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Rebel Hearts

Das Licht in meiner Dunkelheit

von Sebastian Thiel (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Gerade noch trank Samantha, die Erbin eines schwerreichen Familienimperiums, auf den feinsten New Yorker Partys Champagner, als sie vom NYPD verhaftet wird. Und plötzlich befindet sie sich mitten in der schlimmsten Nacht ihres Lebens. Jemand tötete ihren Vater und legte die Spur zu ihr. Schneller als sie die haltlosen Vorwürfe dementieren kann, sitzt Samantha in der Arrestzelle des NYPD und weiß: Nur sie selbst kann ihre Unschuld beweisen. Deswegen zögert sie keine Sekunde, als der geheimnisvolle Biker AJ aus dem Knast ausbricht und schließt sich ihm an. Samantha bleibt keine andere Wahl – um den Mörder zu finden, muss sie selbst zu einer Gesetzlosen werden. Nur gut, dass sie mit dem kriminellen AJ einen ebenso attraktiven wie charmanten Partner gefunden hat. Doch dann steht auf einmal alles auf dem Spiel ...

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe Juli 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-809-4
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-863-6

Covergestaltung: Buchgewand
unter Verwendung von Motiven von
© Werachai Sookruay/stock.adobe.com, © dell/stock.adobe.com, © sergio34/stock.adobe.com und © FXQuadro/shutterstock.com
Lektorat: typo18

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

Kapitel 1 – Im Glanz der Nacht

Hastig blicke ich mich um.

Die Lichter zucken grell, Musik dröhnt in meinen Ohren, und vom Schweiß nass glänzende Körper bewegen sich rhythmisch zu den Klängen aus den Boxen.

„Entspann dich, Samantha. Sie sind nicht hier.“ Amüsiert nippt meine Stiefschwester Theodora am Champagnerglas und stupst mich behutsam in die Seite. „Wir können also ganz in Ruhe feiern.“

Sie hat recht. Weit und breit keine Bodyguards. Normalerweise erkenne ich sie am mürrischen Blick, der aussieht, als gäbe es sieben Tage Regenwetter, und den schlecht sitzenden Jacketts, doch auf der Tanzfläche des New Yorker Klubs sind keine Anzugträger zugegen. Nur Menschen in zu knapper Kleidung, die in diesem viel zu heißen Sommer ein wenig Ablenkung suchen und sich die mit Eiswürfeln gekühlten Drinks gegen die Stirn drücken.

„Er hat Wort gehalten“, flüstere ich mehr zu mir als zu Theodora und lasse mich ein wenig tiefer in den Sessel irgendeines Edeldesigners sinken.

„Natürlich hat er das“, sagt sie empört. „Immerhin ist es dein dreißigster Geburtstag. Da wird dein Vater seine kleine Prinzessin doch mal ohne schwer bewaffnete Leibgarde aus dem Haus lassen.“ Sie zwinkert mir zu und erhebt ihr Glas. „Also, alles Gute, Schwesterherz. Und jetzt genieß deinen Abend.“

Ich stoße mit ihr an. Das helle Klirren geht im wummernden Bass unter. Noch immer kann ich es nicht fassen. Verdammt, ich bin jetzt dreißig! Eben noch saß ich auf Daddys Schultern, während er mich durch unsere Villa getragen hat, und jetzt prangt die böse Drei vorneweg.

Ich streiche mir über das schwarze Kleid, richte meine blonden Haare und lächle meine Stiefschwester an. „Danke, Theodora. Was wäre ich nur ohne dich?“

„Hilflos, und die Firma wäre pleite.“ Sie leert den Champagner in einem Zug und ordert zwei neue Gläser. Als der Kellner den Nachschub zum VIP-Bereich bringt, gibt sie mir eines und zieht mich auf die Füße. „Und jetzt wird getanzt. Der Typ da hinten sieht dich schon die ganze Zeit an.“ Dabei deutet sie verschwörerisch auf einen Mann mit hellblondem, gegeltem Haar, der lässig an der Theke lehnt. Als er meinen Blick bemerkt, prostet er mir zu. Das Erscheinungsbild des Mannes geht stark in Richtung Schwiegermutters Liebling.

„Das ist dein Typ?“, will ich etwas zu pikiert wissen und mustere ihn von oben bis unten.

„Sam, das ist der Typ von jeder Frau!“ Sie lacht auf, schiebt mich aus der Lounge auf die Tanzfläche. Dabei kommt sie ganz nah an mein Ohr. „Tolle Haare, nettes Lächeln, super Figur. Wenn er jetzt noch Arzt oder Anwalt ist, schnappe ich ihn dir weg.“

Ich zucke mit den Schultern und lächle herausfordernd. „Nur zu. Deiner Mutter würde es gefallen, wenn endlich Enkel da wären.“

„Deinem Vater ebenso. Er wünscht sich schon lange jemanden, der das Firmenimperium weiterführen kann, wenn die Tochter schon keine Lust darauf hat“, erwidert sie augenzwinkernd und zieht mich weiter zu dem Mann.

„Ich habe doch dich“, gebe ich zurück und hebe die Augenbrauen. Mir ist nur allzu bewusst, dass Theodora es nicht so meint, aber sie trifft einen wunden Punkt. Auch wenn Vater es sich noch so sehr wünscht, die Führung unserer Firma ist einfach nicht mein Ding. „Du leitest die Mayflower Incorporation besser als jeder andere. Außerdem kann ich mich dann in Ruhe auf mein Studium konzentrieren.“

„Und auf die Partys“, sagt Theodora, in Anspielung darauf, dass ich immer noch keine Ärztin bin, und streckt die Zunge raus.

„Touché, kleine Schwester.“ Wir stoßen an und lachen.

Während wir uns im Rhythmus der Musik bewegen, suche ich den Blick des Mannes. Noch immer steht er allein, fesselt mich mit seinen Augen. Zwei Haarsträhnen fallen ihm ins Gesicht und verleihen ihm etwas Geheimnisvolles. Theodora hat recht – er ist ein äußerst attraktives Exemplar der Gattung Mensch.

„Interesse?“, ruft sie absichtlich laut.

Schon, aber … Trotzdem schüttle ich den Kopf. „Du bist diejenige, die sich ein wenig Spaß gönnen sollte“, antworte ich und lege meine Stirn in Falten. „Immerhin arbeitest du seit Monaten beinahe ununterbrochen.“

„Keine Chance, Sam. Heute ist dein Geburtstag, also lasse ich dir den Vortritt.“ Sie packt mich an der Hüfte und schiebt mich zu dem Unbekannten. Ich stolpere und falle ihm direkt in die Arme. „Gern geschehen“, haucht sie noch, trinkt einen Schluck und ist innerhalb von wenigen Lidschlägen in der tanzenden Menge verschwunden.

Dieses kleine, verschlagene Mistst…

„Wow, ich muss deiner Freundin dankbar sein.“ Der Mann hilft mir vorsichtig auf die Beine. Seine Stimme dringt mühelos durch die Musik und legt sich wohlig in meine Ohren.

„Schwester.“

„Wie bitte?“

„Sie ist meine Stiefschwester. Mein Vater hat ihre Mutter geheiratet und … Ach, ist ja auch egal.“

Der Kerl sieht wirklich nicht schlecht aus, duftet nach süßlichem Parfüm, und seine blauen Augen glänzen so sehr, dass er einem Disney-Film entsprungen sein könnte. Mein ganz persönlicher Prinz Charming. Außerdem flirte ich für mein Leben gern und sollte es genießen, dass sich gerade keine fünf Bodyguards um uns postieren.

„Ich bin übrigens Samantha“, stelle ich mich vor und rücke noch ein Stückchen an ihn heran. Die Wärme seiner Haut löst ein Prickeln in mir aus, das der letzte Schluck Champagner noch verstärkt.

„Nikolas“, entgegnet er und schüttelt mir die Hand. „Darf ich dir einen Drink ausgeben?“

Ich ziehe einen Schmollmund und tue so, als würde ich überlegen, und spiele mit meinen Haaren. „Mhm, mein Vater hat mir verboten, etwas von Fremden anzunehmen.“

„Dein Daddy ist nicht hier“, raunt mir Nikolas zu. „Außerdem bin ich kein Fremder. Richtig, Sam?“ Wieder dieses Lächeln.

Zumindest ist er nicht auf den Mund gefallen. Gefällt mir. „Okay, ein Drink, und dann muss ich wieder zurück.“

Er lacht auf. „Wieso, Aschenputtel? Schlägt dann die Uhr Mitternacht? Ist der Zauber dann vorbei, dein Kleid verwandelt sich, und ich muss die ganzen Königslande absuchen, damit dein gläserner Schuh passt?“, will er wissen und ordert die Getränke.

Ich schüttle den Kopf. „Nein, das nicht. Aber wenn ich erst in den Morgenstunden nach Hause komme, wird mein Dad vielleicht nervös und sendet eine Truppe von Elitesoldaten aus, um mich zu finden.“

„Mir gefallen Frauen, die nicht leicht zu haben sind.“

Er hält es für einen Scherz. Gut so. Ich würde mir selbst kaum glauben, wenn die Wahrheit nicht so erschreckend wäre. Wir lachen gemeinsam und stoßen an. Okay, Humor hat er auch. So langsam bin ich Theodora dankbar, dass sie mich, wenn auch auf unsanfte Weise, zu diesem Flirt gezwungen hat.

„Weißt du, mit wem du eine gewisse Ähnlichkeit hast?“

Oh, bitte nicht. Es war gerade so schön.

„Vielleicht mit Beyoncé?“ Nachdenklich lege ich den Zeigefinger an meine Lippen. „Gut, ich habe nicht ihre schönen Locken, kann weder singen noch tanzen und besitze auch keine eigene Fernsehshow, aber ansonsten passt es doch ziemlich gut, oder?“, will ich scherzhaft wissen.

„Nein, nicht wirklich.“ Nikolas kraust angestrengt die Stirn und trinkt einen großen Schluck. Ich kann förmlich hören, wie in seinem Kopf die Zahnräder ineinandergreifen und zu arbeiten beginnen. „Eher mit dieser Mayflower-Prinzessin.“

Mayflower-Prinzessin, pah! Den Groll spüle ich mit Veuve Clicquot herunter und verziehe keine Miene. „Nie gehört.“ Mit ein wenig Glück kann ich ihn noch ablenken. Leicht berühre ich seine Hand und streiche mit den Fingerspitzen den Arm hoch. Auch wenn ich um einiges weniger Erfahrung habe, als mir die Presse andichten will, habe ich das Flirten noch nicht verlernt. Zumindest hoffe ich das.

Inständig.

Seine Bewegungen stocken, als wäre sein Blut zu Eis gefroren, dann fixieren mich seine stahlblauen Augen. „Wirklich nicht? Du kennst nicht die Partyprinzessin des Firmenimperiums? Alleinige Erbin der Mayflower Incorporation? Verlassen von ihrer Mutter im Kindesalter und zu blöd, um die eigene Firma zu führen?“ Er reibt sich über das glatt rasierte Kinn. „Sogar das muss ihre Schwester übernehmen.“

„Stiefschwester.“

„Wie bitte?“

„Ach, nichts.“

Er sieht mich an, als würde ich von einem anderen Stern kommen. Ich intensiviere meine Berührungen, rücke noch ein Stück an ihn heran und lasse wie zufällig ein Bein gegen seines streifen. Seine Nähe lässt mich erschauern, und ich bin mir sicher, ihm geht es genauso.

Er schaut mir tief in die Augen. Am liebsten würde ich über alles andere reden, nur nicht darüber. Doch Nikolas ist selbst durch meine Zärtlichkeiten nicht davon abzubringen.

„Jeder kennt die Mayflowers und besonders die zickige Samantha, die schon Jahre Medizin studiert, weil sie ja ach so gerne in die Fußstapfen ihres allmächtigen Vaters treten möchte und immer noch keine Ärztin ist.“ Seine Stimme wird leiser und ist durchzogen von beginnender Lust. Trotzdem holt er sein Mobiltelefon hervor. „Ein wenig Ähnlichkeit ist nicht von der Hand zu weisen, aber du siehst um einiges besser aus, und deine Augen strahlen heller als …“ Sein Blick schnellt vom Display zu meinem Gesicht und zurück. „Fuck!“

Es ist immer die gleiche Reaktion, wenn die Menschen erkennen, dass die Figur aus den Klatschgeschichten tatsächlich ein Mensch aus Fleisch und Blut ist.

„Nenn mich einfach Sam“, sage ich und drücke mich an seine Brust. „Noch kannst du abhauen, ohne dass die Presse peinliche Fotos schießt, wie du mit der Partyprinzessin flirtest.“ Die letzten Silben speie ich förmlich aus. Ich hasse diesen Beinamen.

„Und wenn ich das nicht will?“, erwidert Nikolas gedämpft, lässt das Handy in die Tasche gleiten und streicht mir über die Wange. „Du hast heute Geburtstag, wenn ich es richtig gelesen habe.“

Ich nicke. Einige Zeitschriften haben dem Ereignis sogar eine hämische Sonderseite mit meinen größten Verfehlungen und Alkoholeskapaden gewidmet – extrem unvorteilhafte Fotos inklusive.

„Wieso? Hast du ein Geschenk für mich?“, will ich wissen und lasse den Blick über die Tanzfläche schweifen. Noch immer keine Bodyguards in Sicht, und ich fühle mich seit langer Zeit endlich richtig frei.

„Ich kenne den Besitzer des Klubs“, antwortet er schnell und nickt in Richtung einer Tür neben der Theke. „Wenn die Gerüchte in den Zeitungen stimmen, bist du ja eher ein böses Mädchen.“

Soll ich ihn für diese Bemerkung eine Ohrfeige verpassen oder ihn küssen? Beides hätte einen gewissen Reiz. Ich entscheide mich für eine völlig andere Variante und probiere es mit entwaffnender Ehrlichkeit. „Ein böses Mädchen, das noch nie einen festen Freund hatte.“

„Du verarschst mich!“

„Ich wünschte, es wäre so. Dazu hatte ich leider nicht mal im Ansatz so viel Spaß, wie mir die Journaille andichtet. Und bei Weitem nicht so viele Typen. Aber das verkauft sich natürlich nicht so gut. Deshalb drucken sie auch lieber alte Fotos, auf denen ich betrunken aus einer Limousine steige, mit einem Fremden rumknutsche und einen zu kurzen Rock trage.“ Wieder streiche ich über seine Hand. Mir ist unklar, ob der Alkohol aus mir spricht oder ich so trunken von der unbekannten Freiheit bin, dass es mir zu Kopf steigt, doch plötzlich beginnt mein ganzer Körper, zu kribbeln und sich etwas zu wünschen, was er allzu selten verspüren durfte. „Allerdings ist immer irgendwann das erste Mal.“ Behutsam schmiege ich mich an ihn. „Ich würde mich gerne wieder fallen lassen.“

Er streicht zärtlich über meine Wange und kommt näher. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals, als wir uns küssen. Gefühlvoll berühren sich unsere Lippen, seine Zunge spielt mit meiner. Ich nehme nichts mehr um mich herum wahr, nur noch seine Zärtlichkeiten. Seine Fingerspitzen fahren über meine Seiten, suchen sich langsam einen Weg zur Hüfte und stoppen erst an der empfindlichen Stelle über meinem Po. Als sich unsere Lippen trennen, ist die Luft wie elektrisiert.

Nikolas’ Berührungen sind wie Federstriche, als er über mein Schlüsselbein streichelt. „Mir scheint, du gehörst zu den Menschen, die bekommen, was sie wollen.“

„Könnte sein.“

„Ich wette, dein Dad hat dir früher auch ein Pferd geschenkt, wenn du eins wolltest.“

„Sogar eine ganze Ranch.“ Ich muss lächeln, wenn ich daran zurückdenke. „Aber ich habe sie dem Tierschutz gespendet.“

Auch seine Mundwinkel ziehen sich bei dem Gedanken nach oben. „Und was möchte die Partyprinzessin jetzt?“

Nun bin ich diejenige, die in die Offensive geht und seine Lippen zärtlich durchbricht, während uns ein Kokon aus Begierde umgibt und mit jedem weiteren Lidschlag an Kraft gewinnt. „Zeig mir den Abstellraum, Nikolas.“

Er zögert keine Sekunde. Gemeinsam verschwinden wir hinter der Tür, lassen das Partyvolk hinter uns. Die Musik dringt nur noch gedämpft an unsere Ohren. Der Geruch von abgestandenem Bier erfüllt den engen, viel zu heißen Raum und wird nur von seinem Parfüm übertroffen. Im schummrigen Licht erkunde ich seinen Körper mit hastigen Berührungen. Ich kann meine Finger nicht mehr bei mir lassen, öffne zwei Knöpfe seines Hemds und streichle über seine Brust. Die hitzigen Küsse brennen auf meiner Haut, und ich spüre die wachsende Lust in seiner Hose. Nikolas fasst behutsam in meine Haare, bündelt sie zu einem Zopf und zieht sie sanft zurück. Meinen frei liegenden Hals bedeckt er mit Küssen, und plötzlich flattern tausend Schmetterlinge in meinem Bauch.

Geschickt öffnet er den Reißverschluss meines Kleids und fängt an, meinen Busen durch den BH zu massieren. Gleichzeitig fahren seine Fingerspitzen über meinen Hals. Dabei hinterlassen seine Berührungen eine brennende Spur, die sich tief in meine Lust frisst. Ich lege den Kopf schief, fahre über seinen durchtrainierten Bauch und schließe die Augen.

Der Raum hat die Hitze der Nacht gespeichert. Ein Tisch, von Spirituosen umrahmt, präsentiert sich perfekt für unsere Zwecke. Schnell drehe ich mich um, entziehe mich seinen Küssen und gehe lasziv auf den Tisch zu. Mit beiden Händen stütze ich mich darauf ab und senke den Kopf. Tief atmend erkenne ich am Rascheln, wie er sich seines Jacketts und des Hemds entledigt. Ich bin wie im Rausch, weiß selbst nicht, was ich tue, und koste dieses unbändige Verlangen in mir aus.

Gerade als ich den Gedanken zu Ende gedacht habe, spüre ich seine Hände auf meinem Kleid und sein glatt rasiertes Kinn an meinem Nacken. Mir entfährt ein lang gezogenes Seufzen, das sich in einem kurzen Schrei verliert, als er meine Haare grob packt und zu sich zieht. Mein Hals liegt für ihn jetzt frei, und wäre er ein Vampir, wäre ich nun seine wehrlose Beute und in wenigen Augenblicken tot. Als wäre er imstande, meine Gedanken zu lesen, bedeckt er die empfindlichen Seiten meines Halses erst mit Küssen, dann beißt er hinein. Mit jedem kleinen Schmerz, den Nikolas’ Zähne auf meiner Haut hinterlassen, drücke ich meinen Po an sein Becken, um den Druck zu erhöhen. Rücklings schmiege ich mich an seine weichen Lippen und streichle über seinen Hinterkopf. Augenblicklich ballt sich meine Hand zur Faust und fasst sein Haar, sodass ich seine Liebkosungen dirigieren kann. Selbst durch den Stoff unserer Kleidung kann ich spüren, dass sein bestes Stück die volle Größe erreicht haben muss – oder zumindest hoffe ich es. Mit einem rauen Grunzen wirbelt er mich herum und drückt mich auf die Tischplatte. Als seine Hände langsam über die Außenseiten meiner Beine fahren, sich in meinem Po festkrallen und er sein Becken vorschiebt, meine ich, den Verstand zu verlieren. Als hätte jemand die Saite einer Gitarre zu hart aufgezogen und würde mit Gewalt weiter an ihr drehen, spielt er nun mit mir.

Meine Gedanken sind bereits einen Schritt weiter, da reißt mich gleißendes Licht aus den Träumen.

„Samantha Mayflower?“, will eine mir unbekannte Frauenstimme wissen. Die Lady betätigt den Lichtschalter und leuchtet mir zusätzlich mit der Taschenlampe ins Gesicht.

„Ja“, antworte ich unsicher. Ich blinzle ein paarmal, meine Augen müssen sich erst an die neuen Lichtverhältnisse gewöhnen. Jetzt erkenne ich die Umrisse mehrerer Polizisten. Ich werde grob gepackt und gegen die Wand gedrückt.

„Sie sind verhaftet“, bellt die Stimme. Immer mehr Cops drängen in den Raum. „Hier ist sie! Der Barmann hatte recht.“

Ich seufze theatralisch. „Hören Sie, es tut mir leid, wenn wir hier nicht sein sollten. Nikolas meinte, dass er den Besitzer kenne.“

Unverständnis spricht aus den Augen des weiblichen Cops. Ich muss die Beine spreizen, werde am ganzen Leib abgetastet, während die Beamten mit kalter Mechanik arbeiten. Im gleißenden Licht funkeln Handschellen, dann erfüllt ein metallisches Klicken den Raum, und ich bin gefesselt.

„Darum geht es nicht.“

„Sondern?“

Die Polizistin sieht mich scharf an. „Samantha Mayflower, Sie werden des Mordes beschuldigt.“

Hitze steigt mir ins Gesicht, obwohl meine Glieder eine plötzliche Taubheit überkommen und eiskalt sind. „Wie bitte? Wen soll ich ermordet haben?“

Als die Worte ihre Lippen verlassen, bricht für mich eine Welt zusammen.

„Doktor Adam Mayflower.“ Sie macht eine kurze Pause. „Ihren Vater.“

Kapitel 2 – Andere Welten

Ich wähne mich in einem Albtraum.

Anders kann ich mir das nicht erklären.

Eng und scharf liegt das kalte Metall der Handschellen um meine Gelenke und schneidet mir unnachgiebig ins Fleisch. Ich sitze auf einer hölzernen Bank, umgeben von Gitterstäben, und blicke auf den verdreckten Boden unter meinen Stilettos. Keine Träne, keine Emotionen sind aus meinem Gesicht zu lesen, nur die bohrende Gewissheit, dass von nun an nichts mehr so sein wird, wie es einmal war.

Noch vor einer halben Stunde war ich die Hauptperson einer bittersüßen Verführung, doch als mich die Cops in Handschellen durch den Klub geführt haben, haben die Menschen ihre Handys gezückt, und ich wurde zu einer weiteren Schlagzeile. Wahrscheinlich sind diverse Internetseiten jetzt schon voll von der Partyprinzessin, die auf der Tanzfläche eines New Yorker Edelschuppens verhaftet wird und ihren eigenen Vater ermordet haben soll. Theodora wurde von den Beamten zurückgehalten, hat mir nachgerufen, dass alles gut werden würde, doch ich weiß, dass es eine Lüge war.

Dad …

Die Erkenntnis trifft mich wie ein Schlag in die Magengrube. Er ist tot. Ermordet. Nichts wird ihn zurückbringen.

Und in der Zeit, in der ich in Lower Manhattan im Gebäude des New York Police Department gefesselt auf meine Vernehmung warte, läuft sein Mörder frei herum. Wut mischt sich mit Trauer zu einer grausamen Melange, die kaum auszuhalten ist. Meine Hände formen sich zu Fäusten, bis sie zu kribbeln beginnen. Eben noch war mein Leben in Ordnung – ach, was rede ich, es war wunderschön. Doch jetzt liegt es in Scherben vor mir, während ich im Abendkleid neben gelangweilt wirkenden Ladys sitze, die ihr Geld offensichtlich im horizontalen Gewerbe verdienen, und mich der Typ in der Nachbarzelle fixiert, als wäre ich Freiwild.

„Begleitservice?“ Die Stimme meiner Sitznachbarin reißt mich aus meinen Gedanken.

Ich will mir übers Gesicht fahren, spüre, wie die Handschellen tiefer in meine Haut schneiden, und lasse die Arme sinken. „Wie bitte?“

„Du kommst doch bestimmt aus dem Escort, oder?“, will die dunkelhäutige Frau mit der Zahnlücke wissen. Ihre blond gefärbten Haare wippen bei jeder Bewegung. „Du weißt schon, High Class. Geschäftsleute aus Japan, schicke Restaurants, teure Hotels, und nach einem kurzen Ritt liegen sie schnaufend in deinen Armen.“ Sie lehnt sich zu mir herüber, sodass ihr Rock in Leopardenmuster spannt. „Kannst du mich da reinbringen? Du weißt schon, in deine Agentur.“ Sie lächelt und mustert mich von oben bis unten. „Wenn ich mir dann auch so einen Fummel leisten kann, bin ich sofort dabei. Aus welchem Schuppen sind die?“

Ich verschweige, dass der Schuppen Chanel heißt, und sehe wieder auf den Boden. Nicht eine Silbe gebe ich von mir. Es ist, als würde es mir das Herz zerreißen, und nur der flammende Zorn lässt mich nicht in Tränen ausbrechen.

„Ich bin übrigens Cassy“, ergänzt die Lady neben mir und rutscht wieder auf ihren Platz. „Natürlich heiße ich nicht so, aber ich werde von allen so genannt.“ Sie massiert ihre viel zu langen, rot lackierten Fingernägel. „Schon komisch, oder? Ich stelle mich gar nicht mehr mit meinem richtigen Namen vor, hab ihn beinahe vergessen. Du weißt schon, mit der Zeit werden wir zu den Masken, die wir uns vorhalten.“

„Wie bitte?“ Die Worte der Frau scheinen einfach keinen Sinn zu ergeben. Wie alles hier.

„O Kindchen, du bist noch nicht lange dabei, oder?“ Sie lehnt sich zu mir und streichelt mit den Fingerspitzen meinen Rücken.

Eigentlich sollte mir die Berührung unangenehm sein, doch aus irgendeinem Grund trösten mich ihre Zärtlichkeiten, und ich schließe die Augen. „Samantha“, sage ich schließlich kaum hörbar. „Aber alle nennen mich Sam.“ Endlich gelingt es mir hochzusehen. Ihr Lächeln schenkt mir einen Funken Trost in meiner dunkelsten Stunde. „Wie ist dein Name? Also, dein richtiger?“

Sie zögert einen Moment. „Patricia.“

„Ein wirklich schöner Name. Du solltest ihn auf keinen Fall vergessen.“ Ich versuche, ihr die Hand zu reichen, doch die Ketten der Handschellen sind zu kurz. „Was passiert jetzt, Patricia?“, will ich zaghaft wissen und betrachte aus dem Augenwinkel den gefesselten Typen in der benachbarten Gewahrsamszelle. Er liegt im Schatten, ich kann nur seine Silhouette erkennen. Die Fußfesseln rasseln ab und zu. Was muss er getan haben, um von den Cops mehrfach gefesselt zu werden? Ich schaue genauer hin. Über ihm sind die Lampen defekt, als wolle das Schicksal sein Gesicht vor mir verbergen. Trotzdem scheint er die Ruhe selbst zu sein, und obwohl ich seine Augen nicht sehen kann, spüre ich, dass er mich beobachtet, einem gefährlichen Raubtier gleich.

„Als Erstes werden sie dich befragen, dann wirst du dem Haftrichter vorgeführt. Mit ein wenig Glück, guten Anwälten oder Geld kommst du hier raus, und es wird Kaution erlassen. Ansonsten buchst du ein One-Way-Ticket ins Staatsgefängnis und verrottest da, weil sich niemand um Huren wie uns kümmert.“ Sie wartet eine Sekunde, tippt mir behutsam auf die Schulter und deutet in Richtung des Mannes. „Von dem solltest du dich fernhalten“, flüstert sie. Offensichtlich hat sie meinen Blick bemerkt.

Ich reiße mich mit aller Willenskraft los, um den Typen nicht weiter zu fixieren. „Warum?“

„Siehst du seine Kutte? Er ist ein Reaper.“

Der Mann bewegt sich. Seine Pranke streichelt die Gitterstäbe, als wären sie seine Geliebte. Ein Ring blitzt aus der Finsternis hervor, und ich bemerke etliche weiße Narben. Stumme Zeugen zahlloser Kämpfe, die er ausgetragen haben muss. Nicht schwer zu erraten, dass ihm Police Departments nicht fremd sind. Eine Tür wird geöffnet, und einen Moment lang dringt ein Lichtstrahl durch den Schatten. Für den Bruchteil einer Sekunde kann ich seine tiefschwarzen Augen sehen. Sie funkeln mich aus tief liegenden Höhlen an, als würde er am liebsten aufspringen wollen, um mir die Kehle zuzudrücken. Mir läuft es eiskalt den Rücken hinunter. „Was ist ein Reaper?“

Patricia seufzt auf. „Der Reaper MC ist ein Motorradklub. Du weißt schon, Waffen, Immobilien, Schutzgeld. Böse Jungs, bei denen man lieber die Straßenseite wechseln sollte.“ Ihre Stimme ist nicht mehr als ein Flüstern. „Und besonders so Mädchen wie du, die neu im Business sind.“ Sie holt Luft, legt die Stirn in Falten. „Kenne ich dich nicht irgendwoher? Hast du mal an der hundertfünfunddreißigsten Straße in East Harlem gestanden? Dort ist nämlich mein Platz.“

„Nein“, wispere ich kopfschüttelnd und drehe das Gesicht in den Schatten. Das Letzte, was ich jetzt brauche, ist jemand, der mich unter all diesen Leuten erkennt.

Wieder zucke ich zusammen, als die Tür ins Schloss fällt. Kurz darauf öffnen zwei Cops die Gittertür und deuten auf mich. Ich zittere am ganzen Leib.

„Dein Taxi ist da.“ Patricia klopft mir umständlich auf die Schulter. „Wenn du rauskommen solltest, besuch mich mal, Sam.“

Die zwei Polizisten lösen die Handschellen von der Holzbank, packen mich am Unterarm und reißen mich unsanft auf die Füße. Kurz kann ich mich noch zu meiner Sitznachbarin umdrehen. „Das werde ich, Patricia.“

„Und, Kleines“, sie sieht mich aus ihren großen dunklen Augen an, „du weißt schon – durchhalten.“

Gerade noch schaffe ich es, ihr zuzunicken, dann werde ich aus dem Raum gezogen. Kälte legt sich um mein Herz wie eine düstere Vorahnung.

In dem hell erleuchteten Gang sehen mich die Cops an, als wäre ich Aileen Wuornos, die bekannteste Serienmörderin der Welt. Hass und Abscheu schlagen mir entgegen. Nach einer halben Ewigkeit werde ich in einen Raum mit glatt verputzten weißen Wänden und einem riesigen Spiegel geschoben. Sofort schießen mir Tränen in die Augen.

„Marge!“ Ich werfe mich meiner Stiefmutter in die Arme. Seit meinem sechsten Lebensjahr, als uns meine leibliche Mutter von einem auf den anderen Tag ohne Erklärung verlassen hat, wurde Margarete erst zur Freundin und dann zu einer Frau, die einer Mutter schon verdammt nahekommt. Sie und meine Stiefschwester haben sogar unseren Familiennamen angenommen. Ich bin überglücklich, sie zu sehen, und möchte sie gar nicht mehr loslassen.

„Sam, was haben sie nur mit dir gemacht?“

„Stimmt es?“, will ich wissen, unterdessen streichelt sie mir zärtlich über die Wange. „Ist er …?“

Marge nickt traurig. Sekunden verstreichen stumm. Während ich keine Träne vergießen kann, fließt ihre Trauer in Strömen.

„Jemand hat ihn vergiftet.“ Der Ton ihrer Stimme schwankt zwischen Ohnmacht und Wut. Wer könnte es ihr verdenken? „Ausgerechnet in seinem geliebten Arbeitszimmer.“

Wie oft habe ich Daddy als kleines Mädchen dort besucht, wenn er bis spät in die Nacht gearbeitet hat? Wie oft habe ich auf der unbequemen Couch geschlafen, nur um bei ihm zu sein? Dort habe ich meine Liebe zur Medizin entdeckt, habe von ihm gelernt und dabei zugesehen, wie er aus einer mittelgroßen Investmentfirma die riesige Mayflower Incorporation erschaffen hat.

„Vergiftet“, wiederhole ich, ohne es wirklich zu verstehen.

„Das genügt.“ Die Worte des weiblichen Detective unterbrechen uns. Sie kommt auf uns zu, trennt uns und drückt mich grob auf einen Stuhl hinab.

„So können Sie meine Mandantin nicht behandeln.“

Erst jetzt bemerke ich unseren Firmenanwalt Michael Cooper. Wie immer wirkt er so, als würde er gerade auf ein Galadinner gehen. Sein lockerer Scheitel sitzt perfekt, und obwohl er zehn Jahre älter ist, war ich schon als Teenager in ihn verliebt. Jedes Mal, wenn er Vaters Büro mit neuen Ideen betreten hat, habe ich meine Haare gerichtet, in der Hoffnung, dass er mir ein Lächeln schenkt. Er begleitet die Firma schon seit Ewigkeiten und sitzt nun mit Theodora im Vorstand. Schon früher war ich froh, ihn zu sehen.

Heute bin ich überglücklich.

Auch ihn umarme ich kurz. „Michael, was ist passiert?“

„Keine Angst, Sam. Wir holen dich schnell hier raus.“

„Das würde ich nicht sagen.“ Der weibliche Detective bespricht sich kurz mit ihrem Kollegen, dann richtet sie ihre Uniform. „Miss Mayflower, mein Name ist Viola Hicks, ich bin die zuständige Ermittlerin.“

Ich will aufstehen, ihr die Hand reichen, wie man es mir beigebracht hat, doch sie ignoriert sie. Ihr Blick ist von Kälte durchzogen. Schließlich legt Cooper sanft eine Hand auf meinen Arm und bedeutet mir, mich hinzusetzen.

„Sie stehen unter dringendem Mordverdacht“, fährt Detective Hicks fort. „Sie waren die letzte Person, die Ihren Vater lebend gesehen hat, haben ihm immer seinen Tee gebracht, mit dem er am frühen Abend vergiftet wurde, hatten Zugang zu allen Räumlichkeiten und verfügen über das Wissen, so ein Gift zuzubereiten, da Sie kurz vorm Abschluss Ihres Medizinstudiums stehen. Ist das alles korrekt?“

„Ja, aber …“

„Des Weiteren geht das Erbe ganz allein …“, die Frau blättert geschäftig in ihren Unterlagen, „ganz allein an Sie. Glückwunsch, mit einem Schlag sind Sie steinreich.“

Ich meine, mich verhört zu haben. Mir wird heiß und kalt gleichzeitig, und mein Herz schlägt so heftig, als würde es mir aus der Brust springen wollen. „Wie bitte?“

„Sie haben mich ganz genau verstanden, Miss Mayflower.“ Dabei deutet sie auf mein Dekolleté. „Ich bin mir sicher, Sie konnten es nicht abwarten, all die glitzernden Mayflower-Sterne um Ihren hübschen schmalen Hals zu tragen.“

„Das genügt jetzt!“ Energisch schlägt Cooper auf den Tisch.

Auch meine Stiefmutter springt mir bei. „Was sind Sie für ein Mensch!“, stößt sie voller Inbrunst hervor und tupft sich die Tränen von der Wange.

Detective Hicks lehnt sich zufrieden zurück. „Ich mache nur meine Arbeit, und derzeit verhöre ich eine Mordverdächtige.“

Die Stimmen überschlagen sich im Wortgefecht, doch ich höre ihnen gar nicht mehr zu. Wie von unsichtbaren Fäden gezogen streichen meine Fingerspitzen über den Diamantstein an meinem Hals. Vater hat mir einen der fünf Mayflower-Diamanten geschenkt, nachdem uns meine Mutter verließ. Als Trost, wie er gesagt hat, und damit ich immer daran denke, so stark zu sein, wie es unsere Ahnen waren. Doch ich fühle mich nicht stark, nicht mutig, wie er gehofft hat, sondern schwach und hilflos. Mein Blick gleitet zur Tischplatte.

Unsere Vorfahren hatten nichts außer den Steinen, als sie vor Jahrhunderten das gelobte Land mit einem kaum seetüchtigen Schiff erreichten. Fünf Diamanten, die unzählige Male beliehen wurden und aus denen ein Familienimperium erwuchs, das seinesgleichen sucht. Sie brachten jenen Glück, die den Namen Mayflower trugen, und inständig hoffe ich, dass die Strähne bei mir nicht abreißen möge. Wie viel Leid mussten sie ertragen, wie viele Entbehrungen auf sich nehmen, bis der stolze Name bei mir ein jähes Ende nehmen wird? Untergegangen in Schande, mit der Partyprinzessin der Upper East Side, die nicht einmal imstande ist, ihr Medizinstudium abzuschließen. Mit jedem Atemzug wird mir klarer, dass ich nicht würdig bin, diesen Namen zu tragen oder auch nur einen Stern der Mayflowers.

Mit zitternden kalten Fingern löse ich den Verschluss der Halskette und möchte sie Marge geben. „Ich weiß nicht, ob ich sie weiter tragen sollte.“

Plötzlich ist es so still, dass jeder Atemzug wie ein Donnergrollen klingt.

„Sei nicht albern, Samantha“, erwidert Marge und legt mir die Kette wieder an. „Er gehört dir, seit du ein kleines Mädchen warst, und du wirst ihn noch ein langes, glückliches Leben tragen und ihn irgendwann an deine Kinder überreichen.“

„Wir werden Ihnen den Klunker ohnehin abnehmen.“ Die Stimme von Detective Hicks schmerzt wie hundert Messerstiche in meinem Herzen. „Mir ist absolut schleierhaft, warum die persönlichen Gegenstände noch nicht in Gewahrsam genommen wurden. Aber das werden wir im Handumdrehen nachholen.“ Sie klappt die Akte zu und blitzt mich aus kalten, abschätzigen Augen an. „War vielleicht der Promibonus, nicht wahr, Miss Mayflower?“

„Das ist ungeheuerlich!“ Cooper ist in seinem Element. „Die Familie Mayflower ist einer der größten Gönner dieser Stadt. Ich verbitte mir, dass Sie auf diese Weise mit meiner Mandantin reden.“

„Tun Sie das, Herr Anwalt?“ Hicks lehnt sich nach vorne. Ihre Dienstwaffe und die Marke blitzen bedrohlich unter dem Jackett hervor. „Wo wir gerade davon reden, Miss Mayflower: Ihr Vater war in der Tat ein äußerst beliebter Spender für karitative Zwecke. Tierschutz, medizinische Versorgung der Unterprivilegierten, Heime für Obdachlose und Waisen, Forschung an Dutzenden Krankheiten. Nicht wenige sagen, dass er mehr an wohltätige Zwecke gespendet hat, als die Mayflower Incorporation einnimmt.“

Cooper schweigt eine Weile und atmet durch. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass er sich Zeit zum Überlegen nehmen muss. „Sehen Sie, Detective, tatsächlich erleben wir ein paar schwere Jahre. Aber dies hat nichts …“

„Ein paar schwere Jahre?“, schleudert ihm Hicks entgegen, während sich ihr Blick in mich hineinbohrt. „Miss Mayflower, kann es nicht sein, dass Sie genug hatten von der Geldverschwendung Ihres Vaters und Ihr Erbe bedroht sahen?“ Sie verfällt in Schweigen, um ihre Worte wirken zu lassen. „Und es gab nur einen Weg, das zu beenden, habe ich recht?“

„Nein!“, rufe ich. „Ich habe ihn nicht umgebracht. Sie müssen mir glauben, ich würde nie … Ich habe ihn doch geliebt.“ Jede Silbe atmet Hass und Schmerz.

Detective Hicks schlägt die Beine übereinander und lächelt. „Das werden wir herausfinden. Verlassen Sie sich drauf. Bis dahin setzen wir unser Gespräch in einem Staatsgefängnis im Hochsicherheitstrakt fort.“ Ihre Augen zucken bedrohlich. „Abführen.“

„Nein!“ Marge erhebt die Stimme. So aufgebracht habe ich sie noch nie erlebt, und erneut bin ich unendlich dankbar, dass sie an meiner Seite ist. „Sie haben die Falsche. Wenn Sie Ihre Arbeit richtig machen würden, wäre der wahre Täter längst hinter Gittern!“

Hicks’ Antwort bekomme ich schon nicht mehr mit. Zu unwirklich scheint dieser Albtraum, zu dunkel sind meine Gedanken. Vorsichtig lehne ich mich zu Cooper hinüber und spüre, wie ein ziehender Schmerz meine Handgelenke durchfährt. „Michael, wie stehen die Chancen, dass ich nach Hause darf?“ Ich sehe ihn an und spüre, wie mein Blick vor Tränen verschwimmt. Wieder wollen sie meine Augen nicht verlassen, als wäre dies ein Eingeständnis, dass mein Dad tatsächlich tot ist. „Ich will nur noch nach Hause.“

Behutsam legt er eine Hand auf mein Knie. „Leider nicht gut. Aber halte durch.“ Aus seinen wasserblauen Augen spricht Hoffnung, die mir zumindest etwas Kraft verleiht. „Nicht mehr lange und alles wird sich aufklären.“ Er ringt sich ein Lächeln ab. Es sieht lächerlich aus, und trotzdem kann es sein attraktives Gesicht nicht entstellen. „Halte durch, Sam. Wir tun alles, was in unserer Macht steht.“

Auch ich versuche zu lächeln. Es misslingt mir vollends. „Danke.“

„Mein Beileid, Sam.“

Kapitel 3 – Die Versuchung

Mir bleibt nur wenig Zeit, um mich zu verabschieden, dann werde ich wieder von Cops auf die Füße gehoben. Unter schärfstem Protest von Marge und Cooper, begleiten sie mich aus dem Verhörraum. Auf dem Gang bohren sich die Finger der Cops in meine Oberarme.

„Doktor Mayflower hat den jährlichen Polizeiball gesponsert“, zischt die Beamtin von links in mein Ohr.

„Und das neue Gebäude für die Hundestaffel“, ergänzt der Cop rechts von mir nicht minder aggressiv. „Wir hoffen, du verreckst, Partyprinzessin!“

Ich bin starr vor Angst, mein Geist ist wie gelähmt. Sie schieben mich weiter bis zur Gewahrsamszelle. Von Patricia fehlt jede Spur. Lediglich ein halbes Dutzend ihrer Kolleginnen langweilt sich mit Handschellen an die Holzbank gefesselt und beäugt den Stein um meinen Hals mit wachsendem Interesse.

Die Cops allerdings denken gar nicht daran, mich neben sie zu platzieren. Sofort führen sie mich in die hinterste Ecke der Zelle, direkt beim im Schatten liegenden Biker. Meine Beine versagen den Dienst. Ich falle zurück und werde auf grobe Weise nach vorne gedrückt. Die Cops müssen erheblich Kraft anwenden, um mich auf das Holz zu zwingen und die Handschellen mit der Kette an der Bank zu befestigen.

„Du wirst hinter Gittern sterben, Mörderin“, flüstert die Polizistin.

Der Typ bewegt sich keinen Zoll, als wäre er in einen tiefen Traum versunken. Ich wage nicht aufzusehen. Nur wenige Handbreit trennen unsere Gesichter, lediglich ein paar Eisenstangen bieten die Illusion von Sicherheit. Erst als die Tür hinter den Cops ins Schloss fällt, realisiere ich, dass sein Zeigefinger immer wieder gegen das Metall tippt.

„Schlechten Tag gehabt?“ Seine Stimme ist so dunkel wie der Schatten selbst. Die Worte sind fein akzentuiert. Ich meine, einen britischen Akzent herauszuhören. In meinen Kopf erscheint das Bild eines englischen Edelmanns, der auf seinem Landsitz Kricketturniere und Teegesellschaften abhält, und nicht das eines Verbrechers, der nach Zigarrenrauch und alten Lederklamotten riecht.

Während die Gedanken wie Billardkugeln durch meinen Kopf rasen, bewege ich mich kein Stück. Meine Atmung ist schwer und gepresst. Ich schließe die Augen und will aus diesem Albtraum erwachen. Einige Sekunden warte ich, zähle von zehn herunter und bete, dass diese Tortur bald ein Ende haben möge. Doch als ich die Lider wieder öffne, befinde ich mich immer noch gefesselt in der Zelle des NYPD und spüre die Hitze der Haut eines unbekannten Schwerverbrechers an meiner.

„Ich weiß, wer du bist“, raunt er und wendet sich mir langsam zu.

Sekunden später drehe ich den Kopf und blicke in Augen, die so dunkel sind, als würden sie die Farbe Schwarz neu definieren wollen.

„So?“, zische ich wütend.

Er lehnt sich zu mir. Sein Gesicht ist eingerahmt von Gitterstäben. Nass hängen ihm die dunklen Haare ins Gesicht und verdecken einige der weißlich schimmernden Narben. „Ich nehme an, den Ladys dort drüben ist es noch nicht aufgefallen, ansonsten wäre der Stein um deinen Hals längst weg. Habe ich nicht recht, meine kleine Maiblume?“

Etwas in mir zieht sich zusammen, und ich presse die Zähne aufeinander. Meine kleine Maiblume, meine Mayflower – so hat mich Vater immer genannt, wenn er mich damals ins Bett gebracht und mir anstatt Kinderbüchern die dicken Wälzer der menschlichen Anatomie vorgelesen hat.

Ich blitze den Unbekannten an. „Nenn mich nicht so.“

„Wieso nicht, Samantha?“ Er deutet in die Richtung meiner Mitinsassinnen. „Hast du Angst, dass sie dir zu nahekommen, wenn sie herausfinden, wer du wirklich bist?“

Langsam wende ich mich von ihm ab. Die Frauen beginnen bereits zu tuscheln. Ich greife instinktiv nach der Kette an meinen Hals. Nicht mehr lange, dann wird sie mir abgenommen werden. Wenn ich mich hier schon gegen Habgier schützen muss, wird es im Staatsgefängnis nicht anders sein.

„Richtig.“ Er weist mit der Nasenspitze in Richtung des Sterns. „Den bist du als Erstes los“, flüstert der Mann und dreht sich weiter zu den Gittern. In einer blitzschnellen Bewegung schießen seine gefesselten Hände durch die Stäbe und greifen nach der Kette. „Was ist dir der Klunker wert?“

Meine Finger umkrallen seine Pranken, ich komme so nah an sein Gesicht, dass ich seinen glühenden Atem spüre. Der herbe Duft seines Aftershaves steigt mir in die Nase, als ich ihm meine Fingernägel tiefer in die Haut schlage. Er verzieht keine Miene und lächelt sogar, als wollte er mich verhöhnen.

„Alles“, sage ich zornig. „Es ist ein Geschenk meines Vaters, einer der fünf Sterne der Mayflowers.“ Ich hebe eine Augenbraue. „Vielleicht hast du davon gelesen – wenn du dressierter Affe überhaupt lesen kannst.“ Ich komme noch näher. „Heute ist mein dreißigster Geburtstag, mein Vater wurde vergiftet, und irgendjemand versucht, es mir in die Schuhe zu schieben. Jetzt sitze ich hier und muss mich mit Verbrechern herumschlagen, obwohl ich nichts anderes will, als um meinen Dad zu trauern. Dieser Stein ist das Einzige, was mir von ihm bleibt. Wenn du ihn also haben willst, wirst du mich vorher töten müssen.“ Ich warte einige Sekunden. Mein Hass brennt so stark wie das Höllenfeuer selbst. „Und jetzt nimm deine dreckigen Pfoten weg, sonst werde ich sie dir abbeißen.“

Die Stille legt sich wie ein unsichtbares Tuch über uns. „Ein wenig zickig. Ich mag das.“ Seine Mundwinkel gehen für den Bruchteil einer Sekunde nach oben. Dann nickt er und fällt augenblicklich wieder in den ernsten Ausdruck zurück. Endlich lässt der Druck nach, und er lehnt sich in seiner Zelle zurück. „Mein Beileid.“

„Danke“, flüstere ich, sehe zu Boden und beobachte aus dem Augenwinkel, wie er erneut mit dem Zeigefinger gegen die Gitterstäbe tippt und sich seine Lippen dabei tonlos bewegen.

„Und jetzt?“, will er wissen.

Ich will meine Schläfen massieren, doch die Ketten halten mich zurück. Hinter meiner Stirn wächst der dumpfe Schmerz zu einer fürchterlichen Migräne heran. Durch die Handschellen sind meine Gelenke aufgescheuert und schmerzen. „Was? Und jetzt?“

„Willst du den Mörder deines Vaters finden und zur Strecke bringen?“, fragt er mit tiefer Stimme. „Ich würde es wollen.“

Ich überlege und lehne schließlich den Kopf zurück. „Eigentlich will ich nur nach Hause.“

„Und was erwartet dich dort? Vergebung? Vielleicht die Erkenntnis, dass man allen Menschen verzeihen muss? Auch die andere Wange hinhalten?“ Der Mann beugt sich nach vorne, bis die Hand- und Fußfesseln klirren. „Ich würde meine Rache wollen. Oder zumindest Gerechtigkeit.“

„Gerechtigkeit“, erwidere ich leise. „Das war eins von Daddys Lieblingswörtern. Er hat immer gesagt, dass unser Reichtum recht wäre, aber nicht gerecht, wenn wir ihn nicht mit anderen teilen.“

„Dein Vater war ein kluger Mann.“ Das Tippen gegen die Gitterstäbe wird energischer. „Zu schade, dass du hier keine Gerechtigkeit bekommen wirst. Die Justiz will schnell die Mörderin ihres Wohltäters präsentieren, und für die Presse ist deine Verhaftung gedrucktes Gold.“ Er schnalzt mit der Zunge. „Es gibt nicht viele Leute, die dann noch nach der Wahrheit suchen werden. Glaub mir, ich kenne mich aus.“ Er dreht sich um. „Im Knast wirst du keine Gerechtigkeit bekommen, Maiblümchen, geschweige denn Rache.“

Seine Worte hallen in meinen Ohren. Allmählich sickert die schmerzende Erkenntnis in meinen Verstand: Dieser Verbrecher hat recht. Und ich kann nichts dagegen tun. Rein gar nichts.

Das Tippen wird schneller, zieht meinen Blick hypnotisch an. Meine Wut über mich selbst, die Situation und über die Welt wächst ins Unermessliche.

„Was, zum Teufel, machst du da?“, zische ich viel zu laut. Alle Anwesenden heben die Köpfe.

Der Unbekannte dreht sich ins Licht und lächelt. „Sekunden zählen.“

„Warum?“

Das Grinsen wird breiter, und seine Stimme wird so kratzig, als hätte er Kreide gegessen. „Geh doch bitte in Deckung, Maiblümchen.“

„Du sollst mich nicht so …“ Die letzten Silben gehen in der Explosion unter. Im nächsten Moment zerreißt ohrenbetäubender Lärm jeden Gedanken. Hitze streift meine Haut, als mich die Druckwelle gegen die Wand presst und mein Hinterkopf unsanft gegen den Beton schlägt. Für einen Moment schließe ich die Augen und lasse zu, wie mich die Müdigkeit tief in einen süßen Traum hinabzieht.

Kapitel 4 – Bittersuesse Veerfuehrung

Ein helles Pfeifen umgibt mich.

Mein Kopf dröhnt, als hätte mich die Erkenntnis mit einem Backstein erwischt. Ich öffne die Augen und erkenne erneut, dass das Schicksal ein mieser Verräter ist.

Die Tür der Nachbarzelle steht offen. Zwei Kerle in Polizeiuniformen und mit schwarzen Masken fummeln an den Fesseln meines Gesprächspartners herum, bis diese zu Boden klirren. Der Verbrecher ist frei, und meine Ketten schneiden mir noch tiefer ins Fleisch. Augenblicklich erstirbt der pfeifende Ton in meinen Ohren, und in meinem Kopf formen sich lose Enden zu einem großen Gedanken.

Ich muss hier raus!

Kein Schmerz durchdringt mich, alles läuft vor meinen Augen ein wenig langsamer ab. „Hey!“ Schnell will ich aufstehen, werde aber von meinen Fesseln unsanft zurückgehalten. Ich stöhne auf. „Hey … du!“ Hätte ich doch nur nach dem Namen des Unbekannten gefragt. „Nimm mich mit. Bitte!“

Der Mann reibt sich die Gelenke, bekommt von einem seiner Gehilfen eine Pistole in die Hand gedrückt und lädt sie durch. Sofort setzt sich ein Kloß in meinen Hals.

„Du weißt, dass hier überall Kameras sind“, sagt er amüsiert, lehnt sich gegen die Gitterstäbe und erheitert sich sichtlich daran, wie ich gefesselt versuche, meinen Rücken durchzudrücken. „Wenn du mitkommst, werden sie dich bis zu deinem Lebensende jagen.“

„Nicht, wenn ich meine Unschuld beweise.“ Sirenen werfen ihr schmerzendes Lied durch die engen Räume. Die Ladys neben mir kreischen, unterdessen krachen einige Schüsse im vorderen Teil des Department. „Außerdem scheint es dich auch nicht zu stören, dass du gejagt wirst.“

Der Mann tippt sich nachdenklich mit dem Lauf der Waffe an den Kopf und lehnt die Stirn an die Gitterstäbe. „Mmh, ich bin daran gewöhnt.“ Mit seinem britischen Akzent und der Attitüde des Gelangweilten wirkt es so, als würde er jede Sekunde wissen, was in der nächsten passiert.

„Boss, wir müssen los“, poltert der riesige Kerl in Polizeiuniform neben ihm.

„Unser Zeitfenster schließt sich, patrón“, zischt ein anderer.

Spanischer Akzent. Die Silben sind so schnell gesprochen, dass ich Mühe habe, sie zu verstehen. Hastig sehe ich mich um und begreife erst jetzt, zu was diese Männer imstande sind. Mit Explosionen haben sie das ganze Department zum Beben gebracht, sodass alle Cops nach draußen geflohen sind. In dem Trubel haben die beiden Helfer das Revier infiltrieren können. Niemand blickt in Gesichter, wenn man Uniformen vor sich hat. Ich beiße mir auf die Unterlippe. Mir rennt die Zeit davon. Auch diese Finte wird schneller auffliegen, als mir lieb ist.

„Bitte, nimm mich mit“, wispere ich erneut und versuche, seinen dunklen Blick zu erforschen. Keine Regung ist zu erkennen.

„Du hast keine Ahnung, worauf du dich einlässt“, gibt er gerade so laut zurück, dass ich es verstehen kann. Der unbekannte Verbrecher lässt mich nicht aus den Augen. „Bist du dir sicher, Maiblümchen?“

Selten war ich mir mit etwas sicherer. Ich nicke hektisch.

Er wartet eine weitere Sekunde, und für einen Moment sieht es so aus, als würde er einen inneren Kampf austragen. Dann wendet er sich nach links. „Macht die Tür auf!“, bellt er in Richtung seiner Handlanger.

„Boss, dafür fehlt uns die Zeit!“ Der Hüne hat ebenfalls seine Waffe gezogen, späht immer wieder nervös in den Gang und gibt vereinzelt Schüsse ab. „Wir können keinen Passagier mitnehmen.“

„Das entscheide ich.“ Seine Stimme strotzt vor endgültiger Härte.

„Wie du meinst.“ Der Riese nähert sich, legt die Hand auf die Schulter seines Bosses. „Kannst du fahren?“

„Mach dir keine Sorgen, Brooks.“ Nach wie vor sieht er mich an, während er mit dem Riesen in Uniform redet. „Das Leichtgewicht kann ich selbst nach ein paar Tagen Knast noch stemmen.“

Nicht schwer zu erraten, wen er damit meint. Tatsächlich fühle ich mich geschmeichelt, da ich der Ansicht bin, dass ich einige Pfunde zu viel auf den Hüften habe, aber das spielt jetzt keine Rolle.

Sein Blick ist weiter auf mich gerichtet und bohrt sich förmlich in meine Seele. Ich muss all meine mir verbliebene Kraft aufwenden, um ihm standzuhalten. „Komm schon. Es wird sich für euch lohnen! Ich kann euch bezahlen.“

„Ja, das wird es.“ Er grinst und richtet sich an den anderen Mann, der die ganze Zeit am Inhalt seines Rucksacks hantiert. „Weißt du, wer das ist, del Gardo?“

Der Kerl mit den mexikanischen Wurzeln mustert mich für einen Moment. „Ninguna idea, patrón. Keine Ahnung.“

„Das ist Samantha Mayflower.“

„Die Partyprinzessin?“ Er erhebt sich, öffnet erst meine Zellentür und löst dann die Handschellen. „Madre mia!“ Sofort widmet er sich wieder seinem Rucksack.

Sein Boss baut sich mit schweren Schritten vor mir auf. Seine Augen brennen sich in mich hinein, er ergreift mein Handgelenk und fährt über die roten Striemen. Zum ersten Mal stehe ich ihm ohne schützende Gitterstäbe gegenüber.

„Du wirst mir doch keinen Ärger machen, Maiblümchen?“

„Nein“, hauche ich und bleibe auch ruhig, als er mir eine blonde Strähne aus dem Gesicht streicht. Der Duft von Leder raubt mir fast die Sinne. „Ich will nur hier raus.“

„Gut.“ Er bietet mir den linken Arm an, in seiner rechten Hand ruht die Waffe. „Ich habe nämlich vor, ein astronomisch hohes Lösegeld für dich zu kassieren.“

Die Erkenntnis wirft nicht einmal mehr mit Backsteinen, sondern mit tonnenschweren Güterzügen nach mir. Natürlich befreit er mich nicht aus reiner Nächstenliebe. Mein Gesicht entgleist für einen Moment.

„Was denn, Prinzessin? Hast du gedacht, dass du uns ein paar Hunderter für unsere Dienste zusteckst, dich dann unter falschem Namen im Penthouse des Hilton einquartierst und von dort deinen alles umfassenden Racheplan schmieden kannst?“

So in etwa. Mist!

Dieser Biker hat seinen Kopf offensichtlich nicht nur zum Rasieren. Ich schweige eisern.

Im Hintergrund toben die anderen Frauen. Er zieht mich mit sanfter Dominanz aus der Gewahrsamszelle. „Willkommen in der Realität.“

„Boss, wir müssen los“, ruft der Riese eindringlich.

Der Verbrecher nickt langsam. „Del Gardo, zünde das Paket.“

Si, patrón.

Die Druckwelle der Explosion wiegt mich in einer warmen Umarmung. Der Biker stellt sich schützend vor mich, sodass nur meine Haare um mich herumwirbeln. Er verzieht keine Miene, lässt mich nicht aus den Augen, als wäre ich eine Kostbarkeit, die es zu behüten gilt. Sofort fühle ich mich unwohl und zugleich geborgen.

Als sich der Staub gelegt hat, klafft ein Loch in der Wand neben den Zellen. Ein Stoß Nachtluft lässt den restlichen Qualm tanzen, und ich sehe die Lichter der Straße. Diesmal war es kein Trick. Sie haben erst die Cops mit einer Explosion hinausgelockt, nur um zur Flucht tatsächlich einen Teil der Außenwand des Reviers zu sprengen.

„Los, los, Beeilung“, brüllt der Riese und geht mit der Waffe im Anschlag voran.

Die Frauen hinter uns schreien immer noch, und die Sirenen erfüllen die Dunkelheit. Der Anführer der Gruppe zieht mich weiter. Doch nicht mit Gewalt oder gar überhastet – er geleitet mich, als würden wir einen Ballsaal betreten. Das passende Kleid dazu trage ich zumindest.

Er hält schützend seine riesige Pranke über meinen Kopf, als ich durch das Loch steige. Ich halte kurz inne und sauge die frische Nachtluft in meine Lunge. Er lässt mir keine Zeit zum Verschnaufen.

Während Schüsse in der Finsternis krachen und mich das Mündungsfeuer in Angst und Schrecken versetzt, lotst er mich hinter einen Müllcontainer.

„Schön unten bleiben“, grollt er und feuert ein paarmal in die Richtung der herannahenden Cops. „Wir wollen ja nicht, dass dein hübsches Gesicht nachher so viele Narben trägt wie meins.“

Es soll ein Scherz sein, doch ich erstarre vor Furcht. Kugeln schlagen in die Mauer neben uns ein. Steinsplitter bohren sich in meine Haut und lassen mich zusammenzucken. Plötzlich wird mir klar, worauf ich mich eingelassen habe.

Verdammt, ich bin Medizinerin. Zumindest will ich eine werden und keine Flüchtende, ausgestoßen und gejagt von den Cops, die sich der Illusion hingibt, im Alleingang ein Verbrechen aufzuklären und ihre Unschuld zu beweisen.

Beinahe bin ich dankbar, als der Hüne meine Gedanken durchkreuzt. Er wirft mehrere Rauchgranaten und nickt seinem Anführer zu. „Die Kleine mitzunehmen, war nicht der Plan, Boss.“

„Pläne ändern sich. Außerdem wird sie uns viel Geld einbringen.“ Das Narbengesicht keucht vor Anstrengung. Er tastet nach seinem Bauch, und doch kann ich ein Grinsen auf seinen Zügen ausmachen. Bereitet ihm das Ganze etwa eine perverse Freude? Er sieht mich an. „Bereit?“

„Wofür?“, will ich wissen und ducke mich vor den einschlagenden Projektilen.

„Wir müssen über die Straße“, sagt er so ruhig, wie es in solch einer Situation möglich ist, und zwinkert mir zu. „Niemand hat gesagt, dass eine Flucht vor der Polizei ein Kinderspiel ist, oder?“

Mir läuft es kalt den Rücken hinunter. Wenn Dad sehen könnte, was aus mir geworden ist. Eine Gesetzlose, eine Gangsterbraut, die sich in Lebensgefahr begibt, nur weil die Worte eines Rockers wie süßes Gift in ihre Blutbahnen geflossen sind.

Ich bin wie versteinert, bevor mich der Biker auf die Beine zieht. „Lasst uns Spaß haben!“, ruft er bedrohlich, wartet noch eine Sekunde, bis der Rauch der Granaten als dichte weiße Wolke in der Gasse hängt, und spurtet los. Dabei umschließt seine Hand meine wie ein Schraubstock. Mein Herz pocht wie wild. Ich jage durch den Kugelhagel, gezogen von einem Mann, den ich bis vor einer Stunde noch nicht einmal kannte.

Mit schlafwandlerischer Sicherheit führt er mich in eine Seitengasse. Der Rauch lässt allmählich nach und umgibt uns wie der milchige Schleier des Morgennebels. Der Riese geht vor, zieht eine dreckige Plane zur Seite, und zum Vorschein kommen drei blitzende Motorräder.

Sofort schwingen sich die beiden Helfer auf die stählernen Ungetüme und starten die Motoren. Ich halte Abstand, als der Anführer auf den Sitz steigt und mit fast kindlicher Freude den Motor zum Aufheulen bringt.

„Nun, vielen Dank, aber ab hier schaffe ich es allein“, keuche ich und starre mit großen Augen auf das Motorrad. Zweiräder sind mir immer suspekt gewesen. Warum sich selbst in Lebensgefahr bringen, wo es doch so viele stilvolle Fortbewegungsarten gibt, die einem nicht beim kleinsten Unfall töten?

Ich atme einmal durch. Das ist meine Chance zur Flucht. Gerade als ich zum Spurt ansetzen will, ertönt die Stimme des Bikers.

„Von wegen Maiblümchen.“ Der Mann ergreift mit spielerischer Leichtigkeit mein Handgelenk und zieht mich auf den Sitz. „Mach es dir bequem. Es könnte ein holpriger Ritt werden.“

„Du meinst …?“ Meine Worte werden abgeschnitten, da er Gas gibt und ein Ruck durch meinen Leib geht.

Mir bleibt nichts anderes übrig, als die Arme um den Mann zu schlingen und mich fest an ihn zu pressen. Wieder ist da der Duft von Leder und herbem Aftershave. Ich muss mich zwingen, die Augen offen zu halten, während er einen Freudenschrei ausstößt, mit der Maschine durch den Nebel bricht und auf die hell erleuchtete Straße schießt. Problemlos setzt er sich vor die beiden Reaper, weicht einer Handvoll Autos aus, nimmt eine fast rote Ampel und beschleunigt das Gefährt so schnell, dass mir der Wind um die Ohren pfeift.

„Verzeihung“, schreit er nach hinten. „Bin lange nicht mehr gefahren.“

Ich bringe kein Wort heraus, klammere mich an seinen athletischen Oberkörper und schließe die Augen. Dabei sende ich etliche Stoßgebete gen Himmel und hoffe, dass dies nicht meine letzten Atemzüge sein werden. Bald schon ist die Geschwindigkeit wie ein Rausch, der sich meiner bemächtigt. Obwohl mein Griff immer noch verkrampft ist, öffne ich die Lider und beginne, die Fahrt zu genießen.

„Halt dich gut fest, Prinzessin. Wir kriegen Gesellschaft.“

Ich muss die Worte mehrmals in meinem Kopf wiederholen, bevor sie Sinn ergeben. Endlich traue ich mich mich umzusehen. Drei Streifenwagen des NYPD haben die Verfolgung aufgenommen. Das Sirenengeheul erschüttert die Nacht, und zu allem Überfluss fahren wir plötzlich im Scheinwerferlicht eines Hubschraubers.

„O Gott“, schreie ich, und mein Griff verstärkt sich. „Werden die auf uns schießen?“

„Wer weiß?“ Der Mann zuckt mit den Schultern, reckt den rechten Arm und gibt seinen beiden Bikerfreunden ein Zeichen. „Aber das werden wir gleich herausfinden.“

Sofort trennt sich das Trio.

Wir bleiben allein auf der Straße zurück, gefolgt von einer Streife und dem Heli. Das Flatiron Building fliegt an uns vorbei, dann der Broadway mit all den blinkenden Lichtern und Musicalwerbungen. Augenblicklich steigen Erinnerungen in mir auf, und für einen Moment bin ich in der Vergangenheit gefangen. Wie oft war ich hier mit Daddy, Marge und meiner Stiefschwester Theodora, obwohl ich genau wusste, dass er die Musicals nur uns zuliebe besucht hat. Ich habe es immer gemocht, wenn nach einer herzzerreißenden Geschichte und vielen Songs das Happy End folgte. Zu schade, dass das wahre Leben kein Musical ist. Vielleicht brauchen wir Helden in Filmen und Aufführungen, weil es sie in Wirklichkeit gar nicht gibt.

Der Gedanke bewahrheitet sich auf schreckliche Weise, als das Bike haarscharf an einem Fahrzeug vorbeischrammt und es nur den Reaktionen des Fahrers zu verdanken ist, dass unsere Gehirne nicht auf der Fifth Avenue verteilt werden.

„Wir werden sterben“, schreie ich und presse mich an seinen Rücken.

„Nur wenn du dich nicht zusammenreißt“, brüllt er zurück und weicht einem weiteren Wagen aus. „Aber du hast eine super Körperspannung. Sehr leicht zu fahren.“

War das ein Kompliment? Ich beiße mir auf die Unterlippe und versuche, in den Kurven ein wenig mitzugehen, indem ich das Gewicht verlagere. Wäre doch zu schade, wenn ich auf der Avenue sterbe, wo ich so viel Geld ausgegeben habe.

Noch einmal gibt der Mann Gas, fährt immer wieder auf dem Gehweg. „Ich habe vor, die Cops an der Park Avenue abzuhängen“, ruft er nach hinten.

Zu dem Polizeihelikopter gesellen sich mehrere Hubschrauber der Fernsehstationen. Schon nach wenigen Minuten ist der Himmel voll von den Helis, die wie riesige Glühwürmchen am Firmament tanzen. Ich habe es noch nie gemocht, im Rampenlicht zu stehen, doch jetzt hasse ich es.

„Du willst zur Upper East Side?“ Ich schüttle den Kopf, obwohl er es nicht sehen kann. „Da ist selbst um diese Zeit zu viel Verkehr.“

Amüsiert und betont locker lehnt er sich nach hinten. „Ich habe nie gesagt, dass ich in die Upper East will.“

„Aber von hier aus geht es nur noch zum – o mein Gott!“ Als sich der Central Park vor uns öffnet, setzt mein Herzschlag für einen Moment aus. „Du willst doch nicht …?“

Meine Stimme überschlägt sich, als er von der Fifth Avenue direkt auf die Grünflächen des Parks brettert. Der Streifenwagen hinter uns stoppt sofort. Zum Ledergeruch gesellt sich der frische Duft der Bäume und vermischt sich mit den Gerüchen des Central Park Zoo zu einer ganz eigenen Komposition. Der warme Fahrtwind streichelt über meine nackten Beine, und für eine Sekunde erlaube ich mir sogar, mich in der abendlichen Sommerbrise zu verlieren.

Geschickt hält uns der Verbrecher unter dicht bewachsenen Baumkronen. Das Licht der Suchscheinwerfer bricht immer wieder durch das Blattwerk und lässt uns im Schein erstrahlen, bis es nach und nach verschwindet. Einige Augenblicke später schießt das Motorrad vom Rasen auf den Asphalt und in Richtung Hudson River. Mein Entführer passt das Tempo an, nimmt Seitengassen und Schleichwege, um uns schließlich über die altehrwürdige George Washington Bridge zu führen.

Ich halte den Atem an, sehe mich immer wieder um oder hinauf in den schwarzen Nachthimmel. Doch von den Cops fehlt jede Spur. Wir haben es tatsächlich geschafft!

Ich lächle in die Nacht hinein und weiß eigentlich gar nicht, warum ich so breit grinsen muss. Wäre es nicht besser gewesen, wenn die Beamten die drei Typen geschnappt hätten und ich in die Schatten der Häuserschluchten hätte flüchten können? Ich muss eine Möglichkeit finden, ihn und seine gesetzlose Gang loszuwerden. Nur so kann ich meine Unschuld beweisen.

Immerhin bin ich in den Augen des Gesetzes eine Verbrecherin, und der Mörder meines Vaters läuft noch irgendwo frei in dieser Stadt herum. Das Feuer der Rache lodert wieder stärker in mir und verdrängt die Trauer. Nur widerwillig kehren die Erinnerungen an Dad zurück in mein Bewusstsein, als wüsste mein Gehirn, welchen Schmerz jeder einzelne Gedanke hervorruft.

Erneut steigen mir Tränen in die Augen, doch auch jetzt wollen sie sich einfach nicht lösen. Ich ziehe die Nase hoch und schließe einen Pakt mit mir selbst, unterdessen entfernen wir uns immer weiter von Manhattan. Mit aller Macht schiebe ich meine Trauer beiseite. Erst wenn ich den Mörder meines Vaters gefunden habe, erlaube ich mir den Luxus zu weinen.

Koste es, was es wolle.

Behutsam lege ich den Kopf gegen den Rücken des Mannes und schließe die Lider. Das wummernde Geräusch der Maschine umfängt mich beruhigend. Der Geruch von Leder, Öl und der Straße tut sein Übriges. Wir fahren durch Wälder, kleine Städte, Parks und Dörfer. Über allem schwebt das Dröhnen der Maschine, und die zarten Vibrationen entspannen mich.

Für einen Moment sehe ich nach oben. Sterne. Unzählige Sterne, so weit das Auge reicht. Erst wenn man aus der Stadt hinausfährt, kann man so viel Glitzern erkennen. Das gilt für die Skyline wie für den Himmel.

Ich taste nach meinem Hals. Mein Stern, der Mayflower-Diamant, ist noch da. Mit einem zufriedenen Lächeln schließe ich erneut die Augen und bemerke, wie die Anstrengungen des Tages allmählich ihren Tribut einfordern.

 

***

 

Die ersten Sonnenstrahlen kitzeln zärtlich mein Gesicht. Ich knurre missmutig, zu gern hätte ich weitergedöst. Ich reibe mir über die Augen. Der Fahrtwind zerrt an meinen Haaren, doch ich fühle mich, als würde ich mich in die Bettdecke in unserer Villa kuscheln. Als ich mich recken möchte, schlägt die Realität eiskalt zu.

„O Gott!“, entfährt es mir, und ich habe größte Mühe, mich an meinem Entführer festzukrallen.

„Vorsicht, Maiblümchen.“ Er muss kräftig gegensteuern, das Motorrad macht ein paar Schlenker, dann hat es sich wieder gefangen.

Ich klammere mich mit aller Macht an ihn und vernehme ein schmerzhaftes Stöhnen. Ist er etwa die ganze Nacht durchgefahren? Vor uns liegt eine einsame Straße, die Sonne steht bereits am Himmel und begrüßt uns mit gleißendem orangefarbenen Licht, das gerade so über die Baumwipfel lugt. Wir befinden uns in einem dichten Wald, kein Auto, keine Strommasten oder andere Zeichen der Zivilisation sind zu sehen. Wäre die asphaltierte Straße nicht, ich würde mich in einem Fiebertraum wähnen. Wenn mir gestern Morgen jemand gesagt hätte, dass ich beim nächsten Sonnenaufgang auf dem Motorrad eines Verbrechers sitze und durch einen unbekannten Wald fahre, während mich alle Welt für die Mörderin meines Vaters hält, ich hätte ihn für verrückt erklärt. Nun bin ich diejenige, die an ihrem Verstand zweifelt.

Mein Atem beruhigt sich langsam, und meine Glieder entspannen sich. „Wo sind wir?“, will ich wissen und reibe mir noch einmal die Augen.

„In Sicherheit“, antwortet er mit schwacher Stimme. „Der Rest ist unwichtig. Hast du dich etwas ausruhen können?“

„Danke“, murmle ich. „Habe ich, und du?“

Er lacht verhalten. „Das Ganze muss dich ziemlich mitgenommen haben.“

Hunger, Durst oder das dringende Bedürfnis, ein Bad aufzusuchen, waren nebensächlich in den letzten Stunden. Doch jetzt spüre ich deutlich, dass mein Körper viel zu lange im Ausnahmezustand war.

„Hast du etwas zu trinken oder essen für mich? Ein Evian-Wasser oder ein paar Croissants?“

„Klar, steht gleich neben dem gekühlten Champagner und dem Kaviar.“ Ich sehe ein kaum merkliches Grinsen, als ich mich zu ihm nach vorne lehne. „Hab ein wenig Geduld. Wie ich Brooks kenne, hat er schon ein Frühstück zubereitet.“ Der Mann fasst sich erneut an den Bauch, streicht mit der Linken seine etwas zu langen Haare aus dem Gesicht und atmet tief durch.

In den ersten Sonnenstrahlen des Tages sind die Narben gut zu erkennen. Das Leben hat einige Furchen in sein Gesicht gegraben und verleihen ihm einen geheimnisvollen Ausdruck. Vielleicht ist es nur der britische Akzent, trotzdem meine ich, das Gesicht eines Aristokraten zu erkennen. Zumindest wenn man die Narben, die Furchen, die sonnengegerbte Haut und den Fünftagebart weglässt.

Er biegt in einen Waldweg ein. Als das Motorrad den Pfad herauf rumpelt, schrecken etliche Vögel hoch. Ein paar Rehe nehmen vor der dröhnenden Maschine Reißaus. Minuten später taucht eine Jagdhütte vor uns auf. Zwei Motorräder blitzen in der Sonne. Den beiden anderen Gangmitgliedern des Reaper MC ist ebenfalls die Flucht gelungen. Ansonsten erspähe ich in der Idylle kein weiteres Gefährt. Offensichtlich sind die Männer nur ein kleiner Teil des gefährlichen Klubs.

Als mein Entführer den Motor abstellt, werde ich von friedlichem Waldgeflüster empfangen. Blätter rauschen im Wind, ein Bach plätschert in der Nähe, Vögel zwitschern, und der Ruf eines Kuckucks hallt durch die Kronen der mächtigen Bäume.

Obwohl jeder Muskel schmerzt und meine Gelenke bei den ersten Schritten knacken, habe ich das starke Bedürfnis, durch den Wald zu laufen und die klare Luft zu atmen.

„Es ist … wunderschön hier“, rufe ich und bemerke erst jetzt, dass der Verbrecher keine Zeit verloren hat und bereits in der Jagdhütte verschwunden ist. Ich sehe nur noch, wie die Eingangstür ins Schloss fällt. „Dann rede ich halt mit mir selbst“, murmle ich und beobachte, wie das Licht glitzernd durch das Dickicht fällt.

Das wäre meine Chance zur Flucht. Andererseits, wohin sollten mich meine Füße tragen? Ich sehe kein Auto, weiß nicht, wo wir sind, und gelernt, so eine Höllenmaschine zu steuern, habe ich auch nicht. Nicht einmal die grobe Richtung nach Manhattan kenne ich. Außerdem knurrt mein Magen, als hätte ich tagelang nichts gegessen. Nein, ich muss mich in Geduld üben. Meine Chance auf Rache wird kommen, da bin ich mir sicher.

Schwermütig schleiche ich zur Hütte und öffne die Tür behutsam. Tatsächlich duftet es sofort nach frischem Kaffee. Vor mir erstreckt sich ein geräumiges Wohnzimmer, das in eine moderne offene Küche zu meiner Rechten übergeht. Ihr gegenüber an der linken Wand präsentiert sich ein langer Tisch. Geradeaus führt ein schmaler Gang in den hinteren Bereich. Diese Jagdstube ähnelt eher einer Pension, denke ich. Brot, Gebäck, Obst und Orangensaft stehen auf dem Küchentisch bereit. Bei dem Anblick läuft mir das Wasser im Mund zusammen.

Es scheint, als hätte es die Zeit hier nicht allzu eilig zu verstreichen. Staub tanzt in den einfallenden Sonnenstrahlen, und Geflüster wabert durch den Raum. Es verstummt schlagartig, als mich die beiden Biker entdecken. Erst jetzt bemerke ich, dass der Riese, Brooks, wie ihn mein Entführer genannt hat, farbig ist. Umgezogen in Jeans und Kutte, greift er fahrig nach seiner schwarzen Skimaske und versucht, sie sich über den Kopf zu stülpen. Del Gardo, der Mann mit den mexikanischen Wurzeln, tut es ihm gleich.

„Echt jetzt?“ Lachend lehnt ihr Boss an einer Wand, trinkt in aller Seelenruhe seinen Kaffee. „Keine Angst, Jungs, sie wird uns nicht verraten, weil sie dann wüsste, was ihr blüht.“ Er drückt sein Kreuz durch und verzieht das Gesicht zu einer Maske aus Schmerz. „Nicht wahr, Prinzessin?“

Die beiden Männer finden sich selbst peinlich und werfen die Skimasken beiseite. Eine Handvoll Waffen, Granaten und schusssichere Westen liegt überall im Haus verteilt und sorgt dafür, dass ein mulmiges Gefühl Besitz von mir ergreift.

„Ja“, zische ich und funkle ihn an. „Solange ihr nett zu mir seid, bin ich es auch zu euch.“ Ich gehe auf den Mann zu und mustere ihn von oben bis unten. „Ist das alles? Drei Männer und eine Hütte im Wald? Die Cops werden uns so schnell finden, dass wir nicht einmal das Frühstück beenden können.“

Mein Entführer schnellt auf mich zu. „Ich wusste ja gar nicht, dass du Expertin auf dem Gebiet bist.“ Sofort ist es so still, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Seine Augen glühen, und er überragt mich um fast zwei Köpfe. „Glaub mir, wir sind hier sicher. Misch dich nicht in unsere Geschäfte ein, und wir werden dir nicht im Weg stehen, sobald wir das Lösegeld haben. Hast du verstanden, Samantha?“

Ich bin kurz davor, ihm eine Ohrfeige zu verpassen. Meine Hand zuckt bereits, doch als ich sehe, dass auch er vor Wut kocht und die Adern unter seiner Haut pulsieren, nicke ich. „Sie werden euch zur Strecke bringen“, zische ich und drehe mich so schnell, dass meine Haare sein Gesicht streifen.

„Das werden wir sehen“, brummt der Mann. „Falls ich Tipps brauche, welche Klubs in Manhattan gerade angesagt sind oder wie man sich am schnellsten mit Champagner betrinkt, ziehe ich dich zurate. Und jetzt iss etwas.“ Mit schmerzverzerrtem Gesicht fährt er sich an den Bauch. „Ich will ja nicht, dass du vom Fleisch fällst.“

„Geht es dir nicht gut?“

„Du sollst etwas essen, habe ich gesagt.“

Ich mustere die Stelle an seinem Unterleib und bemerke, dass seine Kleidung dunkelrot verfärbt ist. „Vielleicht solltest du dich hinlegen – wie kann ich dich überhaupt nennen?“

„Bullshit. Ich lege mich hin, wenn ich es für richtig halte“, blafft er und beißt sich auf die Zunge. Sein Gesicht bekommt einen fahlen Ton. „Du kannst mich AJ nennen“, murmelt er und krümmt den Rücken.

Ich stürze auf ihn zu, reiße seine Hände zur Seite und erkenne, dass es nicht nur eine kleine Wunde ist, die er zu verstecken versucht.

„Fuck! Ein Streifschuss. Das muss eine Kugel der Cops gewesen sein.“ Brooks kommt näher. „Verdammt, und der nächste Arzt ist Meilen entfernt.“

„Ist er nicht“, erwidere ich schnell und habe immer noch damit zu kämpfen, AJs Hände von der Wunde fernzuhalten.

„Das ist nichts“, stößt er hervor und wehrt mich ab. „Bist du überhaupt eine richtige Ärztin?“

Schweißperlen bilden sich auf seinem Gesicht. Die Atmung des Mannes wird flacher, seine Augen sind glasig, als würden sie einen weit entfernten Punkt fixieren. Dann verliert sich sein Blick vollends in der Ferne. Kein Wunder, wenn er stundenlang mit einer unversorgten Wunde flüchtet und zu stolz ist, etwas zu sagen.

Seine Lider beginnen zu flattern, die Haut ist kreideweiß, und schweißnasse Strähnen hängen ihm ins Gesicht. Im nächsten Moment bricht der massige Körper in meinen Armen zusammen.

„Nein, bin ich nicht“, antworte ich und reiße sein Hemd auf. „Aber das ist alles, was du gerade kriegen kannst.“

Kapitel 5 – Der Schmerz in uns

Der Abend ist über den Wald hereingebrochen. Ich starre durch die Gitterstäbe vor dem Fenster, und wundere mich, wie finster es draußen ist. Ohne das Licht einzuschalten, habe ich wie gelähmt die Dämmerung abgewartet. Für den Bruchteil einer Sekunde hoffe ich, dass die Nacht bessere Chancen für mich bereithält. Doch da sind nur die Dunkelheit und die Geräusche des Waldes, die sich durch das offene Fenster zu mir gesellen. Keine Neonlichter, keine Werbung, keine Autoscheinwerfer, ja nicht einmal das schwache Mondlicht dringt zu mir. Lediglich die Sterne funkeln, als wollten sie beweisen, dass ich nicht komplett in Schwärze versinke.

Nachdenklich fahre ich mit der einen Hand über das kalte Metall der Gitterstäbe und mit der anderen über den Diamanten an meinem Hals. Ist Daddy jetzt da oben? Wacht er über mich? Oder ist das alles nur Gerede, um die Menschen zu beruhigen?

Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll.

Auf eine grausame Art ist mir klar, dass ich ihn nie wiedersehen werde, und doch werde ich das Gefühl nicht los, dass ich mich nur durch die dicken, klebrigen Schichten meines Albtraums kämpfen muss, um ihm am Frühstückstisch zu begegnen. Meine Augen sind feucht, doch noch immer fällt keine Träne. Ich erlaube es mir nicht.

Nicht bevor …

Ja, was eigentlich?

Vorsichtig, als könnten meine Bewegungen ein Erdbeben auslösen, setze ich mich auf die Bettkante und sehe mich um. Das muss die ehemalige Waffenkammer der Reaper-Waldhütte sein, denke ich und streiche über die weiche Bettwäsche.

Mein Körper scheint Tonnen zu wiegen, alles zieht mich in die weichen Federn, doch da ist etwas, eine innere Stimme, die mich anschreit, es nicht zu tun.

Viel gibt es noch zu erledigen – zu viel, um zu wissen, wo ich anfangen soll. Mehrmals zwinge ich mich, ruhig zu atmen, strecke den Rücken durch und versuche mich an einer Bestandsaufnahme. Nachdem ich AJs Wunde notdürftig versorgt habe, hat mich del Gardo ins Bad begleitet. Ich durfte duschen, sogar Unterwäsche, eine frische Jeans und ein rotes Holzfällerhemd fanden sich für mich – Gott allein weiß, wie viele Frauen ihre Kleidung hier ausgezogen und vergessen haben. Im Anschluss habe ich gefrühstückt, unterdessen schmiedeten die Gentlemen im hinteren Teil des Hauses Pläne.

Am Nachmittag haben sich mich in dieses Zimmer gesperrt, und während sich dieser ominöse Ober-Reaper zurückgezogen hat, um seine Wunden zu kurieren, schlug ich Wurzeln, trauerte und wartete auf die Dunkelheit und bessere Nachrichten.

Erst als alles Adrenalin aus meinen Adern gewichen ist und mir nur allzu klar wird, dass mich die Anstrengungen des Tages bald schon ins Bett zwingen werden, verstehe ich, dass sich nichts ändern wird und ich allein mit meinem Hass bin.

Ich wurde hinters Licht geführt, gedemütigt, meines Vaters beraubt und gekidnappt. Doch das Schlimmste ist, dass ich dieser Bikergang auch noch dankbar sein muss dafür. Andererseits, vielleicht hätten mich Cooper, Theodora und Marge schon längst aus der Hölle der Untersuchungshaft befreit und ich könnte das tun, was ich jetzt tun sollte, nämlich in aller Stille trauern und mich darauf vorbereiten, meinen Vater zu Grabe zu tragen.

In diesem Moment fällt mir auf, dass ich seine Beerdigung verpassen werde. Augenblicklich wird mir speiübel. Ich springe auf, als würde das Bettgestell plötzlich unter Strom stehen, und gehe wieder zum Fenster. Die Finger umschließen die Gitterstäbe so hart, bis ich nichts mehr spüre.

Mein gellender Schrei lässt die Tiergeräusche verstummen. Ich rüttle und ziehe so fest an den Stäben, dass sich die Fingernägel in mein eigenes Fleisch drücken. Mehrmals lasse ich meiner Wut freien Lauf und brülle sie in das Dickicht hinaus. Meine Fingerspitzen streicheln das schwere Metallschloss, als könnte Zärtlichkeit es dazu bringen sich zu öffnen. Erst dann lasse ich schwer atmend davon ab.

Obwohl es draußen so warm ist, dass sich unter meiner Kleidung ein dünner Schweißfilm bildet, wird mir mit einem Schlag eiskalt. Eine unerbittliche Hand umschließt mein Herz und drückt langsam, aber sicher zu. Kälte breitet sich in meiner Seele aus, und mit ihr kommt der Schmerz, so klar und schneidend, als würde Raureif meine Muskeln überziehen.

Die Welt dreht sich viel zu schnell, ich atme stoßartig und fahre mir über das verschwitzte Gesicht. Ich muss hier raus!

Ich renne zur Tür und hämmere mit der Faust dagegen. Der Lärm ist bestimmt noch meilenweit in dieser Einöde zu hören. Egal. Ich lasse mich nicht einsperren, wenn mein Vater gerade gestorben ist und er allein seinen letzten Weg antreten muss. Ich bin seine Tochter, verdammt.

„He! Aufmachen!“ Meine Schläge werden so hart, dass meine Knöchel zu bluten beginnen. „Hört mich jemand? Ich will, dass ihr diese Tür endlich …“

Hola, señora!

Die Tür wurde aufgerissen, ich sehe in die dunklen Augen von del Gardo. Er ist schwer bewaffnet, trägt eine Pistole im Gürtel, und in den Händen hält er etwas, das wie Knetmasse aussieht, mit dem Unterschied, dass die Aufschrift C4 an der Seite der Verpackung prangt. Nicht schwer zu erraten, wobei ich ihn gerade gestört habe.

„Ich werde gehen“, teile ich ihm kurz angebunden mit und zwänge mich an ihm vorbei.

„Das kann ich leider nicht zulassen, señora.“ Er legt den Sprengstoff vorsichtig aufs Sofa, folgt mir und packt meinen Arm. Als ich mich umdrehe, wird sein Blick etwas milder. „Perdón, Miss Mayflower. Die Anweisungen vom Boss waren eindeutig.“

Langsam, als hätte jemand die Zeitlupe bei einem Footballspiel aktiviert, drehe ich mich um. Ein gefährliches Lächeln stiehlt sich auf meine Lippen. „Del Gardo, richtig?“

Si.

Ich bedenke ihn mit einem musternden Blick. Ein gut aussehender Kerl, das steht außer Frage. Sein Gesicht ist glatt rasiert, das Haar kurz geschoren, und das Grübchen an seinem Kinn fügt sich hübsch in das jugendliche Erscheinungsbild. Wie alt mag er wohl sein? Ein paar Jährchen jünger als ich? Etwa Theodoras Jahrgang? Der mexikanische Teint wirkt in dieser Weiße-Männer-Jagdhütte zwar fehl am Platz, doch die martialische Reaper-Kutte mit den Abzeichen verleiht ihm eine gewisse Härte. Trotzdem kann ich die Unsicherheit in seiner Stimme hören. Der Junge hat Angst.

„Wie heißt du mit vollem Namen, Kleiner?“

Er räuspert sich, strafft sein Kreuz, als wolle er Eindruck schinden. „Miss Mayflower, Sie sollten jetzt wirklich zurück auf Ihr Zimmer gehen.“

Ich fixiere ihn und trete so nah an ihn heran, dass ich seine Wärme spüre. „Wie lautet er?“, wiederhole ich. „Deine Mutter hat dich doch nicht einfach nur del Gardo genannt.“ Unsere Nasenspitzen berühren sich fast. „Also, wie lautet dein Name?“

Sekunden vergehen schweigend, schließlich wirkt die Erwähnung seiner Mutter, und er senkt den Blick. „Marco Fabio Rodriguez Hernández Juan Santiago Jesus del Gardo.“

„Gut, also Marco.“ Ich fasse ihn an den Schultern, sehe ihm eindringlich in die Augen. „Mein Vater wurde ermordet. Mir ist egal, welchen Krieg ihr gerade kämpft, damit habe ich nichts zu tun. Ich werde jetzt durch die Eingangstür hinter mir verschwinden, meine Unschuld beweisen und den Mörder meines Vaters finden, hast du verstanden, Marco? Wenn alles klappt, überweise ich euch Unsummen für eure Vorhaben, und du wirst mich nicht aufhalten.“

„Aber ich werde es tun.“ Ohne mich umzudrehen, erkenne ich den tiefen Ton von Brooks’ Stimme.

Ich haste durch den Flur, passiere den geräumigen Wohnraum und erkenne erst im letzten Moment, wie Brooks seinen massigen Körper vor den Türrahmen schiebt.

„Die Anweisungen vom Boss waren eindeutig“, wiederholt er monoton die Worte seines Klubfreunds.

Er sieht auf mich herab. Wartend, lauernd, bereit, mich zur Not an den Haaren zurück in mein Gefängnis zu zerren. Sofort wird mir klar, dass er alles tun würde, um AJs Befehle zu befolgen.

„Geh zurück ins Zimmer“, grollt er und fasst meinen Arm.

Ich boxe gegen seinen Bauch. Wieder und wieder und wieder. Es kommt mir so vor, als würde ich auf Granit einschlagen. Meine Finger schmerzen nach wenigen Hieben, ihn scheint es nicht einmal zu stören. Die Arme hängen locker von den Seiten des Hünen hinab. Erst als mir ein Schrei entfährt und ich ein letztes Mal mit voller Wucht zum Schlag gegen seinen Bauch aushole, legt der schwarze Riese den Arm auf meine Schulter. „Bitte gehe jetzt auf dein Zimmer, der Boss braucht seine Ruhe.“

An der Wand zu meiner Rechten hängen etliche Fotos von zwei Dutzend Reapern. Ein Trauerflor schmückt die obere linke Kante jeder einzelnen Aufnahme. Der Motorcycle Club musste offensichtlich in letzter Zeit viel Aderlass ertragen. Zwischen den Fotos prangt übergroß das Wappen mit dem Totenkopf, davor steht ein langer, schmaler Tisch mit Waffen und etlichen leeren Stühlen. Ich wähne mich in einer Parallelwelt.

Soll ich einen Fluchtversuch wagen?

Wie groß ist die Chance, dass mich dieser Sechseinhalb-Fuß-Hüne über Stock und Stein jagen kann? Immerhin war ich Cheerleaderin, bin geritten, und auch ein wenig Kampfsport habe ich auf Dads Bitten hin betrieben.

Mein Seitenblick trifft del Gardo. Er macht einen sportlichen Eindruck, wie ein durchtrainierter Schwimmer. Ihm zu entkommen, dürfte weitaus schwieriger werden. Ich sollte …

„Schon gut, Brooks.“ AJs tiefe Stimme aus dem hinteren Teil der Hütte durchkreuzt meine Überlegungen. Wieso wundert es mich nicht, dass er sich wie auf Kommando regt? „Bring sie zu mir.“

Noch immer völlig außer Atem befreie ich mich aus Brooks’ Griff, durchquere den Wohnraum und folge der Stimme.

„Bin ich deine Gefangene?“, platzt es aus mir heraus, nachdem ich die richtige Tür erwischt habe.

AJ wirkt blass, liegt mit freiem Oberkörper auf dem Bett und lehnt am Kopfteil. Blut sickert durch den Verband. Offensichtlich ist er schwerer verletzt, als es anfangs den Anschein gemacht hat. Es grenzt an ein Wunder, dass er nicht vom Motorrad gekippt ist und wir im Graben gelandet sind. Dieser verfluchte Sturkopf muss einen Willen wie ein Stier haben.

„Wie kommst du denn auf diesen Gedanken, Prinzessin? Etwa, weil ich dich entführt habe? Oder liegt es an dem Gitter vor deinem Zimmer?“ Er schnalzt mit der Zunge. Aus jeder Pore trieft selbstgefällige Ironie. „Lernt man diese messerscharfe Kombinationsgabe auf deinen teuren Privatunis?“

„Zu deiner Information: Ich war ganz normal auf der NYU.“ Mir ist schleierhaft, warum ich ihm das überhaupt erzähle, doch es verschafft mir eine gewisse Genugtuung, seinen überraschten Gesichtsausdruck zu sehen.

„Oh, nur die New York University.“ Er macht keine Anstalten sich zu bewegen, betrachtet mich kritisch, als würde er mich zum ersten Mal sehen. „Ich bin mir sicher, du hattest es dort leicht, nachdem dein Vater eine neue Bibliothek gesponsert hat, den Westflügel renovieren ließ oder was ihr reichen Leute sonst so macht, um euch Noten zu erkaufen.“

Meine Wut wächst mit jedem seiner Worte. „Ich habe alles allein geschafft, ohne das Geld meines Daddys. Ob du es glaubst oder nicht, ich werde eine verdammt gute Ärztin.“

Er zieht eine Augenbraue nach oben, erwidert nichts, als wolle er mir noch etwas entlocken. Zu meiner eigenen Verwunderung klappt es hervorragend. „Und dass mein Vater die Mensa hat neu errichten lassen, hat nichts mit meinen Leistungen zu tun!“

„Natürlich nicht.“ Er stöhnt auf, gähnt und lehnt den Kopf demonstrativ gelangweilt gegen das Bettgestell. „Reden wir uns das nur weiter ein, dann wird es vielleicht irgendwann zur Wahrheit.“

„Wieso quatsche ich überhaupt mit dir?“ Ich stehe in Flammen und habe größte Mühe mich zurückzuhalten, um mich nicht auf das Muskelpaket zu stürzen und ihm die Augen auszukratzen. „Ich sollte durchs Fenster springen, Hilfe suchen und die Cops auf euch hetzen.“

„Super Idee, Maiblümchen“, erwidert er gähnend und schließt die Lider. „Ich bin mir sicher, du siehst in Häftlingskleidung atemberaubend aus. Es unterstreicht deinen sommerlichen Teint. Außerdem würdest du zartes Wesen im Wald verhungern, bevor du auch nur eine Straße erreichst.“

„Tut mir leid, dass wir nicht alle unterprivilegierte Kriminelle sein können. Ein paar von uns müssen auch noch Geld verdienen, Steuern zahlen und sich ans Gesetz halten.“

Mit einem Ruck schnellt er nach vorne. Für einen Moment verzieht er schmerzverzerrt das Gesicht, dann keucht AJ entrüstet auf. „Dann erzähl mir mal, wie hoch waren denn die Steuern, die du bis jetzt gezahlt hast?“ Er gibt sich keine Mühe, den Sarkasmus aus seiner Stimme zu verbannen. „Diese Worte aus dem Mund einer gesuchten Mörderin – das grenzt an Heuchelei.“

Ich will etwas entgegnen, würde ihm am liebsten Hunderte Gemeinheiten an den Kopf werfen, doch in seinen Sätzen steckt auch ein Körnchen Wahrheit. Also stemme ich entrüstet die Hände in die Hüften, tue so, als würde ich ihm nicht mehr zuhören, und sehe mich im Zimmer um. Der Totenkopfschädel mit dem Reaper-Symbol ist in jeder Ecke, an jeder Wand zu finden. Nur über seinem Bett hängt das einsame Bild eines Mannes im gehobenen Alter. Ich muss nicht lange überlegen, wer das sein könnte. Die Schwarz-Weiß-Fotografie strotzt nur so vor Ähnlichkeit mit dem Mann, der auf dem Bett liegt. Es sind die gleichen hohen Wangenknochen, die gleichen aristokratischen Züge, und auch die hellen, durchdringenden Augen scheint er von seinem Vater geerbt zu haben.

„Heuchelei“, zische ich und deute mit einem Nicken in Richtung des Fotos. „Dein Daddy, nehme ich an. Wolltest du ihn stolz machen? Zeigen, dass auch du ein tougher Kerl bist, der eine riesige Maschine lenken kann?“

„Vorsicht“, flüstert er lang gezogen. Seine Augen glühen, als würden die Silben ein Inferno dahinter entzünden.

„Ich wette, du hast als Jugendlicher einfach zu wenig Aufmerksamkeit bekommen und immer gefährlichere Verbrechen begannen, nur damit ihr Zeit miteinander verbringt.“

„Ich sagte, dass es genug ist.“ AJ schwingt sich auf die Füße, lässt mich dabei nicht aus den Augen. Von einer auf die andere Sekunde ist er nicht mehr mein Patient, sondern wieder der Wolf, der mir mitten in die Seele blicken kann und der kurz davor ist, seine Beute zu reißen. „Mit zu wenig Aufmerksamkeit in der Jugendzeit kennst du dich bestimmt bestens aus. Oder nein, warte, du hast ja die Medien benutzt, um die zu bekommen.“

Unsere Gesichter trennen nur wenige Zoll. Die Muskeln in seinen Wangen spielen verdächtig, als würde er gleich losschlagen wollen.

Ein merkwürdiges Klimpern an seinem Hosenbund zieht für einen Moment meine Aufmerksamkeit auf sich. Unzählige Schlüssel hängen an der Kette, die am Bund seiner dunklen Jeans befestigt ist. Bestimmt ist auch jener dabei, der das Gitter vor meinem Fenster öffnet. Ich sollte klug sein, diplomatisch und mich in eine günstigere Verhandlungsposition bringen, stattdessen gewinnt mein inneres Feuer die Oberhand.

Als ich den Mund öffne, zucke ich selbst vor meinen Worten zusammen. „Wenn dein Daddy gleich durch die Tür kommt und dir auf die Schulter klopft, bin ich mir sicher, du heulst wie ein kleines Mädchen.“

„Das ist leider nicht möglich“, flüstert er.

Jede Sekunde rechne ich mit einem Ausbruch. Rote Flecken haben sich in sein Gesicht gestohlen, seine Wangen beginnen zu zittern, doch ich halte seinem Blick stand.

„Wir haben eine weitere Gemeinsamkeit.“ Zu meiner Überraschung ist seine Stimme so mild, als würde sie mich besänftigen wollen. „Auch mein Vater ist tot. Er starb im Kugelhagel der Cops auf seinem Bike. Und das alles für ein Verbrechen, das er nicht begangen hat.“ AJ lächelt traurig. „Das müsste dir ebenfalls bekannt vorkommen. Oder habe ich unrecht und vor mir steht tatsächlich eine Mörderin?“

Für einen Moment zieht sich mein gebrochenes Herz zusammen. Ich weiß, ich sollte die Klappe halten, doch Schmerz und Trauer vermischen sich zu etwas, das ich nicht zu kontrollieren imstande bin, und meine Emotionen brechen aus mir hervor. „Bist du deshalb kriminell geworden? Um in die Fußstapfen deines Vaters zu treten?“

„Vielleicht. Wie ist es bei dir?“ Gespielt nachdenklich legt er einen Finger an die Lippen. „Wie hoch ist wohl das Erbe der Mayflowers? Millionen oder sind es schon Milliarden?“ Fast beiläufig streicht er über den Diamanten, der auf meinem Dekolleté ruht. „Und als Zugabe gibt es alle fünf dieser wunderschönen Sterne gratis obendrein. Wenn das nicht ein guter Deal ist.“

Das war’s. Meine Sicherungen brennen durch, ich sehe mich selbst von außen, und ein Knallen stört die Idylle der Einsamkeit. Als ich wieder bei Sinnen bin, muss sich AJ an der Kommode abstützen, meine rechte Handfläche schmerzt fürchterlich, und er fährt sich über die rot anlaufende Wange.

„Wenn du das noch einmal versuchst, bekommst du es doppelt so hart zurück, Maiblümchen.“ Seine Stimme hat einen bedrohlichen Unterton angenommen.

Wenn Blicke töten könnten, wären wir beide nur noch ein Häufchen Asche. Beinahe bin ich froh, als Marco in den Raum tritt und ein Räuspern die Spannung löst.

„Alles gut, Boss?“

„Alles gut“, grollt er, ohne mich aus den Augen zu lassen. „Unser Gast wollte gerade wieder auf sein Zimmer gebracht werden, etwas essen und dann zu Bett gehen.“

Ohne etwas zu entgegnen, drehe ich mich auf dem Absatz um. Meine Haare fliegen ihm ins Gesicht. Ich sehe mich nicht mehr um, sondern schmiede schon einen Plan. Irgendwie muss ich an die Schlüssel kommen, und ich weiß auch schon, wie ich das anstellen werde. Egal ob krimineller Biker oder biederer Buchhalter, in einer Sache sind alle Männer gleich. Wenn sie einen Penis haben, kann man ihnen den Kopf verdrehen.

Ich lächle, während ich warte, dass mir del Gardo die Tür öffnet.

„Mein herzliches Beileid, Miss Mayflower.“ Seine Stimme klingt brüchig und ehrlich.

„Danke“, erwidere ich, gehe mit durchgedrücktem Kreuz und stolzem Ausdruck im Gesicht in meine Zelle und warte, bis sich der Schlüssel im Schloss dreht.

Als ich sicher bin, dass mich niemand mehr hört, lasse ich mich aufs Bett fallen und hoffe, dass das Kissen meine Trauerlaute erstickt. Heiße Tränen benetzen das Kissen. Endlich erlaube ich mir, zu weinen und das Unabänderliche einzugestehen.

Kapitel 6 – Wie ein Dieb in der Nacht

Fünf Tage vergehen, in denen ich endlich trauere.

Ich weine, esse, beobachte die Natur und schlafe. Nichts anderes bestimmt meinen Tagesablauf. Die Zeit zwischen meinen Atemzügen dehnt sich und ist gleichzeitig so schnell vergangen, dass ich gar nicht merke, wie die Stunden ins Land ziehen. Erst bei Sonnenaufgang des sechsten Tages gelingt es mir, nicht mit Tränen in den Augen aufzustehen.

Wie immer öffnet Marco meine Tür, bringt mir frische Kleidung und lädt mich ein, mit ihnen zu frühstücken. In den letzten Tagen habe ich abgelehnt, doch jetzt, da der Schmerz real ist und keine unsichtbare Hand mehr, die mir jede Sekunde die Kehle zudrückt, lächle ich. „Gerne, Marco. Es wäre mir eine Freude.“

Erst zögerlich, dann erfreut führt er mich in den Wohnraum der Jagdhütte. Sie ist wohl so etwas wie das Hauptquartier des Reaper MC, obwohl es mich stutzig macht, dass der einst so gefährliche Klub nur noch aus drei Männern bestehen soll. Halten die anderen in New York die Stellung, oder sind ihre Reihen tatsächlich so ausgedünnt?

Egal. Was interessiert mich das Schicksal von kriminellen Outlaws?

Als ich den Raum betrete, wundert es mich, dass die Reaper nicht an dem langem, eigentlich dafür prädestinierten Tisch Platz genommen haben, sondern in der modernen offenen Küche speisen, die eigentlich so gar nicht zu der Holzoptik passen will. Offensichtlich scheint er ihnen auf eine obskure Art und Weise heilig zu sein.

Mit einer gewissen Genugtuung registriere ich die abschätzenden Blicke von Brooks und AJ und setze mich wortlos dem Boss gegenüber.

„Kaffee?“, will del Gardo wissen und hält die Kanne hoch.

„Gerne.“ Mein Ton ist zuckersüß, als wäre ich nicht ihre Gefangene, sondern in der Lobby eines Hotels in Aspen. Nebenbei stelle ich fest, dass AJ sichtlich mitgenommen aussieht. Wenn ich die Motorengeräusche in dieser Nacht richtig deute, ist er im Schutz der Dunkelheit nach New York gefahren. Sein braun gebranntes Gesicht wirkt fahl, die Haut schmutzig, seine Kleidung riecht nach Zigarrenqualm und Motoröl. Nur seine Augen blitzen aufmerksam, damit niemand den Fehler macht, seine Müdigkeit mit Schwäche zu verwechseln. Unmerklich lehne ich mich nach vorne. Tatsächlich, der Schlüsselbund klimpert auch jetzt an einer Kette an seiner Jeans.

Ich muss einen Dieb bestehlen, um hier rauszukommen. Doch dafür brauche ich entweder Hass oder Liebe. Beides soll mir recht sein.

AJ schweigt. Er kaut an einem Brot und mustert mich voller Argwohn. Selbst als ich mich zurücklehne, an dem wirklich guten Kaffee nippe und seinen Blick erwidere, bleiben seine Augen auf mich gerichtet, als wäre ich Honig und er ein hungriger Bär.

Brooks und del Gardo schauen sich peinlich berührt an. Die Stille zieht sich unangenehm in die Länge und baut sich zu einer unüberwindbaren Wand auf. Jedes überflüssige Geräusch wird vermieden, niemand gibt einen Laut von sich, während AJ und ich uns anfunkeln.

„Die Kaffeebohnen kommen aus Chiapas, meiner Heimatstadt in Mexiko.“ Die Erleichterung ist spürbar, nachdem del Gardo das Wort ergriffen hat.

„Echt?“, will Brooks wissen. „Schmeckt großartig.“

„Das Geheimnis liegt in der Röstung.“ Sein mexikanischer Akzent wird stärker. „Und natürlich in der Sonne. Die Bohnen können gar nicht genug Strahlen abbekommen.“

Wieder Stille.

Ich schlürfe meinen Kaffee. AJ und ich fixieren uns immer noch wie zwei Schlangen, jederzeit bereit, das Gift in die Venen des anderen zu schicken. Doch im Gegensatz zu ihm will ich diesen Streit. Ich werde ihn spielen wie eine Violine und spüre, wie sehr die Wut hinter der sorgsam gehegten Oberfläche kocht. Dafür muss ich nur seinem Blick standhalten.

Erneut scheint del Gardo mit der Stille überfordert. „Der Hochlandkaffee wird in Höhen von bis zu fünftausendzweihundertfünfzig Fuß geerntet“, fährt er fort. „Die Bauernhöfe meiner Familie liegen in den Bergen Chiapas. Wenn ich dort zu Besuch bin, nehme ich mir immer ein paar Säcke …“

„Genug!“ AJs Faust schnellt so hart auf den Tisch, dass Teller und Obstschalen zu Boden gehen. Erst nachdem die Scherben ihren wirren Tanz beenden und sich die klirrenden Geräusche in der Jagdhütte verlieren, erhebt er seinen massigen Körper. „Hört auf mit diesem schlechten Theater“, grollt er in Richtung seiner Klubfreunde und sieht mich an. „Was machst du hier?“

„Frühstücken.“ Provokativ picke ich ein Stück Melone auf meine Gabel und esse es genüsslich. „Und was das Theater angeht, ich bin mir sicher, du hast noch nie eins von innen gesehen und kannst nicht mal im Ansatz beurteilen, ob es tatsächlich schlecht war.“ Ich spüle mit etwas Orangensaft nach und schenke ihm einen klimpernden Augenaufschlag. „Aber hey, wenn du willst, lade ich euch alle in die Metropolitan Opera ein, wenn wir in New York sind – also, falls ich Manhattan jemals wiedersehen werde.“ Mein Ton gleitet ins Zickige ab. „Das kommt natürlich auf deinen supersmarten Plan an.“

AJ prescht um den Tisch, zieht meinen Stuhl zu sich, sodass ich aufstehen muss.

„Boss?“ Brooks und del Gardo heben beschwichtigend die Hände. „Wir brauchen sie noch“, fügt Brooks hinzu.

„Den Plan wirst du früh genug erfahren“, zischt mir AJ ins Gesicht.

Ich komme näher, kann die Hitze seiner Haut spüren. Wie zufällig streichen meine Finger über die Jeans. Das Metall der Schlüssel fährt leicht über meine Hände. Schon bekomme ich die Kette zu greifen und fange an, den Karabinerhaken zu lösen. Meine Fingerspitzen sind feucht vor Aufregung, kalter Schweiß legt sich in meinen Nacken, und meine Wangen scheinen Feuer zu fangen. Ich brauche mehr Zeit, nur etwas mehr Zeit.

Um ihn vollends abzulenken, deute ich mit der freien Hand auf die Fotos hinter dem ausladenden Tisch an der gegenüberliegenden Wand. „Haben die Jungs da auch auf deinen Plan gehört? Also, wenn mir das gleiche Schicksal blüht, solltest du ihn vielleicht noch einmal überdenken.“

Bedrohlich spielen AJs Bauchmuskeln unter seiner schwarzen Kutte. Seine Pupillen weiten sich, die Wut umhüllt ihn wie eine zweite Haut. Die Ader an seiner Schläfe pocht furchteinflößend, und ich erkenne das Raubtier, das in ihm steckt, nur allzu deutlich. Einen Moment später wird mir klar, dass ich den Bogen überspannt habe. Alles ist still, sogar die Vögel scheinen ihren Gesang eingestellt zu haben.

Gerade als ich den Schlüsselbund zu lösen beginne, dreht er sich zur Seite. „Miss Mayflower wird nicht mehr mit uns essen“, verkündet er mit ruhiger Stimme. Der Zorn scheint verflogen, und die Geräusche des Waldes dringen nun überlaut ins Haus. „Sie wird allein auf ihrem Zimmer speisen und dort bleiben. Ist das klar?“

„Ja, Boss“, ertönt es aus zwei Kehlen.

„Gut.“ Bevor AJ kehrtmacht und auf sein Zimmer verschwindet, spüre ich die unsägliche Trauer in seinem Blick. Wie schwer muss es ihm fallen, daran erinnert zu werden, dass er seine Leute nicht beschützen konnte? Obwohl es eine kalkulierte Provokation war, fühle ich mich auf der Stelle mies.

Ich schließe die Augen, reibe mir über die Schläfen. Meine Gedanken überschlagen sich. „AJ, warte!“

Doch es ist bereits zu spät. Die Tür wird so fest zugeschlagen, dass ich zusammenzucke und die Vögel draußen aufflattern.

Ich spüre Brooks’ Pranken auf meiner Schulter ruhen. „Du solltest jetzt gehen.“

„Ja“, flüsterte ich mehr zu mir selbst als zu dem Riesen. „Das sollte ich.“

 

***

 

Gut, ich habe versagt. Mit Hass hat es nicht funktioniert. Nun muss es Liebe sein, die mich aus meiner misslichen Lage rettet.

Nach einem kargen Abendessen, was bestimmt darauf zurückzuführen ist, dass mich AJ bestrafen will, bin ich frisch geduscht und blicke aus dem vergitterten Fenster in die Dämmerung. Mit voller Intensität wirft die Sonne ihre orangefarbenen Strahlen über die Baumwipfel und verwandelt den Himmel in ein Feuermeer. Doch selbst dieser Anblick kann meine Stimmung nicht aufhellen.

Ich muss an meinen Vater denken und daran, dass er gerade ganz bestimmt nicht stolz auf mich wäre, wenn er mich sehen könnte.

Er hat immer versucht, den Menschen mit Freundlichkeit und Respekt zu begegnen, egal ob Obdachloser oder Firmenchef. Mehrmals atme ich aus und lehne den Kopf an das kühle Metall der Gitterstäbe.

„Deine Fußstapfen sind groß, Dad“, flüstere ich gen Himmel und hoffe, dass ihn meine Worte erreichen.

Ob er bereits beerdigt wurde? Seine letzte Ruhe gefunden hat?

Bestimmt wurde seine Leiche obduziert. Allein der Gedanke daran lässt mich frösteln. Mit aller Macht muss ich die schrecklichen Bilder verdrängen. In dieser Nacht habe ich noch eine Aufgabe zu erledigen, und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bleibt mir nur ein Versuch, bis AJ andere Maßnahmen ergreifen wird, um mich ruhigzustellen. Angekettet in einer Ecke, mit einem Eimer unter mir, möchte ich ganz bestimmt nicht enden. Wie ein Dieb in der Nacht muss ich erfolgreich sein. Um jeden Preis!

Noch einmal fahre ich mir durch die Haare, lege sie behutsam auf meine Schultern und öffne die obersten Knöpfe meines Holzfällerhemds. Meine Entführer stellen mir lediglich Hygieneartikel und jeden Tag frische Kleidung zur Verfügung, auf Parfüm muss ich leider verzichten, genau wie auf einen BH. Es muss auch so funktionieren. Vorsichtig klopfe ich an die Tür.

Ich lausche in die Stille und vernehme bereits nach wenigen Sekunden Schritte.

„Ja?“

Ich bin davon ausgegangen, dass del Gardo die Tür öffnen würde, doch als Brooks vor mir steht, muss ich den Kopf in den Nacken legen, um in sein Gesicht zu sehen.

„Ich möchte mich bei eurem Boss entschuldigen“, erkläre ich ohne Umschweife.

Brooks lässt meine Worte auf sich wirken und nickt schließlich bedächtig. „Bist du doch noch zur Vernunft gekommen?“ Kein Mann der großen Worte. Er führt mich an AJs Tür und klopft an. „Du solltest ihn nicht reizen. Vor allem nicht mit den Themen, die du angesprochen hast.“ Ich verfolge seine Hand mit meinem Blick, als er sie mir sanft auf die Schulter legt. „Er hat alles getan, um uns zu beschützen. Glaub mir, es war nicht seine Schuld.“

Für Brooks müsste das Wort Loyalität neu definiert werden. Nicht schwer zu erraten, dass der schwarze Riese für seinen Anführer durch die Hölle und zurück gehen würde.

„Das werde ich mir merken“, murmle ich und trete ein. Er schließt die Tür hinter mir.

Eigentlich habe ich mir fest vorgenommen, die Kontrolle zu behalten, kühl zu denken, heiß zu handeln, doch als AJ mit freiem Oberkörper am Schreibtisch sitzt, die Wunde mit einem Verband versorgt, und seine Muskeln im Licht des Abendrots spielen, obwohl er nur einen Brief schreibt, sind alle Vorsätze weggefegt.

„Ich habe mich noch gar nicht bei dir bedankt“, begrüßt er mich, bevor ich etwas sagen kann.

Das sind ja ganz neue Töne. Eigentlich wollte ich das Gespräch beginnen und es direkt in die richtigen Bahnen lenken. Wieder kommt mir der Kerl zuvor.

„Bedankt? Wofür?“

Ohne vom Briefpapier aufzusehen, tippt er mit zwei Fingern gegen den Verband. „Dass du den Streifschuss versorgt hast.“

Ich nicke und lasse mich seufzend aufs Bett fallen und drehe mich zur Seite, den Kopf auf der Hand gestützt. „Wo wir gerade dabei sind, uns wie kleine Mädchen die Herzen auszuschütten – auch ich habe Mist gebaut.“ Ich deute auf das Foto an der Wand. „Das mit deinem Vater tut mir leid und auch die Sache mit den anderen Klubmitgliedern. Mir ist klar, wer die Gefahr sucht, findet sie meist, aber meine Worte waren falsch. Bitte entschuldige.“

Langsam dreht sich AJ auf dem Stuhl um. Sein Blick besitzt eine verstörende Milde, als er aufsteht und neben mir auf dem Bett Platz nimmt. „Danke.“

„Wie ist es passiert?“, will ich mit ehrlichem Interesse wissen. Außerdem kann es nicht schaden, so viele Informationen wie möglich zusammenzutragen, wenn ich von hier abhauen will.

Er legt sich neben mich, lässt den Hinterkopf gegen das Bettgestell sinken. Für einen Moment ist er nicht mehr der harte Boss des Reaper MC, sondern nur ein Mann, der viele Freunde zu Grabe tragen musste.

„Wie immer ging es um Geld, doch diesmal hat es Dimensionen erreicht, die ich nie für möglich gehalten hätte.“ Er fährt sich über den dunklen Bart, streicht sein Haar nach hinten. „Ein windiger Anwalt sollte für eine Firma Grundstücke in East Harlem kaufen. Unsere Grundstücke. Für die Drecksarbeit hat er den Saints MC angeheuert, einen Motorradklub von rechtsradikalen Arschlöchern. Du weißt schon, White Power und so. Die sollten alle Mieter vertreiben und die Eigentümer zum Verkauf überreden.“

„Ich nehme an, auf ihre ganz eigene grausame Art?“

AJ nickt. „Sie waren nicht zimperlich, haben vor nichts zurückgeschreckt, falls du das meinst.“

„Und ihr habt euch ihnen in den Weg gestellt?“

„So in etwa“, seufzt er. „Die anderen Mieter des Blocks konnten die Saints mit Waffengewalt vertreiben. Nur wir haben Widerstand geleistet und den Krieg in Kauf genommen.“ Sein Blick geht durch mich hindurch, zu einem weit entfernten Ort. Sieht er gerade den Tod seiner Freunde vor dem geistigen Auge? „Wie du siehst, hat es leider kein gutes Ende für das Reaper Chapter New York genommen. Wir drei sind die Einzigen, die übrig geblieben sind. Und das alles, weil die Firma eine Port City für gut betuchte Anzugträger, Scheichs und deren shoppingsüchtige Ehefrauen errichten will.“ Aus jeder Silbe tropft Verachtung. „Ein neues Zentrum für reiche Arschlöcher an den Docks.“

„Geld regiert die Welt“, sage ich gedankenverloren.

AJ lacht auf. Laut, hart und voller Häme. „Damit kennst du dich ja aus.“

Unter anderen Umständen hätte ich jetzt gekontert, doch das ist nicht der Plan. Ich lehne den Kopf gegen seine Schulter und atme den herben Duft seiner Haut ein. „Was für eine schreckliche Firma.“

„Ja“, stimmt er mir zu, während ich mich weiter an ihn kuschle. Ein überraschter Unterton schleicht sich in seine Stimme, das Gelächter verebbt vollends. „Was für eine schreckliche Firma.“

Ich lasse die Hand über seinem nackten Oberkörper schweben. Meine Kehle ist so trocken, als hätte ich tonnenweise Wüstensand geschluckt. Behutsam, als würde die Berührung Stromstöße verursachen, fahre ich mit den Fingerspitzen die Konturen seiner Brustmuskeln ab.

„Was wird das, Kleines?“ Obwohl der Ton vor Ablehnung strotzt, streicht er über meinen Nacken. „Nur weil du mir einen blasen willst, werde ich dich nicht gehen lassen.“

Seine direkte Wortwahl stachelt mich auf perfide Weise an. „Weiß ich“, erwidere ich kühl und intensiviere meine Berührungen. Als würden meine Finger einem unsichtbaren Muster folgen, ziehen sie weiter über seinen muskulösen Bauch, bis sie die dünne Spur aus feinen Härchen erreichen, die von seinem Bauchnabel zur intimsten Stelle weist. „Aber ich würde gerne wieder mit euch frühstücken und erfahren, was du mit mir vorhast.“

„Du könntest einfach fragen.“ Für einen Moment schließt er die Augen. Die Beule in seiner Jeans wird größer.

„Aber das wäre doch langweilig.“ Ich habe es noch nicht ganz verlernt, jubiliere ich still und lasse die Fingernägel über seine Flanke fahren. „Vielleicht sind es meine Hormone oder das Stockholm-Syndrom, aber ich habe in den letzten Tagen so viel Mist erlebt, da brauche ich ein wenig Ablenkung.“

Ich schwinge mich auf sein Becken und bewege meine Taille in einem langsamen Rhythmus. Seine Laute werfen ein heiseres Echo im Raum.

Noch einmal streichle ich über seine Haut, kneife spielerisch in seine Brustwarzen und lehne mich nach vorne. „Es sei denn, du möchtest dich wieder an dein Poesiealbum setzen“, flüstere ich ihm ins Ohr. Mein Blut rauscht so schnell durch meine Adern, dass ich Angst habe, ich könnte ohnmächtig werden.

„Es sind Einsatzpläne für unseren Schlag gegen die Saints“, knurrt er. Das wölfische Grinsen lässt Angst in mir auflodern. Ich muss behutsam vorgehen. Unter mir liegt immer noch ein Outlaw. Seine unzähligen Narben grenzen sich in den letzten Sonnenstrahlen weißlich von seiner Haut ab. Er packt meine Haare am Hinterkopf, will mich zu sich ziehen. Ich muss alle Kraft aufwenden, damit es ihm nicht gelingt, und ich mich befreien kann.

Tanzende Sterne zucken vor meinen Augen Ich lehne mich nach vorne und lasse meine Lippen wie eine Feder über seine streichen lasse. Dann schiebe ich mein Becken vor. Ich spüre seine härter werdende Männlichkeit und vernehme zufrieden, wie ein Keuchen aus seiner Kehle dringt.

Die so sorgsam gepflegte Maske des harten Mannes fällt mit jeder meiner Zärtlichkeiten ein wenig mehr. Ich küsse seinen Hals, arbeite mich über seine Wangen zurück zu den geschwungenen Lippen. Wieder halte ich inne und lasse meine Zunge über die empfindliche Haut fahren. Dabei fasse ich in seinen Nacken, um die Intensität zu dosieren.

Minutenlang spiele ich mich ihm, drücke immer wieder mein Becken vor und verlagere das Gewicht auf seinen Schoß.

Sein Schwanz wächst, und auch meine Lust wird durch die wütender werdenden Beckenbewegungen weiter befeuert. Meine Berührungen sind wie Schmetterlingsflügelschläge auf seiner Haut, kaum spürbar, und doch lösen sie bei ihm eine Gänsehaut aus, die über seinen Leib zieht. Wie im Rausch verdreht er die Augen, er fasst allmählich meine Arme fester und zieht mich zu sich. Lange wird er das nicht mehr mit sich machen lassen.

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960878094
ISBN (Buch)
9783960878636
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v492607
Schlagworte
Biker-Liebe-s-Roman-c-e Dark Romance Romantic-k-Thriller-Suspense Romantische Thriller New York-Liebe-s-roman-e bad-boy-s-liebes-roman-c-e Motor-cycle-club-roman-c-e

Autor

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    Sebastian Thiel (Autor)

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Titel: Rebel Hearts