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Liebe, Eis und Himbeerstreusel

von Nadin Maari (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Sunny kreiert aus feinster Vanille und bester Sahne nicht nur himmlisches Eis, sondern denkt sich passend zu jeder Eissorte bunte Geschichten aus. Und Sunnys Fantasie macht auch vor ihr selbst keinen Halt: Zufällig trifft sie ihren Exfreund Leo mit seiner neuen Freundin und erklärt kurzerhand Tom, dem der Fahrradladen neben Sunnys Eisdiele gehört, zu ihrem Verlobten. Als Sunny dann auch noch von ihrem Leo dessen Freundin als Hochzeitsplanerin geschenkt bekommt, ist das Chaos perfekt! Unversehens radelt Tom an Sunnys Seite den Weg entlang zum Standesamt. So sorgt eine winzige, klitzekleine, spontane Notlüge für Verwicklungen, die sich kaum mehr bei einem Eisbecher auslöffeln lassen ...

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe Juli 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-617-5
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96443-235-3
Hörbuch-ISBN: 978-3-96087-930-5

Covergestaltung: Rose & Chili Design
Unter Verwendung von Motiven von
depositphotos.com: © Hannamariah, © tiagoladeira, © FlowerStudio, © mart_m, © almoond, © silvionka, © kues
shutterstock.com: © Vadim Georgiev
Lektorat: SL Lektorat

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

Kapitel 1

L wie Lügen

Limetteneis

Fruchtige Säure umgarnt süßes Rahmeis, durchzieht das cremige Weiß mit saftigem Grün, umarmt uns in einem Rausch vollen, süßen Glücks.

Gibt es etwas Magischeres als den Frühlingsanfang? Außer cremigem Vanilleeis natürlich. Und Schokoeis. Himbeer-Mascarponeeis. Honig-Mirabellen-Rahmeis. Na gut, und noch Zillionen anderer unwiderstehlicher Eissorten. Aber davon einmal abgesehen ist der Frühlingsanfang doch einfach das Größte.

Der imposante Lindenbaum vor dem Schneeflöckchen streckt sich einem strahlend blauen Märzhimmel entgegen, seine neuen Knospen sprenkeln saftig grün die uralten Äste, auf denen sich Amseln zwitschernd gegenseitig die kleinen Seelen zu Füßen legen. Die klare Luft streicht mir sanft über die Haut, während Sonnenstrahlen Millionen von Sommersprossen auf lächelnden Gesichtern erwecken. Komm Welt, lass dich umarmen.

Zusammen mit meiner guten Laune breite ich auf den Tischen inmitten der heidelbeerblauen Stühle pink-rosa-weiß karierte Tischtücher aus. Ab heute werden sich meine Gäste ihr Lieblingseis auch wieder draußen schmecken lassen.

»Du hast deine doppelte Portion Optimismus wohl schon zum Frühstück genossen, meine liebe Sunny!«

Mit Schwung streiche ich die letzte Falte aus dem Stoff und drehe mich zu Beatrice herum. Bis zur Nasenspitze in ihren Mantel eingemummelt, steht meine Nachbarin vor mir und blickt mit gerunzelter Stirn auf mein einladendes Meisterwerk.

»Heute ist Frühlingsanfang«, strahle ich sie an.

»Mag sein, heute sind es aber auch bescheidene 1,3 Grad Celsius, gefühlt würde ich sogar noch ein Minus davor setzen.«

»Aber die Sonne scheint.« Um Beatrice darauf aufmerksam zu machen, zeige ich auf die wundervolle gelbe Königin über uns.

»In der Tat scheint Klärchen heute prächtig, nur leider vergaß sie, ihrem Licht auch ein wenig Wärme mitzugeben.« Ihren Worten Nachdruck verleihend, richtet Beatrice den sibirischen Fellhut auf ihrem Kopf, sodass nur noch ihr grauer, geflochtener Zopf herauslugt.

Ich gebe es ja zu, ein wenig recht hat sie vielleicht. Meine Nasenspitze fühlt sich ein klitzekleines bisschen so an, als hätte ich sie über Nacht im Eisschrank vergessen. Selbst Beatrices Dalmatinerdame Flora verweigert den Gang vor die Tür und steht lieber warm und trocken in der Kunstgalerie neben der Eisdiele.

Aber bitte, wer wären wir, wenn wir uns dem Wetter beugten! Ich unterdrücke den Impuls, meine Arme wärmend um mich zu schlingen, und stecke die Hände in die Jeanstaschen am Po. »Warte kurz, ich hole dir ein Eis, das den Frühling in dir zum Glühen bringt.«

»Ein Eis!«, quiekt Beatrice. »Kind, du weißt, ich liebe dein Eis, aber im Moment will ich nichts mehr als eine heiße Schokolade, und das im Inneren deiner Eisdiele.« Ihr Blick gleitet von mir zu der weit offenstehenden Tür, die in mein Eisparadies führt, und weiter zu den offenen Fenstern, die ebenso den Frühling einlassen. »Und das bitte bei geschlossenen Türen und Fenstern!«

Lachend gehe ich ins Schneeflöckchen und kann es nicht verhindern, dass mich ein Schauer unter meinem erdbeerroten und leider kurzärmeligen Shirt erzittern lässt. Brrr, mich fröstelts.

Beatrice folgt mir und lässt es sich nicht nehmen, persönlich Tür und Fenster zu schließen. Und die Heizung wieder aufzudrehen, die ich gestern Abend in Erwartung des Frühlings abgestellt habe. »Kind, Kind, wie konntest du bisher nur so groß werden«, murmelt sie derweil vor sich hin.

In Erwartung des großen Tages war ich heute schon besonders fleißig und habe neben den aktuellen Sorten zwei wunderbare neue Eissorten kreiert, die meine Gäste dahinschmelzen lassen werden. Von einer nehme ich eine perfekte Eiskugel und richte sie in einem langstieligen Glasbecher für Beatrice an. Herbsüß duftet das Eis in der Farbe von frischem Birnensorbet und lädt dazu ein, genüsslich verspeist zu werden.

Beatrice setzt sich auf einen der hohen Hocker vor der Eisbar, und ich sehe, wie ihr Wunsch nach einer heißen Schokolade sich in Wohlgefallen auflöst bei dem Anblick des wunderschönen Eises.

»Lass es dir schmecken.« Ich gönne mir ebenfalls ein halbes Kügelchen, denn ich kann ja nicht wissen, ob es jetzt noch genauso gut schmeckt wie vorhin, als ich es in die Eistheke gestellt habe.

Fest starrt Beatrice auf die zartgelbe Köstlichkeit vor sich, während sie sich die Mütze vom Kopf zieht und auf ihrem Schoß drapiert. Mit einem Seufzen greift sie nach dem Löffel und taucht ihn in die Eiskugel. Sie leckt sich genießerisch über die Lippen, kostet, rollt mit den Augen und schließt sie kurz. Löffel um Löffel schleckt sie das Eis auf.

»Oh Sunny, ich weiß, ich sage das jedes Mal, aber du hast dich wieder selbst übertroffen. Und du hast recht, es ist völlig egal, dass da draußen arktische Temperaturen herrschen, was nebenbei gesagt einem Skandal um diese Zeit des Jahres gleichkommt. Dein Eis schmeckt nach Frühling.« Während sich Beatrice mit der einen Hand Luft zufächelt, öffnet sie mit der anderen den Mantel. »Und entweder hast du sämtliche Sonnenwärme hineingezaubert oder ich habe schon wieder eine Hitzewallung. Wobei letzteres nicht sein kann, da ich heute nette dreiunddreißig Jahre bin und weit von hitzigen Wellen entfernt.«

»Mit deinen Hitzewallungen habe ich nichts zu tun. Aber mit den Sonnenstrahlen hast du recht.« Ich lehne mich über die Eistheke und zeige durch die bodentiefen Fenster hinaus in die strahlende Märzsonne. »Dieses außergewöhnliche Eisrezept habe ich vor ein paar Tagen in einem uralten, mythischen Buch gefunden, das Generation um Generation von dem irischen Feenvolk gehütet wurde. Doch je kälter unsere Winter wurden, desto mehr geriet das Buch in Vergessenheit, und eines Tages ließ es das Feenvolk einfach liegen. Es wurde von einem armen Bauernmädchen gefunden, das damit sein Glück in der Stadt versuchte und siehe da, die Rezepte fingen das Sonnenlicht ein. Mit allerlei Speisen daraus machte das Mädchen die Menschen glücklich. Das Buch wanderte nach und nach durch viele Hände und landete schließlich bei mir. So war ich heute früh in der glücklichen Lage, die ersten Frühlingsstrahlen zu pflücken und zusammen mit cremigem Rahm und spritzigen Limetten in diesem Eisgenuss zu vereinen, der dich jetzt so wohlig von innen wärmt.«

Mein Blick wandert von den saftig-grünen irischen Hügeln meiner Vorstellung zurück in meine Eisdiele inmitten Berlins, und ich lächele Beatrice an, die mich mit glasigen Augen ansieht.

»Dieses Eis schmeckt nicht nur nach Frühling, es ist der Frühling.«

»Oder einfach eine gut dosierte Portion Ingwer, um dem Eis die warme Würze zu verleihen.«

Ich zucke leicht zusammen und drehe mich um. Hinter mir steht meine Cousine Alma mit schief geneigtem Kopf und einem schelmischen Grinsen. Während ich mit Beatrice in Irland weilte, muss Alma von hinten durch das Eislabor hereingekommen sein. Manchmal lässt meine Aufmerksamkeit doch ein wenig zu wünschen übrig.

Aber wie auch immer, nun, da Alma den Bann gebrochen hat, rappelt sich Beatrice auf und greift nach ihren Kleidungsstücken. »Ich sollte dann auch mal so langsam starten. Flora wird die Galerie nicht allein öffnen. Bis nachher, Mädels.«

Und kaum öffnet sie die Tür des Schneeflöckchens, strömen schon die ersten Gäste des Tages herein und der vormittägliche Eissturm beginnt.

 

Nach gefühlten siebenhundert Kugeln Eis in den Sorten Vanille, Schokolade, Erdbeer, Zitrone, Kiwi und Co. lasse ich mich auf dem Hocker hinter der Theke nieder, um ein paar Eisideen zu notieren, die mir im Lauf des Vormittags durch den Kopf geflattert sind. Feine Gänsehaut überzieht meine Füße in den Sandalen, trotz der Tatsache, dass ich mich in den letzten vier Stunden ziemlich aktiv auf ihnen mal hierhin und mal dorthin bewegt habe. Nun gut, vielleicht sollten es morgen doch lieber wieder feste Schuhe sein.

Außer die Temperatur klettert über Nacht noch in Höhen, in die sie im Frühling hingehört.

Fest wickele ich die Beine umeinander, um meine kalten Füße zu wärmen, und nehme den Buntstift aus dem Mund, den ich schon wieder aufknabbern will. Dieser Moment ist einer derjenigen im Schneeflöckchen, der mich am glücklichsten macht. Gibt es etwas Magischeres als lächelnde Gäste, die ihre köstlichen Eisbecher genießen und mit sich und der Eiswelt zufrieden sind, während ich mir neue Eisbilder ausdenken darf?

Vier der sechs Tische sind besetzt, frei ist nur der karibiktürkise und der mohnblumenrote. Draußen auf dem Vierwaldplatz vor der Eisdiele ist es ruhig, wie gewöhnlich für einen frühen Dienstagnachmittag. Der Springbrunnen in der Mitte des Platzes, der wie eine uralte Eiche dort thront, funkelt im kalten Sonnenlicht, wenn auch aus seinen Zweigen noch kein Wasser sprenkelt. Erst zu Ostern würde es wieder plätschern.

Eben rumpelt Alma am Brunnen vorbei und schiebt ein Wägelchen, vollbeladen mit Vanilleeis und Himbeerstreuseln, zum Hotel Zum Vierwaldplatz schräg gegenüber. Die Hotelgäste dürfen sich heute Abend auf ein famoses Dessert freuen. Die Himbeerstreusel habe ich extra mit einer nicht unbeträchtlichen Portion Waldhimbeer-Likör verfeinert, weil mir einfach danach war.

Ich konzentriere mich wieder auf das regenbogenbunte Papier vor mir und versuche eine Waffel in Form einer Erdbeere zu zeichnen, da klingelt sanft das Schlittenglöckchen über der Tür und kündigt mir weitere Gäste an. Flott springe ich vom Hocker und begrüße die Neuankömmlinge mit einem Lächeln.

Das Lächeln der Dame vor mir ist recht spitz, was mir bei ihrem verkniffenen Mund auch nicht anders machbar scheint. Der Mund des Jungen an ihrer Hand steht hingegen kugelrund offen.

»Was darf ich dir Gutes tun?« Mit meinem Lieblings-Eisportionierer mit dem Eiswaffelgriff in der Hand strahle ich meinen jungen Gast an.

Doch seine Begleitung kommt ihm zuvor. »Eine Kugel Avocadoeis im Becher zum Mitnehmen, bitte.«

»Darf ich bitte lieber eine Kugel Schokoeis haben, Mami?« Der Blick des Jungen klebt an dem Begehrten und sein Finger stupst gegen die Glaswand der Kühltruhe, als würde er ihn am liebsten in die Leckerei stecken. Was ich voll und ganz nachvollziehen kann. Mein Avocadoeis ist eine cremige Verführung aus aromatischen Luna Avocados, verbunden mit sahniger Kokosmilch aus Sri Lanka. Abgerundet durch karamelligen Kokosblütenzucker und einige Krümel Meersalz. Eine Leckerei ganz nach meinem Geschmack und dem meiner Gäste. Aber Schokoeis ist nun mal Schokoeis, vor allem, wenn man erst vier Jahre alt ist.

Der Eisportionierer schwebt bereits über dem dunklen, glänzenden Braun, doch die erwartete Zustimmung von Frau Mama bleibt aus.

»Wilhelm, nein. Du weißt, da ist viel zu viel böser Zucker darin.«

Welch eine Frechheit! In keiner meiner Sorten ist auch nur annähernd etwas Böses drin! Okay, ganz ruhig Sunny, durchatmen. »In meinem Eis ist nichts Böses! Schon gar kein Zucker.«

Die Augenbrauen der Spitzmund-Mama heben sich in ungeahnte Höhen. »In Ihrem Eis befindet sich kein Zucker?«

Ähm, nicht ganz. »Selbstverständlich benutze ich Zucker. Allerdings handverlesenen Muscovado und feinen Kokosblütenzucker, immer in genau der richtigen Menge für jede Sorte.«

»Eine Kugel Avocadoeis im Becher zum Mitnehmen, bitte.«

Ich könnte Miss Avocadoeis ablenken und dem kleinen, zuckerlosen Kerl stattdessen ein Kiwieis in den Becher legen. Die dunklen Kernchen könnte ich als geröstete Sesamkerne ausgeben. Wobei Kiwieis nun auch nicht gerade Schokoeis ist.

Nach einem letzten Blick zu der Dame forme ich eine wunderschöne, extragroße Kugel Avocadoeis und fülle sie in einen himmelblauen Pappbecher, dann stecke ich ein rotes Lichtschwertlöffelchen hinein.

Avocadoeis ist definitiv kein Schokoeis, aber es wird dem kleinen Mann trotzdem schmecken.

Nach dem Bezahlen begleite ich Mutter und Söhnchen nach draußen, um die Tischdecken von heute Morgen wieder abzunehmen, denn mittlerweile frischt der Wind auf und die Decken sind kurz davor, von dannen zu segeln. Wenigstens habe ich mir dieses Mal die Jacke vom Haken neben der Tür geschnappt.

»Könnten Sie wohl einen Moment auf meinen Wilhelm aufpassen, dann kann ich kurz in der Bäckerei Brot holen?«, wendet sich Avocadoeis-Mama an mich. »Mit so einem Klebeeis gehört es sich schließlich nicht, in einen Laden zu gehen.«

Na, wenn das so ist und sich dies nicht gehört, komme ich ihrer Bitte doch gern nach. »Selbstverständlich, Wilhelm kann sich gern hier zu mir setzen und in Ruhe sein Eis futtern.«

»Nein, bitte nicht hinsetzen, dazu ist es zu kalt. Sie wissen schon, Blasenentzündung und so.«

Ähm, nein, das weiß ich eigentlich nicht.

Einträchtig stehen Wilhelm und ich nebeneinander und sehen seiner Frau Mama hinterher, während ich überlege, wie ich ihm einen Happs Schokoeis in seinen Becher schummeln kann. Da sieht er mich mit großen Augen an. »Das Eis ist so letter. Das will ich jetzt immer.« Ich muss gar nicht darüber sinnieren, ob das Wort letter für lecker steht, denn er löffelt das Eis schwungvoll in sich hinein. Fast ein wenig zu schwungvoll – und da ist es auch schon geschehen. Die bedenklich in Schieflage geratene Kugel verliert ihren Halt, als der kleine Kerl seinen Löffel hineinbohrt, und klatscht auf das Kopfsteinpflaster.

Das Gesicht des Kleinen verzieht sich zu einer Grimasse des reinsten Unglücks und mit Überdruck sprudeln Tränen aus seinen Augen. »Mein sönes Eis!«

»Hey, Wilhelm, das ist doch gar nicht schlimm.« Was für ein blöder Satz, natürlich ist ein heruntergefallenes Eis schlimm! »Obwohl, du hast recht, das ist wirklich schlimm.«

Bei meiner rationalen Einschätzung der Lage weint der Junge leider nur noch mehr. Und nun?

»Weißt du was, Wilhelm, du hast gerade eine ganz großartige Heldentat vollbracht.« Ich knie mich vor den Jungen und sehe ihn ernst und, wie ich hoffe, dankbar an.

Und es scheint zu wirken, denn für den Moment hört er auf zu schluchzen. »Habe ich?«

»Aber sicher!« Nachdrücklich nicke ich, sodass mein kurzer Zopf bedeutungsvoll hin und her schwingt. »Siehst du all die Ritzen zwischen den Steinen hier überall?«

Wilhelm blinzelt mehrfach, wobei sich seine Stirn kräuselt. Die Tränen glitzern noch in seinen Augen, aber es scheinen keine neuen nachzukommen. Gut so.

»In diesen Ritzen leben ganz viele Tierchen wie Ameisen und Käfer und Spinnen, und die lieben Eis und freuen sich jetzt ganz doll darüber, dass du ihnen ein so leckeres Avocadoeis schenkst.«

»Mami sagt, ich soll teine wilden Tiere füttern, weil die vom Menschenessen danz trant werden.«

»Wilde Tiere?« Plötzlich sehe ich Ameisen in der Größe von Kaninchen aus den Ritzen krabbeln und Spinnen, die sogar Harry Potter das Leben schwermachen würden. Na schönen Dank, heute Nacht werde ich bestimmt gut schlafen.

Doch für nähere Fantasien habe ich keine Zeit, denn der kleine Rasensprenger vor mir dreht wieder auf. »Mein sönes Eis!«

Nun gut, keine wilden Tiere, die mit gezähmten Nahrungsmitteln gefüttert werden. Was dann? »Nein, nein, nein, nicht weinen, Wilhelm, das ist noch nicht alles! Das Beste kommt noch.«

Skeptisch wie ein alter Kater sieht er mich an.

»Die kleinen, gar nicht wilden Tiere wollen das Eis nicht selbst verspeisen. Sie freuen sich so sehr darüber, weil sie es dem Volk unter den Pflastersteinen schenken. Hier auf dem ganzen Platz lebt unter jedem Stein ein magisches Wesen. Diese sorgen dafür, dass sich im Sommer die Steine warm unter unseren nackten Füßen anfühlen und dass im Winter die wunderschönsten Schneeflocken darauf liegen bleiben. Des Nachts, wenn wir schlummern, schweben sie empor und wispern mit dem Wind Gute-Nacht-Lieder für uns.«

Ganz ruhig sieht mich Wilhelm an, die linke Hand, die vermutlich gerade auf dem Weg zu seiner Schnuddelnase war, verharrt in der Luft. Selbst das Tränchen auf seiner Wange fließt nicht weiter. Ich könnte mir einreden, er würde völlig aufgehen in meiner Geschichte, aber dazu sieht er zu starr aus.

»Ist das Eis etwa heruntergefallen?« Frau Mama kommt zu uns und betrachtet die Schererei zu unseren Füßen. »Wilhelm, ich habe dir schon hundert Mal gesagt, du sollst vorsichtig …«

Doch wie es aussieht, will Wilhelm keine einhundertundeinte Lektion in Vorsichtigkeit, denn er heult schrecklich auf und schnappt verzweifelt nach Luft. »Die Frau hat desat … hat desat … hier sind Deister in den Steinen … Mami, ich will teine Deister …«

Erschrocken springe ich auf, derweil die Mutter in die Knie geht und Wilhelm fest in die Arme zieht. Liebevoll küsst sie ihm die Tränen von den Wangen und flüstert im ins Ohr.

Sie erhebt sich schließlich mit dem Kleinen auf dem Arm. Wilhelm verbirgt das Gesicht in ihrem Schal und klammert sich an ihrer Jacke fest. Mir gelingt es nicht mehr, einen Blick von ihm zu erhaschen. Dafür sieht mich die Mutter streng wie eine Ordensvorsteherin an und lässt mich kopfschüttelnd neben dem Avocadoeishäufchen stehen.

Es dauert zwei Minuten, ehe ich mich aufraffe und umdrehe, um ins Schneeflöckchen zu gehen. Schließlich ist es an mir, das Eis wegzuwischen, und nicht an irgendwelchen Ameisen oder magischen Wesen.

»Ein neues Eis hätte es auch getan.«

Ich sehe von meinen bläulich schimmernden Füßen in den silbernen Sandalen auf und zu Tom hin, der in der offenen Tür seines Radladens lehnt, der direkt an die Eisdiele grenzt, nur getrennt durch ein Mäuerchen, das ins Nichts der Hauswände führt.

Spöttisch mustert er mich und zwinkert mir zu, während er sein breites Grinsen ungeniert zur Schau stellt. Er tippt sich wie zum Gruß an einen nicht vorhandenen Hut auf den schwarzen Haaren und geht zurück ins Veloziped.

Genervt stoße ich die Tür zum Schneeflöckchen auf und mit mir stürmt Alma hinein, die von ihrer Hotellieferung zurückkommt. »Draußen sieht es schon wieder nach einem Eisunfall aus, das wäre dann schon der zweite in dieser Woche. Vielleich sollten wir anfangen, das Eis mit Schokolade festzukleben.«

»Das kannst du gern jetzt machen. Ich gehe ins Eislabor und fange mit dem Herzkirscheis an.«

Mehr, als dass ich es sehe, spüre ich Almas Blick in meinem Rücken, doch sie versteht und lässt mich den Rest des Nachmittages allein im Eislabor werkeln.

Bald schon gewinnt meine Ausgeglichenheit wieder die Oberhand, und zum Feierabend hin überrasche ich meine Cousine mit einem Herzkirschensorbet, das nicht nur unsere Zungen, sondern auch unsere Herzen streichelt.

Gemeinsam sitzen wir an der Eistheke und genießen den fruchtigen Traum, dabei erzähle ich Alma von dem Wilhelm-Desaster.

Sie lacht so sehr, dass sie sich den Bauch hält. »Ach Sunny, ohne dich und deine magischen Wesen unter den Pflastersteinen wäre das hier ein echt langweiliger Platz mit zwar großartigem Eis, aber großartigem Eis ohne Seele.«

»Das sah mir vorhin nicht so aus.«

»Naja, manchmal wäre der direktere Weg vielleicht die bessere Wahl, aber da du Umwege über deine Fantasie nun mal so liebst, ist es halt, wie es ist.«

War das nun ein Kompliment oder doch eher Kritik? Aber Kritik kann doch auch ein Kompliment sein. Also ist es beides, oder?

»Apropos Umwege«, unterbricht Alma meine Gedanken. »Rate mal, wen ich heute gesehen habe?«

»Das weiße Kaninchen? Hat es sich mal wieder verlaufen auf dem Weg zur Teeparty beim Hutmacher?«

»Nö, das ist dieses Mal auf direktem Weg ins Wunderland geplumpst.«

Da Alma nicht weiterspricht, sehe ich sie mit hochgezogenen Brauen an. »Und? Wen hast du nun gesehen?«

»Leo. Gestern Abend, am Potsdamer Platz.«

Kapitel 2

I wie Ineinander

Ingwereis

Eisige Kälte und warme Würze treffen sich in einer Cremigkeit aus Rahm und Ingwer, umschmeicheln einander und uns.

»Meinen Leo?« Passen die beiden Worte nicht wunderschön zusammen? Wie Bonnie und Clyde oder Romeo und Julia. Obwohl, das sind keine guten Beispiele, lieber wie Susi und Strolch.

»Naja, wenn wir von dem Leo reden, den wir beide kennen, würde ich nicht unbedingt von deinem Leo sprechen.« Alma wackelt mit dem Zeigefinger vor meinem Gesicht herum und schenkt mir einen ihrer seriösen Erwachsenenblicke. »Leo ist seit zwei Jahren nicht mehr dein Leo!«

Nachdrücklich schnipse ich gegen ihren belehrenden Finger. »Das ist so nicht ganz korrekt, meine liebe Alma.«

»Ach ja? Dann kläre mich doch bitte auf, meine liebe Sunny.« Sie reibt sich mit vorwurfsvollem Blick den Finger. »Und wenn machbar bitte ohne allzu viel Grünzeug und Schleifchen rundherum.«

»Wir sind füreinander bestimmt!« Das ist doch vollkommen klar!

»Und?«

»Nichts und.«

»Warum hast du ihm dann vor zwei Jahren den Laufpass gegeben?«

Entschieden schüttele ich den Kopf, dabei löst sich die Spange, die meinen Zopf zusammengehalten hat. Mit einem Klirren fällt sie zu Boden. »Wir sind doch nicht beim Militär! Ich habe Leo keineswegs den Laufpass gegeben. Ich habe ihn freigegeben.«

Alma bückt sich nach der Spange und hebt sie auf. »Und freigegeben ist nicht zufällig das Gleiche wie jemandem den Laufpass geben?« Sie hält sich die Spange an ihre langen weichen Haare, die dieselbe Farbe haben wie unser Portweineis, schüttelt leicht den Kopf und schiebt sie mir dann hin. »Oder lass mich die Frage lieber selbst beantworten. In deiner Welt gibt es da natürlich monströse Unterschiede, nicht wahr?«

So entschieden, wie ich gerade den Kopf geschüttelt habe, nicke ich jetzt. »Den Laufpass geben heißt ja, dass ich ihn nicht mehr will. Aber Leo freizugeben zeigt ihm meine Liebe. Es ist schließlich die nobelste aller Gesten, den geliebten Menschen freizugeben. Denn gibt es etwas Magischeres als die Verbundenheit zweier ferner Seelen?«

»Oh Sunny, entschuldige bitte, ich würde an dieser Stelle sehr gern heftig mit den Augen rollen, aber ich habe Angst, mir dabei so richtig wehzutun!«

Ich springe vom Sitz und räume laut klirrend die leeren Eisbecher zusammen. Es hätte mir klar sein müssen, dass meine vernunftüberbegabte Cousine für die hehre Liebe kein Verständnis hat. Sie tänzelt von Blümchen zu Blümchen. Wobei Blümchen es nicht ganz trifft, sie tänzelt von Eiche zu Eiche und küsst mal hier und mal da. Vielleicht besinnt sie sich ja auf die echte Liebe, wenn ich ihr beweise, wie beeindruckend meine Geste Leo gegenüber unser beider Leben Glanz verleiht.

Mit Schwung stelle ich die Eisbecher zurück auf die Theke und sehe Alma tief in die Augen. »Ich habe Leo vor zwei Jahren klipp und klar gesagt, dass ich ihn freigebe und er hinausziehen soll in diese Welt, um Menschen zu retten und Edles zu vollbringen …«

»Und du meinst, unser lieber Herr Doktor Rationalius hat das gleiche Verständnis von Freigeben wie du?«, unterbricht mich Alma und zieht die linke Augenbraue beeindruckend nach oben. Dass sie aber auch immer alles so nüchtern betrachten muss!

»Aber sicher doch!« Denke ich zumindest. Immerhin kannte er mich zu diesem Zeitpunkt schon eine Weile, wir waren schließlich zwei Jahre lang ein Paar. Vielleicht nicht immer so ganz einer Meinung mit unseren Ansichten über die Welt, aber in dem einen oder anderen ergänzten wir uns ziemlich gut. Ich probiere gern verschiedene Wege aus oder suche mir Strecken, wo noch kein Weg ist, er hingegeben schnappt sich die Gebrauchsanleitung und studiert diese gründlich von Seite eins bis siebenundneunzig. Und wieder zurück. »Du kannst deine Augenbraue wieder herunterziehen!«

Da schnellt auch Almas zweite Augenbraue in ungeahnte Höhen. »Warum ist Leo dann nicht hier?«

 

So sehr ich es liebe, in meinem Schneeflöckchen zu sein, so sehr liebe ich auch meine freien Mittwoche. Ausschlafen steht an diesen Tagen an erster Stelle. Allerdings muss ich mir regelmäßig sagen lassen, dass es nicht als Ausschlafen gilt, morgens um sieben Uhr frisch und munter aus dem Bett zu hüpfen. Ich finde schon. Der Tag liegt weiß und klar vor einem, die Stunden warten darauf, gefüllt zu werden, alles ist möglich, alles in Reichweite.

Die Stunden nach dem Frühstück verbringe ich meist damit, ein wenig Ordnung in der Wohnung zu schaffen. Denn so wichtig mir auch die Hygieneregeln in der Eisdiele sind, so wichtig ist es mir, in meiner Wohnung herumzuschlumpern. Warum sollte alles einen festen Platz haben? Wieso sollte sich die Enzyklopädie Gelatino immer im dritten Fach von rechts im Bücherregal langweilen? Weshalb das orangene Sofakissen stets neben dem apfelgrünen faulenzen? Das Ordnung schaffen erschöpft sich meist auch ganz schnell darin, den Geschirrspüler zu füllen – und vergessen anzustellen – oder die Waschmaschine zu füttern und bis zum nächsten Mittwoch völlig zu vergessen, weil ich dringend irgendwohin muss.

Die meisten Mittwoche vergehen so schnell wie sie anfangen, doch sie alle eilen zum späten Nachmittag hin auf einen Höhepunkt zu. Abwechselnd bei mir oder meiner Mutter – bis vor einem halben Jahr drehten sich in diesem Rad auch meine Tante Marietta und Alma mit – treffen wir uns zum Filme gucken. Ich liebe Filme! Egal ob schwarzweiß und von 1927 oder knallbunt aus dem Jahr 3017, ob auf Deutsch, Englisch oder Walisisch, ob gezeichnet, geschauspielert oder getrickst, ich mag sie alle.

Heute darf meine Mutter den Film der Woche wählen, und bis zur Nasenspitze gefüllt mit Neugier reiße ich die Wohnungstür auf, um sie hereinzulassen.

»Tada!« Mit einem breiten Grinsen hält sie eine Blu-Ray hoch, auf der ein stattlicher Mann in roter Jacke prangt. »Darf ich vorstellen: Mister Hugh Jackman alias P.T. Barnum.«

Bei uns Spatz-Frauen kommen noch echte Filme auf echten silbernen Scheiben ins Haus. Wir streamen nicht, wir playen. Schließlich möchte ich die Filme mit ihren großartigen Covern nach dem Ansehen hübsch ins Regal stellen – oder zumindest im Wohnzimmer verteilen. Aber definitiv nicht in den digitalen Weiten irgendeiner Wolke verlieren.

»Der Greatest Showman! Wo hast du den denn schon wieder her? Den gibt es doch noch gar nicht zu kaufen.«

»Tja, es geht nichts über gute bis hervorragende Kontakte, mein liebes Kind. Aber möchtest du mich nicht hereinbitten? Oder wollen wir den Film stattdessen im Flur ansehen?«

Ich beuge mich hinunter und umarme meine Mutter herzlich. Ihre wilden Locken kitzeln mich dabei wie immer im Gesicht. Mein süßes Sonnenblumenhonigeis mit Mascarponekern hat exakt dieselbe Farbe wie unsere Haare. Nur wurden bei meiner Mutter alle verfügbaren Locken ausgeschüttet, wohingegen es bei mir nicht eine einzige auf den Schopf geschafft hat. C’est la vie.

»Nimm Platz, ich hole nur noch schnell das Espresso-Marzipan-Eis, das du unbedingt kosten sollst.« Ich helfe meiner Mutter aus dem Mantel und weise in Richtung Wohnzimmer. »Ach, und die Zeitschriften auf dem Sofa leg einfach auf den Boden, ich wollte vorhin anfangen sie zu sortieren, aber dann …«

»… fiel dir wie immer etwas Besseres ein. Ich weiß, mein Kind, ich weiß.«

»Na, wenn Espresso und Edelmarzipan in Form einer Eiskugel nicht etwas Besseres ist, dann weiß ich auch nicht.« Schnell husche ich in die Küche, nicht, dass mich noch der Hauch eines schlechten Gewissens einholt, weil ich wieder nicht so richtig aufgeräumt habe.

Zwei Eisgläser stehen schon bereit und ich betupfe sie nur noch mit einem Hauch Mandelsirup und wenigen Tropfen Kona Espresso. Zufrieden mit mir und der Eiswelt gehe ich zu meiner Mutter ins Wohnzimmer, die ganz mütterlich mit flinken Bewegungen Ordnung in mein buntes Chaos bringt. Wie sie das immer hinbekommt! Für ihr Ergebnis würde ich Wochen brauchen.

Gemeinsam sinken wir auf das wieder aufgetauchte, erdbeerrote Sofa und schnuppern an den Eisbechern. Gespannt beobachte ich meine Mutter, wie sie den ersten Löffel zum Mund führt – und die Augen für einen langen Moment schließt. »Himmlisch. So einen kräftigen Espresso mit einer solch zarten Marzipancreme harmonisch in einem Eis zusammenzubringen gelingt nur dir.«

»Alma brachte mich gestern auf den Gedanken, als ihr ein Klecks Marzipaneis in den Espresso plumpste. Es sah so wunderschön aus, wie sich dieses transparente Cremegelb in das herrlich dunkle Mokkabraun gemischt hat und die Crema ein feines Blumenmuster darum zog. Alma meinte zwar, es schmecke nach Marzipanbrot in Kaffeepulver getunkt, aber im richtigen Verhältnis sind die beiden Komponenten doch wie geschaffen füreinander. Das war Eisliebe auf den ersten Blick.«

Der Blick meiner Mutter wandert zu ihrem Eisbecher, gerade so, als wolle sie das zartbeige Eis mit den Espressoschlieren darin zum Schmelzen bringen. »Apropos Alma, Marietta lässt sich für heute entschuldigen.«

Genau wie schon die Woche davor und die Woche davor und den Monat davor und die vier Monate davor ebenso. Und meine Mutter tut weiterhin stur so, als wäre das alles nur eine Lappalie. Was ich ihr ja auch gern durchgehen lasse, Hauptsache wir reden nicht darüber. Aber so langsam mag ich das Schweigen nicht mehr hinnehmen. »Meinst du nicht, es ist endlich an der Zeit …«

»Entschuldige mich bitte einen Moment, liebe Susanna, ich möchte mich kurz frisch machen.« Betont langsam und gründlich stellt meine Mutter ihren Eisbecher auf den Sofatisch, steht auf und schlendert aus dem Wohnzimmer.

Es dauert eine Weile, ehe das Rauschen und Klappern im Bad aufhört. Vermutlich ist jetzt auch mein Seifenspender wieder aufgetaucht. Das herrliche Espresso-Marzipan-Eis im Glas meiner Mutter schmilzt indessen einsam vor sich hin.

»Stell dir vor, wen ich heute Vormittag getroffen habe!« Als hätte meine Mutter mir vor gut einer Viertelstunde nicht den Satz abgewürgt, kommt sie zurück ins Wohnzimmer, nimmt ihren Becher und löffelt die Eissoße genüsslich aus.

»Tante Marietta?« Die Worte entschlüpfen mir, ehe ich es verhindern kann. Erschrocken lege ich mir die Hand auf den Mund.

»Leo.«

Oh! Prima! Das nenne ich eine geglückte Retourkutsche.

Ich räuspere mich und zupfe mir den Haargummi vom Zopf. Leicht massiere ich die Stelle, wo er zu stramm gesessen hat. So ist es viel besser. »Leo ist wieder da, ich habe es schon gehört. Alma hat ihn gestern am Potsdamer Platz gesehen.« Da ist eine Fluse auf meiner Jeans. Das geht aber nicht, bedächtig zupfe ich sie ab. »Und? Hast du mit ihm gesprochen?«

»Ich habe ihn nur aus dem Auto heraus gesehen. Du kennst doch diese unmögliche Ampel an der Birnenallee, die, die für Autofahrer immer nur fünf Sekunden grün ist. Er ging vor mir über die Straße und hat mir zugewunken und ich ihm.«

»Dann wird er ja sicher bald mal im Schneeflöckchen vorbeikommen.«

Kopfschüttelnd sieht mich meine Mutter an. »Warum sollte er? Er war doch bereits abgereist, als du die Eisdiele eröffnet hast, und außerdem hast du ihm damals den Laufpass gegeben.«

Nun ist es an mir, das Zimmer zu verlassen. Das mache ich mit wesentlich mehr Trotz als meine Mutter vorhin: Ich springe auf und stürme hinaus, aber nicht, ohne sie vorher über ihren Irrtum lautstark aufzuklären. »Ich habe Leo nicht den Laufpass gegeben! Ich habe ihn freigegeben!«

 

»Guten Morgen, mein Herz.«

»Tante Marietta! Das ist ja eine Überraschung am frühen Morgen.« Vorsichtig stelle ich den Behälter mit dem cremigsten aller Haselnusseise in die Kühltheke. Hellgold glänzt es als schöner Kontrast zu dem tiefroten Cranberryeis daneben.

»Ich dachte, du kannst heute einen netten Kuchen im Schneeflöckchen gut gebrauchen. Schau dir mal dieses Prachtexemplar von einem Gugelhupf an. Dazu eine Kugel von deinem fantastischen Vanilleeis, und die Welt ist ein Ponyhof.«

Genießerisch schnuppere ich an dem dick mit Puderzucker bestäubten Gebäck. »Mmh, wie der duftet. Den muss ich gleich selbst probieren. Was darf ich dir anbieten?«

»Mach dir meinetwegen bitte keine Umstände, ich weiß ja, dass du zu tun hast.«

»Alles gut, die letzten beiden Eissorten werden gerade von Hanni und Nanni gerührt und der Rest ist fertig. Der Eistag kann starten.« Fest drücke ich mit den Händen meinen Rücken durch, um mich ausgiebig zu strecken.

»Ach Herzchen, dein Eistag hat doch bestimmt schon vor Stunden begonnen.«

Ich nicke leichthin und bereite meiner Tante und mir einen doppelten Espresso zu. Die Arbeit in meinem geliebten Schneeflöckchen ist für mich keine Arbeit. Die Zeit hier ist Teil meines Lebens, wie atmen, essen, lachen, lieben. Schon mit der ersten Kugel Eis, die ich schlecken durfte, hat sich dieser besondere Zauber über mich gelegt. Diese Süße auf meiner Zunge, leicht betäubt von der Kälte, eine Explosion von Geschmäckern in meinem Mund, die zarte Seidigkeit der Vanille, die Cremigkeit frischer Sahne.

Seit zwei Jahren bin ich die stolzeste Eisdielenbesitzerin der ganzen Welt. Erst allein, doch kurze Zeit später kam Alma dazu, für das Papierene, wie sie es gern ausdrückt. Sie liebt es, mit Zahlen zu jonglieren, so wie ich es liebe, mit Milch und Zimt und Nüssen zu jonglieren. Und beide lieben wir unsere Gäste hier im Schneeflöckchen.

Zu dem Espresso schneide ich uns jeweils ein Stück von dem großartigen Gugelhupf ab und kröne diese mit Vanilleeis und Klecksen dicker Schlagsahne. Wenn das kein willkommenes zweites Frühstück ist.

»Wie kommt es, dass du heute bäckst? Das MaMa hat doch sonntags geschlossen.«

Versonnen betrachtet Tante Marietta ihre Kuchengabel, auf der sich Gugelhupf, Vanilleeis und Sahne stapeln, dabei streicht sie sich eine ihrer wilden Locken hinter das Ohr. »Letzte Woche war so unglaublich viel zu tun im Geschäft. Es ist, als würden die Leute aus ihrem Winterschlaf erwachen und hätten nun Appetit auf feine Delikatessen. Ich glaube, es lässt sich keine einzige Kalamata Olive mehr im Umkreis von drei Kilometern vom MaMa finden. Außer auf den Gabeln unserer Kunden.«

Gründlich kratze ich die Reste auf meinem Teller zusammen. »Dann solltest du über einen freien Sonntag doch erst recht froh sein.«

»Ich wollte dieses Rezept schon die ganze Woche ausprobieren, aber dazu fehlte mir die Zeit. Und da Marie nächste Woche im MaMa arbeitet, passt es heute am besten.«

»Es ist noch nicht lange her, da habt ihr zusammen im Deli gearbeitet.«

»Sunny, da fällt mir ein, ich muss unbedingt auf die Toilette.« Damit steht Tante Marietta auf, nickt mir zu und läuft in den Flur, der zum Waschraum führt.

Das gibt es doch nicht! Als hätte ich gerade eben nichts gesagt! So langsam wird es echt lächerlich. Man muss nun wirklich nicht immer einer Meinung sein und es darf gern auch mal krachen, aber das, was meine Mutter und meine Tante veranstalten, geht zu weit. Die beiden sind Zwillingsschwestern und waren bis vor Kurzem ein Herz und eine Seele. Schon immer. Sie teilen sich nicht nur dieselbe Mutter, sondern auch ihre Leidenschaften und ihr Aussehen. Wobei die meisten Menschen die beiden nur anhand ihrer Kleiderwahl auseinanderhalten können. Meine Mutter bevorzugt es wild und bunt, Tante Marietta hingegen liebt es schwarz und weiß. Dass sie aber an denselben Tagen dieselben Modelle tragen, kommt regelmäßig vor. Wie gut, dass es dann die Farbvariationen gibt.

Genervt räume ich das Geschirr ab, welches empört klappert. Es ist an der Zeit, einzugreifen. Ich – und eigentlich die ganze Familie – hat sich lange genug anstandsvoll herausgehalten. Wir müssen handeln.

»Guten Morgen.« Schwungvoll kommt Alma zur Tür herein und erreicht mich zusammen mit einem Schwall kalter Luft. An den Frühlingstemperaturen muss sich auch dringend etwas ändern!

»Alma! Wir müssen handeln.«

Lachend entledigt sich Alma ihrer Jacke. »Aber sicher doch, Chefin. Was soll ich zuerst machen? Die Böden mit einer Zahnbürste schrubben, die Fenster mit Zeitungspapier wienern, bis meine Finger schwarz sind, oder lieber Rosinen aus dem Rumeis picken?«

»Genau. Für diese Arbeiten bist du in deinem feinen Hosenanzug auch genau die Richtige.«

»Dir wäre wohl ein Typ in Jeans und T-Shirt deutlich lieber, nicht wahr?« Alma verpasst mir einen Nasenstüber und grinst mich breit an.

»Was hat Tom damit zu tun?« Ich drängele mich an ihr vorbei und schiebe auf dem türkisenen Tisch die beiden Eiskarten gerade. Was irgendwie nicht so viel bringt, da der Tisch rund ist.

»Habe ich etwas von Tom gesagt?« Almas Stimme ist ein Flüstern in meinem Nacken und sorgt dafür, dass mir ziemlich warm wird. »Die rote Farbe in deinem Gesicht steht dir, Cousinchen, du bist sonst immer so blass.«

»Alma! Du bist ja auch schon hier. Grüß dich, mein Kind.« Herzlich nehmen sich Alma und ihre Mutter in den Arm. Wir mögen uns alle ziemlich doll in unserer Familie – eigentlich. »Ich muss auch schon wieder los. Habt einen schönen Sonntag, Kinders.«

Während Alma in das Büro geht, um ihre Sachen zu verstauen, begleite ich meine Tante zur Tür. »Gehst du heute mit Onkel Ole wieder zum Singen?«

»Aber sicher doch, das lassen wir uns nicht entgehen. Ach, da fällt mir ein, weißt du, wen ich am Donnerstag im Konzerthaus gesehen habe?«

Oh, oh, mir schwant schon, wen sie meint, doch noch ehe ich eine flapsige Antwort parat habe, posaunt meine Tante es schon heraus. »Leo! Stell dir vor, er ist wieder in Berlin. Und gut sieht er aus. Ich meine, er sah schon immer zum Anbeißen aus, aber jetzt mit dieser Bräune geht kein Frauenblick mehr an ihm vorbei. Ein Jammer, Sunny, dass du ihm damals den Laufpass gegeben hast. Das verstehe ich bis heute nicht.«

 

Noch Stunden später knirsche ich mit den Zähnen. Ich knirsche mit den Zähnen, während ich einen I-Almost-Do-Becher anrichte und ich knirsche mit den Zähnen beim Füllen eines Zuppa-Inglese-Bechers. Genauso wie beim Espresso brühen und vor allem beim Schneiden des Tante-Marietta-du-hast-ihm-den-Laufpass-gegeben-Gugelhupf.

Trotz des kalten Wetters finden Gäste über Gäste den Weg ins Schneeflöckchen, und wie es aussieht, bin ich nicht die Einzige, die den Frühling so genießen möchte, wie es sich gehört: mit Wärme, Sonne und Eis. Zur Not halt auch ohne Wärme.

»Eine Kugel Vanilleeis bitte«, haucht der Jüngling vor mir und blickt konsequent auf einen Punkt am Ansatz meiner Haare. Wenn ich nicht ziemlich genau wüsste, dass dort alles in Ordnung ist, wäre ich für einen Moment verunsichert. Aber so schiebe ich es lediglich auf eine ausgeprägte Ader an Schüchternheit.

»Gern. Mit Sahne?«

»Wie viel kostet das?«

»Die Sahne kostet 80 Cent zusätzlich.«

Er öffnet seine rechte Faust und zählt verstohlen die Münzen darin. »Nein, danke«, flattert schließlich ein Murmeln in meine Richtung.

Zurück hinter der Eistheke richte ich das Vanilleeis für den Jüngling an. Irgendwie kommt er mir bekannt vor. Verloren hockt er an dem mandarinenorangen Tisch und starrt hinaus auf den belebten Vierwaldplatz, wo heute besonders die Touristen von unserem schönen Standesamt angezogen werden. Die Schlange vor dem Eingang reicht fast bis zu dem Hotel an der Ecke, welches sich imposant neben dem Restaurant Le Meilleur in den blauen Himmel reckt.

Da der arme Kerl so einsam wirkt und doch äußerst auf den Cent bedacht sein muss, streue ich ihm über das herrliche Vanilleeis großzügig Himbeerstreusel. Rosa besprenkeln diese das zartgelbe Eis und der Duft nach Glück umfängt meine Nase. Genauso muss es sein.

Nach dem Servieren setze ich mich an den kornblumenblauen Tisch zu ein paar Stammgästen und lausche den Neuigkeiten aus unserem Viertel.

In meinem Blickfeld sitzt der verschüchterte junge Mann und löffelt mit verzücktem Blick sein Vanilleeis mit Himbeerstreuseln. Und ich kann es ihm an der Nasenspitze ansehen, er hat sich verliebt. Und diese Liebe wird für immer halten.

Kapitel 3

E wie Ex

Erdbeereis

Erdbeeren verführen uns mit ihrer Süße, ihrem Duft, ihrer Farbe, ihrem ganzen Selbst. Umarmt von Sahne und Mascarpone entsteht so Eisliebe für die Ewigkeit.

Die meisten Tage im Schneeflöckchen starten damit, dass ich acht verschiedene Eissorten herstelle. Meine Eiskarte enthält zwar ein paar fixe Sorten wie Vanille und Erdbeer und Schokolade, aber den Rest mische ich frei nach Lust und Laune und Sonnenschein – und mit den besten Zutaten, die es gerade gibt.

Für heute rühre ich ein paar Extraportionen an, die ich gleich hinüber in das Standesamt bringen werde, wo Herr Sonthofen eine seiner stolzen Führungen für Schüler und Kitakinder veranstaltet.

Nur leider kämpft er regelmäßig damit, dass nicht jedes Kind so begeistert auf seine Vorträge über Buntglasfenster und Standesamtrituale reagiert, wie er es sich wünscht. In seiner Leidenschaft lässt er sich doch gern zu längeren Monologen hinreißen, was dann nicht nur die Kinder nach Fluchtmöglichkeiten suchen lässt, sondern auch so manch einen Lehrer und Erzieher. Aber er meint es nur gut. Und hier komme ich ins Spiel.

Etwa vor einem Jahr, vor einer Führung, ließen sich ein paar Schüler bei mir ein Eis schmecken und hörten sich anschließend die Führung glücklich und völlig mit sich und dem Standesamt zufrieden an. Es gab wohl sogar die eine oder andere Zwischenfrage – zum Thema und nicht dazu, wo sich die nächste Toilette zum Verstecken befände.

Seit diesem Zeitpunkt bringe ich regelmäßig vor den Führungen Eis für die Gäste ins Standesamt und sorge in ihrem Interesse dafür, dass auch Herr Sonthofen ein Kügelchen nascht. So sind alle bestens aufgelegt und die Führungen mittlerweile stadtbekannt und gern besucht.

Für heute hat sich eine Kindergartengruppe angemeldet, und dementsprechend bunt wähle ich die Papphüllen für die Waffeln aus, die ich heute Morgen frisch gebacken habe.

Jetzt fehlen nur noch die Himbeerstreusel. Gestern habe ich die herrlich süße Masse mit dem unwiderstehlichen Himbeerduft zubereitet und über Nacht in feinsten Linien trocknen lassen. Nun muss ich sie nur noch gleichmäßig in Form schneiden und in eine Schüssel füllen – köstlich.

Gibt es etwas Magischeres als aromatische, saftige, edle Goldkind Himbeeren, die sich in rosafarbene Zuckerstreusel verwandeln?

»Eine Himbeere für deine Gedanken.«

Aufgeschreckt stelle ich die Schale mit den Himbeerstreuseln unbeabsichtigt heftig auf den Tisch vor dem Schneeflöckchen. »Tom! Musst du dich immer so anschleichen!«

»Wenn du in deinem Eisland wandelst, muss ich mich gar nicht anschleichen, dann könnte ich auch mit einer Dampflok an dir vorbei rattern und du würdest mich nicht zur Kenntnis nehmen.« Breitbeinig und mit verschränkten Armen steht er vor dem Veloziped und grinst mich an. Sein Steinzeitfahrrad lehnt lässig an seiner Hüfte.

»Als wenn du etwas anderes fahren würdest als dein Klapperding da.«

»Nun beleidige mal bitte nicht Charly, das ist immerhin das zuverlässigste und beste Fahrrad weit und breit.« Er klopft wohlwollend auf den knautschigen Ledersattel.

Ich schlendere die fünf Schritte zu dem Mäuerchen zwischen unseren Läden, das stufenförmig in ein Nichts an der Hausfassade führt. Ein wenig wie das Gleis 9 3/4. »Und warum muss der gute alte Charly dann immer brav zu Hause im Stall bleiben, wenn du mit deinen coolen Radbuddys auf Touren gehst?«

Tom zuckt leichthin mit den Schultern. »Weil die jungen Wilden für die rasanten Fahrten in mallorquinischen Bergen und auf französischen Alpenpässen besser ausgebildet sind. Wann hast du denn das letzte Mal auf einem Fahrrad gesessen? Vermutlich, als du noch Stützräder brauchtest.«

»Ich«, flink klettere ich auf die zweite Stufe des Mäuerchens, um mit Tom auf Augenhöhe zu sein, »komme bestens ohne Rad zurecht. Schließlich habe ich zwei gesunde Füße.«

Tom beugt sich zu mir herüber und kommt mir dabei ausnehmend nah. Sein Blick trifft meinen. Wie jedes Mal, wenn ich in seine blauen Augen sehe, glaube ich, das süße Heidelbeereis zu riechen, an das mich ihre Farbe erinnert. »Und ein vielbeschäftigtes Auto.«

Mein Herz tanzt Freestyle in meiner Brust, während mein Puls sich an einem Rock ’n’ Roll versucht. Hat er mir gerade eine freche Antwort gegeben? Wahrscheinlich, weil er das immer macht, aber … was wollte ich noch gleich?

Egal. Elegant, wie es eine solche Situation erfordert, hüpfe ich von der Mauer und winke Tom nonchalant zu. »Salut.«

Mit einem schiefen Grinsen nimmt er sein Rad und geht zum Eingang des Velozipeds.

Ein Klopfen hinter mir an der Scheibe des Schneeflöckchens reißt meinen Blick von Toms Schultern los und lenkt ihn zu einer wild gestikulierenden Alma. Sie zeigt auf ihre Armbanduhr und ich sehe hinüber zu der Turmuhr auf dem Standesamt. Ich habe noch genau siebenunddreißig Sekunden.

Schnell rolle ich den Wagen, den wir immer zum Transportieren nehmen, unter dem Tisch hervor und stelle die drei schweren Eisbehälter darauf. Mist! Gestern ist der falsche Wagen aus dem Hotel zurückgekommen. Dieser hier hat nur eine Ebene, wo soll ich nun mit den Waffeln und Himbeerstreuseln hin? Ein Blick ins Schneeflöckchen lässt Alma als Tragehilfe ausscheiden, denn sie hat alle Hände voll zu tun, die Gäste zu bedienen. Ich könnte zwei Mal laufen …

»Tom!«

Tom will eben die Tür zum Radladen schließen und steckt noch einmal seinen Kopf heraus. »Ist etwas mit deinen zwei gesunden Füßen?«

»Ja. Und zwar, dass ich noch ein weiteres Paar gut gebrauchen könnte.« Ich klimpere mit den Wimpern und lächele ihn so süß an, wie mein goldenes Honigmeloneneis schmeckt. »Und zwei starke Arme.«

Sein Blick wandert von meinen Armen zum Wagen und weiter zu den Schüsseln auf dem Tisch. »Du willst mal wieder die Kinder bestechen, damit sie Oskar über unser Wunderbauwerk von Standesamt lauschen?«

Ich nicke und schlucke schwer an einer pampigen Erwiderung seiner Unterstellung, ich würde hier kleine Kinder bestechen wollen.

»Kannst du nicht einfach zweimal laufen, ich meine, es ist ja nun keine Marathondistanz. Es ist nicht einmal Kurzstrecke, und ich muss in den Laden.«

»In dem Jan schon seit zwei Stunden an den Rädern schraubt. Komm schon, bitte, du sagst selbst, es ist nicht einmal Kurzstrecke. Du bist in drei Minuten wieder da.«

Daran, wie Tom seinen Mund verzieht, sehe ich, dass ich gewonnen habe. Einen Moment später ist es auch ihm bewusst.

»Danke, du bist ein Schatz.« Ich schiebe den Wagen um das Mäuerchen herum zu ihm und gehe zurück, um mir die beiden Schüsseln unter die Arme zu klemmen. »Und los. Wir sind schon spät dran.«

»Wir?« Tom verzieht den Mund kurz in die andere Richtung, was mich fast an meinem Sieg zweifeln lässt, aber dann setzt er sich doch in Bewegung.

 

Oskar Sonthofen fliegt uns auf den Stufen zum Standesamt entgegen. »Ihr Lieben, ihr Lieben, nun aber bitte schnell. Die Kinder warten bereits im Kleinen Salon. Was gibt es denn heute Schönes? Die Kinder sind schon eminent aufgeregt, das wird eine grandiose Führung. Haben Sie auch wieder Ihre weltberühmten Himbeerstreusel mitgebracht, liebe Sunny?«

»Selbstverständlich. Für die Kinder und Sie packe ich nur das Beste ein.« Ich drücke Oskar Sonthofen die Schüsseln in die Arme und schleppe zusammen mit Tom den Wagen die fünf Eingangsstufen empor. Wobei meine Arme schon kurz vor der dritten Stufe am Boden schleifen. Ich wünschte, Eis wäre so leicht wie Zuckerwatte! Vielleicht, wenn ich ein zartes Sorbet, eventuell auf Basis fruchtiger Limonen, zusammen mit luftigen Zuckerfäden verschmelzen lasse und dann Luft …

»Frau Spatz! Könnten wir die letzte Stufe dann auch noch schaffen? Oder soll Oskar die Kinder herunterbitten und sie bedienen sich selbst, während wir weiterhin rumstehen und Krafttraining mit Eisbehältern machen?«

Das federleichte Limonen-Zuckerwatte-Sorbet löst sich in Luft auf und gibt den Blick auf Toms gerunzelte Stirn frei. Ich kann ein Stöhnen nicht unterdrücken, als ich den Wagen endlich oben abstelle. Zuckerwatte-Sorbet hin oder her, jetzt warten erst einmal die kleinen Gäste darauf, sich erdbeerig verwöhnen zu lassen.

Oskar Sonthofen hält mir die imposante Tür auf, die einem kunstvoll geschnitzten Schlosstor gleicht, und ich schreite mit meinem Wägelchen erhobenen Hauptes hindurch. Ein jedes Mal fühle ich mich ein klitzekleines bisschen wie eine der wunderschönen Bräute, die hier regelmäßig hineinspazieren und auf Händen getragen, bejubelt und bestaunt wieder hinausgetragen werden.

Mein Kleid wäre mindestens genauso märchenhaft wie …

»Bis nachher, Sunny.«

Toms Talent, meine Gedanken zu stören, kommt heute besonders ausgeprägt zur Geltung.

»Tom!« Oskar Sonthofen hält ihn am Arm zurück und betupft sich mit seinem neongelben Einstecktuch die Stirn. »Sie sollten vielleicht noch ein wenig zum Tragen zur Verfügung stehen. Ähm, die Paternoster, Sie wissen schon … »

»Nein, weiß ich nicht.« Tom sieht gemeinsam mit mir auf die beiden Paternosteraufzüge, die sich nicht bewegen, und dann zu der wundervoll geschwungenen Treppe daneben, die mit vielen glänzenden Marmorstufen nach oben führt in die erste Etage und von dort weiter in die zweite und selbstverständlich auch in die dritte, wo sich das beliebte Vermählungszimmer mit seinen großartigen Buntglasfenstern und kunstvollen Bleispiegeln sowie der Kleine Salon befinden.

»Der ist halt schon ziemlich in die Jahre gekommen und benötigt hin und wieder ein Päuschen.« Oskar Sonthofen macht sich gar nicht erst die Mühe, das Einstecktuch zurückzustecken, und betupft sich neben der Stirn auch die Nase, den Nacken und seine roten Wangen.

»Können wir die Kinder nicht einfach herunterbitten? Hier unten ist doch der hübsche Warteraum und dort gibt es Tische und Stühle.« Mit Schwung schiebe ich den Eiswagen in Richtung des besagten Warteraumes. Doch ein Aufschrei von Oskar Sonthofen lässt mich in meiner Bewegung einfrieren.

»Sunny! Keine meiner Führungen beginnt in dem Wartezimmer! Wo kämen wir denn da bitte hin! Meine Ansprachen und Ausführungen wurden in jahrelanger, detaillierter Feinstarbeit zu einem großen Ganzen von mir höchstpersönlich zusammengefügt und dulden keinerlei Abweichung. Der Rundgang mit den Kindergartenkindern beginnt im Kleinen Salon neben dem Trauzimmer! Und wenn ich selbst jedes Löffelchen Eis einzeln hinauftragen muss!«

»Na, dann kann ich ja endlich zu meiner eigenen Feinstarbeit gehen.« Tom tippt sich zum Gruß an den schwarzen Haarschopf und wendet sich zum Gehen.

»Sie mit Ihren trockenen Scherzen, mein lieber Tom.« Mit einem lauten Lachen weist Oskar Sonthofen auf die Eisbehälter. »Mit Ihren starken Radfahrerarmen schaffen Sie sicherlich zwei der Behälter auf einmal und Sunny, Sie nehmen den dritten. Sie sind es gewöhnt, die Dinger hin und her zu tragen, das sehe ich an Ihren Oberarmen.«

Tom und ich sehen uns kurz an und entscheiden, über die konfusen Bemerkungen unseres Oberstandesbeamten zu lachen. Wir schnappen uns die zugewiesenen Behälter und erklimmen mit einem letzten Blick in Richtung des Warteraumes die vielen, vielen Stufen.

»Sunny, Sie brauchen gar nicht so sehnsüchtig zum Warteraum schielen. Dort sitzt nämlich obendrein ein in Liebe gebundenes Paar, das gleich zusammen mit Hedwig das Trauzimmer besichtigen wird.«

Oh, wie schön! Gibt es etwas Magischeres als zwei Menschen, die sich gefunden haben und ihr Leben miteinander teilen mögen?

 

Noch bevor wir ganz oben – die Eine mehr schnaufend als der Andere – in der dritten Etage ankommen, hören wir das lustige Geplapper der Kinder. Doch in dem Moment, in dem wir den Kleinen Salon betreten, verstummt selbst das lauteste Gekicher. Ein Dutzend Minimenschen starrt mit kugelrunden Augen zu Oskar Sonthofen, der mit seinem blaurot karierten Anzug einen wahren Anziehungspunkt für die Blicke darstellt.

Erst nach und nach nehmen die Kinder das Eis wahr und das Gezappel nimmt wieder Fahrt auf.

»Wer von euch möchte ein leckeres Erdbeereis?« Lächelnd schaue ich den Kindern dabei zu, wie sie ihre Ärmchen in die Luft recken. Und auch Oskar Sonthofens Arm bleibt nicht unten. »Und wer möchte dazu eine kugelige Portion süßen Schokoeises?« Die meisten Kinder heben nun auch ihren zweiten Arm. »Wenn ihr das alles so gern mögt, schafft ihr dann auch noch etwas von dem cremigen Vanilleeis?«

Quietschende Stimmchen versichern mir nachdrücklich die Machbarkeit.

»Mit Himbeerstreuseln?«

Nun gibt es kein Halten mehr, die Jungs und Mädchen springen auf und drängen sich um mich herum. Oskar Sonthofen schließt die Tür, augenscheinlich um das Paar nicht allzu sehr zu irritieren, welches von Hedwig fröhlich schnatternd zum Trauzimmer geführt wird. Ich kann gerade noch einen Blick auf die schwarze Lockenpracht der zukünftigen Braut werfen, ehe mich die Kinder voll und ganz in ihren Bann ziehen. Die Braut würde wie eine Märchenprinzessin in ihrem weißen Kleid aussehen. Wie wundervoll!

Um der eishungrigen Meute Herr zu werden, ziehe ich aus meiner Gürteltasche zwei Eisformer und drücke einen davon Tom in die Hand, der für einen Moment irritiert auf das pinke Wunderwerk starrt, sich dann aber doch recht schnell seinem Schicksal beugt.

Bald schleckt ein jeder im Raum glücklich ein Eis, Tom eingeschlossen, und ich lächele zufrieden in die Runde.

Ein blondes Mädchen mit einer entzückenden Zahnlücke grinst mich an. »Die Streusel sind so lecker. Kochst du die selbst?«

»Sunny und kochen …« Tom verschluckt sich bei seinem Lachversuch nicht nur an dem Kommentar, sondern auch an einem Löffel Vanilleeis, und ich haue ihm gnädig zwischen die Schulterblätter, um ihm bei seinem Hustenanfall zu helfen. Besonders doll zu helfen.

»Oh nein! Himbeerstreusel werden nicht gekocht, Himbeerstreusel werden herbeigezaubert. Wisst ihr das gar nicht?« Mit großen Augen sehe ich die Kinder an, die heftig ihre Köpfe mit den verschmierten Mündern schütteln. »Soll ich euch erzählen, wo eure Himbeerstreusel herkommen?«

Das Schütteln wandelt sich schnell in Nicken. Leise zieht sich auch Oskar Sonthofen einen Stuhl heran und setzt sich zu den Kindern. Tom neigt nur den Kopf und kräuselt den Mund, dabei lässt er mich keine Sekunde aus den Augen. In dem angenehm warmen Raum wird es still, und das wohlige Aroma des Vanilleeises sowie die fruchtige Süße der Himbeerstreusel verwandelt ihn in eine mit bunten Blumen gesprenkelte Wiese.

»Es war einmal zu einer Zeit, als es noch echte Prinzessinnen in echten Schlössern gab, da lebte unsere Himbeerprinzessin. Sie hieß so, weil bei ihr im Schlossgarten das ganze Jahr über die allerschönsten, die allerprallsten und die allersüßesten Himbeeren wuchsen. Zusammen mit ihrem besten Freund, dem Himbeerprinzen, buk sie aus den Früchten sättigendes Himbeerbrot und presste nahrhaften Himbeersaft. Gemeinsam verteilten die beiden die Gaben an alle in ihrem Volk, die es gerade benötigten.

Doch eines Tages fand der bitterböse Drache Stoneheart den Weg in das wundervolle Himbeerreich und vernichtete aus schierer Gemeinheit alle Himbeersträucher mit seinem Feueratem. Indessen, das war gar nicht das Allerschlimmste, denn er stahl obendrein noch den Himbeerprinzen, der sich ihm tapfer in den Weg stellte und einfach an seinen tiefschwarzen Haaren von dem Drachen mit dessen spitzen Krallen emporgehoben und davongetragen wurde.«

Ich blicke in die Runde, ein wenig vorsichtig durch die Episode mit Klein-Wilhelm. Doch mich starren nur ein Dutzend Mädchen und Jungen mit offenen Mündern an, ohne die winzigsten Anzeichen einer nahenden Angstattacke. Die beiden Erzieherinnen nicken mir unisono wohlwollend zu, und auch aus Toms Gesicht ist alles Stirnrunzeln verschwunden. Sein Blick liegt warm auf mir.

»Und weiter?«, flüstert Oskar Sonthofen, seine halb aufgegessene Waffel fest in der Hand.

»Die Himbeerprinzessin rannte dem Drachen Stoneheart schnell wie der Wind hinterher, doch der Drache war schneller. Sie versuchte sich ebenso in die Lüfte zu erheben, doch es misslang ihr und sie schlug hart auf dem Boden auf. Trotz ihres blutenden Knies stand die Prinzessin auf und rannte und rannte, war dieses Mal schneller als der Wind, und schließlich gelang es ihr: Sie flog hinauf zu Stoneheart und entriss dem Drachen ihren Freund.

Indessen war das Volke angelockt von dem Lärm herbeigeeilt, und gemeinsam verjagten die guten Leute den bösen Drachen.«

»Aber die schönen Himbeeren, sind die jetzt alle weg?« Das Zahnlückenmädchen pult einen letzten Himbeerstreusel von ihrem Eis und zieht eine Schnute.

»Oh ja, die schönen Himbeeren waren alle weg. Auch die Himbeerprinzessin wusste das und stampfte vor Wut auf den Drachen so doll mit ihrem verletzten Bein auf - dort, wo ehemals die feinen Früchte wuchsen. Und das tat ihr so weh, dass ihr Tränen aus den Augen flossen. Doch das waren keine gewöhnlichen Tränen! Nein! Es waren himbeerfarbene, süße Tränen. Und überall, wo diese Tränen hintropften, wuchsen augenblicklich neue, wunderschöne, starke und prächtige Himbeerpflanzen mit den besten aller Früchte. Und zwischen diesen Himbeersträuchern wuchs noch eine andere Pflanze, himbeerrot und über und über bewachsen mit honigsüßen Himbeerstreuseln.«

 

»Auf Wiedersehen, Sunny. Auf Wiedersehen, Tom. Ihr Equipment können Sie gern nachher abholen, ich möchte jetzt meinen jungen Freunden unser wundervolles Standesamt zeigen.«

Kaum treten Tom und ich durch die Tür aus dem Kleinen Salon, schließt Oskar Sonthofen diese auch schon wieder hinter uns. Es ist still in dem Vorraum mit den silberdurchwirkten Wänden, und wir laufen ein paar Schritte auf dem dicken, weichen Teppich, auf dem ich mich immer ein wenig fühle, als könne ich schweben.

Unter der Glaskuppel bleibt Tom stehen und ich mit ihm. Bunte Lichter von den kunstvollen Scheiben über uns tanzen auf seinen Wangen und seine Augen schimmern golden.

»Danke für dieses außergewöhnliche Eis«, raunt Tom, und warm umfängt mich seine Stimme. Ich suche in seinen Augen nach dem Spott, der nun folgen müsste. Und finde ihn nicht.

»Immer wieder gern.«

Tom hebt die Hand und berührt mich sacht am Haaransatz. »Du hast hier noch einen magischen Himbeerstreusel.«

»Ich wollte schon immer einmal mein schnödes Blond gegen himbeerrosa Haare tauschen.« Langsam lege ich meine Hand auf seine und die Wärme, die er mir dabei schenkt, strömt durch meinen Körper.

»An dir ist nichts Schnödes, Sunny.«

Verführt von Toms Wärme und dem leichten Hauch seines Atems sehe ich ihm in die Augen, sehe den Glanz darin, die winzigen hellen Sprenkel.

Nicht nur an mir ist nichts Schnödes.

»Susanna! Was für eine nette Überraschung.«

In Zeitlupe drehe ich mich von Tom weg, für einen Moment wankt die Welt und ich verliere die Orientierung, verliere den Sinn dafür, wo oben und wo unten ist.

»Leo!«

Kapitel 4

B wie Bitter

Buttermilcheis

Weiche, sahnige Buttermilch mit einem Hauch feinster Säure bildet die Basis für ein Eis, welches auf der Zunge kribbelt und süß den Gaumen streichelt.

Da ist er! Mein Leo!

So oft schon, seit dem Tag, an dem ich ihn freigegeben habe, stellte ich mir diesen Moment vor: Leo, wie er gerührt vor mich tritt, mit glänzenden Augen und einem Lächeln, das nur für mich gemacht ist; Leo, wie er mich stürmisch in seine starken Arme reißt, durch die Luft wirbelt, mich leidenschaftlich küsst, bis uns schwindelig wird; Leo, wie er sich von hinten an mich heranschleicht und mir einen Kuss in den Nacken haucht und mich fragt, ob ich ihn endlich heiraten möchte, denn er sei jetzt wieder da.

Für immer.

Nur kam in keiner dieser Varianten – und davon gibt es noch Zillionen mehr – eine zierliche Frau mit einer schwarzen Lockenflut und Schneewittchenhaut in seinem Arm vor! Auch keine mit glatten schwarzen Haaren. Oder roten. Oder überhaupt. Da waren nur er und ich.

Allerdings kam auch Tom in meinen Wiedersehensvisionen nicht vor. Zumindest meistens nicht. Nur manchmal, am Rande.

Aber ich bin ja äußerst flexibel. Gut möglich, dass Leo einfach nur seine Schwester wiedergefunden hat. Ich weiß zwar nichts von einer verloren gegangenen Schwester, aber zwei Jahre sind eine lange Zeit, da kann man schon mal das eine oder andere verlieren.

»Susanna, darf ich dir Julia vorstellen?«

Nein, darfst du nicht.

Schon streckt mir die Schneewittchen-Elfe ihr rechtes Händchen entgegen, während sie mit dem linken weiterhin meinen Leo fest umklammert hält.

Sie drückt meine Finger erstaunlich fest und lächelt mich mit ihrem Kussmund zuckersüß an, wobei das Lächeln ihre dunklen Augen strahlen lässt. »Wie schön, dich kennenzulernen. Leo hat mir schon viel von dir erzählt.«

Da haben wir es! Ihr hat er von mir erzählt, aber mir nicht von ihr. Eindeutiger kann er seine Prioritäten doch gar nicht setzen: Ich bin in seinen Gedanken und nicht sie.

Drei Augenpaare starren mich jetzt an. Ich weiß, dass ich mit dem Text weitermachen müsste, aber all die Zeilen, die ich mir zurechtgelegt habe, finde ich gerade ein wenig unpassend. Weder mein leidenschaftliches Leo, küss mich weiter, jetzt und überall, noch mein gehauchtes Leo, natürlich möchte ich dich heiraten scheint mir angemessen.

»Hi. Julia. Richtig? Ja, hi.« Ehe ich noch mehr Haie heraufbeschwöre, wende ich mich an Leo, sehe in seine braunen Augen, die von feinen Fältchen umrahmt werden, die vor zwei Jahren noch nicht da gewesen waren. Sein weiches braunes Haar trägt er kürzer als früher und Tante Marietta hat recht: Er sieht umwerfend aus, noch attraktiver, verwegener.

»Leo.« Wie ich es liebe, diesen Namen auszusprechen. »Du bist wieder da.«

»In der Tat. Vor zwei Wochen sind wir aus Indonesien zurückgekehrt.«

Vor zwei Wochen schon! Und WIR! Und wie er SIE noch fester an sich heranzieht, wie unziemlich! Und das hier, auf einem Standesamt! Das ist immerhin ein öffentliches Gebäude!

Die Erkenntnis boxt mir mit einer gekonnten Linken, auf die eine präzise Rechte folgt, voll in den Magen. Ich habe Mühe, aufrecht stehenzubleiben.

Um nicht doch noch in die Knie zu gehen, greife ich nach Toms Arm und umklammere ihn mit aller Kraft, die mir zur Verfügung steht. Die Wärme seines Körpers lindert ein wenig die Eiseskälte, die der Schlag in mir freigesetzt hat und die nun schmerzhaft in mir zirkuliert.

Ich spüre Toms Blick auf mir, und auch Leo und Julia sehen mich abwartend an.

»Ich möchte euch auch jemanden vorstellen. Tom, das sind Leo und Julia.« Ihren Namen laut auszusprechen, kratzt mir im Hals. »Leo, Julia. Das ist Tom. Mein Verlobter. Wir heiraten im Sommer. Gibt es etwas Magischeres als eine Hochzeit im Sommer? Die Wärme der Sonne auf den Schultern, ein tieforanger Sonnenuntergang, der die Feier am Abend mit seinem goldenen Licht übergießt, und hunderte Lämpchen, die in den Zweigen der Bäume leuchten. Ich liebe Hochzeiten.« Ich blinzele ein paar Mal, doch Leos unverbindliches Lächeln bleibt bei meiner Hochzeitsankündigung unverbindlich. Wenn überhaupt, wird es eher noch strahlender, als würde er sich so richtig für mich freuen. »Und ich liebe natürlich Tom. Über alles!«

»Das hoffe ich doch.« Und endlich, endlich lässt Leo Miss Schneewittchen los und umarmt mich fest. Und ich passe so perfekt in seine Umarmung, wenn ich mich ein wenig auf die Zehenspitzen stelle. Sein Aftershave ist dasselbe wie früher, elegant und würzig. Und intensiv. Ich rieche kaum den echten Leo dahinter. Das war schon damals so, als ich ihn nicht dazu überreden konnte, doch mal all die Wässerchen und Gele und Duschcremes zu reduzieren. Egal. Das hier fühlt sich gut an. »Herzlichen Glückwunsch, Susanna.«

Schon stehe ich wieder allein da und Leo hält Julia fest, während er Tom die Hand reicht. »Auch Ihnen, Tom. Mit Susanna haben Sie eine großartige Frau an Ihrer Seite.«

Tom nickt Leo zu und wendet sich dann mit einer halben Drehung an mich. »Die habe ich.« Seine Augen verdunkeln sich, sie glitzern und er tritt näher an mich heran. Außerordentlich nah. Sein Duft, so völlig rein, trifft mich und mein Herz vibriert in der Brust. Plötzlich umfassen seine Hände meine Wangen und seine Lippen treffen meine. Es ist kein scheuer Kuss, kein Kuss zum ersten Mal küssen, kein Kennenlernkuss. Tom küsst mich, als hätte er nie etwas anderes getan. Und ich küsse ihn.

Mit einem Mal ist alles vorbei. Schwindelig stehe ich vor Tom. Meine Lippen prickeln und meine Wangen brennen da, wo er mich mit seinen rauen Händen berührt hat.

»Verlobt zu sein gefällt mir.« Toms spöttisches Grinsen ernüchtert mich und mein erhitztes Blut beginnt zu kochen.

»Und es gefällt anscheinend nicht nur Ihnen.« Julia zwinkert mir doch tatsächlich zu.

Wenn verlobt sein immer so leidenschaftlich ist, dann will ich sofort verlobt sein. Aber doch bitte nicht mit Tom! »Warum sollten wir uns auch verloben, wenn es uns nicht gefallen würde, nicht wahr?«

»Richtig so, ihr zwei. Wer heiraten möchte, soll dies gern tun, und wer nicht, der nicht.« Mit einem bestätigenden Nicken küsst Julia meinen Leo auf die Wange. Ganz schön züchtig. Das können Tom und ich aber besser. Oder Leo und ich, meine ich natürlich.

Hinter mir geht die Tür zum Kleinen Salon auf und Oskar Sonthofen scheucht die Kinderschar aus dem Raum. »Sunny, Tom, Sie sind ja noch hier. Wie gut, dann können Sie gleich die leeren Eisbehälter mit zurücknehmen.«

Leo sieht mich anerkennend an und nickt. »Du hast deinen Traum von einem eigenen Eiscafé also wahrgemacht. Ich komme aus dem Gratulieren gar nicht mehr heraus.«

»Eisdiele«, murmele ich automatisch.

»Gut gemacht.« Leichthin klopft er mir auf die Schulter und sieht dann auf seine Armbanduhr. »Wir müssen jetzt auch los. Es war schön, dich wiederzusehen, Susanna. Tom, es hat mich gefreut, Sie kennenzulernen.«

Mit großen Schritten entfernt sich Leo von mir. An seiner Seite Julia.

»Lass uns die Eisbehälter holen und dann nichts wie weg hier!« Harsch laufe ich an Tom vorbei in den Kleinen Salon und stapele lautstark die drei Behälter ineinander. Die leere Himbeerstreuselschale schmeiße ich oben hinein. Eine rosa Ecke der zarten Porzellanschale bricht dabei ab. »Mist!«

Tom legt seine Hand auf meine. »Lass, ich nehme den Rest.«

»Ich kann das allein!«

»Das weiß ich. Ich möchte dir trotzdem helfen.«

Mit Wucht drücke ich Tom die gestapelten Behälter gegen die Brust und lasse so schnell los, dass sie fast herunterfallen. Er greift gerade noch rechtzeitig danach. Ich schnappe mir die leere Schale, in der die Eiswaffeln gelegen haben. Typisch! Immer müssen alle alles aufessen. Wie egoistisch!

Ich renne mehr, als ich gehe durch den Vorraum und die drei Etagen nach unten, hinaus aus dem Standesamt, hinein in den blendenden Sonnschein und die schneidend kalte Luft. Dort werde ich von einer Horde Stadtrundgängern gestoppt, die mir im Weg stehen.

Tom holt mich ein und manövriert mich am Arm durch die quasselnde Menge.

»Lass das. Ich kann allein gehen!« Ich reiße meinen Arm los und stoße prompt mit einem glatzköpfigen Dickbauch zusammen. »Passen Sie doch auf!«

»Hascht g’hört, Erna. Die Berlinerin do, hot misch ordentlisch angemeggert, obwohl se misch angerembelt hot. Wie ses uns alle g’sagt ham!«

»Moch gleich en Fodo, Erwin!«

Doch ehe Erwin sein Kompaktkamerachen in die richtige Position gebracht hat, bin ich aus seinem Fokus verschwunden. So weit kommt es noch!

Was für ein blöder Tag!

Endlich kann ich mich aus dem Menschenknäuel herausschieben, während Tom noch mittendrin einer Dame mit Hut eine Frage nach dem Weg beantworten muss, zumindest verrät das die Weise, auf der er mit den Eisbehältern in den Händen zu gestikulieren versucht.

Nur noch dreihundert Meter, dann bin ich in meinem sicheren Schneeflöckchen, weit weg von allen Ernas und Erwins dieser Welt. Und weit weg von Leo und seiner Verlobten.

Wie kann er nur! Wie kann sie nur! Leo ist doch mein Leo!

Noch einhundertfünfzig Meter!

»Na, Fräulein Spatz! Wieder kleene Kinder mit Ihrer Plörre jefüttert!«

»Wie bitte!« Mit Lichtgeschwindigkeit drehe ich mich um und stehe eine Armlänge entfernt von Fritz Ludewig senior. Näher komme ich an ihn glücklicherweise nicht heran, denn sein kugeliger Bauch unter dem kugeligen Kopf verlangt nach einem gewissen Abstand. Seine hellen blauen Augen bohren sich in meine und bescheren mir Spontankopfschmerzen von links oben nach rechts unten. »Wollen Sie mir unterstellen, ich hätte in Ihrem Etablissement Eis gestohlen und es den armen unschuldigen Kindern verabreicht?«

Er lacht herzhaft auf und wackelt dann mit seinem fleischigen Zeigefinger vor meiner Nase hin und her. »Ts, ts, ts. Ick muss doch wohl sehr bitten, verehrtes Fräulein Spatz. Wat ist dat nur für ein garstiges Benehmen. Mein Etablissement, wie Sie es so schön nennen, ist ein hervorragendes Zwei-Sterne-Restaurant mit einem Ruf, den Sie nicht einmal hören würden, wenn Sie ein Hörgerät tragen würden. Aber bekanntlich bellen getroffene Hunde am lautesten.«

Kurz überlege ich, die leere Waffelschüssel in meinen Händen auf seinen spärlich bewachsenen Kopf zu stülpen. Nein, das wäre schade um meine schöne Schüssel. »Richtig, mein lieber Herr Ludewig. Deshalb blaffen Sie mich hier auch gerade in aller Öffentlichkeit so schamlos an! Es mag ja sein, dass in Ihrem Le Meilleur der eine oder andere Stern die Speisekarte ziert. Doch das gilt für Ihren Fisch und Ihre Soßen, vermutlich auch für Ihre geschälten Erbsen, doch mit Sicherheit nicht für Ihre Desserts und schon gar nicht für Ihr Eis.«

Wumms, Volltreffer! Fritz Ludewig plustert sich zu doppelter Größe auf und ist kurz davor, wie ein übervoller Luftballon in die Luft zu steigen. Was sicherlich nicht das Schlechteste wäre, denn dann müsste ich nur einmal kurz pusten und voilà, weg wäre er.

Aber nein, die Schwerkraft hält ihn treu am Boden.

Sein gutes Benehmen hingegen weniger. »Nun hören Sie mir mal jut zu, Fräulein Spatz …«

»Frau Spatz.«

»Wie bitte?«

»Ich bin Frau Spatz. Das Fräulein-Zeitalter haben wir schon vor einer ganzen Weile hinter uns gelassen. Zumindest in meiner Version der modernen Welt, Herr Ludewig.«

Fritz Ludewig klatscht mit ernster Miene träge in seine beleibten Hände. »Sehr schön, wie Sie die Emanzipationskeule schwingen, Frau Spatz. Aber dit is schon alles, wat ihr jungen Dinger könnt. Wenn es darum jeht, einen anständigen Braten in die Röhre zu schieben, hörts och schon wieder uff.«

Ein wenig irritiert zucke ich zurück. Doch wie er aussieht, scheint ihm die Doppeldeutigkeit seines Bratens in der Röhre nicht in den Sinn zu kommen. Vermutlich meint er schlicht und ergreifend ein Stück saftiges Fleisch in einem Backofen, falls ein 2-Sterne-Koch überhaupt so etwas Profanes nutzt wie einen schnöden Backofen. Egal. Und im Prinzip ist mir dieses Gespräch im Moment ohnehin mehr als zuwider. Irgendwie verliere ich auch gerade den Faden. »Wie auch immer, Herr Ludewig, ich muss zurück in mein Schneeflöckchen, um dort neben meiner Emanzipationskeule auch die Spatula zu schwingen, denn mein Millionen-Sterne-Eis macht sich nicht allein, sondern wird von mir in liebevoller Handarbeit hergestellt.«

Den nächsten Satz will ich tapfer herunterschlucken, doch leider bleibt er nicht unten und ich spüre regelrecht, wie er mir aus dem Mund purzelt. »Im Gegensatz zu Ihrem Eis, das Sie von Ihren Praktikanten mit akademischer Hilfe anrühren lassen.«

»Sie!«, zischt mir ein knallroter Tomatenkopf entgegen. »Woher wollen Sie wissen, wie ich mein Eis herstelle!«

Sicherheitshalber trete ich zwei Schritte zurück. »Ich habe es gekostet. Und außerdem, warum sollte das Hotel Zum Vierwaldplatz mit Vorliebe Ihr Essen aus dem Restaurant an seine Gäste reichen, aber nicht Ihr Eis, wenn es doch ach so toll ist?«

Die zwei Schritte, die ich zurückweiche, macht er mit einem wieder wett. »Sie meinen also, dass Sie kleines Mädchen, Entschuldigung, große Frau, es mit mir, dem über unsere Landesgrenzen hinaus bekannten und verehrten 2-Sterne-Koch Fritz Ludewig senior, aufnehmen können?«

»Wenn es um Eis geht, sicher.«

Vielleicht sollte ich nicht ganz so forsch sein, denn trotz seines zum Himmel stinkenden Eigenlobes weiß ich, was er kann. Und kochen kann er. Auch wenn mir die Erbsenschälerei im Le Meilleur doch etwas zu weit geht. Aber Eismachen ist halt kein Kochen. Und da bin definitiv ich die Könnerin. Nun gut, eventuell stinkt Eigenlob nicht immer.

»Sie wollen sich also mit mir messen, Frau Spatz?« Fritz Ludewigs Ton kommt leise daher und sein Blick scheint nur noch mich wahrzunehmen. Wohingegen meiner eine Winzigkeit anfängt zu flattern.

Jetzt bloß nicht schwach werden und Fräulein spielen. »Ich würde mich nie erdreisten, mich mit Ihnen zu messen, Herr Ludewig. Aber mein Eis misst sich jeden Tag mit Ihrem.« Ich lächele ihn sahnesüß an. »Und das Ergebnis kennen Sie.«

Fritz Ludewigs Lächeln steht meinem in nichts nach, auch wenn mein Kiefer so langsam unangenehm zu schmerzen beginnt. »Dann haben Sie sicher nichts gegen eine kleine Eis-Wette, meine Liebe, nicht wahr? Ihres oder mein Eis, welches schmeckt besser?«

Erleichtert entspanne ich meine unter Hochleistung stehenden Gesichtsmuskeln und atme tief aus. »Mit Sicherheit nicht. Wollen wir uns gleich jeweils eine Portion bei mir und bei Ihnen holen und von den Leuten hier auf dem Platz verkosten lassen? Wir können auch gern mehrere Portionen verteilen.« Ich bin ja ein großzügiges Wesen.

Fritz Ludewig hebt beschwichtigend die Hände, während ich schon tatendurstig von einem Fuß auf den anderen hibbele. »Moment, Moment, gut Ding will Weile haben. Immerhin kann ich nicht mitten am Tag mein Restaurant noch weiter ohne Aufsicht lassen, das funktioniert vielleicht in Ihrer Schneewehe.« Nachdenklich kratzt er sich mit dem Zeigefinger die Nase. »Ich schlage vor, wir treffen uns hier an Ort und Stelle wieder, Sonntag in vier Wochen, das müsste der … Moment … genau, der zweiundzwanzigste April sein. Und dann lassen wir Ihr Eis gegen mein Eis verlieren, Entschuldigung, ich meine natürlich antreten. Wenn auch ohne den Hauch einer Chance.«

»Der zweiundzwanzigste April geht gar nicht!« Da werden meine Mutter und Tante Marietta sechzig Jahre alt, und da ich vorhabe, die beiden bis dahin wieder versöhnt zu haben, werden wir ein rauschendes Fest feiern.

»Herr Ludewig. Ich würde Ihnen Sunny gern entführen, denn Sie hat schon einen bemerkenswert guten Job in ihrer Eisdiele.« Neben mir taucht Alma auf und schlingt mir einen Arm um die Taille.

Fritz Ludewig deutet ein Nicken an. »Aber sicher doch, Fräulein Spatz. Lassen Sie mich nur noch ein, zwei Details mit Ihrer reizenden Chefin klären.« Damit wendet er seinen blauen Stechblick wieder mir zu. »Dann verschieben wir unser kleines Turnier eben auf den Sonntag darauf, das wäre dann der neunundzwanzigste April, wenn es Ihnen genehm sein sollte. Es sei denn, Sie haben wieder eine Ausrede parat.«

Alma nimmt den Arm von meiner Taille und zupft mich am Ärmel. »Welches Turnier und welche Ausrede?«

»Erzähle ich dir gleich.« Ich überlege kurz, ob der neunundzwanzigste April passt, dann reiche ich Fritz Ludewig die Hand. »Also abgemacht. Wir veranstalten am Sonntag, den neunundzwanzigsten April, einen Eis-Wettbewerb hier draußen auf dem Vierwaldplatz. Wie wäre es dafür mit der Königin der Eissorten, der Vanille?«

»Höre ich da meinen Namen?« Beatrice gesellt sich an meine andere Seite zu unserer Runde und verschränkt fröstelnd die Arme vor der Brust. »Ihr steht hier schon so lange konspirativ zusammen, da wurde ich doch ein wenig neugierig.«

»Liebe Frau Koenig, Sie kommen gerade richtig. Denn Frau Spatz und ich besiegeln gerade ein Wettessen um das beste Vanilleeis, welches endgültig die Eisvorherrschaft hier am Platz klären wird.« Mit einer angedeuteten Verbeugung begrüßt Fritz Ludewig Beatrice ganz weltmännisch.

»Aber Herr Ludewig, diese Frage ist nun wirklich hinreichend geklärt, das müssen selbst Sie zugeben. Da können Sie Sunny noch so viele Ihrer Lehrlingsspione in die Eisdiele schicken.«

Ich rechne mit vehementem Abstreiten dieser Behauptung von Beatrice, denn es ist ein offenes Geheimnis, dass wir regelmäßig den Lehrlingen vom Le Meilleur unser Eis servieren. Ganz inkognito natürlich. Und um die armen Kerle nicht noch mehr in Verlegenheit zu bringen, spielen wir das Spiel gern mit. Es macht Spaß, die 2-Sterne-Spione mit Köstlichkeiten zu überhäufen und dazu Details zur Herstellung zu liefern, die so ziemlich das Gegenteil von dem sind, was wir den ganzen Tag wirklich erschaffen. Mittlerweile kennen wir die Mitglieder von Herrn Ludewigs Kochmannschaft recht genau. Und gerade fällt mir auch wieder ein, warum mir der knapp bei Kasse gewesene Jüngling letztens so bekannt vorkam. Er gehört zur Ludewigs neuester Entourage.

Merkwürdigerweise bleibt der Oberchefkoch gelassen. »Da diese Frage bisher nich jestellt wurde, gibt es och keene Antwort. Noch nich. Und um diese zu beantworten, fehlt es nur an eener fachkräftigen Jury.« Fritz Ludewig dreht sich einmal um sich selbst, ehe er mit einem verzogenen Lächeln wieder vor mir zu stehen kommt. »Wie wäre es mit na Kinderjury? Wie die kleenen Krabben und Steppkes da drüben?«

Unsere Köpfe wenden sich zeitgleich in Richtung Standesamt, wo gerade die Traube an Kindern herausströmt, die dort in den Genuss von Oskar Sonthofens Führung gekommen ist. Und von meinem Eis.

»Sicher? Ich muss fairerweise anmerken, dass die Kinder vorhin mein Eis genossen haben, und wenn ich sage genießen, dann meine ich das exakt so.« Ich runzle meine Stirn und sehe Fritz Ludewig fragend an. Die Wahl ist wirklich nicht schlecht, denn Kinder sind die ehrlichsten und schonungslosesten Kritiker, die ich mir vorstellen kann. Die kleinen Menschen sind durch nichts zu beeinflussen, wenn es um sahniges, süßes Eis geht.

»Ganz sicher. Also, Sonntag in fünf Wochen, hier vor Ort, mit den Kindern als Jury für unser bestes Vanilleeis.« Er reicht mir seine Hand und meine verschwindet für einen Moment darin in einem festen, sehr festen Händedruck. »Und der Verlierer nimmt sein Vanilleeis aus dem Repertoire und überlässt dem Gewinner die Hoheit darüber.«

Beatrice neben mir schnappt hörbar nach Luft, während Alma sich mit dem Finger an die Stirn tippt. »Das ist doch wohl nicht Ihr Ernst! Vanille ist unsere Hauptsorte! Sunny, sag ihm, dass das ein blöder Wetteinsatz ist und wir das nicht machen!«

»Also wirklich, das ist nun kein Spaß mehr!« Beatrice schüttelt heftig den Kopf.

Fritz Ludewig indessen grinst mich mit schief geneigtem Kopf an. »Angst zu verlieren?«

Ein bisschen schon, so ganz, ganz tief innen. Ich sollte mein Eisglück vielleicht nicht über Gebühr herausfordern.

»Fräulein Spatz?«

»Abgemacht!«

Kapitel 5

E wie Etwas

Elfeneis

Mit Morgentau benetzte Kirschblüten, vereint mit dem Herz der Vanille, übergossen mit reinstem Waldnektar, finden zusammen in einem zartschmelzenden Eis voller Magie.

Es gibt eine Menge Dinge, die ich lieber mag, als meine Mittwoche zu opfern, um meine Wohnung zu putzen. Das Schneeflöckchen zu putzen, zum Beispiel. Das Schöne daran ist, dass es hier so gut wie nie ernsthaft etwas aufzuräumen gibt, da es mir wie magisch gelingt, alles tipptopp in Ordnung zu halten. Nun gut, und weil Alma hilft. Aber davon abgesehen ist es mir ein Vergnügen, in meiner Eisdiele zu werkeln, und sei es nur, die Eisbehälter blitzblank zu putzen, bis sie funkeln und darauf warten, mit einer neuen, köstlichen Eissorte befüllt zu werden. Wird es ein wundervolles Parfait aus Mandarinen sein? Oder ein klares Sorbet von süßer Honigmelone? Oder doch lieber cremiges Stracciatella?

Für dieses schwebt mir eine leichte, frühlingshafte Variante vor. Wie wäre es mit belizianischer dunkler Vollmilchschokolade? Gilt Stracciatella eigentlich als Vanilleeis? Dann wären auch mein Trüffeleis und mein Schokokekseis ein Vanilleeis. Und erst recht das Umpa-Lumpa-Eis!

Seit dieser blöden Wette vor zwei Tagen finde ich ständig in mehr und mehr Eissorten meine geliebte Vanille. Und selbst wenn nur diese eine Grundsorte auf dem Spiel stünde, sähe meine Eistruhe ziemlich leer aus. Und erst die Eisbecher! Ich mag es mir gar nicht vorstellen, ein Becher Fruchtige Erdbeere, zwar randvoll mit süßem Erdbeereis, aber ohne warme Vanille. Oder eine Cassata aus himmlischem Bitterschokoladen-Eis, doch ohne die Würze der Vanille!

»Du siehst aus, als würdest du schon wieder leere Eisbecher vor dir sehen. Teenager sehen so aus, wenn man vor ihren Augen ihre Smartphones ausschaltet.« Kichernd stürmt Alma ins Schneeflöckchen und schließt die Tür hinter sich. »Aber ich glaube, das, was du gleich zu kosten bekommst, wird dich beruhigen und deine Eisbecher gedanklich wieder füllen, bis zum Rand und darüber hinaus.«

Ich schnappe mir zwei leere Schälchen samt Löffel und gehe um die Eisbar herum, um mich dort mit Alma hinzusetzen. »Du hast eine Kostprobe ergattern können? War es doll schwierig?«

Alma schüttelt mit Schwung den Lockenkopf. »Nicht ein bisschen. Glück für uns, dass der alte Ludewig vor ein paar Wochen rumgetönt hat, mittwochs immer in seiner megaerfolgreichen Kochshow aufzutreten. Und clever von uns, die Lehrlinge vom Le Meilleur mit unserem guten Eis gefüttert zu haben. Die überschlagen sich regelrecht vor Liebenswürdigkeit mir gegenüber.« Alma grinst breit in die Schüssel hinein, die sie auf die Eisbar stellt, und verteilt das eidottergelbe Eis darin auf unsere Schälchen.

»Aber wie bist du denn überhaupt an die Jungs rangekommen, die sind doch niemals vorn im Gastraum?«

»Och, einer von den Anzugträgern im Restaurant war ganz nett.« Alma winkt nonchalant ab und greift nach einem Löffel. »Lass uns probieren, ehe das Zeug zu warm wird. Allerdings sieht mir die Konsistenz nicht so aus, als würde dieses Eis jemals schmelzen können.«

Im Prinzip muss ich gar nicht kosten. Was da vor mir in der Schale dahindümpelt ist nichts, was ich auf meinem Löffel, geschweige denn in meinem Mund haben möchte. Allein die grobkörnige Beschaffenheit zusammen mit der farbkastenartigen gelben Farbe und dazu der aufdringliche chemische Geruch nach nachgebauter Vanille lassen mir die Lust auf Eis vergehen. Und das ist bei mir, selbst im Angesicht eines Magen-Darm-Infektes, ein Ausnahmezustand.

Nur als ich Leo vor zwei Jahren freigab, verzichtete ich ein paar Tage, es können auch ein paar Stunden gewesen sein, auf Eis. Quasi als Reminiszenz an ihn als Nicht-Eis-Esser. Aber das hat mir nicht gutgetan. Ich meine, wer verzichtet schon freiwillig auf das Atmen. Und Eis essen ist wie Atmen.

Alma beobachtet mich, wie ich über dem Löffel mit Eis in meiner Hand brüte, während sie ihren vorsichtig mit den Lippen berührt. Sie zieht eine Augenbraue effektvoll nach oben und grinst schelmisch. »Und? Hast du noch Bedenken?«

Gezielt drücke ich den Löffel zurück in die Mitte des gelben Breis. Ich muss das hier nicht kosten. »Und wenn er es bis zum Wettessen verbessert? Immerhin sind es noch knapp fünf Wochen bis dahin.«

Almas Locken hüpfen bestätigend auf und ab, als sie vehement den Kopf schüttelt. »Sunny, egal, was der Ludewig mit diesem Eis anstellt, und ich setze das Wort Eis hier ganz bewusst in doppelte Hochkommas, es kann nicht besser werden. Hier hilft nur wegschmeißen und neu machen. Und wenn er das könnte, hätte er es schon längst getan. Dieses Gerangel um sein und um unser Eis geht nun schon seit zwei Jahren so.«

»Aber er war sich so sicher.« Meine Zweifel wollen ob Almas durchaus plausibler Theorie nicht so recht platzen. »Immerhin gilt er nicht ohne Grund als einer der besten Köche des Landes. Er kennt doch den Unterschied zwischen unserem und seinem Vanilleeis besser als wir.«

Alma hüpft resolut von ihrem Stuhl und sammelt die Schälchen und Löffel ein. »Womit es einmal wieder bewiesen wäre, Eis machen ist nicht kochen.«

»Na dann hoffe ich, dass das die Eisgöttin auch weiß und uns gewogen bleibt.«

»Die Eisgöttin bist du, mein Liebe, und dir selbst bleibst du doch wohl hoffentlich gewogen.« Mit einem Knuff in meinen Oberarm schlendert Alma an mir vorbei, um das benutzte Geschirr in die Küche zu bringen.

Optimismus ist durchaus mein zweiter Vorname, aber irgendwie …

Ein lautes Rumpeln vor der Eisdielentür schreckt mich aus meiner Grübelei auf. Fröhlich klopft mein Vater an die Glastür. Ich eile los, um sie aufzuschließen.

»Na, was sagst du!« Anstatt einer formellen Begrüßung bekomme ich eine Umarmung, in der ich bis zum Scheitel verschwinde. Mein Vater ist der Meinung, er könnte glatt als deutscher Zwillingsbruder von Dwayne »The Rock« Johnson durchgehen. Die meisten anderen zweifeln daran nicht unwesentlich. Nun gut, ein bisschen passt es vielleicht, so als ganz, ganz kleiner Bruder. Adoptiert.

Mit einem karierten Taschentuch, welches stets griffbereit in einer der unzähligen Taschen seines Holzfällerhemdes steckt, wischt sich mein Vater über die imposante Glatze. »Schade, dass die Kälte wieder vorbei ist, das ist schon wieder eine Hitze da draußen.«

Genau, die vollen fünf Grad Celsius, die das Thermometer über null anzeigt, sind die Vorboten einer kommenden Hitzewelle, auch bekannt unter dem Namen Frühling in kühlgemäßigten Klimazonen. Mein Vater hat es nicht so mit Wärme.

»Aber egal!« Donnernd klatscht er sich in die Hände. »Sieh nur, was für ein Prachtstück wir dir heute mitbringen.«

Mein Vater tritt zur Seite und zum Vorschein kommt ein runder, wunderschöner, vergissmeinnichtblauer Stehtisch, auf dem sich mein Onkel Ole abstützt. »Grüß dich, Sunny.«

»Papa! Das ist ja eine Überraschung.« Neben mir taucht Alma auf und begutachtet den Tisch. »Dann kommt mal rein in die gute Stube und lasst uns ein passendes Plätzchen für dieses blaue Wunder finden.«

Papa und Onkel Ole heben den Tisch gemeinsam an, der, wie ich meinen Vater kenne, aus bestem Vollholz von ihm gezimmert wurde und entsprechend schwer ist. Wobei es bei meinem Vater aussieht, als würde er drei Viertel des Tisches mit einem Finger tragen und Onkel Ole den Rest mit all der Kraft seines eher zierlich geratenen Männerkörpers.

Alma dirigiert ihren schnaufenden Vater und meinen pfeifenden an die linke Wand der Eisdiele, von wo aus unsere Gäste an dem neuen Stehtisch einen netten Blick über den Vierwaldplatz vor dem Fenster genießen werden. Die Ausbuchtung ist wie geschaffen für dieses Schmuckstück, und ich freue mich jetzt schon darauf, dort herrliche Eisbecher servieren zu dürfen. Wie wäre es mit einem Shell by Pink, das wäre ein famoser Kontrast zu dem lebendigen Blau des Tisches. Eventuell sollte ich das dunkelrosa Himbeereis leicht mit Wildblaubeereis durchziehen und es miteinander verwirbeln …

»Na, welchen Eisbecher klüngelst du für unseren neuen Tisch aus?« Der dunkelrosa-tiefviolette Eiswirbel löst sich auf und ich sehe in drei lachende Gesichter.

Alma legt ihren Kopf schief. »Soll ich vielleicht kurz einen Gast hereinbitten, damit du den Tisch standesgemäß einweihen kannst und nicht extra bis morgen warten musst?«

Eine hervorragende Idee, wenn ich mir die Spaziergänger draußen so ansehe. Die haben bestimmt Lust auf eine süße Köstlichkeit.

»Nein Sunny, das war ein Scherz. Wir haben heute Ruhetag! Und dabei bleibt es!«, beendet Alma unbeirrt meine Überlegungen. »Auch du benötigst mal eine Eispause. Und im Übrigen habe ich dir genug Papierkram zum Durchsehen mitgebracht, dass dir heute nicht langweilig werden sollte.«

»Schon wieder?« Entsetzt ziehe ich die Nase kraus, als würde allein der Gedanke an den Schreibkram wie etwas riechen, was ich nicht einmal anfassen wollte.

»Schon wieder! Wie schnell doch so ein Quartal herum sein kann. Also es ist ja wirklich nicht zu fassen.«

Zu meiner krausen Nase gesellt sich jetzt noch ein zum Flunsch verzogener Mund. Das kann ich gut. »Aber meinen Videoabend mit Mama muss ich nicht wieder opfern, oder?«

Alma zuckt mit den Schultern. »Das liegt an dir, mein Liebchen.«

»Wenn es mal so wäre, Miss Ich-kann-von-administrativen-Arbeiten-nicht-genug-bekommen. Allerpünktlichst werde ich heute Abend bei Mama auf dem Sofa sitzen, schließlich lässt frau Chris Pine niemals warten.«

»Star Trek

»Und Star Trek Into Darkness. Und Beyond

»Dann muss ich mir mein Abendessen heute wohl wieder selbst zusammensuchen«, brummt mein Vater und lässt die mächtigen Schultern hängen.

»Lass uns doch zusammen ins Wank gehen und Schnitzel essen.« Onkel Ole massiert sich durch sein weißes Hemd hindurch die Oberarme, die offensichtlich durch die Schlepperei von eben zwicken. »Alma, du bist doch ohnehin bei Marietta zu eurem Filmabend, oder?«

Alma nickt.

»Und was seht ihr euch an?« Meine Frage soll leicht klingen, kommt aber sehr leise daher.

Genau wie Almas Antwort. »BFG

»Oh! Was für ein schöner Film. Ich wünschte, wir …« Aber es gibt für den Big Friendly Giant kein Wir mehr, und traurige Stille legt sich über uns vier.

Mit mehr Zuversicht, als ich eigentlich spüre, klopfe ich schließlich auf meinen neuen Lieblingstisch, schließlich muss seine besondere Farbe doch etwas Gutes zu bedeuten haben! »Lasst uns einen Haselnuss-Eiskaffee trinken und endlich einmal darüber sprechen. Ich finde, es wird Zeit, dass wir etwas unternehmen!«

Mein Vater knetet tüchtig sein Taschentuch und sieht von mir zu Alma, weiter zu Onkel Ole und wieder zurück zu mir. »Ich weiß nicht so recht, das wird deiner Mutter gar nicht gefallen. Wenn sie das rausfindet …«

»Sie wird es nicht rausfinden!« Alma streckt sich und legt einen Arm um meine Schulter. »Und meine Mutter ebenso wenig. Das bleibt ganz einfach unter uns. Genauso wie die Vorbereitungen für ihre Geburtstagsfeier Ende April. Sunny hat voll und ganz recht, wir müssen endlich handeln, die beiden hatten genug Zeit, ihre Wunden zu lecken. Stellt euch nur mal die Geburtstagsfeier vor, wenn die beiden sich dann immer noch meiden und so tun, als gäbe es die andere nicht!«

Skeptisch sehen sich die beiden Männer an, aber ihr Unbehagen scheint angesichts meiner und Almas Überzeugung zu schmelzen. Logischerweise sind mein Vater und Onkel Ole nicht unbeträchtlich von dem Streit ihrer Ehefrauen betroffen. Schließlich dürfen sie sich nicht gemeinsam erwischen lassen, denn sonst würden meine Mutter und Tante Marietta ihnen gehörig die Leviten lesen. Immerhin gilt der Grundsatz der Ehe: Mitgehangen, mitgefangen.

»Ich vermisse unsere gemeinsamen Abende, Berno. Die Mädels haben recht, lass uns gemeinsam eine Route in Richtung Schwestern-Versöhnung austüfteln.« Onkel Ole strafft seine schmalen Schultern und fährt sich durch sein volles braunes Haar, welches Almas so ähnelt. Als Privatpilot mit natürlicher Autorität gesegnet, lotst er uns zu dem butterblumengelben Tisch am Fenster, und wir lassen uns darum herum nieder. Nur kurz springe ich noch einmal auf, um die Eiskaffees herzurichten. Jedoch verpasse ich nicht viel von dem Gespräch, da sie sich ideenlos anschweigen.

Nach der Hälfte unserer Eiskaffees schweigen wir uns noch immer an. Und als wir am Boden der Gläser kratzen, sind wir von einer ereignisreichen Gesprächswendung so weit entfernt wie zuvor.

Ich bin erstaunt, wie leicht ich trotz des drückenden Schweigens aufspringe, als Beatrix an die Scheibe der Durchreiche klopft. Froh über die Unterbrechung öffne ich flink die Verriegelung und schiebe die Scheibe zur Seite. Im Sommer steht dieses Fenster immer weit offen, denn von hier aus verkaufen wir Eiskugeln in knusprigen Waffeln an vorbeischlendernde Gäste.

»Sunny, mein Schatz, kannst du mir bitte ein paar deiner fantastischen Schokoladenwaffeln überlassen? Ich führe gerade Galeriebesucher durch die Ausstellung und sie hätten gern etwas zum Knabbern zu ihrem Espresso.«

»Sicher, gern. Ich muss nur kurz ins Eislabor, um welche zu holen. Möchtest du so lange hereinkommen? Die Tür habe ich vorhin offen gelassen.«

Beatrice schüttelt den Kopf und kramt nervös in ihren Manteltaschen. »Danke, ich warte lieber hier. Ein bisschen frische Luft und so, du weißt schon.«

Ich kneife die Augen zusammen und sehe, wie ich hoffe, meine Nachbarin ernst an. »Du wirst doch wohl nicht eine Zigarette rauchen wollen!«

Beatrice lacht schrill auf und ihre Hände verschwinden fast bis zum Ellenbogen in den Taschen. »Ich? Iwo, wo denkst du hin. Ich und rauchen. Ha!«

»Ich meine ja nur, du wirkst so nervös.«

Beatrice beugt sich bis fast zur Durchreiche vor. »Diese Besucher treiben mich in den Wahnsinn«, zischt sie. »Frau Koenig, welch erlesene Kunstwerke, schleimt mich der Typ mindestens einmal im Vierteljahr an, wenn er mal wieder einer seiner neuen untergewichtigen Flammen imponieren will. Dabei kann er seinen Pinsel nicht von einem Malerpinsel unterscheiden!«

»Beatrice!«

Lachend gehe ich durch das Schneeflöckchen in das Eislabor und hole das Gewünschte. Als ich zurückkomme, steht Alma an der Durchreiche und amüsiert sich über Beatrices Ereiferungen ihres aktuellen Galeriebesuchers.

»Hier, bitte schön, deine Ausrede, mal kurz die Galerie zu verlassen.«

»Ist das so offensichtlich?«

Alma winkt ab. »Ach, kaum«, prustet sie.

»Naja, bei euch sieht es aber auch nicht gerade nach einer erfolgreichen Party aus.« Beatrice nickt in Richtung der beiden zusammengesunkenen Männergestalten an dem gelben Tisch.

»Wir grübeln gerade über eine Strategie nach, meine und Almas Mutter wieder zu versöhnen.«

Beatrice pfeift anerkennend. »Das wollte ich sowieso schon lange einmal wissen. Warum haben sie sich eigentlich gestritten?«

Alma und ich starren erst Beatrice an, als würde sie uns danach fragen, wie der Strom aus der Steckdose kommt, und dann sehen Alma und ich uns an.

Wir haben absolut und überhaupt keine Ahnung, was zwischen den Zwillingsschwestern vorgefallen ist.

 

Zwei Stunden später sind wir der Lösung des Rätsels kein Stück nähergekommen, obwohl wir es aus allen nur erdenklichen Blickrichtungen betrachten und wenden und auf den Kopf stellen und wieder zurückdrehen. Der Nachmittag schreitet voran, und die kostbare Zeit unseres konspirativen Treffens verstreicht immer mehr.

»Und ich bleibe dabei, es muss etwas mit dem Backwettbewerb zum besten Schokoladenkuchen von dieser Zeitschrift, dieser Dings, dieser Wir oder so zu tun haben.« Mit verschränkten Armen lehnt sich mein Vater auf seinem Stuhl zurück. Schon mehrfach ist die Backwettbewerb-Theorie während unserer jetzt wesentlich muntereren Diskussionsrunde aufgetaucht. Und wieder ab.

»Du meinst die WeSelf?« Ich stehe auf und gehe zu unserem Zeitschriftenständer, wo sich auch ein Exemplar der aktuellen WeSelf befindet. Nachdenklich blättere ich darin, als würde ein netter Artikel mir des Rätsels Lösung verraten. Doch trotz der durchaus interessanten Themen finde ich natürlich nichts zu unserem Mütter-Dilemma.

Alma dreht sich zu mir um. »Miela hat dort mal gearbeitet, bevor sie mit ins Teetässchen eingestiegen ist.«

»Ja, aber das war lange vor letztem Herbst.«

»Vielleicht kennt sie dort noch jemanden, der etwas weiß.«

»Ich könnte Marietta auch einfach noch mal fragen. Es ist nun doch schon eine Weile her, seit sie und Marie beschlossen haben, das Thema als unerwünscht aus der Welt zu schaffen.« Onkel Ole sitzt kerzengerade auf seinem Stuhl, die Hände locker auf dem Tisch gefaltet. Ich nehme ihm fast ab, dass er es ernst meint.

Mein Vater haut sich lachend auf den Schenkel, ehe er wieder ernst wird. »Ole! Lass das, wenn dir dein und wohlgemerkt auch mein Leben lieb ist. Und bitte keine Scherze mehr darüber.«

»Und nun?« Mit der Zeitschrift in der Hand setze ich mich zurück an den Tisch. »Vermutlich ist es wirklich so, dass dieser Schokokuchen-Backwettbewerb etwas damit zu tun hat. Mir will nur nicht so recht in den Sinn, was. Immerhin haben sie beide wie ein Herz und eine Seele zusammen das Rezept entwickelt und diesen genialen Gâteau de Nancy gebacken.«

»Und gewonnen haben sie auch.« Alma spitzt zum Nachdenken die Lippen. »Dann verliert sich die Spur.«

»Lust auf einen Tee?« Ich sehe Alma an und sie versteht mich, denn sie signalisiert mir mit erhobenem Daumen ihre Zustimmung.

»Wann?«

»Gleich morgen.«

»Und ihr meint, bei einer Tasse Tee fällt euch mehr ein als bei einem Eiskaffee?« Mein Vater schnipst gegen sein leeres Kaffeeglas.

»Wenn ihn die richtigen Leute servieren schon.« Ich zeige auf die WeSelf auf dem Tisch. »Erinnerst du dich noch an diesen magischen Adventsmarkt in den Hackeschen Höfen?«

Mein Vater tippt sich an die breite Stirn und lächelt breit. »Diese Teestube meinst du, wo die aus den Teeblättern lesen und wo nebenan dieser geniale Schreiner wohnt? Eine hervorragende Idee. Die könnte glatt von mir sein. Ich komme mit.«

Wir sehen alle zu Onkel Ole, doch der winkt ab. »Ich habe morgen früh einen Flug nach Mailand und komme erst am Abend wieder zurück.«

»Apropos Mailand«, wendet sich mein Vater an Alma und mich. »Ratet mal, wen ich gestern Abend im Adlon getroffen habe, während ich schnell ein paar Not-Oliven aus dem MaMa hingebracht habe.«

Genervt rolle ich mit den Augen. »Ja, ja, wir wissen es schon. Leo ist wieder da. Und seine Verlobte.« Dieses Wort schmeckt echt unappetitlich. »Und nein, ich habe ihm damals nicht den Laufpass gegeben, sondern lediglich frei.«

Onkel Ole nickt und mein Vater beugt sich interessiert vor. »Leo ist wieder da? Aber den Jungen meine ich gar nicht, sondern diesen Dings, diesen bayrischen Backmenschen, den deine Mutter und Marietta so vergöttern.«

»Wow, Christoph Kramer, mit dem Sahneschnittchen würde ich auch gern mal backen.« Verträumt stützt Alma ihr Kinn auf die Hand.

»Du kannst doch gar nicht backen«, weise ich sie grinsend darauf hin. »Aber für den lohnt es sich allemal, backen zu lernen.«

»Ich habe noch versucht, Mariechen zu erreichen, aber da war der Bäckerbursche schon weg. Die Stimmung danach zu Hause war nicht gut, kann ich euch sagen. Hätte ich mal lieber so getan, als hätte ich nichts und niemanden gesehen.«

»Ach Paps«, tröste ich meinen Vater und muss mir das Lachen arg verkneifen im Angesicht seiner Eifersucht dem Bäckerburschen gegenüber. »Du weißt doch, die Liebe einer Frau zu ihrem Bäcker ist eine ganz besondere, aber die Liebe einer Ehefrau zu ihrem Ehemann überragt alles.«

Kichernd winkt Alma über meinen Kopf hinweg jemandem zu. Ich drehe mich in Erwartung neuer Beatrice-Geschichten mit einem vorfreudigen Strahlen um, doch nicht die Galeristin fängt es quer durch das Schneeflöckchen auf. »Tom.«

»Guten Abend zusammen. Störe ich?«

Alma steht auf und bietet Tom ihren Stuhl an, der neben meinem steht. »Lass mich raten, die Lust auf ein feines Feierabendeis führt dich in unsere bunte Hütte.«

Tom lächelt schelmisch, und ich spüre mit voller Wucht wieder seine Lippen auf meinen. Leider nur in meiner Fantasie. Allgemein wird mir ein Übermaß an Fantasie nachgesagt, wobei ich das nicht nachvollziehen kann. Schließlich ist die Welt, wie sie ist, bunt und schillernd, und unser Leben so voller Möglichkeiten, die umarmt werden wollen.

»Ertappt. Ist es sehr unverschämt, mir an eurem freien Tag eines zu erbetteln?«

»Du darfst so unverschämt sein, wie du möchtest.« Alma sieht ihn mit blitzenden Augen an und legt ihre Hand auf seine Schulter. Meine Güte, dass sie aber auch immer so schamlos flirten muss. »Wie wäre es mit ein wenig sündiger Vanille?«

»Davon nehme ich auch ganz viel, wenn du hast.«

»Aber für dich doch immer.« Wie sie mit ihren langen dunklen Wimpern klimpert! Pff. Und das vor ihrem Vater.

Alma legt ihre andere Hand auf meine Schulter und umarmt mich quasi mit Tom. »Für dich auch ein wenig Sünde, meine Liebe?«

Mein Vater feixt über das ganze Gesicht und Onkel Ole hat offensichtlich gerade den unbändigen Drang, aus dem Fenster zu sehen. Ich hingegen spüre den Drang, die Fenster aufzureißen, denn mir ist heiß. So ein kühlendes Eis wäre jetzt genau das richtige.

»Gern«, presse ich hervor und schüttele ihre Hand von der Schulter.

Noch bevor Alma in das Eislabor gehen kann, klopft es erneut an der Tür und kein geringerer als Leo kommt herein. Das Schneeflöckchen füllt sich mit einem Ruck mit seiner Anwesenheit und einer meiner Träume wird wahr. Leo kommt zu mir – allein, dorthin, wo ich mich am zuhausesten fühle.

Mein Stuhl kippelt, als ich aufspringe und zu ihm eile. »Leo! Wie schön. Setz dich doch zu uns.«

Leo gibt meinem Vater und Onkel Ole herzlich die Hand und drückt Alma, die ihn auf die Wange küsst. Tom erhebt sich und gibt Leo ebenfalls die Hand.

»Erinnerst du dich noch an Tom?«, frage ich.

»Aber sicher doch, dein Verlobter.«

Kapitel 6

E wie Erbarmen

Elsbeereis

Die herbe Elsbeere, rot wie der Genuss, den sie verspricht, vermischt sich mit dem Weiß der fruchtigen Zitrone zu einer Harmonie der Geschmäcker.

Könnten Ohren vor Schreck abfallen, würden jetzt sechs klirrende Geräusche zu hören sein. Doch die Stille nach Leos Begrüßung ist perfekt. Ich gehe davon aus, dass auch wirklich jeder im Raum das Wort Verlobter klar und deutlich vernommen hat. Sicherheitshalber sehe ich mir die Gesichter meiner Verwandten genauer an. Nein, kein Zweifel, den offenstehenden Mündern und aufgerissenen Augen nach haben sie dasselbe gehört wie ich.

»Möchtest du auch eins, Leo? Ich meine, ein Eis?«, presst Alma schließlich hervor.

»Nein, danke. In Indonesien hätte ich mir zwar gern hin und wieder ein wenig Abkühlung gewünscht, aber nicht in Form von gefrorenem Zuckerwasser.«

Alma legt die Hand auf die Brust und neigt den Kopf. »Oh, entschuldige, ich vergaß, was für ein gesundheitsbewusster Mensch du bist. Kann ich dir einen Rote-Beete-Saft anbieten?«

Jovial setzt sich Leo neben meinen Vater an den Tisch und lächelt Alma mit all seinem Charme an. »Nein, danke, Fastenzeit, du weißt schon.«

»Ach, und das heißt, keinen Saft?«

»Genau.«

Leo scheint keines Angebotes mehr würdig zu sein, denn Alma wendet sich mit hochgezogenen Augenbrauen an mich. »Sunny, hilfst du mir bitte mit den Eisbechern?«

Ich sehe sie nur fragend an. Bitte, was ist so schwer daran, ein wenig Vanilleeis hübsch anzurichten, selbst wenn es für so einen männlichen Mann ist wie Tom? Das hat sie schon dutzendemal gemacht. Doch Alma weist mit ihrem Kopf nur stur in Richtung Eislabor.

Seufzend erhebe ich mich und folge ihr.

Mein Vater räuspert sich indessen. »Du bist also mit meiner Sunny verlobt.«

Schnell drehe ich mich um und eile zurück zum Tisch, Alma bleibt stehen, vermutlich um zu lauschen. »Ja, was für ein Zufall, nicht wahr? Verlobte hier und Verlobte da, viele Leute sind gerade verlobt. Ähm, Papa, entschuldigst du uns bitte kurz, mir ist etwas Dringendes eingefallen, woran ich Tom erinnern soll.« Ich packe Tom am Oberarm und will ihn vom Stuhl hochziehen, doch genauso gut könnte ich versuchen, an einer hundertjährigen Eiche zu rütteln.

Tom blickt zu mir auf und lächelt nett. »Ach das, das hat sich erledigt, Schatz.« Er umfasst meinen Nacken mit seiner Hand und zieht mich zu sich herunter, kurz blickt er mir in die Augen, ehe er mich küsst. Meine Knie geben nach und ich lande auf seinem Schoß. So küsst es sich schon viel bequemer.

Abrupt löst Tom seinen Mund von meinem und sieht mich an. Zittrig springe ich auf.

Diese Hummel! Ich könnte vor Wut über ihn mit dem Fuß aufstampfen. Mein Kiefer schmerzt vom Zusammenpressen.

Alma schlendert zurück zu uns, in der einen Hand eine Flasche Sekt und in der anderen Gläser. »Lasst uns doch kurz auf all die Neuigkeiten anstoßen. Grund genug haben wir schließlich. Wir versöhnen endlich Tante Marie und Mama, Leo ist nach zwei Jahren Freiheit wieder zurück und unsere liebe Sunny ist verlobt. Und dieses Mal nicht mit Prinz Philip. Wenn das mal alles mit rechten Dingen zugeht!« Gekonnt lässt sie den Korken knallen und schenkt uns das perlende Getränk in die Gläser. »Aber danach würde ich diese heitere Runde doch gern auflösen, denn Sunny und ich haben heute noch seeehr viel zu tun!«

Leo erhebt sich. »Ich trinke ja keinen Alkohol, aber auch so wünsche ich den Verlobten das Allerbeste.«

 

Der Arbeitstermin mit Alma gestern am späten Nachmittag, nachdem sie alle – bis auf mich – mehr oder weniger aus dem Schneeflöckchen geschmissen hatte, war ein einziges Kopfwaschen. Wie ich nur könnte. Und was ich mir dabei denke. Und wie ich dazu käme.

Das Gute dabei: Über ihre Lamentiererei hat sie vergessen, mir den Papierkram unter die Nase zu schieben, und ich bin drum herumgekommen. Und durch mein Date mit Chris Pine und meiner Mutter hatte ich eine plausible Entschuldigung, Alma bald schon stehen zu lassen. Immerhin ging es um unsere Filmabende!

Und heute sieht die Welt schon wieder viel klarer aus. Ich werde einfach meiner Familie am ersten April laut April, April zurufen, wir alle werden herzhaft darüber lachen und sie werden mich beglückwünschen, welch tollen Streich ich mir doch ausgedacht habe. Die drei Tage bekomme ich das locker noch mit Tom hin. Nur küssen lasse ich mich nicht mehr von ihm. Auf gar keinen Fall. Also nur, wenn es unbedingt sein muss, um unsere Rollen aufrecht zu erhalten.

Und Leo werde ich erklären, dass die Verlobung mit Tom ein tragischer Herzensirrtum war, den ich aus Liebeskummer beging.

So ist es doch auch!

Pfeifend wickele ich mir den Schal locker um und stecke die Handschuhe in die Jackentasche. Der Frühling macht heute echt Fortschritte, gegenüber gestern haben wir ganze fünf Grad Celsius mehr auf dem Thermometer. Zwar in der Sonne und mit ein bisschen zusätzlichem Anwärmen, aber diese modernen Hochpräzisionsgeräte lügen schließlich nicht, die Zahl ist eindeutig auf meinem Eiswaffel-Thermometer zu sehen.

»Danke noch einmal, dass du im Schneeflöckchen die Stellung hältst. Gegen zwei bin ich wieder da und um die Mittagszeit ist es momentan recht entspannt. Alle Eissorten für heute stehen in der Kühlung bereit und die Himbeerstreusel habe ich dir neben die roten Kirschwaffeln gelegt. Sollte ein Gast …«

Lachend schiebt mich meine Tante zur Tür der Eisdiele und öffnet sie. »Bis nachher, Sunny. Ich mache das nicht zum ersten Mal und wie ich hoffe, auch nicht zum letzten Mal. Also du Glucke, geh schon los zu deinem geheimnisvollen Termin und lass dir Zeit, ich helfe euch hier sehr gern.«

Damit schließt sich meine Schneeflöckchen-Tür hinter mir und ich stehe im strahlenden Berliner März-Sonnenschein.

Nun gut, auf ins Teetässchen, mal sehen, was wir Geheimnisvolles herausfinden. Und dies wird nicht mein letzter Ausflug für heute sein, denn am Abend treffe ich mich ganz offiziell zum Essen mit Leo. Ich! Mich! Mit! Ihm!

Allein, wie ich hoffe. Aber das klang gestern eigentlich so, als wir uns hektisch verabredeten, zwischen Tür und Angel und Alma. Und Tom.

Mein Handy vibriert in der Jackentasche und ich werfe einen Blick darauf. Papa blinkt es mir entgegen. Sieben entgangene Anrufe. Oje, der Akku wird nicht mehr lange halten, ich schalte das Telefon lieber schnell aus.

 

Als ich an dem mächtigen alten Kirschbaum vorbeischlendere, der in der Mitte des bezaubernden Hofgartens thront, in dem das Teetässchen sein Zuhause hat, sehe ich bereits Alma an einem der Tische am Fenster sitzen. Neben ihr steht Assa, die sich gerade köstlich über etwas amüsiert, was Alma mit ausholender Gestik beschreibt. Assas knallroter Haarknödel wackelt dabei herzlich mit.

Ich winke den beiden durch die Scheibe zu und gehe in die Teestube. Im Kamin prasselt ein Feuer und der herrliche Duft nach aromatischen Kräutern und süßem Zimt heißt mich willkommen. Die meisten Tische sind besetzt mit murmelnden Gästen und hin und wieder perlt ein Lachen durch den behaglichen Raum.

»Meine liebe Sunny, ich glaube, ich weiß schon, welcher Tee es heute für dich sein darf.« Fest drückt mich Assa an ihren ausladenden Busen in der kanariengelben Tunika mit den giftgrünen Ärmeln.

Ein wenig angequetscht lasse ich mich in einen roten Samtsessel neben meine Cousine fallen. Auf dem Tisch vor uns dampft bereits Almas Tee, und feine Aromen von Himbeere und Goldmelisse mit einem Hauch rotem Pfeffer ziehen durch die Luft.

Alma nimmt ihr Teeglas und sieht mich über den Rand hinweg an. »Na, Verlobte, gut geschlafen?«

»Bestens.« Als ich dann irgendwann wirklich mal eingeschlafen war. »Ist Miela gar nicht hier?«

»Da kommt sie schon.« Alma deutet aus dem Fenster, wo sich Miela gerade von Dana verabschiedet, der das Nähatelier Eingefädelt neben dem Teetässchen gehört. »Onkel Berno hat mich mehrfach angerufen.«

»So?« Interessiert schaue ich Assa dabei zu, wie sie mehrere der goldenen Dosen aus dem Regal hinter der Tee-Bar nimmt, kurz daran schnuppert und schließlich diverse Kräutlein in ein Teesieb schaufelt. Dabei setzt sie sich mindestens fünf Mal ihre knallrote Brille auf und steckt diese wieder zurück in ihren Haarturban. Assas Hassliebe zu ihren Brillen ist legendär.

»Er hat mich gefragt, warum du nicht an dein Telefon gehst. Das sei so gar nicht deine Art. Immerhin hättest du immer etwas zu erzählen.«

Ich winke ab und zucke zugleich mit den Schultern. »Der Akku, du weißt schon.«

»Du besitzt mindestens drei Akkus und zwei Powerbanks.«

»Stimmt! Das habe ich total vergessen.«

»Dann kannst du ja dankbar sein, dass ich dich daran erinnere.« Alma nippt an ihrem Tee und schließt für einen Moment verzückt die Augen. Für Assa sind ihre Tees das, was mein Eis für mich ist. Perfekte Harmonie.

»Dein Vater grüßt deinen Verlobten und lässt sich übrigens entschuldigen: In der Kita, in der er immer so gern aushilft, ist heute Holzbautag, das hatte er ganz vergessen, da will er aber unbedingt hin. Wir sollen dennoch ohne ihn etwas herausfinden. Er vertraut uns voll und ganz.«

Alma bleibt total ernst, während sie spricht, aber als ich anfange zu lachen, kann auch sie nicht anders. Mein Papa ist schon der Beste.

Miela kommt mit meinem Tee und einem Teller voller bunter Macarons zu uns. »Willkommen im Teetässchen, ihr Lieben, ich bin schon total gespannt, bei welch einer heiklen Mission ich euch unterstützen darf. Alma, deine Nachricht gestern Abend hat mich vor lauter Neugierde nicht schlafen lassen. Ich habe Henrik die halbe Nacht mit Vermutungen wachgehalten.« Lachend setzt sie sich uns gegenüber und angelt ein heidelbeerblaues Macaron vom Teller.

»Du erinnerst dich doch bestimmt noch daran, dass Sunny und ich dir mal unsere Mütter vorgestellt haben?«

Miela nickt und winkt einem älteren Herrn zu, der eben das Teetässchen betritt. »Aber sicher. Die beiden haben doch sogar den Backwettbewerb der WeSelf letzten Herbst gewonnen. Ihr Schokoladenkuchen war einzigartig. Erst war ich etwas pikiert, dass Constanze mich vom Wettbewerb ausgeschlossen hat, immerhin habe ich zu dem Zeitpunkt schon fast ein Jahr nicht mehr für die WeSelf gearbeitet, aber dass sie mich in die Jury berufen hat, war natürlich auch cool. Gegen den Schokotraum eurer Mütter hatte sowieso keiner den Hauch einer süßen Chance.«

»Perfekt.« Ich schnipse mit den Fingern und zeige auf Miela. »Und da wären wir schon mittendrin im Thema. Seitdem die beiden den Wettbewerb gewonnen haben, sind sie verkracht.«

»Niemals!« Mielas Teeglas schwebt auf halbem Weg zu ihrem Mund in der Luft.

»Oh doch!«

»Und wie«, fügt Alma weise nickend hinzu.

»Das glaube ich nicht. Dafür gibt es doch gar keinen Grund.« Mit runden Augen sieht uns Miela über ihr erhobenes Teeglas hinweg an.

»Es muss aber einen geben. Irgendetwas ist vorgefallen und wir hoffen, dass du uns zumindest einen Hinweis geben kannst.« Sacht drücke ich Mielas Hand nach unten, die noch immer mit dem Teeglas in der Luft schwebt.

Schweigend greift Miela nach einem himbeerroten Macaron und knabbert bedächtig daran. »Die Bekanntgabe der Gewinner fand in einem ausgewählten Rahmen in der Redaktion statt. Die beiden haben sich echt gefreut, und auch alle anderen Teilnehmer, die in der engeren Wahl standen, waren gut drauf und begeistert von dem Schokokuchen, den wir als Siegertorte noch einmal präsentierten. Die Stimmung war total ausgelassen und lustig. Eure Mütter schwebten aufgrund ihres Gewinns geradezu vor Freude über dem Boden.«

Jetzt ist es an Alma, mit dem Trinken innezuhalten. Interessiert lehnt sie sich vor. »Was war denn eigentlich der Gewinn?«

»Ein Treffen mit Christoph Kramer.«

Wie zwei Pubertiere quieken Alma und ich uns an.

»Davon hat mir meine Mutter gar nichts erzählt!« Fragend sehe ich Alma an.

Die zuckt mit den Schultern. »Meine auch nicht.«

»Aber dieses Treffen hätten sie sich doch nie und nimmer entgehen lassen! Und normalerweise hätten sie es die ganze Welt wissen lassen.«

Miela leert ihr Teeglas und grinst uns darüber hinweg an. »Vielleicht hat eine der Ladys ein Lächeln mehr von Mister Superpatissier geschenkt bekommen und et voilà …«

Im Gleichtakt schütteln Alma ich unsere Köpfe.

»Denkst du auch, was ich denke?«

Alma nickt, während Miela fragend die Augenbrauen hochzieht.

»Dieses Treffen hat nie stattgefunden, irgendetwas ist vorher passiert. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass dies der Auslöser der ganzen Misere ist.« Nachdenklich drehe ich mein leeres Teeglas hin und her. Vielleicht sollte ich Assa fragen, ob sie mir einen Tee aufbrüht und aus dessen Blättern eine plausible Antwort liest. Immerhin ist sie bekennende Teepsychologin.

Miela reicht Alma und mir den Teller mit den letzten drei Macarons, die verführerisch nach sonnigen Orangen duften. »Was haltet ihr davon, wenn ich mal bei Constanze nachfrage, ob sie weiß, was bei dem Treffen – oder Nicht-Treffen – los war?«

Das wäre auch eine Möglichkeit. »Gern. Es wird wirklich Zeit, dass sich die beiden wieder versöhnen.«

»Allerdings wird es erst nach Ostern etwas werden, da Constanze die halbe Redaktion für einen großen Artikel auf irgendeine einsame Alm gejagt hat, nach dem Motto Offline ist das neue Online. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie froh ich bin, dem hier in meiner wundervollen Teestube zu entgehen. Und solange in unserer schnöden Muggelwelt die Eulenpost nicht gängiges Mittel der Wahl ist, werden wir wohl warten müssen.«

Nun gut, auf ein paar Tage mehr kommt es jetzt auch nicht mehr an, Ostern naht. Wir sind auf einem guten Weg und hoffentlich auch bald am Ziel.

Jetzt ist es erst einmal mein Ziel, zurück in die Eisdiele zu eilen, Tante Marietta abzulösen und mich dann für mein Treffen mit Leo fertig zu machen.

 

Und in der Tat bin ich fix und fertig, als ich zum verabredeten Zeitpunkt zum verabredeten Ort haste. Schon vor zwei Jahren habe ich das perfekte Leo-Wiedersehen-Etuikleid sorgsam in meinem Schrank deponiert. Ein Traum aus wasserfallblauer Seide, enganliegend und doch so elegant, dass ich geradewegs bei Tiffany frühstücken könnte. Leider scheinen die Eiskalorien es heimlich über die Jahre hinweg enger genäht zu haben, denn das wunderschöne Gewand und mein Po passen nicht mehr zusammen. Es hat kein Quetschen geholfen und auch kein Fluchen, das Kleid ließ sich weder von unten noch von oben über meinen Körper streifen.

Und dabei habe ich mir ganz besonders das elegante Abstreifen im flackernden Kerzenschein lebhaft ausgemalt. Leo sah in diesen Träumen aber nicht angestrengt dabei aus, mir das Kleid der Kleider zentimeterweise vom Körper ruckeln zu müssen. Nein, es sollte gleiten, mit einem geheimnisvollen, seidigen Raschelgeräusch, welches die Lust auf das Danach weiter entfacht.

Von wegen Lust! Frust bereitet mir dieses blöde Stück Stoff.

So harre ich nun in einem ungeplanten Kleid dem Wiedersehen mit Leo entgegen. Doch wenigstens sitzt es wie angegossen und sieht hübsch aus mit seinem weit schwingenden Rock und der heidelbeerblauen Farbe, die so gut zu meinen Augen passt. Eigentlich mag ich mein Lieblingskleid ziemlich gern.

Leo erwartet mich bereits vor der Tür des Restaurants und jegliche Gedanken an alles andere verblassen. Ist doch egal, was ich anhabe, Leo liebt mich, wie ich bin, wahrscheinlich nackt noch mehr als in irgendwelchen Kleidern.

Erhitzt von meiner Hektik und vermutlich auch von meinen unkeuschen Gedanken bleibe ich vor ihm stehen. Sein Aftershave umfängt mich und kitzelt mir in der Nase.

Krampfhaft versuche ich den Nieser zurückzuhalten, der sich seinen Weg bahnen will, aber er drängt sich mit Macht in die Freiheit. Super Sunny! Ganz tolle Begrüßung, elegant und sexy.

»Gesundheit, Susanna. Ich hoffe, du wirst nicht krank.«

Verstohlen wackele ich mit der Nase, um das feuchte Danachgefühl in den Griff zu bekommen. »Aber nein, ich doch nicht. Und wenn, habe ich mit dir den besten Arzt der Welt an meiner Seite.« Oh, das war ein brillanter Gedanke, und ich klimpere zur Unterstreichung meines Komplimentes gekonnt mit den Wimpern, die ich schön schwarz getuscht habe. Zwar jucken meine Augenlider seitdem, aber wer schön sein will, muss auch mal zur Wimperntusche greifen. Normalerweise mag ich meine Wimpern genauso, wie sie sind. Aber heute Abend ist nichts normal.

»Wollen wir?« Galant bietet mir Leo seinen starken Arm an, den ich nur allzu gern ergreife. Wie gut sich das anfühlt. Lächelnd sehe ich zu ihm auf, in seine braunen Augen, und wünsche mir eine Sternschnuppe herbei.

Im Inneren des Restaurants duftet es dezent nach Kräutern und aromatischen Soßen, und ich hoffe auf ein herrliches Rindersteak mit köstlicher geschmolzener Kräuterbutter. Mein Magen knurrt vernehmlich.

Ich tue einfach so, als wäre das nicht von mir gekommen. Es könnte schließlich jeder der hier anwesenden Bäuche gewesen sein.

»Hunger?« Leo grinst mich an. War ja klar, dass er meint, mein Magen hätte geknurrt.

Ich schüttele den Kopf. »Nö. Und du?«

»Ich esse stets so, dass mich kein Heißhunger überwältigen kann, aber auch so in Maßen, dass mein Sättigungsgefühl mich in den richtigen Momenten aufhören lässt. Man muss sich durchaus nicht vollstopfen.«

Wie wahr. Ich habe mich heute auch alles andere als vollgestopft, denn die Macarons am Vormittag im Teetässchen waren das Letzte, was ich gegessen habe. Doch ich habe nicht vor, es dabei zu belassen, denn ich habe Hunger. Bärenhunger. Und mein Sättigungsgefühl wird in den nächsten Stunden frei haben.

Wir setzen uns nebeneinander an einen Tisch mit einem halbrunden Sofa in einer gemütliche Nische. Auf dem weißen Tischtuch flackern drei Kerzen und das Licht und die Umgebung könnten romantischer nicht sein. Gut gemacht, Leo.

Der Kellner reicht uns die Speisekarten, und ich öffne meine begierig. Salate, Vorspeisen und Suppen überblättere ich flink. Genauso Avocados.

Avocados? Eine ganze Seite mit Avocadogerichten. Wie interessant.

Buddha Bowls, sautiertes Gemüse, Gemüse-Currys, Seitan-Variationen, Getreideklassiker, Süß ohne Zucker, Getränke und Schluss.

Irritiert sehe ich auf. »Meine Speisekarte ist nicht vollständig.«

»Zeig mal her.« Leo blättert meine Karte durch und schüttelt den Kopf. »Alles in Ordnung. Dir fehlt doch wohl hoffentlich keine Eiskarte?«

»Natürlich nicht«, verwehre ich mich. Was mir fehlt, ist die Steakseite oder Burger oder Schnitzel, wenigstens ein paar Bratwürstchen oder ein Chili con Carne. Und danach die Eiskarte.

Ein Kellner läuft an unserem Tisch vorbei und trägt einen Teller, auf dem etwas liegt, das nach einem ganzen Brokkoli aussieht. So langsam sickert die fleischlose Wahrheit in mein hungriges Gehirn.

Schwungvoll schließe ich die Speisekarte und lese den Namen des Restaurants: Vegan Cookbook.

Wie großartig. Erst das Kleiddesaster, dann meine peinliche Niesbegrüßung, mein unschickliches Magenbrummen, und nun bekomme ich noch nicht einmal etwas Anständiges zu essen!

Leo legt seine spinatgrüne Speisekarte beiseite und lächelt mich an. »Hast du schon gewählt?«

Ich sehe in sein liebes Gesicht, das ich so vermisst habe, und ich sitze so nah bei ihm, dass ich seine Wärme spüre und sein Aftershave mir erneut in der Nase kribbelt. Ist es nicht egal, was ich esse, so lange ich es mit Leo zusammen esse? Zwar sollte er noch wissen, wie ungern ich Gemüse pur mag, aber sicher meint er es nur gut. Immerhin ist Veganes doch bestimmt total gesund.

»Ich nehme das gleiche Gericht wie du.«

»Gute Wahl.« Leo nickt anerkennend und ruft mit einem männlichen Blick den Kellner herbei, um die Bestellung aufzugeben. Wie es sich anhört, bekomme ich gleich wabbelige Zucchini-Spaghetti mit krümeliger Linsenbolognese serviert. Hätte ich mich mal lieber für irgendein Avocado-Dingsda entschieden.

Für einen Moment schweigen wir uns an, und Leo mustert mich aufmerksam. »Du siehst großartig aus, Susanna. Dein Eisladen bekommt dir. Und das Eis auch.«

Und es sprudelt aus mir heraus, wie ich kurz nachdem Leo nach Indonesien gegangen ist, diesen wunderschönen Laden am Vierwaldplatz entdeckte und sofort wusste, dass es mein Schneeflöckchen sein würde. Die Liebe, mit der ich alles aufbaute, und wie Alma dazu kam. Und ich erzähle ihm von meinem Eis, welches ich Tag für Tag voller Leidenschaft anrühre.

Mir ist warm und die ersten Strähnen, die sich aus meinem Zopf lösen, streichen mir über die Wangen. »Es ist genau das, was ich schon immer machen wollte.«

Leo legt seine Hand auf meine. »Es klingt, als hättest du die Liebe deines Lebens gefunden. Und dabei wirst du erst heiraten.«

Sehr schön, das ist genau die Vorlage, die ich brauche, um ihm von meiner tragischen, irrtümlichen Verlobung und deren schicksalhaften Auflösung zu erzählen. Und er mir dann bestimmt auch ganz schnell von seiner.

»Leo, ich …«

Doch zu mehr als diesem Zwei-Wort-Satz reicht es nicht, denn zusammen mit dem Kellner mit unserer Bestellung tritt Julia an den Tisch, und Leo springt auf, um sie abzuknutschen. »Wie schön, du hast es doch noch geschafft. Dann können wir Susanna gleich gemeinsam unser Verlobungsgeschenk übergeben.«

Und ich übergebe mich gleich in meine giftgrünen Zucchini-Spaghetti. Mit schmerzhaft pochendem Herzen streiche ich über die kalte Stelle an meiner Hand, auf der bis eben noch Leos warme Finger gelegen haben.

Kapitel 7

I wie Indiskret

Ilamaeis

Tiefrosa Ilamaeis schmilzt samtig zart und säuerlich auf der Zunge und erfrischt gleichermaßen den Gaumen und die Seele.

Seite an Seite kleben mein Leo und seine Julia mit etwas Abstand zu mir auf dem Sofa. Gabel für Gabel pikse ich Linse für Linse aus der Bolognese, während die beiden in andächtigem Schweigen ihre Lumumpe genießen. Ab und zu sehen sie einander an, lächeln und widmen sich dann wieder ihrem Essen. Die beiden passen echt zusammen.

Also, ich meine jetzt nicht als Paar oder so, sondern nur so als, als … na, als Dings halt. Sie sind sich irgendwie ähnlich. Und dass das nicht gut ist für eine Partnerschaft, das weiß doch wohl jeder!

Endlich sind ihre Teller leer und meiner, naja, zumindest nicht mehr ganz so übervoll. Wenn ich jetzt eine elegante Entschuldigung hinlege, könnte ich mir auf dem Heimweg noch eine leckere Mozzarellapizza mitnehmen.

Stirnrunzelnd blickt der Kellner auf meinen Teller, der geradezu schreit: »Räume mich ab, räume mich ab, ich bin doch längst fertig gegessen!«

»Hat es Ihnen nicht geschmeckt?«

»Oh doch! Es war nur einfach viel zu viel für mich kleine Person.« Ich zeige auf mich und der Kellner runzelt noch mehr die Stirn. Toll. Soll er doch.

Endlich trollt er sich und ich starte meinen Rückzug. »Ja, es war super, mit euch zu essen.«

»Und das Beste kommt noch.« Leo legt seine Hand auf Julias, so richtig schön prominent auf dem Tisch, nicht zu übersehen für alle. »Möchtest du oder soll ich?«

»Mach.« Und damit küsst sie ihn auf die Wange.

»Liebe Susanna, wir haben für dich – und natürlich auch für deinen Verlobten – ein Geschenk, das ihr schon vor der Hochzeit benötigt.«

Ein Hochzeitsgeschenk schon vor der Hochzeit? Jetzt bin ich aber gespannt.

Endlich lässt Leo Julias Hand los, legt aber leider stattdessen seinen starken Arm um ihre Schulter. »Julia ist Hochzeitsplanerin, die beste weit und breit, wenn ich das so unbescheiden sagen darf, und sie wird deine Traumhochzeit organisieren.«

Beide strahlen mich an, als hätten sie eine Überdosis Sonne getrunken.

»Du bist sprachlos. Damit scheinen wir alles richtig zu machen, da du ja sonst eher zum Übersprudeln neigst.«

Eine Hochzeitsplanerin? Ich brauche keine Hochzeitsplanerin! Es gibt eine Trillion Hochzeitsgeschenke, und mein Exfreund schenkt mir zusammen mit seiner zukünftigen Frau ausgerechnet eine Hochzeitsplanerin? »Das ist echt nett«, presse ich luftlos heraus. »Aber ich denke, das wird gar nicht notwendig sein. So eine Hochzeit organisiere ich doch mit links. Außerdem habe ich noch Alma. Und Tom natürlich.«

Leo lacht herzhaft auf und hebt wie Lehrer Lampe den Zeigefinger. »Oh Susanna, wenn ich eines von dir noch weiß, dann, dass Organisation nicht unbedingt dein bester Freund ist.«

»Eine Hochzeit zu feiern erfordert mehr Planung, als es den meisten Brautleuten im Vorfeld bewusst ist«, mischt sich jetzt auch noch Miss Beste-Hochzeitsplanerin ein. »Zumal, wie Leo mir erzählte, du gewisse Vorstellungen von dir und deinem Leben hast und deine Träume groß sind.«

»Selbstverständlich sind meine Träume groß, aber vielleicht will ich ja eine klitzekleine Hochzeit, ganz intim, nur Tom und ich.«

Julia nickt und zieht aus ihrer Handtasche ein Kalenderbuch vom doppelten Umfang von Krieg und Frieden. »Auch eine kleine Hochzeit sollte sorgfältig geplant werden. Sehr schön, mit dieser Entscheidung haben wir eine gute Basis, um …«

»Halt!«, rufe ich dazwischen und lege die Hand auf ihre Notizseite. »Vielleicht möchte ich doch eine große Hochzeit, mit meiner ganzen Familie, meinen Freunden und überhaupt allen. Vielleicht will ich sogar das komplette Programm mit großem Kleid und Schleier, ich will Tränen der Rührung und Blumenkinder, die die Blüten überall hinstreuen. Ich will, dass der Trauzeuge die Ringe nicht findet und alle hektisch suchen, nur um festzustellen, dass er sie doch eingesteckt hat. Die Brautjungfern sollen abwechselnd mit mir lachen und weinen. Und ich möchte am Arm meines Vaters zu Tom schreiten, der mich mit klopfendem Herzen in den Arm nimmt.«

»Genau wie ich es dir gesagt habe.« Leo schnipst in Richtung Julia, die nicht aufhört, Notizen in ihr Büchlein zu schreiben. »Susanna hatte schon immer mehr Fantasie als nötig.«

Julia blickt lächelnd auf und ihre dunklen Augen funkeln mich an. »Aber dafür bin ich ja jetzt da. Gemeinsam lenken wir die Hochzeit in geordnete Bahnen.«

Und wenn ich gar keine geordneten Bahnen möchte? Wenn ich stattdessen lieber all die Zufälle und Unabwägbarkeiten eines solchen Tages auskosten will? Halt! Ich habe doch gar keine Hochzeit zu planen!

Zumindest noch nicht.

Und nun?

Rückzug! Genau, irgendwie muss ich elegant dieses Gespräch beenden, und dann kann ich mir in Ruhe etwas überlegen, um die Hochzeit abzusagen. Ich hoffe, Tom ist nicht allzu enttäuscht.

Mein Magen brummt laut und deutlich, und Leo sieht mich fragend an. »Vielleicht hättest du doch lieber ein wenig mehr von deinen Zucchini-Spaghetti essen sollen.«

»Oh nein! Ganz im Gegenteil, irgendwie fühle ich mich nicht ganz wohl, ich habe eher zu viel gegessen.« Vehement nicke ich. Und gegen dieses Unwohlsein wird gleich nichts besser helfen als eine saftige Mozzarellapizza. Demonstrativ blicke ich auf meine Armbanduhr und gähne. »Du meine Güte, schon so spät! Da muss ich jetzt aber wirklich los.«

Schnell klemme ich mir meine Handtasche unter den Arm und krabbele aus der Sitzecke hervor. »Also, ihr Lieben, bis dann. Und vielen Dank für die Einladung.«

Habe ich gerade wirklich ihr Lieben gesagt?

Prompt erheben sich Leo und Julia und umarmen mich zum Abschied. Dabei hält mich Leo doppelt so lange fest als es in dieser sozialen Situation notwendig wäre. Mindestens eine Sekunde!

Julia legt mir leicht die Hand auf den Arm. »Und wir treffen uns mal in Ruhe allein, damit wir unser weiteres Vorgehen besprechen können. Ich kann dir dann gern schon ein erstes Konzept mitbringen.«

»Konzept, das klingt spannend. Ich kann es kaum erwarten.«

Und ich kann nur hoffen, dass mir bis dahin ein eigenes, überzeugendes Konzept einfällt, um weiteres Vorgehen in Richtung Nichthochzeit zu unterbinden. Oder dass Julia unseren Termin völlig und total vergisst. Und wenn wir schon dabei sind, könnte sie auch gleich vergessen, meinen Leo zu heiraten.

 

Der Karfreitag legt endlich den ersehnten Schalter um. Als ich am Morgen weit die Fenster öffne, um die Sonne ungehindert in mein Schlafzimmer zu lassen, erreicht mich nicht nur ihr goldenes Licht, sondern auch ihre Wärme. Und eine Stunde später, beim Aufsperren des Schneeflöckchens, prickeln mir die Sonnenstrahlen angenehm warm im Nacken.

Beschwingt vor mich hin summend bereite ich drinnen und draußen die Tische vor und zaubere an diesem Tag für jeden einzelnen Gast den sonnigsten Eisbecher. Mein heutiges Orangeneis mit einem Wirbel aus feinster weißer Schokolade ist eindeutig der Favorit des Tages.

Um die Mittagszeit sind alle Tische besetzt, und ich tanze zwischen ihnen umher. Schöner könnte ein Eistag nicht sein.

Für einen Moment bleibe ich stehen und genieße die Sonnenwärme auf der Haut. Die murmelnden Stimmen neben mir vermischen sich mit dem Brummen einer Hummel, die es sich auf dem blühenden Mandelbäumchen gemütlich macht, das ich auf dem Mäuerchen zwischen dem Schneeflöckchen und dem Veloziped drapiert habe.

»Meine liebe Sunny, welch eine Freude, dass wir Sie und unseren geschätzten Tom in den wunderbaren Bund der Ehe führen dürfen. Lassen Sie uns Ihnen auf das Herzlichste gratulieren.« Und schon befinde ich mich an Oskar Sonthofens Brust, meine Nase fest an seinen grau in grau in grau gestreiften Anzug gedrückt, der wohl noch heute Morgen ein ausgiebiges Bad in Weichspüler genießen durfte.

Kaum kann ich wieder frische Luft atmen, zieht mich auch Hedwig zu sich herunter, und ich versinke in einer Maiglöckchenwolke. Es würde mich nicht wundern, wenn die Hummel von eben nun extra Appetit bekommt. »Ach Sunny, Oskar und ich haben es schon immer gewusst, dass du und Tom das ideale Paar seid. Eure Liebe hat man euch doch schon seit Jahren an der Nasenspitze angesehen. Wir freuen uns so für euch.«

»Aber, dass Sie das so lange geheim gehalten haben, werden wir Ihnen noch eine Weile übelnehmen.« Oskar Sonthofen wackelt streng mit dem Zeigefinger vor meinem Gesicht, strahlt dabei aber, als hätte er Spaß am Übelnehmen. »Sicher können wir es jetzt verraten, wir haben es ohnehin schon die ganze Zeit gewusst, nicht wahr Hedi?«

Hedi aka Hedwig nickt hoheitsvoll, wobei ihr Riesendutt dem Ganzen den Anschein einer silbernen Krone gibt. Wie kann eine Frau nur so viele Haare ihr Eigen nennen? Wenn ich mir mein schlankes Pferdezöpfchen zu einem Dutt aufdrehen würde, sähe es aus, als hätte ich mir einen blonden Tischtennisball an den Kopf geklebt.

»Tja, nun da mein kleines Geheimnis gelüftet ist, darf ich fragen, wie Sie es erfahren haben?« Tom wird doch wohl nicht …? »Mein, äh, Verlobter hat doch sicher noch nicht das Aufgebot bestellt, oder?«

»Aber nein!« Oskar Sonthofen strahlt mich an und betupft sich die Stirn mit seinem Einstecktuch des Tages – beige mit gelben und grünen Punkten, was nicht unbedingt appetitlich aussieht.

Ich atme erleichtert aus.

»Dafür haben Sie doch Ihre formidable Hochzeitsplanerin.«

Und atme tief wieder ein. Fast so, als könnte ich damit die Hochzeitsplanerin verschlucken. »Meine Hochzeitsplanerin, richtig«, presse ich schließlich hervor.

»Und was für eine reizende Dame, so klug und organisiert.« Oskar Sonthofen schlägt vor Entzücken die Hände zusammen.

»Und so apart«, fällt Hedwig in die Lobhudelei ein.

Nun ist es aber gut. Mittlerweile pfeifen es die Spatzen von den Dächern, was für eine Göttin unsere Julia ist.

»Apropos apart«, Hedwigs Blick hakt sich an meinem pinken Shirt mit der knallbunten Eistüte darauf fest. »Du wirst doch sicher ein standesgemäßes Hochzeitskleid tragen? Schön klassisch in Weiß oder zartem Creme und nicht so, so … pinkig und orangig.«

Oh! An mein Hochzeitskleid habe ich noch gar nicht gedacht. Aber zum Glück weiß ich schon ziemlich genau, was ich mir wünsche. »Es wird auf jeden Fall ein weißer Traum aus Chiffon und Spitze. Und Kristallen. Wie ein Blütenmeer soll das Kleid um mich herumwirbeln und den Boden bedecken.« Mein Blick geht durch Hedwig hindurch und ich sehe mich inmitten des Kleides der Kleider. Anmutig und stolz, dabei aber auch elfenhaft zart. Irgendwie fehlt da ein Farbklecks, so ganz in Weiß … »Und an der Taille möchte ich einen schimmernden, orangen Gürtel tragen. Vielleicht könnte auch mein Schleier einen Hauch von Erdbeerrosa vertragen.«

»Genau das meine ich, Oskar, genau das.« Hedwig holt mich von meiner Hochzeit zurück in den Ostersonnenschein. »Aber dafür hat sie jetzt Fräulein Julia, die wird schon für das passende Kleid sorgen. Und wenn sie es selbst näht, das kann sie nämlich bestimmt auch.«

»Hedwig, entschuldige bitte, aber mein Hochzeitskleid suche ich mir noch immer selbst aus. Fräulein Julia soll bei ihrem eigenen Kleidchen bleiben!« Empört stemme ich die Hände in die Taille und sehe auf Hedwig hinunter.

»Meinst du nicht, bei deinem Hochzeitskleid hat auch dein zukünftiger Mann ein Wörtchen mitzureden?«

Vor Schreck zucke ich zusammen und drehe mich mit mehr Schwung als notwendig um, sodass ich an Toms Brust lande.

»Aber nein, nicht doch! Der Bräutigam sieht das Kleid seiner Braut erst bei der Trauung! Also bitte!« Hedwig schiebt sich an mir vorbei und pikst Tom mit dem Zeigefinger.

Schelmisch blinzelt er sie an. »Aber ein bisschen Einfluss darf ich doch wohl darauf nehmen, was ich meiner Braut in der Hochzeitsnacht von ihrem wunderschönen Körper streifen darf?«

Hedwigs Wangen verfärben sich rosa und sie kichert dezent. »Tom, du Schlingel. Lass dich überraschen. Gerade auch von dem Darunter«, haucht sie.

»Wenn es ein Darunter gibt.« Über Hedwigs Kopf hinweg blickt mir Tom in die Augen.

»Sehr schön, jetzt ist endlich ein Tisch frei. Kommst du, Hedi?« Galant bietet Oskar Sonthofen Hedwig den Arm, an dem sie sich mit einem breiten Lächeln für Tom zum Tisch führen lässt.

Tom indessen beugt sich zu mir, sodass seine Wange hauchzart meine berührt. »Bei der Auswahl des Darunter bin ich dir jederzeit gern zu Diensten, vor allem, wenn es darum geht, dich von überflüssigen Stoffschichten zu befreien«, raunt er mir ins Ohr, und dieses Raunen breitet sich wie eine Hitzewelle in meinem Körper aus.

 

»Hier, ich habe uns noch einmal eine Portion Vanilleeis vom alten Fritz rausgemogelt.«

Ich sehe nach oben und direkt in Almas lachendes Gesicht.

»Was machst du da unten?«

»Mir ist ein Himbeerstreusel runtergefallen.«

»Ein Himbeerstreusel! Dann sieh aber rasch zu, dass du ihn aufhebst, ein Himbeerstreusel auf dem Boden geht nun wirklich überhaupt nicht.« Alma nickt mir überernst zu.

Indigniert suche ich den Boden weiter nach dem rosa Streusel ab und habe schließlich Erfolg. »Das bist du ja, du Schlingel.«

»Am besten, du bringst ihn gleich zum Streuseldoktor, nicht dass ihm noch ein Eckchen abgebrochen ist.« Alma schüttelt den Kopf und setzt sich auf einen Hocker vor der Eistheke. Vor ihr stehen zwei Schälchen mit der altbekannten Vanilleeis-Pampe von Fritz Ludewig.

Wehmütig lege ich den verloren gegangenen Himbeerstreusel in eine Schüssel mit diversen anderen Krümeln, die ich heute im Lauf des Tages eingesammelt habe, um sie nachher liebevoll wegzuwerfen.

Mit gerümpfter Nase ziehe ich mir eines der Schälchen mit dem Pseudo-Vanilleeis heran. »Warum hast du denn das Zeug noch einmal besorgt? Wir wissen doch mittlerweile, wie schrecklich es ist.«

»Ich habe gehört, der alte Fritz macht nichts anderes mehr, als sich an einem essbaren Vanilleeis zu versuchen. Selbst seine letzte Kochshow soll er deswegen geschmissen haben.« Grinsend rührt Alma in ihrer Portion und lässt die Masse immer wieder vom Löffel tropfen.

Ich versenke meinen Anteil an dem Ungenießbaren rasch in der Spüle, nicht, dass noch einer unserer Gäste diesen Pamps sieht und falsche Schlüsse zieht. »Und du meinst, du musst uns jetzt alle zwei Tage mit seinen Fehlversuchen beglücken?«

»Klar! Die Tat eines Verzweifelten sollte man nicht unterschätzen. Und der Ludewig ist verzweifelt.«

Die verklumpte Eiskugel in meinem Magen, die sich bei dem Gedanken an das Vanilleeis-Wettessen immer bemerkbar macht, wächst bei Almas Worten nicht unbeträchtlich.

»Ach, komm schon, wir gewinnen dieses Duell ganz sicher.« Tröstend legt Alma ihre Hand auf meine. »Und schau dir nur dieses herrliche Wetter an. Die Sonne lässt dir gar keinen Platz für trübe Gedanken.«

Abrupt richte ich mich auf. »Wer sind Sie und was haben Sie mit meiner Cousine gemacht?«

Alma reißt die Augen auf und ein feiner Rosaton überzieht ihr Gesicht. Oh! Ich habe eindeutig einen Treffer gelandet. Nur welchen? Eigentlich wollte ich doch nur Spaß machen. Aber ich bin gut und entdecke sogar Geheimnisse bei Alma, von denen sie nicht einmal selbst weiß.

»Wieso fragst du?« Alma richtet sich gründlich ihren Zopf, der so gar nicht schief sitzt.

»Erstens hast du dich darüber lustig gemacht, dass ich vorhin einen einzelnen Himbeerstreusel aufgehoben habe, wobei du schließlich Little Miss Perfect bist. Zweitens kommentierst du nie das Wetter, weil du der Meinung bist, es ist so, wie es ist, basta. Und drittens, ähm, siehst du irgendwie anders aus«, zähle ich an den Fingern meiner linken Hand ab. »Hast du eine neue Creme? Und ein neues Shampoo? Alles an dir strahlt irgendwie so.«

Ich beuge mich über die Theke und schnuppere. Sie duftet auch ein wenig anders als üblich, aber nicht doll anders und auch nicht aufdringlich. Alma duftet glücklich, wenn es so etwas gibt, was es offensichtlich tut.

Sie springt vom Hocker auf, wobei ihr die Tasche vom Schoß auf den Boden rutscht. Hektisch bückt sie sich danach und stößt sich beim Hochkommen an der Kante der Eistheke den Kopf. Auf ihren Wangen ist mittlerweile nicht mehr nur ein zarter Hauch Rosa zu bewundern, sondern barbietaugliches Pink. »Muss wohl am Frühling liegen«, grinst sie mich schief an, winkt mir zu und flieht aus dem Schneeflöckchen.

»Wollen wir am Sonntag nach der Ostereiersuche mal wieder zusammen im Jules Verne essen gehen?«, rufe ich ihr hinterher. Wie gut, dass gerade nur noch draußen ein paar späte Gäste sitzen.

Alma bleibt mitten in der Bewegung stehen, dreht sich aber nicht zu mir um. »Das geht leider nicht, ich bin schon verabredet, also zum Essen und so.«

»Aber du bist doch ständig verabredet, kannst du dein Date nicht verschieben? Es ist doch Ostersonntag.« Kerzengerade steht Alma vor mir. Sie hat wirklich einen überaus hübschen Rücken.

»Leider nicht, dieses Essen findet genau einmal statt, Pop-up-Dinner, du weißt schon. Tschüssi.« Und raus ist sie.

Pop-up-Dinner! Alma gerät aber auch an immer schrägere Typen. Was ist nur aus dem schönen, klassischen Kerzenschein-Rendezvous beim Italiener um die Ecke geworden? Berge von buttrigen Spaghetti, Fleischbällchen zum Teilen, ein samtroter Amarone funkelt im Weinglas, ein Geigenspieler seufzt von Amore. Wie sehr ich das auch will.

Ein kräftiges Räuspern, kurz vor der Bronchitis, lässt mich zusammenzucken. Vor mir steht einer der Gäste von draußen, offensichtlich ein etwas genervter Gast seinem wolkigen Gesicht unter den rotblonden Löckchen nach zu urteilen. »Wenn ich dann bitte endlich zahlen könnte.«

»Aber selbstverständlich, ich bin sofort bei Ihnen.« Karamellsüß lächele ich ihn an und folge ihm. Brummend stapft er vor mir aus der Eisdiele zu einem Tisch, an dem ein weibliches, umwölktes Ebenbild sitzt.

»Ach doch schon«, lässt sie mich wissen.

Da ich alle meine Gäste liebe, auch diese Art von Grummelgästen, habe ich mir diverse Strategien angewöhnt, denn mein Ehrgeiz ist, dass jeder wiederkommen soll, der einmal im Schneeflöckchen war.

Nach dem Abkassieren, als sich das Lockenpaar gerade erheben will, strahle ich sie mit all meiner guten Laune an. »Sie sind heute der einzige Schwedeneisbecher, somit bekommen Sie von mir einen Gutschein: Sie können sich Ihre eigene Eissorte ausdenken und ich werde diese für Sie kreieren. Sie werden der Star meiner Eistruhe sein.«

»Das Eis trägt dann unseren Namen?« Die Dame sieht mich aus zusammengekniffenen Augen an.

»Und Sie bekommen die erste Kugel gratis.«

»Was müssen wir tun?«

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960876175
ISBN (Buch)
9783968173832
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v491741
Schlagworte
Feel-Good-Romance Liebe-s-roman-e-café sommer-frühlings-roman-e Hochzeit-s-roman-e Contemporary Romance Frauen-Roman-e Wholesome-Roman-ce

Autor

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    Nadin Maari (Autor)

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Titel: Liebe, Eis und Himbeerstreusel