte er zu ihr herüber.

»Das Problem daran ist, dass der Job nie beendet ist. Es kommen immer wieder neue Böse aus irgendwelchen Erdlöchern gekrochen, und ehe du dichs versiehst, hast du mehr Leuten den Garaus gemacht als anderen die Hand geschüttelt.«

»Ist das nicht der Preis, den du dafür zahlst, dass du die Hilflosen beschützt?«

»Ja, aber vielleicht ist er zu hoch.«

»Irgendjemand muss ihn bezahlen, wenn es so etwas wie Sicherheit geben soll ...«

»Also bist du die Gute?«, fragte er herausfordernd, aber besonnen.

»Das ist eine dumme Frage.«

»Wieso?«

»Weil es keine Rolle spielt.«

»Nicht?«

»Leute wie Eze sind das Böse, und sie müssen aus dem Spiel genommen werden.«

»Aus dem Spiel, was für ein Spiel?« Offenbar war Stan doch dazu fähig, Überraschung zu zeigen. »Was macht aus dir die Gute, wenn du doch genauso bereit bist zu töten wie er?«

Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen vor Wut.

»Du glaubst also, ich bin wie er?«

»Ich kenne dich nicht«, gab er unerwartet unnahbar zurück. »Ich kenne deine Absichten nicht, und ich weiß nicht, welche Dämonen dich dazu antreiben, durch den afrikanischen Dschungel zu streifen, um einen einzelnen Mann zu töten.«

»Ein Mann, der für den Tod von Tausenden verantwortlich ist.«

»Ja, und was dann? Glaubst du, danach erledigt sich das? Ich sag dir was: Ja, Eze ist ein Mörder. Aber sein Tod wird nichts an der Situation hier ändern: Da kommt einfach nur ein neuer Warlord, und das Sterben geht weiter.«

Ein zynisches Kichern entfuhr ihrer Kehle.

»Wenn das alles so sinnlos ist, was machst du dann hier?«

»Ich bin hier, weil ich erkannt habe, dass das Einzige, was man diesem Unrecht entgegensetzen kann, das ist: Die Leben zu schützen, die mittendrin sind. Dort zu helfen, wo Hilfe gebraucht wird. Und ich meine echte Hilfe für die Menschen, die für die anderen nur Kollateralschäden sind. Weißt du, was mit dir passiert, wenn du lang genug auf dem Schlachtfeld warst? – Es macht dich und den Rest Seele in deinem Leib kaputt, du verrohst und wirst zu einem zynischen Kotzbrocken.« Als er fertig war, sah er sie mit fester Miene an, sein Blick drohte sie zu durchbohren. »Und irgendwann ist man nicht besser als das Böse, das man eigentlich besiegen wollte.«

Sie schwiegen lange, schließlich setzte er sich sogar neben sie. Doch sie hingen beide ihren eigenen Gedanken nach. Er unterbrach sie nicht, sondern wartete geduldig darauf, bis sie sich wieder regte.

»Manche von uns haben keine Alternative.«

Er stieß einen gedehnten Atemzug aus, ehe er antwortete: »Einer aus meiner alten Truppe konnte am Ende nur noch mit eingeschaltetem Radio einschlafen. Es war so laut, dass seine Nachbarn sich beschwerten. Er hat sich letztes Jahr erschossen«, schloss er mit niedergeschlagener Stimme. Dann sprang er auf, so plötzlich, dass Alice zusammenzuckte. »Hilft dir deine Ausrede beim Einschlafen?«, fragte er und sah auf sie hinab. »Oder brauchst du auch Nebengeräusche, um deine Gedanken nicht hören zu müssen?«

Sie wusste nicht, was sie sagen sollte, ob sie überhaupt etwas sagen sollte. Daher beließ sie es dabei, ihn finster anzustarren. Er deutete auf die Schüssel, die er neben ihr auf dem Felsen abgelegt hatte.

»Du solltest was essen, du hast einen weiten Weg vor dir.«

»Was soll das heißen?«

»Ich hab mir die Koordinaten von Ezes vermutetem Verschlag besorgt.« Er reichte ihr die Notizen. »Wenn du also keine Alternative hast, ist das dein Weg.«

Kapitel 3

Owls Head

Gegenwart

Die Sache mit dem Leuchtturm war die: Er lag auf einer steilen Anhöhe, die nur durch eine Treppe mit Leiter-Charakter zu erreichen war. Je höher Alice stieg, desto mehr schwüle Feuchtigkeit schlug ihr entgegen. Das kühle Meer mischte sich an dieser Stelle mit der Hitze des verblassten Sommertages. Touristenwetter, dachte sie. Owls Head war kein klassischer Badeort, dafür waren die Strände zu unwegsam und die Wellen zu wild. Dennoch hatte das Städtchen seinen Ruf als ruhigen Rückzugsort über die Jahrzehnte beibehalten und war besonders bei Paaren, die ihre Zweisamkeit genießen wollten, beliebt. Jetzt, an einem warmen Juniabend, war die perfekte Zeit, um nach einem späten Dinner einen kleinen Spaziergang zu unternehmen und die romantische Aussicht auf den offenen Atlantik zu genießen. Der Gedanke ließ sie zögern. Mitten auf der Treppe hielt sie inne und überlegte, ob es klüger wäre, umzukehren und die ganze Angelegenheit als Schnapsidee abzutun. Doch tief in ihrem Inneren wusste sie, dass das, was sie als Vernunft verkaufen wollte, letztlich doch nur Feigheit war. Eine, von der sie ahnte, dass sie sie übermannen würde, wenn sie länger zögerte. 

Es war der spitze hysterische Schrei einer Frauenstimme, der sie aus den Gedanken riss. Die Verzweiflung darin war es, die sie sofort alarmierte. Sie kam in Bewegung: Die Stufen hinauf zum Hügel nahm sie in olympischer Schnelligkeit und erreichte die oberste Kante mit wildem Herzschlag. Direkt vor dem weißen Türmchen fand sie zwei Silhouetten, eng beieinanderstehend und mit fassungslosen Gesichtern. Keinen halben Meter vor ihnen lagen die ausgestreckten Umrisse des Mannes, den Alice heute Nachmittag auf ihrer Einfahrt entdeckt hatte. Eine Blutlache breitete sich unter seinem Rücken aus, das Hemd war jedoch auf der Brustseite unversehrt. Das Gesicht war ruhig, aber seltsam kraftlos, die Augen geschlossen. Sie kam in die Beuge und prüfte den Puls. Er lebte.

»Was ist passiert?«, fragte sie und blickte in die Höhe, um in die erstarrten Gesichter des jungen Paares zu sehen.

»Ist er tot?«, wollte die junge Frau wissen.

Alice vergaß ihre Frage sofort und richtete sich stattdessen an ihren Begleiter. »Haben Sie etwas gesehen?«

Er schüttelte den Kopf. »Er lag schon hier.«

Sie sah zurück auf den am Boden liegenden Mann. Das sauber gescheitelte Haar war in völliger Unordnung, am Hals erkannte sie eine aufgeplatzte Stelle. Sie fuhr mit dem Finger daran entlang und presste ihre Hand gegen die offene Wunde. Es musste wenige Momente zuvor geschehen sein.

»Kommen Sie her!«, rief sie dem Mann, der ihr am nächsten stand, zu. Er gehorchte ihr, auch wenn in seinem Gesicht deutlich Widerwillen zu erkennen war. »Sehen Sie meine Hände? Sie werden jetzt Ihre genau auf diese Stelle legen und so fest zudrücken, wie Sie können, okay?« Seine Augen weiteten sich im Ausdruck puren Entsetzens, dann fügte er sich seinem Schicksal und folgte ihrer Anweisung. Als seine Hände auf der Höhe ihrer waren, packte sie sie und riss sie dem Verwundeten an den Hals. »Zudrücken, ganz fest!«

»So? Hey! Wo wollen Sie hin

Doch da war Alice schon längst wieder auf die Beine gekommen und schuf Distanz zwischen sich und den Beteiligten.

»Ich werde den Rettungsdienst rufen, aber hören Sie nicht auf, die Wunde zuzudrücken!«

Sie sprintete los. Am Beginn der Stufen betätigte sie den Notrufschalter, der in einem kleinen Schutzkasten verborgen war. Die Treppe – weg von der Klippe – stürzte sie beinahe hinunter. Endlich unten angekommen suchte sie Schutz im angrenzenden Wald, durch den sie über Umwege zum Haus zurückfinden würde. Blätter und Geäst schlug ihr entgegen, ihr Atem zirkulierte brennend in der Lunge. Und während der Wunsch, im Haus anzukommen, mit jedem Schritt größer wurde, plagte sie die Frage, ob sie jetzt nicht besser ganz die Stadt verlassen sollte.

Was, wenn der Angreifer noch immer da oben war? Was war mit dem Paar? Was mit dem Schwerverletzten? Warum passierte all das hier?

Alice geriet kurz ins Straucheln, als sie über eine Baumwurzel stolperte, fing sich aber rechtzeitig und nahm die korrekte Abbiegung, die sie vom Trampelpfad über den feuchten Waldboden führte – die letzte Etappe. Nur noch ein paar Meter – zwanzig Schritte vielleicht –, dann würde sie die Lichtung erreichen, die einst ihr Garten gewesen war. Sie presste zwei Büsche auseinander, und ihre Füße fanden Halt auf der der Wildnis überlassenen Wiese, auf der sie früher Kräuter angepflanzt hatte. Sie roch Lavendel und Minze – Spuren einer ehemals gebändigten Vegetation.

Sie stolperte durch den Hintereingang ins Haus und war froh darüber, dass sie ihn vorhin nicht verschlossen hatte. Dies hier war ihr Refugium, ihre heiß geliebte Einzelzelle. Doch jetzt fühlte sie sich wie auf dem Präsentierteller und dazu seltsam verletzlich. Es half nichts: Sie musste von hier verschwinden.

Sie hatte gedacht, sie hätte mehr Zeit. Nun würde ihr Abgang nicht länger einer Planung unterliegen. Aus ihrem Abschied würde eine Flucht werden.

Hastig eilte sie in den Flur und fegte die Stufen zum Obergeschoss hinauf. Auf der Treppe lagen schwere, rustikale Holzdielen. Alice war gefühlte Millionen Male darübergetreten, kannte jede Kerbe und jede Rille darin. Auch das Knarren der vorletzten Stufe am oberen Ende. Sie riss den Kopf in die Höhe ...

In ihrem Gesicht explodierte ein dumpfer Schmerz auf der Höhe ihres Jochbeines. Sie flog nach hinten, ihre Beine stolperten über die Tasche. Unsanft landete sie auf dem Dielenboden. Sofort kroch etwas über sie. Massiv wie ein Felsbrocken überrollte es sie. Kräftige Arme packten ihre, allein die Handgelenke ihres Angreifers hatten den Durchmesser ihrer Oberarme. Aus den beiden Löchern einer schwarzen Skimaske funkelten sie gierige Augen an.

»Ich hab sie!«

Der bullige Kerl unterband ihr Treten, indem er seine Beine wie den Körper einer Schlange um ihre legte. Sein Gewicht war so massiv, dass sie kaum Luft bekam. Sie gab ihren Widerstand auf, fuhr ihre Muskeln in den Energiesparmodus, weil sie erkannte, dass es besser war, ihre Kräfte zu sparen, statt sie sinnlos zu vergeuden. Neben ihr, auf der Treppe, polterten Schritte herunter. Es klang wie rollende Fässer auf steiler Piste.

»Bereit?«, hörte sie über sich.

Das Gewicht verlagerte sich, als er sich aufbäumte und den Druck von ihren Armen nahm. Doch ehe sie zu einem Angriff übergehen konnte, hielt er ein aufgeklapptes Springmesser in den Fingern seiner rechten Hand und richtete es auf ihre Augen.

»Keine Bewegung«, knurrte er.

Sie schluckte das Entsetzen zu ihrem pochenden Herzen hinunter. Als sich das Stahlaugengesicht wieder zu ihr drehte, blieb ihr nichts anderes übrig, als die Spritze in seiner Hand zu betrachten.

»Was habt ihr mit dem Mann oben am Leuchtturm zu tun?«

»Wir sind allein deinetwegen hier«, erklärte er, seine Stimme klang gedämpft durch den Stoff der Maske. Er tauschte das Messer mit der Spritze, deren Nadel bedrohlich über ihren Augen schwirrte. »Nur deinetwegen«, setze er genüsslich hinzu.

Die Nadel verschwand in ihrem Hals. Dem kurzen, intensiven Schmerz folgte ein Brennen. Sie spürte, wie der Inhalt sich vom Hals abwärts in ihrem Körper ausbreitete. Wie eine Welle schwappte das Gift durch sie hindurch, auf der Höhe ihres Bauchnabels wurde das Gefühl von einer allumfassenden Taubheit abgelöst. Wie Frost auf einem glatten See überzog es sie, binnen Sekunden war ihr kompletter Körper eingefroren. Das Letzte, das das Gift berührte, war ihre Zunge.

»Sieh’s dir an – es hat ihr die Sprache verschlagen«, lachte er. »Was wir jetzt alles Nettes mit dir anstellen könnten.« Seine Hand strich grob über ihre Wange.

Sein Komplize schien sich am Zeitmanagement des anderen zu stören. »Komm schon, Mann, lass uns den Job erledigen«, nuschelte er durch den Stoff seiner Maske.

Da Alice den Kopf nicht drehen konnte, erahnte sie nur, dass der bisher passiv gebliebene Eindringling sich irgendwo an ihrem Kopfende befand. Aber selbst wenn er neben ihr gestanden hätte, so hätte die Maske seine Identität weiterhin geschützt.

Plötzlich hielten sie beide inne. Dann hörte Alice es auch: ein Geräusch in der Einfahrt.

»Was ist?«

»Die Cops.«

Alice wusste nicht, ob sie lachen oder verzweifeln sollte – wenngleich sie weder das eine noch das andere zum Ausdruck bringen konnte.

»Verschwinden wir!«, drängte der, der sich ihrem Blick entzog.

An der Haltung des anderen erkannte sie zaghaften Widerstand. »Das können wir nicht!«

»Die werden sie ins Krankenhaus bringen, wir holen sie uns dort.«

»Scheiße, ins Krankenhaus? Der Auftrag lautete, sie ohne großes Aufsehen einzufangen. Wenn die sie ins Krankenhaus mitnehmen, gibt’s ’ne Katastrophe!«

»Ich hab jedenfalls keine Lust, dabei zu sein, wenn die Cops sie hier finden, und wir bekommen sie so nicht weg!«

Während sie miteinander sprachen, beobachtete Alice die wackelnden Lichtkegel am Fenster neben der Tür: zwei Taschenlampen für zwei Polizeibeamte.

»Du hast recht – besser wir hauen ab.«

Die Entscheidung fiel binnen Sekunden. Alles, was sie von den beiden Männern sah, waren deren vorbeihuschende Schatten, die sich durch den Hinterausgang stahlen. Sie blieb allein und bewegungslos zurück. In ihre Sorge, dass sie sich gleich zwei völlig unvorbereiteten Polizisten präsentieren müsste, mischte sich jäh die Klarheit, dass das Gift sich noch nicht vollkommen entfaltet hatte. In dem Moment, als sich ein grauer Schleier vor ihre Augen legte, wusste sie, dass das Zeug ihr auch die Kontrolle über die ihr verbliebenen Sinne nehmen würde. Mit dem letzten Funken Hörsinn vernahm sie das dumpfe Poltern an der Tür. Offenbar waren die Polizisten bereits dabei, sich Zutritt zu verschaffen. Wundervoll, einfach wundervoll! Macht euch bereit, Jungs – dies ist die Show eures Lebens! Immerhin konnte sie noch sehen, auch wenn an den Seiten bereits ein immer größer werdender grauer Schleier herannahte.

Völlig unvermittelt packte sie etwas – jemand – an den Schultern. Sie riss ihre Pupillen bis an den oberen Rand ihrer Augen, erspähte einen dunklen Haaransatz, darunter eine vor Anstrengung zerfurchte Stirn und schließlich unter einem Paar dichter Brauen ein hellblaues Leuchten in weit aufgerissenen Augen. Sie verschwanden wieder, dafür nahm der Druck unter ihren Armen zu. Sie wurde bewegt, und mit trägen Zügen glitt ihr Körper über das Holz. Zuerst durch die Tür, hinaus in den Garten und schließlich die drei Steinstufen hinab, die sie deutlich an der Wirbelsäule spürte. Draußen hatte die Nacht längst ihre Schatten geworfen und tauchte den Garten in tiefes Schwarz. Nur vom Flur wurde Licht hinausgeworfen – zu der Stelle, an der Alice im hohen Gras lag. Doch die Lichtquelle versiegte, als eine dunkle Silhouette eilig hervorpreschte und die Hintertür lautlos ins Schloss einrasten ließ. Keine Sekunde später packte sie die gleiche Person erneut unter den Armen und zog sie über die Unebenheiten des verwilderten Feldes. Sie wollte gern fragen, wohin er sie hinzuführen beabsichtigte – immerhin hatten die beiden Gangster, die so fluchtartig aus dem Haus gestürmt waren, recht: Sie hier ohne großes Trara fortzuschaffen war ein Ding der Unmöglichkeit. Es sei denn, man versuchte es durch den Wald. Und genau das schien der Neuankömmling vorzuhaben. Sie wurde über den weichen Boden gezogen und spürte die Erhebungen des Erdreiches als dumpfe Erschütterung. An der Art, wie sie bewegt wurde – mit zuckendem Gezerre –, konnte sie die Anstrengungen des neuerlichen Fremden erahnen. Plötzlich war sie sich nicht mehr so sicher, ob sie sich von diesem Unbekannten retten lassen wollte. Fliehen! Nicht, dass sie dazu in der Lage gewesen wäre, aber ihr Leben war in den letzten Minuten zu einer ständigen Abwägung der größtmöglichen Katastrophe geworden. Sie wurde abgelegt und wieder aufgesammelt. Jetzt war die Methode, mit der sie über die Erde geschleift wurde, noch zäher. Offenbar ging dem Bestimmer ihrer Lage die Puste aus. Nach Momenten, die sie zeitlich nicht einordnen konnte, wurde sie abermals wie ein sperriges Möbelstück abgesetzt. Wenn sie nicht alles Gift, das in ihrem Organismus wütete, täuschte, hörte sie das Aufreißen einer Autotür.

Ein Auto, mitten im Wald. Es gab einen Weg, einen, den Stan vor all der Zeit auf nicht ganz legale Weise dort planiert hatte. Praktisch veranlagt, wie er war, hatte er – um schneller auf den asphaltierten Ring, der um ihr Grundstück führte, zu gelangen – einen kleinen Pfad, kaum groß genug für ihren Pick-up, angelegt. Dieser musste mittlerweile völlig verwildert sein, vor allem aber sollte er eines sein: unbekannt.

Doch ihr Helfer wusste davon, was sie trotz der Lähmungserscheinungen ihres Verstandes aufhorchen ließ. Er wusste davon?

Im Augenwinkel erfasste sie die Innenseite einer Autotür. In der nächsten Sekunde stand er vor ihr, packte sie dieses Mal von vorn unter den Armen und zwängte sie durch die Tür, um sie dort auf den Beifahrersitz zu hieven. Sicher hatte der Anblick von außen etwas Tragisch-Komisches: Seine Bemühungen, ihre tauben, aber ständig im Weg hängenden Glieder ins Autoinnere zu bugsieren, mussten wirken, als wolle er einen gewonnenen, übergroßen Tombola-Plüschbären verstauen.

Irgendwie schaffte er es, und sie hing wie ein Fisch an Land im Sitz. Die Tür schlug zu, kurz darauf spürte sie den Luftzug auf der anderen Seite.

In aufrechter Haltung spürte Alice zum ersten Mal die Schwerkraft auf ihrem tauben Körper. Sie sank in das Polster, und ihr Kopf legte sich auf ihre rechte Schulter. Immerhin hatte sie so einen neuen Blickwinkel. Sie sah Beine in den Fußraum treten und spürte die Vibration, als die Fahrertür zugeschlagen wurde. Sie hatte erwartet, dass er das Auto direkt starten würde, stattdessen verfolgte sie einen weißen Hemdärmel, der an ihr vorbeizog und sich in die Tasche im Fußraum vergrub. Etwas wurde gesucht und gefunden.

Bevor Alice erkennen konnte, was mit der Hand zutage gefördert wurde, sank sie in eine tiefe Ohnmacht.

Kapitel 4

Im Gebiet des Nigerdeltas, Nigeria/Afrika

49 Jahre zuvor

Irgendwann zwischen den Tagen und Nächten, die während ihres Aufenthaltes im Flüchtlingscamp vergangen waren, war es passiert: Sie hatte sich daran gewöhnt, ein Teil der Gemeinschaft zu sein. Und je länger sie darüber nachsann, desto erstaunlicher erschien ihr der Gedanke: ein Teil der Gemeinschaft. Sie. Ausgerechnet. Niemand fand an ihrer Gegenwart etwas Befremdliches, gar Bedrohliches. Keine Seele nahm ihre Anwesenheit zum Anlass, um sich der Verzweiflung zu ergeben, die zweifellos da war – und die der finstere Funke in ihr sonst so zuverlässig zum Erodieren brachte. Verwundert war sie immer wieder durch das Camp gewandert und hatte beobachtet, wie nichts passierte. Nichts, was sie mit sich in Verbindung hätte bringen können. Sie brütete über die Frage, ob sie der Ruhe trauen durfte. Sie lernte Bastien Koltès kennen: den Leiter des Camps und Initiator von INGA. Ein junger Mann, der das Leben eines gut situierten Arztes in der Schweiz genossen hatte, und den es – überraschend für sein ebenso privilegiertes Umfeld – in den afrikanischen Dschungel verschlagen hatte. Weil er, wie er ihr in einem ihrer Gespräche sagte, fühlte, dass er hier sein musste. Dass dies hier der Ort war, an dem seine Fähigkeiten am meisten gebraucht wurden. Alice hatte ihm diese selbstlose Haltung sofort abgenommen. Die Schonungslosigkeit, mit der er darüber sprach, dass diese Menschen hier dem Willen der Obrigkeit schutzlos ausgeliefert waren, dass man sie bewusst krepieren ließ, hatte sie überzeugt. Bastien war kein Idealist. Seine Absichten dienten nicht dazu, sich in späteren Herrenrunden mit seinen Heldentaten zu rühmen. Er fühlte sich schlichtweg dem Eid verbunden, den er als Arzt einst abgelegt hatte: Leben retten, wo es notwendig war. Sie war mit dem Vorsatz hierhergekommen, ein Leben zu beenden. Jetzt aber schien es ihr, als wäre diese Absicht, im Anbetracht des Sterbens um sie herum, ein einziger, unverzeihlicher Frevel. Diese Menschen hier brauchten nicht noch einen weiteren Schlächter. Sie brauchten Leute wie Bastien Koltès. Und Stan.

Sie sah zur Seite, zum Fahrersitz. Der Laster fuhr gemächlich über den unebenen Boden und heulte laut auf, wenn Stan zu viel Gas gab. Jetzt zum Abend hin war die Schwüle des Waldes am unerträglichsten. Er hielt zwischen einer Reihe schlanker Bäume, um die sich Lianen und andere Schlingpflanzen gebunden hatten.

»Ungefähr hier«, erklärte er und stellte den Motor ab.

Alice wartete nicht, sondern öffnete die Beifahrertür und sprang hinaus. Sofort legte sich ein Film aus Schweiß auf ihre unbekleideten Arme. Ihr Blick fuhr durch das Grün um sie herum, doch sie erinnerte sich nicht daran, jemals hier gewesen zu sein. Nun ja, immerhin bin ich hier kopfüber vom Himmel gefallen ...

Stan hatte sich schon weiter durch die Farne gearbeitet und blieb an einer Stelle stehen, die es ihm erlaubte, an der Felswand, die sie hinabgestürzt war, hinaufzuschauen.

»Also jetzt mal ehrlich: Wie hast du das gemacht? Ich sehe nicht einen Kratzer an dir.«

Sie erreichte ihn und folgte seinem Blick. »Ein ziemlich guter Zaubertrick.«

»Du willst es mir nicht sagen, oder?«

»Nein«, erwiderte sie knapp und begann den Boden zu untersuchen.

Sie hörte ihn resignierend seufzen.

»Und was hat es damit auf sich, dass du Leute meidest wie der Teufel das Weihwasser?«

Sie sah auf und lächelte, als sie entgegnete: »Hilfst du mir jetzt beim Suchen oder was?« Er gab auf, sie konnte es in seinen Augen sehen. Und aus unerklärlichen Gründen war ihr das nicht egal. Sie ließ die Schultern hängen und erlaubte sich, ihre Geschütze etwas tiefer gleiten zu lassen. »Sagen wir einfach, dass ich nicht den besten Einfluss auf andere habe.«

»Wenn du meinst ...«, antwortete er vielsagend. »Was ist mit diesem Dolch, den wir hier suchen? Gibt’s dazu ’ne Geschichte?«

»Ich hab ihn gestohlen.«

»Du?«

Sie nickte. »Er gehört dem Mann, den du Eze nennst.«

Stan zog die Stirn in Falten. »Zurückbringen willst du ihn jedenfalls nicht, so viel ist klar.«

»Meine Mission ist immer noch dieselbe.«

»Also bestiehlst du ihn erst, und jetzt willst du ihn umbringen. Wie reimt sich das zusammen?«

Sie hätte ihm irgendeine Story auftischen können – er wäre gezwungen gewesen, ihr zu glauben. Oder aber sie endgültig als Verrückte abstempeln. Alice entschied sich für die Wahrheit. »Dieser Dolch ist das Einzige, was ihn aufhalten kann.«

»Wieso? Weil er ... so ist wie du?«

Sie gab ihm keine Antwort darauf, doch sofern sie es richtig interpretierte, war das auch gar nicht nötig.

»Was seid ihr?«, fragte er mit plötzlichem Argwohn.

Für einen Moment war es, als wäre der Atmosphäre jegliche Beweglichkeit genommen worden. Kein Blätterrauschen, kein Wind in den Bäumen, kein zirkulierender Atem. Doch das war nur ihre Wahrnehmung.

»Kakerlaken – schädlich und robust.«

Er sah sie mit ernster Miene an. Da war kein lockerer Spruch, aber auch nichts, was darauf schließen ließ, dass er sie einfach voller Abscheu stehen lassen würde. In erster Linie wirkte er vor allem eines: nachdenklich. Als könne er die Wahrheit dahinter ohne weitere Erklärung erfassen. Oder er spürte es bereits.

»Hast du mal darüber nachgedacht, deine Zähheit für einen guten Zweck einzusetzen?«

Er meinte die Frage ernst, das spürte sie.

Alice zuckte die Schultern. »Selbst wenn ich es wollte, ich könnte es nicht.«

»Wieso nicht?«

»Weil das, was mir möglich ist, nicht unbedingt dazu führt, das zu tun, was ich tun möchte

»Das möchte ich gern verstehen, aber ich muss zugeben, dass ich damit so meine Probleme habe ...«

»Zerbrich dir nicht den Kopf deswegen«, parierte sie tonlos.

Er antwortete nicht, stattdessen hob er die Hand, und sie sah den fossilen Griff des Dolches auf seinen Fingern liegen. Einen Moment starrte sie die Waffe verblüfft an. Sie war froh und erschrocken zugleich. Und sie war wieder im Spiel. Er reichte ihn ihr ohne Furcht oder Zögern. Sie fühlte das vertraute Gewicht und gewann ein Stück ihrer verloren gegangenen Sicherheit wieder, und damit einhergehend kehrte auch so etwas wie Entschlossenheit zurück.

»Hat die Kette eine Bedeutung?«

Sie runzelte die Stirn, während sie über seine Frage nachdachte. Seinem Blick folgend, der sich auf den Kragen ihres T-Shirts konzentrierte, bemerkte sie erst jetzt, dass ihre Kette über den Stoff gerutscht war. Es musste passiert sein, als sie sich suchend durch die Pflanzen gearbeitet hatte.

Instinktiv griff ihre freie linke Hand an den Anhänger, ihre Finger fuhren die runde Kontur des blassen Edelsteins ab.

»Es ist nur ein wertloser Stein.«

»Warum trägst du einen wertlosen Stein?«

Ihr kam in den Sinn, dass sie den Anhänger zwar immer bei sich trug, ihn aber schon eine sehr lange Zeit nicht mehr wirklich angesehen hatte. »Er hatte mal eine Bedeutung«, sagte sie und betonte die Worte so, dass sie einem Schlusssatz glichen.

Sie drehte ab, suchte nach dem Jeep, der sie hierhergebracht hatte und sie wieder zurück ins Lager bringen würde. Stan schien es offenbar aufgegeben zu haben, sich mit ihr unterhalten zu wollen, und er folgte ihr stumm. Als sie näher herangetreten waren, hörten sie das Rauschen des Funkgerätes in der Mittelkonsole des Jeeps.

Stan holte auf und griff ins Wageninnere. »Gus, was gibt’s?«

›Stan? Wo bist du?‹, hörte Alice eine fremde Stimme fragen.

»Mit dem Jeep unterwegs. Was ist los?«

›Unser Hauptlager wird angegriffen, wir haben den Kontakt verloren. Wir wissen nicht, was da genau vor sich geht. Vermutlich ist eine Gruppe Separatisten ins Dorf eingedrungen.‹

»Wie viele?«

›Ich weiß es nicht, aber sie nehmen Geiseln. Bastien ist noch unten!‹

Er fuhr sich fahrig über das kurze Haar. »Wieso greifen sie auf einmal das Lager an? Bisher haben sie wenigstens uns in Ruhe gelassen.«

›Ich glaube, sie suchen jemanden‹, sagte die Blechstimme.

Es war der Moment, in dem Alice erkannte, dass der Mann aus dem Lautsprecher recht hatte. Natürlich suchten sie nach ihr, und sie verfluchte sich selbst dafür, dass sie das nicht hatte kommen sehen. Seit dem misslungenen Versuch, eine seiner Wachen zu überwältigen, hätte ihr das klar sein müssen. Jetzt würde er keine Ruhe mehr geben, bis er sie hatte. Sie legte eine Hand auf Stans Schulter, der sich daraufhin überrascht umdrehte und sie fragend ansah.

»Er will mich.«

Obwohl er keine Ahnung haben konnte, was sie damit meinte, blieb sein Blick ernst. Einen Moment noch ließ er die Blechstimme sprechen, dann zog er das Funkgerät zu sich heran, schaute dabei aber zu ihr. »Okay, Gus, wo bist du?«

Kurz vor der südlichen Passage.

»Wir kommen zu dir.«

Es ist besser, wenn du bleibst, wo du bist.

»Wir sind gleich da. Verhalte dich unauffällig.«

Alice sah in Stans todernstes Gesicht. »Du glaubst nicht wirklich, dass ich dich mitnehme.«

»Du kannst ja versuchen allein hinzufinden.«

»Hier geht’s um mich!«

»Nein! Tut es nicht! Da unten kommen vielleicht gerade Leute um. Leute, die nichts für diesen Krieg können, und welche, die helfen wollen. Ich werde nicht hier stehen und warten.«

»Er tut das meinetwegen.«

»Was genau tut er?«

»Er weiß jetzt, dass ich hier bin. Ich bringe euch und das Lager in Gefahr. Bring mich dahin, und ich sorge dafür, dass er keinen Ärger mehr macht.«

Er war der Reihe nach verwirrt, verstört und verärgert.

»Moment mal. Eze, der hiesige Warlord und Meuchelmörder, sucht dich? Gut, bis eben dachte ich mir: Hey, jeder hat seine Geheimnisse, und das Mädchen hat vermutlich ’ne Menge durchgemacht. Aber wie kommt es, dass dieser Mann dich sucht? Was bist du: ’ne reiche Prinzessin? ’ne entflohene Exfrau? Was bist du

»Ich bin diejenige, die ihn aufhalten kann.«

»Und das kannst nur du, ja?« Er schien nicht überzeugt.

Sie hielt den Dolch zwischen sie, sodass er ihn sehen konnte. »Richtig. Und sein Name lautet nicht Eze, sondern John Adams.«

Er sah sie entgeistert an. »Wo bin ich hier hineingeraten?«

»Bring mich zu ihm«, wiederholte sie abermals.

Dieses Mal regte sich kein Widerstand in ihm. Er setzte sich auf den Fahrersitz und drehte den Zündschlüssel, dann wartete er geduldig darauf, dass sie auf dem Beifahrersitz Platz nahm. Der Motor startete tuckernd, ehe er das Fahrzeug in Gang brachte.

»Und was dann?« Er warf ihr einen kurzen Blick zu. »Wenn wir da sind, meine ich? Wirst du ihn töten?«

»Deswegen bin ich hier.«

»Ist es das, was du tust?« Er lenkte den Wagen durch das unebene Gelände, der Großteil seiner Konzentration galt allerdings ihr. »Durch die Welt reisen und Leute umbringen?«

Sie wägte ab, was sie darauf antworten sollte. »Nicht irgendwelche Leute.«

»Eze verdient den Tod, aber was bringt dich dazu, seinen Henker spielen zu wollen?«

Der Wagen wurde durchgeschaukelt, als er über eine knorrige Wurzel fuhr.

»Weil ich es eben tun muss.«

»Wer sagt dir das? Du selbst?«

»Du musst es nicht verstehen, in Ordnung?«

»Ich will es aber verstehen. Du wirkst nämlich nicht wie eine Verrückte.«

Darauf gab es nicht viele Antwortmöglichkeiten. Sie entschied sich für die trotzigste. »Ich habe keine Wahl.«

»Doch, du hast eine Wahl. Man hat immer eine Wahl.«

Rauchschwaden in der Ferne kündigten das überfallene Lager an. Stan hielt den Jeep in einiger Entfernung an und schnellte aus der Fahrerkabine. An der Motorhaube trafen sie wieder zusammen. Und Sekunden später wurde aus dem Rascheln in einem nahen Gebüsch die Silhouette von Stans Kollegen.

»Gus, wie sieht es aus?«

»Es befinden sich ungefähr zwanzig Einwohner im Dorf, plus Bastien und drei seiner Assistenten. Vermutlich werden sie in der Hütte des Dorfältesten gefangen gehalten.«

Alice straffte den Dolch in ihrer Hand, was nicht unbemerkt blieb. Sorgenvoll blickte Gus zu Stan.

»Was macht sie da?«

Dieser zuckte mit den Schultern. »Ihr Ding durchziehen.«

Sie spürte ihre Ungeduld über die Oberfläche treten. »Kommst du?«

Zuerst glaubte sie, er würde ihrer Aufforderung nicht nachkommen, doch er gesellte sich ohne weitere Einwände zu ihr. Zu Gus sagte er:

»Behalte die Position bei, und sei startbereit.«

»Pass auf dich auf!«

Sie verließen den Schutz der Flora, die sie eben noch umgeben hatte, und betraten eine schmale Erdpiste, die direkt in das Dorf führte. Als sie etwa die Hälfte des Weges zurückgelegt hatten und Alice in der Ferne die ersten Hütten erkennen konnte, zog Stan sie zurück in das Dickicht der Farne.

»Wir können uns von hier aus bis zum Rand heranschleichen – die Pflanzen sollten genug Deckung geben.«

»Ich gehe allein«, stellte sie klar und unterstrich ihre Absicht noch mit einem intensiven Blick. »Komm bloß nicht auf die Idee, dass ich dich mitnehme.«

Mit diesen Worten ließ sie ihn zurück. Jeder weitere Schritt verstärkte den Geruch nach verbranntem Stroh in ihrer Nase. Davon ließ sie sich leiten. Als sie nahe genug herangeschlichen war, um hinter einer abseits stehenden Hütte Schutz zu suchen, stieß ihr eine Rauchwolke entgegen. In der Mitte des Dorfplatzes erkannte sie eine Gruppe von drei Männern, deren militärisch aussehende Kleidung ihr als Erstes ins Auge fiel. Von Einwohnern oder den vier ausländischen Helfern war keine Spur auszumachen. Vermutlich war es so, wie Stan es prophezeit hatte, und sie wurden in der Residenz des Dorfältesten gefangen gehalten.

Sie peilte eine Hütte zu ihrer Rechten an, die sie näher an ihren Bestimmungsort bringen würde. Während sie auf den richtigen Moment wartete, um ihre Deckung zu wechseln, fiel ihr in einer fast schon panischen Episode ein, dass sie hierherkam, ohne einen Plan zu haben. Sie erreichte die etwas kleinere Hütte, ohne Aufregung zu verursachen, und kauerte sich an die lehmige Wand. Eine neue Verunsicherung gesellte sich zu ihren bereits vorhandenen Ängsten: Was, wenn er gar nicht hier war? Wenn er einfach nur eine Handvoll seiner Leute schickte, um die Dorfbewohner zu drangsalieren, in der Erwartung, sie auf diese Weise ausfindig zu machen? Man würde sie überwältigen, sie verschleppen und sie ihm wie ein Geschenk präsentieren. Vor ihrem geistigen Auge entstand ein Bild von ihr mit verschnürten Armen und Beinen, wie man sie wie ein Opferlamm vor den Anführer dieses Aufstandes brachte. Nein! Sie würde ihren letzten Atemzug opfern, um sich zu wehren. Sie war hierhergekommen, um diese Pest ein für alle Mal zu beseitigen. Beseitigen ... Du beseitigst niemanden. Du tötest! Wenn sie sich dir in den Weg stellen, wirst du ihre Kehlen zerdrücken, ihre Herzen durchbohren oder ihnen die Köpfe abschlagen. Das ist es, was du machst. Wenn es darauf ankommt, wirst du sie ermorden. Denn das ist es, was du bist: eine Mörderin.

Sie wollte es nicht, doch Stans Stimme – tief und appellierend – stahl sich zwischen ihre Gedanken: ›... und irgendwann ist man nicht besser als das Böse, das man besiegen wollte.‹ Allerdings war es zu spät und die Entscheidung längst gefallen, noch bevor sie das Dorf betreten hatte. Eigentlich – und damit schloss sich die Tür zu diesem Gedanken – war diese Entscheidung noch viel früher gefallen.

Sie stieß sich von der Wand ab und wappnete sich für den bevorstehenden Kampf. Da sie ohne Plan hier hineingeplatzt war, entschied sie sich für die Kamikaze-Variante. Ihre Muskeln spannten sich, ihre Füße gruben sich in die Erde – dann stürmte sie los. Die drei Männer – alle mit Maschinenpistolen bewaffnet – erkannten den Schatten, der sich auf sie zubewegte, zu spät. Ihre überraschten Gesichter und das darauffolgende Gewirr ihres Konters setzten erst dann ein, als Alice sie schon fast erreicht hatte. Ihr Dolch schoss durch die Luft, traf auf Widerstand und säbelte sich ohne Vorwarnung in den ausgestreckten Arm der Wache zu ihrer Rechten. Die Stille wurde von einem schrillen Schrei abgelöst. Der andere Wachmann bekam einen Tritt von ihr und ging zu Boden. Der Letzte war schneller als seine Begleiter: Eiligst sorgte er für genug Abstand, sodass Alice keine Chance hatte, ihn zu ergreifen. Das Problem mit Kamikaze-Plänen war, dass sie meist mit der eigenen Opferung einhergingen. Sie sah die Mündung des Maschinengewehrs auf sich gerichtet, und ihr kurzes Zögern entschied den Ausgang ihres Angriffs. Bevor die todbringende Maschine ihrem Zweck diente, vernahmen ihre Ohren einen verzweifelten Schrei. Es war das Letzte, was ihre Sinne registrierten, ehe die Kugeln sie durchlöcherten. Stans Stimme brach abrupt ab, als die Dunkelheit sie eingeholt hatte.

 

Manchmal, wenn sie aus dem Tod wieder aufwachte, zitterten ihre Muskeln unkontrolliert. Dieses Mal war es schlimmer – sie schüttelten sich geradezu. Das wühlende Adrenalin brachte sie dazu, die Augen bis zu ihrer äußersten Kapazität aufzureißen, und ihr Körper bebte, als sich der Strudel aus Sauerstoff darin ausbreitete wie der erste Atemzug nach einem tiefen Tauchgang. Dann, so plötzlich, wie das Zittern begonnen hatte, ebbte es wieder ab. Zuerst war da nur der knochenbrechende Druck, wie der Griff einer Würgeschlange. Als ihre Sensorik ihre Arbeit wieder aufnahm, fühlte sie warme Hände an ihrem Rücken, nahm den Geruch eines mittlerweile vertrauten Aftershaves wahr. Sie spürte seinen Atem auf ihrer Wange, weil er sie so nahe an sich herangezogen hatte. Stan hielt sie umschlungen, und in dieser Umarmung fand sie den Widerstand, den es brauchte, um die richtigen Signale in ihrem Geist wieder miteinander zu vernetzen. Als ihr Aufwachen vollendet war, löste er die Spannung, ohne sie dabei loszulassen. Sie lag quer auf seinen ausgestreckten Beinen, seine Arme waren um ihre Schulter geschlungen, und obwohl er etwas von dem Druck von ihr nahm, war er noch immer dicht genug bei ihr, sodass sie sein aufgeregtes Herz schlagen hören konnte. Dieses Mal – das ahnte sie – gab es keine Ausflüchte mehr – jetzt wusste er es.

Sie zog sich in den Sitz und erkannte ihre Lage sofort: Sie waren Gefangene. Unzählige Augenpaare hatten sich auf sie beide gerichtet, waren angelockt worden von der heftigen Reaktion, die sie zurück in die Welt der Lebenden gebracht hatte. Sie versuchte die Mitgefangenen zu verorten: Dorfbewohner und die drei vermissten Helfer von INGA. Manchen Gesichtern war sie während der letzten Tage begegnet, anderen nicht. Wussten auch sie es?

»Sie stehen vor der Hütte, es sind vier Leute«, hörte sie Stan an ihrer Seite sagen. Er flüsterte. »Aber keine Sorge, wir lassen uns was einfallen.« Seine nächsten Worte richtete er an alle: »Wir müssen uns wehren. Wenn das Ezes Leute da draußen sind, werden sie keine Gnade walten lassen. Wenn wir das überleben wollen, müssen wir zusammenarbeiten. Offenbar warten sie auf die Ankunft ihres Anführers. Wenn wir etwas unternehmen wollen, dann ist jetzt die Chance dazu. Sie haben sich vor der Hütte versammelt – es sind vier Männer mit Maschinenpistolen. Wenn es uns gelingt, einen davon hier hineinzulotsen und ihn gemeinsam zu überwältigen, könnten wir an eine Waffe kommen. Ohne wird es schwierig werden. Hat jemand eine Idee?« Leises, aber angestrengtes Atmen war von Alice’ Position aus zu vernehmen. Mehr jedoch geschah nicht. »Jeder, der kann, sollte seinen Beitrag dazu leisten, dass wir heil aus dieser Sache rauskommen«, legte er nach.

Nichts.

»Stan«, setzte Alice an und wartete darauf, dass er sich ihr zuwandte. »Sie werden es nicht tun: Sie haben Angst. Ich halte sie davon ab, etwas dagegen zu unternehmen.«

»Du hältst sie davon ab? – Wie meinst du das?«

»Weil ich es bin, die ihre Ängste verstärkt.«

»Aber wie?«

Eine Erklärung wurde mit dem heftigen Zurückziehen des Vorhangs am Eingang vereitelt – genau wie die Pläne zu ihrer Befreiung, die schon in der Theorie gescheitert waren. Zwei Männer, deren wuchtige Gewehre wie Schmuck um ihre Hälse hingen, stürmten herein und mischten sich unter die Geiseln. Alice spürte, wie die Angst ihrer Mitgefangenen in Panik umschlug, als ihre Peiniger begannen, mit zähen Schritten durch die Reihen zu schlurfen und jedes Gesicht aufmerksam zu begutachten. Obwohl keiner der beiden Männer ein Wort sagte, schien dem Kollektiv aus Geiseln längst klar zu sein, was hier vor sich ging: Eine Auswahl wurde getroffen. Sie sah sie dasitzen: Männer und Frauen, an deren verzweifelten Mienen sie die Furcht davor ablesen konnte, ausgewählt zu werden. Und noch etwas einte sie allesamt: die stumpfe, durch Todesangst hervorgerufene Apathie, die jeden Gedanken, der sich mit der Befreiung aus dieser misslichen Lage beschäftigte, lähmte.

Aus dem Augenwinkel sah sie Stan eine Bewegung vollführen. Er tastete hinter sich, und Alice sah, dass es ihr Dolch war, der in seinem Gürtel klemmte und nach dem er griff. Sie fing seinen Arm ab, noch ehe er die Waffe entblößen konnte.

»Was hast du vor?«, zischte sie, war überrascht und zornig zugleich. Überrascht darüber, dass er überhaupt zu so etwas wie einer Aktion fähig war. Zornig, als sie seine – äußerst kurzsichtige – Absicht erkannte. »Das ist Selbstmord!«, ergänzte sie und deutete mit einem Kopfnicken auf die Geiselnehmer, die endlich erkennen ließen, auf wen sie es abgesehen hatten. Nacheinander rissen sie die drei INGA-Mitarbeiter vom Boden. Mit anzusehen, wie seine Kollegen der Willkür ihrer Angreifer ausgeliefert waren, schien ihm fast schon körperliche Qualen zu bereiten.

»Ich muss ...«

Sein Satz blieb unvollendet, weil er ohne Vorwarnung an der Schulter gepackt und hinaufgezogen wurde. Mit einem Stoß trieb man ihn von ihr fort. Nur einmal noch blickte er sich kurz um, und sie wurde das Gefühl nicht los, dass er ihr etwas mitteilen wollte. Doch dann war er auch schon hinter dem Vorhang verschwunden. Das Letzte, was sie von ihm sah, war die Bewegung, die er machte, um den Dolch unter seinem Hemd verschwinden zu lassen.

Alice wollte aufspringen, ihm nachrennen, aber ihre Zweifel stoppten sie, noch ehe sie sich vollständig aufgerichtet hatte. Sie könnte nicht einfach hinterherlaufen – man würde sie sofort wieder einfangen und dieses Mal etwas nachdrücklicher dafür sorgen, dass sie sie nicht weiter behinderte. Sehr wohl vernahm sie das schreckhafte Zusammenzucken neben ihr. Eine junge Mutter klammerte ihr Kleinkind schützend an sich, vergrub es unter ihrem traditionellen Gewand. Alice blinzelte ihr resigniert zu, sendete ein stummes »Ich tu dir nichts«, doch insgeheim wusste sie, dass sie im Unrecht war. Sie war entlarvt worden.

Von draußen dröhnte sich der Bass eines näher kommenden Motors in ihr Bewusstsein. Drei Türen wurden nacheinander aufgerissen und schwungvoll zugeworfen, Stiefel schabten über den trockenen Erdboden. Sachte näherte sie sich dem Vorhang, um mit klopfendem Herzen ins Freie zu spähen. Man hatte die ausgesiebten Gefangenen dazu gezwungen, sich in einem Kreis aufzustellen. Nebeneinander hockten sie mit verbundenen Händen im Staub, jeder war ganz bei sich selbst. Sie sah Stan, dessen Handgelenke mit einem Stofffetzen auf dem Rücken fixiert waren. Gerade noch rechtzeitig, ehe sich die neu eingetroffene Delegation aus Terroristen ihren Gefährten anschließen konnte, wurde der letzte freie Platz im Kreis mit einem weiteren Gefangenen komplettiert. Im Schutze ihrer Deckung verfolgte Alice, wie Bastien Koltès von zwei Pseudosoldaten flankiert und mit einem groben Stoß in den Staub geworfen wurde. Die Riege der ausgewählten Geiseln war komplett und bereit, um dem Anführer präsentiert zu werden. In ihren Ohren klingelte ein gellendes Warnsignal. Sie erspürte ihn augenblicklich, und als sie ihn sah, wurde ihr schlagartig bewusst, dass sie einander tatsächlich begegnen würden – nach all der Zeit.

John Adams. Endlich.

Aber der Dolch war das Problem. Sie musste irgendwie an ihn herankommen. Er durfte ihn auf keinen Fall vor ihr finden. Sie schaute abermals zu Stan. Er hatte das Gesicht in Bastiens Richtung gedreht, doch dieser erwiderte den Blick nicht, sondern starrte – wie die sonstigen Geiseln – nur teilnahmslos zu Boden.

Der Separatistenanführer beendete das kurze Gespräch mit seinen Adjutanten, und erstmals erhielt Alice die Gelegenheit, sein Gesicht zu sehen. Wenig überraschend war es noch immer das Gleiche wie früher: derselbe katzenartige Blick aus smaragdgrünen Augen. Eine Stirn, von der sie wusste, dass sie sich in tiefe, mahnende Falten legen konnte. Und Lippen, die sich zu einem diabolischen Lächeln verbogen, wenn man ihnen einen Anlass dafür gab. Die Art, wie er sich fortbewegte, kam einem stolzen Flanieren gleich. Als seine Stimme das erste Mal über den Köpfen seiner Gefangenen anschwoll, zuckte Alice unwillkürlich zusammen.

»Es gibt jemanden unter euch, der etwas zu verbergen hat«, rief er. »Ein Wechselbalg, ein missratenes Geschöpf, eine üble Laune der Natur. Ich beabsichtige, dieses Geschöpf zu finden.« Er hielt vor dem jungen Arzt, dessen Kopf in Richtung Schultern eingesunken war. »Ihr seid mir schöne Helden! Seht euch an: Die Feigheit steht euch ins Gesicht geschrieben. Eine Hilfsorganisation? Ihr seid ja nicht einmal in der Lage, euch selbst zu helfen!« Als er bei Stan angelangt war, schauten ihn zum ersten Mal sehr wache und wütende Augen an. »Oh, so entschlossen, ja?«, rief der Mann, den sie Eze nannten. »Mal sehen, wie es um deine Entschlossenheit wirklich bestellt ist.« In seinen Händen ließ er ein Messer aufschnappen.

Sie konnte nicht länger warten. Ihre Beine trugen sie, mit mehr Mut, als sie für möglich gehalten hatte, aus ihrer Deckung.

»Lass sie gehen!«, rief Alice entschieden.

Ohne jede Überraschung hob John Adams den Kopf und entblößte eine blanke Zahnreihe in ihre Richtung. »Diese Stimme kommt mir bekannt vor«, begann er in amüsiertem Ton. Er gab einem seiner Männer ein Zeichen, und schon packte sie eine Hand an der Schulter und drängte sie zu dem Kreis der Geiseln. Der Platz, der für sie reserviert war, befand sich zwischen Stan und Bastien. Sie ließ es geschehen, erhoffte sich, mehr Zeit herauszuschinden, damit sie einen Plan fassen konnte. »Mir ist zu Ohren gekommen, dass du nach mir suchst. Solltest du etwa nach all den Jahren eine Art Sehnsucht verspüren?« Sie sah seine mit rotem Staub bedeckten Stiefel vor ihr halten. Als sich ihre Blicke trafen, spürte Alice eine sengende Hitze in ihrer Brust. »Nun, wo du schon diesen weiten Weg zurückgelegt hast, bist du doch sicher nicht unbewaffnet gekommen, oder? Soweit ich mich erinnere, hast du beim letzten Mal etwas an dich genommen, das mir gehört.« Er beugte sich wie ein Blütenstängel zur Sonne über sie. »Also: Wo ist mein Dolch?«

Reiß dich zusammen, ermahnte sie sich, als er sie mit seinem paralysierenden Blick traf. Auf diesen Moment hast du dich vorbereitet, und du wirst jetzt keine Schwäche zeigen! Also reiß dich zusammen! Sie gab ihm nichts. Keine Antwort auf seine unverschämte Frage, und erst recht nicht würde sie ihm die Waffe überlassen, die ihr Überleben sicherte.

»Wie du willst«, sagte er gleichgültig, nachdem er offenbar lange genug auf eine Reaktion von ihr gewartet hatte.

Abermals griff eine fremde Gewalt nach ihr, tastete ihre gesamte Kontur ab. Aus dem Augenwinkel vernahm sie ein maskenhaftes Kopfschütteln, das Adams galt. Sie hörte sein »Sucht alles ab!«, ehe sie auf sein Signal hin selbst wieder in den Fokus geriet. Auf einmal war Bastien neben ihr, und eilige Hände fesselten sie und den Arzt aneinander.

»Was soll das werden?«, fauchte sie, während sie mit Bastien in einem Ruck in die Höhe gezogen wurde. Im Gegensatz zu ihr schien er jeden Widerstand aufgegeben zu haben.

»Dass man dich immer erst zur Vernunft zwingen muss ...«, tadelte Adams sie mit genüsslicher Strenge.

Ein weiterer Helfer tauchte auf und drückte dem wie in Trance dastehenden Arzt eine brennende Fackel in die Hand. Die Hitze und das Licht zuckten unruhig hin und her. Adams kam zu ihnen, und Alice wich einen Schritt zurück, als er so plötzlich vor ihr stand. Sie geriet dabei ins Straucheln, da Bastien sich nicht mit ihr bewegte. Als sie sich wieder gefangen hatte, sah sie, wie ihr Gegner seine Hände auf die Schultern ihres vorübergehenden siamesischen Zwillings legte – ganz sachte, wie ein Vater seinem Sohn die Hand auflegte, um ihm einen gut gemeinten Rat zu geben. Geflüsterte Worte, die Alice nicht hören konnte, wurden an Bastiens Ohr herangetragen und korrigierten etwas in dem vormals erstarrten Gesicht. Die Angst in den Augen des Arztes erlosch, als hätte dafür nur ein Knopf betätigt werden müssen. Er wirkte regelrecht verändert – entschlossener. Kaum hatte sie die Wandlung realisiert, spürte sie schon den Zug an ihren Armen, als sich Bastien, mit der Fackel in der Hand, in Bewegung setzte. Sie stolperte und musste ihm doch folgen, weil seine ehrgeizigen Schritte sie ohne ihr Einverständnis mitrissen. Sie berappelte sich und blickte auf die Hütte, aus der sie eben gekommen war und die Bastien nun wie ferngesteuert anpeilte. Zwei von Adams’ Helfern waren damit beschäftigt, eine Flüssigkeit aus schweren Kanistern an die Wände und das strohbesetzte Dach zu spülen.

Das war also der Plan.

Alice zerrte an ihren Fesseln und hoffte so, Bastiens Schritte zumindest zu verlangsamen.

»Bastien!«, schrie sie und verbarg ihr Entsetzen nicht. »Sie müssen sich dagegen wehren! Hören Sie mir zu!« Doch schon riss er sie mit sich wie einen sperrigen Koffer, der sich verkeilt hatte. Hinter ihr ertönte Adams’ markerschütterndes Gelächter. Er genoss das, was er gerade anrichtete. Genau wie er sich an ihrer Panik ergötzte. Die Wut in ihr katalysierte sich zu Kraft, und erneut zog sie an ihren ineinandergeschlungenen Händen. Bastien wandte sich zu ihr um, er hatte einen Gesichtsausdruck, den sie bei dem hilfsbereiten Arzt niemals vermutet hätte: Hass. Weil sie ihn aufhalten wollte. Sie erhob die Stimme, doch ein heftiger Stoß an ihrem Hinterkopf ließ sie verstummen. Das Metall einer Maschinenpistole traf auf ihren Schädel und raubte ihr für einen Moment die Sinne. Einer von Ezes Söldnern stand so dicht neben ihr, dass sie seinen Schweiß riechen konnte. Sofort nutzte der unter fremdem Einfluss stehende Mediziner die Chance und zerrte an ihren Fesseln, bis er die passende Position gefunden hatte: wurfbereit.

»Bastien ...«, flehte Alice.

»Bastien!«, rief Stan hinter ihr, er klang genauso verzweifelt wie sie. »Dort drinnen ist ein ganzes Dorf: Männer, Frauen, Kinder! Menschen, denen du helfen wolltest. Nur deswegen bist du hier! Erinnere dich wieder daran, mein Freund!«

Der Arzt hielt inne, tatsächlich. Doch der Moment währte nur kurz, dann hob er die Fackel in die Luft.

»Bastien!«, donnerte Stans Stimme durch die Luft.

Alice drehte den Kopf, fand ihn noch immer als Teil des Kreises vor. Er, der nun selbst begriff, dass dem Fremdgesteuerten nicht zu helfen war, wandte sich um, zwang Adams, ihn anzusehen.

»Hören Sie auf damit!«, forderte er unsinnigerweise. »Ich gebe Ihnen, was Sie wollen, aber lassen Sie die Leute gehen!«

Seine Worte schlugen bei ihr ein wie ein Blitzschlag.

»Stan, nicht!« Sie kämpfte gegen den Widerstand an, und dieses Mal gelang es ihr, sich – und Bastien – ins Wanken zu bringen. Sie kickte mit dem Fuß an dessen Bein, und eine Sekunde später stürzten sie krachend zu Boden. Sie rollte sich über ihn, verrenkte sich so, dass ihre Armgelenke in eine unnatürliche Position gedreht wurden. Sie hörte einen Knochen brechen: seiner, nicht ihrer. Die Fackel fiel ihm aus der Hand, und ein gellender Schrei drang aus seiner Kehle.

Während sie mit Bastien kämpfte, widmete sich Adams der Wiederbeschaffung seines Dolches. Es entging ihr keineswegs, wie er sich drohend vor Stan aufbaute, doch ihre Lage gab es nicht her, etwas dagegen zu unternehmen. Die tiefe Schuld, die sie empfand, weil er ihretwegen in diese Situation geraten war, wurde auch nicht von Bastiens Kneifen und Zerren verdrängt. Sie war da, genau wie der Wille des Mediziners da war, ihr Schaden zuzufügen – nur um seinen Auftrag zu erledigen. Nur weil Adams das so wollte. Sie drängte ihn abermals zurück, stieß in von sich und begann, sich zu befreien. Ein Tritt in die Bauchregion ihres an sie gebundenen Gegners machte ihn kurz gefechtsunfähig, und sie nutzte die Sekunden, die ihr blieben, um über den Boden zu hechten, um die heruntergefallene Fackel zu erreichen. Es tut mir leid, entschuldigte sie sich stumm, ehe sie beides – Seil und Haut – in die Flamme tauchte. Bastien schrie wild vor Schmerz, Alice presste die Zähne zusammen und versuchte, den Geruch von verbranntem Fleisch so gut es ging zu ignorieren. Der Akt aus purem Pragmatismus geschah vor den Augen der beiden Männer, deren Tauschhandel ins Stocken geriet. Adams, der es verstand, Prioritäten zu setzen, entschied sich dafür, auf die Herausgabe der Ware zu pochen: Sie hatte noch nichts gewonnen.

Alice spürte das Reißen des Seils, als die letzten Stofffäden endlich nachgaben. Sie zögerte nicht, sondern spannte ihre Hände und erhielt ihre Bewegungsfreiheit zurück. Der ersten Wache, die sich ihr in den Weg stellte, stemmte sie sich in kühner Stier-Matador-Manier entgegen. Sie rammte ihn zu Boden, entriss ihm die Maschinenpistole und brauchte einen einzigen Schlag gegen die Stirn, um ihn mit dem Rücken der Waffe in die Ohnmacht zu befördern. Adams’ Barett flog vom Kopf, als sie ihn mit der Munition durchlöcherte. Tot sackte er zusammen. Aus der Beintasche des bezwungenen Soldaten stahl sie dessen Allzweckmesser. Sie erreichte Stan und löste seine Fesseln.

»Gib mir den Dolch!«

Er nahm die verborgene Klinge aus dem Halfter und reichte sie ihr. Im Gegenzug gab sie ihm das Messer.

»Befrei die anderen, und dann flieht von hier.«

»Was ist mit dir?«

Er wirkte aufrichtig besorgt, und sie musste zugeben, dass es sie ehrlich berührte.

»Ich bin hier noch nicht fertig.«

Sie spürte seine Hand auf ihrer. Die Sanftheit der Berührung stand im Kontrast zu der ungezähmten Brutalität um sie herum, und sie fuhr ihr als warmer Schauer durch alle Glieder. Beinahe hätte sie nachgegeben. All das, was er zu ihr gesagt hatte, die ganze dringliche Botschaft dessen, was ihn dazu bewogen hatte, sich nicht länger dem Tod, sondern dem Leben zu widmen, konnte am Ende nicht über die eine unerbittliche Notwendigkeit herumnavigieren: John Adams musste von dieser Welt getilgt werden. Wie viele hatten es schon versucht und waren gescheitert? Es war an ihr, dieses zeitlose Übel zu beseitigen. Dennoch hallten die Worte des einstigen, geläuterten Soldaten in ihr nach, als sie sich umdrehte, um ihr Werk zu vollenden.

Sie straffte sich, war wieder entschlossen – und wurde enttäuscht: Der Platz, auf dem er gelegen hatte, war leer. Zwei Männer schleppten den leblosen Körper von der Stelle, und noch während sie ihren Anführer aus der Schusslinie zogen, erwachte dieser mit einem breiten Grinsen im Gesicht zu neuem Leben. Er schüttelte seine Helfer ab, rappelte sich auf und klopfte sich den Staub von der Hose. Kurz überlegte sie, ihn trotzdem anzugreifen, sich einfach auf ihn zu stürzen und das Beste zu hoffen. Doch schon zielten erneut schussbereite Pistolenmündungen auf sie, was Adams die Gelegenheit verschaffte, sich eine weitere Fackel reichen zu lassen. Er hob sie siegessicher in die Luft, als hielte er das olympische Feuer.

»Unser Tag wird kommen, meine Liebe«, versprach er. »Aber nicht heute.« Mit diesen Worten warf er die Flamme auf die Hütte des Dorfältesten, wo sie sofort Feuer fing und sich hungrig über das Strohdach fraß. Ohne Zögern drehte er sich um und sprang auf die Laderampe eines Jeeps, der sich abrupt in Bewegung setzte.

Alice sprintete los.

»Warte!«

Die Dinglichkeit in Stans Stimme ließ sie innehalten. Sie wirbelte herum, sah ihn winkend vor der brennenden Hütte stehen. Ein Ring aus Feuer hatte sich um den Eingang gebildet – dort, wo er darauf wartete, dass sie auf sein Zeichen reagierte. Hinter ihr hörte sie, wie sich das Motorengeräusch des Jeeps zügig entfernte. Vor ihr sah sie, wie Stan nicht länger ausharrte und mit einem beherzten Sprung durch den Flammenring verschwand.

Der Druck, eine Entscheidung zu treffen, legte sie unerwartet schwer um ihr Herz: Erste Hilfe leisten oder die letzte Chance wahrnehmen, Adams zu fassen? Ihre Genugtuung gegen das Wohl aller anderen? Die Gruppe aus INGA-Mitarbeitern saß untätig vor ihren mittlerweile gelösten Fesseln – sie konnten ihr nicht helfen, es blieb ihr eigenes Dilemma. Ihr Blick fiel auf Bastien, der besinnungslos auf dem Boden lag, während sich die Flammen unbarmherzig ihren Weg zu ihm fraßen.

Alice sprintete los, fasste dem Arzt an die Fußfesseln und zog ihn in den Kreis seiner Kollegen, ließ ihn dort zurück. Am Eingang waren die Schreie der Menschen ohrenbetäubend. Sie sah einen Schatten an sich vorbeihuschen und erkannte Stan, wie er mit zwei Gestalten im Arm an ihr vorbeisprang. Er setzte die Geretteten ab und wandte sich wieder zum Eingang, um erneut hineinzurennen.

»Nein!«, rief sie ihm zu. »Ich gehe!«

Sein Blick hatte etwas Dankbares, aber zugleich Widerspenstiges. Kaum dass sie zu Ende gesprochen hatte, war er schon hinter der Flammenwand verschwunden. Sie ließ sich von seinem Mut mitreißen und folgte ihm ins Inferno. Dort packte sie alles, was sie für menschlich hielt, und stieß es durch die rettende Öffnung. Sie wiederholten es beide gemeinsam so lange, bis sie niemanden mehr finden konnten. Sie retteten sich selbst rechtzeitig mit einem weiten Sprung, ehe das völlig zerstörte Dach zusammenstürzte.

Kleine Partikel aus Glut und Asche landeten auf ihrer Haut, während sie sich nach Atem ringend ansahen.

»Das war knapp«, sagte sie zwischen zwei Atemstößen.

Er stimmte ihr wortlos nickend zu und ließ sich zu Boden sinken. Alice schwenkte den Blick über den Platz: Sie sah Bedauern in den Gesichtern der Menschen um sie herum, aber auch Dankbarkeit. Dann geschah etwas Wundersames: Die allumfassende Angst schien sich aufzulösen, als wäre da ein unsichtbarer Regen, der das negative Bannfeld wegspülte und aus den Köpfen der Umstehenden vertrieb. Der Erste, der aus dem Nebel der Furcht stieg, war ein junger Mann mit pechschwarzen Haaren. Er stand auf und widmete sich einem kleinen Mädchen, das sich den Knöchel hielt. Sosehr sie auch Freude darüber empfand, dass der Bann, zumindest für den Moment, gebrochen schien, so tief saß das Bedauern über eine verpasste Gelegenheit. Vielleicht hatte es nur diese eine gegeben.

»Wir haben es geschafft«, sagte sie und klang dabei, als müsse sie sich selbst aufmuntern.

Neben ihr hustete Stan zwei Mal. »Ja.«

»Alles in Ordnung?«

Sein Nicken war mechanisch und vermutlich vorschnell. Er hustete abermals. Wieder und wieder. Sie sah ihn, wie er von den Anfällen regelrecht durchgeschüttelt wurde, in den Pausen bebte sein Brustkorb, und endlich begriff sie, was mit ihm geschah.

Alice fegte herum und suchte den Platz nach der Person ab, die Stan am nötigsten brauchte.

»Bastien!« Aus dem Gewirr der umstehenden Menschen drängte ein Gesicht hervor. Der Arzt sah sie und sprintete sofort in ihre Richtung. »Er bekommt keine Luft«, erklärte sie, als sie voreinanderstanden.

Bastien kniete sich zu Stan und versuchte dessen Blick einzufangen.

»Er ist ganz blau. Vermutlich eine Rauchvergiftung. Er braucht Sauerstoff – wir müssen ihn ins Lager zurückbringen.« Kaum hatte Bastien die Worte zu Ende gesprochen, sank Stan mit einem Stöhnen in sich zusammen. »Wir sollten uns beeilen«, drängte der Arzt.

»Ich besorge einen Wagen!«, rief Alice zu den beiden Männern hinunter.

Sie presste sich an den Zuschauern vorbei, wusste genau, wohin sie musste. Der Laster, mit dem sie hergekommen waren, stand noch immer an der gleichen Stelle. Sie riss die Fahrertür auf und startete den Motor. Schaukelnd setzte sich das Fahrzeug in Bewegung, polterte die Böschung hinunter und wirbelte den trockenen Staub auf, als sie die freie Fläche zum Dorf erreichte. Auf ihre Beschleunigung folgte die Vollbremsung, weil da plötzlich eine Mauer aus Menschen war. Sie hatten ihr die Rücken zugekehrt und schauten gemeinsam auf eine Stelle vor ihr.

Alice wedelte mit den Armen durch die Luft. »Macht Platz! Ihr sollt verschwinden!« Sie boxte auf das Lenkrad, eine schrille Hupe ertönte. Keine Reaktion.

Was ist hier los?

Sie riss die Tür auf und hängte sich halb aus der Öffnung. »Aus dem Weg!« Nichts geschah. Diese kategorische Teilnahmslosigkeit war verdächtig.

Ist es meinetwegen?

»Ich sagte: Aus dem Weg, verdammt!« Noch mal die Hupe.

Natürlich ist es deinetwegen!

Alice stieg vom Tritt hinab und überlegte, ob es nicht besser wäre davonzulaufen. Wenn sie es war, die diese Unordnung provozierte, würde sie der Rettung des Verletzten nur im Weg stehen. Genau wie die Männer in der Bekleidung der Hilfsorganisation vor ihr. Sie packte einen von hinten an der Schulter und zog ihn zu sich heran.

»Steht hier nicht herum!«

Er riss sich los, entledigte sich ihrer geradezu, als hätte sie ihn bei etwas Wichtigem gestört. Was entging ihr? Sie folgte seinem Blick, und mit einiger Erschütterung stellte sie fest, dass dieses seltsame Verhalten nicht nur auf ihn als Einzelnen zutraf. Auch der Rest der Gruppe, die sich um Stan versammelt hatte, war von einer unheimlichen Starre erfasst. Als einzige Regung in der Masse verschaffte sie sich mit der Art eines Rammbocks Zugang zu Stan: Sie stieß den menschlichen Widerstand von sich, was ohne Gegenwehr akzeptiert wurde. Die letzte Person, die ihr den Weg versperrte, packte sie von hinten an beiden Armen und warf ihn wie einen Kegel in den Haufen anderer Kegel. Erst jetzt sah sie, dass Bastien nicht der Einzige war, der im Zentrum der Aufmerksamkeit stand. Da war noch jemand Drittes. Allerdings vollzog die Gestalt eine so rasche Bewegung, dass sie nicht mehr als einen flüchtigen Schatten davonlaufen sah. Kaum dass sie die groben Umrisse eines Mannes erkannte, war dieser schon in der Menge verschwunden.

Sie erreichte Bastien und schüttelte ihn wie einen reifen Apfelbaum, damit er seine Paralyse überwand. »Was ist hier los? Wer war das?«

Zu ihrer großen Erleichterung erwachte der Blick ihres Gegenübers zu neuer Klarheit. Seine Worte jedoch kamen als Rätsel daher, als er verträumt sagte: »Das waren nur Worte ...«

Alice zog die Brauen zusammen. Was sollte sie damit anfangen? Stans erneutes Keuchen führte dazu, dass sie ihren Fokus wieder auf die unterbrochene Aufgabe richtete. Sie packte ihn am Arm und zog ihn hinauf.

»Helfen Sie mir, Bastien!«

»... folge dem Westwind ...«

»Bastien! Folgen Sie mir!«, rief sie voller Ungeduld.

Das, was auch immer in den Arzt gefahren war, war vorbei, als er ihre eindringlichen Worte vernommen hatte. Er blinzelte und war wieder da.

Gemeinsam schleppten sie Stan zum Laster, sie luden ihn auf die Transportfläche. Während Bastien bei seinem Patienten blieb, lenkte Alice das Fahrzeug zurück zum Hauptlager.

 

Erst am Abend sah sie ihn wieder. Sie fand ihn vor seiner Pritsche im Gemeinschaftszelt, wie er gerade dabei war, seinen Rucksack zu füllen. Er hatte sie noch nicht bemerkt, also konnte sie ihn in aller Ruhe mustern: Er war ganz in Kakifarben gekleidet, wirkte fit und ausgeruht, nichts deutete auf seinen lebensbedrohlichen Zustand von vor ein paar Stunden hin. Das Wenige, was er in seinem Rucksack verstaute, ließ Alice vermuten, dass er nur mit einer Handvoll Kleinigkeiten in dieses fremde Land gekommen war. Jetzt bereitete er sich darauf vor, es wieder zu verlassen.

»Bastien sagte mir, dass ich dich hier finden würde«, sagte sie und lächelte, als er ein bisschen zusammenfuhr. Als er sich zu ihr herumdrehte, hatte er sich bereits an ihre Anwesenheit gewöhnt. Sein Blick trug kein Zeichen von Überraschung, er wirkte gefasst und erfreut, sie zu sehen. »Du hast dich schnell erholt«, schloss sie mit anerkennender Stimme.

Er zog die Kordel an seinem Rucksack zu und stellte ihn auf den kleinen Metalltisch neben der Pritsche. »Mir wurde ja auch schnell geholfen.«

»Du gehst?«, fragte sie und blickte auf den Rucksack zwischen ihnen.

»Bastien meint, ich brauche mal Urlaub.«

Alice nahm einen tiefen Atemzug. Es klang theatralischer als beabsichtigt. »Ein bisschen Frischluft könnte nicht schaden.«

»Es geht schon wieder«, sagte er und hob die Mundwinkel zu einem sachten Lächeln. »Was ist mit dir? Bist du enttäuscht darüber, dass du deine Chance verpasst hast?«

Sie tippte gegen ihren Gürtel, der die schmale Klinge mit dem elfenbeinfarbenen Griff hielt. »Es ist nichts verloren und nichts gewonnen.«

Er verzog das Gesicht. »Was ist da heute passiert? Du schuldest mir keine Antwort, aber ich wüsste es trotzdem gern.«

Natürlich möchtest du das.

Kurz war da Widerstand – die bewährten Lügen und immergleichen Erklärungen. Aber dann – und das war viel stärker – war da dieser Drang, ihm die Wahrheit zu sagen. Also tat sie es.

»Ich habe dir erzählt, dass ich einen schlechten Einfluss auf Menschen habe«, setzte sie an und schnappte erneut nach Luft. Hier im Zelt konnte sie die Hitze vor ihren Augen flimmern sehen. »Ich meine das wortwörtlich: Meine Gegenwart provoziert das quasi. Man sagt einigen Leuten nach, dass sie das Beste aus einem herausholen können. Tja, in meinem Fall ist es genau das Gegenteil. Du hast Bastien heute erlebt – er war wie gelähmt seit der Ankunft von Adams. Er ist viel stärker als ich. Und im Gegensatz zu mir ist er gewillt, diese Stärke auch einzusetzen.«

»Wie funktioniert es?«

»Ich habe keine Ahnung. Alles, was ich weiß, ist, dass Leute wie Adams und ich diese Reaktionen provozieren. Einige lähmt die Angst, andere reagieren mit Wut darauf. Was auch immer passiert, es geschieht zu ihrem Nachteil.«

»Andere? Es gibt noch mehr von euch?«

»Nur die, die ich noch nicht erwischt habe.«

Kurz schien er in seine eigenen Gedanken versunken zu sein. Dann klärte sich sein Blick wieder. »Du kannst es nicht kontrollieren?«

»Ich wünschte, ich könnte es.«

»Aber ich habe nichts davon bemerkt, zu keinem Zeitpunkt ...«

»Je größer die Menschenansammlung, desto stärker ist der Effekt. Nur aus diesem Grund habe ich es vermieden, das Dorf zu betreten.«

»Und Eze? Adams ... wie auch immer?«

»Er kann es kontrollieren. Leider«, sagte sie. »Er ist es, der mir das angetan hat.«

»Er hat dich dazu gezwungen, so zu sein?« Sein Blick war ernst, aber nicht abweisend. »Also ist deine Mission noch nicht zu Ende?«

Ein sachtes Kribbeln fuhr über ihre bloßen Arme. »Ich weiß nicht. Irgendwie hatte ich gehofft, dass es mit Adams’ Tod erledigt sein würde.« Sie zuckte mit den Schultern. »Ich habe versagt.«

»Versagt? Du bist heute in Flammen aufgegangen für diese Leute hier«, erinnerte er sie mit gütiger Stimme.

»Ich habe sie doch erst in diese Lage gebracht.«

»Unsinn. Eze hat sie in diese Lage gebracht.«

»Und jetzt läuft er weiter da draußen herum und treibt sein Unwesen ...«

»Er ist weg«, sagte Stan. Die Nachricht traf sie so unerwartet, dass ihr für einen Moment die Gesichtszüge entglitten. Er fuhr fort: »Die Separatisten haben sich zurückgezogen, nachdem sich ihr Anführer aus dem Staub gemacht hat. Das sind gute Neuigkeiten«, sagte er, als müsse er sie erst daran erinnern. »Du kamst hierher, um einen einzelnen Mann zu töten. Das ist dir vielleicht nicht gelungen, aber dafür hast du einer Menge Leute das Leben gerettet. Mir auch – dafür habe ich mich übrigens noch nicht bedankt. Also: Danke.« Er reichte ihr seine Hand.

Sie schüttelte den Kopf. »Dank ist nicht erforderlich.«

Seine Hand schwebte immer noch zwischen ihnen, als er sagte: »Du bist es nicht gewohnt, dass jemand nett zu dir ist, oder?«

Es war ihr ein Bedürfnis, die aufkommende Melancholie wegzublinzeln. »Du bist mir nichts schuldig, in Ordnung?«

Stan senkte die Hand. »Schade, dabei wollte ich dir gerade anbieten, mich nach Zürich zu begleiten.«

Alice runzelte die Stirn. »In die Schweiz?«

Er nickte. »Die Zentrale von INGA liegt in Zürich. Man könnte sagen, dass ich dort gestrandet bin. Weißt du, was ich meine?«

Sie wusste es – trotzdem: »Zürich ist eine große Stadt – kein Ort für mich. Abgesehen davon ist konventionelles Reisen keine Option.«

»Wegen deiner kleinen Einschränkung?«

Sie hob höhnisch die Brauen. »Es ist wohl ein bisschen mehr als das.«

»Was das angeht, könnte ich womöglich behilflich sein«, sagte er geheimnisvoll. Er hob den Rucksack an und warf ihn über die Schulter. »Ich darf Bastiens Jet fliegen. Ich könnte dich mitnehmen. Wohin du auch immer willst – ich bringe dich pünktlich hin«, sagte er schelmisch.

Sie sah in seine gar nicht mehr so fremden Augen. Sie wollte aufrichtig sein – zu ihm und zu sich selbst. »Ich bin nicht ganz normal«, schoss es aus ihr heraus, weil ihr nichts Besseres einfiel.

»Okay ...«, sagte er amüsiert und betrachtete sie mit entspannter Neugier.

»Was ich sagen wollte, ist ... ich bin älter, als ich aussehe.« Sie deutete seinen musternden Blick, ehe sie fortfuhr: »Ich weiß ...«

»Du alterst nicht?«

»Ja, gehört zum Paket dazu«, sagte sie mit einem Schulterzucken. »Ich bin alles andere als das perfekte Date«, erklärte sie frei heraus.

Zu ihrer Überraschung änderte sich nichts an der Art, wie er sie ansah.

»Ich würde dich gern besser kennenlernen. Ein mehrstündiger Flug in einem unbequemen Flieger eignet sich hervorragend dafür, findest du nicht?« Er lachte und meinte es doch ernst.

Sie fühlte eine aufsteigende Unruhe in sich. Das Gefühl war nicht unangenehm, vielmehr war es ihr, als stünde sie vor dem Aufbruch zu einem neuen – völlig unerwarteten – Abenteuer.

Dieses Mal war sie es, die ihre Hand in die Luft hob. Er blickte hinab und packte mit festem Griff zu. Es löste nicht das aus, was sie erwartet hatte. Die Berührung war um einiges intensiver, um sich normal anzufühlen. Da war ein Pulsieren, es kam einem Stromschlag nahe, und beinahe hätte sie die Hand einfach weggezogen, doch gleichzeitig war da dieses Gefühl. Ein schwaches, aber bekanntes Signal ...

Was ist das?

»Hey, was ist los?« In seiner Stimme schwang ein hoher Grad an Besorgnis.

Unmöglich!

Sie wollte schwören, dass es bis eben nicht da war. Spielte ihr Kopf ihr einen Streich?

Da war ein Funke, eine Ahnung dessen, was sie selbst nie hatte klären können.

Etwas, das so war wie sie.

Kapitel 5

Gegenwart

Grelles Licht weckte Alice aus ihrem Dämmerschlaf. Als sie ihre Augen öffnete, schaute sie in die tief stehende Sonne, die am Ende eines weitläufigen Weizenfeldes hing. Wie eine künstliche Lampe auf einem Tisch endete sie da, wo die noch unreifen Ähren sich zu einem Hügel erhoben, kündigte einen frischen Morgen an. Sie erwachte auf dem Beifahrersitz, konnte sich aber nicht daran erinnern, dort Platz genommen zu haben. Der aufdringliche Wind aus dem Gebläse der Klimaanlage hinterließ eine erstarrte Gänsehaut auf ihren Armen. Träge reckte sie ihren rechten Arm hinauf zur Armatur, um die gekühlte Luft umzuleiten. Sie blinzelte ein paar Mal gegen die Schläfrigkeit an, doch der Nebel lichtete sich nur langsam. Der Sog eines heftigen Hangovers hielt sie weiterhin fest im Sitz. Der Versuch, ihre Beine zu bewegen, endete mit der Einsicht, dass sie steif und wacklig zugleich waren. Sie ließ ihre Finger eine Stelle an ihrem Hals berühren, um einen einsetzenden Juckreiz zu stillen – dort, wo die Nadel in sie eingedrungen war. Fühlte sie sich deshalb so schlecht? Wegen dieses Zeugs, das sie ihr verabreicht hatten? Wieso hörte es nicht auf zu wirken?

Die Besinnung auf die Begegnung mit ihren Beinahe-Kidnappern brachte sie zurück zu dem Umstand, dass sie hier offenbar allein war. Sie schaute durch die Windschutzscheibe auf eine leere Straße, die zu beiden Seiten von Weizenfeldern gesäumt wurde. Jemand hatte sie doch aus dem Haus gezogen. Sie kramte in ihrem lückenhaften Gedächtnis nach einer Erinnerung. Ein Gesicht? Eine Stimme? – Fehlanzeige. Sie sog einen fremden Duft durch die Nase ein, der ihr eine Sekunde später gar nicht mehr so fremd vorkam: eine milde Zitrusbrise, gemischt mit einer Schärfe, die an Kiefernholz erinnerte. Angenehm und sehr präsent zugleich. Sie schnippte den Stoff ihres T-Shirts vom Kragen zur Nase hinauf, nahm den Duft noch intensiver wahr. Es musste beim Reinbugsieren in den Sitz passiert sein: Stoff, der an Stoff rieb und dabei unsichtbare Spuren übertragen hatte. Zu wem gehörte diese Note?

Alice drehte den Kopf zur Fahrerseite. Der Sitz war verlassen, aber der Schlüssel steckte unter dem Lenkrad fest. Ein schmuckloses Etikett mit dem Firmenlogo einer Autovermietung baumelte daran. Zwei Gegenstände gerieten in ihren Fokus, als sie ihren Blick über die Konsole schweifen ließ: das Smartphone, das behelfsmäßig im Flaschenspender hing, und das braune Lederetui im Mehrzweckbehälter, das darauf wartete, von ihr gefunden zu werden. Die erste Entdeckung war eine Enttäuschung: Das Telefon war ausgeschaltet. Das Etui stellte sich als Geldbörse heraus. Sie fand darin Bargeld – Dollar- und Euronoten. Sie zog einen von den roten Scheinen hervor, betrachtete das fremde Zahlungsmittel. Zehn Euro. Euro? Europa? In einem für Kreditkarten vorgesehenen Einsatz fand sie genau zwei davon: American Express und Visa, beide auf den gleichen Namen ausgestellt. Zurück zum Bargeld: Sollte sie womöglich ... und dann ...? Alice warf einen Blick über die Schulter, keine Spur vom Fahrer. Wo war er? Da waren sein Geld und sein Smartphone in einem Mietauto – das würde er doch nicht einfach zurücklassen? Oder war etwas geschehen während ihrer Ohnmacht? Etwas mit ihr? Etwas mit ihm? Eine Wirkung? Ihre Wirkung?

Sie legte die Geldbörse zurück. Das kleine, weiße Gerät im Fach der Mittelkonsole fand sie erst jetzt. Sie wechselte die Utensilien aus und betrachtete das handliche Format aus der Nähe. Zur Behandlung von chronischem Asthma, las sie die Beschriftung.

Wie passte das alles zusammen? Sie war im Nirgendwo gestrandet, in einem verlassenen Mietauto, das offenbar von einem nicht auffindbaren Asthmatiker gefahren wurde, der im amerikanischen Hinterland mit Euronoten durch die Gegend fuhr. Nachdem er wie aus dem Nichts in ihrem Zuhause aufgetaucht war.

Alice gab sich einen Ruck. Zeit, um in die Gänge zu kommen. Sie musste austesten, ob ihre Beine wieder zu gebrauchen waren, also stieß sie die Tür auf und beobachtete ihren rechten Oberschenkel, dem sie das Signal zum Anheben gab. Zufrieden stellte sie fest, dass er ihrem Befehl folgte, auch das Aussteigen klappte erstaunlich gut. Als sie aber auf dem Erdboden in den Stand kam, zitterten ihre Knie, als müssten sie die Last eines Kleintransporters stemmen. Sie fasste nach Gleichgewicht suchend an den Fensterrahmen und hielt sich daran fest. Ein leichter Wind zog über sie hinweg. Regenluft, dachte sie und sog die Brise durch die Nase ein.

Eine Stimme aus der Distanz drängte sich in ihr Bewusstsein. Vorsichtig, um ihre gerade erst eingepegelte Balance nicht zu gefährden, schraubte sie den Kopf in die Richtung schräg hinter ihr. Etwas abseits vom Auto, an der Telefonanlage am Straßenrand, stand ihr Fahrer. So wie er sich vor dem antik anmutenden Gerät postiert hatte – ein Arm lehnte auf dem Dach des Metallkastens –, sah sie nur seine Kehrseite. Ein professioneller Fassonschnitt hielt sein Haar in Ordnung. Hemd und Hose – beides mit durchaus modischem Anspruch, wie sie fand – lagen am Rücken und in den Kniekehlen in tiefen Falten, deuteten auf die Strapazen einer langen Reise hin. Das passende Paar Slipper war an den weißen Sohlenrändern von Dreck und Staub überzogen, der Unrat setzte sich an den Enden seiner Hose fort, färbte das Beige zu einem lehmigen Matschton.

Der Hörer des Fernsprechers wechselte die Seite, und sie hörte den Mann aus der Ferne sagen:

»Ja, ich bin noch dran.« Eine Münze, die er in der anderen Hand hielt, spielte einen unruhigen Takt gegen das Metallgehäuse der Telefonanlage. »Eine Schussverletzung ... genau. Ich weiß nicht genau, auf der Höhe der Schulter eventuell.« Pause, dann: »Okay, verstehe, danke für Ihre Bemühungen.«

Die bereits eingeworfene Münze fiel durch den Gerätekreislauf, beendete das Telefonat. Er legte den Kopf in den Nacken und stieß einen erschöpften Seufzer in die Luft. Zweifellos fühlte er sich unbeobachtet.

Alice entschied, sich zu erkennen zu geben.

»Geht es um den Mann am Leuchtturm?«

Er reagierte anders, als sie erwartet hatte. Weder zuckte er zusammen, noch ließ er sich zu einer nervösen Reaktion auf ihr plötzliches Erscheinen hinreißen. Überraschend souverän wandte er sich ihr zu. Als sich ihre Blicke trafen, stellte sie verwundert fest, dass sie nicht das Gefühl hatte, einem Fremden gegenüberzustehen – obwohl kein Zweifel daran bestand, dass das hier ihre erste Begegnung war. Sie vergaß nie ein Gesicht. Meist reichte ein einziges Detail, das sich in ihrer Erinnerung verankerte. Oft waren es auch nur Proportionen, die ein Gesicht für sie individuell machten – kleine Zeichen von Asymmetrie, eine winzige Störung in der Harmonie. Ungleiche Abstände der Ohren prägten sich ihr genauso ein wie die Anordnung von Lachgrübchen oder ein schiefer Nasenwinkel. Sie war darin geschult, das markanteste Merkmal herauszufiltern, um ihrem Gedächtnis einen Basispunkt zu liefern, an den sie die übrigen Elemente angliederte. Nicht immer war das ein Makel, oft sogar war die Ausstrahlung am prägnantesten. In seinem Fall war es dieser besondere Blick in seinen Augen, dieses unbestimmbare Vertraute im fremden Antlitz.

»Ich versuche herauszufinden, in welches Krankenhaus er gebracht wurde. In Rockland und Augusta habe ich es schon versucht, aber dort ist er nicht.«

Er wirkte aufrichtig besorgt.

»Dann sind Sie beide ... Kollegen?«

Sie hatte es kaum ausgesprochen, als ihr ein neuer, Furcht einflößender Gedanke kam: Verdeckte Ermittler? Wenn das wahr ist ...

»Er ist mein Vater.« Sie runzelte die Stirn. Nach ein paar Schritten, die er auf sie zugegangen war, räusperte er sich. »Ich habe mich Ihnen noch nicht vorgestellt. Mein Name ist -«

»- William Albury«, beendete sie für ihn den Satz und reckte den Kopf in Richtung des Mietwagens hinter ihr. »Ihr Portemonnaie, es lag im Auto.«

Er nickte gedankenverloren. »Oh.«

Alice traktierte ihn mit ihrem Blick. »Sie wissen, wer ich bin?«

Die Frage, die vielmehr eine Feststellung war, rüttelte nicht an seiner Ruhe. Er wirkte vorbereitet, gewissermaßen.

»Sagen wir, ich kenne ein paar Details aus Ihrem Leben.«

Alice legte den Kopf schief. »So was Ähnliches hat Ihr Vater auch behauptet, kurz bevor das mit ihm passierte.«

Sein Blick senkte sich leicht.

»Haben Sie etwas beobachtet?«

Seine Stimme, in der sie ein Flehen vernehmen wollte – eine Hoffnung vielmehr, dass sie etwas zur Aufklärung dieses Unglücks beitragen könnte –, weckte ihr Mitgefühl.

»Es war schon passiert, als ich eintraf«, sagte sie fast schon entschuldigend.

»Danke, dass Sie sich um ihn gekümmert haben.«

Sie hob die Brauen an. »Sie waren dort?«

»Ein paar Minuten nach Ihnen, der Krankenwagen war bereits da. Da war dieses Pärchen, das von einer Frau erzählte, die Erste Hilfe geleistet hatte, aber dann verschwand. Die Beschreibung kam mir bekannt vor, also bin ich Ihnen nachgelaufen – in die Richtung, die mir die beiden genannt hatten.«

»Wieso sind Sie mir nachgelaufen? Hätten Sie nicht besser bei Ihrem Vater bleiben sollen?«

Er stockte. »Ich nahm an, dass die Gefahr noch nicht gebannt war ...«

»Denken Sie, dass die Leute im Haus auch diejenigen waren, die auf ihn geschossen haben?«

»Ich weiß es nicht, aber ich gehe davon aus, dass ein Zusammenhang besteht.« Sein Blick glitt für einen kurzen Moment an ihr vorbei, hinüber zu den goldenen Feldern, die sie verborgen hielten. »Gut, ich glaube, ich muss Ihnen ein paar Dinge erklären.«

Sie war mehr als bereit dafür, doch wie er da so vor ihr stand – mit den Gedanken offensichtlich bei der Frage, was die Verletzung mit seinem Vater angestellt hatte –, gewann sie eine Einsicht.

»Versuchen Sie es in Portland.« Er schwenkte den Kopf zurück zu ihr, seine dunkelblauen Augen blinzelten sie überrascht an. »Das Maine Medial Center hat eine Traumastation, die Fälle wie Ihren Vater bestmöglich versorgen kann. Es ist sehr wahrscheinlich, dass er dorthin gebracht wurde.« Die Überraschung blieb in seinen Zügen bestehen, als hätte er insgeheim eine andere Reaktion erwartet. Doch dann nickte er mit einem schmalen, aber dankbaren Lächeln. »Ich warte im Auto«, verkündete sie und versuchte während ihres Rückzugs sich nicht auszumalen, dass sie geradewegs in die Falle tappte.

Als er sich Minuten später auf den Fahrersitz neben ihr sinken ließ, sendete er eine frische Brise seines Parfums ins Innere. Gespannt beobachtete sie seine Miene. Gab es Neuigkeiten? Was, wenn es schlechte waren? Sie hörte ihn ausatmen – Erleichterung?

»Er lebt.«

»Großartig.«

»Sie hatten recht mit Portland.« Ihre Blicke trafen sich auf kurzer Distanz. Sogleich glaubte sie, zu erkennen, dass nicht alles in bester Ordnung war. »Er wurde operiert, die Kugel hat seine Halsschlagader knapp verfehlt. Aber er hat trotzdem viel Blut verloren – ohne Ihre Hilfe wäre er vermutlich nicht zu retten gewesen.« Er machte eine Pause, die sie ungenutzt ließ. »Sie haben ihn ins Koma versetzt und sagen, man könne jetzt nur abwarten.«

Nun konnte sie nicht länger schweigen.

»Verstehe.« Ich bin dran. Wo sollte sie nur anfangen? »Wieso war Ihr Vater bei mir?«

Aus dem Augenwinkel sah sie ihn den Kopf schütteln.

»Das weiß ich nicht.«

»Aber Sie waren doch auch dort?«

»Wir sind nicht zusammen angereist«, erklärte er ruhig. »Ich bin ihm gefolgt, nachdem es Hinweise gab, dass er auf dem Weg zu Ihnen ist.«

»Andere zu verfolgen scheint Ihr Ding zu sein ...«

Er lächelte verkniffen.

»Nein, das ist bisher eher sein Ding gewesen.« Er nahm einen tiefen Atemzug, als müsse er sich für einen Hürdenlauf vorbereiten. »Okay, es ist so: Wir gehören einer Organisation an, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Menschen wie Sie im Auge zu behalten und Ihre Aktivitäten zu dokumentieren.«

»Für wen arbeiten Sie?«

Er hob die Stirn, ohne dass sich Falten darauf bildeten.

»Wir unterstehen keinem Auftraggeber. Serendipity verfolgt allein chronografische Zwecke. Unser Wissen bewahren wir vor der Öffentlichkeit, wir sind keine offizielle Organisation.«

»Dann ist das Ihr reines Privatvergnügen?«

»Sie sind ein Teil dieser Welt – jemand sollte Ihre Geschichte aufschreiben.«

»Ich habe nicht um einen Biografen gebeten«, gab sie tonlos zurück.

»Das eine oder andere Mal haben wir den richtigen Stellen einen Tipp gegeben, um den Kollateralschaden dieser besonderen Fähigkeiten so gering wie möglich zu halten.«

»Sprechen Sie von mir?«

»Mir ist nicht bekannt, dass Sie Ihre Fähigkeiten jemals zu einem schädlichen Zweck eingesetzt haben, also nein, ich rede von denen, die das in der Vergangenheit durchaus getan haben – in einem nicht unerheblichen Maße.«

»Fähigkeiten ...«, zischte sie. »Wie können Sie von ›Fähigkeiten‹ sprechen, wenn Sie gesehen haben, was das anrichtet?«

»Was ist Ihnen lieber? Fluch? Bürde? Ungerechtigkeit?«

War das seine Art von Entgegenkommen?

»Es ist egal, wie man es nennt. Es hat noch niemandem etwas Gutes getan. Mehr muss man darüber nicht wissen.«

»Mindspin«, sagte er unvermittelt. »Das ist es, was wir dazu sagen. Sie haben einen emotionalen Zugriff auf die empfindlichsten Erinnerungen und Gefühle jener, die Ihnen begegnen. Ihre Anwesenheit bewirkt eine Aktivierung tief verborgener Ängste – einfach alles, was niemals zum Vorschein kommen soll, nichts bleibt vor Ihnen verborgen.«

»Wenn Sie das so sagen, klingt es, als ob ich darauf einen Einfluss hätte«, gab sie verärgert zurück. »Ich kenne die Geheimnisse der Leute, die mir begegnen, nicht. Dieser Mindspin, wie Sie es nennen, funktioniert auf seine eigene Weise, vollkommen autark. Das macht ihn so unberechenbar. Das Einzige, was dagegen hilft, ist, für sich zu bleiben.«

Als sie zu Ende gesprochen hatte, kam ihr in den Sinn, wie seltsam es war, mit jemandem über diesen ungewöhnlichen Aspekt ihres Lebens zu sprechen. Doch er schien ihr all dies zu glauben. Wo sie Spott erwartet hatte, antwortete er mit konzentrierter Ruhe. Womöglich, weil sie ihm ohnehin nichts Neues erzählte?

»Darf ich Sie etwas fragen?«, sagte er mit gedämpfter Stimme. Relativ gleichgültig nickte sie ihm zu. »Wieso waren Sie am Leuchtturm?«

»Ich hab nichts damit zu tun!«

»Sie haben mich falsch verstanden.« Er hatte die Hände in die Luft gehoben, als müsse er sich körperlich gegen ihr Echauffieren wehren.

Wundersamerweise beruhigte sie sich sofort wieder. Er hatte so eine deeskalierende Art, es musste mit seiner Stimme zu tun haben. Oder aber sie war es einfach nicht gewöhnt, dass man ihr so viel Geduld entgegenbrachte.

»Ich frage mich nur, wieso Sie sich dort treffen wollten. Hatten Sie zuvor miteinander gesprochen?«

»Er hat mir ein paar Fotos auf die Türschwelle gelegt.«

»Sonst nichts?«

Einst halfen Sie unzähligen Menschen, jetzt möchte ich Ihnen helfen. Ich kenne Ihre Geschichte und auch die von Stanley Houseman. Sie müssen sie erfahren!

Alice versuchte, sich die Stimme eines Fremden vorzustellen. Klang sie weise? War die Botschaft in Eile geschrieben worden? War jedes Wort wohlüberlegt, oder war die Notiz nur auf das Nötigste reduziert? Wozu? Um sie an den Haken zu bekommen? Um dort zu sein, während sich zwei andere Fremde in ihrem Haus einnisteten, um auf ihre Rückkehr zu warten? Dann sah sie in die aufgeschlossene Miene ihres Retters – ein weiterer Fremder. Wenn dies hier ein Spiel war, das sie nicht verstand, war es besser, auf der Hut zu sein.

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960877196
ISBN (Buch)
9783960877240
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v491604
Schlagworte
familie-n-geheim-nis-se familie-n-saga frau-en-thriller schwester-n übernatürlich-e-r-thriller spannung-s-roman-frau-en entführung

Autor

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    Dee Voight (Autor)

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Titel: Der Ursprung der Ewigkeit