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Liebe lieber britisch

von Katie MacAlister (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Die Amerikanerin Alix Freemar träumt davon, Schriftstellerin zu werden. Um an ihrem ersten Liebesroman zu arbeiten, reist sie nach London. So kann sie gleichzeitig auch ihre gescheiterten Beziehungen und Karrieren in den Staaten hinter sich lassen. Zur Inspiration möchte sich Alix in eine perfekte Romanze stürzen – nur der richtige Mann, der fehlt noch. Als sie auf den gutaussehenden und anständigen Alexander Block trifft, glaubt sie diesen gefunden zu haben.
Der junge Detektiv bei Scotland Yard sieht in Alix alles, was er an einer Frau verabscheut: Sie ist laut, ungehemmt und nicht an einer langfristigen Beziehung interessiert. Und zu Alexanders Missfallen nicht von ihrer Vorstellung von einer perfekten Romanze mit ihm abzubringen ...

Impressum

dp Verlag

Deutsche Erstausgabe Juli 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-792-9
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-855-1

Copyright © 2003 by © Katie MacAlister, 2003, 2012. Alle Rechte vorbehalten.
Titel des englischen Originals: Improper English

By arrangement with 3 Seas Literary Agency.

Dieses Werk wurde vermittelt durch die langenbuch & Weiß Literaturagentur, Hamburg/ Berlin.

Übersetzt von: Dorothee Scheuch
Covergestaltung: Buchgewand
Korrektorat: Klaudia Szabo

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

 

 

 

Sie würden dieses Buch jetzt nicht in Ihren Händen halten ohne die Unterstützung und den Zuspruch der besten Agentin der Welt, Michelle Grajkowski. Mein fabelhafter Kritiker, Vance Briceland, wirkte seine Magie, indem er – mit gefährlich lustigen Anmerkungen – alles markierte, was ihm nicht ganz richtig erschien. Meine unsterbliche Verbundenheit und mein tiefer Dank gelten meiner Familie und meinen Freunden für ihre Geduld und ihr Verständnis, immer wenn ich ihnen sagte, dass ich mit Schreiben beschäftigt war und deshalb nicht das Geschirr abwaschen konnte.

Hinweis der Autorin

Liebe lieber britisch entstand am Anfang meiner Schriftstellerkarriere, und seit seiner Veröffentlichung im Jahr 2003 war mir klar, dass es ein Buch ist, das die Leser entweder sehr mögen oder auf das sie sehr gut verzichten können. Diese Gefühle sind, glaube ich, der Heldin des Buches, Alix Freemar geschuldet.

Meine Abneigung gegen vollkommene Charaktere ist bekannt, aber nie habe ich einen Charakter geschrieben, der so fehlerhaft war wie der der armen Alix. Ich stattete sie mit jedem schlechten Zug und jeder Unsicherheit aus, die mir einfielen, mäßigte meine Gemeinheit aber, indem ich ihr einen schelmischen Humor gab und ein feines Verständnis für den Helden. Das heißt nicht, dass ich ihr nicht mehrmals gern auf den Kopf gehauen hätte, während ich das Buch schrieb – sie macht Fehler, und zwar viele davon, aber unter all diesen Fehlern verbirgt sich eine warme, großherzige, liebevolle Frau, die bereit ist alles dafür zu tun, um bei dem Mann zu sein, den sie liebt.

Als ich die Rechte an diesem Buch zurückerhielt, dachte ich ernsthaft darüber nach, es zu überarbeiten und Alix ein bisschen weniger fehlerhaft zu machen, aber nach einigen Überlegungen legte ich dieses Projekt auf Eis. Lieben Sie es, tolerieren Sie es oder kommen Sie wunderbar mit ihrem Leben klar, ohne es noch mal zu lesen – Liebe lieber britisch ist, was es ist.

Ich hoffe, Sie amüsieren sich mit der Geschichte von Alix und Alex!

 

Katie MacAlister

September 2012

Kapitel Eins

Lady Rowena schnappte beim Anblick von Lord Raouls majestätischem, purpur behelmten Krieger der Liebe vor Entsetzen nach Luft.

„Gütiger Gott“, keuchte sie, einer Ohnmacht nahe. Ihre Augen weiteten sich, als der Krieger vorwärts schnellte und seine mächtige Lanze vor ihr schwenkte. „Wie wollt Ihr dieses mächtige Schwert in meine kleine und bisher noch unberührte seidene Scheide bekommen?“

„Genau so“, knurrte Raoul, und er warf sich auf sie und tauchte tief, tief, oh so tief in ihre Tiefen ein, entriss ihr das wertvollste Juwel der Weiblichkeit und entlockte ihr einen Schrei des Vergnügens, als er seine Liebeslanze in ihr versenkte.

 

„Also, was meinst du?“

Ich konnte die Stille fast greifen.

„Komm schon, Isabella, du hast gesagt, du würdest mir hiermit helfen. Was meinst du dazu? Du kannst ehrlich sein, du wirst meine Gefühle schon nicht verletzen.“

„Nun …“

„Es ist sehr lebendig, oder?“

„Ja …“

„Magst du die Symbolik? Ich habe versucht, es anschaulich zu gestalten.“ Ich angelte mir die Teetasse und umschloss ihren kleinen runden Bauch. Er war kalt. Mist. Ich erhob mich von meinem Sitzkissen und tappte barfuß in das Kämmerchen, das als Küche galt.

„Ja, es ist sehr lebendig …“

„Und wie du siehst, habe ich sie im ersten Kapitel schon im Bett. Sex sells, weißt du, und ich habe mit einem großen Knall angefangen. Ha ha, ein Knall, verstehst du?“ Ich kicherte vor mich hin, während ich den Wasserkocher anstellte.

„Ähm …“

„Also, was meinst du nun? Findest du es gut?“ Ich ging zurück und stand schließlich vor der jungen Frau, die sich auf der Weidenrécamiere fläzte. Isabella nagte an ihrer Unterlippe und sah ein wenig unbehaglich aus, obwohl sie auf dem bequemsten Möbelstück in der Wohnung lag. „Alix …“

„Ja?“

„Es ist furchtbar.“

Ich runzelte die Stirn. Furchtbar? Meine Geschichte? „Sicher ist es doch nicht so schlimm, oder?“

Isabella zog eine Grimasse und wedelte mit ihrer schlanken Hand mit den rosa lackierten Nägeln auf eine beiläufige Art und Weise in meine Richtung, als würde sie eine unwichtige Mücke erschlagen.

„Es tut mir leid, Liebling, aber das ist es. Es ist einfach nur furchtbar. Grässlich. Abgedroschen und abscheulich brutal.“

„Brutal? Es ist nicht brutal, es ist erotisch! Das ist ein Unterschied.“

Sie schüttelte den Kopf, ihr Haar ein glänzender Vorhang aus Silberblond, das in meinem Herz meinen eigenen dunklen Haaren geschuldet den heftigsten Neid erweckte, und erhob sich in eine sitzende Position. Sie klopfte auf den Stapel der Manuskriptseiten, der auf dem kleinen Weidentisch neben der Récamiere lag. „Das ist nicht erotisch, es ist gleichbedeutend mit Vergewaltigung. Da sind keine Gefühle im Spiel, bei keinem der beiden Charaktere, kein Vorspiel, keine Zuneigung, nur ein Mann, der sich nimmt, was er kann.“

„Oh.“ Ich spürte, wie mein Gesichtsausdruck gemeinsam mit meinen Gefühlen in den Keller rauschte, aber sofort sah ich wieder einen Weg nach oben. Immerhin sagte Isabella von sich selbst, dass sie keine Romane las, und vielleicht würde sie einen guten nicht einmal erkennen, wenn er ihr in den Hintern biss. Trotzdem war es wichtig, dass ich das hier auf Anhieb verstand – ich hatte nicht viel Zeit, mich damit zu befassen. „Mochtest du Lady Rowena nicht? Oder den schneidigen Lord Raoul? Was kann man an ihm nicht mögen?“

„Ich mochte keinen von beiden. Nein, das stimmt nicht. Ich mochte Rowena. Und ich schätze, Raoul ist vielversprechend.“ Sie wedelte erneut mit der Hand und zuckte leicht mit den Schultern, während ich meinen Fuß um einen dreibeinigen Hocker wand, ihn zu mir heranzog und mich vorsichtig darauf setzte. Ich hatte Erfahrung mit diesem Hocker gesammelt in den zehn Tagen, in denen ich in der Wohnung wohnte, und begegnete ihm nun mit dem nötigen Respekt. Mehr als einmal war ich unvorsichtig gewesen, mit dem Resultat, dass der Hocker mich abgeworfen hatte und ich grausame Brandverletzungen von diesem grässlich kratzigen, orangefarbenen Polyesterteppichboden davongetragen hatte.

„Ehrlich, Alix, es sind nicht die Personen, es ist deine Art zu schreiben.“

Ich setzte mich auf und griff nach der Platte mit den Zitronenkeksen, von denen Isabella sich gerade einen nehmen wollte. Das war jetzt wirklich ein bisschen viel! „Was stimmt nicht mit meiner Art zu schreiben?“

„Na ja, sie ist ein bisschen … purpur.“

„Purpur!“

„Ja, purpur. Überzogen. Niemand nennt einen Schwanz einen purpur behelmten Krieger der Liebe.“

Ich wurde ein bisschen rot. „Na ja, ich nenne es auch nicht … du weißt schon.“

„Was?“

„Du weißt schon. Wie du es genannt hast. Das Sch-Wort.“

„Schwanz?“

„Ja.“

„Wie nennst du es?“

„Ich verwende beschönigende Umschreibungen“, sagte ich mit großer Würde und erlaubte Isabella, sich genau einen Zitronenkeks zu nehmen. Es waren meine Lieblingskekse, und sie waren sehr teuer. Aber sie war meine Vermieterin und sie hatte freiwillig angeboten, mir ihre Meinung zu meinem Werk mitzuteilen. Manchmal waren Opfer eben unvermeidlich. „Trotzdem möchte ich letztendlich Schriftstellerin werden. Ich denke, ich werde eben eher auf der überschwänglichen Seite stehen, um genau zu sein.“

Isabella schürzte die Lippen und legte einen eleganten Finger auf deren rosige Fülle. Als ich ihren perfekten Mund in ihrem perfekten Gesicht auf ihrem perfekten Körper anschaute, sog ich meine Unterlippe ein und knabberte die Hautfetzen ab, die sie zierten. Währenddessen notierte ich mir in Gedanken, herauszufinden, ob die staatliche Krankenversicherung für Amerikaner auf Besuch plastische Chirurgie abdeckte.

„Euphemismen wie Liebeslanze und irgendetwas mit einem Helm sind passé, Alix. Ich schlage vor, du versuchst etwas weniger Blumiges.“

„Blumig, ja?“ Sie nickte. Ich dachte darüber nach. „Wie wäre es, wenn ich die erste Zeile wie folgt ändere: Lady Rowena schnappte beim Anblick von Lord Raouls pulsierender Männlichkeit nach Luft …

„Nein“, sagte Isabella entschieden und schüttelte den Kopf. Ihre Pagenfrisur wippte nachdrücklich. „Kein Pulsieren. Nichts sollte pulsieren. Es klingt, als wäre etwas krank. Denk dir etwas anderes aus.“

„Mmm … Lümmel und Schniedel?“

Sie hob eine perfekt geformte hellblonde Augenbraue. „Ich denke nicht.“

„Ähm … Fleischpeitsche?“

„Wirklich, Alix, das ist nicht dein Ernst.“

„Wie wär's mit Ständer? Ständer ist gut. Ich mag Ständer. Ständer hört sich männlich und kräftig an und nicht im Mindesten krank.“

„Nein“, sagte sie gedehnt, nachdem sie einen Moment überlegt hatte. „Das ist zu plump. Wenn du meinen Rat hören willst …“

„Was ist mit Gemächt?“

„Was?“

„Zu altertümlich?“

„Definitiv.“

„Wie wär's mit Streitaxt?“

Sie schauderte leicht. „Zu gewalttätig. Wieso musst du um den heißen Brei herumreden? Wenn du nicht Schwanz sagen willst, dann sag eben Glied.“

„Glied“, spottete ich. „Glied! Wie prosaisch. Glied.“

Sie schaute auf die schmale Golduhr an ihrem filigranen Handgelenk. Ich gab meinen Protest auf und ging zum nächsten Thema über, denn ich hielt es für besser, die wirklich wichtigen Dinge zu klären. Wenn ich eins gelernt hatte, dann war es, sich nicht über Kleinigkeiten den Kopf zu zerbrechen.

„Na schön, damit wir endlich weiterkommen, ich nehme Glied. Jetzt zur nächsten Szene …“

„Weißt du, Schätzchen, ganz ehrlich, ich glaube du bist ein bisschen überfordert mit dem Projekt. Du hast selbst gesagt, dass du noch nie etwas geschrieben hast, und nun gleich mit einem Roman zu beginnen scheint mir ein wenig …“

„Gewagt?“

Sie seufzte. „Ambitioniert. Alix, ich glaube, du solltest deinen Plan noch einmal überdenken. Sicher würde deine Mutter es verstehen, wenn du zu dem Schluss kämst, dass es für dich einfach zu viel ist, um es in drei Monaten zu bewältigen. Warum genießt du nicht einfach deinen Urlaub, anstatt die ganze Zeit zu schreiben? Du könntest herumreisen, nach Europa fahren, dir den Rest Englands ansehen …“ Sie schwieg, als ich eine ungezogene Grimasse schnitt.

„Ich denke, du hast meine Mutter anhand des Geldes, das sie für die Wohnung überwiesen hat, nicht besonders gut kennengelernt, aber ich kann dir sagen, dass unsere Vereinbarung in Stein gemeißelt ist. Und es sind keine Änderungen erlaubt: Sie bezahlt diese recht teure Wohnung für zwei Monate, und ich schreibe ein Buch. So einfach ist das. Wenn ich es nicht schaffe …“ Mein Mund wurde trocken angesichts der Alternative. „Nun, ich möchte lieber nicht daran denken. Wenn ich das Buch beende, kann ich leben wie Gott in Frankreich. Mom hat zugestimmt, dass ich ein Jahr mietfrei in der Wohnung über ihrer Garage wohnen kann, um mich als Schriftstellerin zu etablieren. Danach ist meine weitere Zukunft verhandelbar.“

Träge griff sie nach dem roten Lackfächer, der auf dem Beistelltisch neben dem Teetablett lag. Ich ignorierte die Fragen in ihren Augen und sah nach dem Teewasser.

„Falls du dich wunderst, ich habe diese Teebeutel weggeschmissen und mache den Tee jetzt so, wie du ihn magst. Obwohl ich zugeben muss, dass es mir immer noch ein Rätsel ist, wie ihr Engländer im Hochsommer heißen Tee trinken könnt.“ Ich füllte die Teekanne mit heißem Wasser und gab losen Tee hinzu. „Man sollte Eistee trinken, wenn es draußen dermaßen heiß ist.“

Isabella inspizierte ihre perfekt lackierten, roséfarbenen Fußnägel. „Tee sollte heiß sein und nicht kalt“, sagte sie spitzfindig und lächelte, während ich den Tee auf den kleinen Tisch neben ihr stellte. „Und Kaffee sollte mit Milch getrunken werden und nicht schwarz.“

Ich schauderte, als ich das Sitzkissen neben den Tisch kickte. „Ich werde nicht schon wieder mit dir darüber diskutieren. Du vergisst, dass ich aus Seattle bin. Wenn es nicht stark genug ist, um Farbe zu lösen, ist es kein richtiger Kaffee.“

„Du sagst das mit Stolz.“

Sofort lag mir eine neunmalkluge Antwort auf den Lippen, aber sie schwand dahin, als ich einen Ausdruck von Besorgnis in ihren Augen sah. Ich hatte ihr nicht viel über mein Leben erzählt, aber Isabella hatte offenbar die unheimliche Gabe, hinter die Kulissen zu blicken. Ich lächelte sie reumütig an und ließ mich auf das Kissen plumpsen. „Für Leute aus Seattle ist ihr Kaffee sehr wichtig.“

„Was machst du, wenn du dein Buch nicht fertig kriegst?“

Ich überlegte, was ich ihr sagen sollte, während ich Mutti spielte und Tee eingoss, ihren mit Milch, meinen mit Zitrone. Ich kannte Isabella erst seit wenig mehr als einer Woche. Seit dem Tag, an dem ich die Wohnung zur Untermiete übernommen hatte. Sie war sehr höflich, aber ziemlich distanziert gewesen, erwärmte sich meiner aber von Tag zu Tag mehr, bis ich ihr gestern von dem Grund für meinen Aufenthalt in London erzählt hatte. Obwohl wir täglich nur ein paar Stunden am Nachmittag miteinander verbrachten, hatte sich unsere Freundschaft sehr angenehm entwickelt. Ich vertraute ihr wie nur wenigen sonst.

„Wenn ich es als Schriftstellerin nicht schaffe, werde ich …“ Ich machte eine Pause, starrte in meinen Tee und hoffte auf Inspiration, auf ein lebensveränderndes Ereignis, auf Hoffnung. „… werde ich ein Sklave sein, der keine Zukunft hat. Keine. Niemals.“

Sie schloss die Lider über ihren himmelblauen Augen. Draußen heulte die Sirene eines Streifenwagens, der sich durch den dichten Nachmittagsverkehr kämpfte, um die Ecken des Beale Square fuhr und endlich Gott weiß wohin entschwand. Wir tranken unseren Tee in kameradschaftlichem Schweigen. Der aromatische Duft des Earl Greys vermischte sich mit dem intensiven Geruch der frischen Zitrone und der leicht sauren Note der Blumen, die ich im Laden an der Ecke gekauft hatte. Ich hörte auf, das Unvermeidliche vermeiden zu wollen, und sah Isabella an.

„Ich muss los“, sagte sie mit ehrlichem Bedauern und stellte ihre Teetasse neben den wenigen Seiten meines Buches ab. Für einen kurzen Augenblick erschien eine feine Linie zwischen ihren Augenbrauen, als sie die Seiten ansah. Dann wurde ihre Stirn wieder glatt, und sie erhob sich graziös von der Récamiere, strich mit ihren Händen über ihren handgefärbten, blassrosa Hausanzug, den ich fast so sehr begehrte, wie alles, was sie sonst getragen hatte. „Manchmal will man etwas einfach zu sehr, Liebes. Wenn du alles vergisst, was du jemals über das Bücherschreiben gelesen hast, wird dein Stil vielleicht weniger …“

Ich starrte den seidenen Hausanzug einen Augenblick lang an und überlegte, wie viel er wohl gekostet haben mochte, und kam zu dem Schluss, dass er vielleicht teurer war als mein gesamter Englandaufenthalt. „Was?“ Ich erhob mich von meinem Kissen und ging hinüber zur Tür. „Purpur?“ Ich zog einen Schmollmund.

Plötzlich lächelte sie, wobei winzige Lachfältchen rund um ihre tiefblauen Augen erschienen. Sie klopfte mir aufmunternd auf die Hand. „Scheußlich.“

Mein Lächeln wurde ein wenig schwächer, aber ich schaffte es, meinen Dank für ihre Einschätzung zu murmeln.

„Weißt du, was du brauchst?“, fragte sie, während sie ihren Kopf zur Seite neigte und mich ansah. Ich gab meine übliche krumme Haltung auf und machte mich gerade. Ich wünschte, ich hätte etwas Eleganteres an als das schlichte indische Sommerkleidchen, das ich in einem kleinen Laden in der U-Bahn-Station gefunden hatte. Ich wünschte mir auch kurz, nicht so amazonenhaft zu sein, sondern ebenso grazil wie Isabella, schob den Gedanken aber beiseite. Wünsche würden mich nicht kleiner, schlanker oder anmutiger machen.

„Was brauche ich denn?“, fragte ich, sobald sie ihre Musterung meines zerknitterten Kleides, meiner nackten Beine und unlackierten Zehennägel beendet hatte.

Ihr Lächeln wurde breiter, und ein Grübchen erschien auf einer Seite neben ihrem Mundwinkel. „Einen Mann.“

„Aha!“ Ich heulte vor Lachen. „Sicher hast du einen in deiner Tasche, nicht wahr? Ich nehme ihn!“

Fragend hob sie eine perfekte blonde Augenbraue.

„Du dachtest, ich sage, dass ich keinen will, oder? Denk noch mal nach, Schwester. Ich suche schon mein ganzes Leben nach einem Mann.“

„Verstehe.“

„Ich hatte schon welche. Ich will nicht, dass du denkst, ich hätte noch keinen gehabt.“

„Ich habe mir nie vorgestellt, dass du noch keinen hattest.“

„Sie waren nur alle Versager. Ich ziehe Versager irgendwie an, verstehst du. Wenn irgendein komischer Typ ankommt, der denkt es sei sexy, Chips über all meine erogenen Zonen zu reiben, verliebe ich mich in ihn.“

„Das hört sich ziemlich unangenehm an.“

„Das Chips-Zerreiben oder die Versager? Egal, es ist beides unangenehm. Wenn du also einen Typen hast, der einfach nur eine Freundin sucht, bin ich dein Mädchen.“

„Ich bin nicht sicher, ob er eine Freundin sucht…“

„Natürlich muss er lustig sein. Ich mag diese langweiligen Kerle nicht, Anwälte und Karrieretypen. Und ich habe keine Zeit für eine richtige Romanze, weißt du, nur ein Quickie oder zwei.“

Isabella runzelte die Stirn. „Ich bin sicher, dass mein Freund mehr möchte als nur gelegentlichen Sex.“

„Oh, verdammt. Nun, dann bringst du uns besser nicht zusammen. Ich habe weder die Zeit noch die Kraft für dieses ganze Beziehungsding mit einem Kerl. Kennst du nicht jemanden, der nur gelegentlichen Sex will?“

Sie lächelte ein distanziertes, ziemlich kühles Lächeln. „Ich bin mir sicher, dass du jede Menge solcher Kerle im Drake’s Bum finden kannst.“

Ich zog einen Flunsch. Ich war im Drake’s Bum gewesen. Es war eine örtliche Kneipe, die um ein Haar um ihr Leben modernisiert worden wäre. Nun war es ein angesagter Treff für jene, die sehen und gesehen werden wollten. Überhaupt nicht mein Publikum. „Ich hatte irgendwie auf jemanden gehofft, der bereits den Versager-Test bestanden hat.“

„Da kann ich dir leider nicht helfen. Ich zähle nur selten Versager zu meinem Bekanntenkreis.“ Sie versuchte, sich an mir vorbeizuschleichen.

Ich stellte mich ihr in den Weg und begann zu philosophieren. „Weißt du, Isabella, ich habe schon immer gesagt, dass Männer wie eine Chipstüte sind. Sie mögen knackig und lecker aussehen, aber wenn du mit ihnen fertig bist, bleibt dir nichts als eine leere Tüte.“

Sie hielt inne und runzelte leicht die Stirn. „Ich verstehe diese Analogie nicht wirklich.“

Ich wedelte geringschätzig mit der Hand. „Unwichtig. Der Punkt ist, wenn du keinen Nicht-Versager kennst, der nur ein kleines Abenteuer will, bin ich nicht interessiert.“

Sie schwebte an mir vorbei. „Wenn du deine Meinung änderst, sag mir Bescheid. Der Mann, an den ich denke, würde perfekt zu dir passen. Ich habe das schon an dem Tag gesehen, an dem du hier angekommen bist, aber ich wollte dich erst etwas näher kennenlernen, bevor ich ihn ins Gespräch bringe.“

Eine kupplerische Vermieterin – alles, was ich zu meinem Glück noch brauchte. „Danke, aber nein danke.“

Sie nickte und trat durch die Tür. Ich beobachtete, wie sie die Treppe zum höhergelegenen Stockwerk hochstieg, das sie mit einem weiteren Mieter teilte. Dabei lehnte ich mich an den Türrahmen, um eine Stelle zwischen meinen Schulterblättern zu kratzen.

Ein perfekter Mann. Ha ha! In meinen ganzen neunundzwanzig Jahren hatte ich so etwas noch nicht gesehen. Perfekt für jemand anderen, ohne Zweifel, aber nicht für mich. Ich hatte nicht vor, diesen rutschigen Weg in die Hölle noch mal zu gehen. Nein, nicht ich. Das gebrannte Kind scheut das Feuer. Betrüge mich einmal, Schande über dich; betrüge mich zweimal, Schande über mich. Der Spatz in der Hand ist besser als die Taube … Oh je.

„Ähm … Isabella?“

„Ja?“, rief sie ohne innezuhalten.

„Du sagtest, dieser Typ passt perfekt zu mir?“

„Perfekt, ja.“

Sie bog um die Ecke und verschwand auf den oberen Treppenstufen.

„Wie perfekt?“, rief ich ihr hinterher, meine guten Manieren über Bord werfend, obwohl ich mir selbst versicherte, dass ich nicht im Mindesten interessiert war.

„Perfekt.“ Selbst ihre Stimme war elegant. Nur runde Vokale und träge englische Fülle.

Ich trat ans Geländer und sah die Treppe hinauf. „Ist dieser perfekte Mann ein Freund von dir?“

„Sozusagen.“ Ihre Stimme drang zu mir herab und wurde schwächer. Ich hörte das Glockenspiel über ihrer Tür leise klingeln, als sie ihre Wohnung betrat. „Er ist mein Liebhaber.“

Kapitel Zwei

„Oh, dass mein geheiligter Lord Raoul mich hier an diesem abscheulichen Ort findet!“ Lady Rowenas cremefarbener, üppiger Busen hob sich, als sie in der stillen Kammer klagte, in die man sie gesperrt hatte. Sie rang ihre Hände und ohne Rücksicht auf Sittsamkeit und Sparsamkeit zerriss sie ihr Kleid. „Oh, wenn ich in dieser dunklen Zeit nur seine fein gemeißelten Lippen küssen könnte! Oh, wenn ich ihn nur in meinen Armen halten und seine zerzausten Locken aus seiner breiten männlichen Stirn streichen könnte! Oh, wenn ich mich nur auf seinen männlichen Alabasterpfeiler setzen und ihn reiten könnte, wie er noch nie zuvor geritten worden ist! Oh! Oh!“

 

„Seien Sie ehrlich, ist das etwas, wovon Sie gern mehr lesen würden?“

„Na ja … Es ist sehr anrüchig, nicht? Ich meine, mit seinem Pfeiler und ihrem Busen und so.“

Ich verlagerte das Gewicht auf meine Knie und bewegte meinen rechten Knöchel, um wieder Gefühl in meinen Fuß zu bringen. Ich hatte so lange neben dem Rollwagen mit Büchern gehockt, dass meine Füße ganz taub waren. „In Amerika kommt in allen Romanen Sex vor. Sie sagten, Sie lesen Romane, richtig?“

Die Bibliothekarin neigte in einer schüchternen Bewegung den Kopf und schob den Rollwagen vorwärts die Regalreihen entlang. Ich folgte ihr auf meinen Knien.

„Abgesehen von seinem Pfeiler und ihren Hupen, was denken Sie? Ist das ein Buch, das Sie kaufen würden?“

Die Frau sah sich nervös um, beugte sich nah zu mir heran und flüsterte: „Ich denke, Sie sollten die Pornografie herausnehmen. Romantik hat nichts mit Sex zu tun, wissen Sie. Es geht dabei um zwei Menschen, die sich ineinander verlieben.“ Sie lächelte ein angespanntes kleines Lächeln und nickte, während sie den Rollwagen weiterschob. Ich sah auf das Manuskript in meinen Händen hinab. Kein Sex?

Ich dachte über den Kein-Sex-Standpunkt nach, während ich in meine süße kleine Wohnung zurückging. In dieselbe süße kleine Wohnung, in der ich mich gestern fast totgelacht hätte über Isabellas Angebot, mir ihren aktuellen Toyboy zu überlassen. Oh ja, ich hatte gelacht, als Isabella durchs Treppenhaus rief, dieser perfekte Mann – der Mann, von dem sie glaubte, er sei für mich gemacht – sei ihr Liebhaber. Ich lachte und rollte mit den Augen, als ich in meine kleine feine Wohnung zurückging, um den leeren Raum zu fragen: „Ja, richtig, als hätte der Esel mich im Galopp verloren, oder was?“ Die traurige Wahrheit ist, dass ich, nachdem ich mit Lachen fertig war, begann, ernsthaft über das nachzudenken, was Isabella gesagt hatte.

Ich schätze, es bedarf einer Erklärung, warum Isabellas Angebot auch nur ein Fünkchen Interesse bei jemandem erwecken sollte, der die letzten zehn Jahre seines Lebens damit verbracht hatte, von Versager zu Versager zu springen und ab und zu mal bei einem richtigen Verlierer zu landen, nur um die Monotonie ein wenig aufzulockern.

Die beste Freundin meiner Mutter aus Schulzeiten hatte einen reichen Briten geheiratet. Sie hatten eine Tochter, Stephanie. Steph verbrachte den Sommer in Australien und suchte für ihre ruhig gelegene Wohnung in einem alten Haus einen Zwischenmieter. Nach sechs langen Verhandlungswochen trafen Mom und ich die Abmachung, dass sie die Wohnung bezahlte und ich mich als Schriftstellerin versuchte.

Es gab allerdings noch mehr als nur das Arrangement zwischen Mom und mir; es war die kleine Angelegenheit meines gesamten Lebens, meiner Zukunft, meiner Träume und Hoffnungen und … ja, ich will ehrlich sein, ich war nie besonders erfolgreich im Leben – etwas, das meine Mutter nicht müde wird, mir von Zeit zu Zeit vorzuhalten. Ich war einmal mit einem Microsoft-Yuppie verheiratet gewesen, der nur für seine Arbeit lebte. Er ließ sich von mir scheiden, nachdem er zu dem Schluss gekommen war, ich würde Unglück bringen. Ich hatte achtzehn Jobs in den letzten zehn Jahren, die mit praktisch allem zu tun hatten: Ich habe Kaugummi von den Fußböden irgendwelcher Kinos gekratzt, mit starrem Blick die Mikrofilm-Schecks einer Bank geprüft und die Hunde von Leuten spazieren geführt, die keine Zeit hatten, mit ihren eigenen Hunden Gassi zu gehen. In denselben zehn Jahren hatte ich eine geringfügig kleinere Zahl von Beziehungen mit Typen, von denen einige Charles Manson mühelos an Gruseligkeit überbieten konnten.

Auch wenn es so aussah, als wäre es mein einziges Ziel, als Schriftstellerin erfolgreich zu sein – und meine Motivation zum Erfolg ist stark, denn ein Misserfolg würde bedeuten, dass ich mein Leben aufgeben müsste, um mich in einem Provinznest in einer Wüste im östlichen Washington um die körperlichen Bedürfnisse meiner Großmutter väterlicherseits zu kümmern – war es mir noch viel wichtiger, meiner Mutter ein für alle Mal zu beweisen, dass ich in etwas erfolgreich sein konnte. In irgendetwas. Nur einmal wollte ich ganz oben sein, und sie sollte dabei zusehen, wie ich triumphierte.

Das Bedürfnis nach elterlicher Anerkennung ist ein schweres und unhandliches Päckchen.

Als ich zum ersten Mal in das Haus in London kam, begrüßte Isabella mich höflich, gab mir die Schlüssel, zeigte mir die Wohnung, die für die nächsten beiden Monate mein Zuhause sein sollte, und erklärte kurz, wer die anderen Mieter waren.

„Im Erdgeschoss wohnen zwei Familien mit Kindern“, sagte sie mit einem affektierten englischen Akzent, der mir vor Entzücken eine Gänsehaut über den Rücken jagte. England! Ich war wirklich in England!

Sie runzelte kurz die Stirn beim Anblick eines überdimensionierten goldenen Sitzkissens und rückte es ein winziges Stück nach links.

„Die Familien sind verwandt – Schwestern – und beide verbringen ihren Sommer in der Provence. Ihre Wohnungen sind an Gastwissenschaftler untervermietet. Das sollte repariert werden.“

Ich schaute in die Richtung, in die sie zeigte, und sah, dass eines der Seitenfenster nicht ganz richtig schloss.

„Das ist kein Problem. Ich bezweifle, dass jemand drei Stockwerke heraufklettern würde, um in diese Wohnung einzubrechen.“

„Mmm.“ Sie ging weiter, um einen hässlichen Van-Gogh-Druck gerade zu rücken. „Den ersten Stock teilen sich Dr. Bollocks – er lehrt an der London University – und die Muttsnuts.“ Sie schürzte ihre Lippen und schüttelte kurz ihren Kopf, als sie den letzteren Namen erwähnte. „Sie sind frisch verheiratet. Man sieht sie kaum.“

Dr. Bollocks? Muttsnutts? Herrlich englische Namen – die musste man einfach lieben!

„Im zweiten Stock wohnen zwei Frauen, Miss Bent und Miss Fingers, und Mr. Aspartame. Philippe kommt von den Bahamas.“

Ich sah zu, wie sie kurz an einer abscheulichen gelben Vase voller welkender Gänseblümchen herumfummelte, und fragte mich, wann sie wohl gehen würde, damit ich mich in aller Ruhe auf die breite Couch sinken lassen konnte, die ich in einer Ecke entdeckt hatte. „Fingers. Aspartame. Bahamas. Faszinierend.“

Isabella schob den Perlenvorhang beiseite, der den Eingang zu dem kleinen Kämmerchen namens Küche verdeckte, während ich einen kurzen, sehnsüchtigen Blick in Richtung Couch schickte. Da sie aber keine Anzeichen machte zu verschwinden, stählte ich meine Knie gegen den Jetlag, der sie zum Zittern brachte, und versuchte zuzuhören, was sie sagte.

„Du wirst mit diesem Gasherd vorsichtig sein, nicht wahr?“

Ich nickte zustimmend. Ich war wirklich bereit ihr zu versichern, dass ich das verdammte Ding nie benutzen würde, wenn sie mich nur endlich allein ließe.

„Im dritten Stock befindet sich diese Wohnung und gegenüber von dir leben zwei Studenten, Mr. Skive und Miss Goolies. Sie sind sehr ruhig, du musst dich also nicht um mitternächtliche Partys, laute Musik oder andere Verletzungen der Hausregeln sorgen. Du sagtest, du suchst nach einer ruhigen Wohnung?“

Ich mobilisierte alle Muskeln, die man für ein Lächeln brauchte, aber ich war sicher, dass das Resultat weniger als hübsch war. Isabella wandte den Blick aus verblüffend blauen Augen schnell ab, als ich bestätigte, dass ich in der Tat Ruhe suchte, um ein persönliches Projekt umzusetzen.

„Mr. Block und ich teilen uns das obere Stockwerk“, sagte sie sanft, während sie einen ramponierten Kleiderschrank öffnete und die Nase über den muffigen Geruch rümpfte. „Du solltest den hier lüften, bevor du deine Kleider hineinhängst.“

„Danke“, sagte ich nachdrücklich und bewegte mich in Richtung Tür. „Ich bin sicher, alles wird perfekt sein und ich werde gut in der Wohnung zurechtkommen.“

„Mmm.“ Sie sah ziemlich ungläubig aus, als sie an mir vorbei und durch die offene Tür nach draußen glitt. Ich behielt das halbherzige Lächeln auf dem Gesicht und zählte bis zehn, bevor ich die Tür leise schloss. Besitzergreifend blickte ich mich in der kleinen Wohnung um und ging dann auf direktem Weg zum Bett.

Nach zehn Tagen hatte ich die meisten meiner Nachbarn kennengelernt und war glücklich in meiner neuen Bude – glücklich genug, um über Isabellas lächerliches Angebot zu lächeln und hinauszugehen und ein wenig Recherche für mein Buch zu betreiben. Es war eine Liebesgeschichte aus der Regency-Zeit, und ich wollte sichergehen, dass ich alle Kleinigkeiten bedacht hatte: korrekte Beschreibungen von Rotten Row, Kensington Park, White’s und ähnlichen Landmarken. Ich verbrachte eine angenehme Stunde damit, einen Leserausweis für die neue Bibliothek im British Museum zu bekommen, bevor ich zufrieden nach Hause zurückkehrte. Zufrieden, bis ich meiner Nemesis gegenüberstand.

Isabellas Haus war nicht gerade das, was wir Westküstenamerikaner unter einem Haus verstanden. Es war Teil einer langen Reihe miteinander verbundener Gebäude, die über die gesamte Seite des Platzes reichte. Die Häuser aus weißem Stein hatten nahezu identische schwarze Metallgeländer an weißen Steintreppen, sowie weiße Spitzengardinen in allen Fenstern. Unser Haus hatte eine mahagonifarbene Tür, die meiner Meinung nach aus den Tiefen der Hölle stammte. Die Tür hasste mich. Oder eher das Schloss. Ich hatte gesehen, dass es bei anderen Mietern funktionierte, es war also nicht kaputt. Aber wenn ich mit meinen Armen voller Einkaufstüten näherkam, wandte es sich ab, als könnte es nicht ertragen, mich über die Schwelle zu lassen.

„Du bist heute also in so einer Stimmung“, murmelte ich und ruckelte an dem Schlüssel im Schloss, drehte ihn vor und zurück, um den Mechanismus irgendwie in Gang zu setzen. „Nun gut, mein stählerner Freund, ich habe Neuigkeiten für dich. Ich habe hier eine Kleinigkeit, die dich garantiert zur Vernunft bringen wird!“

Ich legte einen Stapel Taschenbücher auf die Stufen, die ich in einem Krimibuchladen gekauft hatte, dazu meine Lebensmitteleinkäufe und eine kleine spitzblättrige Pflanze, die ich einem Straßenhändler abgekauft hatte. „Aha!“, rief ich, und fuchtelte mit dem kleinen Metalldorn, den ich in einem Glas gefunden hatte, das Stephanie zusammen mit ihren Keramikwerkzeugen aufbewahrte, und den ich seitdem für genau solche Fälle in meiner Handtasche mit mir herumtrug. „Die Rache ist mein, du kleiner Bastard!“ Ich begann, mit dem Dorn im Schloss herumzustochern und murmelte dabei Verwünschungen. „Wir werden schon sehen, wie es dir gefällt, wenn ich dich ausweide“, sagte ich und führte einen besonders fiesen Stich in seine Eingeweide aus. „Du willst dich für mich nicht öffnen, nicht wahr? Ha! Kein Schloss kann mich aussperren, ich bin …“ Ich mühte mich mit meinem Werkzeug ab und lehnte mich mit meinem Gewicht gegen die Tür. Das Metall des Schlosses quietschte unter meinen Stichen. „Ich bin …“ Ein leises metallisches Klicken ertönte. Dem Sieg nahe, drehte ich den Dorn und stocherte in einem anderen Winkel, während ich angestrengt auf meiner Unterlippe kaute. „Ich bin …“

„Ein Einbrecher ist, glaube ich, das Wort, das Sie suchen.“

„Verflixt und zugenäht“, schimpfte ich, wirbelte herum und hielt den Dorn immer noch fest in meiner Hand. Ich kannte den Mann nicht, der auf der Treppe vor dem Haus stand, weswegen ich annahm, dass er einen der Mieter besuchen wollte. Ich starrte für eine Minute in die entzückendsten grünen Augen, die ich je bei einem Mann gesehen hatte, und ließ meinen Blick aufwärts zu einer leicht gerunzelten Stirn schweifen, noch höher zu wundervollem kastanienbraunen Haar, das leicht gewellt nach vorn fiel. Er hatte schöne Wangenknochen, eine lange Nase, Lippen, die vor Verärgerung dünn waren, und ein fein gerundetes Kinn. Ich riss mich zusammen und versuchte nicht daran zu denken, wie diese Lippen wohl aussehen mochten, wenn sie nicht zu einer dünnen Linie zusammengepresst waren.

„Ähm … Das Schloss funktioniert nicht.“

Er sah erneut auf den Dorn in meiner Hand hinab, und eine kastanienbraune Augenbraue schnellte fragend nach oben. Ich fühlte, wie die Röte sich von meinem Hals nach oben ausbreitete. „Ich habe einen Schlüssel, aber er funktioniert nicht. Also dachte ich, ich probiere das hier und sehe, ob ich …“

„… das Schloss überreden könnte, sich zu öffnen. Ja, habe ich gehört.“ Er bedachte mich von oben bis unten mit einem arroganten Blick und wechselte seine lederne Aktentasche von seiner rechten in seine linke Hand. Aus seiner Hosentasche zog er einen Schlüsselbund hervor, schob mich einfach beiseite und steckte den Schlüssel ins Schloss. Die verdammte Tür öffnete sich ohne einen Mucks.

„Die Tür hasst mich“, murmelte ich und bückte mich, um meine Habseligkeiten aufzusammeln.

„Einen Moment bitte“, sagte der grünäugige Schlosser und hielt seine Hand hoch. Er stand recht starr da und hielt seinen Schlüssel und seine Aktentasche umklammert. Auf seiner Stirn hatten sich feine Schweißperlen gebildet. Es waren mindestens sechsundzwanzig Grad und dieser Scherzkeks hatte einen schwarzen Anzug an und sah damit aus wie ein heißer, leicht genervter Anwalt. Er griff hinter sich und zog die Tür wieder zu.

„Hey! Würden Sie die Tür bitte wieder öffnen?“ Ich zog ein Baguette aus meiner Einkaufstasche und schwang es auf angemessen bedrohliche Weise. Er verengte die Augen, als ich einen Schritt näher kam. Ich konnte sein herbes Aftershave riechen, das mich zu vergiften drohte. „Sie öffnen diese Tür jetzt wieder, oder ich schlage Ihnen dieses Baguette auf den Kopf, und ich wette, Sie möchten keinen Kopf voller Krümel haben! Sie könnten auf Ihren Anzug fallen!“

Seine Augen weiteten sich vor Überraschung. „Bedrohen Sie mich, Madam?“, fragte er mit einer tiefen, gehaltvollen Stimme, die mich an Alan Rickman erinnerte, den attraktiven englischen Schauspieler.

„Richtig. Ich wohne hier, Mann. Sehen Sie, ich habe einen Schlüssel!“ Ich zeigte ihm meinen Schlüssel, den ich in meiner Hand hielt, zusammen mit den Henkeln meiner Einkaufstasche, meinen Taschenbüchern und meinem Dorn. Ich hob meine frischgebackene Waffe ein wenig höher. Der Mann war gute zehn Zentimeter größer als ich, aber obwohl er eine Stufe über mir stand, kam ich zu dem Schluss, dass ich ihm das Brot um die Ohren hauen konnte, bis er die Tür öffnete, wenn es drauf ankam.

Er sah nicht eingeschüchtert aus angesichts des drohenden Angriffs mit einem Baguette, aber glücklich schien er darüber auch nicht zu sein. Er zog die Augenbrauen zusammen und musterte mich. Dem Anflug von Missfallen auf seinem Gesicht entnahm ich, dass er keine Bewunderung für den Anblick übrig hatte.

„Sie sind auch kein Hauptgewinn, wissen Sie.“ Er blinzelte überrascht, als ich ihm das Baguette auf die Brust setzte. Das stimmte zwar nicht, aber ich hatte nicht vor, hier zu stehen und mich inspizieren zu lassen wie ein schimmeliges Stück Käse.

„Wie bitte?“

„Wie Sie mich angesehen haben – das war nicht besonders nett. Ich möchte nur, dass Sie wissen, dass Sie mit dieser Alan-Rickmann-Stimme sagen können, was Sie wollen – es interessiert micht nicht.“ Ich nickte nachdrücklich und zog mich ein Stück zurück. Irgendwie schien sein Aftershave mich anzuziehen. Ich kämpfte eine kleine Regung der Lust nieder und sah ebenso düster drein wie er.

„Ich verstehe. Ich danke Ihnen für diese Information. Würden Sie mir nun Ihren Ausweis zeigen?“

Ich glotzte ihn an. Manche Leute hatten echt Nerven! „Meinen was?“

„Ihren Ausweis. Ich nehme an, Sie sind Amerikanerin oder Kanadierin?“

„Amerikanerin. Nicht dass es Sie irgendetwas anginge. Herr Kommissar, könnten Sie nicht einfach die verdammte Tür öffnen und mich in meine Wohnung lassen, bevor meine Eiscreme schmilzt?“

„Sie müssen doch einen Pass haben“, beharrte er.

Ich sah mich auf übertriebene Weise um. „Jesus, ich hätte schwören können, dass ich in Heathrow durch die Passkontrolle gegangen bin. Wenn Sie die Tür schon nicht öffnen wollen, könnten Sie wenigstens aus dem Weg gehen, damit ich sie eintreten kann.“

Er blickte für einen Moment über meinen Kopf hinweg, seufzte und zog dann eine lederne Brieftasche aus der Brusttasche seiner Anzugsjacke. Er klappte sie auf. Ein kleines Foto seines Gesichts, ohne Stirnrunzeln, starrte mich an. Ich las die Worte darüber.

„Metropolitan Police.“

„Richtig.“

„Scotland Yard?“

Er schloss kurz seine Augen und nickte. Ich sah noch mal hin.

„Sie sind ein Detective Inspector! Cool! Wen besuchen Sie hier?”

„Niemanden. Ich wohne hier. Deshalb weiß ich sehr genau, dass Sie das nicht tun, meine liebe kleine brotschwenkende Einbrecherin. Nun zeigen Sie mir bitte Ihren Ausweis.“

„Ich wohne zur Untermiete in Stephanie Shays Wohnung“, sagte ich. Mir fiel auf, dass seine Hände zwar groß, aber schön geformt waren. Ich gebe zu, dass ich besonders auf Männerhände achtete. Und die Kombination aus einem echten Scotland-Yard-Detective, seinem verführerischen Aftershave und diesen Händen machte mich ein bisschen wuschig. „Sie können Isabella fragen. Sie sind nicht einer derjenigen, die im Erdgeschoss wohnen?“

„Nein, ich wohne im vierten Stock.“

Nun war es an mir, überrascht zu blinzeln. „Sie wohnen über mir?“

„Offenbar.“ Er runzelte erneut die Stirn und hob meine spitzblättrige Pflanze auf, um sie genau zu inspizieren. „Tragen Sie für gewöhnlich illegale Drogen mit sich herum?“

„Hä?“

Er hielt mir die Pflanze vor die Nase. Meine Finger berührten seine, als ich versuchte, die Pflanze zu nehmen, aber er ließ sie nicht los. Ich zog fester.

„Sie wissen, dass das eine Marihuanapflanze ist, oder?“

Ich blickte auf meine süße kleine spitzblättrige Pflanze. Sie sah so unschuldig aus! „Ich … nein! Ich habe sie bei einem Typen an der U-Bahn-Station gekauft. Er hatte eine ganze Reihe von denen. Er sagte, es sei … Oh.“

Er hob eine Augenbraue und ließ die Pflanze los. Das Gefühl seiner Finger, die unter meinen entlangglitten, brachte mich zum Labern. „Der Typ, der sie mir verkauft hat, sagte, dass es ein homöopathisches Kraut sei, das benutzt wird, um Freude und Frieden zu bringen, und dass es harmlos sei.“ Ich fühlte die Röte in mein Gesicht schießen, als ich meine Naivität zugab, sagte aber nichts mehr, als er die Tür öffnete und sie für mich aufhielt. Ich lächelte ihn schief an, murmelte der Tür ein Versprechen auf Rache zu und trat in den kleinen Flur.

„Ich werde Isabella nach Ihnen fragen“, warnte er mich, als ich die Treppen hoch ging.

Ich zuckte meine Schultern, so gut es eben ging mit meinen Armen voller Einkäufe, und hörte seine Schritte hinter mir auf den Stufen. „Ich habe Sie nicht angelogen; sie wird Ihnen dasselbe erzählen.“

Ich schaute über meine Schulter, als ich mich auf dem Treppenabsatz umdrehte, und sah zu meiner Befriedigung, dass sein Blick an meinem Hintern klebte. „So so, da sind also doch Fleisch und Blut unter diesem Anzug.“

Sein smaragdgrüner Blick schoss zu mir nach oben. Ich drehte meinen Kopf in seine Richtung. „Wow, ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal einen Mann zum Erröten gebracht habe.“

Er schien noch unnachgiebiger zu werden, wenn das möglich war, seine Kiefer waren so fest zusammengebissen, dass ich die Muskeln vor Anspannung zucken sehen konnte. Offensichtlich bekam der Herr Detective nicht viele Komplimente am Tag. Armer Kerl, hier stand er nun und kam vor Hitze fast um, und ich zog ihn auch noch auf.

„Hey, ist schon gut“, sagte ich mit einem aufmunternden Lächeln und drückte seine Hand, die auf dem Geländer lag, auf freundschaftliche Weise. „Falls Sie sich dann irgendwie besser fühlen, können Sie auch vor mir gehen, und ich gaffe Ihren Hintern an.“

Seine Augen traten ein wenig hervor, und er sah aus, als könnte er sich nicht entscheiden, ob er lachen oder mit mir schimpfen sollte. Ich lächelte noch ein bisschen mehr und knuffte ihn in die Rippen. „Das war ein Witz, Sherlock. Sie sollen lachen. Wissen Sie, ha ha ha?“

Ein Mundwinkel zuckte, dann der andere, und dann – wer hätte das gedacht, Mutter Maria und alle Heiligen – lächelte er. Ich machte einen Schritt zurück und drückte das Brot an meine Brust. „Oh so beruhige dich, mein armes Herz! Ich muss meine Augen abwenden, bevor dieses umwerfende Lächeln mich in die Knie zwingt und mich all meiner Empfindsamkeit beraubt“, sagte ich mit meiner besten Regency-Heldinnenstimme und grinste, als er ein rostig klingendes Lachen von sich gab.

„Sie benutzen Ihr Lachen nicht oft, oder? Ich wette, es ist wegen all dieser Leichen und Schwerkriminellen, die Sie untersuchen, richtig?“ Ich ging weiter die Treppe hinauf und schwang dabei meine Hüften, nur um zu sehen, ob er hinsah. Er sah hin.

„Sie machen das mit Absicht“, warf er mir vor.

Ich warf ihm über meine Schulter ein Lächeln zu. „Man tut, was man kann“, sagte ich schelmisch und stieg noch ein paar Stufen hinauf, bevor ich innehielt, damit er zu mir aufschließen konnte. „Hey, können Sie mich in dieses Black Museum bringen, von dem ich gehört habe? Ich würde so gern diesen ganzen Jack-the-Ripper-Kram sehen, die Totenmasken und die Dr.-Crippen-Memorabilia.“

Detective Miesepeter schaute mich abgekämpft an und schüttelte den Kopf. „Das Kriminalmuseum ist nicht für die Öffentlichkeit zugänglich.“

„Ich weiß. Deshalb frage ich ja Sie, ob sie mich hineinbringen können.“

„Miss … Mrs … Wie heißen Sie eigentlich?“

„Alix.“

„Ja. Und Ihr Name?“

„Alix. Wie heißen Sie?“

Ich hielt abrupt an, als er meinen Ellbogen griff. „Warum fragen Sie mich, wenn Sie es schon wissen?“

„Was? Wovon sprechen Sie?“

Das Stirnrunzeln war wieder da. „Ich habe Sie nach Ihrem Namen gefragt.“

„Und ich habe ihn Ihnen gesagt. Mein Name ist Alix. Kurz für Alexandra, falls Sie es noch nicht erraten haben.“

Das Stirnrunzeln vertiefte sich für eine Minute, glättete sich dann, und ein Lächeln umspielte wieder seine Mundwinkel.

„Sie sollten besser darauf achtgeben, es wird sonst zur Gewohnheit.“ Ich stieg die restlichen Stufen hinauf und suchte vor meiner Tür nach meinem Schlüssel.

„Ich heiße auch Alex“, sagte er mit einer monotonen Stimme und nahm mir die Pflanze und das Brot aus der Hand, damit ich die Tür aufschließen konnte. Er hielt mir die Tür auf und sah zu, wie ich die Einkaufstasche, die Taschenbücher und meine Geldbörse auf dem unglücklichen Tisch neben dem Eingang ablud. Ich nahm das Brot, das er mir hinhielt, und legte es auf den Stapel.

„Sie machen Witze! Wahrscheinlich haben Sie mich gerade für einen Idioten gehalten.“ Ich zog eine Grimasse und fragte mich, was hinter seinem smaragdgrünen Blick vorging. Es war erstaunlich, wie viel Feuer plötzlich darin lag. „Stellen Sie sich das vor, wir haben denselben Namen. Nun, da haben wir die Bescherung!“

Er hob minimal eine Augenbraue.

„Was?“, fragte ich.

„Da haben wir die Bescherung?“

„Habe ich das falsch gesagt? Ich habe gehört, wie jemand im Fernsehen es gesagt hat. Ich dachte, es heißt da haben Sie es.“

Einer seiner Mundwinkel zuckte. „So ist es.“

„Warum haben Sie mich dann so komisch angesehen?“

Er hob seine Hand und strich eine Strähne meines Haares, die sich aus meinem Pferdeschwanz gelöst hatte, hinter mein Ohr. Das Blut stieg mir in die Ohren, meine Brustwarzen richteten sich auf und mein Atem ging flacher.

„Es hört sich ein kleines bisschen lächerlich an, wenn Amerikaner es sagen.“

„Oh.“ Mir wurde klar, dass ich gerade beleidigt worden war. Ich ignorierte das Flehen meiner Brustwarzen, sich an ihm zu reiben, presste stattdessen meine Lippen zusammen und legte meine Stirn in Falten. „Blödsinn! Das ist eine einzige große Lüge! Sie wollen mich ärgern, oder? Was für ein Haufen Unsinn! Das ist total verrückt! Also, ich kann …“

Er hob seine Hand als Zeichen der Kapitulation und ein echtes, ehrliches Lächeln erhellte sein Gesicht. „Ich gebe auf. Da haben wir die Bescherung.“

Für einen kurzen Moment lächelte ich zurück und sah, wie sein Gesicht sich verdüsterte und das Lächeln aus seinem Gesicht wich. Ich spürte das fast überwältigende Verlangen, ihn zu küssen, einfach mit meiner Zungenspitze den Punkt zu berühren, an dem sein Unterkiefer in seinen Hals überging. Ich ignorierte die leise Stimme in meinem Kopf, die mich daran erinnerte, dass ich ihn eben erst getroffen hatte, und er sicher nicht an meinesgleichen interessiert wäre, und gab der anderen Stimme nach, die mich zu einem kleinen Flirt drängte, nur um zu sehen, wohin das führen würde. Ich lehnte mich in seine Richtung und atmete seinen Duft ein. Er roch nach Aftershave und Mann und … noch etwas anderem, das ich nicht genau zuordnen konnte. „Bist du dort gewesen, Alex?“

Ein Muskel regte sich in seinem Kiefer, aber er trat nicht zurück. Er ergriff mich auch nicht, um seine Lippen auf meine zu drücken, aber man konnte schließlich nicht alles haben. „Bin ich wo gewesen?“

Ich kam noch ein Stück näher und schaute ihn mit meinem besten Schlafzimmerblick an. „Im Black Museum.“

Ich konnte seinen Puls an seiner Halsschlagader sehen. Sein Adamsapfel bewegte sich über seinem Krawattenknoten. „Ja, war ich.“

„Nimm mich … mit“, flüsterte ich.

Seine Pupillen weiteten sich in seinen schönen grünen Augen. „Bitte?“

Ich neigte leicht meinen Kopf und blies einen kleinen Atemzug an sein Ohr. „Ich hab dich angelogen, Alex. Diese Alan-Rickmann-Stimme macht doch etwas mit mir. Nimmst du mich mit zum Black Museum?“

„Verführst du immer Leute, von denen du einen Gefallen willst?“

Ich grinste, als er einen Schritt näher kam. Ich konnte seinen Atem auf meinem Gesicht spüren. Er vermischte sich mit seinem Aftershave, das aus puren Pheromonen zu bestehen schien. „Nicht immer. Nur wenn Drohungen mit Broten nicht funktionieren.“

„Verstehe“, sagte er mit dieser sexy Stimme und neigte leicht seinen Kopf.

Ich drehte meinen Kopf und öffnete meinen Mund gerade weit genug, damit mein Atem seine Lippen streifen konnte. „Also wirst du es tun?“

„Dich mitnehmen?“ Seine Lippen berührten meine, als er sprach, federleicht und angenehm warm. Ich schnappte nach Luft und fragte mich, wohin sie verschwunden war. „Ja, Alix, ich befürchte, wir werden es tun.“

Ich lächelte und meine Lippen berührten seine. Ich genoss den Hitzeschauer, der sich aufgrund dieser leichten Berührung in meinem Bauch bildete. Ich hatte so etwas noch nie gefühlt, noch nicht einmal, als ich mit meinen Ex-Mann ausgegangen war. „Gut“, hauchte ich. „Wann?“

„Bald. Ich möchte dich zuerst ein wenig besser kennenlernen, aber … bald.“

„Gut“, wiederholte ich und wünschte, ich hätte die Nerven, ihm einfach meine Arme um den Hals zu legen und ihn zu küssen, aber meine Vorsicht siegte. Ich umklammerte stattdessen meine Hände hinter meinem Rücken.

Er gab ein leichtes zustimmendes Brummen von sich und ging langsam rückwärts, bis er zur Tür hinaus war.

„Sag mir Bescheid, wann du es angehen willst“, sagte ich mit einem reuigen Lächeln, ein wenig bestürzt über das Gefühl von Verlust, das in mir aufkam, als er sich zurückzog. Ich hatte den Mann gerade erst getroffen, um Himmels willen. Sicher konnte nicht einmal meine ausgehungerte Libido gleich auf den ersten großartigen Engländer reinfallen, der uns begegnet war. „Mein Terminkalender ist recht übersichtlich. Ich brauche nur einen Tag oder so als Vorwarnung.“

Er lächelte nicht mit den Lippen, sondern mit den Augen. Seeehr interessant. Er nickte kurz und drehte sich zur Treppe um.

„Meine Schwester wird schrecklich eifersüchtig sein, weißt du“, rief ich hinter ihm her.

„Wird sie das?“ Er hielt inne und sah mich über seine Schulter hinweg an, einen undurchschaubaren Ausdruck im Gesicht.

„Jep. Sie ist ein riesengroßer Krimifan und wollte schon immer das Black Museum sehen. Sie wird ausrasten, wenn ich ihr erzähle, dass du mich mitnimmst.“

Beide kastanienbraunen Augenbrauen schnellten in die Höhe. „Ich glaube, ich habe erwähnt, dass das Kriminalmuseum nicht für die Öffentlichkeit zugänglich ist, Alix.“

Ich sah, wie er auf den Treppenabsatz stieg, und schloss meinen Mund. „Moment, du hast gerade gesagt, wir werden es tun, und jetzt machst du einen Rückzieher?“

Er hatte einen Fuß auf der untersten Stufe der letzten Treppe. Im Treppenhaus war es zu dunkel, als dass ich seinen Gesichtsausdruck hätte erkennen können, bis er sich zur Seite lehnte, in das Licht, das durch ein Fenster hinter ihm fiel. Er grinste wie ein Honigkuchenpferd und mir klappte der Unterkiefer herunter. Die kleine Flamme, die unser Flirt entzündet hatte, entwickelte sich zu einem feuerspeienden Vulkan, der drohte, mich an Ort und Stelle auszulöschen. Ich griff nach dem Türrahmen, um meinen plötzlich sehr weichen Knien Halt zu geben.

„Du hast mich gebeten, es zu tun, Alix, und ich beabsichtige voll und ganz, dieser Bitte nachzukommen. Leider ist es mir nicht möglich, dich mit ins Kriminalmuseum zu nehmen.“

Es kam mir vor als wäre jeder Knochen in meinem Körper zu Pudding geschmolzen unter dem Einfluss dieses wölfischen Grinsens. „Aber … aber … du sagtest … wir werden es tun …“ Eine Glühbirne ging in meinem Kopf an. Ich starrte ihn an, unfähig zu glauben, was ich soeben dachte. Sicher hatte er nicht gemeint … Er konnte nicht, er war Engländer und jeder wusste, dass Engländer kühl und reserviert waren und nicht derartig flirteten, und sicher keine Anzug tragenden Detective Inspectors. „Äh …“

„Mach deinen Mund zu, Alix“, sagte er sanft, und entschwand mit einem leichten Nicken die Treppe hinauf.

„Heiliger Strohsack“, sagte ich zu niemandem und sah ihm nach.

Ich schloss die Tür leise hinter mir und lehnte mich dagegen, dachte über das nach, was er gesagt hatte, was ich gesagt hatte, wünschte, ich wäre nicht so ein Idiot gewesen, und erlaubte mir dann, mich einen Moment in dem warmen Versprechen zu sonnen, das in seiner Stimme gelegen hatte. Ich war gerade an dem Punkt angelangt, an dem ich ihn mir nackt auf meiner Récamiere vorstellte, als mir einfiel, was ich zu Isabella über ihren perfekten Mann gesagt hatte. Obwohl Vierter-Stock-Alex genau mein Typ war, war ich mir sicher, dass er nicht an der Art Beziehung interessiert war, die ich mir vorstellte. Er sah nicht aus wie der Quickie-Typ. Und es gab andere Nachteile.

In Gedanken zählte ich all seine Schwächen auf und hob währenddessen meine Einkaufstasche, meine Bücher und das Brot auf. Definitiv hatte er wenig bis gar keinen Sinn für Humor, war arrogant, kratzbürstig, ernsthaft, trug mitten im Hochsommer einen Wollanzug und würde Spaß vermutlich nicht einmal erkennen, wenn er vorbeikäme und vor ihm die Hosen hinunterließe.

Ich sah auf die Bücher und Einkäufe hinab, runzelte meine Stirn und fügte der Liste eine weitere Sünde hinzu. „Der kleine Bastard! Er hat meine Pflanze mitgenommen!“

Kapitel Drei

Lady Rowena kniete flehend vor ihrem Lord, Tränen rannen über ihre elfenbeinfarbenen Wangen, über ihr Kinn, ihren Hals hinab und in den Ausschnitt ihres Kleids. Sie durchnässten den dünnen Musselinstoff ihres Gewands und machten es fast durchsichtig, was ihre Brüste mit den kleinen, kecken rosafarbenen Nippeln Raouls hitzigem Blick darbot. Sie hickste und tupfte sodann ihre Nase mit dem Ärmel ihres Kleids ab. „Oh bitte, mein liebster, teuerster Geliebter! Ihr dürft mich nicht verlassen, um diese Bastardtochter eines Dukes zu heiraten!“

Lord Raoul kehrte der weinenden Frau seinen Rücken und blickte hinaus auf die samtgrünen Rasenflächen von Firthstone. Er war traurig darüber, den Spaß mit Rowena aufgeben zu müssen, aber sie hatte eben nicht die Mitgift, die Pruenella hatte, die leibliche Tochter des Duke of Colinwood, und, verdammt, man bezahlte nicht für eine Kuh, wenn man die Milch umsonst bekam!

„Warum sollte ich sie nicht heiraten?“ fragte er gefühllos.

Rowena sah ihn an, als hätte er den Verstand verloren. „Ähm … also … Erst einmal ist sie ein Bastard, Raoul. Illegitim. Ihre Eltern waren nicht verheiratet. Ihr versteht diesen Sachverhalt, oder?“

„Also, was denken Sie? Meinen Sie, Lady Rowena würde auf eine so anmaßende Weise mit ihrem geliebten Lord Raoul sprechen? Hat er zu wenig Mitleid?“

Kamil, der Lebensmittelhändler, sah mich mit einem Blick an, der Rehen vorbehalten ist, die in Scheinwerferlicht starren, aber er fing sich schnell und setzte ein mutiges Lächeln auf und legte eine Hand auf einen Stapel Abendzeitungen. „Es tut mir leid, aber ich kann Ihnen nicht helfen. Sie sollten mit jemand anderem sprechen. Mit einer Frau vielleicht, mit jemandem, der Bücher liest. Ich kann Ihnen nicht helfen. Möchten Sie vielleicht noch etwas anderes kaufen?“

Ich machte Platz, damit ein Kunde seine Chipstüte und sein Sixpack Alsterwasser auf die kleine freie Fläche auf der Theke stellen konnte. Es war nicht viel Platz, vielleicht dreißig Zentimeter im Quadrat. Der Rest der Fläche wurde von Süßigkeiten, Zeitungen, Snacks, Postkarten und verschiedenem Krimskrams eingenommen. Kamils Laden gehörte einer aussterbenden Art an. Er war eine kleine Oase faszinierender britischer und afghanischer Spezialitäten, die so dicht in die Regale gestopft waren, dass es unmöglich war, ein einzelnes Stück herauszunehmen, ohne dass eine Kaskade aus Dosen, Päckchen und Gläsern auf den ahnungslosen Kunden herniederging. Ich linste durch die Warenstapel auf der Theke, um Kamil zum Abschied freundlich zuzuwinken, nahm meine Manuskriptseiten und meine Einkäufe und verließ den Laden.

Ich mochte es, durch London zu spazieren. Für eine der größten Städte der Welt hatte London ein schönes Flair. Einzelne Viertel waren gänzlich verschieden: einige warm und heimelig, andere hip und aufregend und wieder andere staubig, trocken und geschichtsträchtig. Ich wohnte in der Nähe des British Museum in einer sehr schönen Gegend mit vielen Grünflächen und aggressiven Eichhörnchen, die jeden erbarmungslos anbettelten, der unvorsichtig genug war, Essen mit in den Park zu bringen. Es gab viele düstere kleine Läden, gefüllt mit faszinierenden Antiquitäten, Büchern und Artefakten, die garantiert auch das anspruchsvollste Herz erfreuten.

Ich konnte die Hitze durch die dünnen Sohlen meiner Sandalen spüren, als ich den Fußgängerweg entlangschlenderte, den Einkaufsbeutel schwenkend und tief durchatmend.

„Ah, der Duft von Diesel an einem warmen Sommerabend“, sagte ich fröhlich zu einer älteren Dame, die mit einem Armvoll Einkäufe am Zebrastreifen stand.

„Furchtbar, nicht wahr?“ Sie nickte und bewegte sich in der nächsten Verkehrspause schleppend vorwärts. „Man könnte meinen, bei den heutigen Benzinpreisen würden weniger Menschen fahren, aber es scheinen tatsächlich mehr und mehr zu werden.“ Sie schniefte, nickte mir kurz zu und ging in Richtung eines Häuserblocks davon.

Ich drehte mich um und ging die Straße hinunter, um zum Beale Square zu kommen. Ich war zufrieden, die Geräusche des Lebens um mich herum zu hören: Musik, die aus offenen Fenstern und Ladentüren drang, das eintönige Heulen und Brummen der Autos, die verlangsamten und wieder anfuhren, und das wundervolle An- und Abschwellen von Unterhaltungen. Es war unfassbar, wie viele verschiedene Variationen die britische Sprache hat, alles vom gutturalen und schroffen Cockney und seinen verschiedenen Varianten bis zu den gerundeten Worten der westlichen Landesteile. Hin und wieder hörte man etwas Irisch, das rollende R der Schotten und den affektierten, seidenweichen BBC-Akzent, der sich einfach zu sehr nach Oberschicht anhörte. Ich liebte sie alle, auch die, die ich nie im Leben verstehen könnte. Nachts lag ich in meinem Bett und arbeitete daran, meinen eigenen britischen Akzent zu perfektionieren.

Ich summte „Moondance“ vor mich hin, als ich umherbummelte und mich fragte, was Mr. Heißer Detective Inspector Alex heute Abend machen würde, wenn ich hinaufging, um seine Nachbarin zu besuchen. Isabella hatte mich eingeladen, ihren Freund zu treffen, den Freund, ihren perfekten Liebhaber-Freund, der noch perfekter zu mir passte. Ich hatte zugestimmt, ihn zu treffen, obwohl ich seit zwei Tagen ununterbrochen an den Mann aus dem oberen Stock dachte. Mehr als ein bisschen verzweifelt, versuchte ich mir einzureden, dass Isabella vielleicht falsch lag und Mr. Perfect sehr wohl an einem kleinen Sommerabenteuer interessiert war. Mr. Alex war es sicher nicht. Ich hatte nichts mehr von ihm gehört oder gesehen, seit er mit meiner süßen kleinen spitzblättrigen (mutmaßlichen Marihuana-) Pflanze davongelaufen war.

„Diese Faszination für ihn ist nicht gut, Alix“, hatte ich mir gestern sehr ernsthaft erzählt, als ich mich dabei ertappt hatte, wie ich aus dem Fenster sah und mir Alex vorstellte, der splitterfasernackt in dem Fleckchen Sonne lag, das die Récamiere erwärmte. „Bleib mit deinen Gedanken bei der Arbeit. Arbeit, Arbeit, Arbeit, das ist es, was du brauchst.“

Ich zog eine Grimasse angesichts meiner eigenen Worte. Ich hatte Erfahrung mit Workaholics und nicht den leisesten Wunsch, einer dieser besessenen Perfektionisten zu werden. Das Leben war zu kurz und unsicher, um nichts anderes zu tun, als zu arbeiten. Besonders, wenn grünäugige Engländer sich verführerisch auf der Récamiere rekelten und ihre schlanken, muskulösen Körper zum Küssen, Streicheln, Lecken und Knabbern anboten …

„Großer Gott, ich tu es schon wieder! Jetzt reicht es, ich brauche Hilfe.“ Ich kritzelte eine kurze Notiz, ging nach oben und klemmte das Papier zwischen Isabellas Tür und deren Rahmen. Ich gebe zu, dass ich kurz auf die Tür ihr gegenüber gestarrt hatte, ging aber wieder hinunter und fühlte mich viel besser, überzeugt davon, dass dieser wenig perfekte Pflanzendieb aus meinem Gehirn gewaschen werden würde, wenn ich Isabellas perfekten Mann kennenlernte.

Es kam mir erst am nächsten Abend, als ich mich für Isabellas Essen anzog, in den Sinn, dass die beiden Männer ein und derselbe sein könnten. Ich stand nackt auf einem Bein balancierend da, das andere Bein in der Luft, weil ich beim Unterwäsche anziehen in der Bewegung innegehalten hatte. Ich starrte ins Leere, während der Gedanke in meinem Kopf herumschwamm. Alex? Mein perfekter Mann?

Ich hatte die Unterwäsche an und dachte noch immer über die relevanten Fakten nach, konnte aber keine Stichhaltigkeit in der Idee finden.

Alles was Isabella gesagt hatte war, dass der Typ perfekt für mich war, und Detective Inspector Gestärkte Unterhose war alles, nur nicht das. Und wenn sie tatsächlich ihn gemeint hätte, hätte sie es sicher gesagt, weil er ja so geschickt darin war, sich vorzustellen. Und er als ihr Liebhaber … Ich schob ein vages Gefühl von Unzufriedenheit von mir und zuckte mit den Schultern.

„Gut, sie treiben es miteinander. Interessiert mich nicht, überhaupt nicht, und du kannst aufhören, den Kopf zu schütteln, weil das hier mein Problem ist, und ich bleibe dabei!“

Ich starrte mein Spiegelbild böse an, nur damit es wusste, dass ich vor ihm nichts zugeben würde. Ich setzte mich hin, um selten benutzte Kosmetika aufzutragen. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal Make-up getragen hatte. Wahrscheinlich zu einer der wenigen Gelegenheiten, als Matt mich zu einem Firmenessen mitgenommen hatte.

„Das hier ist für dich“, sagte ich und grüßte das imaginäre Bild meines Ex-Mannes mit einem fünf Jahre alten Mascarabehälter. Sie war ein wenig zäh und klumpig, und ich schaffte es, sie fast überall zu verteilen, auch auf meiner Nase und an meinem linken Ohrläppchen. Aber letztendlich hatte ich mehrere Schichten aufgetragen. Genug, um meine braunen Wimpern genauso tintenschwarz aussehen zu lassen, wie es in den Sechzigern modern war. Sie waren wirklich, wirklich schwarz und fühlten sich überhaupt nicht klebrig an. Ich betrachtete mich in meinem kleinen Handspiegel und stellte fest, dass es besser aussah, als es sich anfühlte. Ich versuchte mich zu erinnern, ob ich das Rouge über, auf oder unter den Wangenknochen auftragen musste, um einen maximalen Effekt zu erzielen, und kam zu dem Schluss, dass ein bisschen überall mir ein gesundes Leuchten verleihen würde. Ein kleiner Hauch von goldenem Glitzerpuder verwandelte sich plötzlich in eine Lawine, als der Behälter in mein Dekolleté fiel, aber ich bekam das meiste davon ohne große Umstände wieder heraus. Nun noch einen schneidigen roten Lippenstift, ein Spritzer meines Lieblingsparfüms, und das Gesicht, das mich aus dem kleinen Spiegel heraus ansah, war bereit, meinem voraussichtlichen Mr. Perfect den Kopf zu verdrehen.

Es war einfach zu schade, dass Alex nicht da sein würde, um mich zu sehen. Ich verspürte ein ernüchterndes Gefühl in meinem Bauch, wenn ich daran dachte, wie enttäuschend der Abend ohne ihn sein würde.

„Hör auf“, sagte ich mir streng, als ich mein schönstes Kleid anzog. „Hör sofort auf. Es geht hier um den perfekten Mann. Lass uns das nicht versauen wegen eines Typen, der denkt, du seist ein Idiot.“

Ich wollte mein Haar gerade zurücknehmen, aber ich entschied mich dafür, es lieber offen über meinen Rücken fallen zu lassen. Also gab ich ein wenig Gel hinein, damit es mir nicht in die Augen fiel, und föhnte es in Form. Schlussendlich blieb nur noch das Strumpfhosenproblem. Ich hasste es, diese Dinger zu tragen, ehrlich, aber es gab Augenblicke, in denen nackte Beine einfach zu leger wirkten. Da mein Kleid ein paar Zentimeter über meinem Knie endete, war viel von meinen Beinen zu sehen. Ich betrachtete sie kritisch. Die Tatsache, dass ich Europäerin geworden war und sie eine Weile nicht rasiert hatte, führte zur Entscheidung: Ich kramte meine einzige Strumpfhose heraus und zog sie an, betend, dass sie den Abend ohne Laufmasche überstehen würde.

Endlich in der verhassten Strumpfhose, schnappte ich mir die Weinflasche, die ich bei Kamil gekauft hatte, und machte mich auf den Weg nach oben, entschlossen mich zu amüsieren, obwohl das Wunder von Scotland Yard nicht anwesend sein würde. Ich würde einfach nicht an ihn denken, sagte ich mir, als ich mein Gesicht ein letztes Mal im Spiegel kontrollierte. Ich würde nicht über seine faszinierenden grünen Augen nachdenken, die ihre Farbe so schnell änderten, ich würde mich nicht an das knieerweichende Aftershave erinnern, das er trug, und ich würde mir selbst verbieten, auch nur das kleinste bisschen von Begehren für ihn zu fühlen. Er war Geschichte, was mich betraf. Und die Anziehung, die ich gefühlt hatte, war nichts weiter als ein eindeutiges Zeichen dafür, dass ich wirklich jemanden finden sollte, der auf ein Abenteuer aus war. Jemand, der mir nicht wichtig war, jemand, der wusste, wie man Spaß hatte und der an nichts Ernsthaftem interessiert war. Ich war auf genau so jemanden vorbereitet. Als meine Schwester Cait mich fragte, ob ich Regenmäntel mit nach England nehmen würde, erklärte ich ihr, dass es Juli war und deshalb unwahrscheinlich, dass es so viel regnen würde, dass ich einen Regenmantel bräuchte. Sie hatte gelacht und mir eine Schachtel Kondome gegeben mit den Worten: „Es ist Zeit, dass du über den Typen mit den Chips hinwegkommst. Hier sind ein paar Regenmäntel. Benutze sie.“

Die Neugier siegte über mich und ich wühlte auf dem Boden meiner Reisetasche, bis ich eine zerknautschte Schachtel mit Kondomen gefunden hatte. Ich gluckste bei dem Gedanken, wie ich einen Mann fragte, ob er lieber einen Regenmantel mit Erdbeer-, Banane- oder Minzgeschmack hätte. Ich warf die Kondome auf den Tisch neben der Récamiere und ging kichernd die Treppe hinauf zu Isabella.

Ich fühlte mich richtig gut, und vor allem sehr kontrolliert. Mein süßes rotes Kleid raschelte verführerisch, wenn ich mich bewegte. Ich fühlte mich sehr sexy. Ich sah nicht einmal zu Alex‘ Tür hinüber, als ich bei Isabella klopfte. Alex war komplett aus meinem Gedächtnis gelöscht. Finito.

„Nimmermehr“, sagte ich ernsthaft, als die Tür geöffnet wurde.

„Sprach der Rabe?“, fragte Alex.

Ich glotzte einen Augenblick lang. Er war sogar noch anbetungswürdiger, als ich ihn in Erinnerung hatte.

„Sorry, ich muss an der falschen Tür …“ Ich sah mich um. Ich war nicht falsch, ich war an Isabellas Tür. „Oh, du bist auch eingeladen?“

Blöd, blöd, blöd! Er steht hier in ihrer Wohnung, natürlich ist er eingeladen!

Er trat ein Stück zurück, damit ich hineingehen konnte. Ich fühlte meinen Uterus ein paar kleine Sätze machen, als der Alex-Duft „Männlicher Mann“ meinen Geruchssinn traf, aber ich kämpfte das Verlangen, seine Kleider herunterzureißen und ihn zu Boden zu zwingen, erfolgreich nieder. „Trägst du nie etwas anderes als Anzüge?“

„Selten.“

„Alexandra! Ich bin so froh, dich zu sehen. Komm rein.“

Isabella stand in einem kleinen Raum neben einem massiven Glastisch und zündete die daraufstehenden weißen Kerzen an. Sie hatte ein fließendes, silbrig-weißes Kleid an und sah aus wie eine vestalische Jungfrau.

Als ich an Alex vorbeiging, wurde mir klar, dass seine Anwesenheit hier bedeutete, dass er der Mann war, den Isabella für mich vorgesehen hatte. Seltsamerweise war ich sowohl beschwingt als auch ernüchtert bei diesem Gedanken, hatte aber keine Zeit, irgendetwas zu sagen, bevor Alex mich am Arm griff und mich dicht an seine Seite zog. Großer Gott, er würde mich küssen! Genau hier, vor Isabella! Sollte ich ihm entgegenkommen oder lieber so tun, als wüsste ich nicht, dass er mich küssen wollte? Meine Gedanken rasten wild im Kreis wie ein geisteskranker Hamster in einem Rad, und gerade als Alex sich zu mir beugte, entschied ich, dass Sittsamkeit zwar ihre Vorzüge hatte, Schamlosigkeit aber auch. Ich drängte mich gegen ihn und bot ihm meine Lippen dar.

„Du musst dein Kleid in Ordnung bringen“, zischte er, sein Mund höchstens einen Zentimeter von meinem Ohr entfernt.

„Ich – was?“ Ich drehte mich leicht, sodass ich ihm einen finsteren Blick zuwerfen konnte. Unsere Nasen berührten sich. Seine Augen glitzerten smaragdfarben, und ich starrte ihn an. Ich konnte an nichts anderes denken, als daran, wie attraktiv er war. Es schien ihm ähnlich zu gehen, aber er schaffte es letztendlich zu sprechen.

„Dein Kleid. Du musst es in Ordnung bringen.“

Ich zwang meinen Blick von ihm fort und sah an mir herunter. Klar, die Stelle zwischen meinen Brüsten war sehr golden und glitzerte zu stark von der Puderlawine, aber da war nichts auf meinem Kleid.

„Wovon redest du?“, hauchte ich.

Er gab einen Laut der Verärgerung von sich, nahm mich bei den Schultern, drehte mich um und zog am Rückenteil meines Kleids.

„Es steckte in deiner … ähm …“

Oh gütiger Gott! Ich schnellte herum, rot vor Scham. Ein Lächeln spielte um seine Lippen. Er lehnte sich zu mir und flüsterte: „Ich wusste nicht, dass ein Gesicht so rot werden kann. Es passt zu deinem Kleid.“

Isabella kam zu uns herüber und streckte beide Hände nach uns aus. „Du siehst bezaubernd aus. Diese Farbe steht dir. Alexander muss etwas sehr Ungezogenes zu dir gesagt haben, um dich so erröten zu lassen. Ihr kennt euch bereits, nicht wahr? Er sagte, er habe dich neulich gesehen, als du Probleme mit der Eingangstür hattest.“

„Ja, wir haben uns bereits kennengelernt.“ Ich schluckte und verdammte alle Hersteller von Strumpfhosen, während ich mich fragte, was er ihr erzählt hatte. Ich hoffte, sie wusste nicht, dass ich der Tür körperliche Gewalt angedroht hatte.

„Schön. Nun komm und lass mich dir Carol vorstellen.“

Ich sah sie überrascht an. Carol? Wer war diese Carol? Ich dachte, Isabella würde nur ein kleines Essen für Mr. Scotland Yard und mich geben.

„Carol?“

„Carol. Der Mann, von dem ich dir erzählt habe.“ Sie tätschelte meine Hand und lächelte mich herzlich an. „Alexander muss etwas wirklich Unverzeihliches gesagt haben, wenn er dich so durcheinandergebracht hat. Du erinnerst dich, dass du hier bist, um einen Mann zu treffen, der meiner Meinung nach perfekt für dich ist?“

„Ich …“ Ich sah hinüber zu Alex, der hinter uns stand und ein vertraut finsteres Gesicht zog.

„Nun, ja, aber ich dachte … Ich nahm an …“

Isabella sah mich aus dem Augenwinkel heraus an und führte mich in ein von Kerzen beleuchtetes Wohnzimmer.

„Du dachtest, ich meine Alex? Gott, nein! Er ist der letzte Mann, mit dem ich dich zusammenbringen würde.“

Zur Hölle, war es so offensichtlich?

„Das ist Carol Coventry, Alix. Carol, das ist meine Sommermieterin Alix Treebark. Alix ist hier, um Recherche zu betreiben. Sie schreibt an einem Buch.“

Ich starrte Isabella an, entgeistert über ihren grausamen Scherz. Treebark? Ich wollte sie gerade korrigieren, aber da griff sie Alex’ Arm und bestand darauf, ihm einen neuen Druck zu zeigen, den sie gerahmt hatte. Ich sah ihnen nach, wie sie den Raum verließen, und drehte mich um zu dem Mann, der aufgestanden war, um mir die Hand zu schütteln.

„Mein Name ist Karl“, sagte er mit einem schiefen Lächeln und streckte seine Hand aus. „Karl Daventry. Du musst Isabella entschuldigen, sie hat ein furchtbares Namensgedächtnis. Ich nehme an, du heißt Alicia oder Allison, wenn sie dich Alix nennt.“

Ich gab ihm die Hand und lächelte. Er sah wirklich gut aus – ein wenig größer als ich, mit dunklen Haare und Augen, einem länglichen, englischen Gesicht und einem netten kleinen Totenkopfohrring. Er war nett, aber … Ich konnte nicht anders als zu denken: Er ist nicht perfekt. Oder vielleicht ist er perfekt, aber perfekt auf diese spießige, farblose, uninteressante Art. Sogar sein Ohrring ist die perfekte Mischung aus hip und individuell, und sieht dabei doch nicht blöd oder störend aus.

„Mein Name ist Alix. Und mein Nachname ist Freemar, nicht Treebark. Es ist wirklich ein bisschen merkwürdig mit Isabellas Namensgedächtnis. Macht sie das bei jedem?“

Er lächelte. Es war ein schönes Lächeln mit schönen Zähnen. Perfekte Zähne sogar. Ich wartete auf eine Gefühlswelle, die mich überrollte, angesichts seines perfekten Lächelns – Liebe, Lust, Glück, Spannung, Freude – jedes Gefühl wäre gut. Ich wartete, während er über den Grund für Isabellas kleines Gedächtnisproblem spekulierte. Ich wartete immer noch, als er mir von den Freuden und Leiden eines Zahnarztes erzählte – das erklärte seine perfekten Zähne.

Ich wartete immer noch darauf, dass Karl in mir ein Gefühl wachrief, irgendein Gefühl, als Alex and Isabella zurückkamen. Meine Nackenhaare stellten sich auf, als ich zu ihnen hinübersah. Isabella lachte zu Alex hinauf, ihr Arm war um seinen geschlungen, und ihr silberblondes Haar bildete einen schönen Kontrast zu seinem schwarzen Anzug. Er lächelte sie auf eine Art an, die in mir den Wunsch weckte, seine verräterischen Lippen aus seinem Gesicht zu reißen und einen Riverdance auf ihnen zu veranstalten. In Clogs.

Danach ging es bergab mit dem Abend. Meine Wimpern erfuhren eine schreckliche Mutation zu riesigen Klumpen klebrigen schwarzen Teers, die mit einer Leidenschaft, die ich nicht erwartet hätte, an der Haut über meinen Augen klebten. Blinzeln wurde zu einem gefährlichen Unterfangen.

„Ähm … Du hast da etwas“, sagte Alex sanft zu mir und deutete auf mein Gesicht. Wir saßen alle an Isabellas Glastisch und genossen ihre Scampi Fettucine, den Wein, den ich mitgebracht hatte, und frische Basilikum-Knoblauch-Röllchen, die so gut waren, dass ich darüber Freudentränen hätte vergießen können. Isabellas Tisch war ganz in Weiß und Silber gehalten und passte perfekt zu ihrer Kleidung. Ich fragte mich, ob sie immer zu ihrer Garderobe passende Servierplatten, Kerzen, Servietten und Deko hatte.

Ich hörte auf, die Kerzen auf dem Tisch zu zählen und schaute nach rechts, wo Alex an der kurzen Seite des Tisches saß. „Ich habe so einiges, Junge. Aber glaub nicht, dass du irgendetwas davon probieren wirst, denn du wirst es nicht. Zumindest nicht jetzt. Gut, vielleicht ein bisschen später, aber ich habe noch nicht darüber nachgedacht. Nicht ganz.“

In seinem Gesicht wechselten sich Verwirrung, Überraschung und Verärgerung ab. Er verengte seine Augen und sprach mit tiefer Stimme, während er demonstrativ auf meine linke Wange starrte. „Du hast einen schwarzen Fleck auf deiner Wange.“

Ich schielte bei dem Versuch, auf meine Wange hinunterzusehen, aber es gelang mir nicht. „Oh. Danke. Vergiss einfach, was ich gesagt habe.“

Ich fasste an meine Wange, um zu herauszufinden, ob ich etwas fühlen konnte, und entdeckte einen Fleck. Es handelte sich um eine mistkäfergroße Mascarakugel mit mehreren Wimpern darin. „Großartig“, murmelte ich, den Mascaraklumpen zwischen meinen Fingern haltend. „Nun sind meine Augen also kahl.“

„Du bist sehr direkt“, sagte Alex mit gedämpfter Stimme und in einem Ton, der nahelegte, dass es kein Kompliment war. „Sind alle Amerikaner wie du?“

Ich zuckte die Schultern und sah mich verstohlen am Tisch nach einer Möglichkeit um, die Kugel verschwinden zu lassen. Ich wäre verdammt, wenn ich eine von Isabellas feinen Leinenservietten damit ruinieren würde, aber ich konnte wirklich nicht die ganze Nacht lang mit dem Ding in meiner Hand hier sitzen. „Nicht unbedingt. Ich stamme aus einer Familie sehr direkter Frauen. Wir glauben daran, die Dinge beim Wort zu nennen. Warum, stört dich das? Erzähl mir nicht, dass du einer von denen bist, die sich für Machtspiele begeistern.“ Ich sah ihn misstrauisch an. „Du bist nicht einer von diesen Spinnern, die auf Bondage und SM stehen, oder? Denn wenn du einer davon bist, sage ich dir hier und jetzt, dass ich keinesfalls jemals ein Hundehalsband tragen werde.“

Seine Augen wurden groß und er schüttelte den Kopf.

„Und erwarte auch nicht von mir, dass ich Stilettos trage und mich Mistress Cruella nenne, weil ich das einfach nicht mache.“

„Ich habe nie gesagt …“

Ich zeigte mit meinem Finger, an dem der Mascaraklumpen hing, auf ihn und hoffte fast, dass er dabei von selbst abfallen würde. Natürlich tat er es nicht. Sie sollten die Platten am Space Shuttle mit altem Mascara befestigen. „Und wenn du darauf stehst, Windeln zu tragen und den Po verhauen zu kriegen, dann komm bitte nicht zu mir! Gut, okay, vielleicht das mit dem Hintern, aber keine Windeln! Bei Windeln ist für mich Schluss!“

Eine matte Farbe stieg in seine Wangen und färbte sie leicht pink. Ich beobachtete ihn fasziniert und fühlte mich ein wenig verrucht und sehr mächtig, weil ich ihn zum Erröten gebracht hatte, bevor ich merkte, dass sonst niemand redete. Ich schaute hinüber zu Isabella und sah, dass sie und Karl Alex misstrauisch ansahen. Ich warf aus dem Augenwinkel einen Blick zu Alex hinüber. Er starrte mich zornig an, und seine Finger zuckten, als würde er sie um meinen Hals legen wollen.

„Jemanden zu erwürgen ist eine Straftat“, murmelte ich ihm zu, als Isabella sich wieder Karl zuwandte. „Du würdest den Rest deines Lebens im Gefängnis verbringen.“

„Vielleicht wäre es das wert“, knurrte er und sah weg.

Ich wollte ihn knuffen, merkte aber, dass der Klumpen aus Mascara und Wimpern immer noch fest an meinem Finger klebte. Meine Gelegenheit ihn loszuwerden kam einen Augenblick später. Als Isabella und Karl laut über eine amüsante Anekdote lachten, schmierte ich den Klumpen an den Rand meines Tellers und hoffte, dass er mit dem Rucola verschmelzen würde. Er tat es nicht. Er klebte am Rand des Tellers und stellte seine Haare zur Schau wie ein großes, haariges, schwarzes Ei.

Ich schaute entsetzt auf ihn hinab, aber ich hatte keine Ahnung, was ich sonst mit dem verdammten Ding tun sollte. Verzweifelt sah ich mich am Tisch um, aber da waren keine Taschentücher oder ähnliches, womit ich das abscheuliche Ding hätte unschädlich machen können. Meine Handflächen waren schweißnass, als ich zu Isabella hinübersah – sie unterhielt sich mit Karl, aber ich wusste, wenn sie zu mir schaute, würde sie das eklige, bösartige Gewächs auf meinem Teller sehen. Ich schwöre, ich konnte seine Fühler sehen, die sich in der vom Kerzenlicht warmen Luft sanft bewegten. Ich beobachtete es genau und fürchtete, es könnte anfangen, sich von selbst fortzubewegen.

„Alex?“, fragte Karl.

„Ich hab es noch nie in meinem Leben gesehen!“, kreischte ich aufgebracht. Drei Paar Augen sahen in meine Richtung. Ich legte meine Gabel über das entsetzliche Ding, aber die Wimpern, die an ihm klebten, lugten durch die Zinken hindurch.

Isabella sah ein wenig verdutzt aus, aber Karl schien wirklich besorgt. Ich sah Alex nicht an. Ich hatte so ein Gefühl, dass er mich mit dem Ding gesehen hatte und nun das Schlimmste von mir dachte.

„Sorry. Ein Tagtraum. Du wolltest etwas wissen, Karl?“

Er sah zu Alex hinüber. „Eigentlich hatte ich Alex gefragt, was er vom Spiel der Wölfe gegen die Dons hält.“

„Oh, Hockey.“ Ich sah auf meinen Teller hinab. Hatte die Gabel sich ein wenig bewegt?

„Football, nicht Hockey, Alix“, sagte Karl mit einem Lächeln.

Als sich die Aufmerksamkeit von mir abgewandt hatte, nahm ich meine Gabel auf und suchte nach einem Grund, meinen Teller mit zur Toilette zu nehmen, damit ich die Entität endlich loswerden konnte.

„Es ist ein wenig verwirrend mit so vielen Alexen hier“, lachte Karl und sah Alex mit hochgezogenen Augenbrauen an. Ich sah ebenfalls zu Alex und erwartete zu sehen, wie er Karl antwortete. Stattdessen starrte er auf die Abscheulichkeit auf meinem Teller, mit einem Ausdruck entsetzter Faszination, den man hat, wenn man einen besonders blutigen Unfall sieht.

„Hast du irgendetwas, Alexander?“

Ich drehte meinen Kopf so schnell, dass ich mit meinem Haar fast eine Kerze umgeworfen hätte. Isabella lehnte sich leicht zur Seite, um durch all die Kerzenflammen zu erkennen, was einen solchen Horror auf Alex’ Gesicht gezaubert hatte.

„Nichts, Isabella“, antwortete er und zog ein Taschentuch aus einer Innentasche.

Während die Unterhaltung sich den Sehenswürdigkeiten zuwandte, die ich keinesfalls verpassen durfte, wenn ich alle Touristenattraktionen innerhalb Londons sehen wollte, verschwand Alex’ Hand unter dem Tisch. Ich spürte sie an meinem Knie, griff nach dem Taschentuch und schenkte ihm einen Blick inbrünstiger Dankbarkeit, der ihm die Sonne und den Mond versprach, wenn er mich nur dorthin mitnähme. Mit vorsichtigen Blicken zu den anderen entfernte ich das Ding von meinem Teller.

Nun musste ich nur das Taschentuch loswerden, denn ich glaubte nicht, dass Alex es zurückhaben wollen würde. Ich entdeckte ein Gemälde auf der anderen Seite des Raumes, lehnte mich nach vorn und deutete in seine Richtung. „Ist das ein Monet-Druck, Isabella?“

Ein leichtes Stirnrunzeln brachte ihre Augenbrauen in Unordnung, als sie sich umdrehte. „Monet? Nein, das habe ich selbst gemacht. Es ist ein Aquarell von Wildblumen in Schottland.“

Ich stopfte das Taschentuch vorne in mein Kleid, als alle zu dem Bild sahen, und warf mein Haar über meine Schulter zurück. Ich hätte einen Seufzer der Erleichterung ausgestoßen, wenn Alex nicht diesen Moment gewählt hätte, um verrückt zu werden. Er warf seine Serviette über meinen Kopf und begann mir auf den Schädel zu hauen.

„Was zur Hölle machst du da?!“ schrie ich und schlug mit meinen Fäusten um mich. Hin und wieder traf ich jemanden, wahrscheinlich Alex, denn ich hörte maskuline Schmerzenslaute.

Als jemand die Serviette von meinem Kopf zog, sprang ich von meinem Stuhl und packte Alex am Revers, schüttelte ihn und sagte ihm, er sei ein Idiot. Er hielt mich mit einer Hand auf Abstand und rieb sich mit der anderen sein rechtes Auge. Sobald ich ihn losgelassen hatte, sank er auf seinen Stuhl zurück und tastete blind nach seiner Serviette. Ich hob sie vom Boden auf und warf sie ihm an den Kopf.

„Du Idiot! Wie kannst du es wagen, mich so zu behandeln? Nun, ich habe Zeugen für deinen Angriff, und glaub ja nicht, ich würde sie nicht benutzen!“

Ich drehte mich auf dem Absatz um und hätte einen hochdramatischen Abgang hingelegt, hätte Mr. Totalverrückt es nicht wieder ruiniert.

„Dein Haar hat gebrannt“, sagte er abwesend. Ich sah zurück. Isabella stand zu seiner Rechten und drückte ein nasses Taschentuch auf sein Auge. Dabei machte sie beruhigende Geräusche. Karl stand auf seiner anderen Seite und bot an nachzusehen, ob ein paar meiner Treffer seine Zähne beschädigt hatten. Ich griff an meinen Hinterkopf und schwang mein Haar herum, um zu beweisen, dass alles in Ordnung war, aber was meine Hand nach vorn beförderte, war ein fremdartiges Ding aus abgerissenen, verkohlten und stinkenden Haarsträhnen. Das meiste von meinem Haar war gar nicht mehr da.

„Meine Haare“, jammerte ich. Ich war in vielen Dingen nicht eitel, aber ich hatte schönes hüftlanges Haar. In keiner besonderen Farbe, aber dick und füllig. Das heißt, ich hatte dieses Haar, bevor das flammende Inferno das meiste davon mit sich gerissen hatte.

„Du wirst ein blaues Auge bekommen“, sagte Isabella zu Alex und legte seine Hand über sein Auge, damit er die Kompresse an Ort und Stelle halten konnte. Dann kam sie herüber, um sich mein Haar anzusehen. Sie schnalzte mit der Zunge. „Du wirst es abschneiden müssen. Mehr als kinnlang ist nicht mehr viel davon übrig.“

„Ich werde niemals meine Haare schneiden lassen. Seit fünf Jahren lasse ich nicht mehr als die Spitzen schneiden”, sagte ich mit zitternder Unterlippe. Ich hätte heulen können, wirklich. Es gab eine begrenzte Menge an Demütigungen, die ein Mädchen ertragen konnte, bevor es anfing zu weinen.

„Ich kennen einen sehr guten Stylisten“, sagte sie und tätschelte aufmunternd meinen Arm. „Ich rufe ihn morgen an und sage ihm, dass es sich um einen Notfall handelt.“

Ich starrte auf den scheckigen Haufen Haare hinab, der der einzig verbliebene Rest auf der rechten Seite meines Kopfes unterhalb meines Ohrs war. „Isabella?“

„Ja?“

„Danke für das Essen. Es war wirklich wundervoll, wenn man über mein in der Strumpfhose steckendes Kleid, den großen schwarzen Mascaraklumpen, der mittlerweile wahrscheinlich durch Alex’ Taschentuch auf meine Brüste geschmolzen ist, und meinen brennenden Kopf hinwegsieht. Ich würde jetzt gern nach Hause gehen.“

„Natürlich möchtest du das“, sagte sie besänftigend. „Sicher wird Karl dich gern nach unten bringen.“

„Aber klar“, sagte Karl und stand auf, nachdem er Alex erfolglos dazu zu bringen versucht hatte, seinen Mund zu öffnen.

„Das ist nicht nötig“, sagte Alex mit einem kleinen Grunzen, als er ebenfalls aufstand und seine nasse Serviette neben seinen Teller legte. „Ich werde auch gehen. Und ich werde dafür sorgen, dass Alix sicher in ihre Wohnung kommt.“ Er starrte mich mit seinem zuschwellenden Auge böse an. Ich zuckte zusammen. Isabella hatte recht: Er würde ein richtig schönes Veilchen bekommen.

„Ich kann auch allein ein paar Stufen hinuntergehen“, sagte ich würdevoll und ging in Richtung Tür. Alex packte meinen Arm und murmelte etwas wie Isabella möge während meiner Anwesenheit lieber ihre Hausratsversicherung erhöhen.

Er sagte nichts weiter, während wir die Treppe hinuntergingen, und schwieg immer noch, als ich meine Wohnungstür aufschloss.

„Es tut mir leid, dass ich dich geschlagen habe“, sagte ich und öffnete die Tür. „Ich dachte, du wärst verrückt geworden oder so was.“

„Für gewöhnlich verliere ich nicht bei Dinnerpartys meinen Verstand“, sagte er und betastete behutsam erst sein Auge und dann seinen Wangenknochen. Er sah bemitleidenswert aus: verwundet, hilfsbedürftig und verdammt sexy. Ich sagte mir, dass ich als Verantwortliche den Schaden auch beheben sollte, also nahm ich seine Hand, zog ihn in die Wohnung und schloss die Tür hinter uns.

„Setz dich“, sagte ich und nickte in Richtung Récamiere. Ich ging in die kleine Küche. „Nein, warte. Leg dich lieber hin. Das hilft gegen die Schwellung.“

Er stand für eine Minute mitten im Raum, gab einen kleinen Laut der Resignation von sich und setzte sich schließlich auf die Récamiere. Sie quietschte bedenklich, als er sich hinlegte und darauf achtete, dass seine Schuhe nicht die Kissen berührten. Ich kramte im Gefrierfach herum und fand schließlich einen Becher Eiscreme.

„Bin in einer Sekunde da, ich suche nur noch etwas, wo ich das hier reintun kann … Oh, okay, ich glaube, eine Plastiktüte ist gut.“ Ich löffelte die Eiscreme in die Tüte und murmelte: „Was für eine Verschwendung von ultraleckerem Toffee Crunch.“ Ich verschloss die Tüte und ging hinüber, um zu sehen, was der verwundete Krieger machte.

Er lag auf der Récamiere, die Augen geschlossen. Ich legte den Eisbeutel auf sein verletztes Auge. Er zuckte zusammen, fluchte und versuchte sich aufzusetzen.

„Jetzt stell dich nicht so an“, sagte ich, drückte ihn zurück und legte die Eiscremetüte wieder auf sein Auge. Ich setzte mich an die Ecke der Récamiere, zog seine Hand von seinem Gesicht weg und befühlte sanft seine Wange. Sie war ein wenig geschwollen und sah aus, als würde sie blau werden.

„Du siehst furchtbar aus“, sagte ich und hob den Eiscremebeutel ein wenig an, um zu sehen, ob er überhaupt gegen die Schwellung half. Die Haut unter seinem Auge hatte einen fleckigen, dunkelroten Farbton angenommen, der davon kündete, dass hier in ein paar Tagen alle Farben des Regenbogens zu sehen sein würden.

„Du siehst auch nicht viel besser aus“, antwortete er und öffnete sein gesundes Auge, um meinen Kopf zu betrachten. Ich griff nach meinen Haaren und zog eine Grimasse angesichts der paar Strähnen, die noch lang genug waren, um sie nach vorn zu ziehen und zu betrachten. Ich stand auf, um eine Schere zu holen. Alex sah mir mit einem finsteren Blick auf der gesunden Hälfte seines Gesichts zu.

„Du willst deine eigenen Haare schneiden?“, fragte er schließlich.

„Nope“, sagte ich, ging zu ihm zurück und setzte mich neben ihn auf den Boden. „Du wirst es für mich machen.“

Er setzte sich auf und nahm den Eisbeutel von seinem Gesicht. „Ich glaube nicht“, sagte er mit einem Anflug von Panik in den Augen.

Ich drückte ihm die Schere in die Hand und kehrte ihm den Rücken zu. „Jetzt guck nicht so entsetzt. Ich möchte nur, dass du es ein bisschen gleichmäßiger machst. Ich halte es nicht aus mit diesen paar langen Strähnen und dem kurzen verkohlten Rest. Schneide es einfach ab, sodass es dieselbe Länge hat.“

„Aber …“

„Ich würde es für dich machen“, sagte ich langsam und sah ihn über meine Schulter hinweg an. Er warf mir einen langen rätselhaften Blick zu und bedeutete mir mit einem Nicken, meinen Kopf nach vorn zu drehen. Zuerst waren seine Hände zaghaft. Seine Finger schienen mich nicht berühren zu wollen, aber er schnippelte unablässig und mit nur kleinen gemurmelten Unmutsbekundungen.

„Danke“, sagte ich, als er fertig war. Ich drehte mich halb herum, damit er mir die Schere geben konnte. Ich fuhr mir mit den Fingern durch meine Haare und traf dabei auf seine Hand, die gerade eine lose Strähne meines Haars von meiner Schulter sammelte. Hitze schoss durch meine Finger, als hätte mir jemand heißes Wasser darüber gekippt. Kleine Flammen, die sich ihren Weg bahnten von meiner Hand, die seine berührt hatte, in meine Brust, wo sie tief in mir brannten.

„Wow“, hauchte ich hypnotisiert. Seine Pupillen waren erweitert, und seine Augen erschienen fast schwarz. Er berührte immer noch meine Finger und streichelte sie langsam vom Knöchel bis zur Spitze. „All das einfach nur durch Finger.“

Er sagte nichts, aber ein verschlossener Ausdruck trat in seine Augen. Er sah zu Tür. „Ich sollte gehen.“

„Nein, was du tun solltest ist, dich zurückzulegen und diese Eiscreme die Schwellung abklingen zu lassen.“ Er ist nichts für mich, er ist nichts für mich, sang die kleine Stimme in meinem Kopf. Ich sagte ihr, sie solle die Klappe halten, und drückte Alex auf die Kissen zurück. Er leistete kurz Widerstand, sank dann aber zurück.

„Hier, leg diesen Beutel auf dein Auge. Er wird nicht mehr lang kalt bleiben, aber mehr habe ich nicht.“ Ich gab ihm die Eiscreme und sammelte die Schere und den Kamm auf.

Für ein paar Minuten sagte keiner von uns etwas, außer dass ich ihn fragte, ob er Kaffee wolle, und er bejahte. Ich kramte meine wertvolle Dose mit gemahlenem Starbucks-Kaffee hervor und stellte den Wasserkocher an. Ich stellte Becher, Milch und meinen Geheimvorrat an Schokoladen-Orangentrüffeln auf ein Tablett.

„Wie findest du England?“ Er brach schließlich das Schweigen.

„Ich liebe es“, antwortete ich und wünschte mir, ich hätte ein bisschen exotisches Gebäck, damit ich Alex für den bestimmt fabelhaften Nachtisch entschädigen konnte, den wir bei Isabella verpasst hatten. „Ich war noch nicht außerhalb Londons, plane aber ein paar Touristentrips in der nächsten Zeit.“

„Wohin?“

Ich schüttete Wasser in die French Press und stellte sie ebenfalls auf das Tablett. „Oh, hier und da. Windsor Castle, Bath, Cambridge, Lake District – all diese Orte eben.“

„Ah. Der Lake District ist schön. Isabella sagte, du schreibst ein Buch?“

Ich kam mit dem Tablett und stellte es auf den Beistelltisch. Dann hob ich den Tisch mit dem Tablett hoch und stellte ihn neben die Récamiere, damit Alex leichter herankam. Als ich den Tisch an den richtigen Platz schob, fiel eine Zeitschrift von seiner Ecke herab und offenbarte die darunter liegende Schachtel mit den Kondomen, die Cait mir gegeben hatte. Ich hatte einen kurzen Anflug wilder Panik, als ein Bild in mir aufstieg, wie ich die Kondome mit Trauben- und Bananengeschmack elegant zu erklären versuchte, aber ich nahm sie schnell vom Tisch und schob sie unter die Kissen unter Alex’ Kopf.

„Nein, setz dich noch nicht auf und lass den Beutel noch ein bisschen auf deinem Auge. Ich habe nur das Kissen aufgeschüttelt. Mit Milch oder schwarz?“

„Mit Milch bitte.“

Ich goss Sahne in einen Becher und drückte den Kaffeestempel herunter. „Ja, ich schreibe ein Buch. Einen Roman. Ich nehme an, du liest keine Romane, oder?“

Er öffnete kurz sein Auge und schloss es dann wieder. „Nein, ich lese nicht zum Vergnügen.“

Ich beugte mich über ihn und legte den Eisbeutel so, dass er sein Auge besser bedeckte. Er musste die Bewegung gespürt haben, denn er öffnete plötzlich die Augen.

Und sah direkt in den tiefen Ausschnitt meines Kleides, in dem meine Brüste in all ihrer goldenen Herrlichkeit glitzerten.

„Sorry“, sagte er beschämt und klappte seine Lider zu. Er zog eine Grimasse, als sein geschwollenes Auge die schnelle Reaktion mit Schmerz quittierte, und erlaubte mir, den Beutel wieder aufzulegen.

„Es ist okay, es sind nur Brüste. Du hast sicher vorher schon welche gesehen.“

Er öffnete sein gesundes Auge einen Spalt. Ich lächelte und setzte mich auf. „Gut, vielleicht nicht genau diese, aber andere ihrer Art. Warum liest du nicht in deiner Freizeit? Ich dachte, du als Scotland Yard Detective und so wärst ein begeisterter Krimileser.“

Sein Augenlid klappte langsam wieder herunter. Ich ging hinüber in die Küche, um ein sauberes Geschirrtuch zu befeuchten.

„Ich bin in der Abteilung für obszöne Veröffentlichungen im Internet.“

Ich hörte kurz auf, das Geschirrtuch auszuwringen, und warf einen besorgten Blick hinüber zum Bücherregal neben der Tür. Ich fragte mich, ob er den Titel des viktorianischen Erotikbuchs entziffern konnte, das ich ein paar Tage zuvor gebraucht in einem Laden gekauft hatte. Für meine Recherche natürlich. Nur für meine Recherche, für nichts weiter.

Alex sprach mit müder Stimme weiter. „Ich habe nichts mit Morden oder der Aufklärung von Verbrechen zu tun, außer, es handelt sich um Internetpornografie. Und ich lese keine Romane, weil ich keine Zeit dazu habe.“

„Internetpornografie?“ fragte ich, als ich zur Récamiere zurückkam.

„Ja“, sagte er, ohne sein Auge zu öffnen. Ich faltete das Geschirrtuch und legte es auf seine Wange. Seinen gemurmelten Dank nahm ich ohne weiteren Kommentar hin.

„Du meinst diese Online-Sexseiten und so? Die, auf denen Frauen vor Webcams an sich herumfummeln?“

„Manche von denen. Unsere Abteilung kümmert sich hauptsächlich um die pädophilen Seiten.“

„Oh.“ Ich schubste ihn leicht mit meinem Knie an seiner Hüfte. Er rückte ein Stück herüber und sah mich aus seinem gesunden Auge an, als ich mich neben ihn setzte. „Das ist ein guter Job. Ich meine, es ist nicht gut, dass es diesen Job überhaupt gibt, aber es ist gut, dass du ihn machst. Ich kann mir vorstellen, dass es ziemlich befriedigend ist, diese Ekeltypen hinter Gitter zu bringen.“

Er fixierte mich mit einem smaragdgrünen Auge. „Es ist sehr befriedigend, ja.“

Ich konnte nicht anders. Ich berührte leicht die kleinen Fältchen zwischen seinen Augenbrauen und versuchte sie zu glätten. Misstrauisch sah er zu, wie ich meine Hand zurückzog, fast als hätte er einen Schlag erwartet. Ich faltete meine Hände in meinem Schoß, um sie davon abzuhalten, ihn weiter zu berühren. „Sogar mein Mann Matt, der der größte Workaholic der Vereinigten Staaten war, nahm sich ab und zu eine Auszeit, um zu entspannen. Allerdings war seine Vorstellung von Spaß, in einer Squashhalle zu schwitzen. Was machst du nur so zum Spaß, wenn du nicht liest?“

„Dein Mann?“

Ich nickte und schloss meine Finger fester umeinander. Dieser Ausdruck von Verwirrung auf seinem Gesicht war einfach so entzückend!

„Isabella sagte, du wärst daran interessiert, Singlemänner kennenzulernen. Ich dachte, deshalb wolltest du Karl kennenlernen …“

„Ex-Mann“, unterbrach ich ihn und lächelte über meine eigenen dummen Gedanken. Sein Interesse an meinem Familienstand bedeutete nichts. Egal, was er sagte, er war ein Detective, und jeder weiß, dass Detectives nachfragen, wenn etwas nicht logisch ist. „Also, was machst du?“

„Zum Spaß?“

„Ja.“

Er schloss sein Auge wieder. „Ich beschäftige mich nicht mit frivolen Freizeitaktivitäten.“

„Okay, das schließt durch die Nachbarschaft rennen und nichts weiter als ein paar Rüschenunterhosen und eine angsteinflößende Perücke zu tragen aus, aber es muss doch etwas geben, das du zu deinem Vergnügen machst.“

„Nein.“

Ich widerstand der Versuchung, sein Augenlid anzuheben. Seine Kiefer waren so fest zusammengebissen, dass es ein Wunder war, dass er dieses eine Wort herausbekommen hatte.

„Was machst du, wenn du zu Hause bist? Was siehst du dir im Fernsehen an?“

„Ich hab keinen Fernseher.“

„Und du liest nicht zu deinem Vergnügen? Nichts?“

„Nein.“

„Oh. Was ist mit Musik? Du musst doch irgendwelche Musik mögen.“

Er öffnete das Auge. „Ich höre keine Musik, ich habe keine Hobbys und ich möchte nicht weiter darüber ausgefragt werden.“

Gut, dann eben nicht.

„Sorry“, sagte ich und stand auf, um die ganzen Haare wegzuräumen, die er abgeschnitten hatte. Kratzbürstig, kratzbürstig, kratzbürstig – sein Frühwarnsystem ist angesprungen, warnte mich meine innere Stimme. Denk nicht einmal daran, diesem Mann zu nahe zu kommen. Wenn du gerade denkst, er frisst dir aus der Hand, wird er dir den Arm abbeißen.

„Wie fandest du Karl?“

Ich warf dem Papierkorb einen finsteren Blick zu, als ich meine Haare hineinwarf, und drehte mich dann um, um seinen Gesichtsausdruck zu sehen. Seine Stimme hatte einen leicht entschuldigenden Ton, und sie war ein gutes Stück wärmer als beim letzten Satz, den er gesagt hatte. „Warum fragst du?“

„Du warst da, um ihn kennenzulernen, nicht wahr? Isabella sagte, sie hätte dich deshalb eingeladen. Ich habe mich nur gefragt, was du über ihn denkst.“

Ich machte ein paar vorsichtige Schritte auf Alex zu. Warum hatte er nur seine leckere Rickman-Stimme in diese sterile, emotionslose Parodie ihrer selbst verwandelt? „Karl? Ich finde, er ist nicht im Entferntesten perfekt.“

Er öffnete das gesunde Auge und sah mich an, als ich mich vorsichtig wieder neben ihn setzte, um das Geschirrtuch umzudrehen. „Das ist alles? Er ist nicht perfekt?“

Ich nickte und ließ meine Finger sanft über die geprellte Stelle streifen. Ich legte das Geschirrtuch wieder darauf und fuhr ganz leicht mit meinem Finger über seinen Kiefer. Seine Wangen waren ein bisschen stachelig, fühlten sich aber nicht unangenehm an. Tatsächlich bereitete mir die Berührung eine kleine Gänsehaut. „Du bist auch nicht perfekt, falls du dich das gefragt hast.“

„Habe ich nicht“, sagte er weich, als ich mit meinem Finger über seinen Kiefer zu seinem Kinn strich. Mehr Stoppeln, aber noch besser: Seine Lippen waren direkt darüber. Alex bewegte sich leicht, nahm den Eiscremebeutel von seinem Auge und legte ihn auf seine Brust. Ich interpretierte die halb geschlossenen Lider und die dunklen Augen darunter als Einladung und strich ihm mit meinen Fingern über die Lippen. Sie waren warm, so schön warm, und gerade so weit geöffnet, dass ich seinen Atem auf meinen Fingerspitzen fühlen konnte. Ich fuhr seine verführerisch geschwungene Unterlippe entlang, zog die weiche Linie seiner Oberlippe nach und strich mit angehaltenem Atem über die gesamte Länge seines sensiblen Mundes.

„Was hast du nicht?“, fragte ich, weil ich vergessen hatte, worüber wir sprachen.

Er öffnete seinen Mund leicht, und mein Finger glitt hinein. Mein Magen verkrampfte sich zu einem festen kleinen Knoten, als er begann, an meinem Finger zu saugen. Seine Zunge war ein bisschen rau, aber heiß und nass und wundervoll, und in der Lage, Dinge zu tun, die ich nie für möglich gehalten hätte, und die kleine Feuer auf meinem ganzen Körper entzündeten. Der Knoten in mir verdichtete sich weiter, als er sanft auf meine Fingerkuppe biss, was mich vor Verlangen erschaudern ließ, und ein Begehren in mir auslöste, das laut nach Befriedigung schrie. Seine schönen grünen Augen wurden komplett schwarz, als ich mich nach vorn beugte, um meinen Finger durch meinen Mund zu ersetzen. Er zog mich plötzlich mit seiner rechten Hand herunter auf seine Brust, unsere Lippen eine Haaresbreite voneinander entfernt.

„Alix“, sagter er in dieser sexy, fast heiseren Stimme, die das Begehren in mir noch verstärkte. Ich sog seinen Duft ein und schmiegte mich an ihn, während er mir über den Rücken strich, über meine Hüfte und an meinem Brustkorb entlang wieder nach oben. Ich hörte auf zu atmen, als er unterhalb meiner Brust innehielt.

„Ja?“ Ich rieb meine Brüste an seinem Oberkörper, fühlte, wie meine Brustwarzen fest wurden und anschwollen, und sah, wie seine Augen sich mit Verlangen füllten. Ich wusste, dass meine Augen sein Begehren widerspiegelten. Ich leckte sanft an seinem Mundwinkel, gerade als seine Hand nach oben schnellte, meine linke Brust umschloss und sanft drückte. Leidenschaft, so heiß, dass sie sich eiskalt anfühlte, spülte über mich hinweg, meine Brust hinab, weiter hinunter zu meinem inneren Kern, und brachte das Verlangen außer Kontrolle. Meine Hände glitten seine Arme hinauf, seine Schultern entlang und an seinen Hinterkopf, und ich drückte mich näher an ihn, um seinen gesamten Mund zu küssen. Seine Lippen öffneten sich, als meine sie gerade berührten.

„Verdammt!“ Ich zuckte zurück, sah an mir hinab, sah auf seine Brust und dann in seine Augen. Er war ein wenig rot und sah sehr verärgert aus.

„Entschuldigung. Ich hätte die Situation nicht ausnutzen dürfen, wie …“

„Die Eiscreme ist ausgelaufen“, sagte ich und beachtete weder irgendwelche Manieren noch den Schreck, den seine belegte Stimme mir eingejagt hatte. Ich schaute auf meine Brust hinunter. Meine Brüste und der Ausschnitt meines Kleids waren braun und weiß mit geschmolzener Eiscreme verschmiert. „Es muss ein Loch im Beutel sein. Du hast es auch überall. Ich hoffe, das war kein teurer Anzug.“

Er schloss beide Augen. „Er war teuer. Sehr teuer.“

„Mist.“

„Ganz meine Meinung.“

Kapitel Vier

Lady Rowena starrte mit leerem Blick durch den menschengefüllten Ballsaal. Ihr Herz flatterte wild im Kreis wie eine Taube, die in einen runden Käfig eingesperrt war. Sie schnappte vor Entsetzen nach Luft und griff sich an die Kehle, als sie sah, dass Sir Thomas Cholmondley-Featherstonehough, Bart. zu ihrem geliebten Raoul hinüberging. Letzterer stand lässig da, umgeben von anderen jungen Männern, und nippte sorglos an einer Champagnerflöte. Sein dunkler Blick schnellte durch den Raum, sein außergewöhnlich schönes Gesicht drückte Geringschätzung, Langeweile und einen Hauch von Hochmut aus, der seine noble Linie Lügen strafte. Rowena winkte ihm mit ihrem zierlichen Spitzentaschentuch zu, als er in ihre Richtung sah, aber sein Blick glitt über sie hinweg, scheinbar ohne sie zu bemerken.

„Sirrah, Ihr habt eine Dame entehrt. Dafür werdet Ihr morgen sterben“, bellte Sir Thomas, baute sich vor Raoul auf und warf dem Fürst seinen Handschuh vor die Füße.

Lord Raoul hob in spöttischer Überraschung seine schwarzen Augenbrauen. „Ihr erzürnt mich, Cholmondley-Featherstonehough, wirklich. Hinfort, Welpe.“

„Ihr weigert Euch, Eure Schuld zu begleichen?“

Lady Rowena drängte nach vorn zu den beiden Herren, um die Szene besser verfolgen zu können. Sie war außer sich vor Freude, dass der liebe, süße Thomas, ihr Kindheitsfreund, ihre Verführung durch den männlichen Raoul als einen Schlag gegen ihre Ehre auffasste, aber sie wollte wirklich nicht, dass er verletzt wurde. Nicht ernsthaft, jedenfalls. Vielleicht nur eine oder zwei romantische Narben aus einem Duell. Ohne Zweifel würde Raoul aus einem solchen als Sieger hervorgehen, sollte er Thomas’ Herausforderung annehmen.

„Ich weigere mich.“

„Feigling!“

Raoul machte einen langen Schritt nach vorn und hob den Baron an seinem Kragen in die Luft. „Niemand nennt mich einen Feigling und lebt lang genug, um davon zu erzählen!“

„Dann nehmt die Herausforderung an, verdammt!“, krächzte Sir Thomas. Rowena keuchte erneut und presste ihr Spitzentaschentuch vor ihren Mund. Würde er? Konnte er? Würde der schneidige Lord Raoul sein Leben für sie riskieren?

Mit einer kurzen Bewegung seiner männlichen Hände warf Raoul Sir Thomas durch den Saal. „Ich habe keine Dame entehrt. Hinfort! Ihr langweilt mich.“

„Ihr habt Lady Rowena genommen …“

„Rowena ist keine Dame!“, knurrte Raoul, drehte sich auf dem Absatz um und verließ den Saal, ohne sie anzusehen. Rowena versuchte sehr angestrengt, in Ohnmacht zu fallen.

 

„Au!“

Scht! Wenn du nur stillhalten würdest, würde so was nicht passieren.“

Ich rieb mein Ohr und sah mit Missbilligung auf den kleinen Blutfleck auf meinem Finger.

„Es ist nur ein winzig kleiner Kratzer, nichts, worüber man sich aufregen müsste.“

Ich rieb noch einmal mein Ohr und starrte Manuel im Spiegel böse an. „Ich musste das nächste Kapitel aus meiner Tasche holen. Du willst doch wissen, was nun mit Rowena passiert, oder nicht?“

„Oh, sicher, sicher. Aber du kannst lesen und dabei stillsitzen, oder?“

„Gut. Was denkst du bis jetzt darüber?“

Manuel hörte auf, mein nasses Haar zu kämmen, und legte seinen Kopf schief. Er sah mein Spiegelbild nachdenklich an und schürzte seine Lippen. Er zupfte an seinem Ohrläppchen. Er machte ein ungezogenes Geräusch, hob die Hände in die Luft und murmelte eine Entschuldigung. „Es ist zu langsam, zu langweilig. Fade, weißt du, zahm, so wie dein Haar, als du hier hereinkamst. Dieser schreckliche plumpe Schnitt. Das bist nicht du, Liebling. Einfach nicht du. Was du brauchst, ist etwas Spannendes, Abenteuerliches. Ich finde, du solltest einen mysteriösen Spanier haben, weißt du, etwas Gruseliges, wie Rebecca – das ist gerade der letzte Schrei! Das war ein Film. Und die Kostüme! Oh Gott, die Kostüme waren wirklich göttlich!“

„Gruselig? Du meinst, ich sollte etwas Mysteriöses in meine Geschichte bringen?“ Ich sah auf die Manuskriptseiten in meinen Händen hinab und fragte mich, ob er meinte, ich solle Spannung und Abenteuer in mein Leben, meine Haare oder meine Geschichte bringen. Vielleicht in alle drei. „Ich denke, ich könnte einen Hauch Grusel hineinbringen, wenn du meinst, es würde die Geschichte verbessern.“

„Oh ja! Ja! Definitiv. Lehn dich zurück, ja? Nein, Kopf hoch, Schatz. Ja, ein bisschen Grusel, das verbessert jede Geschichte, findest du nicht? Ein mysteriöser spanischer Liebhaber – das ist einfach eine Superidee. Etwas Exotisches und Unerwartetes, weißt du, erzeugt bei den Lesern immer Spannung. Ich versuche immer, Exotisches und Unerwartetes in meine Shows zu bringen. Bully, kannst du die Mousse bringen? Nein, nicht diese, die ultrastarke. Nein, nein! Zur Hölle, ich hol sie mir selbst. Du wirst sie niemals finden, solange du diese lächerliche lila Brille trägst.“ Manuel tätschelte meine Schulter. „Du sitzt einfach still, Chica, und ich bin im Handumdrehen wieder bei dir.“

„Alex hatte recht“, grummelte ich, als der berühmte Manuel Sorby-Ruiz davonwackelte, um die ultrastarke Mousse zu holen.

„Womit hatte er recht?“

Ich sah hinüber zu Isabella, die auf einem Stuhl neben mir saß und in einem Modemagazin blätterte. „Er sagte, manche Dinge hören sich einfach blöd an, wenn Amerikaner sie sagen. Ich finde Handumdrehen ist eines davon. Ehrlich, Isabella, wo hast du diesen Typen aufgetrieben? Er ist der Fleisch gewordene stereotype schwule Friseur mit seinen extravaganten Dein Haar sollte deine innere Göttin widerspiegeln, nicht die äußerliche Hure-Kommentaren. Und was dem Ganzen noch die Krone aufsetzt, er kommt aus Pittsburgh oder von sonst irgendeinem gottverlassenen Ort! Er ist absolut nicht das, was ich in einem schicken Londoner Salon erwarten würde.“

Isabella gestikulierte in Richtung der gerahmten Auszeichnungen an der Wand über den Spiegeln. Der weltbeste Haarkünstler besagte eine von ihnen. Ich lehnte mich nach vorn.

„Er wurde dreimal als International Hairdresser of the Year ausgezeichnet“, murmelte sie und studierte ihre Zeitschrift.

Ich ließ meinen Blick weg von den Auszeichnungen und hin zu einem gerahmten Magazin-Artikel schweifen. „Von seinen Kollegen verehrt, bereitete Manuel Sorby-Ruiz den Weg für so wohlbekannte Schnitte wie den White Russian, den Elf und den Imogene Coca“, las ich vor. „Hä. Hier steht, seine Motivation sei es ‚normale Frisuren für normale Leute‘ zu kreieren.“

Ich dachte einen Moment über diese Aussage nach und nahm meinen Platz wieder ein. Ich betrachtete mein nasses Haar im Spiegel. Mit den zurückgekämmten Haaren sah ich aus wie eine launische Robbe. „Ich finde das ein bisschen beleidigend, um ehrlich zu sein, zu sagen, dass er gewöhnliche Leute noch gewöhnlicher aussehen lassen will.“

„Er ist sehr gefragt“, sagte Isabella unbekümmert und blätterte gemächlich eine Seite um.

„Ich bin sicher, das ist er, und ich glaube, dass er sehr gut ist, und ich kann dir nicht genug danken, dass du mir heute morgen einen Termin besorgt hast, aber ehrlich, ich bin es nicht gewöhnt, mir meine Haare von einem …“ Ich sah zu Manuels Wall of Fame und suchte mir eine passende Zeile aus. „… von einem Gott unter den Friseuren schneiden zu lassen.“

Isabella sah auf und lächelte meinem Spiegelbild zu. „Er mag eingebildet sein, aber ich versichere dir, es ist wohlverdient. Hör auf, dir Sorgen zu machen und genieß es einfach. Du wirst wunderbar aussehen, wenn er fertig ist.“

„Wenn ich neunzig Pfund für einfaches Schneiden und Föhnen bezahle, möchte ich auch verdammt wunderbar aussehen“, gab ich zurück, aber leise, weil Manuel zurückkam, ununterbrochen schnatternd, gefolgt von einem Lakaien, der einen Haufen Haarpflegeprodukte und einen Stapel flauschiger gelber Handtücher trug.

Zwei Stunden und einen Kopf voll Manuel-Sorby-Ruiz-Mousse später spazierte ich durch Covent Garden und schwang mein Haar von Seite zu Seite. Obwohl ich den Verlust meiner Haare betrauerte, musste ich zugeben, dass ich es mochte, wie sich mein bloßer Nacken anfühlte. Vielleicht war diese Veränderung letzten Endes eine gute. Vielleicht war es ein Zeichen dafür, dass mein Leben eine bessere Richtung nahm.

„Es ist fantastisch!“, sagte ich und betrachtete mein Haar in jedem Schaufenster, an dem ich vorbeiging. „Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal fantastisches Haar haben würde. Im Moment ist es zwar ein bisschen klebrig-fantastisch, aber es wird später fantastisch sein, wenn ich all das Stahlträger-Mousse herausgewaschen habe.“

Isabella, die geduldig zugesehen hatte, während ich meine Frisur aus jedem möglichen Winkel betrachtete, warf nun einen entsetzten Blick auf meinen Kopf. „Manuel hat gesagt, dass dein Haar zu dick ist, um diese Frisur ohne Mousse hinzukriegen.“

Sie stupste gegen die Tüte mit Stylingprodukten, die Manuel mir aufgeschwatzt hatte, bevor ich gehen konnte (für lächerliche dreißig Pfund, wie ich später feststellte, als ich auf den Kassenzettel sah), und ergänzte: „Es wird nicht genauso aussehen, wenn du seinen Rat nicht befolgst.“

„Ich habe einen Nacken“, sagte ich verwundert und spielte mit den paar Strähnen, die er so gekürzt hatte, dass sie mein Gesicht sanft einrahmten. „Sieh dir das an, ich habe einen Nacken! Weißt du Isabella, das ist gar nicht die Tragödie, für die ich es zunächst gehalten habe. Das wird am Ende etwas Gutes. Ich meine, schau mich an! Meine Haare sehen jetzt richtig süß aus. Sie sind so kurz. Und hinten sind sie kürzer als vorn! Das ist so sexy! Ich sehe tatsächlich sexy aus! Ich habe noch nie sexy ausgesehen. Hey, wenn ich so dastehe, und du wärst ein Mann, würdest du vor mir auf die Knie fallen?“

Isabella zog ein Gesicht bei meiner dramatischen Pose, nahm mich am Arm und steuerte mit mir auf das Lamb and Flag zu. „Komm, wir werden keinen Tisch mehr bekommen, wenn du noch länger herumstehst und dich selbst bewunderst.“

Ich ließ mich von ihr die Rose Street hinunter zu dem efeubedeckten Pub führen, wo wir einer dunklen Treppe hinauf in ein bezauberndes kleines Restaurant folgten. Wir quetschten uns an einen der letzten freien Tische, bestellten Gin Tonic (Isabella mit einer Zitronenzeste und ich mit einer halben Limette), entschieden uns für ein Mittagessen und lehnten uns dann zurück, um die Leute zu beobachten.

„Das Pärchen da drüben sind Touristen“, sagte Isabella leise und nickte in Richtung eines Mannes und einer Frau in ihren Dreißigern, die an einem Tisch in der Mitte des Raumes saßen.

Ich drehte mich herum, um die beiden anzusehen. Sie hatten nichts an sich, das auf Anhieb auffiel und sie als Touristen auswies. „Woher weißt du das?“

Ein kleines Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. „Beobachte sie. Sie sind so damit beschäftigt, sich im Pub umzusehen und alle Leute darin zu beobachten, dass sie kaum miteinander sprechen.“

Ich hörte auf, alle und alles im Pub anzugaffen, und drehte mich mit einem reuigen „Sorry“ zu Isabella zurück.

Sie lächelte ehrlich. „Entschuldige dich nicht, du bist nicht so schlecht.“

„Es ist nur – es gibt so viel zu sehen“, versuchte ich zu erklären. „Ich war noch nie irgendwo außer in Disneyland, und das hier ist so … exotisch für mich! Ich meine, ich bin auf der anderen Seite der Welt! In einem anderen Land! Ich kann die riesige Entfernung gar nicht begreifen.“

Isabella zuckte die Schultern und nahm einen Schluck von ihrem Gin Tonic. „Entfernung ist immer relativ. Was für dich auf der anderen Seite der Welt ist, ist in Wirklichkeit nur einen Anruf oder eine E-Mail von deinen Freunden und deiner Familie entfernt.“

Ich zuckte zusammen. Ich hätte einen Internetaccount anlegen sollen, sobald ich mich hier niedergelassen hatte, hatte aber gezögert, weil es bedeutete, dass meine Mutter dann ungehinderten Zugriff auf mich hätte. Sie hatte mich zwar angerufen, nachdem ich angekommen war, hatte mir jedoch gesagt, dass sie nicht die Absicht hatte, gutes Geld für Anrufe zu verschwenden, wenn sie mir kostenlose E-Mails schreiben konnte. Ich hatte nicht vor, Isabella von meinem beschämenden Verhältnis zu meiner Mutter zu erzählen. Ich war neunundzwanzig Jahre alt, keine sechzehn. Ich war verheiratet gewesen, geschieden, lebte allein und hatte Jobs. Ich hatte all das eben nur ohne Erfolg getan.

Ich lenkte meine Gedanken von dem Chaos ab, das mein Leben war, und versuchte stattdessen ein kleines Nicken, um das sanfte Streicheln meiner Haare an meinem Nackenansatz zu spüren. Manuel hatte sie vorne kinnlang geschnitten, hinten ein wenig kürzer, und hatte die Frisur aufgelockert, indem er die Haare leicht gestuft hatte. Es war lockig, süß und vollkommen anders als jede Frisur, die ich bisher hatte.

„Er war die neunzig Pfund wirklich wert“, antwortete ich auf Isabellas wissendes Lächeln und aß mein Roast Beef mit Appetit. „Ich kann es nicht erwarten, es Alex zu zeigen.“

Die Worte waren aus meinem Mund, bevor ich es überhaupt bemerkte. Ich starrte Isabella voller Entsetzen und Überraschung an. „Also … ich möchte ihm nur gern zeigen, dass alles wieder gut ist. Nach gestern Abend, meine ich.“

Röte überzog mein Gesicht und Isabella legte sorgsam ihre Gabel nieder. „Oh?“

Es war etwas Besitzergreifendes an diesem „Oh“, etwas, das die kleinen Haare in meinem Nacken dazu brachte, sich aufzurichten. Sicher hatte sie keine Affäre mit mehr als einem Mann? Wenn sie es mit Mr. Perfect Karl tat, konnte sie es nicht auch mit Alex tun, oder doch?

„Ähm … Isabella?“

Sie beugte sich nach vorn und berührte meinen Arm. Ihre Augen glitzerten vor Ergriffenheit. „Alexander bedeutet mir sehr viel, Alix. Er ist ein sehr enger, sehr lieber Freund.“

Gut. Eine weitere Warnung brauchte ich nicht. Das war das deutlichste Hände weg, das mir je untergekommen war. Nun wurde mir klar, warum sie mich mit Karl verkuppeln wollte – sie wollte ihn für Detective Inspector Sexy verlassen.

„Mit gestern Abend meinte ich, als meine Haare in Flammen aufgegangen sind“, stellte ich klar und nickte dazu bekräftigend. „Nicht gestern Abend, als wir beide komplett mit Eiscreme bekleckert waren.“

Ich schlug eine Hand vor meinen Mund. Isabella spielte mit dem dünnen Stück Zitronenschale in ihrem Drink.

„Das hört sich an, als hättet ihr einen sehr viel abenteuerlicheren Abend gehabt, als ich gedacht hätte. Ich nehme an, du und Alexander …“

„Nein, natürlich nicht!“ Ich wollte mir für meine Blödheit auf den Kopf hauen. Ich mochte so einiges tun, aber ich hatte eine Regel, die besagte, dass ich nicht mit Männern rummachte, die anderweitig gebunden waren. Und genau das war es, was ich gestern Abend beinahe getan hätte, hätte die Eiscreme mich nicht gerettet.

Ich sah Isabella sprachlos an und fragte mich, ob meine Schuld mir für alle sichtbar ins Gesicht geschrieben stand. „Wie kannst du nur denken, ich würde … ich meine … mit Alex? Das mit der Eiscreme ist nicht so, wie du denkst. Ich hatte sonst nichts Kaltes, also habe ich sie in einen Beutel getan und auf sein Auge gelegt. Sie ist geschmolzen“, endete ich lahm. Ihr kühler Blick aus blauen Augen verriet mir, dass sie das Schlimmste annahm.

„Ja, Eiscreme tut so was“, sagte sie leichthin.

„Ja, also, du brauchst dir keine Sorgen zu machen, es ist nichts passiert, außer dass ich seinen Anzug mit der Eiscreme ruiniert habe.“ Ich erzählte ihr nicht, dass ich die Eiscreme auch auf meinem Kleid hatte, weil ich ihr dann auch erklären musste, was ich auf Alex tat, als die Eiscreme sich verteilt hatte.

Ein leichter Anflug vonVerwirrung kräuselte ihre Brauen. „Warum sollte ich mir Sorgen machen?“

Ja, warum? Ich musterte Isabellas schicken Seidenanzug, der zu ihrer Augenfarbe passte, und wusste, dass ich keine Bedrohung für sie darstellte. Allerdings schien Alex mich gestern Abend auch nicht ganz abstoßend gefunden zu haben. Eigentlich schien er sogar recht angetan von meiner generellen Erscheinung. Mir wurde ein wenig warm, als ich daran dachte, welche Form sein Interesse an mir angenommen hatte. Und ich verdammte mich dafür, dass ich hier vor seiner besseren Hälfte saß und mir all die Dinge vorstellte, die ich gern mit ihm tun würde.

„Ist alles in Ordnung mit dir? Du bist so rot. Errötest du wegen etwas?“

Belustigung glitzerte in ihren Augen, was mir bewies, dass sie wirklich das Schlimmste angenommen hatte, aber in Bezug auf ihren Einfluss auf Alex sehr selbstsicher war. Ich sah die Zeit gekommen, das Thema zu wechseln. „Mir geht’s gut, nur ein bisschen heiß hier. Was meinst du, wo soll ich am besten hingehen, wenn ich einen Ghettoblaster kaufen möchte?“

„Einen was?“

„Einen CD-Player. Entweder hat Stephanie keinen, oder sie hat ihn mitgenommen. Ich würde so gern ein bisschen Musik hören.“

Während Isabella einen Haufen Läden aufzählte, versuchte ich, keine Alex-Gedanken zu denken. Ich musste meine Traveler-Schecks zählen, um herauszufinden, wie viel Geld ich nach meinem morgendlichen Besuch bei Manuel noch übrig hatte. Ich hatte Alex angeboten, für seinen ruinierten Anzug aufzukommen, bis er mir erzählt hatte, wie teuer der gewesen war. Er wollte noch nicht einmal Geld für die Reinigung haben. Er hatte nur das Schlimmste mit dem feuchten Geschirrtuch abgewischt, mich böse angesehen und war gegangen.

„Alexandra, du hast nicht ein Wort gehört, das ich gesagt habe.“

Ich sah von meinem Teller auf, auf dem ich meine matschigen Erbsen zu einem noch matschigeren Brei zerdrückt hatte. „Doch. Du hast gesagt, ich solle immer zu Marks and Spencers gehen, wenn ich Unterwäsche brauche, und zur Tottenham Court Road für Elektrosachen.“

„Du siehst aus, als wärst du Millionen Meilen entfernt. Du warst mit deinen Gedanken nicht …“

Ich unterbrach sie rabiat. „Ich habe nur mental mein Geld gezählt und mich gefragt, ob ich noch genug habe, um mir meinen restlichen Aufenthalt leisten zu können.“

Isabella hörte auf, mich so vorwurfsvoll anzusehen. „Entschuldige, Alix, ich wusste nicht, dass du nicht so viel Geld hast. Ich lade dich gern zum Essen ein.“

Ich winkte ab. „Nein, so schlimm ist es nicht. Es ist nur so, dass ich ein bisschen extravagant gewesen bin in den letzten paar Wochen, und ich muss mich an ein Budget halten, damit mein Geld den ganzen Sommer reicht.“

Neugier und Zurückhaltung wechselten sich in ihrem Blick ab, aber die menschliche Natur siegte. Sie beugte sich vor und redete mit leiser Stimme. „Bitte verzeih, Alix, es ist furchtbar unhöflich von mir, das zu fragen, aber warum hast du dich entschieden, nach London zu kommen, wenn du so wenig Geld hast?“

Ich lächelte. Es war mir egal, wenn sie wusste, dass ich kein Geld hatte. „Du kennst die Vereinbarung, die ich mit meiner Mutter habe.“

Sie nickte.

„Meine Mutter bezeichnet sich selbst als ausreichend versorgt, jeder andere auf der Welt würde sagen, sie ist wohlhabend, wenn nicht stinkreich. Sie hat mehr Geld, als sie ausgeben kann, was ihrem letzten Ehemann zu verdanken ist. Aber ich bin in den mageren Jahren aufgewachsen, und die Dinge … na ja, die Dinge schienen für mich nie so richtig zu laufen. Ich habe das College nicht abgeschlossen, ich hatte einen beknackten Scheidungsanwalt, der mich am Ende mehr gekostet hat, als der Ausgleich hoch war, den ich nach drei Jahren Ehe bekommen habe, und all meine Jobs waren irgendwie nicht das Richtige. Als meine Mutter mir also die Chance anbot, hier in Stephanies Wohnung zu wohnen, griff ich sofort zu, obwohl ich ziemlich pleite bin. Ich dachte, ich bräuchte nicht viel Geld zum Schreiben, nur für Essen eben. Und letzten Endes kann ich überall essen, aber in London sein! Das ist eine Lebenserfahrung!“

Sie lächelte. „Und Neunzig-Pfund-Haarschnitte sind nicht in deinem Budget?“

Ich grinste zurück. „Nicht wirklich. Aber die Lage ist nicht so verzweifelt, wie du denkst. Ich hab noch ein paar Kröten, und es macht mir nichts aus, häufig Baked Beans zu essen. Erst recht nicht, wenn ich dafür hin und wieder ein bisschen verschwenderisch sein und in einem Restaurant, das älter ist als die Vereinigten Staaten, Roast Beef essen kann.“

Wir zankten ein paar Minuten über die Rechnung und gingen dann hinaus, um noch ein paar Läden abzuklappern. Straßenmusiker spielten eine Vielfalt von Musikrichtungen, von zwölfsaitigen Gitarren bis zu einem Jazztrio, und andere Straßenkünstler führten ihre Kunststücke vor. Isabella sagte, dass sie das ganze Jahr über hier wären, weil hier der einzige Platz in London sei, wo sie legal spielen könnten. Im Sommer gab es in Covent Garden so viele Straßenkünstler wie Fliegen. Wir sahen zwei Typen zu, die einen magischen Sketch aufführten, einer Frau, die auf einem Drahtseil balancierte, das zwischen den Säulen der St. Pauls Kirche gespannt war, und einem unglaublich beweglichen alten Mann, der sich aus einer Zwangsjacke befreite.

„Da ist ein Internetcafé“, sagte Isabella hilfsbereit. Ich hatte es bereits gesehen, es aber nicht erwähnt, weil es wirklich niemanden gab, dem ich eine E-Mail schreiben wollte. Am wenigsten meiner Mutter. Ich hatte ein merkwürdiges Gefühl von Besitzgier in Bezug auf meinen Londonaufenthalt. Ich wollte ihn mit niemandem aus der Heimat teilen.

„Danke, ich merke mir, dass es hier ist, falls ich es brauche“, sagte ich eilig und blinzelte in die Nachmittagssonne. „Ooooh, schau mal, Crabtree and Evelyn! Ich liebe Crabtree and Evelyn!“

Ich zog Isabella in das Geschäft und wir verbrachten zwei wunderbare Stunden mit Shoppen (hauptsächlich sie), Schaufenstergucken (wir beide) und Gaffen (nur ich). Nachdem wir uns getrennt hatten, nahm ich die U-Bahn zur Tottenham Court Road, suchte ein Elektronikgeschäft und kam wenig später mit einem brandneuen Ghettoblaster in der Hand wieder heraus. Als ich meine ganzen Einkäufe und den Ghettoblaster nach Hause trug, war meine fabelhafte Frisur schon etwas welk, ich war unleugbar verschwitzt und mein dünnes, ärmelloses Kleid klebte in einer höchst unattraktiven Weise an mir.

„Wenn du weißt, was gut für dich ist, dann machst du auf“, sagte ich zu der Haustür, als ich davor angekommen war. Sie grinste mich nur an und strahlte Hitzewellen von ihrer dunklen Oberfläche ab. Der Schweiß lief mir den Rücken hinunter, während ich den Schlüssel ins Schlüsselloch fummelte. Sie weigerte sich schon wieder. Ich nahm meine Einkäufe in meine andere Hand und versuchte es erneut, begleitet von leisen Flüchen. „Du widerspenstiges kleines Scheißding! Mach auf! Mach auf!“

Es kostete mich fünf Minuten angestrengten Fluchens, Schlüsseldrehens und letzten Endes einiger Tritte, bevor ich hineinkam, und auch nur, weil Miss Fingers aus dem ersten Stock Mitleid mit mir hatte, als sie ihre Post holte.

„Die Tür ist ein bisschen griesgrämig“, sagte sie und hielt sie mir offen, während ich alles aufsammelte, was ich zuvor abgestellt hatte.

„Griesgrämig?“ Ich fügte dieses Wort meiner Sammlung von englischem Slang hinzu. „Oh ja. Sie ist definitiv griesgrämig. Sehr, sehr griesgrämig. Ich habe keine so griesgrämige Tür gesehen, seit … Ach, ich weiß nicht, wie lang. Die griesgrämigste verdammte Tür in der Gegend.“

Miss Fingers sah mir zu, wie ich all meine Pakete und Tüten durch die Tür bugsierte und bot mir ihre Hilfe beim Hinauftragen an. Ich nahm dankbar an und legte den Ghettoblaster in ihre wartenden Arme.

„Es ist heute ganz schön heiß draußen“, sagte ich freundlich, als wir die Treppe hinaufstiegen. Ich versuchte, mich daran zu erinnern, was Isabella über Miss Fingers und ihre Mitbewohnerin gesagt hatte. „Ist es im Juli immer so heiß?“

„Nicht oft, nein. Du bist diejenige, die gerade in Shays Wohnung wohnt, richtig?“

„Ja, bis Mitte September. Ich bin Alix.“

Sie nahm den Ghettoblaster unter den anderen Arm und streckte mir die Hand hin. „Ray Binder. Ich dachte, du hießest Alice. Isabella sagte das. Alex wie der Kerl in Nummer acht?“

Ich klemmte mir eine Tüte unters Kinn, damit ich ihr die Hand reichen konnte. „Ich heiße in Wirklichkeit Alexandra, aber so nennt mich niemand, außer meiner Mutter, wenn sie sauer auf mich ist. Und ich schreibe die Kurzversion mit I, nicht mit E, aber ja, es ist mehr oder weniger wie der Kerl in Nummer acht. Ich habe gehört, dass Isabella ein kleines Problem mit Namen hat. Sie erzählte mir, du seist Miss Fingers.“

Ray gab ein kurzes Lachen von sich, dessen Echo im Treppenhaus zu hören war, als wir hinaufgingen. „Ich hatte schon schlimmere Namen. Fingers. Den muss ich mir merken, für Bert.“

Wir passierten den Treppenabsatz zwischen zweitem und drittem Stock und machten uns an die letzten Stufen. „Vielleicht können wir mal abends zusammen essen gehen. Es gibt einen schönen Italiener ein paar Häuser weiter, vielleicht kennst du ihn. Die machen den besten Caesar’s Salad, den ich je gegessen habe …“

„Stella’s“, unterbrach sie. Sie stand neben mir an der Tür, während ich aufschloss. „Ich kann nicht ohne Bert gehen.“

„Bert?“ Ich ließ meine Taschen auf den kleinen Tisch neben der Tür fallen und drehte mich um, um Ray den Ghettoblaster abzunehmen. Aber sie hielt ihn fest. Sie sah mir lang und fest in die Augen.

„Bert ist meine Partnerin. Nur damit du es weißt.“

„Deine Partnerin?“ Ich griff nach dem Karton in ihren Armen und hielt dann inne. Sie hatte einen kleinen Pferdeschwanz im Nacken und kurzgeschnittene Haare auf dem Kopf, trug ein T-Shirt und schmutzige Khakishorts und dazu Socken in ihren Ledersandalen. „Ach so, deine Partnerin. Nein, alles in Ordnung. Ich wollte dich nicht anbaggern oder so. Ich dachte nur, es wäre nett, die Leute im Haus kennenzulernen. Und nebenbei bin ich nicht … ich bin nicht, also, ich stehe auf Männer …“

„Es ist hier nicht gern gesehen“, sagte sie und drückte mir den Karton in die Hand.

„Nein?“ Meine Kinnlade fiel mir herunter angesichts dieser bestürzenden Neuigkeit. Heterosexualität war hier nicht gern gesehen? Stand das im Mietvertrag?

„Laute Musik.“ Sie nickte in Richtung des CD-Players. „Nervt jeden. Keine laute Musik nach zehn Uhr abends.“

„Ach so, die Musik! Kein Problem, ich werde leise Musik hören. Danke für deine Hilfe. Und sag mir Bescheid, wenn wir an einem Abend essen gehen wollen, du und Bert und ich.“

Sie warf mir ein strahlendes Lächeln zu, nickte, winkte kurz und verschwand die Stufen hinab.

Nach einer kurzen Dusche in meinem winzigen Badezimmer, auf dessen anderer Seite die Küche lag, breitete ich alle Haarprodukte aus und suchte eines aus, das aussah, als würde es nicht die Konsistenz von Schellack annehmen, sobald es auf meinem Kopf war. Ich gab mein bestes, um Manuels schnell gesprochene Anweisungen zu befolgen und meine coole Frisur wiederherzustellen. Dann zog ich eines der schönen indischen Kleidchen an, die ich in dem Laden an der U-Bahn-Station gekauft hatte, und ging wieder hinunter, um meine Post zu holen. Normalerweise bestand meine Post hauptsächlich aus Stephanies Post, die ich an ihre Eltern weiterschickte. An diesem Tag war das nicht anders mit einem Brief für mich, einer Handvoll Werbung für Stephanie und einem Brief von der Britischen Telekom, der an Philippe Aspertaille, Nummer drei, adressiert war.

„Mr. Aspartame, könnte ich wetten“, sagte ich und ging wieder nach oben, um den neuen CD-Player einzuweihen. Ich sah die wenigen CDs durch, die ich mitgebracht hatte, und überlegte, was zu meiner derzeitigen Stimmung passte.

„When in Rome – Fünf Männer sind vier zu viel“, seufzte ich und entschied mich dann für den Austin-Powers-Soundtrack. Ich wartete auf mein Lieblingslied und sprang fast aus meiner Hose, als die Musik in einer Höllenlautstärke ertönte, die ich einem billigen Ghettoblaster nicht zugetraut hätte. Hektisch suchte ich nach dem Lautstärkeregler. Bei der Hitze hatten alle ihre Fenster geöffnet, um ein bisschen Luft abzukriegen. Und mit Sicherheit hatte die ganze Nachbarschaft die Musik gehört. Ich drehte den Knopf nach links, aber die Musik dröhnte immer noch in einer ohrenbetäubenden Lautstärke.

„Mist, Mist, Mist“, fluchte ich und drehte den Knopf nach rechts. Die Musik wurde etwas leiser, aber ich war sicher, es war immer noch laut genug, um im ganzen Haus gehört zu werden. Ich legte den Ghettoblaster mit seiner Vorderseite auf zwei Kissen und entschied, dass es nun erträglich war. Ich nahm Philippes Brief und tanzte den Bossa Nova zu seiner Wohnung im Stockwerk unter mir.

Rechter Fuß zurück, linker Fuß schließt auf. Linker Fuß nach vorn, rechter Fuß schließt auf. Nicht vergessen, die Knie zu beugen und einen kleinen Hüftschwung hinzuzufügen.

Ich tanzte nach unten, und die Klänge des Soul Bossa Novas folgten mir. Ich klopfte an Philippes Tür, improvisierte eine Drehung und ließ meinen tanzenden Füßen freien Lauf, während ich darauf wartete, dass er aufmachte.

Ich hatte gerade einen schönen Rhythmus ausgearbeitet, als Philippe in einem dünnen weißen Baumwollhemd und dazu passenden Hosen in der Tür erschien. Ich tanzte einen Schritt auf ihn zu, gab ihm den Brief und erklärte ihm beim Zurücktanzen, dass er versehentlich in meinem Briefkasten gelandet war.

Er sah den Brief an, runzelte die Stirn, warf ihn auf einen Stuhl und kam auf mich zu. Ich tanzte gerade in Richtung Treppe zurück, als er meine Hand nahm und mich herumdrehte. Als ich vor Überraschung einen Schritt zurück machte, machte er einen Schritt auf mich zu. Plötzlich begriff ich, was er tat.

„Du tanzt den Bossa Nova!“, sagte ich erfreut, streckte ihm meine Hände entgegen und bedankte mich beim Himmel, dass der CD-Player so eingestellt war, dass er das Lied wiederholen würde.

„Tut das nicht jeder?“, fragte er mit einem bezaubernden Lächeln. Ich grinste zurück, und wir legten richtig los und tanzten über den gesamten Treppenabsatz. Philippe war ein bisschen größer als ich, hatte einen tollen schwarzen Lockenkopf und seine Haut hatte die Farbe von Latte macchiato. Er kam von den Bahamas, hatte Isabella erzählt, und er hatte einen Akzent, der Butter zum Schmelzen bringen konnte. Er war außerdem sehr, sehr dünn. Möglicherweise wog er gute dreißig Pfund weniger als ich.

Ein Wirbel aus warmer Luft strich um uns herum, als sich die Tür hinter mir öffnete. Ich blickte über meine Schulter und sah Ray Binder, die uns böse anschaute, die Hände in die Hüften gestemmt. Hinter ihr stand eine hochgewachsene Frau in einer Leinenhose und einer Tunika aus grüner Wildseide.

„Sorry, die Lautstärkeregelung scheint nicht so gut zu funktionieren“, rief ich ihnen zu, als Philippe mich in eine Drehung wirbelte.

„Was soll das?“

„Sie tanzen, Bert“, sagte Ray zu der großen Frau und blickte finster zu uns herüber.

„Wir haben seit Ewigkeiten nicht mehr getanzt, Ray.“

Die beiden Frauen sahen uns einen Moment lang zu, schauten sich an, und Ray zog Bert mit einem scheuen kleinen Lächeln hinaus.

„Wisst ihr nicht, wie der Bossa Nova geht?“, fragte ich, als sie in einer Art Polkaschritt um Philippe und mich herumtanzten. „Es ist ganz einfach. Ein Schritt nach vorn, den anderen Fuß nachholen, dasselbe zurück, und dann in der anderen Richtung wiederholen. Schaut!“

Philippe machte die Tanzschritte vor und brachte dabei eine Eleganz und Kultiviertheit in den Tanz, die mir selbst völlig abging. Ray und Bert fingen gerade an zu verstehen, als ein junges Paar auf dem Weg die Treppe herunter sich zu uns gesellte. Die Frau, eine kleine Rothaarige, quietschte, als sie uns entdeckte. „Ooooh Basil, schau! Sie tanzen! Hier im Treppenhaus! Wie romantisch!“

„Entschuldigung“, sagte ich, als Philippe mich an ihnen vorbeiwirbelte. „Der Lautstärkeknopf an meinem neuen CD-Player ist offenbar kaputt.“

„Sieht nach Spaß aus. Sollen wir, Schatz?“ Der Begleiter der Rothaarigen, ein freundlich aussehender Typ mit einem braunen Ziegenbärtchen und einem kleinen goldenen Nasenring, packte sie, und sie begannen zu tanzen. Lachend versuchten sie, unsere Schritte nachzuahmen. Es wurde voll auf dem Treppenabsatz. Aber wir hatten alle so viel Spaß, dass sich keiner darum kümmerte. Ich wechselte meinen Partner und tanzte ein bisschen mit Ray, während Bert leichtfüßig mit dem strahlenden Philippe ein paar Runden drehte.

„Was …“ Isabella erschien plötzlich oben auf der Treppe, dicht gefolgt von Detective Inspector Heiße Lippe. Ihre Augenbrauen waren vor Überraschung hochgezogen, aber davon abgesehen sah sie nicht so aus, als wäre der Anblick ihrer im Treppenhaus tanzenden Nachbarn etwas Außergewöhnliches für sie.

„Sorry. Kleines Lautstärkeproblem mit meinem CD-Player. Ich repariere es so bald wie möglich.“

Ich tanzte in diesem Augenblick mit Basil, aber er ließ mich stehen, als Isabella ihre Tasche abstellte und auf ihn zuging, ihre Lippen zu einem freudigen Lächeln geformt.

Ich grinste über Alex’ kühlen Blick, tanzte zu ihm hinüber und hielt ihm meine Hände hin. Wenn Isabella nicht mit ihm tanzen wollte – ich wollte auf jeden Fall. „Hi, Alex. Dein blaues Auge sieht viel besser aus. Was sagst du zu meinen Haaren? Fabelhaft, oder? Los, tanz mit mir.“

Er schüttelte den Kopf und versuchte um mich herumzugehen und die nächsten Stufen zu erreichen, die nach oben führten. „Deine Haare sehen sehr schön aus, aber ich lehne deine Einladung ab. Ich tanze nicht.“

„Ich auch nicht. Nicht besonders gut zumindest. Aber jeder kann Bossa Nova.“ Ich nahm seine Hände und zog ihn in eine Ecke, in der Platz war. „Es ist leicht! Los, wie viele Gelegenheiten hast du schon, den Bossa Nova in einem Treppenhaus zu tanzen? Lebe ein bisschen, Alex! Ich verspreche dir, es wird dich nicht umbringen.“

Er sah die anderen finster an, die tanzten, lachten und einfach Spaß hatten.

„Ich tanze …“

„Jetzt schon“, sagte ich, drückte seine Hände und erklärte schnell, wie der Tanz ging.

Sein Blick wurde noch dunkler, als ich seine Hände losließ, um in einem kleinen Kreis um seinen reglosen Körper zu tanzen. Dann seufzte er ergeben, warf seine Tasche auf die Treppe, nahm mich bei den Hüften und verfiel in einen perfekten Bossa Nova.

Es war der Himmel. Alex war ein großartiger Tänzer. Für einen Mann, der von sich sagte, dass er nicht tanzte, war er die personifizierte Anmut. Er bewegte sich mit mir auf eine Weise, die sich gänzlich von Philippe unterschied, als wäre er Teil der Musik. Der Rhythmus sprang von ihm auf mich über. Es war sehr sinnlich und brachte definitiv etwas in mir in Gang, aber mit einem Blick zu Isabella unterdrückte ich das Gefühl sofort wieder. Gefühle reagierten jedoch selten auf Unterdrückung – ein Fakt, der Schwierigkeiten hätte verursachen können, als Alex mich so dicht an sich zog, dass wir uns fast aneinander rieben. Diese Aktion versetzte mir einen Dämpfer, als ich erkannte, dass er mit mit flirtete. Vor Isabella!

Er tanzte mit mir, bis das Lied zu Ende war. Er lächelte kein einziges Mal, aber ich schwöre, ich sah ein winziges Flackern von Vergnügen in seinen Smaragdaugen. Ich schwankte zwischen Verärgerung darüber, dass er sich vor seiner Freundin wie ein Schuft benahm, und einem vertrauten Gefühl von Versagen. Ich schien immer zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Als das Lied endete, trat ich einen Schritt zurück und betete, dass der Anfall von Selbstmitleid mich nicht vor allen in Tränen ausbrechen lassen würde.

„Siehst du?“, sagte ich und ging noch einen Schritt zurück. Ich versuchte, meine Stimme leicht klingen zu lassen. „Du hast die Tortur überlebt.“

Seine Augen verengten sich. „Es war keine Tortur, Alix. Warum tust du das?“

„Was denn?“, fragte ich, schob mich an ihm vorbei und raste die Treppe hoch.

Er sah zu Isabella hinüber, die mit Philippe tanzte, griff seine Tasche und rannte mir nach die Stufen hoch. Verdammt! Sah er nicht, dass sie ihn beobachtete? „Dich immer so klein machen.“

Ich zuckte die Achseln. Wut verdrängte das Selbstmitleid. Er wollte also Spielchen spielen. Das alte „Mach Isabella mit Alix eifersüchtig“-Spiel. Habe ich durch, mache ich nie wieder.

„Selbstschutz. Ich kenne meine Schwächen. Ich weise nur auf sie hin, bevor jemand anderes es tut“, sagte ich schnippisch und wünschte mir im selben Atemzug, er würde mich einfach allein lassen, und im nächsten, er würde uns die Kleider herunterreißen und mich wild und leidenschaftlich lieben. Direkt hier auf dem Treppenabsatz.

Alex fasste mich am Arm, als ich gerade in meine Wohnung gehen wollte. „Warum denkst du, ich würde dich dermaßen beleidigen wollen?“

Sein würziges Aftershave umgab mich, drang mühelos in meine Poren ein und entzündete kleine Feuer tief in meinem Innern. Aber es war der leichte Ausdruck von Verletzlichkeit in seinen Augen, der mein Untergang war. Das und die Erinnerung an Isabellas kühles, besitzergreifendes Lächeln, als sie beim Essen von ihm gesprochen hatte.

„Du Bastard“, stieß ich wütend hervor und schubste ihn zurück. Er stolperte rückwärts, überrascht von meinem Angriff, kam aber wieder auf mich zu mit einem Blick, der mich beinahe auf der Stelle hätte zusammenbrechen lassen. Ich schnellte herum und stürzte zu meiner Tür.

„Was zur Hölle ist mit dir los?“, brüllte er.

„Was mit mir los ist?“, schrie ich zurück, laut genug, dass Isabella es hören konnte, die hinter ihm die Treppe hochkam. „Ich habe nicht die Absicht, das dritte Rad am Wagen zu werden, Detective Heißes Höschen. Wenn du mich jetzt bitte entschuldigen würdest, ich muss einen Hammer finden, damit ich diesem dämlichen CD-Player ein bisschen Verstand einprügeln kann!“

Ich schloss die Tür mit mehr Kraft, als streng genommen nötig gewesen wäre, und riss das Kabel des CD-Players aus der Wand.

„Ich werde nicht weinen, ich werde nicht weinen, ich werde nicht weinen“, sang ich vor mich hin und ging zu meinem winzigen Spülbecken, um kaltes Wasser aufzudrehen. Ich hatte gerade meinen Kopf daruntergesteckt, als jemand an meine Tür klopfte.

„Kapiert einfach nicht, was Nein bedeutet“, knurrte ich vor mich hin und stapfte zur Tür. Ich riss sie auf und schnappte „Was?“, bevor ich sah, wer dort stand.

Es war Isabella. Ihre hellblauen Augen starrten für einen Moment auf die Wassertropfen, die von meinem Hinterkopf fielen, und bewegten sich dann, um die Nässe auf meinen Wangen zu erfassen. Sie streckte einen eleganten Finger aus, um die Spur einer Träne nachzuziehen.

Ich trat zurück, als hätte sie mich verbrannt.

„Ich dachte, du würdest gern wissen, dass Alexander und ich kein Paar mehr sind.“

Ich blinzelte sie an und verstand nicht richtig. Kein Paar? „Seit wann? Seit zehn Sekunden? Reicht mir nicht.“

Sie lächelte matt. „Unsere Affäre ist seit etwa zwei Jahren vorbei.“

„Oh.“ Ich blinzelte wieder, und plötzlich wurde mir klar, was sie gesagt hatte. Freude wallte in mir auf und ich wollte singen, schreien und einen Siegestanz aufführen. „Oh! Du meinst, es gibt Hoffnung für Alex und mich?“

Ihr Lächeln verblasste und sie schüttelte traurig den Kopf. „Es tut mir leid, aber ich denke nicht, nein.“

Der Quell der Freude schrumpfte und vertrocknete zu einem harten, schmerzhaften Knoten in meinem Magen. „Oh, okay, weil ich ihn einen Bastard genannt habe. Glaubst du nicht, er würde verstehen, warum ich das gesagt habe? Dass ich dachte, er würde versuchen, nebenbei ein bisschen Matratzensport machen zu können?“

Sie schüttelte wieder den Kopf. „Das ist es nicht. Alexander war noch nie der Mann, der oberflächliche Beziehungen sucht. Wenn das alles ist, was du suchst, befürchte ich, dass er keine Lust darauf hat, egal wie sehr er es andererseits begehren mag.“

„Okay, danke, dass du mir das alles sagst, Isabella“, brachte ich heraus, obwohl mir ihre Worte Schmerzen bereiteten. Ich hätte mehr gesagt, etwas, das sie verletzte, so wie sie mich verletzt hatte, aber tief in meinem Innern wusste ich, dass ich mich nicht herausreden konnte. Seicht, billig, einfach – ich hatte all diese Worte schon gehört, aber ich hatte gehofft, darüber hinweg zu sein. Es sah so aus, als ob mein übliches glückliches Händchen mir auch hierher gefolgt war. Ich schluckte schwer und schaffte ein Lächeln.

Sie lächelte zurück, öffnete ihren Mund, um etwas zu sagen, schloss ihn wieder und drückte meinen Arm stattdessen aufmunternd. „Ich wollte nicht deine Gefühle verletzen, Alix, aber ich mag dich und Alexander einfach zu sehr, um euch unglücklich miteinander zu sehen.“

Ich nickte. Es gab nichts mehr zu sagen.

„Ich fand das Tanzen toll. Danke für die Musik.“

Ich nickte wieder, sah ihr zu, wie sie die Treppe in den oberen Stock hinauflief, und war nicht in der Lage zu sprechen, weil ich einen Kloß im Hals hatte. Ich drehte mich um, um meine Zufluchtsstätte zu überblicken, stellte jedoch fest, dass durch Tränen nicht viel zu erkennen war.

Kapitel Fuenf

Rowena wartete im Raum nebenan auf die Meinung des mysteriösen spanischen Chirurgen Sabatino. Der Schleier war von ihrem Herzen gerissen worden und sie sah zum ersten Mal, seit das Phantom seinen unheiligen Auftritt in den Ruinen der Abtei gehabt hatte, seine wahren Gefühle. Sie liebte Thomas! Aber wie konnte das sein – sie liebte auch Raoul!

Endlich kam der Chirurg aus Thomas’ Zimmer. Sie fragte nach der Schwere seiner Verletzung.

„Ihr seid eine Verwandte des Fürsten?“, fragte sie der dunkeläugige Spanier.

Die Frage ärgerte sie. In ihrer Verlegenheit wiederholte sie die Frage nach Thomas’ Verletzung.

„Vielleicht sind Madam die Schwester des Fürsten?“, fragte der Chirurg und ignorierte ihre Frage genauso, wie sie seine ignoriert hatte.

Sie errötete und wrang ihr Spitzentaschentuch in ihren Händen. Der schwarzhaarige Chirurg beugte sich zu ihr und fragte heißblütig flüsternd: „Vielleicht seid Ihr seine Frau?“

Rowena trat zurück und schnappte: „Antwortet auf meine Frage. Wie geht es Eurem Patienten?“

Der Chirurg verbeugte sich. „Das ist eine sehr schwierige Frage, aber ach, es gehört zu meiner Profession, schlechte Neuigkeiten zu überbringen – denn sicher sind es schlechte Neuigkeiten, dass er sterben wird.“

„Sterben!“, stieß Rowena mit schwacher Stimme hervor. Dann schien sie zu begreifen. „Sterben!“, schrie sie und zerriss ihr Taschentuch in winzig kleine Fetzen. „Sterben! Sterben! Oh, nicht sterben!“

 

„Also, was denken Sie bis jetzt?“

Der grauhaarige Mann, der neben mir auf der Parkbank saß, kratzte sich am Kopf und dachte eine Weile nach. Er war einer dieser Menschen von unbestimmbarem Alter, so vom Leben gezeichnet, dass er wie mindestens achtzig aussah, obwohl ich aus seiner Stimme ableitete, dass er ein gutes Stück jünger sein musste. „Ich denke, der Bursche hat ein Problem.“

„Nein, nicht, ob Thomas stirbt oder nicht. Was denken Sie über das Geheimnis? Verleiht es der Geschichte das gewisse Etwas? Weckt es Ihr Interesse? Bringt es Sie dazu, mehr hören zu wollen?“

Er kratzte das schmutzige karierte Hemd über seiner mageren Brust. Ich strich mir ein Haar aus dem Gesicht und verspürte mittlerweile selbst ein Jucken, als ich ihm beim Kratzen zusah. Er räusperte sich, spuckte nach rechts aus, griff hinunter, um seine Kronjuwelen zu richten, saugte dann an seinen Zähnen und sagte: „Nein, tut es nicht.“

„Oh.“ Ich sah wieder hinunter auf das Manuskript in meinen Händen und kratzte an einer Stelle in meinem Nacken. „Also, wenn Sie Romane lesen würden, denken Sie, Sie würden diesen hier mögen?“

Er legte seinen linken Fuß auf sein rechtes Knie, zog einen verschlissenen Tennisschuh aus und begann, eine löchrige Socke abzuschälen. Ich rückte ein wenig weiter von ihm ab und kratzte eine Stelle an meinem Rücken. Verdammt seien er und sein Gekribbel!

„Vielleicht.“ Er begann, an seinen Zehen herumzuzupfen. Ich kratzte eine Stelle an meiner Schläfe und stand auf.

„Oh, gut, okay. Danke für Ihre Zeit. Hier ist Ihr Pfund.“

Er unterbrach seine Fußuntersuchung lang genug, um die Münze zu fangen, die ich ihm zuwarf. Ich zog mich eilig zurück und nahm mir vor, eine lange Dusche zu nehmen, sobald ich zu Hause angekommen war. Doch gerade, als ich dabei war, kratzend den Platz zu verlassen, rief er mir hinterher.

„Du brauchst mehr Gevögel!“

Ich hielt an und drehte mich zu ihm um. „Ich persönlich? Ich bin ganz Ihrer Meinung.“

Er sah mich von oben bis unten an und zwinkerte. Ich grinste zurück.

„Nicht du. Dein Buch.“

„Oh, die Geschichte. Wissen Sie, jemand sagte mir, es sei zu viel, und dass Romantik nichts mit Sex zu tun habe. Deshalb habe ich einen Haufen davon rausgenommen.“

Er zog ein Taschenmesser hervor und schnitt seine Fußnägel. „Die lagen dann falsch, oder? Du fügst ein bisschen Geschnacksel hinzu wie in ordentlichen Büchern.“

„Okay. Sicher. Mehr Geschnacksel. Danke für den Tipp. Ich denk drüber nach.“

Ich eilte von der Bank weg und durch das Tor hinaus. Es juckte mich überall, aber ich dachte über das nach, was er gesagt hatte. Mehr Sex. Nun ja, da hatte er recht – Sex sells. Ich hatte irgendwo gelesen, dass Sex in der Welt der Romane gut war. Leser liebten bildlichen Sex ohne Grenzen. Aber Isabella hielt meine erste Sexszene für zu brutal und unrealistisch, was bedeutete …

„Zeit für Recherche!“, sagte ich fröhlich zu einem knutschenden Paar, das darauf wartete, dass die Ampel auf Grün schaltete.

„Hä? Was?“, fragte einer der Knutschenden.

„Nichts weiter. Ihr macht alles richtig“, versicherte ich ihnen und ging nach Hause. Ich ging im Geiste meine Liste der Männer durch, die ich seit meiner Ankunft hier getroffen hatte. Männer, die mir vielleicht bei einem bisschen Recherche helfen würden. Alex natürlich, er stand ganz oben auf der kurzen Liste. Aber Isabella zufolge wäre er nicht daran interessiert, mir mit irgendetwas zu helfen. Erst recht nicht mit einer praktischen Vorführung meiner Liebesszenen. Blieb also Karl.

Ich sprang unter die Dusche und versuchte mir Karl nackt vorzustellen. Beim Gedanken an ihn, wie er sich in meinem Bett rekelte, wurde mir leicht mulmig zumute. Ich drehte das heiße Wasser auf und ließ es die Gedanken an Klammi-Karl fortspülen und erlaubte meinem Kopf, sich mit dem Bild von Alex minus Kleidern die Zeit zu vertreiben, der auf meinem Bett lag, geschmeidig und elegant, seine grünen Augen leuchtend vor Verlangen. Sofort fing ich an zu schwitzen. Ich stellte das heiße Wasser ab und schimpfte in Gedanken mit mir selbst wegen meiner dummen Träumereien.

„Nun gut, ich bin also heiß auf einen bestimmten Typen, nicht auf irgendeinen. Toll. Was zur Hölle soll ich nun dagegen tun? Es ist nicht so, dass ich einfach hinaufgehen und sagen kann: ‚Hey, Alex, wollen wir ein bisschen rummachen?‘ Wenn er nur an ernsthaften, möglicherweise sogar langfristigen Beziehungen interessiert ist, wird er wohl keine Lust haben, nur zum Spaß ein paar von Caits Regenmäntelchen dazwischenzuschieben.“

Ich dachte an unseren Beinahe-Kuss neulich abends und seufzte traurig. Es war wirklich ein Jammer, dass er nicht daran interessiert war, mir beim Recherchieren einer Liebesszene zu helfen. Ein verdammter Jammer. Mehr als ein verdammter Jammer, es war geradezu herzzerreißend tragisch … Ich besah mit finsterem Blick ein paar Baumwollshorts, die ich gerade anziehen wollte. Woher wollte ich eigentlich wissen, dass er ein kleines Abenteuer nicht wollen würde? Isabella hatte das gesagt, aber was wusste sie schon? Sie war nicht hier gewesen, als er an meinem Finger gesaugt hatte. Vielleicht projizierte sie nur ihre eigenen besitzergreifenden Gefühle auf ihn. Warum ging ich davon aus, dass sie wusste, was Alex dachte?

„Gib mir einen guten Grund, warum ich auf sie hören sollte!“, fragte ich meine Wohnung.

Niemand antwortete mir. Das war das Problem, wenn man allein lebte ohne zumindest eine Pflanze, mit der man reden konnte. Man fühlte sich wie ein Irrer, wenn man mit seelenlosen Gegenständen wie Sesseln und Büchern redete.

„Ich komme mir vor wie ein Idiot, wenn ich so mit niemandem rede. Ich muss mir wirklich eine Pflanze besorgen oder einen Goldfisch oder so“, sagte ich und hielt dann inne, um nach meinen Schuhen zu angeln.

„Ich hatte eine Pflanze“, ließ ich die Sandalen wissen. Sie sahen überrascht aus angesichts dieser Information. „Aber jemand hat sie mir genommen. Hey, ich glaube, ich gehe einfach hoch und hole mir meine Pflanze zurück von Mr. Freundlicher Polizist.“

Mein rechter Schuh hielt den Plan für ausgezeichnet, aber der linke wies darauf hin, dass ich Alex beim letzten Mal, als wir uns gesehen hatten, nicht nur beschimpft, sondern auch vor die Brust gestoßen hatte.

„Du hast recht“, sagte ich zu dem Schuh. „Du hast verdammt noch mal recht. Ich muss mich bei ihm entschuldigen, oder? Vielleicht sollte ich ein Essen für zwei arrangieren? Ein romantisches Essen, das auch dazu dienen kann, herauszufinden, ob er die englisch-amerikanischen Beziehungen weiter intensivieren will.“

Ich mochte die Idee und in Stephanies einzigem Kochbuch fand ich ein Hühnchen-Oliven-Gericht, das in meiner winzigen Küche machbar wäre. Schließlich setzte ich mich hin und schrieb eine Einladung für Alex. Ich stand auf, um den Zettel an seine Tür zu klemmen, entschied aber auf der Treppe, dass meine Entschuldigung eine größere Geste verlangte. Ich eilte zu einem Blumengeschäft ein paar Häuser weiter und fragte nach einem kleinen Strauß.

„Woran genau haben Sie gedacht?“, fragte mich die Verkäuferin.

„Etwas Männliches“, sagte ich und betrachtete einen schönen Strauß in Lila und Blau.

„Männlich?“

Ich lachte ob des Tons von Unsicherheit in ihrer Stimme. „Wenn Sie ein Mann wären, welche Art Blumen würden Sie als Entschuldigung akzeptieren?“

„Oh.“ Sie lächelte mitfühlend. „Rosen sind immer schön. Und sehr romantisch.“

Weiß fanden wir beide männlicher als Rot, also bat ich die Verkäuferin um ein Dutzend weißer Rosen und ging damit nach Hause. Ich legte sie vor Alex’ Tür und steckte die Einladung zum Essen hinein. Dann ging ich zurück nach unten, um meinen Plan zu überdenken.

Zwei Stunden später machte ich mich auf den Weg zu einem Internetcafé in der Nähe, mein Manuskript hatte ich auf einer CD dabei. Als Isabella mich beim Mittagessen gefragt hatte, ob ich einen Agenten habe, wurde mir klar, dass ich momentan in einer regelrechten Agentenhauptstadt lebte und es idiotisch wäre, diese wunderbare Reichhaltigkeit direkt vor meiner Türschwelle zu ignorieren. Ein paar Stunden Onlinesuche und ich hatte eine Liste von Agenten in London; noch ein wenig mehr Zeit vor einem Fotokopierer, und ich hielt fünf Kopien der ersten drei Kapitel meines epischen Wälzers in meinen kleinen heißen Händen. Als ich in meine Wohnung zurückkam, begann ich, die Agenten anzurufen.

„North Mills Literaturagentur.“

„Hallo, mein Name ist Alix Freemar und ich habe eine Geschichte, die sich bestimmt gut verkaufen würde.“

„Schicken Sie uns ein Anfrageschreiben und ein SAE“, sagte eine gelangweilte nasale Stimme und hängte dann auf.

„Gut! Scheiß auf North Mills“, murmelte ich vor mich hin und strich den Namen von der Liste. Ich nahm den Hörer wieder auf und probierte die nächste Nummer.

„Madelyn Gregory und Partner.“

Man kann mir nicht nachsagen, dass ich nicht aus meinen Fehlern lerne.

„Hallo. Ich würde gern wissen, wie der Ablauf ist, wenn ich einem Agenten ein Buch schicken möchte.“

„Genre?“ Die Person am anderen Ende der Leitung hörte sich nicht übermäßig interessiert an, aber wenigstens erzählte sie mir nicht, ich solle ein Anfrageschreiben schicken und legte auf.

„Genre? Oh, es ist ein historischer Liebesroman.“

„Margaret Hendricks kümmert sich um Autoren von Liebesromanen und Frauenliteratur. Sie können Ihre Anfrage an sie richten.“

„Oh. Sie meinen, eine Anfrage wie in einem Anfrageschreiben?“

„Ja.“ Die Stimme wurde ein wenig schnippischer. Hatten die Leute heutzutage keine Geduld mehr?

„Gibt es keine Möglichkeit, Mrs. Hendricks zu treffen und ihr von meinem Roman zu erzählen? Ich bin hier in London und bleibe noch ein paar Monate, um für das Buch zu recherchieren.“ Ja, ja, ich strebte nach Fleißsternchen, aber es konnte nicht schaden, darauf hinzuweisen, wieviel Hingabe ich als Autorin mitbrachte. „Ich bin aus Seattle.“

„Mrs. Hendricks empfängt Kunden nur nach terminlicher Absprache.“

„Aber …“

„Vergessen Sie nicht das SAE, wenn Sie eine Antwort möchten. Auf Wiederhören.“ Klick.

„Toll“, sagte ich zum Telefon und schob die Ärmel meiner dünnen Baumwollbluse nach oben. „Wenn ihr mit harten Bandagen kämpfen wollt, dann kämpfen wir eben mit harten Bandagen.“

Eine Stunde später war ich stolze Besitzerin zweier Termine – der erste schon an diesem Nachmittag (keiner kann behaupten, dass ich Staub ansetze), der zweite in drei Wochen. Ich war ein wenig überrascht, dass es mir gelungen war, für denselben Tag einen Termin zu bekommen, aber ich wollte mein Glück nicht infrage stellen. Stattdessen ging ich meinen Kleiderschrank durch auf der Suche nach einem Outfit, das nahezu Autor schrie, aber nun ja, ich hatte kein Tweedjackett mit Lederaufnähern an den Ellenbogen, deshalb entschied ich mich für eine elfenbeinfarbene Leinenhose, eine granatrote Bluse, und um zu zeigen, dass ich eine künstlerische Ader hatte, ein buntes Tuch, das ich als Gürtel um meine Taille schlang.

Ich gab sogar Geld für ein Taxi aus, weil ich nicht verschwitzt vom Fußmarsch von der nächsten U-Bahn-Station bei der Tully Literaturagentur und Redaktionsservice ankommen wollte. Ich war wie immer zu früh und nahm schließlich im Wartebereich Platz. Ich sah eine halbe Stunde lang einer dunkelhaarigen Frau zu, die unablässig tippte, bevor ich ins Büro von Maureen Tully bestellt wurde.

„Alexandra Freemar?“

„Hi“, sagte ich und rieb verstohlen meine rechte Handfläche an meinem Oberschenkel. Nichts ist so abstoßend wie ein feuchter Händedruck.

Die kleine hellhaarige Frau hinter dem enormen Schreibtisch erhob sich und kam auf mich zu, um mir die Hand zu geben. Sie war kurz gewachsen und reichte mir nur bis zur Achsel. Ihre Augen hatten einen merkwürdigen ausgewaschenen Blauton. Ihre Statur war das einzig Unbeeindruckende an ihr. Sie bedeutete mir, auf einem Holzstuhl Platz zu nehmen und begann mich mit schnell hintereinander abgefeuerten Fragen zu bombardieren, die sie in einer kraftvollen Stimme vortrug, die keine Späße erlaubte.

„Wie lange schreiben Sie schon?“

„Ich? Oh, nun ja, das ist schwer zu sagen. Ich habe als Kind schon Geschichten geschrieben …“

„Ist Ihre Geschichte fertig?“

Ich blinzelte, als sie mich unterbrach. „Ähm … nicht wirklich.“

Sie presste ihre Lippen aufeinander und kehrte zu ihrem Plüschsessel hinter ihrem gigantischen Schreibtisch zurück. Sie sah dabei sehr wie ein Kind aus, das im Büro seines Vaters saß – bis sie mich mit dieser stählernen Kraft in ihren blassen Augen ansah. „Wie viel haben Sie schon fertig?“

„Oh … ähm … so um die neunzig Seiten, aber ich habe …“

„Worum geht es?“

Ich kämpfte das Verlangen nieder, ihr zu sagen, dass sie mir eine verdammte Chance geben sollte, zu sprechen. „Es geht um eine Frau und die zwei Männer, in die sie verliebt ist …“

„Es verkauft sich niemals“, sagte Maureen, zündete sich eine Zigarette an und wedelte mit ihrer Hand den blauen Rauch fort.

„Was haben Sie noch für Geschichten?“

Ich hustete ein zierliches kleines Husten in Richtung meiner Schulter. Rauch weckte mein Asthma und ich konnte bereits fühlen, wie meine Bronchien anschwollen und sich schlossen. „Das ist alles, ich habe keine …“

Sie beugte sich vor und schielte auf den Umschlag auf meinem Schoß. „Haben Sie Probekapitel dabei?“

Ich hustete wieder. Sie wedelte den Rauch fort, hielt es aber offenbar nicht für nötig, ein Fenster zu öffnen.

„Ja, ich habe drei dabei“, sagte ich schnell, fest entschlossen, einen ganzen Satz herauszubekommen, bevor meine Augen zu tränen begannen und ich anfing zu schniefen wie ein ältlicher Mops.

Sie streckte ihre Hand aus. „Schön. Lassen Sie mich einen Blick darauf werfen.“

Ich reichte ihr die Seiten hinüber und hustete wieder in Richtung meiner Schulter. Die Luft im Raum war zum Schneiden dick und verbraucht. Ich spürte, wie sie meine Kleider durchdrang, während ich Maureen beobachtete, die die ersten paar Seiten las und währenddessen blind nach einem Rotstift tastete. Ich notierte mir im Geiste, die Kleider, die ich trug, sofort in die Waschmaschine zu geben, sobald ich wieder zu Hause war. Ich war völlig darin versunken, den Gesichtsausdruck der Agentin zu beobachten, als sie mein literarisches Meisterwerk durchging. Meine Freude verwandelte sich in Schrecken, als sie sich mit ihrem Stift streichend und kreuzend durch den Rest des ersten Kapitels arbeitete. Mit einem letzten Grunzen machte sie sich eine Notiz, legte die Seiten nieder und lehnte sich zurück, um mich aus zusammengekniffenen Augen anzusehen.

„Es ist nicht schlecht“, sagte sie letztendlich. Überrascht schreckte ich aus meiner Starre hoch. Ich hörte auf, mir rachsüchtig auszumalen, wie ihre Lungen wohl aussehen mochten, und erstrahlte bei dem Lob. „Es ist vielversprechend, braucht aber Arbeit. Viel Arbeit. Viele Autoren haben Angst vor dem Überarbeiten. Sind Sie einer davon oder können Sie Kritik einstecken und Ihr Buch in einen Bestseller verwandeln?“

Ich umklammerte den leeren Umschlag, um mich davon abzuhalten, hier vor Ort einen Siegestanz aufzuführen. Es war nicht schlecht! Es hatte Potenzial! Es könnte ein Bestseller sein! „Oh, ich überarbeite es gern. Ich weiß, dass es nicht perfekt ist, und ich bin mehr als bereit, alles zu ändern, was Ihrer Meinung nach nötig …“

„Gut.“ Sie drückte ihre Zigarette aus und kramte in einer offenen Schublade. „Unterschreiben Sie alle drei Seiten. Die obere Kopie ist Ihre.“

„Ähm …“ Ich sah auf die Seiten hinab, die sie mir über den Tisch hinweg zugeschoben hatte. „Was ist das?“

„Standardvertrag“, sagte sie und wühlte in einer anderen Schublade. Dann zog sie einen Quittungsblock hervor. „Die Redaktionsgebühr bezahlen Sie im Voraus. Dreihundert Pfund.“

Ich ließ den Vertrag sinken und starrte sie an. Ich hatte den schrecklichen Verdacht, dass mein Unterkiefer nach ihren Worten herabhing. „Dreihundert Pfund? Redaktionsgebühr? Das verstehe ich nicht, ich dachte, Agenten bekommen ihr Geld aus den Einnahmen, die das Buch bringt.“

Sie zündete sich eine weitere Zigarette an und nickte. „Das ist richtig. Fünfzehn Prozent. Das schließt aber nicht die Redaktionsgebühr mit ein. Ihr Buch muss editiert werden. Sie würden mehr bezahlen, wenn Sie einen externen Redaktionsservice in Anspruch nähmen. Ich biete meinen Kunden meine Redaktionserfahrung an, damit sie sich das Geld sparen können. Es kostet mich ein schönes Stück meiner Zeit, aber ich glaube daran, meine Kunden zu unterstützen, und sie nicht als Mittel zum Zweck zu gebrauchen.“

Ich schämte mich meiner knauserigen Art und meiner kleinlichen Verdächtigungen. „Sicher, ich verstehe das. Ich hatte nur nicht erwartet …“

Sie sah mich mit einem stechenden Blick an und nahm einen langen Zug von ihrem Krebsstäbchen, sagte aber keinen Ton, während meine Stimme hilflos im Nichts endete.

Ich sah auf den Vertrag hinab. Ich versuchte mir alles in Erinnerung zu rufen, was ich darüber gelesen hatte, einen Agenten zu finden. Ich dachte an die Geschichten darüber, wie schwer es war, einen Agenten zu finden. Wer war ich also, dass ich mich jetzt zimperlich anstellte, weil ich nicht dafür bezahlen wollte, dass meine Arbeit editiert wurde, wenn das doch bedeutete, dass ich eine Agentin hätte, die für mich eintrat? Ich bezahlte am Ende ja nicht für nichts, sondern würde eine Gegenleistung bekommen.

„Gut, also, wenn ich die dreihundert Pfund bezahle, werden Sie mein Buch editieren und dann versuchen es zu verkaufen?“

„Ich werde es verkaufen“, versprach sie und stach bekräftigend mit ihrem Rotstift in die Luft. „Meine Erfolgsquote ist ziemlich hoch, sogar mit unbekannten Autoren.“ Sie beugte sich in ihrem Sessel nach vorn. Ich entknotete meine Beine, rutschte unbehaglich auf meinem Stuhl herum und hoffte, dass sie nicht bemerken würde, dass ich ein Stück zurückgewichen war, als sie mit der Zigarette in meine Richtung gewedelt hatte.

„Ich mag Sie, deshalb werde ich ehrlich mit Ihnen sein. Ich nehme nicht viele neue Kunden auf, weil ich zu beschäftigt bin mit denen, die ich bereits habe. Aber Ihre Art zu schreiben hat sofort eine Saite in mir zum Klingen gebracht, und ich bin stolz auf mein gutes Urteilsvermögen. Ich nehme Sie unter Vertrag, editiere ihr Buch und verkaufe es für Sie, aber ich erwarte von Ihnen, mir und meiner Arbeit Vertrauen entgegenzubringen.“

Ich zögerte ein paar Sekunden. Dreihundert Pfund waren eine Menge Geld und rissen ein großes Loch in mein Budget. Ich nagte an meiner Unterlippe und wägte ab, ob ich den Termin mit dem zweiten Agenten abwarten sollte. Dann gab ich mir einen Ruck. Ich war ein Idiot! Ich war drauf und dran, meine große Chance auf einen Agenten wegzuwerfen. Zur Hölle mit der Vorsicht, sagte meine Schwester Cait immer; Erfolg kommt zu denen, die den Stier bei den Hörnern packen. Ich nahm Maureen den Stift aus der Hand und unterzeichnete alle drei Vertragskopien.

„Ich habe Vertrauen in Sie, wenn Sie es in mich haben“, sagte ich und griff nach dem Umhängebeutel für Reisedokumente, der unter meiner Bluse versteckt um meinen Hals hing. Sie lächelte und lehnte sich zurück, ein merkwürdiges Leuchten in ihren blassblauen Augen.

„Sind Traveler-Schecks in Ordnung?“

 

Ich konnte es nicht erwarten, irgendjemandem von meinem großen Glück zu erzählen, und wie das Leben so spielte, war die erste Person, der ich zu Hause begegnete, nicht Isabella oder Alex, und auch nicht Ray oder Philippe. Als ich meine Tür aufschloss, hörte ich drinnen das Telefon klingeln. Ich dachte, es wäre vielleicht Alex, der zu schüchtern war, meine Einladung von Angesicht zu Angesicht zu akzeptieren. Also flog ich durch den Raum und griff nach dem Telefonhörer, während ich auf ein Knie hinabsank, was mir eine Teppichverbrennung erster Sahne einbrachte.

Lo“, sagte ich auf dem Boden sitzend und meine Verletzung reibend.

„Alix? Ich bin froh, dass du abgenommen hast, ich wollte gerade auflegen. Hier ist Karl.“

Ich betrachtete kritisch mein Bein. Knie sind sowieso nicht die schönsten Stellen des Körpers, aber meine hatten mit der Teppichverbrennung definitiv ihren Abstieg begonnen. Und es brannte wirklich wie die Hölle.

„Hi, Karl. Was kann ich für dich tun?“

„Es geht eher darum, was ich für dich tun kann. Ich dachte, du möchtest vielleicht am Samstag nach Windsor. Wir können einen Tagesausflug machen, wenn du willst, und uns noch Hampton Court ansehen. Bestimmt wirst du denken, dass ich ein ziemlich guter Fremdenführer bin. Ich habe mich viel mit Geschichte befasst, bevor ich Zahnarzt geworden bin.“

Oooh, Touristenkram! Karl mochte mich kalt lassen, wenn es um Sex ging, aber ich war niemand, der eine gute Gelegenheit zum Sightseeing verstreichen ließ. Schon gar nicht mit einem Mann, der Interesse an Geschichte hatte. Ich nahm ohne zu zögern an, versicherte ihm, dass ich das Trauma überlebt hatte, das der Verlust mehrerer Zentimeter meines Haars verursacht hatte, und schaffte es, die Unterhaltung in die von mir gewünschte Richtung zu lenken.

„Wie kommst du mit deinem Buch voran?“, fragte er höflich. Mir war klar, dass er möglicherweise gar nicht wirklich daran interessiert war – während des schicksalhaften Abendessens hatte er jedenfalls kein Interesse zum Ausdruck gebracht – aber ich schäumte über vor Freude über meinen Coup mit der Agentin und konnte nicht widerstehen, ihm meine Neuigkeiten mitzuteilen.

„Sehr gut, danke. Tatsächlich“, sagte ich, „habe ich gerade heute bei einer Agentin unterschrieben.“

„Eine Agentin? Das ist ja toll.“

Ich versuchte den selbstzufriedenen Ton in meiner Stimme auf ein erträgliches Niveau herunterzuschrauben. „Oh, es ist nur eine Agentin, weißt du, nichts Großes. Ich muss immer noch das Buch zu Ende schreiben. Sie hat allerdings große Hoffnungen dafür.“

„Ich bin sicher, dass du es toll machen wirst. Sagen wir, um neun?“

Wir vereinbarten Ort und Zeit und ich legte sehr glücklich auf. Endlich fügte sich alles für mich! England stellte sich als das gelobte Land heraus: Ich hatte eine Agentin, die meine Geschichte in Form bringen würde, ich hatte einen Fremdenführer, der versprochen hatte, mir alle historisch bedeutenden Plätze rund um Windsor zu zeigen, und ich hatte einen fein ausgearbeiteten Plan, um Alex zu verführen. Eine Agentin, Sightseeing und Sex – was könnte ein Mädchen noch wollen?

Ich dachte immer noch über mein Glück nach, als es an der Tür klopfte.

„Alex!“, sagte ich erfreut, als ich sah, wer dort stand. Mein Willkommenslächeln verpuffte schnell unter dem grimmigen grünäugigen Starren, mit dem er mich ansah. Er drückte mir einen vertraut aussehenden Strauß Rosen in die Hand. Ich starrte die Blumen dümmlich an und sah dann zu ihm auf, als er sprach.

„Ich bin nicht in der Stimmung für Blumen“, sagte er frostig. Ich sah zu seinen Füßen hinunter, um zu sehen, ob die Eiswürfel, die mir aus jedem seiner Worte entgegenklirrten, sich dort unten stapelten. „Ebenso bin ich nicht in der Lage, deine Essenseinladung anzunehmen. Danke. Gute Nacht.“

Er wandte sich zum Gehen, als mein Gehirn endlich ansprang.

„Alex, warte!“ Ich fasste ihn am Arm und hielt ihn fest, als er weggehen wollte. Er sah auf meine Hand hinab, als wäre sie etwas Widerliches. „Wenn du morgen Abend keine Zeit hast, können wir es auf Sonntag verschieben. Oder auf einen anderen Abend, ich habe Zeit.“

Sein Blick traf meinen für eine Sekunde, aber die Wut, die ich darin sah, reichte aus, um mich ein paar Schritte zurückweichen zu lassen.

„Du bist nicht gerade höflich, weißt du“, sagte ich, als er auf die Treppe zuging.

„Im Gegenteil, ich glaube, ich bin ziemlich freundlich.“ Er drehte sich nicht einmal um, als er das sagte. Er ging einfach weiter die Treppe hinauf.

„Ach wirklich? Da, wo ich herkomme, ist es nicht nett, jemandes Entschuldigung zurückzuweisen.“

Bei diesen Worten hielt er an und drehte sich halb zu mir herum, ein blasser Schatten, der mit dem dunklen Hintergrund des Treppenabsatzes verschmolz. Ich konnte nicht anders als mich zu wundern, wie er bei dieser Hitze einen Anzug tragen konnte.

„Die Blumen.“ Ich wedelte mit ihnen in seine Richtung. „Sie waren meine Art, mich bei dir zu entschuldigen, weil ich dich einen Bastard genannt habe. Ich dachte, du wärst mit Isabella zusammen, verstehst du? Ich wusste nicht, dass es nicht so ist.“

Er drehte sich ein Stückchen weiter zu mir um. „Mit Isabella zusammen?“

Ich machte einen kleinen Schritt auf ihn zu, sicher, dass er losschießen würde wie ein aufgescheuchtes Reh, wenn ich mich zu schnell bewegte.

„Ja, ich dachte, ihr beide wärt … äh … auf intime Weise miteinander vertraut.“

Er bewegte keinen Muskel, blinzelte nicht einmal. Ich trat einen weiteren kleinen Schritt nach vorn und hielt ihm die Blumen hin. „Deshalb habe ich das gesagt. Ich dachte, du würdest direkt vor ihren Augen mit mir flirten. Würdest du also bitte die Blumen annehmen? Und meine Entschuldigung für das, was ich gesagt habe?“

Er drehte sich um und sah mich kurz an, schüttelte den Kopf und ging ein paar Stufen hinauf. „Ich nehme deine Entschuldigung an, aber nicht die Blumen.“

Verdammter Kerl! Warum musste er es so verflucht kompliziert machen? Offenbar hatte er nach der ganzen blöden Geschichte einen Knoten im Höschen. Gut, wenn er sein Ego gestreichelt haben wollte, würde ich es eben streicheln.

„Es sind nur Blumen, Alex, kein Heiratsantrag!“, rief ich und ging hinter ihm die Treppe hinauf. Er hielt mitten auf den Stufen an und sah böse zu mir herunter. Ich ging weiter.

„Ich mag keine Blumen.“ Wenn seine Worte noch ein bisschen kühler gewesen wären, hätte ich Steaks im Treppenhaus lagern können.

„Gott, du bist wirklich mit Abstand der dickköpfigste Mann, den ich je getroffen habe“, sagte ich laut und schüttelte die Rosen in seine Richtung. Einige Blütenblätter fielen herab, aber wir beide ignorierten das, um uns unablässig anzufunkeln. „Nimm jetzt die verdammten Dinger! Ich komme mir vor wie ein Idiot, wie ich hinter dir herlaufe und dich anbettele, sie zu nehmen. Sie gehören dir, ich habe sie für dich gekauft!“

„Ich will sie nicht“, sagte er bockig und ging weiter die Treppe hinauf. Ich griff den Saum seiner Anzugjacke und hielt ihn daran fest.

„Du nimmst sie, du starrsinniger Esel!“ Ich schüttelte den Blumenstrauß und versuchte ihn ihm in die Hand zu drücken. Blütenblätter flogen um uns herum wie Schneeflocken. „Stell sie ins Wasser, verteil sie auf deinem Bett, koch dir einen Eintopf draus – es ist mir wirklich Wurst, was zur Hölle du damit anstellst, aber du nimmst sie jetzt!“

Im Treppenhaus war es dunkel, aber ich konnte das grüne Feuer in seinen Augen funkeln sehen. Wer A sagt, muss auch B sagen, dachte ich. „Und wo wir schon dabei sind, ich möchte meine spitzblättrige kleine Pflanze zurückhaben.“

Sein finsterer Blick erreichte einen denkwürdigen Zustand. „Was?“

„Die Pflanze, die du mir letzte Woche gestohlen hast!“

„Diese süße kleine spitzblättrige Pflanze, wie du sie fälschlicherweise immer noch nennst, ist eine verbotene Substanz.“

Angeblich verbotene Substanz!“ Ich schlug ihm mit dem Rosenstrauß auf den Arm, als er einen Schritt auf mich zu machte. Mehr Blütenblätter fielen. „Sie hatte kein Schild um, auf dem Marihuana stand, also wenn du keinen Beweis hast, dass es wirklich Marihuana ist, kannst du sie mir einfach zurückgeben!“

Er stieg zwei weitere Stufen hinab, bis er direkt vor mir auf dem Treppenabsatz stand. „Wieso glaubst du, dass ich sie noch habe?“

Es war irritierend, dass er so dicht vor mir stand, dass ich seine Körperwärme spüren konnte. Auf seiner Stirn waren ein paar winzige Schweißperlen, und ein paar feuchte sexy Haarsträhnen kringelten sich über seinen Ohren. Ich gab der Versuchung nach und legte eine Hand auf seine Brust. Er schaute erschreckt hinunter.

„Ist dir nicht zu heiß, wenn du immer diese Anzüge trägst?“

Er sah mir in die Augen und sein Blick ließ die Reste meines Verstandes schmelzen. Sein Adamsapfel hüpfte über seinem Krawattenknoten auf und ab, als er die Rosen nahm.

„Ich nehme die Rosen an.“ Meine Finger wollten sich nicht lösen, als seine Hand über meine glitt. Seine Stimme war heiser und rau, aber lange nicht so verführerisch wie das Gefühl seines Atems, der über mein Gesicht strich. Das Verlangen nach ihm schlug mit solcher Kraft in mich ein, dass ich schwankte, meine Finger um die Rosenstiele geklammert. Als wir uns gegenüberstanden und einander ansahen, war nur das Geräusch der weißen Blütenblätter zu hören, die leise auf den Boden des Treppenabsatzes schwebten.

Das und mein wild hämmerndes Herz, das versuchte, aus meiner Brust auszubrechen.

„Alix …“

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960877929
ISBN (Buch)
9783960878551
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v492527
Schlagworte
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Autor

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    Katie MacAlister (Autor)

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Titel: Liebe lieber britisch