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Der Tote von Wynden Manor

von Elisabeth Marienhagen (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Die junge Lady Persephone Temper führt eine Frühstückspension auf ihrem Landsitz Wynden Manor. Als sie in Geldnot gerät, ist der Kunstexperte Torquill Thornfield dazu bereit, ihre antiken Statuen zu kaufen. Bei der Besichtigung der Objekte im Garten entdecken sie die Leiche von Persephones Ex-Verlobtem – in Gips gehüllt. Unversehens steht sie im Fokus der Ermittlungen. Um ihre Unschuld zu beweisen, beginnt sie auf eigene Faust nachzuforschen und lüftet die Geheimnisse der Bewohner von Wynden Manor. Von ihrem Mops Sir Charleston wird Persephone auf eine neue Spur gebracht und gerät dabei selbst in Gefahr. Wem kann sie noch trauen und weshalb kreuzt der ebenso charmante wie undurchsichtige Torquill bei den Ermittlungen so oft ihren Weg  ... ?

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe Juli 2019

Copyright © 2021 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-760-8
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-850-6
Hörbuch-ISBN: 978-8-72639-251-7

Covergestaltung: Rose & Chili Design
unter Verwendung von Motiven von
shutterstock.com: ©Andrew Roland, ©Eric Isselee
pixabay.com: ©KreativeHexenkueche, ©DarkWorkX, ©AnnaliseArt, ©Elionas, ©Rebeccaread, ©Pixaline
Lektorat: Daniela Pusch

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

Wie eine Statue

Samstag, 20. Oktober

In der Senke eines der zahllosen, sanft geschwungenen Hügel Dartmoors, die Tors genannt wurden, hatte jemand eine sitzende Statue platziert. Sie thronte erst seit einem Tag in dem Wäldchen, noch fremd und ungewohnt, den Augen und Nasen umherstreifender Tiere ausgesetzt. Alte Eichen und Ahornbäume umgaben das Kunstwerk, das weiß durch das herbstlich bunt gefärbte Blattwerk des dichten Unterholzes schimmerte.

In der Nacht zuvor war Starkregen auf den Boden und das Standbild geprasselt, fast so als ob der Guss eine neue Sintflut einläuten wollte. Selbst jetzt, nachdem die Morgensonne durch die Wolken gebrochen war, dampfte der Boden noch.

Weitab von dem Hügel roch es nach feuchter Erde und klarer Luft. Doch je näher man der Idylle kam, umso stärker trat ein widerlich süßer Geruch hervor.

Insekten surrten und schwirrten um die einsame Statue herum, deren Material bereits abbröckelte. Eine Krähe hockte auf dem Kopf des Sitzenden und hämmerte mit ihrem Schnabel gegen den brüchigen Gips, in dem sie einen Spalt entdeckt hatte. Darunter schimmerte etwas und erregte das Interesse des Vogels.

Als Vorbild für den Sitzenden mochte der berühmte Denker Rodins gedient haben, vielleicht auch die Darstellung eines modernen Performancekünstlers oder eine griechische Götterstatue. Doch die Ausführung des Kunstwerks war grob. Es zeigte unbeholfene, wie von den Händen eines Kindergartenkindes geformte Gesichtszüge.

Die Macht des Regens hatte einen Teil der Hülle weggespült. Auf dem Boden um die Statue herum lagen hinuntergeschwemmte weiße Stücke und Bröckchen. Das Unkraut zu Füßen der Statue war von mit Gips gefärbtem Wasser getränkt, das in der Regennacht wie Spuren weißer Tränen im Grün den Hügel abwärts geflossen war.

Ein freigelegter menschlicher Zeh lugte aus dem beschädigten Material. Eine emsige Ameise krabbelte zielstrebig in die Öffnung, aus der er hervorschaute. Eine Fliege ließ sich auf dem pedikürten Zehennagel nieder und putzte ihre Beine. Die Krähe flatterte auf, als ihre Schnabelhiebe Erfolg zeitigten und ein Stück Gips wegbrach. Es stürzte zu Boden, plumpste weich auf und zerfiel. Unschlüssig kreiste der Vogel über dem Toten. Nachdem keine weiteren Brocken folgten, landete er auf der eingegipsten Schulter der Leiche.

Aufmerksam betrachtete die Krähe das zum Teil freigelegte Gesicht. Der Nasenansatz und ein Stück bleiche Haut kamen zum Vorschein. Dazu die Augenhöhle und eine durch eine kleine Narbe verunzierte dunkle Braue.

Die Krähe legte den Kopf schief, musterte den Toten und hackte entschlossen zu. Nur selten tauchten Menschen in dieser Gegend des Parks von Wynden Manor auf. Wer sollte sie also bei ihrem Mahl stören?

Sir Charleston

Sonntag, 21. Oktober

Lady Persephone Temper saß in ihrem Arbeitszimmer, das früher als Besenkammer des Herrenhauses gedient hatte: Staubwedel aus weichen Straußenfedern, Schrubber, Wischmopp und allerlei Putzzeug waren längst aus dem langen schmalen Raum verbannt worden, der nicht gerade als repräsentatives Büro gelten konnte. Aber dank eines Fensters wirkte es hell und licht. Als Kind hatte sie hier mit Staubwedeln bewaffnet Steckenpferd, Degenfechten oder Theater gespielt, inzwischen leitete sie eine Frühstückspension, erledigte Bestellungen, heftete Rechnungen ab oder telefonierte mit neuen Gästen.

Ein leises Schnauben ließ Persephone aufhorchen. Sir Everard Charleston lag auf einer Wolldecke vor dem Schreibtisch, ihr mehr oder weniger zu Füßen. Sie reckte den Kopf, um ihn anzusehen. Er runzelte die Stirn, ließ einen knatternden Furz fahren und öffnete unschuldig die großen dunklen Augen.

„Das stinkt! Pfui, Charlie, schämst du dich nicht?“ Weit davon entfernt, die Stinkattacke damenhaft zu übergehen, rümpfte Persephone die Nase.

Ein freudiges Waff genügte dem beigen Retro-Mopsrüden als Antwort. Fragend ruhte der Blick seiner dunklen Kulleraugen auf ihr. Er war ein außerordentlich guter Zuhörer und wusste vermutlich genau, dass sein Frauchen nur Spaß machte. Und je länger er sie musterte, umso schwerer fiel es ihr, das Lachen zu verkneifen.

„Du bist mir ein Schlimmer!“, tadelte Persephone ihn liebevoll.

Genau wie sie entstammte er einem altadeligen Geschlecht. Eine hohe Ehre, sollte man meinen. Obwohl er an der Last, ein Edler von Charleston zu sein, herzlich wenig trug.

„Ja, du hast das richtig verstanden. Deine Manieren lassen wieder einmal zu wünschen übrig, werter Sir.“

„Waff!“ Fröhlich wedelte sein Ringelschwänzchen hin und her.

Persephone beobachtete, wie er seinen gedrungenen Körper dehnte, herzhaft gähnte und schnurstracks um den Schreibtisch herum zu ihr trabte.

Sie tätschelte ihm den Kopf.

„Du bist ein kluger Hund, ich weiß. So wie du aussiehst, willst du am liebsten mit mir rausgehen, und es wäre ja auch gut für mich. Aber ich habe noch zu arbeiten.“ Im Gegensatz zu dem, was viele dachten, war Charlie alles andere als ein bequemer Schoßhund, der ständig döste.

Ihr Vater hatte bei seiner Anschaffung großen Wert darauf gelegt, einen Mopswelpen aus einer Zucht zu kaufen, die bei den Rassestandards Vernunft walten ließ. Sir Everard Charlestons Schnauze war nicht so platt, als dass er dem Ideal entsprochen hätte. Dafür blieb er von Augenentzündungen verschont und er brauchte auch nicht asthmatisch nach Luft zu ringen. Seine Beine kamen Persephone etwas länger vor als bei den Hunden, denen die Preisrichter Auszeichnungen verliehen. Aber sie war nicht mit derart vielen Möpsen bekannt, dass sie diese Beobachtung mit Fakten untermauern konnte. Wie auch immer, Charlie fegte gerne wie ein Wilder durch Wynden Manor, den Landsitz von Persephones Vorfahren. Allerdings nicht an der Seite ihres Vaters. Nicht mehr …

„Na, los, wenn du rauswillst, lauf in die Küche. Emma lässt dich in den Garten.“

Charlie kannte den Weg zu Mrs Carson, Persephones Köchin und Haushälterin. Außerdem wusste er natürlich, wie er Einlass erhielt zu diesem Reich voller verlockender Düfte und seinem Stück umzäunten Garten. Doch höflich wie er war, blieb er kurz stehen, um sein Frauchen aus dunklen Augen fragend zu mustern. So als ob er ihr die Chance geben wollte, ihre Meinung noch einmal von Grund auf zu überdenken.

Erst als sie ihn nochmals aufforderte, ohne sie zu ihrer Haushälterin zu gehen, drängte er seinen Kopf durch den Türspalt. Der Rest samt Ringelschwanz folgte. Persephone lauschte dem leisen Klacken seiner Krallen auf dem Marmor in der großen Halle und einem fröhlichen Beller. Offensichtlich hatte er etwas entdeckt.

Kurzentschlossen schob sie den Stuhl zurück, ließ den Computer mit einer Stornierungsmail ruhen und betrat die große Halle. Ihr Mops hatte tatsächlich etwas hinter einem der Sessel entdeckt, das er ausgiebig beschnüffelte.

„Na, hast du wieder etwas aufgestöbert?“ Persephone erlebte den Fluchtversuch einer verängstigten Spinne mit. Schon als Welpe jagte Charlie diese Krabbeltiere mit Leidenschaft. Dass sie den Weg in seinen Magen fanden, hatte Persephone bislang noch nicht beobachtet. Wobei seine Zurückhaltung vermutlich weniger darauf beruhte, dass er als Mops von Adel Gnade walten ließ. Sondern eher auf dem Umstand, dass Mrs Carson ihn von klein auf mit Leckerbissen verwöhnt hatte. Er speiste von hübschem Geschirr wie ein Feinschmecker und war entsprechend heikel beim Fressen. Persephone konnte beim besten Willen nicht glauben, dass Spinnen seinem verwöhnten Gaumen mundeten – oder überhaupt irgendjemandem mit verfeinerten Geschmacksnerven.

Leider schaffte das Krabbeltier es diesmal nicht schnell genug, ein sicheres Versteck zu erreichen. Charlie verstellte ihm den Weg und beobachtete fasziniert das Phänomen, das dieses schlaue Biest vor seinen Augen vollführte. Das Tier sah mit einem Schlag vertrocknet aus, wie tot. Nur ungern dachte Persephone an die erste Wiederauferstehung einer Spinne, die sie miterlebt hatte. Mit Besen und Schaufel bewaffnet hatte sie Sir Charlestons Opfer aufkehren wollen. Im nächsten Moment kreischte sie erschrocken auf, weil sie nicht damit gerechnet hatte, dass das Tier loskrabbelte.

Für den vorwitzigen Sir Everard Charleston bedeutete diese Totenstarre seither ein spannendes Spiel. Auflauern, anstupsen und zuschauen. Ob er außerdem auf eine ordentliche Schreiattacke von ihrer Seite wartete, konnte sie schlecht abschätzen.

„Du lässt die Spinne brav in Ruhe!“ Persephone lief in ihr Zimmer und eilte mit Wasserglas und Papier bewaffnet in die Halle zurück, um einmal mehr ihr Karma durch eine Rettungsaktion zu verbessern.

Das Tier lag noch in Totenstarre, als Persephone zurückkam. Hoffentlich blieb es bei der Rettungsaktion brav hocken. Mit zitternden Fingern ging sie in die Knie und stülpte das Glas rasch, aber vorsichtig über die schwarze Spinne mit den behaarten langen Beinen und dem dicken Körper. Ein Riesenexemplar. Behutsam schob Persephone das Blatt Papier unter das Glas.

„Oh, Lady Persephone, bitte, lassen Sie mich das machen.“ Mrs Carson, die auffallend blass aussah, eilte ihr aus der Küche entgegen und nahm ihr Glas, Papier und Spinne ab.

Bevor Persephone ihre Haushälterin fragen konnte, ob etwas nicht in Ordnung war, machte Mrs Carson kehrt und entschwand mit Spinne und Charlie, der aufgeregt an ihr hochsprang, in die Küche.

Das leidige Geld

In der großen Halle duftete es zart nach Lavendel und Rosen. Potpourris standen auf kleinen Beistelltischen neben den Sesseln, die Besucher zum Verweilen einluden. Für die großzügigen Treppenaufgänge mit den kostbaren Schnitzereien und Drechslerarbeiten war Wynden Manor sogar über die Grenzen Dartmoors hinaus bekannt. Perserteppiche und Seidenläufer auf Marmor und Parkett sorgten für ein wenig Gemütlichkeit in dem riesigen Raum. Ebenso der offene Kamin, um den die Sitzgruppe arrangiert war. Persephone lehnte die Tür zu ihrem Arbeitszimmer nur an, falls Sir Charleston Lust verspüren sollte, sie zu besuchen.

Ihr Blick glitt über die vollgefüllten Regale. Seit sie die Arbeit ihres Vaters übernommen hatte, standen alle Geschäftsbücher der letzten zehn Jahre in Griffhöhe eingeordnet. Sie zog einen mit Rechnungen des laufenden Jahres heraus. Ältere Bücher, Berichte und Personallisten längst vergangener, glanzvoller Zeiten erreichte sie nur mit einer verschiebbaren Bibliotheksleiter, die ein Schreiner eigens an die Regale angebracht hatte. Persephone haderte oft damit, dass sie nicht nur klein, sondern winzig war. Sie brauchte schon einen Tritt, wo andere nicht einmal die Zehenspitzen benutzten.

Nachdem ihr die Mahnung eines Klempners ins Haus geflattert war, musste sie prüfen, ob die Summe aus Versehen offenstand. Dabei hätte sie jeden Eid geschworen, den eingeforderten Betrag schon vor Monaten bezahlt zu haben. Was durchaus sein konnte: Manchmal gingen unberechtigte Forderungen ein, weil sie ihre Schulden vielleicht zu prompt überwies.

Eine Angewohnheit, die sie aus gutem Grund nach dem Tod ihres Vaters übernommen hatte, der ein säumiger Zahler gewesen war. Seufzend legte sie den Ordner auf den Schreibtisch. Das elegante Möbelstück aus Kirschholz war das letzte Geschenk ihres krebskranken Vaters. Trotz seiner quälenden Therapien hatte er es nicht versäumt, eine ‚Kleinigkeit‘ für ihr Arbeitszimmer auszusuchen. Wehmut durchflutete sie. Vor zwei Jahren war er gestorben.

Draußen zwitscherte eine Amsel. Persephones Blick fiel auf das Fenster, dessen Originalverglasung einem rebellischen Knecht zum Opfer gefallen war. Oder einem eifersüchtigen Ehemann? Die Familienaufzeichnungen waren in der Hinsicht nicht sehr ergiebig. Persephone konnte diese und jede Menge anderer historischer Details für Touristen auswendig und vermutlich auch im Schlaf herbeten, obwohl sie das nie überprüft hatte.

Schwierig wenn es keinen gab, mit dem man sein Bett teilte. Sie presste ihre Kiefer fest zusammen. Nicht mehr gab … Dabei war es nicht einmal so, dass sie die gelöste Verlobung bedauerte. Sie nahm auf ihrem Schreibtischstuhl Platz. Die Dielen knarrten während des Hinsetzens.

Trotz des Laptops auf dem Schreibtisch erinnerte vieles in ihrem Lieblingsraum an ein Museum. Kein Wunder, die Anfänge Wynden Manors reichten fünfhundert Jahre zu einem nahegelegenen Steinbruch zurück. Tja, und sie selbst verkam mit ihren siebenundzwanzig Jahren langsam aber sicher auch zum altertümlichen Inventar. Vielleicht war es doch nicht die schlechteste Idee, alles in Bausch und Bogen zu verkaufen? Wie herrlich musste es sein, ohne Schulden und unbeschwert von Rechnungen, Mahnungen und Hypotheken zu leben.

Aber von was? Als was? Persephone hatte englische Literatur studiert und über Jane Austens Persuasion promoviert. Beides erfolgreich, aber nicht herausragend. Mit den Verdiensten aus diesen Meriten konnte sie nicht einmal die Kosten einer ausgewogenen Sonntagsmahlzeit ihres Feinschmecker-Mopses decken. Geschweige denn die Ansprüche ihrer Mutter. Außerdem lebten sie nicht alleine hier: Sie konnte und wollte das Ehepaar Carson nicht entlassen. Schon bei dem Gedanken, ihre beiden treuesten Helfer auf die Straße zu setzen, blutete ihr Herz. Vor allem wenn sie an das Leid dachte, das die beiden um ihre Tochter trugen. Persephone faltete die Hände untätig auf der Schreibtischplatte, starrte auf die Kirschholzvertäfelung und die zart grüne Seidentapete. Ein leises Klopfen riss sie aus ihren Gedanken.

Die schöne Charlotte

Persephone lauschte. Doch, da klopfte jemand. Und richtig, ihre Mutter lugte ins Zimmer.

„Störe ich?“

„Nein, bitte komm herein.“

Persephone stockte manchmal der Atem, wenn sie die schöne Frau betrachtete, die ihre Mutter sein sollte. Die im trüben Licht eines Oktobertages, der rasch zur Neige ging, vertraut und fremd zugleich wirkte. Alles an Charlotte war eine Spur klarer und schöner als bei Persephone. Ihre Augen strahlten in einem intensiven Vergissmeinnichtblau, während Persephones nur ein undefinierbares Grüngraublau aufwiesen. Charlottes kinnlanger Pagenkopf glänzte in einem warmen Goldton, während Persephones Haar in schlichten dunkelblonden Wellen bis über ihre Schultern fiel. Persephone galt trotzdem als hübsches Mädchen, aber an ihre Mutter reichte sie vom Aussehen her nicht heran.

Darüber hegte sie keine Illusionen und sie verübelte es ihr nicht. Sie verübelte es ihr auch nicht, dass Charlotte sie nie selbst versorgt hatte. Zumal die Mutter keinen Hehl aus ihrer Geschichte machte: Als Siebzehnjährige lernte sie den weit älteren Reginald Temper, Earl Wynden of Wynden, kennen. Sie heirateten und ein Jahr später schenkte sie, selbst noch ein halbes Kind, ihrer Tochter das Leben.

Persephone kam sie nicht wie eine Respektsperson vor, sondern eher wie eine Schwester. Fremde hielten die Mutter vermutlich auch dafür. Denn ihre fünfundvierzig Jahre sah man Charlotte beim besten Willen nicht an. Ruhig wie eine Statue stand sie im Türrahmen.

„Komm endlich rein und setz dich, Mama. Du weißt doch, wie ungemütlich ich es finde, wenn du nur stumm dastehst.“

„Ach, Liebes, wie oft soll ich dich noch darum bitten: Ich wünschte, du würdest mich Charlotte nennen. Ich fühle mich so unsagbar alt, wenn du Mama zu mir sagst. Wie eine Matrone, dabei brennt mein Herz noch heiß.“

Das war nicht das, was Persephone zu hören wünschte. Sie lächelte verlegen, während ihre Mutter vor einem der Kupferstiche haltmachte. Aufmerksam betrachtete sie einen Fantasie-Schmetterling mit bunt schillernden Flügeln. Sie seufzte und wandte ihr reizendes Profil so weit zur Seite, bis sie Persephone in die Augen sah.

„Es ist so öde hier“, erklärte Charlotte unvermittelt. „Ich fahre ein paar Tage nach London. Willst du mich begleiten? Du brauchst unbedingt Abwechslung. Überlege es dir, Schätzchen. Du bist nur einmal jung, genieß es.“

„Tut mir leid, Mama, ich habe zu arbeiten, außerdem erwarte ich heute noch einen Gast.“

„Ich wollte, du würdest den Unfug mit diesem Betrieb lassen“, wischte ihre Mutter den Einwand weg. „Als ob ein Gast etwas an der Misere ändern könnte.“

„Einer sicher nicht, das stimmt. Aber wenn wir alle Zimmer vermieten würden, die infrage kommen …“

„Wenn …, wenn …, wenn …, warum tust du es nicht, wenn es dir so wichtig ist?“

Charlotte sah nicht so aus, als ob sie an einer Antwort ernsthaft interessiert wäre. Aber Persephone brachte es nicht fertig, höflich den Mund zu halten.

„Hörst du mir eigentlich nie zu, Mama? Das Dach muss repariert werden! Ich kann von unseren Gästen schlecht verlangen, dass sie in unserem Haus Schirme aufspannen und einen Slalom um Eimer hinlegen, die unter undichten Stellen aufgebaut sind.“

Wenn sie daran dachte, wie die Tropfen bei dem Wolkenbruch gegen die Fenster geplatscht und getrommelt hatten! Jeder im Haus war heilfroh um die vier Wände und das Dach über ihrem Kopf gewesen. Wobei Letzteres wie ein guter Witz klang. Alles an Eimern und Töpfen, was Mrs Carson entbehren konnte, hatten sie an diesem denkwürdigen Abend auf den Speicher geschleppt. Spätestens nachdem Persephone das Sammelsurium von gut dreißig Behältnissen betrachtet hatte, wusste sie, dass es so nicht weiterging. Die Ziegel waren mürbe und brüchig. Das arg verwinkelte Dach musste dringend neu eingedeckt werden.

„Und ich dachte, das dient als Markenzeichen für deine besondere Frühstückspension. Apropos Gäste, irgendetwas wollte ich dir noch sagen …“ Charlotte machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ach, so wichtig war es sicher nicht!“

„Oh, Mama!“ Statt böse zu sein, lachte Persephone hell auf. „Ich wünsche dir viel Spaß in der Stadt und bitte keine teuren Shoppingaktionen. Das sprengt unsere Finanzen.“

„Eigentlich müsste es umgekehrt sein, nicht wahr? Ich sollte dich davon abhalten, in der Stadt Unsummen für Frisör, Kleider und Theater auszugeben. Du bist es, die sich amüsieren sollte.“

„Gerne, aber dazu braucht man Geld.“

„Verkauf das Haus.“

„Um wovon zu leben, Mama?“ In Momenten wie diesen kam Persephone die eigene Mutter wie eine um Jahre jüngere Schwester vor. „Du hast nichts gelernt.“

„Das nenne ich hart formuliert.“

„Ich habe doch auch nichts gelernt. Jedenfalls nichts, von dem man anständig und komfortabel leben könnte.“ Persephone machte eine weit ausholende Geste. „Außerdem liebe ich das Haus …“

„Deshalb hockst du ja auch bei Tag und Nacht in der Besenkammer. Du solltest alles an den Erben des Titels verkaufen.“

Nachdem Haus und Grund Persephone persönlich gehörten, stellte diese Option tatsächlich eine der wenigen Möglichkeiten dar, die ihr blieben. Nur wer übernahm freiwillig ein marodes Haus, in das Millionen, zumindest aber hunderttausende Pfund, investiert werden mussten, und zahlte den Verkäufern obendrein noch ein nettes Auskommen zum Leben?

Ihre Mutter runzelte die perfekt gezupften Brauen. „Ist dieser Anwärter auf den Titel inzwischen aufgetaucht?“, fragte sie. „Hast du etwas gehört?“

„Nein, überhaupt nichts.“

„Umso besser! Vielleicht kippen sie diese dummen Erbgesetze noch, bevor der Mann überhaupt gefunden wird. Ich sehe gar nicht ein, dass du ihn nicht erben sollst, nur weil du ein Mädchen bist. Ihre Majestät ist schließlich auch eine Frau. Dein Vater war so entzückt, als du geboren wurdest. Weißt du, bis heute rechne ich es ihm hoch an, dass er nicht darauf bestanden hat, mich den Strapazen einer weiteren Schwangerschaft auszusetzen. Nur damit er einen Sohn und Erben bekommt. Dieser dicke Bauch und die Übelkeit. Nichts gegen dich, Schatz, aber die Zeit war grässlich.“ Mit einer eleganten Geste strich ihre Mutter eine golden schimmernde Strähne hinter das Ohr. Eine Marotte, mit der sie ihre Verlegenheit überspielen wollte, wie Persephone im Lauf der Zeit erkannt hatte. Meist funktionierte es.

Charlottes Blick blieb an ein paar Fotografien auf einer Collage an der Wand hängen. „Hast du die Bilder von deinem Ex und dir immer noch nicht abgenommen? Ich dachte, du bist schon lange über Blake hinweg?“

„Bilder von uns?“ Es gab nur eins. Ein Gruppenfoto von dem 45. Geburtstag ihrer Mutter, auf dem Blake zwischen ihr und Charlotte stand. Zum ersten Mal seit Monaten betrachtete Persephone das Bild und überlegte, warum sie es nicht abgehängt hatte.

Der Mann auf dem Foto bedeutete ihr nichts mehr, obwohl ihr Ex-Verlobter neben seinem ebenmäßigen fotogenen Gesicht jede Menge Charme und hervorragende Manieren zu bieten hatte. Obendrein verfügte er über einen sehr guten Abschluss in Jura. Der ungeliebte Brotberuf langweilte Blake. Also hatte er ihn an den Nagel gehängt und baute auf sein künstlerisches Talent, nachdem er der Erbe des Vermögens seines Vaters geworden war.

Innerhalb kürzester Zeit hatte er sein Haus mit selbstgemalten surrealistischen Bildern ausstaffiert, die Persephone gefielen, ansonsten aber keinen Anklang fanden. Schließlich begrub er die Pläne, den Durchbruch mit seiner Kunst zu schaffen, und arbeitete weiter wie bisher. In Luxus schwelgte er nicht, war aber gut betucht. Und wenn es zwischen ihnen funktioniert hätte, wäre Persephone bereit gewesen, Schulden und Haus samt Park dem National Trust zu überlassen.

Der Park war ein Prunkstück, dessen Unterhalt Jahr um Jahr Unsummen verschlang. Allein die Personalkosten brachten Persephone regelmäßig an den Rand der Verzweiflung. Dabei arbeitete Paul Carson, ein gelernter und sehr fähiger Gärtner, ohnehin nur mit Aushilfskräften aus dem Dorf. Oder Studenten, die Bachelorarbeiten über Flora und Fauna Devons und speziell über Dartmoor schreiben wollten. Als Gegenleistung für sein bereitwillig geteiltes Wissen über interessante Standorte von Libellen, Orchideen, Moosen und seltenen Flechten unterstützten die Studenten ihren Mentor für den Mindestlohn eifrig bei allen anfallenden Arbeiten. Trotzdem blieb viel zu viel auf Mr Carsons Schultern lasten. Es klopfte.

„Ihr Vormittagstee, Lady Persephone.“ Geschickt balancierte Carsons Frau Emma ein Tablett mit Tee- und Milchkanne. Immer noch sah die Haushälterin auffallend blass und mitgenommen aus. Schade, dass Persephone nicht allein war. Sonst hätte sie Emma gefragt, ob es etwas mit ihrer Tochter Indira zu tun hatte und sie irgendwie helfen konnte. Später würde sie das nachholen.

„Möchtest du auch eine Tasse, Mama?“ Persephone nahm eine Kanne aus hauchzartem, im Gegenlicht durchscheinendem Porzellan mit Rankenornamenten im japanischen Stil vom Stövchen und schenkte die goldbraun plätschernde Flüssigkeit ein.

„Nein danke, ich werde gleich aufbrechen.“

„Wie Schade, dass du dafür keine Zeit mehr hast.“ Einen Schuss Milch gab Persephone in die Tasse und einen kleinen Löffel Zucker.

Der Antwort auf das unangenehme Thema Blake war sie durch die Unterbrechung vielleicht enthoben, nicht aber ihren Gedanken. Zumindest eines stand fest: Ihre Verlobung mit Audley Blake hatte keinen Bestand gehabt. Vorbei war vorbei, und ihre Probleme musste sie alleine lösen. Charlotte drang nicht weiter in sie, aber Persephone spürte die forschenden Blicke ihrer Mutter voller Unbehagen.

War sie über ihren Ex hinweg? Sie hatte ihn kaum je Audley, also bei seinem Vornamen genannt, sondern Blake, wie alle anderen. Ein Mangel an Intimität oder nur die Macht der Gewohnheit? Schließlich kannten sie einander seit ihrer Kindheit.

Sie betrachtete das Bild und sein schönes Gesicht, dabei schwappte eine Welle von Ekel in ihr hoch. In Wynden ging die Version um, dass er nach der Lösung der Verlobung zu einem Sabbatical aufgebrochen war. Angeblich verbrachte er ein Jahr zum Nachdenken und In-sich-Gehen auf dem Kontinent. Ob es stimmte, wusste sie nicht.

„Wärest du sehr unglücklich, wenn Blake für immer aus deinem Leben verschwände?“, forschte Charlotte behutsam. „Vielleicht hat er unterwegs jemanden kennengelernt?“

„Oh, hast du Nachricht von ihm?“

Ihre Mutter schüttelte den Kopf. Energisch rührte Persephone ihren Tee um und verfolgte die hellen Milchschlieren, bis sie in ein einheitliches Braun übergingen. Vom Aussehen her fand sie Blake eine Spur zu perfekt. Das hatte sie von Anfang an so empfunden und schon damals befürchtet, dass er nicht fähig war, sein Interesse auf eine einzige Frau zu beschränken. Verlangte sie zu viel von einem Mann, wenn sie Treue forderte?

„Sich eine Freundin und ein paar Nebenfrauen anzulachen wäre typisch für ihn“, antwortete Persephone leichthin. „Außerdem ist es beileibe nicht so, als ob ich mir Tag und Nacht darüber den Kopf zerbreche, was aus ihm geworden ist, Mama. Von mir aus kann er tun und lassen, was er will.“

Von ihr hatte er für die Affäre mit Indira eine Ohrfeige einkassiert. Unwillkürlich ging ihr Blick zu ihrer linken Hand. Ihr Verlobungsring war eher eine Spur zu eng als zu weit gewesen. Ihn an dem Tag abzustreifen, gelang ihr fast nicht und sie wurde bei dem Versuch immer wütender. Mit Blake zu reden, lehnte sie kategorisch ab. Aufgebracht hatte sie ihn aus dem Haus gewiesen. Noch am gleichen Tag war er verschwunden.

Kurz nach Antritt der Reise schickte er ihr zwei Postkarten, in denen er um Verzeihung bat. Seither herrschte Funkstille. Niemand aus dem Ort, in dem gut zweihundert Seelen lebten, hatte noch etwas von ihm gehört. Trotzdem erhofften die Leute ausgerechnet von ihr Auskunft über Blakes Verbleib.

„Na, so versunken?“

„Entschuldige, ich dachte, du wolltest los?“ Erschrocken fuhr Persephone zusammen, als ihre Mutter sie ansprach.

„Ich hatte dir eine Frage gestellt. Weißt du, manchmal glaube ich, Blake hat sein Ziel erreicht“, fuhr Charlotte nachdenklich fort. „Durch sein Verschwinden zwingt er dich, an ihn zu denken.“

„Nein, Mama, er bedeutet mir nichts mehr.“

Charlotte kam näher und umrundete den Schreibtisch, bis sie direkt vor Persephone stand, der sie einen Kuss auf die Stirn drückte.

„Was ist das für ein Parfüm, es riecht so gut.“ Persephone schnupperte. „Aber nicht zu erdrückend. Ist da Vanille und Moschus drin?“

Charlotte zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung.“

„Na gut, wie heißt es?“

„Es heißt … es hat keinen Namen. Es hatte keinen. Weißt du was, ich taufe es Tempers One. Jules, ein göttlicher Parfümier, hat es bei meinem letzten Besuch in London extra für mich zusammengemischt.“

„Mama, bitte!“ Persephone sank tiefer in ihren Stuhl. „Was hat es gekostet?“

„So schlimm war das gar nicht. Kaum mehr als fünfhundert Pfund.“

„Das nennst du sparen?“

„Aber ja, Jules hatte so viele Ideen, dass er mir zehn Düfte kreieren würde, wenn ich es ihm erlaube. Also habe ich nur eins genommen und ganze viertausendfünfhundert Pfund gespart. Byebye, dieses Mal werde ich brav sein. Ich verspreche es.“

Seufzend sah Persephone der großen, schlanken Gestalt nach, die anmutig aus dem Zimmer schritt.

Der Überraschungsgast

Unerbittlich schob Persephone den Gedanken an Charlotte beiseite, zum Weiterarbeiten war sie aber noch zu aufgewühlt. Sie griff nach der Tasse und behielt sie in der Hand. Sehr bewusst umschloss sie die Schale mit den Fingern und spürte der angenehmen Wärme nach, die der Tee verbreitete. Ab und zu führte sie das Porzellan an die Lippen, nahm einen Schluck Tee und trat schließlich ans Fenster.

Müßig beobachtete sie eine Krähe, die einen hellen Kiesel im Schnabel hielt, den sie auf dem Weg ablegte. Mit Nachdruck hackte sie darauf herum. Vielleicht war es etwas Essbares? Aus irgendeinem Grund ließ der Anblick Persephone schaudern.

Dabei war sie nicht abergläubisch. Sie sah in den schwarzen Tieren weder Unglücksboten noch Totenvögel. Weshalb dann dieses mulmige Gefühl? Gedankenverloren musterte sie das Gefieder der Krähe, das in der Sonne blau- und grünmetallisch aufschimmerte. Erst als Charlie zwei Mal in dem Ton bellte, mit dem er sie zum Spielen aufforderte, fuhr Persephone herum.

„Ja, ich weiß, wonach es aussieht. Erst schicke ich dich weg, weil ich arbeiten muss, und dann erwischst du mich beim aus dem Fenster gucken und Träumen.“

Großmütig rieb Charlie seinen Kopf an ihrem Bein. Zum Glück war er kein nachtragender Hund.

„Tja, jetzt muss ich dich furchtbar enttäuschen. Alles, was ich hätte erledigen sollen, ist liegengeblieben.“ Sie kraulte ihn hinter den Ohren, wo er es wie verrückt mochte. „Ein bisschen kalt ist mir. Dir auch?“

Charlie würdigte die alberne Unterstellung keiner Antwort. Mollig warm wurde es in diesem Haus nie. Vermutlich schätzten etliche Besucher der Pension ihre modernen Behausungen ganz anders wert nach einem kurzen Abschreckungsurlaub auf Wynden Manor. Im Winter froren Persephones Füße dank eines zusätzlichen elektrischen Radiators immerhin nicht zu Eisklötzen ab und in den Gästezimmern gab es neben der Zentralheizung offene Kamine, in denen Mrs Carson auf Wunsch Feuer entfachte.

„Tut mir leid, Charlie, ich kann nicht mit dir spielen“, schloss sie ihre Ausführungen.

Missmutig trottete der Mops an seinen Platz und Persephone nahm notgedrungen die Buchführung in Angriff.

Während sie die Zahlenkolonnen auf dem Monitor so hartnäckig anschaute, als ob sie eine Schlange beschwören wollte, wippte sie mit dem Fuß. Ab und zu streifte ihr Blick Charlie, der die Bewegung aufmerksam verfolgte. Sie ahnte, worauf er spekulierte. Ihren linken Slipper. Er rutschte immer weiter vor und drohte jeden Moment, auf den Boden zu fallen. Womit er zur Jagdbeute eines gewissen Sir Everard Charleston wurde.

„Ha, ich wusste es doch. Ich hatte die Rechnung bezahlt!“, rief Persephone triumphierend. „Und zwar schon im Mai! Was sagst du dazu, Charlie? Ist das nicht ein Skandal?“

Der Mops spitzte die Ohren, ließ seinen Blick aber nicht von dem Slipper. Das war normalerweise der Moment, in dem Persephone mit dem Fuß zurück in den Schuh fuhr und Sir Charleston das Nachsehen hatte.

Heute nicht. In der Halle schrillte die Hausglocke. Persephone zuckte erschrocken zusammen. Der Slipper rutschte von ihrem Fuß. Sir Charleston stürzte auf das Beutestück, nahm es eilig zwischen die Zähne und raste davon. Von klein auf hegte ihr Mops eine unheilbare Schwäche für Leder, und für Schuhe allemal. Wenn es wenigstens eines der zahllosen Exemplare aus dem Bestand ihrer Mutter getroffen hätte. Ein Modell aus dem Vorjahr, nicht würdig, überhaupt noch getragen zu werden. Charlotte verschmerzte diese Art von Verlusten leichter als Persephone, die nicht sehr viele Paare ihr Eigen nannte.

Ausgerechnet jetzt musste ihr Gast erscheinen. Vielleicht konnte sie bei der Begrüßung so tun, als ob es für eine Lady Temper of Wynden selbstverständlich war, jahraus jahrein nur am rechten Fuß einen Schuh zu tragen? Zu ihrem Aufzug passte es vielleicht? Bei ihrer Arbeit trug sie eine klassische Kombination aus weißer Bluse und blauem Rock, die Charlotte als viel zu altmodisch für ihre Tochter bekrittelte. Je nach Jahreszeit ergänzt durch wärmere Strumpfhosen und eine passende Strickjacke. Kurzentschlossen streifte Persephone den zweiten Slipper ab, behielt ihn in der Hand und wackelte prüfend mit den Zehen. Noch sahen die Füßlinge der Strumpfhose präsentabel aus. Weder Löcher noch Laufmaschen.

Sie hastete los.

„Charlie! Mein Schuh ist kein Kauknochen. Haben wir uns verstanden?!“

Dass sie den Mops ungerecht verurteilte, war ihr klar. Trotzdem wuchs ihr Ärger mit jedem Schritt. Besonders als sie auf den eiskalten Marmor in der Halle trat. Aber sie hatte Glück. Sir Everard Charleston stand der Sinn derzeit eindeutig nach ‚Lock-das-Frauchen-zum-Spielen-aus-dem Zimmer‘. Er war Richtung Küche geflitzt, wo er die ergebene Mrs Carson auf seiner Seite wusste. Auf halbem Weg dorthin stand er da, linste neckisch nach Persephone und wedelte mit dem Schwanz.

„Braver Hund!“, lobte sie ihn. „Schön warten.“

Ihr Mops spitzte die Ohren und schnüffelte.

„Emma …?“

„Ja bitte, Lady Persephone?“, kam es von Sir Charlestons vergötterter Mrs Carson fragend aus der Vorhalle zurück.

Sie nahm dort wohl gerade den Gast in Empfang.

„… seien Sie doch so nett und halten Charlie fest, wenn Sie in die Halle kommen. Er hat meinen Schuh gemopst.“

„Ist das etwa ein Hund?“, hörte Persephone einen Mann fragen.

Es klang unduldsam, aber Mrs Carsons antwortete zuvorkommend.

„Gewiss, das ist ein Mops.“

„Ich weiß, was ein Mops ist“, grantelte der Gast.

„Er ist sehr brav. Charlie, komm mit, du kriegst auch etwas besonders Leckeres. Das schmeckt dir viel besser als Frauchens Schuh. Wenn Sie mir bitte folgen wollen?“ Erleichtert lauschte Persephone der einschmeichelnden Stimme Mrs Carsons.

Während die Haushälterin mit dem Mops zur Küche eilte, richtete Persephone ihren Körper stolz zu voller Höhe auf und trat lächelnd auf ihren Gast zu.

„Sie müssen Mr Thornfield sein. Ich bin Lady Persephone Temper, seien Sie mir herzlich willkommen.“

„Ich wüsste nicht, warum ich Mr Thornfield sein sollte.“

Ihr Gegenüber musterte sie irritiert. Falls der verhutzelte alte Herr jemals über Augenbrauen oder gar Bart- und Haupthaar verfügt hatte, konnte man jetzt nichts mehr davon erkennen.

„Seit meiner Geburt heiße ich Edward Summers. Hat mein Neffe mich nicht avisiert?“ Er zog seine Mundwinkel nach unten.

War dieser Mann etwa die unwichtige Kleinigkeit, die ihre Mutter mit einer Handbewegung als uninteressant abgetan hatte? „Doch natürlich! Er hat sie angekündigt, entschuldigen Sie bitte. Das Versehen liegt auf meiner Seite.“

Mit seinen abstehenden Ohren und einem Übermaß an Falten erinnerte der Mann verblüffend an eine haarlose Sphinx-Katze. In seinem Fall wohl eher an einen Kater, korrigierte Persephone prompt.

Zu ihrer eigenen Überraschung fand sie den alten Herrn auf Anhieb sympathisch. Schon allein, weil er das Kunststück fertigbrachte, ein paar Zentimeter kleiner zu sein als sie. Wie bei jedem Neuankömmling versuchte sie zu schätzen, wie alt er sein mochte. Von seinem Aussehen her hätte sie an hundert Jahre aufwärts gedacht, aber er musterte sie aus unheimlich wachen Augen.

„Bitte, entschuldigen Sie nochmals“, warf Persephone hastig ein. „Willkommen auf Wynden Manor, Mr Summers.“

Er hob gnädig seine Hand, die wie dünnes, bläuliches Pergament schimmerte.

„Dieser Hund da …?“

Charlie kam wie auf Kommando an. Mrs Carson, die deutlich besser aussah als vorhin, folgte ihm. Unauffällig reichte sie Persephone den Slipper. Ohne einen Dank abzuwarten eilte sie in ihre Küche zurück, vermutlich um den Lunch zu richten, einen Mittagsimbiss, den man in Wynden Manor gegen halb zwei einnahm.

„Dieser Hund soll sofort von mir weggehen!“

„Wie bitte? Oh, Entschuldigung!“ Sir Charleston hatte den unbeobachteten Moment genutzt und Mr Summers mit der Schnauze angestupst. Persephone pfiff ihn zurück und fuhr den Mops schärfer an, als er es gewohnt war.

„Nein! Aus! Sir Charleston! Mr Summers will nicht mit dir spielen.“

„Gehört dieses Biest etwa Ihnen?“

„Ja, aber keine Sorge. Er darf sich nur im unteren Stockwerk aufhalten und ist immer unter Aufsicht“, gab Persephone nicht ganz wahrheitsgemäß zurück. „Außerdem ist er sehr sanft und brav.“

„Ha, das sagen alle, bis ihre Hundeviecher zubeißen. Hatte er da gerade Ihren Schuh im Maul?“

„Ja, aber das ist nur ein kleiner Spaß unter Freunden. Sie brauchen wirklich keine Sorge zu haben: Ich bringe Sir Charleston gleich zu Mrs Carson. Er wird Ihren Weg nicht mehr kreuzen.“

„Gott sei Dank.“

„Moment!“ Persephone streifte ihre Slipper über. Ihr Mops beobachtete sie intensiv, vermutlich weil er eine Gelegenheit witterte, erneut zuzuschlagen. „Denk nicht daran, Charlie.“

„Hör auf das, was dein Frauchen sagt.“

Das zweite Mal an diesem Tag fuhr Persephone erschrocken zusammen.

„… hier, Onkel, dein Gepäck.“ Ein junger Mann war lautlos in die Halle getreten. Hände und Schultern vollgepackt mit Taschen.

Sir Charleston begrüßte den Neuankömmling wie einen alten Freund und sprang begeistert an ihm hoch. Gegenüber Fremden besaß er ansonsten die Tugend der Zurückhaltung, aber heute war alles verdreht: Den unwilligen Mr Summers forderte er dazu auf, mit ihm zu spielen, und den jüngeren Gast empfing er noch viel enthusiastischer. Begeistert schleckte er ihm die Hand ab und wollte beachtet und gestreichelt werden.

Der junge Mann stellte die Taschen ab und kraulte den Mops hinter den Ohren.

„Torquill, kennst du diesen Hund?“, fragte Mr Summers spitz. „Ich dachte, hier sind keine erlaubt.“

„Gäste dürfen keine mitbringen, das stimmt“, bestätigte Persephone.

Charlie lief unterdessen in ihr Arbeitszimmer und kehrte gleich darauf mit einem Ball im Maul zurück, seinem Lieblingsspielzeug. Erwartungsvoll legte er es dem Fremden zu Füßen.

„Darf ich?“, fragte er Persephone.

„Bitte, ein guter Werfer hat bei Sir Charleston grundsätzlich einen Stein im Brett.“

„Bist du von Sinnen“, fuhr Mr Summers seinen Begleiter ungnädig an. „In einer Halle wie dieser, in der es vor Antiquitäten strotzt?“

„Keine Sorge, ich werfe ihn nicht.“ Gleich darauf kullerte der Ball über den Teppich und Sir Charleston jagte ihm glücklich hinterher.

„Torquill Thornfield.“ Der junge Mann streckte die Hand aus und nahm Persephones mit festem Druck in seine. „Ich hatte zwei Zimmer bestellt.“

Während ihr Hund lospreschte, um Torquill Thornfield zu beeindrucken, errötete Persephone. Hitze schoss ihr in die Wangen. Der Preis für den anziehendsten Gast, der je die Pension besucht hatte, gebührte eindeutig ihm. Neben seinen Grübchen beim Lachen gefielen ihr seine kurz geschnittenen, aber vollen dunklen Haare, die auf kunstvolle Art verwuschelt aussahen. Mit seinem etwas zu kantigen Gesicht und den dunkelblauen Augen, in denen Humor aufblitzte, gefiel er ihr sogar besser als Blake. Du lieber Himmel, wie kam sie nur dazu, einen Wildfremden mit ihrem Ex zu vergleichen?

„Sie hatten mit meiner Mutter gesprochen?“

„Ja, genau. An Ihre reizende Stimme würde ich mich erinnern“, setzte er charmant hinzu und musterte Persephone neugierig. „Ich habe zwei Mal mit der Dame des Hauses telefoniert, wenn ich mich recht entsinne. Warum? Gibt es Probleme?“

„Nein, keineswegs.“ Persephone überlegte nur gerade, wohin sie Charlotte mit ihren Kleinigkeiten wünschte. Charlie kam mit dem Ball im Maul angetrabt und hielt ihn Torquill erwartungsvoll entgegen.

„Wie wäre es, machen wir zwei nachher zusammen mit deinem Frauchen einen Spaziergang in den Garten?“

In ihrem Job erlebte Persephone durchaus unliebsame Überraschungen. Dass ein Gast ihr, ohne vorher ein Wort mit ihr zu wechseln, einen Spaziergang vorschlug, war noch nicht dabei gewesen. Nach ein, zwei Tagen, oder wenigstens einem gemeinsamen Tee gab es gegen einen Versuch nichts einzuwenden. Aber nach einer Minute gleich in die Vollen? Ihr gelang es wohl nicht, eine verblüffte Miene zu unterdrücken, obwohl sie darin geübt war.

„Ich wollte sie nicht bedrängen, Lady Persephone“, erläuterte Mr Thornfield. „Ich habe nur den Vorschlag Ihrer Mutter aufgenommen. Sie meinte, dass von Ihrer Seite sicher keine Einwände bestünden, die Angelegenheit so schnell wie möglich miteinander zu besprechen.“

Wieso hatte Charlotte ihr nicht wenigstens eine Andeutung gemacht, worum es ging?

„Aber wenn es Ihnen lieber ist, verschieben wir unser Treffen auf morgen.“ Mit einem amüsierten Glitzern in den Augen lächelte Mr Thornfield auf sie hinunter. Es hellte sein Gesicht auf und ließ ihn jungenhaft und fröhlich erscheinen.

„Ich äh …“

„Meinetwegen macht, was ihr wollt“, knurrte Mr Summers. „Solange bis ihr einen Entschluss gefasst habt, werde ich nicht in dieser zugigen Halle herumstehen! In der zudem ein Hundevieh frei herumläuft.“

Sir Charleston legte seine Stirn in tiefe Falten. Offensichtlich überlegte er, ob dieser seltsamen Mischung aus Katze und Mensch für seine eindrucksvollen Laute nicht doch mehr Respekt gebührte.

„Achtung, Charlie, pass auf!“ Mr Thornfield hob den Arm.

Gleich darauf rollte nach drei plumpen Täuschungsversuchen der Ball durch den Raum und Mr Summers war für Sir Charleston vergessen.

Persephone reichte Torquill ungefähr bis zur Schulter und er neigte seinen Kopf freundlich zu ihr hinunter, wenn sie etwas sagte. Ob er kleine Frauen mochte? Überhaupt Frauen? Wenn ja, war er bei seinem Aussehen und seiner netten Art vermutlich längst verheiratet. Oder zumindest vergeben.

„Was ist? Soll ich mir hier den Tod holen?“, nölte der Onkel.

„Entschuldigen Sie, Mr Summers. Wie unhöflich von mir.“ Persephone machte eine einladende Handbewegung. „Hier entlang geht es zum Fahrstuhl. Ich hole nur rasch die Meldeformulare, die Sie mir bitte ausgefüllt zurückbringen müssten.“

„Mit Vergnügen“, erwiderte Torquill.

Persephone hastete in ihr Büro, in dem Klemmbretter und Bögen bereitlagen.

Nach einem kurzen Seitenblick auf Mr Summers händigte Persephone ihm das für seinen Onkel gleich mit aus. Normalerweise setzte sie hinzu, dass der Name und die Adresse genügten, unter der ihr Gast zu erreichen war. Für heute verzichtete sie auf den Zusatz. Wenn sie Glück hatte, würde sie so unverfänglich über sein Alter und seinen Familienstand aufgeklärt werden. Nicht, dass das viel aussagte, selbst wenn er ledig war, konnte er trotzdem in festen Händen sein.

„Mein Onkel ist sonst nicht so bärbeißig“, flüsterte er ihr zu. „Aber er hat als Kind sehr schlechte Erfahrungen mit Hunden gemacht.“

„Ist er etwa gebissen worden?“, fragte Persephone mitleidig.

„Er könnte Ihnen tiefe Narben an seinem Bein zeigen.“

„Ich glaube es Ihnen, auch ohne den Beweis.“ Laut sagte sie: „Ich bringe nur rasch noch den Hund zu Mrs Carson.“ Sie schnappte ihren Mops, der darüber nicht sehr erbaut war, und verfrachtete ihn zu ihrer Haushälterin.

„Immerhin ein Mindestmaß an Komfort“, stellte der Onkel fest, als sie wenig später vor einer schmiedeeisernen Gittertür standen. „An einen Fahrstuhl habe ich in einem Gemäuer wie diesem kaum zu hoffen gewagt.“

„Er ist eingebaut worden, als mein Ururgroßvater schwer an Gicht erkrankt war. Aber keine Sorge, er wird ordnungsgemäß gewartet.“ Persephone schob die Tür beiseite und beschloss, Mr Summers im ‚grünen‘ Zimmer unterzubringen. Für einen Gast waren sie gerüstet. Blieb Mr Thornfield.

Zum Glück lüftete Mrs Carson alle Räume einmal die Woche gründlich durch, putzte und saugte die Teppiche ab. Frisch bezog sie die Betten jeweils bei Ankunft eines Gastes. Wenn das für den zweiten Gast noch nicht geschehen war, würde Persephone es umgehend selbst herrichten.

Mit einem leisen Quietschen stoppte der Fahrstuhl. Mr Summers Neffe hatte es vorgezogen, auf eine Fahrt in dem altertümlichen Käfig zu verzichten. Zum Dank dafür musste er schuften wie ein Packesel. Sein Onkel schickte ihn los, das Gepäck hochzuschaffen, noch bevor Persephone selbst Hand anlegen oder Mr Carson den Auftrag geben konnte.

Torquill lehnte es sogar ab, für das Gepäck den Aufzug zu benutzen. Während er die Taschen nach oben schleppte und zum größten Teil im Zimmer seines Onkels ablud, schlüpfte Persephone in den angrenzenden Raum. Erleichtert stellte sie fest, dass dort alles in bester Ordnung, sauber und aufgeräumt war. Draußen krächzten ein paar Krähen. Auffällig viele flogen in letzter Zeit hier herum und Persephone überlegte, was sie wohl anziehen mochte.

Frühstückspension?

Kaum zwanzig Minuten später klopfte jemand an die Tür ihres Büros. Sir Charleston war schon vorher aufgesprungen, schnüffelte und spitzte die Ohren. An seinem freudigen ‚Waff‘ erkannte Persephone, dass Torquill und nicht etwa sein Onkel bei ihr zu erscheinen gedachte. Unwillkürlich lächelte sie.

„Darf ich hereinkommen?“ Die Klemmbretter mit den Anmeldebögen hielt er in der Hand und nahm Platz, als sie auf die Stühle wies. „Mein Onkel wartet auf seinen Lunch und ich habe ehrlich gesagt auch Hunger.“

Aus gutem Grund führte Persephone, wie der Name ihres Hauses schon sagte, eine Frühstückspension. Weitere Mahlzeiten schloss der Umfang ihrer Leistungen normalerweise nicht ein. Sie wartete trotzdem ab und entschied kurzerhand, Torquill vorerst nicht zu unterbrechen. Schließlich konnte es gut sein, dass ihre Mutter nicht nur über die Zeit ihrer Tochter verfügt, sondern auch den Gästen das Blaue vom Himmel versprochen hatte. In der irrigen Annahme, Persephone dadurch zu helfen.

„Wenn Sie mir die Meldebögen geben, organisiere ich Ihnen anschließend einen Imbiss“, meinte sie, als Torquill geendet hatte. Sie streckte die Hand aus und nahm die Klemmbretter in Empfang. „Ich fürchte nur, dass Mrs Carson mittags keine warme Mahlzeit auftischt. Bis auf eine Pastete vielleicht? Dazu würden wir etwas Roastbeef reichen?“

„Danke, mir wäre beides recht, aber mein Onkel ist magenleidend. Er bevorzugt einen Tee und etwas Leichtes.“

„Oh, da frage ich gleich in der Küche nach.“

„Er möchte am liebsten im Bett speisen und anschließend seine Ruhe haben. Wären Sie so nett, mir das Speisezimmer zu zeigen, Lady Persephone.“

„Gerne, ich habe übrigens auch noch nicht gegessen.“ Ihre Mutter hatte sie bisher nicht erreicht. Allerdings waren Persephones eigene Überlegungen so weit gediehen, dass sie das anfänglich kurz aufgeflammte Misstrauen gegen Torquill sang- und klanglos beerdigte. Dieser ominöse ‚Spaziergang‘ beinhaltete offensichtlich rein Geschäftliches. Ob es um das Grundstück ging, auf dem der Park angelegt war?

„Wie wäre es, wenn Sie mir beim Essen Gesellschaft leisten, bevor wir beide Sir Charleston auf seiner Runde begleiten?“ Persephone überflog seine Daten auf dem Bogen.

Selbst wenn er unter der Fuchtel seines Onkels stand: Verheiratet war er nicht, von Beruf arbeitete er als Landschaftsarchitekt. Daher wohl sein Interesse an der Gartengestaltung von Wynden Manor, die der großartige Salomon de Caus Anfang des 17. Jahrhunderts in seine fähigen Hände genommen hatte.

Die in lauschigen Nischen aufgestellten Marmorstatuen stammten, so weit Persephone das beurteilen konnte, durchgehend aus einer späteren Zeit. Den Aufzeichnungen zufolge hatte ein George, der vierte oder fünfte Earl Wynden of Wynden, keinen geringeren als Louis-François Roubiliac mit der Aufgabe betraut, lebensgroße Figuren der klassischen Mythologie aus feinstem Marmor zu meißeln. Ein bombastisches Unterfangen, das mit der kompletten Verschuldung des Earls endete, zumal ihr Vorfahr kein gutes Händchen mit Spielkarten bewies und Unsummen verlor. Eine reiche Heirat machte Georges Börse rechtzeitig vor dem Bankrott wieder flott. Die daraus resultierende Ehe verlief wohl nicht sonderlich zufriedenstellend, wenn man dem Chronisten glaubte.

Persephone runzelte die Stirn. Genauso wenig wie ihre mit Blake glücklich geworden wäre. Dabei wusste sie nicht, welche Tatsache schwieriger zu ertragen war: Der Fakt, dass ihre Menschenkenntnis derart zu wünschen übrigließ. Oder Blakes Neigung, die Wahrheit zu verdrehen, wie es ihm passte.

Umständlich löste Persephone die Anmeldeformulare aus den Klemmbrettern. Das bot ihr die Gelegenheit, weitere Informationen unauffällig zu überfliegen. Als Zusatz führte Torquill die Bezeichnung ‚Kunstexperte‘. Vermutlich kam er in dieser Funktion als Besucher von Wynden Manor voll auf seine Kosten.

Er hatte sogar sein Geburtsdatum aufgeschrieben. Sie rechnete die Zahl schnell im Kopf aus und kam zu dem Ergebnis, dass er mit seinen Zweiunddreißig viereinhalb Jahre älter war als sie.

Persephone unterdrückte das breite Grinsen, das ihr Gesicht überziehen wollte, und begleitete ihn in die Halle hinaus, wo Sir Charleston mit wehenden Ohren und seinem Ball im Maul auf ihn zuraste. Torquill und ihr Mops waren beschäftigt.

Audley Blake

Persephone eilte in die Küche, um mit Mrs Carson den Speiseplan zu besprechen. Außerdem wollte sie ihrer Haushälterin auf den Zahn fühlen. Sie musste wissen, ob es ihr tatsächlich gut ging. Wenn nicht würde sie Mrs Gordon anrufen. Die Mutter des Wyndener Postboten sprang derzeit trotz ihres Alters ein, da die anderen Aushilfen Mallorca unsicher machten.

Sie klopfte, öffnete die Tür und stellte überrascht fest, dass besagte Dame gerade zu Besuch bei Mrs Carson weilte. „Entschuldigen Sie, ich wollte nicht ungebeten in Ihren Plausch hereinplatzen.“

„Als ob Sie stören würden, Lady Persephone. Kommen Sie bitte herein“, forderte Mrs Carson sie auf.

„Danke, Emma.“ Sie folgte der Einladung und reichte der Besucherin, einer zierlichen alten Dame, die Hand. „Gerade habe ich an Sie gedacht.“

Mrs Gordon war die Mutter des Postboten, eine hilfsbereite Frau, die Blake in seiner Kinderzeit Geborgenheit geschenkt hatte. Nicht nur Persephone mochte sie, alle anderen schätzten sie auch.

„Wie schön, Sie zu sehen, Lady Persephone. Ich bin nur kurz vorbeigekommen, um Mrs Carson das Rezept für die Maracuja-Orangen-Torte zu bringen, die ihr letzthin so gut geschmeckt hat.“

„Oh, das klingt lecker.“

Mrs Carson lächelte: „Ich werde das Rezept heute noch für die Schwestern auf der Station meiner Tochter zubereiten. Sie sind so nett, genau solche Schleckermäuler wie Sie, Persephone. Ihnen stelle ich morgen ein Stück zum Probieren auf die Anrichte.“

„Wie lieb von Ihnen, danke. Sie wissen ja, wie sehr ich ihre Backkünste schätze.“

„Ich würde zu gerne noch bleiben, um ein wenig zu plaudern. Mein Junge hat dafür keinen Sinn.“

Das glaubte Persephone ihr gerne. Der behäbige Rhys scheuchte seine Mutter gnadenlos herum. Ihr Fall war der Kerl nicht. Mrs Gordon hingegen mochte sie sehr gerne. Gelegentlich redete die alte Dame ein wenig viel, aber das musste man ihr nachsehen. Viel Ansprache hatte sie zuhause nicht.

Mrs Gordon, die ihre weißen Haare zu einem Dutt hochgesteckt trug, warf einen Blick auf die Wanduhr der Carsons und sprang auf. „Du liebes bisschen, so spät schon! Ich muss mich leider verabschieden.“

„Oh je, ich wollte Sie nicht vertreiben“, meinte Persephone erschrocken.

„Das tun Sie keineswegs. Aber ich muss noch einen Krankenbesuch und eine Besorgung erledigen. Vorhin komme ich vom Einkaufen und stelle fest, dass ich ausgerechnet die Würstchen für die Suppe vergessen habe. Dabei bin ich extra deswegen losgelaufen.“ Eilig streifte die alte Dame den Mantel über, den sie über einen Stuhl gelegt hatte, und trippelte zur Gartentür hinaus.

Persephone sah ihr lächelnd nach, während Mrs Carson die Teetassen zusammenräumte und in die Spüle stellte.

„Emma, kann es sein, dass meine Mutter unseren Gästen einen Imbiss versprochen hat?“

„Ausnahmsweise, hier steht es im Kalender. Hat Lady Wynden Ihnen das nicht mitgeteilt?“

„Nein, Sie wissen ja, wie sie ist. Meine Mutter denkt nicht im Traum daran, ernstzunehmen, was ich tue. Geschweige denn, dass sie glaubt, dass es Arbeit ist. Kann ich Ihnen mit dem Essen irgendwie helfen?“ Ärger klang in Persephones Stimme an, aber auf Mrs Carsons Verständnis konnte sie bauen.

„Wenn Sie Tee kochen würden.“

„Gerne.“ Persephone füllte Wasser in einen altmodischen Kessel, auf dessen Tülle eine Pfeife saß. Eine reiche Auswahl an Teesorten wartete hinter der linken Schranktür auf ihren Einsatz. Alles hier in der Küche machte einen hellen und fröhlichen Eindruck. Angefangen von den weißen Schränken bis zu Indiras Zeichnungen auf dem Kühlschrank, die dort schon seit einer halben Ewigkeit mit Magneten angepinnt waren. Vielleicht wünschten die Carsons sich die Kinderjahre zurück? Inzwischen war Indira siebzehn Jahre alt und das arme Mädchen machte eine schwere Zeit durch, statt in Discos zu tanzen und Spaß zu haben.

Auf Zehenspitzen durchstöberte Persephone das Tee-Sortiment und holte zwei Kräutermischungen heraus, eine spezielle für Magenbeschwerden, die andere mit Malventee, der vielleicht auch von Nutzen war.

„Mutter fand es nicht einmal nötig, mir mitzuteilen, dass heute zwei Gäste kommen und nicht nur einer. Dem alten Herrn steht der Sinn nach etwas Leichtem.“

„Ich dachte mir schon, dass ein Süppchen das Richtige für ihn ist, als ich ihn vorhin in das Haus geleitet habe.“ Mrs Carson setzte ein Häubchen auf und band eine Schürze um, wie immer wenn sie kochte.

Beides sah reizend an ihr aus. Obwohl sie die Vierzig schon seit einigen Jahren überschritten hatte, kam sie Persephone wegen ihres rundlichen, fast faltenfreien Gesichts und den kurz geschnittenen dunklen Haaren immer um einiges jünger vor als sie war. Mit verblüffender Geschwindigkeit schwang sie ihren Schneebesen. Zuletzt tauchte sie einen Löffel in den Topf und kostete von dem Inhalt.

„Gut!“ Mrs Carson nickte zufrieden. „Für den jungen Herrn und Sie habe ich Platten mit Sandwiches vorbereitet: Gurken-, Roastbeef- und Käse- …“

„… aus eigener Produktion, sollte ich unserem Gast vielleicht erläutern.“ Die kleine Molkerei warf als einziger Geschäftszweig ordentliche Gewinne ab, seit Persephone einen Markt beliefern durfte, der fleißig von Touristen frequentiert wurde.

„Außerdem stehen schon Kürbis-Pie, Seehechtterrine und Nierenpastetchen im Speisezimmer bereit.“

„Wunderbar, danke, Emma.“ Persephone hörte Sir Charleston verzückt bellen und wollte neben ihm in die Knie gehen, hielt aber inne. Einen Moment sah sie schweigend zu, wie Mrs Carson eine unappetitlich grau aussehende Porridge-Pampe in eine Porzellanschale füllte. Sorgsam drapierte sie Suppentasse, Löffel, Stoffserviette, Teekanne, Tasse und Untertasse auf einem Silbertablett, das seit einer halben Ewigkeit zum Familienbesitz der Earls of Wynden zählte. Selbstverständlich hatte Mrs Carson es vor seinem Einsatz auf Hochglanz poliert und jetzt strahlte es so, als ob es einen Spiegel ersetzen sollte.

„Sie waren gestern zu Besuch bei Ihrer Tochter in Torquay, nicht wahr?“

Mrs Carson schreckte zusammen, nickte aber.

„Mir ist aufgefallen, dass Sie vorhin sehr mitgenommen ausgesehen haben. Wenn ich fragen darf, geht es Indira schlechter?“ Obwohl Persephone nichts für die Misere des Mädchens konnte, überfiel das Schuldgefühl wegen Blakes liederlichen Verhaltens sie mit aller Macht. Wenn sie nur nie auf ihn hereingefallen wäre. Aber sie war es. Er hatte sie geblendet. Dass ein Abgrund hinter seiner charmanten Maske lauerte, war ihr zu der Zeit entgangen.

Am schlimmsten dabei fand sie, dass sie insgeheim immer eine Entschuldigung für ihn auf den Lippen trug. Sogar jetzt: Sie wusste, wie tierisch Blake darunter litt, dass er ein Bastard war. Gerade weil es in Persephones Familie keinen Mangel an unehelich gezeugten Kindern gab, fühlte sie ihm seinen Kummer nach.

So glänzte schon der erste Earl Wynden of Wynden durch die Abwesenheit einer legitimen Geburt. Ihm hatte der fehlende Trauschein seiner Eltern nichts ausgemacht. Auch ohne schaffte er es, die Gunst Heinrich des Siebten zu erringen. Er starb, bevor er die Position eines bevorzugten Höflings verlor, hinterließ seiner arg vernachlässigten Gattin aber doch einen legitimen Sohn.

Bei Blake sah die Sache anders aus. Sein Erzeuger leugnete die Vaterschaft entschlossen. Der Mann, ein hochrangiger Politiker der Konservativen, brachte es später zum Minister. Blakes Mutter strengte schließlich eine Unterhaltsklage gegen den Vater ihres Kindes an. Sie hasste beide, Minister und Sohn, die einander ähnlich sahen wie gespuckt. Der Prozess und seine Lügen brachten Blakes Erzeuger letztlich zu Fall. Was dem Vater-Sohn-Verhältnis nicht förderlich gewesen war.

Blake wuchs bei seiner versoffenen Großmutter mütterlicherseits auf, die ihn grün und blau schlug, wenn ihr danach war. So lange Persephone denken konnte, versuchte Blake, ‚dazu‘ zu gehören. Verzweifelt gierte er nach der Anerkennung der ‚höheren Kreise‘.

Ob ihre Verlobung nur zu dem großen Plan gehört hatte, dank der richtigen Frau gesellschaftlich anerkannt zu werden? Mrs Carson, die ihren eigenen Gedanken nachhing, ließ schließlich ein leises Räuspern vernehmen.

„Danke der Nachfrage, Persephone. Ich weiß gar nicht, was ich antworten soll. Die Wahrheit? Indira geht es nicht gut. Sie musste wieder auf die geschlossene Abteilung verlegt werden. In der Nacht zum Sonntag, bevor wir gekommen sind, hat sie es schon wieder versucht.“ In Mrs Carsons Augen schwammen Tränen. „Sie hat das Betttuch zusammengerollt, eine Schlinge an den Heizkörper geknotet und über den Kopf gezogen. Sie hat versucht … So genau wollten Sie das wahrscheinlich nicht wissen, aber …“

„Oh Emma, das tut mir so leid!“ Persephone umarmte ihre Haushälterin, die fassungslos schluchzte. „Kann ich irgendetwas für Sie tun? Wollen Sie sich den Rest des Tages frei nehmen?“

„Nein, bitte nicht, die Arbeit hilft mir. Ich würde sonst verrückt werden, wenn ich mir vorstelle, wie meine Tochter da hängt. Ich hatte keine Ahnung, dass ein Heizkörper reicht. Ich dachte, man braucht einen Haken und einen Stuhl. Indira konnte kaum reden, als wir sie besucht haben.

Heiser und fremd klang ihre Stimme. „Ich wusste nicht, dass das dabei so ist. So schlimm … Und auch nicht, wie man danach aussieht. Am Hals der breite rote Striemen. Strangulationsmarke, so haben sie es genannt. Ihr Gesicht war so furchtbar verquollen. Die Augen blutunterlaufen und überall diese winzigen Einblutungen. Sie wird einfach nicht fertig damit. Vielleicht hätten wir … Vielleicht war unsere Entscheidung für sie falsch?“

„Sie haben doch nur das Beste für Indira gewollt. Das alles ist so entsetzlich.“ In dem Moment hasste Persephone Blake bis aufs Blut. Wie konnte er nur eine Sechzehnjährige schwängern? Der Schock der Eltern, als ihre Tochter ihnen den Befund der Frauenärztin mitteilte. Persephones Wut auf Blake loderte mit der Erinnerung wieder hoch. Mr Carson, der Blake in ihrem Beisein am Kragen gepackt hielt und schüttelte. Seine weinende Frau und die verstörte Indira, die Zuflucht bei Blake suchte, der sie brüsk wegschob.

„Es ist furchtbar, unser kleines Mädchen so zu sehen. Während dieser Mensch, dieser Kinderschänder, in der Weltgeschichte herumstreift und seinem Vergnügen nachgeht.“

Bei dem Wort Kinderschänder zuckte Persephone zusammen.

„Emma, tu mir den Gefallen und benutze im Zusammenhang mit Blake diese Bezeichnung nicht!“ Mr Carson trat ein und begrüßte Persephone mit einem Kopfnicken. „Ich habe keine Lust, dass er davon Wind kriegt und uns mit einer Klage wegen übler Nachrede überzieht. Indira war schon sechzehn, als er sie geschwängert hat. Wir haben keine Handhabe gegen ihn. Du kennst die Rechtsprechung. Wir waren bei einem Anwalt. Wäre sie noch fünfzehn gewesen, hätten wir ihn wegen Verführung Minderjähriger anzeigen können. Auf Antrag der Erziehungsberechtigten wird der Tatbestand verfolgt. Sechzehnjährige können schlafen, mit wem sie wollen.“

„Fünfzehn oder Sechzehn, wo ist da der Unterschied, Paul?“ Mrs Carson schluchzte auf.

Ihr Mann nahm sie in die Arme und Persephone, die am liebsten unsichtbar gewesen wäre, ging neben Sir Charleston in die Hocke. Ihr klang Blakes Verteidigung noch im Ohr:

‚Sechzehn? Mir hat sie gesagt, dass sie praktisch achtzehn ist. Ich wusste es wirklich nicht. Oder denkst du, ich war mit ihr auf Facebook oder Instagram befreundet? Wie hätte ich ahnen können, dass sie lügt? Mit den kohlrabenschwarz gefärbten Haaren, den Tonnen an Schminke und den Piercings sieht sie nicht wie ein Kind aus. Sie ist mir nachgestiegen, Persy. Ich konnte mich ihrer kaum erwehren. Irgendwann dachte ich, von mir aus. Vielleicht lässt sie mich dann endlich in Ruhe. Okay, ich habe einen Fehler gemacht. Ich war angetrunken. Aber wir haben nur dieses eine Mal miteinander geschlafen und es hat nicht mal sonderlichen Spaß gemacht. Das kleine Biest hat mich reingelegt, hat behauptet, dass sie die Pille nimmt. Deswegen kannst du mich nicht verlassen! Liebste, bitte … Ich bitte dich!‘

Blake mochte vieles sein, ein Weiberheld unter Garantie, aber kein Kinderschänder. Angetrunken mit Sicherheit, sonst hätte er angesichts der Misere seiner eigenen Geburt selbst für die Verhütung gesorgt, statt dem Wort Indiras zu vertrauen.

Vor den Carsons verteidigte Persephone ihn trotzdem nicht. Dabei war ihr bei allem Verständnis für die überspannte Kleine durchaus klar, dass er damals nicht gelogen hatte. Indira hielt Blake für ihre große Liebe. Sie schwärmte von ihm und insgeheim vielleicht von einer großen Hochzeit im weißen Kleid und einer glücklichen Familie.

Dass Indira ihn hereingelegt hatte, glaubte Persephone nicht. Vermutlich ein Einnahmefehler und die Realität brach unerbittlich über das arme Mädchen herein. Indira war unfähig zu begreifen, dass Blake nicht im Traum daran dachte, für das von ihm bei dem Akt gezeugte Baby einzustehen. Obwohl er selbst ein ungewolltes Kind gewesen war. Vielleicht gerade deswegen?

Was Indira nicht wusste, nicht wissen konnte: Dass sie für Blake schlicht die falsche Mutter verkörperte. Nicht adlig, nicht von der Gesellschaft anerkannt. Jedenfalls nicht von den Leuten, auf die es ihm ankam. Ein Kind von Persephone wäre ihrem Verlobten zur Festigung der Beziehung jederzeit willkommen gewesen. Ihr Verhältnis hätte er im entsprechenden Fall sofort legalisiert.

Persephone war es mit dem Heiraten nicht eilig gewesen. Insgeheim hatte sie daran gezweifelt, ob sie ihren Auserwählten so liebte, wie sie es bei einer Ehe für unerlässlich hielt. Ihre Mutter lachte anfangs wegen ihrer Bedenken. Nach Bekanntwerden der Affäre nicht mehr. Persephones Gefühle für Blake fielen zusammen wie ein Kartenhaus, als sie von Indiras Schwangerschaft erfahren hatte.

Am Boden zerstört war sie nicht gewesen. Nur so zornig und aufgebracht wegen Indira, dass sie ihm eine schallende Ohrfeige verpasste. Wütend hatte er die Türen geknallt, war nach draußen gestapft und aus der Gegend verschwunden.

Da der Kindsvater durch Abwesenheit glänzte, überredeten die Carsons Indira dazu, das Baby abzutreiben. Weil sie es als Eltern für das Beste hielten. Ihrer labilen Tochter wollten sie die Mutterschaft nicht zumuten. Ein Fehler? Vielleicht. Bald ein Jahr war das jetzt her. Vier Wochen nach dem Eingriff hatte das Mädchen einen Selbstmordversuch mit den Herztabletten ihrer Großmutter unternommen. Die alte Mrs Carson verwand diesen Schock nie. Seit über einem halben Jahr ruhte sie nun schon unter der Erde, während ihre Enkelin seit dem ersten Selbstmordversuch die geschlossene Abteilung der psychiatrischen Klinik nur kurzzeitig und auf Probe verlassen hatte. Und jetzt das. Ein weiterer Selbstmordversuch.

„Ich mache mich kurz frisch.“ Mr Carson stapfte aus der Küche.

„Oh, Emma!“ Persephone eilte zu ihr und nahm sie in den Arm.

„Sie wissen ja, Indira ist zu sensibel. Sie war von jeher ein schwieriges Kind. Aber die Ärzte sind immer noch zuversichtlich.“ Mrs Carson tupfte über ihre Augen, schnäuzte die Nase und wusch sich gewissenhaft die Hände. „Und jetzt bringe ich unserem Magenkranken seine Suppe.“

„Nein, das werde ich tun. Ist sie noch warm genug?“, fragte Persephone zweifelnd.

„Dass sie nicht mehr kochend heiß ist, bekommt ihm ohnehin besser“, antwortete Mrs Carson matt.

Bedrückt nahm Persephone das Tablett auf und schritt durch die Halle. Ihr Gast spielte immer noch mit Sir Charleston. Nachdem sie keine Hand frei hatte, konnte sie ihm keine Handzeichen geben.

„Pst, leise!“, mahnte sie ihn. „Mr Thornfield, ich bringe Ihrem Onkel nur rasch sein Essen, könnten Sie noch einen Augenblick auf Charlie aufpassen.“

„Seien Sie doch so nett und nennen mich Torquill und nicht so förmlich mit dem Nachnamen.“

„Einverstanden, wenn Sie Persephone zu mir sagen.“ Sie eilte zur Treppe. „Nein, Charlie, du bleibst unten bei Torquill.“

„Bis jetzt war ich schließlich auch gut genug für dich, edler Sir.“

Persephone kredenzte Mr Summers seine Suppe, die er gnädig in Empfang nahm. Beschwingt lief sie die Stufen hinunter und führte Torquill ins Esszimmer.

„Bitte hier entlang. Hatten Sie eine gute Fahrt?“

„Eher einen ruhigen Flug. Ich komme geradewegs aus der Normandie, wo ich geschäftlich unterwegs war.“

„Dort soll es sehr schön sein.“

„Mir gefällt die weite Landschaft. Deutlich weniger Hecken als bei uns. Leider fahren sie auf der falschen Seite der Straße. Ich muss mich jedes Mal sehr zusammenreißen, dass ich keinen Unfall baue, wenn ich auf dem Kontinent unterwegs bin.“

Auf einer langen Tafel hatte Mrs Carson ein Buffet erlesener Speisen aufgebaut. Zwei Gedecke standen über Eck, daneben eine Karaffe mit Wasser und je eine mit rotem und weißem Wein. Sie griffen zu und plauderten angeregt über Reisen. Im Gegensatz zu ihr war er weit herumgekommen. Ihr fiel es leicht, während des Essens Sir Charlestons flehenden dunklen Augen zu widerstehen. Während Torquill immer wieder nach dem Hund schielte.

Der Mops saß zwar gesittet auf seinen vier Buchstaben und schmückte den Perserteppich mit seiner Erscheinung. Aber er verfolgte jeden Bissen mit einem derart intensiven Blick, dass Persephone trotz ihrer niedergedrückten Stimmung schmunzeln musste, als sie Torquill ansah und dessen Unbehagen spürte.

„Ich bin es nicht gewohnt, dass jemand derart gierig auf mein Essen starrt“, erklärte er. „Das macht mich nervös. Darf ich ihm ein kleines Stück Roastbeef geben?“

„Um Himmels Willen, nein! Ich bringe Sir Charleston raus, wenn er Sie stört.“

„Danke, aber ich bin ohnehin fertig.“ Ob es nun stimmte oder nicht, er legte das Besteck beiseite und die Serviette auf den Tisch. „Meinen herzlichen Dank an Ihre Köchin und für die nette Unterhaltung. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, Lady Persephone, aber ich brauche jetzt ein bisschen Bewegung.“

„Steht Ihr Angebot von vorhin noch? Darf ich mich Ihnen anschließen?“

„Bitte, ich freue mich. So nette Gesellschaft habe ich selten.“

Sir Charleston witterte auf geradezu magische Weise, dass etwas Interessantes im Busch war. Er sprang auf und lief zur Tür. Wild entschlossen zu verhindern, dass seine Menschen etwas ohne ihn unternahmen. Persephone holte die Leine. Bei Dunkelheit erlaubte sie dem Mops meist nicht, ohne herumzulaufen. Er neigte dazu, eigene Wege zu gehen. Sie dagegen streunte nachts nicht besonders gerne alleine im Park herum. Das Unumgängliche nahm er im Großen und Ganzen klaglos hin. Sonst hätte sie ihn, ohne mit der Wimper zu zucken, zu Mrs Carson verfrachtet. Bevor sie nach draußen gingen, vibrierte Persephones Handy.

„Einen Moment, bitte.“ Sie zog es aus der Hosentasche und schaltete es ein. Mist, fast kein Akku mehr. Seit dem neuesten System-Update fraß ihr Handy Strom ohne Ende. Sie hängte es an das Aufladekabel und öffnete Whatsapp. Ehrlich gesagt hatte sie damit gerechnet, dass die Mutter ihr von unterwegs über irgendwelche Staus, Probleme mit dem Auto oder Verzögerungen berichten wollte. Aber das war es nicht. Die Nachricht stammte von ihrer besten Freundin Agnes und sah um einiges länger aus als die gewohnten Zwei- oder Dreiwortsätze gefolgt von einer Unmenge moderner Smiley-Hieroglyphen.

‚Hi, Liebes, halt dich fest! Oder besser setz dich. Angeblich ist Blake in der Gegend gesichtet worden. Hast du was davon mitgekriegt? Habs eben erst gehört und wollte dich auf jeden Fall vorwarnen. Oder war er schon bei dir? Ich meine, ist ers gerade? Melde dich, okay? Ja oder nein genügt. Bleibt es bei später? Bis dann, Süße!‘

Persephone überflog die Zeilen. Sie las sie ein zweites Mal. Viel langsamer, Wort für Wort, bis sie endlich begriff, was da stand.

‚Nein‘, tippte sie als Antwort ein. ‚Aber danke. Bis dann. Du brauchst dich nicht zu beeilen. Ich bin mit Charlie und einem meiner Gäste unterwegs.‘

„Ich bin gleich bei Ihnen.“ Sie lächelte Torquill gezwungen zu und hastete in ihr Arbeitszimmer. Ob Blake wirklich in der Gegend war? Falls ja, was bedeutete das für sie? Unwillig wischte sie die Gedanken an ihren Ex-Verlobten beiseite, streifte eine Jacke über und tastete nach ihrem Schlüssel. Die restlichen Utensilien hatte sie in einer Umhängetasche verstaut: Leckerlis, die Tüten für Charlies großes Geschäft und ein Pfefferspray für unliebsame Begegnungen jedweder Art. Zudem eine Taschenlampe für alle Fälle. Obwohl sie den Spaziergang mit einem Wildfremden nicht bis zur Dunkelheit ausdehnen würde. Selbst wenn er ihr noch so sympathisch war. Sie pfiff nach Sir Charleston, leinte ihn an und musterte den Mann an ihrer Seite. Was hatten ihre Mutter und er geplant?

Torquill Thornfield

Persephone bummelte mit ihrem Gast über befestigte Wege des Parks, vorbei an Gräsern und Stauden in aufeinander abgestimmten Schattierungen und Farben. Entgegen ihrer Gewohnheit hatte sie Sir Charleston an die Leine genommen, obwohl es draußen noch hell war. Warum wusste sie selbst nicht so genau.

„Das Haus liegt recht einsam, so mitten im Nationalpark von Dartmoor“, meinte Torquill nach einer Weile. „Wenn der Strom ausfällt oder Wühlmäuse die Leitungen anknabbern, ist es hier sicher ungemütlich.“

„Waff“, setzte Sir Charleston sehr passend hinzu.

Sie fröstelte. Egal wie unvorteilhaft es aussah, sie stopfte die Hände samt Ende der Leine in die Taschen der Wolljacke.

„Für den Ernstfall stehen Kerzen und Petroleumlampen bereit“, erklärte sie. „Ein, zwei Mal ist es schon vorgekommen. Ansonsten wäre es in der Tat stockdunkel, da haben Sie recht.“

„Sie haben demnach keine Bedenken, dass die Lage Ihres Anwesens zweifelhafte Gestalten anzieht?“

„Nein, hier ist noch nie etwas passiert.“ Außerdem war Persephone fast nie allein. Emma und ihr Mann Paul lebten in einem angrenzenden Nebenflügel. Ihre Mutter verbrachte einen großen Teil ihrer Zeit, sogar den größten, auf Wynden Manor. Zwei Cottages lagen in Rufweite. Von ihren Zimmern aus waren sie nicht zu sehen, aber wenn sie die Fenster der Bibliothek öffnete.

„Was ist mit Gespenstern?“ Torquills Mundwinkel zuckten, obwohl er um einen ernsthaften Gesichtsausdruck bemüht war.

„Das hätten Sie fragen sollen, bevor Sie Ihren Onkel in einem Geisterhaus zurücklassen.“

„Läuft er etwa Gefahr an Leib und Leben, weil Ihre Gespenster gar zu gerne Porridge essen?“

„Nein.“ Persephone presste die Lippen aufeinander, um ein amüsiertes Glucksen zu unterdrücken.

„Aber Sie haben welche?“

„Etliche, nur leider unsichtbar und unauffindbar, sonst hätte ich sie schon zu Geld gemacht. Angeblich spukt eine weiße Frau in den Parkanlagen herum. Aber ich fürchte, Lady Eleanor besteht hauptsächlich aus Einbildungskraft und Nebel.“

Er lachte hell auf. „Geheimgänge?“

„Es gab einen, von der Besenkammer, also meinem Arbeitszimmer, zum Schlafzimmer der Earls of Wynden. Meine Großmutter hat ihn nach ihrer Hochzeit umgehend zumauern lassen, damit mein Opa nicht auf dumme Gedanken kam. Wenn wir wieder im Haus sind, kann ich Ihnen gerne die vermauerten Türen zeigen. Ich muss nur ein paar Ordner wegräumen.“

„Was für ein Skandal! Solche Geschichten interessieren übrigens meinen Onkel glühend.“ Zu zweit bummelten sie weiter zu Baumgruppen, die im Licht der warmen Herbstsonne Schatten warfen. Sie zogen die Blicke unwillkürlich in die Richtung, die dem Gartenbaumeister als Sichtachse vorgeschwebt war. Geschickt hatte er Bäume und Felsformationen in seine Komposition eingebunden. So gelang es ihm bis heute, dezent auf natürliche Grotten und lauschige Plätze für wundervolle Ausblicke oder heimliche Rendezvous hinzuweisen.

Es gab im Garten Bäume, die einen Weg so säumten, dass das Blätterdach einen Tunnel bildete. Sie durchschritten ihn und erreichten schließlich eine Anhöhe, wo wilde Clematis wucherte. Malerisch umschlangen die Waldreben zwei Figuren mit ihren Blüten und den fedrigen Fruchtständen des Vorjahres.

Amor in Gestalt eines gut gebauten Jünglings drückte einem jungen Mädchen einen Kuss auf. Dass seine edelsten Teile kindliche Ausmaße zeigten, war wohl dem Schönheitsideal der alten Griechen zu verdanken. Anders als die Nachfolgenden erwarten mochten, fanden sie ein ‚je kleiner, je besser‘ angebracht, wie ihr Vater angesichts der Statuen sehr ernsthaft berichtet hatte.

Persephone gab Sir Charleston, der seitlich ausbrechen wollte, ein Handzeichen und er marschierte eine Weile sehr brav weiter.

„Darf ich ihn mal nehmen?“, wollte Torquill wissen.

„Hier, bitte.“ Sie reichte ihm die Leine. „Was halten Sie von der Gegend?“

„Diese geschwungenen Hügel bieten jede Menge Möglichkeiten, da juckt es mich als Landschaftsgärtner, Pflanzen oder Sträucher ins rechte Licht zu setzen. Ruheplätze zu gestalten …“

„Mit Ausblick auf die zotteligen Schafe und die rotbraunen Rinder mit ihrem wuscheligen Fell?“, wollte Persephone von ihm wissen.

„Von mir aus gerne. An den Hügeln hat Salomon de Caus bei der Anlage des Parks nicht viel geändert, denke ich. Trotzdem sieht es hier wahrscheinlich vollkommen anders aus als damals. Mit den riesigen Eichen. Jeder Gärtner oder Gartengestalter drückt seinem Werk einen eigenen Stempel auf. Auch Pflanzen unterliegen Moden. Im Nationalpark gibt es übrigens noch deutlich ältere Bäume als die Ihren.“

„Ja, ich weiß, manche sind mehr als doppelt so alt“, bestätigte Persephone. „Mein Vater hat mir einige gezeigt. Außerdem gibt es hier Wasserfälle, Steinkreise und Menhire. Ist es nicht unglaublich, dass Menschen vor tausenden von Jahren durch diese Gegend gezogen sind? Dass sie vielleicht gerade hier Rast gemacht haben, wo wir stehen?“

Mit Sir Charleston kam Torquill offensichtlich gut zurecht. Wie er wohl war? Wirklich war? Ob er wusste, dass man die sanften Hügel in Dartmoor Tor nannte?

„Ich bin zwar kein Steinzeitmensch. Aber einen altertümlichen Namen trage ich immerhin. Er stammt aus dem Keltischen.“

„Wissen Sie, was er bedeutet?“

„Er erzählt eine ganze Geschichte, allerdings eine ziemlich kurze, die man noch ausmalen könnte“, erklärte er leichthin. „Torquill bedeutet: ‚Der von den Felsen aus dem Wald kommt‘. Der Name passt zu dieser Gegend. Finden Sie nicht auch?“

„Wie für Dartmoor erdacht. Früher sind hier Könige zur Jagd gegangen, so viele Wälder gab es. Es gibt immer noch welche. Aber dort, wo die Bäume abgeholzt wurden und die Heide blüht, kann man dafür wunderschöne goldene Sonnenuntergänge beobachten. Besonders um diese Jahreszeit sind sie spektakulär.“ Noch während sie redete, überlegte Persephone, warum sie die Gegend so wie in einem Reiseprospekt anpries. Von was wollte sie ihn überzeugen? Von den Vorzügen dieser Gegend und Wynden Manor? Oder ihrer Wenigkeit?

Er lächelte freundlich auf sie hinab. „In der richtigen Gesellschaft schaue ich mir alle Sehenswürdigkeiten gerne an. Ganz besonders die Sonnenuntergänge. Sehr lange müssten wir nicht mehr darauf warten.“

„Bis um sechs sind es beinahe dreieinhalb Stunden“, wehrte sie ab.

„Ist Ihnen das Abgelegene auf Dauer nicht langweilig? Oder zu einsam?“

„So weit ab liegen wir gar nicht. Wir befinden uns am Rand von Dartmoor, ‚Buckland in the Moor‘ liegt viel tiefer im Nationalpark als Wynden, würde ich sagen.“

Er runzelte die Stirn.

„Zumindest ein Stückchen“, verbesserte sie hastig.

„Das trifft es eher. Dort in der Pfarrkirche haben sie die Zehn Gebote in Stein gemeißelt. Wie sieht es in Ihrer aus?“

„Damit können wir Wyndener leider nicht dienen. Aber mit einem Pub.“

Zielstrebig schlug er einen Weg ein, der tiefer in den Park an einer Nische vorbeiführte. Dieser lauschige Platz war mit einer lebensgroßen Statue der Göttin der Jagd, einer Diana, bestückt.

Inmitten eines Pavillons stand die nackte Schönheit unaufgeregt da, vollkommen unbeeindruckt von der Bewunderung ihrer beiden Besucher. Torquill fuhr über einen matten Marmorzeh.

„Sehen Sie mal, wie fein er gearbeitet ist.“

„Nein, Charlie, nicht!“, unterbrach Persephone seine Ausführungen jäh.

Sie nahm Torquill die Leine aus der Hand. Das Betragen des Mopses war bis dahin derart vorbildlich gewesen, dass sie zu spät auf ihn aufmerksam geworden war. Trotz des eindringlichen Befehls schaffte sie es nicht mehr rechtzeitig, ihn daran zu hindern, den weißen Marmorsockel mit seiner Duftmarke zu versehen.

Stolz schnüffelte er an seiner Pfütze.

Torquill lachte beim Anblick ihres Gesichts laut auf. „Haben Sie Angst um den Marmor? Es braucht schon ein paar Hunde mehr, um ernsthaft Schaden anzurichten, was Sir Charleston?“

Der Mops wedelte begeistert mit dem Schwanz, als Torquill ihn kameradschaftlich unter dem Kinn kraulte.

„Außerdem sorgt das erst für die ‚echte‘ Patina. Nein ernsthaft, meine Kunden schätzen solche Spuren. Sie zahlen schließlich für Antiquitäten und die Statuen in ihrer Gartenanlage sind wirklich in einem ausgezeichneten Zustand. Kaum verwittert.“

„Kunden?“, fragte Persephone vorsichtig nach.

„Ich kann begreifen, dass Sie es sehr bedauern, die Werke verkaufen zu müssen.“

Moment, da lief etwas falsch: Sie war extrem überrascht, wie er auf die Idee kam, dass sie die Statuen verkaufen wollte. Hatte ihre Mutter ihm nicht nur einen Lunch versprochen, sondern auch den Ausverkauf der Skulpturen beschlossen? Zugegeben eine Idee, auf die Persephone selbst hätte kommen können. Aber was war der Garten ohne Diana, Amor und Psyche und die diversen kleineren Nymphen, denen Apollon nachgestellt hatte?

„Ich werde Sie nicht übervorteilen, falls Sie das fürchten?“

Persephone winkte ab. „Verstehe ich das richtig: Meine Mutter ruft Sie an und Sie lassen Knall auf Fall alles stehen und liegen, um unseren Garten und die Figuren anzusehen?“

„Finden Sie das verwerflich? Gelegenheiten wie diese und die Aussicht auf echte Roubiliacs sind rar. Sie hat sogar eine Expertise aus den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts beigelegt. Lady Wynden meinte, dass man Sie, Lady Persephone, dringend von den Sorgen um das Haus erlösen müsste. Diese Worte waren mir Befehl. Zumal sie so nett war, mir zu erlauben, mich vorher in aller Ruhe im Park umzusehen.“

„Ich wundere mich nur ein bisschen, dass meine Mutter einen Kunsthändler kennt …“

„… beziehungsweise einen Gartengestalter“, fuhr er fort. „Sie finden das ungewöhnlich für Lady Wynden?“

„Nein, verstehen Sie mich nicht falsch.“ Weit mehr verblüffte es Persephone, dass Charlotte wusste, welcher Künstler die Statuen geschaffen hatte. Außerdem war es ihrer Mutter gelungen, diese Expertise aufzutreiben, die Torquill hergelockt hatte. Sie musste doch mehr von den Unterlagen verstehen, als sie zugab.

„Eltern überraschen einen immer wieder, nicht wahr?“

Sie nickte lahm. Um die Dinge in ihrem Kopf zu sortieren, musste sie klarer sehen. Vor allem wollte sie es vermeiden, ihr vollkommenes Unwissen über die Absprachen zwischen ihm und Charlotte preiszugeben. Sie verspürte einen kleinen Stich bei der Vorstellung, dass die beiden vielleicht persönlich miteinander verhandelt hatten. Eifersucht? Nein, ihre sprunghafte Mutter war einfach eine Plage.

Torquill beobachtete sie besorgt. Er bangte vermutlich um den Verkauf. Die Luft roch sauber und klar, vielleicht etwas feuchter als sonst. Die Wiesen quatschten sogar ein wenig, wenn man auf die Grasbüschel trat. Das weiche Moos speicherte den Regen. Vielleicht war es ganz gut, dass die Reservoire wieder einmal gefüllt waren und nicht nur die Schüsseln oben auf dem Dachboden.

„Ihren Onkel haben Sie wegen des Verkaufs gleich mitgebracht?“

„Stimmt, er arbeitet als Notar in einer großen Kanzlei in London und ist über jeden Zweifel erhaben.“

„Im Gegensatz zu Ihnen?“

Statt böse zu sein, brach Torquill in fröhliches Gelächter aus. „Das beurteilen Sie bitte selbst.“

„Haben Sie denn schon geprüft, ob die Statuen echt sind?“ Wie unlogisch, darauf zu hoffen. Als Kind war sie mit ihrem Vater oft hierher spaziert und er hatte ihr Geschichten von Persephone erzählt, ihrer Namensvetterin, die den Winter in der Unterwelt verbringen musste, um im Frühjahr begleitet von jungem Grün und einem Blumenmeer auf die Erde emporzusteigen. Von ihr war es nicht weit zu den griechischen Göttersagen. Vielleicht nicht das richtige Erbauungsmaterial für ein kleines Mädchen, aber sie hatte den Dramen wie gebannt gelauscht. Und jetzt sollte sie Abschied von den Skulpturen nehmen? Ihr blutete das Herz bei dem Gedanken, aber wenn sie das Haus dadurch halten konnte? „Vielleicht ist einer meiner Vorfahren auf die Idee gekommen, die echten Statuen durch schlechte Kopien ersetzen zu lassen.“

„Eine gute Geschäftsfrau würde mir das nicht auf die Nase binden.“ Er hob die Brauen.

Sir Charleston schnüffelte und spitzte die Ohren. Er sah hochkonzentriert aus, wie wenn er gerade die Witterung eines Tieres aufnahm, das ihm momentan viel interessanter vorkam als Persephone und Torquill zusammen und in Potenz. Er wollte los, dabei hatte Persephone ihn von klein auf dazu erzogen, nicht an der Leine zu zerren.

„Bei Fuß! Wirst du wohl brav sein!“, mahnte sie ihren Mops.

„Nein ernsthaft, Lady Persephone. Welchen Sinn würde es machen, derart sorgsam gearbeitete Kopien herstellen zu lassen, deren Material allein ein Vermögen kostet? Ein Marmorblock dieser Qualität, meine Dame. Der Stil, in dem die Skulpturen gearbeitet sind, das Interesse des Künstlers an der Bewegung der Figur und die exzellente Beherrschung der Mimik sind zumindest typisch für Roubiliac. Wussten Sie, dass er eine außerordentlich schöne Frau gehabt haben soll, die ihm Modell für seine Werke stand?“

Persephone schüttelte den Kopf. „Hat er sie in einer der Göttinnen oder der Nymphen verewigt, was meinen Sie?“

„Klassische Züge tragen sie alle. Demnach hätte er auch mit Ihnen bekannt sein können. Es ist erstaunlich. Bei Ihnen findet man das gleiche zart gemeißelte Gesicht wie bei seinen Skulpturen.“

Ein alberner Vergleich! Außerdem war er viel zu übertrieben, trotzdem spürte Persephone, dass eine Hitzewelle in ihre Wangen stieg. Ihr Mops zog ungeduldig an der Leine. Persephone folgte ihm.

„Was hat Sir Charleston?“, fragte Torquill.

„Wahrscheinlich einen Hasen erschnüffelt.“

„Na, dann wollen wir ihm seinen Spaß lassen!“

Offensichtlich war es auch ihm nicht eilig, zurück nach Wynden Manor zu kommen. Eine Gruppe von Granitbrocken ragte unvermittelt vor ihnen hoch. Auffallende Querrillen durchzogen sie. Als Kind hatte Persephone gedacht, dass Riesen ihre Fingernägel nachts im Dunkel an den Steinen wetzten. Ihre Mutter war in lautes Gelächter ausgebrochen, als sie ihr damals von ihrer vermeintlichen Entdeckung erzählt hatte. An Feen hatte Persephone noch etwas länger geglaubt. Kein Wunder, in diesen Wäldern mit den knorrig verbogenen, moosbewachsenen Stämmen und Ästen und den Nebeln, die hochwaberten und ihr eigenes Leben führten.

„Darf ich Sie etwas fragen, das mir gerade durch den Kopf geht?“

Er stutzte. „Gerne. Aber ohne unhöflich wirken zu wollen: Ob ich Ihnen antworte, müssen Sie mir überlassen.“

„Keine Sorge, Ihre Gehaltsabrechnung interessiert mich nicht.“

„Nicht? Gut zu wissen, die ist sonst sehr begehrt. Womit kann ich Ihnen helfen? Die Vertragsmodalitäten wollte ich im Beisein meines Onkels klären. Aber nach dem, was Ihre Mutter angedeutet hat. Wenn Sie das Geld dringend brauchen …?“

„Nein! Ich muss für die fälligen Reparaturarbeiten erst Kostenvoranschläge machen lassen. Es geht um Charlie. Mir kam es so vor, als ob er Sie kennt. Gegenüber Fremden ist er normalerweise nicht so zutraulich“, führte Persephone weiter aus. „Auch nicht aggressiv. Er ignoriert sie, wenn er sie gar nicht mag. Aber bei Ihnen, diese Freude. Deshalb habe ich mich gewundert.“

„Das haben Sie gut beobachtet.“ Torquill betrachtete Sir Charleston, der oft am Boden schnupperte oder aber die Nase in die Luft hielt und witterte.

Unbeirrbar steuerte der Mops auf ein Ziel zu, das nur ihm bekannt war. Das er aber für so unglaublich wichtig hielt, dass er seinen neuen Freund und Persephone unbedingt hinführen musste.

„Ja, wir zwei haben uns bereits am Vormittag kennengelernt“, erklärte Torquill. „Er war in Begleitung eines braungebrannten Herrn an die Fünfzig. Mittelgroß, etwas untersetzt, wellige braune Haare, hohe Stirn. Erkennen Sie ihn an der Beschreibung?“

„Aber ja, das ist Paul Carson, unser Mann für alles.“

„Ein netter Mensch und sehr kompetent. Er war so freundlich, mir zu beschreiben, wo ich die Statuen finde und mich sogar ein Stück zu begleiten. Ihr Mops hat mich zuerst hochnäsig ignoriert. Man muss schon um seine Gunst buhlen. Aber dann war das Eis gebrochen und wir haben uns hervorragend verstanden. Ihr Gärtner hat mir ein bisschen was über die Geschichte der Parkanlage erzählt. Bei ihm gewinnt man den Eindruck, dass er alle Unterlagen, derer er darüber habhaft wird, eingehend studiert. Ein unerschütterlicher Mann, zumindest kommt er mir so vor.“

Persephone nickte. Paul Carson war ein Fels in der Brandung, der seinen Kummer um Indira verbissen hinunterschluckte. Wie es in seinem Inneren aussah, wusste nur er selbst – und vielleicht noch seine Frau.

Sir Charleston hat es eilig

Torquill und Persephone folgten Sir Charleston und genossen den zauberhaften Herbstnachmittag. Wenn die Sonne zwischen den Wolken hervorlugte, leuchteten die rotgelb gefärbten Blätter auf. Im Hintergrund rauschte der Wyndener Wasserfall. Trockene Blätter raschelten. Manche Felsen erinnerten an die Überreste einer zerfallenen Burg.

Sir Charleston liefen seine Menschen offensichtlich nicht schnell genug. Der Mops zog wie verrückt an der Leine. Gar nicht beruhigen konnte Persephone ihn.

„Gut, gehen wir ein bisschen schneller. Los, Charlie, lauf zu.“ Sie beschleunigte den Schritt und tat so, als ob die Initiative dazu von ihr ausgegangen wäre. „Kommen wir zurück auf die Statuen, und, bitte, entschuldigen Sie meine Direktheit: Wie viel würde ich bekommen, wenn ich eine verkaufe?“

„Mein Kunde ist nur an einem Ensemble interessiert. Es müssten mindestens vier Ihrer Skulpturen sein.“

„Darf ich raten: Diana, Amor, seine Liebste Psyche und Nike, die geflügelte Siegesgöttin.“ Persephone presste unwillig ihre Kiefer zusammen.

Zwei Tauben, vielleicht ein paar Exemplare aus dem antiken Taubenschlag, flatterten vor ihnen auf. Gleich darauf saßen sie auf einem Haselstrauch und gurrten. Wie im Märchen. Furchtbar kitschig. Persephone warf Torquill einen schnellen Seitenblick zu.

„Sie wollen sie nicht weggeben?“

„Sieht man mir das so deutlich an?“

Er grinste. „Gut, wie Sie wünschen. Dann Apollon und drei seiner willigeren Gespielinnen?“

Persephone zögerte.

„Sie brauchen Bedenkzeit?“

„Ja bitte.“ Sie war froh, dass Torquill ihr eine kleine Verschnaufpause ließ. Dass es ihr so schwerfiel, einen Verkauf auch nur in Betracht zu ziehen, hätte sie nicht gedacht. Allerdings hörte sie förmlich das missbilligende ‚Wie kannst du nur!‘ ihres Vaters. Doch wenn das Geld half, die Löcher im Dach zu stopfen? „Danke für Ihr Verständnis, Mr Thornfield.“

„Keine Ursache, Lady Persephone. Ich frage mich, ob es eventuell möglich wäre, meinen Aufenthalt auf Wynden Manor um ein paar Tage zu verlängern? Wir lernen einander besser kennen, ich überzeuge Sie von meiner Seriosität und mache Ihnen bei meiner Abreise ein faires Angebot?“

„Momentan stehen die Gäste nicht gerade Schlange.“

„Dann ist das abgemacht?“

Sie nickte.

„Das freut mich.“

„Bleibt Mr Summers auch?“

„Nein, so wie ich meinen Onkel kenne, wird er Ihr Haus morgen Früh mit fliegenden Fahnen verlassen.“

„Wegen Sir Charleston, oder weil es ihm in Wynden Manor nicht behagt?“

Obwohl ihr Hund wie ein Wilder an der Leine zog, spitzte er die Ohren. Wie immer, wenn sein Name fiel.

„Ersteres, schätze ich. Übrigens ist mein Onkel als Fünfzehnjähriger vor sechzig Jahren schon einmal in Wynden Manor gewesen, Lady Persephone.“

„Tatsächlich?“

„Irgendetwas gab es da. Mehr hat er mir leider nicht anvertraut.“

„Wie schade. Das hätte mich interessiert.“ Sie bummelten nebeneinander her, einen der namenlosen Hügel hoch. Sir Charleston zerrte heftig an der Leine.

Irgendwann zog Torquill die Augenbrauen hoch. „Ich frage mich ernsthaft, wo Ihr Hund mit Ihnen hinwill.“

„Wenn ich das wüsste. Bisher war er nur einmal annähernd so aufgeregt wie jetzt“, erklärte sie ihm. „Da hat er mir einen toten Fuchs gezeigt. Aber dieses Mal ist er anders. Viel aufgebrachter.“

Der Mops lief entschlossen querfeldein. Das war der Moment zum Anhalten. Genau jetzt sollte Persephone Augenkontakt zu ihrem Hund suchen und ihn ernst fragen, was in ihn gefahren war. Wegen eines Häschens konnte ein adeliger Mops wie er doch nicht jede Haltung verlieren.

Es musste etwas anderes sein. Er war vollkommene Konzentration, aber auch auf seiner Hut. So wie er die Ohren legte und sich anpirschte. Vielleicht ein Mensch in Not? Da half nur eins: Nachsehen! Die Wyndener Wasserfälle rauschten im Hintergrund. Sie reichten nicht besonders tief hinunter. Keine eindrucksvollen Sturzbäche. Aber die Regenbögen, die dort bei Sonnenschein schimmerten, fand Persephone wunderschön. Allerdings versperrten sie und ein Stück Moor ihnen den Weg in die Richtung, die Sir Charleston vorschwebte. Hier wuchsen Torfmoose, Flechten und wilde Orchideen und im Sommer flatterten Libellen und Schmetterlinge dort herum. Ein kleines Idyll. Sie mussten die Hindernisse sehr zum Unwillen des Mopses weiträumig umrunden.

„Achtung, aufpassen!“ Torquill wies auf einen Wurzelausläufer, der Persephones Weg kreuzte.

„Danke, wie nett, das war sehr aufmerksam von Ihnen!“ Unterhaltsam, freundlich, besorgt, zuvorkommend … Persephone hätte die Aufzählung von Torquills erfreulichen Eigenschaften ohne Schwierigkeiten fortsetzen können, wenn sie die Muße dazu gehabt hätte.

Schließlich erreichten sie den Zugang zu einer Weide, sie öffneten das Tor und schlossen es hinter sich. Zielstrebig führte Sir Charleston sie auf ein paar Felsbrocken in der Senke zu. Die dichten Hecken der Weide gingen in eine Baumgruppe und wild wucherndes Unterholz über. Charlie zerrte an der Leine. Sein Atem hatte inzwischen einen unguten, keuchenden Beiklang erhalten, so ungeduldig strebte er nach vorn.

„Wollen Sie noch weiterlaufen, dann lasse ich Sir Charleston von der Leine, bevor ich ihn erwürge. Ansonsten machen wir kehrt.“

„Ist er immer so?“

„Nein, überhaupt nicht. Dieses Verhalten finde ich sehr merkwürdig.“

„Na, dann lassen Sie ihm seine Freiheit. Jetzt bin ich neugierig.“

Sie folgten ihm, so schnell sie konnten. Ab und zu rannte Sir Charleston zu ihnen und gab aufgeregt jaulende Laute von sich, als ob er sie animieren wollte, ihm schneller zu folgen und seine Entdeckung zu würdigen.

„Was hast du nur?“ Sie rätselte noch immer. „Warum regst du dich derart auf?“

Mit seinen dunklen Kulleraugen sah er kurz zu ihr hoch und musterte sie – irgendwie erwartungsvoll. Offensichtlich kapierte er nicht, wieso Persephone derart begriffsstutzig war.

Eine seltsame Statue

Persephone und ihr Begleiter hatten inzwischen die Höhe des Wynmoor Tors, eines langgezogenen Hügels, überquert und waren auf Hecken gestoßen, die in dichtes Unterholz übergingen. Sir Charleston lief auf eine Baumgruppe zu, die an ein kleines Wäldchen erinnerte.

„Persephone, warten Sie bitte einen Augenblick.“ Torquill fasste nach ihrer Hand. „Sehen Sie das?“

„Was?“

„Da hat etwas im Sonnenlicht aufgeschimmert.“

Sir Charleston blieb stehen und winselte. Er drängte sich an Persephone, die spürte, dass er am ganzen Körper bebte. Was war nur los mit ihm? Hatte er Angst? Im nächsten Moment hielt er seine Nase wieder in die Luft, schnüffelte und lief weiter.

Persephone kniff die Augen zusammen. „Wo? Ich sehe nichts.“

„Wegen der Wolken. Jetzt liegt alles im Schatten. Wir müssen näher heran.“

Der Geruch nach Moder lag bei saurer, feuchter Erde von Natur aus in der Luft, aber hier schlug er ekelhaft penetrant durch. Süßlich, widerlich.

Persephone rümpfte die Nase. „Riechen Sie das auch?!“

„Wie könnte ich nicht …“ Torquill starrte schweigend zu dem sanften Abhang hinüber. Mitten hinein in die Dornenhecken. Liguster, Brombeeren und Wildrosen.

Er hatte Recht. Da schimmerte tatsächlich etwas im Unterholz und zwischen den dunklen Stämmen. Man musste allerdings sehr genau hinschauen, um es zu erkennen.

„Was soll das sein? Eine Statue?“, fragte er.

„Ich wüsste nicht, dass dort eine steht.“

„Nicht wahr? Mr Carson hat mir gegenüber diesen Standort auch nicht erwähnt. Die Skulptur stünde sehr weit von den anderen entfernt. Ziemlich abgelegen.“

Es roch nach Tod und Verwesung. War ihr Mops etwa diesem Geruch nachgejagt? Persephones Knie wurden weich.

Torquill schnüffelte. „Der Gestank ist ekelerregend.“

Es ist nur ein totes Tier, wie ein Gebet wiederholte Persephone den Satz. Ohne ihren Begleiter wäre sie kein noch so kleines Stück mehr vorgegangen. Nicht einmal Sir Charleston zuliebe. Sie zog die Jacke über die Nase. Mit jedem Schritt hinunter wurde der Geruch abstoßender. Sir Charleston winselte kläglich.

Sie stolperte über etwas Hartes. Einen Stein, den sie übersehen hatte. Den Fluch, der ihr auf den Lippen lag, unterdrückte sie gerade noch. Rechtzeitig vor was? Unbehaglich betrachtete sie die Bäume. Stand dort jemand? Versteckt? Als ob Torquill ihre Gedanken gelesen hätte, schaute er hin und her und musterte die Stämme mit kritischem Blick. So weit sie das beurteilen konnte, lauerte nichts und niemand dort. Kein Knacken, keine Bewegung verriet, dass jemand sie beobachtete.

Persephone war alles andere als erbaut über ihre ausufernde Fantasie, die in der Dunkelheit beängstigende Blüten trieb. Sie tastete in der Tasche nach ihrem Pfefferspray und lauschte. Abgesehen von Sir Charlestons war nur Torquills und ihr eigener Atem zu hören. Es war und blieb seltsam und eigenartig still. Unwillkürlich packte Persephone Torquills Arm. Wahrscheinlich viel zu fest. Er lächelte ihr beruhigend zu, sagte aber nichts. Wie ausgestorben kam ihr die Senke vor.

Totenstill.

Das Unbehagen in Persephone schwoll zu nackter Panik an. Sie wagte kaum zu schlucken, aus Angst vor dem glucksenden Geräusch, das sie erzeugte. Torquill schien nichts dergleichen zu empfinden. Er bog lästige Zweige zur Seite, die knackten, als einige morsche abbrachen. Persephone blieb trotzdem mit ihrer Jacke am Dornengestrüpp hängen, zerrte daran und ratschte ein Loch in den Stoff. Schließlich erreichten sie eine Art Lichtung.

Der Mops lief zu einem kniehohen Felsen vor, scharrte und versuchte, das weiße Material einer lebensgroßen sitzenden Figur mit den Zähnen zu fassen. Im ersten Moment dachte Persephone bei dem Anblick der Skulptur an moderne Kunst. Vielleicht ein Werk eines zeitgenössischen Künstlers, das seit Jahren unbeachtet hier herumstand und ihr bei Streifzügen nie aufgefallen war. Nein, das Szenario schied aus. Sie selbst kam nicht oft in die Gegend, aber Mr Carson hatte ihr auch nichts von diesem Kunstwerk berichtet.

Sir Charleston scheuchte mit seinem Ungestüm eine Krähe auf, die auf der Schulter des Sitzenden hockte. Der Vogel öffnete den Schnabel und tat krächzend sein Missfallen kund. Schließlich breitete er die Flügel aus. Unheilvolles Krächzen erfüllte die Luft. Persephone brachte es nicht fertig, noch einmal zu der gespenstischen Figur zu schauen. Wie erstarrt blieb sie stehen, unfähig auch nur einen Finger zu rühren.

Torquill legte seinen Arm um sie und zog sie dicht zu sich heran. Er war so tröstlich warm und sie fasste Mut. Überall auf dem Boden lagen helle Brocken. Aus Marmor konnten die Teile schon aufgrund ihrer bröseligen Konsistenz nicht bestehen. Vielleicht Gipsklumpen? Oder Beton?

Sie rätselte, bis ihr Blick auf den Fuß der Statue fiel.

„Nein! Nein!“, schrie sie entsetzt auf. „Da ist ein Zeh. Ich bin mir sicher, dass unter dem Gips, dem Beton … also unter dieser Schicht ein Zeh steckt. Ein Zeh! Von einem Menschen! Du lieber Himmel, Torquill … da drin steckt ein … Mensch.“

Sie schluchzte auf und starrte mitten ins Gesicht der falschen Statue. Auch dort war der Gips zum Teil abgebröckelt. Rötlich gefärbt wirkte das Material auf Brust und Bauch. Sah Persephone etwa Blut, wo keines war? Ihr Blick ging höher. Das unheimliche Glotzen der dunklen Augenhöhle ängstigte sie. War das Auge unversehrt? War der Augapfel überhaupt noch da? Nicht hinsehen!

Persephone fing an zu zittern. Eine Welle von Übelkeit schwappte in ihr hoch. Ihre Zähne klapperten aufeinander. Auf ihrem Grund und Boden, auf dem Gebiet von Wynden Manor hatte jemand einen Mord begangen! Schließlich hatte der Tote gewiss nicht selbst auf einem Stuhl Platz genommen und seine Beine, seinen Bauch, den Rücken, die Brust und zuletzt den gesamten Kopf samt Mund und Nase mit dem Zeug eingeschmiert. Das wäre eine verrückte Art, Selbstmord zu begehen.

„Hier draußen läuft ein Mörder frei herum“, krächzte sie und wich zurück.

„Alles wird gut.“ Torquill folgte ihr, schloss sie in seine Arme und wiegte sie sanft. „Sie werden den Kerl kriegen, der das getan hat.“

„Woher willst du wissen, dass es ein Mann war?“ Sie rückte von ihm ab und merkte erst, dass ihr das vertrauliche Du herausgerutscht war, als sie die Worte ausgesprochen hatte. Er nahm keinen Anstoß daran, sondern griff die Anrede ohne Umstände auf.

„Statistik: Morde werden häufiger von Männern begangen. Aber ich kann gerne die Frau sagen, wenn dir das aus Gründen der Gleichberechtigung wichtig ist.“

„Nein, das ist albern.“ Persephone redete weiter, immer schneller – wie ein Wasserfall. „Irgendwo habe ich gelesen, dass diese Menschen oft und gerne zu dem Tatort zurückkehren. Sie mögen es angeblich, mitzuerleben, wie man den Toten auffindet. Sie genießen es, ihre Überlegenheit und ihr Wissen über den Mord auszukosten. Dann müsste er jetzt mit stolzgeschwellter Brust dastehen.“

„Hm, einen Haken hat die Sache“, stellte Torquill nüchtern fest. „Hier ist keiner außer uns. Nachdem ich es nicht war und du so darauf gepocht hast, dass Frauen …“

„Du denkst, dass ich …?“ Nachdem er seine Zweifel an ihr kundgetan hatte, flaute das ungute Gefühl in Persephone ab. Ein flüchtiges Lächeln glitt über ihre Lippen und sie wartete mit einem unschlagbaren Argument auf. „Aber wir sind nur Sir Charleston gefolgt. Andernfalls stünden wir nicht hier.“

„Außerdem kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ein Mörder an dieser abgelegenen Stelle Stunde um Stunde wartet, bis jemand dieses Machwerk findet. Um dafür Anerkennung zu ernten, hätte er die Skulptur anderswo aufbauen müssen. Ich kenne mich mit der Materie nicht so gut aus wie du, aber das scheint mir nicht das übliche Vorgehen zu sein“, setzte er hinzu.

„Da hast du vermutlich recht.“ Persephone machte einen Schritt vor.

„Was tust du?“, fragte er überrascht.

„Ich muss … etwas nachsehen.“ Ihr Herz klopfte überlaut. Ihre feuchten Hände wischte sie an der Jacke ab. Sie wollte nicht noch einmal hinschauen, aber sie brauchte Gewissheit. Vorhin hatte sie geglaubt, einen kleinen halbmondförmigen Wulst über der linken Braue zu erkennen. War die Narbe tatsächlich da? Sie schlug ihre Hand vor den Mund. Dieser ekelhafte Gestank erzeugte permanent einen Brechreiz. Noch schlimmer als den Geruch fand sie die dunkle Augenhöhle, die ihr leer und unheimlich aus dem Schatten entgegenstarrte. Das Werk des Mörders? Oder die Arbeit von Vögeln?

„Fressen Krähen Aas?“

„Tun sie“, bestätigte Torquill. „Soll ich dir mal hinleuchten?“

Der Lichtkegel seines Handys fiel auf das grob geformte Gesicht der falschen Statue.

„Warte, spar den Akku, ich habe eine Taschenlampe.“

Persephone kramte sie aus der Tasche und leuchtete selbst hin. Ekel schüttelte sie und sauer stieg es in ihren Mund. Stellenweise hatte der Starkregen vom Vortag die weiße Hülle komplett vom Gesicht heruntergespült. Waren Krähen, andere Tiere oder Schlamperei des Täters dafür verantwortlich, dass die Nasenwurzel freilag? Vielleicht alles zusammen. Sie erkannte einen Teil der bleichen Stirn, des Jochbeinbogens und die Braue. Sie entdeckte auch den blassen Wulst, nach dem sie gesucht hatte.

Der einzige Makel in Blakes schönem Gesicht. Seine betrunkene Großmutter hatte ihn in ihrer Wut einmal mit einer derartigen Wucht gegen die Tischkante gestoßen, dass die Haut aufgeplatzt war und er ein blutüberströmtes Gesicht und eine Riesenbeule davongetragen hatte. Ein Knirps von sieben oder acht sei er gewesen, als der ‚Unfall‘ geschah, wie er die Misshandlung nannte.

Zu dem Zeitpunkt war Persephone noch nicht geboren. Zwischen Blake und ihr lag immerhin ein Altersunterschied von neun Jahren. Er hatte nie gerne über die Demütigungen seiner Kindheit geredet, von denen sie ansonsten nur durch Gerüchte wusste. Irgendwann war er auf ihre Frage mit dem unschönen Vorfall herausgerückt und bestätigte damit ihre schlimmsten Befürchtungen. Er hatte immer gelächelt, wenn sie ihre Lippen auf die Narbe drückte. Tja, bis der Mistkerl sie mit Indira betrogen hatte …

Sie taumelte zurück.

„Kennst du ihn etwa?“, fragte Torquill besorgt.

Persephone lief zu einem angrenzenden Busch und übergab sich.

„Alles in Ordnung mit dir?“ Er kam näher, griff sie am Arm und stützte sie.

Sir Charleston schnupperte unterdessen interessiert an den ekelhaften Überresten ihrer Mahlzeit.

Irgendwann war ihr Magen vollkommen geleert und sie stand mit wackligen Beinen, aber aufrecht da. Trotzdem würgte sie jedes Mal, wenn sie den Kopf drehte und den süßlich widerwärtigen Geruch der Verwesung wahrnahm. Wer hatte Blake das angetan? Warum? Wie lange stellte sein Mörder ihn schon so zur Schau? Derart unwürdig. Sie unterdrückte einen Schluchzer. Blake hatte das nicht verdient. Niemand verdiente das. Sie musste weg hier. Aus dem Gestank. Von der Leiche. Brüsk machte sie kehrt und rannte ins Unterholz. Zweige knackten. Dornen zerschrammten ihre Hände.

„Charlie, bei Fuß!“

Er kam brav angelaufen. Sie kniete neben ihm, wuschelte ihn durch und lobte ihn.

„Du hast Blake gefunden.“ Ihre Stimme schwankte. „Du wusstest, dass ich wissen wollte, wo er ist. Nicht wahr? Danke, mein Süßer.“

Er nutzte die Gelegenheit mit seiner feuchten Zunge über ihr Gesicht zu schlabbern. Aber diese Art von Zuneigung war mehr, als sie derzeit ertragen konnte.

Persephone klingelt Sturm

Zitternd stand Persephone neben Torquill und vermied den Blick zu der Statue.

„Was machen wir jetzt?“, flüsterte sie.

„Die Polizei verständigen“, schlug er vor.

„Dass ich daran nicht gedacht habe!“ Sie tastete in den Hosentaschen nach ihrem Smartphone. Dort war es nicht. Ungeduldig wühlte sie in ihrer Schultertasche, bis ihr einfiel, dass es am Ladekabel hing. „Ich habe mein Handy zu Hause gelassen.“

Er zog seins heraus. „Na, dann rufe eben ich an. Letztlich habe ich den Toten schließlich entdeckt. Aber hier unten ist der Empfang schlecht.“

Dicht hinter Torquill eilte sie den sanft ansteigenden Hang hinauf. Raus aus dem Gestank, weg von dem Toten, weg von Blake. „Warte!“

Er blieb stehen.

„Ich möchte den Anruf selbst erledigen, Torquill. Darf ich bitte dein Handy benutzen?“

„Aber das musst du nicht tun. Ich kann dir das abnehmen.“

„Nein!“ Entschlossen schüttelte sie den Kopf. „Ich möchte den Mord selbst melden.“

„Hier, bitte, wenn es dir so wichtig ist.“ Er reichte ihr sein entsperrtes Smartphone und musterte sie mitfühlend. „Ich habe dich vorhin schon danach gefragt, Persephone. Kanntest du den Toten?“

„Er ist … er war mein … Ex-Verlobter, Audley Blake. “

Sir Charleston schlappte langsam den Hügel hoch. Anklagend bohrte er seinen Blick in Persephones Augen.

Während sie tippte, ging Torquill auf Sir Charleston zu, der erfreut mit dem Schwanz wedelte. „Deine Mopsbeinchen sind müde, was, Kumpel? Darf ich dich hochnehmen, edler Sir?“

Er durfte. Einen Notruf abzusetzen, hatte in Blakes Fall nun wirklich keinen Zweck mehr. Also gab Persephone die Eins Null Eins ein. Die zuständige Service-Nummer der Polizei.

Sie horchte auf das Tuten. Wenn sie Glück hatte, verband der Diensthabende sie mit einem Bekannten ihrer Freundin Agnes. Er arbeitete im Polizeirevier von Ashburton als Detective Sergeant.

„Hallo? Sie sind mit der Servicenummer der Polizei verbunden.“ Jemand mit geschulter Stimme nannte ihr seinen Namen und fragte nach ihren Wünschen. „Womit kann ich Ihnen helfen?“

„Ich … wir haben eine Leiche entdeckt.“

„Wo?“

„In der Nähe von Wynden, das gehört zu Dartmoor.“ Persephone erklärte viel zu hastig, was geschehen war. Mittendrin verlor sie den Faden, brach ab und fing noch einmal von vorne an.

„Ein Toter bei einer Statue. Ich verbinde Sie mit der Ashburton Police-Station. Einen Moment Geduld bitte.“

Persephone ertappte sich dabei, dass sie nickte. Wieder tutete es. Eine halbe Ewigkeit, wie sie meinte. Sie lauschte und beobachtete Sir Charleston, dessen Kopf zufrieden auf Torquills Schulter ruhte. Endlich hörte sie eine Stimme.

„Police Constable Ransworth, Polizeistation Ashburton.“

Leider nicht ihr netter Bekannter.

„Habe ich das richtig verstanden, Sie haben eine Leiche gefunden?“

„Auf dem Wynmoor Tor bei Wynden. Ein Toter in einer Statue.“

„Zuerst muss ich mir Ihren Namen, die Adresse und die Telefonnummer notieren.“

Sie machte ihre Angaben und nahm das leise Klappern einer Tastatur durch den Hörer wahr.

„Ein Mann? Bei welcher Statue sagten Sie?“

„Es ist keine echte“, verbesserte Persephone. „Jemand hat eine aus dem Toten gemacht. Wir haben die Leiche zufällig während eines Spaziergangs mit meinem Hund entdeckt. Sir Char … Mein Mops hat ihn gewittert, nur deshalb haben wir ihn gefunden.“

„Wir? Nicht so schnell. Also … wir haben eine gefälschte Statue.“ Ihr Gesprächspartner wirkte so, als ob er auch das eintippte. „Sind Sie sicher, dass der Mann tot ist?“

Persephone unterdrückte ein hysterisches Schluchzen. „Eine Krähe hat meinem Ex-Verlobten das Auge rausgehackt.“

„Sie kennen den Toten?“

„Ja.“ Sie nannte Audley Blakes Namen, sein Alter und seine Adresse. „Er hatte da diese Narbe. Ich müsste mich sehr irren, wenn er es nicht ist.“

„Sie wissen es also nicht sicher. Dann schreibe ich: Identität des Toten – ungeklärt. Sie waren beim Auffinden der Leiche nicht allein?“

„Nein, ein Mr Thornfield ist bei mir. Ein Gast meiner Frühstückspension.“ Constable Ransworth notierte auch diesen Namen und die zusätzlichen Informationen zu seiner Person, die Torquill Persephone zuflüsterte.

„Können Sie mir vielleicht etwas zur Todesursache sagen?“

„Nein, woher soll ich das wissen?“

„Also: Unbekannt. Ich schicke Ihnen ein Team vorbei. Berichtigen Sie mich bitte, wenn die Angaben nicht korrekt sind.“ Er las die Adresse, Telefon- und Handynummer vor. „Ich fasse zusammen: ein unbekannter Toter mit einer gefälschten Statue. Danke für Ihre Mithilfe, Lady Persephone.“

„Einen Moment! Nicht mit einer. In, in einer.“

„Also nicht mit einer. Das ist notiert. Danke. In ungefähr … ein, zwei Stunden wird jemand in Wynden Manor sein.“

Die Sonne stand jetzt schon ziemlich tief. „Ihre Leute werden in die Dunkelheit kommen.“

„Wir von der Polizei, der Coroner und die von der Spurensicherung rücken auch mitten in der Nacht aus. Bei Schnee, Nebel, Eis und Minusgraden, wenn’s sein muss. Wir sind dafür gerüstet.“

Der Constable legte auf und Persephone berichtete Torquill von dem Gespräch.

„Dann sollten wir uns auf den Rückweg machen. Ich habe mich heute zwar im Park umgeguckt, aber nur in dem Teil mit den Statuen. Findest du den Ort problemlos wieder?“, wollte er wissen. „Die Richtung kriege ich natürlich auch hin.“

„Ich weiß, wo wir sind.“ Persephone überlegte laut. „Meinst du, sie ziehen einen Spezialisten von Scotland Yard hinzu?“

„Vermutlich. Wie der Mörder den Toten drapiert hat, das ist schon bizarr. Wollte er die Leiche verstecken? Oder sollte sie auffallen? Dafür ist die Stelle schlecht gewählt. Zu viel Bäume, zu dichtes Unterholz. Na ja, moderne Kunst. Abgesehen vom Starkregen und dem Geruch, vielleicht hätte das mit der verborgenen Statue sogar hingehauen, wenn wir nicht vorbeigekommen wären. Im Übrigen frage ich mich, wie der oder die Mörder ihn, also deinen …

„Blake.“

„Wie er dorthin gekommen ist, wo er jetzt steht. In diese Senke, zwischen die Bäume. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Person allein ihn dorthin getragen hat.“

So weit hatte Persephone noch nicht gedacht. Blake war tot! Ihre Kiefer schlugen aufeinander. Mit einem Mal war ihr furchtbar kalt.

„Warte!“

Sie warf Torquill einen verwunderten Seitenblick zu. Bis ihr aufging, dass er wahrscheinlich ihr Zähneklappern gehört hatte.

„Ich glaube, du hast einen Schock und brauchst Wärme.“ Er blieb stehen, zog sein Tweed-Jackett aus und hielt es ihr einladend hin. Sie schlüpfte hinein. Es fiel um einige Nummern zu weit und zu lang für sie aus.

Aber es roch gut, nach dem Duftwasser, das er benutzte. Etwas Frisches mit Bergamotte und Eukalyptus. Persephone schmeckte noch das eklig Saure in ihrem Mund und schluchzte leise. Wie konnte sie an ein Duftwasser denken? Blake war tot, ermordet! In ihrem Kopf kreisten immer wieder dieselben Fragen. Eigentlich waren es nur zwei Worte: ‚wer?‘ und ‚warum?‘.

Schweigend ging Persephone neben Torquill her. Die Abenddämmerung brach an. Aus den Wiesen und dem Moor stiegen silbrigweiße Nebelschwaden auf. Wie die Finger überdimensionaler Geisterhände. Für das Team der Polizei würde es nicht einfach werden.

„Torquill?“

Er wandte den Kopf.

„Du hast Charlie lange genug geschleppt. Lass ihn wieder runter.“

„Meinst du?“ Er schielte auf den Mops. „Er sieht so zufrieden aus. So, als ob er lächelt.“

„Sonst erwartet Charlie in Zukunft so einen Komfort auch von mir und dafür ist er mir zu schwer.“

„Du hast dein Frauchen gehört.“ Er stellte den Mops auf den Boden.

Persephone reichte Torquill sein Jackett. „Hier, bitte, mit Dank zurück. Auf geht es, Charlie, Emma hat zuhause bestimmt etwas Leckeres für dich.“

Der Mops tappte los.

„Du hast ihn bestochen?“

„Dafür ist er sehr empfänglich“, entgegnete sie.

„Was ist mit dir? Fühlst du dich wieder besser?“

„Ein wenig, aber mir graut davor, den anderen von dem Mord an Blake zu erzählen“, gestand sie Torquill. „Da sind die Carsons. Meine Mutter ist nach London gefahren. Sobald sie hört, was geschehen ist, wird sie zurückkommen und Einzelheiten wissen wollen. Außerdem hatte meine beste Freundin vor, bei mir vorbeizuschauen. Agnes könnte sogar schon da sein.“

„Mein Onkel will sicher auch zeitnah informiert werden“, ergänzte er. „Der alte Herr ist unheilbar neugierig.“

„Die Vorstellung, wieder und wieder über diese makabre Figur und Blake reden zu müssen, ertrage ich nicht.“

„Klingele Sturm“, schlug er schließlich vor. „Dann kommen alle in die Halle gerannt und du musst nur einmal über den Mord an deinem Verlobten berichten.“

Erleichtert griff sie seinen Vorschlag auf. „Genau das werde ich tun. Das ist eine gute Idee. Danke dafür.“

Wynden Manor kam endlich in Sicht.

„Dein Verlobter? Wie war er so?“, wollte Torquill wissen.

„Ich habe meinen Ex-Verlobten…“, betonte Persephone und überlegte verärgert, warum sie den Fakt so hervorhob. „… lange Zeit für einen liebenswerten Menschen und einen guten Mann gehalten.“

„Das klingt nach einem idealen Bräutigam, und du hast dich trotzdem von ihm getrennt? War er dir zu perfekt?“

„Nein, natürlich nicht.“

Torquills Anwesenheit wirkte tröstend, wärmend.

„Du scheinst ihm nichts nachzutragen. Wenn alles so ideal war, warum habt ihr euch getrennt, falls ich das fragen darf? Ist es schon lange her?“

„Denkst du, dass ich ihn ermordet habe?“

„Nein, sicher nicht.“

„Ich habe vor bald einem Jahr mit ihm Schluss gemacht. Er hat mich betrogen.“ Wie oft würde Persephone das in nächster Zeit noch sagen müssen?

„Na, so ein Hornochse!“ Torquill hielt inne, überlegte kurz und zog die Brauen zusammen. „Entschuldige, das hätte ich nicht sagen sollen.“

„Mir macht das nichts aus. Ich zerbreche mir die ganze Zeit den Kopf darüber, wer ihm das angetan hat. Ich wüsste nicht, wer ihn umbringen sollte oder warum.“ Sie verstummte. Manche würden der Polizei vermutlich die Carsons nennen. Aber für die beiden legte Persephone ihre Hand ins Feuer. Das Ehepaar als Mörder in Erwägung zu ziehen, kam für sie nicht infrage. Sie liebten Indira, aber auf diese Art Rache zu nehmen? Nein, Persephone konnte das nicht glauben. „Ich begreife es nicht.“

Ob andere in Blakes Affäre mit Indira etwa ein Motiv sahen? Unbändige Wut vielleicht? Schon dröhnte das dumme Gerede der Leute in ihren Ohren: ‚Blake und Lady Persephone haben einander seit Monaten nicht gesehen. Da taucht er plötzlich in Wynden Manor auf, sie ist immer noch wütend auf ihren Ex. Es kommt, wie es kommen muss. Die beiden streiten. Tja, das macht ihn scharf und er will was von ihr. Aber sie ist zickig, sagt ‚nein‘. Er will trotzdem und da hat sie …!‘

Bis dahin funktionierte die Rede in ihrer Vorstellung. Hier brachen die Worte ab. Was hätte sie dann getan? Ein Messer genommen und es ihm in den Bauch gerammt? Woran war Blake überhaupt gestorben?

Nach vollbrachter Tat hätte sie natürlich in aller Gemütsruhe das Zimmer von oben bis unten geputzt, den Leichnam mit links in ihr Auto gepackt und auf dem Wynmoor Tor ein Kunstwerk aus dem Toten gestaltet. Statt ihn irgendwo zu vergraben.

Hatte es etwas zu bedeuten, dass Blake saß? Am ehesten wohl auf einem Stuhl, den der Mörder als Teil der Statue miteingegipst hatte. Dann war die Tat geplant? Sollte jemand für den Mord extra seine Küche geplündert haben?

„So nachdenklich?“ Torquill schien sie aufmerksam zu beobachten. „Die Polizei wird herausfinden, was los war. Alles wird gut, Persephone.“

Er konnte nicht ahnen, wie viel ihr diese drei magischen, tröstenden Worte bedeuteten. So oft hatte der Vater ihr diesen Satz liebevoll ins Ohr geflüstert, wenn ihr als kleines Mädchen etwas quer gegangen war. Wieder stiegen ihr Tränen in die Augen. Ihr Vater war tot, Blake war tot. Sie wischte mit der Hand über die feuchten Wangen. Nicht, dass sie ihren Ex-Verlobten noch liebte. Ihre Gefühle für ihn entsprachen eher denen einer kleinen Schwester, die bewundernd zu ihrem großen Bruder aufsah.

Als kleines Mädchen mit vielleicht sechs oder sieben Jahren war sie auf dem Weg zum Schulbus gestürzt. Beide Knie hatten geschmerzt, sie bluteten und Persephone weinte. Blake hatte sie auf seinem Fahrrad nach Hause geschoben, obwohl halbwüchsige Jungs in seinem Alter über ihn spotteten. Sogar zum Lachen hatte er sie damals gebracht und sie sicher bei Mrs Carson abgeliefert.

Persephone biss die Zähne zusammen, lauschte Torquills und ihren Schritten und den leisen Geräuschen, die Sir Charleston fabrizierte. Der Mops nieste zwei Mal hintereinander und kratzte sich kurz hinter dem Ohr. Inzwischen hatten sie einen beleuchteten Pfad erreicht. Lampen in Form von Kugeln aus milchig-opakem Glas flackerten unentschlossen in der hereinbrechenden Dämmerung. Im Sommer schwirrten hier Unmengen von Nachtfaltern und Glühwürmchen umeinander.

Persephone beschleunigte ihren Schritt. Sie fand es angenehm, dass Torquill sie schweigend ihren Gedanken nachhängen ließ. Er war ein äußerst rücksichtsvoller Begleiter in einer Situation wie dieser, und in allen anderen vermutlich auch.

Ein milchiger Nebelschleier hüllte die Umgebung ein, veränderte sie und ließ das Vertraute unwirklich und fremd erscheinen. Schwaden, die sich kurz darauf lichteten, um einen Umriss freizugeben, den der Dunst gleich wieder verschluckte. Sie warf einen argwöhnischen Blick auf eine Zypressengruppe, die in ihrer Nähe auftauchte. Breit und hoch genug gewachsen war sie, dass jemand dahinter lauern konnte.

Der automatische Bewegungsmelder reagierte, obwohl es erst dämmerte, und leuchtete Auffahrt und Haustür hell aus.

„Waff!“ Sir Charleston bellte auffordernd. Vermutlich war er überrascht, dass Persephone an der Haustür zögerte, statt endlich aufzusperren.

„Dann werde ich Sturm klingeln“, kündigte sie an. „Einen Versuch ist es wert.“

Torquill nickte ihr aufmunternd zu und sie drückte auf den Knopf.

Eine schockierende Neuigkeit?

Persephone ließ die Klingel erst nach einer gefühlten Ewigkeit los. Ohne hinzusehen, spürte sie, dass Torquill neben sie getreten war. In dem Moment riss jemand die Tür auf. Agnes große wohlgerundete Gestalt überragte sie bestimmt um einen Kopf. Ein kastanienbrauner Pagenkopf umrahmte ihr spitzbübisches Gesicht. Braune Augen blitzten munter in die Welt. Ihre beste Freundin nahm selten ein Blatt vor den Mund, teilte gerne aus und konnte gut einstecken.

„Alles okay, Persy?“

„Waff!“ Hocherfreut sprang Sir Charleston an Agnes hoch und versuchte ihr die Hände abzulecken.

„Das sollst du doch lassen.“ Agnes drückte ihn hinunter und rief laut in Richtung Küche. „Alles in Ordnung. Es ist Persy. Hey, was ist denn so dringend?“

„Aber …“, meinte Persephone matt. „Ich dachte, die Carsons kommen auch. Na, gut, dann gehen wir eben zu ihnen in die Küche.“

„Dann war das Dauerklingeln also Absicht? Ich habe an einen Streich gedacht. Die unverschämte Jugend und so weiter.“

„Ich wollte einfach alle zusammenrufen.“

„Was ist das da unten denn für ein Aufruhr?“, tönte es von der Balustrade hinunter.

„Gleich, Onkel!“, gab Torquill zurück. „Ich stoße so schnell wie möglich zu euch. Bist du anschließend in deinem Büro?“

„Nein, um die Zeit findest du uns im Wohnzimmer.“ Persephone deutete auf eine Doppeltür schräg gegenüber.

„Bis gleich.“ Torquill murmelte eine Entschuldigung und eilte Richtung Treppe.

„Hu, Persy, wer ist das denn? Der Typ sieht ja heiß aus“, flüsterte Agnes, jedoch nicht leise genug.

Torquill blieb auf den Stufen kurz stehen, hob die Hand und hielt zustimmend den Daumen hoch.

Ihre Freundin grinste frech zurück und winkte ihm fröhlich zu.

„Diesen Gast stellst du mir auf jeden Fall vor! Und jetzt erzähl, was ist los?“

„Agnes, bitte.“

„Na, aber hallo. Wahre Begeisterung klingt anders. Moment mal, schau mich an. Himmel, du siehst blass wie eine lebende Leiche aus. Nachdem es bestimmt nicht dein Ding ist, als Statistin bei einer Zombieapokalypse mitzuspielen …“ Agnes Blick ging nach oben zur Balustrade und ihre Augen wurden schmal. „Hat der Kerl dich etwa geärgert?“

„Nein, überhaupt nicht. Er ist sehr nett.“

„Was ist dann los? Ich denke, du freust dich, mich zu sehen. Ich schwinge mich extra ins Auto und will dir das Neueste über Blake erzählen. Dein Ex, du erinnerst dich? Ich wette, er will dich zurückerobern. Zumindest hat er das wohl dem alten Choumley gesteckt.“

Persephone zuckte zusammen. Harry Choumley war der Wyndener Schäfer, ein Mann mit mürrischem Gemüt und das bösartigste Klatschmaul weit und breit.

„Dass dein Ex dich nach der langen Zeit immer noch liebt, wusste mir unser Klatschblatt gleich auch noch brühwarm zu berichten. Dem so was zu erzählen. Blake muss ganz schön besoffen gewesen sein.“

Mit jedem Wort ihrer Freundin wurde Persephone elender zumute. Wenn Blake dem Schäfer etwas derart Privates anvertraut hatte, musste er damit rechnen, dass es publik wurde. Irgendwann waren Fehler im Gedächtnis der Leute verziehen. Der Skandal um Indira vergessen und zurück blieb ihr Ex mit seiner ach so großen Liebe? Worauf hatte Blake spekuliert? Auf ihr Mitleid? Ganz egal, er war tot. Jemand hatte ihn ermordet. Persephone wollte Agnes bitten, mit dem Reden aufzuhören, aber sie brachte keinen Ton heraus.

Es klang so unwirklich, sie plappern zu hören. Als ob Blake jederzeit in die Halle hereinspazieren und ihnen zuzwinkern würde, weil der alte Choumley den Wyndenern seine Traumgespinste als Wahrheit verkaufte. Sie wusste, dass er Blake immer gerne gemocht und ihm ab und zu ein Stück von dem extra lange gereiften Schafskäse geschenkt hatte. Eine edle Sorte, die er für besondere Gelegenheiten herstellte, eine Art Wyndener Parmesan.

„Choumley hat mir lebhaft versichert, dass der Bruch zwischen deinem Liebsten und dir nur ein dummes Missverständnis war. Er muss es wissen. Er hat es von Blake. Ich bin ehrlich überrascht, dass dein Möchtegern-Verlobter noch nicht hier aufgetaucht ist, um dich in seine Pläne einzuweihen. Das ist der wahre Grund, der mich hergezogen hat. Ich wollte dabei sein und dir loyal zur Seite stehen. Und du wünschst mich zum Dank sonstwohin? Hey, Persy, du sagst ja gar nichts. Ist dir schlecht? Bist du krank? Du lässt mich hier ohne Ende quasseln.“

„Nein, es ist nur …“

„Was?“

„Hör zu …“ Persephone überlegte kurz und sagte Agnes die schlichte Wahrheit. „Blake ist tot.“

„Was? Das … ist ein Witz? Du machst Spaß … Oder? Das … ist nicht wahr? Das kann nicht sein.“

„Sehe ich aus, als ob ich Witze reiße?“

Agnes breitete die Arme aus und Persephone wurde fest und liebevoll gedrückt. „Was ist passiert, Süße? Wie hast du davon erfahren? Hat dieser Gast dir eröffnet, dass Blake tot ist? Dann zum Kuckuck mit dem Kerl.“

„Torquill? Nein! Wir beide haben Blake gerade gefunden. Die Polizei ist schon verständigt. Bald müssten die Beamten auftauchen und ich ertrage es nicht, die Geschichte öfter als nötig zu erzählen. Lass uns in die Küche gehen, ich will die Carsons einweihen. Ich finde, sie haben ein Recht darauf.“

„Wie jetzt? Deine Mutter soll nichts davon erfahren?“

„Sie ist heute Nachmittag nach London gefahren. Ich werde sie nachher anrufen.“

„Sie ist hier, Persy. Kam vorhin reingeschneit und hat mich gefragt, wo du bist. Sie hätte irgendwas vergessen, das du wissen solltest. Ich hab ihr vorgeschlagen, dich anzurufen, aber du bist nicht rangegangen. Hat ne Weile gedauert, bis wir gemerkt haben, dass dein Handy im Büro liegt. Also, hier die Kurzfassung: Charlotte sitzt im Wohnzimmer und quirlt mit ihren frisch lackierten Fingernägeln die Luft.“

„Dann treffen wir uns am besten dort. Geh schon einmal vor, ich hole die Carsons.“

Persephone klopfte an die Küchentür und drückte die Klinke hinunter.

„Entschuldigen Sie bitte die Störung.“

Mrs Carson stand am Herd und bereitete das Dinner vor. Sie schob einen Auflauf in den Ofen. „Kann ich etwas für Sie tun, Persephone?“

„Ja, Sie und Ihr Mann könnten mich ins Wohnzimmer begleiten. Es geht um Blake.“

„Oh, dann stimmt das Gerücht und er ist zurück? Paul, kommst du, Lady Persephone will sich wieder mit Blake verloben.“

„Nein, das stimmt nicht“, wehrte sie entsetzt ab.

Die beiden sahen einander zweifelnd an. Mrs Carson stellte den Timer am Backofen ein und sie folgten Persephone, der immer elender zumute wurde. Charlotte bat bei der Begrüßung prompt, auf die frisch lackierten Fingernägel zu achten und die Umarmung ausfallen zu lassen. Persephone wartete, bis alle saßen. Sie selbst blieb stehen.

„Mr Thornfield und ich haben Audley Blake gefunden.“

Persephone sah in verständnislose Gesichter.

„Er ist tot.“

Es gab keinen Aufschrei. Weder triumphierend noch betroffen. Eigentlich bemerkte sie kaum eine Reaktion auf ihre Eröffnung. Mr Carson zuckte gleichgültig mit den Schultern. Seine Frau nickte kaum merklich, vermutlich signalisierte sie ihm Zustimmung. Oder wollte sie ausdrücken, dass sie begriffen hatte, dass Blake tot war? Agnes streichelte Sir Charleston, der bequem auf ihrem Schoß lag. Inne hielt sie nicht. Charlotte, die in die Betrachtung ihrer zartrosa Nägel versunken war, schaute auf und richtete ihre großen blauen Augen auf Persephone.

„Tot?“, wiederholte ihre Mutter. „War er krank?“

„Oder war es ein Unfall?“, warf Agnes ein. „Ist er von einem Felsen gestürzt?“

Aufgebracht beendet Persephone die Spekulationen. „Jemand hat ihn ermordet, mit Gips eingeschmiert und als sitzende Statue beim Wynmoor Tor aufgestellt!“

Sie brach in Tränen aus.

„Oh, Persy? Das ist ja furchtbar.“ Agnes setzte den Mops auf den Boden, sprang auf und zog sie in eine tröstende Umarmung. „Ausgerechnet du hast ihn in diesem Ding gefunden? Vielleicht ist es gar nicht Blake. Woher willst du wissen, wer drin steckt, wenn alles mit diesem Zeug bedeckt war?“

„Das Material ist zum Teil runtergebröckelt.“

„Ausgerechnet das Wynmoor Tor“, überlegte Mr Carson halblaut. „Keine Wege, keine Straßen: Wie ist er dort hingekommen?“

„Danach hat Torquill auch gefragt.“

„In der Nähe gibt es nur diese Felsenhöhle. Aber den Zugang habe ich persönlich verschlossen. Haben Sie irgendwelche Spuren entdeckt?“, wollte Mr Carson wissen.

„Ich habe keine gesehen, die mir ins Auge gestochen wären. Vielleicht ein paar abgebrochene Äste?“ Persephone schniefte. „Torquill und ich haben selbst welche kaputt gemacht und bestimmt auch Fußspuren hinterlassen. Meine Jacke ist zerrissen. Vielleicht sind Fasern hängengeblieben? Mir war so schlecht, dass ich …“

In dem Moment ging ihr auf, was das bedeutete: Eine potenzielle Tatverdächtige hatte jede Menge Spuren am Tatort hinterlassen.

„Persy?“

„Ich muss mich setzen.“

Agnes Turner kombiniert

Auch Agnes machte sich Gedanken.

Sie nahm in ihrem Lieblingssessel Platz und musterte ihre Freundin Persephone, die ihr gegenübersaß. Bleich und zusammengekauert hockte die Herrin von Wynden Manor da, tief in bedrückende Gedanken versunken. Trauer um ihren Ex-Verlobten Blake? Zum Teil sicher, aber nicht nur. Auf keinen Fall. Jeder hier im Haus hatte Blakes Entschluss begrüßt, Wynden den Rücken zu kehren.

Wieso sollte irgendjemand da auf einmal in Tränen ausbrechen oder auch nur die Stimme dämpfen, weil er tot war? Konvention? Von Toten nur Gutes und so ein Quatsch? Heuchelei war Agnes zuwider. Na gut, er war jung ermordet worden. Das war ein Grund, ihn zu bedauern, und Persy hatte ihm näher gestanden als sonst jemand. Aber sie persönlich?

Die Carsons verließen den Raum. Dezent wie immer. Sir Charleston hastete hinter ihnen her. Na klar, Abendessenszeit. Und Charlotte? Saß wie eine Traumgestalt mit adrett übereinander geschlagenen Beinen schweigend auf dem Sofa. Jede normale Frau musste neben ihr Minderwertigkeitskomplexe entwickeln. Kein Wunder, dass Persephone nicht das Selbstbewusstsein besaß, das jede andere an ihrer Stelle ausgezeichnet hätte. Ihre bezaubernde Freundin urteilte viel zu kritisch über ihr Äußeres. Entschlossen griff Agnes nach einer der Walnüsse, die für Gäste bereitstanden, und knackte die Schale.

„Willst du? Nervennahrung, Persy.“

„Danke.“ Ihre Freundin nahm die Walnuss mechanisch in Empfang, steckte sie aber nicht in den Mund.

Charlotte war bei dem Geräusch aufgefahren. Agnes knackte gleich die nächste. Tja, es gab nun mal Menschen, die nicht nur von Luft lebten und mit Appetit aßen. Ploppte da etwa Neid wegen Charlottes zarter Figur in ihr hoch? Na ja, gut möglich. Sie kaute genüsslich auf der Nuss, die sie aus ihrer Schale gefriemelt hatte.

Sie war nun mal keine Heilige. Sonst hätte sie von Audley Blakes Tod betroffen sein müssen. Sie horchte, ob eine leise Stimme in ihr so etwas wie ‚traurig‘ murmelte. Nichts dergleichen, sie fühlte kein Bedauern, sondern nackte Erleichterung. ‚Hey, Blake ist tot, freu dich und frohlocke!‘ Bei seelischen Abgründen von solchen Ausmaßen half auch der fromme Name einer Märtyrerin nichts, den die Eltern ihr in weiser Voraussicht gegeben hatten.

Erste Anzeichen für ihre Verworfenheit waren schon früh aufgetaucht. Agnes legte die Schalenreste in eine kleine silberne Schüssel und dachte an die Szene im Supermarkt. Persephone und sie hatten mit der Kindergartengruppe einen Ausflug gemacht. Wie alt mochten sie damals gewesen sein? Vielleicht fünf? Jedenfalls in der Vorschule. Sie durften mit ihren eigenen Pennys bezahlen.

Agnes zählte alles richtig ab, damals eine Meisterleistung. Sie hätte stolz sein müssen. Sie war es auch. Aber nicht über den Lutscher, den sie einkaufte. Sondern über den anderen, den sie mit klopfendem Herzen heimlich in ihre Kindergartentasche stecken wollte. Sie wusste nicht, was sie dazu trieb. Es war wie ein Zwang. Sie brauchte diesen Lolli. Er lag da, stach ihr ins Auge. Sie musste ihn haben.

Warum wollte sie nicht dafür bezahlen? Sie begriff es bis heute nicht. Dass sie ein striktes Verbot überschritt, war ihr klar. Sie plante etwas, das sie nicht tun sollte. Etwas abgrundtief Schlechtes hatte sie vor, das ihre Mutter schockieren würde, ihren Vater, die Onkel und Tanten und Omas und Opas. Nur Agnes kleinem Bruder war die Untat vermutlich gleich. Es sei denn, sie brachte ihm die Süßigkeit als Geschenk mit. In dem Fall würde er den Lutscher und sie hocherfreut begrüßen. Was die Erwachsenen über sie denken würden, kümmerte sie in dem Moment erschreckend wenig. Im Gegenteil, was sie vorhatte, fühlte sich gut an. Richtig. Es war nötig. Hatte sie das alles damals wirklich gedacht oder ihre Erinnerungen im Lauf der Zeit zurechtgelegt, wie es ihr passte?

Wie auch immer. Es änderte nichts an der Tatsache, dass sie in einem unbeobachteten Moment nach dem Lolli griff. Sie lauschte auf das leise Knistern der Verpackung und ihr pochendes Herz. Sie wandte den Kopf hastig nach allen Seiten. Die Verkäuferin war mit einem der Jungs beschäftigt, der zu dumm war, seine Münzen zu zählen. Die Erzieherin redete begütigend auf ihn ein. Niemand achtete auf sie. Niemand bemerkte, was sie gerade tat.

Trotzdem schlug ihr Herz bis zum Hals. Sie musste erst draußen sein. Erst, wenn sie das Geschäft mit der Beute verlassen hatte, konnte sie dieses beglückende Gefühl der Überlegenheit unbeschwert auskosten. Dann erst hatte sie gewonnen. Zu zweit standen sie später Hand in Hand in der Reihe. Sie mit Persephone, die an ihrem Arm zerrte und sie festhielt, als sie hinausgehen wollte.

‚Leg den Lolli weg, den du heimlich genommen hast!‘, zischte ihre Freundin empört.

Persephone war immer ein winziges Püppchen gewesen und Agnes damals versucht, das kleine Biest gegen die Wand zu klatschen. Seltsam, aber sie hatte es nicht getan. Zähneknirschend gehorchte sie. Den dummen Lutscher legte sie in das nächste Regal zwischen Puddingpulver und Puderzuckerpäckchen. Ihr Hochgefühl verflog an diesem Tag abrupt. Der Drang etwas mitzunehmen, ohne dafür zu zahlen, keineswegs. Es war eine Sucht, der sie nicht nachgab. Fast nie, verbesserte sie in Gedanken und sah aus dem Fenster in die Dunkelheit.

Was wollte sie noch? Das Schicksal meinte es gut mit ihr. Blake war tot! Sie dagegen saß in einem gemütlichen Zimmer. Tapeten in Purpur und Beige und das warme Cognacbraun des Sofas sorgten für eine gemütliche Atmosphäre, die durch einen großen Couchtisch und das Sammelsurium an Sitzmöbeln darum herum komplettiert wurde. Zwei dunkle Vitrinen aus Nussbaum zeigten einen kleinen, ziemlich unbedeutenden Teil der Familienschätze.

Nur wenig Versilbertes, deutlich mehr Porzellan und ein paar hübsch geschliffene Gläser. Die Porträts von Persephones gestrengen Vorfahren hingen glücklicherweise draußen in einer eigens dafür bestimmten langen Galerie. Agnes hätte ihre abschätzigen Blicke im Rücken nicht gemocht, wenn sie die Auslagen betrachtete. An den Wänden in diesem Raum durften die Besucher Ölbilder unbedeutender Maler bewundern. Wer damit durch war, konnte Fernsehgucken oder Bücher durchblättern, die in den Regalen standen. Sträuße mit Hagebutten, Efeu und Herbstastern zierten die Beistelltische, auf denen ein paar zerlesene Zeitungen lagen. Das Schweigen lastete immer schwerer auf Agnes, die irgendetwas tun wollte, um die beiden aufzumuntern: Persephone derart unglücklich, Charlotte so eigenartig still.

Persephones Mutter begutachtete ihre Nägel ein letztes Mal, ließ die Hände sinken und faltete sie im Schoß. Demnach war der Lack jetzt trocken.

„Persy, Liebes, das hat jetzt nichts mit dieser anderen Sache zu tun. Du wunderst dich vermutlich, weshalb ich aus London wieder umgekehrt bin. Mir ist gerade noch rechtzeitig eingefallen, dass heute diese Gäste kommen. Ich habe Mr Thornfield engagiert, weil mir jemand erzählt hat, dass er antike Statuen kauft, und jetzt erzählst du so etwas Furchtbares.“

„Deswegen hättest du nicht zurückkommen müssen. Torquill und ich haben das schon geklärt.“

„Du kriegst wirklich Geld dafür?“

„Ob ich verkaufe, steht noch nicht fest. Die Statuen gehören schließlich zu Wynden und Vater hätte einem Verkauf nie zugestimmt. Aber das Dach muss repariert werden und wenn der Erlös noch für eins deiner Londoner Parfüms reicht, werde ich es dir sagen.“

Einen Penny für Persephones Gedanken. Die Freundin wich Charlottes Blick aus, rieb hastig über Stirn und Nase und kaute nervös auf ihrer Unterlippe herum.

„Nun ja, das ist besser als nichts“, gab die Ältere charmant lächelnd zurück.

Persephone sank immer tiefer in den Sessel.

„Das mit Blake tut mir so leid für dich, Liebes. Wie habt ihr ihn überhaupt gefunden? Das muss ein Schock für dich gewesen sein.“ Charlotte sah selbst sehr blass aus und brachte es fertig, nicht erschöpft oder mitgenommen, sondern schutzbedürftig und zerbrechlich zu wirken. Zum Teufel mit dieser Frau!

„Charlie hat uns hingeführt“, erklärte Persephone matt.

„Hu, der Hund von Wynden Manor“, warf Agnes ein, um die Atmosphäre aufzulockern. „Sieh mich nicht so strafend an, Persy. Blake ist tot und er wird nicht wieder lebendig, wenn wir Trübsal blasen. Es ist nicht so, dass wir ihn vermissen. Er war fast ein Jahr lang in der Weltgeschichte unterwegs und keinen von uns hat es geschert. Oder doch? Habe ich mich geirrt? Dann tut es mir sehr, sehr leid!“

„Das ist es nicht, Agnes. Aber wenn du ihn gesehen hättest. Vögel haben an ihm herumgepickt. Sein Auge …“ Persephone brach ab.

„Oh je, und ich reiße Scherze.“ Agnes legte ihr einen Arm um die Schulter. „Weißt du, was du jetzt dringend brauchst? Ich gehe zu Mrs Carson und besorge dir einen ‚Tee mit Schuss‘ nach dem guten alten Hausrezept meiner Oma. Soll ich Ihnen auch einen bringen, Lady Wynden?“

„Ja, bitte“, antwortete Charlotte zu ihrer Überraschung.

Agnes nickte. „Ich glaube, wir alle können ein paar Schlucke davon vertragen.“

Tee mit Schuss

Agnes klopfte an der Küchentür und wartete, bis Mrs Carson sie in ihr Reich bat. Sie trat ein und schnupperte, bevor sie irgendetwas anderes sagte oder tat.

„Bei Ihnen duftet es immer so gut. Darf ich einen Tee kochen, Mrs Carson?“

„Ich dachte mir schon, dass Lady Persephone etwas Heißes gut tun wird. Im Moment ist er fertiggezogen, Miss Turner.“ Persephones mollige Haushälterin kam mit einer flinken Bewegung auf die Beine und zog eine Wärmehaube von einer bauchigen Kanne.

„Das ist ja wunderbar, danke.“

Das Abendessen verströmte seine köstlichen Aromen: Geschmorte Zwiebeln, Knoblauch und Thymian roch Agnes heraus. Sir Charleston geruhte hinten in seiner Ecke zu speisen, dabei kannte er keine Freunde, da war er heikel. Mr Carson, ein drahtiger, ein wenig untersetzter Mann in Agnes Größe, klappte ein Buch über Gartenkunst zusammen, zog seine Lesebrille von der Nase und nickte ihr zu.

Nicht nur für den Fall, dass man Fragen zur Botanik loswerden wollte, war er der richtige Ansprechpartner. Von jeder Skulptur im Garten wusste er außer dem Namen auch den mythologischen Hintergrund zu berichten. Persephones überraschende Anwandlung, einige davon vielleicht zu veräußern, missfiel ihm vermutlich gründlich.

Wenn Agnes allerdings eingehender über das Thema nachdachte, kamen Zweifel an diesem einleuchtenden Gedankengang auf. Im Endeffekt würde bei ihm sicher die Freude überwiegen, wenn seine Frau und er ihre Arbeit behalten und auf Wynden Manor bleiben konnten. Sie trat zu Mrs Carson.

„Was halten Sie von Lady Persephones Bericht, Miss Turner?“, fragte deren Mann ohne höfliches Vorgeplänkel und strich eine Strähne seines vollen Haarschopfs aus der Stirn. „Hat sie Ihnen noch Einzelheiten erzählt?“

„Nur dass Vögel an Blake herumgehackt haben.“

„Bei einer Mordermittlung werden sie in unserem Leben herumstochern und uns wie Schwerverbrecher behandeln!“, erklärte Mr Carson grimmig und summte: „‚Der Mörder ist immer der Gärtner … Its always the Gardener. Always.‘“

„Aber, Paul, so redet man nicht darüber“, warf seine Frau ein.

„Warum? Als ob es mir etwas ausmacht, dass der Kerl tot ist. Wen immer Blake dazu getriezt hat, ihn umzubringen, ich bin es nicht gewesen. Was mich an der Sache wirklich anwidert, ist, dass dieser Schwachkopf ausgerechnet hier …“

„Paul!“ Mrs Carson schlug eine Hand vor den Mund.

Er schaffte es gerade eben noch, den kleinen Skandal zu umschiffen, auf den er zusteuerte. Im letzten Moment verschluckte er das drastischere Wort, das ihm für Audley Blakes Ableben offensichtlich auf der Zunge lag und sagte laut: „… seinen Abgang gemacht hat.“

Schade eigentlich. Abnippeln, abkratzen, ins Gras oder gegebenenfalls ins Moos beißen? Es gab derart viele Ausdrücke und Redewendungen und Agnes hätte zu gerne gewusst, welcher davon Carson für Blake vorschwebte.

„Nichts als Ärger macht der Typ. Vom Anfang bis zum Ende! Statt friedlich auf seiner Reise abzutreten, macht er uns in Wynden Scherereien. Ich muss mir jetzt die Schnüffelei und frechen Fragen gefallen lassen. Wer sollte denn sonst als Verdächtiger für den Mord herhalten? Etwa Lady Persephone? Das glaubst du doch selbst nicht. Mich werden sie ins Gebet nehmen mit ihrem ‚Wo sind Sie heute gewesen?‘“ Sein Ton wurde immer schärfer.

Kein Herumgebrülle, wie Agnes es von ihren Eltern kannte, aber sein Unmut war deutlich. Leider kamen ihr seine Befürchtungen ziemlich plausibel vor.

Agnes wurde immer unbehaglicher zumute und sie griff hastig nach der Kanne. In der Küche gab es nichts, das sie nicht innerhalb kürzester Zeit aufstöbern konnte. Schließlich kannte sie Mrs Carsons Ordnungssystem von klein auf.

„Na, wunderbar! Dann lege ich los. Heute bekommt Persy Tee nach Omas Spezialrezept. Kurz, sie braucht etwas Stärkeres!“

Die Zutaten waren denkbar einfach. Einen guten Schuss Whiskey zum Tee, braunen Zucker dazu und etwas süße Sahne. Im Spirituosenfach standen einige Sorten zur Wahl, die zum Teil noch von Persephones Vater stammten. Fragend musterte Agnes die Etikette und wählte eine Flasche aus, deren Inhalt nicht zu rauchig schmeckte. Falls ihre Erinnerung sie nicht trog. Bei ihrer Oma lief sie nie Gefahr, das Getränk zu verpfuschen. Da stand ihr nur eine Flasche zur Verfügung, von der man ordentlich einschenken musste, um die alte Dame zufrieden zu stellen.

Fehlten noch Löffel und Zucker. Agnes zog die Schublade mit dem spülmaschinenfesten Alltagsbesteck auf. Einige Silberlöffelchen aus Restbeständen, eines mit winzigen Rosenknospen darauf, steckten zusammen mit ein paar alten Eierlöffeln aus Perlmutt und neueren aus Plastik in einem eigenen Fach. Agnes brauchte nichts dergleichen, wozu auch? Trotzdem konnte sie den Blick nicht davon lösen. Einer der Löffel, ein roter aus Kunststoff, lag herausfordernd schief. Als ob er ‚nimm mich, steck mich ein!‘ rufen würde. Sie wollte ihn haben. Sie musste. Sie brauchte nur die Hand auszustrecken und ihn zusammen mit dem größeren herausnehmen, den sie für den Zucker brauchte.

Sie wollte das Hochgefühl ihres heimlichen Triumphs spüren, obwohl sie wusste, dass es ihre innere Leere nur für einen kurzen Moment ausfüllen würde. Sie litt an einer verdammten Sucht. Sie wusste es. Sobald sie alt genug gewesen war, schwierige Wörter nicht nur zu lesen, sondern auch nachzuschlagen. Anfangs war es ihr schwergefallen, die Artikel zu begreifen, in denen stand, dass ein Mangel an Impulskontrolle und eine Neigung zu Sucht in den Familien ein Faktor war, der Kleptomanie begünstigte.

Drogen oder Alkoholprobleme gab es in ihrer Familie keine. Aber wenn Streitsucht galt? Ihre Eltern, die sich anbrüllten, bloß um irgendwann hemmungslos über einander herzufallen. Das Streiten vermochte sie wenigstens richtig einzuordnen. Keiner hatte sie während der Auseinandersetzungen je beachtet und sie war froh um das Auftauchen ihres kleinen Bruders gewesen. Aber die Leere in ihr konnte auch er nicht füllen. Jetzt schon gar nicht mehr, nachdem er die Gewohnheiten ihrer Eltern übernommen hatte. Mit allen fing der Idiot Streit an.

„Suchen Sie etwas, Miss Turner? Kann ich Ihnen helfen?“

„Danke, alles bestens.“ Mit hochroten Wangen griff Agnes einen großen Löffel, schloss die Schublade und gab Zucker in die Kanne.

Seit ein paar Jahren redete Mrs Carson sie hartnäckig mit Sie und dem Nachnamen an und erwies ihr damit einen Respekt, den sie im Gegensatz zu ihrer Freundin nicht verdiente. Es war nun einmal eine unumstößliche Tatsache: Persephone hatte so gut wie keine Schwächen, nichts womit man sie ärgern konnte. Von ihren äußerlichen Vorzügen abgesehen war sie fleißig, verantwortungsbewusst, lieb und nachgiebig. Na gut, das reichte schon ziemlich dicht an einen Fehler heran.

Ob ihre Freundin fähig war, jemanden zu ermorden? Natürlich nicht, es sei denn … War nicht mehr oder weniger jeder Mensch zu Bösem fähig, wenn man ihn lange genug quälte? Bloß ging es momentan nicht darum, wozu Persephone im Zweifelsfall fähig war, sondern um Agnes Kleptomanie, um ihre Sucht.

Sie wollte einen roten Plastiklöffel klauen, den sie schon tausend Mal gesehen hatte. Sie brauchte ihn nicht, aber sie wollte ihn mit aller Macht. So sehr, dass ihre Hände gezittert hatten. Am schlimmsten waren die einsamen Sonntagnachmittage. An solchen Tagen schaffte sie es kaum, zuhause zu bleiben, statt einen der kleinen Trödelläden in Torquay aufzusuchen und irgendetwas zu klauen. Egal was. Nur wenn sie glücklich war, brauchte sie nichts.

Wieso war sie es nicht? Jetzt, wo Blake tot war? Sie hätte geschworen, dass sie Luftsprünge machen würde. Sie schraubte den Deckel der Whiskeyflasche ab und beobachtete wie die goldbraune Flüssigkeit in die Teekanne gluckerte.

Mrs Carson hatte inzwischen Tassen und ein Tablett bereitgestellt.

„Wollen Sie auch einen Schluck probieren?“, fragte sie die beiden.

Sie lehnten ab.

Mit einem Dank stellte Agnes die Kanne auf das Silber und wünschte eine gute Nacht. Mrs Carson öffnete ihr zuvorkommend die Tür. Sir Charleston hatte sein Mahl längst beendet. Keck pirschte er heran, schlüpfte durch den Türspalt und verschwand in die Halle.

„Lauf mir ja nicht vor die Füße, sonst kannst du was erleben!“, drohte Agnes, die nach ihm Ausschau hielt.

Erwartungsvoll hockte er vor der Wohnzimmertür.

„Ich wette, du bist im Grunde deines Herzens davon überzeugt, dass ich dir einzig und allein folge, um dir zu öffnen. Stimmt’s, Charlie?“ Kaum hatte sie den Satz beendet, pirschte er auch schon zur Sitzecke beim Kamin vor, wo er hinter einem Sessel verschwand. „Wehe, du planst, Agnes-überfallen zu spielen. Ich trage sauteures Geschirr auf dem Tablett.“

Sie bog nach rechts ab und strebte auf die an den Speisesaal angrenzende Doppeltür zu. Das Porzellan klirrte bei jedem Schritt leise aneinander. Als Kind hatte sie nie etwas dabei gefunden, mit den goldumrandeten Tellern und Tassen zu hantieren. Aber seit sie wusste, was auch nur ein Stück davon kostete, sah sie regelmäßig mindestens ein Teil durch ihre Ungeschicklichkeit in Scherben auf dem Boden liegen.

Der Typ von der Treppe eilte auf sie zu. Ein ziemlich hochgewachsener Kerl mit einem kantigen Gesicht. Auf seine Art attraktiv, aber sie mochte Männer mit zarten Zügen lieber. Weibische, wie ihr Bruder höhnte, zum Beispiel Audley Blake. Mit seinem feingemeißelten Gesicht hatte er ihr tatsächlich außerordentlich gut gefallen. Von Agnes als Frau wollte er allerdings nie etwas. Er bevorzugte die feenhafte Persephone.

Er liebte überhaupt alles Vollkommene. Deswegen hätte er eigentlich auf Charlotte fliegen müssen, überlegte sie manchmal insgeheim. Ihre Züge waren noch eine Spur ebenmäßiger als Persys, dafür fand Agnes ihre Freundin viel netter und süßer und Blake ging es genauso. Ihre Idee hatte sie also tief in ihrem Inneren als absurd begraben und peinlich darauf geachtet, dass ihr gegenüber der Freundin niemals etwas Unbedachtes herausrutschte. Und jetzt war er tot. Ermordet!

„Warten Sie, ich mache Ihnen die Tür auf.“ Der Mann eilte die Treppe hinunter, querte den Raum und drückte auf die Klinke. „Bitte, nach Ihnen.“

Sie schätzte ihn um einige Jahre jünger als Blake, Ende Zwanzig, Anfang Dreißig. Schon sehr sympathisch. Wie aus dem Nichts schoss auf einmal eine dürre, welke Hand hinter ihm empor. Ein Geist? Das Tablett in Agnes‘ Hand bebte und das Geschirr schepperte ordentlich zusammen. Pah, an so einen Unfug glaubte sie nicht. Trotzdem nahm sie erleichtert den dazugehörigen Herrn zur Kenntnis, der sie von oben bis unten interessiert musterte. In dem Moment stürmte Sir Charleston mit seinem Lieblingsspielzeug im Maul schnurstracks auf den Älteren zu.

„Das Hundevieh! Tu was, Torquill!“

Die hohe Tonlage hätte jeder Sopranistin Ehre gemacht. Erschrocken machte er einen Satz. In Panik stieß er Agnes an, die gerade losgehen wollte. Ein Fuß schwebte bereits in der Luft. Das Geschirr! Sie kniff die Lider zusammen, um das Unglück nicht mitansehen zu müssen.

„Tablett festhalten!“

Verwirrt riss sie die Augen auf. Sie spürte Hände um ihre Taille. Der Typ von der Treppe war vielleicht stark! Jedenfalls wurde Agnes gestoppt, bevor sie zu Fall kam.

Während die Tassen aneinander klirrten, stellte der zupackende junge Mann sie sicher auf die Füße. Ungläubig starrte sie auf Kanne und Tassen. Gab es das? Alles war heil geblieben.

„Puh, danke! Agnes heiße ich.“

„Der Herr neben mir ist mein Onkel, Edward Summers. Mein Name ist Torquill Thornfield. “

Agnes fand ihn mit jeder Sekunde ihrer kurzen Bekanntschaft sympathischer.

„Sitz!“, befahl er dem Mops, der prompt gehorchte.

„Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen, Miss Agnes.“ Mr Summers zog ein klägliches Gesicht. „Verzeihen Sie bitte mein unerhörtes Betragen. Bei Hunden gerate ich in Panik.“

„Es ist ja nichts passiert“, winkte sie ab.

„Bitte, nach Ihnen“, bat er.

Sie traten ins Wohnzimmer.

„Wollen wir uns der Dame vorstellen, die am Sofa sitzt, Onkel“, meinte der Jüngere.

„Gerne, aber ohne diesen entsetzlichen Hund! Was hat dieses Biest überhaupt hier zu suchen? Ohne Maulkorb und Leine?“

Torquill, dem Sir Charleston seinen Ball zu Füßen legte, brachte es fertig ernst zu bleiben, während Agnes ihren Mund verzog und am liebsten laut losgeprustet hätte.

„Das muss ein Fehler des Personals gewesen sein, Onkel. Ich bringe ihn in die Küche.“

Charlie schwante beim entschlossenen Klang von Torquills Stimme eindeutig Schlimmes. Er sprang auf.

„Hiergeblieben, werter Sir!“

„Warum rollst du nicht einfach seinen Ball in die richtige Richtung?“, schlug Agnes vor.

„Geniale Idee.“ Torquill setzte den Ball in Bewegung, folgte Sir Charleston mit schnellen Schritten und hob den entgeisterten Mops kurzerhand hoch. Schnurstracks brachte er ihn zu Mr und Mrs Carson in die Küche und kehrte zu ihnen zurück.

„Zufrieden?“

„Ja, ja …“ Der Onkel brummte etwas Unverständliches.

Agnes war ein paar Schritte vorgegangen, hatte das Tablett auf einem Beistelltisch abgesetzt und beobachtete Persephones Gesichtsausdruck. Ging ihr das Bild von Blake nicht aus dem Kopf? Oder bereitete ihr irgendetwas anderes Sorgen? Fürchtete sie die Ermittlungen? Hatte sie kein Alibi? Für wann brauchte sie eins? Oh Mist, und was war mit ihr selbst?

Inzwischen hatte Charlotte mit einer graziösen Bewegung grüßend ihr Haupt geneigt, bei ihr das einzig passende Wort. Torquill verfiel dem Zauber ihres Charmes aber nicht. Anders als Agnes es von ihren und sogar Persys Bewerbern kannte, blieben bei ihm Glotzen, Verzauberung und schrankenlose Bewunderung für die Ältere aus. Sein Blick ging immer wieder zu ihrer Freundin. Manchmal erschien auf seinem Gesicht ein intensiver, forschender Zug, den Agnes ein bisschen eigenartig fand.

In der Zwischenzeit hatte Charlotte nichtsdestotrotz eine Eroberung gemacht. Edward Summers klappte bei ihrem Anblick die Kinnlade auf. Der kleine Mann blieb wie vom Schlag getroffen stehen. Na, wenigstens mit dem Problem einer alles überstrahlenden Mutter hatte Agnes nicht zu kämpfen: Ihre war Mitte fünfzig und sah an guten Tagen aus wie Mitte fünfzig. Eine große Schönheit war sie nie gewesen. Agnes glich ihr, was das betraf, leider.

Nach einer Weile stummen Staunens holte Edward Summers endlich den Gentleman aus der Versenkung, als der er vermutlich erzogen war. Er machte einen Diener, griff nach Charlottes Hand und hauchte einen formvollendeten Kuss darauf.

Agnes schenkte den speziellen Anti-Schock-Tee ihrer Oma in die Tassen und reichte Charlotte und Mr Summers jeweils eine. Er begriff es als Aufforderung, sank neben seiner Angebeteten auf die Couch und schnupperte misstrauisch an dem Gebräu.

Auch Persephone überreichte Agnes von dem sahnekaramellfarbenen Getränk. „Bitte sehr, Süße, lass es dir schmecken.“

Ihre Freundin sog prüfend den Duft ein. Sie kannte Agnes‘ Oma und erwartete schon aus dem Grund, dass der ‚Tee‘ weit mehr Whiskey enthielt, als ihr zuträglich war.

‚Wetten, dass er dich süß findet und nicht deine Mutter‘, flüsterte sie ihr ins Ohr.

Derart leise, dass Persephone die Stirn runzelte. Ihre Freundin musste offensichtlich erst eine Weile überlegen, was Agnes gesagt hatte oder gemeint haben könnte.

„Darauf habe ich heute überhaupt nicht geachtet.“ Persephone umschloss den Henkel der Tasse mit ihren Fingern und warf einen prüfenden Blick auf Torquill. „Aber danke für den Hinweis.“

„Gerne geschehen.“

Die ewig gleichen Sprüche verzauberter junger Männer kamen ihnen beiden längst zu den Ohren heraus. ‚Wie … das ist Lady Wynden? Aber diese Frau kann unmöglich Persephones Mutter sein! Sie sieht viel zu jung aus … Ihr macht Witze!‘ Wenn die Typen danach noch verstummten und hilflos schluckten, war die Romanze mit Persephone oder Agnes vorbei, bevor sie angefangen hatte.

„Wann kommt eigentlich die Polizei?“, fragte sie ihre Freundin laut.

„In ein bis zwei Stunden hieß es. Also müssten sie jederzeit auftauchen.“

Torquill, der wohl nicht länger Lust hatte, bei Onkel und Charlotte das fünfte Rad am Wagen zu spielen, schlenderte zu Persephone und ihr, nahm auf einem der Sessel schräg gegenüber Platz und pustete behutsam über seinen Tee. Schließlich nippte er und lächelte anerkennend.

„In Maßen genossen nicht schlecht.“

Vielleicht hätten sie über den grausigen Fund gesprochen, wenn sie drei allein gewesen wären? Agnes wusste es nicht. Bei ihnen stockte das Gespräch die meiste Zeit. Dabei brachte ihre Neugier sie fast um. Ein Mord hier in Wynden? Was um alles in der Welt mochte geschehen sein?

„Meint ihr, Blake ist schon länger tot?“

„Ich weiß es nicht. Ich kann das schlecht schätzen“, sagte Persephone schließlich.

„Um ehrlich zu sein, hat es widerwärtig gestunken, aber von der Leiche haben wir nicht viel gesehen. Und selbst wenn, wüsste ich es nicht. Zwei, drei Tage schätze ich. Mindestens. Vielleicht auch länger.“

„Also ist er vor dem Regen dort aufgestellt worden.“

„Es sah ganz danach aus“, bestätigte Torquill.

Agnes schaute direkt in seine Augen. Eben in dem Licht der Halle schimmerten sie schwarz, dabei waren sie von einem dunklen Taubenblau. Sie fand ihn nett. Warum plagte sie der Eindruck, dass er etwas verbarg? Lag es an dem Zeitpunkt seines Auftauchens? Die beiden anderen schwiegen wieder.

Agnes mochte es nicht, ihnen die Würmer aus der Nase zu ziehen. Also überlegte sie, womit sie die Tage vor dem denkwürdigen Regen verbracht hatte. Da gab es nichts Großartiges. Fünf Nächte hintereinander bei ihrer Oma waren hart, um es so auszudrücken. Sonst verteilte sich die Last auf mehr Schultern. Die alte Dame hielt ihre Betreuerinnen, also den weiblichen Teil der Familie, mit ihren Launen fest im Griff und auf Trab. Außer Agnes‘ Mutter noch drei Tanten und fünf Cousinen. Jede wusste, dass es nicht mehr lange so weiter ging. Aber keine wollte vor den Leuten als die Böse gelten und Granny ins Altenheim abschieben.

„Ich erkenne meinen Onkel nicht wieder“, erklärte Torquill verblüfft. „Sonst hält er sehr auf Etikette.“

Schon ein paar Mal hatte Charlotte leise aufgelacht. Nicht aufgesetzt. Das erkannte Agnes an dem vollen Klang, der bei einem gezwungenen Lachen im Allgemeinen einen Halbton höher lag als der normale und deutlich gepresster herauskam.

Jemand klopfte an die Tür. Gleich darauf trat Mrs Carson ein.

„Es ist Zeit für das Abendessen.“

Tatsache, es war fast halb sieben.

„Angesichts der Umstände habe ich mir erlaubt, neben dem Auflauf einen leichten Imbiss zu richten.“

„Ich kann überhaupt nichts essen“, wehrte Persephone prompt ab. „Habt ihr etwa Hunger?“

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960877608
ISBN (Buch)
9783960878506
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v492454
Schlagworte
Eng-land-ländischer Krimi-s Cosy Crime deutsch Cosy Krimi Krimi-nal-roman Hunde-Krimi für Frauen frauen-krimi

Autor

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    Elisabeth Marienhagen (Autor)

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Titel: Der Tote von Wynden Manor